Lade Inhalt...

Mord ohne Kalorien (Krimi, Cosy Crime)

Darina Lisles achter Fall

von Janet Laurence (Autor)

2018 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

Darina Lisle begleitet ihre kürzlich verwitwete Mutter zu einem belebenden Aufenthalt auf die Conifers Spa Gesundheitsfarm. Sie hofft, etwas von dem Gewicht zu verlieren, das sie seit ihrer Hochzeitsreise nach Südfrankreich zugelegt hat. Doch das Gewicht ist nicht die einzige Herausforderung, der sich die unterhaltsame und buntgemischte Auswahl an Gästen stellt … Das Spa selbst, geleitet von einer Freundin Darinas, steckt in einer schweren finanziellen Krise, und in der Belegschaft gibt es Ärger.
Darinas Ehemann William ist Teil des Ermittlungsteams, das auf den Plan tritt, als eine Leiche entdeckt wird. Die möglichen Motive werden immer zahlreicher. Darina selbst muss sich im Privatleben und ihrer Karriere Herausforderungen stellen, die sie dazu zwingen, lange gepflegte Vorurteile neu zu überdenken. Währenddessen versucht sie, das Rätsel um den Wellness-Mord zu lösen. Doch dabei steht sie einem unerwartet starken und brutalen Mörder gegenüber …

Impressum

dp Verlag

Deutsche Erstausgabe Juli 2018

Copyright © 2020 dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

E-Book-ISBN: 978-3-96087-439-3
Taschenbuch-ISBN: 978-3-96087-440-9

Copyright © First published in Great Britain in 1996 by by Macmillan London Limited
Titel des englischen Originals: Diet for Death

Übersetzt von: Lennart Janson
Covergestaltung: Miss Ly Design
unter Verwendung von Motiven von
shutterstock.com: © greenazya und © John Williams RUS
Korrektorat: Martin Spieß

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

Unser gesamtes Verlagsprogramm findest du hier

Website

Folge uns, um immer als Erster informiert zu sein

Newsletter

Facebook

Instagram

Twitter

Youtube

dp Verlag

Vorwort

In den Neunzigern besuchte ich mit meinem Ehemann mehrmals die Cedar Falls Gesundheitsfarm in Somerset. Ich genoss diese Besuche und sie öffneten mir die Augen für die vielen Probleme, die auftauchen, wenn man sich gesund ernähren und ein akzeptables Körpergewicht halten will. Meine Freundin, Shelley Bovey, ist ebenfalls Autorin. Ihr Buch The Forbidden Body hat mich ebenfalls beeinflusst. Gewicht ist ein Thema, das starke Gefühle hervorrufen kann und ich konnte mir vorstellen, dass es auch zu Mordmotiven beiträgt. Das klingt ernst, aber beim Schreiben an Mord ohne Kalorien entstand eine Gruppe sehr interessanter und unterhaltsamer Charaktere, die mir schon zuvor in meiner Darina-Lisle-Reihe begegnet waren. Zusammen mit einem der am schwersten zu lösenden Mordfälle.

Janet Laurence, 2017

 

 

 

Für Serena

Alles Liebe!

Kapitel 1

„Ein leckerer Salat ist ein Widerspruch in sich“, erklärte Lady Stocks.

„Du klingst genau wie William“, bemerkte ihre Tochter, Darina Lisle.

„Dein Ehemann hat auch seine guten Seiten.“

„Das ist bei euch beiden eine wirklich vorhersehbare Reaktion. Komm schon, locker mal deine Vorurteile. Alles, was so gut aussieht, muss auch gut schmecken.“

„Ich wüsste nicht, dass du schon mal einen Renoir verspeist, oder an einer Gabel voll Armani geknabbert hättest!“ Lady Stocks stocherte verdrießlich im äußeren Ring aus knackigen, kleinen Salatblättern herum, der ein Arrangement aus Mangoscheiben, geschälter und gehobelter Tomate, Gurkenstiften und Ananaswürfeln umgab. Kleine, dunkle und duftende Minzblätter dekorierten den Salat, der mit einem Zitronen-Minz-Dressing angemacht war. „Wie auch immer, das hier hat doch keine Substanz, der Körper braucht etwas, mit dem er arbeiten kann.“

„Es muss dir schon besser gehen!“, sagte Darina fröhlich. „Ich wusste, dass dir dieser Ort guttun würde.“

Lady Stocks sah sich in dem großen Speisesaal der Conifers Spa Gesundheitsfarm um. Das Landhaus-Dekor lieferte die Substanz, die dem Essen fehlte, großzügige Arrangements aus Gartenblumen wurden vom Sonnenlicht untermalt, das durch die großen Schiebefenster flutete. „Man kann das hier wohl als angenehm bezeichnen“, sagte Lady Stocks widerwillig.

„Und nachdem wir eine Woche hier verbracht haben, werden wir beide zu allem bereit sein.“

„Ich dachte, der Plan war, dass du etwas abnimmst. Ich weiß nicht, was seit euren Flitterwochen passiert ist!“ Darinas Mutter blickte betont auf das locker sitzende Oberteil, das oberhalb ihrer cremefarbenen Leinenhose an den Hüften zusammengeknotet war. Die Hose war zwar unter dem Tisch verborgen, aber Darina war sich nur zu bewusst, dass sie nicht mehr locker saß.

„Ein paar Pfund weniger würden mir nicht schaden.“ Darina versuchte angesichts des Themas gelassen zu klingen; sich von ihrer Mutter reizen zu lassen war nicht Teil des Plans. „Aber wir sind vor allem hier, um etwas Abstand zu allem zu bekommen, unsere Körper in Form zu bringen, zu genießen und verwöhnt zu werden. Dieses Dressing ist köstlich; koste mal“, sagte sie überzeugend, während sie mit Begeisterung ihre Gabel schwang.

„Gerry sagt immer“, setzte ihre Mutter an, doch dann weiteten sich ihre Augen. Sie blinzelte heftig und presste ihre schmalen Lippen aufeinander, bis ihr Mund nicht mehr auszumachen war, doch die zwei Tränen waren nicht mehr aufzuhalten und rollten langsam über ihre gründlich geschminkten Wangen.

Darina reichte ihr unauffällig ein Taschentuch über den Tisch.

Eine vornehme Hand, nur leicht von Altersflecken entstellt, tupfte rasch die Tränen ab. „Es tut mir leid, Liebes, beachte das gar nicht. Ich bin eine Närrin.“

„Nein, bist du nicht.“

„Ich konnte mich schon ausreichend als Witwe üben, nachdem dein Vater starb. Wie lange ist das her, zwölf Jahre? Und ich war weniger als ein Jahr mit Gerry verheiratet.“

„Die Zeit spielt dabei keine Rolle“, sagte Darina sanft.

„Ja“, stimmte ihre Mutter zu. Sie stocherte mit ihrer Gabel geistesabwesend im Essen herum und ruinierte die kreisrunde Anordnung. „Es kam so plötzlich“, fügte sie hinzu und blinzelte wieder heftig. „Gerry war erst dreiundsiebzig. In einem Augenblick war er noch da, erzählte mir alles über die Kürzungen bei der Armee und wem er deswegen schreiben würde, und im nächsten sackte er nach hinten.“ Die Hand, die das Taschentuch hielt, packte krampfhaft zu, bis die Knöchel weiß wurden. „Er hatte mir versprochen, dass er aus einer langlebigen Familie stamme!“ Die Empörung wirkte beinahe komisch.

„Ich weiß, dass es nicht fair ist“, sagte Darina sanft.

„Als hättest du dir das alles noch nicht anhören müssen. Ich sage dir, ich werde senil.“ Lady Stocks stopfte das zerknüllte Taschentuch in ihre mit goldenen Ketten verzierte Chanel-Handtasche und nahm die Gabel wieder auf.

Darina murmelte unwillkürlich eine Leugnung. Sie war schon ihr ganzes Leben lang daran gewöhnt, sich das Geplapper ihrer Mutter anzuhören. Als geselliges Wesen ernährte sich Ann Stocks am liebsten von Gesellschaft. Aber nach dem plötzlichen Tod ihres zweiten Ehemannes General Sir Gerald Stocks vor ein paar Monaten hatte sie erklärt, dass sie keine Gesellschaft mehr ertragen könne und dass Darina und ihr Schwiegersohn William das als einzige verstünden.

Es war Williams Idee gewesen, dass Darina ihre Mutter ins Conifers Spa bringen sollte.

„Hast du nicht erzählt, dass eine Freundin von dir eine Gesundheitsfarm leitet?“, hatte er Darina gefragt, nachdem sie erwähnt hatte, wie sehr sie sich wegen der Depression ihrer Mutter sorgte. „Carolyn Pierce, heißt sie nicht so? Und meintest du nicht, du würdest dir das auch gerne mal ansehen? Also, warum gehst du nicht mit deiner Mutter für eine Woche dort hin? Sie von all dem wegzubringen, was sie an Gerry erinnert, könnte die Lösung sein.“

„Du weißt, wie leicht sich Ma über mich aufregt“, hatte Darina widersprochen. Und wie sie mir unter die Haut geht, hatte sie im Stillen hinzugefügt.

„Im Moment sicher nicht“, hatte William sie erinnert. „Komm schon, ich weiß, dass du das Spa sehen willst, und es scheint mir der perfekte Plan zu sein. Ich bezahle; eine Firma, von der ich Anteile besitze, wurde gerade übernommen und ich bekomme eine Barauszahlung.“

Darina gewöhnte sich langsam an die gelegentlichen Wohltaten nach einem glücklichen Aktiengeschäft, das der Börsenmakler ihres Ehemannes organisiert hatte. William besaß kein großes Wertpapierdepot, aber es half, sein Gehalt als Inspector bei der Kriminalabteilung der Polizei von Avon und Somerset aufzubessern.

„Liebling, ich hoffe Ma weiß zu schätzen, was sie für einen großartigen Schwiegersohn hat.“

Er hatte kleinlaut den Kopf geschüttelt. „Sie ist nie ganz darüber hinweggekommen, dass du einen Polizisten geheiratet hast.“

„Genauso wie deine Mutter sich nicht damit abfindet, sich mit einer Köchin als Schwiegertochter zufriedengeben zu müssen!“ Sie hatten einander liebevoll angesehen. „Aber du hast recht, ich muss etwas mit Ma unternehmen, ich habe sie noch nie so verloren erlebt. Gerry war so ein Schatz und wusste genau, wie man mit ihr umgehen muss. Es ist ein vernichtender Schlag. Vielleicht wird ihr ein Aufenthalt auf der Gesundheitsfarm etwas Auftrieb verschaffen. Es sollte nicht allzu teuer werden, Carolyn wird mir bestimmt einen guten Preis machen; einer der Vorteile als Autorin einer Koch-Kolumne.“

Es war nicht leicht gewesen, ihre Mutter zum Mitkommen zu überreden. Lady Stocks hatte erklärt, dass sie sich einsam fühlte, aber gleichzeitig keine Menschen aushalten wollte. Daher bedurfte es einer Mischung aus Überredung und sanfter Nötigung.

Während sie mit halbem Ohr einem Vortrag darüber lauschte, wie unmöglich ihrer Mutter das Leben gerade erschien, ließ Darina ihre Gedanken schweifen. Sie waren früh zum Mittagessen gegangen und immer noch strömten Leute in den Speisesaal. Eine dicke Frau trat ein, gefolgt von einem großen, spindeldürren Mann. Sie schienen kein Paar zu sein, aber der Mann deutete auf einen Tisch in der Nähe von Darina und ihrer Mutter und schien vorzuschlagen, dass die Frau sich ihm anschließen solle. Scheinbar wollte sie zustimmen, doch dann schüttelte sie entschieden den Kopf und gesellte sich zu einer anderen dicken Frau an einem Zweiertisch. Diese andere Frau hatte aufgesehen, als die beiden eintraten, und ihnen einen abwehrenden Blick zugeworfen, der wohl andeuten sollte, dass sie da war und wartete, aber nicht notwendigerweise Gesellschaft wollte. Jetzt lehnte sie sich zur Begrüßung vor, während die andere Frau sich setzte.

Dieser kleine Zwischenfall war in einem Augenblick vorüber, aber Darina ertappte sich dabei, wie sie die Beteiligten interessiert beobachtete. Hatte sich die erste Frau verpflichtet gefühlt, einer Freundin Gesellschaft zu leisten? Oder hatte es mit dem Mann zu tun, dass sie beschloss, seine Einladung nicht anzunehmen? Dann zog die Stimme ihrer Mutter ihre Aufmerksamkeit wieder auf sich.

„Ich werde keine Belastung für dich sein, versprochen.“

Darina unterdrückte ein kleines Seufzen. „Du bist erst fünfundsechzig, bei ausgezeichneter Gesundheit, bist unabhängig, hast viele Freunde und wohnst in einem entzückenden Haus. Wie könntest du eine Belastung sein? Und hätte ich vorgeschlagen, dass wir zusammen herkommen, wenn ich so von dir denken würde?“, fügte sie bestimmt hinzu.

Ihre Mutter blickte nachdenklich über den Tisch und schenkte ihrer Tochter dann ein sehr charmantes Lächeln. „Ich bin eine gemeine, alte Frau und du hast recht, mir eine Lektion zu erteilen. Wir werden zusammen eine wundervolle Zeit haben.“ Nach einem Augenblick fügte sie spontan hinzu: „Ich kann dir gar nicht sagen, wie viel es mir bedeutet, zusammen mit dir hier zu sein.“

Darina betrachtete ihre Mutter erneut und stellte fest, dass ihre Reise schon zur Verbesserung ihres Aussehens beigetragen hatte. Auf ihrer blassen Haut zeigte sich ein Hauch von Farbe, betont von ihrem silbergrauen Haar, das schon früh seine Farbe verloren hatte. Und ihre porzellanblauen Augen schienen einen leicht dunkleren Ton angenommen zu haben, oder war das die Wirkung des gestrickten, blauen Seiden-Zweiteilers, den sie trug? Darina fragte sich zum tausendsten Mal in ihrem Leben, warum sie die Größe und die großen Knochen ihres Vaters hatte erben müssen, statt der zierlichen Figur ihrer Mutter.

Eine junge Frau, nur ein paar Zentimeter kleiner als Darinas knappe über ein Meter achtzig, näherte sich ihrem Tisch. Mit ihrem gut trainierten Körper sprühte sie vor Energie. Die Conifers-Spa-Uniform, die sie trug, war ein türkiser Leinenanzug, schön geschnitten, mit einem aufgestickten Logo der Gesundheitsfarm auf der linken Brusttasche. Allerdings hob sie sich nicht nur durch die Uniform von den Gästen ab. Ihre zielstrebige Art und wie sie sich im Speisesaal umsah, als überprüfe sie, was jeder Anwesende zu sich nahm, kennzeichneten sie als Teil des Managements. Mit ihrem ungeschminkten, kantigen Gesicht konnte man sie nicht gerade als schön bezeichnen und ihr Ausdruck war so ernst, dass er abschreckend wirkte. Sie hielt neben Darina an und ein Lächeln erhellte ihr Gesicht, was sie plötzlich zugewandt erscheinen ließ.

„Miss Lisle, Lady Stocks, kümmert man sich gut um Sie? Mrs. Pierce bedauert, nicht zu Ihrer Ankunft hier sein zu können, sie musste zu einem Meeting nach London. Aber sie sollte recht bald zurück sein. Ich bin Maria Russell, die Gesundheitsmanagerin.“

Darina erwiderte das Lächeln. „Wir haben uns schon eingewöhnt. Unser Zimmer ist entzückend und dieser Salat ist köstlich.“

Maria Russells Lächeln wurde noch wärmer. „Unser Koch ist erstklassig. Ich bin sicher, dass Sie das Essen hier genießen werden.“

„Wenn man uns ein anständiges Essen serviert!“ Lady Stocks schob ihren kaum angerührten Teller etwas von sich weg.

Die Gesundheitsmanagerin sah besorgt aus. „Sie müssen den Salat nicht essen, wenn er Ihnen nicht schmeckt. Allerdings empfehlen wir, den Kreislauf ein paar Tage zu entgiften, mit Salat zum Mittagessen und Naturreis mit gedämpftem Gemüse am Abend.“

Lady Stocks sah entsetzt aus. „Naturreis! Und Gemüse! Das soll uns guttun?“

„Wird es, das verspreche ich Ihnen, und Rick, das ist unser Koch, Rick Harris, bekommt das sehr schmackhaft hin. So, ich glaube, Sie haben um halb drei einen Termin bei mir? Damit wir abklären können, welche Behandlungen Sie wünschen? Der Basispreis beinhaltet täglich vier, aber wir können natürlich jederzeit mehr unterbringen. Wir haben einige hervorragende Abnehmhelfer.“ Die recht kleinen, haselnussbraunen Augen der Gesundheitsmanagerin ruhten mit durchdringendem Blick, der jedes überflüssige Gramm zu erkennen schien, auf Darinas Figur. „Und Mrs. Pierce wird sich mit Ihnen über Ernährung unterhalten.“

Einer Kochbuchautorin eine spezielle Ernährung vorzuschlagen, war, als würde man ein Parlamentsmitglied bitten, weniger Politik zu machen. Eine Kochexpertin hielt sich nur dann an einen speziellen Speiseplan, wenn sie ein Buch darüber schrieb. Darina spielte kurz mit dem Gedanken an ein Konkurrenzwerk zu den verschiedenen Diätbüchern, die bereits auf dem Markt waren, betrachtete nachdenklich die Reste ihres Salats und sagte nichts.

Maria Russell schenkte ihnen ein weiteres Lächeln, wandte sich um und verließ den Speisesaal. Auf dem Weg nach draußen hielt sie am Tisch der zwei dicken Frauen an. Diejenige, die eben erst angekommen war, saß vor einem Teller mit Salat, die andere hatte sich allerdings großzügig vom Buffettisch bedient. Maria Russell sah missbilligend auf den überladenen Teller und schürzte die Lippen. Doch sie sagte nichts, setzte ihren Weg fort und hielt am Eingang zum Speisesaal an, um sich mit einem eintreffenden Pärchen zu unterhalten.

„Da haben wir aber eine mit einer ungesunden Beziehung zum Essen“, sagte Lady Stocks, nahm ihre Gabel und stach auf den Salat ein.

Darina sah ihre Mutter überrascht an. „Was lässt dich sowas sagen?“

„Hast du nicht ihren durchtriebenen Blick gesehen, als du sagtest, wie lecker das Essen sei? Und die bestimmte Genugtuung, als sie die Ernährung erwähnte, zu der man uns hier zwingen wird?“

„Sie sagte, dass du das nicht essen musst.“

„Aber wie sie das sagte! Als würden uns Hölle und Verdammnis erwarten, wenn wir es wagen, nach einem echten Stück Fleisch oder auch nur einem Fischfilet zu fragen.“

Darina lächelte ihre Mutter an. „Ich werde William berichten müssen, dass aus dir noch eine Ermittlerin wird.“ Doch Lady Stocks war schon immer aufmerksam gewesen, wenn es um Menschen ging. Erst seit Kurzem richtete sich ihre Aufmerksamkeit ganz auf sie selbst.

Darina blickte zur Tür, wo sich die Gesundheitsmanagerin gerade von dem Pärchen löste, das sie aufgehalten hatte: Ein Mann im mittleren Alter und von durchschnittlicher Größe mit silbergrauem Haar in Begleitung seiner kleinen, sehr übergewichtigen Ehefrau. Maria Russell konnte man sicher nicht als übergewichtig bezeichnen, doch sie hatte einen breiten Körperbau; und war sie an den Hüften und der Taille vielleicht einen Hauch breiter als nötig?

„Ich bin überrascht, dass sie nichts zu der Frau da drüben gesagt hat.“ Lady Stocks nickte in Richtung des Tisches mit den zwei dicken Frauen. „Wenn hier irgendjemand Salat braucht, dann sie. Schau dir mal an, wie dick die beiden sind, und diese Frau, die gerade reinkam. Ganz schön schändlich, wie weit es manche Leute kommen lassen.“

Darina spürte ihre engen Hosen, und Ärger über ihre Mutter brandete in ihr auf. Was wusste sie denn von diesen übergewichtigen Damen? Vielleicht hatten sie Stoffwechselprobleme; vielleicht waren sie schon dabei, hier Gewicht zu verlieren. Wie auch immer, was spielte das überhaupt für eine Rolle? Gab es nicht wichtigere Dinge, um die sie sich sorgen musste?

„Sie sehen ziemlich fröhlich aus“, stellte Darina nachdrücklich fest. „Und ich weiß nicht, warum Maria Russell diesen Teller so angesehen hat. Alles auf diesem Buffettisch ist extrem gesund.“

„Eine Frage der Menge?“, schlug ihre Mutter säuerlich vor. „Aber da werde ich mich morgen auch bedienen, ich esse keinen dieser Salate mehr, wie gut die auch immer für mich sein mögen.“

Darina sehnte sich selbst danach, sich über das Buffet herzumachen. Würzig aussehende Hühnerbrust, Fisch an gegrillten Peperoni mit Knoblauch, Berglinsen mit Zitronen und Kapern eingelegt, große Garnelen mit einer Schüssel fettreduziertem Joghurt mit Zitronengeschmack und verschiedene einfallsreiche Salatkombinationen waren ihr ins Auge gefallen, als sie auf dem Weg zu ihrem Tisch an der Auslage vorbeikamen. Sie wartete nur darauf, dass ihr Magen einen kurzen Ausflug vorschlug, um bis zum Abendessen durchzuhalten. Ihre Magensäfte schienen allerdings mit der zugegebenermaßen großzügigen Portion Salat, die sie gegessen hatte, durchaus zufriedengestellt.

Das Buffet sah trotzdem spannend aus. Darina dachte noch einmal über die Möglichkeit nach, ein Kochbuch zum Abnehmen zu schreiben. Aber was wusste sie schon über Ernährungspläne? Und Sahne, Butter und Eier waren so lecker. Eine kleine Menge davon konnte einem doch sicher nicht schaden.

Dann dachte Darina schuldbewusst an eine Reihe mächtiger Desserts, Kuchen und Schokolade; seit den Flitterwochen in Frankreich waren ihre Essgewohnheiten definitiv außer Kontrolle geraten. Sie konnte sich nicht länger darauf verlassen, dass ihre Größe ein paar zusätzliche Pfunde kaschierte. Rettungsringe waren nicht so tragisch, aber ihre wurden langsam zu echten Polstern. Sie brauchte diesen Aufenthalt im Conifers Spa genau so dringend wie ihre Mutter.

Lady Stocks nahm ihre Handtasche und die Brille, die sie sich zu tragen weigerte, so lange sie nichts lesen musste. „Wenn es dir nichts ausmacht, Liebes, werde ich mich ein wenig ausruhen. Das hat mein Arzt empfohlen.“

„Eine gute Idee. Ich werde einen Kaffee trinken und dich rechtzeitig für unseren Termin mit der Gesundheitsmanagerin wecken kommen. Da liegt eine Broschüre in unserem Zimmer, die all die verschiedenen Behandlungen erklärt: Massagen, Aromatherapie, Reflexzonenmassage, Elektrostimulation, Sauna, Höhensonne ...“

„Oh, ich weiß genau, was ich nehmen werde“, sagte Lady Stocks unbekümmert und verließ den Tisch.

Darina sah zu, wie sich ihre Mutter leichtfüßig durch den Speisesaal bewegte und bemerkte, wie das gestrickte Seidenjackett locker von ihren Schultern hing und dass ihre Beine mittlerweile eher mager als schlank aussahen. Sie verspürte eine ungewohnte Zärtlichkeit gegenüber ihrer Mutter und dankte ihrem rücksichtsvollen Ehemann William. Dann machte sie sich an die letzten Reste ihres Salates und genoss die Komposition aus Geschmack und Konsistenz sowie das beruhigende Wissen, dass es sowohl gesund als auch kalorienarm war. Während sie aß, bestärkte sie sich darin, ihre Essgewohnheiten ändern zu wollen, und beobachtete die anderen Tische.

Der Speisesaal war etwa halbvoll, die anderen Gäste waren bunt gemischt, hauptsächlich im mittleren Alter und aufwärts. Abgesehen von den drei Frauen, die ihnen schon aufgefallen waren, konnten nur Modebesessene die übrigen als übergewichtig bezeichnen.

Darina betrachtete unauffällig diese drei. Die junge Frau, die mit ihrem Ehemann hereingekommen war – sie nahm an, dass es der Ehemann sein musste, weil sie sich kaum unterhielten, seit sie sich an ihren Tisch gesetzt hatten – hatte einen der Salate bekommen, den man auch Darina und ihrer Mutter serviert hatte. Wie bei Lady Stocks schien er auch ihrem Geschmack nicht zu entsprechen. Sie hatte ein rundes, molliges und offenes Gesicht, das aussah, als wäre es eher zum Lächeln gemacht als für die nach unten gezogenen Mundwinkel und den schmollenden Blick, den sie gerade präsentierte. Sandfarbenes Haar entsprang in dichten, kleinen Locken ihrem Kopf und eine sandfarbene Trainingsjacke aus Velours spannte sich bei dem Versuch, ihre üppigen Kurven zu verdecken. Einige andere Gäste im Speisesaal trugen ähnliche Trainingsjacken, alle auf der linken Brust in marineblau mit dem Conifers-Spa-Logo bestickt. Sie winkte zu dem Tisch der beiden anderen hinüber, ein Zeichen der Kameradschaft unter Mitgliedern eines Clubs, dem niemand beitreten wollte?

