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Eine verhängnisvolle Versuchung (Historisch, Liebe)

von Patricia Cabot (Autor)

2000 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

Sie ist eine rebellische junge Frau ...
Als die schöne Kate Mayhew als Anstandsdame für die eigenwillige Isabel, Tochter des Marquis of Wingate, engagiert wird, steht sie auf einmal zwei Gefahren gegenüber: der wilden Anziehungskraft eines Mannes, der der Liebe abgeschworen hat, und einer Verabredung mit ihrer eigenen skandalösen Vergangenheit – die sie nicht für immer geheim halten kann.

Er ist ein berüchtigter Gentleman …
Bekannt für seine stählerne Selbstbeherrschung seit dem Tag, an dem er seine Frau mit einem Liebhaber erwischte, hat Lord Wingate geschworen, nie wieder eine Ehe zu riskieren. Doch als er die temperamentvolle Kate einstellt, gerät er in eine unmögliche Lage. Zwar ist Kate genau das, was seine Tochter Isabel braucht – aber ihre Nähe führt den unnahbaren Marquis in ständige Versuchung.

Impressum

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Digitale Erstausgabe Juli 2018

Copyright © 2018, dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

ISBN: 978-3-96087-449-2

Copyright © 2000 by Patricia Cabot
Veröffentlicht nach Absprache mit St. Martin's Press. Alle Rechte vorbehalten.
Titel des englischen Originals: A little Scandal
Copyright © der deutschen Übersetzung (Verbotenes Glück) 2002 by Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin
Erschienen im Ullstein Taschenbuch Verlag
Dieses Werk wurde im Auftrag von St. Martin's Press, L.L.C durch die Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, Hannover, vermittelt.

Covergestaltung: Annadel Hogen
unter Verwendung von Motiven von
© Mary Chronis, VJ Dunraven Productions/Periodimages.com und © FairytaleDesign/depositphotos.com
Korrektorat: Susanne Meier

Aus dem Amerikanischen von Sonja Groneberg

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

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Erster Teil

1. Kapitel

London, April 1870

»Ich werde nicht gehen!« Sie wand sich in seinem Griff. »Ich hab es dir gesagt! Lass mich los!«

Er hatte es satt, ständig Auseinandersetzungen mit ihr zu führen. Manchmal kam es ihm vor, als habe er in den letzten siebzehn Jahren nichts anderes getan.

»Du gehst«, knurrte er, seine tiefe Stimme war drohend leise. So drohend, dass der neben dem Vierspänner wartende Lakai eine steife Haltung annahm und den Blick verängstigt abwandte. »Werd ich nicht«, rief sie und versuchte abermals, ihr Handgelenk aus seinem Griff zu befreien. In letzter Zeit war sie wendig wie eine Katze geworden. Er konnte ihren schmalen, seidenumhüllten Arm kaum halten. »Ich sagte, lass mich los

Er seufzte schwer. Schon wieder dieses Theater. Nun gut, er hätte es wissen sollen; alles hatte darauf hingedeutet. Vor einer Stunde, als er seinen Krawattenknoten vor dem Spiegel neu band – Duncan war zwar ein wahrhaft vorbildlicher Kammerdiener, doch je älter er wurde, desto störrischer wurde er auch: Kleinere Veränderungen der Herrenmode schienen ihn nur noch zu ärgern. Er knotete die Krawatte seines Brotgebers seit zwanzig Jahren in der gleichen Art und Weise, womit er Burke zwang, sich heimlich zurückzuziehen, das Werk seines Kammerdieners aufzulösen und neu zu binden –, in diesem Moment jedenfalls, war Miss Pitt ohne Anmeldung und noch dazu in einem Zustand höchster Erregung in sein Ankleidezimmer gestürmt.

»Mylord«, rief die alte Frau schluchzend. Tränen schossen ihre fülligen Wangen herab. »Sie ist unmöglich! Unmöglich, hören Sie? Kein Mensch – niemand – muss sich eine solche Misshandlung gefallen lassen …«

Sie presste eine zitternde Hand an die Lippen und floh aus dem Zimmer. Burke war nicht ganz sicher, aber es hatte den Anschein, dass Miss Pitt soeben gekündigt hatte. Seufzend löste er die Krawatte. Es machte nun keinen Sinn mehr, gut aussehen zu wollen. Er würde heute Abend nicht, wie ursprünglich geplant, die Gesellschaft der unnachahmlichen Sara Woodhart genießen. Nein, jetzt hieß es, die Rolle der unglücklichen Miss Pitt zu übernehmen und Isabel zu Lady Peagroves Tanzgesellschaft zu begleiten.

Zum Teufel damit.

Mittlerweile krümmte sich das Biest und versuchte ihn zu beißen – tatsächlich, zu beißen! –, um seinen Griff zu lockern. Er hoffte inständig, dass die Nachbarn nicht zusahen. Diese öffentlichen Zurschaustellungen ihres Temperaments wurden immer peinlicher. Vor ein paar Jahren, als sie jünger gewesen war, und kleiner, hatte er es als weniger schlimm empfunden, – aber jetzt …

Nun ja, jetzt sehnte er sich immer öfter nach einer Pfeife und dem gemütlichen Kaminfeuer in seiner Bibliothek.

Sogar mehr als nach der Gesellschaft der geschätzten Mrs Woodhart.

Guter Gott! Wie schrecklich! Konnte das wahr sein? Wurde er wirklich alt? Duncan jedenfalls hatte das bereits angedeutet, sogar mehr als einmal. Natürlich nicht mit Worten. Ein guter Kammerdiener würde niemals etwas anderes sagen, als dass sein Herr in den besten Jahren sei. Aber erst gestern hatte der Kerl die Frechheit besessen, ihm eine Flanellweste herauszulegen. Flanell! Als ob Burke demnächst siebenundfünfzig würde, statt sich dem noch relativ jugendlichen Alter von siebenunddreißig Jahren zu nähern. Als sei er gebrechlich und nicht in erstklassiger körperlicher Verfassung, wie er schließlich wusste. Eine Tatsache, derer ihn viele der attraktivsten Frauen Londons, inklusive der anspruchsvollen Mrs Woodhart, versichert hatten. Duncan hatte eine Lektion erteilt bekommen, so viel war sicher.

So, wie jetzt Isabel eine bekommen würde. Er ließ nicht mit sich spaßen, besonders nicht, wenn es zu ihrem eigenen Besten war.

»Und ich«, er beugte sich herab und warf sie gekonnt, mit einer Leichtigkeit, die von Übung zeugte, wie einen Sack Getreide über die Schulter, »sage, dass du gehst.«

Isabel gab ein Gekreische von sich, das durch den dichten gelben Nebel hallte, der sich wie ein Vorhang über die Park Lane gelegt hatte (wahrscheinlich über ganz London, wie er sein Glück einschätzte). Es würde Stunden dauern, bis sie sich durch den aufgrund des Nebels stockenden Verkehr zum Haus der Peagroves gekämpft hätten. Das fehlte ihm gerade noch, dieser dicke, erstickende Nebel, zusätzlich zu Isabels Hysterie. Das Einzige, was er in diesem Moment noch besser gebrauchen könnte, war eine Kugel im Kopf. Oder eine Klinge im Herzen.

Einen Moment später schien es, als sollte sein zweiter Wunsch erfüllt werden. Nur dass der Eindringling, der wie aus dem Nichts aus dem Nebel auftauchte, statt einer Klinge die Spitze eines Regenschirms in Richtung seines Herzens stieß.

Oder eben dahin, wo sein Herz sein sollte, falls er – was Isabel gerade aus vollsten Lungen lauthals bestritt – überhaupt eins besaß.

»Verzeihung, Madam«, sagte Burke ruhig zu der Besitzerin des Schirms – sehr ruhig sogar, bemerkte er stolz, zumal er den Ruf hatte heißblütig zu sein. »Aber würde es Ihnen etwas ausmachen, dieses Ding fortzunehmen? Es behindert mich auf dem Weg zu der Kutsche, die dort wartet.«

»Noch einen Schritt«, sagte die Schirmbesitzerin mit einer Stimme, die für ein Wesen von solch … na ja … winzigem Ausmaß verblüffend hart klang, »und ich werde Ihre Chancen auf einen Erben ernsthaft gefährden.« Burke warf seinem Lakaien einen Blick zu. War es Einbildung oder wurde er gerade vor seiner eigenen Türschwelle, noch dazu auf der Park Lane, der exklusivsten Straße Londons, angepöbelt – und das von einer völlig Fremden? Was es noch schlimmer machte: Von einer jungen Frau, genau von der Sorte, die er auf gesellschaftlichen Anlässen so gewissenhaft mied.

Wer konnte ihm das auch vorhalten? Er fand es immer recht beunruhigend, wenn mitten in der Unterhaltung mit einer dieser Kreaturen – die sich zugegebenermaßen meist sowieso nicht gerade brillant auf die Kunst der Konversation verstanden – deren schwer juwelenbehängte Mutter wie im Sturzflug aus dem Nichts herabstieß, um ihren kleinen Liebling höflich, aber bestimmt aus seiner Reichweite zu entfernen.

Hier jedoch war weit und breit keine juwelenbehängte Mama. Diese junge Frau war allein. Überraschend allein, zumal in einer solch düsteren Nacht, wie er sie lange nicht mehr erlebt hatte. Wo war ihre Anstandsdame? Ohne Zweifel sollte eine so junge Frau eine haben, wenn auch nur um sie davon abzuhalten, einen Gentleman wie ihn mit dem spitzen Ende ihres Schirms zu bedrohen – wie es ihre Angewohnheit zu sein schien.

Was sollte er jetzt tun? Wäre sie ein Mann, hätte Burke ihn mit einem Schlag niedergestreckt, wäre über den reglosen Körper gestiegen und hätte seinen Weg fortgesetzt. Falls notwendig, hätte er ihn auch herausgefordert, um ihm mit großem Vergnügen – entsprechend seiner momentanen Stimmung – eine Kugel in den Kopf zu jagen. Aber sie war kein Mann. Sogar für eine Frau war sie ziemlich klein. Er hätte sie mit Leichtigkeit aus dem Weg heben können, aber eine Frau auf diese Art anzufassen – besonders eine in diesem jugendlichen Alter – konnte zu ungeahntem Ärger führen. Was also sollte er tun?

Perry, dem Burke dummerweise einen Hilfe suchenden Blick zugeworfen hatte, konnte nicht mit der kleinsten Unterstützung aufwarten. Er starrte auch bloß auf die junge Frau, wobei seine vorstehenden Augen fast herauszufallen drohten. Und das nicht einmal wegen der Schirmspitze, die sie vor seinem Herrn schwenkte, sondern beim Anblick ihrer sehr schlanken Fesseln, deutlich sichtbar unter dem durch die Fechterstellung leicht hochgerutschten Rocksaum.

Dämlicher Junge. Morgen würde sich Burke darum kümmern, dass er gefeuert wurde.

»Lassen Sie sie runter«, sagte die junge Frau. »Sofort.«

»Passen Sie mal auf«, hörte Burke sich sagen und klang wesentlich vernünftiger, als ihm zumute war. »Stoßen sie nicht dauernd mit diesem Ding nach mir. Ich werde Ihnen sagen, wer ich bin, zufälligerweise …«

»Ich gebe keinen Pfifferling darauf, wer Sie zufälligerweise sind«, unterbrach ihn die junge Dame ziemlich frech. »Sie setzen dieses Mädchen jetzt ab und dürfen sich glücklich schätzen, wenn ich nicht den Wachmann rufe. Wobei ich nicht sicher bin, ob ich das nicht tun sollte. So etwas Würdeloses habe ich im Leben noch nicht gesehen, ein Mann Ihres Alters, der ein nicht halb so altes Mädchen misshandelt!«

»Misshandeln?« Burke ließ seine Last vor Überraschung beinahe fallen. »Von allen denkbaren Unverschämtheiten! Glauben Sie ernsthaft …«

Isabel, die sich seit dem Auftauchen der schirmbewehrten Furie verdächtig ruhig verhalten hatte, hob ihr verschleiertes Haupt, und eine klagende Stimme – ganz entgegen ihrem sonst so selbstsicheren Tonfall – sagte: »Oh, bitte, helfen Sie mir, Miss. Er tut mir furchtbar weh!«

Das Schirmende bohrte sich in seinen Rockaufschlag, die Metallspitze pikste das Fleisch knapp oberhalb der Herzgegend. Die junge Frau machte sich nicht einmal mehr die Mühe, Burke selbst anzusprechen, sondern drehte den Kopf und sagte zu dem Lakaien: »Stehen Sie nicht einfach so da, Sie ignoranter Idiot, laufen Sie und holen Sie einen Wachmann!«

Perry fiel die Kinnlade herab. Burke musste verärgert mit ansehen, wie sich seines Lakaien Gesicht verzerrte, er mit sich kämpfte, hin– und hergerissen zwischen der Loyalität zu seinem Arbeitgeber und dem Drang, dem entschlossenen Kommandoton des Mädchens zu gehorchen.

»A-aber«, stammelte der idiotische Junge. »Er wird mich rauswerfen, Miss, wenn ich das tue …«

»Rauswerfen?« Die ohnehin schon lächerlich großen, grauen Augen weiteten sich wütend. »Das würden Sie doch wohl vorziehen, nicht wahr, statt wegen Komplizenschaft bei einer Entführung im Gefängnis zu landen?«

Perry wand sich. »Nein, Miss, aber …«

Länger konnte Isabel nicht an sich halten. Burke fühlte sie auf seiner Schulter zittern. Selbst das Walknochenkorsett konnte die wilden Zuckungen ihres Bauchs nicht unterdrücken, als das Lachen aus ihr hervorplatzte.

Doch für das Mädchen mit dem spitzen Schirm klang das Lachen wie Schluchzer. Er sah, wie sich ihr blasses Gesicht, gerahmt von einem ehemals sicher teuren, nunmehr aus der Mode gekommenen Häubchen, verhärtete. Sie riss den Arm zurück, zweifellos, wie es schien, um ihm den Todesstoß zu versetzen.

Er griff nach dem letzten Strohhalm.

»Sehen Sie«, sagte er, schwang Isabel von der Schulter und stellte sie, nicht gerade sanft, neben sich auf die Füße. Dabei ließ er wohlweislich ihr Handgelenk nicht los, – er war ja nicht dumm – um sie von ihrem neuesten Trick abzuhalten, ins Dunkel der Nacht zu entwischen. »Zwar weiß ich nicht, warum ich hier so rüde verleumdet werde – und das ausgerechnet noch vor meiner eigenen Türschwelle –, aber ich bitte Sie, mir zu erlauben, Ihnen zu versichern, dass diese Situation in jeder Hinsicht ehrenhaft ist. Diese junge Frau ist zufällig meine Tochter.«

Der Schirm bewegte sich nicht. Nicht einen Zentimeter.

»Gute Geschichte«, sagte seine Besitzerin trocken.

Burke sah sich nach Wurfgegenständen um. Er befürchtete ernsthaft, gleich einen Schlaganfall zu erleiden. Womit hatte er das bloß verdient? Alles, was er wollte – alles, was er jemals gewollt hatte –, war, Isabel mit einem anständigen Kerl zu verheiraten, der sie nicht schlagen würde und nicht das Geld durchbrachte, was er ihr zugedacht hatte, sodass er – endlich – frei war, einen netten Abend mit einer angenehmen Frau wie Sara Woodhart zu verbringen. Oder mit einem Buch. Ja, einfach nur mit einem Buch vor einem schönen, prasselnden Kaminfeuer. War das wirklich zu viel verlangt?

Offensichtlich schon, solange schirmschwenkende Verrückte die Straßen von London unsicher machten.

Perry öffnete den Mund und sagte – vielleicht zum ersten Mal in seinem beschränkten Leben – etwas wirklich Nützliches. Und zwar: »Ehm, Miss? Sie – die junge Dame – ist seine Tochter.«

Isabel, die mit einem Kicheranfall kämpfte, seit Burke sie auf den Boden gestellt hatte, konnte sich nicht länger beherrschen. Ihr schallendes Gelächter war wahrscheinlich auf der ganzen Straße zu hören.

»Oh«, rief sie fröhlich, »es tut mir wirklich leid! Aber das war so genial, wie Sie Papa mit dem Regenschirm bedroht haben. Ich konnte nicht anders.«

Der Schirm wich ein Stück. Nur ein bisschen, aber merklich.
»Wenn er Ihr Vater ist«, die schmalen Augenbrauen zogen sich unter den dunkelblonden Ponyfransen verständnislos zusammen, »warum, in Gottes Namen, haben Sie so geschrien?«

»Nun ja!« Isabel verdrehte die Augen, als wäre die Antwort offensichtlich. »Weil er darauf besteht, dass ich zu Peagroves Tanzgesellschaft gehe.«

Zu Burkes absoluter Fassungslosigkeit akzeptierte die junge Frau – diese völlig Fremde, diese Verrückte – die Aussage als vollkommen normal. Wie vom Donner gerührt sah er zu, wie sich die Schirmspitze von seiner Herzgegend aus senkte, bis sie auf dem Boden stand.

»Um Gottes willen«, sagte die Frau. »Da können Sie natürlich auf keinen Fall hingehen.«

Isabel streckte die Hand vor und zog eher brutal als verspielt an Burkes Ärmel. »Siehst du, Papa? Ich hab’s dir gesagt!«

Burke war sich jetzt ganz sicher, dass er einem Schlaganfall erliegen würde. Er verstand überhaupt nichts mehr. Vor ein paar Sekunden noch hatte die junge Frau, die vor ihm stand, die Polizei holen wollen. Jetzt diskutierte sie in aller Ruhe gesellschaftliche Aktivitäten mit seiner Tochter, als hätten sie sich zum gemeinsamen Klatsch im Hutgeschäft getroffen und stünden nicht – abends um neun Uhr am nebeligsten Frühlingsabend, den er je erlebt hatte – mitten auf der Park Lane.

»Es ist ein einziges Gedränge«, versicherte die junge Frau seiner Tochter. »Lady Peagrove lädt doppelt so viele Leute ein, wie in ihr Haus passen. Es ist ein Albtraum, auch nur in die Nähe zu kommen. Und niemand, der wirklich bedeutend ist, geht hin. Nur Möchtegerne und Verwandte vom Land, mehr nicht.«

»Ich wusste es.« Isabel stampfte mit ihrem zierlichen Schuh auf, verursachte jedoch nicht das leiseste Geräusch auf dem weichen Teppich, den Perry ausgelegt hatte, damit ihre Schleppe beim Einstieg in die Kutsche nicht den Straßenschlamm mitnähme. »Ich hab’s ihm gesagt. Aber er will ja nicht auf mich hören.«

Burke wurde bewusst, dass man über ihn sprach, als sei er gar nicht anwesend, und wurde immer wütender. »Er hört ja nur auf Miss Pitt«, fuhr Isabel fort. »Und Miss Pitt hat die völlig absurde Idee, dass man unbedingt zu Peagroves gehen muss.«

»Wer ist Miss Pitt?«, fragte die Fremde dreist.

Bevor Burke ein Wort sagen konnte, antwortete Isabel: »Och, sie war meine Anstandsdame. Bis sie vor einer Stunde gekündigt hat, jedenfalls.«

»Anstandsdame? Warum um Gottes willen müssen Sie denn eine Anstandsdame haben?«

»Wenn Sie es unbedingt wissen müssen«, antwortete Burke säuerlich, »weil ihre Mutter tot ist. Deshalb. Wenn Sie uns jetzt entschuldigen würden, Madam …«

»Ha!«, unterbrach Isabel. »Das ist nicht alles, Papa.« Der Fremden vertraute sie an: »Mama ist tatsächlich tot, aber in Wahrheit stellt er Anstandsdamen für mich ein, weil er keine Lust hat, mit mir irgendwo hinzugehen. Er will ja all seine Zeit mit Mrs Woodhart verbringen …«

Burkes Griff um Isabels Arm wurde fester. »Perry«, sagte er, »die Tür, bitte.«

Der Lakai, der der Unterhaltung staunend und mit größerer Aufmerksamkeit gefolgt war, als er sie jemals bei Burkes Anweisungen an den Tag legte, erschrak, so plötzlich angesprochen zu werden. »M-mylord?«, stammelte er.

Burke fragte sich, ob es wohl als brutal angesehen würde, wenn er Perrys Hosenboden einen schwungvollen Tritt versetzte. Würde es wohl, entschied er.

»Die Tür«, knurrte er. »Von der Kutsche. Öffne sie. Jetzt
Der arme Lakai beeilte sich, der Anordnung seines Herrn Folge zu leisten. In der Zwischenzeit plauderte Isabel eifrig weiter, was Burke fast zur Raserei brachte.

»Oh«, sagte sie gerade, »ich habe immer und immer wieder gesagt, zu Lady Ashfort muss man gehen, aber hören sie etwa auf mich? Kein Stück. Es war ja wohl nicht verwunderlich, dass ich zu Miss Pitt unhöflich werden musste. Ich meine, wenn keiner auf einen hört …«

»Oh, ist Lady Ashforts Ball heute?« Die junge Dame stand so nonchalant auf den Griff ihres Schirms gelehnt, als sei er ein Croquet–Hammer und sie stünden auf einer Sommerwiese beim Freundschaftsspiel. »Tja, damit ist es dann wohl entschieden. Lady Ashfort darf man einfach nicht verpassen.«

»Ja, aber das Ganze ist eine Verschwörung, verstehen Sie, um mich von dem Mann fernzuhalten, den ich liebe …«

»In die Kutsche«, unterbrach Burke eisern. Er war stolz auf sich. Er hatte sie noch nicht mit Fußtritten in die Kutsche befördert, was sein erster Impuls gewesen war. Er lernte langsam, sein Temperament zu beherrschen. Und bei Gott, es hatte in den letzten paar Wochen arge Versuchungen gegeben. Aber er hielt sich unter Kontrolle. Wenn sie es nur schaffen würden, dieser redseligen jungen Frau und ihrem Schirm, ohne Blutvergießen zu entkommen, wäre er schon froh.

»Aber Papa.« Isabel sah ihn mit großen Augen an. »Ich dachte, du hättest die Dame gehört. Peagroves Tanzgesellschaft ist einfach nicht …«

»Steig in die Kutsche!«, brüllte Burke.

Isabel stolperte einen Schritt zurück, aber er war schneller. Er fing sie ein und schubste sie – ganz sanft allerdings; selbst die Xanthippe mit dem Regenschirm würde zugeben müssen, dass es wirklich sanft war – in die Kutsche. Sobald das letzte Stück Schleppe verstaut war, drehte er sich um und sagte zu der höchst erstaunten jungen Lady, die auf der Straße stand: »Guten Abend.«

Damit verschwand er in der Kutsche und bellte dem Kutscher zu, er möge sich sputen, was dieser eiligst tat.

Isabel, die sich auf dem Sitz gegenüber erholte, sagte: »Also wirklich, Papa! Es gab keinen Grund, so unhöflich zu sein!«

»Unhöflich!« Er stieß ein tonloses Lachen aus. »Das gefällt mir! Wahrscheinlich war es reine Höflichkeit, dass mich eine völlig Fremde mit ihrem Regenschirm bedroht und die Polizei holen will, als ob ich irgendein entlaufener Sträfling wäre.«

»Sie war keine völlig Fremde«, sagte Isabel und ordnete die endlosen Meter weißer Seide, aus denen ihr Rock bestand. »Sie heißt Miss Mayhew. Ich habe sie schon öfter gesehen, hier und dort auf der Straße.«

»Um Gottes willen.« Burke starrte seine Tochter fassungslos an. »Diese Kreatur wohnt auf der Park Lane? Ich kenne keine Mayhews. Zu wem gehört sie?«

»Zu den Sledges. Sie ist die Gouvernante von diesen verrückten kleinen Jungen.«

»Oh«, meinte Burke etwas besänftigt. Kein Wunder, dass er sie nicht erkannt hatte. Na ja, wenigstens dafür konnte man dankbar sein. Die Frau war bloß eine Gouvernante, sie würde nicht überall in der Nachbarschaft herumerzählen, dass Burke Traherne, dritter Marquis von Wingate, nicht mit seiner dickköpfigen Tochter zurechtkam.

Jedenfalls würde ihr niemand von Bedeutung zuhören. Mit leicht beleidigtem Unterton wollte er jedoch wissen: »Wenn du sie schon öfter gesehen hast, warum zum Teufel, wusste sie nicht, dass du meine Tochter bist? Warum dachte sie, ich wollte dich entführen?«

»Sie hat gerade erst angefangen, dort zu arbeiten«, sagte Isabel und zog sich die Handschuhe an. »Und außerdem, wann sollte sie dich schon sehen? Auf jeden Fall nicht in der Kirche, weil du nach einer Samstagnacht normalerweise erst im Morgengrauen ins Bett gehst.«

Im Licht der Öllampe, die in der Kutsche hing, warf er ihr einen wütenden Blick zu. Es schien ihm nicht angebracht, dass eine Tochter in so vertrauensseligem Ton zu ihrem Vater sprach. Das kam wohl davon, vermutete er, wenn man so jung heiratete. Sein Vater hatte ihn gewarnt. Und er hatte recht behalten. Andere Männer, die – anders als er – mit dem Heiraten gewartet hatten, bis sie die Zwanzig längst überschritten hatten, hatten keine Töchter, die sich ihnen gegenüber einen so leichtfertigen Tonfall anmaßten. Das nahm Burke jedenfalls an. Wegen seiner nicht eben tadellosen Vergangenheit – und dem daher angekratzten Ruf – hatte er nicht allzu viele Bekannte.

Doch er ging davon aus, wenn er männliche Freunde hätte, und die hätten zufällig Töchter, dann wären diese Töchter anmutige, sanftmütige Geschöpfe, Töchter, wie er sie sich immer gewünscht hatte. Diese zügellose Kreatur hingegen hatte bis vor eineinhalb Monaten ein teures Seminar für feine Damen besucht und sprach seitdem beim Dinner in dieser unhöflichen Manier mit ihm.

»Isabel«, er sprach so gleichmütig wie möglich, »was hast du mit Miss Pitt gemacht?«

Isabel musterte interessiert die Decke der Kutsche. »Falls die Kutsche bei Peagroves hält, bin ich weg. Ich warne dich im Voraus.«

»Isabel«, sagte er wieder mit solcher Geduld, dass er sich selbst bewunderte. »Miss Pitt ist die fünfte Anstandsdame, die ich in der gleichen Anzahl von Wochen für dich angestellt habe. Würdest du mir bitte erklären, was du an ihr so inakzeptabel fandest? Sie hatte so gute Zeugnisse. Lady Chittenhouse meinte …«

»Lady Chittenhouse.« Isabels Ekel war offensichtlich. »Was weiß denn die? Keine ihrer Töchter hätte jemals eine Anstandsdame gebraucht. Kein halbwegs vernünftiger Mann würde sich einer von denen auch nur nähern. Solche miserablen Teints habe ich mein ganzes Leben noch nicht gesehen. Man sollte meinen, sie hätten noch nie was von Seife gehört. Es ist ein Wunder, dass überhaupt eine von ihnen verheiratet ist.«

Burke ignorierte das. »Lady Chittenhouse«, fuhr er fort, »hat einen glühenden Empfehlungsbrief für Miss Pitt geschrieben …«

»Ach, hat sie das? Hat sie zufällig auch erwähnt, dass Miss Pitt – abgesehen davon, dass sie mit ihrem ständigen Geschwätz von ihren wertvollen Nichten und Neffen tödlich langweilig ist – dazu neigt, beim Sprechen zu spucken, besonders wenn sie versucht, mir meine – wie sie es nennt – Wildheit auszutreiben? Hat sie das auch geschrieben?«

»Wenn du Miss Pitt derart ungeeignet fandest«, Burke sprach so sanft er konnte, wobei zu berücksichtigen ist, dass er sie am liebsten erwürgt hätte, »warum bist du dann nicht zu mir gekommen und hast mich gebeten, jemand anderen einzustellen?«

»Weil ich wusste, dass du bestimmt jemand noch Schlimmeres findest.« Sie sah aus dem Fenster in die Nebelschleier auf der Straße. »Wenn du wenigstens mich mit den Kandidatinnen sprechen lassen würdest …«

Burke musste über ihren angestrengt beiläufigen Ton schmunzeln. »Und wen würdest du als geeignete Anstandsdame bezeichnen? Jemanden wie diese Miss Mayhew wahrscheinlich, das würde mich nicht wundern.«

»Was ist denn falsch an Miss Mayhew?«, fragte Isabel herausfordernd. »Wenigstens ist sie nicht so unangenehm anzusehen wie diese schreckliche alte Miss Pitt!«

»Du brauchst nicht eine, die angenehm aussieht«, knurrte Burke, »du brauchst jemand Strenges, eine, die dich davon abhält, hinter diesem erbärmlichen Saunders–Jungen herzurennen …«

Sobald diese Worte seine Lippen verließen, wusste er, dass er einen Fehler gemacht hatte. Plötzlich brach auf dem gegenüberliegenden Sitz ein Sturm los.

»Geoffrey ist nicht erbärmlich!«, rief Isabel. »Was du auch merken würdest, Papa, wenn du dir nur einen Moment Zeit nähmest, ihn kennenzulernen …«

Burke verdrehte die Augen und wandte den Blick aus dem Fenster. Unglücklicherweise steckten sie schon im Verkehr fest, und die Kutsche war umlagert von Menschen, die Blumen und bunte Bänder verkauften, von Bettlern und Prostituierten … das übliche Gesindel, welches man abends in den Londoner Straßen sah. Die Fenster waren geschlossen, sodass niemand hineinreichen konnte, aber Burke konnte ihre Hände deutlich sehen, leere Handflächen, ihnen entgegengestreckt, dreckig, gezeichnet von Arbeit und einem harten Leben. Er konnte ein Seufzen nicht unterdrücken. So hatte er sich seinen Abend wirklich nicht vorgestellt. Um diese Uhrzeit wollte er eigentlich in seiner Loge im Theater sitzen. Jetzt konnte er froh sein, wenn er dort war, bevor Sara durch den Bühnenausgang schlüpfte, mitten in die Menge, die jeden Abend dort wartete, um ihr unerreichtes Talent zu verehren …

Das dachte sie zumindest. Burke wusste genau, was sie verehrten, und das hatte recht wenig mit ihrem Talent zu tun.

