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Mord zur Primetime (Krimi, Cosy Crime)

von Janet Laurence (Autor)

2018 0 Seiten

Leseprobe

Impressum

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Digitale Neuausgabe Mai 2018

© 2018, dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

© 1994 by Janet Laurence
First published by MacMillan London Ltd.
Titel des englischen Originals: Death at the Table

Aus dem Englischen übersetzt von Lennart Janson
Covergestaltung: Cornelius Schiffmann
unter Verwendung von Motiven von
© sonia.eps/shutterstock.com, © Andrej Sevkovskij/shutterstock.com,
© gresei/shutterstock.com, © Jamen Percy/shutterstock.com
Korrektorat: Martin Spieß

ISBN: 978-3-96087-400-3

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

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Über dieses E-Book

Das Leben ist schön für die britische Kochbuchautorin Darina Lisle. Sie ist mit dem Polizeibeamten William Pigram verlobt, ihre Kochbücher verkaufen sich wie geschnitten Brot und sie wurde gerade als Moderatorin für eine TV-Show über Essen und Wein eingeladen. Aber kaum dass Darina am Set eintrifft, geht plötzlich alles schief.
Zwischen ihren Drehpartnern gibt es Spannungen, der freimütige, australische Weinkenner Bruce Bennet übt eine überraschende Anziehungskraft auf sie aus und Darinas Assistentin zeigt Zeichen häuslicher Gewalt. Noch dazu fühlt William sich vernachlässigt und verlangt mehr Aufmerksamkeit von Darina. Doch all diese Probleme verblassen, als Bennet plötzlich auf dem Set zusammenbricht und stirbt.
Verdächtige gibt es zu Hauf und Darina ringt darum, ihren Verdacht zu beweisen und gleichzeitig ihre Auftritte bei der Sendung und ihre Beziehung zu William zu meistern. Als jemand versucht, in ihr Haus einzubrechen, steht sie plötzlich einem Mörder gegenüber, der nichts zu verlieren hat …

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Vorwort

In den frühen neunziger Jahren war Food and Drinkeine beliebte Fernsehsendung. Ich habe immer die Ausstrahlungen am Wochenende gesehen, es gab Kochvorführungen, Wein-Tipps und andere Beiträgen zum Thema Essen und Trinken. Das meiste davon wurde im Studio aufgenommen und ich konnte mir Darina Lisle, meine kulinarische Ermittlerin, gut in einer solchen Sendung vorstellen. Ich habe über die möglichen Handlungsverläufe nachgedacht. Aber zuerst musste ich zusehen, wie solche Sendungen gemacht werden. Ein Brief an Peter Bazalgette, Programmdirektor, führte zu einer Einladung – so lange ich dafür garantieren könnte, dass es bis zum Ende des Tages im Studio keine Toten geben würde! Das Produktions-Team war freundlich und ich habe, knapp außer Kamerareichweite, fasziniert zugeschaut, wie die Folge für diese Woche zusammengepuzzelt wurde. Ich habe mir alles angesehen, was vor sich ging, mehr mit dem Blick einer Krimiautorin, als mit dem Blick einer Showköchin, und Idee um Idee gefunden. Nachdem ich Peter Bazalgette eine Ausgabe von Mord zur Primetime zugeschickt hatte, sagte er, dass er keine Ahnung gehabt hätte, an wie vielen Punkten der Produktion es zu Spannungen kommen könnte. All diese Punkte haben zu einer actionreichen Handlung geführt.

Janet Laurence, 2017

Kapitel 1

„Darina geht ins Fernsehen? Das wird das Ende eurer Beziehung!“

„Ma! Wie kannst du so was sagen? Das sind fantastische Neuigkeiten! Die Verkaufszahlen ihres Buches werden durch die Decke gehen.“

„Nun gut, wenn das alles ist, worum ihr beide euch Sorgen macht, gibt es nichts mehr zu sagen.“

Joyce Pigram richtete ihre Aufmerksamkeit betont auf das Hühnchen auf ihrem Teller und stach wütend mit dem Messer auf das gewürzte Fleisch ein.

Darina Lisle seufzte. Ihre zukünftigen Schwiegereltern zum Sonntagsessen einzuladen war ihr als gute Möglichkeit erschienen, ihnen mitzuteilen, dass sie einen Fuß in die Welt des Fernsehens gesetzt hatte. Die Chancen, da hatte William recht, waren überwältigend. Wöchentlich aufzutreten, auch wenn es kein Privatsender war, würde ihre Buchverkäufe verbessern und die Verlage wären gespannt auf neue Bücher von ihr. Natürlich nur, wenn sie gut ankam. Versagen hingegen – aber sie würde über Versagen nicht einmal nachdenken.

Joyce hatte allerdings nicht ganz Unrecht, im Augenblick waren die Buchverkäufe ihre kleinste Sorge. Darina war sich bei Weitem nicht sicher, ob sie sich auf die schnelllebige, unsichere Welt des Fernsehens einlassen wollte.

William Pigram, ihr Verlobter, schenkte ihr ein beruhigendes Lächeln. „Ich dachte, du wärst so begeistert wie ich, Ma. Teil einer regelmäßigen Fernsehsendung zu werden bedeutet, dass Darinas Karriere durchstartet.“

„Dort herrscht eine höchst ungesunde Atmosphäre, nahezu losgelöst von der Realität. Man muss nur Zeitung lesen, um zu wissen, was hinter den Kulissen los ist. Und diese Egozentriker. John, erinnerst du dich an diesen Fernseh-Produzenten, der mal ein Wochenendhaus bei uns in der Nähe hatte? Der konnte nur über zwei Dinge sprechen, sich selbst und seine Sendungen.“

Ihr Ehemann lehnte sich über den Tisch und tätschelte ihre Hand. „Er war vermutliche eine Ausnahme, Liebling.“

Joyce ignorierte ihn. „Und würde das nicht bedeuten, dass Darina ihre meiste Zeit in London verbringt? Während William hier unten in Somerset arbeitet? Ihr wollt in drei Monaten heiraten, was passiert dann?“

„Die Dreharbeiten für die Sendung sind im März beendet, genau vor unserer Hochzeit“, sagte Darina sanft. „Ich werde jede Woche drei oder vier Nächte in London verbringen müssen, aber an den Wochenenden werden wir zusammen sein. Seit er zum Inspector befördert wurde, scheint William ohnehin sehr beschäftigt zu sein. Er wird keine Zeit haben, mich zu vermissen.“ Sie hoffte, dass sie nicht gekränkt klang, es war zumindest nicht ihre Absicht. Sie schenkte ihrem Verlobten ein warmes Lächeln.

Das Problem war natürlich, dass Darinas zukünftige Schwiegermutter nicht wollte, dass ihr Sohn, der Detective, eine Karrierefrau heiratete. Nicht einmal, wenn ihr Beruf das Kochen war. Ein überaus erfolgreicher Beamter des CID sollte auf jede erdenkliche Weise verwöhnt und unterstützt werden, und nicht bei den Hausarbeiten helfen müssen. Joyce hatte ihre Sicht der Dinge schon früher zum Ausdruck gebracht, und damals hatte Darina nur Zeitungsartikel und Bücher geschrieben. Die Nachricht, dass sie gebeten wurde, Teil des Moderatoren-Teams einer Koch-Sendung im Fernsehen zu werden, wurde erst mit Schreck, dann mit Empörung aufgenommen.

„Wie auch immer, keiner sieht sich diese Sendung an“, fuhr Joyce fort. „Sie ist so anmaßend, das kann man nicht in Worte fassen; ein Koch, den man nicht versteht, bereitet Gerichte zu, die man nicht essen will, und die Gäste scheinen fest entschlossen, den Zuschauern das Gefühl zu vermitteln, sie seien beschränkt. Und wenn man den Wein kauft, den sie empfehlen, kann man sich das Essen ohnehin nicht mehr leisten.“

Table for Four nahm sich jede Woche ein anderes Thema aus dem Bereich Essen oder Trinken vor. Zwei Experten erkundeten die Beziehungen zur Kochkunst und zum Wein, und für eine Diskussion mit dem dritten Moderator lud man einen Gast ein. Zu Beginn und Abschluss jeder Sendung saßen alle vier am namensgebenden Tisch.

„Darina sagt, man habe sie dazu geholt, um die Kochsegmente zugänglicher zu gestalten, nicht wahr, Liebling?“, fragte William.

Essen musste ein sichereres Thema für die Unterhaltung sein, und Darina hakte ein. „Das Hühnchen, das ihr heute esst, ist eines der Gerichte, die ich bei meinem Vorsprechen vorgeführt habe. Wirklich simpel, es ist einfach in einer Marinade aus Kardamom, Koriander, Kumin, Olivenöl, Honig und Sherry-Essig eingelegt. Der Geschmack ist trotzdem sehr gut. Möchte jemand noch mehr?“

„Es ist kein Rinderbraten, aber ich könnte jeden Tag davon essen!“ John Pigram reichte seinen Teller für eine zweite Portion herüber. „Mit Gerichten wie diesem wirst du für die Sendung ein voller Erfolg. Zusammen mit dieser Milly, die den Wein macht, wird das Ganze wirklich sehenswert.“

„Ich fürchte, sie ist nicht mehr dabei“, sagte Darina entschuldigend.

„Nein! Warum?“

Darina zuckte mit den Schultern. „Ich weiß nur, dass sie sowohl sie als auch den Koch haben gehen lassen.“

„Was ist mit dem dritten Moderator, Mark Irgendwer? Bleibt er dabei?“

„Den mag ich wirklich“, sagte Joyce unerwartet. „Er hat ein nettes Lächeln.“

„Mark Taylor meinst du? Ich weiß es nicht. Neil Cantlow, der leitende Produzent, liefert die Ideen für das Programm und hat nur gesagt, dass sie der Sendung einen neuen Anstrich verpassen wollen, und ich dabei helfen könne.“

„Ich wusste, dass die Sendung nicht laufen würde“, sagte Joyce mit Befriedigung. „Und ich glaube kaum, dass es einen großen Unterschied machen wird, am Moderatorenteam herumzubasteln. Ich schätze, dass du nicht allzu lang dort auftreten wirst“, sagte sie fröhlich zu Darina. „Ich erwarte, dass die ganze Sendung bald verschwinden wird.“

Darina verlor plötzlich all ihre Vorbehalte gegenüber ihres Eintrittes in die Fernseh-Welt. „Ich hoffe wirklich nicht. Wie auch immer, ich glaube, dass meine neue Karriere einen stilvollen Start hinlegen wird; ich werde mit dem neuen Kerl auftreten, der sich am kommenden Montag in der Mike-Darcy-Show um den Wein kümmert.“

„Wirklich?“ Plötzlich lag Respekt in der Stimme von Joyce Pigram. „Die schaue ich mir immer an.“

 

Neil Cantlow hatte einen australischen Weinexperten mit eigenem Weingut ausgewählt, um die Stamm-Moderatoren im Table-Team zu ergänzen. Darina begegnete Bruce Bennett zum ersten Mal am darauffolgenden Sonntag. Neil hatte zu einem Produktionstreffen in seinem Haus in Putney eingeladen. Er entschuldigte sich bei allen, ihnen den Sonntag zu ruinieren, erinnerte sie aber daran, wie wichtig es war, die so schrecklich fehlgeleitete Sendung für die zweite Staffel neu aufzustellen. Neil hatte die ursprüngliche Idee für die Sendung entworfen, und seine Firma produzierte sie, dennoch hatte Bruce das Ruder an sich gerissen, kaum dass Darina eingetroffen war.

„Das ist also das Mädchen, das bei der Show mitmacht?“ Er betrachtete Darina von oben bis unten, sodass sie sich wie ein Straßenköter fühlte, der bei einer reinrassigen Hundevorführung mitmischen will.

Der Australier war ein großer Mann mit haselnussbraunen Augen, die leuchteten wie die eines Tigers. Aber Darina war selbst über ein Meter achtzig groß und musste mit ihren Absätzen nicht nach oben schauen, um seinem Blick zu begegnen. „Sollte ich Ihr Urteil abwarten, ehe ich sage, dass ich erfreut bin, Sie kennenzulernen?“

Das pockennarbige Gesicht mit seinen breiten Knochen brach in ein zufriedenes Grinsen aus. „Ich mag se quirlig“, sagte er zu Neil.

Der leitende Produzent sah besorgt aus. Neil Cantlow war einen Kopf kleiner als die beiden, ein runder, lebhafter Teddybär von einem Mann, mit einem ziemlich abgewohnten Gesicht, an dem er ständig herumfummelte. Er zog seine großporige Haut mal in diese, mal in jene Richtung, als wünschte er sich, er könnte damit seine Form verändern.

„Also, ich hoffe ihr beide werdet gute Freunde“, sagte er herzlich, während er mit festem Griff an seinem Ohrläppchen drehte.

„Ich bin sicher, dass wir gut zurechtkommen. Sobald Darina diese schlaffen Klamotten weglässt.“

Darina blickte auf ihren maßgeschneiderten, grauen Rock und ihr entsprechendes Jackett hinab. Sie hatte nicht gewusst, welche Garderobe dem Tag angemessen wäre, hatte sehr legere Kleidung erwartete, sich aber nicht getraut, in Jeans und Pullover zu erscheinen. Also hatte sie sich für etwas entschieden, in dem sie sich wohlfühlte. Offensichtlich ein Fehler.

„Die Ausstatter arbeiten schon an Ideen für Darinas Garderobe“, sagte Neil hastig.

Seit sie wusste, dass sie Teil der Sendung sein würde, hatte Darina jeden freien Augenblick damit verbracht, das gute Präsentieren der Gerichte zu üben, die sie vorführen würde. Sie hatte geglaubt, das wäre das Wichtigste, nicht ihr Aussehen. Anscheinend zählte nur, dass sie sauber und ordentlich aussah? Die ständige Sorge der Fernseh-Leute, um Angelegenheiten, die ihr als nebensächlich erschienen, war mysteriös und beunruhigend.

„Hat John Franks nicht eine Kochjacke getragen?“, fragte sie zögerlich, und dachte, dass diese Kombination von professioneller Autorität und Anonymität ihr gut stehen würde.

Der vorherige Show-Koch von Table for Four war bekannt für seine komplizierten Rezepte, die er mit zügiger Professionalität zubereitete. Dabei legte er eine beeindruckende Fingerfertigkeit an den Tag, die selbst fortgeschrittene Techniken wie Spielereien auf dem Pausenhof erscheinen ließen. Mit kurzen, erklärenden Stellungnahmen in kräftigem Yorkshire-Akzent enthüllte er nebenbei seine Geheimnisse.

„Vergiss die Kochjacke“, befahl Bruce. „Du brauchst Stil! Diese Klamotten sind so nützlich wie ein Fliegengitter im U-Boot. Du machst denselben Fehler wie ich früher. Du weigerst dich, dich von der Umgebung abzuheben.“ Darina betrachtete den Pullover mit seinem lebhaften Muster in Rot und Orange, die Designerjeans und die cremefarbenen Slipper, und fand es unmöglich, sich einen dezent gekleideten Bruce Bennett vorzustellen. „Da du so groß bist wie wir“, fuhr er fort, „musst du dich damit abfinden, dass du nicht mit dem Hintergrund verschmelzen kannst. Also kannst du auch gleich einen Eindruck hinterlassen.“ Er stand da und betrachtete sie eine Weile. „Lass uns mal sehen, wie viel Haar du da hast.“ Eine große Hand streckte sich zu ihr aus und er schnippte gegen ihre Hochsteckfrisur, dann zog er flink die Haarnadeln heraus, wie ein Yachtbesitzer, der die Segel setzt.

Darina stieß einen heiseren Protestschrei aus, der unbeachtet blieb, während ihre glattes, cremefarbenes Haar über ihre Schultern hinabfiel.

„Das ist schon besser! Lass das von jemandem machen, der weiß was er tut, such ein paar Klamotten aus, die weniger kränklich wirken, dann könnten wir ins Geschäft kommen! Was sagst du, Kumpel?“

Neil Cantlow stieß einen übertriebenen Seufzer aus. „Bruce, was soll ich da noch sagen?“

Bruce warf sich in einen Stuhl. „Na komm, Partner, sei nicht so, ich will hier nicht den Produzenten geben, ich hab bloß ein Auge für Mädchen.“

„So ist es!“ Neil sprach aus ganzem Herzen, sein Ausdruck war düster.

„Ihr werdet mir nicht die Haare schneiden“, mischte Darina sich in die Männerfreundschaft ein. „Mein Verlobter kriegt Zustände.“

Wie sie vermutet hatte, ließ das Bruce hellhörig werden. „Verlobter, ja?“ Er ließ noch mal einen prüfenden Blick über ihre Figur gleiten. „Wir wollen den armen Typen ja nicht verunsichern, nicht wahr? Überlass das nur dem kleinen Bruce, Schätzchen, und er wird genauso glücklich sein wie ...“

„Nur so weit, dass Darina für die Talkshow morgen Abend gut aussieht“, warf Neil eilig ein. Dann führte er sie beide in seinen Wintergarten, wo der Rest des Produktions-Teams auf den Start der Besprechung wartete.

 

Neil hatte es schließlich geschafft, während der Besprechung seine Autorität zu festigen, aber Bruce bestand am folgenden Tag darauf, das Erscheinungsbild seiner Co-Moderatorin selbst in die Hand zu nehmen.

Der erste Halt war ein erstklassiger Londoner Friseur. Drei Stunden später betrachtete Darina ihre herabfließenden Haare und erkannte sich selbst kaum wieder. Sie war eine Sexbombe, keine vernünftige Köchin.

Bruce holte sie ab und grinste sie zufrieden an. „Ne kleine Schönheit, nicht wahr?“

„Klein wohl kaum“, murmelte der Friseur, von Darinas überragender Gestalt in den Schatten gestellt.

„Jetzt machen wir uns an die Klamotten.“

Er schob sie in ein Taxi, fing einige ihrer wehenden Haare ein und vergrub seine Nase darin. „Zweifellos, das ist es! Riecht genauso gut wie die Traubenblüte im Frühling. Jemals in einem blühenden Weinberg gestanden? Den Duft eingesaugt? Ich sag dir, es gibt nichts Vergleichbares.“ Er ließ die Haare fallen und lehnte sich zurück, beobachtete, wie Darina mit ihrem Gurt kämpfte.

„Mit den Dingern mühst du dich ab?“

„Es ist mittlerweile Gesetz sie anzulegen.“

„Eine brave, kleine Bürgerin, die alles tut, was man tun muss, ja? Das müssen wir dir abgewöhnen.“

Darina betrachtete ihn für einen Augenblick und dachte an die scharfsinnigen Kommentare, die er tags zuvor bei der Produktions-Besprechung beigesteuert hatte. „Du bist ein Heuchler, Bruce, weißt du das?“

Für einen Moment sah er ehrlich überrascht aus. „Ein Heuchler, moi?“

„Der unhöfliche, grobe Australier, der ungebildet ist und nicht weiß, wie man sich benimmt, das ist nur Schauspiel“, sagte sie streng und hatte Spaß dabei. „Ich wette, du bist zur Universität gegangen, sprichst perfekt Französisch und Deutsch und könntest selbst in intellektuellster Begleitung schritthalten.“

„Du hast mich unter die Lupe genommen“, sagte er betrübt.

„Ich habe eine ordentliche Sammlung von Zeitungsausschnitten über Wein und Lebensmittel“, gestand sie ein. „Einige davon haben sich als sehr aufschlussreich erwiesen, als ich gestern Abend nach Hause kam.“

„Ich bin gerührt.“

„Ein Abschluss in Chemie aus Melbourne, ein Abschluss des Montpellier-Weinbau-Zentrums, zwei Jahre Zusammenarbeit mit verschiedenen französischen und deutschen Winzern, dann zurück nach Australien, um mit deinem Vater und einem französischen Weinbauern zusammenzuarbeiten. Ihr habt es geschafft, das Niveau von Yarramarra-Weinen so weit anzuheben, dass sie internationale Beachtung finden, während du dich zur selben Zeit als internationaler Sachverständiger für Wein etabliert hast. Ganz zu schweigen davon, dass du bei der Vermarktung deiner eigenen Weine federführend warst. Eine ganz ordentliche Bilanz für einen australischen dag. Habe ich das richtig verwendet?“

„Kommt darauf an, was du glaubst, dass es bedeutet“, sagte er mit ungerührtem Gesicht.

