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Zum Verlieben verführt (Chick Lit, Liebe)

von Dolores Mey (Autor)

2018 0 Seiten

Leseprobe

Du bist spitze!

Ja, wirklich: DU. Es ist toll, Leser wie dich zu haben, die neue Formate wie unsere Love Shots ausprobieren.

Wir – das sind heute Katherine Collins, Anne Gard, Dorothea Stiller, Bettina Kiraly, Jessie Weber, Daniela Blum, Evelyn Boyd, Anna Donig, Susanne Halbeisen, Nadin Hardwiger, Mariella Heyd, Lara Kalenborn, Natascha Kribbeler, Saskia Louis, Lisa McAbbey, Dolores Mey, Annell Ritter, Linne van Sythen und Jennifer Wellen – haben uns viele Gedanken um unsere Leser gemacht.

Wir wollten etwas schaffen, das dir mehr Zeit zum Lesen gibt oder die Zeit, die du hast, noch mehr versüßt.

Versüßt mit schöner Literatur und Geschichten, die fürs Herz geschrieben sind. Wir schreiben „Bücher mit Herz“ und bei unserer Romance Alliance spielt die Liebe eine zentrale Rolle.

Mit unseren Love Shots wird dein „Unterwegssein“ (ob zur Arbeit, in die Uni oder mit der Bahn oder dem Bus) pure Unterhaltung. Wir schicken dein Herz mit unseren Geschichten auf Reisen – in andere Welten oder andere Zeiten. Mit einem Love Shot als Begleitung soll jeder deiner Wege, jede Fahrt zum Abenteuer werden. Lass dich von uns verführen.

Viel Spaß wünschen dir

Katherine, Anne, Dorothea, Bettina, Jessie, Daniela, Evelyn, Anna, Susanne, Nadin, Mariella, Lara, Natascha, Saskia, Lisa, Dolores, Annell, Linne und Jennifer

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Über dieses E-Book

Das Letzte, was Barbara sich nach der Trennung von ihrem Freund wünscht, ist, ein flüchtiges Abenteuer zu werden. Und schon gar nicht für so einen unverschämt gutaussehenden Typen, der sich erdreistet, sie in ihrer geschätzten Mittagspause zu stören. Doch Niklas, dem die attraktive Anwältin nicht das erste Mal ins Auge sticht, lässt sich von ihrer Kratzbürstigkeit nicht abschrecken. Vielmehr versucht er, sie mit all seinem Charme zu becircen. Viel Zeit hat er dafür allerdings nicht, denn aus beruflichen Gründen ist er häufig auf Reisen und nur selten in seiner Heimatstadt …

Impressum

Erstausgabe Juli 2018

Copyright © 2018, Love Birds, ein Imprint der
dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

ISBN: 978-3-96087-445-4

Covergestaltung: Annadel Hogen
unter Verwendung eines Motivs von
© OIScher/ shutterstock.com,
Lektorat: Astrid Rahlfs

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

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„Müssen wir wirklich noch zu einem Anwalt?“ Mirko hielt sich den Kopf, der mit einem dicken Verband umwickelt war, als würde er jeden Moment von seinen Schultern purzeln, und zog eine gequälte Miene.

„Ja, müssen wir“, zischte Niklas. „Das willst du dem Idioten doch wohl nicht durchgehen lassen?“

„Was soll denn das bringen? Es reicht doch“, murrte Mirko, „dass wir der Polizei das alles schon einmal erzählt haben. Mensch, mir brummt der Schädel. Ich will nur noch heim.“

Mit dem das alles, war ein stinknormales Serienhandballspiel gemeint, bei dem es zu Handgreiflichkeiten gekommen war. Besagtes Spiel fand ausnahmsweise an einem frühen Donnerstagnachmittag statt und nicht, wie üblich, am Samstagnachmittag. Das Team um Mirko und Niklas musste ein Auswärtsspiel gegen eine Truppe bestreiten, deren Fangemeinde für ihr hohes Gewaltpotenzial bekannt war. Leider kam es auch in dieser Partie zu üblen Zwischenfällen, weil die gegnerische Mannschaft arg in Rückstand geraten war. Erst wurde nur gepöbelt, und dann flogen Gegenstände. Unglücklicherweise hatte dabei eine halbvolle Bierdose Mirko so böse am Kopf getroffen, dass er genäht werden musste.

„Nein. Es reicht eben nicht.“ Niklas nahm seinem Mannschaftskollegen die Tasche ab und hievte sie in den Kofferraum seines roten BMWs. „Jetzt hör auf zu jammern! Das wird schon nicht allzu lange dauern. Wir können von Glück sagen, dass wir heute Donnerstag und nicht Samstag haben. Sonst müsstest du dir einen Extratermin geben lassen. So lässt sich alles in einem Rutsch erledigen.“

„So wie wir aussehen?“ Mirko verdrehte genervt die Augen. „In Trainingsklamotten, total verschwitzt? Was glaubst du, was die von uns denken?“

„Das ist mir doch wurscht!“ Niklas zog sich die Strickmütze provokant tiefer ins Gesicht. „Mensch, du stellst dich an wie’n Mädchen. Worum geht’s hier überhaupt, hä? So eine Aktion darf man nicht einfach so im Sand verlaufen lassen!“ Niklas’ Ton war schärfer geworden. „Das nächste Mal trifft der richtig. Willst du daran eine Mitschuld haben?“

„Nein, natürlich nicht. Ich hab’ nur keinen Bock, den ganzen Sermon noch mal zu erzählen.“

„Da musst du jetzt eben durch. Vielleicht haben wir Glück, und es geht schneller als du denkst.“

„Na gut. Ich sag’ ja schon gar nichts mehr.“

Niklas betrat als Erster die Anwaltskanzlei und wurde von erdigen Naturtönen und cremeweißem Mobiliar empfangen. Ein Ambiente, das dem Betrachter schmeichelte. Allerdings war es nicht das, was ihn sonderlich beeindruckte, obwohl es ihm gefiel. Vielmehr war es die attraktive Blondine, die sich vor dem Empfangstresen mit einem Mann unterhielt und in diese Umgebung passte, wie ein Klecks Sahne zu einem Stück Erdbeertorte gehörte. Kühle Blonde, das Attribut fiel ihm spontan zu ihrer Erscheinung ein. Aber auch aristokratisch, vornehm und ja … auch ein wenig unnahbar. Genau das, was Niklas unter anderem bei einer Frau anziehend fand. Wie ein Magnet zog sie seine Blicke auf sich, obwohl sie ihn nicht einmal bemerkte, als er mit Mirko neben sie trat.

„Was kann ich für Sie tun?“, sprach eine Frau mittleren Alters ihn an und riss ihn von dem unwiderstehlichen Anblick los. Die füllige Empfangsdame, saß hinter einem Tresen und hieß offensichtlich Scholz. Das verriet das Namensschild vor ihr. So, wie sie sie mustert, hatte sie sie gerade in die Assi-Schublade gesteckt, vermutete er. Trainingsanzug und Strickmütze: Das passt, grinste er in sich hinein und fing ihren Blick ein.

„Wir, mein Mannschaftskollege und ich“, er ließ den Zeigefinger zwischen sich und seinem Kameraden hin- und herfliegen, „haben einen Termin bei Dr. Erdmann. Schauen Sie mal unter Mirko Wenzel nach.“

„Ja, das stimmt, Frau Scholz. Das Gespräch habe ich angenommen“, mischte sich die Blondine ein, „ich hatte nur noch keine Gelegenheit, den Termin einzutragen.“

Die schöne Blonde nahm Niklas kurz in Augenschein. Eindringlich, interessiert und irritiert. Letzteres ließ sich unschwer anhand der Falte über ihrer Nasenwurzel ausmachen. Ruckartig wandte sie sich ab und schenkte dem Mann vor ihr, der ununterbrochen auf sie einredete, wieder ihre volle Aufmerksamkeit. Ihre Miene ließ keine Rückschlüsse darüber zu, was in ihr vorging.

„Aber das ist doch kein Problem. Es klärt sich doch immer alles auf“, rief Frau Scholz sofort und klang schon wesentlich freundlicher. Sie deutete zum Flur. „Es ist die dritte Tür auf der rechten Seite. Dr. Erdmann erwartet Sie.“

Das Gespräch mit dem Anwalt ging tatsächlich schneller vonstatten als gedacht und Mirko war nun doch sichtlich froh, dass er den Termin wahrgenommen hatte.

Anschließend traten die Männer aus Dr. Erdmanns Büro in den Flur. Während Mirko sich bedankte, sah Niklas sich unauffällig nach der reizenden Blonden um, konnte sie aber nirgends entdecken.

„Dr. Erdmann!“ Frau Scholz kam dazu und trat von einem Fuß auf den anderen. „Entschuldigen Sie, aber ich habe den Wirt des Bistros in der Leitung, er sagt, er hätte noch eine wichtige Frage wegen der Reservierung für morgen.“

„Entschuldigung, aber da muss ich rangehen.“ Erdmann übernahm den Hörer von seiner Assistentin, drückte sich ihn gegen die Brust und wandte sich zu Mirko um: „Melden Sie sich, wenn Sie noch Fragen haben. Um alles Weitere kümmere ich mich. Wir hören uns.“ Er nickte auch Niklas zum Abschied zu und wandte sich dann ab, um zu telefonieren.

Frau Scholz begleitete sie zur Tür. „Übrigens kann ich Ihnen das Lokal hier unten im Haus nur empfehlen. Die haben einen hervoragenden Mittagstisch. Glauben Sie mir, wir können das beurteilen. Unser Team geht dort regelmäßig ein und aus“, lachte sie und öffnete die Tür. „Ihnen noch einen schönen Abend und gute Besserung.“

Sechs Wochen später.

