Lade Inhalt...

Das Erbe von Broom Park (Regency Roman, Historisch, Liebe)

von J. C. Philipp (Autor)

2018 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

Schottland, 1814. Die junge Fischerstochter Hazel MacAllan lebt mit ihrer Mutter und ihren beiden Brüdern an der schottischen Westküste zwischen Oban und Ballachulish. An einem Sommertag besucht Hazel ihren Lieblingsplatz, das verlassene Herrenhaus Broom Park. Dort, in dem halbverfallenen Ballsaal, trifft sie einen Fremden, der sie auf Anhieb fasziniert. Es ist Lord Simon Denby, der den alten Familiensitz renovieren möchte, um wieder in Broom Park zu leben. Auch er ist von der jungen Frau hingerissen.
Als Hazel die Nachricht erhält, dass Simon im neu renovierten Herrenhaus einen großen Ball veranstalten will, fasst sie einen Plan … Es ist der Beginn einer großen Liebe und eines großen Abenteuers, das Hazel von Schottland bis nach Indien verschlägt.

Impressum

dp Verlag

Erstausgabe Juni 2018

Copyright © 2020 dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

E-Book-ISBN: 978-3-96087-384-6
Taschenbuch-ISBN: 978-3-96087-418-8

Covergestaltung: Elica Design
unter Verwendung von Motiven von
shutterstock.com: © Aljna, © DanKe
Depositphotos.com: © Patryk_Kosmider
Periodimages.com: © Mary Chronis
Lektorat: Daniela Höhne

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

Unser gesamtes Verlagsprogramm findest du hier

Website

Folge uns, um immer als Erster informiert zu sein

Newsletter

Facebook

Instagram

Twitter

Youtube

dp Verlag

Kapitel 1

Schottland 1814

Hazel MacAllen strich sich eine Strähne ihrer langen, dunkelbraunen Locken aus dem Gesicht. Sie fröstelte, wickelte sich ihr Wolltuch noch etwas fester um die Schultern und steckte die Enden wieder in den breiten Ledergürtel über ihrem grünen Wollrock.

Es war ein kalter Tag. Viel zu kalt für Anfang Mai an der schottischen Westküste. Am Meer war es an diesem Tag besonders ungemütlich. Der böige Westwind trieb die Wellen weit in die Bucht und ließ den Kies am Strand mit einem ständig murmelnden Geräusch hin und her rollen. Ab und zu flogen kleine Flocken weißen Schaums durch die Luft, die von der Gischt leicht nach Salz schmeckten. Hazel blickte hinaus auf die wogende See mit den weißen Wellenkämmen, doch es war noch immer nichts von Colin und Alistair zu sehen. Seit dem frühen Morgen waren sie mit dem Boot draußen. Der Wind war über den Tag immer stärker geworden und die Möwen, die in kleinen Schwärmen über das Meer flogen, kamen nur mühsam gegen ihn an.

Hazel seufzte. Dann nahm sie das große Bündel Treibholz, das sie gesammelt hatte, auf ihre Schultern, als wöge es nichts. Seit ihr Vater vor sechs Jahren bei einem Sturm nicht vom Fischen zurückgekehrt war, hatte sich der Gesundheitszustand ihrer Mutter zusehends verschlechtert und sie war kränklich und lebensmüde. So musste Hazel sich um den Haushalt kümmern, wenn ihre beiden Brüder mit dem Boot unterwegs waren – und das waren sie, außer an den Sonn- und Feiertagen, fast jeden Tag. Körperlich schwere Arbeiten waren ihr daher nicht fremd.

Sie ging ein Stück den Strand entlang und folgte dem schmalen Pfad, der hinauf zum Cottage führte. Das kleine, aus grauen Steinen gebaute Haus, lag am Fuße eines kleinen Hügels, hinter dem sich majestätisch die Berge der schottischen Highlands erhoben. Eine Steinmauer und ein paar Bäume schützten es vor Wind und Wetter und die beiden einzigen Fenster an der Vorderseite sahen manchmal aus wie zwei große Augen.

»Hast du sie gesehen?«, rief Fiona MacAllen von der blauen Tür aus, als sie ihre Tochter kommen sah.

»Nein, Mutter. Geh wieder ins Haus. Es ist zu kalt für dich.«

Hazel legte das Holzbündel neben der Tür ab und ging mit ihr hinein. Mrs MacAllen war erst achtundvierzig Jahre alt, ihr früher dunkles Haar war inzwischen fast grau und sie versteckte es unter einem Häubchen. In dem dämmrigen Haus, das durch eine Wand in zwei Räume geteilt wurde, war es wohlig warm. In der Feuerstelle des etwas größeren, rechten Raumes brannte ein Torffeuer. Er war gleichzeitig Küche und Wohnzimmer, und Colin und Alistair hatten dort ihre Betten. Der Qualm zog nur langsam durch den Kamin in dem mit grauem Schiefer gedeckten Dach ab. Ein Teil davon zog in den Raum und schwärzte die Decke.

Das Feuer war schon weit heruntergebrannt, aber es reichte Hazel, um sich die Finger zu wärmen. Sie schöpfte für sich und ihre Mutter einen Becher heißen Tee aus dem schwarzen Kessel, der an dem schwenkbaren Eisenhaken über dem Feuer hing. Hoffentlich würden ihre Brüder vor Einbruch der Dunkelheit zurückkehren. Taten sie das nicht, müsste oben auf dem Hügel die große Laterne angezündet werden, die ihnen den Weg nach Hause wies.

Nachdem sie ihren Becher geleert und drei bereits vorbereitete Brotlaibe in den gemauerten Backofen neben dem Kamin geschoben hatte, ging sie in den kleinen Stall hinter dem Cottage. Sie molk Bess, die einzige Kuh, die sie besaßen, fütterte die Hühner und Tommy, das Pony. Dann ging sie auf die Weide und sah nach den fünf Schafen und ihren Lämmern. Wieder im Haus, half sie ihrer Mutter bei der Zubereitung des Abendessens. Sie waren fast fertig, als sie draußen endlich Stimmen hörte. Kurz darauf erschien Alistair in der Tür. Er hängte seine nasse Jacke vor das Feuer und nahm sich eine Schale Eintopf aus dem Kessel. Er sagte kein Wort. Wie so oft. Hazel blickte ihn an und schüttelte den Kopf. Sie würde ihn nie verstehen. Seine braunen Augen, die sie aus einem braungebrannten, markanten Gesicht anblickten, waren wie die See an einem dunklen Tag im Winter: kalt und unergründlich. Seine ewige Unzufriedenheit konnte der ganzen Familie die Stimmung verderben. Wie anders war da Colin, dachte sie, und stellte eine weitere Schale für ihn auf den Tisch. Er war fast immer gut gelaunt und versuchte, das Beste aus seinem Leben zu machen. Im selben Moment flog auch schon die Tür auf und ihr zweiter Bruder kam herein. Hazel liebte ihn über alles. Er war sechs Jahre älter als sie. Im Gegensatz zu Alistair, der jetzt schon siebenundzwanzig war, behandelte Colin seine Schwester, die in einem Monat achtzehn Jahre alt werden würde, schon lange nicht mehr wie ein kleines Mädchen. Er schüttelte seine nassen, dunkelblonden Locken vor dem Feuer aus.

»Guten Abend, Mutter«, sagte er, küsste sie auf die Stirn und kam zu Hazel.

»Was gibt es Leckeres, Schwesterlein?«, fragte er kess.

Er legte ihr den Kopf von hinten auf die Schulter und blickte auf das vorbereitete Essen.

»Fischeintopf und frisches Brot«, lachte sie und drückte ihm einen Laib in die Hand.

»Was für ein scheußliches Wetter.« Colins blaugraue Augen blitzten übermütig. »Aber wir haben gut gefangen heute. Erst haben wir drei Lobster in den Körben gehabt und dann sind wir in einen Schwarm Makrelen geraten. Ich wette, die Lachse kommen auch bald.« Er lachte und die beiden Grübchen neben seinen Mundwinkeln wurden tiefer.

»Heißt das, wir fahren morgen mit dem Ponywagen zur Kirche?« Hazel warf einen erwartungsvollen Blick zu Alistair, als sie sich setzte.

Der nickte nur.

Sie beteten gemeinsam und aßen. Hazel war froh, dass ihre Brüder heil zurück waren, dankte Gott im Stillen dafür und auch, dass sie morgen nicht würde laufen müssen. Sie hasste es, wenn sie in aller Frühe zu Fuß hinüber ins Dorf gehen musste. Die verdammten Midges fraßen einen fast auf, wenn kein Wind ging und nur Colins Pfeifenqualm und der würzige Duft der Bog Myrtle, konnte, wenn man deren Blätter zerrieb, die Plagegeister vom Stechen abhalten. Außerdem würde sie so nach der Kirche schneller wieder zu Hause sein, und hätte mehr Zeit für sich am Nachmittag. Nach dem Mittagessen würde sie hinüber nach Broom Park gehen. Diese Aussicht war sehr erfreulich und Hazel summte beim Abräumen des Tisches eine Melodie. Sie träumte mit offenen Augen, als sie sich spät nach dem Essen neben ihre Mutter in das Bett im Nebenzimmer legte, während ihre Brüder noch die Netze und die Lobsterkörbe in Ordnung brachten.

Am Morgen fuhren sie alle mit dem Ponywagen ins Dorf. Alistair verkaufte den Fisch, bevor sie den Gottesdienst besuchten. Hazel lauschte der Messe in der kleinen, schmucklosen Kirche andächtig. Sie liebte die Art, wie der Reverend sprach. Seine Stimme war tief, er sprach langsam und mit Bedacht. Auch wartete sie immer sehnsüchtig darauf, dass endlich das Harmonium gespielt wurde. Sie mochte Musik, besonders die in der Kirche, wenn sich das Harmonium und der Gesang der Gemeinde vereinten. Diese Musik war so anders, als das, was Colin auf seinem Dudelsack spielte, fast wie aus einer anderen Welt. Noch als sie die Kirche verließen, hatte Hazel all die wunderbaren Klänge im Ohr, doch sie wurde jäh von der rauen Stimme eines Mannes unterbrochen, der sie vor dem Gotteshaus ansprach.

»Guten Morgen, Hazel.«

Sie drehte sich um und sah in ein schmales, unrasiertes Gesicht, das von strähnigen, braunen Haaren umrahmt wurde. Die beiden kalten, grauen Augen musterten sie ungeniert.

»Guten Morgen, Rory«, entgegnete Hazel schnippisch und wandte sich zum Gehen.

»Wie geht es dir?«, fragte er und folgte ihr.

»Gut, danke.«

»Du warst lange nicht im Laden. Willst du nicht mitkommen?«

Hazel schüttelte sich innerlich bei dem Gedanken. Sie konnte diesen Campbell einfach nicht ausstehen.

»Nein, danke. Ich habe wirklich keine Zeit. Mutter will nach Hause und ich muss den Wagen fahren.«

»Zu schade. Wie wäre es mit nächster Woche?« Er vertrat ihr den Weg.

»Ich weiß nicht«, erwiderte sie zögernd. Sie konnte ihm nicht sagen, dass er sich zum Teufel scheren sollte.

 Er hatte nun mal den kleinen Laden im Dorf, und sie waren immer wieder darauf angewiesen, von ihm Kredit zu bekommen.

»Komm schon, Hazel, so ein hübsches Mädchen wie du braucht bestimmt etwas Neues«, scherzte er aufdringlich. »Ich habe schöne neue Haarbänder. Das wäre doch was für dich.«

Rorys Hand griff nach ihrem Haar und er ließ sich eine Strähne ihrer Locken durch die Finger gleiten.

Hazel spürte ein Würgen im Hals. Es widerte sie an, dass er sie angefasst hatte. Er verursachte bei ihr ein ähnliches Gefühl von Ekel, wie es im Herbst die dicken Spinnen taten, wenn sie ins Haus kamen.

»Ich denke drüber nach«, sagte sie hastig und lief aus dem Kirchhof.

Ihre Mutter saß schon auf dem Wagen und Hazel brachte Tommy mit einem Schnalzen zum Laufen. Sie sah nur noch, wie Rory mit Alistair sprach und die beiden sich in Richtung des Alehouse aufmachten, um sich das ein oder andere Bier zu gönnen.

Hazel aß nicht viel an diesem Mittag und verließ danach das Cottage. Der Sonntagnachmittag gehörte ihr, ihr ganz allein.

Sie nahm den Pfad, der sich von der kleinen Bucht, in der sie wohnten, den Hang hinauf durch die Heide und das Farnkraut nach Süden an der Küste entlangwand. Oben auf dem nächsten Hügel blieb sie stehen und betrachtete die Landschaft. Hinter ihr zogen sich die felsigen Berghänge steil hinauf und vor ihr reichte der Blick nach Westen weit den Loch Linnhe hinunter. Die weißen Segel eines Schiffes mit Kurs auf Fort William am Ende der tiefen Bucht leuchteten weithin sichtbar in der Sonne. Unten am Fuße der grünen Hügel, auf denen die Schafe weideten, klatschte das Meer weiß schäumend gegen die grauen Felsen. Das Castle Stalker, das auf einem winzigen Eiland im Meer lag, ragte mit seinem eckigen Turm trotzig in den Himmel. Es schien, wie die schroffen Gipfel der Berge auf der anderen Seite der großen Bucht, zum Greifen nahe. Im Westen erhoben sich die Berge der Isle of Mull und im Osten die höchsten Gipfel der Highlands. Sie atmete tief ein. Die Luft war klar und sauber nach dem gestrigen Sturm. Wenn der Sommer endlich käme, und die Heide anfangen würde zu blühen, würde es oben auf dem Hügel wieder betörend duften. Hazel hätte noch eine ganze Weile träumen können, doch es war fast eine Meile nach Broom Park und sie wollte so viel Zeit wie möglich an ihrem Lieblingsplatz verbringen.

Broom Park war ein altes, halb verfallenes Herrenhaus, das am Fuße eines von Ginster und Wald bewachsenen Hügels lag. Der Ginster am Waldrand zeigte schon die ersten Knospen, und es war nur eine Frage der Zeit, bis sich alle Blüten öffnen. Dann würde er ganze Hügel weithin sichtbar in sattem Gelb leuchten. Als Hazel die hohe Steinmauer erreichte, die den Besitz umgab, spähte sie wie immer erst vorsichtig durch das Loch darin, bevor sie hindurchschlüpfte. Das Anwesen war schon lange verlassen, aber sie hatte immer Angst, es könnte doch jemand da sein. Außerdem hieß es, der Geist der alten Lady Denby, die sich vor mehr als zwanzig Jahren im Haus erhängt hatte, würde dort spuken.

Hazel ließ sich davon nicht abschrecken, und als sie niemanden sah, folgte sie zielsicher dem zugewachsenen Pfad unter den alten Bäumen und Rhododendren bis zum Haus. Das große zweistöckige Gebäude wurde von einem Dach mit mehreren kleinen Giebeln gekrönt. Die grauen Mauern waren von Efeu überwuchert, der sich ungehindert in die kaputten Fenster im oberen Stockwerk hineingewunden hatte. Viele der Fenster waren nur notdürftig mit Brettern verschlossen. Auch die große Tür zum Haus war früher vernagelt gewesen, aber jemand hatte sich schon vor langer Zeit Zugang verschafft. Hazel hatte keine Mühe, zwischen zwei Brettern hindurch in die Eingangshalle zu gelangen. Über dieser war das Dach teilweise eingestürzt. Balken und Dachschiefer lagen auf dem einstmals so prächtigen Boden aus schwarzem und weißem Marmor. Die Holzvertäfelung war nass geworden und wölbte sich von den Wänden. Auf der Treppe hatten sich in den Winkeln, wo der Wind etwas Erde angeweht hatte, bereits kleine Pflanzen angesiedelt. Hazel hatte es noch nie gewagt, die breite Treppe hinaufzugehen, aus Angst, sie könnte unter ihr einstürzen. Sie durchschritt die Halle eilig und ging auf der anderen Seite durch die große Tür, die nur noch halb in den Angeln hing.

Hier war ihr Paradies - der alte Ballsaal.

Er war noch vollständig erhalten und immer trocken. Die großen Fenster, die fast bis zum Boden reichten, waren verschmutzt, und das bisschen Sonne, das hindurchdrang, tauchte den Raum in ein sanftes, gelbliches Licht. In dem großen Raum hallte ihre Stimme wider, fast wie in der Kirche. Sie liebte es, hier zu singen und zu tanzen. Wie immer kehrte sie zuerst den Boden mit einem Ginsterbündel und entfernte die Blätter, die der Wind der letzten Woche hier zusammengeweht hatte. Sie legte das Bodenmosaik in der Mitte frei, das ein tanzendes Paar in altmodischen Kleidern und mit weißen Perücken zeigte. Dann ging sie hinüber zu dem alten Spiegel über dem Kamin und betrachtete sich selbst. Sie konnte sich hier in voller Größe sehen, wenn auch der Spiegel angelaufen und fleckig war. Nach einem Knicks vor ihrem Spiegelbild forderte sie sich selbst zum Tanzen auf. In ihrer Fantasie ertönte leise Musik und sie schloss die Augen. Hazel begann zu singen und sie stellte sich vor, der Saal wäre erfüllt mit Menschen in eleganten bunten Kleidern. Sie sah sich selbst durch die Menge in die Mitte des Raumes schreiten.

Sie war die Herrin von Broom Park.

 

***

 

Simon Denby zügelte sein Pferd. Er musterte das vor ihm liegende Haus kritisch. Es war im klassischen Baronial Style erbaut und die Fassade mit ihren wehrhaften kleinen Türmchen und Erkern und den zahlreichen kleinen Giebeln am Dach war sehr schön. Der weite Blick über das Meer, den er bereits genossen hatte, als er die Auffahrt entlanggeritten war, und den er jetzt auch vom Vorplatz aus hatte, war überwältigend.

Wenn es nur nicht so unangenehm kalt wäre, dachte er und rieb sich die Hände.

Er stieg ab, tätschelte den Hals seines Pferdes und band es an den Ast einer Eiche. Dann ging er zum Eingang hinüber. Ein paar Bretter fehlten, und die Tür dahinter war offen. Er zwängte sich durch das Loch zwischen den Latten, blickte sich um und schüttelte den Kopf. Die Halle war in einem desolaten Zustand und es würde ihn sicherlich einige tausend Pfund kosten, das Haus wieder zu dem zu machen, was es zu Zeiten seiner Großmutter gewesen war. Er musterte noch den Zustand der Vertäfelung, als er eine helle Stimme singen hörte. Einen Moment befürchtete er, es könne der Geist seiner Großmutter sein, doch er war Realist und ging dem Gesang nach. In der Tür zu einem großen Saal blieb er stehen. Was er sah, ließ ihn lächeln. Ein junges, ärmlich gekleidetes Mädchen sang und tanzte höchst anmutig allein durch den Raum. Sie schien ihn nicht zu bemerken. Er wollte sie nicht erschrecken und räusperte sich leise.

Hazel schrie erschrocken auf, als sie den Fremden in der Tür bemerkte. Sie blieb wie versteinert stehen und starrte ihn an. Er war groß und schlank, hatte kurzes, dunkelblondes Haar und trug unter seinem langen Reitmantel einen elegant geschnittenen, schwarzen Anzug aus feiner Wolle und einen schwarzen Hut wie ein echter Gentleman.

»Du singst und tanzt sehr hübsch«, sagte der Fremde.

Hazel erwiderte nichts. Sie stand nur irritiert mit halb geöffnetem Mund da, unfähig, etwas zu sagen.

»Willst du mir nicht verraten, wer du bist, wenn du schon in meinem Haus tanzt?«

Sie erschrak. Sein Haus? Das kann nicht sein, dachte sie.

»Komm her«, forderte sie der Fremde freundlich auf und sie gehorchte zögernd.

Er sah sie forschend an und ihre Angst schwand, als sie seine weichen Gesichtszüge und den sanften Ausdruck in seinen warmen, blauen Augen sah.

»Nun, junges Fräulein, willst du mir nicht antworten?«

Er lächelte noch immer. Lachfältchen umrahmten seine Augen.

»Mein Name ist Hazel. Hazel MacAllen«, entgegnete sie scheu.

Sie bemerkte seinen musternden Blick. Seine Augen wanderten von ihren wilden, offenen Locken über ihre Kleidung bis hinunter zu ihrem fleckigen Rocksaum. Rasch versuchte sie noch, ihre ebenso verdreckten Schuhe darunter zu verstecken. Sie fühlte, wie ihre Hände schwitzten und ihre Wangen rot wurden.

»Ich bin Lord Simon Denby.« Er zog seinen Hut und verneigte sich leicht.

Hazel biss sich auf die Lippen und schluckte. Sie hoffte, er würde nicht bemerken, dass ihre Hände vor Aufregung auch noch zitterten.

»Du kommst wohl öfter hierher«, sagte Lord Denby und ging durch den Raum auf die Fenster zu.

»Jeden Sonntag«, antwortete sie leise.

»Soso.« Lord Denby musterte sie erneut aus der Entfernung.

»Das mit der Tür bin ich aber nicht gewesen. Es war schon so, als ich zum ersten Mal hier war.«

»Ich habe dir nichts vorgeworfen. Warum entschuldigst du dich also?« Er sah sie fragend an.

»Ich dachte, Sie sind vielleicht erzürnt, weil ich hier bin«, entgegnete Hazel, und hoffte, dass er es nicht war.

»Nein. Das bin ich nicht.« Er schmunzelte.

Sie sprach mit diesem harten Highland-Akzent, den er so mochte.

»Du kennst das Haus sicherlich gut. Willst du mir nicht alles zeigen?«

Ihr stockte der Atem. Ein Lord bat sie, ihm sein eigenes Haus zu zeigen! Sie zögerte kurz, doch der freundliche Ausdruck in seinen Augen ermutigte sie. »Ich kenne nur den Teil hier unten, aber den zeige ich Ihnen gern.« Sie strahlte ihn an und führte ihn in der ihr vertrauten, unteren Etage herum. Hazel fühlte sich so stolz, als wäre sie die Herrin des Hauses und nicht er.

»Es wird ein Vermögen kosten, das Haus wieder aufzubauen«, bemerkte Lord Denby beiläufig, als sie nach dem Rundgang wieder in der Halle ankamen. Er drehte seinen Hut in den Händen.

»Sie wollen es wieder herrichten?«, entfuhr es ihr entsetzt.

»Ja, das will ich. Mein Vater ist vor Kurzem verstorben und er hat unser Haus in Galloway meinem jüngeren Bruder hinterlassen. Ich habe zwar den Titel Lord Denby geerbt, aber ich muss dafür auch nach Broom Park zurückkehren. So hat es mein Vater verfügt.«

Hazel sagte kein Wort. Tränen schossen ihr in die Augen. Sie warf ihm einen bitterbösen Blick zu, wandte sich um, und ließ ihn einfach stehen. Tief in ihrem Herzen spürte sie einen stechenden Schmerz. Sie rannte fast den ganzen Weg bis nach Hause und heiße Tränen liefen ihr über die Wange.

Er würde es ihr wegnehmen. Ihr Broom Park.

Hazel hatte nur Colin von ihrer Begegnung mit Lord Denby erzählt, doch bereits zwei Tage später wurde in der ganzen Gegend über nichts anderes mehr gesprochen, als darüber, dass die Denbys nach Broom Park zurückkehren würden. Viele hatten Angst, Lord Denby würde sie womöglich von ihrem Land und ihren Crofts vertreiben, so wie es die Großgrundbesitzer in Sutherland im Norden taten, um das Land für die Schafzucht zu nutzen. Clearences, Bereinigungen, nannten sie diese Vertreibung. Wenn die Leute sehr viel Glück hatten, erhielten sie etwas Geld und die Chance, nach Amerika zu gehen. Wenn nicht, wurde ihnen einfach das Dach über dem Kopf angezündet. Alistair hatte Bedenken, dass es auch in Appin bald soweit kommen würde.

Drei Wochen nachdem Hazel Lord Denby das erste Mal begegnet war, begannen im Herrenhaus die Renovierungsarbeiten. Hazel kam noch immer jeden Sonntag herüber und beobachtete von einem versteckten Platz aus, was gerade vorging. Mehr als drei Dutzend Männer arbeiteten ohne Rücksicht auf den Tag des Herrn.

Als Hazel das erste Mal nach zwei Wochen wiederkam, staunte sie. Das Herrenhaus war bereits vom Efeu befreit worden. Das kaputte Dach über der Halle war abgetragen und die Zimmerleute hatten einen neuen Dachstuhl aufgesetzt.

Woche für Woche gingen die Arbeiten von diesem Zeitpunkt an schneller voran. Das Haus erwachte aus seinem Dornröschenschlaf und nach vier Wochen zog Lord Denby ein, um die Arbeiten selbst zu überwachen. Nach zwei Monaten wurde auch der Garten entkrautet und neue Beete angelegt.