„Laut eines Artikels, den ich mal gelesen habe, bezeichnet es so was wie einen Trottel.“

„Tatsächlich ist es diese verfilzte Mischung aus Wolle und Exkrementen, die Schafe am Hintern tragen. In einigen einfachen Schritten australischer Logik wird daraus so was wie ein Trottel, ja. Aber einer, den du gernhast.“ Er schenkte ihr das offene Grinsen eines schlichten, australischen Trottels.

„Bist du dir sicher, dass du auch nur irgendwas über Damenmode weißt?“, fragte sie zweifelnd. Heute trug Bruce unglaubliche dunkelviolette Jeans, einen weißen Rollkragenpulli, der seine Bräune betonte, und eine karamellfarbene Lederjacke, die mit eigenartigen Falten vorne und hinten seine ohnehin schon großzügige Schulterpartie noch breiter erscheinen ließ.

Sein Grinsen wurde breiter. „In Frankreich habe ich nicht nur über Wein so manches gelernt. Man kann sich nicht mit den einheimischen Mädchen abgeben, ohne etwas über weiblichen Chic zu lernen.“ Er blickte hinunter auf sein Outfit. „Der Kram ist Teil der Vorstellung. Wie ich schon gesagt habe, man muss Ecken und Kanten haben. Ich bin der einfache australische Hinterwäldler, der zufällig den perfekten Gaumen hat und mehr über Wein weiß als die meisten. Würde ich mich anziehen wie dieser affektierte Journalist, der unser Co-Moderator ist, sprechen wie Neil der Cambridge-Absolvent, wer würde sich an mich erinnern? Ich müsste dreimal so hart arbeiten, um mir einen Namen zu machen. So vergisst mich keiner!“

Das war unbestreitbar. „Und welche Ecken und Kanten hast du für mich im Sinn?“

Er schenkte ihr ein weiteres Grinsen und tätschelte ihre Hand. „Vertrau deinem alten Kumpel!“

Vertrauen war nicht die Eigenschaft, die Darina mit Bruce in Verbindung brachte. In ihren Zeitungsausschnitten wurde eine Hochzeit mit einer attraktiven australischen Kochbuchautorin erwähnt, aber er hatte nichts von einem treuliebenden Ehemann an sich. Seine Augen sagten ihr, dass sie attraktiv sei, die Berührungen seiner Hände waren verwirrend, wenn er ihr eine sorglose Berührung schenkte, oder ihr ins Taxi half. Und dass er mit der Anpassungsfähigkeit eines Chamäleons zwischen dem einfachen, australischen Kerl und dem gebildeten Mann von Welt wechselte, war ihr unangenehm.

Darina beschloss, dass ihr Ausschnitt verdeckt bleiben würde, ihre Röcke würden lang bleiben, und nichts würde zu eng um ihre Hüften liegen.

Und wieder überraschte Bruce sie.

Sie beendeten ihren Einkaufsbummel mit etlichen Tragetaschen, gefüllt von einer Sammlung farbenfroher Oberteile. Schön geschnitten, mit dezenten Details, leicht zu tragen und anzuziehen, sie schmeichelten ihrer Figur und betonten ihren guten Körperbau. Passend zu den Oberteilen hatte er einige schlichte Röcke aus Wollkrepp ausgewählt, die ihre Hüften schmaler wirken ließen.

„Sie gefallen mir alle, aber ich sehe nicht, wie ich damit besser kochen soll“, hatte Darina widersprochen, als sie sich vor dem Spiegel drehte und versuchte, ihren Rücken zu betrachten.

„Im Fernsehen geht es nur darum, Dinge anzuschauen. Die Zuschauer werden dich ansehen, bevor sie dich kochen sehen. Es hat dieselbe Wirkung wie der Duft von Kaffee, es lässt dir das Wasser im Munde zusammenlaufen, ehe deine Geschmacksknospen auch nur in der Nähe von dem Zeug sind. Wenn du nicht so attraktiv wärst, hättʼ ich was Verrücktes vorgeschlagen, um die Aufmerksamkeit von deinem Aussehen abzulenken und dir was Exzentrisches zu verpassen.“

„So wie bei dir“, stellte Darina unfairerweise fest.

„Genau!“, sagte er ohne Groll. „Jetzt müssen wir dir noch ein Outfit auswählen, das sie heute Abend aus den Latschen haut.“

Während Bruce Kleidungsstücke mit teuren Designer-Labels unter die Lupe nahm, dachte Darina kurz über die Kosten ihrer neuen Garderobe nach. Er wies ihre Bedenken mit einem lässigen Kommentar zurück: „Das ist alles Teil der Produktionsausgaben. Neils Firma wird die Rechnung dafür übernehmen.“ Er schwang die Kreditkarte mit achtloser Autorität. Es war unmöglich mit Bruce zu diskutieren, und da sie sich in den von ihm ausgesuchten Sachen gesehen hatte, fand sie keinen Anlass, es zu versuchen.

 

Die Studiolichter waren grell. Darina stand da und wartete darauf, in ihr erbarmungsloses Strahlen hinausgeschickt zu werden. Sie war nicht sicher, ob sie schon bereit war, sich an die Löwen verfüttern zu lassen.

Bruce stand auf der Bühne, lehnte sich behaglich in seinem Stuhl zurück, und sprach so locker mit Mike Darcy, als wäre der Talkshow-Moderator ein alter Freund. Seine große Gestalt war in eine lederne Hose, ein weißes Seidenhemd und eine Art Wildleder-Wams mit Fransen gehüllt. Er schien sich vor den Kameras und dem großen Studio-Publikum so zuhause zu fühlen wie im australischen Busch, den er gern als seine Heimat darstellte. Er tauschte Witze mit Mike aus, während er gleichzeitig einen lebhaften Bericht über sein Weingut ablieferte. Der kräftige australische Akzent verlangte nach Aufmerksamkeit und die bildliche, bodenständige Wortwahl deutete Derbheit an, ohne zu kameradschaftlich zu werden.

Bruce Bennett hatte eine hypnotisierende Eigenschaft an sich, die bewirkte, dass einen nichts, was er sagte, schockieren konnte. Sein zerfurchtes Gesicht leuchtete vor Begeisterung und auch seine intelligenten haselnussbraunen Augen, im Schatten der schweren Lider und buschigen Augenbrauen, stimmten in die Begeisterung ein, während er seinen neuen Syrah-Sekt beschrieb, die neueste Ergänzung zur Sammlung international anerkannter Yarramarra-Weine.

 

„Warte, bis du ihn probiert hast, Mike.“ Bruce griff neben seinen Stuhl nach unten, holte eine Sektflasche hervor und machte sich daran, die Folie um den Korken zu entfernen. „Lässt Champagner wie ein Getränk für die Nachbarn aussehen! Er ist gehaltvoll, geschmackvoll und strahlt wie eine Jungfrau bei ihrer ersten Verabredung. Wie wär’s mit irgendwas, woraus wir trinken können? Glauben Sie, Ihr Sender kann sich das leisten?“ Bruce löste den Draht, der den Korken festhielt.

Sein Gastgeber förderte ein Tablett mit Gläsern hervor, stellte es auf einen kleinen Tisch und erhob sich. „Halten Sie den Korken noch kurz fest, Bruce, während ich meinen nächsten Gast vorstelle. Ich weiß, dass Sie viel gemeinsam haben, und vielleicht kann sie uns etwas zum Sekt reichen.“

Ein sanfter Stoß und ein ermutigender Blick schickten Darina auf den scheinbar endlosen Marsch ins Rampenlicht.

„Darina Lisle, Köchin, Autorin und jetzt Fernseh-Moderatorin, willkommen in der Sendung“, sagte Mike Darcy, während Bruce sie mit einem breiten Grinsen in Empfang nahm.

Während sie sich setzte, stellte Darina eine Platte mit leichten Speisen neben den Gläsern auf den Tisch. Amuses gueules würde man sie in eleganten Restaurants nennen, kleine Häppchen, die die Geschmacksknospen und den Speichelfluss anregen sollen, ehe es an die schweren Speisen geht. Es gab geräucherte Muscheln in einem feinen Mantel aus durchwachsenem Bioschinken; winzige Pasteten, gefüllt mit kleinen Garnelen in einer Cayennepfeffer-Soße; kleine Brotscheiben, mit Olivenöl bestrichen und kross gebacken, dann mit einer Paste aus schwarzen Oliven, Anchovis und Knoblauch belegt, und obenauf Lachs mit Schlagsahne; und Ziegenkäse-Würfel auf Spießen zusammen mit Mispel-Käse. Darina blickte auf die köstlichen Häppchen und fragte sich, ob die Fernsehkamera die Details einfangen könnte – dann fragte sie sich, ob das überhaupt eine Rolle spielte. Was war nur in sie gefahren, dass sie dieser Tortur zugestimmt hatte?

Darina war Mike Darcy vor Beginn der Sendung vorgestellt worden. Sein schlüpfriger, irischer Charme war leibhaftig genauso umwerfend, wie er auf dem Bildschirm wirkte. Die neckende, verlockende Stimme versprach unmittelbare Intimität und erweckte das Gefühl, dass ein unausgesprochener Witz in der Luft lag, der nur für sie beide existierte. Vor der Sendung hatte sein Charme all ihre Bedenken bezwungen, jetzt waren sie wieder so stark wie zuvor.

„Als Mann, der das Essen liebt, ist es eine zweifache Freude, Sie heute Abend hier zu haben, Darina“, sagte Mike und seine Stimme wirkte wieder ihren beruhigenden Zauber. „Denn Sie sind nicht nur eine wunderschöne Frau, und jeder weiß wie sehr ich schöne Frauen mag, sondern Sie sind auch noch eine großartige Köchin.“ Sein Blick fiel auf die Platte mit Canapés. „Die sehen gut genug aus, um sie zu essen.“ Mit einer Hand nahm er beinahe eines auf, dann schlug Mike sich selbst. „Aus Junge, die kommen später! Aber, Darina, ist es nicht so, dass Sie armen Seelen wie mich, die schon damit kämpfen, ein Ei zu kochen, in die Geheimnisse der haute cuisine einweihen wollen?“ Ehe Darina irgendetwas sagen konnte, fuhr er fort: „Tatsächlich werden Sie beide bei dieser höchst abwegigen Kochsendung mitmachen, Table for Four, auf dem anderen Sender.“ Seine Stimme wurde zu einem Bühnenflüstern und er zwinkerte betont in die Kamera. „Aber ich wäre bereit darauf zu wetten, dass die Sendung nicht mehr ganz so abwegig wird, sobald Bruce hier und die wunderbare Darina dort mitmischen.“

Bruce nahm das Stichwort auf. „Darauf können Sie ihre Eier verwetten, Mike! Zusammen werden Darina und ich den ehrlichen, guten Geschmack zurückbringen. Für uns gibt es keine affige haute cuisine oder Weine wie Katzenpisse. Wir stehen auf wunderbares Essen und ehrliche Beschreibungen genießbarer Gesöffe.“

Mike hob kaum merklich eine Augenbraue. „Ist es wirklich das, was Sie mögen?“, fragte er Darina.

Sie holte tief Luft und schenkte ihm ein strahlendes Lächeln. „Gerichte müssen nicht kompliziert sein, um wundervoll zu schmecken“, setzte sie an. „Ich verfüge nicht über eine solch farbenfrohe Ausdrucksweise wie Bruce ...“

„Als wohlerzogenes, englisches Mädchen?“, flötete Mike und lachte. „Verzeihen Sie mir, wenn ich das sage, aber Sie sehen nicht aus wie ein wohlerzogenes, englisches Mädchen! Und das ist ein Kompliment, falls Sie das bezweifelt haben sollten.“

Darina war sich nur zu bewusst, wie sie aussah, und dass Bruce Bennett daran schuld war. Sie saß in einem Giorgio-Armani-Kostüm vor den Kameras, mit Hose, Weste und langem Jackett aus weichem, cremefarbenem Stoff. Die aufreizenden Wogen ihrer neuen Frisur hatte das Mädchen aus der Maske wieder an ihren Platz toupiert, ihre Augen waren subtil betont und ihre Lippen glänzten korallenrot. Sie warf mit einer beiläufigen Geste einige Strähnen ihres cremefarbenen Haars zurück. Plötzlich schien sie die Situation zu beherrschen. „Ich möchte den Leuten zeigen, wie leicht es sein kann, wirklich köstliche Gerichte zu kochen. Das Vertrauen in ihre Fähigkeit bestärken, sich selbst etwas auszudenken, das gut schmeckt. Wir werden klassische Gerichte aus einem neuen Blickwinkel betrachten und zeigen, was man mit einigen exotischen Zutaten bewirken kann, die man heutzutage überall bekommt. Gut zu kochen ist nur eine Frage des Selbstvertrauens.“

„Und ich sehe, dass sie alles Selbstvertrauen der Welt hat, ist es nicht so, Bruce?“

Der Australier lehnte sich vor und platzierte eine große Hand auf ihrem Oberschenkel, wo sie schwer und warm zu liegen kam. „Darina ist eine Spitzenköchin, ich werde zusammen mit den Zuschauern so einiges lernen, da besteht kein Zweifel.“ Er drückte ihren Schenkel besitzergreifend.

„Aber Darina hat noch ein weiteres Talent, von dem die Zuschauer sicher gerne hören würden“, fuhr Mike Darcy fort. „Wenn ich mich nicht irre, sind Sie nicht nur mit einem Detective verlobt, Sie sind auch selbst ein Crack als Ermittlerin.“

Diese Perspektive war sicher nicht bei der Unterhaltung mit Mikes Recherche-Mitarbeiter zur Sprache gekommen. Darina setzte ein Lächeln auf, das hoffentlich unerforschlich wirkte, und sagte nichts.

„Haben Sie nicht gerade erst einen mysteriösen Mord im Westen des Landes aufgeklärt? Und das war nicht der einzige.“ Darina warf noch mal ihr wogendes Haar zurück; wenn sie damit weitermachte, würden die Möchtegern-Stars bald für Unterricht bei ihr Schlange stehen.

„Reines Glück, sonst nichts“, setzte sie mit bescheidenem Lächeln an. „William ist der echte Detective, er ist derjenige, der die Verbrechen aufklärt.“

„Ich bin sicher, er wäre der erste, der zugibt, dass Sie auf diesem Gebiet eine Konkurrenz darstellen“, beharrte Mike und stellte die Effizienz seines Recherche-Teams unter Beweis, indem er Einzelheiten der Mordfälle präsentierte, in die Darina verwickelt worden war.

„Bei Ihnen klingt das ja, als würden überall, wo ich hingehe, Leichen auftauchen“, protestierte sie. „Fangen Sie bloß nicht an, den Leuten einzureden, sie müssten misstrauisch sein, wenn sie mein Essen probieren!“

Mike lachte und es klang echt. „Wann immer Sie mich zum Essen einladen, können Sie sicher sein, dass ich kommen werde. Es wäre eine Freude an Ihrem Tisch zu sterben. Nein, vergessen Sie, dass ich das gesagt habe. Um die Qualität Ihrer Kochkünste zu beweisen, werde ich mich an eine dieser köstlich aussehenden Kleinigkeiten wagen. Bruce, machen Sie diesen Sekt auf, ich werde den letzten meiner Gäste hereinholen, damit wir diese Geschenke teilen können.“

Ein Filmstar gesellte sich zu ihnen und Darina und Bruce hielten sich im Hintergrund, während er Werbung für seinen neuesten Film machte. Dabei graste er die Platte mit Häppchen ab und schlürfte den Sekt, und vermied es, auch nur eines davon zu erwähnen.

 

„Lass uns noch irgendwo hingehen“, sagte Bruce nachdem Mike die Sendung beendet, seinen Gästen zu ihren Auftritten gratuliert und sich dann aus dem Staub gemacht hatte.

Darina war noch wie im Rausch, William war unten in Somerset und nur ihr leeres Haus in Chelsea wartete auf sie, also hatte sie zugestimmt. Kurz vor Verlassen des Studios hatte ihnen jemand eine Aufzeichnung der Sendung gebracht, um die Bruce anscheinend gebeten hatte. Er hatte sie ohne Kommentar in der großen Tasche eines Trenchcoats verschwinden lassen, die wie die Parodie dessen aussah, was jeder Zeitungsjournalist in einem Hollywoodfilm tragen würde.

Sie gingen in ein kürzlich eröffnetes Restaurant, das selbst an einem Montag mit der Elite Londons vollgestopft war. Irgendwie schaffte es Bruce, einen Tisch für sie zu bekommen. Er bestellte Getränke, widmete der Speisekarte nur einen höchst oberflächlichen Blick und ließ sie dann auf den Tisch fallen. Am Tag zuvor hatte er den köstlichen Cassoulet verschmäht, den Neils Frau für das Produktions-Team von Table for Four gekocht hatte, und stattdessen eine Plastikbox mit geraspeltem Gemüse hervorgezaubert.

„Essen Sie nicht gerne?“, fragte Darina ihn jetzt.

„Und ob! Das ist alles Teil der Geschmackserfahrung und wenn ich zu Hause bin, liebe ich es zu kochen. Da kann ich aber auch für die Qualität garantieren.“ Ausnahmsweise klang er absolut ernst. „Wie viele Menschen interessieren sich wirklich dafür, was in ihr Essen kommt? Die meisten probieren nicht mal, was sie essen. Dieses Brot zum Beispiel.“ Er hob ein Stück Baguette aus dem Körbchen, das man ihnen an den Tisch gebracht hatte. „Es ist im wahrsten Sinne des Wortes der Stoff des Lebens, man könnte sich ausschließlich von Brot ernähren, aber wie häufig kommt es vor, dass jemand es wirklich probiert?“ Er warf die Scheibe auf seinen Teller. „Hast du je auf harten Weizenkörnern herumgekaut, so lange gekaut, bis sie zu einem weichen Brei werden?“

Darina schüttelte den Kopf.

„Mach das mal und achte auf die verschiedenen Aromen, die dabei freigesetzt werden. Und fang dann an, Brote aus anderen Getreidesorten zu probieren. Der herzhaft schwere, saure Geschmack von Roggen, die süße Sanftheit von Hafer, der eigenwillige Geschmack von Mais. Man kann Tage damit verbringen, die Geschmäcker von Brot zu beurteilen. Aber was machen die meisten Leute? Ersticken es in Butter und essen es, ohne darüber nachzudenken.“

Darina nahm die Speisekarte auf und stellte fest, dass die Gerichte, die eigentlich eine Geschmacksexplosion boten, ihr jetzt geschmacklos und naheliegend erschienen.

Garçon!“ Bruce lenkte die Aufmerksamkeit des französischen Kellners auf sich. „Excusez moi, un moment, sʼil vous plaît.“ Es folgte ein Wortwechsel, der zu schnell war, als dass Darina hätte folgen können. Einen Augenblick später verschwand Bruce in die Unterwelt des Restaurants und sagte Darina, sie könne bestellen, was sie wolle.

Er kehrte zu seinem Platz zurück, als ihr Essen eintraf. Außerdem wurde ein einfaches Omelett gebracht, und vor ihm abgestellt.

„Ist das alles, was Sie dem Koch zugetraut haben?“, fragte Darina spitz.

Bruce schenkte ihr sein breites Grinsen.

„Ich muss mein Kampfgewicht halten. Ich weiß nicht warum, aber bei allem, was über die einfachste Diät hinausgeht, lege ich zu wie eine Straßburger Gans, die für foie gras gemästet wird.“

„Dann werden Sie meine Gerichte nicht probieren? Mir ist aufgefallen, dass Sie während der Sendung heute Abend nichts gegessen haben.“

„Ich probier vielleicht irgendwann mal was, wenn es besonders gut aussieht.“

„Schwein! Ich wette Sie essen alles, was Ihre Frau auf den Tisch bringt.“

Darina hatte die Bemerkung gemacht, ohne nachzudenken, aber merkte sofort, dass sie einen Nerv getroffen hatte. Bruce verschloss sich wie eine See-Anemone, die von einem Hai gestreift wurde. Seine gute Laune verschwand, seine Augen wurden schmal und sein Gesicht ausdruckslos. Dann lachte er, machte einen scherzhaften Kommentar und lenkte die Unterhaltung auf die Beliebtheit des neuen Restaurants.

