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Vegas, vidi, non vici (Humor)

Das Leben ist kein Triathlon

von Thomas Kowa (Autor) Christian Purwien (Autor)

2018 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

Nachdem sie auf Ibiza mit ihrer Musikkarriere grandios gescheitert sind, erobern die beiden erfolglosen Über-Männer Las Vegas! Ihr verstorbener Freund Ibiza-Paul hat Thomas Kowa und Christian Purwien ein Millionenerbe hinterlassen, allerdings unter einer Bedingung: Sie müssen den Las-Vegas-Triathlon gewinnen. Obwohl Thomas dem Glücksspiel abgeschworen hat und Christian sich für den wiedergeborenen Zwillingsbruder von Elvis Presley hält, machen sie sich auf den Weg in die Stadt der Träume und gescheiterten Existenzen. Dort angekommen stellen sie schnell fest, dass der Las-Vegas-Triathlon gar nichts mit Sport zu tun hat ...

Impressum

dp Verlag

Erstausgabe Juni 2018

Copyright © 2020 dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

E-Book-ISBN: 978-3-96087-368-6
Taschenbuch-ISBN: 978-3-96087-369-3

Covergestaltung: ARTC.ore
unter Verwendung von Motiven von
stock.adobe.com: © Maridav
freepik.com
Lektorat: Daniela Höhne

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

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dp Verlag

Mit Kommentaren von

Christian Purwien,

Gott,

SATAN

und

Buddha.

Vorwort (von Gott)

Liebe Gläubige, nicht ganz so liebes Geschlecht, welches ich aus der Rippe geschnitzt habe, elendiges sonstiges Gewürm!

Ich muss eindringlich vor diesem Buch warnen, denn darin sterben weniger Leute als in der Bibel, ja, es gibt nicht mal einen ordentlichen Religionskrieg oder eine anständige Opferszene.

Stattdessen geht es nur um Musik, die mir nicht huldigt, um Sodom und Gomorrha (oder wie man heute dazu sagt: Las Vegas) und um zwei Typen, die sich selbst nicht ernst nehmen.

Ich spreche daher eine klare Nichtkaufempfehlung aus! Leider hab ich keinen Amazon-Account, sonst würde ich dafür glatt null Sterne geben, und zwar solche, die ich selbst ans Firmament gehängt und in etwa so verhunzt habe wie diesen Planeten, auf dem ihr herumkreucht.

Kurz und gut: Jeder, der dieses Buch liest, kommt in die Hölle*.

Gott

*Im Himmel ist es eh total langweilig. Oder wollt ihr den Rest eures Lebens mit total naiven, total spießigen und total verklemmten Eunuchen zubringen? Eben ... Also lest ruhig weiter und sagt willkommen zu meiner Welt.

SATAN.

01

Alle großen Dinge beginnen mit Gotteslästerung.
George Bernhard Shaw, irischer Dramatiker

Mannheim, noch 4 Tage, 4 Stunden, 4 Minuten bis zum Weltuntergang

»Ibiza-Paul ist tot.«

»Was?« Ich blickte geschockt das Telefon an. Ibiza-Paul! Unser treuer Freund, Hobby-Spanier und Weltrekordhalter im Bier-Schnorren war tot? Tränen sammelten sich in meinen Augen, ich schniefte, brachte vor Ergriffenheit kein Wort mehr heraus.

»Ich weiß, es ist furchtbar«, sagte Christian. »Sein Notar hat mich gerade angerufen, wegen des Testaments.«

Kaum hatte Christian das letzte Wort ausgesprochen, war ich nicht mehr ganz so betrübt. Irgendwann muss man schließlich mit dem Trauern aufhören. Warum also nicht gleich?*

*Zur Entschuldigung von Thomas muss ich sagen, dass wir uns seit Jahren am untersten Ende der Einkommensskala befinden, weit abgeschlagen hinter Mc-Donalds-Aushilfen, Zalando-Packern und 1-Euro-Jobbern. Denn Thomas ist Schriftsteller ohne Bestseller und ich habe alle drei Monate eine neue Geschäftsidee, mit der ich regelmäßig scheitere. Momentan bin ich Videoproduzent und Drohnen-Filmer, wieder mal eine umwerfende Idee, aber seit man Videodrohnen in jedem Kaugummi-Automaten kaufen kann und Pornofilme als Gratisbeilage im digitalen Supermarktprospekt verschenkt werden steht auf meinem Frühstückstisch nicht mal mehr Margarine. Kurz und gut, wir drehen beide jeden Cent viermal um und geben ihn dann doch nicht aus. Und Ibiza-Paul war nun mal mehrfacher Millionär. Gewesen.

Ich bin übrigens Christian Purwien, der Typ, der alles kommentiert, korrigiert und konterkariert, was Thomas so von sich gibt.

Sollte Ibiza-Paul tatsächlich in seiner letzten Stunde an uns gedacht haben? Er hatte sicher eine Menge Freunde und so würden wir wahrscheinlich nur einen klitzekleinen Teil seines Vermögens bekommen, zum Beispiel seine Pfandflaschensammlung. Aber selbst die würde uns reichen, die nächste Monate zu überleben.

»Wir sind Alleinerben!«, platzte Christian mitten in meine Überlegungen hinein. Mir fiel der Telefonhörer aus der Hand. Ja richtig, Telefonhörer – das Handy hatte ich abgeschafft, seit man mit den Dingern alles konnte, nur nicht mehr telefonieren.

Jedenfalls nicht ohne Informatikstudium.

»...Bedingung«, hörte ich nur noch, als ich den Hörer wieder aufgehoben hatte.

»Alleinerben?«, fragte ich. »Hatte er den keine Frau oder Kinder?«

»Eltern hat er keine mehr, Geschwister auch nicht, ebenso wenig Kinder. Und er hat nie geheiratet.«

»Aber was ist mit Gertrud? Die beiden haben sich doch in Ibiza kennengelernt?*«

*Bevor ihr dumm fragt was da ablief, kauft euch besser Pommes! Porno! Popstar! Von mir aus ladet es auch illegal im Internet runter, aber beschwert Euch dann nicht, wenn ihr nach Eurem Ableben in der Download-Hölle landet und Euch ein Zimmer mit Death-Metal-Enthusiasten, Hobby-Rappern und Paulo-Coelho-Esoterikerinnen teilen müsst, während über die festinstallierten Zimmerboxen sämtliche von Euch illegal heruntergeladenen Tracks und Bücher zu hören sind, natürlich gleichzeitig. Und ja, der Lautstärkeregler ist defekt. Wäre es sonst die Hölle?

Nein, es hilft auch nicht, Vegetarier zu sein und zu glauben, damit auf dieser Welt genug Gutes getan zu haben, um der Strafe zu entgehen. Im Gegenteil, Satan hat sich für Euch etwas ganz besonderes ausgedacht: Wurstwasserboarding.

»Das lief anfangs super mit Gertrud«, seufzte Christian. »Aber dann hat Ibiza-Paul sie überredet in einen Swingerclub mitzugehen und am Ende hat sie den Club mit einem anderen Typen verlassen. Seitdem haben sie sich nie wieder gesehen.«

»Und was ist entfernten Angehörigen? Irgendein Halbneffe oder so?«

»Sind nicht erbberechtigt«, antwortete Christian und klang dabei, als würde er die Becker-Faust machen. »Weil es ein Testament gibt. Laut Notar wollte Ibiza-Paul sein Vermögen nämlich für einen guten Zweck verwenden.«

»Und da hat er an uns gedacht?« Erneut blickte ich ungläubig mein Telefon an. Wir waren zwar arm, aber nicht bedürftig, außerdem lebten wir in einem der reichsten Länder der Welt, waren Weltmeister nicht nur im Fußball, sondern auch im Meckern.

»Deswegen die Bedingung«, sagte Christian.

»Äh, welche Bedingung denn?«

»Wir müssen einen Triathlon absolvieren. Und wir müssen gleich los.«

»Was?« Seit ich letztes Jahr gelesen hatte, das Sport besser gegen Krankheiten hilft als die meisten Medikamente, war ich zwar ein ganz passabler Jogger und Radfahren konnte ich auch ohne Stützräder, aber das nützte alles nichts, wenn ich schon nach einem Meter absoff. »Ich kann nicht schwimmen«, piepste ich kleinlaut.

»Das musst du auch nicht. Es ist ein spezieller Triathlon. Und wir sind wie geschaffen dafür.«

»Ausgerechnet wir?« Ich überlegte, was unsere Stärken waren, mir fielen jedoch nur unsere Schwächen* ein.

*Falls sich das bei Euch exakt umgekehrt verhält, leidet Ihr wahrscheinlich an Wahrnehmungsverschiebung und seid Politiker, CEO einer Investmentbank oder Lance Armstrong.

»Das einzige Problem ist, wir fliegen morgen früh und der Triathlon findet im Land des Bösen statt.«

Da ich ein so freischaffender wie erfolgloser Schriftsteller war, stellte erstes kein Problem dar. Aber das Land des Bösen machte mir Gedanken. »Wo müssen wir hin? Iran, Irak, Afghanistan?«

»Ganz falsch.«

»Nordkorea, Russland, Libyen?«

»Nö.«

»Holland?«, wagte ich einen letzten Versuch, den nur Fußballfans nachvollziehen können.

»Nein«, antwortete Christian. »Die Vereinigten Staaten von ...«

»Amerika«, fiel ich ihm ins Wort.

Und Christian sagte nur: »Yeah. God's own country.«

»Das ist mir egal, wessen Land das ist«, antwortete ich. »Ich flieg da nie mehr hin.«

02

Gott ist meine Lieblings-Science-Fiction-Figur.
Homer Simpson, Comicfigur

Mannheim, noch 4 Tage, 4 Stunden, 1 Minute bis zum Weltuntergang

»Warum das denn?«, fragte Christian. »Du hast doch sogar mal ein paar Wochen in Hollywood gelebt, oder? War das nicht, nachdem euer Song bei Desperate Housewives gelaufen ist?«

»Genau deswegen fliege ich da nicht mehr hin.«

»Es geht um mehrere Millionen!«

»Mir egal.«

»Was ist denn damals genau passiert?«, fragte Christian. Ich seufzte. »Unser Song lief in der Auftaktfolge der sechsten Staffel, in einer Disco, die als the hottest thing ever angekündigt war. Der Song knallte in voller Lautstärke aus den Boxen, alle machen Party und am Ende kommt Eva Longoria auf die Tanzfläche. Nachdem ich das gesehen hatte, dachte ich, jetzt werden wir berühmt und ich bin Hals über Kopf nach Hollywood gezogen.«

»Also das war in etwa so wie diese naiven Models, die glauben sie werden berühmt, weil sie bei ihnen im Dorf mal ein Fotoshooting für den lokalen Supermarkt machen durften und am Ende landen sie auf dem Strich?«, fragte Christian.

»So in etwa, nur wird jede Folge von Desperate Housewives weltweit von über hundert Millionen Zuschauern gesehen, also dachte ich, da kann man darauf aufbauen.«

»Hundert Millionen?« Christian verschluckte sich beinah.

