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All die kleinen Dinge (Liebe, Chick Lit)

von Elli C. Carlson (Autor)

2018 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

Wer träumt nicht davon, einmal das große Los zu ziehen? Nina Meyer, alleinerziehende Mutter und chronisch pleite, schafft genau das. Über Nacht ist sie um 90 Millionen Euro reicher. Leider auch gefühlt um 90 Millionen Probleme mehr. Denn von nun an muss sich die taffe Berlinerin mit ihrer kleinen Tochter Mia durch einen Dschungel aus miesen Intrigen, falschen Ex-Freunden und sensationslüsternen Paparazzi kämpfen und ganz nebenbei auch noch das Herz ihres Traummannes erobern.

Impressum

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Digitale Neuausgabe April 2018

Copyright © 2018, dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

ISBN: 978-3-96087-357-0

Covergestaltung: Annadel Hogen
unter Verwendung von Motiven von
©losw/depositphotos.com und ©toivoMedia/istockphoto.com
Lektorat: Antje Gardelegen
Korrektor: Lennart Janson

Dies ist eine überarbeitete Neuausgabe des bereits 2016 erschienenen Titels All die kleinen Dinge von Elli C. Carlson.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

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Prolog

90.136.453,67

Akribisch hatte er die lange Zahlenreihe auf das Whiteboard geschrieben, um dem jungen Mann zu demonstrieren, über welche Summe sie hier eigentlich redeten. Die Zahl war beeindruckend. Und Elmar Häger liebte Zahlen. Nicht nur, wohlgemerkt. Es gab auch noch Monika, seine Frau, mit der er seit dreiundvierzig Jahren glücklich verheiratet war. Die liebte er auch. Kinder hatten sie keine, was weder gewünscht noch geplant gewesen war, es hatte sich nur einfach nicht ergeben.

»Lassen Sie uns lieber bei neunzig Millionen bleiben. Ist irgendwie ... griffiger«, befand der junge Mann und lehnte sich gelangweilt zurück in die Polster des Ecksofas, das den Besuchern in Elmars Büro vorbehalten war. Elmar Häger nickte wohlwollend.

»Natürlich. Wie Sie wünschen.« Warum sollte er sich jetzt noch über mangelndes Interesse ärgern? Nur noch wenige Wochen lagen vor ihm, dann begann sein wohlverdienter Ruhestand und seine Arbeit als einer von drei Kundenbetreuern bei der Berliner Lotteriegesellschaft wäre beendet. Dass ausgerechnet mit seiner letzten Ziehung der höchste Jackpot aller Zeiten zur Ausspielung kam, empfand er als durchaus positives Zeichen dafür, dass nun der goldene Herbst seines Lebens vor ihm lag. Und natürlich auch vor Monika.

Zwölf lange Wochen hatte niemand die richtigen Zahlen getippt, was bei einer Gewinnwahrscheinlichkeit von 1:140 Millionen nicht weiter verwunderlich war. Jetzt stand die Zwangsausschüttung bevor und die Medien fachten die Hysterie um den sagenhaften Jackpot mit Sondermeldungen und Schlagzeilen kräftig an.

Der gelangweilte Reporter des Privatsenders, der ihn gerade interviewte, gehörte ebenfalls zu dem Rummel. Ein junger Bursche mit teurer Funktionsjacke, sorgfältig verwuschelten Haaren, einer überdimensionierten Hornbrille und dem obligatorischen Vollbart. Er entsprach ganz dem Prototyp eines Berliner Medien-Hipsters und spielte garantiert nie Lotto. Zur besten Sendezeit würde er den Beitrag in den Abendnachrichten bringen, um auch noch die allerletzten Glückssucher zu animieren, mit einem Lottolos die Chance ihres Lebens zu ergreifen.

Obwohl es nur ein kurzer Beitrag werden sollte, nicht länger als eineinhalb Minuten, hatten die Dreharbeiten den ganzen Vormittag gedauert. Elmar Häger hatte geduldig die üblichen Fragen beantwortet. Nun sollte er ein paar interessante Anekdoten über frühere Gewinner preisgeben. Was ihm nicht weiter schwerfiel. Mehr als zwanzig Lottomillionäre hatten im Laufe von dreißig Dienstjahren auf seinem Sofa Platz genommen und er erinnerte sich an jeden Einzelnen von ihnen. Der junge Reporter war allerdings mehr an den tragischen Fällen interessiert.

»Nur schlechte Nachrichten sind gute Nachrichten. Sie kennen das ja. Wer hört schon gerne, dass so viel Kohle glücklich macht?« Er nahm die Hornbrille von der Nase und putzte die Gläser bedächtig mit einem weichen Tuch, während er sein Gegenüber mit zusammengekniffenen Augen erwartungsvoll ansah. »Da gab’s doch bestimmt ein paar üble Storys, hab ich recht? Nur raus mit der Sprache, hm?«

Der kumpelhafte Ton, den der Reporter anschlug, um ihm seine Geheimnisse zu entlocken, ärgerte Elmar zwar, aber er hatte schon genug Zeit verloren und wollte diesen Termin so schnell es ging zu Ende bringen. So gab er die übliche Geschichte von dem armen Schlucker zum Besten, der von Hartz IV und Billig-Bier vom Späti lebte, bevor er plötzlich in Geld schwamm. Ein Umstand, der, man hatte es ahnen können, nicht lange anhielt. Der arme Kerl war schneller wieder pleite als man Altersvorsorge sagen konnte.

Er erwähnte auch den Familienvater, der seiner Frau und seinen halbwüchsigen Kindern die Millionen verschwieg, um sich mit dem Geld nach Kanada abzusetzen. Dort begann er ein neues, sorgenfreies Leben ohne lästige familiäre Verpflichtungen. Er investierte seine Millionen lieber in teure Sportwagen und junge Frauen. Der Reporter war begeistert.

»Das sind die Storys, die unsere Zuschauer lieben.«

 Elmar lächelte höflich und schwieg. Er kannte noch andere Geschichten. Und besondere Momente, in denen er den Lottogöttern (oder wer auch immer dafür verantwortlich war) aus tiefstem Herzen dankte, genau die Richtigen getroffen zu haben.

Eine davon war Alice Krause, der er die Hand hielt, als sie völlig aufgelöst und vor Aufregung zitternd auf dem gleichen Sofa zusammengesunken war, auf dem nun der junge Medien-Hipster fläzte und ungeduldig darauf wartete, dass sein Kameramann die Ausrüstung wieder verstaute.

Mit 81 Jahren hatte Alice nicht nur ihren Mann überlebt, sondern auch die beiden Kinder und wartete einsam und allein in einem Seniorenstift auf den Tod. Lotto spielte sie nur noch aus reiner Gewohnheit, wie sie Elmar unter Tränen versicherte. Ihr Mann Burkhard hatte doch immer von einem Sechser geträumt, der ihm zu Lebzeiten leider verwehrt wurde. Nun hatte sie es mit seinen Zahlen geschafft. Elmar Häger hatte weiterhin ihre Hand getätschelt und ihr Mut zugesprochen. »Nur die Ruhe, Frau Krause, es ist doch nur Geld. Nehmen Sie sich alle Zeit der Welt und überlegen Sie sich ganz entspannt, was Sie sie sich schon immer gewünscht haben. Und dann erfüllen Sie sich diesen Wunsch. Man ist doch nie zu alt für Herzenswünsche.«

Alice ging daraufhin ein wenig beruhigter heim, dachte eine Weile nach und, da es keine lebenden Verwandten mehr gab, die sie glücklich machen konnte, verbrachte sie die kommenden Jahre damit, durch die Stadt zu ziehen und all denen mit ihren Millionen unter die Arme zu greifen, die ihrer Meinung nach Hilfe benötigten.

Sie entschlief eines Nachts friedlich in ihrem Bett, hochbetagt, selig lächelnd und wieder arm wie eine Kirchenmaus. Elmar nahm sich extra Urlaub, um zu ihrer Beerdigung zu gehen. Und wenn er an diesen Tag zurückdachte, dann lief ihm noch immer ein leichter Schauer über den Rücken. Unzählige Menschen waren bei mildem Frühsommerwetter auf dem kleinen Friedhof im Norden Berlins erschienen, um ihrer Oma Krause die letzte Ehre zu erweisen. Es schien, als habe die alte Dame in ihren letzten Lebensjahren nicht nur sich, sondern die halbe Stadt glücklich gemacht.

Und mit einem letzten Blick auf die exorbitante Zahl, die da auf dem Whiteboard stand, schickte Elmar Häger ein stummes Stoßgebet an die Lottogötter (oder wer auch immer dafür verantwortlich war), es auch diesmal wieder richtig zu machen.

Kapitel 1

»Sieh's mal so – alles, was wir zu verlieren hatten, ist schon weg.«
Thelma & Louise

Ab einem gewissen Alter sollte man darauf verzichten, seinen Geburtstag zu feiern. Ganz im Ernst. Ansonsten ist man nur frustriert. Ich jedenfalls war es, als ich keuchend eine Umzugskiste hoch in den dritten Stock eines Weddinger Altbaus schleppte und darüber nachdachte, mit gerade mal dreißig Jahren nicht besonders weit auf der Karriereleiter und überhaupt in meinem Leben gekommen zu sein.

Schweißgebadet stellte ich den Karton in dem winzigen Flur ab, der zu der ebenfalls recht kleinen Zweiraumwohnung meiner besten Freundin Bine gehörte. Sie ließ mich und meine Tochter Mia dankenswerterweise bei sich einziehen. Wir waren gerade obdachlos geworden. Ein solventer Investor hatte sich unser bescheidenes Zuhause und die dazugehörige Gründerzeitmietskaserne für einen Spottpreis unter den Nagel gerissen. Kurz darauf war er auf die grandiose Idee gekommen, aus den kleinen, schäbigen Altbauwohnungen mit Ofenheizung schicke Eigentumslofts zu machen, um damit noch mehr Millionen zu scheffeln. Von Mieterschutz hielt er ähnlich viel wie ein afrikanischer Warlord von der Genfer Flüchtlingskonvention. Die Horde bulgarischer Entmieter, die er engagierte, sorgte dann auch sehr wirkungsvoll dafür, besagte Pläne zügig in die Tat umzusetzen.

Nachdem uns die muskelbepackten Herren mit dem Charme einer Abrissbirne sechs Monate lang das Leben zur Hölle gemacht hatten, gaben wir auf. Mein dreißigster Geburtstag war also alles andere als ein Tag der grenzenlosen Freude.

Erschöpft ließ ich mich auf eine der Kisten nieder, die bereits in dem kleinen Flur standen und dafür sorgten, dass man sich kaum noch bewegen konnte. Was, wie gesagt, weniger an den paar Kisten, als vielmehr an dem wirklich kleinen Flur lag. In der Küche hörte ich Bine mit Mia herumalbern.

»Nina? Bist du das?«

»Ja-a. War die letzte Kiste.«

»Wir sind auch gleich fertig. Und komm’ bloß nicht in die Küche.«

»Kein Problem«, die ist sowieso zu klein, fügte ich in Gedanken hinzu. Sie bereiteten eine streng geheime Geburtstagsüberraschung für mich vor und durften nicht gestört werden. Unsere Freunde Carlos und Tomas waren unten damit beschäftigt, eine der begehrten Parklücken für den kleinen Lieferwagen zu finden, den ich für den Umzug gemietet hatte. Was erfahrungsgemäß Stunden dauern konnte. Parkplätze waren in der Gegend ähnlich selten zu finden, wie eine Wasserstelle in der Wüste Gobi. Ich hatte also genügend Zeit, in aller Ruhe ein Fazit meiner bisherigen dreißig Lebensjahre zu ziehen.

Besonders viel gab es da nicht auf meiner Haben-Seite, wenn ich mir unseren bescheidenen Besitz so ansah. Die großen Möbel aus unserer Wohnung hatten wir in einer Halle eingelagert, die zur Autowerkstatt von Tomas bestem Kumpel Janos gehörte. Es würde vermutlich Monate dauern, bis ich auf dem heißumkämpften Wohnungsmarkt in Berlin eine passende Bleibe für uns finden würde, da machte ich mir keine Illusionen. Das alberne Kichern meiner Tochter drang gedämpft aus der Küche zu mir und erinnerte mich daran, dass nicht alles deprimierend war. Mia war nämlich das dicke Plus in meinem Leben.

Sie war alles andere als ein Wunschkind gewesen, muss ich gestehen. Mit 18 Jahren hatte ich eine Menge Wünsche auf meiner Liste; ein dicker Bauch, Schwangerschaftsstreifen und Wasser in den Beinen gehörten allerdings nicht dazu.

Ich hatte gerade mein zweites Ausbildungsjahr als Hotelfachfrau im Mirage, der luxuriösesten Luxusherberge Berlins, als Jahrgangsbeste abgeschlossen. Meine Lehrer und Kollegen schlossen bereits Wetten darauf ab, welches unserer um den ganzen Erdball verteilten Nobel-Hotels ich in zehn Jahren leiten würde. Schließlich war ich nicht nur dafür bekannt ziemlich gut, sondern auch wahnsinnig ehrgeizig zu sein. Während ich mich in meinen Träumen schon als neuer Shootingstar am internationalen Hotelhimmel sah, lief mir Patrick Reimann über den Weg. Er war wie ich in seinem letzten Ausbildungsjahr und kam aus unserem Hamburger Hotel nach Berlin. Gerüchten zufolge war dies nicht ganz freiwillig geschehen und hatte wohl mit der Tochter des Küchenchefs zu tun, mit der Patrick ein etwas zu enges Verhältnis pflegte. Jedenfalls aus Sicht des Küchenchefs. Patrick sah aus wie ein jüngerer Zwillingsbruder von Keanu Reeves, war ähnlich charmant und sexy, hatte Humor und das schönste Paar samtbrauner Augen, das ich jemals gesehen hatte. Was den Gerüchten über den unglücklichen Küchenchef durchaus Substanz verlieh. Wessen Tochter würde sich nicht in solch ein Prachtexemplar von Mann verlieben?! Was das Fachwissen anbelangte, war Patrick die totale Niete.

Ich half ihm den Unterrichtsstoff aufzuholen, gab ihm Tipps und Tricks für seine Prüfungen und er schaffte es im Laufe des Jahres tatsächlich bis ins oberste Leistungsdrittel unseres Jahrgangs. Ganz nebenbei wurden wir ein Paar. Heimlich. Liebeleien unter den Angestellten sah man im Mirage nicht gerne und einen weiteren Ausrutscher konnte Patrick sich nun wirklich nicht leisten. Am Ende des Jahres war ich im fünften Monat schwanger, während mein Freund mit meiner Hilfe seine Prüfungen mit Auszeichnung bestand.

Am Abend seiner Abschlussfeier machte er mit mir Schluss. Den Hinweis, dass wir ein Kind erwarteten, kommentierte er reichlich abgeklärt.

