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Mord à la provençale (Krimi, Cosy Crime)

von Janet Laurence (Autor)

2018 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

Die Kochexpertin Darina Lisle und ihr frischgebackener Ehemann, Detective Inspector William Pigram, verbringen ihre Flitterwochen im Süden Frankreichs. Dort treffen die beiden auf eine Reihe interessanter, britischer Auswanderer, die das sonnige Leben in Südfrankreich genießen. Darunter auch Kochguru Helen Mansard, die darauf besteht, Darina und William zum Mittagessen einzuladen. Helens Partner, Bernard Barrington Smythe, Havariekommissar der Londoner Versicherungsbörse im Ruhestand, zeigt ihnen seine neuste Errungenschaft: Eine Ölmühle, mit der er ein Vermögen machen will. Doch dann kommt es in der Ölmühle zu einem Todesfall und Darina und William ermitteln Seite an Seite ...

Impressum

dp Verlag

Deutsche Erstausgabe Juni 2018

Copyright © 2020 dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

E-Book-ISBN: 978-3-96087-416-4
Taschenbuch-ISBN: 978-3-96087-417-1

Copyright © First published in Great Britain in 1995 by Macmillan London Limited
Titel des englischen Originals: Death a la provencale

Übersetzt von: Lennart Janson
Covergestaltung: Miss Ly Design
unter Verwendung von Motiven von
shutterstock.com: © Angel Simon, © xtock, © arek malang
Korrektorat: Martin Spieß

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

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Für
Della & David und Pat & Anthony
Mit großem Dank für die unvergessliche Zeit in Südfrankreich –
und ich bitte um Entschuldigung

Vorwort

In den Neunzigern verbrachten mein Ehemann und ich jedes Jahr im Februar oder März zwei bis drei Wochen in Antibes in Südfrankreich. Wir hatten dort unten tolle Freunde und genossen es, sowohl das „Hinterland“ als auch die Küstenregionen zu erkunden. Dabei entdeckten wir wundervolle Restaurants, Märkte und Ölmühlen. Außerdem lernten wir eine Reihe Auswanderer kennen, die die bitteren Winter Nordeuropas gegen die sonnige und liebliche Provence getauscht hatten, unter ihnen auch zahlreiche Briten. Wir genossen erstaunliche Gastfreundschaft und hörten interessante Geschichten darüber, warum die Menschen hergekommen waren und wie ihnen das Leben in Frankreich gefiel. Für manche von ihnen war es ein zweiter Wohnsitz, für andere die neue Heimat. Mit jeder weiteren schönen Reise nach Antibes oder in die Umgebung wurden mir mehr Möglichkeiten bewusst, einen meiner kulinarischen Krimis mit Darina Lisle dort spielen zu lassen. So entstand Mord à la provençale.

Janet Laurence

Kapitel Eins

Der Kuchen leuchtete golden in der Sonne und triefte vor Köstlichkeit. Alles an ihm, seine runde Form, seine satten Farben und die vom Sirup glänzenden Streusel, versprach Süße und Gehalt, eine üppige und verschwenderische Befriedigung.

„Süßer Honigkuchen für ein süßes Paar in den Flitterwochen“, sagte Helen Mansard, während sie ihn auf den Tisch stellte.

Sie war eine kleine Frau Ende vierzig, ihr wallendes Haar türmte sich auf ihrem Kopf auf, ihre Haut war wie die eines reifen Pfirsichs und ihre Figur war zierlich, aber mit großzügigen Kurven. Die großen, hellblauen, lachenden Augen und der breite Mund mit einer Unterlippe wie ein saftiges Stück Mango verliehen ihrem runden Gesicht Anmut.

Darina sog den süßen Duft ein, der von dem Kuchen aufstieg. „Der ist so berauschend wie Wein“, sagte sie. „Und wir sind schon betrunken!“ Sie lächelte den Mann an, der neben ihr auf der mit Kissen bedeckten Bank saß. Sie wirkte entspannt, ein Hinweis darauf, dass sich die Hochzeit als angenehme Überraschung herausgestellt hatte.

Darina Lisle war jetzt Darina Pigram. Der neue Nachname war zwar keine Verbesserung, dafür aber alles andere am Verheiratet-Sein. Sie strahlte Glückseligkeit aus. Das verlieh ihrem einfachen, guten Aussehen wirkliche Schönheit, ließ ihr langes, blondes Haar, das ihre Schultern umwehte, glänzen, milderte die Wirkung ihrer über ein Meter achtzig hohen Figur und lenkte die Aufmerksamkeit vom kompromisslosen Blick in ihren grauen Augen ab.

Darina betrachtete noch mal den Kuchen. Warum ließ der Ring, der vor vier Tagen auf ihren Finger geglitten war, alles in diesem goldenen Licht erscheinen? Sie hatte vor der Hochzeit schon ein Jahr mit William zusammengelebt, hatte geglaubt, ihn durch und durch zu kennen und dass die Hochzeit ihre Beziehung lediglich förmlicher machen würde. Stattdessen schien es, als hätte vertrautes Essen neue Geschmäcker angenommen.

„Ich dachte immer, frischvermählte Paare sollten die Flitterwochen allein auf einer einsamen Insel verbringen!“ Bernard Barrington Smythe, das vierte Mitglied ihrer Mittagsrunde, ersetzte die Weingläser durch Sektflöten und öffnete eine Flasche Champagner. Sein schütteres Haar war von einem Panama-Hut bedeckt, um den Kopf vor der Sonne zu schützen. Der Hut warf einen Schatten auf seine rotblonden Augenbrauen, die blasse bernsteinfarbene Augen beschützten, wie kleine Pflanzen, die an einer Felskante wachsen.

„Ich habe das immer für eine entsetzliche Vorstellung gehalten.“ Helen schnitt den Kuchen an und platzierte die Stücke auf provenzalischen Fayence-Tellern. „Alleingelassen zu werden ist wirklich das Letzte, was man als frischvermähltes Paar braucht. All der Stress und die Anspannung der Hochzeit, die anstrengende Aufgabe, Dankesbriefe zu schreiben und die Verwandten davon abzuhalten, sich gegenseitig an die Kehle zu gehen, und der schreckliche Prozess, ein neues Zuhause einzurichten. Ich glaube, die perfekten Flitterwochen bestehen aus vielen, nicht zu hektischen Aktivitäten und ein paar Freunden zwischendrin.“ Sie schenkte dem frischvermählten Paar ein verschlagenes Lächeln, das ihre Rolle in der heutigen Flitterwochen-Unterhaltung bestätigte.

Bernard füllte behutsam die Gläser, drehte über jedem mit einer schwungvollen Bewegung die Flasche, um Tropfen zu vermeiden, und setzte sich dann wieder in seinen Stuhl. Sein rundlicher Körper kämpfte gegen die Einengung der weißen Designer-Jeans und des schicken Hemdes, ein Stückwerk aus gestreifter und karierter grüner und weißer Baumwolle. Er erhob sein Glas. „Sie will sagen, dass wir uns sehr geehrt fühlen, euch heute bei uns zu haben. Lasst uns auf eure Gesundheit trinken.“

Darina erhob das Glas und wechselte ein weiteres Lächeln mit ihrem Ehemann.

„Ehemann. Auf Englisch heißt es ‚husband‘.“ Sie sprach den Gedanken aus und legte ihre Hand auf seinen Oberschenkel. „Was für ein seltsames Wort. Angelsächsisch nehme ich an. Erinnert an ‚bondsman‘, eine alte Bezeichnung für Leibeigene, der Haus-Sklave.“

„Wenn ich mich recht erinnere, ist es Altenglisch, und den Teil mit dem Leibeigenen kannst du vergessen“, sagte Bernard.

„Ich wusste gar nicht, dass du an der Universität warst“, unterbrach Helen.

Er warf ihr mit schiefem Kopf einen wissenden Blick zu. „Es gibt andere Wege, sich Wissen anzueignen, als sich in einer Lehranstalt einzukerkern. William, ‚husband‘ bedeutet Hausherr. Dulde diesen Unsinn nicht, sprich sofort ein Machtwort.“

Der Bräutigam lachte. Es klang leicht und amüsiert und sagte, dass er sein eigener Herr sei. „Wir haben eine Partnerschaft, keiner von uns ist der Chef.“

Darina spürte wie die Muskeln in seinem langen Bein unter ihrer Hand zuckten und legte ihre Finger fester um seinen Oberschenkel, während sie sich mit der freien Hand über den Kuchen hermachte. „Der schmeckt nach Liebe“, sagte sie mit einem zufriedenen Seufzen. „Wenn wir wirklich sind, was wir essen, sollten wir den regelmäßig auf dem Tisch haben.“

„Jeden Tag“, stimmte William zu.

„Wie ihr beide euch gegenseitig anseht, ist skandalös.“ Bernard stellte sein Glas gespielt heftig ab. „Helen, gib ihnen nicht noch mehr, sonst verschlingen sie sich hier vor unseren Augen.“

„Wenn sie sich in den Flitterwochen nicht leidenschaftlich fühlen dürfen, ist das ein schwacher Ausblick.“ Helen schob noch ein Kuchenstück auf Williams Teller.

Das Mittagessen fand im Süden Frankreichs statt, in den Hügeln nahe Grasse, wo Helen Mansard ein provenzalisches Bauernhaus gekauft hatte, ein Mas. Das gewichtige Rechteck stand stabil in den Olivenhainen, das warme Braun der Erde und das raschelnde, silbrige Grün der Bäume boten die perfekte Kulisse für den grauen Stein. Der Innenhof, in dem sie saßen, war auf zwei Seiten von Gebäuden und an den anderen beiden von Mauern abgeschirmt. Eine strategisch platzierte Lücke im südlichen Teil gab den Blick auf das intensive Blau des Mittelmeers frei. Im geschützten Hof produzierte die frühe Märzsonne genug Wärme, um draußen zu essen.

Ein makelloser Pool nahm die eine Ecke des Hofes ein. Das Wasser schwappte sachte gegen die leuchtend blauen Fliesen. Um den Pool herum sah die Bepflanzung so aus, als wäre sie erst kürzlich fertiggestellt worden, die Fülle kleiner Büsche war ein ausdrucksstarkes Zeugnis großzügiger Ausgaben.

Tatsächlich wirkte das gesamte Grundstück so gepflegt, wie man es nur durch eine saftige Finanzspritze erreichen konnte. Frischverputzte Wände und hübsch gestrichene Fensterläden, ordentliches Pflaster, teure Pflanzkübel (aus denen später ohne Frage Geranien leuchten würden) und die ansprechenden Gartenmöbel sprachen dafür, dass Helens Kochbücher sich sehr gut verkauften.

Darina lehnte ein weiteres Stück des Honigkuchens ab. „Ich muss ehrlich sagen, ich bin voll, du hast uns gut verköstigt.“ War es die frische Luft und die Sonne, die das Essen so gut schmecken ließen, oder hatte Helen einen besonderen Zauber gewirkt? Die Zutaten waren so simpel: gebratene rote Paprika in einer Anchovis-Soße, dazu knuspriges Baguette, gefolgt von verschwenderischen Mengen über dem Schnittholz der Olivenbäume gegrilltem Kaiserhummer, serviert mit Blattsalat, dessen Dressing aus Olivenöl Süße mit bestechender Zitrusfrische verband. Kühler weißer Chablis hatte das Essen ergänzt und vor der abschließenden Wohltat aus Honigkuchen und Champagner war ein Jahrgangs-Rotwein, ein 1966er Margaux, mit verschiedenen reifen und vollmundigen Käsen aufgetragen worden.

Helen hatte es sogar geschafft, sich mit ihrem Drängen auf Manöverkritik nach jedem Gang zurückzuhalten. Sie hatten höchstens fünf Minuten damit verbracht, über die Würze der Anchovis-Soße zu sprechen und ob sie von der pfeffrigen Kraft des italienischen Olivenöls aus Hausabfüllung ausgeglichen wurde; nur zehn mit der Zusammensetzung der Mayonnaise, die mit dem Hummer serviert worden war, und ob es wünschenswert war, Meeresfrüchte in Salat zu hüllen, ehe man sie grillte. Jetzt schien sie völlig vergessen zu haben, sich nach ihrer Meinung zum Honigkuchen zu erkunden.

Darina seufzte gesättigt und fühlte die Entspannung, die nur perfekt abgeschmecktes und ausgeglichenes Essen verschaffen konnte. Sie lehnte sich zurück und ließ den Frieden und die Ruhe des alten Bauernhauses und seiner Kulisse wie Seide über sich gleiten.

Helen hatte absolut recht mit dem Stress und der Anspannung beim Heiraten. Die Hochzeit selbst hatte in dem Dorf in Somerset stattgefunden, in dem Darina aufgewachsen war. Der Zeremonie in der Kirche folgte ein Empfang in einem großen Haus des Ortes, das sie zu dem Anlass angemietet hatten. Alles war an ihr vorbeigeeilt, als wäre der Tag im Zeitraffer abgelaufen, und hatte sie glücklich, aber auch atemlos gemacht. Und, oh, wie sehr sie alles vergessen wollte, was im Vorfeld passiert war, der Druck, die Diskussionen, die hektischen Abmachungen.

„Wir haben überlegt, für die Flitterwochen auf die Seychellen zu fliegen“, sagte William gerade. „Aber dann wurde uns ein Appartement in Antibes angeboten und wir waren uns einig, dass die Gelegenheit zu gut war, um sie zu verpassen.“ Auch er wirkte völlig entspannt.

„Und es ist schön, dass wir mal wieder auf den neuesten Stand kommen, Helen“, fügte Darina hinzu.

Helen und Darina waren beide Kochbuchautorinnen. Im vergangenen Jahrzehnt hatte Helen sich einen Namen gemacht. Bevor sie nach Frankreich zog, hatte sie auch in Somerset gelebt. Obwohl beinahe zwanzig Jahre zwischen ihnen Lagen, hatten sie und Darina viel Zeit miteinander verbracht, sich gegenseitig die eigenen Experimente vorgesetzt, Aromen abgesteckt, unterschiedliche regionale Küchen ausprobiert und über Wege gesprochen, den Appetit anzuregen. Dann, vor zwei Jahren, nach einer sehr erfolgreichen Fernsehserie – das Begleitbuch hatte über etliche erfreuliche Wochen die Bestseller-Liste angeführt – hatte Helen England verlassen und sich dem Mittelmeer zugewandt.

„Was für ein Plätzchen du hier gefunden hast“, sagte Darina neidvoll. „Perfekt zum Schreiben. So friedlich!“

„Zu perfekt!“ Eine bissige Note brannte in Helens Stimme und ihre vollen Lippen wurden schmaler. „Ich habe die meiste Zeit damit verbracht, mir Gründe auszudenken, warum man uns nicht besuchen und hierbleiben kann. Manchmal habe ich das Gefühl, dass jeder, den ich kenne, Südfrankreich besuchen möchte. Der Sommer ist eine einzige Reihe von Ablenkungen.“

„Helen lässt sich viel zu leicht ablenken.“ Bernard rutschte in seinem Stuhl zurück. Die Krempe seines Hutes verbarg seinen Gesichtsausdruck.

Darina rückte etwas näher zu William.

„Du bist keine Hilfe“, blaffte Helen plötzlich. „Du verwandelst die Anlage in eine Fabrik.“

„Fabrik?“ William sah sich locker im hellen Innenhof um.

„Helen, geht es um das neue Projekt, das du erwähnt hast? Hör auf so geheimnisvoll zu tun und erzähl uns mehr.“

Darinas Freundin sah mürrisch aus. „Es ist eigentlich Bernards Projekt.“ Sie blickte zu dem Mann am anderen Ende des Tisches, unter dem Panama-Hut war sein Gesichtsausdruck nicht lesbar. „Halte dich nicht zurück, Bernard. Normalerweise kannst du es gar nicht erwarten, jedem davon zu erzählen.“

Bernard legte seine Arme auf den Tisch, die träge Entspannung war plötzlich verschwunden. „Du hast es für eine gute Idee gehalten. Großartiger Plan hast du gesagt. Ich dachte, du würdest dahinterstehen.“

Für einen kurzen Augenblick glaubte Darina, panische Angst in Helens Augen zu sehen, dann lachte ihre Freundin sorglos. „Bernard, du bist so ein Dummkopf! Natürlich ist es ein toller Plan. Du weißt, wie nervös ich werde, wenn etwas zwischen mir und einem Abgabetermin steht. Jetzt erzähl Darina und William alles darüber, du siehst doch, wie gespannt sie erfahren wollen, was du Schlaues gemacht hast.“ Sie reichte über den Tisch und drückte kurz seine Hand.

„Nun, hier sitzen wir, gespannt auf Einzelheiten“, ermunterte William ihn.

Helen ließ ihr Lächeln noch breiter werden.

Bernard neigte den Kopf in der Geste eines Mannes, der bescheiden unverdiente Belohnungen entgegennimmt. „Als ich diesen Ort zum ersten Mal gesehen habe, wurde mir klar, was Helen da aufgetan hatte“, setzte er an.

Dann drang das Geräusch eines Traktors an ihre Ohren, der sich der Mauer näherte. „Oh Gott, was hat der fröhliche Jacques heute vor?“

„Bitte nicht noch ein Streit, Bernard! Denk dran, er ist unser Nachbar.“

Bernard stöhnte und wand sich William und Darina zu. „Ihr fragt euch, warum Franzosen Schafe bei lebendigem Leibe verbrennen, oder alle Lastwagen Europas zum Stillstand bringen? Eine Begegnung mit Jacques Duval erklärt alles.“

Helen trommelte gereizt mit den Fingern auf den Tisch. „Er ist nur ein durchschnittlicher, französischer Chauvinist.“

„Chauvinist? Ganz genau, das Wort wurde für ihn erfunden.“

Der Traktor hielt an, sie hörten ein mechanisches Knirschen und dann strömte unaussprechlicher, schwerer Stallgeruch über die Mauer.

„Verflucht!“ Bernard sprang aus seinem Stuhl, stürmte zu einer alten Mühle aus Granit hinüber, die malerisch in einer Ecke des Hofes stand, und zog sich daran hoch, sodass er über die Mauer sehen konnte. Sein kleiner, übergewichtiger Körper balancierte riskant auf der Kante der Mühle; bei seinem Ansturm auf die Mauer hatte er seinen Hut verloren und die Sonne schien auf eine glänzend kahle Stelle, doch seine Empörung nahm der Szene alle Komik.

Darina konnte seinen Kummer nachvollziehen, kam aber nicht umhin, Bernard mit ihrem Ehemann zu vergleichen. William war groß, überragte sogar sie noch um einige Zentimeter und hatte volles, dunkles Haar. Sein Gesicht mit der Adlernase war stattlich – sie selbst empfand schneidig als die beste Beschreibung. Er hatte Ausstrahlung und einen sehr englischen Charme, der sich mit seiner Intelligenz, seiner Besonnenheit und seiner Bildung vermischte.

Darina fragte sich, was Helen an Bernard anziehend fand. Sein Schwung und seine Kraft? Sein Aussehen war es bestimmt nicht.

Monsieur.“ Bernards entrüstete Stimme drang zu ihnen herüber. „Que faîtes-vous?“

Geknurrtes Französisch waberte zusammen mit dem kräftigen, widerlichen Geruch zu ihnen herüber. Darina schnappte Worte wie salaud, connard und salopard auf.

Espèce de con!“, schrie Bernard zurück. Dann spannten sich seine Schultern an, während er sich zusammenriss. „C’est affreux, je proteste! Nous mangeons ici, dans notre cour. C’est impossible avec le perfum de votre fumier.” Bernards fließendes Französisch war mit einem starken englischen Akzent durchsetzt.

Weiteres unverständliche Grunzen und Knurren war zu hören und schloss mit: „Va done, eh, imbécile!“

Die Speckrollen in Bernards Nacken liefen vor Wut dunkelrot an. Zitternd vor Zorn sprang er von seinem Ausguck herunter und stolperte, als er auf dem Boden aufkam. „Diesem französischen Hundesohn werd ich’s zeigen“, sagte er mit knirschenden Zähnen.

Helen streckte ihm flehend einen Arm entgegen. „Liebling, du wirst nur etwas sagen, das du dann bereust. Warum kommst du nicht her, trinkst einen Kaffee und erzählst Darina und William alles über unsere Pläne?“

„Glaub nicht, dass du mich mit Schmeicheleien von einem Kräftemessen mit diesem Bastard abbringst. Er hat einen verdammt großen Haufen Mist an unserer Mauer abgeladen, und meint, dass er auch dort bleiben wird! Aber“, seine Stimme wurde plötzlich sanfter, „ich will uns nicht das Mittagessen verderben.“ Er kehrte zum Tisch zurück und betrachtete, was von ihrem Festmahl übrig war, seine Nase zuckte vor Ekel. „Kommt mit, hier können wir nicht bleiben.“

 

Im Inneren des Hauses verwirrte die Dunkelheit Darinas Augen. Sie musste warten, bis sie sich an das fehlende Sonnenlicht gewöhnt hatte, ehe sie das große, offene Wohnzimmer mit einem mächtigen Kamin und schlicht verputzten Wänden bewundern konnte. Wie schon ihm Hof sah es hier frisch renoviert aus. Nichts Pompöses, aber die schweren, französischen Möbel stammten nicht vom Flohmarkt und alles hatten einen gut erhaltenen Glanz. Der Kochbereich sah aus, als hätte er die Dienste eines erstklassigen Innenausstatters genossen und die Geräte waren nur vom Besten.

Auf einem der beiden ausladenden, gemütlichen Sofas, die in der Mitte des Raumes angeordnet waren, hatte Bernard sich niedergelassen und schenkte gerade den restlichen Champagner aus, während William sagte: „Erzähl uns mehr von Frère Jaques. Gehört ihm das Land jenseits eurer Mauer?“

Bernard stellte die leere Champagnerflasche weg und platzierte Cognac und Armagnac auf dem mächtigen, schweren und polierten Tisch. „Sein Land grenzt an das von Helen; die westliche Seite dieses Hauses und die Mauer im Hof sind die Grenze, die dann weiter mitten durch den Olivenhain läuft, den man vom Hof aus sehen kann.“

„Also, ich weiß nicht viel über französische Gesetze, aber es muss doch irgendwelche Bestimmungen gegen solche Belästigungen geben.“

„Ah, das habe ich ganz vergessen, du bist Polizist, nicht wahr?“

William rutsche etwas auf dem Sofa herum, sagte aber nichts.

„Er ist Detective, ein Inspector der Polizeitruppe von Avon und Somerset“, murmelte Darina.

„Ich weiß nicht, mit welchen Ärgernissen du dich in Südwestengland schon herumschlagen musstest, aber ich sage dir, Jacques Duval lässt das alles wie einen Streit auf dem Schulhof aussehen.“

„Vor dem vergangenen Sommer war es nicht so schlimm“, sagte Helen leise, als sie eine Cafetière auf den Tisch abstellte und dann verschwand, um Kaffeetassen zu holen.

„Nein, ich habe sein Ehrgefühl verletzt, ganz zu schweigen davon, dass ich seine Gewinne bedroht habe.“ Genugtuung webte sich in Bernards Stimme. Er ordnete Brandygläser neben den Flaschen auf dem Tisch an, setzte sich und sah etwas glücklicher aus.

„Was ist passiert?“, fragte William.

„Na ja, das wollten wir euch gerade erzählen, als der Mist uns dazwischenkam.“ Helen schenkte Kaffee ein und gab die Tassen herum. „Erzähl deine Geschichte weiter, Liebling.“ Sie schenkte Bernard ein leichtes Lächeln, das Bernard wohl wieder zu der guten Stimmung verführen sollte, die ihn bestimmt hatte, als Darina und William zum Mittagessen eingetroffen waren.

„Wir haben die alte Mühle renoviert und angefangen, Olivenöl zu produzieren“, sagte Bernard.

„Mein armer Liebling, der alte Jacques ist dir wirklich nahe gegangen. Normalerweise brauchst du mindestens zehn Minuten um zu dem Punkt zu gelangen.“ Helen stellte eine Tasse Kaffee vor ihm ab und küsste ihn sanft auf seine kahle Kopfhaut.

Bernard griff nach ihrer Hand und zog sie neben sich auf das Sofa. „War ein Mann je mehr gesegnet?“ Er lächelte sie an.