„Darf ich?“

Barbara hob irritiert den Kopf und runzelte die Stirn, bevor sie den Finger auf die Zeile des Zeitungsartikels drückte, in dem sie gerade las. „Wie bitte?“

„Entschuldigen Sie, wäre es Ihnen wohl recht, wenn ich mich zu Ihnen setze?“ Sie erblickte einen attraktiven Mann in ihrem Alter. Er betonte jedes Wort und deutete auf die vollbesetzte Gaststube ringsherum. Dabei umfasste er die Lehne des noch unbesetzten Stuhls, der ihr gegenüberstand und wirkte etwas genervt. „Es ist leider nirgends mehr ein Platz zu kriegen …“

„Ja … ja … natürlich. Setzen Sie sich.“

Barbara musste sich zusammenreißen, um nicht unfreundlich zu werden. Warum suchte er sich denn kein anderes Lokal, wenn dieses, das Bistro, wie es von allen genannt wurde, voll belegt war? Hastig griff sie nach ihrer Handtasche, die auf dem noch freien Stuhl lag und stellte sie unwirsch neben sich ab. Mist! Sie liebte es, ihre Mittagspause allein zu verbringen. Nur in diesem kurzen Zeitfenster bekam sie mal die Gelegenheit für ein wenig Ruhe. Montags herrschte in der Kanzlei eine Dauerbeschallung der besonderen Art, denn viele Mandanten wollten den Frust, den sie übers Wochenende angestaut hatten, loswerden. Aus dem Grund begab sich Barbara – wie auch an jedem anderen Wochentag – zu dem etwas abseits stehenden Tisch im Bistro. Der Platz war eher unbeliebt. Direkt am Gang zur Küche und zu den Toiletten verirrte sich dorthin so schnell keiner. Sie sah sich um und bemerkte erst jetzt, dass es um diese Zeit tatsächlich voller als sonst üblich war.

„Ich werde Sie nicht stören“, erklärte der gutaussehende Fremde kühl. Es fiel ihr angenehm auf, dass seine Stimme ein dunkles Timbre hatte. „Ich möchte hier etwas essen und bin nicht auf der Suche nach Unterhaltung.“

Ohne sie noch eines Blickes zu würdigen, griff er zur Menükarte, die in einem mittig auf dem Tisch stehenden Ständer steckte und konzentrierte sich sofort auf den Inhalt.

Schuldbewusst betrachtete Barbara den gesenkten blonden Haarschopf. Der moderne Schnitt bändigte das volle Haar und betonte die schmale Kopfform. Ganz ohne Frage ein interessanter Mann. Er trug zum hellen Anzug ein anthrazitfarbenes Hemd ohne Krawatte und wirkte sehr sportlich. Gepflegte Hände, kein Ring. Sie traute ihm zu, eine gute berufliche Position zu bekleiden, denn an mangelndem Selbstbewusstsein schien er nicht zu leiden, so lässig, wie er die ungewöhnliche Situation meisterte. Er ignorierte sie nun völlig. Kein Wunder, so wie ich ihn angefahren habe, gestand Barbara sich schuldbewusst ein und registrierte aus den Augenwinkeln, wie ihn zwei junge Frauen vom nächstgelegenen Tisch aus begutachteten.

„Entschuldigen Sie, ich wollte nicht so unhöflich sein. Aber wenn ich mich überrumpelt fühle, reagiere ich schnell etwas über“, räumte sie kleinlaut ein. „Eigentlich ist es nicht verwunderlich, dass es hier so übervölkert ist. Seit dem Wochenende herrscht der Ausnahmezustand in der Stadt. Daran hätte ich denken müssen. Während der Documenta ist es völlig normal, dass man um diese Uhrzeit keinen freien Platz mehr ergattert. Das gilt für die komplette Innenstadt. Es sind so viele Leute unterwegs … ich kann das beurteilen. Ich komme jeden Mittag hierher. Aber so voll wie heute war es schon lange nicht mehr. Und an diesen Tisch verirrt sich sonst sowieso keiner.“

Er sah auf. „Weil es Ihnen lieber ist, allein zu sitzen?“

Barbara registrierte erleichtert, dass er versöhnlicher klang. Sie klappte die Zeitung zu und legte sie zur Seite. „Ja. Ich muss beruflich ziemlich viel reden und da bin ich froh, wenn ich in der Mittagspause meine …“

„Dann muss ich mich jetzt wohl bei Ihnen entschuldigen. Schließlich habe ich Sie gestört.“

„Nein nein, so tragisch ist es nun auch wieder nicht, ich bitte Sie!“

Sie sieht in ihrem Schuldbewusstsein noch hinreißender aus als ohnehin schon, dachte er und legte die Karte zur Seite.

„Wollen wir den Vorfall nicht einfach vergessen und …“

„… so tun als hätten wir uns verabredet?“, beendete er den Satz. Sein Lächeln stand ihrem in nichts nach. Und er kannte die Wirkung. „Von mir aus“, setzte er ihr Einverständnis einfach ein wenig kühn voraus und langte erneut nach der Speisekarte. „Sooo“, atmete er langsam aus. „Wenn Sie so oft herkommen, dann können Sie mir doch sicher etwas empfehlen, oder? Ich sterbe nämlich vor Hunger.“

„Wenn Sie vegetarisch mögen schon. Bei den Fleischgerichten muss ich leider passen. Aber wenn die so lecker sind wie alles andere – ich spreche jetzt vom Dessert – dann können Sie eigentlich nichts falsch machen.“

„Okay.“ Er warf einen Blick auf die Teller, die der Kellner am Nachbartisch servierte. „Ich denke, ich werde das Tagesgericht nehmen.“

Barbara nickte nur. Sie hatte die Bestellung schon aufgegeben. Von ihr wusste das Personal, was sie bevorzugte, und die Auswahl an vegetarischen Gerichten hielt sich in Grenzen.

Da das Gespräch verstummt war, zog sie die mitgebrachte Zeitschrift wieder aus der Handtasche und gab vor, sich darin zu vertiefen. Doch irgendwie fehlte ihr dafür die Ruhe. Durch die Ponyfransen, die ihr gewollt frech in die Stirn fielen, beobachtete sie unauffällig ihren Tischnachbarn, der gerade die Mails in seinem Smartphone checkte und sich dabei bequem im Stuhl zurücklehnte. Ihm schien es nichts auszumachen, dass die Unterhaltung abgebrochen war. Auch gut.

Unterdessen brachte der gehetzte Kellner Gläser und zwei kleine Flaschen Mineralwasser, versäumte es jedoch, einzugießen. Automatisch griffen Barbara und Niklas gleichzeitig zu der Wasserflasche, die direkt vor Barbaras Teller stand.

„Entschuldigung, ich dachte, das wäre meine …“, räusperte sich Barbara und begriff nur eine Sekunde später, dass er lediglich höflich sein wollte.

„Das bleibt auch so – darf ich Ihnen trotzdem einschenken?“ Er deutete auf das leere Glas. „Oder wäre das zu persönlich?“ Um seine Mundwinkel herum zuckte es.

„Nein, natürlich nicht … ich hab’ doch gar nichts mehr gesagt.“

„Das nicht, aber, wenn Blicke töten könnten …“, Niklas füllte die Gläser.

„Jetzt übertreiben Sie aber maßlos. Nur weil ich es gewohnt bin, mich selbst zu bedienen.“

Er kommentierte das nicht, sondern bedachte sie nur mit einem wachsamen Blick. Lediglich eine Augenbraue zuckte blitzschnell nach oben.

Auch wenn er nicht aussprach, was er dachte, konnte sich Barbara ausmalen, welche Rückschlüsse er aus ihrer unbedachten Äußerung ziehen musste.

Wie wär’s denn mal mit Hirn einschalten und dann reden, schalt sie sich selbst und spürte förmlich, wie sich ihre Wangen mit einer sanften Röte überzogen.

Niklas lehnte sich dagegen gelassen zurück. Die Entwicklung des Gesprächs stimmte ihn sehr zufrieden. Er musste sich beherrschen, um nicht zu auffällig zu grinsen. Ihre Reaktion ließ ihn hoffen. Dass sie ihm gefiel, hatte er vom ersten Augenblick an gewusst. Auch wenn sie sich noch so kratzbürstig gab. Sie konnte ja nicht ahnen, wie sehr er es mochte, wenn Frauen nicht so leicht zu beeindrucken waren. Das Gegenteil davon langweilte ihn zu Tode. Sofort musste er an die beiden Assistentinnen denken, die ihm schon den ganzen Morgen in seinem Büro zugesetzt hatten.

Kann ich Ihnen behilflich sein? Sagen Sie mir aber gewiss, wenn Sie etwas brauchen! Ich helfe gerne. Vielleicht möchten Sie ja am Mittag mit uns zum Italiener um die Ecke?

Gott bewahre!

Finden Sie nicht, dass man sich in der Pause viel besser austauschen kann?

Am liebsten wäre er auf der Stelle geflüchtet. Kurz vor der offiziellen Mittagspause hatte er sich dann unter einem banalen Vorwand verabschiedet.

Umso erfrischender empfand er das unterkühlte Verhalten seines Gegenübers. Sie schien sich nicht mehr an ihn zu erinnern. Kein Wunder, ihr erstes Zusammentreffen lag auch schon ein paar Wochen zurück. Aber er erinnerte sich dafür umso mehr.

Und nun saß er hier mit ihr. Das Schicksal meinte es gut mit ihm. Denn seitdem war sie ihm nicht mehr aus dem Sinn gegangen. Sie erschien ihm fast noch attraktiver als bei ihrem ersten Zusammentreffen. Ihr Auftreten passte auf jeden Fall bestens zu ihrer Erscheinung und zu einer wie auch immer gearteten Tätigkeit in einer Anwaltskanzlei. Die blonden mittellangen Haare fielen ihr in sanftem Schwung in das zarte Gesicht und unterstrichen den warmen Ausdruck ihrer braunen Augen. Das änderte sich selbst dann nicht, wenn sie ihn so kritisch ansah wie in diesem Moment. Und auch das klassisch enganliegende dunkelblaue Kostüm mit farblich exakt abgestimmter hellblauer Bluse passte perfekt ins Bild. Es betonte unauffällig ihre reizvolle Figur. Subtile Erotik machte ihn so oder so viel mehr an, als die plumpe Zurschaustellung von Geschlechtsmerkmalen. Aber das wäre bei ihr sowieso unvorstellbar. Die typische Businessgarderobe ließ darauf schließen, dass sie mehr als eine gewöhnliche Schreibkraft war. Ihr ganzes Erscheinungsbild konnte man, ohne zu übertreiben, als zurückhaltend und vornehm bezeichnen. Die Ihre blonde Haarpracht war bis auf ein paar sehr gekonnt gesetzte, sehr natürlich wirkende Strähnchen echt. Ihre Haare schimmerten in unterschiedlichen, aufeinander abgestimmten Blondtönen. Und so ein kostspieliges Kunstwerk bekam man nur von einem Friseur, der sein Handwerk verstand. Dafür hatte Niklas ein Auge. Insiderwissen. Schließlich war eine gute Freundin der Familie selbstständige Friseurmeisterin.

