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Niemand wird dich hören (Thriller, Spannung)

von Eva Geßner (Autor)

2018 0 Seiten

Leseprobe

Impressum

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Erstausgabe Juni 2018

© 2018, dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

ISBN: 978-3-960-87396-9
Taschenbuch-ISBN: 978-3-96087-408-9

Covergestaltung: Annadel Hogen
unter Verwendung von Motiven von
© Irina Bg/shutterstock.com und © spline_x/shutterstock.com
Lektorat: Daniela Höhne

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

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Über dieses E-Book

Über zwanzig Jahre nach dem Selbstmord ihrer Schwester scheint Annas Leben in bester Ordnung: Sie ist erfolgreiche Anwältin und ihr Mann ein ehrgeiziger Chefarzt. Die Ereignisse von damals hat sie völlig verdrängt. Doch in ihrer Ehe kriselt es und Anna wird von immer wiederkehrenden Träumen gequält: ein dunkler Flur, ein blauer Schmetterling und das hilflose Weinen eines Mädchens lassen sie nicht mehr los.
Anna ahnt, dass die Träume mit dem Tod ihrer Schwester zu tun haben. Doch um die Wahrheit zu entschlüsseln, muss sie tief in ihr Unterbewusstsein vordringen. Scheinbar zufällig begegnet sie dem suspendierten Hauptkommissar Fritz Sander, der ihr seine Hilfe anbietet. Die beiden geraten in ein Netz aus Lügen, Korruption, Mord und Geheimnissen. Wem kann Anna noch trauen und was lauert in ihrer Erinnerung?

Sonntag, 23. Juli 2017
Kapitel 1

»Wir machen es wie gestern«, entschied Tom. »Ich den Kopter, du die Kamera.«

»Okay.« Fabian nickte und verteilte die Fernsteuerungen.

»Ist das Akkufach richtig zu?«

Fabian verzog das Gesicht. »Ja«, presste er zerknirscht zwischen den Zähnen hervor. »Das passiert mir nicht noch mal, und ich wäre dir echt dankbar, wenn du mich nicht jedes Mal dran erinnerst.«

Tom grinste.

Bei einem ihrer ersten Flugversuche hatte Fabian die Klappe vom Akkufach nicht richtig geschlossen. Ausgerechnet über einem kleinen See war es aufgesprungen und der nagelneue Quadrokopter wie ein Stein vom Himmel gefallen. Es grenzte an ein Wunder, dass er dabei nicht kaputtgegangen war.

»Wie viel Zeit haben wir?«, fragte Tom.

Fabian sah auf die Uhr. »Schätze höchstens zehn Minuten.«

»Okidoki, dann wollen wir mal. Bereit?«

Fabian nickte.

»Sieh zu und lerne vom Meister.«

Fabian verdrehte die Augen.

Die Drohne hob ab. Dabei machte sie ein leises surrendes Geräusch. Zuerst trudelte sie ein bisschen hin und her, aber schon nach kurzer Zeit hatte Tom alles im Griff und das kleine Flugobjekt gewann langsam an Höhe. Das Videosignal war stabil.

Es war sechs Uhr am Sonntagmorgen. Am Himmel stand keine einzige Wolke und das Thermometer war bereits auf zwanzig Grad geklettert. Es würde wieder ein heißer Tag werden.

Tom und sein bester Freund Fabian waren extra früh aufgestanden, damit sie ungestört mit ihrem Spielzeug ein paar neue Flugmanöver üben konnten. In den letzten Wochen hatten sie das Starten und Landen auf großen Freiflächen trainiert. Jetzt waren sie in der Lage, den Kopter sicher in der Luft zu halten und zu manövrieren und brannten darauf, den nächsten Schritt zu wagen: einen Flug durch eine Ruine.

Zwischen den beiden Freunden hatte sich schnell eine Arbeitsteilung herauskristallisiert. Tom war eindeutig der bessere Pilot, er bediente die beiden Joysticks. Fabian war der Fotograf und zuständig für die Kamerasteuerung und das Videostreaming.

Das Gelände war perfekt: Eine alte Strumpffabrik im Norden Kölns.

Die Bürogebäude waren bereits abgerissen worden und man hatte dort mit dem Bau eines Familienwohnparks begonnen. Die Baugrube für den ersten Bauabschnitt war ausgehoben. Montagmorgen sollte das Fundament gegossen werden.

Die stählernen Bewehrungsmatten am Boden der Baugrube, die der Verstärkung des Betons dienten, schimmerten rostrot in der frühen Morgensonne und die senkrecht stehenden Stangen für die äußeren Wandanschlüsse verliehen dem Ganzen das Aussehen eines riesigen eisernen Gerippes.

Die ehemalige Lagerhalle der Fabrik stand aber noch, halb verfallen wartete sie auf ihren Abriss. Alle Fenster waren eingeschlagen und dort, wo früher einmal die Stahltore gewesen waren, klafften jetzt große Löcher. Die Halle war der ideale Ort, um den Flug im Inneren eines Gebäudes zu üben.

Der Plan war, die Drohne auf hundert Meter Höhe steigen zu lassen, sie im Sturzflug zur Erde zurückzubringen und durch das vordere Tor in die Halle zu fliegen. Dann würde Tom versuchen, drinnen ein paar Schleifen zu drehen. Das war der schwierigste Teil, weil er für diesen Zeitraum nur über das Auge der Kamera sehen konnte. Als Letztes wollte er in Bodennähe über die Freifläche hinter der Lagerhalle bis zu der Baugrube jagen, dort noch einmal richtig hochziehen und zurückfliegen. Der Akku hielt maximal zehn Minuten, je nach Windsituation.

Tom überprüfte die Anzeigen auf der Fernbedienung und nickte zufrieden, als die Drohne die erforderliche Höhe erreicht hatte. Sie war jetzt mit bloßem Auge fast nicht mehr zu erkennen. Er zog sachte den Steuerungshebel nach vorn, nahm das Gas weg und die kleine Flugmaschine sauste im Sturzflug zur Erde hinunter.

Fabian hielt konzentriert die Luft an.

Kurz vor dem Boden lenkte Tom die Drohne gekonnt in die Horizontale und flog direkt durch das große Tor in die Halle.

»Wow«, rief er aufgedreht. Dann senkte er den Blick auf den Laptop-Monitor, denn innerhalb der Mauern hatte er keine Sicht mehr auf den Kopter. Jetzt war Fabian sein Auge.

»Mega, Alter!« Fabian war beeindruckt von den Flugkünsten seines Freundes. »Flieg mal ein bisschen im Kreis. Mal sehen, was so geht, dann kann ich ein paar schöne Aufnahmen schießen«, sagte er.

Tom nickte. Er drosselte das Tempo und ließ die Drohne in der Mitte der Halle schweben. Die Kameras, die sie verwendeten, konnten sich horizontal im 360-Grad-Radius drehen und vertikal in einem 90-Grad-Raum bewegen. Damit hatten sie einen guten Rundumblick.

Tom steuerte langsam durch die Halle. Scherben wohin das Auge reichte, ein paar alte Matratzen, ein kaputtes Kinderfahrrad, Plastiktüten, Kartons mit dem Logo der Strumpffirma. Viel Interessantes war nicht dabei.

»Geh mal ein bisschen tiefer und weiter nach rechts. Ich hab da was gesehen.«

Tom folgte den Anweisungen seines Freundes.

Beim Anblick einer toten Ratte verzog Fabian angewidert das Gesicht.

Plötzlich flog etwas Großes blitzschnell durchs Bild. Dann war es sofort wieder verschwunden.

»Was zum Teufel war das denn?«, rief Tom. »Hast du das gesehen?«

»Keine Ahnung.« Fabian starrte erschrocken auf den Monitor. »Zieh hoch!«

Tom manövrierte die Drohne unter die Decke. Von dort oben hatten sie einen besseren Überblick, aber außer Abfall und Schrott war nichts zu sehen.

»Wie viel Zeit haben wir noch?«

Fabian sah auf den Timer. »Fünf Minuten ungefähr.«

»Erkennst du irgendwas?«

»Da.« Fabian zeigte aufgeregt auf den Bildschirm.

Nur undeutlich konnten sie eine dunkle Gestalt ausmachen, die in einer Ecke kauerte.

»Vielleicht ein Obdachloser«, meinte Tom.

»Nee, zu klein für ’nen Mann. Eher ein Kind.« Fabian sah Tom an.

»Oder vielleicht ein Tier?«

»Ja«, rief Fabian aufgeregt. »Ein Bär.«

»Ein Bär?« Tom schüttelte den Kopf. »Echt jetzt?«

»Ich mein ja nur.« Fabian zog einen Schmollmund.

»Bären können nicht fliegen, Alter.«

»Vielleicht ein Drache!« Fabians Miene hellte sich auf. »Die können definitiv fliegen.«

Tom verkniff sich einen Kommentar.

Fabian war ein fantastischer Kameramann, der beste auf seinem Gebiet, fand Tom. Er hatte ein sehr gutes Auge für Details, beherrschte die Technik aus dem Effeff, kannte jedes Modell auf dem Markt und war mit allen Features vertraut, legalen und auch nicht so legalen. Was es auch war, Fabian wusste einfach alles. Aber darüber hinaus war er nicht gerade die hellste Kerze auf der Torte und manchmal trieb er Tom mit seinen naiven Vorstellungen in den Wahnsinn.

»Vielleicht ist es ein Alien.«

»Ach, red doch keinen Scheiß.« Tom verlor langsam die Geduld. »Sag mir lieber, wie viel Zeit uns noch bleibt.«

»Nee, wieso?«, diesmal wollte Fabian sich nicht so abspeisen lassen. »Hab ich im Fernsehen gesehen, genau die gleiche Situation. Da sind diese Jungs, so wie wir jetzt, die stolpern in ’ner alten Lagerhalle über ein paar Alien-Typen. Die waren da drin, weil die ihr Raumschiff da geparkt hatten.«

»Werden Raumschiffe geparkt?« Tom bereute die Frage im gleichen Moment.

»Ja, logo. Flugzeuge werden ja auch geparkt, im Hangar. Und Raumschiffe sind ja nichts anderes als riesige Flugzeuge.« Und ohne Luft zu holen, sagte er: »Ich schalt jetzt den Scheinwerfer an.«

Tom griff ihm hektisch in die Fernsteuerung. »Lass das! Damit erregen wir nur unnötig Aufmerksamkeit.«

»Was soll denn schon passieren?«

»Darf ich dich daran erinnern, dass wir keine Genehmigung für den Scheiß hier haben?«

»Es ist Sonntagmorgen Viertel nach sechs, Alter. Hier ist jetzt niemand.« Fabian machte eine Pause. »Außer dem … Dings da drin. Komm schon«, bettelte er. »Mann oder Maus? Wir haben eh nur noch ein paar Minuten.«

Tom zuckte resignierend mit den Schultern. »Warum nicht?«

Fabian grinste breit, drückte einen Knopf und im Inneren der Halle blitzte ein Licht auf. Jetzt konnten sie auch von außen ihre Drohne sehen.

Dann war plötzlich der Teufel los. Ein schriller Schrei zerriss die frühmorgendliche Stille. Das Ding in der Halle war wieder in Bewegung. Tom zuckte zusammen und die Drohne geriet ins Trudeln.

»Wir werden angegriffen!«, schrie Fabian. »Raus da, Tom, los.«

Der ließ sich das nicht zweimal sagen. Mit einem gekonnten Manöver lenkte er sein teures Spielzeug ins Freie. Adrenalin pumpte durch seine Adern. Er befand sich im Krieg. Das war viel besser als jeder Ego-Shooter. Die Augen fest auf den Monitor gerichtet, jagte er über das Gelände, flog eine Schleife um die Baugrube und drückte dann den Coming-Home-Button. Dank GPS würde die Drohne jetzt von allein zu ihm zurückkehren.

Er stieß einen erleichterten Pfiff aus.

»Wie geil war das denn? Gib mir fünf!« Tom hob den Arm und erwartete den Handschlag seines Freundes. Aber der starrte nur auf den Monitor. Tom ließ den Arm wieder sinken.

»Alter, bin ich der Meister, oder was?«

Keine Antwort.

»Hey, was ist los, Mann?«

Fabian war leichenblass und starrte noch immer auf den Monitor.

»Hallo«, Tom schippte mit den Fingern vor dem Gesicht seines Freundes. »Erde an Fabian.«

»Leiche«, war alles, was Fabian sagen konnte.

»Wie, Leiche?« Tom sah seinen Freund irritiert an. »Was soll das denn jetzt schon wieder?«

Mittlerweile war der Kopter wieder bei ihnen eingetroffen. Fabian schüttelte stumm den Kopf, nahm die Speicherkarte aus der Kamera und steckte sie in den Laptop. Dann spulte er den Film vor bis zu dem Punkt, wo die Drohne aus der Halle rausflog und auf die Baustelle zujagte. Er drückte auf Pause. Sie hatten jetzt ein Standbild aus circa drei Metern Höhe.

»Da.« Fabian zeigte auf eine Stelle am Rand der Baugrube, dort wo die Eisenstangen für die Wandanschlüsse senkrecht aus dem Boden ragten.

Erst verstand Tom nicht – dann sah er es auch.

Einen aufgespießten Körper, der rücklings über den Stangen hing.

Den Mann, der beim Anblick der Drohne hinter einem Baucontainer in Deckung gegangen war, sahen sie nicht.

Montag, 24. Juli 2017
Kapitel 2

Der Flur, in dem sie steht, ist lang und düster. Eine flackernde Lampe spendet fahles Licht. Es ist kalt und die Dunkelheit macht ihr Angst. Rechts und links gehen hölzerne Türen ab, alle geschlossen.

Etwas hat sie geweckt. Ein Rumpeln. Jetzt ist alles ganz still, nichts regt sich, kein Laut. Sie ist allein.

Dann dringen von irgendwoher dumpf Stimmen an ihr Ohr. Sie geht dem Geräusch nach. Vor einer Tür bleibt sie stehen, dahinter weint jemand leise. Vorsichtig drückt sie die Klinke, die Tür öffnet sich und grellweißes Licht blendet sie. Instinktiv schützt sie ihre Augen. Zwei Personen nehmen langsam Gestalt an. Sie starren sie mit weit aufgerissenen Augen und offenen Mündern stumm an. Bevor sie etwas sagen kann, wird die Tür von innen zugeschlagen.

Szenenwechsel.

Sie befindet sich jetzt in einem Raum vollgestopft mit Holzkisten. Sie weiß nicht, wie sie hierhergekommen ist. Ein leuchtend blauer Schmetterling flattert aufgeregt um sie herum. Sie streckt ihre Hand aus, und er lässt sich darauf nieder. Neugierig betrachtet sie das Insekt. Er bewegt langsam die Flügel und die kleinen Beinchen kitzeln auf ihrem Handrücken. Dann beginnt es. Ein Wispern, zuerst ganz leise, als würde ihr der Falter etwas zuflüstern, dann langsam anschwellend, bis es ohrenbetäubend den ganzen Raum erfüllt: Du musst dich erinnern, du musst dich erinnern, du musst dich erinnern …

Sie gerät in Panik und beginnt zu schreien.

***

Anna saß aufrecht im Bett und keuchte. Ihr Puls raste, sie war schweißgebadet. Sie brauchte einen Moment, um das Gefühl der Panik und des Entsetzens abzuschütteln und erleichtert festzustellen, dass sie nur geträumt hatte. Schon wieder. Ein Blick auf die Uhr verriet ihr: halb fünf am Morgen. Es war der 24. Juli 2017, ihr vierunddreißigster Geburtstag.

»So ein Mist«, fluchte sie leise.

Sie war jetzt hellwach, dabei hätte sie noch fast eine Stunde schlafen können, bevor ein anstrengender Tag begann.

Sie wartete, bis ihr Herzschlag sich wieder beruhigt hatte, dann stand sie auf und ging ins Bad.

Sie war allein zu Hause, Karl, ihr Mann, hatte Nachtschicht. Als Chefarzt kam das zwar selten vor, aber die Stationen in der Uniklinik und speziell die Neurochirurgie waren hoffnungslos unterbesetzt. Sie war daran gewöhnt. So war das Leben mit einem Arzt. Keine Feiertage, keine spontanen Kurztrips. In seiner »Freizeit« schrieb Karl Arztbriefe, erstellte Gutachten oder bereitete sich auf Vorträge vor. Von seiner Forschung ganz zu schweigen. In manchen Wochen kommunizierten sie nur über SMS.

Hätte sie gewusst, was ihr an diesem Tag noch alles bevorstand, sie wäre sicher im Bett geblieben. Stattdessen kontrollierte sie eine Stunde später, ungefähr das zehnte Mal, Abfahrtszeit und Reservierung ihres Zuges. Um neun hatte sie einen Termin in Frankfurt, zu dem sie pünktlich sein musste. Alles war gründlich geplant und nichts dem Zufall überlassen. Ihr Zug würde um Viertel vor acht am Hauptbahnhof eintreffen und von dort war es nicht mehr weit zu den Büroräumen ihres Mandanten. Selbst zu Fuß würde sie auf jeden Fall rechtzeitig ankommen.

Anna hatte kein großes Vertrauen in die Deutsche Bahn. Zu viele Nachrichten von Verspätungsmeldungen und Zugausfällen. Normalerweise fuhr sie mit dem Auto, aber ausgerechnet an diesem Wochenende hatte jemand in der Parkgarage das hintere rechte Rücklicht ihres SUVs zerstört und trotz aller Sicherheitsvorkehrungen war der Verursacher unerkannt entkommen.

Karl und Anna Wolff bewohnten seit einem Jahr eines der Penthäuser im Kranhaus Nord im Kölner Rheinauhafen.

Die Kranhäuser waren Kölns neueste architektonische Attraktion. Ihren Namen hatten die drei Kolosse erhalten, weil ein zweiteiliger Ausleger, getragen nur von einem gläsernen Treppenturm, für die optisch so spektakuläre Gebäudeform eines Krans sorgte.

Eigentlich war so ein Luxusappartement nicht Annas Stil, doch ihr Vater, Heinrich Verhoeven, ein einflussreicher und erfolgreicher Bauunternehmer, hatte ihr die Eigentumswohnung zum siebten Hochzeitstag geschenkt. In der unpersönlichen Betonwüste des Hafenquartiers fühlte sie sich aber nicht wohl. Sie träumte von einem Garten, Bäumen, grünem Gras. So war sie aufgewachsen. Karl hingegen gefiel die Wohnung. Er fand sie mehr als standesgemäß und gab überall damit an. Ein Umzug kam für ihn nicht infrage. Zumindest im Moment nicht. Er hatte andere Pläne, in die er seine Frau erst vor Kurzem eingeweiht hatte. Prof. Dr. Karl Wolff hatte sich auf den Chefarztposten einer luxuriösen Privatklinik in München beworben, ohne sie zu fragen.

»Du musst dann nicht mehr arbeiten«, hatte er geschwärmt und ihr Bilder von dem Anwesen gezeigt, in dem der Klinikleiter wohnen würde. »Ein großer Garten und genug Platz für ein paar Kinder. Das wolltest du doch immer.«

Das Gespräch endete mit Streit. Seit zwei Monaten hatten sie das Thema nicht mehr angesprochen.