Helen zog ihre Beine an und machte es sich gemütlich. „Unser eigenes Öl war heute im Dressing und im Kuchen. Was ist dein Urteil?“, fragte sie Darina.

„Wundervoll, so ein frischer, süßer Geschmack.“ Darina ließ sich nicht von ihrer Bescheidenheit täuschen. „Aber ihr benutzt doch nicht die alte Mühle im Hof, oder?“

Helen lachte. „Die nennst du alt? Du hast die ursprüngliche Presse noch nicht gesehen! Ich hätte sie liebend gern restauriert. Sie sind traditionell, voller Geschichte und man kann hier in der Gegend immer noch einige Exemplare in Benutzung sehen. Aber Bernard meinte, dass wir moderne Ausrüstung brauchen, wenn wir ein kommerzielles Projekt angehen wollen.“

„Das klingt nach einem großen Unterfangen“, kommentierte William.

„Helen stand der Idee erst ziemlich ablehnend gegenüber, aber auf dem Grundstück stehen all diese Olivenbäume und die ganze Ernte ist bei der örtlichen Kooperative gelandet! Traditionelles Olivenöl ist gerade schwer in Mode – als Kochbuchautorin weißt du das.“ Bernard sah zu Darina. „Ich habe Helen gebeten, all ihre Kontakte zu Gourmets aufzufrischen, die Autoren, Feinkost-Großhändler und -Einzelhändler, denen sie begegnet ist, und sie auf ein Riesengeschäft vorzubereiten.“

„Bernard hat sich mit Herz und Seele da hineingestürzt“, fügte Helen hinzu. „Er hat die ganze Ausrüstung gekauft und den Herstellungsprozess recherchiert, ehe ich überhaupt wusste, dass er nicht nur mit der Idee spielte.“ Ihr Lächeln war lieblich und ihre Stimme samtig.

„Ich habe ein neues Leben begonnen, eine zweite Karriere.“ Bernard lehnte sich entspannt in die Sofakissen hob das Glas mit seinem restlichen Champagner. „Darauf, nicht mehr in der Stadt zu leben, ohne Anzüge und ohne Eis und Schnee. Stattdessen Sonne, das gute Leben und Helen!“ Er hob ihre Hand zu seinen Lippen und prostete ihr dann mit seinem Glas zu.

Es herrschte kurz Stille, dann lachte Helen kurz und sagte: „Du hast nichts von der harten, körperlichen Arbeit, den beißenden Winterwinden und dem Mistral erzählt.“

„Was war deine erste Karriere?“, fragte William.

„Ich war bei Lloyd’s, der Londoner Versicherungsbörse, als Partner einer Mitgliederagentur und eines Versicherers. Dreißig Jahre lang habe ich einen schlichten Anzug angelegt und mich in die Stadt aufgemacht. Jetzt kann ich endlich tragen, was ich will.“  Bernard sah selbstgefällig auf seine farbenfrohe Garderobe hinab.

„Und du wirst hierherziehen?“

„Ich bin schon hergezogen, William! Fait accompli! Hab im vergangenen Herbst gerade rechtzeitig meine Sachen hergebracht, um bei der Olivenernte mit anzupacken.“

„Im vergangenen Sommer hat er die ganzen Geräte eingebaut“, sagte Helen ausdruckslos.

„Dann hattest du das schon seit einer Weile geplant?“, vermutete Darina.

„Sobald Helen diesen Ort gefunden hatte.“ Bernard strahlte. „Ich bin eines Morgens mit einem Geistesblitz aufgewacht. Ich wollte mich nicht ohne Beschäftigung hier unten niederlassen, nicht, wenn Helen so viel ihrer Zeit hinter verschlossenen Türen mit ihren Büchern verbringt.“

„Ich weiß genau, was du meinst.“ William grinste ihn an. „Ich muss mir auch ein zeitaufwändiges Hobby zulegen, bis ich in den Ruhestand gehe. Ich weiß, dass Darina nicht mit dem Schreiben aufhören wird!“

„Ah, ich begrüße einen werten Mitleidenden des Autor-Syndroms! Darauf einen Cognac.“ Bernard schob ein Glas zu William und füllte es, ehe er ablehnen konnte. „Darina kann zurückfahren, die hat von keinem der Weine, die ich so liebevoll für euch ausgesucht habe, mehr als ein Glas getrunken.“

„Sie waren wirklich wunderbar“, versicherte Darina. Sie seufzte. „Wir hätten ein Taxi bestellen sollen, statt mit dem Auto zu kommen.“

„Ihr Männer seid wirklich schlimm!“ Helen warf ein Kissen nach William. „Erzählt mir nicht, dass ihr nicht liebend gern von unseren Rezepten kostet. Und selbst wenn wir beide morgen das Schreiben aufgeben würden, gehe ich kaum davon aus, dass wir mehr von euch hätten. Das sind alles nur Ausreden, genau das zu tun, was ihr wollt.“

William schob sich das Kissen hinter den Rücken und umschloss fest die Hand seiner Braut. „Also hast du beschlossen, dein eigenes Unternehmen aufzubauen“, sagte er zu Bernard.

„Mein Traum war es mal, in einem Weingut in Bordeaux meinen eigenen Jahrgangs-Rotwein herzustellen. Olivenöl erschien mir als lohnenswerter Ersatz.“ Bernards Ton wurde ernst. „Man muss sich ebenso der Qualität verpflichten, mit den Elementen ringen und ist auf die Verbindung traditioneller und moderner Methoden angewiesen, um ein unverfälschtes Produkt mit wundervollem Geschmack herzustellen. Das Öl ist einfach ungesättigt und kann sogar Cholesterin reduzieren. Wir werden ewig leben!“

Die kurze Stille, die über sie fiel, als er endete, mochte aus Respekt oder Verblüffung entsprungen sein.

„Ich weiß nicht, ob es ein Glückstreffer war, aber das Öl, das er herstellt, ist fantastisch. Irgendwo zwischen der Süße Spaniens und dem Feuer Italiens. Es hat einen vielschichtigen Geschmack, ohne zu kräftig zu sein. Ich habe eine Flasche für euch“, sagte Helen zu Darina. „Wir lassen für den nächsten Jahrgang Blechdosen bedrucken und diesen Frühling und Sommer habe ich die unterschiedlichsten Leute eingeladen, um ihr Interesse zu wecken.“ Kein Wort mehr davon, dass sie es hasste, wenn Besucher ihr die Zeit stahlen.

„Wir haben die Gästezimmer renoviert und ein paar zusätzliche Badezimmer eingebaut. Nachdem sie Helens Gastfreundschaft kosten durften, werden wir sie dazu verführen, sich entweder mit dem Öl auszustatten oder es zu bewerben. Es wird sich zu enorm überhöhten Preisen verkaufen und uns reich machen.“

„Pass auf, dass eure Profite nicht vollständig in der Bewirtung eurer Gäste verschwinden.“ William nahm einen Schluck von seinem Cognac und sah begeistert auf das Glas. „Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal so gut getrunken habe.“

„Der ist aus Bernards Keller. Als er sagte, dass er seine Sachen hergebracht hat, meinte er damit, dass er in einem großen Lastwagen sehr langsam durch Frankreich fuhr, über das Zentralmassiv, runter in die Provence, während er seine wertvollen Flaschen bemutterte, als wären sie Säuglinge, die nicht geweckt werden dürfen.“ Helen lachte. „Aber unsere Kunden werden provenzalische Weine probieren wollen, nicht den überteuerten Bordeaux oder die Champagner-Brühe.“

„Ich bin froh, dass du uns mit der überteuerten Brühe verwöhnst.“ William nahm noch einen Schluck von seinem Cognac und seufzte zufrieden.

„Ah, der regionale Wein ist in den vergangenen Jahren deutlich besser geworden, sie werden nicht allzu sehr leiden“, sagte Bernard. „Und außerdem wollen wir ja nicht, dass der Wein das Öl oder das Essen in den Schatten stellt, oder?“

„Es scheint, dass eure Nachbarschaft an dem Projekt Anstoß genommen hat.“ Es passte zu William, dass er den Zwischenfall nicht aus den Augen verlor, der den Abschluss ihres Essens so verdorben hatte. Doch als Bernards Wut wieder aufkochte, wünschte sich Darina, er hätte das Thema nicht wieder angesprochen.

„Dieser Bastard hat seine eigene Ölmühle, stellt minderwertiges Öl her und glaubt, dass ich ihn aus dem Geschäft drängen werde.“

„Also könnte er dich als Bedrohung wahrnehmen?“

„Aber wir zielen nicht auf den lokalen Markt ab! Oder verarbeiten die Oliven anderer. Wenn überhaupt, werden wir sein Geschäft fördern. Sobald die Werbemaschine läuft, wird man uns hier die Bude einrennen. Sie werden seine Mühle genauso besichtigen wollen wie unsere und wir werden das sudfranzösische Zentrum für Olivenöl sein.“

„Bernards Ehrgeiz kennt keine Grenzen!“ Eine Schärfe war in Helens Stimme zurückgekehrt.

Er stand auf. „Kommt und schaut euch an, was wir gemacht haben.“

Doch wieder wurde die Gruppe von einem Motorengeräusch unterbrochen, als ein Auto auf das Bauernhaus zufuhr und unter lautem Hupen bremste.

„Hast du jemanden eingeladen?“, fragte Helen Bernard, während sie den Hals reckte, um von ihrem Platz aus dem Fenster zu schauen.

„Niemanden, der ganze Tag war für unsere Hochzeitsreisenden reserviert.“ Bernard ging zur Vordertür. Sie öffnete sich, ehe er sie erreicht hatte. Ein junger Mann trat ein, gefolgt von einem Mädchen, das noch keine zwanzig Jahre alt war. Er war groß und dünn, trug Jeans und Sweatshirt, sein glattes, blondes Haar war nur ein wenig zu lang und sein Gesicht wies auffällig glatte Züge auf.

„Hi Mama! Rate mal, wer da ist!“ Ein breites Lächeln brachte eine Reihe sehr weißer Zähne zum Vorschein.

„Stephen, ich wusste gar nicht, dass du herkommen würdest, was für eine schöne Überraschung!“ Helen eilte durch den Raum und schlang die Arme um ihren Sohn.

Das Mädchen blieb an der Tür stehen und beobachtete die Szene mit hellbraunen Augen. Der Pullover in hellem Pink, mit einem komplizierten Zopfmuster gestrickt, schmeichelte ihrem kleinen, kräftigen Körper nicht besonders. Er reichte ihr bis knapp über den Po, darunter sah man dicke Beine, die in engen, gepunkteten Leggins steckten. An den Füßen trug sie geschnürte Stiefeletten. Ihr langes, dunkelbraunes Haar, das aussah, als könnte es eine Wäsche vertragen, hing über ihre unförmigen Schultern und verdeckte zum Teil ihr stark geschminktes Gesicht.

„Liebling, schau wer da ist!“ Helen wandte sich zu Bernard, der Arm ihres Sohnes legte sich um sie.

„Stephen, schön dich zu sehen.“ Bernard sprang mit ausgestreckter Hand vor.

Stephen ignorierte das. Die Zähne leuchteten in seinem glatten Gesicht und seine Lippen kräuselten sich spöttisch, als er sagte: „Bernard, immer noch hier, wie ich sehe.“

Die struppigen Augenbrauen zogen sich zusammen.

Helen drückte Stephens Arm leicht. „Mein Lieber, du weißt, dass Bernard und ich zusammenwohnen. Jetzt mach keine Schwierigkeiten, kaum dass du angekommen bist. Komm her, setzt dich und trink einen Kaffee. Und willst du uns nicht vorstellen?“ Sie drehte sich um und streckte dem Mädchen an der Tür eine Hand entgegen. „Ich bin Stephens Mutter.“

„Das ist Terri“, sagte Stephen locker. „Sie wollte Südfrankreich sehen und ich sagte ihr, dass sie mitkommen könnte.“

„Wie schön dich kennenzulernen. Kannst du länger bleiben?“ Es war schwer zu entscheiden, ob die Frage an beide oder nur an den Sohn gerichtet war.

„Du und Bernard führt hier doch kein Hotel, oder?“ Die Provokation wich aus Stephens Stimme als er etwas wärmer hinzufügte: „Ich bin hier, um die Kulissen für eine neue Dramaserie unter die Lupe zu nehmen. Ich habe Terri gesagt, dass es dich nicht stören würde, wenn sie auch hierbleibt.“

„Stephen ist beim Fernsehen, er ist Produzent“, sagte Helen stolz und stellte Darina und William vor.

Bernard ging zu dem Mädchen hinüber. „Hallo, Terri, schön dich hier zu haben, komm mit und trink etwas Brandy. Du kannst vermutlich einen vertragen, nachdem du den ganzen Weg mit Stephen gefahren bist; wenn er je gelernt hat, was ein Tempolimit ist, wäre ich sehr überrascht, und was die Rechte anderer Fahrer angeht, vergiss es. Wie heißt du weiter?“

„Gott, Bernard, du bist ein Sonderling! Als ob Namen heute noch von Bedeutung wären.“ Stephen warf sich auf eines der Sofas und schenkte sich ein großes Glas Armagnac ein.

„Arden, Terri Arden.“ Sie warf sich ihr langes, strähniges Haar über die Schulter und musterte Bernard kühl. Ihre Stimme war tief und sie sprach langsam. Nicht affektiert langsam, sondern als bräuchte sie Zeit, um ihre Gedankengänge in Worte zu übersetzen. „Ich bin Mode-Designerin und arbeite mit Stephen zusammen.“ Die Erhabenheit dieser Aussage wurde verdorben, als sie hinzufügte: „Soll ich die Koffer holen?“

„Du kommst her und entspannst dich, wir können uns später um eure Sachen kümmern.“ Bernard ließ sie neben sich Platz nehmen, so weit weg von Stephen, wie er es bewerkstelligen konnte, schenkte ein Glas Cognac ein und reichte es ihr. „Helen, mehr Kaffee wäre eine gute Idee.“

Auf eine unbemerkte Weise hatte er die Führung übernommen. Darina wandte ihre Aufmerksamkeit von den Neuankömmlingen ab und betrachtete Bernard Barrington Smythe neugierig. An ihm war mehr, als man auf den ersten Blick sehen konnte.

Kapitel Zwei

Es dauerte nicht lange, bis Bernard seine Einladung wiederholte, die Mühle zu besichtigen.

Darina und William stimmten sofort zu. Stephen lehnte mit gekräuselten Lippen ab, aber Terri sah aus, als könnte sie interessiert sein.

Helen streckte ihr eine Hand entgegen. „Komm und setz dich neben mich. Du und Stephen müsst mir erzählen, was ihr so treibt.“

Diese Einladung schien alle Attraktionen auszustechen, die Bernard anbot, und Terri schob sich plump zum anderen Sofa hinüber.

Die Mühlen-Gruppe ließ Helen zwischen den beiden unerwarteten Gästen zurück, ihre Hand packte fest die ihres Sohnes.

Draußen lag der Mist-Gestank in der Luft wie Schaum auf einem See.

Bernard holte demonstrativ ein Taschentuch hervor und hielt es sich an die Nase, während er sie über den Hof zu einer großen, steinernen Scheune führte. „Das hier war die ursprüngliche Mühle, aber ich habe den alten Trichter und die Presse rausgeschmissen.“

„Wie schade – du hättest ein Museum aufmachen können“, kommentierte Darina, während sie eintraten. „Die Leute interessieren sich sehr für die Vergangenheit. Alte Rezepte und traditionelle Gerichte waren noch nie so angesagt.“

In der Mühle war es kühl und dämmerig. Mit einem Blick durch die Dunkelheit konnte Darina zwei kleine Fenster und Glastüren ausmachen, die auf eine Steinplattform hinausführten, aber es war unmöglich, mehr zu erkennen, ehe Bernard bei einer Reihe Kontrollschalter das Licht anmachte. Dann stand er da, mit gestrafften Schultern, erhobenem Kopf und einem Lächeln im Gesicht, das alles hier zu seinem Königreich erklärte.

Darina hatte noch nie eine Ölmühle für Olivenöl besichtigt, aber irgendwoher hatte sie sich das geistige Bild einer überschaubaren, bäuerlichen Industrie aufgebaut, in der mit primitiven Maschinen gearbeitet wurde. Nichts hatte sie auf diese Batterie glänzender Edelstahl-Ausrüstung vorbereitet. Es schien sich um eine Reihe großer Zylinder zu handeln, einige lagen auf der Seite, andere, deutlich dicker, standen aufrecht, alle hatten Rohre an den Enden. Das am wenigsten Befremdliche waren zwei enorme Edelstahl-Bottiche, die ein Riese vielleicht gern benutzt hätte, um eine gewaltige Kuh zu melken.

Bernard führte sie zu den Glastüren hinüber und raus auf die Steinplattform. „Hier kommen die Oliven in diesen Kisten an.“ Er deutete auf einen Stapel leerer, flacher Behälter. „Sie werden in diesen Trichter ausgeschüttet und dann in die Mühle hoch transportiert.“ Mit einem Arm wedelte er in Richtung eines Förderbandes, das vom Trichter bis zum oberen Ende der Wand führte. „Ein starker Ventilator bläst Blätter und Zweige weg, die Früchte gehen dann da rauf und kommen hier runter.“ Bernard flitzte behände durch die Glastür und zeigte seinen Gästen eine Metallrinne, die von der Wand zu einem weiteren Trichter führte. „Sie werden gleichzeitig gewaschen und dann in diese Zerkleinerungsmaschine geladen.“ Er führte sie zu einer langen, flachen Wanne, die etwa auf Hüfthöhe stand. „Das zerkleinert die Oliven zu einem Brei.“ Darina sog in einem ungewollten Keuchen die Luft ein, als sie sah, dass das Innere der Wanne aus einer eng geschlossenen Reihe rasiermesserscharfer Klingen bestand.

„Da drin kann man ohne Probleme einen Finger verlieren“, sagte William, sein Gesicht war ausdruckslos.

„Es ist fabelhaft, dadurch wird die Frucht zerhackt und nicht zerdrückt. Und es ist ein sauberer Prozess, wir müssen nicht mehr die ganzen Rückstände herausfiltern, die die alte Mühle produziert hat“, schwärmte Bernard. „Der alte Jacques hat nichts dergleichen.“

„Was ist mit den Steinen, was wird aus denen?“, fragte Darina.

Bernard grinste. „Die werden auch zerhackt, der ganze Kram wird zu einem homogenen Brei zerkleinert.“

Für einen Augenblick betrachteten sie alle die tödliche Maschine, dann fragte Darina: „Was passiert danach?“

„Der Brei kommt hier rein.“ Bernard öffnete eine der langen, tonnenförmigen Edelstahl-Vorrichtungen in der Mitte des Raumes, und zeigte, dass sie auf der gesamten Länge immer wieder von gebogenen Armen unterbrochen war, die sich um eine dünne Spindel in der Mitte wanden. „Der Brei wird mit Wasser vermischt und dann hier reingeleitet“, er öffnete eine andere, ähnlich aussehende Maschine, „wo Öl und Wasser mit der Zentrifugalkraft abgetrennt werden.“ Er ging dorthin, wo Rohre die Maschine mit einem aufrechten Edelstahl-Behälter verbanden, von dem weitere Rohre in verschiedene Richtungen führten. „Das trennt das Öl vom Wasser und dekantiert es hier rein.“ Er deutete auf die riesigen Bottiche, jeder hatte einen Ausguss.

„Und dann?“, fragte Darina.

„Dann füllen wir es in Flaschen ab oder lagern es in diesen Tanks da oben.“ Bernard wies auf den einzigen traditionellen Teil der gesamten Mühle, ein alter Holzschrank, der an der hinteren Wand stand und von mehreren länglichen, grün gestrichenen Tanks überragt wurde.

„Das scheint alles sehr modern“, sagte Darina zweifelnd. Ihre Vision des jahrhundertealten Prozesses der Ölherstellung verblasste angesichts der raffinierten Prozedur, die ihnen beschrieben worden war. Vielleicht könnte sie es besser mit der geschmeidigen, goldenen Flüssigkeit verbinden, mit der sie so gerne kochte, wenn man den Weg der Olive mitverfolgen könnte.

Sie hatte den Eindruck, dass Bernard von ihrer Reaktion enttäuscht war. „Du lässt es wie einen sehr simplen Prozess klingen“, bot sie an.

„Das alles sieht ganz ähnlich aus, wie in einem kleinen Weingut, in dem ich mal war“, kommentierte William. „Nicht exakt dieselbe Maschine natürlich, aber dort sah es ganz ähnlich aus wie hier.“

„Der Prozess ist nicht unähnlich.“ Bernard strahlte sie an; William hatte das Richtige gesagt. „Der größte Unterschied ist vielleicht, dass es keine Fermentation gibt. Das Öl ist fertig, sobald es vom Wasser getrennt ist. Es ist simpel, das ist ja das Schöne.“

„Warum macht es dann nicht jeder?“

Bernard zuckte mit den Schultern. „Es ist arbeitsintensiv. Die Bäume müssen geschnitten und gedüngt werden; die Ernte muss von Hand gemacht werden. Ein ausgewachsener Baum liefert in einem guten Jahr fünfzehn bis zwanzig Liter Öl. Wenn es regnerisch war, werden die Oliven dicker, liefern aber nicht so viel Öl, das Wetter beeinflusst die Qualität. Ganz ähnlich ist es, wenn man die noch grünen Oliven erntet, dann ist der Geschmack besonders fruchtig, sehr kräftig und entfaltet sich am Gaumen, aber der Ertrag ist nicht ansatzweise so gut wie bei den reifen, schwarzen Oliven, die einen viel süßeren Geschmack haben.“

„Wie viele Bäume stehen auf einem Hektar?“ Williams Neugier war geweckt.

„Etwa einhundertfünfzig ausgewachsene Bäume.“

„Also könnte ein Hektar bis zu dreitausend Liter liefern?“

„Deine Kopfrechenkünste sind lobenswert!“

„Und wie viele Hektar besitzt Helen?“

Bernard schenkte ihm einen schlauen Blick. „Fast fünfundzwanzig.“

„Auf der Basis könntet ihr um die 75.000 Liter pro Jahr produzieren, oder?“

Bernards Gesichtsausdruck wurde schmerzerfüllt. „Die haben hier ein unglaubliches System. Die Bauern bekommen die Hälfte von dem, was sie ernten. Wenn ich also den ganzen Ertrag haben will, muss ich die verdammten Dinger zurückkaufen.“

„Kommt das nicht sicher aufs selbe raus? Und wenn du nicht die gesamte Ernte brauchst, kannst du so für das Pflücken der Früchte bezahlen.“

„Aber sie nehmen die verdammten Dinger und lassen sie von Duval pressen.“

„Und halten damit deinen Konkurrenten im Geschäft?“

Bernard nickte. Es schien, als traue er sich selbst nicht zu, zu sprechen.

„Aber du könntest sie doch auch selbst für sie pressen, oder?“

Bernard sagte nichts. Das Problem war offensichtlich: Er bekam diese Variante nicht einmal angeboten.

Darina fand, es wäre Zeit von den Oliven-Erträgen wegzukommen. „Kann man mit dem übrigen Wasser irgendetwas machen, nachdem es vom Öl getrennt wurde? Es zum Kochen verwenden?“

Bernard schüttelte den Kopf. „Nein, Darina, es enthält die ganze Säure der Oliven und die Entsorgung ist ein Problem. Früher war es üblich, es einfach wegzuschütten, was aber die Flüsse und das Land verunreinigte. Jetzt, unter den Gesetzen der Europäischen Union, muss es ordentlich entsorgt werden, was teuer ist. All die Gesundheits- und Hygienevorschriften der EU haben die meisten alten Mühlen aus dem Geschäft gedrängt.“ Er grinste, ein Hai, der angesichts eines leckeren Happens die Zähne zeigte. „Der alte Frère Jacques schüttet sein Wasser immer noch in den Fluss, der durch sein Grundstück fließt. Ich habe ihn dabei gesehen. Und ich werde ihm sagen, dass ich ihn melden werde, wenn er nicht mit seinen schmutzigen Tricks und hinterhältigen Praktiken aufhört. Er verschneidet zum Beispiel sein Öl mit billigem, spanischem Zeug.“

„Ich dachte, viele französische Öle werden ganz legal mit Öl aus anderen Ländern gemischt“, kommentierte Darina. William lehnte am Zerkleinerer und betrachtete ihren Gastgeber mit Interesse.