Er schielte auf die Zeitschrift, die sie in diesem Moment wieder zusammenfaltete, weil der Kellner das Essen brachte. Es handelte sich um das Handelsblatt, stellte er fest.

Barbara fing den Blick ein, mit dem er sie taxierte und reagierte prompt.

„Sind Sie immer so schnell mit einem Urteil?“ Sie hörte selbst, wie schnippisch ihre Tonlage klang, aber die Art, wie er sie ansah, knabberte an ihrem Selbstbewusstsein. Auch wenn er sich betont neutral gab, glaubte sie, darin eine nonverbale Unterstellung herauszulesen, mit der er sie als Single abstempelte. Und dass er mit dieser Vermutung ins Schwarze traf, ärgerte sie umso mehr. Zum einen weil er recht hatte, zum anderen, weil es ihn nichts anging und außerdem, weil er es schaffte, sie aus der Ruhe zu bringen. Ganz zu schweigen davon, dass er sie dazu brachte, zu spekulieren. Eine Eigenschaft, die man sich als Anwältin überhaupt nicht leisten durfte. Himmel Sakrament noch mal!

Dass braune Augen so frostig schauen können, dachte Niklas belustigt und konterte: „Sind wir immer noch beim Wassereingießen?“

„Ja. Ich mag solche unterschwelligen Andeutungen nicht, auch dann nicht, wenn man sie nicht konkret ausspricht.“

„Oha, das hört sich aber auch wirklich bedrohlich an, so, wie Sie das sagen. Unterschwellige Andeutungen. Tja, wissen Sie, was mir daran gefällt? Also ich meine an den unterschwelligen Andeutungen? Dass wir uns mittendrin in einer lockeren Unterhaltung befinden. Das übliche Blabla kann doch jeder, finden Sie nicht auch?“

„Kommt darauf an. Mir wäre es lieber, wenn Sie mich einfach fragen, was Sie wissen wollen. Und hören Sie auf, mich so … so anzu…?“

„Ist Ihnen das unangenehm?“, lächelte er amüsiert.

„Nein, warum sollte es das?“ Diese Antwort strafte ihre Worte Lügen, denn sie wich seinem Blick aus. „Also, was brennt Ihnen denn auf der Seele?“

„Haben Sie sich entschieden, nun doch Konversation mit mir zu betreiben? Ich dachte, es wäre Ihnen lieber, in Ruhe zu essen.“

„Müssen Sie jede Frage mit einer Gegenfrage beantworten?“

„Nein, normalerweise nicht.“ Er zog eine Grimasse, die seine attraktive Jungenhaftigkeit noch unterstrich. „Oh Entschuldigung. Das ist mir völlig entgangen …“, grinste er ohne jegliche Reue und nahm einen Schluck Wasser. „Das muss an Ihnen liegen – also, was ist nun? Schweigen oder doch lieber reden?“

„Also schön. Ich kann mich sowieso nicht mehr auf den Artikel konzentrieren. Da können wir uns auch genauso gut unterhalten.“ Sie schob sich den Teller zurecht und sah ihn kurz an, bevor sie das Besteck nahm.

„Ganz wie Sie wünschen“, deutete er mit dem Oberkörper eine kleine Verbeugung an und grinste dabei bis über beide Ohren.

Ihr entging der Anflug von Genugtuung nicht, der in seinen Augen aufflackerte. Ebensowenig, dass ihr das nicht unangenehm war.

„Zugegeben … ich habe darauf gehofft, dass Sie ein wenig mit mir plaudern. So ein bisschen Smalltalk zum Mittagessen kann doch ganz nett sein. Darf man fragen, wo Sie beruflich unterwegs sind?“

Er schob sich ein Stück Kartoffel mit Fleisch in den Mund und deutete mit der Gabel auf das Handelsblatt in ihrer Tasche. Da sie sich nicht an ihn erinnerte, würde er diesen Zustand vorerst nicht ändern und stellte sich weiter unwissend.

„Dürfen Sie. In der Regel halte ich mich in der Kanzlei oder bei Gericht auf“, schmunzelte sie.

„Ah! Anwältin oder Notarin?“

„Beides.“

„Dann lag ich ja gar nicht so falsch. Ich hätte Sie zwar eher in einer Bank vermutet, aber das passt auch. In welcher Kanzlei arbeiten Sie?“

„Erdmann & Partner. Wir sind hier oben im Haus. Im dritten Stock.“

„Ja, die kenne ich. Zwar nur vom Hörensagen, weil die Firma mit der ich es gerade zu tun habe, sich dort rechtlich beraten lässt. Interessant. Dr. Erdmann, der Chef, der ist ja eine echte Koryphäe im Arbeitsrecht, wie man hört. Wie ist er denn so als Vorgesetzter?“

„Da bin ich nicht die richtige Ansprechperson“, schmunzelte sie. „Ich bin da befangen. Ich kenne ihn schon zu lange“, lächelte sie hintergründig. „Aber … abgesehen von den Neuzugängen werden nur langjährige Mitarbeiter beschäftigt. Wenn das Ihre Frage beantwortet.“

„Tut es“, nickte er.

„Und Sie? Wo sind Sie beruflich unterwegs?“

Niklas lächelte in sich hinein. Er mochte aufmerksame Zuhörer als Gesprächspartner. Und dass sie seine Worte benutzte, bestätigte ihm das. „Ich bin Unternehmensberater und deutschlandweit unterwegs. Ich komme aus Kassel und freue mich, wenn ich mal einen Auftrag habe, für den ich keine Koffer packen muss.“

„Das hört sich spannend an. Da stehen Sie sicher ständig vor neuen Herausforderungen. Welche Firma ist das, wenn ich fragen darf? Das interessiert mich nur deshalb, weil Sie eben erwähnten, dass sie Mandanten von uns sind.“

Barbara war fertig mit dem Essen. Sie legte das Besteck auf den leeren Teller, nahm den letzten Schluck Wasser aus dem Glas und gab dem Kellner ein Zeichen, dass sie zahlen wollte.

„Müller & Söhne. Solides mittelständisches Unternehmen.“

„Ach ja, ich erinnere mich. Und wie lange dauern Ihre Aufträge bei den Kunden, die Sie beraten im Allgemeinen?“

„Das kann man pauschal nicht sagen. Es kommt auf den Umfang an. Bei Müller werde ich sicher vierzehn Tage zu tun haben. Die stellen alles auf den Prüfstand und wollen neue Konzepte.“

Der Ober brachte die Rechnung und beide zahlten.

„Ja dann …“, Barbara schob den Stuhl nach hinten und angelte nach ihrer Tasche. „Ich wünsche Ihnen und Müller viel Erfolg. Sie haben es verdient.“

Niklas nickte und griff nach Barbaras Stuhl, der nach hinten zu kippen drohte, als sie sich erhob.

„Verraten Sie mir noch, wie Sie heißen?“

Barbara schlang sich den Riemen ihrer Handtasche über die Schulter und sah ihn überrascht an. „Warum sollte ich?“

„Warum nicht?“

Er lächelte sie so entwaffnend an, dass sie stehen blieb.

Sie sah auf die Uhr. „Ich muss los. Auf mich wartet ein Termin.“

„Geht mir genauso. Je eher Sie mir antworten, umso …“

„Erdmann.“

„Ah, jetzt verstehe ich, warum Sie von Befangenheit sprachen. Und ihr Vorname?“

„Hören Sie“, atmete sie genervt aus und ärgerte sich über sich selbst, weil der Blick, mit dem er sie bedachte, frech und herausfordernd, sie aus der Fassung brachte. Was hatte dieser Mensch nur, dass er so mit ihr umgehen konnte?

„Ich heiße Barbara. Sind Sie jetzt zufrieden?“

„Für den Anfang schon.“

„Warum wollen Sie das wissen?“

„Können Sie sich das nicht denken?“

„Vielleicht … vielleicht aber auch nicht. Also?

„Weil wir uns gerade so nett unterhalten haben?“

„Und wie heißen Sie?“

„Niklas Maartens.“

„Schön. Hätten wir das auch geklärt.“ Sie straffte die Schultern. „Ich muss jetzt gehen.“

Niklas erhob sich nun ebenfalls und deutete eine leichte Verbeugung an. „Es war mir ein Vergnügen – einen schönen Tag Ihnen noch.“

„Gut, dass du kommst.“, Hans-Peter Erdmann empfing seine Tochter, kaum dass sie die Tür der Kanzlei hinter sich geschlossen hatte und sah sie mit diesem ganz speziellen Ich-mache-mir-Sorgen-um-dich-Blick an, den sie noch aus Teenagerzeiten kannte. Barbara wusste warum. Am Morgen hatte sie einen Beratungstermin mit einem extrem schwierigen Mandanten gehabt, der partout nicht wahrhaben wollte, dass er mit seiner Sicht der Dinge bei Gericht kein Recht bekommen würde.

„Du siehst so aus, als würde dich der Fall von heute Morgen immer noch aufregen.“

„Nein, mir geht’s gut, Papa. Wirklich. Ich hab’ mich nur beeilt, das ist alles. Ich mag es nicht, zu einem Termin zu spät zu kommen. Das weißt du doch.“

„Ach ja, das wollte ich dir sowieso sagen. Da gibt es kurzfristig eine Änderung. Bernd Siebert hat gerade angerufen und sich entschuldigt. Er steckt im Stau und wird sich mindestens um eine halbe Stunde verspäten.“

Barbara gab Frau Scholz ein Zeichen, dass sie wieder im Einsatz war und wandte sich erneut ihrem Vater zu.

„Mist. Ausgerechnet heute! Ich bin so froh, dass ich am Nachmittag noch einen Termin für eine Rückenmassage ergattern konnte. Den brauche ich ganz dringend. Mein Nacken ist total verspannt. Und es ist absolut schwierig, in der Praxis überhaupt was zu kriegen. Die sind ständig ausgebucht.“

„Du wirst es nicht verschieben müssen. Ich übernehme Siebert für dich. Eigentlich wollte ich nur Schreibkram erledigen, aber dann ändere ich meinen Plan eben. Das geht in Ordnung. Allerdings wundert es mich nicht, dass du so verspannt bist. Bei dem Arbeitspensum, das du seit Wochen vorlegst. Willst du dir nicht mal ein bisschen Urlaub gönnen?“

„Nein, will ich nicht. Die viele Arbeit ist genau das Richtige für mich.“

Hans-Peter Erdmann fasste sie am Arm, führte sie in sein Büro und schloss die Tür hinter sich.

