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Die Spur der Kristalle (Spannung, Thriller, Liebe)

von Emma Finch (Autor)

2018 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

Die Lehrerin Caitlyn Brown führt ein gewöhnliches Leben – bis mitten in London ein Wildfremder in ihren Armen stirbt. Kurz darauf häufen sich die seltsamen Ereignisse: Sie erhält ein rätselhaftes Päckchen ohne Absender, ihr neuer Freund macht ihr aus heiterem Himmel einen Heiratsantrag und sie bekommt ein attraktives Stellenangebot in einem weit entfernten Elite-Internat, das sie kurzerhand annimmt.
Angekommen im einsamen Norden von Wales reißt die Kette an Merkwürdigkeiten nicht ab. Nachdenklich gestimmt durch das ambivalente Verhalten ihres neuen Chefs, kommt Caitlyn schließlich jahrzehntealten Geheimnissen auf die Spur, und muss erkennen, dass der Tod ihrer Mutter und Großeltern kein Zufall war. Was ist damals wirklich passiert? Und wem kann sie vertrauen? Selbst der Mann, den sie liebt, scheint nicht mit offenen Karten zu spielen …

Impressum

dp Verlag

Überarbeitete Neuausgabe Mai 2018

Copyright © 2020 dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

Taschenbuch-ISBN: 978-3-96087-352-5
E-Book-ISBN: 978-3-96087-425-6

Copyright © Juli 2014, bookshouse
Dies ist eine überarbeitete Neuausgabe des bereits Juli 2014 bei bookshouse erschienenen Titels Kristall – Spiel im Schatten (ISBN: 978-9963-52-343-6).

Covergestaltung: Rose & Chili Design
unter Verwendung von Motiven von
depositphotos.com: © calavision, © paulprescott, © AP-images, © Goir
Lektorat: Birgit Förster

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

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Strategie

„Vor Spielbeginn analysiert der Spieler alle Alternativen jeder potenziellen Spielsituation, um das nachfolgende Spielverhalten vorhersagen zu können.“

ZEHN

Anfangs hielt ich es für Zufall.

Ich hieß Caitlyn Brown, und mein Leben war genauso gewöhnlich wie mein Nachname.

Schon, seit ich denken konnte, wohnte ich in einer kleinen Stadt in Surrey südlich von London. Mein Vater führte dort jahrzehntelang eine Arztpraxis, in die vor ein paar Jahren mein älterer Bruder eingestiegen war. Meine Mutter war Angestellte im Außenministerium gewesen und es hatte uns völlig unvorbereitet getroffen, als sie unmittelbar vor meinen A-Level-Prüfungen an einer akuten Leukämie erkrankt und innerhalb weniger Wochen gestorben war. Wir fielen damals in eine Art ohnmächtige Schockstarre. Ich brauchte dringend einen Tapetenwechsel und verkroch mich einige Monate bei Freunden von Dad in Schottland. Nach meiner Rückkehr war ich wild entschlossen, Krankheiten wie Krebs den Krieg zu erklären. Ich spielte sogar mit dem hehren Gedanken, eines Tages in die Forschung zu gehen, und weil ich quasi in einer Arztpraxis aufgewachsen war, glaubte ich, ich könnte beurteilen, was diese Arbeit bedeutete.

Ich konnte es natürlich nicht.

Nach den ersten Stunden in der Anatomie war mir klar, dass ich mir schleunigst etwas anderes überlegen musste – obwohl der Geruch der Chemikalien im Sektionssaal der Anatomie dank des ausgeklügelten Lüftungssystems auszuhalten und der Anblick der präparierten Leichen kaum schlimmer war als der von gekochtem Hühnerfleisch. Doch irgendwann würde ich keine toten Körper mehr vor mir haben und alles, was ich für die Kranken tat und auch all meine Fehler konnten tragische Folgen für ihr Leben und ihre Gesundheit haben.

Diese Verantwortung war mir eine Nummer zu groß.

Kurzerhand hängte ich das Studium an den Nagel und ging, um Zeit zum Nachdenken zu schinden, als Au-pair auf eine Farm im Nordosten Kanadas. Anschließend kehrte ich zu meinem ursprünglichen Plan zurück, Mathematik zu studieren – allein schon, um meinem Vater einen Gefallen zu tun, der meine Kapriolen klaglos hingenommen hatte. Im Nebenfach belegte ich Sport und Englisch und da ich gern mit Kindern arbeitete, machte ich anschließend eine praktische Lehrerausbildung, unterrichtete fortan an der Highschool meiner Heimatstadt und korrigierte die zwar manchmal tragischen, aber längst nicht so folgenreichen Fehler meiner Schüler. 

Ich war, wie man so schön sagt, erwachsen geworden und mein Leben in jeder Hinsicht berechenbar. Nichts deutete darauf hin, dass die bunte Fassade meines Alltags längst Risse bekommen hatte – bis zu jenem Sommernachmittag, an dem ich Zeugin eines Mordes wurde, dessen Motiv ich in der Vergangenheit meiner Familie finden sollte und dessen Folgen nicht nur meine Zukunft auf den Kopf stellten.

„The Fens“, East Anglia

Er drehte das Streichholz zwischen seinen Fingern. So klein, so unscheinbar. Nicht mehr als ein Holzsplitter, an dessen einem Ende Gefahr lauerte. Harmlos, solange es niemand benutzte.

Mit einer knappen Bewegung riss er das Schwefelende über die raue Fläche. Wartete, während sich die Flamme unaufhaltsam seinen Fingerspitzen näherte.

Er schloss die Lider.

Feuer.

Solange es Nahrung hatte, brannte es, loderte, verzehrte. Zerstörte, was sich ihm in den Weg stellte. 

Tötete.

Der Kuss des Feuers war schmerzhaft. 

Abrupt riss er die Augen auf und legte das Streichholz in den Kamin, in dem sich Holz und zusammengeknüllte Zeitungen befanden. Zuerst schien es, als würde das Feuer erlöschen, doch dann stieg Rauch auf, eine Flamme leckte an dem Papier, zuerst winzig, schließlich immer größer, bis es hell lodernd zu verkohlen begann. Schatten tanzten an den weiß getünchten Wänden, während das Feuer neue Nahrung fand und schließlich auf das trockene Holz übergriff. 

Neben ihm auf dem Boden lag ein Notizzettel, auf dem in akkurater Handschrift ein Name, eine Adresse und eine Nummer notiert waren. Er ließ seine Finger sanft über den Zettel gleiten und schob ihn beiseite. Darunter kamen zwei Fotos zum Vorschein: Ein altes, das in verblichenen Farben ein kleines Mädchen auf einer Bank unter einem Baum zeigte, und ein neues, bunt und lebendig, mit einer jungen Frau. Er sah es lange an – und warf dann alles ins Feuer.

Die Schrift löste sich als Erstes in loderndes Nichts auf, der blonde Haarschopf erglühte im Feuerschein, bevor sich ein schwarz verkohlter Schatten darüberlegte. Die dargestellte Person verschwand erst auf dem einen, dann auf dem anderen Bild, als hätte es sie niemals gegeben. Zurück blieb am Ende nur Asche.

Eine unumkehrbare Metamorphose.

So, wie der Tod.

Ohne hinzusehen, griff er nach einem Tuch, das neben den Fotos gelegen hatte. Es war schon alt, der blutrote Stoff fadenscheinig und seine Mitte zierte ein Symbol in absoluter Symmetrie, wie ein perfekt geschliffener Kristall. Er hielt es unter seine Nase und atmete mit geschlossenen Augen den nur für ihn wahrnehmbaren Rosmarinduft ein.

Es war alles, was von ihnen geblieben war. Das Tuch und die Asche, die er im Meer verstreut hatte.

Langsam zog er sein Jackett aus, krempelte den Ärmel auf und brachte seinen rechten Unterarm in die Nähe der Flammen, dichter und dichter, bis das Feuer an seiner Haut leckte. Schweißperlen erschienen auf seiner Stirn. Sein Atem ging schneller.

Asche zu Asche.

Jetzt war er das Feuer.

Mit einem erstickten Laut zog er den Arm zurück und nahm das Tuch, um damit seine glühend rote Haut abzudecken.

NEUN

Es war ein heißer Tag Mitte August kurz vor meinem Geburtstag. Ich genoss den kühlen Luftzug, der mich im Schatten der Häuser streifte. Langsam schlenderte ich weiter die belebte Londoner Brompton Road entlang. An einem gewöhnlichen Mittwoch shoppen gehen zu können, war einer der Vorteile, wenn man gerade Sommerferien hatte. Allerdings würde ich nicht mehr lange Lehrerin sein, denn ich hatte mich als Versicherungsmathematikerin bei der Lloyd’s of London, der internationalen Versicherungsbörse, beworben und würde am 1. September meine neue Stelle antreten. Aufs Geratewohl bummelte ich die Straße entlang und ließ den Trubel um mich herum Trubel sein.

Vor einem Schaufenster von Harrods blieb ich stehen, um meinen Haarknoten neu zu ordnen, aus dem sich Dutzende meiner störrischen Locken gelöst hatten. In der Scheibe spiegelten sich die Passanten, von denen die meisten in typischer Großstadtmanier hektisch von einem Ort zum nächsten eilten. Lediglich ein grauhaariger Mann in Jeans und Hemd schlenderte gemächlich vorbei.

In der Fensterscheibe prüfte ich noch einmal meine Frisur, damit sie zumindest zeitweise wieder ordentlich aussah, als der Mann hinter mir stehen blieb, sein Handy hervorholte und es in meine Richtung hielt. Irritiert warf ich ihm einen Blick über die Schulter zu. Er lächelte freundlich, bevor er weiterging. Neben mir im Schaufenster sah ich ein großes Plüschpferd und einen knuffigen schwarzen Hund, die mich beide knopfäugig anstarrten. Anscheinend hatte der Mann die beiden fotografiert – vielleicht, um sie als potenzielle Geschenke für seine Kinder in Erinnerung zu behalten? Das Pferd, ein mausbrauner Falbe mit langer, zerzauster Mähne, erinnerte mich an die robusten schottischen Hochlandponys. Es war schon so lange her, dass ich zuletzt in den Highlands zu Besuch gewesen war. Vier Jahre, um genau zu sein.

„Hey, ihr zwei, was haltet ihr davon, mit mir eine Tour zum Loch na Sealga zu machen?“ Ich bildete mir ein, der Hund würde den Kopf ein wenig schief legen, und hörte im Geiste das Pferd zustimmend schnauben.

„Mama!“ Aufgeregt deutete ein kleines Mädchen neben mir auf die Stofftiere. „Guck mal, sind die nicht süß?“

„Ja, und wie“, antwortete die Mutter ohne großen Enthusiasmus, als sie gezwungenermaßen stehen blieb, weil ihre Tochter mit der Nase an der Scheibe klebte.

„Mama! Kann ich die nicht haben? Bitte!“

Die Mutter lächelte nachsichtig. „Wir müssen weiter, komm schon.“

Hartnäckig blieb das Mädchen stehen und klopfte zaghaft an das Schaufenster, als wollte sie die beiden zum Leben erwecken.

Ich hockte mich zu dem Mädchen und senkte verschwörerisch die Stimme. „Hey, weißt du was? Die beiden kann man eigentlich gar nicht kaufen. Das ist nur zur Tarnung. Das sind nämlich ein verzauberter Polizeihund und ein Polizeipferd. Die müssen hier sitzen und die Straße beobachten – du weißt schon, falls ein Verbrecher versucht … na ja, zum Beispiel deiner Mama die Handtasche zu stehlen …“ Vielsagend wiegte ich den Kopf.

Das Mädchen sah mich mit riesigen Augen an. „Meinst du das echt?“

„Großes Indianerehrenwort!“ Wie zum Schwur hob ich die Rechte und legte die Linke auf mein Herz.

Mit gerunzelter Stirn fixierte die Kleine nun die Stofftiere. Die sichtlich amüsierte Mutter kratzte sich am Kopf. „Na siehst du, Schatz. Was hältst du davon, wenn wir jetzt ein Eis essen?“

„Eis? Au ja!“ Die Kleine hüpfte auf und ab, die Stofftiere waren schon vergessen. „Mama? Mögen Polizeihunde auch Eis?“

Ich lachte still in mich hinein, während ich dem plappernden Mädchen mit seiner Mutter nachsah. Dann reihte ich mich wieder in das Gewimmel der Passanten ein, um endlich meine Einkäufe in Angriff zu nehmen. Ich brauchte unbedingt noch einen Hosenanzug und ein Kostüm, die den konservativen Kleidervorschriften der Lloyd’s entsprachen. In Leatherhead war die Auswahl an Geschäften nämlich eher überschaubar – allerdings war das im Allgemeinen auch die Anzahl der Menschen, und meinem Empfinden nach war es dort heute auch weniger heiß. Ich kramte eine kleine Wasserflasche aus meiner Tasche heraus. Bei diesem Wetter hätte ich anstatt nach London lieber einen Zug in die andere Richtung, nach Brighton, nehmen sollen, im Meer baden und mir einen Tag lang den Seewind um die Nase wehen lassen, anstatt Großstadtmief. Wenn ich demnächst erst bei der Lloyd’s arbeitete, käme ich höchstens noch an den Wochenenden raus. 

Es würde mir genauso gehen wie meinem Freund Daniel, der schon seit drei Jahren dort beschäftigt war. Er hatte mir vorgeschlagen, mich ebenfalls dort zu bewerben, nachdem ich etwas zu laut darüber nachgedacht hatte, mich beruflich zu verändern. Allerdings hatte ich eher an eine andere Schule gedacht, doch eine von Daniels Kolleginnen hatte gerade verkündet, dass sie schwanger sei, und deshalb wurde eine Vertretung gesucht. Daniel hatte argumentiert, ich könne ja wieder aufhören, falls es mir nicht gefiel. Weil er damit recht hatte, stimmte ich zu, dass er seinen Chef überredete, es mit mir zu versuchen – und immerhin würden wir uns dadurch viel häufiger sehen als bisher.

Vielleicht konnte ich Daniel dazu bringen, am Freitag früher Schluss zu machen, um übers Wochenende ans Meer zu fahren. Das Wetter sollte vorläufig noch halten, außerdem hatte ich sowieso keine Lust auf eine große Geburtstagsparty.

Abrupt blieb ich stehen. Warum bis Freitag warten? Einkaufen konnte ich in den nächsten drei Wochen auch bei schlechtem Wetter, eine Fahrradtour unternehmen allerdings nicht. Ein schneller Blick auf meine Uhr – wenn ich mich beeilte, wäre ich in gut einer Stunde zu Hause, um ein paar Sachen zu packen und mit dem Fahrrad in Richtung Küste zu fahren. Ich könnte bleiben, wo ich Lust hätte, und mich ein paar Tage lang treiben lassen. Nicht mal auf Daniel musste ich Rücksicht nehmen. Ich würde ihm sagen, er solle am Freitagabend oder Samstagmorgen mit dem Auto nachkommen. Wir könnten am Samstag um Mitternacht romantisch im Mondschein am Beachy Head bei Eastbourne stehen, um auf meinen Geburtstag anzustoßen. Beschwingt von diesen Gedanken machte ich auf dem Absatz kehrt.

„Au! Verflixt!“

„Können Sie nicht aufpassen?“ Ein Mann im schwarzen Anzug war aus dem Gleichgewicht geraten. Seine vollgepackte Tragetasche war zu Boden gefallen, wobei sich ein Teil des Inhalts auf den Gehsteig ergossen hatte.

Ich war sehr unsanft auf einem Knie gelandet. Als ich mich aufrappelte, ignorierte ich das Brennen. „Verzeihung, ich habe Sie nicht gesehen“, sagte ich zerknirscht.

Mit dunklen Augen, die dicht neben einer spitzen Habichtsnase standen, musterte der Mann mich wie ein Raubvogel seine Beute. Seine halblangen Haare waren mit einer beträchtlichen Menge Gel straff nach hinten frisiert und schimmerten kastanienbraun im Sonnenlicht. Schnell machte ich mich daran, die heruntergefallenen Dinge einzusammeln.

„Lassen Sie das!“, knurrte er, während er sich nach einem Bund Rosmarin bückte.

„Tut mir wirklich leid.“ Mit einem kleinen Päckchen in der Hand richtete ich mich auf. Dem braunen Packpapier nach zu urteilen war darin wohl etwas Zerbrechliches eingeschlagen. Vorsichtig wickelte ich das Papier ab, um zu kontrollieren, ob es heil geblieben war. Zum Vorschein kam eine hübsche Reibschale aus weißem Porzellan, an deren oberem Rand ein kleines Stück fehlte.

„Was tun Sie da?“ Der Mann stand plötzlich sehr dicht neben mir.

Ich fuhr zusammen. „Nichts!“

An seinem intensiven Blick blieb ich hängen. Er verengte seine Augen ein wenig. Ich überlegte, ob ich ihn kennen müsste – der Vater eines meiner Schüler vielleicht?

Zwischen seinen Brauen erschien eine steile Falte, als er mit spitzem Finger auf die Schale tippte. „Nichts?“

„Ach du lieber Himmel!“ Ich tat, als fiele mir erst jetzt die Macke auf. „Ich ersetze sie Ihnen selbstverständlich.“

„Was Sie nicht sagen!“ Unwirsch nahm er mir die Schale ab, wickelte sie wieder ein und verstaute sie mitsamt den Kräutern. Anschließend langte er in seine Tasche, um zu meiner Überraschung eines dieser verpackten Wunddesinfektionstücher herauszuholen. Erst als er in die Hocke ging, sah ich die Blutspur an meinem Schienbein. Während er es vorsichtig sauber wischte, schien er mit seinem Blick die Wunde zu scannen. Die kleine Verletzung schmerzte etwas bei seiner Berührung, doch als er sich aufrichtete, sah mein Knie nur noch halb so schlimm aus. Ein Hauch herben Aftershaves vermischt mit Desinfektionsmittel und Rosmarin wehte zu mir herüber, als sich der Mann näher beugte. „Es ist nur oberflächlich. Ein Pflaster ist nicht notwendig. Zukünftig sollten Sie lieber nach vorn sehen, damit Sie keine Gefahr für Ihre Umwelt sind.“ 

„Tut mir wirklich leid. Ich sagte doch, ich ersetze Ihnen die Schale.“

Er stieß einen Laut aus, der sowohl Zustimmung als auch Ablehnung bedeuten konnte, doch bevor ich noch einmal nachhaken konnte, was ich ihm denn nun schuldete, zog er ein Handy aus seiner Brusttasche. Das Klingeln bestand nur aus einem einzelnen Ton, der so leise war, dass ich ihn völlig überhört hatte.

Der Mann musterte mich weiter, während er das Gespräch mit einem knappen „Ja!“ entgegennahm. Er lauschte. Seine Miene war schon vorher schwer zu deuten gewesen, doch nun schien es, als streifte er eine Maske über. Seine Schultern strafften sich, in seine Augen trat ein unangenehmer Glanz. Ein paar Sekunden später legte er wortlos auf.

Ebenso wortlos ließ er mich einfach stehen, um inmitten einer Traube Jugendlicher zu verschwinden. Natürlich, ohne mir zu sagen, was denn nun mit der kaputten Schale passieren sollte.

„Idiot“, brummte ich kopfschüttelnd – obwohl ich ja eigentlich diejenige war, die sich ungeschickt verhalten hatte. 

Anstatt weiter zum Bahnhof zu hetzen, beschloss ich, den nächsten Zug zu nehmen und mir vorher noch in einem Café in der Hans Crescent einen Eistee zu genehmigen. Drinnen in der klimatisierten Umgebung zu sitzen war deutlich angenehmer, als die Hitze in den Straßenschluchten ertragen zu müssen.

Mein Handy gab einen leisen Summton von sich. „Hey Schatz, wir gehen heute Abend mit Matt und Sandy ins Kino. Hole dich um sieben ab. Dan.“ Es summte noch einmal. „PS: Die Karten sind schon reserviert.“

„Super“, beschwerte ich mich bei meinem Handy. „Bei diesem Wetter ausgerechnet ins Kino. In welchen Film überhaupt?“

Da ich sowieso keinen Einfluss mehr auf die Auswahl hatte, schickte ich nur eine kurze Bestätigung zurück. Heute konnte ich mich also nicht mehr auf den Weg machen. Vielleicht war es so geschickter, denn dann hatte ich heute Abend genug Zeit, um mit Daniel über meine Wochenendpläne zu sprechen. Ich bestellte einen zweiten Eistee und einen Schokoladenmuffin und betrachtete nachdenklich mein Knie, an dem die Verletzung kaum noch zu sehen war. Der Mann war merkwürdig gewesen. Ob er Arzt war? Nicht jeder hatte schließlich Desinfektionstücher in der Tasche und wischte einer völlig Fremden ohne Federlesen das Blut vom Bein. Mit spitzem Zeigefinger pikte ich Muffinkrümel auf und trank meinen Eistee aus, während ich beschloss, mich doch noch in ein paar Geschäften umzusehen. Mein Kleidungsproblem würde sich nicht in Luft auflösen, und wenn ich heute nun doch Zeit hatte, konnte ich auch einen Blick in die Londoner Boutiquen werfen.

Knapp zwei Stunden später war ich Besitzerin eines schlichten, aber schicken Hosenanzugs mitsamt verschiedenen Oberteilen zum Kombinieren sowie eines knielangen Rocks. Ich war mir noch nicht ganz sicher, ob ich die Sachen wirklich bequem fand, aber sie passten zu dem Stil, den ich künftig an meinem neuen Arbeitsplatz tragen sollte. Beim Anprobieren war mir in den stickigen Umkleidekabinen schrecklich heiß geworden, daher war ich erst einmal in den Schatten der Bäume im Hyde Park geflüchtet und schlenderte den Serpentine Lake entlang. Gerade überlegte ich, wo ich mich noch nach Schuhen umsehen sollte, als ich irgendwo schräg links hinter mir eine aufgebrachte Männerstimme hörte. Eine andere, deutlich leisere, antwortete.

Ich konnte nicht verstehen, worum es ging, doch allein dem Tonfall nach zu urteilen, war es eine aggressive Auseinandersetzung. Kritisch sah ich mich um, denn falls es aus irgendeinem Grund Ärger gab, wollte ich nicht von hinten unangenehm überrascht werden. Durch die Zweige einiger großer Sträucher ein Stück abseits vom Weg entdeckte ich die Silhouette zweier Männer. 

Die Stimme des einen klang aufgebracht. „… werde ich ihn informieren – und zwar jetzt glei…“

Der andere reagierte blitzschnell.

„Nein!“ Zurückweichend riss der Erste die Arme hoch und beide verschwanden aus meinem Blickfeld.

Einen Herzschlag lang passierte gar nichts. 

Dann ein lang gezogenes, schmerzerfülltes Stöhnen, das schnell leiser wurde, aber nicht abriss.

Meine Nackenhaare stellten sich auf. Eine Sekunde lang war ich versucht, meinem spontanen Fluchtreflex nachzugeben, aber dann siegte mein Verantwortungsgefühl. Ich hasste es, wenn Menschen wegsahen, anstatt zu helfen, daher wollte ich zumindest wissen, was passiert war, und falls nötig die Polizei verständigen. Tagsüber gab es im Hyde Park immer Spaziergänger, mir würde schon nichts geschehen. Vorsichtig umrundete ich in großem Bogen die Sträucher, bis ich dahintersehen konnte. Ein älterer Mann war auf dem Gras zusammengesackt, auch auf die Entfernung sah ich seine weit aufgerissenen Augen. Blass und krampfhaft nach Luft ringend hielt er mit einer Hand etwas umklammert und die andere presste er auf die Brust.

Es war der Grauhaarige, der bei Harrods die Stofftiere im Schaufenster fotografiert hatte.

Sein Kontrahent war nicht in unmittelbarer Nähe. Während ich rasch die letzten Meter zurücklegte, rief ich laut um Hilfe und versuchte, mein Handy aus der Tasche zu fummeln. Vor lauter Hektik verhedderte ich mich in dem Knäuel aus Plastiktüten und der Handtasche, daher ließ ich alles einfach auf den Boden fallen, als ich bei dem Mann ankam. Mein Handy rutschte mir durch die Finger. Ich atmete zweimal tief durch. Alles der Reihe nach – kein Blut. Keine Waffe in Blickweite. War es doch kein Angriff gewesen? Auf den ersten Blick erinnerten seine Symptome an einen Herzanfall. Schnell kniete ich mich hinter ihn und bettete mit sanftem Nachdruck seinen Kopf an meine Brust, damit sein Oberkörper gestützt war. Seine Arme bog ich leicht zurück, um ihm das angestrengte Atmen zu erleichtern. Kalter Schweiß stand auf seiner Stirn und sein Gesicht war schmerzverzerrt. Keuchend rang er immer noch nach Luft, daher öffnete ich auch die obersten Hemdknöpfe, weil sich das Hemd eng am Hals spannte. Noch einmal rief ich um Hilfe, während ich nach meinem Handy angelte, das unglücklicherweise ein Stück außer Reichweite auf dem Boden gelandet war. Unsicher sah ich mich um, ob der Gegner des Streits vielleicht doch noch irgendwo war. Zivilcourage hin oder her – hoffentlich brachte mich mein Eingreifen nicht selbst in eine heikle Situation.