»Du erwartest ein Kind. Nicht ich. Also ist es dein Problem.« Seine männliche Logik war herzerfrischend.

Am nächsten Tag verschwand er in Richtung London und ließ mich sitzen. Wegen der Schwangerschaft musste ich meine Ausbildung unterbrechen und stand nun völlig mittellos da. Ich zog wieder bei meiner Mutter ein – eine wirklich deprimierende Erfahrung – und das lag nicht nur am Plattenbau, den ich noch aus den trüben Jahren meiner Kindheit in Marzahn kannte und den ich doch unbedingt hinter mir lassen wollte.

Statt eines spektakulären Ausblicks auf das Brandenburger Tor, die Skyline New Yorks oder eines karibischen Traumstrandes, starrte ich wieder auf das öde Umland des Berliner Ostens und fragte mich, wie ich das alles hinbekommen sollte. Ohne Ausbildung. Ohne Job. Ohne Freund.

Meine Mutter war in dieser Situation keine große Hilfe. Mal abgesehen davon, dass ich umsonst in meinem alten Kinderzimmer wohnen durfte. Dummerweise hatte sie dies zu einer Art Außenstelle der Berliner Wertstoffsammlung verwandelt. Nachdem ich damals ausgezogen war, ertränkte sie ihre Einsamkeit nämlich gern in ein, zwei Flaschen Rotwein der Marke »Pennerglück« und nahm es mit der Altglasentsorgung nicht so genau.

Bei Fragen und Ängsten, die einer knapp 19 Jahre alten Schwangeren sonst so durch den Kopf gingen, war sie eine Katastrophe. Meist jammerte sie mir mit Blick auf meinen immer dicker werdenden Bauch vor, dass ich a) eine große Enttäuschung für sie sei, dass sie sich b) so viel mehr von mir versprochen hatte und dass ich c) nun die gleichen, idiotischen Fehler machen musste, wie sie. Ihr Mann – mein Vater – hatte sich nämlich ähnlich mies verhalten wie Patrick. Den Hang, sich mit den falschen Männern abzugeben, hatte ich demnach von ihr. Ansonsten gab es kaum Gemeinsamkeiten.

»Heutzutage kriegt man doch kein Baby mehr. In deinem Alter, also wirklich. Da treibt man ab!«

Ich schob ihre wenig mitfühlende Sicht der Dinge auf den Genuss von zu viel Rotwein und der Verbitterung, es niemals raus aus Marzahn geschafft zu haben.

»Ist jetzt eh zu spät«, fügte sie mit Blick auf meinen dicken Bauch hinzu und nahm einen großen Schluck aus ihrem Weinglas. »Zur Not gibt’s die Babyklappe.« Wenigstens war sie pragmatisch und ließ in den Monaten danach der Natur ihren Lauf.

Als mir nach einer endlos scheinenden Schwangerschaft und einer vierzehnstündigen Wehenzeit im Krankenhaus das winzige zerknautschte Bündel auf den Bauch gelegt wurde, wusste ich, dass ich mit Mia die richtige Entscheidung getroffen hatte. Nur das Timing war echt blöd.

Etwas mehr als elf Jahre waren seit diesem Tag vergangen und vom ersten Augenblick an besaß Mia die seltene Gabe, jeden, der ihr begegnete, zu verzaubern. Selbst meine Mutter liebte sie von der ersten Sekunde an abgöttisch, schwor von einem Tag zum anderen dem Rotwein ab und kümmerte sich liebevoll um Mia, als ich endlich wieder anfangen konnte zu arbeiten. Sie gab sogar das Rauchen in der Wohnung auf und gönnte sich ihre Selbstgestopften nur noch auf dem winzigen Balkon unserer Wohnung hoch oben im elften Stock. Ich durfte meine Ausbildung fortsetzen, musste allerdings das ganze letzte Jahr wiederholen. Meine Mutter und ich erlebten ein wunderbares erstes Jahr mit Mia und kurz bevor die Abschlussprüfungen anstanden, ging meine Mutter morgens in den Supermarkt und kam nicht mehr wieder.

Ich sah sie zum letzten Mal in der Notaufnahme des Krankenhauses, in das sie eingeliefert worden war, als sie vor dem Spirituosenregal zusammenbrach und man sie mehr als eine halbe Stunde dort liegenließ, bevor eine Angestellte auf die glorreiche Idee kam, vielleicht doch mal den Notarzt zu rufen. Meine Mutter hatte keine Chance.

Die Abschlussprüfungen konnte ich erneut vergessen und nahm stattdessen einen Job als Zimmermädchen und Reinigungskraft in einem der vielen Businesshotels an, die in Berlin wie Pilze aus dem Boden schossen. Schließlich musste ich fortan allein für mich und Mia sorgen. Ich zog in eine kleine Altbauwohnung mit Ofenheizung, deren Miete ich mir gerade eben leisten konnte, und ergatterte sogar einen Kita-Platz für Mia. Wenn man ihr erstmal in ihre braunen Augen sah, die hatte Patrick ihr vererbt, konnte man einfach nicht nein sagen. Zum Glück war es das Einzige, was sie aus dem Genpool der Hölle mit auf den Weg bekam. Die kupferroten Locken, die ihren Rehblick zuckersüß unterstrichen, stammten eindeutig von mir.

So richtig weit konnte ich es auf der Karriereleiter nicht bringen. Mal bekam Mia die Masern und ich musste in der Hauptsaison Urlaub nehmen. Drei Monate später hatte ich statt eines besseren Jobs an der Rezeption die Kündigung. Wieder fing ich beim nächsten Hotel ganz unten an. An ihrem sechsten Geburtstag brach Mia sich beim Spielen das Bein und mein Arbeitgeber legte mir nahe, mir doch einen neuen Job zu suchen, der besser zu meiner Lebenssituation als alleinerziehende Mutter passte. Unnötig zu erwähnen, dass es ein Familienvater war, der mir diesen Rat und die anschließende Kündigung gab. Seine Frau kümmerte sich derweil daheim um den Nachwuchs.

Vor drei Jahren begann ich bei Hostel One zu arbeiten, eine der großen internationalen Hotelketten, die auf Städtetouristen und Geschäftsreisende spezialisiert war. Und da blieb ich. Die Arbeit als Zimmermädchen und Reinigungskraft war zwar immer gleich und ziemlich zermürbend, und an Beförderung war auch nicht zu denken, doch ich fand unter meinen Kollegen etwas, was ich viele Jahre lang vermisst hatte. Eine Familie. Nun ja, Wahlfamilie, um genau zu sein.

 Bine, die mit mir als Zimmermädchen arbeitete, kam mit berlintypischer Schnodderschnauze daher und war der liebenswerteste Mensch, den ich kannte. Sie war etwas älter als ich, hatte ebenfalls keine richtige Ausbildung und ihre Eltern waren früh an Krebs gestorben. Sie war aus ihrem uckermärkischen Dorf in die Großstadt gezogen, um einen Mann fürs Leben zu finden. Bislang war die Suche nicht sehr erfolgreich. Ihr größtes Talent bestand darin, ein Problem einfach so lange zu ignorieren, bis es sich in Luft auflöste. Ich hatte keine Ahnung, wie sie es schaffte, aber sie hatte damit tatsächlich Erfolg. Meistens jedenfalls.

»Na, haste dich schon eingelebt?«

Bine kam aus der Küche und wischte sich ihre Hände, die mit lindgrün eingefärbter Sahne bekleckert waren, an einem Geschirrtuch ab. Offensichtlich bastelte sie mit Mia an meiner Geburtstagstorte. Sie strahlte über das ganze Gesicht.

»Das wird super mit uns Dreien – ’ne richtige Mädels-WG.«

Hatte ich erwähnt, dass Bine in wirklich jeder Situation nur das Beste sah?

»Hier gibt’s Zentralheizung, Mama! Ist das nicht cool – ich muss keine Kohlen mehr schleppen.«

Meine Tochter, die den Sahnespuren in ihrem Gesicht nach zu urteilen reichlich von der Torte genascht hatte, ließ sich ebenfalls nicht von dem Umstand die gute Laune verderben, dass wir mehr oder weniger obdachlos waren.

»Bine, wenn wir dir auf die Nerven gehen, dann musst du mir das sofort sagen. Und ich gebe was zur Miete dazu.« Ich sah mich in der kleinen Wohnung um, die in den nächsten Wochen unser neues Zuhause werden würde. Es war gemütlich, hell und freundlich und entsprach somit hundertprozentig Bines Wesen. Aber es war auch verdammt eng. Für drei Personen viel zu eng.

»Ich glaub, ich spinne! Du sparst die Kohle für ’ne neue Wohnung. Ich nehm doch kein Geld von dir. So weit kommt’s noch!«

Wie gesagt, Bines Herz war mindestens genauso groß wie ihre Berliner Schnauze.

»So, das war die letzte Kiste.« Mit einem Stöhnen setzte Tomas den Bücherkarton ab, in den Mia ihre Lieblingscomics gepackt hatte. »Können wir jetzt mal anfangen zu feiern?«

Er wischte sich die verschwitzen, blonden Strähnen aus der Stirn und sah uns unbekümmert aus seinen wasserblauen Babyaugen an. Tomas war technischer Mitarbeiter unseres Hotels und so etwas wie der polnische McGyver unter den Angestellten. Mit den irrwitzigsten Hilfsmitteln schaffte er es, jeder Maschine, die den Geist aufgegeben hatte, wieder Leben einzuhauchen. Niemals war mir jemand begegnet, der auch nur annähernd so großes handwerkliches Geschick besaß wie er. Auf dem Gebiet der zwischenmenschlichen Begegnungen war er weniger begabt. Gleich zu Beginn verknallte er sich hoffnungslos in Bine. Nachdem sie sich ein paarmal gedatet hatten und schließlich im Bett landeten, war klar, dass es besser für sie sein würde, nur gute Freunde zu bleiben. Dies war zumindest Bines Sicht der Dinge, die dazu führte, dass Tomas sich ein paar Wochen lang mit heftigem Liebeskummer quälen musste. Sie schafften es dann doch noch Freunde zu bleiben und seitdem fühlte Bine sich berufen, die passende Traumfrau für Tomas zu finden. Bei mir hatte sie es auch schon versucht. Obwohl ich Tomas wirklich sehr mochte, lehnte ich dankend ab.

Carlos kam wie üblich als Letzter hinzu und zwängte seine untersetzte Gestalt zu uns in den viel zu kleinen Flur.

»Warum müsst ihr eigentlich immer ganz oben wohnen? Könnt ihr euch nicht mal eine Parterrewohnung besorgen?« Keuchend balancierte er ein Tablett mit selbstgemachten Tapas in einer Hand. Unter dem anderen Arm klemmte ein großer Karton mit spanischem Sekt. Bine nahm ihm kurzerhand die Tapas ab.

»Genau darauf hab’ ich gewartet. Mach schon mal den Sekt auf, ich hol’ die Gläser.«

Mit einem Stöhnen stellte Carlos den Karton ab und fischte eine Flasche hervor. Er war eigentlich Koch und kam aus Spanien. Sein Alter konnte man schwer schätzen und seine dunklen Augen besaßen den traurigen Ausdruck eines Hundewelpen, den man einsam und allein an einer Raststätte ausgesetzt hatte. An der Costa Brava hatte er eine kleine Tapasbar besessen, bevor die Finanzkrise zuschlug. Im Zuge dessen verlor Carlos erst sein Restaurant und dann seine Frau. Sie war mit einem Hotelgast aus Schweden durchgebrannt. Auf der Suche nach seiner großen Liebe, die ihn so schnöde verlassen hatte, war Carlos in Berlin gestrandet. Jetzt schmiss er mit zwei Aushilfen die Küche und war verantwortlich für das Frühstück und die kleinen Snacks, die in unserem Hostel One angeboten wurden. Wer jemals Carlos eigenwillige Tapaskreationen probiert hatte, ahnte jedoch, dass er sich mit dem Aufwärmen von Mikrowellenessen weit unter Wert verkaufte.

Mit einem lauten Knall flog der Korken aus der Flasche, während Bine mit den Gläsern zurückkam.

»Auf das Geburtstagskind!«

»Auf ein neues Jahr. Möge es dir Gesundheit, Glück und Freude bringen.« Tomas wurde bei Feierlichkeiten immer schrecklich förmlich. Zumindest, bis der Wodka auf den Tisch kam.

»Auf ein geiles Jahr, Süße.« Bine stieß mit mir an, dass die Gläser klirrten, und gab mir einen dicken Schmatz auf die Wange.

»Auf dich, meine Schöne.« Carlos umarmte und küsste mich dreimal auf die Wange, wie es in Spanien üblich war. Ich drehte mich um und suchte Mia. Die kam nun mit dem Kuchen aus der Küche. Dreißig Kerzen brannten auf der Torte und Mia war sichtlich stolz, dass man ihr die Ehre überlassen hatte, mir meinen Geburtstagskuchen zu überreichen.

»Grün? Ist nicht euer Ernst.«

Es war meine Lieblingsfarbe und Mia und Bine hatten sich wirklich große Mühe mit der Verzierung gegeben. Geholfen hatte es nicht. Sie sah recht gewöhnungsbedürftig aus, doch das tat meiner Freude darüber keinen Abbruch.

»Du musst die Kerzen auspusten und dir was wünschen.«

Mia stellte die Torte vorsichtig ab.

»Dann mal los.« Ich holte tief Luft und pustete, was meine Lungen hergaben. Mit zwanzig war das wesentlich einfacher gewesen. Schließlich erlosch auch die letzte Kerze und meine Freunde klatschten vor Begeisterung.

»Den Vierzigsten feiern wir ohne Kerzen, damit das klar ist!«

Atemlos nahm ich einen Schluck von meinem Sekt.

»Und? Hast du dir was gewünscht?« Mia sah mich mit großen Augen an.

»Klar hab ich mir was gewünscht.«

»Und was?«

»Stop! Stop! Stop!« Bine unterbrach resolut. »Wünsche werden nicht verraten. Die gehen sonst nicht in Erfüllung.«

Kurzerhand schob sie Mia und mich in Richtung Küche. »Jetzt wird gefeiert und gegessen und gelacht und getrunken. Viel getrunken.«

Damit leitete Bine zum unterhaltsamen Teil des Abends über. Vielleicht war mein 30. Geburtstag doch nicht ganz so deprimierend, wie ich befürchtet hatte.

Mia fiel plötzlich etwas Wichtiges ein.

»Dein Geschenk. Du kriegst doch noch dein Geschenk.«

Ich sah sie abwehrend an.

»Mia. Wir waren uns doch einig, dass du mir dieses Jahr nichts schenkst.«

»Das hab ich nur gesagt, damit du endlich Ruhe gibst«, verteidigte sich meine Tochter, während sie in den Umzugskartons kramte.