„So ist es, in der Tat. Die Provence kommt der Nachfrage nicht hinterher. Aber wenn man sein Produkt wie einen Wein aus Schlossabfüllung verkauft, ist die Zugabe von minderwertigem Öl, als würde man einen besonderen Jahrgang mit billigem algerischen Wein vermischen. Es erhöht den Profit und täuscht die Käufer.“

„Ich würde mich an deiner Stelle vorsehen, Duval scheint einen verschlagenen Charakter zu haben.“

„Das sagt Helen auch, Bill. Helen versucht mich dazu zu bringen, Freundschaft mit ihm zu schließen. Ich vergöttere diese Frau, ich würde alles für sie tun, aber die hat keine Ahnung, wie man mit Menschen umgehen muss. Sie sieht nicht ein, dass jemand wie Duval nur eines versteht, Gewalt. Ich muss ihm Gottesfurcht einbläuen, dann wird er die Dinge sehen wie ich.“

„Was genau hat Jacques Duval getan?“, fragte William neugierig.

Bernard seufzte tief. „Die erste Salve war, dass er einen Haufen Steine auf der Fahrspur abgeladen hat, sodass wir nicht rauskamen und uns niemand erreichen konnte, ohne darüber zu klettern. Wir haben Tage gebraucht, um ihn dazu zu bringen, sie wieder zu entfernen. Dann kam eine Reihe falscher Lieferungen. Entweder Dinge, die wir nicht bestellt hatten, oder falsche Stückzahlen. Als ich zu einem Lieferanten wechselte, von dem er nicht auch beliefert wurde, hörten die Probleme auf. Er hat uns bei allen regionalen Geschäftsinhabern schlechtgeredet. Nicht dass er damit weit gekommen wäre, unsere Waren sind viel zu wertvoll! Oh, ich will euch nicht mit der ganzen Liste langweilen. Er ergreift jede nur erdenkliche Gelegenheit, um uns das Leben schwerzumachen.“ Bernard hielt für einen Augenblick inne und fügte dann hinzu: „Eine Sache ist allerdings interessant, er hat nie versucht, unsere Bäume zu beschädigen.“

Darina unterbrach ihn schnell: „Das ist alles so faszinierend, Bernard. Wirst du dieses Jahr noch mehr Öl machen? Ich würde die Mühle gern in Aktion sehen.“

Seine Züge entspannten sich. „Vermutlich noch eine Ladung. Ich werde mir morgen die Bäume ansehen, aber ich habe die Pflücker schon vorläufig für in vier Tagen bestellt. Am Tag danach werde ich die Ernte verarbeiten. Ich lasse die Früchte gerne einen Tag ruhen, ich glaube, das erhöht die Ausbeute. Aber nicht länger, sonst riskiert man, dass die Fermentation einsetzt. Kommt gerne vorbei, es ist kein besonders sehenswerter Prozess, aber es wäre schön, euch noch mal hier zu haben.“

„Und danach legt ihr alles bis zur nächsten Ernte still?“ William ließ träge einen Finger über den Edelstahl-Zylinder gleiten. „Klingt nach einem angenehmen Leben.“

„Danach muss ich mich der Mammutaufgabe stellen, die Bäume zurückzuschneiden. Wenn man sie sich selbst überlässt, tragen Olivenbäume nur alle zwei Jahre. Wir müssen sie überzeugen, jedes Jahr ordentlich Frucht anzusetzen.“

„Stell sicher, dass ihr viele Äste zum Grillen aufhebt.“ Bernard lächelte Darina an. „Dann haben dir die Hummer also geschmeckt? Ich wusste es. Ist Helen nicht eine wundervolle Köchin? Ich muss fünf Kilo zugenommen haben, seit wir zusammenarbeiten. Und ich habe jedes Gramm davon genossen.“ Er tätschelte zufrieden seinen Bauch. „Seit wir uns kennengelernt haben, ist mein Leben besser und besser geworden.“

„Gilt das auch für deine Mitgliedschaft bei Lloyd’s?“

Bernards buschige Augenbrauen zogen sich mit einem kurzen Stirnrunzeln zusammen und er hob protestierend die Hand. „Lieber Junge, erwähne das Versicherungsgeschäft nicht.“

„Dann bist du also selbst Mitglied?“

„Ich habe immer noch einen Namen, lieber Junge. Immer noch einen Namen. Und immer noch solvent! Man verbringt nicht so viele Jahre dort, ohne zu lernen, auf welche Konsortien man setzen muss, weißt du?“

„In der Tat.“

Bernard sah William argwöhnisch an, wurde aber von einem zögerlichen Klopfen an der halboffenen Tür der Mühle von weiteren Kommentaren abgehalten.

„Bernard? Bist du da?“ Auf den ersten Blick glaubte Darina, dass da ein junges Mädchen hereinkam, dann bemerkte sie, dass der lange, bedruckte Rock und die antike Schnürbluse sie in die Irre geführt hatten. Die Frau, die zu ihnen stieß, musste mindestens Mitte dreißig sein. Sie hatte ein schmales Gesicht und dunkles Haar, das ihr in Locken bis in den Nacken fiel. Sie zog an einer ihrer Locken, als sie die Mühle betrat, und glättete sie in einer nervösen Geste, ihr Gesichtsausdruck war besorgt.

„Anthea? Bist du auf der Suche nach Helen? Hast du es nicht im Haus versucht?“ Weder Bernards leichtes Zurückweichen, noch seine Stimme sprachen dafür, dass sie hier willkommen war.

Anthea lief peinlich berührt rot an, die Farbe zeigte sich auf ihren Wangen und ihrem Hals. „Ich brauche etwas Öl. Ich glaubte, dich in die Mühle gehen zu sehen und habe mir nicht die Mühe gemacht, zum Haus zu gehen.“

Darina dachte daran, wie lange es gedauert hatte, bis Bernard ihnen den Prozess der Ölherstellung erklärt hatte. Hatte die Frau die ganze Zeit draußen gewartet? Warum war sie nicht hereingekommen? Oder war sie gerade erst angekommen, hatte die offene Tür gesehen und ihr Glück versucht? Und falls es so war, warum hatte sie das nicht gesagt?

Bernard ging zu dem alten Schrank am anderen Ende des Gebäudes hinüber, griff nach der Kette mit seinem Schlüsselbund, steckte einen Schlüssel in das Schloss an der Tür und öffnete sie. Er nahm eine Glasflasche heraus und übergab sie kommentarlos.

Die Farbe auf Antheas Haut wurde dunkler. Sie knotete die Bänder eines Zugbeutels auf, wühlte darin herum, fand ein ledernes Portemonnaie und nahm einen Geldschein heraus. „Ich glaube, das sollte reichen“, sagte sie mit zitternder Stimme.

Bernard streckte ihr die Flasche entgegen. „Sei nicht dumm“, sagte er grob.

Anthea klammerte sich an die Flasche und ließ den Geldschein zu Boden fallen.

William bückte sich und hob ihn auf. Er gab ihn ihr mit einem Lächeln zurück. „Sie mögen das Öl wohl ebenso sehr wie wir“, sagte er unbeschwert. „Wir haben hier gerade vorzüglich gegessen.“

Anthea schenkte ihm ein leichtes, unsicheres Lächeln.

Bernard straffte die Schultern, atmete sichtbar ein und stellte sie vor. „Anthea Pemberton, eine Nachbarin“, sagte er. „Darina und William Pigram, Freunde von Helen.“ Es war das absolute Minimum, das er hätte aufbieten können, aber es schien Anthea neuen Mut zu geben.

„Leben Sie hier oder machen Sie hier unten nur Urlaub?“, fragte sie Darina.

„Wir sind in den Flitterwochen. Aber wenn wir zurückmüssen, werden wir uns wünschen, hier ein Haus zu besitzen, es ist herrlich.“

„Anthea, brauchst du noch etwas?“, unterbrach Bernard.

Wieder die peinliche Röte. „Ich wollte ... ich meine ... ich habe mich gefragt ... also, hast du meinen Brief bekommen?“ Sie beeilte sich, den Satz zu beenden.

Für einen Augenblick blieb Bernard still, es schien, als fragte er sich, was er sagen sollte, dann schlug er sich in einer Geste auf die Stirn, die von John Irving hätte sein können. „Natürlich, dein Brief! Verzeih mir, Anthea.“ Er legte einen Arm um ihre Schultern und führte sie aus der Scheune. „Ich werde dich heute Abend deswegen anrufen, versprochen“, sagte er, während der bedruckte Rock über das alte Holz der Tür streifte und sie hinaus ins Sonnenlicht gingen.

Darina und William vermieden es, einander anzusehen.

Bernard kam beinahe sofort zurück. „Das arme Mädchen hat Probleme“, sagte er unbekümmert. „Ich muss ihr eine Standpauke halten. Wo waren wir stehengeblieben?“

„Du hast eine erstklassige Führung gemacht und ich glaube, wir sollten uns jetzt auf den Weg machen.“ William legte einen Arm um Darina. „Du und Helen habt weitere Gäste.“

Trübsal senkte sich wieder über Bernard. „Ihr würdet mir einen Gefallen tun, wenn ihr noch etwas bleiben könntet. Stephen ist nicht der freundlichste Mensch, ich nehme an, das wisst ihr.“

„Ich habe ihn vorher noch nicht getroffen“, murmelte Darina.

„Eifersucht, das ist das Problem. Er und Sasha haben Helens ungeteilte Aufmerksamkeit genossen, seit sie sich von ihrem Vater getrennt hat, als sie noch kleine Kinder waren.“

„Aber sie hatte doch andere Beziehungen“, sagte Darina.

„Es gab den einen, den Sasha zu verführen versuchte, den anderen, dessen Auto sich Stephen ohne Erlaubnis geliehen und geschrottet hat, und ohne Zweifel sind sie weitere auf die eine oder andere Art losgeworden. Ihr macht euch keine Vorstellungen, was die beiden zustande bringen, wenn sie wirklich wollen. Ich hatte nur eine Chance, weil Helen hierhergezogen ist und die beiden mit ihren eigenen Karrieren beschäftigt sind.“

„Das ist Pech“, sagte William, drückte Darina leicht an der Schulter und manövrierte sie raus in den Hof. „Hoffen wir, dass Stephens Arbeit mit den Drehorten nicht zu lange dauert“, fügte er strahlend hinzu. „Jetzt müssen wir wirklich unsere Gastgeberin finden und ihr für dieses wundervolle Mittagessen danken. Vielleich kommt ihr in Antibes vorbei, ehe wir zurückmüssen, dann können wir die Gastfreundschaft erwidern.“

Bernards Gesichtsausdruck hellte sich wieder auf. „Sehr nett, lieber Junge, wir werden da sein. Ich mache immer gern einen Abstecher in die Nachtclubs.“

 

Darina fuhr die schmale, ausgefahrene Fahrspur hinunter, am baufälligen Eingang zu Jacques Duvals Mühle vorbei und dann auf eine anständige Straße. Viel zu schnell hatten sie die friedlichen Olivenhaine hinter sich gelassen und die moderne Zivilisation drängte sich um sie.

„Ich kann nicht glauben, wie viel Verkehr hier ist“, sagte Darina als sie die zweispurige Straße erreichten. „Ich dachte, wir würden hier davon wegkommen.“

„Heutzutage nicht.“ William versuchte sich wachzumachen. „Immer mehr Menschen sind in den letzten zwanzig Jahren nach Südfrankreich gezogen, sie jagen der Sonne nach, wie wir. Die Autobahn zu bauen, hat den Prozess nur beschleunigt und jetzt hat die Côte d’Azur ihren Charme verloren.“

„Ich finde es wundervoll. Nun gut, es gibt viele Bauprojekte“, Darina sah auf eine neue Narbe in den Hügeln, die mit kleinen Villen in Garnelenrosa gefüllt wurde, „aber das Zentrum von Antibes ist entzückend, ganz traditionell französisch.“

„Du hättest es früher sehen müssen. Ich erinnere mich daran, wie ich mit meinen Eltern herkam, als ich ungefähr vierzehn war. Selbst an der Küste war es richtig ländlich und wenn man ins Inland kam, fand man kleine auberges, wo die Hühner frei herumliefen.“

„Jetzt werd mir nicht rührselig! Du hättest beim Mittagessen nicht so viel trinken dürfen. Ich liebe Antibes, dort kann man die Franzosen in ihrem normalen Alltag sehen, sie kaufen in all den Läden ein, die man dort erwartet. Großartige Fischgeschäfte, Metzger, wundervolle Käse- und Feinkostgeschäfte, und was diese Markthalle angeht, da müssen wir morgen nochmal hin.“ William stieß in leichtes Stöhnen aus. „Das Mittagessen von heute wird mir für die nächsten paar Tage reichen.“ Als er ein Straßenschild sah, hellte sich seine Stimmung auf. „Mougins! Da oben gibt’s ein Restaurant, in das ich dich einladen will. Du wirst ihr Essen lieben!“

„Wie lange brauchst du, um wieder Appetit zu bekommen?“ Keine Antwort. Nach einigen Kilometern fragte Darina nachdenklich: „Glaubst du, Bernard hat recht, was seinen Nachbarn angeht, diesen Jacques Duval? Geht er wirklich so mit seinem Öl um?“

William rüttelte sich wieder wach. „Kann schon sein.“

„Aber die Franzosen sind so fanatisch, was ihr Essen und den Geschmack angeht.“

„Das hält sie nicht davon ab, die Vorschriften des Binnenmarktes zu ignorieren, wenn es ihnen passt.“

„Aber wie steht es mit dem Verdünnen seines Olivenöls mit minderwertigem Zeug?“

„Jedes Land hat seine Schurken. Er sieht wahrscheinlich nichts Falsches daran. Wenn die Leute seine Produkte kaufen wollen, ist es ihre Aufgabe, darauf zu achten.“

„Und wenn sie es kaufen, ohne zu probieren, ist es ihr Pech?“

„Exakt.“ William lehnte seinen Kopf zurück und schloss die Augen. Einen Augenblick später fügte er hinzu: „Ich wette, dass Bernard den Kürzeren zieht, wenn er mit Frère Jacques aneinandergerät.“ Dann erklang ein leises Schnarchen aus seinem halb geöffneten Mund.

Darina konzentrierte sich darauf, ohne Navigator den Weg zurück nach Antibes zu finden.

Das Apartment, das sie gemietet hatten, lag hoch oben in einem Häuserblock oberhalb der Innenstadt und bot einen Panoramablick auf das Mittelmeer. Wenn man in der einen Richtung an der Küste entlangblickte, konnte man die Ausläufer von Nizza sehen, in der anderen Richtung lag das bewaldete Cap d’Antibes mit seinen großen Villen und dem Leuchtturm, dessen breiter Lichtstrahl nachts über die ganze Gegend strich. Die alte Festung, die direkt unterhalb des Apartments neben dem Yachthafen lag, wurde rund um die Uhr angestrahlt.

Die Yachten mochten nach auffälligem Konsum riechen, aber das Hinterland, wo sie heute waren, bot kleine mittelalterliche Dörfer und echtes Landleben mit kleinen Höfen wie denen von Helen und ihren Nachbarn. Selbst wenn dort alles drunter und drüber ging, hatte Darina das Gefühl, sie würde es jederzeit einem Touristenparadies auf den Seychellen vorziehen. Und wenn das Einkaufen eine solche Freude war, machte es ihr auch nichts aus, sich ein wenig selbst zu versorgen.

Erst recht nicht, weil es so viel Spaß machte, bei William zu sein.

Sie fand die richtige Abzweigung von der Hauptstraße, steuerte den kleinen, gemieteten Renault in die Tiefgarage des Apartmentkomplexes, manövrierte ihn vorsichtig auf ihren engen Parkplatz und war froh, dass sie keinen größeren Wagen fuhr. Sie stellte den Motor ab und sah zu ihrem Ehemann. Sein Mund stand noch immer offen und gelegentlich schnarchte er ein wenig. Nicht der romantischste Anblick, aber sie hätte ihn für nichts in der Welt eintauschen wollen.

In den paar Tagen seit der Hochzeit schien William sich entspannt zu haben. Hatte er davor das Gefühl, sie könnte sich unsicher sein? Es schien, als hätte sie mit dem Eheversprechen ihre Hingabe zu ihm bestätigt, und ihm damit neues Selbstvertrauen gegeben. In diesem Augenblick, in dem kleinen Auto in der dunklen Garage, wusste Darina nicht mehr, warum sie so lange gezögert hatte oder warum die Zeit vor der Hochzeit so nervenaufreibend gewesen war. Jetzt schien alles so einfach.

Sie löste ihren Sicherheitsgurt, lehnte sich rüber und küsste ihn. Zwei Arme umschlangen sie, verschränkten sich fest hinter ihrem Rücken.

„Hmmmm“, gab sie zufrieden von sich, „willst du die Nacht hier unten verbringen, oder hochgehen?“

„Warum sollte ich mich damit abfinden, dass mir der Schaltknüppel in die unangenehmsten Stellen sticht, wenn ein gemütliches Bett nur zwei Minuten entfernt ist?“ Sein Lächeln war warm und träge.

Hand in Hand gingen sie zum Aufzug und drückten den Knopf für ihre Etage. Immer noch Hand in Hand schafften sie es, die Sicherheitsschlösser des Apartments aufzuschließen. Als sie drinnen waren, kümmerten sie sich nicht darum, wieder abzuschließen, William zog Darina fest in seine Arme.

Das Telefon klingelte. Widerwillig zog er sich zurück.

„Also, ich habe ein oder zwei Leuten die Nummer gegeben“, gestand ihr Ehemann und nahm den Hörer ab. „Hallo? Wer? ... Natürlich, Geoffrey sagte, dass du anrufen würdest ... Ja, wir genießen es sehr ... Was, morgen? ... Ja, das klingt toll, wir freuen uns darauf!“

War das so? Darina fragte sich, was er ihnen da eingebrockt hatte.

Kapitel Drei

„Macht dir Gesellschaft etwas aus?“, fragte William, während er am Kragen seines blauweiß gestreiften Hemdes den Knoten seiner Universitätskrawatte band.

„So lange wir zusammen sind, ist mir alles andere egal“, drang es in gedämpftem Ton zu ihm, während Darina sich durch den Stoff eines lockeren, cremefarbenen Jersey-Kleides kämpfte. Ihr Kopf tauchte aus dem runden Ausschnitt auf und sie schenkte ihrem Ehemann ein strahlendes Lächeln. Sie zog eine fließende Schleierbluse in Beige- und Ockertönen darüber, ließ sie locker über das Kleid hängen und schlüpfte in eine zimtbraune Seidenweste. Dann legte sie eine lange Halskette aus groben Bernsteinperlen an. „Sag mir nur, mit wem wir zu Mittag essen.“

William zuckte mit den Schultern, um seinen dunkelblauen Blazer zurechtzurücken. „Roland Tait ist ein alter Freund meines Onkels, er hat mit Risikokapital zu tun. Laut Onkel Geoffrey hat Tait hier letzten Herbst eine Villa gekauft und teilt seine Zeit jetzt zwischen Südfrankreich und London auf. Anscheinend hat Geoffrey nach einer Vorstandssitzung erwähnt, dass wir herkommen würden, und Tait bestand darauf, unsere Telefonnummer zu bekommen.“ Er trat von hinten an Darina heran, ließ seine Arme unter den wallenden Stoff ihrer Bluse gleiten und legte über dem weichen, glatten Stoff des Kleides eine Hand um jede ihrer schwellenden Brüste, während sie auf dem Stuhl vor dem Schminktisch saß und sich die Haare kämmte. Er grub sein Gesicht in die sprudelnden Wellen aus blassem Gold. „Ich hoffe, das Mittagessen dauert nicht so lange.“

Darina lehnte sich an seine Brust und spürte wie sein schneller Herzschlag durch sie hallte. Sie betrachtete das Spiegelbild und schenkte ihm ein kleines, verschwörerisches Lächeln. „Wenn du mich nicht mein Haar und mein Gesicht machen lässt, werden wir zu spät kommen“, sagte sie ernst und schob sanft seine Hände weg. „Wie heißt seine Frau, und werden nur wir dort sein, oder auch noch andere?“

Im Spiegel sah sie, wie William sich aufs Bettende fallen ließ und sie beobachtete.

„Ich weiß es nicht“, sagte er, lehnte sich zurück und stütze sich mit den Händen ab. Seine grauen Augen waren erfüllt von Liebe. „Ich weiß nichts über den Familienstand der Taits und ich habe keine Ahnung, was das für eine Einladung ist. Ich hoffe nur, dass es entspannter wird als gestern.“

Darina legte die Haarbürste weg und nahm einen Lippenstift. „Es war schön, bis dieser elende Mist vor unserer Nase abgeladen wurde, von da an ging alles bergab.“ Sie strich sich den Lippenstift über den Mund und rieb ihre Lippen aneinander, um die Farbe zu verteilen.

„Ich warne dich, wenn du so weitermachst, muss ich dir das alles wieder ausziehen.“ Willam stöhnte übertrieben, dann wurde sein Blick nachdenklich. „Wie lange sind Bernard und Helen schon zusammen?“

„Lass mich nachdenken. Ich weiß, dass Helen ihn kennengelernt hat, bevor sie hier unten das Bauernhaus gekauft hat. Ich meine mich zu erinnern, dass es auf einer Party in London war. Ich glaube, sie hat ihn eine ganze Weile lang nicht ernstgenommen. Sie sagte, er hätte so viel Schwung wie ein Flummi und sei so schwer loszuwerden wie ein Bumerang.“ Darina lachte ein ersticktes, gurgelndes Lachen.

„Ja, er ist sehr zielstrebig. Also hat er es irgendwann geschafft, dass sie sein war. Werden sie heiraten?“

„Helen hat nichts dergleichen gesagt.“ Darina tupfte den Lippenstift ab und griff nach Lipgloss. „Aber sie hat immer von der Sicherheit gesprochen, die eine Ehe bietet, und wie schön es sei, immer einen Mann um sich zu haben. Sie wirkt so unkompliziert, aber darunter ist sie ein Nervenbündel, besonders wenn sie an einem Kochbuch-Projekt sitzt. Sie braucht jemanden wie Bernard, jemand, der sich nicht um sein eigenes Erscheinungsbild sorgt, der sie unterstützen und ihr Selbstvertrauen geben kann.“

„So hat er also auf dich gewirkt? Jemand, der sich nicht um sein Erscheinungsbild sorgt? Ich frage mich, ob du recht hast. Und was ist mit dieser Anthea, die in der Mühle aufgetaucht ist?“

„Liebling“, Darina lachte, „fang nicht an, in unseren Flitterwochen Ermittlungen anzustellen! Wir sind nicht hier, um die Probleme der Leute zu lösen.“

„Musst du gerade sagen! Wer steckt denn immer ihre Nase in alles Ungewöhnliche, über das sie stolpert?“ William sprang mit einer flinken Bewegung auf die Füße. „Du siehst sensationell aus, weißt du das? Auf geht’s, wir kommen zu spät.“

„Nur eine Minute, dreh dich um, ja, der Blazer muss noch schnell abgebürstet werden.“ Darina strich über den dunklen Stoff. „So, jetzt siehst du auch sensationell aus.“ Sie zog eine Schublade auf, fand einen langen, beigen, Schal aus Schleierstoff und legte ihn sich locker um den Hals, ohne noch mal ihr Spiegelbild zu überprüfen. „So, wer fährt?“

„Ich bring uns hin, du bringst uns zurück.“

„Mistkerl!“

 

Das Mittagessen würde heute gewiss keine ruhige und vertraute Angelegenheit werden, dachte Darina, als ein italienisches Dienstmädchen sie in einen Raum voller Menschen führte.

„Sie müssen William und Darina sein. Wie schön, dass Sie es geschafft haben, zu uns zu stoßen.“ Die Frau, die herangetreten war, um sie zu begrüßen, war um die vierzig und sah dafür sehr gut aus. Ihr Haar glänzte vor teurer Farbe, in die sich dezente Highlights mischten. Sie hatte gebräunte Haut, trug großzügige Mengen von Goldschmuck und eine schicke, italienische Seidenbluse im Reiter-Design mit einer perfekt geschnittenen, weißen Hose, die ihre üppige Figur schmaler wirken ließ. Ihr gesellschaftliches Auftreten war makellos.