Ich tätschelte dem Mann die Wange. „Sir? Können Sie mich hören? Haben Sie Schmerzen?“ Blöde Frage, dachte ich, denn es war ihm anzusehen, wie sehr er litt. Er starrte mich an. 

„Was ist passiert?“ Ein junger Mann, der offenbar meine Hilferufe gehört hatte, bog um die Büsche.

„Ich glaube, ein Herzinfarkt! Rufen Sie einen Krankenwagen!“

Während der junge Mann sein Handy zückte, kümmerte ich mich weiter um den Verletzten. Viel tun konnte ich eigentlich nicht, bis der Krankenwagen eintraf. Ich legte meine Finger auf den Puls an der Halsschlagader. Das Pochen war schnell, flach und setzte beängstigend oft aus. Immer wieder fielen seine Augenlider zu, sein Gesicht war fahl und die Hände eiskalt. Ich klopfte dem Mann sanft auf die Wange, um ihn bei Bewusstsein zu halten. „Sir! Wie heißen Sie?“ Er fixierte mich – mit trübem Blick zwar, aber eindeutig wach. „Ein Arzt ist unterwegs.“ Wieder tätschelte ich ihn. „Kommen Sie, nicht einschlafen. Reden Sie mit mir!“ Ich kontrollierte noch einmal Atmung und Puls, die beide eher schlechter als besser wurden, doch ich registrierte, dass er offenbar darum kämpfte, wach zu bleiben. Um wenigstens das Gefühl zu haben, etwas Sinnvolles zu tun, öffnete ich ein paar weitere Knöpfe an seinem Hemd, um die Brust frei zu machen. Eigentlich mochte ich zwar nicht daran denken, aber falls vor Eintreffen des Notarztes noch eine Herzdruckmassage nötig werden sollte, war es von Vorteil, wenn ich ihn nicht erst dann entkleiden musste.

„Sind Sie Ärztin?“, erkundigte sich eine Frau, die ebenfalls dazugekommen war.

Ich schüttelte den Kopf, während ich mich weiter bemühte, den Mann bei Bewusstsein zu halten. Mein Vater hatte darauf bestanden, dass wir Kinder Erste Hilfe leisten konnten, und häufig mit uns geübt, daher wirkte ich vermutlich routinierter, als ich mich fühlte. Außerdem war ich wieder einmal froh, mich dagegen entschieden zu haben, Ärztin zu werden. In der Ferne hörte ich die Sirene eines Krankenwagens.

Da hob der Mann wieder kraftlos die Lider. „… anruf … will …“

„Was haben Sie gesagt, Sir?“ Ich ging mit meinem Ohr näher an seinen Mund. Ihm fielen die Augen wieder zu. „Sir! Brauchen Sie vielleicht irgendwelche Medikamente?“ 

Warum war ich nicht längst darauf gekommen? Da weder ein Rucksack noch eine Tasche in seiner Nähe lagen, tastete ich seine Kleidung, soweit ich sie erreichte, nach einer Notfallmedizin ab. Seine vorderen Hosentaschen waren leer, die Brusttasche seines Hemdes ebenfalls – außerdem würde der Krankenwagen ja gleich eintreffen, beruhigte ich mich.

Vorsichtig wollte ich das Handy aus seiner verkrampften Hand lösen, als mein Blick auf eine kleine rote Stelle mitten auf seiner Brust fiel, die wie ein frischer Insektenstich aussah. Stirnrunzelnd streckte ich meine Finger danach aus. Hatte ich mich mit dem Herzanfall geirrt und er hatte einen anaphylaktischen Schock nach einem Bienen- oder Wespenstich? Das Insekt konnte unter seine Kleidung gekrabbelt sein. Angestrengt dachte ich darüber nach, ob die Symptome zu einer allergischen Reaktion passten.

Wie eine Schlange zuckte seine freie Hand vor und schloss sich eiskalt um mein Handgelenk. Er sah mich mit einer plötzlichen Klarheit an, die mich überraschte. Offenbar sammelte er Kraft, um mir etwas zu sagen. Ich spürte den Druck seiner Hand, während ich genauso deutlich seine Angst zu fühlen glaubte.

Eine Windbö traf meine schweißfeuchte Haut und eine Gänsehaut überzog meine Arme. Plötzlich dachte ich an den Mann, mit dem er gestritten hatte. „Was ist passiert, Sir? Wurden Sie vielleicht … von jemandem angegriffen?“

In den Augen des Mannes leuchtete etwas auf, das ich als Bestätigung meines Verdachts interpretierte. Mein Mund wurde trocken. Verflixter Mist.

„… mein … Te… Telefon …“ Er schluckte.

„Soll ich jemanden für Sie anrufen?“

„Ja … mitnehmen … behalten Sie es … ist wichtig … ruf… rufen … Sie …“ Er atmete stöhnend ein.

„Wen soll ich anrufen?“

Die Schmerzen hinderten ihn an einer Antwort, aber er wollte mir das Handy geben. Bei der kraftlosen Bewegung rutschte sein Arm seitlich am Körper hinunter. Als ich mich vorbeugte, um es zu nehmen, ging jemand genau dort in die Hocke.

Der Mann im schwarzen Anzug, den ich vorhin beinahe umgerannt hatte. War er etwa der Angreifer gewesen?

„Was tun Sie denn hier?“, fragte ich, wobei meine Stimme schriller klang als beabsichtigt. Ich war heilfroh um die Schaulustigen, die uns umringten.

Der Grauhaarige starrte den Mann mit weit aufgerissenen Augen an, öffnete den Mund, um etwas zu sagen, zuckte jedoch stattdessen unvermittelt zusammen und schnappte nach Luft. Zwei Mal, drei Mal. Dann ein letztes Mal. Und anstatt Worten strömte mit seinem Atem das Leben aus ihm heraus – den nunmehr leeren Blick genau in die Augen des anderen gerichtet. Der Körper lag erschlafft auf meinem Schoß, sein Gewicht schien sich jäh verdoppelt zu haben. Unwillkürlich spannte ich die Muskeln an, um ihn am Wegrutschen zu hindern.

Der Mann im Anzug musterte kurz das Gesicht des Toten, dann schloss er ihm behutsam die Lider. „Sie können nichts mehr für ihn tun“, stellte er nüchtern fest.

Paralysiert durch den plötzlichen Tod konnte ich nichts sagen, sondern starrte ihn nur an. In den beinahe schwarzen Augen schien ein kaltes Feuer zu lodern. Wusste er, dass ich den Streit beobachtet hatte? In diesem Moment kamen die Sanitäter. Mit festem Griff zog mich der Mann im Anzug auf die Füße, um den Helfern Platz zu machen. Meine Augen brannten, meine Beine zitterten. Unwillkürlich klammerte ich mich an ihn, während ich versuchte, das flaue Gefühl, das mich überfiel, nicht überhandnehmen zu lassen. Eine warme Hand legte sich für einige Sekunden in meinen Nacken, um mein Gesicht sanft, aber bestimmt, an den weichen Stoff der Anzugjacke zu bergen. Ich atmete ein paarmal tief durch.

„Sie hätten Ihn nicht mehr retten können“, flüsterte der Mann dicht an meinem Ohr.

Ich lächelte ihm flüchtig zu, bevor ich mich wieder der Szene zuwandte. Fassungslos beobachtete ich die vergeblichen Wiederbelebungsversuche des Notarztes. Nach einer Weile sprach mich ein Polizist an und erkundigte sich nach meinen Personalien.

„Kannten Sie Mr Kelly, Ms Brown?“

Ich schüttelte den Kopf.

„Hm.“ Fachmännisch machte er sich Notizen.

Ich räusperte mich. „Woran …?“ Noch einmal klärte ich meine Kehle. „Woran ist er gestorben?“

Bedauernd winkte er ab. „Das Herz wahrscheinlich, sagt der Arzt. Sie können jetzt ruhig gehen. Ich habe ja Ihre Angaben, falls es noch Fragen gibt.“ Er schenkte mir ein freundliches Lächeln. „Aber das glaube ich nicht.“

Unsicher verabschiedete ich mich und sammelte meine Handtasche und die Einkaufstüten ein, die immer noch dort lagen, wo ich sie in der Aufregung hatte fallen lassen. Unter der Handtasche fand ich auch mein Handy. Ich zögerte.

„Sir!“, wandte ich mich noch einmal an den Polizisten. „Mr Kelly hat … er wollte mir sein Handy geben.“ Ich stockte. Was genau wollte ich eigentlich damit ausdrücken?

„Oh, das können Sie mir überlassen. Wir leiten es dann an die Familie weiter.“

„Ich … nein, ich habe es nicht. Es ist runtergefallen, als dieser Mann dazugekommen ist, und … möglicherweise hat er es genommen“, überlegte ich laut. Dann senkte ich die Stimme. „Es … na ja, ich weiß nicht, ob es wichtig ist, aber Mr Kelly hat sich mit jemandem gestritten, bevor er zusammenbrach. Ich habe das durch die Büsche gesehen. Es könnte dieser Mann gewesen sein … also, der, der dann plötzlich dazukam und vielleicht das Handy mitgenommen hat. Und … dieser Streit war irgendwie … sehr hitzig. Und dann ist Mr Kelly plötzlich gestorben.“ 

Der Polizist schien sichtlich Mühe zu haben, meinem Gedankengang zu folgen. Seine Frage klang eher routinemäßig. „Wer ist denn dieser Mann?“

Suchend blickte ich mich um. „Gerade war er noch da.“

„Größe? Alter? Aussehen?“

„Ähm … größer als ich“, schätzte ich. „Er trug einen schwarzen Anzug. Rotbraunes Haar, dunkle Augen. Ich weiß nicht, wie er heißt.“

Er notierte es. „Danke. Wie gesagt, wir melden uns bei Ihnen, wenn wir noch Fragen haben, Ms Brown.“ Dann verabschiedete er sich zum zweiten Mal.

Wo steckte dieser Typ nur? Eingebildet hatte ich ihn mir jedenfalls nicht, denn ein Hauch seines herben Aftershaves klebte noch an mir.

Patricia Grant
4, Horseferry Road
City of Westminster, London

An: 
Dr. Jacob Grant
21, Black Street
Glasgow

London, den 5. Februar 1933

Lieber Jacob!

Als ich Dich Weihnachten fragte, was Du zu tun bereit seist, um für unsere Sache einzustehen, hatte ich das Gefühl, Du meinst es ernst, als Du sagtest: „Alles!“ 

Ich halte Dich für den Richtigen, nein, eigentlich für den Einzigen, der so agieren kann, wie es nötig sein wird. D hat unserem Vorschlag endlich zugestimmt! Komm nach London, sobald Du Deine Angelegenheiten geregelt hast. 

Geregelt, Jacob!

Deine Cousine
Patricia

PS: Eine Hinfahrkarte liegt bei.

ACHT

Irgendwann am späten Nachmittag stieg ich endlich aus dem Zug. Immer noch fühlte ich mich von den Ereignissen des Tages ganz benommen, daher war ich froh, dass meine Füße den zehnminütigen Weg vom Bahnhof bis nach Hause ganz von allein fanden. Ich öffnete gerade das Gartentor, als ich aus den Augenwinkeln eine Bewegung wahrnahm. Ich fuhr herum. Ein dicker Mann in einem schwarzen T-Shirt ging am Zaun vorbei. Grüßend hob er die Hand, er wohnte schon seit Jahren mit seiner Frau und seinen zwei kleinen Kindern nur eine Querstraße weiter. Ich rieb mir kräftig die Augen und kam mir paranoid vor.

Auf dem gesamten Rückweg von London hatte ich das Gefühl gehabt, beobachtet zu werden. Einmal glaubte ich sogar, den Mann im schwarzen Anzug gesehen zu haben.

Endlich erreichte ich unser Haus aus roten Backsteinen. Es war ein ehemaliges Farmhaus an der Hauptstraße nach Guildford, umgeben von einem gepflegten Grundstück mit alten Bäumen. Die Hausarztpraxis meines Vaters Richard lag in einem Nebengebäude und war mit der Zeit durch An- und Umbauten stetig gewachsen. Neben ihm und meinem Bruder gab es noch zwei angestellte Ärzte sowie zahlreiches medizinisches Personal. Als Henry vor zwei Jahren heiratete, war Dad aus dem Haupthaus in ein Apartment gezogen, das in einem ehemaligen Stall entstanden war. Meine Schwägerin Ellen und mein Bruder hatten nichts dagegen gehabt, dass ich mein altes Mansardenzimmer im Haupthaus noch behielt. Ich hatte ein eigenes Bad, benutzte die Wohnküche mit – genau wie Dad, der ungern allein war – und irgendwie funktionierte unsere WG so gut, dass ich bis vor Kurzem nicht darüber nachgedacht hatte, auszuziehen. Daniel sprach nun davon, mit mir zusammen nach London zu ziehen, doch mit dem Gedanken, in der Großstadt zu wohnen, konnte ich mich noch nicht anfreunden.

Ich hatte die Haustür erreicht. Nachdem ich mit dem Schlüssel in der Hand einen Moment lang herumgestanden hatte, schob ich nur meine Einkäufe in den Hausflur und ging hinüber in die Praxis. Während ich mich an einer zwanglosen Plauderei mit den Damen vom Empfang versuchte, wartete ich ungeduldig darauf, dass Henry endlich aus seinem Behandlungszimmer kam.

Er hatte mich kaum bemerkt, als ich ihn schon am Ärmel zurück in das Zimmer zog. „He! Cat, ich hab jetzt keine Zeit.“ Mit einem energischen Ruck befreite er sich.

Aber ich war schon drinnen und plumpste auf seinen ausladenden Schreibtischstuhl.

„Der Nächste, bitte.“ Brummend schloss er die Tür hinter sich und ließ sich gegenüber auf den deutlich schmaleren Patientenstuhl fallen, der unter ihm recht zierlich wirkte. „Also, Frau Doktor, schieß los. Welche Katastrophe ist passiert?“

Ohne Umschweife erzählte ich, was ich in London erlebt hatte.

Stirnrunzelnd knetete Henry seine Unterlippe, während er mit der anderen Hand durch seine dunkelblonden Locken fuhr, die daraufhin wie ein Vogelnest nach einem Sturm aussahen. „Klingt nach Herzinfarkt.“

„Danke für das Gespräch“, erwiderte ich ironisch. „Aber was war das auf seiner Brust? Es sah aus wie ein Insektenstich.“

„Vielleicht … ein Insektenstich?“

Ich warf eine Büroklammer nach ihm. Er duckte sich weg. „Keine Ahnung, Cat. Mach dir nicht so viele Gedanken.“

„Es war aber seltsam. Vielleicht lag es daran, dass es wirkte, als sei Mr Kelly von diesem Mann im schwarzen Anzug angegriffen worden.“

„Ich dachte, du konntest nicht genau erkennen, ob es derselbe Typ war?“

Ich antwortete nicht sofort. „Es ist mehr so … so ein Gefühl. Warum war er so plötzlich da? Und bei unserem Zusammenstoß vor Harrods war Kelly auch in der Nähe. Und sein Handy ist auch spurlos verschwunden.“

Henry brummte nachdenklich. „Hast du das alles der Polizei erzählt?“

Ich nickte.

„Na also. Mehr kannst du nicht tun. Falls die glauben, es wäre nicht mit rechten Dingen zugegangen, dann wirst du von ihnen hören. Aber solche tragischen Unglücksfälle kommen in London täglich vor, Cat.“

„Ja, schon klar“, meinte ich unzufrieden, während ich eine Büroklammer verbog. „Aber irgendwie … ach, ich weiß auch nicht.“ Ich legte die Büroklammer wieder zurück und stand auf. „Das Ganze war jedenfalls schrecklich. Der Mann hatte panische Angst. Ich konnte es spüren, Henry. Richtig körperlich spüren.“ Unruhig tigerte ich auf und ab.

Henry langte nach meiner Hand, um mich auf seinen Schoß zu ziehen, wie früher, wenn er mich tröstete. Der Stuhl ächzte bedenklich. „Hey, komm schon, Kleine. Es ist schlimm, einen Menschen sterben zu sehen. Und die meisten haben eine Scheißangst. Kein Wunder, dass es dich so mitnimmt, wenn du so hautnah dabei warst.“

Dumpf murmelte ich etwas an seiner Brust.

„Was sagst du?“

Theatralisch nach Luft japsend befreite ich mich. „Ich sagte, ich wäre dankbar, wenn ich diese Erfahrung heute nicht selbst machen müsste, weil du versuchst, mich zu ersticken.“ Ich war nicht zierlich, aber mein Bruder hatte die Figur eines Ringers.

Er strubbelte mir durchs Haar. „Oh, tut mir leid. Wir können ja heute Abend noch mal darüber reden.“

„Heute Abend gehe ich mit Daniel ins Kino. Und morgen fahre ich mit dem Fahrrad in Richtung Küste. Ich muss mal ein paar Tage raus.“

„Ein paar Tage?“ Henry sah mich skeptisch an. „Morgen ist Donnerstag.“

„Ja und?“

„Wie lange dauern ein paar Tage?“

„Warum?“, fragte ich betont langsam. „Ich frage Daniel, ob er am Freitag nachkommt. Und vielleicht bleibe ich länger als bis Sonntag. Ich hab ja noch fast drei Wochen Zeit, bis ich bei Lloyd’s anfange. Das Wetter soll doch vorläufig schön bleiben.“

Henry zeigte beim Lächeln die Zähne. „Nimmst du einen brüderlichen Ratschlag an? Fahr erst nächste Woche. Oder sei Samstag wieder da.“

Ich stöhnte. „Überraschungsparty?“

Henry betrachtete interessiert die Decke. „Ich hab nichts gesagt.“

„Und ich dachte, ich hätte ihm klargemacht, dass ich dieses Jahr keine Party möchte“, murrte ich. „Ich plane meinen Geburtstag lieber selbst. Oder gar nicht.“

„Komm schon. Dan macht das für dich. Und man hat schließlich nur einmal im Jahr Geburtstag.“ Energisch schob er mich Richtung Tür.

Ich lächelte schief. „Aber jedes Jahr wieder.“

„Mach, was du willst, Schwesterlein, aber lass mich jetzt weiterarbeiten, sonst bekomm ich noch Ärger mit meinen Patienten.“

Ich knuffte ihn noch einmal und trollte mich.

Dr. Jacob Grant
21, Black Street
Glasgow

An: Patricia Grant
4, Horseferry Road
City of Westminster, London

Glasgow, den 7. Februar 1933

 Liebe Patricia!

Ich fühle mich geehrt, dass sich D hat überreden lassen, es mit uns zu versuchen, und noch vielmehr, dass er unseren Vorschlag überhaupt in Erwägung gezogen hat. Ich verstehe seine Vorbehalte, die Du in Deinem Brief wohl ganz versehentlich zu erwähnen vergessen hast, denn sowohl Dir als auch mir mangelt es an seiner Erfahrung. Wie Du, halte auch ich es jedoch für dringend notwendig, den Zeichen der Zeit Rechnung zu tragen. Wir müssen handeln, bevor die Falschen profitieren! Richte D bitte aus, ich habe nicht vor, ihn zu enttäuschen.

Rechne mit mir Anfang März, denn viel zu regeln habe ich nicht.

Dein Cousin
Jacob

SIEBEN

Als Daniel mich am Abend abholte, erzählte ich ihm natürlich als Erstes von meinem Erlebnis in London. Er war ziemlich schockiert darüber, dass Kelly in meinen Armen gestorben war, daher bot er mir gleich an, den Kinoabend abzusagen.

„Nein, Blödsinn!“ Sein Feingefühl freute mich. „Ich bin ganz froh, wenn ich ein bisschen Ablenkung habe. In welchen Film gehen wir denn eigentlich?“

Er zögerte etwas zu lang. „Melinda kommt übrigens auch mit und … wir haben Karten für Inglourious Basterds …“ Es klang wie ein Zwischending aus einer Frage und einer Feststellung.

„Oh …“ Eigentlich hätte ich es mir denken können. Den Trailer hatten wir bei einem unserer letzten Kinobesuche mit unseren Freunden gesehen. Mit Ausnahme von mir, standen sie alle auf solche Filme, daher war Daniel klar, dass ich mir diesen Film nicht ausgesucht hätte – wobei ich sowieso nicht auf die Idee gekommen wäre, an solch einem schönen Sommerabend ins Kino zu gehen. Ich rechnete ihm hoch an, dass er spürte, dass mir ausgerechnet heute noch weniger der Sinn nach ausschweifend inszeniertem Mord und Totschlag stand als sonst.

Weil ich so lange nichts erwiderte, trat er von einem Bein aufs andere. Er konnte nichts für meine gedrückte Stimmung, daher ließ mich die Tatsache, dass er die Karten meinetwegen verfallen lassen würde, endgültig weich werden. „Ist schon in Ordnung. Lass uns ruhig gehen.“

„Sicher?“ Vorsichtig nahm er mich in den Arm. „Wir müssen nicht ins Kino, wenn du nicht willst.“

Ich stellte mich auf die Zehen, um ihm einen Kuss auf die Nase zu geben. „Es ist ja nur ein Film“, sagte ich. „Komm schon, die anderen warten.“

Natürlich war es nur ein Film, doch bei nahezu jedem Leinwandtoten musste ich an den toten Mr Kelly denken. Und es gab ziemlich viele Tote.

Als wir aus dem Kino kamen, schwirrte mein Kopf genauso wie die vielen Stimmen um mich herum. Ich versuchte, mich auf die Unterhaltung meiner Freunde zu konzentrieren.

„Irgendwie fand ich den Film ziemlich brutal.“ Sandy schüttelte sich. „Diese ekligen Szenen, wo sie die Nazis skalpieren, hätten sie sich sparen können.“

Diese Feststellung fand ich die Untertreibung des Jahres.

„Das soll doch bestimmt nur die Brutalität dieser Zeit verdeutlichen“, sinnierte Melinda, die wie immer versuchte, die tiefere Bedeutung zu ergründen. „Einerseits waren da die Nazis mit ihrer schrecklichen Ideologie und ihren furchtbaren Konzentrationslagern. Sie haben gefoltert und gemordet, weil sie Rassisten waren oder im Dienste ihrer sogenannten Wissenschaften. Andererseits wurden im Krieg doch auf allen Seiten Menschen getötet – und nicht nur die Deutschen waren grausam. Denk mal an Ostpreußen. Die Russen. Und ich bin ganz sicher, dass auch die anderen Alliiert…“

„Aber die Amerikaner haben niemanden skalpiert!“, unterbrach Sandy, empört darüber, dass die historischen Tatsachen derart verfälscht wurden.

„Natürlich nicht“, beschwichtigte Matt seine Freundin. „Aber wer von uns weiß schon genau, was damals so alles passiert ist? Das wissen doch nur die, die dabei waren.“

Im Foyer streifte ich unabsichtlich die Zeitung eines Lesenden, der an einem Tisch saß.

„Verzeihung!“ Ich sah kurz über meine Schulter nach hinten.

Für den Bruchteil einer Sekunde trafen sich unsere Blicke, bevor er sich wortlos wieder seiner Zeitung zuwandte. Wie angewurzelt blieb ich stehen. Seine Augen waren so schwarz wie die des Mannes im Anzug heute Nachmittag in London. Ich machte einen halben Schritt zurück, damit ich den Mann am Tisch noch einmal von der Seite betrachten konnte. Er trug eine Hornbrille, seine fettigen Haare lugten unter einem Baseballcap hervor und fielen ihm an den Seiten ins schmuddelige Gesicht, sein Mantel wirkte abgetragen. Mit hängenden Schultern saß er da, völlig in einen Zeitungsbericht vertieft.

„Cat?“ Daniel hatte bemerkt, dass ich stehen geblieben war. „Ist alles in Ordnung?“

„Ja, ich habe nur nach meiner Geldbörse geschaut“, schwindelte ich und schloss zu den anderen auf, die immer noch über den Film diskutierten.

„Gehen wir noch mit in den Pub?“, fragte Daniel.

Ich nickte, wobei ich den Impuls unterdrückte, mich noch einmal nach dem Mann am Tisch umzudrehen. Ich musste mir eingestehen, dass ich anscheinend wirklich unter Verfolgungswahn litt.

Patricia Grant
4, Horseferry Road
City of Westminster, London

An: Dr. Jacob Grant
21, Black Street
Glasgow

London, den 17. Februar 1933

Lieber Jacob!

Bitte nimm Dir genügend Zeit!

Ich habe ein schlechtes Gewissen gegenüber Deinen Eltern, denn in Anbetracht der gegenwärtigen politischen Lage ist nicht abzusehen, wann Du wieder heimkehren wirst. Du solltest den Auftrag keinesfalls unterschätzen!

Deine Cousine
Patricia

Leatherhead, Surrey

Sie besaß einen bemerkenswerten Instinkt für Absonderlichkeiten. In ihren Augen hatte er Argwohn aufblitzen sehen, genau, wie sie sich auf dem Rückweg von London immer wieder umgedreht hatte. Doch weder schien sie in diesen Dingen ausgebildet zu sein noch zu ahnen, warum er in ihrer Nähe geblieben war, daher reagierte sie wie die meisten Menschen – wahrscheinlich glaubte sie, sie würde es sich einbilden. Gut so.

