Lade Inhalt...

Doktorspiele (Humor, Liebe)

von Jaromir Konecny (Autor)

2018 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

Andi hat das im Kopf, was man als Sechzehnjähriger so im Kopf hat, wenn einen die Pubertät schüttelt wie ein Tsunami: Mädchen, Mädchen, Mädchen ... Dabei gilt Andis permanente Sorge der Größe seines besten Stücks, seit ihn seine Cousine Lilli damals bei den Doktorspielen gefragt hat: „Sind die alle so klein?“ Doch dann steht genau diese Lilli – inzwischen mit Himmelsaugen und brisanten Brüsten ausgestattet – eines Tages vor ihm. Vergessen ist die süße Katja aus der 10b, völlig egal, dass seine Fußballmannschaft ihn braucht. Andi hat nur ein Ziel, und das heißt: Lilli zu beweisen, dass er kein Schlappschwanz ist. Und dafür nimmt er einiges in Kauf ...

Impressum

DP_Logo_bronze_150_px

Digitale Neuausgabe Juli 2018

Copyright © 2018, dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

ISBN: 978-3-96087-354-9
Taschenbuch-ISBN: 978-3-96087-424-9

Covergestaltung: Miss Ly Design
unter Verwendung von Motiven von
© Sergey Mironov/shutterstock.com und © Misunseo/shutterstock.com
Lektorat: Susanne Stark
Korrektorat: Susanne Meier

Dies ist eine überarbeitete Neuausgabe des bereits 2009 bei cbt Verlag, München, erschienenen Titels Doktorspiele (ISBN: 978-3-57016-022-0) von Jaromir Konecny.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Unser gesamtes Verlagsprogramm findest du hier

Website

Folge uns, um immer als Erster informiert zu sein

Newsletter

Facebook

Twitter

Buecherregal_bronze_207_px

 

Für die Jungs, damit sie alles geben,
und für die Mädels, damit sie ihren Spaß dabei haben.

 

„Reden wir ruhig Klartext: Halbwüchsige Jungen beschäftigen sich vielfach ausschließlich mit sexuellen Fantasien, den Körperteilen der Mädchen oder dem Bedürfnis zu masturbieren. Mit Erwachsenen reden sie so ungern, weil sie die irrige Vorstellung haben, die Älteren könnten zwischen ihren Worten oder in ihren Gesichtern lesen und wüssten dann, dass sie das Thema Sex in Geist, Körper und Seele völlig beherrscht. ... Der Auslöser des sexuellen Verlangens ist bei beiden Geschlechtern das Testosteron, eine chemische Substanz von der Gruppe der Androgene. … Obwohl das Testosteron sowohl bei Mädchen als auch bei Jungen für einen starken Anstieg des sexuellen Interesses sorgt, bestehen im Hinblick auf Libido und Sexualverhalten deutliche Unterschiede. … Der Testosteronspiegel steigt bei einem Mädchen vom achten bis zum vierzehnten Lebensjahr um das Fünffache an. Der Testosteronspiegel von Jungen erhöht sich vom neunten bis zum fünfzehnten Lebensjahr um den Faktor 25. Mit einer derartigen Menge von sexuellem Raketentreibstoff haben halbwüchsige Jungen im Durchschnitt einen dreimal stärkeren Sexualtrieb als gleichaltrige Mädchen, und dieser Unterschied bleibt während des ganzen Lebens bestehen.“

Louann Brizendine, Das weibliche Gehirn

Die Pimmelparade

Der Schnee lag auf den Schwarzwaldhügeln wie ein großer Doktorkittel. Anfang März und höchste Zeit, den weißen Rock auszuziehen.

„Zieh das Höschen aus!“, sagte Tim.

„Na, gut!“, sagte Lilli, hob ihren Bauch hoch, als baute sie eine Brücke, und zog sich das Höschen runter. Wir guckten uns ihr Ding aus der Nähe an. Sah saukomisch aus.

„Und jetzt du!“, sagte Lilli.

„Ich bin der Doktor!“, sagte Tim.

Lilli guckte mich an. „Ich auch“, sagte ich.

„Der Doktor kann auch krank sein!“

„Das stimmt“, sagte Tim und schlüpfte aus seiner Pyjamahose.

„Nicht du!“, sagte Lilli zu ihm. „Dich kenne ich schon.“ Sie zeigte mit dem Finger auf mich. „Der andere Doktor!“

„Ich bin ganz gesund!“, rief ich.

Tim schüttelte den Kopf: „Alle müssen es zeigen!“

Ich holte mein Ding raus. Lilli beglotzte ein Weilchen meine sechsjährige Nudel und seufzte dann. „Sind die alle so klein?“

„Die wachsen noch!“, sagte ich.

„Bestimmt!“, sagte Tim.

„Glaube ich nicht!“, sagte Lilli.

Die Holztreppe knarrte. Lilli schnappte sich ihre Daunendecke vom Boden und deckte sich zu. Tim und ich sprangen in unsere Betten.

Die Tür unseres Dachbodenzimmers flog auf. „Genug des Faulenzens, ihr Schlafmützen!“, rief Lillis und Tims Mutter Diana. „Ihr solltet langsam mal wieder herunterkommen.“ Sie trippelte nach unten zu Oma und dem Rest der Familie. Wir schlüpften in unsere Klamotten und jagten ihr nach.

Das Wochenende bei Oma verglomm wie eine Wunderkerze. Schon verbrannten wir uns die Finger daran. Der Sonntag. Am Abend würden wir wieder nach Hause fahren. Meine Eltern, meine drei Schwestern und ich nach München, Lilli und Tim mit ihren Eltern nach Kiel. Und am Montag wieder in die Schule.

Schade. Noch hatte ich Lilli meine großen Ausstellungsstücke nicht gezeigt – das Museum hinten auf dem Dachboden. Früher war hier ein Gasthaus gewesen, und Oma schmiss nie was weg. Mein bestes Exponat war ein uralter Nachttopf, in den Goethe geschissen haben soll, als er mal durch den Schwarzwald gewandert war.

Neben der Kackschüssel des Wanderers Goethe stellte ich eine große Tonfigur des Heiligen Jakob auf, weil Oma meinte, der Heilige Jakob sei der Patron der Wanderer. Daneben alte Glasnegativaufnahmen. Die hatte ich auf dem Dachboden unter alten Zeitschriften mit Hitlerfotos vergraben gefunden: eine nackte Frau, leider ganz schwarz – sie war ja ein Negativ. Kann aber sein, dass sie gar nicht nackt war. Sonst hätte das Negativ in Omas Giftschrank gelegen, wo Oma viele krasse Sachen vor mir versteckte.

Aber darüber möchte ich mich jetzt nicht näher auslassen. Damit ihr nicht denkt, meine Oma sei ein Luder gewesen oder ein alter Nazi oder so was.

Auch ein paar Holzbilder mit saufenden Schwaben darauf gab’s in meinem Museum. Auf einem hob ein Mann in einem Jägerhut ein Schnapsglas hoch und sagte:

„Wo’s Saufa a Ehr,

isch’s Kotza koi Schand!“

Lilli wäre von meinem Museum sicher beeindruckt gewesen. Sie schien sich ja sehr für Wissenschaften zu interessieren. Nur leider mussten wir jetzt wieder nach Hause. Dort wollte ich nach dem Mittagessen nie ins Bett gehen. Hier im Schwarzwald bei Oma hat mir das Mittagsschläfchen aber echt Spaß gemacht!

Einen Monat später hatten die Doktoren im Schwarzwald bei uns für immer ausgespielt: Ein Blutgerinnsel aus Omas Krampfadern ist bis zu ihrem Herzen gewandert. Oma konnte immer schlechter atmen.

„Halsentzündung!“, befand der Doktor und wollte das tödliche Blutgerinnsel mit Hustensaft bekämpfen.

Bei Omas Begräbnis kam die Familie zum letzten Mal zusammen. Nur ich fehlte. Mich hatte für zwei Wochen eine echte Halsentzündung hingestreckt. So habe ich seit unserer Pimmelparade meine entfernte Cousine Lilli und ihren Bruder Tim nicht mehr gesehen – ganze zehn Jahre lang.

Jetzt bin ich sechzehn

Hin und wieder fragte ich meine Mutter nach Tim – klar fragte ich damit eigentlich nach Lilli. Mit Tim, dem Pfadfinder, habe ich mich nie sonderlich gut verstanden. Doch Mutter sagte immer wieder dasselbe: „Diana ist nur eine entfernte Cousine von mir! Von dir noch entfernter. Sie wohnen zu weit weg.“

Blödsinn! Kiel liegt ja nicht auf dem Mond. Der Rest der Familie will mit uns einfach nichts mehr zu tun haben. Weil Mama spinnt! Omas Tod hat bei ihr die Hirnwindungen verknotet. Im Traum war ihr Omas Geist erschienen und hatte ihr gesagt, dass Mutter eine Heilerin sei – ’ne Hexe!