„Ich muss etwas mit dir besprechen. Da kommt es mir sehr zupass, dass Siebert sich verspätet.“

„Was ist denn so wichtig?“ Barbara sah ihren Vater verwundert an.

„Setz dich.“

Barbara blieb stehen, weshalb ihr Vater es ihr gleichtat. „Nun, ich weiß nicht so recht, wie ich anfangen soll.“ Er sah seine Tochter besorgt an. „Weißt du, ich mache mir Gedanken um dich.“

„Ach Papa, aber doch hoffentlich nicht deswegen, weil der Blödmann heute Morgen so ausgerastet ist? Ich hab dir doch gesagt, dass ich das längst abgehakt habe. Wir sind im Recht, da kann er sich auf den Kopf stellen. Soll er sich doch einen anderen Anwalt suchen!“

„Das dürfte problematisch werden.“ Erdmann machte eine wegwerfende Handbewegung. „Ich glaube, es gibt in der ganzen Stadt keine Kanzlei mehr, die er nicht schon verprellt hat. Das ist aber nicht der Grund, warum ich mit dir reden will.“

„Nicht?“ Barbara runzelte die Stirn.

„Es geht um Andreas …“

„Um Andreas?“ Barbaras Tonfall stieg sofort um mehrere Oktaven an. „Oh nein, sag nur, er hat dich schon wieder angerufen? Was verspricht er sich davon?“

„Jetzt reg dich doch nicht gleich so auf. Er denkt, ich könnte dich dazu überreden, dass du’s dir noch mal anders überlegst. Er möchte eine zweite Chance und … wenn ich ehrlich bin, kann ich ihn verstehen.“

„Das ist doch wohl jetzt nicht dein Ernst?“, schnappte sie entrüstet nach Luft. „Und du machst dir Gedanken darüber, ob ich sie ihm gebe, oder was?“

Barbara holte tief Luft, um nicht aus der Haut zu fahren. „Na prima! Dann hat er sein Ziel ja erreicht. Bravo! Sensationelles Timing. Was denkt er sich dabei, hier im Büro anzurufen? Während der Arbeitszeit! Schließlich konnte er nicht ahnen, dass Siebert im Stau steckt. Glaubt er, dass ich nur zum Spaß hier bin, aus purer Langeweile?“

Sie stellte sich entschlossen vor ihren Vater und sah ihn empört an.

„Na, da muss er dir ja mächtig in den Ohren gelegen haben, wenn du so Partei für ihn ergreifst!“

Sie brach abrupt ab und fasste sich an die Stirn. Kopfschüttelnd presste sie die Lippen zusammen, drehte sich ruckartig um, ging zum Fenster und kippte es. „Ich brauche frische Luft, sonst wird mir schlecht.“

„Barbara, hör doch … ja, ich weiß, dass die Kanzlei nicht der passende Ort für derlei Diskussionen ist, aber was bleibt mir für eine Wahl? Man kriegt dich ja nach Feierabend überhaupt nicht mehr zu Gesicht. Entweder du verkriechst dich in den Akten, oder du verbarrikadierst dich in deiner Wohnung. So geht das doch nicht weiter. Dafür bist du viel zu jung.“

„Ganz genau. Du sagst es! Und weil ich noch jung bin, ist es völlig normal, dass ich mir beruflich etwas aufbauen möchte. Wäre ich dein Sohn, würdest du konkret das von mir erwarten. Aber weil ich deine Tochter bin, soll ich einen Rechtsanwalt wie Andreas heiraten, der dann in ein paar Jahren ganz selbstverständlich in deine Fußstapfen tritt. Ist das euer Plan? Ist das der Grund, warum du möchtest, dass ich mich wieder mit ihm zusammentue?“

„Zusammentun? Was ist das denn für eine Wortwahl? Ihr habt euch doch immer gut verstanden. Zwei Jahre lang. Andreas ist völlig verzweifelt, weil du eure Beziehung so Knall auf Fall beendet hast. Er hat keinen Schimmer warum. Er weiß überhaupt nicht, was er falsch gemacht hat.“

Erdmann schüttelte den Kopf. Man sah ihm an, dass er die Trennung genauso wenig nachvollziehen konnte wie sein Ex-Schwiegersohn in spe.

„Das kann ich mir vorstellen“, nickte sie übertrieben und fügte sarkastisch hinzu: „Ich wundere mich, dass er dir gegenüber vom Ende unserer Beziehung spricht. So wie ich ihn verstehe, denkt er, es ist alles beim Alten. Nur mit dem kleinen Unterschied, dass ich wieder in meiner eigenen Wohnung übernachte und nicht bei ihm. Abgesehen davon, stimmt es nicht, was er dir sagt. Da verdreht er ganz klar die Tatsachen.“

Barbara war so wütend und aufgebracht, dass sie frustriert die Arme in die Luft warf und aufgeregt hin- und herlief.

„Es darf doch einfach nicht wahr sein, dass ich mich ständig rechtfertigen muss – vor dir und vor ihm! Verdammt, ich weiß gar nicht, wie oft ich mich über gewisse Dinge beschwert habe. Nicht nur einmal. Nein, zigmal, gebetsmühlenartig. Und jetzt will er davon nichts mehr wissen? Schon klar warum! Das ist ihm zu peinlich. Aber meine Argumente zählen ja sowieso nicht.“

„Jetzt beruhige dich doch.“ Erdmann hielt seine Tochter am Arm fest. „Ich mein’s doch nur gut.“

Barbara holte tief Luft. „Es geht mir gut. Sehr gut sogar!“ Sie stand jetzt direkt vor ihrem Vater und sah ihm mit einem unmissverständlichen Blick in die Augen.

„Nur so viel, Papa: Unter einer Partnerschaft verstehe ich mehr, als nur den perfekten Austausch in juristischen Fragen und Problemfällen.“ Ihre Stimme triefte vor Ironie. „Und auch auf die Gefahr hin, dass ich mich als haltlose Romantikerin oute …“

Sie hielt kurz inne und betonte dann jedes Wort. „Eine Beziehung, in der ich das Gefühl habe, schon seit dreißig Jahren verheiratet zu sein, brauche ich in meinem Alter wirklich noch nicht.“

„Äh, aber … das ist doch wieder in den Griff zu kriegen. Ihr braucht nur ein bisschen Abstand vom Alltag. Fliegt in die Sonne, genießt das Leben – nur ihr beide. Du wirst sehen …“

„Das haben wir alles schon hinter uns. Du erinnerst dich sicher, dass wir letztes Jahr auf den Malediven waren?“

„Ja, natürlich.“

„Glaub mir, die Sonne und die traute Zweisamkeit haben’s auch nicht rausgerissen.“

Das Gespräch mit ihrem Vater endete an dieser Stelle abrupt. Barbara schnappte sich ihre Tasche und verließ ohne ein weiteres Wort das Büro.

***

Um Unauffälligkeit bemüht, betrat Niklas nach der Mittagspause seine vorübergehende Wirkungsstätte. Er atmete auf, als er den langen Flur mit den vielen Türen menschenleer vorfand. In Gedanken beschäftigte er sich noch immer mit der reizvollen Rechtsanwältin, deren Unnahbarkeit er gern durchdringen würde. Davon abschrecken ließ er sich so schnell nicht. Ganz im Gegenteil: Das spornte ihn erst richtig an. Man musste sich taktisch nur auf die gleiche Ebene begeben, und schon änderte sich alles. Das wusste er aus Erfahrung.

Vorsichtig sah er sich um. Aus einem der vielen, meist geöffneten Büros drang ein gängiger Popsong, und aus einem anderen vernahm er Wortfetzen eines Gesprächs zweier Mitarbeiterinnen. Eine davon war Jana Löffler. Ihre markante Stimme übertönte alles. Bloß nicht schon wieder, schoss es ihm durch den Kopf. Er sah sie lieber von hinten als von vorn und hoffte, ungestört zu seinem Büro zu gelangen. Dies war nicht der erste Auftrag in den Räumen von Müller und Partner, für den er angefordert wurde. Meist handelte es sich dabei um kleinere Maßnahmen, an denen er sich nicht länger als zwei bis drei Tage aufhalten musste. Nicht so diesmal. Mit Grauen erinnerte er sich an Janas Annäherungsversuche, die er schon im letzten Frühjahr nur mühsam hatte abwehren können. Grundsätzlich mochte er keine Vermischung von Arbeit und Privatem. Hinzu kam, dass sie ihm nicht gefiel. Sie war ihm zu kumpelhaft und burschikos. Doch trotz seiner distanzierten Freundlichkeit, blieb sie unbeirrt beim plumpvertraulichen Ton und machte ihm weiterhin unverblümt Avancen. Niklas ließ sich dadurch nicht aus der Fassung bringen. Nicht mehr. Zumal er in der Vergangenheit genügend Erfahrungen gesammelt hatte, um ungebetene Annäherungsversuche an sich abprallen zu lassen.

Am nächsten Tag, Dienstag, kam Niklas eine Viertelstunde zu spät ins Lokal und fand Barbara Zeitung lesend vor.

„Darf ich?“, lächelte er sie gewinnend an.

„Das haben wir doch gestern schon geklärt. Natürlich.“ Sie sah sich im Lokal um und fand noch zwei Einzeltische unbesetzt. „Allerdings gibt es heute noch freie Plätze.“

„Das ist mir nicht entgangen“, nickte er, „möchten Sie, dass ich mich woanders hinsetze?“

„Das überlasse ich Ihnen. Ich habe hier keinen Anspruch auf einen Einzeltisch.“

„Deutliche Worte, aber keine Antwort auf meine Frage.“

„Gut, wenn es Sie beruhigt. Ich habe nichts dagegen, wenn Sie mir Gesellschaft leisten.“

„Solche Worte aus Ihrem Munde“, er legte sich die Hand auf die Brust, als müsste er einen Eid ablegen. „Das kommt ja beinahe einem Kompliment gleich. Ich fühle mich geehrt.“

Er gab dem Kellner ein Zeichen, dass er, genau wie Barbara, gerne ein Mineralwasser hätte.

„Wenn Sie es so auffassen wollen – bitte.“

„Danke. Wie war Ihr Morgen?“

Überrascht über diese Frage blickte Barbara auf. „Ich war bei Gericht. Eine unangenehme Sache. Ehescheidung. Aber Rosenkrieg trifft’s besser.“

Sie schob ihm die Speisekarte zu.