»Wer Geburtstag hat, bekommt auch Geschenke.«

Der Logik meiner elfjährigen Tochter hatte ich nicht wirklich etwas entgegenzusetzen. Mit einem Aufschrei entdeckte sie schließlich in einer Kiste, wonach sie gesucht hatte.

»Alles Liebe zum Geburtstag, Mama.« Feierlich übergab sie mir ihr Geschenk und ich musste erneut schlucken.

»Ich hab’ dich lieb, Schnecke.« Ich küsste und umarmte sie so lange und so doll, dass sie nach einigen Momenten an meiner Schulter zu protestieren begann.

»Ich krieg’ keine Luft und du musst das Geschenk aufmachen.«

»Wo sie Recht hat, hat sie Recht«, nuschelte Bine mit vollem Mund. Sie hatte sich bereits mit Carlos und Tomas über die Tapas hergemacht. »Jetzt mach schon auf, bevor ich vor Neugier kollabier’.«

Lachend riss ich das Geschenkpapier auf und blickte auf eine wunderschöne, alte Messingschatulle. Das Metall war blankpoliert, hatte einige Dellen und Schrammen, aber man konnte die feinen Linien zweier kleiner Drachen erkennen, die auf dem Deckel eingraviert waren und die den Inhalt zu bewachen schienen.

»Wow ...« Ich war sprachlos.

»Ich hab’ sie im Sperrmüll gefunden und Tomas hat mir geholfen, sie zu restaurieren. Da können wir prima unseren Schmuck aufbewahren, hab ich gedacht.«

»Sie ist wunderschön.«

»Du musst sie aufmachen. Da ist noch was drin, von uns allen.«

Bine zwinkerte mir zu und deutete auf den kleinen Schlüssel, der auf der Schatztruhe mit einem Klebestreifen festgemacht war. Ich öffnete das Schloss und hob den Deckel. In dem mit feinem, grünem Samt ausgelegten Innern lag – ein Lottoschein.

»War meine Idee. Der ist für den Mega-Jackpot am Wochenende.« Carlos war ganz aufgeregt. »Ein Cousin dritten Grades hat nämlich mal mit seinem Dorf die spanische Winterlotterie geknackt. Die sind super durch die Finanzkrise gekommen, das kann ich dir sagen.«

»Ich hätte dir ja lieber ’nen Gutschein von Primark geschenkt. Sie haben mich überstimmt.«

Bine schüttelte den Kopf und tippte sich mit dem Zeigefinger an die Stirn.

»Neunzig Millionen! Was will man denn mit so viel Kohle anfangen?«

Nun, wenn ich damals gewusst hätte, was in den kommenden Wochen noch so alles auf mich zukommen würde, ich hätte an diesem wundervollen Abend schon mal angefangen, über eine Antwort nachzudenken.

Kapitel 2

»Es kommt nicht darauf an, wie lange man wartet, sondern auf wen.«
Manche mögen’s heiß

Oh, bitte! Mach das Ding aus!« Stöhnend lehnte sich Bine im schmalen Hotelflur gegen die Wand, verzog das Gesicht und hielt sich den schmerzenden Kopf. Halb amüsiert, halb besorgt schaltete ich den altersbedingt unmenschlich röhrenden Staubsauger aus, mit dem ich den Teppichboden des Flurs bearbeitete.

»Hast du was gesagt?«

»Sehr witzig, Nina, wirklich sehr, sehr witzig.«

Bine hatte einen mordsmäßigen Kater und der Umstand, dass wir bereits seit sechs Uhr früh in unserem Hostel One dafür sorgten, die freigewordenen Zimmer wieder bewohnbar zu machen, trug nicht dazu bei, ihren Zustand zu verbessern. Eher im Gegenteil. Es war ein langer Abend geworden. Lustig und fröhlich und mit reichlich Sekt.

»Ich trink’ nie wieder was. Ich schwöre es. Nie, nie wieder.«

»Das hast du beim letzten Mal auch gesagt, als wir Tomas’ Geburtstag gefeiert haben.«

»Das war Wodka. Selbstgebrannt. Den habe ich seitdem nicht mehr angerührt.«

Ich verkniff mir ein Grinsen und blickte Bine bedauernd an. Das Wochenende stand kurz vor der Tür und viele der Businessgäste hatten in der Früh ausgescheckt, um die ersten Flieger zu nehmen. Sie hinterließen das übliche Chaos. Warum die Mehrzahl sich die Woche über im Hotel wie die Schweine benahmen, war uns ein Rätsel. Aber die Berge von leeren Flaschen, Dosen, Fastfoodverpackungen und anderen weniger appetitlichen Überresten waren jedes Mal beeindruckend.

»Ich glaub, ich muss ...« Bine stöhnte und eilte bleich in eines der leeren Zimmer. Ein paar Sekunden später hörte ich sie die Badezimmertür zuschlagen.

In diesem Tempo würden wir nie rechtzeitig fertig werden. Um zehn sollte eine außerplanmäßige Belegschaftsversammlung beginnen, zu der uns das neue Hotel-Management verdonnert hatte. Ich klopfte an die Badezimmertür.

»Alles gut bei dir?«

»Ja, prima, alles bestens ...«

Ich hörte die Klospülung und im nächsten Moment öffnete Bine kreidebleich die Tür. »Mir geht’s super.«

Das sah nicht ganz danach aus.

»Pass auf, leg dich kurz hin. Den Rest mache ich alleine fertig.«

»Ich kann dich doch nicht ...«, protestierte sie schwach.

»Doch. Du kannst. In deinem Zustand bist du keine große Hilfe, glaub mir. Also mach schon. Danach geht’s dir besser.«

Bine nickte und ließ sich mit einem Stöhnen bäuchlings aufs Bett fallen.

Ich schloss die Tür hinter ihr und nahm mir das nächste Zimmer vor. Laut meiner Belegungsliste hatte der Gast bereits um sieben ausgecheckt. Trotzdem klopfte ich.

»Guten Morgen, Zimmerservice. Darf ich kurz stören? Good morning, Roomservice. May I?!«

Es kam keine Antwort und ich betrat den Raum. Das Bett war zerwühlt, die Vorhänge noch geschlossen und es roch etwas herbe nach männlichem Schlaf. Ich ging zum Fenster, um Licht und frische Luft in das stickige Zimmer zu lassen. Als ich mich wieder umdrehte, um das Bett abzuziehen, fiel mir auf, dass etwas nicht stimmte. Ganz und gar nicht stimmte. Auf dem Sessel lagen karierte Boxershorts und ein weißes T-Shirt; auf dem kleinen Schreibtisch stapelten sich Laptop, Mobiltelefon und diverse Ladekabel; auf einem Bügel am Kleiderschrank hing ein graublauer, teuer aussehender Anzug mit dazu passendem Hemd. Das sah nicht danach aus, als wäre hier jemand um sieben abgereist. Aus dem Badezimmer war nun das gedämpfte Rauschen der Dusche zu hören. Mist. Der Gast war noch da und ich sollte machen, dass ich hier rauskam. Ich hatte fast den Flur erreicht, als sich die Badezimmertür schwungvoll öffnete und der Gast frischgeduscht, mit einem Handtuch über dem Kopf sich die Haare trockenrubbelnd, hinaustrat. Bis auf das Handtuch auf dem Kopf trug er nichts. Und so nackt, wie Gott ihn geschaffen hatte, prallten wir zusammen.

»Autsch ... Scheiße ...«

Es war nicht die charmanteste Begrüßung, die man sich vorstellen konnte, aber mir fiel in dem Moment nichts Besseres ein.

»Scheiße, aua ...« Der unbekannte Nackte hatte zum Glück auch nichts Intelligenteres zu bieten. Er war sehr auf seinen Fuß konzentriert, auf den ich bei unserem Zusammenprall getreten war.

»Sorry, tut mir leid. Tut mir leid. I’m sorry, so sorry. Roomservice«, stammelte ich näselnd und hielt mir die schmerzende Nase, an der mich der Ellenbogen des Mannes mit voller Wucht getroffen hatte. Mein Gott, das tat höllisch weh.

 Der Mann hüpfte auf einem Bein zur Wand, stützte sich dort ab, um mich dann schockiert anzublicken. Das Handtuch hatte er bei unserem Zusammenprall fallenlassen. So, wie es aussah, hatte er auch vergessen, dass er sonst nichts weiter trug. Jedenfalls machte er keine Anstalten seinen immerhin gutgebauten und muskulösen Körper zu bedecken.

»Wer, zum Teufel ... was machen Sie hier?«

»Zimmerservice«, stammelte ich und deutete auf die geöffnete Tür, »Ich hab geklopft ... und ...«

Der Mann sah mich mit großen, blaugrünen Augen an, die von der leichten Bräune seiner Haut und dem hellen, strohfarbenen Haar noch betont wurden. Auf seinem Gesicht erschien ein besorgter Ausdruck.

»Oh, nein – Sie bluten. Hab ich Sie verletzt?« Er kam einen Schritt auf mich zu und legte mir sanft die Hand auf die Schulter.

»Warten Sie, auf keinen Fall den Kopf in den Nacken legen, das macht alles noch schlimmer.«

Mit einem Griff hatte er aus dem Bad eines der Gästehandtücher gegriffen, ließ kurz kaltes Wasser darüber laufen und hielt es mir dann vorsichtig unter meine lädierte Nase.

»Einfach fest drunterhalten und warten, bis es aufhört zu bluten. Ich hoffe, es ist nichts gebrochen?!«

»Nein, geht schon ... und danke, sehr nett von Ihnen«, nuschelte ich, »Und ... hm ... vielleicht sollten Sie auch ... ein Handtuch ...?!«

Er sah mich fragend an und meine Augen glitten von seinem Gesicht eine Etage tiefer. Sein Blick folgte meinem und die Erkenntnis traf ihn, wie einen Schlag.

»Oh, shit ...«

Er lief tatsächlich unter seiner gepflegten Sonnenbräune rot an, bückte sich und schnappte das Handtuch, das zu Boden gefallen war.

»Das, das tut mir leid ... ich wollte Sie nicht ...«

»Schon gut, kann passieren.«

Mit schiefem Lächeln blickten wir uns an. Einen Augenblick. Dann noch einen. Und noch einen. Ich konnte mich einfach nicht von diesen seltsam grünen Augen losreißen. Ihm schien es ähnlich zu gehen, auch wenn meine Augen nicht grün waren. Bine behauptete immer, sie hätten die Farbe von Kornblumen im Sommer, was ich ganz schmeichelhaft fand.

Ich habe niemals daran geglaubt, dass es so etwas wie Liebe auf den ersten Blick gibt. Dass man vor einem Menschen steht und von einer Sekunde zur anderen weiß, dass man sein Leben lang genau auf diesen Menschen gewartet hat.

Dreißig Jahre mussten vergehen und nun traf mich diese Erkenntnis im denkbar ungünstigsten Moment: mit einem blutbefleckten Handtuch unter der Nase, in einem unaufgeräumten Hotelzimmer, mit einem nackten Mann vor Augen. Hatte ich erwähnt, dass mein Timing bei den wichtigen Dingen des Lebens zu wünschen übrigließ?!

Doch hier stand ich nun und die Schmetterlinge machten unbekümmert die La-Ola-Welle in meinen Bauch. Das Sonderbarste, das absolut Verblüffendste war jedoch – ihm schien es genauso zu gehen. Auch er konnte den Blick nicht lösen und in seinem Gesicht las ich die gleiche Irritation, die in meinem Kopf wie wild herumhüpfte.

»Meyer! Was machen Sie hier? Und wo steckt die Baschke?«

Die schrille Stimme Frau Schneiders, der Service-Chefin unseres Hauses, zerschnitt unvermittelt den magischen Moment und ließ mich gefühlt tausend Stockwerke in den Abgrund stürzen. Der Aufprall war böse.

»Äh, ich hab nur ... das war ... äh...«, näselte ich mit dem Handtuch unter der Nase und war bemüht, wieder einen klaren Kopf zu bekommen.

»Bitte entschuldigen Sie. Es war alles meine Schuld.«

Mein neuer unbekannter Schwarm sprang mir bei, wie es sich für einen strahlenden Ritter in nicht vorhandener glänzender Rüstung gehörte.

»Ich habe verschlafen und stand unter der Dusche, als Ihre Mitarbeiterin so freundlich war, mein Zimmer aufräumen zu wollen.«

Frau Schneider musterte den Mann skeptisch von oben bis unten. Ich war froh, dass er zumindest das Handtuch um die Hüften geschlungen hatte.

»Wir sind zusammengestoßen, als ich aus dem Bad kam und unglücklicherweise hat sie sich verletzt.«

»Alles halb so schlimm«, näselte ich erneut und wedelte mit dem blutbefleckten Handtuch. »Sehen Sie, es hat schon aufgehört zu bluten. Und es tut auch nicht mehr weh.« Das war zwar gelogen, aber ich lächelte ihn tapfer an. Er lächelte zurück und in seine Augen trat wieder dieser leicht irritierte Ausdruck. Nach zwei Sekunden und einem ungeduldigen Räuspern von Frau Schneider riss er sich zusammen.

»Ich brauch’ nur fünf Minuten, um mich anzuziehen und zu packen. Dann kann ich auschecken.«

»Lassen Sie sich ruhig Zeit. Haben ja dafür bezahlt. Bis um zehn ist das kein Problem. Wollen Sie Frühstück? Gibt es unten an der Snackbar«, leierte meine Chefin im Kommandoton einer Bundeswehrkaserne herunter.

»Kaffee wäre nicht schlecht, vielen Dank.«

Frau Schneider nickte zackig und sah mich prüfend an.

»Können Sie weitermachen, Meyer?«

»Sicher, kein Problem.«

Ich trat wieder hinaus auf den Flur und warf das Handtuch in den Wäschekorb. Noch einmal blickte ich zur Tür, in der mein unbekannter Schwarm stand. Ein Lächeln, dann schloss Schneider die Tür. Sie sah mich mit zusammengekniffenen Augen streng an.

»So, und jetzt verraten Sie mir mal, wo die Kollegin Baschke steckt?«

»Ja ... warten Sie ... auf Toilette ... sie ist gleich wieder da.«

Was eine ziemlich gute Ausrede gewesen wäre, wenn Bine nicht in diesem Moment beschlossen hätte, zerknautscht aus dem Zimmer zu stolpern, in dem sie sich ausgeruht hatte.

»Puh ... Powernapping ist geil. Ich fühl mich schon viel besser ...«

Als wir zwei Stunden später in dem kleinen Aufenthaltsraum standen, in dem die außerplanmäßige Belegschaftsversammlung stattfinden sollte, war Bines Kater verschwunden und hatte Platz für jede Menge Wut gemacht.

 »Eines Tages bring ich die Schneider um, ich schwör’s dir. Langsam und qualvoll.« Unsere Service-Chefin hatte Bine die Arbeitsstunden vom Vormittag kurzerhand gestrichen und sie mündlich ermahnt. Bei drei Abmahnungen musste man gehen und auf Bines Zettel waren jetzt schon zwei. Es wurde langsam eng. Ich hatte keine Gelegenheit mehr gehabt, mich von dem Unbekannten zu verabschieden, dafür hatte Schneider mit ihren Argusaugen gesorgt. Nach dem kleinen Zwischenfall ließ sie uns keine Sekunde mehr unbeobachtet.

