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Die Leichenzeichnerin (Thriller, Historisch)

von Raiko Oldenettel (Autor)

2018 0 Seiten

Leseprobe

Impressum

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Erstausgabe Juli 2018

© 2018, dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

ISBN: 978-3-96087-404-1
Taschenbuch-ISBN: 978-3-96087-390-7

Covergestaltung: Annadel Hogen
unter Verwendung von Motiven von
© Ellerslie/shutterstock.com und © MANDY GODBEHEAR/shutterstock.com
Lektorat: Janina Klinck

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

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Über dieses E-Book

Minna Dahl besitzt ein düsteres Geheimnis: Sie zeichnet leidenschaftlich gern Verstorbene. Als man sie im Sommer 1919 dabei ertappt, wird die junge Krankenschwester zur Strafe versetzt. In Mühldorf am Breitbach soll sie sich fortan Kriegsversehrten widmen. Doch ein plötzlicher Todesfall schreckt die Talbewohner auf und Minna kann der Versuchung nicht widerstehen: Sie verschafft sich Zugang zur Leiche und bannt den Schrecken auf Papier. Zu spät erkennt sie, dass ihre Zeichnungen das Tor in eine grausame Vergangenheit aufgestoßen haben.

13.07.1919

Wenige Striche können zwischen Leben und Tod entscheiden. Die Zeichnung war der Beweis dafür. Eine Linie an der Unterlippe zu viel, und aus der Leiche wurde eine Schlafende. Setzte sie eine Schraffur ungeschickt auf die Wangenknochen, verwandelte sich die freche Schamesröte in abstoßendes nekrotisches Gewebe. Nachdenklich hielt sie das Papier in den Lichtkegel der Laterne, verglich die Zeichnung mit dem Motiv und lächelte. Eine wunderschöne Träumende hatte sie eingefangen. Erfüllt von einem paradiesischen Frieden, der mit keinem ihrer vorherigen Werke zu vergleichen war. Füße und Hände des Modells deuteten eine übernatürliche Ekstase an, wie in einem göttlichen Fiebertraum, doch schon im nächsten Moment würde der aufmerksame Betrachter die schlaff hängenden Arme, die fehlende Spannung im restlichen Körper bemerken und sich wundern. War es die Stunde des Todes, die eine Schlafende heimsuchte, oder war es gar eine Verstorbene, der man fälschlicherweise Lebendigkeit andichtete?

Nur sie allein wusste, dass Linda Ehrenberg nicht mehr unter ihnen weilte. Früh am Abend hatte man den Leichnam der Bäckerstochter in diesen Keller gebracht, bei unter sechs Grad Raumtemperatur untersucht und festgestellt, dass die Revolten im März auch Wochen später noch Opfer forderten. Ein Granatsplitter war durch das Fleisch gewandert, hatte sich entzündet und das Herz angegriffen. Plötzlicher Exitus. Die Ärzte hätten es beim besten Willen nicht sehen können und über Schmerzen hatte Linda ebenso wenig geklagt, wie über ihr amputiertes Bein.

Eine starke Person.

Vielleicht sollte sie das in der Zeichnung betonen?

Sie drehte am Hahn der Laterne und zügelte die Flamme, an die sich ihre Augen mittlerweile gewöhnt hatten. Dann holte sie die grobe Kohle aus dem Etui und setzte zufällige Punkte auf das Leichentuch im Bild. War es Blut oder waren es Schatten? Der Zufall würde entscheiden. Es galt nicht, die Realität abzubilden, sondern die Realität zu überlisten. Denjenigen in die Irre zu führen, der das Blatt später in den Händen hielt. Indem sie den Zufall herrschen ließ, schälte sich Lindas Silhouette mehr und mehr aus dem zarten Stoff heraus. Sie wurde zur Maria im Gewande. Schlafend, träumend. Tot.

Nur zwei Dinge bereiteten ihr Kopfzerbrechen. Der Tau auf den Lippen war zu schön und der Reflex in den Haaren zu kräftig. Die nebulöse Andeutung von ewigem Schlummer wurde dadurch gebrochen. Energisch wischte sie mit der Kuppe ihres Ringfingers über die aufgetragene Kohle und verrieb den Staub, bis Strukturen auf Lippen und Haar zu erkennen waren, die sich überlagerten. Ein grober Fehler, wie sie schnell bemerkte. Die sanfte Konturlinie von Lindas Körper entwickelte nun hier und da schattige Täler, die viel von der mysteriösen Wirkung nahm. Von da an muteten die Haare stumpf an, das Inkarnat der Haut dreckig.

„Scheiße!“

Retten konnte sie diese Ausschnitte nicht mehr, oder doch? Genervt kaute sie auf der Unterlippe herum, bis sie einen unliebsamen Entschluss fasste. Das Bild war beendet. Sie würde es durch weitere Anpassungen nur ruinieren. Wieso musste sie die Wechsel der Zeichentechnik auch ständig auf die Schnelle erledigen? Sie hätte ahnen können, dass dies einer gewissen Überlegung bedurfte. Aber je öfter sie den Fehler wiederholte, desto besser wusste sie um die passenden Gegenmaßnahmen. Gleich in der nächsten Sekunde überzeugte sie sich vom Gegenteil. Es war noch nicht alles verloren. Sie konnte es retten. Wenn sie mit einem gezielten Strich den Tau auf den Lippen gegen das Verbrauchte, das Verlebte der Vergänglichkeit austauschte, dann reichte vielleicht ein minimaler Eingriff und Lindas Schwebezustand würde wiederkehren.

Sie gönnte sich einen Moment, diese Entscheidung zu überdenken. Die allgegenwärtige Kälte des Leichenkellers durchdrang mittlerweile ihre angespannten Finger, die bei den kleinsten Bewegungen knackten, und die Feuchtigkeit ihres Atems blieb wie ein Film unter ihrer Nase hängen.

Wieso tat sie sich das regelmäßig an? Sie würde sich wieder erkälten und dann … Sie schaute vom Blatt auf und rieb sich die Hände. Der Keller war beklemmend winzig. Die Anzahl an Alkoven für verstorbene Patienten überschaubar, was gut war. Aus der Sicht eines Eindringlings zumindest. Weniger Platz bedeutete auch, dass dieser Keller weniger frequentiert wurde.

Es ging mittlerweile auf Mitternacht zu, schätzte sie und hauchte warme Luft auf ihre Fingerspitzen. Um diese Zeit kam nur dann Personal herunter, wenn es einen Neuzugang gab. Das würde ihr hoffentlich erspart bleiben.

Nur noch zehn Minuten, mehr brauchte sie nicht.

Wer würde da schon auftauchen?

Trotzdem horchte sie nervös in die Stille. Zu wenig Zeit, um es zu Ende zu bringen, befand sie auf einmal und legte das Papier zur Seite. Es musste schneller gehen. Was genau fehlte ihr? Wo lag der Zauber verborgen? Ruhelos steckte sie den Stift zurück in das Etui und erhob sich vom Hocker. Ihre Beine waren eingeschlafen und sackten ihr unter zaghaften Schritten weg, weswegen sie sich am Tisch festklammerte und Linda aus einem anderen Winkel betrachtete.

Sie entschied, dass nun der Moment gekommen war, an dem sie ihre Prinzipien über den Haufen warf. Nicht, dass das Zeichnen einer Leiche ohnehin jenseits aller gesellschaftlichen Regeln stand. Das betete ihr die Stimme ihres Gewissens unablässig vor. Wie aber konnte sie den Gegenstand ihrer Zeichnung wahrhaftig begreifen, wenn sie sich nur auf ihre Augen verließ? Genau! Das war es doch! Wenn es nach ihr ging, war und würde das akademische Diktum des stumpfen Abzeichnens niemals die Lösung für eine junge, eine neuartige Kunst darstellen.

Überwältigt von ihrer aufkeimenden Idee hielt sie inne.

Sie würde Linda berühren. Zum Teufel mit ihrem Hadern! Sie wollte endlich verstehen, was noch geändert werden musste. Also streckte sie ihre Hand aus und führte sie vorsichtig an Lindas Gesicht.

„Sag doch, Linda, wohin soll die letzte Linie?“

Aufgeregt legte sie ihre Finger auf die leblosen Lippen und fuhr sie wie ein wertvolles Schmuckstück ab. Erst die Lippenränder, dann das blauschwarz angelaufene Fleisch. Die Haut fühlte sich spröde an, so wie sie es mit der Zeichnung hatte einfangen wollen, doch unter den Schollen aus toter Haut waren die Muskeln überdies fest und üppig. Fast so, als schürzte Linda sie zu einem Kuss.

Da verstand sie.

Linda hatte ein Wort auf den Lippen.

Es war in Wirklichkeit nicht die fehlende Linie, sondern der fehlende Titel des Bildes, der alles aus dem Gleichgewicht gebracht hatte.

Der Schauer über diese Erkenntnis war so groß, dass sie fast überhörte, wie sich hinter ihr etwas regte. Doch im nächsten Moment war das Geräusch nicht mehr zu ignorieren. Das rostige Schloss der Tür oben am Treppenaufgang wurde aufgeschlossen.

Erschrocken zuckte ihre Hand zurück und tausend Gedanken liefen vor ihren Augen als Daumenkino ab.

Linda musste sofort zugedeckt und zurück in die Nische geschoben werden. Dann musste sie ihr Zeichenzeug schnappen, der Hocker musste aus dem Weg, die Laterne …

Jetzt waren eindeutig Schritte auf den Treppenstufen zu hören. Das alte Eichenholz gab charakteristische Töne von sich. Sie verrieten ihr, dass es zu spät für Vertuschungsversuche war.

In Windeseile tat sie das Nächstbeste und warf der Verstorbenen das Tuch über, steckte Zeichnung und Stifte unter ihren Mantel, löschte die Laterne und hastete rüber an eine Stelle des Kellers, wo noch aus Gründerzeiten ein schlecht verbauter Abwassertunnel lag. Dort drückte sie sich hinter ein aufgebogenes Gitter und verhielt sich mucksmäuschenstill. Weiter kam sie von hier aus nicht, der restliche Tunnel war zugeschüttet worden.

Kein Versteck, das einem neugierigen Blick standhalten würde. Sie rechnete also mit dem Schlimmsten.

Eine Sekunde später hörte sie das quengelnde Geräusch der zweiten Tür, ein Schalter wurde umgelegt und es wurde schlagartig hell.

Das kalte, kreischende Licht der Glühbirne brach sich an den blank geputzten Fliesen der Kellerwände. Es blendete so sehr, dass sie nicht erkennen konnte, wer dort in der Tür stand. Einen Herzschlag lang sah es so aus, als würde ein Mann in einem weißen Kittel die Hand über die Augen legen und in ihre Richtung schauen. Er musste erkannt haben, dass Linda bewegt worden war, befürchtete sie. Das Klicken von abgehackten Schritten drang zu ihr herüber. Er kam nicht näher, pendelte eher zwischen zwei nah zusammenliegenden Punkten hin und her.

Ihr Herz schwemmte schneller Blut durch ihre Venen, als die Lunge Sauerstoff aufsaugen konnte.

Dann schaltete der Mann das Licht plötzlich aus und schloss die Tür. Aber, war er hiergeblieben? War er wieder nach oben gegangen? Sie hatte seine Schritte hinauf nicht gehört. Zu laut kam ihr der eigene Atem vor, den sie mühsam zügelte.

Eine gefühlte Stunde verging, bis sie sich aus der Deckung traute und blind den Weg zur Tür ertastete. Erleichtert stellte sie fest, dass sich ihr Herz beruhigt hatte und die Furcht, der Mann könnte sich noch im Keller aufhalten, verflogen war. Über einen Schleichweg stahl sie sich hinaus und öffnete die verschlossene Hintertür mit einem improvisierten Schlüssel. Ein einfacher Haken aus Bügeldraht, dem etliche Versuche vorausgegangen waren, die richtige Form zu finden. An der frischen Luft angekommen spürte sie, dass ihre Kleider klatschnass waren vor Schweiß. Sie fror und ihre Gedanken kamen nach dem Schreck nur träge voran. Durch die Büsche im Hinterhof und vorbei an einem angrenzenden Wäschelager fand sie zurück auf die Straße.

In der nächtlichen Einsamkeit der Häuserzeilen klammerte sie sich an ihre Zeichnung. Nirgendwo fand sie eine vielversprechende Ecke oder eine Bank unter einer eingeschalteten Laterne, die ihr einen ruhigen Moment beschert hätten. Sie wollte unbedingt über den Titel nachdenken, sich ablenken von dem Schrecken, der ihr in den Gliedern saß.

Sie horchte in sich hinein, während sie in Richtung ihrer Wohnung lief.

Zu ihrem eigenen Erstaunen war die Energie der Berührung verpufft. Das Gespräch mit Linda war unterbrochen worden, und so kamen ihr auch alle Worte für einen Titel abgebrochen und unfertig vor. Sie beschloss, dass das Blatt vorläufig Die Niederlage heißen würde. So lange, bis sie einen besseren Titel fand.

14.07.1919

Eingeklemmt zwischen einem müde glimmenden Ofen, einem Stuhl und dem sperrigen Küchentisch starrte Minna Dahl aus dem Fenster ihres Berliner Dachzimmers rüber zum Gelände der Brauerei Bützow. Am Himmel hinter den weißen Rauchfahnen war auch heute keine Spur vom Juli zu erkennen.

„Welch eine Schande …“

Enttäuscht wischte sie mit den Fingern den Staub von den Fensterscheiben.

Sie vermisste den Sommer zum ersten Mal in ihrem Leben. Schwer zu sagen, wieso. Denn eigentlich hasste sie es, zu schwitzen, sich vor Gewittern zu fürchten und in ihrer engen Wohnung einen Platz zu suchen, an dem sie einen klaren Gedanken fassen konnte. Doch mittlerweile erinnerte sie sich nur schlecht an das Gefühl von Sonne auf ihrer Haut und hätte jederzeit vierzig Grad und Angstzustände ertragen, nur um Berlin im Licht zu sehen.

Was machte sie sich vor? Sie würde so oder so nicht viel von der Stadt mitbekommen. Entweder räumte sie sich selbst in der Bude hinterher oder schob zusätzliche Schichten in der Klinik. Was der ausstehenden Miete der letzten zwei Monate sicherlich guttun würde.

Sie legte Stellenanzeigen und Bleistift, die unangerührt auf ihrem Schoß lagen, zurück in die Kommode und löschte die Glut im Ofen. Es lohnte nicht, ihn heute noch einmal anzufachen, sollte sie wieder in der Klinik essen. Doch beim Gedanken an die Verpflegung fing ihr Magen an zu rebellieren. Sicherlich gab es wieder Steckrüben, dazu Brotrand oder Kartoffelsuppe. Aufgekocht mit Brühe vom Vortag. Spartanischer war da nur noch der Bodensatz, dessen Aroma von Gericht zu Gericht gleich blieb. Zumindest konnte Minna ein wenig Geld dadurch sparen, dass sie nicht einkaufen und kochen musste. Nicht viel Geld, aber immerhin. Unter Umständen war auch eine zusätzliche Schicht frei, dann lohnte sich das Dableiben umso mehr.

Mit einem aufmunternden Lied auf den Lippen stand sie vom Stuhl auf, ging rüber ins Schlafzimmer und lupfte einen Schal aus einem Haufen Kleidung. Es war das lebendige Chaos auf sechs Quadratmetern – und sie liebte es innig. Alles hier gehörte ihr. Nicht wie bei den anderen Mädchen, die sich solche Zimmer wegen der üblen Nachrede zu mehreren teilten. Ein Refugium, ein Sanktum, eine übertrieben schöne Bruchbude eben. Das Maß an Selbstbestimmung, das in diesen vier Wänden herrschte, mochte auch der Grund sein, weswegen sie wieder zu spät dran war.

Minna holte ihre Stiefel aus der Ecke, polierte mit einem Tuch darüber, bis sie wieder glänzten. Dann zog sie ihr graues Kleid an und eine weiße Schürze darüber, in die an einer unauffälligen Stelle die Namen Hof und Sallinger eingestickt waren. Mit zwei schnellen Handgriffen richtete sie ihr Haar und schnappte sich die Umhängetasche vom Kleiderhaken. Bevor sie die Tür hinter sich schloss, lief sie noch einmal zurück in die Wohnung, kontrollierte den Ofen und flitzte schließlich ins Treppenhaus.

Dort wehte ihr eine Wolke aus Essig entgegen, dass sie die Nase kräuselte. Der Essig sollte die Ratten davon abhalten, aus ihren Löchern zu kriechen, doch die Köttel auf den Treppenstufen verrieten die Sinnlosigkeit dieses Vorhabens. Als einer der neu eingezogenen Nachbarn die Haupteingangstür für sie offenhielt, huschte Minna hindurch und murmelte im Vorbeigehen ein Dankeschön. Wahrscheinlich hätte sie sich ihm höflich vorstellen sollen, wie man das so unter Nachbarn tat. Aber die Gesichter in den Wohnungen unter ihr wechselten mit einer solchen Frequenz, dass sie es für unsinnig hielt, sich die Namen einzuprägen. So abenteuerlich sich das auch anhörte, dass dort die unterschiedlichsten Männer und Frauen zusammenkamen, so wenig hielt Minna davon, sich in Schwierigkeiten zu stürzen, die diese Leute mit sich bringen konnten. Ihre eigenen Freunde, wenn diese sie nach der Zeit im Krankenhaus denn noch wiedererkannten, waren ihr genug Aufregung. Da gab es Streit, Liebeleien, durchzechte Abende und sonstige Ausfälle, die die Nächte so mit sich brachten und von denen sie gerne Auszeiten nahm. In diesen Zeiten wusste niemand, ob er morgen noch Arbeit hatte oder Berlin ihn verschlucken würde. Sie hatte Arbeit und sie war stolz darauf, ihr Leben allein im Griff zu haben.

Sie sprang auf eine Bahn auf, die gerade von der Haltestelle Greifswalder Straße abfuhr, und fand nah beim Schaffner einen Platz. Er grüßte, sie lächelte und zeigte pflichtbewusst ihr Billett. Wahrscheinlich sah er auch, dass es abgelaufen war und Minna längst wieder ein neues hätte kaufen müssen, aber er ignorierte es wohlwollend.

Nah der Danziger Straße lenkte der seit Wochen unveränderte Anblick des Gehwegs die Fahrgäste allesamt von ihren Zeitungen ab. Obdachlose und Tagelöhner harrten auf der Länge der Straße aus, um einen Platz im Schlafsaal zu ergattern. Dutzende, wenn nicht Hunderte, standen vor dem größten Asylheim der Gegend an. So ist das nun mal, dachte Minna zynisch, wenn man einen Krieg verliert.

An der Friedensstraße wechselte sie in eine kleinere Bahn, fuhr weiter in Richtung Friedrichshain und stieg dort am Park aus. Es war gespenstisch ruhig um das Städtische Krankenhaus. Bettler kreuzten ihre Wege, flehten sich gegenseitig an. Eine Mutter saß mit ihrem kranken Kind im Wagen neben dem Zeitungsstand und hielt ein Pappschild mit unleserlicher Schrift darauf hoch. Der Standverkäufer hatte einen Wassereimer griffbereit, aber er hielt es anscheinend mit der Alten aus. Zumindest durfte Minna ihr ein paar Pfennige in den ausgefransten Hut werfen, ohne dass er murrte.