Darina spürte wieder den anschwellenden Ärger, den der gedankenlose Kommentar ihrer Mutter ausgelöst hatte. Was ging es denn überhaupt irgendjemanden außer einen selbst an, wenn man fett war? Sie sah zu den beiden dicken Frauen, die zusammen aßen. Von ihrer Figur abgesehen, hätten sie unterschiedlicher nicht aussehen können. Die Frau, die sich dazugesetzt hatte, war größer als ihre Begleiterin, und hatte eine dominantere Ausstrahlung. Ihr langes, dunkles Haar war in einen Knoten zurückgebunden, was ihr wuchtiges Gesicht betonte, das mit den dunklen, Aufmerksamkeit erzwingenden Augen auf lebendige, fast ursprüngliche Weise eine wilde Attraktivität aufwies. Sie trug einen Trainingsanzug, der ihre Figur auf wundersame Weise schlanker erscheinen ließ. Dazu schmückten sie große, goldene Ohrringe und ein dickes Goldarmband, das genauso leuchtete wie ihre gebräunte Haut.

Die andere Frau trug eine türkise Version des Trainingsanzugs der Gesundheitsfarm. Nicht annähernd so gut geschnitten wie der ihrer Begleiterin, betonte er den fleischigen Körper, der auf den zweiten Blick nicht dicker war, als der der ersten Frau. Blondes Haar hing zu lang um das freundliche Gesicht mit unbestimmtem Ausdruck. Sie hatte etwas Defensives an sich, eine Andeutung, dass ihr Selbstwertgefühl nicht so stark war wie das ihrer Begleiterin.

Ihr Geplauder war lebhaft, aber Darina bemerkte, dass die dunkelhaarige Frau gelegentlich zu dem Tisch blickte, an dem einsam der Mann saß, der sie eingeladen hatte, ihn zu begleiten.

Seine Aufmerksamkeit war auf einen Teller mit großen Krabben in Schale gerichtet. Starke Finger lösten gekonnt das Fleisch heraus, tauchten es in die Joghurtsoße und schoben jedes Stück in einen breiten Mund mit recht schmalen Lippen.

Für Darina sah er nicht aus wie jemand, der zu einer Gesundheitsfarm ging. Nicht nur wegen seines schlanken Körpers; sie kannte immerhin viele Geschäftsleute, die auf diese Weise Entspannung suchten und ihre müden Körper in Form brachten. Sie beobachtete ihn weiter und fragte sich, was ihn anders machte. Wie die anderen trug er einen Trainingsanzug, in dunklem Marineblau mit dem Ralph-Lauren-Polo-Logo. Das war aber das einzige Zeichen von Modebewusstsein. Die Verbindung seines knochigen Gesichts mit dem nach hinten geglätteten, dunklen Haar erweckte das Bild eines East-End-Gangsters, ein Eindruck, der von dem schweren, goldenen Siegelring am kleinen Finger der linken Hand noch unterstützt wurde. Die schmale Uhr an seinem Handgelenk aber war keine Markenware, und sein weltmännisches, aufmerksames Gesicht wirkte zu intelligent für eine so klischeehafte Annahme. Darina war fasziniert. Er war jemand, der verschiedene widersprüchliche Signale aussandte, irgendwie fiel es ihr unmöglich, ihn einzuordnen. Sie lächelte vor sich hin, er war vermutlich ein ganz gewöhnlicher Geschäftsmann.

Dann trafen sich ihre Blicke für einen kurzen Moment. Es war nur ein sehr kurzer Kontakt, doch falls er ein Geschäftsmann war, dann kein gewöhnlicher. Er hatte eine charismatische Ausstrahlung. Da war etwas in seinem Blick, als er sie ansah, ein wachsames Interesse, das nichts mit sexueller Anziehung zu tun hatte. Es war nicht das Starren eines Machos, der seine Attraktivität zur Geltung bringen musste, sondern er ließ sie mit dem sicheren Wissen zurück, dass er an ihr interessiert war.

Der Kontakt brach ab, als ein Neuzugang im Speisesaal seine Aufmerksamkeit auf sich zog, genauso wie die meisten Blicke der anderen.

Die junge Frau, vielleicht Mitte bis Ende zwanzig, trug eine Wolke aus dunklem Haar und die Art Bräunung, die man nur mit stetiger Arbeit erreichte, betont von einem blendend weißen Trainingsanzug. Darina kam nicht umhin, sich zu fragen, wie schwer es für sie war, ihre Modelmaße zu behalten. Ihre großen und runden Augen trugen einen überraschenden Grünton, das Grün frisch ausgetriebener Blätter im Frühling, und ein süßes Lächeln schmückte ihr hübsches Gesicht. Sie schien die Welt zu lieben und zu hoffen, dass dieses Gefühl erwidert wurde.

Die junge Frau hielt für den Bruchteil einer Sekunde im Türrahmen inne. Falls sie den Saal inspizierte, musste es mit der Geschwindigkeit eines Computerscans passiert sein, ehe sie ihren Weg zwischen den Tischen hindurch wählte, der sie auf einen freien Tisch am anderen Ende zuzuführen schien.

Dann passierte sie den Tisch des einzelnen Mannes und schenkte ihm ein anerkennendes Nicken. Er sagte etwas, sie hielt an – und hatte einen Augenblick später ihm gegenüber Platz genommen.

Darina sah mit an, wie er einen kurzen, flüchtigen Blick zum Tisch mit den beiden dicken Frauen hinüberwarf, dann schenkte er der jungen Frau ein offenes, charmantes Lächeln.

Darina musste zu der dunkelhaarigen Frau sehen. Tatsächlich sah sie zu dem Mann und der jungen Frau, für einen Augenblick weiteten sich ihre Nasenlöcher und ihr Blick schien zu erhärten. Doch im nächsten Augenblick sprach sie schon wieder auf besonders lebhafte weise mit ihrer Begleiterin.

So, so! Darina betrachtete nachdenklich wieder den Mann und die junge Frau. Ihr Umgang miteinander hatte eine Leichtigkeit an sich, die nahelegte, dass sie sich gut kannten und sich nicht erst gerade getroffen hatten. Er hatte allerdings keine einladende Geste gemacht, um sie an seinen Tisch zu bitten, und in seiner Art zu sprechen hatte auch keine offensichtliche Einladung gelegen. Darina fragte sich, wie viel sie in diese Körpersprache hineinlesen durfte. Sie sagte sich, dass sie ihrem vortretenden Ermittler-Instinkt einen Riegel vorschieben musste. Der drohte, ihr Leben an sich zu reißen.

Eine Bedienung näherte sich dem Neuankömmling. Nach einer kurzen Unterhaltung ging die junge Frau zum Buffet und bediente sich. Sie kam mit einem kleinen Stück Huhn und zwei Salatblättern zurück, die sie anschließend mit chirurgischer Präzision sezierte, während sie eine flüssige Unterhaltung führte. Ihr Begleiter ging ebenfalls zum Buffet und belud einen großen Teller mit Filetstücken. Darina betrachtete seinen spindeldürren Körper und beneidete den Stoffwechsel, der Essen so gut verarbeiten konnte. Ab und zu hob die junge Frau ihre Gabel zum Mund, doch es schien nie viel darauf zu liegen. Magersüchtig, urteilte Darina.

Sie hatte ihren Salat längst aufgegessen und sah sich jetzt nach der Bedienung um, damit sie Kaffee bestellen konnte. Dann ließ sie davon ab, weil Carolyn Pierce in den Speisesaal kam und ihr entgegeneilte.

Unterwegs hielt sie an anderen Tischen an und wechselte ein paar kurze Worte. Ihre hübsche Figur, in ein schickes, schwarzes Leinenkostüm und einen farbenfrohen Schal gekleidet, erweckte den Eindruck eines arbeitsamen Wirbelwinds. Ihre Hände gestikulierten und ihr dunkelhaariger Kopf nickte, um das eine oder andere Wort zu betonen, und sie tanzte eher, als dass sie lief. Sie schien mit allen auf gutem Fuß zu stehen und mit ihrem Eintreten hatte sich die Stimmung im Raum verbessert.

„Meine Liebe, es tut mir so leid, dass ich bei deiner Ankunft nicht da war.“ Sie beugte sich herunter, gab Darina einen Kuss auf die Wange, und warf sich dann in den anderen Stuhl. „Ich hatte ein furchtbares Meeting.“

Kapitel 2

Darina lächelte sie an. „Sicher nichts, womit du nicht fertig wirst.“

Carolyn stöhnte leise. „Was weißt du schon!“ Sie sah sich um. „Aber wo ist deine Mutter?“

„Hat sich hingelegt. Hast du zu Mittag gegessen?“ Carolyn nickte. „Trinkst du einen Kaffee mit mir und bringst mich auf den neuesten Stand?“

Carolyn hob einen Finger in Richtung der Bedienung. „Ich muss dich warnen, Darina, Kaffee erlauben wir hier nicht.“

„Dann muss ich mich wohl auf die Entzugserscheinungen gefasst machen. Was bietet ihr als Alternative an?“

„Mein übliches Getränk ist Pfefferminztee.“

Darina verglich in Gedanken faden Kaugummi mit komplexen Geschmäckern, die das Adrenalin zum Pumpen brachten und seufzte. „Okay, ich schließe mich an.“

Carolyn warf ihr ein mitfühlendes Grinsen zu. „Gutes Mädchen! Zwei Pfefferminztee bitte, Judy, im Wintergarten.“ Die junge Frau nickte schnell, räumte Darinas Teller ab und verschwand.

Carolyn erhob sich in einer geschmeidigen Bewegung, die wie dafür gemacht schien, die schmalen Hüften und die schlanke Taille zu betonen.

Darinas Versuch, sich ähnlich elegant zu erheben, wurde von ihrem Absatz ruiniert, der sich an einem Stuhlbein verfing. Sowohl die Bedienung als auch Carolyn kamen, um den Stuhl aufzuheben, der umgestürzt war und sich zwischen Darinas Beinen verheddert hatte. Sie gab den Versuch zu helfen auf, stand nur da, entschuldigte sich für ihr Ungeschick und fühlte sich unbeholfen und übergewichtig. Als sie hinter Carolyn den Speisesaal verließ, spürte sie Blicke auf sich und war sich sicher, dass alle ihre enge Hose bemerken würden.

„Im Wintergarten sollte es ruhig sein.“ Carolyn rief den Satz über die Schulter, während sie sie durch die Empfangshalle und zu einer Tür führte, auf der „Salon“ stand.

„Carolyn!“ Die Stimme der statuenhaften Gesundheitsmanagerin drang mit gebieterischem Ton zu ihnen, als sie unter einem großen Bogen im hinteren Teil der Halle erschien.

„Ja, Maria?“ Carolyn stand selbstsicher da, mit einer Hand an der Türklinke. Mach schnell, sagte ihre Haltung, ich habe nicht viel Zeit für dich.

Maria Russell kam in autoritärer Gangart näher. „Ich muss mit dir über den Dienstplan sprechen, nächste Woche haben wir Probleme.“

„Du brauchst sicher nicht meine Hilfe, um das zu regeln, Maria. Die Kunst der Unternehmensführung und so weiter, weißt du?“ Sie warf ihr ein stählernes Lächeln zu, öffnete dann die Tür und schlüpfte hindurch.

Als Darina ihr folgte, bemerkte sie Verdruss und noch irgendetwas im Gesichtsausdruck der Gesundheitsmanagerin. „Personalprobleme?“, raunte sie Carolyn zu, während sie einen luxuriös ausgestatteten Raum hin zu den Terrassentüren durchquerten, die sich zu einem großen Wintergarten öffneten.

Carolyns schmale Schultern spannten sich an. „Sind andere Menschen nicht immer die Ursache der schlimmsten Probleme?“ Ihr Gesicht trug einen Ausdruck bestimmter Entschlossenheit. „Komm und setz dich, und bring mich auf den neuesten Stand in deiner Welt.“ Sie klopfte auf einen weißen, gusseisernen Stuhl mit einem gemütlichen Polster in einem marineblau- und sandfarben-gestreiften Bezug.

Darina setzte sich. Ringsherum erhoben sich dicht belaubte, grüne Pflanzen aus feuchter Erde und bildeten eine reiche, fruchtbare Atmosphäre, mit einem Hauch ursprünglicher Kraft. Helles Sonnenlicht strömte blass durch das Dach aus Milchglas und die Blätter zweier großer Palmen; irgendwo plätscherte emsig Wasser. Verglichen mit dem sauberen Glanz der Luft draußen erschien diese feuchte Atmosphäre überwältigend und etwas unheimlich.

„Erzähl mal“, drängte Carolyn, „wie ist das Eheleben? Es tut mir so leid, dass ich nicht zur Hochzeit kommen konnte, es gab hier eine Krise und ich kam nicht weg.“

„Mir tut es genauso leid, dass ich nicht in Hong Kong war, als Robert starb.“

Carolyns Ehemann war im vergangenen Sommer bei einem Auffahrunfall mit mehreren Beteiligten Autos auf der M4 ums Leben gekommen. Darina hatte mitbekommen, dass Carolyn aus dem fernen Osten zurückgekehrt war. Sie hatte sofort angerufen und sie hatten darüber gesprochen, sich zu treffen, doch irgendwie hatten sie es nie geschafft, sich zu verabreden.

Früher hatten Carolyn und Darina zusammen kichernd in der Schule gesessen, hatten Klatsch und Rezepte getauscht; später hatten sie sich gemeinsam den Kopf über ihre festen Freunde zerbrochen, oder das Fehlen derselben, während sie damit rangen, in unterschiedlichen Karrieren Fuß zu fassen. Als Carolyn geheiratet hatte, war Darina oft übers Wochenende eingeladen worden. Aber es waren jetzt schon viele Jahre vergangen, seit sie sich regelmäßig gesehen hatten.

Carolyn glättete den schwarzen Seidenstoff ihres Rocks, ihr Gesichtsausdruck war verhärtet. „Ja, nun, das liegt jetzt alles hinter mir“, sagte sie und sah dann wieder zu Darina auf. „Komm schon, erzähl, erzähl. Er ist Polizist, oder, dein William? Oder nennt er sich Bill?“

„Ja, er ist mittlerweile Inspector, und nein, William. Bill hasst er, obwohl oder vielleicht gerade, weil er dauernd so genannt wird.“

„Dann erzähl mir mehr, wie ist er so – abgesehen von wundervoll natürlich?“

Darina beäugte Carolyn. Sie erinnerte sich an ihren Ehemann. Ein schwieriger, komplizierter Mann, ständig in seine Geschäfte verwickelt und trotzdem eifersüchtig auf die Karriere seiner Frau als Ernährungsberaterin. Mit der Hochzeit hatte sie ihre Arbeit bei einer kommerziellen Lebensmittelfirma aufgeben müssen, es dann aber geschafft, sich als freie Journalistin mit Artikeln über Ernährung und Gesundheit einen Namen zu machen. Dabei jonglierte sie mit den Forderungen der Abgabefristen, des Haushaltes, ihres Ehemannes und ihres kleinen Sohnes, Michael.

„William ist groß, dunkles Haar und gutaussehend.“ Darina kicherte, plötzlich war sie wieder zurück in ihrer Teenager-Zeit. „Etwas altmodisch auf gewisse Art.“ Dann hielt sie den Atem an, als eine plötzliche Sehnsucht sie überschwemmte. In den vergangen zehn Tagen hatte William undercover für eine benachbarte Polizeitruppe gearbeitet und sie hatte ihn nicht zu Gesicht bekommen.

„Altmodisch? Du meinst, er hätte seine Frau gern zu Hause, ist es das?“ Carolyn sah sie mit leuchtenden Augen an.

Darina schüttelte den Kopf. „Ganz und gar nicht, er unterstützt mich immer sehr bei meiner Karriere.“

„Du Glückspilz!“ Die Aussage kam von Herzen.

„Es sei denn, ich mische mich in seine Kompetenzen ein“, fuhr Darina fort. „Dann wird er sehr still und etwas schwierig. Aber nur ein bisschen“, fügte sie schnell hinzu.

Die Bedienung kam und stellte ein Tablett auf den kleinen Tisch zwischen ihnen. Carolyn dankte ihr und füllte zwei Tassen mit einer dampfenden, hellgoldenen Flüssigkeit.

Darina trank einen Schluck. „Oh, das ist erfrischend“, sagte sie überrascht.

„Ich weiß, ich kann dir gar nicht sagen, was es für einen Unterscheid gemacht hat, den Kaffee aufzugeben. Der hat mich so überdreht gemacht!“ Carolyn strich mit einer Hand durch ihr kurzes, dunkles Haar.

„Überdreht“ war genau der Ausdruck, mit dem Darina den momentanen Zustand ihrer Freundin beschrieben hätte. Carolyns Blick kam nie zur Ruhe, sie schien das ständige Bedürfnis zu haben, alles um sich herum zu überprüfen. Einer ihrer Füße wackelte zu einem unhörbaren Rhythmus, unter den mandelförmigen, braunen Augen lagen dunkle Streifen und ihre weißen, gleichmäßigen Zähne bissen in die Unterlippe, als sie ihre Tasse wieder auf den Tisch stellte.

„Was ist los?“

„Nichts.“ Carolyn sprang auf und brach einige verwelkte Blüten in einem Topf voller Geranien ab, die unter einem ausladenden Farn standen.

„Was ist bei dem Meeting passiert? Ich kann mir kaum vorstellen, dass es etwas mit dem Spa zu tun hat, hier brummt es doch vor Erfolg.“

Carolyn brachte die welken Pflanzenreste zum Tisch zurück und warf sie auf das Tablett, ihre Lippen formten eine angespannte, gerade Linie. „Wir haben einige freie Zimmer und könnten viel mehr Tagesbesucher versorgen. Und das in der Hochsaison. Bald werden alle ihre Hüften und Bäuche in Wintersachen verstecken und schon beim Gedanken ans Schwimmen zittern. Das Meeting war eine Vorstandssitzung und, nun ja, sie sind nicht sicher, wie lange sie noch mit laufenden Verlusten weitermachen wollen.“

„Jemand hat hier eine beträchtliche Investition getätigt“, sagte Darina und blickte in den Salon mit seinen gutgepolsterten Sofas und Stühlen zurück. „Sie müssen doch wissen, dass es Zeit braucht, ein neues Geschäft zum Laufen zu bringen.“

„Das sage ich ihnen immer wieder“, jammerte Carolyn frustriert. „Aber es gibt so viele, gut etablierte Konkurrenten.“ Dann hellte sich ihr Gesicht etwas auf. „Allerdings gab es auch eine gute Neuigkeit. Anscheinend ist jemand interessiert, mehr Kapital zur Verfügung zu stellen. Wenn das passiert, können wir etwas länger aushalten. Unser Ruf wird sich bald verbreiten.“

„Natürlich wird er das“, sagte Darina überzeugt. „Aber was ist mit dem Personal?“, regte sie etwas zögerlicher an. „Hast du nicht gesagt, es gäbe Probleme mit der Gesundheitsmanagerin?“

„Maria? Oh, wir haben unsere kleinen Meinungsverschiedenheiten“, sagte Carolyn sorglos, „aber sie leitet die Behandlungen mit Bravour. Diese Einrichtung sollte eine erstklassige Investitionsmöglichkeit sein. Das müssen sie doch erkennen!“ In Carolyns Augen glomm das Licht erbitterter Entschlossenheit, und ihre Hand schloss sich krampfhaft um die Blüten, die sie auf das Tablett geworfen hatte.

„Wann weißt du denn, ob das zusätzliche Kapital kommt?“

„Der Vorstand sagte, dass der Investor in ein paar Tagen seine Entscheidung treffen wird.“ Carolyn öffnete ihre Hand und ein Regen aus kleinen, trockenen Bruchstücken rieselte auf den Tisch. Gedankenverloren fuhr sie fort, die Blütenstile weiter zu zerreiben. „Die Sache ist, wir brauchen öffentliche Aufmerksamkeit. Ich war begeistert, als du anriefst. Du kannst über uns schreiben, oder?“ In ihrer Stimme lag eine unverhohlene Bitte und sie sah Darina direkt ins Gesicht.

„Das sollte ich schaffen. Ich hatte eine Unterhaltung mit meinem Redakteur und wir haben beschlossen, dass ein paar gesunde Rezepte von eurem Koch gut funktionieren könnten. Wie man im Winter die Energie des Sommers behält, sowas in der Art. Alles eingeleitet mit einem Abschnitt über meinen Aufenthalt hier.“

Carolyns Gesichtsausdruck wurde klar. „Perfekt! Ich werde dir Rick vorstellen, sobald du deinen Tee ausgetrunken hast. Rick Harris, unser Koch“, sagte sie mit einem Hauch von selbstgefälligem Besitzanspruch. „Er hat wundervolle Ideen, er wird dich inspirieren. Nicht dass du Inspiration nötig hättest“, fügte sie hastig hinzu. „Aber Rick, na ja, er ist speziell.“

„Speziell, ja?“ Darina sah Carolyn fragend an. „Erzähl mir mehr“, forderte sie.

Carolyns Blick wurde sanfter und Darina erkannte ihre alte Freundin wieder. „Oh, Darina, ich hatte so ein Glück, ihn zu finden. Er führte sein eigenes Restaurant in London, L’Auberge, in Knightsbridge.“

„L’Auberge? Da war ich schon mal“, rief Darina. „Französisches Essen, wirklich gut. Es ist vor ein paar Monaten verschwunden. Was ist passiert?“

„Rick beschloss, sich zu vergrößern, die Arbeiten gingen weit übers Budget hinaus und so hat er alles verloren.“ Carolyns glänzender Blick wurde schwächer. „Ich glaube, dieses Restaurant hat ihm alles bedeutet. Aber dann hörte er, dass wir nach einem Koch mit dem gewissen Extra suchen, unser erster war eine traurige Enttäuschung, da hat er Kontakt aufgenommen.“ Das sanfte Licht kehrte in ihre Augen zurück. „Wir haben uns sofort gut verstanden. Er ist toll und ein großartiger Koch. Essen ist so wichtig, nicht wahr? Die Leute müssen genießen, was sie essen.“

„Ich nehme an, du hast ihn über Kalorien und all das belehrt? Ihr müsst viel Zeit zusammen verbringen.“

„Schau mich nicht so besorgt an, Darina, Rick ist ganz anders als Robert, ihm werfe ich bestimmt nichts an den Kopf!“

„Gut, das zu hören!“ Das letzte Wochenende, das Darina mit Carolyn verbracht hatte, endete mit einem spektakulären Streit nach einer Party, weil Robert ihr vorwarf, mit einem Nachbarn geflirtet zu haben. Darina, die gerade Kaffee machte, war ins Wohnzimmer geeilt, weil sie Carolyn schreien hörte, und fand Robert auf dem Fußboden vor, wo ihm Blut aus einer Kopfwunde strömte. Eine verzweifelte Carolyn hatte ihr gesagt, dass sie so wütend auf ihn gewesen war, dass sie das Erstbeste nach ihm warf, was sie in die Finger bekam. Die Waffe ihrer Wahl war ein schwerer Aschenbecher aus Glas gewesen.

Während Carolyn Robert, der sich ein Geschirrtuch auf seine blutige Wunde drückte, in die nächste Notaufnahme führ, hatte Darina sich um Michael gekümmert, den sieben Jahre alten Sohn, und das Blut und die Glasscherben vom Teppich entfernt.

„Weißt du, danach war es nicht mehr dasselbe.“ Carolyns Mundwinkel senkten sich, während sie wieder mit den verwelkten Blüten spielte. „Ich konnte Robert nie etwas rechtmachen und er war so eifersüchtig. Als er starb, fand ich heraus, dass alles in einem schrecklichen Zustand war. Er hatte immer diese fantastische Fassade eines erfolgreichen Geschäftsmannes, aber weißt du, er war überall verschuldet! Ich hätte wissen müssen, dass es nicht gut lief, als er mir erlaubte, diese Stelle anzunehmen.“

Vor fast drei Jahren hatte man Carolyn eine Stelle als Assistenz der Geschäftsführung bei einer alteingesessenen Gesundheitsfarm in Surrey angeboten. Damals hatte Darina sich gefragt, wie sie ihren Ehemann hatte überzeugen können, sie zur Arbeit gehen zu lassen.