»Ich muss Mr Saunders nicht erst kennen lernen, Isabel«, sagte Burke wiederum mit mehr Gelassenheit, als er empfand. »Siehst du, ich weiß schon alles, was es über ihn zu wissen gibt, und ich kann nur sagen: Der Tag, an dem dieser Laffe vor unserer Tür steht, ist der Tag, an dem er Blei zu schmecken bekommt.«

»Papa!« Isabel sog den Atem ein und schluchzte. »Wenn du nur zuhören würdest …«

»Ich habe mir dein endloses Geschwätz über Geoffrey Saunders lang genug angehört«, sagte Burke. »Ich will seinen Namen aus deinem Mund nicht mehr hören.« So. Das klang unerbittlich, nach strengem Verbot, so wie Väter sich eben anzuhören hatten. »Und jetzt gehen wir zu Peagroves, weil ich zufällig weiß, dass Mr Saunders dort nicht eingeladen ist.«

Isabel schluchzte erneut, diesmal noch lauter, und sagte in einer Stimme, die ihre tragische Verletztheit offenbarte: »Du meinst, du gehst zu Peagroves. Ich gehe zu Lady Ashfort!«

Und bevor er es kommen sah, hatte sich Isabel gegen die Kutschentür geworfen, schwang sie auf und wand sich in einer solch dramatischen Geste hinaus, dass selbst die unvergleichliche Sara Woodhart vor Neid erblasst wäre.

Burke, plötzlich so allein in der Kutsche, seufzte. Gott bewahre ihn vor jungen und verliebten Frauen. So hatte er den Abend nicht geplant. Er stülpte sich den Hut auf und hievte sich aus der offenstehenden Tür auf die vor Menschen wimmelnde Straße, um seinem Kind zu folgen.

2. Kapitel

Der Hitzeschwall vom Feuer des großen Küchenofens war nicht das Einzige, was Kate Mayhew begrüßte, als sie durch die Tür schlüpfte; Posie, die Dienstmagd, stürzte ihr gleichermaßen entgegen, ein wahrer Wirbelsturm mit spitzenbesetztem Petticoat und rosigen Wangen.

»Oh, Miss«, rief Posie und eilte schnell an die Seite des älteren Mädchens, bevor diese auch nur die Tür schließen konnte. »Stellen Sie sich vor … Das erraten Sie nie!«

»Henry hat schon wieder eine Schlange in die Bademanteltasche seines Vaters getan«, sagte Kate, während sie sich die Handschuhe von den Fingern streifte.

»Nein …«

Kate öffnete die Knöpfe ihres pelzbesetzten Umhangs. »Jonathan hat zu seiner Mutter wieder dieses Wort gesagt.«

»Welches Wort, Miss?«

»Du weißt welches. Das mit f anfängt.«

»Oh nein, Miss, nichts dergleichen. Es geht um jemanden, der im vorderen Salon sitzt und auf Sie wartet.«

»Wenn es Seine Lordschaft ist, so will ich das doch schwer hoffen.« Kate löste die Bänder ihres Häubchens und hängte es auf einen Holzhaken neben der Tür. »Er sollte mich bei der Matinee treffen und ich habe eine Stunde lang die gesamte Umgebung abgesucht.«

»Er sagt, er müsse wohl zur falschen Kirche gegangen sein.« Posie blieb in Kates Spur, als diese sich einen Weg durch die Küche bahnte.

»Der alte Nörgelbuff ist komplett aus dem Häuschen. Und der Master ist auch völlig daneben. Er rennt vor der Salontür auf und ab, als wolle er den Fußboden abtragen, und überlegt verzweifelt, was er sagen soll, wenn er rein geht.«

Kate blieb vor einem Spiegel am Fuß der Treppe stehen. Er hing dort, damit die Mägde ihre Kopfbedeckungen zurechtrücken konnten, bevor sie durch die gepolsterte Tür gingen und sich den Blicken im restlichen Haus preisgaben. Sie versuchte vergeblich, die Haarsträhnen zu bändigen, die ihr in die Stirn gefallen waren. Sie befand es für unnötig, sich in die Wangen zu kneifen, um sie rosig schimmern zu lassen. Das hatte schon die kühle Frühlingsbrise besorgt. Aber ihre Nase glänzte ein wenig. Eine Fingerspitze Mehl aus dem Sack in der Speisekammer, gut eingerieben, löste das Problem auf erstaunliche Weise.

»Armer Freddy«, sagte Kate. »Wie lange ist er schon hier?«

»Fast so lange, wie Sie weg waren.« Posie stand an Kates rechter Seite und sprach zu deren Spiegelbild.

»Oh je«, seufzte Kate. »Ist Mrs Sledge sauer?«

»Natürlich nicht! Sie wird sich morgen aufführen wie eine Maikönigin, wenn die Ladys vom missionarischen Nähzirkel fragen, wem die Kutsche vor der Tür gehörte, und sie antworten kann, es war der Earl von Palmer.«

»Der gekommen ist, um die Gouvernante ihrer Kinder zu besuchen?« Kate richtete die Brosche, die den Spitzenkragen der Bluse zusammenhielt. »Wohl kaum.«

»Das wird sie natürlich nicht sagen. Sie wird es klingen lassen, als wäre er ihretwegen hier gewesen …« Die gepolsterte Tür flog auf, und Phillips, der Butler, erschien am Kopf der Treppe.

Beide Mädchen erschraken. Posie war im Nu an dem großen Holztisch, auf dem ein Sortiment von Kupfertöpfen stand, und begann hastig zu polieren.

Kate hatte weniger Glück. Sie hatte in der Küche keinerlei Pflichten zu erledigen, und – nach Meinung des Butlers – dort auch überhaupt nichts zu suchen.

Angesichts dieser Unverschämtheit also sprach Phillips, die schmale Stiege herabkommend: »Miss Mayhew, ich glaube, ich habe schon mehrmals erwähnt, dass es sicherlich nicht den Erwartungen des Masters entspricht, wenn Sie den Dienstboteneingang benutzen. Als Gouvernante der Kinder ist es durchaus angemessen, dass Sie die Haustür nehmen.«

Kate öffnete den Mund und wollte dem Butler fröhlich mitteilen, dass sie den Dienstboteneingang dem Haupteingang vorzog, hauptsächlich weil – sie wäre jedoch nicht dumm genug, das laut zu sagen – sie dann meist vermeiden konnte, ihm über den Weg zu laufen. Dazu kam sie jedoch nicht; er sprach einfach weiter.

»Und wenn Sie in diesem Falle die angemessene Tür benutzt hätten«, fuhr er mit – wie Kate bemerkte – kaum unterdrücktem Zorn fort, »hätten Sie wohl wahrgenommen, dass Seine Lordschaft, der Earl von Palmer, seit fast zwei Stunden im vorderen Salon auf Sie wartet.«

»Oh, Mr Phillips«, entgegnete Kate, »es tut mir wirklich leid, Lord Palmer wollte mich heute auf einer Matinee treffen, aber wir haben uns wohl verpasst. Ich kann gar nicht beschreiben, wie …«

»In der Zukunft, Miss Mayhew«, Phillips' Stimme klang emotionslos wie die eines Automaten, »wenn Sie wieder Persönlichkeiten von Stand und Rang in dieses Haus einladen: Wären Sie wohl so gut, mich vorher zu informieren? Dann könnte ich nämlich den guten Brandy rechtzeitig dekantieren, um den entscheidenden feinen Unterschied zu erzielen.«

Kate erkannte, dass Phillips außer sich war. Zwar schrie er weder, noch warf er mit Sachen um sich, – ein Mann mit seiner Erfahrung würde sich zu einem solchen Gefühlsausbruch niemals hinreißen lassen – doch die Abwesenheit jeglicher Modulation in seiner Stimme zeigte Kate, wie wütend er war, fast rasend … Und das nur, weil er gezwungen gewesen war, einem Earl einen unzulänglichen Brandy zu servieren. Einem Butler von Phillips Stand war es zuzutrauen, dass er eine solche Schmach nie verwinden würde.

Außerdem würde er Kate diesen Fauxpas niemals verzeihen. Nein, mit ihnen beiden war's das jetzt wohl. Die Tatsache, dass sie eine Katze mit ins Haus gebracht hatte, war für ihn schon eine unverzeihliche Zumutung gewesen. Katzen waren in Phillips Augen dreckige Kreaturen, höchstens für die Rattenjagd im Keller gut. Aber jetzt hatte sie ihn auch noch gedemütigt. Eigentlich konnte sie sich direkt nach einer neuen Stellung umsehen.

»Ehrlich, Mr Phillips«, begann Kate im Wissen um die Zwecklosigkeit ihres Bemühens, aber dennoch entschlossen, es mit Zugeständnissen zu versuchen, »hätte ich irgendeine Ahnung gehabt, ich hätte …«

»Bei mir müssen Sie sich nicht entschuldigen«, sagte der Butler steif. »Es ist der Master, der mit seinem Latein am Ende ist. Er hat sich bemüht, den Earl zu unterhalten, während Sie stundenlang weg waren.«

Kate verzog das Gesicht. Sie konnte schließlich nichts dafür, dass Freddy so hirnlos war, sich eine einfache Adresse nicht merken zu können. Und es war auch nicht ihr Fehler, dass er beschlossen hatte, sich in Sledges Salon niederzulassen, um auf sie zu warten. Und wie konnte Phillips es wagen, mit seinem »während Sie stundenlang weg waren« anzudeuten, dass sie sich sinnlos herumgetrieben hatte; es war schließlich ihr freier Abend. Und an ihrem einzigen freien Abend sollte es ihr wohl gestattet sein …

Aber es hatte keinen Sinn, darüber zu diskutieren. Nicht mit jemandem wie Mr Phillips.

Ihre Röcke anhebend, begann Kate, die Treppe zur gepolsterten Tür zu erklimmen. Sie musste in dem engen Treppenhaus an Phillips vorbeistreifen, aber er ignorierte sie steinern. Das war auch gut so, dachte sie, denn hätte er auch nur ein weiteres Wort gesagt … Sie war in der Laune, etwas Unbesonnenes zu tun. Sie würde dem Ekel sagen, dass sie genau wusste, dass er den guten Claret mit einem minderwertigen Brandy vertauschte und seinem Arbeitgeber dennoch die Rechnung für den teuren präsentierte.

Oder, noch schlimmer, sie würde ihn in den krampfhaft eingezogenen Bauch piksen – eine Angewohnheit, die ihre jungen Schützlinge schon imitierten.

Wie Posie schon gesagt hatte, war Mr Sledge dabei, den orientalischen Läufer vor dem Salon abzutragen. Als er Kates Schritt erkannte, blickte er auf und trat rasch an ihre Seite.

»Oh, Miss Mayhew, ich bin so froh, dass Sie wieder da sind«, brach es aus ihm hervor. »Der Earl – der Earl von Palmer, wissen Sie. Er ist hier drinnen und wartet auf Sie. Ich habe ihm die Zeitung gebracht. Ich hatte sie noch nicht weggeworfen, wissen Sie. Ich dachte, das würde ihm gefallen.«

Kate lächelte zu ihrem Arbeitgeber empor. Cyrus Sledge war – trotz seines verunglückten Namens – kein schlechter Mann. Er war bloß eine etwas trübe Tasse; er hatte eine hässliche Cousine geheiratet, ohne auch nur zu ahnen, dass sie eines Tages ein Vermögen erben würde. Jenes Vermögen, dem nun nicht nur Kate ihren Lohn zu verdanken hatte, sondern auch ein Haufen Missionare und Hunderte Eingeborene in Papua–Neuguinea ihre Schuhe und ihre Bibelexemplare.

»Ich habe mir überlegt«, flüsterte Mr Sledge, »ich könnte doch Seiner Lordschaft eines von Reverend Billings' Traktaten geben, wissen Sie, über die Mission. Glauben Sie, er wäre daran interessiert, Miss Mayhew? Ich habe nämlich festgestellt, dass viele der feinsten jungen Männer des Landes nicht viel Interesse für diejenigen aufbringen, die mit weniger Glück gesegnet sind. Sie haben nur die Jagd und das Theater im Kopf. Ich frage mich oft, ob es daran liegt, dass sie zu wenig wissen. Ihr Bewusstsein ist einfach nicht für die Tatsache erweckt worden, wie schlecht es den Papua–Neuguineern geht, so ganz ohne Jagd und Theater, ganz zu schweigen von einer angemessenen Würdigung Gottes …«

Kate nickte. »Ich stimme Ihnen vollkommen zu, Mr Sledge. Das nächste Mal, wenn Seine Lordschaft vorbeischaut, müssen Sie unbedingt mit ihm darüber sprechen. Ich denke, er wird sehr fasziniert sein.«

Das gewöhnlich recht fahle Gesicht Mr Sledges wurde rot vor Freude. »Glauben Sie wirklich, Miss Mayhew? Bestimmt?«

»Ganz sicher.« Kate nahm seinen Arm und führte ihn von der Salontür weg. »Ich denke sogar, Sie und Mrs Sledge sollten einen Stapel der Traktate von Reverend Billings für Freddy – ich meine natürlich, für Seine Lordschaft – zusammenstellen, damit er sie noch heute Abend lesen kann. Und wenn er das nächste Mal kommt, können Sie beide ein kleines Quiz mit ihm darüber veranstalten.«

Mr Sledge schnappte nach Luft. »Großartige Idee! Ich werde sofort Mrs Sledge Bescheid sagen. Wir haben ein paar wunderbare neue Ausgaben, wussten Sie schon, Miss Mayhew? Alles über die abstoßenden Umstände, unter denen die durchschnittliche Einwohnerin von Papua–Neuguinea gebärt, und wie Reverend Billings sich fieberhaft für die Verbesserung der Bedingungen eingesetzt hat …«

»Oh«, sagte Kate. »Das ist genau das Richtige für Seine Lordschaft.«

Mr Sledge eilte von dannen, eifrig die Hände reibend. Kate unterdrückte ihr Lachen, warf die Salontür auf und sagte: »Tja, Freddy, nun bist du dran. Mr Sledge sucht seine Traktate raus, auch die übers Gebären.«

Der große, blonde Mann, der vor dem Kaminfeuer stand, drehte sich schuldbewusst um. Kate entdeckte den Grund dafür schnell. Er hatte die Zeitungen ihres Arbeitgebers bestens zum Zeitvertreib genutzt, indem er sie Stück für Stück zu kleinen Kugeln knüllte, die er dann ins Feuer schnipste. Sie flammten auf, bevor der Sog sie den Kamin hinaufbeförderte. Auf diese Weise hatte er sich durch die Gesellschaftsseiten gearbeitet und begann gerade mit dem Wirtschaftsteil, als Kate eintrat.

»Also wirklich, Freddy«, sagte sie beim Anblick der traurigen Überreste der Zeitung, die Phillips erst am Morgen sorgfältig mit einem heißen Bügeleisen bearbeitet hatte, um die noch feuchte Druckerschwärze zu trocknen. »Du bist schlimmer als Jonathan Sledge und der ist fünf Jahre alt.«

Frederick Bishop, der neunte Earl von Palmer, streckte sein markantes Kinn vor und sagte: »Tja, Kate, es hat ja auch ewig gedauert, bis du hier warst. Ich musste mich doch irgendwie beschäftigen.«

»Es würde dir wohl nie einfallen, eine Zeitung vielleicht mal zu lesen«, sagte sie und beugte sich herab, um den Haufen zerknüllter Druckerzeugnisse zu glätten. »Zerfetzen, klar, aber nur nicht ansehen.«

»Was gibt's da schon zu lesen?«, wollte Freddy wissen. »Bloß langweiliges Zeug über den Ärger in Indien, was weiß ich. Viel wichtiger, Kate, was hat dich so lang aufgehalten? Stunde um Stunde warte ich hier schon. Ich war bei dieser Kirche und da gab es kein Konzert. Da war nur die Frau des Vikars, ein schreckliches, gemeines Wesen, die für irgendein Festival verdorrte Zweige an einer Mauer aufhängte. Sie war völlig unverschämt, als ich fragte, wann Mahler gespielt wird. Wenn ich so darüber nachdenke, sah sie selbst aus wie ein verdorrter Zweig.«

»Du bist schon wieder zur falschen Kirche gegangen. Und es war nicht Mahler, sondern Bach.« Kate ließ sich auf einen der harten, formell wirkenden Stühle der Sledges sinken. »Die Polonaise war wunderbar.«

»Zum Teufel mit der Polonaise«, sagte der Earl von Palmer wütend.

»Also wirklich, Freddy«, lachte Kate.

»Ist mir egal«, Freddy fläzte sich auf den Stuhl ihr gegenüber. »Ich habe das Konzert verpasst, und jetzt ist es zu spät, dich zum Abendessen auszuführen. Die dämlichen Sledges werden sich bald zur Ruhe begeben und dann musst du auch gehen. Und du hast erst nächste Woche wieder einen freien Abend. Also, zum Teufel mit der Polonaise!«

Kate lachte wieder. »Du bist selber schuld, weißt du? Wann wirst du endlich anfangen, dir Adressen zu notieren, um sie zu behalten?«

»Wenn du aufhörtest, so ein Dickkopf zu sein, und mich heiraten würdest, bräuchte ich mir keine Adressen aufzuschreiben – du wärst ja immer da, mich zu erinnern«, sagte Freddy in einem Anflug von Gerissenheit.

»Tja«, sagte sie fröhlich, »du fängst das ja sehr geschickt an. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es in London ein Mädchen gibt, das einem Mann widerstehen kann, der sie als Dickkopf beschimpft.«

Freddy zupfte an einem Ende seines dicken, goldfarbenen Schnurrbartes. »Du weißt, was ich meine. Warum musst du so störrisch sein?«

»Ich bin nicht störrisch, Freddy«, meinte Kate. »Du weißt, dass ich dich gern habe. Aber nicht so, wie eine Ehefrau ihren Mann gernhaben sollte. Ich meine – ich bin nicht verliebt in dich.«

»Woher willst du das wissen?«, fragte Freddy. »Du warst noch nie verliebt.«

»Nein«, gab Kate ehrlich zu. »Aber ich habe schon sehr viel in Büchern darüber gelesen, und …«

Freddy machte ein unhöfliches Geräusch. »Du und deine Bücher!«

»Du solltest mal versuchen, eins zu lesen«, sagte Kate in mildem Tonfall. »Es könnte dir gefallen.«

»Das bezweifle ich. Und überhaupt, wozu ist es wichtig, dass du in mich verliebt bist? Ich bin in dich verliebt, das ist es, was zählt. Und du könntest schließlich immer noch lernen, mich zu lieben«, sprach er, langsam warm geworden. »Ehefrauen machen das ständig. Und du bist bestimmt besser darin als die meisten Frauen meiner Freunde. Du hast eine schnelle Auffassungsgabe. Zum Beispiel haben alle gesagt, dass du keine fünf Minuten als Gouvernante überstehst, und sieh mal, wie gut du es hinbekommen hast.«

»Wer hat gesagt, ich überstehe keine fünf Minuten?«, verlangte Kate zu wissen, aber der Earl winkte ihre beleidigte Frage mit einer Handbewegung ab.

»Ich kann sehr liebenswert sein, musst du wissen«, teilte er ihr mit. »Virginia Chittenhouse war im letzten Frühling verrückt nach mir. Ich versichere dir, sie hat jämmerlich geheult, als ich ihr erklärte, dass mein Herz auf immer dir gehört, obwohl du außer deinem Namen keinen Pfifferling mehr hast und obwohl du dir in deinem fortgeschrittenen Alter eine beißend scharfe Zunge zugelegt hast.«

»Du hättest Virginia Chittenhouse nicht abwimmeln sollen«, sagte Kate, immer noch indigniert. »Sie hat wohl kaum eine beißend scharfe Zunge, und soweit ich weiß, ist sie gerade zu fünfzigtausend Pfund gekommen.«

Der Earl von Palmer stand auf und machte eine dramatische Geste. »Ich brauche keine fünfzigtausend Pfund! Ich brauche dich, Kate Mayhew!«

Kate beschlich ein Verdacht. »Wie viele Gläser hast du von Mr Sledges Brandy konsumiert, während du auf mich gewartet hast, Freddy?«

»Du musst sofort diese Gouvernanten-Sklaverei aufgeben und mit mir nach Paris durchbrennen«, erklärte Freddy.

»Mein Gott, Freddy, wir würden uns an die Kehle gehen, noch bevor wir in Calais ankommen, und das weißt du. Ich hoffe ernsthaft, dass du betrunken bist. Es ist die einzige logische Erklärung für dieses extrem unpassende Verhalten.«

Der Earl sank resigniert auf seinen Stuhl zurück. »Ich bin nicht betrunken. Ich bin bloß vor Langeweile fast verrückt geworden, als ich auf dich gewartet habe. Dieser Dummkopf Sledge kam alle fünf Minuten rein, um zu fragen, ob ich etwas brauche. Er hat versucht, sich mit mir über irgendein poppendes neues Guinness zu unterhalten.«

»Papua-Neuguinea«, korrigierte Kate ihn lächelnd.

Freddy machte eine wegwerfende Geste. »Was auch immer. Wo bist du gewesen, Kate? Das Konzert sollte um neun Uhr zu Ende sein.«

»Ich bin so schnell zurückgekommen, wie es möglich war. Ich musste den Omnibus nehmen, weil mir ja der Luxus deiner Kutsche versagt geblieben ist. Schließlich bist du nicht aufgetaucht.« Sie warf ihm einen tadelnden Blick zu und wollte weiteren Heiratsanträgen aus dem Weg gehen, indem sie noch hinzufügte: »Oh, das habe ich fast vergessen, ich bin auf dem Heimweg in eine außergewöhnliche Szene hineingeplatzt. Direkt hier draußen – mitten auf der Park Lane – habe ich gesehen, wie sich ein Mann eine junge Frau über die Schulter warf und versuchte, sie in eine vierspännige Kutsche zu stecken.«

Der Earl von Palmer rutschte auf seinem Stuhl herum und sein trotziger Gesichtsausdruck verdunkelte sich. »Das hast du dir jetzt ausgedacht. Du willst mich nur vom Heiratsthema abbringen. Nun, Kate, das wird dir nicht gelingen. Dieses Mal bin ich fest entschlossen. Ich habe es sogar meiner Mutter erzählt. Sie war nicht gerade begeistert, aber sie sagte, wenn ich unbedingt eine Dummheit begehen will, könne sie mich nicht davon abhalten.«

Kate beschloss, den letzten Satz zu ignorieren. »Ich schwöre dir, es ist die Wahrheit. Es war absolut unglaublich. Ich musste den Kerl mit der Spitze meines Regenschirms bedrohen, damit er sie absetzte.«

Freddy blinzelte. »War es ein Araber?«

»Ganz bestimmt nicht. Er war ein Gentleman – wenigstens gab er das vor. Er war jedenfalls so angezogen, in Abendgarderobe, und er hatte einen Haufen unterbelichteter Lakaien um sich. Er war ziemlich groß, mit sehr breiten Schultern und wilden dunklen Haaren und einem olivfarbenen Teint …«

»Ein Araber!«, rief Freddy aufgeregt.

»Oh, Freddy, er war kein Araber.«

»Woher willst du das wissen? Es könnte einer gewesen sein.«

»Erstens hat er in perfektem Queens–Englisch mit mir geredet, ohne eine Spur von Akzent. Und zweitens, einer seiner idiotischen Diener hat ihn ›Mylord‹ genannt. Und er hatte die außergewöhnlichsten grünen Augen, die ich je gesehen habe. Araber haben dunkle Augen. Seine waren hell, fast glühend, wie die einer Katze.«

Freddys Kiefermuskulatur spannte sich an. »Na, du hast ihn dir ja genauestens angesehen.«

»Natürlich habe ich das! Er stand bloß einen guten Meter von mir entfernt und so dicht war der Nebel auch wieder nicht. Außerdem kam Licht aus dem Haus.«

»Welches Haus?«

»Keine zwei Türen weiter.« Kate zeigte in Richtung der Wand links von ihnen.

Der Earl von Palmer entspannte sich sichtlich. »Oh«, sagte er und rollte die Augen, »Traherne

»Wie bitte?«

»Traherne. Er hat das Haus des alten Kellog für diese Saison gemietet. Es ist die erste für seine Tochter.«

»Ja, es hat sich herausgestellt, dass das Mädchen, das er so abscheulich behandelt hat, seine Tochter ist. Eine recht dickköpfige junge Person.«

»Isabel«, meinte Freddy und unterdrückte ein Gähnen. »Ja, ich habe sie schon öfter hier und dort gesehen. Offensichtlich ist sie genauso wild wie ihr Vater. Letztens hat sie eine öffentliche Szene veranstaltet, als sie sich in der Oper diesem mittellosen zweiten Sohn irgendeines Niemands an den Hals geworfen hat. Es war unerträglich peinlich, selbst für einen so abgestumpften Beobachter menschlichen Verhaltens wie mich. Kein Wunder, dass ihr Vater da manchmal etwas härter vorgeht.«

Kate runzelte die Brauen. »Traherne? Ich habe noch nie von einem Lord Traherne gehört. Ich habe mich länger nicht mehr in Gesellschaftskreisen bewegt, ich weiß, aber …«

»Nicht Traherne. Wingate. Burke Traherne ist der zweite Marquis von Wingate. Oder der dritte, was auch immer. Wie man sich das alles merken soll, habe ich immer noch nicht …«

»Wingate? Klingt vertraut.«

»Tja, das sollte es auch. Der Mann hat einen ziemlichen Skandal verursacht – obwohl du damals vermutlich noch zur Schule gingst. Ich war auf Eton. Ich kann mich erinnern, wie unser beider Eltern sich beim Dinner darüber unterhalten haben. Na ja, solche Sachen machen halt immer die Runde …«

»Was für Sachen?« Kate konnte Klatsch nicht leiden; sie hatte seinerzeit mehr als genug für die Klatschsucht der Gesellschaft herhalten müssen. Dennoch, diese Augen waren nicht leicht zu vergessen.

»Die Wingate–Scheidung. Man hat damals monatelang über nichts anderes gesprochen. Die Zeitungen waren voll davon …« Freddy verzog das Gesicht. »Nicht, dass ich sie lese, aber man kann schließlich nicht umhin, die Schlagzeilen zu sehen, wenn man sie zerreißt, nicht wahr?«

»Scheidung?« Kate schüttelte den Kopf. »Nein. Du musst etwas verwechselt haben. Die junge Dame – Isabel – sagte mir, ihre Mutter sei tot.«

»Ist sie auch. Starb ohne einen Penny auf dem Kontinent, nachdem Traherne damit fertig war, sie und ihren Liebhaber vor die Gerichte zu schleifen.«

»Liebhaber?« Kate riss die Augen auf. Sie konnte nicht anders. »Freddy!«

»Oh ja, es war ein ordentlicher Skandal«, sagte Freddy zufrieden. »War in einem absurd jugendlichen Alter, als er geheiratet hat, dieser Traherne, eine Liebesheirat, mit der einzigen Tochter des Duke of Wallace. Elisabeth hieß sie, glaube ich. Jedenfalls stellte sich heraus, dass es nur von seiner Seite eine Liebesheirat war. Noch nicht einmal ein Jahr nach Isabels Geburt erwischte Traherne sie – Elisabeth natürlich – in voller Aktion mit irgendeinem irischen Dichter oder so, in seinem eigenen Haus – Trahernes Haus natürlich – bei einem Ball, den sie gaben. Er warf den Kerl aus dem Fenster im zweiten Stock, soweit ich weiß, und ist am nächsten Tag direkt zum Anwalt gesaust.«

Kate schnappte nach Luft. »Oh Gott. Ist er gestorben?«

»Traherne? Natürlich nicht. Ich bin ziemlich sicher, dass er es ist, den du heute Abend gesehen hast. Er hat sich seit damals sehr zurückgezogen, verständlicherweise – eine Gastgeberin, die auf sich hält, würde ihn sowieso nicht einladen. Aber ich schätze, ihm ist klar geworden, dass er sich jetzt wieder in der Gesellschaft blicken lassen muss, wenn er diese kleine Höllenbraut jemals unter die Haube bringen will.«

Kate atmete tief durch, um nicht die Geduld zu verlieren. Ihre lange Bekanntschaft mit dem Earl von Palmer hatte sie besser für eine Laufbahn als Lehrerin qualifiziert, als das eine formale Ausbildung vermocht hätte.

»Ich meinte«, sagte sie ruhig, »ist der Liebhaber seiner Frau gestorben, als Lord Wingate ihn aus dem Fenster warf?«

»Ach so«, meinte Freddy. »Nö, gar nicht. Er hat sich erholt und die Frau geheiratet, nachdem die Scheidung durch war. Natürlich konnte sich keiner der beiden mehr in England blicken lassen. Niemand wollte noch mit ihnen zu tun haben, nicht einmal ihre eigenen Familien.«

»Und das Kind?«

»Das Kind? Du meinst Isabel? Na ja, Traherne hat sie aufgezogen, natürlich. Du kannst doch nicht glauben, dass er das seiner Frau überlassen hätte. Das heißt, seiner Exfrau. Ich glaube nicht, dass sie ihr Kind jemals wiedergesehen hat. Das wird er schon zu verhindern gewusst haben. Vor Kurzem erst gab es noch einen kleinen Aufruhr, weil der alte Wallace – der Vater von Elisabeth – seine Enkeltochter sehen wollte und Traherne es verboten hat. Sehr hässlich, das Ganze, muss ich sagen.«

»Absolut.« Kate verzog angeekelt das Gesicht.