Anna seufzte. Sie konnte es nicht ändern. Ihren Mann nicht und das Problem mit ihrem Auto auch nicht. Der Termin in Frankfurt war wichtig, und da Anna grundsätzlich nicht mit fremden Autos fuhr, blieb nur der Zug. Sie hatte einen lückenlosen Zeitplan recherchiert, der ausgedruckt in ihrer Handtasche steckte und der Concierge-Dienst würde sich darum kümmern, dass ihr Wagen in die Werkstatt kam. Jetzt konnte eigentlich nichts mehr schiefgehen.

Um kurz vor sechs stand sie vor dem großen Spiegel im Schlafzimmer und warf einen letzten prüfenden Blick auf ihr Äußeres. Was sie sah, gefiel ihr.

Ihr langes dunkelbraunes Haar hatte sie zu einem tief sitzenden Dutt gebändigt. Das wirkte seriöser als Hochsteckfrisuren oder ein Pferdeschwanz. Ihr Lidschatten war auf ihre blauen Augen abgestimmt, die Augenbrauen ordentlich gezupft und ihren Lippen hatte Anna ein dezentes Rosa gegönnt. Nichts war unpassender, als mit einem aufdringlichen Make-up bei geschäftlichen Terminen zu erscheinen. Sie strich das Jackett ihres schwarzen Designer-Hosenanzuges glatt und drehte sich einmal um die eigene Achse. Alles saß perfekt.

Das Haustelefon summte und der Concierge-Dienst meldete, dass das Taxi soeben eingetroffen war. Anna bedankte sich und griff Mantel, Akten- und Handtasche. Es war jetzt fünf Minuten nach sechs.

Kapitel 3

»Bahnhof Deutz, bitte«, sagte Anna knapp und wartete darauf, dass der Mann losfuhr.

Der Taxifahrer, ein typischer Kölner mit gezwirbeltem Schnurrbart, drehte sich zu ihr um. »Do han mer en Problemche, junge Frau. Die Düxer Brück es jesperrt, do joov et ene Unfall. Dat kam jraad üvver Funk.«

Anna schaute den Mann konsterniert an. Obwohl sie in Köln geboren war und hier auch einen Teil ihrer Kindheit verbracht hatte, konnte sie die schnodderige kölsche Mundart nur schlecht verstehen.

»Unfall auf der Deutzer Brücke?«, fragte sie zur Sicherheit.

»Jenau!« Der Mann nickte. »Wenn sie et iehlich han, dann done ich Sie besser zom Hauptbahnhof brenge und Sie fahre met d’r S-Bahn op de Schäl Sick. Wat meinen Sie, Fräulein?« Er lächelte freundlich.

»Können wir nicht über die Severinsbrücke fahren?«, fragte Anna. Immerhin gab es in Köln ja noch mehr Brücken, die auf die andere Rheinseite führten.

»Klar, junge Frau, ävver dat doort länger, da is ne Baustell.«

»Wie viel länger?«

»Fuffzehn Minute«, schätzte der Taxifahrer stirnrunzelnd.

Anna schaute auf die Uhr. Sie überschlug die Zeit, die ihr blieb.

»In Ordnung«, sagte sie. »Geben Sie Gas.«

Dann lehnte sie sich auf dem Rücksitz des Taxis zurück und unterdrückte ein Gähnen. Nicht nur die letzte Nacht war kurz gewesen. Seit Monaten schlief Anna zu wenig. Abgesehen von ihrem Job, der sie auf Trab hielt und ihr Arbeitszeiten von zehn oder zwölf Stunden abverlangte, quälte sie der Albtraum und stahl ihr regelmäßig ein bis zwei Stunden ihrer ohnehin kurzen Nacht. Das machte sich langsam bemerkbar.

Bisher war es ihr gelungen, konzentriert zu bleiben. Das war sie den Mandanten und der Kanzlei schuldig.

Die Frankfurter Unternehmensberatung, die sie aktuell vertrat, stand im Verdacht, Insiderinformationen über ein Übernahmeangebot für illegale Börsengeschäfte genutzt zu haben. Kommende Woche sollten die Verhandlungen beginnen. Sie hatten sich an die Kölner Kanzlei Winter & Partner gewandt, weil diese deutschlandweit den besten Ruf im Bereich Wirtschafts- und Strafrecht genoss. Anna arbeitete dort seit Anfang des Jahres und wurde bereits als zukünftige Partnerin gehandelt. Kein Wunder bei ihren Referenzen: Abitur mit Auszeichnung auf einem Eliteinternat, Prädikatsexamen in Jura mit Schwerpunkt Wirtschaftsrecht an Eliteuniversitäten in Deutschland und den USA, Promotion in England und einige Jahre Berufserfahrung.

Ihr Handy brummte und holte Anna zurück in die Wirklichkeit. Sie war eingenickt. Hastig warf sie einen Blick auf das Display. Ihre beste Freundin Paula hatte ihr eine Geburtstags-SMS geschickt, gespickt mit lauter Smileys, Herzchen und Sträußchen. Anna lächelte.

Paula war nicht nur ihre beste, sondern auch ihre einzige Freundin. Sie kannten sich seit der fünften Klasse. Anna hatte Paula vom ersten Moment an gemocht. Sie war frech und witzig, sprach aus, was ihr gerade in den Sinn kam und machte sich über die Konsequenzen keinerlei Gedanken. Das genaue Gegenteil von ihr selbst. Immer brav, zurückhaltend, etwas ängstlich. Paula war eine Stipendiatin oder »Stippe«, wie man die Kids nannte, die aufgrund ihrer hervorragenden Noten aufgenommen wurden, und nicht, weil sie Kinder reicher Eltern waren. Sie wurde anfangs sogar deswegen gemobbt, machte sich aber nicht viel aus den dummen Hühnern. Nachdem Susanne von Sommerfeld ihre blonde Mähne abrasieren musste, weil ihre Haare über Nacht grasgrün geworden waren, hatte Paula Ruhe. Anna lächelte bei dieser Erinnerung.

Das Taxi bog auf den Vorplatz des Deutzer Bahnhofs ein.

»Das ging ja schneller, als ich dachte«, sagte Anna mit einem Blick auf die Uhr und belohnte den Taxifahrer mit einem fürstlichen Trinkgeld.

»Man tut wat mer kann, junge Frau.« Er grinste. »Schönen Daach.«

Anna stieg aus dem Wagen. Es war schwül und laut Wetterbericht würden die Temperaturen auf über fünfunddreißig Grad klettern. Eine Hitzewelle hatte Deutschland seit Tagen fest im Griff und für heute waren Gewitter angesagt. Vielleicht brachte das etwas Abkühlung. Kurze Zeit später stand sie am Gleis und studierte die elektronische Anzeige. Der Zug hatte voraussichtlich zehn Minuten Verspätung. Anna wurde nervös, aber genau dafür hatte sie ja einen Puffer von fast einer Stunde eingebaut. Sie sah sich um. Der Bahnsteig war voll mit Berufspendlern, denn Frankfurt war mit dem ICE nur eine knappe Stunde entfernt, und die meisten der Reisenden waren entweder Banker oder Anwälte. Sie atmete tief durch. Es würde schon alles gut gehen.

Anna überlegte, wann sie das letzte Mal mit dem Zug gefahren war. Während des Studiums in England wahrscheinlich und das lag bereits einige Jahre zurück. Der Linksverkehr auf der Insel war ihr suspekt gewesen, und so hatte sie für die drei Jahre, die sie in Oxford promovierte, auf das Auto verzichtet und war auf Rad und Bahn umgestiegen. Sie lächelte bei der Erinnerung an die beschauliche Zeit im akademischen England.

Der Lautsprecher knackte und eine weibliche Bandstimme verkündete, dass für Annas ICE der zweite Zugteil mit den Ordnungsnummern 31 bis 39 heute nicht mitfuhr. Die Reisenden wurden höflich gebeten, sich bei Fragen an das Zugpersonal zu wenden.

Für die Dauer der Durchsage war es auf dem Bahnsteig mucksmäuschenstill. Jeder Einzelne lauschte konzentriert, den Kopf leicht zur Seite geneigt, auf die metallene Stimme. Die Situation hatte etwas Surreales. Niemand bewegte sich, als hätte eine unsichtbare Macht die Reisenden kurzfristig eingefroren.

»Wir bitten um Entschuldigung«, hieß es zum Abschluss lakonisch und sofort kam wieder Bewegung in die Wartenden. Ärgerliche Blicke zur Anzeigentafel, resignierendes Schulterzucken hier, Gemurre dort. Die Berufspendler verstanden sofort. Aber Anna war verwirrt. Was bedeutete das? Sie hatte eine Platzreservierung für die erste Klasse, Wagen 38. Und jetzt fuhr der Zug ohne diesen Waggon? Wo sollte sie denn sitzen? Sie musste sich im Zug unbedingt noch auf den Termin vorbereiten, das konnte sie ja schlecht im Stehen machen.

Sie drehte sich zu einem Mann mittleren Alters um, der direkt neben ihr stand.

»Habe ich das richtig verstanden, dass der Wagen 38 heute nicht mitfährt?«, fragte sie.

»Fürchte schon«, antwortete der Mann. »Der ganze Zugteil fehlt.«

»Das ist aber wirklich ärgerlich«, beschwerte sie sich. Sie hatte es ja gewusst, dass auf die Deutsche Bahn kein Verlass war.

Der Mann nickte. »Wo müssen Sie denn hin?«

»Nach Frankfurt. Ich habe dort einen wichtigen Termin, auf den ich mich im Zug noch vorbereiten muss. Das wird jetzt schwierig ohne Sitzplatz.«

Der Mann sah sie an.

»Sie können meinen haben, wenn Sie wollen«, bot er höflich an.

»Nein, vielen Dank«, antwortete sie, »das kann ich unmöglich annehmen. Dann müssen Sie ja stehen.«

»Das ist mir egal. Bis Frankfurt geh ich einfach einen Kaffee trinken.« Dann setzte er noch nach. »Ich bestehe drauf.«

»Vielen Dank«, gab Anna nach, »das ist sehr freundlich von Ihnen und rettet mir das Leben.« So dramatisch hatte sie eigentlich nicht klingen wollen, aber sie war wirklich froh.

»Schon gut. Einer Dame in Not helfe ich gern«, sagte der Mann mit einem Augenzwinkern und drückte ihr den Zettel mit der Reservierung in die Hand. »Wagen 23, Platz 77. Am Fenster.«

Anna wollte noch etwas erwidern, aber in dem Moment fuhr der Zug in den Bahnhof ein und jede weitere Unterhaltung wurde unmöglich. Die Reisenden drängten in Richtung der Türen in der Hoffnung, wenigstens noch einen der Stehplätze zu ergattern. Es dauerte nicht lange und Anna hatte den Mann aus den Augen verloren.

Der Zug war total überfüllt. Überall Gedränge, die Stimmung war auf dem Nullpunkt. Erst ab Frankfurt würde sich die Situation deutlich entschärfen. Anna nahm ihren Platz ein, lehnte sich zurück und atmete ein paarmal tief durch. Was für ein Tag! Und er hatte noch nicht einmal richtig angefangen.

Nach einigen Minuten fuhr der ICE endlich los. Anna schloss die Augen und versuchte, sich zu entspannen. Das war leichter gesagt als getan. Noch immer schoben sich Reisende mit großen Gepäckstücken durch die ohnehin überfüllten Gänge. Eine junge Frau in Leopardenleggins, rot lackierten Fingernägeln und einer monströs toupierten Frisur, versuchte verzweifelt, einen riesigen Koffer in die Gepäckablage zu hieven. Dabei schlug sie ihre Umhängetasche Annas Nebenmann mehrfach ins Gesicht, bis der sich lauthals beschwerte. Zwei Männer eilten schließlich zu Hilfe und nach kurzer Zeit war das Problem gelöst. Die junge Frau strahlte ihre Retter dankbar an und ließ sich anschließend geräuschvoll in ihren Sitz fallen.

Erst nach fünfzehn Minuten kehrte endlich etwas Ruhe ein. Die meisten Reisenden hatten eingesehen, dass es sinnlos war, sich weiter durchzuschlagen und standen jetzt im Gang. Sie drückten konzentriert auf ihren Handys herum, in der Hoffnung, dass die Zeit dadurch schneller verging.

Anna kramte ihren Laptop aus der Aktentasche und steckte sich Ohropax in die Ohren. Während der Computer hochfuhr, blickte sie aus dem Fenster auf die vorbeiziehende Landschaft, die immer ländlicher wurde. Als Jugendliche war sie oft in aller Herrgottsfrühe aufgestanden und über die taunassen Wiesen ihrer Allgäuer Internatsheimat gewandert. Manchmal durfte sie den Hund des Hausmeisters mitnehmen, Whiskey, eine schöne grauschwarze Border-Collie-Hündin mit einem blauen und einem braunen Auge. Anna liebte den Hund und dieser war ganz vernarrt in Anna. Sie hatte außer Paula nicht viele Freunde und die Spaziergänge mit Whiskey waren für sie immer etwas Besonderes. Sie vermisste es.

Die Erinnerung an ihren Albtraum drängte sich in ihr Bewusstsein. Sie verstand die Botschaft einfach nicht. Woran sollte sie sich erinnern? Ganz sicher hatte das irgendetwas mit ihrer Schwester Lena zu tun. Aber was genau? Und warum jetzt? Manchmal hatte sie das Gefühl, die Lösung wäre zum Greifen nah, wie der Name eines Schauspielers aus einer Fernsehserie, der einem nicht einfällt, oder vom Hund der Nachbarin. Aber sie kam nicht drauf und das quälte sie.

Paula hatte ihr geraten, einen Hypnotherapeuten aufzusuchen, um ihre Kindheitserinnerungen aufzuarbeiten.

Lass da mal einen Fachmann ran, hatte sie gesagt. Du hast sicher was verdrängt. Wäre kein Wunder bei der Vorgeschichte.

Aber Anna wollte davon nichts wissen. Der Gedanke, eine wildfremde Person in ihren Kopf zu lassen, die Kontrolle abzugeben und unter Hypnose wer weiß was zu erzählen, flößte ihr Angst ein. Vielleicht würde sie nie wieder aufwachen. Paula hatte ihr daraufhin erklärt, dass dies wohl die dümmsten Vorurteile zu dem Thema waren, die sie je gehört hatte. Aber das konnte Annas Meinung auch nicht ändern.

Du bist ein Schisser, hatte die Freundin am Ende resigniert attestiert.

Seit ein paar Tagen überlegte Anna allerdings, ob sie Paulas Rat nicht doch annehmen sollte. Nacht für Nacht der gleiche Albtraum. Bilder und Botschaften, die sie nicht verstand, Schlafentzug, der langsam an die Substanz ging: so konnte es einfach nicht weitergehen.

Anna berührte den kleinen, blauen Schmetterlings-Anhänger an ihrer Halskette. Diese hatte sie von ihrer großen Schwester zum achten Geburtstag geschenkt bekommen und seitdem nie mehr abgelegt.

Einen Tag später hatte Lena sich umgebracht.

Kapitel 4

Sie wacht an diesem Morgen auf, wie an jedem anderen Tag. Sie hat von einem Prinzen geträumt, der sie mit in sein Schloss nimmt. In Sicherheit. In Sicherheit vor ihm.

Heute hat sie Geburtstag. Es ist ihr vierzehnter.

Sie steht auf, putzt sich die Zähne, wäscht sich das Gesicht, zieht sich für die Schule an und geht hinunter in die Küche.

Die Mutter sitzt am Küchentisch und füttert den Kleinen.

»Du bist spät dran«, sagt sie ohne aufzusehen. Kein Gruß, kein Kuss, keine Gratulation.

Als sie aus der Schule kommt, fängt er sie im Hof ab.

Die Mutter ist in der Küche. Sie bereitet das Mittagessen vor.

»Herzlichen Glückwunsch, meine Schöne.« Er nimmt sie in den Arm und küsst sie auf den Mund.

Sie versteift sich und wendet den Kopf ab.

Er legt zornig die Stirn in Falten und sieht sie aus stahlblauen Augen an.

»Besser, du entspannst dich«, sagt er ruhig, aber in seinem Ton schwingt eine Drohung mit. »Heute Abend bekommst du dein Geschenk.«

»Danke«, sagt sie tonlos.

Kapitel 5

Fritz Sander hatte schlechte Laune. Seit fünf Uhr war er auf den Beinen und hatte bisher noch keinen Kaffee getrunken. Ohne Koffein bekam er Kopfschmerzen und mit Kopfschmerzen war er ungenießbar. Bis vor ein paar Monaten hatte sein Partner dafür gesorgt, dass ausreichende Mengen des schwarzen Wachmachers zur Verfügung standen, vor allem morgens. Aber das war eine gefühlte Ewigkeit her. Seitdem war er auf sich gestellt und manchmal funktionierten die simpelsten Dinge nicht.

Heute hatte sein Espressokocher endgültig den Geist aufgegeben. Den hatten ihm die Kollegen zum Dreißigsten geschenkt, zusammen mit einem Becher, auf dem einer dieser dämlichen Morgenmuffel-Sprüche stand. Den Becher hatte er schnell aus Versehen fallen lassen, aber den Kocher fast jeden Tag benutzt. Das war auch schon zehn Jahre her. Nichts war für die Ewigkeit.

Kein Kaffee um sieben war schlimm, aber kein Kaffee um fünf war die reinste Folter. Sander hatte keine Ahnung, warum er so früh wachgeworden war. Der Wecker war erst für halb sieben gestellt. Aber da er schon mal wach war, hatte er entschieden, die Observierung früher anzutreten als sonst.

Sein morgendliches Sportprogramm mit Sit-ups und Klimmzügen hatte er heute ausfallen lassen und sich direkt auf den Weg gemacht, in der Hoffnung, im Rheinauhafen eine Kaffeebude zu finden, die um die Uhrzeit schon geöffnet hatte. Aber die wenigen Läden, die es überhaupt gab, waren offenbar nicht für Hafenarbeiter gedacht, denn sie öffneten alle erst um zehn Uhr. Verdammte Snobs in ihren Luxuswohnungen! Die besaßen sicher alle funktionierende Kaffeemaschinen. Nein schlimmer. Sie besaßen Kaffeevollautomaten, die auf Knopfdruck perfekte Snobgetränke wie Latte macchiato oder Cappuccino ausspuckten.

Fritz Sander verzog das Gesicht. Kaffee trank man schwarz und heiß. Im Moment würde er aber sogar einen gepanschten Milchkaffee akzeptieren.

Eigentlich hatte er sich auf einen entspannten Observierungstag im Auto eingestellt. Rumfahren, warten, wieder rumfahren, wieder warten. Seine Zielperson war wie ein Uhrwerk: präzise und zuverlässig.

Um Punkt halb acht verließ sie morgens das Haus und fuhr zur Arbeit. Was für ein glücklicher Zufall also, dass er heute so früh auf der Lauer gelegen hatte, sonst hätte er ihren Aufbruch um kurz nach sechs gar nicht mitbekommen.

Mittagspause machte sie um eins für exakt eine Dreiviertelstunde, niemals länger, niemals kürzer. Immer allein. Montags und freitags war Sushi-Tag, dienstags und mittwochs gab es Salat, donnerstags vegetarischen Eintopf. Manchmal fiel die Mittagspause aus. Feierabend war zwischen sieben und neun Uhr abends. Ein Zwölfstundentag. Manchmal mehr, selten weniger.