„Das tut mir so leid, Caro. Hat sich denn alles geregelt?“

„So langsam. Roberts Buchhalter hat geschuftet, als wären die Höllenhunde hinter ihm her, und vielleicht waren sie es auch. Er muss zumindest zum Teil für dieses Fiasko verantwortlich gewesen sein. Er hat mich vor dem Bankrott gerettet, aber es ist absolut kein Geld mehr übrig. Wenn das hier scheitert, weiß ich nicht, was Michael und ich tun sollen.“

„Ist Michael hier? Ich habe mich darauf gefreut, ihn wiederzusehen.“

In Carolyn glomm ein Licht auf. „Er entwickelt sich so gut, Darina! Er ist gerade im Sommercamp. Sein bester Freund wollte dort hin, und es war echt witzig! Michael dachte, dass es mich ärgern würde, dass er auch hinwollte. Während ich mir nur darum Sorgen machte, wie ich ihm die Ferien angenehm gestalten konnte, weil ich hier doch so eingebunden bin. Die Schule, die ich für ihn ausgewählt habe, hat viel ausgemacht. Er hatte nie großes Selbstvertrauen und Robert sagte ihm dauernd, dass er sich den Dingen stellen und kein Muttersöhnchen sein solle! Das ist noch ein Grund, warum ich dieses Spa zum Erfolg führen muss. Es könnte ewig dauern, eine neue Stelle zu finden, und die Schulgebühren wollen regelmäßig bezahlt werden.“ Carolyns lebhaftes Gesicht verfinsterte sich für einen Augenblick, dann lehnte sie sich spontan über den Tisch, lächelte und drückte Darinas Hand. „Oh, es tut so gut, dich wiederzusehen. Erinnerst du dich, wie viel Spaß wir in der sechsten Klasse hatten?“

„Fürchterliche Hauswirtschaftslehre, igitt!“ Darina schnitt eine Grimasse. „All diese Nährwerte! Ich habe mich nur dafür interessiert, kochen zu lernen. Aber du hast es genossen, nicht wahr?“

„Es war immer eher das, was das Essen mit den Menschen macht, was mich interessiert hat, nicht so sehr, wie es schmeckt. Da musste erst Rick auftauchen, damit ich verstehen konnte, dass Essen nicht nur notwendig ist, sondern auch ein Genuss sein kann.“ Also waren sie wieder beim Koch! Darina freute sich schon darauf, jemanden kennenzulernen, der seinen Salat in ein gastronomisches Abenteuer und Carolyn, die höchst angespannte Superfrau, in einen Teenager in den Qualen der ersten großen Liebe verwandeln konnte.

„Wie viel Wert legt ihr im Conifers Spa auf das Essen?“, fragte Darina, die hören wollte, wie sie ihre Riesenschenkel so weit transformieren konnte, dass sie sie im Gymnastikanzug oder in Strumpfhosen zeigen konnte.

Carolyn lehnte sich mit ernstem Blick vor. „Wir betreiben hier nicht wirklich Diätprogramme. Die Essensprobleme der meisten Menschen kommen von einem negativen Selbstbild. Die Gesellschaft zwingt uns eine völlig falsche Vorstellung von schönen Körpern auf.“

Darina starrte sie ungläubig an. „Wie werde ich dann diesen ganzen Speck los?“ Sie tätschelte defensiv ihre gut gepolsterten Hüften.

„Training wird dich bald in Form bringen. Du bist groß, gut gebaut und siehst wunderbar aus.“

„Gut gebaut! Du meinst fett! Das ist das ganze Zeug, das wir in den Flitterwochen gegessen haben, und danach.“

„Warum auch nicht? Mach dir mal keine Sorgen deswegen. Ich garantiere dir, dass sich deine Essgewohnheiten innerhalb eines Monats oder so wieder regulieren werden und damit geht auch dein Gewicht zurück. Du wirst nie so dünn wie Schilfrohr sein und wenn du es versuchst, machst du dir nur selbst Probleme.“ Das war für Carolyn leicht gesagt, dachte Darina leicht gereizt. Wenn man aussah wie sie, konnte man es sich leisten, anderen zu empfehlen, sich ums Essen keine Sorgen zu machen.

Carolyn rückte ein Stück näher. „Wenn du nur die vielen sehr dicken Frauen gesehen hättest, die ich kennengelernt habe. Sie eiern wie ein Jo-Jo zwischen einem für sie akzeptablem Gewicht und dem ballonartigen Auseinandergehen hin und her. Alles weil sie, meistens in viel zu jungen Jahren, irgendeine lächerliche Diät gemacht haben.“

„Aber man wird doch sicher deshalb dick, weil man zu viel isst, oder?“

Carolyn wedelte in einer verzweifelten Geste mit der Hand. Darina erinnerte sich an eine der engagiertesten Lehrerinnen an der Schule, die immer versuchte, ihre Schüler mit ihrer eigenen Begeisterung für ihr Fach anzustecken. Was war es noch – Geschichte, Erdkunde?

„Manche Menschen sind einfach rundlicher und schwerer als andere. Sie können ihre Körper zwingen, dünner zu sein, aber dann sind sie entweder zu einem Leben mit unglaublicher Selbstkontrolle verdonnert, wobei sie alles, was sie essen, genau begutachten, oder die Natur drängt sie wieder zurück und sie sind hinterher dicker als zum Beginn ihrer Diät.“ Ihre braunen Augen fixierten Darina; sie konnte den missionierenden Eifer in dieser Botschaft spüren. „Dann machen sie mit einer anderen Diät weiter und sehnen sich nach einem, wie sie sagen, sündhaften Stück Schokolade oder Kuchen, oder sogar nur Brot oder Butter. Dann schaffen sie es nicht, sich auf ein oder zwei Stück zu beschränken und fressen sich dumm. Und dann sind sie wiederum noch dicker als zuvor. Dann fühlen sie sich noch schuldiger und fangen an, sich selbst zu hassen. Diese schlechten Gefühle drängen sich in ihr Leben und ruinieren ihnen alles.“

Darina erinnerte sich plötzlich an das Fach der Lehrerin, als vor ihrem geistigen Auge ein Bild von Rubens fleischigen Akten vorbeizog. Sie hörte die Stimme der Lehrerin: „Denkt daran, Mädchen, die Ideale weiblicher Schönheit haben sich durch alle Zeithalter hinweg verändert. Damals musste man sich nicht wegen ein paar Schokoriegeln Sorgen machen.“

Darina dachte an all die Abnehm-Konzepte, die sie versucht hatte: Grapefruit-Diät, Kalorienzählen, Ernährung mit wenig Fett oder wenig Kohlenhydraten, vielen Proteinen oder vielen Ballaststoffen. Bei allen hatte sie Gewicht verloren – und ja, danach wieder zugelegt! Aber ein Traumkörper konnte sich doch sicher nicht nur auf vernünftiges Essen stützen.

„Was macht ihr mit Frauen, die wirklich Gewicht verlieren müssen?“, fragte sie und dachte an die drei, die sie beim Mittagessen gesehen hatte.

„Sie ermuntern, sehr, sehr langsam abzunehmen, indem sie zu einem vernünftigen Ernährungsplan wechseln, nicht nur während sie hier sind, sondern für immer. Und ich rede nicht davon, sich auf die Kalorienzahlen zu konzentrieren, oder fettarme Dinge wie hoch verarbeitete Margarine oder Zucker-Ersatzstoffe zu verwenden; nur frische, unverarbeitete Lebensmittel, viel Obst und Gemüse, Fisch und weißes Fleisch und Olivenöl statt Butter. Und wir betonen die Bedeutung von Training. Wir haben viele Geräte hier, die helfen, sich in Form zu bringen. Was dich angeht, wäre mein Rat, deinen Körper kennenzulernen, zu erfahren, wie er sich gut anfühlt und nicht darauf zu achten, was dir die Waage jeden Tag erzählt. Kennst du den Unterschied zwischen echtem Hunger und dem, was ich Mundhunger nenne?“

„Hunger ist Hunger“, sagte Darina. „Es geht sicher darum, den Appetit zu zügeln.“

„Ja und nein. Wir können Hunger auf Geschmäcker habe, auf Ess-Erlebnisse, obwohl unser Körper kein Essen braucht. Lerne, diesen Hunger zu erkennen und ob bestimmte Lebensmittel ihn verstärken. Ich nenne sie Auslöser. Ich weiß zum Beispiel, dass ich nicht aufhören kann, wenn ich einmal anfange, Käse zu essen. Das hat nichts damit zu tun, ob ich wirklich hungrig bin. Also fasse ich Käse nur als spezielle Belohnung an.“ Carolyns Anspannung ließ etwas nach und sie lächelte Darina an. „Hier ist ein erheiternder Gedanke für dich. Es wurden Studien gemacht, die nahelegen, dass die Menschen mit der längsten Lebenserwartung dreißig Prozent über dem jeweiligen Idealgewicht liegen. Also mach dir keine Sorgen darum, gelegentlich ein köstliches Dessert zu genießen, oder eine fettige Soße. Du wirst vermutlich feststellen, dass wir hier Gerichte servieren, die man nicht in der Nähe einer Gesundheitsfarm erwarten würde“, fügte sie hinzu.

„Trotzdem setzt man mir Naturreis und Gemüse vor!“, rief Darina.

Carolyns Ausdruck wurde wieder ernst. „Das hilft, deinen Kreislauf zu reinigen, den ganzen Giftmüll loszuwerden. Du wirst beeindruckt sein, wie viel besser du dich nach ein paar Tagen fühlst. Du musst dich nicht daran halten, wenn du nicht willst, aber es wird dich vermutlich auch Gewicht verlieren lassen!“

„Wenn das so ist, werde ich auf jeden Fall dabei bleiben. Deine Gesundheitsmanagerin sagte, dass der Koch dem ganzen einen guten Geschmack verleiht“, fügte sie verschlagen hinzu.

Carolyn sprang auf. „Lass uns Rick suchen. Er will dich unbedingt kennenlernen.“

Sie gingen zurück durch den menschenleeren Salon, kühl und mit einer wunderschönen, stuckverzierten Decke. Die Küche lag im hinteren Teil des Gebäudes.

Auf den ersten Blick schien sie verlassen zu sein. Dann sah Darina in einer Ecke einen Kerl mit fettigen Haaren und einem langen, schwermütigen Gesicht, der gerade einen großen Geschirrspüler belud.

„Der Küchenchef ist draußen.“ Er deutete mit einer Hand zur Hintertür. „Sagte, er wolle schnell ne Kippe rauchen.“ In seiner Stimme lag eine versteckte Anspielung, und ein neugieriges Lächeln teilte seine mürrischen Lippen.

Carolyn schien das nicht zu bemerken. „Danke, Pete“, sagte sie.

Darina folgte ihr, als sie die Tür zum Hof öffnete, und bekam hastige Bewegungen zu sehen, als sich die dünne, junge Frau aus dem Speisesaal von einem jungen Mann löste, der sich an einem geparkten Lieferwagen räkelte. Er trug eine weiße Kochjacke, eine gut geschnittene, blauweiß karierte Hose und makellos weiße Pantoffeln. Sein langes, dunkles Haar hatte er zu einem Pferdeschwanz gebunden und eine Höckernase dominierte sein quadratisches, offenes Gesicht, was sein einfaches, gutes Aussehen auf interessante Weise individuell werden ließ. Darina verstand sofort, wie er Carolyn für sich vereinnahmen konnte.

Es war unmöglich zu sagen, wie nah sich die junge Frau und der Mann gekommen waren. Eine vertrauliche Unterhaltung – oder ein Kuss? Der Koch schien von der Störung zumindest nicht allzu irritiert. Er stieß sich von der Seite des Lieferwagens ab und sagte fröhlich: „Hey, Carolyn, hast du Jessica schon kennengelernt?“ Er deutete achtlos auf die junge Frau, die jetzt ein paar Meter von ihm entfernt stand und deutlich nervöser aussah als er. „Sie kam häufig in mein Restaurant in London, schöne Überraschung, sie hier zu treffen!“

Jessica lächelte unsicher. „L’Auberge war für uns wie eine zweite Heimat, so oft haben wir dort gegessen.“ Sie sprach schnell, als könnte sie ihre Worte nicht ganz im Zaum halten. „Es war von unserer Wohnung aus gerade um die Ecke und Rick war ein guter Freund von uns, von mir und Paul, meinem Ehemann. Er hat mir immer Ratschläge zum Kochen gegeben. Ich war in der Küche nicht gerade umwerfend, aber ich habe viel von ihm gelernt.“ Man konnte zusehen, wie sie beim Sprechen selbstsicherer wurde, bis sie bei einem beinahe triumphierenden Ton angelangte und ihnen ihr entzückendes Lächeln schenkte.

„Na so was!“, sagte Carolyn.

Die junge Frau sah auf ihre Uhr. „Ich muss los, Zeit für meine Massage. Wir sehen uns, Rick!“ Sie warf ihm ein Lächeln zu, das eine gute Werbung für Zahnpasta abgegeben hätte, und verschwand.

„Ich seh dich in meinem Büro, Rick“, sagte Carolyn mit frostiger Stimme, dann schien sie sich plötzlich an Darina zu erinnern. „Maria wird jetzt dein Programm mit dir durchgehen wollen, ich stelle dich später unserem Koch vor.“ Sie machte auf dem Absatz kehrt und ging wieder rein.

Rick Harris sah kurz auf, mit seinen dunklen Augen, die fast schwarz zu sein schienen, wie Kohlen. Nur dass in Kohlen nicht so viel Schalk stecken konnte. „Zurück in den Schweinestall!“, sagte er und lächelte Darina an.

„Darina!“, rief Carolyn aus der Küche.

Darina eilte ihrer Freundin hinterher. Worauf hatte Carolyn sich da nur eingelassen? Rick Harris mochte ein Genie sein, was Essen betraf, aber wenn es um Frauen ging, bezweifelte Darina, dass er seinen Appetit besser zügeln konnte als ein Hund in der Nähe eines saftigen Knochens. Und hatte er irgendeine Vorstellung, worauf er sich mit Carolyn eingelassen hatte?

Kapitel 3

„Da stehe ich also, in diesem superkurzen Kleid, das mir nur bis hier ging“, die Sprecherin zog am oberen Ende ihrer Schenkel eine Linie. „Und ich singe mir die Seele aus dem Leib, mit all den plötzlichen Abstürzen und dem Gestöhne, und Perry macht’s an der Posaune, spielt erst runter bis zum Hades und dann hoch ins Paradies, als plötzlich dieser Hurensohn den Saum meines Rockes erwischt und ihn mir hoch über die Taille wirft! Und die Menge, sie wissen nicht, ob das Teil des Auftrittes ist, oder was! Ich sage dir, an dem Abend haben wir mehr Applaus denn je bekommen.“

Sie waren zu viert in der Saune und alle lachten. Die Sprecherin war diejenige, die mit ihrem Ehemann in den Speisesaal gekommen war. Sie war Anfang vierzig und dachte heute sicher kaum noch darüber nach, einen Minirock zu tragen, nicht mit der Orangenhaut, die sich über ihre Oberschenkel wellte und der Art, wie sich die Haut über ihr Knie wölbte.

Sie hieß Gina Cazalet. Vor dreizehn Jahren, als sie gerade zwanzig geworden war, hatte Darina einen verschwenderischen Ball in Oxford besucht, auf dem Perry Cazalets Jazzband Teil des Entertainments gewesen war und Gina gesungen hatte. Sie hatte damals ein Outfit mit Patiohosen und einem rückenfreien Oberteil getragen und eine füllige, aber straffe Figur gehabt. Massige, kupferfarbene Locken hatten ihr jungenhaftes Gesicht eingerahmt. Jetzt waren die glatten Flächen verschwommen, als würde sich die weiche Haut über Marshmallows statt Knochen spannen. Alles an Gina Cazalet wirkte jetzt weich; weich und hängend. Doch ihre grauen Augen waren noch immer groß und leuchtend. Ihr Haar klebte feucht an ihrer Stirn und hatte nur ein wenig an Farbe verloren, Sommersprossen bestäubten noch immer ihr Gesicht und die Lücke zwischen den Schneidezähnen verlieh ihr nach wie vor einen knabenhaften Charme.

In diesem College in Oxford hatte Darina ihrer Stimme gelauscht, tief und mit einem Blues-Klang, der Herzen berühren konnte, und so frenetisch applaudiert wie der Rest. Obwohl sie kein Jazz-Fan war, hatte sie in den folgenden Jahren nach dem Namen Cazalet Ausschau gehalten. Jetzt wurde ihr bewusst, dass es mindestens fünf Jahre her war, seit sie zum letzten Mal eine Aufnahme von Gina Cazalet gehört hatte.

Die Atmosphäre in der der Sauna aus blasser, skandinavischer Kiefer war gemütlich und vertraulich. Bisher hatte niemand Wasser über die elektrisch erhitzten Steine gegossen, sodass die Luft vor dieser trockenen Hitze flimmerte, die sich auch in den Härchen im Inneren der Nase verfing. Es war eine Hitze, die den Geist belebte und den Körper entspannte, und zu Geständnissen und Gesprächen ermutigte, die eine Abkürzung auf dem Weg zur Vertrautheit boten. Niemand konnte formell bleiben, wenn man splitterfasernackt war, und keine der vier Frauen, die sich an diesem Nachmittag hier zusammenfanden, war so zimperlich gewesen, einen Badeanzug zu tragen.

Darina, die ihr langes, blondes Haar unter ein Handtuch gestopft hatte, ließ sich auf der niedrigsten der lamellierten Holzbänke nieder. Ausnahmsweise schämte sie sich nicht, ihre große Figur zu zeigen. Neben den anderen sah sie geradezu grazil aus.

Neben Darina saß Maureen Channing, die ältere der beiden Frauen, die Darina zusammen beim Mittagessen gesehen hatte. Sie hatte sich ihr Handtuch züchtig um den Körper gewickelt und die Enden sicher über ihren weichen Brüsten verknotet. Selbst ohne Wasser auf den Steinen lief ihr der Schweiß übers Gesicht und hatte die Enden ihrer schulterlangen, blonden Haare zu einem Rattenschwanz zusammengezogen. Sie konnte sich vor Lachen kaum halten.

„Gott, Gina, du bist ein Kracher. Du musst mir sagen, wann du wieder herkommst, damit ich auch buchen kann. Du machst das Hungern lohnenswert.“

„Ach Maureen, du bist nur die Geißel fremder Erwartungen. Ich sage dir immer wieder, dass du auf deinen Körper stolz sein sollst!“

Nackt betrachtet war klar, dass Esme Lee tatsächlich noch dicker war als Maureen oder Gina. Ohne ihren schicken Trainingsanzug drängte sich ihre Fülle mit der Macht einer Wagner-Ouvertüre in voller Lautstärke auf. Ihre Hüften quollen über die oberste Bank, auf der sie saß. Ihr Bauch war nicht einfach dick, er war so mächtig wie der Kochtopf einer Großküche und ihre Brüste verkörperten überschwängliche Fülle. Ihr ursprüngliches Gesicht war voller großzügiger Kurven, zwischen denen ihre Augen vor Freude und Intelligenz glänzten. Trotzdem, obwohl sie Mitte vierzig sein musste, gab es an ihrem Körper nichts Unkontrolliertes; die Haut war fest und glänzte über ihren gespannten Muskeln. „Wir müssen nicht alle klapperdürr oder Kate Moss sein. Denk an die kretischen Göttinnen, geh auf die Fidschis und koste eine Kultur aus, die den üppigen Körper verehrt.“ Sie nahm eine Schöpfkelle voll Wasser und goss es über die Steine. Nach einem höllischen Zischen erfüllte Dampf die Kabine.

Maureen kicherte. „Ich wüsste gerne, was Len dazu sagt, wenn ich die Fidschis als Urlaubsziel vorschlage. Er mag den Golf von Portugal. Deshalb haben wir dort eine Villa. Und er sagt, das hilft ihm, die richtigen Leute kennenzulernen.“

„Musst du immer tun, was dein Ehemann will? Wirklich Maureen, reiß dich zusammen oder wir müssen dich aus der Schwesternschaft werfen.“

„Die Schwesternschaft?“ Maureens blassblaue Augen mit ihren kurzen, dicken Wimpern sahen verwirrt aus. Gina blieb entspannt an die Rückseite der getäfelten Kabine gelehnt, mit geschlossenen Augen und einem wonnigen Ausdruck auf dem Gesicht, während langsam der Schweiß darüber lief.

„Der modernen Frauen. Der Frauen, die nicht vor den Männern kriechen.“

„Oh!“ Beim Ausatmen drückte sie gleichermaßen Verständnis und Ablehnung aus.

„Schikanier uns nicht, Esme“, sagte Gina nachdrücklich, öffnete die Augen und wischte sich mit einem Finger die feuchten Perlen von der Stirn. „Wir können nicht alle so energische, flammende Anwältinnen sein wie du.“

„Du lässt dir also von Perry vorschreiben, dein Gewicht so weit zu reduzieren, wie er es für richtig hält?“ Esmes Ton klang angewidert.

„Komm schon, Darina, erklär dieser alleinstehenden Frau, dass man einen Teil seiner Unabhängigkeit verliert, wenn man sich mit einem Mann einlässt. Man lernt, es zu lieben und hinzunehmen.“

„Wie Großbritannien und die Europäische Union meinst du?“ Esme tauschte den angewiderten Ton gegen einen säuerlichen. „Aber die Römischen Verträge legen fest, dass wir alle auf gemeinsamer Basis für das kämpfen, was wir für das Beste halten.“

„Das ist doch sicher eine Frage von Kompromissen.“ Darina hob sich in eine sitzende Position und wischte sich mit einer Ecke des Handtuchs, auf dem sie gelegen hatte, das verschwitzte Gesicht ab. „Vielleicht sollten wir mit unseren Ehemännern über unser Gewicht verhandeln, genauso wie darüber, wer den Abwasch macht und wer den Rasen mäht.“

„Oho! Sag bloß, du hast einen dieser modernen Männer! Einer, der sogar weiß, wo der Staubsauger steht und der sich nicht fürs Kochen oder Bügeln zu schade ist.“

„Esme, er ist der Modernste der Modernen.“

„Beeindruckend!“

„Das wirst du erst recht sagen, wenn ich dir erzähle, dass er Polizist ist!“

„Niemals! Mit denen habe ich tagein, tagaus zu tun, und ich habe noch keinen getroffen, der weiß, wo beim Bügeleisen oben und unten ist.“

„Du bist Strafverteidigerin?“, fragte Darina neugierig. Es fiel ihr schwer, sich diese enorme Frau in Perücke und Robe vorzustellen, während sie im Gerichtssaal den Abschaum der Menschheit abfertigte.

„Da findet man die interessanten Fälle.“ Esme sah Darina spöttisch an. „Ich hatte meine Zeit mit Untersuchungshäftlingen, aber heutzutage bin ich mit den großen Jungs unterwegs. Nichts Geringeres als schwerer Betrug oder Mord für Ms. Lee.“

„Du hättest neulich Abend hier sein müssen, Darina.“ Gina legte sich auf der obersten Bank hin und ließ eine Hand träge über ihre nasse Haut gleiten. „Sie hat uns Geschichten erzählt, die du nie glauben würdest. Über die Mörder, die sie freibekommen hat, und Betrugsverhandlungen, die sich über Monate hinzogen.“

„Des Mordes Angeklagte, die freigesprochen wurden“, korrigierte Esme süffisant.

„Du meinst, die hast nie einen Schuldigen rausgeholt?“

„Spar dir die Skepsis, Darina. Es ist nicht meine Aufgabe, jemanden zu fragen, ob er schuldig oder unschuldig ist. Ich nutze das Recht, um ihm oder ihr den bestmöglichen Ausgang zu verschaffen. Und die Gegenseite tut ihr Bestes, um sie ihm Gefängnis landen zu sehen.“ Sie hob fragend eine Augenbraue. „Ohne Zweifel gehört dein Ehemann dazu – was macht er eigentlich genau?“

„Kriminalpolizei, er ist Inspector“, sagte Darina stolz, „bei der Polizei von Avon und Somerset.“

„Ah, die Jungs, die nicht daran glauben, sich selbst Detective zu nennen. Nun, ich wette, er jammert dir gegenüber immerzu, dass das Spiel heutzutage gegen die Kräfte von Recht und Gesetz manipuliert ist.“

„Sowas habe ich schon gehört“, murmelte Darina, hoffnungslos ehrlich wie immer.

„Polizisten haben einen Sinn für Gerechtigkeit“, fuhr Esme fort. „Sie wollen, dass die Bösen bekommen, was sie verdienen.“

„Du nicht?“, fragte Gina neugierig. „Du bist doch eine Inkarnation von Recht und Gesetz.“

„Das hat nicht notwendigerweise etwas mit Gerechtigkeit zu tun.“

„Oh komm schon Esme, das geht selbst für dich zu weit“, murmelte Maureen, die mit halb geschlossenen Augen an der hölzernen Wand lehnte.

„Stellt es euch als Spiel vor, mit komplizierten Regeln. Man spielt es, indem man alle Stärken und Schwächen seines Gegners gegen ihn verwendet. Alles was zählt, alles worum man sich bemühen kann, ist das Gewinnen.“ Esme lachte plötzlich kräftig. „Du kannst deinem Ehemann sagen, dass ich ihn manchmal um die Möglichkeit beneide, sich um Gerechtigkeit zu kümmern.“

„Damit geht es ihm sicher viel besser“, sagte Darina ironisch.

Gina kam von ihrer Bank herunter und zog ihr Handtuch mit sich. „Ich gehe duschen“, verkündete sie, öffnete die Tür zur Sauna und tippelte mit kleinen, tanzenden Schritten Richtung Duschen über den Fliesenboden.

„Willst du Gewicht verlieren, Darina?“, fragte Maureen und öffnete ein Auge weit genug, um die große Figur ihrer Sitznachbarin zu begutachten.

„Ich würde gerne ein paar Pfunde loswerden“, sagte Darina fröhlich. „Ich habe auf unserer Hochzeitsreise nach Südfrankreich vor fünf Monaten viel zu viel gegessen. Ich sagte mir, dass ich alles, was ich zugelegt hatte, wieder abnehmen würde, sobald wir zurückkämen, aber ich weiß nicht, wir wurden so häufig zum Essen eingeladen ...“ Sie ließ den Satz mit offenem Ende stehen. Es hatte keinen Sinn, all die Rezepte zu erwähnen, die sie entwickeln und ausprobieren musste.