Als Hazel Ende Juli wieder an die Mauer kam, und durch ihren vertrauten Zugang wollte, war diese wieder aufgebaut und sie konnte nicht mehr hinein. Es war, als dürfte sie ihr eigenes Zuhause nicht mehr betreten. Sie wollte das nicht hinnehmen. Sie ging die Mauer entlang und suchte nach einer neuen Möglichkeit, ins Innere zu gelangen. Schließlich fand sie eine alte knorrige Eiche, deren unterste Äste dicht über dem Boden begannen. Eigentlich war sie ja schon zu alt für solche Albernheiten, aber darum scherte sie sich nicht. Sie raffte ihre Röcke zusammen und kletterte auf den Baum und von ihm aus auf die Mauer. Oben blickte sie nach links und rechts und jubelte leise. Nur ein Stück entfernt war auf der anderen Seite auch ein Baum, der ebenso gut zum Klettern war, wie die Eiche. Hazel balancierte auf der Mauer entlang und kletterte hinunter in den Park. Dort schlich sie unter den Bäumen dahin, bis sie das Haus sehen konnte. Irgendetwas schien passiert zu sein, denn plötzlich füllte sich der Platz vor dem Hauseingang, als sich eilig das Personal vor der Tür versammelte. Sie sahen alle so fein aus. Die Mädchen in schwarzen Kleidern mit weißen Schürzen und Häubchen und die Diener in dunklen Jacken mit feinen Westen darunter. Es waren an die zwanzig Hausangestellte. Hazel seufzte. Wenn sie wenigstens für die Denbys arbeiten könnte.

Ein leichtes Knirschen auf dem Kies der Einfahrt war zu hören und schließlich näherte sich eine Kutsche dem Haus. Hazels Augen verfolgten den von vier herrlichen Pferden gezogenen Wagen wie gebannt, als Lord Denby ausstieg. Seit sie ihn das erste Mal gesehen hatte, hatte sie immer wieder an ihn denken müssen und sie beobachtete, wie er zwei Damen aus dem Wagen half. Die eine musste wohl seine Mutter sein. Die jüngere, blonde hielt Hazel für seine Schwester. Hazel folgte Lord Denby mit ihren Blicken bis alle im Haus verschwunden waren, und verließ den Park über den gleichen Weg, den sie gekommen war.

Der August kam. Hazel ging ihren täglichen Arbeiten zu Hause nach. Sie machte haltbaren Käse für den Winter aus der Schafsmilch, trocknete und räucherte Fisch und kochte die letzte Marmelade des Jahres aus den Beeren der Eberesche neben dem Haus. Da ihre Mutter wieder hustete, sammelte Hazel die letzten frischen Kräuter und machte ihr heiße Aufgüsse und Umschläge. Auch der kleine Garten verlangte jetzt intensive Pflege, damit die Ernte des Wintergemüses so gut wie möglich ausfiel.

Colin und Alistair waren dabei keine große Hilfe. Sie gingen neuerdings einmal in der Woche abends hinüber ins Dorf, wo sich die Männer im Alehouse trafen. Dort diskutierten sie über das, was Lord Denbys Anwesenheit für sie bedeutete. Hazel bekam von alldem nur das mit, was Colin und Alistair erzählten, und das war nicht viel. Wenn Lord Denby sie von dem Land vertreiben würde, auf dem ihr Cottage stand, würden sie wohl nach Amerika auswandern müssen. Alistair hatte einen Freund, der vor mehr als einem Jahr Schottland verlassen hatte. Dieser hatte im Frühjahr einen langen Brief geschrieben, den Alistair immer wieder las. Er war von dem Gedanken, nach Amerika zu gehen, geradezu besessen und er versuchte, die ganze Familie davon zu überzeugen, mit ihm zu kommen. Er sparte heimlich Geld dafür. Leider würde es noch eine ganze Weile dauern, bis es für eine Schiffspassage reichen würde. Außerdem hatte er genug Verantwortungsgefühl, um zu wissen, dass Colin allein Mutter und Schwester nicht würde ernähren können. Hazel interessierte das alles nicht. Sie wäre jetzt sowieso nicht mehr mit nach Amerika gegangen, denn sie hatte sich etwas anderes in den Kopf gesetzt.

Sie würde Hausmädchen bei den Denbys werden.

Seit sie sonntags nicht mehr nach Broom Park konnte, ging sie nach der Kirche heimlich zu Reverend Bain ins Haus. Sie hatte zwar die Sonntagsschule besucht, doch im letzten Jahr war Alistair der Ansicht gewesen, sie wäre zu alt und hätte genug gelernt und hatte es ihr kurzerhand verboten. Nun wollte Hazel wieder besser lesen und schreiben lernen. Die beste Gelegenheit unbemerkt zu lernen, war, wenn Colin und Alistair nach der Kirche ins Alehouse gingen, und Hazel nutzte diese Gelegenheit fleißig.

Zum Erstaunen des Reverends hatte sie eine sehr gute Auffassungsgabe und er erteilte ihr eine Art Privatunterricht, für die sich Hazel dann und wann mit ihrem hausgemachten Käse oder frisch geräuchertem Fisch bei ihm revanchierte. Hazel veränderte sich in diesem Sommer sehr. Sie achtete mehr auf ihre Kleider und ihr Haar und versuchte immer sauber und ordentlich auszusehen. Die schönsten Augenblicke waren für sie die, wenn der Reverend ihr gestattete, ein neues Buch aus dem Schrank zu holen.

Als Hazel Ende August wieder flüssig lesen konnte, war sie davon wie besessen. Sie verschlang die Bücher geradezu, egal welches Thema sie behandelten, auch wenn sie den Inhalt nicht immer ganz verstand. Wenn schönes Wetter war und ein leichter Wind ging, der die Midges vertrieb, stieg sie allein oben auf den Hügel hinter dem Pfarrhaus, der mit einem duftenden Teppich dichter blühender rosa Heide überzogen war. Hier oben konnte sie mit einem Buch in die Welt ihrer Träume entfliehen. Der Reverend hielt Hazel schließlich dazu an, bestimmte Bücher noch einmal zu lesen und sich alle Fragen, die sie hatte aufzuschreiben und er wählte die Bücher so aus, dass Hazel einen Überblick über die wichtigsten Wissensgebiete bekam. Plötzlich verstand sie auch, worüber sich die Männer Sorgen machten. Ihr ganzes Weltbild veränderte sich.

Es gab nicht nur ihr Cottage und das Dorf.

Die Welt war so groß. Es gab so viele Länder und Hazel schwor sich, alles zu tun, um so viel wie möglich davon zu sehen. Sie würde Hausmädchen bei den Denbys werden und irgendwann vielleicht nach London gehen und von dort … wer weiß wohin.

Ende August machte die Neuigkeit die Runde im Dorf, dass Lord Denby einen großen Ball geben würde. Es würden sicherlich noch Hilfen für die Küche gebraucht und Hazel bat Alistair um Erlaubnis, nach Broom Park gehen zu dürfen. Er stimmte zu ihrer eigenen Überraschung zu.

So stand Hazel eines Nachmittags vor dem Haupteingang und läutete an der Glocke neben der neuen, großen Eichentür mit den goldenen Messingbeschlägen.

Es wurde von einem Diener in Livree geöffnet, der sie abfällig musterte.

»Was willst du?«, fragte er barsch und ließ sie nicht ein.

»Ich möchte in der Küche helfen vor dem Ball.«

Hazel blickte ihn trotzig an.

»Geh dort hinten um die Ecke und an die Tür zum Küchentrakt. Frage nach Mrs Edwards. Vielleicht nimmt sie dich.«

Er knallte die Tür vor ihrer Nase zu und Hazel ging hinüber zu dem anderen Eingang.

Mrs Edwards war die Hausdame der Denbys. Sie war grauhaarig und rundlich mit kleinen, blauen Augen – und weitaus freundlicher als der Diener an der Tür. Sie nahm Hazel gern als Hilfe an und bat sie, da sie selbst niemanden aus dem Dorf kannte, ihr noch einigen Frauen zu benennen, die ebenfalls bei den Vorbereitungen mithelfen könnten. Als Hazel eine Stunde später wieder das Haus verließ, tanzte sie vor Freude die Auffahrt hinunter. Sie würde volle zwei Tage in Broom Park verbringen und in der Küche helfen. Sie war überglücklich.

Als sie das Tor durchschritten hatte und den Hauptweg eben verlassen wollte, um über den Küstenpfad nach Hause zu gehen, kam ihr ein Reiter entgegen. Es war Lord Denby. Seit jenem Tag in der Halle hatte sie ihn, außer am vergangenen Sonntag in der Kirche, nicht mehr von Nahem gesehen, geschweige denn mit ihm gesprochen. Jetzt zügelte er sein Pferd vor ihr und hielt an.

»Guten Tag, Mylord.« Hazel machte einen tiefen Knicks.

»Hazel MacAllen«, lachte er. »Wie geht es dir, junges Fräulein?«

»Sehr gut, Mylord. Danke.« Hazel strahlte ihn an und ihr Atem beschleunigte sich vor Aufregung. Sie hatte davon geträumt, ihm erneut zu begegnen. Nun war er hier. Und sie waren ganz allein. Sie spielte nervös mit ihren Haaren und hoffte gleichzeitig, er würde bemerken, dass sie diese neuerdings hochgesteckt trug.

»Was tust du hier?« Er beugte sich leicht zu ihr herunter.

Sie sah ein Funkeln in seinen Augen, das aus den kleinen Sprenkeln darin zu entspringen schien, und konnte sich seinem Blick nicht entziehen.

»Ich werde in der Küche in Ihrem Haus helfen.«

Hazel erhob ihren Kopf und straffte ihre Haltung. Ihre Augen weiteten sich. Er sollte sehen, dass sie stolz darauf war.

»Sehr gut. Ich hoffe, du kannst gut kochen«, sagte er, wohl wissend, dass sie wahrscheinlich nicht mehr tun würde, als das Gemüse zu putzen und die Hühner zu rupfen.

»Sie scherzen, Mylord. Ich kann zwar kochen, aber meine Fähigkeiten dürften wohl kaum für einen so erlesenen Geschmack wie den Ihren ausreichen«, antwortete sie fast ohne schottischen Akzent und wunderte sich selbst über die Worte, die sie gewählt hatte. Hatte sie so eine Antwort vielleicht in einem der Bücher gelesen?

»Wo hast du gelernt so zu reden?« Lord Denby blickte sie erstaunt an.

»Ich hatte Unterricht beim Reverend«, gestand sie nicht ohne Stolz.«

»Und wo willst du jetzt hin, Hazel?«, fragte er.

»Nach Hause. Ich muss das Essen vorbereiten für meine Brüder.«

Sie blickte ihm noch immer direkt in die Augen.

»Soll ich dich hinbringen?«

Ihr schoss das Blut in die Wangen und sie spürte wie sie im Gesicht erglühte. Was für geradezu unanständiges Angebot. Sie konnte es nicht fassen. »Sie sollten keine solchen Späße mit einem armen Mädchen wie mir treiben, Mylord.«

»Die Frage war durchaus ernst gemeint.«

»Sie würden mich mit dem Pferd zu unserem Haus bringen?«

»Das würde ich.«

»Also gut.« Sie konnte nicht widerstehen. Sie hoffte allerdings, dass niemand sie sehen würde.

Lord Denby stieg ab. Er hob Hazel auf sein Pferd, die innerlich bebte. Sie wusste, es war mehr als unschicklich, was sie im Begriff waren zu tun. Jedenfalls für eine Dame. Andererseits … sie war ja keine Dame. Nur eine Fischerstochter. In diesem Moment erschien ihr dieser Umstand von Vorteil. Sie wünschte sich so sehr, ihm nur einmal nahe zu sein. Er stieg hinter ihr in den Sattel. Seine Arme umfassten ihre Taille, während seine Hände die Zügel hielten, und sie konnte die Wärme seines Körpers spüren. Hazel betete, er würde nicht merken, wie sehr ihr Herz in diesem Augenblick raste.

Sie hielt sich an der Mähne des Braunen fest und sie ritten langsam den Pfad hinunter zur Küste entlang. Es war ein recht klarer Tag und Hazel erklärte Lord Denby all die kleinen Inseln vor der Küste. Die Kuppen der Berge waren von Wolken verhangen, aber die Sonne fand noch ausreichend Platz, um ihre goldenen Strahlen hinunter aufs Meer zu schicken. Zu dieser Tageszeit schien für eine Weile die ganze Bucht von Blau erfüllt zu sein. Das Meer, der Himmel, ja selbst die leicht grauen Wolken und die sonst grünen Wiesen schienen blau. 

Hazel blickte in die Ferne. Sie hoffte, Alistair und Colin wären noch etwas weiter draußen, und sie war froh, das kleine Segel nicht zu sehen. Sie bat Lord Denby, auf dem Hügel oberhalb des Hauses anzuhalten. Es war besser, das letzte Stück zu Fuß zu gehen. Ihre Mutter würde sich sicherlich furchtbar aufregen, wenn sie ihre Tochter auf dem Pferd von Lord Denby sah. Hazel würde dieses Geheimnis für sich behalten und niemandem davon erzählen, dass sie es gewagt hatte, mit ihm auf einem Pferd zu sitzen.

Er half ihr herunter.

»Ich danke Ihnen, Mylord«, sagte sie, noch berauscht von ihren Gefühlen. »Das war herrlich.« Ihre Finger streichelten liebevoll den Hals des Tieres, als er wieder aufs Pferd stieg.

»Es war mir ein Vergnügen. Auf bald, Hazel«, lachte er, wendete das Pferd und ritt davon.

Sie blickte ihm nach und sah, dass er noch einmal anhielt bevor er den Wald erreichte. Schnell wandte sie sich um und rannte das letzte Stück zum Cottage hinunter. Er sollte nicht sehen, dass sie insgeheim darauf gewartet hatte.

Der Ball rückte näher und Hazel wusch am Bach neben dem Cottage ihre Sachen, die sie bei den Vorbereitungen in der Küche tragen wollte. Sie schrubbte die Wäsche auf der großen Schieferplatte in dem vom Moor braunen, kalten Wasser, bis ihre Finger schmerzten. Sie würde trotz der vielen Kernseife nie so sauber werden, wie sie es sich wünschte, doch sie sollte so sauber sein, wie es nur ging.

Schließlich kam der Freitag und Hazel ging morgens um fünf in der Dämmerung nach Broom Park. Sie war die Erste, die kam und Mrs Edwards fragte sie, welche Arbeit sie am liebsten verrichten wollte. Hazel freute sich über das Angebot. Sie entschloss sich, beim Backen zu helfen. Am Vormittag wurde der Teig angesetzt und die Laibe geformt und am Nachmittag wurden die Brote gebacken. Zudem wurden schon die Pasteten für das Fest gemacht.

Am Samstagmorgen war es ihre Aufgabe, das Gemüse vorzubereiten. Sie arbeitete mit Feuereifer und ihr Fleiß zahlte sich aus. Als alle anderen gegangen waren, bat Mrs Edwards sie, weiter mitzuhelfen, bis das Essen beendet war. Sie würde dafür noch einen Schilling erhalten. Das war mehr, als Alistair vor zwei Tagen für den Fisch bekommen hatte und Hazel würde vielleicht Gelegenheit haben, einen Blick auf all die feinen Ladys und Gentleman zu werfen, die zum Ball gekommen waren.

Schließlich wurde es Abend und Hazel hoffte, sie würde wenigstens eine freie Minute haben, aber man ließ sie nicht aus der Küche, bis sie sagte, ihr wäre schlecht und aus der Tür in den Hof rannte.

Es war ein relativ lauer Abend für diese Jahreszeit und Hazel sah, dass einige Gäste im Park waren. Sie schlich im Schutz der Bäume um das Haus herum, bis sie die großen hell erleuchteten Fenstertüren des Ballsaales sehen konnte, aus denen das Licht in den Park drang. Sie blieb unter einem Baum stehen. Broom Park war an diesem Abend so, wie sie es sich immer erträumt hatte. Da waren all die Leute. Die schönen Frauen in den prächtigen Abendkleidern und die Männer in ihren eleganten Anzügen. Aus dem Saal erklang die wundervollste Musik, die Hazel je gehört hatte. Die Klänge von Geigen, Flöten und Harfe vereinigten sich in völliger Harmonie. Sie ließ kein Auge von den tanzenden Männern und Frauen und bemerkte so nicht, dass sich jemand näherte.

»Gefällt es dir?«, fragte eine männliche Stimme, die sie sofort erkannte.

Hazel riss erschrocken die Augen auf und sah Lord Denby, der in einiger Entfernung im Halbdunkel neben ihr auf dem Rasen stand.

»Ich habe nie etwas Schöneres gesehen«, antwortete sie, blieb aber scheu unter ihrem Baum.

»Verzeihst du mir jetzt, dass ich das Haus wieder hergerichtet habe?« Er kam näher.

»Ich war Ihnen damals nicht böse. Ich hatte mir nur eingebildet, das Haus würde mir gehören, wenn ich allein hier war.« Hazel erwiderte sein Lächeln zögerlich.

»Gefällt dir die Musik?«, fragte er.

»Sehr«, entgegnete sie und beobachtete fasziniert, wie sich die Paare im Saal im Kreise drehten. Die Tänzer waren einander dabei so nah, wie Hazel es von den hiesigen Tänzen nicht kannte. Die Damen schienen in den Armen der Herren geradezu schwerelos über das Parkett zu gleiten. Sie wünschte sich in diesem Augenblich sehr, eine davon zu sein.

»Man nennt es Walzer«, erklärte Lord Denby. »Willst du lernen, wie man dazu tanzt?«

»Ich?«

Sie wollte eigentlich Nein sagen, doch er kam zu ihr, umfasste ihre Taille und nahm zu ihrer Verblüffung wie selbstverständlich einfach ihre rechte Hand in seine linke.

»Es ist ganz einfach. Sieh her. Ganz langsam. Eins, zwei, drei, eins, zwei, drei.«

Er zog sie mit sich und Hazel ließ sich voller Vertrauen von ihm führen. Sie tanzten einmal um den Baum herum. Hazel schwebte in seinen Armen über den Rasen, bis er innehielt. Sie blickte zu ihm auf und sah etwas in seinen Augen glimmen, das sie irritierte, weil es sich auf sie zu übertragen schien.

»Ich muss wieder in die Küche«, sagte sie hastig und lief davon.

Lord Denby blickte ihr grübelnd nach.

Hazel schrubbte in der Küche das dreckige Geschirr. Ihre Gedanken waren bei dem, was sie eben erlebt hatte. Als sie darüber nachdachte, liefen ihr Tränen über die Wangen und tropften in das Waschwasser. Sie würde niemals zu diesen feinen Leuten gehören. Aber war sie, wie Alistair behauptete, von Geburt an dazu verdammt, im höchsten Falle auf ein Leben als Dienstmagd zu hoffen? Verflucht noch mal - nein! Sie wollte mehr, viel mehr, und sie würde alles dafür tun. Sie würde nicht hier in der schottischen Einöde in einem kleinen Cottage enden und irgendeinem Kerl, den sie womöglich nur aus Geldnot heiraten würde, einen Haufen Kinder gebären. Nein!

Die Nacht verbrachte Hazel mit ein paar der anderen Mädchen im Heu über dem Stall von Broom Park. Als der Tag graute, nahm sie ihren Wollschal und ging den vertrauten Pfad entlang der Küste nach Hause. Sie war lange nicht bei Sonnenaufgang auf dem Hügel gewesen und sie setzte sich zwischen den Farn. Unten über dem Wasser und dem Land waberten leichte Nebelschwaden, die sich bereits auflösten und ganz langsam tauchte die Sonne die Spitzen der Berge auf der anderen Seite der Bucht in sanftes, rotgoldenes Licht. Für einige Minuten schien alles in intensivem Gold zu leuchten, bis die Sonne ganz über die Berge war.

Zu Hause bereitete sie das Frühstück aus Haferkeksen und Porridge für Colin und Alistair zu und ging dann hinüber in den Stall, bis Colin nach ihr rief. Die Familie brannte darauf zu hören, was sie zu erzählen hatte und Hazel berichtete alles ausführlich. Dass Lord Denby mit ihr auf dem Rasen getanzt hatte, verschwieg sie allerdings.

In den nächsten Wochen nach dem Ball sah sie ihn nur noch sonntags in der Kirche, wo er jedoch nie mit ihr sprach.

Der September ging mit viel Regen zu Ende, der kaum hörbar aber ständig wie ein feiner Schleier über der Landschaft hing. Der Oktober brachte die ersten schweren Herbststürme im Wechsel mit nassen, von Nebel verhangenen Tagen und damit wachsender Sorge um Colin und Alistair, wenn sie mit dem Boot draußen waren. Das Farnkraut und die Heide verfärbten sich zusehends braun und die einzige Zierde blieben die von Feuchtigkeit weißen Spinnennetze, in denen die Wassertröpfchen glitzerten.

Hazel sammelte die letzten Kräuter und hängte sie zum Trocknen im Haus auf. Die Kunst, Heilkräuter richtig einzusetzen, hatte sie von ihrer Großmutter gelernt, die etwas gegen fast alle Leiden gewusst hatte: Coltsfoot gegen Husten, Tormentil gegen Entzündungen, Herb Robert zur Behandlung von Wunden und vieles mehr. Hazel ging sehr sorgfältig mit ihrem Wissen um. In diesem Jahr schrieb sie, zum Erstaunen ihrer Mutter, zum ersten Mal die Namen der Kräuter und Wurzeln auf kleine Zettel und hängte diese an die tönernen Töpfe, in denen sie nach dem Trocknen aufbewahrt wurden.

Der Winter kam rasch und bald waren die Gipfel der Berge vom ersten Schnee bedeckt. Mrs MacAllen verließ kaum noch das Haus, in dem das Feuer nun Tag und Nacht brannte. Hazel hatte gottlob mehr Treibholz gesammelt und Colin hatte mehr Torf gestochen, als in den Jahren zuvor. Diesen Winter würden sie hoffentlich nicht so frieren, wie im letzten. Von dem wenigen Geld, das Hazel auf dem Ball verdient hatte, hatte sie ein gebrauchtes Spinnrad gekauft. Colin hatte es wieder hergerichtet und Hazel hatte die Wolle der Schafe gesponnen, was so viel besser und schneller ging, als mit der einfachen Handspindel.

Sie hatte sie nach dem Spinnen mit Heidekraut grün gefärbt und nun strickte sie fleißig für jeden etwas Warmes. Jacken für sich und ihre Mutter und neue dicke Pullover für Colin und Alistair. Die beiden fuhren nach wie vor jeden Tag mit dem Boot hinaus. Aber sie brachten zu dieser Jahreszeit nur wenig Fisch mit nach Hause. Auch Lobster verirrten sich nicht mehr oft in die Fangkörbe.

Colin fluchte eines Abends, als sie beim Essen saßen: »Warum mussten die Denbys zurückkommen? All die Jahre hat sich kein Mensch um ihren Besitz gekümmert und jetzt haben sie einen Jagdaufseher. Es geht das Gerücht, es wäre Rory Campbell. Ausgerechnet jemand, den wir kennen. Ich kann nicht mal mehr ein Kaninchen fangen, ohne dass ich Angst haben muss, jemand könnte mich dabei erwischen.«

Er schlug mit der Faust auf den Tisch.

»Wir werden schon an einen Braten kommen, Colin. Lass das nur meine Sorge sein«, erwiderte Alistair ruhig.

»Ihr wollt doch nicht etwa wildern?« Ihre Mutter schlug sich entsetzt die Hand vor den Mund.  

»Das haben wir immer getan, Mutter. Nur bisher hat sich niemand darum gekümmert«, entgegnete Alistair trocken.

»Ich verbiete euch, an so etwas auch nur zu denken!«

»Du brauchst im Winter ab und zu ein richtiges Stück Fleisch, Mutter. Deine Gesundheit ist angeschlagen genug.« Colin legte ihr beruhigend die Hand auf die Schulter.

»Ich will das nicht.« In den Augen von Fiona MacAllen spiegelte sich die pure Verzweiflung wider. Auf Wilderei stand noch immer die Todesstrafe.

»Nun, Mutter, wenn Colin sich nicht so eisern dagegen gewehrt hätte, dass wir in den Handel mit Kelp einsteigen, wären wir vielleicht heute nicht so arm.« Alistairs Augen blitzten seinen Bruder vorwurfsvoll an.

»Du weißt, dass der Kelp nur so lange ein gutes Geschäft ist, bis der Handelsbann gegen Frankreich aufgehoben ist. Napoleon ist geschlagen und sitzt auf Elba. Was glaubst du, wie lange sie den Handel noch sperren? Ein paar Jahre vielleicht, und alle, die auf den Kelp gesetzt haben, stehen dann vor dem Nichts.«

»Du solltest Politiker werden.« Alistair lachte verächtlich.

Als ihre Mutter schon schlief, hörte Hazel, wie sich Colin und Alistair weiter stritten und sich dann leise unterhielten.

»Ich werde in den nächsten Nächten ein paar Schlingen legen. Das wird niemand merken. Von den reichen Leuten geht bei diesem Wetter sowieso keiner vor die Tür«, sagte Alistair.

»Tu das, aber sag Mutter nichts davon«, antwortete Colin leise.

Eine Woche später brachte Alistair mit einem breiten Grinsen und zum Entsetzen der Mutter das erste Kaninchen mit. Hazel füllte es mit Brot und Kräutern und es schmeckte herrlich. Von da an gab es fast jede Woche einmal Fleisch. Alistair verwischte immer seine Spuren im Schnee, wenn er die Schlingen legte oder die Kaninchen nach Hause brachte. Niemand sollte wissen, wer der Wilderer war. Hazel hätte gern die kleinen warmen Felle aufgehoben und gegerbt, doch Alistair zwang sie immer, alle Reste zu verbrennen und die Knochen möglichst weit weg vom Haus zu vergraben. Eines Abends brachte Alistair ein riesiges Stück Fleisch mit. Es war eine ganze Hirschkeule.