„Ich bin Maura Russell. Wir sind hocherfreut, dass Sie gekommen sind, es ist schön, neue Leute kennenzulernen. Ich weiß nicht, wohin es Roland verschlagen hat, aber lassen Sie mich Ihnen Getränke besorgen und Ihnen alle vorstellen. Was hätten Sie gern?“ Sie winkte einen Diener heran, der ihre Bestellungen aufnahm.

Darina bat um Mineralwasser, William nahm einen Kir. „Wollen Sie ihn vielleicht lieber mit crème de pêche statt mit Cassis?“, fragte Maura. „Es ist ein wenig anders, wir mögen es sehr.“

„Das probiere ich gern“, sagte William.

„Sind Sie wirklich in den Flitterwochen hier?“ Ihre Gastgeberin betrachtete sie beide mit Augen, die in der Farbe ihrer Zitrin-Ohrringe leuchteten. Ihr Nicken trieb ihr ein breites Lächeln ins Gesicht. „Romantik lebt! Ich muss Roland finden – ah, da ist er ja, kommen Sie mit.“

Darina ließ William Maura auf dem Fuß folgen und hielt sich dicht hinter ihm, während sie durch das Gedränge sich fröhlich unterhaltender, ungewöhnlich vielseitiger Menschen geführt wurden. Manche waren elegant gekleidet wie Maura, andere etwas lässiger – einige schienen sogar gar keinen besonderen Wert auf ihre Kleidung gelegt zu haben. Es wurde sowohl Englisch als auch Französisch gesprochen.

Sie schnappte einige Gesprächsfetzen auf, während sie sich ihren Weg bahnten: „Wir sind noch ein paar Wochen hier, dann geht es zurück ins deprimierende, alte England, und die Geldmühlen ...“

„Ich habe neulich Robert und Lisa getroffen, er ist ruiniert und sie ist verzweifelt. Gott sei Dank, dass wir uns im Augenblick über Wasser halten können, aber wir fürchten, dass der Briefträger ...“

„Ich habe neulich in Nizza ein richtig süßes T-Shirt in M und S gefunden. Wer sagt denn, dass die französische Mode alles ist? ...“

Tu n’as pas visité Bruno’s à Lorgues? Mais c’est formidable, incroyable! ...“

„Björn, wo hast du gesteckt? Und sag nicht, dass du gearbeitet hast, das werde ich dir nicht glauben. Ich habe auf den Anruf gewartet, den du mir vor Wochen versprochen hast.“

Darina stolperte gegen Williams Rücken, als er stehenblieb. Ein Mann hatte sich aus einer Dreiergruppe gelöst, die neben einem großen Fenster stand, und kam auf sie zu.

„Roland, Liebling, es ist wahr, die Ehe ist noch nicht überholt! Schau, hier sind Darina und William, auf Hochzeitsreise.“ In Mauras Lachen lag ein Hauch Groll, den Roland entweder nicht bemerkte, oder ignorierte.

„Toll, dass Sie es geschafft haben“, sagte er herzlich. „William, ich hoffe, Sie werden Geoffrey und Honor überreden, mich zu besuchen. Vielleicht, wenn Mauras Cousin, der Earl, bei uns ist. Ich bin mir sicher, dass Lord Doubleday glaubt, ich hätte hier unten ein heruntergekommenes Bauernhaus gekauft und lebe im Schweinestall.“

Darina ließ den Blick durch den Raum gleiten. „Schweinestall“ war ein sehr unpassender Ausdruck. Das Haus sah aus, als wäre es erst vor Kurzem gebaut worden, aber in traditionellem Stil. Der riesige, zwei Stockwerke hohe Raum hatte Natursteinwände und eine hölzerne Galerie an einem Ende. Sorgfältig ausgesuchte, französische Antiquitäten bereiteten den Hintergrund für eine Sammlung moderner Gemälde und Skulpturen, die den Raum ausgiebig schmückten.

„Und schauen Sie sich diesen vue panoramique an“, fuhr ihr Gastgeber fort. „Ist das nicht vaut le voyage, wie Michelin es formulieren würde?“ Gelegen auf einem Felsvorsprung, konnte man aus dem Haus wie ein Adler über die Berge, Bäume und das Meer blicken. Eine Aussicht, die durchaus mit der konkurrieren konnte, die Darina und William am Tag zuvor geboten worden war. Aber graue Wolken verdeckten die Sonne. Die Landschaft hatte ihre scharfen Kanten verloren, die Farben stammten heute aus einer Palette sanfter Blau- und Grüntöne, vermischt mit grau und braun. Die Landschaft lag weit und ruhig da, kein Zeichen von der hektischen Betriebsamkeit der Küstenregion. Für Darina fühlte es sich friedlich an.

Unter dem riesigen Fenster fiel das Land steil ab. Auf einer tiefergelegenen Terrasse sah sie einen Pool mit einem großen, farbenfroh dekorierten Pavillon, in dem ein langer Holztisch und Stühle standen.

„Es tut mir sehr leid, heute ist es nicht warm genug, um draußen zu essen. Im Sommer werde ich da draußen leben.“

Ich, dachte Darina, nicht „wir“? „Es ist ein himmlisches Plätzchen“, sagte sie. „Ich weiß nicht, wie Sie sich überwinden können, ins schäbige, alte London zurückzukehren.“

Ihr Gastgeber hatte graue Augen, die sie mit fasziniertem, aber stählernen Schillern intensiv anblickten. Er war nicht ganz so groß wie sie. Sie hatte den Eindruck, dass ihn das ärgerte, dass er lieber auf Frauen herabsah. Sie beendete ihre vorläufige Beurteilung: Mitte fünfzig, geschmeidig, dunkles Haar und ein stark gebräuntes Gesicht, in dem sich ein Hauch Arroganz mit einem Glanz vermischte, der ihm Charme verlieh. Seine Kleidung war heiter: Ein farbenfrohes Hemd mit Streifen in blau, apricot und terrakotta, das in einer passenden terrakottafarbenen Hose steckte, und ein blauer Seidenschal, der wie bei einem Piraten um seinen Hals gebunden war.

„Die Abreise wird mit jedem Mal schwerer“, sagte er mit einem Lächeln. „Wir sind bei diesem Besuch für drei Wochen hier, dann muss ich für ein Vorstandstreffen zurück, bevor ich eine Woche in die Staaten reise, gefolgt von einem Abstecher in die Schweiz, aber danach dürfte ich wieder hier sein.“

Wider dieses „ich“. Darina sah zu Maura, aber ihr selbstsicheres Lächeln war unerschütterlich.

„Ein ausgelasteter Zeitplan. Und ich gehe davon aus, dass Sie die Arbeit nicht ruhen lassen, wenn Sie hier sind“, suggerierte William.

Rolands Blick fokussierte sich, wurde aufmerksamer, und Darina hätte schwören können, dass seine Nase spitzer wurde. „Man kann heutzutage überall arbeiten. Solange man ein Telefon und ein Modem im Laptop hat, gehört die Welt Ihnen.“

„Ich kenne mich mit Laptops aus. Meine Frau ist Kochbuchautorin und ihrer folgt ihr überall hin.“

„Selbst auf die Hochzeitsreise?“, fragte Maura ungläubig.

„Das können Sie mir glauben“, sagte William grimmig, als der Barmann kam und ihnen ihre Getränke reichte.

„Ich werde nicht wirklich arbeiten“, warf Darina hastig ein.

„Aber ich hoffe, dass wir einige interessante Restaurants besuchen werden, und dabei findet man immer neue Zutaten oder Ideen. Der Laptop macht es so viel einfacher, Notizen zu machen.“

„Klingt ganz wie du, Roland.“ Maura seufzte. „Vielleicht ist die Romantik doch tot.“ Sie hakte sich bei William unter. „Ich wette, Sie nehmen Ihre Arbeit nicht überall hin mit!“

„Glauben Sie nicht?“ Darina sah sie fragend an. „Er ist Detective, sein Geist hört nie auf, zu arbeiten und selbst mein Charme würde William nicht davon abhalten, seine Nase in Verbrechen zu stecken, über die er stolpert.“

Er hielt in einer unterwerfenden Geste sein Glas hoch. „Nicht in den Flitterwochen, Liebling, das verspreche ich dir.“

Roland legte eine Hand auf Darinas Arm. „Ich glaube, wir beide sind die einzigen Vernünftigen hier“, sagte er leichthin. „Wir machen keine übereilten Versprechungen und halten uns für alle Eventualitäten bereit. Maura ist zu idealistisch, sie ist auf der Suche nach Perfektion, völliger Hingabe.“

Maura schien nicht im Geringsten verärgert. „Etwas Idealismus ist dieser Tage nicht fehl am Platze, und irgendjemand muss dich ja daran erinnern, dass es außer dem Geschäft noch andere Dinge im Leben gibt! Aber wir sollten Ihre angenehme Gesellschaft nicht für uns vereinnahmen. Kommen Sie, lernen Sie unsere Freunde kennen.“

 

Beim Mittagessen wurde Darina von William getrennt.

Zwei große, runde Tische waren im Esszimmer hergerichtet worden, das beinahe so weitläufig war wie das Wohnzimmer. An jedem Tisch fanden sechzehn Personen Platz und Maura leitete die Gäste wirkungsvoll an, während alle auf der Suche nach ihrem Platz um die Tische kreisten.

Darina entdeckte bald ihren Namen und sah, wie William am anderen Tisch Platz nahm; kein Geschwätz darüber, dass verheiratete Paare zusammensitzen durften. Er hatte zwischen einer adrett gekleideten Frau im mitterlen Alter und einer stillen, attraktiven, jungen Frau in ihrem Alter Platz genommen.

Ein Mann mit zerfurchtem Gesicht, Mitte dreißig und mit blondem Schopf, tauchte zu ihrer Linken auf und schob ihr den Stuhl hin. „Hallo“, sagte er, setzte sich und streckte seine Hand aus. „Björn Björnson.“ Er sah ihr tief in die Augen. „Sie haben die schönsten Wangenknochen, die ich je gesehen habe. Was hat Sie hierher verschlagen?“

Darina lachte, seine Absichten waren so offensichtlich, trotzdem schaffte er es, dabei charmant zu bleiben. „Ich bin in den Flitterwochen.“

„Oh, das sind schreckliche Neuigkeiten! Sagen Sie mir, welcher ihr Ehemann ist, ich muss ihn umbringen. Es kann doch nicht sein, dass ich außerhalb von Skandinavien eine Frau finde, die einer Walküre so nahekommt, und dann war ein anderer schneller.“

„Achten Sie nicht auf ihn“, sagte der Mann zu ihrer Rechten. „Er ist nur ein verrückter, schwedischer Bildhauer, der versucht, sich mit unseren Frauen aus dem Staub zu machen.“

„John, mach mich nicht schlecht“, sagte Björn betrübt. „Ich halte mich an die Unantastbarkeit aller glücklich verheirateten Frauen, aber du kannst mir nicht vorwerfen, dass ich Wärme und Lachen in das Leben derjenigen bringen will, die nicht so glückselig sind. Woher soll ich wissen, ob diese hinreißende Kreatur nicht etwas Trost bedarf, wenn ich mich nicht erkundige?“

„Sind Sie wirklich Bildhauer?“, frage Darina.

„Wir verzeihen ihm sein abscheuliches Verhalten nur wegen seiner Kunst“, sagte der Mann auf ihrer anderen Seite, der Mann namens John.

„Welche Art Skulpturen machen Sie?“, fragte sie und blickte in die hellblauen Augen, die irgendwie ernst wirkten, obwohl der Rest seines knochigen Gesichts lächelte.

„Büsten hauptsächlich. Und ich würde ganz im Ernst sehr gerne eine von Ihnen machen. Ihre Wangenknochen und ihr gesamtes Gesicht sind reine Poesie. Wie lange bleiben Sie?“

„Zwei Wochen. Leben sie hier?“

„Seit fünf Jahren schon. Ich liebe das Licht und die Sonne. Das, und die schönen Frauen. Ich würde nirgends lieber leben wollen. In Schweden, wo ich herkomme, leben wir einen großen Teil des Jahres in Dunkelheit. Ich hasse die Dunkelheit, ich liebe Sonne und Licht. Ihr Haar besteht aus reinem Licht.“ Er streckte die Hand aus und ließ einen Finger sanft durch die Strähne gleiten, die über Darinas linker Schulter hing. Dann musste er den Arm zurückziehen, weil der erste Gang serviert wurde, ein wunderschön angerichtetes Röllchen aus Seezunge, gefüllt mit Lachscreme und umgeben von einem Teich aus Brunnenkresse-Soße.

„Was erzählen Sie den Frauen mit dunklem Haar?“, fragte Darina zurückhaltend.

Er lachte. „Dass sie sind wie die Nacht und ich mich danach sehne, mich in ihren Tiefen zu entfalten.“

„Und Rothaarige?“

Björn schüttelte den Kopf. „Lassen Sie mir ein paar Geheimnisse.“

„Kommen viele Menschen aus dem Ausland her, um hier zu leben?“, wollte Darina wissen, sah sich am Tisch um und fragte sich, wie viele Nationalitäten wohl vertreten waren.

„Ja, von überall her. Aber hauptsächlich Briten, Deutsche und ein paar aus Skandinavien. Wir verbringen hier eine schöne Zeit.“

„Der Plan ist, der Feuchtigkeit und der Kälte zu entfliehen“, sagte der Mann zu Darinas Rechten.

„Es ist Johns erster Besuch“, sagte Björn. „Er ist hier für ... zwei Monate? Na ja, wir versuchen, ihn zu überzeugen, es jedes Jahr zu wiederholen und länger zu bleiben.“

„Leider kann ich meine Arbeit nicht so leicht mit mir herumtragen wie du, Björn. Ich wäre sehr froh, wenn das ginge.“ Darina warf einen heimlichen Blick auf die Platzkarte ihres Sitznachbarn. John Rickwood stand darauf. „Worin besteht denn Ihre Arbeit?“

„Öl. Ich leite eine kleine Erschließungs-Firma.“

„Unser Gastgeber scheint zu glauben, dass er von überall ein Geschäft führen kann.“

„Vielleicht kann er das. Ich habe ein Büro mit Mitarbeitern, die angetrieben werden wollen.“

„Aber Sie konnten diesen Besuch einrichten?“

„Ich werde sehen, wie es läuft. Ich halte engen Kontakt und der Flughafen von Nizza ist sehr nah, es ist recht simpel, für die unabdingbaren Besprechungen zurückzufliegen.“

„Was für ein herrliches Leben.“ Darina seufzte. „In diesen schönen Teil der Welt fliegen zu können und den Sonnenschein zu genießen, während England zittert. Und Roland sagt, alles was man braucht, ist ein Modem und ein Telefon.“

„Das Modem und das Telefon!“, sagte Björn verächtlich. „Immer unter Druck, immer in Sorge. Wer zu schnell arbeitet, macht Fehler. Wer Fehler macht, bekommt Sodbrennen. Man muss im Leben auch mal loslassen können, nicht nur ans Geschäft denken. Ich bin sicher, dass Jules mir da zustimmen würde.“ Er lenkte seinen Blick zum anderen Tisch hinüber, zu der jungen Frau, die neben William saß, der gerade in ein Gespräch mit ihr vertieft war.

John Rickwoods ernster und eher schwermütiger Gesichtsausdruck wurde sanfter, als er Björns Blick folgte. „Ja“, sagte er. „Sie sagt mir immer, ich solle das Geschäft mal vergessen. Sie sähe es gern, wenn ich mich zur Ruhe setzte.“

„Dann setz dich zur Ruhe! Du bist reich, du hast genug Geld, selbst für eine neue Familie.“

„Woher weißt du davon? Wir haben uns gerade erst gefunden.“ Der Mann klang verwirrt, mehr noch, entrüstet.

„Ruhig, mein Freund, Jules hat es mir gerade erst gesagt. Ist es ein Geheimnis?“

„Nein“, räumte John ein.

„Es tut mir leid. Jules ist so glücklich, ich glaube, sie muss es einfach rumerzählen. Außerdem kennen wir uns schon so lange. Aber ich werde es nicht weitererzählen.“

John lächelte plötzlich, und Wärme durchflutete sein Gesicht. „Es tut mir leid, Björn, ich vergesse manchmal, dass sie auch vor meinem Auftauchen ein Leben hatte, und dass sie als Alleinstehende so viel Zeit hier verbracht hat. Natürlich soll sie den Leuten davon erzählen. Wir sind beide überglücklich.“ Er wandte seine Aufmerksamkeit Darina zu und stellte ihr Fragen zu ihrem Leben.

Männer, die sich für Frauen als Individuen interessierten, waren nach Darinas Erfahrung selten. Üblicherweise stellte sie fest, dass sie lieber auf Fragen über ihr eigenes Leben antworteten. Dieser Mann war anders. Geschickt entlockte er ihr Einzelheiten über ihre Karriere und die Hochzeit, und dann erzählte sie ihm von dem Mittagessen am vorherigen Tag.

„Es ist so schön, sich mit alten Freunden auszutauschen, sich auf den neuesten Stand zu bringen und zu sehen, wo sie hingezogen sind. Es ist nicht dasselbe, wenn man nicht weiß, in was für einem Haus sie wohnen, und wie man sie sich in der eigenen Küche vorstellen soll. Und William und ich haben es sehr genossen, Bernard kennenzulernen. Kennen Sie die beiden?“

Seine stille und reservierte Art kehrte zurück, er zog sich zurück, als wollte er dieses Thema nicht vertiefen. „Jules ist eine große Bewunderin von Helen Mansard, sie besitzt einige ihrer Kochbücher. Aber ich fürchte, Bernard kenne ich nicht.“ Er zögerte, als überlege er, ob er noch etwas hinzufügen sollte. Vielleicht war es das Abräumen des ersten Ganges, das ihn davon abbrachte.

Saubere Teller wurden vor ihnen aufgetragen, und sie wurden mit Rinderfilet, Wildpilzen, Kartoffelrösti und Blattsalat bedient. Dann bemerkte Darina, dass der Teller ihres Nachbarn statt des Fleisches ein Risotto mit Wildpilzen aufwies. „Sie sind Vegetarier?“

Er schien froh über den Themenwechsel. „Wie meine Frau. So haben wir uns auch kennengelernt, wir teilten uns bei einem protzigen Abendessen die Dekoration aus Brunnenkresse, weil es mächtige Steaks und kaum Gemüse gab.“

Darina stellte fest, dass sie sich immer mehr für John Rickwood interessierte. Sie versuchte, sein Alter zu schätzen, Ende fünfzig? „Sind Sie schon lange einer? Ich lerne viele junge Vegetarier kennen, aber ...“ Sie zögerte, fragte sich, ob sie taktlos war.

Er erlöste sie. „Nicht so viele in meinem Alter, wollten Sie das sagen?“ Seine Lippen krümmten sich in grimmiger Belustigung und Darina stellte fest, dass es ihm nicht schwerfallen dürfte, anstrengende Gesellschaft zu werden. „Bei mir ist es keine philosophische Verpflichtung, ich mag einfach den Geschmack von Fleisch nicht. Jules ist ganz anders, beim Anblick von Gebratenem wird sie richtig aufgebracht.“ Er zögerte wieder, entschied sich aber diesmal weiterzureden. „Ich habe immer gerne gejagt. Wissen Sie, wie versessen die Französen auf la chasse sind? Sie jagen alles, und wäre ich allein, würde ich mich ihnen anschließen. Der Eigentümer der Villa, die wir gemietet haben, ist ein guter Schütze. Er hat mir seine Gewehre und einige Tipps für einen Jagdausflug überlassen, aber für Jules wäre das abscheulich; Vögel für den Kochtopf zu töten ist schlimm genug, aber dabei auch noch Spaß zu haben, ist eine Todsünde.“

Darina sah quer durch den Raum zu der jungen Frau, die neben William saß und ihn sanft anlächelte, während er sprach. Sie sah um die fünfundzwanzig Jahre jünger aus als John. „Wird es ihr erstes Kind sein?“, frage sie.

„Nein, ich war schon einmal verheiratet. Es hat nicht funktioniert und wir haben uns scheiden lassen, lange bevor ich Jules kennengelernt habe, aber ich habe eine Tochter, die gerade zwanzig geworden ist. Ein schwieriges Alter und für Pat ist sie eine ziemliche Herausforderung. Ich tue, was ich kann, aber das scheint nicht viel zu helfen.“

„Wie wird sie sich mit der Vorstellung eines Halbbruders oder einer Halbschwester anfreunden?“

„Mir gefällt, wie Sie das ausdrücken. Ich denke, die Nachricht wird ein Schock für sie sein – mich mit einer neuen Frau teilen zu müssen, war schlimm genug. Aber Jules geht toll mit ihr um und irgendwann wird es sich geben, denke ich.“

Seine Stimme klang beherrscht, beinahe nachdenklich, aber Darina glaubte, unter die Oberfläche sehen zu können. Sie erinnerte sich ans Stephen Mansards Verhalten gegenüber Bernard Barrington Smythe, der weder offiziell sein Stiefvater war, noch dafür sorgen würde, dass er seine Mutter mit einem Halbbruder oder einer Halbschwester teilen müsste.

Das Mittagessen ging angenehm bis zum späten Nachmittag weiter. Einer üppigen Käseplatte folgte Grand-Marnier-Eiscreme mit Erdbeeren, obwohl noch keine Saison war, und knusprigen kleinen Keksen. Dann verkündete Roland, dass im Wohnzimmer Kaffee und Likör serviert würde. „Kommen Sie, ich stelle Ihnen meine Frau vor“, sagte John Rickwood als die Gäste sich erhoben. Er führte Darina zu Jules und William hinüber, die sich immer noch unterhielten.

„Ich habe mich schon darauf gefreut, Sie kennenzulernen.“ Jules schenkte Darina ein kleines, elegantes Lächeln. „Ich habe beim Essen so viel von Ihnen gehört.“

„Und ich wurde mit einem höchst interessanten Bericht über Ihre Tätigkeiten in der Welt des Öls versorgt, Sir.“ William schüttelte John Rickwoods Hand.

„Ich muss leider eingestehen, dass wir mehr über uns selbst gesprochen haben. Was sagt das wohl über uns aus?“ John warf Darina einen gespielt strengen Blick zu.

Sie lachte. „Dass wir egoistisch sind und Glück haben, mit solch großzügigen Partnern verheiratet zu sein.“

Zusammen gingen sie ins andere Zimmer.

Maura brachte ihnen Kaffee. „Wenn es eine Trophäe für das hingebungsvollste Paar im Raum gäbe, würdet ihr ohne Zweifel gewinnen.“

„Was wären das für Zukunftsaussichten, wenn man in den Flitterwochen oder in Erwartung eines Kindes nicht hingebungsvoll wäre?“, fragte John Rickwood. „Aber Sie schaffen es, dass Roland sehr zufrieden aussieht.“

Maura sah zu der Stelle hinüber, wo Roland Tait sich lachend mit einer älteren Frau unterhielt. Ihr Gesichtsausdruck war unlesbar. „Was lässt Sie glauben, dass das mein Verdienst ist?“ Sie nahm das Tablett mit dem Zucker und der Sahne und machte sich wieder daran, Kaffee auszuschenken, ohne eine Antwort abzuwarten.

„Arme Maura“, sagte Jules Rickwood sanft. “Sie gibt sich so viel Mühe, aber Roland wird sie nie heiraten.“

Kapitel Vier

„Kommt uns besuchen und trinkt etwas mit uns“, sagte Jules, als sich die Gesellschaft auflöste. Wir wohnen auf dem Kap, nicht weit von eurer Unterkunft.“

„Ja“, fügte John Rickwood hinzu, „Jules hat sich schon beschwert, dass ich ihr keine Unterhaltung zugestehe.“ Er legte einen Arm um seine Frau.

„John würde mich am liebsten in Watte einpacken und in einer Kiste verstauen. Ich bin erst im dritten Monat schwanger – wie wird er erst später sein? Ich habe Angst, mir das auszumalen!“, sagte Jules kompromisslos mit straffem Rücken, aber ihre Augen lachten, sie hatten eine ungewisse Schattierung irgendwo zwischen haselnussbraun und grau. Darina bewunderte den federleichten Schnitt ihrer kurzen, braunen Haare und den Hosenanzug aus wollenem Kreppstoff, den sie trug – ganz sicher von Armani – und der ihre schlanke Figur wunderbar betonte.