„Ah, Essen!“, sagte Esme mit Begeisterung.

„Ah, Essen!“, sagte Maureen verzweifelt.

„Was ist mit Essen?“, fragte Gina. Sie kam vor kaltem Wasser triefend in die Sauna zurückgehüpft und fing an zu dampfen, kaum dass sie sich hingesetzt hatte.

„Es ist zu lecker“, stöhnte Maureen.

„Es ist eine der Sachen, die das Leben lebenswert machen“, beteuerte Esme. „Wie ihr euch auf Salat und Naturreis beschränken könnt, während ihr Ricks himmlische Gerichte probieren könntet, kann ich nicht verstehen. Carolyn hat sich da einen Prachtkerl ausgesucht.“

„Wie war der vorherige Koch?“, fragte Darina neugierig.

„Oh, banal wäre wohl ein treffendes Wort. Wusste von allem den Fettgehalt, aber nur wenig von Geschmack“, sagte Esme forsch. Dann schmolz ihr Gesichtsausdruck dahin, als würde sie an einen Abend mit einem Geliebten denken. „Ich glaube, heute Abend nehme ich Tournedos vom Rind mit der Burgunder-Wildpilz-Soße, gefolgt von einer Tarte Tatin. Und zum Nachtisch Walderdbeeren mit der köstlichen Guernsey-Creme.“

„Oh, nicht“, stöhnte Gina, während Esme kurz vor Lachen aufschrie.

„Ich verhungere gerade und es dauert noch Stunden bis zum Abendessen!“

Die Türen der Sauna öffneten sich. „Ist noch Platz für eine mehr?“, fragte Jessica mit charmanter Zurückhaltung.

„Natürlich“, sagte Darina und rutschte in einer einladenden Geste auf der Bank weiter. Sonst bewegte sich niemand.

Die junge Frau schien Darina nicht wiederzuerkennen. Nackt wie sie war, die Haare im Handtuch und so auf der Bank lungernd, dass ihre Größe nicht so auffällig war, war das vielleicht keine Überraschung. „Ich bin Jessica Barry“, sagte sie, als sie sich neben Darina auf der Bank niederließ. „Eigentlich Lady Barry, aber jetzt, da Paul tot ist, scheint es etwas albern, das immer wieder zu sagen.“ Sie schlüpfte aus dem Handtuch und legte sich auf die Bank. Sie trug einen stahlbauen Badeanzug, der an den Schenkeln sehr hoch und am Busen sehr tief geschnitten war. Sie blickte die anderen an. Gina hatte sich ihr Handtuch verlegen um den Körper gewickelt, bis sie so züchtig aussah wie Maureen, doch Emse machte keine Anstalten, sich zu bedecken, und Darina auch nicht. „Oh, wie dumm von mir! Gestern waren einige ältere Frauen hier drin und sie trugen alle Badeanzüge. Ich dachte, das sei hier vielleicht die Norm.“ Sie zog ihren mit einer eleganten Bewegung aus, legte ihn ordentlich auf die Bank und ließ sich auf ihrem Handtuch nieder.

Im Badeanzug hatte Jessica beneidenswert dünn ausgesehen. Ohne ihn wirkte sie halb verhungert; die Knochen ihrer Rippen und Hüften zeichneten sich unangenehm unter der Haut ab, und aus der Nähe konnte Darina sehen, dass sie gut zehn Jahre älter war, als sie angenommen hatte. Ohne die Wolke aus dunklem Haar, das jetzt nass an ihrem Kopf klebte, sah ihr Gesicht gewöhnlich aus, abgesehen von den hypnotisierenden, großen, grünen Augen, von denen feine Falten abgingen. Weitere gruben sich in den weichen Hals und ein paar geplatzte Adern verunstalteten die helle Haut, die um Nase und Mund auch einige vergrößerte Poren aufwies. Weit über dreißig, auf die Vierzig zugehend, entschied Darina.

„Ist das nicht alles wundervoll?“, rief Jessica, streckte ihre dünnen Beine aus und betrachtete ihre makellosen Knöchel. „Ich wünschte, ich könnte alle paar Monate herkommen.“

„Du siehst kaum so aus, als würdest du das brauchen“, sagte Maureen sauer.

„Na ja, ich halte mich in Form“, gestand Jessica ein und vermied es gerade so, arrogant zu wirken. „Worüber habt ihr gesprochen, als ich reinkam? Es klang, als hättet ihr viel Spaß.“ Ihr Wehmut war offensichtlich.

„Traumessen“, erklärte Gina. „Was wir heute Abend essen würden, wenn wir keine Kalorien zählen müssten. Komm, erzähl uns, was du wählen würdest.“

Es war eine Einladung, der Schwesternschaft beizutreten, zu beichten, die dunkelsten Geheimnisse der eigenen Essensgelüste zu enthüllen.

„Ich achte immer darauf, was ich esse“, sagte Jessica ernst. „Ich meine, Gewicht schleicht sich Bissen für Bissen ein, oder? Man kann sich nicht wirklich erlauben, sich gehen zu lassen.“

Kurz herrschte Stille.

„Da habt ihr’s, Mädels“, sagte Esme todernst. „Disziplin, mehr braucht man nicht. Entsage dem Appetit, begrabe deine Gelüste, vergiss die Pommes, die Butter, die Sahne und du kannst dich selbst wieder im Spiegel ansehen. Aber ich kann das alles haben und meinen eigenen Anblick trotzdem genießen. Man muss nur seine Wahrnehmung von dem ändern, was begehrenswert ist.“

Sie warf einen Blick auf die Uhr an der Wand und nahm ihr Handtuch. „Ich bin fast fertig; gerade noch Zeit für ein paar Bahnen im Pool und eine Runde auf der Sonnenbank. Bis später, Mädels.“ Ihre monumentale Gestalt marschierte bestimmt aus der Sauna und zu den Duschen hinüber.

„Ich gehe auch“, sagte Gina.

„Und ich habe in ein paar Minuten eine Massage.“ Maureen folgte den anderen beiden nach draußen und ließ Darina mit Jessica allein.

Kapitel 4

„Dann bleiben also nur wir“, sagte Jessica. Es klang als würde sie es so bevorzugen. „Du bist heute angekommen, nicht wahr? Ich habe dich in der Empfangshalle gesehen, mit ... deiner Mutter?“

Darina nickte.

„Sie sieht entzückend aus. Ich würde gerne mit einer Mutter herkommen können. Ich bin jetzt irgendwie ganz allein in der Welt.“ Sie sagte es mit einer seltsamen Neigung ihres Kopfes, als wüsste sie, dass sie hier um Mitgefühl bettelte, und sich selbst so nicht gefiel.

„Sind deine Eltern beide tot?“

Jessica lief rot an. „Ich habe meinen Vater nicht gesehen, seit ich meine Verlobung bekanntgegeben habe. Wie auch immer, er hat uns verlassen, als ich klein war. Was mich angeht, könnte er auch tot sein.“ Ihre Mundwinkel sanken herab.

„Und ansonsten hast du keine Familie?“

Sie schüttelte den Kopf. „Ich hatte eine Schwester, doch wir haben uns“, sie zögerte leicht, ehe sie ein Wort herausbrachte, das zu den Umständen passte, „entfremdet. Das ist schon Jahre her. Ich habe versucht, uns wieder zusammenzubringen; naja, ich meine, wir sind doch immerhin blutsverwandt. Aber sie hatte kein Interesse.“ Sie seufzte ausführlich, wandte ihr kleines Gesicht dann hoch zu Darina, und sagte betont kameradschaftlich: „Aber erzähl mir von dir. Du und deine Mutter, ihr seht zusammen irgendwie so, so entspannt aus.“

Darina kam nicht um den Gedanken herum, dass Jessicas Beobachtungsgabe beschränkt war. Sie und ihre Mutter waren noch nie entspannt zusammen gewesen. Was Jessica Barry, Lady Barry, doch für ein neugieriges, kleines Ding war.

„Meine Mutter ist seit Kurzem Witwe. Mein Ehemann William und ich dachten, es würde ihr guttun wegzukommen, einen Szenenwechsel zu haben, und ich wollte mich hier mal umsehen. Also sind wir hier. Sagtest du, dass du ebenfalls deinen Ehemann verloren hast?“

Jessica schloss die Augen und nickte. Sie lehnte sich an die oberste Bank, während der Schweiß ihr in kleinen, gesitteten Rinnsalen über ihr Gesicht rann. „Erst vor ein paar Monaten. Es war ein schrecklicher Schock. Ich hatte keine Ahnung, dass ihm etwas fehlte.“

„War es sein Herz?“, fragte Darina mitfühlend. Sie musste langsam duschen, sich abkühlen und der Sauna damit zu einer stärkeren Wirkung verhelfen, aber es schien ihr irgendwie unfreundlich, Jessica zu verlassen. „Gerry, mein Stiefvater. Er starb an einem Herzinfarkt; er muss viel älter gewesen sein als dein Ehemann, aber es war ein großer Schock für meine Mutter.“

Jessica riss die Augen weit auf. „Tatsächlich war Paul um einiges älter als ich.“ Der ernste Blick war zurück. „Wir waren sehr verliebt, er war so gebildet, so liebenswürdig, ich fand ihn wundervoll.“ Etwas veränderte sich in Jessicas Gesicht und zeigte ihre ehrlichen Gefühle. „Mir war nie klar, wie sehr ich ihn vermissen würde.“ Sie klang beinahe überrascht.

„Das muss schwer sein“, murmelte Darina und spürte, wie die Hitze sie übermannte.

„Er brachte uns jeden Morgen Tee ans Bett. Earl Grey, Paul meinte, Earl Grey sei der einzige Tee, der es wert sei, getrunken zu werden. Dann legte er sich mit der Zeitung wieder zu mir und las mir die Nachrichten aus der Politik vor.“ Jessica lächelte leicht, aber trostlos. „Ich habe nie viel davon verstanden, aber er hat sich immer über alle lustig gemacht.“ Sie seufzte. „Ich glaube, er hat es sehr bereut, seinen Sitz als Parlamentsmitglied aufgegeben zu haben.“

„Warum tat er das?“

Jessica malte ein kleines Muster auf das feuchte Holz neben ihrem Schenkel. „Er hat mich wirklich geliebt“, sagte sie mit zarter Stimme. „Und, und ich vermisse meinem morgendlichen Tee sehr.“ Sie blinzelte schnell. „Allein zurückzubleiben hat mich zugrunde gerichtet.“ Ihr gesellschaftlicher Ton war wieder zurück und Darina erinnerte sich, wie sich Jessica beim Mittagessen so beiläufig von einem alleinstehenden Mann an den Tisch einladen ließ, und wie Carolyn sie mit Rick Harris außerhalb der Küche fand.

„Du brauchst Freunde, die dich aufheitern“, schlug sie vor.

Jessicas Laune besserte sich sofort. „Oh, ja. Es war so eine gute Idee, herzukommen. Alles dank Frank. Frank Borden, ein alter Freund. Er ist auch hier, ich habe mit ihm zu Mittag gegessen.“

Ihre Unbefangenheit nahm dieser Begegnung jede versteckte Anspielung, aber Darina empfand es als notwendig, hinzuzufügen: „Und den Koch kennst du natürlich auch, oder?“

Jessicas Blick war harmlos, als sie sagte: „Oh, Rick, ja! Paul und ich haben so häufig in seinem Restaurant gegessen, es war entzückend. ‚Sympa‘, sagte Paul immer. Er sprach fließend Französisch, musst du wissen. Dann war eines Tages alles zu, und als das Geschäft wieder aufmachte, war es irgendeine Brasserie. Ich war nie dort, weil Paul zu dem Zeitpunkt starb.“ Jessicas Gesicht verdüsterte sich wieder und entgegen ihres Instinktes schien ihr Elend für Darina aufrichtig.

Die Hitze war jetzt überwältigend. „Es ist Zeit für eine kurze Dusche“, sagte sie beim Aufstehen. „Ich bin in einer Minute zurück“, fügte sie hinzu, als sie Jessicas enttäuschten Blick auffing.

Darina eilte über den Fliesenboden in die Dusche, drehte den Hahn auf, stellte sich unter den kräftigen Strahl kalten Wassers und versteifte ihren überhitzten Körper. Doch das Gefühl war wunderbar, das Wasser schien sowohl ihren Körper als auch ihren Geist zu reinigen. Während sie sich unter dem stechenden Strahl drehte, kam Darina nicht umhin, über Jessica Barry nachzudenken. Was war sie? Ein klassisches Betthäschen oder nur eine junge Frau, die ständige Zuneigung brauchte?

Sie klang sehr einsam und die anderen waren nicht freundlich zu ihr gewesen. Wer war Sir Paul Barry und wie lange waren sie verheiratet gewesen? Die unbeholfene Erwähnung ihres Titels legte nahe, dass sie sich noch nicht daran gewöhnt hatte, ihn zu tragen. Trotz ihres Alters wirkte sie naiv.

„Was arbeitest du?“, fragte Darina, als sie sich wieder auf ihrer Bank niederließ. Dann dachte sie, dass das eine dumme Frage war. Junge Frauen wie Jessica Barry arbeiteten nicht.

„Oh, im Grunde nichts. Ich war Flugbegleiterin, bevor Paul und ich geheiratet haben, aber das habe ich dann natürlich aufgegeben. Er brauchte eine Hausfrau und jemanden, der für ihn da war. Jetzt muss ich mich nach einer neuen Arbeit umsehen.“

Also doch keine so dumme Frage. Warum der Drang zu arbeiten? War sie finanziell doch nicht so gut weggekommen, oder langweilte sie sich?

„Zurück zur Fluggesellschaft?“

„Ich denke nicht“, sagte sie mit ernster, leiser Stimme. „Ich meine, man muss sich doch weiterentwickeln. Ich hab’s gemacht, das Buch gelesen, den Film geschaut, das T-Shirt gekauft!“

„Hast du schon etwas im Sinn?“ Darina hatte das Gefühl, noch nie zuvor jemanden wie Jessica Barry getroffen zu haben. Obwohl sie auf den ersten Blick wie eine Männerfängerin wirkte, stellte sie sich als eher verloren, unsicher und beinahe verzweifelt auf der Suche nach menschlichem Kontakt heraus, wenn man mit ihr sprach. Darina fragte sich, wie viele wirkliche Freunde sie hatte. Überhaupt welche?

„Na ja, ja.“ Die Geräusche deuteten an, dass Jessica sich bewegte. Darina öffnete ein Auge und sah, dass sie aufrecht saß und ihr Handtuch festhielt. „Versprichst du, nicht zu lachen, wenn ich es dir sage?“

Interessiert versicherte Darina ihr das.

„Also, ich möchte Sängerin werden!“, sagte Jessica atemlos.

„Wie Gina?“ Es schien der naheliegendste Kommentar zu sein.

„Genau!“

Darina stützte sich auf ihre Ellenbogen. „Ist es nicht ziemlich schwer, in dieser Welt einen Fuß in die Tür zu bekommen?“ Es wirkte nicht wie finanzielle Notwendigkeit, eher wie die Erfüllung eines Traums.

Jessica lehnte sich an die oberste Bank und umschlang ihre Knie; sie sah aus wie ein kleines Tier, das sich in eine kleine Nische zwängt. „Ich nehme Unterricht. Ich wollte schon immer singen, hatte aber früher nie die Gelegenheit.“ Sie zeigte ein leichtes, geheimnisvolles Lächeln, das ihre Wangen wie die eines Hamsters anhob. „Jemand, den ich kenne, kann mir vielleicht eine Stelle in einem Nachtclub besorgen, aber er sagt, dass ich ein Profi werden muss. Na ja, Perry Cazalet ist hier, nicht wahr? Sein Name ist so bekannt, und wenn er sich meiner annimmt, könnte ich es schaffen, oder?“

„Ich fürchte, ich weiß nichts über die Musikwelt“, sagte Darina und dachte, dass Jessica das alles viel zu leicht klingen ließ. „Hast du das schon mit ihm besprochen?“, fügte sie hinzu und erinnerte sich an die Feindseligkeit, die Jessica in Gina Cazalet geweckt hatte.

Jessica schüttelte den Kopf, doch in ihren grünen Augen, die mit den nassen, aus dem Gesicht gestrichenen Haaren noch größer wirkten, lag ein verschmitztes Lächeln. „Aber ich habe dafür gesorgt, dass er mich bemerkt. Jetzt geht es nur noch darum, ihn festzunageln.“ In ihrer Stimme lag reichlich Zuversicht.

Jessica Barry erinnerte Darina an einen Fuchs, der sich an ein ahnungsloses Huhn heranschleicht. Ihr Aktionsplan schien aufzugehen. Die Zeit im Conifers Spa würde wohl doch nicht so entspannt werden, wie sie gedacht hatte.

Kapitel 5

Eine Massage muss wohl eine der angenehmsten körperlichen Erfahrungen sein, die man machen kann, dachte Darina: absolut genusssüchtig, aber frei von Begierde. Sie gab sich den langen, festen Stößen einer kleinen, jungen Frau mit Mopsgesicht und kurzem, blonden Haar hin, die sie mit einem breiten Lächeln in Empfang genommen und sich als Sally vorgestellt hatte.

„Sie haben einen tollen Körper“, sagte Sally, während sie ihre geölten Hände über die Rückseite von Darinas Oberschenkel streichen ließ.

„Zu viel Gewicht“, stöhnte ihre Patientin.

„Sie wollen auch nicht zu dünn sein. Es kommt auf die Spannkraft der Muskeln an. Hier ist es etwas schlaff“, die Hände der Expertin machten sich an ihrer rechten Pobacke zu schaffen, „aber das Training wird das bald ins Lot bringen.“

„Laufen?“ Darina war alarmiert.

„Radfahren oder Schwimmen ist besser. Waren Sie schon im Pool?“

„Wir sind heute erst angekommen. Ich bin mit meiner Mutter hier. Sie hatte direkt nach unserem Termin bei der Gesundheitsmanagerin eine Massage und ich war in der Sauna. Jetzt nimmt sie ein Schlammbad und ich bin hier.“

„Lady Stocks, ist sie Ihre Mutter? Ich habe sie massiert und sie erzählte, dass sie mit ihrer Tochter hier sei!“ Sally klang erfreut. „Sie war süß, aber so verspannt! Ich habe ewig für ihre Schultermuskeln gebraucht. Aber Sie bleiben für eine Woche?“ Darina nickte und spürte, wie Zufriedenheit durch ihren Körper sickerte. „Bis dahin sollten wir all die Verknotungen rausarbeiten können.“ Etwas später arbeitete Sally sich zu Darinas Schultern und rief bei den Verspannungen, die sie dort fand: „Was arbeiten Sie?“

„Ich bin eigentlich Köchin, aber ich schreibe Kochbücher und Zeitungsartikel, deshalb verbringe ich viel Zeit am Rechner.“

„Oh, das ist das Schlimmste für die Schultern. Haben Sie einen Ehemann, einen Partner oder so?“

Darina bejahte das.

„Dann bringen Sie ihm bei, die Verspannungen rauszumassieren. Das macht einen großen Unterschied!“

Darina stellte sich kurz vor, dass William ihre Schultern knetete wie ein Bäckerlehrling, bekam das Bild aber nicht ganz zu fassen. Oh, er würde sich Mühe geben, William war stets bereit, alles zu versuchen, was Darina helfen konnte, aber mit seinen Händen war er nicht gut. Außer in bestimmten Dingen. Sie vermisste ihn schon wieder sehr.

„Er wird mich am Samstagabend hier abholen“, erklärte sie Sally. „Einer seiner Freunde wurde befördert und sie feiern eine große Party. Nicht weit von hier.“ Das war ein weiterer Grund gewesen, genau in dieser Woche herzukommen. Die Polizeitruppe, mit der zusammen William an einem Fall arbeitete, der sich durch die beiden Landkreise Wiltshire und Somerset zog, arbeitete nicht weit vom Conifers Spa entfernt, und so sparte Darina sich eine anderthalbstündige Fahrt. „Er kommt mich abholen, vielleicht können Sie ihm dann ein wenig Unterricht geben.“

„Samstag ist mein freier Tag“, sagte Sally bedauernd. „Es sollte eigentlich der Sonntag sein, aber eines der anderen Mädchen will mit ihrem Freund zu einem Cricket-Spiel gehen, also habe ich mit ihr getauscht.“

„Sie haben nur einen freien Tag in der Woche?“

Sally schob das Handtuch über Darinas Rücken nach unten und strich sanft von ihrer Taille aufwärts. „Eineinhalb.“

Wenn man selbstständig arbeitete, wie Darina, bekam man oft keinen einzigen freien Tag, doch dann gab es auch andere Zeiten, in denen man sich verwöhnen konnte. Sich auf eineinhalb Tage pro Woche beschränken zu müssen, erschien ihr recht hart. „Mögen Sie die Arbeit hier?“

„Es ist okay. Die Mädchen sind alle freundlich und die Atmosphäre ist gut. Die Bezahlung ist nicht besonders gut, aber das ist sie nirgends.“

„Warum machen Sie es dann?“

„Na ja, die Bezahlung ist nicht alles, oder? Das ist eine wertvolle Erfahrung. Ich will eines Tages meinen eigenen Salon aufmachen. Zuerst brauche ich allerdings eine Stelle wie die von Ms. Russell, um alle Grundlagen zu lernen.“

„Führt sie das Behandlungsteam gut?“ Darina dachte über die Bezeichnung „Ms.“ nach. Na ja, die Gesundheitsmanagerin wirkte etwas abschreckend, sie würde sich von den jungen Mitarbeiterinnen nicht beim Vornamen nennen lassen.

„Junge!“ Sally schlug mit den Handkanten in Darinas Seite und hielt dabei einen Rhythmus, den jeder Schlagzeuger beneiden würde. „Die Armee würde sich über sie freuen!“ Doch ihre Stimme klang bewundernd.

Darina hatte nichts daran auszusetzen, wie Maria Russell die Ansprüche von ihr und ihrer Mutter gehandhabt hatte. Sie hatte nach den Gründen geforscht, aus denen sie ins Spa gekommen waren, besprochen, wie viel Training sie üblicherweise machten und was sie von ihrem Aufenthalt erwarteten. Dann hatte sie die verschiedenen Wahlmöglichkeiten erklärt und was davon im Basispreis inbegriffen war und welche Extras dazu angeboten wurden.

Während Darina der entspannten, beruhigenden Stimme zugehört hatte, während sie über die Vorteile des Trainings sprach, und darauf wartete, dass sie die gefürchteten Worte „regelmäßiges Joggen“ aussprechen würde, hatte sie sich gefragt, was wohl passieren musste, um diese Ruhe zu stören. Dann hatte sie festgestellt, dass die Gesundheitsmanagerin aufgehört hatte zu reden, ihre fein geschwungene Augenbraue fragend hob und sie mit einem belustigten Leuchten in ihren haselnussbraunen Augen, die im äußeren Kranz fast grün waren, ansah. „Es tut mir leid“, sagte Darina, „das habe ich nicht ganz mitbekommen.“

Die breiten Lippen hoben sich in den Mundwinkeln etwas, aber die Ruhe war ungebrochen. „Ich habe erklärt, dass wir jeden Tag außer sonntags eine Aerobic-Gruppe haben, und Übungen im Pool. Trainieren Sie regelmäßig?“

Jetzt kam es! „Nein“, hatte Darina gesagt und sich geweigert, Ausreden wie Zeitmangel, ständig enttäuschte gute Absichten oder etwas in der Art anzuführen. Die Wahrheit war, Training langweilte sie und es gab immer bessere Arten, die Zeit zu verbringen. William und sie schafften es ab und zu, eine Runde Tennis zu spielen, aber das ging kaum als regelmäßiges Training durch.

„Sie kochen?“ Maria Russell hatte noch einmal auf die Karten gesehen, die sie ausgefüllt hatte. „Da stehen Sie viel herum. Es besteht die Gefahr von Krampfadern.“ Sie sah auf Darinas lange Beine hinab, doch auf ihrer leicht gebräunten Haut waren keine unansehnlichen Adern zu sehen. „Training würde helfen, sie fernzuhalten. Und Sie sagen, dass Sie mehrere Stunden am Tag am Rechner verbringen; das ist nicht gut für Ihre Oberschenkel und den Po.“ Diesmal musste sie ihren Blick nicht abwenden, sie wussten beide, dass dies Darinas Problemzonen waren. „Versuchen Sie mal die Aerobic-Gruppe.“

Darina hatte ein leichtes Stöhnen ausgestoßen und genickt. Wenn man sich in die Hände von Experten begab, war es dumm, ihren Rat nicht anzunehmen.

Außerdem war sie von der Atmosphäre im Behandlungszentrum beeindruckt gewesen. Carolyn war ohne Zweifel für das geschmackvolle Dekor zuständig, pfirsichfarben und hell-türkis mit viel blassem, weichem Kiefernholz. Aber die fröhlichen und tüchtigen Mitarbeiter, die Tatsache, dass man keinen Gast mit einem Termin warten ließ, dass alle Bereiche makellos sauber waren, die Handtücher weggeräumt wurden, sobald sie abgelegt wurden, und die Ausrüstung nach der Benutzung ordentlich zurückgelegt wurde: Das alles musste Maria Russells Verdienst sein. Und die Tatsache, dass Sally nichts gegen die Disziplin einzuwenden hatte, die von ihr verlangt wurde, sprach Bände über die Personalführung der Managerin.