Aber heute war alles anders. Und jetzt stand er schwitzend in einem völlig überfüllten Zug, ahnungslos, wohin die Reise ging – und immer noch ohne Kaffee. Andererseits war er froh, dass endlich mal Bewegung in die Sache kam. Der Fall, an dem er dran war, hatte ihn alles gekostet: seinen Job beim Kriminalkommissariat 31, Abteilung Wirtschaftskriminalität, seinen guten Ruf und seinen besten Freund und Partner. Wobei, wenn er ehrlich war, hatte die Geschichte mit Rolf eigentlich nichts mit dem Fall zu tun. Zumindest nicht direkt.

Seit vier Wochen observierte Sander seine Zielperson bereits. Eine neue Idee. Und wenn er ehrlich war, seine letzte, die er in der Sache noch hatte. Ob sie gut war, musste sich noch herausstellen. Eigentlich hatte seine Mutter ihn drauf gebracht.

»Du musst unkonventionell denken«, hatte sie ihm geraten. »Auch Gauner führen Buch. Du musst nur an der richten Stelle suchen, dann findest du die Beweise, die du brauchst.«

Den Tagesablauf seiner Zielperson kannte er mittlerweile in- und auswendig. Die Abende waren auch nicht spannender. Nach der Arbeit ging sie nach Hause, außer donnerstags, da machte sie einen Zwischenstopp von zwei Stunden in einem exklusiven Fitnessstudio. In den vergangenen vier Wochen war sie nur ein einziges Mal ausgegangen. Vorigen Freitag, mit einer Blondine, in eine der alten Punkrockbars. Das hatte ihn überrascht. Aber wahrscheinlich hatte die Blonde den Ort ausgewählt. Sie sah anders aus. Etwas kleiner, weniger luxuriös gekleidet, eher der legere Typ. Er tippte auf Journalistin oder Lehrerin. Sander fand sie auf Anhieb sympathisch, sie hatte ein offenes, ehrliches Gesicht, braune Augen und Sommersprossen, die ihr etwas Spitzbübisches verliehen. Die Blonde trank Bier, seine Zielperson Rotwein. In dieser Bar? Der schmeckte bestimmt furchtbar. Das fand sie wohl auch, denn nach dem Wein bestellte sie Whisky. Einen fünfzehn Jahre alten Laphroaig, ein schottischer Single-Malt, torfig und rauchig. Eine exzellente Wahl, fand Fritz Sander, der ein großer Fan schottischer Whiskys war.

Die beiden Frauen waren Freundinnen, das sah man gleich. Sie hockten an einem der Seitentische, hatten die Köpfe zusammengesteckt und unterhielten sich angeregt über etwas offenbar sehr Wichtiges. Die Musik war leider viel zu laut, um zu lauschen. Ein paar Brocken hatte er dennoch aufschnappen können, auf die er sich aber keinen Reim machen konnte. Es ging um einen Traum und um ihre Ehe, die offenbar kriselte.

Karl Wolff hieß der Ehemann seiner Zielperson, mit dem sie seit acht Jahren verheiratet war. Er war ein erfolgreicher und angesehener Chirurg der Kölner Unikliniken und er hatte gute Chancen, vielleicht der nächste Chefarzt der Neurochirurgie zu werden. Seine Überprüfung hatte rein gar nichts ergeben. Der Typ war ein Schnösel, aber sauber.

Sanders Handy klingelte und holte ihn in die Gegenwart zurück. Er fummelte es aus seiner Seitentasche, dabei fiel seine Marke auf den Boden.

»Verdammt«, murmelte er, bückte sich, um sie aufzuheben und warf gleichzeitig einen Blick auf das Display. Als er den Namen sah, runzelte er die Stirn.

Rolf Schröder. Ehemals bester Freund und Partner beim KK 31. Bis Rolf ihm die Freundin ausgespannt hatte. Nina, die blöde Kuh. Was für ein Klischee. Über ein Jahr war bereits Sendepause. Auf jeden Fall seit der Suspendierung. Er drückte den Anruf weg. Wenn’s wichtig war, würde Schröder eine Nachricht hinterlassen.

»Bist du Polizist?«

Fritz Sander schaute irritiert nach unten, denn jemand zupfte energisch an seiner Lederjacke. Ein kleiner Junge von vielleicht sechs oder sieben Jahren blickte erwartungsvoll zu ihm auf.

»Wie bitte?«, fragte er konsterniert.

»Bist du Polizist?«, wiederholte der Junge.

»Wie kommst du darauf?«

»Du hast eine Marke.«

Sander staunte nicht schlecht. Er sah auf die Polizeimarke, die er immer noch in der einen Hand hielt.

»Also, bist du nun Polizist oder nicht?«

»Das ist nicht so leicht zu beantworten«, antwortete er wahrheitsgemäß.

»Wieso?«

»Weil ich im Moment kein richtiger Polizist bin.«

»Was bist du dann?«

Eine gute Frage. Ein Vollidiot war er, der reingelegt worden war wie ein blutiger Anfänger. Er war wegen der Geschichte mit Rolf und Nina so abgelenkt gewesen, dass er nicht gemerkt hatte, wie die Falle über ihm zuschnappte. Jetzt war er seit neun Monaten vom Dienst suspendiert und wartete auf sein Disziplinarverfahren. Der Termin war für den 21. August angesetzt. Viel Zeit blieb ihm nicht mehr, um seine Vorgesetzten von seiner Unschuld zu überzeugen.

Laut sagte er: »Pass bloß auf mit den Frauen, mein kleiner Freund. Die bringen nur Unglück.«

»Mädchen sind doof«, bestätigte der Junge und nickte wissend.

Sander musste grinsen.

»Wieso hast du eine Marke, wenn du gar kein richtiger Polizist bist?«, nahm der Junge den Faden wieder auf. Er war noch nicht fertig.

»Ich bin ein richtiger Polizist«, verteidigte sich Fritz.

»Aber du hast doch gerade gesagt, du bist keiner.«

Sander verdrehte die Augen. »Was ist denn deiner Meinung nach ein richtiger Polizist?«

»Der hat eine Pistole und verhaftet Verbrecher. Hast du eine Pistole?«

»Ja.«

»Kann ich sie sehen?«

»Nein.«

»Warum nicht?«

»Hab sie nicht dabei.«

Seine Waffe und den Dienstausweis hatte Sander abgeben müssen. Die Marke hatte der diensthabende Kollege damals Gott sei Dank vergessen. Sie war ihm bei seinen privaten Ermittlungen in den letzten Monaten immer mal wieder eine große Hilfe gewesen, denn es war schwer, an Informationen heranzukommen, ohne den ganzen Polizeiapparat im Rücken.

»Richtige Polizisten haben ihre Pistole immer dabei«, dozierte der Kleine altklug. »Ich glaube, du bist doch kein richtiger.«

»Bald bin ich das aber wieder«, brummte Sander gereizt. Was war das hier? Ein Verhör?

Der Junge grinste triumphierend.

»Wann denn?«

»Wenn ich beweisen kann, dass ich reingelegt wurde.«

»Wer hat dich reingelegt?«, fragte der Junge neugierig.

Sander beugte sich zu ihm herunter und flüsterte.

»Kannst du ein Geheimnis bewahren?«

Der Junge nickte eifrig.

»Okay«, flüsterte Sander. »Böse Männer haben schlimme Dinge gemacht, und als ich ihnen auf die Schliche gekommen bin, haben sie mir eine Falle gestellt.«

Sander glaubte, so etwas wie Enttäuschung im Gesicht des Jungen zu sehen.

»Wahrscheinlich haben sie auch jemanden umgebracht«, setzte er daher noch einen drauf. »Und wenn ich nicht aufpasse, bin ich der Nächste.«

Der Junge riss erschrocken die Augen auf.

»Dann wäre es besser, wenn du deine Pistole immer dabeihast«, flüsterte er ernst.

Sander musste lächeln. »Ja, das wäre vielleicht besser.«

»Anton!« Eine Frau Anfang dreißig bahnte sich einen Weg durch die Reisenden.

»Anton, verflixt und zugenäht. Ich hab dir doch gesagt, dass du nicht rumlaufen sollst.« Sie griff nach der Hand des Jungen. »Ich hoffe, er hat Sie nicht zu sehr belästigt?«, fragte sie mit einem besorgten Blick auf Sander.

»Nein, nein, schon okay. Wir haben uns nur unterhalten.« Er zwinkerte dem Jungen zu und legte verschwörerisch den Zeigefinger an die Lippen.

Nachdem der Kleine weg war, schaute Sander nach seiner Zielperson. Sie saß in ihrem Sitz, den Kopf leicht zur Seite geneigt. Es sah aus, als wäre sie eingeschlafen.

Kapitel 6

»Wollten Sie nicht in Frankfurt aussteigen?«

Anna reagierte nicht sofort, bis jemand sie sanft auf die Schulter tippte. Sie war so in Gedanken gewesen, dass sie die Welt um sich herum völlig ausgeblendet hatte. Als sie aufblickte, stand da der freundliche Mann vom Bahnsteig, der ihr so uneigennützig seinen Sitzplatz überlassen hatte.

»Ach, hallo. Entschuldigung«, sagte sie, und nahm das Ohropax heraus. »Haben Sie es sich doch anders überlegt?«

Der Mann schaute Anna verwundert an. »Wir sind vor vier Minuten in Frankfurt abgefahren.«

Anna erschrak. Sie starrte den Mann an und versuchte, die Information zu verarbeiten.

»Wie bitte?« Sie hoffte sehr, dass sie sich verhört hatte.

Der Mann sah sie mitfühlend an. »Sieht so aus, als hätten Sie Frankfurt verpasst.«

»Ach du großer Gott«, rief Anna aufgeregt. »Das ist eine Katastrophe. Was mache ich denn jetzt?«

Der Mann zuckte mit den Schultern. »In einer halben Stunde hält der Zug in Aschaffenburg. Am besten steigen Sie da aus und fahren zurück. Von mir aus können Sie auch noch auf meinem Platz bleiben. Ich setze mich so lange woanders hin.«

Das Abteil, in dem Anna saß, war jetzt nur noch zur Hälfte mit Reisenden besetzt, die die Unterhaltung neugierig verfolgten. Anna hatte nicht nur Frankfurt Hauptbahnhof verpasst, sondern auch die Haltestelle Flughafen; sie wäre am liebsten im Boden versunken.

»Nein, danke«, sagte sie. »Sie haben schon genug für mich getan. Ich gehe jetzt und suche mir einen Ort, an dem ich mich unsichtbar machen kann.«

Der Mann lachte und Anna stand auf.

Eilig griff sie ihre Taschen, bedankte sich noch mal und räumte den Platz. Im Ausstiegsbereich wäre sie fast in einen Mann reingelaufen, der an der Wand lehnte. Sie murmelte eine Entschuldigung. Dann ging sie ihre Optionen durch. Dass sie Frankfurt verpasst hatte, war jetzt nicht mehr zu ändern. Sie hatte keine Chance, es rechtzeitig um neun zum Termin zu schaffen. Mit ein bisschen Glück würde die Verzögerung aber nicht länger als dreißig Minuten betragen. Sie atmete tief durch und wappnete sich für die Lüge, die sie ihrem Mandanten jetzt auftischen würde. Dann wählte sie die Nummer.

Um kurz vor halb neun stand Anna in Aschaffenburg vor einem Abfahrtsplan und sah zu ihrer großen Erleichterung, dass zehn Minuten später ein ICE zum Frankfurter Südbahnhof abfuhr. Sie beeilte sich, um auf das entsprechende Gleis zu kommen und hörte dort gerade noch das Ende einer Ansage.

»… ist die Strecke Richtung Frankfurt aufgrund eines Oberleitungsschadens bis auf Weiteres nicht befahrbar. Bitte beachten Sie die Lautsprecherdurchsagen. Bis Hanau wird Schienenersatzverkehr bereitgestellt. Wir bitten, die Unannehmlichkeiten zu entschuldigen.«

Das konnte doch alles nicht wahr sein! Es war noch nicht mal neun Uhr und ein Teil des Universums hatte sich bereits gegen sie verschworen. Erst der blöde Albtraum, dann der fehlende Zugteil und schließlich der verpatzte Ausstieg in Frankfurt. Und jetzt das! Sie verfluchte die Deutsche Bahn. Nie wieder würde sie einen Fuß in einen Zug dieses Unternehmens setzen. Kein Wunder, dass die Anzahl der Reisenden rückläufig war. Wer war denn unter solchen Umständen schon bereit, auf das Auto zu verzichten?

Anna war wütend. Am liebsten hätte sie irgendwo gegengetreten und nur ihre gute Erziehung hielt sie davon ab. Stattdessen setzte sie sich auf eine Bank. Sie musste nachdenken.

Ihr Handy klingelte in der Handtasche. Das war bestimmt der Mandant, der wissen wollte, wo sie blieb. Was sollte sie dem bloß sagen? Sie entschied, das Klingeln zu ignorieren und nach ein paar Sekunden verstummte das Gerät.

Ein dumpfes Grollen kündigte ein Gewitter an. Sie schaute in den Himmel. Der Horizont war bereits tiefschwarz, in ein paar Minuten würde es anfangen zu regnen.

Anna mochte Gewitter nicht. Seit ihrer frühen Kindheit hatte sie Angst vor Blitz und Donner.

Sie spielte nervös an ihrem Kettenanhänger. Lena, schoss es ihr durch den Kopf. Vor sechsundzwanzig Jahren, fast auf den Tag genau, hatte sie sich umgebracht. Es gab Tage, an denen der Verlust ihrer älteren Schwester besonders schmerzhaft war und heute war so ein Tag.

Sie kramte das Handy aus der Handtasche. Auf der Anzeige stand: Karl, Anruf in Abwesenheit.

»Mist.«

Sie drückte auf Rückruf. Aber es ging nur die Mailbox ran. Wahrscheinlich war er längst zurück im OP und sie hatte eines dieser seltenen Zeitfenster verpasst, in denen ihr Ehemann für sie zu sprechen war. Eine Nachricht zu hinterlassen, hatte überhaupt keinen Sinn. Er würde ja sehen, dass sie angerufen hatte.

Heute Abend waren sie verabredet, um Annas Geburtstag zu feiern. Schon vor Wochen hatten sie in dem französischen Sternerestaurant reserviert, das Karl so liebte. Sie hätte einen Italiener vorgezogen, aber sie wünschte sich einen entspannten Abend mit gutem Essen und ohne Streit. Die Bewerbung nach München wollte sie heute auf keinen Fall ansprechen, auch nicht das andere Thema, das sie seit ein paar Monaten beschäftigte. Seit April wusste sie, dass Karl sie betrog. Paula war zufällig dahintergekommen und hatte es ihr verraten. Sie würde mit ihm darüber sprechen müssen, aber nicht heute. Sie freute sich auf den Abend und hatte vor, ihn zu genießen.

Ein lauter Donner krachte und Anna zuckte zusammen.

Was hatte Karl gewollt? Er rief niemals um diese Uhrzeit bei ihr an. Sie drückte noch einmal auf Rückruf, gelangte aber wieder nur auf seine Mailbox.

Vielleicht war er gar nicht im OP, sondern bei ihr. Offiziell hatte er Nachtschichten, ziemlich viele in letzter Zeit. Sie hätte eigentlich selbst merken müssen, dass was nicht stimmte. Aber sie schliefen schon seit einiger Zeit in getrennten Schlafzimmern und an manchen Tagen sprachen sie nicht viel mehr miteinander als ein »guten Morgen« oder »schlaf gut«.

Sie redeten sich gegenseitige Rücksichtnahme ein. Er kam oft spät und ging sehr früh, sie arbeitete manchmal nachts im Bett. Aber der wahre Grund war ein anderer, das wusste sie. Das wussten sie beide. In ihrer Ehe war die Luft raus. Nicht nur die fehlende Kommunikation war dafür ein klares Signal, sie hatten auch seit Monaten keinen Sex mehr gehabt.

Die Nachricht von der Affäre war für Anna ein Schock gewesen. Karl war immer noch ihr Mann und sie fand es unfair, dass er sie so hinterging. Sie wusste nicht genau, wie sie damit umgehen sollte. Vor allem nicht, weil sie selbst auch fremdgegangen war. Bei der Erinnerung daran lief ihr ein Schauer über den Rücken.

Kurz nachdem Anna von der Affäre ihres Mannes erfahren hatte, musste sie ihren Vater Heinrich auf eine Benefizveranstaltung seiner Baufirma, der Cosmas-AG, ins renommierte Dom-Hotel begleiten, eine familiäre Verpflichtung, der ihre Mutter schon lange nicht mehr nachkommen konnte. Seit dem Tod der ältesten Tochter war sie unpässlich, wie man es in der Familie nannte. Sie trank, litt unter schweren Depressionen und hatte seit Jahren das Haus nicht verlassen, außer zu ein paar Aufenthalten in einer psychiatrischen Klinik. Somit war Anna die Rolle zugefallen, die Familie bei gesellschaftlichen Anlässen zu repräsentieren. Sie mochte es nicht besonders, aber so war sie erzogen.

Im Laufe der Veranstaltung hatte ihr ein Fremder den Hof gemacht.

Der ist heiß, hörte sie Paula in ihrem Kopf flüstern. Schnapp ihn dir.

Heiß traf es auf den Punkt. Der Mann war groß, sportlich, mit Dreitagebart und er hatte dunkelblaue Augen, die Anna magisch anzogen. Er war eine perfekte Mischung aus Easy Rider und James Bond – Daniel Craig Bond. Er hatte sogar ein Tattoo. Ein Eckchen davon ragte verführerisch aus seinem Kragen.

Paula hätte sofort zugegriffen. Dieser Kerl müsste nicht in der Badewanne schlafen – einer von Paulas Lieblingssprüchen.

Bei dir herrscht ein schlimmer Mangel an Abenteuerlust, hatte ihr die Freundin mal gesagt. Das solltest du dringend ändern.

Aber Paula war die Draufgängerin und sie hatte sich den dazu passenden Beruf ausgesucht. Investigative Journalistin. Anna war die Vorsichtige, die alles gut durchdachte, bevor sie handelte. Noch nie hatte sie sich spontan in ein Abenteuer gestürzt, nicht als Kind, nicht als Teenager und als Erwachsene schon gar nicht. Sie hatte gelernt zu funktionieren und das zu tun, was man von ihr erwartete: Eliteschulen, Jurastudium, Spezialisierung auf Wirtschaftsrecht, folgsame Ehefrau, die die Allüren ihres Mannes weder kritisierte noch hinterfragte.

Irgendwann hatte sich der Mann entschuldigt und war verschwunden. Bekannte gesellten sich zu ihr, aber Anna konnte sich nicht auf die Gespräche konzentrieren. Sie suchte mit den Augen den Saal nach dem schönen Fremden ab, konnte ihn aber nirgends entdecken. Enttäuscht entschied sie sich, zu gehen. Als sie gerade ihren Mantel geholt hatte und im Begriff war das Gebäude zu verlassen, legte sich eine Hand auf ihre Schulter. Sie wirbelte herum.

»Wollen Sie wirklich schon gehen?«

Diese Augen. Anna spürte, wie sie errötete.