„Danke, ich weiß schon, was ich will“, zwinkerte er ihr zu. „Haben Sie sich auf Familienrecht spezialisiert?“

„Tatsächlich?“

„Ja, ich weiß sogar ganz genau, was ich will.“, lächelte er hintergründig. „Ich nehme den Gemüseeintopf – und – wie ist das nun mit dem Familienrecht?“

„Gott bewahre, nein, wenn ich nur solche Fälle hätte, bekäme ich Depressionen. Ich bin dabei, mich auf das Arbeitsrecht einzuschießen. Das ist weniger dramatisch.“

„Kann ich mir vorstellen. Wenn man sich Tag für Tag mit Scheidungen rumschlagen muss, kann man ja nur zum Eremiten werden, oder?“

„Nein. So pessimistisch bin ich nicht. Es gibt ja genügend Paare, bei denen das Modell Ehe funktioniert.“

„Unbestritten. Und eine echte Alternative gibt es nicht“, pflichtete er ihr bei.

Am Mittwoch betrat Niklas geschlagene zwanzig Minuten später das Lokal. Barbara sah überrascht auf, als er sich zu ihr setzte.

„Hallo.“ Sie legte das Handelsblatt zur Seite. „Mit Ihnen habe ich gar nicht mehr gerechnet.“

„Mit mir muss man immer rechnen!“, grinste er sie unverschämt herausfordernd an.

Barbara durchfuhr ein Blitz purer Erregung, der ihr von den Haarwurzeln bis in die Zehenspitzen schoss und sie für einen Moment schwindelig machte. Seine Wirkung auf sie bereitete ihr Unbehagen.

„Auch hallo! Es freut mich stets, wenn ich Menschen überraschen kann – nein, jetzt mal im Ernst“, räusperte er sich und griff nach der Speisekarte, ohne sie zu öffnen. Dabei hielt er ihren Blick fest.

„Mein Auftraggeber hat nicht das beste Timing. Er kommt mit angeblich dringenden Angelegenheiten immer dann an, wenn Pausenzeit oder Feierabend ist.“

„Das kenne ich. Bei uns sind es die Mandanten“, stimmte sie in sein Lachen mit ein.

Mit einem Gefühl der Erleichterung gab Niklas seine Bestellung auf. Er spürte, dass er die Mauer, die sie um sich errichtet hatte, ein wenig hatte einreißen können.

Am Mittwoch und Donnerstag trafen beide zur gleichen Zeit ein, und Niklas ließ es sich nicht nehmen, Barbara galant den Stuhl zurechtzurücken, bevor er sich selbst setzte. Er wusste, wie viel Eindruck das bei den Frauen machte und bedankte sich im Stillen bei seinen Eltern für die gute Erziehung, die sie ihm hatten angedeihen lassen. Wie schon am Tag zuvor plauderten die beiden über die Arbeit, Musik, den Zeitgeist und andere unverfängliche Themen.

Barbara musste sich eingestehen, dass sie jede Sekunde mit ihm genoss und ertappte sich dabei, dass sie sich für Details aus seinem Privatleben interessierte. Darüber verlor er jedoch kein Wort. Trotz der vordergründig freundlich-frechen Flapsigkeit, die er ihr gegenüber an den Tag legte, spürte sie deutlich eine gewisse Distanziertheit. Das musste doch einen Grund haben …

Die Tatsache, dass er beim Sie blieb und überhaupt keine Anstalten machte, sich mit ihr über die Mittagspause hinaus zu verabreden, verstärkte ihre Neugier und Skepsis gleichermaßen.

Was will er denn dann von mir?

Und warum suchte er dann immer wieder aufs Neue ihre Nähe? Das alles ergab doch überhaupt keinen Sinn. Es gab für Barbara nur eine Begründung, weshalb Niklas sich so verhielt. Er war liiert. Natürlich! Ein Mann wie er konnte nur in festen Händen sein.

Wie blitzgescheit du doch wieder bist!

Ich muss nur theoretischer an die Situation herangehen.

Tolle Idee. Als wenn es nichts Leichteres gäbe.

Mit dieser Flut an verwirrenden Gedanken, die partout nicht abebben wollte, stürzte sie sich am Donnerstagabend reichlich frustriert auf die Akten, die sie sich mit nach Hause genommen hatte. Doch auch die Arbeit half ihr nicht über die törichte Enttäuschung hinweg, die sie entgegen aller vernünftigen Argumente empfand.

Am Freitagmittag saß Niklas um kurz vor zwölf am Tisch im Bistro und wartete auf Barbara. Vergebens. Sie kam nicht. Dabei hatte sie ihn am Vortag noch mit den Worten bis morgen verabschiedet. Seltsam. Er war enttäuscht und schalt sich selbst einen Esel, weil er die Situation verkannt hatte. Mumpitz. Er hoffte inständig, dass er sie mit seiner Coolness-Taktik nicht vergrault hatte.

Barbara brütete währenddessen auf einer Tagung in Frankfurt, die sie kurzerhand anstelle eines Kollegen hatte antreten müssen, weil der wegen triftiger Familienangelegenheiten verhindert war. Obwohl sie solche Kongresse hasste, verbuchte sie den Umstand, dass sie deshalb nicht in Verlegenheit kam, zum Essen ins Bistro zu gehen, unter dem Motto günstige Fügung.

Spätestens seit der Erkenntnis, dass Niklas’ Gegenwart nur unnütze rührselige Illusionen in ihr heraufbeschwor, suchte sie fieberhaft nach einer glaubhaften Ausrede, um am Montagmittag ebenfalls nicht ins Bistro gehen zu müssen. Weniger für sich, als vielmehr für das Kanzleiteam, denn die wussten ja, dass sie täglich dort einkehrte. Die würden ganz gewiss blöde Fragen stellen. Doch selbst das anstrengende Tagesmeeting schützte sie nicht vor dummen Gedanken, die sich während der Vortragspausen automatisch in Richtung Niklas verirrten. Barbara spürte einen Stich im Herzen und verfluchte den Moment, an dem er sich an ihren Tisch gesetzt hatte. In nur fünf Tagen hatte sie sich derart an seine Gegenwart gewöhnt, dass sie ihn nun regelrecht vermisste. Schlimm genug, dass sie das vor sich selbst zugeben musste. Soweit käme es noch, dass sie das irgendjemandem anvertraute. Außer ihrer besten Freundin Cathi würde das niemand von ihr erfahren. Doch die hatte zurzeit alle Hände voll damit zu tun, sich nach dem Studium im Beruf einzugewöhnen und ihr neues Leben zu ordnen.

Barbara schätzte sich glücklich, dass das Gerede um Andreas endlich ein wenig abflachte. Sie war so froh, dass ihr Vater ihn noch nicht eingestellt hatte. Dem Himmel sei Dank. Na, das wäre ja jetzt eine ganz unmögliche Situation, wenn sie auch noch zusammen arbeiten müssten. Dabei wusste sie ganz genau, dass Andreas von Anfang an exakt darauf spekuliert hatte. Auch wenn er das nie zugeben würde.

Und nun das.

Warum geht denn die Juniorchefin nicht ins Bistro? Da geht sie doch sonst immer hin. Was ist denn da los?

Kaum auszudenken, wenn die Belegschaft mitbekam, dass die Juniorchefin einem Treffen mit einem wildfremden, aber verdammt gutaussehenden Mann entgegenfieberte. Einem, der ihr Herz zum Flattern brachte und ihr den Appetit nahm.

Barbara schüttelte den Kopf. Es gab nur noch einen Gedanken, der sie beherrschte: Niklas. Und das ließ sich trotz aller Gegenmaßnahmen, wie noch mehr zu arbeiten, einfach nicht stoppen.

Lieber Himmel, ich bin doch kein Teenager mehr!

Was gäbe sie dafür, wenn er sich ab sofort ein anderes Lokal suchen würde. Doch wem wollte sie etwas vormachen? Das war das Letzte, was sie sich wünschte.

Das Wochenende verbrachte sie – wie schon die vergangenen auch – mit Heimarbeit. Denn das war allemal besser, als über ihr verkorkstes Leben zu grübeln.

Am Montag lud eine Kollegin nachträglich zu ihrem runden Geburtstag ein. Das gesamte Team fand sich dafür im Bistro zum Mittagessen ein.

Soviel dazu, das Bistro zu meiden. Ha ha.

Der Wirt hatte zu diesem Anlass bereits drei Extratische in einer Nische zusammengestellt. Barbara saß neben ihrem Kollegen Ottfried Schmidt, hinter dessen Körperfülle sie beinahe verschwand. Doch den Blick ins Lokal und zur Eingangstür versperrte er ihr nicht. Hierfür musste sie sich zwar ein wenig strecken und den Hals langmachen, aber es war dennoch möglich. Sie rieb sich unauffällig den Nacken. Derartige Verrenkungen verlangten dringend nach einem Zusatztermin bei ihrem Masseur. Und trotzdem lugte sie immer wieder zur Tür.

Um kurz nach zwölf betrat Niklas das Lokal und steuerte zielsicher den Katzentisch an, wie Barbara ihren persönlichen Stammtisch liebevoll nannte. Er stockte, als er den Tisch erneut leer vorfand. Zuerst sah er auf die Uhr und dann zur Tür, bevor er sich setzte und die Karte nahm. Barbara hielt das Kribbeln, das ihren Körper überzog, kaum noch aus, so gerne wäre sie zu ihm herübergelaufen und hätte ihn begrüßt.

Das änderte sich jedoch schlagartig, als sie zusehen musste, wie er eine attraktive Blondine am nächstgelegenen Tisch anlächelte. Verdrossenheit sah anders aus. Und es wurde noch besser: Eine nicht minder gutaussehende Brünette – Barbara hatte sie schon häufiger um die Mittagszeit im Bistro gesehen – bat darum, sich neben ihn setzen zu dürfen. An den Katzentisch, wo sonst keiner sitzen wollte!

Unbewusst hielt sie den Atem an. Allerdings, das musste sie zu seiner Verteidigung sagen, wirkte er für einen Augenblick verunsichert, denn er warf zuerst einen Blick auf die Uhr, und erst dann nickte er zögerlich. Damit gab es aus Barbaras Sicht überhaupt keinen Grund mehr, ihn begrüßen zu wollen.