Sally machte bei Darinas Oberarmen weiter. „Das ist eine der Stellen, an denen ältere Frauen Probleme haben“, sagte sie. Obwohl Darina wusste, dass ihre Muskeln fest waren, kroch ihr das beängstigende Gefühl von schwabbeligem Speck ins Bewusstsein. Sie kämpfte dagegen an, indem sie sich an all den Kraftaufwand erinnerte, den man als Köchin leistete, all das Klopfen, Rühren und Kneten. Allerdings, dachte sie plötzlich, übernahmen Maschinen jetzt das Meiste davon. Vielleicht war die Aerobic-Gruppe keine so schlechte Idee.

„Trainieren Sie regelmäßig?“, fragte sie Sally.

Sally explodierte vor Lachen, während sie sich fest in Darinas Haut grub. „Was glauben Sie ist das hier?“

„Ich nehme an, es muss schwere Arbeit sein.“

„Das können Sie laut sagen! Dreitausend Kalorien am Tag, soviel verbrauchen wir, hat irgendjemand ausgerechnet.“

„Dann haben Sie keine Gewichtsprobleme?“

„Man muss einiges essen, um das auszugleichen“, stimmte Sally zu. „So, Sie sind fertig, jetzt bleiben Sie einfach liegen und lassen die Seele baumeln. Sie brauchen eine ganze Weile nicht aufzustehen.“ Sie deckte Darina mit einem Handtuch zu und verschwand aus der mit Luftschlitzen versehenen Kiefernholz-Kabine.

Ein köstliches Gefühl völliger Entspannung breitete sich in Darina aus. Sie hoffte, dass ihre Mutter nach ihrer Massage ein ähnliches Gefühl genossen hatte. Sie lag mit geschlossenen Augen da und dämmerte weg.

Durch diesen angenehmen Schleier drang die Stimme eines Mannes aus der Nachbarkabine zu ihr.

„Theresa, nicht wahr? Sie haben mich diese Woche schonmal behandelt.“

„Richtig, Mr. Borden.“ Die junge Frau klang erfreut, dass er sich an sie erinnerte. „Ich hatte ein paar Tage frei.“ Es folgte das Geräusch von Händen, die einen Körper bearbeiteten. Frank Borden hatte olivfarbene Haut, erinnerte Darina sich, und sein Körper war zäh und drahtig. Sie konnte sich vorstellen, dass es anstrengend war, ihn zu massieren.

„Und was haben Sie an Ihren freien Tagen gemacht, Theresa?“ Seine Stimme war warm, voll von freundlichem Interesse. Frank Borden gelang es, zu klingen als würde er wirklich gerne wissen, was Theresa unternommen hatte.

„Oh, mein Freund Jeff und ich haben uns eine Werkstatt außerhalb von Birmingham angesehen, Richtung Walsall. Ein Freund seines Vaters hat ihm dort eine Stelle angeboten. Aber Jeff ist sich nicht sicher. Es wäre mehr Geld, als er jetzt bekommt, und Mr. Weeks, das ist der Besitzer, sagt, dass er vielleicht nächstes Jahr schon Serviceleiter sein kann, wenn er sich gut macht.“

„Aber Sie müssten umziehen, ist es das?“

„Sie haben es erfasst! Meine Mutter ist hier, wissen Sie. Sie will nicht, dass ich so weit weg gehe. Und Jeff hat alle seine Freunde hier.“

„Er würde vermutlich nicht lange brauchen um neue zu finden, in – Walsall, war es das? Sie würden natürlich Ihre Mutter vermissen; haben Sie mir nicht erzählt, dass Sie noch bei ihr leben? Und waren Sie nicht begeistert, dass dieses Spa eröffnet hat, weil sie dadurch nicht wegziehen mussten?“

„Genau!“ Wieder lag Freude in Theresas Stimme, darüber, dass ihr Kunde sich an das erinnerte, was sie gesagt hatte.

„Ist es die Stelle, die Sie nicht verlassen wollen, oder Ihre Mutter?“

„Oh, die Arbeit ist okay, aber nicht besonders.“

„Gefällt es Ihnen hier nicht?“

„Ich mag die anderen Mädchen und die Kunden natürlich“, warf Theresa hastig ein. „Aber, na ja, Ms. Russell hat etwas von einer Tatarin!“ Die Worte kamen in kurzen, scharfen Stößen, ein Zeugnis für die Anstrengung, die sie in ihre Arbeit legte.

„Also ist es wirklich Ihre Mutter.“ Frank Bordens Stimme blieb ernst und interessiert, aber Darina hörte auch eine leichte Belustigung heraus. „Es gibt Telefone, wissen Sie? Und Sie wären innerhalb weniger Stunden hier unten, um sie zu besuchen.“

„Ich schätze schon.“ Theresa klang nicht allzu überzeugt. Ein leises Rascheln war zu hören, als würde sie ihre Position verändern. „Mensch, Ihre Schultermuskeln sind viel besser, Mr. Borden. Die Verknotungen sind fast weg. Sie haben mir noch gar nicht erzählt, was Sie beruflich machen. Es muss ganz schön anstrengend sein, so verspannt wie Ihre Schultern waren.“

„Geschäfte, Theresa, das mache ich. Ein bisschen hiervon, ein bisschen davon. Hauptsächlich langweiliges Zeug mit Geld. Und ich wüsste nichts von Verspannungen. Ich glaube, ich stecke das ganz gut weg. Aber Sie haben völlig recht, da kommt das alles her.“

„Wir haben hier viele Geschäftsmänner. Sie scheinen gerne mal ein paar Tage von allem wegzukommen. Die Herrensauna ist manchmal wie ein Club, sagt Jim. Jim kümmert sich um die Seite der Herren, Sie haben ihn kennengelernt, nehme ich an.“

„Ja, er ist sehr hilfsbereit.“

„Na ja.“ Die Anstrengung, die Theresa in ihre Arbeit legte, war in ihrer Stimme zu hören. „Also Jim sagt, dass sie fast nie über Frauen sprechen, wie man vermuten würde, wissen Sie? Nein, sie reden übers Geld.“

„Kaum zu glauben, dass das wichtiger ist als Frauen.“ Belustigung strömte aus der milden, federnden Stimme, und Darina lächelte unfreiwillig.

„Mr. Borden, Sie sind ein Witzbold, ja das sind Sie!“

„Und Sie lieben jede Minute davon, Theresa.“

„Wenn Sie sich jetzt bitte umdrehen würden, dann arbeite ich an Ihren Schenkeln.“

Ein Telefon klingelte und Theresa sagte in entrüstetem Ton: „Mr. Borden! Sie wissen, dass Sie Ihr Handy nicht mit hier reinbringen sollen!“

„Tut mir leid, aber das wird etwas Wichtiges sein, dauert nur einen Moment.“ Der Klang seiner Stimme und ein Rascheln legten nahe, dass er sich aufsetzte. Wo hatte er das Handy versteckt, fragte Darina sich; in der Tasche seines Bademantels oder unter dem Handtuch? „Ja? Frank hier.“ Kurz herrschte Stille.

„Ich bin in zwei Sekunden zurück“, sagte Theresa drohend. Es folgte ein Klicken der sich schließenden Kabinentür.

„Ja?“, sagte Frank Borden wieder mit leiserer, vertraulicher Stimme.

Wieder eine Pause. Darina fragte sich, ob sie etwas sagen sollte, ihn darauf aufmerksam machen, dass sie in der Nachbarkabine war. Sie hustete, aber das Geräusch ging in seiner Stimme unter, die im selben Moment einsetzte. „Die ganze Lieferung? Und Archimedes hat nichts unternommen?“, brach es aus ihm heraus, dann riss er sich zusammen. „Wofür zur Hölle, glaubt er, bezahlen wir ihn? Was geschieht jetzt?“ Eine Pause. Darina konnte sich vorstellen, wie ein verzweifelter Untergebener am anderen Ende der Leitung versuchte, alles zu erklären. Wenn er bis jetzt noch nicht gemerkt hatte, dass man ihn hören konnte, war es vielleicht besser, still zu bleiben. Es war immerhin nur ein geschäftliches Telefonat. „Können wir auf Abstand gehen?“ Eine weitere Pause. „Ich verstehe. Nun, das hättest du besser schon geregelt, oder?“ Bildete Darina sich den drohenden Unterton in seiner angenehmen Stimme nur ein? „Ruf zurück, sobald du das erledigt hast.“ Es gab keine Verabschiedung, nur das Geräusch vom Auflegen.

Die Tür zu Darinas Kabine ging auf und eine fröhliche Stimme sagte: „Ich glaube, Sie sind jetzt mit einer Elektrostimulation dran, aber kein Grund zur Eile.“

Darina kam zögerlich von ihrer Bank herunter und wickelte sich ihr Handtuch um. Hatte Frank Borden jetzt begriffen, dass man ihm vielleicht zugehört hatte? Na ja, es war nicht ihr Fehler gewesen, und abgesehen von dem Moment, als er drohend klang, war an dem Telefonat nichts besonders Vertrauliches, oder?

Sie folgte der jungen Frau in eine andere Kabine, eine mit einem schmalen Bett und einer Maschine, aus der eine ansehnliche Kabelsammlung spross. Dann ließ sie es über sich ergehen, kalte, feuchte Kontakte an ihrer Taille und ihren Schenkeln befestigen zu lassen, und fragte sich, ob der Weg zur perfekten Figur so einfach sein konnte. Keine schweren Übungen, kein strikter Ernährungsplan. Ein leises Knurren ihres Magens erinnerte sie daran, dass es nicht mehr lang bis zum Abendessen war. Sie fragte sich, wie Naturreis mit Gemüse schmecken würde und ob ihre Mutter sich darauf einlassen würde, sich weiter dem Entgiftungsplan zu unterwerfen.

Ann Stocks hatte kein Wort gesagt, als Carolyn Pierce bei ihrem Gespräch die Vorteile des Ernährungsplans durchgegangen war, doch ihr Lächeln war so undurchschaubar wie das der Mona Lisa geworden. Als sie im Conifers Spa eingetroffen waren, hatte Darina gefragt, ob sich alle an diesen Plan hielten. Carolyn hatte ihr ein bedauerliches Lächeln geschenkt. „Wir versuchen, es allen zu empfehlen, aber manche weigern sich zu begreifen, wie viel Gutes ihnen das bringen kann.“

Als sie das erste krampfhafte Zucken der Kontakte an Taille und Schenkel spürte, dachte Darina, dass sie bereit wäre, eine kleine Wette darauf abzuschließen, dass Frank Borden zum Abendessen keinen Naturreis mit Gemüse über sich ergehen lassen würde.

Kapitel 6

„Meine Liebe, ich habe beschlossen, dass dieses Reis- und Gemüse-Zeug für mich keine gute Sache ist“, sagte Ann Stocks, als Darina sich auf einer Liege am Außenpool niederließ. Es war später Nachmittag, doch die Pflastersteine um den Pool hatten die Hitze des herrlichen Sommertags aufgenommen und die Luft war immer noch sanft und warm. Ann Stocks saß zurückgelehnt da und trug den Trainingsanzug des Conifers Spa. Der sanfte Türkiston schmeichelte ihrer hellen Haut sehr. Darina fragte sich, ob sie im Kleiderladen noch mehr gekauft hatte, und nahm das wiederauflebende Interesse in Kleidung als gutes Zeichen.

„Du weißt, dass Baz und Molly morgen herkommen, um mit uns zu essen, und es wäre nicht sehr höflich. Sie würden sich schrecklich fühlen, ein anständiges Gericht zu essen, während wir mit Naturreis herumspielen.“

General Sir Basil Creighton war eine Art Protegé von Darinas Stiefvater gewesen, Lieutenant-General Sir Gerald Stocks. Er war einer der ranghöchsten Offiziere in der Armee Ihrer Majestät und lebte in angemessenem Stil nicht weit vom Conifers Spa entfernt. Ann und Gerry Stocks hatten sie besucht, kurz bevor Gerry starb, und die Creightons waren bei der Beerdigung gewesen.

Kaum dass der Aufenthalt auf der Gesundheitsfarm feststand, war Lady Stocks am Telefon gewesen und hatte darauf bestanden, dass Basil und Molly zum Essen zu ihnen kämen.

„Wenn ich also dieses Entgiftungs-Ding nicht abschließen kann, was auch immer das sein soll, gibt es auch keinen Grund, damit anzufangen“, schloss ihre Mutter triumphierend. „Und eine Diät brauche ich ohnehin nicht, ich muss eher gemästet werden!“

Darina drapierte ihren Bademantel ordentlich über ihre Beine, legte sich ins letzte Sonnenlicht und beschloss, dass ihre Mutter keinen Vortrag über Ernährung brauchte. „Hast du deine Behandlungen heute Nachmittag genossen?“

„Das Schlammbad war definitiv nichts für mich! Viel zu kräftezehrend, ich weiß nicht, was die sich dachten, mir das zu empfehlen.“ Darina unterließ es, zu erwähnen, dass Maria Russell sie gewarnt hatte, dass es anstrengend sein könnte, ihre Mutter aber darauf bestanden hatte, dass sie es wollte. „Aber die Massage war einfach himmlisch, und es tat mir sehr gut, hier in der Sonne zu sitzen. Ich habe ein freundliches Pärchen kennengelernt, sie leben in den Cotswolds. Er ist Handelsbanker ...“ Darina ließ die Worte ihrer Mutter über sich hinwegfließen. Es reichte ihr, dass Ann Stocks Menschen gefunden hatte, denen sie sich anschließen konnte. Die Worte „lieben es, Bridge zu spielen“ trieben vorbei und Darina wusste, dass es nicht lange dauern würde, bis ein vierter Spieler gefunden war. Nichts hätte deutlicher zeigen können, dass ihre Mutter über den Berg war.

Der Garten des Conifers Spa war herrlich. Um sie herum loderte der späte August in Gelb- und Orangetönen, die zu sagen schienen: Nimm unsere Wärme, solange du noch kannst, bald ist der Herbst hier und der Frost wird uns vernichten. Jenseits der Beete standen anmutige Bäume, die den farbenfrohen Blumen einen Hintergrund in unterschiedlichen Grüntönen boten.

Einige Leute schlenderten um das Gelände herum, doch die meisten Gäste schienen hineingegangen zu sein. Außer Darina und ihrer Mutter saßen nur zwei weitere am Pool. Auf einer Liege jenseits der hellblauen Wasserfläche lag Jessica Barry in einem weißen, einteiligen Badeanzug, der ihre goldene Bräunung betonte. Sie unterhielt sich innig mit Perry Cazalet.

Sein silberner Haarschopf glitzerte in der Abendsonne, er trug eine Sonnenbrille und eine knappe Badehose. Er hatte einen der behaartesten Körper, den Darina je gesehen hatte, ergrauendes Haar plusterte sich auf seiner Brust, seinen Armen und seinen Beinen. Es schien Jessica Barry nicht zu stören. Sie hatte sich in vertraulicher Weise zu ihm gelehnt, lächelte zu ihm hoch und wartete auf seine Antwort auf das, was sie gerade gefragt hatte.

„Und ich habe ihnen alles über meine schlaue Tochter erzählt“, Ann Stocks tätschelte Darinas Arm. „Sie freuen sich so, dich kennenzulernen. Eine Schande, dass du kein Bridge spielst, Liebes.“

„Ich bin sicher, dass ihr jemanden finden werdet, Ma“, sagte Darina abwesend, während sie Gina Cazalet beobachtete, die sich mit wehendem Bademantel dem Pärchen auf der anderen Seite des Pools näherte. Sie setzte sich und legte dem Mann auf eine Weise die Hand auf den Arm, die man nur als besitzergreifend bezeichnen konnte. Dann legte sie den Bademantel ab und entblößte in einer sehr kontrollierten Bewegung einen marineblauen Badeanzug. Sie ließ sich vorsichtig in den Pool hinab, gefolgt von ihrem Ehemann, dessen eleganter Körper das Wasser zerteilte. Jessica blieb nur, ihnen zuzusehen, wie sie mit kraftvollen Zügen den Pool auf und ab schwammen. Für einen Augenblick sah es so aus, als würde sie sich ihnen anschließen, dann sanken ihre Schultern herab, sie hob einen Bademantel auf und ging nach drinnen.

Am Abend verwöhnte sich Darinas Mutter mit dem, was der Kellner als „Brunnenkressesuppe mit Hühnerfond und etwas Sahne verfeinert“ bezeichnete. Außerdem „Hühnerbrust gefüllt mit Aprikosen und Pistazien an weißer Buttersoße mit Zitronengras“.

„Eine exzellente Wahl“, fügte er hinzu, „wenn ich das sagen darf. My Lady, könnte ich Ihnen als Beilage frische Tagliatelle und Brokkoli-Röschen empfehlen?“ Lady Stocks stimmte zu, dass das köstlich klänge, und warf Darina einen triumphierenden Blick zu, als ein Teller mit Naturreis und Gemüse vor ihr abgestellt wurde.

„Es tut mir wirklich leid, Liebes, dass du dich mit dem Zeug abfinden musst“, sagte sie selbstgefällig, während sie ihren Suppenlöffel eintauchte und kurz die Augen schloss, als sie daran schlürfte.

„Es schmeckt eigentlich sehr gut!“, sagte Darina überrascht. Wunderschön gewürfelte Karotten, Sellerie, Schnittbohnen, Zwiebeln und Zucchini zusammen mit jungen Maiskolben und Pilzen gedämpft und mit Naturreis und frisch geschnittenen Kräutern vermischt. Eine Soße aus Puy-Linsen ergänzte das Gericht. Der reine Geschmack des gedämpften Gemüses, die Schärfe der Kräuter, der Kontrast der verschiedenen Konsistenzen und die tröstliche Einfachheit des Gerichtes machten den Verzehr zum Genuss.

„Ich bin mir sicher, dass es köstlich ist, Liebes, und wenn es dabei hilft, dass weniger von dir zu William zurückkehrt, wird es das auch wert gewesen sein.“

„Ich bin nicht fett, Ma“, sagte Darina mit scharfer Zunge.

„Nein, aber du kannst es dir nicht leisten, noch mehr zuzunehmen. So ein Pech, dass du dir das Essen als Karriere ausgesucht hast. Mit deiner Größe hättest du Model werden können.“

„Mutter, dafür wäre ich niemals schlank genug gewesen!“

„Wenn du nicht so viel gegessen hättest, wärst du es vielleicht.“

„Wie auch immer, ich wollte nie ein Wäscheständer sein. Ich habe nicht deinen Sinn für Mode“, fügte sie gerissenerweise hinzu.

Das Kompliment fiel auf steinigen Boden. „Unsinn, man muss nur ein bisschen darüber nachdenken. Das ist dein Problem, Liebes, du achtest nicht genug auf das, was du anziehst. Schau dir nur deine Kleidung heute Abend an.“

Darina trug eine schwarze Leinenhose und ein seidiges Jersey-Oberteil in zimtbraun. Sie hatte gedacht, dass es ihr blondes Haar hervorheben würde, dass sie mit zwei Schildpatt-Kämmen nach hinten gebunden hatte, um ihre Größe ein wenige zu mindern.

„So ein gewöhnlicher Auftritt! Da drüben hingegen ist diese sehr dicke Frau“, ein Hauch Missbilligung trat in Lady Stocks‘ Stimme. „Sie mag sich gehengelassen haben, was die Figur angeht, aber sie weiß auf jeden Fall, wie man sich anzieht.“

Esme Lee saß mit Maureen in einer Ecke des Speisesaals. Sie trug eine fröhlich gemusterte, lange Seidenstola im Fledermausschnitt, und ihr dunkles Haar zwängte sich unter einen passenden Seidenturban. Ihre Augen waren makellos geschminkt, mit Lidschatten in zwei Grauschattierungen und weißem Highlighter, der ihre Größe betonte und die schweren Lider kleiner wirken ließ. Und sie trug leuchtenden, korallenroten Lippenstift. Ansonsten war ihre Haut aber ungeschminkt, abgesehen vom schwachen Ölglanz, der ihre Bräune hervorhob. Maureen, in ihrem fliederfarbenen Strickteil, wirkte neben ihr farblos.

Darina stimmte zu, dass Esme toll aussah.

„Weißt du, Liebes, ich habe mich oft gefragt, ob du dich auf subtile Weise an mir rächen wolltest, indem du dich dem Essen verschrieben hast“, fügte Ann Stocks hinzu, nahm sich noch ein Milchbrötchen aus dem Korb mit hausgemachtem Brot, das auf ihren Tisch gestellt worden war, und verstrich eine großzügige Menge Butter darauf.

„Was meinst du?“ Darina wurde das Herz schwer.

„Ich meine, dass ich mich nie besonders fürs Kochen interessiert habe; ich glaube, dein armer Vater hat sich oft eine Rindfleisch-Nieren-Pastete oder eine herzhafte Kasserole gewünscht, statt der gegrillten Koteletts, die ich ihm vorgesetzt habe.“

Ein flüchtiges Bild der verbratenen Koteletts mit rekonstruierten pulverisierten Kartoffeln und Tiefkühl-Gemüse kreuzte Darinas Gedanken. Dazu der resignierte Blick im Gesicht ihres Vaters, als der Teller vor ihm abgestellt wurde. Ann Stocks hatte sich nur bemüht, wenn sie zum Abendessen Gäste hatten. Dann schaffte sie es, gutes Essen aufzutischen, indem sie jemand anderen für die Zubereitung bezahlte, es aber üblicherweise als ihre eigene Arbeit ausgab.

„Du warst deinem Vater immer so zugetan. Ich erinnere mich noch an das erste Essen, das du für uns gekocht hast, ein Rindfleisch-Nieren-Auflauf, gefolgt von einem Sirupkuchen.“ Lady Stocks erschauderte. „Ich denke, dass du heute zustimmen würdest, dass diese Kombination furchtbar war, aber wir waren so stolz auf dich!“ Sie schenkte Darina ein strahlendes Lächeln.

„Im Rückblick“, sagte Darina vorsichtig, „glaube ich, dass Digby dabei der größte Einfluss war.“

„Oh, dein armer Cousin! Natürlich, er war in der Welt des Kochens eine überragende Gestalt. Du schlägst dich nicht schlecht, Liebes, aber du könntest es ihm nie gleichtun!“

Ein vertrautes Gefühl panischer Angst drang in Darinas Gedanken. Nein, sie würde nie an Digby Carys Ruf heranreichen. Das erwartete sie gar nicht; er war allen ein Begriff, wurde selbst von denen erkannt, die sich nicht fürs Kochen interessierten. Aber sie hatte geglaubt, sie würde sich langsam einen Namen machen. Jetzt war die Fernsehsendung, an der sie beteiligt war, zusammengebrochen, und von dem Höhepunkt vor dem sie stand, war sie wieder in die Dunkelheit abgetaucht. Eine Zeitungskolumne zu schreiben war nicht dasselbe. Manche Leser bemerkten nicht einmal ihren Namen in den Artikeln. Aber es zählte doch etwas, dass sie Abnehmer für ihre Arbeit hatte, oder? Leser schätzten ihre Artikel, auch wenn sie nicht wussten, wer sie war; das war es, was zählte.

Lady Stocks Hauptgang war eingetroffen und Darina versuchte, sich nicht zu wünschen, auch von der saftig aussehenden Hühnerbrust in der hellen und glänzenden Soße probieren zu können.

„Man könnte wohl sagen, dass Digby bislang mein ganzes Leben beeinflusst hat. Angefangen damit, dass er mich ermutigte, wenn er uns besuchte, und mir so viel übers Kochen beibrachte, bis hin dazu, dass ich durch ihn William kennengelernt habe“, sagte Darina und weigerte sich, an die Hühnerbrust zu denken.

Lady Stocks zitterte dezent. „Dieser furchtbare Mord! Ich kann mir nicht vorstellen, dass der eine Hilfe war.“

Darina ignorierte die Frage, ob ihre Mutter meinte, dass es besser gewesen wäre, wenn sie und William sich nicht begegnet wären, oder ob sie lediglich das schreckliche Ende das armen Digby beklagte. „Aber selbst wenn Digby nicht gewesen wäre, bin ich mir sicher, dass ich am Ende Köchin geworden wäre.“

„Du meinst, du hattest eine Berufung? Na ja, ich nehme an, ich wurde ohne Interesse fürs Kochen geboren und du kamst im übertragenen Sinne mit dem Kochlöffel in der Hand zur Welt. Die Frage ist, meine Liebe, wann du dich niederlässt und eine Familie gründest.“

„Himmel, Ma, William und ich haben gerade erst geheiratet!“

„Darina, du gehst auf die Fünfunddreißig zu.“

„Ma, ich bin zweiunddreißig; ich glaube, wir müssen uns noch keine großen Sorgen um meine biologische Uhr machen.“

„Allerdings will ich nicht so alt sein, dass ich mich nicht mehr an meinen Enkelkindern erfreuen kann, wenn sie dann kommen. Du weißt, wie anstrengend kleine Kinder sind!“

Darina aß ihren Naturreis auf und schlug ihrer Mutter vor, dass sie sich vom Buffet einen Nachtisch aussuchen solle.