Der Fremde lächelte. »Ich kenne da einen Ort, der Ihnen gefallen wird. Wollen Sie mich begleiten? Es ist nicht weit.«

Sie nickte. Gesagt hatte sie noch kein Wort. Abenteuer, hörte sie Paula rufen. Abenteuer!

»Warten Sie kurz. Nicht weglaufen!« Der Mann verschwand und erschien kurze Zeit später mit einer Flasche Champagner und zwei Gläsern.

»Voilà«, grinste er.

Sie gingen nach draußen auf die Domplatte. Anna war nervös. Was sollte sie sagen?

»Ist das nicht ein atemberaubender Anblick?«, nahm ihr Begleiter ihr die Entscheidung ab und zeigte auf den angestrahlten Kölner Dom. Anna legte den Kopf in den Nacken und nickte. Sie liebte den Dom, vor allem nachts. Von ihrer Wohnung im Kranhaus Nord hatte sie freien Blick auf das gotische Bauwerk und saß abends oft stundenlang im Dunkeln und genoss die privilegierte Aussicht. Ein Windhauch wehte über die Domplatte, und obwohl es eine laue Sommernacht war, fröstelte sie.

»Kommen Sie«, flüsterte der Fremde, und ohne eine Antwort abzuwarten, zog er Anna zur Nordseite des Doms. Vor einem grauen Bauzaun blieb er stehen und nestelte einen Schlüssel aus seiner Hosentasche.

»Wo haben Sie den denn her?«, wollte sie wissen. So langsam kam ihr das Ganze etwas eigenartig vor.

»Sagen wir mal, ich hab da so meine Beziehungen.« Er öffnete eine unscheinbare Tür, schob Anna hinein und verschloss sie sofort wieder sorgfältig. Dann drückte er einen großen schwarzen Knopf und oben setzte sich rumpelnd ein Aufzug in Bewegung. Anna wurde nervös. Das brave Kind in ihr erwachte und schlug Alarm.

»Sind Sie sicher … dürfen wir denn …«, begann sie zögernd, aber in dem Moment kam der Aufzug unten an.

»Nur Mut«, sagte der Mann. »Diese Nacht wird unvergesslich werden.«

Anna gab nach, auch wenn sie die letzte Bemerkung ein wenig zu selbstverliebt fand. Was blieb ihr anderes übrig? Um keinen Preis der Welt wollte sie jetzt der Spielverderber sein. Diesmal würde sie nicht kneifen und sich auf das bevorstehende Abenteuer einlassen. Sie konnte es kaum erwarten, Paulas Gesicht zu sehen, wenn sie ihr davon erzählte.

Die Fahrt endete auf dem Vierungsturm des Kölner Doms.

»Habe ich zu viel versprochen?« Der Mann machte eine ausladende Geste wie ein Gutsherr, der stolz seine Ländereien zeigt. Dann öffnete er den Champagner.

Die Aussicht auf die nächtliche Stadt war sagenhaft. Im Norden sah man das Hansahochhaus mit der roten Leuchtreklame, im Süden die Kirche Groß St. Martin und dahinter die Kranhäuser, in denen Anna wohnte. Sie war sprachlos. Der Champagnerkorken knallte und sie zuckte zusammen.

»Ich heiße übrigens Konstantin.«

»Ein schöner Name.«

Der Mann lächelte und zog sein Jackett aus.

Anna bekam Zweifel an ihrem Urteilsvermögen. Was hatte sie sich nur dabei gedacht, mit diesem wildfremden Kerl an einen Ort zu gehen, an dem sie keinerlei Kontrolle hatte? Sie war auf einem Turm gefangen und konnte nirgendwo hin.

Sie zögerte einen Moment, aber dann entschied sie, das Spiel einfach mitzuspielen.

»Anna, ich heiße Anna.«

Konstantin reichte ihr ein Glas Champagner.

»Zum Wohl, Anna.«

Sie stießen an und sie leerte ihr Glas in einem Zug.

Konstantin grinste und schenkte nach. Dabei blickte er ihr direkt in die Augen.

»Du bist wunderschön, weißt du das?«

Er trat einen Schritt auf sie zu und zog ihren Mantel aus. Als er ihren Hals küsste, schloss sie die Augen. Dann öffnete er den Reißverschluss ihres Abendkleids, schob es ihr über die Schultern und ließ es zu Boden gleiten. Darunter war sie nackt, bis auf den schwarzen Tanga und die hochhackigen Pumps. Sein Blick glitt über ihren schlanken Körper und blieb für einen Moment an dem haselnussgroßen, herzförmigen Muttermal haften, kurz oberhalb ihrer Scham. So hatte sie ein Mann schon lange nicht mehr angesehen. Das gefiel ihr und erregte sie.

»Atemberaubend«, stellte Konstantin zufrieden fest, nahm ihr den Champagner aus der Hand und drückte sie gegen einen Pfeiler. Er führte seine Hände langsam über ihre Schultern nach unten, umfasste fordernd ihre Hüften. Dann kniete er sich hin und fuhr mit der Zunge die Konturen ihres Muttermals nach. Anna ließ ihn gewähren. Eine Mischung aus Angst und Erregung brachte ihr Herz zum Rasen. Ein Windhauch ließ sie erschauern. Als er ihr den Slip auszog und seine Hand zwischen ihre Schenkel schob, schloss sie die Augen und stöhnte leise.

Die ganze Szene war wie aus einem billigen Schundroman. Aber Anna gefiel es, sie fühlte sich lebendig und konnte kaum erwarten, wie es enden würde.

Kapitel 7

Fritz Sanders Handy brummte. Rolf Schröder. Schon wieder.

Er stand mittlerweile auf einem Bahnsteig in Aschaffenburg, war hinter einem Getränkeautomaten in Deckung gegangen und wartete darauf, dass irgendetwas passierte. Im ICE war alles friedlich verlaufen, bis kurz hinter Frankfurt ein Mann mittleren Alters aufgekreuzt war und seine Zielperson angesprochen hatte. Sie war daraufhin aufgesprungen, Richtung Ausgang geeilt und beinah in ihn reingelaufen. Ihr unerwartet so nah zu sein, hatte ihn irritiert. Sie roch nach Frühlingsblumen und Honig und ihre Stimme, die eine Entschuldigung murmelte, war verstörend erotisch. Am liebsten hätte er sie festgehalten und ihr Haar berührt.

Ach was soll’s, dachte Sander, schob die Erinnerung beiseite und drückte den grünen Hörer auf seinem Smartphone.

»Wehe, wenn es nicht wichtig ist«, knurrte er unhöflich.

Am anderen Ende entstand eine kurze Pause, dann Gelächter.

»Heute noch keinen Kaffee gehabt?«

Sander musste grinsen, sagte aber nichts.

»Freut mich auch, deine Stimme zu hören«, entgegnete Schröder am anderen Ende.

Sander schwieg. Der Klang von Rolfs Stimme und die alte Vertrautheit hatten ihm einen Stich versetzt. Damit hatte er nicht gerechnet.

»Wie lange ist das jetzt her, Fritz?«

»Lange«, brummte er.

»Wie geht’s dir?«

»Was willst du?« Das kam unfreundlicher rüber, als geplant.

»Ich will wissen, wie es dir geht? Das nennt man Small Talk. Das machen Menschen so, die sich lange nicht gesprochen haben.«

Kurzes Schweigen.

»Sag mir, was du willst, für Small Talk hab ich keine Zeit.«

Schröder atmete hörbar tief ein und aus.

»Na gut«, gab er schließlich nach. »Wie du willst. Dann komm ich gleich zur Sache. Wir haben eine Leiche gefunden, die dich vielleicht interessieren könnte.«

»Du bist jetzt also bei der Mordkommission.«

Die Erkenntnis versetzte Sander einen Stich. Denn es war ihr gemeinsamer Traum gewesen, Mordermittler zu werden, bevor sein Leben zum Albtraum wurde.

»Ja«, antwortete Rolf. »Seit ein paar Monaten.«

»Glückwunsch. Das wolltest du ja immer.« Das kam sarkastischer rüber, als Sander beabsichtigt hatte.

»Ich dachte, für Small Talk ist keine Zeit?«, kam die prompte Retourkutsche.

»Schon gut. Was hast du?«

Schröder holte noch einmal hörbar Luft.

»Der Tote kommt aus Mazedonien und war allem Anschein nach illegal im Land.«

Sander unterbrach ihn. »Was soll das? Damit hab ich nichts zu schaffen. Ich bin suspendiert, schon vergessen? Du verschwendest meine Zeit, ich lege jetzt auf.«

»Warte doch mal, du verdammter Sturkopf«, rief Schröder, dem langsam der Geduldsfaden riss. »Lass mich ausreden. Ist mir nicht leichtgefallen, dich anzurufen.«

Sander schwieg.

»Ich werte das als ein Ja, also pass auf. Der Clou an der Sache ist nicht der Tod eines Illegalen, zumindest nicht für dich, denn damit kommen wir ganz gut alleine klar«, er machte eine Pause, um Luft zu holen, »sondern der Tatort. Wir haben die Leiche auf einem Baugelände der Cosmas-AG gefunden.«

Der Name der Baufirma ließ Sander aufhorchen. Sein ehemaliger Partner hatte jetzt seine volle Aufmerksamkeit.

»Was genau ist passiert?«, fragte er und versuchte, sich seine Aufregung nicht anmerken zu lassen.

»Wissen wir noch nicht. Wir haben einen aufgespießten Leichnam. Der arme Tropf ist zwei Meter tief auf die Wandanschlüsse der Bewehrung gestürzt. Ob es sich um ein Tötungsdelikt handelt oder einen Unfall ist noch unklar.«

»Wer hat die Leiche gefunden?«

»Wird gerade ermittelt«, sagte Schröder. »Es gab einen anonymen Anrufer.«

»Habt ihr denn einen Hinweis?«

»Ja, Aufnahmen einer Überwachungskamera und wir wissen, dass der Anruf aus einer Telefonzelle ganz in der Nähe des Tatorts kam.«

»Habt ihr die Kameras schon ausgewertet?«

»Fritz, jetzt mach mal halblang. Das war alles erst gestern und gestern war Sonntag. Wir sind dran, okay?«

»Sonst noch was Interessantes?«, fragte Fritz Sander, unbeeindruckt von Schröders Einwand.

»Ja«, Sander hörte, wie am anderen Ende der Leitung Notizen durchgeblättert wurden. »Ich hab mal auf Verdacht alle Firmen, die mit der Baustelle zu tun haben, mit der Liste von unserem alten Fall verglichen. Es gab drei Treffer.«

»Lass mich raten«, sagte Sander. »Strobel ist bestimmt wieder dabei.«

»Genau«, bestätigte Rolf, »Strobels Sicherheitsfirma ist für den Objektschutz zuständig. Nicht überraschend.«

»Nein. Wer noch?«

»Der Gutachter.«

»Im Ernst?« Sander war ehrlich überrascht.

»Im Ernst«, sagte Schröder. »Und die Personalvermittlung Sanerpol. Alles alte Bekannte.«

Ihr alter Fall war Ende Juli 2016 eingestellt worden, ungefähr vor einem Jahr. Eine anonyme Anzeige im KK 31 hatte ein paar Wochen vorher den Stein ins Rollen gebracht. Angeblich hatte die Wohnungsbaugesellschaft Cosmas-AG für 24,8 Millionen Euro ein Fabrikgelände erworben, und nur wenige Monate später für 33,9 Millionen Euro an ein Unternehmen der Stadt Köln verkauft, das dort einen Wohnpark errichten wollte. Es sollten mindestens eintausend Wohneinheiten entstehen und fünfhundert neue Arbeitsplätze geschaffen werden. Der Tippgeber hatte behauptet, dass das Gutachten für die Altlastensanierung für das Gelände von der Cosmas-AG geschmiert worden war, um eine höhere Verkaufssumme zu erzielen.

Fast 10 Millionen Euro Gewinn bei einer simplen Grundstückstransaktion. Das roch nach Korruption. Sander und Schröder ermittelten wochenlang in alle Richtungen. Erfolglos. Eine Durchsuchung der Geschäftsräume der Cosmas-AG ergab nichts. Die Bücher waren sauber, ebenso das Gutachten und alle notariell beglaubigten Dokumente. Sie konnten keinerlei Beweise für illegale Machenschaften finden, weder bei der Cosmas-AG noch bei dem städtischen Unternehmen.

Und den Tippgeber hatten sie auch nicht ausfindig machen können. Fritz Sander war sich zwar sicher, dass es sich um eine der Sekretärinnen handelte, Susanne Schneider, aber die Frau war wie vom Erdboden verschluckt. Sie hatte angeblich gekündigt, um in Thailand ein neues Leben anzufangen. Es lag sogar ein ordentliches Kündigungsschreiben vor, aber Sander glaubte nicht daran.

Kurze Zeit später hatte der Staatsanwalt entschieden, den Fall nicht weiter zu verfolgen. Heinrich Verhoeven, der Geschäftsführer der Cosmas-AG, war einer der angesehensten und erfolgreichsten Unternehmer des Landes, mit Beziehungen bis in die Spitzen von Wirtschaft und Politik. Den wollte man nicht unnötig verärgern.

Hätte Sander sich damals an diese Anweisung gehalten, wäre er heute sicher nicht in dieser Situation. Aber er hatte heimlich weiterermittelt und war der Wahrheit am Ende offenbar zu nahegekommen. Jetzt war er suspendiert und vorerst kaltgestellt. Wenn er sein Leben zurückhaben wollte, dann nur, indem er hieb- und stichfeste Beweise gegen Verhoeven anbringen konnte. Und jetzt fiel ihm eine Gelegenheit in den Schoss, auf die er lange gewartet hatte: Schwarzarbeit auf einer Baustelle der Cosmas-AG. Wenn er Verhoeven nicht wegen Betrugs drankriegen konnte, dann vielleicht deswegen. Al Capone war auch wegen Steuerhinterziehung ins Gefängnis gewandert.

Die Bemerkung unser alter Fall war Sander nicht entgangen. Das bedeutete, dass auch sein ehemaliger Partner die Geschichte noch nicht ad acta gelegt hatte.

»Glaubst du, Verhoeven riskiert Schwarzarbeit auf seinen Baustellen?«, fragte er nachdenklich.

»Kann ich mir ehrlich gesagt nicht vorstellen«, antwortete Schröder. »Der Polier schwört hoch und heilig, dass alles sauber ist. Keine Illegalen und vor allem keine Mazedonier.«

»Wie konntest du den Mann überhaupt so schnell identifizieren?«, bohrte Fritz Sander nach.

»Über das Handy des Toten. Lag an der Absturzstelle und die letzte Nummer, die angerufen wurde, hat uns direkt zu einem anderen Mazedonier geführt, der mit dem Toten befreundet war. Das ging erstaunlich reibungslos.«

»Hm«, brummte Sander. »Kannst du mich auf dem Laufenden halten?«

»Mache ich doch gerade.«

»Auch über die weiteren Ermittlungen?«

»Natürlich«, sagte Schröder. »Sonst hätte ich dich nicht angerufen.«

»Du kannst deswegen aber Schwierigkeiten bekommen.«

»Lass das mal meine Sorge sein. Ich melde mich wieder«, sagte er. Dann legte er auf.

Kapitel 8

Ein Blitz zuckte über den Himmel und ein gewaltiger Donner grollte Unheil verkündend. Eine starke Böe zwang Anna zum Handeln. Es würde jeden Moment anfangen zu regnen. Sie riss sich schweren Herzens von der Erinnerung ihres Seitensprungs los, stand auf und fasste den Entschluss, mit dem Taxi nach Frankfurt zu fahren.

Auf dem Bahnhofsvorplatz herrschte hektisches Treiben. Jede Menge Reisende standen herum, verärgert, gestresst, verwirrt. Die Stimmung war gereizt. Die Busse für den Schienenersatzverkehr waren noch nicht eingetroffen, wurden aber jede Minute erwartet. Ein überforderter Bahnbeamter wurde von so vielen Menschen umringt, dass man nur noch seine rote Mütze erkennen konnte. Es tröpfelte bereits.

Anna schaute sich um. Vor dem Taxistand stand eine lange Schlange, aber kein Fahrzeug weit und breit. Natürlich war sie nicht der einzige Mensch mit Terminen und Verpflichtungen. Sie sah auf die Uhr. Es war kurz vor neun. Wo bekam sie jetzt eine Mitfahrgelegenheit her? Ihr Blick fiel auf eine Kneipe mit dem originellen Namen Bei Moni, die etwas abseits lag. Vielleicht konnte man ihr dort weiterhelfen. Sie erreichte die Kneipe genau in dem Moment, als der Himmel seine Schleusen öffnete.

Der lang gezogene, schmale Raum wurde von einem altmodischen dunklen Tresen dominiert, an dem eine Reihe verwaister Barhocker standen. Im hinteren Bereich flimmerte eine südamerikanische Telenovela stumm über einen riesigen Plasmabildschirm. An der rechten Wand hingen ein paar blinkende Spielautomaten. Es war düster und roch nach abgestandenem Bier. Im Vergleich zu dem hektischen Treiben draußen auf dem Platz herrschte drinnen eine gespenstische Ruhe. Die Kneipe war fast leer, bis auf eine Bedienung, die ihre besten Jahre bereits hinter sich hatte, einen älteren Mann mit Halbglatze, der konzentriert an zwei Automaten gleichzeitig spielte und eine junge Frau, die hinten auf einem Barhocker saß und abwechselnd gelangweilt in einer Illustrierten blätterte oder auf den Fernseher starrte. Annas Ankunft wurde von allen dreien neugierig zur Kenntnis genommen. Der Mann wandte sich aber schnell wieder seinem Spiel zu.

Anna sprach die Barfrau an. »Ich brauche einen Wagen. Ich muss schnellstmöglich nach Frankfurt. Haben Sie eine Idee?«

Kehliges, verrauchtes Lachen, das in einen Hustenanfall überging. »Hast wohl ’nen Clown gefrühstückt, Schätzchen, hä?«

Anna verstand. Wie es aussah, saß sie hier bis auf Weiteres fest. Sie setzte sich auf einen der Barhocker und sah die Wirtsfrau mit großen Augen an, die sich langsam mit Tränen füllten. Erstaunt stellte sie fest, dass sie nichts dagegen unternehmen konnte.

»Ach, Engelchen. Wer wird denn da gleich losheulen?« Die Barfrau betrachtete ihren neuen Gast mit einer Mischung aus Neugier und Verblüffung, und als Anna nicht antwortete, goss sie eine braune Flüssigkeit in ein Schnapsglas und stellte es ihr vor die Nase.

»Hier trink! Hilft immer.«

Anna sah erstaunt auf, überlegte nicht lange und leerte das Glas in einem Zug. Es war einer dieser klebrigen Kräuterschnäpse und er verbreitete in ihrem Magen ein wohlig warmes Gefühl.

Sie konnte sich nicht erinnern, wann sie zuletzt um diese Uhrzeit Alkohol getrunken hatte. Sie trank nie tagsüber. Selbst bei Feiern im Büro lehnte sie den obligatorischen Sekt meistens ab, um einen klaren Kopf zu behalten.

Aber heute war kein normaler Tag. An normalen Tagen ging sie zur Arbeit, fühlte sich gut, hatte alles unter Kontrolle und strandete nicht in einer bayerischen Kleinstadt und bewegte sich vor allem nicht am Rande eines Nervenzusammenbruchs.