Mit einer belanglosen Geste nahm er sein Handy und hielt es so, dass die Kamera ihm zeigte, was hinter ihm geschah. Es fiel ihm nicht schwer, die schlanke Gestalt mit den langen blonden Locken inmitten der Menschentraube auszumachen, die gerade das Kino verließ. Ohne sichtbare Eile erhob er sich ebenfalls und schlenderte hinaus. 

Die spätabendliche Dunkelheit war wie immer sein Freund, während er der Gruppe unauffällig durch die Straßen folgte, bis sie in einen Pub einkehrte. Sein Blick huschte umher, auf der Suche nach einem Ort, von dem aus er den Eingang gut im Blick behalten konnte. Er entschied sich für eine mächtige Eiche rund dreißig Meter entfernt auf einem kleinen Platz. Im Schatten des Stammes fand er bequem Platz. Er lehnte sich gegen das Holz und richtete seine gesamte Aufmerksamkeit auf die Atmosphäre seiner Umgebung. Es vergingen einige Minuten, in denen die einzige Bewegung das Blinzeln seiner Augenlider war. Er bemerkte nichts Beunruhigendes. Für den Moment konnte er sich entspannen.

Trotzdem: Ein mechanischer Kontrollgriff zeigte, dass seine Waffe, gut verborgen in einem Holster unter seiner rechten Achsel, jederzeit einsatzbereit war. Allerdings würde er sie nur in Notfällen benutzen, denn er bevorzugte leises, unauffälliges Vorgehen. Er schürzte die Lippen. Kelly hatte sich seiner nachdrücklichen Bitte widersetzt. Das war verhängnisvoll – für Kelly. Ohne Zögern hatte er das Problem aus der Welt geschafft.

Es ausgelöscht.

Unwillkürlich griff er sich an den rechten Unterarm und rieb über den Stoff. Prompt brannte seine verletzte Haut und rief die Erinnerung wach. An das Feuer. Ätzend biss der Geruch angesengter Haare und verbrannten Fleisches in seine Nase. Ein von frischen Brandwunden gezeichneter Körper, der vorher schon schwach und kränklich gewesen war, stürzte neben ihm ins kalte Wasser. Ihr Gesicht, eine Grimasse namenlosen Grauens, ein Zerrbild früherer Anmut. 

„Hilf … mir …“ Ihre Augen waren voller Zuversicht auf ihn gerichtet.

Allein konnte er es erreichen, das rettende Land. Aber für sie war es weit. Zu weit.

Seine Lippen bewegten sich tonlos. „Verzeih mir, Julia.“

Der lodernde Schmerz war verebbt und seine Gedanken fokussierten sich wieder auf die Frau.

Caitlyn Brown.

Hatte Kelly etwas zu ihr gesagt? Namen genannt? Er war nun sicher, dass sie die Tochter von Elisabeth Grant war, und er hatte das untrügliche Gefühl, dass Brown keine Ahnung hatte, was das bedeutete.

Dr. Jacob Grant
21, Black Street
Glasgow

An: Patricia Grant
4, Horseferry Road
City of Westminster, London

Glasgow, den 28. Februar 1933

Liebe Patricia!

Natürlich unterschätze ich den Auftrag nicht, ich bin schließlich kein Idiot. Also sorge Dich nicht jetzt schon um mich. Es genügt völlig, damit anzufangen, wenn Du allen Grund dazu hast, und den wird es früher oder später mit Sicherheit geben. Die Frage ist wohl weniger, wann ich wieder heimkehre, sondern ob überhaupt. Du siehst, ich mache mir keine Illusionen.

Ich habe es übrigens Vater erzählt und er findet, es ist meine Pflicht. Er wird Mutter erklären, was sie wissen muss, sobald ich fort bin. 

Finola lässt grüßen. Sie möchte Dich bald in London besuchen. Mit vierzehn hält sie sich für alt genug, endlich einmal Großstadtluft zu schnuppern – also mach Dich auf was gefasst.

Dein Cousin
Jacob

S F C E !

SECHS

Am nächsten Morgen schwang ich mich auf mein Fahrrad, um mich auf den Weg ans Meer zu machen. Anstatt den direkten Weg über die stark befahrene A24 zu nehmen, fuhr ich einen Umweg von fast zehn Meilen, der mich mitten durch die ruhigen grünen Hügel von Sussex führte. Mit jeder Meile, die ich zurücklegte, wuchs der Abstand zu den Ereignissen des Vortages. Trotzdem konnte ich mir nicht verkneifen, mich von Zeit zu Zeit umzusehen.

Für zwei Nächte mietete ich ein Zimmer im High Trees Guest House in Worthing. Hohe Bäume suchte man hier zwar vergebens, aber ich war schon öfter hier gewesen und kannte die netten Besitzer. Außerdem war es nicht weit bis zum Meer. Es war das letzte Haus in einer Reihe von denkmalgeschützten, roten Klinkerhäusern, die alle vor rund hundert Jahren, in der Zeit Edwards VII., erbaut worden waren. Die Blümchentapete mit dazu passenden Vorhängen und die gestärkte Bettwäsche gaben dem Zimmer ein altmodisches, aber gemütliches Flair.

Am frühen Freitagnachmittag saß ich an einem der Tische vor dem „blue ocean“, einem Fish & Chips Restaurant in unmittelbarer Nähe der belebten Strandpromenade. Vom Meer wehte der Geruch nach Salz und Sonne herüber. Das „blue ocean“ befand sich gleich am Anfang der Fußgängerzone, wo es wenig Verkehr gab, sodass mir der braune Lieferwagen eines Paketdienstes unwillkürlich auffiel. Während ich gerade abzuschätzen versuchte, ob ich noch genug Zeit haben würde, um der Burg in Arundel einen Besuch abzustatten, sah ich dem Fahrer zu, wie er mit dem elektronischen Lesegerät herumhantierte, etwas hinten aus dem Wagen holte und schließlich auf die Straße sprang. Er verzog den Mund zu einem charmanten Grinsen, als er schnurstracks auf mich zusteuerte. Dabei zeigte er beim Lachen seine ebenmäßigen Zähne, das kurze Haar stand wie eine Bürste von seinem Kopf ab.

„Ich hab was für Sie.“ Er legte ein Päckchen vor mir auf den Tisch. 

Verblüfft sah ich erst das Päckchen, dann ihn an. Schließlich lachte ich. „Wie oft hatten Sie damit schon Erfolg?“

„Erfolg?“ Fragend hob er die Brauen, während er mit dem Stift auf dem Display des Lesegerätes herumtippte. „Was meinen Sie denn damit?“

„Wie viele Verabredungen hat Ihnen so ein Päckchen schon eingebracht?“

Er zuckte mit den Schultern und hielt mir das Gerät samt Stift unter die Nase. „Wieso Verabredungen? Es ist doch mein Job, die Päckchen auszuliefern. Hier bitte unterschreiben.“

„Äh … wie jetzt …?“ 

„Bitte unterschreiben“, wiederholte er freundlich.

Ich warf einen Blick auf das Display. ‚Brown‘ stand dort. Dass mein Nachname stimmte, konnte nur Zufall sein – immerhin trugen einige Hunderttausend andere Menschen den gleichen Namen. „Das Päckchen ist doch nicht wirklich für mich“, sagte ich skeptisch. 

„Sicher ist es das.“ 

„Aber … nein … es weiß doch niemand, dass ich hier bin. Sie müssen mich verwechseln.“

Er tippte auf den Adressaufkleber. „Ich verwechsle nie etwas.“

„Was?“ Vollkommen verblüfft las ich: Ms Caitlyn R. Brown

Blue Ocean, 3 South Street, Town Centre, Worthing BN11 3AL

„Würden Sie dann jetzt bitte unterschreiben, Ms Brown? Ich muss nämlich weiter.“

Mechanisch kritzelte ich meinen Namen auf das Display.

„Danke.“ Er zwinkerte mir mit babyblauen Augen zu, dann steckte er mit einer schwungvollen Bewegung das Gerät wie eine Pistole in das Halfter an seinem Gürtel und verschwand.

Ohne mich zu rühren, starrte ich weiter auf den Adressaufkleber, als enthielte das Päckchen eine scharfe Bombe. Schließlich spürte ich, wie ein Lachen in meiner Kehle aufstieg. Ich raufte mir die Haare, während ich krampfhaft den Impuls unterdrückte, mich auffällig nach allen Seiten umzudrehen, um nach einer versteckten Kamera zu suchen. 

Das hier war vollkommen absurd!

In diesem Moment kam das Essen. Während ich langsam aß, wartete ich die ganze Zeit darauf, dass mich endlich irgendjemand über den Witz an der Sache aufklärte. Doch weder die Familie, die am Nebentisch lärmte, noch das verliebte Pärchen und erst recht nicht der Tourist, der zu essen vergaß, weil er die ganze Zeit an seiner Hightech-Kamera herumfummelte, schienen etwas damit zu tun zu haben.

Immer wieder tippte ich das Päckchen an und betrachtete es gründlich von allen Seiten. Auf dem Versandaufkleber stand zwar mein Name und die Adresse des „blue ocean”, aber kein Absender. Die üblichen Buchstaben- und Zahlenkombinationen, mit denen eine Sendung identifiziert und verfolgt werden konnte, gaben mir natürlich auch keine Auskunft.

Als ich aufgegessen hatte und immer noch niemand gekommen war, um die Aktion als Scherz zu enttarnen, nahm ich das Päckchen in die Hand. Es war sehr leicht. Vorsichtig wickelte ich das braune Packpapier ab. Darunter kam eine zweite Schicht zum Vorschein, an der die gefalteten Ecken mit einem Klecks roten Wachs versiegelt waren. Ich brach das Siegel und ein längliches, schwarzes Kästchen kam zum Vorschein. Im Inneren war es mit glänzend weißem Satin bezogen.

Darin lagen zwei Schmuckanhänger, die an einer bronzefarbenen Gliederkette befestigt waren. Als ich sie herauszog, fielen ein paar lange grüne Nadeln heraus, dem Aussehen und dem intensiven Geruch nach zu urteilen Kiefer. Die Kette war lang, schlicht und besaß grobe, ovale Glieder. Ein Anhänger war ein fein ziselierter Bartschlüssel, wie man ihn für Möbelschubladen oder Schatullen verwendete. Der zweite Anhänger war eine flache Scheibe, auf der beidseitig ein Stern sowie weitere ineinander verschlungene Linien, Sterne und Kreise eingraviert waren. An den Spitzen des siebenzackigen Sterns waren geschliffene Schmucksteine eingelassen. Die Steine funkelten in intensivem Blau, leuchtendem Grün, strahlendem Goldgelb, schillerndem Violett, erdigem Braun, kristallklarem Weiß und der letzte sogar in tiefem Schwarz.

Fasziniert ließ ich die Kette durch meine Hände gleiten. Als ich das Kästchen weiter untersuchte, fand ich nur ein schwarz-weißes Emblem, das auf den Satinstoff im Deckel gedruckt und identisch mit dem Abdruck des Wachssiegels war: ein gebogener Gürtel mit verschlungenen Buchstaben, in dessen Mitte Feuer züngelten.

Wer zum Henker hatte mir das Päckchen geschickt? Wer wusste, dass ich gerade hier saß? Und woher wusste der Fahrer eigentlich, dass ich die richtige Empfängerin war?

Weil der Anfangsbuchstabe meines zweiten Vornamens auf dem Adressaufkleber stand, schränkte das den Personenkreis, der als Absender infrage kam, stark ein. Selbst meine besten Freunde wussten nicht, dass ich überhaupt einen zweiten Vornamen hatte, denn ich mochte ihn nicht besonders. Rolanda – ich hätte gern gewusst, welcher Teufel meine Eltern geritten hatte, als sie mir diesen unmöglichen Namen verpassten. Daniel war einer der wenigen, die ihn kannten. Mit ihm hatte ich vorhin in seiner Mittagspause telefoniert und hatte ihm erzählt, wo ich Fisch und Chips essen wollte, denn wir waren einmal zusammen hier gewesen.

Allerdings war mir neu, dass ein Paketdienst solche Art der Zustellung akzeptierte – aber etwas Besseres fiel mir nicht ein.

„Ja?“ Im Gegensatz zu vorhin klang er fast schon abweisend.

„Wie hast du das angestellt?“

„Wie habe ich was angestellt?“ Im Hintergrund hörte ich Stimmen. „Du, ich bin gerade in einem Meeting.“

„Dann erzähl es mir später … danke schon mal für die Kette. Sie ist echt toll! Und woher hast du das Sieg…?“

„Was? Welche Kette?“

„Die Kette, die du mir gerade geschickt hast.“

„Ich habe dir keine Kette geschickt. Wie soll ich denn …? Oh, ja natürlich, Mr Vaughn … Cat, tut mir leid, ich muss Schluss machen.“ Er legte auf.

Ich sah mein Handy an. Wenn Daniel mir die Kette nicht geschickt hatte, wer war es dann? Nachdenklich strich ich mit dem Zeigefinger über die weichen Kiefernnadeln und betrachtete das Emblem und die Buchstaben.

S F C E.

Ich hatte nicht die geringste Ahnung, was das bedeuten sollte.

4.7.1935

Telegramm von: Eudora Shaw, Royal Botanic Gardens, Richmond, Surrey

An: Dr. Gregory Fletcher, Botanisches Institut, Berlin

Juncus ambiguus empfohlen STOP Gewächshaus erst renovieren STOP Blaue und gelbe Lilien luxurieren STOP Dauerhafter Erfolg wünschenswert STOP

SFCE

Worthing, Sussex

Der UPS-Wagen verließ Worthing über die Upper Brighton Road und den vierspurigen Sompting Bypass. Schon einen Kilometer weiter war die Besiedlung nur noch spärlich und es überwog das satte sommerliche Grün der englischen Hügel. Der Wagen bog in die schmale Church Lane ab und hielt kurz darauf auf dem kleinen Schotterparkplatz der St. Mary’s Church, der, von dichtem Buschwerk umstanden, dazu geeignet war, neugierige Blicke abzuschirmen. Freddy drehte sich halb zu der alten Dame um, die im Laderaum zwischen den Päckchen auf einem Notsitz Platz genommen hatte. Ihre perfekt sitzende Kurzhaarfrisur war schneeweiß, das dezent aufgetragene Make-up betonte ihre stahlblauen Augen gerade richtig und ließ die welke Haut ihres Gesichts eher nebensächlich erscheinen. Es war schwer, ihr Alter zu schätzen.

„Vielen Dank für Ihre Mühe, Freddy.“ Sie erhob sich.

„Warten Sie! Ich helfe Ihnen!“ Freddy beeilte sich, aufzustehen.

Sie machte eine Handbewegung, als wollte sie eine lästige Fliege verscheuchen. „Nicht nötig. Ich komme sehr gut allein zurecht.“

Mit erstaunlich geschmeidigen Bewegungen ging sie nach vorn auf den Beifahrersitz und öffnete die Tür. Bevor sie ausstieg, hielt sie ihm einen Umschlag hin. Ihre grazilen Hände waren übersät mit Altersflecken. Am Ringfinger ihrer linken Hand trug sie einen alten Siegelring.

„Das haben Sie sich verdient, junger Mann. Immerhin habe ich Sie mit meinem Anliegen eine ganze Weile von Ihrer Arbeit abgehalten. Da müssen Sie heute wohl ein wenig länger ran.“

Betont gleichgültig zuckte Freddy mit den Schultern und griff nach dem Umschlag. Er konnte das Geld gut gebrauchen, daher war ihm die Zeit egal.

Während sie langsam ausstieg, verwarf er den Gedanken, das Geld im Umschlag gleich nachzuzählen. Bevor sie losgefahren waren, hatte die Frau ihm hundert Pfund gegeben und ihm dieselbe Summe noch einmal versprochen, wenn er ihr half, das Päckchen wie eine normale Sendung mit einem echt wirkenden Aufkleber zu versehen und abzuliefern – allerdings hatte sie darauf bestanden, mitzukommen. Zuerst war er deswegen verärgert gewesen, doch mit dem Charme einer waschechten Lady hatte sie ihm versichert, dass sie selbstverständlich nicht an seiner Aufrichtigkeit zweifle, sondern nur gern einen Blick auf die Empfängerin werfen wolle.

Neugierig geworden, hatte er schließlich zugestimmt. Die Frau hatte ihren Namen nicht genannt und ihrem Akzent nach zu urteilen, kam sie nicht aus der Gegend. Irgendwo aus dem Norden, tippte er. Schottland vielleicht.

„Auf Wiedersehen, Freddy“, sagte sie, während sie Anstalten machte, die Tür zu schließen.

„Madam – warten Sie. War das eigentlich Ihre … ich meine, eine Verwandte von Ihnen?“ Nachdem er sein Geld bekommen hatte, war es ihm gleichgültig, ob sie seine Frage aufdringlich fand. Er ging jede Wette ein, dass eine merkwürdige Familienangelegenheit dahintersteckte. 

Die Frau hob eine Braue. „Wie kommen Sie darauf?“

„Weil … na ja, Sie sehen ihr ein bisschen ähnlich.“ 

Als er das Päckchen übergeben hatte, war es ihm aufgefallen. Die hohen Wangenknochen, Form und Stellung der Augen und besonders die Mimik – die gerade jetzt, wo sie überrascht war, ziemlich gleich ausfiel. 

Helles Lachen, wie man es bei einer alten Frau nicht vermutet hätte, perlte durch die Sommerluft. Sogar dieser Klang hatte eine Färbung wie bei der Empfängerin des Päckchens.

„Junger Mann, ich glaube, Ihre Fantasie geht gerade mit Ihnen durch.“ Sie wollte sich schon abwenden, doch dann sah sie ihn noch einmal an. „Eigentlich geht es Sie nichts an, aber da Sie es anscheinend mögen, zu fabulieren: Sie ist die Enkelin meines Cousins.“ Mit so leiser Stimme, dass er sie kaum verstand, ergänzte sie mehr zu sich selbst: „Und ich hoffe bei Gott, dass ich gerade keinen Fehler gemacht habe.“ Dann schlug sie die Tür mit einer solchen Heftigkeit zu, dass Freddy zusammenzuckte, und ging zu einer schwarzen Limousine, die wie aus dem Nichts vorn auf der Straße aufgetaucht war.

Geschlagene fünf Minuten saß Freddy hinter seinem Steuer und starrte dem längst verschwundenen Wagen nach. Schließlich nahm er seine Arbeit wieder auf.

FÜNF

Der Sonntag war fast zwei Stunden alt, als ich in meinem Zimmer Giebel- und Dachfenster sperrangelweit öffnete. Nach dem schwülen Tag war es immer noch heiß und stickig hier oben. In der Ferne sah ich Wetterleuchten. Mit einem Seufzer ließ ich mich rücklings auf mein Bett fallen und starrte an die Dachschräge über mir. 

Nachdem ich am Nachmittag zurückgekehrt war, hatte Daniel mich zum Eisessen eingeladen, anschließend hatten wir einen Spaziergang gemacht und waren dann zu seinen Eltern gefahren, wo – Überraschung, Überraschung – ein Teil meiner Geburtstagsgäste bereits eingetroffen war. Es war wirklich alles perfekt organisiert und ich brauchte nicht mehr zu tun, als das Fest zu genießen. Bis Mitternacht war es auch recht schön gewesen, daher hatte ich Daniel seine Eigenmächtigkeit schon halb verziehen.

Doch jetzt war mein Kopf voller denn je, und ich würde sowieso keinen Schlaf finden. Ich rieb mir die Schläfen und stand auf. Suchend ließ ich die Finger über meine CDs gleiten. Vivaldis Vier Jahreszeiten waren jetzt genau das Richtige, um ein wenig zur Ruhe zu kommen. Ganz leise, um niemanden zu stören, erklang schließlich das heitere Thema des Frühlings.

Weit in der Ferne hörte ich Donnergrollen. Die Atmosphäre war von dem bevorstehenden Gewitter aufgeladen. Weil ich nicht so recht etwas mit mir anzufangen wusste, setzte ich mich an den Schreibtisch und klappte den Laptop auf. Während er hochfuhr, sichtete ich den Stapel Post, der während meiner Abwesenheit für mich angekommen war. Einen Brief von der Lloyd’s zu öffnen, verschob ich auf später, es hatte sicher mit meinem neuen Job zu tun und das eilte nicht. Die Werbung wanderte ungelesen in den Papierkorb. Zwei Briefe enthielten Geburtstagsgrüße von der Verwandtschaft meines Vaters. Ein gepolsterter DIN-A5-Umschlag war in nichtssagenden, mit Kugelschreiber geschriebenen Druckbuchstaben adressiert – samt Initiale meines zweiten Vornamens! Es gab keinen Absender. Laut Poststempel war er in London aufgegeben worden.

Unwillkürlich berührte ich meine neue Kette. Daniel hatte hoch und heilig beteuert, sie mir nicht geschickt zu haben, und dann rasch über die Begeisterung für seine Überraschungsparty das Interesse daran verloren. Befand sich die Antwort auf die Frage, von wem die Kette stammte, vielleicht in diesem Brief? Ich zog mir die Kette über den Kopf und legte sie daneben.

Ich seufzte tief.

Nicht jetzt. Im Moment hatte ich die Nase gestrichen voll von Überraschungen und Problemen jeglicher Art. Die Wendung, die mein Leben zwei Stunden vorher genommen hatte, als Problem zu bezeichnen, wäre zwar übertrieben, aber eine Überraschung war es definitiv gewesen. Anstatt vor Glück durch die Gegend zu tanzen, fühlte ich mich ausgelaugt und leer. Unschlüssig betrachtete ich den wunderschönen Ring mit dem kleinen Diamanten, der seit Mitternacht an meiner rechten Hand steckte und natürlich wie angegossen passte. Ich zog ihn vom Finger und legte ihn ebenfalls auf den Tisch. 

Dann öffnete ich mein E-Mail-Programm, las flüchtig einige Geburtstagsgrüße, die dank moderner Technik pünktlich um Mitternacht in meinem Postfach gelandet waren. Einer stammte von meinem Paten Emrys Prestwich, einem alten Freund der Familie, der im diplomatischen Dienst der Regierung arbeitete. Er schrieb, er könne leider nicht anrufen, da er im Ausland sei, wünsche mir aber alles Gute. Ich antwortete ihm gleich, er solle sich keine Gedanken machen, wir könnten ein anderes Mal telefonieren.

Kaum hatte ich die Nachricht abgeschickt, erklang der Ton meines Messengers.

 
E_DoA:
Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, Liebes.

 

Cat:
Danke.  An welchem Ende der Welt bist du gerade?


E_DoA:
Jakutsk.

 

Cat:
Was machst du denn da?


E_DoA:
Mich darüber wundern, dass du dich um diese Zeit im Netz rumtreibst. Bei dir muss es doch mitten in der Nacht sein.

 

Cat:
Viertel nach zwei. Daniel hat eine Party für mich organisiert, um in meinen Geburtstag hineinzufeiern.


E_DoA:
Und da bist du schon zu Hause?

 

Cat:
Ich war ein paar Tage mit dem Rad an der Küste und bin erst heute Nachmittag zurückgekommen. Ich war müde.


E_DoA:

Müde?

 

Cat:
Jap. Es sind fast 60 Meilen!


E_DoA:

Was hat er angestellt? Ich meine, außer eine Party zu organisieren.

 

Cat:
Nichts. Was soll er angestellt haben?


E_DoA:

So schlimm?

 

Ich lächelte matt. Emrys Fähigkeit, Ungesagtes zwischen den Zeilen herauszuhören oder – zu lesen, war manchmal direkt unheimlich. Wenn ich ihm das sagte, lachte er jedes Mal und behauptete, in seinem Alter wäre das keine Kunst mehr.

 

Cat:
Ist schon okay.

 

Ich drückte „senden” und wartete. Doch als Emrys nicht antwortete, setzte ich nach.

 

Cat:
Wirklich.

 

Ich lehnte mich im Schreibtischstuhl zurück. Immer noch nichts. Genervt verdrehte ich die Augen.

 

Cat:
Du wirst es sowieso bald erfahren. Daniel hat gerade vor versammelter Mannschaft verkündet, dass wir bald heiraten werden.

 

Immer noch keine Reaktion.

 

Cat:
Und ehe ich michs versah, hatte ich den Ring am Finger und alle gratulierten uns beiden zur Verlobung – und nicht nur mir zum Geburtstag.


E_DoA:

Hat er dich vorher etwa nicht gefragt?

 

Cat:
Nope.


E_DoA:

Oh.

 

Cat:
Ja. Oh.


E_DoA:

Dann willst du ihn gar nicht heiraten?

 

Cat:
Doch.

 

Cat:
Nein.

 

Cat:
Nicht jetzt jedenfalls.

 

Cat:
Später.

 

Cat:
Vielleicht.


E_DoA:

Warum zögerst du?

 

Ein kühler Luftzug streifte durch den Raum. Ich rieb mir die Stirn. Warum zögerte ich? Genau diese Frage stellte ich mir auch. Daniel war ein wunderbarer Mann. Eine gemeinsame Wohnung, heiraten, Kinder, ein Haus – schließlich verdienten wir beide gut. Kurzum: eine gesicherte Zukunft. Aber euphorisch wegen dieser verlockenden Aussicht war ich überhaupt nicht. Versonnen betrachtete ich ein Foto, das an meiner Pinnwand hing. Die wilden, kargen Berge des schottischen Hochlands, dazwischen das graublaue Wasser des Loch na Sealga. Dann riss ich mich zusammen. Das war vorbei.

