Lade Inhalt...

Mordsmäßig angefressen (Frauenkrimi, Chick Lit, Frauenroman)

Louisa Manus vierter Fall

von Saskia Louis (Autor)

2018 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

Louisa Manu ist verliebt, ihr Leben ungewohnt leichenfrei – und es wundert sie überhaupt nicht, dass das nicht lange so bleibt.
Als ihre Schwester behauptet, dass im Kölner Zoo vor ihren Augen eine Leiche entsorgt wurde, ist das fast wie ein Wink des Schicksals für Lou. Am nächsten Tag wird auch gleich der passend zerfressene Körper ans Rheinufer geschwemmt. Grund genug für die Möchtegerndetektivin, sich die merkwürdigen Geschehnisse hinter den Käfigstäben genauer anzusehen.
Die Tätersuche würde sich allerdings sehr viel einfacher gestalten, wenn Kommissar Rispo nicht jeden ihrer Rehercheversuche sabotieren würde. Und manche Dinge kann man selbst mit einem Kuss nicht wiedergutmachen …

Jeder Band der Reihe ist in sich abgeschlossen und kann unabhängig voneinander gelesen werden.

Impressum

dp Verlag

Erstausgabe Juli 2018

Copyright © 2020 dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

E-Book-ISBN: 978-3-96087-420-1
Taschenbuch-ISBN: 978-3-96087-421-8
Hörbuch-ISBN: 978-3-96087-986-2

Covergestaltung: ARTC.ore
shutterstock.com: © Bongkot Kiyapat
Lektorat: Janina Klinck

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

Unser gesamtes Verlagsprogramm findest du hier

Website

Folge uns, um immer als Erster informiert zu sein

Newsletter

Facebook

Instagram

Twitter

Youtube

dp Verlag

 

 

 

Für Oma Kuckuck, weil sie eine liebenswerte, inspirierende und vor allem verrückte Nudel ist.

Kapitel 1

Ich hatte immer damit gerechnet, dass ich aufgrund eines dummen Unfalls sterben würde. Dass ich auf einer Bananenschale ausrutschen und in einen Gully fallen würde. Dass ich bei dem Versuch, mein versenktes Handy aus der Toilette zu fischen, nach vorne kippen, mit dem Kopf feststecken und auf tragische, aber urkomische Art und Weise in der Kloschüssel ertrinken würde. Dass ich von einem Fohlen umgerannt und mit dem Kopf unglücklich in einem zu Boden gefallenen Hornissennest aufschlagen würde.

Die Tatsache, dass ich letztendlich den Tod finden würde, weil meine Mutter mir den Kopf abriss, war enttäuschend. Wie sähe der Spruch auf meinem Grabstein dann bloß aus?

Hier liegt Louisa Manu,
die ihrer Mutter unrecht tat und mit den Konsequenzen leben – sowie sterben – musste.

Ich stöhnte und öffnete die Augen. Mein Blick fiel auf den Wecker, der die verbleibenden Minuten bis zu meinem tragischen Tod hinunterzählte.

„Scheiße“, stöhnte ich und richtete mich auf.

Die Decke rutschte von meinen Schultern, und träge unternahm ich den Versuch, meine Beine aus dem Bett zu schwingen, als ein Arm sich um meine Hüfte schlang und mich zurück auf die Matratze zog. „Heute ist Sonntag, Lou“, drang ein verschlafenes Murmeln hinter meinem Rücken hervor.

„Nein, heute ist Familien-Brunch-Tag“, korrigierte ich und versuchte mich aus der Umarmung zu winden. Aber Rispo war hartnäckig. Als wolle er mir beweisen, dass er trainieren ging. Also bitte. Als ob ich das nicht wüsste. Ich trug ein Bild von seinem Körper mit mir in meinem Portemonnaie herum.

„Ich bin mir ziemlich sicher, dass das nicht die international anerkannte Bezeichnung dafür ist.“

„Aber es ist die von der Familie Manu anerkannte Bezeichnung, und das ist, was zählt. Und jetzt hör auf, mich zu begrapschen, Josh!“ Ich musste lachen, als er seinen Griff noch verstärkte und mich fester in seine Arme zog, sodass mein Gesicht nun in seine Halsbeuge gepresst wurde. Als würde ich von einem weichen, kuscheligen Teppich umhüllt. Nur dass der Teppich hart war. Und eher heiß als warm. Und seinen Händen nach zu urteilen, die in unbestimmte Sphären vordrangen, auch nicht in Kuschelstimmung. Okay, die Metapher mit dem Teppich funktionierte überhaupt nicht.

„Es ist Viertel nach zehn, Joshi“, sagte ich wehleidig, schob ihn von mir und zog seine Hände unter der Decke hervor, die sehr überzeugend versuchten, mich zum Liegenbleiben zu überreden. „Meine Mutter wird jede Minute in die Zeitung sehen, und je unpünktlicher ich komme, desto mehr Zeit hat sie, sich eine Bestrafung für das auszudenken, was sie zu lesen bekommt.“

„Hört sich für mich an, als wärst du so oder so verloren, was machen die zehn Minuten dann noch aus?“, murmelte Josh verschlafen.

„Ich muss vor Emily eintreffen, sonst fragt meine Mutter mich noch über mein Liebesleben aus.“

„Und?“

„Ich will dich noch eine Weile als mein kleines schmutziges Geheimnis behalten.“ Es war ein ungeschriebenes Gesetz im Hause Manu, dass der Letzte, der durch die Tür kam, das Kreuzverhör meiner Mutter durchleiden musste. Und in dem Bereich konnte die CIA noch eine Menge von Gitti Manu lernen!

Rispo öffnete ein Auge und musterte mich abschätzig. Sein Kinn war rasurbedürftig, seine dunklen Haare standen zu allen Seiten seines Kopfes ab und es fiel ihm schwer, mich mit seinem Blick zu fixieren.

„Wir sind seit zwei Monaten zusammen“, sagte er nachdenklich. „Glaubst du nicht, es wird langsam Zeit?“

Gott, nein! Meine Mutter würde ihn kennenlernen wollen und ein derartiges Treffen würde in unangenehmen Fragen, peinlicher Stille und meinem Wunsch, den Kopf in den Ofen zu stecken, münden, damit man meine Rufe der Verzweiflung nicht hörte.

„Ich kann meiner Mutter nicht den Zeitungsartikel des Grauens zeigen und ihr im gleichen Atemzug erzählen, dass ich ihr meinen neuen Freund verschwiegen habe“, sagte ich schnaubend. „Oder möchtest du diese Woche noch auf eine Beerdigung gehen?“

„Nein“, meinte er und gähnte. „Das würde meinen Zeitplan durcheinanderwerfen.“

„Na siehst du. Wir reden da wann anders drüber“, schlug ich vor und entwand mich mit einem Ruck seinem Griff, bevor ich von der Matratze glitt. „Ich kann mich gerade ohnehin nicht konzentrieren. Ich kann nur daran denken, wie laut meine Mutter schreien wird und wie viele Hunde in der Nachbarschaft darunter werden leiden müssen!“

Ein Lächeln zog an Joshs Mundwinkeln. „Schön. Ich würde ja mitkommen und dir Personenschutz bieten, aber ich habe versprochen, Mo vom Flughafen abzuholen.“

Mo war einer von Joshs vier jüngeren Brüdern, der die letzten fünf Jahre als Reisejournalist durch Brasilien, Peru und all die anderen Länder, in denen man gerne Meerschweinchen aß, getourt war. Eigentlich hatte er schon vor ein paar Monaten zurückkehren wollen, aber aufgrund irgendeines Auftrages – oder, wenn man Josh glauben wollte, der fehlenden Eier in seiner Hose – hatte sich seine Rückreise verzögert.

„Sag deinen Brüdern Hallo von mir, und wenn du Finn siehst, erinnere ihn daran, dass er mir noch neunzig Euro schuldet.“

Josh setzte sich hin und streckte die Arme über den Kopf, sodass die Decke weiter an seinem nackten Oberkörper hinabrutschte. „Ich habe dir gesagt, dass du ihm keinen Cent leihen darfst. Finn ist wie die verdammte Bank bei Monopoly, die andauernd Geld von dir verlangt – nur dass du bei ihm nie über Los kommen wirst.“

„Du spielst Monopoly?“, wollte ich verwirrt wissen.

„Nicht die Nachricht, die ich dir vermitteln wollte, Lou.“

Ich verengte die Augen. „Du bist einer dieser Spieler, die alles kaufen und am Ende nicht tauschen wollen, oder? Und ich wette, du willst immer das Auto sein.“

„Natürlich bin ich das Auto“, sagte er und verschränkte die Hände im Nacken. „Alle anderen Figuren sind lächerlich. Vor allem die Schubkarre, die du wahrscheinlich nehmen würdest.“

„Was hast du gegen die Schubkarre? Die ist toll. Ich mein, wie soll ich denn sonst all mein fiktives Geld herumfahren?“ Abgesehen davon, dass Schubkarren nach Rasenlüfter-Schuhen das unterschätzteste Gartengerät der Welt waren. Sie bekamen einfach nicht die Aufmerksamkeit, die sie verdienten!

„Was hat eine Schubkarre mit dem Spielprinzip von Monopoly zu tun?“, wollte Josh wissen. „Es besteht überhaupt kein Zusammenhang zwischen der Figur und dem Spiel.“

„Aber es ist realistisch, dass ein Auto umherfährt, um Grundstücke zu erstehen und Hotels zu bauen, ja?“

„Ein Auto kann ein Statussymbol sein und steht somit für den Kapitalismus, den das Spiel vertritt.“

Ich verdrehte die Augen, konnte mir aber nur mühsam ein Lachen verkneifen. „Nun, wenn du mit mir spielst, würde ich dir den Fingerhut empfehlen, damit dich meine Sticheleien nicht treffen.“

Rispo sah mich belustigt an. „Süße, wenn dein Trash-Talk sich auf demselben Niveau wie dein Dirty-Talk befindet, dann sehe ich da kein Problem.“

Warnend richtete ich meinen Zeigefinger auf ihn. „Dünnes Eis, Mister.“

Josh lachte leise. „Dann lass uns noch mal darüber reden, dass du meinem Bruder Geld leihst.“

Nein, das hielt ich für keine gute Idee. „Ich erinnere ihn selbst an seine Schulden. Sehen wir uns heute Abend?“ Ich zog mir das T‑Shirt über den Kopf und versuchte, mich nicht allzu sehr von Joshs Bauchmuskeln ablenken zu lassen. Was wirklich schwierig war, denn … sie waren so präsent.

Josh verzog unzufrieden den Mund, gönnte mir jedoch den Themenwechsel. „Wenn in Köln heute niemand umgebracht wird, ja“, meinte er und starrte auf das Shirt, das ich unachtsam zu Boden hatte fallen lassen. „Und du musst wirklich aufhören, meine T‑Shirts zu klauen.“

Ich grinste. „Du musst wirklich anfangen, hässlichere T‑Shirts zu kaufen. Es ist, als würdest du dir wünschen, dass ich sie dir wegnehme.“ Dafür, dass er Polizist war, war er skandalös unachtsam, was die Sicherheit seiner Kleidung anging. Wenn er sie dauernd unbeaufsichtigt zurückließ, konnte ich ihm auch nicht helfen.

„Wie ich sehe, ist das Ganze also meine Schuld“, stellte Rispo trocken fest und stand ebenfalls auf, sodass er jetzt vor mir stand.

„Jap“, sagte ich ernst, stellte mich auf die Zehenspitzen und küsste ihn sanft. „Und jetzt gehe ich duschen, damit meine Mutter ihre Nase nur aufgrund meiner Tischmanieren, nicht aber wegen meines Geruches rümpft.“

„Okay, ich komme mit.“

„Oh nein!“ Wenn Josh mit unter die Dusche kam, würde das Wort unpünktlich ungeahnte Dimensionen annehmen.

„Aber wieso nicht?“, fragte er unschuldig, während seine Finger meine Seiten hinaufstrichen und eine Gänsehaut zurückließen. „Denk an all das Wasser, das wir sparen könnten. Das könnte deine gute Tat des Tages werden. Du glaubst doch an Karma und all den anderen Mist.“

Ich schüttelte eisern den Kopf. „Vergiss es. Ich geh nicht mit dir duschen.“

„Warum nicht?“

„Weil du so groß bist, dass du mir all das gute Wasser wegnimmst, sodass bei mir nur noch das dreckige ankommt“, erklärte ich.

Josh nickte. „Aha, verstehe“, meinte er, drehte mich um und schob mich an den Schultern aus dem Schlafzimmer in Richtung Bad.

„Ich meine das ernst, Josh! Das Wasser ist nicht nur dreckig, sondern auch noch kalt, wenn es mich endlich erreicht.“

„Jaja“, sagte er, bevor er die nächste halbe Stunde damit verbrachte, meine Hygienebedenken vollkommen zu ignorieren.

Ich kam natürlich zu spät.

Als ich endlich vor dem Haus meiner Eltern hielt, zeigte die Uhr zehn nach elf an, und mit einem unheilvollen Gefühl stieg ich aus dem Wagen. Die Sonne schien heiß auf meinen Kopf und der pinke Oleander, der den Vorgarten meiner Mutter schmückte, wiegte sich sanft im Sommerwind. Welch ein wunderschöner Tag, um meinen Kopf zu verlieren.

Ich machte mir nicht die Hoffnung, dass meine Mutter den Artikel übersehen hatte. Sie las jeden Sonntagmorgen das Kölner Blatt, und mein Interview stand auf Seite zwei – zusammen mit einem schicken, überdimensioniert großen Foto. Mama las langsam, aber sie war nicht blind.

Ich zog eine Grimasse und wünschte mir erneut, dass ich vor dem verhängnisvollen Nachmittag letzte Woche gewusst hätte, dass ein Journalist alles, was man in seiner Gegenwart sagte, niederschreiben durfte. Aber wieso hätte ich auch vorsichtig sein sollen? Schließlich hatte Chris das Interview geführt.

Chris, von dem ich Josh noch immer nichts erzählt hatte.

Es war nicht so, dass ich ihn anlog. Er hatte nur schlichtweg nie danach gefragt, ob der Chris vom Kölner Blatt der gleiche Mann war, in den ich bis vor fünf Jahren verliebt gewesen war. Und freiwillig würde ich ihm das ganz sicher nicht auf die Nase binden. Er würde sich nur grundlos aufregen, und es gab da wirklich nichts, worüber er sich Sorgen machen musste.

Tief durchatmend klingelte ich, und ein paar Sekunden später öffnete mein Vater die Tür.

„Hallo, Loubalou“, sagte er lächelnd und drückte mich kurz an sich. „Du bist spät dran.“

„Ich weiß, tut mir leid.“ Ich hatte noch heißen Sex in meiner Dusche. „Ist Emmi schon da?“ Ich reckte den Hals, um einen Blick ins Wohnzimmer zu erhaschen, während ich meine Schuhe auszog.