»Noch einen, bitte«, sagte sie kraftlos.

Die Barfrau lächelte amüsiert.

Anna fühlte sich wesentlich besser. Die Tränen waren fürs Erste versiegt.

»Hallo.«

Die junge Frau mit der Illustrierten war neugierig nach vorn gekommen. Anna blickte auf.

»Dein Kerl?«, fragte sie.

Anna schüttelte den Kopf.

»Dein Boss.«

Das war keine Frage.

Anna bemerkte einen slawischen Akzent und betrachtete die Frau näher. Sie war Mitte zwanzig, mit hohen Wangenknochen und sehr dünn. Das lange blonde Haar war glanzlos und sie hatte es zu einem Pferdeschwanz gebunden. Ihre Kleidung war billig und aufreizend und ihr Make-up für Annas Geschmack viel zu aufdringlich. Nur die grünen Augen strahlten etwas Besonderes aus.

Während ihres Studiums in England hatte Anna ein Praktikum bei der Sitte gemacht. Sie war keine Idiotin. Sie wusste, wo sie gelandet war. In diesem Milieu waren Männer die Ursache für die meisten Probleme. Freier, Zuhälter, Bosse. Alle hatten ein wirtschaftliches Interesse an den Frauen und interessierten sich wenig für deren Bedürfnisse.

Aber war es in ihrer, Annas Welt, denn anders?

Ihr »Kerl« war ein schwieriger Mensch. Er kommunizierte nicht, sondern informierte. Er war launisch, leicht reizbar und emotional verkrüppelt. Sie hatte ihn viel zu schnell geheiratet, nach nur sechs Monaten, weil sie bis über beide Ohren verliebt gewesen war. Das kam ihr rückblickend fast absurd vor. Denn schon nach kurzer Zeit hatte sie erkannt, dass Karl nur eine Liebe hatte: die Medizin. Und einen großen Traum: Chefarzt einer Privatklinik. Die Tochter eines wohlhabenden und einflussreichen Baulöwen hatte ihn seinem Ziel ein gutes Stück nähergebracht. Sie war Mittel zum Zweck gewesen, schmückendes Beiwerk. Ein Statussymbol wie der Porsche. Und wie das oft ist mit schönen Dingen: Hat man sie erst mal in seinem Besitz, verliert man schnell das Interesse an ihnen.

Ihr Boss, Dr. Martin Winter, war ein Schulfreund ihres Vaters und genau wie dieser ein Mann alter Schule: autoritär und patriarchalisch. Er führte seine Firma im Kasernenhofstil und niemand beschwerte sich darüber. Wer hier arbeiten durfte, würde eher sterben, als zu rebellieren. Vor allem die weiblichen Angestellten hatten es schwer. Martin Winter stellte ihnen nach und machte keinen Hehl daraus, dass man mit sexuellen Gefälligkeiten bei ihm weiterkam. Nur Anna war vor ihm sicher. Winter würde es aus Respekt vor seinem alten Freund Verhoeven nicht wagen, sie anzumachen.

Sie schüttelte wieder den Kopf.

»Nein, kein Mann.«

Die Frau sah Anna ratlos an. »Was hast du dann?«

Das war eine gute Frage. Was war los mit ihr? Sie spielte gedankenverloren an ihrem Kettenanhänger.

»Der ist hübsch«, sagte die junge Frau und deutete auf den kleinen blauen Schmetterling.

»Den hat mir meine Schwester geschenkt.«

Annas Stimme war brüchig, sie war schon wieder den Tränen nah.

»Sie hat guten Geschmack.«

»Sie ist tot«, sagte Anna tonlos. Sie hatte keine Ahnung, warum sie gerade jetzt davon anfing.

»Oh, das tut mir leid«, sagte die Frau mitfühlend. »Was ist passiert?«

»Sie hat sich umgebracht. Schlaftabletten.«

Anna sah ihrem Gegenüber jetzt direkt ins Gesicht.

»Wie schrecklich!«

Auf ein Zeichen goss die Wirtin noch einen Schnaps ein. Anna nippte daran. Langsam stieg ihr der Fusel zu Kopf. Sie hatte noch nicht viel gegessen, einen Toast zum Frühstück, sonst nur Kaffee.

»Danke«, sie schob das halb volle Glas von sich weg. »Ich war erst acht.«

Die junge Frau zog überrascht die Augenbrauen hoch.

»Ja, das ist schon so lange her und trotzdem macht es mich manchmal immer noch sehr traurig.« Sie vergrub den Kopf in den Händen, um ihre Tränen zu verbergen.

»Entschuldigung!« Sie schniefte.

»Hey du. Ich kann dich verstehen, wirklich.« Anna spürte eine warme Hand auf ihrem Unterarm.

Die emotionale Reaktion einer Fremden löste den Weinkrampf aus, den sie verzweifelt unterdrückte, seit sie den Raum betreten hatte und es dauerte ein paar Minuten, bis sie sich wieder unter Kontrolle hatte. In der Zwischenzeit hatte die Frau ihr ununterbrochen den Arm getätschelt und versucht, sie zu beruhigen. Anna schluchzte und kramte in ihrer Handtasche nach einem Taschentuch. Dann putzte sie sich die Nase und kippte den Rest von ihrem Schnaps runter.

»Weißt du, was das Schlimmste ist?«, fragte sie die Prostituierte.

Die Frau schüttelte den Kopf.

»Ich habe keine Ahnung, warum sie das getan hat.«

Ihr Gegenüber zog überrascht die Augenbrauen hoch. »Was sagen die Eltern?«

»Die reden nicht, hab ich schon versucht.«

»Du musst weiter versuchen. Das ist wichtig für dein Leben. Jemand geht es schlecht und der will reden.«

Anna sah die Frau erstaunt an und dachte einen Moment nach. Der Satz traf es wirklich auf den Punkt, denn die Bezeichnung schlecht gehen galt so ziemlich für jeden in ihrer Familie.

Sie selbst wurde von einem schrecklichen Albtraum geplagt und lebte im Grunde nur für den Job. Außer Paula hatte sie keine Freunde und ihre Ehe war eine Farce.

Ihr Vater war – genau wie sie – ein Workaholic. Außer seiner Firma interessierte ihn nichts und was er über den Selbstmord seiner Tochter dachte, würde er mit ins Grab nehmen. Anna wusste nicht, ob es ihm nahe ging, ob er nach sechsundzwanzig Jahren noch manchmal an Lena dachte oder ob es ihm schlichtweg egal war.

Annas Mutter Caroline hatte an dem Tag, als ihre älteste Tochter sich das Leben nahm, den Verstand verloren und sich in ihre eigene Welt verkrochen, aus der sie immer seltener hervorkam. Sie betäubte ihren Schmerz mit Alkohol und Tabletten und hatte schon mindestens einmal versucht, sich umzubringen. Seit Jahren war sie regelmäßig Patientin in einer psychiatrischen Klinik mit dem schönen Namen Schloss Sonnenfels. Der Klinikleiter war ein Duzfreund ihres Vaters und seine Frau Caroline bekam dort einen Platz, wann immer ihre Depressionen überhandnahmen.

Die Ehe ihrer Eltern bestand seit Jahrzehnten nur noch auf dem Papier. Mit Lenas Tod war die Familie zerbrochen. Von einem Tag auf den anderen. Die beiden bewohnten getrennte Bereiche in der großen Villa im Hahnwald und Annas Vater holte sich, was er brauchte bei Prostituierten. Eine feste Freundin hatte er nicht. Caroline hatte das Haus seit Jahren nur für die Klinikaufenthalte verlassen. Sie kam Anna manchmal vor wie eine Prinzessin, die in ihrem eigenen Schloss gefangen gehalten wurde.

Wenn sie es sich recht überlegte, war ihre Mutter eindeutig die Siegerin in puncto schlecht gehen. Sie hatte die Tragödie am allerwenigsten verkraftet.

»Du hast ihre Augen«, sagte Anna, um das Thema zu wechseln.

Die Frau verstand nicht.

»Lena, meine Schwester, hatte auch so grüne Augen wie du. Es gibt Tage, an denen ich sie besonders vermisse und heute ist so ein Tag.«

»Ich heiße Magda. Komm, trink noch eins«, sagte die junge Frau und bestellte noch mal zwei Schnäpse. Aber diesmal lehnte Anna dankend ab. Sie hatte genug.

Magda trank ihren halb aus.

»Ich muss los«, sagte sie mit einer entschuldigenden Geste. »Ich wünsch dir Glück.« Dann umarmte sie die überraschte Anna und verließ die Kneipe.

Anna blieb noch eine Weile am Tresen sitzen und schaute nachdenklich aus dem Fenster. Der Regen ließ langsam nach.

Sie hatte so viele Fragen, was Lenas Tod betraf, aber niemand wollte ihr Antworten liefern. Ihr Vater hatte ihr untersagt, über Lena zu sprechen. Mit ihm nicht und mit ihrer Mutter erst recht nicht. Er verweigerte sich einfach und ein Nein bedeutete ein Nein. Bisher hatte Anna sich gefügt. So war das in der Familie. Der Vater bestimmte die Regeln, denen alle gehorchten und niemand stellte dieses System infrage. Kein Wunder, dass ihr Unterbewusstsein angefangen hatte, mit ihr zu kommunizieren.

Vielleicht ist es an der Zeit, die Regeln zu ändern, dachte Anna wütend. Magda hatte vollkommen recht. Wenn sie jemals wirklich glücklich werden wollte in ihrem Leben, musste sie die Wahrheit über Lenas Selbstmord erfahren. Auch wenn sie damit das Verhältnis zu ihrem Vater auf die Probe stellte. Aber es war verdammt noch mal ihr Leben, nicht seins. Sie hatte sich ihm schon viel zu lange untergeordnet. Sie griff doch noch nach dem Schnapsglas und leerte es in einem Zug.

Der Mann am Spielautomaten schlug laut fluchend gegen die Maschine. Anna zuckte zusammen und schaute sich um. Sie wollte weg, und zwar so schnell wie möglich, nach Frankfurt, nach Hause, ganz egal, nur weg von hier. Sie griff nach ihrer Handtasche, um zu bezahlen und erschrak. Die Tasche war nicht mehr da. Eben hatte sie noch auf dem Hocker neben ihr gelegen. Jetzt war sie weg. Auch auf dem Boden war sie nicht. Nur die Aktentasche war noch da.

»Das darf doch wohl nicht wahr sein!« Anna war schlagartig nüchtern. »Die hat mich beklaut!« Sie sah sich hektisch in der Kneipe um.

Die Barfrau kam nach vorne. »Was schreiste denn hier so rum?«

»Die Frau von eben, wer ist das?«

»Welche Frau?«

Anna war verwirrt, sie verstand die Frage nicht. »Na, die, mit der ich mich unterhalten habe, vor höchstens drei Minuten. Wie hieß sie noch?« Sie überlegte, dann fiel es ihr wieder ein. »Magda«, sagte sie schnell. »Genau, Magda.«

»Hier gibt’s keine Magda«, beteuerte die Wirtin.

»Ach, kommen Sie, die hat mir doch noch einen Schnaps ausgegeben.« Anna war sich nicht sicher, was hier gespielt wurde.

»Ich sag’s noch mal, Schätzchen«, wiederholte die Barfrau, diesmal langsam und mit Nachdruck. »Hier war niemand. Und die Schnäpse haste alle selbst bestellt.« Sie verschränkte zur Bestätigung ihre fetten Arme vor der Brust und rief dann zu dem Kerl: »Stimmt’s Sepp? Hier war außer der Dame niemand!«

Sepp murmelte Zustimmung, ohne den Blick von den Rollen zu nehmen, auf denen sich verschiedene Obstsorten im Kreis drehten.

Die beiden Frauen starrten sich an.

»Aber meine Handtasche. Da ist alles drin, Papiere, Portemonnaie, Handy, einfach alles.«

Was war hier los? Hatte sie sich das etwa alles nur eingebildet?

»Soll heißen, du kannst nicht zahlen?« Die Barfrau stemmte ihre Arme jetzt gegen den Tresen und beugte sich bedrohlich zu Anna rüber. »So ist das also. Erst saufen, dann nicht zahlen wollen!«

Anna erschrak und tastete reflexartig ihr Kostüm ab.

»Wie viel schulde ich Ihnen denn?«, fragte sie.

»Vier Jägermeister, ein Wasser«, rechnete die Frau im Kopf, »macht zwölf Euro.«

Anna war sich sicher, dass diese Rechnung nicht stimmte, aber sie wollte nicht weiter diskutieren, sondern so schnell wie möglich aus dem Laden raus. In ihrer Aktentasche wurde sie fündig. Dort bewahrte sie für Notfälle immer einen Fünfzigeuroschein auf. Man konnte ja nie wissen! Jetzt war sie ausnahmsweise froh über ihre Neurosen. Sie zahlte und verließ fluchtartig diesen schrecklichen Ort.

Vor der Tür atmete sie tief durch. Das Gewitter war weitergezogen und die Luft roch nach Regen. Die ersehnte Abkühlung war allerdings ausgeblieben und die Feuchtigkeit dampfte schwül aus dem nassen Asphalt.

Der Bahnhofsvorplatz war menschenleer. Der Schienenersatzverkehr hatte in der Zwischenzeit die wartende Menschenmenge eingesammelt und nach Hanau gebracht. In ein paar Minuten war bestimmt wieder die Hölle los, aber für den Moment war alles ganz friedlich. Es stand noch immer kein Taxi bereit.

Warum bin ich eigentlich nicht einfach in einen der Busse gestiegen? Was hatte sie geritten, in diese verdammte Kneipe zu gehen? Anna hatte darauf keine Antwort.

Die hatten sie eiskalt abgezockt. Aber anstatt wütend zu sein, fühlte sie rein gar nichts. Ihre Energiequelle, die alles am Laufen hielt, egal wie schwierig die Umstände manchmal auch sein mochten, war einfach erloschen. Nichts ging mehr. Sie war weder fähig, einen klaren Gedanken zu fassen, noch eine Entscheidung zu treffen. So etwas hatte sie noch nie erlebt. Sie kannte das Gefühl, wenn ihr System überhitzte und sie irgendwo gegentreten oder jemanden anschreien wollte, wie vorhin auf dem Bahnsteig. Aber das Gefühl einer lähmenden Leere war neu und sie wusste nicht, wie sie damit umgehen sollte. Sie setzte sich auf eine Bank und starrte vor sich hin. Tränen rollten ihr über die Wangen. Wie gerne hätte sie jetzt ein vertrautes Gesicht gesehen, mit einem Freund gesprochen. Sie dachte an ihren Ehemann Karl und fragte sich wieder, warum er vorhin eigentlich angerufen hatte.

Anna schaute auf die Bahnhofsuhr, es war kurz vor zehn. Fast eine Stunde hatte sie in der Spelunke zugebracht, Schnaps gesoffen und sich beklauen lassen. Eine grandiose Leistung. Sie überdachte ihre Möglichkeiten. Ohne Papiere und ohne Kreditkarten sah es schlecht aus. Taxi oder Mietwagen waren in weite Ferne gerückt, niemand würde ihr einfach so ein Fahrzeug geben. Und anrufen konnte sie auch keinen. Zu allem Überfluss fing es wieder an zu regnen. Anna atmete tief durch und unter Aufbringung ihrer letzten Reserven rappelte sie sich auf. Sie würde jetzt als Erstes Anzeige erstatten.

Kapitel 9

Es ist Abend.

Stampfende Schritte auf dem Flur kündigen ihn an.

Er hat gesagt, dass er kommen wird.

Sie trägt ihr rosa Nachthemd.

Er liebt es.

Darunter ist sie nackt.

Das liebt er noch mehr.

Sie sitzt vor der Frisierkommode und kämmt ihr langes dunkles Haar.

So mag er es am liebsten.

Die Türklinke quietscht. Ihr wird übel.

Er betritt das Zimmer und schließt die Tür.

Sein Oberkörper ist nackt, er trägt nur eine Pyjamahose. Er hält etwas in der rechten Hand.

Ihr Magen krampft, ihre Handflächen sind feucht.

Einmal hat sie sich gewehrt.

Da ist er wütend geworden und hat sie mit der Gerte ausgepeitscht.

Wer nicht hören will, muss fühlen!

Seitdem ist sie gefügig.

»Hallo, meine Schöne.« Er steht jetzt hinter ihr, berührt ihr Haar.

Sie blickt in den Spiegel. Seine stahlblauen Augen fixieren sie.

Er sagt kein Wort.

Er streichelt ihren Kopf, ihren Hals. Er bürstet ihr das Haar.

»Hier«, sagt er und überreicht ihr feierlich ein kleines Päckchen. »Ich hoffe, sie gefällt dir. Hab sie selbst ausgesucht.«

Sie schaut ihn an.

»Na los. Mach es auf. Zier dich doch nicht immer so.«

Sie gehorcht. In dem Päckchen ist eine silberne Kette mit einem kleinen blauen Schmetterlingsanhänger.

Er nimmt die Kette und legt sie ihr an. Seine feisten Hände legen sich um ihren Hals.

»Ich wusste, sie steht dir.«

Sie schweigt.

»Gefällt sie dir?«

Sie schaut ihn an. Ihre stahlblauen Augen in seinen stahlblauen Augen.

Sie nickt.

Er atmet schwer, stinkt nach Tabak und Schnaps.

Er streift ihr das Nachthemd über die Schultern und betrachtet gierig ihre knospenden Brüste.

»Schenk mir ein Lächeln.«

Sie stellt sich vor, wie sie ihm einen Pfahl durchs Herz stößt und er zu Staub zerfällt. Dann lächelt sie.

Er lässt sich Zeit. Genießt ihre Angst und ihre Scham.

»Jetzt darfst du dich für dein Geschenk bedanken«, flüstert er ihr ins Ohr und zwingt sie auf die Knie.

Sie massiert ihn saugend, so wie er es ihr gezeigt hat. Er riecht säuerlich, ungewaschen.

Seine Hände krallen sich in ihr Haar. Sie saugt fester und schneller. Er stöhnt, bewegt sich rhythmisch. Sie bereitet sich darauf vor, dass er kommt. Dann ist sie für heute erlöst. Sie schickt ein Stoßgebet zum Himmel.

Aber Gott hört sie nicht.

Er schiebt sie heftig weg. Mit der flachen Hand schlägt er ihr ins Gesicht.

»Du verdammte Hure«, zischt er.

Sie weiß nicht, was sie falsch gemacht hat.

Er zieht sie an den Haaren hoch und drückt sie auf die Frisierkommode.

»Bitte nicht«, wimmert sie.

»Du kennst die Regeln.«

Er reißt ihren Kopf nach hinten und spreizt ihre Beine.

Sie muss in den Spiegel sehen und zuschauen.

Kapitel 10

»Ja bitte?« Der junge Beamte schaute gelangweilt von seinem Schreibtisch auf. Als er die attraktive Frau sah, die gerade die Wache betreten hatte, eilte er eifrig nach vorn zum Tresen.

»Wie kann ich Ihnen behilflich sein?«, fragte er freundlich, setzte sein charmantestes Lächeln auf und zückte einen kleinen Notizblock.