»Der hatte sich mit dem Geweih wohl beim Fressen in der Schlinge verfangen. Gott sei Dank hat sie gehalten« lachte er, als er das Fleisch auf den Tisch knallte.

»Du bist verrückt«, sagte selbst Colin, als er es sah. Dann grinste er breit und fragte zu Hazels Entsetzen: »Wo ist der Rest?«

»Den hole ich morgen«, erwiderte Alistair, ohne zu sagen, wo er das Tier versteckt hatte.

Fiona MacAllen schwieg zu dem, was sie sah und auch Hazel biss sich auf die Lippen. Sie wusste, dass Alistair sie alle in Gefahr brachte. Ein falsches Wort von ihr hätte ihr wahrscheinlich nur eine Tracht Prügel eingebracht. So akzeptierte sie es einfach, bis sie an einem kalten Tag Ende November wieder am Strand war und Treibholz sammelte. Als sie draußen in der Bucht das kleine Segel des Bootes sah, winkte sie Colin und Alistair zu, lief zum Steg und wartete. Colin holte das Segel ein und Alistair ruderte das Boot das letzte Stück. Hazel fing das Seil auf, das Colin ihr zuwarf. Sie band das Boot an, als plötzlich vom Haus her ein angstvoller Schrei ertönte. Es war ihre Mutter. Hazel drehte sich um und rannte den Pfad hinauf. Colin und Alistair sprangen aus dem Boot und folgten ihr. Zwei Reiter waren vor dem Haus. Ein dritter Mann hielt ihre Mutter fest.

»Wir wissen genau, dass Ihre Söhne auf dem Land von Lord Denby wildern, Mrs MacAllen«, sagte der eine Reiter laut.

Hazel traute ihren Augen nicht. Es war tatsächlich Rory Campbell, der von Lord Denby zum Jagdaufseher gemacht worden war.  

Sie blickte Alistair an und zischte leise: »Habe ich nicht immer gesagt, dass er ein Widerling ist?«

»Jaja. Du hattest recht. Aber sei still jetzt.«

Alistair bedeutete Hazel, sich, wie schon Colin, hinter der Mauer, die das Haus umgab, zu ducken. Rory blieb auf seinem Pferd und schickte die beiden anderen Männer in das Cottage. Hazel hörte, dass sie dort alles durchsuchten. Ihre Mutter stand hilflos vor der Tür.

»Ich muss etwas tun«, sagte Hazel leise zu Colin. »Sie schlagen sonst alles kurz und klein.«

»Nicht!«, rief er leise, doch sie war schon aufgesprungen und lief hinüber zum Haus.

»Aufhören!«, schrie sie so laut sie konnte. »Aufhören!«

Die Geräusche im Haus verstummten und die Männer kamen heraus.

»Sieh mal an. Wen haben wir denn da?« Rory blickte sie forschend an.

»Lass meine Mutter in Ruhe, Rory!«, fauchte Hazel ihn an.

»Sollen wir uns lieber mit dir befassen, kleine Wildkatze?«, lachte er unverschämt.

»Verschwinde, oder ich werde mich bei Lord Denby über dich beschweren.« Hazel ließ sich ihre Angst nicht anmerken.

Die drei Männer lachten schallend.

»Beschweren will sie sich, bei seiner Lordschaft. Habt ihr das gehört?« Rory schlug sich lachend auf den Schenkel. »Du weißt wohl nicht, wen du vor dir hast?« Er grinste sie an.

»Einen Campbell, was sonst.« Hazel stemmte die Hände in die Hüften.

»Ja. Ganz recht. Und einen, der dir Manieren beibringen wird.«

Rory lenkte sein Pferd auf Hazel zu.

»Wie kannst du von Manieren sprechen und einfach in unser Haus eindringen? Schämen solltest du dich, Rory! Du warst einer von uns und jetzt bist du gegen uns und zerstörst die wenigen Dinge, die wir haben.« Hazel hob den Kopf.

»Sei froh, wenn wir dir nicht das Haus über deinem hübschen Köpfchen anzünden«, grinste Rory. »Das hättest du deinen Brüdern zu verdanken.«

»Wovon redest du?«, fragte Hazel und tat unwissend.

»Von den Kaninchen, die ihr mit Fallen jagt und von dem Hirsch, dessen Überreste die Hunde gefunden haben. Wenn ich nur die kleinste Spur davon in eurem Haus finde, sind deine Brüder dran.« Rory hielt Hazel seine Reitgerte vor die Nase.

»Macht weiter!«, wandte er sich an die beiden anderen Männer.

»Rory Campbell. Glaubst du wirklich, wir wären so dumm und würden irgendwelche Reste im Haus hinterlassen, wenn meine Brüder tatsächlich wildern würden?«

In Hazels Kopf rasten die Gedanken durcheinander. War sie damit vielleicht zu frech gewesen?

Rory sah sie mit einem durchdringenden Blick an.

»Hört auf!«, rief er den Männern zu. »Wir gehen.«

Die beiden kamen heraus und stiegen auf die Pferde.

»Also gut. Nur weil du es bist, Hazel. Aber ich warne dich. Ich bin auch nicht dumm und ich werde dafür sorgen, dass die Wilderei aufhört. Sag das deinen Brüdern!«, war das Letzte, was Rory sagte, bevor sie davonritten.

Fast hätte Hazel ihm nachgerufen: Versuch es doch, aber sie tat es nicht. Sie nahm ihre Mutter in den Arm und sie gingen hinein. Colin und Alistair kamen kurz darauf hinterher.

Es sah schlimm aus. Sie hatten die Betten auseinander gerissen, den Tisch umgeworfen und in den Vorratstöpfen herumgestochert. Colin fluchte. Alistair schleuderte seine Jacke voller Wut auf den Boden.

Ihre Mutter regte sich so über die ganze Geschichte auf, dass sie wieder ihren Husten bekam. Sie brauchte jetzt erst recht etwas Kräftiges zu Essen. Fisch allein reichte nicht aus und Colin und Alistair fingen zurzeit auch nicht viel. Es war wieder kälter geworden und in den Nächten schneite es oft leicht. Gottlob blieb der Schnee nahe der Küste meist nicht lange liegen und taute bis zum Abend weg. Nur die Berge hatten jetzt immer weiße Kuppen. Doch die Kälte und der Wind waren auch am Meer sehr unangenehm.

Am nächsten Sonntag ging Fiona MacAllen nicht mit zur Kirche. Während der Messe bemerkte Hazel, wie Alistair und Colin plötzlich verschwanden. Hazel wusste, was sie vorhatten und verhielt sich still. Als sie die Kirche nach der Messe verließen, wartete Hazel noch einen Moment vor der Tür. Sie wollte den Reverend fragen, ob sie wieder zum Lesen in sein Haus kommen dürfte. Während sie wartete, kam Lord Denby mit seiner Mutter aus dem Gotteshaus. Hazel ließ wie immer kein Auge von ihm, leider schien er sie nicht zu bemerken. Hazel musterte die alte Dame. Lady Denby war schon fast siebzig, weißhaarig und benutzte einen Stock mit einem Silberknauf als Gehhilfe. Sie hatte spät geheiratet und mit fast dreißig Jahren ihr erstes Kind geboren. Als sie aus der Kirche kam, wirkte sie alt und müde und die Kälte machte ihr, trotz des dicken Pelzmantels, den sie trug, sichtlich zu schaffen. Hazel beobachtete, wie die Denbys zu ihrer Kutsche gingen. Simon half seiner Mutter hinein und die Kutsche fuhr los.

Hazel wollte hinüber zum Reverend gehen, als sie Rory Campbell auf seinem Pferd ankommen sah. Er ritt auf die Kutsche zu und ließ den Kutscher halten. Hazel sah, dass er etwas an einem Strick hinter sich her durch den Schneematsch schleifte. Sie schrie auf.

Es war Alistair.

Rory hatte ihn erwischt. Hazel rannte aus dem Kirchhof auf ihren Bruder zu. Wo war nur Colin?

Rory sprach mit Lord Denby, der sich aus dem Fenster des Wagens beugte.

»Hier ist der Wilderer, von dem ich Ihnen erzählt habe, Mylord«, grinste Rory zufrieden.

»Campbell! Was soll das? War das denn nötig? Lassen Sie den Mann aufstehen. Egal was er getan hat, niemand wird hier so behandelt.«

Hazel rannte an der Kutsche vorbei zu Alistair, der am Boden lag und stöhnte. Sie kniete neben ihm und hatte Alistairs Kopf auf ihren Schoß gelegt. Sie streichelte sein verschrammtes Gesicht.

Lord Denby war derweil aus dem Wagen gestiegen und trat zu ihr.

»Kennen Sie den Mann, Miss MacAllen?«, fragte er sie ernst.

»Er ist mein Bruder.« Hazel blickte flehend zu ihm auf. Tränen rannen über ihre Wangen. So sehr sie Alistair und seine Launen manchmal ängstigten oder wütend machten … er war ihr Bruder und jetzt war er in Gefahr.  

»Ihr Bruder.« Lord Denby seufzte kaum hörbar.

»Stehen Sie auf, MacAllen«, sagte er streng.

Alistair stöhnte auf, als Hazel ihm auf die Beine half. Das halbe Dorf stand mittlerweile um sie herum.

»Sie wissen, welche Strafe auf das Wildern steht?«, fragte Lord Denby todernst.

Alistair nickte.

»Aber es ist Winter und es ist bald Weihnachten. Ich will daher Gnade vor Recht ergehen lassen, MacAllen. Sie sind Fischer, wenn ich recht informiert bin. Sie werden mir daher in den nächsten Monaten regelmäßig einen Teil Ihres Fangs abliefern. Vor allem Lobster möchte ich haben. Außerdem werden Sie Ihre Schwester in mein Haus schicken. Ich möchte, dass sie auf Broom Park arbeitet.« Lord Denbys strenger Blick ließ keinen Zweifel daran, dass das keine Bitte, sondern ein Befehl war. Alistair sagte kein Wort und biss sich auf die Lippen.

»Danke«, antwortete Hazel erleichtert und kniff Alistair in den Arm.

»Danke, Sir«, antwortete auch Alistair.

»Aber, Mylord. Sie wollen doch den Kerl nicht so einfach ohne Strafe gehen lassen?«, entrüstete sich Rory.

»Ich denke, Sie vergessen, wer hier das Sagen hat, Campbell. Gehen Sie, und wenn Sie wieder jemanden einfangen, dann schleifen Sie ihn nicht hinter sich her. Ich dulde so etwas nicht!« Lord Denby war sichtlich ungehalten und wurde laut.

»Jawohl, Mylord«, sagte Rory und warf Hazel und Alistair einen hassvollen Blick zu, als er davonritt.

Hazel blickte Lord Denby an und dankte ihm stumm. Sie konnte nicht glauben, was er eben gesagt hatte. Er wollte, dass sie nach Broom Park kam. Es war, als könnte er ihre geheimsten Gedanken lesen. Lord Denby stieg wieder in den Wagen und ließ den Kutscher fahren. Er sah Hazel noch an, als der Wagen an ihr vorüber rollte.

Die Leute um sie herum jubelten, kamen auf sie zu und klopften Alistair auf die Schulter. Ein paar Männer zogen ihn und Hazel mit sich Richtung Alehouse. Es war ein Triumph für sie alle. Es schien, als würde Lord Denby wirklich auf ihrer Seite stehen. Als sie ins Alehouse gehen wollten, kam Colin mit einem hochroten, verschwitzten Gesicht angerannt.

»Was ist passiert?«, rief er schon von Weitem.

Hazel lief ihm entgegen und fiel ihm glücklich um den Hals.

»Lord Denby hat Alistair gehen lassen«, lachte sie.

»Und er hat Rory zurechtgewiesen«, fügte Alistair hinzu.

»Das ist ein Grund zum Feiern«, lachte Colin und ging mit ins Alehouse.

Hazel blieb draußen. Frauen waren drinnen nicht erwünscht. Die Männer würden jetzt Bier und Whisky trinken und feiern. Sie seufzte und machte sich, wie die anderen Frauen, auf den Heimweg, um ihrer Mutter alles zu erzählen.

Colin und Alistair kamen erst am späten Nachmittag heim. Alistair war reichlich betrunken. Colin hatte sich Gottlob zurückgehalten. Sie stolperten beide lachend durch die kleine Haustür. Hazel blickte erschrocken von ihrer Strickarbeit auf.

»Schscht«, sagte sie leise. »Ihr weckt Mutter auf.«

Colin setzte Alistair auf einem Stuhl ab und kam zu ihr.

»Steh auf, Hazel. Dein Bruder will mit dir tanzen«, sagte er und zog sie etwas unsanft von ihrem Stuhl hoch.

»Du stinkst nach Whisky«, sagte sie entrüstet, als sie seinen Atem roch.

»Ich bitte um Verzeihung, Mylady«, lachte Colin und tanzte mit ihr um den Tisch herum.

Plötzlich gab es einem lauten Schlag.

»Hört auf!«, brüllte Alistair ungehalten. Er hatte mit der Hand auf den Tisch geschlagen.

»Sein kein Spielverderber, Alistair.« Colin runzelte die Stirn.

»Das ist kein Spiel. Komm her, Hazel!«, forderte Alistair.

Hazel ging zu ihm. Er sah sie mit leicht getrübten Augen an.

»Was ist denn?« Sie blieb vor ihm stehen und er fasste sie am Handgelenk. Ihr Magen krampfte sich zusammen, als sein Griff immer fester wurde.

»Was ist der Grund dafür, dass Lord Denby mich hat laufen lassen?« Seine Zunge war schwer.

»Ich weiß es nicht.« Sie tat unschuldig und unwissend. Es war doch auch nichts geschehen. Nichts, dessen sie sich hätte schämen müssen. 

»Wirklich nicht, Hazel? Bist du es vielleicht?«, lallte er.

»Ich? Wie meinst du das?«

»Du bist kein Kind mehr und sehr hübsch. Vielleicht ist Lord Denby an dir interessiert und du hast ihm schöne Augen gemacht.« Er zog eine ihrer Haarsträhnen hervor, hielt sie fest und blickte Hazel fragend an.

»Unsinn, Alistair.« Hazel entzog ihm empört Hand und Haare.

»Du wirst aber auf keinen Fall nach Broom Park gehen«, entschied Alistair rau. Er schien etwas wacher zu werden.

»Was? Aber genau das will ich doch. Ich möchte dort arbeiten!«, rief Hazel entsetzt.

»Vergiss es. Ich will nicht, dass du dich zur Hure dieses feinen Pinkels machst und genau das wirst du wohl werden.« Er stand auf und schwankte leicht.

Hazel holte aus, verpasste Alistair eine schallende Ohrfeige und ging erschrocken darüber ein paar Schritte zurück. Sie hatte es noch nie gewagt, die Hand gegen jemand anderen zu erheben. Zitternd stand sie da. Alistair öffnete die Schnalle an seinem Ledergürtel, nahm ihn ab und ging auf Hazel zu.

»Ich werde dich lehren, wie man Weiber behandelt, die ihren Bruder ohrfeigen«, sagte er bedrohlich.

»Nicht, Alistair!« Colin hielt ihn zurück. »Du hast sie provoziert. Lass sie in Ruhe oder ich verpasse dir noch eine Ohrfeige, die wird allerdings nicht so sanft ausfallen wie die von Hazel.« Er schob Alistair zurück auf seinen Stuhl.

»Ich gehe nach Broom Park, ob es dir gefällt oder nicht, und wenn du solche Dinge von mir denkst, will ich nicht länger deine Schwester sein«, sagte Hazel erbost.

Sie rannte aus dem Haus, knallte die Tür hinter sich zu und lief hinunter zum Strand. Der Wind war schneidend kalt und die kleinen Schneeflocken stachen wie Nadeln in ihrem Gesicht. Hazel bebte vor Wut. Ihr Entschluss stand fest und nichts und niemand würde sie davon abhalten.

Kapitel 2

Hazel schlief kaum in dieser kalten Nacht, in der der Sturm um das Haus heulte, und die Dachbalken laut ächzen ließ. Colin hatte noch lange mit ihr gesprochen, als Alistair bereits seinen Rausch ausschlief. Er hatte versprochen ihr zu helfen, Alistair zu überzeugen. Auch Colin war der Ansicht, dass es das Beste für sie alle war, wenn Hazel nach Broom Park durfte. Sie würde so regelmäßig Geld bekommen. Es wären nur ein paar Schilling im Monat, aber es würde reichen, um öfter Fleisch zu kaufen und die Wilderei hätte endlich ein Ende. Alistair wollte am nächsten Morgen nicht aufstehen. Colin musste ihn aus dem Bett werfen und ihn mit einer Ladung kaltes Wasser in die Realität zurückholen. Alistair war zu verkatert, als das Hazel wieder mit dem Thema des vergangenen Abends anfangen wollte, und Colin nickte ihr nur zu, als er mit ihm zum Boot ging. Hazel wusste, er würde alles klären.

Als ihre Brüder am Abend zurückkehrten, war Alistair noch immer mürrisch und er sprach wie immer kein Wort bis nach dem Essen.

»Wenn du in Broom Park arbeiten willst, geh«, sagte er barsch, als Hazel ihm die leere Schüssel wegnahm.

»Du bist also einverstanden?« Sie war skeptisch und legte die Stirn in Falten. Sollte Colin tatsächlich einen solchen Sinneswandel in so kurzer Zeit bewirkt haben? 

»Mir wäre es lieber, du würdest heiraten. Du bist weiß Gott alt genug. Wenn du nicht so stur wärst, hätte ich dich längst mit Rory Campbell verheiratet. Er hat mir schon vor ein paar Monaten gesagt, dass er an dir interessiert ist und dann wäre uns der ganze Ärger von neulich und der von gestern erspart geblieben. Ich denke, er hat es vor allem auf uns abgesehen, weil du nichts von ihm wissen willst.«

»So, es liegt also an mir?« Hazel schüttelte ungläubig den Kopf. »Allein, dass du dran gedacht hast, mich mit einem Campbell zu verheiraten … Wir sind MacAllens, Alistair, und wir gehören zu den MacDonalds. Hast denn gar keinen Familienstolz? Eher friert die Hölle zu, als dass ich einen Campbell heirate!«

Hazel war entrüstet. Kein Geld der Welt hätte sie dazu bewegen können jemals einen Kerl wie Rory Campbell zu heiraten. Auch ohne das, was er mittlerweile getan hatte.

»Herrje, fängst du jetzt auch noch an, auf dem alten Hass zwischen den Clans herumzureiten? Das Massaker im Glencoe ist über einhundert Jahre her! Du wirst heiraten und zwar bald. Ich werde schon jemanden für dich finden.«

»Und wer soll sich um Mutter kümmern, wenn ich seine Frau werde?« Hazel stemmte trotzig die Hände in die Hüften und ihre Augen funkelten Alistair an, der noch immer am Tisch saß.

»Ja. Ich weiß, dass wir jeden Schilling brauchen werden, den wir kriegen können, Hazel.« Alistair stand auf und kam auf sie zu.

»Von mir aus arbeite für die Denbys. Allerdings wirst du hier wohnen bleiben und jeden Tag zur Arbeit laufen. Mutter braucht dich zu sehr, als dass du auch noch auf Broom Park einziehen könntest wie die anderen Dienstboten«, sagte er bestimmt.

Hazel wäre ihm fast um den Hals gefallen vor Freude. In diesem Moment packte er sie fest um das Handgelenk.

»Und ich schwöre dir, Hazel, wenn Lord Denby dich anrührt, bringe ich ihn um«, fügte Alistair ernst hinzu. In seinen Augen stand eine Entschlossenheit, die Hazel Angst machte.

»Das wird er nicht tun«, antwortete sie, obgleich sie sich selbst nicht sicher war mit dieser Behauptung.

Am darauffolgenden Morgen stapfte Hazel noch im Dunkeln mit einer Laterne durch den Schnee hinüber nach Broom Park. Es war ein klarer kalter Tag und sie war froh, dass sie ihre neue, warme Wolljacke trug, die endlich fertig gestrickt war. Sie ging die Einfahrt nach Broom Park hinauf, bis das Haus zu sehen war. Ein herrlicher Anblick, wie es da inmitten des frisch verschneiten Parks im Mondschein lag. Kleine Rauchwölkchen stiegen aus fast allen Kaminen senkrecht in den Himmel und im Küchentrakt war schon Licht. Hazel freute sich auf die warme Küche und das freundliche Gesicht von Mrs Edwards. Sie ging direkt zur Hintertür und die Hausdame ließ sie ein.

»Guten Tag, Hazel. Wir haben uns schon gefragt, wann du kommst«, lachte sie freundlich und Hazel hatte das Gefühl, Mrs Edwards wäre noch ein wenig rundlicher geworden seit dem Ball im September.

»Mein Bruder wollte mich nicht gehen lassen«, entgegnete sie.

»Wärm dich ein bisschen auf.« Mrs Edwards schob sie vor den großen Herd und verließ die Küche. Hazel zog ihre Jacke aus und rieb sich ihre eisigen Finger.

Die beiden Küchenmädchen blickten sie kühl an und musterten sie abfällig. Sie schämte sich, als sie die Lederbänder um ihre Waden löste und die beiden Kaninchenfelle abnahm, die sie als Schutz im Winter über ihren Schuhen trug.

»Lass erst mal deine Hände sehen«, sagte Mrs Edwards, als sie wieder hereinkam.

Hazel zeigte ihre Hände vor. Sie waren zwar rot und rau aber sauber.

»Gut. Sehr schön. Du hast nicht vergessen, was ich dir das letzte Mal gesagt habe, als du hier warst.«

»Nein, Mrs Edwards.«

»Komm mit. Ich zeige dir, in welchem Zimmer du wohnen wirst.«

»Ich werde kein Zimmer brauchen, Ma’am.«

»Wieso denn nicht? Du wirst natürlich auch hier wohnen wie alle Hausangestellten.«

»Nein. Mein Bruder erlaubt es nicht und ich muss mich auch um meine Mutter kümmern.«

Mrs Edwards runzelte missbilligend die Stirn.

»Also gut. Dann muss es wohl so sein. Aber ich erwarte, dass du pünktlich da bist, jeden Morgen.«

»Das werde ich, Mrs Edwards.«

»Dann werden wir dich erst einmal ordentlich anziehen.«

Hazel folgte der Hausdame. Sie verließen die Küche und betraten einen Treppenaufgang, den Hazel früher nie bemerkt hatte. Es war die Personaltreppe, die sie bis hinauf unter das Dach führte. Hier waren auch die Zimmer für die Hausmädchen. Mrs Edwards zeigte ihr ein Zimmer, in dem noch ein freies Bett war. Das andere war von einem der anderen Mädchen belegt.

»Wenn du deinen Bruder noch umstimmen kannst, ist immer ein Platz für dich da«, erklärte die Ältere freundlich.

Dann betraten sie einen Raum, in dem nur sechs riesige Wäscheschränke standen. Mrs Edwards öffnete einen davon und holte ein schwarzes Kleid heraus, wie es alle Hausmädchen trugen. Aus einem anderen Schrank nahm sie noch eine weiße Schürze und ein Häubchen.

»Zieh das an, das müsste dir passen«, sagte sie und drückte Hazel die Sachen in die Hand.

Hazel fühlte den Stoff des Kleides. Es war aus feiner Baumwolle und viel weicher als ihr Sonntagskleid. Sie beeilte sich, das Kleid anzuziehen und die Schürze umzubinden, und ging hinaus in den Gang, wo Mrs Edwards auf sie wartete.

»Sehr schön, Hazel. Bis auf die Schleife.« Mrs Edwards öffnete die Bänder erneut und band eine perfekte Schleife auf Hazels Rücken. »Fühl sie einmal. So muss sie sitzen.«

Hazel tastete nach der Schleife.

»Jetzt lass mal deine Schuhe sehen.«

Hazel zog ihren Rock etwas nach oben.

»Dachte ich mir doch, dass sie nass sind. Die Personaltreppe kannst du damit hinauf gehen, aber im Haus kann ich dich so nicht herumlaufen lassen. Warte einen Moment.« Mrs Edwards verließ den Raum und kam mit einem Paar kurzer Schnürstiefel aus schwarzem Leder und mit kleinem Absatz zurück.

»Probier die mal an. Die müssten dir passen.«

Hazel zog ihre nassen Schuhe aus und schlüpfte in die Stiefel. Sie saßen wie angegossen.

»Sehr gut«, sagte Hazel und machte ein paar Schritte. »Aber ich kann sie nicht gleich bezahlen. Sie müssten Sie mir vom Lohn abziehen.«

»Ich schenke sie dir. Sie sind gebraucht und ich hatte sie schon eine ganze Weile aufgehoben.« Mrs Edwards lächelte freundlich.

»Das kann ich nicht annehmen.«

»Natürlich kannst du. Sei kein Dummchen. Jetzt werde ich dir noch zeigen, wie du die Haare am besten aufsteckst und das Häubchen befestigst. Komm!« Die Hausdame ging wieder die Treppe hinunter und erläuterte auf dem Weg nach unten: »Du wirst noch ein zweites Kleid bekommen. Die Schürzen werden regelmäßig gewechselt. Dass die Sachen sauber und in Ordnung bleiben, darum hast du dich zu kümmern und ich rate dir, das sehr sorgfältig zu tun, denn Lady Denby kontrolliert alles einmal im Monat.«

Hazel nickte Mrs Edwards nur zu, als diese sich fragend nach ihr umsah. Im ersten Stock hing ein kleiner Spiegel an der Wand und ein Kamm und eine Bürste lagen auf einem Bord.