Der Messenger gab Laut.

 


E_DoA:

Du solltest dir Zeit nehmen, bevor du dich entscheidest.

 

Cat:
Hört, hört. Da spricht wohl Emrys, der Weise. Natürlich tue ich das.


E_DoA:

Warum hast du dich wirklich bei der Lloyd’s beworben? Wegen Daniel?

 

Cat:
Nur, dass wir uns richtig verstehen: Um meinen Job geht es jetzt gerade überhaupt nicht.


E_DoA:

Ich habe damals nicht umsonst deine Entscheidung unterstützt, Lehrerin zu werden, und soviel ich weiß, hast du es bislang nicht bereut. Bei der Lloyd’s im Büro wirst du auf Dauer nicht glücklich.

 

Cat:
Bist du etwa sauer, weil ich nicht das tue, was du für richtig hältst, oder schaust du neuerdings in eine Kristallkugel?


E_DoA:

Nein, obwohl mein Urgroßvater eine sehr schöne besessen hat. Aber soviel mir bekannt ist, hat sie ihm nicht die Zukunft verraten, daher wurde sie dem British Museum gestiftet.

 

Cat:
Sehr witzig.


E_DoA:

Um dich zu verstehen, brauche ich allerdings nur meinen gesunden Menschenverstand.

 

Cat:
Was soll das? Ich erzähle dir von meiner bevorstehenden Hochzeit und du fragst, warum ich mich bei der Lloyd’s beworben habe. Als ob das etwas miteinander zu tun hätte! Was hattest du gestern zum Abendessen? Fliegenpilze?


E_DoA:

Nein. Ucha – Fischsuppe, eine lokale Spezialität. Pilze waren meines Wissens nicht darin.

 

Cat:
Dann war der Fisch verdorben.


E_DoA:

Caitlyn, Liebes, natürlich hat es etwas miteinander zu tun. Du hast Daniel zuliebe diese Stelle angenommen. Er weiß das, denn er ist ein intelligenter, einfühlsamer Mensch, daher nahm er das als Zeichen – und wollte nun seinerseits eins setzen. Mir scheint allerdings, du haderst damit und solltest möglicherweise eine solch weitreichende Entscheidung mit gebührendem Abstand treffen. Fernab von den Dingen, um die es geht. So etwas ist immer ratsam – insbesondere, wenn es sich bei den „Dingen” um Männer handelt. Oder Frauen. Je nachdem.

 

Cat:
Jetzt kommt wieder das Kapitel mit deiner Lebenserfahrung.


E_DoA:

Nun, ich verfüge über eine ganze Menge davon und lasse dich gern an meinem reichhaltigen Schatz teilhaben.

 

Augen rollend gab ich etwas in die Suchmaschine ein. Draußen hörte ich die Blätter der Bäume rauschen. Der Donner wurde allmählich lauter.

 

Cat:
Auf ganz Anglesey oder in Bangor finden sich keine freien Stellen mehr. Also schlag es dir aus dem Kopf – nur für den Fall, dass du mit diesem Vorschlag bezwecken wolltest, dass ich mich ganz spontan noch irgendwo in der Nähe von Glasmaris bewerbe. Das meintest du doch mit „fernab”, oder?

 

Es war nicht das erste Mal, dass Emrys mir den Vorschlag machte, für eine Weile zu ihm nach Anglesey zu kommen, doch bisher hatte es sich irgendwie nie ergeben.

 


E_DoA:

Kluges Mädchen. Ich habe übrigens einen guten Draht zum Schulleiter der Ysgol in Glasmaris. 

 

Cat:
Zu wem hast du eigentlich keinen guten Draht?

 

E_DoA:
Die Ysgol hängt die freien Stellen nicht an die große Glocke, sondern sucht sich die benötigten Kräfte ausschließlich auf Empfehlung – im Klartext: Darüber findest du niemals etwas in der Zeitung oder gar im Netz. Ganz zufällig weiß ich, dass der Schulleiter Lord Scratby für das kommende Schuljahr noch jemanden mit deiner Qualifikation sucht. Und auch Avril würde sich bestimmt über deinen Entschluss freuen. Hin und wieder fragt sie übrigens nach dir.

 

Cat:
Hör auf, mir Honig um den Bart zu schmieren.


E_DoA:

Du könntest ganz bequem den Zug von London nach Bangor nehmen. Oder hast du inzwischen ein Auto?

 

Cat:
Emrys!

 

Kichernd öffnete ich die sehr schlicht gestaltete Website der Ysgol Glasmaris, die kaum nennenswerte Informationen über Allgemeinplätze hinaus bot. 

 

Cat:
Ich lass es mir durch den Kopf gehen, okay?


E_DoA:

Gut! Ich muss los, ich habe gleich einen Termin im historischen Museum. In zwei oder drei Wochen bin ich wieder in Glasmaris. Du bist jederzeit willkommen, auch, falls dir einfach nur nach einem Tapetenwechsel zumute ist. Sag einfach den Yates Bescheid, sie werden sich um alles kümmern. Hwyl!

 

Schon war er offline. Ich lehnte mich zurück und verschränkte die Hände hinter dem Kopf. Der Wind hatte zugenommen und Blitze zuckten in kurzen Abständen über den Himmel. Ich stand auf, um das Dachfenster zu schließen. Bevor Daniel mir die Vorteile eines Jobs bei der Lloyd’s schmackhaft gemacht hatte, wäre ich nicht auf die Idee gekommen, meinen Job als Lehrerin an den Nagel zu hängen, nur weil gerade zufällig mein Vertrag an der Highschool auslief. Ich hätte sicher an einer anderen Schule in der Gegend etwas gefunden. Emrys hatte also recht.

Auf Anglesey wäre ich weit weg von meinem bisherigen Leben – und so ungern ich es zugab: Abstand war wohl wirklich das, was ich gerade brauchte, um herauszufinden, ob ich mit Daniel meine Zukunft verbringen wollte.

Eine E-Mail mit mehreren Anhängen traf ein.

Denk darüber nach, Liebes! 

Wenn du noch Fragen hast, ruf Avril an. Ihre Nummer findest du in den Unterlagen im Anhang. Falls es dir zusagt: Schicke einfach ein unterschriebenes Exemplar und eine Kopie deiner Zeugnisse per Post an die Schule und du hast eine neue Stelle!

Gruß
Emrys

PS: Ich setze sowohl Avril als auch den Schulleiter ins CC – nur für den Fall.

„Nur für den Fall. Schon klar!“

Ich seufzte. So einfach war das für ihn.

Emrys war es gewohnt, dass man seinem Urteil einen gewissen Stellenwert zuschrieb. Zwar stellte er seine Autorität selten heraus, doch dummerweise traf er mit seinen Ansichten so oft den Nagel auf den Kopf, dass es schwer war, sich ihm mit guten Argumenten zu widersetzen. Und im Moment wusste ich nicht mal genau, ob ich überhaupt wütend auf ihn sein konnte, weil er mich so überrumpelt hatte. Er servierte mir ein Jahr Bedenkzeit auf dem Silbertablett – ohne dass mir bis gerade eben überhaupt klar gewesen war, dass ein guter Grund für einen Aufschub meiner Hochzeit genau das war, was ich wollte.

Die Ysgol war ein kleines, elitäres Internat für Kinder aus gut situierten Familien. Eigentlich war es kein Wunder, dass die Stellen dort mehr oder weniger unter der Hand vergeben wurden, denn ein Platz an einer solchen Schule war natürlich begehrt – sowohl für die Schüler als auch für Lehrer. Avril O’Donohoe, seit über dreißig Jahren an der Ysgol tätig und stellvertretende Schulleiterin, war eine enge Vertraute Emrys’, die mich bei meinen wenigen Besuchen ins Herz geschlossen hatte. Die Sympathie beruhte auf Gegenseitigkeit. Außerdem hatte Mum früher anklingen lassen, dass Emrys die Schule alljährlich mit einem nicht unerheblichen Budget ausstattete, sodass ihm niemand den Wunsch abschlagen würde, mich dort unterzubringen.

Auch nicht der Schulleiter. Ich erinnerte mich noch an den stets gut gelaunten, rundlichen Marcus Pennyworth, der jedoch den Unterlagen zufolge inzwischen abgelöst worden war. Der neue war Emrys sicher genauso gewogen wie sein Vorgänger.

Ich trat zum Giebelfenster. Der Wind wehte angenehm kühl ins Zimmer und übertönte das sonst stets hörbare leise Brummen der M25, die ein paar Hundert Meter entfernt verlief. Ich stützte mich auf der Fensterbank ab. Der erste Regen tröpfelte leise auf das Fenstersims. Ein Blitz zuckte über den Nachthimmel, gleich darauf donnerte es anhaltend.

Der Job bei der Lloyd’s war lukrativer als eine Stelle als Lehrerin – aber wenn ich ehrlich mit mir war, spürte ich kein Bedauern bei der Aussicht, ihn nicht anzutreten. Noch war ich unabhängig, und warum zum Henker, sollte ich das nicht nutzen?

Es blitzte, donnerte beinahe gleichzeitig, und ein jäher Windstoß fegte den Geruch warmer, feuchter Erde ins Zimmer. Regen landete wie eisige Nadelstiche auf meinen Armen. Ich schauderte. 

„Okay, Daniel“, sagte ich laut in die Nacht. „Du wirst dich mit unserer Hochzeit wohl gedulden müssen.“

Stirling, Schottland

Ruckartig erwachte Patricia Grant aus einem unruhigen Schlummer. Sie rieb sich die Augen. Es war immer noch Nacht, der schwarze Vauxhall Insignia hatte die Geschwindigkeit reduziert und bog von der Autobahn ab.

„Was ist los, Finley?“ Etwas mühsam richtete sie sich auf und rieb sich den Nacken.

Das glatte, wohlproportionierte Gesicht des Mannes verzog sich zu einem bedauernden Lächeln. „Ich wollte dich nicht wecken, Patricia, aber wir sollten lieber tanken, bevor wir in die Highlands fahren.“

Sie unterdrückte ein Gähnen. „Wo sind wir, und wie spät ist es?“

„In Stirling und es ist nach drei. Du hast lange geschlafen.“ Finley musterte sie mit unverhohlener Besorgnis, während er zu der wie ausgestorben wirkenden Tankstelle fuhr. Nur das Licht im Kassenhäuschen zeugte davon, dass überhaupt jemand da war. „Geht es dir gut?“

„Es ging mir selten besser“, antwortete sie entschieden.

Finley kratzte sich am Kopf und schien sich eine Bemerkung zu verkneifen. „Soll ich dir etwas mitbringen? Einen Tee vielleicht?“

„Nein danke.“

Er stieg aus. Patricia lehnte ihren Kopf zurück und beobachtete ihn durch das Fenster. Eigentlich mochte sie es nicht, wenn er sein Haar lang trug. Inzwischen reichten ihm die weißblonden Haare schon bis auf die Schulter, doch gerade das und sein ebenmäßiger Teint betonten die erfreuliche Ähnlichkeit mit seiner Mutter. Seine beachtliche Größe, Statur und leider auch seine meergrauen Augen erinnerten hingegen sehr an seinen Erzeuger. Auch nach so vielen Jahren weigerte sich Patricia sogar in Gedanken, diesen Widerling als Finleys Vater zu bezeichnen. Nach dem frühen Tod seiner Eltern war Finley für sie der Sohn geworden, den sie niemals gehabt hatte. Und er kannte sie besser als jeder andere Mensch. Finley hatte selbstverständlich recht. Es ging ihr nicht gut. Aber er wusste genau, dass sie keine Veranlassung sah, das zuzugeben.

Nicht zum ersten Mal verfluchte sie die zunehmenden Unannehmlichkeiten des Alters. Gut und gern hätte sie auf ein paar Jahrzehnte verzichtet, doch Selbstmitleid hatte noch niemandem genützt, daher riss sie sich zusammen und klappte die Sonnenblende herunter, um sich in dem kleinen, beleuchteten Spiegel zu betrachten. Sie zupfte ein wenig an ihren schneeweißen Haaren herum und korrigierte mit einem Wisch ihres kleinen Fingers das Make-up rund um ihre Augen. Dann zog sie ihre Lippen nach. Eitelkeit war der einzige Luxus, den sie sich gönnte.

Es wäre schön gewesen, sich die Füße zu vertreten, denn seit sie am Donnerstag in Halifax das Flugzeug bestiegen hatte, um nach Brüssel zu fliegen, hatte sie mehr Zeit im Sitzen verbracht, als ihr lieb war. Doch zu ihrem eigenen Ärger fühlte sie sich im Auto besser aufgehoben. Mit leiser Wehmut dachte sie an eine Zeit zurück, in der sie jünger und wagemutiger gewesen war. 

Bei einem letzten Blick in den Spiegel hielt sie plötzlich inne. Sie bog die Sonnenblende ein wenig zurecht und verengte die Augen zu Schlitzen. In diesem Moment kam Finley zurück, einen Becher Tee in der Hand, den er ihr vor die Nase hielt.

„Ich sagte doch, ich möchte nichts!“, sagte sie, ohne den Blick vom Spiegel zu nehmen.

„Der ist für mich, und es wäre nett, wenn du ihn kurz halten würdest.“

Sie ignorierte den Becher. „Sieh in den Rückspiegel. Der dunkle SUV unter den Kiefern. Meine Augen sind nicht mehr die besten, aber mein sechster Sinn ist immer noch der alte. Ich bin mir sicher, dass ich ihn schon mehr als einmal gesehen habe.“

„Ja, ich weiß. Er folgt uns, seit wir London verlassen haben.“

Ihr Kopf ruckte herum. „Und wann gedachtest du, mir das mitzuteilen?“, fragte sie scharf.

„Ich wollte dich nicht beunruhigen.“ Er blies auf den Tee.

„Mich nicht beunruhigen? Herrgott noch mal, Finley! Was glaubst du, wen du vor dir hast? Ich war schon in diesem Geschäft, als deine Mutter noch ein Schulmädchen war! Mich nicht beunruhigen!“ Sie stieß einen abfälligen Laut aus. 

„Ich mache das hier ebenfalls schon eine ganze Weile, Patricia“, sagte Finley ernst. „Aber ich weiß auch, wie viel dir daran liegt, nach all den Jahren in Kanada noch einmal nach Schottland zu kommen.“ Seine Stimme verklang bei den letzten Worten, und er ließ unausgesprochen, dass es vielleicht ihre letzte Gelegenheit sein könnte.

Unwirsch nahm sie ihm den Tee ab. „Aber nicht um jeden Preis.“

Beide Hände auf dem Lenkrad, atmete Finley tief durch. „Tut mir leid, ich wollte dir nur einen Gefallen tun.“

Sie legte ihm eine Hand auf den Arm. „Ich weiß, Finny.“

Er lächelte leicht, weil sie den Kosenamen aus seinen Kindertagen benutzte, was immer ein Zeichen dafür war, dass sie ihm eigentlich schon verziehen hatte.

„Vielleicht haben wir sie zu Caitlyn geführt.“ Vorsichtig nahm sie nun doch einen Schluck Tee. „Dieser Kerl mit der Kamera am Nebentisch in Worthing. Etwas an seinem Verhalten … ich kann es nicht erklären, aber …“ 

„Wenn sie in Gefahr wäre, wüssten wir längst davon.“

„Bist du dir sicher?“

„Absolut!“

Patricia sah ihn zweifelnd an. „Aber offensichtlich haben sie uns gefunden!“

„Ja, und zwar genau so, wie wir Caitlyn gefunden haben. Über ein eingeschaltetes Handy“, sagte Finley schulterzuckend. „Oder glaubst du etwa, ich hätte neuerdings übersinnliche Fähigkeiten, weil ich wusste, wo wir sie suchen sollten? Mit der fraglichen Handynummer und dem nötigen technischen Equipment ist es heutzutage keine Schwierigkeit mehr, die passenden Funkzellen auszumachen und damit einen Suchradius einzugrenzen oder Bewegungsmuster zu erstellen. Ich habe mein Handy in London wieder eingeschaltet, daher konnten sie unseren Weg verfolgen und sich an unsere Fersen heften – was sie nebenbei weit weg von Caitlyn führt.“

„Ich weiß schon, warum ich diese neumodische Technik ablehne“, brummte Patricia. „Kannst du sie loswerden?“

Finley warf ihr einen spöttischen Blick von der Seite zu. „Natürlich kann ich das. Aber wenn ich das tue, wissen sie mehr über mich, als mir lieb ist. Es war schon riskant, für mehr als zwei Tage von der Bildfläche zu verschwinden. In London war eine unverfängliche Gelegenheit, einfach wieder aufzutauchen, bevor sie nervös werden. In den vergangenen drei Jahren habe ich erfolgreich den Eindruck vermieden, ich sei etwas anderes als der Rechtsanwalt Adam Scott junior aus Inverness.“ Er startete den Wagen. „Bis jetzt können sie allenfalls ahnen, dass ich nicht der bin, für den ich mich ausgebe, und bei dieser Ahnung sollten wir es auch belassen. Also fahren wir.“

„Und was ist mit mir? Du glaubst doch nicht wirklich, dass mich niemand erkennt, wenn ich plötzlich in Inverness über die Straße spaziere?“, erkundigte sich Patricia sarkastisch.

„Ja, das glaube ich in der Tat. Es ist lange her, dass du zuletzt auf britischem Boden gewesen bist. Außerdem hast du dich verändert. Du trägst deine Haare viel kürzer.“

Sie schnaubte, konnte sich aber ein Lächeln nicht verkneifen.

„Hör zu, Patricia“, sagte Finley sanft. „Ich hätte dir keinen Abstecher nach Schottland vorgeschlagen, wenn ich es für gefährlich hielte. Also vergiss den Wagen und tu einfach so, als wärst du eine nette alte Dame auf Verwandtenbesuch.“

Patricia ging nicht auf seinen scherzhaften Ton ein. „Nein. Fahr zurück nach Glasgow. Bring mich zum Flughafen.“

Überrascht sah Finley sie an. „Du kannst nicht von einem britischen Flughafen aus fliegen. Sobald du eingecheckt hast, könnte man deinen Decknamen auf der Passagierliste ausmach…“

„Schnickschnack“, unterbrach Patricia ihn energisch. „Ich bin alt, aber nicht senil. Natürlich reise ich nicht mit meinem kanadischen Pass. Zur Sicherheit habe ich noch einen französischen – er ist nicht sehr gut, aber für einen innereuropäischen Flug wird er ausreichen. Ich werde nach Paris fliegen, wo sich Madame Marie Legrand ganz schnell in Luft auflöst.“ 

Finley verzog das Gesicht. „Ich weiß nicht, Patricia. Die Reise war furchtbar anstrengend, und du solltest dich jetzt erst mal ein paar Tage ausruh…“

„Ausruhen kann ich mich auf meiner Farm.“

„Natürlich, aber …“

„Keine Widerrede! Fahr jetzt.“

Seufzend rieb sich Finley über das Gesicht.

Er wusste, wann er besser den Mund halten sollte.

Worthing, Sussex

Freddy hasste Montage. 

Jeden Montag hatte er das Gefühl, doppelt so viele Sendungen ausliefern zu müssen wie sonst. Mindestens. Der halbe Arbeitstag war um, doch er hatte noch nicht einmal die Hälfte der Pakete ausgeliefert. Gereizt stieg er auf die Bremse und parkte den Lieferwagen mitten vor dem Haupteingang der großen Pharmafirma im Northbrook Business Park. Es war ihm gleichgültig, ob der Pförtner ärgerlich gestikulierte, damit er wegfuhr. Heute war ihm jeder Meter recht, den er sich sparen konnte. Als er mit dem riesigen Stapel Sendungen aus dem Wagen sprang, warf er dem Pförtner einen mitleidheischenden Blick zu, den dieser mit einer resignierenden Geste erwiderte.

Zu Freddys Erleichterung wurde er seine Fracht schnell los und war in Rekordzeit wieder bei seinem Fahrzeug, in Gedanken dabei, die nächsten Auslieferungen so umzusortieren, dass er irgendwo noch ein paar Minuten einsparen konnte. Erst als er den Wagen schon fast erreicht hatte, bemerkte er den Mann, der neben dem Wagen auf ihn wartete. Ganz sicher war der ihm noch nie begegnet.

Die dunklen Augen fixierten Freddy mit ungewöhnlicher Intensität, die straff nach hinten gegelten Haare und seine spitze Nase unterstrichen das raubvogelartige Aussehen. Trotz des schwarzen Anzugs wirkte der Mann nicht, als wäre ihm in der heißen Augustsonne zu warm.

Da der Mann den Weg zum Einsteigen versperrte, blieb Freddy nichts anderes übrig, als stehen zu bleiben. „Kann ich etwas für Sie tun, Sir?“, erkundigte er sich, wobei er sich bemühte, nicht allzu ärgerlich zu klingen. Schließlich wusste er nicht, wer der Mann war und was er von ihm wollte, und bislang hatte er deutlich bessere Erfahrungen damit gemacht, erst einmal höflich zu bleiben.

Das Lächeln seines Gegenübers erreichte die dunklen Augen nicht. „Es geht um die Lieferung letzten Freitag.“

Freddys Magen machte einen Hüpfer. „Sir“, fragte er mit möglichst neutralem Unterton. „Welche Lieferung meinen Sie?“

Das unterkühlte Lächeln blieb. „Brown. Blue ocean.“

„Oh …“ Freddy schluckte. Verdammt. Es war also doch ein Fehler gewesen.

Der Mann beobachtete ihn aufmerksam.

Freddy straffte seine Haltung. „Es tut mir leid, Sir, aber …“ Er stockte.

„Aber?“

„Ich wollte dieser netten alten Lady einfach helfen, wissen Sie. Es … lag nicht am Geld. Wirklich ni…“

Unvermittelt hob der Fremde eine Hand und Freddy verstummte. Zwischen den Brauen des Mannes erschien eine steile Falte. „Eine alte Lady, sagen Sie?“

„Ja“, antwortete er verwirrt. Plötzlich wurde ihm bewusst, dass der Mann sich überhaupt nicht vorgestellt hatte. „Wer sind Sie eigentlich?“, fragte er daher misstrauisch.

Die Falte verschwand, das Lächeln kehrte zurück. „Verzeihung. Mein Name ist ebenfalls Brown. Caitlyn ist meine … Cousine. Zweiten Grades“, fügte er mit einer Geste hinzu, als erklärte diese Tatsache einiges.

„Familienstreitigkeiten?“, entfuhr es Freddy.

Das Lächeln des Mannes wurde etwas breiter. „Sie müssen unsere Familie für sehr seltsam halten. Aber es gibt einige … nun ja, nennen wir es Unannehmlichkeiten. Sie verstehen …“

Mit einem Mal fühlte Freddy, wie der Mann etwas in seine Tasche steckte. Es knisterte. 

Aufmunternd hob der Mann eine Braue. „Würde es Ihnen etwas ausmachen, mir die alte Lady zu beschreiben, die Sie darum gebeten hat, das Päckchen an meine Cousine auszuliefern?“ Er betonte das Wort Cousine, als wäre es etwas Verwerfliches.

Freddy schob sein Gewissen beiseite. Diese Familienangelegenheit ging ihn nichts an und was machte es schon, wenn er die alte Frau beschrieb?

„Sie war vielleicht siebzig. Ziemlich fit und gut aussehend. Wissen Sie, was ich meine?“

Sein Gegenüber nickte bedächtig.

„Mittelgroß, schlank, kurze graue Haare und hellblaue Augen. Irgendwie fand ich, sie sieht Ihrer Cousine ein bisschen ähnlich. Sie bestand darauf, mitzufahren, um einen Blick auf Ihre Cousine zu werfen, wenn ich ihr das Päckchen ausliefere. Hinterher brachte ich sie zur St. Mary’s Church – da hinten, an der Church Lane, die von der Upper Brighton Road abzweigt. Dort wurde sie dann abgeholt.“

„Abgeholt? Von wem?“ Die Stimme des Mannes klang scharf.

Freddy pustete die Luft zwischen den geschlossenen Lippen aus und schüttelte den Kopf. „Das konnte ich nicht erkennen. Es war eine schwarze Limousine. Ein Vauxhall, glaube ich. Aber genau weiß ich es nicht.“

Eine weitere Banknote fand den Weg in Freddys Hosentasche. 

„Die Lady sagte, Ms Brown sei die Enkelin ihres Cousins und … na ja, dann meinte sie noch, sie hoffe, dass sie keinen Fehler gemacht hätte.“ Er zuckte mit den Schultern. „Das war alles. Dann ist sie gegangen.“

Die letzte Banknote reichte der Mann ihm offen. Es waren fünfzig Pfund. Freddy nahm sie und konnte ein Grinsen nicht mehr unterdrücken. Welche Schwierigkeiten diese Familie auch immer hatte – Geld gehörte offenbar nicht dazu.

Als er aufsah, war der Mann bereits verschwunden.