Anna räusperte sich. »Ich bin beraubt worden«, sagte sie zögerlich. »Meine Handtasche. Ich möchte Anzeige erstatten.«

»Aha, beraubt«, sagte der junge Mann und betrachtete Anna neugierig. »In Ordnung, dann brauche ich jetzt Ihre Personalien und Sie schildern mir den Tathergang so gut Sie können.«

Anna gab ihre persönlichen Daten zu Protokoll und berichtete in groben Zügen von ihrem Termin in Frankfurt und der Kneipe am anderen Ende des Bahnhofvorplatzes. Den verpatzten Ausstieg, den verschwieg sie lieber. Anschließend holte sie Luft und schaute den jungen Polizisten erwartungsvoll an.

Der hatte sich Notizen gemacht. Als Anna die Kneipe erwähnte, in der sie bestohlen worden war, hatte er kurz gestutzt, aber nichts gesagt. Jetzt war er an der Reihe.

»Mir sind da ein paar Details in Ihrer Geschichte noch nicht ganz klar, Frau Dr. Wolff«, sagte er.

»Und welche?«, fragte Anna.

»Wenn Sie von Köln nach Frankfurt wollten, warum sind Sie dann jetzt hier in Aschaffenburg? Und was hatten sie bei Moni zu suchen?«

»Wer ist Moni?«, wollte Anna wissen.

»So heißt die Kneipe, von der Sie gerade gesprochen haben.«

»Ach so, ja richtig«, sagte Anna. »Ich war auf der Suche nach einem Taxi.«

»Ein Taxi?«

Der Vormittag war stressig gewesen und Annas Nervenkostüm stark überlastet. Sie atmete tief ein und aus.

»Vielleicht haben Sie es noch nicht mitbekommen, Wachtmeister«, sie las das Namensschild, »Müller, aber es gibt eine Streckensperrung Richtung Frankfurt. Es fährt weder ein Zug, noch sind Taxen zu bekommen.«

»Polizeimeister Müller«, korrigierte der Beamte ungerührt.

»Wie bitte?«, fragte Anna konsterniert.

»Es heißt Polizeimeister, nicht Wachtmeister«, erklärte der Beamte. »Außerdem ist mir immer noch nicht klar, was Sie hier in Aschaffenburg machen, wenn Sie von Köln auf dem Weg nach Frankfurt waren.«

Anna ignorierte die Frage. »Ich wurde beraubt und möchte Anzeige erstatten. Meine Karten und mein Mobiltelefon müssen gesperrt werden, und dazu benötige ich Ihre Hilfe. Ich habe jetzt keine Lust, mich mit Ihnen über Geografie zu unterhalten.« Ihr Geduldsfaden wurde immer dünner.

»Bitte, Frau Dr. Wolff, beantworten Sie erst die Frage«, fuhr Müller ungerührt fort.

Anna blickte den Mann konsterniert an.

»Das ist jetzt nicht Ihr Ernst, oder?«

Da der Mann nicht reagierte, sondern abwartend eine Augenbraue hob, antwortete sie leise: »Ich habe die Haltestelle verpasst.«

»Wie bitte?«, fragte der Beamte. »Sprechen Sie etwas lauter.«

»Ich habe die Haltestelle v-e-r-p-a-s-s-t!«, presste Anna durch die Zähne. Das Ganze war ihr sehr unangenehm.

»Wohl ein bisschen zu tief ins Glas geguckt, was?«, stellte der Polizist nüchtern fest.

Anna war empört. »Was erlauben Sie sich? Das ist eine infame Unterstellung!«

Sie hatte längst vergessen, dass sie noch vor nicht allzu langer Zeit drei Jägermeister getrunken hatte. Was nahm sich der Bursche eigentlich heraus?

»Ich will sofort mit Ihrem Vorgesetzten sprechen! Das muss ich mir von Ihnen nicht bieten lassen.«

»Sie haben eine Fahne, Frau Dr. Wolff«, entgegnete Polizeimeister Müller ungerührt. »Und ehrlich gesagt ist Ihre Geschichte nicht sehr glaubwürdig. So wie ich das sehe, haben Sie Ihre Handtasche irgendwo vergessen, vielleicht im Zug oder zu Hause. Das passiert, wenn man am frühen Morgen Alkohol trinkt. Dafür sind wir nicht zuständig. Ich empfehle Ihnen, das Fundbüro der Deutschen Bahn anzurufen. Und vielleicht überdenken Sie mal Ihren Alkoholkonsum. Wenn Sie möchten, kann ich Ihnen Adressen von den Anonymen Alkoholikern geben.«

Mit diesen Worten klappte er seinen Notizblock zu.

Anna war sprachlos und dann riss ihr der Geduldsfaden. Das letzte bisschen Selbstkontrolle, das ihr an diesem grauenhaften Morgen noch geblieben war, verabschiedete sich mit einem leisen Plopp. Sie schimpfte und fluchte wie ein Bierkutscher. Am Ende starrte sie den jungen Polizisten wütend an.

Das Geschrei im Vorraum hatte ein paar Kollegen nach vorn gelockt, die Anna jetzt neugierig in Augenschein nahmen. Polizeimeister Müller lächelte milde.

»Alle Achtung«, sagte er. »So hässliche Worte aus dem Mund einer so schönen Frau. Wenn Sie sich nicht beruhigen, muss ich Sie in eine Ausnüchterungszelle stecken.«

So fühlte sich das also an, wenn Vorurteile über Verstand siegten. Eine Kette von unglücklichen Ereignissen, eine Alkoholfahne, ein unerfahrener Polizist, und schon war man abgestempelt und kurz davor, eingesperrt zu werden. Aber so leicht würde Anna sich nicht geschlagen geben. Angst und Erschöpfung waren einem anderen Gefühl gewichen: Wut. Sie holte Luft für eine Erwiderung, als plötzlich eine Tür aufflog und ein großer Mann in Zivil den Raum betrat.

»Was ist hier los?«, fragte der Mann den jungen Polizisten mit dem selbstbewussten Ton des Ranghöheren. Er hielt eine Marke hoch. »Was soll das Geschrei?«

Polizeimeister Müller geriet für einen Moment aus der Fassung. Da er sich seiner Sache aber sicher war, grinste er breit, nachdem er die neue Situation kurz eingeschätzt hatte.

»Die Dame«, er zeigte auf Anna, »behauptet, sie sei eine Rechtsanwältin aus Köln, auf dem Weg nach Frankfurt hier gestrandet und beraubt worden. Wenn das stimmt, bin ich der Kaiser von China.«

Zustimmendes Gekicher von den schaulustigen Kollegen.

»Hauptkommissar Fritz Sander«, stellte sich der Mann Anna und den Umstehenden mit knappem Kopfnicken vor. »Stimmt das, was der Kollege da sagt?« Sander sah Anna in die Augen und wartete auf eine Antwort.

»Ja, so in etwa«, antwortete sie. »Allerdings hat der Kollege vergessen zu erwähnen, dass er mich für eine Säuferin hält und am liebsten in die Ausnüchterungszelle werfen würde.«

Sander sah von einem zum anderen.

»Ist das wahr?«

»Ja, die Frau ist ziemlich ausfällig geworden …«, setzte Müller zu einer Erklärung an, wurde aber mit einem zornigen Blick von Sander zum Schweigen gebracht. Zu den Umstehenden gewandt, blaffte er: »Haben Sie nichts zu tun?«, und die Polizisten trollten sich zurück an ihre Schreibtische. Hackordnung und ein gewisses Maß an Autorität waren manchmal sehr nützlich.

***

Sander betrachtete Anna. Sie sah mitgenommen aus und hatte in der Tat eine Fahne. Was zum Teufel hatte sie nur eine Stunde in der Kneipe gemacht?

Er war ihr zum Bahnhofsvorplatz gefolgt und sie dabei beobachtet, wie sie zielstrebig auf die schäbige Spelunke zusteuerte. Die hätten ihn da drin sofort als Bullen erkannt. Daher hatte er sich einen trockenen Platz gesucht und abgewartet.

Irgendwann war dann eine der Bahnhofsnutten rausgekommen, die Handtasche von Anna in der Hand. Er stellte die Frau und versprach ihr, sie nicht weiter zu behelligen, wenn sie ihm im Gegenzug verriet, worüber die beiden da drin gesprochen hatten. Richtig viel hatte er aus ihr aber leider nicht rausbekommen. Die Frau hatte was von einer toten Schwester erzählt, aber er konnte kaum glauben, dass das schon alles gewesen sein sollte. Egal, er kam schon noch dahinter. Jetzt musste er Anna Wolff erst mal aus der Schusslinie bringen.

»Welches Büro ist frei?«, blaffte er Müller an.

»Das vom Chef«, er zeigte verunsichert auf eine Tür.

»Kommen Sie«, sagte Sander zu Anna. Dann drehte er sich noch mal zu Müller um. »Sie bringen uns bitte zwei Kaffee und Wasser.«

Als sie allein waren, entschuldigte sich Sander bei Anna für das Verhalten des Kollegen.

»Gut, dass Sie gekommen sind«, sagte sie. »Ich war drauf und dran, Ihrem jungen Kollegen eine Klage wegen Amtsmissbrauchs anzuhängen.«

»Vielleicht überlegen Sie es sich noch mal«, entgegnete Sander beschwichtigend. »Der ist noch ziemlich grün hinter den Ohren und das Bahnhofsumfeld ist ein raues Pflaster für einen Anfänger.«

»Ich denke drüber nach«, sagte Anna schließlich.

Sander nickte und forderte sie auf, ihre Version der Geschichte zu erzählen. Vielleicht würde er ja was erfahren, was ein bisschen Licht in das Dunkel dieses eigenartigen Vormittags brachte.

Bevor Anna etwas sagen konnte, ging die Tür auf und ein sichtlich zerknirschter Polizeimeister Müller kam mit einem Tablett herein. Er stellte es auf den Schreibtisch und blieb dann unschlüssig im Raum stehen.

»Danke, Müller«, sagte Sander. »Sie können gehen.«

Der junge Mann sah Anna an.

»Ich wollte mich entschuldigen«, fing er an. »Hab nicht richtig nachgedacht. Sie sehen gar nicht aus wie eine … Sie wissen schon … echt nicht, ich weiß nicht, wieso ich …«

»Müller!«, Sander wurde lauter. »Es reicht!«

Aber Anna unterbrach ihn.

»Entschuldigung angenommen«, sagte sie. Müller lächelte erleichtert.

»Übrigens«, sagte er kleinlaut. »Alles Gute zum Geburtstag.«

»Jetzt aber raus«, schnauzte Sander.

Der junge Beamte verließ eilig den Raum.

Anna und Fritz Sander sahen sich an und mussten lachen.

»Und jetzt?«

»Jetzt«, sagte Sander und kramte unter seiner Lederjacke, »sagen Sie mir, ob das Ihre Handtasche ist.«

»Woher haben Sie die?«, fragte Anna überrascht.

»Sagen wir mal: reiner Instinkt. Ich fand, dass die Tasche nicht zu der Dame passte, die sie trug. Eine kurze Personenkontrolle, nicht unüblich in dem Milieu. Und wie sich rausstellte, hatte ich recht.«

Sander sah Anna direkt in die Augen und setzte sein charmantestes Lächeln auf, in der Hoffnung, dass sie ihm die Geschichte abnahm.

»Ich wollte die Tasche hier abgeben und bin dann mitten in das Drama reingeplatzt. Betrachten Sie es als mein Geburtstagsgeschenk für Sie.«

Anna nahm ihre Handtasche entgegen und bedankte sich lächelnd. »Warum haben Sie das denn nicht gleich gesagt?«

»Ich dachte mir, dass Sie vielleicht erst mal einen Kaffee wollen. Also ich auf jeden Fall. Hatte heute noch keinen. Und außerdem …«, er sah Anna etwas verlegen an. »Außerdem wäre es toll, wenn mein Name nicht in einem Protokoll auftaucht. Ich bin sozusagen inkognito unterwegs.«

»Haben Sie deswegen Ihren Ausweis nicht gezeigt?«, fragte Anna.

Sander war überrascht. Die war auf Zack. Er musste sich vorsehen. »Das ist Ihnen aufgefallen?«

»Ja, mir schon. Aber den anderen offenbar nicht.«

»Wir könnten es ja dabei belassen.«

Anna nickte.

»In Anbetracht der Tatsache, dass Sie mein Retter sind, bin ich einverstanden«, sagte sie und lächelte.

Sander war erleichtert.

»Was machen wir jetzt?«, wollte sie wissen. »Wie kommen wir hier weg?«

»Ach, da hab ich schon eine Idee«, sagte er. »Sie wollen nach Köln, nehme ich an?«

Anna nickte.

»Warten Sie hier«, sagte Fritz Sander zu ihr. »Ich bin gleich wieder da. Dauert nicht allzu lange.«

***

Anna goss sich ein Glas von dem Wasser ein, das Müller gebracht hatte. Sie hatte großen Durst und Kopfschmerzen kündigten sich an. Sie dachte über Sander nach. Der Mann kam ihr irgendwie bekannt vor, aber sie konnte nicht sagen woher. Er war ziemlich attraktiv und sie schätzte ihn auf Ende dreißig. Sie fand blonde Männer mit einer Frisur, die aussah, als wäre er frisch aus dem Bett gefallen und Dreitagebart männlich. Außerdem war er groß, eins fünfundachtzig mindestens und durchtrainiert. Auch die Art, wie er sich kleidete, gefiel ihr: schwarze Jeans, graues T-Shirt mit V-Ausschnitt, Lederjacke und Boots. Sein Auftreten war lässig. Aber das Beste waren seine dunkelbraunen Augen. Sie strahlten Ruhe und Gelassenheit aus und sie hatte das Gefühl, als blickten sie tief in ihre Seele.

Während Sie warten musste, erledigte sie ein paar Anrufe. Sie rief im Büro an und nahm sich für den Rest des Tages aus privaten Gründen frei. Ihre Assistentin würde alles Weitere mit dem Kunden in Frankfurt veranlassen und ihr bis zum nächsten Tag den Rücken freihalten. Dann versuchte sie noch einmal ihren Mann zu erreichen, leider wieder ohne Erfolg. Was hatte er vorhin nur von ihr gewollt?

Sander brauchte lange. Zu lange fand Anna und irgendwann hatte sie die Warterei satt. Die Kopfschmerzen waren schlimmer geworden und sie wollte unbedingt nach Köln zurück. Die Verabredung mit Karl heute Abend war wichtig, die durfte sie nicht verpassen. Sie trank noch einen letzten Schluck Kaffee. Dann verließ sie den Raum.

»Wo wollen Sie denn hin?«

Sander war plötzlich neben ihr aufgetaucht und sie war froh, ihn doch noch zu sehen.

»Ich muss nach Hause«, antwortete Anna wahrheitsgemäß. »Ich habe heute Abend einen wichtigen Termin.«

»Ein Date?«

»Ja, mit meinem Mann.«

Sander nickte. »Es fährt noch immer kein Zug Richtung Frankfurt.«

»Im Ernst? Ich hatte gehofft …«

»Ich kann Sie nach Köln fahren. Ich wohne da. Wir müssten allerdings einen kleinen Umweg machen.«

Anna sah ihr Gegenüber fragend an.

»Ich muss was erledigen, aber das liegt auf dem Weg und dauert höchstens zwei Stunden. Spätestens um sieben sind Sie zu Hause, versprochen.«

Anna willigte sofort ein. Das war heute schon der zweite Mann, der ihr selbstlos und uneigennützig zur Seite stand. Wenn alles gut ging – und sie hatte entschieden, dass sich ab jetzt alles zum Guten wenden würde –, war sie rechtzeitig wieder in der Wohnung, um sich für den Abend umzuziehen.

»Fein.« Fritz Sander schien sich aufrichtig zu freuen. »Dann los. Der Wagen steht vor der Tür.«

Kapitel 11

»Wie weit seid ihr mit der Überwachungskamera?«, wollte Kriminalhauptkommissar Rolf Schröder wissen. Nachdem er mit seinem alten Freund und ehemaligem Partner Fritz Sander telefoniert hatte, war er zu den Fraggels gegangen, wie er die IT-Spezialisten heimlich nannte, um sich auf den neuesten Stand bringen zu lassen.

Das Gespräch mit Fritz war eigentlich ganz gut verlaufen, wenn man bedachte, wie sie vor einem Jahr auseinandergegangen waren. Keine schöne Erinnerung. Sein linker Wangenknochen schmerzte heute noch manchmal. Fritz’ Rechte war schon immer gefährlich gewesen. Aber er nahm es Sander nicht übel, er an seiner Stelle hätte wahrscheinlich genauso reagiert.

»Fast fertig«, brummelte Janni hinter einer Reihe flimmernder Monitore. »Wir haben ein paar interessante Sachen gefunden, Chef. Zuerst die gute oder die schlechte Nachricht?« Er hustete.

»Die gute.«

»Okidoki, wie Sie woll’n. Das hier«, Janni zeigte auf das Video, »ist morgens so kurz nach sechs. Da ist die Leiche schon da.«

Schröder beugte sich zu dem Kollegen herunter. Er erkannte die Bewehrung in der Baugrube und er sah die Leiche. Der Mann war bei seinem Sturz von den eng aneinander stehenden Eisenstangen aufgespießt worden und sein Körper war grotesk verbogen. Kopf und Beine hingen nach unten und der Mund stand offen. Kein schöner Anblick. Das Wort »Steckerlfisch« zuckte durch seinen Kopf. Er schob es angewidert zur Seite.

»Was sehe ich?«, fragte er.

»Nur Geduld, Chef, nur Geduld. Gleich kommt’s.« Janni hustete wieder und wippte nervös mit dem rechten Bein. Dann rief er plötzlich. »Da, gesehen?«

Schröder erschrak, als irgendetwas durchs Bild flog.

»Was war das?«, wollte er wissen. »Spul mal zurück.«

Auch nach dem zweiten Durchlauf konnte er beim besten Willen nicht erkennen, was es war. Aber das Zappeln von Janni verriet ihm, dass dieser schon einen Schritt weiter war.

»Na, spuck’s schon aus«, sagte er grinsend.

»Das ist ’ne Drohne, Chef. Der Quadrokopter Phantom 3 mit bis zu 2,7K, 30 Frames per Second, WiFi-Technik und ’nem leistungsstarken Akku. Hammerteil. Nicht billig. So um die 600 Ocken.«

Schröder war nach dem Wort Quadrokopter ausgestiegen und er wusste für einen Moment nichts mit der Information anzufangen. Aber dann dämmerte es ihm.

Da hatte jemand die Leiche bei Flugübungen mit seiner Drohne entdeckt. Aber warum war der nicht wie jeder normale Mensch einfach auf irgendeinem Acker unterwegs gewesen, sondern illegal auf einer videoüberwachten Großbaustelle? Das Gelände war weiträumig mit einem Bauzaun abgesperrt. Den konnte man nicht zufällig übersehen.

»Zeig mal die Aufnahmen vom östlichen Teil der Baustelle«, sagte er zu Janni. »Vielleicht kann man sehen, wer das Ding fliegt.«

Aber der ITler schüttelte den Kopf.

»Hab ich schon gecheckt, Chef. Der Pilot ist nicht drauf. Die Kamera erfasst nur die Baugrube und ein bisschen Drumherum.« Er zuckte mit den Schultern.