„Wenn ich über meine Kräfte Bescheid gewusst hätte“, jammerte Mutter damals, „hätte ich meine Mama retten können.“

Ein klarer Fall! Was soll Lillis Vater als berühmter Hirnchirurg mit einer Hexe anfangen? Die zu allem Überfluss studierte Mediziner als Scharlatane und Quacksalber abfertigt?

Erst vor zwei Jahren hat Mutter ihren Hexenbesen an die Wand gehängt und sich als Naturheilpraktikerin getarnt. „Ich habe mich weiterentwickelt!“, sagt sie.

Das stimmt. Gerade fährt sie auf Engel ab. Sieht die Viecher überall. Das ist bei uns in München aber nichts Ungewöhnliches. In Bayern sind Engel voll im Trend. Wir sind halt etwas föhngeschädigt. Wenn uns der warme Wind aus Italien zuföhnt und die Berge uns bis ins Wohnzimmer glotzen, spinnen wir alle.

Einmal ist ein Typ beim Föhn nackt aus einem Fenster gesprungen. Hat auch gedacht, dass er ein Engel sei, sich aber geirrt: Statt gen Himmel ist er auf die Schnauze geflogen und hat sich dabei zwei Rippen gebrochen. Das hat mein Freund Harry in der Zeitung gelesen.

„Er hätte sich nicht ausziehen müssen“, sagte Harry damals. „Engel im Himmel haben keine Pimmel! Engel haben Mösen! Und Möpse!“

„Oder gar nichts!“, sagte ich.

„Das ist dann aber nicht der Himmel!“, sagte Harry. „Das ist die Hölle!“

Mama hat bei uns, im Osten von München, eine Menge Bewunderer, vor allem Bewunderinnen. Schreibt sogar an einem Buch: „Leih dir die Flügel deines Schutzengels“.

Nur unser Vater glaubt nicht an Engel und Mamas anderes Esozeug, aber er legt sich mit ihr nie an.

Vater verdient kein Geld und ist somit ein Waschlappen! Außerdem ist er Gitarrist und Sänger, aber zu Hause gibt’s für ihn nicht viel zu singen, zu Hause muss er das Maul halten.

Meine achtzehnjährige Schwester Christine will nur eins – heiraten und aus diesem Irrenhaus hier verschwinden. Wie’s unsere älteren Schwestern Danna und Mo schon hingekriegt haben.

Trotzdem lieben wir uns alle. Obwohl … Mama spielt mit unserem Vater schon seit Langem kein Bussi-Bussi mehr, aber er stellt sich bei Frauen auch echt blöd an. Wie die letzte Lusche. Will nur ehrlich sein und zeigt der ganzen Welt damit, wie wenig Ahnung er hat.

Meine Mutter will keinen ehrlichen, unwissenden Mann haben, sie will einen Mann haben, der alles weiß! So wie dieser Scheißvampir … Eeh … Verdammt! Da hab ich was zu früh verraten! Den Vampir darf ich noch nicht bringen, der ist erst später in der Geschichte dran.

Ach, egal! Zumindest habt ihr jetzt eine ungefähre Ahnung davon, was für ein Chaos hier herrscht. Also: Weil mein Vater von nichts ‘ne Ahnung hat, muss meine Mutter immer ihren Schutzengel fragen, wenn sie was wissen will.

Und ich? Ich sehne mich nach den guten alten Zeiten – als Mama noch nicht an Engel und Geister glaubte und Papa Geld verdiente und sich hin und wieder seinen Stoff kaufen durfte, uralte Bücher, von denen sein Zimmer aus allen Nähten platzt und im Keller einige hundert Bananenkisten voll gestapelt sind. Nach etwas Handfestem sehne ich mich, nach Lillis Möse und so – sie ist jetzt ja auch sechzehn. So wie ich.

Quatsch! Klar denke ich nicht an Lilli. Ich denke an Katja aus unserer Parallelklasse, der 10b. Schon seit einem halben Jahr denke ich an sie, seit dem Winter.

Damals fror ich mir an der Busstation vor den Perlacher Einkaufspassagen, dem PEP, einen ab. Hatte kurz davor gebadet, und mein nasses Haar war zu einer Eismütze gefroren – hätte mir gar kein Gel ins Haar schmieren müssen.

Eine normale Mütze trage ich nicht, weil ich blöd bin, wie Mutter sagt. Wozu auch eine Mütze? Die macht dir nur die Frisur kaputt. Und ich wollte zu einer Party.

Saukalt war’s! Wann würde der blöde Bus kommen, verdammt? Auf der anderen Seite der Stationsinsel hielt ein 55-er an. Im Bus hockte Katja aus der 10b und machte das Busfenster schön – mit einer Eisblume!

Eine Strähne ihres blonden Haars fiel ihr vor die Augen. Sie schob das Kinn ganz nach vorne, stülpte die untere Lippe heraus und versuchte, die Haarsträhne so von unten mit dem Mund wegzublasen. Dann guckte sie weiter vor sich hin, kein einziges Mal schaute sie zu mir hinaus, nur vor sich hin guckte sie – so wie ich es auch manchmal mache.

Echt! Manchmal find ich keinen einzigen Gedanken im Hirn, und so glotz ich halt nur vor mich hin. Das wird bei Katja nicht viel anders sein. Sie ist sechzehn wie ich und spielt Volleyball – sie muss nicht viel denken.

Wie sie also vor sich hin glotzte, hob sie ihren Zeigefinger und bohrte sich damit in der Nase, als wäre sie auf Schatzsuche. Das haute mich echt um. Hab mich in sie sofort verknallt. Keiner kann sich so schön in der Nase bohren wie Katja! Bin ich etwa pervers?

Neue Medizin

Ich klimperte etwas auf Papas elektrischer Gitarre, nur so, ohne sie anzuschließen. Meine Mutter hätte mich glatt enterbt, wenn ich so früh am Morgen die fünfhundert Watt aus meiner Anlage voll aufdrehte und einen auf Rock im Park machte. Ich guckte auf die Uhr. Halb acht! Fuck! Ich flitzte runter.

„Hier! Nimm die zwei Phosphor-D30-Globuli, Andi!“, sagte Mama. „Du siehst ganz schön blass aus!“

„Aber Mama“, sagte ich. „Ich will keine homöopathischen Pillen mehr essen. Ist sowieso nur Zucker drin!“ Das hat mir mein Vater gesagt, aber ich darf ihn nicht verraten, sonst flippt Mama aus und knöpft ihn sich vor. Ich kann so ’nen Spruch locker bringen. Mich liebt die Mutti. Ich bin ja ihr Sohn.

„Zumindest schaden die Pillen nicht!“, sagte meine Mutter.

„Wenn ich sie weiterhin kiloweise futtere, werd ich davon noch zuckerkrank!“

„Na, schluck sie schon runter!“ Sie hielt mir die zwei kleinen weißen Kügelchen hin. „Ach übrigens, meine Cousine Diana und ihr Mann fahren für zwei Wochen nach Amerika.“

„Die Eltern von Lilli und Tim? Die aus Kiel?“

„Ja, genau die“, antwortete Mama. „Stell dir vor, Dianas Mann hat für seine Quacksalberei einen Preis gewonnen, den bekommt er in New York verliehen.“

„Woher weißt du das mit dem Preis?“, fragte ich. „Du hast doch keinen Kontakt mehr zu deiner Cousine!“

„Sie hat mich selbst angerufen. Lilli können sie nicht mit in die USA nehmen. Und Tim ist im Sommer bei den Pfadfindern in der Schweiz.“

„Bei den Pfadfindern? Der muss jetzt doch schon siebzehn sein!“

„So sind die Preußen nun mal! Die halten gern an ihren Gewohnheiten fest.“

„Und warum hat sie dich angerufen?“

„Diana? Sie hat mich gefragt, ob Lilli die zwei Wochen bei uns verbringen könnte.“

„Hä?“ Meine Fresse! Lilli sollte bei uns wohnen? Lilli? Die mir mal gesagt hatte, dass mein Pimmel zu kurz ist? Die erzählt hier sicher den ganzen Leuten aus meiner Schule, wie wir früher mal Doktor gespielt haben. Wenn unsere Mädels das über meinen Kurzen erfahren, bin ich hier ganz unten durch! Bei Katja auch! Scheiße! „Sie kommt echt zu uns?“, hakte ich nach.

„Ja!“, sagte meine Mutter. „In zehn Tagen. Gleich am Anfang der Ferien. Am Samstag nach dem letzten Schultag. Diana und ihr feiner Chirurg haben keinen aufgetrieben, bei dem sie Lilli unterbringen konnten. Jetzt ist ihnen auch eine ganzheitliche Heilerin gut genug!“

Boah! Schock, Schock! „Gib mir die Pillen!“, sagte ich, schluckte die zwei Zuckerkügelchen runter und trottete aufs Klo.