Lady Stocks beäugte es von ihrem Sitzplatz aus. „Das sieht alles sehr köstlich aus, aber ich glaube, ich hatte heute Abend schon genug, Liebes. So viel habe ich lange nicht mehr gegessen. Morgen vielleicht, wenn Baz und Molly dabei sind. Er liebt Süßspeisen so sehr.“

„Wollen Sie vielleicht einen Tee trinken, im Salon?“, schlug der Kellner vor.

„Haben Sie Jasmin-Tee? Ich hörte, Kaffee sei verboten, aber das wäre ein annehmbarer Ersatz. Komm Darina, wir suchen uns zwei bequeme Sessel, ehe alle anderen dort auftauchen.“

Sich „zwei angenehme Sessel“ zu suchen lief darauf hinaus, dass Ann Stocks eine Ecke auswählte, von der aus sie jeden beobachten konnte, der den Salon betrat, und das Pärchen, von dem sie Darina zuvor erzählt hatte, in gebieterischem Ton zu ihnen einlud.

Die Möglichkeiten für eine Unterhaltung mit Peter und Rose erwiesen sich allerdings als beschränkt, da sich Perry Cazalet, kaum dass der Tee eingetroffen war, dem Klavier näherte, das bei dem großen Fenster zum Wintergarten stand.

„Ich erinnere mich daran, dass ich gestern Abend versprochen habe, dass Gina singen würde“, verkündete er, öffnete das Instrument und rief seine Frau mit einem schnellen Handzeichen herbei. Für einen Augenblick schien es, als würde sie ablehnen, dann zeigte sie ein leichtes, resigniertes Lächeln, stellte sich in die Kurve des Stutzflügels und lehnte sich unter einiger Anstrengung für eine kurze Diskussion zu ihrem Ehemann hinüber. Sie unterhielten sich kurz, dann setzte Perry sich, spielte ein oder zwei Akkorde und Gina wandte sich dem Salon zu, der jetzt voller Menschen war.

Perry Cazalet ging zur Einleitung eines der Jazzstücke über, das Darina vor so vielen Jahren von Gina auf dem Ball in Oxford gehört hatte. Es war traurig und hungrig und Ginas kehlige, kantige Stimme sandte Darina einen leichten Schauder die Wirbelsäule hinab.

Hinterher gab es kräftigen Applaus. „Jetzt eine neue Nummer, die Gina auf ihrem nächsten Album rausbringt“, sagte Perry. Nach kurzer, interessierter Aufregung fing Gina ein weiteres Lied an, das für Darina nicht großartig anders klang, als das erste. Auch das dritte nicht, das dann folgte, und das Perry ebenfalls als neu ankündigte. Der Applaus war eher höflich als begeistert.

Gina lächelte ihnen zu. „Ihr seid sehr lieb und ich würde eure Geduld gerne noch einmal strapazieren, wenn Perry mir das verzeiht.“ Sie trat hinter ihren Ehemann und flüsterte ihm etwas ins Ohr.

Ein düsterer Ausdruck strich über sein Gesicht. Für einen Moment schien es, als würde er nicht in das einwilligen, was sie vorgeschlagen hatte, doch dann erhob er sich vom Klavierstuhl, stellte sich an die Tür zum Wintergarten, angelte eine dunkle Sonnenbrille aus seinem senffarbenen Leinenjackett, setzte sie auf, kreuzte die Arme vor seiner Brust und lehnte sich an die offenstehende Tür.

Gina setzte sich hin uns spielte ein paar Töne. Sie war keine so gute Pianistin wie ihr Ehemann und die Begleitung zu ihrem Lied war dürftig. Doch das machte nichts. Was sie sang, war ganz anders als ihre vorherigen Nummern. Es war originell und leicht, und die Klangfarbe ihrer Stimme kontrapunktierte das Lied. „When the man in my head is the man in my bed“, sang sie zu einer prächtigen Melodie. Der Applaus am Ende war noch enthusiastischer als der nach ihrem ersten Lied.

Gina lächelte sie mit einem Hauch von Schüchternheit an. „Das war die erste öffentliche Darbietung eines meiner eigenen Lieder“, sagte sie schlicht.

„Mehr davon“, rief jemand.

Gina berührte eine Taste, spielte eine kurze Tonfolge und für einen Augenblick sah es so aus, als würde sie zustimmen. Dann stand sie vom Flügel auf. „Ihr wisst, was sie sagen, man soll gehen, wenn es am schönsten ist“, sagte sie heiter. Darina sah, wie sie der ungerührten Gestalt ihres Ehemannes einen kurzen Blick zuwarf, dann ging sie durch den Raum zu Frank Borden, der dort mit Jessica Barry saß. Frank stand auf, nahm Ginas Hand und küsste sie. „Superb“, sagte er. „Lass mich dir einen Drink ausgeben, du hast ihn verdient.“

Sie verließen den Salon und Jessica Barry blieb niedergeschlagen zurück. Allerdings nicht lange. Im nächsten Augenblick hatte Perry Cazalet sich in den Sessel gesetzt, den Frank Borden freigemacht hatte.

„Das Mädchen hat eine schöne Stimme“, sagte Ann Stocks. „Kenne ich sie?“

„In Jazzkreisen hat sie einen guten Ruf“, sagte Peter Rochester, der Handelsbanker. „Ihr Ehemann, er hat gerade Klavier gespielt, schreibt all ihre Lieder und sie sang früher in seiner Band. Er hatte sich selbst schon einen Namen gemacht, ehe sie kam, aber man sagt, dass sie ihn groß rausbrachte.“

„Mir gefiel das Lied besser, das sie am Ende gesungen hat“, sagte seine Frau. Dann sah sie sich im Raum um und winkte einer Frau zu, die auf der anderen Seite saß. „Sie spielt Bridge“, zischte Rose Rochester Ann Stocks zu, während die beiden Frauen auf sie zu gingen. „Ich wusste, dass du sie treffen wollen würdest.“

Kapitel 7

Am folgenden Abend fühlte Darina sich, als wären sie und ihre Mutter in einer Blase gefangen, einem Isolierschirm, der sie vor der echten Welt schützte. Sie fühlte sich verhätschelt und verwöhnt und alle Sorgen drifteten von ihr fort.

An diesem Tag hatte sie sich wieder mit Gina, Maureen und Esme die Sauna geteilt.

Gina hatte selbstsicher ihre Komplimente zu ihrem Gesang entgegengenommen. Nur bei dem Lob über ihr eigenes Lied hatte sie sich ein breites Grinsen erlaubt. „Wirklich? Es hat euch echt gefallen, besser als die anderen?“

„Wahrlich und in tiefstem Ernst“, verkündete Esme. „Es war anders und es passte zu dir.“ Maureen und Darina murmelten zustimmende Worte.

„Perry sieht das nicht so“, sagte Gina verbittert. „Ich habe zig Lieder geschrieben und ich glaube, manche davon sind so gut wie ‚The Man in my Head‘. Zusammen ergeben sie irgendwie eine Geschichte. Ich will sie für ein Album zusammenstellen, aber er ist strikt dagegen.“

„Dann mach dein eigenes Ding“, riet Esme.

„Das ist leicht gesagt“, sagte Gina leicht verbittert. „Alleinstehende Frauen verstehen nicht, was es bedeutet, verheiratet zu sein.“

„Ich war mal verheiratet“, sagte Esme knapp. „Er hat es nicht ausgehalten, dass ich erfolgreicher war als er, und ich kam nicht damit klar, dass er mir meine Pflichten als Ehefrau erklären wollte.“

„Du hast ihn nicht geliebt“, sagte Gina einfach.

Esme sah sie scharf an. „Nein, tat ich wohl nicht, oder nicht genug. Das heißt wohl, dass du Perry liebst und jeden Mist hinnimmst.“

Gina zuckte mit den Schultern. „Nicht alles, nein. Aber ich weiß, dass auch wenn er mich noch so wütend machen kann, das Leben mit ihm besser ist als ohne ihn.“ Sie kratzte sich nervös am Schenkel und zog damit eine rote Strieme über die blasse Haut. „Ich habe manchmal den Albtraum, dass er mich verlassen hat. Dass er von meiner Figur genug hat und einen anderen Honigtopf gefunden hat. Das würde ich nicht verkraften, wirklich nicht.“ Das Kratzen wurde intensiver, bis ein kleiner Blutstropfen zu sehen war und sie kurz davor schien, sich ihre Haut aufzureißen.

„Ich mache es Len zu bequem“, sagte Maureen, nahm Ginas Hand sanft von ihrem Schenkel und hielt sie einen Augenblick in ihren Händen. „Und ich gebe vor, seine dummen Ausreden nicht zu durchschauen, wenn er sich nebenbei ein bisschen vergnügt. Ich weiß, dass sie ihm nicht wirklich wichtig sind. Und wenn er mir gerne den Aufenthalt hier bezahlt, was macht es dann schon, dass er ein paar Nächte mit einem Flittchen verbringt, das ihn zu Tode langweilt, sobald er mehr als zwei Abende mit ihr zusammen ist? Und schau mich nicht so an, Esme! Ich habe keine erfolgreiche Karriere, die ich mit ins Bett nehmen kann.“

„Es gibt bessere Dinge, die man mit ins Bett nehmen kann“, sagte Esme mit einem anzüglichen Kichern. „Ihr seid hoffnungslos, ihr beide.“

Als Darina nach oben ging, um fürs Mittagessen vom Bademantel in den Trainingsanzug zu schlüpfen, hörte sie, wie jemand das Intro zu einem der Lieder spielte, die Gina am vergangenen Abend gesungen hatte. Doch die Stimme, die mit der Melodie an ihr Ohr drang, hatte nicht Ginas jazzige Klangfarbe. Sie klang süß und ehrlich, aber ausgebildet. Darina hielt auf der Treppe inne, um zuzuhören. Dabei brach das Klavierspiel ab und sie hörte Perrys Stimme. Er schien die Sängerin zu unterrichten. Einen Augenblick später setzte die Begleitung wieder ein und die Sängerin wiederholte den letzten Vers mit anderer Betonung. Darina hörte noch etwas länger zu und setzte dann ihren Weg nach oben fort.

Als sie die Kurve nahm, sah sie Gina auf dem Treppenabsatz stehen. Ihre Hand klammerte sich so fest ans Geländer, dass ihre Knöchel weiß waren. Dann erblickte sie Darina, warf ihre Hand leicht in die Luft und ging weg. Das Klatschen ihrer Sandalen gegen ihre Fersen war ein irritierender Kontrapunkt zum Rhythmus der Musik, die die Treppe hinaufdrang.

An diesem Nachmittag zwang Darina sich, an einer Aerobic-Gruppe teilzunehmen und war überrascht, wie viel Spaß das machte und wie energiegeladen sie sich danach fühlte. Sie beschloss, jeden Tag, den sie im Conifers Spa verbrachte, in eine Gruppe zu gehen und zu sehen, ob sie diese die Disziplin für eine wöchentliche Runde aufbringen konnte, wenn sie wieder zuhause war.

Als sie sich fürs Abendessen umzog, stellte Darina fest, dass ihr tabakbrauner, seidener Faltenrock definitiv lockerer saß, als beim letzten Mal, das sie ihn getragen hatte. Als sie dazu das zimtbraune Oberteil vom Vorabend anzog, stellte sie sich vor, was Esme Lee für einen spöttischen Kommentar abgeben würde, wenn sie das erwähnte, und musste lächeln. Sie mochte die bissige Anwältin, sie hatte etwas erfrischend Direktes an sich. Darina war sicher, dass sie alles, was sie sich wünschte, mit dieser direkten Art verfolgte, ob es nun privat oder beruflich war.

„Sieht wirklich klösterlich aus.“ Molly Creighton beäugte fasziniert Darinas Teller. „Ich bin so froh, dass du das nicht auch isst.“ Sie sah auf Ann Stocks Teller mit Kalbsschnitzel an einer Schnittlauch-Gurken-Soße. „Ich bin mir sicher, dass es Darina sehr guttut, aber ich genieße mein Essen gerne.“

Molly Creighton war die Art Frau, in deren Gegenwart man sich wohlfühlte, dachte Darina. Sie war, wie ihr Ehemann, Mitte fünfzig. Sie kleidete sich schick, ohne bedrohlich zu wirken, und ihr freundliches, aber alles andere als schönes Gesicht war gut geschminkt, ihr graumeliertes Haar schön frisiert.

„Und es graut mir davor, mir vorzustellen, was Baz sagen würde, wenn ich ihm so einen Teller vorsetzen würde!“

„Du weißt, dass ich alles esse, was du mir gibst“, grinste ihr Ehemann sie an.

„Weil ich weiß, was du magst“, konterte seine Frau.

Baz Creighton hatte das Charisma, das seiner Frau fehlte. Obwohl er keinesfalls groß war, besaß er eine Ausstrahlung von Macht, eine Anziehungskraft, die die Aufmerksamkeit von seinem Bauchansatz und seinem weißen Haar ablenkte. Er sah sich im Speisesaal um. „Ich war mal hier, als es noch dem alten Idler Wyatt gehörte. Damals war es ganz anders.“

„Erzähl uns, wie es aussah. Das frage ich mich schon, seit wir hier angekommen sind“, bat Ann Stocks.

„Eine große Scheune. Tolers Vater baute das Haus um die Jahrhundertwende. Er war Kanadier, hat mit Eisenbahn-Aktien ein Vermögen gemacht und kam dann rüber, entschlossen, in die Politik zu gehen. Hat es nie geschafft, fürchte ich, und sein Reichtum versiegte nach und nach. Als ich Toler kennenlernte gab es hier Schimmel, Holzfäule, Ratten, Kakerlaken und Gott weiß was sonst noch.“ Er schenkte ihnen ein amüsiertes Grinsen. „Das Haus zerfiel um ihn herum. Aber man konnte den wunderbaren Stil erkennen, den es mal hatte.“

„Muss sehr teuer gewesen sein, es zu restaurieren“, kommentierte Darina und sah sich noch mal im getäfelten Speisesaal um.

„Ein Vermögen“, stimmte Baz Creighton umgehend zu. „Sie haben gute Arbeit geleistet und das Geschäft scheint auch gut zu laufen.“

„Du musst es natürlich wissen“, sagte Ann Stocks. „Ich erinnere mich, dass Gerry sagte, du hättest in der Armee gelernt, Sachen zu leiten.“

„Disziplin ist alles“, sagte Baz knapp.

„Du solltest sein Büro zu Hause sehen, Ann, nie auch nur ein Zettel am falschen Ort! Alles wird sofort erledigt, er schreibt sogar seine eigenen Dankesbriefe per Hand.“

„Das gebietet die Höflichkeit“, sagte ihre Ehemann. „Was für Leute kommen an so einen Ort?“

Darina konnte verstehen, wie Baz Creighton eine so erfolgreiche Karriere beschritten hatte. Er interessierte sich für alles, war unterhaltsam und überhaupt nicht prahlerisch. Gerry Stocks hatte gesagt, dass Baz brillant sei, doch er stellte es nicht zur Schau. Er und seine Frau waren rechtzeitig eingetroffen, um vor dem Abendessen eine Tour durch die Gesundheitsfarm zu machen, und er hatte sich lebhaft für jeden Aspekt der Behandlungsräume und Trainingseinrichtungen interessiert. Er hörte ihrer Mutter zu, wenn sie fröhlich über die Leute plauderte, die sie kennengelernt hatte, als wäre es ihm wirklich wichtig, von ihnen zu erfahren. Er war wirklich sehr attraktiv, mit seinem markanten, knochigen Gesicht und seinen stechenden, blauen Augen – und er hatte Charme.

Darina fing Molly Creightons Blick auf, die sie fragend ansah. „Ich bin wirklich beeindruckt, hier mit einem echten, lebendigen General zu sitzen und zu merken, dass er ein echter Mensch ist“, flüsterte sie ihr zu.

„Für seinen Diener oder seine Frau ist kein Mann ein Held“, Molly lächelte sie an.

Nach dem Essen gingen sie für einen Tee in den Salon hinüber. „Tut mir leid wegen des Kaffees“, murmelte Lady Stocks, „Ich war nicht in der Lage, sie zu überzeugen, uns auch nur eine kleine Tasse zuzugestehen.“

„Ich trinke nie welchen“, sagte Molly, „doch Baz wird sich ohne Zweifel beschweren.“ Sie sah liebevoll zu ihrem Ehemann, der ihren Kommentar nicht zu hören schien.

„Wir hatten gestern Abend so ein schönes, kleines Konzert“, sagte Ann Stocks. „Eine recht berühmte Jazz-Sängerin hat uns unterhalten – Gina Cazalet.“

„Wirklich? Gina Cazalet? Wir haben sie einmal getroffen, erinnerst du dich, Baz?“

„Was?“

„Da drüben ist sie, oder? Mit Perry Cazalet.“ Molly schaffte es, anzudeuten wo Gina und ihr Ehemann saßen, ohne es zu offensichtlich zu machen.

„Ah, ich erinnere mich, wir hatten sie mal für einen Ball da, nicht wahr?“

„Und sie waren ein voller Erfolg. Allerdings kann ich nicht behaupten, Jazz viel abzugewinnen.“

„Ihre Stimme hat mir sehr gefallen“, sagte Molly sanft.

Ann Stocks ging zu den Cazalets hinüber, brachte sie mit zurück zu Darina und den Creightons und stellte alle einander vor. Der General schien von diesem Schritt einigermaßen bestürzt; zum ersten Mal sah Darina, dass er nicht alles unter Kontrolle hatte. Doch er erlangte bald seine Souveränität zurück und fragte, ob die Chance auf eine Wiederholung des Konzerts vom vergangenen Abend bestünde.

Lady Creighton sah erwartungsvoll aus.

„Es tut mir sehr leid“, sagte Gina, ehe ihr Ehemann antworten konnte, „ich habe Halsschmerzen“. Sie sagte es so entschieden, dass nicht daran zu denken war, sie könnte auch nur ein Lied schaffen.

Perry Cazalet sah seine Frau an und Darina bemerkte ein leichtes Zucken an seinem linken Auge. Seine Lippen pressten sich aufeinander, dann stand er auf und kehrte zur anderen Seite des Raumes zurück. Frank Borden und Jessica Barry waren ein paar Augenblicke zuvor hereingekommen. Darina hatte sie nicht im Speisesaal gesehen, vielleicht waren sie für ein ungestörtes Essen nach draußen gegangen. Frank trug ein dunkles Jackett und ein hellblaues Hemd mit offenem Kragen, dass nach gestrickter Seide aussah, dazu eine elegant geschnittene, cremefarbene Hose. Jessica trug ein sehr kurzes Kleid in schimmerndem Silber. Sie strahlte Perry an, erhob sich und ließ sich zum Flügel führen.

„Meine Damen und Herren, meiner Frau ist heute Abend leider nicht nach einem weiteren Auftritt, aber ich weiß, dass Sie es genießen werden, stattdessen die junge Jessica hier singen zu hören.“

Ein leises, scharfes Geräusch entfloh Ginas Mund, dann presste sie ihre Lippen fest zusammen und lehnte sich in ihrem Stuhl zurück. Nur das schnelle Klopfen ihres Fußes verriet ihr Missfallen über den Verlauf des Geschehens.

Jessica sah blass aus, und leicht verängstigt. Sie sah sich mit weit aufgerissenen Augen verzweifelt im Raum um, dann atmete sie tief ein und zu Perry zurück, der ihr ein ermutigendes Lächeln schenkte, ihr kurz zunickte und dann eine Einleitung begann. Jessica öffnete den Mund und sang.

Schief.

Sie brach ab und lief tiefrot an. Perry lächelte sie beruhigend an und fing die Einleitung von vorne an. Dieses Mal traf sie die Noten genau, wenn auch etwas atemlos, und machte weiter, während sie langsam an Selbstvertrauen gewann.

Es war natürlich die Stimme, die Darina am Morgen gehört hatte. Der Applaus am Ende des Liedes schien für Perry begeistert genug, um noch ein Stück zu spielen. Mittlerweile war Jessica völlig entspannt und Darina empfand ihren Auftritt als glänzend. Doch neben sich konnte sie aus dem Augenwinkel sehen, dass der General gereizt auf seine Armlehne trommelte, bis Molly die Hand ausstreckte und sie sanft auf seine legte. Er blickte sie kurz an und zwang sich zu einem Lächeln.

Auf Darinas anderer Seite saß Gina starr da und schien kaum in der Lage, sitzen zu bleiben. Kaum dass der Applaus für das zweite Lied aufbrandete, erhob sie sich und verließ den Raum mit bestimmtem und grimmigem Gesicht. Darina sah, dass Frank Borden sie beobachtete. Für einen Augenblick glaubte sie, er würde ihr folgen, dann entspannte er sich in seinem Sessel und klatschte stattdessen für Jessica.

Jessica verbeugte sich schüchtern. Perry stellte sich neben sie, hob ihre Hand an und küsste sie. „Meine Damen und Herren“, sagte er, „ich präsentiere Ihnen Jessica Barry, einen neuen Star.“

Jessica sah begeistert aus und als könnte sie kaum glauben, dass das alles gerade geschehen war.

„Das Mädchen sieht süß aus“, sagte Ann Stocks. „Sie ist mir schon am Pool aufgefallen, immer freundlich und still, drängt sich nie nach vorne.“

„Und so eine schöne Stimme“, fügte Molly hinzu. „Man sollte meinen, dass sie ziemlich erfolgreich wird.“

„Wenn Cazalet hinter ihr steht, sollte sie versorgt sein“, sagte der General. „Ich hatte mit ihm zu tun, als ich diesen Regiments-Ball plante, er ist ein Geschäftsmann.“ Er klang missgünstig, als würde er Perry Cazalet seinen Sinn fürs Geschäft verübeln. Ja, trotz seines Charmes glaubte Darina nicht, dass Baz sonderlich gut von jemandem dachte, der ihn auf irgendeine Weise herausforderte. „Zeit zu gehen, meine Liebe.“

Molly beugte sich hinunter und nahm ihre Handtasche. „Ann, es tut mir leid, es war ein entzückender Abend, aber Baz muss morgen in aller Frühe nach Schottland.“

Darina und ihre Mutter brachten ihre Gäste zu ihrem Auto, das vor dem Haus stand. Dort schlug sich der General auf die Brusttasche seines Jacketts. „Verdammt noch mal, ich glaube ich habe meinen Terminkalender auf dem Tisch im Speisesaal liegengelassen. Ich hatte ihn rausgeholt, weil wir deinen Besuch bei uns besprochen hatten, Ann. Entschuldigt mich.“ Er schritt zum Haus zurück, sein Körper war angespannt vor Verärgerung.

„Baz hasst es, wenn er etwas vermasselt“, murmelte Molly. „Oh, schaut mal, ist das nicht Gina, die Jazz-Sängerin?“

Über den Rasen kam tatsächlich Gina auf sie zu, mit ihrem rückenfreien, weißen Kleid, das ihr um die Füße wirbelte, sah sie im Abendlich geisterhaft aus. Molly trat vor. „Es ist schade, dass Sie nicht für uns singen konnten“, sagte sie.

„Ja, es tut mir auch leid, aber Sie wissen, wie das ist.“ Gina stand verlegen da, das Gewicht auf einem Bein und die Hüfte vorgeschoben; ihre Unterlippe war auch vorgeschoben, nicht schmollend, eher aufsässig, als wäre sie überzeugt davon, dass die Welt nicht untergehen würde.

„Ich habe nie vergessen, wie Sie klingen, nachdem Sie zum Regiment kamen“, sagte Molly begeistert. „Ich habe sofort zwei Ihrer Platten gekauft. Wenn ich gewusst hätte, dass Sie heute Abend hier sein würden, hätte ich sie mitgebracht und Sie um ein Autogramm gebeten.“

Gina schenkte Molly ein breites Grinsen. „Eine Schallplatte signiere ich im Handumdrehen. Das Schlimme an Kassetten und CDs ist, dass sie so wenig Platz für meine ausladende Unterschrift haben.“ Sie zögerte und sah die drei Frauen mit einem strahlenden, gerissenen Blick aus ihren halb geschlossenen Augen an. „Was haltet ihr von Perrys letzter kleiner Entdeckung?“

„Sehr angenehm“, platzte Ann Stocks heraus, „Aber gewöhnlich im Vergleich zu Ihnen gestern Abend.“

„Ja, nun, man kann davon ausgehen, dass sie alle Tricks beherrscht, wenn er mit ihr fertig ist.“

„Du meinst, er wird sie wirklich ins Geschäft bringen?“, fragte Darina verblüfft. Jessica hatte für sie nicht nach etwas Besonderem geklungen.

„Nimmt man ihre süßen, kleinen Augen und ihre süße, kleine Stimme und fügt ein bisschen Vertrauen in seine maroden Fertigkeiten hinzu, wird es schwer, ihrer Nummer zu widerstehen“, sagte Gina verbittert. „Ich war auch mal so.“

„Meine Liebe, wer immer dieses Mädchen ist, sie wird nie auch nur halb so gut klingen wie Sie.“ Molly legte eine Hand auf Ginas Arm.

„Scheiße, wer bin ich, ihr nicht ein bisschen Erfolg zu gönnen, wenn sie alles hat, was man braucht?“ Ginas Stimme klang steif. „Und ich habe selbst ein paar Eisen im Feuer.“

„Dann viel Glück“, sagte Ann Stocks.