Eine Dreiviertelstunde später brach das Kollegium geschlossen auf, um zurück ins Büro zu gehen. Niklas hob trotz des Geräuschpegels, der durch das Stühlerücken und laute Verabschiedungen automatisch entstand, nicht mal den Kopf. Vielmehr unterhielt er sich überaus angeregt mit seiner Tischnachbarin. Barbara wurde von einer heißen Welle der Eifersucht überrollt und wusste nicht, was sie mehr erboste: ihre niederen Gefühlsregungen oder dass er sie offensichtlich kein Stück vermisste. Und dabei hatte sie sich doch nach den unendlichen Streitereien mit Andreas geschworen, wegen eines Mannes nie mehr zu leiden.

Als wäre das noch nicht genug, erwartete ausgerechnet ihr Ex sie in der Kanzlei. Vor den Augen der Kollegen begrüßte er sie mit einer derartig besitzergreifenden Umarmung, dass sie ihm am liebsten vors Schienbein getreten hätte. Was sollte das jetzt? Noch vor zwei Tagen hatten sie sich am Telefon bis aufs Messer gestritten. Und nun tat er so, als wäre nie etwas gewesen.

Nee nee, mein Lieber, ohne mich!

„Andreas! Was verschafft mir die Ehre?“ Ihr Ton war an Frostigkeit kaum zu überbieten. Demonstrativ machte sie sich von ihm frei. Dabei war es ihr piepegal, was die Belegschaft davon hielt. Es wussten doch eh alle schon Bescheid.

„Schatz, lass uns einen Moment in dein Büro gehen, dann erkläre ich dir alles.“

Er tat ihre Abfuhr mit einem Schulterzucken ab und grinste Ottfried Schmidt, der just in diesem Moment aus seinem Büro kam und damit unfreiwillig Zeuge der Vorstellung wurde, nach Verständnis heischend an.

Barbara stand kurz vor der Explosion.

Das gibt’s doch gar nicht. Jetzt tut der Blödmann auch noch so, als wäre ich ein verwöhntes Gör, dessen Launen er ausbügeln müsste. Geht’s noch?

Um dem Schauspiel ein Ende zu setzen – ihr Vater mochte es aus Gründen der Außenwirkung nicht, wenn es in der Kanzlei allzu familiär zuging – verschwand sie mit Andreas in ihrem Büro. Seine vor Genugtuung strotzende Miene ignorierte sie geflissentlich, als er die Tür schloss. In majestätischer Haltung nahm sie hinter ihrem Schreibtisch Platz. Bewusst bot sie ihm keinen Stuhl an.

„Ich höre. Aber mach’s kurz“, sie sah provokativ auf ihre Armbanduhr, „in zehn Minuten habe ich einen Termin mit einem Mandanten.“

„Hast du nicht.“

„Wie bitte?“ Barbaras Stimme überschlug sich.

„Deswegen bin ich ja hier.“

„Das kann nicht sein!“

Sofort drückte sie den Knopf der Sprechanlage und beachtete Andreas nicht länger. „Frau Scholz, können Sie mir etwas zu dem Termin mit Werner Richter sagen? Nach meinem letzten Stand müsste er in zehn Minuten dran sein.“

„Oh Entschuldigung. Hat Ihnen das Ihr Vater nicht weitergegeben? Herr Richter hat abgesagt, weil er …“

„Nein, davon weiß ich nichts“, schnitt sie der Angestellten das Wort ab. „Danke, Frau Scholz.“

„Siehst du, deswegen bin ich da. Dein Vater …“, grinste Andreas siegessicher.

„Mein Vater nützt dir gar nichts!“

Wie der Blitz kam sie wieder hinter dem Schreibtisch hervor und baute sich vor ihm auf. „Du bildest dir doch wohl hoffentlich nicht ein, dass das Insiderwissen, dass du nur durch ihn hast, dir irgendwelche Vorteile verschafft? Ich dachte, das hätten wir geklärt. Ich lasse mich nicht manipulieren!“, betonte sie jedes Wort einzeln und sah ihn erbost an. „Aber das interessiert dich ja ohnehin nicht die Bohne. Es geht nur um das, was du willst. Du schneist hier rein und tust so, als wäre alles in bester Ordnung zwischen uns!“

Fassungslos schüttelte sie den Kopf. „Was muss ich eigentlich noch sagen oder tun, damit du endlich kapierst, dass wir beide keinen gemeinsamen Nenner mehr haben?“

„Aber … gib mir doch wenigstens eine Chance. Das ist nicht fair.“ Er nestelte am Knopf des teuren Anzugjacketts und öffnete es schließlich. Auf seiner Stirn bildete sich ein dünner Schweißfilm.

Wieso macht der so ein Affentheater, sinnierte sie wütend, und brauchte nicht lange für die Antwort.

„Nicht fair?“ Barbara rang nach Worten. Sie ging auf ihn zu und sah ihm in die Augen. „Kann es sein, dass du diese Diskussion über unsere Beziehung mit einem Rechtsstreit über …“ Sie starrte an die mit Stuck verzierte Decke und suchte fieberhaft nach Worten. „… sagen wir, mit einem Vergleich im Arbeitsrecht verwechselst?“

„Spinnst du?“ Er sah sie entgeistert an.

„Nein, ich spinne nicht! Glaubst du, was zwischen uns, beziehungsweise nicht mehr zwischen uns ist, kannst du auf dem Wege der Schlichtung oder durch Zugeständnisse deinerseits aus der Welt schaffen?“

„Nein, natürlich nicht, was redest du denn da?“

„Nur Geduld. Ich bin noch nicht fertig.“

Sie stach mit dem Finger in seine Richtung.

„Kannst du dich eigentlich noch daran erinnern, warum du dich in mich verliebt hast?“

Andreas blies genervt die Luft aus und rollte mit den Augen. „Was hat das denn jetzt bitte damit zu tun … nun wirst du aber albern.“

„Nein, ganz sicher nicht. Glaub mir, der Spaß ist mir schon länger vergangen. Weißt du, was sich mir nicht erschließen will? Ich verstehe einfach nicht, weshalb du unsere Beziehung unbedingt fortsetzen willst.“ Sie malte bei dem Wort Beziehung Gänsefüßchen in die Luft. „Warum?“

Sie trat einen Schritt zurück, legte Daumen und Zeigefingern an den Kiefer und begutachtete ihn so einen Moment lang, ohne ein Wort zu sagen.

Einen wirklich unglücklichen Eindruck machte Andreas nicht auf sie. Eigentlich sah er aus wie immer. Gepflegt, erfolgreich aber keineswegs verzweifelt oder gar derangiert. Kein Mensch, der ihn so sehen konnte, würde auf den Gedanken kommen, dass er unter einer Trennung litt.

„Also gut“, seufzte er, weil er die Musterung nicht länger aushielt, „ich verstehe zwar die ganze Diskussion nicht, aber wenn dir das so wichtig ist … okay, du willst also allen Ernstes von mir wissen, warum ich mich damals in dich verliebt habe?“

„Ja.“

„Das liegt doch auf der Hand. Du bist eine attraktive Frau. Du hast mir gleich gefallen. Darum wollte ich dich haben.“ Er verdrehte abermals genervt die Augen. „Okay, ich kann das auch anders formulieren: Deine Attraktivität war ein Grund, warum ich mich in dich verliebt habe.“

„Schön.“ Barbara klang wenig überzeugt. „Das heißt also, du könntest dich genauso gut in irgendeine Schauspielerin oder in ein x-beliebiges Model verlieben, denn das sind üblicherweise alles attraktive Frauen … meinst du das so?“

„Lieber Gott! Willst du mir jetzt jedes Wort auf die Goldwaage legen? Du hörst dich an, als würdest du aus der Anklageschrift vorlesen. Jede andere Frau wäre dankbar, wenn sie das von ihrem Kerl mal wieder zu hören bekäme.“

„Du lenkst vom Thema ab. Natürlich freut sich eine Frau – da bin ich keine Ausnahme – darüber, wenn sie sowas hört, aber darum geht’s jetzt nicht. Attraktivität allein ist ein bisschen wenig für eine gute Partnerschaft. Mir reicht das jedenfalls nicht. Aber ich dachte, dass wir uns deshalb unterhalten, weil du eine zweite Chance willst, oder ist das nicht mehr so?“

 „Doch, natürlich. Daran hat sich überhaupt nichts geändert!“ Er klang geradezu erleichtert, so als hätte sie bereits einem Neustart ihrer Beziehung eingewilligt.

„Deshalb bin ich hier. Wegen der zweiten Chance, und weil ich dich liebe. Was dachtest du denn?“

Er kam näher und sah sie flehend an. „Babs, es will mir schlichtweg nicht in den Kopf, weshalb du alles, was war, infrage stellst. Es geht uns doch so gut zusammen. Habe ich dir je einen Grund gegeben, an meinen ernsten Absichten zu zweifeln?“

Er stockte. „Ah, jetzt verstehe ich! Du willst, dass ich dir die Fragen aller Fragen stelle. Gut, wenn es das ist, was du brauchst, bitte … das kannst du haben. Sag mir einen Termin, und wir heiraten.“

Barbara verdrehte nun auch die Augen. „Moment, langsam! Du hast meine Frage noch nicht beantwortet. Außerdem hast du mich eben als unfair bezeichnet.“

„Aber was willst du denn noch wissen? Ich will dich heiraten. Das sagt doch alles aus. Meinst du etwa, ich würde dir einen Heiratsantrag machen, wenn ich mir das nicht ganz genau überlegt hätte?“

„Keine Sorge. Ich bin absolut davon überzeugt, dass du dir das mehr als gut überlegt hast.“

„Ja was gibt’s dann da noch zu reden?“

Barbara trat einen Schritt zurück. Sie wollte auf keinen Fall von ihm berührt werden. Sie bekam eine Gänsehaut, obwohl ihr warm war. Aus einem Reflex heraus ballte sie die Hände zu Fäusten, straffte die Schultern und suchte seinen Blick.

