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Der Myrtenzweig (Regency Roman, Historisch, Cosy Crime)

von Dorothea Stiller (Autor)

2018 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

Lady Dorothy Beresford, warmherzige und zugleich resolute Marchioness, wird zur unfreiwilligen Ermittlerin in einem Mordfall, als der Bruder ihrer treuen Kammerdienerin sich vom Galgen bedroht sieht. Felton Seymour, ein berüchtigter Frauenheld und Dandy, ließ sich von ihm aus dem berühmten Almack's Club heimfahren. Doch als die Droschke am Ziel eintraf, fand man den Insassen erdolcht und mit einem Myrtenzweig auf der Brust im Fond. Obwohl er seine Unschuld beteuert und schwört, die Fahrt nicht unterbrochen zu haben, wird der Kutscher verhaftet ...
Lady Beresford will ihrer Kammerdienerin helfen, die Unschuld ihres Bruders zu beweisen. Gleichzeitig fällt ihr das Los zu, das zu tun, was Dorothy „Dotty“ Beresford am besten kann: eine Ehe zu stiften. Rose Lymington, das Patenkind ihres Gatten, soll dringend unter die Haube. Bald stellt sich heraus, dass die Lymingtons noch eine Rechnung mit dem Ermordeten offen hatten. Ist die renommierte Familie etwa in den Mord verwickelt?

Impressum

dp Verlag

Erstausgabe Juli 2018

Copyright © 2020 dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

E-Book-ISBN: 978-3-96087-378-5
Taschenbuch-ISBN: 978-3-96087-379-2

Covergestaltung: Rose & Chili Design
unter Verwendung von Motiven von
Periodimages.com: © Mary Chronis, VJ Dunraven Productions
shutterstock.com: © Melkor3D , © Edmund Chai
depositphotos.com: © griffin024
Lektorat: Astrid Rahlfs

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

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dp Verlag

 

 

 

Für meine Mutti,
meine eifrigste Testleserin,
die mir die Liebe für Sprache und Literatur mitgegeben hat.

 

Why should I be bound to thee,

O my lovely Myrtle-tree?

Love, free Love, cannot be bound

To any tree that grows on ground.

 

O! how sick and weary I

Underneath my Myrtle lie;

Like to dung upon the ground,

Underneath my Myrtle bound.

 

Oft my Myrtle sigh’d in vain

To behold my heavy chain:

Oft my Father saw us sigh,

And laugh’d at our simplicity.

 

So I smote him, and his gore

Stain’d the roots my Myrtle bore.

But the time of youth is fled,

And grey hairs are on my head.

 

(William Blake)

Eins

Mittwoch, 9. März 1814 – King Street, London

Martin Reynolds trat auf der Stelle und rieb sich die behandschuhten Hände. Sein Atem zauberte weiße Wölkchen in die Nachtluft, und trotz des wollenen Garrick-Mantels war es erbärmlich kalt. Eine Fahrt noch, dann würde er Feierabend machen und sich zuhause vor dem Ofen die vereisten Glieder wärmen.

»Verrücktes Wetter!«, fluchte er, und sein Kollege, dessen Droschke hinter der seinen wartete, murmelte Zustimmung. Der Frost hatte England seit Ende Dezember fest in den klammen Fingern und wollte dem Frühling nicht weichen. Anfang Februar war die Themse so fest zugefroren gewesen, dass ein viertägiger Frostjahrmarkt auf dem Eis gefeiert worden war. Unterhalb der Blackfriars Bridge hatte man sogar einen Elefanten über das Eis geführt. Und was die Kälte anging, war der März kaum besser.

Reynolds hob erwartungsvoll den Kopf, als sich die Türen öffneten und er vom Eingang her laute Stimmen vernahm. Es schien ein kleines Handgemenge zu geben und dann erschien, begleitet von zwei Angestellten des Clubs, ein Gentleman in einem modischen blauen Reitermantel und hohem schwarzem Wellingtonhut. Gesprächsfetzen wehten zu Reynolds herüber.

»… keinen Tropfen! Das habe ich Ihnen doch schon mehrfach gesagt.«

Dabei klang der Mann alles andere als nüchtern. Reynolds’ Kollege zog die Schultern hoch und grinste.

»Deine Fuhre! Den überlasse ich dir gern, Kumpel.«

»Lach du nur. Dafür bin ich schneller wieder daheim und wärm’ mir den Hintern am Feuer!« Reynolds lachte und öffnete den Schlag.

»Seien Sie so gut, und bringen Sie meinen Freund in die Harley Street, Nummer 51, Seymour House. Ich würde gern einen Skandal vermeiden. Sehr verbunden.«

Ein weiterer Gentleman in dunklem Pelerinenmantel und Biberhut war hinter dem schwankenden Herrn mit dem Wellington aufgetaucht und hatte Reynolds einige Münzen in die Manteltasche gesteckt. Er klopfte zur Bekräftigung kurz darauf und überließ Martin Reynolds den Fahrgast.

»Kommen Sie, Sir, ich helfe Ihnen.« Er fasste den Herrn leicht am Ellenbogen und dirigierte ihn zum Einstieg der Kutsche.

»Fassen Sie mich nicht an, Mann!« Der Gentleman schwang herum, um Reynolds beiseite zu stoßen. Doch er verlor dabei fast das Gleichgewicht, und der Droschkenkutscher musste ihn stützen.

»Ich sagte, Sie sollen mich loslassen, Sie Trottel! Ich will sofort wieder hinein. Ich lasse mich doch nicht einfach vor die Tür setzen.«

Reynolds seufzte und knirschte mit den Zähnen. Nur nicht unhöflich werden zu den feinen Herrschaften, egal wie unmöglich die sich aufführten.

»Sir, wir bitten Sie noch einmal höflich zu gehen, sonst müssen wir einen Konstabler bemühen«, sprang nun einer der livrierten Angestellten Reynolds bei.

»Idioten! Gelumpe!«, stieß der Gentleman im blauen Mantel hervor, ließ sich dann aber doch von Reynolds in die Kutsche helfen.

Es kam nicht selten vor, dass Reynolds renitente Herren fahren musste, die zu tief ins Glas geschaut hatten, doch vor dem renommierten Almack’s Club hatte er heute Abend nicht damit gerechnet. Schließlich wurde Alkohol dort aus Prinzip nicht ausgeschenkt. Darüber wachten die gestrengen Patronessen mit Argusaugen.

Mussten verflucht traurige und steife Veranstaltungen sein, so ohne einen anständigen Tropfen, dachte Reynolds. Kein Wunder also, dass so mancher Gentleman die Gelegenheit nutzte, bereits vor dem Besuch bei Almack’s zu zechen. Dieser Geselle hier schien es allerdings übertrieben zu haben, was vermutlich der Grund für seinen Rauswurf war. Na ja, ihm sollte es recht sein. Verrückte feine Pinkel! Auf die Art und Weise kam er wenigstens schneller ins Warme. Er schüttelte den Kopf, band die Pferde los und kletterte auf den Kutschbock.

Er schnalzte kurz mit der Zunge und ließ die Peitsche knallen, dann rumpelte seine Droschke in die eiskalte Märznacht davon.

Reynolds bog in die Duke Street ein. Sein Weg führte ihn über Piccadilly und Bond Street nordwärts in Richtung Regent’s Park. Nicht einmal eine Viertelstunde später erreichte er sein Ziel. Die Kälte war ihm in die Knochen gekrochen, und trotz des Schals fühlte sich sein Gesicht an wie zu einer Maske erstarrt. Doch das warme Herdfeuer und der wohlverdiente Feierabend waren nun in greifbare Nähe gerückt. Als er vom Bock kletterte, sah er bereits einen livrierten Diener auf die Kutsche zueilen. Der Schlag wurde geöffnet. Als sich nichts regte, steckte der Diener den Kopf ins Innere der Kutsche.

»Mr Seymour? Sir?«

Reynolds sah, wie der Diener auf den Tritt stieg. Ungeduldig rieb er die Hände zusammen. Offenbar war sein Fahrgast eingeschlafen.

»Mr Seymour? Sir, wachen Sie auf.«

Eine Weile ging es so weiter. Dann Stille. Darauf plötzlich ein Schrei.

»O Gott! Blut! Das ist Blut! Er ist tot!«

Reynolds fuhr zusammen. Hatte er sich verhört? Blut? Aber wie konnte so etwas sein? Er griff die Laterne vom Bock und machte einen unsicheren Schritt auf die Kutsche zu, als der Diener bereits heraustaumelte. Martin Reynolds schlug die Hand vor den Mund. »Guter Gott, Sie sehen ja fürchterlich aus, Mann!«

Reynolds machte einen Schritt auf ihn zu, doch der Mann wandte sich ab und hob abwehrend die Hände.

»Rühren Sie mich nicht an, Sie Ungeheuer! Sie haben Mr Seymour umgebracht!« Laut hallte die Stimme des Dieners von den Häuserfassaden wider.

»Aber, ich verstehe nicht …«, stammelte Reynolds. Doch der Mann in der Livree rief laut um Hilfe und lief kopflos in Richtung Dienstboteneingang davon.

Reynolds umklammerte den Griff der Laterne und öffnete den Schlag. Die flackernde Lichtquelle über den Kopf gehoben, setzte er einen zittrigen Fuß auf den Tritt und spähte ins Innere. Der süßliche Messinggeruch, der ihm entgegenschlug, war überwältigend. Reynolds schluckte und hielt die Laterne höher, um etwas erkennen zu können. Schlaff hing Seymour in seinem Sitz. Der Oberkörper war zur Seite gesunken und lehnte gegen die Seitenwand. Mitten auf seiner Brust sah Reynolds einen dunklen Fleck. Dort war der Stoff des Mantels zerfetzt und durch das Loch konnte man den darunterliegenden Stoff des Hemdes sehen – vollkommen rot getränkt. Für einen Moment hatte er das Gefühl, sein Herz habe vergessen zu schlagen.

Gedanken rasten durch seinen Kopf. Wer konnte seinen Fahrgast angegriffen und tödlich verletzt haben? Es war doch niemand bei ihm gewesen – und er hatte nirgends angehalten. Und wenn ihn jemand erdolcht hatte: Wo war dann die Waffe? Der Diener hatte nichts in der Hand gehabt. Im Lampenschein konnte er Seymours wächsern bleiches Gesicht erkennen. Wären nicht die unnatürliche Pose und das Blut gewesen, hätte man meinen können, er schliefe. Nichts an seinen Gesichtszügen verriet den Schrecken eines Angriffs.

Hinter sich hörte Reynolds vielstimmiges Rufen und eilige Schritte, die auf dem Pflaster hallten. Er wollte die Lampe herunternehmen und aus der Kutsche klettern, als ihr Schein etwas Ungewöhnliches erfasste. Er runzelte die Stirn. Unterhalb des Blutflecks, auf der Brust des Toten, lag etwas. Reynolds griff danach. Mit spitzen Fingern hob er es auf und drehte es, um es zu betrachten. Es war irgendeine Art von Zweig. Die kräftigen, glänzenden Blätter erinnerten an Lorbeer. Doch die weißen Blüten sahen keiner Pflanze ähnlich, die Reynolds je gesehen hatte. Gerade als er den Zweig wieder ablegen wollte, wurde der Schlag weiter aufgerissen. Kräftige Arme packten den verdatterten Droschkenkutscher und zerrten ihn aus dem Fond.

»Das ist der Bursche! Der hat ihn auf dem Gewissen. Lasst ihn nicht entkommen!«

Zwei

Montag, 14. März 1814 – Stadthaus von Lord und Lady Beresford am Grosvenor Square, London

»O Archie, will denn der Frühling dieses Jahr überhaupt nicht mehr kommen?«

Dorothy Beresford stand am Fenster und warf einen wehmütigen Blick auf die Bäume und Sträucher, die in ihrem Frostgewand kaum vermuten ließen, dass es bereits März war.

»Zuerst dieser fürchterliche Nebel um die Weihnachtstage und seit Januar diese Kälte! Als ob sich alles verschworen hätte, mir die Freude an London zu verderben. Man mag ja kaum vor die Tür gehen, geschweige denn eine Ausfahrt im Park wagen.«

Lord Beresford ergriff beide Hände seiner Gattin und küsste sie liebevoll.

»Wenn ich könnte, würde ich die Sonne nur für dich strahlen lassen, mein Juwel. Doch leider liegt die Gestaltung des Wetters außerhalb meines Einflussbereichs.«

»Ach, du nun wieder!« Lady Beresford lachte laut und knuffte ihren Gatten wenig damenhaft in die Seite. Immerhin hatte dieser scherzhafte Austausch ihre Laune umgehend gebessert, was allerdings keine große Leistung war, denn Dorothy Beresford neigte nicht gerade zur Melancholie. Die Marchioness hatte ein sonniges Gemüt. Das spiegelte sich in ihrem gesamten Erscheinungsbild wider, von den goldblonden Locken über ihre strahlend blauen Augen, bis hin zu ihren, von einer gewissen Liebe zu weltlichen Genüssen zeugenden, weiblichen Rundungen.

Letztere hatte die Natur allerdings vorteilhaft zu verteilen gewusst, so dass Dorothy Beresford – oder Dotty, wie Verwandte und Freunde sie zu nennen pflegten – auch mit mittlerweile vierunddreißig Jahren noch die Blicke auf sich zog.

Ihrem unverstellt fröhlichen Wesen und dieser natürlichen Schönheit war es zu danken, dass Dotty nach einer Zeit der Schicksalsschläge recht spät im Leben noch ihr Glück in der Ehe mit seiner Lordschaft, dem Marquess, gefunden hatte. Obwohl deutlich außerhalb Dottys gesellschaftlicher Griffweite, war ihre Verbindung mit Archibald Beresford eines jener Bündnisse, die im Himmel geschmiedet worden sein mussten. Das jedenfalls behauptete Dotty.

»Ah! Heiße Schokolade! Wilkins, Sie sind ein wahres Wunder«, rief die Marchioness erfreut, als das Frühstück serviert wurde. »Nichts weckt die Lebensgeister und wärmt das Herz schneller als eine Tasse heiße Schokolade.«

Der Anflug eines Lächelns erschien auf dem Gesicht des Butlers, als er sich verneigte.

»Vielen Dank, Mylady. Man tut, was man kann.«

Lady Beresford lächelte Wilkins zu und setzte sich. Es war ungewöhnlich, dass sie und Archibald gemeinsam frühstückten. Viele Gentlemen in ihrer Bekanntschaft pflegten das Frühstück in ihrem Arbeitszimmer einzunehmen. Doch Lord und Lady Beresford genossen die gemeinsame Zeit am Morgen und am Abend, wenn sie zum Dinner beisammen saßen. Dorothy nahm ein Brötchen, bestrich es mit Butter und Marmelade, während der Marquess zur Zeitung griff, die der Butler bereitgelegt hatte.

»Ich weiß nicht, was schlimmer ist – die Kälte oder eingesperrt zu sein, was sie zweifellos mit sich bringt«, sinnierte Dotty. »Deshalb habe ich beschlossen, heute dem Frost zu trotzen und tapfer meinen gesellschaftlichen Verpflichtungen nachzukommen.«

Lord Beresford senkte die Zeitung und schenkte seiner Frau ein wissendes Lächeln.

»Sprich, die Langeweile siegt über dein Bedürfnis nach Behaglichkeit und Wärme.«

»Mach dich nicht lustig über mich. Du hast leicht reden. Manchmal wünschte ich mir, ein Mann zu sein.«

Lord Beresford zog die Augenbrauen hoch.

»Ein Mann? Aber warum das denn, mein Täubchen?«

»Nun, ich bin der Überzeugung, dass ihr das weit aufregendere Leben habt. Ihr geht hinaus in die Welt, ihr bestimmt die Politik – und damit den Lauf der Geschichte. Es erscheint mir ein größeres Abenteuer, mit weit mehr Gravitas, als das Leben einer Frau, die es mit dem Pflegen sozialer Kontakte, der Leitung eines Haushalts und Handarbeit verbringen muss.«

Archibald Beresford faltete seine Zeitung zusammen und legte sie beiseite. Lächelnd ergriff er die Hand seiner Gattin.

»Ich verrate dir ein Geheimnis, meine Liebe. Es gibt auf dieser Welt nichts Langweiligeres als eine Parlamentssitzung. Endlose Reden, viel Geschwafel und wenig Ergebnis.«

Dorothy Beresford lachte.

»Du übertreibst. Und doch würde ich gerne einmal Mäuschen spielen, vor allem in den Clubs in St James’s. Ich würde Karten spielen, dicke Zigarren rauchen, kluge Gespräche führen und Brandy trinken. Vielleicht gibt es auch einen handfesten Streit oder eine Rauferei mit aufgekrempelten Hemdsärmeln! Ach, ich stelle mir das aufregend vor!« Sie schlug die Hand vor den Mund. »Herrje, war es ungehörig von mir, so etwas zu sagen?«

Archibald Beresford zwinkerte Dotty zu und drückte ihre Hand.