Während wir also auf die Ankunft unseres neuen CEOs warteten, der uns von der Londoner Firmenzentrale geschickt worden war und der die insgesamt drei Berliner Hostel Ones auf Vordermann bringen sollte, starrte ich ungeduldig auf die Uhr. Ich wollte unbedingt an der Rezeption einen Blick auf die Zimmerbelegung werfen, um wenigstens den Namen des Mannes in Erfahrung zu bringen, der mir heute Morgen fast die Nase gebrochen hatte. Vielleicht kam er ja regelmäßig nach Berlin und wir würden uns nächste Woche wiedersehen? Ich stöhnte innerlich auf. Was sollten diese Überlegungen?! Der war bestimmt verheiratet. Oder hatte zumindest eine Freundin. Vielleicht warteten auf ihn daheim eine ganze Schar blonder, süßer Kinder mit sagenhaften, grünen Augen. Besser ich vergaß ihn schnellstmöglich. Was auch nicht so besonders schwer war. Tomas erinnerte nämlich just in dem Moment daran, warum wir hier wie auf heißen Kohlen saßen und unsere verdiente Frühstückspause dafür opferten, um auf die Chefetage zu warten.

»Der Neue ist ein Riesenarschloch. Hat mir Edgar erzählt, ihr wisst schon, der der als Rezeptionist in London arbeitet.« Tomas sah missmutig in die Runde.

»Gibt es eigentlich irgendein Hotel auf der Welt, in dem du keine Verwandtschaft hast?«

Carlos war genervt. Tomas’ riesiger Familienclan war allerdings tatsächlich über halb Europa verteilt, um außerhalb ihrer polnischen Heimat Arbeit und ihr Glück zu suchen.

»Der wird ordentlich bei uns aufräumen, darauf könnt ihr wetten«, orakelte Tomas weiter, »ich schau mich jedenfalls schon mal nach was Neuem um.«

Sein Hang zum Pessimismus war hinlänglich bekannt, so ganz falsch lag Tomas jedoch nicht mit seiner düsteren Prognose. Unsere Konzernleitung war alles andere als zufrieden mit den Berliner Umsatzzahlen, die in den vergangenen Jahren zwar kontinuierlich gestiegen waren, aber immer noch hinter den Erwartungen zurückblieben. Was die berechtigte Frage aufwarf, ob so ein Konzern überhaupt jemals den Hals vollbekommen konnte. Nun sollte eine junge, dynamische Führungskraft das Ruder übernehmen. Mit anderen Worten: Uns stand unbezahlte Mehrarbeit, Kürzungen der Pausenzeiten und Reduzierung der Sondervergütung bevor.

»Jetzt wartet doch mal ab. Ist vielleicht alles gar nicht so schlimm. Euer ewiges Gemaule nervt.«

Carlos hatte in seinem Leben schon einige Tiefschläge hinter sich gebracht und konnte nicht wirklich noch ein paar Neue gebrauchen.

»Ich finde, Carlos hat recht. Wir arbeiten uns doch eh schon ins Koma.« Bine sah das ganz pragmatisch. Irgendwann war eben Schluss mit der Optimierung, ob es unseren Chefs nun in den Kram passte oder nicht.

»Wie heißt der eigentlich?« Mir war aufgefallen, dass immer noch kein Name gefallen war.

Bine zuckte die Schultern. »Keine Ahnung. Aber er soll die Tochter irgendeines Oberchefs in London bumsen.«

»Wenn Sie mich schon belauschen, Baschke, dann bitte korrekt.«

Wir drehten uns erschrocken um. Hinter uns stand die Service-Chefin und bekam jedes Wort unserer Unterhaltung mit.

»Er ist mit der Tochter von Sofia Leland verlobt, der Eigentümerin der Hostel One Kette.«

Wir nickten ehrfürchtig und Schneider war sichtlich stolz über ihr Insiderwissen.

»Selina Leland wird ebenfalls eine führende Position bei der Leitung unserer Berliner Hotels übernehmen.«

Zwei Besen kehren besser als einer, dachte ich frustriert. Bevor ich den Gedanken weiter ausführen konnte, öffnete sich die Tür und Selina Leland betrat den Raum.

Warum Frauen, die mit reichlich Geld, Einfluss und Macht ausgestattet waren, ebenfalls das Aussehen eines Supermodels besitzen mussten, war mir ein Rätsel. Selina Leland war vom Schicksal jedenfalls mit allem reich beschenkt worden. Sie war garantiert noch keine dreißig Jahre alt, trug ihr teures Businesskostüm jedoch mit einer Lässigkeit, die jede gestandene Vorstandsvorsitzende neidisch machen konnte. Ihre blonde Mähne sah aus, als hätte ein Londoner Starfriseur ein Vermögen damit gemacht und ihre stahlblauen Augen blickten mit einer Herablassung auf ihre Angestellten, die davon zeugte, dass es in ihrer Familie eines mit Sicherheit seit Generationen gab – viel, viel Geld.

Egal wie optimistisch Bine die Lage beurteilte – uns standen miese Zeiten bevor. Diese Lady war eiskalt. Und knallhart. Und zu allem Überfluss musste sie ihrer Übermutter beweisen, dass sie den Job besser machen konnte, als jede andere vor ihr.

Ich war so auf diese junge, dynamische Frau mit der Ausstrahlung einer Eiswürfelmaschine konzentriert, dass mir ihre Begleitung nicht weiter auffiel. Erst als diese sich nun neben Selina Leland stellte und das Wort ergriff, glaubte ich für einen Moment zu träumen. Ziemlich schlecht zu träumen.

»Guten Tag. Es ist mir eine Freude Sie alle in meiner Funktion als neuer Verantwortlicher für die Umstrukturierung der Hostel One Dependancen in Berlin begrüßen zu dürfen. Mein Name ist Patrick Reimann.«

Richtig. Es war der Patrick Reimann.

Der, der mich vor elf Jahren schwanger sitzen ließ, um eine Karriere zu starten, die eigentlich mir vorbestimmt war.

Der Patrick Reimann, der niemals auch nur den Hauch eines Interesses an seinem Kind gezeigt hatte.

Der Patrick Reimann, dessen arrogante Visage ich niemals wiedersehen wollte. Was nun unmöglich war.

Er war mein neuer Chef.

In den folgenden Minuten musste ich mich sehr darauf konzentrieren, genügend Sauerstoff in mein Hirn zu pumpen, um keinen Blackout zu riskieren. Von der Ansprache bekam ich nicht viel mit. Es war ohnehin nur das übliche Blabla der Management-Ebene, wenn es darum ging, den Profit zu maximieren und die Mitarbeiter auszubeuten. Die Details der Umstrukturierungsmaßnahmen würden uns von unseren jeweiligen Vorgesetzten mitgeteilt werden. Er freute sich auf eine gute Zusammenarbeit und sah zuversichtlich dem Ziel entgegen, die Hostel One Häuser zu den Umsatzstärksten der ganzen Stadt zu machen. Verhaltenes Klatschen setzte ein. Genauso eilig, wie er und seine Verlobte, die kein Wort gesprochen hatte, gekommen waren, verschwanden sie auch wieder.

»Ich muss dir Recht geben, Tomas: was für ein Arschloch.« Carlos schüttelte den Kopf und sein letzter Rest Optimismus löste sich in Nichts auf.

»Allerdings.« Angesichts der herzerwärmenden Worte unserer neuen Geschäftsführung ließ auch Bines Zuversicht merklich nach. Sie musterte mich und legte die Stirn in Falten. Ich war kreidebleich geworden.

»Alles klar bei dir? Du schaust, als hättest du ’nen Zombie gesehen.«

Ich konnte ihr schlecht erklären, dass dies durchaus der Fall war.

»Ich brauch nur mal kurz frische Luft.«

Bevor ich mich hinaus in den Hinterhof retten konnte, um dort meine wirren Gedanken zu sortieren, kreuzte Frau Schneider meinen Weg.

»Der Chef will Sie sprechen.«

»Welcher Chef?«

»Der Chef. Davon haben wir nicht besonders viele. Herr Reimann erwartet Sie im Büro der Hotelleitung. Sofort.«

Einen Augenblick hatte ich gehofft, Patrick wäre nicht aufgefallen, dass ich zu den Untergebenen seines neuen Wirkungskreises gehörte. Was natürlich pure Illusion war. Er hatte sicherlich schon in London die Mitarbeiterlisten genau studiert. Und der Name Nina Meyer hatte ähnlich unschöne Erinnerungen bei ihm ausgelöst, wie sein Auftritt gerade bei mir.

»Gut schaust du aus, Nina.«

 Ich stand in dem Büro der Geschäftsleitung und sah meinem Ex-Freund und dem Vater meiner Tochter dabei zu, wie er ohne die geringste Gemütsregung eine Flasche unseres teuersten Mineralwassers öffnete und sich ein Glas einschenkte.

»Deine Haare sind anders. Kürzer, nicht wahr?!«

»Fürs Styling fehlt ein wenig die Zeit.« Meine kupferfarbenen Locken waren schon vor Jahren der Schere zum Opfer gefallen. »So als berufstätige Mutter

»Magst du auch?«

»Nein, danke. Du wolltest mich sprechen?«

Er lächelte und mir fiel wieder ein, wie ich vor vielen Jahren auf seine unschuldige Fassade hereingefallen war, die darüber hinwegtäuschte, dass sich dahinter ein blutrünstiger Wolf verbarg, der nur darauf wartete, das nichtsahnende Lämmchen mit Haut und Haaren zu verschlingen.

»Du kannst dir ja denken, wie überrascht ich war, dich auf der Mitarbeiterliste zu finden.«

»Nein, wirklich? Überrascht? Na, das ist ja ein Ding. Ging mir übrigens genauso«, konterte ich bissig.

Patricks Lächeln wurde breiter und zeigte eine Reihe strahlend weißer Zähne. »Du hast dich wirklich nicht verändert. Noch immer so witzig wie früher.«

»Du hast dich auch nicht verändert. Deine kleine Motivationsansprache war, wie soll ich sagen – sehr motivierend. Die halbe Belegschaft zittert schon vor Angst.«

»Sehr gut.«

Es schien ihn mächtig zu amüsieren, dass er binnen von Minuten zum meist gehassten Mann des Unternehmens geworden war. Seinen breiten Schultern und dem flachen Bauch nach zu urteilen verbrachte er einen nicht unerheblichen Teil seiner Freizeit im Fitness-Studio. Der teure Designer-Anzug saß perfekt und unterstrich die sportliche Ausstrahlung seines Körpers. Nur die Augen waren härter und sein Gesicht markanter geworden. Er passte perfekt zu seiner Verlobten, die ebenfalls aussah, als wäre sie einem Hochglanz-Magazin entsprungen.

»Patrick, jetzt sag, was du von mir willst. Ich nehme mal nicht an, dass du mir nur mal einen schönen Tag wünschen und in alten Erinnerungen schwelgen wolltest. Ich für meinen Teil versuche, das Meiste davon zu vergessen.«

Sein Lächeln blieb arrogant und zeugte davon, dass er sich nicht von mir beeindrucken ließ.

»Gut, dass du das Thema ansprichst. Die Situation ist mehr als unangenehm für mich.«

»Unangenehm? Für dich?« Ich wollte ein Geht’s eigentlich noch, du Arschloch?! hinterherschicken, behielt es dann doch lieber für mich. Nur die Zornesfalte auf meiner Stirn vertiefte sich.

Im gleichen herablassenden Tonfall, mit dem er gerade seine neuen Mitarbeiter abgekanzelt hatte, fuhr er fort.

»Sieh’s mal so, Nina: Für uns beide wäre es angenehmer, wenn wir uns nicht mehr über den Weg laufen würden.«

Ich hob die Hände. »Okay. Super. Kein Problem. Ich werde in Zukunft einen großen Bogen ums Chefbüro machen. Und ich nehme mal nicht an, dass es dich aus welchen Gründen auch immer in die Niederungen der Putzräume verschlagen wird. Wir können sofort damit anfangen.«

Ich drehte mich auf dem Absatz um und die Türklinke war schon in meiner Hand.

»Ich fürchte, das wird nicht reichen.«

Ich begriff immer noch nicht, was er eigentlich von mir wollte und hielt inne. Er stand selbstsicher mit dem Glas Mineralwasser in der Hand da, nippte bedächtig und ich hätte schwören können, in seinen Augen einen Anflug von Heiterkeit zu erkennen. Meine Begriffsstutzigkeit schien ihm mächtig Spaß zu machen.

»Was soll ich deiner Meinung nach tun? Mich in Luft auflösen oder einen neuen Job suchen?«

»Genau. Einen neuen Job suchen und somit quasi in Luft auflösen. Ich wusste, dass du das einsiehst.«

Ich blickte ihn entgeistert an.

»Ich sehe überhaupt nichts ein! Ich kann es mir nicht leisten, arbeitslos zu werden. Ich brauche den Job.«

In seinem Blick war kein Bedauern, was mich so unbeschreiblich wütend machte, dass ich Mühe hatte, mich nicht auf ihn zu stürzen und seiner Hochglanz-Visage ein paar Schrammen zu verpassen. Langsam trat ich zu ihm und blieb weniger als zwanzig Zentimeter vor seinem Gesicht stehen. Er wich keinen Zentimeter zurück.

»Es ist mir egal, ob es dir unangenehm ist, an unsere Beziehung erinnert zu werden. Und es ist mir auch egal, ob deine versnobte Verlobte von uns weiß oder nicht. Was mir nicht egal ist, ist Mia. Meine Tochter, für die ich sorgen muss.«

Einen Moment bröckelte seine selbstsichere Fassade und ich sah Verunsicherung in seinem Blick. Ich drückte ihm den Zeigefinger auf die Brust und fuhr zornig fort.

»Und weißt du auch, warum das so ist? Es ist so, weil ihr Riesen-Arschloch von Vater – also du – sich einfach so aus dem Staub gemacht hat, uns hängen ließ und sich seit elf Jahren einen Scheiß um seine Tochter kümmert. Also sag du mir nicht, was ich tun soll, kapiert?«

Er war kurz meinem Blick ausgewichen, als ich Mia zur Sprache brachte. Nach einem Moment hatte er sich wieder im Griff.

»Wer sagt, dass dein Kind von mir ist?«

»Was?!«

»Sehen wir das ganz realistisch. Deine Tochter könnte von jedem sein. Nur nicht von mir. Wir haben immer Kondome benutzt.«

Zum zweiten Mal an diesem Tag blieb mir die Luft weg. Patrick wusste ganz genau, dass er der erste Mann war, mit dem ich geschlafen hatte und dass es sonst niemanden gegeben hatte, der mich interessierte.