„Gott sei mit dir, Kind.“

Minna wusste nicht, was eine angemessene Erwiderung gewesen wäre, und nickte ihr stattdessen zu. Dann ging sie mit großen Schritten in Richtung der gusseisernen Tore des Städtischen, bog vor dem Klinkerbau in eine schmale Seitenstraße ein und erreichte die Klinik mit dem unübersehbar angeschlagenen Namen Hof & Sallinger.

Von den beiden Namensgebern hatte lediglich Doktor Sallinger die turbulenten Kriegsjahre überstanden. Friedrich Salomon Hof war dem europäischen Albtraum nicht gewachsen gewesen und hatte einen, für ihn einfacheren, Ausweg aus den Abgründen der menschlichen Seele gewählt. Mit einer Überdosis des Schlafmittels Veronal und einem teuer importierten Brandy.

Minna hatte gerade erst angefangen, in der Klinik zu arbeiten, als es passiert war. Hof und Sallinger hatten nach der Rückkehr der Soldaten unterschiedliche Ansichten bezüglich Aufnahmekapazitäten und Behandlungsansätzen gehabt, dennoch war die Klinik schnell dafür bekannt geworden, schwierige Fälle aufzunehmen. Wahrscheinlich, stellte Minna nicht wenig selbstironisch fest, war sie aus genau diesem Grund selbst dort gelandet. Seit sie von Dresden nach Berlin gezogen war, entwickelte sich auch ihr Leben zu einem hoffnungslosen Fall.

„Mann! Vorsicht!“

Die Tür vor ihr war urplötzlich aufgeflogen und Minna konnte der Person dahinter nicht mehr ausweichen.

„He! Hast du keine Augen im Kopf?“

„Doro?“ Minna nahm die Arme, die sie schützend vor sich geworfen hatte, samt ihrer Tasche herunter und fauchte sie wütend an: „Was fällt dir ein, die Tür so aufzutreten? Denkst du eigentlich nie an deine Mitmenschen?“

„Ach … das ist ja passend!“, säuselte Dorothea und überhörte Minnas Anschuldigung. Ein triumphales Grinsen machte sich im Gesicht ihrer Kollegin breit und Minna ahnte, dass das nichts Gutes bedeuten konnte. Dorothea spielte nämlich gern die Überbringerin schlechter Nachrichten und hatte seit Anbeginn einen offensichtlichen Hass auf Minna. Dass dieser aus einem früheren Leben, einem verkorksten Abend in der Kneipe Zur seligen Henne rührte, konnte Minna nur noch dank verschwommener Erinnerungen nachvollziehen.

Prompt sollte sich Dorotheas Botenrolle erneut bestätigen. „Herr Doktor Sallinger will dich sprechen, Minnchen. Klang dringend, wenn du mich fragst. Hast ja kein Telefon oder so … Sag, du hast doch nichts angestellt, oder?“

Minna stellte sich vorsichtshalber dumm. „Du weißt doch sonst immer alles. Was hat er gesagt?“

„Ich weiß von nix“, sagte sie zuckersüß, trat zur Seite und tat ganz galant wie ein Schwarm beim Tanz. „Darf ich Sie hineinbitten, Mademoiselle?“

„Schwirr ab, Täubchen.“ Minna glättete ihre Schürze und zog an Dorothea vorbei in die Klinik.

Also direkt in sein Büro, dachte sie angefressen, das hatte ihr gerade noch gefehlt. Sie durchquerte den grün gekachelten Flur, in dem zurzeit nur wenige Patienten oder Ärzte zu sehen waren. Allein die Schwestern, die mit Minnas Ankunft schon auf eine kleine Pause aus waren, sahen von ihren Krankenblättern auf und verfolgten neugierig ihren Weg. Wussten sie bereits, um was es in ihrem Gespräch mit Dr. Sallinger gehen würde? Doros Andeutung brachte Minnas Gedanken ordentlich durcheinander. Was genau hatte der Doktor auf dem Herzen? Ging es um die Sache mit den Schmerzmitteln, die sie vor einiger Zeit hatte mitgehen lassen, um sich auf einer Feier damit zu benebeln – nur, um es dann doch sein zu lassen? Oder hatte er herausbekommen, dass sie manchmal eine Viertelstunde zu viel auf die Stundenzettel schummelte?

Sie würde es recht bald wissen, denn die Tür seines Büros stand offen.

„Eintreten, bitte.“

„Herr Doktor?“

„Fräulein Dahl.“

Doktor Sallinger saß tief versunken über aufgeschlagenen Lehrbüchern. Vor sich ein Papier mit Notizen, auf dem er ein Wort mehrmals in unterschiedlichen Farben eingekreist hatte. Seine hohe, drahtige Figur täuschte, denn er war überaus kräftig und hatte starke, ruhige Hände. Seine Gestik und seine Wortwahl verrieten, dass er aus einem anderen Jahrhundert stammte. Man sah ihm seine sechzig Jahre jedoch keineswegs an.

„Ich wollte gerade nach Ihnen schicken lassen, aber wie ich sehe, hat Frau Brandt erneut ihr gutes Gehör bewiesen und ist mir zuvorgekommen.“

Sie nickte verlegen und trat ein. „Was kann ich für Sie tun?“

Es herrschte eine kühle Atmosphäre in seinem Büro. Seine unterbrochenen Überlegungen hingen spürbar in der Luft, verlangten weiter nach Aufmerksamkeit. Aber die galt nun Minna.

Der Doktor kratzte sich an einer auffälligen Stelle seines Kopfes, an der ein tiefer Kanal durch den Schädelknochen verlief. Eine mit dünner Narbenhaut überzogene Verletzung aus dem vorletzten Krieg. Minna wusste alles darüber aus langwierigen Operationen, in denen sie ihm assistiert hatte, und der damit verbundenen Zeit für seine Erzählungen. So ungefähr konnte man das Verhältnis zwischen ihnen beiden umreißen. Er erzählte gern und sie hörte zu, während sie die Handgriffe übernahm, die ihn seine Gelassenheit kosteten. Manchmal schickte er sie für Medikamente und Einkäufe quer durch die Stadt, was ihm ausreichend Zeit verschaffte, sich den Patienten zu widmen. Manchmal, das war überdeutlich, konnten die anderen Schwestern diese freundliche Sonderbehandlung für sie als Neuling nicht verstehen und versuchten hinter ihrem Rücken die Welt wieder ein wenig geradezurücken. War sie deswegen hier?

„Wir müssen in absoluter Vertraulichkeit sprechen, Fräulein Dahl.“ Doktor Sallinger stand auf, schob ihr einen Stuhl heran und schloss die Vorhänge, dann schaute er auf den Flur und schloss seine Tür ab.

„Was hat das zu bedeuten?“ Minna bemerkte, dass sie bei der ganzen Geheimnistuerei ins Flüstern verfiel.

„Das würde ich Sie selbst gern fragen. Leiden Sie in letzter Zeit an starker Migräne?“

„Nein, wieso?“

Er hob mahnend den Zeigefinger. „Abwarten! Zweite Frage: Haben Sie einen Verwandten verloren oder stehen Sie eventuell unter Schockzustand durch eine gravierende Erfahrung in meiner Klinik?“

„Ebenfalls Nein.“

„Ein Letztes noch. Ich klammere mich dabei an einen dünnen Strohhalm.“ Er setzte sich auf seinen Stuhl und verschränkte die Arme. „Haben Sie in letzter Zeit unerklärliche Wachphasen durchlebt? Somnambulie, um genau zu sein?“

Minna schüttelte erneut den Kopf. Ihr gefiel nicht, in welche Richtung das Verhör verlief. Worauf zielte er mit seiner Frage nach dem Schlafwandeln ab?

„Nein, ich schlafe fest und wache auch meistens in meinem eigenen Bett auf.“

Die schnippische Bemerkung brachte Doktor Sallinger sichtlich aus dem Konzept. Seine rechte Augenbraue gefror einen Zentimeter über dem Normalzustand fest, bis er sich räusperte und sehr viel ernster wurde.

„Dann habe ich keine gute Nachricht für Sie, Fräulein Dahl. Ich schätze, Sie haben sich zwar mit den Regeln meiner Klinik zufriedenstellend vertraut gemacht, aber da es uns angesichts Ihrer Verfehlungen an psychisch bedingten Ausflüchten mangelt, sehen Sie mich mehr als indigniert.“ Er nahm ein Klemmbrett vom Schreibtisch und hielt es ihr kurz entgegen, bevor er es zurück auf den Schreibtisch legte und sich ihm erneut widmete. Sie hatte nicht einmal Zeit, über das seltsame Wort ‚indigniert‘ nachzudenken. „Sie erkennen diese Zeilen wieder, vermute ich? Das ist das Einstellungsschreiben, das ihr Vater unter Zähneknirschen signiert hat. Hier steht, Sie hätten von drei Schwestern das Gymnasium mit der besten Leistung abgeschlossen, wären für ein Jahr kriegsbedingt auf die Schwesternschule für höhere Berufung gekommen, wären dann freiwillig und mit großem Eifer ins Lazarett gewechselt, hätten dort einen kurzen Dienstanschluss in einer Badeanstalt vollzogen, und seien dann wieder in das bürgerliche Leben entlassen worden. Bis zum Kriegsende hätten sie geholfen, in Dresden Plakate und Flugblätter für Liebesgaben und Kriegsanleihen zu entwerfen. Ich habe übrigens selbst viel zu viele Anleihen aufgekauft, habe ich das mal erwähnt?“

Minna spürte einen Kloß in ihrem Hals, der mit jedem seiner Worte anschwoll. „Das ist alles richtig. Daran hat sich auch nichts geändert.“

„Nun, dann verzeihen Sie mir, wenn ich ein wenig die Langmut verliere, aber wie um alles in der Welt setzt sich eine so hervorragende Existenz zusammen und stellt dann einen so groben Unfug an wie vorige Nacht?“

„Das … ich wollte nicht –“

„Aha!“ Trotz des Flüstertons war sein Ausruf markerschütternd. Er hatte sie am Schlafittchen. „Wusste ich es doch, dass meine Sinne keiner Täuschung unterlagen. Machen Sie sich frei von schlechtem Gewissen, Fräulein Dahl, und erzählen mir auf der Stelle, was Sie in der Leichenhalle meiner Klinik zu suchen hatten. Verschweigen Sie mir auch nur einen Umstand, eine vorausgegangene, gleichgeartete Tat, sehe ich mich genötigt, die Ordnungshüter herzubeordern.“

„Nein, ich … Das verstehen Sie falsch!“

„Ich verstehe zunächst einmal, dass ich mich selbst strafbar mache, wenn ich eine Leichenfledderin in meinem Spital beschäftige.“

„Ich bin keine –“ Sie wollte das Wort nicht aussprechen.

Doktor Sallingers Geduld spannte sich sichtlich bis aufs Äußerste an. Er klammerte sich bereits mit beiden Händen an seinen Schreibtisch aus rotem Tropenholz. So fest, dass die Knöchel weiß hervortraten.

Minnas Haltung verkrampfte sich ebenfalls. „Ich erkläre Ihnen alles. Bitte. Es wird nicht nötig sein, mich bei der Polizei zu melden. Sie müssen niemanden rufen.“

„Auch nicht Ihre Eltern? Ich hätte nicht wenig Lust dazu, wenn Sie verstehen.“

„Ich verstehe … aber das muss nicht sein.“ Minna warf einen Blick in den Raum hinter ihr. Sie hatte doch niemandem wehgetan oder etwas Bösartiges angestellt.

„Also?“

„Es verhält sich folgendermaßen …“ Sie sog tief Luft ein und fing ohne Umschweife an, zu erzählen. Von ihren Zeichnungen und den ungewöhnlichen Motiven, von ihrem Wunsch, irgendwann Mitglied der Berliner Secession zu werden und ihre Kunst ausstellen zu dürfen. Auch ein kleines Zusammentreffen mit ihrem Idol Käthe Kollwitz ließ sie nicht aus. Hatte diese doch eine ältere Zeichnung von ihr gelobt und Minna damit in dem Wissen bestärkt, auf dem richtigen Weg zu sein.

Ohne es zu ahnen, verbrachte sie eine halbe Stunde damit, ihrem Vorgesetzten alles genau zu erläutern. Doktor Sallinger unterbrach sie nicht ein einziges Mal, schob allerhöchstens eine Hand über die andere oder rieb sich das glattrasierte Kinn. Zu ihrer Beunruhigung schien er wenig überrascht von dem, was sie vorzutragen hatte.

„Das ist alles“, sagte sie, am Ende angelangt. „Mehr gibt es nicht zu sagen. Es tut mir wirklich schrecklich leid, falls –“

„Schweigen Sie, Fräulein Dahl. Bitte. Ich habe genug gehört.“ Er stand auf und streckte fordernd die Hand aus. „Überreichen Sie mir unversehens die Mappe mit Ihren Zeichnungen.“

„Das geht nicht“, platzte es aus ihr heraus. „Die brauche ich!“

„Sofort!“ Doktor Sallingers Stimme hatte den Kokon ihrer verschwörerischen Ruhe verlassen. Hörten die anderen auf dem Flur, was zwischen ihnen vorfiel? Lauschte Dorothea bereits an der Tür? „Ich will es sehen!“

Minna zog hastig ihre Tasche unter dem Stuhl hervor, öffnete den Verschluss und überließ ihm die heiß geliebte Ledermappe.

„Danke.“

„Es sind nur Skizzen“, beteuerte sie. „Es wird nicht wieder vorkommen.“

Doktor Sallinger überhörte diese Bemerkung und ging jedes der Blätter nach und nach durch. Manchmal steckte er eines zurück in den Stapel, zog es dann später wieder hervor und verglich es mit einem anderen. Es war, als erstellte er für sich eine eigene Reihenfolge, nur war Minna das Kriterium seiner Auswahl gänzlich unbekannt. Irgendwann nahm er den Stapel Zeichnungen und schloss die Mappe in seinem Tresor ein.

„Was kann ich noch sagen, um mich zu entlasten?“

Der Doktor formte auf ihre Frage hin mit seinen Fingern eine Pistole und zeigte auf den Tresor. „Sie haben sich mir geöffnet. Um ehrlich zu sein, bin ich tatsächlich über alle Maßen erleichtert. Ich hatte Sie die Nacht über in meinen Überlegungen aus den dunkelsten Blickwinkeln heraus betrachtet. Und das gesagt …“, der Doktor stockte, denn ein leichtes Lächeln eroberte mit einem Mal seine Lippen, „… könnte man behaupten, dass ich sogar beeindruckt bin. So viel Talent, so viel Hingabe für die Verfassung des menschlichen Körpers. Ich hätte eine solch spezielle Begabung niemals von Ihnen erwartet.“

„Wirklich?“

Er schüttelte abwehrend den Kopf. „Aber das ist nur meine eigene Freude an der Schaffenskunst und sicherlich keine weithin akzeptierte Meinung. Sie verstehen, worauf ich hinauswill? Ich werde Konsequenzen ziehen müssen.“

Minna standen die Tränen in den Augen, aber sie wollte nicht weinen. „Heißt das, Sie setzen mich auf die Straße?“

„Denkbar.“

In ihrem Inneren spürte Minna den zarten Faden reißen, der ihre Anstellung im Krankenhaus bedeutet hatte. Hätte sie doch niemals der Verführung nachgegeben, die Toten ausgerechnet an ihrem Arbeitsplatz zeichnen zu wollen. Verzweifelt sprang sie auf und lief bis an den Rand seines Schreibtisches, faltete die Hände ineinander. „Ich weiß aber nicht, wohin. Ich gehöre doch hierher.“

„Sie haben alles aufs Spiel gesetzt und verloren, Minna. Trägt der Spieler seine Schulden nicht mit Würde?“

„Nicht in diesem Fall“, gab Minna zu.

„Nein. Das können Sie nicht und das sehe ich. Ihr Fehlverhalten zwingt mich zu großer Kreativität, was Ihre weitere Anstellung in meinem Dienst betrifft.“

Minna ließ sich zurück auf ihren Platz fallen. Ihre rastlos auf den Knien abgelegten Finger verknoteten sich förmlich vor Anspannung.

„Was soll ich tun?“, fragte sie nervös. Was konnte er von ihr verlangen? Zu was war dieser Mann imstande?

„Nicht was, sondern wo. Hier können Sie nicht bleiben. Das steht außer Frage. Ihr Geheimnis trübt unsere Zusammenarbeit, sie wird schon bald auch Ihre Beziehung zu den Ärzten und Schwestern trüben. Bedenken Sie: Ich verlasse mein Büro nachts nur in dringenden Fällen. Die Schwestern wiederum, wer weiß, wie man sich schon das Maul über Sie zerreißt, Fräulein Dahl. Allein, dass ich Sie herrufen ließ und das Gespräch sich in die Länge zieht. Es ist offensichtlich, dass Sie zum Gesprächsthema würden. Das wird Ihnen nahegehen, verstehen Sie? Das liegt in der menschlichen Natur. Nur, ein so vernebelter Kopf kann mir nicht assistieren.“

„Sie wollen wirklich, dass ich weiter für Sie arbeite?“

„In Anbetracht unserer derzeitigen Konjunktur setze ich niemanden leichtfertig auf die Straße, wenn ich nicht muss. Sie werden eine Anstellung erhalten. Nur nicht hier.“

„Wo dann?“

Er wies die Frage mit einer Geste ab. „Da machen Sie sich mal keinen Kopf, wo ich doch gerade dabei bin, diesen zu retten. Ich werde Sie ultimativ auf die Probe stellen. Vertrauen Sie mir, Fräulein?“

Minna sagte nichts und nickte nur heftig. Am liebsten wäre sie ihm um den Hals gefallen und hätte ihn geküsst wie ein Kind, das den Stockschlägen um ein Haar entgangen war.

„Wohlan, ich muss meine Bibliothek nach einer dringenden Antwort durchforsten. Melden Sie sich bei der Oberschwester ab. Quittieren Sie per Formblatt Ihre Stelle. Ich erledige den Papierkram für die neue Arbeit und veranlasse die Überweisung Ihres letzten Salärs.“

„Heißt das, ich bin von nun an privat bei Ihnen angestellt?“

„So könnte man es sagen. Aber bitte, gehen Sie jetzt. Meine Zeit ist kostbar. Ich melde mich bei Ihnen.“

Minna verabschiedete sich und meldete sich wie angewiesen bei der Oberschwester ab. Diese verzog keine Miene bei der Bemerkung, dass Minna nicht mehr in der Klinik arbeiten würde. Statt einer gesunden Neugier zeichnete sich in den Gesichtern der Kolleginnen am Ende des Flurs nur Ärger ab. Ärger darüber, dass sie heute Überstunden schieben würden. Die Tür ins Freie ließ sich noch nie so schwer öffnen wie an diesem Morgen.

Zurück in ihrer ausgekühlten Wohnung ging Minna geradewegs ins Schlafzimmer und ließ sich aufs Bett fallen. Ohne den Ofen von der alten Asche zu befreien und ohne neues Feuer anzufachen. Sie weinte minutenlang die überstandene Angst hinaus, die sich wie ein Tier in ihrer Brust verbissen hatte. Die Sonne war dabei, zu versinken, als sie sich endlich beruhigte und die Stimmen von Hausbewohnern den Flur hinaufschallten. Die Morgenschichten läuteten den Feierabend ein.