»Eine wirklich schreckliche Geschichte.«

»Es wird noch schlimmer«, sagte Freddy freudig.

»Besten Dank, ich will's gar nicht hören.« Kate hob abwehrend die Hand.

»Aber es ist wirklich gut, ich bin sicher, es wird dir gefallen, Katie.«

Sie senkte die Hand und bedachte ihn mit einem warnenden Blick. »Du weißt, ich hasse Klatsch, Freddy. Erst recht, wenn es um die sogenannte feine Gesellschaft geht. Nichts langweilt mich mehr als die Zwiste und Zänkereien derer, die über absurden Reichtum verfügen.«

Freddy grinste erfreut. »Oh, führen wir jetzt eine Diskussion? Ich liebe es, mit dir zu diskutieren, Katie. Es ist wie in alten Zeiten.«

Kate sah ihn zornig an. »Nein, das ist es nicht. Weil es nichts zu diskutieren gibt. Es gibt bei diesem Thema keine zwei möglichen Standpunkte. Mir wird schlecht, wenn ich höre, wie wohlhabende, gebildete Menschen unfähig sind, sich besser zu benehmen als … als Straßenköter!«

»Das ist aber ein bisschen hart für den armen Traherne«, wies Freddy sie zurecht. »Wie ich gehört habe, hat er sich niemals vom Betrug seiner Frau erholt. Er ist zu einem kalten, verbitterten Schatten seines vormals lebhaften und lebensfrohen Wesens geworden.«

»Für mich sah er aber extrem lebhaft aus«, sagte Kate und dachte daran, mit welcher Leichtigkeit er sich seine Tochter über die Schulter geworfen hatte – die schließlich kein Fliegengewicht war, denn sie war einige Zoll größer als Kate und sicher um etliche Pfund schwerer.

»Oh, Mangel an weiblicher Gesellschaft hat er nicht«, versicherte Freddy. »Wie ich so mitbekommen habe, ist seine neueste Flamme Sara Woodhart. Ich hab dir doch von ihr erzählt, ich habe sie letzten Monat in Macbeth gesehen.«

Kate trennte sich von der Erinnerung an die kraftvolle Figur des Marquis und sagte: »Stimmt. Seine Tochter hat etwas von einer Mrs Woodhart erwähnt, mit der ihr Vater jetzt lieber zusammen sei, statt von Ball zu Ball hinter ihr herzutrotten.«

»Deswegen hat er ja auch eine Kompanie von Anstandsdamen für sie angestellt, die auf sie aufpassen sollen. Was scheinbar nicht so gut klappt, wie ich beobachtet habe.«

Kate schüttelte den Kopf. »Er sollte wieder heiraten. Langfristig wäre das billiger für ihn. Und ich bin sicher, dass sich in der Horde der Gesellschaftsdämchen dieser Saison eine finden würde, die dumm oder gierig genug ist, seine Tändeleien mit geistlosen Schauspielerinnen zu tolerieren.«

»Nur dass er der Ehe auf immer abgeschworen hat. Das weiß auch jeder. Er sagt, die Ehe habe sein Leben ruiniert und das werde er bestimmt nicht noch einmal mitmachen, besten Dank.«

»Oh«, sprach Kate mit wissendem Blick. »Wie originell. Ein reicher, gut aussehender Adliger, der der Ehe abgeschworen hat. Da ist doch sicherlich jede infrage kommende junge Dame in London ganz wild darauf, ihn davon wieder abzubringen.«

»Ha, siehst du?« Freddy grinste breit, lehnte sich vor und tätschelte ihre Hand. »Das war doch gar nicht so schlecht, oder? Du warst ganz gut. Ich bin ausgenommen stolz auf dich.«

Nachdem sie ihn zuerst verstört angeblinzelt hatte, verstand sie. Sie ballte die Hand, die er getätschelt hatte, zur Faust und sprang vom Stuhl auf.

»Das war nicht fair.« Sie drehte den Kopf von ihm weg und nahm eine steife Haltung ein.

»Doch, natürlich.« Freddy schien ihre Verärgerung nicht zu bemerken. Er gähnte und streckte sich vor dem Feuer. »Es war eine schöne Klatschrunde. Ich fühle mich wirklich wie in alten Zeiten.«

»Hör auf«, sagte Kate in Richtung Wand. Sie sprach so leise, dass er aufsah und erst jetzt merkte, dass sie aufgestanden war. Er sah sie verwundert an. »Es kann nie mehr so sein wie früher. Das weißt du doch.«

»Also Katie«, Freddy starrte, leicht alarmiert, auf ihren Rücken. »Jetzt fang nicht an, alles wieder auseinanderzunehmen …«

»Freddy? Wie sollte ich das nicht tun?« Ihre Stimme war fest, ohne das kleinste Zittern.

»Katie«, sagte der Earl sanft. »Tu's nicht.«

»Ich kann nichts dagegen machen. Ich denke ständig daran. Vorgestern habe ich sogar …«

»Hast du sogar was?«, fragte Freddy.

»Oh.« Sie schüttelte den Kopf. Als sie sich wieder zu ihm drehte, schienen ihre Augen unnatürlich hell. »Nichts.«

»Kate.« Seine Stimme klang ernst; der neckende Tonfall war verschwunden. »Sag's mir.«

Sie zuckte die Schultern und konnte ihn nicht ansehen: »Ich dachte, ich hätte ihn wiedergesehen.«

Er blinzelte. »Dachtest, du hättest wen gesehen?«

»Daniel Craven.« Die Worte, die von ihren Lippen kamen, klangen schwer; jede Silbe wie ein Ziegelstein, der zu Boden fällt. »Ich dachte, ich hätte Daniel Craven gesehen.«

Freddy war schon aufgesprungen, bevor sie zu Ende gesprochen hatte. Er kam zu ihr und nahm ihre Hand in seine. »Kate«, sagte er sanft. »Wir haben darüber schon so oft gesprochen.«

»Ich weiß«, sagte sie. Ihr Blick war auf den Teppich geheftet. »Ich weiß. Aber ich kann nichts dafür. Ich habe ihn gesehen, Freddy.«

»Du hast jemanden gesehen, der ihm ähnlich sieht. Das ist alles.«

»Nein

Kate entzog ihm ihre Hand, ging zum nächsten Fenster und teilte die Samtvorhänge. Blinden Auges sah sie auf die nebelverhangene Straße.

»Er war es«, sagte sie. »Ich weiß, dass er es war. Und obendrein, Freddy, ist er mir auch noch gefolgt.«

»Er ist dir gefolgt?« Freddy eilte an ihre Seite. »Wohin ist er dir gefolgt?«

»Genau hierhin, auf die Park Lane. Ich war mit den Jungen unterwegs …«

»Daniel Craven«, meinte Freddy skeptisch. »Daniel Craven, den niemand seit sieben Jahren in London gesehen hat, ist dir ausgerechnet diese Straße entlang gefolgt?«

»Es ist mir bewusst, dass das absurd klingt.« Kate ließ den Vorhang zurück vor das Fenster fallen und drehte sich wieder dem Feuer zu. »Du denkst, dass ich verrückt bin. Vielleicht bin ich es ja auch …«

Sichtlich besorgt betrachtete Freddy sie. »Nicht, dass ich dir nicht glaube, Kate. Es ist nur …«

Sie stand inmitten des Feuerscheins und nestelte an der Lehne ihres Stuhls herum. »Es ist nur was?«, fragte sie, ohne ihn anzusehen.

»Na ja, und wenn es wirklich Daniel Craven war. Du kannst doch nicht immer noch glauben, dass er etwas mit dem Tod deiner Eltern zu tun hat, oder? Ich dachte, wir hätten das geklärt. Was stellst du dir denn vor?« Er schüttelte den Kopf. »Dass er nach sieben Jahren zurückgekommen ist, um dich auch noch zu erledigen?«

Kate schob das Kinn vor. »Ja. Genau das habe ich gedacht. Es tut mir leid, falls du das albern findest.«

»Nun komm schon, Kate«, rief Freddy. »Sieh mich nicht so an. Du weißt doch, es gibt nichts auf der Welt, wirklich gar nichts, was ich nicht für dich tun würde. Aber diese Spinnerei über Daniel – du weißt, was die Leute damals darüber gesagt haben.«

Mit verdüsterter Miene ließ sich Kate wieder auf ihren Stuhl sinken. »Natürlich weiß ich das noch. Alle dachten, ich hätte es mir ausgedacht. Ich hatte vergessen, dass du einer von ihnen warst«, fügte sie voller Bitterkeit hinzu.

»Kate, also wirklich«, sagte er in sanft rügendem Tonfall. »Du hast schon immer sehr viel Fantasie gehabt. Das ist auch gar nicht schlimm, im Gegenteil. Ich bin sicher, bei deinen kleinen Schützlingen ist es sehr nützlich, aber …«

»Schon gut.« Kate senkte müde die Lider. »Schon gut. Ich kann Daniel Craven gar nicht gesehen haben. Ich werde es nicht wieder erwähnen. Aber was dich betrifft … du musst damit aufhören, mir Anträge zu machen. Ich kann es nicht mehr ertragen. Wirklich nicht. Ich meine, abgesehen davon, dass ich nicht in dich verliebt bin, will ich nichts mehr mit diesen Leuten zu tun haben …«

»Diese Leute«, echote Freddy. »Die feine Gesellschaft, meinst du?«

»Ich habe nie irgendetwas Feines an ihnen entdeckt«, sagte Kate steif. »Oder etwas Freundliches und Zuvorkommendes. Mein Gott, Freddy, ich bin ziemlich sicher, dass mich Cyrus Sledges Papua–Neuguineer mit mehr Mitgefühl behandelt hätten, als deine Mutter oder diese ganzen Leute, die vorgaben, meine Freunde zu sein, es jemals getan haben. Ich würde eine Gesellschaft, die nichts Besseres zu tun weiß, als über mich zu tuscheln, ja, mich für das verantwortlich zu machen, was mein Vater getan hat, wohl kaum als fein oder höflich bezeichnen …«

»Zur Hölle!«

Diesmal war es der Earl, der durch den Raum streifte, die Fäuste in den Hosentaschen geballt. »Ich bin gekommen, um dich auszuführen und dir einen schönen Abend zu machen, Kate«, erklärte er. Er stand hinter einem Tisch voller ausgestopfter Vögel unter halbrunden Glasbehältern. »Du solltest vergessen können, wenigstens für eine kurze Zeit. Wie kommt es nur, dass, je mehr ich versuche, dich abzulenken, wir es immer wieder schaffen, bei diesem Thema zu landen?«

Kate drehte sich auf dem harten Stuhl herum, um ihn anzusehen. Ein kleines Lächeln spielte um ihre Lippen. »Wie das kommt? Freddy, sieh dich doch um! Wir sitzen hier im Salon anderer Leute, weil ich keinen eigenen mehr habe und mich aus Angst vor dem, was deine Mutter sagen könnte, nicht in deinen wagen würde. Freddy, ich bin der lebende Beweis dafür, dass die Götter die Sünden der Väter auf die Kinder übertragen …«

»Ich dachte«, unterbrach Freddy, »dass du die Bibel nicht leiden kannst. Du hast immer gesagt, es gäbe zu wenig weibliche Rollen, als dass sie interessant sein könnte …«

»Das war kein Bibelzitat, Freddy, das war Euripides. Hast du denn niemals in der Schule aufgepasst?«

Freddy ignorierte die Frage. »Mir ist danach, irgendetwas zu zertrümmern«, erklärte er laut.

»Na dann«, sagte Kate, »gehst du wohl besser. Ich kann es mir nicht leisten, entlassen zu werden. Die Sledges sind zwar zum Gähnen langweilig, aber wenigstens sind sie freundlich, was ich lange nicht von allen meinen vergangenen Arbeitgebern sagen kann.«

»Zur Hölle«, sagte Freddy wieder und wandte sich gerade zum Gehen, als sich der Türknopf drehte und ein sehr nervös wirkender Cyrus Sledge den Kopf hereinsteckte.

»Oh, mein lieber Lord Palmer«, sagte er und wedelte mit einer Hand voll Pamphlete, »ich sehe, Sie wollen gehen. Bevor Sie das tun, bitte, nehmen Sie einige dieser Traktate. Wenn Sie möchten, meine ich. Sie erleuchten vorzüglich ein Thema, von dem ich sicher bin, dass es einen jungen Mann wie Sie faszinieren wird. Das unglückselige Schicksal der Papua–Neuguineer …«

Der Gesichtsausdruck des Earls sagte Kate, dass ihr Brotgeber besser daran täte, die Traktate bis zum nächsten Mal aufzusparen. Sie beeilte sich, aufzustehen und ihm das zu Bewusstsein zu bringen.

»Oh, Mr Sledge«, sagte sie. »Lord Palmer geht es nicht so gut. Er hat ein wenig Kopfschmerzen. Vielleicht ein anderes Mal …«

»Kopfschmerzen?« Cyrus Sledge maß die robuste Erscheinung des Earls mit einem schiefen Blick. »Wissen Sie, wie die Papua–Neuguineer Kopfschmerzen kurieren, Sir? Sie kauen eine bestimmte Baumrinde, spucken die vorverdauten Stücke in ein großes Lehmgefäß mit einem Deckel von mastoider Form, dessen Inhalt einige Tage in der Hitze fermentiert …«

»Kate«, sagte Freddy mit erstickter Stimme.

Kate legte beruhigend eine Hand auf seinen Arm. »Es ist alles in Ordnung, Freddy«, sagte sie sanft. »Wenn Sie mich entschuldigen, Mr Sledge, ich bringe Seine Lordschaft nur kurz zur Tür.«

»Er hat ›mastoid‹ gesagt, Kate«, zischte Freddy, während sie ihn zur Tür lotste, wo Phillips bereits mit Hut, Stock und Umhang des Earls wartete. »Er hat ›mastoid‹ gesagt!«

»Es ist nicht, was du denkst, Freddy. ›Mastoid‹ heißt ›warzenartig‹. Das ist alles.«

»Oh.« Erleichtert ließ Freddy den Butler den Umhang um seine Schultern drapieren. »Ich dachte … ich dachte …«

»Ich weiß, was du dachtest«, sagte Kate. »Denk nicht mehr dran.« Sie reichte ihm Stock und Handschuhe, während er seine Kopfbedeckung fest auf das kurze blonde Haar drückte. »Ich sehe dich nächste Woche. Hol mich um sieben Uhr ab.«

Freddy nickte. »Ja, das ist wohl besser. Es klappt ja doch nicht, wenn wir versuchen, uns irgendwo zu treffen.«

»Nein«, stimmte sie zu. »Nicht, wenn du nie daran denkst, eine Adresse zu notieren. Gute Nacht, FrBalustrade im ersten Stock und fragte mit trällernder Stimme: »Hat er die Traktate mitgenommen, mein Liebster?«

Cyrus Sledge sah bedrückt auf die Pamphlete herab, die er in der Hand hielt. »Nein, mein Liebling«, rief er traurig zurück, »hat er nicht.«

Angesichts dieser Enttäuschung konnte Kate nicht anders, als zu behaupten: »Doch, hat er wohl. Als Sie nicht hingeschaut haben, habe ich ein paar von denen, die auf dem Tischchen beim Eingang lagen, in die Tasche Seiner Lordschaft gesteckt.«

Mrs Sledge sog hörbar den Atem ein. »Dann wird er sie wahrscheinlich noch heute Abend finden, wenn er sich auskleidet!«

Kate schaffte es auf bewundernswerte Weise, ein unbewegtes Gesicht zu machen. »Das ist höchstwahrscheinlich, Madam«, sagte sie.

»Und er wird sie noch lesen, bevor er schlafen geht.« Mr Sledge war glücklich. »Und wenn er eingeschlafen ist, wird Seine Lordschaft von den Papua–Neuguineern träumen! Meinen Sie nicht, Miss Mayhew?«

»Ich kann mir kaum vorstellen, dass er von etwas anderem träumen kann«, sagte Kate ehrlich, »wenn er die Traktate gelesen hat.«

Die Sledges zogen sich in ihr Gemach zurück, wobei sie sich gegenseitig beglückwünschten, einen neuen Anhänger des wundertätigen Reverend Billings geworben zu haben. Damit ließen sie Kate mit Butler Phillips allein zurück.

»Miss Mayhew«, sprach Mr Phillips, während er die Vordertür abschloss.

»Ja, Mr Phillips?«, antwortete Kate vorsichtig.

»Am früheren Abend, als wir unten ein paar Worte wechselten …«

Sie konnte es kaum fassen, war er tatsächlich im Begriff, sich für seine Unverschämtheiten zu entschuldigen? Misstrauisch fragte sie: »Ja, Mr Phillips?«

»… habe ich vergessen, etwas zu erwähnen.« Er drehte sich um und sah sie an. »Könnten Sie in Zukunft dafür sorgen, dass diese Kreatur, die Sie besitzen, auf Ihr eigenes Zimmer beschränkt bleibt? Heute Morgen habe ich einen Haarballen in einem meiner Schuhe entdeckt.«

Ohne ein weiteres Wort drehte er sich um und steuerte die gepolsterte Tür an.

Kate fühlte sich plötzlich sehr müde. Sie lehnte sich gegen die Wand. Gut, dachte sie bei sich. Ab jetzt würde sie sich an ihren freien Abenden nur noch in ihrem Zimmer einschließen, allein mit einem Buch.

3. Kapitel

Es war bereits weit nach Mitternacht, als Burke an die Tür von Sara Woodharts Appartement in der Dorchester Street klopfte. Trotzdem sollte sie eigentlich nicht so lange brauchen, um zu öffnen. Schließlich verließ sie das Theater normalerweise nicht vor elf. Sie konnte unmöglich schon zu Bett gegangen sein, obwohl … Burke zog während des Wartens die Taschenuhr aus seiner Westentasche und kniff die Augen in dem schwachen Flurlicht zusammen.

Na gut, es war doch schon drei Uhr vorbei. Dennoch … Sara ging nie vor fünf schlafen. Er musste es wissen, er war es schließlich, der sie in den letzten Wochen wach gehalten hatte.

Doch als sich die Tür endlich öffnete, war es nicht das sorgfältig mit Puder und Rouge bedeckte Antlitz seiner Mätresse, das ihm entgegenblickte, sondern das bäuerliche, sauber geschrubbte Gesicht ihrer Zofe. Blinzelnd und sich die Augen reibend, sagte Lilly – mit unangemessenem Erstaunen in der Stimme, wie Burke fand: »Oh! Mylord! Sie sind es!«

»Ja, Lilly«, sagte Burke viel geduldiger, als ihm eigentlich zumute war. »Natürlich bin ich es. Wen hast du erwartet, wenn ich fragen darf? Den Weihnachtsmann?«

»Oh nein, Mylord«, sagte Lilly und warf einen Blick zurück über die Schulter in das dunkle Appartement. »Natürlich nicht, nein. Nicht den Weihnachtsmann, nein. Nur eben auch nicht Sie. Ich dachte nicht … ich dachte nicht, dass wir Ihre Lordschaft zu sehen bekämen … nicht heute Nacht.«

»Warum nicht, Lilly? Ist Mrs Woodhart plötzlich krank geworden oder etwas in der Richtung?«

»Oh nein, Sir. Nur, weil Ihre Lordschaft nicht im Theater aufgetaucht sind …«

»Ja?«

»Na ja, wir dachten eben nur, dass wir Sie heute Nacht nicht zu sehen bekämen, das ist alles.«

»Tja«, sagte Burke, »da habt ihr euch geirrt. Hier bin ich. Also, lass mich jetzt rein, Lilly, oder soll ich die ganze Nacht in diesem zugigen Flur stehen?«

Lilly drehte sich noch einmal um. »Hm, ja, natürlich können Sie reinkommen … Nur, Mrs Woodhart schläft schon, wissen Sie.«

»So etwas habe ich mir schon gedacht. Aber ich denke nicht, dass es ihr etwas ausmacht, wenn ich sie wecke.«

Burke hatte nicht das Gefühl, sich bei dieser Annahme etwas vorzumachen. Das samtumhüllte Kästchen in der Tasche seines Umhangs war seine Gewährleistung, dass es Sara bestimmt nichts ausmachen würde, mitten in der Nacht geweckt zu werden – und schon gar nicht von Burke Traherne. Eigentlich hatte er vorgehabt, ihr das Armband erst im nächsten Monat zu schenken – an ihrem Geburtstag –, doch dann war er auf die Idee gekommen, seinen Juwelier bis dahin mit der Anfertigung einer passenden Kette und Ohrringen zu beauftragen. Diamanten, hatte er in den vergangenen Jahren gelernt, waren der sicherste Weg, das Herz einer Frau zu erobern.

Lilly stammelte herum. »Könnten Sie vielleicht warten, Sir, und ich versuche erst einmal, sie zu wecken? Sie hat sich etwas unpässlich gefühlt, als sie nach Hause kam … Und Sie wissen doch, dass sie sich vorher gern für Sie herrichten würde …«

»Natürlich werde ich warten, Lilly. Aber würde es dir wirklich so viel ausmachen, wenn ich das drinnen tue?«

Lilly nickte, ließ ihn aber nur zögerlich hinein und machte gerade mal eine einzige Lampe an, während sich Burke auf einer Couch niederließ – in der Art eines Mannes, der ein gutes Recht darauf hat. Was er natürlich auch besaß, schließlich war er es, der die Miete bezahlte. Auch die Couch hatte er bezahlt.

Er beschloss, mit Sara über Lilly zu sprechen. Der Herrgott war sein Zeuge, es war verdammt schwer, heutzutage gutes Personal zu finden – Miss Pitt war ein typisches Beispiel. Dennoch war dieses Mädchen hier eindeutig schwer von Begriff. Vielleicht konnte Lady Chittenhouse eine gute Zofe für eine Lady empfehlen. Er könnte ihr gegenüber ja so tun, als suche er eine für Isabel …

Burke saß im Halbdunkel und grübelte vor sich hin. Der bloße Gedanke an Miss Pitt brachte ihn an den Rand eines Wutausbruchs. Diese alte Frau war an allem schuld. Wenn sie nicht in letzter Minute gekündigt hätte, hätte er nicht den Großteil des Abends damit verbringen müssen, mit Isabel zu streiten. Streiten? Wen wollte er hier eigentlich verschaukeln? Er hatte den Großteil des Abends damit verbracht, hinter ihr herzujagen. Seine neuen Kniebundhosen – ganz zu schweigen von den Schuhen – waren vollkommen ruiniert, nachdem sie aus der Kutsche entwischt war und er bei seiner wilden Verfolgungsjagd durch den Straßenschlamm laufen musste. Sie hatten nach Hause zurückkehren müssen, um sich umzuziehen, bevor sie es wagen konnten, bei Lady Peagrove zu erscheinen. Zu seinem Ärger war es dort genauso, wie es diese nervtötende junge Frau auf der Straße beschrieben hatte: ein fürchterliches Gedränge von Mitläufern und Verwandtschaft vom Lande. Nicht ein einziger infrage kommender Kandidat.

Allesamt eher fraglich, das war genau das Problem. Nicht ein einziger Kerl, dem er Isabel zum Tanz, geschweige denn für die Ehe anvertraut hätte. Jeder, der etwas darstellte – das hatte ihm ein anderer missgestimmter Vater versichert –, war bei Lady Ashfort.

Um Himmels willen, woher hätte er das wissen sollen? Von einem Mann konnte man nicht erwarten, dass er solche Dinge wusste. Dafür hatte er ja eine Gesellschafterin angestellt. Konnte er etwas dafür, dass Gesellschafterinnen – oder Anstandsdamen – scheinbar alle verblödet waren? Außerdem kam er zu dem Schluss, dass er für Isabel keine Anstandsdame brauchte, sondern einen verdammten Langstreckenläufer. Sie hatte eine wirklich gute Jagd mit ihm veranstaltet, die ganze Piccadilly Street hinab. Er hatte sie schließlich am Trafalgar Square eingefangen, und das nur, weil sie angehalten hatte, um zu Atem zu kommen, und weil sie in ihrem weißen Kleid zwischen den ganzen Huren und Blumenverkäuferinnen aufgefallen war.

Und was hatte sie getan, als er sie eingeholt hatte? Gelacht! Als ob das Ganze nichts sei als ein netter kleiner Witz.

Ein Witz! Und dann musste er sich den Rest des Abends Lady Peagroves Entschuldigungen anhören, weil keine Gleichaltrigen für Isabel anwesend waren, –sie könne sich ja gar nicht vorstellen, wo die heute alle blieben – aber hatte Lord Wingate denn schon ihre Cousine Ann kennengelernt? War sie nicht liebreizend? Letztes Jahr verwitwet, übrigens, die Ärmste, und jetzt saß sie mit diesen drei quirligen Jungs und einer zweihundertköpfigen Rinderherde, ganz ohne einen Mann, der alles regelt, in Yorkshire fest.

Oh ja. Burke hatte sich mit Mühe und Not zurückhalten müssen, um nicht sein Champagnerglas samt Inhalt in die Menge zu pfeffern.

Miss Pitt. Es war alles ihre Schuld. Hätte sie nicht das Handtuch geworfen …

Und dieses Mädchen. Die mit dem Regenschirm. Sie war auch schuld. Sie und ihr teuflisches Mundwerk. Hätte sie bloß über Lady Peagroves Tanzgesellschaft den Mund gehalten …

War es ein Naturgesetz, dass Gouvernanten und Anstandsdamen ihrem Plappermaul stets freien Lauf ließen? Vielleicht konnte er eine finden, deren Zunge bei einem tragischen Unfall abhandengekommen war. Aber wie sollte eine stumme Gesellschafterin mit Isabel fertig werden? Er war ziemlich sicher, dass er mittlerweile alle Anstandsdamen sämtlicher Töchter von Lady Chittenhouse durch hatte; sie alle hatten Zungen gehabt und keine von ihnen hatte auch nur den geringsten Erfolg bei Isabel. Wo sollte er die nächste finden? Musste er eine Anzeige aufgeben? Wahrscheinlich. Es würde Tage dauern und überdies endlose Gespräche mit runzligen Witwen und alten Jungfern erforderlich machen. Dann mussten noch ihre Referenzen überprüft werden, was noch zeitaufwändiger war. Besonders, wenn sie gelogen hatten.

Und sie logen alle.

Das war nicht die Art Beschäftigung, mit der ein Mann in den besten Jahren – und genau das war Burke – seine Zeit verbringen sollte. Bei all den Vorstellungsgesprächen mit Anstandsdamen und dem gleichzeitigen Aufpassen auf Isabel, damit sie nicht aus dem Haus schlich, um diesen jämmerlichen Saunders zu treffen – Gott, wie gern hätte Burke diesem Nichtsnutz eine Kugel in den Schädel gejagt! –, würde er keine Zeit für sich selbst haben. Überhaupt keine.

Es war kein Wunder, dass Sara schon zu Bett war. War er wirklich ein Mann, für den es sich lohnte, wach zu bleiben?

Was dachte er da? Natürlich war er das!

Nur dass … sie ihm ein wenig komisch vorkam, diese verfrühte Bettruhe. Seine Erfahrung hatte gezeigt, dass Schauspielerinnen und Sängerinnen im Allgemeinen bis in die frühen Morgenstunden aufblieben, um dann bis nachmittags zu schlafen. Sara war da keine Ausnahme gewesen. Vermutlich war sie wütend auf ihn, weil es wieder so spät geworden war. Es war wirklich kein Wunder, dass sie schon im Bett lag. Sie war eine Frau – eine sehr leidenschaftliche Frau – und wie Frauen eben sind, hatte sie an seiner Verspätung Anstoß genommen. Er hätte eigentlich damit rechnen müssen. In diesem Moment bemerkte er die Stiefel.

Sie hatten noch nicht einmal versucht, sie zu verstecken. Vielleicht hatte Lilly nicht gewusst, dass sie hier standen. Im Schatten der langen Vorhänge, die die französische Tür zu Saras Schlafzimmer verdeckten – die Tür, durch die Lilly gerade verschwunden war –, stand ein Paar große Lederstiefel. Burke musste nicht erst aufstehen und nachsehen, um sicher zu sein, dass es Männerstiefel und nicht etwa ein Paar von Sara waren, die sie achtlos hatte herumliegen lassen. Sie war eine große Frau, zugegeben, aber nicht groß genug, als dass ihr Stiefel passen würden, die er selbst hätte tragen können.

Burke saß auf dem Sofa und seufzte.

Langsam wurde es ihm wirklich zu viel. Würde er es nicht besser wissen, könnte er glatt auf die Idee kommen, dass es an ihm lag. Es musste doch einen Grund geben, warum es allen Frauen so schwerfiel, ihm treu zu sein. War es wirklich so, wie er es sich seit damals versucht hatte weiszumachen? Seit jenem unglückseligen Abend, als er Elisabeth und diesen Spitzbuben O'Shawnessey in leidenschaftlicher Umarmung auf der Brüstung entdeckt hatte? Er war zu dem Schluss gekommen, dass alle Frauen unstete, schwankende Kreaturen waren, völlig unfähig, eine Bindung einzugehen.

Oder stimmte etwas mit ihm nicht, etwas, das die Frauen von ihm forttrieb? Er war in der Vergangenheit des Öfteren bezichtigt worden, kalt zu sein, kein Herz zu haben. War es möglich, dass das stimmte?

Sehr wahrscheinlich sogar. Und das ging auf Elisabeths Konto. Wie auch immer sein Herz gewesen sein mochte, in dieser Winternacht vor sechzehn Jahren hatte sie es ihm herausgerissen, die Treppe hinabgeworfen und zertreten.

Das war wahrscheinlich auch der Grund dafür, warum es ihn in diesem Moment überhaupt nicht schmerzte. Kein bisschen … obwohl das sicher normal wäre, angesichts dieser Stiefel da.