„Die Damen, würdet ihr mich entschuldigen? Es ist wirklich Zeit, dass ich mich ins Bettchen verabschiede.“ Gina ging mit wiegenden Schritten in ihrem weißen Kleid zum Haus.

„Ah, da ist Baz wieder“, sagte Molly mit einem erleichterten Unterton in der Stimme.

Der General kam von hinten um das Haus herum und wedelte mit seinem Terminkalender. „Das tut mir leid, ich musste durch die Küche gehen und eine Bedienung finden.“

„Na ja, so lange du ihn zurückhast.“

Es folgten Küsse und Verabschiedungen.

„Weißt du, Liebes“, sagte Darinas Mutter, als sie zurück ins Haus gingen, „ich habe Gerry heute Abend mehr vermisst denn je. Bei jedem Wort von Baz konnte ich ihn hören. Glaubst du, es gibt irgendeinen militärischen Rhythmus, den alle Offiziere teilen? Wie auch immer, es ist schön, dass sie mich wiedersehen wollen, obwohl Gerry fort ist, findest du nicht auch?“

Darina konnte sich nicht erinnern, ihre Mutter je so trist erlebt zu haben, oder je so mit ihr mitgefühlt zu haben. „Wirst du morgen Abend zurechtkommen? Oder soll ich William anrufen und ihm sagen, dass ich nicht mit ihm zu dieser Party gehen kann?“, sagte sie, während sie die Treppen hinaufstiegen.

„Natürlich komme ich zurecht, Liebes. Ich habe eine Verabredung zum Bridge mit diesen netten Leuten, mit denen wir uns unterhalten haben. Es wird mir gutgehen.“ Lady Stocks hielt mit einer Hand auf dem Arm ihrer Tochter inne. „Du bist sehr nett zu deiner alten Ma. Ich finde es sehr schön, mit dir hier zu sein.“

Darina umarmte ihre Mutter kurz. Als sie sich wieder aufrichtete, hörte sie aufgebrachte Stimmen aus dem Zimmer, vor dem sie angehalten hatten. Gina las Perry die Leviten. Während Darina mit ihrer Mutter weiter durch den Flur ging, könnte sie hören: „Lass einfach die Finger von diesem kleinen Flittchen, verstanden? Sonst sorge ich dafür, dass sie bereut, dich je getroffen zu haben.“

Kapitel 8

Die Party war einer dieser lauten, feuchtfröhlichen und verrauchten Abende, deren Ende Darina sich schnell herbeisehnte. William stand an der Bar, zusammen mit dem gerade beförderten Superintendent Roger Marks und einer Gruppe anderer Polizeibeamter. Sie lachten und tauschten Geschichten aus, eine Gruppe von Machos, die sich in ihrer Kameradschaft aalten und damit eine frauenfreie Zone schufen.

Als sie eintrafen, hatte William Darina und Roger mit diesem leichten, stolzen Unterton einander vorgestellt, der bei ihr immer eine besondere Wirkung entfaltete.

Roger hatte Darinas Hand genommen und sie sehr lange mit einem Blick betrachtet, der sagte, dass ihre Größe exzessiv war, sie aber ansonsten gerne in gemütlicher Position in seinen Armen liegen dürfte. Sie wünschte sich, etwas, nun ja, Bescheideneres getragen zu haben, als ihr cremefarbenes Armani-Kostüm mit den Patio-Hosen. Die ärmellose Weste war etwas zu freizügig, doch der Abend war zu warm für den langen Cardigan, der dazu passte. Am Nachmittag hatte es stark geregnet, doch die Luft war nicht kühler geworden.

„Glückwunsch“, hatte sie gesagt, während sie ihre Hand zurückzog.

„Kein Wunder, dass der alte Bill so versessen darauf war, Sie herzubringen“, sagte Roger mit einem Lächeln, dass sie nur als anzüglich einstufen konnte. „Er ist immer noch der liebeskranke Flitterwöchner. Und jetzt weiß ich auch, warum!“ Er war ein riesiger Mann und sein Bierbauch wölbte sich über die leichte Hose, die für eine schmalere Figur geschnitten war. Ein blassblaues Hemd grub sich in seinen fleischigen Hals und die Blumenkrawatte biss sich mit dem Jackett seines Anzugs. Kleine, runde, braune Augen saßen in den Fleischrollen, aus denen triumphierend eine gekrümmte Nase, ein breiter Mund und ein streitlustiges Kinn hervorstachen.

Man hatte Darina zum Essen zwischen ihren Ehemann und Roger Marks gesetzt. Das Menü aus Krabbencocktail, Steak an Bratkartoffeln, gefolgt von Mississippi-Mud-Pie bestätigten Darinas Vorurteile, die sich sofort bei der ersten Begegnung mit Williams Freund eingestellt hatten.

Nach dem Essen war Geschlechtertrennung angesagte und Darina setzte sich mit einigen der Ehefrauen an einen Tisch. Andere tanzten, manche mit Männern, aber die meisten miteinander.

„Sie müssen sich sehr über Rogers Beförderung freuen“, sagte Darina zu der Blonden links von ihr.

Tracy Marks drückte ihre Zigarette aus und zündete sich eine neue an. „Es wurde langsam Zeit. Ich dachte schon, er würde es nie zum Superintendent schaffen.“ Sie nahm einen tiefen Zug, warf ihren Kopf in den Nacken und inhalierte den Rauch mit geübter Gier. Ihr mittellanges, platinblondes Haar war ordentlich zurückgelegt und sie trug ein schwarzes Kleid, das genau die falsche Länge hatte, weder kurz genug, um ihre schönen Beine zu zeigen, noch lang genug, um stilvoll zu sein. „Und er ließ es langsam an mir und den Kindern aus.“

„Das klingt schlimm“, kommentierte Darina in neutralem Ton.

„Na ja, wenn es das nicht gewesen wäre, dann etwas anderes, sie sind alle gleich“, sagte Tracy und blickte zu der lauten Männergruppe hinüber. Sie klang eher resigniert als verbittert. „Das wirst du bei deinem Bill auch noch erleben, wenn er nicht so schnell vorankommt, wie er es zu verdienen glaubt. Er ist noch Inspector, oder?“

„Er war glücklich über die Beförderung zum Sergeant“, protestierte Darina. „Er ist erst seit ein paar Jahren dabei und erwartet noch keine neue Beförderung.“

Tracy beäugte sie skeptisch. „Er ist spät dazugekommen, wie? Ich meine, Rog hätte gesagt, dass er vor der Polizei etwas anderes gemacht hat.“

„Außenministerium“, sagte Darina.

„Wirklich? Das erklärt wohl seine Art sich auszudrücken.“

Tracy schien das Interesse an William Pigram zu verlieren. „Gott, glaubt ihr, dass sie den ganzen Abend so weitermachen? Nach Mitternacht kostet der Babysitter mehr.“

„Sei doch nicht so ein nasses Handtuch, Trace“, mahnte eine der anderen Frauen. „Komm, trink noch etwas.“

„Ja, ich bin dran, eine Runde auszugeben“, sagte Darina und ergab sich der Aussicht, sich noch mehrere Stunden mit diesen Frauen unterhalten zu müssen, mit denen sie in eigenartiger Kameradschaft verbunden war. Sie ging zur Bar und bestellte Gin Orange, Bier mit Limettensirup, einen Piccolo und zwei Gläser Weißwein. Für sich selbst bestellte sie ein Tonic Water mit einem Schuss Angostura und einer Scheibe Zitrone. Einer von ihnen musste nüchtern bleiben. Während sie auf die Getränke wartete, beobachtete Darina, wie William seinen letzten Magenbitter trank und eine neue Runde bestellte. Sie dankte dem Himmel dafür, dass Carolyn ihnen für die Nacht ein Zimmer versprochen hatte.

Bevor sie zur Party aufgebrochen waren, hatten sie mit Carolyn in ihrem Cottage schon etwas getrunken. Das Cottage war eines von dreien in einer Häuserreihe, die am Ende einer fast einen Kilometer langen Zufahrt zum Haupthaus standen.

„Ziemlich klein“, sagte Carolyn, als sie sie herumführte. „Aber für Michael und mich ideal.“

Es gab zwei Schlafzimmer, ein Badezimmer im ersten Stock und eine Kammer, die Carolyn als Arbeitszimmer eingerichtet und mit einem Bett versehen hatte, falls Michael einen Freund zum Übernachten einladen wollte.

Darina erinnerte sich an das riesige Haus, das Carolyn und Robert in Surrey hatten, die vornehmen Möbel, den Pool, das Spielzimmer mit einem Billardtisch in voller Größe, die enorme Küche mit Essbereich und eigenem Vorratsraum mit Bügelbereich. Sie fragte, ob es nach Roberts Tod verkauft wurde.

Carolyn schüttelte den Kopf. „Negatives Eigenkapital. Aber ich konnte es für eine stolze Summe vermieten, die die Hypothek mehr als deckt. Wenn ich durchhalte, kann ich es vielleicht eines Tages mit Gewinn verkaufen.“

Sie öffnete die Tür zu ihrem Zimmer. Einfach und ordentlich, nicht ein überflüssiges Möbelstück, die einzige Dekoration war eine atemberaubende Glas-Statue. Darina erinnerte sich, dass Robert sie von einer Reise nach Schweden mitgebracht hatte.

„Es hat mir wirklich Spaß gemacht, dieses Haus einzurichten“, sagte Carolyn, als sie sie wieder nach unten führte. „Ich dachte, das Conifers Spa würde durchstarten und der Erfolg sein, den ich brauche.“ In ihrer Stimme lag ein bezwungener Unterton.

„Ist etwas passiert?“, fragte Darina, als Carolyn sie in das kompakte Zimmer führte, das den Großteil des Erdgeschosses einnahm und die Küche, den Essbereich und eine Sitzecke für vier Personen beinhaltete.

Carolyn zuckte mit den Schultern, warf den Kopf so zurück, dass sich ihre leuchtenden Locken wieder ordentlich um ihr hübsches Gesicht legten, öffnete die Kühlschranktür und nahm eine Flasche Weißwein heraus. „Nichts, denke ich. Ich habe heute Abend nur gehört, dass der Investor, von dem alle hofften, er würde uns das benötigte Kapital liefern, es sich noch einmal überlegt. Das zeigt, dass man sich auf nichts verlassen kann!“

Sie gab Darina und William Weingläser. Musik drang durch die Wand; Darina erkannte die Ouvertüre aus Die Hochzeit des Figaro.

„Das muss ein schwerer Schlag sein“, sagte Darina mitfühlend, als sie die Sorgenfalten in Carolyns Gesicht bemerkte. „Aber er hat noch nicht gesagt, dass er nicht investieren wird?“

„Nein, nur dass er jetzt eine andere Perspektive in Betracht zieht.“ Carolyn seufzte und ließ sich in einen Stuhl sinken. „Aber ich glaube, ich habe herausgefunden, wer es ist, und vielleicht kann ich ihn überzeugen, dass das Conifers Spa eine gute Anlage ist.“

„Wirklich, wer ist es? Jemand der gerade hier ist?“

Carolyn schüttelte den Kopf und lächelte geheimnisvoll. „Kann ich nicht sagten. Außerdem könnte ich falsch liegen.“

William war mit seinem Glas Wein zum Fenster gegangen und blickte über die rauschenden Grasflächen, die sich bis zur Gesundheitsfarm hinaufzogen. „Wer lebt in den anderen Cottages?“

„Maria, also Maria Russell, die Managerin des Behandlungsbereichs, hat das Haus neben meinem, und Jim Hughes, Manager des Männerbereiches, hat das am Ende. Es ist ein großer Vorteil, mit der Stelle auch Unterkunft anbieten zu können.“

„Das heißt auch, dass man nie wirklich auf Abstand voneinander kommt“, stellte William fest, der sich in einen kleinen Lehnstuhl setzte und seine langen Beine übereinanderschlug.

Darina war zufrieden damit, ihm und Carolyn das Reden zu überlassen. Es war so schön William wiederzusehen. Er hatte gesagt, der Fall sollte bis zum Ende der folgenden Woche abgeschlossen sein, aber Darina vertraute nicht darauf. In der Polizeiarbeit gab es keine Garantien für Freizeit.

Also ergötzte sie sich jetzt am Anblick seiner großen Gestalt, dem dunklen, lockigen Haar, das kurz geschnitten an seinem wohlgeformten Kopf anlag, den dunklen, graugesprenkelten Augen und seinen regelmäßigen Gesichtszügen. Jemand hatte ihn mal mit dem Idol einer Nachmittagsvorstellung aus alter Zeit verglichen. Doch das war nicht fair, sein Gesicht war viel interessanter, die Wangenknochen waren zu breit, das Kinn zu markant und die Lippen zu schmal versteckt, um den Hollywood-Standard zu erreichen. Trotzdem reizte er sie auf eine Weise, wie es noch kaum ein anderer Mann geschafft hatte.

Allerdings hatte seine Persönlichkeit sie zu Beginn viel mehr angezogen als sein Aussehen. Nie zuvor hatte sie jemanden getroffen, der so lebhaft und interessant sein konnte, ohne bedrohlich zu wirken, und der sich so unvoreingenommen auf Menschen einlassen konnte. Die Tatsache, dass er ihre Gesellschaft wirklich zu genießen schien, hatte sich als enorm verführerisch herausgestellt. Der Schub, den er ihrem Selbstbewusstsein verlieh, konnte sich mit dem einer Rakete messen. Mit ihm an ihrer Seite konnte sie alles schaffen. Jetzt hoffte sie, das Gleiche für ihn tun zu können.

„Ich habe hier ein gutes Team aufgebaut“, sagte Carolyn beiläufig. „Wir haben natürlich unsere Differenzen, aber wir schlagen uns ganz gut durch. Und die Arbeit ist viel zu anstrengend, um genug Energie für ein nennenswertes Privatleben übrig zu haben.“

Lag in diesen Worten eine unausgesprochene Botschaft? Dass keine intimen Geräusche durch diese dünnen Wände drangen, durch die man hören konnte, wie Graf Almaviva Susanna umwarb, die Kammerzofe seiner Frau?

„Rick schien neulich Nachmittag nach dem Mittagessen noch recht viel Energie zu haben“, konnte Darina sich nicht verkneifen.

Carolyn stellte ihr Weinglas ab und zögerte einen winzigen Moment, ehe sie ruhig sagte: „Rick glaubt gerne, dass er ein großer Frauenheld ist, aber eigentlich ist er keine große Gefahr.“

Ein Hauch Vermessenheit vielleicht?

„Klingt, als hättest du nicht viele Gelegenheiten, Spaß zu haben“, war Williams ruhige Beobachtung.

Ein leichtes Lächeln krümmte Carolyns volle Lippen. „Oh, wir bekommen ein ziemlich erfülltes Leben hin. Ich zumindest“, fügte sie eilig hinzu. „Für die anderen kann ich nicht sprechen.“

Und was für eine Rolle spielte Rick in diesem erfüllten Leben?, fragte Darina sich.

Dann hatte Carolyn William nach dem Fall gefragt, an dem er arbeitete, und das Gesprächsthema war zur Polizeiarbeit gewechselt. „Man würde es wohl verdeckte Ermittlung nennen. Bewaffnet mit dem Lebenslauf eines zwielichtigen Hochstaplers habe ich es geschafft, mich in eine Gruppe aufnehmen zu lassen, die wir verdächtigen, ältere Menschen um ihre Ersparnisse zu bringen, indem sie ihnen falsche Investment-Fonds verkaufen.“

„Ich glaube, du könntest mir auch einen falschen Investment-Fond verkaufen“, sagte Carolyn und lächelte ihn freimütig an.

Kurz darauf fuhr William sie zur Party. „Es tut mir leid“, hatte er gesagt, als sie sich dem Hotel näherten, in dem sie stattfand. „Das wird ein langweiliger Abend für dich, aber Roger war wirklich erpicht darauf, dass du auch mitkommst.“

„Ich freue mich darauf, ihn kennenzulernen. Deine Freunde sind immer unterhaltsam.“

William zögerte kurz, ehe er sagte: „Roger ist, na ja, etwas anders, muss ich wohl sagen.“

„Anders? Wie meinst du das?“

„Manchmal glaube ich, er interessiert sich ausschließlich für die Polizeiarbeit. Er ist mit Leib und Seele dabei.“

„Das bist du auch.“

„Aber ich nehme mir Zeit für andere Dinge.“ Darina versuchte, sich an ihren letzten Theater- oder Konzertbesuch zu erinnern, oder wann sie zum letzten Mal Williams Eltern besucht, einen Spaziergang auf dem Land gemacht oder sich zum Abendessen aufgemacht hatten.

„Wo, sagtest du, habt ihr euch kennengelernt?“

„Er war der Inspektor, mit dem ich zusammenarbeitete, als ich zum ersten Mal ermittelte. Wir sind mehr oder weniger gleich alt, aber er ist direkt nach der Universität zur Polizei gegangen während ich, wie du weißt, erst andere Dinge probiert habe.“

Er hatte es mit dem Außenministerium versucht, die Arbeit aber nicht als fesselnd genug empfunden.

Darina dachte über diese Freundschaft mit jemandem nach, den William noch nie nach Hause eingeladen hatte. Er hatte die meisten seiner Freunde mal zum Essen eingeladen, seit sie zusammenlebten; es gefiel ihm, sowohl sie als auch ihre Kochkunst zu präsentieren. „Es muss ein Schlag gewesen sein, als er nach Wiltshire versetzt wurde.“

„Na ja, Beziehungen kommen und gehen, wie in jeder anderen Truppe, aber ich habe die erste Gelegenheit ergriffen, um wieder mit ihm zusammenzuarbeiten. Meine Güte!“ William bremste scharf, weil ihn ein anderer Fahrer schnitt. „Hast du das gesehen? Ich hätte fast Lust, ihn anzuhalten.“

Darina legte ihm eine Hand auf den Schenkel. „Entspann dich, du bist heute Abend nicht im Dienst.“

Jetzt, da sich Darina die eng verbundene, kleine Gruppe aus Polizisten ansah, die von Bier zu Schnaps übergegangen waren und aus einem scheinbar unendlichen Geschichtenfundus schöpften, der immer lauteres, anerkennendes Gelächter erregte, hatte sie den Eindruck, dass sie alles außerhalb ihrer kleinen Welt vergaßen, nur weil sie nicht im Dienst waren. Sie hoffte, dass sich das Hotel nicht um eine erweiterte Schanklizenz bemüht hatte.

Hatte es nicht, doch nachdem die letzte Runde ausgerufen worden war, schien einer von Rogers Freunden, der dort ein Zimmer hatte, seine Schnaps-Sammlung zur Verfügung zu stellen. „Komm schon, Liebling“, sagte William. Sein Gesicht leuchtete vor guter Kameradschaft und Alkohol. „Wir haben noch Zeit für einen schnellen.“

Darina konnte keine Erschöpfung vorschieben, nicht mit den zweieinhalb Tagen gesunden Lebens, die hinter ihr lagen; außerdem musste sie am nächsten Tag nicht arbeiten, alles, was auf sie wartete, war ein weiterer anstrengender Tag, an dem sie massiert, trainiert und geschniegelt werden würde. Also reihte sie sich auf den Weg in das kleine Zimmer ein und drängte sich mit einem Dutzend anderer hinein.

Als William endlich verkündete, dass sie gehen würden, war es nach ein Uhr.

„Gut, dass Carolyn dir für die Nacht ein Doppelzimmer gegeben hat“, flüsterte Darina als sie den Schlüssel benutzte, den sie bekommen hatte, um ins Conifers Spa zu gelangen. „Ich würde ungern zu dieser Zeit Mutter aufwecken.“ Und sie konnte es nicht erwarten, ihren Ehemann ins Bett zu bringen. Es schien Wochen her, dass sie eine Nacht zusammen verbracht hatten.

„Hey“, sagte William, der die Tür zum Salon öffnete, „netter Raum!“ Er ging zum Klavier hinüber, hob die Klappe von der Tastatur und spielte ein paar Töne. „Gestimmt!“

„Psst, du wirst die Leute aufwecken!“

William durchquerte die Empfangshalle und schaute in einen anderen Raum. „Hm, ihr speist stilvoll, wie ich sehe!“

Darina riss an seinem Arm und schaffte es, ihn zurück in die Halle zu ziehen.

„Jetzt zeig mir, wo das Fleisch geknetet und die überflüssigen Pfunde weggeschwitzt werden.“

„Liebling, es ist fast zwei Uhr morgens!“

„Genau die richtige Zeit. Niemand wird dort sein. Ich wäre sehr beschämt, wenn es dort vor skandalös gekleideter Damen wimmelte!“

„Das wäre eher am Tag so!“, sagte Darina bissig. „Ich dachte, du wolltest ins Bett gehen!“

„Uh, das will ich, und wie ich das will, mit dir, aber zuerst will ich sehen, wo es hier zur Sache geht.“

Darina erinnerte sich daran, dass er die Rechnung für ihren Aufenthalt stemmte. Eine kurze Führung schien nur angemessen. Mit einem tiefen Seufzer führte sie ihn durch den hinteren Teil der Halle zu dem speziell entworfenen Behandlungsanbau.

„Das hier ist die Rezeption, hier sind die Behandlungsräume für Elektrostimulation, Höhensonne und Reflexzonenmassage. Hier hinten sind die Kabinen für Massagen und Aromatherapie. Hier sind die Saunen, das türkische Dampfbad und die Duschen.“

William sah sich um, öffnete Türen, testete Liegen mit einem Druck seiner Hand, drehte Duschen auf und beobachtete das fallende Wasser mit einem Ausdruck, der Darina das Herz schwer werden ließ.

Der angetrunkene William konnte eine Unvorhersehbarkeit entwickeln, die einen aus der Fassung brachte.

„Ist das hier eine gemischte Farm?“, fragte er, machte die Dusche aus und schüttelte seine nasse Hand.

„Nein, die Männer haben ihren eigenen Bereich auf der anderen Seite des Innenpools.“

„Na, dann führ mich hin, ich will alles sehen.“

„Ich glaube, es sieht genauso aus wie hier“, protestierte Darina.

„Warst du dort?“ Darina schüttelte den Kopf. „Wie willst du es dann wissen? Ich will alles sehen, und ich meine alles.“

In dieser Stimmung konnte man mit William nicht diskutieren. Doch: „Ich glaube der Schwimmbereich ist nachts abgeschlossen, weißt du, wir sollen nicht hineingehen, ohne dass ein Mitarbeiter in der Nähe ist.“

William schritt auf die große, schwere Schiebetür zu, die Teil der Glaswand zwischen dem Schwimmbereich und der Rezeption war, und zog entschieden daran. Sie glitt ohne Schwierigkeiten zur Seite. Darina folgte ihm in den hallenden, türkisfarbenen Raum und verbiss sich ein Stöhnen.

Die Nacht war dunkel gewesen. Sturmwolken vom Regenguss am Nachmittag hingen noch vor dem fast vollen Mond. Jetzt hatte der Wind die letzten weggeblasen und silbriges Licht flutete durch die hohen Fenster. Auf den leichten Wellen im riesigen, nierenförmigen Pool zeichnete es sich in unheimlichen Blitzen ab. Die buschigen Pflanzen, die an der verputzten Wand arrangiert worden waren, warfen seltsam geformte Schatten, und Liegen mit gestreiften Polstern schienen auf geisterhafte Besucher zu warten. Auf der anderen Seite befand sich auf einer erhöhten Plattform der Whirlpool.

Darina liebte ihn. Sie liebte es, auf der gefliesten Bank zu sitzen, die sich auf der Innenseite einmal herumzog, die Bewegung des aufgewühlten Wassers an ihren Hüften und Schenkeln zu spüren und ihren Körper von der milden Wärme entspannen zu lassen, während sie das Gespräch mit den anderen genoss, die sich mit ihr den Pool teilten.

Doch William interessierte sich für das Schwimmbecken. Er hockte sich hin und berührte das Wasser. „Angenehme Temperatur.“ Er setzte sich, zog seine Schuhe und Socken aus, rollte dann seine Hose hoch und ließ seine Füße ins Wasser baumeln. „Entzückend!“ Er sah sich nach Darina um. „Komm, setzt dich zu mir. Oder noch besser“, er stand auf, zog sein Jackett aus und knöpfte die Hose auf, „wir ziehen uns aus und gehen schwimmen.“

„William, reiß dich zusammen! So sollte sich ein respektabler Polizeibeamter nicht verhalten.“

„Aber ich bin nicht im Dienst, wie du mir vorhin klargemacht hast!“

„Wenn du nach dem ganzen Alkohol schwimmen gehst, bist du dümmer als ich dachte.“

Er zeigte ein langsames, träges Grinsen. „Schön zu sehen, dass ich dich immer noch aufziehen kann, du alte, verheiratete Frau, du.“

Darina warf einen Blick zur hohen Decke über ihnen. „Komm schon, ich dachte du wolltest sehen, wo der Behandlungsbereich der Männer ist. Hier drüben.“

Auf der anderen Seite des Schwimmbereiches lagen Umkleideräume, die von den Mitgliedern des Conifers Spa Gesundheits-Clubs benutzt wurden. Daneben führte eine Tür zu einem Bereich, der genauso ausgestattet wie die Frauenseite, aber nur ungefähr halb so groß war.