Minna rieb sich das Gesicht an ihrem Laken ab und reckte den Kopf. Um sie herum lagen die verbliebenen Zeichnungen der Toten, die sie in diese missliche Lage gebracht hatten. Versteckt zwischen Buchdeckeln und Papierstapeln.

Minna rappelte sich vom Bett auf, ging zu einem Atlas auf ihrem Schreibtisch und zog die Zeichnung eines Jungen heraus, die sie dort zum Pressen hineingelegt hatte. Trotzdem musste sie gegen das störrische Papier ankämpfen, das sich an den Seiten wieder aufzurollen versuchte. Es war mittlerweile zu dunkel in der Wohnung, um alle Feinheiten zu erkennen. Eine Kerze musste her. Minna warf sich eine dünne Strickjacke vom Kleiderhaken über, holte Streichhölzer aus ihrer klapprigen Kommode und ging in die Küche. Dort entzündete sie eine fast abgebrannte Kerze auf dem Küchentisch und betrachtete das Papier im aufflackernden Licht.

Was für eine Schönheit. Ein Engel, der die Erde nicht hatte verlassen wollen. Der Junge lächelte noch, obwohl ihn die Unterwelt zu sich gerufen hatte, dachte Minna gerührt und stieß dabei ungeschickt mit einem Bein gegen das erkaltete Ofenblech. Sie griff zum Kehrblech und machte sich an die Arbeit.

Der Anblick des Jungen ging ihr nicht aus dem Kopf. Auch, als sie dem Holz im Ofen auf die Sprünge half, zu entflammen, formte sich aus den hellen Kränzen um das Feuerholz sein Gesicht. Was war das für ein Tod, der nicht vollständig die Flammen zu erlöschen vermochte? Der Menschen wie Minna die Angst nicht nahm, diesen Ort endgültig zu verlassen, um zu einem anderen zu gelangen?

Kurz war sie davor, die Zeichnung zu zerknüllen und in den Ofen zu schmeißen. So wütend war sie über ihre Sorge, sie könnte wie ihre Motive zwischen den Sphären hängen bleiben. Nur weil der Schnitter nicht auch die Erinnerungen töten wollte. Doch als Minna an sich herabsah, ruhte da zwischen ihrer Hand und ihrem Herzen das Papier wie eine Membran. Hob und senkte sich mit jedem Atemzug als Teil ihres Körpers.

Ich möchte auch so gezeichnet werden, dachte sie plötzlich und spürte keine Kraft mehr, sich länger gegen ihre Gedanken zu wehren. Wo genau wollte sie sein? In welcher Form im Nachleben existieren?

Minna geriet in einen Strom aus Unruhe, den sonst nur Freunde aufzuhalten vermochten. Aber sie war allein in ihrem Zimmer. Da war niemand, der ihr Halt geben konnte. Wäre Doktor Sallinger bei ihr gewesen, er hätte sie erst wachrütteln müssen, um ein Wort aus ihr herauszubekommen.

Was für ein Charakter! Minna presste die Lippen aufeinander. Jeder andere hätte sie hochkant hinausgeworfen.

Obwohl das im Auge des Betrachters lag, nicht?

Vielleicht ging es ihm nicht darum, Minna aufzuwecken. Womöglich wollte er sie einfach von der Stelle bewegen. Sie loswerden, weil er so eine Abartigkeit nicht duldete.

Innerlich leer fing sie bei diesem ungerechten Gedanken an zu weinen.

Was zum Henker stimmte nicht mit ihr?

14.08.1919

Einen Monat später kam der Sommer zurück, und Minna saß im Zug in Richtung Westen. Sie wechselte zweimal die Zuglinie, fuhr zeitweise sogar wieder in Richtung Berlin, überquerte dabei einen großen Fluss und verlor allmählich das Gefühl für die Städtenamen, bis selbst diese nicht mehr auftauchten und die Bahn einfach nur geradeaus fuhr. Durch enge Tunnel in den Hängen schroffer Berge, vorbei an gut genährten Wasserfällen, deren Rauschen sich mit dem Schnaufen der Lokomotive vermischte. Sie hielt die ganze Zeit über ihr Skizzenbüchlein in den Händen und wartete auf den Kuss der Muse. Ein üppiger Baum oder ein glänzender Fluss hätten gereicht. Doch ihr kam alles stumpf und belanglos vor. Sie hatte angefangen, den Blick aus dem Fenster zu zeichnen, war dabei eingeschlafen, und als sie wieder aufwachte, war die Landschaft nicht mehr dieselbe. Gelangweilt von der Einsamkeit in ihrem Abteil holte sie die Morgenausgabe des Berliner Volksblatts heraus und überflog die Schlagzeilen. Es war ein seltsames Gefühl, sich auf den Schienen quer durchs Land zu bewegen, während in der Hauptstadt fundamentale Dinge passierten. Sicherlich, sie kannte sich zu wenig aus mit den Vorgängen in der Regierung, aber sie musste kein gestandenes Parteimitglied sein, um das Inkrafttreten der neuen Verfassung bemerkenswert zu finden. Die restlichen Nachrichten wiederum wiederholten sich seit Wochen. Soldaten in Gefangenschaft sollten heimkehren, aber niemand wusste wie. Menschen litten Hunger, aber eine verlässliche Lösung gab es nicht. Hier und da schimmerte zwischen den Zeilen der Redakteure durch, dass die niedergeschlagene Revolution eine verpasste Chance gewesen sein mochte. Doch neue Gewalt wünschte sich niemand.

Die Geschehnisse in dieser Welt verloren für Minna jegliche Bedeutung, wenn sie den Brei jeden Tag durchkaute. Zur Ablenkung blätterte sie in der Zeitungsbeilage. Die ULK, ein scharfzüngiges Witzblatt, hielt nicht mit ihrer Kritik hinterm Berg. Das Volk, die Politiker, die Reichen, alle bekamen ihr Fett weg. Leider währte dieses Vergnügen nur kurz. Zeitung und Beilage waren zügig ausgelesen, doch noch konnte Minna sich ein wenig mit dem Buch Petersburg von Andrei Bely beschäftigen. Seine Worte erzeugten einen Sog, der bis zum Ende der Geschichte anhielt. Was ihr danach blieb, war Sallingers Brief. Der Doktor hatte ihn in einen großen Umschlag zu den Fahrkarten gelegt. Im runden Siegelwachs glänzten die Initialen H. u. S., gerahmt von zwei Ähren.

Minna erkannte sich selbst seit Fahrtbeginn nicht wieder. Normalerweise hätte sie sich darauf gestürzt und ihn sofort geöffnet. Allerdings entschied der Inhalt über die nächsten sechs Monate ihres Lebens. Grund genug, ihn aufzuschieben.

Als die restlichen Ablenkungen verwirkt waren, holte sie das Schreiben aus dem Umschlag und brach das Siegel mit den Fingernägeln auf. Was half es, wenn sie sich die restliche Fahrt über nicht traute? Sie würde ja spätestens bei ihrem Ausstieg nachsehen müssen.

Der Brief selbst bestand nur aus einer halben Seite. Unmittelbar erkannte sie in den kleinen, minutiös verfassten Buchstaben die Handschrift des Doktors. Seine Fähigkeit, simpler schwarzer Tinte etwas Bedrohliches zu verleihen, verstärkte ihr schlechtes Gefühl.

Hoch verehrtes Fräulein Dahl,

es freut mich, dass Sie sich der Bedeutung Ihrer Situation bewusstgeworden sind und das Angebot annehmen, das Sie nach getaner Arbeit wieder mit einer Anstellung in Berliner Luft vereinen soll. Diese Probe ist, wenn auch auf den ersten Blick einfach, mit einigen Tücken behaftet. Ihre Dienste werden in einem kleinen Ort namens Mühldorf benötigt. Seit eine Unzahl katastrophaler Zustände sich nach Ausbruch des Krieges verfestigt hat, ist Mühldorf einer der wenigen Kurorte, an denen Soldaten ohne gesellschaftliche Stütze, aber mit monetärem Rückhalt aufgenommen werden. Das sporadisch eingesetzte medizinische Personal folgte vor kurzem den verlockenden Rufen besserer Anstellungen gen Stadt. Ihre Patienten werden Ihnen die sorgsame Rundumpflege also sicherlich zutiefst danken. Wie ich auch sicher bin, dass Ihnen selbst der Abstand zu den Kellergewölben meiner Klinik die Augen öffnen wird. In der Hoffnung, dass Sie alsbald zu frischen und lebendigeren Motiven finden, ist ihr Aufenthalt in diesem Kurort auch teils zur Verbesserung Ihrer eigenen, nennen wir sie mutig ‚Krankheiten‘, gedacht. Halten Sie sich an das örtliche Personal und überbringen Sie Herrn Doktor Wilhelmsen, der Sie an der Haltestelle begrüßen wird, meine exquisiten Grüße.

Ihnen stets postalisch zur Verfügung,

Dr. med. K. L. Sallinger

PS: Wie besprochen halten Sie sich bitte an den Schaffner, der Ihnen bei Ihrer Destination mit dem Gepäck helfen wird.

Die Stimme des Doktors, die sie beim Lesen im Kopf hatte, verstummte und ließ einen Raum voller Fragen zurück. Fragen, so dringend, dass Minna für eine Sekunde von ihrem Platz aufsprang, den Brief mit beiden Armen ausgestreckt vor sich hielt und sich nach den Antworten umschaute. Was, um alles in der Welt, hatte er mit ihr vor? Wieso schickte er sie in ein Dorf voller pflegebedürftiger Soldaten? Dieses höchst seltsame Szenario wäre ihr niemals in den Sinn gekommen, als sie ihre Reise antrat. Insgeheim hatte sie gehofft, dass der Doktor Minna einem befreundeten Arzt, einer Klinik oder einem Sanatorium auslieh. Dann hätte sie jemanden gehabt, den sie um Rat hätte fragen können.

„Wilhelmsen …“ Sie überflog die letzten Zeilen und merkte sich den Namen gut. Ein Kollege Sallingers schien in Mühldorf ansässig zu sein. Diese Erkenntnis beruhigte sie allmählich. „Immerhin.“

Der Rest des Briefs blieb so enigmatisch wie der Hinweis auf der Fahrkarte, dass sie gegen vier Uhr dreißig ihren Halt erreichen würden. Bei dem Blick aus dem Fenster aber konnte das unmöglich sein. Es war zehn Minuten vor halb fünf und an diesem Teil der Strecke gab es nichts. Keine Häuser, keine Straßen und erst recht keinen Bahnhof.

Wie gerufen klopfte es an die Abteiltür. „Fräulein Dahl?“

Minna fuhr geradewegs in die Höhe. „Ja?“

Das Gesicht des Schaffners lugte durch einen Spalt in der Tür und sah Minna fragend an. „Ich … also … Sie müssen sich aber doch gleich bereitmachen, Fräulein! Wir können nicht viel Zeit auf den Ausstieg verwenden.“

„Sind wir denn schon da?“

„Kaum mehr sieben Minuten von hier“, antwortete er und trat ein. „Bitte. Ich nehme Ihre Koffer.“

„Ich wusste nicht, dass wir so zeitig ankommen.“ Sie sah betreten auf den Brief und steckte ihn hektisch zurück in den Umschlag. Der Schaffner griff an ihr vorbei auf die Gepäckablage.

„Schon gut, lassen Sie mich das machen“, meinte Minna und stopfte den Brief und das Büchlein in ihre Handtasche, setzte ihren gelben Sommerhut auf und streckte die Hand nach ihrem Koffer aus.

„Glauben Sie mir, Sie wollen, dass ich Ihnen zur Hand gehe“, behauptete der Schaffner und holte den großen beigen Reisekoffer von der Ablage. Minna spürte, dass der Zug allmählich an Fahrt verlor. „Außerdem muss ich Ihnen beim Abstieg über die Leiter helfen. Wollen wir also?“

„Wie charmant.“ Minna runzelte die Stirn und folgte dem Schaffner aus dem Abteil über den schmalen Zwischengang bis zum Ausstieg. Mitten in einer Kurve kam die Lokomotive zum Stehen. Durch das Fenster sah Minna nicht viel, außer den zerklüfteten Hang des Bergs, der von niedrigen Gräsern und gelblichen Flechten überwachsen war.

„Ich bin sofort wieder zur Stelle.“

Der Schaffner öffnete mit einem Ruck am Hebel die Tür, kletterte die Leiter hinab, griff nach Minnas Gepäck und verschwand. Kurz darauf kam er wieder zu ihr hoch und streckte ihr die Arme entgegen.

„Kommen Sie, Fräulein Dahl. Ich habe Signal zum Halten gegeben. Der Zug fährt nicht los, bevor ich nicht pfeife.“

„Welche Haltestelle ist das?“, wollte Minna wissen und bemühte sich, ihr Kleid in den Griff zu bekommen. Sie hielt sich am Geländer fest und lehnte sich hinaus. Nichts. Hier gab es keinen Bahnhof. Der Schaffner stand gut eine Körperlänge tief unter ihr am Hang. Das Gleisbett war an dieser Stelle nicht vom Waldboden zu unterscheiden.

„Fräulein, bitte. Ich habe dem Doktor einiges zu verdanken, aber je länger wir hier stehen bleiben, desto eher kostet es mich meinen Kopf.“ Er wurde äußerst nachdrücklich. „Wenn ich also bitten dürfte?“

Minna sagte nichts, senkte ihre Handtasche herab und ließ sie auf den Boden fallen. Dann kletterte sie die erste Sprosse hinab und fühlte den Griff seiner Hände oberhalb ihrer Hüfte, wie sie versuchten, ihr Gewicht aufzufangen.

„Ich werde Ihnen nicht zu nahekommen“, schnaufte er angestrengt und wandte dabei tatsächlich den Kopf ab.

Minna kletterte weiter hinunter, ließ auf der letzten Sprosse los und vertraute darauf, dass er sie halten würde. Problemlos setzte er sie auf dem Boden ab, nahm seine Mütze vom Kopf und verbeugte sich kurz.

„Danke, dass es so schnell ging“, sagte er kurzatmig und blies in seine Trillerpfeife. Der Zug fuhr sofort an und der Schaffner lief das erste Stück der Anfahrt noch nebenher. Dann sprang er mit dem Geschick einer jungen Gazelle auf das Trittbrett.

Minna ließ ihre Sachen zurück und folgte ihm verwirrt. „Sie haben meine Frage nicht beantwortet. Wo genau bin ich hier?“

„Das hat der Doktor Ihnen doch sicherlich gesagt, oder?“ Der Zug wurde schneller. Minna kam nicht mehr hinterher, denn das stramme Kleid erlaubte nur kleine Schritte.

„Nein!“, rief sie ihm nach. „Hat er nicht!“

„Das hier ist das Tal am Breitbach. Da unten liegt Mühldorf!“

„Kommt mich jemand abholen?“ Ihre Frage wurde vom kreischenden Signal der Dampflok verschluckt. Der Schaffner zeigte auf seine Ohren und schüttelte den Kopf. Er konnte sie nicht mehr hören. Dann stieg er ein und Minna blieb auf der Stelle stehen, beobachtete, wie die Bahn in der Entfernung kleiner wurde und dann endgültig in einem Tunnel verschwand.

Sie drehte sich zu ihren Sachen um.

 „Das wird ja immer besser.“

Zähneknirschend ging sie zu ihrer Tasche, griff nach dem Brief und las ein zweites Mal. Wilhelmsen, ja, das war der einzige Name, der hier genannt wurde. Der würde hoffentlich bald vorbeikommen, um sie abzuholen. Oder … hatte man ihr übel mitgespielt und es war gar nicht üblich, dass die Leute aus Mühlbach oder Mühldorf oder wie auch immer das hier hieß in der Kurve aus dem Zug stiegen?

Genervt stieß sie ihren Koffer um und setzte sich obenauf. Ein tiefer Seufzer löste sich aus ihrer Brust und Minna lauschte in die Natur. Die Abwesenheit der Bahn hinterließ eine Leere, in die Vogelstimmen und Blätterrascheln drangen. Vom Berghang hinter ihr ging eine leichte Kühle aus, die unter ihren Füßen entlangzog und einen Hauch von verbrannter Kohle mit sich trug. Minna blinzelte, dort wo das grelle Sonnenlicht sich durch das Geäst wühlte, auf den Boden traf und das Grün erhellte. Die Fächer kleiner Farnwedel leuchteten auf, die sich zwischen hoch gewachsener Bärenkralle und trockenen Brombeerbüschen ausgebreitet hatten.

Es waren wohl erst fünf Minuten verstrichen, doch Minnas Geduld ließ spürbar nach.

Sie dachte an das Etui in ihrer Handtasche, in dem sie ein paar Zigaretten aufbewahrte. Sie entschied sich gegen das Rauchen, auch weil sie nicht wusste, ob das ausgetrocknete Gras unter ihren Füßen nicht sofort Feuer fangen würde. Ohne den Fahrtwind des Zuges flirrte die Sommerhitze über dem Tal und heiße Winde stiegen zwischen Tannen und Eichen zu ihr hinauf.

Minna entdeckte eine Schneise im Wald, durch die sie hinaus bis zum Horizont blicken konnte. Die Landschaft konnte sich sehen lassen.

Das Tal unter ihr war geformt wie der Faustabdruck eines Riesen, als habe er sie in frischen Ton gedrückt und das Ergebnis danach im Ofen für die Ewigkeit eingefangen. An den Rändern wölbten sich Gesteinsmassen zu glatten, steil verlaufenden Gebirgszügen. Auch im Tal selbst schob sich zwischen die Wipfel der Bäume hier und da ein turmgleicher Felsen. Nach und nach filterte Minnas Gehör aus der Umgebung die Geräusche einer Fabrik heraus, nur sehen konnte sie diese nicht.

Neugierig stand sie vom Koffer auf, ging ein paar Schritte auf die Waldkante zu und spähte den Hang hinunter.

Wenn Mühldorf dort unten verborgen lag, musste Herr Doktor Wilhelmsen zu ihr rauf. Oder traf sie ihn weiter abwärts? Nein, das konnte sie sich nicht vorstellen. Auch ein Doktor Sallinger dürfte wissen, dass eine junge Frau sich mit einem knöchellangen Kleid keinen Steilhang hinabwagen würde.

Nach weiteren Minuten der ereignislosen Warterei ertönte eine Stimme. Erst zaghaft, dann wiederholend. Jemand rief Minnas Namen.

Erst wusste sie nicht, woher die Stimme kam. Dann meinte sie, einen Umriss zu erkennen, der zwischen den Bäumen hin und her wankte.

„Herr Doktor Wilhelmsen?“, erwiderte Minna den Ruf, und es schwang ein wenig mehr Hilflosigkeit mit, als sie eigentlich empfand. Schließlich war sie kurz davor gewesen, selbst loszugehen und die Dinge in die Hand zu nehmen.

„Fräulein Dahl?“

„Ich bin hier oben!“

Beim Anblick des Doktors, als dieser durch die Büsche brach, war Minna erleichtert. Doktor Wilhelmsen war ein Mann mit einem kräftigen Kreuz und brachialen Händen. Eine davon umklammerte den Griff einer schwarzen Ärztetasche. Im Gesicht trug er einen dichten Bart von den Wangen bis über den Adamsapfel. Nach seinem Aufstieg gönnte er sich keine Verschnaufpause, stellte sicher, dass sein hellgrauer Hut saß, und streckte ihr die Hand entgegen.