Darina folgte seiner Führung, bis der Kaffee kam. Dann fragte sie: „Was hat Sie nach England gebracht? Nach allem, was ich gestern Abend gelesen habe, haben Sie in Australien einiges zu tun, neben dem gutgehenden Unternehmen, um das Sie sich kümmern müssen.“

„Ich habe gute Burschen vor Ort und meine Schwester hat ein Auge auf alles. Für sie war übrigens die Aufzeichnung, sie würde mir nie verzeihen, wenn ich sie nicht auf dem Laufenden hielte. Sie behält ihren kleinen Bruder gerne im Auge.“ Er lehnte sich in seinem Stuhl zurück und sah Darina an, seine gute Laune war wieder da und sein Körper entspannt. „Warum ich rübergekommen bin? Na ja, wir australischen Hinterwäldler werden das nagende Gefühl nicht los, dass Europa das Land des Weines ist, dass man es als Wein-Enthusiast erst geschafft hat, wenn man hier jemand ist. Man könnte wohl sagen, es war Ehrgeiz.“

 

Es war fast Mitternacht, als Darina wieder an ihrem Haus ankam. Sie hatte mit Bruce streiten müssen, weil sie die Rechnung teilen wollte, und hatte schließlich gewonnen. Außerdem hatte sie es geschafft, ihn zu überzeugen, dass er sie nicht vom Taxi bis zur Tür begleiten müsse. Sie hatte nicht die Absicht ihn hereinzubitten und sie hatte nur deshalb nicht auf ein eigenes Taxi bestehen können, weil er eine Wohnung in einem Häuserblock ganz in der Nähe gemietet hatte. Sie hatte den Abend genossen, wollte aber nicht, dass Bruce auf falsche Gedanken kam.

„Ich lese jeden Tag, was unbedachten Vöglein in den Straßen von London passiert“, sagte er, und klang wieder einmal ernst.

„Dieses Vöglein ist nicht unbedacht“, sagte Darina bestimmt und stieg aus dem Taxi.

Das Taxi blieb allerdings stehen, während sie ihre Schlüssel sortierte. Zum ersten Mal wurde sie sich bewusst, wie still und menschenleer die Straße zu dieser Zeit war, und wie schlecht die Beleuchtung. Die Nachbarskatze erschien aus dem Nichts und wand ihren geschmeidigen Körper um Darinas Beine. Der unerwartete Kontakt mit dem weichen Fell ließ sie zusammenzucken und zittern. Sie öffnete hastig die Haustür, drehte sich um, winkte beruhigend zu Bruce und sah dann den Rücklichtern des Taxis nach, während es davonfuhr. Dunkle Schatten füllten schnell die plötzlich leere Stelle. Sie machte die Tür zu, schloss rasch ab und rannte die Treppe hinauf.

Sie zog sich gerade aus, als das Telefon klingelte. Es war William.

„Wo hast du gesteckt?“, fragte er mit Nachdruck. „Ich war verrückt vor Sorge.“ Sie stand da, mit halb ausgezogenen Strumpfhosen, und klammerte sich an den Hörer. „Ich habe wieder und wieder angerufen, warum hast du nicht zurückgerufen, als du zurückkamst?“

Darina hatte nicht daran gedacht, ihren Anrufbeantworter zu überprüfen. „Es tut mir leid“, entschuldigte sie sich. „Ich bin gerade erst nach Hause gekommen, wir sind nach der Sendung noch essen gegangen.“

„Wir? Wer ist wir?“

„Bruce und ich.“

„Dieser aufdringliche Australier?“

Der kalte Zorn in seiner Stimme erschreckte sie. „Liebling, wir werden zusammenarbeiten, wir müssen miteinander klarkommen. Wie auch immer, ich mag ihn.“ Es war ein Fehler, das zu sagen.

„Ich habe gesehen, dass du das tust, genauso wie Millionen anderer Leute. Was in aller Welt hast du da getrieben? Er hat dich vor laufender Kamera fast vernascht! Und was zur Hölle hast du mit deinen Haaren gemacht?“ Betroffenheit erfüllte Darina; wo war ihr rationaler, verständnisvoller und verlässlicher Verlobter geblieben? Möglichkeiten, diese potenziell zerstörerische Situation zu entschärfen, rasten durch ihre Gedanken. Doch ehe sie eine davon zu fassen bekam, fügte ihr rationaler, verständnisvoller und verlässlicher Verlobter hinzu: „Du hättest mich vorwarnen können, ich wusste nicht, was ich sagen sollte, als Ma anrief!“

 

Kapitel 2

Darina hatte erwartet, dass es aufreibend werden würde, ihre erste Folge von Table for Four aufzunehmen, und sie wurde nicht enttäuscht.

Nicht dass nicht alle äußerst hilfsbereit gewesen wären.

Neil hatte schon sichergestellt, dass sie mit allen Phasen der Vorführung zufrieden war, die sie zusammen ausgearbeitet hatten, und war mit unendlichen Ermutigungen zur Stelle.

Mark Taylor, der einzige Überlebende der drei ursprünglichen Moderatoren von Table, wie die Sendung genannt wurde, hatte Darina im Team willkommen geheißen, kaum dass er sie bei ihrer ersten Produktions-Besprechung kennengelernt hatte, und würdigte ihr Essen auf herzerwärmende Weise.

Darina mochte seinen trockenen Humor und seinen selbstironischen Charme. Als Koch-Journalist hatte Mark sich im Fernsehen eine eigene Nische geschaffen, er war groß und hatte dunkles Haar, das dazu neigte, über seine Augenbrauen zu fallen und ständig von seiner wohlgeformten Hand zurückgestrichen werden musste. Seine gefühlvollen, braunen Augen belebten ein etwas zu gewöhnliches Gesicht, um als gutaussehend bezeichnet zu werden. Doch mit seiner schlanken Figur trug er gut geschnittene Kleidung, die unaufdringlich auf einen der vielen Herrenschneider in Savile Row verwies, ein schöner Kontrast zu der überschwänglichen Garderobe von Bruce.

Dann war da noch die studioeigene Haushälterin, Lynn Winters. Für Darina war es purer Luxus, jemanden zu haben, der all das Essen bestellte und zubereitete, inklusive genug Nachschub, falls es nötig sein sollte, einen Teil der Präsentation neu zu drehen. So konnte Darina sich ganz auf ihre Präsentation konzentrieren. Lynn war eine dünne junge Frau mit krausem Haar, das in alle Richtungen abstand und leuchtend blauen Augen. Sie war schon seit einiger Zeit damit beschäftigt, Essen zuzubereiten, als Darina im Studio eintraf. Trotzdem hatte sie beruhigende Bemerkungen für Darina übriggehabt, während sie fortfuhr, eine halbfertige Version des Nudelgerichts mit Penne, Prosciutto und Hühnchen mit Soße zuzubereiten, das Darina präsentieren würde.

„Halten Sie das Essen nur von Mark fern“, sagte Lynn, während sie leicht auf die Hand des Moderators schlug, der gerade mit einem Löffel von den Penne und der Soße probieren wollte. „Du bist so ein gieriger ...“

„Das ist deine Schuld“, sagte er. „Es schmeckt alles so gut. Ich hatte kein Frühstück und du kochst immer so große Mengen.“ Darina sah zu, amüsiert trotz ihrer blanken Nerven, wie er sich über ein paar Reste vom Prosciutto hermachte, sie mit leisen genießerischen Geräuschen in den Mund steckte, um dann dazu überzugehen, die köstlich aussehenden schwarzen Oliven zu probieren.

„Mark, die sind für den Tisch, hör auf!“

Mark grinste die junge Frau an, und ließ eine Hand forschend über den kurzen Lederrock gleiten, der ihre langen, in durchsichtigen Strumpfhosen steckenden Beine schmückte. Lynns Po wand sich, dann scheuchte sie ihn weg, wie ein Pferd, das eine Fliege verjagt. Dann fiel Marks Blick auf einen großen Brocken Parmesan, der neben den Oliven lag. Ein Stück war schon von seiner rauen Oberfläche abgeschnitten, aber nicht mehr als die Spitze eines mächtigen Eisbergs. Marks Augen leuchteten von Gier. „Oh, prima! Den Rest sacke ich ein.“ Plötzlich drehte er sich mit einem süßen Lächeln zu Darina. „Natürlich nur, wenn Sie nicht auch etwas haben wollen.“

Ehe Darina antworten konnte, verkündete Neil, dass sie ihren Spot proben würden. Also ging sie mit flatternden Nerven in den Küchenbereich.

Damit war sie nicht allein. Bruce traf etwas später am Set ein, und sie beobachtete, wie seine natürliche Ausgelassenheit schwand, während derselbe kurze Abschnitt seines Weinspots wieder und wieder aufgenommen werden musste. „Tut mir leid“, hatte Neil sich entschuldigt, als alles im Kasten war. „Jan wollte, dass das Licht genau im richtigen Winkel durch dieses Weinglas fällt.“

Jan Parker war die Aufnahmeleiterin. Eine stille Frau Ende dreißig, in der Regel in gut geschnittenen Hosen und Designer-Pullovern gekleidet. Ihre Kommentare bei den Besprechungen waren selten, aber immer auf den Punkt gebracht. Während der Aufnahmen steuerte sie die Vorgänge von der Galerie aus, hoch über dem Boden des Studios.

„Unser kühner Australier entdeckt langsam, dass es im Fernsehen nicht nur um die Projektion der eigenen Persönlichkeit geht“, sagte Mark, der neben Darina auftauchte, während sie still dastand und das Geschehen vom Rande aus beobachtete. Sie sah ihn kurz an, fragte sich, was genau hinter dieser Aussage steckte, aber sein Gesicht blieb ausdruckslos.

„Was denken Sie, wie er ankommt?“, fragte sie.

„Er wird bald die Kamera beherrschen, so wie er es in der Sendung von Mike Darcy getan hat“, sagte er. Jetzt war sie sich sicher, dass eine gewisse Härte in seiner Stimme lag.

„Milly zu verlieren muss schwer für Sie sein“, bot Darina an.

Er sah sie scharf an, schien kurz davor, etwas zu sagen, überlegte es sich aber anders und zuckte stattdessen mit den Schultern.

„Was hat Neil dazu gebracht, das Format so zu verändern?“ Alles, was Darina bislang über Table wusste, war, dass die Zuschauerquoten nach einem guten Start der ersten Staffel stark gefallen waren.

Mark zuckte abermals mit den Schultern. „Er musste etwas tun, und den Koch zu feuern lag nahe. Dann wurde Milly auf gewisse Weise zu einer Parodie ihrer selbst. All diese Adjektive, wissen Sie? Gott, sie würde mich umbringen, wenn sie das hören könnte. Niemand hat einen sensibleren Gaumen oder ein ähnlich enzyklopädisches Geschmacksgedächtnis. Sobald Milly einen Wein probiert hat, hat sie Namen, Herkunft und Jahrgang im Gedächtnis gespeichert und kann sie jederzeit abrufen. Sie würden nicht glauben, wozu sie in der Lage ist.“

Seine Schwärmerei war beeindruckend. Darina fragte sich, ob ihre Partnerschaft nicht nur professionell, sondern auch persönlich war.

„Es ist erstaunlich, wie viele weibliche Weinexperten man heutzutage im Fernsehen sieht“, kommentierte sie. „Und interessant, dass Neil Bruce als Ersatz ausgewählt hat, statt einer weiteren Frau.“

Mark stieß ein trockenes Lachen aus. „Neil schwimmt immer gegen den Strom. Ich glaube, der Trend zu weiblichen Weinkennern begann als Revolte in der traditionell männlichen Domäne. Es ist vermutlich an der Zeit, dem alten Pendel einen Schubs in die andere Richtung zu versetzen. Einen Australier auszuwählen war auch klug. Australische Weine sind total in Mode und der Ansatz von Bruce ist ohne Frage frisch. Niemand würde ihn edel nennen!“ Darina lachte, sah Mark dann aber nachdenklich hinterher, als er ging, um den Gast für diese Woche zu begrüßen, Theresa Mancusa, eine italienische Kochexpertin.

Nachdem sich alle bekannt gemacht hatten, ließ Neil die Eröffnungsszene am Tisch proben und aufnehmen. Dabei erwies sich Mark als wirklich hilfreich. Irgendwie schaffte er es, die Nerven der drei anderen mit einer Mischung aus Autorität und Charme zu beruhigen, eine gesellige Atmosphäre zu schaffen und ein Gespräch über Wein und Essen aus Italien anzubahnen. Darina bewunderte besonders, wie er Theresa Mancusa half, ihr überlegenes Wissen so zu erörtern, dass sie sich entspannte, elegante Gesten mit ihren kleinen, dicklichen Händen machte und mit ihrer grellen Stimme bildhafte Sätze prägte.

Dann wurde die Mittagspause angekündigt und das Produktions-Team ging in den Aufenthaltsraum gegenüber des Studios.

„Ich glaube, wir haben eine ganz achtbare Leistung abgeliefert“, sagte Bruce, der neben Darina stand, während sie darauf warteten, sich vom Buffet bedienen zu können.

„Es war recht unheimlich ohne Teleprompter, auch wenn wir vorher mehr oder weniger besprochen haben, was wir sagen würden“, sagte Darina.

„Lässt das Adrenalin strömen, nicht wahr?“ Bruce hatte seinen Schwung und sein angeborenes Selbstvertrauen wiedergefunden. „Was ist mit der Frisur passiert?“, fragte er, während er betrachtete, wie ihr Haar weich auf ihrem Kopf aufgetürmt war, aufgelockert von einigen losen Strähnen, die sich kunstvoll darum rankten.

„Das ist besser fürs Kochen, ich glaube kaum, dass es gut aussieht, wenn meine Haare dabei überall herumschweben, oder?“

Bruce sah aus, als würde es ihm offen besser gefallen, aber falls er einen Kommentar machen wollte, wurde er vom Auftritt von David Bartholomew unterbrochen, dem nigerianischen Produktionsleiter.

Als Darina ihn zum ersten Mal traf, hatten sie seine schönen Gesichtszüge beeindruckt. Er sah aus wie eine aus Ebenholz geschnitzte, klassische Statue. Jetzt wirkte er besorgt und mitgenommen.

„Darina, kann ich dich kurz sprechen?“ Er führte sie in eine Ecke und zog einen Haufen Rechnungen von einem überladenen Klemmbrett, an das er sich klammerte. Sie erkannte den Namen einer der Boutiquen, in die Bruce sie mitgenommen hatte, und verspürte einen Anflug von Unbehagen.

„Ich verstehe die hier nicht“, sagte David, und wedelte mit den Zetteln. „Wir haben keine dieser Ausgaben genehmigt, deine Garderobe wird von unseren Ausstattern ausgewählt.“

Darina hatte sich schon mit dem Mädchen aus der Garderobe anlegen müssen, um eines ihrer neuen Outfits tragen zu dürfen. Irgendwann war Neil dazugekommen und hatte seine Erlaubnis gegeben. Jetzt gab es noch mehr Ärger.

„Und diese Beträge liegen auf jeden Fall weit über dem Budget.“ David zog ein Blatt mit Zahlen zurate, in seinen braunen Augen lag Besorgnis, seine Stimme klang gereizt.

Darina machte sich bereit, aber plötzlich war Bruce zur Stelle; seine große Hand packte David im Nacken, seine große Gestalt dominierte den mittelgroßen Produktionsleiter, und der schwere australische Akzent erhob sich über den Tumult im Raum. „Hör auf das kleine Mädchen zu tyrannisieren, Dave. Ich habe ihre Klamotten ausgesucht, und dein Budget kannst du dir in den Arsch schieben. Neil ist völlig zufrieden mit allem. Stimmt doch, Neil?“

David Bartholomew machte sich verärgert los, während der Produzent herübereilte. Im Raum war es jetzt still und alle konzentrierten sich auf die kleine Gruppe in der Ecke.

„Ich bin sehr gut in der Lage, meine eigenen Kämpfe auszutragen, danke Bruce“, sagte Darina, erzürnt über seine Behandlung des Produktionsleiters. „Wenn die Kleider zu teuer sind, steuere ich gerne etwas zu den Kosten bei, sie machen sich sicher gut in meinem Kleiderschrank.“

David sah etwas fröhlicher aus.

„Das kommt gar nicht in Frage“, verkündete Neil forsch.

David sah den Produzenten an, die Überraschung fror seine Gesichtszüge für einen Augenblick ein. „Bin ich für das Budget zuständig, oder nicht?“, fragte er fordernd. „Ich dachte, du verlässt dich auf mich, was die finanzielle Seite angeht. Wenn ich die Ausgaben nicht kontrollieren kann, stehe ich auch nicht für die Konsequenzen gerade.“

„David, du machst fantastische Arbeit“, setzte Neil an.

„Hör auf, allen vor die Füße zu pissen!“ Bruce schnappte sich das Klemmbrett, holte einen Stift raus, veränderte einige Zahlen und gab es zurück. „Jetzt arbeite damit und alle sind glücklich. Immerhin ist Chic der zweite Name dieser Sendung, richtig?“

„Das kannst du nicht machen“, spuckte David aus. „Was glaubst du, wer du bist?“

Bruce’ Augen verengten sich und er pochte mit seinem riesigen Finger auf Davids Brust. „Hör zu, wo ich herkomme, sagen die Abos mir auch nicht, was ich zu tun und lassen habe.“ Er drückte seinen Finger fester in die Brust seines Gegenübers, bis der Nigerianer zurücktaumelte, seine edlen Züge zuckten vor Wut.

Die versammelte Mannschaft schnappte nach Luft, als Neil sagte: „Hey, Bruce, denkst du nicht, du solltest dich entschuldigen?“

Doch der Australier war schon in den hinteren Teil des Raumes geschlendert, hatte eine Aktentasche aufgehoben, eine Plastikbox herausgeholt, eine Gabel vom Buffettisch genommen und fing gerade an, schmatzend seinen geraspelten Gemüsesalat zu essen, nach dem er süchtig zu sein schien.

Die Beschaffenheit von Davids Haut hatte sich verändert, als hätte die Wut seinen Blutfluss angehalten. Darina glaubte, er würde jeden Moment aus der Haut fahren.

Theresa Mancusa entschärfte die Situation. Sie näherte sich und hakte sich beim Produktionsleiter ein. „David, cara, wie schön dich wiederzusehen. Jagst du immer noch den Mädchen nach?“, fragte sie mit einem schelmischen Blick zu Darina. „Ich war in Italien so beschäftigt, hatte viel zu wenig Zeit, mit dir zu sprechen. Komm mit und erzähl mir, wie dir deine Reise gefallen hat.“

Sie führte den Produktionsleiter weg, lachte und sprach Englisch mit starkem Akzent, und langsam kehrte der Raum wieder in den Normalzustand zurück.

Theresa Mancusa hatte kürzlich eine Schule für wohlhabende Köche aufgemacht, die ihr Wissen über die italienische Küche ausbauen wollten. Es hatte spezielle Pressetermine gegeben, um Werbung für die neuen Kurse zu machen, und Neil hatte entschieden, die Beliebtheit italienischen Essens zu nutzen und eine Sendung darum entworfen. Jan Parker hatte ein kleines Team angeführt, das rausgeschickt worden war, um einige Aufnahmen zu machen. Mark hatte sie und die technischen Mitarbeiter begleitet, um einige der Kursteilnehmer zu interviewen. David Bartholomew war als Organisator mitgekommen, und um auf das Budget zu achten.