»Das war es, Täubchen, aber wir werden es niemandem verraten. Ich für meinen Teil bin froh, dass du kein Mann geworden bist. Im Übrigen ist die Wahrheit weit weniger aufregend als deine Vorstellung.« Er zog die Hand seiner Gattin an die Lippen und küsste sie sanft.

»Das sagt ihr Gentlemen, um unsere Neugier zu besänftigen. Ihr gaukelt uns vor, es sei alles schrecklich uninteressant, um die Wahrheit zu verschleiern. Ich bleibe dabei – als Mann hätte ich das aufregendere Leben«, konterte Lady Beresford mit einem schalkhaften Lächeln.

»Dabei vergisst du, welchen wichtigen Beitrag ihr Frauen zum Erhalt der Kultur, der Gesellschaft und überhaupt der gesamten Menschheit leistet. Was wären wir ohne euch? Die Menschheit würde noch immer in Höhlen hausen, gäbe es nicht eure ordnende Hand und Erziehung zur Tugend.«

Lady Beresford schmunzelte.

»Wenn du es sagst. Dann werde ich jetzt meine ordnende Hand und weiblichen Tugenden der gehobenen Gesellschaft Londons andienen und meine dringend nötigen Besuche nicht länger aufschieben.«

Nach dem Luncheon ließ sich Lady Beresford den pelzverbrämten Mantel, den wärmenden Muff und die neue Samttoque mit den Federn und dem Pelzbesatz bringen. Wie sehnte Dotty die Zeit herbei, in der man nur mit einer leichten Stola im offenen Wagen durch den Hyde Park würde fahren können.

»Herrje, Reynolds! Passen Sie doch auf!«, herrschte sie ihre Kammerdienerin an, als die gerade die Toque mit Hutnadeln auf der aufwändigen Coiffure befestigte. »Schon beim Anziehen haben Sie mich zweimal gepikt. Man könnte meinen, Sie haben es auf mich abgesehen. Habe ich Ihnen etwas getan?«

Zu ihrem Entsetzen schluchzte die Gute hörbar auf und rang die Hände.

»Bitte verzeihen Sie, Mylady! Es tut mir furchtbar leid. Ich bin nur … ich fürchte, ich bin nicht recht bei der Sache.« Mit dem Handrücken wischte sie eilig zwei kleine Tränen von ihrer Wange.

Lady Beresford runzelte die Stirn. Reynolds hatte seit Jahren ohne zu klagen ihren Dienst getan. Es bestürzte die Dame des Hauses, diese treue Seele mit ihrer Unbeherrschtheit zum Weinen gebracht zu haben.

»Nein, Sie müssen mir verzeihen, Reynolds«, beruhigte sie die Angestellte. Kurzerhand schlüpfte Dorothy wieder aus dem Mantel. »Die gehobene Gesellschaft wird noch einen Tag auf meine ordnende Hand verzichten können. Ich werde keine Ruhe finden, bis Sie mir erzählt haben, was Ihnen auf der Seele liegt. Es ist unverzeihlich, dass ich Sie mit meiner Ungeduld heute Morgen so getroffen habe.«

»Ich habe ja auch keinen Grund zur Klage, Mylady. Sie und seine Lordschaft sind immer gut zu mir.« Wieder schluchzte Miss Reynolds auf, und ihr war anzusehen, dass sie nur mit Mühe weitere Tränen unterdrückte.

»Sie werden mir jetzt auf der Stelle in den privaten Salon folgen. Wilkins wird uns Tee bringen, und dann erzählen Sie mir, was Sie bedrückt. Ich wäre untröstlich, sollten ich oder etwas, das ich sagte, der Grund für Ihren Kummer sein.«

»O nein, Mylady! Nein! Das dürfen Sie nicht denken«, wehrte Reynolds ab. »Es ist wegen … es ist wegen meines Bruders.«

Drei

Montag, 14. März 1814 – Lady Beresfords privater Salon, Grosvenor Square, London

»Vielen Dank, Mylady.« Mit zittrigen Händen nahm Miss Reynolds die Teetasse, die Lady Beresford ihr reichte und setzte sie vorsichtig auf dem Tischchen ab.

»Und nun erzählen Sie, Reynolds. Sie sagten, es gehe um Ihren Bruder. Der mit der Mietdroschke?« Lady Beresford kannte Martin Reynolds gut, wie seine Schwester, Miss Martha Reynolds, von schlichtem, aber gutherzigem Wesen. Auch wenn sie einen eigenen Fuhrpark besaßen, hatten Lord Beresford und sie schon einige Male Mr Reynolds’ Dienste in Anspruch genommen, und an ihren seltenen freien Tagen hatte er seine Schwester jedes Mal abgeholt.

»Ist er krank? Können wir helfen?«

Miss Reynolds schüttelte den Kopf.

»Nein, Mylady. Nicht krank. Eingesperrt haben sie ihn, und ich habe schreckliche Angst, dass sie ihn hängen werden.«

Mit dieser Antwort hatte Dotty nicht gerechnet. Sie setzte ihre Tasse so ruckartig ab, dass man es klirren hörte.

»Eingesperrt? Himmel, Reynolds! Warum denn das? Ihr Bruder erscheint mir ein aufrechter und herzensguter Mensch zu sein. Was in drei Teufels Namen hat er denn nur angestellt?«

»Sie, sie glauben … «, die Kammerdienerin schluchzte auf, zog ein Taschentuch unter der Schürze hervor und betupfte sich die Augen. »Er soll jemanden erstochen haben.«

Lady Beresford riss die Augen auf.

»Wie bitte? Aber das kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen. Ihr Bruder ist doch eine Seele von Mensch! Keiner Fliege könnte er etwas zuleide tun.«

»Ich weiß. Doch sie sagen, er hat den Gentleman erstochen.« Miss Reynolds hatte die Hände so fest um ihr Taschentuch geklammert, dass die Fingerknöchel weiß hervortraten.

»Wer ist ›sie‹?«, wollte Dotty wissen.

»Der Oberste Magistrat. Die Familie des Gentleman hat die Bow Street Wachtmeister gerufen und ihn festnehmen lassen. Sie sagen, er ist der Einzige, der Gelegenheit dazu hatte.«

»Dann war der getötete Gentleman ein Fahrgast?«

Dotty versuchte, die Zusammenhänge zu verstehen, ohne die arme Reynolds zu sehr zu drängen und weiter aufzuwühlen.

»Können Sie mir alles, was sich zugetragen hat, von Anfang an erzählen? Ich würde gerne versuchen, alles zu verstehen, um zu sehen, ob ich Ihnen in irgendeiner Weise helfen kann.«

Miss Reynolds nickte.

»Es war schon spät – also, das war vergangenen Mittwoch – und mein Bruder wartete vor dem Almack’s auf Kundschaft. Es war seine letzte Fahrt an dem Abend. Ich habe schon so oft gedacht, wäre er doch bloß früher nach Hause gekommen! Hätte er sich ans Feuer gesetzt und auf den Lohn verzichtet. Aber es nützt ja nichts, nicht wahr?« Wieder betupfte sie ihre Augen mit dem Taschentuch. »Der Gentleman wollte in die Harley Street. Mein Bruder sagt, er war wohl recht betrunken. Ein Freund hat ihn zur Kutsche gebracht und das Fahrgeld bezahlt. Martin hat ihm hineingeholfen, ist auf den Bock geklettert und losgefahren. Als sie angekommen sind und der Diener den Schlag öffnete, war der Gentleman tot – erstochen – und lag in seinem Blut. Der Diener schrie und beschuldigte meinen Bruder. Dann lief er ins Haus. Bald waren alle alarmiert, und die Familie ließ die Bow Street Konstabler rufen. Die haben meinen Bruder mitgenommen. Sie sagen, niemand anders hätte es tun können. Schließlich sei mein Bruder der Letzte gewesen, der Mr Seymour lebend sah, und er schwört, er habe nirgends angehalten und niemanden sonst mitgenommen oder in der Nähe der Kutsche gesehen.«

»Seymour?« Bei dem Namen hatte Lady Beresford aufgehorcht. »Doch nicht Mr Felton Seymour?«

»Doch. Derselbe«, bestätigte Reynolds.

»Lord Beresford hat darüber in der Zeitung gelesen. Wir waren über die Maßen schockiert, denn der Großvater des Ermordeten ist ein guter Freund meines Gatten. Natürlich hatten wir keine Ahnung, dass Ihr Bruder in diese Geschichte verwickelt sein könnte. Allerdings erscheint es mir vollkommen abwegig, dass er Mr Seymour getötet haben soll. Warum sollte er so etwas tun?«

Miss Reynolds hob in einer verzweifelten Geste die Hände. »Wenn ich das wüsste. Doch sie sind davon überzeugt, dass es nicht anders gewesen sein kann. Außerdem haben sie im Kutschkasten ein Jagdmesser gefunden. Martin schwört, nie ein solches Messer besessen zu haben. Er hat nicht die leiseste Ahnung, wie es in den Kutschkasten gekommen ist. Doch sie haben ihn kaum angehört.« Wieder schluchzte Reynolds auf. »Oh, Mylady! Sie werden ihn hängen!«

»Das werden sie nicht, Reynolds«, sagte Dotty mit mehr Überzeugung in der Stimme als in ihrem Herzen. Die Familie Seymour war recht einflussreich und besaß gute Verbindungen zu Viscount Sidmouth, dem amtierenden Innenminister – und somit zu den Magistraten. Mr Felton Seymour war ein Enkel Earl Percys, eines guten Freundes des Marquess, und extrem wohlhabend. Es hieß, den Großteil seines Vermögens habe er mit Geschäften in den Kolonien erwirtschaftet. Gut möglich, dass die Familie, um Genugtuung zu erfahren, es mit den exakten Umständen des Mordes nicht zu genau nehmen würde. Sie kannte Earl Percy. Er war an sich kein übler Kerl, doch – wie so viele in diesen Kreisen – äußerst standesbewusst, was ein gewisses Desinteresse an den Problemen und Lebensumständen der einfachen Leute mit sich brachte. Es war die Arroganz – oder womöglich schlichtweg die Ignoranz der privilegierten Klasse. Mr Reynolds jedenfalls, ein kleines Licht und in den Augen Earl Percys vermutlich von geringem Interesse, würde unter Umständen einen willkommenen Sündenbock abgeben. Doch diese Überlegungen behielt Lady Beresford für sich. Sie fühlte sich ihrer treuen Angestellten verpflichtet und wollte ihr Trost und Zuversicht spenden.

»Ihr Bruder hatte weder einen Grund, Mr Seymour zu töten, noch die Disposition. Und ich bin fest überzeugt, dass auch der Magistrat das wird einsehen müssen. Gleich heute noch werde ich mich um eine Anhörung bemühen.«

Miss Reynolds sah auf. Das hoffnungsvolle Leuchten in den feuchtglänzenden blaugrauen Augen gab Dorothy Beresford einen Stich ins Herz. Wie könnte sie das in sie gesetzte Vertrauen enttäuschen? Es musste ihr einfach gelingen, den Magistrat davon zu überzeugen, dass sie den Falschen verhaftet hatten.

»Ihrem Bruder wird gewiss nichts geschehen. Bald wird er wieder zu Hause sein und alle Sorge ist vergessen.« Dorothy Beresford war sich nicht sicher, ob ihre Worte nicht mehr dazu dienten, sich selbst zu überzeugen. Ganz gewiss würde die Familie die Sache nicht hingehen lassen, solange es keinen Schuldigen gab. Der einfachste Weg, Martin Reynolds vor dem Galgen zu bewahren, wäre der, den wahren Mörder zu finden. Doch wie sollte sie das anstellen? Womöglich hatte aber der Magistrat doch noch ein Einsehen. Versuchen musste sie es jedenfalls.

»Ich verspreche Ihnen«, versicherte Lady Beresford der verzweifelten Miss Reynolds, »dass ich mein Möglichstes tun werde, um Ihrem Bruder zu helfen. Denn ich kann genauso wenig glauben wie Sie, dass er ohne Grund einen Menschen getötet haben soll.«

Vier

Montag, 14. März 1814 – Bow Street, London

Sir William Domville empfing Lady Beresford in seinem Arbeitszimmer. Er war eine Ehrfurcht gebietende Erscheinung von kräftiger Statur. Von den altmodischen schwarzen Schnallenschuhen über die Kniebundhosen bis hin zu der gepuderten Perücke, wirkte er wie ein Relikt aus einer vergangenen Zeit und strahlte die Weisheit des Alters und die Würde seines Amtes aus.

Die Verbeugung, mit der er Lady Beresford begrüßte, wirkte ebenso steif wie der Ärmelaufschlag seines weinroten Gehrocks. »Lady Beresford.«

»Sir William.« Dorothy knickste und wartete, bis der Magistrat sie einlud, sich zu setzen.

»Ihrem Schreiben entnehme ich, dass Sie mich in einer dringenden Angelegenheit zu sprechen wünschen? Darf ich fragen, um was es sich dabei handelt?«

»Es geht um den Mord an Felton Seymour und den Mann, der festgenommen wurde.«

Sir William sah auf. Seine buschigen Brauen zogen sich zu einem V zusammen, und er beäugte Dorothy Beresford skeptisch.

»Der Mietdroschkenfahrer?«

»Richtig. Es handelt sich um den Bruder meiner Kammerdienerin, Mr Martin Reynolds. Ich kann mir nur vorstellen, dass hier ein Missverständnis vorliegen muss. Ich kenne Mr Reynolds, und er würde nie einem Menschen auch nur ein Haar krümmen.«

In Sir Williams skeptische Miene mischte sich ein Ausdruck gönnerhafter Nachsicht, mit dem man bisweilen Kinder bedachte.

»Bei allem gebührenden Respekt, Lady Beresford, wir können die Rechtsprechung nicht auf unserem persönlichen Eindruck des Charakters begründen. Die Umstände sprechen gegen Mr Reynolds. Mr Seymour wurde in seiner Droschke erstochen, und Mr Reynolds war der Letzte, der ihn lebendig gesehen hat. Das Messer wurde unter dem Kutschbock gefunden, auf dem Reynolds saß. Wer sonst sollte ihn getötet haben?«

Sir William verschränkte die Finger ineinander und legte die Hände vor sich auf dem wuchtigen Schreibtisch ab.

»Es hätte doch der Diener gewesen sein können, der den Ermordeten entdeckte«, mutmaßte Lady Beresford, doch Sir William schüttelte den Kopf.

»Im Gegensatz zu Mr Reynolds hatte der Diener, Mr Russ, kein Messer bei sich. Seine Kleidung hatte kaum Blutflecken. Hätte er Mr Seymour erstochen, hätten seine Livree und sein Hemd voller Blut sein müssen. Blut fand sich aber nur ein wenig an seinem Ärmel. Wohl, weil Mr Russ zunächst glaubte, Mr Seymour schlafe nur und er versuchte, ihn wachzurütteln. Mr Reynolds hätte Möglichkeit finden können, sich umzuziehen. Mr Russ jedoch ist sofort nach Auffinden des Toten ins Haus gelaufen. Und glauben Sie nicht, Mr Seymour hätte sich gewehrt oder wenigstens geschrien, wenn ihn plötzlich jemand angegriffen hätte? Einer der Diener hielt sich vor der Kohlekammer auf. Er hätte etwas hören müssen. Wie erklären Sie sich das?«

»Herrje, ich weiß es doch auch nicht, Sir William. Ich bin nur überzeugt, dass Mr Reynolds es nicht gewesen ist«, beharrte Dotty.

»Mit Verlaub, was macht Sie da so sicher, Mylady?« Sie ahnte, dass Sir William sich nicht so leicht von Mr Reynolds’ Unschuld überzeugen lassen würde.

»Ich kenne ihn – und ich kenne seine Schwester. Er ist mit Gewissheit kein Mensch, der …«

»Liebe Lady Beresford«, unterbrach sie Sir William. »Ihr Mitgefühl für die arme Schwester ehrt Sie, und ich verstehe, dass es schwer ist, einzusehen, dass jemand, den man zu kennen glaubte, zu einer solch abscheulichen Tat fähig ist. Doch glauben Sie mir, die Abgründe der menschlichen Seele sind vielfältig und zeigen sich keinesfalls immer an der Oberfläche.«

»Das ist mir auch klar«, räumte Dotty ungeduldig ein. »Doch es erschließt sich mir nicht, warum Mr Reynolds es getan haben sollte. Dafür gab es überhaupt keinen Anlass. Was könnte ihn zu dieser Tat bewogen haben?«, drängte sie.

Sir William war anzusehen, dass es ihn Kraft kostete, sich zu beherrschen und den Anschein zu geben, als nehme er Lady Beresfords Einwände ernst.

»Nicht immer gibt es eine rationale Erklärung dafür, warum ein Mensch plötzlich etwas Abscheuliches tut. Womöglich litt der Ärmste unter Wahnvorstellungen. So etwas kommt vor. Außerdem hätte ihn jemand bezahlt haben können – es gab offenbar durchaus Leute, die Mr Seymour nicht besonders freundlich gesonnen waren.«

»Das mag sein, Sir William. Allerdings ich bin mir sicher, das trifft auf Mr Reynolds nicht zu.« Dotty ahnte, dass sie auf diese Weise bei dem obersten Magistrat nicht weiterkommen würde.