»Verdammt. Kannst du wenigstens sehen, wo die Drohne herkam? Aus welcher Richtung, meine ich.«

»Ja«, sagte Janni, »das geht. Wenn ich Kamera eins und zwei zusammennehme …« Der Rest ging in einem weiteren Hustenanfall unter. Er betätigte ein paar Tasten und die Ausschnitte auf den Monitoren veränderten sich.

»Was ist mit dir?«, fragte Schröder. »Bist du krank?«

»Bisschen Halsweh. Halb so wild.«

Schröder sah den jungen Kollegen an. Janni war höchstens Ende zwanzig, aber jetzt schon mit Abstand der Beste auf dem Gebiet der technischen Analyse. Sein Markenzeichen war, abgesehen von seiner stattlichen Leibesfülle, eine blaue Wollmütze, die er auch im Sommer selten ablegte. Er sah müde aus und schwitzte stark, dabei war der Technikraum voll klimatisiert.

»Hier«, rief Janni. »Aus der Richtung. Dahin fliegt sie zurück.«

»Steht da nicht die alte Lagerhalle?«, wollte Schröder wissen.

»Keine Ahnung, Chef. Sie waren ja vor Ort. Aber warten Sie mal.«

Janni rollte zu einem dritten Monitor und rief Google-Maps auf.

»Schau’n wir mal, was Big Brother so drauf hat.« Er grinste. Seine Finger flogen über die Tastatur und er navigierte mit der Maus geschickt durch die Street-View-Ansicht, bis er das Grundstück, auf dem der neue Wohnpark entstehen sollte, aus einem akzeptablen Winkel gefunden hatte.

»Das müsste es sein. Ist nicht so super zu erkennen. Aber reicht erst mal, oder?«

Schröder nickte zufrieden. Er konnte den kleinen Hügel erkennen, von dem aus man einen guten Überblick haben musste. Auch die Lagerhalle der ehemaligen Strumpffabrik war deutlich zu sehen. So ein Gelände war in der Tat interessanter, als einfach über ein freies Feld zu fliegen.

Aber er hatte noch etwas anderes gesehen, etwas viel Besseres. Etwas, das vielleicht den entscheidenden Hinweis geben konnte, wer der anonyme Anrufer war.

Er klopfte Janni auf die Schulter.

»Gute Arbeit«, sagte er anerkennend. »Und jetzt die schlechte Nachricht.«

Janni rollte zurück vor den Monitor, auf dem das Video zu sehen war.

»Muss kurz spulen«, sagte er. Dann drückte er Play.

»Das ist jetzt einige Stunden früher, Chef. Da«, rief er aufgeregt. »Gesehen?«

Schröder nickte. »Kannst du das bitte noch mal abspielen?«

»Klaro«, sagte der junge Mann und spulte noch einmal zurück. »Gruselig was? Wie als wenn der gebeamt wurde oder so.«

»Untersuch das mal genau«, gab Schröder den Auftrag. »Das kann ja gar nicht sein.«

»Schon dabei«, grinste Janni. »Ich geb Laut, wenn ich was finde.«

Kapitel 12

Sander hatte es tatsächlich geschafft, ein Auto zu organisieren. Die Reklame der Autovermietung war ihm aufgefallen, als der Zug in den Bahnhof eingefahren war. Und da die Streckensperrung noch eine Weile andauerte und Anna mit ihrem Alkoholpegel nicht fahren konnte, hatte er entschieden, sie zu chauffieren. So konnte er Zeit mit ihr verbringen. Wer weiß, vielleicht erfuhr er etwas, dass ihm weiterhalf.

»Ihr Auto?«, fragte Anna und betrachtete amüsiert den kleinen roten Opel Corsa.

»Mietwagen. Meiner ist in der Werkstatt«, log er.

Sein Wagen stand am Deutzer Bahnhof in Köln und hatte sicher schon ein teures Knöllchen bekommen. Als er heute Morgen spontan in den Zug steigen musste, war ihm nichts anderes übrig geblieben, als das Auto einfach auf den Parkplatz zu stellen. Lange konnte man dort allerdings nicht parken.

Anna nickte. »Mein Wagen ist auch in der Werkstatt.«

Dann schwieg sie. Es war stickig in dem kleinen Auto.

»Die Klimaanlage funktioniert wohl nicht«, stellte Sander nach einer Weile fest.

Anna fuhr das Fenster herunter. Der Fahrtwind brachte etwas Abkühlung.

»Wohin fahren wir eigentlich?«, fragte sie.

»Zu meiner Mutter. Sie hat in der Nähe von Rech einen Hof und braucht hin und wieder ein bisschen Hilfe. Heute ist Holzhacken dran.«

Die Wahrheit war, dass er seine Mutter gerade eben erst angerufen und sich und einen Gast angekündigt hatte.

»Rech?« Anna sah ihn fragend an.

»In der Eifel. Sagt Ihnen Bad Neuenahr-Ahrweiler was?«

»Ja klar. Das liegt tatsächlich fast auf dem Weg.«

»Genau«, bestätigte Sander.

»Wie nett von Ihnen, Ihrer Mutter unter die Arme zu greifen.«

»Ja, meine Mutter ist eine tolle Frau. Ich habe ihr viel zu verdanken.«

Es hatte wieder angefangen zu regnen. Anna fuhr das Fenster hoch und schaute gedankenverlorenen auf die vorbeiziehende Landschaft. Das schabende Geräusch des Scheibenwischers entspannte sie. Sie schloss die Augen und dachte an ihre eigene Mutter. Seit fast drei Monaten hatten sie kein Wort gesprochen. Nicht einmal zum Muttertag Anfang Mai. Statt anzurufen, hatte Anna Blumen geschickt und eine unpersönliche Karte.

Das Verhältnis zu ihrer Mutter war distanziert und unterkühlt. Das war schon immer so gewesen, seit sie denken konnte. Innige Zuneigung hatte Anna von ihrer Mutter nur selten erfahren. Dafür aber umso mehr von ihrer Schwester und ihrem Kindermädchen Maria, die beide den Nachzügler in der Familie wie einen Popstar vergötterten.

Anna konnte also nicht von sich behaupten, dass sie ihrer Mutter viel zu verdanken hatte. Alles, was sie erreicht hatte und alles, was sie ausmachte, hatte sie entweder Lena, Maria, ihrem Vater oder sich selbst zu verdanken. Ihre Mutter spielte keine große Rolle in ihrem Leben.

***

Sander lächelte, als er sah, dass Anna eingeschlafen war. Sie war offenbar ziemlich erschöpft nach diesem Vormittag. Kein Wunder. Ein bisschen Schlaf würde ihr sicher guttun. Er hatte sich entschieden, Annas Geschichte zu glauben. Das defekte Auto, der fehlende Zugteil, der verpatzte Ausstieg in Frankfurt. Zwischendurch waren ein paar wilde Theorien durch sein kriminalistisches Gehirn gegeistert, die von Verschwörung und illegalen Bargeldübergaben handelten. Aber nach dem Gespräch mit ihr auf der Wache hatte er alles kurzerhand über Bord geworfen. Anna Wolff war nur Anna Wolff und hatte heute einfach keinen guten Tag. Ihr Kopf war ein wenig zur Seite gerutscht und sie atmete ruhig und gleichmäßig. Sie sah süß aus und friedlich.

Sander dachte an Nina, seine Ex. Die hatte geschnarcht. Normalerweise beschwerten sich Frauen über ihre schnarchenden Männer, aber bei ihnen war es umgekehrt gewesen. Egal, das war Geschichte. Damit musste sich jetzt Rolf rumschlagen.

Er stellte fest, dass er gerade fast ganz ohne Groll an die beiden gedacht hatte. Vor ein paar Monaten wäre das noch vollkommen unmöglich gewesen. Nina hatte sich in Rolf Schröder verliebt und ihn betrogen. Eigentlich konnte Sander ihr das nicht einmal verübeln. Er war selten zu Hause und nicht bereit gewesen, den nächsten Schritt zu gehen. Nicht mal einen Schlüssel hatte er ihr gegeben. Es grenzte an ein Wunder, dass Nina überhaupt so lange durchgehalten hatte.

Rolf war mehr der Familienmensch. Kinder, Hochzeit, Haus im Vorort. Das war genau sein Ding, und ihres auch. Die beiden passten gut zueinander. Wenn sie nur nicht so ein beschissenes Timing gehabt hätten.

Ein paar Tage bevor er von den beiden erfahren hatte, war die Durchsuchung der Geschäftsräume bei der Cosmas-AG ergebnislos verlaufen. Sander wusste, wenn sie nicht bald einen handfesten Beweis für die Bestechung des Gutachters finden konnten, mussten sie die Ermittlungen einstellen. Er war sich sicher, dass das Verschwinden der Sekretärin was mit der Sache zu tun hatte. Wer sollte sonst der anonyme Tippgeber gewesen sein, wenn nicht Susanne Schneider? Sie saß im Vorzimmer der Geschäftsleitung und hatte Zugriff auf sämtliche Akten. Vielleicht hatte sie auch zufällig ein Gespräch belauscht. Aber die Frau war wie vom Erdboden verschluckt und mit ihr alle Beweise. Fritz Sander glaubte nicht an Kündigung. Auch dann nicht, als man ihm eine Postkarte aus Thailand vorlegte.

Er hatte ziemlich unter Druck gestanden, und als eine SMS von Nina an Rolf versehentlich auf seinem Handy gelandet war, geriet plötzlich alles außer Kontrolle. Er brach seinem Freund die Nase ohne nachzudenken und war anschließend rausgerannt, um sich in seiner Stammkneipe zu betrinken.

Für den nächsten Morgen war die Befragung von Hans-Peter Strobel angesetzt, dem Leiter der Firma, die für die Sicherheit auf Baustellen der Cosmas-AG zuständig war. Sander war der Meinung, dass so einer wie Heinrich Verhoeven, der Besitzer und Geschäftsführer der Cosmas-AG, seine Drecksarbeit auf keinen Fall selbst machte. Daher wollten sie den Objektschutz genauer unter die Lupe nehmen.

Sander hatte einen Mordskater. Als Erstes musste er zum Chef, der ihm wegen Rolfs gebrochener Nase eine Standpauke hielt und ihn zur Professionalität ermahnte. Danach war er gezwungen, mit Rolf zusammen die Befragung von Strobel durchzuführen.

Die Befragung wurde um 09:53 Uhr wegen tätlichen Angriffs eines Polizeibeamten auf eine Zivilperson abgebrochen. Sander hatte sich provozieren lassen und war auf Strobel losgegangen. Da die Verdachtsmomente gegen die Sicherheitsfirma mehr auf seinem Bauchgefühl als auf echten Hinweisen beruhten, schob der Leiter der Kriminalinspektion 3 der Sache endgültig einen Riegel vor. Er erklärte nach Absprache mit dem Staatsanwalt die Ermittlungen für beendet. Sander wurde bis auf Weiteres beurlaubt.

Aber er suchte auf eigene Faust weiter nach Susanne Schneider. Er klapperte alle Läden ab, in denen sie jemals gegessen, getrunken oder etwas gekauft hatte, und befragte jeden, der auch nur im Entferntesten mit ihr in Kontakt stand. Das waren nicht viele Menschen, denn die Frau lebte offenbar sehr zurückgezogen. Kaum Freunde, keine Verwandten, außer einem Bruder, der aber nirgendwo zu finden war. Niemand wusste etwas, niemand hatte von ihr gehört.

Ein paar Wochen nach dem Zwischenfall beim Verhör wurde Fritz Sander bei einer Razzia in einer Wohnung aufgegriffen, mit Kokain im Wert von fünftausend Euro und einer angeblich minderjährigen Prostituierten im Arm. Das Letzte, woran er sich noch erinnern konnte, bevor ein Einsatzkommando ihn aus dem Schlaf riss, war, dass er in einer Bar ein Bier getrunken hatte. Das Ergebnis des Drogentests war aber nicht nur positiv auf Koks gewesen, sondern auch auf GBL, besser bekannt als Liquid Ecstasy. Bei Überdosierung führte die Droge zu Gedächtnisverlust, weshalb sie gerne als Vergewaltigungsdroge eingesetzt wurde. Jemand hatte ihn reingelegt und dieser Jemand war auf volles Risiko gegangen. Etwas zu viel von dem Zeug und er wäre erstickt. Jetzt war er vom Dienst suspendiert und wartete auf seine Verhandlung.

***

Eine Bodenwelle weckte Anna. Sie blickte sich verwirrt um.

»Bin wohl eingeschlafen«, sagte sie peinlich berührt.

»Das war auch nötig«, lächelte Sander. »Sie haben einen bewegten Vormittag hinter sich.«

»Kann man wohl sagen«, murmelte sie.

»Wir sind gleich da.«

Er verließ die Landstraße und bog in einen schmalen Waldweg ein. Nach einer kurzen Fahrt über eine holprige Piste endete der Wald und vor ihnen lag ein alter Fachwerkhof. Der Regen hatte aufgehört, und die Landschaft glänzte satt und grün unter einer warmen Julisonne. Über den Himmel spannte ein bunter Regenbogen. Das Wohnhaus war in ein rosarotes Meer aus Geranien getaucht, wunderschön, fröhlich und einladend. Ein paar Hühner stoben gackernd aus dem Weg, als der Wagen auf den Hof fuhr und ein schwarzer Hovawart hob träge den Kopf, ließ sich aber ansonsten nicht weiter aus der Ruhe bringen.

»Das ist Hanno«, stellte Sander den Hund vor. »Haben Sie Angst vor großen Hunden?«

»Nein, eigentlich nicht.«

»Der ist auch völlig harmlos und schon sehr alt. Er wird sich nicht viel bewegen, während wir da sind.«

Sie stiegen aus.

»Es ist traumhaft hier«, sagte Anna leise, mehr zu sich selbst, als an jemand Bestimmten gerichtet.

Eine kleine Frau um die Siebzig trat aus der Tür. Sie trug eine blaue Latzhose, die um ihren dünnen Körper schlackerte und gelbe Gummistiefel. Ihr langes schlohweißes Haar war hochgesteckt, aber einzelne Strähnen hatten sich aus der Klammer befreit. Sie sah aus wie eine Vogelscheuche, fand Anna, eine freundliche, pausbäckige Vogelscheuche, es fehlte nur der Strohhut.

»Hallo, mein Schatz«, rief die Frau und rannte freudestrahlend auf Sander zu. Er nahm sie in den Arm, hob sie lachend hoch und setzte sie anschließend behutsam wieder ab.

»Besuch?« Sanders Mutter ließ sich nicht anmerken, dass sie eingeweiht war. Sie lächelte Anna freundlich an.

»Das ist Anna Wolff, Mama, eine … Freundin. Sie ist Opfer der Deutschen Bahn geworden und ich fahre sie später noch nach Köln. Ich kann also heute leider nicht so lange bleiben wie sonst.« Dann wechselte er die Blickrichtung. »Frau Wolff, darf ich vorstellen, Felicitas Sander, meine Mutter.«

Der Stolz in Sanders Stimme entging Anna nicht und sie war ein bisschen neidisch. Seit ihrer frühesten Kindheit hatte sie ihre Mutter niemandem mehr vorgestellt, außer ihrem Ehemann natürlich. Aber diese Begegnung hatte sie als steif und unerfreulich in Erinnerung. Caroline war an dem Tag mit Medikamenten vollgepumpt gewesen und hatte sich nach ein paar genuschelten Sätzen gleich wieder verabschiedet.

»Willkommen, willkommen«, rief Felicitas fröhlich und betrachtete Anna neugierig von Kopf bis Fuß. Sie wollte auch sie in den Arm nehmen, machte aber im letzten Moment einen Rückzieher.

»Ach, entschuldige, wie dumm von mir.« Sie kicherte. »Jetzt hätte ich dir fast dein schickes Kostüm versaut.«

»Was machst du gerade?«, wollte Sander mit einem Seitenblick auf jede Menge Gartengerätschaften und Eimer wissen.

»Ach, das Übliche halt«, sie lächelte und zuckte mit den Schultern. »Stauden aufbinden, die Astern bemuttern und die Erdbeeren vorbereiten. Willst du helfen?«, fragte sie Anna.

»Meine Mutter duzt übrigens jeden, egal ob’s der Postbote ist, den sie seit zwanzig Jahren kennt, oder eine völlig Fremde.« Er grinste breit.

Anna winkte ab. »Ist schon in Ordnung.«

Die alte Frau war ihr auf Anhieb sympathisch. Sie hatte die gleichen braunen Augen wie ihr Sohn und ein einnehmendes, freundliches Wesen.

»Das hört sich gut an, ich helfe gerne.«

»Sind Sie sicher?« Sander sah Anna fragend an. »Möchten Sie nicht erst mal einen Kaffee?«

»Papperlapapp Kaffee«, plauderte seine Mutter fröhlich dazwischen. »Erst die Arbeit, dann das Vergnügen. Mach du dein Holz, wir übernehmen die Blumen und anschließend gibt’s Kaffee und Kuchen. Der Apfelkuchen ist schon im Ofen.«

»Ganz sicher«, beantwortete Anna Sanders Frage. »Gehen Sie nur, ein bisschen Gartenarbeit wird mir guttun.«

Sie lächelte. Die Aufregung des Morgens und der Alkohol hatten sie geschafft. Aber die Ruhepause im Auto war erholsam gewesen und ein bisschen körperliche Arbeit konnte nicht schaden.

Sander verschwand achselzuckend in Richtung der großen Scheune. Die beiden Frauen blieben allein zurück.

»Ich geb dir was zum Anziehen, damit du dir deine Sachen nicht schmutzig machst«, entschied Felicitas augenzwinkernd und gab Anna ein Zeichen, ihr ins Haus zu folgen. Nach wenigen Minuten war Anna bereit. Sie trug jetzt eine dunkelgrüne Latzhose über einem einfachen Trägershirt und hatte ihre Pumps gegen ein Paar rosafarbener Gummiclocks eingetauscht.

»Perfekt«, Felicitas klatschte begeistert in die Hände.

Dann zeigte sie ihrer neuen Aushilfsgärtnerin, was zu tun war und die beiden Frauen arbeiteten stumm und konzentriert Seite an Seite. Sie sprachen nur das Nötigste.

Aus der Scheune drang das Geräusch von zersplitterndem Holz zu ihnen herüber. Ansonsten hörte man nur die Hühner, die scharrend und pickend über den Hof liefen und hin und wieder ein paar gackernde Laute von sich gaben.

»Schön haben Sie es hier«, sagte Anna nach einer Weile. »So friedlich!«

»Ja, nicht wahr? Mein kleines Paradies«, antwortete Felicitas lächelnd. »Der Fritz ist hier groß geworden, weißt du? Ich hab den Hof gekauft, nachdem mein Mann gestorben war. Da war der Fritz zehn.«

»Oh, das tut mir leid«, sagte Anna mitfühlend. Sie war auch sehr jung gewesen, als sie einen geliebten Menschen verlor und hatte eine Ahnung, wie sich Sander gefühlt haben musste.

»Das ist schon fast dreißig Jahre her«, antwortete Felicitas. »Und ehrlich gesagt …«, sie verstummte.

»Ehrlich gesagt?« Anna unterbrach ihre Arbeit für einen kurzen Moment. Sie wischte sich mit dem Handrücken eine Haarsträhne aus dem Gesicht und sah die alte Dame aufmerksam an.