M25 Richtung Norden

Ein Lächeln huschte über seine Lippen, während er peinlich darauf achtete, die Geschwindigkeitsbegrenzung auch beim Überholen nicht zu überschreiten. Seine bisherigen Resultate in der Angelegenheit erwiesen sich als äußerst zufriedenstellend.

Kellys Tod – laut einem unbedeutenden Zeitungsartikel war es ein plötzlicher Herzinfarkt gewesen. Der Arzt, der den Totenschein ausgestellt hatte, war von einer natürlichen Todesursache überzeugt gewesen und hatte keine Obduktion angeordnet. Kellys Leichnam wurde eingeäschert. Ende der Episode.

Dann war er Caitlyn Brown an die Küste gefolgt – und hatte von der Strandpromenade aus gesehen, wie sie beim Mittagessen ein Päckchen erhalten hatte. Unbemerkt hatte er sich ihr genähert, als Tourist mit einer Kamera getarnt, und vom Nebentisch aus ein Telefonat belauscht. Außerdem war es ihm gelungen, Fotos von Päckchen und Inhalt zu machen. Die Kette war auffällig, aber nichts Außergewöhnliches. Browns Benehmen ließ ebenfalls nicht darauf schließen, dass es sich um etwas anderes handeln könnte als um ein Überraschungsgeschenk. 

Doch warum war ihr diese Kette in einem Restaurant zugestellt worden? Je länger er darüber nachgedacht hatte, desto fragwürdiger war ihm die Sache vorgekommen.

Und er hatte recht behalten.

Zwar kannte er den Namen dieser alten Lady nicht, aber den Angaben des UPS-Manns zufolge konnte es sich nur um ein Familienmitglied der Grants handeln. Und möglicherweise war der schwarze Vauxhall derselbe gewesen, der in Richtung Schottland gefahren war, am Steuer ein Rechtsanwalt, dessen Name angeblich Adam Scott lautete. Ein interessanter Aspekt, wenn man bedachte, dass Scott einem Mann ähnelte – verblüffend ähnelte –, den er gekannt hatte und von dem er vermutete, ebenfalls einem bestimmten Zweig der weitläufigen Grant-Familie anzugehören.

Handyklingeln unterbrach seine Gedankengänge.

„Ja?“ Eine Weile hörte er der Stimme zu, die aus der Freisprecheinrichtung ertönte. „Nein, das ist nicht notwendig, denn wir haben gen… oh …“ Seine Brauen flogen in die Höhe. Er lauschte. „Selbstverständlich, Sir. Unter diesen Umständen halte ich es ebenfalls für die beste Lösung.“ Nach einer knappen Verabschiedung legte er auf.

Es lief sogar noch besser als erwartet.

VIER

„Verdammt, wir schaffen es nicht!“ Schon wieder musste Daniel an einer roten Ampel anhalten. Unruhig trommelte er mit den Fingern auf das Lenkrad und schielte zur Uhr. Es war kurz vor zwei Uhr nachmittags.

„Keine Panik, lass mich einfach in der Nähe des Haupteingangs raus.“

„Ich fahre zum Parkhaus in der Melton Street”, brummte er missmutig. „Steig schon mal an der Schranke aus, ich parke den Wagen und komme nach. Bist du sicher, dass du dich gut genug fühlst?”

Leise seufzte ich. „Ja.“ In der letzten Woche hatte ich ein paar Tage lang hohes Fieber gehabt, daher hatte meine Abreise kurzzeitig infrage gestanden. Henry und Dad hatten mangels anderer Symptome auf irgendeinen Virus getippt und als einzige Gegenmaßnahme Bettruhe und viel Flüssigkeit verordnet. Ich war noch nie lange krank gewesen, und auch diesmal war es so plötzlich vorbei, wie es gekommen war. Abgesehen davon, dass ich etwas müder war als gewöhnlich, fühlte ich mich blendend.

Trotzdem hatte ich Daniel nur schwer davon überzeugen können, dass ich meinen Arbeitsbeginn nicht verschieben wollte und auch die Bahnfahrt nicht zu anstrengend sei. Damit ich nicht umsteigen musste, hatte er darauf bestanden, mich an diesem Samstag zur Euston Station zu bringen, obwohl es viel praktischer gewesen wäre, von Leatherhead mit dem Zug nach London zu fahren. Mir persönlich wäre es lieber gewesen, wir hätten uns schon am Vortag verabschiedet, anstatt den Diskussionen der letzten Wochen auch noch eine herzzerreißende Abschiedsszene am Bahnsteig hinzuzufügen. Aber in diesem Punkt war Daniel stur geblieben, und so war ich erleichtert, dass viele Ampeln rot waren und wir trotz rechtzeitigen Aufbruchs drohten, zu spät zu kommen. Der Abschied würde nun zwangsläufig kurz und bündig ausfallen.

„Also, da sind wir, ich beeile mich.“ Er hielt in der Zufahrt zum Parkhaus.

„Danny, es hat keinen Sinn, noch ins Parkhaus zu fahren, der Zug geht um zehn nach”, erklärte ich in möglichst sanftem Tonfall. „Ich bin ein großes Mädchen und schaff das schon allein. Danke fürs Bringen.“ Ich drückte ihm einen Kuss auf die Wange und griff zum Hebel, um die Tür zu öffnen.

Er legte seine Hand auf meinen Arm. „Musste das wirklich sein, Cat?“ Er klang traurig und wütend zugleich.

Ich gab ihm noch einen, diesmal betont zärtlichen Kuss. „Ja!“

„Warum?“

„Das haben wir doch alles schon besprochen”, antwortete ich bemüht friedfertig. „Ich rufe dich an, wenn ich da bin.“

„Ich komme dich nächstes Wochenende besuchen“, erklärte Daniel verbissen. „Es sind nur 270 Meilen. Ich brauche höchstens viereinhalb Stunden.“

„Nein“, lehnte ich kategorisch ab. „Lass mir Zeit! Bitte!“

Daniel wandte den Blick ab. „Du bist sauer, weil ich dir keinen richtigen Antrag gemacht habe.“

Ich war froh, dass er aus dem Fenster blickte, denn so sah er die Grimasse nicht, die ich mir nicht verkneifen konnte. „Nein, das bin ich nicht. Mir geht das alles nur viel zu schnell, Daniel.“ Gebetsmühlenartig hatte ich das schon gefühlte hundert Mal erwidert.

„Zu schnell? Wir sind fast drei Jahre zusammen und wollten uns sogar eine gemeinsame Wohnung suchen.“

An dieser Stelle sparte ich mir den Hinweis, dass nicht ich es gewesen war, die davon gesprochen hatte, und sagte nur: „Ja und?“

„Cat! Meine Güte … vielleicht bin ich altmodisch, aber ich dachte … ich dachte … natürlich müssen wir deswegen nicht gleich heiraten, aber …“ Er verstummte.

Seufzend sah ich auf die Uhr. „Ich muss jetzt wirklich los.“

Er fasste meine Hand. „Dass du so kurzfristig den Vertrag bei der Lloyd’s aufgelöst hast – na ja … damit kann ich leben. Wirklich. Sollen sie doch reden.“ Er bemühte sich redlich, so auszusehen, als meinte er auch, was er sagte. Ich wusste allerdings, dass er nicht nur spitze Bemerkungen von seinen Kollegen, sondern auch von seinem Vorgesetzten Mr Vaughn zu hören bekommen hatte. „Also, wenn du unbedingt Lehrerin bleiben willst, dann kannst du das doch auch hier. Wenn du nicht sofort eine Stelle findest, ist mir das egal. Ich verdiene genug für uns beide, darüber musst du dir keine Gedanken machen und …“

Ich unterbrach ihn, indem ich meinen Zeigefinger auf seine Lippen drückte. „Ich weiß, dass du das für mich tun würdest, Daniel, aber darum geht es nicht.“ Zu diesem Mantra fügte ich diesmal hinzu: „Ich bin wirklich gern Lehrerin und habe mich entschieden, es zu bleiben. Die Ysgol ist eine gute Adresse und es ist besser, wenn mein Lebenslauf keine Lücken aufweist, das hast du mir doch selbst gesagt.“

„Eine gute Adresse?“, schnaubte er. „Die Westminster School ist eine gute Adresse. Das wäre etwas Besonderes für deinen Lebenslauf. Aber da oben in Wales gibt es nichts Besonderes – außer Wiesen, Wasser und Rindviechern.“

„Cromlechs aus Megalithen. Menhire. Alte Kultstätten“, zählte ich betont scherzhaft auf. „Vielleicht entwickle ich ja Interesse für keltische Geschichte.“

Daniel warf mir einen säuerlichen Blick zu und ich machte einen erneuten Anlauf, mich zu verabschieden, doch wieder hielt er mich zurück.

„Über diese Schule findet man fast nichts im Netz. Es ist eine gewöhnliche Provinzschule. Die brauchst du nicht für deinen Lebenslauf. Außerdem … was ist mit diesem Earl …? Duke … was weiß ich …“

„Emrys Prestwich, Seine Gnaden der Duke of Anglesey, Earl of Glasmaris, mein Pate, den du im Übrigen auf Henrys Hochzeit kennengelernt hast.“ Jetzt fiel es mir schwer, ruhig zu bleiben. „Ich wette, über ihn hast du dich auch im Netz informiert, oder? Hast du auf der Mitgliederliste des Oberhauses nachgesehen? Wikipedia? Encyclopaedia Britannica?“

Daniel schwieg, aber an seinem Gesichtsausdruck erkannte ich, dass ich ins Schwarze getroffen hatte.

„Emrys wollte mir einfach einen Gefallen tun, das ist alles.“

Ein Fahrer hinter uns drückte auf die Hupe. Ich setzte an, beschwichtigend die Hand zu heben, da gab Daniel unvermittelt Gas. Vor der Schranke stieg er abrupt auf die Bremse und die Scheibe neben ihm glitt hinunter.

„Einen Gefallen. Sicher.“ Er rupfte den Parkschein aus dem Schlitz und fuhr schwungvoll an, als sich die Schranke öffnete. „Der Typ hat anscheinend jede Menge Einfluss. Beziehungen. Sonst hätte er dir nicht so einfach eine Stelle besorgen können. Er hat einen Titel. Und ich wette, auch jede Menge Kohle.“

Mit offenem Mund sah ich meinen Verlobten an. „Ja und?“

Daniel trat so heftig auf die Bremse, dass ich in den Gurt gedrückt wurde. „Wie alt ist der Kerl eigentlich?“

Meine linke Augenbraue hing knapp unter dem Haaransatz. „Jetzt mach aber mal einen Punkt, Daniel! Wie alt er ist? Meine Güte, du hast ihn doch selbst schon mal gesehen … Emrys ist … keine Ahnung … um die siebzig, glaube ich, und es ist absolut lächerlich, was du da gerade sagst. Er ist geschieden, hat zwei Kinder, die älter sein müssen als ich und bei ihrer Mutter in Kanada leben.“

Einige Sekunden hielt er meinem Blick stand. Dann machte er ein Geräusch, als würde Luft aus einem Luftballon entweichen, und sank ein wenig in sich zusammen. „Ach, Scheiße.“

Ich legte meinen Kopf schief.

Er schielte mich von der Seite an. „Tut mir leid. Ich glaube, ich bin einfach …“

„… ein eifersüchtiger Idiot“, ergänzte ich trocken.

Widerwillig musste er lächeln. „Ja, so was in der Art.“ Noch einmal strich er über meine Wange und berührte den Ring an meinem Finger. „Pass auf dich auf.“

Ich küsste ihn, bevor ich ausstieg. Schnell hievte ich meinen kleinen Koffer aus dem Kofferraum und schulterte meinen Rucksack. Den Rest des Gepäcks hatte ich bereits vorgeschickt. Obwohl ich mich beeilte, um den Zug in Richtung Holyhead am Ende nicht doch noch zu verpassen, war ich die Letzte, die einstieg. Hinter mir schlossen sich zischend die Türen. Der Zug fuhr an. Es dauerte eine Weile, bis ich meinen reservierten Abteilplatz gefunden hatte und mich auf den Sitz am Fenster fallen ließ. Keine Frage, natürlich hatte ich ein schlechtes Gewissen, doch meine Entscheidung, allein nach Wales zu gehen, fühlte sich richtig an. Nach einer Weile zog ich meinen Verlobungsring vom Finger, der mir auch nach drei Wochen noch fremd war und den ich nur trug, wenn Daniel dabei war. Ich verstaute den Ring in einem Kästchen in meiner Handtasche.

Die Häuser neben den Gleisen standen dicht an dicht und es dauerte, bis der Zug das Einzugsgebiet Londons verlassen hatte und sich die grünen Hügel rechts und links der Strecke ausbreiteten. Gedankenverloren spielte ich mit der mysteriösen Kette, deren Steine in schillernden Farben wie ein Regenbogen funkelten. Ich trug sie gern, aber woher und von wem sie stammte, war mir immer noch ein Rätsel.

Auf meine Nachfrage beim Paketdienst hatte ich erfahren, dass die Sendungsnummer nicht existierte. Der Brief, den ich nach dem Chat mit Emrys gelesen hatte, war tatsächlich von demselben mysteriösen Absender gewesen, denn der Briefbogen aus feinem Büttenpapier trug ein Wasserzeichen – dasselbe Emblem wie in der Schmuckschatulle. Er war einmal längs und einmal quer gefaltet, die offenen Ecken umgeknickt und mit demselben roten Wachsabdruck versiegelt wie das Päckchen.

Einzig die vier Buchstaben, die die Unterschrift ersetzten, waren in schwungvoller, altmodischer Handschrift mit blauer Tinte geschrieben. Ich hatte ihn so oft gelesen, dass ich mir seinen Wortlaut gemerkt hatte, bevor ich der zweiten Anweisung gefolgt war.

Meine liebe Caitlyn!

Die allerbesten Glückwünsche zu Deinem Geburtstag!

Wir kennen uns nicht persönlich, und zu meinem größten Bedauern kann ich Dir meinen Namen nicht nennen – allerdings würde er Dir auch nichts sagen, denn niemand hat Dir bislang von mir erzählt. Ich hoffe und bete darum, dass wir uns eines nicht allzu fernen Tages begegnen werden. Verzeih die Geheimnistuerei, doch im Moment ist es das Beste für Dich und mich.

Trage die Kette möglichst immer bei Dir. Sie ist schon lange im Besitz der Familie.

Es gibt zwei Dinge, um die ich Dich inständig bitte.

Erstens: Sprich mit niemandem über die Umstände, unter denen Du die Kette erhalten hast, und äußere keine Spekulationen, wer sie Dir übermittelt hat. Solltest Du es schon getan haben, denk Dir eine glaubwürdige Erklärung aus. Lenke keine Aufmerksamkeit darauf!

Zweitens: Verbrenne diesen Brief, sobald Du ihn gelesen hast.

S F C E !

DREI

Bangor!

Mit quietschenden Bremsen hielt der Zug. Eine kleine Traube Menschen wartete bereits vor dem Ausgang. Beim Aussteigen griff ich einer älteren Frau unter die Arme, die sich wegen einer Gehbehinderung schwertat.

„Diolch – vielen Dank!, sagte die Frau mit deutlich walisisch gefärbtem Tonfall. Sie legte den Kopf schief. „Nicht von hier, oder?“ 

Ich schüttelte den Kopf. „Nein. Ich komme aus Surrey.“

„Oh, das ist weit. Im Süden“, stellte sie fest.

Ich lächelte und dachte, dass sie wahrscheinlich ihr ganzes Leben in Nordwales verbracht haben musste, wenn sie Surrey als weit entfernt empfand.

„Hier ist es anders. Wird dir gefallen“, sagte sie. „Bleibst du lange, Mädchen?“

„Ja, schon eine Weile“, antwortete ich vage. „Ich bin Lehrerin an der Ysgol in Glasmaris.“

Noch einmal betrachtete sie mich von Kopf bis Fuß – diesmal gründlicher. Dann tätschelte sie mir den Arm und senkte ihre Stimme. „Ist einsam dort oben. Gib gut auf dich acht, Mädchen. Und falls du dem Duke begegnest, bestell ihm einen Gruß von der alten Maisri. Vielleicht erinnert er sich an mich.“ Ihr Lächeln wirkte ein wenig bitter. „Hwyl!“ Langsam humpelte sie weiter. 

Verwundert über die alte Frau, schob ich meinen Rucksack zurecht und orientierte mich erst einmal. Der ungewohnte Tonfall, die walisische Sprache, von der ich weitere Brocken aufschnappte, die zweisprachigen Schilder, nicht auf Anhieb zu wissen, wo ich lang musste, die frische Luft, die nach Meer roch – all das erzeugte in mir das Gefühl von Fremde.

Ohne Eile schloss ich mich einem kleinen Tross an, der in Richtung Ausgang strebte. Kieran Yates, Emrys’ Butler und Verwalter, hatte mir am Telefon versichert, er sorge dafür, dass ich abgeholt werde. Doch bisher konnte ich weder ihn noch Emrys entdecken – falls der überhaupt schon wieder zurück war. Seit unserem Chat hatte ich nur zwei E-Mails von ihm bekommen, in denen er sich erfreut darüber zeigte, dass ich sein Angebot angenommen hatte, und sich danach erkundigte, ob er noch etwas für mich tun könne. Das war allerdings nicht nötig, denn der Schulleiter hatte mir einen unterschriebenen Vertrag zurückgeschickt und mir kurz und bündig mitgeteilt, dass ich spätestens zur Konferenz am Tag vor Schulbeginn da zu sein habe.

Immer noch hatte ich niemanden entdeckt. Der Bahnhof war so klein und übersichtlich, dass ich Kieran kaum verfehlen konnte. Ich reckte den Hals, um an das andere Ende des Bahnsteigs blicken zu können. Dabei trat ich einen Schritt zurück. Unsanft erwischte ich einen fremden Fuß.

„Es würde Ihrer Umgebung ungemein weniger Schaden zufügen, wenn Sie sich angewöhnten, in die Richtung zu schauen, in die Sie gehen, Miss Brown.“ 

Die tiefe Stimme kam mir vage bekannt vor. Als ich mich umdrehte, begegnete ich ein paar dunklen Raubvogelaugen. Der Mann im schwarzen Anzug sah genauso aus, wie ich ihn aus London in Erinnerung hatte.

„Woher kennen Sie meinen Namen?”

„Duncan Featherston”, stellte er sich vor und streckte mir seine Rechte entgegen. 

Automatisch ergriff ich sie. „Sie sind der Schulleiter der Ysgol?“ Das war mir herausgerutscht, bevor ich mir klargemacht hatte, dass er mein neuer Vorgesetzter war. 

Pikiert rümpfte Featherston seine spitze Nase. „Zumindest war ich das noch, als ich vorhin das Schulgelände verließ.“

„Oh … ich … tut mir leid, ich wollte nicht unhöflich sein, Mr Feath… Sir … ähm …“ Verflixt, wie musste ich ihn eigentlich ansprechen? Krampfhaft versuchte ich mich an die Unterlagen der Schule zu erinnern.

„Die gebräuchliche Anrede wäre Lord Scratby, Miss Brown. Aber ‚Sir‘ ist ebenfalls in Ordnung.“

Ich kratzte mich am Hinterkopf. „Danke, ich meine, Verzeihung … äh … Sir. Haben Sie Kieran gesehen? Ich meine, Mr Yates, den Butler von Emrys … vom Duke.“

„Ich weiß, wer Kieran ist. Der Duke hat mich beauftragt, Sie abzuholen.“ Es war ihm deutlich anzumerken, was er davon hielt, anstelle des Butlers als Chauffeur missbraucht zu werden.

„Nett von Ihnen“, antwortete ich bemüht freundlich.

„Kommen Sie! Ich habe nicht den ganzen Tag Zeit!“ Er drehte sich auf dem Absatz um, bemächtigte sich meines Koffers und marschierte los, ohne sich davon zu überzeugen, ob ich ihm folgte.

Ich beeilte mich, hinterherzukommen, und versuchte, gedanklich die Kurve zu kriegen. Was, zum Henker, hatte mein neuer Chef mit dem toten Kelly in London zu tun gehabt?

Als wir aus dem Bahnhofsgebäude traten, wies er mit dem Kinn zum Parkplatz. „Dort drüben.“

Er führte mich zu einem knallroten Mini Cooper älteren Baujahrs, der mit seinen runden Scheinwerfern und den braun karierten Sitzen deutlich mehr Charme versprühte als sein Besitzer. Immerhin öffnete er nicht nur die Kofferraumklappe, sondern hievte auch meinen Koffer hinein. Da der Kofferraum recht klein war, warf ich meinen Rucksack auf den Rücksitz. 

Über das Dach des Minis musterte Featherston mich mit unverhohlenem Interesse. Anhand meines Bewerbungsfotos musste er erkannt haben, dass wir uns schon einmal begegnet waren, doch inwiefern ihn dieser Zufall genauso überraschte wie mich, konnte ich nicht einschätzen. Er war jedenfalls jünger, als ich mir den Sehr Ehrenwerten Lord Scratby, achter Baron Scratby of Norfolk, Direktor der altehrwürdigen Ysgol, vorgestellt hatte – allerdings auch viel autoritärer, als ich seinen Vorgänger in Erinnerung hatte. Sein Auftreten erinnerte mehr an einen Offizier als an einen Schulleiter.

„Sind Sie zum ersten Mal hier?“, fragte er, nachdem er mit einem winzigen Lächeln quittiert hatte, dass ich seinem Blick standhielt.

„Früher haben wir hin und wieder den Duke besucht. Aber das ist lange her.“

„Wir?“

„Meine Mutter und ich. Sie ist vor zehn Jahren gestorben, seitdem war ich nicht mehr hier.“

„Das tut mir leid.“ Einige Sekunden verstrichen. Immer noch musterte er mich eindringlich. „Kannten Sie den Mann in London?“, erkundigte er sich übergangslos.

Also hatte er sich offensichtlich auch Gedanken darüber gemacht. Ich schüttelte den Kopf. „Ich weiß nur, dass er Michael Kelly hieß und im Gesundheitsministerium arbeitete.“ Ich zögerte, bevor ich weitersprach. „Seine Witwe rief mich an, um sich für meine Hilfe zu bedanken, und sagte mir, der Herzinfarkt habe ihn bei dem Spaziergang im Park völlig überraschend getroffen. Er hatte vorher nie Probleme mit dem Herzen …“ Absichtlich ließ ich den letzten Satz ein wenig in der Luft hängen.

Featherston hob eine Braue. „Nun, so etwas kommt selten überraschend. Er wird die Symptome ignoriert haben. Kelly war ein Workaholic.“

„Sie kannten ihn?“

„Natürlich. Seine Kinder Robin und Amy sind Schüler der Ysgol.“

Mir blieb der Mund offen stehen. „Warum sind Sie dann nicht dort geblieben?“

„Ich konnte nichts mehr für ihn tun und hatte einen wichtigen Termin, Miss Brown“, unterbrach er mich kühl. „Ich habe mich später mit Kellys Familie in Verbindung gesetzt, um mein Beileid auszusprechen.“

„Aha.“ Eigentlich ging es mich nichts an, aber ich wollte es wissen. „Haben Sie sein Handy mitgenommen?“

„Ja, denn es wäre nicht in seinem Sinne gewesen, wenn es verloren gegangen wäre. Ich habe es seiner Witwe zukommen lassen – falls das nachträglich Ihre Zustimmung findet.“

Leicht verlegen wegen der Schärfe seiner Antwort stieg ich ein.

„Tut mir leid“, sagte ich, als wir beide saßen. „Ich wollte Ihnen nicht zu nahe treten. Es war ein sehr grässliches Erlebnis. Ich habe vorher noch nie den Tod eines Menschen miterlebt.“

„Es ist keine angenehme Erfahrung“, antwortete er, ohne mich anzusehen. Er schob einen Finger in seinen rechten Ärmel, um sich zu kratzen. Erst jetzt bemerkte ich die Brandnarben auf seinem rechten Handrücken, die sich weiter hinauf bis unter den Stoff zogen. Als seine Fingernägel die Haut berührten, verzog er das Gesicht. Dann startete er den Motor.

Als wir an der Ampel zur Bahnhofszufahrt hielten, deutete er nach rechts. „Dort drüben ist die High Street. Da finden Sie ein paar Geschäfte. Allerdings“, sein Ton wurde süffisant, „halten die dem Vergleich mit London nicht stand.“

„Ich glaube nicht, dass ich London vermissen werde. Ich stamme aus Surrey. Es ist zwar nicht so ländlich wie hier, aber auch keine Großstadt. In Norfolk dürfte es doch ähnlich sein. Oder stammen Sie direkt aus Norwich?“ In seiner zumeist akzentuierten Ausdrucksweise schwang der melodische Tonfall seiner Heimat manchmal mit.

Featherston bog links ab. „Nein.“

Damit erschöpfte sich sein Mitteilungsdrang. Wir beschrieben einen weiten Bogen aus der Stadt heraus und schon nach rund einem Kilometer entdeckte ich rechter Hand die Menai Strait, die Meerenge, kaum breiter als ein großer Fluss, die Anglesey vom Festland trennte. Die Insel war so nahe, dass ich die Häuser auf der gegenüberliegenden Seite deutlich erkennen konnte. Die Straße schlängelte sich vorbei an Wiesen und Bäumen und vereinzelten Gebäuden, bis die hundertachtzig Jahre alte Hängebrücke in Sicht kam.