»Exakt«, sagte ich. »Also bin ich in die Staaten und hab unsere Songs allen möglichen Hollywood-Produzenten angeboten.«

»Und?«

»Alle fanden es great und amazing, aber keiner wollte einen Deal mit mir machen. Die haben mich mit ihrer aufgesetzten Freundlichkeit am ausgestreckten Finger verhungern lassen. Nach drei Monaten war ich total verschuldet und musste ins Gefängnis und dann ist mir in der Dusche die Seife runtergefallen...

»Ach du liebe Scheiße. Und dann?«

»Hab ich das Shampoo genommen.« Ich zuckte mit den Schultern. »Aber ich geh trotzdem nicht mehr nach Amerika. Gibt nur ungesundes Essen da, die Musik ist eine Katastrophe und die Politik inzwischen auch.«

»Stimmt alles, aber geh mal auf eine deutsche Autobahnraststätte, hör dir Bushido an und über die AfD reden wir besser gar nicht.«

»Hm«, sagte ich, was auch ziemlich genau das war, was ich dachte.

»Mensch Thomas, wir können Millionen erben!«, rief Christian ins Telefon. »Doch das beste ist, du weißt noch gar nicht wo der Triathlon stattfindet!« Er holte tief Luft. »Nämlich in ... Täterätä! ... Las Vegas!«

In dem Moment wurde mir schwarz vor Augen. »Ich ... kann ... nicht«, stammelte ich.

»Wie bitte?« Christian schnaufte aufgeregt ins Telefon. »Der Notar von Ibiza-Paul hat alles schon gebucht, morgen früh fliegen wir. Stell dir mal vor, er hätte uns nach Alaska geschickt, oder noch Texas. Aber wir dürfen nach Las Vegas! Wenn schon USA, dann richtig!«

»Aber das ist genau das Problem, ich kann nicht nach Vegas.«

»Jetzt komm mir nicht mit deiner USA-Allergie irgendeiner Wüstenkrankheit oder deiner Angst vor Spülwürmern. Das ist unsere Chance!«

»Das heißt Spulwurm«, sagte ich. »Schließlich bekommt man die nicht vom Geschirrspülen. Außerdem hilft mein neues Desinfektionsspray gegen die Dinger. Seit ich das benutze bin ich quasi angstfrei. Also meistens.«

»Und wo ist dann das Problem?«

Ich biss mir auf die Lippen.

»Thomas, was ist das Problem?«, fragte Christian nochmal. »Das ist nur für ein langes Wochenende. Wir fliegen da morgen früh hin, machen den Triathlon und fliegen wieder zurück. Mensch, denk doch mal an das ganze Geld!«

»Da denke ich lieber nicht dran.«

»Was?«

»Ich ... ich bin spielsüchtig.«

»Nur weil du ab und an mal einen Nachmittag mit Tetris verdaddelst, bist du doch nicht spielsüchtig!«

»Automaten, Poker, das volle Programm«, antwortete ich. »In meiner Jugend, mit fünfzehn hab ich angefangen, mit siebzehn wollte ich aufhören, mit dreißig hab ich es endlich geschafft. Wenn ich jetzt nach Vegas gehe, fängt alles wieder an.«

Still lag in der Leitung, man hörte nichts, außer einen geplatzten Traum.

»Okay«, sagte Christian schließlich. »Verstehe ich. Ist ja nicht meine erste Pleite und ich hatte eh diese tolle Geschäftsidee mit dem Montagsbrötchen-Lieferservice.«

Ich schloss die Augen. War es nicht an der Zeit, meine Ängste zu überwinden? Musste Christian nur wegen mir auf diese riesige Chance verzichten? Und noch viel wichtiger, musste ich, auch nur wegen mir, auf diese riesige Chance verzichten?

»War schön mit dir geredet zu haben«, sagte Christian. »Ich leg dann mal ...«

»Ich bin dabei!«, rief ich. »Du nimmst einfach all unser Geld und wir fliegen dahin. Was kann dann schon passieren*?«

*Eine Strategie, die vor fünfzig Jahren ohne Kreditkarten, Handyzahlung und bargeldlose Spielautomaten sicher noch funktioniert hätte, aber heute ... naja, ich will der Geschichte nicht vorgreifen.

»Super«, sagte Christian, klang aber irgendwie nicht mehr so euphorisch. »Eines solltest du noch wissen: Eine der Bedingungen ist, dass wir in Vegas nicht zocken.«

»Auch nicht ein kleines bisschen?«

»Wenn wir pleite gehen und das Hotel nicht mehr zahlen können, dann ist es vorbei. Als Beweis müssen wir dem Testamentsvollstrecker die bezahlte Rechnung des Hotels vorlegen, das er für uns gebucht hat. Das heißt: nicht zocken, kein Geld verprassen, kein Luxus.«

»Wir sollen das Hotel bezahlen? Und wie sollen wir in die USA kommen und wovon leben? Ich bin pleite und du stehst wahrscheinlich mal wieder kurz vor dem ...«

»Die Flüge sind gebucht und bezahlt, für das Hotel und die sonstigen Ausgaben bekommen wir ein großzügiges Taschengeld, jeder tausend Dollar. Das Geld finden wir in einem Schließfach am Flughafenbahnhof in Frankfurt.« Christian räusperte sich umständlich, was nie ein gutes Zeichen war. »Und nein, ich stehe nicht vor dem Konkurs.«

»Nicht? Na dann ist ja gut.«

»Ich hab ihn schon hinter mir. Aber egal, denn die restlichen Bedingungen sind total einfach zu erfüllen.«

»Und was hat das jetzt mit einem Triathlon zu tun?«

»Es ist eben ein Vegas-Triathlon, und der besteht aus Zocken, Show und Heiraten.« Christian räusperte sich schon wieder umständlich. »Zocken hab ich ja schon erklärt, am besten überlässt du das Finanzielle einfach mir.«

»Und was ist mit der Show?«

»In Vegas gibt es einen riesigen Elvis-Imitatoren-Wettbewerb. Ibiza-Paul hat die Startgebühr schon bezahlt und wir müssen nur noch gewinnen. Am besten, das überlässt du auch mir.«

Ein nachvollziehbarer Vorschlag, denn im Gegensatz zu mir konnte Christian singen. Er sah zwar nicht aus wie Elvis, aber er hatte bei Deutschland sucht den Superstar trotzdem in der Rolle ordentlich für Furore gesorgt und vielleicht gelang ihm das in Vegas erneut.

»Und was ist die dritte Bedingung?«, fragte ich. »Soll einer von uns etwa heiraten?«

»Viel einfacher«, antwortete Christian. »Ibiza-Pauls große Liebe heiratet in Las Vegas und wir müssen vor Ort Trauzeuge spielen. Da gäbe es auch eine Aufgabe für dich.«

»Welche denn?«

Jetzt räusperte sich Christian noch umständlicher als zuvor. »Wir müssen die Eheringe* besorgen, uns sie müssen der Braut gefallen. Wir schwer kann das schon sein?«

*Ich habe noch nie verstanden warum man damit allen Menschen zeigen muss, dass schon jemand an diesen Baum gepinkelt hat, nur meine Meinung.

03

Ich tue nur, was die Kirche seit fünfzehnhundert Jahren tut, allerdings gründlicher.
Adolf Hitler, größter Dummkopf aller Zeiten

Frankfurt, noch 3 Tage, 14 Stunden, 12 Minuten bis zum Weltuntergang

Am nächsten Morgen kurz vor zehn Uhr standen wir vor einem Schließfach am Frankfurter Flughafen. Christian nahm den Schlüssel, öffnete das Fach und ich fühlte mich reich.

Okay, es waren nur zweitausend Dollar und sie wanderten sofort in Christians Handgepäck, aber es war mein erster Urlaub seit langem, bei dem ich nicht auf jeden Cent schauen musste.

Früher konnte man ja noch einfach so in die USA fliegen, aber inzwischen waren die Amis so paranoid geworden, dass man zwei Online-Umfragen ausfüllen musste, bis man auch nur einchecken durfte. Als ob in der Geschichte der Menschheit jemand in einer Online-Umfrage jemals die Wahrheit gesagt hätte, jedenfalls nicht auf so clevere Fragen wie: Beabsichtigen Sie Drogen in die USA einzuführen? Planen Sie einen Anschlag auf das World-Trade-Center*?

*Falls ja, kommen Sie fünfzehn Jahre zu spät.

Hielten die Amerikaner sich für etwas Besseres? Alle Länder, die glauben, sie wären auserwählt, sind mir schon immer suspekt gewesen. Im Nahen Osten wimmelt es nur von auserwählten Ländern, die sich in Folge ihrer damit verbundenen moralischen Überlegenheit seit zweitausend Jahren die Köpfe einschlagen. Dann doch lieber aus einem langweiligen Land kommen, das Gott irgendwie übersehen hat, als er die Welt nach seinem Gutdünken geordnet hat. Oder steht in der Bibel etwas zu Deutschland*?

*Seid froh drum, wenn ich jedem der über zweihundert Staaten ein eigenes Kapitel gewidmet hätte, würdet ihr Euch alle gegenseitig massakrieren, weil selbst jedes hinterletzte Scheißhaus heiliges Land wäre. Ich konnte doch auch nicht wissen, dass die Menschen dem Revierdenken anheim fallen, das ich eigentlich für die Hunde vorgesehen hatte.
Gott

Wie auch immer, wir hatten online die Genehmigung erhalten, den Flug antreten zu dürfen und mussten nur noch die endlose Fragerei am Check-in-Schalter über uns ergehen lassen. Meine Lieblingsfrage ist die folgende: »Haben Sie den Koffer selbst gepackt*

*Ich möchte mal wissen, was Brad Pitt auf die Frage antwortet, wenn das Dienstmädchen oder von mir aus auch Angelina ihm den Koffer gepackt haben. Aber wahrscheinlich muss man solche Fragen gar nicht beantworten, wenn man im Privatjet in die USA einreist, weil reiche Menschen ja grundsätzlich viel ehrlicher und vertrauenswürdiger sind, als Linienflug-Proletariat wie wir.

Ich glaube allerdings nicht das Angelina Jolie Drogen in Brad Pitt´s Koffer schmuggeln würde, zumal sie nach der Scheidung keine Chance hätte, diese über Ihren Ehevertrag wieder zu bekommen.

Nachdem wir alles ohne hinzuhören mit Ja beantwortet hatten, so wie früher am Frühstückstisch die Fragen der Mutter zu den erledigten Hausaufgaben, bekamen wir endlich unsere Bordkarten ausgehändigt.

Ich hatte insgeheim mit First Class gerechnet, oder zumindest Business Class, aber nein, Ibiza-Paul wollte anscheinend unser Erbe nicht verprassen und hatte für uns Economy gebucht, und das auch noch mit Umsteigen in Charlotte. Ich dachte immer, das wäre ein Mädchenname und keine Stadt, aber so kann man sich täuschen. Vor uns lagen 17 Stunden Flug*.