„Freut mich, dass ich Sie hier in einem Stück vorfinde.“

Minna machte einen Knicks und wartete statt des Handschlags auf seine Verbeugung, aber die blieb aus. Er wischte sich mit einem Schnupftuch die Schweißperlen von der Stirn und blinzelte in die Sonne. „Wir haben endlich Sommer.“

„In Berlin hatten wir wochenlang kaum mehr als zwölf Grad“, erwiderte sie reflexartig und holte die Zeitung aus ihrer Handtasche, um sich Luft zuzufächern.

„Ist das so?“

Minna nickte, dann trat Stille ein. War nicht eigentlich ein guter Zeitpunkt gekommen, um zu besprechen, wieso sie hier war? Minna sah ihn erwartungsvoll an, aber weit gefehlt. Der Doktor bot an, ihren Koffer zu tragen, machte jedoch keine Anstalten, das Gespräch fortzusetzen, sondern lediglich ein unzufriedenes Gesicht, als würde seine Kavalierspflicht ihn den Rücken kosten. Schweigend gingen sie auf einem deutlich angenehmeren, aber weiter abgelegenen Waldpfad den Hang hinunter. In jeder Kurve der Serpentinen stellte er den Koffer und seine Arzttasche ab, wechselte die tragende Hand und ächzte unter der Last des Gepäcks. Seine Körpergröße täuschte eine entsprechende Kraft wohl nur vor, dachte Minna und versuchte mehrfach den Einstieg in ein Gespräch. Nach einer durchwanderten Dreiviertelstunde hielt sie die peinliche Stille zwischen ihnen nicht mehr aus und schlug eine Pause vor.

Im Schatten einer stattlichen Buche setzte sie ihren Hut ab. „Sie sind hier in dieser schönen Gegend geboren, Herr Doktor?“, fragte sie interessiert, um endlich Herrin der Lage zu werden.

„Ich?“, fragte er verwundert. „Nein, ich komme eigentlich aus dem Norden. Nahe Emden.“ Es blieb dabei: Er war kurz angebunden. Genervt glättete er mit der Hand die krausen Barthaare um sein Kinn. Minna konnte den wehmütigen Seefahrer in ihm schlummern sehen, zu dem er sich nicht entwickelt hatte.

„Aber jetzt sind Sie hier, und …“

Doktor Wilhelmsen schüttelte den Kopf und wehrte die Frage mit den Händen ab, noch bevor Minna sie zu Ende gestellt hatte.

„Schauen Sie, Fräulein. Ich kenne die Beweggründe nicht, wieso mein hochgeschätzter Kollege derartige Konsultationsreisen von Ihnen verlangt, aber ich muss Sie wohl oder übel enttäuschen. Ich kann Ihnen kaum etwas zu Mühldorf erzählen, denn ich hielt mich selbst nur wenige Monate zur medizinischen Versorgung der Patienten hier auf. Vor kurzem habe ich eine höhere Dienststelle in einer radiologischen Versuchsklinik angeboten bekommen und bin aus Mühldorf fortgezogen.“

„Können Sie mir verdenken, dass ich mehr wissen will?“, fügte sie seiner Erklärung säuerlich hinzu. „Ich wurde in einen Zug gesetzt mit einem Schreiben in der Hand, wohin ich zu gehen habe. Aber ich weiß nicht, was mich dort erwartet.“

Doktor Wilhelmsens Augen verfinsterten sich. Seine Stimme war voll bissigen Sarkasmus. „Dann ergeht es Ihnen ja ungefähr so, wie Millionen von Männern vor vier Jahren.“

Minna rann bei seinen Worten ein Schauer über den Nacken. Sie wollte es sich um Gottes willen nicht mit diesem Mann verscherzen und zum Glück kam er ihrer überstürzten Verteidigung zuvor, indem er eine rote Mappe aus seiner Arzttasche zückte.

„Werfen Sie einen Blick hinein, während wir weitergehen. Ich denke, das wird den Löwenanteil Ihrer Fragen klären.“

Er nahm das Gepäck und ging an ihr vorbei. Minna schloss schnell auf und fing an zu lesen. Die Mappe war recht dünn und es gab keine Einträge in den verschiedenen Reitern. Nur ein einziger Name stand dort.

Paul Frauenlob.

„Nur ein Patient?“, fragte sie erstaunt.

„Es gibt keine anderen mehr.“

„Wieso?“

„Wieso? Was denken Sie? Verstorben, verzogen, genesen. Das ganze Programm.“

Minna lachte verzweifelt. Das musste ein schlechter Scherz sein. In dem Brief war von einem ganzen Dorf die Rede gewesen. Auf einmal reduzierte sich ihr Aufgabenbereich auf einen einzigen Patienten? Sie hätte sich ja gefreut, aber nicht darüber, sechs Monate an einem einzigen Krankenbett Wache zu halten. Außerdem hatte es dieser Fall in sich. Das verrieten die Vermerke und Rezeptblätter, die mit rostigen Büroklammern der Akte angefügt worden waren.

„Paul Frauenlob litt nach dem Krieg an der Spanischen Grippe“, las sie laut vor und hoffte, dass der Doktor abseits seiner Aufgabe als Kofferträger noch ein wenig Fachwissen für sie übrig hatte. „Der Ansicht Ihrer Vorgänger nach hat er dabei eine Schlafkrankheit entwickelt.“

„Die Symptome sind nicht eindeutig“, gab Wilhelmsen zu verstehen. „Ich hatte damals Schwierigkeiten, ihn in einem wachen Moment zu erwischen. Zugleich versicherte man mir, dass er ausreichend trank und aß.“

Minna wollte ihm eine weitere Frage stellen, doch ihre Aufmerksamkeit driftete vom Inhalt der Akte hinüber zu einer Brücke, die weiter vor ihnen auftauchte. Am hinteren Ende stand ein Mann, der an einem Handkarren lehnte. Sobald sie dort ankamen, das ahnte sie, würde der Doktor das gerade begonnene Gespräch sofort beenden und sie abgeben. Wilhelmsen gab ein Handzeichen, das mit einem Nicken des Fremden bedacht wurde und Minnas Vermutung untermauerte. Sie bat den Doktor, langsamer zu gehen, und tat so, als schmerzten ihre Füße.

„Und die Medikamente?“, wollte sie wissen, während sie die Schnallen ihres Koffers öffnete, ziellos herumkramte und zu ihm aufsah.

„Das ist eine höllische Mischung“, gab er zu. „Er bekam früher Aufputschmittel. Aber nur Buschpflanzen. Keine europäischen Anbauten. Ich habe gelesen, dass er daraufhin Fieber entwickelte und man ihm mit Gewalt fiebersenkende Mittel verabreichen musste. Sein Körper reagierte sehr schlecht auf die Therapie und der Zustand verschlimmerte sich. Ich selbst habe empfohlen, die Dosis aller Medikamente zu reduzieren und ein breiteres Spektrum an Nervenheilmitteln zu geben. So kann er die letzten Tage seines Lebens in Würde verbringen. Lesen Sie sorgfältig die letzten beiden Einträge. Derartige Schmerzmittel gebe ich nicht grundlos.“ Er lachte plötzlich heiser und sah Minna herausfordernd an. „Wer weiß? Vielleicht ist das der Grund, warum Sie hier sind? Ein Engel für das letzte Geleit?“

Minna sah ihn erschrocken an. „Sie gehen davon aus, dass er in Kürze sterben wird?“

„Ich vergaß, Sie sind ja nur eine Schwester.“ Er wartete kurz ab, wie Minna reagierte, aber seine Bemerkung konnte er sich schenken. „Verzeihen Sie, wenn ich Sie mit meinen Fachausdrücken ermüdet habe. Mir fehlt hier in der Einöde der geistige Austausch mit anderen Ärzten.“

Minna konnte nicht mal mit der Augenbraue zucken, weil die Selbstverständlichkeit hinter seinem Kommentar so groß war. Er festigte seine Position ihr gegenüber mit sichtlicher Genugtuung und ebenso überheblich fuhr er fort, seine Gesten gezügelt durch das Gewicht der Taschen, als sie sich wieder auf den Weg begaben. „Das Fieber hat die Schlafkrankheit wahrscheinlich – ich sage bewusst wahrscheinlich – als eine seltene Anschlusserkrankung zur Folge. Sein ausgelaugter Körper ist schwach und phasenweise sehr fragil. Vergleichbare Patienten beschreiben ein Gefühl des Ausgehöhltseins. Doch neben den zahlreichen Fehlfunktionen seiner Organe und seines Verstandes ist eher die Tatsache erschreckend, dass die Letalität der Krankheit unvorhersehbar ist. Die Patienten sterben oftmals dann, wenn man sie weckt.“

„Wenn man sie weckt?“, wiederholte Minna und erinnerte sich unweigerlich an ein Motiv ihrer Zeichnungen. In Berlin hatte sie kurz nach den Straßenschlachten die Erfahrung gemacht, dass sie allein und ohne viel Aufhebens Material für neue Werke hatte finden können. Darunter ein auf offener Straße erschossener Soldat. Minna hatte fälschlicherweise angenommen, er wäre schon verstorben gewesen, und sich vor ihn gehockt, um mit einfachen Strichen seine Konturen zu bewahren. Nur, und das drängte sich ihr in dieser Sekunde mit Schrecken auf, sein Sterben war noch nicht beendet gewesen. Als habe das Kratzen der Kohle auf dem Papier ihn für eine letzte Minute auf die Erde geholt, war er aufgeschreckt und hatte sie angestarrt. Reglos, bis auf einen leichten unterdrückten Hustenreiz. Minna hatte Stift und Papier fallen lassen, doch es war zu spät gewesen. Der stumme Austausch zwischen ihnen, dieser intensive Blick des Geweckten, war in der Ferne erstarrt. Sie hatte dem grauen Schleier förmlich dabei zusehen können, wie er sich über die weit aufgerissenen Augen legte und seine Seele in die Tiefe seines Körpers zurückgezogen wurde.

„Langweile ich Sie?“

„Bitte?“ Minna blickte sich um. Sie waren schon an der Brücke angelangt. Grob gestapelte Steine, in die man kleinere Findlinge gelegt hatte, und schlecht verarbeiteter Mörtel, der von dunklen Balken gestützt wurde, spannten sich über den Fluss.

„Er ist eigentlich ganz in Ordnung, der Paul“, hörte sie den Doktor in einer unverhofft menschlichen Art sagen.

Das wilde Wasser des Breitbachs stürzte sich über steinerne Treppen gute fünf Meter in die Tiefe. In seiner Verlängerung konnte Minna an einer Schlaufe ein Gebäude mit einem Schornstein ausmachen. Das musste die Fabrik sein, die sie von den Gleisen aus gehört hatte.

„Fräulein Dahl, darf ich Ihnen Franz Pardonner vorstellen? Franz und seine Familie sind seit Generationen hier ansässig. Was ich Ihnen nicht an Lokalkolorit in der Kürze der Zeit vermitteln konnte, wird seine Frau Mutter an einem Abend wettmachen, da bin ich mir sicher.“

„Herr Doktor!“ Der Mann neben dem Karren tippte sich an die Schirmmütze und deutete eine Verbeugung in Minnas Richtung an. Seine Haltung wechselte in diesem Moment von der eines Dorfburschen zu der eines gewissenhaften Soldaten und wieder zurück. Er rückte sich seine Mütze zurecht und schob das kurze braune Haar mit den Fingerspitzen darunter. „Es freut mich, Ihre Bekanntschaft zu machen, Fräulein. Sie sind also gekommen, um Paul zu pflegen?“

„Sobald ich mich mit allem Nötigen vertraut gemacht habe … Ja, ich denke, das ist meine Aufgabe.“

Minna suchte im Gesicht des Doktors nach letzten Hinweisen oder Warnungen hinsichtlich dieses Patienten, doch er war geistig schon abwesend.

„Sie sind hiermit sicher angekommen. Franz zeigt Ihnen den Rest des Tals und bringt Sie in Ihre Unterkunft.“

Für ihn war die Liste damit abgehakt. Mit einer nichtssagenden Verabschiedung entfernte sich der Doktor, während Franz Minnas Koffer auf den Handkarren hob.

„Sind Sie ein Freund des Patienten?“ Minna sah dem Doktor mit gemischten Gefühlen hinterher. Das Tempo, mit dem er sich auf den Rückweg machte, musste aus irgendwelchen unergründlichen Reserven stammen.

Franz Pardonner sah sie verwundert an. „Nun, das stimmt. Wie kommen Sie darauf?“

„Ihre Art, seinen Namen zu sagen, hatte etwas Familiäres, muss ich zugeben.“ Sie drehte sich ihm zu und reichte ihm die Hand. „Mein Name ist Minna Dahl. Doktor Sallinger von Hof und Sallinger schickt mich. Ich stehe Herrn Frauenlob als Krankenschwester für die nächsten Wochen zur Seite.“

Franz grinste, während er ihr die Hand schüttelte. Es war nicht die gute Art zu grinsen. „Bei Ihnen würde ich auch gern mal Patient sein.“

Ohne eine Antwort abzuwarten, setzte er sich und den knarzenden Karren in Bewegung. Minna verkniff sich eine bissige Bemerkung und folgte ihm. Zwischendurch warf sie einen Blick zurück zur Brücke, bevor diese hinter Birken und Eichen verschwand.

Sie hielten sich auf einem schmalen Schleichpfad links vom Fluss hinab ins Tal, und Franz zeigte ihr eine Bergquelle, aus der sie trinken konnten. Minna konnte sich nicht erinnern, jemals so durstig gewesen zu sein, trank reichlich und genoss das Plätschern des Wassers um sich herum. Franz bemerkte offenbar mit der Zeit, dass Minna schlecht auf einen längeren Marsch vorbereitet war, und teilte seinen eigenen Proviant mit ihr. Ein trockenes Brot und ein Stück Käse. Er hatte die Ration in ein Geschirrhandtuch eingewickelt und breitete dieses auf einem Baumstumpf aus, an dem sie Platz nahmen. Minna aß mit großem Hunger und träumte sich an dem rosafarbenen Himmel fest. Das Gezwitscher der Vögel an diesem Abend war so dicht und laut, dass ihr später keine andere Erinnerung präsent war, wenn sie an ihren ersten Weg nach Mühldorf zurückdachte.

 

Es war durch die Berghänge schneller dunkel geworden, als Minna erwartet hatte, und die Äste der Tannen schwebten in diesen Stunden wie schwere Vorhänge über dem Pfad vor ihr. Franz hatte scheinbar alle Mühe, Minna vor Wurzeln und Sträuchern zu warnen, denn zunehmend wich auch die Höflichkeit aus seiner Stimme.

Die abendliche Luft des Bergs kroch ihr in die Glieder, doch Minna ignorierte die Kälte. Sie blieb fasziniert vom Rauschen des Breitbachs. Der Fluss wurde zum Rhythmus der anbrechenden Nacht, in deren Symphonie Eulen und Grillen um das Solo warben.

Auch Franz selbst bekam Probleme, sich zu orientieren, und entzündete eine Laterne. Er erwies sich beharrlich als schweigsame Person, weswegen Minna oft mit ihren Gedanken allein blieb. Erst als sie die ersten Häuser links und rechts des Wegs passierten, die manchmal wirkten wie abgestellt und nicht an den rechten Platz gerückt, teilte er ihr mit, dass sie Mühldorf erreicht hatten.

Unter gelupften Gardinen erschienen Gesichter in den Fenstern. Die Gerüche von frisch zubereitetem Essen drangen aus den Kaminen und bereiteten Minna Hunger. Doch sie beschwerte sich nicht. Der Weg nach Mühldorf hatte seine ganz eigene, von Hunger und Schmerz ablenkende Magie in ihr bewirkt. Es gab so viel zu entdecken. Vor ihr und auch in ihr selbst. Die Linien der Bäume und Felsen waren schroff und ehrlich, die wilden Geräusche der Tiere wiederum mischten sich auf eine angenehme Art unter die Szenerie. Gern hätte Minna sich die Zeit genommen und mit Franz als Aufpasser die Geister gezeichnet, die ihre Laterne aus den Astlöchern lockte.

„Was denken Sie, Fräulein?“ Franz bog auf einen unsichtbaren Gehweg ab, der zwischen eng stehenden Tannen vom eigentlichen Pfad führte.

„Ich?“

„Ja. Was ich selbst denke, weiß ich ja.“

„Und was wäre das?“, erwiderte Minna misstrauisch. Erst wollte er nicht mit ihr reden und nun konnte er es kaum abwarten, ihre innersten Gedanken zu ergründen?

„Ich frage mich“, setzte er an und ruckelte am Handkarren, der sich in einem Brombeerbusch verhakt hatte. „Ich frage mich, warum eine so junge Frau wie Sie von einem Arzt hier zu uns abgestellt wird.“

Minna konnte bei so viel Direktheit nur in den Angriff übergehen. „Vielleicht hab ich ja etwas angestellt? Als Strafe sozusagen.“

„Sie?“ Er lachte schmutzig. „Das glaub ich im Leben nicht. Eher machen Sie mir den Eindruck, als würden Sie gern mal raus in die Freiheit. Die Stadt und den Trubel vergessen. Stimmt’s?“

„Nicht ganz falsch“, antwortete sie und probierte so ehrlich wie möglich zu klingen. Eine gelangweilte Krankenschwester aus gutbürgerlichem Haus mit ländlichen Fluchtfantasien. An dieser Entschuldigung fand sie durchaus Gefallen. „Aber ich komme nicht nur deswegen.“

„Nein. Sie haben einen Auftrag, ich weiß.“ Franz deutete mit der Laterne vor sich und begrub sein Interesse an Minnas Geschichte unter der soldatischen Geschäftigkeit, der er offenbar mit Gefallen Raum gab. „Da wären wir auch schon. Nicht ganz das Château, das Sie womöglich erhofft haben, aber mehr Luxus gibt es im ganzen Umkreis nicht.“

„Sie untertreiben! Ist das ein Anwesen?“ Minna traute ihren Augen nicht. Nein, es war kein Château und auch keine romantische Burganlage. Es war viel besser.

„Ein Landgut.“

Minnas Neugier wollte sich gerade gegen ihre gute Kinderstube durchsetzen, da kam er ihrer Frage nach seiner Rolle auf dem Gut zuvor. „Das Gut Pardonner ist im Besitz meiner Familie. Meine Mutter wird Ihnen die ganze Geschichte des Hauses noch erzählen. Mit ziemlicher Gewissheit mehr als einmal, wenn Sie es das ganze halbe Jahr bei ihr aushalten.“ Franz öffnete das kleine Gartentor im Jägerzaun und führte Minna hinein.

So unscheinbar der überwucherte Zugang zum vorderen Teil des Geländes auch wirkte, so beeindruckend war das Anwesen, auf dem sie sich jetzt befanden. Drei große weiße Häuser standen in einem langgezogenen Hufeisen mitten im Wald. Das Mauerwerk durchzogen mit massivem Fachwerk, ein Dach mit hölzernem Schmuck am First und einer Traufe wie eine elegant darüber hinausragende Hutkrempe. Dazwischen lag eine Wiese mit einer Handvoll Obstbäumen. Fast alle Fenster im vorderen Hauptgebäude waren hell erleuchtet, im mittleren dagegen kein einziges, und im rechten wiederum schien ein einzelnes Licht durch die Dachgaube.