Die gedrungenen Türme aus grauen Sandsteinen trugen die dicken Kabel scheinbar mit Leichtigkeit und hielten die Fahrbahn so hoch über dem Wasser, dass Schiffe sie problemlos unterqueren konnten. An einem Brückengebäude hing ein Schild.

„Mo… mon mam cy…“, versuchte ich zu lesen. „Was heißt das?“

„Sie sprechen es falsch aus“, sagte Featherston. „Ein langes o, ein kurzes a. Môn mam cymru.“ Er sprach es wie „kámri und rollte dabei gekonnt das „r. „Es bedeutet ‚Mon, Mutter von Wales‘ und bezieht sich auf den alten Namen von Anglesey – Mona.“

„Sprechen Sie walisisch? Oder war das nur auswendig gelernt?“

Ein feines Lächeln kräuselte seine Lippen. „Man tut gut daran, die Menschen auch zu verstehen, unter denen man lebt.“

„Das klingt nach unangenehmen Erfahrungen.“

Featherston antwortete nicht. Für ihn war das kurze Gespräch schon wieder beendet. Die weitere Fahrt verlief entlang der Südostküste und zeigte die Insel genau so, wie Daniel sie beschrieben hatte: Wiesen, Wasser und Rindviecher. Kleine Cottages duckten sich zwischen die sanft gewellten Hügel. Jetzt lag die Menai Street rechts der Straße. Auf der anderen Seite das Festland, das – abgesehen von der Kleinstadt Bangor – genauso karg und dünn besiedelt war wie Anglesey. Wir durchquerten den kleinen Ort Beaumaris und folgten dem Küstenverlauf. Mit jedem Meter hatte ich das Gefühl, ein Stück freier atmen zu können. Ganz anders als in London. Plötzlich entdeckte ich nahe dem Ufer ein Seehundrudel.

„Anhalten!“

Ziemlich abrupt trat Featherston auf die Bremse. Noch bevor der Mini stand, war ich schon hinausgesprungen, hatte die Straße überquert und stieg über ein kniehohes Mäuerchen auf den etwas tiefer liegenden, kaum anderthalb Meter breiten Streifen Strand. Ich schlüpfte aus meinen Schuhen, zog meine Hosenbeine hoch und watete knöcheltief ins Wasser. Featherston, der mir gefolgt war, stand einen Moment mit verschränkten Armen hinter der Mauer, bevor er sich entschloss, ebenfalls herunterzukommen. Allerdings behielt er die Schuhe an. Die Seehunde schwammen in einem Bogen weiter hinaus, bis sie außer Sicht waren. 

„Haben Sie die gesehen?“ Als ich mich umwandte, um wieder aus dem Wasser herauszukommen, trat ich auf etwas Spitzes. „Au!“

Reflexartig griff Featherston nach mir, damit ich nicht fiel. 

„Danke!“

„Ich hatte die Befürchtung, Ihnen sei schlecht geworden. Offensichtlich hatte ich recht.“ Mokant hob er eine Braue.

Ich grinste. „Ich habe ewig keine Seehunde mehr im Meer gesehen.“

„Falls Sie in Erwägung ziehen, hinter dem Rudel herzuschwimmen, muss ich Sie warnen – es ist ziemlich kalt.“

„Sie würden mich doch sicher heldenhaft retten, falls ich einen Kälteschock bekäme.“

„Ich würde es vorziehen, pünktlich und vor allem trocken zum Tee zurück zu sein. Also wenn Sie die Güte hätten …“ Er deutete unmissverständlich zu seinem Auto, das auf der anderen Straßenseite mit laufendem Motor stand.

Während ich in meine Schuhe schlüpfte, hatte er das Mäuerchen bereits erklommen und half mir hinauf. 

„Wow!“

Prompt hielt er mich fest, wohl, um mich vorsorglich am Fallen zu hindern. Ich deutete derweil nach Westen, wo die Sonne hinter dem grünen Hügel wunderschöne Farben an die Wolken zeichnete. „Ist das nicht herrlich?“

Hörbar atmete er aus. „Einzigartig!“ Er fasste nachdrücklich meinen Ellbogen, während er mich über die Straße zurück ins Auto geleitete.

Bald erreichten wir den äußersten Nordosten der Insel, in dem Glasmaris Hall auf einer vorgelagerten Insel lag, zu der eine jahrhundertealte, steinerne Bogenbrücke führte. Eigentlich hatte ich erwartet, dass Featherston mich dorthin bringen würde, und war erstaunt, als er stattdessen knapp einen Kilometer weiterfuhr. Kurz vor dem Ortseingang des Dorfes Glasmaris hielten wir vor einem alten Torhaus. Ein großes schmiedeeisernes Tor glitt zur Seite.

Zuletzt hatte ich die Ysgol ein- oder zweimal als Kind besucht, daher hatte ich nur wenig Erinnerungen daran. Meine Mutter hatte mir erzählt, dass sich die Schule in einem unter Cromwell säkularisierten Zisterzienserkloster befand, deren alte Gebäude mit wachsender Schülerzahl und sich ändernden Ansprüchen umgestaltet und durch neue ergänzt worden waren. 

Featherston überquerte den Parkplatz, steuerte zwischen zwei Neubauten hindurch und dahinter nach rechts auf die ehemalige Klausur zu, das Herzstück des Schulgeländes. Mitten vor dem Haupteingang stellte er seinen Wagen ab. Der Mini Cooper wirkte ziemlich verloren vor der roten Backsteinfassade.

„Sitzen bleiben!“, wies Featherston mich barsch an. Er stieg aus und kam um den Wagen herum, um meine Tür zu öffnen. Er hielt mir seine Hand hin, die ich misstrauisch betrachtete. 

„Nicht, dass Sie sich noch vor dem Abendessen den Hals brechen – oder vom Weg abkommen.“ Übertrieben galant half er mir aus dem Auto. „Das würde der Duke mir wohl nicht verzeihen – anscheinend liegt ihm eine Menge an Ihnen.“ Dann machte er kehrt, um zum Kofferraum zu gehen. Dabei deutete er mit einer beiläufigen Bewegung in Richtung Rücksitz. „Stoßen Sie sich nicht den Kopf.“

Ich war mir nicht sicher, wie ich seinen permanenten Zynismus deuten sollte, beschloss aber, es nicht persönlich zu nehmen. Gemeinsam betraten wir schließlich das unbeleuchtete Gebäude, das ziemlich verlassen wirkte. Vor dem Eingang flammte durch einen Bewegungsmelder Licht auf. Mithilfe einer Magnetkarte öffnete er die Eingangstür und platzierte mein Gepäck unweit dahinter, wobei er mir bedeutete, auch meinen Rucksack dorthin zu legen.

„Da heute außer uns niemand anwesend ist, müssen Sie sich keine Sorgen um Ihr Gepäck machen. Kommen Sie mit.“

Aus seinem Mund klang es eher nach einem Befehl als nach einer freundlichen Aufforderung. Allerdings sah ich keinen Anlass, dem zu widersprechen, also holte ich lediglich mein Handy aus dem Rucksack, denn ich wollte Daniel wenigstens schnell Bescheid geben, dass ich gut angekommen war. Auf den ersten Blick waren die Räumlichkeiten eine gelungene Mischung aus klösterlicher Schlichtheit und moderner Zweckmäßigkeit. Es gefiel mir auf Anhieb.

Während ich hinter Featherston hermarschierte, tippte ich eine Nachricht, die ich jedoch vergeblich abzusenden versuchte.

„Ziemlich schlechter Empfang hier!“

„Das kommt häufiger vor. Versuchen Sie es später noch einmal“, antwortete Featherston, ohne sich umzuwenden.

Der Gang bog rechtwinklig ab. Dahinter blieb Featherston so abrupt stehen, dass ich beinahe auf ihn geprallt wäre, und öffnete eine schwere Eichenholztür. Wir betraten einen behaglichen Speiseraum, in dem an fünf großen Tischen ungefähr dreißig Personen Platz finden konnten. An einem war für zwei Personen gedeckt.

„Setzen Sie sich!“

Als ich seiner Aufforderung folgte, meldete sich mein Gewissen. Objektiv betrachtet verdarb ich Featherston gerade seinen freien Samstagabend. Er war schon nicht besonders angetan davon gewesen, mich abholen zu müssen, und jetzt schien er es auch noch als seine ebenso ärgerliche Pflicht zu betrachten, mich zu unterhalten.

„Ich dachte, heute würden schon einige Lehrer anreisen“, sagte ich in dem lahmen Versuch, meine einsame Anwesenheit zu rechtfertigen. Und außerdem hatte ich damit gerechnet, in Glasmaris Hall einquartiert zu werden, fügte ich in Gedanken hinzu.

Er schenkte Tee ein. „Diejenigen, die nicht in der Nähe wohnen, treffen erst morgen im Laufe des Tages ein.“

„Das wusste ich nicht.“ Das entsprach der Wahrheit – allerdings hatte ich mir zugegebenermaßen auch keine Gedanken darüber gemacht, ob ich ungelegen käme, denn Emrys hatte mir ja sogar vorgeschlagen, früher anzureisen. Ich musste mir eingestehen, dass ich mir generell viel zu wenig Gedanken um diese Stelle gemacht hatte.

Anstatt zu antworten, schürzte Featherston nur die Lippen und schaufelte mehrere Löffel Zucker in seinen Tee. Dann lüftete er die Haube einer Platte und appetitlich angerichtete Sandwiches kamen zum Vorschein. Außerdem gab es eine Schüssel mit frischem Obst sowie Scones, Marmelade, Honig und Clotted Cream.

„Ich hoffe, das sagt Ihnen zu, denn das Küchenpersonal ist ebenfalls erst ab morgen im Dienst. Ihre Mahlzeiten werden Sie übrigens stets hier einnehmen.“ Er hielt mir die Platte mit den Sandwiches hin. „Bedienen Sie sich.“

„Haben Sie das vorbereitet?“ Wieder meldete sich mein schlechtes Gewissen, als er nickte. „Danke.“ Ich wählte ein Schinkensandwich.

Unsere Blicke begegneten sich. Hier im Licht der Lampen wirkten seine Augen so dunkel und glänzend wie der schwarze Stein meiner Kette.

„Ich hole Sie morgen früh um acht Uhr ab, um Ihnen alles zu zeigen.“

„Ja … in Ordnung.“ Hastig wandte ich den Blick ab.

Er bediente sich nun ebenfalls. Schweigend aßen wir und tranken unseren Tee. Gerade als ich aus lauter Verzweiflung anfangen wollte, über das Wetter zu reden, lehnte sich Featherston zurück. 

„Ist der Duke ein Verwandter von Ihnen?“

„Nein. Er war ein guter Freund meiner Großeltern und hat sich um meine Mutter gekümmert, als sie Waise wurde. Als Kind habe ich den Duke ‚Onkel‘ genannt, auch wenn er das streng genommen gar nicht ist. Er ist der Pate von meinem Bruder und mir.“

Featherston hob eine Braue. „Das erklärt natürlich sein großes Interesse an Ihrer beruflichen Zukunft“, sagte er leichthin, wobei ich allerdings heraushörte, was er wohl wirklich meinte: Das erklärte, warum Emrys mich ihm ohne Rücksprache aufgedrängt hatte.

Ich unterdrückte den Impuls, mich zu rechtfertigen, und griff zu den Scones. Mit einer fragenden Geste deutete er auf Marmelade und Honig.

„Honig, bitte.“

„Ihre Zeugnisse sind übrigens lobenswert“, stellte er sachlich fest.

Eigentlich fand ich, dass ein „A“ in den meisten Prüfungen vielleicht ein anderes Attribut als „lobenswert“ verdiente. Statt darüber eine Bemerkung fallen zu lassen, lächelte ich nur höflich.

„Welche Klassen haben Sie zuletzt unterrichtet?“

Bereitwillig gab ich ihm Auskunft. Ein wenig fühlte ich mich wie bei einem Vorstellungsgespräch, das ich dank Emrys ja umgangen hatte. Seine Fragen waren sachlich und sein Tonfall wurde zunehmend freundlicher. Offensichtlich gelang es mir, die Wogen zu glätten, indem ich ihn ganz einfach von meiner Befähigung überzeugte.

„Es ist bemerkenswert, dass Sie eine profitable Anstellung bei der Lloyd‘s ausgerechnet gegen eine Stelle hier eingetauscht haben“, sinnierte Featherston. „Was hat Sie dazu veranlasst?“

Ich hatte nicht vor, ihm meine wahren Beweggründe mitzuteilen. „Ich glaube, in einem Büro wäre ich auf Dauer nicht glücklich geworden“, antwortete ich daher in Anlehnung an Emrys‘ Worte. „Ich bin sehr gern Lehrerin.“

Featherston sah mich wieder durchdringend an, als suchte er nach dem verborgenen Sinn meiner Aussage. Es fiel mir schwer, diesem Blick standzuhalten, aber ich bemühte mich redlich um ein neutrales Gesicht.

„Wären Sie als Ärztin auch unglücklich geworden?“

Eine Frage, die mich überraschte. Über mein abgebrochenes Medizinstudium hatte er bislang kein Wort verloren.

„Das ist schwer zu vergleichen, Sir.“ Ich zögerte, aber dann erzählte ich in knappen Worten von meiner Mutter, deren Tod ja der Auslöser für meine Studienwahl gewesen war.

„Also hatten Sie ursprünglich gar nicht vor, Medizin zu studieren?“

Ich schüttelte den Kopf. „Mein Vater ist Arzt und mein Bruder war damals fast fertig mit dem Studium. Henry ist zehn Jahre älter als ich, wissen Sie. Vorher hatte mich die Medizin nie gereizt.“ Ich dachte an Michael Kelly. Natürlich hatte ich Erste Hilfe geleistet. Dass das meine Pflicht war, hatte ich ja quasi mit der Muttermilch eingesogen, aber das war auch schon alles.

„Sie denken an Michael Kelly“, stellte Featherston fest und stand auf.

Diesen Gedankengang zu erraten, war nicht weiter schwer gewesen. „Ja“, gab ich zu.

Featherston ging zu einer Anrichte, die in meinem Rücken stand. „Rot- oder Weißwein?“

Ich drehte mich halb herum. „Weiß, bitte.“

Anscheinend befand er den offiziellen Teil des inoffiziellen Einstellungsgespräches als beendet. Ich entspannte mich. Während er die Flaschen öffnete und Gläser füllte, warf ich einen Blick auf mein Handy. Der schlechte Empfang hier war vermutlich der Grund, warum ich nichts von Daniel gehört hatte. Normalerweise schickte er mir häufig kurze Mitteilungen – besonders, wenn ich mich nicht wie verabredet meldete. Die Letzte hatte ich erhalten, kurz bevor ich in Bangor eintraf.

Featherston war an den Tisch zurückgekehrt und reichte mir ein Kristallglas, in dessen geschliffenen Facetten sich das Licht brach. Mein Weißwein schimmerte wie flüssiges Gold. Er prostete mir zu. Die Farbe seines Weins glich einem blutroten Edelstein. Unwillkürlich fasste ich nach meiner Kette.

„Wundervoller Schmuck.“ Featherston deutete auf die Kette.

„Oh … ja, danke.“ Ich lächelte automatisch.

„Ein Erbstück?“

„Äh … nein, ein … Geschenk.“

„Auf Ihr Wohl, Miss Brown!“ Seine Stimme hatte plötzlich einen einschmeichelnden, dunklen Klang. Oder bildete ich mir das nur ein? Mir war ziemlich warm geworden, daher trank ich einen großen Schluck, um meine Verlegenheit zu überspielen. Schließlich räusperte ich mich. „Als Arzt trägt man eine sehr große Verantwortung“, nahm ich den Gesprächsfaden wieder auf. „Das wollte ich nicht. Außerdem bin ich … ich weiß nicht, wie ich es nennen soll. Ich bin nicht rücksichtslos genug. Ein Arzt muss Verständnis und Mitgefühl haben, aber manchmal muss er das eben auch ausschalten können, um seinen Patienten helfen zu können. Verstehen Sie, was ich meine?“

Er nickte.

„Und Menschen sterben“, fuhr ich fort. „So wie Mr Kelly … wie haben Sie …? Ich meine …“ Die unausgesprochene Frage, wie er es empfunden hatte, hing in der Luft.

Er drehte den Stiel seines Glases zwischen den Fingern, ohne zu antworten. Lange Zeit war es still im Raum. Gelegentlich knarzte das alte Holz, während ich meinen Wein trank. 

Ich seufzte tief. „Vielleicht ging es mir auch nur so nahe, weil ich Mr Kelly kurz vorher schon einmal begegnet war. Bei Harrods, ungefähr an der Stelle, an der ich Sie fast umgerannt habe. Wir haben nicht miteinander geredet, aber ich habe ihn wiedererkannt. Tja, und dann treffen wir uns alle drei zufällig ein paar Stunden später im Park und er stirbt. Manchmal ist das Leben merkwürdig, finden Sie nicht auch?“

Er antwortete mit einer vagen Kopfbewegung.

Nachdenklich fuhr ich mit der Spitze meines Zeigefingers über das eingeschliffene Muster auf dem Weinglas. Vielleicht hatte sich Featherston tatsächlich mit Michael Kelly im Park gestritten, woraufhin dieser einen Herzinfarkt erlitten hatte, und jetzt fühlte er sich indirekt für dessen Tod verantwortlich. Ich beschloss, das Thema lieber ruhen zu lassen, denn es war kaum angebracht, darauf zu drängen, dass mir mein zukünftiger Chef über ein so persönliches Thema sein Herz ausschüttete. Falls es überhaupt so gewesen war und nicht nur ein Produkt meiner Fantasie.

Ich musste ein Gähnen unterdrücken. Meine Augen brannten. 

„Ist Ihnen nicht gut, Miss Brown?“

Da ich nur selten Alkohol trank, lag es vermutlich am Wein, dass mir schwindlig war. Oder an dem Infekt vor ein paar Tagen. Oder vielleicht beides.

„Es geht schon“, wiegelte ich ab und trank den letzten Rest Wein, der mir mit einem Mal bitter vorkam. Ich überlegte, ob ich ihn jetzt darum bitten konnte, mir mein Zimmer zu zeigen, ohne unhöflich zu wirken.

„Was halten Sie von einem kleinen Spaziergang?“, fragte Featherston.

Das war eine noch bessere Idee, denn frische Luft war genau das, was ich brauchte, daher folgte ich ihm zu einer Tür, die in der entgegengesetzten Richtung zu der lag, durch die wir hereingekommen waren. Das Gebäude zog sich links in zwei Stockwerken noch einige Dutzend Meter weiter hin, rechts von uns schloss sich der Ostflügel des Refektoriums an. Geradeaus erkannte ich schemenhaft den Park in der mondhellen Nacht.

Die steife Brise ließ mich frösteln. 

„Können wir zu den Klippen gehen?“, bat ich, weil mich der Anblick des Meeres im Mondschein schon immer fasziniert hatte.

„Selbstverständlich!“

In der Dunkelheit bewegte er sich über den verschlungenen Parkweg wie jemand, der genau wusste, wo er hinwollte, wohingegen ich bei dem Tempo, das er vorlegte, mehr als einmal stolperte.

Vermutlich lag das an dem unangenehmen Schwindelgefühl, das ich einfach nicht loswurde. Wir umrundeten ein Häuschen, das am Ende des Klassenzimmertraktes separat stand, bis wir an der entlegensten Ecke zu einer Pforte aus massivem Holz kamen. Das elektronische Schloss piepte leise und die Farbe des Lämpchens wechselte von Rot zu Grün, als Featherston seine Magnetkarte davorhielt.

Er öffnete die Tür. „Nach Ihnen!“

Das Geräusch der Brandung wurde lauter, ein steiniger Weg führte in mehreren engen Biegungen abwärts. Von Meter zu Meter wurde mein Gang unsicherer. Plötzlich machte der Weg einen scharfen Knick, dem Featherston folgte – ich allerdings nicht.

Mit einem Fuß trat ich ins Leere. Erschrocken ruderte ich mit den Armen und hatte das Gefühl, kopfüber in die Tiefe zu fallen. Featherston, der zum Glück über gute Reflexe verfügte, hielt mich bereits fest.

„Sie hätten mich warnen müssen!“, beschwerte ich mich empört.

Ich wartete darauf, dass er zurücktrat, doch er bewegte sich keinen Millimeter. „Wie leicht kann ein Unglück einen Menschen mitten aus dem Leben reißen“, sagte er sanft. „Ein Herzinfarkt … oder ein unbedachter Schritt am Abgrund …“

Ein kleiner Stein unter meinen Füßen gab nach. „Sir! Gehen Sie zurück!“

Das Meer unter uns schäumte über die Felsen, von denen im Mondlicht nur dunkle Schatten auszumachen waren. Es war unmöglich, zu sagen, ob das Wasser dazwischen tief genug war, um sicher zu landen – falls man beim Sturz überhaupt eine Lücke traf.

„Viele Felsen sieht man nicht, denn sie liegen dicht unter der Oberfläche“, sagte er, als hätte er meine Gedanken gelesen. „Die Strudel dazwischen sind tückisch.“ Seine Stimme war so seidenweich. Irgendwie einschläfernd. „Es wäre wirklich jammerschade, wenn Sie da hinunterfielen. Wie sollte ich das nur dem Duke erklären?“

Meine Kehle war wie zugeschnürt und ich brauchte einige Sekunden, bis ich mich und meine Stimme halbwegs unter Kontrolle hatte. „Das ist … nicht … witzig.“ Ich lehnte mich stärker an ihn. Meine Beine gaben nach, doch er hielt mich. Wäre die Situation nicht so verrückt gewesen, hätte ich den Anblick des Vollmonds über dem offenen Meer sehr malerisch gefunden.

Unvermittelt stieß Featherston die Luft durch die Nase aus. Es klang amüsiert. Sehr amüsiert sogar. Ich fühlte seinen warmen Atem auf meiner Haut. 

Der Wind blies mir kalt ins Gesicht und vertrieb ein wenig das Gefühl, jeden Moment ohnmächtig zu werden. 

„Manchmal liegen Leben und Tod sehr dicht beieinander, nicht wahr, Miss Brown?“ Vorsichtig drehte er mich nun so, dass ich festen Boden unter den Füßen hatte und wir voreinander auf dem Vorsprung standen. „Gehen wir lieber zurück, bevor Ihnen noch etwas zustößt.“ 

Während er den Arm fürsorglich um mich legte, verschwamm mein Blick vollends.

Cape Breton, Nova Scotia

Cailleach bàn flimmerte im Licht der Abendsonne.

In gemächlichem Tempo ritt Patricia Grant auf die skurrile Formation aus weißen Felsen zu, die aus der Entfernung wirkte wie ein vom Alter gebeugtes Weib. Schon seit sie das erste Mal hier gewesen war, hatte Patricia sie insgeheim nach den keltischen Riesinnen getauft, die der Sage nach in Gestalt einer alten Frau daherkamen. 

Unwillkürlich richtete sie sich im Sattel auf, obwohl das eigentlich nicht nötig war, denn ihr Rücken war gerade wie eh und je. In den vergangenen Jahren hatte sie streng auf ihre Gesundheit und ihre Fitness geachtet. Aufmerksam sah sie sich um, während ihre dunkelbraune Stute seelenruhig einen Huf vor den anderen setzte. Sie war den Weg schon viele Male gegangen, daher ließ Patricia ihr die Zügel frei. Gemessen in Pferdejahren war die Stute fast so betagt wie sie, und das zuverlässige Tier war ihr ans Herz gewachsen.

Seit mehr als zwei Stunden war sie nun im unwegsamen Gelände von Cape Breton Island im Nordosten der kanadischen Provinz Nova Scotia unterwegs. Um sie herum war kilometerweit nichts außer der kargen, hügeligen Graslandschaft, zuweilen unterbrochen von dichten Nadelwäldern. Sie mochte den Platz, denn es verirrten sich nur selten Touristen oder Einheimische hierher und sie konnte ungestört ihren Gedanken nachhängen. Patricia lenkte die Stute in einen flachen Bachlauf unterhalb der Felsen, um sie trinken zu lassen. Mit geschlossenen Augen genoss sie die Sonnenstrahlen auf ihrem Gesicht. Plötzlich hob die Stute den Kopf. Patricia spürte, wie sich die Muskeln des Pferdes anspannten. Die Stute schnaubte leise.

„Seit wann bist du da?“, fragte Patricia, ohne die Augen zu öffnen.

„Ich bin kurz vor dir eingetroffen“, hörte sie eine männliche Stimme in sonorem Bariton. „Kommst du herüber oder muss ich mir nasse Füße holen, um dich zu begrüßen?“

Sie blinzelte gegen die Sonne. Am Ufer wartete ein hochgewachsener, drahtiger Mann mit kurzem grauem Haar und einem Vollbart. Der heitere Ausdruck seiner stahlblauen Augen und die gesunde Bräune seiner Haut gaben ihm trotz fortgeschrittenen Alters eine fast jungenhafte Ausstrahlung.

„Ich sollte es darauf ankommen lassen“, antwortete Patricia, doch sie trieb die Stute aufs Trockene und saß ab.