„Nein, sie hat heute Morgen angerufen und abgesagt. Liegt wohl krank im Bett.“

Seit wann war verkatert ein Synonym für krank? „Ach so“, sagte ich und schluckte. Ich hätte meine kleine Schwester als Puffer gebrauchen können. Sie hatte vor nicht allzu langer Zeit ihr Studium abgebrochen, was mich für ein paar Wochen aus der Schusslinie unserer Mutter gezogen hatte. Emily würde zwar im September eine Ausbildung zur Floristin beginnen, aber das hielt unsere Mutter nicht davon ab, ihr allwöchentlich eine Standpauke über Durchhaltevermögen und Disziplin zu halten. Durchhaltevermögen hatte ich – wie ich unter der Dusche soeben eindrucksvoll bewiesen hatte –, der Disziplin konnte ich jedoch nicht allzu viel abgewinnen. Die überließ ich lieber den Sportlern und Unterwäsche-Models dieser Welt.

„Wir haben schon angefangen“, unterrichtete mich Papa und machte eine einladende Geste ins Wohnzimmer hinein. „Die Mädchen haben dich bereits vermisst.“

Besagte Mädchen waren Isabell und Lara, meine Nichten und die begabtesten Kaugummi-Weitspuckerinnen dieser Stadt. Nicht zu vergessen angehende Traktorrennfahrerinnen. Bei ihnen war also mit einer Menge Ruhm und Ehre zu rechnen.

„Ich habe sie auch vermisst“, sagte ich ehrlich, blickte zu ihm auf und nutzte die Gunst der Stunde, um die Miene meines Vaters eingängig zu studieren.

Sie war neutral.

Nichts deutete darauf hin, dass er an diesem Morgen schon eine Krise zu bewältigen gehabt hatte. Möglicherweise hatte meine Mutter die Zeitung also noch gar nicht angerührt?

Misstrauisch trat ich ins Wohnzimmer und ließ meinen Blick hastig über den für eine zwanzigköpfige Familie gedeckten Frühstückstisch gleiten.

Mein sieben Jahre älterer Bruder Jannis, der den Großteil seiner Jugend damit verbracht hatte, mir zu erzählen, dass Babys zusammen mit den Kartoffeln unter der Erde wuchsen – der Grund dafür, dass ich bis heute ein eher gespaltenes Verhältnis zu dieser Nutzpflanze habe –, saß gemeinsam mit seiner Frau Steffi am Ende der Tafel. Er hob nicht einmal den Kopf, als ich eintrat. Er war offenbar vollauf damit beschäftigt, seine beiden ihm gegenübersitzenden Töchter auszublenden, die sich laut darüber stritten, ob Zwerge Minigolf erfunden hatten oder die Menschen seit der Erfindung des Spiels einfach nur furchtbar gewachsen waren. Steffi winkte mir zu, und meine Mutter ließ ein: „Da bist du ja endlich“, verlauten.

„Tut mir leid. Der Verkehr.“ Das war nicht einmal gelogen. Es hieß ja nicht ohne Grund Geschlechtsverkehr.

Meine Mutter nickte knapp, während ich um den Tisch herum eilte, meinem Bruder liebevoll auf den Kopf schlug, Steffis Rücken tätschelte und Lara und Isa einen Kuss auf den Scheitel gab.

„Na, ihr kleinen Monster“, begrüßte ich sie. „Heute schon kleine Kinder gefressen?“

„Nein, nur ein Nutellabrot“, sagte Isa mit großen Augen.

„Ich hab ein Kind gefressen“, meinte Lara und reckte stolz ihr Kinn. „Aber ich verrate nicht welches.“

Ich verkniff mir ein Grinsen, während ich mich gegenüber meiner Mutter niederließ. „Sehr gut. So wird die Polizei dich niemals erwischen.“

Meine Mutter kräuselte unzufrieden ihre Nase. „Setz ihnen keine Flausen in den Kopf, Louisa. Nur weil du es dir zum Hobby gemacht hast, tote Menschen zu finden und die Polizei zu belästigen, müssen deine Nichten ja nicht denselben Weg einschlagen.“

Ich verdrehte die Augen, während Jannis’ Mundwinkel sich nach oben bogen. „Ach, manche Polizisten werden doch ganz gerne belästigt, oder Lou?“ Er blickte mich herausfordernd an.

Ich kratzte mir mit dem Mittelfinger die Nase und beschloss zu schweigen. Jannis wusste, dass ich mit Rispo zusammen war und unserer Mutter diese Tatsache am liebsten noch für ein paar Tage, vielleicht auch Jahre, vorzuenthalten gedachte. Leider hielt ihn das nicht davon ab, sich einen Spaß daraus zu machen, eine dämliche Anspielung nach der anderen von sich zu geben.

„Ich habe schon eine ganze Weile weder eine Leiche noch ein abgetrenntes Körperteil gefunden“, versuchte ich meine Mutter zu besänftigen.

Sie presste die Lippen aufeinander und verzog den Mund zu einem Lächeln, das Horrorfilm-Regisseure in Begeisterungsstürme hätte ausbrechen lassen. „Willst du für diese Errungenschaft jetzt lobende Worte hören, Louisa?“

Nein, aber ein zärtliches Schulterklopfen wäre ganz nett gewesen. Zweieinhalb Monate ohne Vorfall waren ein Glas Champagner wert, fand ich. Aber ich wollte meine Mutter nicht unnötig anstacheln.

„Natürlich nicht“, sagte ich deshalb. „Könntest du mir bitte die Brötchen reichen?“ Ich streckte meine Hand aus, doch meine Mutter reagierte nicht.

Sie hob lediglich eine Augenbraue. „Ich weiß nicht, Louisa. Ich fürchte, ich bin zu kontrollsüchtig, um sie dir zu überlassen.“

Oh, oh.

Meine Wangen wurden heiß und ich räusperte mich. „Bitte, was?“, fragte ich leise nach. Vielleicht deutete ich die Zeichen falsch.

„Nun, ich habe heute einen interessanten Artikel in der Zeitung gelesen. In dem stand, dass die Mutter von Louisa Manu sich unnötig in das Leben ihrer Tochter einmischt.“

Ich presste die Lippen aufeinander. Ich hatte den Sturm kommen sehen, aber nicht genug Zeit gehabt, mich in Sicherheit zu bringen.

„Nun … Louisa Manu ist ein wirklich weit verbreiteter Name –“

„Louisa Josephine Manu, hüte deine Zunge! Du hast mich lächerlich gemacht!“

Es waren zwei Sätze gewesen! Zwei blöde, blöde Sätze … Meine Güte, wenn meine Mutter wüsste, dass ich sie eigentlich als so verkrampft wie einen ungedehnten Sportler und prüde wie ein von einer Nonne gedrehter Zeichentrickfilm bezeichnet hatte, dann hätten sie die abgedruckten Sätze sicherlich nicht so aufgeregt. Sie war vergleichsweise gut weggekommen!

„Was, worum geht’s?“ Jannis erwachte plötzlich zum Leben. „Welcher Artikel?“

Meine Mutter verengte die Augen zu Schlitzen. So wütend hatte ich sie nicht mehr gesehen, seitdem Jannis Emily vor zwanzig Jahren beim Abendessen versucht hatte, weiszumachen, dass sie soeben den Osterhasen gegessen habe. „Deine Schwester hielt es für lustig, in einem Interview meinen Charakter anzuzweifeln“, presste sie zwischen den Lippen hervor.

„Es war ein Versehen!“, verteidigte ich mich und hob die Hände in die Höhe. „Ich wollte nicht, dass es gedruckt wird.“

„Aber du hast es gesagt!“

„Ja, aber eher als Witz. Verstehst du? Um die Stimmung aufzulockern. Ich finde, meine Worte waren eigentlich ganz charm–“

„Du hast mich als Problemzone deines Lebens beschrieben.“

Ja, weil ich Rispo diesen Titel hatte aberkennen müssen. „Ich habe auch gesagt, dass ich meine Neugier von dir habe!“, sagte ich triumphierend. „Neugier ist eine gute Eigenschaft.“

„Du hast gesagt, dass meine Neugier sich in meiner Kontrollsucht äußert!“

Stöhnend legte ich den Kopf in den Nacken. „Ich habe nicht das Wort Kontrollsucht benutzt. Das mit der Problemzone tut mir leid, ich hielt es für witzig. Ansonsten habe ich nur angemerkt, dass ich meine kontrollierte Herangehensweise an einen Fall von dir habe. Du liest da zu viel zwischen den Zeilen.“

„Problemzone deines Lebens, Louisa?!“

Ja, das war vielleicht etwas zu viel des Guten gewesen. „Es tut mir leid, Mama“, sagte ich ernst. „Ich habe das alles nur aus Spaß gesagt, und als ich den Artikel bekommen habe, war das Kölner Blatt bereits im Druck und –“

„Ist das ein Knutschfleck an deinem Hals?“, unterbrach mich meine Mutter schockiert und schnappte nach Luft.

Abrupt drückte ich mein Kinn auf die Brust. „Was? Nein.“

Verdammt! Rispo und die blöde Dusche.

„Das ist ein Knutschfleck!“, rief meine Mutter, ihre Stimme jetzt auf einer Frequenz, die nur noch Hunde hören konnten. „Erst machst du also deine eigene Mutter in der Öffentlichkeit lächerlich und dann springst du mit irgendeinem Kerl ins –“ Ihr Blick fiel auf Lara und Isa, die neugierig die Ellenbogen auf den Tisch gelegt hatten und sich nach vorne lehnten. Sofort verstummte sie.

„Was ist ein Knutschfleck?“, wollte Isa wissen.

„Das hast du falsch verstanden, Liebes“, meinte Steffi. „Sie sagte Knautschfleck. Das sind Flecken, die entstehen, wenn man ganz fest ein Kissen umarmt.“

„Ahh“, machte Isa, während Lara skeptisch die Nase kräuselte.

„Warum umarmst du Kissen, Tante Lou?“, wollte sie wissen. „Dafür gibt es doch Menschen.“

Ich stöhnte leise und alles, woran ich denken konnte, war der ausgezeichnete Ofen, der bei meiner Mutter in der Küche stand und ausreichend Platz für meinen Kopf bot.

„Gitti“, meldete sich mein Vater mit ruhiger, durchdringender Stimme zu Wort. „Louisas Privatleben ist ihre eigene Sache, und ich bin mir sicher, dass Lou dem Kölner Blatt bereits mitgeteilt hat, dass sie gerne ein öffentliches Entschuldigungsschreiben und eine Richtigstellung des Interviews für die nächste Ausgabe verfassen würde.“ Er warf mir einen warnenden Blick zu. „Nicht wahr, Lou?“

Ich presste die Hand an meinen Hals und überdeckte so hoffentlich den Knutschfleck, während ich folgsam nickte. „Ähm, sicher.“ Ich würde mit Chris sprechen müssen.

Doch meine Mutter war offensichtlich noch immer nicht zufrieden. Mit verengten Augen musterte sie mich. „Hast du einen neuen Freund?“, wollte sie schließlich wissen.

Ach, verdammt. Ich spürte, wie mir das Blut in den Kopf rauschte, bevor ich vorsichtig nickte. „Ja, habe ich.“

„Und wann hattest du vor, mir das zu erzählen?“

Keine Ahnung. Im Oktober … 2030? „Es ist noch relativ frisch“, sagte ich langsam. „Ich wollte warten, bis ich mir sicher bin, dass es was Ernstes ist.“

„Und? Ist es das?“

„Ich … also …“

„Lou, das ist eine Frage, auf die du nur mit Ja oder Nein antworten musst.“

Ich seufzte. „Ja, ist es“, sagte ich und hörte in meinem Kopf eine Mausefalle zuschnappen. Ich war mir ziemlich sicher, dass ich in diesem Szenario der Käsewürfel war. „Du kennst ihn bereits. Es ist Joshua Rispo.“

„Der Polizist, dem du hinten reingefahren bist?“, fragte meine Mutter verwirrt.

„Ja. Wer hätte es gedacht, aber offensichtlich ist ein Auffahrunfall eine legitime und erfolgreiche Anmachstrategie.“

Diesen Kommentar ignorierte meine Mutter. Stattdessen trat jetzt tatsächlich ein Lächeln auf ihr Gesicht. „Wie wunderbar! Er hat einen Job und ist offensichtlich bereit, über charakterliche Schwächen hinwegzusehen. Er scheint genau der richtige Mann für dich zu sein, Louisa! Ich würde ihn gerne kennenlernen.“

„Aber du kennst ihn ja schon“, erinnerte ich sie.

„Bring ihn zum nächsten Sonntagsbrunch mit“, sagte sie und überging damit meinen Einwand.

Hilfesuchend wandte ich mich zu Jannis.

„Das hört sich toll an!“, sagte der grinsend. „Ich würde mich über männliche Verstärkung freuen.“

Verräter.

„Ich werde fragen, ob er Zeit und Lust hat“, sagte ich gequält. „Aber ich würde mir keine allzu großen Hoffnungen machen, er ist sehr beschäftigt.“

„Du bringst ihn mit, Ende der Diskussion“, sagte meine Mutter schneidend. „Zumindest das schuldest du mir für diesen furchtbaren Artikel. Du kannst froh sein, dass ich überhaupt noch mit dir rede.“

Und leider hatte sie damit recht.

Vier Stunden später klebte das T‑Shirt an meinem Rücken, Erde an meinen Händen und ein Kaugummi unter meinem Schuh. Ich hatte meiner Mutter gegenüber ein solch schlechtes Gewissen gehabt, dass ich ihr noch zwei Stunden im Garten geholfen hatte, bevor ich nach Hause fuhr. Ich plante, mir eine Picknickdecke zu schnappen und es mir mit einem Buch in der Sonne gemütlich zu machen. Der Juli gab noch einmal Vollgas, bevor er das Zepter an den August weitergeben würde. Leider nutzten die Kölner das gute Wetter auch dafür, ihre Kaugummis fröhlich auf den Boden zu spucken, damit sie im Mund mehr Platz für ihr Eis hatten.

Genervt schloss ich das Auto ab und hob den Fuß, um mir das klebrige Mistvieh von der Sandale zu pulen.

„Hey!“

Eine Gestalt sprang aus dem Schatten eines Baumes, beide Hände erhoben. Ich schrak zusammen, verlor das Gleichgewicht und fiel rücklings zu Boden.

„Scheiße“, fluchte ich und rieb mir die schmerzenden Handflächen, mit denen ich mich abgefangen hatte, bevor ich aufsah. Geradewegs in Emilys Gesicht.

„Meine Güte, du bist wirklich furchtbar schreckhaft, seitdem du so oft tote Menschen siehst“, meinte meine Schwester ungeduldig und half mir auf die Füße.