„Das ist Pauls Zimmer“, sagte Franz aufmerksam und bat sie, die Treppenstufen zur Haustür hinaufzugehen. „Manchmal mache ich mir Sorgen, dass er uns alle abfackelt.“

„Sie lassen Licht bei ihm brennen?“

„Er macht es sich an, wenn er wach ist.“

Minna sah ihn überrascht an. „Dann muss ich jetzt doch aber zu ihm!“

„Nein, das wäre keine gute Idee.“ Er nahm den Koffer vom Karren, ließ Minna in den Flur eintreten und folgte ihr hinein. „Er weiß noch nichts davon, dass Sie kommen. Ich werde ihm nachher Bescheid geben.“

„Und wenn er dann wieder eingeschlafen ist?“ Minna wusste selbst nicht, was sie in diesem Moment befallen hatte. Es war sicherlich richtig, den Mann schnellstmöglich kennenzulernen, den sie von heute an pflegen würde. Andererseits konnte sie nicht behaupten, sich auf das erste Zusammentreffen vorbereitet zu fühlen.

„Er wird sicherlich noch auf sein. Wenn er erst mal wach ist, dann richtig. Sein letzter Anfall war übrigens vor einer Woche.“

„Die Abstände zwischen seinen Anfällen werden länger. Nicht wahr, Franz?“ Eine Stimme drang aus dem Wohnzimmer, das links vom Flur lag. Auf einem kleineren Sessel saß eine Dame in einem schwarzen Kleid in strengem Schnitt umgeben von einem Tisch in der einen Ecke und einem Sofa, zwei Sesseln und einem Buffet in der anderen. Im dicken Butzenglas der Biedermeier-Vitrine brach sich das Licht eines Kronleuchters.

Die Dame sah Minna erwartungsvoll an. „Verzeihen Sie, dass ich Ihnen so begegne. Es ist unhöflich, einfach herumzusitzen.“

„Mutter, bleib doch bitte sitzen. Du wusstest doch nicht, wann wir eintreffen.“

„Diese Manieren hast du nicht von mir.“ Sie erhob sich schwer aus dem Sessel und ging in kleinen Schritten auf Minna zu. Als sie vor ihr stand, roch es nach Lakritz und Parfüm. Die Gastgeberin hatte das schmalste Lächeln, das Minna je gesehen hatte. „Mein Name ist Maria Pardonner. Manche nennen mich Baronin, aber ich bevorzuge nach wie vor Maria.“

Minna machte einen höflichen Knicks. „Sehr erfreut, Frau Pardonner. Mein Name ist Minna Dahl. Ich habe soeben von Ihrem Sohn erfahren, dass Sie mich auf ihrem Gut aufnehmen, damit ich mich um den Patienten kümmern kann?“

„Wir haben ein Zimmer für Sie herrichten lassen. Hoffentlich fühlen Sie sich darin wie zu Hause. Franz ist so gut und wird gleich den Tisch eindecken. Sie essen doch mit uns?“

„Selbstverständlich. Nichts lieber als das!“, antwortete Minna. „Dürfte ich mich zuvor ein wenig frisch machen? Die Reise war sehr anstrengend und ich bin lange Wege wie diesen nicht gewöhnt.“

„Franz zeigt Ihnen Ihr Zimmer. Dort können Sie ablegen.“

Franz hatte den Koffer schon wieder in der Rechten und deutete mit dem Kinn hinter sich. „Es ist oben.“

Gerne hätte Minna sich länger mit Maria Pardonner unterhalten, aber das konnte noch einen Moment warten. Die Hausherrin war auf eine eigenwillige Art überaus freundlich zu Minna, was ihr gefiel.

Zudem bekam Minna Gelegenheit, das Haus zu bestaunen. In den geräumigen Fluren schlummerte ein Museum einer längst vergangenen Epoche. Armlange Pfeifen aus Ton und lackiertem Holz hingen mit stockigen Tabakbeuteln an den Wänden. Säbel, Abzeichen und Teile einer Uniform, die man mit ihren auffälligen blauen und roten Farben so heute nicht mehr tragen würde, gesellten sich zu ausgestopften Fasanen, Mardern und Spechten. Entlang der Treppe hinauf war die Wand mit Schützenabzeichen geschmückt. Königswappen, Schützenehren und Jagdwürden gaben kaum einen Fleck der Wand dahinter frei. Der Name Laurenz Pardonner war überall zu lesen.

„Wer ist Laurenz Pardonner?“

„Mein Großvater“, antwortete Franz, als Minna am oberen Ende der Treppe ankam. Ein eingestaubter, ausgestopfter Dachs starrte sie aus toten Knopfaugen an. In der angelaufenen Plakette am Podest spiegelte sich flackerndes Kerzenlicht.

„Hat er den Dachs geschossen?“

Franz blies hörbar Luft durch die Nase aus. Nervte sie ihn etwa mit ihren Fragen? Hätte sie ihm lieber schweigsam folgen sollen wie im Wald?

„Wahrscheinlich ist jedes der ausgestopften Tiere auf dem Gut meinem Großvater vor die Flinte gelaufen. Der Dachs stellt keine Ausnahme.“

„Darf ich?“

Er zuckte mit den Schultern. „Tun Sie sich keinen Zwang an.“

„Er ist wunderschön.“ Minna strich dem Tier über das borstige Fell und war erstaunt über den ungewohnten Widerstand der einzelnen Haare. Sie wollte die Hand kaum mehr von ihm lassen.

Erneut erntete sie von Franz einen eher abfälligen Blick. „Sie verwundern mich.“

„Ach ja?“ Minna fixierte seine dunklen Augen. „Weil ich dieses Tier schätze oder weil ich mich traue, es anzufassen?“

Franz schüttelte belustigt über ihre Reaktion den Kopf und griff nach ihrer Handtasche, die Minna nach kurzem Widerstand losließ. „Geben Sie her. Sie scheinen mir erschöpft, so langsam, wie sie die Treppe hinaufsteigen.“ Er wandte sich von ihr ab, öffnete die Tür zu seiner Rechten und stellte Koffer und Handtasche vor einem schmalen Bett ab. Minna war überrascht, wie ungeduldig er mit ihr war, schob es aber auf den Umgang mit seiner Mutter und beobachtete ihn dabei, wie er das offenstehende Fenster schloss und die Vorhänge zuzog. „Bitte sehr. Es ist Ihres.“

Minna konnte sich gerade noch bedanken, da drückte er ihr den Schlüssel ruppig in die Hand und ging.

Sie lugte durch das Fenster hinaus zum gegenüberliegenden Gebäude. Das Licht war erloschen. Bedeutete das, dass Paul wieder schlief? Oder schaute er sich den Sternenhimmel an, der wie ein Baldachin über den Baumwipfeln hing?

Minna plante, während des Essens mehr über diesen Mann herauszufinden, der ihr Patient sein würde. Die Versuchung allerdings, direkt auf dem Bett liegen zu bleiben und bis zum Morgen durchzuschlafen, hatte auch ihren Reiz. Es kostete Minna eine ordentliche Portion Willenskraft, sich die Kleider von den schmerzenden Gliedern zu streifen, die Stiefel gegen ein Paar Halbschuhe aus dem Koffer zu tauschen und sich für das Essen herzurichten.

Doch bevor sie sich zu den Pardonners gesellte, holte sie ihre Zeichenutensilien aus der Handtasche, breitete sie ordentlich auf dem Tisch aus, schnitt mit einem Skalpell die ergebnislos bekritzelten Seiten der Zugfahrt aus ihrem Skizzenbuch und schärfte mit dem gleichen Skalpell die abgenutzten Bleistifte. Nur für alle Fälle.

 

Das Essen fand im Speisezimmer im Untergeschoss statt. Maria und Franz Pardonner aßen schweigend die aufgetischte Karottensuppe. Beide mit einer großen Haube steifer Sahne, auf die Minna verzichtete. Die Konversation am Tisch bestand mehr aus Essgeräuschen, als aus Worten. Maria Pardonner schien ihre Neugierde vornehm zu zügeln und hoffte sichtlich darauf, dass Minna von sich aus anfing zu erzählen. Nur fand Minna kein Thema, das nicht mit ihrer Arbeit zu tun hatte, und sie fühlte sich, als wäre ihr die Fähigkeit einer ungezwungenen Unterhaltung abhandengekommen. Daran allein lag es jedoch nicht. Minnas Ankunft in Mühldorf war der Vorbote langer und wahrscheinlich anstrengender Arbeit, das schienen auch Franz und Maria zu ahnen. Die Einarbeitung in die Patientenakte, das Finden der alltäglichen Routine, der Umgang miteinander auf dem Gut selbst. Sie würden sich die nächsten Tage erst so richtig aneinander gewöhnen müssen.

So aß Minna höflich weiter und starrte sich, am Boden ihres Tellers angekommen, in einem matt schimmernden Fleck im Porzellan fest. Das Geschirr war wie das Besteck. Es glänzte am Rand, war ansonsten aber völlig abgegriffen und zerkratzt. Diese Beobachtung wiederholte sich im restlichen Interieur. Die Tischdecke mit dem feinen Häkelmuster musste früher strahlend weiß gewesen sein, bevor Bratensoße und Rotwein ihre eigenen Landkarten darauf gezeichnet hatten. Deckenleuchter, Bodendielen und auch das Kleid von Maria Pardonner selbst wirkten edel, aber ausgedient.

„Minna?“

„Hm?“

„Schmeckt Ihnen die Suppe?“ Maria schnitt mit dem Messer ein Stück Brot vom Laib und tunkte es in den Suppenrest auf ihrem Teller. „Wir haben noch reichlich, wenn Sie möchten. Es kommt ja nicht alle Tage vor, dass man so eine anstrengende Reise macht.“

„Danke vielmals, aber ich würde mir an der leckeren Vorspeise nur den Magen vollschlagen.“

Franz ließ seinen Löffel hörbar in den Teller fallen und rückte mit dem Stuhl vom Tisch ab. „Das ist die Hauptspeise.“

Minna zuckte unter seinem schroffen Ton erschrocken zusammen. „Ich wollte nicht …“

„Was? Wünschen die Dame noch Jahrgangssekt und Konfekt?“

„Franz!“ Seine Mutter hob drohend ihre Stimme. „Fräulein Dahl konnte das doch nicht wissen. Sie müssen ihn entschuldigen. Franz, entschuldige dich!“

Doch Franz ignorierte sie, erhob sich geräuschvoll vom Tisch und schleuderte seine Serviette auf den Teller. „Das werde ich, Mutter. Und zwar dafür, dass ich jetzt so plötzlich gehe. Paul braucht seine Vorspeise.“ Franz schnappte sich den Rest der Suppe und warf Minna einen abfälligen Blick zu, bevor er das Zimmer verließ.

Das kurze Gewitter ließ Minna überfordert zurück.

Sofort wandte sie sich an Maria und rückte auf Franz’ Platz nach.

„Sie müssen mich für eine furchtbare Person halten.“

„Mitnichten, Kind!“

„Ich wollte Sie nicht vor Ihrem Sohn bloßstellen. Wie hätte ich ahnen sollen –“

„Genug davon.“ Maria Pardonner griff nach Minnas Hand. „Es war nicht böse gemeint.“

Maria saß eine gefühlte Ewigkeit so da und hielt Minnas Hand. Irgendwann stand sie auf, bat Minna, alles abzuräumen und in die Küche zu tragen.

„Ich bin müde, Minna, und es war gewiss auch für Sie ein langer Tag. Schlafen Sie gut und erholen Sie sich. Morgen werde ich mit Franz reden, machen Sie sich keine Sorgen.“

Sie tätschelte Minna zum Abschied den Arm und löschte auf ihrem Weg in ihr Zimmer das Licht in der Stube. Erst als Minna hörte, dass eine Tür abgeschlossen wurde, ging sie die Treppe hinauf auf ihr eigenes Zimmer, wo sie ihre Kleider auf den Boden warf und unter die Decke kroch.

Die Gedanken an das Essen wollten sie vorerst nicht schlafen lassen. Sie fühlte sich betroffen, auch wenn es eigentlich Franz war, der sich in seiner Ehre gekränkt fühlen musste. Woher hätte sie ahnen sollen, wie es um die Familie stand? Schließlich ließ das Haus auf den ersten Blick einen ganz anderen Schluss zu. Unwillkürlich musste Minna an die Menschen auf den Berliner Straßen denken. Die Idylle der Landschaft hatte sie auf die falsche Fährte gelockt. Sie änderte nichts daran, dass die vergangenen vier Jahre des Krieges die Menschen zur Rechenschaft zogen.

Sie schüttelte über die aufkommenden Sorgen, sich auf dem Gut der Pardonners nicht wohlzufühlen, den Kopf. Das alles ging nicht auf sie zurück, und Franz würde sich schon beruhigen. Mit einem tiefen Seufzer ging sie in sich und spürte, wie sich ihre Kieferknochen entspannten. Paul Frauenlob, ja. Für den war sie eigentlich hier, und mit diesem Ziel vor sich konnte sie endlich beruhigt einschlafen.

15.08.1919

Minna erwachte, bevor die Sonne den Tau auf den Wiesen verdampft hatte. Seltsamerweise fehlten ihr die morgendlichen Geräusche der Stadt, und sie sehnte sich nach ihrem eigenen Bett, obwohl dieses hier um Längen besser war. Nach einer ausgiebigen Morgentoilette schlich sie sich ins Erdgeschoss und traf eine muntere Maria Pardonner an. Sie erzählte Minna, dass Franz bereits zur Arbeit gegangen sei – was ihr den Druck nahm, sich in der Frühe vor seinen Stimmungen zu wappnen.

Minna bereitete für sie beide ein kleines Frühstück mit Zutaten aus der Speisekammer zu. Maria aß von allem, aber insgesamt sehr wenig. Sie trank lieber einen starken Tee.

„Wo arbeitet Franz? Kümmert er sich um das Gut?“

„Es gibt ein Sägewerk unten am Fluss, in dem Franz arbeitet. Ganz Mühldorf ist dort angestellt.“

„Stimmt! Ich habe es auf dem Weg hierher kurz gesehen. Dann ist es wohl ein erfolgreicher Betrieb?“

Maria beantwortete die Frage nicht. „Franz ist direkt nach dem Krieg dort hin. Es ist gute Arbeit.“

„Wo hat er … ich meine, wo war er stationiert?“

„Kind, das …“, murmelte sie verlegen. Sie schien auf die direkten Fragen mit mütterlicher Intuition zu reagieren. Sie wäre nicht die Erste, die versuchte, die schmerzliche Kriegszeit auszublenden, um ihren Sohn nicht als Soldaten sehen zu müssen. Minna hörte jedoch an ihrer Stimme, dass der Wunsch nach Offenheit Maria diese Bedenken austrieb. „Er war als Oberleutnant in Verdun stationiert. Sie können sich ungefähr vorstellen, was sein Rang für ihn bedeutet haben muss.“

Minna nickte gravitätisch, denn zu ihrer Zeit im Lazarett waren die Perversionen dieses Krieges offensichtlich gewesen. Gerade die jungen Offiziere waren ihren Männern in den frühen Tod vorausgerannt. Sie wollte das Thema deswegen nicht auswalzen. Erst recht bei all den Fotografien von jungen Männern an den Wänden, von denen ganz offensichtlich am gestrigen Abend nur einer mit an der Tafel gesessen hatten.

„Hat er Paul Bescheid gegeben, dass ich ihn heute besuchen werde?“, lenkte Minna ab und goss Tee nach.

„Er wird es sicherlich versucht haben. Sie sollten selbst nachsehen. Aber gedulden Sie sich noch ein wenig. Er steht spät auf und liest erst die Zeitung.“

„Diese hier?“, fragte Minna neugierig und zeigte auf die Ausgabe einer Regionalzeitung vom Vortag, deren Überschriften ausnahmslos auf lokale Themen verwiesen. Es war nie zu verachten, was man aus solchen Blättern lernen konnte, dachte Minna. Aber kam Paul überhaupt aus dieser Gegend?

„Nein, er lässt sich immer andere liefern. Mit Sicherheit dürfen Sie auch einen Blick hineinwerfen“, erwiderte Maria, die offenbar Minnas Erwachen bei dem Thema Zeitung bemerkt hatte.

Minna nickte beflissen. „Gehört es zu meinen Aufgaben, ihm die Zeitung zu bringen?“

„Aber nein, nicht doch.“ Maria lachte herzlich. „Er bezahlt den Burschen der Kolkners. Peter heißt er. Der holt ihm die Zeitung aus Buchhain. Stets fleißig, immer höflich. Und das, obwohl er von Geburt an humpelt.“

Maria Pardonner verfiel in einen Fluss aus Erzählungen. Sie besaß ein großes Wissen über die Leute aus Mühldorf und wusste einiges über die umliegenden Ortschaften zu erzählen.

„Sagen Sie“, unterbrach Minna sie irgendwann, „wer unterhält Pauls Aufenthalt? Zahlt seine Familie für die anfallenden Kosten?“

„Mehr als ausreichend!“, antwortete Maria Pardonner auffallend schnell. „Aber diese Leute könnten sich ihr Geld gänzlich sparen. Der Paul hat meinem Franz das Leben gerettet, müssen Sie wissen.“

„Die beiden waren Kameraden?“

„So war das, ja.“ Sie schlürfte den Tee und sah mit traurigen Augen zu den gerahmten Fotografien hinüber. „Es muss die Hölle gewesen sein. Wie man ihn entließ, hat Franz einen Monat nicht mit mir gesprochen. Eines Tages kam er dann plötzlich zu mir und meinte, dass Paul hierherziehen müsse. Da habe ich es sofort veranlasst.“

„Ging es ihm daheim nicht gut?“

Sie verzog verächtlich den Mund. „Seine Familie wollte das Elend nicht mit ansehen müssen. Die Mutter schrieb nur einen einzigen Brief an mich. Sie würde es mir verzeihen, wenn er hier in Frieden sterben würde.“

„Wie furchtbar!“

„Sie ist ein Scheusal. Paul ist so ein guter, lieber Mann. Mein Mitleid ist mit denen, die ihn fortgestoßen haben.“

Das Frühstück war wie auf ein unhörbares Signal hin beendet, und sie räumten den Tisch ab, spülten das Geschirr und fegten die Küche aus. Dann zogen sie auf eine Terrasse um, die man von der Stube aus erreichen konnte und wo die Sommersonne langsam ihre Kraft demonstrierte. In der Windstille roch es nach geöffneten Blüten, modernden Tannennadeln und dunkler Erde. Nach einiger Zeit angenehmer Wärme und ungezwungener Unterhaltung über das Leben im Tal entschuldigte Minna sich dann, bereitete ein kleines Frühstück für Paul in der Küche zu, legte alles in einen Korb und ging damit zum gegenüberliegenden Gebäude.

Über den Wiesen mit ihren Obstbäumen schwirrten die Wespen und stürzten sich auf die Früchte. Es war kurz vor halb zehn. Grund genug für Minna anzunehmen, dass ihr Patient auf den Beinen war.

Als sie eintrat, kamen ihr rasche Schritte auf der Treppe entgegen.

„Herr Frauenlob?“

„Hm?“

Zu Minnas Verwunderung antwortete ihr eine Frau. Sie trug ein strahlend weißes Kleid und eine schlichte Haube. In ihren schlanken Händen hielt sie eine volle Wanne mit schmutziger Wäsche. Die Frau war vielleicht drei, höchstens fünf Jahre älter als Minna. Sie brauchte einen Moment, um Minnas Anwesenheit einzuordnen. „Ach. Das Fräulein aus der Stadt, nehme ich an?“

Minna lächelte. „Mein Name ist Minna Dahl, freut mich sehr.“

Die Frau hatte feste, rosige Wangen, ein fein modelliertes, spitzes Kinn und auffallend große Augen, wie die eines Rehs. Aber trotz der angenehmen Züge tat sich aus dem abschätzigen Gesicht kein Lächeln hervor.