Nach dem Film zu urteilen, der dem Produktions-Team vorgeführt worden war, musste die Reise ein herrliches Erlebnis gewesen sein; Darina wünschte, sie hätte dabei sein können. Die Schule war in einer luxuriösen, italienischen Villa untergebracht, in malerischer Landschaft, der Kurs wirkte faszinierend und alle schienen Spaß zu haben. Die große Überraschung bei der Vorführung war aber der verblüffte Ausruf von Bruce. „Hol mich der Teufel, wenn das nicht mein Weibchen ist!“, rief er, als der Film eine attraktive, dunkelhaarige, junge Frau mit cremefarbener Haut zeigte, die gerade Nudelteig ausrollte. Ihr Gesicht war ein Ausdruck der Konzentration, die Spitze ihrer kleinen, roten Zunge zwischen den Zähnen gefangen. „Sie hat mir auf dieser Pressereise in Italien gar nicht erzählt, dass sie sich an Table for Four beteiligen würde. Aber“, fügte er mit Selbstvertrauen hinzu, „sie hatte auch keine Ahnung, dass ich mich euch anschließen würde.“ Für einen kurzen Augenblick sah Darina allerdings die lauernde Unruhe in den australischen Augen.

 

„Aber das ist Shalley del Lucca!“, hatte Mark geschrien, währen er den anderen Mann argwöhnisch beäugte.

„Ihr Mädchenname, Mark. Wie lautet der? Wusstest du nicht, dass sie verheiratet ist?“ Anscheinend hatte Bruce die Verunsicherung des anderen genossen.

„Natürlich wusste ich das, nur nicht, dass du der Mann dazu bist!“, hatte Mark gekontert.

 

Als die Aufnahmen nach dem Mittagessen weitergingen, versammelte Neil wiederum Mark, Theresa, Bruce und Darina am Tisch, um das Ende der Sendung zu drehen. Jetzt waren alle viel entspannter und Mark fiel es leicht, alle dazu zu bringen, sich an einem Schlusswort über italienisches Essen zu beteiligen. Dann verteilte Darina Portionen ihres Penne-Gerichtes, sie sprachen über die Vielseitigkeit von Pasta und lieferten Hintergrundwissen, worüber irgendwann der Abspann eingeblendet würde. Nachdem es hieß, dass alles im Kasten sei, hatte Neil Bruce und Darina entlassen. Mit einem erleichterten Seufzer packte Darina ihre Sachen für die lange Fahrt nach Somerset und ließ Mark beim Interview mit Theresa Mancusa zurück.

 

Kapitel 3

Darina beendete ihre Vorführung eines klassischen Coq au Vin. Die Soße, leicht angedickt mit beurre manié, war dunkel und glänzend, der Duft so bestechend, dass der gesamten Crew einheitlich das Wasser im Munde zusammenlief. Jan hatte den ganzen Abschnitt in einem Take drehen wollen, also stellte sie jetzt die Kasserole zur Seite, zog eine Schale mit Birnen hervor und ging fließend dazu über, sie in einem Weißwein-Sirup zu pochieren.

Nach fünf Sendungen glaubte Darina, das schlimmste Lampenfieber überwunden zu haben. Sie hatte den Rhythmus vom Heranreifen und Abdrehen jeder Sendung in sich aufgenommen, wusste, wie sie jeweils an ihrem Part arbeiten konnte, und wurde sich langsam bewusst, wie sie vor der Kamera wirkte. Die größte Schwierigkeit bestand darin, ihre Begeisterung für jedes Gericht zu zeigen, ohne prahlerisch oder künstlich zu wirken. Sie war sich jederzeit der Kritik bewusst, die sie über andere Fernsehköche gehört hatte. Der eine sei affektiert, der andere würde nie richtig die Vorgehensweise erklären, wieder eine andere schien die grundlegenden Prinzipien des Kochens nicht zu begreifen, dann gab es den, der zu nüchtern war, den anderen, der aussah wie ein Hund, ganz zu schweigen von denen, die sich so angestrengt bemühten, alles lustig zu gestalten, dass die Zuschauer zu erschöpft waren, um über das Kochen nachzudenken. Sie hatte festgestellt, wie leicht es war, zu kritisieren, und wie schwer, selbst all die Fallstricke zu umgehen. Sie war dankbar, dass Neil sie mit seiner ruhigen Art durch alle Proben ihrer Vorführungen leitete und alle Probleme aus dem Weg räumte.

 

Nie zuvor hatte Darina so sehr auf das Aussehen ihres Essens achten müssen, dass der Geschmack nebensächlich wurde. Fernsehen funktioniert visuell und auditiv. Es kann zeigen, wie köstlich etwas erscheinen kann, sogar das Brutzeln übertragen, aber der Zuschauer kann nie das Ergebnis schmecken. Darina machte es zu ihrem persönlichen Ziel, dass jedes für die Kamera gekochte Gericht so gut schmeckte, als käme es aus ihrer eigenen Küche. Denn am Ende jeder Sendung konnte man den Gast dieser Woche sehen, wie er die Ergebnisse kostete. Danach machte sich die Crew üblicherweise über die Reste her. Es war zu einem Witz unter den Zuschauern geworden, dass Bruce und Mark nie etwas von den Gerichten probierten. Und Neil war hin und her gerissen, ob er gegenüber den Forderungen einknicken sollte und alle Moderatoren vor der Kamera essen ließ, oder ob er behalten wollte, was jetzt ein Charakteristikum der Sendung war. Darina fragte sich, was Bruce tun würde, wenn er gezwungen wäre, das Essen zu probieren. Anders als Neil, der sich immer hier und da etwas herauspickte, und dem Rest des Teams, die jede Gelegenheit genossen, etwas von den Gerichten zu probieren, aß er nie etwas.

Als sie etwas sicherer wurde, beschloss Darina herauszufinden, ob es nicht einen Weg gab, ihn in Versuchung zu führen, und schließlich wurde es so etwas wie ihre persönliche Herausforderung. Aber im Moment musste sie noch an zu viele Dinge denken, um sich zu überlegen, wie sie Bruce Bennett in Versuchung führen konnte.

Darina erklärte den Zuschauern, die später die Sendung sehen würden: „Ich benutze Weißwein für diese Birnen, aber man könnte genauso gut Roten nehmen. Lassen Sie sie in dem Sirup so leicht kochen, sodass sich die Flüssigkeit kaum bewegt. Das nennt man Pochieren, die sanfteste Art des Kochens. Es dauert etwa fünfundzwanzig Minuten, bis der Sirup durch die Frucht gezogen ist, also fangen Sie mit festen Birnen an. Wenn es nicht ganz bis zur Mitte durchzieht, können sie innen etwas braun werden. So, wir lassen sie kochen und ich zeige Ihnen welche, die ich gestern in Rotwein zubereitet habe, dann können Sie die Farbe genießen.“

Darina wand sich zur Seite des Vorführtisches und griff nach einer Glasschüssel mit in Rotwein gekochten Birnen, die Lynn für die Sendung vorbereitet hatte. Sie war nicht da.

Für einen Augenblick überlegte sie, ob sie das Fehlen überspielen sollte, um mit der Aufnahme weiterzumachen, aber sie wusste, dass ihr Zögern fatal war. Die Aufnahme war schon unterbrochen und die Aufnahmeleiterin horchte über ihre Kopfhörer nach Anweisungen von der Galerie.

Eine beschämte Lynn trat vor die Vorführküche, sie hielt die fehlenden Birnen. „Mein Gott, Darina, es tut mir leid! Ich weiß nicht, was passiert ist, ich dachte, ich hätte alles überprüft!“

Darina sah zu ihrer Assistentin. Es war nicht das erste Mal, dass Lynn während der letzten Sendungen ihrem effizienten Ruf nicht gerecht wurde.

Darina trat zurück und ließ die anderen den Vorführbereich vorbereiten, um den Teil mit den Birnen neu zu drehen. Neil würde so zwar nicht die gesamte Vorführung in einem abdrehen können, aber nach dem Schnitt würde es aussehen, als sei alles ungehindert abgelaufen. Die Pause war ungünstig, weil sie gerade so gut dabei war, aber so war es eben im Fernsehen. Nicht nur die eigene Leistung war entscheidend für den Erfolg der Sendung. Sie beobachtete Lynn.

Die junge Frau war blass, die einzige Farbe kam von einem schlimmen Bluterguss auf der Wange. Sie sei die Treppe heruntergefallen, hatte sie erklärt. Anfang der Woche hatte er in wütendem Lila und Rot geleuchtet, jetzt dämpften Grün- und Gelbtöne die Farbe ab.

Der Sturz hatte sie offensichtlich erschüttert, bei der Produktionsbesprechung hatte sie Probleme gehabt, sich auf die diskutierten Einzelheiten zu konzentrieren. Neil hatte sogar vorgeschlagen, sie solle nach Hause gehen, und sich um sich kümmern. Lynn hatte gemeint, dass das nicht nötig sei. Falls dieser Vorschlag eine Drohung war, hatte es für eine Weile funktioniert. Lynn hatte sich zusammengerissen und ihre frühere Effizienz wiedergefunden.

Doch die Probleme hatten schon vor dem Sturz angefangen. Letzte Woche war Schweinelende statt Filet geliefert worden und was rote Paprika hätten sein sollen, wurde vom Gemüsehändler in Form von Chilischoten geliefert. Lynn hatte herumtelefoniert, und jemanden gefunden, um die Fehler zu beheben, aber es hatte wertvolle Zeit gekostet. Neil war nicht begeistert.

„Ist alles in Ordnung bei Ihnen, Lynn?“, fragte Darina, als ihre Assistentin einen weiteren Satz Essen arrangiert hatte.

„Alles gut“, sagte die junge Frau während sie sich umsah, um sicherzugehen, dass sie sonst nichts vergessen hatte. Dann erhob sie ihre Stimme zu einem wütenden Schrei. „Mark, leg das Hühnchen hin!“ Sie eilte zur Anrichte hinüber und riss dem Moderator ein Bein vom Coq au Vin aus der Hand. „Wie oft habe ich dir schon gesagt, fass das Essen nicht an!

Marks angenehme Züge zeigten Verärgerung und seine Lippen zogen sich zurück, als würde er knurren. Lynn trat unfreiwillig einen Schritt zurück.

Alison, die Aufnahmeleiterin, wollte wissen, ob Darina bereit wäre, mit den Birnen weiterzumachen. Mark stolzierte vom Vorführtisch weg, Darina nickte und Alison bat um Ruhe im Studio. Sie machten sich für einen neuen Take bereit.

Darina verbannte alles außer dem Pochieren der Birnen aus ihren Gedanken und nahm erneut die erste Obstschale.

Ein paar Minuten später war sie dabei, ihre Vorführung zu beenden. „Birnen in Wein lassen sich wunderbar einfrieren und sind sehr vielseitig. Sie können sie pur servieren, oder auf einer Torte wie dieser hier“, holte sie eine Mandeltorte hervor, die bereitstand. Die Oberseite war mit abgetropften Birnen belegt und mit Schlagsahne verziert. „Oder als Basis eines Obstsalates“, sie stellte eine weitere Schüssel auf den Tisch, in der die Birnen mit Orangenstücken und frischen Trauben vermischt waren, „oder für das berühmte Gericht, Poire Belle Hélène.“ Darina goss Schokoladensoße über Birnen und Baisers. „Das Rezept für die Schokoladensoße finden Sie auf dem Infoblatt, das Sie anfordern können, mehr dazu am Ende der Sendung. Aber denken Sie daran, sowohl für die Birnen als auch für das Hühnchen gilt, je besser der Wein, desto besser der Geschmack. Nehmen Sie eine gute Flasche, und Sie werden den Unterschied bemerken. Wenn wir Bruce davon überzeugen können, nicht alle leerzutrinken, die er für die heutige Sendung mitgebracht hat, kann ich vielleicht etwas davon zum Kochen aufheben. Wie sieht’s aus, Kumpel?“

Sie sah nach rechts, während sie das sagte. Das war das Zeichen für die Kamera, von ihrem Vorführbereich in Bruce’ Teil des Studios zu schwenken. Jetzt war er mit seinem Abschnitt der Sendung dran. Doch sein gemütlicher Stuhl war leer, seine Beitrag würde im Schnitt mit Darinas Part verbunden werden, doch jetzt warteten alle im Studio auf Order von der Galerie, ob sie den Take wiederholen mussten.

„Es tut mir leid, Darina“, sagte Alison. „Der Cutter hat einen Fehler in der Aufnahme gefunden, wir müssen das noch mal aufnehmen.“

Darina stöhnte. Es fiel ihr besonders schwer, bei aufeinanderfolgenden Takes die Spontaneität ihres Auftrittes beizubehalten, besonders, wenn es nicht ihre Schuld war.

Ihr Arbeitsbereich wurde wieder in den Ausgangszustand gebracht. Und erneut führte sie vor, wie man Birnen pochiert. Dieses Mal schien der Take in Ordnung zu sein.

Normalerweise hätte Neil jetzt Bruce’ Beitrag aufgenommen, doch heute wurde beschlossen, als nächstes die Eröffnungsszene zu drehen, mit allen gemeinsam am Tisch.

Neil hatte das bei der Produktions-Besprechung angekündigt. „Und da es offensichtlich besser ist, wenn Bruce und Mark Jean-Pierre Prudhomme zusammen interviewen ...“ Neils Stimme verlor sich, als Bruce einen seiner australischen Ausbrüche hatte: „Jean-Pierre Prudhomme? Ich dachte, wir haben diesen Kerl aus Napa Valley da.“

„So war es geplant“, antwortete Neil ungeduldig. „Aber er musste seinen Besuch in England abbrechen. Mark war im Büro, als er angerufen und gesagt hat, dass er einen französischen Winzer kennt, der gerade hier ist, und ob wir ihn nicht fragen wollen. Hat er dir das nicht erzählt?“

„Es ist deine verdammte Aufgabe, mich zu informieren. Und wer ist eigentlich der scheiß Weinexperte in der Sendung, Mark oder ich?“

Alle Anwesenden warteten gespannt darauf, dass der Produzent Bruce zurechtstutzte. Normalerweise hatte er wenig Geduld mit Crew-Mitgliedern, die sich zur Primadonna aufspielten.

Neil rutschte nervös in seinem Stuhl hin und her. „Bruce, ich möchte dich daran erinnern, dass es auf Weihnachten zugeht, und das Thema dieser Sendung ist die Vielseitigkeit von Wein. Du wirst dir Weinbecher ansehen, Darina wird damit kochen und unseren Gast brauchen wir nur für ein paar Hintergrundinformationen darüber, was den Geschmack von Wein beeinflusst. Ich dachte, dafür ist jeder Winzer gut genug, solange er gut rüberkommt.“

„Es interessiert mich einen Scheiß, was du dachtest! Das Thema Wein gehört mir! Man hätte mich fragen müssen!“

Darina hatte Bruce noch nie so wütend gesehen. Es hatte schon vorher Krach gegeben, aber der Australier hatte immer seinen Sinn für Humor behalten, wenn er seine Sichtweise darlegte. Jetzt wurde plötzlich eine andere Seite von ihm sichtbar. Wie in der Situation, als er so unverzeihlich grob zu David Bartholomew gewesen war. Vergeblich betonte Neil den guten Ruf der Prudhomme-Weine und das exzellente Englisch von Jean-Pierre, Bruce tobte weiter, weil der Franzose in der Sendung auftrat, ohne dass er zuvor gefragt wurde. Schließlich fragte Mark, der kein Wort zu dem Streit gesagt hatte, und nur auf seinem Notizblock herumkritzelte, während ein seltsames Lächeln seine Lippen umspielte: „Was hast du denn gegen Jean-Pierre, Bruce? Mich deucht, du diskutierst hier ziemlich viel, obwohl es nur um eine lächerliche Prinzipienfrage geht.“ Er sah den Australier gelassen an.

Bruce fing sich und begegnete Marks Blick bedacht. Der ging wieder dazu über, arglos vor sich hin zu starren. „Prinzipienfragen sind nie lächerlich“, sagte der Australier schließlich.

Neil machte sich den kurzen Waffenstillstand zunutze. „Genau“, sagte er herzlich. „Genau, aber ich glaube kaum, dass man diese hier bis zum Schafott ausfechten muss, Bruce. Ich habe dich gehört und beim nächsten Mal wirst du auf jeden Fall mit einbezogen. Das verspreche ich dir!“ Seine Stimme klang selbstsicher, aber Neil schaffte es nicht, dem Australier in die Augen zu sehen. „So, können wir dann weitermachen? Wir haben noch einiges abzuarbeiten. Zuerst möchte ich mich aber bei allen bedanken, für den enormen Aufwand, den ihr für den Table betreibt.“ Seine Stimme wurde fester. „Wie ihr wisst, werden die Quoten besser, mit jeder Sendung gewinnen wir Zuschauer dazu.“ Er schien zufrieden mit der Vorstellung, dass er die Besprechung von weiteren Konfrontationen zum Thema Wein abgelenkt hatte, und Bruce erwähnte es nicht erneut.

Darina fragte sich, ob Bruce mit seinem Erfolg bei Table immer unerträglicher werden würde. Es gab keine Zweifel, dass er sehr gut ankam. Er bekam deutlich mehr Post als alle anderen, Zeitungen und Zeitschriften standen für Interviews Schlange und er bekam Anfragen für alle möglichen Werbeauftritte, von Supermarkteröffnungen bis zu Kirchenfeiern.

Am Ende der Besprechung trat Bruce an Neil heran. „Wir müssen reden.“

Seine Stimme war nicht laut, aber die Autorität, die in seinen Worten lag, war nicht zu bestreiten.

Neil runzelte die Stirn und sah kurz auf seine Uhr. „Mein Büro, in einer halben Stunde“, sagte er.

Darina wusste nicht, was bei dieser Besprechung vorgegangen war, aber als der Drehtag kam und Jean-Pierre Prudhomme ans Set gebracht wurde, empfing Bruce ihn mit breitem Lächeln.

„Jean-Pierre, du alter Schuft, gut dich wiederzusehen.“ Der Franzose, eine dünne Gestalt im mittleren Alter, durchschnittlich groß und mit charmanten Falten im Gesicht, schüttelte den Kopf.

„Bruce, es ist immer ein Erlebnis, dich zu treffen.“ Seine Worte, mit leichtem Akzent gesprochen, waren vorsichtig aber selbstsicher.

Neil richtete alles für die Szene her. Mit den Problemen bei Darinas Vorführung lagen sie jetzt hinter dem Zeitplan.

Mit der Eröffnungsszene ging alles gut. Dann wurde Bruce’ Teil aufgenommen und sie unterbrachen für ein spätes Mittagessen, als Neil Jean-Pierre eigentlich schon zum gemeinsamen Interview bringen sollte.

Nach dem Essen verkündete Neil, dass sie an diesem Punkt fortfahren würden, was die gemeinsame Schlussszene am Tisch zur letzten Aufnahme machte. „Vielleicht finden wir im Interview etwas, das wir für den Abschluss aufgreifen können“, sagte er.

Normalerweise wäre Darina enttäuscht gewesen, dass sich ihre Rückfahrt nach Somerset dadurch verspätete. Aber in dieser Woche würden sie am nächsten Tag noch eine Folge aufnehmen, damit das Team sich über Weihnachten zwei Wochen Urlaub gönnen konnte.

Während die Kameras in Bruce’ Weinbereich angeordnet wurden, stieg Darina die Treppen zur Galerie hinauf. Es machte Spaß, sich von dort oben anzuschauen, wie in zügiger Abfolge die Kameraeinstellungen abgearbeitet wurden, die das Skript der Regisseurin vorsah.

In der Galerie war alles leise und gedämpft, sogar das Licht. Alle Aufmerksamkeit lag auf Jan, der Aufnahmeleiterin, und ihre Assistenten standen konzentriert im Halbkreis vor den Kontrollpulten und beobachteten die Reihe von Bildschirmen vor ihnen.

Dort konnte Darina eine Nahaufnahme der drei Männer sehen, die sich jetzt in Bruce’ Weinbereich niedergelassen hatten. Auf dem niedrigen Beistelltisch an seinem Stuhl standen verschiedene Weincocktails, die er für Weihnachten vorbereitet hatte: Buck’s Fizz, Kirs, Champagner-Cocktails und Glühwein. Bruce bot Mark und Jean-Pierre Kostproben an, während die Kameras auf Anweisung von der Galerie so lange herumgeschoben wurden, bis Jan zufrieden war.