„Du bist hinter einem Baum hervorgesprungen! Woher soll ich wissen, dass du kein Irrer bist, der mich attackiert?“

„Attackieren, um was zu tun?“, wollte sie irritiert wissen. „Deine hässlichen Schuhe zu stehlen? Deine falsche Lederhandtasche mitzunehmen, die mit Lippenpflegestiften, Kassenbons und Kekskrümeln gefüllt ist? Vielleicht, um dein Portemonnaie zu klauen, in dem sich zurzeit zwei Euro fünfzig und ein Bild von Joshs Oberkörper befinden?“

Es war beunruhigend, dass sie den genauen Inhalt meiner Tasche und meiner Geldbörse kannte, aber ich sollte nicht überrascht sein. Sie wühlte andauernd in meinen Dingen herum. „Das Bild ist nicht nur von seinem Oberkörper“, widersprach ich. „Man kann auch sein Gesicht sehen.“

„Sein schlafendes Gesicht, meinst du?“

Ich hätte ihr das Foto nie zeigen dürfen. Verärgert rieb ich mir meinen schmerzenden Hintern, und erst jetzt bemerkte ich, dass meine Schwester nicht allein war. Neben ihr stand Finn, einer von Joshs jüngeren Brüdern.

„Hey“, grüßte ich den ungewohnt schweigsamen 25-Jährigen, bevor ich zurück zu Emily blickte. „Du siehst nicht so krank aus, wie du es Mama weisgemacht hast“, stellte ich fest und musterte ihr Gesicht. Sie wirkte vollkommen übermüdet, aber weder verschnupft noch fiebrig.

„Ich konnte nicht zum Brunch kommen“, sagte sie ernst und griff nach meinem Arm. „Ich bin viel zu aufgewühlt.“

„Aufgewühlt weswegen?“, wollte ich augenverdrehend wissen. War das Kamasutra in einer Neuauflage mit dreißig zusätzlichen Seiten erschienen?

„Lou“, meinte Finn und schob Emily fahrig aus dem Weg, seine Augen so groß wie Teebeutel. „Du musst uns helfen. Wir … wir haben einen Mord beobachtet.“

Kapitel 2

„Ihr habt was?“

„Einen Mord beobachtet“, wiederholte Finn, und hätte er seine Augen noch weiter aufgerissen, wären sie ihm vermutlich aus dem Kopf gesprungen.

Emily zog eine Grimasse und stellte sich wieder vor ihn. „Also, eigentlich haben wir die Tat an sich nicht gesehen, aber wir haben beobachtet, wie sie die Leiche weggeschafft haben.“

Ungläubig öffnete ich den Mund, bevor ich wiederholte: „Ihr habt was?“

Finn wechselte einen Blick mit meiner Schwester, bevor er laut hörbar murmelte: „Ich glaube, Josh hat ihr das Gehirn rausgevögelt.“

„Ich hätte meine Kamera einschalten sollen“, meinte Emmi verärgert. „Ihr Gesichtsausdruck ist Gold wert.“

Ich ignorierte beide Kommentare. „Sagt mir, dass das ein Scherz ist“, stieß ich hervor.

„Kein Scherz, dein Gesicht ist zum Schießen! Ich schwör –“

„Das mit dem Mord, Emily!“

„Oh, das. Nein, das ist unser voller Ernst“, stellte sie klar und hielt mir ihren Finger ins Gesicht, um besagte Ernsthaftigkeit noch einmal zu verdeutlichen. „Wir haben die Leiche genau gesehen! Na ja, also nicht genau, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass da Blut auf den Boden getropft ist.“ Sie legte den Kopf schief und runzelte die Stirn. „Obwohl es schon sehr dunkel war und die Gestalten etwas weiter weg … aber ich gucke Fernsehen! Ich weiß doch, wie es aussieht, wenn man einen toten Körper in einen Teppich einwickelt.“

„Es war kein Teppich“, sagte Finn und schüttelte den Kopf. „Es war eine Decke.“

„Du warst doch komplett high!“, meinte Emily und zeigte ihm den Vogel. „Es war ein Teppich und er war rot. Oder blau. Vielleicht auch gelb, aber das hätte auch das Licht der Laterne sein können.“

„Ich war nicht high! Wir haben erst danach einen geraucht, aber du hast, während wir da waren, immer nur diese schwarz-weißen Pferde angestarrt. Du hast der Leiche nicht genug Aufmerksamkeit geschenkt.“

Zebras, Finn! Sie heißen Zebras. Und du vergisst, dass ich die scheiß Kamera gehalten habe, ich habe genau –“

„Leute!“, unterbrach ich sie laut, bevor noch mein Gehirn platzte. „Ihr redet wirres Zeug. Was habt ihr wo und wann gesehen? Und warum geht ihr damit nicht zu Josh?“

Finn kratzte sich am Kopf. „Nun, es gibt da ein paar Kleinigkeiten, die die Sache verkomplizieren“, gab er zu.

„Warum?“, wollte ich wissen.

„Weil sie illegal sind“, erklärte er irritiert, so als hätte mir das klar sein müssen.

„Nur ein bisschen illegal“, meinte Emmi, eine Hand auf ihre Brust gelegt. „Du hattest immerhin einen Schlüssel, Finn.“

„Einen Schlüssel, den ich geklaut habe“, gab er zu bedenken.

„Geliehen“, korrigierte Emily ihn.

„Ich habe ihn verloren, ich kann ihn nicht mehr zurückgeben.“

Emily machte eine wegwerfende Handbewegung. „Der Gedanke zählt, Finn!“

Ach du liebe Güte. Stöhnend legte ich den Kopf in den Nacken und winkte meinem ruhigen Nachmittag hinterher, den ich hastig hinter der drohenden Katastrophe verschwinden sehen konnte.

„Kommt einfach rein“, seufzte ich, packte beide an den Schultern und schob sie zum Eingang, bevor ich um sie herumging und die Tür aufsperrte. „Ihr werdet mir das Ganze von Anfang an erzählen müssen.“

„Eigentlich ist das alles sowieso deine Schuld, Lou“, sagte Emmi vorwurfsvoll, während wir in das kühle Treppenhaus traten. „Wir sind nur deinetwegen in den Zoo eingebrochen!“

„Ihr habt was getan?“ Meine Stimme hallte laut von den gekachelten Wänden wider, und ungläubig wandte ich mich zu ihr um.

„Pscht“, machte Finn und sah mich tadelnd an. „Willst du, dass wir in den Knast kommen?“

Keine Ahnung. Darüber würde ich genauer nachdenken müssen.

„Wir wollten auch gar nicht lange bleiben“, verteidigte sich Emily und lief die Stufen hoch. „Nur ein halbes Stündchen, um genug Material zu bekommen. Und Finn macht da doch sowieso gerade sein Praktikum. Es war also nicht total illegal.“

„Emily, ich glaube, du solltest das Wort illegal noch einmal im Duden nachschlagen, dir scheint dessen Bedeutung nämlich entfallen zu sein!“, fuhr ich sie an. „Was denkt ihr euch dabei, in eine öffentliche Einrichtung einzubrechen?“

„Musst du gerade sagen“, meinte Emily feindselig und blieb vor meiner Wohnungstür stehen. „Du verschaffst dir doch andauernd irgendwo widerrechtlich Zutritt!“

Ja, natürlich. Aber doch nur, um dem Allgemeinwohl zu dienen – und meine Neugierde zu befriedigen. Außerdem log ich mir den Weg durch eine verschlossene Tür. Ich musste keine Schlüssel stehlen. Es war also etwas vollkommen anderes!

„Es ist doch auch nicht wichtig, was wir getan haben“, versuchte Finn die Wogen zu glätten, während ich etwas zu energisch die Tür aufschloss, sodass das Holz bedrohlich knarzte. „Wichtig ist, was wir gesehen haben.“

Oh, da war ich anderer Meinung, aber ich wusste es besser, als auf taube Ohren einzureden. „Was zum Teufel wolltet ihr überhaupt dort?“, wollte ich wissen und stieß die Tür auf.

„Hab ich doch gesagt“, meinte Emily augenverdrehend. „Unser Plan war es, Material zu sammeln!“

Sprach sie absichtlich in Rätseln oder hatte das viele Gras, das sie rauchte, ihr nun endgültig die Fähigkeit genommen, zusammenhängende Sätze zu formulieren? „Material für was, Emmi?“, fragte ich ungeduldig, während ich die beiden kriminellen Unschuldsengel in meine Wohnung schubste und die Tür schloss. Twinky, mein verhaltensgestörter Kater, kam mir entgegen, grüßte mich mit einem lauten Maunzen und ließ sich dann auf den Rücken fallen, um sich den Bauch kraulen zu lassen. Finn war nur allzu bereit, der Bitte nachzukommen, während ich meine Schwester fordernd ansah.

„Na, Videomaterial für ‚Das geheime Leben der Louisa Manu‘ natürlich“, meinte sie kopfschüttelnd. „Gott, Finn hat recht. Der viele Sex, den du zurzeit bekommst, vernebelt dein Gehirn. Du warst doch mal halbwegs klug.“

Das geheime Leben der Louisa Manu? Ich hatte inständig gehofft, dass sie ihre Idee, eine Art YouTube-Serie über mein Leben zu führen, wieder vergessen hatte. Das erste Video, das sie online gestellt hatte, war furchtbar gewesen! Und es existierte nur noch, weil es absurderweise tatsächlich den Umsatz meines Blumenladens gesteigert hatte. Aber das hieß nicht, dass ich heiß darauf war, mich erneut im Internet lächerlich zu machen! Das bewerkstelligte ich im realen Leben nämlich schon zur Genüge.

„Was hat ein Zoo denn bitte mit meinem Leben zu tun?“, wollte ich irritiert wissen.

Emmi zuckte die Achseln, warf ihr frisch blondiertes Haar über die Schulter und durchquerte mein Wohnzimmer, um sich auf die Couch fallen zu lassen. „Ich wollte dich mit einem Elefanten im Porzellanladen vergleichen und dachte mir, dass es doch ganz cool wäre, das mit einem echten Elefanten zu verbildlichen. Und bei Nacht wirkt das alles so viel dramatischer. Aber der Elefant war nicht sonderlich artistisch und das Porzellan ist immer gleich zerbrochen, sobald wir es über den Zaun geworfen haben, also …“ Sie hob enttäuscht die Schultern.

„Wow“, sagte ich trocken. „Du schmeichelst mir, Emily.“

Meine Schwester klimperte mit den Wimpern. „Ich schäme mich für nichts.“

Das war mir klar. Es war ihre Superkraft.

„Lou …“, unterbrach Finn meine Gedanken. Er strich Twinky ein letztes Mal über den Bauch und stellte sich dann neben mich.

„Ja?“, fragte ich.

„Du hast eine Gurke gefüllt mit Blumen auf deinem Tisch stehen.“

„Ich weiß“, meinte ich erschöpft. „Das hält sie länger frisch.“

„Ach so“, sagte Finn, nickte und ließ sich neben Emily auf die Couch sinken. „Ich dachte, es wäre vielleicht ein Versehen oder so was.“

„Du dachtest, ich hätte aus Versehen Blumen in eine ausgehöhlte Gurke gesteckt?“, hakte ich nach. Nur um sicher zu gehen.

Finn zuckte die Schultern. „Na ja, du hast ganz offensichtlich einen an der Klatsche. So unwahrscheinlich ist das also gar nicht.“

Ich verengte die Augen. „Finn, darf ich dir einen Tipp geben? Für die Zukunft? Wenn du Hilfe von jemandem willst, bezeichne ihn nicht als bekloppt.“

Für einige Sekunden schien er angestrengt über diesen Vorschlag nachzudenken, bevor er nickte. „Okay. Wäre vielleicht mal ein neuer Ansatzpunkt. Aber ich dachte, du stehst drauf, ein bisschen verrückt zu sein. Ich meine, Josh steht drauf, oder nicht?“

Das wurde ja immer besser.

Ich presste die Lippen aufeinander und verengte die Augen, doch bevor ich wütend werden konnte, fiel mir Emmi in die unausgesprochenen Worte.

„Jetzt reg dich nicht darüber auf, Lou. Er hat dich doch quasi als etwas Besonderes bezeichnet und jeder Mensch möchte doch besonders sein, oder nicht?“, sagte sie. „Aber zurück zum wirklich wichtigen Thema: Unsere Filmerei im Zoo wurde am Ende von zwei Gestalten unterbrochen, die eine Leiche weggetragen haben.“

„Schön.“ Ich versuchte mich auf das Wesentliche zu konzentrieren. „Was für Gestalten waren das?“

„Keine Ahnung. Männer, glaube ich.“

„Oder Frauen“, warf Finn ein.

„Vielleicht war es auch ein Mann und eine Frau. Die eine Gestalt war größer als die andere.“

„Seid ihr sicher, dass es nicht auch zwei Menschenaffen gewesen sein könnten? Ihr wart immerhin im Zoo“, sagte ich trocken.

„Ja, jetzt wo du es sagst“, meinte Finn und nickte. „Wenn sie die richtig gut dressiert hätten … dann wäre das unglaublich klug, oder? Menschenaffen zu benutzen, um eine Leiche wegzukarren? Ihre Fingerabdrücke würde doch nie jemand testen!“

„Das war ein Witz, Finn!“

„Oh.“ Er wirkte beinahe enttäuscht.

Emmi seufzte laut. „Sie kamen auf jeden Fall aus Richtung des Löwengeheges“, erklärte sie, öffnete ihre Handtasche und holte ein silbrig glänzendes Objekt daraus hervor. „Des Löwengeheges, Lou! Sie haben die Leiche bestimmt von den Riesenkatzen zerstückeln lassen. Aber warum machst du dir nicht einfach selbst ein Bild“, schlug sie vor und hielt mir die Kamera hin. „Wir haben das Ganze aufgenommen.“

Meine Augenbrauen flogen in die Höhe und sofort griff ich nach dem Gerät. „Ihr habt es gefilmt? Warum sagst du das nicht gleich?“

„Du warst zu sehr damit beschäftigt, uns dafür anzupflaumen, dass wir etwas Illegales getan haben“, stellte Emily weise fest. „Dabei tun wir das alles nur zu deinem Besten!“

Mhm, schon klar. Sie schadete meinem Ruf, damit mein Laden besser lief. Welch ein schönes Verkaufskonzept.

Ich beschloss, über Emmis verblendete Sicht der Dinge hinwegzusehen, klappte stattdessen die Kamera auf, ließ mich auf den Boden sinken und rief das letzte Video ab.

Das erste Bild zeigte zwei paar Füße und ein verdrecktes 1-Cent-Stück, auf dem man die Zahl kaum erkennen konnte. Inspirierendes Stillleben.

„Ist das Ding an?“, konnte man Emilys Stimme im Hintergrund vernehmen, bevor die Linse nach oben schwenkte und einen fast vollkommen schwarzen Hintergrund einfing.

„Du bist die Regisseurin“, hörte ich Finns gedämpfte Stimme. „Du musst doch wissen, ob die Kamera an ist!“

„Keine Ahnung, ich kann nichts sehen. Außerdem blendet mich dieses rotblinkende Licht total.“

Das Kamerabild wackelte, schwenkte von einer Richtung zur anderen. Straßenlaternen blitzten kurzzeitig auf, nur um dann wieder zu verwischen, bis man schließlich einen schwach beleuchteten Felsen erkennen konnte, neben dem ein dunkles Holzgerüst stand. Die Kamera wackelte stetig weiter, sodass mir beinahe schlecht wurde, während Emmi auf dem Video nuschelte: „Wo sind die ganzen Pavians … oder heißt es Paviane? Pavia? Von denen hätte ich auch gerne eine Aufnahme. Lou und das Wort Affe gehen ja quasi Hand in Hand.“

Ich nahm den Blick kurz von dem kleinen Bildschirm, um Emily und Finn zuckersüß anzulächeln. „Sagt mal“, begann ich langsam und sah zurück zu den immer noch stark schwankenden Aufnahmen, „wart ihr besoffen, als ihr das gedreht habt?“

Stille.