»Hier kannst du prüfen, ob du ordentlich aussiehst«, sagte Mrs Edwards und nahm die Bürste in die Hand. Sie löste die Kämme, die Hazel im Haar hatte, und steckte die braunen Locken rasch zu einer einfachen Frisur auf. Nur die kleinen Löckchen, die Hazels Gesicht umrahmten, konnte sie nicht bändigen. Hazel betrachtete sich im Spiegel, nachdem die andere Frau ihr das weiße Häubchen aufgesetzt hatte. Sie trauten ihren eigenen Augen nicht. Es war, als wäre sie plötzlich eine andere Person.

»Dann werden wir dich jetzt mal Lord Denby vorstellen«, sagte Mrs Edwards.

»Lord Denby?« Hazel traute ihren Ohren nicht.

»Ja. Seine Lordschaft hat gesagt, er will dich sehen, wenn du da bist. Und er hat bereits gefrühstückt, das heißt, wir können ihn stören. Komm jetzt.«

Hazel kniff sich so fest in die Wangen, dass es schmerzte und presste die Lippen immer wieder fest zusammen, bis sie dunkelrot waren. Sie folgte der Hausdame hinunter ins Erdgeschoss. Dort traten sie durch eine Tür in der Vertäfelung in einen langen schmalen Gang. Nachdem sie eine weitere Tür durchschritten hatten, standen sie in der Halle. Hazel konnte sich auch an diesen Gang nicht erinnern. Aber sie hatte, zu der Zeit als Broom Park noch im Dornröschenschlaf gelegen hatte, auch nie gewagt, die großen Räume zu verlassen. Sie blickte sich in der Halle um. Die Verwandlung war unglaublich. Die Holzvertäfelungen und die Treppe waren vollständig erneuert und goldfarben gerahmte Portraits und Landschaftsbilder zierten den Treppenaufgang. In der Mitte der Halle hing ein Kronleuchter herab. Nur der Fußboden aus schwarzem und weißem Marmor war noch derselbe.

»Komm schon. Du wirst noch genug Gelegenheit haben, dir alles anzusehen.«

Diese Worte rissen Hazel aus ihren Gedanken.

Mrs Edwards klopfte an einer Tür, von der Hazel wusste, dass sie früher in die alte Bibliothek geführt hatte. Sie hörte die Stimme von Lord Denby und Mrs Edwards bedeutete Hazel, ihr zu folgen.

Der Raum war immer noch eine Bibliothek. Allerdings waren die Regale erneuert worden und voller Bücher.

Lord Denby saß am Fenster in einem Lehnstuhl und las. Er blickte von seiner Lektüre auf, als die Frauen eintraten. Hazel hatte den Blick gesenkt. Sie wagte kaum, den stattlichen Mann anzusehen.

»Willkommen, Hazel«, sagte Lord Denby ruhig.

Sie machte einen Knicks, hob langsam ihren Blick und sah ihn an. Sie fühlte, wie ihr das Blut in die Wangen stieg, als er sie musterte.

»Ich hoffe, du empfindest es nicht als Strafe, dass ich dich als Ausgleich für die Wilderei deiner Brüder hierher bestellt habe«, sagte Lord Denby freundlich.

 »Nein, Mylord. Es war ehrlich gesagt schon länger mein Wunsch, auf Broom Park zu arbeiten.«

»Sie können gehen, Mrs Edwards«, bemerkte Lord Denby beiläufig, ohne die Augen von Hazel zu lassen.

 »Lass dich einmal ansehen.« Er lächelte und gebot ihr mit einer kleinen Geste, sich herumzudrehen, während Mrs Edwards den Raum verließ.

Hazel drehte sich im Kreis und ließ ihren Rocksaum tanzen.

»Hm, hm«, bemerkte Lord Denby zufrieden.

Sie senkte ihren Blick erneut. Ihm so nahe zu sein und das ganz alleine in einem Raum brachte sie noch immer durcheinander.

»Wie gefällt dir das Haus jetzt?«, fragte er weiter.

»Ich habe nur die Halle und diesen Raum hier gesehen.« Sie lächelte verschämt und wagte es, ihn wieder anzusehen.

»Willst du den Ballsaal sehen?«, fragte er schmunzelnd.

»Wenn Sie gestatten, Mylord.« Hazels Augen glänzten.

»Du hast mir das Haus gezeigt, als ich das erste Mal hierherkam. Jetzt will ich dir zeigen, was ich daraus gemacht habe.«

Er erhob sich und Hazel folgte ihm.

Ihr Herz bebte, als sie hinter ihm herging. Sie ließ kein Auge von ihm und betete, dass er sich nicht umdrehen und ihren Blick bemerken würde. Sie wusste selbst nicht, was sie über all die Gefühle denken sollte, die sie für ihn empfand.

»Schließ die Augen«, gebot er ihr, bevor er die große Tür zum Ballsaal öffnete.

Hazel fasste all ihren Mut zusammen und tat wie ihr geheißen. Sie hörte, wie er die Tür öffnete und dann fühlte sie, dass er ihre Hand nahm. Es war, als würde sie die Wärme seiner warmen, weichen Finger bis in ihr Herz spüren, als er sie in den Saal führte.

»Du kannst die Augen aufmachen«, sagte er sanft.

Hazel wagte es kaum. Sie atmete tief ein und öffnete ganz langsam die Augen. Was sie sah, war schöner, als sie es sich je erträumt hatte. Der Saal hatte bei dem Ball vom Garten aus schon wundervoll ausgesehen. Jetzt darin zu stehen, war unvergleichlich. Die großen Fenster waren sauber geputzt und das Licht durchflutete den Raum. Der große Spiegel über dem Kamin war nicht mehr matt, sondern klar und an den Wänden hingen große Bilder und Gobelins. Der Fußboden glänzte in der Sonne und das Tanzpaar auf dem Mosaik schien sich fast zu bewegen.

»Was sagst du?«, fragte Lord Denby und seine tiefblauen Augen sahen sie erwartungsvoll an.

»Es ist überirdisch schön, Mylord. Wenn ich ein Engel wäre, dann wollte ich hier wohnen, denn schöner kann es im Himmel nicht sein«, sagte Hazel leise ergriffen.

»Wo hast du nur gelernt, so zu sprechen? Ich kann kaum glauben, dass du noch dasselbe Mädchen bist, das ich im Mai hier gesehen habe.«

Er schüttelte den Kopf. Sie war wirklich das hübscheste Wesen, das er kannte und in dem schwarzen Kleid wirkte sie viel erwachsener.

»Reverend Bain hat mich unterrichtet, Mylord, und ich habe sehr viel gelesen«, sagte sie stolz.

»Du kannst lesen?« Er blickte sie ungläubig an.

»Ja, Mylord.« Hazels Herz setzte einen Moment aus und sie senkte den Blick, denn er schien nicht begeistert davon zu sein. Sie war so stolz, dass sie lesen konnte. Wieso fragte er das nur mit einem so eigenartigen Ton?

»Auch schreiben?«, fragte er weiter.

»Darin bin ich noch nicht so gut«, gestand sie leise. Sie konnte ihn doch nicht anlügen, oder es ihm verschweigen. Leicht beunruhigt wartete sie, was er dazu sagen würde.

»Du solltest es nicht jedem erzählen, die meisten der Angestellten im Hause können weder das eine noch das andere, Hazel, und sie könnten es dir neiden«, sagte er ernst aber freundlich.

»Ich werde Ihren Rat beherzigen, Mylord, danke.« Hazel fiel ein Stein vom Herzen. Er war in Sorge um sie. Um ihr Wohlergehen im Haus. Das Lächeln kehrte in ihr Gesicht zurück.

Er schwieg und sah sie noch immer an. Der Blick seiner schönen Augen traf sie mitten ins Herz und sie wich ihm aus. Doch wegzusehen half nichts. Sie konnte seinen Blick spüren, fühlen, wie er auf ihr ruhte und wie ein Streicheln über sie wanderte. In der Stille des Raumes schlugen zwei Herzen überlaut.

»Geh jetzt«, sagte er mit einem Mal leise und drehte sich zum Fenster.

Hazel ging, ohne ein Wort zu sagen. In der Tür wandte sie sich noch einmal zu ihm um. Er stand noch immer am Fenster und wandte ihr den Rücken zu. Sie wollte zu ihm gehen. Sich an seinen Rücken lehnen, aber das war unmöglich.  

Von diesem Tag an kam Hazel Tag für Tag nach Broom Park. Es war ihr gleichgültig, wie sehr die Winterstürme ihr den Regen oder an besonders kalten Tagen den Schnee ins Gesicht trieben, und wie eiskalt ihre Finger und Füße wurden, wenn sie am Morgen den Pfad entlangging, solange am Ende das Haus auf sie wartete. Das Haus wo er war - Simon Denby.

 

***

 

Die kurze Zeit bis Weihnachten verging rasch. Hazel lernte Lord Denbys Mutter kennen, wenn auch nur flüchtig, und sie hoffte jeden Tag darauf, ihn selbst zu sehen. Sie konnte ihn schnell am Klang seiner Schritte erkennen und kniff sich immer in die Wagen und biss sich auf die Lippen, wenn sie ihn kommen hörte. Er sprach nicht viel mit ihr, aber er hatte immer ein freundliches Wort und ein Lächeln für sie.

Hazel wurde sich bewusst, dass sie ihn liebte.

Er war so viel älter als sie, vierzehn Jahre, und zwischen ihnen lagen Welten – und doch liebte sie ihn. Sie liebte ihn mit der ganzen Reinheit ihres jungen Herzens und sie war so glücklich auf Broom Park, dass sie sich immer wieder selbst dabei ertappte, wie sie bei der Arbeit sang.

Bald kannte sie alle Räume im Haus. Im unteren Stock lagen neben dem Großen Saal die Bibliothek, der wie die Halle vertäfelte Speiseraum und der mit hellen Tapeten versehene Salon mit seinen großen Fenstern, von denen der Blick über den Garten und das Meer reichte. Hier stand auch ein Klavier und Lord Denbys Mutter hielt sich dort gerne auf. Ein paar Türen weiter gab es einen kleineren, gemütlichen Raum, in dem Lord Simon seinen Schreibtisch hatte. Der Raum wurde Tag und Nacht geheizt und die beiden Wolfshunde hatten Hazel einen gehörigen Schrecken eingejagt, als sie zum ersten Mal allein eingetreten war, und sich die riesigen Tiere von ihrem Schlafplatz vor dem Kamin erhoben hatten. Neben diesen Räumen befand sich auf dieser Etage nur noch der Übergang zum Küchentrakt.

In den ersten beiden Wochen zeigten ihr die anderen Hausmädchen, wie die Kamine gereinigt wurden und welche täglichen Arbeiten vom Betten machen bis zum Schuhe putzen in den einzelnen Räumen zu verrichten waren. In der dritten Woche nahm Mrs Edwards sie unter ihre Obhut. Von ihr lernte Hazel, wie das Silber poliert wurde, wie der Tisch für welches Essen zu decken war, welches Besteck für welchen Gang verwendet wurde, und wie man Geschirr und Bestecke mit der Hilfe langer Schnüre perfekt auf dem Tische ausrichtetet. Hazel war erstaunt, dass sie kaum in der Küche arbeiten musste. Sie hatte das Gefühl, dass Mrs Edwards sie gegenüber den anderen Hausmädchen bevorzugt behandelte und nach der vierten Woche hielt sie es nicht mehr aus. Sie fragte die Hausdame danach, als sie am Nachmittag allein im Speisesaal waren und den Tisch für das Dinner vorbereiteten.

»Wieso darf ich eigentlich all das lernen, was Sie mir beibringen, Mrs Edwards? Ich hätte nie zu hoffen gewagt, dass ich überhaupt aus der Küche herauskomme.«

»Nun, Hazel. Mir scheint, dass Lord Denby etwas für dich übrighat, denn die Anweisung, dich in der Haushaltsführung auszubilden und nicht im Küchendienst, kommt von ihm.«

Mrs Edwards richtete das Gesteck aus Tannenzweigen und roten Beeren in der Mitte des Tisches.

»Lord Denby hat es so gewünscht?« Hazel ließ das Messer sinken, das sie auf den Tisch legen wollte.

»Das hat er. Er sagte, ich soll dich unter meine Fittiche nehmen, und dir alles beibringen, was ich weiß.« Die andere sah ihr in die Augen. »Aber ich warne dich, Hazel. Egal was er für dich tut, mach dir keine Hoffnungen.«

»Hoffnungen. Worauf?« Hazel hielt dem kritischen Blick von Mrs Edwards stand.

»Du weißt, was ich meine. Glaubst du, ich habe nicht bemerkt, wie du ihm hinterherstarrst, wenn du dich unbeobachtet fühlst?«

Hazel blickte ins Leere. Sie schluckte betroffen.

»Lord Simon wird bald heiraten. Im Frühjahr. Er hat sich auf dem großen Ball im September verlobt«, sagte Mrs Edwards leise.

Hazel spürte, wie es sie im Halse würgte. Ein beklemmendes Gefühl breitet sich in ihrer Brust aus. Er war verlobt und er würde heiraten. Das konnte nicht wahr sein. Sie legte langsam das Messer auf den Tisch und nahm dann das nächste, und das nächste, und das nächste. Sie sprach kaum noch, bis sie Broom Park am Abend verließ. Die Sonne war schon lange untergegangen und es war eisig kalt, als sie den Pfad nach Hause ging. Der Vollmond erhellte die ganze Bucht und das Meer und der Schnee glitzerten in seinem Schein. Hazel blieb auf dem Hügel über der Bucht stehen. Sie weinte. Was Mrs Edwards gesagt hatte, war wie der Stich eines Messers in ihrem Herzen. Sie liebte Lord Denby so sehr, obgleich er so viel älter war als sie, und sie ihn kaum kannte. Erst jetzt war ihr bewusst, dass sie immer das Gefühl hatte, ihre eigene Seele am Grunde eines tiefen Sees zu sehen, wenn sie in seine sanften Augen sah. Ihr wurde bewusst, dass sie, seit sie ihm das erste Mal begegnet war, einen Traum geträumt hatte, der sich nie erfüllen würde. Einen Traum, in dem er sie zärtlich in seine Arme nahm und sie küsste.

Als Hazel am nächsten Morgen nach Broom Park ging, war ihr so schwer ums Herz wie noch nie in ihrem Leben. Sie hatte an diesem Morgen geschwankt, ob sie gehen sollte, doch sie wollte lieber in der Nähe von Lord Denby sein, als ihn überhaupt nicht mehr zu sehen. Dieser Gedanke hatte sie die halbe Nacht wachgehalten, und sie wusste, dass es schlimmer wäre, ihn gar nicht mehr zu sehen, als ihm Tag für Tag zu begegnen und gleichzeitig zu wissen, dass es ihm gut ging. Sie sprach wenig an diesem Tag und nur Mrs Edwards ahnte, was der Grund für Hazels bedrückte Stimmung war.

Die Weihnachtstage kamen und Hazel ließ sich von all der Pracht, die das Haus in diesen Tagen entfaltete, ein wenig ablenken. Aber jedes Mal, wenn sie Lord Denby begegnete, wich sie seinen Blicken aus und verschwand so schnell sie konnte im Personaltrakt und dessen versteckten Gängen.

Am Neujahrstag durfte Hazel zum ersten Mal seit langer Zeit bereits zur Mittagszeit nach Hause gehen. Es war ein strahlend sonniger Tag. In der Nacht hatte es frisch geschneit und das Land war bis hinunter ans Meer mit einer dünnen Schneedecke überpudert. Der Schnee glitzerte im Sonnenlicht, nur hier und da unterbrochen von einem der grauen Felsen oder einem kahlen Baum. Das Meer war ruhig und von einem tiefen dunklen Blau, wie es dies nur an wenigen Tagen im Winter war, und ein leichter Wind trieb kleine Wolken über die Berge drüben auf Mull. Hazel schob das Wolltuch von ihren Haaren und genoss die Sonne und den Ausblick. Sie ging langsam den Pfad entlang, als sie hinter sich ein leises Geräusch hörte. Sie wandte sich um und sah Lord Denby zu Pferd hinter sich herkommen. Sie blieb nicht stehen.

»Ein frohes neues Jahr, Hazel«, sagte er, als er sie erreicht hatte.

»Danke, Mylord, das wünsche ich Ihnen auch«, erwiderte sie knapp, blickte ihn nur kurz an und ging immer weiter. Das Wissen um seine Verlobung lastete zu schwer auf ihrem Herzen und sie fürchtete sich davor, mit ihm von Angesicht zu Angesicht zu reden. Furcht, ihm länger in die Augen zu sehen, weil er dann vielleicht erahnen würde, was in ihr vorging.

»Was ist los mit dir?«, fragte er.

»Nichts, Mylord.« Sie versuchte ihre Stimme fest klingen zu lassen und doch konnte sie ihre Traurigkeit nicht verbergen.

»Nicht schwindeln, Hazel. Irgendetwas bedrückt dich. Du bist schon seit Weihnachten so still.« Er hielt sein Pferd an.

»Es ist nichts, wirklich.« Sie blieb stehen und fixierte den glitzernden Schnee unter ihren Füßen, um Lord Denby nicht ansehen zu müssen. In ihrem Inneren kämpfte sie dagegen, nicht in Tränen auszubrechen, denn danach war ihr eigentlich zumute.

»Sieh mich an, Hazel«, bat er sie erneut mit seiner, sanften warmen Stimme.

»Ich kann nicht, Mylord.« Hazel war der Verzweiflung nahe. Am liebsten wäre sie weggerannt, aber sie blieb stehen. Es war, als würde irgendeine unsichtbare Kraft sie festhalten.  

»Warum nicht?« Seine Stimme wurde fordernd und er ließ sein Pferd vor Hazel auf der Stelle tänzeln, damit sie nicht weiter ging.

»Weil ich es nicht will. Können Sie das nicht verstehen?« Sie schrie ihn fast an. Ihre Verzweiflung schlug um in Ärger. Warum zum Teufel ließ er sie nicht einfach in Ruhe?

»Nein. Hazel. Das kann ich wirklich nicht verstehen. Und ich werde ein weiteres Nein auch nicht akzeptieren.«

Er stieg ab und kam auf sie zu.

»Bitte gehen Sie, Mylord.« Hazel wandte ihm den Rücken zu.

»Ich möchte nur, dass du glücklich bist auf Broom Park, und es würde mich schmerzen zu wissen, dass du es nicht bist.« Er kam noch näher bis er dicht hinter ihr stand.

»Ich bin glücklich«, log sie und wusste selbst, dass ihre Worte nicht überzeugend klangen. 

Sie spürte, wie ihr die Tränen in die Augen stiegen. Warum musste er sie so quälen? Sie liebte ihn, doch das konnte sie ihm nicht sagen. Niemals. Er war doch verlobt, und alles, was sie sich in den letzten Monaten in ihrer Fantasie so lebhaft ausgemalt hatte, war und würde ein Traum bleiben.

»Sieh mir in die Augen und wiederhole, was du gesagt hast.«

Er fasste sie sanft an der Schulter und drehte sie herum.

»Gehen Sie, Mylord. Ich bitte Sie. Wenn mein Bruder Sie hier sieht … Ich weiß nicht, was er dann tut.« Hazel sah flehend zu ihm auf. Sie kämpfte noch immer gegen das Wasser in ihren Augen und dagegen, von dem Schmerz tief in ihr übermannt zu werden.

»Er schlägt dich doch nicht?«, fragte er besorgt.

»Mich nicht«, sagte sie angstvoll und eine erste Träne fand ihren Weg über ihre inzwischen glühenden Wangen.

»Heißt das, du hast Angst um mich? Angst, dein Bruder könnte mir etwas tun?« Er klang jetzt ebenso besorgt wie Hazel selbst angesichts ihrer Tränen.

»Ich habe Angst, Mylord. Schreckliche Angst und ich flehe Sie an, gehen Sie!«, schluchzte sie leise.

»Ich werde nicht gehen, Hazel. Dies ist mein Land und ich lasse mir von niemandem vorschreiben, was ich zu tun habe, auch wenn er so bezaubernd ist wie du.«

Hazel bebte. Ihr Herz schlug so heftig, dass sie glaubt es selbst zu hören. Er hatte ihr ein Kompliment gemacht. Hatte er das wirklich gesagt oder träumte sie nur? Plötzlich schien alles vergessen. Das furchtbare, klamme Gefühl in ihrer Brust war plötzlich verflogen. Und doch hatte sie Zweifel.  

Er schien es zu erraten.

»Habe ich dich entsetzt? Das tut mir leid, aber ich bin auch nur ein Mensch, Hazel. Ein Mann wie jeder andere und es gibt wohl keinen Mann, der nicht hingerissen wäre von der Art, wie du einen mit großen braunen Augen ansiehst, und von deinem lieben Wesen.« Er kam zu ihr und berührte zärtlich ihre Wange.

Hazel schob seine Hand langsam weg und schüttelte energisch den Kopf. Sie wandte sich um, atmete tief durch und versuchte, Ordnung in das Durcheinander in ihrem Kopf zu bekommen. Sie konnte nicht mehr klar denken. »Du magst mich doch, Hazel, ich weiß es«, sagte er leise.

»Sie werden im Frühjahr heiraten. Ist es nicht so?«, fragte sie mit einem Mal laut und sachlich.

»Woher weißt du das?«, fragte er überrascht und zog eine Augenbraue hoch.

»Von Mrs Edwards.«

»Es stimmt. Aber es ist eine Ehe, die meine Mutter eingefädelt hat. Ich kenne Alice kaum, geschweige denn, dass sie mir etwas bedeutet. Sie stammt aus bestem Hause, ist sehr gut erzogen und sie verfügt offensichtlich über alle Tugenden, die eine schöne Frau wie sie haben sollte. Ich mag sie, aber sie weckt keine tiefen Gefühle in mir.«

»Tiefe Gefühle?« Hazel lachte spöttisch auf und wandte sich von ihm ab. Was wusste er schon von tiefen Gefühlen? Dass man nicht schlafen konnte und nicht essen, dass man sich in einer Sekunde wie im siebten Himmel fühlte und in der nächsten wie in der tiefsten Tiefe des dunkelsten Abgrundes eines gebrochenen Herzens, weil man nur noch das Gesicht des Liebsten vor Augen hatte und nur noch an ihn denken konnte. Er, der so nahe war und doch so unendlich weit weg.

»Glaubst du etwa, ich bin dazu nicht fähig? Nur weil ich ein Lord bin und mich immer bemühen muss, die Beherrschung nicht zu verlieren? Du weißt nicht, wie es in meinem Inneren aussieht.« Seine Stimme klang traurig und müde und sein Blick wanderte hinaus auf das Meer wo er eine Weile auf dem Spiel der Wellen ruhte. Nichts außer der Brandung und dem Wind war zu hören.

»Verzeihen Sie, Mylord. Ich wollte Sie nicht verletzen.« Hazel berührte seinen Arm. Er empfand tatsächlich etwas für sie. Sie seufzte. Was sollte sie nur tun? Es war so hoffnungslos und trotzdem sehnte sie sich in diesem Moment unendlich danach, dass er sie schützend in seinen Armen hielt.

»Hazel. Wie soll ich es nur sagen?« Er legte seine Hand auf die ihre.

»Sie brauchen nichts zu sagen, Mylord. Es würde uns beiden nur wehtun«, sagte Hazel zu ihrer eigenen Verwunderung und ihre Augen sagten ihm, was ihre Lippen nicht zu sagen vermochten.

Seine Hand berührte wieder vorsichtig ihre Wange und diesmal ließ Hazel es geschehen. Seine Finger fuhren in ihre vollen weichen Locken und er zog sie zu sich. Sie schloss ihre Augen. Als sich ihre Lippen berührten und er sie küsste, fühlte Hazel, wie ihre Knie nachgaben und ihr heiß und schwindelig wurde. Sie ließ sich in seine Arme sinken und wurde von dem schönsten Gefühl durchströmt, das sie je empfunden hatte. Eine herrliche Wärme, die sich in ihrem Herz und ihrem ganzen Körper ausbreitete. Es war ein wundervoller Augenblick. Nichts stand zwischen ihnen in diesem Moment.

Als er sie losließ, taumelte Hazel nach hinten. Er hatte sie geküsst, wirklich geküsst, und es war unbeschreiblich schön gewesen. Doch plötzlich hatte sie Alistairs Stimme im Ohr: Ich werde nicht zulassen, dass du die Hure dieses feinen Pinkels wirst. Ich schwöre, ich bringe ihn um. Immer wieder und wieder wiederholte sich der Satz in ihrem Kopf. Sie blickte Lord Denby panisch an und versuchte Alistairs Worte aus ihren Gedanke zu verbannen, aber es ging nicht.

»Was hast du?«, fragte er sorgenvoll.

»Tun Sie das nie wieder! Bitte …«, sagte sie mit stockender Stimme.

»Aber ich …« Er verstand nicht, was plötzlich mit ihr los war.

Hazel drehte sich um und rannte den Pfad hinunter, ohne sich noch einmal umzusehen, bis der Wald sie schützend umgab. Erst dort blieb sie stehen und lehnte sich kraftlos an einen Baum. Tränen liefen über ihre Wangen. Sie war verloren. Ihr Herz gehörte ihm und doch fürchtete sie, dass ihre Gefühle nicht richtig waren. Was, wenn Alistair recht hatte? Wenn sie nur ein wenig älter und erfahrener wäre! Noch nie hatte sie einen Mann so geküsst. Sie selbst hatte es nie zugelassen. Sie wollte Lord Denby so gerne vertrauen, aber wollte er wirklich sie und nicht nur das, was alle Männer von Frauen wollten, wie ihre Freundinnen behaupteten?