Von der Galerie aus konnte man nur durch die Kameras ins Studio sehen. Es gab zwar große Fenster, die auf einen Laufsteg hoch über dem Studio blickten, aber schwarze Vorhänge hingen von der Decke bis zum staubigen Boden und versperrten die Sicht.

„Okay, Alison“, sagte Jan über ihr Mikrofon. „Mal sehen, ob wir das in einem hinbekommen.“

Die Szene fing gut an, Mark lieferte eine gute Überleitung, vom Vorzug des Weins, sich gut mit anderen Zutaten kombinieren zu lassen, zu den Auswirkungen äußerer Einflüsse auf die Weinherstellung.

Jean-Pierre Prudhomme sprach fesselnd über Bodenbeschaffenheit, Klima und die Fähigkeiten der französischen Winzer, die für den feinen französischen Wein verantwortlich waren.

„Was ist mit den in Mode gekommenen australischen Weinen?“, fragte Mark mit einem verschlagenen Blick zu Bruce. „Steigen ihre Verkäufe nach Großbritannien nicht sprunghaft an, während die aus Frankreich fallen?“

Jean-Pierre war nicht beeindruckt. „Das wird aufgebauscht! Es ist nur eine kleine Veränderung, nicht mehr. Etwa drei ein’alb Millionen Kisten aus Australien, verglichen mit über zweiundzwanzig Millionen aus Frankreich.“

„Gib’s zu, Jean-Pierre“, Bruce lehnte sich vor, „australische Weine sind groß im Kommen. Wir produzieren mutige Aromen, die beim Publikum ankommen. Qualitätsweine, die sich jeder leisten kann. Italienische, bulgarische und ungarische Weine werden alle nach dem Vorbild der australischen Herstellung produziert.“

„Es ist, wie nennt ihr das, eine Modeerscheinung? Ja, ihr verliert den Feinsinn, ersetzt die Kunst, Trauben zu mischen und ein unverwechselbares Ergebnis zu produzieren, durch etwas Gewöhnliches, Durchschnittliches.“

„Missgunst, Jean-Pierre! Du kannst nicht akzeptieren, dass wir eure eigene Technologie verbessert haben.“

„Sie gestohlen, meinst du“, sagte Jean-Pierre ruhig.

Die Kameraeinstellung, die für den Übergang gewählt wurde, war eine Nahaufnahme vom Gesicht des Franzosen, aber einer der anderen Bildschirme zeigte Bruce. In seinem Gesicht lag plötzlich Argwohn, wie bei einem Hund, der die Gegenwart eines Rivalen wittert.

„Das ist ein starker Vorwurf, Jean-Pierre“, sagte Mark. Die kaum zurückzuhaltende Aufregung in seiner Stimme war auch auf der Galerie zu spüren.

„Irgendetwas geht da vor“, hauchte Rita, die Regieassistentin, und Jan setzte sich etwas gerader hin, den Blick auf die Bildschirme fixiert.

„Diese Australier, sie glauben, sie wären so schlau. Nehmen Sie Bruce ’ier“ – ein schneller Wechsel auf eine andere Kamera ersetzte den zurückhaltend vorsichtigen Gesichtsausdruck von Bruce durch Jean-Pierres Verachtung. „Bruce, er arbeitet in meine Weingut, lernt mein Kunst, und jetzt macht er die Wein, ja?“ Starke Gefühle brachten die gute Aussprache des Franzosen durcheinander. „Dann er ist verschwunden, hat etwas von meine wertvollste ’efe mitgenommen, die isch über Jahre gezüschtet ’abe, und meine beste Winzer. Dann ’at er die Fresch’eit zu be’aupten, er ’ätte die bessere Teschnologie. Ohne misch ’ätte er mit Yarramarra nie solsche Erfolg ge’abt.“ Er lehnte sich in seinem Stuhl zurück.

Ein schneller Bildwechsel fing Bruce’ verächtliche Antwort ein. „Man kann Hefe nicht patentieren, es ist absurd, zu behaupten, dass ich sie gestohlen hätte.“

„Und der Winzer?“, fragte Mark erwartungsvoll.

„Leute wechseln dauernd den Job“, sagte er abweisend.

„Geht auf Kamera zwei“, sagte Jan, und der mittlere Bildschirm zeigte Jean-Pierre, der mit schmalen Augen und Abscheu zu Bruce sah. „Du ’ast ihn bestochen, eine Mann, der seit Jahren mit mir zusammengearbeitet ’at“, fauchte er.

„Bruce hat ihm ein Angebot gemacht, das er nicht ablehnen konnte?“, bot Mark an und lächelte selbstgefällig.

„Haltet drauf“, sagte Jan halblaut. „Wir werden nichts davon verwenden können, aber es ist tolles Zeug.“

Doch Neil war schon dazwischengegangen und hatte die Aufnahme gestoppt.

„Ich fand, das lief richtig gut“, sagt Jan über ihr Mikrofon.

Aber Neil achtete nicht auf seine Kopfhörer, er richtete sich an Mark. „Ich habe dir schon mal gesagt, dass wir hier nicht im Schmierentheater sind, Mark. Jean-Pierre, es tut mir leid, aber was Sie auch für ein Zerwürfnis mit Bruce habe, es wird bis nach den Aufnahmen warten müssen. So, können wir dann bitte zum Thema zurückkommen?“

Er verschwand mit großen Schritten aus dem Kamerabild.

Mark sprang auf die Füße. Mit einem kurzen Blick auf Jean-Pierre richtete er sich an den Produzenten. „Neil, wir können das nicht einfach unter den Tisch fallen lassen. Haben die Zuschauer nicht das Recht zu erfahren, was für ein Arschloch Bruce tatsächlich ist?“

Neil kam wieder ins Bild. Mit kleinen, federnden und wütenden Schritten ging er zum Moderator. „Mark, wenn du dich nicht hinsetzt, die Klappe hältst und deine Arbeit machst, hast du keine mehr.“

Bruce lehnte sich lässig zurück. „Ich bin mir sicher, dass Jean-Pierre keine Verleumdungsklage am Hals haben will, Mark“, sagte er. „Und ich verspreche dir, dass genau das passieren wird, wenn dieser Vorwurf des Diebstahls wiederholt wird.“

Für einen Augenblick wirkte Mark ungläubig. „Neil, damit kannst du ihn doch nicht davonkommen lassen!“

Jean-Pierre sagte nichts, sein Gesicht war jetzt eine Maske aus höflichem Interesse, während er Bruce und Mark musterte; seine Verbitterung schien von philosophischer Distanziertheit abgelöst worden zu sein.

Jan versuchte, die Kontrolle wieder an sich zu bringen. „Alison, sag Mark, dass er Jean-Pierre bitten soll, Weintipps für den Truthahn zu geben, und dann vorschlagen soll, dass sie alle zum Tisch und zu Darinas Essen zurückgehen.“

Als Alison sich daranmachte, die Anweisungen der Regisseurin weiterzugeben, merkte der Bildmischer auf der Galerie an: „Mark entwickelt sich zu einem richtigen kleinen Aufrührer. Was treibt er für ein Spiel?“

Darina wusste, dass sie alle an sein Interview mit Theresa Mancusa dachten, der italienischen Köchin. Er hatte sie einen Lobgesang für einfache, italienische Hausmannskost anstimmen lassen, und es dann gegen sie verwendet, indem er fragte, warum ihre Kurse so teuer seien. Dann hatte er das Interview beendet, ohne sie antworten zu lassen.

Theresa Mancusa hatte darauf bestanden, eine Wiederholung der Aufnahmen zu sehen, und dann verlangt, es neu aufzunehmen. Neil hatte abgelehnt. Sie war davongestürmt und hatte mit rechtlichen Schritten gedroht, sollte der Abschnitt gesendet werden.

Neil hatte Mark fortgeschleppt und ihn offensichtlich zusammengestaucht, was einen spürbaren Effekt gehabt hatte. Mark hatte seine investigativen Instinkte gezügelt – bis heute.

„Da hat sich wohl jemand vom Erfolg unseres großen, bösen Australiers aus dem Gleichgewicht bringen lassen“, sagte die Regieassistentin mit geschürzten Lippen.

Unten im Studio bat Alison um Ruhe und die Kameras zeichneten wieder auf. Mark zögerte lange. In der Galerie warteten alle ab, Jans Hand verharrte über einem Mikrofonschalter. Dann sah der Moderator zu Jean-Pierre hinüber und fragte nach einem Vorschlag, welchen Wein man zu Truthahn trinken könnte und Bruce beendete die Aufnahme, indem er den Zuschauern erklärte, dass er sich in der nächsten Folge mit alkoholfreien Getränken für die Feiertage beschäftigen würde.

Darina schlich aus der Galerie und ging wieder ins Studio hinunter, wo sich das Mädchen aus der Maske herumtrieb, um vor den letzten Aufnahmen für diese Folge ihre Frisur zu überprüfen. Ihr Herz pochte und ihr Mund war trocken. Sie wusste nicht, wie sie in der finalen Szene am Tisch die übliche, kameradschaftliche Atmosphäre erreichen sollten.

Es war auch nicht leicht. Die Kommentare zwischen Jean-Pierre und Bruce waren bissig und Mike schien einige tiefsitzende Emotionen zurückzuhalten. Darina plauderte weiter, fragte Jean-Pierre nach Ratschlägen zum Kochen mit Wein, erinnerte Bruce daran, den Burgunder auszuschenken, den er für ihr Coq au Vin ausgesucht hatte, und erbettelte den Rest der Flasche für ihre nächste Kochvorführung. Sie fühlte sich wie ein Husky vor einem überladenen Schlitten, während sie versuchte, die anderen in eine Fantasiewelt mit festlicher Stimmung zu zerren. Es war eine Erleichterung, als Neil endlich verkündete, dass er zufrieden sei. Die Atmosphäre im Studio war am folgenden Tag immer noch angespannt.

Es war, als wären alle begierig darauf, zu sehen, was Mark Bruce dieses Mal anzuhängen versuchte. Keine Spur von ausgelassener Stimmung zum vorübergehenden Drehschluss, und das silberne Lametta, das jemand um einen der Kamerakräne gewickelte hatte, machte einen unangemessenen Eindruck.

Für die letzte Sendung vor Weihnachten hatte Neil ein Vorstandsmitglied eines hochklassigen Lebensmittelhandels eingeladen. Darinas Teil sollte sich mit köstlichen kleinen Spezialitäten, Eingemachtem, Häppchen und ähnlichen Dingen befassen, die man entweder verschenken oder benutzen konnte, um den Festlichkeiten einen Hauch von Exklusivität zu verleihen. Der Tisch selbst war überladen mit allem, was der Handel an ähnlichen Dingen zu bieten hatte, damit die Moderatoren der Sendung ihr Urteil darüber abgeben konnten.

Der Gast aus dem Lebensmittelhandel war ein gebildeter Mann mittleren Alters mit fesselnder Art sich auszudrücken. Normalerweise hätte Darina seinen Charm genossen. Heute aber wartete sie angespannt auf weitere Unannehmlichkeiten.

Bruce’ Part bildete den Abschluss der vormittäglichen Dreharbeiten. Auf sich gestellt fand der Australier einiges von seiner üblichen guten Laune wieder, während er verschiedene Fruchtsäfte zusammenmischte, das Ergebnis mit Mineralwasser auffüllte, etwas gewürfelte, getrocknete Aprikose und Scheiben von Orangen und Zitronen hinzugab. Dann nippte er an seiner Kreation und nickte in die Kamera. „Ein wirklich wunderbarer Cocktail. Selbst abgehärtete Spirituosenliebhaber könnten seinen einfachen Charme schätzen. Man bekommt keinen Kater und keine Probleme bei der Verkehrskontrolle.“ Er zeigte sein ansteckendes Grinsen. „Ich bring das mal rüber zum Tisch um zu sehen, was die anderen denken.“ Er ging zur Seite, aus dem Kamerabild, und die Aufzeichnung wurde beendet.

Nach der üblichen beklommenen Wartezeit verkündete Alison, dass alle mit der Aufnahme zufrieden seien.

Bruce stellte die Kanne mit seinem Cocktail auf dem Beistelltisch ab und streckte seinen großen Körper. „Kann kaum erwarten, hier fertig zu sein“, sagte er. „Die australische Sonne wird mit jeder Minute verlockender.“ Er würde die zwei Wochen Drehpause damit verbringen, verschiedene Weingüter in Down-Under und ein paar in Neuseeland zu filmen, die in späteren Folgen gezeigt würden.

Die Eröffnungsszene am Tisch wurde ohne Störungen vorbereitet und abgedreht. Dann verkündete Alison, dass sie jetzt Mittagspause machen würden.

Die Leute bewegten sich Richtung Aufenthaltsraum und Bruce schlenderte zum Kochbereich, wo Lynn Sachen verstaute, die sie am Nachmittag nicht mehr brauchen würden. Er legte eine große Hand auf ihre Schulter.

Darina sah, wie die junge Frau vor ihm zurückzuckte und dann mit übertriebener Kraft Lebensmittel und Utensilien in Pappkisten warf. Gleichzeitig spuckte sie zischend und halblaut Worte aus, die nur die beiden verstehen konnten. Bruce wirkte verwirrt, entgegnete ihr mit irgendeiner scharfen Antwort und verließ mit großen Schritten das Studio.

Darina betrachtete Lynn, bemerkte, dass sie in Ruhe gelassen werden wollte und entschloss sich, sie erstmal selbst mit ihren Problemen klarkommen zu lassen.

Beim Mittagessen breitete sich endlich Feiertagsstimmung in der Firma aus. Neil hatte Champagner besorgt und Anthea, seine Frau, steuerte einen Weihnachtskuchen bei. Mark brachte eine große Schachtel belgischer Pralinen und reichte sie herum. Plötzlich war Jean-Pierre Prudhomme da. „Ich habe euch allen Wein für den Truthahn mitgebracht“, sagte er, als Neil ihn überrascht begrüßte.

Er zog einen kleinen Rollwagen hinter sich her, beladen mit farbenfrohen Päckchen, die er unter Ausrufen der Dankbarkeit verteilte. Als er zu Bruce kam, sagte Jean-Pierre: „Lass uns das Kriegsbeil begraben, ja?“

„Bist doch nicht so ein Trottel, wie?“, brummte der Australier, während sich seine Hände um das Päckchen schlossen, das der Franzose ihm entgegenhielt.

Darina drückte ihr Geschenk an sich und fragte sich, ob die schlechte Stimmung von gestern so einfach vergessen werden konnte. Niemand sonst schien ihre Bedenken zu teilen.

Der Nachmittag startete unerfreulich, weil Neil ankündigte, dass sie zuerst Marks Interview mit dem Lebensmittelhändler drehen würden, was die Schlussszene am Tisch ans Ende des Tages schob.

„Neil, das kannst du nicht machen!“, insistierte Bruce. „Ich fliege morgen nach Australien! Ich habe darauf gebaut, am Nachmittag nicht zu spät hier rauszukommen, mein Wagen wartet schon.“

„Es tut mir leid, Bruce, aber wir machen es auf meine Weise“, sagte Neil fröhlich und wippte dabei leicht auf seinen Fußspitzen.

„Neil“, hob der Australier an.

„Bruce, ich habe das von gestern noch nicht vergessen.“

„Das war verdammt noch mal nicht meine Schuld! Wenn du nicht darauf bestanden hättest, bei Marks und Jean-Pierres kleiner Geschichte mitzuspielen ...“

„Komm schon, Bruce, was ist mit deinem Humor passiert?“

Für einen Augenblick baute sich Bruce von dem deutlich kleineren Produzenten auf und das ganze Studio wartete gespannt; Darina konnte sich gut vorstellen, wie die Stimmung in der Galerie war. Neil stand seinem Weinexperten ruhig gegenüber und plötzlich zuckte Bruce mit den Schultern. „Okay, Neil, wenn du es so haben willst.“ Darina hätte dem Australier seinen Erfolg gegönnt, das hätte für sie einen früheren Aufbruch nach Somerset bedeutet, aber es störte sie nicht zu sehen, dass Neil seine Autorität durchsetzte. Es war an der Zeit, dass er Bruce zeigte, wer das Sagen hatte.

Marks Interview mit dem Lebensmittelhändler lief gut. Die Auseinandersetzung vom Vortag schien Mark nur gutgetan zu haben. Er war dem Gast gegenüber äußerst charmant und die beiden führten ein Gespräch, das vor Weihnachtsfreude nur so sprühte.

Schließlich wurden die Kameras für den letzten Teil der letzten Sendung vor Weihnachten aufgestellt. Eine entspannte Stimmung breitete sich im Studio aus. Selbst Lynn sah etwas fröhlicher aus.

Darina setzte sich mit Mark und dem charmanten Lebensmittelhändler an den Tisch, vor ihnen eine Platte mit ihren Köstlichkeiten, und sie warteten darauf, dass Bruce ihre Gläser mit seinem Cocktail füllte. Dann entdeckte Neil ein schlecht gewaschenes Glas und ließ saubere holen. Lynn brachte sie herüber und sie wurden vorsichtig auf dem Tisch platziert. Schließlich bat Alison um Ruhe im Studio und die Aufnahme startete.

Bruce schenkte seinen Fruchtcocktail aus, mit einem Witz darüber, dass er sich damit als Winzer selbst arbeitslos machen würde, dann hoben alle ihre Gläser zu einem weihnachtlichen Trinkspruch und tranken.

Der Becher war schwer von den duftenden Fruchtsäften. Darina hatte bei der Zubereitung nicht genau zugesehen, aber sie erkannte Aprikose, Passionsfrucht, Mango und Orange, versetzt mit frischer Zitrone. Der Geschmack war wunderbar und sie sah zu Bruce hinüber, um ihn zu beglückwünschen. Doch die Worte blieben ihr im Hals stecken als sie sah, wie das Glas des Australiers zu Boden fiel, und sein Gesicht sich verzerrte, als würde es von einer gewaltigen Kraft gepackt. Seine rechte Hand, die das Glas gehalten hatte, griff unter der hellroten Jacke, die er trug, an sein Herz. Der Schmerz in seinem Gesicht wurde deutlicher, er schnappte nach Luft, seine Augen blickten wild umher, als sein großer Körper strauchelte und dann zu Boden fiel.

Darina war als Erste an seiner Seite. Sie hätte schwören können, dass er sie sah, dass er versuchte, etwas zu sagen, doch dabei kam nichts Verständliches heraus.

„Er hat einen Herzinfarkt“, hörte sie jemanden rufen. „Setzt ihn gerade hin, das ist das Beste.“

„Hol einen Arzt“, sagte Neils Stimme. „Nein, wähl den Notruf und verlang einen Krankenwagen, sag, wir glauben, es ist ein Herzstillstand.“

Bruce’ Augen wirkten flehend. Darina griff nach seiner Hand. „Mach dir keine Sorgen, alles wird gut“, versuchte sie ihn zu beruhigen. Seine Hand packte ihre, der Druck war dringlich. Sein breiter Mund stand offen, rang nach Luft. Hände lagen jetzt um seine gewaltige Brust und zogen ihn in eine sitzende Position. Darina half, ihn im hinteren Teil der Kulisse an eine Kommode zu lehnen.

Einige Augenblicke später schien er in die Bewusstlosigkeit abzugleiten.

„Wo zur Hölle bleibt der Krankenwagen?“, schrie Neil.

„Jan sagt, er ist unterwegs“, sagte jemand anderes; Darina meinte, David Bartholomew zu erkennen.

Die gesamte Belegschaft des Studios hatte sich jetzt um Bruce versammelt. Die angestellte Krankenschwester erschien und bat alle, zurückzutreten und dem Mann mehr Luft zu lassen. Sie prüfte seinen Puls, hob seine Augenlider an und untersuchte die Pupillen. Ihre steife Professionalität schien Besorgnis zu verbergen.