Die französischen Türen wurden aufgeworfen, und die gefeierte Mrs Woodhart, prachtvoll anzusehen in einem durchscheinenden Negligé, das er als eines erkannte, das er für sie erworben hatte, stand im Lichtschein, ihr mitternachtsschwarzes Haar fiel über ihre Schultern fast bis zur Taille hinab.

»Darling!«, rief sie in ihrer kehligen Stimme, die sie zum momentanen Liebling der Londoner Gesellschaft gemacht hatte. »Da bist du ja! Was, um Himmels willen, hat dich aufgehalten?«

Burke sah von der bezaubernden Erscheinung im Türrahmen hinab zu dem Paar Stiefel, die nur einen Fuß neben ihr standen, jedoch im Schatten verborgen und daher für Sara nicht sichtbar waren.

Er sagte einfach nur: »Isabel.«

»Oh nein!« Sara schüttelte den Kopf. »Nicht schon wieder. Was hat sie denn diesmal angestellt? Ich hoffe, es geht nicht schon wieder um diesen grässlichen Saunders. Weißt du, Burke, ich habe gehört, er hat Tausende Pfund Schulden in Oxford. Spielschulden! Es gibt nichts Schlimmeres als Spieler, außer vielleicht Spieler, die ihre Schulden nicht bezahlen können, und ich schätze, genau das trifft auf unseren Mr Saunders zu.«

Burke hatte bis jetzt vollkommen still dagesessen. Er hatte sich noch nicht einmal seines Umhangs entledigt, nur den Hut hatte er abgenommen. Jetzt kam er langsam auf die Beine.

»Du musst wegen dieses Kindes etwas unternehmen«, sagte Sara. Sie war nicht groß genug, um Burke direkt in die Augen zu sehen, wenn er sich zu voller Größe aufrichtete, aber sie brauchte dazu nur leicht das Kinn zu heben. Es hatte eine Zeit gegeben, in der er Sara Woodharts angehobenes Kinn sehr reizvoll gefunden hatte. Heute jedoch stellte er bei diesem Anblick fest, dass ihr neben dem Mundwinkel aufgemalter schwarzer Schönheitsfleck verschmiert war. Außerdem bemerkte er ein rotes Mal an der Stelle, wo sich der Kragen des Negligés öffnete und den Blick auf ihren elfenbeinfarbenen Hals freigab.

»Wirklich, Burke«, sagte Sara gerade, »du erlaubst ihr, dass sie total verwildert. Du darfst nicht zulassen, dass sie die Zügel in der Hand hält. Du musst die Verantwortung für sie übernehmen, ihr zeigen, wer das Kommando hat.«

Burke begann, sich langsam die Handschuhe auszuziehen, indem er an jedem Finger einzeln zog.

»Das Problem mit diesen Anstandsdamen, die du ständig anstellst«, fuhr sie fort, ohne zänkisch oder giftig zu klingen – sie war niemals zänkisch oder giftig, darin bestand ein großer Teil ihres Charmes: »Das Problem ist, sie haben Angst, gefeuert zu werden, wenn sie nicht genau das tun, was Lady Isabel sagt. Du musst jemanden finden, der davor keine Angst hat und ihr in aller Deutlichkeit sagt, was aus ihr werden wird, wenn sie sich weiterhin benimmt wie ein kleiner Wildfang.«

Burke hatte sich die Handschuhe mittlerweile ausgezogen und sagte ruhig: »Geh zur Seite, Sara.«

Mrs Woodhart wurde sich wieder ihrer Lage gewärtig. Mit einem zittrigen kleinen Lachen sagte sie: »Oh, Burke. Hat dir Lilly nichts gesagt? Ich fürchte, ich habe ein Kratzen im Hals. Ich bin heute direkt ins Bett gegangen, nachdem ich eine Gallone Tee mit Honig getrunken hatte. Am besten kommst du mir nicht zu nahe, mein Liebster, sonst steckst du dich noch an. Dr. Peters meint, ich soll meinem Hals Ruhe gönnen oder ich bin in der morgigen Vorstellung zu nichts zu gebrauchen.«

Burke klatschte seine schwarzen Lederhandschuhe gegen die Handfläche. Er hatte es nicht eilig, er hatte alle Zeit der Welt.

»Geh zur Seite, Sara«, wiederholte er. »Es gibt da etwas, was ich tun muss, dann mache ich mich wieder auf den Weg und du kannst dich ausruhen.«

Sara schielte über die Schulter in das dunkle Schlafzimmer hinter ihr. »Wirklich, Burke«, sagte sie etwas zu laut, »ich kann mir nicht vorstellen, was du in dem Schlafzimmer willst, wo ich dir doch gerade gesagt habe, dass ich mich nicht gut fühle …«

»Es gibt da etwas«, sagte Burke ohne Eile, »das ich vergessen habe, als ich das letzte Mal hier war.«

Sara drehte sich wieder zu ihm und hob die perfekt gewölbten Schultern. »Wie du willst«, sagte sie in ihrem speziellen Du–bekommst–was–du–verdienst–Tonfall, den sie normalerweise für jene jungen Männer reservierte, die mit Frostbeulen hinter dem Bühneneingang warteten, um wenigstens einen Blick auf sie zu erhaschen.

»Danke«, sagte Burke knapp. Als er an ihr vorbeistrich, nahm er einen Hauch ihres Parfüms wahr – eine Kreation, die sie zusammen mit einem ansässigen Chemiker erfunden hatte und von der sie hoffte, sie als den persönlichen Duft der größten Londoner Aktrice vermarkten zu können. Es war geplant, das Gebräu ›Sara‹ zu taufen. Seltsamerweise erinnerte es Burke an Geißblatt, welches in seiner Kindheit vor den Pferdeställen gestanden hatte. Da dies keine unangenehme Erinnerung war, mochte er den Duft; doch manchmal fragte er sich, ob die Pferdenote von Sara so beabsichtigt war.

Im Schlafzimmer war es bis auf den schwachen roten Schein des fast verendeten Kaminfeuers dunkel. Das große Himmelbett war leer, aber beide Kopfkissen hatten Mulden; vor wenigen Augenblicken hatten noch zwei Köpfe darauf gelegen … Sara, die nie besonders ordentlich war, hatte ihre Kleider auf dem Boden verstreut liegen gelassen. Zwischen Strumpfhaltern, Unterröcken und Satinschuhen konnte Burke jedoch keine Männerkleidung ausmachen.

Dann bemerkte er einen Schatten jenseits der französischen Türen, die auf die Terrasse führten. Der Mond hatte ein Loch im Nebel gefunden und so konnte Burke deutlich einen Ellbogen auf der anderen Seite der Glasscheiben erkennen.

Er schritt Richtung Tür und legte beide Hände auf die Griffe. Hinter ihm schnappte Sara nach Luft und er konnte Lilly – ziemlich deutlich – sagen hören: »Oh Mamma Mia.«

Er riss die Türen auf. Dort, zitternd in der kalten Frühlingsluft, stand ein Mann – ein Bein schon in der Kniebundhose, das andere noch nicht. Er erstarrte, im wörtlichen Sinne, als er Burke sah. Seine Augen weiteten sich zur Größe von Hühnereiern. Während Burke dort stand und überlegte, dass er den Kerl nicht kannte – was aber im Grunde nicht weiter verwunderlich war, da es in London viele Leute gab, die er nicht kannte –, wandte der Mann die Augen für einen Moment von Burke ab und sah – nur einmal – kurz über die Brüstung des Balkons auf die Straße, die sich mehrere Stockwerke tiefer befand. Er schluckte hörbar.

Burke gab ein tonloses Lachen von sich. »Machen Sie sich keine Sorgen«, sagte er. »Ich werde Sie nicht dort runterwerfen.«

Der Mann, der eigentlich noch ein Junge war – bestimmt keinen Tag älter als fünfundzwanzig –, stammelte mit blau gefrorenen Lippen: »N–nein, Mylord?«

»Sicher nicht«, meinte Burke. »Die Tage, in denen ich Leute aus Fenstern und über Brüstungen geworfen habe, sind lange vorbei.«

»W-w-wirklich, Mylord?«

»Lange schon. Rage erfordert Leidenschaft, wissen Sie, und ich habe schon lange keine Leidenschaft mehr empfunden – schon gar nicht für eine Frau. Das werden Sie auch noch erfahren, mein Sohn, wenn Sie erst älter sind.«

Der Junge sah enorm erleichtert aus. »Oh … danke sehr, Mylord.«

»Aber nur, weil ich nicht in Rage bin«, fuhr Burke in leichtem Ton fort, »bedeutet das nicht, dass ich auf angemessene Genugtuung verzichten werde. Ich erwarte Sie morgen früh in der Dämmerung – obwohl, nein, das ist viel zu früh. Das sind ja nur noch wenige Stunden. Wie wär's mit der Abenddämmerung? Auf der anderen Seite des Parks. Sie haben die Wahl der Waffen. Pistole oder Klinge?«

Das Herz des jungen Mannes, das die ganze Zeit sichtbar gegen seine nackte Brust gehämmert hatte, erlitt ein spastisches Zucken. »Oh Sir«, sagte er, »bitte, ich …«

»Also Pistole«, sagte Burke, denn er bezweifelte, dass der Kerl anständig fechten konnte. Fechten war einst ein wichtiger Bestandteil der Ausbildung eines echten Gentlemans gewesen, aber in den letzten Jahren war es zu einer vernachlässigten Kunst geworden. Burke fand das bedauernswert. »Bringen Sie eine zweite Pistole mit. Ich bringe den Arzt mit. Gute Nacht.«

Er drehte sich um und ging zurück ins Schlafzimmer. Dort hatte sich Sara quer übers Bett geworfen und heulte haltlos.

»Oh bitte, Burke!«, weinte sie und hob ihr schönes, tränenverschmiertes Gesicht von dem spitzenbesetzten Kissen. »Du verstehst nicht! Er hat mich gezwungen! Ich habe ihn bloß auf einen Drink eingeladen und kaum waren wir hier, drängt er sich auf mich!«

Burke nickte und zog die Handschuhe wieder an. Er hatte vorgehabt, sie seinem Rivalen quer durchs Gesicht zu schlagen, aber als er den zitternden Jungen in Augenschein genommen hatte, konnte er es nicht über sich bringen. Er bereute jedoch, seine Reitgerte nicht parat zu haben. Die hätte er liebend gern für Mrs Woodharts großzügig ausgestatteten Hintern verwendet, denn es schien, dass sie eine Tracht Prügel dringend nötig hatte.

»Bitte, Sara«, sagte er. »Deine Theatralik bringt dir Applaus auf der Bühne ein, aber an mich ist sie verschwendet. Wenn hier heute Nacht irgendjemand auf jemanden Zwang ausgeübt hat, dann warst wohl eher du es. Hör auf zu heulen und hör mir gut zu.«

Aber Sara hatte sich so gut warmgespielt, dass sie nicht mehr aufhören konnte. »Burke!«, rief sie. »Weißt du nicht, dass ich nur dich lieben kann? Nur dich, Burke!«

Er seufzte. »Hör mir zu, Sara. Die Miete für das Appartement ist schon für den kompletten Monat bezahlt. Aber ich erwarte, dass du zum nächsten Ersten ausgezogen bist. Das verstehst du doch sicher.«

An diese Stelle platzierte Sara einen Schluchzer. Wenn sie nur halb so viel Energie auf ihre Rolle als Lady Macbeth verwendet hätte, überlegte Burke, hätte sie bei den Kritikern wesentlich besser abgeschnitten. Ihren Erfolg verdankte sie den Zuschauern, die sie für ihr außergewöhnlich gutes Aussehen liebten.

Nun, er war da nicht etwa anders.

»Du kannst die Juwelen und die Kutsche behalten«, sagte er und bemerkte, dass er an Biss verloren hatte. Noch vor einem Jahr hätte er die Kutsche zurückverlangt, aber jetzt war ihm das viel zu gleichgültig. »Und natürlich die Kleider und Hüte und was nicht noch alles.« War das alles? Er versuchte, sich zu erinnern. Hatte er ihr noch etwas gegeben?

Nein, er war sich ziemlich sicher. Mehr hatte sie nicht von ihm. »Tja«, sagte er, während er zusah, wie die schätzenswerte Mrs Woodhart die Matratze mit den Fäusten bearbeitete, »Gute Nacht dann, Sara.«

Er verließ den Raum und erhielt seinen Hut von Lilly, die mit geweiteten Augen und ziemlich entschlossen – für so eine kleine Landpomeranze – sprach: »Wenn Sie heute Abend bloß hier gewesen wären, statt sich irgendwo herumzutreiben, Mylord! Dann wäre das alles nicht passiert. Mit den beiden, meine ich.«

Burke hob die Brauen ob dieser weisen Betrachtung. »Tja, Lilly. Es tut mir schrecklich leid. Aber ich habe mich nicht herumgetrieben, wie du es so charmant auszudrücken beliebst. Ich musste auf meine Tochter aufpassen.«

Lilly schüttelte den Kopf, sichtlich unglücklich über den Verlust ihrer komfortablen Residenz. »Es gibt Leute, die man anstellen kann, um auf Töchter aufzupassen, Mylord«, sagte sie bitter, bevor sie ihm die Türe vor der Nase zuknallte.

Als er so auf diesem Hotelflur stand, vor einer Suite, für die er gezahlt hatte, ließ sich Burke die Worte des Dienstmädchens noch einmal durch den Kopf gehen. »Es gibt Leute, die man anstellen kann, um auf Töchter aufzupassen.« Wie viele hatte er angestellt?

Er hatte aufgehört zu zählen, wie viele Frauen ihre Taschen in dem Raum ausgepackt hatten, der an das Zimmer seiner Tochter grenzte. In der Regel hatten sie sie bereits wenige Tage später wieder eingepackt, um – fast immer – in Tränen aufgelöst zu verschwinden. Gab es keine Frau in England, mit der es Isabel länger als eine Woche aushielt? Wen konnte er bloß anstellen, um die Göre zufrieden zu stellen?

Genau diese Frage hatte er Isabel nach der Rückkehr von Lady Peagroves Tanzgesellschaft gestellt. »Jemanden wie Miss Mayhew!«, hatte sie geantwortet, bevor sie die Schlafzimmertür vor seiner Nase zuknallte, um ihren Worten Nachdruck zu verleihen.

Nun denn, entschied Burke dort auf dem Flur vor der Tür von Sara Woodhart. Wenn es Miss Mayhew war, die Isabel wollte, dann, bei Gott, sollte sie auch Miss Mayhew kriegen.

4. Kapitel

Kate setzte Lady Babbie auf ihren Schreibtisch und fragte: »Was soll ich bloß mit dir machen?«

Lady Babbie blinzelte sie aus kühlen grünen Augen an.

»Deinetwegen werden wir hier noch vor die Tür gesetzt«, sagte Kate. »Du musst damit aufhören, geköpfte Mäuse auf sein Kopfkissen zu legen. Keine Jagd mehr auf seine Rockschöße. Und keine Haarballen mehr in seinen Schuhen. Du musst damit aufhören. Er macht mir das Leben zur Hölle.«

Lady Babbie öffnete das Maul, um herzhaft zu gähnen. Dabei waren sämtliche ihrer spitzen weißen Zähne und die lange, pinkfarbene Zunge zu sehen.

»Wenn du von dem, was ich sage, bloß ein Wort verstehen würdest«, murmelte Kate bedauernd.

Fußtritte erklangen vor der Tür des Schulraums. Da Kate Phillips hatte versprechen müssen, dass sie Lady Babbie nicht aus ihrem Zimmer lassen würde, schnappte sie die Kreatur hastig und schob sie unter den Schreibtisch. Dort hielt sie die keifende, sich windende Katze fest, während sie wartete, wer eintreten würde.

Aber es war nur Posie, völlig außer Atem; sie war vom Erdgeschoss in den dritten Stock gerannt, wo sich der Schulraum befand.

»Oh«, sagte Kate, sichtlich erleichtert und hob die fauchende Katze wieder auf die Schreibtischfläche.

»Du bist's nur. Hast du mich erschreckt. Ich war sicher, es ist der Nörgelbuff.«

»Oh, Miss.« Posie lehnte sich an den Türrahmen, um besser Atem schöpfen zu können. »Sie glauben nicht … Sie glauben nicht …«

Lady Babbie ließ ein Knurren vernehmen, sodass Kate sie herunterlassen musste, um nicht gekratzt zu werden. »Da, du fieses Ding«, sagte sie liebevoll, während die Katze davonstolzierte, wobei sie ihren langen, gestreiften Schwanz ärgerlich hin und her fegte. »Geh schon. Und wenn es dir das nächste Mal in deinem erbsengroßen Hirn einfällt, Phillips einen Besuch in seinem Privatquartier abzustatten, dann mach mich nicht dafür verantwortlich, wenn er mit dem Wassereimer hinter dir her ist.«

Lady Babbie kehrte zu ihrem Kamin zurück und begann, sich eifrig zu putzen. Kate warf einen Blick auf die kleine Uhr, die an ihrer Bluse festgesteckt war. »Sind die Jungs schon von ihren Reitstunden zurück?«, fragte sie. »Ich dachte nämlich, sie brauchen mindestens noch eine halbe Stunde. Ich hatte noch keine Gelegenheit, mit dem Koch über ihren Nachmittagstee zu sprechen.«

»Nicht die Jungs«, sagte Posie, als sie endlich in der Lage war, ein paar Worte hervorzustoßen. Sie hatte eine Hand auf die Brust gepresst, als könne sie damit ihr noch immer hämmerndes Herz beruhigen. »Es ist ein Gentleman hier, um Sie zu sehen, Miss. Er wartet in der Bibliothek. Nörgelbuff musste ihn da unterbringen, weil die Madam mit der Gesellschaft zur Förderung des poppenden neuen Guinness im vorderen Salon …«

»Ein Gentleman?« Instinktiv fuhr sich Kate durch die Haare, um sie zu glätten. »Was um Himmels willen macht Freddy hier und das mitten am Tag? Er weiß, dass ich dienstags nicht freihabe. Was ist wohl mit ihm los?«

Posie schüttelte den Kopf: »Nein, nein, Miss«, sagte sie, ihre Augen glänzten vor fieberhafter Aufregung. »Es ist nicht Lord Palmer, absolut nicht! Es ist ein großer, breiter, dunkler Mann. Groß wie ein Hüne, mit Augen wie die von Lady Babbie da drüben. Ich dachte, es könnte der Mann sein, den Sie letztens auf der Straße gesehen haben, der seine Tochter misshandelte …«

»Was?« Kate stellte fest, dass sie unwillkürlich aufgesprungen war. »Lord Wingate, meinst du?«

»Genau.« Posie schnippte mit den Fingern. »Das war sein Name, genau. Nörgelbuff hat's mir gesagt, aber ich hatte es vergessen. Wingate, stimmt.«

Kate starrte sie fassungslos an. »Lord Wingate? Hier? Um mich zu sehen?«

»Ja, Miss. Das hat er gesagt. Er gab Phillips seine Karte und fragte, ob Sie anwesend seien, so als wären Sie die Dame des Hauses!« Posies Wangen waren gerötet. »Sie hätten das Gesicht vom alten Nörgelbuff sehen sollen! Der wäre fast umgefallen! Ist direkt zu Mr Sledge gelaufen, um es ihm zu sagen, und der sagt nur: ›Ja, dann stehen Sie nicht herum, Phillips, gehen Sie und holen Sie sie!‹ Das hat er zum Nörgelbuff gesagt! Sie hätten sein Gesicht sehen sollen!«

»Guter Gott.« Kate beeilte sich, die Katzenhaare von ihrem Rock zu streifen. »Was kann er bloß wollen?«

»Vielleicht haben Sie mit Ihrem Regenschirm ein Loch in seinen Mantel gebohrt«, bot Posie fröhlich an. »Und jetzt sollen Sie für einen Ersatz zahlen.«

»Oh nein.« Kate erstarrte, den Fuß schon an der Treppe. »Lieber Himmel, Posie, ich kann es mir nicht leisten, diesem Mann einen neuen Mantel zu kaufen! Seine Krawatten kosten wahrscheinlich mehr als mein Jahresgehalt.«

Posie legte ihr beruhigend die Hand auf den Arm. »Machen Sie sich mal keine Sorgen. Fragen Sie ihn nach dem Mantel und wir lassen Mrs Jennings das Loch einfach nähen. Sie erinnern sich doch daran, welches Wunder sie mit den Mänteln der Jungs vollbracht hat – nachdem die sich in den Kopf gesetzt hatten, sich mit heißen Kastanien zu piksen. Er wird wie neu aussehen, er wird keinen Unterschied erkennen.«

Ein wenig erleichtert begann Kate einen sehr zögerlichen Abstieg in die erste Etage, wo Seine Lordschaft wartete. Es konnte nur einen Grund geben, warum der Marquis von Wingate sich dazu herabließ, das Haus von Cyrus Sledge aufzusuchen: Er war unzweifelhaft noch immer erbost über Kates Anschuldigungen an jenem Abend vor fast einer Woche. Er war sicher gekommen, um ihre Kündigung und ihr Verschwinden von der Park Lane zu verlangen.

Wenn sie gleich die Bibliothek betrat, würde Mr Sledge sie auf der Stelle entlassen … im Austausch gegen eine kleine Spende für die Sache des edlen Reverend Billings natürlich.

Doch als sich Kate der Bibliothekstüre näherte, stellte sie fest, dass Mr Sledge sich draußen herumdrückte, und auch Mrs Sledge und Mr Phillips waren in der Nähe. Alle drei sahen ihr erwartungsvoll entgegen und Mrs Sledge flüsterte – offensichtlich, damit Seine Lordschaft sie nicht durch die Tür hören konnte – noch dazu in recht nettem Ton: »Also Miss Mayhew! Wir hatten ja keine Ahnung, dass Sie Bekanntschaft mit Lord Wingate pflegen!«

Kate riss die Augen auf. »Ich …«, begann sie, aber Mr Sledge unterbrach. »Lord Wingate ist ein enorm wohlhabender Mann, Miss Mayhew.« Kate sah, dass ihr Arbeitgeber um distanzierte Würde bemüht war, doch seine Aufregung war deutlich stärker. »Er hat zwar nicht den Ruf, den sich Reverend Billings von einem Spender wünschen würde – er hat eine etwas unrühmliche Vergangenheit, aber das muss ich Ihnen sicher nicht erzählen. Aber er ist so reich, dass das, was er als minimale Spende ansehen würde, die Papua–Neuguineer über Jahre hinweg mit Gebetbüchern versorgen könnte. Er würde vielleicht sogar den Lohn für einen Lehrer finanzieren können, der den armen Seelen das Lesen beibringt!«

Kate sagte: »Nun ja, ich denke allerdings, wenn Lord Wingate gekommen ist, um zu spenden, dann hätte er nach Ihnen gefragt und nicht nach mir. Vielleicht liegt hier ein Fehler vor …«

»Hier liegt kein Fehler vor«, ließ Phillips majestätisch von seinem Platz neben der Tür verlauten. »Er hat nach Ihnen mit Namen gefragt, Miss Mayhew.«

Oh Gott, dachte Kate, ich bin erledigt.

»Aus welchem Grund er auch immer gekommen ist«, sagte Mrs Sledge, während sie Kate etwas in die Hand schob und ihr einen kleinen Schubs Richtung Tür gab, »schauen Sie auf jeden Fall, ob Sie ihm diese Traktate geben können. Soweit ich unterrichtet bin, ist Lord Wingate recht intellektuell. Er hat Recht studiert, aus bloßem Interesse, und er liest Philosophiebücher und dergleichen, sagen die Leute. Also werden ihn diese Traktate sicherlich interessieren.«

Bevor Kate noch etwas sagen konnte, hatte Phillips die Tür zur Bibliothek aufgerissen und angekündigt: »Miss Mayhew, Mylord«, und Kate wurde von einer Hand in ihrem Rücken buchstäblich in den Raum katapultiert.

Natürlich stolperte sie über den Rand des orientalischen Teppichs und ließ dabei die Traktate fallen. Als sie das Gleichgewicht wiedererlangt hatte und den Kopf hob, sah sie, wie der Mann, den sie ein paar Tage zuvor auf der Straße angepöbelt hatte, sich von dem Feuer wegdrehte, in das er gestarrt hatte.

Jetzt, ganz ohne Nebel, der seine harten Gesichtszüge weich zeichnete, musste sie feststellen, dass er drinnen wesentlich einschüchternder wirkte als draußen. Er war mehr als einen Fuß größer als sie und seine Schultern waren fast so breit, wie die Schulteraufsätze des Mantels suggerierten. Von dort aus verjüngte sich seine Figur auf sehr schöne Art und Weise zu einer schlanken Taille und schmalen Hüften; unter der seidenen Weste war keinerlei Polster verborgen. Er war jedoch viel zu groß, als dass Kate es hätte angenehm finden können – zu groß und zu direkt in der Art, wie er sie mit einem durchdringenden Blick von alarmierender Intensität ansah.

So direkt und mit einer solchen Intensität, dass Kate schnell den Blick senkte und hoffte, er möge es nicht bemerken.

»Suchen Sie nach einem Schirm, mit dem Sie mich aufspießen können, Miss Mayhew?«

Er hatte es bemerkt. Sie zuckte zusammen, obwohl sie seine Stimme ja bereits kannte. Ein tiefes, drohendes Knurren war es gewesen, das durch den Nebel hallte und sie mit Unbehagen erfüllt hatte. Diesmal enthielt die Stimme mehr Amüsement als Ärger … trotzdem klang sie einschüchternd.

»Ich versichere Ihnen«, sagte Kate und sah auf, »dass ich mit Feuerhaken genauso vertraut bin wie mit Schirmen.«

Wenn Lord Wingate von ihrer Kühnheit überrascht war, so war es ihm nicht anzusehen. Trocken antwortete er: »Danke für die Warnung. Aber ich hatte gehofft, dieses Gespräch zu überleben, ohne durchlöchert zu werden. Wissen Sie, wer ich bin?«

Kate legte die Hände hinter dem Rücken zusammen und machte ein Gesicht, von dem sie annahm, dass es den angemessen unterwürfigen Ausdruck zeigte – an diesem Ausdruck hatte sie lange vor dem Spiegel arbeiten müssen. Nach dem Tod ihrer Eltern war ihr klar geworden, dass ihre einzige Überlebenschance ihre Klugheit war. Sie war stolz, dass es ihr genau gelang.

»In der Tat, Mylord«, sagte sie. »Sie sind Burke Traherne, der Marquis von Wingate.«

»Der bin ich«, polterte er. »Ich gehe davon aus, dass Sie sich an einige extrem verunglimpfende Anschuldigungen erinnern können, mit denen Sie mich vor wenigen Tagen bedacht haben. Wissen Sie die noch?«

Kate nickte. »In der Tat, mein Herr, ich erinnere mich.«

Eine seiner dunklen Brauen hob sich. »Also keine Entschuldigung, wie ich sehe.«

Kate sagte: »Ich entschuldige mich, mein Herr, wenn die Tatsache, dass ich Sie für einen üblen Vergewaltiger unschuldiger Frauen hielt, sie verletzt hat. Aber ich entschuldige mich nicht dafür, so gedacht zu haben. Sie haben verdächtig ausgesehen. Es war eine natürliche Annahme.«

»Eine natürliche Annahme? Dass ein – wie haben Sie mich genannt? – ein übler Vergewaltiger unschuldiger Frauen frei auf der Park Lane herumläuft? Sehen Sie so etwas öfter auf Ihren Streifzügen durch die Nachbarschaft, Miss Mayhew?«

Kate zuckte leicht mit den Schultern. »Ich war nicht diejenige mit der schreienden Frau über der Schulter, Sir.«

»Ich habe Ihnen erklärt«, sagte Lord Wingate, »dass sie meine Tochter ist.«

»Ja, aber wieso hätte ich Ihnen glauben sollen? Wenn Sie wirklich ein übler Vergewaltiger unschuldiger Frauen gewesen wären, hätten Sie alles gesagt, um nicht geschnappt zu werden.«

Lord Wingate räusperte sich. »Ja, ich verstehe. Wie auch immer, könnten Sie ihre Verdächtigungen über die wahre Natur meines Charakters eine kurze Zeit vernachlässigen, um sich ein Angebot anzuhören?«

»Ein Angebot?« Kate war erleichtert. Er war also doch nicht hier, um sie zu sehen. Halleluja! »Ach so, Sie wollen also doch mit Mr Sledge sprechen. Er ist nämlich derjenige, der die Spenden zur Unterstützung des Reverend Billings sammelt, welcher die vom Schicksal geknechteten Menschen in Papua-Neuguinea erretten will. Soll ich ihn holen gehen?«

»Auf gar keinen Fall.« Lord Wingate musterte sie mit einem neugierigen Blick – ziemlich neugierig, wie sie fand, und auch ein wenig zu lang. Sie war entschlossen, seinem Blick standzuhalten, aber es fiel ihr schwer. Wenn sie ihn so ansah, konnte sie an nichts anderes denken, als dass er sicherlich stark genug war, weitere Männer aus dem Fenster zu werfen.

Sie konnte seinen kräftigen Bizeps, der sich unter dem edel geschneiderten Stoff seines Ärmels abzeichnete, deutlich erkennen.

Außerdem bemerkte sie die tiefen Furchen, die von den Nasenflügeln zu den Winkeln seines auffällig sensibel wirkenden Mundes liefen und vermutlich auf sein Unglück wegen seiner Frau zurückzuführen waren. Für einen Moment tat er ihr, trotz seines Reichtums und der Tatsache, dass er seine Frau so widerwärtig behandelt hatte, fast leid. Sie musste sich zusammenreißen. Es gab keine Veranlassung, für Menschen vom Schlag eines Lord Wingate Mitleid zu empfinden.