„Ich weiß, dass du keinen großen Wirbel willst, aber wir müssen doch einen werdenden Vater bei Laune halten, der reifer ist als die meisten.“ Seine Finger streichelten ihre rechte Schulter während er sich zu Darina umdrehte. „Kommt vorbei. Wie wäre es Morgen um sechs?“

Sie machten alles fest und William notierte sich die Wegbeschreibung zur gemieteten Villa der Rickwoods.

 

„Ich bin nicht sicher, ob es mir gefällt, dass ich dich so viel teilen muss“, sagte William, während er am folgenden Abend eine schmale Straße entlangfuhr. Darina überprüfte die Namen der Villen, auf der Suche nach der richtigen.

Sie wusste, wie er sich fühlte. „Du würdest mich gerne in Watte packen und ganz für dich behalten?“

Er schenkte ihr ein schiefes Lächeln. „Er ist ganz schön beschützerisch, oder? Ich habe bei diesem Mittagessen mehrmals seinen Blick auf mir und Jules gespürt. Was mir unnötig und unhöflich erschien, wo er doch neben der schönsten Frau im Raum saß. Und kam er nicht angeschossen wie ein geölter Blitz, sobald alle aufstanden? Er hat dich sofort rübergebracht, und nicht um uns wieder zu vereinen.“

„Na ja, er ist ein gutes Stück älter als sie und du bist sehr attraktiv“, murmelte Darina. „Aber er war beim Essen definitiv nicht unaufmerksam und ich habe seine Gesellschaft genossen.“

„Unter diesem sanften Äußeren scheint Jules Rickwood einige starke Überzeugungen zu haben. Wusstest du, dass sie Vegetarierin ist?“

„John auch.“

„Wirklich? Er sieht aus wie ein klassischer Jeden-Sonntag-Braten-Mann. Aber ich würde Jules sogar zutrauen, einen so sachlichen Kerl wie Rickwood zu bekehren.“

Darina wollte gerade erzählen, dass der Vegetarismus sie tatsächlich erst zusammengebracht hatte, als ihr ein diskretes Namensschild ins Auge fiel, das sie beinahe übersehen hätten. „Hey, wir sind da!“

William hielt den Wagen an, setzte ein Stück zurück und bog durch einladend geöffnete Tore in eine kurze Einfahrt ein. Eine rosarote, mit Stuck verzierte Villa von beachtlicher Größe stand gewichtig zwischen gut gepflegten Büschen, umgeben von Rasen so glatt wie ein Billardtisch.

William rückte seine Krawatte gerade, als sie ausgestiegen waren. „Hätten wir uns schick machen sollen?“, murmelte er und ließ eine Hand unter Darinas Ellbogen gleiten.

Ein Diener öffnete die Eingangstür. Sein Stil war so geschliffen, dass es eine maßlose Untertreibung gewesen wäre, ihn als kultiviert zu bezeichnen. Ohne ihren Ehemann ansehen zu können, folgte Darina dem Butler durch einen mit übermäßig vielen Antiquitäten möblierten Raum, der von exquisitem Geschmack und reichlich Geld auf der Bank zeugte. Hohe Glastüren gaben den Weg auf eine breite Terrasse frei. Dahinter erstreckte sich mehr Rasen, bis hinunter zum Meer, das Wasser glitzerte in der untergehenden Sonne. Die leichte Kühle der Abendluft wurde von einem lodernden Feuer im Marmorkamin ausgeglichen.

Mit einer Stimme wie kristallisierter Honig wurden Mr. und Mrs. Pigram angekündigt; Jules und John erhoben sich von ihren Stühlen und kamen auf sie zu. Auf dem Tisch lag ein Stück eines halbfertigen Wandteppichs und etwas, das wie ein Firmenbericht aussah.

„Ich hoffe, wir kommen nicht zu früh“, sagte Darina, während der Butler aus dem Raum glitt und William und sie vortraten.

„Nein, gar nicht. Ich warte schon darauf, dass Sie John dazu bringen, seine Arbeit ruhen zu lassen. Selbst in den paar Wochen, die wir hier sind, kann er nichts liegen lassen.“ Die Schärfe in Jules sanfter Stimme war nicht zu überhören.

John Rickwood achtete nicht darauf. Mit seinem stillen Charme ließ er sie auf einem Sofa aus dem achtzehnten Jahrhundert mit gerader Rückenlehne Platz nehmen und fragte, ob Champagner genehm wäre.

„Mir fiele es schwer, mich in dieser Umgebung auf die Arbeit zu konzentrieren“, sagte William. Darina beobachtete, wie ihr Gastgeber an einem vergoldeten Beistelltisch eine Flasche öffnete. Der Tisch war großzügig mit alkoholischen und alkoholfreien Getränken, einem Eiskübel und Gläsern bestückt. Wie hatte er nur den Buttler davon überzeugt, dass der ihn mit alldem alleinließ?

„Sie finden die Ausstattung nicht beruhigend?“ Jules klappte mit Nachdruck den Geschäftsbericht zu, schob ihn auf dem Tisch nach hinten und sah William mit einem Blick an, der plötzlich stechend war und ihrem Gesicht den Eindruck eines munteren Hamsters verlieh.

„Beruhigend?“ Er dachte über die Frage nach, studierte gründlich die fachmännisch zusammengestellte und arrangierte Sammlung von Möbeln und Bildern, die auch einem Museum gut gestanden hätten.

„Ich finde es toll“, sagte Darina schnell. „Atemberaubend schön natürlich, aber auch gemütlich. Mir würde es schwerfallen, mich hier nicht zu entspannen.“ Sie hielt dem Verlangen stand, sich auf dem Jahrhunderte alten Möbel anders hinzusetzen, wohl bewusst, dass ihr Ehemann steif am anderen Ende saß.

„Das ist alles Jules’ Werk“, sagte John Rickwood selbstgefällig, als er die Champagnergläser auf einem silbernen Tablett herüberbrachte. Er hatte sich auf jeden Fall vom Buttler unterrichten lassen, stellte Darina fest.

„Aber sagten Sie nicht, Sie hätten das hier gemietet?“ William nahm ein Glas.

„So haben wir von diesem Haus erfahren. Jules ist Innenausstatterin.“

„War“, korrigierte ihn seine Frau. „Seit ich mit John verheiratet bin, habe ich keine Zeit mehr für eine eigene Karriere.“

„Bin ich so anspruchsvoll?“ Ihr Ehemann reichte ihr ein Glas, das mit frisch gepresstem Orangensaft gefüllt sein musste. „Du weißt, dass ich nicht wollte, dass du alles aufgibst.“

Jules lächelte ihn an, ein warmes, vertrautes Lächeln. „Ich kümmere mich gern um dich.“ Sie wandte sich an Darina. „Wir haben ein Haus in Gloucestershire und eine Wohnung in London und John muss seine Unternehmungen verwalten. Ich will sicher gehen, dass alles rund läuft. Er hat so hohe Ansprüche.“

„Nicht höher als deine“, protestierte er, während er sich setzte.

Es war, als hätte er nichts gesagt. „Und jetzt ist das Kind unterwegs.“ Ein Hauch Selbstzufriedenheit lag in Jules’ Stimme als sie auf ihren flachen Bauch blickte.

„Vermissen Sie die Arbeit nicht?“ Darina bemerkte schweren Herzens Williams bewundernden Blick auf die junge Frau.

„Es ist komisch, als ich noch gearbeitet habe, konnte ich mir nicht vorstellen, all das aufzugeben. Jetzt frage ich mich, wie ich so, so ...“ Sie suchte nach dem richtigen Wort.

„Engagiert“, sprang ihr Ehemann ein. „Jules ist brillant“, erklärte er ihnen. „Na ja, das kann man ja in diesem Haus sehen.“

„Ich habe in den vergangenen Jahren einige Häuser um Nizza und Cannes gemacht – ich liebe die Gegend hier unten.“ Jules glühte mit sanfter Intensität. „Als die Steinbaums hörten, dass wir nach einem Haus suchen, haben sie darauf bestanden, dass wir hier einziehen, während sie in Afrika sind. Sie sagten, es würde dem Personal guttun, eine Beschäftigung zu haben.“

Wie aufs Stichwort kam ein Dienstmädchen mit zwei Platten formschöner Häppchen herein. Sie reichte sie herum, stellte die Platten auf einem niedrigen Marmortisch vor Darina und William ab und verschwand.

„Jules musste einige Überzeugungsarbeit leisten, bis ich es auch für eine gute Idee hielt, aber es gefällt mir hier tatsächlich sehr gut.“ John sah leicht überrascht aus. „Es hilft auf jeden Fall, durch den Winter zu kommen. Wenn sich das Jahr dem Ende neigt, finde ich das feuchte Wetter und die Kälte in England mehr und mehr deprimierend. Aber das ist jetzt genug von uns, was haben Sie beide so getrieben?“

„Eine Mischung aus Erkundungen und Verabredungen“, sagte William, trank genüsslich von seinem Champagner und nahm sich eine Räucherlachs-Rolle gefüllt mit Krabbencreme. „Es muss die geselligste Hochzeitsreise der Geschichte sein.“

„Ah, das Leben hier ist sehr gesellig – das ist Teil des Charmes. Ich ging früher nicht gern auf Feiern, aber Jules kennt so viele Leute. Für die Hälfte von ihnen hat sie Häuser eingerichtet.“

„Manchmal wird es etwas viel“, warf Jules ein. „Und es gibt Leute, die man lieber nicht treffen würde.“ Wegen der Betonung, die in dieser Bemerkung lag, fragte sich Darina, wen sie wohl meinte.

„Wir haben auch Zeit für uns“, sagte ihr Ehemann. „Haben Sie schon irgendwelche Sehenswürdigkeiten besichtigt?“

„Wir waren neulich in dem Napoleon-Museum beim Leuchtturm. Waren Sie schon mal drinnen? Es ist praktisch vor Ihrer Tür“, sagte William.

John Rickwoods Gesicht erhellte sich. „Auch eine der ersten Sachen, die wir gemacht haben. Waren Sie beim Golfe Juan, gerade hier um die Ecke, um zu sehen, wo er auf dem Rückweg von Elba gelandet ist?“

„Napoleon ist einer von Johns großen Helden“, murmelte Jules.

„Der Mann hatte eine Ausstrahlung, die ihm selbst seine Niederlage gegen seine Verbündeten nicht nehmen konnte. Und sich nur vorzustellen, dass er wieder triumphieren könnte, entgegen aller Erwartungen!“, John schüttelte bewundernd den Kopf.

Darina sah ein dickes, illustriertes Werk über Napoleon zuoberst auf einem Bücherstapel auf dem Tisch vor ihnen. Sie griff danach – und warf ihr Champagnerglas um. Die Reste der Flüssigkeit flossen sprudelnd über die Marmoroberfläche.“

„Oh, das tut mir so leid“, keuchte sie, und nahm die Bücher außer Reichweite der drohenden Fluten.

William kramte in einer Tasche nach seinem Taschentuch, aber John war schneller. „Kein Weltuntergang“, sagte er und wischte den verschütteten Champagner mit einem großen Rechteck aus feinem Leinen auf. Darina schob mehr Dinge auf dem Tisch herum, um beim Aufwischen zu helfen, wobei ihre Aufmerksamkeit von Johns rechter Hand gefesselt wurde. Die beiden vordersten Glieder des dritten und vierten Fingers fehlten.

Er bemerkte ihren Blick. „Ein alter Unfall“, sagte er unbeschwert, während sie vor Scham rot anlief. „So, das sollte genügen. Nichts passiert, das Glas hat nicht mal einen Sprung. Lassen Sie es mich wieder auffüllen.“

„John hat den Schneid und die Entschlossenheit von Napoleon“, sagte Jules. „Er hat mal wochenlang in der Arktis überlebt.“

„Liebling, das wollen sie nicht hören! Und es war auf Labrador, nicht in der Arktis.“

„Klingt faszinierend. Was ist passiert?“ William lehnte sich vor und zeigte deutliches Interesse.

Stille.

„Wenn du es ihnen nicht erzählst, werde ich es tun“, bestand Jules.

John lachte kurz. „Wir müssen kein großes Trara darum machen. Es war eigentlich nichts. Vor vielen Jahren habe ich mit meinem Partner einige vielversprechende Gesteinsschichten untersucht. Unser kleines Flugzeug geriet in einen Sturm und stürzte ab. Ich habe abzüglich der beiden Fingerglieder überlebt, Philip nicht. Das war schon alles!“

Seine Stimme hatte etwas Endgültiges an sich.

„Das kann aber nur ein Bruchteil der Geschichte sein“, hob William an, wurde aber vom Telefon unterbrochen.

„Henri wird drangehen“, sagte Jules, als John aufstand.

„Nein, das wird das Büro sein. Mein Assistent ruft üblicherweise um diese Zeit an“, erklärte er, als er den Raum verließ.

„Ich weiß nicht, warum er nicht gerne über den Absturz spricht“, sagte Jules, nachdem er die Tür hinter sich geschlossen hatte. „Er war so unglaublich tapfer.“

„Tapfere Menschen sprechen oft nicht gerne über ihre Heldentaten“, sagte William.

„Ist das so?“ Jules sah ihn mit leicht zur Seite geneigtem Kopf an, während sie über das nachdachte, was für sie offensichtlich ein neuer Gedanke zu sein schien. Für einen Augenblick sah sie eher wie zwanzig als wie dreißig aus. Dann nickte sie leicht, als würde dieser Hinweis zu dem passen, was sie über ihren Ehemann wusste. „Als ich John kennenlernte, schien er, nun ja, so ein engagierter Geschäftsmann zu sein. Wäre er nicht Vegetarier gewesen, hätte ich mich vermutlich gar nicht für ihn interessiert. Dann hat mir jemand von diesem Absturz erzählt und plötzlich sah ich ihn in einem anderen Licht.“ Jules Gesicht leuchtete vor Begeisterung. „Wer so eine Erfahrung überleben konnte, musste jemand ganz besonderes sein. Ich meine, es braucht Mut, oder? Und Charakterstärke. All die Dinge, die ich mir für den Vater meiner Kinder wünschte. Es brannte mir unter den Nägeln, alle Einzelheiten zu erfahren, aber würde er sie mir erzählen?“ Es war eine rhetorische Frage. „Also bin ich in die Bücherei gegangen und habe nach Zeitungsberichten über seine Rettung gesucht. Ich habe ewig dafür gebraucht.“

Hatte sie wirklich? Jules hatte einen zielstrebigen Charakter, dachte Darina. Und war da nicht etwas Kaltblütiges an der Art, mit der sie beschlossen hatte, dass John Rickwood einen guten Vater abgeben würde? Darina ließ noch einmal den Blick durch den prachtvollen Raum schweifen, in dem sie saßen. Hatte sie vielleiht auch nach einem solchen Lebensstil gestrebt? Ein Haus in Gloucestershire und eine Wohnung in London, hatte sie gesagt. Und Björn hatte John als reich genug beschrieben, um sich selbst mit einer zweiten Familiengründung zur Ruhe setzen zu können. Wie viel Geld hatte Jules besessen, bevor sie ihn geheiratet hatte?

„Wie wurde John denn am Ende gerettet?“, fragte der praktisch veranlagte William.

„Eigentlich aus purem Glück“, sagte Jules, immer noch mit strahlendem Gesicht. „Er hatte sich beim Absturz das Bein gebrochen und konnte sich kaum bewegen. Wenn in der Gegend nicht irgendeine Art Überlebensübung der Armee stattgefunden hätte, wäre er wahrscheinlich gestorben. Aber unter den Umständen machte sein Entkommen wirklich Schlagzeilen. Ich wünschte, ich wäre damals schon alt genug gewesen, um darüber zu lesen – tatsächlich war ich noch nicht einmal geboren. Auf dem seltsamen Mikrofilm in der staubigen Bücherei erschien mir das alles einfach unglaublich. Damals begriff ich, was er für ein besonderer Mensch ist.“

Der besondere Mensch betrat den Raum, während sie sprach. Er sah peinlich berührt aus. „Entschuldigt bitte“, sagte er schnell. „Ich fürchte, das ist die Strafe, wenn man in die Sonne entfliehen will und eine Firma leiten muss.“

„Keine Probleme, hoffe ich?“

„Nichts von Belang, William, danke. Wie steht es um die Getränke?“ Er ging zu dem barocken Beistelltisch hinüber und zog die Champagnerflasche aus dem Kühler. „Lassen Sie mich ihre Gläser auffüllen. Und greifen Sie bei diesen Häppchen zu. Maria wird verärgert sein, wenn sie nicht gegessen werden. Waren Sie schon in irgendwelchen guten Restaurants?“

Als William gerade mittendrin war, ausführlich die paar Restaurants zu beschreiben, die sie in Antibes bislang besucht hatten, klingelte es an der Tür.

Jules hob fragend eine Augenbraue und sah ihren Ehemann an. Es war beinahe die Wiederholung dessen, was beim Mittagessen bei Helen passiert war, und Darina fragte sich, ob irgendetwas an William und ihr unerwartete Gäste anzog. John schüttelte den Kopf und beide Rickwoods blickten erwartungsvoll auf die großen Doppeltüren des Salons.

Der Butler kam herein, schloss die Tür mit einem offensichtlich desinteressierten Blick hinter sich. „Eine junge Person ...“, er schaffte es, dieser Phrase einen anrüchigen Beigeschmack zu verleihen. „Eine junge Person“, wiederholte er und korrigierte seine Betonung, „wünscht Sie zu sehen, Sir und Madame. Sie wollte mir keinen Namen ...“ Ehe er weitersprechen konnte, flogen die Türen auf, ein junges Mädchen drängte sich an dem ungerührten Butler vorbei und stampfte forsch durch den Raum. Sie kam vor John Rickwood zu stehen.

„Dad, sag ihm, dass er sich verpissen soll.“

„Theresa!“ John schien verblüfft, dann trat er vor und umarmte das Mädchen rasch. „Schön dich zu sehen, Liebes. Wie bist du hergekommen?“ Er trat einen Schritt zurück und legte die Stirn in Falten. „Ist irgendetwas passiert?“

Für einen Sekundenbruchteil sah Darina den flüchtigen Ausdruck einer starken Emotion im Gesicht des Mädchens aufblitzen, die sie unmöglich einordnen konnte. Dann war sie wieder verschwunden.

„Danke, Henri“, sagte Jules in ihrer üblichen Ruhe zum Butler. „Miss Theresa sorgt gerne für Überraschungen. Es tut mir leid, dass sie sich nicht anständig vorgestellt hat.“

Der Butler neigte seinen Kopf um einen Millimeter und glitt aus dem Zimmer. Die Haltung seiner Schultern sprach Bände.

„Terri, komm her, setzt dich, und erzähl uns, was dich endlich unsere Einladung annehmen ließ.“ Jules legte dem Mädchen einen Arm um die Schultern und umarmte sie kurz, wogegen Theresa sich hölzern sträubte. „Und lass mich dir Darina und William Pigram vorstellen – sie sind auf ein paar Drinks vorbeigekommen.“

„Wir sind uns schon begegnet, glaube ich“, sagte Darina und streckte dem Mädchen ihre Hand entgegen. „An dem Nachmittag, als du mit Stephen angekommen bist?“

Das Mädchen stand da, hatte ihr Gewicht ungeschickt auf ein Bein verlagert und schien keine Absichten zu haben, sich zu setzen. Das lange, unordentliche, schwarze Haar war seit ihrem Auftritt auf dem Oliven-Hof offensichtlich nicht gewaschen worden. Das mürrische Gesicht mit den dunklen, von Kajal umrandeten Augen und den blassen, vollen Lippen schien sich weder für Darina, noch für William zu interessieren. Heute trug sie gestreifte Leggins, die womöglich aus einem jugendlichen Wiedererwachen stammten und nur über den schlankesten Beinen getragen werden sollten. Dazu hatte sie ein weites, weißes T-Shirt an, das oberhalb der üppigen Hüften bauschte und über ihren großen Brüsten spannte. Sie hatte sich eine Bomberjacke aus smaragdgrünem Satinstoff darüber geworfen, die großzügig mit Chromnieten besetzt war. Eine weitere Niete glitzerte in ihrem rechten Nasenflügel.

„Möchtest du ein Glas Champagner?“, fragte ihr Vater.

Ein Teil ihrer Kampfeslust schien zu verfliegen. Sie senkte den Blick und verlagerte ihr Gewicht auf das andere Bein. „Mum sagte, ich soll’s gar nicht erst versuchen, du würdest mir nie helfen. Aber ich dachte, ich komm trotzdem vorbei. Immerhin hast du mich ja eingeladen.“

Ein kurzer Blickwechsel zwischen ihrem Vater und seiner Frau. Jules streckte wieder die Hand aus. „Komm, setz dich und erzähl uns davon, Terri.“

Das Mädchen ignoriere die Hand, bediente sich an den kleinen Canapés und verschlang sie, wie eine Eidechse eine Fliege verspeisen würde; sie nahm sich noch eine Handvoll und fläzte sich in einen Louis-Quatorze-Lehnstuhl, der unter ihrem Gewicht ächzte. Jules schloss kurz die Augen.

„Es geht um den Laden, den Emms und ich gefunden haben.“ Die langsame Aussprache, an die Darina sich erinnerte, war einer schnelleren und abgehackteren Sprechweise gewichen.

„Laden?“, unterbrach ihr Vater scharf. Er reichte seiner Tochter ein Glas Champagner und setzte sich wieder in seinen Sessel.

Terri stopfte sich einige der Canapés in den Mund, nahm das Champagnerglas, trank durstig daraus und stellte das fast leere Glas auf einem Beistelltisch ab. Ihre Stimme produzierte kurze, abgehackte Sätze. „Er ist perfekt, genau die richtige Entfernung zur King’s Road. Alles ist im Ausverkauf, die Sachen für die Anprobe, die Lagerbestände, alles. Das ist genau unser Ding. Wir haben alles durchgerechnet. Die Klamotten sind nichts Besonderes, aber sie bringen ein bisschen was ein, während wir unseren eigenen Kram fertigmachen. Und dann geht’s richtig los.“

Ihre Aggressivität war verschwunden, genauso wie ihr mürrischer Gesichtsausdruck.

Ihr Vater hob eine Hand. „Liebes, nicht so schnell. Wer ist Emms und was hat es mit diesem Laden auf sich?“

Terri drehte sich zu ihm, ihre Stimme klang jetzt aufgebracht. „Ich habe Emms schon tausendmal erwähnt. Sie ist meine beste Freundin, wir haben uns in der Design-Hochschule kennengelernt.“

„Hat sie auch hingeschmissen?“, fragte Jules mit leiser, schwacher Stimme.

Terri lief rot an. „Das war alles Mist. Wir haben den Sinn nicht gesehen. Wir wissen, was wir tun wollen.“

„Und zwar diesen Laden führen?“, fragte die leise Stimme sehr vernünftig.

Terri stand auf, schnappte sich noch mehr von den Häppchen und kehrte zu ihrem Stuhl zurück. Jede Faser ihres Körpers war zum Angriff bereit. „Das ist unser Karrierestart. Emms und ich werden unsere eigenen Klamotten entwerfen. Am Anfang werden wir sie selbst schneidern, abends, dann, wenn Geld reinkommt, werden wir das in Außenarbeit machen lassen. Sie werden sich bombig verkaufen“, fügte sie mit vollem Mund hinzu und starrte ihren Vater mit intensivem Blick an. „Wir haben schon welche verkauft. Wir brauchen nur diesen Laden.“

John Rickwood blickte zu Darina und William. „Können wir das später besprechen? Beim Abendessen können wir über alles reden. Wo sind deine Sachen?“

Terri starrte ihn trotzig an. „Ich wusste, dass du mich nicht ernstnehmen würdest!“ Ihre Stimme zitterte leicht.

„Das ist es nicht“, protestierte ihr Vater.

„Du musst verstehen, dass du nicht einfach hier reinspazieren und alles an dich reißen kannst, wann immer dir danach ist“, sagte Jules sanft. „Wir haben Gäste.“

„Die eigene Tochter ist also unwichtig“, stieß Terri aus. Sie kramte in einer der zahlreichen Taschen ihrer Bomberjacke herum, zog eine kleine Blechdose heraus und stopfte sich eine Zigarette mit pflanzlichem Material. Grobe Fetzen fiele zu Boden.