Meine Augen wurden groß und ungläubig öffnete ich den Mund. „Oh mein Gott! Ihr wart wirklich besoffen? Wie soll ich auch nur ein Wort glauben, das aus eurem Mund kommt, wenn eure Wahrnehmung an diesem Abend einen Dreck wert war?“

„Alkoholisiert macht der Zoo nun mal mehr Spaß“, erklärte Emily neunmalklug. „Aber wir haben kaum drei Flaschen Wein getrunken – und Bloody Marys sind ja quasi Gemüse, also … Wir wissen, was wir gesehen haben, Lou. Guck hin, gleich kommt die Leiche!“

Augenverdrehend blickte ich wieder auf das verdunkelte Display, auf dem das Bild so unkontrolliert von einer Seite zur anderen schwankte, dass man das Gefühl bekam, die Kamera sei auf dem Rücken eines tollwütigen Welpen angebracht worden.

„Ey, Emmi, was meinst du: Sind diese Pferde schwarz mit weißen Streifen oder weiß mit schwarzen Streifen?“

„Es sind Zebras, Finn!“

„Weiß ich doch, aber die Frage ist –“

„Pscht.“

Ein paar Sekunden lang hielt die Kamera still. Sie war in die Ferne gerichtet, und unter einer schwach leuchtenden Straßenlaterne konnte man ein paar hohe Bäume und Zäune erahnen. Doch sie waren viel zu weit entfernt, als dass man sie einem Gehege hätte zuordnen können.

„Hörst du das auch?“, flüsterte Emily zu genau dem Zeitpunkt, als man in den Tiefen der Schatten eine Bewegung wahrnehmen konnte. Da waren tatsächlich zwei Gestalten, die etwas Längliches trugen. Doch sie waren zu weit weg, um Einzelheiten erkennen zu können. Außerdem wichen sie geschickt den Lichtkegeln aus, die die Lampen warfen. Sie trugen Kappen und dunkle Kleidung. Aber dem, was sie schleppten, konnte man weder eine Farbe noch eine genaue Form zuordnen. Das Geschehen war zu weit entfernt, der Weg viel zu düster und die Kamera besaß gefühlte minus sechs Megapixel.

„Das ist voll die Leiche“, hörte man Finn zischen, bevor ein Ruck die Kamera erfasste. Er hatte offensichtlich an Emilys Arm gerissen. Emmi quietschte leise im Hintergrund, bevor ihre hastigen Schritte durch die Lautsprecher drangen. Die Gestalten waren längst nicht mehr zu erkennen, stattdessen sah man mehrere Glasfassaden, das Holzgerüst von vorhin und dann den Boden. Den Boden. Den Boden. Das glitzernde Eichenblatt des Centstücks. Den Boden. Und dann wurde der Bildschirm schwarz.

Ich ließ die Kamera sinken und hob langsam den Blick zu Emily und Finn, die mich erwartungsvoll ansahen.

„Und?“, wollte meine Schwester wissen, während sie mit dem Fuß nervös auf und ab wippte.

Ich räusperte mich. „Lasst mich nur noch mal kurz zusammenfassen: Ihr seid illegal in den Zoo eingebrochen, habt euch ordentlich betrunken und dann im Stockdunkeln beobachtet, wie zwei vermummte Gestalten, die vielleicht männlich waren oder aber auch weiblich oder aber auch zwei sehr große Affen, ein leichenförmiges Etwas weggeschafft haben? War das bevor oder nachdem ihr einen Joint geraucht habt?"

„Davor!“, sagte Emily triumphierend.

„Na, wenn es davor war, dann ist ja alles geklärt. Dann versteh ich gar nicht, warum ihr damit nicht zu Josh oder gleich zum FBI gegangen seid.“

„Weil Josh uns nicht geglaubt hätte und es das FBI nur in Amerika gibt“, sagte Finn dümmlich.

„Oh mein Gott, Finn, das weiß ich!“, fuhr ich ihn an. „Denn dieses Video beweist gar nichts. Außer, dass ihr eine stete Kameraführung für unnötig haltet, ihr nicht die Einzigen wart, die nachts im Zoo umhergewandert sind, und du wirklich lernen solltest, was ein Zebra ist, wenn du als Tierpfleger arbeiten willst!“

„Zebras sind auch nur Pferde, die sich für was Besseres halten“, belehrte mich Finn bissig. „Und es war eine beschissene Leiche, die sie da getragen haben, Lou! Ich weiß, wie die aussehen. Das Ding, was sie geschleppt haben, war schwer und länglich – und was sonst sollte man nachts beseitigen, wenn nicht eine Leiche? Es ergibt absolut Sinn.“

„Der Gegenstand, den sie getragen haben, hätte alles sein können, Finn!“

„Ach ja? Was denn zum Beispiel?“

„Zum Beispiel …“ Ich verstummte, überlegte, öffnete den Mund – doch mir wollte partout nichts einfallen. „Keine Ahnung!“, kapitulierte ich schließlich. „Aber die Polizei wird aufgrund dieses Videos und den Zeugenaussagen von zwei betrunkenen Verbrechern nicht den ganzen Zoo umgraben.“

„Natürlich nicht“, meinte Emmi und nickte. „Deswegen sind wir ja auch zu dir gekommen.“

„Puh, okay … ich könnte sicherlich einige Überzeugungsarbeit bei Josh leisten, sodass er zumindest mal beim Zoo vorbeifährt, aber –“

„Gott, nein!“, rief Finn sofort und Panik spiegelte sich in seinen Augen wider. „Josh darf nie erfahren, dass ich irgendwo eingebrochen bin! Er würde mich direkt beschuldigen, eine Straftat begangen zu haben.“

„Ihr habt ja auch eine Straftat –“

„Meine Güte, seit wann bist du eine solche Spielverderberin?“, unterbrach Emily mich schnaubend. „Du schläfst mit einem Bullen, nicht mit einem Gesetzbuch. Wir haben nichts Schlimmes getan. Die Tiere haben sich über unseren Besuch gefreut. Also, komm drüber hinweg, dass ich dich als Elefant bezeichnet habe, und konzentrier dich! Wir wollen nicht, dass du mit der Polizei redest, wir wollen, dass du dein Blumendetektivin-Ding abziehst.“

Prustend schüttelte ich den Kopf. „Ich bin in Rente, Emmi. Der Laden läuft gut, ich brauche keine weitere Aufmerksamkeit.“ Außerdem war nach allem, was ich wusste, überhaupt kein Mord geschehen.

„Als ob du des Marketingeffektes wegen auf deine bekloppten Mörderjagden gegangen bist“, sagte Emmi und zeigte mir den Vogel. „Du liebst es, im Dreck anderer zu wühlen. Das ist deine große Leidenschaft. Du bist eine … Menschengärtnerin!“

Ich verdrehte die Augen. „Netter Neologismus, aber ihr habt überhaupt keine Anhaltspunkte. Selbst wenn ich nicht in Rente wäre – es gäbe nichts, was ich tun könnte. Es gibt ja nicht einmal eine Leiche.“

„Nur, weil du die Leiche nicht gesehen hast, heißt es nicht, dass es sie nicht gibt“, sagte Finn ernst. „Komm schon, Lou. Vielleicht ist es wirklich nichts. Vielleicht haben unsere Augen uns einen Streich gespielt. Aber was, wenn nicht?“ Dramatisch riss er die Augen auf, bevor er langsam und mit eindrucksvoll tiefer Stimme hinzufügte: „Was … wenn nicht?“

Ich seufzte schwer und sah zwischen meiner Schwester und Mister Clooney hin und her.

Was wäre schon dabei, wenn ich mal beim Zoo vorbeisah? Das Einzige, was mich davon abhielt, war Rispos düstere Miene, die mir augenblicklich in den Kopf sprang, sobald ich daran dachte, wie ich ihm erzählte, dass ich einem möglichen Mordfall nachging. Schon wieder.

Es lief gut zwischen uns. Absurd gut! Ich war so glücklich wie schon lange nicht mehr. Und wenn ich meine Nase erneut in fremde Angelegenheiten steckte … würde das Josh überhaupt nicht gefallen. Meine von Gott gegebene Fähigkeit, mithilfe von glücklichen Zufällen Mordfälle zu lösen, hatte er bisher weder als legitimes Hobby noch als Marketingmittel anerkannt. Vielmehr war er sehr vorsichtig damit geworden, was er mir über die Fälle erzählte, die er bearbeitete. So als könne ich jederzeit aufspringen und mich auf die Suche nach dem Mörder begeben. Worüber ich zugegebenermaßen schon mehr als einmal nachgedacht hatte. Doch das musste er ja nicht wissen.

Andererseits: Ich würde in den Zoo gehen und mich ein wenig umgucken. Das war wahrlich kein Staatsschutzdelikt. Es erinnerte eher an einen Waldspaziergang. Und der war ja wohl völlig harmlos! Und wenn Emily und Finn dann aufhören würden, mich zu nerven …

 „Okay, ich mach’s“, sagte ich, gab Emily die Kamera zurück und stand auf. „Ich fahr morgen mal beim Zoo vorbei und sehe mich um. Aber mehr tue nicht. Also versprecht euch nicht zu viel davon.“

Emmi lächelte breit. „Danke!“, sagte sie. „Ich passe währenddessen auch auf den Laden auf. Ich traue der neuen Mitarbeiterin nicht.“

Ja, da hatten wir etwas gemeinsam. Rebecca, das Mädchen, das ich als Ersatz für Trudi eingestellt hatte, war mir nicht geheuer. Sie war eine ausgebildete Floristin, unfassbar pünktlich und effizient, räumte die Dinge immer an ihren angestammten Platz zurück und verhielt sich allseits höflich. Es war offensichtlich, dass mit ihr irgendetwas nicht stimmte.

„Bei deinem Glück findest du die Leiche innerhalb von zwanzig Minuten. Wahrscheinlich noch mit einer pinken Schleife verziert“, sagte Finn begeistert. „Am besten gehst du morgens. Ich habe die Spätschicht und muss als Praktikant erst um eins antanzen. Du kannst es wie einen Zufall aussehen lassen, damit das Ganze nicht mit Emmi und mir in Verbindung gebracht werden und Joshi mir nichts vorwerfen kann!“ Hörte sich für mich nach einem bombensicheren Plan an. „Versprichst du, Josh nichts von dem Einbruch zu sagen? Bitte?“

Ich pustete mir unsicher die Haare aus der Stirn, nickte jedoch. „Jaja, ist schon gut. Ich verrate nichts.“

Erleichtert nickte Finn. „Okay, super. Apropos Joshi: Jetzt, da du tatsächlich großen Einfluss auf ihn hast, müssen wir planen, wie wir diesen Umstand zu unser beider Nutzen verwenden können.“

„Unser beider Nutzen?“, wollte ich skeptisch wissen.

„Natürlich. Ich habe schließlich dazu beigetragen, dass ihr jetzt zusammen seid, und möchte entlohnt werden!“

„Aha. Stand das im Kleingedruckten des Vertrages, den du mir nie vorgelegt hast? Und wie genau hast du uns zusammengebracht?“

„Nun, ich war es, der vorgeschlagen hat, du sollst wieder mit ihm schlafen – und du hast ja auch auf mich gehört, oder?“, meinte er scheinheilig.

Ich schnaubte. „Du schuldest mir neunzig Euro, Finn, meine Entlohnung ist, dass ich dir noch zwei Wochen gebe, bis du sie mir zurückzahlen musst.“

Er zog eine Grimasse. „Schön, einen Versuch war es wert. Komm, Emmi, wir gehen.“

Emily nickte grinsend. „Danke, Loubalou, aber tu überrascht, wenn du die Leiche findest.“

Das würde mir nicht schwerfallen, denn ich war ziemlich sicher, dass keine Leiche existierte. „Sag mal, Finn“, sagte ich, als ich ihnen die Tür aufhielt. „Warum bist du eigentlich nicht beim Flughafen? Wolltet ihr nicht alle zusammen Mo abholen?“

Finn blinzelte, runzelte die Stirn und schlug sich dann mit der Hand dagegen. „Scheiße! Ich wusste, dass ich was vergessen habe.“ Fluchend rannte er mit Emmi im Schlepptau die Treppe hinunter.

Kopfschüttelnd sah ich ihnen hinterher. Immer, wenn ich fürchtete, ich wäre verpeilt und durcheinander, dachte ich an die beiden – und fühlte mich wie die ordentlichste, strukturierteste Person, die diese Welt zu bieten hatte.

Kapitel 3

Ein kleines Männchen saß in meinem Kopf und schlug mit einem Wecker gegen meine Schläfe.

Benommen öffnete ich ein Auge.

Ach nein, kein Wecker. Ein Telefon klingelte.

Das war beruhigend, wenn auch nicht weniger nervig.

Das Läuten wurde lauter, und da es sich dabei nicht um die Melodie von Bibi Blocksberg handelte, konnte es nicht mein Handy sein, das nach Aufmerksamkeit schrie. Ich linste auf meinen Wecker – wer zum Teufel rief nachts um fünf an?! – und drehte mich dann auf die andere Seite.

„Josh“, murmelte ich und tastete nach dem Körper neben mir. „Josh, jemand ruft an. Verhafte ihn. Los.“

„Hm?“, kam es verschlafen zurück.

„Dein Telefon vergewaltigt meine Ohren“, sagte ich und rüttelte halbherzig an seiner Schulter. „Warum hast du so einen furchtbaren Klingelton? Das hört sich an, als hättest du einen Autounfall aufgenommen. Harfenmusik. Das brauchst du. Damit du entspannter in den Tag startest.“

„Wie kannst du selbst um fünf Uhr morgens schon Schwachsinn reden?“, wollte Josh verwirrt wissen und stützte sich auf die Ellbogen auf.

„Jahrelange Übung. Und jetzt mach endlich, dass das Klingeln aufhört, sonst schlaf ich nie wieder mit dir.“ Das war gelogen, ich wollte mich ja nicht selbst bestrafen, aber ich war zu müde, um mir etwas Originelleres auszudenken, und es funktionierte offensichtlich.

Josh schaltete die Nachttischlampe an und zog sein Handy vom Tisch. „Rispo“, meldete er sich.

Ich stöhnte laut auf, hielt mir die Hand vor die Augen, damit das Licht nicht so stark darin brannte, und wollte ihm mit der Faust gegen die Seite boxen, um mein Missfallen über meinen verfrühten Wachzustand zu bekunden. Ich war jedoch nicht ganz so zielsicher wie erhofft. Anstelle seiner Schulter erwischte ich sein Kinn.