»Die Papua–Neuguineer sind mir vollkommen gleichgültig«, erklärte Lord Wingate und riss sie damit aus ihren Grübeleien. »Sind Sie eine große Unterstützerin des Reverend Billings, Miss Mayhew?«

Kate konnte ein Lachen nicht unterdrücken. »Wohl kaum!«, sagte sie. »Er war einmal hier zum Dinner und er …«

Sie brach ab, weil ihr bewusst wurde, dass sie diesem großen, einschüchternden Mann keinesfalls erzählen konnte, was Reverend Billings getan hatte. Er hatte nämlich zuerst beim Dinner eine ganze Flasche Claret getrunken, um dann ihr – Kate – in der Speisekammer aufzulauern, um sie über die Paarungsrituale der Papua–Neuguineer aufzuklären. Für diese Bemühungen hatte Kate ihn mit einer Pastete gekrönt. Daraufhin war er überstürzt aufgebrochen, ohne Erklärung bei seinen Sponsoren und Gastgebern, die wiederum dieses seltsame Benehmen mit seinem großartigen Genie begründeten.

Falls Lord Wingate überhaupt bemerkte, dass sie den Satz unvollendet ließ, ging er nicht weiter darauf ein. Stattdessen sagte er mit merklicher Erleichterung: »Das ist sehr gut. Weshalb ich gekommen bin, Miss Mayhew – und bitte entschuldigen Sie, dass ich nicht zuerst geschrieben habe, aber in diesem Fall dachte ich, aufgrund unserer etwas … unkonventionellen Begegnung letzte Woche, wäre eine persönliche Aufwartung passender …«

An dieser Stelle durchbohrte er sie mit einem derart stechenden Blick, dass sie fast zurückgetaumelt wäre; sie fand jedoch rechtzeitig die Ecke eines hölzernen Pultes – auf dem der Familienatlas ruhte –, um sich daran festzuhalten.

»Ich fragte mich nämlich«, fuhr seine Lordschaft fort, »ob Sie wohl gewillt wären, Ihre Stellung hier bei den Sledges aufzugeben und für mich zu arbeiten, als Anstandsdame und Gesellschafterin für meine Tochter Isabel, die sie ja schon – wie ich glaube – etwas kennen.«

Kate blinzelte. Und klammerte sich an dem Holzpult fest.

»Ich bin sicher«, sprach Lord Wingate weiter, »dass ich Ihnen eine Unterbringung bieten kann, die mindestens so komfortabel ist wie diese …« Er sah sich abschätzig in der Bibliothek um. Die Einrichtung war teuer und der Buchbestand wies alle Klassiker auf; dennoch waren die Sitzmöbel eher ungemütlich und der Raum ziemlich klein – er war auch der am wenigsten genutzte im Haus. »Außerdem das doppelte Gehalt.«

Kate spürte, wie ihre Kinnlade herunterklappte. Es war absolut unziemlich, mit offenem Mund herumzustehen – eine Regel, die sie den jüngeren Sledges erfolglos predigte –, aber sie konnte nichts daran ändern.

Der Marquis von Wingate hatte ihr gerade angeboten, für ihn zu arbeiten. Das war in höchstem Maße erstaunlich. Mehr als erstaunlich. Es war unfassbar.

Sie konnte es kaum erwarten, das Freddy zu erzählen!

»Oh!«, sagte Kate, nachdem sie es endlich geschafft hatte, ihren Unterkiefer wieder zu heben. »Ich danke Ihnen sehr, Sir. Aber das kann ich unmöglich tun.«

Jetzt war Lord Wingate dran, ungläubig zu starren, und er tat das auf beeindruckende Weise. Kate war sicher, dass er ihr das Gefühl geben wollte, klein und unbedeutend zu sein wie eine Brotkrume auf seinem Tisch. Aber sie würde sich nicht erlauben, sich einschüchtern zu lassen. Sie hielt stand und reckte das Kinn.

Sein viel zu leuchtender Blick bohrte sich mit der Intensität eines Hochofens in sie.

»Warum«, sagte er langsam mit einer Geduld, die in absolutem Gegensatz zu seinem Gesichtsausdruck stand, »nicht?«

Kate konnte nicht anders, als die freie Hand zu heben und auf ihr Herz zu pressen, was ihr im gleichen Moment völlig übertrieben vorkam – schließlich konnte er ihr nicht durch seinen bloßen Blick ein Loch in die Brust brennen, wie sie sich albernerweise vorstellte –, aber gerade noch rechtzeitig hatte sie die Idee, einfach mit ihrem Kettenanhänger zu spielen.

Sie konnte es ihm natürlich nicht sagen. Nicht die Wahrheit. Das war nicht notwendig. Es gab genug andere Gründe, warum sie nicht für ihn arbeiten konnte. Abgesehen von der Tatsache, dass er den schlimmsten Ruf der Welt hatte – erst gestern hatte sie gehört, dass er bei einem Duell im Hyde Park, wegen irgendeiner Sache mit Sara Woodhart, auf einen Mann geschossen und ihn beinahe getötet hätte –, aber davon abgesehen, war er der körperlich beängstigendste Mann, den sie je gesehen hatte.

Nicht, dass er nicht gutaussehend gewesen wäre. Er war ausreichend attraktiv, wie sie fand, obwohl nicht gerade gefällig. Freddy hatte eine viel angenehmere, hübschere Erscheinung, mit seinem blonden Haar und den Grübchen, ein echter Engländer eben, sowohl was das Aussehen als auch seine Hohlköpfigkeit betraf. Burke Traherne dagegen hatte etwas Zigeunerhaftes an sich. Er hatte ebenmäßige Züge, aber sie waren nicht dazu angetan, zu gefallen. Sein Gesicht war faszinierend, auf eine zwingende, fast grausame Weise, aber kein Grund, in Ohnmacht zu fallen.

Obwohl, diese Schultern …

»Ich kann«, Kate musste schlucken, »einfach nicht.«

»Dann muss ich noch einmal fragen: warum?«

Also, das war wirklich vertrackt. Warum konnte der Mann nicht einfach ein Nein als Antwort akzeptieren und gehen? Aber ein Blick auf Lord Wingate überzeugte sie davon, dass er kein Mann war, der das Wort nein allzu oft zu hören bekam. Die Pest sollte ihn holen! Was sollte sie jetzt machen?

Sie nahm einen tiefen Atemzug, aber bevor sie etwas sagen konnte, verlangte der Marquis zu wissen: »Wie hoch ist Ihr derzeitiges jährliches Gehalt?«

Plötzlich sah Kate einen Hoffnungsschimmer. Das war's! Sie würde einfach zu teuer für ihn sein.

»Hundert Pfund im Jahr«, sagte Kate sofort, wobei sie sich der absurd höchsten Summe bediente, die ihr gerade einfiel.

»Schön«, sagte Lord Wingate ruhig. »Ich verdoppele es.«

5. Kapitel

Einen Moment lang dachte Burke, das Mädchen würde ohnmächtig werden. Sie klammerte sich an die Seite des Atlasständers aus Mahagoni, und er sah, wie ihre Knöchel weiß wurden – so weiß, wie ihr Gesicht gewesen war, als sie den Raum betrat. Während des Gesprächs war etwas Farbe in ihre Wangen zurückgekehrt, aber jetzt war sie wieder vollkommen blass; ihre Lippen bewegten sich und sie flüsterte, scheinbar völlig benommen: »Zweihundert Pfund? Zweihundert Pfund

»Ja«, sagte Burke fest. »Das scheint mir eine angemessene Summe.«

Das war natürlich nicht so. Er hatte Miss Pitt und all ihren vorhergegangenen Verkörperungen dreißig pro Jahr geboten. Das Mädchen hatte natürlich gelogen. Es war völlig unvorstellbar, dass sich dieser greinende Maulwurf Sledge hundert Pfund im Jahr für sie leisten konnte. Das heißt, leisten konnte er sich das sicher durchaus, aber er gehörte nicht zu den Leuten, die solche Summen für so etwas Wichtiges wie die Erziehung ihrer Kinder ausgeben würden. Nein, Cyrus Sledge würde zwar bedenkenlos diesem verkommenen Missionar hundert Pfund in den Rachen werfen, aber sie dafür auszugeben, dass aus seinen Söhnen klardenkende, wohlerzogene Mitglieder der Gesellschaft würden? Vergiss es.

Jedenfalls, aus welchem Grund auch immer – Burke hatte schon lange den Versuch aufgegeben, Frauen verstehen zu wollen, also fragte er sich jetzt nicht lange nach dem Grund –, war es offensichtlich, dass Miss Mayhew nicht für ihn arbeiten wollte. Wenn er ihr also zweihundert Pfund im Jahr zahlen musste, dann sollte es um Gottes willen so sein.

Außerdem würde es gut angelegtes Geld sein, so viel war ihm schon klar. Er hatte den Großteil der letzten Tage damit verbracht, die – zumindest in seinem Hause – viel diskutierte Miss Mayhew zu beobachten, und er war zu dem Schluss gekommen, dass sie die ideale Lösung für sein Problem war. Sie war nicht so schrecklich jung, wie er zuerst gedacht hatte. Er schätzte sie nicht älter als Anfang zwanzig, aber ihr Verhalten drückte eine Sicherheit aus, die ihr Lebensalter Lügen zu strafen schien. In der Kirche – er hatte sich tatsächlich die Mühe gemacht, am Sonntagmorgen mit Isabel zur Messe zu gehen – schaffte sie es tatsächlich, die vier kleinen Sledges, von denen der älteste höchstens sieben war, ruhig zu halten. Eine Leistung, die er nur bewundern konnte, hatte er doch Isabel in dem Alter erlebt. Auf der Straße wurde sie von jedermann freundlich begrüßt und war gleichermaßen freundlich zu allen, zu dem Eismann ebenso wie zu einer Herzogin. Sie war schlicht, aber doch attraktiv gekleidet; ihre Garderobe war stets tadellos. Außerdem hatte sie schon bewiesen, dass sie als Begleiterin und Aufpasserin geeignet war; sie hatte sowohl Mut als auch Einfallsreichtum an den Tag gelegt, als sie ihn mit dem Regenschirm bedroht hatte, weil sie Isabel in Gefahr glaubte.

Nach allen Kriterien schien Katherine Mayhew trotz ihres zarten Alters die ideale Besetzung zu sein. Es war nur ihr Aussehen, das ihn innehalten ließ.

Als sie ihn auf der Straße anpöbelte, hatte er bemerkt, dass sie fast schon winzig war – zumal in Anbetracht der Tatsache, dass sie entschlossen war, ihn mit einem Regenschirm niederzustrecken. Doch was ihm nicht aufgefallen war, bevor sie eben Cyrus Sledges Bibliothek betreten hatte, war, dass sie unwahrscheinlich hübsch war.

Nicht wirklich schön, zwar. Sie war viel zu klein, um die allgemeinen Schönheitskriterien zu erfüllen. Aber Isabel hatte mit ihrer Aussage, Miss Mayhew sei angenehm anzuschauen, nicht daneben gelegen. Tatsächlich fand Burke es ziemlich schwer, seinen Blick von ihr abzuwenden. Sie war absolut nicht der Typ, den er sonst favorisierte. Er bevorzugte dunkelhaarige Frauen vor blonden und eine kräftigere Figur vor so einer, wie Miss Mayhew sie besaß. Aber ihr honigfarbenes Haar passte zu ihr und ihre Stirnfransen betonten die großen grauen Augen, deren Wimpern viel dunkler waren als die Haare. Ihr einfacher, unkomplizierter Aufzug – Bluse und Rock – war absolut passend für eine Gouvernante und betonte außerdem ihre sehr schlanke Taille. Und auch wenn sie nicht viel hatte, um die Vorderseite der Bluse zu füllen, so befand sich das Vorhandene doch in perfekter Proportion zum Rest von ihr.

Ihr Mund war jedoch das, was Burke am meisten faszinierte. Er war, wie alles an ihr, ausgenommen klein, kleiner als jeder Mund, den er bis dahin gesehen hatte – außer bei einem Kind. Und trotzdem war es ein ungemein ansprechender Mund, die Lippen wunderbar geschwungen und überraschend flexibel, ihre Mimik verlangte ihnen ein großes Repertoire an Ausdruck ab. Im Moment hing ihr Mund geöffnet, weil sie ihn ungläubig anstarrte. Er sah einen Schimmer ihrer geraden weißen Zähne, eine spitze kleine Zunge, und fand diesen Anblick äußerst charmant …

Dann fragte er sich, ob er vielleicht übermüdet war, denn normalerweise fand er Innenansichten von Mündern nicht gerade bezaubernd, um es vorsichtig auszudrücken.

»Miss Mayhew«, sagte Burke, denn es schien ihm, dass die hübsche Miss Mayhew über sein Angebot so erstaunt war, dass sie die Sprache so schnell nicht wiedererlangen würde. »Geht es Ihnen gut?«

Das Mädchen nickte stumm.

»Kann ich Ihnen etwas bringen? Wasser vielleicht? Oder ein Glas Wein? Vielleicht sollten Sie sich setzen. Sie sehen ziemlich erledigt aus.«

Das Mädchen schüttelte den Kopf. Burke, perplex, aber entschlossen, fuhr fort: »In Ordnung, ich denke, dann sollten wir jetzt arrangieren, dass Ihre Sachen transportiert werden. Ich werde meine Lakaien schicken, Bates und Perry. Wie schnell, glauben Sie, können Sie alles gepackt haben? Wäre heute Abend zu früh? Isabel will unbedingt zu einer bestimmten Tanzveranstaltung und warum sollten Sie eigentlich nicht sofort anfangen? Ich denke, ich könnte Ihnen auch meine Haushälterin schicken, damit sie für Sie packt …«

Der kleine rosafarbene Mund klappte zu, als sei das Mädchen eine Marionette, und der Marionettenspieler habe einen unsichtbaren Faden gezogen.

»Ich kann auf keinen Fall!«, verkündete das Mädchen in einem Tonfall, aus dem Burke schieres Entsetzen heraushörte. Aber wovor hatte sie solche Angst? Wahrscheinlich war es eine abstruse Einbildung seinerseits. Vielleicht war ihre Tendenz zur Fantasterei ansteckend.

»Nun ja«, sagte er. »Sicherlich wollen Sie den Sledges Zeit geben, einen Ersatz für Sie zu finden. Das kann ich verstehen. Was haben Sie denn vereinbart? Eine Woche Kündigungsfrist? Hoffentlich nicht zwei?«

»Ich …« Sie schüttelte den Kopf, wobei ihr einige dunkelblonde Haarsträhnen, die sich aus dem Knoten auf ihrem Kopf gelöst hatten, vor dem Gesicht schwangen. Sie hatte ganz glatte Haare, keine einzige Locke und so schwangen die Strähnen ähnlich wie Seegras im Wasser.

»Es tut mir schrecklich leid, Mylord«, sagte sie. Burke dachte, dass ihre Stimme ebenso angenehm war, wie der Rest von ihr: ruhig und gedämpft, überhaupt nicht kreischig, wie bei vielen jungen Frauen. Einen Moment später fand er ihre Stimme nicht mehr so nett, als sie fortfuhr: »Aber ich kann auf keinen Fall für Sie arbeiten. Es tut mir sehr leid.«

Burke bewegte sich nicht. Er war sicher, dass er nicht einmal mit einem Finger gezuckt hatte, doch plötzlich schoss Miss Mayhew hinter den Atlasständer, als wolle sie einen Schutzwall zwischen ihn und sich bringen. Sie klammerte sich an dem Holzgebilde fest, das ihr bis zur Brust reichte, und fügte hinzu: »Bitte. Seien Sie nicht wütend.«

Burke starrte sie an. Er war nicht wütend. Verzweifelt vielleicht, aber kein bisschen wütend. Wut hatte er sich vor langer Zeit abgewöhnt. Er hatte sein Temperament noch nie besonders gut unter Kontrolle gehabt, deshalb hatte er Wut und Zorn irgendwann einfach weggelassen. Das Einzige, was ihn noch aus der Fassung brachte, waren Isabel und ihr Auserwählter. Der Name Geoffrey Saunders konnte ihn noch immer in wilde Rage versetzen.

»Aber ich bin nicht wütend.« Burke strengte sich an, ruhig zu sprechen. »Überhaupt nicht.«

Das Mädchen hinter dem Pult sagte: »Ich glaube Ihnen nicht. Sie sehen sehr wütend aus.«

»Bin ich aber nicht.« Burke holte tief Atem. »Miss Mayhew, haben Sie etwa den Eindruck, ich könnte so weit gehen, Sie zu schlagen

»Sie haben einen gewissen Ruf, gewalttätig zu sein, Mylord«, sagte sie offen.

Burke fühlte sich tatsächlich danach, etwas zu zertrümmern, am besten dieses Pult, an das sie sich so klammerte. Er fühlte sich sehr danach, es ihr aus den Händen zu reißen und es durch dieses lächerliche Fenster aus gefärbtem Glas am anderen Ende des Raums zu wuchten. Aber dann erinnerte er sich, dass er diese Dinge aufgegeben hatte, und unterdrückte den Impuls.

»Ich fürchte, da muss ich Sie berichtigen, Miss Mayhew«, sagte er stattdessen. »Ich habe zwar nie meine Neigungen zur Gewaltanwendung zurückgehalten, wenn es sich um Männer handelte, aber ich habe noch nie im Leben eine Frau geschlagen.«

Er sah, wie sich ihre schlanken Finger an den Seiten des Atlasständers entspannten. »Es tut mir leid, Mylord«, sagte sie. »Aber der Ausdruck auf Ihrem Gesicht, als ich sagte, dass ich nicht für Sie arbeiten kann, der war ziemlich … erschreckend.«

»Haben Sie Angst vor mir?«, fragte Burke gereizt. »Ist das der Grund, warum Sie die Stelle nicht akzeptieren? Jedenfalls hatten Sie letztens keine Angst vor mir, als Sie versuchten, mich mit Ihrem Schirm zu erdolchen. Warum sollten Sie jetzt Angst vor mir haben? Es sei denn …«Er fühlte eine erneute Welle der Gereiztheit. Es war nicht Wut. Er weigerte sich, es als Wut zu bezeichnen. »Es sei denn, jemand hat Ihnen Gerüchte über mich erzählt. Über meine Vergangenheit.«

»Überhaupt nicht«, antwortete Miss Mayhew viel zu schnell.

»Oh doch.« Burke funkelte sie an. »Wie sollten Sie sonst von meinem gewalttätigen Ruf erfahren haben? Na ja, Sie hielten mich ja ohnehin schon für einen üblen Vergewaltiger unschuldiger Frauen. Es muss ein tolles Gefühl sein, zu erfahren, dass Sie recht hatten.«

»Wie Sie mit Ihren persönlichen Angelegenheiten umgehen«, sagte Miss Mayhew steif, »geht mich ja wohl nichts an, Mylord.«

»Das sollte es jedenfalls nicht«, antwortete er knurrend. »Ich stelle dennoch fest, dass Sie sich bereits eine Meinung gebildet haben. Finden Sie es ungehörig, dass ich mich von meiner Frau habe scheiden lassen, Miss Mayhew?«

Sie senkte den Blick.

»Ich würde eine Antwort sehr begrüßen, Miss Mayhew. In Angelegenheiten wie dieser – Geschäftsbeziehungen, meine ich – bin ich der Ansicht, dass Ehrlichkeit zwischen allen Beteiligten immer die beste Lösung ist. Deshalb wiederhole ich meine Frage. Stört Sie die Tatsache, dass ich mich von meiner Frau scheiden ließ?«

»Es gibt nicht vieles im Leben von Männern wie Ihnen, Lord Wingate«, sagte sie in Richtung Atlas, »dem ich zustimmen könnte.«

Burke war fassungslos. »Also«, sagte er nach einem Moment. »Das war jedenfalls ehrlich. Offensichtlich hat derjenige – wer auch immer Ihnen von mir erzählt hat – ganze Arbeit geleistet.«

»Lord Wingate«, sagte sie, und hätte er es nicht besser gewusst, hätte er denken können, sie sei verärgert, »ich habe Ihnen schon gesagt, Ihr Privatleben geht mich wirklich nichts an.«

»Oh, natürlich. Und deshalb sind Sie letzte Woche auf der Straße mit dem Schirm auf mich losgestürzt? Um sich um Ihre eigenen Angelegenheiten zu kümmern?«

Miss Mayhew streckte ihr ziemlich spitzes, kleines Kinn vor. »Ich dachte, eine junge Frau wäre in Gefahr«, sagte sie und ein gefährliches Leuchten zeigte sich in ihren grauen Augen.

»Oh, natürlich, natürlich«, sagte er. »Und Sie waren der Meinung, dass Sie und Ihr Regenschirm einen Mann stoppen können, der dreimal so groß und so schwer ist wie Sie.«

»Ich musste es wenigstens versuchen«, sagte sie. »Sonst hätte ich mir das im Leben nicht verzeihen können.«

Bei dieser Antwort lief Burke ein Schauer über den Rücken. Er sagte sich, dass diese absurde physische Reaktion auf ihre Worte aus Erleichterung herrührte, weil sie genau so war, wie er sich die Frau wünschte, die auf Isabel aufpassen sollte. Es hatte gewiss nur damit zu tun, nichts anderes. Sicher nicht, weil er glaubte, das seltenste Wunder Londons gefunden zu haben – und das ausgerechnet auf seiner eigenen Straße: einen wirklich guten, ehrlichen Menschen. Und es lag sicher nicht daran, dass all diese Güte und Ehrlichkeit auch noch derart unwiderstehlich liebreizend verpackt waren.

Wie auch immer, ihre Worte hatten ihn so überrascht, dass er sich für einen Moment vergaß und ein Lachen aus ihm hervorbrach. »Miss Mayhew, was wäre, wenn ich Ihnen dreihundert Pfund das Jahr zahle? Würden Sie dann für mich arbeiten?«

Sie blickte abgestoßen drein: »Nein!«

»Warum um Himmels willen nicht?« Dann kam ihm ein schrecklicher Gedanke. Er hätte eher darauf kommen sollen. »Sind Sie verlobt, Miss Mayhew?«

»Wie bitte?«

»Verlobt.« Er starrte sie an. »Das ist doch keine seltsame Frage. Sie sind eine attraktive junge Frau, wenn auch eher eigenwillig. Ich schätze, Sie haben Verehrer. Haben Sie Pläne, einen davon zu heiraten?«

Als sei diese Idee völlig absurd, sagte sie: »Ganz bestimmt nicht.«

»Also, warum zögern Sie dann? Sind Sie in Cyrus Sledge verliebt? Können Sie den Gedanken nicht ertragen, ihn zu verlassen?«

Darauf bekam sie einen Lachanfall. Der Klang von Katherine Mayhews Lachen hatte eine seltsame Wirkung auf Burke. Es gab ihm das Gefühl, dass sechsunddreißig vielleicht doch kein so hohes Alter war und dass die Zukunft vielleicht mehr für ihn bereithielt als Flanellwesten, Bücher und Kaminfeuer.

Anscheinend hatte der Wahnsinn von ihm Besitz ergriffen. Es gab wirklich keine andere Erklärung. Sein Kammerdiener hatte eindeutig recht; mit Burke ging es abwärts Richtung Senilität. In diesem Moment jedoch schien es ihm die natürlichste Sache der Welt, den Raum zu durchqueren, Miss Mayhew um die Taille zu greifen und einen herzhaften Kuss auf ihre lachenden Lippen zu drücken.

Das war es jedenfalls, was er vorhatte. Und er hatte weitgehend Erfolg: Sie war völlig unvorbereitet und so war es leicht, sie an sich zu ziehen. Doch als er sich herab beugte, sie zu küssen, riss sie den Atlas empor, um ihn ziemlich hart gegen seine Stirn zu knallen. Obwohl es nicht wirklich wehtat, war er doch derartig überrascht, dass sich sein Griff lockerte …

Und sie schoss davon, warf die Tür auf und ließ ihn allein in Cyrus Sledges Bibliothek zurück.

Es war wirklich kein Wunder, dass er den Atlas aufhob und mit aller Kraft gegen das bunte Glasfenster donnerte.

6. Kapitel

Kate rannte, bis sie die relative Sicherheit des Schulraums erreicht hatte. Dort schnappte sie Lady Babbie von ihrem Platz vor dem Kamin und begann, hin und her zu laufen, das Gesicht im Katzenfell vergraben.

Oh Gott, betete sie. Bitte, lass sie mich nicht rausschmeißen. Ich flehe dich an, bitte, bitte, bitte lass sie mich nicht rausschmeißen. Ich kann nirgendwo – absolut nirgendwo – anders hingehen.

Das Gebet war dem nicht unähnlich, das sie gemurmelt hatte, nachdem Reverend Billings sie in der Speisekammer belästigt hatte. Der einzige Unterschied war nur, dass sie Reverend Billings mit einer Pastete gekrönt hatte, weil sie ihn abstoßend fand, und dem Marquis hatte sie den Atlas über den Schädel gezogen, weil … na ja, aus anderen Gründen.

Posie steckte den Kopf durch die Tür, als Kate gerade ein stilles Amen murmelte.

»Und?«, fragte sie aufgeregt. »Was hat er denn jetzt gewollt?«

Kate ließ die Katze los, die schon eine Weile in ihren Armen gestrampelt hatte. »Oh Posie«, sagte sie mit einem Seufzer. »Ich bin völlig am Ende.«

Posie schüttelte den Kopf. »Einen neuen Mantel will er also? Das Schwein. Diese betitelten Kerle sind alle gleich. Tun, als wären sie edle, vornehme Gentlemen, aber unter der Oberfläche sind sie nichts als Halsabschneider. Tja, aber ich habe ein bisschen gespart, wenn Sie ein Darlehen brauchen, Miss. Ich nehme auch keine Zinsen, wie wär's?«

Kate sank vor dem Kamin nieder. »Es war nicht der Mantel, Posie. Er war gar nicht wegen des Mantels hier. Er will mich anstellen, Posie, als Anstandsdame für seine Tochter, die gerade ihre erste Saison mitmacht. Für zwei–, nein dreihundert Pfund im Jahr.« Kate nahm einen Atemzug. »Und ich habe nein gesagt.«

Posie war in drei Schritten durch den Raum. Sie nahm Kates Handgelenk und sagte: »Ich habe Sie angelogen. Ich dachte mir schon, dass er nicht wegen des Mantels hier ist. Ich sah Sie die Treppe hinaufstürmen und dann hörte ich einen grässlichen Krach aus der Bibliothek. Wahrscheinlich hat er etwas zerbrochen, Nörgelbuff und beide Sledges sind hineingerannt. Er ist bestimmt noch hier, kriegt eine Standpauke von Mister und Misses. Wir können ihn aufhalten, bevor er zur Tür geht, und Sie können ihm sagen, dass Sie Ihre Meinung geändert haben. Kommen Sie endlich. Reißen Sie sich zusammen, sonst verpassen Sie ihn!«

Kate riss ihre Hand aus dem Griff der Jüngeren. »Posie, ich kann nicht.«

Posie starrte sie an wie vom Donner gerührt. Sie ging dazu über, Kate zu duzen. »Du kannst was nicht? Du kannst nicht von dreihundert Pfund im Jahr wie eine Königin leben? Hast du überhaupt eine Ahnung, wie viel Geld das ist? Das ist mehr, als eine von uns zu Lebzeiten zu sehen bekommt, so viel ist das!«

Kate verzog das Gesicht, als sich Posies Stimme zu einem Kreischen hob. »Posie«, sagte sie schwach. »Du verstehst nicht.«

»Da hast du ganz recht, ich versteh nicht! Ich sag dir was, Miss. Ich mag dich viel mehr als all die hochnäsigen Zicken, die vor dir auf die Jungs aufgepasst haben. Aber wenn du nicht für Seine Lordschaft arbeiten gehst, dann schwöre ich, ich spreche kein Wort mehr mit dir!«

»Posie.« Kate ließ den Kopf auf die Knie sinken. Als sie wieder sprach, war ihre Stimme erstickt von dem Stoff ihres Rocks. »Ich kann nicht als Gesellschafterin arbeiten. Nicht hier in London.«

Posie starrte sie zornig an. »Und warum nicht?«

Sie konnte es Posie natürlich nicht sagen. Sie hatte niemandem im Hause der Sledges von ihrer Vergangenheit erzählt. Sie war nicht sicher, was sie wegen Freddy dachten – ob sie sich wunderten, wie sie sich getroffen hatten oder wieso sie beide so gute Freunde werden konnten. Keiner hatte sich die Mühe gemacht zu fragen. Es gab ausnehmend wenig Neugierde in diesem Haushalt.

Tatsache war, dass sich Kate ihre Arbeitgeber mit Bedacht gesucht hatte. Die Sledges waren – wie die Familien, für die sie vorher gearbeitet hatte – zwar reich, aber keine Mitglieder der beau monde. Sie wurden nicht regelmäßig zu den wichtigen Bällen der Saison eingeladen, sie gingen nicht einmal ins Theater oder zum Pferderennen. Sie hatten niemanden in ihrem Bekanntenkreis, der sich an den Namen Mayhew erinnern könnte, oder der die Gelegenheit gehabt hätte, eine Diamantenmine zu besitzen.

Und das war ganz in Kates Sinne. Umso ruhiger der Lebensstil ihrer Arbeitgeber, umso besser standen die Chancen, dass sie die angenehme Anonymität aufrechterhalten konnte, die aufzubauen sie sieben lange Jahre gebraucht hatte. Als Gouvernante war sie nicht in großer Gefahr, entdeckt zu werden. Gelegentlich musste sie zwar ihre kleinen Schützlinge zu Geburtstagspartys und Ähnlichem begleiten, doch selbst da war die Chance, erkannt zu werden, relativ gering, weil sie sich strikt nur mit anderen Gouvernanten unterhielt.