»Das ist jetzt nicht dein Ernst.« Getroffen wich ich einen Schritt zurück. Er stellte sein Glas so heftig ab, dass ich Angst bekam, es würde zerspringen. Offenbar wühlte ihn die Begegnung mit mir doch auf und ich sah Zorn in seinen Augen aufblitzen.

»Ich meine es todernst, Nina. Du wirst kündigen. Noch heute. Oder ich schwöre dir, dass dich die Security morgen früh mit einer geklauten Brieftasche erwischen wird, die einer unserer Gäste bereits schmerzlich vermisst. Was das bedeutet, müsstest du eigentlich aus eigener Erfahrung wissen, oder?! Willst du das riskieren?«

Ich schluckte. Und ich wusste, dass Patrick keine leeren Drohungen machte. Er kannte alle Tricks, die man anwenden konnte, um unliebsame Mitarbeiter auf die schäbige Tour loszuwerden. Und er sprach ein unangenehmes Kapitel meiner Vergangenheit an, das ich liebend gern vergessen wollte. Scheinbar hatte er sich meine Mitarbeiterakte sehr genau angesehen.

»Hast du das verstanden, Nina?«

Ich nickte und hatte das Gefühl den Boden unter den Füßen zu verlieren. »Ich verstehe.«

Damit drehte ich mich um und verließ ohne ein weiteres Wort den Raum.

Kapitel 3

»Meine Mama hat immer gesagt: Das Leben ist wie eine Schachtel Pralinen. Man weiß nie, was man kriegt.«
Forrest Gump

Ich kapier’s einfach nicht. Nur weil dieser Reimann ein Arschloch ist, musst du doch nicht gleich kündigen!«

»Die Sache ist kompliziert.« Ich stand mit Bine in der kleinen Küche ihrer Wohnung, die ja jetzt auch meine war, und kochte Spaghetti Bolognese. Mias Lieblingsgericht.

»Dann erklär’s mir.«

»Das geht nicht. Irgendwas fehlt da noch ... Salz, vielleicht?!«

Mein Ablenkungsversuch war kläglich, aber ich wollte Bine auf keinen Fall in die ganze Sache mit reinziehen. Ich dachte an ihre beiden Abmahnungen und ahnte, dass die Wahrheit einen Tobsuchtsanfall bei ihr auslösen würde. Bine konnte recht temperamentvoll sein. Und hartnäckig. So leicht ließ sie sich nämlich nicht abschütteln. Seit wir am frühen Abend das Hotel verlassen und ich vorher noch meine Kündigung bei der Geschäftsführung abgegeben hatte, löcherte sie mich mit Fragen.

»Da fehlt nix mehr und du hörst jetzt auf, in dieser albernen Soße rumzurühren.« Kurzerhand nahm sie mir den Löffel aus der Hand. Ich blickte in ein paar wirklich wütende Augen.

»Was! Ist! Passiert!«

Mir dämmerte, dass sie nicht lockerlassen würde, bis sie die ganze Geschichte kannte.

»Mein Ex ist passiert. Mias Vater. Unser neuer Chef. Kann ich jetzt mal bitte das Salz haben ...?«

Bine blieb vor Verblüffung der Mund offenstehen und sie griff automatisch zum Salzstreuer.

»Ach du Scheiße ...«

Ich warf ihr einen mahnenden Blick zu und widmete mich dann wieder konzentriert der Soße. Ablenkung tat gut.

Bine setzte sich an den kleinen Küchentisch.

»Dieser Typ ... ist ... Mias Vater?«

»Falls du dich also nochmal über deinen miesen Männergeschmack beschweren willst – denk an mich. Meiner ist noch mieser.«

Dann erzählte ich ihr, was in dem Chefbüro vorgefallen war. Bines Gesicht nahm vor Empörung die Farbe der Bolognese an, als ich ihr schilderte, wie Patrick bestritt, etwas mit Mia zu tun zu haben. Vorsorglich verschwieg ich seine Drohung. Bine hätte sonst zum Küchenmesser gegriffen. Dem Großen.

»Und was willst du jetzt machen?«

Ich zuckte mit den Schultern. Bereits im Hotel hatte ich ein paar Ex-Kollegen, mit denen ich noch immer locker befreundet war, auf Facebook angeschrieben und nach einem Job gefragt.

»Nächste Woche kann ich im Seehof anfangen. Die suchen ab sofort ein Zimmermädchen.«

»Im Seehof?! Das geht gar nicht! Die bezahlen einen Hungerlohn und der Service-Chef ist ein mieser Grapscher. Da fängst du auf keinen Fall an!«

»Es ist nur für den Übergang. Bis ich etwas Besseres gefunden habe. Ich kann es mir nicht leisten, jetzt auch noch ohne Kohle dazustehen. Schon schlimm genug, dass wir keine Wohnung haben.«

In diesem Moment hörten wir, wie die Wohnungstür aufgeschlossen wurde und Mia gutgelaunt hereinstürmte.

»Hallo-o. Bin wieder da-a.«

Bine und ich tauschten einen Blick – kein Wort zu Mia – und setzten ein gespieltes Lächeln auf.

»Hallo, Schnecke. Wie war’s beim Ziegenhüten?«

Mia kam in die Küche. Ihre wilden, roten Locken waren noch wilder als üblich. Sie hatte den Nachmittag auf dem Kiez-Bauernhof verbracht, der nicht weit entfernt am Mauerpark lag und der den Stadtkindern die Möglichkeit gab, im Großstadtrubel ein wenig Landluft zu schnuppern. Neben Kaninchen, Hühnern und zwei uralten Ponys hatten sie auch drei Ziegen. Für die war Mia verantwortlich. Sie hätte sich zwar liebend gern um die Ponys gekümmert, doch die waren für Kinder reserviert, deren Eltern die Tierarztkosten sponserten.

 »Super. Nächste Woche versuchen wir, Ziegenkäse zu machen. Ich habe übrigens Mega-Hunger.«

Sie küsste mich auf die Wange und drückte auch Bine einen Schmatz auf.

»Hi, Bine. Was gibt’s denn Leckeres?«

Ohne eine Antwort abzuwarten, blickte sie in den Topf.

»Bolognese? Super!«

Dann stutzte sie und blickte uns misstrauisch an.

»Was ist passiert?«

Bine und ich schauten uns harmlos an.

»Nix, was soll denn passiert sein?«

»Ihr guckt so komisch. Und Bolognese gibt’s nur, wenn was schiefläuft.«

»So ein Blödsinn. Bolognese gibt’s, wenn wir Lust auf Bolognese haben. Und ich hab heute Lust darauf. Aber wenn du nicht willst ...«

Bine griff den Ball, den ich ihr zuspielte, auf.

»Kein Problem. Ich hab auch Riesenhunger. Und Ziegenkäse soll ja sehr gesund sein.«

Mia drängte sich zwischen uns vor den Herd.

»Das wird gerecht geteilt. Ich deck auch den Tisch.«

Sie lachte uns glücklich an.

»Meinetwegen können wir hier ewig bleiben. Ich find unsere WG supergeil.«

»Mia – was haben wir über die Benutzung nicht kindgerechter Ausdrücke vereinbart?!«

Sie verdrehte die Augen und murmelte etwas von bin doch kein Kind mehr. Wir alberten noch einen Moment herum, Bine und Mia deckten den Tisch und ich vergaß tatsächlich für ein paar Augenblicke die Probleme, die vor mir lagen.

Stunden später lag ich neben Mia in Bines Schlafzimmer (sie hatte darauf bestanden, dass wir ihr großes Bett bekommen, während sie die Couch im Wohnzimmer belagerte) und die Ereignisse des Tages raubten mir erfolgreich den Schlaf. Es war schwer zu sagen, was mich wütender machte. Dass Patrick sich auch nach über zehn Jahren weigerte, die Verantwortung für Mia zu übernehmen?! Dass er mich zwang meinen Job zu kündigen, um ihm aus dem Weg zu gehen?! Oder, dass er die Unverschämtheit besaß, mir auch noch zu drohen?!

 Von all dem abgesehen, hatte er tatsächlich eine steile Karriere hingelegt, vermutlich ein Vermögen verdient und sah unverschämt gut aus. Was es noch unerträglicher für mich machte, war die Tatsache, dass das alles doch mein Plan vom Glück gewesen war. Wenn ich ihm damals nicht begegnet wäre, dann ... neben mir bewegte sich Mia im Schlaf, seufzte und murmelte etwas Unverständliches. Ich legte den Arm um sie und sofort kuschelte sie sich ein. Als ich ihren regelmäßigen Atem an meiner Wange spürte und in ihrem Haar die Mischung aus blumigem Mädchen-Shampoo und Ziegenduft roch, beruhigte ich mich wieder. Egal, was passiert war. Egal, was ich verpasst hatte oder auch nicht – Patrick würde niemals erfahren, was es bedeutete, eine Tochter wie Mia zu haben. Und plötzlich empfand ich Mitleid mit ihm. Augenblicke später fiel auch ich in einen tiefen Schlaf, in dem es erstaunlicherweise von blonden Männern wimmelte, die nackt durch die Gegend liefen.

Die nächsten zwei Wochen waren eine Katastrophe.

Der Job im Seehof war noch schlimmer, als befürchtet. Frank Petzow, der berüchtigte Service-Chef, vor dem mich Bine gewarnt hatte, entpuppte sich als frustrierter Endfünfziger, dem erst seine Frau und dann seine Freundin abgehauen waren (aus nachvollziehbaren Gründen, wie ich fand) und der seinen wenig ausgelasteten Sexualtrieb nicht immer gut im Griff hatte. Bereits am ersten Tag verpasste ich ihm eine Ohrfeige, als ich seine zupackende Hand an meinem Hintern spürte.

Er fand das komisch.

Zumindest so lange, bis ich ihm drohte, beim nächsten Mal den Wischmopp in sein bestes Teil zu rammen und seinem unerfüllten Liebesleben die nächsten Jahrzehnte endgültig den Garaus zu machen. Ich vergaß nicht hinterherzuschicken, dass auch meine beiden Kolleginnen Samir und Yilma in Zukunft eine No-Go-Area für seine umtriebigen Pfoten sein würden. Die beiden jungen Frauen sprachen kein Wort Deutsch und waren ängstlich darauf bedacht, bloß keinen Ärger zu bekommen. Was Frank natürlich schamlos ausnutzte. Sollte mir zu Ohren kommen, dass er die beiden weiterhin belästigte, würde es sehr schlecht um seine Männlichkeit bestellt sein.

Frank verfluchte den Tag, als seine Chefin mich eingestellt hatte, verhielt sich danach aber ruhig. Er ahnte wohl, dass ich nur so lange bleiben würde, bis sich etwas Besseres ergab. Danach würde er wieder freie Bahn haben.

Das Problem der spektakulär miesen Bezahlung war damit jedoch nicht gelöst. Ich verdiente fast einhundert Euro weniger in der Woche als vorher. Wenn Bine uns nicht Obdach geben würde, hätten Mia und ich in Zukunft wohl auf so überflüssige Dinge wie Essen verzichten müssen. Wie ich unter diesen Umständen überhaupt eine neue Wohnung finden sollte, war mir schleierhaft. Also konzentrierte ich mich darauf, einen neuen, besser bezahlten Job zu finden. Und dann eine neue Wohnung.

Carlos und Tomas waren, wie nicht anders zu erwarten, eine große Hilfe. Nachdem sie ihren Schock über meine Kündigung überwunden hatten und die Hintergründe kannten, schmissen sie ihr Netzwerk an. Sämtliche Freunde, Familienmitglieder und Bekannte wurden rekrutiert, um mir bei der Job- und Wohnungssuche zu helfen.

Tatsächlich hatte ich bald drei Vorstellungstermine und das Glück, dass alle Hotels im Zentrum lagen. Selbst wenn ich nur eine Wohnung am Stadtrand finden würde, käme ich schnell zur Arbeit. Das Problem war, ich konnte frühestens in drei Monate anfangen. Drei Monate, in denen ich die Zähne zusammenbeißen, mich mit Frank und der schlechten Bezahlung rumschlagen musste und verzweifelt auf der Suche nach einer bezahlbaren Wohnung sein würde.

»Ich habe deinen Nackten gesehen.«

»Hm?!«

Bine und ich standen in dem winzigen, vollgestopften Späti, der im Erdgeschoss unserer Fünfziger Jahre Mietskaserne lag, und besorgten noch Milch und eine Flasche Wein, die wir, wie üblich, bei unseren Einkäufen vergessen hatten. Ich versuchte, nicht rot zu werden. Es gelang mir nicht besonders gut, wie ich an Bines breitem Grinsen bemerkte.

»Deinen Nackten aus der Dusche. Jetzt sag nicht, du hast den vergessen?!«

Bines Grinsen wurde unerträglich breit und ich konzentrierte mich auf die spärliche Auswahl an Milchtüten. Es gab Vollmilch und Fettarme und ich tat so, als wäre diese Wahl sehr anspruchsvoll.

Natürlich hatte ich den Nackten aus der Dusche, wie Bine ihn nannte, nicht vergessen. Um ehrlich zu sein, hatte ich Bine in den letzten Wochen dreimal nach ihm gefragt und ihr schließlich unseren kleinen Zusammenstoß geschildert. Bine war begeistert. Zum ersten Mal, seit wir uns kannten, zeigte ich Interesse an einem Mann, was für Bine einer Sensation gleichkam. Sie hatte daraufhin beschlossen, höchstpersönlich für mein Liebesglück zu sorgen.

Seinen Namen hatte sie nicht herausfinden können. Seit Patrick den Laden schmiss, durfte das Reinigungspersonal nicht einmal mehr in die Nähe der Rezeption kommen.

»Woher willst du wissen, dass es mein Nackter ist? Du hast ihn doch gar nicht gesehen.«

Bine grinste noch breiter und zog die Augenbrauen hoch.

»Wenn du mit der Milch fertig bist, könntest du mir beim Wein helfen. Rot oder Weiß?«

 Ich ahnte, dass sie mir das Interessanteste an der Sache noch nicht verraten hatte.

»Weiß. Es wird langsam Sommer.«

Bine musterte gespielt interessiert die ebenfalls überschaubare Auswahl an Flaschen. Und schwieg. Ich hielt es nicht mehr aus.

»Bine, nun sag’ schon. Woher weißt du, dass es mein Nackter ist?«

Bine unterbrach ihre Suche und strahlte mich an.

»Er hat nach dir gefragt.«

Ich war überrascht. Und geschmeichelt. Und irritiert. In der Reihenfolge.