„Zwei weitere nimmst du noch mittags in der Schule!“, rief sie mir nach. „Und bring mir eine Harnprobe mit!“

„Nö!“, sagte ich. Die Harnprobe konnte sie sich abschminken. Mit so was hat sie mich schon mal in den Wahnsinn getrieben:

Kurz nach Omas Tod hatte Mama mich und meine drei Jahre ältere Schwester Christine zu einer russischen Geistheilerin getrieben. Wegen unseres Nasenblutens. Bei der Gelegenheit wollte Mutter sich bei der Alten was abgucken. Sie hatte vor, mit ein paar anderen Geschädigten für ein Gruppenseminar dort zu bleiben. Mich und Christine sollte mein Vater nach unserer Behandlung nach Hause fahren.

Die fette ukrainische Blonde packte meine Hand, sagte „hmm …“, und leckte mir den Zeigefinger ab. Das Gleiche bei Christine. Dann schüttelte die Olle den Kopf, zischte wie ’ne Kobra, „tzs, tzs …“, und guckte unseren Vater recht betrübt an. „Junge haben große Problem mit Schilddrüse!“, sagte sie. „So wie du!“

„Ich hab kein Problem mit der Schilddrüse!“, sagte mein Vater. „Ich hab überhaupt kein Problem. Ich bin nur da, um die Kinder nach Hause zu bringen.“

„Du musst bei mir auch behandeln!“, sagte sie. „Schau! Junge Hand warm und salzig. Das Schilddrüse. Mädchen Hand kalt und nicht salzig!“

„Das kann ich Ihnen gleich erklären!“, sagte Vater. „Die Kinder waren vorhin pieseln. Sicher hat sich Andi die Finger bepinkelt und vergessen, sich die Hände zu waschen. Deswegen sind seine Finger warm und salzig. Christine hat sich die Hände wohl mit kaltem Wasser gewaschen. So sind ihre Finger kalt und nicht salzig.“

„Was du sagen?“, brüllte die Geistheilerin. Ist echt ausgeflippt, die Alte. Wollte nicht mal unsere Mutter behandeln.

Zu Hause hat Mama dann meinen Vater zur Sau gemacht. Seitdem passt er auf, was er zu Mamas Spinnereien sagt. Wenn er rummäkelt, gibt’s keine Krapfen. Und ich gebe seitdem keine Harnproben ab. Ich weiß, was die Geistheiler damit anstellen.

Bobby, mein Exfreund

Harry stand schon vor unserem Haus und pfiff mich raus. Vor ein paar Monaten hatte er irgendwo auf einer geheimen Seite im Netz die Telefonnummer von einer amerikanischen Popsängerin rausgegraben. Leider kann ich ihren Namen aus Datenschutzgründen nicht verraten. :) Der Depp hat sie auch gleich mit seinem Handy angerufen.

Leider war die Sängerin gerade in Kalifornien und anscheinend besoffen, denn reden konnte sie nicht allzu schnell. Als Harrys Mobilrechnung gekommen ist, haben seine Alten sein Handy beschlagnahmt und ihn zu zwei handylosen Jahren verdonnert. Ich packte meinen Rucksack und flitzte hinaus.

„Hey, Mann!“, sagte Harry. „Du schaust echt ausgewichst aus!“

„Geht mir auch so!“, sagte ich. „Erinnerst du dich, dass ich dir mal von unseren Doktorspielen im Schwarzwald erzählt habe?“

„Klar. Cooles Spiel!“, sagte Harry.

„Mann! Diese entfernte Cousine kommt in den Ferien zu uns!“

„Um Doktor zu spielen? Kann ich mitmachen?“

„Quatsch! Ihre Eltern fliegen nach Amerika. Sie bleibt zwei Wochen bei uns! Mensch! Das letzte, was ich von ihr vor zehn Jahren gesehen hab, war ihre Möse! Was soll ich ihr jetzt sagen, he?“

„Frag sie halt, ob ihr da schon Haare gewachsen sind!“

„Spinnst du? Die lacht mich aus! Schon damals hat sie sich über meinen Pimmel lustig gemacht. Von wegen klein und so …“

„Weißt du was?“, sagte Harry. „Wenn sie auftaucht, holst du deinen großen Dicken raus, und sagst: ‚Schau, wie der gewachsen ist! Da glotzte, was? Nostradamus biste nicht, du Schlampe, du!‘ Oder was anderes Cooles.“

„Du Idiot! Sie ist keine Schlampe! Außerdem ist mein Ding nicht dick und groß!“

Harry starrte mich an: „Aber etwas größer schon, oder? … Als damals mit sechs!“

„Na, ja!“

„Alter! Kopf hoch! Vielleicht ist sie hässlich wie ’n Hundepimmel. Dann musst du vor ihr echt keine Hemmungen haben.“ Aber auch hier hatte ich so meine Ahnungen! Was Lilli und ihre Hässlichkeit anging, meine ich.

Garik hüpfte schon am Ende unserer Straße hinterm Zaun hoch. Ich steckte ihm ein bisschen Salami zu und kraulte ihn hinter den Ohren. „Die Salami ist von einem Biobauern aus dem Allgäu, du Hundemonster“, sagte ich, aber das war Garik echt wurscht. Salami ist Salami, dachte er sich sicher.

„Mann!“, sagte Harry. „Pass auf, dass er dir nicht die Hand abbeißt! Der wird ja von Tag zu Tag größer. Ein richtiges Vieh ist der schon.“

„Ein Schäferhund halt. Der beißt aber keinen, der will nur spielen!“

„Kann sein, dass ich den vor ein paar Wochen im Wald hab rumlaufen sehen?“, fragte Harry.

„Gut möglich“, sagte ich. „Garik reißt ständig aus! Letzte Woche habe ich ihn auch im Wald erwischt. Er jagte fünf Nordic Walker aus dem Rentnerheim da drüben vor sich her. Die Rentner haben sich mit ihren Stöcken wie bei der Skiabfahrt abgestoßen und hatten schon ein irres Tempo drauf. Aber anstatt sich bei mir zu bedanken, dass ich Garik abgefangen habe, haben die mich zur Sau gemacht. Nächstes Mal lasse ich die weiter traben! Da kann Garik sich austoben.“

Am Ende der Fütterung spreizte ich meinen Zeige- und Mittelfinger wie ’ne Gabel und streckte die Hand gegen Gariks Schnauze. Das hab ich aus Crocodile Dundee. Garik knurrte, legte sich auf den Rücken, und ich kraulte ihm den Bauch durch. Er will immer, dass ich ihn am Pimmel kratze, aber da mach ich nicht mit.

„Mann!“, sagte Harry. „Ein echter Zirkushund!“

„Hab ihm paar Kunststücke beigebracht“, sagte ich. „Garik mag das!“

Wir bogen in unseren Schulhof ein. „Der Bobby-Depp mit seinem Harem!“, sagte Harry. In der Hofecke hüpften fünf Mädchen aus unserer Parallelklasse, der 10b, um unseren ehemaligen Mitschüler Bobby rum.

Die Mädchen in unserer Klasse kannst du vergessen. Wir drücken schon so lange die Schulbank zusammen, dass wir uns wie ’ne Familie vorkommen. Deiner Schwester würdest du auch nicht die Mieze kraulen wollen, oder? Das wäre doch Blutschande! Deswegen hat sich Bobby Anfang dieses Schuljahrs in die Parallelklasse versetzen lassen.

Na, ja, ein bisschen was hatte wohl auch ich mit Bobbys Wechsel zu tun. Wir waren früher die besten Freunde, aber seit der Achten haben wir immer Stress miteinander. Genauer gesagt, seit unserer Prügelei!

Jetzt zog Bobby in der Schule den großen Casanova ab. War nur am Baggern, sozusagen. Bob der Baumeister – der Baggerboy! Sogar die älteren Mädchen flutet es, wenn Bobby auftaucht.

Dabei trägt er echt peinliche Klamotten: rosa Seidenhemden, grüne Schlangenlederschuhe mit ’ner Spitze, die jeden Arschtritt zum Todesstoß machen. Seine Frisur schaut manchmal echt wie die Cheopspyramide aus – ein Kilo Gel in den Haaren!

Dazu ein Lächeln wie Tom Cruise und nur am Angeben. Ein echtes Alphatier halt! Jetzt gerade, in seinen Cowboystiefeln und der kurzen Jeans mit den abgerissenen Hosenbeinen (wer würde schon Cowboystiefel zu ’ner kurzen Hose anziehen, he?), wurde er wieder mal von fünf Mädels aus seiner neuen Klasse umschwärmt: Anne, Mary, Ilona, Mandy mit den Mördermöpsen und Katja – meine Traumfrau.

Klar hab ich bei Katja keine Chance. Neben Bobby gebe ich den ewigen Verlierer ab. Gordon, Bobbys Vater, arbeitet in der Glotze und ist schwul. Das haben wir allerdings erst letztes Jahr erfahren. Früher hatte Bobby davon nichts gesagt, im Gegenteil. Er hat immer erzählt, wie viele Schauspielerinnen sein Vater klar machen würde und so.

Seit dem letzten Jahr protzt er aber bei jeder Gelegenheit mit seinem schwulen Vater. Nahezu jeden Satz fängt er mit „mein schwuler Vater ...“ an, und das macht die Mädels echt heiß. Ich frag mich immer, was Bobby besser macht als wir, verdammt, dass er all die Mädchen rumkriegt?