Aber als Anstandsdame – auch noch für die Tochter eines wohlhabenden Marquis – würde Kate in genau den Kreisen landen, in denen sie vor einer Ewigkeit schon einmal verkehrt hatte. Sie würde in Häusern verkehren, in denen sie einst als Gast geladen war, Personen treffen, mit denen sie einst eng befreundet war, nach ihrer langen Abwesenheit alte Bekannte wiedersehen … nicht zu vergessen alte Feinde.

Und sie wäre gezwungen, wieder die Naserümpfer zu ertragen, die spitzen Bemerkungen, die misstrauischen Blicke. Sie würde alles noch einmal über sich ergehen lassen müssen, nachdem sie der Situation nun endlich entkommen war.

Nein. Sie hatte das einmal mitgemacht. Wie sie es geschafft hatte, wusste sie nicht mehr, aber sie hatte es überlebt. Sie würde es nicht noch einmal aushalten. Sie konnte nicht.

Weil sie sie verachtete. Sie empfand absolute, tiefe Verachtung für die beau monde, für ihre Heuchelei, ihre Versnobtheit und ihre selbstgefälligen Intrigen. Es waren Männer wie der Marquis, die dachten, wegen ihres Geldes Menschen behandeln zu können, wie es ihnen gerade gefiel. Männer wie der Marquis, die dafür gesorgt hatten, dass ihr Vater ruiniert wurde. Menschen wie der Marquis, die ihr kaltherzig den Rücken zugedreht hatten, als sie sie brauchte.

Alle außer Freddy. Der liebe, einfache Freddy, der zu ihr gehalten hatte, auch in ihren schlimmsten Stunden.

Er war in seiner Freundschaft zu ihr unerschütterlich. Er war der Einzige. Der Einzige von so vielen, der sie nicht im Stich gelassen hatte, als es wirklich drauf ankam.

Und er war der Einzige, den sie noch ertragen konnte.

Sie konnte nicht zurück. Sie würde es nicht tun. Nicht für alles Geld der Welt.

»Ich kann nicht.« Kate hob den Kopf aus ihren Händen. »Verstehst du nicht? Ich würde zu Dinnerpartys gehen müssen und zu Bällen und solchen Dingen.«

Posie schnaubte.

»Ei, ei«, meinte sie sarkastisch. »Ein Schicksal, schlimmer als der Tod. Vielleicht müsstest du sogar Champagner trinken und jeden Abend Kaviar essen. Und das für nur dreihundert Pfund im Jahr! Es ist schockierend, was heutzutage von einem Mädchen erwartet wird.«

»Du verstehst nicht«, sagte Kate mit einem Kopfschütteln. »Es ist nicht so, wie es von außen aussieht, Posie. Diese Leute – der Marquis und seine Freunde – sind nicht wie du und ich. Sie sind noch nicht einmal wie die Sledges. Sie sind grässlich, wirklich grässlich. Alle. Sie kennen keine Loyalität, keinen menschlichen Anstand. Alles, woran sie denken, sind sie selbst und ihr teures Geld. Sie können jemandes Leben durch eine einzige, geschickt fallengelassene Bemerkung ruinieren. Es ist ihnen egal, ob das, was sie sagen, wahr ist oder nicht. Allein die Tatsache, dass sie es waren, die irgendetwas gesagt haben, wird als Beweis gewertet.«

Posie schielte schelmisch zu Kate herüber. »Wenn mir ein Kerl dreihundert Pfund gäbe, könnten die Leute über mich sagen, was immer sie wollen. Für dreihundert Pfund wär mir das doch egal!«

»Doch, es würde dir etwas ausmachen, Posie.« Kate stand abrupt auf und ging im Schulraum auf und ab. »Es würde dir etwas ausmachen, weil es wehtut. Besonders, wenn es nicht wahr ist.«

»Es tut nur weh«, bemerkte Posie, »wenn man es zulässt.«

Kate blieb stehen und starrte die Jüngere an. Ihr schien es offensichtlich leicht zu fallen, an solche Binsenweisheiten zu glauben. Posie war noch nicht verletzt worden, nicht ein Mal in ihrem kurzen Leben. Na ja, hin und wieder unglücklich verliebt … aber nichts, was irreparabel wäre. Sie war die älteste einer quirligen Zwölferbande und beide Eltern lebten noch. Es war leicht für Posie, mutig zu sein, sagte sich Kate. Sie hatte noch nie etwas verloren, das ihr wichtig war. Sie hatte schon gar nicht alles verloren, was ihr wichtig war, so wie Kate.

Plötzlich musste Kate lächeln; sie konnte nicht anders. Sie war nie willens gewesen, sich über längere Zeit deprimieren zu lassen, egal wovon. Dies war keine Ausnahme.

»Was soll's?«, fragte sie und breitete die Arme aus. »Sogar wenn ich glauben würde, mit der Meute leben zu können – der Marquis will mich bestimmt nicht mehr haben. Ich habe ihn geschlagen, Posie.«

»Du hast was

»Ihn geschlagen. Auf den Kopf.« Kate imitierte die Bewegung. »Mit einem Atlas. Er hat versucht, mich zu küssen, genau wie Reverend Billings, der eingebildete Tölpel.«

Posies Mund formte vor Erstaunen ein perfektes O. Eine Sekunde später sprang sie auf, griff Kate am Handgelenk und versuchte mit aller Kraft, sie zur Tür zu zerren.

»Es ist noch nicht zu spät«, sagte sie. »Er könnte noch unten sein. Geh und entschuldige dich.«

»Entschuldigen? Ich? Posie, spinnst du? Hast du nicht zugehört? Er hat versucht …«

»Ich habe zwei Worte für dich, Miss Kate«, sagt Posie. »Dreihundert Pfund. Verstanden? Jetzt geh da runter und entschuldige dich. Auf Knien, wenn es sein muss. Aber mach.«

»Posie«, sagte Kate störrisch. »Lord Wingate ist kaum der Typ, der einem Mädchen verzeiht, wenn sie ihm eine auf den Kopf verpasst hat.« Ihr Lächeln wurde breiter. »Wenn du nur sein Gesicht gesehen hättest, als ich das getan habe … obwohl es wahrscheinlich wirklich nicht lustig ist, dreihundert Pfund in den Wind zu schlagen.«

»Ich kann nicht drüber lachen«, stimmte Posie zu. »Besonders wenn man überlegt, wie lange man von dreihundert Pfund überleben kann, ohne arbeiten zu gehen.«

Posies Stimme hob sich zu einem Quietschen, als Kate sie plötzlich am Arm fasste und hart zudrückte.

»Oh«, sagte Kate durch Lippen, die alle Farbe verloren hatten. Ihre Stimme klang plötzlich ernst. »Oh Gott, Posie!«

Ziemlich ruhig in Anbetracht des Drucks auf ihrem Arm sagte Posie: »Hast wohl deine Meinung über die gefühlskalten Reichen geändert, was? Dachte mir, dass du das tun würdest.«

»Ich habe nicht an …«, flüsterte Kate. »Ich habe gar nicht … ich habe sie total vergessen. Aber dreihundert Pfund. Von dreihundert Pfund könnte sie ihre Miete noch lange bezahlen …«

Posie hatte keinen Schimmer, wovon die Ältere sprach. Sie wusste nur, dass Kate nun endlich zu Verstand gekommen war.

»Und«, sagte Posie, »er hat bestimmt einen Haufen dicker Bücher, so reich wie der ist. Du kannst jedes Mal eins nach ihm schmeißen, wenn er frech wird. Wahrscheinlich kapiert er's irgendwann.«

Kate hatte das Gefühl, als ob sich etwas Kaltes um ihr Herz legte. »Glaubst du, er ist schon weg?«, fragte sie. Ihre Lippen fühlten sich taub an.

»Es gibt nur eine Möglichkeit, das herauszufinden«, sagte Posie.

Die Mädchen hasteten so geräuschvoll aus dem Raum, dass Lady Babbie ihren Schwanz zum dreifachen Umfang aufplusterte und furchterregend knurrte, bevor sie sich auf dem Stapel Unterlagen niederließ, den Kate liegen gelassen hatte.

Der Marquis von Wingate war in der Tat noch da. Er stand im Foyer und schrieb einen Scheck für Reverend Billings – das war Mr Sledges Schadensersatzforderung für den Verlust des farbigen Glasfensters. Es schlug Burke auf den Magen, diesen Scheck ausstellen zu müssen, denn die Summe war doppelt so hoch wie der Wert des Fensterglases – aber was blieb ihm übrig? Er hatte etwas Unverzeihliches getan; er hatte versucht, seinem Nachbarn eine Dienstbotin abzuwerben. Er wagte es nicht, diesem Schaden obendrein eine Beleidigung hinzuzufügen, indem er sich weigerte zu ersetzen, was er in voller Absicht zerstört hatte.

Schlimmer wurde die Sache dadurch, dass die Sledges keinen Schimmer hatten, wie er das Fenster zerbrochen hatte oder warum er überhaupt gekommen war. Sie dachten kein Stück mehr über Miss Mayhew nach als über irgendjemanden sonst, der sich nicht auf Papua-Neuguinea befand. Sogar ihre eigenen Kinder, die gerade hereingetrottet kamen, als er den Scheck unterschrieb, ernteten nicht mehr als ein knappes »Füße abputzen, bevor ihr reinkommt«. Nicht einmal ein flüchtiger Kuss auf die Wange oder ein kurzes: »Hör auf, deinen Bruder mit der Reitgerte zu schlagen«.

Es war Burke selbst, der einem der Jungen die Reitgerte abnahm, bevor dieser größeren Schaden damit anrichten konnte. Seine scharfe Zurechtweisung: »Du könntest deinem Bruder das Auge ausstechen!«, wurde mit einem höhnischen Grinsen erwidert, was ihn davon überzeugte, dass Katherine Mayhew ein Engel sein musste. Wie sonst wurde sie so reibungslos mit den kleinen Biestern fertig?

Ein Engel – oder eine Hexe. Er fing an, Letzteres zu vermuten, denn Ersterer hätte ihn nicht mit diesem pochenden Kopfschmerz zurückgelassen, den er immer noch spürte.

Und dann – als ob der bloße Gedanke an Miss Mayhew sie herbeigerufen hätte – erschien sie plötzlich auf der Treppe. Niemand anders schien sie zu bemerken. Mr Sledge erging sich in langatmigen Ausführungen über die barbarische Behandlung von Hunden durch die Einwohner dieses elenden Landes, dessen Name Burke in Raserei versetzen würde, würde er ihn noch einmal erwähnt hören. Mrs Sledge erklärte derweil den Frauen im nahegelegenen Salon, dass sie sich nicht extra erheben müssten; es sei bloß der Marquis von Wingate, der regelmäßig vorbeischaue, um ihren Mann zu besuchen. Der Butler, der ein Kehrblech mit bunten Glassplittern vorbeitrug, machte ein mürrisches Gesicht und die Kinder traten einander mit ihren schlammigen Reitstiefeln.

Seltsamerweise konnte Burke durch all dies hindurch Miss Mayhews Stimme vernehmen, die von der Treppe aus – näher hätte sie aufgrund des Gedränges in der Eingangshalle gar nicht kommen können – rief: »Lord Wingate, ich komme gern zu Ihnen, wenn Sie mich noch wollen.«

Zu Recht war Burke Traherne schon der verschiedensten Dinge bezichtigt worden, aber Begriffsstutzigkeit gehörte nicht dazu. Er hatte nicht die leiseste Ahnung, wieso das Mädchen seine Meinung geändert hatte, vermutete allerdings, dass die Rothaarige in der Dienstmagdkleidung, die hinter ihr stand, etwas damit zu tun hatte. Umso mehr, als es schien, dass sie Miss Mayhew recht kräftig in den Rücken pikste.

Aber er hatte nicht vor, herumzustehen und ihre Entscheidung infrage zu stellen.

Er war ganz und gar nicht erfreut darüber, wie sie seine Avancen zurückgewiesen hatte. Er war beleidigt und ein wenig verärgert. Aber sie war ja offensichtlich nur eine Dienende und wusste es nicht besser. Sein Vater hatte ihn immer gewarnt, nicht mit dem Personal anzubändeln, ein Rat, den Burke nun als weise erkannte.

Das Mädchen war eindeutig eine Männerhasserin. Das war die einzig mögliche Erklärung. Burke war in seinem Leben noch von keiner Frau abgewiesen worden und so empfand er die Erfahrung als ausgesprochen demoralisierend … und einzigartig.

Aber eine Männerhasserin, obwohl an sich eigentlich ärgerlich, würde eine umso bessere Anstandsdame für Isabel abgeben. Und so machte er eine tiefe Verbeugung und sagte, wobei seine tiefe Stimme mit Leichtigkeit den Tumult übertönte: »Miss Mayhew, ich fühle mich geehrt. Darf ich dann heute Abend meine Lakaien schicken?«

Sie nickte stumm. Tatsächlich hätte es keinen Sinn gehabt, es mit Sprechen zu versuchen, denn der Lärm in der Eingangshalle war derart angestiegen, dass niemand – nicht einmal Burke – sie hätte hören können.

Er warf ihr einen letzten, bewundernden Blick zu – sie war in der Tat ungewöhnlich angenehm anzusehen. Es war wirklich schade, dass sie Männer hasste. Dann nahm er sich selbst seinen Mantel und Hut, da der Butler beschäftigt schien und ein Lakai nicht in Sicht war. Er verließ das Haus und war zufrieden mit dem, was er erreicht hatte; den eigenen Seelenfrieden wiedergewonnen und eine strahlende Zukunft für seine Tochter sichergestellt zu haben. Und das alles für den Schleuderpreis von dreihundert Pfund.

Da war natürlich noch die Sache mit der beträchtlichen Beule auf der Stirn, aber er hatte das unbestimmte Gefühl, dass er das am besten ignorierte. Er hatte sich wenig nobel verhalten und Miss Mayhew hatte ihn das zu Recht wissen lassen. Es würde nicht wieder vorkommen.

Oder falls doch, würde er sichergehen, dass keine schweren Bücher in der Nähe waren.

7. Kapitel

Kate raste die Steintreppe hoch, ihr Herz hämmerte laut in ihren Ohren und ihr Hals war vor Angst wie zugeschnürt, sodass sie kaum Luft bekam. Bitte, betete sie, lass sie nicht verschlossen sein, bitte, nicht verschlossen. Bitte … Doch die Haustür schwang auf, noch bevor sie die Hand auf die Klinke legen konnte. Vincennes, Lord Wingates Butler, sah erstaunt auf sie hinab. »Miss Mayhew«, sagte er freundlich. »Wie geht es Ihnen? Haben Sie …«

Doch Kate hatte keine Zeit für Höflichkeiten. Sie drängte an ihm vorbei, griff nach der Tür und schloss sie hinter sich.

Vincennes musste zugutegehalten werden, dass er so tat, als sei dieses außergewöhnliche Benehmen völlig normal. Er sagte lediglich: »Ich hoffe doch sehr, dass Sie die Post noch erreicht haben, bevor sie geschlossen hat, Miss.«

Kate hörte ihn kaum. Sie raste weiter durch das Foyer in den anliegenden Salon, in dem das abendliche Kaminfeuer noch nicht brannte, zu dem großen Flügelfenster und schob die Vorhänge zur Seite.

»Mr Vincennes«, keuchte sie, während sie auf die Straße blickte, »sehen Sie den Mann da draußen? An der Ecke, im Licht der Gaslaterne?«

Der Butler sah gehorsam über ihre Schulter. »In der Tat, den sehe ich, Miss«, sagte er.

Na also! Es war keine Einbildung. Diesmal nicht.

Sie standen gemeinsam in dem dunklen Raum und starrten auf die regennasse Straße. »Entschuldigen Sie, Miss«, sagte der Butler. »Aber haben Sie Gründe, Mr Jenkins nicht zu mögen?«

Kates Atem vernebelte die Glasscheibe, durch die sie blickte. Sie hob die Hand und polierte die Stelle. »Mr Jenkins? Wer ist Mr Jenkins?«

»Der Gentleman, den wir dort sehen.«

Kate schaute erstaunt zu dem Butler empor. »Sie kennen ihn?«

»Natürlich, Miss. Er ist Arzt. Er macht viele Hausbesuche in dieser Gegend …«

Kate, die fühlte, wie ihre Wangen heiß wurden, ließ die Vorhänge zurückfallen. »Ich bin ja so ein Dummkopf«, gab sie kleinlaut zu. »Ich dachte … ich dachte, es wäre jemand anderes.«

»Das ist absolut verständlich«, sagte Vincennes freundlich, »bei diesem Nebel.«

Aber Kate konnte ihren Fehler nicht so leicht abtun. Freddy, dachte sie niedergeschlagen, während sie die weite, geschwungene Treppe zu ihrem Zimmer emporstieg, Freddy hatte wohl recht gehabt. Sie hatte zu viel Fantasie. Was in aller Welt sollte Daniel Craven an einer Straßenecke in London zu tun haben, noch dazu im Regen, wo doch seit sieben Jahren niemand mehr etwas von ihm gesehen oder gehört hatte? Sie benahm sich lächerlich, schlimmer noch – hysterisch.

Aber als sie sich der Tür zu ihrem Raum näherte und sah, dass diese nur angelehnt war, – obwohl sie genau wusste, dass sie sie geschlossen hatte – wurde sie misstrauisch. Vincennes hätte ihr doch gesagt, wenn jemand für sie da gewesen wäre. Außerdem hätte er sicherlich keinen Besucher in ihr Zimmer gelassen! Nein, es konnte nur eines der Dienstmädchen sein oder …

Kate öffnete schwungvoll die Tür und war mehr als überrascht, Lady Isabel Traherne zu sehen – sie lag flach auf dem Bauch auf Kates Bett, die Füße in der Luft, und streichelte Lady Babbie.

»Ich wusste ja nicht, dass Sie eine Katze haben, Miss Mayhew!«, rief sie, als sie Kate auf der Türschwelle bemerkte.

So viel zu dem Versuch, Lady Babbies Anwesenheit geheim zu halten, dachte Kate bei sich. Die ganze Anstrengung, die beleidigte Katze in einem Korb ins Haus zu schmuggeln, war im wahrsten Sinne des Wortes für die Katz gewesen.

Und gut zu wissen, dass sie in Zukunft besser ihre Tür abschloss, wenn sie keine ungebetenen Besucher haben wollte.

Laut sagte sie jedoch: »Seien Sie vorsichtig, sie beißt, wenn ihr danach zumute ist.«

Wahrscheinlich bloß, um Kates Worte Lügen zu strafen, erlaubte Lady Babbie Isabel ohne den leisesten Protest, sie an den Ohren zu kraulen.

»Hören Sie nur, wie sie schnurrt!«, seufzte Isabel. »Ich wollte immer eine Katze haben. Aber Papa hat immer gesagt, ich sei zu verantwortungslos, um auf eine Pflanze aufzupassen, geschweige denn auf ein Tier, und so hat er mir nie eine geschenkt. Wie heißt sie, Miss Mayhew?«

Kate räusperte sich, während sie die Bänder ihrer Haube löste. »Lady Babbie«, sagte sie unbehaglich.

»Wie war das? Ich habe Sie nicht gehört.«

»Lady Babbie«, sagte Kate etwas lauter.

Isabel sah sie neugierig an. »Was für ein seltsamer Name. Haben Sie sie nach jemandem benannt, den Sie kennen?«

»Nicht wirklich«, murmelte Kate, während sie ihre Haube abnahm und zum Spiegel hinüberging, um ihre Frisur zu richten. Dann, als sie Isabels unzufriedenen Gesichtsausdruck sah, erklärte sie zögerlich: »Ich habe sie, seit ich zehn war. Im Alter von zehn Jahren, fürchte ich, fand ich den Namen Lady Babbie unvorstellbar elegant. Das ist alles, was ich zu meiner Verteidigung vorbringen kann.«

»Seit Sie zehn waren«, sagte Isabel und kraulte die Katze bewundernd unterm Kinn. »Sie muss ja steinalt sein.«

»Erst dreizehn«, sagte Kate nicht ohne beleidigten Unterton.

»Also sind Sie dreiundzwanzig?« Isabel verlor das Interesse an der Katze, rollte sich auf den Rücken und starrte zu dem hauchdünnen Baldachin empor, der hier und dort mit rosafarbenen und grünen Blüten verziert war. »Das ist ziemlich alt. Ich dachte, Sie sind viel jünger.«

Kate machte sich wieder an die Arbeit, ihre Bücher in ein Regal beim Kamin zu sortieren – eine Tätigkeit, die sie eine Stunde zuvor unterbrochen hatte, um zur Post zu gehen und einen Brief abzuschicken. »Dreiundzwanzig«, sagte sie, sich verteidigend, »ist noch nicht uralt.«

»Nicht, wenn man schon verheiratet ist.« Isabel rollte sich wieder herum, stützte die Ellbogen auf und ließ das Kinn in die Hände sinken. Wie sie so in ihrer Unterwäsche und einem seidenen Bademantel dalag, die Haare mit einem Band zusammengebunden, erinnerte sie Kate an Posie, die abends oft in einem ähnlichen Aufzug bei ihr erschienen war.

»Warum haben Sie noch nicht geheiratet, Miss Mayhew? Sie sind eine so hübsche kleine Person. Ich kann mir nicht vorstellen, warum Sie niemand geschnappt und sich in die Tasche gesteckt hat, um Sie zu behalten. Hat Sie niemand gefragt?«

Kate, die den Rücken eines Buches betrachtete, entgegnete, »Gefragt, ob er mich in die Tasche stecken kann? Sicher nicht.«

»Ihn zu heiraten, dann eben.«

»Keiner, in den ich verliebt gewesen wäre.«

»Wirklich nicht? Hat er dann eine andere geheiratet?«

Kate stellte das Buch an seinen Platz im Regal. »Hat wer jemand anderes geheiratet?«

»Der Mann, den Sie geliebt haben, natürlich.«

Kate lachte. »Wohl kaum. Ich war noch nie in jemanden verliebt.«

Isabel setzte sich auf; sie war schockiert. »Was? Niemals? Miss Mayhew! Ich bin erst siebzehn und ich war schon fünf Mal verliebt! Zweimal allein im letzten Jahr.«

»Du meine Güte.« Kate langte in die Kiste, die Phillips eigenhändig von den Sledges hierher getragen hatte – so erleichtert war er, sie fort zu wissen – und holte ein weiteres Buch heraus. »Dann war ich wohl zu wählerisch mit meiner Zuneigung.«

»Das kann man wohl sagen«, erklärte Isabel. »Hat Papa Ihnen erzählt, in wen ich seit Neuestem verliebt bin?«

Kate stellte das Buch in ein Regal, sah, dass es nicht ganz passte, und brachte es in einem anderen unter. Da sie den Marquis seit dem Nachmittag in der Eingangshalle der Sledges nicht ein einziges Mal gesehen hatte, konnte sie die Frage nicht mit ja beantworten und behaupten, sie hätte eine längere Unterhaltung mit ihm über das Gefühlsleben seiner Tochter gehabt. Es war in der Tat über eine Woche her, seit sie den Marquis gesehen hatte. Mr Sledge hatte einen ziemlichen Koller gekriegt, als er erfuhr, dass sie die Familie verlassen wollte, und Mrs Sledge hatte sich zwei Tage ins Bett gelegt. Kate hatte das Gefühl gehabt, dass es richtig wäre zu bleiben, bis sie einen Ersatz gefunden hatten, und übersandte dem Marquis eine Notiz. Die Antwort, die sie erhielt, kam nicht vom Marquis selbst, sondern von seiner Haushälterin Mrs Cleary. Sie ließ sie wissen, sie solle sich die Zeit nehmen, die sie brauchte. Obwohl es erfreulich war, zu erfahren, dass die Sledges ihre Arbeit geschätzt hatten – besonders Mrs Sledge hatte sich zu den wüstesten Beschimpfungen über den Marquis hinreißen lassen, der sie von ihnen stahl –, so war es doch außerordentlich wunderbar gewesen, sich von diesem verkrampften, voll gestopften Haus auf Nimmerwiedersehen zu verabschieden. Posie war die einzige Person, von der Kate wusste, dass sie sie vermissen würde. Posie, und erstaunlicherweise die vier kleinsten Sledges, die bitterlich weinten, als sie ihnen die Neuigkeit beibrachte. Sie waren so enttäuscht, dass sie sich weigerten zu versprechen, die neue Gouvernante nicht mit Dornen in den Bettlaken oder Schnecken im Tee zu quälen. Obwohl Kate sich alle Mühe gegeben hatte.

Wäre da nicht Freddy gewesen, hätte sich Kate mit ihrer Entscheidung vollkommen wohlgefühlt. Er war von der bloßen Vorstellung so erschüttert, dass er mehrere Minuten wie vor den Kopf geschlagen war, als sie ihm bei ihrem nächsten Treffen von ihrem neuen Arbeitgeber erzählt hatte. In einem solchen Zustand hatte Kate ihn, soweit sie sich erinnerte, in all den Jahren nicht gesehen.

»Lord Wingate?«, fragte Freddy schließlich, als er die Sprache wiedergefunden hatte. In der Zwischenzeit hatten sie in seinem neuen Phaeton zwei Runden um den Park gedreht. Er hatte darauf bestanden, mit Kate darin auszufahren, obwohl sie lieber in einer netten Teestube gesessen hätte, als in dieser Kutsche herumzuschaukeln.

»Lord Wingate?«, hatte Freddy wiederholt. »Burke Traherne, meinst du? Den, den du mit deinem Regenschirm gestochen hast?«

»Ja«, sagte Kate. »Genau der. Pass doch auf, wo du hinfährst, Freddy, du hast fast den Hund da überfahren …«

»Du wirst in Trahernes Haus leben und auf seine Tochter aufpassen?«

»Ja, Freddy. Das habe ich doch gesagt. Für dreihundert Pfund im Jahr. Obwohl ich mir nicht vorstellen kann, dass ich ein Jahr dort sein werde, denn wenn Lady Isabel nur ansatzweise so liebreizend wie reich ist, wird sie wahrscheinlich am Ende der Saison schon verheiratet sein. Freddy, müssen wir so schnell fahren?«

»Aber ich habe dir doch von ihm erzählt, Kate! Ich hab dir doch alles gesagt, oder? Wie er seine Frau abgeschoben hat und den Liebhaber aus dem …«

»Fenster geworfen hat, ja. Lord Wingate scheint die Neigung zu haben, Sachen aus dem Fenster zu werfen. Stell dir vor, er hat einen Atlas aus dem Fenster geworfen, als ich ihm sagte, ich würde nicht für ihn arbeiten.«

»Was, zum Teufel, hat er getan?«

Kate fing an zu bereuen, dass sie überhaupt mit dem Thema angefangen hatte. Obwohl sie es ihm sowieso sagen musste – er hätte es ohnehin herausgefunden. Sie musste es ihm sagen. Sie wünschte sich nur, er wäre ein bisschen verständnisvoller.

»Mir gefällt das nicht«, sagte Freddy tonlos. »Abgesehen davon, dass du mit ihm leben wirst«, seine düstere Miene verriet nur zu genau, wer damit gemeint war, »bringst du dich selbst in eine unmögliche Position. Du wirst mit diesem Mädchen in Häuser gehen, wo du vor wenigen Jahren selbst Gast warst. Und jetzt bist du jemandes Anstandsdame …«

»Vor wenigen Jahren.« Kate verzog den Mund. »Versuch's mal mit sieben Jahren, Freddy. Keiner wird sich erinnern.«

»Aber natürlich werden sie das! Kate, du warst das Hauptthema für …«

»Vor sieben Jahren, Freddy. Ich bin jetzt eine alte Dame. Vor ein paar Tagen habe ich sogar ein graues Haar entdeckt.«

Freddy machte ein missmutiges Gesicht. »Du denkst vielleicht, du hast dich verändert, Katie, aber glaube mir, das hast du nicht. Sie werden dich erkennen …«

»Keiner achtet auf eine Anstandsdame«, hoffte Kate.

»… und dann werden sie diese unbequemen Fragen stellen, die du so hasst, und wahrscheinlich wird es mitleidige Blicke geben. All die alten Tratschtanten, die du so verabscheut hast, werden von nichts anderem reden. ›Sie können sich nicht vorstellen, wer gestern bei mir auftauchte, Lavinia. Das Mayhew-Mädchen. Nur dass sie gearbeitet hat, als Anstandsdame, das arme kleine Ding.‹«

»Mir ist nie aufgefallen, dass du ein sehr guter Imitator bist. Das war Lady Hildengard, stimmt's?«

»Der Punkt ist«, sagte Freddy nachdrücklich, »dass es schrecklich sein wird. Du weißt doch, dass du diese Weiber nicht ausstehen kannst …«

»Freddy, du redest an der Sache vorbei. Dreihundert Pfund sind viel Geld. Du weißt, dass Papa mir nichts als Schulden hinterlassen hat …«

»Du bist nicht für die Schulden verantwortlich, die dein Vater hinterlassen hat«, erinnerte sie Freddy.

»Nein, aber ich fühle mich trotzdem verantwortlich für die Menschen, die er zurückgelassen hat. Du weißt, dass Nanny keinen Cent hat.«

»Nanny!«, platzte Freddy heraus. »Darum geht es also? Dein altes Kindermädchen?«

»Ja«, sagte Kate ruhig. »Dreihundert Pfund würden die Miete für Nannys Häuschen auf Jahre sicherstellen. Es ist mir nicht möglich, das auszuschlagen, Freddy.«

»Du kannst es unmöglich annehmen«, verlangte Freddy und parierte das Pferd abrupt zum Stand. »Kate, du wirst nicht für Burke Traherne arbeiten. Ich kann das nicht dulden!«

»Oh«, sagte sie scharf. »Und dann bezahlst du die Miete für Nannys Haus?«

»Ich habe gesagt, dass ich das tue, wenn du mich nur lassen würdest!«

»Werde ich nicht.« Sie schüttelte den Kopf. »Ich muss mich selber um sie kümmern.«

»Ich werde ihre Adresse herausfinden«, drohte Freddy, »und ihr schreiben, was du vorhast. Dann wird es dir leidtun.«

Kate musste lachen. »Und was willst du ihr sagen, Freddy? Dass ich eine Stelle angenommen habe, wo ich neunmal so viel verdiene wie vorher, und das für weniger Arbeit? Ich werde die Anstandsdame von Lord Wingates Tochter sein, Freddy. Das ist eine vollkommen respektable Stellung. Sogar Nanny würde dem zustimmen. Es ist ja nicht so, als ob ich eingewilligt hätte, seine Konkubine zu werden«, fügte sie hinzu.