»Warum das denn? Sag jetzt nicht, er wollte sich beschweren? Über mich?«

»Eher im Gegenteil, denke ich mal. Der wusste tatsächlich noch deinen Namen.«

»Was genau hat er denn gesagt?«

»Also, er hat gefragt, ob Frau Meyer, das Zimmermädchen, das sonst immer den Flur betreut, gar nicht mehr hier arbeitet.«

»Er wusste meinen Namen?« Das konnte doch nur bedeuten, dass er mich ähnlich interessant fand, wie ich ihn. Warum merkt man sich sonst den Namen. Oder war ich gerade mal wieder dabei, mir etwas schönzureden?!

»Bist du sicher, dass er sich nicht über mich beschweren wollte? Immerhin bin ich ihm auf die Füße gestiegen.«

»Nina! Manchmal bist du echt schwer von Begriff. Als ich ihm gesagt habe, dass du nicht mehr bei uns arbeitest, hat er so ein Gesicht gezogen.«

Bine machte eine entsprechende Geste und fuhr fort.

»Diesen Gesichtsausdruck kenne ich bei Männern nur, wenn ihre Lieblingsfußballmannschaft gerade in die 2. Liga abgestiegen ist.«

»Er war enttäuscht, dass ich nicht mehr da bin?«

»Ja!«

»Und weiter?«

»Na, nichts weiter. Oder hätte ich ihm deine Handynummer geben sollen?«

»Natürlich nicht.« Wenn ich genau darüber nachdachte, war das allerdings nicht die schlechteste Idee. Ich wollte ihn wiedersehen. Unbedingt.

»Weißt du, wie er heißt?«

»Nein. Noch nicht.« Bine grinste wieder verschwörerisch. »Aber – ich habe morgen die Zimmer mit Frida getauscht. Da kann ich einen Blick auf die Belegungsliste werfen. Wenn du willst, gebe ich ihm auch deine Handynummer.«

Ich sah Bine zögerlich an.

»Ich weiß nicht.«

Bine beschloss, die Sache in die Hand zu nehmen.

»Gar nicht lange darüber nachdenken. Es wird echt Zeit, dass du mal wieder ein Date hast. Ist wie schwimmen, das verlernt man nicht.«

Bine schnappte sich eine zweite Flasche Wein und wedelte damit zufrieden vor meiner Nase.

»Die Details besprechen wir, wenn Mia in der Kiste ist. Keine Widerrede!«

Ich lachte. Wenn Bine in Fahrt kam, konnte man sie schwer aufhalten.

An der Kasse stand Oma Hiller, die vermutlich schon den Kiosk betrieb, als die Mauer noch stand.

»Na, Mädels, dit wird ’n langer Abend, wa?!«

»Aber sicher, Oma Hiller. Die Kleene hier muss sich mal wieder in den Sattel schwingen.«

Ich zückte meine Geldbörse.

»Ich zahl. Es reicht, wenn du mich betrunken machen und verkuppeln willst.«

Als ich meinen letzten Zehn-Euro-Schein aus der Börse zog, (es gab erst morgen wieder Geld) fiel auch der Lottoschein, den meine Freunde mir vor Wochen geschenkt hatten, aus dem Portemonnaie. Bei der ganzen Aufregung nach meinem Geburtstag hatte ich ihn glatt vergessen. Bine hob ihn auf.

»Das ist doch unser Schein. Hast du eigentlich was gewonnen?«

Ich schüttelte den Kopf. »Keine Ahnung. Hab noch gar nicht nachgeschaut. Total vergessen.«

»Dit ham wa jleich.« Oma Hiller nahm den Schein und scannte ihn in ihre Kasse. »Dit is nicht das erste Mal, dat die Leute dat verjessen. Vielleicht haste ja Jlück jehabt.«

Ich hatte mir nie besonders viele Gedanken übers Glück gemacht. Als alleinerziehende Mutter mit miesen Jobs und schlechter Bezahlung sorgte ich lieber selbst dafür, dass Mia und ich über die Runden kamen. Irgendwie. Auf etwas so Unzuverlässiges wie Glück zu vertrauen, wäre mir niemals in den Sinn gekommen. Jetzt hämmerte dieses Glück an meine Tür und stürmte wie ein Tsunami in mein Leben. Und wie bei Tsunamis so üblich, sollte ein ziemliches Chaos zurückbleiben. Mit Oma Hiller fing es an.

Die alte Dame starrte das Display ihrer Kasse an und wurde kreidebleich. Sie griff sich an den Hals.

»Oh, mein Jott ... oh, mein Jott...« Viel mehr konnte sie nicht sagen.

»Alles Okay, Oma Hiller?!«

Wir blickten besorgt zu ihr. Sie sah uns mit großen Augen an und streckte mir zitternd die Hand mit dem Lottoschein entgegen.

»Die Zahlen ... der Jackpot ... oh, mein Jott ...«

Ich nahm ihr den harmlos aussehenden Schein ab.

»... jewonnen ...«, war das Letzte, was sie noch flüstern konnte, bevor sie ohnmächtig hinter ihrer kleinen Theke zusammenbrach.

Kapitel 4

»Hat dir schon mal jemand den Tipp gegeben, dass das Leben nicht immer so läuft, wie man sich das vorher ausmalt?!«
Traumfrauen

Kann ich Ihnen etwas zu trinken anbieten? Ein Wasser vielleicht? Tee? Kaffee?«

Die freundliche Sekretärin im Büro der Hauptgeschäftsstelle der Berliner Lottozentrale sah mich mitfühlend an und schenkte mir ihr wärmstes Lächeln. Ihr Name war Frau Schiller, wie ich kurz zuvor erfahren hatte. Ich blickte stumm auf, schüttelte vage den Kopf und konnte keinen klaren Gedanken fassen. Ein Zustand, der mittlerweile seit zwei Stunden anhielt. Und es war keine Besserung in Sicht.

Bine saß mit angezogenen Knien neben mir auf der äußersten Kante des Ecksofas, wippte rhythmisch mit ihrem Knie auf und ab und hielt dabei krampfhaft ihre Handtasche auf dem Schoß umklammert. In ihr ging es ähnlich chaotisch zu. Nur Mia, die zwischen uns saß, war tiefenentspannt.

»Kann ich eine Cola haben?« Ganz pragmatisch hatte meine Tochter beschlossen, die außergewöhnliche Situation zu ihrem Vorteil zu nutzen. Ich erlaubte ihr sonst nie Cola zu trinken.

»Klar, wir haben auch Cola.« Die Sekretärin blinzelte Mia verschwörerisch zu.

Mit den groß aufgerissenen Augen, die Kühen zu eigen sind, die gerade vom Donner gerührt werden, sah Bine die nette Dame an. »Haben Sie auch was Stärkeres?«

»So was richtig Starkes leider nicht. Aber wir haben noch Prosecco im Kühlschrank, wenn Sie möchten.«

Bine atmete tief durch. »Am besten, Sie bringen gleich die ganze Flasche.«

Die kugelrunde Frau mit der freundlichen Ausstrahlung einer Babyrobbe nickte verständnisvoll und verließ das Büro.

Wir befanden uns im obersten Stockwerk eines modernen Bürogebäudes, das im quirligen Zentrum Berlins lag. Aus den bodentiefen Fenstern konnte man über das Regierungsviertel bis hin zur Spree blicken. Der Raum war funktional aber freundlich eingerichtet. Und an den Wänden hingen die Originale bekannter Berliner Künstler (wie ein kleines Schild unter den Bildern den Betrachter informierte). Am anderen Ende des Raums stand ein sehr aufgeräumter Schreibtisch, dessen Besitzer sich nun zu uns in die Besucherecke setzte. Auch er lächelte mitfühlend.

»Ich kann verstehen, dass Sie jetzt erstmal was zu trinken brauchen. So etwas erlebt man schließlich nicht alle Tage. Ich arbeite seit über dreißig Jahren hier und auch mir ist das noch nie passiert. Herzlichen Glückwunsch, Frau Meyer.«

»Danke, Herr Häger ...«, hauchte ich fassungslos. Und versuchte, mich daran zu erinnern, was in den letzten Stunden alles über mich hereingebrochen war.

Wir hatten den Notarzt gerufen, als Oma Hiller unvermittelt hinter ihrer Theke zusammenbrach. Für Berliner Verhältnisse kam er rekordverdächtig schnell und brauchte keine zehn Minuten. Die reichten allerdings aus, um mein Leben in ein unüberschaubares Chaos zu verwandeln.

Der Rettungswagen war noch nicht in Hörweite, da kam Oma Hiller langsam wieder zu sich und wir machten es ihr notdürftig mit meiner Jeansjacke unter dem Kopf auf dem Boden bequem. Sie hielt meine Hand und sah mich mit Tränen in den Augen aufgewühlt an. Immer wieder schüttelte sie ungläubig den Kopf.

»Kindchen ... Kindchen ... dit ick dit noch erleben darf ...«

»Alles gut, Oma Hiller, der Arzt ist gleich da.«

»Kindchen, du musst da jleich anrufen ... mein Jott ... dit ick dit noch erleben darf ...«

Bine und ich tauschten einen Blick – anrufen? Wo denn? Bine tätschelte ihr beruhigend die Hand.

»Der Notarzt kommt gleich. Der ist gleich da, versprochen.«

Oma Hiller schloss die Augen und schüttelte den Kopf.

»Nicht den Arzt, ihr Dummerchen – die Lottojesellschaft ... mein Jott, all dit viele Jeld, all dit viele Jeld ...«

Langsam begriff ich, dass ihr momentaner Zustand mit meinem Lottoschein zu tun haben musste. Und dass es sich dabei um was Großes handeln würde, war mir ebenfalls klar.

In der Zwischenzeit waren weitere Kunden in den Laden gekommen und betrachteten mit der berlintypischen Mischung aus Neugier und Abgeklärtheit das Geschehen.

»Wat is’n hier los?«, wollte ein älterer Herr wissen, der seine weißen Haare zu einem aus der Mode gekommenen Pferdeschwanz gebunden hatte. Ich hatte ihn schon öfter vor dem Haus getroffen, da er seine kleine Mischlingshündin regelmäßig alle zwei Stunden durch den Kiez schleppte. Ich war mir sicher, dass es ihm dabei weniger um genügend Auslauf für das kleine, altersschwache Tier ging. Eher war er in der Nachbarschaft auf der Suche nach neuem Klatsch. Nun war er fündig geworden.

»Wat habt ihr mit Oma Hiller jemacht?«

»Nichts.« Ich sah ihn empört an, doch die alte Dame hob schon beruhigend die Hand.

»Allet jut. Mir jeht’s schon wieder. Aber sie hier, sie hat den Jackpot jeknackt, Richy, stell dir dit mal vor ...«, hauchte sie und blickte den Mann aus großen Augen an.

»Echte jetzte?!«

Besagter Richy blickte beeindruckt zu Bine. Bine deutete auf mich.

»Sie ist gemeint, nicht ich.«

Richy bekam ebenfalls große Augen. »Sie haben den Jackpot jeknackt?! Ick glob, ick spinne.«

Richy drehte sich zu den anderen Kunden, die geduldig auf Informationen warteten.

»Dit is die Jückliche, die die Millionen jewonnen hat, stellt euch dit mal vor. ’ne alleinerziehende Mutti mit so ’ner frechen Göre. Wenn dit mal keen Jlück is ...«

Ein aufgeregtes Raunen ging durch die Menschentraube, die am Eingang dichtgedrängt stand, und alle Augen richteten sich auf mich.

»Na, danke auch, Bine. Vielen, vielen Dank«, flüsterte ich und stieß ihr meinen Ellbogen in die Seite.

»Aua ...«, protestierte sie ebenfalls leise.

Im nächsten Moment traf die Ambulanz ein und die Aufmerksamkeit galt zum Glück wieder Oma Hiller und ihren gesundheitlichen Problemen.

Als der Rettungswagen eine Viertelstunde später mit ihr in Richtung Elisabeth-Krankenhaus abgefahren war (nur zur Beobachtung, der Notarzt schloss einen Infarkt aus, vermutlich war die alte Lady nur vor Aufregung kollabiert) versuchten Bine und ich, den Kiosk zu schließen, so wie Ömchen es uns aufgetragen hatte. Selbst für Berliner Verhältnisse mussten wir sehr energisch werden, um die verbliebenen Schaulustigen wieder auf den Bürgersteig nach draußen zu drängen.

»Nun geht schon. Hier gibt’s echt nix mehr zu glotzen.« Die Leute schienen das offensichtlich anders zu sehen. Immerhin besaßen Lottomillionäre einen gewissen Promistatus, wie ich feststellen konnte.

»Stimmt dit, du hast die Millionen jewonnen?«

»Ey, zeich mal dit Los, dat will ick och mal sehen.«

Die Leute streckten ihre Hälse, zückten ihre Smartphones und bestanden auf ein Selfie mit mir. Was noch die harmloseste Forderung war.

»Ey, Süße, heirate mir! Ick bin ne echt jute Partie!« Der Antrag eines Punks, dessen Alter man unter all seinen Piercings und Tattoos nur schwer schätzen konnte, und der es durchaus ernst meinte, brachte mich endgültig aus der Fassung.

»Mensch, jetzt lasst uns in Ruhe! Los, geht nach Hause oder sonst wohin! Verschwindet!«

Endlich gelang es uns, die Tür zu schließen und den Laden zu verrammeln. Wir lehnten uns angestrengt atmend gegen die Tür, gegen die heftig gehämmert wurde.

»Was machen wir jetzt?«

Ich blickte Bine ratlos an. Die überlegte den Bruchteil einer Sekunde, dann schnappte sie mir das Lottolos aus der Hand, das ich die ganze Zeit krampfhaft festgehalten hatte und auf dem die Anschrift und die Telefonnummer der Berliner Lottogesellschaft standen.

»Wir rufen da jetzt an. Wenn jemand weiß, was jetzt zu machen ist, na dann ja wohl die.«

»Normalerweise raten wir unseren Gewinnern, ihre Identität nicht preiszugeben. Aber, wie gesagt ...«

Herr Häger schüttelte fassungslos den Kopf.

»So etwas Verrücktes ist einfach noch nie vorgekommen.«

Er hatte es sich uns gegenüber in einem Sessel bequem gemacht und sah mich mit Bedauern an.

Als ich vor knapp zwei Stunden zum ersten Mal am Telefon mit ihm sprach, war er ganz ruhig geblieben, hatte uns geraten nicht mehr vor die Tür zu gehen, und mit niemandem mehr zu reden. Er wollte uns einen Fahrer schicken, der uns direkt zur Lottozentrale bringen sollte.

 Mia, die wir mitsamt Limousine vor der Schule abgeholt und kurzerhand mitgenommen hatten, blickte erwartungsvoll zu Häger.

»Wir haben echt gewonnen? So richtig alles gewonnen?«

Häger lächelte und nickte bedächtig. Der Mann ließ sich wirklich nicht aus der Ruhe bringen.

»Ja, das kann man so sagen.«

»Wie viel ist es denn?«

»Mia!«, warf ich ermahnend ein, dabei wurde mir bewusst, dass ich ebenfalls keine Ahnung hatte, wie hoch der Gewinn sein würde. Den Reaktionen meines Umfelds nach zu urteilen, musste es eine nicht ganz unwesentliche Summe sein – wenn ich da so an den Heiratsantrag des Punks dachte.