Jan erschien mit besorgtem Gesicht. Sie blickte zu dem bewusstlosen Mann und der Schwester an seiner Seite. „Ich habe einen Krankenwagen gerufen, als er zusammengebrochen ist“, sagte sie. „Er muss bald hier sein. Er sieht furchtbar aus.“ Sie drehte sich um und musterte die wartenden Techniker und das Produktionsteam. „Macht eine Teepause“, ordnete sie an. Langsam schlenderten ein oder zwei Leute davon. Weitere schlossen sich an, als zwei Sanitäter mit einer Trage eintrafen. Neil erklärte, dass Bruce anscheinend einen Herzinfarkt hatte; sie tauschten ein paar Worte mit der Krankenschwester aus, machten ihre eigene Untersuchung des Australiers, dann öffnete einer der beiden eine Arzneitasche und gab ihm eine Injektion.

Für einen Augenblick erwartete Darina, dass Bruce reagieren und die Augen öffnen würde, aber nichts geschah. Sein Körper blieb so unbeweglich und leblos wie zuvor. Mit flinker Fachkenntnis beförderten die Sanitäter den schweren Körper auf die Trage und wuchteten ihn davon. Die Krankenschwester verschwand.

Neil sah zum Tisch, betrachtete die Gläser, die immer noch gefüllt mit dem Fruchtcocktail dastanden. Alle, die noch im Studio waren, folgten seinem Blick. „Was wird jetzt aus der Sendung?“, fragte Mark.

 

Kapitel 4

Darina wusste nicht, wie sie die Reise zurück nach Somerset an diesem Nachmittag überstanden hatte.

Während der ganzen Fahrt durch den kalten Nieselregen, der für eine nasse Autobahn gesorgt, die Windschutzscheibe verschleiert und unter den Scheibenwischern gequietscht hatte, verfolgte sie das Bild von Bruce, der am Boden des Studios um Atem rang. Dann suchten David Bartholomews Worte sie heim, der nach der Teepause die Nachricht von seinem Tod überbracht hatte. Sein Anruf beim Krankenhaus hatte zutage gefördert, dass Bruce schon bei der Ankunft für tot erklärt worden war.

Keiner von ihnen wollte glauben, dass das Leben des großen Australiers so einfach ausgehaucht war. Im einen Moment war er noch lebhaft, dominant und provokativ, im nächsten völlig hilflos. Während der Regen stärker wurde und sie die Scheibenwischer auf die höchste Stufe stellen musste, fragte Darina sich, ob er ein schwaches Herz gehabt hatte. Allein der Gedanke schien lächerlich, aber warum sonst wäre er so schnell dem Herzinfarkt erlegen?

Es schien noch länger zu dauern als üblich, zu ihrem Häuschen zu kommen.

Als sie endlich eintraf, schaltete sie den Motor aus, blieb im Wagen sitzen und betrachtete die erleuchteten Fenster, die verkündeten, dass William zuhause war. Sie wollte nicht analysieren, warum sie so abgeneigt war, hineinzugehen.

Er kam raus und öffnete die Fahrertür. „Liebling, warum sitzt du hier im Regen herum? Lass mich dir mit deinen Sachen helfen.“ Darina stieg aus und öffnete den Kofferraum. Nach einem kurzen Blick in ihr Gesicht sagte William nichts mehr, sondern nahm ein Bündel Papiere, legte sie auf eine große Kiste mit Lebensmitteln und trug alles ins Haus. Sie hievte einen kleinen Koffer und ihren Laptop heraus und folgte ihm nach drinnen.

In der Küche platzten die Neuigkeiten aus ihr heraus. Sie stand in Williams tröstlicher Umarmung und zitterte. Beben von gelöster Anspannung schüttelten ihren Körper, als Müdigkeit und Trauer sie übermannten.

Er ließ sie eine Weile weinen, setzte sie dann in einen Stuhl und holte ihr einen Brandy. Er schien von dem plötzlichen Tod ihres Kollegen genauso schockiert wie sie. Doch als sie weiter weinte, unfähig die Tiefe ihrer Schmerzen zum Ausdruck zu bringen, spürte sie, dass sich hinter der Sympathie Anspannung aufbaute.

Sie fühlte sich verlassen, verloren. Sie wollte, dass er für sie stark war, ihr nicht weniger gab, als vollkommenes Verständnis. Sich ihrer Liebe zu ihm sicher genug, um zuzulassen, dass sie ihm das volle Ausmaß ihrer Trauer um einen anderen Mann zeigte. Das wäre von jedem zu viel verlangt gewesen. Besonders von einem Verlobten, dessen Selbstvertrauen gelitten hatte, seit das Fernsehen und ein großer Australier in ihr Leben getreten waren. Gerade so begriff sie, dass er ein Zeichen von ihr brauchte, dass er immer noch der wichtigste Mensch in ihrem Leben war. Doch sie hatte sich nicht genug unter Kontrolle, um ihm das zu geben, und auch das tat weh.

Erschöpft stand sie auf, wischte die Tränen mit dem weg, was von ihrem Taschentuch noch übrig war, und packte die Lebensmittelkiste aus. Sie versuchte die Portion Coq au Vin zu finden, die sie für ihr Abendessen mitgebracht hatte. Als sie sich die Nase putze, die letzten Tränen wegwischte und sich zwang, nicht mehr zu zittern, spürte sie, wie Williams unterdrückter Groll über ihre Reaktion auf Bruce’ Tod in Wellen über sie hereinbrach, und dass die letzten Wochen ihre Beziehung brüchig hatten werden lassen.

 

Darina fand das Coq au Vin und stellte es zum Aufwärmen in die Mikrowelle. William seufzte schwer und blickte auf den Boden seines leeren Glases. „Das Schlimmste daran ist“, sagte er langsam, „obwohl ich von der Nachricht schockiert bin, wirklich tief betroffen, ist ein Teil von mir froh, dass du nicht mehr mit Bruce Bennett arbeiten musst.“ Sein Blick, düster und aufgewühlt, traf ihren. „So, ich hab’s gesagt. Ich bin beschämt, wirklich beschämt, aber es ist die Wahrheit.“

Sie war dankbar für seine Ehrlichkeit. Sie durchbrach die gefährlichen Gefühle, die in ihr herumwirbelten, und trieb sie geradewegs in seine Arme. „Oh, Liebling, es tut mir leid! Du hattest von Bruce nie etwas zu befürchten. Ich mag ihn sehr, aber dich liebe ich!“

Selbst als er sie küsste und sie spürte, wie ihr Körper sich bereitwillig an ihn schmiegte, sagte eine leise Stimme in Darinas Kopf, dass sie nicht so aufrichtig gewesen war wie William. Bruce hatte etwas gefährlich Anziehendes an sich gehabt. Die elektrisierende Kraft seiner Persönlichkeit, seine Zwanglosigkeit, sein Humor, sogar die Fähigkeit zur Aggression, die nicht tief unter der Oberfläche seines explosiven Temperamentes zu schlummern schien, ließen andere Männer im Vergleich blass erscheinen.

Beim Abendessen brachte sie William dazu, von seiner Woche zu erzählen.

Er war jetzt entspannter, und erzählte ihr von der Ausbeute kleiner Schurkentaten, die Somerset und Avon hervorgebracht hatten, wie langweilig es sein konnte, kleine, nicht aufklärbare Vorfälle zu bearbeiten, und die traurige Geschichte eines selbstbewussten Trickbetrügers, der es auf ältere Damen abgesehen hatte. „Zwei Witwen wurden mit falschen Versicherungen, die ihre Zukunft sichern sollten, um einen Großteil ihrer Ersparnisse gebracht. Wir haben Einzelheiten des Falls an die Lokalpresse gegeben, und alle haben Artikel dazu gedruckt, aber ich erwarte, dass wir noch mehr von dem Mann hören werden. Warum schaffen die Leute es nicht, hinter die Fassade zu blicken? Warum glauben sie immer, was sie glauben wollen?“ Sein Gesicht wurde sanfter, als er zu ihr blickte. „Ich schätze, das gilt auch für mich. Obwohl ich eher geglaubt habe, was ich nicht glauben wollte. Mein armer Schatz, du hast Furchtbares durchgemacht. Willst du ausführlicher davon erzählen?“

Erst langsam, dann immer zuversichtlicher, erzählte Darina von Bruce’ Zusammenbruch und der Verwirrung, die er ausgelöst hatte.

„Neil hat als einziger einen kühlen Kopf behalten, er hat bewundernswert schnell reagiert. Innerhalb weniger Minuten hatte er Mark überzeugt, eine Hommage an Bruce zu drehen, die man vor der Folge nächste Woche senden kann. Er sagte, so könnte man die Sendung als eine Art Abschied betrachten.“

„Heißt das, sie werden die Aufnahmen tatsächlich ausstrahlen? Das glaub ich ja nicht!“

Darina erwischte sich bei Rechtfertigungen. „Neil hat sich noch nicht entschieden, aber er wollte die Möglichkeit haben, glaube ich. Er wird das alles mit den Leitern des Senders besprechen müssen.“

„Aber er hat diese Hommage in die Wege geleitet, du hast doch gesagt, dass es eine Hommage wäre, oder? Du sagtest, er habe sie in dem Moment organisiert, als er hörte, dass Bruce tot ist?“

Darina nickte. „Er wollte, dass ich auch mitmache, aber ich konnte nicht.“

„Das kann ich mir vorstellen! Aber dieser Mark war nicht so feinfühlig?“

„Na ja, er ist ein Profi, schon seit Jahren.“ Selbst vor William konnte Darina nicht eingestehen, dass es ihr bei der Vorstellung fröstelte, dass Mark sofort gekonnt eine kurze, elegante Grabrede für seinen Mitmoderator halten konnte.

„Nun, wenigstens wurde Bruce Bennett nicht ermordet.

Darina blickte erschrocken auf. „Ich habe nicht mal daran gedacht, dass es Mord sein könnte!“ Mutmaßungen erfüllten ihre grauen Augen.

„Jetzt fang nicht an, dir Dinge auszudenken, hast du nicht gesagt, dass er einen Herzinfarkt hatte?“

„So sah es auf jeden Fall aus. Allerdings“, fügte sie nachdenklich hinzu, „habe ich noch nie einen Herzinfarkt miterlebt. Er sah zumindest so aus, als hätte er irgendeine Art Krampfanfall, er hatte Schmerzen, bekam keine Luft.“ Sie sah immer grüblerischer aus. „Wie du weißt, mochte ich Bruce. Aber es gab sicher ein oder zwei andere, die womöglich Mordabsichten hegten. David Bartholomew, der Produktionsmanager, konnte ihn nicht ausstehen, und Mark schien auch nicht so begeistert von ihm zu sein.“

„Das hat man in den Sendungen aber nicht gesehen.“

„Du hast die noch nicht gesehen, die wir gestern gedreht haben. Er hat gewissermaßen eine Auseinandersetzung zwischen Bruce und einem französischen Winzer arrangiert. Jean-Pierre Prudhomme hat Bruce vorgeworfen, dass sein Erfolg auf dem zweifachen Diebstahl seiner Hefe und seines besten Winzers beruht.“

„Klingt kaum nach einem Mordmotiv!“

„Wenn du sie zusammen gesehen hättest, würdest du vielleicht anders darüber denken! Beide schienen in der Situation willig, den anderen umzubringen.“

„Sollen wir uns das morgen Abend zusammen ansehen?“

„Nein, Neil hat die Aufnahme abgebrochen und Jean-Pierre dazu gebracht, einige Weinempfehlungen für Weihnachten zu drehen. Aber es hat auf jeden Fall eine andere Seite von Bruce gezeigt.“

„Aber du glaubst doch nicht wirklich, dass er vergiftet wurde?“ William klang ungläubig. „Du witterst langsam wirklich hinter jeder Ecke einen Mord, meine Kleine.“

Darina stellte fest, dass sie wieder lachen konnte. „Du hast recht, ich mache mich lächerlich, Bruce hätte gar nicht vergiftet werden können. Was eine so heftige Wirkung hatte, müsste in dem Fruchtcocktail gewesen sein, und Mark, Jean-Pierre und ich haben auch davon getrunken. Wenn er vergiftet worden wäre, hätte es uns auch erwischt.“ Sie breitete die Arme aus. „Sehe ich tot aus?“

William lächelte und schüttelte den Kopf.

„Wie dem auch sei, nach so einem plötzlichen Tod wird das Krankenhaus eine Autopsie machen müssen. Dann werden sie bestätigen können, dass es ein Herzinfarkt war.“

„Was wird aus der Table-Serie?“, fragte er.

„Ich weiß es nicht.“ Darina versuchte, nicht besorgt zu klingen. „Aber ich glaube, einen passenden Ersatz für Bruce zu finden, könnte zu weiteren Umstrukturierungen in der Sendung führen. Wenn Neil wieder einen weiblichen Weinexperten nimmt, ersetzt er mich vielleicht durch einen männlichen Koch. Vielleicht werde ich rausgeworfen.“

„Sicher nicht, du schlägst dich so gut!“, sagte er mutig, aber Darina merkte, dass der Gedanke ihm nicht so gut gefiel wie ihr.

Sie schenkte ihm ein etwas erzwungenes Lächeln. „Danke dafür, Liebling, und vielleicht will Neil die Sendung auch so wenig wie möglich verändern. Aber es wird nicht leicht, jemanden zu finden, der Bruce’ Platz einnimmt. Er war nicht nur brillant, was den Wein angeht, er war auch eine besondere Persönlichkeit.“

William knallte Weingläser auf den Tisch. „Ich persönlich habe ihn für einen aufdringlichen Pseudointellektuellen gehalten.“

Darina hielt einen Anflug von Zorn zurück. „Also, da gibt es Millionen von Zuschauern, die anderer Meinung sind.“

William zuckte zusammen. „Es tut mir leid, das hätte ich nicht sagen sollen. Mein Problem ist: So sehr ich es auch mag, dich im Fernsehen zu sehen, ich sehe dich lieber hier.“

„Und du denkst, wenn ich nicht mehr Teil der Sendung bin, oder sie abgesetzt wird, hätten wir mehr Zeit zusammen?“

Er sagte nichts, sah sie nur vorsichtig an.

„Wie viel hatten wir voneinander, bevor ich bei Table angefangen habe? Du verbringst heutzutage die meiste Zeit damit, Verbrecher zu jagen. Selbst an den Wochenenden bist du nicht viel zu Hause.“

„Das ist nur vorübergehend“, sagt er hastig. „Wir werden die Dinge bald unter Kontrolle haben und dann wirst du keinen Unterschied zu einem ganz gewöhnlichen Beruf mit Acht-Stunden-Tag mehr merken.“

„Wann hast du je so ein Leben geführt? Nein, es ist eher, dass du immer genau wissen willst, wo ich bin, falls du doch mal am Abend früher frei bekommst.“

„Ganz zu schweigen von den freien Tagen, die ich immer mal wieder unterbringen kann, um die ganzen Überstunden auszugleichen. Aber ganz im Ernst, mir wäre es lieber, wenn sich deine Fernseh-Karriere nicht so erfolgreich entwickelt.“

Ganz plötzlich fühlte sie sich entspannt und in der Lage, ihn liebevoll anzulächeln. „Lügner!“

„Wann erfährst du, wie es mit der Sendung weitergeht?“, fragte er.

Sie zuckte mit den Schultern. „Keine Ahnung. Wie du weißt, haben wir jetzt alle zwei Wochen Pause. Ich kann mir vorstellen, dass Neil bis Weihnachten überlegen wird, was seine Optionen sind. Ich denke, er wird anrufen, wenn er weiß, wie es weitergeht.“

„Kannst du irgendetwas tun, um dich zu erholen?“

„Mir fällt nichts ein“, sagte sie fröhlich und stand auf, um Kaffee zu machen. „Ich werde mich daranmachen, dieses Buch fertigzustellen, und mich um meinen vernachlässigten Mann kümmern.“

„Wie wär’s, wenn du den vernachlässigten Mann an erste Stelle stellst?“ Seine Stimme war heiter, aber darin lag ein Unterton echter Gefühle. „Sollen wir drüben Kaffee trinken und Zeitung lesen?“ Er ging ins Wohnzimmer.

Darina blieb zurück, mahlte Kaffeebohnen, wartete, bis der Kessel kochte, und fühlte sich angeschlagen. Ihr wurde klar, dass sie keinesfalls unschuldig war, was die Verschlechterung ihrer Beziehung anging. William war unkompliziert und fürsorglich. Sie erinnerte sich an seine Freude und seinen Stolz, als sie die Stelle im Fernsehen bekommen hatte, und wie er vor seiner Mutter für sie eingetreten war. Er war intelligent und einfallsreich. Wenn er für einen Moment den Humor verloren zu haben schien, war es nicht zu schwer, den Grund herauszufinden. Und sie liebte ihn, selbst wenn er kratzbürstig und aufgebracht war. Kein großer, charismatischer Australier würde sich zwischen sie stellen, besonders jetzt, da er tot war.

Einen schwindelerregenden Augenblick lang fragte sich Darina, was passierte wäre, wäre Bruce nicht seinem Herzinfarkt erlegen. Aber sie ließ alle derartigen Spekulationen hinter sich. Sie hatte Bruce nie wirklich gekannt. Es war allerdings belastend zu realisieren, wie sorgfältig sie darauf geachtet hatte, ihn nicht besser kennenzulernen. Seit diesem ersten gemeinsamen Abendessen hatte sie sich davon abgehalten, auch nur eine lockere Freundschaft einzugehen, abgesehen von der gemeinsamen Arbeit an der Sendung.

Vielleicht wäre es besser gewesen, nicht so distanziert zu bleiben. Erst war Bruce grob zu David Bartholomew, dann diese Geschichte mit Jean-Pierre, seiner Hefe und dem Winzer. Es war erschreckend, und deutete eine weit weniger angenehme Seite von ihm an. Er hatte mit einer Klage gedroht, falls Jean-Pierre ihn weiter beschuldigen würde, aber die grundlegenden Fakten hatte er nie bestritten. Darina versuchte sich vorzustellen, wie William in ähnlicher Weise handelte, und versagte. Aber sie konnte sich auch nicht vorstellen, dass er so wie Bruce die Führung übernahm, und ihr Aussehen veränderte.

Es dämmerte Darina, dass Bruce seinen Charme benutzt hatte, um seine Rücksichtslosigkeit zu überspielen. Sie verstand, dass Bruce nur von egozentrischem Ehrgeiz getrieben war. Table war sein Versuch, im internationalen Fernsehen Anerkennung zu erhalten. Alles, was der Sendung zum Erfolg verhelfen konnte, war ihm wichtig, und das schloss Darinas Aussehen mit ein. Als ihr das klar wurde, verstand Darina auch, dass sein Interesse an ihr nie groß genug war, um die Zeit zu investieren, ihre Zurückhaltung zu überwinden. Hatte er überhaupt je über eine Beziehung mit ihr nachgedacht? Hatte sie sich ohne Grund Sorgen gemacht? Ganz plötzlich erinnerte sich Darina daran, wie Lynn Bruce am Tag zuvor angeblafft hatte. Frustration und Wut hatten in seinem Gesicht gelegen.

Was genau war zwischen den beiden vorgegangen?

„Bekomme ich irgendwann noch Kaffee?“, rief William klagend aus dem Wohnzimmer.

Darina nahm das Kaffeetablett. Sie würde Bruce Bennett vergessen, zumindest heute Abend.

 

Kapitel 5

Neil Cantlow streckte sich. „Whisky?“, fragte er David Bartholomew, seinen Produktionsleiter. Er ging zum Tablett mit den Getränken, das in einer Ecke des großen, gemütlichen Raumes stand, den er als Arbeitszimmer nutzte. Er schenkte großzügig zwei Gläser ein, fügte einen Schluck Mineralwasser hinzu und reichte eines dem anderen Mann. Mit seinem eigenen ging er zu den großen Fenstern, die in einen kleinen Garten blickten. Der war kahl vom Winter und vom Wind zerzaust, totes Laub wurde umhergeweht.

„Also, streich die Beträge, die für die Dreharbeiten in Down-Under bereitstehen, aber behalt die Summe für andere Ausnahmen“, sagte er, mit dem Rücken zum Raum.