„Tut mir leid. Ich weiß, dass dir solche Gespräche zuwider sind. Aber da kann ich jetzt keine Rücksicht drauf nehmen. Was glaubst du eigentlich, über was wir uns hier unterhalten? Soll ich dir mal verraten, von was ich spreche? Mir geht es um unser Gefühlsleben. Und zwar nur um das. Und wovon sprichst du? Davon, dass du dir ein Leben ohne mich nicht vorstellen kannst oder vielleicht doch eher von deinen ernsten Absichten, Juniorpartner in der Kanzlei meines Vaters zu werden?“

„Sag mal, geht’s noch?“, fuhr er auf. „Hast du was genommen? Verdammt, wieso zweifelst du so an mir? Nur weil ich dir nicht dreimal am Tag sage, dass ich dich liebe? Du weißt doch, dass ich das tue. Himmel Herrgott noch mal, was ist denn nur los mit dir?“

Barbaras Wutpegel stieg. „Ach ja? Weiß ich das wirklich? Das Einzige, was ich weiß ist, dass du dich regelmäßig mit meinem Vater austauschst. Sicher hat er dir auch gesteckt, dass es günstig wäre, gewisse Themen anzuschneiden.“

Andreas schnappte ertappt nach Luft.

„Da hat er sich aber mächtig geirrt“, funkelte sie ihn an. „Dein Problem ist, dass du absolut rein gar nichts verstehst! Und ich verzweifle vor allem daran, dass wir ganz offensichtlich nicht dieselbe Sprache sprechen. Dabei bin ich mir nur nicht sicher, ob du mich nicht verstehen kannst oder du mich nicht verstehen willst.“

„Na hör mal!“, Andreas stellte sich vor sie und stemmte die Hände in die Hüften. „Selbstverständlich weiß ich, worum es dir geht. Für wie bescheuert hältst du mich?“

Seine Stimme nahm einen sarkastischen Ton an. „Aber entschuldige bitte, wenn ich vor lauter Arbeit noch nicht dazu gekommen bin, dir einen romantischen Antrag mit Rosen und Kerzen zu machen.“

Er holte tief Luft, schüttelte den Kopf und ließ die Arme fallen. Sanft berührte er sie am Arm.

„Tut mir leid, Barbara“, kam es nun kleinlauter. „Ich war wirklich sehr gedankenlos, was unsere Beziehung betrifft. Glaub mir, es war keine Absicht. Kannst du mir das bitte verzeihen? Das ist mein voller Ernst. Für mich gibt es nur dich … andere Frauen interessieren mich nicht.“

Kopfschüttelnd hob sie die Hand. Andreas verstummte. Resigniert kehrte sie ihm den Rücken zu und ging zum Fenster. Gedankenverloren und mit verschränkten Armen blickte sie auf die dichtbefahrene vierspurige Straße, bevor sie sich ihm wieder zuwandte.

„Ist dir eigentlich aufgefallen, dass wir im letzten halben Jahr – wenn man mal von ein paar missglückten Versuchen absieht – so gut wie keinen Sex mehr hatten?“

Der tonlose Klang ihrer Stimme ernüchterte ihn.

„Und ist dir auch aufgefallen, dass sich unsere Gespräche – auch am Wochenende – nur noch um juristische Themen gedreht haben?“

„Aber warum hast du dich denn nie beschwert? Ich hätte doch …“

„Was hättest du … hm? Mich auf den Küchentisch gezerrt? Vielen Dank auch. Sex mit Ansage. Davon habe ich schon immer geträumt.“ Barbara presste resigniert die Lippen zusammen.

„Jetzt wirst du aber … ich weiß gar nicht, was ich … findest du das fair?“

„Was werde ich? Na? Höchstens schonungslos direkt und ehrlich! Sonst nichts. Damit hätte ich schon viel früher anfangen sollen. Ehrlichkeit, mein Lieber, ist immer fair!“

Sie durchbohrte ihn mit Blicken.

„Andreas, wir sind beide noch so jung. Ich rede hier nicht nur von Sex, sondern auch vom Kuscheln, von körperlicher Nähe und Geborgenheit. Außerdem von Lachen, Feiern und davon, dass ich auch mal über so banale Dinge wie zum Beispiel den Einkauf mit dir sprechen will. Was ist mit, einfach nur Spaß haben und unbeschwert sein? Ich kann mich nicht erinnern, wann du mir das letzte Mal das Gefühl gegeben hast, dass du mich emotional brauchst. Zum Beispiel, weil dich etwas bewegt oder du unsicher bist. Auf jeden Fall über etwas zu sprechen, was mal nichts mit deinem Job als Rechtsanwalt zu tun hat. Darüber reden wir gerade. Ganz zu schweigen davon, dass ich nicht den Eindruck habe, dass du mich tief und innig begehrst, mich als Frau, als Mensch brauchst. Möchtest du wissen, wie dein Verhalten bei mir ankommt?“

„Nein! Das hatten wir schon. Du wiederholst dich.“

Seine Stimme klang schneidend. „Wenn du ernsthaft von mir denkst, ich würde dich nur deshalb wollen, weil deinem Vater die Kanzlei gehört, dann habe ich dir wirklich nichts mehr zu sagen.“

Im Hinauseilen rief er zutiefst beleidigt: „Viel Glück auf der Suche nach der wahren Liebe!“

Er riss die Tür so weit auf, dass sie auf der anderen Seite gegen die Wand knallte und stürmte ohne ein Wort des Abschieds zur Kanzleitür hinaus.

Damit hast du nur bewiesen, dass ich recht habe, dachte Barbara und verspürte nur totale Erleichterung.

Den Trolley mit Heimarbeit vollgepackt, zog sie wenig später mit Bedacht die Bürotür hinter sich zu und gab Frau Scholz ein Zeichen, dass sie ihr Telefon auf die Zentrale umgestellt hatte.

„Ich arbeite zu Hause weiter. Bis morgen.“

Am Dienstagmittag aß sie mit einer befreundeten Staatsanwältin bei Gericht, und am Mittwoch kam ihr ein Mandant mit seinem Wunsch für einen Außentermin gerade recht, um die Mittagspause abermals außer Haus zu legen.

Niklas ließ sich davon nicht beirren und besuchte weiterhin täglich das Bistro. Er vermutete, dass sie beruflich verhindert war und deshalb nicht kommen konnte. An Gesellschaft mangelte es ihm ohnehin nicht. Das Lokal wurde von so vielen Gästen aufgesucht, dass es nichts Ungewöhnliches war, mit fremden Menschen an einem Tisch zu sitzen.

Am Freitag lief Barbara Niklas geradezu in die Arme, als er ihr in der Gasthaustür entgegenkam. Dabei hätte sie alles darauf verwettet, dass er das Lokal an seinem letzten Arbeitstag bei Müller – einem sehr heißen Tag noch dazu – nicht mehr aufsuchen würde. Sie war spät dran, viel später als sonst, weshalb er bereits gehen wollte.

„Barbara!“, strahlte er sie erfreut an. „Wie schön. Ich dachte, ich krieg’ Sie gar nicht mehr zu Gesicht.“

„Oh, tatsächlich? Ja, irgendwie hat`s einfach nicht mehr geklappt“, schwindelte sie. „Was für ein Zufall.“

Sie trat einen Schritt zur Seite und schaute, ob ihr Tisch besetzt war.

„Gehen Sie vor. Ihr Stammplatz ist wieder frei“, erriet er ihre Gedanken. „Ich komme mit. Ein paar Minuten hab’ ich noch.“ Er rückte ihr den Stuhl zurecht und setzte sich ihr dann gegenüber.

„Es freut mich, dass wir uns nun noch mal treffen. Ich hatte schon befürchtet, das klappt nicht mehr.“

Barbara war über seine Worte so sprachlos, dass sie nicht wusste, was sie darauf antworten sollte.

„Überrascht Sie das wirklich?“ Er ließ sie nicht aus den Augen.

Mein Gott muss der immer so direkt sein?

Barbaras Wangen begannen zu glühen. „Ja, irgendwie schon, ich … äh …“, räusperte sie sich, „… ich dachte, dass es Ihnen auch ohne mich, nicht an Gesellschaft mangelt.“

„Das stimmt“, grinste er sie frech an, „das heißt aber noch lange nicht, dass Sie zu ersetzen wären.“

Weil der Kellner kam und fragte, ob sie, wie immer, ein Mineralwasser wünsche, blieb sie Niklas eine Antwort schuldig. Barbara nickte und wich seinen Blicken aus, während sie die Tageskarte entgegennahm.

Niklas bemerkte die feine Röte, die ihre Wangen überzog, genauso wie die Tatsache, dass sie dankbar für die Unterbrechung war und beschloss, den Stier bei den Hörnern zu packen. Es überraschte ihn nicht, dass sie ins Trudeln kam, wenn man ihr zu sehr auf die Pelle rückte, selbst wenn es nur verbal war. Wahrscheinlich griff sie gerne auf diese Abwehrmethode zu. Doch damit würde sie bei ihm nichts erreichen. Er sah auf die Uhr. Die Zeit drängte. Er musste noch ein wichtiges Abschlussgespräch hinter sich bringen.

„Hören Sie“, erhob er sich und lächelte sie gewinnend an. „Ich habe auf einem Plakat gelesen, dass im Park heute Abend ein Open Air Konzert stattfindet. Eine Band spielt beliebte Hits. Hätten Sie vielleicht Lust, mit mir dorthin zu gehen?“

Das Aufleuchten ihrer Augen war ihm schon Antwort genug, auch wenn sie versuchte, das vor ihm zu verbergen, indem sie rasch den Blick senkte.

„Ja, warum nicht? Ich habe noch nichts vor“, antwortete sie ihm nach einem Augenblick des Nachdenkens betont lässig.

„Schön.“ Er warf einen Blick auf seine Armbanduhr. „Soll ich Sie um sechs abholen? Dann können wir vor dem Konzert noch was essen gehen – aber ganz leger. Nichts Großes.“

„Ja, gerne. Das gefällt mir sowieso viel besser. Wo soll ich auf Sie warten?“

„Am besten vorne an der Straße. Da kann ich kurz anhalten und Sie einladen, wenn Ihnen das recht ist. Ich weiß, das ist ein bisschen ungewöhnlich, aber …“

„Nein, das ist absolut okay. Ich kann das verstehen … alles andere ist einfach zu umständlich. Ich werde um sechs dort sein. Abgemacht.“

Er hob den Daumen und schenkte ihr ein dankbares Lächeln. „Ich fahre einen knallroten BMW. Nur damit Sie wissen, auf welchen Wagen Sie achten müssen.“

Um viertel nach sechs bremste sein Sportwagen mit quietschenden Reifen direkt neben Barbara am Straßenrand. Niklas stieß die Tür von innen auf und ignorierte das wütende Hupen hinter sich. Ihr Herzschlag machte vor Erleichterung einen Satz und beschleunigte sich augenblicklich zu einem Stakkato. Die Handtasche fest unter den Arm gepresst, ließ sie sich in den weichen Ledersitz fallen und griff nach dem Gurt, um sich anzuschnallen. Dabei war es ihr unmöglich, den Blick von seinem markanten Gesicht abzuwenden. Als sie selbst bemerkte, wie das auf ihn wirken musste, senkte sie die Lider und zupfte etwas verschämt an dem kurzen Rock, der beim Einstieg sichtlich nach oben gerutscht war.