Vielleicht hat er ja schon früher von diesem Scheißvampir gehört und bei ihm was gelernt …? Oh, shit! Jetzt bin ich doch wieder bei Lillis Vampir gelandet. Und dabei wollte ich doch alles der Reihe nach erzählen. Vergesst also den Vampir, Leute! Wir bleiben hier und jetzt!

„Ah, Andi Latte!“, sagte Bobby, als wir an ihm und seinen Mädchen vorbeilatschten. Blöder Sack halt. Zumindest zeigt euch das, wie’s zwischen uns läuft. Die Mädchen prusteten los. Meine Traumfrau Katja lachte, als habe ihr ein Bayern-München-Fußballer einen Heiratsantrag gemacht.

Mit rotem Gesicht, den Kopf zwischen den Schultern, gab ich Gas. Noch zehn Schritte bis zum Schuleingang. Wie einem Rettungsring lechzte ich ihm zu. Auch Harry hatte nur ein müdes „blödes Arschloch“ zustande gebracht. Der uncoole Spruch schüttelte Bobbys Grüppchen aber noch mehr durch. Coole Sprüche vor den Mädchen hat hier in der Schule leider nur einer drauf – Bobby eben!

Wie kommt man bei der Konkurrenz wohl an ’ne so krasse Braut wie Katja ran? Wenn ich wenigstens auch einen schwulen Vater hätte! Doch mein Vater ist sogar für meine Mutter nichts als eine Lusche. Statt ins Leben oder in meine Mutter oder andere Männer ist mein Vater nur in seine Gitarre und alte Bücher verknallt. Bobbys Vater dagegen lebt sogar mit seinem Lover Buzzi und mit Bobby in einem Haushalt.

„Wie haben Gordon und Buzzi Bobby überhaupt gezeugt?“, fragte ich Harry im Schulgebäude.

„Künstliche Befruchtung!“, sagte Harry. „Heutzutage können sogar Männer Babys austragen.“

„Und wie machen die das mit der Geburt?“, fragte ich ihn.

„Du musst halt ’nen Pimmel groß wie ’nen Fabrikschornstein haben!“, sagte er.

„Dann kann ich wohl keine Kinder gebären“, sagte ich.

„Jetzt rede dir nicht ständig ein, dass dein Pimmel zu klein ist!“, sagte Harry. „Du solltest dich frontal im Spiegel anschauen! Dann sieht er gleich länger aus. Wenn ich meinen Großen von oben angucke, kommt er mir auch kurz vor. Alles ‘ne Frage der Perspektive, Alter! Hast du in Geometrie nicht aufgepasst, verdammt? Deine Probleme möchte ich echt haben!“

Doch er hat sie ja auch, na, klar, er ist ebenfalls sechzehn. Die wenigsten Jungs werden als Bobby geboren. Noch mit dreizehn war ich ein richtiger Draufgänger, wenn‘s um Mädels ging, jetzt dagegen komm ich mir wie der letzte Schlappschwanz vor.

„Alter!“, sagte ich. „Wie macht Bobby das überhaupt? Der Simone hat er mal gesagt: ‚Du bist echt interessant. Wenn ich nicht schwul wäre, würde ich mich sofort in dich verknallen!‘ Jedem anderen in Bayern würde so ’n Outing den Hals brechen, nur dem Bobby nicht. ’ne Woche später hat er Simone klar gemacht. Sie soll dabei Dear Mr. President von Pink gepfiffen haben. Dass die Mädels auf so ’ne schwule Nummer fliegen?“

„Logisch tun die das!“, sagte Harry. „Die ganz heißen Mädchen finden’s einfach cool, wenn du schwul bist. Sie denken halt, mit dir wird’s keinen Stress geben, und passen nicht auf. Und dann schwupp – du holst deinen Harten raus und sagst: ‚Irgendwie hab ich mich geirrt, Baby!’ Das bringt die Mädels ganz durcheinander, und sie werden schwach.“

„Euch schüttelt die Pubertät durch wie ein Tsunami!“, erklang es plötzlich hinter unserem Rücken.

„Hä, Christine? Bist du uns nachgelaufen?“

Meine achtzehnjährige Schwester schob mir ein Papiertütchen zu. „Hier, von Mama. Du hast zu Hause deine Phosphor-Pillen vergessen.“

„Mutter spinnt echt!“, sagte ich. „Die ist reif für die Klinik!“

„Ihr beide solltet euch auch behandeln lassen“, sagte Christine, „bevor euch die Hormone das Gehirn auflösen.“ Sie zwickte Harry in die Wange: „Wenn du wirklich mal deinen Harten herausholst, lache ich mich schlapp!“ Sie trabte davon. Wir guckten ihr nach.

„Echt ein heißer Ofen, deine Schwester!“, sagte Harry.

„Leider!“, sagte ich. „Neben Christine schaut jedes hübsche Mädchen aus wie ’ne Vogelscheuche. Deswegen sind nur Schreckschrauben mit Christine befreundet! Da ist nichts zu machen.“

„Ist mir auch schon aufgefallen,“ Harry nickte. „Um Christine tummeln sich nur die Mädchen von der Hinterbank! Die, denen sowieso alles wurscht ist. Läuft Christine zu Hause eigentlich immer noch nackt durch die Gegend?“

„Logisch!“

„Kann ich mich bei euch mal im Wäschekorb oder so was verstecken und ein bisschen gucken?“

„Spinnst du?“, sagte ich. „Du hast doch auch ’ne Schwester! Die kannst du doch bespannen!“

„Die ist mir zu intellektuell!“, sagte Harry.

„Ältere Schwestern sind echt was Übles!“, sagte ich. „Zum Glück sind Danna und Mo schon aus dem Haus. Als ich noch klein war, sind unsere Alten fürs Wochenende oft allein zum Klettern gefahren. Sie haben immer ’ne Liste geschrieben, was jeder von uns im Haus machen musste. Und gleich, als sie aus dem Haus waren, haben mich die Weiber verdroschen – mein eigenes Blut! – und ich musste alles allein abschuften!“

„Die Story hast du mir schon mal erzählt!“, sagte Harry und öffnete die Tür zum Klassenzimmer. „Aber Christine hat gesagt, dass das nicht stimmt und du dich immer nur vor der Arbeit drücken wolltest!“

„Das ist gar nicht wahr!“, protestierte ich, während wir in die Klasse trotteten. Hört zu, Leute! Sollte Christine oder Harry oder wer auch immer euch so was erzählen, glaubt ihnen nicht! Das sind alles verdammte Lügen!

Feuchte Träume

Meine drei älteren Schwestern müssen mich echt krass geschädigt haben! Wegen ihnen kann ich keine Frau mehr angucken, ohne zu zittern anzufangen. Frauen machen mir Angst. Wenn ich mit ’nem Mädchen reden muss, glotze ich auf ihre Schulter oder auf die Wand hinter ihr.

Allerdings hat auch Harry mit so was Probleme. Er ist zwar der Härteste der Schule, was derbe Sprüche angeht, doch hübschen Mädchen guckt er auch nicht in die Augen. Klar ist Bea eine Ausnahme – aber auch nur, weil Harry sie schon seit dem Kindergarten kennt. Ihre Eltern sind befreundet und die Familien sind letztes Jahr gemeinsam aus Niederbayern zusammen nach München gezogen. Der einzige, der allen Mädels direkt in die Augen guckt, ist Bobby.

Zum Glück hab ich mir eine super Strategie ausgeknobelt, wie ich Katja beeindrucken kann: Ich würde ihr anonym ein paar Liebesgedichte zustecken, und wenn die Liebesreime ihren Hormonzyklus durchgekurbelt haben, oute ich mich vor ihr:

„Die sind von mir, Catty-Baby. Und jetzt bin ich dein persönlicher Johann Wolfgang!“ Gegen so ’ne Goethe-Tour kann selbst Bobby nicht anstinken, oder?

In der ersten Stunde hatten wir Deutsch bei dem Volldepp Fritz. Statt uns was Gescheites beizubringen, erzählt der Typ uns ständig, dass wir noch in der Pubertät stecken.

Wenn Harry „Scheiße!“ sagt, dann antwortet Fritz: „Das ist Ausdruck deiner Pubertät. Erwachsene gebrauchen eine solche Fäkalsprache nicht!“

Harry daraufhin: „Hä?“

Übrigens stellen sich die Lehrer bei so was viel blöder an als die Lehrerinnen. Fritz ist gar nicht so alt, so um die dreißig, tut aber ständig so, als lebten wir im Mittelalter.

Zum Glück war Fritz an diesem Tag noch nicht in der Klasse. Noch zehn Minuten bis Unterrichtsanfang – Harry konnte also einen seiner derben Witze erzählen, wie jeden Morgen.

Statt zu Hause zu lernen, surft Harry ständig im Netz und sucht nach dreckigen Witzen. Er meint, darauf fliegen die Mädels, doch davon hab ich bisher nichts gemerkt. Mädchen sind in erster Linie romantisch. Manchmal lachen sie aber schon.