*Mir persönlich ist völlig unklar, wie die Redewendung: Die Zeit verging wie im Flug entstehen konnte. Es gibt nun einmal nichts langweiligeres, als 17 Stunden ein einem Flieger zu hocken, inklusive Zwangspause in einem Flughafen, der aus nichts anderem besteht als Duty-Free-Shops. Letzteres ist auch keine Abwechslung, denn die Läden verkaufen weltweit exakt den gleichen unnötigen Kram, den man niemals auf Reisen braucht: Alkohol (der im Flieger ohnehin ausgeschenkt wird), Tabak (soll das eine Aufforderung sein, in der Flugzeugtoilette zu rauchen ?) und Parfüm (das alleine der Beschwichtigung betrogener Ehefrauen dient, was für uns ja auch keine Thema war).

Okay, meist verkaufen Duty-Free-Shops noch landestypische Souvenirs, was theoretisch ein Unterscheidungsmerkmal wäre, aber da das Zeugs ohnehin alles in China hergestellt wird, zählt das ebenso wenig.

Es gibt übrigens keinen schlechteren Zeitpunkt, um eine Flugreise anzutreten, als exakt am Morgen der Zeitumstellung. Ob nun der Zugführer, der Gepäckabfertiger, die Stewardess, die Toilettenfrau oder der Pilot, irgendeiner kommt immer zu spät. Wenn wenigstens weltweit am selben Tag die Zeit umgestellt würde, wäre das ja noch irgendwie zu kompensieren, aber natürlich stellt jedes Land dann um, wenn es ihm in den Kram passt. So wurde in Frankfurt gerade von Sommerzeit nach Winterzeit umgestellt, während in Las Vegas noch Sommerzeit herrschte.

Da unsere amerikanische Fluggesellschaft natürlich nichts von der Zeitumstellung in Europa mitbekommen hatte – die kommt ja immer total überraschend – hatten wir zwei verschiedene Termine für unseren Abflug bekommen, den des Flughafens und den der Fluggesellschaft.

*Am Ende einigten sie sich auf eine halbe Stunde Verspätung.

Direkt nach dem gestrigen Telefonat mit Christian hatte ich begonnen, mich auf den Flug vorzubereiten. Daher wusste ich, dass sich weltweit drei Strategien etabliert hatten, Langstreckenflüge zu überstehen:

Erstens, man schaut sich von mimosenhaften Sittenwächtern verstümmelte Kinofilme an, auf popeligen Bildschirmen und mit minderwertigen Kopfhörern, während die Großfamilie auf den rückwärtigen Sitzen einem ständig in exakt jenes Ohr brüllt, auf dem die Kopfhörermuschel nicht defekt ist.

Zweitens man nimmt bei jedem Durchgang der Stewardess die maximal zulässige Menge Alkohol in sich auf und geht nach Hälfte des Fluges in kniende Sitzposition über, und zwar auf der Bordtoilette.

Oder drittens, man stopft sich die Ohren mit Ohropax zu, legt eine Augenmaske auf und versucht zu schlafen. Ein hoffnungsloses Unterfangen, denn selbst wenn man es trotz des Lärms und der unvermeidlichen Großfamilie schafft, irgendwie einzunicken, will exakt in dem Moment jemand aus der Sitzreihe gerade aufs Klo, oder hat im Fenster den Mont Blanc entdeckt, den er jedem zeigen muss, oder noch unnötiger, er entdeckt ein brennendes Triebwerk.

Wir hingegen hatten uns für Strategie Nummer vier entschieden, die nur absoluten Reiseprofis bekannt ist: Arbeiten.

Denn führt man in einer unangenehmen Situation eine unangenehme Tätigkeit aus, heben sich die negativen Effekte gegenseitig auf, und die Zeit vergeht schneller.

Unsere Plätze befanden sich ganz hinten im Flieger in einer Dreierreihe, auf dem Fensterplatz saß ein jüngerer Amerikaner, keine zwanzig, er stellte sich als Joshua vor.

Selbstverständlich desinfizierte ich erst einmal gründlich meinen Sitz samt Armlehnen sowie Tablett und bot das nach getaner Arbeit auch Joshua an. Erst blickte er mich irritiert an, doch nachdem ich ihn aufgeklärt hatte, dass allein Wikipedia 287 Parasiten auflistet, deren größtes Hobby darin besteht, den Menschen zu befallen, ließ er mich auch seinen Sitz behandeln.

Wir starteten und kaum hatten wir die Reiseflughöhe erreicht, fuhr ich meinen Rechner hoch, um an einem Song zu arbeiten, denn Christian und ich hatten zwischenzeitlich beschlossen, unser neues Album in Las Vegas aufzunehmen. Joshua hingegen holte irgendein Magazin heraus, ich dachte erst, er wollte es lesen, doch dann stupste er mich an.

»Thomas, do you believe in god?«, fragte er.

Ich schaute ihn an, als wolle er mir gerade den Wachturm verkaufen, was bei genauerem Blick auf sein Magazin auch so war. Nur dass es The Watchtower hieß. »Was zum Fick?*«, fragte ich.

*Natürlich antwortete Thomas in Englisch, doch der Einfachheit halber haben wir das übersetzt. Erstens will niemand ein Buch in grammatikalisch fehlerhaftem Schulenglisch lesen und zweitens erzählt Thomas sowieso stets nur die halbe Unwahrheit. Außerdem klingen die Amis immer als hätten sie ein Kaugummi im Mund und das können wir beim besten Willen nicht transkribieren.

»Ich habe gefragt, ob du an Gott glaubst«, wiederholte Joshua.

Ich hatte also mal wieder einen SFH erwischt, einen Sitznachbar from Hell. Einen Zeugen Jehova und das während eines Transatlantikflugs.

Zudem hatte Joshua sich offensichtlich auch vorgenommen zu arbeiten und zwar indem er mich bekehrte. Nun hatte ich jahrelange Erfahrung mit jenen Zeugen Jehovas, die an meiner Tür geklingelt hatten und wusste daher, das man die Diskussion mit ihnen nur durch Vortäuschung von Abwesenheit abkürzen konnte. Doch das war in einem Flugzeug schlecht möglich, also drehte ich den Spieß um und antwortete mit Gegenfragen. »Du glaubst an Gott?«

Joshua schüttelte euphorisch mit dem Kopf.

»Und warum?«

»Wie? Warum?«

»Warum glaubst du an Gott?«, fragte ich. »Ist er dir erschienen? Hat er dich reich gemacht? Hat er irgendein Furunkel* an deinem Hintern geheilt?«

*Spätestens hier wäre es ohne Übersetzung schwierig geworden. Oder wisst Ihr spontan, was Furunkel auf Englisch heißt? Eben. Okay, es heißt tatsächlich furuncle, aber Thomas hätte ja auch purulent blain sagen können, oder ulcer oder was das Synonymwörterbuch noch so ausspuckt. Oder er hätte sinnlos herumstammeln können, bis er das Wort irgendwie erklärt hat, was der Wahrheit im Grunde recht nahe kommt.

Ach, jemand hier weiß, was Furunkel auf Englisch heißt?

Schön für Dich, aber wir haben das Buch nicht für diese intellektuellen deutschen Urlauber geschrieben, die sich in fünf Sprachen an der Rezeption über mangelnde Poolliegen-Reservierungsmöglichkeiten mittels Handtüchern beschweren können.

Aber Du darfst natürlich trotzdem weiterlesen, denn wir wissen, im Grunde willst Du nur eine wichtige deutsche Leitkultur am Leben erhalten.

Und den besten Platz am Pool.

»Ein Furunkel?« Joshua verzog angewidert sein Gesicht.

»Papst Pius X ist deswegen heilig gesprochen worden«, erklärte ich.

»Weil er ein Furunkel hatte?«

»Nein, weil er eines geheilt hat. Nur mit der Kraft seiner Worte*

*Wenn das so einfach ist, stellt sich mir glatt die Frage, für was es die Pharma-Industrie mit all ihren Pillen und Salben überhaupt braucht.

Ich lehnte mich näher zu Joshua. »Also, weswegen glaubst du an Gott? Wegen solcher Wunder?«

»Weil er die Erde erschaffen hat und der Allmächtige ist.«

»Weil er allmächtig ist?«, wiederholte ich. »Also glaubst du an ihn, weil er ein Diktator ist, der dich in die Hölle wirft, wenn du ihn nicht anbetest?«

»Das würde Gott nie tun*

*Da wäre ich mir nicht so sicher.
Gott

»Die Bibel ist voll von Stellen, in denen Ungläubige in die Hölle kommen«, behauptete ich.

»Das ist deren Problem«, antwortete Joshua. »Ich bin ja gläubig und gehöre zu den Auserwählten.«

»Eben, damit du nicht in die Hölle kommst.«

Joshua richtete seinen Oberkörper auf. »Und du lästerst Gott und gehst damit in die Hölle. Glaubst du denn nicht an Gott?«

»Ich glaube an nichts.«

»An nichts? Das gibt es doch gar nicht!«

Ich zuckte mit den Schultern. »Okay, ich glaube daran, das Milky Way in Milch schwimmt, obwohl ich es nicht beweisen kann, jedenfalls hab ich grad keine Milch dabei und kein Milky Way.«

»Aber wir kannst du all die Wunder ignorieren, die Gott erschaffen hat?«

»Das war nicht Gott, das war die Evolution*.«

*Und wer hat die Evolution erschaffen? Glaubt ihr etwa, ich hatte Bock jede einzelne Giraffe mühsam aus Erde zu kneten? Bin ich Töpfer oder was?
Gott

»Gott redet sogar mit mir«, sagte ich. »Aber ich glaube trotzdem nicht an ihn.«

»Er redet mit dir?« Joshua blickte mich irritiert an, anscheinend redete Gott nicht mit ihm und das, obwohl er zu den Auserwählten gehörte.

Ich nickte. »Wahrscheinlich bin ich bloß paranoid und es ist gar nicht Gott. Wenigstens hat der Teufel* noch nicht mit mir gesprochen.«

*Was nicht ist, kann ja noch werden.
SATAN.

»Verdammt, wenn man vom Teufel spricht!«, fluchte ich. Jetzt war ich doch ein wenig irritiert. Der Kerl hatte sich bisher zurückgehalten und mischte sich nun auch noch in mein Leben und dieses Buch ein.

»Wie? Was?« Joshua blickte mich erst mit panisch flackernden Augen an, starrte dann an die Konsole über uns und schien den Knopf zu suchen, mit dem man die Stewardess rufen konnte.

»Ach nichts«, sagte ich. »Jetzt auch noch Satan mit mir geredet. Aber ich höre eh nicht auf das, was er oder Gott mir sagen. So wahnsinnig bin ich dann doch nicht.«

In dem Moment drückte Joshua auf den Knopf für die Stewardess.