„Nicht hier, Terri!“ Jules’ Stimme war streng aber beherrscht. Für einen Augenblick traf ihr Blick den des Mädchens. Terri sah zu ihrem Vater; er sagte nichts. Dann blinzelte sie schnell, stopfte alles in die Dose zurück und schob sie wieder in ihre Tasche. „Ich kann nicht bleiben“, murmelte sie. „Mein Freund holt mich in einer halben Stunde ab.“

„Ein Freund!“, rief John mit Abscheu. „Ich sollte wohl nicht hoffen, dass er angemessener ist als dein letzter! Wer ist er und wo kommst du unter?“ Jules streckte beruhigend eine Hand zu ihm aus. Darina und William schnappten sich das Buch über Napoleon und blätterten darin herum.

Terri war wieder eingeschnappt. „Stephen ist sehr respektabel. Er ist beim Fernsehen und ihr müsst euch keine Sorgen machen, wir wohnen bei seiner Mutter.“ Sie starrte Jules an. „Und die findest sogar du in Ordnung. Du besitzt ihre Bücher.“ Als Jules nichts entgegnete, fügte Terri hinzu: „Helen Mansard.“

Die Reaktion schien nicht dem zu entsprechen, was sie erwartet hatte. Ihr Vater stellte mit einem Knall sein Glas ab. „Du wohnst bei Bernard Barrington Smythe?“

Seine Tochter starrte ihn an. Sie sagte nichts.

„Terri, das kannst du nicht!“ Jules klang aufgebracht.

„Warum nicht? Er ist kein Junkie, hat kein Strafregister!“

Darina und William sahen einander an, standen auf und schlenderten durch die offenen Glastüren auf die Terrasse. Die Sonne ging gerade unter und tränkte das Meer verschwenderisch in Gold- und Rottöne, vergoldete das leicht gekräuselte Wasser.

Darina seufzte. „Sieht das nicht wunderschön aus?“

William legte einen Arm um ihre Schulter und zog sie an sich. Seine Stimme wurde von ihrem Haar gedämpft, als er sagte: „Was bist du nur für eine kleine Lügnerin. Der Raum und gemütlich, klar, ein Ort, an dem du entspannen kannst!“

„Das war nur, um deine schlechten Manieren auszugleichen.“

Sie standen für einen Augenblick beisammen, dann sagte William: „Glaubst du, sie würden es bemerken, wenn wir uns ums Haus schleichen und verschwinden?“

„Wir könnten den Butler bitten, eine Entschuldigung von uns auszurichten.“

Einzelne Fragmente der immer hitzigeren Diskussion drangen zu ihnen herüber. Johns stetige, aber wütende Stimme war zu hören: „Lloyd’s ... die Verluste deiner Großmutter ... musst du doch verstehen ...“

Dann Terris rasende Stimme: „Bei dir geht es immer ums Geld ... war dir wirklich immer egal ...“

Jules sagte in einem vertretbaren Ton: „Terri, wir hören nur von dir, wenn du Geld willst. Du musst doch bei deiner Geschichte verstehen ...“

Wieder sprach Terri, ihre Stimme erhob sich hysterisch: „Oh, du bist so verdammt perfekt! Du machst wohl nie was falsch!“

„Terri, du wirst dich bei deiner Stiefmutter entschuldigen! Wie kannst du es wagen, so mit ihr zu sprechen?“

Williams Arm führte Darina sanft um das Haus herum. Als sie das Auto erreichten, sagte er: „Ich glaube, wir werden den Butler nicht belästigen.“

„Wir können doch nicht einfach verschwinden.“ Darina war gleichzeitig schockiert und erfreut. Sie rannte zur Eingangstür hinüber und klopfte sachte an.

Wie sie erwartet hatte, öffnete sich die Tür augenblicklich. Sie richtete ihm eine kurze Nachricht aus und kehrte zum Wagen zurück.

Sie fuhren durch die Tore.

„Lass uns ein nettes Restaurant finden und all das vergessen“, sagte William. Dann fügte er hinzu: „Versprichst du mir, dass unsere Tochter nicht so aufwachsen wird?“

Darina spürte einen Stich heftiger Gefühle, die sie nicht analysieren wollte. „Vielleicht“, sagte sie nachdenklich, „würde es anders aussehen, wenn Terris Eltern sich nicht getrennt hätten.“

„Suchst du etwa Ausreden für sie?“

Darina sah das plumpe Mädchen wieder vor sich und wie schlecht sie ihren Vater und ihre Steifmutter behandelte. „Wir kennen die Hintergründe nicht.“

William lachte grunzend. „Gott sei Dank! Komm schon, lass uns die Rickwoods vergessen und zusammen den Rest des Abends genießen.“

Darina stimmte nur zu gerne zu. Doch als sie wieder auf die Hauptstraße fuhren fragte sie: „Was glaubst du, warum Terri nicht den Nachnamen ihres Vaters benutzt?“

Sie bekam keine Antwort.

Kapitel Fünf

Zwei Tage später waren Darina und William für einen Einkaufsbummel in dem kleinen Dorf Tourettes-sur-Loup.

Darina begutachtete eine Käseauswahl und versuchte zu entscheiden, wie viele sie guten Gewissens kaufen könnte, als sie bemerkte, dass Anthea Pemberton neben ihr stand.

Ohne nachzudenken grüßte Darina sie. Die andere Frau sah verwirrt aus. „Wir sind uns neulich bei Helen Mansard begegnet, in der Mühle, mit Bernard, Darina und William Pigram. William ist da drüben und sieht sich die Weinauswahl an.“ Darina wünschte sich, sie hätte abgewartet, ob Anthea sie erkannte, ehe sie etwas gesagt hätte. „Das alles hier ist ein solches Vergnügen für uns“, fuhr sie fort. „Wir lieben Essen und Wein, und ohne in Eile zu sein eine solche Auswahl geboten zu bekommen, das ist schon selbst ein Urlaub.“ Sie schenkte der Frau ihr bestes Lächeln.

Immerhin kam darauf eine Reaktion. Wie bei einem Taucher, der sich nach den trüben Tiefen ans Tageslicht gewöhnen muss, zeichnete sich auf Antheas ausdruckslosem Gesicht langsam Erkennen ab. „Ja, ich erinnere mich, tut mir leid. Haben Sie Spaß?“

Die banale Frage war ohne echtes Interesse gestellt und Darina seufzte innerlich. Dann gab sich Anthea spürbar Mühe: „Natürlich haben Sie den, Sie sind in den Flitterwochen! Sie müssen mich für eine Idiotin halten. Meine Gedanken waren meilenweit weg, ich habe über etwas anderes nachgedacht.“

Ganz in einer schweren Frage größter Wichtigkeit vertieft, hätte Darina gesagt. „Ich bin so froh, Sie hier getroffen zu haben, jetzt können Sie mir einen Rat geben, welchen Käse ich probieren sollte.“

Anthea wirkte übermäßig begeistert, nach ihrer Meinung gefragt zu werden. Eifrig beschrieb sie die Varianten der lokalen Käsesorten. „Kaufen Sie nur für sich selbst ein? Und wann werden Sie sie essen?“

Darina lachte und erklärte, dass sie und William auf eine Fahrt um die Gorges du Loup aufbrechen wollten. Sie hatte bereits ein kleines Picknick eingepackt und dachte, dass etwas Käse eine perfekte Ergänzung wäre.

Anthea empfahl ihr einen Tomme und einen Vignottes. „Sie sind nicht wirklich aus der Gegend, aber köstlich, und dieser hier sieht wunderbar reif aus.“

„Ah, Sie interessieren sich offensichtlich auch für Essen.“

Anthea lief rot an, ganz wie vor einigen Tagen, als wäre dieser Kommentar unerträglich persönlich. Sie riss sich wieder zusammen. „Ich gebe in meinem Haus Kunstkurse – es liegt zwischen hier und Vence. Die Kurse sind mit Unterbringung, deshalb muss ich recht viel kochen.“

„Wie interessant“, sagte Darina begeistert, und fragte sich, wie so eine schüchterne und ungeschickte Frau es schaffte, mit so vielen Gästen umzugehen. „Was für Leute kommen denn zu Ihren Kursen?“

Für sie klang das nach einer dummen Frage, die einzige, die ihr einfiel, um die Unterhaltung am Laufen zu halten, aber Anthea überlegte und beantwortete sie gründlich. „Ganz unterschiedlich, hauptsächlich Amateure natürlich. Aber manchmal nehme ich Künstler und Autoren auf, die verzweifelt nach einem ruhigen, abgeschiedenen Ort suchen, um in sympathischer Umgebung ernsthaft zu arbeiten. Hier gibt es so viel Inspiration.“

Endlich erhellte ein Funken Aufrichtigkeit Antheas Gesicht. Darina erinnerte sich an die Begeisterung, mit der der schwedische Bildhauer Björn Björnson vom Leben in der Provence gesprochen hatte. „Sind Sie selbst auch Künstlerin?“, fragte sie.

Etwas leuchtete in ihren gesprenkelten Augen auf, aber ihre Lippen verzogen sich missbilligend. „Ich würde mich nicht wirklich als Künstlerin bezeichnen. Ich bin Töpferin.“ Sie lächelte zögerlich. „Der Laden ein paar Türen weiter verkauft ein wenig von meiner Arbeit.“

„Toll, wir werden hingehen und einen Blick riskieren, sobald wir mit den Einkäufen fertig sind.“

Anthea sah sofort besorgt aus, aber sie war an der Reihe, bedient zu werden, und einige Minuten darauf verabschiedete sie sich knapp von Darina und huschte aus dem Laden, während sie besorgt auf die Uhr sah.

Darina kaufte Stücke der beiden Käsesorten und die Flasche Rotwein, die William ausgesucht hatte. Dann, nachdem sie ihm von ihrer Unterhaltung mit Anthea erzählt hatte, fand sie einen Souvenirladen in der Nähe. Besonders auffällig waren Gegenstände passend zur örtlichen Veilchen-Industrie, aber im hinteren Teil fanden sie eine Auslage mit Töpferwaren.

„Was hältst du davon?“, fragte Darina, während sie auf Teller, Schüsseln und Tassen blickten.

„Ganz ähnlich wie die Frau selbst, gewöhnlich, aber erfüllt einen Zweck.“

„Liebling! Das ist überhaupt nicht nett!“

„Wolltest du, dass ich nett oder ehrlich bin?“

William war offensichtlich erpicht darauf, zu ihrem Ausflug aufzubrechen, aber als Darina sich wegdrehte, kam die Ladenbesitzerin auf sie zu und bot ihre Hilfe an. Darina beschwor ihre dürftigen Französischkenntnisse. „C’est les oeuvres de Madame Pemberton?“, fragte sie und deutete auf die Töpferwaren.

Madame Pemberton?“, wiederholte die Frau und wirkte verdutzt. Dann erhellte sich ihr Gesicht. „Mais non“, und mit einem Strom aus schnellem Französisch führte sie sie durch den Laden zu einer Auslage, die sie übersehen hatten. Mit einer Handbewegung deutete die Ladenbesitzerin auf die wenigen Gegenstände, die das Regal zierten.

„Sie sagt, dass das im Moment alles ist, was sie von Madame Pembertons Arbeit hat“, übersetzte William.

„Anscheinend verkauft es sich gut, ihr wurde in ein paar Tagen Nachschub versprochen.“

„Na also!“, sagte Darina mit einem Hauch von Triumph. „Was hältst du jetzt von Anthea?“

„Ich bin einigermaßen geläutert.“

In dem Regal standen eine Schüssel, ein Krug und ein großer Teller; ihre fließenden Linien wirkten stilsicher und mehr noch, die großzügigen Kurven versprachen, dass sich der Verzehr von alledem lohnte, was in diesen Gefäßen serviert wurde. Aber die Lasur war das auffälligste Merkmal: Ein sanfter Grauton, durchzogen mit blau, es wirkte verschwommen, phosphoreszierend, suggerierte Tiefe und ein mysteriöses, verborgenes Muster.

„Anthea sagte, sie wäre keine Künstlerin, aber die hier sind wunderschön!“

William stimmte zu.

„Wir müssen ein Teil kaufen.“

Er drückte seine Zustimmung im Ton eines Mannes aus, für den alles akzeptabel war, solange es bedeutete, dass es weiterging.

„Du wirst ihn lieben“, versprach Darina und nahm den Krug. Sie stellte sich vor, wie er mit weißen Rosen oder Narzissen aussehen würde. Er wäre auch perfekt für Milch oder Vanillesoße.

Wenig später standen sie wieder auf dem Platz, die Sonne schien hell durch die Blätter der Bäume. Darina hielt den Krug fest, der in Papier gewickelt war.

„Warum gönnen wir uns nicht einen Kaffee?“, schlug William vor und nahm ihr die Plastiktüte mit dem Käse und dem Wein ab.

„Ich dachte, du wolltest weiterkommen!“

„Na ja, will ich, aber eine Tasse Kaffee davor wäre schön.“

Für Darina bedeutete das, dass es sich lohnte, etwas zu sich zu nehmen, während durch Souvenirläden zu bummeln Zeitverschwendung war. Sie folgte ihm über den Platz und in eine vielbefahrene Straße, die von Vence nach Grasse führte, in ein Café mit Bar.

Sie ließen sich an einem Tisch vor einem breiten Panoramafenster nieder, das es ihnen ermöglichte, die warme Sonne zu genießen, ohne draußen unter der frischen Brise zu leiden. Außerdem hatten sie einen guten Blick auf die Straße und den Platz. Ein Sitz in der ersten Reihe, um das Kommen und Gehen in Tourettes-sur-Loup zu beobachten.

Es war allerdings nicht die Dorfkulisse, die Darinas Aufmerksamkeit auf sich zog. Im hinteren Teil des Cafés entdeckte sie Anthea. Nicht nur Anthea: Ihr gegenüber, mit dem Rücken zum Fenster, saß eine Gestalt, die genau wie Bernard aussah. Darina war schon halb aufgestanden, um ihnen zu winken, bemerkte dann aber die aggressive Haltung des Mannes und den gänzlich unglücklichen Ausdruck in Antheas Gesicht.  Sie setzte sich wieder, ohne auf sich aufmerksam zu machen. „Wenn wir nicht schon bestellt hätten, würde ich vorschlagen, dass wir gehen“, sagte sie leise zu William, der mit Begeisterung die vorbeiziehenden Massen beobachtete.

„Was?“

Sie deutete unauffällig zu dem hinteren Tisch. „Irgendetwas sagt mir, dass sie lieber nicht gestört werden wollen.“

William beobachtete das Paar kommentarlos, während der Kaffee gebracht wurde. „Ich sollte keine voreiligen Schlüsse ziehen“, sagte er, als er die Tasse anhob. „Sie haben sich wahrscheinlich zufällig getroffen. Helens Hof ist nicht so weit weg.“

„Nein“, sagte Darina nachdenklich. „Helen wohnt Richtung Grasse und Anthea hat mir eben erzählt, dass sie bei Vence lebt, in der entgegengesetzten Richtung. Tourettes liegt praktischerweise in der Mitte.“

„Na, na, na!“, warnte William. „Genieß deinen Kaffee, sieh mir in die Augen und sag mir, dass du mich liebst.“

Darina gluckste vor Lachen, tat, wie ihr geheißen, und vergaß das andere Pärchen. Bis sie im Augenwinkel eine Bewegung bemerkte. Bernard war aufgestanden und hatte sich über den Tisch gebeugt. Er stützte sich mit den Händen ab, während er sich zu Anthea hinüberlehnte. Es war unmöglich zu verstehen, was er sagte, aber sein ganzer Körper war starr vor irgendeinem unterdrückten Gefühl. Dann drehte er sich vom Tisch weg und ging mit großen Schritten hinaus.

Er kam dicht an ihnen vorbei, sein Gesicht war wuterfüllt, aber Darina und William hätten außerirdische Eindringlinge vom Mars sein können und er hätte sie nicht bemerkt. Darina sah zurück zu Anthea, die immer noch an dem kleinen Tisch saß. Ein kalter Schauer durchfuhr sie, als sie Antheas Gesicht sah. Es war zu einer Maske verzerrt, mit der sie nicht wiederzuerkennen war. Es war nur für einen kurzen Augenblick so, dann senkte die Frau ihren Blick auf die Kaffeetasse, die vor ihr auf dem Tisch stand, und ihre Züge nahmen wieder das normale, ermattete Aussehen an.

Das laute Hupen eines Autos ließ Darina auf die Straße draußen blicken. Bernard durchquerte rücksichtslos den Verkehr und verursachte Chaos. Hastig wurde in die Bremsen gestiegen und manche Fahrzeuge mussten ausscheren, um ihn nicht zu überfahren. Die Fahrer riefen seinem gleichgültigen Rücken Verwünschungen hinterher. Einen Augenblick später hatte er sein Auto erreicht, das nicht weit vom Dorfplatz entfernt parkte. Mit quietschenden Reifen fuhr er unerbittlich auf die Straße Richtung Grasse und ließ in seinem Kielwasser noch mehr Chaos zurück.

Darina sah wieder zu Antheas Sitzplatz. Sie schien den Krach draußen nicht bemerkt zu haben und starrte immer noch auf die Tasse. Dann zogen sich ihre Lippen zu einem dünnen Strich zusammen. Sie fischte einen Geldbeutel aus ihrer Tasche, die auf dem Stuhl neben ihr lag, warf etwas Geld auf den Tisch, nahm ihre Sachen und verließ das Café. In ihrem Gesicht lag Entschlossenheit, ihr Blick wich nicht nach links oder rechts ab.

 

Die Gorge fesselte Darina und William. Die steilen Hänge fielen beinahe senkrecht zum Fluss Loup hin ab, der am Boden eilig durch Windungen und Kurven strömte. An einer geschützten Stelle veranstalteten sie ihr Picknick und genossen die Sonne. Dann erkundeten sie ein winziges Dorf neben einer schwindelerregenden Klippe und kauften mehrere Stücke Seife aus Olivenöl. Darina sog den zarten Duft ein. Sie ignorierte die ätherischen Öle mit aufdringlich süßlichem Duft, die ebenfalls zum Verkauf standen.

„Wie kommt es“, fragte sie, als sie sich auf den Rückweg zum Auto machten, „dass die Essenz mancher Pflanzen absolut himmlisch ist, während andere furchtbar riechen? Rosen zum Beispiel. Im Garten riechen sie wunderbar, aber in der Flasche katastrophal. Hat das etwas mit den Herstellungsmethoden zu tun?“

„Das hängt eher vom persönlichen Geschmack ab, meinst du nicht? Es gibt offensichtlich eine Nachfrage nach Rosenöl, oder wie auch immer das genannt wird. Nicht jeder hält den Geruch für katastrophal. Für Essen gilt ganz sicher dasselbe. Gibt es nicht Menschen, die Olivenöl verabscheuen und lieber welches aus Mais oder Sonnenblumenkernen benutzen? Kutteln zum Beispiel – hast du mir nicht erzählt, dass sie eines der wenigen Nahrungsmittel sind, die du nicht leiden kannst? Trotzdem werden dir zehntausende Franzosen erklären, dass du falsch liegst. Und was ist mit der religiösen Ablehnung von Lebensmitteln?“

„Das ist jetzt aber etwas völlig anderes. Es gibt gute Gründe für verbotene Lebensmittel. Oder es gab sie mal.“

„Wie etwa das Essen von Menschenfleisch zu verbieten, für den Fall, dass man mal selbst für den Topf bestimmt wird?“

„Bleib ernst!“

„Ich meine das ernst. Das ist wie bei Mord – und eigentlich auch bei Inzest. All unsere strengen Verbote sind im Grunde Schutzmaßnahmen. Diese verbotenen Handlungen gefährden alle den Fortbestand der Menschheit. Das hat nichts mit Hygiene oder tiefgründigen, philosophischen Wahrheiten zu tun.“

„Das ist zu sehr vereinfacht, du kannst nicht einfach Moralfragen außen vor lassen“, protestierte Darina.

Während sie fröhlich über die Gründe gesellschaftlicher Entwicklung diskutierten, erreichten sie ihr Auto und fuhren mit ihrer Erkundung fort.

Viel später am Nachmittag, als die Wärme der Sonne schon nachließ, saß Darina am Steuer. Als sie wieder auf die Hauptstraße stießen, bog sie Richtung Grasse ab. „Hättest du etwas dagegen, bei Helen und Bernard vorbeizuschauen?“, fragte sie.

Ihr Ehemann stöhnte leicht. „Ich nehme an, deine Neugier über den Zwischenfall heute Vormittag muss gestillt werden.“ „Nichts dergleichen, Liebling! Was immer Bernard da treibt geht mich nichts an. Nein. Erinnerst du dich daran, was er neulich über die Verarbeitung der letzten Olivenernte gesagt hat? Ich will die Mühle unbedingt in Aktion erleben. Außerdem hat Helen vergessen, mir diese Flasche Olivenöl zu geben, die sie mir versprochen hat. Und wir könnten einen Tag ausmachen, an dem sie zum Mittagessen zu uns kommen.“ Sie bog Richtung Helens Hof ab. „Und spar dir diesen Blick!“

William entschuldigte sich dafür, dass er nicht angemessen von seiner Frau verzaubert ausgesehen hatte.

Als sie in La Chenais ankamen, parkte Darina den Wagen auf dem unebenen Untergrund vor der alten Holzhütte, die zur Garage umfunktioniert worden war. Das Tor stand offen und innen war ein ramponierter Citroën zu sehen, den sie zuletzt stürmisch vom Platz in Tourettes davonfahren sah. Der BMW, der bei ihrem Mittagessen auch dort gestanden hatte, und Stephens großer Volvo waren nirgends zu sehen.

Darina benutzte den eisernen Türklopfer. Niemand öffnete. Das quadratische Steingebäude lag still da, die Fensterläden waren geschlossen, um das Innere vor der Sonne zu schützen.

Darina klopfte noch einmal, lauter. William lehnte am Auto. Er wirkte gleichgültig und geduldig. Von Jacques Duvals Hof drang ein schwaches Traktorengeräusch herüber.

Darina sagte: „Helen kann nicht zuhause sein, ich gehe nach hinten zur Mühle.“

Sie ging seitlich um das Haus herum und durch zum Innenhof. Der Tisch, an dem sie neulich zu Mittag gegessen hatten, war leer, ohne Tischdecke oder andere Dekoration.

Darina betrachtete erneut die Mühlsteine der alten Mühle in der Ecke. Der Mechanismus war verrostet und unbrauchbar. Dann horchte sie auf. Zwischen dem musikalischen Zirpen der Zikaden in den Olivenhainen hörte sie ein mechanisches Geräusch, das Rattern irgendeiner Maschine.

Sie ging auf die Mühle zu. „Bernard? Darina hier, bist du da?“

Die Sonne war draußen so hell, dass es ihr schwerfiel, ins Innere der Mühle zu blicken. Das Rattern der Maschinen war jetzt lauter. Es war der Oliven-Zerkleinerer, seine kleinen, scharfen Messer blitzten auf, während sie sich vor und zurück bewegten und die Oliven zu Brei zerhäckselten. Unter dem frischen Duft der Oliven lag noch etwas anderes in der Luft, ein metallischer Geruch, der sich in Darinas Rachen verfing.

„Bernard?“, rief sie noch einmal.

Ihre Augen gewöhnten sich an die Lichtverhältnisse, sie erblickte ihn, wie er sich über einen der großen Bottiche beugte.

So dachte sie zumindest, bis sie bemerkte, dass die Gestalt viel zu reglos war. Dann bemerkte sie seine Hände.

„William!“, schrie sie mit hoher, schiefer Stimme als sie auf den Bottich zustürzte.

Er kam zu spät, um ihr noch helfen zu können, Bernards schweren, toten Körper aus dem Öl-Bottich zu ziehen.

Er war wirklich tot. Bei dem Blick in sein aufgedunsenes, dunkles Gesicht war ihr beinahe das Herz stehengeblieben. Es schwamm im goldenem Öl, die Augen waren hervorgetreten, als würden sie gleich aus ihren Höhlen fallen, um sie von seinem Zustand zu überzeugen.

Doch sie zerrte immer noch an seiner Leiche, etwas sagte ihr, dass sie ihn nicht dort liegenlassen konnte, mit dem Öl, das an seine Ohren und über seine Augen schwappte und ihm in Nase und Mund drang.