„Kennt ihr den …?“ Sofort drängte sich die halbe Klasse um Harrys Bank. Auch die Mädels. Zum Glück sind sie heutzutage ziemlich gut aufgeklärt, dank der Zeitschriften, die sie lesen – wie meine Schwester Christine.

Letzte Woche erst hatte eine Zeitschrift schon auf der Titelseite einen Artikel zu einer wichtigen Sache verkündet: „Wo die Jungs geküsst werden wollen.“ Na, wo wohl? Alles klar? Außerdem gucken Mädchen gern MTV, wo halbnackte Nutten um Muckigangsta rumhüpfen. Kein Musikclip ohne Titten! Wenn dir MTV einen Arsch nach dem anderen in den Blick knallt und ’ne Halbnackte dazu singt, „du hast den schönsten Arsch der Welt“, wollen uns die Erwachsenen damit sicherlich nicht psychisch auf den Mathe-Känguru-Wettbewerb vorbereiten.

Schon in der fünften Klasse haben wir uns bei Geburtstagspartys Extremclips im Web angeschaut – also nicht nur das Softzeug bei YouTube. Und als Harry noch sein Handy hatte, schickte er den Mädchen ständig irgendwelche Hardcore-Pornoclips, Monsterschwänze und krasse Mösen, und hörte damit erst auf, als Bea ihm simste: „Was willst du mit dem Kindergartenkram, hä?“ Im Klartext: In dieser Welt kann Harry die Mädchen mit keinem auch so derben Witz schockieren.

Nun also legte er los: „Vögelt ’ne Frau mit ’nem Mann. Sie will unbedingt ein Kind bekommen. Der Mann hat sich aber unauffällig ’nen Pariser überzogen. ‚Liebling?‘, fragt die Frau nach der Nummer. ‚Welchen Namen geben wir unserem Baby denn?‘ Der Mann zieht den Gummi runter, macht ’nen Knoten dran, schmeißt ihn unters Bett und sagt: ‚Na, wenn er da rauskommt, dann David Copperfield!‘“

„Haha!“

„Hihi!“

„Hähä!“

„Oder kennt ihr den? Zwei Männer fahren im Auto und werden von ‘ner Frau im Minirock angehalten. Sie hockt sich auf den Hintersitz, sie fahren weiter, der Beifahrer schläft ein. Der Fahrer guckt hin und wieder in den Rückspiegel. Plötzlich spreizt die Frau die Beine, und der Fahrer sieht, dass sie unter dem Minirock kein Höschen trägt. So weckt er unauffällig seinen Kumpel und flüstert ihm ins Ohr: ‚Guck schnell in den Rückspiegel!‘ Der Beifahrer dreht den Rückspiegel zu sich, guckt und fragt: ‚Du, hast du ’nen Kamm? Ich schau wie ’ne Fotze aus!‘“

„Etwas so Geschmackloses habe ich noch nie gehört!“, sagte Fritz, der sich inzwischen herangeschlichen und Harrys Witz mitbekommen hatte. Damit Harry „die schöne deutsche Sprache lernt“, verpasste ihm der verklemmte Sack eine Ballade zum Auswendiglernen – von Friedrich Schiller. Der einzige, den Harry mit seinen derben Sprüchen noch schockieren kann, ist unser Deutschlehrer. Wo kommt der Typ eigentlich her? Vom Mond?

Fünf Minuten nach Unterrichtsbeginn flog die Tür des Klassenzimmers auf. Harrys Sandkastenfreundin Bea stolzierte hinein. Fritz wollte sie schon anschnauzen, doch die Worte blieben ihm im Hals stecken. Beas Aufmachung hatte ihm die schöne Sprache verschlagen. Wie uns anderen auch! Beas Kleider konntest du in ’ner Streichholzschachtel verpacken. Als ob sie für „Deutschland sucht den Pornostar“ casten wollte! Bea ist unser Modell. Natürlich hat Bobby mal versucht, sie anzubaggern, gleich nachdem sie und Harry aus Niederbayern hierhergezogen waren.

Bei Bea hat aber nicht mal Bobby eine Chance. Kein Mensch hat die – Bea ist ja ’ne Göttin! Nur Harry hat bei Bea keine Hemmungen, er kennt sie ja seit dem Kindergarten und somit auch ihre geheimsten Stellen – ihr Pech.

Während Bea also in ihre Bank schwebte, glotzte Fritz wie ’n geiler Molch. Der ist wohl auch nur so ’ne arme Sau, den die Pubertät etwas verspätet durchschüttelt. Sein komisches D’Artagnan-Bärtchen legt den Verdacht jedenfalls nahe. Wenn du jeden Tag beim Frisieren deines Bärtchens ’ne halbe Stunde vor dem Spiegel verbringst, musst du wohl ’nen Knall haben!

Harry und ich hocken eigentlich nebeneinander. Hin und wieder setzt uns ein Lehrer auseinander – wegen öffentlicher Ruhestörung –, aber wir finden immer wieder zusammen. Jetzt schrieb sich Harry die Strafarbeit auf, bückte sich zu mir und flüsterte mir ins Ohr:

„Hab gestern gesurft! Eine Tusse im Web hatte an der Möse genauso ein Bärtchen wie Fritz. Deswegen nennen das die Designfriseure den Mösenlook!“ Dirty Harry halt. Aus Niederbayern! Mehr muss ich dazu wohl nicht sagen, oder?

Fritz riss seinen Blick von Bea und krächzte uns an: „Und ihr arbeitet weiter an eurem Aufsatz!“

Was ist Anstand?“, hatte Fritz von uns wissen wollen. Ich guckte lieber gar nicht erst über Harrys Schulter, um zu sehen, was er darüber dichtete, hoffte auf jeden Fall, dass er sich zusammenreißen würde. Sonst bekam Fritz noch einen Kollaps!

Einmal hatte sich Fritz bei Harrys Altem über die Fäkalsprache seines Sohnes beschwert. „Scheiße?“, hatte Harrys Vater gefragt und gegrinst. „Sag ich auch hin und wieder! Und noch Schlimmeres!“ Daraufhin traute Fritz sich nichts mehr zu sagen. Immerhin soll Harrys Vater früher mal in Niederbayern als Metzger Ochsen mit den bloßen Händen getötet haben.

Mein Aufsatz war fertig. Ich schob ein Blatt Papier unter mein Heft und dichtete darauf ein Liebesgedicht für Katja. Immer wenn mir was einfiel, hob ich mein Heft, und schrieb den Vers auf. Vielleicht konnte ich’s ihr mit der Post schicken. Klar anonym. Oder irgendwie zustecken, aber so, dass sie mich dabei nicht erwischte:

Deine Augen sind echt ziemlich selten

Bayerisch blau, geheimnisvolle Welten

Mein Blick wird nie zu etwas taugen

Ohne die Macht deiner blauen Augen

Ich dachte an Katja und schrieb eine Zeile auf … Und plötzlich kam mir Lilli in den Sinn. Und Wahnsinn! Ich sah nicht mehr ihre Möse bei einem Doktorspiel, das wir jetzt spielen würden, ich sah ihr Gesicht vor mir, ein Gesicht wie das von Hermine aus den Harry-Potter-Filmen, ein schönes und kluges Gesicht.

Wie schaute Lilli jetzt, mit sechzehn, wohl aus? Mann! Hatte ich einen an der Klatsche? Wieso dachte ich gerade jetzt, wo ich ein Liebesgedicht für meine Traumfrau schrieb, an ein Mädchen, das ich zuletzt vor zehn Jahren gesehen hatte? Und hopp, tauchte Katja wieder in meinem Hirn auf! Nun fehlte nur noch der letzte Vers:

Ich denk an dich, und gleich streikt mein Magen

Ich liebe dich, das wollte ich dir sagen

„Was machst du da?“ Das Gedicht hatte mich so gepackt, dass ich alle Vorsicht vergaß. Über mir stand Fritz. Ach, du Scheiße! Er hob mein Heft hoch, krallte sich mein Gedicht, ging durch die Klasse und rezitierte laut:

Wo ich nur laufe, laufe ich auf deinen

Echt heftig langen und krass nackten Beinen …

Die Klasse lachte. Fritz hielt das Blatt mit meinem Gedicht weit von sich, als sei es etwas Ekliges, und warf es in den Abfallkorb. „Und das soll ein Text über den Anstand sein?“, brüllte er. „Diese … Diese feuchten Träume?“

„Du feuchtes Arschloch!“, sagte Harry leise.

„Was hast du da gesagt, Deretz?“, kreischte Fritz durch die Klasse.

„Dass Sie a Scheengeist san!“, sagte Harry auf Bayerisch.