Normalerweise ist das ein sicheres Zeichen, dass sämtliche Airhostessen diesen Sitzplatz die nächste Stunde meiden, aber hier und jetzt stand eine Stewardess schon nach einer halben Minute bei uns. »Was gibt es denn?«

Joshua deutete auf mich. »Dieser Mann will das Flugzeug in die Luft sprengen.«

04

Ich wünsche dem Führer nichts sehnlicher als einen Sieg.
Papst Pius XII., 1941

10.000 Meter über dem Atlantischen Ozean, noch 3 Tage, 9 Stunden, 21 Minuten bis zum Ende (den Weltuntergang nicht zu vergessen)

Ich schüttelte vehement den Kopf. »Ich hab nur gesagt, dass der Teufel mit mir spricht! Von einer Bombe* war nie die Rede!«

*Eigentlich hätte Thomas wissen müssen, dass es an Bord eines Flugzeugs - vor allem eines amerikanischen - nicht sonderlich clever ist, das Wörtchen Bombe in den Mund zu nehmen. Freie Meinungsäußerung hin oder her. Meiner Meinung nach sollte die freie Meinungsäußerung sowieso in Frage gestellt werden, wenn sie auf diversen Socialmediaplattformen ausschließlich dazu führt, dass jeder Schwachkopf alle anderen Menschen, die nicht seiner Meinung sind, beschimpfen darf.

Das wiederrum ist nur meine Meinung die ich unbedingt mal loswerden wollte.

Kaum hatte ich das magische Wort ausgesprochen, standen zwei weitere Stewardessen neben mir und jemand, der sich als Air Marshal bezeichnete. Ich wollte ihn erst fragen, ob er mit Air Jordan verwandt war, aber ich kam gar nicht zu Wort, denn ich sollte unverzüglich meine Schuhe ausziehen und meinen Handgepäckkoffer öffnen. Ich verwies auf meine Privatsphäre und eine mögliche Geruchsbelästigung, doch beides schien den Air Marshal nicht zu interessieren.

Früher ging ich grundsätzlich nicht ohne meinen Notfallkoffer aus dem Haus, der die lebensnotwendigsten Medikamente samt Operationsbesteck beinhaltet, doch seit man im Handgepäck keine Skalpelle mehr mit sich führen darf, verzichte ich für Flugreisen notgedrungen darauf.

Denn ich halte mich stets an sämtliche Regeln, so sinnlos sie auch sein mochten. Außerdem desinfiziere ich regelmäßig meine Füße, daher beschloss ich, dass ich nichts zu befürchten hatte, zog meine Schuhe aus und öffnete den Koffer.

Der Air Marshal kramte darin herum und hielt schon bald ein blaues Stoffteil mit roten Applikationen in die Höhe, das man jetzt selbst in der hintersten Reihe des Flugzeuges sehen konnte. »Was ist das?«

Ich wurde so rot, wie das Logo auf dem Ding. »Das ... ist ... eine ...äh ... Superman-Unterhose«, stammelte ich kleinlaut. Ich war trotz meiner geringfügig überentwickelten hypochondrischen Neigung ein großer Freund des Placebo-Effekts und trage daher nur Unterhosen dieses Modells, in der Hoffnung, damit gewisse Körperteile im Bedarfsfall durch unterbewusste Selbsthypnose stimulieren zu können. Außerdem sind die Dinger immer für einen herzlichen Lacher bei Frauen gut und sagt man nicht, der schnellste Weg in deren Bett sei Humor?

Der Air Marshal hingegen grinste nicht mal, was auch von Vorteil war, denn in sein Bett wollte ich nicht. Aufgrund der Unterhose schien er mich für einen durchgeknallten aber harmlosen Kerl zu halten, wandte sich schon ab und wahrscheinlich wäre alles gut ausgegangen, hätte er nicht die Weltquartette* entdeckt.

*Ein Weltquartett ist ein Kartenspiel, ähnlich der Quartette, mit denen Kinder Autos miteinander vergleichen oder Flugzeuge. Das Spiel ist ganz einfach: Wer schneller fahren oder höher fliegen kann, der gewinnt. Bei den Weltquartetten geht es allerdings um wichtigeres als PS, hier konkurrieren nämlich die erfolgreichsten Seuchen, Rauschgifte, Atomkraftwerksunfälle und Diktatoren, miteinander. Wobei letztere sich bestimmt darüber freuen, nach Ihrem Ableben ein belustigender Teil unserer Freizeitgestaltung sein zu dürfen.

Ich hatte beabsichtigt, Christian mit Hilfe der Weltquartette spielerisch auf die Gefahren unserer Reise einzustimmen, und zwar noch während des Fluges, denn in Las Vegas konnte es schon zu spät sein.

»Haben Sie vor, in den USA Drogen zu nehmen?«, fragte der Air Marshal und deutete auf das unmissverständliche Fixerbesteck, dass auf dem Rauschgift-Weltquartett abgebildet war.

Auch wenn wir Musiker waren, konnte ich die Frage aufrichtigen Herzens verneinen. Es war ohnehin ein Klischee, das alle Rockstars Drogen nahmen. Das machten eigentlich nur jene, die mit dem Erfolg nicht klarkamen, und dazu zählten wir nicht, da wir ja nie erfolgreich gewesen waren.

»Oder beabsichtigen Sie, gefährliche Erreger in die USA einzuführen?« Jetzt zeigte er auf das Seuchen-Weltquartett, in dem alles enthalten war, was in den letzten Jahren für ordentliche Hysterie gesorgt hatte: Vogelgrippe, Ebola, DSDS.

Ich verwies auf meine guten Absichten und mein Desinfektionsspray, doch letzteres machte den Air Marshal nur noch misstrauischer und er konfiszierte es. Zum Glück hatte ich in meinem aufgegebenen Koffer noch einige Reserven, für jeden Tag ein neues Spray, denn meinem tütteligen Immunsystem traute ich sogar zu, sich ausgerechnet an einem verkeimten Desinfektionsspray anzustecken.

Der Air Marshal durchsuchte fleißig weiter meinen Koffer, stellte ein paar Fragen zu dem Mikrofon und dem kleinen Verstärker, die ich eingepackt hatte, weil wir ja ein paar neue Songs aufnehmen wollten und blieb dann einem Buch hängen, von dem ich die ganze Zeit gehofft hatte, er würde es nicht finden.

Das Ding war gewissermaßen unser Flugticket, allerdings nicht nach Las Vegas, sondern nach Guantanamo.

05

Alle Menschen sind Lügner.
Bibel, Psalm 116,11

Immer noch 10.000 Meter über dem Atlantischen Ozean, drei Minuten näher am Weltuntergang

Ich schluckte und überlegte mir eine Ausrede.

Denn wenn mir nichts einfiel hieß das Guantanamo*, all inclusive, auf Lebenszeit.

*Wird eigentlich der Song Guantanamera überhaupt noch gespielt oder ist der politisch nicht mehr korrekt? Ich weiß, eigentlich sollte man in einer solch existenziellen Situation an etwas anderes denken, aber der Mensch ist nun mal eine einzige Fehlkonstruktion.

Okay, vielleicht nicht alle, aber wir beide definitiv.

Der Air Marshal hielt derweil das Buch in die Höhe, das seine Aufmerksamkeit erregt hatte. ‚Das große Amerikahasserbuch‘ stand darauf. »Was heißt das?«, fragte er, schließlich konnte er wie jeder gebildete Amerikaner keine einzige Fremdsprache. »Amerika verstehe ich«, sagte er. »Aber was heißt der Rest?«

Ich bin ein großer Freund der Wahrheit*, aber in diesem Fall war sie nun wirklich nicht angebracht.

*Naja, wenn das so wäre, bräuchte ich hier nicht ständig zu kommentieren. Aber hier übertreibt Thomas ausnahmsweise nicht, denn ich sah uns in dem Moment auch schon in orangefarbenen Overalls auf hartem Betonboden herumrobben. Was mir in diesem Augenblick zusätzlich Sorgen machte, war die Tatsache, dass man in Guantanamo die härteste Folter der Welt anwendet: Musik von David Hasselhoff.

»Hasser, das kommt von Hasardeur«, behauptete ich, weil es das erstbeste war, das mir einfiel. »Hasardeur heißt Glücksspieler«, ergänzte ich, als der Air Marshal mich anschaute, als habe ich ihn gerade mit einem Fremdwort bombardiert. »Wir fliegen ja nach Las Vegas.«

Der Air Marshall nickte, schlug das Buch auf und blätterte darin. »Und warum sind darin amerikanische Flaggen abgebildet, die lichterloh brennen?«

In dem Moment fragte ich mich, warum ich das Buch überhaupt mitgenommen hatte. Klar, wenn ich schon in die USA flog, dann wollte ich vorher wenigstens ausgewogen informiert sein und dazu gehörte eben nicht nur einseitig positive Fachliteratur wie mein Reiseführer von Las Vegas, sondern auch einseitig negative wie Amerikas schönste Drogentote, Die Vereinigten Staaten von Amerika und ihre sinnlosesten Kriege und Die witzigsten Lebensläufe fälschlich Hingerichteter*.

*Bevor ihr diese Bücher jetzt gleich bei Amazon bestellt: Das sind alles Kapitel aus dem großen Amerikahasserbuch, welches ausschließlich bei der Buchhandlung Eures Vertrauens erhältlich ist, allerdings so wie früher bei den Ärzte-Platten nur unter der Theke. Es wäre auch nicht wirklich ratsam, dieses Buch online zu bestellen, wenn man noch einmal im Leben ohne Telefonüberwachung mit seiner Mutter telefonieren möchte.

Hilfesuchend blickte ich Christian an. »Das sind keine amerikanischen Flaggen«, behauptete er. »Sondern welche aus Nordchina. Die haben die einfach kopiert, diese dreisten Chinesen! Daher mussten sie natürlich verbrannt werden, um die USA zu schützen.«

Der Air Marshall nickte zustimmend. Wie schon festgestellt, sind Vorurteile etwas Tolles! Jedenfalls wenn man nicht darunter leiden muss.

So wie beispielsweise Christian. Da er mich verteidigt hatte, wurde sein Koffer nämlich nun auch durchsucht.

Doch dort fand sich jedoch nichts kompromittierendes, jedenfalls nicht mehr, nachdem er diese Textpassage gegengelesen hatte*.

*Sexspielzeuge sind privater Natur und sollten es auch bleiben, selbst wenn man gar keine besitzt, so wie ich.

Ich muss aber dennoch gestehen das mich das Thema durchaus interessiert, beispielsweise stellt sich mir die Frage, ob es auch Sexspielzeug von Playmobil gibt? Wenn ja, haben die kleinen Männer und Frauen dann genauso bescheuerte Intimfrisuren wie die auf Ihrem Kopf? Das hat mich schon als Kind aufgeregt, das die Haare bei denen immer aussahen als wären sie mit einer Nagelschere geschnitten.

Lassen wir den Punkt also einfach mal offen, bis die Frage von renommierten Literaturwissenschaftlern** anhand unseres Nachlasses geklärt wird.