Hazel glitt an den Stamm gelehnt in den Schnee. Wie um Gottes Willen konnte sie am nächsten Morgen wieder nach Broom Park gehen? Wie sollte sie das über sich bringen? Aber wenn sie nicht ginge, würde Alistair nach dem Grund fragen und Hazel kannte sich selbst gut genug, um zu wissen, dass sie ihn nicht anlügen konnte, ohne dass er etwas merken würde. Aber wenn Alistair von dem Kuss erfahren würde oder es auch nur erahnen, wer wusste, wozu er dann fähig war. Hazel weinte, bis sie merkte, dass sie steif vor Kälte war. Mühsam stand sie auf und ging langsam nach Hause. Sie wischte sich das Gesicht mit Schnee ab um die Spuren ihrer Tränen zu verbergen und versuchte, sich möglichst ruhig zu benehmen.

Als sie durch die Tür ins Cottage trat, blickte sie in Colins vorwurfsvolles Gesicht und erschrak, als sie ihn im Kilt in der Küche sitzen sah.

»Wieso kommst du so spät? Hast du vergessen, dass wir alle ins Dorf wollten, um das neue Jahr zu feiern?« Er stand auf und kam auf sie zu.

Diese Frage und sein Anblick rissen Hazel abrupt aus ihren trüben Gedanken. Sie hatte es wirklich vergessen und sich noch am Vorabend so darauf gefreut.

»Das habe ich tatsächlich«, entgegnete Hazel. »Es war ein so aufregender Tag«, schwindelte sie und war froh, dass sie Colin dabei nicht ansehen musste.

»Alistair hat Mutter schon mit dem Wagen mitgenommen. Da du zu spät bist, müssen wir jetzt laufen.« Colin seufzte.

»Ich beeile mich.«

Hazel verschwand in ihrem Zimmer und holte ihre Sonntagssachen aus ihrer Kiste. Der lange Schal aus Tartanstoff im blau-rot-grünen Karomuster ihrer Familie war ordentlich zusammengelegt. Hazel streifte rasch das schwarze Sonntagskleid über, legte sich den Schal um, wie es Tradition war, und befestigte ihn auf ihrer linken Schulter mit dem Wertvollsten was sie besaß: der großen silbernen Spange, die schon ihre Großmutter getragen hatte.

Colin und sie beeilten sich sehr, doch sie brauchten mehr als eine halbe Stunde, bis sie endlich die Musik von Dudelsäcken hören konnten. Die Feier im alten Versammlungshaus der Clans war Tradition. Mitglieder aller Familien der Appin-Halbinsel trafen sich an diesem Tag. Es wurde gegessen, Unmengen getrunken und mit Musik und Tanz bis spät in die Nacht gefeiert. Es gab Wettstreite aller Art wie den des besten Dudelsackspielers oder den um den besten Schwertertanz und einen Ringkampf der stärksten Männer.

Das alte Versammlungshaus war ein großes aus Steinblöcken aufgebautes Gebäude mit einem aus grauen Schieferplatten gedeckten Dach. Colin öffnete Hazel die schwere Tür. Der Innenraum war nur ein einziger großer Raum, über dem sich das hohe aus dicken, geschwärzten Eichenbalken gezimmerte Dach erhob. Der gestampfte Lehmboden war mit großen Steinplatten belegt und nur an einer der Schmalseite befand sich ein hölzernes Podest, das sich über die ganze Breite des Raumes zog. Hier saßen sonst die Clanchefs und die Ältesten zusammen und von diesem Podest aus wurde auch Gericht gehalten. Am heutigen Abend diente das Podest als Bühne, auf der die Wettkämpfe ausgetragen wurden. Der Saal empfing sie mit wohliger Wärme und dem wunderbaren Geruch nach gebratenem Fleisch, der von dem riesigen Kamin an der anderen Schmalseite des Raumes herüberzog. Vier kräftige Männer drehten dort einen ganzen Ochsen über dem Feuer. Hazel blickte sich suchend nach Alistair und ihrer Mutter um. Alistair war nirgends zu sehen, doch ihre Mutter saß auf einer Bank an einem der Tische auf der anderen Seite und Colin ging mit Hazel hinüber.

»Da seid ihr ja endlich.« Fiona MacAllen blickte ihre Tochter sorgenvoll an. »Ich hatte schon Angst, dir wäre etwas zugestoßen.«

»Nein, Mutter, es ist alles in Ordnung«, entgegnete Hazel und hoffte, dass sie nicht merken würde, wie schwer ihr noch immer ums Herz war.

»Sie war wieder länger in Broom Park«, sagte Colin knapp. »Haben wir den Wettbewerb um den besten Dudelsackspieler verpasst?«

»Nein. Keine Sorge, Colin, der ist erst in ein paar Stunden.« Mrs MacAllen lachte Colin an. »Aber der Gesangswettbewerb fängt gleich an. Alistair hat dich schon angemeldet«, wandte sie sich an Hazel.

»Er hat mich angemeldet?«, fragte sie etwas entsetzt.

»Ja. Du wolltest doch teilnehmen, das hast du vor ein paar Wochen noch gesagt.«

»Vor einigen Wochen, Mutter, aber nicht heute.«

»Hazel, ich bitte dich. Du warst im letzten Jahr die zweite und Moreg Rawley ist dieses Jahr nicht da. Sie erwartet in wenigen Tagen ihr erstes Kind.«

Hazel dachte nach. Sie hatte den Wettbewerb völlig vergessen und ihr war, nachdem was geschehen war, auch nicht nach singen zumute, doch wenn sie es nicht tat, wäre dies ein Anlass für Spekulationen. Sie seufzte.

»Also gut. Ich werde singen. Aber erst muss ich etwas trinken. Ist das dort Alistairs Becher?«, fragte sie ihre Mutter, die nur nickte.

Hazel nahm den Becher und trank den Rest Ale in einem Zug. Es schmeckte köstlich und sie bedauerte, dass sie es nur zu besonderen Gelegenheiten trinken durfte.

»Wünsch mir Glück, Mutter«, lachte sie, ging durch die Menge hinüber zum Podest, an dessen Fuß Alistair mit ein paar Männern aus dem Dorf stand.

Hazel gesellte sich zu ihnen. Nur wenige von ihnen trugen den Kilt, denn obgleich das 1746 nach der Schlacht von Culloden von den Engländern verhängt Verbot, diese Kleidung zu tragen, bereits seit 1782 wieder aufgehoben war, war er noch nicht wieder ganz in Mode. Die Männer hatten sich an andere Kleidung gewöhnt und nur wenige wie Colin, die wirklich stolz auf Familie und Herkunft waren, und natürlich auch die Clanchefs, trugen den Kilt wieder an Feiertagen.

Nach einer Weile brachte ein Trommelwirbel die Menge im Saal zum Schweigen und der alte Clanchef der MacDougalls erhob oben auf dem Podium die Stimme: »Freunde. Es ist mir eine Ehre, wie in jedem Jahr, nun den Wettstreit um die beste Sängerin dieses Abends anzukündigen. Wir haben heute acht Bewerberinnen um diesen Titel, von denen sechs bereits im vergangenen Jahr beteiligt waren. Wie ihr wisst, dürfen diese Ladys nicht das gleiche Lied wie im Vorjahr vortragen. Die Bewertung erfolgt durch euch alle anhand des Applauses, den die Ladys erhalten, wenn sie nachher alle gemeinsam hier oben stehen. Aber ich will euch nicht länger warten lassen und bitte die erste Sängerin zu mir herauf.«

Er hatte in breitestem Gälisch gesprochen und die Menge applaudierte in freudiger Erwartung.

»Ich bitte Catriona Ferris, als Erste vorzutragen.«

Catriona hatte fuchsrotes Haar und ein derbes Gesicht. Sie war schon vierundzwanzig und mit einem der Arbeiter aus der Schiefermine in Ballachulish verheiratet. Sie hatte in den vergangenen drei Jahren schon einmal gewonnen, und Hazel hoffte, sie würden sie nicht nach ihr aufrufen, denn sie wusste um Catrionas schöne Stimme. Es war ein Gesangswettbewerb ohne Begleitung durch Instrumente und es war eine große Kunst, die gesamte Halle mit nur einer Stimme in andächtige Stille zu versetzen. Catriona schaffte es ohne Mühe. Sie sang For A’That, ein aufrührerisches Lied von Robert Burns. Hazel seufzte, als sie den begeisterten Applaus hörte. Die Worte, die Catriona vorgetragen hatte, waren das, was die Männer hören wollten in diesen Zeiten, doch Hazel fand, es hatte Catriona der Glaube an diese Worte gefehlt. Hazel selbst war sich noch immer nicht im Klaren, was sie vortragen würde. Sie wusste nur, wenn sie gewinnen wollte, musste es ein Lied sein, das aus ihrem Herzen kam.

Die anderen Mädchen kannte Hazel nur flüchtig. Aber sie alle waren keine Konkurrenz für Hazel. Schließlich kam endlich der Moment, als ihr Name aufgerufen wurde. Sie war die Fünfte. Das war gut. Besser mittendrin als am Schluss. Alistair hob sie auf das Podest und Hazel stellte sich in die Mitte. Sie hatte keine Angst vor all den Menschen, die zu ihr aufblickten. Schon zweimal hatte sie so vor ihnen gestanden. Dieses Mal fühlte sie sich sicherer und stärker als je zuvor. Sie dachte für einen Sekundenbruchteil an Simon, an den Kuss vorhin auf dem Hügel und an das Gefühl von Kraft und Stärke, das sie in all den Monaten empfunden hatte, seit ihr bewusst war, dass sie ihn liebte. Sie schloss die Augen und sang laut und kraftvoll das schönste Liebeslied, das sie kannte: My Love is like a Red, Red Rose.

Als sie geendet hatte, herrschte einen Moment lang noch absolute Stille im Saal. Hazel öffnete die Augen und starrte auf die Menge.

Hat es ihnen nicht gefallen?, schoss es ihr durch den Kopf, doch in dieser Sekunde brach ein schier unglaublicher Jubel los. Alistair kam auf das Podest gesprungen und Colin hinter ihm her. Sie nahmen Hazel auf ihre Schultern und bevor sie wusste, wie ihr geschah, trugen die beiden sie hinunter in den Saal. Es bedurfte eines erneuten Trommelwirbels, um die Menge wieder zur Ruhe zu bringen damit Duncan MacDougall wieder seine Stimme erheben konnte, um die nächste Sängerin anzukündigen. Hazel bekam von den anderen kaum noch etwas mit. Immer wieder kamen Männer und Frauen, um ihr zu gratulieren und ihr zu sagen, wie wunderbar sie gesungen hätte. Schließlich hatte die letzte Sängerin geendet und Colin brachte Hazel wieder zum Podest, damit sie sich mit allen anderen zur Bewertung aufstellen konnte. Die Frauen und Mädchen traten nacheinander vor, aber die Entscheidung war längst gefallen, und als Hazel an die Reihe kam, tobte der Saal wie die See im Sturm. Sie stand oben und nahm die Menschen vor sich kaum noch wahr. All das nur, weil sie gesungen hatte. Sie konnte es nicht fassen. Noch nie hatte sie sich so beachtet gefühlt wie in diesem Augenblick. Hazel dankte ihnen allen. Einen Preis gab es für sie nicht. Es war Ehre genug, wenn man gewonnen hatte. Als Alistair sie wieder von der Bühne hob, fühlte sich Hazel, als wäre sie zwischen all den Menschen und doch nicht dort. Erst als ihre Mutter sie in die Arme schloss und Hazel die Tränen in ihren Augen sah, wurde ihr bewusst, was dieser Wettbewerb bedeutete. Sie war nicht mehr nur die kleine Hazel MacAllen. Ab heute würde sich jeder an sie erinnern, zumindest bis zum nächsten Jahr, und man würde sie auf viele der nächsten Feste wie Hochzeiten oder andere Familienfeiern einladen, damit sie sang.

»Du hast so wunderschön gesungen, mein Kind. Ich bin so stolz auf dich«, sagte ihre Mutter und drückte Hazel fest die Hand.

Hazel und sah Colin und Alistair an, die neben ihr standen.

Wenn auch nur einer von ihnen geahnt hätte, was der Grund für die Kraft ihres Gesanges gewesen war. Sie lachte leise.

»Warum lachst du so eigenartig?«, fragte Colin und kniff sie in den Arm.

»Nichts, ich habe nur an etwas gedacht, und daran, dass ich jetzt feiern möchte.«

Sie fiel ihrem Lieblingsbruder um den Hals.

»Lass uns tanzen, Colin.«

Hazel zog ihn mit sich fort und sie verschwanden zwischen den Tänzern.

Colin gewann später am Abend noch den Wettbewerb um den besten Dudelsackspieler und es wurde eine lange Nacht.

Als Hazel am nächsten Morgen neben ihrer Mutter auf der mit Farnkraut ausgestopften Matratze erwachte, wusste sie nicht mehr, wie sie ins Bett gekommen war. Es musste sehr spät oder besser früh gewesen sein. Sie erinnerte sich dumpf, dass sie irgendwann sogar mit Rory Campbell getanzt hatte und sie schüttelte sich bei dem Gedanken daran. Sie zog sich an und ging in die Küche, um das Frühstück zuzubereiten, aber es war schon alles fertig. Ein Topf Porridge hing über dem Feuer. Alistair und Colin waren nirgends zu sehen. Als Hazel die Tür öffnete, fiel ihr das gleißende Sonnenlicht ins Gesicht. Es war schon heller Tag und niemand hatte sie geweckt. Sie schrak auf. Sie musste doch nach Broom Park! Sie blickte in die Sonne, es musste schon fast zehn Uhr sein.

Hazel beeilte sich und verließ das Cottage, ohne etwas zu essen. Sie rannte den halben Weg durch den Schnee. Als sie durch die Hintertür in die Küche trat, glühten ihre Wangen hochrot und ihre Haare hingen ihr in wilden Strähnen ins Gesicht. Susan und Patricia, die beiden Küchenmädchen blickten sie todernst an und kicherten. Hazel wäre am liebsten im Boden versunken. Die beiden waren neidisch auf sie und daher nicht gut auf sie zu sprechen. Hazel ahnte nichts Gutes. Sie huschte rasch hinauf und zog sich um. Dann ging sie in den Speisesaal, wo sie den Tisch für den Lunch eindecken sollte, aber diese Arbeit war bereits erledigt. Mrs Edwards stellte eben die letzten Gläser an ihren Platz.

»Ich hoffe, du hast eine gute Entschuldigung für dein Zuspätkommen, Hazel.«

»Nein, Ma’am. Die habe ich leider nicht und ich kann Sie nur um Verzeihung bitten.« Hazel senkte den Blick.

»Ich wünsche, dass das nicht noch einmal vorkommt«, sagte die Hausdame streng. »Jetzt geh ins Kaminzimmer, Lord Denby will dich sehen.«

Hazel stand wie erstarrt.

»Geh schon. Worauf wartest du noch?«

Hazel drehte sich langsam um. Sie wollte nicht zu ihm gehen, aber sie musste.

Bedächtig ging sie durch die Halle und öffnete vorsichtig die Tür zum Kaminzimmer, als auf ihr Klopfen nicht geantwortet wurde. Die Hunde hoben schlaftrunken die Köpfe und ließen sie mit einem brummenden, knurrigen Laut wieder sinken, als Hazel eintrat. Lord Denby war nicht zu sehen, nur aus dem Lehnstuhl, der vor dem Kamin mit dem Rücken zur ihr stand, kräuselte sich eine kleine Rauchwolke in den Raum und es duftete nach Pfeifentabak.

»Komm herein, Hazel«, sagte die vertraute Stimme.

Hazel schloss die Tür hinter sich.

Lord Denby stand auf und legte seine Pfeife in den Aschenbecher.

»Setz dich.« Er bot ihr mit einer Geste an, auf dem Stuhl vor seinem Schreibtisch Platz zu nehmen. Er selbst setzte sich halb auf die Ecke des Tisches.

Hazel sah zu ihm auf und versuchte, in seinen Augen zu lesen. Sie hatten einen traurigen Ausdruck.

»Ich möchte dich um Verzeihung bitten. Ich bin wohl zu weit gegangen gestern. Das ist mir heute Nacht bewusst geworden. Ich hätte dich nicht küssen dürfen. Ich werde dir nie wieder zu nahe treten, das verspreche ich dir.«

Er hatte leise gesprochen.

»Nicht, Mylord, bitte. Es gibt nichts, was Ihnen verziehen werden müsste.« Hazel sah ihn direkt an. »Ich hoffe nur, dass Sie mich nicht wegschicken von Broom Park, denn das könnte ich nicht ertragen.«

»Nein, ich schicke dich nicht weg. Du kannst hierbleiben und arbeiten so lange du willst, freiwillig und nicht mehr als Schuldausgleich für die Wilderei deiner Brüder.«

»Ich danke Ihnen, Mylord.« Sie senkte den Blick. Ein eigenartiges Gefühl, wie ein Anflug von unendlicher Traurigkeit und doch gleichzeitig Erleichterung darüber, dass diese aussichtslose Situation so zu einem guten Ende kam. Es war besser so. Besser für sie beide.

Er stand auf und ging zum Fenster. Die Unterhaltung war beendet. Hazel schlich sich leise aus dem Raum.

Kapitel 3

Von diesem Zeitpunkt an war Lord Denby Hazel gegenüber sehr reserviert. Die kleinen Gesten, mit denen er ihr in der Vergangenheit gezeigt hatte, dass sie im Haus eine Sonderstellung einnahm, unterließ er. Hazel war von diesem Zeitpunkt an nur eine unter vielen. Sie litt nur anfangs darunter, doch dadurch, dass sie wie alle von ihm behandelt wurde, verhielten sich die anderen Mädchen ihr gegenüber viel netter. Hazel freundete sich mit Sally, der Zofe von Lord Denbys Mutter an. Sie war dreißig und schon lange in den Diensten der alten Dame und hatte diese schon auf vielen Reisen begleitet.

Sally war mit in den Kolonien gewesen, wo der Vater von Lord Denby vor seinem plötzlichen Tod mehrere Jahre auf seiner Plantage verbracht hatte. Hazel lauschte immer wieder begeistert Sallys Geschichten über die fremden Länder und Menschen, denn es war so anders, die Beschreibungen von jemandem zu erhalten, der selbst dort gewesen war. Welches Buch enthielt schon eine Schilderung der Farbenpracht und der Gerüche und Geräusche in der Art, wie Sally sie vermitteln konnte? Ihre grünen Augen leuchteten, wenn sie erzählte und dabei mit den Händen gestikulierte.

Mit den Darstellungen von Sally machte es Hazel noch mehr Freude, in den Büchern der Bibliothek zu stöbern, wenn sie sich unbeobachtet wusste. Neben einem Haufen uralter Bücher der klassischen Literatur gab es auch neuere Werke über Wissenschaft und Kunst aus aller Welt, mit denen das, was Reverend Bain in seinem Hause gehabt hatte, nicht mithalten konnte. Hazel wünschte sich sehr, die Bücher in Ruhe lesen zu können, aber während der Arbeit wollte sie das nicht und wo sonst sollte sie sie lesen? Alistair hätte sicherlich kein Verständnis für ihre Ambitionen gezeigt. Er war sowieso mürrischer als je zuvor und ließ alle seine Unzufriedenheit spüren. Fiona MacAllen beobachtete ihren Sohn mit wachsender Sorge und Hazel teilte ihre Bedenken, dass Alistair früher oder später fortgehen würde. Es war nur eine Frage der Zeit.

So vergingen der Januar und der halbe Februar. Hazel sah Lord Denby nur selten. Doch immer, wenn an den verregneten grauen Tagen melancholische Klaviermusik aus dem Salon ertönte, hatte sie das Gefühl, dass er an sie dachte; so wie sie an ihn dachte, wenn sie sang. Dreimal hatte man sie schon auf Familienfeiern eingeladen nach ihrem Sieg auf dem Neujahrsfest und jedes Mal war sie mit einem Korb voller Essen nach Hause geschickt worden. Das letzte Mal hatte sie sogar zwei lebende Hühner bekommen. An den Festen teilnehmen zu können, war Hazels ganzer Stolz, zumal Alistair sie meist allein oder gemeinsam mit Colin gehen ließ. War sie dagegen zu Hause oder auf Broom Park war Hazel oft melancholisch.

Anfang März reisten die Denbys nach Glasgow, wo die Hochzeit von Lord Denby stattfinden sollte. Hazel hatte gehofft, er würde sich von ihr verabschieden, aber er hatte sich immer mehr zurückgezogen. Als die Kutsche Broom Park verließ, stand sie am Fenster hinter dem Vorhang und blickte ihm nach, noch immer in der Hoffnung, es würde ein Wunder geschehen und er würde nicht heiraten. Einige Tage später, als sie gerade das Klavier abstaubte, wurde Hazel bewusst, dass er weg war, und das für eine ganze Weile. Sie empfand daraufhin eine innere Leere, die sie, trotz allem, was geschehen war, und trotz der Zeit die seitdem vergangen war, nicht erwartet hatte. Sie fühlte sich verlassen und einsam, denn obwohl seit jenem Kuss auf dem Hügel nichts mehr zwischen ihnen vorgefallen war, hatte sie es nicht geschafft, ihn aus ihren Träumen zu verbannen.

Als sich die Nachricht wie ein Lauffeuer verbreitete, dass Napoleon Anfang März von Elba geflohen war und bereits wieder Truppen um sich gesammelt hatte, sorgte sich Hazel um Lord Denby, denn die Hochzeitsreise sollte über Frankreich nach Italien führen. Als schließlich der Schnee auf den Bergen Mitte Mai gänzlich verschwunden war und sich die Frühjahrsnebel immer seltener zeigten, begannen in Broom Park die Vorbereitungen für die Ankunft von Lord Denby und seiner Frau, die von der Hochzeitsreise zurückkehren würden.

Es war ein kühler, regnerischer Junitag, als zwei Kutschen die Einfahrt hinaufrollten. Hazel horchte auf, als in der Halle der Gong laut geschlagen wurde. Der Augenblick war gekommen, vor dem sie sich lange gefürchtet hatte. Der Augenblick, in dem sie Lord Denby wiedersehen würde. Ihn und seine Frau.

Hazel hoffte, es würde ihr gelingen, sich nichts anmerken zu lassen. Weder von ihrer Zuneigung für ihn, noch von ihrer Abneigung gegen seine Frau, die sie ja noch nicht einmal kannte.

Sie beeilte sich zur Aufstellung des Personals zur Begrüßung der Herrschaft vor dem Haus zu kommen. Hastig rückte sie ihr Häubchen zurecht und strich ihre Schürze glatt. Die einzige Person, auf die sie sich wirklich freuen konnte, war Sally, wenn die überhaupt mitkam und nicht bei Lord Denbys Mutter geblieben war.

Der Kutscher nahm die Zügel an und brachte das prächtige Vierergespann der ersten Kutsche vor dem Haus zum Stehen. Einer der Diener eilte zum Wagen, öffnete den Schlag und klappte den Tritt herunter. Hazel stockte der Atem, als sie Lord Denby im Fenster des Wagens sah. Er stieg als Erster aus, wandte sich um und half einer jungen Frau aus dem Wagen. Hazels Augen waren starr auf sie gerichtet. Es war die junge Frau, die sie schon im vergangenen Jahr einmal mit ihm gesehen hatte. Jetzt konnte sie einen direkten Blick auf deren Gesicht werfen.

Sie war unglaublich schön.

Unter ihrem aufwendig gearbeiteten Hut mit dunkel- und hellblauen Bändern linsten goldblonde Löckchen heraus und sie besaß sehr helle, blaue Auge, die aus einem Gesicht schauten, das dem einer zarten Porzellanpuppe glich. Sie trug ein himmelblaues Reisekleid und schien nicht zu laufen, sondern zu schweben, als sie an Lord Denbys Seite auf das versammelte Personal zuschritt. Hazel ließ keinen Blick von ihr, bis sie fast bei ihr war, und erst, als sie geknickst hatte, hob sie wieder ihren Kopf und sah Lady Alice Denby zum ersten Mal in die Augen. Was sie sah, erschreckte sie. Die Augen waren so eiskalt, wie ihre Farbe es vermuten ließ, und Hazel vermied es, lange hineinzuschauen. Sie blickte stattdessen sorgenvoll zu Lord Denby. Er schenkte ihr nur einen kurzen Blick, doch der Ausdruck in seinen Augen, als er sie ansah, war trauriger und schwermütiger als je zuvor. Hazel spürte, wie sich etwas um ihr Herz legte und es zusammenpresste, während sie noch Angst hatte, es könnte zerspringen. Sie wäre am liebsten schreiend davongelaufen, aber sie blieb stehen, während Lord und Lady Denby ins Haus gingen und sich die Versammlung des Personals wieder auflöste.

»Na, was ist denn mit dir los?«, sprach sie eine Stimme von hinten an und jemand klopfte ihr auf die Schulter. Es war Sally, die mit dem Gepäck von Lady Alice in dem zweiten Wagen gekommen war.