»Ehrlich gesagt, Hans war kein netter Mensch. Er hat uns schlecht behandelt.« Sie schaute Anna an. »Er hat mir sehr viel Geld hinterlassen und davon hab ich all das hier gekauft.« Sie machte eine ausladende Geste mit den Armen und kicherte.

»Was ist so lustig?«, wollte Anna wissen.

»Wenn der gewusst hätte, dass er stirbt, der hätt sicher einen Weg gefunden, uns das Geld vorher wegzunehmen. Aber der ist einfach eines Morgens tot umgefallen. Herzinfarkt, mit fünfundvierzig.«

Annas fragender Blick entging ihr nicht. »Ja, fünfzehn Jahre älter war der. ’Ne dumme Nuss war ich, nichts weiter. Hab mich blenden lassen von einem hübschen Gesicht und einem dicken Bankkonto. Und was hatte ich davon?«

»Na, am Ende das Paradies«, lächelte Anna, der die Parallele zu ihrem eigenen Leben nicht entgangen war.

Felicitas lachte.

»Woher kennst du den Fritz?«

Die Frage überrumpelte Anna.

»Kennen wäre zu viel gesagt … also … Wir sind uns erst heute Morgen begegnet. Ich, äh …« Sie schaute die alte Frau hilflos an, holte tief Luft und beendete den Satz. »Um ehrlich zu sein, ich hatte einen schlimmen Tag und Ihr Sohn hat mich gerettet.«

»Ja, das kann er gut, der Fritz«, bestätigte Felicitas lächelnd. »Menschen retten.«

Anna nickte und um von sich abzulenken, stellte sie Felicitas Fragen zu dem Hof. So erfuhr sie, dass das Anwesen bis vor ein paar Jahren ein Zufluchtsort für in Not geratene Tiere gewesen war. In ihren besten Zeiten hatte Felicitas drei Pferde, zwei Esel, sechs Schweine und unzählige Hunde und Katzen in ihrer Obhut gehabt.

»Aber dann starb der Heinrich, meine rechte Hand, weißt du, und als der Fritz wegging, um Polizist zu werden … na ja, ich bin halt nicht mehr die Jüngste. Und jetzt ist nur noch der Hanno übrig, ein paar Katzen und der Karl.«

»Karl?« Anna horchte auf, als sie den Namen hörte.

»Ja, ein störrischer alter Eber.« Felicitas lächelte. »Der lebt hinten im Stall. Kannst ihn dir gern ansehen, wenn du willst.«

»Mein Mann heißt Karl«, sagte Anna tonlos.

»Na so was«, die alte Frau kicherte.

»Er ist auch ein Schwein.«

Felicitas wurde ernst und nach einer kurzen Pause sprach Anna weiter.

»Er betrügt mich mit einer anderen. Zuerst habe ich gedacht, dass sich alles schon finden wird, irgendwie, wissen Sie? Aber heute ist mir klar geworden, dass das nie passieren wird.«

Es fühlte sich gut an, die Geschichte einer völlig Fremden zu erzählen. Sie blickte die alte Frau traurig an.

»Komm«, sagte Felicitas. »Ich zeig dir das Schwein.«

Der Anblick des dicken Ebers, der satt und zufrieden im Dreck lag und schlief, löste bei Anna eine Flut von Emotionen aus. Sie stand am Zaun und ihre gemeinsame Zeit mit Karl lief im Schnelldurchlauf vor ihren Augen ab.

Sie hatte ihn vor neun Jahren auf der Silvesterparty ihres Vaters kennengelernt. Zu der Zeit studierte sie noch in Oxford und war über Weihnachten und Neujahr nach Hause gekommen. Karl war zwar viel älter als sie, aber sein gutes Aussehen und seine weltmännische Art hatten ihr imponiert. Sie verliebte sich in den angehenden Oberarzt und nur sechs Monate später läuteten bereits die Hochzeitsglocken.

Beruflich war Karl sehr erfolgreich. Oberarzt mit sechsunddreißig, Professor mit neununddreißig, Mitglied im Aufsichtsrat der Kölner Uniklinik mit vierzig und, wenn er wollte, vielleicht der nächste Chefarzt der Neurochirurgie. Es sei denn, seine Bewerbung nach München hatte Erfolg. Dann stünde wohl bald ein Umzug an.

Privat war Karl allerdings schwierig. Er war launisch, exzentrisch und egoistisch. Sein Lieblingsthema war er selbst und zuhören gehörte nicht gerade zu seinen großen Stärken. Andere Menschen waren ihm gleichgültig. Ihre kleinen Probleme interessierten ihn nicht. Paula konnte Karl nicht ausstehen. Der ist ein Arsch, fand sie. Der behandelt dich wie Dreck. Sie verstand einfach nicht, warum Anna diesen arroganten Wichser überhaupt geheiratet hatte.

Die Frage war berechtigt. Wie lange hatte es gedauert, bis aus dem charmanten Werber ein unnahbarer Eisblock geworden war? Achtzehn Monate, vielleicht zwanzig. Was für eine traurige Bilanz für eine achtjährige Ehe. Ihr kamen die Tränen. Sie versuchte, sich zusammenzureißen. Nicht hier und nicht jetzt, ermahnte sie sich. Es war ihr unangenehm, sich so gehen zu lassen.

Felicitas legte Anna zärtlich den Arm um die Hüften und gemeinsam standen sie ein paar Minuten stumm vor dem Schweinekoben.

»Ich komme mir so blöd vor.«

»Ach, nicht doch, Kindchen«, sagte die alte Frau und tätschelte Anna den Arm. »Ein Schwein ist eben ein Schwein.«

Das brachte Anna zum Lachen.

Der Eber im Koben rührte sich und hievte seinen schweren Körper umständlich auf die kleinen Füße.

Felicitas lachte. »Schau mal, der freut sich, mich zu sehen. Manchmal hab ich ein Leckerli für ihn, manchmal nicht. Heut geht er leer aus. Aber morgen, da kommt er wieder angelaufen und hofft, dass ich ihm was Gutes tu.«

»Hm«, sagte Anna.

»Der alte Kerl hier kann nicht anders.« Felicitas zwinkerte Anna aufmunternd zu.

»Aber ich schon, meinen Sie?«

Felicitas zuckte mit den Schultern. »Ich kenne mich nur gut mit Schweinen aus.«

***

»Ach, hier seid hier!«

Fritz Sander war unbemerkt hinter den beiden aufgetaucht. Er bemerkte, wie sich Anna beschämt ein paar Tränen aus dem Gesicht wischte, als sie ihn sah.

»Ich hab euch schon gesucht. Ist alles in Ordnung?«, fragte er mit einem Seitenblick auf Felicitas. Er kannte seine Mutter. Sie war ein herzensguter Mensch, aber sie hatte es nicht immer so mit dem Taktgefühl.

»Ich hoffe, meine Mutter hat Sie nicht zu sehr mit Fragen gelöchert. Sie kann manchmal unglaublich neugierig sein«, sagte er mit gespielt vorwurfsvollem Blick zu Felicitas.

»Nein, nein«, beeilte sich Anna zu sagen. »Es ist alles in bester Ordnung. Wir haben nur über Schweine gesprochen.«

Die beiden Frauen tauschten einen konspirativen Blick aus und kicherten.

Sander verstand zwar nicht, worum es ging, aber Annas Lächeln überzeugte ihn, dass seine Mutter während seiner Abwesenheit keinen Schaden angerichtet hatte.

Er betrachtete sie. Die grüne Latzhose stand ihr gut, sie sah sexy darin aus, obwohl sie viel zu groß für sie war. Oder vielleicht gerade deswegen. Die rosafarbenen Clocks rundeten das Bild auf eine sehr charmante Weise ab. Ihr Haar war etwas zerzaust, ihre Wangen gerötet und beide Hände waren völlig verdreckt von der Gartenarbeit.

Seitdem Nina ihn verlassen hatte, war Sander Single. Er hatte zwar ab und zu Verabredungen, aber bei denen ging es immer nur um Sex. Mehr wollte er einfach nicht. Bis jetzt.

Er hatte beim Holzhacken ununterbrochen über Anna nachgedacht. Sie gefiel ihm mehr als ihm lieb war. Sie war nicht nur bildschön, sondern auch nicht auf den Kopf gefallen und die Mischung aus Hilflosigkeit und Angriffslust vorhin auf der Wache hatte ihn angemacht. Aber sie schüchterte ihn auch ein wenig ein. Sie war eine von diesen Superfrauen, die erfolgreich waren und alles im Griff hatten – Beruf, Mann, Kinder. Solche Frauen waren gefährlich. Er war sich nicht sicher, ob er ihr gewachsen war. Außerdem war sie verheiratet und seine Zielperson. Und die oberste Regel für einen Ermittler hieß: Vermische niemals Berufliches und Privates. Niemals.

***

Es war bald an der Zeit, nach Köln aufzubrechen und wenn sie vorher noch von dem Apfelkuchen probieren wollten, dann mussten sie sich beeilen.

Während sie ins Haus zurückgingen, betrachtete Anna Fritz Sander verstohlen von der Seite. Er war verschwitzt vom Holzhacken. Seine Jacke hatte er ausgezogen und sie konnte unter dem T-Shirt seine Muskeln erkennen. Er war wirklich gut in Form, stellte sie anerkennend fest. Als sich ihre Blicke trafen, errötete sie und schaute beschämt weg. Sie hatte wieder das Gefühl, den Mann schon einmal gesehen zu haben, aber es wollte ihr einfach nicht einfallen, wo. Um sich abzulenken, überlegte sie, wann sie zum letzten Mal Kuchen gegessen hatte. Das war sicher Monate her. Karl schätzte es nicht, wenn sie ihre Figur aufs Spiel setzte. Er kommentierte gnadenlos jedes Gramm, das sie angeblich zu viel auf den Hüften hatte. Sie hatte seit Aschaffenburg nicht mehr versucht, ihn anzurufen. Wozu auch? Er wollte schließlich was von ihr.

Nachdem sie sich im Haus umgezogen und ein bisschen frisch gemacht hatte, setzte sich Anna draußen vor die Tür auf eine alte Bank im Schatten.

Ein Zitronenfalterpärchen flatterte über den Hof und eine kleine schwarze Katze kam neugierig auf sie zu. Sie hatte gelbe Augen und einen weißen Fleck am rechten Ohr. Als Kind hatte sie genauso eine gehabt und eine Erinnerung an einen Tag im Hochsommer, vor langer Zeit, blitzte plötzlich auf.

Ein Besuch auf dem Vittenshof, dem Reiterhof ihres Onkels am Niederrhein. Ein glücklicher Tag mit Pferden und Freunden aus dem Dorf. Sie hatten die Zeit vergessen und waren am Abend viel zu spät zurückgekommen, verdreckt und überglücklich. Der Onkel hatte verärgert im Hof gestanden und war außer sich gewesen. Lena hatte die ganze Schuld auf sich genommen und war bestraft worden, aber Anna wusste beim besten Willen nicht mehr, wie diese Strafe ausgesehen hatte. Ein Gefühl von Unbehagen und Beklemmung schnürte ihr die Luft ab.

»Du musst dich erinnern«, flüsterte unvermittelt eine Stimme in ihrem Kopf und Anna erschrak. Sie musste ein paarmal tief ein- und ausatmen, um sich zu beruhigen.

Die Katze war mittlerweile ganz nahe herangekommen und strich schnurrend um ihre Beine. Anna beugte sich herunter und kraulte dem Tier den Nacken. »Na, du bist aber eine Süße, wie heißt du denn?«

»Luxi«, antwortete Sander, der unbemerkt neben ihr aufgetaucht war. Anna zuckte zusammen und die Katze rannte davon.

»Ich wollte Sie nicht erschrecken«, entschuldigte er sich, »aber der Kuchen ist fertig.«

Anna erhob sich von der Bank. Sie stand ihm jetzt ganz nah gegenüber und als er sie mit seinen braunen Augen ansah, hielt sie seinem Blick stand. Keiner bewegte sich, die Sekunden verstrichen und für einen kurzen Moment waren sie eins, versunken ineinander.

Annas Herz schlug Purzelbäume.

Langsam hob Sander die Hand, um ihr eine Strähne aus dem Gesicht zu streichen, die sich aus ihrem Pferdeschwanz gelöst hatte. Anna hielt die Luft an und schloss die Augen.

Dann klingelte ihr Handy.

Karl.

Perfektes Timing!

Das Telefonat dauerte genau fünfunddreißig Sekunden, in denen Karl Wolff seiner Frau für den heutigen Abend absagte. Berufliche Gründe. Kein weiterer Kommentar dazu. Er gratulierte ihr noch nicht einmal zum Geburtstag. Wahrscheinlich hatte er es einfach vergessen.

Anna hörte schweigend zu, und als er geendet hatte, sagte sie: »Weißt du was, Karl? Ich hab das alles so satt. Du kannst mich mal.« Dann legte sie auf und schaltete das Telefon aus.

»So«, sagte sie und lächelte den verdutzten Sander tapfer an. »Jetzt möchte ich Kuchen.« Sie drehte sich um und verschwand im Haus.

***

Fritz Sander stand noch ein paar Minuten alleine auf dem Hof. Hanno war herangetrottet, um sich eine Streicheleinheit abzuholen und schubste sein Herrchen sanft gegen das Schienbein.

»Was hältst du davon, alter Knabe?« Er tätschelte dem Hund liebevoll den Kopf. Hatte Anna ihrem Mann wirklich gerade den Laufpass gegeben? Der Gedanke gefiel ihm. Aber vielleicht irrte er sich. Wenn es drauf ankam, war er nicht gerade ein Frauenversteher. Dieses Defizit hatte ihn nicht nur einmal eine Beziehung gekostet.

»Vorsicht, alter Knabe.« Sander sah dem Hund in die Augen. »Die Frau ist verheiratet. Das geht nie gut aus. Sie stürzt sich vielleicht in ein Abenteuer mit dir. Du gibst alles, sie gibt alles, aber am Ende verlässt sie dich und geht zurück zu ihm.«

Hanno hechelte ergeben und ließ ein unterdrücktes Bellen hören.

Sander lächelte. »Du hast recht. Wer nichts wagt, kann nichts gewinnen.«

***

Der Apfelkuchen schmeckte himmlisch.

»Ich liebe Kuchen.« Anna strahlte über das ganze Gesicht und schob jeden Gedanken an Karl vorerst beiseite. Wahrscheinlich würde es ihr in ein paar Stunden leidtun, dass sie ihn am Telefon so abgefertigt hatte, aber sie war so enttäuscht von ihm. Außerdem war da draußen gerade etwas Seltsames passiert. Der Polizist war im Begriff gewesen, sie zu küssen. Das hatte ihr durchaus gefallen und ihr den Mut gegeben, ihrem Mann die Stirn zu bieten.

Was war nur los mit ihr? Der letzte One-Night-Stand war noch gar nicht so lange her und sie hatte in der Zwischenzeit nicht einmal versucht, ein Gespräch mit Karl zu führen, um ihre verkorkste Ehe zu retten. Vielleicht hatte Paula recht. Schieß den Arsch in den Wind. Lass dich scheiden und fang neu an. Damals hatte Anna den Vorschlag ihrer Freundin als übergriffig empfunden. Man tauschte den Ehemann nicht einfach mal aus wie ein abgelegtes Kleidungsstück, nur weil es ein paar Probleme gab. Mittlerweile sah sie die Dinge aber mit anderen Augen und ein Leben ohne Karl erschien ihr mehr und mehr verlockend.

Anna verschlang drei Stücke Apfelkuchen. Sie hatte gar nicht gemerkt, wie hungrig sie war, denn seit ihrem spartanischen Frühstück hatte sie nichts mehr gegessen. Sie lehnte sich zufrieden zurück, trank noch einen Schluck Kaffee und betrachtete Mutter und Sohn, die besprachen, was in der nächsten Zeit auf dem Hof erledigt werden musste. Was für freundliche Menschen die zwei waren. Und obwohl sie total erschöpft war, fühlte Anna sich so wohl wie seit Jahren nicht mehr. Es war unkompliziert mit den beiden, hier wurde nichts von ihr erwartet, außer dass es ihr gut ging. Sie musste sich nicht verstellen, sondern konnte ganz sie selbst sein.

Das war selten so einfach.

In der Kanzlei war sie die ehrgeizige, taffe Staranwältin mit strahlender Zukunft, kühl und berechnend im Umgang mit ihren Gegnern, distanziert zu Mandanten und Kollegen. Sie wusste, dass man sie hinter ihrem Rücken »die Eisprinzessin« nannte, aber das machte ihr wenig aus. Sie war es gewohnt, allein zurechtzukommen.

Auch in ihrem Privatleben hatte sie jahrelang so getan, als wäre alles in Ordnung und eine Fassade aufrechterhalten, hinter der bereits alles in Scherben lag. Das galt für ihre Ehe genauso wie für ihre Eltern.

Manchmal fragte sie sich, wer sie eigentlich wirklich war. Ihr eigentliches Ich hatte sie schon vor sehr langer Zeit tief in ihrem Innern vergraben. Das war nach Lenas Tod notwendig gewesen, um nicht verrückt zu werden. Aber es fiel ihr von Jahr zu Jahr schwerer, sich selbst zu fühlen. Was würde geschehen, wenn sie den Teil ihrer Persönlichkeit, den sie so verzweifelt zu schützen versuchte, eines Tages nicht mehr erreichen konnte? Was bliebe dann noch von ihr übrig?

»Anna, haben Sie mir zugehört?« Fritz Sander sah sie fragend an.

Sie betrachtete ihn gedankenverloren, wie durch einen Nebel.

»Wenn Sie rechtzeitig heute Abend zu Ihrer Verabredung kommen wollen, dann müssten wir jetzt langsam mal los. Es ist kurz vor drei.« Er tippte zur Bestätigung mit den Fingern auf seine Uhr.

»Nein, ich will nicht … ich meine, pünktlich zu meiner Verabredung kommen. Es gibt keine Verabredung mehr.«

Fritz Sander zog die Augenbraue hoch und wusste offenbar nicht, was er sagen sollte. Seine Mutter eilte ihm zu Hilfe.

»Liebes«, sagte sie mütterlich. »Du kannst so lange hierbleiben, wie du willst.«

»Wenn es Ihnen nichts ausmacht, würde ich Ihr Angebot sehr gerne annehmen und mit den Blumen helfen.«

»Klar können Sie bleiben«, sagte Sander und die Freude über diese Entscheidung war ihm deutlich anzusehen.

Kapitel 13

Der Vater überreicht ihr ein Paket mit einer grünen Schleife.

»Mach es auf«, befiehlt ihr.

Es ist ein neues Kleid. Wunderschön, schwarz, ein Abendkleid mit Seidenstickerei, für eine richtige Dame.

Sie sieht ihn verwundert an.

»Es gibt was zu feiern«, sagt er knapp.

Mehr erfährt sie nicht.

Um acht Uhr ist es soweit. Zur Feier des Tages trägt sie roten Lippenstift und hochhackige Schuhe.

Details

Seiten
0
Erscheinungsform
Erstausgabe
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783960873969
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v424895
Schlagworte
Selbstmord zerrüttete Familie Albträume mord korruption missbrauch Krimi-nal-Roman-Psycho-Thriller

Autor

  • Eva Geßner (Autor)

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Titel: Niemand wird dich hören (Thriller, Spannung)