»Überhaupt sehe ich nicht, wie ich Ihnen in diesem Fall helfen könnte«, erläuterte Sir William in bemüht ruhigem Ton. »Ich bin Magistrat, kein Richter. Meine Aufgabe besteht darin, die Umstände zu prüfen und zu entscheiden, ob Anklage zu erheben ist oder nicht. Nichts anderes habe ich getan. Den Rest entscheidet die Gerichtsbarkeit. Mr Reynolds wird auf seine Verhandlung warten müssen.«

Dorothy presste die Lippen aufeinander. So kam sie nicht weiter, und ehrlich gesagt hatte sie sich bisher mit rechtlichen Fragen noch nie befassen müssen und keine Vorstellung davon, was das für Mr Reynolds bedeutete.

»Wie lange wird es denn dauern bis zur Verhandlung? Und – wird Mr Reynolds dazu angehört? Vielleicht könnten Sie mir das gerichtliche Prozedere näher erläutern. Sie sind schließlich ein erfahrener Sachkenner.« Schmeichelei würde sie vielleicht weiter bringen als Drängen.

Tatsächlich sah Sir William ein wenig freundlicher aus, als er zur Antwort ansetzte.

»Es kommt darauf an. Einen oder auch zwei Monate, manchmal auch schneller. Zunächst werden die Gerichtsdiener die nötigen Informationen sammeln und die Anklageschrift aufsetzen. Normalerweise beschließt das Schwurgericht, ob es zu einer Verhandlung kommt, doch in diesem Fall handelt es sich höchstwahrscheinlich um Mord.«

»Und das bedeutet?«, wollte Dorothy wissen.

»Das bedeutet, dass ein Geschworenengericht nach Untersuchung des Coroners entscheidet, ob eine Mordanklage erhoben wird«, erklärte Sir William.

»Und wird Mr Reynolds dazu gehört?«, wollte Dotty wissen.

»Selbstverständlich wird er gehört. Wenn er sich nicht schuldig bekennt, hat er Gelegenheit, seine Version der Ereignisse vorzubringen und sich zu verteidigen. Rechtsbeistand wird er sich nicht leisten können, vermute ich.«

»Darum werde ich mich kümmern«, entschied Dorothy. »Ich bin fest von seiner Unschuld überzeugt.«

»Wenn Reynolds unschuldig ist, wird sich das gewiss im Prozess zeigen«, wandte Sir William beschwichtigend ein, doch Dorothy hatte ihre Zweifel.

»Ich wünsche, Mr Reynolds zu sehen. Ich möchte selbst mit ihm sprechen«, verlangte sie mit fester Stimme.

Sir William runzelte die Stirn.

»Bis zu seiner Verhandlung sitzt er im Newgate Gefängnis ein, Mylady. Das ist kaum ein Ort für eine Dame.«

»Dann begleiten Sie mich«, insistierte sie. In diesem Punkt würde sie nicht lockerlassen. Doch es konnte nicht schaden, ihren weiblichen Charme anzuwenden. Sie setzte ihr gewinnendstes Lächeln auf.

»Mein lieber Sir William, ich kenne Sie als strengen, aber barmherzigen Vertreter der Gerichtsbarkeit, der gewissenhaft alle Zweifel ausräumen wird, damit kein Unschuldiger an den Galgen gebracht wird. Ich bitte Sie inständig, mir diesen Wunsch nicht zu verwehren. Lassen Sie mich mit Mr Reynolds sprechen. Ich habe seiner Schwester mein Wort gegeben.«

Der Magistrat kratzte sich mit dem Zeigefinger unter der Perücke und seufzte schließlich tief.

»Nun denn, in Gottes Namen, wenn Sie es durchaus wünschen, werde ich Sie begleiten. Doch ich muss Sie warnen: Newgate ist wahrhaft kein Ort, den man einer Dame zumuten möchte. Darüber hinaus sollten Sie sich nicht zu viel von einem solchen Besuch versprechen. Seiner Lordschaft Earl Percy ist daran gelegen, dass der Gerechtigkeit Genüge getan und der Mörder seines Enkels zur Rechenschaft gezogen wird. Es spricht vieles gegen die Unschuld Ihres Freundes.«

Dorothy Beresford lächelte. Wenn auch nur ein kleiner Triumph, so hatte sie dem alten Herrn immerhin das Versprechen abgerungen, sie nach Newgate zu begleiten.

»Haben Sie vielen Dank, Sir William. Ich werde Ihnen das nicht vergessen.«

Fünf

Montag, 14. März 1814 – Ecke Newgate Street, Old Bailey, London

Sie näherten sich dem Gebäude von der Westseite und hielten vor dem Wärterhaus. Schon die Fassade des Newgate-Gefängnisses erweckte den Eindruck, als habe der Architekt sich Mühe gegeben, bereits dem Gebäude eine abschreckende Wirkung zu verleihen. Als monströser Koloss aus grob gehauenem Stein, wirkte es bereits durch die Außenansicht erdrückend.

Mit einem Gefühl der Beklemmung sah Dorothy Beresford zu dem Platz vor dem Schuldnertor hinüber, an dem die öffentlichen Hinrichtungen stattfanden. Sie schluckte. Nein, daran durfte sie nicht einmal denken. Sie würde alles daran setzen, Martin Reynolds ein solches Ende zu ersparen. Mit klopfendem Herzen folgte sie Sir William, der mit einem für sein fortgeschrittenes Alter recht energischen Schritt auf die Tür des Wärterhauses zuhielt, durch die sie von einem Diener in den düsteren Bau eingelassen wurden. Sir William war hier bekannt, und so bedurfte es keiner großen Formalitäten. Er führte Dorothy zu einer Tür auf der rechten Seite.

»Ich schlage vor, Eure Ladyschaft warten im Büro des Verwalters, und ich lasse Mr Reynolds holen.«

Sir William schickte sich an zu klopfen, doch Lady Beresford hielt ihn zurück.

»Nein, ich möchte sehen, wie er untergebracht ist.«

Der Magistrat holte tief Luft.

»Mylady, ihr Freund Mr Reynolds kann nicht viel zahlen. Außer der Pferde und der Droschke besitzt er kaum etwas. Und die Zellenblöcke der Common Side sind, gelinde gesagt, nicht besonders komfortabel und gewiss kein Anblick für eine zarte Natur«, erläuterte er in einem Ton, der verriet, dass er sich zu geduldiger Zurückhaltung zwingen musste.

»Ich bin robuster, als es den Anschein hat, mein lieber Sir William«, entgegnete Dotty und bemühte sich, so viel Autorität in ihre Stimme zu legen, wie sie konnte. »Mein Gatte, der Marquess, wäre sicher enttäuscht, wenn Sie mir meinen ausdrücklichen Wunsch verweigerten.«

»Dann ist Ihr Gatte über Ihre Pläne informiert, Mylady?«, wollte Sir William wissen.

»Selbstverständlich ist er das! Lord Beresford unterstützt mich in allen meinen Vorhaben«, erwiderte sie mit Indignation, wohl wissend, dass Archibald mit ihr schimpfen würde, wenn er erführe, dass sie sich in eine solche Situation begeben hatte. Doch sie war geübt darin, eine überzeugende Miene aufzusetzen, wenn sie Interesse an dem oft zum Verzweifeln steifen und geisttötenden Geplauder der Damen der besseren Gesellschaft mimte. Und so hoffte sie, dass ihre bis zur Perfektion geschulte Maske sie auch in dieser Situation nicht im Stich lassen würde.

Sir William schien einen Augenblick zu zögern, hob dann jedoch in einer resignierten Geste die Achseln und ließ einen Schließer rufen, in dessen Begleitung sie durch den Säulengang unter der Kapelle den Korridor betraten, der zum zentralen Hof für die männlichen Strafgefangenen führte. Auf ihrem Weg passierten sie mehrere schwere, eisenbeschlagene Tore, die von einem Wachhabenden aufgeschlossen und hinter ihnen sorgfältig wieder verschlossen wurden. Das Gefühl der Beklemmung, das Lady Beresford bereits beim Anblick des Gebäudes befallen hatte, wurde stärker, je tiefer sie in die Eingeweide des tristen Steinkolosses vordrangen. Der quadratische Innenhof war in mehrere kleinere Höfe unterteilt und wurde auf allen Seiten von Zellen und Gemeinschaftsräumen flankiert. Schwere Holzgitter gaben den Blick auf Insassen frei, die sich im Hof vor dem Zellenblock aufhielten. Bereits als der Wärter die schwere Tür zu den auf der westlichen Seite gelegenen Zellenblöcken öffnete, schlug Dorothy Beresford eine Mixtur Übelkeit erregender Gerüche entgegen, die auch der offene Innenhof nicht zu mildern vermochte.

Noch einmal holte sie tief Luft, bevor sie in die düstere Feuchte des Gemäuers traten. Sie folgten dem Schließer den Gang entlang, der von schweren hölzernen Türen mit vergitterten Gucklöchern gesäumt war, durch die der Lärm vielzähliger Stimmen, Rufen und Johlen drangen.

Dorothy Beresford schluckte. Worauf hatte sie sich nur eingelassen? Doch sie ermahnte sich, tapfer zu bleiben. Schließlich war sie hier, weil sie Miss Reynolds ihr Wort gegeben hatte.

Martin Reynolds war mit etwa einem Dutzend anderer Gefangener in einer kahlen, weiß getünchten Zelle untergebracht. Die vergitterten Fenster öffneten sich zum Innenhof und ließen wenigstens ein wenig Licht ein, im Kamin auf der Stirnseite des Raumes brannte ein kleines Feuer und spendete leidlich Wärme. Davor stand ein wuchtiger Tisch mit zwei einfachen Holzbänken, an dem die Insassen ihre Mahlzeiten einnahmen. Unter den Regalbrettern, die im hinteren Teil des Raums entlang der Wand verliefen, hingen zusammengerollt die geflochtenen Matten, auf denen die Gefangenen – offenbar auf den kahlen Dielen – schliefen. Eine Mischung diverser menschlicher Ausdünstungen und feuchter Muff lagen in der Luft und ließen Lady Beresford wünschen, sie hätte ihr Korsett am Morgen nicht so fest schnüren lassen.

»Reynolds! Vortreten!«, bellte der Schließer und Martin Reynolds, der an die Wand gelehnt auf dem Boden gehockt hatte, hob den Kopf. Seine Augen weiteten sich in Erstaunen, als er Lady Beresford erkannte, und er beeilte sich, auf die Füße zu kommen, was ihm sichtlich schwerfiel. Neugierig beäugten die übrigen Gefangenen Dorothy, und sie spürte beinahe körperlich, wie einige der Blicke begehrlich auf ihren weiblichen Formen verweilten. In Anwesenheit des Magistrats und des Wärters wagte jedoch niemand mehr als das.

Reynolds trat näher und verneigte sich. Er hielt den Kopf gesenkt, doch sein Blick flatterte immer wieder zu Lady Beresford, die sich im Hintergrund hielt.

»Sie haben Besuch«, verkündete der Schließer unnötigerweise. »Kommen Sie.«

Damit führte er die eigenartige Prozession hinaus in den westlichen Innenhof, ließ Reynolds hinter dem Gitter warten, das den Hof vom Durchgang abtrennte, führte Lady Beresford und den Magistrat hindurch und schloss sorgfältig hinter ihnen ab. Hier und da sah Dorothy nun andere Besucher, die sich durch die Gitterstäbe mit den Gefangenen unterhielten. Unter den Augen des Wachpersonals wurden auch Kleidung und Essen durch die Gitter getauscht. Sie trat näher heran.

»Eure Ladyschaft«, raunte Mr Reynolds ihr durch die eiserne Barriere zu. »Ich kann nicht glauben, dass Sie meinetwegen hergekommen sind!«

»Aber ich musste doch kommen, Reynolds. Ich bin Ihrer Familie tief verpflichtet. Ich werde Ihnen helfen.«

»Das ist unglaublich nett von Ihnen Mylady, aber ich fürchte, ich weiß nicht, wie das gehen soll.« Reynolds sprach schnell und mit gesenkter Stimme. Es war ihm anzumerken, dass ihn der Besuch der Marchioness aufwühlte, ließ er doch die Hoffnung wieder aufkeimen, seinem Schicksal noch eine Wendung geben zu können.

»Alle glauben, dass ich Mr Seymour getötet habe. Und sogar ein Messer haben sie angeblich unter meinem Kutschbock gefunden. Dabei habe ich dort nie eines gehabt. Ich habe keine Ahnung, wie es dahin gekommen sein soll. Aber niemand glaubt mir.«

»Mr Reynolds, bitte verzeihen Sie. Ich kann nicht glauben, dass Sie zu so einer Tat fähig wären. Dennoch muss ich Sie inständig bitten, mir Ihr Ehrenwort zu geben, dass Sie unschuldig sind. Ich möchte es aus Ihrem eigenen Munde hören und Ihnen dabei ins Auge sehen können.«

»Selbstverständlich, Mylady. Ich versichere Ihnen, dass mich an Mr Seymours Tod keinerlei Schuld trifft und ich nicht weiß, was an jenem Abend passiert ist.«

»Können Sie mir die Ereignisse noch einmal genau schildern?«, bat Dorothy.

»Sicher, auch wenn ich es bereits dem Magistrat zu Protokoll gegeben habe. Also, der Gentleman kam mit seinem Freund aus dem Almack’s und schwankte schon beachtlich. Zwei Angestellte mussten ihn stützen, aber er wehrte sich, als ich ihm in die Kutsche helfen wollte, hat mich ziemlich angeblafft. Er behauptete, vollkommen nüchtern zu sein und wollte wieder hinein. Bezahlt hat mich der andere Gentleman.«

»Und auf dem Weg in die Harley Street haben Sie nirgends angehalten?«

»Nein, Mylady. Nirgends.«

»Hm. Und hätte theoretisch jemand während der Fahrt zusteigen können?«, wollte Dorothy wissen.

»Ausschließen kann ich es nicht. An ein paar Stellen war ich recht langsam unterwegs. Bloß denk’ ich, das hätte ich doch merken müssen. Wenn jemand Mr Seymour auf der Fahrt angegriffen hätte – ich hätte doch irgendetwas hören müssen.«

Mr Reynolds schien zu bemerken, dass er mit dieser Argumentation seinen Anklägern Schützenhilfe leistete. Er kratzte sich an der Schläfe. »Na ja – möglich wär’s vielleicht, wenn einer es geschickt anstellt. Die Kutsche und die Pferde machen schließlich auch Krach, nicht wahr?«

»Richtig«, bestätigte Dotty. »Möglich wäre es jedenfalls gewesen.«

Sir William räusperte sich hörbar. Offensichtlich hatte er an dieser Theorie seine Zweifel. Jedoch ließ sich Lady Beresford nicht beirren und setzte ihre Befragung fort.

»Und als Sie Seymour House erreichten. Was geschah da?«

»Ich hab’ angehalten, bin abgestiegen und wollte die Pferde festmachen, um dem Gentleman aus der Kutsche zu helfen. Bevor ich dazu kam, sah ich aber schon den Diener die Treppe heraufkommen und auf die Droschke zulaufen.«

»Verstehe. Und dann?«

»Er öffnete den Schlag. Mr Seymour schien sich nicht zu rühren, jedenfalls hörte ich, wie er versuchte, ihn zu wecken. Kurz darauf hörte ich den Diener auch schon schreien.«

»Können Sie sich noch erinnern, was genau Mr Russ geschrien hat?«

Mr Reynolds kaute auf der Unterlippe und schien nachzudenken. Schließlich schüttelte er den Kopf.

»Nicht genau. Ich glaubte, die Wörter ›Blut‹ und ›tot‹ gehört zu haben. Natürlich war ich ziemlich erschrocken, wie der so schrie, nicht wahr? Ich wollte nachsehen, also hab’ ich die Laterne gegriffen und bin hingegangen. Da sprang er von der Kutsche. Fürchterlich hat er ausgesehen. Die Augen wild, weit aufgerissen, blass ist er gewesen wie ein Totenhemd und die Hände … es war dunkel, nicht wahr, aber im Licht der Laterne konnte ich sehen, dass da viel Blut war. Dann rief er auch schon um Hilfe. Ist vor mir zurückgewichen, als wär’ ich der Deibel persönlich, schrie, ich solle ihn nicht anfassen.«

»Und außer dem Rufen von Mr Russ, dem Diener, haben Sie nichts gehört?«, vergewisserte sich Lady Beresford. »Also etwa Schreie oder Kampfgeräusche, die von Mr Seymour hätten stammen können?«

»Nein, Mylady. Nichts.«

»Und dann ist Mr Russ zurück zum Haus gelaufen?«

Mr Reynolds nickte. »Ich habe es nicht genau gesehen, doch wenig später kamen Leute aus dem Haus. Er schrie, ich hätte Mr Seymour umgebracht, und dann lief er davon. Also wollte ich selbst nachsehen. Und dann hab’ ich …« Er machte eine Pause und seinem Gesicht war anzusehen, dass er die Erinnerung zu vermeiden suchte, »… ich hab’ ihn da liegen sehen. Er war zur Seite gesackt und da war … der Stoff vom Mantel … zerfetzt und alles voller Blut. Und ich hab’ mich noch gefragt, ob da nicht eine Waffe liegen müsste, aber da war nichts außer diesem Gestrüpp.«

»Gestrüpp?«, wiederholte Lady Beresford.