„Mein Name ist Eva“, erklärte sie reserviert und stemmte die Wanne in ihre Hüfte.

„Freut mich, Eva. Sie gehören zur Familie Pardonner?“

Eva ließ die Wäschewanne nicht los, als Minna ihr die Hand entgegenstreckte, und drängte sich ungeschickt an ihr vorbei zur Tür. „Ich bin die Hauswirtschafterin. Ich kümmere mich um alles auf dem Gut. Auch um Herrn Frauenlob.“

„Das ist ja wunderbar!“

Eva wedelte mit einer Hand ab. Sie schien nicht besonders erpicht darauf, sie kennenzulernen.

„Ist er schon wach?“, wollte Minna wissen.

Eva zeigte mit dem Kinn auf den Korb. „Was haben Sie da drin?“

„Frühstück. Ich wusste nicht, was er isst, also habe ich –“

„Wissen Sie was?“, unterbrach Eva sie gereizt. „Lassen Sie das Frühstück einfach hier stehen. Man wird Sie rufen, wenn man Sie benötigt.“

„Benötigt?“

„Ganz recht.“ Eva fummelte mit dem Ellenbogen an der Türklinke herum, um sie aufzudrücken, ohne dafür die Wanne abstellen zu müssen.

„Ist das die drittklassige Vertretung, nach der ich nicht gefragt habe?“, rief eine Männerstimme von oben herab. Eva verschwand im gleichen Moment durch die Eingangstür des Gebäudes und ließ Minna im Flur allein.

„Herr Frauenlob?“

„Ein Fräulein?“

Minna stellte sich auf die erste Stufe, da zeigte er sich am Treppengeländer.

„Ist das mein Frühstück?“ Er deutete auf den Korb.

„Das hängt davon ab –“ Minna sah ihn entschlossen an.

„Wovon hängt es ab?“

„Ob Sie vernünftig mit mir reden.“

Paul Frauenlob ging mit gemächlichen Schritten Stufe für Stufe die Treppe hinab. Der Kurzhaarschnitt in seinem schwarzen Haar war an der Stirn längst rausgewachsen. Immer wieder fuhr er sich mit der Hand hindurch, um es in Ordnung zu bringen.

Minna ging ihm auf der Treppe entgegen. Mit jedem Schritt auf ihn zu konnte sie mehr von der stattlichen Schulterlinie unter seinem blauen Hemdstoff erkennen. Dennoch wirkte Paul Frauenlob weder besonders kräftig noch strotzte er vor Energie.

Als sie sich in der Mitte der Treppe trafen, nahm er Minna den Korb aus der Hand und stützte sich schwer atmend auf das Geländer. „Ich habe Herrn Doktor Wilhelmsen gesagt, dass er mir niemanden mehr schicken soll. Ende der Ansage.“

„Das höre ich gerade zum ersten Mal.“

„Ist mir egal.“

„Vielleicht sollten wir dieses Gespräch von vorne beginnen? Mein Name ist Minna Dahl.“ Sie streckte ihm die Hand entgegen. Er schüttelte sie lieblos und kehrte ihr den Rücken zu.

Minna wollte es nicht dabei belassen. „Sie sollten bei diesen Temperaturen … ich meine … es ist einfach zu heiß. Ihr Kreislauf wird nur unnötig beansprucht. Sie sind schon völlig außer Atem.“

„Ich scheiße auf meinen Kreislauf“, brüllte er sie unversehens an. „Lassen Sie mich in Ruhe!“

Paul Frauenlob erklomm die Stufen zurück nach oben, und instinktiv wollte Minna ihn dabei stützen, aber seine Worte hielten sie auf Abstand. Er knallte seine Zimmertür zu und schloss sofort ab. Als sie seine Tür erreichte, löste sich ein überraschtes Lachen aus ihr.

„Herr Frauenlob?“

Minna sortierte sich. Sein Verhalten kam ihr bekannt vor. Doch normalerweise waren es die alten Herrschaften, die zu stolz waren, um sich behandeln zu lassen.

Sie straffte den Rücken und klopfte an.

Keine Reaktion.

Beim zweiten Mal schien es noch stiller als zuvor. Minna wusste nicht, ob sie sich schämen oder beleidigt sein sollte, und gab vor einem dritten Versuch auf.

„Ich werde später wiederkommen, um Ihre Medikamente zu dosieren.“

Paul schwieg beharrlich.

Auf dem Weg nach unten fing Minnas Herz an, mächtig gegen ihre Rippen zu klopfen. Nein, keine Scham war es, die ihr spürbar das Feuer in die Wangen trieb. Es war Wut. Paul und Franz gehörten eindeutig derselben Gattung an. Nicht schwer vorzustellen, dass sie Freunde waren. Beide waren so leicht reizbar wie hungernde Zootiere. Beiden fehlte die Empathie, um sich auf eine neue Situation einzulassen.

Minna beschleunigte ihre Schritte und riss die Tür nach draußen auf. Gleißendes Sonnenlicht blendete ihre Augen, während sie dem Zaun entlang bis zu einem Schuppen folgte. Dort drückte sie sich gegen die moosbewachsene Wand und versuchte das plötzlich aufkommende Zittern in ihren Händen wieder in den Griff zu bekommen.

Wieso wehrte sie sich nicht?

Wie bei jedem anderen Mistkerl in Berlin auch!

Zornestränen rannen ihr über die heißen Wangen. Es war einfach ungerecht! In was für eine Situation hatte Doktor Sallinger sie hier nur gebracht? Selbst die Haushälterin machte aus ihr von vornherein eine Fremde, die niemals in Mühldorf ankommen würde. Aber denen würde sie schon zeigen, was eine Minna Dahl alles aushielt!

Der aufkeimende Widerstand fühlte sich gut an und Minna blinzelte die flackernden Kristalle vor ihren Augen fort.

Keine Sekunde später durchbrach ein Fuchs lautlos das Buschwerk am Waldrand. Er hob die Schnauze, suchte die Umgebung ab und erstarrte, als er Minna bemerkte. Frisches Blut klebte an seinem Maul, das aufgestellte Fell war verlottert und zerzaust. Er hatte gerade einen Hasen getötet und vor sich auf den Boden gelegt.

Minna beobachtete gespannt, was passieren würde. Der Fuchs regte sich nicht. Vielleicht blendete ihn auch die Sonne zu sehr, jedenfalls leckte er ein paar Mal über den Hasen und die klaffende Wunde an dessen Seite, dann über seine Pfoten. Der Fuchs war einigen Menschen gar nicht so unähnlich, fuhr es ihr durch den Kopf. Er nahm sich, was er wollte, ohne Rücksicht auf die, die er mit seinem Verhalten verletzte. Minna spürte ein Brennen im Magen wie von heißer Galle. Sie griff wie in Trance ein Stück Schiefertafel von einem überwucherten Stapel neben ihren Füßen und schleuderte es dem Fuchs entgegen. Als dieser nach seinem Hasen schnappte, warf sie ein weiteres Schieferstück und traf ihn direkt auf den Kopf. Der Fuchs machte einen Satz in die Luft und trat jaulend die Flucht in den Untergrund an.

Minna spürte einen Ruck durch ihre Schultern gehen. Als wäre das Gespräch mit Herrn Frauenlob nur eine trügerische Erinnerung und sie in Wirklichkeit diejenige, der man mit Respekt begegnen sollte. Immerhin hatte sie es geschafft. Der Fuchs war verschwunden, der Hase gehörte ihr.

Die Fassungslosigkeit über den Mann, der lieber kein Patient, sondern ein auserkorener Esel sein wollte, war für Minna beim Anblick des toten Tieres nicht mehr wichtig. Sie beugte sich tief über den erstrittenen Hasen und bemerkte im ersten Moment nicht, dass sie ihm zärtlich über das speichelverklebte Fell streichelte. Sie hatte kein Papier und keinen Stift bei sich, aber das wäre nicht das erste Mal. Im Sonnenlicht glitzerten die toten Augen so hell, es fiel ihr leicht, sich den Anblick genau einzuprägen.

22.08.1919

Eine Woche war seit Minnas Ankunft in Mühldorf vergangen. Tage, in denen es keineswegs einfach gewesen war, die Kraft aufzubringen, Franz und Paul Widerstand zu leisten. Obwohl die Auseinandersetzungen zunehmend kürzer und weniger heftig ausfielen, gingen sie dennoch selten zu Minnas Gunsten aus. Obendrein hatte ein heftiges Gewitter den Wald und das Gut Pardonner in der Nacht auf den siebten Tag heimgesucht. Überall im Innenhof lagen Äste und Tannenwedel verstreut. In Minnas Nebenzimmer war eine Scheibe zu Bruch gegangen, und Franz war noch des Nachts gekommen, um das Loch mit Latten zu verbarrikadieren.

Dementsprechend schlecht hatte Minna geschlafen.

Im Erdgeschoss roch es an diesem Morgen nach Tee, verbrannter Butter und frisch angeschnittenem Käse, als Minna das Frühstück hergerichtet und mit dem Klingeln eines kristallenen Glöckchens zu Tisch gebeten hatte. Maria Pardonner kam an diesem Tag spät ins kleine Speisezimmer. Sie ärgerte sich über den fürchterlichen Sturm und wies Minna nach dem Frühstück an, einige Tischdecken aus einer wurmstichigen Eichentruhe zu holen, sie aufzufalten und zu bügeln, weil Eva ihren freien Tag hatte.

Minna tat, wie ihr geheißen, auch wenn sie wusste, dass Maria das nur machte, um sie irgendwie zu beschäftigen.

„Ich hoffe, er nimmt seine Medikamente. Ich habe einige Stunden gebraucht, um mich in den Rezepten zurechtzufinden“, seufzte Minna, der ihre Lage als Apothekerin missfiel. „Wenigstens lässt er mich an den Medizinschrank auf seinem Flur.“

„Das sollte eigentlich selbstverständlich sein. Ich wundere mich, dass er sich so gegen Sie wehrt.“

„Ich gewinne den Eindruck, dass er die Behandlung im Geiste mit dem letzten Arzt abgeschlossen hat. Schon während der letzten Konsultationen. Die Rezepte, die ständig wechselnden Medikamente … er ist ihrer überdrüssig.“

Maria blies hörbar Luft aus der Nase aus. „Sein Zustand macht ihm zu schaffen, das erklärt seine Launen.“

„Nun, sein Zustand wird sich nicht bessern, wenn er mich nicht in sein Zimmer lässt.“

„Kind, ich weiß, das ist kein Trost, aber es wird die Zeit kommen, da wird er auf Sie angewiesen sein“, murmelte Maria Pardonner, während sie einen Haufen Häkeldecken sortierte.

„Wenn er Sie nicht hätte, Frau Pardonner.“ Minna lächelte gut gelaunt, nahm das Bügeleisen vom Ofen und testete es an einem Zipfel. „Er hat sogar sein eigenes Haus. Die Patienten von Doktor Sallinger haben ein Bett in einem Saal mit zehn anderen.“

„Es ist wirklich sehr groß für eine Person“, stimmte Maria Pardonner ihr zu. „Wir Kinder haben früher gesagt, das sei die Großfürstliche Kaserne. Mein Vater hat dort jene Gäste empfangen, die sich im Ballsaal und dem Rauchersalon nicht wohlfühlten. Männer, denen das Schlachtfeld noch ein Feld der Ehre war.“ Sie zeigte auf eine verhangene Tür, die zu einem Raum führte, den Minna noch nicht zu Gesicht bekommen hatte. „Dort, in dem Ballsaal, habe ich mit vielen Offizieren und Rittmeistern getanzt. So ungefähr in Ihrem Alter, würde ich behaupten.“

„Ihr Vater muss ein angesehener Mann gewesen sein“, bemerkte Minna und sprenkelte Wasser auf die Unebenheiten in der Decke.

„Er war ein Bild von einem Mann. Als er aus dem Krieg gegen Dänemark wiederkam, war er ein Held. Zwei Monate später stand fest, dass man ihn wegen seiner Leistungen adeln würde, und es gab ein großes Fest. Aber das war noch vor meiner Geburt. Freiherr Laurenz Friedhelm Pardonner, so hieß er, hat dieses Gut leider viel zu früh an meine Schwester Lisbeth und mich vererben müssen.“

„Was ist passiert? Musste er erneut in den Krieg?“

Maria schaute ob der Frage nachdenklich aus dem Fenster und ließ die Serviette in ihrer Hand wie eine Fahne in Windstille hängen. „Nein. Kein Krieg. Mein Vater hat seine Frau, meine geliebte Mutter, bei Lisbeths Geburt verloren und ist ihr ein Jahr später gebrochenen Herzens gefolgt.“

„Das tut mir sehr leid.“

„Es ist lange her.“

„Wie ging es dann für Sie weiter?“

Marias Mundwinkel zuckten fröhlich, als sie die Erinnerung an ihren Vater hinter sich ließ. „Meine Tante Thekla hat unseren Haushalt übernommen. Von da an war das Haus wieder voller Leben. Ständig hielt sie Bälle ab und lud weit entfernte Familien zu uns ein. Ihnen hätte man auf keinem der Bälle auch nur eine ruhige Minute gelassen, glauben Sie mir.“

„Ich … vielleicht.“ Minna rieb sich peinlich berührt über den Arm.

„Das war ein Kompliment, Menschenskind! Lächeln Sie mal wieder! Franz und Paul können Ihnen doch nicht die ganze Laune verdorben haben.“ Maria stand auf und wies Minna an, ihr in die gute Stube zu folgen, wo sie das Buffet aufschloss, zwei kleine Gläschen hervorholte und sie mit dunkelroter Flüssigkeit füllte. „Hier. Wir stoßen auf den Freiherrn an.“

„Ich sollte nicht trinken.“

„Das ist ein Befehl!“ Maria Pardonner riss die Augen auf und mahnte sie mit starrem Zeigefinger zum Gehorsam. Ob es ein Scherz war oder nicht – Minna nahm das Glas und nippte daran.

„Das ist Schlehenschnaps.“

Er war viel zu stark. Minna musste im gleichen Moment husten, in dem die Flüssigkeit ihren Hals hinunterrann, was Maria Pardonner offenbar geflissentlich zu ignorieren versuchte.

„Thekla war der gute Geist in diesem Haus. Sie hat mir alles beigebracht. Von den Manieren, über den Haushalt, die Politik und das Verwalten der Finanzen. Was man als Frau wissen darf und welches Wissen man in wessen Gegenwart besser nicht zur Schau stellt.“ Sie zwinkerte Minna zu. „Ich habe viel gelesen in der Zeit. Über die Geschichte der Deutschen, die Poesie der Engländer und die Erkundung der Welt. Das hat mich ungemein bereichert.“

Minna stellte das Glas auf den Beistelltisch, ohne den Schnaps auszutrinken. „Haben Sie Ihren Mann auf einem Ball kennengelernt?“

Marias Züge verhärteten sich schlagartig und noch bevor sie Zeit hatte, zu antworten, erkannte Minna ihren Fauxpas und wandte sich von ihr ab. „Ach herrje! Das Bügeleisen! Ich habe es auf dem Herd vergessen.“

Unter diesem falschen Vorwand verließ sie die Stube. Das Gespräch hatte Minna bis zu diesem Zeitpunkt gutgetan, sie wollte keine alten Wunden aufbrechen. Aber war das zu vermeiden? Alles in Marias Leben schien mit dem Tod verbunden, überall haftete der Verlust geliebter Menschen an ihren Erinnerungen. Es war, als könnte Minna mit nur einem falschen Wort einen Nerv freilegen.

Doch als Minna in der Küche stand und darüber nachdachte, wie sie es wiedergutmachen konnte, wollte ihr nichts einfallen. Schlimmer noch. Während sie die Decken zur Ablenkung zusammenfaltete, beschlich sie ein beunruhigendes Gefühl. Erst, als sie ihren Blick nicht mehr davon lassen konnte, hielt sie das Tischtuch ins Licht. Sie kannte derartige Flecken aus dem Krankenhaus. Erst sahen sie aus wie verschütteter Wein. Doch bei genauerer Betrachtung waren sie dafür zu klein. Die feinen Linien, die tief in den Seidenstoff eingedrungen waren, mussten Blutstropfen sein. Stellte sich nur die Frage, wessen Blut?

Den restlichen Tag über hatte Minna es geschafft, ihre eigenen Sachen vom Staub der Reise zu befreien, den Kleiderschrank zu ordnen und neue Kerzen in die Leuchter auf den Fluren zu stecken. Kurz bevor die Langeweile überhandnehmen konnte, hörte sie im Innenhof ein Geräusch. Es war ein junger Mann, der lauthals ächzend einen Karren auf das Grundstück zog. Er war von irgendwo hinter dem Gebäude gekommen und zog den Karren jetzt direkt unter Minnas Fenster, wo er innehielt und sich den Hemdsärmel über die kahle Stelle seines schweißnassen Kopfes wischte. Minna konnte nicht anders, als ihn still und heimlich zu beobachten. Erst packte er Rüben und Rettiche in eine Zeitung ein, dann legte er Pakete mit Tee, Zucker und Salz in einen Korb und stellte alles um die Ecke. Als er wiederkam, warf er einen kurzen Blick hinauf und Minna schreckte zurück, aber als sie wieder hinsah, stellte sie fest, dass er sie gar nicht bemerkt zu haben schien.

Neugierig schob sie sich ein kleines Stückchen weiter nach vorn und spähte hinab. Der junge Mann öffnete einen Schrank, der auf den Karren montiert war und zog sich Handschuhe über. Er nahm eine Säge und bearbeitete etwas Großes darin. Dann nahm er einen Haken und zog einen großen Block Eis heraus. Das herausgeschnittene Stück fiel in einen Sack. Schnaufend hob er den Sack mit dem Eis hoch und trug es hinüber in das Haus, in dem Paul wohnte.

Alles an ihm war ehrlich und roh. Als Figur eines Arbeiters überzeugend – wie in den Werken der Futuristen, in denen das Pferd gezähmt wurde und Männer der Stadt zum Wachstum verhalfen. Minna schnappte sich Stift und Papier und fing an, den Kerl zu zeichnen, bevor er im Eingang verschwand. Sie grinste über beide Ohren. Es bestand also abseits allen Übels immer noch die Hoffnung, dass sie sich von toten Hasen und Geistern in Baumnarben lösen würde, um fundamental Menschliches zu schaffen. Zumindest, wenn der Zufall ihr einen Eislieferanten schickte.

Urplötzlich drang ein brachiales Getöse aus Pauls Wohnung über den Hof, sodass Minna das frisch gefundene Lächeln wieder verging. Jemand hatte lauthals geschrien, kurz darauf war etwas zu Bruch gegangen.

Sie zögerte keine Sekunde, stürmte die Treppe hinunter, durchquerte den Flur, schlug die Tür auf und rannte über die Wiese. Am Haus kam ihr der Lieferant bereits wild mit den Händen wedelnd entgegen.

„Es ist der Paul! Der Paul ist tot!“

„Wo ist er?“ Minna schnappte sich den jungen Mann im Vorbeirennen, zog ihn mit sich zurück ins Haus, wo sie die Quelle des verdächtigen Schepperns fand: Der Beutel mit dem Eisblock war die gesamte Länge der Treppe hinabgestürzt.