**Ich würde mal sagen, hier überschätzt du unsere schriftstellerischen Fähigkeiten gewaltig. In unserem Fall wird das höchstens durch sensationsgeile Boulevardjournalisten ans Tageslicht gebracht, anhand umfangreicher Mülltonnenstudien.***

***Na das wird ein Spaß, denn ich trenne meinen Müll konsequent in Bio, gelber Sack, Glas, Altpapier und Sondermüll (Bild-Zeitung). Meine Uranbrennstäbe bringe ich auch regelmäßig persönlich ins benachbarte Ausland.

Auf alle Fälle gestaltete sich die Durchsuchung so langatmig wie diese Diskussion hier.

Als wir schon über Grönland waren, entschied der Air Marshal, wir seien unschuldige Idioten und dürften weiterfliegen, jedenfalls, wenn wir den gesamten Flug keinen der anderen Passagiere mehr belästigten. Damit das sichergestellt sei, sollten wir einfach bis zur Landung kein Wort mehr reden.

Wir erklärten uns einverstanden, was im Grunde ja schon der erste Bruch des Versprechens war*.

*Passend zu der Playmobildiskussion schrieb Thomas in aller Stille den Track Brazilian Cut, den wir - weil ich an Bord ja nicht singen durfte - mit diversen an den Haaren herbeigezogenen Kommentaren unserer Stewardess unterlegten. Immerhin hatte sie einen schönen französischen Akzent, so dass uns der Inhalt des gesagten ziemlich egal war.

06

Wen Gott liebt, dem schickt er Plagen.
Bibel, Hebräer 12,6

Charlotte, wegen der Zeitverschiebung doch noch 3 Tage, 9 Stunden, 22 Minuten bis zum Weltuntergang

The Cure hatten es schon immer gewusst, in ihrem Song Charlotte sometimes. Manchmal kommt man in Charlotte an, manchmal aber auch nicht. Oder man kommt an, allerdings zum falschen Zeitpunkt. Noch schlimmer ist hingegen, man kommt zum richtigen Zeitpunkt in Charlotte an, verlässt es aber zum falschen.

Was in etwa unserer Situation entsprach.

Eigentlich ist eine Zwischenlandung in Europa oder irgendwo sonst auf der zivilisierten Welt eine recht unkomplizierte Sache:

  1. Raus aus dem Flieger.
  2. Mit dem Handgepäck noch mal durch die Security gehen.
  3. Rein in den Flieger.

Eine Zwischenlandung in den USA hingegen, dem Land, das die Bequemlichkeit und Schnelligkeit quasi erfunden hat – man denke nur an Fast Food – ist eine einzige Tortur:

07

Ich bin für die Todesstrafe. Wer schreckliche Dinge getan hat, muss eine angemessene Strafe bekommen. So lernt er seine Lektion für das nächste Mal.
Britney Spears, Plastikpopsängerin

Charlotte, noch 2 Tage, 22 Stunden, 53 Minuten bis zum Weltuntergang (musikalisch begleitet von Britney Spears und Gott mit Oops, I did it again!)

Nur Christians überragenden diplomatischen Fähigkeiten* war es zu verdanken, dass ich mich noch in derselben Nacht wieder in Freiheit befand.

*Man könnte es auch Bestechung nennen.

Er hatte uns auf den nächsten Flieger nach Las Vegas eingecheckt, samt Koffer und kostenlosem Snack. Der Snack nannte sich Pretzel und kam in einer üppigen 3-Gramm-Tüte daher. Darin befanden sich Salzbretzeln, die weder nach Salz, noch nach Bretzel, sondern nach Asbest* schmeckten.

*Offensichtlich durften in die USA nur Bäcker auswandern, die wegen Unfähigkeit von der Bäckerinnung verstoßen worden waren. Dasselbe gilt übrigens auch für Bierbrauer und Pizzabäcker. Die eingewanderten Raketenkonstrukteure und Waffentechniker hingegen hatten trotz sehr dunkelbrauner Vergangenheit eine große Zukunft bei unseren Amerikanischen Freunden.

Aber wir waren ja nicht zum Essen nach Amerika gekommen sondern um Millionär zu werden. In Erwartung dessen, was uns in den nächsten Tagen erwartete, schrieb ich auf diesem Flug den Song Sleepless in Vegas und gerade wollte ich Christian auffordern, den Mikroständer auf der Bordtoilette aufzubauen, damit wir nicht wieder mit einer Stewardess vorlieb nehmen mussten, da sahen wir durch die Kabinenfenster ein riesiges pulsierendes Lichtermeer unter uns.

Las Vegas.

Man kann ja von den Amis halten, was man will, aber von Light-Shows verstehen sie was.

Selbst jetzt, gegen 5 Uhr morgens leuchtete Las Vegas wie eine Milliarde Glühwürmchen beim Orgasmus*.

*Ich würde mal sagen, das gibt Abzüge in der B-Note für den unpassendsten Vergleich aller Zeiten.

Wir packten zusammen und präventiv gab ich meine sämtlichen Barbestände* bei Christian ab, das Taschengeld von Ibiza-Paul hatte er zu meiner Sicherheit ja schon in Frankfurt an sich genommen.

*3,35 Euro, 1,07 US$ und ein klebriger Kaugummi.

Es konnte also gar nicht schief gehen*.

*So naiv möchte ich auch mal sein.
SATAN

Christian musste zwar erst noch den Elvis-Wettbewerb gewinnen und wir bis zur Trauung durchhalten, aber in diesem pulsierenden Lichtmeer schien alles möglich. Wenn wir es irgendwo schaffen konnten, dann hier*.

*So naiv möchte ich auch mal sein.
Gott

Wir landeten, gingen ans Gepäckband und nahmen unseren verbliebenen Koffer entgegen, der zu unserer Überraschung nicht nach Laos oder Venedig geschickt worden war. Wenigstens war nicht mein Koffer in China gelandet, denn darin befand sich lebensnotwendiges Recording-Equipment*, das nicht in das Handgepäck gepasst hatte.

*Ob ein zweites Paar Unterhosen für mich nicht auch lebensnotwendig gewesen wäre, lässt sich retrospektiv schwer feststellen. Und ja, ich hätte mir gerne ein zweites oder gar drittes Paar gekauft, wenn jemand ganz bestimmtes nicht alles auf den Kopf gehauen hätte.

Wir gingen durch den Zoll, kauften in einem Liquor-Store, der trotz der unchristlichen Zeit schon offen hatte, ein Sixpack Bier und kamen in den Ankunfts-Bereich des Flughafens. Dort geschah etwas völlig unerwartetes.

Jedes Mal, wenn ich im Flughafen ankomme, sehe ich neidisch all die Personen die dort auf die Fluggäste warten. Und so war es auch hier. Viele hielten selbstgemalte Plakate hoch, andere ein Blatt Papier* mit den Namen ihrer Gäste und dritte jubelten einfach nur.

*Ich habe mir schon häufiger überlegt, zu einem der Wartenden zu gehen und mich als die Person auszugeben, deren Namen auf dem Papier genannt ist. Meist stehen dort eh nur Chauffeure, welche die betreffende Person gar nicht kennen. Falls doch, kann man sich mit einer Namensgleichheit herausreden, jedenfalls wenn man nicht gerade jemanden angesprochen hat, auf dessen Zettel ‚Wieczorek-Schnarrenberger‘ steht.

Funktioniert es hingegen, wird man in ein 5-Sterne-Hotel gefahren, kann beim Einchecken behaupten, man reiche den fehlenden Ausweis nach, geht dann im Hotelrestaurant auf Zimmernummer essen, leert die Mini-Bar und am nächsten Tag fährt man wieder zum Flughafen und das Spiel beginnt von vorn.

Unter all den Wartenden stand ein Mann in einem dunklen Anzug und hielt nicht etwa einen Zettel, sondern ein iPad hoch, auf dem Purwien & Kowa stand.

Wir stellten uns vor, er begrüßte uns freundlich, erklärte, dass er informiert worden sei, dass wir uns verspätet hatten, nahm den Koffer und führte uns aus dem Flughafen zu einer weißen Stretch-Limousine.

Unsere Augen wurden so groß, wie das Ding lang war. »Hast du das gewusst?«, fragte ich Christian.

Er schüttelte den Kopf. »Das muss Ibiza-Paul arrangiert haben, oder das Hotel.«

Ich hatte keine Ahnung, wo wir logierten und Christian ebenso wenig, aber gerade meldete sich fast so etwas wie Vorfreude in mir.

Der Fahrer kam an den berühmten Strip. Gebannt blickten wir durch die verdunkelten Scheiben nach draußen, es war zwar erst Morgen, aber die Stadt pulsierte trotzdem schon wie ein Duracellhäschen auf Speed, die Neonreklamen blinkten synchron mit meinem Herzschlag und ich fühlte mich großartig.

Okay, ich durfte keinesfalls in ein Casino, Christian musste den Elvis-Wettbewerb gewinnen und nebenbei sollten wir noch Hochzeitsringe besorgen und wir hatten dafür nur drei Tage Zeit. Aber niemand drohte uns umzubringen*, wenn wir scheiterten.

*Ich will ja nicht erneut vorgreifen, aber das konnte sich durchaus noch ändern.

Als ich mir gerade überlegte, in welches Hotel am Strip wir den gefahren wurden, bog der Chauffeur plötzlich ab. Und fuhr und fuhr und fuhr. Wäre das hier Liechtenstein hätten wir schon dreimal die Landesgrenze passiert. Mitten in der Wüste* hielt er endlich an.

*Es war schon noch das ein oder andere Gebäude zu sehen, aber auch eine Menge Brachland, also in etwa so wie die Innenstadt von Hannover. War man gerade wie wir den Strip entlanggefahren, kam einem die Gegend wirklich wie eine Einöde vor.

Der Chauffeur fuhr auf mehrere Glasbauten zu, die aussahen wie die Büros einer Bank. Nur eine riesige neonfarbene elektrische Gitarre störte das Bild. »Ist es das, was ich denke?«, fragte ich Christian. »Ibiza-Paul weiß schon, dass wir Elektro-Musiker sind, oder?«

»Wenn schon, dann wusste er es«, antwortete Christian. »Und genau deswegen sind wir hier. Er war ja schon immer so eine Art Missionar.«

Der Chauffeur hielt an, stieg aus dem Wagen, öffnete uns die Tür und dann waren wir endlich in Las Vegas angekommen. Und gleichzeitig direkt in der Hölle, jedenfalls für uns Elektro-Musiker, die wir aus guten Gründen* noch nie eine Gitarre in der Hand gehabt hatten: Im Hard Rock Hotel.

*Der ehrlichste davon ist, dass wir keine Gitarre spielen können. Wir sind eben Kinder der Computergeneration, weswegen uns das Lernen von Instrumenten sinnlos erscheint. Das ist vergleichbar mit der Erfindung des Taschenrechners und dem große Einmaleins. Wer das noch auswendig kann, darf gerne mit dem Finger auf uns zeigen, hat aber wohl selbst ein Prioritätenproblem oder ist Mathematikprofessor. Was wohl aufs Gleiche herauskommt.