»Was denn, Mama?! Wir haben doch gewonnen.«

»Ja, du hast ja recht.«

Ich warf Häger einen entschuldigenden Blick zu.

»Ich weiß, dass der Jackpot ziemlich hoch war. Aber bestimmt haben doch noch mehr Leute gewonnen, oder?! Ich meine, das ganze Land hat doch Lotto gespielt!«

Häger schüttelte erneut den Kopf und blickte einen Moment auf seine Hände, um sich zu sammeln.

»Nun ... bei den letzten zwölf Ziehungen blieb der Jackpot unangetastet, wie Sie wissen. Es ist also einiges zusammengekommen.

»Na, Sie machen’s aber spannend.«

Bine wollte nun auch wissen, wie hoch unser Gewinn sein würde.

Häger räusperte sich. In seinem Blick lag ein warmherziges Lächeln.

»Bei der Ziehung hat nur ein Spielteilnehmer die richtigen Zahlen plus Superzahl getippt. Es gibt demnach nur einen Gewinner – und das sind Sie, Frau Meyer. Sie sind um etwas mehr als 90 Millionen Euro reicher.«

»Wow!« Mia blieb vor Schreck der Mund offen stehen.

»Das is’n Ding! Die ganzen 90 Millionen?« Bine tat es Mia nach.

Ich starrte Häger nur an. Und vergaß erneut zu atmen.

»Sie sind Millionärin. Multi-Millionärin.«

Nach einer Schrecksekunde sprang Bine auf, hüpfte kreischend auf der Stelle und hielt sich die Hand vor den Mund, um ihre Freudenschreie ein wenig zu dämmen.

Mia machte es ihr nach und fiel abwechselnd mir, Bine und Häger um den Hals, der es mit stoischer Gelassenheit und recht amüsiert, wie mir schien, über sich ergehen ließ.

Und ich?!

Ich saß stumm auf dem Sofa, starrte blind vor mich hin und versuchte mich daran zu erinnern, wie das mit dem Atmen ging.

»Der Prosecco ist da!«

Fröhlich betrat die Sekretärin mit einem Tablett den Raum und kam zu uns.

»Und natürlich auch die Cola.«

Bine fiel auch ihr um den Hals, nachdem diese das Tablett abgestellt hatte.

»Neunzig Millionen! Neunzig Millionen! Haben Sie das gewusst? Neunzig Millionen! Ich fass es nicht!«

Frau Schiller reichte lächelnd das bereits gefüllte Sektglas.

»Ja, ich habe es gewusst, meine Liebe. Wenn das kein Grund zum Feiern ist.«

Das Glas, das sie mir reichte, nahm ich automatisch. Noch immer bekam ich kein Wort heraus. Mia legt ihre Arme um meinen Hals und strahlte mich an.

»Mama! Jetzt sag doch auch mal was! Wir sind reich!«

In einem Zug schüttete ich den Prosecco in mich hinein. Danach ging es mir besser.

»Könnte ich wohl noch ein Glas haben? Bitte?«

Sofort wurde es aufgefüllt. Bine knutschte mich nun ebenfalls ab.

»Du hast es geschafft, Süße, du hast es geschafft!«

Auch das zweite Glas Prosecco leerte ich in einem Zug. Endlich war ich in der Lage einen klaren Gedanken und vor allen Dingen die passenden Worte zu finden. Ich war noch skeptisch.

»Sind Sie sicher, Herr Häger? Neunzig Millionen?«

Häger nickt. »Absolut sicher, Frau Meyer. Neunzig Millionen Euro.«

Ich schüttelte den Kopf.

»Das ist .... das ist ... also das ist wirklich ... viel.«

»Kann man so sagen.«

»Was mach ich denn jetzt damit?«

»Was Sie wollen. Das Geld gehört ihnen.«

Ich blickte hilflos zu Bine.

»Mensch, Nina, freu dich. Wenn’s eine verdient hat, dann du und die Kleene. Ihr müsst euch nie mehr Sorgen machen, nie, nie mehr!«

Sie fiel mir erneut um den Hals und drückte mich, dass ich keine Luft mehr bekam und dabei rannen die Freudentränen wie Wasserfälle über ihre Wangen.

Auch die liebenswerte Frau Schiller, die die Szene mit diskretem Abstand beobachtete, tauschte einen gerührten Blick mit ihrem Chef. So wie es schien, hatte sein Stoßgebet Gehör gefunden.

Wir setzten uns wieder, einigermaßen beruhigt. Glücklich reichte ich den beiden die Prosecco-Gläser.

»Bitte, stoßen Sie doch mit uns an.«

»Natürlich, gerne.«

Häger räusperte sich förmlich.

»Auf die glückliche Gewinnerin, und dass, wie Sie soeben trefflich feststellten«, er blickte erst Bine und dann mich freundlich an, »ihr von nun an alle Sorgen fernbleiben mögen.«

Die Gläser klirrten, wir kicherten und der Alkohol beruhigte unsere aufgewühlten Nerven langsam.

Bine war die Erste, der die ganz praktischen Dinge durch den Kopf gingen.

»Jetzt mal im Ernst, Herr Häger. Was passiert denn nu? Nina, also Frau Meyer, wird ja wohl nicht mit dem Koffer voll Geld hier Rauspazieren?« Sie sah Häger mit großen Augen an. »Oder etwa doch?«

Häger lachte, wie jemand, dem solche Fragen nicht unbekannt waren. »Wenn Sie wollen, auch das. Aber ich würde es nicht empfehlen.«

»Bekomme ich einen Scheck oder etwas in der Art?«

»Üblicherweise überweisen wir das Geld auf das Konto der Gewinner. Wir bräuchten dann nur Ihre Kontodaten. Sie haben doch bestimmt ein Giro-Konto?«

Ich nickte. »Aber, so viel Geld ... das kann doch bestimmt nicht dableiben. Was macht man denn damit?«

»Auch da haben wir unsere Erfahrungen. Wir stellen unseren Gewinnern einen unabhängigen Berater zur Verfügung, der sie gewissenhaft in allen juristischen, finanziellen und auch psychologischen Fragen betreuen kann. Wenn Sie es wünschen, begleitet er Sie auch gerne zu Ihrer Bank und steht Ihnen mit Rat und Tat zur Seite.«

»Okay.« Ich nickte erleichtert.

Dann sah ich irritiert, wie Herr Häger und seine Sekretärin einen bedeutungsschweren Blick tauschten. Das versprach wiederum nichts Gutes.

»Nicht okay?« hakte ich nach. Häger räusperte sich kurz.

»Wenn Sie mir erlauben, würde ich in Ihrem besonderen Fall eine etwas andere Vorgehensweise vorschlagen.«

»Wie meinen Sie das jetzt? In meinem Fall?«

»Wie ich bereits erwähnt hatte, ist es übliche Praxis unseres Hauses, dass wir den Gewinnern absolute Diskretion versprechen. Es sei denn, sie wollen mit ihrem Millionengewinn an die Öffentlichkeit treten. In Ihrem Fall, Frau Meyer, liegen die Dinge leider etwas anders.«

Bine realisierte als Erste, in welchem Dilemma ich steckte.

»Oma Hiller und der Späti!«

Häger nickte.

»Einige Reporter der Lokalpresse haben die Meldung über den Millionen-Gewinn bereits aufgegriffen. Das Berliner Abendblatt hat sowohl Ihren Namen als auch ein Foto von Ihnen auf ihrer Online-Ausgabe veröffentlicht.«

Häger drehte das Tablet, das vor ihm auf dem Tisch lag, zu uns und hatte bereits die Nachrichtenseite aufgerufen. Ich sah mich in dem Späti stehen und aufgebracht die Leute zurückdrängen. Ich war mir nicht sicher, vermutete aber, dass Richy mit einem Handy das Foto geschossen und es ans Boulevardblatt verkauft hatte. Schließlich kannte er uns gut. Die Überschrift überraschte mich daher nicht.

CINDERELLA IN BERLIN – VOM ZIMMERMÄDCHEN ZUR MILLIONÄRIN

Alleinerziehende Mutter knackt Jackpot.

Für Nina M. wird ein Traum wahr.

 Ich überflog den Text.

»Die wissen sogar, wo ich arbeite.«

Häger blickte ernst in die Runde.

»Das kann zu einem Problem werden. So viel Geld lockt leider eine Menge Leute an, mit denen Sie nicht wirklich etwas zu tun haben wollen.«

»Und was soll sie jetzt machen. Sich verstecken?«

Bine legte tröstend den Arm um mich.

»Das wäre eine Möglichkeit.«

Sein Lächeln verriet, dass er bereits einen Plan hatte.

»Lassen Sie mich raten – Sie haben da bereits eine Idee?«

»Falls Sie einverstanden sind, Frau Meyer, habe ich tatsächlich eine Idee, wie Sie die nächsten Tage oder Wochen unbehelligt und ganz in Ruhe über ihre Zukunft und die Zukunft ihrer Tochter nachdenken können.«

Ich blickte zu Bine und Mia. »Egal, was jetzt als Nächstes kommt, ohne euch gehe ich nirgendwohin.«

»Ihrer Freundin wird vermutlich nichts anderes übrigbleiben, als Sie zu begleiten. Frau Schiller hier war so freundlich für uns in Erfahrung zu bringen, dass bereits ein Dutzend Reporter und diverse Fernsehsender bei Frau Baschke vor der Wohnung stehen und darauf warten, mehr Informationen über Berlins Cinderella zu bekommen.«

Ich blickte entsetzt zu Bine.

»Oh, Bine, das ... ich will dich da nicht mit reinziehen.«

»Schon passiert – jetzt ist meine beste Freundin ’n Promi. Hätte ich auch nicht gedacht, heute Morgen beim Zähneputzen.«

Es tat gut zu sehen, dass Bine niemals ihren Optimismus verlieren würde.

Hägers Handy meldete sich und er entschuldige sich kurz, um den Anruf entgegen zu nehmen. Wir hörten ihn knapp ein paar Anweisungen geben, dann legte er auf und kam zu uns zurück.

»Wie gesagt, Frau Meyer, Sie können jederzeit Einspruch einlegen. Aber Herr von Jacoby, der als Berater darauf spezialisiert ist, sich um unsere Millionengewinner zu kümmern, ist gerade angekommen. Wenn Sie nichts dagegen haben, würde ich Ihnen den Herrn gerne vorstellen und Sie gewissenhaft in seine Obhut übergeben. Herr von Jacoby weiß hervorragend mit solchen Situationen umzugehen und ist ein äußerst zuverlässiger und diskreter Mann.«

Ich nickte erleichtert.

»Über ein bisschen Unterstützung würde ich mich nicht beklagen.«

»Herr von Jacoby?! Hört sich verschnarcht an, oder?!«

Bine verdrehte leicht die Augen und ich stieß sie in die Seite.

In diesem Moment klopfte es und Häger stand auf um den Herrn, der uns in den nächsten Tagen das Leben leichter machen sollte, zu begrüßen.

»Nur herein, Jonas, kommen Sie.«

Häger versperrte mir die Sicht auf den hochgewachsenen Anzugträger, der zügig den Raum betrat, doch Bines Augen wurden riesengroß.

»Was ist denn jetzt schon wieder?«, fragte ich leise.

Bevor Bine antworten konnte, kam Herr Häger mit seiner Begleitung näher.

Und als wäre der heutige Tag nicht schon verrückt genug gewesen, stand jener nackte Herr vor mir, der mich in den letzten Wochen in meinen Tagträumen verfolgt hatte, und sah mich ähnlich überrascht an, wie ich ihn.

Kapitel 5

»Ich gerate immer in komplizierte Beziehungen ohne Zukunft.«
Pretty Woman

Wow! Wie geil ist das denn?!«

Ich habe immer die herzerfrischende Art bewundert, mit der meine Tochter ihrer Begeisterung Ausdruck verleihen konnte. Wenn ich ehrlich war, lag mir ein ähnlicher Spruch auf den Lippen, als wir die unverschämt riesige Hotel-Suite betraten, die sonst Prominenten oder anderen zahlungskräftigen Gästen vorbehalten war.

»Freut mich, dass es dir gefällt.«

Jonas von Jacoby grinste amüsiert über Mias kindliche Begeisterung.

Noch in der Lottozentrale wollte er uns eine Suite im Mirage buchen, was ich gerade noch verhindern konnte. Meinen früheren Kollegen als frischgebackene Multimillionärin über den Weg zu laufen, entsprach nicht ganz meinen Plänen. Wir hatten uns für den Potsdamer Hof entschieden, ein weiteres Luxushotel, das für seine besondere Diskretion im Umgang mit prominenten Gästen bekannt war. An eine Rückkehr in unsere Wohnung war angesichts der Paparazzi, die nun vor unserer Haustür in Massen kampierten, nicht mehr zu denken. Bine, sonst nie um einen Spruch verlegen, verstummte beeindruckt als wir über den Hintereingang des Hotels wie Hollywoodstars den Tempel des Luxus betraten und vom Chef des Hauses persönlich begrüßt wurden. Die Suite kostete ein Vermögen, das ich – den Lottogöttern sei Dank – jetzt hatte. Kurioserweise wurde uns die Suite zu Sonderkonditionen überlassen. Ein Umstand, der in den kommenden Tagen regelmäßig passieren würde und mir fiel auf, dass, wenn man erstmal Geld hatte, einem die Leute immer mehr davon hinterherwarfen. Man musste noch nicht einmal fragen. Die einzige Bedingung bestand darin, dass ich bei einer passenden Gelegenheit erwähnen sollte, wie gut es sich hier leben ließ. Was durchaus den Tatsachen entsprach, wie Mia soeben festgestellt hatte.

»Das Bad ist der Hammer.« Bine, die eine Inspektion der Räume durchführte, kam aus dem Staunen nicht mehr raus.

»Und guckt dir mal den Ausblick an ...« Sie öffnete die schwere Schiebetür, die hinaus auf eine mit edlem Holz ausgelegte Terrasse führte. Stylische Loungemöbel mit strahlend weißen Sitzbezügen luden zum Verweilen ein. Von hier aus hatte man einen phantastischen Blick über Berlins Mitte und die Museumsinsel bis hin zum Fernsehturm.

»Wenn Sie etwas brauchen, dann lassen Sie es mich bitte wissen. Sämtliche Nummern unseres Servicepersonals finden Sie in den Unterlagen auf dem Tisch.«

Der Chef des Hauses reichte mir seine Visitenkarte.

»Und falls Sie besondere Wünsche haben, dann rufen Sie mich bitte persönlich an.« Ich blickte auf die Karte, die schlicht und elegant aussah und mit dem Logo des Hotels versehen war. Nils van Houten General Manager, las ich.