„Da oben ist er! Da oben! Schnell, Sie müssen was tun!“

„Jetzt sei doch endlich still, Himmel noch mal!“ Minna packte ihn bei den Schultern. „Wir dürfen nicht schreien und ihn wecken.“

„Aber … ich …“ Er sah rüber zur Tür. Minna beschloss, ihn zu ignorieren, raffte ihr Kleid und nahm die Treppe im Sturm.

Sie sah ihn sofort.

Paul lag in verrenkter Haltung in seinem Zimmer. Sein linker Arm war verdreht, in der linken Hand hielt er ein Buch. Unter seinem Kopf sammelte sich ein Rinnsal aus Blut.

„Paul?“ Minna kniete sich neben ihn und flüsterte mehrmals seinen Namen. Routiniert kontrollierte sie seine Atmung und den Herzschlag. Er lebte noch. Aber er hatte sich den Kopf schwer verletzt, und Minna musste dringend die Blutung stillen. Der Lieferant stand immer noch auf Abstand und ballte panisch die Fäuste.

„Das war ich nicht.“

„Das hat auch keiner behauptet“, erwiderte sie forsch und riss den Stoffbezug von Pauls Kopfkissen. „Wir müssen die Blutung stoppen und ihn aufs Bett heben.“

„Dürfen wir ihn anfassen?“ Er machte einen Schritt zurück und sah zur Treppe. Sein Verhalten machte Minna rasend, aber ohne ihn würde sie es nicht schaffen.

„Das dürfen wir. Ich bin seine Krankenschwester. Komm, ich brauch deine Hilfe. Bitte.“

Er schien nicht überzeugt, aber wenigstens schaffte der junge Kerl es, ein wenig Schneid zu finden. Gemeinsam hoben sie Paul rüber aufs Bett. Minna versuchte, den ausgekugelten Arm dabei möglichst wenig zu belasten, trotzdem zuckte Paul dabei die ganze Zeit über vor Schmerzen, aber seine Augen blieben geschlossen.

Und dann passierte das Undenkbare.

Minna verlor die Kontrolle. Nur für einen unscheinbaren Moment, aber lang genug, um geistig nicht mehr anwesend zu sein. Es war ein widerwilliges Gefühl. Als würden die Realität und die Welt ihrer Zeichnungen um Paul konkurrieren. Als das Verlangen, Paul als eines ihrer Motive zu sehen, wie eine Welle über Minna hinweggerauscht war und sie feststellte, dass sie ihren Patienten immer noch fest umklammerte, räusperte sie sich geräuschvoll. Ohne ihren Aussetzer zu kommentieren, fing sie damit an, Paul das Blut aus den Haaren zu wischen und nach der Verletzung zu suchen. „Wie heißt du, wenn ich fragen darf?“

„Ich heiße Claudius.“

„Mein Name ist Minna.“

„Was mache ich jetzt?“

„Ich brauche Eis, Claudius. Kannst du mir welches holen? Es muss frisch sein. Nicht das vom Boden!“

Claudius sah auf seine Handschuhe, die mit Pauls Blut besudelt waren, und zog sie angewidert aus. Dann nickte er, verließ das Zimmer und kam nach zwei Minuten mit einem großen Stück Eis zurück, von dem er ihr ein kleineres abbrach. Minna ließ es in ein Tuch gewickelt sanft über Pauls Stirn und Schläfe gleiten. Anschließend ging sie zum Medizinschrank auf dem Flur, in dem alle Utensilien für Notfälle untergebracht waren. Sie holte Alkohol, Jod, Nadel, Faden und Mullbinden, aber auch zwei gefaltete Blätter mit dem verschriebenen Schmerzmittel. Erst desinfizierte sie die Wunde, goss Alkohol über Nadel und Faden, nähte so eng wie möglich am Rand der Platzwunde entlang und verband alles hastig mit einer Mullbinde. Es war ihr nach eigenem Augenmaß in der Hektik mehr schlecht als recht gelungen. Paul würde zweifelsohne Narben davontragen.

„Claudius? Ich muss dich bitten, mir hierbei zu helfen.“

Sie bröselte dem Ohnmächtigen ein wenig vom Schmerzmittel in den Mund und verrieb es auf der Zunge und seinem Gaumen.

„Soll ich ihn hochheben?“ Claudius ließ Pauls Arm während all der Zeit über nicht los.

Minna schüttelte den Kopf. „Es muss erst wirken. Ich will nichts überstürzen.“

Paul Frauenlob war klitschnass vor Schweiß. Seine Haut hatte jegliche Farbe verloren und sein Atem ging flach, die Zunge war geschwollen. Wahrscheinlich hatte er beim Sturz draufgebissen. Minna wusste nicht, ob das Pulver schon wirkte und ob der Schmerz ihn aufwecken würde, aber das Risiko musste sie eingehen.

„Jetzt. Jetzt können wir anfangen. Du hebst ihn nur ein wenig hoch. Ungefähr so, genau. Ich werde jetzt gleich meinen Fuß unter seine Achsel klemmen und dann einmal mit aller Kraft ziehen. Du musst dagegenhalten. Hast du das verstanden?“

„Ja.“

„Dann los. 3 … 2 … 1!“

Mit einem hörbaren Knacken schnappte das Gelenk zurück in seine ursprüngliche Position, sodass Claudius sich angeekelt abwandte. Sofort tastete Minna die Gelenkpfanne und das Schulterblatt nach einem Bruch ab. Als sie keine Erhebungen fand, zog sie ihm das Hemd aus und untersuchte seine Achseln.

„Was machen Sie da?“

Minna fuhr mit Zeige- und Mittelfinger die Achsel ab. „Ich schaue nach, ob wir eine Ader verletzt haben. Zum Glück sehe ich hier aber keine Schwellungen.“

„Hätte das passieren können?“, fragte er entsetzt.

„Ist es ja nicht.“

„Darf ich jetzt gehen?“ Er wurde spürbar ungeduldig.

Minna schwieg und nickte nur. Sie sah ihm nicht hinterher, als er ging. Ihr Herzschlag ging immer noch viel zu schnell, die Hitze in der kleinen Kammer schnürte ihr den Atem ab. Sie öffnete ein paar Knöpfe am Rücken ihres Kleids und füllte die Lungen mit abgestandener Luft.

Das Gröbste war überstanden.

Die nächsten zweieinhalb Stunden verbrachte Minna mit Paul in aller Stille. Sie wischte das Blut vom Boden, an dem sich Fliegen laben wollten, fächerte Paul Luft zu und wechselte von Zeit zu Zeit die frisch angelegten Wadenwickel, damit er nicht zusätzlich noch einen Hitzschlag erlitt.

Gerade als sie ihm erfolgreich Tropfen für Tropfen Wasser eingeflößt hatte, stand plötzlich Franz in der Tür. Seine Klamotten waren schmutzig von der Arbeit, das Haar klebte nass an der Stirn. Er war völlig außer Atem. Wahrscheinlich war er direkt vom Sägewerk den Berg hinaufgerannt. Beißender Schweißgeruch füllte den Raum.

„Wer hat Sie gerufen?“

„Claudius ist zu mir gekommen. Weiß Mutter Bescheid?“

„Er ist stabil“, meinte Minna vorsorglich und hob abwehrend die Hände. „Und nein. Ich habe nicht die Zeit gehabt, Ihrer Mutter Bescheid zu geben.“

„Haben Sie einen Arzt gerufen?“, wollte er wissen.

„Nein.“

„Wieso nicht?“

„Ich habe seine Wunde vernäht, die Blutung gestillt, ihm Schmerzmittel gegeben. Hätten wir besser Stunden auf einen Arzt warten sollen?“ Sie sah ihn entgeistert an. „Ist es das, was Sie mir sagen wollen?“

Franz warf beide Hände zornig vor sich. Aufgeregt leckte er sich über die Lippen und rang nach Worten. Dann schüttelte er den Kopf und lachte über sich selbst. „Es tut mir leid … es ist nur … Ich habe Sie anscheinend unterschätzt. Sie hatten offenbar alles unter Kontrolle.“

„Wir hatten Glück“, korrigierte sie ihn und fing an, die Wickel auszuspülen. „Bei stärkeren inneren Verletzungen wäre ich mit meinem Latein schnell am Ende gewesen.“

„Ich muss mich bei Ihnen entschuldigen“, brach es plötzlich aus Franz hervor. Er trat einen Schritt in das Zimmer hinein.

„Wofür?“

„Für meinen verbalen Ausfall vor ein paar Tagen.“ Erst jetzt sah Minna die Schrammen und Kratzer auf seinen Armen und in seinem Gesicht. Er musste blindlings durch die Büsche gehetzt und dabei gestürzt sein. An seinen Knien klebte eine dicke Schicht Lehm. „Bitte nehmen Sie meine Entschuldigung an.“

„Was soll ich sagen …“

„Nein, schon gut. Sie müssen nichts sagen.“

Er stockte.

Minna konnte seinem Gesinnungswandel nicht gänzlich folgen, aber ebenso wenig wollte sie den spontanen Anstand an sich vorbeiziehen lassen. „Ich nehme besser an. Wer weiß, wann Sie Ihre Meinung wieder ändern.“

„Seid … ihr jetzt … beste Freunde?“

„Paul!

„Nicht bewegen!“ Minna drückte seinen Oberkörper sanft aufs Bett zurück. Paul leistete keinerlei Widerstand. Er konnte die Augen gerade so offenhalten. „Wie geht es Ihnen?“

„Nicht gut.“

Franz verschränkte die Arme vor seiner Brust und bleckte die Zähne. „Das Fräulein hat dir den Arsch gerettet.“

„Hat Sie?“ Paul grinste gewinnend.

„Du wolltest mir ja nicht glauben, dass du sie brauchst.“ Franz trat nach dem Dreck vor seinen Füßen. „Ich geh jetzt zurück zum Sägewerk. Du schuldest mir zwei Stunden Lohn.“

„Sicher, sicher.“

Franz ging, ohne sich zu verabschieden. „Hat er das gerade wirklich gesagt?“ Sie sah Paul perplex an.

„Das mit dem Lohn?“

„Nein, der Teil mit meinen Fähigkeiten als Krankenschwester.“

Er lachte leise, drehte sich zur Seite um, schlief unvermittelt ein und blieb Minna diese Antwort so fürs Erste schuldig.

05.09.1919

„Was für eine Strecke!“

Minna stand mit dem Korb in der Hand auf dem Gehweg und ließ den Regen in ihr Gesicht prasseln, weil ihr nichts anderes übrig blieb. Sie hatte keinen Schirm mitgenommen und ihr Sommerkleid hing in schweren Falten von ihren Schultern.

Vor ihr dröhnte das Sägewerk wie eine hungrige Bestie. Das Haupttor stand sperrangelweit geöffnet. Abgenagte Baumstämme ragten in das dahinterliegende Innere hinein und im Licht zweier großer Deckenleuchter sah Minna Greifhaken auf die Stämme niederrasseln. Holz splitterte irgendwo in der Nähe einer Maschine und Männer in aufgeknöpften Hemden riefen sich Befehle zu. Alle Prozesse griffen ineinander. Ein martialisches Uhrwerk, das kein Ziffernblatt und keine nachvollziehbare Logik besaß. Wieder spürte Minna die Begriffe des Futurismus vor sich aufflackern, aber nicht in den plakativen Worten eines Marinettis, sondern in ihrem Puls, der in die Höhe schnellte. Wenn sie Malerin wäre statt Zeichnerin, sie würde sich mit allen vibrierenden Farben daran versuchen.

Der warme Regen, der an diesem Morgen aus düsteren Wolken fiel, mischte sich unweigerlich mit Sägestaub. Kiefernholz und der Geruch von Harz stiegen Minna in die Nase. Das Sprühwasser, das man auf die Säge lenkte, kam ihr von vorn wie ein weiteres Regenband entgegen. Minna machte zaghaft ein paar Schritte hinein, um sich einen besseren Überblick zu verschaffen. In einer Maschine rechts neben ihr schabte man den Stämmen mit einer Leichtigkeit die Rinde vom Leib, dass Minna sich unvermittelt schüttelte.

Irgendwo in dem Trubel musste Franz zu finden sein.

Doch wo?

Sie zog sich in den offenen Eingang zurück und wartete darauf, was passierte. Ein älterer Mann kam nach wenigen Augenblicken vorbei und stellte sich ihr als August vor. Er zeigte Minna den Weg. Vorbei an den Trassen mit den abgezogenen Holzstämmen zu einem Raum, in dem sie warten durfte.

Dieser war kaum größer als ihre Wohnung in Berlin. Dennoch hatte man irgendwie vier Tische und acht Bänke hineingequetscht. An den Wänden gab es unzählige Haken mit Jacken, Schuhen und Alltagskleidern der Arbeiter. Minna entdeckte auch Franz’ Jacke und die dazugehörigen polierten Lederstiefel, an deren Sohlen feuchter Lehm klebte.

„Was machen Sie hier?“

„Herr Pardonner!“

Franz war über und über mit Sägestaub bedeckt. Er bürstete sich die Späne vom Kopf und trampelte auf dem Boden herum, dass es nur so von den Schultern schneite.

„Sie haben Ihr Essen vergessen“, erklärte sie.

„Du.“

„Wie meinen?“

„Wir sollten uns duzen.“ Er nahm ihr den Korb ab und stellte ihn auf den Tisch. Dann atmete er schwer durch und kreiste den Kopf im Nacken. „Nicht, dass das meine Idee gewesen wäre.“

„Hat Paul es vorgeschlagen?“

„Wer sonst?“

„Wann war er wach, dass ihr geredet habt?“

Franz zuckte mit den Schultern. „Keine Ahnung. Vor einer Woche ungefähr, ganz kurz nur, als ich nach ihm gesehen habe.“

„Sag beim nächsten Mal bitte Bescheid. Ich muss ihn dringend sprechen.“ Minna zeigte hinaus durch die Tür. „Kann ich mir einen Schirm leihen?“

Erst jetzt sah Franz sie erstaunt an. „Du bist ja völlig durchnässt!“

„Ja, es regnet seit einer ganzen Weile.“

Franz griff nach einem Lappen und klopfte ihn am Türrahmen sauber genug, dass Minna sich damit das Gesicht und den Nacken trocknen konnte. Wortlos überreichte er Minna seine Jacke und zeigte ihr ein Rohr in der Ecke, durch das heißes Wasser lief. Ihr wurde wärmer, kaum dass sie in dessen Nähe stand.

„Mehr kann ich nicht tun.“

„Das reicht mir. Danke.“

„Ich habe wohl zu danken.“ Er zögerte. „Aber pass beim nächsten Mal gefälligst besser auf dich auf. Mit dem Regen. Und überhaupt! Ein Sägewerk ist kein Ort für eine Frau. Jung oder alt!“

„Und überhaupt …“, äffte Minna ihn leise nach, nachdem er sich umgedreht hatte, um wieder seiner Arbeit nachzugehen, und musste unwillkürlich an Paul denken. Er war seit mehr als zwei Wochen der Gefangene ungewöhnlich langer Schlafphasen und entsprechend kurzer Wachzeiten. Es kam ihr sehr bald schon so vor, als hätten Minna und er sich nie kennengelernt. Als wäre sie ihm nie zur Hilfe geeilt. Wenn er aufwachte, trank er wie ein Kamel und aß, bis er nur noch sinnloses Zeug von sich gab, dann fiel er zurück in seinen tiefen Schlaf. Wahrscheinlich musste es mit der Kopfwunde zu tun haben, die er sich bei seinem Sturz zugezogen hatte. Auch in ihrer Korrespondenz mit Doktor Sallinger kam dieser zu dem Schluss, dass es sich „sehr wahrscheinlich um ein leichtes Trauma des Schädels handelte“ und die „Symptome seiner Schlafkrankheit sich seiner vermehrt bemächtigten“, bis die Wunde verheilt wäre.

Minna wrang sich das Wasser aus ihrem Kleid und öffnete die Schürze, um sie über einen Stuhl zu hängen.

Nach einigen Minuten, die sie so vor dem heißen Wasserrohr verbrachte, kam ein Mann durch den Seiteneingang in das Werk und sorgte für rege Betriebsamkeit. Der Lärmpegel wurde drastisch reduziert, Helme abgesetzt, Stühle aus dem Aufenthaltsraum geholt und aufgestellt, damit man einen Kreis um ihn bilden konnte. Dann gab es eine kurze Ansprache. Es folgten anerkennendes Kopfnicken und Applaus. Sofort ging es für alle ohne Umwege zurück an ihre Arbeit. Das kurze Schauspiel imponierte Minna. Vor allem die Art, mit der der Mann in der grünen Uniform die Arbeiter zu behandeln wusste. Keiner entging seiner Aufmerksamkeit, niemanden ließ er bei der Ansprache aus. So wirkte es ebenso selbstverständlich, als er Minna von weitem sah und schnurstracks auf sie zusteuerte.

„Guten Morgen, Fräulein. Darf ich fragen, was Sie hier zu suchen haben?“ Auf den letzten Satz folgte ihm ein Dachshund hinein, der sein Fell fröhlich an den Stiefeln der Arbeiter scheuerte und Minna schwanzwedelnd ankläffte.

„Ich habe nur Essen vorbeigebracht.“

„Das ehrt Sie. Und sonst?“

„Man könnte sagen, ich trockne.“

Er schmunzelte. „Wo habe ich meine Manieren gelassen? Mein Name ist Konrad. Victor Konrad. Ich bin der Oberförster … Verzeihung … Forstmeister, so muss es jetzt wohl heißen, in diesem Wald und allen umgebenden Wäldern.“ Er zog seinen Hut mit der geschürzten Krempe vom Kopf, sodass das rotlockige Haar darunter zum Vorschein kam. Dann öffnete er den obersten Knopf seines Jagdrocks und griff nach einem Taschentuch in der Innenseite. Der breite, rostbraune Schnauzer unter seiner Nase blieb bei jedem seiner Worte regungslos. „Mit wem habe ich das Vergnügen?“

„Minna Dahl.“ Sie knickste, auch wenn es wahrscheinlich nicht notwendig war. „Ich bin in der Familie Pardonner angestellt.“

„Pardonners, hm? Hat die Baronin Eva rausgeworfen? Wie kommt es, dass wir uns noch nicht gesehen haben, Minna Dahl? Es gibt schließlich eine Meldepflicht im Forstamt und im Gasthaus An der Kämpe für die Neuankömmlinge.“ Er schnäuzte sich, steckte das Tuch ein und holte eine schwach glimmende Pfeife aus der Tasche. Durch die Flamme eines Zündholzes erweckte er sie wieder gänzlich zum Leben. „Sie erlauben doch? Es regnet. Da ist der Staub feucht und man gönnt sich im Werk sonst keine Auszeiten.“

„Gern, nur zu.“

„Wie gesagt …“ Er sah abwartend zu ihr herüber.

„Das mit der Meldung wusste ich nicht, aber ich werde es umgehend nachholen, Herr Forstmeister“, antwortete Minna gewissenhaft und holte die Schürze vom Stuhl, um sie sich umzubinden. Auch wenn sie noch klamm war, wollte Minna klarmachen, dass auch sie einer Arbeit nachging und nicht einfach auf einen Urlaub im schönen Mühldorf vorbeigekommen war.