»Verdammt, Kate!« Freddy reichte herüber, nahm eine ihrer Hände in seine und presste ihre Finger recht hart zusammen.

»Der Mann hat ein Naturell, schlimmer als der Teufel. Erst letzte Woche schoss er wegen dieser Woodhart auf einen armen Kerl. Zudem ist er ein lasterhafter Lustmolch. Wahrscheinlich hat er dich nur angestellt, um sich den Spaß zu machen, dich zu verderben, und er schmeißt dich raus, wenn er genug von dir hat. Er hat kein Herz, weißt du.«

Kate blickte ihn einen Moment lang erstaunt an, dann brach sie in schallendes Gelächter aus. Freddy konnte ihr Amüsement nicht teilen und betrachtete sie grimmig. Aber Kate konnte kaum an sich halten und schnappte nach Luft, als sie sich genügend beruhigt hatte, um zu fragen: »Oh Freddy, glaubst du wirklich? Ich wollte schon immer von einem lasterhaften Lustmolch verdorben werden! Und er bezahlt mich noch für die Ehre! Was habe ich nur für ein Glück!«

Freddy verzog das Gesicht. »Das ist nicht lustig, Kate. Ich warne dich, Traherne …«

»Ja, ja, ja.« Kate entzog ihm ihre Hand und tätschelte ihn. »Er ist ein schlimmer, schrecklicher Mann, ich weiß das alles und ich werde auf der Hut sein.«

»Auf der Hut? Kate, es geht nicht darum, auf der Hut zu sein. Was, wenn …«

»Außerdem, Freddy, ist es nicht so, dass Lord Wingate auch nur das geringste derartige Interesse an mir zu haben scheint.« Sie hatte natürlich nicht gewagt, ihm zu erzählen, dass das Gegenteil zutraf. »Er hat Mrs Woodhart, um ihn zu unterhalten. Was könnte er schon in mir sehen, wenn er sie hat?«

Freddy sagte etwas, aber so undeutlich, dass sie ihn nicht verstand.

»Und obwohl Lord Wingate durchaus ein lasterhafter Lustmolch sein mag«, fuhr Kate fort, um Freddy ebenso wie sich selbst zu überzeugen, »musst du doch zugeben, dass er sich sehr um das Glück seiner Tochter sorgt. Und wie schlimm kann ein Mann sein, der seine Tochter liebt?«

»Kate …«

»Und was das Verderben betrifft, Frederick Bishop, der Marquishat mich schließlich in erster Linie angeheuert, damit er abends Zeit hat, auszugehen und verdorbene Sachen zu tun, ohne dass seine Tochter etwas davon mitbekommt. Nun, was hast du dazu zu sagen?«

Resigniert sackte Freddy in seinem Phaetonsitz zusammen.

»Kate, willst du mich nicht einfach heiraten? Das würde alles so viel leichter machen.«

Kate blinzelte ihn an. Sie war so gern mit ihm zusammen, dass sie manchmal völlig vergaß, dass er mehr in ihr sah als nur eine Freundin. Ihr Schuldgefühl versetzte ihr einen Stich und sie dachte, dass sie seine Einladungen zum Tee oder zu Kutschfahrten womöglich nicht annehmen sollte. Es war nicht fair von ihr, sich weiter mit ihm zu treffen und falsche Hoffnungen zu wecken.

Aber er war ihr bester – und einziger – Freund, der ihr aus ihrem alten Leben geblieben war. Sie konnte sich nicht vorstellen, ohne ihn zu sein.

Unglücklicherweise konnte sie sich auch nicht vorstellen, mit ihm zu sein – nicht auf die Art, die er wollte.

Sie seufzte tief. »Oh Freddy«, sagte sie. »Es würde die Dinge nicht einfacher machen. Absolut nicht.« Sie hatte ohnehin keinen Platz mehr in Freddys Welt, der Welt, in der sie einst mit Anmut und Leichtigkeit wandeln konnte. Wie könnte sie, mit dem Wissen, das sie jetzt hatte – was die Leute dort über ihren Vater gesagt hatten und zweifellos immer noch sagten – jemals dahin zurückkehren. Ignorante Heuchler, die törichte Gerüchte verbreiteten. Um Gottes willen, nein. Sie würde lieber sterben, als zurückzugehen; aber sie hatte nicht das Gefühl, dass sie Freddy in diesem Moment daran zu erinnern brauchte.

Und selbst wenn sie sich dazu überwinden könnte, wieder in den Kreisen zu leben, aus denen sie vor all den Jahren geflohen war – besser gesagt, aus denen sie ausgestoßen wurde –, so könnte sie Freddy niemals guten Gewissens heiraten. Sie wusste genau, dass sie ihn nicht liebte. Angenommen, nur angenommen, sie würde Freddy heiraten und dann, genau wie Isabels Mutter, ihre Liebe zu jemand anderem entdecken. Wie schrecklich! Sie könnte Freddy niemals antun, was Elisabeth Traherne dem Marquis angetan hatte. Der katastrophale Ausgang für alle Beteiligten sprach eine deutliche Sprache.

Nicht für alle, korrigierte sie sich, als sie den Blick durch den Raum schweifen ließ, in dem sie stand. Dies war das hübscheste Schlafzimmer, das sie seit der Zeit vor dem Tod ihrer Eltern gehabt hatte. Auf jeden Fall das Schönste, seit sie begonnen hatte, sich als Gouvernante zu verdingen. Die Wände waren passend zum Baldachin über ihrem Bett tapeziert, weiß mit rosafarbenen und grünen Blüten. Dazu passend ein Paar mit dunkelgrünem Samt bezogene Sessel vor dem Kamin, ein weißer Schminktisch mit vergoldeten Knöpfen und ein massiver vergoldeter Spiegel darüber. Der Raum hatte keinerlei Ähnlichkeit mit der Kammer, in der sie sich bei den Sledges halb tot gefroren hatte, – weil Phillips so geizig mit den Kohlen war.

Was den Rest des Hauses betraf, konnte Kate sich nicht erinnern, jemals in einem eleganteren und doch komfortablen zuhause gewesen zu sein. Von den Bildern an den Wänden bis zu den Kerzen in ihren Kandelabern, alles war von bester Qualität und ansprechendem Design. Und sie bekam dreihundert Pfund im Jahr, um in diesem Luxus zu leben!

»Ich kann nicht sagen«, sagte Kate zu dem Mädchen, das sich wie Lady Babbie auf dem Bett räkelte, »dass Ihr Vater Ihren noblen Freund mir gegenüber erwähnt hat.«

»Nobler Freund«, echote Isabel mit verzogener Miene. »Geoffrey würde lachen, wenn er das gehört hätte. Mein Gott, Miss Mayhew, haben Sie alle diese Bücher auch noch gelesen?«

Kate sah auf die Kiste zu ihren Füßen. »Ja«, antwortete sie. »Natürlich.«

»Warum bewahren Sie sie dann auf?«, wollte Isabel wissen. »Ich meine, wenn Sie sie schon gelesen haben.«

»Darum.« Kate hob eine viel gelesene Ausgabe von Jane Austens Stolz und Vorurteil aus der Kiste. »Manche Bücher sind so gut, dass man sie einfach immer wieder lesen will. Man hängt an ihnen. Sie werden … sie werden zu Familienmitgliedern.«

»Familie?«, echote Isabel.

»Ja. Wenn man sie so oft gelesen hat, kann man gar nicht anders, als eine Beziehung zu ihnen entwickeln – verlässliche, liebevolle Beziehungen, die einen niemals enttäuschen. Sie wieder aufzuschlagen, ist wie ein Besuch bei der Lieblingstante oder … sich auf den Schoß des geliebten Großvaters zu setzen.«

Als sie sah, dass Isabels Gesichtsausdruck skeptisch wurde, fügte sie mit einem kleinen Lachen hinzu: »Na ja, ich schätze, für Sie, Lady Isabel, klingt das nicht sehr beeindruckend. Aber Sie haben ja auch einen Vater, der Sie liebt, und vermutlich Großeltern, die Sie vergöttern. Meine Bücher sind alles an Familie, was mir geblieben ist.« Sie wollte nicht melodramatisch klingen, erkannte jedoch, dass ihre Worte so ausgelegt werden konnten, also fügte sie scherzhaft hinzu: »Ein weiterer Vorteil, Beziehungen zu Büchern zu haben, statt zu echten Menschen, ist, dass sie sich nie Geld leihen wollen oder unangekündigt hereinplatzen. Die einzige wirkliche Gefahr besteht darin, sie aus Versehen im Omnibus zu vergessen. Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass mir das in der Vergangenheit ein-, zweimal passiert ist.«

Isabel rümpfte die Nase. »Miss Mayhew«, sagte sie. »Es ist eine gute Sache, dass Sie so hübsch sind. Es gleicht dem Umstand etwas aus, dass Sie ziemlich seltsam sind.« Sie sah zur Decke empor. »Abgesehen davon, habe ich nie so ein Buch gelesen. Ein Buch, das ich mehr als einmal lesen wollte, meine ich.«

»Haben Sie nicht?« Kate hielt Stolz und Vorurteil hoch. »Haben Sie das hier gelesen?«

Isabel verzog das Gesicht, als sie den Umschlag betrachtete. »Oh«, sagte sie angeekelt. »Papa will immer, dass ich das lese.«

»Das sollten Sie auch«, meinte Kate. »Es wird Ihnen gefallen. Es geht um Mädchen in Ihrem Alter, die sich verlieben.«

Isabel hob den Kopf von der Faust, auf den sie ihn gestützt hatte. »Wirklich? Ich dachte, es sei über einen Krieg.«

»Ein Krieg? Wie um alles in der Welt sind sie auf die Idee gekommen, dass es von einem Krieg handelt?«

»Na ja, es heißt ja schließlich Stolz und Vorurteil, nicht wahr?«, sagte Isabel vage, stand jedoch auf und ging zu Kate hinüber, nahm ihr das Buch aus der Hand und blätterte darin. Immerhin ein Anfang, dachte Kate. »Außerdem liest Papa ständig Bücher, die meistens von Krieg, Gesetzen oder etwas noch Langweiligerem handeln.«

Kate griff wieder in ihre Kiste. »Oh?«, fragte sie beiläufig. »Ihr Vater liest also gern?«

Isabel knurrte: »Es ist fast das Einzige, was er tut. Ich meine, abgesehen davon, Frauen wie diese grässliche Mrs Woodhart zu unterhalten.«

Kate hüstelte, doch unglücklicherweise verstand Isabel diese Andeutung nicht.

»Ich schwöre, Miss Mayhew«, fuhr sie seufzend fort, »manchmal denke ich, wenn es nicht wegen solcher Frauen wäre, würde Papa gar nicht aus dem Haus gehen! Zu Hause in Wingate Abbey hebt er die Nase überhaupt nicht aus dem Buch, außer um ab und an reiten zu gehen. Es ist peinlich.«

Kate richtete sich auf. »Peinlich?«

»Nun, kein anderer Vater ist so. Die Väter von den Mädchen aus der Schule, die ich besucht habe, sind jeden Tag jagen und fischen gegangen oder so was. Nur mein Vater nicht. Mein Vater ist ständig zu Hause und liest. Ich sage ihm immer, dass das nicht normal ist und er mehr rausgehen sollte. Ich meine, schließlich wird er nicht jünger, Miss Mayhew. Er ist gerade sechsunddreißig geworden. So trifft er nie die Richtige und kommt zur Ruhe.«

»Aber ich dachte, er hätte jemanden getroffen«, sagte Kate mit Unschuldsmiene. »Sie erwähnten eine Mrs Woodhart.«

»Aber er kann doch Sara Woodhart nicht heiraten!«, rief Isabel. »Sie ist eine Schauspielerin. Papa kann keine Schauspielerin heiraten. Das geht nicht. Außerdem ist sie schon verheiratet.«

Kate hob die Brauen. »Oh.«

»Der Punkt ist einfach, Miss Mayhew, es bleibt nicht mehr viel Zeit. Bald werden Geoffrey und ich heiraten und Papa bleibt ganz allein zurück.«

»Wirklich?« Kate hob die Brauen noch höher. »Sie und Geoffrey?«

»Ja. Ich muss für Papa eine nette Frau finden, Miss Mayhew, sodass er nicht einsam ist, wenn ich weg bin. Nicht so eine wie diese Mrs Woodhart. Eine nette Frau …« Isabels Blick glitt verstohlen zu ihr herüber. »Wie Sie, Miss Mayhew.«

Kate erstickte fast vor Lachen. Die Vorstellung, ein Mann wie der Marquis von Wingate würde sich herablassen, die Anstandsdame seiner Tochter zu ehelichen, war so grotesk, dass sie sich wünschte, sie könne sie mit jemandem teilen. Zu schade, dass Freddy die ganze Sache so schwer nahm.

Sie musste an Freddys Bemerkung denken, der Marquis habe geschworen, nach der Katastrophe, die er beim ersten Mal erlebt hatte, nie wieder zu heiraten. Sie beschloss, das Thema zu wechseln, bevor Isabel sich noch mehr dafür erwärmte.

»Hat, ähm, Mr Saunders Sie schon gebeten, ihn zu heiraten, Lady Isabel?«

Die bloße Erwähnung von Geoffreys Namen war offensichtlich geeignet, Isabel von jedem anderen Thema abzulenken.

»Noch nicht«, sagte sie etwas hitzig. »Aber er hat auch noch gar keine richtige Gelegenheit dazu gehabt, so wie Papa mir im Nacken hängt, wenn wir irgendwo hingehen.« Sie schenkte Kate noch einen dieser verstohlenen Seitenblicke. »Aber vielleicht jetzt, wo Sie da sind, Miss Mayhew …«

Kate hatte schon Luft geholt, um Isabel dezent darauf hinzuweisen, dass eher die Hölle gefrieren würde, als dass sie sich den Wünschen des Mannes entgegenstelle, der sie so großzügig dafür bezahlte, auf sein einziges Kind aufzupassen, als dieser Mann plötzlich auftauchte und an die offenstehende Tür klopfte.

»Ah, Miss Mayhew«, sagte Lord Wingate. Kate sah, dass er tatsächlich eines der von seiner Tochter so verhassten Bücher in der Hand hielt, wobei er den Zeigefinger als Lesezeichen benutzte. »Entschuldigen Sie, dass ich unterbreche. Sie und Isabel gehen heute Abend zu einem Empfang, nicht wahr?«

Kate nickte und wandte hastig den Blick ab, um nicht in diese viel zu strahlenden grünen Augen sehen zu müssen. Burke Traherne hatte seine jadefarbenen Augen an seine Tochter vererbt, aber wegen ihres helleren Teints wirkten sie an ihr längst nicht so beunruhigend.

Aber vielleicht waren es auch gar nicht die Augen des Marquis, die Kate so nervös machten, sondern die Tatsache, dass sie ihm bei ihrem letzten Treffen einen Atlas auf den Kopf gewuchtet hatte. Und davor hatte sie die Spitze ihres Regenschirms auf seine Brust gesetzt. Sie hatten es wirklich nicht leicht, einander kennen zu lernen.

»Ja, Mylord«, brachte Kate brüsk über die Lippen.

»Zu Lady Allens Dinner und dann ist da der Ball bei Baroness Hiversham …«

»Dann Frühstück bei Lord und Lady Blake«, unterbrach Isabel, die die Einladungen durchblätterte, um sie in gelangweiltem Ton zu rezitieren, »und ein Bummel mit ihren abscheulichen Töchtern. Dann Lunch mit den Baileys, danach ein Einkaufsbummel Oder vielleicht ein paar Kurzbesuche, um herauszufinden, wer sich schon verlobt hat und wer noch nicht. Danach nach Hause und umziehen, zum Dinner bei Lord und Lady Crowley, dann in die Oper, dann ein Spiele-Abend bei Eloise Bancroft, ein bisschen Schlaf, und weiter geht's zum morgendlichen Reiten, die Lady–Meile mit diesen unsäglichen Chittenhouses, wieder mal Frühstück. Ich schwöre, ich weiß nicht mehr, wo …«

»Isabel«, sagte Lord Wingate mild, »vielleicht möchtest du lieber wieder zur Abbey.«

Isabel brach ab und starrte ihn an. »Zurück zur Abbey? Wingate Abbey, meinst du? Ganz sicher nicht. Was soll ich denn da, wenn Geoffrey hier ist?«

»Nun ja, deinem Tonfall nach zu urteilen, findest du London offensichtlich recht langweilig.«

Isabel ließ die Hände an ihre Seiten sinken. Kate stand nahe genug, um zu sehen, wie sich ihre schmalen Hände zu Fäusten ballten. »Oh, das würde dir gefallen, was?« Lady Isabel warf den Kopf in den Nacken, sodass ihre Korkenzieherlocken hüpften. »Alles, nur damit ich Geoffrey nicht sehe?«

Kate glaubte nicht, sich einzubilden, dass Lord Wingate amüsiert aussah. »Im Gegenteil«, sagte er. »Ich dachte, vielleicht ist es dir nach einer Ruhepause auf dem Land, damit du dich erholst und deine charakteristische Überschwänglichkeit wiedergewinnst.«

Isabel gab ein zorniges »Ha!« von sich und schritt wutschnaubend zur Tür, die sie – zur Steigerung der Dramatik – hinter sich zuknallte.

Damit ließ sie Kate mit ihrem Arbeitgeber allein im Schlafzimmer zurückließ.

8. Kapitel

Kate starrte entsetzt auf die geschlossene Tür, als ob sie sich davon wieder öffnen und somit der Situation eine gewisse Züchtigkeit zurückgeben könnte.

Lord Wingate hingegen schien kein solches Unbehagen zu empfinden. Tja, dachte Kate abgestoßen, das kann er wahrscheinlich gar nicht.

Er ließ sich in einen der grünen Samtsessel an der Feuerstelle fallen und sah verdrossen in die tanzenden Flammen.

»Sie verstehen nun«, sagte Lord Wingate mit seiner tiefen Stimme, wobei er den Blick nicht von den Flammen wandte, »womit ich es hier zu tun habe. Junge Liebe. Ein ernst zu nehmender Gegner, Miss Mayhew.«

Kate schwenkte den Kopf von der Tür zu Lord Wingate und wieder zurück. Ist das nicht idyllisch, dachte sie. Angenommen, Mrs Cleary, die Haushälterin, läuft vorbei und hört die Stimme Seiner Lordschaft aus dem Schlafzimmer der neuen Anstandsdame? Oder, noch schlimmer, Mr Vincennes, der Butler. Bis jetzt schien Mr Vincennes nichts gegen Kate zu haben, trotz ihres seltsamen Verhaltens, welches er zweifellos als solches gewertet hatte. Aber Vincennes wusste nichts von Lady Babbie – noch nicht. Und er wusste ganz bestimmt nicht, dass Seine Lordschaft sich selbst zu einem kleinen Teatime-Tête-à-Tête in Kates Zimmer eingeladen hatte.

»Isabel«, fuhr Lord Wingate so beiläufig fort, als redeten sie über das Wetter in Bath, »hat sich in den Kopf gesetzt, in diesen jungen Mann, Geoffrey Saunders, verliebt zu sein. Es ist eine unmögliche Verbindung. Mr Saunders ist der zweite Sohn und besitzt keinen Penny – außer dem, was sein älterer Bruder ihm zuteilt. Er sollte Gelehrter werden, aber aus Oxford wurde er rausgeworfen, weil er sich von zahlreichen Personen Geld geliehen hat, um es beim Kartenspielen zu verlieren. Ich habe keinen Schimmer, wovon er jetzt lebt, aber es ist zu vermuten, dass er ein Heiratsschwindler ist.« Endlich drehte er den Kopf vom Feuer weg und fixierte Kate mit seinem stählernen Blick. »Isabel muss auf jeden Fall von ihm ferngehalten werden.«

Von seinen Smaragdaugen festgenagelt, wo sie gerade stand, musste Kate schlucken. Sie hatte die beiden Sessel vor ihrem Kamin als recht groß empfunden – wenn sie darin saß, blieb noch jede Menge Platz übrig. Aber Lord Wingates enorme Körpergröße ließ die Möbel zwergenhaft erscheinen und erinnerte Kate schmerzhaft an eine Tatsache, die sie gehofft hatte, ignorieren zu können – dass Burke Traherne, der dritte Marquis von Wingate, ein wahrhaft bemerkenswertes Mannsbild war.

Unerklärlicherweise erinnerte sie sich daran, dass Mrs Cleary ihr just an diesem Nachmittag einen Scheck über fünfzig Pfund gegeben hatte. »Ein Vorschuss«, hatte die mollige alte Dame ihr erklärt, »für Kosten, die durch den Arbeitsplatzwechsel entstanden sein mögen.«

Obwohl sie nicht um einen Vorschuss gebeten hatte, hatte sie ihn doch dankbar angenommen und war zur Bank und zur Post geeilt, um die gesamte Summe an ihre Nanny in Lynn Regis zu schicken. Zu dem Zeitpunkt hatte sie sich nicht darüber gewundert, warum Seine Lordschaft ihr zwei Monatsgehälter im Voraus zahlte. Sie hatte angenommen, dass es für den Erwerb von Garderobe gedacht sei, damit sie nicht zur Schande ihres Arbeitgebers in ihren abgewetzten Kleidern zu den obligatorischen gesellschaftlichen Anlässen gehen müsse. Doch sie passte immer noch sehr gut in die Gewänder ihrer eigenen ersten Saison. Sie hatten sich als sehr nützlich erwiesen, nachdem sie erst gut gelüftet worden waren; sie hatten nur von der äußerst geschickten Mrs Jennings leicht geändert werden müssen. Die Röcke waren nun, entsprechend der neuen Mode, nicht mehr ganz so weit und die Ausschnitte nicht mehr ganz so gewagt – gewagte Ausschnitte waren für eine Anstandsdame alles andere als angebracht. Sie hatten auch gefärbt werden müssen, denn die Mehrzahl ihrer Kleider war weiß gewesen. Mit dreiundzwanzig Jahren jedoch war sie viel zu alt, um Weiß zu tragen.

Jetzt kam ihr allerdings ein anderer, etwas beunruhigender Gedanke, wofür der Vorschuss gedacht gewesen war. Es sollte sie davon abhalten zu kündigen, denn dann würde sie dem Marquis von Wingate eine beträchtliche Summe schulden, eine Summe, von der sie nicht hoffen konnte, sie jemals zurückzahlen zu können. Er hatte offensichtlich aus den Erfahrungen mit den letzten Anstandsdamen gelernt und war entschlossen, dass diese ihm nicht so leicht entwischen sollte.

Flucht war nämlich der erste Gedanke in Kates Kopf, als Lord Wingates seegrüner Blick auf sie fiel. Tatsächlich ging sie Richtung Tür, Isabel folgend.

Erst als sie die Hand auf die Klinke legte, brachte sie des Marquis tief vibrierendes »Miss Mayhew?« zurück in die Realität.

Guter Gott, was ging in ihr vor? Kate Mayhew floh vor gar nichts – na gut, außer vor düsteren Gestalten auf der Straße, die sie für Daniel Craven hielt. Aber bestimmt nicht vor autoritären Marquis, egal, wie stechend sie gucken mochten oder wie vollständig sie einen Sessel ausfüllten.

Statt zu fliehen, nahm sie also einen tiefen, beruhigenden Atemzug und machte die Tür weit auf, sodass jeder vom Korridor aus sehen konnte, dass der Hausherr lediglich seiner neuesten Angestellten einen Anstandsbesuch abstattete.

»Das verstehe ich gut«, sagte Kate mit ruhiger Stimme und drehte sich, um ihn anzusehen. Sie schaffte es, seinen Blick zu erwidern, ohne rot zu werden. »Sie beanstanden diesen jungen Mann. Das ist normal. Sie lieben Ihre Tochter und wollen ihr Bestes. Ich frage mich nur, Mylord, ob das Verbot, Mr Saunders zu sehen, in dieser Situation die beste Lösung ist.«

Lord Wingate musste sich im Sessel ebenfalls umdrehen, um sie anzusehen. Es sah ziemlich unbequem aus, und Kate, die plötzlich Mitleid empfand, ging zu dem anderen Sessel hinüber, setzte sich jedoch nicht hin.

»Ich bitte um Verzeihung«, sagte der Marquis mit einem ungläubigen Unterton, »aber ich denke, ich weiß, wie ich mit meiner eigenen Tochter umzugehen habe.«

»Und ich bin ziemlich sicher, das dachten die Eltern von Julia auch, als sie ihr verboten, Romeo zu sehen.«
Lord Wingate hob eine Augenbraue; der Ausdruck auf seinem Gesicht war unergründlich. »Es ist einige Zeit her, dass mir jemand in einer Unterhaltung ein Zitat des großen Barden vorgehalten hat.«

»Dann sollte es Ihnen nichts ausmachen«, sagte Kate, »wenn ich Sie an die Tragödie von Abelard und Heloise erinnere. Ich bin ziemlich sicher, dass ihr Onkel Fulbert dieselbe Meinung über ihre Beziehung zu Abelard hatte wie Sie über Mr Saunders.«

Mit einem Lachen sagte der Marquis: »Wissen Sie, ich habe großes Verständnis für Fulbert. Ich hätte nichts dagegen, wenn Mr Saunders das gleiche Schicksal erleiden müsste wie dieser Strolch Abelard …«

»Was ich meine«, unterbrach Kate knapp, »ist, dass Romeo, Julia, Abelard und Heloise allesamt tragische Schicksale wegen des elterlichen Eingreifens in ihre Romanzen erleiden mussten …«

Der Marquis machte ein finsteres Gesicht. »Verdammt, Miss Mayhew. Isabel wird sich schon nicht umbringen und auch nicht in ein Kloster fliehen. Obwohl ich Letzteres, ehrlich gesagt, wünschenswerter finde als eine Ehe mit diesem Herumtreiber.«

»Lord Wingate«, sagte Kate. »Sowohl die Geschichte als auch die Literatur zeigen uns, dass Verbote eine Sache für ein Kind faszinierend mysteriös erscheinen lassen, was ohne Verbot nicht der Fall wäre. Dass Sie Mr Saunders so ablehnen, macht ihn für Isabel gerade anziehend.«

»Was soll ich Ihrer Meinung nach tun, Miss Mayhew?«, schnappte Lord Wingate. »Ihr erlauben, dass sie sich diesem Affen an den Hals wirft?«

Kate breitete die Arme aus. »Was können ein paar Tänze mit ihm schon schaden? Umso mehr Zeit sie mit ihm verbringt, umso eher wird sie seine Fehler entdecken.«

»Und wenn das nicht geschieht?«, wollte Lord Wingate wissen. »Wenn sie sich noch mehr in ihn verguckt und ich im Handumdrehen Großvater bin?«

Kate wurde rot. Sie war froh, dass sie nah genug am Feuer stand, sodass ihre intensivere Gesichtsfarbe leicht von der Hitze der stark lodernden Flammen herrühren konnte.

»Ich bezweifle stark, dass es dazu kommen würde, Mylord«, sagte sie. »Isabel scheint mir ein Mädchen mit außergewöhnlich scharfem Verstand und starkem Charakter zu sein. Sie würde sich nicht kompromittieren lassen.«

Lord Wingate schnaubte und versank tiefer in seinem Sessel. »Sie wissen nicht viel über junge Mädchen, nicht wahr, Miss Mayhew?«

»Außer, dass ich selbst eins war«, sagte Kate trockener, als sie beabsichtigt hatte.

Lord Wingate fesselte sie erneut mit diesem Smaragdblick. »Ich kann mir vorstellen, dass Sie, Miss Mayhew, eine ganz andere Sorte Mädchen waren als Isabel.«

Kate sah ihn finster an. »Ihre Tochter mag im Besitz von mehr Wohlstand und Status sein, aber ich versichere Ihnen, ich war ganz genauso …«

Sie brach verwirrt ab, als sie Lord Wingate lachen sah. Sie hatte ihn noch nie wirklich lachen sehen; seit dem Abend, als sie ihn das erste Mal gesehen hatte, schien er immer in einer besonders miesen Stimmung zu sein. Aber jetzt drang Lachen aus ihm hervor und er wirkte viel jünger als seine sechsunddreißig Lenze. Es verursachte Kate weitere Beklemmung, als sie sah, dass seine Krawatte gelockert war. Wenn er seinen Kopf zurückwarf und lachte, öffnete sich der Hemdkragen und gab den Blick auf seine Kehle frei, an deren unterem Ansatz sie eine Menge kräftiger, schwarzer Haare erspähte. Kates Blick wurde von diesen seidenen Locken angezogen und sie konnte nichts dagegen tun. Was, fragte sie sich gedankenverloren, war bloß mit ihr los?

Als Lord Wingate lange genug mit dem Lachen aufgehört hatte, um sie anzusehen, hoffte sie ernsthaft, dass er ihre unerklärliche Faszination für seinen offenen Hemdkragen nicht bemerkt hatte. Sie hoffte außerdem, dass sich ihr Erröten nicht zu einem flammenden Leuchten ihres ganzen Gesichts und Halses gesteigert hatte.