„Sei nicht frech!“

„Vielleicht soll man für ’ne Frau kein Gedicht, sondern ein großes rotes Herz malen!“, sagte ich zu Harry ein paar Minuten später. „Mit Pfeil drin und so …“

„Das würde ich lieber lassen!“, sagte Harry. „Deine Herzen schauen wie Ärsche aus!“

„Auch das Herz ist nur ‘ne Frage der Perspektive“, sagte ich. „Mal Herz, mal Arsch. Je nachdem, ob du von unten oder von oben schaust.“

Zum Glück läutete es in diesem Augenblick. Ich holte mein Gedicht aus dem Abfallkorb. Klar konnte ich’s Katja jetzt nicht mehr zukommen lassen. Die würde gleich wissen, woher der Liebessturm angedonnert kam. Bald würde ja sowieso die ganze Schule erfahren, dass ich Liebesgedichte schrieb. Auch mein Exfreund Bobby, um den die ganzen Quatschtanten aus meiner Klasse immer herumscharwenzeln.

Und natürlich hatte ich recht! Bobby traf ich gleich in der nächsten Pause auf dem Schülerklo, wo er immer qualmt. „Ja, die Liebe, Alter!“, sagte er und zwinkerte mir zu. „Wusste gar nicht, dass du Liebesgedichte schreibst.“ Dabei haben wir früher zusammen Songs komponiert. Wir wohnen ja in derselben Straße und waren seit dem Kindergarten beste Freunde. Bis zur Achten, als eine Bombe zwischen mich und Bobby fiel! Wieso war Bobby nur ein solches Arschloch geworden? Und jetzt hatte er wieder mal ein neues nettes Geschichtchen auf Lager – eine Anekdote für die Mädels: über den liebestrunkenen Andi mit der Latte. Scheiße, verdammte! Vielleicht sollte ich ihm noch mal die Fresse polieren! „Gewalt ist keine Lösung!“, sagt mein Vater in solchen Momenten.

Aber ich will mich sowieso nicht mehr mit Bobby prügeln. Das ist schon damals schiefgegangen.

Vor der letzten Stunde erzählte Harry der Klein, unserer Biolehrerin, dass er ins Stadtzentrum fahren müsse, zum Kaufhof am Marienplatz, um sich neue Boxershorts zu kaufen.

Sie kaufte ihm die blöde Ausrede doch glatt ab und ließ ihn laufen! Die Klein ist ganz in Ordnung. Obwohl sie ’ne Frau ist, weiß sie wohl, wie uns zurzeit die Hormone fluten. Biologielehrerin halt … „Kauf dir was Hübsches!“, sagte sie zu Harry. „Am besten etwas mit Elefanten drauf oder mit Walen, wie die Unterhose von Jack Nicholson in Einer flog übers Kuckucksnest.

„Mach ich doch gern!“, sagte Harry und haute ab. Diesmal mit einem Lächeln.

In Bio sollten wir unsere Aufsätze über ein Erlebnis in der Natur vorlesen. Und natürlich rief die Klein mich zuerst auf.

Ich jogge oft im Truderinger Wald, damit ich eine gute Kondition habe und bei unseren Fußballspielen nicht auf der Ersatzbank hocken muss. Und so las ich meine Geschichte über die Entenküken dort am Kieswerksee vor, die vor ein paar Tagen geschlüpft waren.

Als Garik mir letztes Mal wieder hinterhergelaufen war, wollte er am Kieswerk sein Gebiet markieren, und plötzlich lief eine Schwadron kleiner Entlein auf ihn zu. Erschrocken jagte er davon. Vor Rentnern, die durch die Gegend Nordic walken, hat Garik als Stadthund keine Angst – Rentner an Stöcken kennt er ja. Kleine Enten aber? Solche Ausgeburten der Hölle hatte er noch nie gesehen.

„Ein schöner Aufsatz“, sagte die Klein hinterher. „Kann ich den mal haben? Ich würde ihn morgen gern in meiner Klasse zeigen. Vielleicht joggen meine Schüler dann ja auch mal im Wald.“

Die Klein war Katjas und Bobbys Klassenlehrerin. Ich fragte mich, wie die auf meinen Aufsatz reagieren würden. Keine Ahnung, ob es gut oder schlecht war, sich bei Katja als Naturbursche zu outen. Bei Bobby würde ich mir damit sicherlich Probleme einhandeln. Was sich kurz darauf, gleich am Anfang der Ferien, noch bewahrheiten sollte.

Gedankenverloren schlenderte ich nach dem Unterricht aus der Klasse – und prallte im Flur mit der Nummer eins meiner Top-Ten zusammen: Katja! Und allein! So wie sie angezogen war, hatte sie heute sicher keinen Religionsunterricht:

In ihrem Sommerlook sah sie aus, als wäre sie gerade ’ner Gangsta-Rapper-Luxuskarre entstiegen: kurzer Minirock, freier Bauch, der Nabel gepierct, drüber ein T-Shirt, das auch als BH hätte durchgehen können.

Mann! Die Chance! Keine anderen Mädchen weit und breit und Bobby nicht hier! Zeit für ’nen Baggerspruch direkt vom Großmacker Andi! Aber was sollte ich ihr sagen, verdammt? Na, was? Was ganz Intelligentes! Was Lustiges! Das mögen die Tussen! Aber was? Zum Beispiel: „Hi! Biste auch schwul?“ Nee … Das Terrain hatte Bobby ja schon besetzt. Ja, denk, denk, denk, blödes Hirn! Schon war Katja bei mir.

„Hi!“, sagte ich. Mutig, was? Und was tat sie? Sie lachte laut auf und lief weiter! Na, ja, viel Konversation war das nicht. Macht nichts, Mädel! Hab für dich schon ’ne Falle vorbereitet – ’ne Rock’n’Roll-Falle.

Katja kam nämlich immer dienstags und donnerstags auf dem Weg zu ihrem Volleyballtraining an unserem Haus vorbeigelatscht. Die Sporthalle steht praktischerweise am Ende unserer Straße. Und heute war Donnerstag! Am Nachmittag wirst du was erleben, Baby! Aber warum hat sie so gelacht? Verdammt! Sicher hatte ihr Bobby schon von Andi erzählt – dem verliebten Troubadour.

Andi und das Testosteron

Aus dem Wohnzimmer hallte leise Vaters Westerngitarre. Um meine Mutter und ihre Patientinnen nicht zu stören. Mutters Naturheilpraxis war direkt bei uns im Haus, mit einem eigenen Eingang. Mein Vater hockte in letzter Zeit nur zu Hause. Mama jammerte ständig, dass sie uns nicht allein mit dem Geld aus der Praxis durchfüttern konnte. Doch Vater bekam irgendwie keine Aufträge mehr, so als Studiomusiker.

„Mach halt einen Taxischein!“, sagt Mutter hin und wieder zu ihm. „Oder verkauf irgendwelche von deinen gottverdammten alten Büchern! Das Haus ist voll davon!“

„Dafür würde mir ein Antiquar nur ein paar Groschen geben!“, sagt mein Vater. „Das sind doch alles Schlitzohren!“

„Aber als du die gekauft hast, haben die eine Menge Geld gekostet!“

„Vieles hab ich billig auf dem Flohmarkt geschnappt. Und damals hatte ich auch noch Geld!“

„Ja, damals“, sagt meine Mutter dann. „Aber wenn du jetzt nicht langsam Geld verdienst, müssen wir aus dem Haus ziehen. Das Finanzamt hockt uns im Nacken. Blutsauger!“

„Ihr solltet wieder mit der Band touren!“, schlage ich meinem Vater öfter vor, doch der alte Optimist wehrt jedes Mal ab: „Dafür sind wir schon zu alt!“ Kein Wunder, dass sich meine Mutter an ihm die Schuhe abputzt!

„Kennst du den Carter-Style?“, fragte mich mein Vater jetzt.

„Nö, was ist das?“

Er zupfte mit dem Daumen an den Basssaiten die Melodie und schrummte dazwischen über die Saiten. Die Bassübergänge zwischen den Akkorden hörten sich echt geil an. „So spielen viele Country- und Bluegrass-Gitarristen.“

„Cool! Hast du Songtabulaturen davon?“

„Klar.“ Er reichte mir ein paar Blätter. Sechs Linien der Gitarrensaiten mit Punkten drauf, wo du zupfen musst. Ich kann auch Noten lesen, aber Tabulaturen sind irgendwie cooler: Wildwood Flower, Ring of Fire von Johnny Cash – alles Country. Seit meine Mutter verfügt hat, dass wir sparen müssen, kauft er keine Bücher und Noten mehr, sondern holt sich die Songs aus dem Netz.

„Muss heute Abend weg!“, sagte mein Vater.

„Ins Studio?“, fragte ich. „Hast du ’nen neuen Auftrag?“

„Das nicht, aber die Jungs woll’n proben. Wenn wir einen richtig heißen Song hinkriegen, so wie früher, dann könnten wir noch mal voll durchstarten Dann könnte ich die Jungs vielleicht überreden, dass wir wieder auf Tour gehen!“ Ein Träumer halt.