»Oh, Sally.« Hazel fiel der Freundin um den Hals. »Ich habe dich so vermisst.«

»Mich, oder jemand anderen?« Sally sah sie ernst an.

Hazel entgegnete nichts. Sie wusste, dass Sally es wusste, obgleich sie es ihr nie gesagt hatte.

»Wieso bist du denn schon hier und nicht bei der alten Lady Denby?«

»Sie meinte, ich sollte lieber mitfahren, und mich um Lady Alice kümmern. Der alte Drache hat auf dem Familiensitz in Galloway mehr als genug Personal und ich bin froh, sie eine Weile los zu sein.«

»Na, so schlimm ist sie nun auch wieder nicht«, lachte Hazel.

»Ich habe dir übrigens etwas aus Glasgow mitgebracht«, bemerkte Sally. »Ich hoffe, das muntert dich auf.«

»Mir?« Hazel war ehrlich überrascht.

»Hilf mir die Sachen ins Haus zu tragen, dann zeige ich es dir.«

Hazel ließ sich von Sally mit einem Berg von Hutschachtel beladen und folgte ihr ins Haus, die Treppe hinauf und in das Ankleidezimmer von Mylady. Sally lachte, als sie alles ablud.

»Mylady hat eine Unmenge von Hüten, und die Kleider erst …« Sally gestikulierte wild mit den Händen. »Morgen kommen noch zwei Wagen mit Sachen von ihr nach. Wir haben gar nicht alles unterbekommen.«

»Sie ist sehr schön«, bemerkte Hazel wie beiläufig.

»Lady Alice?« Sally blickte Hazel fragend an verzog das Gesicht, als hätte sie in eine Zitrone gebissen. »Schön ist sie, aber nur äußerlich, das sage ich dir. Ihr fehlt die Wärme und Schönheit des Herzens, und wenn du mich fragst, wird Lord Denby nicht sehr glücklich mit ihr werden«, entgegnete Sally und rollte die Augen dramatisch, während sie die Hutschachteln ins Regal räumte.

»Ich wünsche es ihm so, dass er glücklich wird.« Hazel seufzte.

»Ich weiß, wie sehr du ihn magst, Hazel, aber jeder ist seines eigenen Glückes Schmied und du kannst ihm dabei wohl kaum helfen.«

»Ja und ich habe überlegt, ob ich Broom Park nicht verlassen soll, aber ich bringe es einfach nicht fertig.« Hazel betrachtete den Hut in der Schachtel, die sie neugierig geöffnet hatte.

»Wo ist er denn nur?«, schimpfte Sally und öffnete die nächste Schachtel, um hineinzusehen.

»Wer?«, fragte Hazel.

»Der Hut für dich, Dummerchen.«

»Der hier gefällt mir«, lachte Hazel und nahm den Hut aus der Schachtel.

»Ja, das ist er ja auch.«

Sally kam zu ihr und nahm ihr das gute Stück aus den Händen, bevor Hazel etwas sagen konnte. Der Hut war eine Schute aus hellem Stroh mit einem breiten Rand und einem Band darum, in das verschiedenfarbige Seidenblumen eingearbeitet waren. Sally nahm ihn, setzte ihn Hazel so über ihr Häubchen, das dieses nicht mehr zu sehen war und band mit den beiden dunkelblauen Bändern unter Hazels Kinn eine seitliche Schleife. Dann schob sie Hazel vor den Spiegel.

»Na, was sagst du?«

Hazel sah voller Verwunderung ihr Spiegelbild an. Das war nicht sie. Das konnte nicht sein. Dieser Hut, der ihr Gesicht umrahmte, war so schön. Viel zu schön für ein einfaches Mädchen wie sie. Sie schlug sich die Hand vor den Mund und biss sich auf das Fingergelenk ihres Zeigefingers.

»Gefällt er dir etwa nicht?« Sally sah ihr zweifelnd im Spiegel über die Schulter.

»Er ist einfach - umwerfend.« Hazel wusste nicht, ob sie lachen oder weinen sollte. »Aber wann, um Gottes willen, soll ich den denn tragen?«

»Wie wäre es mit sonntags im Sommer zur Kirche.«

»Meinst du?«

Hazel überlegte noch immer. Er würde zu ihrem dunklen Sonntagskleid sicher nicht schlecht aussehen, aber vielleicht ergab sich ja die Möglichkeit, dass sie endlich ein neues Kleid bekam. Wie vor zwei Jahren, als Colin zu ihrem Geburtstag nach Fort William gefahren war.

»Ich wollte ihn dir eigentlich erst zu deinem Geburtstag in drei Tagen geben, aber ich hätte es wohl selbst nicht bis dahin ausgehalten.« Sally kicherte.

Hazel stand auf und umarmte Sally. »Du bist so lieb. Wie kann ich dir nur danken?«

»Du musst mir die Lieder beibringen, die du immer singst.« Sally hielt Hazels Hände fest. »Auch, wenn ich niemals so schön singen werde wie du.«

»Abgemacht.« Hazel lachte.

In diesem Moment waren Stimmen vom Gang zu hören. Hazel packte den Hut hastig in die Schachtel zurück und Sally stellte ihn neben die Tür, als Lady Alice eintrat. Sally und Hazel knicksten erneut. Lady Alice würdigte sie keines Blickes. Sie musterte nur den Raum, der fast ganz in Weiß gehalten war. Sie befühlte die mit Spitzen besetzten Vorhänge des Himmelbettes und prüfte, ob das Bett weich genug war. Dann drehte sie sich zu Lord Denby, der hinter ihr hereinkam.

»Es ist so, wie ich es mir vorgestellt hatte. Nichts Besonderes, aber ich werde damit leben können«, sagte sie kühl.

Hazel hätte sie am liebsten geohrfeigt. All die Pracht und sie war nicht einmal zufrieden damit.

»Richtet mir ein Bad«, wandte sie sich an Sally und rauschte aus dem Raum.

Lord Denby folgte ihr wortlos.

»Richtet mir ein Bad«, wiederholte Hazel und imitierte die Stimme, den Gang und die Handbewegung von Lady Alice.

Sally lachte leise.

»Ich gehe hinunter und kümmere mich darum«, sagte Hazel und verließ mit ihrer Hutschachtel das Zimmer.

Lady Denby entpuppte sich in den nächsten Tagen als äußerst schwierig und alle waren froh, als endlich ihre Zofe mit dem restlichen Gepäck eintraf. Hazel war seit ihrer Ankunft geradezu erleichtert, wenn sie am Abend das Haus verlassen konnte. Sie ließ sich immer Zeit, den Pfad hinunterzugehen, in der Hoffnung, sie würde das Geräusch von Hufen hinter sich hören. Sie hoffte vergeblich.

Zu Hause empfand sie es als quälend, wenn ihre Mutter und Colin sie über die neue Lady ausfragten. Am Mittwoch, Hazels Geburtstag, fuhr Colin tatsächlich mit ihr nach Fort William. Sie bekam das neue Kleid, auf das sie gehofft hatte und eine weiße Bluse mit Spitzenbesatz, wie sie die Damen zu den Clanfeiern trugen. Colin hatte von dem Geld, das er verdiente, immer etwas für sie beiseitegelegt und Hazel hatte von dem wenigen, was sie bekam, auch etwas gespart. Das Kleid war sehr einfach geschnitten und die Nähte waren nicht sehr sauber gearbeitet, aber das war etwas, das Hazel selbst nachbessern konnte. Es hatte einen modischen Schnitt, bei dem die engste Stelle direkt unter dem Busen lag, nicht wie ihren anderen alten Kleidern, bei denen diese noch immer altmodisch in der Taille saß. Und es hatte einen richtigen Ausschnitt, den man mit einem dünnen hellen Tuch verdeckte, der in das Kleid gesteckt wurde. Das Schönste aber war, dass es ein heller, bedruckter Stoff war, ein helles Grün, wie die Farbe der Lindenblüten im Frühjahr, mit kleinen Blüten darauf. Hazel wusste, mit dem Hut von Sally dazu würde sie alle am Sonntag zum Kirchgang überraschen.

Die Überraschung gelang tatsächlich und Hazel bedauerte es, dass ihre Mutter nicht mit zur Kirche kam. Der neue Hut führte zwar zu einigen Diskussionen mit Alistair, doch Colin ließ Hazel an diesem Tag voller Stolz vorn auf dem Bock des Ponywagens mitfahren und verbannte Alistair nach hinten. Hazel wartete lange vor der Kirche, bis alle anderen bereits saßen. Leider schien Lord Denby nicht zu kommen und sie ging ebenfalls hinein. Die Glocken waren schon verstummt, als Hazel das Rattern einer Kutsche von draußen hören konnte. Kurz darauf schritten Lord und Lady Denby durch das kleine Portal. Reverend Bain geleitete sie persönlich bis zu ihrem Platz in der ersten Reihe und die ganze Gemeinde verrenkte sich die Hälse nach Lady Denbys Kleid und ihrem aufwendigen Kopfputz. Nach der Predigt warteten fast alle vor dem Portal, bis die Denbys wieder hinauskamen. Während Alistair sich auf den Weg ins Alehouse gemacht hatte, hatte Hazel Colin mit sich in die Nähe von Reverend Bain gezerrt, der wie immer alle an der Tür verabschiedete. Heute musste Lord Denby sie sehen. Sie wollte, dass er sie richtig ansah, und das würde er tun müssen, wenn sie nahe beim Reverend stand. Hazel war geradezu zappelig.

»Sag mir, wenn sie kommen«, bettelte sie Colin an, der mehr als einen Kopf größer war als sie.

»Schon gut. Du wirst sie schon nicht verpassen«, lachte er nur.

»Kannst du sie sehen?« Hazel zog ihn ungeduldig am Ärmel.

»Ja«, lachte er. »Sie kommen gerade.« Colin schüttelte den Kopf.

Hazel bis sich auf die Lippen. Dann sah sie endlich Simon.

»Es war eine recht treffende Predigt heute, Reverend Bain«, sagte er und wandte sich an seine Frau. »Nicht wahr, meine Liebe?«

»Allerdings.« Lady Denby ließ ihren ganzen aufgesetzten Charme spielen, reichte dem Kirchenmann die Hand und verwickelte ihn in ein längeres Gespräch.

Lord Denby wandte sich ab.

Hazel folgte ihm mit den Augen. Er musste sie doch sehen, aber sein Blick schien wieder über sie hinweg zu wandern. Sie war versucht zu rufen: Hier bin ich. In diesem Augenblick kam sein Blick voller Erstaunen zu ihr zurück, bis ihre Augen sich trafen und einander nicht mehr losließen. Sie sagten sich in wenigen Sekunden stumm all die Dinge, die sie in den letzten Wochen nicht hatten sagen können.

»Habe ich nicht recht?«, fragte Lady Alice plötzlich. Ihr Gatte reagierte nicht. Sie folgte seinem Blick und sah, dass er Hazel anblickte.

»Hörst du mich nicht, mein Lieber?«, wandte sie sich ihm weiter zu und ergriff seinen Arm.

Lord Denby drehte sich leicht erschrocken um.

»Doch, doch - natürlich«, entgegnete er.

»Na so was«, bemerkte Lady Denby mit Blick auf Hazel. »Ist das nicht eines von unseren Hausmädchen?« Sie kam einen Schritt auf Hazel zu.

»Du bist gar nicht wiederzuerkennen, Kindchen. So herausgeputzt für den Sonntag. Ich glaube fast, wir zahlen dir zu viel Geld. Und dieser Hut, man könnte dich fast für eine Dame halten. Kleider machen eben immer noch Leute«, sagte sie laut und theatralisch.

»Ich kenne den Spruch auch anders, Mylady«, ertönte Colins Stimme.

Er stand neben Hazel und sie beobachtete, wie Lady Denby ihn unauffällig und doch ausgiebig musterte.

»Warum lassen Sie ihn uns nicht hören, junger Mann?«, fragte Lady Denby herausfordernd.

»Nun, man sagt ebenfalls, eine Kuh bleibt eine Kuh, auch wenn sie in Gold gewickelt ist.« Colin grinste.

Hazel knuffte Colin ungehalten in den Arm. Wie konnte er nur so etwas sagen?

Ein Raunen ging derweil durch die Leute vor der Kirche. Alle wussten, dass Colin nicht Hazel mit diesem Spruch gemeint hatte, sondern Lady Denby.

»Da haben Sie wohl recht«, entgegnete Lady Denby mit einem unverständigen Blick auf Colin.

Hazel blickte kurz und beschämt zu Lord Denby. Auch er hatte Colin verstanden und schmunzelte zu ihrem Erstaunen verschmitzt. Er reichte seiner Frau wortlos den Arm und sie gingen. Als die Kutsche davonfuhr, brachen die Leute vor der Kirche in schallendes Gelächter aus. Hazel machte sich allein den Heimweg, während Colin nachdenklich Richtung Alehouse schlenderte und noch einmal der Kutsche der Denbys hinterherblickte.

Als Hazel am nächsten Morgen nach Broom Park kam, wurde sie von Sally auf der Personaltreppe abgefangen.

»Was, um Gottes willen, ist denn gestern vor der Kirche passiert?«, fragte diese halb neugierig, halb sorgenvoll. »Lady Denby ist unausstehlich und sie will dich sofort in ihrem Zimmer sehen.«

Hazel erzählte, was am Vortag vorgefallen war.

»Lady Denby hat es wohl erst nach einer Weile verstanden, aber beim Abendessen hat sie eine wirklich große Szene gemacht«, erklärte Sally und konnte ein Kichern nicht unterdrücken. »Du machst dich wohl besser auf einiges gefasst«, fügte sie dann ernst hinzu.

»Heute kann selbst sie mir nichts anhaben«, lachte Hazel und ging die Treppe hinauf.

Lady Denby lag in ihrem voluminösen seidenen Spitzennachthemd in ihrem Bett und frühstückte, als Hazel eintrat.

»Guten Morgen, Mylady«, grüßte Hazel ordnungsgemäß in Erwartung einer Standpauke und knickste.

»Guten Morgen, Hazel - war das richtig?« Hazel nickte und betete im Stillen, dass Lady Denby ihr nicht sagen würde, sie wäre entlassen. Doch nichts dergleichen geschah.

»Ich werde heute das neue hellbeige Kleid mit den blauen Seidenbändern tragen. Bitte suche alles heraus und hilf mir beim Ankleiden«, bat Lady Denby ausnehmend freundlich.

»Oh, Mylady, ich weiß nicht. Sollte das nicht lieber Mary machen?«

»Nein, du wirst mir heute helfen. Du weißt, wo im Ankleidezimmer alles ist?«

»Ja, Mylady.« Hazel ging verwundert in den Nebenraum, suchte alles was benötigt wurde, vom Unterkleid bis zu den Schuhen und den passenden Haarbändern für Lady Denbys Frisur heraus und brachte es zu ihr.

»Nimm mir das ab«, gebot Lady Denby.

Hazel nahm das Frühstückstablett, stellte es auf den kleinen Tisch neben dem Fenster und half der Hausherrin aus dem Bett. Lady Denby streifte ihr Nachthemd ab und Hazel sah, dass sie einen makellosen Körper hatte.

»Wer war der unverschämte Bursche gestern neben dir?«, fragte Lady Denby beiläufig, als Hazel ihr Kleid zuhakte.

»Mein Bruder Colin«, antwortete Hazel beschämt.

»Dein Bruder. Sehr interessant. Wie alt ist er?«

»Vierundzwanzig«, antwortet sie wahrheitsgemäß und fragte sich, warum Lady Denby das wissen wollte.

»Er scheint ein wenig rebellisch zu sein.«

»Colin? Oh nein, Mylady. Er ist der liebste Mensch, den es gibt.« Hazel sprach voller Stolz über ihn.

»Du magst deinen Bruder sehr, nicht wahr?«

»Ja, Madame. Alistair, mein älterer Bruder macht mir manchmal richtig Angst, aber Colin ist wie ich. Er liebt Schottland, die Berge, die Seen und das Meer.«

»Wie kann man dieses Land nur lieben? Es ist nass, kalt und gar nicht so romantisch, wie es einen alle glauben machen wollen.«

Hazel half Lady Denby in ihr Kleid.

»Es ist wunderschön, Mylady, aber man muss es mit dem Herzen sehen, das Land und die Leute und nicht nur das Wetter.«

»Sei nicht vorlaut.« Lady Denby schenkte ihr einen bösen Blick. »Du kannst jetzt gehen und schick Mary, damit sie mir die Haare richtet.«

Hazel knickste, nahm das Tablett mit und ging hinunter. Sie schickte Mary nach oben und ging in die Küche. Unten warteten Mrs Edwards und Sally mit einem sorgenvollen Gesicht. Hazel sagte kein Wort, als sie eintrat. Sally schlich um sie herum wie eine Katze um den Futternapf.

»Nun hab dich nicht so! Was hat sie gesagt?« Sally versperrte Hazel den Weg, als diese das Tablett abgestellt hatte.

»Nichts, gar nichts«, lachte Hazel und tippte Sally mit der Fingerspitze auf die Nase. »Ich habe jedenfalls keine Standpauke bekommen.«

»Das glaube ich nicht.« Sally sank auf die Holzkiste neben dem Herd.

»Ich ebenfalls nicht«, bemerkte Mrs Edwards und blickte von der Liste auf, die sie gerade schrieb.

»Ihr könnt es mir ruhig glauben. Lady Denby war sogar ausnehmend freundlich, und hat mich nach Colin gefragt.«

»Das ist es also. Wahrscheinlich hat sie ein Auge auf deinen Bruder geworfen. An deiner Stelle würde ich ihr nicht zu viel erzählen.« Sally schüttelte den Kopf.

»Was sollte sie denn an Colin finden, sie hat ja Lord Simon.« Hazel sah Sally ungläubig und etwas vorwurfsvoll an.

»Sie ist vielleicht mit ihm verheiratet, aber das heißt noch lange nicht, dass sie ihn auch liebt und die Herzen der Frauen sind so unergründlich wie der Loch Ness.«

»Wenn sie es wagt, sich an Colin zu vergreifen, dann weiß ich nicht, was ich tue.« Hazel stemmte die Hände in die Hüften.

»Nun warte erst mal ab. Es gehören immer zwei dazu, und wenn dein Bruder Verstand hat, lässt er die Finger von ihr.«

»Sie werden ja auch kaum Gelegenheit haben, sich zu sehen«, lachte Hazel und öffnete den Herd, um Holz nachzulegen.

Sally stand von ihrem Sitzplatz auf und Hazel packte zwei der großen Scheite in den dunklen Bauch des Herdes.

»Ich gehe mal lieber wieder an die Arbeit«, bemerkte Sally und verschwand aus der Küche.

Mrs Edwards war noch mit ihrer Liste beschäftigt, doch als Sally ging, blickte sie wieder auf.

»Deck bitte den Tisch für den Lunch ein, Hazel und leg ein Gedeck mehr auf, seine Lordschaft hat Besuch. Hazel nickte und ging hinauf in die Halle. Als sie den Speiseraum betreten wollte, hörte sie ein unregelmäßiges lautes metallisches Geräusch aus dem Ballsaal. Hazel kam das ungewöhnlich vor, und sie beschloss nachzusehen. Sie blickte sich um. Niemand war außer ihr in der Halle, und so ging sie hinüber zur Tür des Ballsaals, die einen Spalt offenstand, und spähte hinein. Was sie sah, verschlug ihr den Atem. Zwei Männer schlugen sich in dem Saal mit Degen. Sie hatten eigentümliche Masken auf und helle Westen an. Sie waren beide gute Fechter und trieben einander mit schnellen Ausfällen und Angriffen durch den ganzen Raum. Es schien ihnen Spaß zu machen, denn sie lachten dabei ab und zu. Hazel verhielt sich still, bis einer der Männer den anderen am Arm traf.

»Touché!«, rief derjenige, der getroffen hatte.

»Autsch. Verdammt, Miles, kannst du nicht aufpassen?«, fluchte der Getroffene und griff an seinen blutenden Arm.

Hazel entfuhr ein kleiner Schrei. Die Stimme des Mannes unter der Maske gehörte Lord Denby. Er blickte sich sofort nach ihr um.

»Ah, Hazel. Gut, dass du da bist«, lachte er und zog die Maske ab. »Sei so gut und hole etwas heißes Wasser und ein sauberes Tuch für den Kratzer hier.« Er hatte kleine Schweißperlen auf der Stirn und lachte sie an, als er auf seinen, sich langsam rot färbenden, Ärmel zeigte.

Hazel stolperte hinunter in die Küche, wo Mrs Edwards sie entsetzt ansah, als Hazel wortlos, aber eilig eine Schüssel mit heißem Wasser füllte und eines der frisch gewaschenen, kleinen Leintücher aus dem Schrank riss. Als Hazel zurück in den Saal kam, war niemand dort.

»Mylord?«, rief sie leise in der Halle.

»Hier sind wir, in der Bibliothek«, sagte eine fremde Stimme und ihr wurde die Tür geöffnet.

Sie lächelte den Fremden kurz an und trat in die Bibliothek. Lord Simon hatte die Fechtweste abgelegt. Sein Hemd steckte locker und unordentlich in seiner Hose und er lag mehr in seinem großen Lehnstuhl, als dass er saß. Der linke Ärmel des Hemdes war noch etwas röter geworden. Er hielt ein Glas Whisky in der rechten Hand und gestikulierte damit herum. Hazel konnte sich nicht erinnern, wann sie ihn das letzte Mal in so guter Laune gesehen hatte. Sie ging zu ihm und stellte die Sachen neben ihm auf dem Fußboden ab.

»Ich möchte dir jemanden vorstellen, Miles«, sagte Lord Simon und blickte zu seinem Bruder, der näherkam. »Dies ist Hazel MacAllen. Sie war der erste Mensch, der mir hier in diesem Hause begegnet ist, als ich aus London kam. Was hältst du von ihr?«

Hazel blickte zu dem Fremden auf. Ihr fiel auf, dass er die gleichen, blonden Haare hatte wie Colin.

»Reizend«, sagte Miles Denby, ohne heranzukommen. Hazel sah Lord Denby an, wie sie sonst ihren Bruder ansah, wenn dieser mal wieder aus Versehen einen Teller zerschlagen hatte. Es war ein Blick aus Strenge und Unmut und er zeigte prompte Wirkung.

»Entschuldige, Hazel. Ich sollte dich wohl besser an meinen Arm heranlassen«, sagte Lord Denby und krempelte den kaputten Ärmel seines Hemdes nach oben.

»Ich werde mich nach der Fechtstunde erst einmal frisch machen«, bemerkte Lord Denbys Bruder und verschwand aus dem Raum. Hazel betrachtete die Wunde auf Simons Oberarm. Sie war nicht tief, aber lang und sie würde sicher eine Narbe hinterlassen. Hazel nahm das Leintuch und riss es in mehrere Streifen. Dann benetzte sie eine Ecke mit heißem Wasser und wusch vorsichtig das Blut ab, bevor sie ein weiteres Stück zusammenfaltete.

»Würden Sie bitte Ihren Whisky hier drauf schütten, Mylord«, bat sie Lord Denby sachlich.

»Wie?« Er sah sie erstaunt an. »Oh ja, natürlich.« Er goss den Inhalt seines Glases auf das Tuch.

Hazel drückte den mit Alkohol getränkten Lappen auf die Wunde.

»Ich hoffe, es brennt nicht zu sehr.« Sie sah ihn besorgt an.

»Nein, Hazel.« Lord Denby sah ihr in die Augen.

Hazel erwiderte seinen Blick. So lange hatte er sie nicht so angesehen.

»Würden Sie es bitte festhalten«, sagte sie sanft und er legte die Hand auf das Tuch.

Wie zufällig berührten sich dabei ihre Finger und lagen einen Moment länger als nötig aufeinander. Hazel schoss augenblicklich das Blut in die Wangen und ihr lief ein heißer Schauer über den Rücken. Wie damals am Neujahrstag, als er sie geküsst hatte.

Auch Lord Denby konnte nicht verbergen, wie nahe ihm ihre Berührung ging. Er atmete schwer.

 Hazel nahm die Streifen, verband den Arm sorgfältig und knotete das geteilte Ende des letzten Streifens vorsichtig zusammen.

»So. Das war es.« Sie lächelte Lord Denby an.

»Danke, Hazel«, sagte er und legte seine Hand beruhigend auf die ihre.

»Wenn es rot wird um die Wunde oder schmerzt, sagen Sie es mir. Ich bringe dann etwas Kräutersalbe von zu Hause mit, Mylord.«

Hazel entzog ihm ihre Hand. Sie versuchte, nicht die Beherrschung zu verlieren.

»Wie geht es dir?«, fragte er, als sie die Reste des Tuches zusammensuchte.

»Danke, gut.« Sie mied seinen Blick.

»Und deine Familie?«

»Sie sind alle wohlauf, Mylord.« Hazel nahm die Schüssel und ging. Bevor sie durch die Tür in die Halle trat, sah sie ihn noch einmal an.

»Das neue Kleid steht dir übrigens sehr gut«, sagte er nur und schmunzelte.

Seine Worte zauberten ein Lächeln auf ihr Gesicht. Es hatte ihm gefallen. Sie schloss die Tür hinter sich und ging wieder in die Küche.

Am Abend hatte sie Servierdienst und lauschte gebannt auf die Diskussion der Herren am Tisch, die sich mit den Geschehnissen in Frankreich befasste. Napoleon schien stärker als je zuvor und es wurden immer mehr Männer zu den Waffen gerufen: Lord Denbys Bruder spielte mit dem Gedanken, als Offizier nach Frankreich zu gehen und Hazel war froh, dass Lord Denby selbst keine Ambitionen in dieser Richtung zeigte. Sie hoffte, auch Colin und Alistair würden den Werbern entgehen, die durch das Land zogen, um junge Männer zum Militärdienst zu überreden.