Rispo fluchte leise und fixierte im nächsten Augenblick meine Hand auf der Matratze – möglicherweise, um mich unschädlich zu machen. „Was zappelst du so rum?“, wollte er im Flüsterton wissen, während er mit dem anderen Ohr seinem Gesprächspartner lauschte.

„Ich weiß es nicht“, murmelte ich und zog die Decke mit meiner freien Hand über den Kopf. „So frühmorgens habe ich keine Kontrolle über meinen Körper.“ 

„Mhm, genau, nur frühmorgens“, meinte Rispo leise, bevor er laut hinzufügte: „Alles klar. Wo? … Wann? … Marvin, soll ich jetzt alle W-Fragen durchgehen, damit Sie mir endlich alle notwendigen Informationen geben? … In Ordnung.“

Rispo ließ meine Hand los, und ich lugte unter der Decke hervor. Er hatte aufgelegt, und seine Miene war unnormal wach und aufmerksam für jemanden, der eigentlich gerade schlafen sollte.

„Ist jemand umgebracht worden?“, wollte ich wissen.

„Jap.“ Die Matratze ächzte unter seinem Gewicht, als er die Beine über die Kante schwang und aufstand. „Schlaf weiter, Lou.“

„Du gehst?“, fragte ich verwirrt. „Es ist mitten in der Nacht!“

„Ich weiß, aber eine völlig zerfetzte Leiche ist ans Rheinufer geschwemmt worden, und die muss ich mir ansehen.“

„Zerfetzt? Das hört sich unschön an.“

„Ja, es sieht wohl auch unschön aus. Der Körper wurde scheinbar von einem wilden Tier zerrissen.“

Abrupt wandte ich ihm mein Gesicht zu, plötzlich hellwach. „Einem Tier?“

Er nickte, während er sich ein T‑Shirt über den Kopf zog. „Die Leiche ist mit Krallen- und Bissspuren übersät. Marvin meint, sie sei kaum noch als Mensch zu erkennen. Keine Ahnung, vielleicht halluziniert er auch. Nachher weiß ich mehr.“

Marvin war Rispos Anhängsel, nicht zu vergessen sein größter Fan – denn als Kollege konnte man den vor fehlender Autorität strotzenden Polizisten wahrlich nicht bezeichnen.

Ich mochte Marvin. Er war niedlich. Er war wie ein abgemagertes Kaninchen, das immer in der Nähe von Rispo, seiner metaphorischen Karotte, sein wollte. Die Sympathie, die ich dem selbst ernannten Recherchisten entgegenbrachte, war nicht weiter verwunderlich. Ich hatte schließlich eine Schwäche für inkompetente Leute. Das würde zumindest erklären, warum ich Trudi, meine ehemalige, mittlerweile zweiundsiebzigjährige Angestellte, erst gefeuert hatte, nachdem sie meinen Laden in Brand gesetzt hatte.

„Bissspuren“, wiederholte ich langsam, und mein Mund wurde trocken. „Du meinst aber nicht etwa Abdrücke wie von … den Zähnen eines Löwen, oder?“

Rispo hielt in seiner Bewegung inne, sodass es aussah, als wolle er mir seine Jeans verkaufen, und musterte mich fragend. „Doch, tatsächlich wird ein Tier in dieser Größenkategorie als mögliche Ursache vermutet. Auch wenn ich einen Löwen für etwas weit hergeholt halte. Davon hat Köln nicht allzu viele zu bieten“

„Hm“, machte ich. Emilys Stimme geisterte in meinem Kopf herum.

Sie kamen auf jeden Fall aus Richtung des Löwengeheges. Des Löwengeheges, Lou! Sie haben die Leiche bestimmt von den Riesenkatzen zerstückeln lassen.

„Wieso fragst du, Lou?“, wollte Rispo misstrauisch wissen.

Stirnrunzelnd blickte ich auf das Telefon, das er auf die Matratze hatte fallen lassen. War das ein Zufall? Dass Finn und Emmi zwei Leute dabei beobachtet hatten, wie sie ein großes Etwas aus Richtung des Löwenkäfigs schleppten, und einen Tag später eine Leiche angeschwemmt wurde, die von Bissspuren gezeichnet war? Das schien schon etwas … verdächtig.

„Hm“, wiederholte ich.

„Lou, hör auf, dieses Geräusch zu machen. Das beunruhigt mich!“

Ja, mit dieser Unruhe war er nicht allein. „Sorry, was hast du gesagt?“, fragte ich und schenkte ihm erneut meine Aufmerksamkeit. „Du möchtest, dass ich mitkomme?“

Schlagartig verdüsterte sich seine Miene. „Das ist ein Witz, oder?“

Lächelnd ließ ich mich zurück in die Kissen sinken. „Natürlich.“ Na ja. So halb. „Ich habe mich nur gefragt, ob …“ Ich verstummte.

„Ob was?“, hakte Josh nach, sein Blick noch immer argwöhnisch.

Ich schloss die Augen. „Ob das Opfer große Qualen erlitten hat. Ich meine, die Zähne eines Löwen sehen schmerzhaft aus.“

„Aha. Ich … was? Ich verstehe kein Wort. Wie kommst du bitte auf einen Löwen?“

Gute Frage. „Ach, ich habe im Fernsehen gesehen, dass die ihre Opfer besonders schmerzhaft töten. Nicht so wichtig.“ Es wurde höchste Zeit, vom Thema abzulenken. „Apropos große Qualen: Meine Mutter will, dass du nächste Woche mit mir zum Sonntagsbrunch kommst.“

„Du hast ihr also von mir erzählt?“

„Ja. Nein. So ähnlich.“

„Okay. Nächste Woche Sonntag um elf dann?“

Diese schlichte Antwort veranlasste mich dann doch wieder dazu, meine Augen zu öffnen und ihn anzusehen. „Warum klingst du so gelassen? Hast du mich nicht richtig verstanden? Du sollst zum Brunch kommen – und meine Mutter wird auch da sein!“

Rispo gähnte und schlüpfte endlich in seine Hose, bevor er fachmännisch seine Haare zerzauste und nickte. „Ja. Ich dachte mir schon, dass sie mich kennenlernen will. Mein Vater hat dich übrigens auch eingeladen. Donnerstagabend gibt es ein Rispo-Familienessen und ich soll dich mitbringen.“

Ach du liebe Güte. Mit sechs Rispos an einem Tisch? Das ganze Essen würde nach Testosteron schmecken. Aber es gab Wichtigeres.

„Dir scheint der Ernst der Lage nicht bewusst“, sagte ich eindringlich und richtete mich auf. „Meine Mutter wird dir lauter unangenehme Fragen stellen!“

„Diese Eigenschaft hast du also von ihr, ja?“

„Josh“, sagte ich und richtete den Zeigefinger auf ihn. „Du bist nicht witzig.“

Josh lachte leise und griff sich Schlüssel und Portemonnaie vom Nachttisch. „Natürlich wird sie mir auf den Zahn fühlen, Lou. Von meinen Schwiegereltern in spe erwarte ich nichts anderes. Glaub mir, mein Vater wird einen ganzen Katalog an Fragen haben, die er dir Donnerstag stellt – und die Hälfte davon wird darauf abzielen, herauszufinden, wie ich dich dazu überreden konnte, mit mir zusammen zu sein.“

„Na ja, du bist unglaublich gut im Bett.“

Josh zog eine Grimasse und rieb sich mit der flachen Hand über die Stirn. „Großer Gott, genau das wirst du Donnerstag sagen, oder?“

Worauf er wetten konnte. „Ich weiß noch nicht. Vielleicht erzähle ich ihm auch, was für ein Sensibelchen du bist und wie viele tolle Flechtfrisuren du beherrschst.“

Seufzend lief er ums Bett herum. „Du kommst Donnerstag also mit?“

Ich nickte. „Klar. Ich will doch Mo kennenlernen und ihn fragen, ob er wirklich keine Eier mehr in der Hose hat. Aber jetzt mal ehrlich: Was ist dein Geheimnis? Wie kannst du angesichts eines Verhörs von Oberfeldwebel Gitti Manu so entspannt sein?“

„Ich höre in meiner Freizeit massenweise Harfenmusik“, erklärte er ernst, bevor er eine Hand an meine Wange legte, sich zu mir herunterbeugte und mir einen sanften Kuss gab. „Ich ruf dich heute Abend an. Mach keine Dummheiten“, murmelte er noch, dann war er aus der Tür.

Mit geschlossenen Augen ließ ich mich zurück in die Kissen sinken. Richtig. Keine Dummheiten. Wie gut, dass ich heute in den Zoo ging. Denn was konnte mir da schon passieren?

„Sie putzt“, flüsterte Emily und beugte sich tiefer über den Verkaufstresen. „Freiwillig. Und gründlich noch dazu.“

„Ich weiß“, murmelte ich und verengte die Augen. Misstrauisch beobachtete ich Rebecca dabei, wie sie sich hinkniete, um mit dem Handfeger auch die Pflanzenreste wegzukehren, die sich unter die Kühlfächer verirrt hatten, in denen ich die Blumen über Nacht lagerte. Ihr erdbeerblonder Zopf wippte dabei hin und her. „So gründlich bist du nie“, stellte ich fest. „Du putzt immer nur halbherzig.“

„Und das nicht ohne Grund“, meinte Emmi abwesend. „Es ist viel schlauer, die Arbeit richtig schlecht zu machen, weil du dich dann darüber aufregst und es lieber selbst tust.“

Ich zog die Augenbrauen hoch und hätte wütend darüber sein sollen – aber stattdessen war ich beeindruckt. Dieses Maß an Intelligenz und Voraussicht hatte ich meiner kleinen Schwester gar nicht zugetraut.

Emmi stützte das Kinn in ihre Hand und sah dabei zu, wie Rebecca sich aufrichtete und einen Staubfleck von ihrer Bluse wischte. „Finn findet sie süß …“, nuschelte sie und kratzte sich am Kopf, während ihr Blick weiter über meine neue Angestellte wanderte. In manchen Ländern wäre die Art und Weise, in der Emmi Rebecca betrachtete, sicherlich als sexuelle Belästigung gewertet worden.

„Ach, und … stört dich das?“, fragte ich beiläufig.

Emmis und Finns Beziehung erschloss sich mir noch nicht ganz. Beide waren sie Schlampen. Ihre Worte, nicht meine. Beide behaupteten, dass sie gerne mit dem anderen schlafen würden. Aber ebenso erklärten beide immer wieder, dass ihnen ihre Freundschaft zu wichtig sei, um sie mit einer Menge grandiosem Sex zu riskieren. Ich fand das zu gleichen Teilen erwachsen und dämlich, war aber irgendwie auch glücklich darüber. Ich hatte zu viel Angst davor, was geschehen würde, sollten die beiden tatsächlich irgendwann entscheiden, eine ernste Beziehung miteinander zu führen. Wenn der Unsinn, der in ihren Köpfen herumgeisterte, fusionierte, würde womöglich der dritte Weltkrieg ausbrechen.

„Ob mich das stört …“, murmelte Emmi, und Röte kroch ihren Hals hinauf. Schließlich zuckte sie die Achseln. „Nee. Sie ist nicht süß. Sie ist voll alt.“

„Sie ist in meinem Alter!“

„Eben. Deine Knochen knacken, wenn du dich bückst.“

Ja, aber das lag nicht daran, dass ich achtundzwanzig war. Das lag daran, dass ich zu wenig Sport machte und früher nie die Milch getrunken hatte, die meine Mutter mir hatte aufzwingen wollen.

„Sie führt irgendetwas im Schilde“, murmelte Emmi und beugte sich weiter vor, sodass ihr Mund beinahe den Tresen berührte. „Bei deiner miesen Bezahlung kann niemand freiwillig so fleißig sein. Aber keine Sorge, ich werde schon noch herausfinden, was es ist.“

„Bitte nicht“, sagte ich flehentlich. „Du kannst dir keinen Anwalt leisten, Emily … und pass auf, wo deine Spucke hinfliegt!“ Ich zog ihren Kopf vom Tresen weg und deutete auf das Schild an der Wand hinter mir, das ich vor ein paar Wochen angebracht hatte. Der Boss macht keinen Sabber weg, stand darauf. Das war mein neues Motto, das leider überraschend selten anwendbar war, wenn sich nicht gerade ein Hund mit übermäßigem Speichelfluss im Raum befand.

Emily verdrehte die Augen, tat mir jedoch den Gefallen und trat vom Tresen zurück. „Wir sind ja gleich eine Weile allein“, meinte sie. „Da kann ich sie in Ruhe über ihre dreckigen Geheimnisse ausfragen.“

Ich öffnete den Mund, um ihr vorzuschlagen, stattdessen doch lieber Blumen zu verkaufen, wurde jedoch von der läutenden Türglocke unterbrochen.

Eine Vogelscheuche kam zur Tür hereingestakst.

Moment, nein. Das konnte nicht sein.

Ich kniff meine Augen zusammen und machte einen Schritt zurück. Okay, es war nur Trudi. Obwohl nur vielleicht nicht das richtige Wort war. Denn wenn ich ehrlich war, war es eher ein bisschen zu viel Trudi.

Die zweiundsiebzigjährige Frau trug eine grellpinke Tunika mit strategisch ungünstig positionierten gelben Flicken darauf, die auf den ersten Blick den Eindruck erweckten, sie trüge den BH über ihrem Oberteil. Unter dem wagemutigen Ensemble lugte ein Rock hervor, der selbst an Emily zu kurz gewesen wäre, und passend unpassende, rote orthopädische Gesundheitsschuhe perfektionierten Trudis Erscheinungsbild.

Sie winkte fröhlich, und ihre Haut schlackerte dabei wie ein schlecht gespanntes Segel. Nur ihre Haare blieben eng an ihren Kopf geklatscht liegen, als wären sie mit einem schmierig aussehenden Zeug einbetoniert worden. Ich wusste nicht, ob ich lachen oder ihr sagen sollte, dass sie eine Gefahr für den Straßenverkehr war. Aber sie hatte einen Teller Kekse in der Hand – und so ein herzloser Mensch war ich nun auch wieder nicht.

„Entschuldigt, dass ich erst jetzt komme“, sagte sie atemlos und drückte mir das Gebäck in die Hand. „Aber ich treffe mich heute um halb fünf zum Abendessen mit einem Mann und musste mich noch schick machen.“ Sie fuhr sich mit der Hand durch die Haare, und ich hätte schwören können, dass ihre Fingerkuppen bei der Bewegung Schmatzgeräusche von sich gaben. „Der Kerl ist ein richtig junger Hüpfer. Erst Mitte sechzig. Und alle Zähne hat er auch noch. Da muss man schon was hermachen, wenn man bei den jungen Leuten mitmischen will.“

Eine erstaunte Stille entstand, als Trudi endete. Ich linste zur Seite und sah, wie Rebecca und Emmi mit offenen Mündern die alte Dame anstarrten. So als wären sie bis zum heutigen Tag blind gewesen und sähen die Welt zum ersten Mal in all ihrer Pracht. Oder all ihrem Grauen. So eindeutig war das Ganze nicht.