„Hier ist nichts anders, wie du siehst“, sagte Darina, machte das Licht an und beeilte sich, Türen zu mit Liegen bestückten Kabinen, Saunen und Duschen zu öffnen. „Kommst du jetzt mit ins Bett?“

William schenkte ihr ein süßes Lächeln und zog zum Schwimmbereich davon, bei einer kleinen, wannenförmigen Maschine hielt er an. „Wofür ist das?“

„Um nasse Badeanzüge auszuwringen. Fass diesen Schalter nicht an, das mach ein furchtbares Geräusch ...“

Es war zu spät. Ein schnelles Surren und Klappern hallte durch den Schwimmbereich. William schaltete die Maschine schuldbewusst aus und zog davon. „Und was ist auf diesem großen Thron hier?“

„Das ist der Whirlpool.“ Da sie jetzt wusste, dass sie William nicht ins Bett kriegen würde, ehe er alles gesehen hatte, erklomm Darina die Stufen und deutete auf den gummibedeckten Schalter, der in die Einfassung des Beckens eingelassen war, während sie sich umdrehte, um zu sehen, ob er aufpasste. „Der hier schaltet die Luft an, es läuft nur zehn Minuten oder so, dann muss man es neu starten.“ Sie drückte auf den Schalter. Als der Motor ansprang drehte sie sich um und betrachtete die Bläschen, die am Rand des kleinen, runden Beckens erschienen.

Sie schrie.

Das Wasser im Becken war nicht klar und blau, es war schmutzig violett, wie der Malkasten eines Kindes, wenn Scharlachrot mit Azurblau vermischt wurde. Ein bemalter Kimono trieb an die Oberfläche und kräuselte sich mit der Bewegung des Wassers, wie ein gigantischer Schmetterling, der über einer erwählten Blüte flattert. In den Kimono gehüllt lag ein Körper am Grund des Beckens.

Kapitel 9

William stand im nächsten Augenblick neben Darina, ein außergewöhnlicher chemischer Prozess ließ ihn sofort ausnüchtern. „Wie schaltet man das verdammte Ding aus?“, fragte er und warf sein Jackett beiseite, das er zuvor am Schwimmbecken aufgehoben hatte. Im nächsten Moment war er im Wasser und zog den Körper heraus.

„Ich weiß es nicht!“, gestand Darina. Sie schluckte einen Schrei herunter, kämpfte gegen die Übelkeit an und zwang sich, William ins Becken zu folgen.

Das Wasser schäumte um sie herum, die nasse Seide schlang sich um Darinas Hände, als sie versuchte, die steifen Beine zu packen. William hatte die Schultern. Indem sie ihren Kopf leerte, sich weigerte, daran zu denken, was sie tat, schaffte Darina es, die Schenkel zu packen. Es war nicht so sehr das Gewicht, sondern eher die unnachgiebige Art dieser Ansammlung aus Knochen und Fleisch, die sie zu retten versuchten. Dazu der triefende, klammernde Stoff, der sich mit dem Wasser kräuselte, als wäre er lebendig. Sehr viel lebendiger als die Gestalt.

Endlich schafften sie es, sie aus dem blubbernden Wasser und auf die geflieste Einfassung zu befördern. Sie waren völlig durchnässt. Darina keuchte mittlerweile; kurze, scharfe Atemzüge, die durch den höhlenartigen Bereich hallten. Sie kniete sich hin, setzte sich auf ihre Fersen, schüttelte das gechlorte Wasser von den Händen und betrachtete ihren Ehemann.

Er legte den Körper auf dem Bauch ab, der nasse Kimono klebte am Po und war an den Beinen obszön weit hochgerutscht, die Farbe der bunten Blumen zerfloss auf der durchtränkten Seide. William saß mit gespreizten Beinen über der Gestalt, drehte ihren Kopf zur Seite, öffnete den Mund und drückte auf Höhe der Lungen auf den Rücken. Ein kleines Rinnsal aus Wasser floss über die steifen, blauen Lippen und rann traurig über die Fliesen.

Darina konnte sich nicht von den starrenden Augen abwenden. Sie blickten zu ihr, durch sie hindurch und darüber hinaus. Wie konnten sie so aufgerissen sein und doch so, so tot aussehen?

William erhob sich von dem Körper, drehte ihn eilig herum, bog den Kopf zurück und fing mit Mund-zu-Mund-Wiederbelebung an, indem er abwechselnd Luft in die Lungen blies und auf das Brustbein drückte.

Darina wusste, dass es aussichtslos war. Es musste schon aussichtslos gewesen sein, lange bevor sie das Schwimmbad betreten hatten. Die ganze Zeit, in der sie im Behandlungsbereich herumgespielt hatten, die ganze Zeit, in der William herumgeblödelt hatte, hatte diese arme Leiche auf sie gewartet. Hätte noch eine Chance bestanden, wenn sie zuerst zum Whirlpool gegangen wären? Doch sie hatten nichts gehört. Kein Platschen oder das Geräusch des Whirlpool-Motors. Was hatte sie eigentlich im Kimono in dem Becken zu suchen? Und ohne etwas darunter zu tragen? Kein Badeanzug, keine Unterwäsche, nichts. Was hatte sie da drin gemacht?

Darina konnte sich nicht dazu durchringen, noch einmal zum Whirlpool zu schauen, doch die Farbe des Wassers breitete sich in ihren Gedanken aus, bis sie nur noch das aufsteigende Rot sehen konnte, dessen Intensität sich mit jeder Sekunde verstärkte. Sie schloss die Augen, legte den Kopf in die Hände und presste die Handflächen gegen ihre Augäpfel, bis das Rot der Dunkelheit und dann goldenem Feuerwerk wich. Sie hob den Kopf, öffnete die Augen und wartete, bis ihre Sicht wieder klar wurde.

Endlich konnte sie William sehen, der nach einem Puls suchte, er versuchte es an beiden Handgelenken und hinter den Ohren. Darina überlegte, ob sie ihre Handtasche und den kleinen Spiegel darin holen sollte. Was das nicht ein klassischer Test auf der Suche nach dem Atem des Lebens? Aber es war ein unnützes Unterfangen, und sie schaffte es nicht, sich auf ihre Beine zu erheben, die sich anfühlten wie aus Watte.

William gab auf, nach einem Puls zu suchen, und untersuchte die starrenden Augen gründlich, indem er die schon offenstehenden Lider noch weiter aufschob und sich nacheinander beide Augäpfel ansah. Schließlich setzte er sich auf seine Fersen und wischte sich mit der Rückseite seiner Hand über die Stirn. Er sah unglaublich erschöpft aus. „Ich fürchte, sie ist tot; völlig, absolut und zweifelsfrei tot.“ Er atmete tief ein, beugte sich wieder über die Leiche und untersuchte den Hals, in dem er den leblosen Kopf vorsichtig von einer Seite auf die andere drehte, triefnasse Haarsträhnen anhob und die Kopfhaut untersuchte.

Darina zitterte. Eiseskälte sickerte in ihre Knochen. Nicht nur, weil sie nass und völlig erschöpft war. Auch weil sie anscheinend wieder einmal mit einem Mord konfrontiert war. Der Seidenkimono und das Blut, das das Wasser trübte, zeugten davon, dass es sich nicht um einen entsetzlichen Unfall handelte. Für einen wahnwitzigen Augenblick fragte sie sich, ob sie die Polizei rufen sollte und verbiss sich dann ein hysterisches Lachen. Die Polizei war schon vor Ort!

Darina stand auf, streckte die schmerzenden Beinmuskeln und lief rastlos im Schwimmbereich umher. Ihre Augen nahmen automatisch jedes Detail auf und suchten nach etwas, das ihre Gedanken von der Leiche ablenken konnte.

Alles schien normal zu sein. Das griechische Mäandermuster aus dunklen, türkisen Fliesen am Rand des Schwimmbeckens schimmerte stilvoll und düster. Die schlanken, sich wölbenden Ficus-Bäume ließen ihre anmutigen Blätter in die äußeren Teile des Schwimmbereiches hängen, ein grüner Hintergrund für die Liegen, die still und leer dastanden und auf den Morgen und das übliche Treiben warteten. Eine Bewegung fiel Darina ins Auge. In einer Ecke bewegten sich die Blätter, nicht genug um zu rascheln, das Grün hob sich nur leicht neben der riesigen Schiebetür zur Terrasse. Darina näherte sich der Ecke, stand lange da und betrachtete die Stelle, ohne das Fenster zu berühren.

Dann kehrte sie zu William zurück, der noch immer auf dem Boden kniete.

Er schien die Untersuchung des Körpers abgeschlossen zu haben. „Und?“, fragte sie, während sie neben ihm in die Hocke ging, ihm eine Hand auf die Schulter legte und unter dem feuchten Hemd seine Wärme spürte.

„Schau mal“, sagte er und bewegte den Kopf, sodass sie es sehen konnte. Dort, auf der blassen Haut, zeichneten sich dunkelviolette Flecken in der Form von Fingern ab. „Und schau dir die Augen an.“ Darina zwang sich, die hervortretenden Augäpfel zu betrachten, und erkannte, dass winzige, rote Punkte die weißen Teile befleckten. „Blutungen“, sagte William.

Es dauert nicht lange, bis die Frau eines Detectives ein wenig darüber lernt, was man vom äußeren Anschein eines Mordopfers ableiten kann. „Du meinst, sie wurde erdrosselt?“ Darinas Stimme schien auch für sie selbst von weit her zu kommen. Sie klammerte sich fester an Williams Schulter. Er schien es nicht zu bemerken; all seine Aufmerksamkeit war auf die reglose Gestalt gerichtet, die mit ausgestreckten Gliedern auf den Fliesen lag.

„Es war vielleicht nicht die Todesursache. Da ist eine üble Wunde unter den Haaren.“ Er teilte die nassen Strähnen und Darina konnte die verletzte Haut sehen.

„Kommt da das Blut her?“ Unwillkürlich sah sie zum Whirlpool hinüber, der immer noch vor sich hin blubberte.

„Höchstwahrscheinlich.“

„Du meinst, jemand hat sie mit irgendetwas geschlagen?“

„Möglich, oder vielleicht gab es einen Kampf. Sie könnte gestolpert und mit dem Kopf auf dieser Kante aufgeschlagen sein. Die Fliesen sind abgerundet, aber nur ein wenig, und wenn man sie im richtigen Winkel erwischt, oder besser gesagt im falschen, könnten sie gefährlich sein.“ Darina taumelte, als er aufstand und ihr die stützende Schulter nahm.

William untersuchte die geflieste Einfassung des noch immer gurgelnden und wirbelnden Pools. Es fühlte sich an, als seien Stunden vergangen, seit Darina auf den Startknopf gedrückt hatte, aber es konnten nicht mehr als zehn Minuten sein, sonst wäre es wieder still. „Schade, dass du die Luft eingeschaltet hast.“

Darina schluckte die Ungerechtigkeit dieser Bemerkung, stand auf und stellte sich am Rand des Whirlpools zu ihm. In diesem Augenblick ging der Motor aus und das Wasser wurde immer stiller. Obwohl immer noch widerlich rosa, war es jetzt klar genug um bis zum Grund zu sehen. Darina war es, die den fremdartigen Gegenstand bemerkte.

Sie ließ sich auf die Knie runter, griff hinein und angelte ein Stuck eines rosafarbenen Bandes heraus. Sie gab es ihrem Ehemann. „Glaubst du, es hatte schon immer diese Farbe?“, fragte sie mit fesselnder Stimme.

Er nickte. „Die Farbe ist zu dunkel um ...“ Er ließ seine Stimme verstummen und Darina war froh darum. „Kam vermutlich aus ihrem Haar“, sagte er. „Weißt du, wer sie ist?“

Darina blickte wieder auf die Leiche. Mit dem starren Blick, dem Ausdruck erstickten Schreckens, den violetten Lippen, der geschwollenen Haut und den Rattenschwänzen aus Haar war es schwer, sich vorzustellen, dass sie jemals schön gewesen sein konnte. Die Haut an ihrem zu schlanken Körper schien geschrumpft zu sein, ihre Knochen drückten dagegen und drohten durchzubrechen. Sie sah mitleiderregend dünn aus, halb verhungert.

„Sie heißt Jessica Barry.“ Eine lebhafte Erinnerung an die erste Sitzung in der Sauna kehrte zu ihr zurück, zusammen mit der Veränderung der Atmosphäre bei Jessicas Eintreten. „Lady Barry sogar. Sie sagte, ihr Ehemann sei Parlamentsmitglied gewesen, aber er ist tot.“ Williams Gesichtsausdruck war verschlossen und ungerührt, als er auf Jessicas Überreste blickte. Er hatte Darina mal erzählt, dass es ein Kampf zwischen Gefühlen und Vernunft sei, mit einer Leiche fertig zu werden. „Ich würde wirklich gerne verschwinden, mich zurückziehen, damit ich mir im stillen Kämmerlein die Innereien aus dem Leib kotzen kann; doch ich weiß, dass ich hierbleiben und jedes Gramm meiner Beobachtungsgabe, Intelligenz und Ausbildung nutzen muss.“

Er war in dieser Nacht ohne zu Zögern zur Tat geschritten.

Jetzt zeigte er einen besiegten Gesichtsausdruck, „Was auch immer passiert ist, ich fürchte, wir haben es hier mit einem Mord zu tun.“

„Das wird man dir nie vergessen, Bill, den Tatort eines Mordes zu verwüsten, ehe die Jungs von der Spurensicherung die Chance hatten, sich darüber herzumachen!“ Roger Marks kicherte bösartig und zuckte dann zusammen. „Hat schon irgendjemand Kaffee gemacht?“, fragte er.

Er sah aus, als würde er einen übermäßigen Kater ausbrüten.

Mehrere Stunden waren vergangen, seit Darina und William Jessica Barrys Leiche entdeckt hatten. Stunden, in denen erst ein Constable und dann ein Detective eingetroffen waren. Gefolgt von einem Arzt und einem Team der Spurensicherung, und schließlich dem Superintendent und seinem eigenen kleinen Team. Niemand sah besonders glücklich aus, zu dieser nächtlichen Stunde rausgerufen zu werden. Darina erkannte mehrere Leute wieder, die bei Roger Marks’ Beförderungsfeier gewesen waren, ihre Gesichter waren noch versteinerter als die der anderen. Aber der Tatort wurde fotografiert und gefilmt, die Leiche untersucht und der Schwimmbereich minutiös nach Beweisen abgesucht; unter den gegebenen Umständen sogar bemerkenswert effizient.

William hatte die Zeit gefunden, seine nassen Sachen gegen die Jeans und das Sweatshirt zu tauschen, die er als Sonntagskleidung mitgebracht hatte, und Darina trug jetzt ihren Trainingsanzug. Sie hatte außerdem heiß geduscht, wodurch die Kälte zum Teil aus ihren Knochen gewichen war. Aber nicht vollständig.

„Die Besucher von Conifers Spa dürfen keinen Kaffee trinken“, sagte Darina.

Roger Marks stöhnte.

Sie hatte Mitleid mit ihm. „Aber ich gehe mal schauen, ob nicht irgendwo ein Vorrat lauert. Falls nicht, mache ich Tee.“

„Eine tolle Frau“, sagte Roger Marks abwesend und ging wieder dazu über, die Untersuchungen der forensischen Experten zu beobachten.

„Aber bevor ich das mache ... mir ist etwas aufgefallen, während William mit der Leiche zugange war.“ Darina fragte sich, wie sie das bis jetzt vergessen konnte.

„Hm?“ Roger schien kaum verstanden zu haben, was sie gesagt hatte. Darina sah sich um, doch William war nirgends zu finden.

Sie räusperte sich und sprach betont und deutlich. „Diese große Schiebetür, die auf die Terrasse führt, war leicht geöffnet.“

Roger schien nicht beeindruckt. „Ja, nun, wir werden das alles überprüfen.“ Er lächelte sie kurz an; darin lag eine gewisse Milde, aber auch Ungeduld.

„Wir haben die Fenster nicht berührt“, beharrte Darina verärgert.

Roger machte eine Geste, als würde er eine störende Fliege verscheuchen. „Richtig“, sagte er. „Kommt der Kaffee bald?“

Darina verbiss sich einen scharfen Kommentar darüber, dass sie gerne jemandem zeige, wo die Küche sei.

Dann wurde Carolyn Pierce zurück in den Empfangsbereich geführt. Als Roger Marks mit seinem Team am Tatort eingetroffen war, hatte ein Constable sie sofort abgeholt, sie hatte schockiert und gehetzt ausgesehen. Selbst jetzt, nachdem sie eine Weile ruhig mit einem der Sergeants zusammengesessen hatte, während der ihre vorläufige Aussage aufnahm, sah sie nicht so aus, als hätte sie sich auch nur ansatzweise mit der Situation abgefunden.

„Ich hörte, dass der Badebereich nachts immer abgeschlossen wird. Sind Sie dafür verantwortlich?“, fragte Roger Marks.

„Nein, Maria macht das, Maria Russell, die Managerin des Gesundheitszentrums.“ Carolyn wandte sich ab, als Jessicas Leiche in einen gummibeschichteten Sack und dann auf einen Rollwagen verfrachtet wurde. Darina, nicht in Eile, Wasser aufzusetzen, sah zu, wie sie vorsichtig über die Plastikfolie gefahren wurde, die am anderen Ende des Badebereiches ausgelegt worden war, dort wo Darina das leicht geöffnete Fenster bemerkt hatte. Also hatte das Forensik-Team diese Tatsache schon registriert. Sie kam sich etwas albern vor.

Carolyn sagte: „Ich meine, Maria ist verantwortlich, aber sie ist natürlich nicht immer die letzte, die geht.“

„Wo können wir diese Maria Russell finden?“, fragte Roger Marks und wies einen Sergeant an, die Einzelheiten zu notieren. Dabei traf sein Blick den von Darina und sie beschloss, dass es alles in allem wohl keine schlechte Idee wäre, das heiße Getränk zu besorgen, das sie versprochen hatte.

Als sie in die Haupthalle trat, merkte Darina, dass die Geräusche von eintreffenden Fahrzeugen und hereingebrachter Ausrüstung mehrere Gäste geweckt hatten. Ein Constable scheuchte sie die Treppe hinauf. „Bitte gehen Sie zurück in Ihre Zimmer“, sagte er. „Am Morgen wird es eine Stellungnahme geben. Bis dahin darf niemand gehen.“ Wenn er glaubte, dass danach irgendjemand schlafen gehen würde, war er optimistischer, als es die Polizeischule hätte zulassen sollen. Darina drängte sich unauffällig Richtung Küche, nachdem sie mit einem kurzen Blick sichergestellt hatte, dass sich ihre Mutter nicht unter denen befand, die die Treppe verstopften. Esme Lees gebieterische Stimme folgte ihr den Gang entlang. „Also gut Leute, warum versuchen wir nicht, uns in dem, was von der Nacht übrig ist, noch etwas zu erholen?“

Die Küche war zum Glück still. Alles war sauber und aufgeräumt, die Oberflächen fleckenfrei, Mülleimer leer und gereinigt, das einzig sichtbare Essen war eine Reihe von Müslipaketen, die auf einem Wagen warteten. Irgendwann würde ein Mitarbeiter große Schüsseln damit füllen und sie rausstellen, damit die Gäste sich daran bedienen konnten. Im Conifers Spa war es üblich, den Tag mit vielen Ballaststoffen und frischem Obst zu beginnen. Das helfe dem Verdauungsapparat in Schwung zu kommen und verhindere Hungerattacken auf fettigeres und schädlicheres Essen, hatte Carolyn erklärt.

Darina warf einen Blick auf ihre Uhr. Fünf. Mehr als drei Stunden waren vergangen, seit sie Jessica Barrys Leiche entdeckt hatten. An einem Punkt hatte William versucht, sie zu überzeugen, ins Bett zu gehen, indem er sagte, dass ihre Aussage später am Tag aufgenommen werden würde und sie deshalb nicht dableiben müsse. Doch Darina konnte ihn genauso wenig damit allein lassen, wie sie einen Kuchen im Ofen verbrennen lassen könnte.

Während sie auf der Suche nach Kaffee Schränke öffnete, spielten sich in ihren Gedanken immer wieder kurze Szenen ab.

Jessica, die sich beim Mittagessen zu Frank Borden an den Tisch setzte, an dem Tag, als sie und ihre Mutter im Conifers Spa ankamen, und die drastische Art, mit der sich die Atmosphäre in der Sauna verändert hatte, nachdem Jessica an dem Nachmittag hereingekommen war. Jessica, die am Außenbecken ein ernstes Gespräch mit Perry Cazalet geführt und sich am Freitagabend mit ihrem Gesang ins Rampenlicht gestellt hatte.

Und am Samstagmorgen – war es wirklich noch keine vierundzwanzig Stunden her? – hatte Darina Jessica und Perry wieder im Salon üben hören. Sie war auf dem Weg zum Schwimmen gewesen und hatte ihre Mutter zum Briefeschreiben im Zimmer zurückgelassen.

Das Lied war eines, das sie noch nicht kannte. Wie zuvor wurde der Gesang immer wieder unterbrochen, weil der Pianist Vorschläge zur Phrasierung und Interpretation machte.

Als Darina unten an der Treppe angekommen war, merkte sie, dass sie nicht die einzige Zuhörerin war. In einem der Sessel in der Empfangshalle saß Frank Borden.

„Sie hat was, oder?“, hatte er gefragte, als Jessicas Stimme eine Phrase mit zusätzlicher Tiefe wiederholte. Eine Zeitung lag unbeachtet auf seinen Knien.

„Ich war beeindruckt, als ich sie gestern Abend hörte“, stimmte Darina zu.

„Sie will’s als professionelle Sängerin schaffen. Ich dachte, es bestünde nicht die geringste Hoffnung, aber jetzt, nun, vielleicht kann sie es tatsächlich schaffen.“

„Perry Cazalet scheint derselben Meinung zu sein.“

Frank Borden hob fragend eine Augenbraue. „Sie ist auf jeden Fall eine attraktive, junge Frau.“

Darina fragte sich erneut, in welcher Beziehung er zu Jessica stand.

Dann hielt er seine Zeitung hoch. „Aber ich wollte fragen, ob Sie das sind, die hier drin jede Woche diese exzellente Koch-Kolumne schreibt.“

„Ja, ja tatsächlich.“ Darina war überrascht. Frank Borden schien kein Mann zu sein, der sich fürs Kochen interessierte.

„Ich dachte mir, dass es so sein muss, Darina ist ein recht ungewöhnlicher Name.“ Er sah lächelnd zu ihr auf, die dunklen Augen waren weniger wachsam als sonst. „Kann ich Sie etwas fragen?“

Die Frage eines Lesers hatte oberste Priorität. Darina hakte in Gedanken das Schwimmen ab und ließ sich auf dem Sessel neben ihm nieder. „Fragen Sie nur, ich hoffe, ich kann antworten.“

„Vor ein paar Wochen brachten Sie ein Rezept für gegrillte, gewürzte Garnelen und schrieben, dass sie roh sein sollten. Kann man wirklich nicht die fertig gekochten nehmen?“

Darina hatte etwas Tiefschürfenderes erwartet. Doch die meisten intelligenten Menschen waren außerordentlich ahnungslos, wenn es um grundlegende Kochtechniken ging.

„Ich fürchte nein.“

„Wissen Sie“, er lehnte sich vertraulich nach vorne, „mir gefiel die Vorstellung dieser Marinade, all diese würzigen Aromen, aber es ist so schwer, an rohe Garnelen zu kommen.“

„Sie scheinen mir ein vernünftiger Kerl zu sein, Mr. Borden.“ Darina schenkte ihm ein breites Grinsen; er würde ihr nicht den einfachen, kleinen Mann vorspielen können.

Er erwiderte ihr Grinsen. „Frank, bitte. Aber wissen Sie, die sind so teuer!“

„Dann sind Sie also ein Geizkragen?“

Er sah etwas verlegen aus.

„Haben Sie es mit vorgekochten Garnelen probiert?“

Er nickte.

„Und sie waren trocken und zäh?“

Noch ein Nicken.

„Da haben Sie Ihre Antwort. Garnelen verkochen sehr leicht, deshalb sollte man frische nehmen.“

Er seufzte tief. „Ich hätte wissen müssen, dass ich Ihnen vertrauen sollte!“

„Kochen Sie viel?“, hatte Darina neugierig gefragt.

„Ich finde es sehr entspannend.“

„Wovon?“

„Geschäfte, Darina, Geschäfte“, sagte er leichthin.

„Und Sie mögen Essen?“

„Ich bin ihm verfallen.“ Die dunklen Augen funkelten sie an.

„Trotzdem scheinen Sie kein Gewichtsproblem zu haben.“ Sie betrachtete seine schlanke Figur in dem schicken Trainingsanzug.

„Es ist möglich, Essen zu lieben, mit dem man nicht zunimmt.“

Details

Seiten
0
Erscheinungsform
Erstausgabe
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783960874393
ISBN (Buch)
9783960874409
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v431636
Schlagworte
England Großbritannien Amateur-Privat-detektiv-in Agatha Christie liebe-frauen-roman-tik-s-e-lustig-humor-voll co-zy-sy-crime-krimi Wellness

Autor

  • Wenn Sie diese Meldung sehen, konnt das Bild nicht geladen und dargestellt werden.

    Janet Laurence (Autor)

Zurück

Titel: Mord ohne Kalorien (Krimi, Cosy Crime)