David Bartholomew prüfte seine Notizen und nickte. Er stellte sein Glas ab und betrachtete erneut die Budgetplanung, die vor ihm auf dem Couchtisch verstreut lag.

„Hast du dich schon für einen Ersatz für Bruce entschieden?“

Neil schüttelte den Kopf, sah sich aber nicht um.

„Wie wär’s, wenn wir Milly zurückbringen?“

Bei diesen Worten drehte Neil sich um. „Hast du den Verstand verloren, David?“

„Es ist keine ganz so verrückte Idee, Neil. Sie hatte Anhänger, sie weiß, was sie tut, und sie steht zur Verfügung.“

„Hast sie getroffen, wie? Kam sie bei dir angekrochen, um dich zu bitten, sie wieder in die Sendung zu mogeln? Ich hatte dich nicht für einen ihrer Fans gehalten.“ Neil entfernte sich vom Fenster und ließ sich in seinen großen Ledersessel fallen.

„Bin ich nicht, wie du nur zu gut weißt, aber wir haben noch das ganze Material, das wir im Herbst mit ihr gedreht haben.“

Neil zog eine Grimasse. „Ich hab’s dir schon mal gesagt. Als wir die Moderatoren ausgetauscht haben, mussten wir das meiste davon abschreiben, bis auf ein paar etablierte Einstellungen.“

„Es gibt also wirklich keine Chance für Milly?“

Neil stellte sein Glas ab. „Sieh mal, David, wir haben es gerade geschafft, dass die Einschaltquoten für Table wieder gut aussehen. Du weißt, dass wir im Oktober fast im Nichts verschwunden wären. Ich weiß, dass John Franks die große Katastrophe war, aber Milly hat es auch nicht wirklich besser gemacht.“

„Aber war das Problem nicht eigentlich, dass die ganze Sendung in eine falsche Richtung lief?“

„Die ersten sechs Folgen, die wir letztes Jahr gedreht haben, haben uns die zweite Staffel gesichert“, betonte Neil, nicht zum ersten Mal.

„Aber die Zuschauerzahlen waren schon stark gefallen, als die letzte Folge ausgestrahlt wurde.“

„Zu dem Zeitpunkt hatten wir schon harte Konkurrenz, hatten einen Sendeplatz gleichzeitig mit dieser neuen Sitcom und einer skandalbeladenen Untersuchung des Gemeinsamen Marktes.“ Neil rieb sich mit seiner dicken Hand über das Gesicht und zog damit die Haut von seinen Augen weg. „Ich dachte, die Sendung müsste erst mal ankommen. Es dauert, bis sich ein stabiles Publikum gebildet hat. Nach der ersten Sendung sprachen alle über Table.“

„Du meinst, jemand hat in deiner Lokalzeitung drüber geschrieben?“

„Und der Vorschlag für eine zweite, dreizehnwöchige Staffel wurde angenommen.“

„Manche dieser Programmentscheidungen des Senders sind schwer zu verstehen.“ In Davids Stimme lag viel Ironie.

Neil lief rot an. „Ich habe damals von dir keine Beschwerden über das Format gehört!“

„Hättest du denn zugehört? Hast du schon vergessen, wie du darüber lamentiert hast, dass Table das öffentliche Bewusstsein wecken würde, für Geschmack, haute Cuisine, Wein, der es wert ist, getrunken zu werden, und die Förderung kleiner Produzenten?“

„Das alles trifft immer noch zu“, protestierte Neil.

„Lass gut sein, Boss. Was wir jetzt haben, ist solides, gemäßigtes Zeug, mit dem sich jeder identifizieren kann.“

„Die Ansprüche sind immer noch da!“

„Okay, das will ich nicht bestreiten.“

„Und die Sendung hat funktioniert. Seit Bruce und Darina mitmachen, sieht das Ganze rentabel aus.“ Neil rieb seine Hand übers Gesicht. „Wir haben nach Australien verkauft und nach Kanada, es sieht so aus, als könnte Zimbabwe interessiert sein, und gestern kam eine Anfrage von einem deutschen Sender. Das ist der Grund, warum Bruce so schwer zu ersetzen sein wird, und warum Milly nicht in Frage kommt. Wir können nicht zurück.“

David betrachtete ihn einen Augenblick und sagte dann in einem anderen Ton: „Neil, weißt du, dass ich eine Idee für eine andere Sendung vorgebracht habe? Na ja, kann ich mit dir über den Entwurf sprechen?“

„David, ich hab im Moment genug auf dem Tisch, ohne mir eine weitere deiner lächerlichen Ideen anhören zu müssen.“

Feindseligkeit blitzte in den Augen des Produktionsleiters auf und Neil wurde klar, dass er sich besser etwas zurücknahm. „Sieh mal, David, du bist ein großartiger Organisator und Zahlenakrobat, richtig? Und es wird der Tag kommen, an dem ich dir deine Chance gebe und dich als Kreativ-Produzent arbeiten lasse. Aber noch nicht, du bist noch nicht so weit. Vertrau mir einfach.“

David öffnete den Mund, aber ehe er etwas sagen konnte, steckte Anthea Cantlow den Kopf zur Tür des Arbeitszimmers herein. „Bleibst du zum Abendessen, David?“

Der Produktionsleiter machte sich daran, seine Zettel zusammenzusammeln. „Danke, Anthea, aber nein, danke. Ich habe eine Verabredung in der Stadt.“

Sie kam ins Zimmer. „Zu schade, du warst schon lange nicht mehr richtig zu Besuch. Komm doch an den Weihnachtsfeiertagen vorbei.“ Sie sah nicht zu Neil.

„Heißt das, diese Katastrophe hat euch den Urlaub verhagelt?“ David klang nicht überrascht.

„Neil hat beschlossen, dass die Karibik unter diesen Umständen ohne mich auskommen muss.“ Anthea versuchte sich an einem tapferen Lächeln, gab aber auf halbem Wege auf. Ihre Lippen zeigten wieder ihre Unzufriedenheit. „Die Kinder sind am Boden zerstört und ich hetze herum wie ein wahnsinniger Vogel, um das Festessen zusammenzubekommen.“

„Du hast mein tiefes Mitleid, und ich komme gerne irgendwann vorbei“, sagte David, während er seine Aktentasche schloss und sich aus seinem Stuhl erhob. Seine weißen Zähne strahlten, als er ihr ein breites Lächeln schenkte.

„Wir müssen uns ohnehin noch mal wegen der neuen Vereinbarungen treffen.“ Neil stand ebenfalls auf. „Ich melde mich, ja?“

Er begleitete David hinaus und ging zurück ins Arbeitszimmer, wo Anthea die Überbleibsel der Besprechung zusammensammelte.

„Also hast du unseren Jungen abgeholt?“

Sie nickte.

Neil betrachtete die Weise, mit der ihre Hände ungeduldig leere Kaffeetassen auf das Tablett knallten, ihre ganze Haltung sprach von Vorwurf. „Wie hat er es aufgenommen?“

Anthea stellte mit einem Knall überquellende Aschenbecher dazu, sodass sich ihr halber Inhalt über das Tablett verteilte. Sie richtete sich auf und sah ihn an. „Was denkst du? Es war ziemlich gemein von dir, mich zum Abholen zu schicken. Als ich ankam, prahlte er vor all seinen Kumpanen mit Weihnachten in der Karibik. Du weißt, was das dort alles für kleine Snobs sind.“

„Sie haben einen guten akademischen Ruf“, sagte Neil abwesend.

„Ich habe gewartet, bis wir in Guildford waren, bis ich es ihm gesagt habe. Ich dachte, das lässt ihm gerade genug von der Fahrt, um seine schlimmsten Launen loszuwerden.“

„Hast du ihm vom Mountainbike erzählt?“

„Glaub nicht, dass du damit aus dem Schneider bist.“ Anthea sammelte die Whiskygläser ein und knallte sie aufs Tablett. „Er hat sowieso zu Weihnachten damit gerechnet.“

„Was?“

Sie nickte grimmig. „Erinnerst du dich nicht, dass du es letzte Ostern erwähnt hast?“

Mit Entsetzen erinnerte Neil sich an ein paar zwanglose Worte. Irgendetwas über Mountainbikes, die möglicherweise auf der Liste des Weihnachtsmanns standen. „Aber das war, bevor wir beschlossen haben, zu verreisen.“

„Ein Elfjähriger zieht da keine Verbindung; da hast du wohl was mit der Programmierung falsch gemacht.“ Sie beugte sich vor, um das Tablett hochzuheben, zögerte, und ließ sich dann stattdessen in einen Stuhl fallen. Ihr dunkles, schulterlanges Haar, das von einem schwarzen Samthaarband zurückgehalten wurde, fiel nach vorn, als sie ihr Gesicht in den Händen vergrub. „Gott, ich bin ausgelaugt, und ich habe noch nicht mal mit den Weihnachtsvorbereitungen angefangen.“ Sie sah zu ihrem Ehemann auf. „Du hast keine Ahnung, was ich noch vor mir habe – und ich dachte, ich würde in der Sonne am Strand liegen, während andere die ganze Arbeit machen.“

Antheas zerbrechliches Gesicht und das dunkle Haar hatten sie einst zur schönsten Studentin in Cambridge gemacht. Ein Mädchen, das begierig von Männern verfolgt wurde, der zielstrebigste, unermüdlichste und schließlich erfolgreichste von ihnen war Neil.

Fünfzehn Jahre hatten ihre Spuren auf der feinen Haut hinterlassen, und sie weigerte sich, irgendetwas wegen ihrer grauen Haare zu unternehmen, die immer deutlicher hervortraten. „Die habe ich mir verdient“, hatte sie gesagt, nachdem die ersten paar aufgetaucht waren. „Sie sind meine Abzeichen für Mut. Zwei Kinder, ein Ehemann beim Fernsehen und eine schwer erkämpfte Stelle im Verlagswesen, das schafft man nicht ohne Narben.“ Sie war Roman-Lektorin und Vorstandsmitglied in einem mittelgroßen Verlagshaus. Es war ein Balanceakt zwischen Erfolgen bei den Kritikern mit avantgardistischen Werken, mit denen sie sich einen Namen machte, und dem kommerziellen Erfolg, der die Firma finanziell tragbar hielt. Sie sagte, dass das eine hervorragende Übung dafür gewesen sei, mit den Bedürfnissen ihrer Familie umzugehen. Neil behauptete, sie benutze den immerwährenden Stapel von Manuskripten als Ausrede, um sich nicht um seine Hemden, die Mahlzeiten der Familie oder das Herumfahren der Kinder kümmern zu müssen.

All das wurde von einer Haushälterin und einem Au-pair-Mädchen mit Führerschein übernommen.

Als Gavin auf eine Privatschule wechselte, nahm Neil an, dass das Herumfahren und erst recht die Haushaltsaufgaben weniger werden würden. Vielleicht so weit, dass sie ohne das Au-pair-Mädchen auskämen, doch Sarahs Terminkalender hatte sich gemäß dem Parkinsonschen Gesetz mit Ausbildung und sozialen Terminen aufgebläht und Anthea sagte, dass eine Person weniger kaum einen Unterschied im Haushaltsbudget machen würde. Die Kosten der Privatschule machten allerdings einen Unterschied in Neils Portemonnaie.

Er sah in das erschöpfte Gesicht seiner Frau und seine Züge wurden weicher. „Konntest du Muriel und Gretel nicht überzeugen, ihre Weihnachtspläne abzusagen und bei uns zu bleiben?“

„Keine Chance!“ Sie schloss die Augen und lehnte sich im Stuhl zurück. „Mein Gott, Weihnachten ohne Haushälterin oder Au-pair!“ Langsame Tränen rannen über ihr Gesicht.

Neil ertrug es nicht. „Du kannst doch alles kaufen, oder? Pam aus dem Büro kann dir sagen, wo man am besten hingeht. Wir bekommen seit Wochen alle möglichen Weihnachtsangebote. Und wie wäre es, bei einer Agentur um Hilfe zu bitten?“ Egal, was es kosten würde, sagte er sich, es wäre nichts im Vergleich zu dem, was der Urlaub in der Karibik gekostet hätte. Selbst mit den Rücktrittsgebühren.

Tränen rollten immer noch über Antheas Gesicht.

Neil stand unbeholfen vor ihr, kannte mit schrecklicher Gewissheit den wahren Grund ihres Leids, und fragte sich, wie er am besten damit umgehen sollte.

Einen Augenblick später wischte sie sich mit dem Handrücken über die Augen und ließ einen schwarzen Streifen aus Mascara zurück, der ihr ausgelaugtes Gesicht betonte. „Ich kann immer noch nicht glauben, dass er tot ist“, sagte sie.

Neil hielt ganz still. „Ich weiß, mein Herz, ich weiß.“ Seine Stimme war beruhigend.

„Es kam so plötzlich, so unerwartet. Wir saßen gerade noch scherzend beim Mittagessen und er machte eine Reservierung, um uns zum Abendessen auszuführen. Und ehe ich nach Hause komme, höre ich, dass er tot ist.“ Ihr Gesicht wurde noch blasser, ihre sanften, braunen Augen ertranken in Tränen.

Neil ging vor ihr in die Hocke und legte ihre Hände in seine. „Liebling, er ist fort. Mittlerweile sogar seine Leiche, zurück in Australien.“

Immerhin zog sie ihre Hände nicht weg. „Ich verstehe nicht, warum man ihn nicht hier begraben hat, es ist doch lächerlich, den Sarg auf die andere Seite der Welt zu schicken.“

„Seine Schwester wollte es so. Seine Witwe auch, nehme ich an. Ich kann mir nicht vorstellen, dass seine Schwester das alles hätte organisieren können, wenn es nicht auch Shelley Bennetts Wunsch war.“ Er spürte, wie Antheas Hände seine packten, und war dankbar, dass sie zu glauben schien, er könne ihr Rückhalt geben.

„Das Krankenhaus hatte keine Einwände, obwohl sein Krampfanfall weder ein Herzinfarkt noch ein Schlaganfall war? Kam ihnen das nicht komisch vor?“ All ihre Lebenserfahrung, ihre Intelligenz, die Fähigkeit, das Leben nach ihren Wünschen zu gestalten, waren dahin. Wie ein Kind sah sie ihm in die Augen und verlangte nach Antworten, die er ihr nicht geben konnte.

„Wie ich dir gesagt habe, sie wissen nicht, was seinen Tod verursacht hat, haben aber keinen Hinweis darauf gefunden, dass es keine natürliche Todesursache war.“

Anthea saß zusammengesunken in ihrem Stuhl. Sie schien gänzlich unfähig, die Situation irgendwie zu begreifen. Neil blutete das Herz. Sie bedeutete die Welt für ihn und er würde alles für sie tun, alles. Er würde all seine Bedenken über Bord werfen. „Hör mal, sollen wir versuchen, uns über Weihnachten in einem schicken Hotel einzuquartieren? Du verdienst Besseres, als dich mit dem Truthahn herumschlagen zu müssen.“

Der Anflug eines Lächelns glitt über ihr Gesicht. Sie beugte sich vor und küsste ihn sachte auf den Mund. „Du bist ein Schatz und ich ein verwöhntes Luder. Wir gehen natürlich nicht ins Hotel. Wir haben doch nicht einen Batzen Rechnungen vermieden, die wir uns nicht leisten können, um uns einen anderen aufzuladen.“ Sie befreite sanft ihre Hände und erhob sich. „Das Mittagessen müsste fertig sein; mach dich darauf gefasst, mit Gavin klarzukommen. Vielleicht kannst du heute Nachmittag mit ihm irgendwo hingehen. Wie wär’s mit Weihnachtseinkäufen?“

Er stand auf und stellte fest, dass seine Knie steif waren und knackten. Er machte dieser Tage nicht mehr genug Sport. „Tut mir leid, ich muss arbeiten, wir gehen stattdessen heute Abend essen und ins Kino.“

Plötzlich brachen ihre Gefühle aus ihr heraus und das Bild der tragischen Königin zerfiel. „Tut mir leid! Tut mir leid! Du schuldest mir mehr als ‚tut mir leid‘, Neil! Hast du auch nur den Hauch einer Ahnung, was ich gerade durchmache? Ich musste herumfahren, heute Morgen diesen jämmerlichen Jungen abholen, mit seinen Wutanfällen klarkommen, ich muss ohne Hilfe Weihnachten vorbereiten, heute Morgen sind fünf neue Manuskripte eingetroffen und ich habe keine Zeit sie auch nur kurz anzuschauen. Und alles was du herausbekommst, wenn ich dich um ein kleines bisschen Hilfe bitte, ist ‚tut mir leid‘?“ Sie warf ihm einen verächtlichen Blick zu. „Bitte mich ja nicht, sonst noch irgendetwas zu tun. Und nimm den Kram da mit.“ Sie stürzte aus dem Raum, ohne sich umzusehen.

Neil stand da und betrachtete das vollbeladene Tablett. Das schmutzige Geschirr registrierte er kaum. Er ignorierte es und ging nach oben.

 

Kapitel 6

Noch zwei Tage bis Weihnachten. Die Bar war voller fröhlicher Büroangestellter, die noch feierten, ehe sie zu ihren Familien und geliebten Menschen nach Hause zurückkehrten, oder nur zu ihren Familien.

David Bartholomew hielt zwei Whiskys hoch über seinem Kopf und bahnte sich einen sicheren Weg zu dem Tisch in der Ecke, an dem Mark Taylor wartete. Die Seiten, die er ihm zu lesen gegeben hatte, ehe er neue Getränke holen gegangen war, lagen vor ihm auf dem Tisch.

David reichte einen Whisky rüber und setzte sich. „Also, was denkst du?“

„Glaubst du wirklich, dass du das alleine aufziehen kannst?“ Mark klang skeptisch.

Davids Augen verengten sich. „Traust du mir das nicht zu?“

Mark ließ sein Glas sinken. „Jetzt werd’ nicht empfindlich, ich wusste nur nicht, ob du die Finanzierung hinbekommst.“

„Ich mache kein eigenes Filmstudio auf, ich liefere nur Ideen und Fachkenntnis. Jemand anderes kann das Geld beisteuern.“ Er lehnte sich in seinem Stuhl zurück und beobachtete den Moderator von Table. Schon vor langer Zeit hatte David gelernt, wie wertvoll es sein konnte, im richtigen Moment den Mund aufzumachen oder ihn geschlossen zu halten.

Mark versetzte den Blättern einen leichten Stoß. „Hast du das irgendjemandem gezeigt?“

David schüttelte den Kopf. „Ich möchte ein Komplettpaket haben, ehe ich es vorstelle. Wenn du mitmachst, wird das dem Angebot Gewicht verleihen.“ Er sah, dass irgendetwas Mark beunruhigte, und er glaubte nicht, dass es der vor ihm liegende Entwurf war.

„Warum ich, David? Wir sind noch nie sonderlich gut miteinander ausgekommen, warum glaubst du, dass wir gut zusammenarbeiten können?“

„Weil du gut bist. Du weißt das und ich weiß es auch. Und wir sind einander gegenüber aufrichtig. Du hältst mich für einen penetranten, schwarzen Bastard und ich halte dich für einen engstirnigen Schürzenjäger, okay? Aber du beherrschst deine Arbeit. Du weißt, wie man Leute interviewt, du kennst die Welt der Lebensmittel, du kennst das Fernsehen. Du kommst gut an, du bringst selbstbewusste Persönlichkeiten ins Rampenlicht, und sogar schüchterne öffnen sich dir. Und du interessierst dich sehr für diese Themen, ich glaube, wir können diese Serie rausbringen.“ Er tippte auf den Entwurf.