»Ja, irgendein Ast. Sowas hab ich noch nie gesehen. Dunkelgrüne Blätter, große, weiße Blüten. Na ja, es sah fast aus wie – auf dem Kirchhof. Wie … äh … wie Blumen, die man aufs Grab legt, nicht?«

Dorothy Beresford wandte sich zu Sir William um. »Davon höre ich zum ersten Mal. Hat man diese Pflanze – was auch immer es gewesen sein mag – aufbewahrt?«

»Ein Myrtenzweig, Mylady. Die Konstabler haben ihn mir gezeigt. Aufbewahrt habe ich ihn nicht. Mr Seymour wurde kaum mit einem Stück Botanik ermordet.« Die Gereiztheit in seiner Stimme war nun nicht mehr zu verbergen. Offenbar war das Ende von Sir Williams Geduld erreicht. »Haben Sie nun erfahren, was Sie wissen wollten?«

»Noch einen Augenblick, Sir William. Ich möchte Mr Reynolds noch zu Ende anhören.« Sie wandte sich wieder an den Droschkenkutscher. »Und was geschah, nachdem Sie den Toten entdeckt hatten?«

»Danach geht in meinem Kopf alles durcheinander. Leute kamen aus dem Haus. Man packte mich. Alle schrien und redeten auf mich ein. Man hat mich in der Kohlenkammer festgehalten, bis die Konstabler eintrafen.«

»Und dann wurden Sie zu Sir William gebracht?«

Reynolds nickte.

»Glauben Sie wirklich, Sie können mir helfen?« Er hatte denselben hoffnungsvollen Blick wie seine Schwester, den Lady Beresford tief im Herzen spürte und der sie in dieser Sache umso entschlossener machte.

»Ich werde mein Möglichstes tun, das verspreche ich Ihnen. Einstweilen sorge ich dafür, dass Sie bis zur Verhandlung anständig untergebracht werden.«

»O Mylady! Sie sind ein Engel in Menschengestalt!«, rief Mr Reynolds und lächelte sie so dankbar an, dass es ihr die Kehle zuschnürte. Schenkte sie ihm nur falsche Hoffnung?

Sechs

Montag, 14. März 1814 – Grosvenor Square, London

»Du bist so schweigsam, meine Liebe. Hattest du einen anstrengenden Tag?« Archibald Beresford schenkte seiner Gattin ein aufmunterndes Lächeln. In der Tat war es bemerkenswert, dass Dorothy Beresford beim Dinner nichts zu erzählen wusste. Sie genoss es, die letzte Mahlzeit am Tag gemeinsam mit ihrem Gatten einzunehmen, sofern seine Pflichten es zuließen, und stets tauschten sie sich rege über das Erlebte und über die Neuigkeiten des Tages aus.

Einen Augenblick überlegte sie, Archibald über ihren Besuch im Newgate-Gefängnis in Kenntnis zu setzen und um seine Hilfe in dieser Angelegenheit zu bitten. Schließlich hatte sie, als sie Sir William gegenüber erklärt hatte, ihr Gatte unterstütze sie in allen ihren Vorhaben, keinesfalls die Unwahrheit gesagt. Lord Beresford war Dorothy sehr zugetan. Doch es waren nicht allein ihr lebhaftes, einnehmendes Wesen und ihr reizvolles Äußeres, die den Marquess für sie eingenommen hatten. Archibald gab viel auf ihren Rat und fragte sie oft nach ihrer Meinung – bisweilen sogar in politischen Fragen.

Doch diese Sache war anders. Ein Gentleman war ermordet worden und sich öffentlich auf die Seite des mutmaßlichen Mörders zu stellen, ihn im berüchtigten Newgate-Gefängnis aufzusuchen, das nötige Geld für seine Unterbringung in einer Zelle der Master’s Side zur Verfügung zu stellen – dem Trakt für die wohlhabenderen Insassen – das war schon eine ganz andere Sache. Es war gesellschaftlich höchst riskant, insbesondere wenn es ihr nicht gelänge, Martin Reynolds’ Unschuld zu beweisen. Ob Archibald ihr auch in dieser Angelegenheit den Rücken stärken würde? Dotty hatte nicht die geringste Ahnung, wie er sich in dieser Sache verhalten würde. Auch wenn sie in ihrer Ehe weit mehr Freiheiten genoss als viele ihrer Bekannten, bedeutete dies nicht, dass sie diese überstrapazieren durfte. Es behagte ihr nicht, Archibald die Unwahrheit zu sagen. Doch wenn er erfuhr, wo sie an diesem Tag gewesen war, verböte er ihr womöglich, weitere Nachforschungen anzustellen. Sie hatte Miss Reynolds und deren Bruder ihr Wort gegeben. Also zwang sie sich zu einem Lächeln und beschloss, Archie über ihren Besuch bei Sir William im Dunkeln zu lassen.

»Ach, es ist nichts. Nur ein leichtes Unwohlsein, weswegen ich meine Besuche am Nachmittag auch aufschieben musste. Ich habe nur einige Besorgungen gemacht.«

Lord Beresford sah von seinem Teller auf, die Stirn in Falten gelegt.

»Du wirst mir aber doch nicht ernstlich krank werden?« Seine Sorge um sie rührte Dorothy und verstärkte ihre Gewissensbisse.

»O nein, nichts Ernstes. Womöglich setzt mir bloß diese grausige, nicht enden wollende Kälte zu. Ein solches Wetter muss einem ja auf das Gemüt schlagen. Es tut mir nicht gut, dieses Eingesperrtsein.«

Noch während sie sprach, spürte sie ein flaues Gefühl in ihrem Magen, welches das Essen, das ihr eben noch ausgezeichnet gemundet hatte, fade erscheinen ließ. In den vier Jahren ihrer Ehe hatte sie Archie noch nie belogen – nie Geheimnisse vor ihm gehabt. Auch wenn es manch andere Dame der besseren Gesellschaft nicht gar so ernst damit nahm. Es war ein offenes Geheimnis. War erst einmal ein Erbe produziert – und vielleicht noch ein weiterer zur Sicherheit – nahmen sich einige Damen Freiheiten, über die ihre Gatten großzügig hinwegsahen, absolute Diskretion vorausgesetzt. Auch, wenn sie ein gewisses Verständnis dafür hatte, dass manche so einer lieblosen Ehe zu entkommen suchten, derlei Arrangements wären für Dorothy niemals in Frage gekommen. Sie liebte Archibald aufrichtig und von ganzem Herzen und war sich auch seiner Treue und Aufrichtigkeit gewiss. Der Gedanke, ihm etwas zu verheimlichen, drückte sie wie ein Stein im Schuh.

»Nun, dann habe ich Neuigkeiten, mit denen ich deine trübe Stimmung womöglich bessern kann«, verkündete Lord Beresford. »Genau genommen habe ich eine Aufgabe für dich, die recht nach deinem Geschmack sein dürfte.«

»Eine Aufgabe?«, wunderte sich Dotty.

»Du erinnerst dich an meinen Freund Ramsbury?«

»Aus Somerset? Du hast mir Lord und Lady Ramsbury seinerzeit in Bath vorgestellt, wenn ich nicht irre. Bist du nicht Pate seiner Tochter?«, erinnerte sich Dorothy. »Was hat der Baron denn mit der ominösen Aufgabe zu tun, von der du sprachst? Nun machst du mich aber neugierig, Archibald. Worum geht es denn?«

Lord Beresford bereitete es offensichtlich Freude, seine Frau ein wenig auf die Folter zu spannen, und so ließ er sich Zeit, auf den Punkt zu kommen.

»Wie immer ist auf dein Gedächtnis Verlass. Richtig, Ramsbury ist ein passionierter Jäger und ein sehr unterhaltsamer Bursche. Wir sind seinerzeit zusammen zur Schule gegangen. Daher habe ich die Patenschaft für seine Tochter Rose übernommen.«

Lady Beresford lächelte. Archibald erwartete, dass sie sein Spiel mitspielte, und sie tat ihm nur zu gern den Gefallen. »Und was ist nun mit der Aufgabe?«

»Dazu komme ich ja gleich.« Lord Beresford schmunzelte zufrieden, da es ihm gelungen war, Dorothys Neugier zu wecken. »Ramsbury hat mich um meine Unterstützung in einer Angelegenheit gebeten. Doch ich fürchte, diese Aufgabe verlangt die zarte Hand einer Frau.«

»Lass mich raten. Dein Patenkind soll in London debütieren und braucht jemanden, der sie begleitet und in die Gesellschaft einführt.«

»Fast«, entgegnete Archibald. »Das Mädchen wurde bereits in der vergangenen Saison in Bath in die Gesellschaft eingeführt. Rose ist schon achtzehn. Wenn ich Ramsbury in seinem Brief richtig verstanden habe, gab es auch einen vielversprechenden Kandidaten, doch die Hoffnung auf eine Verbindung hat sich zerschlagen.«

»Und nun soll ich helfen, das Mädchen unter die Haube zu bringen«, folgerte Dorothy.

»Ich denke, etwas Leben im Haus kann nicht schaden. Du könntest das Mädchen ein wenig unter deine Fittiche nehmen und hättest Zerstreuung. So kämst auch du auf deine Kosten.« Lord Beresford sah sie erwartungsvoll an.

Unter normalen Umständen hätte Dorothy sofort begeistert zugestimmt. Da sie selbst es so gut getroffen und ihre Heirat sie so glücklich gemacht hatte, gefiel ihr der Gedanke, jungen Frauen dabei zu helfen, ihr Glück zu finden.

Der große Coup war ihr vor drei Jahren gelungen, als ihre Cousine Mary Dallaway sie gebeten hatte, als Ehestifterin für deren Töchter tätig zu werden und sie gleich beiden Mädchen zu fabelhaften Ehemännern verholfen hatte.

Evelyn, die jüngere der Dallaway-Schwestern, lebte mittlerweile glücklich mit Sir Nicholas Harding auf Woodcote Hall in Surrey, hatte zwei entzückende Kinder und trug das dritte unter dem Herzen. Sir Nicholas war ein außergewöhnlich sanfter und fürsorglicher Ehemann, über den es nur Gutes zu berichten gab, und Dorothy schrieb es sich als Verdienst an, die beiden einander vorgestellt zu haben. Bei Clara hatte sich die Sache komplizierter gestaltet, doch letzten Endes hatte das Mädchen Lord Alexander Isley geehelicht, Viscount Guilsborough und Erbe des Earls of Wiltmore.

Die Verbindung war entstanden, während Clara als Gouvernante für Alexanders Schwestern Sarah und Georgiana im Haushalt des Earls gearbeitet hatte. Auch an der Vermittlung dieser Anstellung, die sich im Nachhinein als äußerst glückliche Fügung herausgestellt hatte, war Dorothy durch ihre guten Kontakte maßgeblich beteiligt gewesen.

Sie hatte sich auch für andere junge Damen bereits erfolgreich als Cupido betätigt und sich inzwischen in dieser Hinsicht einen gewissen Ruf erarbeitet.

Auch für Rose, da war sich Dorothy sicher, würde sie im Handumdrehen jemanden finden. Aber ausgerechnet jetzt, da sie eine weit wichtigere Mission verfolgte, bei der sie mit Fingerspitzengefühl und Diskretion vorgehen musste! Es war zu dumm, aber sie konnte Archie seine Bitte kaum abschlagen. Erstens, weil sie ihm selten etwas abschlagen konnte und zweitens, weil er gewiss nach ihren Gründen für eine Weigerung fragen würde. Und was sollte sie ihm darauf antworten? Es blieb also nichts, als zuzustimmen.

Sieben

Mittwoch, 16. März 1814 – Grosvenor Square, London

»Mylady, er ist hier!«, flüsterte Reynolds, die den Kopf zur Tür des privaten Salons hineingesteckt hatte.

»Ausgezeichnet, Reynolds«, sagte Lady Beresford und legte das Journal aus der Hand, in dem sie geblättert hatte. Sie folgte Reynolds ins Erdgeschoss, den Korridor entlang, und stieg schließlich hinter ihr die Stufen zum Keller hinunter, wo sie Wilkins, dem Butler begegneten, der im ersten Augenblick irritiert aussah, doch sogleich wieder sein professionelles Butlergesicht aufsetzte.

»Mylady.«

»Wilkins.« Lady Beresford nickte und lächelte freundlich, so als ob es das Alltäglichste überhaupt sei, dass sich die Herrschaft in den Keller begab.

Es ging vorbei an der Waschküche, dem Bierkeller, der Vorratskammer und dem Speisesaal der Dienerschaft, bis sie schließlich die Küche erreichten. Überall ernteten sie erstaunte Blicke, und hinter ihrem Rücken konnte Dotty die Mädchen tuscheln hören. In der Tat war sie noch niemals hier unten gewesen. Doch es war der schnellste Weg, um zu den Stallungen hinter dem Gebäude zu gelangen, und sie musste nicht befürchten, dass sie einer der Nachbarn sah und Fragen stellte.

Im Hof vor den Stallungen wartete bereits Mr Reynolds’ Droschke, die seine Schwester einem Konkurrenten hatte verkaufen müssen. Ohne das Geld, das die täglichen Fahrten einbrachten, hätte Miss Reynolds weder Futter noch Stall für die drei Pferde weiter bezahlen können. Hinzu kam das Haftgeld, das ihr Bruder zahlen musste – welches nun die Marchioness übernommen hatte.

»Lady Beresford.« Mr Slater, der neue Besitzer des unglückseligen Gefährts, machte eine tiefe Verbeugung, die etwas ungelenk wirkte.

»Mr Slater. Vielen Dank, dass Sie so schnell hergekommen sind. Natürlich werde ich Sie für den Verdienstausfall entschädigen.«

»Das ist sehr großzügig, Mylady, doch nicht nötig.«

»Ich bestehe darauf, Slater. Ich weiß, dass Sie den Verdienst dringend brauchen«, widersprach Dorothy.

Wieder verneigte sich der Kutscher. »Haben Sie Dank, Mylady. Auch dafür, dass Sie sich für Reynolds einsetzen. Ich schwöre Ihnen, der hat niemanden umgebracht. Ganz gewiss nicht. Darauf können Sie einen … Verzeihung, ich meine, da können Sie sicher sein. Ein hochanständiger Kerl, Reynolds. Sie haben recht, ich kann es mir eigentlich nicht leisten, noch eine Droschke dazu zu nehmen, aber ich musste doch wenigstens seiner Schwester helfen.« Er nickte Martha Reynolds aufmunternd zu.

»Nun, dann wollen wir zur Tat schreiten«, verkündete Dotty. »Haben Sie irgendetwas an der Droschke verändert?«

»Hab’ sie gereinigt. War ja alles voller Blut. Den Sitz hab’ ich neu polstern lassen müssen.«

»Verstehe. Und dabei ist Ihnen nichts Ungewöhnliches aufgefallen?«, wollte die Marchioness wissen.

»Nein, Mylady. Nichts.«

»Dürfte ich einen Blick hineinwerfen?«, bat Dorothy. Anstatt einer Antwort öffnete Slater den Schlag. Er reichte Lady Beresford die Hand, um ihr in den Fond zu helfen.

Dorothy sah sich um. Sie strich mit den Händen über die Polster, klopfte Sitzbank, Wände und Verdeck ab, um sie auf Hohlräume oder andere Auffälligkeiten zu untersuchen. Kein doppelter Boden, in dem sich jemand hätte verstecken, kein geheimer Mechanismus oder irgendeine Apparatur, die den tödlichen Dolchstoß hätte auslösen können.

Dotty stand vor einem Rätsel. Wie konnte es jemandem gelingen, einen Mann in einer geschlossenen, fahrenden Kutsche zu ermorden, ohne dabei vom Kutscher oder anderen Zeugen gesehen zu werden und ohne dabei bei seinem Opfer auf Gegenwehr zu stoßen? Und wer hatte überhaupt Grund gehabt, Felton Seymour zu töten? Hatte er Feinde gehabt?

Lady Beresford stieg aus der Kutsche und umrundete das Gefährt. Mit dem Stiel der Peitsche klopfte sie auch noch den Unterboden ab, doch es war nichts zu finden.

»Und nun?« Miss Reynolds klang resigniert. »Was wollen Sie nun unternehmen?«

»Ich muss mehr über Mr Seymour herausfinden. Womöglich gab es Leute, die ihm den Tod wünschten – oder die von seinem Tod profitieren«, verkündete die Marchioness. »Mr Slater, gehen Sie doch einstweilen in die Küche und lassen Sie sich von Mrs Pillsbury mit Tee versorgen. In einer halben Stunde erwarte ich Sie vor dem Haus. Reynolds, Sie kommen mit mir. Ich werde mich zum Ausgehen fertigmachen.«

»Was haben Sie vor, Mylady?«, wollte Reynolds wissen, während sie den Rückweg ins Haus antraten.