„Trudi …“, sagte ich langsam und räusperte mich. „Du weißt, dass du hier nicht mehr arbeitest, oder? Du kannst also nicht unpünktlich sein.“

Es war schon verwunderlich, dass ich Trudi vor zwei Monaten gekündigt hatte und sie dennoch jeden Morgen auf der Matte stand. Andererseits war eine Menge an Trudi verwunderlich, ich wusste also gar nicht, warum ich mir noch die Mühe machte, darüber nachzudenken.

„Jaja, ich komm einfach nur gerne vorbei“, sagte Trudi und winkte ab. „Und ich möchte nicht, dass ihr euch Sorgen macht, wenn ich nicht wie immer um zehn hier bin.“

„Das ist … toll, Trudi … was hast du da in deinen Haaren?“, leitete Emily elegant über. „Und darf ich dich filmen? Bei … allem, was du tust?“

Trudi kicherte mädchenhaft und nahm sich einen ihrer Kekse vom Teller, den ich auf den Tisch hatte sinken lassen.

„Ich hab Vaseline auf dem Kopf“, erklärte die alte Dame. „Ich habe ferngesehen, und da haben sie dauernd von diesem Fett-Look gesprochen, den jetzt alle Stars tragen, den wollte ich mal ausprobieren.“

Ich war, was Mode anging, wirklich nicht top informiert, aber der Fett-Look? Davon hätte ich sicherlich gehört.

„Was genau meinst du damit, Trudi?“, hakte ich vorsichtig nach.

„Auf dem roten Teppich sehen sie jetzt alle aus wie ich!“, erklärte sie euphorisch. „Die Haare zurückgeklatscht und die Enden ganz trocken …“

„Oh mein Gott, du meinst den Wet-Look!“, platzte es aus Emily heraus, und über ihr Gesicht zog sich ein derart großes Lächeln, dass die Grinsekatze vor Neid erblasst wäre.

„Sag ich doch, Fett-Look“, wiederholte Trudi irritiert.

„Trudi, ich liebe dich“, sagte Emily feierlich. „Wirklich. Dein Gehirn ist großartig. Und du siehst toll aus! Lass dir von niemandem etwas anderes einreden. Wo hast du dein heutiges Date kennengelernt?“

Trudi lief rosa an und ließ es sich nicht nehmen, sich erneut verlegen durchs Haar zu streichen, bevor sie mit ebendieser Hand das Ingwerplätzchen in ihren Mund schob. „Beim Speed-Dating. Wir benutzen dieselbe Faltencreme und würden gerne herausfinden, ob wir noch mehr Gemeinsamkeiten haben.“

Ich besah mir die ausgeprägten Runzeln auf Trudis Gesicht. Welche Faltencreme war das? Nur damit ich wusste, welche ich niemals benutzen durfte.

„Mein Günter ist jetzt schon so lange tot“, fuhr Trudi fort. „Ich bin mir sicher, er hat nichts dagegen. Du solltest mal mitkommen, Louisa.“ Sie lächelte mich strahlend an. „Du würdest dort sicherlich auch jemanden finden.“

„Ich habe einen Freund, Trudi. Josh. Du erinnerst dich?“

„Jaja“, sagte sie kopfschüttelnd. „Aber es ist immer gut, noch jemanden in der Hinterhand zu haben. Wer weiß, wie lange das bei dir und dem Kommissar hält. Ihr zankt euch doch andauernd.“

Ja, das nannte man Vorspiel.

„Ich finde den Kommissar und Louisa sehr süß zusammen“, meldete sich Rebecca zu Wort und lächelte mich an. „Sie lieben sich, das kann man ihnen deutlich ansehen.“

Mein Blick schwenkte zu meiner Mitarbeiterin. Sie war so unglaublich nett und süß. Wie unangenehm.

Außerdem hatten Josh und ich die magischen drei Worte noch nicht ausgetauscht. Wir waren ein Paar und hatten eine Menge Spaß zusammen, und ich war mir fast sicher, dass er es ernst meinte, aber … Liebe? Das Wort war noch nicht gefallen. Ich hatte keine Ahnung, wie tief Joshs Gefühle gingen, und in Anbetracht der Tatsache, dass er ein eher gespaltenes Verhältnis zu Emotionen hatte, und es oftmals schwierig war, ihm auch nur die kleinste Regung aus dem Gesicht abzulesen, wollte ich auch nicht nachfragen. Alles, was ich wusste, war, dass er mit mir zusammen sein wollte – und das reichte mir. Vorerst.

„Ähm, danke, Rebecca“, sagte ich unbeholfen und sah zu Emily, die misstrauisch die Augen verengte.

„Ja, danke, Rebecca“, wiederholte sie unnötig feindselig. „Wir wollten alle deine Meinung hören.“

Verwirrt blinzelte meine Angestellte sie an. Ich kniff Emily warnend in den Unterarm, bevor ich sagte: „Du kannst gerne etwas im Laden bleiben, Trudi. Ich mach mich allerdings jetzt gleich auf den Weg.“

„Oh, wo gehst du hin?“

„Ich werde … in den Zoo gehen.“

Mhm, so alleingestellt hörte sich der Satz irgendwie dämlich an. Ich war erwachsen, hatte keine Kinder, einen erfüllenden Job – und würde an einem Montagvormittag in den Zoo gehen.

„Oh, da komm ich mit“, sagte Trudi fröhlich. „Ich wollte Hennes schon seit Ewigkeiten mal wieder besuchen.“

Hennes war das Maskottchen des 1. FC Köln. Er war ein Ziegenbock und wohl das beliebteste Tier der Stadt. Ich wusste nur nicht, ob es so klug war, Trudi mit in den Zoo zu nehmen. Ich hatte berechtigte Angst davor, dass die Pfleger sie dabehalten und zu den anderen Paradiesvögeln stecken würden.

„Das ist doch in Ordnung, Lou, oder? Dass ich dich begleite?“, fragte sie und bot mir ein Plätzchen an. „Mensch, deinen Job müsste man haben. Dir gehört ein Laden, du hast gerade erst einen Van gekauft, um Blumen auszuliefern, und hast trotzdem nichts anderes vor, als in den Zoo zu gehen.“

Na ja, eigentlich musste ich Chris anrufen und ihn dazu überreden, mich eine Richtigstellung des Interviews schreiben zu lassen. Ich musste auf dem Blumengroßmarkt die Bestellung für August aufgeben. Ich musste herausfinden, was mit meiner überambitionierten Mitarbeiterin nicht stimmte. Und heute Abend wollte ich bei Ariane vorbeifahren, um mit ihr zusammen unser monatliches Buchführungsdate abzuhalten.

Aber ja, ansonsten …

„Klar, komm mit“, sagte ich schulterzuckend, nahm mir einen Keks und wandte mich meinen Mitarbeiterinnen zu. „Ihr beide schafft das mit dem Laden allein?“

„Natürlich“, sagte Rebecca.

„Pff“, machte Emmi.

Ich warf ihr einen warnenden Blick zu, doch sie rollte nur mit den Augen, bevor sie sich bückte und etwas aus ihrer Handtasche fischte. „Hier, Trudi“, meinte sie und reichte ihr die Kamera, die sie nun offenbar überall mit sich herumtrug. „Filmst du Lou im Zoo? Und, ach ja …“ Sie lächelte mich süßlich an. „Es wäre toll, wenn du sie zusammen mit den Elefanten auf ein Bild bekommen könntest.“

Kapitel 4

„Weißt du, mein Günter hat immer gesagt, ich wäre sein Pinguin“, meinte Trudi und schob die Eintrittskarte für den Zoo in ihre Handtasche.

„Oh, wie süß. Weil Pinguine ein Leben lang mit ihrem auserwählten Partner zusammenbleiben?“

„Was?“ Die alte Dame blickte mich irritiert an. „Nein. Weil er fand, dass ich eine witzige Gangart habe.“ Sie seufzte. „Es wird schwer sein, jemanden zu finden, der ebenso romantisch ist. In der heutigen Welt nimmt sich niemand mehr die Zeit, auf Kleinigkeiten zu achten. Günter hat mir zum Beispiel immer gesagt, wenn ich was zwischen den Zähnen hatte. Und letzte Woche bin ich den halben Tag mit Spinat zwischen meinen Beißern rumgelaufen und habe es erst gemerkt, als ich mein Gebiss abends rausgenommen habe. Deswegen brauche ich jemand Neuen, verstehst du?“

Sie sah mich nachdenklich an, und ich fühlte mich dazu verpflichtet, zu nicken. Mir wäre es auch lieber, wenn ich nicht den ganzen Tag mit einem Gemüsegarten zwischen meinen Zähnen herumlaufen müsste.

Trudi schien zufrieden mit meiner Antwort und lotste mich bestimmt an der Mitarbeiterin des Zoos vorbei, die fragte, ob sie ein Foto von uns machen solle.

„Also, gehen wir zuerst zu Hennes?“, wollte sie wissen. „Ich bin etwas müde und würde das Spektakuläre gerne zu Anfang machen. Danach darfst du auch entscheiden, wo wir hingehen.“

Ich musste über Trudis Großzügigkeit lächeln, und als wir vor dem sich direkt am Eingang befindenden Kamelgehege zum Stehen kamen, griff ich sie sanft am Arm.

„Trudi“, sagte ich vorsichtig. „Ich muss dir etwas gestehen. Ich bin nicht hier, um mir die Tiere anzusehen.“

Verwirrt blinzelte Trudi zu mir hoch. „Bist du nicht?“

„Nein. Emily und Finn denken, dass hier jemand ermordet wurde, und ich habe versprochen, mich mal umzusehen. Vielleicht finde ich ja etwas.“

„Was denn?“

Gute Frage, auf die ich keine befriedigende Antwort hatte. Denn ich hatte keinen Schimmer. Ich wusste nicht genau, wonach ich suchte. Vielleicht nach getrocknetem Blut oder dem abgerissenen Kopf einer Leiche. Ein Plakat, auf das jemand mit Blut Tatort geschrieben hatte. Einen weinenden Tierpfleger, der mir schluchzend erklärte, er habe Samstag jemanden umgebracht. Die Liste an Möglichkeiten war lang.

„Ich weiß, wonach ich suche, wenn ich es sehe“, sagte ich optimistisch.

Trudis Gesicht erhellte sich. „Ich kann nicht sagen, dass ich nicht erleichtert wäre“, meinte sie und stieß laut hörbar Luft aus. „Ich fand es ehrlich gesagt schon etwas merkwürdig, dass du an einem Montag allein in den Zoo wolltest. Ich meine, ich habe mich an deine etwas exzentrische Art, dich zu kleiden, gewöhnt, aber manchmal verstehe ich nicht, was in deinem Kopf vorgeht.“

Ich besah mir meine schwarze Jeans und mein hellblaues T‑Shirt und dann Trudis pink-gelbes Ensemble. „Ja, du hast recht“, sagte ich langsam. „Manchmal ziehe ich mich etwas waghalsig an.“

„Das macht ja nichts“, sagte Trudi fröhlich, wie gewohnt taub für Sarkasmus. „Ich finde es toll, dass du deiner quirligen Persönlichkeit Ausdruck verleihen willst. Wo ist denn jetzt jemand umgebracht worden, hm? Oh, das ist so viel spannender als ein Ziegenbock.“

Da war ich mir noch nicht so sicher. „Finn und Emmi haben jemanden aus Richtung des Löwengeheges kommen sehen.“

„Na dann.“ Von neuem Elan gepackt watschelte Trudi mir voraus, während ihr das Fett aus den Haaren über den Rücken lief. Die Sonne schien unerbittlich auf uns hinab, sodass ich hätte schwören können, Trudis eingefettete Haut brutzeln zu hören.

Wir schritten an einer Schulklasse vorbei, die dem Affengeschrei nach zu urteilen, das die Kinder von sich gaben, hier im Zoo genau richtig war, passierten eine Gruppe Jugendlicher mit komischen Hüten und roten Lederjacken, sagten den Waschbären Hallo und erreichten schließlich das große, tiefgelegene Löwengehege. Trudi sah neugierig auf die felsige Landschaft hinab, bevor sie grübelnd eine Hand an ihr Kinn legte. „Ich sehe keinen Toten“, stellte sie fest.

Nein, natürlich nicht. Der lag ja am Rheinufer, beziehungsweise mittlerweile wahrscheinlich in der Pathologie, wo er von einem Gerichtsmediziner untersucht wurde.

Ich verdrehte die Augen über mich selbst. Die Leiche aus dem Rhein musste rein gar nichts mit dem, was Emily und Finn beobachtet hatten, zu tun haben. Nur … mein Bauchgefühl sagte mir etwas anderes. Und wenn die Vergangenheit eins gezeigt hatte, dann, dass mein Bauchgefühl hervorragend darin war, vorauszusagen, wenn kriminelle Machenschaften im Gange waren – und wann es Zeit fürs Mittagessen wurde.

Ich stellte mich an die Brüstung aus Eisenstangen und betrachtete die nachgebildete Steppenlandschaft vor mir. Zwei Löwen räkelten sich dicht an einen Stein gedrängt in der Sonne. Ein Männchen und ein Weibchen. Wenn es weitere Tiere gab, konnte ich sie nicht entdecken. Ich kniff die Augen zusammen, auf der Suche nach möglichen Blutspuren oder Leichenteilen, doch das Gehege war so groß, dass ich keine Einzelheiten ausmachen konnte. Ich sog beherzt die Luft ein – Leichenteile stanken, oder? –, doch zwischen all den Gerüchen nach Tiermist, Affenhaar und gemähtem Gras konnte ich nichts Auffälliges erschnuppern.

„Trudi, gib mir mal bitte die Kamera“, meinte ich und streckte meine Hand aus.

Meine ehemalige Angestellte tat mir den Gefallen, bevor sie laut schnaufte. „Ich werde mich setzen. Ich sollte nicht zu viel stehen, der Arzt meint, meine Hüfte ist nicht mehr die jüngste. Sagst du mir Bescheid, sobald du etwas entdeckst?“

„Natürlich“, murmelte ich und zoomte bereits mit der Linse auf das Innere des Geheges. Ich suchte mit der Kamera den Boden und die Steine ab, konnte jedoch nirgendwo Blutflecke oder ähnlich Verdächtiges entdecken. Die Löwen sahen zwar gut genährt und satt aus, aber wenn man bedachte, dass sie wahrscheinlich täglich gefüttert wurden, war das nicht weiter verwunderlich.