Mit einer letzten Anstrengung zog sie ihn aus dem Bottich und er landete mit einem dumpfen Aufprall auf dem Boden. Der Körper lag steif da, unnatürlich zu einem spitzen Winkel verbogen. Öl sickerte aus den Schultern von Bernards blauem Jeansoverall, ergoss sich von seinen geschwollenen Füßen in eine Pfütze und tropfte aus seinem sandfarbenen Haar, das davon ganz dunkel und verklebt war und in Klumpen um seiner kahlen Kopfhaut lag, die glänzte wie ein Salat mit reichlich Dressing.

Öl zierte jetzt auch die Vorderseite von Darinas Sweatshirt und ihrer Hose und ihre Hände trieften davon.

William ging in die Hocke und tastet nach einem Puls. Darina wusste, dass das eine aussichtslose Übung war. Darina schloss die Augen und atmete dankbar den frischen Rasierwasser-Duft ein, der von ihrem Ehemann aufstieg und kurz den Geruch von Tod und geronnenem Blut dämpfte, der so durchdringend in der Luft lag.

„Tot.“ William richtete sich auf, packte seine Frau und zog sie an seine Lederjacke. „Es tut mir leid, Liebling.“

„Seine Finger“, stöhnte Darina, hielt ihre Augen fest verschlossen und vergrub ihr Gesicht an seiner warmen, atmenden Brust. Ihr Körper zitterte.

Für einen Augenblick standen sie so da, bis sie spürte, wie ihre Beherrschung zurückkehrte. Mit einem leichten Seufzer machte sie sich aus Williams Umarmung los. Die öligen Flecken, die sie auf seiner Jacke hinterlassen hatte, bemerkte sie kaum. Seine Hände zögerten, sie gehen zu lassen. „Geht es dir gut?“, fragte er und suchte mit seinem Blick ihr Gesicht.

Sie nickte. „Was ist passiert?“, flüsterte sie. „War das ein Unfall?“ Widerwillig zwang sie sich dazu, auf die Maschine zu blicken, die im Hintergrund immer noch arbeitete. Die Abdeckung war nicht an Ort und Stelle. Sie sog schaudernd die Luft ein, als sie bemerkte, dass die geflieste Wand dahinter mit dunklen Bröckchen bespritzt war.

William beugte sich wieder über Bernards Leiche, untersuchte die untersetzten Finger, die jetzt noch kürzer waren, zerfleischt und blutverkrustet. Darina schien es, als würde der Blutgeruch jetzt stärker als zuvor von dem vor sich hin grummelnden Zerkleinerer aufsteigen. „Wie ist er nur mit den Händen in diese Maschine geraten?“ Ein viel zu lebhaftes Bild entstand vor ihren Augen. Bernard, der sich irgendwie mit seinen Fingern in der tödlich scharfen Ausrüstung verfing, sich befreite und dann blind vor Schock stolperte und in den Bottich stürzte. In Öl ertrunken, wie der arme Clarence in diesem Malmsey-Fass. Aber Clarence war nicht gestürzt, man hatte ihn gestoßen.

„Stell sie aus!“ Ihre Stimme war ein raues Flüstern.

William tat keinen Schritt in Richtung der Schalter neben der Eingangstür. Stattdessen beugte er sich abermals über die Leiche. Seine Finger teilten vorsichtig den klebrigen Haarkranz am Hinterkopf des Gesalbten und Darina sog scharf die Luft ein, als sie die aufgeplatzte Haut erblickte.

„Ich fürchte, es sieht nicht nach einem Unfall aus.“ Seine Stimme war düster. „Wir sollten nichts mehr anfassen.“

Darina spürte, wie der Schreck durch ihren Körper schoss. Ihr Geist verlangte schreiend nach Schlussfolgerungen, die die offene Wunde an Bernards Hinterkopf mit einem anderen Unfall erklärte, alles nur nicht das, was William andeutete. Der ruhelose, eindringliche Krach der Maschine wurde zu viel. Sie ging mit großen Schritten zur Wand.

„Nicht!“ Williams Stimme war scharf, der Ton eines Polizisten. Im nächsten Augenblick stand er neben ihr, packte ihren Arm mit einer Hand und hielt sie behutsam, aber bestimmt davon ab, den Schalter zu erreichen. „Wir müssen alles so belassen, wie es ist. Das musst du doch verstehen.“

Sie keuchte schluchzend und er zog sie wieder an seine Brust. Er legte seinen Kopf an ihren und streichelte ihren Rücken. „Es tut mir leid, Liebling, aber du verstehst es, oder?“

Das tat sie, nur zu gut.

Mit einem Seufzen löste sie sich von ihm und machte sich daran, die Mühle zu verlassen, die jetzt ein Leichenschauhaus war. Dann hörte sie Helens Stimme rufen, „Bernard? Bist du da?“, und vernahm das Klackern ihrer Absätze auf den Steinplatten des Innenhofes.

Kapitel Sechs

William und Darina versuchten, Helen daran zu hindern, die Mühle zu betreten, aber sie bestand darauf.

Sie klammerte sich an Darinas Hand, als sie sich dem seltsam verbogenen Körper näherte und hielt einen Schritt davor an. Sie schien das geschwollene Gesicht und die verstümmelten Finger erst gar nicht zu bemerken, denn erst nach einer Pause hörte Darina, wie sie erschrocken einatmete. Ihr Griff wurde krampfhaft fester, dann ließ Helen sie los und stürzte neben der Leiche zu Boden. „Bernard!“, schrie sie, zerrte an seinem Overall, öffnete die Vorderseite und schob ihre Hand hinein. Sie neigte ihren Kopf hinunter, als wollte sie nach einem Herzschlag horchen.

Darina eilte hinüber und packte sie an den Schultern. „Lass ihn, Helen, du kannst nichts mehr tun.“

„Nein“, stöhnte Helen, und riss sich los. „Er kann nicht tot sein.“ Noch einmal tastete sie im Inneren des Overalls.

„Ich fürchte, das ist er.“ Darina trat zurück und sah zu William.

„Du solltest ihn nicht berühren“, sagte er und legte eine Hand auf Helens Schulter.

Langsam zog sie ihre Hand von Bernards Brust zurück, setzte sich auf die Hacken und schob die Hände tief in ihre Seitentaschen, als könnte sie ihnen nicht zutrauen, sich zurückzuhalten. Ihr Blick fiel wieder auf Bernards Hände. Sie biss sich auf die Lippe und würgte. Unbeholfen hielt sie eine Faust vor den Mund, erhob sich vom Boden und eilte hinaus.

Darina fand sie unkontrolliert schwankend an der alten Mühle lehnend. Eine Hand klammerte sich an die Kante des Gefäßes, als würde sie ohne die Unterstützung zu Boden sinken.

„Oh“, stöhnte sie, als Darina ihren zitternden Körper festhielt. „Sag mir, dass es nicht wahr ist.“

Sanft führte Darina sie ins Haus. Sie ging mit der unregelmäßig stöhnenden Helen ins Badezimmer im Erdgeschoss und half ihr, ihren Mund auszuspülen, ihr Gesicht mit frischem Wasser zu benetzen und dann ihre Hände zu waschen. Danach wusch sie das Öl ab, dass immer noch ihre eigenen Hände verschmierte.

Als sie ins Wohnzimmer zurückkehrten, hatte William bereits die Polizei gerufen. „Sie werden in Kürze hier sein“, sagte er, als Darina Helen auf dem Sofa absetzte, zum Herd ging und Wasser aufsetzte.

„Warum bin ich nur ausgegangen?“, stöhnte Helen, als Darina mit einer Tasse heißem, süßem Tee zurückkehrte.

„Wann hast du das Haus verlassen?“ William hatte irgendwo ein Stück Papier und einen Bleistift gefunden. Darina realisierte schweren Herzens, dass er sich Notizen machen würde.

„Ich weiß nicht, zehn Uhr?“ Helen betrachtete die Teetasse, als könnte sie nicht erkennen, was es war. Abgelenkt ließ sie eine Hand über ihre Stirn gleiten. „Nein, es war später. Bernard hatte schreckliche Laune, beschwerte sich, dass wir uns nie zu sehen bekommen, dass ich immer entweder unterwegs oder am Arbeiten wäre.“ Haarbüschel fielen aus ihrer Hochsteckfrisur. Die Schminke um ihre Augen war verschmiert, und Spuren aus Wimperntusche befleckten ihre Wangen. Ihr Anzug, ein schicker, leichter, beiger Zweiteiler, den sie über einem weißen Seidenpullover trug, hatte Ölflecken und Wasserspritzer abbekommen. Sie kauerte sich in die Kissen, wie ein Hund, der versucht, sich einen Rückzugsort zu graben. Helen sah zerzaust und verletzlich aus.

„Wo bist du hingegangen?“ Helen versteifte sich, als würde sie in der leisen Frage eine implizite Drohung ausmachen.

„Nach Nizza, für einen Einkaufsbummel.“ Ihre Stimme war abgehackt, defensiv.

„Was für Einkäufe?“

„Was tut das zur Sache?“, stieß Helen aus. Panik, Aggression und Gereiztheit schwangen in ihrer Stimme mit. „Wie soll ich an irgendetwas anderes denken als an das, das Ding da draußen. Ich kann es nicht Bernard nennen – das ist nicht er, ganz und gar nicht er.“

Darina setzte sich neben sie und nahm ihre Hand. Sie war kalt und zitterte. Sie rieb sie sanft zwischen ihren warmen Händen. „Liebling, Helen ist aufgebracht, musst du sie dem jetzt aussetzen?“

„Die französische Polizei wird alle ihre Bewegungen wissen wollen.“

„Kannst du ihnen dann nicht die Befragung überlassen?“

„Wenn ich die Einzelheiten kenne, kann ich vielleicht helfen.“

„Helfen? Warum sollte ich Hilfe brauchen?“ Helens Panik nahm jetzt deutlich überhand. „Ich habe dir gesagt, dass ich in Nizza war, ich weiß nicht, was hier passiert ist.“

„Hast du in Nizza irgendjemanden getroffen?“

Helen starrte ihn an. „Jemanden getroffen? Ich verstehe nicht, warum stellst du all diese Fragen?“ Sie griff sich in ihr Haar, packte die heruntergefallenen Strähnen, wie eine Hausfrau, die abgelegte Unterwäsche aufliest. Ihre Finger zitterten, als sie die Haarnadeln löste und dann eine als Kamm benutze. Wie automatisch richtete sie ihre Hochsteckfrisur.

„William, kannst du es nicht gut sein lassen? Wird Helen nicht natürlicher klingen, wenn sie nicht schon durch die Mangel gedreht wurde, ehe die Polizei eintrifft?“ William warf ihr einen scharfen Blick zu.

Gegen ihre eigene Unruhe ankämpfend wandte sich Darina an ihre Freundin. „Helen, ohne Anwalt musst du niemandem antworten. Weder William, noch der französischen Polizei. Wer ist hier der britische Konsul? Sollten wir ihn nicht anrufen?“ Sie sah kühl zu ihrem Ehemann. „Würde das Helen nicht viel mehr helfen, als sie zu fragen, was sie heute getan hat?“

Er legte Stift und Papier weg. „Soll ich das übernehmen?“, fragte er Helen sanft.

Langsam rannen Tränen über ihr Gesicht. Sie legte den Kopf in ihre Hände und ihr Körper schien zusammenzufallen. „Ich weiß nicht, was ich tun soll“, jammerte sie. Plötzlich erhob sie sich und eilte die Treppe hinauf, ihre hochhackigen Schuhe stolperten über das polierte Holz.

„Jetzt schau dir an, was du angerichtet hast!“, sagte Darina.

„Du weißt genau, was das Problem ist“, erwiderte er.

„Ich weiß nur, dass Helen meine Freundin ist.“

„Und ich bin Polizist.“

Darina erhob sich vom Sofa und durquerte wütend den Raum. „Hier nicht. Wir sind in Frankreich, weißt du noch? In unseren Flitterwochen!“ Sie hielt bei einem großen Fenster an, das auf den Hof und durch die Lücke in der Mauer aufs Mittelmeer blickte. Das sonnige Mittagessen, das sie vor Kurzem mit Helen und Bernard geteilt hatten, schien in eine andere Welt zu gehören. „Du hältst sie für schuldig, oder?“ Darina stieß die Worte abgehackt aus. Sie wirbelte herum und sah ihn an.

Das Licht fiel direkt in Williams Gesicht. Sein Ausdruck distanzierter Zurückhaltung ließ sie frösteln. „Ich habe keine Beweise, weder für ihre Schuld, noch für ihre Unschuld“, sagte er.

„Aber du glaubst, sie könnte es sein!“ Für Darina reichte das.

Er überraschte sie. „Du nicht auch?“

„Sie ist meine Freundin!“

Er stand auf und kam zu ihr, schlang seine Arme um sie und zog sie dicht zu sich. „Liebling, Freundschaft ist eine tolle Sache, aber du darfst dich davon nicht blenden lassen.“

„Freundschaft ist nichts wert, wenn man so leicht zweifelt.“ Darinas Körper blieb trotz seiner Umarmung starr. „Wie hätte Helen überhaupt Bernards Hände in die Maschine drücken können?“, forderte sie ihn heraus. „Denn das muss der Mörder getan haben.“

„Sie sieht gewiss nicht so aus, als wäre sie dazu in der Lage“, räumte er ein. „Aber du wärst sicher die erste, die eingesteht, dass die meisten Köchinnen stark sind. Ihr müsst doch ständig Fleisch zerhacken“, fügte er in einem fehlgeleiteten Versuch hinzu, lustig zu sein. Darina löste sich aus seiner Umarmung. „Mein Liebling, ich sage nicht, dass sie schuldig ist, ich weise nur auf das hin, was die französische Polizei ziemlich sicher unterstellen wird. Du kennst die Statistiken, weißt, wie oft der liebste und nächste Mensch des Opfers der Täter ist. Wir können Helen nur helfen, wenn wir die Wahrheit kennen.“

„Sie hatte nichts mit Bernards Tod zu tun“, sagte Darina hartnäckig und erwiderte seinen Blick mit unbeugsamem Trotz. Sein Seufzen schien ihr aus erschöpfter Geduld zu entspringen, was sie wie ein Schlag traf.

Darina drehte sich abrupt um und rannte die Treppen hinauf, um Helen zu suchen.

Sie fand sie in ihrem Schlafzimmer, wo sie vor einer alten Truhe kniete. Der Fußboden war von Papieren übersäht.

Einen Augenblick lang stand Darina in der Tür und beobachtete mit Erstaunen, wie Helen einen weiteren Stapel Dokumente herausnahm und sie durchblätterte. Einzelne Seiten entglitten ihren Händen und schwebten zu Boden.

„Was tust du da?“

Ein ganzes Bündel Unterlagen fiel zu Boden. Helen packte es und blätterte weiter.

Darina kam auf sie zu. „Was in aller Welt suchst du da?“

„Bernard sagte, er würde ein Testament machen.“ Helen klang abgelenkt und ihre Hände tauchten tief in die Truhe ein.

Mit einem verblüfften Blick auf ihre Freundin kniete Darina sich neben sie auf den Boden.

Die Unterlagen bestanden aus der üblichen Sammlung, die in einem Leben zusammenkam: Versicherungsbriefe, Aktienzertifikate, Briefe von Börsenmaklern und Bankiers, Kontoauszüge aus verschiedenen Quellen, Rechnungen, Quittungen, Forderungen des Finanzamts und eine große Vielfalt von Korrespondenz aus allen Teilen der Welt. All das mochte mal seine Ordnung gehabt haben, aber jetzt würde es eine beachtliche Zeit brauchen, es wieder zu sortieren. Darina machte sich daran, alles zusammenzusammeln, und bemerkte bestürzt, dass ihre Hände zitterten.

„Lass das“, sagte sie schroff. „Die Polizei wird bald hier sein.“

Helens Frisur zerfiel wieder. „Ich verstehe es nicht“, sagte sie, während sie sich durch die kleinen Stapel wühlte, die Darina erstellt hatte, und sie damit wieder durcheinanderbrachte. „Ich bin sicher, dass er gesagt hat, er hätte ein Testament gemacht. Ich muss wissen ...“ Ihre Stimme erstarb, als würde ihre Kraft für etwas anderes als zum Reden gebraucht, aber sie hörte auf, die Papiere zu durchforsten.

„Lass mich dir aufhelfen.“ Darina ließ eine Hand unter Helens Arm gleiten und versuchte, sie hochzuziehen.

Aber der Arm wurde weggerissen, als Helen ihre Arme um sich legte. Ihr Gesicht wirkte aufgelöst, wie das eines Schneemannes bei Tauwetter. „Oh, Darina“, klagte sie, „was mache ich nur?“ Tränen rannen ihr übers Gesicht.

Darina war entwaffnet und hielt Helen in einer warmen Umarmung. „Alles ist gut“, versuchte sie zu beruhigen. „Ich weiß, dass es scheußlich ist. Wir müssen uns einfach eine Sache zur Zeit vornehmen.“ Für einen flüchtigen Augenblick erinnerte sie sich daran, dass ihr Ehemann, der Detective, unten wartete. „Zuerst müssen wir das hier aufräumen.“ Sie ließ Helens starren Körper los und versuchte erneut, die verschiedenen Unterlagen zu Stapeln zusammenzuräumen. „Wie wird das denn für die Polizei aussehen, wenn du bei ihrer Ankunft auf der Suche nach Bernards Testament bist?“

Helen wischte sich mit einer Hand übers Gesicht und verschmierte ihre Wimperntusche noch mehr. „Oh Gott, Darina, ich kann nicht mehr klar denken. Dafür können sie mich doch nicht festnehmen. Ich meine, sie haben überhaupt keinen Grund mich festzunehmen, oder? Ich war nicht hier.“

„Und wo warst du?“ Darina hob die Unterlagen zurück in die Truhe. Helen hatte darin nur ein paar verstreute Fotos zurückgelassen. Bernard sah fröhlich zu ihr hinauf, während sie Zertifikate, Kontoauszüge und Briefe so ordentlich wie möglich zurückpackte und damit den jungen Mann in Armee-Uniform verdeckte, genauso wie den etwas älteren Bernard, am Steuer eines teuren Sportwagens aufgenommen, Bernard am Ruder einer Yacht, Bernard mit einer Reihe attraktiver, junger Frauen. Der Anblick von ihm in der Mühle ließ sich nicht so leicht auslöschen.

Helen saß zusammengesunken am Bettende, beobachtete Darina mit trübem Blick und hatte immer noch die Arme vor ihrer Brust verschränkt.

Darina sammelte die letzten Zettel ein, legte sie zu der Unordnung in der Truhe und schloss den Deckel. „So“, sagte sie so fröhlich sie nur konnte. „Das sieht schon besser aus. Also, wo warst du heute?“ Sie würde sich nicht mal im Stillen eingestehen, dass Williams Verdacht vielleicht gerechtfertigt war. Aber wie er gesagt hatte, würde Helen ohne Zweifel ihre Handlungen gegenüber der französischen Polizei darlegen müssen, da half es ihr vielleicht, es zuerst Darina zu erzählen.

„Ich war in Nizza, zum Einkaufen.“ Helen wiederholte lustlos ihre vorherige Aussage.

„Was hast du gekauft?“

Helen sah weg. „Nicht sehr viel, ich konnte nicht finden, was ich wollte.“

„Aber du hast etwas gekauft?“

Sie nickte. „Ein paar Nüsse. Ich habe sie in der Küche auf die Arbeitsplatte gelegt, als ich reinkam. Sie müssen noch da sein.“

„Du sagtest, du seist um halb elf aufgebrochen? Dann musst du um die fünf Stunden in Nizza verbracht haben – und du hast nur Nüsse gekauft?“

Feindseligkeit flammte für einen kurzen Moment in ihrem trüben Blick auf, Feindseligkeit und etwas anderes, das Darina nicht identifizieren konnte oder wollte. „Na und? Ich wollte ein neues Kleid kaufen. Ich war in einem Laden nach dem anderen, konnte aber nichts finden, was mir gefiel. Also habe ich irgendwann aufgehört. Ist dir so etwas noch nie passiert?“

Darina sah auf die am Boden zusammengesunkene Gestalt ihrer Freundin, ihre Kleindung saß unordentlich, die Haare fielen in ihr verschmiertes Gesicht, ihre Lippen wirkten aufmüpfig. Ja, natürlich hatte sie schon erfolglose Einkaufstouren hinter sich; vielleicht wäre es sogar seltsamer gewesen, wenn Helen jede Minute ihres Tages hätte nachweisen können. „Wir müssen dich wieder herrichten“, sagte sie sanft und streckte eine Hand aus, um der Frau vom Boden aufzuhelfen.

„Ich schaff’ das schon.“ Umständlich richtete Helen sich auf und ging ins angrenzende Badezimmer. Sie schloss die Tür auf eine Weise hinter sich, die klar machte, dass sie alleingelassen werden wollte.

Darina blieb zurück und sah sich in dem stillen, luxuriösen Zimmer um, das sich Helen mit Bernard geteilt hatte. Balken liefen im Stil einer Mansarde an der Decke und den Wänden entlang, ein Teppichboden mit niedrigem Flor bedeckte den Fußboden und da stand ein poliertes, mit Chintz bezogenes Sofa. Hatte Bernard die militärischen Drucke ausgewählt, die so wirkungsvoll an den Wänden arrangiert waren? Und das antike Bett in Form einer Muschel? Es war so anders, als das riesige Bett in Helens früherem Haus. Wer von ihnen hatte es ausgewählt? Und wie sehr würde Helen Bernard vermissen?

Darina seufzte leise und ging zu einem der Dachfenster hinüber. Es blickte auf den Innenhof. Dort sah sie William, der konzentriert vor dem Eingang zur Mühle stand. Er schien den Innenraum zu begutachten. Aus ihrer Perspektive wirkte seine große Gestalt gestaucht, seine Schultern übertrieben breit. Sie sah, wie er in das Gebäude spähte, bedacht darauf, nicht hineinzugehen und die Beweise nicht noch mehr zu verunreinigen. Er schien absolut konzentriert. Ihr Ehemann, der Detective. In seinen Flitterwochen. Hinter ihr hörte Darina die Toilettenspülung, dann einen laufenden Wasserhahn.

Dann war das schrille Heulen von Sirenen zu hören. Darina sah zu, wie William zügig den Hof durchquerte und ins Haus zurückging. Einige Minuten später tauchte er mit zwei Männern auf, einer mit unscheinbaren Gesichtszügen und in Uniform, der andere in Alltagskleidung, dunkelhäutig und mit einer prägnanten Habichtsnase; beide waren bedeutend kleiner als ihr Ehemann.

William führte sie zur Mühle, und redete mit ihnen. Aber als er sie hineinführen wollte, streckte der Mann in Alltagskleidung einen Arm aus, um ihm den Weg zu versperren, und sagte etwas. Dann verschwanden beide Franzosen in der Mühle und William blieb draußen zurück. Er hatte seine Hände in den Hosentaschen vergraben und seine Schultern waren rebellisch angespannt. Es dauerte aber nicht lange, bis er anscheinend auch hereingerufen wurde, denn mit fliegender Schnelligkeit verschwand er aus ihrem Blickfeld.

Die Badezimmertür ging auf und Helen tauchte mit ordentlicher Frisur und geschminktem Gesicht auf. Sie wirkte ruhig und gefasst. „Habe ich da ein Auto gehört?“, fragte sie.

„Zwei Polizisten sind mit William in die Mühle gegangen.“ Doch eine Bewegung im Hof sprang Darina ins Auge. „Sie kommen gerade wieder raus. Sie gehen zum Haus zurück und einer scheint am Handy zu telefonieren.“

„Wir gehen besser runter“, sagte Helen. Sie schien sich wieder unter Kontrolle zu haben, die einzige Spur der aufgewühlten, verzweifelten Frau, die in ihrem Schlafzimmer Zuflucht gesucht hatte, war die leicht zitternde Hand, mit der sie zur Türklinke griff.

Unten wurde Helen höflich von dem dunkelhäutigen Beamten in Alltagskleidung begrüßt. Der uniformierte Polizist war nach draußen verschwunden. Durch das Fenster konnte Darina sehen, dass er im Polizeiwagen saß und in sein Telefon sprach.

Die Untersuchung von Bernard Barrington Smythes Tod hatte begonnen.