„Ich bitte Sie, Fräulein. Das ist hiermit erledigt.“ Er zog an der Pfeife und wies sie an, ihm zu folgen. „Sie müssen sicher zurück. Aber bei dem Regen? Wenn sie möchten, nehme ich Sie ein Stück mit. Ich habe einen Schirm.“

Bei der Erwähnung des Schirms spurte der Dachshund an ihm vorbei zum Ausgang. „Sachte, sachte, Rudolf. Hierher, kommst du wohl hierher!“

„Er ist sehr lebensfroh“, meinte Minna amüsiert.

Victor Konrad blähte die Wangen. „Für die Jagd kaum zu gebrauchen, aber sein Frauchen hängt sehr an ihm. Er ist ein Schatz für die Enkel obendrein. Ich will ihn nicht missen.“

„Es ist nett von Ihnen, dass Sie mich begleiten wollen. Aber sobald der Regen aufhört, finde ich den Weg allein.“

„Glauben Sie mir, das wird er nicht. Es regnet sich ein, wie man hier sagt. Das kommt die nächsten Stunden so runter. Außerdem ist es meine Richtung.“

„Wirklich?“

„Sie werden schon sehen, Fräulein. Das ist auch der Grund, wieso ich meinte, dass wir uns eigentlich schon längst hätten begegnen müssen.“ Er knöpfte den Mantel zu, erstickte die Pfeife mit der bloßen Hand und ließ sie in der Manteltasche verschwinden. Ein junger Mann trat zu ihm und brachte ihm Flinte und Horn. Dazu einen Schirm, den er gänzlich Minna überließ. „Mein Hut reicht mir.“

Als sie die Hälfte der Strecke hinter sich gebracht hatten und Rudolf ins Gebüsch ausbüxte, nutzte Förster Konrad die Gunst der Stunde und fragte Minna über alles Mögliche aus. Wieso sie hier war, woher sie kam, was ihre Eltern gemacht hatten, um solch ein schönes Kind in das entlegene Mühldorf entkommen zu lassen. Im Austausch für ihre wohldosierten Informationen bekam sie etwas über die Gegend zu hören. Über die Männer, die im Krieg ihr Leben gelassen hatten, wie auch über die Änderungen in den Verwaltungsbehörden der Förster. Dinge, die manchem, wie Minna überlegte, keinerlei Interesse abverlangten. Doch sie sog das Neue aus dem Gespräch wie ein Schwamm auf dem Trockenen in sich auf.

Irgendwann kehrte Rudolf aus dem Busch zurück und sie gelangten über den Trampelpfad auf eine ausgebaute Straße. Diese führte hoch an die Flanke des Grundstücks von Gut Pardonner. Über diese, überlegte Minna, musste auch Claudius mit dem Wagen gekommen sein.

Minna konnte sich über die gegenüberliegende Seite des Hauses nur wundern. Die prächtige Fassade und der Jägerschmuck schrien ihr förmlich entgegen, welch erfolgreiche Jäger darin lebten. Es widersprach der schlichten Häuslichkeit auf der Rückseite völlig.

Der Förster war so sehr mit ihr ins Reden gekommen, über die Tiere, die anstehende Treibjagd, seine Erlöse aus dem Sägewerk und die schwere Lage der deutschen Wirtschaft im Allgemeinen, dass sie nicht bemerkte, wie er Stück für Stück Themen anschnitt, die man einer Frau gegenüber üblicherweise nicht ansprach.

„Wie meinen Sie das?“ Minna sah ihn verständnislos an. „Dass ich mich an Sie wenden soll, wenn es in dieser Gegend brenzlig wird … Was muss ich mir darunter vorstellen?“

Sie blieben vor dem Torbogen des Guts stehen, an dem ein hölzerner Eberkopf angebracht war.

Der Förster sah in den Wald, dann zum Haus und versuchte abzuwinken.

„Sie sind neu hier, deswegen will ich Sie nicht mit irgendwelchen Geschichten beunruhigen. Es gebührt, sich einen eigenen Eindruck zu verschaffen.“

„Das wäre der Fall gewesen, hätten Sie es nicht erwähnt. Jetzt muss ich es erst recht wissen.“

„Was habe ich da nur angerichtet?“

„Sie sind mir eine Erklärung schuldig. Das haben Sie angerichtet.“

Ein Rufen riss beide aus ihrer Anspannung. Victors Name hallte im Wald wider, doch er schien nicht sofort reagieren zu wollen. Erst als der Klang der Stimme von der simplen Suche nach Aufmerksamkeit in einen verzweifelten Hilfeschrei umschlug, löste er sich augenblicklich vom Fleck und preschte los.

Minna folgte ihm, beobachtete, wie er ungebremst den Weg hinab ins Tal nahm. Was war geschehen? Hatte es etwa einen Unfall im Sägewerk gegeben? Minna kam schnell außer Atem. Es bereitete ihr Schwierigkeiten, ihm in seinem gewohnten Terrain an den Fersen zu bleiben.

„Herr Konrad?“

Der Förster drehte sich nicht einmal mehr um. Er schien sie völlig vergessen zu haben. In seinem Sprint durchbrach er Unterholz und Büsche, dann war er verschwunden. Doch Minna musste nicht lang nach ihm suchen. Das anschwellende Geräusch einer aufgebrachten Menschenmenge führte sie geradewegs an den Ort einer schrecklichen Nachricht.

„Minna, Guteste. Ich habe mir solche Sorgen gemacht!“

„Maria?“

Minna blieb keine Gelegenheit, sich ein Bild von der Situation zu machen. Da waren Menschen, der Wald, aber auch eine Straße, an der eine kleine Behausung stand. Um diese herum drängten sich die Bewohner von Mühldorf und riefen durcheinander. Maria, die mit ihren scharfen Augen Minna von Weitem schon erkannt hatte, löste sich aus der Menge und nahm sie plötzlich bei der Hand.

„Die haben mir nicht sagen wollen, wen sie gefunden haben, deswegen dachte ich erst … oh, ich dachte erst, Sie wären es gewesen, Kind. Gott sei Dank ist dem nicht so!“

Minna war trotz der ungewohnten Rennerei plötzlich wieder hellwach. Die zittrigen Hände ihrer Gastgeberin klammerten sich mit eisernem Griff um ihre eigenen.

„Was ist passiert? Wen hat man gefunden, Frau Pardonner?“

„Du darfst jetzt nicht die Fassung verlieren“, beschwor Maria sie, auch wenn sie selbst den Eindruck machte, dass sie mit den Nerven am Ende war und unaufhörlich erzählen musste. „Es ist jemand auf dem Zanker hinter dem Sägewerk gefunden worden. Da fließt der Arndtbach ab. Zu dieser Jahreszeit gibt es manchmal Hochwasser –“

„Er ist im Bach gefunden worden?“, versuchte Minna das Gespräch zu beschleunigen. „Tot?“

Maria sah sie mitgerissen an. „Gott hilf, dass es kein Kind ist.“

„Wieso sind alle hier versammelt? Hat man die Leiche etwa hierher gebracht?“ Sie zeigte auf das Häuschen und zog Maria ein Stück hinter sich her, um einen besseren Blick auf das Geschehen zu bekommen.

„Wie konnte das passieren … so nah an unserem …“

Endlich konnte Minna das kleine Gebäude genauer einsehen. Es handelte sich zu ihrer Überraschung um ein ehemaliges Posthäuschen, wie sie vor über fünfzig Jahren benutzt worden waren. Überall in Deutschland konnte man diese Relikte anfinden. Ihr Charme ließ sie überleben, denn früher hatten sie ausschließlich Postboten dazu gedient, Kutschen zu wechseln, Pferde zu pflegen und die Post über Nacht einzusperren. Minna kannte den Anblick nur zu gut, da direkt neben ihrem Elternhaus ein solches stand. Als man es nicht mehr genutzt hatte und die Post zunehmend motorisiert durchs Land transportiert werden konnte, hatte Minna sich als junges Mädchen darin herumgetrieben. Ein abenteuerlicher Ort, der ihre Fantasie angeregt hatte. So hatte sie oft auf einer der Pritschen im Pausenraum gelegen und sich vorgestellt, sie würde durch ganz Europa reisen. Als Brief in einem Postsack.

„Victors Mannschaft hat angewiesen, ihn herzubringen.“ Maria, die weiterhin von der Tatsache geschockt schien, dass man jemand Totes von hinter dem Sägewerk in die unmittelbare Nähe ihres Anwesens gebracht hatte, löste ihren Griff um Minnas Hand. „Das war sicherlich die einzige Lösung. Victor ist nun hier. Er wird am besten wissen, was passiert.“

„Die Leute lassen ihn nicht durch.“ Minna verfolgte ihn mit den Augen, wie er sich von Person zu Person hangelte, aber nicht näher ans Ziel gelangte. Er wehrte Hände ab, kommentierte Zurufe, bedankte sich bei denjenigen, die ihm eine Schneise bahnten, nur um dann erneut angehalten zu werden.

„Wir sollten zurück nach Hause, Minna. Mir ist angst und bange. Franz ist nicht hier und ich möchte …“

„Einen Moment noch“, unterbrach Minna sie und bat Maria, still zu sein, denn Victor Konrad gelangte nun endlich ins Häuschen. Eine bemerkenswerte Luftleere erfasste die Anwesenden, wie ein gemeinsames Anhalten aller Atem.

Er ließ sie nicht lange warten. Energisch trat der Förster aus dem Posthäuschen, zwei Männer an seiner Seite, denen das Blut aus dem Gesicht gesackt war. Besorgt blickte Victor in die Gesichter der Gemeinde und zog seinen Hut vom Kopf.

„Es ist Stephan. Bauermanns Stephan.“

Augenblicklich brach eine kleine Gruppe links von Minna und Maria in Tränen aus.

„War er es?“, rief eine klagende Stimme. Sie gehörte einer gebrechlichen Alten, die in den Armen einer jüngeren Dame zusammengesackt war und mit zitternden Fingern in die Luft griff.

Wen genau meinte sie?

„Ja, Victor! War er es?“

„Ruhe jetzt! Bitte!“ Der Tumult wurde größer. „Nein, er war es nicht! Soweit ich es beurteilen kann, handelt es sich um einen Unfall.“

„So schnell kann das niemand sagen!“, konterte ein Bursche, der vor sich in den Staub spuckte und Victor auffällig mit Gesten zu einem verbalen Schlagabtausch herausforderte.

„Willst selbst nachsehen?“, platzte es aus Victor Konrad heraus. „Nein? Dachte ich mir. Jetzt haltet an euch, wir wissen nichts Genaues. Für mich sieht es im ersten Moment so aus, als wäre er schwer gestürzt.“

„Gestürzt? Wie sieht man aus, wenn man gestürzt ist?“

„Jetzt halt endlich die Klappe!“, brüllte er den Burschen an, der im nächsten Moment von einem Freund oder Bruder von der Menge fortgezerrt wurde. „Jetzt, wo ihr alle hier vor mir steht, muss ich eins fragen: Weiß irgendjemand, ob Stephan wieder angeln war? Was hat er da oben gesucht? War er allein? Habt ihr ihn auf dem Weg vom Sägewerk zu seinem Haus gesehen? Vor einem Gasthaus vielleicht? Hat er mit einem Fremden gesprochen oder sich gestritten?“

Seine Stimme bebte vor Aufregung bei der Betonung des letzten Satzes. Alle schauten sich fragend an, niemand kannte die Antwort. Die Stimmen mäßigten sich.

„Keiner? Nun …“ Er kanalisierte seine völlige Aufmerksamkeit auf die trauernde Familie und drückte ihnen sein aufrichtiges Beileid aus. Dann wandte er sich dem Rest zu. „Ich werde ein Gespräch mit der Schutzpolizei führen. Geht bitte alle nach Hause und lasst dem armen Stephan und seinen sterblichen Überresten die gebührende Würde.“

„Minna?“ Maria schob sich in ihr Sichtfeld. „Sie haben ihn gehört. Wir kehren heim.“

„Ja“, sagte Minna gedehnt, weitab in Gedanken. „Wir gehen.“

„Was ist denn nur los mit Ihnen? Wo haben Sie sich so lange aufgehalten?“

„Ach, ich …“, stammelte sie und sah dem Förster für einen kurzen Moment in die Augen. Der ausgetauschte Blick war wie das Siegel auf den warnenden Worten, die er erst Minuten zuvor ausgesprochen hatte. Minna bekam eine Gänsehaut und warf einen letzten Blick über ihre Schulter, während sie mit Maria den Rückweg antrat. Der Forstmeister hatte sich den Schlüssel geben lassen, schloss das Häuschen ab und schickte alle Schaulustigen vehement fort. Minna hörte einen Wortschwall, den Maria auf sie losließ, aber ihre Ohren setzten das Gehörte nicht in sinnvolle Worte um. Sie war geistig ganz und gar beim Posthaus – und das machte sie wahnsinnig. Weil sie wusste, dass sie noch heute Nacht dort einbrechen würde.

In der Nacht des 05.09.1919

Der Weg zwischen dem Gut und dem Posthaus war nicht das eigentliche Problem, das Minna zu bewältigen hatte. Auch nicht Maria, die an diesem Abend früh zu Bett gegangen war, um ihre aufgewirbelten Nerven, wie sie es formulierte, wieder in Ordnung zu bringen. Sie selbst war es, die sich in den Schlingfallen ihrer Gedanken verhedderte.

Wie eine Gefangene bereitete sie ihren Ausbruch minutiös vor. Erst behauptete sie, sie würde später noch Pauls Schlaf kontrollieren, dann wartete sie auf Franz’ Rückkehr, der einen Heidenlärm in der Stube veranstaltete, kaum dass er wieder im Haus war. Als er in sein eigenes Zimmer verschwand, hatte Minna bereits gepackt, was ihr nützlich erschien. Haarklammern, Zeichenzeug, ein Messer – nur für alle Fälle. Eine Laterne durfte ebenso nicht fehlen. Im Flur nahm sie sich einen alten Mantel vom Haken, der nach Leder und Fell roch und ihr in der Nacht das Gefühl von Unsichtbarkeit gab.

In den dräuenden Schatten der Bäume gewöhnten sich ihre Augen schnell an das Dunkel. Sie schlich unter den Fenstern der Schlafenden hinweg und auf den Schotterpfad, der sie hinter dem Haus entlangführte. Es war kaum kühler als am Tag und in Minnas Innerem erhitzte der Gedanke an eine seltene Gelegenheit ihr Blut noch weiter.

Bald konnte sie das charakteristische Gurgeln des Breitbachs hören, der Mühldorf in einer engen Schlinge umfuhr. Der Geruch von Feuer und schummriges Licht, das zwischen schwarzen Zweigen glomm, warnte sie davor, dass in den Häusern am Ende der Straße immer noch Leute wach waren.

Das Posthaus sah auch im Dunkeln aus, wie das in ihren Kindheitserinnerungen.

Es war der Sommer ihrer ersten Liebe gewesen. Ihre ältere Schwester Karla hatte sich furchtbar mit ihr über den Nachbarsjungen gestritten, der Minna oft hänselte, aber der ihr dennoch ein lieber Spielkamerad war. Der genaue Grund für den Streit fiel Minna nicht mehr ein. Sie hatte regelmäßig mit Karla im Clinch gelegen. Manchmal nur, um zu sehen, wie ihr perfektes Puppengesicht zerfiel und sich in Tränen auflöste. Doch an einem Nachmittag war der Nachbarsjunge gekommen und hatte Geschenke von seiner Mutter verteilt, um sich für sein schlechtes Benehmen zu entschuldigen. Drei Tage vorher war entschieden worden, dass man ihn auf eine Kadettenschule schicken würde. Eine Anstalt für Soldaten, hatte er es genannt, in der Jungs zu Männern, und Männer zu Helden wurden. Minna und der Nachbarsjunge waren außer sich vor Wut über die Entscheidung, sie zu trennen, weil beide insgeheim wussten, dass sie sich mochten. Aber als Minna versuchte, ihm im Posthaus einen Kuss zu geben, war das tote Rotkehlchen dazwischengekommen.

Der Vogel lag einfach dort auf der Pritsche wie Minna so viele Male zuvor. Er war wohl durch ein offenstehendes Oberlicht hineingeflattert und dann mit voller Wucht gegen das gegenüberliegende Fenster geflogen. Der Nachbarsjunge war zutiefst darüber erschrocken, dass Minna ihn sorglos aufhob und betrachtete. Er schlug ihr den Vogel aus der Hand, ohne sie nach ihren Absichten zu fragen. Das wiederum machte Minna so rasend, dass sie ihn anschrie, er sie zurück anschrie, beide sich trennten und Minna den Jungen danach nie wiedersah. Das Rotkehlchen jedoch, das war ihr erstes Bild von einem toten Tier gewesen. Trotz eines furchtbaren Zeichenunterrichts, der viele Wünsche übrig gelassen hatte, war der kleine Vogel mit dem roten Kuss auf der Brust so außergewöhnlich gut gelungen, dass es für Minna auch heute noch an ein Wunder grenzte.

Und nun stand sie vor der Hintertür des Posthauses, in dem sich das Wunder wiederholen sollte. Sie hob den Riegel an, zog das Schloss hinter dem Spalt im geheimen Klappholz hervor und bearbeitete es mit einer ihrer Haarnadeln. Als es endlich Klick machte, spürte sie eine freudige Erregung über ihre Finger in das Rückenmark kriechen.

Die Freude über den vor ihr liegenden Moment der Entdeckung war unermesslich.

Etliche Aspekte ihrer Vergangenheit schienen sich zusammenzufügen. Ihr Wissen um die Hintertür, ihre frühen Versuche, das baugleiche Schloss in der Heimat mit einem Hammer zu knacken, die Verschwiegenheit der Nachbarskinder, als diese ihr den Trick mit dem Bügeldraht gezeigt hatten.

Mit der Laterne voran schlich Minna in das hintere der beiden Zimmer. Der Schlafraum und der Briefschrank waren nur durch eine dünne Bretterwand voneinander getrennt. Im gleichen Moment, in dem die Tür sich schloss und der Lichtkegel den Innenraum abtastete, hielt sie den Atem an. Der Grundriss war anders als erwartet. Kleiner und deutlich gedrungener. So kauerte sie bereits keinen Schritt später unmittelbar neben zwei Pritschen und starrte auf einen bleichen, schwer verletzten Arm.

Es wurde still um Minna.

War sie tapfer genug, es anzugehen? Ihr Gewissen rebellierte, aber ihre Finger griffen bereits nach dem Etui und dem aufgerollten Papier, das in der Mantelinnentasche steckte. Er war ja tot, bläute sie sich ein, er konnte ihr nichts anhaben.

Außerdem war es ein Unfall gewesen. Ein Unfalltoter, wie sie ihnen schon viele Male zuvor in der Klinik begegnet war. Oder war es doch anders? Minna war hier nicht in Sallingers Leichenkeller und schon gar nicht in Berlin. Die Enge dieses Häuschens und die unmittelbare Nähe zur Leiche drängten ihr Fragen auf. Wieso hatte sie sich trotz allem nicht im Griff? Wieso riskierte sie die gleiche Dummheit, die sie hergebracht hatte?

Details

Seiten
0
Erscheinungsform
Erstausgabe
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783960873907
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v430964
Schlagworte
Berlin Erster Weltkrieg Kunst Obsession Mord Geheimnis psycho-thriller-krimi-nal-roman-spannung-horror

Autor

  • Raiko Oldenettel (Autor)

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Titel: Die Leichenzeichnerin (Thriller, Historisch)