„Deine Jungs haben auch noch andere Berufe!“, sagte meine Mutter, die hereingekommen war und das Ende unseres Gesprächs mitbekommen hatte. „Und verdienen damit Geld!“

Ich verzog mich nach oben. Zwischen 13 und 15 Uhr herrscht hier manchmal Krieg, wenn Papa seinen Schützengraben aus alten Gitarren und uralten Büchern verlässt und in der Küche antanzt. Da hat Mama Pause in ihrer Naturheilpraxis, ist müde von ihren Patientinnen, die sie den ganzen Vormittag mit Engeln und so zulabert, und dann ist sie auf Streit aus.

Gott sei Dank für mein eigenes Zimmer! Früher musste ich unten in der Küche hausen, aber als Mo letztes Jahr zu ihrem Lover gezogen ist, durfte ich ihr altes Zimmer besetzen. Jeden Tag bete ich, dass bei Mo in der Kiste alles gut läuft und sie nicht zurück nach Hause kommt. Ein eigenes Zimmer ist Luxus. Echt!

Bis zu meinem Sturm auf Katja blieben mir noch ein paar Stunden Zeit. Musik ist ’n guter Pausenfüller. Ich übte an meiner Akustikgitarre Vaters Tabulaturen ein. Doch obwohl ich auf Katja wartete, schoss mir Lilli ständig durch den Kopf. Am übernächsten Samstag würde sie auftauchen. Konnte ich am Ende was mit ihr anstellen? Vielleicht hat sie schon vergessen, dass sie meinen Pimmel damals mit sieben so kurz fand …

Ich übte weiter und hatte den Carter-Style nach einer Stunde drauf. Die Bassübergänge jagten mich von Akkord zu Akkord, bis ich an dem schönen a-Moll hängen blieb. An einem Song für Lilli. Katja passte da irgendwie nicht rein:

Im Paradies


Ich weiß nicht, warum ich traurig bin

Alles Glück, alle Lust sind dahin

Kin Glas Bier macht mir Freud, kein Minirock

Irgendwie hab ich heut keinen Bock.


Manchmal ist’s mir so schwer

Sehr, sehr schwer …


Doch dann tauchst du auf in meinem Hirn

Und gar nichts ist mehr mies

Am Himmel strahlt mein Glücksgestirn

Ich sitz im Paradies.


Das Paradies kann sehr wohl traurig sein

Auch mit dir bin ich dort ganz allein

Das Paradies ist manchmal ganz schön fies

Vor allem, wenn dich das Glück verließ


Manchmal ist’s mir so schwer

Sehr, sehr schwer …


Doch dann tauchst du auf in meinem Hirn

Und nichts ist mehr mies

Am Himmel strahlt mein Glücksgestirn

Ich sitz im Paradies.


Weißt du was? Ich weiß nicht, wie es um mich steht

Wenn du nicht bei mir bist, geht’s mir schlecht

Doch du kommst, und mir geht’s auch nicht gut

Vielleicht bin ich halt nicht ausgeruht.


Im Paradies, im Paradies, im Paradies, im Paradies …

Boah! Im Zimmer war’s heiß wie in der Sauna. Ich legte die Gitarre ab, riss die Fenster auf, zog mir die Kopfhörer rüber, haute mich in die Falle und hörte mir ’ne CD von Kool Savas an. Was Mucke angeht, bin ich ganz offen, höre und spiele alles, worauf ich grad Lust habe.

Ich war so müde, dass ich bei Kool Savas sogar einpennte. Vielleicht konnte ich meiner Mutter Kool Savas für ’ne Schlaftherapie empfehlen. Mutters Patientinnen, die Omas, würden sich sicher wundern, wenn Kool Savas versuchte, sie mit seinem „Chicken ficken“ in den Schlaf zu wiegen!

Oh! Halb fünf! Höchste Zeit, die Baggerattacke auf Katja vorzubereiten. Ich öffnete die Fenster, haute beide Boxen auf die Fensterbank, holte Vaters elektrische Gitarre aus dem Wohnzimmer, steckte das Kabel ein und drehte voll auf.

Boah! Schon als ich die Gitarre zum Fenster trug, dröhnte sie und brummte wie ’ne Dampflok, ohne dass ich auch nur daran zupfte. Ich hockte mich auf die Fensterbank, möglichst weit weg von den Boxen, damit mir die Schallwellen nicht die Ohrtrommel piercten, holte ein Plektrum aus der Tasche und wartete, bis Katja auftauchen würde.

Und da kam sie schon! In ihrem grünen Adidas-Sportanzug mit weißen Streifen, die Sporttasche über die Schulter.

Sie war nur drei Häuser von mir entfernt, da machte es „wrrrrrrumm!“ Ich riss ein paar Riffs runter, für die sich der Gitarrist von Billy Idol nicht schämen würde. Die Boxen hüpften auf der Fensterbank. Die Fenster der Nachbarhäuser klirrten wie bei ’nem Bombenangriff.

Mann! Woodstock pur! Was sagst du jetzt, Katja, du nasenbohrende Eiskönigin, du? Das haut dir die Ohrläppchen weg, was? Mann, oh, Mann! Wie sollte Bobby eine Chance gegen mich haben, wenn er nicht Gitarre spielen konnte? Der Gitarrist war ich!

Und gleich zog ich an den Basssaiten – Smoke on the Water von Deep Purple, sicher mit über hundert Dezibel. Du, du, duu, du, du, du, duu … „Huuuuuu!“ Luftalarm! Panik in der Straße! Die Nachbarn liefen in die Keller!

Ich riskierte ’nen Blick nach unten. Katja latschte gerade an unserem Haus vorbei, guckte kurz zu mir hoch, schüttelte den Kopf und trottete weiter. Hä? Besonders beeindruckt schaute sie nicht aus. Eher genervt! Äh – hätte ich vielleicht doch was Poppigeres bringen sollen? Mist! War wohl mal wieder schiefgegangen!

Die Zimmertür flog auf. „Sag mal, spinnst du?“, brüllte meine Mutter. „Vor lauter Schreck habe ich meiner Patientin die Akupunkturnadel fast ins Auge gestochen! Abmarsch nach unten! Putzen! Staubsaugen!“ Tja. Künstler haben’s bei uns schwer.

Christine war noch nicht zu Hause, aber mein Vater grinste mich an. „Geile Mucke!“, sagte er und half mir beim Aufräumen. Vielleicht ist er noch nicht ganz verloren.

Ich staubte mit dem Handsauger die Bücher in seinem Zimmer ab. „Pass auf!“, sagte er wie immer. „Du musst ganz vorsichtig über die Bücher fahren, darfst sie nicht antatschen. Das meiste davon sind teure Erstausgaben. Teuer und selten!“

Mann! In Vaters Zimmer schaut es echt aus wie in einem Antiquariat! Mit Ikea-Billy-Regalen vollgestellt, in denen Tausende von Büchern stehen. Dahinter, am Fenster, zwischen zwei Regalen sein Computertisch.

„Was ist das?“, fragte ich und zeigte auf den Bildschirm.

„eBay!“, sagte er. „Bei eBay kannst du auch jedes alte Buch kaufen.“ Ich schluckte. Wenn Mutter erfuhr, dass er alte Bücher kaufte.

„Keine Angst!“, sagte er schnell. „Ich kaufe nichts mehr. Ich guck nur, was die Sachen so kosten.“ Ob ich ihm das glauben soll, dachte ich, aber ich hielt lieber den Mund.

Nach dem Abendessen guckte ich mir am Computer eine Vampir-DVD an, die mir Harry gebrannt hatte. Die Viecher liefen rum und bissen jedem in den Hals, der vorher in einem Club Karaoke gesungen hatte. Heftig öd und deppert. Diese Horrordinger machen mich wirklich nicht an.

In letzter Zeit hab ich auch kein World of Warcraft mehr gespielt. Irgendwie war ich im letzten Jahr in so ’ne Suchtfalle geraten gewesen. Ich hatte nur am Computer gehockt und WoW gespielt. Monatelang hab ich nicht mal meine Gitarre in die Hand genommen.

Irgendwann ging ich auf Entzug und habe das Spiel seitdem ganz gemieden. Zurzeit tobte ich mich höchstens an Racingspielen aus – eine gute Fingerübung für Gitarrenspieler. Wenn du an den Pfeiltasten täglich den Zeige-, Mittel- und Ringfinger übst, zupfst du an deiner Gitarre wie Jimmy Hendrix.

Auch Pornos langweilten mich zunehmend. Als Sechzehnjähriger kennst du die Möse in- und auswendig. Wie ’ne Möse ausschaut, ist für mich echt kein Geheimnis. Ich hab im Web ja schon hunderttausende Mösen gesehen, in all ihren Arten und Abarten – haarig, ein bisschen frisiert und ganz rasiert, kleine süße Zuckerschnecken und große lappige Medusen, die hungrig herumschnappen: schnapp, schnapp!

Die sind ja noch ganz hübsch, schlimm aber sind die Plastikmösen ohne Gesicht – die sind der Grund dafür, dass du dir diese Sachen irgendwann nicht mehr anguckst. Mösenbilder werden im Web wie Tomaten verkauft – kiloweise und ohne Liebe! Nur die lebendige Möse blieb für mich wie der Mond für ’nen Astronomen, jedes Stück davon schon als Bild gesehen, doch noch nie in das das Gelobte Land gereist!