»Wenn Sie etwas über Leute erfahren wollen, können Sie entweder die Klatschspalten in den Zeitungen lesen, oder Sie statten Mrs Henrietta Tattershall einen Besuch ab.«

Acht

Mittwoch, 16. März 1814 – Birchin Lane, London

Ohne Mister Joseph Tattershall wäre Lord Beresford vollkommen aufgeschmissen gewesen. Das jedenfalls behauptete er regelmäßig, denn Mr Tattershall verwaltete sein weitverzweigtes Vermögen. Als geschickter und zuverlässiger Finanzverwalter hatte sich Joseph Tattershall eine umfangreiche adlige Klientel erarbeitet. Seine Gattin, Mrs Henrietta Tattershall, war eine große Bewunderin der adligen Gesellschaft, der sie so nahestand und derer sie doch nie ein Teil sein würde. Die Finanzgeschäfte ihres Gatten verhalfen ihr zu einem Fenster in diese Welt, der sie nur zu gern angehört hätte, und bescherten ihr Besuche und Einladungen von Damen, die sich eigentlich außerhalb ihrer sozialen Reichweite bewegten.

In Kleidung, Manieren und Ausdruck eiferte sie den adligen Ladys nach und war in ihrem Bemühen wie ein jüngeres Geschwisterkind, das den älteren hinterherlief und doch von diesen nicht ernstgenommen und lediglich geduldet wurde.

So hungrig war Mrs Tattershall nach Anerkennung durch die erlauchten Kreise, dass sie wie ein Schwamm alles aufsog, was ihr zu Ohren kam. Auf diese Weise war sie stets bestens über alle wichtigen Ereignisse, Skandale und Skandälchen und was sonst berichtenswert war, informiert und der perfekte Ausgangspunkt für Nachforschungen über Felton Seymour und etwaige Nutznießer seines frühen Ablebens. Also ließ Dorothy sich von Mr Slater in die Birchin Lane, die zwischen Lombard Street und Cornhill lag, fahren und ihre Karte überbringen.

Wie nicht anders zu erwarten, wurde sie von der Dame des Hauses mit Reverenz empfangen und großzügig bewirtet. Die entschuldigte sich wortreich für ihren – in ihren Augen – dem hohen Besuch nicht angemessenen Aufzug. Allerdings gab es Lady Beresfords Ansicht nach an dem eleganten zart pinkfarbenen Morgenkleid aus Musselin mit den gerafften Ärmeln und dem hübschen Kragen aus Seidenspitze nichts auszusetzen. Auch die Coiffure ließ darauf schließen, dass Mrs Tattershall sich große Mühe mit ihrer Erscheinung gab und offenbar ausgiebig in Modemagazinen blätterte. Sie fragte sich, wie ihre Gastgeberin sich herausgeputzt haben mochte, hätte sie den Besuch erwartet und musste sich bei dem Gedanken ein Schmunzeln verkneifen. Das Streben, den besseren Kreisen angehören zu wollen, wurde in jeder ihrer gezierten Gesten, in ihrer Art, sich zu artikulieren und zu kleiden und in der sorgsam ausgesuchten Einrichtung des Raumes deutlich. Beinahe hätte sie Dorothy für diese verzweifelten Anstrengungen leidtun können. Wie viel Zeit sie damit verbringen musste, ihre Wirkung auf andere Leute zu bedenken und sich stets zu kontrollieren. Doch sie mochte sich darüber kein Urteil erlauben. Nur allzu leicht belächelte man Menschen oder sah auf sie herab, ohne eine Ahnung von ihren Umständen und Erfahrungen zu haben. Außerdem war ihr Mrs Tattershalls Bestreben, sich bei der Noblesse anzubiedern, in diesem Fall äußerst dienlich. Denn es würde ihr nicht schwerfallen, ihr die gewünschten Informationen zu entlocken.

Nach einer Weile unverbindlichen Geplauders bei Tee und Gebäck über den ausbleibenden Frühling, die unerträgliche Kälte und das Ergebnis der Umgestaltung des Empfangszimmers – auf das Mrs Tattershall besonders stolz war – versuchte Lady Beresford das Gespräch vorsichtig in die erwünschte Richtung zu steuern, indem sie den Skandal um Mr Tattershalls Konkurrenten, Mr Richard Butt, und dessen Verwicklung in den großen Börsenschwindel im Februar ansprach. Mrs Tattershall war sichtlich erfreut, dass sie in dieser Angelegenheit mit umfassendem Wissen über Butts Rolle in dem Plan und die mutmaßliche Beteiligung Lord Cochranes auftrumpfen konnte.

»Schrecklich, nicht wahr?« Lady Beresford nippte an ihrem Tee. »Man bekommt das Gefühl, von Verbrechern umgeben zu sein, nicht wahr? Wie nach diesem grausamen Mord an Mr Seymour vergangene Woche. Der Mietdroschkenkutscher soll es gewesen sein. Stellen Sie sich das vor, Mrs Tattershall. Ein Droschkenkutscher! Welchen Grund sollte so jemand haben, einen Gentleman kaltblütig zu ermorden? Es wird einem angst und bange, wenn man darüber nachdenkt.« Dorothy hoffte, dass die Gattin des Finanzmaklers nach dem ausgelegten Köder schnappen würde.

Tatsächlich blieb sich Mrs Tattershall treu. Sie nahm sich Zeit, eine bedeutend verschwörerische Miene aufzusetzen und senkte die Stimme, bevor sie weitersprach.

»Womöglich handelte der arme Teufel im Auftrag.«

»Nein!«, rief Dotty mit gespieltem Entsetzen. »Aber wer sollte denn Grund haben, Mr Seymour ermorden zu lassen?«

»Nun«, sagte Mrs Tattershall gedehnt. »Ich sage dies natürlich nur im Vertrauen – unter uns, denn ich weiß, dass Eure Ladyschaft eine äußerst diskrete Person sind …« Sie machte eine bedeutungsvolle Pause und sah Dotty durchdringend an, als ob sie auf ein Zeichen der Bestätigung warte.

»Selbstverständlich.« Dotty nickte vielsagend und rutschte auf die äußerste Kante des Sessels. Auch sie senkte verschwörerisch die Stimme. »Seien Sie sich meiner strengsten Verschwiegenheit gewiss.«

Mrs Tattershall lächelte kurz. Sie genoss es sichtlich, Lady Beresford etwas anbieten zu können, von dem sie hoffte, es möge sie in der Gunst der Marchioness steigen lassen. Sie behandelte Gerüchte und Informationen wie Konfekt, das sie ihren adligen Gästen appetitlich angerichtet kredenzte, um deren nach Klatsch und Neuigkeiten lechzende Gaumen zu kitzeln und sich auf diese Weise ihrer Geneigtheit zu versichern.

Henrietta Tattershall beugte sich vor und befeuchtete ihre Lippen mit der Zungenspitze.

»Man munkelt, es habe eine Reihe Leute gegeben, die, gelinde gesagt, nicht besonders traurig über Mr Seymours tragisches Ende waren. Er hat sich offenbar nicht nur Freunde gemacht.«

»Ach, was Sie nicht sagen!« Lady Beresford reagierte mit begierigem Staunen, um Mrs Tattershall zu animieren, weiterzusprechen. »Dass er nicht überall angesehen war, möchte ich wohl glauben, doch ist das Grund genug, jemanden zu töten?«

»Wenn es zum Beispiel um die Ehefrau oder die Ehre der Tochter geht, könnte das durchaus das Verlangen nach Genugtuung schüren«, sagte ihr Gegenüber mit einem wissenden Kopfnicken. »Mr Seymour war, so sagt man, kein Kostverächter.« Sie zog eine Augenbraue in die Höhe.

Lady Beresford schlug die Hand vor den Mund.

»Mrs Tattershall«, flüsterte sie. »Sie glauben, ein zorniger Ehemann oder Vater hat ihn ermorden lassen?«

»Ich halte es zumindest für möglich. Allerdings hätte auch das Finanzielle eine Rolle spielen können. Mr Seymour war ausgesprochen begütert, müssen Sie wissen.«

»Ich hörte, er hat sein Vermögen überwiegend durch Geschäfte in den Kolonien gemacht. Und soweit ich weiß, war er Junggeselle und hatte keine Kinder.«

»Richtig. Das Vermögen wird wohl seiner Schwester zufallen«, verkündete Mrs Tattershall.

»Mrs Hester Seymour, wenn ich nicht irre?«, fragte Lady Beresford. »Aber Sie glauben doch nicht, dass Sie …?«

»Himmel, nein! Das möchte ich nicht im Geringsten andeuten«, beeilte sich Mrs Tattershall zu sagen. »Doch womöglich jemand, der ein Auge auf die Schwester geworfen hat oder hofft, durch sie an Seymours Vermögen zu gelangen.«

»Sie haben recht. Möglich ist es. Für Geld würden Menschen so einiges tun. Wie schrecklich für die arme Familie. Einen Sohn oder Enkel auf so grausame und sinnlose Weise zu verlieren. Er war doch auch noch recht jung.«

Mrs Tattershall nickte. »Er war im besten Alter, etwa fünfunddreißig. Äußerst charmant soll er gewesen sein und von angenehmer Erscheinung. Die Familie hat gewiss damit gerechnet, dass er bald eine Ehefrau findet und eine eigene Familie begründet.«

»Ja, davon ist auszugehen. Wie tragisch.« Dorothy schüttelte den Kopf, um ihren Unglauben auszudrücken. »Und die Schwester? Wenn ich Sie richtig verstanden habe, ist sie unverheiratet? Dann ist sie wesentlich jünger als ihr Bruder?«

Ihre Gastgeberin verneinte.

»Sie ist … weit weniger auffällig als ihr Bruder es war.« Es war Mrs Tattershall anzusehen, dass ihr Mitteilungsdrang und ihr Bemühen, nicht indiskret oder unhöflich zu erscheinen, miteinander rangen.

»Sie meinen, Hester Seymour ist eher unscheinbar?«, half Lady Beresford ihr auf die Sprünge.

»Sie ist reizend. Sehr gebildet und fromm. Doch sie ist nicht besonders gesellig, fürchte ich. Und auch keine ausgesprochen … auffällige Erscheinung«, wand sich Mrs Tattershall, bemüht, nichts zu sagen, das man ihr als Spitzzüngigkeit hätte auslegen können.

»Ich verstehe.« Lady Beresford nahm ein Stück Gebäck und biss hinein. Hester Seymour hätte – als Erbin des Vermögens und alte Jungfer, die ein Dasein im Schatten eines charmanten und weltgewandten Bruders fristete – ebenso ein Motiv wie jemand, der sich Hoffnungen machte, über die Schwester an das beträchtliche Vermögen Seymours zu gelangen. Wenn Hester Seymour ein so schüchternes und unscheinbares Wesen war, wie Mrs Tattershall es darstellte, machte es sie für die Avancen eines Verehrers womöglich besonders empfänglich. Zumindest hatte sie nun eine Ahnung, wo sie mit ihren Nachforschungen beginnen konnte. Geschickt lenkte Dotty das Gespräch wieder auf unverfänglichere Themen und verabschiedete sich kurz darauf.

Zeit, Miss Hester Seymour einen Besuch abzustatten, um ihre Karte zu hinterlassen und zu kondolieren. Wenn sie auch nicht persönlich mit ihr bekannt war, so konnte sie sich durchaus als Freundin der Familie betrachten. Denn Miss Seymour war eine Enkelin Earl Percys, mit dem Archibald bestens vertraut war.

Neun

Freitag, 18. März 1814 – Combe Monkton, bei Bath

»Du hast mich rufen lassen, Mama?« Rose knickste und blieb abwartend stehen, wobei sie neugierig den Brief betrachtete, der neben ihrer Mutter auf dem kleinen runden Tischchen lag und den diese nun zur Hand nahm.

»Setz dich, Kind«, forderte die Mutter. »Ich habe etwas Wichtiges mit dir zu besprechen.«

Rose zog die Augenbrauen hoch. Wenn ihre Mutter etwas Wichtiges zu besprechen hatte, würde es für sie kaum etwas Gutes bedeuten. Dennoch leistete sie der Aufforderung Folge, denn sie konnte es sich nicht erlauben, das Wohlwollen ihrer Mutter erneut zu verspielen.

»Ich erhielt heute sehr erfreuliche Post«, verkündete Lady Ramsbury, doch ihr Ton war weniger freudig als streng und ließ ahnen, dass sie keinen Widerspruch dulden würde, was auch immer ihr Anliegen sein mochte. »Der Brief ist von Lady Beresford, der Marchioness of Beresford. Wie du weißt, ist Lord Beresford dein Pate.«

Rose nickte stumm und beäugte ihre Mutter weiterhin argwöhnisch, sich fragend, worauf die Unterhaltung hinauslaufen würde. Sie befürchtete, ihre Eltern hätten einen Heiratskandidaten für sie ins Auge gefasst. Und nach dem Eklat im vergangenen Jahr konnte sie es sich kaum erlauben, wählerisch zu sein. Die Geduld ihrer Eltern in dieser Angelegenheit war endlich.

»Lord und Lady Beresford laden dich zu ihnen nach London ein.«

Erstaunt riss Rose die Augen auf. Eine Einladung nach London? Damit hatte sie nun nicht gerechnet. Das eröffnete ihr ganz andere Perspektiven. Womöglich erhielt sie auf diese Weise doch ein wenig mehr Mitsprache, was ihre Zukunft anging.

»Lady Beresford hat sich angeboten, dich unter ihre Fittiche zu nehmen. Ich kann gar nicht genug betonen, wie entscheidend es ist, dass du einen positiven Eindruck hinterlässt.« Lady Ramsbury ließ den Brief sinken und sah ihre Tochter prüfend an. Instinktiv schlug Rose die Augen nieder und nickte, und ihre Mutter schien zufrieden.

»Die Marchioness hat hervorragende Verbindungen – unter anderem ist sie bestens bekannt mit Viscountess Castlereagh, Lady Cowper und der Countess of Jersey«, fuhr Lady Ramsbury fort. Rose horchte auf. Das Gespräch nahm eine Wendung, die ihr durchaus gefiel.

»Sie kennt die Patronessen des Almack’s? O Mutter, glaubst du, sie kann mir helfen, Eintritt gewährt zu bekommen?«

»Wenn du dich zusammenreißt und ein tadelloses Benehmen an den Tag legst«, entgegnete die Mutter in warnendem Tonfall. »Und ›den Vorfall‹ wirst du natürlich mit keiner Silbe erwähnen – auch nicht gegenüber Lord und Lady Beresford.«

»Selbstverständlich, Mutter. Gewiss nicht.«

»Es ist unser großes Glück, dass Horace damals das Schlimmste verhindern konnte und dass die unschöne Episode keine weiteren Kreise gezogen hat. Es liegt jetzt an dir, Rose. Ich erwarte, dass du angemessenes Format zeigst und deine Chance ergreifst. Schließlich geht es um deine Zukunft.«

Die erneute Erwähnung des ›Vorfalls‹, über den ansonsten peinlichstes Stillschweigen gewahrt wurde, ließ Rose die Hitze in die Wangen steigen. Ihr war vollkommen klar, was für sie auf dem Spiel stand. Dies war nun ihre Bewährungsprobe und die Gelegenheit, diese Sache und die damit verbundenen Widrigkeiten ein für alle Mal abzuschütteln. In London würde es anders sein, anders als hier in Bath, wo sie und ihre Familie überall bekannt waren.

Sie hatte es nun in der Hand, ihre Zukunft zu gestalten, und das Blatt für sich noch einmal zu wenden. Diese Gelegenheit würde sie zu nutzen wissen. Ihr Gesicht erhellte sich.

»Ich werde neue Kleider brauchen«, stellte sie fest. Nichts würde dem Zufall überlassen werden. »Schließlich muss ich mich bei Almack’s sehen lassen können.«

Zehn

Sonntag, 20. März 1814 – Harley Street, London

Dorothy war äußerst zufrieden mit sich. Ihr Plan war aufgegangen. Am Mittwoch hatte sie den Rückweg über die Harley Street angetreten. Mr Slater hatte ihre Karte überbracht und sich nach dem Befinden der Hausherrin dort erkundigt. Die Wahl des Zeitpunkts war unverdächtig – exakt eine Woche nach dem Todesfall. Doch auch wenn die Zeit für Mr Reynolds drängte, hatte Dorothy es dabei bewenden lassen. Schließlich war sie mit der Schwester nicht näher bekannt, und eine persönliche Aufwartung wäre zu aufdringlich gewesen.

Doch wie sie vermutet hatte: Miss Seymours Einladung hatte nicht lange auf sich warten lassen. Eine nicht mehr ganz junge Frau, die im Schatten ihres Bruders und finanzieller Abhängigkeit gestanden und aufgrund ihres zurückhaltenden Wesens wenig soziale Kontakte geknüpft hatte, war nun plötzlich Erbin eines beträchtlichen Vermögens geworden. Es war zu erwarten, dass sie die Gelegenheit beim Schopfe und Lady Beresfords ausgestreckte Hand dankbar ergreifen würde. Miss Seymour würde sich in ihre neue Rolle hineinfinden müssen, und ihr war gewiss klar, dass ihr dabei der Kontakt zur Marchioness of Beresford nur nützlich sein konnte.