„Wie ich sehe, bist du wohlauf, liebste Patricia – und du siehst keinen Tag älter aus.“

„Und du bist immer noch derselbe charmante Lügner, Emrys!“

Sie umarmten sich herzlich. „Was hältst du von einer Tasse Earl Grey oben bei der Höhle?“, fragte er. „Es ist Teezeit und ich habe welchen mitgebracht.“

„Auf alles vorbereitet – wie immer!“

„Eine Marotte, die sich bewährt, denn ich habe mich entschlossen, in der Höhle zu übernachten. Der Weg ist weit und der Gaul, den sie drüben in Chéticamp so angepriesen haben, ist schon im Hellen nicht besonders trittsicher.“ Er schnalzte missbilligend mit der Zunge.

„Du bist verwöhnt!“

„In dieser Hinsicht, ja“, gab Emrys unumwunden zu. „Andererseits bin ich schon beschwerlicher gereist, und eine Weile für die ganze Welt unerreichbar zu sein, ist sehr erholsam. Fluch und Segen der Technik.“

Patricia lachte. „Du hättest auch zu mir auf die Farm kommen und dein Telefon ausschalten können. Ich hätte dir meinen Dreijährigen gezeigt, der genau nach deinem Geschmack sein dürfte. Ein herrliches Tier. Temperamentvoll, aber im Kern hat er ein freundliches Wesen.“ Sie spitzte die Lippen. „Und ausgesprochen stur, wenn man ihn dazu bringen will, sich zu fügen.“

„Hört sich an, als wären wir füreinander geschaffen“, bemerkte Emrys trocken, während er die Zügel der Stute nahm und Patricia einen Arm bot. „Welche Farbe hat er?“

„Schwarz wie die Nacht“, erwiderte sie mit dramatischem Unterton.

Plaudernd schlenderten sie den Wasserlauf entlang, bis sie einen kaum sichtbaren Pfad erreichten, der ein Stück bergauf führte.

„Ich dachte, du seist längst wieder in Glasmaris“, sagte Patricia, kurz bevor sie oben ankamen. 

„Nach Jakutsk hatte ich noch etwas in Islamabad zu regeln – Diplomatie ist nicht gerade die Stärke mancher Zeitgenossen, selbst wenn sie Botschafter sind.“ Er seufzte. „Aber lassen wir die Politik. Ich bin zu dir gekommen, weil ich es an der Zeit fand, dass wir uns endlich einmal wiedersehen.“ 

Ohne sie anzuschauen, tätschelte er ihre Hand. Sie hatten den Fuß der weißen Steine erreicht, wo Emrys sein Pferd angebunden hatte. Er machte Patricias Stute daneben fest und holte aus seiner Satteltasche eine Thermoskanne sowie zwei Alubecher.

Patricia hatte sich auf einem Felsbrocken niedergelassen. 

Emrys schenkte Tee ein. „Hast du Caitlyn gesehen?“

Seufzend rekelte Patricia sich und nahm dankbar einen Becher. „Aus der Entfernung. Ich muss zugeben, ich war neugierig, deshalb habe ich Finley begleitet, anstatt ihm das Päckchen zu überlassen und direkt wieder zurückzufliegen.“

Ein schiefes Lächeln erschien auf Emrys Gesicht. „Nun, ich ahnte, dass du die Gelegenheit ergreifen wirst. Ihr musstet euren ursprünglichen Plan ändern, weil ihr sie nicht zu Hause angetroffen habt, sagte Finley.“

„So ist es. Wir hatten keine Ahnung, wie lange sie unterwegs sein würde, und jemanden zu fragen erschien uns unklug. Außerdem hielt ich es für besser, mich nicht länger als nötig in Großbritannien aufzuhalten.“ Ihren Abstecher nach Norden erwähnte sie nicht weiter. Ihre Heimat Schottland zu besuchen, war eine Schnapsidee von Finley gewesen, und Gott sei Dank war alles gut gegangen. In kurzen Worten berichtete sie von der Zustellung des Päckchens. „Caitlyn ist eine sehr attraktive junge Frau. Sie hat viel von ihrer Mutter. Und ein bisschen schlagen wohl auch die Grants durch.“

Emrys schmunzelte verhalten. „So ist es.“

„Als wir vor ihrem Haus waren, habe ich ihren Bruder zu Gesicht bekommen. Ich erinnerte mich an Henry nur als kleinen Bengel, der lauter Unfug in seinem Lockenkopf hatte.“ Sie lachte. „Er ist Arzt geworden wie sein Vater, nicht wahr?“

„Ein sehr gefragter, wie ich hörte.“

Sie wischte sich einen nicht vorhandenen Krümel von der Hose. „Du hast Finley nicht gesagt, weswegen er mich in Brüssel treffen sollte.“ Es war keine Frage, sondern eine Feststellung.

Eine von Emrys Brauen zuckte. „Nein, das habe ich nicht.“

„Er war sehr überrascht, als ich es ihm erklärte“, fuhr sie fort. „Und ich war es auch, nachdem ich deine Nachricht erhalten hatte. Besonders, weil du darauf bestanden hast, dass ich gleich nach Brüssel fliege.“

In einer Geste, die offenbar Gleichgültigkeit signalisieren sollte, bewegte er Kopf und Schultern, sagte aber immer noch nichts.

„Was ist passiert?“, bohrte Patricia weiter.

„Nichts.“ Sein Tonfall war so beiläufig, als teilte er ihr lediglich mit, dass der Tee alle sei. 

Patricia runzelte die Stirn. Sie glaubte ihm nicht, dazu kannte sie ihn zu gut. Aber sie wusste auch, dass es keinen Sinn hatte, ihn zu drängen.

Emrys deutete auf ihre Stute. „Züchtest du noch mit ihr?“

Innerlich seufzend ließ sich Patricia auf die Fortsetzung des Gesprächs über Pferde ein. Allerdings war sie nur halbherzig bei der Sache, denn sie spürte förmlich, dass sich etwas zusammenbraute. Geraume Zeit später entschuldigte sich Emrys, um zwischen den Büschen zu verschwinden. Während sie auf seine Rückkehr wartete, dachte sie an den Brief, den sie ohne das Wissen der Männer an Caitlyn geschrieben hatte. Warum auch immer Emrys es für richtig hielt, Caitlyn so plötzlich zu involvieren: Patricias Ansicht nach durfte die junge Frau nicht vollkommen ahnungslos bleiben. Doch um zu entscheiden, ob sie weitere Schritte hinter Emrys Rücken unternahm, brauchte Patricia mehr Informationen.

Mit einem Armvoll Feuerholz kehrte Emrys zurück. „Du solltest dich allmählich auf den Rückweg machen, Patricia. Bald wird es dunkel.“

„Das kannst du meine Sorge sein lassen“, erwiderte sie viel angriffslustiger, als sie beabsichtigt hatte.

Sichtlich überrascht wegen ihres Tonfalls hielt Emrys mitten in der Bewegung inne.

Sie deutete mit dem Zeigefinger auf ihn. „Was ist geschehen?“ Sie betonte jedes einzelne Wort. „Erst soll ich Caitlyn die Kette übergeben, die du seit Jahrzehnten bei mir gut aufgehoben wusstest. Und dann tauchst du hier auf – obwohl du in den letzten Jahren ständig fadenscheinige Ausreden benutzt hast, um nicht zu kommen.“

Abwehrend hob er seine Hände. „Patricia, bitte! Ich wollte dich nur wiedersehen. Das ist alles.“

Sie gab einen verärgerten Laut von sich. „Erzähl mir keine Märchen! Es fing an, als Liz gestorben ist. Sag mir endlich, was ihr damals zugestoßen ist!“

„Elisabeth ist nichts zugestoßen! Es sei denn, du möchtest die Tatsache, dass sie Leukämie hatte, so bezeichnen“, erwiderte Emrys kühl.

An der Art und Weise, wie er den vollen Namen von Caitlyns Mutter betonte, erkannte Patricia, dass sie den Nagel auf den Kopf getroffen hatte. Sie holte tief Luft und wägte ihre Worte genau ab. „Ich weiß nicht, wo Liz damals gewesen ist, aber ihre letzte Reise war der Grund dafür, dass sie krank wurde.“ Mit zusammengekniffenen Augen fixierte sie Emrys, der jedoch mit unbewegter Miene weiter Feuer machte.

„Ich bin nicht dumm, Emrys – also versuch nicht, dich herauszureden! Sie war in Jägers Hauptquartier, oder?“

„Jäger war bereits zwei Jahre tot, als Liz starb!“

„Das hast du schon damals behauptet. Aber wie kannst du dir sicher sein?“

Emrys ballte seine Hände zu Fäusten, dann öffnete er sie langsam wieder. „Wer eine zwölf Zentimeter lange Klinge im Herz hat, lebt in der Regel nicht mehr lange.“

„Grundgütiger!“ Sie atmete tief durch. „Aber irgendjemand setzte Jägers Forschungsarbeit bei den Heredes fort und Liz ist dorthin gefahren, um herauszufinden, auf welchem Stand sie sind und vor allem, ob sie tatsächlich vorhaben, ihre Erkenntnisse auf dem Weltmarkt der Ruchlosigkeiten anzubieten.“

Keine Antwort.

„Sie war krank, als sie zurückkam.“

Emrys Adamsapfel hüpfte auf und ab, als er hart schluckte, doch er schwieg weiter beharrlich.

„Wie konnte sie Krebs bekommen?“, wollte Patricia wissen. „Liz war immun geg…“

„Unsinn!“, unterbrach Emrys heftig. „Keiner von uns ist immun! Diese Leukämie war eine sehr aggressive Form, die innerhalb von Wochen zum Tod führt. Vor ihrer Reise hat sie die Symptome … nicht ernst genug genommen. Es war furchtbar, aber nicht zu ändern.“

Patricia gab ein ungläubiges Schnauben von sich. „Wann warst du das letzte Mal länger als einen Tag krank, Emrys? Das HenO-Gen macht uns vielleicht nicht vollständig immun, aber unsere Selbstheilung funktioniert auf einem Niveau, von dem andere Menschen nur träumen können. Und selbst wenn es eine besonders aggressive Leukämieart war: Sie war mit einem Arzt verheiratet – wenn sie vor ihrer Reise bereits krank gewesen wäre, dann wäre sie nicht geflogen. Außerdem sind im Gegensatz zu früher die medizinischen Möglichkeiten erstklassig. Eine Knochenmarkspende von mir, Finley oder dir wäre ihre Chance gewesen. Wahrscheinlich hätte sogar eine einfache Bluttransfusion bei ihr gereicht, um ihre Autotherapie wieder in Gang zu setzen. Herrgott noch mal! Das musst du doch gewusst haben. Und Liz mit Sicherheit auch!“

Emrys’ bejahende Kopfbewegung war so unmerklich, dass sie sie beinahe übersehen hätte.

„Hätte Liz eine Chance gehabt?“

Ein kaum sichtbares Achselzucken.

„Sie hat es nicht zugelassen? Um ihre Familie zu schützen? Wenn Liz plötzlich gesund geworden wäre, wäre das eine Bestätigung für die Heredes gewesen, dass Liz Trägerin des Gens ist und es vielleicht an ihre Kinder vererbt hat!“ Ein Aufblitzen in Emrys’ Augen sagte Patricia, dass ihre Spekulationen nicht ins Leere liefen. Ein eisiger Schauer überkam sie.

„Du hast recht.“ Sein Widerstreben, das zuzugeben, war Emrys deutlich anzumerken. „Die Heredes haben ihr Hauptquartier in Südamerika, doch seit ungefähr vier Jahren sind sie auch in Europa wieder aktiv. Mit einer Stiftung unterstützen sie dubiose Forschungseinrichtungen – illegale Aktivitäten sind ihnen leider nicht nachzuweisen. Die gute Nachricht scheint zu sein, dass die wenigen rezessiven Allele, die sie im Laufe der Jahre von HenO isolieren konnten, für bahnbrechende Ergebnisse nicht ausreichen.“

„Dann sollte Finley also vor vier Jahren untertauchen, damit sie ihn nicht als Träger des dominanten Gens identifizieren. Jetzt steht er aber unter Beobachtung.“

„Ja, ich weiß. Sicher sind sie jedoch nicht, daher werden sie keinen angesehenen Rechtsanwalt kidnappen, um an ihm irgendwelche Tests durchzuführen, denn Aufsehen ist das, was die Heredes vermeiden wollen.“

Noch wollen sie kein Aufsehen, Emrys! Aber eines Tages werden sie ungeduldig, weil ihnen das Geld ausgeht und sie endlich Ergebnisse brauchen, die sie meistbietend verkaufen können – egal an wen. Sollte Finley nicht besser außer Landes gehen?“

Emrys seufzte leise. „In den letzten Jahren hat sich viel verändert. Globalisierung. Das Internet. Wir müssen viel vorsichtiger sein – aber es gibt uns auch neue Möglichkeiten. Finley versteht eine Menge davon, deswegen brauche ich ihn in der Nähe.“

„Die Jungen haben den Alten manchmal etwas voraus“, bemerkte Patricia trocken. „Aber du hast von Caitlyn abgelenkt. Sie und ihr Bruder haben nur die rezessive HenO-Variante und waren bislang bei keiner ärztlichen Routineuntersuchung auffällig – außerdem wissen die Heredes nichts davon, dass Liz Kinder hatte.“

Emrys hatte sich wieder gesetzt, seine Ellbogen auf die Knie gestützt und starrte vor sich hin. „So einfach ist es nicht, Patricia.“

„Es war noch nie einfach!“

Eine Weile war nichts zu hören außer dem Summen der Wildbienen, die in einem toten Baumstamm nisteten, und dem gelegentlichen Schnauben der Pferde.

„Ich vermutete bei Caitlyn das dominante HenO-Gen“, sagte Emrys so leise, dass sie ihn kaum verstand. „Ich wollte … sichergehen, deswegen sollte sie die Kette bekommen. Sie wurde krank, das heißt, ihr Immunsystem hat auf die Kristalle reagiert, und du weißt, was das mit ihrem Blut gemacht hat.“

Patricia sog die Luft ein. „Um Himmels willen!“

Emrys lächelte bitter. „Es ist eine Tatsache, Patricia. Deswegen ist sie in Glasmaris vorläufig am besten aufgehoben. Der einzige Arzt dort ist Jonathan Pfefferkorn, der genug weiß, um sich nicht laut darüber zu wundern.“

Einen Moment lang ließ Patricia die Neuigkeit sacken. „Hast du mal darüber nachgedacht, ob es nicht an der Zeit wäre, das Versteckspiel zu beenden und mit HenO an die Öffentlichk…?“

„Nein!“, fiel Emrys ihr harsch ins Wort. Dann fuhr er etwas ruhiger fort: „Es wird unerfüllbare Hoffnungen wecken. All deine Überlegungen und jahrelangen Forschungen, Patricia, haben dich nicht weitergebracht. Der Erbgang ist und bleibt unberechenbar, deswegen dürfen wir nicht noch mehr falsche Begehrlichkeiten wecken. Glaubst du nicht, dass es andere Organisationen geben könnte, die ähnlich wie die Heredes denken? Terroristen, Diktatoren – sie werden bei uns Schlange stehen, um ihr Stück vom Kuchen zu bekommen.“ Er schnaubte.

Patricia hatte dieses Thema schon oft angeschnitten und immer dieselbe unbefriedigende Abfuhr bekommen. „Dann musst du wenigstens mit Caitlyn reden, Emrys – und zwar sofort!“

„Das werde ich, sobald der richtige Zeitpunkt gekommen ist.“

Patricia lag auf der Zunge zu fragen, wann genau das sei, ließ es dann aber. Sie hätte genauso gut mit einem Baumstumpf weiterreden können. „Was ist mit Henry?“

„Er hat nur die rezessive Variante und seine Frau ist negativ.“

„Sicher?“

Mit beiden Händen rieb sich Emrys über sein Gesicht. Dann hieb er sich auf die Oberschenkel. Die Bewegung hatte etwas Abschließendes. „Ganz sicher.“

Patricia kannte Emrys Prestwich lange genug, um zu erkennen, wann es keinen Zweck mehr hatte, zu diskutieren. Sie erhob sich. „Nun, du wirst wissen, was du tust.“ Sie gab sich keine Mühe, zu verbergen, wie wenig überzeugt sie davon war. „Ich mache mich jetzt auf den Rückweg. Melde dich, wenn ich etwas tun kann.“

Emrys stand ebenfalls auf. „Das werde ich.“

Ihr Abschied fiel deutlich kühler aus als die Begrüßung.

D a s  A h n e n e r b e  e. V. 
Forschungsanstalt Biologie
Pottenstein, in Ofr.

An: Dr. Gregory Fletcher
Botanisches Institut
Berlin

Pottenstein, 20. April 1939

Verehrter Dr. Fletcher!

Natürlich stimme ich Ihnen uneingeschränkt zu!

Das Werk Ihres Landsmannes Sir Francis Galtons ist in der Tat ein schier unerschöpflicher Quell des Wissens für die moderne Rassen- und Gesellschaftsbiologie. Es ist mir eine Freude, festzustellen, dass Sie sich entschlossen haben, Ihr Wissen und Können auch weiterhin in den Dienst des Deutschen Reiches zu stellen. Ich bin sicher, Sie werden es nicht bereuen!

Ihre persönlichen Forschungsergebnisse stimmen außerdem völlig mit der Meinung meines hochverehrten Freundes Fritz Lenz überein, der schon vor beinahe dreißig Jahren behauptete, dass negative Selektion erblicher Fehler die einzig erfolgreiche Therapie sei. Die Kernfrage indes beantwortet es nicht. Wie finden wir zuverlässig heraus, welche Eigenschaften verstärkt und welche ausgemerzt werden sollen? Manche sind offensichtlich, doch gibt es eine Vielzahl Spezifika, die unter der Oberfläche des menschlichen Körpers verborgen und es wert sind, sich ihrer anzunehmen.

Ihre persönliche Meinung dazu dürfte ebenso interessant wie geistreich ausfallen, doch lässt sie sich besser bei einem guten Glas Rheinwein besprechen, als diese grundlegenden Fragen weiterhin brieflich zu erörtern. 

Bitte nehmen Sie mein lebhaftes Interesse zum Anlass, meiner Einladung zu folgen und unserem Institut baldmöglichst einen Besuch abzustatten.

Mit kollegialen Grüßen und Heil Hitler

Dr. Konrad Jäger
Institutsleiter

Ysgol Glasmaris, Anglesey

Der schnelle Wirkungseintritt seiner selbst kreierten K.-o.-Tropfen war wie immer äußerst zufriedenstellend. Schließlich hatte es ihn viele Stunden Arbeit gekostet, bis er die richtige Mischung aus Tranquilizern, GHB und anderen psychogenen Substanzen gefunden hatte. Die anterograde Amnesie, die ihm garantierte, dass sich der Betreffende an nichts mehr erinnerte, trat schnell ein, die Nachwirkungen und damit die Gefahr, dass jemand Verdacht schöpfte, blieben minimal.

Sichtlich desorientiert ließ sich Brown von ihm den Weg hinauf durch den Park führen. Dann gingen sie vorbei an den Sportplätzen, die an der Mauer vorn zur Straße hin lagen, zwischen der Turnhalle und dem Refektorium bis zu einem Neubau in der Nähe des Haupteingangs.

Neben der Tür des dreistöckigen Gebäudes hing ein Schild mit der Aufschrift „Dormitorium I - Mädchen“.

Er brachte Brown zu einem Zimmer im Erdgeschoss. Die ganze Zeit über hatte sie nicht gesprochen, sondern war, den Kopf an seine Schulter gelehnt, brav neben ihm hergetrottet. Im Zimmer sah er sich kurz um. Schließlich platzierte er sie auf dem Bett. Ihre hellblauen Augen wirkten wie ein wolkenverhangener Himmel und der gescheite, neugierige Gesichtsausdruck war einer weltvergessenen Miene gewichen. Sie leckte sich die Lippen.

Featherston holte einen Zahnputzbecher aus dem Bad, füllte Wasser hinein und half ihr, den trockenen Mund zu befeuchten – eine leider unvermeidliche Nebenwirkung, die sich jedoch leicht behandeln ließ.

Sie blinzelte verwirrt. „Was los?“ Ihre Artikulation war etwas verwaschen.

„Während unseres Spaziergangs bekamen Sie Kreislaufprobleme, das ist alles.“ Er stellte den Becher beiseite, zog sich einen Stuhl heran und setzte sich ihr direkt gegenüber.

„Ah … so?“ 

„Fühlen Sie sich jetzt besser?“

„Ja …“ Wieder blinzelte sie. 

„Ich möchte, dass Sie mir noch einmal alles erzählen, was Sie damals in London gesehen und gehört haben.“

„Hm?“ Sie gähnte. 

„Sehen Sie mich an.“ Als sie nicht gleich reagierte, fasste er an ihre Schultern und schüttelte sie sanft. „Caitlyn! Erzählen Sie mir von London.“

„London?“

„Von Michael Kelly. Sie haben Erste Hilfe geleistet, wissen Sie das noch?“

„Ach … ja …“ Sie spitzte die Lippen. Ihre Augen fielen langsam zu. 

Featherston hinderte sie daran, sich hintenüber sinken zu lassen. Sie murmelte etwas Unverständliches und öffnete die Augen wieder. Dann pikte sie unvermittelt mit ihrem Zeigefinger zwischen seine Brauen. 

„Wenn Sie das dauernd machen, bekommen Sie die Falte da nie wieder weg.“ Sie kicherte. Zuerst leise, dann lauter, bis sie sich vor Lachen auf dem Bett kugelte.

Eine derart stimulierende Wirkung der Tropfen kam leider auch gelegentlich vor. Und abgesehen von Gewaltanwendung, konnte er leider nichts dagegen unternehmen. Seufzend lehnte er sich zurück und wartete mit verschränkten Armen, bis der Lachkrampf verebbt war. Nach einer Weile rappelte sich Brown wieder auf und kniete vor ihm auf dem Bett. Ihr Gesicht war hochrot, ihre Augen voller Lachtränen. Ihr Haarknoten hatte sich gelöst, die Haare ringelten sich wild um ihr Gesicht. Sie brauchte mehrere Anläufe, bis sie das Haargummi erwischte, das sich in den Locken verfangen hatte.

„Erzählen Sie endlich!“, verlangte er.

„Was denn?“ Sie wickelte das Gummi um ihre Finger.

„Sie hatten gerade angefangen, von Ihrem Zusammentreffen mit Kelly zu berichten!“

„Hatte ich das?“ Nachdenklich zog sie das Haargummi in die Länge.

„Ja, hatten Sie. Also?“

„Ups!“ In hohem Bogen schnellte das Haargummi durch den Raum.

Mit Daumen und Zeigefinger rieb er sich über die Nasenwurzel. „Bitte! Kelly!“

Sie holte tief Luft. „Es war vor Harrods. Im Schaufenster war dieser Hund, so ein schwarzer Labrador und das Pferd – wie ein Highlandpony … waren Sie schon mal in den Highlands?“ Mit himmelblauem Augenaufschlag sah sie ihn an.

Er reagierte nicht. 

„Ich warte auf Ihre Antwort!“

„Ja, war ich“, knirschte er ungeduldig.

„Ich war auch schon mal dort. In Ullapool. Und Sie?“

„Inverness.“

„Hat es Ihnen dort gefallen?“

„Nein! Weiter!“

Sie kratzte sich am Kopf. „Jedenfalls stand dieser Michael Kelly hinter mir und hat die Plüschtiere fotografiert. Ich dachte, er wollte sie vielleicht seinen Kindern schenken … wie alt sind die eigentlich?“

Weil Featherston sie nur schweigend ansah, näherte sie sich ihm auf allen vieren, bis ihr Gesicht nur eine Handbreit von seinem entfernt war, und spitzte die Lippen. „Wie ahalt?“, fragte sie im Singsang-Tonfall.

„Sie werden die Kinder bald selbst kennenlernen.“

„Ich will es aber jetzt wissen!“ Sie klang wie ein quengeliges Kleinkind.

„Verdammt noch mal! Bleiben Sie gefälligst beim The…“

Unvermittelt verlor sie das Gleichgewicht. Im Versuch, sie aufzufangen, fiel er auf den Holzboden, Brown landete auf ihm und presste die Luft aus seinen Lungen. Er fluchte japsend, während sie von ihm hinunterrobbte.

„Hören Sie endlich auf mit dem Blödsinn!“ Er rieb sich die schmerzende Stelle am Kopf und setzte sich wieder auf den Stuhl. Sie zog einen Schmollmund. 

Mit viel Geduld, unterbrochen von albernem Gelächter, entlockte er ihr alles, was er wissen wollte. Mit ausgestreckten Beinen saß sie die ganze Zeit auf dem Boden und spielte mit ihrer Kette herum.

„Das ist ein sehr schönes Schmuckstück“, sagte er schließlich. „Woher haben Sie es?“

Genauso redselig wie zuvor, aber zu seiner Erleichterung weniger aufgedreht, berichtete Brown, wie sie das Päckchen erhalten hatte. „… und wissen Sie, was dann passierte?“ Plötzlich hielt sie sich die Hand vor den Mund. „Ach, verflixt. Eigentlich soll ich das doch niemandem erzählen … ach, egal, Sie verraten es doch nicht, oder?“

„Nein, natürlich nicht.“

Verschwörerisch senkte sie die Stimme. „Ich habe nämlich einen Brief bekommen.“ Sie machte eine bedeutungsvolle Pause.