Allmählich kam mir die Möse wie eine Paradiesblume vor, an deren Duft ich mich nie berauschen würde, weil’s das Paradies gar nicht gab. Ich holte mir einen runter und surfte anschließend im Netz. Durch Pornoseiten zu surfen, ist sowieso ungesund. Da schnappt man schnell ein paar Viren auf. Ausgewichst schaust du nach den mösenfreien Seiten, die weniger infiziert sind. Eine Viertelstunde lang auf jeden Fall, bevor der Trieb dich wieder packt.

Ich googelte nach „feuchte Träume“. Wollte echt wissen, was unser Deutschlehrer damit meinte. In einem Blogbeitrag stand: „Wenn ein erwachsener Mann die Bedürfnisse eines sechzehnjährigen Jungen als ‚feuchte Träume‘ abtut, ist es nur erbärmlich.“

Da hatte ich’s schwarz auf weiß: Der Fritz ist ein Arschloch! In einem anderen Kommentar erfuhr ich, dass wichsen gesund sei. Sogar wissenschaftlich bewiesen. Hey, Leute! Wusstet ihr, dass zwischen dem neunten und fünfzehnten Lebensjahr der Testosteronspiegel bei einem Jungen um das FÜNFUNDZWANZIGFACHE steigt? Und das Hormon Testosteron ist für unseren Sexualtrieb verantwortlich! ’n Hammer, oder? Mit meinen sechzehn stand ich also grade auf dem Gipfel! Oh, Gott, wie sollte ich da je runterkommen?

Bei einem Mädchen kocht sich das Testosteron in demselben Zeitraum gerade nur fünfmal hoch, las ich. Jetzt war mir alles klar! Deswegen konnte sich Katja ganz cremig in der Nase bohren! Die wurde vom Testosteron nicht so überschwemmt wie ich!

Mann! Sie überlegt und schaut und wartet mal ab und wählt aus und dann überlegt sie wieder! Und ich? Ein paar Stunden lang ohne Samenerguss und gleich spürst du Druck in den Keimdrüsen!

Sogar Prostatakrebs kannst du kriegen, wenn du nicht jeden Tag die Drüsen leerst! Boah! Ich hielt kurz inne. Ja, da war er wieder! Dieser scheiß Druck! Was blieb mir also anderes übrig?

Um gesund zu bleiben, holte ich mir noch einen runter.

In letzter Zeit hatte ich eine super Wichstechnik entwickelt, was irre Mentales: Du entspannst dich mit einem geilen Bild im Kopf, fängst an zu rubbeln, versuchst aber, die ganze Zeit die Muskulatur locker zu halten. Wenn sich irgendwo ein winziges Sehnchen spannt, lockerst du sofort, und wenn’s kommt, versuchst du alles weiter locker zu halten, – auch die Pimmelmuskulatur. Und dann platzt die Bombe! Aaaah – was für ein Soloauftritt!

Gott hat echt gut überlegt, wozu er uns die Hände geschenkt hat. Oder war das die Evolution? Ach, egal!

Anstatt noch einen weiteren Gedanken daran zu verschwenden, ging ich lieber pennen. Und natürlich tauchten gleich wieder meine „feuchten Träume“ auf: Titten, Mösen und Ärsche! Wovon sollte ich als Sechzehnjähriger sonst träumen, verdammt? Von der Globalisierung etwa?

Im Traum spielte ich wieder Doktor mit Lilli, doch waren wir in unserem Alter – nicht so klein und harmlos wie damals mit sechs. „Oh je! Der ist ja immer noch nicht gewachsen!“, sagte Lilli und lachte. Erschrocken wachte ich auf und fasste mir in den Schritt. Uff! Doch nicht geschrumpft! Die Traum-Lilli hatte sich geirrt.

Beruhigt schlief ich ein, und wir poppten. Echt! Um zwei weckte mich ein urgeiles Gefühl da unten. Ich fasste mir in die Hose. Ach je! Musste meine Boxershorts wechseln. Die alte wusch ich aus und hängte sie an den kalten Heizungskörper. Ende Juli. Obwohl es mitten in der Nacht war, ging draußen eine wahre Afrikashow ab. Heiß wie in ’ner Mikrowelle. In ein paar Stunden würde die Unterhose trocken sein.

Wenn Mutter die Shorts so spermatisiert in der Wäsche entdeckte, würde sie mit ihren Akupunkturnadeln aus mir eine Pinnwand machen. Und das wollte ich vermeiden.

Als ich mit vierzehn meinen ersten ungewollten Samenerguss in der Nacht erlebt hatte, dachte ich echt, dass bei mir was geplatzt wäre. Obwohl ich dank Webcams schon mit zwölf wusste, dass du als Mann wie ein Tier herumspritzen musst.

Im nächsten Traum jagte mich ein Vampir-Superman durch die Münchner Fußgängerzone. Weil ich irgendwo in einem Karaoke-Schuppen falsch gesungen hatte. Der Marienplatz war menschenleer. Tiefste Nacht. Nur ich und der Vampir. Blut tropfte ihm vom Maul. Tja … Und wieder sind wir bei Lillis Scheißvampir-Alphatier angelangt. Ich sollte echt nicht vorgreifen. Gute Nacht!

Harry und die Mädchen

In den vorletzten Freitag vor den Sommerferien hüpfte ich ganz entspannt rein – gut für den ganzen Stress gerüstet. Am Frühstückstisch hockte nur Christine. In Pyjamaoberteil und Höschen. Vater und Mutter schliefen noch. Mutters Praxis war ja am Freitag zu.

Christine, die vor ein paar Wochen achtzehn geworden war, blätterte in der Mädchen rum. Wann würde die wohl erwachsen werden? Sie hob den Kopf, guckte mich lange an und fragte: „Wie oft masturbierst du am Tag?“

Hä? Hatte sie in der Nacht was mitbekommen? Hatte ich beim Wichsen wie ’n Bulle gebrüllt, oder was?

„Spinnst du?“, sagte ich.

„Schau mal! Hier in der Zeitschrift ist ein Artikel drüber, wie oft es Jungs am Tag treiben.“

„Was?“

„Die Journalistin hat Jungs auf der Straße angehalten und sie gefragt: ‚Wie oft holst du dir einen runter?‘ und so“, sagte Christine. „Manche rubbeln bis zu zehnmal am Tag!“

„Echt?“ Mann, wenn das stimmte, dann war ich voll enthaltsam! Ich brachte es allerhöchstens auf dreimal am Tag! Und schon deswegen bekam ich Schuldgefühle und kam mir wie ’n Affe vor!

Gerade als ich mir das letzte Stück Brot mit der Erdbeermarmelade in den Mund schob, jagte Christine nackt aus dem Bad die Treppe hinauf, in ihr Zimmer. Schwester oder nicht Schwester – ein nackter Frauenarsch trägt kein Namensschild!

Mit offenem Mund und roter Marmelade am Kinn glotzte ich, wie sie auf ihren zwei langen nackten Beinen der Klasse 1A die Treppe hinaufhüpfte. Obwohl wir hier im Haus alle nackt rumliefen, erwischte es mich jetzt voll.

Mit ’nem Ständer wie eine Handbremse bretterte ich noch mal zurück in mein Zimmer und holte mir einen runter. Um den Tagesanfang zu feiern, sozusagen. Warum auch nicht? Wenn sogar die Mädchen Wichsen cool fand, war das auf jeden Fall besser als Akupunktur!

Zehn Minuten später war ich wieder unten. An der Espressomaschine tobte sich jetzt unsere Mama aus. Echt keine Ahnung von Technik, die Frau. „Warte mal!“, sagte ich, drückte ’nen Knopf und die Maschine zischte und blubberte mir ihr „Hallo“ entgegen.

Mutter drehte sich um. „Apropos Akupunktur!“, sagte sie. Scheiße! Konnte sie meine Gedanken lesen? War sie früher doch mal ’ne Hexe gewesen? Wusste sie, dass ich regelmäßig wie ein Tier rumwichste? Echt peinlich …

„Wie steht’s mit deinem Nasenbluten?“, fragte sie. „Vielleicht könnte ich dir ein paar Nadeln …“

„Nö, Mama!“, sagte ich. „Aus der Nase kommt bei mir jetzt nichts mehr raus!“

„Das soll ein Witz sein, oder was?“

Ups! Hatte gar nicht gemerkt, wie doppeldeutig meine Antwort war. „Quatsch!“, sagte ich. „Hab seit Monaten kein Nasenbluten mehr gehabt!“

Details

Seiten
0
Erscheinungsform
Erstausgabe
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783960873549
ISBN (Buch)
9783960874249
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v429931
Schlagworte
liebe-frauen-roman-tik-s-e-lustig-humor-voll männer-humor-roman romanti-k-sche-komödie all-age erwachsen-werden pubertät jugend-literatur-buch

Autor

  • Jaromir Konecny (Autor)

Teilen

Zurück

Titel: Doktorspiele (Humor, Liebe)