Niklas entging das nicht. Das Glitzern in seinen Augen verriet ihn genauso wie der Anflug eines Schmunzelns. Und das, obwohl er sich sofort wieder in den fließenden Verkehr einfädelte.

„Entschuldigen Sie, dass ich Sie bei der Hitze so lange hab’ warten lassen“, erklärte er. „Ich wurde aufgehalten. Es gab Komplikationen, die sich nicht aufschieben ließen. Leider …“

„Kein Problem“, unterbrach Barbara ihn und hörte selbst, wie kurzatmig sie klang, „ich bin auch gerade erst eingetroffen.“ Glatt gelogen, aber er musste nicht wissen, wie ungeduldig sie ihm entgegengefiebert hatte.

Fasziniert betrachtete sie die kräftigen Arme, die unter den kurzen Hemdsärmeln hervorlugten und ihr einen Schauer den Rücken hinunterjagten. Das allein war es aber nicht. Auch die Nähe in dem engen Innenraum tat das ihre dazu. Sie warf einen Blick nach hinten auf die schmale Rückbank, wo sie Jackett und Krawatte ausmachte. Wieder wanderten ihre Augen, wie von einer unsichtbaren Macht gezogen, über seinen drahtigen Körper, worauf sie prompt eine Ganzkörpergänsehaut überlief. Die Klimaanlage hatte damit allerdings nicht das Geringste zu tun.

Inzwischen waren sie in einem Vorort der Stadt angekommen. Niklas brachte den Wagen am Seitenstreifen vor einem Mehrfamilienhaus zum Stehen und sah sie um Verständnis bittend an.

„Es gibt da eine kleine Planänderung. Es tut mir leid, aber …“, er sah an sich herunter, „so, wie ich aussehe, total verschwitzt … ich würde mich gerne noch etwas frisch machen und umziehen. Äh … möchten Sie im Auto warten oder lieber mit hoch kommen?“

Er überflog ihre Gestalt von oben bis unten. Am Ende blieben seine Augen auf ihren nackten Schenkeln hängen.

„Sie wollen mich so doch sicher nicht mitnehmen, oder?“, murmelte er, während er schnell den Blick abwandte, und nach draußen sah, so, als fühlte er sich ertappt.

Aus ihrer Sicht war er jederzeit unwiderstehlich. Auch verschwitzt. Wobei sie keine unangenehmen Körpergerüche ausmachen konnte, ganz im Gegenteil.

„Nein, wir haben ja noch genügend Zeit. Es ist also …“

„Wunderbar“, unterbrach er sie und zog den Schlüssel ab, „wollen Sie nun hier warten, oder mit hochkommen?“ Die Art, wie er sie ansah, machte sie nervös.

„Äh … ja, nein … es wird vielleicht ein bisschen heiß hier drin …“

„Auf jeden Fall! Kommen Sie! Ich habe Getränke kaltgestellt, und ich beeile mich auch.“

Sie folgte ihm die Treppen hinauf in den zweiten Stock, wobei ihr Blick zwangsläufig auf seinen knackigen Hintern fiel. Sie wusste genau, wie der sich nackt anfühlen würde: fest, kraftvoll, straff. Oh Gott, steh mir bei!

Doch ihr Kopfkino spielte den ganzen Film ohne Unterbrechung ab. Lieber Himmel, und dabei waren sie doch noch beim Sie. Nur mit größter Anstrengung lenkte sie ihre Gedanken auf einen Kollegen aus der Kanzlei, der mindestens dreißig Kilo zu viel hatte und ständig wie ein Schwein schwitzte. Tatsächlich kühlte sich ihre Lust dadurch etwas ab, und sie schob ihre Reaktion auf den Umstand, dass sie schon viel zu lange abstinent lebte. Gut und gerne drei bis vier Monate, wenn sie es recht überlegte. Und das, was sie davor von Andreas bekommen hatte, konnte man auch nicht gerade die Erfüllung nennen.

Niklas öffnete die Wohnungstür des Drei-Zimmer-Appartements und sah sie mit einem Zwinkern in den Augen an.

„Bitte nicht umschauen. Ich wohne noch nicht lange hier.“ Mit dem Finger wies er auf diverse Kartons, die sich im Esszimmerbereich stapelten. Ein großzügiger Tisch, zur Hälfte mit allerlei Kisten und Ordnern beladen, dominierte den Raum in der Mitte. Lediglich ein einzelner Stuhl stand davor. Wenigstens die angrenzende Küche schien fertig zu sein.

„Ich beeile mich.“ Er nahm eine Flasche Mineralwasser aus dem Kühlschrank, drückte ihr dazu ein Glas in die Hand und verschwand im Bad.

Eilig schlüpfte Niklas aus der Kleidung und zog die Glastür der Dusche hinter sich zu. Er seufzte, als er den lauwarmen Wasserstrahl auf seinem erhitzten Körper spürte. Die Abkühlung hatte er verdammt nötig. Noch dazu, wenn er an die Frau nebenan dachte. Mein Gott, dass diese sonst so geradezu aristokratisch kühl aussehende Rechtsanwältin so unsagbar sexy daherkommen konnte. Lieber Himmel, wie sollte er nur die nächsten Stunden überstehen? Bislang kannte er Barbara nur in einem ihrer strengen Businesskostüme. Nicht, dass die ihre gute Figur hätten vertuschen können, aber entschärfen – das schon. Irgendetwas hatte sich zwischen ihnen verändert. Sie war über das Zusammentreffen am Mittag genauso überrascht gewesen wie er. Speziell die Bemerkung darüber, dass es ihm in ihrer Abwesenheit sicher nicht an Gesellschaft gemangelt hätte, brachte ihn zum Nachdenken. Den ganzen Nachmittag war ihm der Satz nicht aus dem Sinn gegangen. Und es gab nur einen Grund dafür: Sie fand Gefallen an ihm. Wenn das kein gutes Omen für den Abend ist, grinste er und seifte sich ein. Warum soll’s mir allein so gehen?

Es war nicht nur ihr attraktives Aussehen, das ihn faszinierte. Die ganze Packung Frau interessierte ihn. Wie sie sprach und lachte – so vornehm und trotzdem natürlich. Einfach hinreißend. Er wollte wissen, wie sie tickte. Wollte, nein, musste sie mit Haut und Haaren einnehmen. Nur nach dem alt bewährten Strickmuster würde das nicht funktionieren. Das wusste er, auch wenn er es noch nicht ausgetestet hatte. Doch bei ihr würde er höchstens einen Versuch haben. Deshalb stand fest: Schluss mit dem Aufreißen im Eiltempo. So eine Frau musste man langsam erobern, ihr den Hof machen. Oh Gott, wenn er nur an den kurzen Rock und die enge Bluse dachte, die sie – im Gegensatz zu sonst – nicht bis auf den vorletzten Knopf geschlossen hatte. Er drehte die Brause ab, öffnete die Duschkabine und griff nach dem Handtuch, als er aus dem Wohnzimmer sein Handy schrillen hörte.

„Mist“, murmelte er vor sich hin, rubbelte sich die Haare trocken und langte nach der Bermudajeans. Im Gehen zog er sich ein kurzärmliges Hemd über.

Die Minuten vergingen. Barbara tigerte zwischen den Umzugskartons hin und her und versuchte, nicht weiter über den charismatischen Mann unter der Dusche nebenan nachzudenken. Es reichte auch so schon, dass ihre Haut erwartungsvoll kribbelte und hochsensibel auf jede auch nur geringste Berührung reagierte. Endlich verstummte das Rauschen des Wassers. Stille. Als sein Handy plötzlich laut zu schrillen begann, zuckte sie buchstäblich zusammen und wusste nicht, wie sie sich verhalten sollte.

Rangehen?

Es ihm bringen?

Nein, unmöglich.

Den Gedanken noch nicht zu Ende gedacht, drehte sie sich erschrocken um, weil sie hörte, wie er die Badezimmertür aufriss und an ihr vorbei zum Telefon stürmte. Barfuß, mit halb offenem Hemd und zerzausten, feuchten Haaren. Das Smartphone mit der einen Hand ans Ohr gepresst, griff er zielsicher nach einem der Ordner, die auf dem Tisch lagen und versuchte ihn mit einer Hand aufzuschlagen.

„Moment!“, schnaufte er, „Mann, du hast mich aus der Dusche geholt. Ich wusste gar nicht, dass du die Ergebnisse so dringend brauchst. Warte, gib mir eine Sekunde. Ich gebe dir die Zahlen gleich.“

Das Telefon zwischen Schulter und Kinn geklemmt, versuchte Niklas, den Ordner aufzuklappen. Doch das stellte sich als knifflig heraus, denn der Klammerverschluss klemmte, und der Aktenordner klappte ständig wieder zu.

 Barbara, die ihn dabei wie hypnotisiert betrachtete, eilte ihm zur Hilfe. Kurzentschlossen löste sie die Klammer und hielt den Pappdeckel fest.

Rasch blätterte er die gesuchte Seite auf und nannte dem Mann am anderen Ende der Leitung die Zahlen, die er wissen wollte.

„So, war’s das, oder willst du auch noch die Ergebnisse von Bauer hören?“ Wieder lauschte Niklas der Stimme, verabschiedete sich endlich und schlug dann den Ordner zu. Unbeabsichtigt streifte er dabei Barbaras Hand. Sie hielt den Atem an, so sehr elektrisierte sie diese harmlose Berührung.

„Danke.“ Er lächelte sie entwaffnend an. „Ich finde es furchtbar, mit dem Handy zu telefonieren und Akten zu wälzen.“ Er betrachtete sie mit einer Intensität, dass ihr heiß und kalt wurde.

Details

Seiten
0
Erscheinungsform
Erstausgabe
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783960874454
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v430713
Schlagworte
liebe-s-frauen-roman-tik-ce Traumann Mr.-right große-Liebe-am-Arbeitsplatz Womanizer Contemporary-sexy-romance

Autor

  • Dolores Mey (Autor)

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Titel: Zum Verlieben verführt (Chick Lit, Liebe)