Unzufrieden ließ ich meinen Blick schweifen, besah mir den gepflasterten Boden zu meinen Füßen, der an diesem Morgen bereits von hunderten von Besuchern betreten worden war, und machte einen Schritt zurück. Selbst wenn es hier irgendeine Spur gegeben haben sollte – spätestens jetzt wäre sie von einem der Gäste verwischt worden. Ich hielt die Kamera hoch über meinen Kopf, im Versuch, damit etwas zu erkennen, das ich mit bloßem Auge nicht sehen konnte, und lehnte mich gegen die bauchhohe Balustrade. Ich war mit dem Bild noch nicht zufrieden, weshalb ich meine Füße zwischen die Eisenstangen quetschte, mich weit nach vorne lehnte, die Kamera jetzt auf meinen Fingerspitzen …

„Was tun Sie da?“

Ich zuckte zusammen, die Kamera glitt aus meinen Fingern und hektisch fischte ich in der Luft nach ihr. Sie kam in meiner Handfläche zum Liegen, und rasch stieß ich mich vom Gitter ab. Als ich mich umwandte, sah ich geradewegs in das Gesicht eines irritiert dreinblickenden Mannes. Mittlerweile machte mir diese Art von Blick überhaupt nichts mehr aus. Ich bekam sie einfach zu oft zu sehen. Der Typ trug eine dunkelgrüne Multifunktionshose, ein kakifarbenes Poloshirt mit auf der Brusttasche aufgesticktem Logo des Zoos und eine passende dunkelgrüne Kappe, die einen Schatten über seine blauen Augen warf.

„Hey“, sagte ich lahm und ließ atemlos die Kamera sinken.

„Sie sollten sich wirklich nicht so weit über die Brüstung lehnen“, sagte der Mann düster. Er hatte ungefähr meine Größe, machte diesen Makel aber mit einem beeindruckenden Vollbart wieder wett. Ich hätte ihn auf Anfang vierzig geschätzt, aber andererseits hätte ich Trudi auch auf Ende hundert geschätzt, meiner Treffgenauigkeit, wenn es darum ging, jemandes Alter zu schätzen, war also nicht zu trauen.

„Ich weiß. Und das tut mir furchtbar leid …“, sagte ich reumütig und blickte auf sein Namensschild, „… Marcel. Ich dachte nur, es sei Zeit für die Fütterung, und das wollte ich nicht verpassen.“

„Die Löwen werden nicht in ihrem Außengehege gefüttert“, informierte er mich. „Das machen wir in einem abgetrennten Käfig.“

Ah, gut zu wissen! „Oh, das ist sehr schade.“ Ich gab mein Bestes darin, enttäuscht dreinzublicken. „Werden die Löwen denn jeden Tag gefüttert?“

„Normalerweise schon. Sie kriegen eine tägliche Portion von so fünf Kilogramm, aber Jeki hatte in den letzten Wochen genug zu fressen, sodass er ein paar Tage die Woche aussetzt.“

Fünf Kilogramm pro Tag. Selbst wenn es vier Löwen gäbe, würden diese wohl keine ganze Leiche innerhalb einer Nacht verputzen können. Andererseits war das ja auch gar nicht der Fall, oder? Der Tote war zerfleischt, nicht gefressen worden.

„Jeki?“, wollte ich neugierig wissen. „So heißt der männliche Löwe? Das ist ein interessanter Name.“

Marcel zuckte mit den Achseln, während sein Blick an einem Punkt über meiner Schulter hängen blieb. „Er ist noch relativ neu hier, die Zoodirektorin hat ihm seinen Namen gegeben. Hat ihn wohl aus irgendeinem Fantasyroman. Mir sollʼs recht sein. Ist die Direktorin glücklich, sind wir alle glücklich. Und sie hatte in den letzten Monaten wahrlich genug Stress. Also, bleiben Sie auf der richtigen Seite des Gitters!“ Er hob die Hand und eilte dann an mir vorbei.

Ich wandte mich zu ihm um und sah, wie er eine blonde Pflegerin einholte, ihr locker einen Arm um die Schultern legte und anfing, auf sie einzureden, bevor sie gemeinsam um die nächste Biegung in Richtung der Zebras verschwanden.

Enttäuscht packte ich die Kamera in meine Tasche, sah kurz zu Trudi, die auf einer der Bänke saß, das Gesicht zur Sonne gewandt, die Augen geschlossen, und lief dann den Weg ab, den die zwei Gestalten auf dem Video genommen hatten. Ich besah mir den Boden, die Umgebung, versuchte nachzuvollziehen, von wo Emmi und Finn gekommen waren und wohin die mysteriösen mutmaßlichen Leichenträger verschwunden waren – doch es half nicht. Ich fand kein Blut, keinen Tatort, nichts Verdächtiges. Das hier war ein Zoo, keine Leichenproduktionsfirma.

Nach einer Dreiviertelstunde gab ich schließlich auf und kehrte zu Trudi zurück. „Komm, wir gehen zu Hennes“, meinte ich. „Ich habe nichts gefunden.“

„Schade. Aber du kannst halt auch nicht immer Glück damit haben, tote Menschen zu finden“, tröstete mich Trudi und tätschelte meine Hand, bevor sie sie ergriff und sich an ihr nach oben auf die Beine zog. „Wir können ja zuerst zu den Erdmännchen gehen. Die heitern dich sicher auf.“

Wir liefen den Weg zum Eingang zurück, während ich darüber nachdachte, warum jemand eine Leiche von einem Löwen zerfleischen lassen sollte, nur um sie dann in den Rhein zu werfen. Angenommen natürlich, die gefundene Leiche zierten tatsächlich die Biss- und Kratzspuren einer Wildkatze und nicht eines Bären oder … Werwolfs. Vielleicht sollte ich diesbezüglich noch mal bei Rispo nachfragen, bevor ich mich zu sehr darauf festlegte. Wobei … es erschien mir unwahrscheinlich, dass er mir eine zufriedenstellende Antwort geben würde.

„Erdmännchen sind die süßesten Tiere des ganzen Zoos“, sagte Trudi verträumt.

„Ich weiß nicht, ich mag den roten Panda.“

„Rote Pandas hocken nur im Baum. Erdmännchen haben wenigstens noch Schwung in der Hüfte. Sieh sie dir doch an!“

Ich tat ihr den Gefallen und musste ihr recht geben. Erdmännchen waren schon verdammt putzig. Eines der Tiere räkelte sich auf einem Stein. Ein anderes gähnte herzhaft, bevor es sich auf die Hinterläufe stellte und die Nase in die Sonne reckte. Ein drittes verschwand hektisch in einem der Erdlöcher, ein viertes zeigte mir den Mittelfinger und … Moment, was?

Mein Mund öffnete sich und mit aufgerissenen Augen starrte ich das Tier an.

Ja, eindeutig, es zeigte mir den Mittelfinger. Nur dass es nicht sein eigener war. Es war ein fremder, menschlicher Finger, den es mit beiden Pfoten fest umklammert hielt, während er an der Kuppe knabberte, als wäre sie das Ende einer Salzstange.

Was zum Teufel …?

Die Szene war so abstrus, dass meinem Magen gar keine Zeit blieb, übel zu werden. Verdattert blickte ich auf das Erdmännchen, das immer wieder zu allen Seiten sah, bevor es weiter den menschlichen Snack verspeiste. So als wisse es, dass es etwas Verbotenes tat.

„Trudi, siehst du das auch?“, murmelte ich. „Das Erdmännchen direkt vor uns, das einen Finger frisst?“ Ich musste sichergehen, dass meine Fantasie nicht mit mir durchging.

„Was? Wo?“

Ich deutete auf das besagte Tier.

„Mhm.“ Nachdenklich legte Trudi den Kopf schief, sodass ihre Haare schmatzten. „Bist du sicher?“, fragte sie, offenbar nicht überzeugt. „Das könnte auch ein hässliches Würstchen sein.“

„Ich weiß, wie ein abgetrennter Finger aussieht“, flüsterte ich. „Ich habe schon einmal einen gefunden.“

Trudi hielt eine ihrer Hände hoch und besah sich ihre Finger, so als müsse sie sich daran erinnern, wie sie aussahen. „Aber warum sollten sie den Erdmännchen hier Finger zu fressen geben? Küken sind doch sehr viel günstiger.“

Ich schnaubte laut und starrte wie gebannt auf das Erdmännchen, während ich mein Handy aus der Tasche kramte. „Ich glaube nicht, dass das Absicht ist, Trudi“, gab ich zu bedenken und drückte die Kurzwahltaste eins.

„Hey, Lou“, meldete sich Josh nach dem dritten Klingeln. „Ich bin gerade beschäftigt, kann ich dich später zurückrufen oder ist es wichtig?“

Schwierige Frage. Mir fehlte hier definitiv der anzuwendende Maßstab! War ein Erdmännchen, das einen abgetrennten Arm fraß, wichtiger als ein Erdmännchen, das einen Finger fraß? Und war das wiederum weniger wichtig, als dass Aldi gerade Schokoladenpudding im Angebot hatte? Wer konnte das schon genau sagen?

„Nehmen wir mal an, eine vollkommen unschuldige Zivilistin geht aus einer Laune heraus in den Zoo“, begann ich, darum bemüht, meine Stimme auf einem nicht-hysterischen Level zu halten. „Stellen wir uns vor, sie sieht, wie ein Erdmännchen mit einem menschlichen Finger spielt. Was tut besagte Zivilistin?“

Eine Minute des Schweigens folgte, bevor Rispo meinte: „Du verarschst mich, oder?“

Ich zog eine Grimasse. „Kennst du diese Momente, wenn du gerne mit Ja antworten würdest, aber nicht kannst, weil es gelogen wäre?“

„Was zum Teufel ist bei dir los, Lou?!“

Jetzt ganz im Allgemeinen? Wie viel Zeit hatte er? „Ich bin im Zoo, Josh, und hier vorne sitzt ein Erdmännchen, das –“

„Warum bist du im Zoo?“

„Ähm, mir war danach.“

„An einem Montagmorgen, an dem du eigentlich arbeiten solltest?“

„Ich hatte so ein Gefühl, dass ich hier gebraucht werde.“

Stille.

„Hilft es dir, wenn ich sage, dass mir die Idee im Traum kam?“, fragte ich zaghaft.

„Ich fasse es nicht.“ Das war wohl ein Nein.

„Ja, ich auch nicht“, bestärkte ich ihn. „Aber das ist jetzt unwichtig, oder? Was tue ich wegen des Fingers?“

„Oh, guck mal“, meinte Trudi aufgeregt. „Seine Freunde haben spitzbekommen, dass es noch was zu fressen gibt, und jetzt streiten sie sich darum!“

Tatsächlich schlug gerade ein zweites Erdmännchen dem ersten den Finger aus der Pfote und setzte dem rollenden Fleischstück nach. Doch Erdmännchen Eins fand das offenbar gar nicht lustig: Kopfüber stürzte es sich auf seinen Kameraden, während Erdmännchen Drei bereits aus dem Hinterhalt stürmte, um den Finger an sich zu reißen.

Es war das Putzigste, Merkwürdigste und Abartigste, was ich je gesehen hatte.

„Lou, bist du noch dran?“

Ich schreckte auf. „Ich bin hier und … Das glaubt mir kein Mensch“, stellte ich kopfschüttelnd fest.

„Ich schicke eine Streife los und komme vorbei, in Ordnung? Ich bin um die Ecke“, sagte Rispo und … irrte ich mich oder klang er wütend? „Kannst du den Finger im Blick behalten, bis wir da sind?“

„Das weiß ich nicht. Die Erdmännchen kämpfen gerade darum, wer ihn fressen darf. Und sie scheinen ziemlich entschlossen.“

„Na, dann halt sie verdammt noch mal davon ab! Ein gefressenes Beweisstück ist ein schlechtes Beweisstück.“

„Ja, aber wie soll ich denn –“

Doch Rispo hatte bereits aufgelegt.

„Scheiße“, fluchte ich, ließ mein Handy in die Tasche gleiten und sah auf den bereits stark lädierten Finger herab, der einen Bürgerkrieg unter den Erdmännchen losgetreten hatte. „Trudi, wie vertreibt man Erdmännchen von einem Finger?!“

„Ich weiß nicht.“

„Wieso nicht? Du bist alt! Ich dachte, du hast Lebenserfahrung.“

„Nicht mit Erdmännchen. Wenn es um Pinguine ginge …“

Ungläubig sah ich sie an. „Und wie vertreibt man Pinguine von einem Finger?“

„Mit einem Fisch natürlich. Aber davon habe ich gerade keinen dabei. Ich kann ja mal Herrn Google fragen, was er zum Thema Erdmännchen zu sagen hat.“

„Ich habe keine Zeit für Herrn Google“, stellte ich fest, rieb mir fieberhaft über die Stirn, sah mich um, blickte zur hüfthohen Plastikbrüstung und seufzte dann schwer. Warum hatte ich keine Gummistiefel angezogen? Ich hätte damit rechnen sollen, dass ich mich im Zoo dreckig machen würde. „Scheiß drauf“, fluchte ich, ließ meine Handtasche fallen und schwang im nächsten Augenblick mein Bein über den Plastikzaun.

Ich hätte gerne behauptet, dass ich leichtfüßig über die Brüstung sprang. Aber das Wort kippen oder auch kraxeln war wohl akkurater. Die Luft wurde mir aus den Lungen gepresst, als ich mich längs mit dem Bauch auf das Geländer legte und auf die andere Seite rollte.

Die Erdmännchen gaben ein alarmiertes Fiepen von sich und stoben zu allen Seiten, nahmen den Finger jedoch leider mit sich. „Hey, bleib stehen!“, rief ich wütend und jagte dem Übeltäter nach, ich vermutete Erdmännchen Siebzehn. Entweder verstand mich das Tier nicht – durchaus eine Möglichkeit – oder es respektierte meine Wünsche nicht – auch nicht abwegig, das passierte mir nämlich öfter.

„Schnapp ihn dir, Lou!“, feuerte Trudi mich an. Ich warf ihr einen hastigen Blick zu und stellte stöhnend fest, dass die ersten Zoogäste bereits mitbekommen hatten, dass jemand das Erdmännchengehege in Aufruhr versetzte. Aber darauf, dass ich mich wieder einmal vor einer Menschenmenge zum Affen machte, konnte ich jetzt keine Rücksicht nehmen. Ich hatte eine Aufgabe zu erledigen!

Fluchend lief ich die leichte Anhöhe hoch, den Blick starr auf das diebische Säugetier gerichtet, das jetzt keine zwei Meter mehr von mir entfernt war. Ich machte einen Satz nach vorne, blieb mit meinem Fuß in einem Loch stecken, verlor mein Gleichgewicht und knallte der Länge nach auf den harten, sandigen Boden. Staub wirbelte auf, und hustend beobachtete ich, wie Erdmännchen Fünfhundertschießmichtot erschrocken den Finger fallen ließ.

„Weg mit euch“, schrie ich und wedelte hektisch mit den Händen herum, sodass ich vermutlich aussah wie ein Trockenschwimmer. Der Finger lag fast direkt vor mir, und mir kam der Gedanke, dass ich ihn hätte aufheben können – aber ich wollte das Teil wirklich nicht anfassen! Deswegen beschränkte ich mich darauf, Fauch-Geräusche zu machen, mühsam meinen Fuß aus dem Loch zu ziehen und mich auf alle viere aufzurichten.

„Was zum Teufel tun Sie da?“, rief eine erzürnte Stimme hinter mir.

Ich hatte keine Ahnung, was ich tat, aber es schien zu funktionieren. Die Erdmännchen musterten mich neugierig, aber keines wagte es, näher heranzukommen.