„Tatsächlich?“

„Ja, wirklich, und die Kette“, sie senkte die Stimme, „ist nämlich ein Familienerbstück.“

„Von wem war der Brief?“

„Keine Ahnung. Es gab keinen Absender. Nicht mal eine Unterschrift.“

Featherston war sicher, dass es sich bei dem geheimnisvollen Briefschreiber um die alte Frau handelte, die der UPS-Bote erwähnt hatte. Interessant, dass Brown offenbar noch weniger über den Absender wusste als er. „Wo ist der Brief?“

Bedauernd zuckte sie mit den Schultern. „Ich habe ihn verbrannt. Das sollte ich tun. Und wissen Sie, was? Er war mit richtigem Wachs versiegelt und auf dem Umschlag stand sogar der Anfangsbuchstabe meines zweiten Vornamens. Rolanda.“ Sie zog die Nase kraus. „Den kennt fast niemand. Er ist furchtbar, finden Sie nicht?“ 

„Es gibt Schlimmere, glauben Sie mir.“

„Sie haben doch auch einen, oder? C Punkt. Damit haben Sie den Vertrag unterschrieben.“

„Cuthbert, nach meinem Vater. Aber verraten Sie es niemandem.“

„Großes Indianerehrenwort.“

Behutsam zog er sie auf die Beine. Es wurde Zeit, das Gespräch zu beenden. Vorläufig hatte er alles erfahren, was es zu erfahren gab. Schon seit er sie abgeholt hatte, war sie viel zu unbedarft und vertrauensselig, um etwas anderes zu sein, als sie vorgab, und spätestens unter der Wirkung der K.-o.-Tropfen hätte sie etwas preisgegeben, wenn sie mehr gewusst hätte.

Sie lächelte leicht, als sie so vor ihm stand. Unwillkürlich hob er eine Hand, um ihr eine verirrte Locke hinter das Ohr zu stecken. Sie war das Ebenbild ihrer Mutter.

„Was ist das?“, fragte sie neugierig, weil er einen länglichen Gegenstand aus seinem Jackett zog, der Ähnlichkeit mit einem Kugelschreiber hatte.

„Es ist spät geworden …“, antwortete er leise. Ohne hinzusehen, arretierte er den Stift mit einer Drehung.

Noch einmal berührte er ihr Haar, legte schließlich sachte eine Hand an ihren Hinterkopf und beugte sich näher. Ihr Haar duftete schwach nach einem Kräutershampoo.

„He, was machen Sie da?“, fragte sie kichernd, machte aber keine Anstalten, zurückzuweichen. Ihr hübsch geschwungener Mund bot sich ihm geradezu an.

Ein mokantes Lächeln huschte über seine Lippen. Sie war wirklich eine reizende Frau.

Schade.

Er beugte sich nahe an ihr Ohr. „Zeit zu schlafen … Kitty.“ 

Überrascht flogen ihre Brauen in die Höhe.  „Woher wissen Sie …?“

In diesem Moment drückte er den Stift an ihren Hals. Zuckend verstummte sie, als die Nadel ihre Haut durchstieß, dann verdrehte sie die Augen und sank bewusstlos in seine Arme. Behutsam legte er sie auf das Bett, streifte ihr Schuhe und Hose ab und deckte sie zu. Er war kein Amateur, der sich von körperlichen Reizen hinreißen ließ.

Zunächst nahm er ihr die Kette ab, um sie mit seinem Handy von allen Seiten zu fotografieren. Die Koffer, die sie vorgeschickt hatte, hatte er bereits vor ihrem Eintreffen in der Ysgol durchsucht. Das einfache Kofferschloss hatte für ihn kein Hindernis dargestellt. 

Dann nahm er sich ihr Handy vor. Während er damit beschäftigt gewesen war, den Wein einzuschenken, hatte sie – ganz, wie er es vorausgesehen hatte – ihr Mobiltelefon hervorgeholt. Von dem Muster hatte er genug erkannt, um es mit nur drei Versuchen zu erraten.

Es war leicht. Im Grunde sogar naheliegend für eine Mathematiklehrerin. Das mathematische Zeichen für „Unendlich“, stilisiert im 9-Punkt-Muster.

Gründlich durchforstete er alle Daten, fand jedoch nichts von Interesse. Schließlich holte er aus seiner Tasche ein flaches Gerät und drückte einen Knopf. Das grüne Lämpchen am Störsender erlosch. 

Sekunden später erklangen mehrere Töne auf Browns Handy, die den Eingang von Kurznachrichten und entgangenen Anrufen signalisierten. Der Empfang hier war schlecht – aber nicht so schlecht, wie er ihr weisgemacht hatte, doch unnötige Unterbrechungen durch Telefonate oder Nachrichten wären mehr als lästig gewesen. Er kontrollierte die neuen Nachrichten, schrieb eine Antwort, dass alles in Ordnung sei, dann schaltete er den Modus auf lautlos und legte es auf den Nachttisch.

Schließlich trat er neben das Bett. Sie lag ruhig auf dem Rücken und hatte sich kein Stück bewegt, seitdem er ihr das Sedativum verabreicht hatte. Er prüfte Atmung und Puls, ihre Stirn war trocken und warm. Auch als er die Augenlider anhob, fand er keinen Grund zur Besorgnis. Bis morgen früh wäre die Wirkung verflogen. Sie würde sich ein wenig verkatert fühlen, aber das wäre auch schon alles. 

Hier blieb ihm nur noch eins zu tun – doch er zögerte, denn in diesem Fall bestand ein Risiko. Allerdings war es unwahrscheinlich, dass er in naher Zukunft eine neue Chance bekommen würde. Also schob er ihre Ärmel hoch, um die Venen in den Armbeugen zu begutachten. Unproblematisch, entschied er. Er breitete einige Utensilien, die er vorsorglich mitgenommen hatte, auf dem Nachttisch aus und legte ihr den Stauschlauch an. Mit einem Desinfektionstuch wischte er über ihre Armbeuge, tastete nach der besten Vene und stach mit einer Nadel hinein, um einige Milliliter Blut abzunehmen. Er löste den Stauschlauch, ließ weiteres Blut nachlaufen und entfernte am Ende geschickt die Nadel, ohne dass etwas heraustropfte. Während er die Kanüle hin und her schwenkte, hielt er mit der anderen Hand den Tupfer fest auf die winzige Verletzung gepresst. Mehrmals sah er nach, bis er ganz sicher war, dass nichts mehr nachblutete. Er hielt es für unwahrscheinlich, dass Brown etwas davon bemerkte.

Nachdem er sichergestellt hatte, dass nichts mehr von seiner Anwesenheit im Raum zeugte, machte er sich auf den Weg in die Eingangshalle des Refektoriums, in der sie ihr restliches Gepäck zurückgelassen hatte. Führerschein, Ausweise, Geld und Kreditkarten fotografierte er und nahm einen Abdruck der Schlüssel. Ihren Laptop konnte er heute getrost ignorieren. Wenn sie sich ab morgen über das Schulnetzwerk anmeldete, hätte er genügend Zeit, sich auf ihrer Festplatte umzusehen. Nachdem er auch den Kulturbeutel durchsucht und wieder verstaut hatte, zog er sein Telefon heraus.

Als sich am anderen Ende jemand meldete, sagte er übergangslos: „Miss Brown hatte eine anstrengende Reise und ist bereits schlafen gegangen. Ihr restliches Gepäck steht in der Eingangshalle der Klausur, sorgen Sie dafür, dass sie es morgen in ihrem Zimmer vorfindet … ach ja, und es wäre gut, wenn sie morgen früh geweckt würde … um Viertel vor acht … danke.“

Kurz darauf betrat er ein fensterloses Labor im Gebäude der Fachräume. Er nahm die Blutprobe aus seiner Tasche und betrachtete sie eine Weile. Dann öffnete er einen Schrank, zu dem nur er den Schlüssel besaß, und machte sich an die Arbeit.

Später, mitten in der Nacht, stand er am offenen Fenster seines Schlafzimmers, lauschte dem monotonen Geräusch der Brandung und beobachtete die Fledermäuse, die mit dem Wind über den mondhellen Nachthimmel jagten.

Ohne Licht zu machen, zog er sein Jackett aus und hängte es sorgfältig auf einen Bügel. Aus seinem Schulterholster nahm er seine Walther P99 und überprüfte sie mit geübtem Handgriff. Einen Augenblick lang spürte er das vertraute Gewicht der Waffe in seiner Linken, bevor er sie in seinem Nachttisch verstaute. Im Bad blickte ihn aus dem Spiegel über dem Waschbecken seine eigene, gewohnt neutrale Miene an. Nichtssagend. Wie immer. Perfekt geeignet für die Rolle, die er spielte.

Er warf das Hemd in den Wäschekorb. Obwohl eine der halb verheilten Wunden an seinem vernarbten Unterarm entzündet war, schenkte er ihr keine Aufmerksamkeit, sondern erledigte den Rest seiner Abendhygiene.

Als er sich im Bett zu entspannen versuchte, gelang es ihm nicht. Jedes Mal, wenn er die Augen schloss, sah er sie vor sich. Die hohen Wangenknochen, ihre leicht schräg stehenden hellblauen Augen.

Im Labor der Schule hatte er nur sehr beschränkte Möglichkeiten, doch bereits, als er ihre Blutgruppe bestimmen wollte, hatte er eine interessante Entdeckung gemacht. Beim Kreuztest verklumpte ihr Blut weder mit dem A- noch mit dem B-Testserum, was auf Blutgruppe 0 hindeutete – doch der Test mit der Anti-H-Substanz war positiv. 

Sie hatte eine der seltensten Blutgruppen der Welt.

Das allein war schon seltsam, denn er hatte noch nie davon gehört, dass die Bombay-Blutgruppe bei einem Europäer vorgekommen wäre – doch warum war in ihrem Blutspendeausweis Blutgruppe 0 vermerkt? Es musste doch längst jemandem aufgefallen sein, zumal ihr Vater und ihr Bruder Ärzte waren. Alle sonstigen Laborwerte waren nicht nur normal, sondern ausgezeichnet. 

Langsam schloss er die Augen.

Es bestand kein Grund zur Eile.

Sie ahnte nichts davon, wie einzigartig sie war –  was ihm einen beispiellosen Vorteil verschaffte.

ZWEI

Schrillen. 

Ohrenbetäubend. 

Wie von der Tarantel gestochen sprang ich aus dem Bett. Weil meine Augenlider deutlich zeitverzögert auf den abrupten Bewusstseinswechsel reagierten, stieß ich mir das Knie, taumelte fluchend und landete unsanft auf meinem Allerwertesten. Ich rappelte mich auf, um zur Kommode zu wanken, auf der ein altertümlicher Wecker einen Höllenlärm veranstaltete. 

„Klappe!”, nuschelte ich, während ich versuchte, die Mechanik des Weckers zu begreifen.

Irgendwann kapierte ich, wie ich mithilfe eines Häkchens den Schlegel anhalten musste, damit der nicht mehr in rasender Geschwindigkeit zwischen den Glocken hin und her schwang und meinen Kopf damit beinahe zum Platzen brachte. Endlich herrschte Ruhe. Das Hämmern im Kopf ließ allerdings nur unwesentlich nach. Bevor ich zurück ins Bett kroch, warf ich einen Blick auf die Uhrzeit. Erst Viertel vor acht. Außerdem war Sonntag.

Wer hatte dieses Monstrum da hingestellt? Trotz der Kopfschmerzen und des Gefühls, einen alten Socken im Mund zu haben, glitt ich schon wieder in einen Dämmerschlaf, als mir zwei viel interessantere Fragen einfielen.

Wo genau war ich eigentlich?

Und wie war ich ins Bett gekommen?

Verschwommen erinnerte ich mich daran, dass ich mit Featherston einen Spaziergang zu den Klippen gemacht hatte. Schäumendes Wasser, kalter Wind und Featherston, der mich festgehalten hatte, damit ich nicht stürzte. Mehr wusste ich beim allerbesten Willen nicht. 

Featherston!

Mit einem Schlag war ich hellwach. Um acht Uhr wollte er mich abholen. Wenn mein Gedächtnis auch sonst Lücken aufwies – zumindest da war ich mir sicher. Mit einem Hechtsprung – den mein Kopf mir gleich übel nahm – war ich aus dem Bett, brauchte jedoch einen Moment, um das Schwindelgefühl loszuwerden, bevor ich mich orientieren konnte. Bett. Tisch. Stuhl. Kommode. Fenster. Tür.

Tür!

Auf dem Weg dorthin entledigte ich mich etwas unsystematisch derselben Kleidung, die ich gestern den ganzen Tag getragen hatte und von der ich mir offenbar nur die Hose ausgezogen hatte. In einem kleinen Vorraum stieß ich auf einen Wandschrank, Regale und Kleiderhaken – ach, da hing meine Jacke – und zwei weitere Türen. Die Erste führte auf den Flur, die Zweite – heureka! – ins Bad. Erst während ich unter dem warmen Wasser der Dusche allmählich wacher wurde, fragte ich mich, woher das Shampoo eigentlich stammte. Meines war es jedenfalls nicht. Ich verschob sämtliche Verwunderung darüber auf später und trocknete mich mit einem unbekannten flauschigen Handtuch ab. Als ich ins Zimmer zurückkam, fiel mein Blick auf das Handy.

Ich hatte Daniel gestern gar nicht mehr geschrieben. Doch seine letzte Nachricht gestern Abend lautete:

Da bin ich ja froh. Ich hatte mir schon Sorgen gemacht, weil ich dich nicht erreichen konnte. Ruf mich morgen früh einfach an. Ich vermisse dich jetzt schon. 

Tatsächlich fand ich in der Liste mehrere Nachrichten und entgangene Anrufe von gestern und offenbar hatte ich auch noch geantwortet. Seltsam. Was war nur mit mir los gewesen?

Ich dich auch! Bin gerade aufgestanden. Hier ist sehr schlechter Empfang. Melde mich später.

Ich drückte auf „senden“. Jetzt musste ich mich noch mehr beeilen. Die Koffer und der Rucksack standen allesamt im Zimmer verteilt, sodass ich schnell halbwegs zueinanderpassende Kleidungsstücke fand. Gerade fahndete ich nach einem verschollenen Strumpf, als es auch schon klopfte. 

„Komme!“ Den vorhandenen Strumpf schon mal überstreifend, hüpfte ich auf einem Bein zur Eingangstür. „Guten Morgen, Sir!“ Erst jetzt fiel mir ein, meine Hose zu schließen.

Featherston übersah es dankenswerterweise. „Guten Morgen, Miss Brown. Haben Sie gut geschlafen?“

„Äh, ja, danke … Sir …“ Ich rieb mir die Schläfen. Der Kopfschmerz ließ nur langsam nach. „Kommen Sie rein, ich bin gleich fertig.“

„Sie wirken blass. Fühlen Sie sich nicht wohl?“, erkundigte sich Featherston mehr oder weniger freundlich, während er im Türrahmen zwischen Vorraum und Zimmer stehen blieb.

„Doch, doch, alles in Ordnung.“ Ich zog den Einzelsocken aus und stattdessen ein vollständiges Paar Strümpfe aus dem Koffer. Als ich mich nach meinen Schuhen umsah, entdeckte ich auf der Kommode eine Flasche Wasser und ein Glas. Wenigstens den schalen Geschmack in meinem Mund konnte ich dadurch etwas abmildern, denn das Zähneputzen war äußerst knapp ausgefallen. Während ich ein Glas auf ex trank, blieb Featherstons Miene ausdruckslos, doch irgendwie hatte ich den Eindruck, er taxierte mein Verhalten genau. Ich war mir nicht sicher, ob das gut oder schlecht war – besonders in Anbetracht der Tatsache, dass mir ein Teil des gestrigen Abends nicht mehr einfallen wollte. Da ich keine Zeit hatte, meine Haare zu föhnen, flocht ich sie kurzerhand zu einem dicken Zopf. Mit dem Ende in der Hand überlegte ich, wo ich auf die Schnelle ein Zopfgummi auftreiben konnte, als Featherston mitten ins Zimmer trat und sich bückte. Wortlos reichte er mir dasselbe, das ich gestern getragen hatte.

„Danke.“ 

Nachdem ich meine Schuhe auf einem Regal unter den Kleiderhaken gefunden hatte, verließen wir das Zimmer. 

Featherston gab mir eine Magnetkarte an einem Band und deutete auf einen Kartenleser an der Eingangstür. „Jedes Mitglied der Schule besitzt eine solche Schlüsselkarte – Personal wie Schüler. Sie öffnet Türen und verschafft Ihnen Zugang zu Computern in der Bibliothek, Kopierern oder anderen Geräten.“ Die unscheinbare weiße Karte war an einem Band befestigt und trug neben meinem Namen das Foto, das ich mit meiner Bewerbung geschickt hatte. „Sie ist für jeden individuell codiert, und ich rate Ihnen dringend, gut darauf aufzupassen und sie unter keinen Umständen an Schüler zu verleihen.“

Ich grinste. „Damit die Jungs nicht die Gelegenheit nutzen, in die Mädchenschlafzimmer zu gelangen.“

Ein winziges Lächeln. „Allgemeiner ausgedrückt: Damit die Schüler sich nicht Zugang zu Orten verschaffen, an denen sie nichts zu suchen habe – oder das Schulgelände unerlaubt verlassen. Im Gegensatz zum Personal ist es den Schülern nicht gestattet, einen anderen Ein- oder Ausgang als das Torhaus zu benutzen, und auch das dürfen sie erst, nachdem sie sich ordnungsgemäß bei der für sie zuständigen Aufsichtsperson ab- und bei ihrer Rückkehr wieder angemeldet haben. Es ist das Tor, durch das wir gestern mit dem Auto gefahren sind“, ergänzte er hilfreich. „Die Tür, die wir gestern Abend benutzt haben, um zu den Klippen zu kommen, darf von Schülern nur in Begleitung einer Aufsichtsperson benutzt werden.“

„Ah, okay.“ 

Er machte eine kurze Pause, bevor er weitersprach, so, als wartete er auf einen Kommentar von mir zum gestrigen Abend, doch da ich nichts mehr sagte, begann er mit dem Rundgang.

Mein Zimmer lag im Erdgeschoss der Mädchenunterkunft. In dem vierstöckigen Gebäude im viktorianischen Stil befanden sich rund zwei Dutzend Zimmer, die sich jeweils mehrere Mädchen teilten. Auf den Etagen gab es Gemeinschaftsräume mit Fernsehern und Küchenzeile, im Keller weitere Räumlichkeiten zur gemeinsamen Nutzung. Die Jungenunterkunft auf der anderen Seite des Hauptzufahrtweges war ähnlich gestaltet. Hinter dem Mädchendormitorium, angrenzend an das Refektorium, lagen die Wirtschaftsgebäude. Weiter vorn auf dem Gelände, links und rechts vom Haupttor, befanden sich Neubauten, die erstklassig ausgestattete Fachräume enthielten, daneben eine Turnhalle, ein Schwimmbad sowie Außenanlagen für den Sport. Das großzügige Schulgelände wurde von einer gut vier Meter hohen Mauer aus uralten Steinen eingefasst. Alles wirkte gepflegt und verströmte eine angenehm friedliche Atmosphäre. Während unseres Rundgangs erläuterte Featherston mir die Schulregeln, die sich hauptsächlich darum drehten, was den Schülern erlaubt und was ihnen verboten war, um welche Uhrzeit die Mahlzeiten eingenommen wurden und welche Ausnahmen unter welchen Umständen gemacht wurden. Ich bemühte mich, mir möglichst viel zu merken, gab es aber nach kurzer Zeit auf und hoffte, dass ich diese Informationen in irgendwelchen Unterlagen fände, die er mir sicher noch aushändigen würde. 

Als wir zwischen Refektorium und den Sportanlagen hindurch in Richtung Park gingen, trafen wir am Eingang der Schwimmhalle auf ein paar Beine im Arbeitsanzug, die in ungefähr zwei Metern Höhe auf einer Leiter standen. Der zugehörige Oberkörper war irgendwo in der Deckenverkleidung verschwunden.

Featherston blieb stehen. „Mrs Gilmartin?“

Ein Rums von oben. „Ach, verdammt!“ 

Die Beine bewegten sich die Sprossen hinunter. Stück für Stück kam eine Frau zum Vorschein. Sie war mehr als einen Kopf kleiner als Featherston, die kurzen dunkelbraunen Haare waren zerzaust und ihr Gesicht alles andere als sauber. 

„Müssen Sie sich immer so anschleichen?“, fuhr sie Featherston an. Sie rieb sich den Kopf. „Ich bin gerade dabei, die Leitungen neu zu verkabeln. Was hätten Sie getan, wenn ich Ihretwegen einen Stromschlag bekommen hätte? Das Werkzeug etwa selbst in die Hand genommen? Dass ich nicht lache!“ Inzwischen stand sie auf dem Boden. Die Hände in die Hüften gestützt, funkelte sie Featherston von unten herauf an.

„Shannon Gilmartin, die Hausverwalterin“, stellte Featherston vor, ohne auch nur mit einem Wimpernzucken auf ihren Redeschwall einzugehen. 

Ich streckte ihr die Hand entgegen. „Caitlyn Brown. Ich unterrichte hier ab morgen.“

Die Hausverwalterin sah erst auf meine Hand, dann in mein Gesicht, schließlich zu Featherston. „Ach?“ Grinsend wischte sie sich ihre Hand an der Hose ab und drückte meine. „Na dann, herzlich willkommen.“

„Danke.“ Ich lächelte zurück.

„Ich geh lieber wieder an die Arbeit. Wenn ich nicht rechtzeitig fertig bin, wird Mylord ungemütlich.“

„Es steht Ihnen jederzeit frei, zu kündigen, Mrs Gilmartin“, erwiderte Featherston. „Sie kennen meine Bürozeiten.“

„Jaja.“ Und schon erklomm sie wieder die Leiter, ohne uns noch eines Blickes zu würdigen.

Nahezu gleichzeitig marschierte auch Featherston weiter, die südliche Flanke des Refektoriums entlang, die der äußeren Form nach zu urteilen die ehemalige Klosterkirche war. An der südöstlichen Ecke des Gebäudes angelangt, lag vor uns der Park, dessen anderes Ende durch das Grün der Bäume und Sträucher nicht auszumachen war. Featherston wandte sich nach links zu der Tür im nordöstlichen Winkel, durch die wir am Vorabend in den Park gegangen waren.

„Die Klassenzimmer befinden sich alle hier – abgesehen von den Fachräumen. Übrigens sind die meisten Gebäude durch unterirdische Tunnel miteinander verbunden. Es ist ein wenig verwinkelt, doch sie werden die Vorteile sicher schätzen, trockenen Fußes von einem Ort zum anderen zu gelangen.“

„Das kann ich mir vorstellen. Was ist das dort eigentlich?“ Ich deutete auf das kleine Haus am Ende des lang gezogenen nördlichen Gebäudeflügels. Offenbar hatte es eine eigene Zufahrt sowie einen Parkplatz.

„Das ehemalige Abthaus. Dort wohne ich.“

Wir warfen einen Blick in ein paar Klassenzimmer, dann nahmen wir den gleichen Weg den nördlichen Kreuzgang entlang wie am Vorabend und ich stellte fest, dass dieser rund um einen quadratischen Innenhof mitsamt altem Brunnenhaus führte. Der Hof war vollständig mit Glas überdacht. Sitzgelegenheiten und Pflanzen machten daraus einen ansprechenden, großen Aufenthaltsraum, der bei jedem Wetter nutzbar war. Der Speisesaal für die Lehrkräfte, in dem wir gestern Abend gegessen hatten, lag in der nordwestlichen Gebäudeecke, gleich neben dem großen Speisesaal für die Schüler. Mein Magen knurrte inzwischen, da ich noch nicht gefrühstückt hatte. 

Wir kamen am Haupteingang im Westflügel vorbei und betraten von dort aus die ehemalige Klosterkirche, in die ein Zwischenboden eingezogen war, sodass es neben der Bibliothek im Erdgeschoss ruhige Studierzimmer im ersten Stock gab. Im ehemaligen Chor der Kirche, der zum Park hin gerichtet war, lag das Lehrerzimmer. Am östlichen Kreuzgang gab es einige kleinere Arbeitsräume. In der Etage darüber befand sich die Verwaltung. Als Letztes gelangten wir in das Schulleiterbüro, das genau über dem Lehrerzimmer seinen Platz hatte.

„Wow!“

Ein Lächeln huschte über Featherstons Lippen. „Das fasst es kurz und prägnant zusammen.“

Details

Seiten
0
Erscheinungsform
Erstausgabe
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783960874256
ISBN (Buch)
9783960873525
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v424042
Schlagworte
Lark Oleander-Frauen Archer sieben Schwestern Riley familie-n-saga-geheimnis-se frau-en-thriller

Autor

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    Emma Finch (Autor)

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Titel: Die Spur der Kristalle (Spannung, Thriller, Liebe)