08

Die ganze Rockmusik von 1940 bis 1980 langweilt mich zu Tode. Da höre ich doch lieber den Schweinen beim Bumsen zu.
Sting, erfolgreicher Musiker, der allerdings auch den einen oder anderen langweiligen Song geschrieben hat

Las Vegas, noch 2 Tage, 17 Stunden, 57 Minuten bis zum Weltuntergang

Als wir durch den Eingang des Hard Rock Hotels gingen, war ich erst einmal geschockt. Wir standen mitten in einem riesigen Casino. Es war Punkt sechs Uhr morgens, doch überall klimperten einarmige Banditen vor sich hin, dazwischen spielte man an riesigen Tischen Poker oder Roulette. Ich wollte mich schon in einem Akt vorzeitiger Selbstaufgabe in die Spielhölle stürzen, da hielt Christian mich am Arm fest. »Hör mal hin«, sagte er.

Und ich hörte. »Das ist kein Hard Rock, sondern Fahrstuhlmusik«, antwortete ich.

»Das ist im Hard Rock Cafe immer so«, entgegnete Christian. »Ich meine etwas anderes.« Er deutete auf die Automaten.

Und dann merkte ich es auch. »Man hört gar keine Münzen.«

Christian nickte und deutete auf einen der Automaten. »Die haben gar keinen Münzeinwurf mehr, funktioniert wohl nur noch mit Banknoten und irgendwelchen Plastikkarten. Und das soll einen zum Spielen animieren?« Er blickte mich fragend an.

»Wenn das so ist, bin ich immun«, antwortete ich schnell.

Vielleicht etwas zu schnell.

Ohne weitere Ausfälle meinerseits schafften wir es an die Rezeption. Okay, sie lag nur drei Meter vom Eingang entfernt, aber manchmal sind ja es die kleinen Schritte, die einen voran bringen*.

*Du klingst schon wie einer dieser amerikanischen Ratgeberautoren, die mit ihrem Du-kannst-alles-schaffen-Blödsinn Europäer reihenweise in den Burnout treiben. Nein, wir können eben nicht alles schaffen, schon gar nicht in zwei Wochen Chinesisch lernen, CEO eines Großkonzerns werden und nebenbei noch die Tour-de-France gewinnen. Und wir müssen es auch nicht.

Hinter dem Tresen an der Rezeption stand eine Frau, die nicht wie eine Rockerin aussah, sondern eher wie eine Bankkauffrau, die sich für Fasching mal ganz wild verkleidet hatte.

»Wir hatten reserviert«, sagte Christian und nannte unsere Namen.

Die Bankkauffraurockerin nickte. »Thomas und Christian. Willkommen im Hard Rock Hotel.« Sie blickte erst den Computer an, dann wieder Christian. »Wir haben dich allerdings gestern schon erwartet.«

Anscheinend wurde man hier zwangsweise mit Vornamen angesprochen und geduzt, auch eine Form von Freiheitsberaubung.

»Unser Flug hatte Verspätung«, sagte Christian. »Können wir trotzdem schon einchecken?«

Eine berechtigte Frage, schließlich war gerade sechs Uhr morgens.

»Klar, Christian«, sagte sie. »Die reservierte Nacht müsst ihr allerdings trotzdem bezahlen, die Stornierungsfrist ist nämlich abgelaufen.«

Wir blickten uns missmutig an, aber da wir die bezahlte Hotelrechnung für die vier Übernachtungen dem Testamentsvollstrecker vorliegen mussten, um nachzuweisen, dass wir das Geld nicht verspielt hatten, stimmten wir zu.

»Ach ja, sagte Christian, wir würden die gesamte Hotelrechnung vorab bezahlen.«

»Das ist kein Problem«, antwortete sie. »Wie würdest du gerne bezahlen? Per Kreditkarte, Debitkarte, Paypal, Bitcoins, Lastschrift, Sofortüberweisung oder mit Traveller Checks?«

»In bar.«

»In bar?« Die Bankkauffraurockerin schaute uns an, als habe Christian angeboten, in Ziegenknödeln zu bezahlen.

»In bar«, wiederholte Christian. »Mit echten amerikanischen Dollar.« Er holte ein Bündel Geldscheine aus seiner Jackentasche.

»Das muss ich erst mit dem Management klären«, sagte sie. »Deine Kreditkarte muss ich trotzdem registrieren, weil sonst kann ich dir die Zugangskarten für das Zimmer nicht aushändigen.«

Christian reichte ihr seine Plastikgeldkarte und kurz darauf bekamen wir die Plastikschlüssel für unser Zimmer ausgehändigt.

»Mit der Zimmerkarte kannst du an jedem Automaten und an jedem Tisch spielen, das wird dann einfach mit der hinterlegten Kreditkarte verrechnet«, sagte die Bankkaufrockerin und schob extra die Ärmel ihrer Bluse hoch, sodass man ihre Justin-Bieber-Tattoos sehen konnte. »Willst du die Resort Fee dann auch gleich bezahlen?«

»Was für eine Resort Fee?«, fragten Christian und ich im Chor.

»Weil unser Hotel so unglaublich beliebt ist, haben wir eine Resort Fee* eingeführt, damit die Benutzung der Swimming-Pools, des Sportstudios und der sonstigen Einrichtungen exklusiv unseren Gästen vorbehalten ist. Das ganze kostet unglaublich günstige 22 Dollar pro Person und Tag. Ist das nicht toll?«

*Wie wir hinterher erfahren haben, ist die Resort Fee der neueste Trick der Hotellerie in Las Vegas den Ahnungslosen das Geld aus der Tasche zu ziehen. Schließlich haben auch jene Touristen, die nicht spielen das Recht, hier mal so richtig über den Tisch gezogen zu werden.

Im Jahr 2014 führte das Mandalay Bay Hotel in Las Vegas zudem eine Gebühr von 50 US-Dollar für die Unterbringung eigener Getränke und Lebensmittel in der Minibar seines Zimmers ein. Schön, wenn man auf so unmissverständliche Art und Weise klargemacht bekommt, dass der Kunde hier Sklave ist.

Wie sich herausstellte hatte der Testamentsvollstrecker von Ibiza-Paul – wohl in Unkenntnis dieses Tricks – die Resort Fee nicht im Handgeld für Christian berücksichtigt. Wir mussten demnach für vier Nächte weitere 176 Dollar von unserem Taschengeld bezahlen.

»Und was ist, wenn wir versprechen, den Pool nicht zu benutzen?«, fragte Christian. »Und auch nicht das Sportstudio und den ganzen Rest?«

Die Bankkauffraurockerin schüttelte den Kopf. »Wir können ja nicht kontrollieren, ob Sie es heimlich nicht doch tun.«

Christian grinste sie an. »Wir können auch den ganzen Tag hier an der Rezeption stehen und Ihnen auf den Geist gehen, dann können Sie es kontrollieren.«

»Die Rezeption gehört zu den sonstigen Einrichtungen, die durch die Resort Fee abgedeckt werden.«

In dem Moment* schien mir das Hard-Rock-Hotel eher für Bürokraten erbaut, denn für Rocker.

*Wieso nur in dem Moment? Das Ding ist nichts anderes als eine Fliegenfalle für Leute, die in ihren wildesten Träumen gerne Rocker wären, im echten Leben aber als Bilanzbuchhalter arbeiten.

Ich habe seit meiner letzten Runde im Verkehrskindergarten an keinem Ort dieser Welt jemals wieder so viele Verbotsschilder gesehen. Wahrscheinlich ging es in jedem Knast liberaler zu als hier*.

*Ein Ort ganz nach meinem Geschmack. Wer vor der Himmelspforte die Schuhe nicht richtig abputzt, der fliegt auch gleich wieder raus. Wer's nicht glaubt, fragt am besten mal Mutter Theresa.
Gott

Da wir nun mal die bezahlte Rechnung des Hotels benötigten, blieb uns nichts anderes übrig, als auf die Bedingungen einzugehen.

Also nahmen wir unsere Handgepäckkoffer und den mit dem Studioequipment und machten uns auf zu unseren Zimmern. Wobei das einfacher klang als es war, denn natürlich mussten wir dafür durch das ganze Casino hindurch. Jetzt würde sich zeigen, ob meine Spielsucht wirklich geheilt war.

09

Wo kein Gesetz ist, da ist auch keine Übertretung.
Bibel, Römerbrief 4,15

Las Vegas, noch 2 Tage, 17 Stunden, 51 Minuten bis zum Weltuntergang

Auch wenn die Zeit vor dem Abflug knapp gewesen war, hatte ich mich vorbereitet. Und zwar in Form einer Heino-Sonnenbrille und einer Packung Ohropax. Als erstes zog ich die extra dunkle Sonnenbrille auf, damit das Blinken der Automaten mich nicht ablenkte, dann knallte ich zwei Ohropax in meine Ohren, sodass ich die Automaten auch nicht hören konnte.

Weil ich aufgrund der Heino-Sonnenbrille kaum mehr etwas sah, rempelte ich unweigerlich ein paar Spieler an, bei denen Christian mich dankenswerterweise entschuldigte. Nach dem Casino mussten wir noch durch eine Shoppingmeile mit Hard-Rock-Souvenirs, einem Tattoo-Studio* und völlig überteuerten Designerklamotten für Versicherungsvertreter mit Vorliebe für aufgerissene Moon-washed-Jeans.

*Letztens habe ich gelesen, dass sich immer mehr Menschen als Belohnung für tolle Leistungen ein Tattoo stechen lassen. Warum belohnt sich niemand mit einer Wurzelbehandlung? Tut auch weh, aber man ist wenigstens hinterher nicht sein Leben lang gebrandmarkt.

Okay, wir waren in den 90ern auch so blöd, unsinnige Schriftzüge und nichtssagende Bilder auf unseren T-Shirts und Pullovern zu tragen, aber muss man wirklich unsere Fehler noch mal machen und zwar so, dass man sie nicht mehr mit den Altkleidern entsorgen kann?

Nachdem wir auch die Shopping-Meile hinter uns gebracht hatten, folgte ein Gang mit Devotionalien vermeintlicher, verblichener oder verstorbener Rockstars, von denen mir nur Mick Jaggers Vorhaut* in Erinnerung geblieben ist.

*Mit dieser Sonnenbrille sah Thomas wirklich nicht allzu viel. Denn das war nicht Mick Jaggers Vorhaut, sondern ein Bärenfell aus dem Vorhaus seiner kanadischen Villa. Daneben hing übrigens ein Glitzerkleid einer weltweit als Hardrockröhre anerkannten Künstlerin namens Madonna. Das wirkte auf mich wie das Cabinet des Dr. Caligari.

Im Hard-Rock-Hotel nahm man anscheinend alles was man kriegen konnte. In dem Moment war ich froh, nie berühmt geworden zu sein, sodass mir und anderen erspart wurde, meiner Superman-Unterhose in einer Vitrine beim Verlieren der Spannkraft zuzuschauen.

Endlich kamen wir an einen Fahrstuhl, ich zog Ohropax sowie Brille aus und stellte fest, dass in dem Ding dieselbe Fahrstuhlmusik wie in dem ganzen Laden lief. Plus eine Frauenstimme, die jedes Stockwerk einzeln ansagte, was unheimlich viel nutzte, wenn man am Liftpanel das falsche Stockwerk gedrückt hatte und es nicht mehr korrigieren konnte.