»Ich meinte nicht Ihren Mangel an Reichtum und Status, Miss Mayhew«, sagte er, immer noch grinsend. »Ich habe davon geredet, dass Sie offensichtlich viel attraktiver sind, als es meine Tochter je sein wird, und das waren Sie wahrscheinlich schon in Isabels Alter. Attraktivität gleicht Wohlstand mehr als aus. Anders als bei Isabel konnten die Männer bei Ihnen keinesfalls nur hinter dem Geld her sein.«

Plötzlich wünschte sich Kate, sie hätte die Tür geschlossen gelassen und das nicht wegen Lord Wingates Annahmen über ihre angeblich verarmte Kindheit. Sie eilte durchs Zimmer und zog die Tür zu, während sie über die Schulter zu ihm sprach: »Psssst! Was, wenn sie Sie hört?«

»Selbst wenn? Isabel weiß, dass sie nicht hübsch ist. Unglücklicherweise hat sie mein Aussehen geerbt.« Er zog eine Taschenuhr aus der Westentasche und begann, sie aufzuziehen. »Und«, murmelte er, »den Verstand ihrer Mutter.«

»Es ist absolut abscheulich von Ihnen, Ihr eigenes Kind auf diese Weise schlecht zu machen«, sagte Kate und durchquerte den Raum zügig, bis sie neben seinem Sessel stand. »Lady Isabel ist sehr liebenswürdig …«

»Sie hat etwas sehr Kindliches«, korrigierte Lord Wingate sie. »Das ist etwas anderes als äußerliche Attraktivität. Die Menschen fühlen sich zu ihr hingezogen, weil sie lebhaft ist. Obwohl ich sie zu den besten Schulen geschickt habe, hat sie außer ein paar Tanzschritten nicht viel davon mitgenommen. Wogegen Sie, Miss Mayhew, mit gutem Aussehen und Intelligenz gesegnet sind, wesentlich mehr, als man von meiner Tochter sagen kann. Jetzt verstehen Sie sicher«, sagte er, wobei er die Uhr wieder einsteckte, »warum ich einen Vergleich zwischen Ihrer und Isabels Mädchenzeit in Bezug auf unser Problem nicht unbedingt angemessen finde.«

Dann bemerkte er scheinbar zum ersten Mal, dass sie stand und er saß, erhob sich mit unglücklicher Miene und deutete auf den Sessel ihm gegenüber: »Ich habe meine Manieren vergessen. Bitte, setzen Sie sich doch.«

Kate schielte zur Tür. »Ich glaube nicht …«

»Hinsetzen!«

Sie zuckte bei diesem abrupten Befehlston zusammen und setzte sich rasch hin. Sie faltete die Hände im Schoß und maß misstrauisch den kurzen Abstand zwischen ihnen.

»So ist's besser«, sagte Lord Wingate und ließ sich zufrieden wieder sinken. »Sie sind zwar sehr klein, Miss Mayhew, aber ich habe trotzdem vom dauernd zu Ihnen Hochschauen einen steifen Nacken bekommen.«

Da sie dazu absolut nichts zu sagen wusste, beschloss Kate, wieder auf das alte Thema zurückzukommen. »Ich denke wirklich, Mylord, dass es Lady Isabel erlaubt sein sollte, diesen Mr Saunders zu sehen, zumindest wenn ich dabei bin. Was sollten sie schon anstellen, wenn ich mich im selben Raum aufhalte?«

»Miss Mayhew«, sagte Lord Wingate mit Grabesstimme, »wie kann es sein, dass Sie in der Nacht, in der wir uns zum ersten Mal begegneten, misstrauisch genug waren, mich ob meines absolut unschuldigen Verhaltens der Polizei überstellen zu wollen, und jetzt naiv genug sind, zu glauben, dass ein beaufsichtigtes Pärchen nicht in der Lage ist …« Er brach ab, nachdem er sie mit einem seiner bohrenden Blicke bedacht hatte, und schob sich unwohl auf seinem Platz hin und her. »Na ja. Vergessen Sie's. Es sollte genügen, zu sagen, dass ich selbst kaum älter war als Isabel, als ich anfing, ihre Mutter zu umwerben. Erlauben Sie mir, Ihnen zu versichern, dass es jede Menge Unfug gibt, den ein beaufsichtigtes Pärchen anstellt …«

Kate unterbrach ihn ruhig. »Vielleicht ist das das Problem.«

Lord Wingate warf ihr einen verärgerten Blick zu. »Was ist das Problem, Miss Mayhew?«

»Vielleicht haben Sie Angst, dass Ihre Tochter den gleichen Fehler begeht wie Sie.«

»Nun, natürlich ist es das, was ich fürchte, Miss Mayhew.« Er sah sie schräg an. »Und ich muss sagen, ich finde es … mindestens eigenartig, mit der Frau hier zu sitzen, die ich als Anstandsdame für meine Tochter angestellt habe, und meine Ehe zu diskutieren.«

»Und doch übersehen Sie einen wichtigen Punkt, Lord Wingate.«

»Welchen Punkt?«

»Wie schlecht Sie Ihre Ehe mit Isabels Mutter auch bewerten, es ist etwas daraus hervorgegangen, das Ihnen sehr viel bedeutet. Sie können Ihre Tochter kaum dafür verantwortlich machen, wenn sie Ihre Warnungen in den Wind schlägt; ihr ist es doch vollkommen bewusst, dass, hätten Sie auf Ihren eigenen Vater gehört, sie selbst niemals geboren wäre.«

Er lehnte sich so abrupt zurück, dass der Sessel ächzte. Sein Ausdruck war nicht länger undurchdringlich, er sah vollkommen überrascht aus. Kate, der plötzlich klar wurde, dass sie vielleicht zu weit gegangen war, starrte die Tapete an. Dreihundert Pfund, dachte sie bei sich, dreihundert Pfund.

»Mylord …«, sagte sie, eine Entschuldigung schon auf den Lippen, doch Lord Wingate ließ sie nicht zu Wort kommen.

»Miss Mayhew«, sagte er und Kate wappnete sich. Würde er sie jetzt aus dem Fenster werfen? Sie hatte drei davon in ihrem Zimmer, mit Ausblick auf einen hübschen Garten zwei Stockwerke tiefer. Sie überlegte, dass der Boden jetzt dank des Frühlings aufgetaut und immerhin so weich sein müsste, dass sie sich nur ein paar Knochen bräche und nicht direkt tot wäre.

»Ihre Argumente«, fuhr der Marquis mit seiner tiefen Stimme fort, »besitzen eine umwerfende Klarheit, ob Sie nun einen Regenschirm zur Hilfe nehmen, einen Atlas oder einfach die passenden Worte

Kate spürte, wie das Blut, das aus ihrem Gesicht gewichen war, mit Gewalt zurückschoss. »Lord Wingate …«

»Nein, Miss Mayhew«, sagte er und stand auf. »Sie haben absolut recht. Isabel zu verbieten, Mr Saunders zu sehen, hat ihre Leidenschaft für ihn nicht um einen Jota abkühlen lassen.«

Kate stand aus ihrem Sessel auf. »Lord Wingate …«, begann sie, aber ihre Stimme verlor sich, als sie merkte, dass sie zu den Silberknöpfen seiner Weste sprach. Burke Traherne war so viel größer als sie, dass sie gezwungen war, den Kopf weit in den Nacken zu legen, um zu ihm aufzuschauen.

Im gleichen Moment, als sie das tat, bereute sie es auch schon. Obwohl seit dem peinlichen Vorkommnis in Cyrus Sledges Bibliothek fast eine Woche vergangen war, kehrten die Gefühle, die sie dort gehabt hatte, auf einen Schlag zurück: Der Schock angesichts der Härte seiner Brust, die unglaubliche Kraft in diesen muskulösen Armen, sein aufregender Geruch – ein Geruch, an dem eigentlich nichts aufregend sein sollte –, eine Mischung verschiedener Seifen und ein Hauch von Tabak. Der Anblick seiner sensiblen Lippen, fast deplatziert in dem sonst so männlichen Gesicht.

Doch vor allem war es die intensive Wärme, die von ihm ausging, die in Kate das seltsame Verlangen weckte, sich dieser Wärme hinzugeben, sich an ihn zu pressen und alles um sich herum zu vergessen, sich in dieser berauschenden Männlichkeit zu verlieren …

Und dann war da natürlich das Entsetzen, das sie empfand, weil sie überhaupt solche Gedanken denken konnte, und dann noch über jemanden wie ihn; und die Empörung, dass er sie dazu gebracht hatte, diese Sachen zu denken, was wiederum der Grund war, dass sie nach dem Atlas gegriffen hatte …

Hier stand sie nun und war sich seiner körperlichen Nähe so bewusst wie Tage zuvor, als er sie in die Armen geschlossen hatte. Dabei berührten sie sich überhaupt nicht …

Abrupt setzte sich Kate wieder hin, ihre Knie hatten plötzlich nachgegeben.

Der Marquis seinerseits bewegte sich kein Stück. Kate war sich nicht sicher, weil sie es für absolut unmöglich befand, ihn anzusehen, aber sie spürte, dass er auf sie herabsah.

Und dann – als habe er über dasselbe nachgedacht wie sie – sagte er düster: »Ich glaube, ich muss mich noch bei Ihnen für diesen unglückseligen Vorfall in der Bibliothek der Sledges entschuldigen.«

Weil Kate sicher war, bis zum Haaransatz dunkelrot zu sein, drehte sie das Gesicht resolut dem Feuer zu.

»Wir müssen uns beide entschuldigen«, sagte sie steif. »Lassen Sie uns davon ausgehen, dass wir das hiermit getan haben, und die Sache ist erledigt.«

Damit war Lord Wingate scheinbar nicht zufrieden. »Ich glaube, da irren Sie sich, Miss Mayhew. Ich war derjenige, der sich abscheulich unhöflich verhalten hat, und Sie hatten jedes Recht, mich zurückzuweisen.«

»Aber«, sagte Kate zu ihrem Schoß, »ich hätte Sie auf sanftere Art zurückweisen sollen. Und dafür entschuldige ich mich.«

Lord Wingate räusperte sich. »Wie dem auch sei«, sagte er, »als Ihr Arbeitgeber fühle ich mich verpflichtet, Ihnen zu versichern, dass es nicht noch einmal vorkommen wird.«

Sie riskierte einen Blick auf ihn, denn seine Worte überraschten sie ebenso wie sein Tonfall. Er klang tatsächlich aufrichtig! Aber das war natürlich unmöglich. Aufrichtigkeit war keine Tugend, die in irgendeiner Weise in der haut monde zu finden war. Er ahmte bloß papageienhaft das nach, von dem er glaubte, dass ein echter Gentleman es unter diesen Umständen sagen sollte.

Oder?

Er sah wirklich so aus, als meinte er es ernst. War es möglich, dass es einen Adeligen – ein Mitglied der ›feinen‹ Gesellschaft – gab, der kein hinterhältiger Parasit war?

Nein. Und falls doch, so war es sicher nicht dieser hier. Sie würde nicht so schnell vergessen, wie er sie an dem Nachmittag in der Bibliothek behandelt hatte: als ob sie lediglich zu dem Zweck auf der Welt wäre, ihm ein wenig laszives Vergnügen zu bereiten.

Trotzdem stand sie auf, denn sie wollte nicht, dass er dachte, sie könne das Geschehene nicht ruhen lassen. Sie streckte ihm die rechte Hand entgegen, sah ihm direkt in die Augen und sagte, während seine große, warme Hand sich um ihre viel kleinere und kältere schloss: »Und ich werde alles in meiner Macht Stehende tun, um zu vermeiden, dass Sie Großvater werden, bevor Sie das wollen, Lord Wingate.«

Ein seltsamer Ausdruck zeigte sich auf dem Gesicht des Marquis. Weil er genauso aussah wie an jenem Tag, kurz bevor er versucht hatte, sie zu küssen, machte sie einen vorsichtigen Schritt zurück.

Aber er schüttelte bloß ihre Hand und wandte sich zum Gehen, wobei er murmelte, sie solle sich besser beeilen und fertig machen, die Kutsche würde bald vorfahren.

Bevor er jedoch das Zimmer verließ, ließ ihn der plötzliche Anblick von Lady Babbie innehalten. Die Katze reckte sich genüsslich auf Kates Kissen und hatte alle Krallen ausgefahren.

»Allmächtiger«, sagte er.

Kate spürte, wie ihre soeben beinah regenerierte Selbstsicherheit wieder zerbröckelte. Bevor sie jedoch anheben konnte, die Anwesenheit des Tieres zu entschuldigen, fragte Lord Wingate: »Diese Katze ist nicht weiblich, oder?«

Kate hob die Brauen. »Doch, ist sie. Warum fragen Sie?«

»Na ja, das erklärt, warum ich Vincennes Kater vorhin hier oben habe herumschnüffeln sehen. Sie halten besser die Tür geschlossen, Miss Mayhew, es sei denn, Sie wollen Großmutter werden.«

Damit verließ der Marquis den Raum ohne ein weiteres Wort.

9. Kapitel

Es war kaum zu glauben, aber nach sechs unermesslich langen Wochen hatte Burke Traherne endlich einen Abend für sich allein und konnte damit anfangen, was immer er wollte. Er konnte sein Glück kaum fassen.

Seit Isabel die Schule beendet hatte, hatte Burke ständige Vorhaltungen und Beschimpfungen über sich ergehen lassen müssen. Er hatte es mit gutem Zureden versucht, er hatte gedroht und schließlich bestraft, alles ohne Erfolg. Stürmische Heulkrämpfe waren zu alltäglichen Ereignissen geworden. Stündlich wurden ihm lautstarke Proteste entgegengeschleudert. Burke hörte sich selbst Ausdrücke verwenden, die er seit seiner eigenen Schulzeit nicht mehr in den Mund genommen hatte, und damals hatte die Rute des Lehrers bei jedem Fluch für umgehende Bestrafung gesorgt und ihn schließlich davon kuriert. Doch alles, was nötig war, um diese unschickliche Angewohnheit wieder aufleben zu lassen, war die erste Ausgehsaison eines siebzehnjährigen Mädchens.

Und nun, ganz plötzlich, Ruhe. Perfekte, ungestörte Ruhe.

Es war ein ausgesprochen merkwürdiger Zustand. Burke war immer noch etwas ungläubig. Unter Miss Mayhews sanfter, aber bestimmter Führung hatte seine Tochter Isabel tatsächlich das Haus ohne eine Spur von Tränen und Protest verlassen. Sie hatte ihm sogar einen Abschiedskuss gegeben! Sie küsste ihn auf die Wange, lachte und sagte: »Gute Nacht, du dummer alter Kerl. Und danke, dass du mir erlaubst, Geoffrey zu sehen. Viel Spaß mit deinem dummen alten Buch.«

Sie war wie ausgewechselt, dabei war Miss Mayhew noch keine vierundzwanzig Stunden im Haus. War es möglich, dass – wenn er nachgegeben und Isabel schon vorher erlaubt hätte, diesen jämmerlichen Saunders zu treffen – dass er diese Ruhe schon vor Wochen hätte haben können?

Nein. Unmöglich. Denn mit den anderen Gesellschafterinnen war jede Entscheidung zu einem Kampf geworden, von der Frage, was Isabel anziehen sollte, bis zu ihrer Haartracht. Aber heute nichts davon. Ohne Verbitterung war der Prozess der Kleiderwahl erledigt worden, und Isabels Haar hatte nie hübscher ausgesehen – eindeutig der Verdienst von Miss Mayhew.

Ja, es gab keinen Zweifel, es war Miss Mayhew zu verdanken. Es musste so sein, eine andere Erklärung gab es nicht.

Und jetzt war er frei. Frei, um sein ›dummes altes Buch‹ endlich genießen zu können.

Burke hatte es sich bequem gemacht, um genau das zu tun: sein dummes altes Buch zu lesen – was es wohl tatsächlich war –, ein Werk von Mr Fenimore Cooper, das er schon als Junge gelesen haben sollte; erst jetzt kam er dazu. Er saß in einem tiefen, gepolsterten, urgemütlichen Sessel vor dem Feuer, das ab und zu zischte, weil es draußen beständig regnete. Ein Glas mit seinem Lieblingswhisky stand auf dem kleinen Tisch in Reichweite, und er hatte Vincennes gesagt, dass er nicht gestört werden wolle. Und zwar weder von Berichten über seine umfangreichen Besitztümer in Übersee – er besaß Gesellschaften sowohl in Afrika als auch in Amerika – noch wegen kleiner Haushaltsprobleme, und schon gar nicht von Mrs Woodhart.

Denn Sara Woodhart zeigte anhaltende Bemühungen, seine Gunst zurückzugewinnen. Kürzlich war sie dazu übergegangen, zu allen Tages- und Nachtzeiten Schreiben zu übersenden, die mit dem Vermerk Wichtig gekennzeichnet waren. Die Boten waren von ihr instruiert, auf eine Antwort zu warten, und bereiteten damit dem gesamten Haushalt Unannehmlichkeiten, bis Burke den Brief entweder ungeöffnet zurücksandte oder ein paar lakonische Zeilen schrieb. Die Schreiben waren in keinster Weise wichtig, enthielten sie doch bloß langatmige, tränenreiche Appelle an Burkes Gutherzigkeit und flehende Bitten um Verzeihung. Bei einigen war die Tinte verschmiert, wie von echten Tränen.

Doch nach Burkes Ansicht gab es überhaupt nichts zu verzeihen. Manchmal hatte er das Gefühl, Sara für ihre Treulosigkeit dankbar sein zu müssen, aufgrund derer er diese verzweifelte Tat begangen und damit letztendlich diesen wunderbaren Frieden sichergestellt hatte. Er bereute keine Minute, dass er dafür dreihundert Pfund zahlen musste. Für manche Menschen war diese Summe immens, aber für jemanden, der noch einige hunderttausend mehr davon hatte, war es nichts.

Und doch hatte er dafür etwas erworben, was er nicht für käuflich gehalten hatte: Ruhe.

Den Luxus des Alleinseins genießend, vertiefte sich Burke in den Roman. Er begann, wo es sich gehörte: bei der Einleitung, obwohl er die sonst immer übersprang. Schließlich hatte er es nicht eilig. Er hatte die ganze Nacht Zeit. Um genau zu sein, hatte er endlos viele Nächte Zeit, da er noch keinen Ersatz für die geschätzte Mrs Woodhart gefunden hatte. Er hatte es nicht eilig, eine neue Mätresse zu finden. Mätressen waren eine feine Sache, sicher – ebenso fein wie der Whisky, der ihm so sanft auf der Zunge schmeichelte, wenn er einen Schluck nahm –, aber schließlich galt für beides, dass es nicht zu viel des Guten sein musste.

Vielleicht, überlegte er, blickte von seinem Buch auf und starrte ins Feuer, würde er sich überhaupt keine neue Mätresse nehmen, sondern es zur Abwechslung mal mit Enthaltsamkeit versuchen. Das war ein völlig neuer Gedanke, aber er passte in diese neue Phase der erholsamen Ruhe. Schließlich hatte er es noch nie mit Enthaltsamkeit versucht. Sogar während dieser schrecklichen Monate, nachdem er Elisabeth mit ihrem elenden Iren erwischt hatte und – nahezu ständig betrunken – auf dem Kontinent umhergereist war, hatte er sein Bedürfnis stillen müssen, und das hatte er auch ohne Zögern getan, mit zahllosen Ballerinas und ab und an einer Sopranistin.

Doch im Grunde war er die Mätressen leid. Oh, sie waren auf ihre Art recht angenehm und seine Begeisterung für eine anmutige Fessel oder eine elfenbeinfarbene Schulter hatte sich keinesfalls gelegt. Aber abgesehen davon, dass sie ganz brauchbar waren, um aufgestaute … hm … Spannungen abzubauen, ließ sich nicht bestreiten, dass sie äußerst nervtötend sein konnten.

Vielleicht war das die logische Folge davon, dass ihre Zuneigungen von materiell erworbener Natur waren. Während Schauspielerinnen wie Sara Woodhart recht geschickt darin waren, ein echtes Interesse am Käufer vorzutäuschen, machten sich Tänzerinnen und Sängerinnen meist gar nicht erst die Mühe. Sie waren viel zu sehr daran gewöhnt, vergöttert zu werden, als dass sie noch wussten, wie man jemand anderen vergöttert. Und Burke war der Ansicht, wenn er schon gutes Geld für eine Frau ausgab, dann sollte sie zumindest so tun, als ob sie ihn mochte.

Dann war da natürlich noch die unbequeme Tatsache, dass er vom Temperament her nicht gerade der ausgeglichenste Mann war. Unweigerlich kam es bei jeder Mätresse zu einer Situation, – vielleicht lag das in der Natur ihrer Rolle im Leben eines Mannes – in der er gewalttätig werden musste. Entweder musste er einen Rivalen loswerden, um ihre Zuneigung zu gewinnen – worin auch immer die bestand – oder er musste sich gegen wütende Familienmitglieder der Frau zur Wehr setzen, die außer sich waren, weil er nicht die Absicht hatte, ihre Schwester oder Tochter oder Nichte oder – in einem erinnerungswürdigen Fall – Mutter zu heiraten. Burkes Ruf, ein unberechenbares Temperament zu haben, war schlecht genug. Er musste dem nicht noch dauernd neue Nahrung geben.

Es waren Gründe wie diese, welche Burkes Entschluss zementierten, Mätressen bis auf Weiteres zu meiden.

Er nahm einen weiteren Schluck Whisky, stellte das Glas wieder ab und schlug brav Seite zwei der Einleitung zu Der letzte Mohikaner auf. Er beschloss, seinen neu gefundenen Frieden und die Ruhe zu genießen. Ruhe und Frieden, endlich, endlich.

Nur jetzt, wo er das alles hatte, konnte er nicht umhin zu denken, dass es vielleicht etwas zu still war. Nicht, dass er Isabels Wutanfälle vermisste. Noch weniger vermisste er die Anstandsdamen, die zehn Minuten vor einer Veranstaltung hereinplatzten und kündigten. Guter Gott, diese Dinge vermisste er ganz und gar nicht.

Aber er stellte fest, dass er sich sehr an sie … gewöhnt hatte. Daran, wenigstens etwas Lärm im Haus zu haben. Isabel hatte schon als Säugling viel Krach geschlagen und war zu einem unkontrollierbaren, wilden Kind herangewachsen. Nach der Scheidung war sein Leben reich an beträchtlichen Wirren und Veränderungen gewesen, doch eines war immer konstant geblieben: Isabel und ihre unglaubliche Fähigkeit, ein Haus, wie groß es auch sein mochte, mit ihrer Gegenwart auszufüllen. Wie oft hatte er geschimpft, sie solle ruhig sein. Wie viele Kindermädchen hatte er entlassen, weil sie es nicht schafften, sie zur Ruhe zu bringen?

Und jetzt, wo sein Wunsch – ein ruhiges Haus – endlich in Erfüllung gegangen war, stellte er fest, dass ihm die Schreie und das Kreischen, das Kichern und die gelegentlichen Wutausbrüche fehlten.

Auf einmal war es so still, dass er die Uhr über dem Kamin ticken hören konnte. Sie tickte sogar recht laut. Vielleicht stimmte etwas nicht damit. Eine Uhr sollte nicht so laut ticken.

Und der Regen. Er machte ziemlich viel Lärm auf den Fensterläden. Anscheinend herrschte ein Unwetter, wenn der Regen dermaßen stark gegen das Haus prasselte.

Isabels Abwesenheit brachte ihn dazu, über sie nachzudenken. Sie war über seine plötzliche Kehrtwende in der Geoffrey-Saunders-Frage so froh und erleichtert gewesen, dass sie fast – aber nur fast – hübsch ausgesehen hatte. Sie war in einem von ihren zahllosen weißen Ballkleidern in sein Zimmer geflattert und hatte ihm gedankt, während Miss Mayhew an der Tür wartete und den Umhang ihres jungen Schützlings hielt. Burke hatte sofort bemerkt, dass diese Miss Mayhew ganz anders aussah als jene, mit der er noch vor einer Stunde diese sehr … anregende Unterhaltung geführt hatte. Jene Miss Mayhew war, in einer einfachen weißen Bluse und einem Tartanrock, sehr einnehmend gewesen, aber nicht mehr. Diese Miss Mayhew hingegen war strahlend in Seide gehüllt; graue Seide zwar, aber das Kleid war außerordentlich gut geschnitten und ganz offensichtlich darauf ausgelegt, die Vorzüge der Trägerin zur Geltung zu bringen. Im Fall von Miss Mayhew waren das vor allem eine äußerst schmale Taille und ein kleiner, aber fester Busen.

Dabei war das Gewand nicht im Mindesten undezent geschnitten – es gab nicht einmal die Andeutung eines Dekolletés – und trotzdem, erkannte Burke, war es im Grunde egal, womit eine Frau wie Miss Mayhew ihren Körper umhüllte; die Männer würden sie sich ohnehin immer nur nackt vorstellen. Na ja, Männer wie er jedenfalls.

Nicht, dass er die leiseste Absicht hatte, seiner Anziehung zu ihr noch einmal freien Lauf zu lassen. Er hatte an diesem Nachmittag bei den Sledges einfach den Kopf verloren. Es würde nicht wieder vorkommen. Er konnte sich nicht leisten, dass es noch einmal geschah; nicht, wenn er seinen neu gewonnenen Frieden behalten wollte.

Trotzdem musste er sich eingestehen, dass ihm der Gedanke zu schaffen machte – Miss Mayhew da draußen in einem Seidenkleid zu wissen, wenn auch in einem grauen. Wenn Burke sie darin attraktiv fand, so war es nur normal, dass andere Männer das auch taten.

Burke schüttelte sich. Was tat er hier? Sinnierte über die Figur der Anstandsdame seiner Tochter, statt seinen ruhigen Abend allein zu genießen!

Duncan hatte schon recht: Er wurde etwas seltsam auf seine alten Tage. Resolut schlug Burke die dritte Seite der Einleitung seines Buches auf. Sie war wirklich interessant, diese Einleitung. Von jetzt an würde er daran denken, die Einleitungen zu lesen. Sie wurden offensichtlich einzig und allein deshalb in die Bücher gedruckt, um gelesen zu werden. Warum übersprang er sie eigentlich immer?

Warum war diese verdammte Uhr so laut? Er hatte Isabels Gezeter immer für laut gehalten, aber nun ja, jetzt wusste er, was laut war. Er würde Mrs Cleary anweisen, die Uhr morgen zum Reinigen zu schicken. Sicher war sie defekt.

Anstandsdamen, das wusste Burke nur zu gut, tanzten nicht auf Bällen. Sie saßen hinter den Müttern, den Witwen und alten Jungfern, die keiner wollte, und beobachteten die ihnen Anvertrauten, passten auf, dass ihnen keine unschicklichen Annäherungen widerfuhren, und gaben acht, dass sie sich nicht mit ihren Partnern in einen Garten oder ein abgelegenes Schlafzimmer absetzten. Burke hatte noch nie davon gehört, dass eine Anstandsdame auf einem gesellschaftlichen Anlass, zu dem sie einen Schützling eskortierte, getanzt hätte.

Aber ihm fiel ein, dass es genau genommen keine Anstandsregel gab, die besagte, dass ein Gentleman nicht auch eine Anstandsdame um einen Tanz bitten durfte. Miss Mayhew war außerdem jung genug, gar nicht für eine solche gehalten zu werden. Angenommen, nur angenommen, irgendjemand auf diesem Ball, zu dem sie und Isabel gefahren waren, bemerkte die blonde junge Frau in dem grauen Seidengewand?

Und wenn dieser Jemand es sich in den elenden Kopf setzte, sie um einen Tanz zu bitten? Es wäre unhöflich von Miss Mayhew, nein zu sagen, wenn es offensichtlich war, dass sie nicht anderweitig vergeben war. Und selbst wenn, Burke selbst hatte sich nicht von Katherine Mayhews Ruppigkeit abstoßen lassen – und zu ihm war sie wirklich sehr ruppig gewesen. Warum sollte ein anderer Mann anders handeln? Ihre Ruppigkeit schien in der Tat das zu sein, was sie so anziehend machte.

Das und ihr absurd kleiner, rosafarbener Mund, musste er sich eingestehen.

Natürlich konnte sie dem Kerl sagen, dass sie auf keinen Fall mit ihm tanzen könne, weil der Marquis von Wingate sie eingestellt habe, um als Anstandsdame auf seine Tochter aufzupassen. Das war schließlich genau der Grund, aus dem sie dort war, und nicht um mit bleichgesichtigen jungen Männern zu tanzen, die sie von der Tanzfläche her ausspioniert hatten. Genau das sollte sie dem Kerl aus gutem Anstand sagen, entschied Burke.

Und Miss Mayhew war sehr anständig. Sie hatte dafür gesorgt, dass die Tür ihres Schlafzimmers fast die ganze Zeit offen gestanden hatte, als Burke bei ihr gewesen war, oder etwa nicht? Es gab nicht viele Frauen, wusste Burke, die sich so sehr um Anstand bemüht hätten. Schon gar nicht bei einem reichen, adligen Mann wie ihm. Manch eine Frau, und das wusste er aus Erfahrung, hätte sich ihm unter diesen Umständen an den Hals geworfen.

Aber nicht Miss Mayhew. Absolut nicht. Eigentlich …

Eigentlich – wenn er es nicht besser wüsste – könnte er fast meinen, sie könne ihn nicht leiden. Aber das war undenkbar. Sie hatte ihm seinen schwachen Moment in Cyrus Sledges Bibliothek durchaus verziehen. Sie hatte ihm die Hand darauf gegeben. Miss Mayhews Händedruck war sehr warm und großzügig gewesen. Sie hatte nichts gegen ihn.

Kein bisschen.

Außer …

Details

Seiten
0
Erscheinungsform
Erstausgabe
Jahr
2000
ISBN (eBook)
9783960874492
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v431607
Schlagworte
London historisch-er-liebe-s-roman-e historic-al-romance England Skandal verboten verführung

Autor

  • Patricia Cabot (Autor)

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Titel: Eine verhängnisvolle Versuchung (Historisch, Liebe)