Nach Mrs Tattershalls Charakterisierung ihrer Gastgeberin hätte Dotty nicht erstaunter sein können, als sie Miss Hester Seymour gegenüberstand.

Sie war in der Tat keine besonders schöne Frau mit ihren engstehenden Augen, dem spitz zulaufenden Gesicht und der schmalen Nase. Der kleine Schmollmund, der insgesamt etwas zu hoch zu sitzen schien, gab ihrem Gesicht jedoch etwas Apartes. Was Dorothy in Erstaunen versetzte, war vielmehr ihre modische Aufmachung. Miss Seymours Trauergarderobe verletzte in keiner Weise die Konvention, doch sie verriet, dass Felton Seymours Schwester nicht vorhatte, sich für die Trauerzeit gänzlich vom sozialen Parkett zurückzuziehen. Die Sorgfalt und Mühe, die in ihr Erscheinungsbild geflossen sein mussten, ließen eher das Gegenteil vermuten.

Über einem Unterrock aus schwarzem Sarsenett trug sie ein ebenfalls schwarzes Kleid aus hauchfeinem Seidenchiffon mit gerafften langen Ärmeln, dessen Rock mit schwarzen Seidenrosen bestickt war. Die eng auf den Leib geschneiderte Büste mit dem eckigen, mit einer Borte aus Seidenblümchen und Gagat-Perlen bestickten Ausschnitt, rückte ihr nicht besonders üppiges Dekolleté in ein vorteilhaftes Licht. Das dunkle Haar trug sie im neoklassischen Stil zu Zöpfen geflochten und am Oberkopf festgesteckt, das Gesicht von sorgfältig gedrehten Ringellöckchen wie von einem Vorhang eingerahmt. Dazu trug sie passende Ohrringe und eine Kette mit einem kleinen Kreuz, vermutlich aus Onyx.

»Lady Beresford, es freut mich außerordentlich, dass Sie meiner Einladung folgen konnten.« Miss Seymours Stimme ließ ihre Unsicherheit im Umgang mit der Rolle einer Gastgeberin und Hausherrin erahnen. Sie war leise und zurückgenommen, und es fiel ihr offensichtlich schwer, den Blickkontakt zu halten. »Ich möchte Ihnen für die Anteilnahme am Tod meines Bruders danken. Aber nehmen Sie doch Platz.«

Dorothy lächelte und folgte der Aufforderung.

»Vielen Dank, Miss Seymour. Ich freue mich, Sie kennenzulernen – wenn auch die Umstände tragisch sind. Leider habe ich Ihren Bruder nicht persönlich gekannt. Doch mein Mann, der Marquess, ist ein guter Freund Ihres Großvaters. Es hat mich unfassbar erschüttert, dass ein Gentleman wie ihr Bruder plötzlich auf so grausame Weise aus der Blüte seines Lebens gerissen wurde. Ich kann mir kaum vorstellen, wie es für Sie und Ihre Familie sein muss.« Dorothy fühlte sich etwas unbehaglich, da sie mit ihrem Besuch noch ein anderes, verborgenes Ziel verfolgte. Allerdings war die Bekundung ihres Mitgefühls aufrichtig gewesen. Sie konnte den Wunsch der Familie, der Täter möge umgehend zur Rechenschaft gezogen werden, gut verstehen. Dennoch durfte kein Unschuldiger darunter zu leiden haben. Dieser Zweck, so sagte sie sich, heiligte die Mittel. »Ich kann einfach nicht begreifen, was jemanden zu so einer Tat treibt.«

Die Unterhaltung wurde unterbrochen, als die Hausdame mit einem Teewagen erschien.

»Wissen Sie«, sagte Miss Seymour, »um ehrlich zu sein, habe ich schon lange befürchtet, dass mein Bruder einmal ein schlimmes Ende nehmen könnte. Er hatte einen abenteuerlichen Lebenswandel und sich damit nicht immer nur Freunde gemacht, fürchte ich. Ich machte mir Sorgen, dass ihn jemand herausfordern könnte oder Schlimmeres, doch er lachte darüber.«

Ein kleines Lächeln, das Dorothy als wehmütig zu lesen geneigt war, glitt über ihre Lippen.

»Mein Bruder war jemand, der das Leben leichtnahm und Gefahren und Risiken als Herausforderung betrachtete.«

»Das klingt, als sei er ein Lebenskünstler gewesen«, entgegnete Lady Beresford. »Es ist bedauerlich, dass ich ihn nicht mehr kennenlernen kann.

»Ja. Das ist es in der Tat.« Hester Seymour nickte und sah nun zum ersten Mal tatsächlich aus wie eine Trauernde.

»Ist er das?«, wollte Dotty wissen und deutete auf das kleine, gerahmte Portrait auf dem Kaminsims.

Miss Seymour erhob sich, nahm das Bild in die Hand und reichte es Lady Beresford.

»Ja. Das Portrait hat er erst vor kurzem anfertigen lassen.«

»Ein sehr gutaussehender Mann«, stellte Dotty fest, nachdem sie es eine Weile betrachtet hatte, und gab das Bild zurück an ihre Gastgeberin.

»Ja, das war er.« Miss Seymour nickte und wieder zeigte sich kurz das schwer zu deutende Lächeln auf ihren Lippen. »Er war bei den Damen sehr beliebt. Womöglich war das nicht immer nur ein Segen«, sagte sie leise und stellte das Portrait zurück auf seinen Platz. »Meine Eltern hätten gern gesehen, dass er bald heiratet. Sie hatten die Hoffnung, dass eine Ehefrau sein tollkühnes Temperament zügeln würde. In letzter Zeit schien er dem Gedanken nicht mehr so abgeneigt zu sein. Er sprach öfter davon, dass es womöglich an der Zeit wäre, sein wildes Junggesellenleben hinter sich zu lassen.« Miss Seymour seufzte. »Wie es scheint, leider zu spät.«

Sie machte eine fahrige Handbewegung, als wolle sie die Gedanken fortwischen, und wandte sich rasch wieder ihrem Gast zu.

Es klirrte, als die Hausdame das Teetablett mit einer ungeschickten Bewegung auf dem Tisch abstellen wollte, dabei eine Tasse mitsamt Untertasse ins Rutschen geriet und auf der Tischkante zersprang.

»Herrje, Pike! So passen Sie doch auf!«, schalt Hester Seymour, die noch vergeblich versucht hatte, die Tasse aufzufangen. »Das schöne Porzellan!«

»Bitte verzeihen Sie, Miss«, presste die Angestellte hervor. »Es ist mir schrecklich peinlich. Ich bringe sofort eine neue Tasse und kehre die Scherben zusammen.«

Mit hastigen Bewegungen sammelte Mrs Pike die größeren Scherben auf das Tablett. Dorothy beobachtete sie dabei. Wie ihre Gastgeberin war die Hausdame vollständig in Schwarz gekleidet. Ihr Teint wirkte fahl und der Blick abwesend. Dotty hatte sogar den Eindruck, dass ihre Augen ein wenig gerötet aussahen. Anscheinend bereitete der Tod des Hausherrn der Angestellten mehr Kummer als Miss Seymour selbst.

»Darf ich Ihnen einstweilen eine Tasse Tee einschenken?« Miss Seymour griff nach der Kanne. Mrs Pike nahm das Tablett mit den Scherben und knickste.

»Ich bringe sofort eine zweite Tasse und fege die restlichen Scherben zusammen, Miss. Es tut mir unendlich leid.«

Damit verließ sie den Raum, jedoch, wie Dorothy bemerkte, nicht ohne im Vorbeigehen das Portrait Mr Seymours auf dem Kamin noch einmal geradezurücken.

»Bitte verzeihen Sie, Mylady. Wir sind alle noch ein wenig kopflos.«

»Ich bitte Sie, Miss Seymour, das ist doch vollkommen verständlich«, beruhigte Dotty sie. Sie runzelte die Stirn, dann zog sie ihr Taschentuch hervor und reichte es ihrer Gastgeberin. »Darf ich? Ich fürchte, Sie haben sich eben geschnitten, als Sie versuchten, die Tasse aufzufangen.«

Miss Seymour betrachtete ihren Finger, aus dem nun einige kleine Blutstropfen hervorquollen. Dann griff sie rasch nach dem Taschentuch und wickelte es um den Schnitt. Ihr Gesicht wechselte sekundenschnell die Farbe. Dotty fürchtete, sie würde ohnmächtig und kramte in ihrem Retikül.

»Einen Augenblick, Miss. Ich habe Riechsalz bei mir.«

Hester Seymour lächelte schwach.

»Nein, vielen Dank. Es geht schon wieder. Der Schnitt ist nicht besonders tief. Ich bin in dieser Hinsicht nur etwas empfindlich, fürchte ich.«

Wieder erschien Mrs Pike, brachte die zweite Tasse und stellte eine kleine Etagere mit verlockend aussehenden Mürbeteigtörtchen vom Teewagen auf den Tisch. Sie beeilte sich, die restlichen Scherben vom Boden aufzufegen, und huschte still wieder aus dem Raum.

»Bitte, greifen Sie doch zu. Am Sonntag dürfen wir uns ja etwas gönnen.« Miss Seymour deutete auf das Gebäck. »Zitronencremetörtchen nach Mrs Pikes speziellem Rezept. Die hat sie immer eigenhändig für meinen Bruder gebacken. Er mochte sie besonders gern und Pike hätte ihre Spezialität nie der Köchin anvertraut.«

Mit der Ecke von Lady Beresfords Taschentuch tupfte sie eine Träne aus dem Augenwinkel.

»Bitte verzeihen Sie meine Sentimentalität, Mylady. Ich befürchte, ich bin heute keine gute Gastgeberin.«

»Oh, ich bitte Sie, Miss Seymour. Selbstverständlich sind Sie aufgewühlt. Nur ein Unmensch hätte kein Verständnis für Ihre Lage.« Sie schenkte ihrem Gegenüber ein aufmunterndes Lächeln. »Wissen Sie, ich gebe ohnehin nicht viel auf Protokoll und Etikette. Womöglich eilt mir mein Ruf bereits voraus. Wenn ich in irgendeiner Weise helfen kann, oder Ihnen einfach nur Gesellschaft leisten, zögern Sie bitte nicht, es zu sagen.«

Miss Seymour hob den Blick und lächelte.

»Vielen Dank, Lady Beresford. Ich werde gerne darauf zurückkommen. Es wird einsam werden für mich ohne meinen Bruder. Weitere Geschwister habe ich nicht, mein Bruder hatte keine Familie und ich …« Sie unterbrach sich, lächelte unangenehm berührt und zuckte mit den Schultern. »Nun, ich bin auch unverheiratet.«

»Es würde mich sehr freuen, wenn Sie mich bei Gelegenheit besuchten. Wenn das Wetter etwas freundlicher ist, könnten wir vielleicht auch eine Ausfahrt im Park wagen.« Dorothy lächelte, griff nach einem Törtchen und biss hinein. Der Boden war herrlich knusprig und die sahnige Creme zerging auf der Zunge und hinterließ einen zarten Zitronengeschmack, der Sehnsucht nach Sonne und fernen Ländern weckte.

»Oh, die sind wirklich köstlich«, stellte sie fest, nachdem sie den Mund geleert hatte.

»Ich werde es Mrs Pike ausrichten«, gab Miss Seymour zurück. »Die Gute kann dringend etwas Aufmunterung gebrauchen.«

»Wussten Sie übrigens, dass ich seiner Lordschaft erst vor vier Jahren vorgestellt wurde? Mit dreißig hatte ich nicht mehr damit gerechnet, mich noch einmal zu verheiraten.«

Ein überraschter Ausdruck trat in Hester Seymours Gesicht. Sie schien über diese Möglichkeit noch nicht nachgedacht zu haben.

»Sie glauben, ich könnte auch noch einmal jemanden kennenlernen?«

»Wenn Sie es wünschen …« Dorothy senkte verschwörerisch die Stimme.

»Eine Frau mit eigenem Vermögen kann meiner Meinung nach allerdings auch ohne einen Ehemann ein sehr zufriedenes Leben führen. Allerdings beklagten Sie gerade die Einsamkeit.«

Hester Seymour lächelte kurz. Ihre Wangen hatten eine rosige Farbe angenommen.

»Sie haben recht, Lady Beresford. Die Aussicht, mein Leben nun in die eigenen Hände nehmen zu müssen, ist gleichermaßen verlockend wie beängstigend. Bisher hat mein Bruder alles Finanzielle erledigt, alle relevanten Entscheidungen getroffen. Nun bin ich in all diesen Dingen auf mich selbst gestellt.«

Obgleich ihr ihre Gastgeberin durchaus sympathisch war, konnte Lady Beresford den Eindruck nicht abschütteln, dass hier in Seymour House irgendetwas seltsam war. Auf jeden Fall beschloss sie, der Sache weiter nachzugehen.

Elf

Montag, 21. März 1814 – The George and Pelican Inn, Newbury

Rose war einigermaßen erleichtert, als sie endlich Newbury erreichten, wo sie ihre Reise unterbrechen würden. Als die Kutsche am frühen Abend das White Hart Inn in Bath verlassen hatte, war sie guter Dinge gewesen. London! Wie freute sie sich darauf, der Kontrolle ihrer Eltern für eine Weile entfliehen zu können. Seit dem Vorfall im vergangenen Jahr konnte Rose kaum einen Atemzug tun, ohne dass ihre Eltern oder ihr Bruder Horace darüber unterrichtet waren. Sie vermutete, dass auch das Dienstpersonal strengste Anweisungen hatte, Rose’ Familie über jeden ihrer Schritte in Kenntnis zu setzen.

Von ihrem Aufenthalt bei Lord und Lady Beresford erhoffte sich Rose ein wenig mehr Bewegungsfreiheit. Sie war der Marchioness in Bath einmal kurz begegnet, und die schien eine recht lebenslustige und patente Person zu sein, ein wenig jünger als Lady Ramsbury. Jedenfalls hatten weder Lady Beresford noch der Marquess einen besonders strengen Eindruck gemacht.

Abgesehen davon freute Rose sich darauf, ihren engen sozialen Kreisen zu entfliehen und nicht stets befürchten zu müssen, dass über sie getuschelt würde – ein frischer Start und eine neue, weiße Seite, die sie beschreiben konnte. Und womöglich die Chance, einen passenden Ehemann zu finden: charmant, gutaussehend, idealerweise vermögend – einen, der es ehrlich mit ihr meinte.

Ihr Enthusiasmus war jedoch recht schnell den Unbequemlichkeiten der Reise gewichen. Spätestens als der Fußwärmer ausgekühlt war und die Kälte unter ihre Decke und die vielen Lagen ihrer Kleidung gekrochen war, hatte sich ihre vergnügte Stimmung verflüchtigt. Das Mädchen Jenny, das sie nach London begleitete, schlief und schnarchte leise. Frostklamm und ordentlich durchgerüttelt kletterte Rose schließlich kurz vor Mitternacht aus der Kutsche, zog die Kapuze ihres Capes über den Kopf und huschte geduckt durch den eisigen Nieselregen der schützenden Wärme des Gasthauses entgegen.

Im Schankraum fanden sich trotz der vorgerückten Stunde noch einige Gäste. Rose pellte sich aus Cape und Mantel und legte Schal, Mütze, Muff und Handschuhe ab. Sie war froh, die klammen Sachen loszuwerden, die Jenny nun mitnahm, um sie zum Trocknen aufzuhängen. Die Wirtin brachte Rose in einen separaten Gastraum, wo sie ihr einen kräftigen Eintopf servierte. Sie aß mit großem Appetit und genoss das Gefühl der Wärme, das sich langsam in ihrem Körper ausbreitete und bald auch die Zehen erreichte. Je mehr sie die Wärme des behaglichen Gastraumes einhüllte, desto müder wurde sie. Morgen in aller Frühe würde sie ihre Reise nach London fortsetzen. Mit einer warmen Mahlzeit im Bauch und der Aussicht auf ein bequemes Bett und ein wenig Schlaf kehrte auch ihre positive Stimmung zurück. Auch wenn die Kälte es kaum erahnen ließ, es war Frühling. Und der verhieß einen Neubeginn und frische Hoffnung nach dunklen Tagen. Vielleicht würde sie sich verlieben. Sie dachte an die herrlichen neuen Ballkleider in ihrem Gepäck – so viel eleganter als das, was man in Bath trug. Papa und Mama hatten sich die Ausstattung ihrer einzigen Tochter einiges kosten lassen, denn auch sie erhofften sich viel von dieser Reise.