»Vielen Dank, Herr van Houten. Aber ich glaube, wir haben hier alles, was wir brauchen.«

Ich lächelte ihn dankbar an.

»Sie sind mit Ihrer Tochter und Ihrer ...«, er lächelte Bine freundlich zu, »... Schwester als Familie Müller angemeldet. Das ist ein Pseudonym, das wir verwenden, wenn wir prominenten Besuch im Haus haben, der nicht gestört oder erkannt werden will. Die Kollegen wissen dann Bescheid.«

Ich nickte. Die Praxis Hotelgäste mit Allerweltsnamen zu versehen, um sie unbehelligt umsorgen zu können, war mir noch aus meiner Ausbildung im Mirage vertraut. Für die Rund-um-die-Uhr-Betreuung der Schönen und Reichen waren zwar nur die erfahrensten und verschwiegensten Mitarbeiter zuständig gewesen, aber ab und zu konnten auch wir Auszubildende einen Blick auf unsere besonderen Gäste werfen. Nun war ich eine von den Promis. Wer hätte das jemals gedacht?!

Herr van Houten verabschiedete sich diskret.

»Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Aufenthalt in unserem Haus.«

Wir waren allein. Fast allein. Neben mir stand Jonas und beobachtete lächelnd, wie Mia und Bine all die kleinen Besonderheiten und Luxusgegenstände der Suite in Augenschein nahmen. So ziemlich auf jedem Tisch und jeder Anrichte standen frische Blumensträuße, die Obstschalen waren mit exotischen Früchten gefüllt und auf den Beistelltischen standen Flaschen mit teurem Mineralwasser und Karaffen mit frisch gepressten Säften. Es fehlte an nichts. Ich räusperte mich.

»Vielen Dank, Herr von Jacoby ...«

»Für Sie Jonas. Das andere klingt schrecklich förmlich«

»Gern ... Jonas. Ich bin Nina.«

Ich reichte ihm die Hand, als würden wir uns gerade erst begrüßen. Sein Lächeln wurde breiter und er nahm sie nach kurzem Zögern.

»Nina ...«

In Hägers Büro hatte er sich nach einer Schrecksekunde im Griff gehabt und mit keiner Wimper gezuckt, sodass ich schon befürchtete, er hätte mich nicht wiedererkannt.

Als wir für einen Moment ungestört waren und in der Lobby der Lottozentrale auf die Limousine warteten, die uns zum Hotel bringen würde, hatte er mich angelächelt und gestanden: »Dass wir uns unter diesen Umständen wiedersehen, hätte ich nicht gedacht. Überraschend. Angenehm überraschend.«

Mein Herz machte vor Freude einen Sprung. Er hatte mich also doch wiedererkannt.

»Ich freue mich auch, Sie wiederzusehen. Und ganz im Ernst – etwas Unterstützung kann ich jetzt wirklich gut gebrauchen. Ich weiß nämlich nicht, wo mir der Kopf steht.«

»Lassen Sie sich bloß nicht einschüchtern. Ist ja nur Geld.«

»Ja, aber eine Menge Geld!«

Wir lachten wie zwei verliebte Teenager und sahen uns mit einer Spur von Verlegenheit in die Augen. Und da war er wieder. Dieser magische Moment, der mir Schmetterlinge in den Bauch gezaubert hatte und der mich nun vergessen ließ, in was für ein unvorstellbares Abenteuer ich geraten war.

»Der Fahrer ist da.« Wir blickten uns um zu Herrn Häger, der geschäftig auf uns zukam.

»Wenn Sie möchten, kann Herr Jacoby Sie ins Hotel begleiten. Das ist doch für Sie kein Problem, Jonas, oder?!«

»Natürlich nicht. Sehr gerne sogar.«

Er hatte wieder sein freundliches, unverbindliches Lächeln aufgesetzt und wir gingen zur Limousine, die auf uns wartete.

Nun standen wir hier im Hotelzimmer und wir wussten beide nicht, was wir noch sagen sollten. Ich riss mich zusammen.

 »Ja ... Jonas ... ähm, danke, dass Sie uns bei dem Hotel geholfen haben.«

»War mir ein Vergnügen. Dafür bin ich schließlich da.«

Wir sahen uns unschlüssig an.

»Es ist spät. Und Sie wollen sicherlich noch etwas essen und ein bisschen zur Ruhe kommen. Wenn es okay für Sie ist, bin ich morgen früh um neun wieder da. Und dann können wir alles Weitere besprechen und planen.«

»Ja, prima.«

Ich war etwas enttäuscht und blickte demonstrativ auf meine billige Armbanduhr, die nicht so ganz in das edle Interieur der Suite passen wollte.

»Ui ... so spät?!« Es war gerade mal halb neun. »Wer von euch hat noch Hunger?« Ich wandte mich um zu Bine und Mia, die ihre Inspektion beendet hatten.

»Die Speisekarten liegen dort auf dem Tisch. Sie können einfach die Rezeption anrufen und sich alles, was Sie sich wünschen, aufs Zimmer bringen lassen.«

Er nickte mir erneut zu.

»Dann bis morgen.«

»Ja, bis morgen, Jonas.«

»Nina.«

Er nickte Mia und Bine zu.

»Machen Sie sich einen entspannten Abend. Bis dann.«

Ich begleitete ihn zur Tür, während Mia und Bine sich auf die Speisekarten stürzten.

»Super. Die haben Pommes mit Hamburger«, hörte ich Mia begeistert rufen. Ich blickte auf zu Jonas.

»Danke nochmals für alles.«

»Hab ich gern gemacht ... und schlafen Sie gut.«

»Bis morgen und ... ich freu mich auch.«

Er lächelte. Und ging. Ich blickte ihm noch einen Moment hinterher, wie er zum Aufzug schritt und dabei auf seinem Smartphone die Nachrichten checkte. Er drehte sich nicht noch einmal um.

Etwas enttäuscht schloss ich die Tür und lehnte mich dagegen. Ich war froh, ihn wiedergefunden zu haben. Doch die Umstände schienen nun noch komplizierter zu sein, als sie es bei unserer letzten Begegnung schon waren.

»Mama! Darf ich Tiramisu bestellen? Bitte, bitte, bitte!«

Mia kam aufgeregt mit der Karte zu mir und riss mich aus meinen Gedanken.

»Heute darfst du alles bestellen, Schnecke.«

Sie kreischte vor Freude auf und ich ging zu Bine, die sich nicht zwischen Salat und Pizza entscheiden konnte.

»Vergiss die Pizza.« Ich nahm ihr kurzerhand die Karte ab. Dann legte ich einen Arm um Bines Schulter, den anderen um Mias und zwinkerte ihnen verschwörerisch zu. »Mädels – heute gibt’s Champagner. Und Austern. Und Kaviar. Und Cola und einfach alles, was die Karte hergibt.«

Der Jubel meiner Mädels war ohrenbetäubend.

Zwei Stunden später saß ich allein mit untergeschlagenen Beinen in der Lounge-Ecke auf der Dachterrasse. Eingemummelt in einen unglaublich flauschigen, unglaublich weichen Bademantel, auf dem das Hotel-Logo eingestickt war und der allein mehr als hundert Euro gekostet haben musste. Über meine nackten Beine hatte ich eine cremefarbene Decke gelegt, die in Sachen Flauschigkeit dem Bademantel in nichts nachstand. Nachdenklich nippte ich an dem Glas Champagner und starrte in die Nacht. Wir hatten fast zwei Flaschen geleert (jede Flasche hatte weit mehr gekostet, als ich in einer Woche im Seehof verdiente. Brutto.) und Bine und Mia waren satt und erschöpft von diesem unglaublichen Tag ins Bett gegangen. Ich konnte nicht schlafen.

So blickte ich mit der angenehmen Benommenheit, die der Champagner verursachte, über die Stadt, die selbst jetzt um 2 Uhr nachts noch voller Leben war. Die Luft war mild und eine leichte Brise kündigte sanft den nahenden Sommer an. Der Fernsehturm glitzerte silbern am nachtdunklen, klaren Himmel, die roten Rücklichter der Autos schlängelten sich durch die belebten Straßen der Innenstadt. In der Ferne hupten ungeduldige Autofahrer und die Sirene eines Rettungswagens war zu hören. Oder war es ein Polizeiauto? Ich konnte sie nie auseinanderhalten. So wie das Leben durch die Millionenstadt schwirrte, so schwirrten auch mir die Gedanken durch den Kopf und wollten einfach nicht zur Ruhe kommen. Heute Morgen war ich als Nina Meyer aufgewacht, die kein eigenes Dach über den Kopf für sich und ihre Tochter hatte. Die in einer winzig kleinen Zweiraumwohnung ihrer besten Freundin Unterschlupf gefunden hatte, einem miesen Job nachging und kaum genug Geld verdiente, um das Schulessen ihrer Tochter zu bezahlen.

Nun war ich Millionärin. Multi-Millionärin.

Ich vermutete, dass dies alles nur ein schräger, zugegebenermaßen recht angenehmer Traum sein müsste, aus dem ich vermutlich bald erwachen würde. Es war einfach unglaublich.

Wie reich ich jetzt tatsächlich sein musste, war mir zum ersten Mal klargeworden, als Jonas die Luxussuite buchte und ich sogleich protestierte. Schließlich wusste ich, wie viel so eine Suite am Tag kostete. Aus meiner Sicht ein Vermögen.

Elmar Häger hatte mir daraufhin freundlich vorgerechnet, dass einige Tage im Luxushotel durchaus in meinem Budget lagen. Allein von den Zinsen, die die neunzig Millionen mir einbrachten, wenn ich sie einfach nur auf der Bank liegen ließe, könnte ich locker zehntausend Euro am Tag ausgeben, ohne dass dies mein Millionenvermögen auch nur um einen Cent schmälerte. Wie gesagt, wenn man erstmal Geld hatte, dann schmissen einem die Leute noch mehr hinterher. Was für eine verrückte Welt.

 Die Frage, die mir im Augenblick erfolgreich den Schlaf raubte, war allerdings, was ich mit all dem Geld jetzt anstellen sollte. Die Aussicht, den Rest meines Lebens in dieser Luxusherberge zu verbringen und mich, Bine und Mia vor der Welt zu verstecken, war zwar ganz verlockend, aber nicht sehr lebenstauglich. Wie man mit wenig Geld über die Runden kam, wusste ich. Was man mit so viel Geld anstellen sollte, davon hatte ich keine Ahnung. Ich war immer froh gewesen, meine Rechnungen pünktlich zu bezahlen und Mia ab und zu mal etwas Besonderes wie einen Kinobesuch zu spendieren. Jetzt war alles anders.

Und das machte mir Angst. Ein Bisschen. Andererseits war ich wahnsinnig glücklich. Glücklich darüber, dass Mia von nun an nie wieder auf irgendetwas würde verzichten müssen. Sie konnte auf die besten Schulen gehen. Studieren. Ein Leben führen, dass sie sich wünschte oder erträumte.

Bei diesem Gedanken kamen mir die Tränen und ich wischte mir die Nase mit dem Ärmel des flauschigen Bademantels ab.

»Mama?! Alles gut bei dir?«

Mia stand, ebenfalls in einen flauschigen Bademantel gehüllt, in der Terrassentür und blickte mich besorgt an. Ich schniefte nochmals in den weichen Stoff, stellte mein Glas ab und lächelte.

»Absolut gut, mein Schatz. Wolltest du nicht längst schlafen?! Na, komm her.«

Mia tapste zu mir und ich nahm sie fest in den Arm. Sie kuschelte sich an mich und ich legte die weiche, warme Decke über uns. Gemeinsam blickten wir über die nächtliche Skyline Berlins.

»Warum hast du geweint?«

»Weil ich mich freue, Schnecke. Ich freu mich so unglaublich. Wir müssen uns nie mehr Sorgen machen. Das ist total verrückt, oder?!«

»Ich find’s cool. Und wenn wir uns jetzt eine neue Wohnung leisten können, dann kann die doch so groß sein, wie diese Suite. Und Bine zieht bei uns ein.«

»Na ja, ich weiß nicht, ob Bine das auch möchte. Aber ich würde mich freuen, wenn sie’s täte.«

»Sind wir jetzt eigentlich berühmt?«

»Ich fürchte, ja. So etwas in der Art.«

»Und deshalb können wir nicht zurück in Bines Wohnung?«

»Vorerst nicht.«

»Dann muss ich morgen auch nicht in die Schule, oder?!«

Mist. Daran hatte ich noch gar nicht gedacht, ganz im Gegensatz zu meiner cleveren Tochter, die längst kapiert hatte, dass nun Ausnahmezustand herrschte. Ich konnte sie morgen nicht einfach in die Schule schicken und den drängenden Fragen ihrer Mitschüler ausliefern, die bestimmt schon von ihren Eltern gehört hatten, was mit uns los war. Auch dafür mussten wir uns etwas einfallen lassen.

»Ich telefoniere morgen früh mit Frau Dittmann, dann schauen wir mal, was wir da machen.«

»Ich hab morgen eh nur öde Fächer. Mathe und so.«

»Glück gehabt, würde ich mal sagen.«

Wir schauten wieder gemeinsam auf die Lichter der Stadt und hingen schweigend unseren Gedanken nach.

Nach ein paar Minuten wurde Mia wieder unruhig und sah mich an.

»Mama?!«

»Ja.«

»Wenn sich alle wieder beruhigt haben, dann ist es doch so wie immer. Nur halt irgendwie besser, weil wir ja jetzt genug Geld haben und du nicht mehr den ganzen Tag arbeitest.«

Kurz war ich versucht ihr zu versichern, dass alles so bleiben würde. Doch das war eine Lüge. Unser Leben hatte sich grundlegend verändert und nichts würde mehr so sein wie früher. Ich wusste nicht, ob uns die Paparazzi in Zukunft in Ruhe lassen würden. Ich wusste nicht, wo wir in Zukunft leben würden. Und was ich beruflich machen sollte, davon hatte ich auch keine Ahnung. Also zögerte ich mit meiner Antwort.

»Mama?!«

»Ganz ehrlich, ich weiß es nicht, Mia. Ich habe keine Ahnung, was als Nächstes passieren wird.«

»Hast du Angst?«

»Ja, ein bisschen.«

»Ich nicht. Wenn’s blöd ist, so viel Geld zu haben, dann können wir es ja verschenken. Oder irgendetwas Tolles damit machen, was anderen hilft.«

Ich lachte und küsste sie auf ihre widerspenstigen, roten Locken.

Details

Seiten
0
Erscheinungsform
Erstausgabe
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783960874386
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v426424
Schlagworte
erleuchtung inklusive ausgerechnet kalifornien Millionär milliardär junggeselle Liebesgeschichte liebe des lebens Chick-lit-liebe-s-frauen-romantik-romance-roman liebe-frauen-roman-tik-s-e-lustig-humor-voll

Autor

  • Elli C. Carlson (Autor)

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Titel: All die kleinen Dinge (Liebe, Chick Lit)