Kapitel 4

In den nächsten Wochen kamen die ersten Vorboten des Sommers. Der Ginster ließ den Hügel von Broom Park wieder goldgelb leuchten und Hazel dachte mit Wehmut daran, dass bereits ein Jahr vergangen war, seit sie Lord Denby das erste Mal gesehen hatte. Sie wünschte sich, ihn noch einmal so zu treffen wie am Neujahrstag, aber er ritt nur selten den Pfad an der Küste entlang. Eines Nachmittags, Ende Mai, hörte Hazel endlich hinter sich ein Pferd schnauben. Sie wandte sich erwartungsvoll um, doch ihre Hoffnungen wurden enttäuscht. Es war nicht Lord Denby, sondern Rory Campbell.

»Wen haben wir denn da?« Er musterte sie vom Pferd aus, als er sie erreichte und sie ihn misstrauisch ansah. »Wenn das nicht die kleine Wildkatze Hazel ist.«

»Eine Katze mit Krallen«, erwiderte sie. Sie konnte diesen Kerl nicht ausstehen.

»Vielleicht sollte man dir deine Krallen ziehen«, grinste Rory. Er sprang vom Pferd und kam auf Hazel zu.

»Was willst du?«, fauchte sie ihn streitlustig an.

»Du bist sehr hübsch geworden, fast erwachsen.« Er griff mit einer Hand nach ihren Haaren.

»Lass mich in Ruhe!« Sie schlug nach seinem Arm.

Eine unterschwellige Angst überkam sie. Sie waren ganz allein hier draußen und die Art wie er sie ansah, ging ihr durch Mark und Bein. Ihr Puls ging schneller und sie atmete kurz und hastig.

»Ein hübsches Mädchen wie du sollte nicht alleine auf einsamen Pfaden durch die Heide laufen.« Rory griff nach ihrem Arm. »Ich beobachte dich schon seit längerer Zeit.«

»Fass mich nicht an!« Hazel versuchte vergeblich ihn abzuschütteln.

»Ein Mädchen wie du sollte lieber heiraten und nur für ihren Mann da sein.« Rory zog sie zu sich heran und sie konnte seinen heißen Atem auf ihrem Gesicht spüren. »Hast du jetzt Angst?«, fragte er und seine Hand fuhr über ihren Körper.

Auch wenn sie es nie zugegeben hätte: Sie hatte Angst und es würgte sie im Hals vor Ekel. Ihr Herz raste und sie spürte kalten Angstschweiß auf ihrer Stirn.

»Wie wäre es mit einem Kuss?«, sagte Rory und presste ihr seine Lippen auf den Mund, dass es schmerzte, während er sie fest an sich zog. Hazel zappelte und wehrte sich. Rory warf sie unsanft auf den Boden und bevor sie wusste was geschah, umschlossen seine Finger ihren Hals. Er saß auf ihr und sie konnte sich nicht bewegen. Seine Hand suchte den Weg unter ihre Röcke und Hazel verharrte in einer erschreckten Starre, als er sie berührte, wo noch kein Mann sie berührt hatte.

Rory grinste sie siegessicher an.

»Na? Gefällt dir das?«, fragte er hämisch, ohne den Griff um ihren Hals zu lockern.

Hazel bekam kaum noch Luft. Sie fürchtete ohnmächtig zu werden. Doch in ihr regte sich weiter zunehmender Widerstand. Nein! Sie würde das nicht zulassen!   

Rory schob seinen Körper auf ihren und fingerte dabei an seinem Hosenbund herum.

Sie ließ ihn scheinbar gewähren und konnte seine nackte Haut auf ihrer spüren, als ihre Bewegungsfähigkeit vollständig zurückkehrte.

Er versuchte erneut, sie zu küssen. Hazel ließ ihn herankommen und als ihre Gesichter sich fast berührten, biss sie ihn aus Leibeskräften in die Lippe, bis sie sein Blut schmecken konnte. Rory ließ sie augenblicklich los und griff sich fluchend an den Mund.

Hazel wich auf dem Rücken liegend vor ihm zurück.

»Du Biest!«, brüllte er und wischte sich das Blut ab. »Dafür wirst du büßen.«

Er wollte sie wieder greifen. Hazel war schneller. Sie sprang auf die Füße, wandte sich um und rannte den flachen Hang hinunter, quer durch die Heide. Rory zog sich die Hose hoch und stieg in aller Ruhe auf sein Pferd. Er folgte ihr langsam.

Hazel lief weiter und weiter. Als sie sich umsah, kam Rory im Galopp hinter ihr angeritten. In dem offenen Gelände konnte sie nicht entkommen. Sie fiel hin, rappelte sich wieder auf und wollte weiter, sie sah nicht das Wollgras und die kurzen Binsen. Zeichen, die sie sonst vor einem unter Schwingrasen versteckten Moorloch gewarnt hätten. Sie bemerkte den weichen Untergrund erst nach einigen Schritten, als das kalte Wasser ihre Schuhe durchnässte, und blieb stehen. Im selben Moment brach sie schon mit beiden Beinen ein. Sie versuchte sich zu befreien, doch die dicke Moosdecke brach immer weiter auf und schnell war sie bis weit über die Knie in der weichen braunen Masse, die sich darunter verborgen hatte, gefangen.

Rorys Pferd war klüger als er selbst gewesen und vor der Moorfläche stehen geblieben. Nun betrachtete er Hazel, wie sie langsam tiefer versank.

»Hilf mir!«, beschwor Hazel ihn verzweifelt.

Rory sagte kein Wort. Er lachte nur leise, wendete das Pferd und ritt davon.

Hazel rief ihm, so laut sie konnte, hinterher.

Rory sah sich nicht noch einmal um; sie wussten beide, niemand würde sie hören.

Simon Denby hatte, wie so oft, den kleinen Pfad eingeschlagen, den sein Pferd mittlerweile entlang der Küste ausgetreten hatte. Über diesen Weg kam er unbemerkt in die Bucht, in der das Cottage stand, in dem Hazel mit ihrer Familie lebte. Dort wo er das Pferd angebunden hatte, standen ein paar Büsche und er wusste, dass er zwischen den großen Steinen vom Haus aus nicht zu sehen war. Meist kam er an den Tagen, wenn Hazel früher von Broom Park aufbrach. Er hatte ihr gestattet, außer am Sonntag zum Kirchgang, einmal in der Woche auch am Nachmittag früher zu gehen, damit sie sich um ihre Mutter und das Haus kümmern konnte. Heute war einer dieser Tage und er wartete auf ihre Rückkehr. Jedes Mal beobachtete er sie dabei, wie sie die Hühner fütterte, im Garten arbeitete oder hinunter in die Bucht ging, um Holz oder Muscheln zu sammeln. Sie war immer pünktlich, aber heute schien sie sich zu verspäten, dachte er mit einem Blick auf seine Taschenuhr. Er erwartete Gäste zum Dinner und es würde nicht mehr viel Zeit bleiben, wenn er noch lange wartete. Zu allem Überfluss begann es auch noch zu nieseln. Seufzend stieg er auf sein Pferd und schlug den Weg nach Hause ein. Als er am Fuß des Hügels entlangritt, blieb das Pferd plötzlich stehen, hob den Hals an, spitzte aufmerksam die Ohren und drehte den Kopf zur Seite. Simon beobachtete das Tier. Es schien etwas zu hören, und auch er lauschte.

Ein leiser Hilfeschrei nicht weit entfernt.

Er gab dem Pferd die Sporen und galoppierte in die Richtung, aus der die Schreie kamen.

Hazel war bis zur Brust in dem Moorloch versunken. Obwohl sie sich, wie ihre Brüder es ihr immer wieder eingeschärft hatten, nicht bewegte, wurde sie immer weiter nach unten gezogen. Tränen der Verzweiflung liefen über ihr Gesicht, während sie laut um Hilfe rief und gleichzeitig stumm zu Gott betete, dass sie irgendjemand hören würde. Sie spürte, wie ihre Kräfte in der kalten, nassen Masse, die ihre Kleider durchnässte, schwanden. Je tiefer sie sank, desto schwerer fiel ihr auch das Atmen und sie musste zwischen den Rufen größere Pausen machen. Dann schloss sie die Augen und ihre Gedanken waren bei Simon und jedes Mal, wenn sie sein Gesicht vor sich sah, schöpfte sie neue Kraft und schrie wieder um Hilfe. Sie wollte nicht sterben.

»Hilf mir, Simon«, flüsterte sie leise. »Hilf mir.« Sie legte ihren Kopf auf ihre Arme, die mittlerweile auf der Moosoberfläche lagen. Es schien ihr, als würde sie aus einem Traum erwachen, als sie eine Stimme rufen hörte: »Hallo, ist da jemand?«

»Hier bin ich, im Moor!«, schrie Hazel so laut sie konnte.

Simon kam langsam herangeritten. Er kannte diese Stelle der Heide, an der es mehrere tückische Moorlöcher gab. Als er die Stimme deutlich hörte, hielt er das Pferd erschrocken an. Schließlich sah er Hazel.

Sie war nur noch wenige Meter von ihm entfernt und bereits bis über die Brust versunken.

»Oh mein Gott«, sagte er halblaut und rief dann: »Ich bin es, Simon. Ich hole dich da raus!«

Hazel schossen wieder die Tränen in die Augen und sie schluchzte.

»Ganz ruhig und nicht bewegen, ich komme gleich«, sagte er und musterte den Untergrund.

Er musste näher an sie heran, aber die restlichen Meter ohne Seil zu versuchen, an Hazel heranzukommen, war Wahnsinn. Er stieg vom Pferd und blickte sich suchend um, bis ihn das Pferd mit der Nase stupste. Er drehte sich zu dem Tier und sein Blick fiel auf das Zaumzeug. Zwei Zügel und die einzelnen Teile des Kopfstückes, dazu die Riemen von den Steigbügeln. Hastig nahm er dem Tier das Kopfstück ab, zerlegte es und verband die einzelnen Schnallen miteinander, so dass die einzelnen Riemen ein langes Stück ergaben, daran die Zügel und die Steigbügelriemen. Zusammen waren es wohl fast vier Meter. Er prüfte die Festigkeit und seufzte. Es musste einfach reichen. Vorsichtig ging er näher an Hazel heran, bis an den Rand des Schwingrasens, in dessen Mitte sie eingebrochen war.

»Halt dich daran fest, ich ziehe dich raus.«

Er warf ihr das Ende des Riemens zu, aber er war nicht lang genug.

»Bitte!«, flehte Hazel verzweifelt. »Ich sinke immer schneller ein.«

Lord Denby legte sich auf den Boden und schob sich mit dem Oberkörper auf den Schwingrasen. Er zog den Riemen ein und warf das Ende erneut zu Hazel. Es lag nur wenige Zentimeter vor ihren Fingern. Hazel streckte ihren Arm, doch sie erreichte den Riemen nicht.

»Komm schon, Hazel, du schaffst es. Tue es für mich«, rief Lord Denby ihr zu und sah sie an. Ihre Blicke hielten einander gefangen und Hazel war es, als würde alleine sein Willen sie zu ihm ziehen. Sie streckte ihren Arm, ihren ganzen Körper. Endlich fühlten ihre Fingerspitzen das nasse Leder und zogen es immer weiter in ihre Hand hinein.

»Gut so, gut. Wickle es dir um das Handgelenk«, ermunterte sie Lord Denby und Hazel tat es.

»Fertig?«, fragte er und sie nickte nur.

Dann begann er zu ziehen. Langsam und gleichmäßig. Er hatte das Gefühl, ihm würde der Arm aus dem Gelenk springen. Er gab nicht nach und Hazel kam immer weiter frei. Während er zog, kroch er zurück, bis er aufstehen konnte. Jetzt war es ein Leichtes, Hazel ganz herauszuziehen. Als sie in Reichweite war, griff er ihren Arm und zog sie zu sich.

Er schloss sie beschützend in die Arme und sie weinte hemmungslos.

»Es ist vorbei. Ist ja gut«, sagte er tröstend.

Hazel löste sich von ihm. Sie sah ihn an. Ihr ganzer Körper war mit Moorschlamm beschmiert und sie zitterte vor Kälte. In diesem Augenblick sagte sie ihm wieder mit ihren Augen, dass sie ihn liebte und er erwiderte ihren Blick für einen Moment, bis Hazel nieste.

»Du bist ja eiskalt«, sagte er besorgt und begann damit, sie warm zu reiben. Er zog hastig seine Jacke aus und half ihr hinein. »Ich bringe dich nach Hause.«

Hazel nickte nur. Er nahm die Lederriemen wieder auseinander und legte sie dem Pferd an, das die ganze Zeit brav stehen geblieben war. Dann hob er Hazel in den Sattel und stieg hinter ihr auf.

Sie erreichten das Cottage rasch. Schon von Weitem sah Lord Denby, dass Colin und Alistair vor dem Cottage standen. Colin flickte das Fischernetz und Alistair lud den Fang auf den Ponywagen, um ihn hinüber ins Dorf zu fahren.

Der kleine Tommy wieherte aufgeregt, als er ein Pferd kommen sah.

»Ist das nicht Lord Denbys Pferd?« Colin erkannte den großen Braunen.

Seine Worte ließen Alistair aufsehen.

»Allerdings und …« Alistair hielt für einen Moment inne. Er traute seinen Augen nicht. »Verdammt noch mal, das ist ja Hazel, die er vor sich auf dem Pferd hat«, fluchte er ungehalten. Er knallte die letzte Kiste auf den Wagen. »Der Kerl kann was erleben.«

Alistair griff nach dem langen, dicken Stock, der neben der Tür stand.

»Hör dir wenigstens an, was er zu sagen hat, bevor du ihn verprügelst.« Colin grinste nur und flickte weiter am Netz.

Das Pferd näherte sich und bald sahen sie, dass Hazel in Lord Denbys Jacke gehüllt war. Sie war ohnmächtig geworden, und er hatte alle Mühe, sie zu halten. Colin legte das Netz weg, öffnete die Tür und rief ins Haus hinein: »Mutter, komm schnell. Es ist was mit Hazel.«

Alistair ließ den Stock fallen und lief mit Colin auf Lord Denby zu, der Hazel vom Pferd hinunter in die Arme ihrer Brüder gleiten ließ.

»Was ist passiert?«, fragte Colin sorgenvoll.

»Ich habe sie gerade noch rechtzeitig aus einem Moorloch gezogen.«

Lord Denby stieg ab und band sein Pferd am Ponywagen fest.

Alistair blickte ihn zweifelnd und fragend an. Hazel kannte das Moor zu gut.

»Ich habe sie nicht angerührt«, sagte Lord Denby nur ernst. Er hatte noch immer Hazels Warnung im Ohr, ihr Bruder würde ihm womöglich etwas antun.

Colin trug Hazel hinein ins Haus, wo ihrer Mutter sie entsetzt empfing. Sie ließ ihn Hazel in den Stuhl vor dem Feuer setzen und legte ihr eine Decke um. Hazel kam durch den Geruch einer verbrannten Hühnerfeder, die ihre Mutter ihr unter die Nase hielt, wieder zu sich.

Das Erste was sie sah, war das offene Feuer und sie wusste, sie war zu Hause.

»Gott sei Dank, Kind. Was ist denn nur geschehen?« Ihre Mutter strich ihr liebevoll die dreckigen Haare aus dem Gesicht.

»Rory hat mich bedrängt. Er hat mich angefasst, mich geküsst und Gott weiß was er sonst noch wollte. Ich bin weggelaufen und er hat mich mit dem Pferd verfolgt. Ich habe den Schwingrasen einfach nicht gesehen. Als ich eingebrochen war, hat er mich nur angesehen und ist weggeritten. Wäre Lord Denby nicht gekommen, wäre ich jetzt tot.« Hazel blickte zu ihm auf.

»Ich danke Ihnen, Mylord. Wir stehen für immer in Ihrer Schuld«, sagte ihre Mutter.

»Nein, Mrs MacAllen. Sie schulden mir gar nichts. Ich werde dafür sorgen, dass dieser Campbell Sie nie wieder belästigt.«

»Dafür werde ich schon sorgen«, sagte Alistair laut. Seine Augen blitzten wütend.

»Unsinn, Sohn. Das überlässt du seiner Lordschaft.« Mrs MacAllen war ungewöhnlich streng. »Biete unserem Gast lieber einen Whisky an. Siehst du nicht, dass er friert?« Sie reichte ihm seine Jacke.

Alistair sah seine Mutter mit einem Anflug von Widerspruch an, aber er holte den großen Steinkrug und die drei Männer nahmen alle einen Schluck.

»Ich hoffe, Sie nehmen es mir nicht mehr übel, dass ich Ihre Schwester nach Broom Park geholt habe«, wandte sich Lord Denby an Alistair, als er den Krug an ihn weitergab.

»Nein, Sir«, erwiderte Alistair, obgleich er noch immer Zweifel hatte, dass Lord Denbys Interesse nur Hazels Arbeitskraft galt.

»Schön.« Lord Denby zog seine Taschenuhr hervor. »Ich erwarte Gäste zum Dinner, die ich nur ungern warten lasse«, sagte er zu Alistair und blickte zu Hazel. »Erholen Sie sich morgen erst einmal, Miss MacAllen, während ich mich um Campbell kümmere.«

»Danke, Mylord.« Hazel senkte den Blick. Sie konnte ihn im Beisein ihrer ganzen Familie nicht so ansehen, wie sie es gerne getan hätte.

Lord Denby verließ das Cottage und ritt über den Hügel davon.

Alistair sah ihm von der Tür aus nach und spuckte auf den Boden. In der Nacht schlich er davon.

Als Lord Denbys Männer am nächsten Morgen in den Laden kamen, fanden sie Rory Campbell bewusstlos in einer Ecke liegend. Lord Denby kaufte ihm den Laden ab und ließ Rory von zwei Männern bis nach Glasgow bringen – unter der Androhung, ihn zu erschießen, wenn er es jemals wagen würde, sich Broom Park auch nur auf fünfzig Meilen zu nähern. 

Nach diesem unerfreulichen Abschnitt hielt der Sommer endgültig Einzug und die klaren, sonnigen Tage wurden immer seltener von kurzen Regenschauern getrübt. Mit dem Sommer kam die Zeit, in der die meisten Hochzeiten gefeiert wurden und Hazel wurde immer wieder gebeten, ihre Lieder vorzutragen. Da die Hochzeiten am Wochenende gefeiert wurden, war es immer sehr schwierig, Mrs Edwards darum zu bitten, dass sie Broom Park früher verlassen konnte. Die Hausdame wusste um die Bedeutung der alten Traditionen und sie gab Hazel für diese Gelegenheiten frei, wenn diese vorher ihre Arbeiten erledigte.

Es war kurz vor der Mittsommerzeit, als der Sohn vom Clanchef der MacDougalls seine Hochzeit auf dem großen Hof der Familie einige Meilen südlich von Broom Park feierte. Die MacDougalls hatten große Ländereien mit einem alten Manorhouse. Hazel freute sich unbändig über die Einladung und Colin fuhr sie in seinem Sonntagsanzug am Nachmittag hinunter. Sie trug ihre neue weiße Bluse zu ihrem Sonntagsrock und die Tartanschärpe mit der Nadel ihrer Großmutter. Sally hatte ihr das Haar kunstvoll aufgesteckt. Alistair hatte sie nur missmutig angesehen, als sie das Haus verließ. Aber ihre Mutter war stolz auf sie.

Sie fuhren eine Stunde mit dem Wagen. Hazel war entsetzt, als sie sah, dass auch einige herrschaftliche Kutschen vor dem Haus standen, doch die Feier fand im Innenhof des Anwesens statt und man hatte die Gäste ihrem Stand entsprechend auseinandergesetzt.

Hazel und Colin wurden an einen Tisch am Rande geführt, an dem bereits einige Freunde saßen. Colin war rasch im Gespräch vertieft. Hazel betrachtete die Gäste. Die Braut trug ein wunderschönes helles Kleid mit einem langen Schleier aus Spitze und einen Kranz frischer Blumen im Haar. Die Männer der verschiedenen Clans waren alle im Kilt, außer den feineren Herren, die es ablehnten, einen Kilt zu tragen oder nicht aus schottischen Familien stammten. Hazel ließ ihren Blick langsam über die ganze Tafel wandern.

Plötzlich stockte ihr der Atem.

Lord Denby war auch anwesend. Er saß mit seiner Frau am Tisch des Hausherrn und wandte Hazel den Rücken zu. Sie erkannte ihn sofort. Wie sollte sie nur singen, wenn er da war, ihr zuhörte und sie womöglich noch dabei ansah? Sie hätte sich am liebsten wie eine Schnecke in ihrem Haus verkrochen.

»Hast du keinen Hunger?«, lachte Colin und hielt ihr eine Hühnerkeule unter die Nase. »So gut wie hier wirst du lange nicht mehr essen.«

Hazel seufzte. »Nein, Colin. Ich kann unmöglich etwas essen. Ich bin so aufgeregt und wenn ich mich jetzt vollstopfe, kann ich nachher überhaupt nicht singen.«

»Aufgeregt? Du? Die letzten Male konntest du es kaum erwarten zu singen und hast immer viel gegessen. Was ist anders als sonst? Vielleicht die feinen Leute. Vergiss sie einfach Hazel.« Colin lachte und stupste sie in die Seite. Hazel wehrte ihn ärgerlich ab.

Nachher würde sie wieder selbst das Pony lenken müssen, wenn Colin zu viel Ale getrunken hatte und es war ein weiter Weg nach Hause. Sie wünschte insgeheim, Mrs Edwards hätte ihr nicht freigegeben. Die Gesellschaft feierte und nachdem der Tisch des Gastgebers den Kuchen genossen hatte, begannen die Darbietungen. Zuerst spielte ein Dudelsackpfeifer und die Kinder tanzten. Einer der Gäste trug ein Gedicht vor und ein Feuerschlucker trat auf. Dann war Hazel an der Reihe. Der Hausherr selbst kündigte sie an und die Gäste applaudierten. Lord Denby traute seinen Augen und Ohren nicht. Er hatte sie noch nie in ihrer traditionellen Kleidung und mit den Farben ihrer Familie gesehen, geschweige denn, dass er gewusst hatte, dass sie sang und nun wurde sie als Höhepunkt der Darbietungen angekündigt.

Lady Denby war nicht minder erstaunt.

»Hazel MacAllen? Wusstest du davon?«, fragte sie ihren Ehemann.

»Jaja«, antwortete er nur kurz und falsch, und ließ kein Auge von Hazel, als sie stolz und selbstbewusst durch die Gäste auf den Tisch zugeschritten kam, an dem er saß. Hazel blieb in respektvoller Entfernung vom Tisch des Hausherrn stehen.

 »Ich fasse es nicht. Wie kann MacDougall unsere Dienstmagd auf der Hochzeit seines Sohnes singen lassen?«, bemerkte Lady Denby abfällig und musterte das hübsche Mädchen fast etwas neidvoll. »Es ist so Tradition, Alice. Das wirst du erst verstehen, wenn du ein paar Jahre hier bist«, antwortete Lord Denby beiläufig, ohne seine Frau anzusehen.

Hazel erhob ihre Stimme. Erst etwas zögerlich, aber als die Leute ruhiger wurden und ihr zuhörten, sang sie mit der ganzen Kraft ihrer Stimme ein freches Lied über frisch gebackene Eheleute. Sie sang auf Gälisch. Ihre Stimme erfüllte mit ihrer Ausdruckskraft und Schönheit den ganzen Innenhof und niemand wagte zu sprechen. Der Applaus nach dem ersten Lied war entsprechend und als Hazel sah, dass Lord Denby begeistert klatschte, wusste sie, welches Lied sie als Nächstes singen würde. Es war eine Hochzeit und niemand würde sich etwas dabei denken, wenn sie ein Liebeslied sang, außer Lord Denby, wenn er verstand, was er verstehen sollte. Nämlich dass sie für ihn sang und sonst für niemanden. Hazel begann auf Englisch mit der ersten Strophe von Bonnie Wee Thing und sah Lord Denby nur einmal kurz an, dann schloss sie die Augen und öffnete sie erst wieder, als sie geendet hatte. Alle klatschten, außer Lord Denby.

»Wirklich außergewöhnlich, Simon, findest du nicht auch?« Lady Denby riss ihn aus seinen Gedanken.

»Ja - ja, du hast recht«, sagte er langsam und sah in die kalten blauen Augen der Frau an seiner Seite.

»Sie könnte ja auch einmal für uns singen, wenn sie schon für uns arbeitet.« Lady Denby lachte übertrieben.

»Vielleicht. Du könntest sie ja auf dem Klavier begleiten«, sagte Lord Denby spitz, wohl wissend, dass seine Frau nicht einmal halb so gut Klavier spielte, wie Hazel sang.

Er sah sich nach ihr um, aber sie war bereits verschwunden. Er war versucht aufstehen, um sie zu suchen. Genau in diesem Moment sprengte ein Reiter auf einem schweißnassen Pferd in den Innenhof.

»Napoleon ist geschlagen. Wellington hat ihn am 18. Juni bei Waterloo besiegt!«, rief der Mann laut aus und galoppierte wieder aus dem Hof.