Die Vorstellung, derart herausgeputzt einem der berühmten Bälle im Almack’s Club beizuwohnen, zu dem nur die vornehmsten und angesehensten Kreise Zutritt bekamen, zauberte ein Lächeln auf Rose’ Gesicht. Vor ihrem geistigen Auge sah sie Damen in eleganten Roben und teurem Schmuck, der im Lichte hunderter Kerzen glitzerte. Und natürlich unglaublich vornehme Herren mit tadellosen Manieren, gestärkten Kragen und aufwändig gebundenen Krawatten – wie Beau Brummell. Sie malte sich aus, wie sie an Lady Beresfords Seite in den Ballsaal schritt und die Herren sich verstohlen nach ihr umsahen. Ach, es musste herrlich werden! Dafür würde sie sich auch gerne noch weitere sieben Stunden auf der Straße durchschütteln lassen. Wenn doch am Ende ihr Glück stand, war das alle Strapazen der Reise wert.

Mit jeder Meile, die sie zwischen sich und ihr Elternhaus in Combe Monkton brachte, fühlte sich Rose befreiter und hoffnungsvoller. Endlich würde sie die Ereignisse des letzten Jahres abschütteln und ihrer Zukunft entgegeneilen können. Endlich eine Frau sein und frei, unabhängig von ihrer Familie, Herrin im eigenen Haushalt.

Gegen Mittag erreichten sie Maidenhead, wo die Kutsche einen längeren Aufenthalt hatte und Rose Gelegenheit fand, im Greyhound Inn einen leichten Lunch einzunehmen. Als sie ausstieg, wanderte ihr Blick zum Himmel. Die Wolkendecke begann hier und da aufzubrechen und einige verheißungsvolle Strahlen der Frühlingssonne bahnten sich ihren Weg. Für einen Augenblick legte sie den Kopf in den Nacken und genoss die Wärme und die angenehme Brise. Womöglich war der Bann gebrochen und die Geister des Winters, die das Land in diesem Jahr besonders hart in ihrem Klammergriff gehabt hatten, würden nun endlich verschwinden. Ihre Reise konnte unter keinem besseren Vorzeichen stehen. Frohen Mutes legte Rose das schwere wollene Cape ab und ließ Jenny es bei ihrem Gepäck verstauen, da ihr Mantel für den Rest der Reise ausreichend Wärme spenden würde.

Nicht lange nach ihrem Aufenthalt überquerten sie die Themse etwa auf der Höhe, wo das berühmte Eton College lag und durchquerten Salthill und Slough. Jetzt waren es noch etwa zwanzig Meilen bis nach London, und Rose’ Anspannung stieg mit jedem Hufschlag, der sie dem neuen Abenteuer entgegentrug.

Der Rest der Reise verging wie im Fluge. Die Temperaturen waren deutlich angenehmer, und je näher sie an London herankamen, desto langsamer kamen sie vorwärts und desto mehr gab es zu sehen. Rose spähte fasziniert durch die schmutzigen Scheiben der Reisekutsche. So viele Karren, Kutschen, Menschen zu Fuß und zu Pferd hatte Rose noch nie auf einem Fleck gesehen. So viel Leben und Betrieb und so viele Geschäfte und imposante Gebäude, die sich dem nunmehr frühlingsblauen Himmel entgegenreckten.

Ein entzückter Seufzer entfuhr Rose, als sie die mächtige Kuppel und die zwei Türme der berühmten St. Pauls Kathedrale entdeckte. Obwohl die zweite Hälfte der Strecke sogar etwas länger gewesen war, kam es Rose vor, als sei wesentlich weniger Zeit vergangen, bis die Kutsche schließlich vor dem Swan With Two Necks eintraf.

Mit unsicheren Beinen stieg sie aus, reckte und streckte sich und schüttelte die müden Glieder.

London war noch lauter, noch schmutziger und belebter, als sie es sich vorgestellt hatte. Und die Menschen, die auf der Straße unterwegs waren, schienen es allesamt eiliger zu haben als daheim in Bath. Sie drängte sich durch das Gewirr von Kutschen, Reisenden, Hunden, Gepäckstücken und strebte dem verabredeten Treffpunkt zu. Dort wartete ein großer, kräftiger Mann mit ernstem Gesicht, der einen braunen Kutschermantel trug.

»Miss Lymington?« Abwartend sah der Mann Rose an. Rose bestätigte.

»Mein Name ist Harry, Miss. Ihre Ladyschaft hat mich geschickt, um Sie und ihr Mädchen von der Kutsche abzuholen. Sie können noch eine Tasse Tee oder einen kleinen Imbiss nehmen, während ich mich um Ihr Gepäck kümmere.«

Als schließlich alle Koffer, Kisten und Schachteln verstaut waren, ließ sich Rose von Jenny in die wartende Chaise helfen, bevor diese bei Harry auf dem Bock Platz nahm.

Sie rumpelten in westliche Richtung davon, und Rose sog neugierig alle Eindrücke der Stadt auf. Es ging vorbei an der mächtigen Kathedrale, über belebte Straßen und Plätze, gesäumt von Geschäften und mehrstöckigen Wohnhäusern. Rose staunte, als sich die Straße zu einem riesigen Platz hin öffnete, in dessen Mitte sich ein von einem gusseisernen Zaun eingefasster Park befand. Wie hübsch! Rose spürte ihr Herz schneller schlagen. Die Häuser, die diesen Platz säumten, sahen allesamt prächtig aus, und sie konnte ihr Glück kaum fassen, als die Kutsche vor einem der Häuser an der Nordseite hielt. Das würde also für die kommenden Monate ihr neues Zuhause sein!

Zwölf

Montag, 21. März 1814 – Harley Street, London

Martha Reynolds war ein wenig unbehaglich zumute, denn sie war nicht gerade eine geübte oder besonders geschickte Lügnerin. Doch hier ging es um Martin und streng genommen war es ja nur eine klitzekleine Lüge. Nicht einmal eine echte Lüge, nur eine winzige Unwahrheit oder Verdrehung der Tatsachen, die sie Mrs Pike vorzutragen hatte. Wenn es darum ging, einen Unschuldigen vor dem Galgen zu retten, so würde der liebe Herrgott eine solche Sünde sicherlich verzeihen, sagte sie sich, als sie am Dienstboteneingang in der Harley Street klopfte und sich als Miss Eddowes vorstellte – dem Mädchennamen ihrer Mutter.

Lady Beresford hatte vermutet, ihr echter Name würde Verdacht erregen, wenn der des Mordes Verdächtigte denselben trug.

»Ist Mrs Pike zu sprechen?«, kam sie auch gleich zum Anlass ihres Besuches. »Lady Beresford schickt mich. Ich soll mich nach einem Rezept erkundigen.«

Das Mädchen, das sie eingelassen hatte, lachte.

»Lassen Sie mich raten. Miss Pikes berühmte Zitronencremetörtchen. Sie sind nicht die Erste, die sich nach dem Rezept erkundigt. Kommen Sie.«

Mrs Pike wirkte wie jemand, der nicht genug Schlaf und Nahrhaftes bekam. Ihre Wangen waren eingefallen, der Teint stumpf und unter den Augen zeichneten sich deutliche Schatten ab. Als Reynolds – nun Eddowes – ihre Bitte vortrug, erhellte der Hauch eines Lächelns die Züge der Hausdame.

»Selbstverständlich kann ich Ihnen das Rezept geben. Es freut mich, dass die Törtchen Ihrer Ladyschaft so gut geschmeckt haben. Aber versprechen Sie mir, das Rezept nicht einfach weiterzugeben.«

»Natürlich, Mrs Pike. Wir werden es hüten.« Miss Reynolds lächelte und folgte der Hausdame in die Küche.

Mrs Pike blätterte kurz in einem hölzernen Kästchen, das offenbar die Rezepte enthielt, und zog eines hervor.

»Da haben wir es doch bereits. Kommen Sie, Miss Eddowes. Gehen wir rasch in mein Arbeitszimmer, dann kann ich es Ihnen abschreiben.«

»Sehr gern.« Martha Reynolds folgte Mrs Pike in ihr Refugium. Der viereckige Raum war nicht besonders groß, aber behaglich. Es gab gerade genug Platz für einen kleinen Sekretär, an dem Mrs Pike vermutlich die Haushaltsplanung und Buchführung erledigte, ein rundes Tischchen mit zwei Stühlen und einen gewaltigen Vorratsschrank aus dunklem Holz.

»Sie haben Glück, ich habe gerade ein wenig Zeit und mir Tee aufgebrüht. Möchten Sie auch eine Tasse?«

»Das wäre sehr freundlich. Vielen Dank.«

Mrs Pike stellte zwei Tassen auf den runden Tisch und goss aus einer großen silbernen Kanne, die zum Wärmen am Kamin stand, Tee in die eine.

»Der zweite Aufguss ist eigentlich viel besser. Ein Geheimnis, das wir denen oben nicht verraten, nicht wahr?« Mrs Pike zwinkerte Reynolds zu. Dann setzte sie sich an ihren Sekretär. »Ich schreibe derweil das Rezept ab.«

»Vielen Dank, Madam.«

Der kleine Scherz ließ ahnen, dass Hester Seymours Hausdame wohl nicht immer so ernst war, wie der erste Eindruck vermuten ließ. Nachdem Mrs Pike das Rezept abgeschrieben hatte, streute sie das Papier sorgfältig mit Sand ab und legte es zum Trocknen hin. Dann goss sie sich selbst eine Tasse Tee ein und setzte sich zu Reynolds an den Tisch.

»Sie müssen achtgeben, dass Sie die Creme gut abkühlen lassen, bevor sie den Zitronensaft unterschlagen, und wenn Sie die Zitronenschale abreiben, ist es wichtig, dass Sie wirklich nur das Gelbe hineingeben. Das Weiße würde die Creme bitter machen.« Mrs Pike blies in ihre Tasse und seufzte. »Mr Seymour hat die Törtchen so gern gegessen.«

»Eine fürchterliche Sache. Sie sind sicherlich noch alle sehr aufgewühlt«, entgegnete Reynolds. »Einem Mörder so nahe zu kommen. Ich hätte schreckliche Angst.«

Sie hoffte, unauffällig das Gespräch auf die Ereignisse der Mordnacht bringen zu können.

»Glauben Sie mir, ich schlafe auch nur deswegen einigermaßen beruhigt, weil sie den Hund gefasst haben, der Mr Seymour ermordet hat«, gab Mrs Pike zurück.

»Ich hörte, der Droschkenfahrer sei es gewesen.« Reynolds spürte einen Stich, als sie es aussprach, doch sie war bemüht, sich ihre innere Anspannung nicht anmerken zu lassen. »Aber warum? Warum tut jemand so etwas?«

Mrs Pike zog kurz die Schultern hoch.

»Das weiß niemand so genau. Manche vermuten, er sei von jemandem bezahlt worden. Allerdings kann ich mir nicht vorstellen, wer einem Mann wie Mr Seymour etwas hätte antun wollen. Er war so ein wundervoller Mann – der beste Arbeitgeber, den Sie sich nur wünschen können.«

Wieder seufzte die Hausdame und wischte sich mit einer schnellen Geste über die Augen. »Mr Seymour hätte nie jemandem auch nur ein Haar gekrümmt. Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, wer ihn so gehasst haben sollte.«

»Nein. Man mag es sich nicht vorstellen. Wer hat ihn denn gefunden? Das muss doch ein fürchterlicher Schrecken gewesen sein.«

»Der arme Anthony hat ihn in der Kutsche gefunden – tot, und alles voller Blut. Er ist seither nicht mehr der Alte. Er war immer ein lebendiger und unterhaltsamer Bursche. Seit jenem Abend hat er sich vollkommen zurückgezogen. Er spricht kaum mit uns und wirkt abwesend. Eine Tragödie!« Mrs Pike holte tief Luft. »Nun, aber es geht uns allen sehr nah.«

»Mr Seymour war wohl bei der Dienerschaft sehr beliebt?«, hakte Miss Reynolds nach.

»Allerdings. Er war sehr großzügig und hat nie jemanden ungebührlich zurechtgewiesen oder ungerecht behandelt.« Reynolds glaubte, in den Augen der Hausdame einen besonderen Glanz zu bemerken, immer wenn sie über den Ermordeten sprach. Sie musste ihn sehr gemocht haben. Das Charakterbild, das sie von Felton Seymour zeichnete, stand jedenfalls in starkem Kontrast zu dem, was Hester Seymour über ihn gesagt hatte.

»Wie schrecklich! Sie müssen doch zu Tode erschrocken sein. Haben Sie ihn gesehen? Den Mörder, meine ich.«

»O nein. Ich war bereits zu Bett gegangen. Es war schon beinahe Mitternacht, als der Tumult im Haus losbrach. Ich bin aufgestanden, um zu sehen, was da im Gange war. Eines der Mädchen kam auf mich zugestürzt. Was sie sagte, war verworren, und es war schwer, ihr zu folgen. Das arme Ding war fürchterlich aufgeregt. Er ist tot. Mr Seymour ist tot, wiederholte sie immerfort. Anthony sei schreiend ins Haus gekommen und Mr Davis, der Kammerdiener, hat alle im Haus geweckt. Und dann sagte sie, man habe einen Mann im Kohlenlager eingesperrt. Im ersten Augenblick ergab es alles für mich wenig Sinn. Ich bin dann hinausgelaufen und sah nur noch …« Sie stockte. »Ich sah nur noch, wie man Mr Seymour aus der Kutsche trug und ins Haus brachte.«

»Himmel, das muss furchtbar für Sie alle gewesen sein! Aber woher weiß man, dass der Mann, den sie gefasst haben, der Mörder ist? Womöglich läuft der noch frei herum!« Es fiel Miss Reynolds schwer, nicht aus der Rolle zu fallen. Schließlich ging es um ihren Bruder.

»Wer sollte es sonst getan haben?« Mrs Pike schüttelte den Kopf. »Sonst hatte niemand Gelegenheit, und der Kutscher war der Letzte, der ihn lebend sah. Als Anthony den Schlag der Kutsche öffnete, dachte er zunächst, Mr Seymour schliefe. Und dann … « Sie unterbrach sich und presste die Lippen aufeinander.

»Furchtbar. Ich frage mich nur, warum der Kutscher ihn überhaupt hergefahren hat, wenn er ihn ermordet hat. Wäre es dann nicht leichter gewesen, den Leichnam unterwegs irgendwo verschwinden zu lassen?«, überlegte Miss Reynolds.

»Darüber habe ich auch schon nachgedacht«, gab Mrs Pike zu. »Womöglich hoffte er, so unverdächtig zu erscheinen? Oder er hat den Kopf verloren. Vielleicht hat er die Tat sofort bereut. Er ließ sich jedenfalls widerstandslos fassen und versuchte nicht zu fliehen. Und dann hat man ja auch das Messer unter dem Kutschbock gefunden. Wer sonst hätte es dort verstecken können? Darauf hat er ja gesessen.«

»Hätte es nicht später jemand hineinlegen können?«, wollte Reynolds wissen.

»Möglich, aber eher unwahrscheinlich. Nachdem Anthony hier alle geweckt hat und Nachtwache und Konstabler alarmiert waren, da hätte schon jemand sehr kaltblütig sein müssen, sich mit einem Messer an die Kutsche heranzuschleichen und es dort zu verstecken. Es waren ja überall Leute.« Mrs Pike nahm einen Schluck Tee. »Nein, auch wenn er seine Unschuld beteuert hat, ich glaube, man hat den Richtigen festgenommen.«

»Hoffen wir es«, murmelte Reynolds ohne Überzeugung, in Gedanken bereits bei ihrem Bruder. Wie sollten sie nur seine Unschuld beweisen, wenn alle überzeugt waren, dass nur er es getan haben konnte?

»Nun, ich möchte Sie nicht länger aufhalten, Mrs Pike«, sagte sie und machte Anstalten, sich zu erheben.

Die Hauswirtschafterin nahm den Bogen mit dem Rezept vom Schreibtisch und reichte ihn Miss Reynolds.

»Bitte sehr. Vielleicht lassen Sie mich ja einmal wissen, wie die Törtchen gelungen sind.«

»Haben Sie vielen Dank für alles, Mrs Pike.« Reynolds nahm das Rezept entgegen und verabschiedete sich von der Hausdame.

Wer sollte es sonst getan haben? Diese Frage beschäftigte sie, als sie den Rückweg zum Haus am Grosvenor Square antrat. Mr Seymour hatte die Kutsche lebendig betreten. Martin schwor, nirgends angehalten zu haben. Und bei der Ankunft hatte der Diener, dieser Anthony, ihn tot in der Kutsche aufgefunden. Wer also? Wer hätte Gelegenheit gehabt, Mr Seymour zu töten?

Dreizehn

Montag, 21. März 1814 – Lord Beresfords Bibliothek, Grosvenor Square, London

»Ah, exzellent! Reynolds. Wie ist es Ihnen ergangen?«

Lady Beresford zog den zweiten Sessel heran und bedeutete Reynolds, sich zu setzen.