Kapitel Sieben

Terri Rickwood, die beschlossen hatte, Arden genannt werden zu wollen, saß in einem Café auf der Promenade von Antibes in der Sonne. Eine leichte Brise trieb Wolkenfetzen hoch oben über den leuchtend blauen Himmel, und in den leichten Wellen des Meeres dümpelte ein kleines Boot mit einem weißen und einem braunen Segel.

So war ihr Leben in diesem Augenblick, reflektierte Terri verbittert. Sie brauchte Hilfe von außen, eine Kraft, die ihr den Impuls verlieh, um Großes zu erreichen. Sie sank tiefer in ihren Stuhl und starrte düster auf die Reste einer citron pressé und einen Teller mit Kuchenkrümeln. Sie war zwanzig und sah für sich keine Zukunft, es sei denn, ihr Vater würde das Geld ausspucken, das sie für den Laden brauchte. Sie war so in ihre eigenen Gedanken vertieft, dass sie Stephen nicht bemerkte, bis er sich ihr gegenüber hinsetzte.

„Hey, Kopf hoch, so schlimm kann es doch nicht sein!“

Sie schaffte es, zu lächeln. Stephen schaffte es immer, ihre Stimmung zu heben.

„Weigert sich der Alte immer noch, was springen zu lassen?“

„Der beschissene Butler sagte, er sei ausgegangen und es sei ungewiss, wann er zurückkommt.“

„Pech gehabt!“, sagte Stephen der Form halber. „Ich sagte, du sollst anrufen.“

Terri versank wieder in Schwermut. „Dann hätte er auflegen können. Wenn ich einfach auftauche, muss er mit mir sprechen.“

Stephen rief die Bedienung heran und bestellte einen Whisky. Terri sagte, dass sie noch eine citron pressé nehmen würde. „Du solltest dich mit dem harten Zeug etwas zurückhalten, es ist noch nicht mal vier Uhr“, sagte sie.

„Musst du gerade sagen! Willst du mir erzählen, dass du den ganzen Tag noch nicht geraucht oder dich mit Gebäck vollgestopft hast?“

Terri schnitt eine Grimasse. Sie griff neben ihrem Stuhl nach unten und zog einen grünen Rucksack aus Satin herauf, der zu ihrer Bomberjacke passte. Sie holte die kleine Blechdose heraus, die ihr Zigaretten-Zubehör beherbergte. Schweigend rollte sie eine Zigarette und bot sie Stephen an.

Er schüttelte den Kopf. „Nicht jetzt.“

Sie steckte sie sich zwischen die Lippen, entzündete ein Streichholz, steckte den Joint an und lehnte sich mit einem tiefen Zug zurück.

„Wie viel von dem Zeug hast du?“, fragte Stephen plötzlich.

Sein Ton ließ sie hochschnellen. „Nicht viel!“, sagte sie defensiv.

„Also ich würde den Kram loswerden. Wir haben vielleicht eine schwierige Zeit vor uns.“

Terri lehnte den Kopf zurück und inhalierte erneut tief. Sie konnte schon spüren, wie sich ein Teil ihrer Anspannung löste. „Was meinst du?“

Ihr Blick erfasste ihn, während er dasaß und auf ihre Getränke wartete. Sie kannte sein Gesicht mittlerweile so gut. Die sanften Konturen faszinierten sie immer noch. Keine Kanten, keine spitzen Knochen, nur seine Nase stach hervor, alles andere war glatt und fließend. Und doch war nichts Feminines an Stephen. Was verlieh seinen Zügen diese Kraft? Waren es das Eis in seinen Augen, so blass, dass sie fast nicht mehr blau waren, oder die schmale Linie seiner Lippen? Dann bemerkte sie das hektische Zucken in der Ecke seines linken Augenlides.

Terri nahm die Zigarette aus dem Mund und reichte sie über den Tisch. „Komm schon, das wird dir guttun, dich entspannen.“

Er sah sie lange an, nahm dann den Joint und zog für ein paar Minuten daran, ehe er ihn zurückgab. „Und, was hast du mit deinem Tag so angefangen?“, fragte er.

Sie zuckte leicht mit den Schultern. „In der Stadt rumgelaufen, ein paar Läden angeschaut.“

„Hast du was zu Mittag gegessen?“

Sie schüttelte den Kopf. „War nicht hungrig.“

Seine Augen waren ein wenig aufgetaut. „Ach was! Du hast immer Hunger. Ich will wissen, ob du Geld brauchst.“

„Ich bin kein Schulmädchen!“, sagte Terri beleidigt. „Ich kann für mich selbst bezahlen. Außerdem hatte ich gerade ne Art Birnentorte“ Die zarte, frische Süße lag ihr noch auf der Zunge. Sie verspürte ein überwältigendes Verlangen, noch ein Stück zu essen, wusste aber, dass Stephen sie hindern würde, etwas Derartiges zu bestellen. „Ich sag dir, die könnten hier unten echt ein paar meiner Klamotten vertragen. Das Zeug, was ich gesehen habe, ist unbeschreiblich konventionell.“ Sie richtete ihren locker gestrickten Baumwoll-Pullover, der nur auf einer Schulter hing und blickte selbstgefällig auf ihre Leggins in Tigermuster hinab. Wer sagt denn, dass Dicke sich nicht modisch kleiden können? Sie war ehrlich enttäuscht, dass ihr Vater sie nicht gesehen hatte. Sie hätte ihn vielleicht zum Lachen gebracht. Wenn sie ihn nur allein erwischt hätte, wäre es möglich gewesen, ihn davon zu überzeugen, dass sie wusste, was sie tat. Dann hätte er ihr einen Scheck ausgestellt, mit dem Emms und sie ihren Laden eröffnen könnten.

Terri verdrängte ihren schönen, kleinen Traum. Ihr Vater würde sich nie verhalten, wie es ein guter Vater tun sollte, mittlerweile wusste sie das.

„Sie wollen, dass ich dich verlasse und bei ihnen bleibe“, sagte sie plötzlich.

Stephens halb geschlossene Augen sprangen auf. „Sie haben mich doch noch gar nicht kennengelernt.“ Sein Ton war sachlich.

„Es liegt nicht an dir, sondern an Bernard.“

Stephen griff über den Tisch nach der Zigarette und nahm noch einen tiefen Zug. „Was hat Bernard mit irgendwas davon zu tun?“ Seine Stimme hatte einen seltsam verträumten Unterton, den Terri auf das Gras schob.

„Jules sagt, dass er dafür verantwortlich ist, dass sie bei Lloyd’s das ganze Geld verloren hat. Sie und Dad bekamen ganz schwache Beine, als sie hörten, dass ich bei ihm wohne.“

„Du wohnst nicht bei ihm, du wohnst bei meiner Mutter.“ Wieder dieser verträumte, losgelöste Ton.

„Er und deine Mutter scheinen sich ziemlich nahe zu stehen.“

Stephen zog noch einmal tief und gab den letzten Rest des Joints zurück.

Der Blick in seinen blassen Augen versetzte Terri einen Stoß – er passte so gar nicht zu seiner Stimme. Da war nichts Verträumtes oder Leidenschaftsloses in seinem Blick, er entfachte geradezu die Luft zwischen ihnen. „Ich habe mich um Bernard gekümmert“, sagte er. „Wir müssen uns wegen ihm keine Sorgen mehr machen.“

Manchmal überkam Terri das Gefühl, Stephen überhaupt nicht zu kennen.

Die Bedienung brachte ihre Getränke. Stephen schüttete Wasser zu seinem Whisky und trank das Glas in einem Zug halb leer. Terri trank einen Schluck von ihrem leicht gezuckerten Zitronensaft und genoss den belebenden Geschmack. „Wie steht‘s bei dir?“, fragte sie. „Hast du Drehorte gefunden?“

„Nichts wirklich Interessantes“, sagte er unbekümmert. Sein Blick war jetzt aufs Meer gerichtet.

„Wie lange wird das noch dauern?“

Stephen schien seine Gedanken aus einer fernen Ecke seiner Psyche zurückzuholen und sah Terri an, als würde er sie zum ersten Mal richtig wahrnehmen. „Wahrscheinlich nur noch ein paar Tage. Komm morgen mit, ich sehe mir ein paar interessante Häuser an. Es sei denn, du willst es noch mal bei deinem Vater probieren.“

„Sinnlos“, sagte Terri verbittert. „Er wird mir das Geld nicht geben, nicht mit Jules’ Einstellung zu dem Ganzen.“ Stephen schien das hinzunehmen.

„Aber Bernard scheint nett zu sein“, fügte sie hinzu.

Stephen verstand ihren Gedankengang genau. „Wenn ich seine Rolle für ein Stück besetzen müsste, würde ich einen Schauspieler wählen, der auf den ersten Blick aufrichtig aussieht, während er eine innere Verderbtheit andeutet.“

Terri dachte daran, wie freundlich Bernard ihr einen Drink eingeschenkt und sich mit ihr unterhalten hatte, als würde er genau verstehen, wie sehr sie sich manchmal davor fürchtete, neue Leute kennenzulernen, weil sie sich fragte, was sie über ihre Figur dachten und über die Tatsache, dass sie nicht schön war. Und obwohl Bernard selbstsicher war, teilte er nicht Jules’ beängstigende Überzeugung von ihrer eigenen Meinung, die ihr Vater so einfach hinzunehmen schien. Dieser unerbittliche Sinn für das, was falsch und richtig ist.

„Du siehst kaum über deine eigene stumpfe Nase hinaus, oder?“, kommentierte Stephen. Sein sanfter Ton nahm den Worten all ihre Schärfe.

„Du hast deine Mutter sehr lieb, oder?“, fragte Terri, fast als würde es ihr gerade erst klar werden.

„Es gibt keine andere wie Mum“, antwortete er schlicht. „Und ich muss sie beschützen.“

„Wovor?“

„Langweilern wie Bernard. Für eine schöne, intelligente Frau hat sie einen schrecklichen Männergeschmack.“

„Jeder redet davon, was Dad für ein skrupelloser Geschäftsmann ist, aber von Jules lässt er sich um den kleinen Finger wickeln.“ Terri trank noch einen Schluck von ihrem Zitronensaft-Getränk. Sie war jetzt völlig entspannt: Sie spürte, wie die Knochen in ihrem Körper herumschwebten, wie Aale in Wackelpudding. Ihr Geist war eine Maschine auf Stand-By, die jederzeit starten konnte. Sie konnte die kleinen Rädchen losrattern hören, als sie fragte: „Wie ist dein Vater so?“

Stephen drehte das Whiskyglas auf dem weißen Tisch und studierte die Kondensationsmuster an der Außenseite, als würde auch er die Rädchen in seinem Hirn anwerfen. „Er hat meiner Schwester und mir viel genommen“, sagte er schließlich. „Er ist Buchhalter und ich nehme an, dass unser Leben sich sehr von seinem unterscheidet. Bei ihm geht es immer darum, Bilanz zu ziehen, sicherzustellen, dass alle Rechnungen aufgehen, egal, ob es dabei um die Karriere, das Liebesleben oder die Jahresendrechnung der Firma geht. Ich schätze“, fügte er nachdenklich hinzu, „es ist kein Wunder, dass sie ihn irgendwann nicht mehr mochte, und ihm sagte, dass er verschwinden soll.“

„Erstaunlich, dass sie ihn überhaupt geheiratet hat.“

„Sie war sehr jung.“

Sollte das eine Entschuldigung für ihre Handlungen sein, oder ihr Benehmen erklären? „Ma sagt immer, dass sie Dad nie geheiratet hätte, wenn sie gewusst hätte, zu was für einem unmöglichen Bastard er werden würde“, sagte sie verträumt. Das Verhalten ihres Vaters schien nicht länger von Bedeutung. Er hatte sie vor langer Zeit verlassen, die Enttäuschung und der Schmerz waren mit ihrer Seele verschmolzen. Aber die Schuld blieb. Und die Liebe. Terri sah zu Stephen hinüber, der mit halb geschlossenen Augen dasaß und anscheinend ganz von den Tauben eingenommen war, die zwischen den Tischen umherwanderten und nach Krümeln suchten. Liebte sie ihn?

Sie hatten sich auf einer Party getroffen, natürlich. Einer dieser großen, ausufernden, unkontrollierbaren Raves, bei dem man alles, was man essen oder trinken wollte, im Auge behalten musste, es sei denn natürlich, es war einem egal, was man in sich reinschüttete. Selbst nach ihrer Verhaftung rauchte Terri noch immer Gras, besonders auf solchen Partys, aber mit dem harten Zeug wollte sie nichts zu tun haben. Sie hatte gesehen, was es mit einem anrichten konnte. Entspannung war die eine Sache, schlechte Trips und das verzweifelte Verlangen nach mehr waren etwas anderes. Es war schon schlimm genug, die ganze Zeit etwas essen zu wollen.

Sie waren in seiner versifften Wohnung gelandet und ihre Maße schienen ihn nicht zu stören – er sagte, dass man mit dicken Mädchen den besten Sex hätte.

Dann hatte er ihr einen Job angeboten. Sie sollte die Garderobe für einen Kurzfilm organisieren, den er drehte, und der ihm alle möglichen Türen öffnen sollte.

War sie durch seine Gegenwart zu dem Schluss gekommen, dass die Hochschule ihr nichts mehr zu bieten hatte? Sie hatte sich wie ein Profi gefühlt, obwohl er sie nicht bezahlt hatte.

Es wurde kühler. Wenn sie noch länger in dem Café bleiben wollten, sollten sie reingehen. Aber Trägheit hatte Terri fest im Griff und sie blieb sitzen. Sie fand nicht einmal den Antrieb, ihre Jacke aus dem Rucksack zu holen. Auch Stephen schien die zunehmende Kälte nicht zu bemerken.

Lustig, dass weder sie noch Stephen mit ihren Stiefeltern einer Meinung waren. Bernard war zwar kein richtiger Stiefvater, aber Stephen konnte ihn genauso wenig leiden wie sie Jules. Es war ein Mysterium, wie ihr Vater glauben konnte, dass sie Freunde waren. Immerhin machte Helen diesen Fehler nicht mit Stephen und Bernard. Aber bei ihnen war es auch sehr offensichtlich: Auf dem Olivenhof zu sein, war wie auf den Ausbruch des Dritten Weltkriegs zu warten.

Terri analysierte Stephens Gesicht. Die halb geschlossenen Augen ließen es seltsam nackt erscheinen, völlig ausdruckslos, beinahe unheilvoll.

Plötzlich standen die Augen weit offen. „Wir gehen besser zurück und löffeln die Suppe aus, die wir uns eingebrockt haben“, sagte Stephen. Er machte keine Anstalten, aufzustehen.

Terri kicherte, benommen vom Gras. „Ich verputze alles, was du mir vorsetzt.“ Aber sie wusste, dass sie unter dieser Euphorie enttäuscht war. Warum hatte er nicht vorgeschlagen, irgendwo essen zu gehen? Helens Essen war lecker, aber es wäre viel schöner, nur zu zweit zu sein, statt eine Zielscheibe für all die verbalen Angriffe.

Stephen stand auf. Terri verhedderte sich in ihrem Rucksack, schaffte es aber schließlich, sich einen Gurt über die Schulter zu werfen, während er Geld aus einer Tasche seiner Jeans fischte und auf den Tisch warf. Sie musste sich beeilen, um mit seinen großen Schritten zum geparkten Auto mitzuhalten.

 

„Ist da eine Party?“ Terri kicherte immer noch, als sie auf das alte Bauernhaus zufuhren. „Ich hätte meine Harfe mitbringen sollen.“

Überall standen Autos. Polizeiwagen, normale Autos, ein Krankenwagen, alle dort geparkt, wo sie Platz gefunden hatten. Plötzlich drohte sie, nüchtern zu werden. „Ein Unfall?“

Stephen sagte nichts. Er hatte auf der ganzen Rückfahrt von Antibes geschwiegen, während Terri sich gewünscht hatte, sie hätte ihm einen ganzen Joint überlassen. Er hielt ruckartig an, riss an der Handbremse und sprang aus dem Auto.

Terri folgte ihm etwas langsamer, sie spielte mit dem Gedanken, zum Kap zurück zu trampen. Selbst Jules wäre vielleicht angenehmer, als das, was sie dort drinnen erwarten mochte.

Kapitel Acht

Nachdem die Polizei angekommen war, verschwammen die Ereignisse des Nachmittags in Darinas Gedanken. Sie erinnerte sich, eine Aussage darüber gemacht zu haben, wie sie und William Bernards Leiche entdeckt hatten, und daran, wie der französische Detective geduldig Helen befragt hatte. William hatte für sie beide übersetzt – der Detective schien kaum Englisch zu sprechen. Sie hatte kein Problem, sich an die höfliche Art zu erinnern, mit der Helens dürftige Aussage über ihren Einkaufsbummel in Nizza aufgenommen wurde.

Doch wann die Mannschaften eintrafen, um mit der forensischen Untersuchung des Tatortes zu beginnen, vermochte sie nicht zu sagen. An irgendeinem Punkt schien Helens Haus einfach von den Beamten übernommen worden zu sein. Wären sie in England gewesen, hätte Darina angeboten, Tee oder Kaffee zu machen, hier schien das unangemessen. Es war, als stünde spürbar mehr zwischen den Franzosen und den Engländern als nur die Sprachbarriere. Ein Übersetzer traf ein, um William abzulösen, und sie konnte zusehen, wie seine Frustration wuchs, weil er in einer Situation, die ihm so vertraut war, keine Rolle spielte.

Der französische Detective verschwand nach draußen, um die verschiedenen Spezialisten einzuweisen, die immer noch eintrafen. Das Innere der Mühle war lichtdurchflutet, doch was dort vor sich ging, konnte man nicht erkennen. Darina wusste aber, was sich abspielen musste. Sie wusste, dass die Pathologen feststellen würden, was für alle auf der Hand lag, dass der arme Bernard tot war; der Schauplatz würde fotografiert und gefilmt werden; man würde alles minutiös nach Fingerabdrücken und Spuren untersuchen, die zum Mörder führen könnten. All das wusste sie, obwohl sie nichts davon sehen konnte, und William dürfte noch mehr wissen und sich ärgern, dass er kein Teil davon sein durfte.

Jenseits des Hofes, in der einsetzenden Dämmerung, konnte Darina das silbrige Grau der Olivenbäume sehen. Sie standen dort schon so viele Jahre, hatten so vieles gesehen; selbst jetzt schien ihr Gleichmut ungebrochen, ihre Reinheit unbefleckt von der Gewalttat, die hier stattgefunden hatte. Hatten sie je zuvor etwas so Entsetzliches miterlebt?

Darina wollte den Ort verlassen. Sie wollte zu ihren Flitterwochen zurückkehren, sich wieder ganz auf William konzentrieren. Aber sie wusste, dass das hoffnungslos war. Helen brauchte sie und William war vereinnahmt von allem, was hier passierte.

Ein weiteres Auto traf ein.

Bis er ins Zimmer stürzte, hatte Darina Helens Sohn, Stephen, völlig vergessen. Terri hatte sie auch vergessen, das korpulente Mädchen, das sich so unerwartet als John Rickwoods Tochter herausgestellt hatte und bei Helen untergekommen war, zusammen mit Helens Sohn.

Stephen sah sich um, musterte den uniformierten Beamten, der stoisch auf einer Seite stand, William, der durch das Fenster das Schauspiel draußen beobachtete und mit einer Hand gereizt an den Rahmen klopfte, sie selbst, wie sie sich auf einer Ecke des niedrigen Tisches niedergelassen hatte und versuchte, Helen abzulenken, und zuletzt seine Mutter, die wieder in einer Ecke eines der Sofas zusammengesackt war. „Was ist passiert? Geht es dir gut, Mum? Warum ist die Polizei hier?“

Helen erhob sich und eilte zu ihm. „Stephen, Schatz, es ist furchtbar, Bernard ist tot.“

„Tot?“ Er stieß das Wort aus, während sich seine Arme wie automatisch um seine Mutter legten.

„Er wurde ermordet!“

Ehe sie mehr sagen konnte, kam der französische Detective ins Wohnzimmer zurück. Hatte der uniformierte Beamte ihn gerufen? Darina konnte es nicht sagen. Ihre ganze Aufmerksamkeit war von der Szene zwischen Mutter und Sohn gefesselt gewesen. Jetzt bemerkte sie, dass sich Terri mit neugierigem Gesichtsausdruck im Hintergrund gehalten hatte. Sie wirkte verängstigt, aber auch wie ein Kind, dem man gesagt hatte, dass eine lange herbeigesehnte Süßigkeit nicht mehr zu kriegen war.

Endlich hatten Darina und William das Gefühl, gehen zu können. Helen hatte Stephen, um sie zu trösten. Der britische Konsul war eingetroffen und setzte sich für Helen ein. Für Darina und William gab es nichts mehr zu tun.

Helen reagierte kaum, als Darina ihr sagte, dass sie gehen würden. „Aber wir sind nur einen Anruf entfernt. Du hast unsere Nummer. Wenn wir irgendetwas tun können, ruf einfach an. Wir brauchen nur eine gute halbe Stunde, um herzukommen.“

„Sie kommt zurecht“, sagte Stephen knapp. „Ich bin bei ihr.“

Terri sagte nichts. Sie saß auf der anderen Seite von Helen und hielt ihre Hand. Sie schien eher Trost zu suchen, als ihn zu spenden, aber Helen sah aus, als würde sie sich über ihre Anwesenheit freuen.

Die letzten Worte des französischen Detectives an William und Darina waren, dass sie die Gegend nicht verlassen dürften, ohne der Polizei ihr Ziel zu nennen.

„Es scheint, als würde er uns genauso verdächtigen, wie alle anderen“, sagte Darina als William losfuhr.

„Tut er“, sagte ihr Ehemann knapp.

„Das kann nicht dein Ernst sein!“ Darina starrte ihn an, aber es war zu dunkel, um seinen Gesichtsausdruck zu sehen.

„Er hat all die Bücher gelesen, in denen steht, wie häufig der Mörder selbst die Leiche meldet.“

„Aber das ist doch lächerlich! Wir haben Bernard neulich erst kennengelernt. Warum sollten wir ihn töten wollen?“

„Das weiß er im Moment nicht.“

„Also lässt er dich deshalb nicht helfen?“

Seine Stimme klang kleinlaut, als er sagte: „Ich kann das verstehen. Ich an seiner Stelle würde mich auch nicht an der Ermittlung beteiligen wollen.“

Wie gegensätzlich ist doch der menschliche Geist. Vor nur einer Stunde wäre Darina erfreut gewesen, zu hören, dass man ihrem Ehemann nicht erlauben würde, in Frankreich seinem Beruf nachzugehen. Jetzt war sie empört.

„Kannst du die britische Polizei nicht dazu bringen, ihn anzurufen und das klarzustellen?“

„Wünschst du dir wirklich arbeitsreiche Flitterwochen?“ Seine Stimme klang ehrlich amüsiert.

„Ich glaube, Helen wird alle Hilfe brauchen, die sie kriegen kann, und du als Teil des Ermittlungs-Teams wärst der beste Schutz, den sie bekommen könnte.“

„Selbst, wenn ich sie für die Hauptverdächtige halte?“

Darina schluckte schwer. „Weil sie die Leiche gefunden hätte, wenn wir nicht aus heiterem Himmel vorbeigekommen wären?“

„Ich wüsste gerne, was sie sich dabei gedacht hat, über Mittag in Nizza Kleidung kaufen zu wollen.“

Darina dachte einen Augenblick lang nach. „Du meinst, die Geschäfte wären geschlossen gewesen? Ich weiß, dass die meisten in Antibes schließen, aber doch bestimmt nicht in Nizza!“

„Das muss untersucht werden, aber ich wäre bereit, eine beträchtliche Summe darauf zu wetten, dass die schicken Läden, in denen Helen einkaufen würde, über Mittag schließen. Ein vernünftiger Einkaufsbummel beginnt in Frankreich entweder am frühen Morgen, oder nach der Mittagszeit.“

„Glaubst du denn wirklich, dass Helen Bernard ermordet haben könnte?“, fragte Darina mit leiser Stimme.

Details

Seiten
0
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783960874164
ISBN (Buch)
9783960874171
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v428373
Schlagworte
England Großbritannien Amateur-Privat-detektiv-in Süd-frankreich Agatha Christie liebe-frauen-roman-tik-s-e-lustig-humor-voll co-zy-sy-crime-krimi

Autor

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    Janet Laurence (Autor)

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Titel: Mord à la provençale (Krimi, Cosy Crime)