Was David nicht erwähnt hatte, war, dass er nicht mit Mark in diesem Pub sitzen würde, wenn ihm irgendjemand anderes einfallen würde, der die Kriterien erfüllte und ihm zuhören würde. Aber das musste man dem Mann lassen, es traf alles zu, was David gesagt hatte. Und wenn Mark zustimmte, die Sendung zu moderieren, glaubte David, mit etwas Glück einen Fuß in der Tür zu haben. „Was ist mit Neil, hast du ihm davon erzählt?“

David lachte. „Bist du verrückt, Mann? Glaubst du ich will, dass er meine Ideen klaut?“

„Aber er hat eine Produktionsfirma, er ist bekannt für Kochsendungen und ist sicher deine beste Chance.“

„Ich habe mich Neil angeschlossen, weil er mir eine Chance versprochen hat, selbst eine meiner Ideen zu produzieren. Aber er lässt mich weder an den kreativen Prozessen teilhaben, noch hat er ein offenes Ohr für meine Vorschläge. Und das hier ist bei weitem nicht der erste davon.“ Er deutete auf den Entwurf auf ihrem Tisch. „Mit dem unbestimmten Versprechen einer zukünftigen Chance fesselt er mich an administrative Aufgaben und das Budget. Ich hab das satt. Ich mag zwar der einzige in der Firma sein, der rechnen kann, aber ich habe noch mehr zu bieten. Es ist an der Zeit, dass ich meine eigene Sendung produziere, aber Neil will nichts davon wissen. Wie auch immer, Cantlow Productions ist auf dem Weg nach draußen.“

„Aber die Zuschauerzahlen für Table müssten doch jetzt deutlich besser aussehen!“

„Das war, bevor der großartige, neue Weinverkoster vor den Kameras abgekratzt ist.“

„Zum Glück war das nicht live! Und Neil hat tolle Arbeit geleistet bei dieser letzten Sendung und meiner Rede darüber, was Bruce für ein fantastischer Kerl war, wie sehr wir ihn alle vermissen würden, und dass er es so gewollt hätte, dass diese Folge eine Hommage an seine Leistungen wäre. Ich wette der Börsenkurs von Taschentüchern wird heute steigen. Gestern Abend müssen überall die Packungen geleert worden sein.“

„Mark, du warst ein erfahrener Schauspieler.“ Davids Stimme war trocken. „Nicht ein Zuschauer im ganzen Land wird mitbekommen haben, für was für ein Arschloch du ihn wirklich gehalten hast.“

Mark rutschte unbequem in seinem Stuhl herum. „Man soll nicht schlecht von Toten sprechen und so, David.“

„Du bist wirklich einer der weltgrößten Arschkriecher, nicht wahr, Mark? Der Mann war der reinste Scheißkerl, von der ganzen Mannschaft trauern nur die Frauen um Bruce Bennett. Aus irgendeinem unbegreiflichen Grund wusste er wirklich, wie man sie anmacht. Für uns andere ist es einer dieser Fälle, die einen an höhere Gerechtigkeit glauben lassen.“

„Komm schon, der Mann hatte einen Herzinfarkt!“

„Das sehen die Ärzte anders. Laut ihnen ist er einfach tot umgefallen. Wenn das in meinem Land passiert wäre, hätten wir gesagt, dass der Hexendoktor bezahlt wurde, um ihn umzulegen. Und ich will jetzt nichts über den Aberglauben der Eingeborenen oder die Naivität der Schwarzen hören, Mark. Ich sage dir, manche Dinge, die dort passieren, gehen über die wissenschaftliche Erklärbarkeit hinaus.“

„Lass gut sein, David, du hast mir gesagt, dass du seit deiner Kindheit nicht mehr in Nigeria warst. Eton dürfte dir das alles ausgetrieben haben!“

„Spotte, so viel du willst, Mark, aber das war ein kerngesunder Mann in der Blüte seines Lebens, der plötzlich vor unseren Augen einen Krampfanfall hatte und gestorben ist. Und laut Arzt war es weder ein Herzinfarkt noch ein Schlaganfall.“

Mark starrte ihn an. „David, wenn du so weitermachst, muss ich nochmal ernsthaft über die Tauglichkeit deines Vorschlags nachdenken.“

David schob sein tiefes Unbehagen beiseite und nahm wieder Haltung an. Befremdlich auf Mark zu wirken war nicht Teil seines Plans. Er griff die Andeutung in den Worten des Moderators auf. „Dann stimmst du also zu, dass der Entwurf Chancen hat?“

„Eine kämpferische Sendung, die furchtlos Problembereiche in der inländischen Nahrungsmittelindustrie untersucht? Ja, natürlich stimme ich zu. Wie du weißt, entspricht das meinen eigenen Interessen. Und ich habe keine Angst vor Auseinandersetzungen, ich würde sogar gerne mehr davon bei Table sehen, für meinen Geschmack ist da alles zu kuschelig.“

David spürte den Begeisterungsschub. „Mark, das ist großartig!“

„Freu dich nicht zu früh. Mein Agent wird den Geschäftsbedingungen zustimmen müssen, und denk daran, ich habe einen Exklusivvertrag mit Neil für diese Staffel, mit der Option für eine weitere innerhalb eines Jahres, oder so.“

David machte sich keine Sorgen. „Table wird diese Staffel nicht überstehen, geschweige denn eine weitere, nicht ohne Bruce. Er war ein Arsch, aber mit seiner Persönlichkeit hatte die Sendung eine Chance. Ohne ihn ...“, er schüttelte den Kopf. „Niemals!“

„Ich dachte, Neil plant einen Schwerpunkt auf das Kochsegment mit Darina zu legen, und den Wein-Part zu kürzen.“

David dachte an die blonde Köchin. „Das könnte funktionieren, wenn die Zeit dafür reicht. Sie ist gut, hat Geschick dafür, die Rezepte interessant zu gestalten, spricht nicht von oben herab zu den Zuschauern und hat einen angenehmen Stil, der einen glauben lässt, man könnte alles selbst hinkriegen, was sie vorführt. Aber es wird Zeit brauchen, bis sie eine richtige Anhängerschaft aufgebaut hat, und die hat Neil nicht. Er hat das Format schon einmal verändert.“

„Ich habe versucht, ihn dazu zu bringen, Milly zurückzuholen“, sagte Mark.

David schüttelte den Kopf. „Das habe ich auch schon angestoßen. Aber abgesehen davon, dass Neil Darina behalten will und nicht glaubt, zwei weibliche Moderatoren nehmen zu können, ist er entschlossen, die Zeit nicht zurückzudrehen. Tut mir leid, Mark.“

Der andere Mann zuckte mit den Schultern. „Zwischen uns ist es ohnehin vorbei, das hat Milly sehr deutlich gemacht, als Neil sie rausgeschmissen hat.“

„Warum gibt sie dir die Schuld? Hast du ihr nicht gesagt, dass Neil überzeugt war, mit Bruce die Sendung zu retten?“

„Man kann mit Milly nicht vernünftig reden.“ Mark hob sein Glas und wechselte das Thema. „Also, weißt du, ob Neil schon eine Entscheidung über Bruce’ Nachfolger getroffen hat?“

„Jean-Pierre Prudhomme.“

„Der Franzose?“ Mark dachte für einen Moment darüber nach. „Könnte klappen. Er hat Charme, reichlich Fachkenntnis und dieser Akzent schlägt ein bei den Frauen. Gerissener alter Neil! Wird Jean-Pierre mitspielen?“

„Anscheinend ja. Er glaubt, das wird hier drüben den Absatz für seine Weine erhöhen. Und er hofft, dass der Verkauf der Sendung nach Australien weitergeht, damit er auch dort seine Bekanntheit verbessern kann. Wenn du mich fragst, sieht er sich als Ein-Mann-Kreuzzug, der die französischen Weine gegen die australische Invasion verteidigt.“

„Er könnte genauso gut ankommen wie Bruce“, sagte Mark nachdenklich.

„Denkst du? Nun, dann hält Neil Anthea besser von der Sendung fern.“

Marks Interesse war geweckt. „Anthea? Wirklich?“

„Hast du nie bemerkt, wie sie Bruce angesehen hat? Neil war außer sich!“

„Unsinn“, sagte Mark. „Anthea ist die letzte, die sich für so einen hinterwäldlerischen Brocken interessieren würde.“

David ließ das so stehen. Obwohl er so hinter ihnen her war, hatte Mark Frauen noch nie verstanden. David freute sich selbstgefällig, dass er es tat.

Er war außerdem überzeugt, dass dieser Sendungsentwurf gut ankommen würde. Jetzt, da Mark mehr oder weniger zugestimmt hatte, mitzumachen, war er bereit, auf die Programmchefs der Sender und eine Produktionsfirma zuzugehen.

David fragte sich kurz, ob er aufgeben sollte, selbst der Kreativ-Produzent werden zu wollen, um sich ganz darauf zu konzentrieren, die ganze Sache überhaupt ins Rollen zu bringen. Wenn Neil etwas entgegenkommender gewesen wäre, hätte David ihm das vielleicht angeboten. Er wäre sehr praktisch gewesen, eine bereitwillige Produktionsfirma zu finden, und Neil hatte gute Kontakte zu den Programmplanern. Und er musste verzweifelt nach guten Ideen suchen. Vielleicht war David im Umgang mit ihm etwas zu selbstherrlich gewesen?

Dann verwarf er diesen Gedanken. Erstens, Neil würde vermutlich denken, die neue Idee stehe in Konkurrenz zu Table. Zweitens, David wusste, dass er schon zu lang davon träumte, bei einer Sendung die kreative Richtung anzugeben. Es sah die Bilder auf dem Bildschirm und wünschte sich brennend, sie wären auf seine Art umgesetzt worden. An der Universität, während er Englisch studierte, aber gleichzeitig vom Zeitgeschehen, der Politik und der Dynamik des modernen Lebens fasziniert war, hatte er mit der Idee gespielt, in den Journalismus zu gehen. Aber er wusste die ganze Zeit, dass ihn der visuelle Ansatz mehr interessierte. Worte waren schön und gut, aber Bilder prägten sich bei den Menschen ein. Die Wahrheit zu zeigen, das war es, was zählte. Und um das genau so zu tun, wie man es sich vorstellte, musste man die kreative Seite kontrollieren.

Kontrolle, darum drehte sich alles. Ein Redner konnte seine Worte kontrollieren, aber bei den Lippen und den Augen war das schon schwieriger. David liebte es, Politikern im Fernsehen zuzuschauen. Sie waren mehr auf ihre Mimik bedacht als Schauspieler, aber selbst für sie war es manchmal unmöglich, ihre Körpersprache unter Kontrolle zu halten.

David erinnerte sich daran, wie Bruce in seinem Stuhl herumgerutscht war, als Jean-Pierre auf ihn losgegangen war. Die Vorwürfe des Franzosen waren nicht spurlos an ihm vorübergegangen! Der Produktionsleiter fragte sich, ob es bei ihrem Streit um mehr als Hefe und einen verlorenen Meisterwinzer ging. Beide Männer waren professionelle Charmeure, und beide hatten, wenn auch nur für einen Augenblick, zugelassen, dass pure Abneigung ihre Prahlereien beiseite wischte, die sie sonst der Welt zeigten.

„Entschuldige, Mark, was hast du gesagt?“ David realisierte erst verspätet, dass der andere Mann sprach.

„Ich habe nur gefragt, ob du noch einen Drink willst. Ich denke, wir sollten auf unsere neue Partnerschaft anstoßen, oder nicht? Das wird ein Denkzettel für Neil sein, wenn er untergeht.“ Mark klang ob dieser Aussicht beinahe begeistert.

 

Kapitel 7

Der Brief lag zuoberst auf einem kleinen Stapel auf Pams Schreibtisch. Er war als Luftpost gekennzeichnet und jemand hatte ihn nicht gerade behutsam geöffnet. Die Ecken waren zerrissen und ein Drittel war nur noch über einen schmalen Streifen mit dem Rest verbunden.

„Die sind für dich“, sagte Pam, nachdem Darina ihren Mantel abgelegt und sich erkundigt hatte, wie die Sekretärin des Produzenten Weihnachten verbracht hatte.

Darina nahm die Post mit einigen Worten des Danks und setzte ihren Weg zu Neils Büro fort. Während sich das Produktions-Team um Neils Schreibtisch versammelte und von Weihnachten erzählte, weil sie noch auf einige Rechercheure warteten, warf sie einen schnellen Blick auf den obersten Brief.

Er kam aus Australien; „Yarramarra“ lautete der Absender. Der getippte Inhalt fiel sehr knapp aus. Er informierte Darina, dass die Absenderin das Video von Bruce und Darina bei Mike Darcy gesehen habe, und nach England kommen wolle, weil sie glaube, dass Darina ihr bei etwas helfen könne. Sie möge doch am Nachmittag des siebten Januar in ihrem Hotel anrufen, damit sie ein Treffen ausmachen könnten. Der Brief war unterschrieben von Kate Bennett.

Darinas erster Gedanke war, dass der Brief von Bruce’ Witwe stammen musste. Dann erinnerte sie sich, dass Bruce mit einer australischen Kochbuchautorin namens Shelley verheiratet war. Kate musste also seine Schwester sein.

Der Tag an dem Kate Bennett eintreffen würde, war der nächste Drehtag für Table. Na ja, es würde nicht zu schwer sein, Zeit für einen Anruf zu finden. Darina faltete den Brief zusammen, und bemerkte dann, dass er als persönlich und vertraulich gekennzeichnet war.

Die Besprechung hatte immer noch nicht angefangen. Darina schlüpfte raus in Pams Büro und fragte die Sekretärin, ob sie wüsste, wann der Brief eingetroffen sei und wer ihn geöffnet hatte.

„Es tut mir leid, das weiß ich wirklich nicht“, entschuldigte sich die junge Frau. „In der letzten Minute hatte Neil gesagt, dass ich zwischen den Jahren nicht zu kommen bräuchte, er würde sich um das Büro kümmern. War es etwas Privates? Neil sieht nie auf die Umschläge, bevor er sie aufreißt. Ich habe Ihre Briefe nicht gelesen, versprochen. Die ganze Post lag hier in Stapeln, als ich heute Morgen eintraf.“

Die fehlenden Rechercheure trafen ein und die Besprechung begann.

 

Ein Großteil der nächsten Folge war schon vorbereitet. Die Leiterin einer Gesundheitsfarm, eine schlanke und strahlende Frau, deren Aussehen ihr Alter Lügen strafte, hatte zugestimmt, einige Wochen früher in der Sendung aufzutreten. Darina hatte einige ansprechende Abnehm-Rezepte ausgearbeitet und Bruce hätte über alkoholfreien Wein sprechen sollen. Jean-Pierre Prudhomme hatte zugestimmt, zumindest für diese Folge seine Rolle zu übernehmen. Der Franzose nahm an der Besprechung teil und wurde von Neil willkommen geheißen. Aber er bestand darauf, nicht alkoholfreie Weine zu setzen. Stattdessen schlug er verschiedene Sorten von Weißweinsekt vor, der interessanter wäre, und nicht zu viele Kalorien zum gesundheitsbewussten Ansatz im neuen Jahr beisteuern würde.

Neil wandte sich an Darina. „Morgen möchte ich drehen, wie du eine Übungsstunde auf der Gesundheitsfarm mitmachst, und mit dem Koch sprichst.“

Mark unterbrach: „Neil, wenn irgendwelche Interviews anstehen, ist das meine Aufgabe.“

„Das ist was für Darina“, sagte der Produzent ungeduldig.

„Aber ...“, setzte Mark an.

„Halt die Klappe, Mark.“ Neils Stimme klang erschöpft.

Mark warf ihm einen wütenden Blick zu, der vor Bosheit brannte, und gab zögerlich nach.

Neil fuhr fort: „Jan, kannst Regie führen? Peter hat gestern Abend angerufen, er hat sich beim Skifahren ein Bein gebrochen und ich kann sonst niemanden finden.“

Jan Parker, die Aufnahmeleiterin, blieb gefasst. „Wenn die Besprechung hier schnell genug vorbei ist, dass ich das überarbeitete Kameraskript heute noch fertigbekomme, ja. Ich nehme an, Dick wird der Kameramann sein?“

„Ist das ein Problem für dich?“

Jan schüttelte den Kopf. „Er hat das Problem, Neil. Irgendwann wird er aufwachen müssen und begreifen, dass Frauen jetzt schon eine ganze Weile Regie führen.“

 

Am folgenden Tag wurde Darina früh am Morgen an ihrem Haus in Chelsea abgeholt. Im Minivan warteten schon Jan, ihre Regieassistentin, eine junge Frau namens Fiona, Dick der Kameramann, Tarquin der Tonmann, Kevin der Beleuchter, den man Sparks nannte, und etliche genoppte Metallkisten.

Darina wurde von oben bis unten gemustert, als der Fahrer ihr in den Van half. Die Männer nahmen ihre Begrüßung entgegen, steckten sich dann Zigaretten an und tauschten Geschichten ihrer Weihnachtskatastrophen aus. Der Wagen füllte sich mit Rauch.

Als sie nach Surrey hineinfuhren, sagte Jan: „Entschuldigt mal, könnt ihr mit den Zigaretten nicht eine Pause einlegen, bis ihr draußen seid?“

Die Männer wechselten Blicke, die Bände darüber sprachen, was sie von sich einmischenden Frauen hielten, aber die Stummel wurden ausgedrückt. Ein wenig später wandte sich Dick an Darina. „Ist das Ihre erste Filmerfahrung?“

Sie nickte. „Es ist recht aufregend, mal aus dem Studio rauszukommen.“

Er lächelte, sein robustes, ausdrucksloses Gesicht wurde plötzlich aufgeschlossener. „Halt dich an uns, dann geht alles gut. Wir sind sowas wie die Elite. Die Jungs im Studio können nicht mal Tag und Nacht auseinanderhalten, wir sind die echten Experten.“ Dann fügte er hinzu: „Und wir brauchen keine Kindermädchen.“

Jan ignorierte seine Bemerkung.

Am Ziel angekommen, drängten sie alles aus dem Van, standen einen Augenblick nur da und betrachteten die klassische Fassade eines stattlichen Hauses, das in einen Gesundheitstempel verwandelt worden war.

„Alles klar, Dick“, sagte Jan schnell. „Kannst du uns hier vierzig Sekunden einführende Aufnahmen machen, während wir drinnen unsere Nummer abziehen?“ Mit einem freundlichen Nicken in seine Richtung ging sie voran nach drinnen. Dick und Tarquin blieben zurück und wägten die Blickwinkel ab.

„Jesus“, brach es aus ihr heraus, als sie in die Eingangshalle kamen. „Wenn ich diesem chauvinistischen Schwein einmal, nur ein einziges Mal sagen könnte, was ich von ihm halte! Kindermädchen, genau! Wenn er nur nicht der gute Kameramann wäre, für den er sich hält! Ich muss bei ihm keine Zeit mit Händchenhalten verschwenden, bis er weiß, was ich von da draußen brauche. Er wird mir genau das liefern, was ich als einführende Szene haben will.“

Eine hinreißend aussehende junge Frau in einem hübschen Overall kam zu ihnen und brachte sie im Handumdrehen zu Helen Donovan, der Leiterin der Gesundheitsfarm. Sie war dünn, vital, mit perfekt frisiertem, kurzem, dunklem Haar, und lebhaften, roten Lippen. Sie trug ein rotes Kostüm aus Jersey mit schwarzen Zierbändern und Messingknöpfen und war voller Begeisterung für die Filmaufnahmen.

„Wir zeigen Darina gleich, wo sie sich umziehen kann, der normale Kurs endet in Kürze und wir haben einige Freiwillige, die für die Aufnahmen bleiben. Dann dachte ich, wollen Sie vielleicht ein paar Aufnahmen von der Ausrüstung machen, wie den Langlauf- und Rudermaschinen, den Gewichten und so. Gefolgt von einer Massage-Einheit und einem Schlammbad. Und wie wäre es, wenn wir das Ganze im Schönheitssalon beenden?“

„Wir müssen uns wirklich auf Ihr Essen konzentrieren.“ Jan schien etwas verblüfft von dem Wirbel, den Helen Donovan um ihre Ankunft machte. „Ihr Koch steht doch zur Verfügung, oder?“

Details

Seiten
0
Erscheinungsform
Erstausgabe
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783960874003
ISBN (Buch)
9783960874157
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v421541
Schlagworte
mord primetime cosy crime krimi

Autor

  • Janet Laurence (Autor)

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Titel: Mord zur Primetime (Krimi, Cosy Crime)