»Ich habe nicht viel Neues erfahren«, entgegnete diese. »Aber Sie haben recht, Mrs Pike hat Mr Seymour verehrt. Vielleicht mehr als das. Es scheint fast, als liebte sie ihn.«

»Interessant«, kommentierte Lady Beresford. »Ich habe derweil auch etwas nachgeforscht. Dieser Zweig, den Ihr Bruder bei dem Toten gefunden hat, beschäftigt mich. Laut Sir William war es ein Myrtenzweig, was durchaus auf die Beschreibung Ihres Bruders passt. Wissen Sie, Blumen können wie eine Art Sprache verwendet werden, um eine bestimmte Botschaft zu übermitteln. Eine solche Blumensprache wurde zum Beispiel von türkischen Haremsdamen für heimliche Nachrichten eingesetzt. Daheim in Kent hätte ich eine umfangreichere Bibliothek zur Verfügung, doch ich bin auch hier fündig geworden.«

Lady Beresford deutete auf ein in Leder gebundenes Buch, das aufgeschlagen vor ihr lag. »Lady Wortley Montagu, Gattin des britischen Botschafters in der Türkei, schrieb in ihren Briefen vor fast hundert Jahren: Zu jeder Farbe, jeder Blume, jedem Unkraut, jeder Frucht, jedem Gewürzkraut, jedem Stein und jeder Feder gehört ein Vers und man vermag zu streiten, zu tadeln oder Briefe der Leidenschaft, Freundschaft oder Verbundenheit zu senden, sogar Neuigkeiten mitzuteilen – ohne sich je die Finger mit Tinte zu beschmutzen.«

Reynolds runzelte die Stirn und versuchte noch, Lady Beresford zu folgen, als diese bereits fortfuhr.

»Eine Myrte – die wächst nicht einfach am Wegesrand, schon gar nicht bei dieser Kälte. Sir Walter Raleigh brachte sie vor über zweihundert Jahren aus Spanien nach England. Sie braucht Wärme und gute Pflege. So ein Zweig muss um diese Jahreszeit aus einem Gewächshaus oder Wintergarten stammen.«

»Sie meinen, der Mörder muss ihn mitgebracht haben? Also hat er es zuvor geplant und ihn ganz bewusst dort abgelegt«, schloss Reynolds folgerichtig.

»Genau. Das würde nahelegen, dass er damit etwas Bestimmtes sagen wollte. Dann wäre der Myrtenzweig eine Botschaft oder ein Symbol und würde Aufschluss darüber geben, was den Mörder zu der Tat veranlasste.«

»Sie wollen damit sagen, jemand könnte es gemacht haben, wie diese türkischen Damen?«, fragte Reynolds ungläubig.

Dorothy Beresford blieb die Antwort schuldig. Stattdessen schlug sie einen weiteren dicken Folianten auf.

»Hier steht, die Myrte wird mit der griechischen Göttin Aphrodite in Verbindung gebracht, beziehungsweise der römischen Göttin Venus – beides Göttinnen der Liebe und Schönheit. Aphrodite, aus dem Meerschaum geboren, verbarg ihre Blöße hinter einem Myrtenstrauch. Und hier – die Göttin Venus und die Grazien werden oft mit einem Myrtenkranz auf dem Kopf abgebildet.«

»Aber was hat das zu bedeuten?« Reynolds schaute verwirrt drein. »Was könnte der Mörder damit gemeint haben, dass er den Zweig dort zurückließ?«

Lady Beresford beugte sich wieder über das Buch.

»Weiter heißt es hier, dass es über die Entstehung der Myrte einen Mythos gibt. Myrsine, eine wunderschöne Nymphe mit übermenschlichen Kräften, wurde von der Göttin Minerva aus Eifersucht getötet. Minerva, die Myrsine eigentlich liebte, bereute danach ihre Tat. Als aus dem toten Körper der Nymphe eine Myrte wuchs, übertrug Minerva deswegen ihre göttliche Liebe auf die Pflanze. Seither gilt sie das Schutzzeichen der Liebenden – und in vielen Kulturen als Brautsymbol«, zitierte Dotty aus dem Buch.

»Dann glauben Sie, es waren Liebe oder Eifersucht im Spiel?« Reynolds sah erstaunt aus. »Könnte vielleicht Mrs Pike …?«

»Möglich. Hester Seymour sprach davon, ihr Bruder habe in der letzten Zeit verstärkt übers Heiraten nachgedacht. Verschmähte Liebe kann eine mächtige Triebfeder sein. Der Myrtenzweig als Symbol der Liebe und Ehe und Zeichen der Göttin Venus ließe es jedenfalls vermuten. Er könnte ein Hinweis auf eine Frau als Täter sein. Hester Seymour habe ich für mich allerdings bereits ausgeschlossen. Eine Frau, die der Ohnmacht nahe ist, wenn sie nur einen Tropfen Blut sieht, wird kaum jemanden erstechen. Sie würde möglicherweise zu Gift greifen. Bliebe also in der Tat Mrs Pike.«

Reynolds schlug die Hand vor den Mund.

»Mylady! Sie glauben, eine Frau wäre imstande, so etwas zu tun?«

»Frauen haben im Laufe der Geschichte weit Schrecklicheres getan. Wir sind nicht die zimperlichen, empfindsamen Wesen, als die wir gern gezeichnet werden. Das wissen Sie so gut wie ich, Reynolds.«

»Aber Mylady!« Die Kammerdienerin blickte verschämt zur Seite und sah aus, als müsse sie sich ein Lächeln verkneifen. »Trotz allem erscheint mir auch der Diener, dieser Anthony, verdächtig. Mrs Pike sagte, er habe sich seit jenem Abend sehr verändert und von allem zurückgezogen. Vielleicht hat er Mr Seymour ermordet und bereut es jetzt.«

»Hm«, machte Lady Beresford. »Wenn Mr Seymour noch lebte, als er die Kutsche bestieg, Ihr Bruder unterwegs nicht angehalten hat und der Diener der erste war, der den Schlag der Kutsche öffnete, liegt die Annahme nahe, er könnte Mr Seymour getötet haben. Doch Sir William und auch die anwesenden Zeugen halten das für unwahrscheinlich. Wenn Mr Russ seinen Herrn mit einem Messer angegriffen hätte, warum hat der nicht geschrien oder sich gewehrt? Sowohl Ihr Bruder als auch der Diener, der sich zu der Zeit angeblich in der Nähe des Kohlenlagers aufhielt, hätten etwas hören müssen.«

»Vielleicht hat Mr Seymour geschlafen und deswegen nicht geschrien. Ist doch möglich«, mutmaßte Reynolds.

»Nein, selbst wenn Mr Seymour auf der Fahrt eingeschlafen wäre, ein Angriff mit einer Stichwaffe hätte ihn geweckt, und es hätte hörbare Gegenwehr oder zumindest einen Schrei gegeben«, widersprach Dorothy. »Außerdem, wie erklärt sich der Fund des Messers unter dem Kutschbock? Nein. Irgendetwas stimmt da nicht. Da ist etwas, das wir übersehen. Da bin ich mir sicher.«

»O Lady Beresford! Glauben Sie, wir finden den wahren Mörder? Uns läuft die Zeit davon. Ich habe solche Angst, dass man Martin verurteilen wird.«

»Ich bin sicher, wir finden das fehlende Stück des Mosaiks, Reynolds. Wenn wir nur methodisch und überlegt vorgehen. Uns stellen sich in erster Linie zwei Fragen.«

»Welche Fragen sind das, Mylady?«, wollte Reynolds wissen.

»Nun, die erste Frage, der wir nachgehen müssen, ist: Wer hatte einen Grund, Mr Seymour zu töten? Die zweite ist: Wie gelang es dem Mörder, es zu tun und zu entkommen und auch noch das Messer zu verstecken, um den Verdacht auf ihren Bruder zu lenken? War Mr Russ involviert oder stieg doch jemand unbemerkt zu Mr Seymour in die Kutsche? Und wenn ja, wie kam er unbemerkt wieder hinaus?«

Vierzehn

Dienstag, 22. März 1814 – Grosvenor Square, London

Rose stellte fest, dass sie es hervorragend getroffen hatte. Das Gästezimmer war hübsch und komfortabel eingerichtet. Oh wie freute sie sich darauf, London zu entdecken, die Auslagen der vielen Geschäfte aus der Nähe zu betrachten, Plätze, Kathedralen, den Tower, Theater, die Parks und den St. James’s Palast, in dem der Prinzregent residierte, zu sehen. Außerdem brannte sie darauf, bald in die Londoner Gesellschaft eingeführt zu werden, Abendgesellschaften, Bälle und Partys zu besuchen, sich zu amüsieren.

Sie wählte ein Kleid aus, um einen guten ersten Eindruck bei Lord und Lady Beresford zu machen. Das safrangelbe aus Glanztaft mit der Van-Dyke-Spitze am Kragen sollte es sein. Jenny half ihr, die Haare zu flechten und aufzustecken. Dann wusch Rose Gesicht, Hals und Hände und ordnete die Locken, die keck in ihre Stirn fielen. Kritisch betrachtete sie ihr Bild in dem Spiegel über der Frisierkommode. Diese fürchterlichen roten Haare! Rose fand, sie sahen ordinär aus. Wie sehr hätte sie sich dunkles Haar gewünscht. Nachtschwarz! Es hätte wundervoll zu ihrem hellen Teint gepasst und womöglich von den Sommersprossen abgelenkt, denen sie regelmäßig mit zerriebener Vogelmiere und Gowland’s Lotion zu Leibe rückte. Wenngleich sie nicht vollständig zufrieden mit ihrem Äußeren war, fand sie, dass sie sich nicht verstecken musste. Mit ihrer schlanken Figur, den rosigen Lippen und den großen wasserblauen Augen hatte sie durchaus Vorzüge, die sie bei der Suche nach einem Ehemann geschickt einzusetzen wüsste.

Zunächst einmal galt es jedoch, vor dem Dinner ihre Gastgeber zu begrüßen. Sie kniff sich noch ein paar Mal in die Wangen, glättete mit dem angefeuchteten Finger die Augenbrauen und zupfte den Ausschnitt ihres Kleides zurecht, als bereits Sophie, Lady Beresfords Hausmädchen, klopfte, um sie nach unten zu begleiten und Jenny mitzunehmen.

Vor der Tür zum Salon blieben sie stehen. Sophie klopfte und kündigte Rose an.

»Mylord, Mylady. Miss Lymington ist hier.«

»Oh wie wundervoll, Sophie. Bitte, kommen Sie doch herein, Miss Lymington«, hörte sie eine fröhlich klingende weibliche Stimme.

Rose straffte die Schultern und trat in den Salon. Die elegante Einrichtung mit den dunklen, rot gepolsterten Möbeln, den schweren Teppichen, Brokatvorhängen und dem glitzernden Kristallleuchter ließ darauf schließen, dass es ihren Gastgebern nicht an finanziellen Mitteln mangelte.

Lady Beresford hatte ein offenes, freundliches Gesicht. Ihr honigblondes Haar war aufwändig frisiert, und das weinrote Tageskleid mit den aparten Applikationen, ebenso wie Ohrringe und Kette sahen modisch und teuer aus. Insgesamt jedoch wirkten Einrichtung und Kleidung nicht protzig – eher stilvoll und sorgfältig ausgewählt.

Der Marquess schien deutlich älter zu sein als seine Gattin. Er mochte in etwa fünfzig sein. Sein dunkles Haar war an den Schläfen deutlich von grauen Strähnen durchzogen und seine gestreifte Weste spannte sich über dem Bauch ein wenig. Er machte den Anschein eines gesetzten, zufriedenen Mannes, der dem Komfort mittlerweile stärker zugeneigt war als dem Abenteuer. Kein ausgesprochen schöner Mann, aber dennoch eine stattliche und bemerkenswerte Erscheinung. Artig knickste Rose.

»Lord Beresford, Lady Beresford. Ich freue mich außerordentlich, bei Ihnen zu Gast sein zu dürfen und …«

Sie unterbrach sich, als Lady Beresford laut zu lachen begann. Die Marchioness trat auf sie zu, ergriff ihre Hände und drückte sie kurz und herzlich.

»Aber meine Liebe! Doch nicht so förmlich. Seien Sie herzlich willkommen. Lord Beresford und ich freuen uns, dass Sie etwas Leben in den Alltag bringen. O Archibald, sieh sie dir an! Ich erkenne dein Patenkind kaum wieder. Eine richtige Dame!«

Der Marquess schien zu bemerken, dass die temperamentvolle und direkte Art seiner Gattin Rose ein wenig unangenehm berührte und kommentierte diese Feststellung nicht weiter. Er lächelte still und zwinkerte Rose aufmunternd zu.

»Hatten Sie eine angenehme Reise, Miss Lymington? Und haben Sie in Ihrem Zimmer alles zu Ihrer Zufriedenheit vorgefunden?«

»O ja, Mylord. Ich könnte nicht zufriedener sein.« Rose fasste unwillkürlich Zuneigung zu ihren Gastgebern. Sie erschienen ihr warm und herzlich – und überraschend unverstellt.

»Sie werden sehen, Rose – ich darf doch Rose sagen?« Lady Beresford schlug die Fingerspitzen vor die Lippen, als bereue sie den kleinen Fauxpas. Doch Rose gewann den Eindruck, es gehörte zu einer Taktik, das Gegenüber mit ihrem Charme zu entwaffnen. Wie hätte sie nun ablehnen sollen? Außerdem gefiel Rose die vertrautere Anrede. Sie ließ auf einen zwanglosen und herzlichen Umgang hoffen.

»Selbstverständlich dürfen Sie das, Mylady.«

Lady Beresford senkte die Stimme und legte die Hand an den Mund, so als ob sie ein Geheimnis verraten wolle.

»Dann werden Sie mich auch Dotty nennen. Zumindest, wenn wir unter uns sind. In Gesellschaft werden wir natürlich unser bestes Benehmen hervorkehren, insbesondere in Gegenwart der hoch noblen Patronessen, nicht wahr?« Sie wandte sich ihrem Gatten zu. »Du brauchst gar nicht so zu schauen, Archibald. Ich werde dir gewiss keine Schande machen.«

Lord Beresford lachte und schüttelte den Kopf. »Daran habe ich nicht den geringsten Zweifel, mein Täubchen. Kommen Sie, Miss Lymington. Wir wollen Platz nehmen. Dann können Sie uns von Ihrer Reise berichten.«

»Sehr gern«, sagte Rose und folgte der Einladung. Bei der Erwähnung der Patronessen hatte ihr Herz einen kleinen Satz gemacht. Sie konnte nicht umhin, sich noch einmal zu vergewissern.

»Dann ist es wahr, Lady Ber…« Sie unterbrach sich, als die Marchioness den Kopf schüttelte. »Dotty. Sie kennen Lady Castlereagh, Lady Cowper und die Countess of Jersey? Besitzen Sie ein Abonnement?«

»Ja. Und ich werde gerne eine Gästekarte für Sie kaufen.«

»Glauben Sie, die Patronessen werden mir Zutritt gewähren?«, fragte Rose zweifelnd.

Lady Beresford lächelte. »Sie werden sehen, einem reizenden Geschöpf wie Ihnen stehen alle Türen offen und Sie werden überhaupt keine Schwierigkeiten haben, das Interesse der Londoner Gentlemen zu wecken.«

Fünfzehn

Mittwoch, 23. März 1814 – Grosvenor Square, London

Dorothy trug es mit der Beherrschtheit einer Lady, ihre Füße schmerzten, und sie freute sich auf den Komfort ihres Heims. Vielleicht würde sie sich später ein Fußbad mit Epsom-Salz machen lassen, um die Beschwerden zu lindern. Doch Rose war kaum zu bremsen gewesen, hatte sich an den Auslagen in den Geschäften nicht sattsehen können, und Dorothy hatte es nicht übers Herz gebracht, dem Mädchen seine Freude zu verderben.

Im Übrigen hatte auch sie die milden Temperaturen genossen, die es möglich machten, sich im Freien aufzuhalten, ohne sich dabei wie eine Zwiebel Schicht um Schicht einzuhüllen.

»Ich glaube, ich brauche nicht zu fragen, ob es Ihnen gefallen hat, Rose.« Dotty lachte, als sie ihre Garderobe ablegten.

»Oh, es war wundervoll!«, schwärmte das Mädchen. »Es ist doch überall spürbar, dass hier das Herz unserer Nation schlägt, der Sitz unserer Könige und Königinnen ist. Alles erscheint mir größer und prächtiger als daheim.«

Über die sentimentale Begeisterung ihres jungen Schützlings musste sich Dorothy ein Schmunzeln verkneifen. Ein junges Herz war leicht zu beeindrucken, und für einen Teil Londons traf dies sicherlich zu. Doch dabei vergaß man nur allzu schnell den Lärm, den Schmutz und die düstere Seite der Stadt. Doch Dotty wollte nicht dozieren und der jungen Dame den schönen Tag verderben. Sie wies Wilkins an, Tee zu bringen und schritt voran in den Salon.

In der Tür blieb sie abrupt stehen, so dass Rose, die ihr gefolgt war, gegen sie prallte.

Details

Seiten
0
Erscheinungsform
Erstausgabe
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783960873785
ISBN (Buch)
9783960873792
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v431801
Schlagworte
historisch-er-krimi-nal-roman Mord Verbrechen Amateur-detektiv-in Privat-Ermittl-ung-er-in London Regency-roman

Autor

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    Dorothea Stiller (Autor)

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Titel: Der Myrtenzweig (Regency Roman, Historisch, Cosy Crime)