Als wir schließlich nach dem kleinen Umweg in unser Zimmer traten, war ich schwer beeindruckt. Eine riesige Fensterfront mit Blick auf Vegas, ein Flatscreen-TV wie aus dem feuchten Traum eines Sozialhilfeempfängers und zwei Fatsize-Betten*.

*In Wirklichkeit heißen die Dinger natürlich Kingsize-Betten, doch ich bezweifle, dass in der gesamten Menschheitsgeschichte je ein König so dick gewesen ist, um die Größe dieses Bettes zu rechtfertigen.

Nun wurde mir endlich klar wo die Szenen aus dem Film Im Bett mit Madonna gefilmt worden sein müssen. Die Dame braucht nämlich immer sehr viel Platz in Ihrem Bett, weil es dort zugeht wie im Käferzelt auf dem Oktoberfest. Ich war zwar noch nie dort, habe das aber im Fernsehen gesehen.

Also ich meine jetzt das Bett von Madonna.

Wir waren zwar müde, andererseits wusste ich, dass man sich unbedingt an die Lokalzeit anpassen musste, um dem Jetlag die Arschkarte zu zeigen. Also baute ich das Mikrofon, den Verstärker und den Laptop aufbaut, während Christian seine Jacke über einen Stuhl hängte, die Minibar öffnete und anschließend wie festgefroren davor stand, neben ihm unser Sixpack. »Das ... gibt ... es ... nicht«, stammelte er nur.

»Dass wir eine Minibar haben?«, fragte ich. »Na, das kann man im Hard Rock Hotel wohl erwarten, oder? Wenn die ihren Namen ernst meinen würden, müssten die Drinks all inclusive sein, oder? Und einmal Zimmer demolieren ebenso.«

»Du musst hier sogar bezahlen, wenn du ein Getränk innerhalb der Minibar verschiebst«, sagte Christian und zeigte auf die offene Bar. Jetzt sah ich es auch, jedes Döschen, jedes Fläschchen und jeder Schokoriegel belegte in der Bar seinen eigenen Platz, darüber hing ein Schild, das genau das androhte, was Christian gesagt hatte.

Davon abgesehen schien man den Begriff Mini-Bar sehr wörtlich genommen zu haben, jedenfalls waren die Fächer darin so klein, dass unser Sixpack nicht mal in die komplett leergeräumte Bar gepasst hätte.

Wir waren also wieder am selben Punkt angekommen wie in Ibiza, ein Musikerurlaub ohne Kühlschrank!

Doch unser Zimmer verfügte nicht mal über eine Badewanne*!

*Wer diesen Hinweis nicht versteht, wird leider nicht umhinkommen, doch noch Pommes! Porno! Popstar! zu lesen. Immerhin dient es einem Guten Zweck: die dauerhafte Dürre in unseren Geldbeuteln zu beseitigen und damit eine langfristige Entlastung der Sozialsysteme.

Wenigstens hatten wie zwei Waschbecken und da wir Männer und kein Designer-Ehepaar aus der Zahnputzwerbung waren, benötigten wir nur eines. »In jedem amerikanischen Hotel gibt es eine Eismaschine auf dem Flur«, sagte Christian. »Ich geh Eiswürfel holen, wir packen sie ins Waschbecken, Problem gelöst.«

Kaum hatte Christian die Tür hinter sich geschlossen, klingelte das Zimmertelefon. Es war die Bankkauffraurockerin. »Du kannst jetzt an die Rezeption kommen und bar bezahlen«, sagte sie.

»Ich schicke später meinen Bekannten vorbei«, antwortete ich.

»Es müsste aber gleich sein, weil nur der Manager kann das einbuchen und der ist in fünf Minuten wieder unterwegs.«

»Bekomme ich dann auch gleich die Hotelrechnung, aus der hervorgeht, dass wir bezahlt haben?«

»Klar, die kannst du gleich haben.«

Ich blickte auf Christians Jacke mit dem Bargeld, die über dem Zimmerstuhl hing. »Okay, ich komme«, antwortete ich, schnappte mir die Jacke und lief los.

10

Alle Menschen sind klug, die einen vorher, die anderen nachher, aber wenn es darauf ankommt, ist jeder dumm.
Arabisches Sprichwort

Las Vegas, noch 2 Tage, 17 Stunden, 43 Minuten bis zum Weltuntergang

Nicht einmal drei Minuten später war ich nur noch wenige Schritte von der Rezeption entfernt. Okay, ich hatte aufgrund meiner dunklen Sonnenbrille einige Casinogäste versehentlich umgehauen, doch dank der Ohropax hörte ich ihre Beschimpfungen nicht, weswegen alles in bester Ordnung war.

Jedenfalls für mich.

Denn ich hatte es ohne einen Cent zu verspielen bis hierher geschafft.

Mit zweitausend Dollar Bargeld in der Tasche.

Von denen wir sechshundert Dollar und ein paar Zerquetschte an das Hotel zahlen mussten, für Unterkunft und Resort Fee.

Letztere wurmte mich natürlich gewaltig, aber was sollte ich tun?

Ibiza-Paul hatte das Hotel wahrscheinlich aus guten Gründen ausgewählt, und wenn auch nur um uns die richtige Musik näherzubringen.

Als ob die hier lief.

Es war wie in jedem Radiosender, es wurde nur der kleinste gemeinsame Nenner gespielt. Also das was die Zuhörerinnen mit abgebrochenem Abitur, abgebrochener Ehe und abgebrochenen Lebensträumen davon abhielt, sich mit einer Überdosis Schokolade ruhigzustellen*.

*Für Zuhörer gilt das natürlich auch, nur stellen die sich meist mit Bier, Schnaps oder Cheeseburgern ruhig. Gerne auch mit einer Kombination aus dem ganzen.

Als ich gerade vor der Rezeption das Bargeld herausholen wollte, drängelte sich auf einmal ein Typ in einem Cowboykostüm vor mich. Vielleicht war es auch wirklich ein Cowboy, in Amerika konnte man das ja nie wissen.

Auf alle Fälle war er einen Kopf größer als ich und zwei Oberarme breiter, also wehrte ich mich nicht.

Ich hörte wie die Automaten klimperten und spürte ein Kribbeln in meiner rechten Jackentasche, was biologisch unmöglich war, aber dann auch wieder nicht, denn darin befand sich das Bargeld.

Der Cowboy holte einen Prospekt des hoteleigenen SPAs heraus und ließ sich im Detail jede Anwendung erklären. Was war das hier? Das Schwuchtel Rock Hotel?

Nach fünf Minuten und unzähligen Kribbelattacken holte der Cowboy auch noch einen Prospekt des hoteleigenen Fitness-Studios heraus und die Bedienungsanleitungen für die gängigsten Spielautomaten.

Verzweifelt hielt ich nach einer anderen Angestellten Ausschau oder dem Manager, doch hinter der Theke war niemand zu sehen.

Im nächsten Moment stellten sich hinter mir zwei Frauen an, sie sahen aus wie der feuchte Traum jedes Schönheitschirurgen. Jedenfalls wenn er die Ästhetik mal kurz beiseiteließ und ausschließlich an seinen Kontostand dachte. Die eine hatte Lippen wie von Bridget Bardot, die ihr allerdings fast bis unter die Ohren reichten und die andere hatte sich für das Modeling ihrer Brüste offensichtlich an Medizinbällen orientiert. Tja, so war das eben im Land der unbegrenzten Möglichkeiten. »Hast du gesehen, wie hoch der Mega-Jackpot an den Automaten hier ist?«, fragte die mit der Riesenlippe.

»Wie hoch denn?«, entgegnete die Medizinballfrau.

Ich steckte die Ohropax tiefer in meine Gehörgänge, hielt mir zudem die Ohren zu, doch die Riesenlippenfrau schrie so laut, selbst Beethoven hätte sie noch gehört.

Selbst im Grab.

»1,3 Millionen?«, wiederholte jetzt auch noch Miss Medizinball.

Exakt in dieser Sekunde war es um mich geschehen.

11

Las Vegas ist der einzige Ort den ich kenne, an dem Geld wirklich spricht – es sagt: „Goodbye.“
Frank Sinatra, Entertainer

Las Vegas, noch 2 Tage, 17 Stunden, 37 Minuten bis zum Weltuntergang

Im festen Vorsatz sofort aufzustehen, wenn ich zehn Dollar verspielt hatte, setzte ich mich an einen Automaten mit 25 Cent Mindesteinsatz und führte eine Zehnernote ein.

Dann las ich mir Wort für Wort die Spielanleitung durch, zwar mit vor Aufregung zitternden Fingern, aber perfekte Vorbereitung war schließlich alles.

Ich blieb an einem Passus hängen, der darüber aufklärte, dass man den Mega-Jackpot nur knacken konnte, wenn man mit mindestens drei Dollar Einsatz spielte.

Also erhöhte ich mein Limit auf dreißig Dollar, ich konnte ja dafür auf das Abendessen verzichten.

Falls es schiefging, was natürlich völlig ausgeschlossen* war.

*Den gleichen Irrationalismus kenn ich sonst nur von fanatischen Gläubigen.
SATAN.

Nachdem ich mein Limit zum dritten Mal erhöht hatte, und achthundert Dollar Miese vor mich herschob, begann endlich meine Glückssträhne.

Sie endete nach einem Spiel und 2,59 Dollar Gewinn.

Ich fluchte und sofort brachte mir eine aufmerksame Bardame einen kostenlosen Drink. Genauso wie der Frau neben mir, der ich trotz ihrer wasserstoffblonden Haaren und ihrem blendenden Aussehen noch keine Aufmerksamkeit* geschenkt hatte.

*Auch das schaffen nur religiöse Fanatiker, jedenfalls behaupten sie es.
SATAN.

Die Frau lächelte mich mitfühlend an. »Bist du auch am verlieren?«

Ich nickte.

»Vielleicht sollten wir die Automaten wechseln?«

Ich nickte wieder. Gutaussehenden Frauen gegenüber bin ich immer ein wenig gehemmt.

»Hallo, ich bin Lindsey«, sagte sie, während wir den Automaten tauschten. »Ich bin Pole-Dancerin im Crazy Horse. Und du?« So waren sie die Amerikaner, erzählten einen schon beim Kennenlernen die ganze Lebensgeschichte.

»Ich bin Thomas«, antwortete ich. »Erfolgloser Schriftsteller, erfolgloser Musiker und erfolgloser Spieler.«

Sie lachte. »Na dann hoffen wir, das ändert sich.«

Ich wollte etwas antworten, doch in dem Moment schrillte aus ihrem Automat, der eben noch meiner gewesen war, das Gewinnerbimmeln. Frustriert blickte ich wieder auf meinen einarmigen Banditen.

Einige kostenlose Drinks später gab es kein Limit mehr, jedenfalls bis zu dem Moment, in dem das Bargeld schon lange verspielt war und das Display vor mir mich darauf hinwies, dass die hinterlegte Kreditkarte keinen solchen mehr hatte.