Die Leute blickten sich eine Weile schweigend an und brachen dann urplötzlich alle gleichzeitig in Jubelgeschrei aus.

»Verdammter Mist.« Colin fluchte und trat gegen das gebrochene Rad des Wagens. Er hielt sich den Fuß. Tommy war auf dem Heimweg durchgegangen. Hazel wäre fast vom Wagen gestürzt und nun war auch noch das Rad kaputt. Seit fast einer Stunde versuchte er nun, es wieder fest zu bekommen. Vergeblich.

»Was machen wir denn jetzt?« Hazel hielt das Pony fest.

»Erst mal Tommy ausspannen. Dann sehen wir weiter. Ich hoffe, es kommen noch ein paar Wagen vorbei und einer kann dich mitnehmen bis nach Hause. Ich nehme Tommy und reite nach Port Appin. Vielleicht kann mir dort jemand helfen, das Rad zu richten, bevor es dunkel wird.« Colin blickte auf das gesplitterte Holz.

»Du willst mich doch hier nicht alleine lassen?« Hazel sah ihn ungläubig an.

»Hast du einen besseren Vorschlag?« Colin blickte vorwurfsvoll zurück. Schließlich war er ihretwegen hier.

Hazel schüttelte den Kopf. Sie spannten das Pony aus und wollten ihm eben das Geschirr abnehmen, als eine Kutsche die Straße hinaufkam und an ihnen vorbeifuhr. Hazel glaubte auf der Tür das Wappen der Denbys gesehen zu haben. Colin fluchte, weil der Wagen einfach vorbeigefahren war.

»Ho, ho!«, hörte Hazel in diesem Moment den Kutscher rufen und das Gespann in einiger Entfernung zum Stehen bringen.

Die Tür des Wagens öffnete sich, Lord Denby stieg aus und kam auf sie zu gelaufen.

»Mir scheint, es gibt hier ein Problem«, sagte er an Colin gewandt.

»Allerdings, Mylord.« Colin kratzte sich verlegen.

»Kann ich irgendwie helfen?«, fragte Lord Denby freundlich.

»Das Rad ist hinüber und den Wagen werden wir wohl heute nicht mehr von hier fort kriegen.«

»Wieso fahren Sie nicht bei uns mit? Das Pony binden wir hinten an und morgen können Sie den Wagen in Ordnung bringen.« Lord Denby lächelte, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt.

»Ich weiß nicht, Mylord. Was wird Ihre Frau dazu sagen?«, entgegnete Colin mit einem Blick auf die Kutsche, von der Lady Denby ungeduldig herüberblickte.

»Sie ist meine Frau und wird gar nichts dazu sagen, wenn ich es Ihnen anbiete, mit uns zu fahren. Wenn Sie nicht wollen, lassen sie wenigstens Ihre Schwester bei uns mitfahren an diesem besonderen Tag.«

»Besonderer Tag?«, fragte Colin.

»Sie haben es ja vorhin gehört. Napoleon ist besiegt und er wird diesmal wohl nicht mehr davonkommen«, lächelte Lord Denby. Colin sah den anderen Mann nachdenklich an und blickte dann zu Lady Denby, die zu ihnen herübersah.

»Also gut. Wenn Ihre Frau einverstanden ist.« Colin nickte.

Hazel stockte der Atem. Sie würde zum ersten Mal in ihrem Leben in einer Kutsche fahren und Lord Denby würde mit ihr darinsitzen. Lord Denby ging vor. Er öffnete selbst die Tür und half Hazel beim Einsteigen, während Colin das Pony hinten an die Kutsche band.

»Ich hoffe, du hast nichts gegen etwas Gesellschaft«, sagte Lord Denby zu seiner Frau, als er sich neben sie setzte.

Lady Alice musterte Hazel abfällig, die gegenüber von Lord Denby saß.

»Ich muss sagen, es ist das erste Mal, dass Dienstboten außer meiner Zofe mit mir im selben Wagen fahren«, entgegnete sie zynisch.

In diesem Moment wurde die Tür erneut geöffnet und Colin stieg ein. Hazel bemerkte, dass sich Lady Denbys Gesichtsausdruck veränderte. Ihre Gesichtszüge schienen weicher zu werden und die Andeutung eines Lächelns huschte über ihr Gesicht.

»Mylady.« Colin nickte ihr verlegen zu, als er ihr gegenübersaß.

Hazel dachte an Sallys Worte in der Küche einige Wochen zuvor, und sie wusste nicht, ob sie Lord Denby ansehen oder ständig beobachten sollte, wie sich Colin und Lady Denby fixierten.

»Ihre Schwester singt ganz bezaubernd«, bemerkte Lady Alice mit einem sanften Lächeln zu Colin.

»Sie hat in diesem Jahr den Neujahrswettbewerb gewonnen«, entgegnete Colin stolz.

»Stimmt das, Hazel?«, fragte Lord Denby.

»Ja«, antwortete sie leise.

»Wie du sicherlich schon von Mrs Edwards weißt, geben wir in zwei Monaten einen Sommerball. Wir würden uns freuen, wenn du an diesem Abend für unsere Gesellschaft singen würdest.« Simon sah sie erwartungsvoll an.

»Ich weiß nicht, ob Mrs Edwards mich dann entbehren kann, Mylord.« Hazel blickte zweifelnd zurück.

»Sie wird es müssen, wenn ich es will.« Er lächelte sanft.

»Natürlich, Mylord. Ich weiß nur nicht, was die anderen Mädchen im Haus dann von mir halten. Ich möchte nicht, dass sie denken, ich wäre etwas Besseres, nur, weil ich für Sie singen darf.«

»Ich werde mich darum kümmern. Mrs Edwards hat mir gesagt, dass du dich sehr gut gemacht hast in der Haushaltsführung, und ich hatte sowieso vor, den Kreis deiner Aufgaben etwas zu erweitern und dich direkt Mrs Edwards zu unterstellen. Sie braucht Hilfe bei der Buchführung, und ich weiß, dass du lesen und schreiben kannst. Daher wirst du dich in Zukunft damit abfinden müssen, dass du eine Sonderstellung einnimmst.« Er hatte sehr ernst gesprochen und dabei zeitweise aus dem Fenster gestarrt.

»Mylord, ich weiß nicht, was ich sagen soll …« Hazel wäre ihm am liebsten um den Hals gefallen.

»Du wirst natürlich auch eine entsprechend höhere Bezahlung erhalten.« Er blickte sie wieder nur kurz an.

»Oh, mein Lieber, wenn wir gerade dabei sind«, begann Lady Denby. »Ich hatte dich doch gebeten, dich nach einem neuen Stallburschen umzuhören. Du weißt, dass mir die Art, wie Max mit den Pferden umgeht, nicht gefällt.« Lady Denby blickte ihren Mann an und dann zu Colin. »Mr MacAllen hier scheint mir durchaus geeignet zu sein, um ihn zu ersetzen, vorausgesetzt er kann reiten.«

»Hätten Sie Interesse, für uns zu arbeiten, MacAllen?« Lord Denby sah Colin fragend an.

»Natürlich, Mylord.« Colin antwortete ohne zu zögern.

Hazel wusste, das war die Chance für ihn, endlich der Fischerei und der verdammten See zu entgehen, die schon seinen Vater das Leben gekostet hatte. Er konnte in der Nähe bleiben, seine Mutter regelmäßig sehen, und die Familie mit Sicherheit besser unterstützen. Trotzdem hoffte sie, er würde ablehnen.

»Wenn Sie wollen, fangen Sie am Montagmorgen an.« Lord Denby ließ ihm noch die Wahl.

»In Ordnung.«

»Sie können auch eine von den Wohnungen über dem Stall beziehen«, ergänzte Lady Alice überaus freundlich.

Hazel starrte sie an. Erst heiratete diese Frau Lord Simon, und jetzt würde sie auch noch Colin von ihr wegholen. Das durfte nicht geschehen! Sie biss sich auf die Lippen.

»Das ist also eine Zusage.« Lady Denby lehnte sich selbstzufrieden in die Ecke der Sitzbank.

»Ja.« Colin grinste ebenfalls sichtlich zufrieden.

Hazel hatte es beobachtet und schwieg, bis der Wagen in der Dunkelheit vor dem Tor von Broom Park hielt und sie ausstiegen. Sie verabschiedete sich und schlug den Pfad nach Hause ein. Colin kam kurze Zeit später hinter ihr hergerannt.

»Was zum Teufel ist los mit dir?« Er packte sie am Arm.

»Du willst einfach so von zu Hause fortgehen?«, fauchte Hazel ihn vorwurfsvoll an.

»Natürlich. Es wird Zeit. Ich habe lange genug gewartet. Glaubst du, ich verbringe mein ganzes Leben mit stinkendem Fisch? Oh nein! Entweder ich arbeite für die Denbys und du kannst mich jeden Tag sehen oder ich gehe nach Fort William und arbeite beim Bau des Kaledonischen Kanals und bin ganz weg. Überleg dir also, was dir lieber ist.«

»Dann sprich wenigstens vorher mit Mutter und Alistair«, sagte Hazel resigniert.

»Nein. Mein Entschluss steht fest.«

»Dann halte dich wenigstens von Lady Alice fern. Versprich mir das.« Hazel suchte in der Dunkelheit Colins Augen.

»Wieso? Was hat sie dir getan, dass du das von mir verlangst?«

»Lass dich nicht von ihrer Schönheit täuschen, Colin. Sie hat ein kaltes Herz.«

»Was weißt du denn von solchen Sachen, Kleines?« Colin lachte und stupste ihr mit dem Finger auf die Nase. Dann legte er ihr den Arm um die Schulter und zog sie mit sich.

Hazel weinte leise in ihr Kissen in dieser Nacht. Er hatte ihr nicht versprochen, sich von Lady Alice fernzuhalten und das beunruhigte sie zutiefst.

Kapitel 5

Am Sonntagmorgen holten die Brüder den Wagen nach Hause.  Alistair hatten einen Tobsuchtsanfall bekommen, als Colin ihm mitteilte, er würde nach Broom Park gehen, um dort als Stallbursche zu arbeiten. Es hatte nicht viel gefehlt und er hätte Colin verprügelt. Nur seine Mutter konnte ihn zurückhalten.

Noch am selben Abend packte Colin wortlos seine Sachen zusammen, und am Montagmorgen war er schon fort, als Hazel nach Broom Park aufbrach. Drei Tage später sah Hazel vom Fenster des Speisezimmers aus, wie Colin nach dem Frühstück Lady Alice ihr Pferd brachte. Er selbst stieg auf ein weiteres Pferd und begleitete sie bei ihrem Ausritt. Hazel beobachtete von da an jeden Tag mit wachsender Sorge, dass Lady Alice eine Vorliebe für Ausritte und die freie Natur zu entwickeln schien. Sogar wenn es leicht regnete, ließ sie sich nicht davon abhalten auszureiten. Lord Denby schien es dagegen gar nicht zu bemerken.

Nach vier Wochen hielt es Hazel nicht mehr aus. Alistair war schon früh zum Fischen rausgefahren, und ihre Mutter schlief noch. Sie holte Tommy von der Weide, legte ihm nur das Zaumzeug an und ritt ohne Sattel mit ihm nach Broom Park. Sie wartete im Schutz der Bäume, bis Lady Denby und Colin den Besitz zu ihrem morgendlichen Ausritt verließen. Sie hatte anfänglich Mühe, mit dem kleinen Tommy den großen Pferden zu folgen. Als sie den Wald erreichten, wurden die beiden Verfolgten langsamer. Sie schlugen den Weg Richtung Port Appin ein, wo sie schließlich einen kleinen Pfad hinunter zu einer einsamen Bucht nahmen. Hazel sah, wie Colin Lady Alice vom Pferd half. Er band die Tiere im Schutz der Bäume an und ging zu seiner Herrin. Einen Moment lang schien es, als würde nichts geschehen, doch dann sah Hazel, wie Lady Alice ihre Arme um Colins Nacken schlang und die beiden sich leidenschaftlich küssten. Colin hob Lady Alice auf seine Arme und trug sie hinüber zu dem kleinen Bootshaus am Rande der Bucht.

Hazel stockte der Atem.

Sie wartete eine Weile, ehe sie abstieg und Tommy an einen Ast band. Sie schlich unter den Bäumen bis auf die andere Seite der Bucht, und dort von oben an das Bootshaus heran. Es war verfallen und wurde offenbar nicht mehr benutzt. Hazel hörte leise Stimmen von drinnen. Lady Alice flüsterte immer wieder Colins Namen. Hazel wollte es nicht, doch irgendeine unsichtbare Kraft zwang sie noch näher an das Bootshaus heran. Sie kniete sich hin und spähte durch ein Astloch in einem der Bretter. Es dauerte eine Weile, bis sich ihre Augen an die Dunkelheit im Inneren gewöhnt hatten. Drinnen sah sie Colin und Lady Alice. Ihre beiden Körper lagen eng umschlungen auf einer alten Decke auf dem Boden. Hazel sah die nackten Schenkel von Lady Alice, die um Colins Lenden geschlungen waren. Sie stöhnten beide. Hazel beobachtete nur für einige Sekunden, was passierte, dann fuhr sie abrupt von der Wand des Bootshauses zurück. Sie stolperte nach hinten, kroch auf allen vieren den kleinen Hügel hinauf und rannte zurück in den Wald. Dort sank sie auf die Knie und musste sich übergeben. Sie weinte.

Nach einer Weile rappelte sie sich auf und ging zurück zu Tommy. Ohne, dass ihre Mutter sie bemerkte, brachte sie das Pony nach Hause und ging nach Broom Park. Sie sah weder den Pfad, noch die Landschaft, so sehr grübelte sie vor sich hin. Die feine Lady Alice, die den Mann geheiratete hatte, den Hazel liebte, betrog ihn jetzt mit ihrem Bruder. Hazel wusste, dass sie es Simon unmöglich sagen konnte. Es würde ihn zu sehr in seiner Ehre verletzen und womöglich würde er Colin etwas antun. Aber sie würde Colin zur Rede stellen und sie würde alles tun, damit Simon glücklich werden würde. Sie würde ihm das geben, was er bei seiner Frau nicht fand, und was diese wohl bei ihrem Bruder suchte - Liebe. Sie erinnerte sich an das Gefühl, das sie bei Simons erstem Kuss durchströmt hatte. Ein Gefühl, das ihr bis tief in ihr Innerstes gegangen war und in ihr Wünsche geweckt hatte, die alle Welt für sündhaft hielt. Bis sie Broom Park erreicht hatte, stand ihr Entschluss fest.

Sie entschuldigte sich bei Mrs Edwards mit der Begründung, ihrer Mutter ginge es sehr schlecht, für ihre Verspätung und die Hausdame akzeptierte dies, ohne zu fragen. Hazel erledigte zunächst ihre täglichen Arbeiten. Anschließend ging sie in den Garten und schnitt frische Blumen für einige der Zimmer im Haus und für die Tischdekoration. Als sie mehrere Vasen arrangiert hatte, trug sie diese aus dem Hauswirtschaftsraum hinauf. Lord Denby saß an diesem Morgen in seinem Schreibzimmer. Hazel wusste das, doch sie trat ein, ohne zu klopfen.

»Guten Morgen, Mylord«, sagte sie und tat überrascht. »Verzeihen Sie, ich wollte nicht stören, aber ich dachte, ein paar Blumen auf Ihrem Schreibtisch würden Ihnen Freude machen.«

»Das ist lieb von dir, Hazel.«

Er sah sie dankbar an und Hazel lächelte zurück.

»Werden Sie am Sonntag in die Kirche kommen?«, fragte sie dann geradezu unerhört direkt.

»Ja. Ich hatte es vor.« Er blickte von seiner Schreibarbeit zu ihr auf, als sie die Vase auf den Schreibtisch stellte. Ihre Wangen leuchteten rosig, und sie sah ihn in einer Weise an, die seinen Blick gefangen hielt.

»Wirst du auf dem Ball Ende des Monats singen?«, fragte er sie und schmunzelte, wie er es so oft tat.

Hazel beugte sich zu ihm herunter und flüsterte mit einem sehr zweideutigen Unterton in sein Ohr: »Ich tue alles, was Sie glücklich macht, Mylord.«

»Alles?« Seine Augen weiteten sich, sichtlich überrascht.

Hazel bückte sich, um ein paar heruntergefallene Blütenblätter aufzuheben, die neben den Schreibtisch gefallen waren. 

»Alles«, sagte sie unmissverständlich, als sie sich wieder aufrichtete.

Er sah sie einen Moment verwirrt an.

In diesem Augenblick schlug die Uhr auf dem Kaminsims elf und ließ sie beide wie aus einem Traum erwachen.

»Verzeihen Sie, Mylord«, sagte Hazel leise.

Sie wollte eben gehen, als von draußen das laute Lachen einer Frau zu hören war.

Hazel ging ans Fenster und blickte hinaus auf den Vorplatz.

Lady Denby und Colin, die eben von ihrem Ausritt zurückgekehrt waren, saßen noch auf ihren Pferden. Colin stieg ab und half Lady Denby aus dem Sattel.

Hazel spürte unbändige Wut in sich aufsteigen, als sie sah, wie er sie betont langsam herunterhob. Erst jetzt merkte sie, dass Lord Denby aufgestanden und neben sie getreten war. Sie erschrak. Was wenn er es ebenfalls gesehen hatte? Sie versuchte in seinem Gesicht und seinen Augen zu lesen, doch es gelang ihr nicht.

»Du gehst jetzt besser«, sagte er nur distanziert und bitter.

Sie verließ das Zimmer. 

Am folgenden Sonntag ging Hazel allein zur Kirche. Colin hatte sich, auch am Samstagabend, nicht daheim sehen lassen, und Hazels Mutter fühlte sich nicht wohl. Alistair hatte Hazel zwar begleitet, war aber schon vor dem Gottesdienst ins Alehouse gegangen. So saß sie allein auf ihrem Platz in der Kirche. Wieder trug sie ihr neues Kleid und ihren Hut. Sie hatte sich selbst die Haare aufgesteckt, wie Sally es ihr beigebracht hatte. Vor der Kirche wartete sie, bis Lord Denby eintraf. Zu ihrer Freude kam auch er allein und zu Pferd. Sie blickten einander kurz an, als er an ihr vorbei in die Kirche ging. Drinnen beobachtete sie ihn die ganze Zeit verstohlen und hörte kaum die Worte der Predigt. Ihr Herz raste, und sie konnte den Pulsschlag in ihrem Hals fühlen. Während alle anderen beteten, bat sie heimlich um Vergebung für das was sie vorhatte. Endlich waren die Predigt und das letzte Gebet beendet, und Hazel verließ die Kirche mit den anderen. Sie ging nur ein Stück bis an die Friedhofsmauer. Dort blieb sie stehen und wartete, während Lord Denby noch ein Stück mit Reverend Bain ging und sein Pferd am Zügel führte. Als sie sicher war, dass er sie gesehen hatte, schlug Hazel den Weg nach Hause ein. Sie blickte sich noch einmal um, als sie zwischen den Steinmauern der Gärten verschwand, die im Dorf den schmalen Weg begrenzten. Sie sah, dass Lord Denby ihr nachblickte.

Sie schritt langsam aus, doch er folgte ihr wohl nicht. Sie hatte den Wald erreicht und die Hoffnung schon aufgegeben, als sie plötzlich ein Pferd schnauben hörte. Kurz blieb sie stehen und sah sich um. Er kam auf sie zu galoppiert. Kurz vor ihr hielt er sein Pferd an.

Hazel sah ihm in die Augen, und wusste, dass sie beide verloren waren. Simon war ihr Schicksal.

Er sagte kein Wort, sprang vom Pferd, legte ihr seine Hand auf die Schulter, zog sie sanft an sich und hielt sie fest. Hazel zitterte am ganzen Körper.

»Du ahnst nicht, wie sehr ich mir gewünscht habe, dich in die Arme zu schließen, Hazel«, sagte er und berührte zärtlich ihre Wange.

»Ich konnte es einfach nicht vergessen, wie Sie mich am Neujahrstag geküsst haben, Mylord«, hauchte Hazel.

»Nicht Sie, Hazel. Sag meinen Namen. Sag ihn. Ich bitte dich.«

»Simon«, erwiderte sie zärtlich, und ihre Finger berührten erst vorsichtig seine Stirn und dann sein ganzes Gesicht. Er küsste die Innenseite ihrer Handfläche.

»Ich wünschte bei Gott, ich hätte im Frühjahr genug Courage gehabt, Alice nicht zu heiraten«, sagte er leise und senkte seinen Blick. »Und ich kann mir nicht verzeihen, dass ich sie geheiratet habe, obwohl mein Herz schon damals einer anderen gehört hat.«

»Einer anderen?«

»Dir, Hazel. Ich liebe dich seit jenem Tag, als ich dich im Ballsaal tanzen sah, und ich weiß, dass du mich auch liebst.«

»Das habe ich nie gesagt.«

»Das musst du auch nicht. Ich weiß es, denn ich kann in dein Herz sehen, ebenso wie du in das meine. Unsere Seelen sind verwandt. Wir wissen beide, was der andere denkt und fühlt, ohne dass es ausgesprochen wird.«

Hazel blickte zu ihm auf. Er sagte das, was auch sie immer dachte, seit ihr klargeworden war, dass sie ihn liebte.

»Küss mich«, sagte sie leise.

Er zog sie an sich, und sie küssten sich. Hazel ließ ihren Gefühlen freien Lauf. Nach anfänglichem Zögern erwiderte sie seine Leidenschaft, und seine Küsse verschlossen ihren Mund, bis sie nach Atem rang. Dann ließ er sie abrupt los und starrte auf das Meer.

»Ich komme mir vor wie ein Schwein«, sagte er leise. »Jedes Mal, wenn ich bei meiner Frau war, sind meine Gedanken bei dir gewesen. Jedes Mal, wenn ich sie gehalten habe, hatte ich in meine Gedanken dich in meinen Armen und Angst, deinen Namen zu flüstern, wenn ich ihr nahe war. Ich habe dich mit meiner Frau betrogen, Hazel. Kannst du mir verzeihen?«

»Ich liebe dich Simon und ich könnte dir niemals böse sein.« Hazel schmiegte sich an seinen Rücken.

Er drehte sich wieder zu ihr herum und sie küssten sich erneut. Wohlige Schauer liefen ihr über den Rücken.

»Nimm mich in deine Arme und berühre mich als wäre ich deine Frau«, hauchte Hazel, als seine Lippen ihren Hals hinunter wanderten.

»Willst du das wirklich?«, fragte er leise.

Hazel nickte nur. Sie nahm seine Hand und zog ihn mit sich. Das Pferd folgte ihnen wie ein Hund. Simon band es ein Stück weiter drinnen zwischen den dicht stehenden Bäumen an und folgte Hazel auf eine kleine Lichtung. Deren Boden war von weichem Moos und Farnkraut bedeckt. Junge Birken am Rande umrahmten sie mit ihren weißen Stämmen und die Sonne erwärmte den windgeschützten Platz angenehm. Die Lichtung lag so versteckt, dass sie nicht einmal die Mücken heimsuchten.

Hazel löste die Bänder ihres Huts und ließ ihn auf den Boden fallen. Simon kam zu ihr und zog ihr langsam die Kämme aus dem Haar, bis ihre braunen Locken über ihre Schultern fielen. Seine Finger fuhren in ihre weichen Haare. Er zog sie an sich und berührte die Konturen ihres Körpers durch den Stoff ihres Kleides hindurch. Hazel wurde unter seinen zärtlichen Liebkosungen schwindelig, und als wüsste er es, hob er sie hoch und legte sie sanft in das weiche Moos. Hazel dachte einen Moment an das, was sie wenige Tage zuvor im Bootshaus beobachtet hatte, und der Gedanke daran verstärkte ihre Erregung. Sie presste sich an Simons Körper und als seine Hände den Weg unter ihr Kleid fanden, stöhnte sie auf. Wie anders waren seine Berührungen als die des verhassten Rory Campbells. Simons Finger bereiteten ihr ein ungekanntes Vergnügen und Hazel fühlte keinen Schmerz, als er zu ihr kam. Ihrer beider Sehnsucht nacheinander war so lange unterdrückt gewesen und nun brach sie mit aller Macht über sie beide herein. Nahm Besitz von Körper und Geist bis sie beide in völliger Harmonie in eine andere Welt getragen wurden und sie sich nassgeschwitzt in den Armen lagen. Für den Bruchteil einer Sekunde dachte Hazel an Alistairs Worte, bevor sie glaubte, ohnmächtig zu werden vor Glück. Aber wenn das, was sie tat, falsch war, so wollte sie lieber eine Hure sein, als auf Simons Liebe zu verzichten.

Simon küsste Hazels Haar. Ihr Kopf lag auf seiner Brust und seine Hand streichelte unter seiner Jacke, mit der sie sich zugedeckt hatten, ihren Rücken.

Details

Seiten
0
Erscheinungsform
Erstausgabe
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783960873846
ISBN (Buch)
9783960874188
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v427700
Schlagworte
liebe-frauen-roman-tik-liebes-e-drama-literatur Regentschaft-s-zeit Regency history Schott-isch-land Briti-sh-sch-Indien Lord Edinburgh Familie-n-Geheimnis

Autor

  • Wenn Sie diese Meldung sehen, konnt das Bild nicht geladen und dargestellt werden.

    J. C. Philipp (Autor)

Zurück

Titel: Das Erbe von Broom Park (Regency Roman, Historisch, Liebe)