Ich zog trotzdem noch ein paar Mal am Hebel des Automaten, doch nichts tat sich.

Als ich endlich aufstand, fühlte ich mich so leer wie mein Geldbeutel.

Meiner Mitspielerin schien es nicht besser ergangen zu sein, sie schaute mich aus traurigen Augen an.

Ich verabschiedete mich und taumelte durch das Casino, meinen Blick voller Scham auf den Boden gerichtet.

Ich hatte Christians Vertrauen missbraucht und unsere Chancen auf Ibiza-Pauls Millionenerbe schon am ersten Tag zerstört.

Mein Leben war so beschissen wie ein beliebiges Album von Jon Bon Jovi.

Und dann sah ich diese Dollarnote auf dem Casinoteppich liegen. Niemand stand in deren Nähe, niemand blickte mich an. Ich bückte mich, nahm den Schein, doch exakt in dem Moment wusste ich, er würde mir nicht helfen.

Andere Spieler hätten das als Wink des Schicksals gesehen, doch ich hatte in meinem Leben mehrfach erfahren, dass das Schicksal einem nicht zuwinkte. Das Schicksal war nämlich nur eine Ausrede für Verlierer wie mich.

Ich war ganz ruhig, ein Moment der Klarheit - wie im Auge des Sturms - ging ein paar Schritte zurück und reichte die Dollarnote Lindsey, meiner Leidensgenossin. »Wenn du damit gewinnst, versprich mir, nie wieder zu spielen«, sagte ich.

Zu meiner Überraschung blickte sie mir dankbar in die Augen und nickte.

In diesem Moment - mitten im Casino in Las Vegas - wusste ich, dass ich von meiner Spielsucht geheilt war.

Dummerweise ein paar Stunden und ein paar tausend Dollar zu spät.

Ich lief durch das Casino und fühlte mich wie ein Metzger mit Gemüseallergie auf einem veganen Wochenmarkt.

Ich sah das Blinken, hörte das Klimpern, dann irgendeinen hohen Ton, weil jemand einen Jackpot gewonnen hatte, doch es interessierte mich nicht mehr. Merkwürdigerweise war ich euphorisiert, weil ich keine Angst mehr vor einem Casino hatte, doch meine Euphorie hielt nur solange an, bis ich wieder in unserem Zimmer stand.

Christian hatte sich offensichtlich hingelegt, kein Wunder nach dem langen Flug, doch sofort richtete er sich auf und musterte mich kritisch. »Hast du die Rechnung bezahlt?«

»Ich hab gerade eine Tänzerin aus dem Crazy Horse kennengelernt.«

»Schön, aber sind wir alte Säcke, die in Stripbars gehen?«

»Sie war einfach nett. Und ich hab ihr meinen letzten Dollar gegeben.«

»Deinen was?«

Tja, ich war noch nie gut darin, ein Geheimnis zu bewahren.

12

Wenn du mich foltern wolltest, müsstest Du mich nur festbinden und zwingen, unsere ersten fünf Videos anzuschauen.
Jon Bon Jovi, Schwuchtelrockmusiker

Las Vegas, noch 2 Tage, 16 Stunden, 4 Minuten bis zum Weltuntergang

»Zweitausend Dollar?«, fragte Christian. »Du hast in nicht mal neunzig Minuten zweitausend Dollar Bargeld verspielt?«

Ich nickte. »Plus das Limit deiner Kreditkarte. Aber jetzt bin ich geheilt.«

»Was?«, fragte Christian und ich sah, wie seine Augapfel hervorstachen.

»Ich bin geheilt.«

Er winkte ab. »Was war das mit der Kreditkarte?«

»Na, die hast du doch hinterlegt und irgendwann war sie über dem Limit. Aber du bist doch eh pleite, da kann das doch nicht viel gewesen ...«

»Dreitausend Dollar«, unterbrach er mich. »Das waren die letzten dreitausend Dollar, die ich ... nicht besessen habe.«

Mir wurde ziemlich schwarz vor Augen, denn offensichtlich hatte ich fünftausend Dollar verspielt. So viel hatte ich im ganzen letzten Jahr nicht mit meinen Büchern eingenommen. »Das tut mir leid«, sagte ich. »Aber wie gesagt, bin ich jetzt wenigstens geheilt.«

»Wie lange? Bis wir wieder Geld haben?«

»Für immer«, antwortete ich. »Deswegen habe ich ja meinen letzten Dollar verschenkt.«

»Das war sehr clever«, seufzte Christian. »Weil dafür hätten wir vielleicht ein letztes Abendessen* bekommen. Bevor wir uns dann die nächsten Tage gar nichts mehr kaufen können.«

*Hallo Jungs? Ihr seid in Las Vegas! In Eurem Hotel kostet ein pampiger Hamburger mit fettigen und versalzenen Pommes 21 Dollar, da ist es ja selbst bei mir in der Hölle günstiger, jedenfalls für Frühbucher.**
SATAN.

**Was sind denn in dem Zusammenhang Frühbucher?***
Gott

***Leute von denen ich schon vor deren Ableben**** weiß, dass sie in die Hölle kommen, wie Donald Trump, die Geissens und Sepp Blatter.
SATAN

****Du machst es dir da viel zu einfach. Bei mir kann jemand gottesfürchtig sein ganzes Leben jedes Gebot eingehalten, ja sogar allen Freuden entsagen und dann auf dem Sterbebett ein einziger, unüberlegter, schmutziger Gedanke: Zack, ist es aus mit dem Himmel.
Gott

»Und wie kommen wir jetzt an Geld?«, fragte Christian. »Willst du etwa deine Dienste als Tänzer im Crazy Horse anbieten.«

Ich blickte ihn an, als wäre er Schalke-Spieler und hätte gerade vorgeschlagen, als Sicherheit für den Hausbau die jährliche Meisterschaftsprämie zu hinterlegen. »Ich bin ein echter Mann, ich kann nicht tanzen.«

»Frauen sehen das anders.«

»Nein, die sehen schon nach zwei Schritten, dass ich nicht tanzen kann.«

»Vergiss den Vorschlag einfach, okay? Er war nicht ernst gemeint.« Christian winkte ab. »Am besten wir gehen sofort zur Rezeption und plädieren auf Unzurechnungsfähigkeit. Vielleicht bekommen wir dann einen Teil des Geldes zurück.«

Obwohl mir der Vorschlag ähnlich erfolgsversprechend schien wie auf den Sieg der pygmäischen Basketballnationalmannschaft bei der Weltmeisterschaft zu hoffen, willigte ich ein und wir verließen das Zimmer.

Doch ich hatte die Rechnung ohne mein Gehirn gemacht, denn schon nach wenigen Metern kamen mir Zweifel. »Aber machen wir sie so nicht erst auf das Problem aufmerksam?«, fragte ich. »Vielleicht merken die das während unseres Aufenthalts gar nicht mit den Spielschulden und mit der nicht bezahlten Rechnung. Mit dem Erbe von Ibiza-Paul kann ich die fünftausend Dollar später locker bezahlen.« Ich blieb stehen. »Du weißt doch, ehrlich währt am kürzesten.«

Christian blieb ebenso stehen, nickte schließlich, drehte um und führte die Hotelkarte wieder an unserem Zimmerschloss ein.

Ein rotes Licht leuchtete auf.

Ich versuchte es mit meiner Karte, doch das Resultat blieb das gleiche.

Jetzt konnte uns nur noch Gott* helfen.

*Womit denn bitte? Mit einer Sintflut oder was? Und warum überhaupt? War ich so blöd in einem Kaff mitten in der Wüste abzusteigen oder ihr?
Gott

Dann eben Satan*.

*Sorry Jungs, aber so Normaloseelen wie Eure hab ich schon genügend in der Hölle rumhängen. Vor allem seit der Alte nur noch die gottesfürchtigsten Fanatiker in den Himmel lässt. Außerdem beschwert ihr Deutschen euch ständig über das Wetter, erst ist es zu kalt, und kaum zeigt das Thermometer mal über vierzig Grad, ist es gleich zu heiß. Insofern hab ich meine Zweifel, ob die Hölle für Euch wirklich das richtige ist.
SATAN

Wie wäre es mit Buddha*?

*Weldet elst mal wiedelgebolen, ihl Anfängel!
Buddha

13

Wenn du ein Verlierer bist, ist Vegas die schlimmste Stadt auf Erden.
Hunter S. Thompson, Gonzo-Journalist und damit näher an der Wahrheit als die meisten anderen

Las Vegas, noch 2 Tage, 15 Stunden, 57 Minuten bis zum Weltuntergang

Fünf Minuten später standen wir an der Rezeption und durften erst einmal warten, denn der Cowboy beschwerte sich gerade, dass es hier keine veganen und glutenfreien Cheeseburger gab. Erst nachdem der Chefkoch versprach, am nächsten Abend einen Cheese-Ham-und glutenfreien Burger zu braten, zog der Cowboy endlich von dannen. Die Bankkauffraurockerin hinter dem Tresen atmete sehr tief aus und winkte uns dann zu sich.

»Ich bin unzurechnungsfähig«, begann ich und erklärte was vorgefallen war.

Sie schaute mich so teilnahmslos an, als ob ich sie nach der Uhrzeit gefragt hatte. »In einem Land, das von einem offensichtlich unzurechnungsfähigen Psychopathen regiert wird, sind derlei Unpässlichkeiten kein Argument«, sagte sie schließlich. »Ihr werdet das verspielte Geld also begleichen müssen.«

»Aber können wir nicht noch ein paar Tage Kredit bekommen?«, fragte Christian. »Wir stehen kurz davor, ein Millionenerbe anzutreten.«

Die Bankkauffraurockerin zeigte auf die Spieler im Casino. »Die stehen auch alle kurz davor, einen Millionengewinn zu kassieren«, sagte sie. »Das ist also ebenso wenig ein Argument.«

»Kannst du die Zimmerkarten nicht wenigstens wieder entsperren?«, fragte ich. »Wir können ja schlecht auf der Straße übernachten.«

»Nachts ist es hier angenehme 15 Grad«, entgegnete sie. »Ich darf das Zimmer erst wieder freischalten, wenn sie bezahlt sind oder auf der Kreditkarte mindestens fünfhundert Dollar Dispositionsspielraum sind.«

»Wir haben aber nicht vor, irgendetwas im Hotel zu konsumieren«, widersprach ich.

»Das ist Eure freie Wahl, aber die könnt ihr nur treffen, wenn ihr genügend Kredit habt, um etwas zu konsumieren.« Sie lächelte überheblich. »Freiheit gibt es in diesem Land nicht umsonst.«

Details

Seiten
0
Erscheinungsform
Erstausgabe
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783960873686
ISBN (Buch)
9783960873693
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v424574
Schlagworte
Elvis Presley Ibiza Casino Million-en-är männer-humor-voll-istisch-er-roman glück-s-spiel Las Vegas

Autoren

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    Thomas Kowa (Autor)

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    Christian Purwien (Autor)

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Titel: Vegas, vidi, non vici (Humor)