„Gehen Sie sofort aus dem Gehege raus!“, schrie jemand, bevor eine tiefe, gelassene Stimme sagte: „Na, Lou? Wühlst du wieder im Dreck anderer herum?“

Kapitel 5

Ich krabbelte nach vorne und stellte mich auf allen vieren über den abgetrennten Finger, den die geflohenen Erdmännchen noch immer aus sicherer Entfernung beäugten. Als ich meinen Kopf umwandte und die Ansammlung an Menschen und Tierpflegern, nicht zu vergessen Trudi, sah, die Emmis Kamera hielt und mir das Daumen-hoch-Zeichen gab, stöhnte ich leise auf. Das war selbst für mich ein neuer Tiefpunkt. Und dass Rispo in der ersten Reihe stand und vergebens versuchte, sein Grinsen zurückzuhalten, half mir nicht im Geringsten.

Im nächsten Moment sprang er über die Brüstung, so als sei sie nichts weiter als ein Bordstein, und schlenderte auf mich zu. „Du hast da Dreck“, stellte er fest und half mir auf die Füße.

„Wo?“

„Überall.“

Ich presste die Lippen aufeinander und sah ihn düster an. „Ich habe dein blödes Beweismittel verteidigt. Ich bin eine Heldin!“, stellte ich klar und deutete auf den Finger zu meinen Füßen.

Rispo folgte meiner Geste mit dem Blick und gab ein unzufriedenes Brummen von sich. „Dein zweiter Finger … mir wäre es lieber, du würdest etwas anderes sammeln. Briefmarken sind doch ganz nett.“ Er schüttelte den Kopf, beförderte ein Taschentuch und einen Ziploc-Beutel hervor und sammelte den Finger ein. „Weißt du“, murmelte er. „Ich dachte, ich hätte schon alles gesehen – und dann lerne ich dich kennen und zweifle plötzlich an dem Ideenreichtum jedes Kinofilms.“

„Schön, dass ich deinen Horizont erweitern kann“, sagte ich griesgrämig und klopfte mir den Staub von den Beinen. „Der Leiche, die ihr heute Morgen untersucht habt, fehlt nicht zufällig ein Finger?“

„Der Leiche von heute Morgen fehlen alle Finger“, stellte Rispo trocken fest, bevor er den Gaffern zurief: „Okay, alle, die nicht hier arbeiten, bitte ich, den Zoo zu verlassen. Dies ist möglicherweise ein Tatort und bevor wir nichts Genaueres wissen, fasst niemand mehr etwas an. Bitte begeben Sie sich sofort zum Ausgang.“

Niemand rührte sich.

„Ich bin Kommissar bei der Kölner Mordkommission und nehme jeden Zoobesucher, der in einer Minute noch hier steht, für eine dreistündige Befragung mit aufs Revier.“

Sofort wuselten die Umherstehenden durcheinander und hasteten Richtung Ausgang, während ich über die Brüstung kletterte, froh darum, nicht mehr von Erdmännchen umringt zu sein.

Stattdessen erwarteten mich Trudi und fünf Tierpfleger. Marcel, mit dem ich bereits die Ehre gehabt hatte, mit eingeschlossen. Sie alle trugen dieselbe Montur. Poloshirt, grüne Hose und grüne Kappe. Zwei Frauen und drei Männer, die sich allesamt verwirrte Blicke zuwarfen.

„Jasmin, holst du bitte die Direktorin“, flüsterte Marcel einer dunkelhaarigen Mitarbeiterin zu, bevor er vortrat und mit verschränkten Armen Rispo fixierte, der hinter mir aus dem Gehege geklettert kam. „Und Sie! Sie erklären jetzt sofort, was hier los ist. Sie haben nicht die Befugnis, einfach so den Zoo zu schließen.“

„Und Sie haben nicht die Befugnis, Ihre Erdmännchen mit menschlichen Fingern zu füttern, und dennoch scheint das irgendjemand getan zu haben“, meinte Rispo nachdenklich. „Würden Sie mir das bitte näher erläutern?“

Marcel öffnete den Mund, machte einen Schritt zurück und runzelte die Stirn. „Bitte, was?“

Ich ließ den Blick misstrauisch über die Gesichter der anderen Anwesenden schweifen, auf denen sich dasselbe Unverständnis widerspiegelte. Wenn wirklich jemand hier umgebracht worden war, war jeder Einzelne von ihnen ein Verdächtiger. Da war die blonde Frau, der Marcel nachgelaufen war, die erschrocken ihre Augen aufgerissen hatte. Daneben ein glatzköpfiger Mann Ende vierzig, der mich feindselig anstarrte, und ein junger Kerl Anfang dreißig mit rötlichen Haaren, der die Lippen zusammengepresst und die Hände tief in den Hosentaschen vergraben hatte.

„Einen Finger“, wiederholte Rispo und hielt die Plastiktüte in die Höhe. „Die Erdmännchen haben mit einem abgetrennten Finger gespielt. Und es wäre interessant, zu wissen, wem er gehört.“

„Ach du meine Güte“, flüsterte Marcel und musterte das Körperteil. „Wie kann … es ist doch nicht …“ Er verstummte und schüttelte den Kopf.

„Wie überraschend, dass niemand eine Erklärung parat hat.“ Rispo ließ das Beweisstück sinken. „Fehlt heute irgendjemand?“, wollte er dann wissen. „Hat irgendein Mitarbeiter versäumt, zur Arbeit zu kommen?“

Die blonde Frau schlug sich die Hand vor den Mund und augenblicklich traten Tränen in ihre Augen. Katrin stand auf ihrem Namensschild, so viel konnte ich noch erkennen, bevor sie in die Hocke sank und flüsterte: „Henning. Henning ist nicht zur Arbeit gekommen. Gestern schon nicht. Er ist mein Verlobter und ich erreiche ihn seit zwei Tagen nicht, er …“ Sie verstummte und fing an zu weinen.

Marcel warf Rispo einen zornigen Blick zu, bevor er sich neben seine Kollegin setzte, ihr beruhigend über die Schulter strich und leise auf sie einredete.

Meine Brust zog sich zusammen und ich schluckte. Ich wollte mir gar nicht ausmalen, wie ich mich fühlen würde, wenn Emily oder mein Bruder oder Rispo verschwanden und man dann einen abgetrennten Finger … Ich atmete zitternd aus, während Katrin heftig den Kopf schüttelte, Marcels Arm abstreifte, aufsprang und davonlief.

Eine Streifenpolizistin in Uniform suchte sich genau diesen Zeitpunkt aus, um vom Eingang herüberzuschlendern und laut zu fragen: „Hey, Rispo. Marvin hat angerufen und gemeint, dass hier vielleicht einer der Finger der zerfledderten Leiche, die wir aus dem Rhein gefischt haben, gefunden wurde?“

Augenblicklich wurden die drei verbliebenen Tierpfleger kalkweiß, während sich hinter mir eine interessierte Stimme zu Wort meldete. „Zerfleddert?“ Trudi klang so neugierig, dass sie auch ein Kind hätte sein können, das gerade die Sesamstraße anschaute. „Inwiefern zerfleddert? Die-Eingeweide-wurden-herausgerissen-zerfleddert oder Etwas-wellig-an-den-Rändern-zerfleddert?“

„Was genau tut Trudi noch gleich hier?“, wollte Josh wissen.

„Sie hatte nichts Besseres vor“, meinte ich achselzuckend.

„Natürlich.“ Er nickte und fixierte dann seine Kollegin. „Louisa hat den Finger im Erdmännchengehege gefunden, aber wie immer bei Tatorten, die mit Frau Manu zu tun haben, wird die Spurensicherung wohl Schwierigkeiten haben, etwas Brauchbares zu finden. Rufen Sie sie trotzdem an. Wir benötigen wohl ein paar mehr Kollegen, die auch den restlichen Zoo nach weiteren Spuren durchkämmen.“

„Hey!“, beschwerte ich mich und sah ihn böse an. „Ich gehe immer sehr sorgfältig mit Tatorten um – sofern ich weiß, dass es einer ist.“

„Lou, du hast dich zusammen mit dem Finger im Dreck gewälzt, willst du mir ernsthaft widersprechen?“, fragte Rispo interessiert.

Nun, wenn er es so ausdrückte …

Er gab mir Gott sei Dank keine Zeit, zu antworten, sondern besah sich wieder die Tierpfleger, die uns allesamt schockiert anstarrten.

„Ist es Henning?“, fragte der Glatzkopf leise. „Die … zerfledderte Leiche?“

„Ich kann dazu im Moment noch keine Auskunft geben“, sagte Rispo entschuldigend. „Das Labor untersucht zurzeit noch die DNA. Das Opfer war bis jetzt nicht zu identifizieren.“ Er räusperte sich. „Aber es sieht so aus, als wäre der Mann von einem Tier getötet worden, und der Zoo steht als mutmaßlicher Tatort weit oben auf der Liste.“

„Aber Sie können nicht einfach die ganzen Gehege durchsuchen!“, meldete sich Marcel zornig zu Wort. „Das wird die Tiere in Aufruhr bringen. Die Elefanten haben gerade erst Nachwuchs bekommen, unser neues Löwenmännchen muss sich noch eingewöhnen, wir können sie nicht all diesem Stress aussetzen. Wir sind für das Wohl der Tiere verantwortlich und Sie –“

„Wir werden natürlich darauf achten, die Tiere nicht zu verstören“, unterbrach Rispo den Pfleger ruhig. „Aber alles, was wir zu diesem Zeitpunkt haben, sind Anhaltspunkte, und wir müssen jeder Spur nachgehen. Ich werde Sie alle auch noch einzeln befragen, aber vorerst: Ist hier in den letzten Tagen irgendetwas Merkwürdiges passiert? Ist irgendwem etwas aufgefallen, hat jemand Blut entdeckt, wo keines sein sollte? Hat jemand irgendetwas beobachtet, was uns weiterhelfen könnte?“

Wieder wechselten die Pfleger ahnungslose Blicke untereinander, bevor sie allesamt hilflos die Achseln nach oben zogen.

„Alles lief wie immer“, meinte der Glatzkopf. „Der Zoo ist ein relativ ruhiger Ort, wir –“

„Mir wurde der Schlüssel gestohlen!“, platzte der Jüngling mit den rötlichen Haaren dazwischen. Sein Gesicht war immer noch Gänseblümchenweiß, doch jetzt nickte er heftig. „Samstag wurde mir der Generalschlüssel gestohlen.“

„Was?“, fragte Marcel entsetzt. „Valentin! Davon hast du mir gar nichts erzählt!“

Der junge Tierpfleger zog eine Grimasse. „Es tut mir leid, mir war es peinlich, aber … na ja, der Schlüssel ist weg und ich weiß nicht, was mit ihm passiert ist.“

Aber ich wusste es. Finn hatte ihn geklaut und dann verloren. Aber das konnte ich schlecht laut sagen.

„Okay.“ Rispo zog einen Block aus seiner Gesäßtasche. „Wann war das genau?“

„Ähm“, sagte ich laut, bevor Valentin antworten konnte. „Vielleicht sind die Schlüssel ja auch nur verschüttgegangen. Das kann doch sein, oder?“

„Nein“, beteuerte Valentin. „Ich hatte sie die ganze Zeit in meiner Hosentasche und auf einmal waren sie nicht mehr da.“

„Deine Hosentasche muss ein Loch haben“, vermutete ich.

Verunsichert sah der Tierpfleger von mir zu Rispo und wieder zurück. „Nein. Hat sie nicht.“

„Ganz sicher?“, wiederholte ich und beugte mich eindringlich vor. „Schlüssel gehen andauernd verloren. Du könntest dich irren. Vielleicht sind sie dir ins Klo gefallen, als du dich zum Pinkeln hingesetzt hast.“

„Aber ich pinkel im Stehen“, sagte Valentin triumphierend und richtete den Zeigefinger auf mich.

Also darauf sollte er nicht so stolz sein. „Nun ja“, fuhr ich fort. „Dennoch könnten sie dir einfach aus der Tasche gefallen sein, od-“

Zwei Hände packten mich an den Schultern und zogen mich abrupt beiseite, sodass mir das Wort im Halse stecken blieb. „Lou“, flüsterte Rispo an meinem Ohr. „Was geht hier vor sich?“

Mit unschuldig weit geöffneten Augen drehte ich mich zu ihm um. „Gar nichts! Ich will nur sichergehen, dass seine Aussage auch korrekt ist.“ Und Finn nicht im Kittchen landete.

Rispo sah nicht überzeugt aus. „Also, erstens: Du kannst jetzt gehen, wir brauchen dich hier nicht mehr. Zweitens: Wenn am Abend vor dem Mord ein Generalschlüssel geklaut wurde, muss ich das natürlich in meinen Bericht aufnehmen. Der Dieb ist der Hauptverdächtige.“

Nein, war er nicht. Der Dieb war ein kiffender Vollidiot, nicht zu vergessen ein besoffener Dummkopf, aber er war nicht der Hauptverdächtige. Das alles konnte ich jedoch nicht sagen, ohne Finn zu verraten. Und ich hatte ihm versprochen, Stillschweigen zu bewahren.

Ich suchte gerade fieberhaft nach einer anderen Möglichkeit, wie der Schlüssel aus Valentins Tasche hatte verschwinden können, als eine herrische Stimme das Tuscheln der Tierpfleger übertönte.

„Was ist hier bitte los?“

Die brünette Pflegerin war zurückgekehrt und sie war nicht allein. Neben ihr stand eine attraktive, aber streng wirkende Frau in den Vierzigern, durch deren schwarze Haare sich graue Strähnen zogen. Sie trug einen dunkelblauen Hosenanzug und den Blick einer Frau, die keine halben Sachen machte. Neben ihr stand ein bebrillter Mann in ähnlichem Alter, dessen hellblaues Hemd viel zu groß für seine schmale Statur war. Er erinnerte mich ein bisschen an eine erwachsenere Form von Marvin mit deutlich mehr Bartwuchs, den sein Besitzer in Form eines Ziegenbartes zur Schau stellte.

Rispo hob eine Augenbraue. „Und Sie sind?“

„Florentine Kamm. Die Zoodirektorin“, sagte die Frau angespannt und streckte ihre beeindruckende Brust heraus. „Und ich wüsste nicht, was die Polizei hier verloren hätte.“

„Nun, Frau Kamm, es tut mir wirklich leid, Ihren Arbeitsalltag durcheinanderbringen zu müssen, aber wir haben einen menschlichen Finger in Ihrem Zoo gefunden, und daher besteht Anlass zur Annahme, dass jemand auf diesem Gelände ermordet wurde.“

Frau Kamm schnaubte und machte eine rüde Handbewegung, die meiner Mutter den Atem geraubt hätte. „Das ist doch albern! Hier wurde niemand umgebracht. Wir sind ein Zoo, keine Leichenfabrik. Mit Ihnen geht wohl die Fantasie durch! Und außerdem … jeder Besucher hätte den Finger mit hereinschmuggeln können. Erdmännchen sind Karnivoren, das weiß doch jedes Kind. Einen Finger in ihrem Gehege zu entsorgen, wäre also keine dumme Idee.“

„Auch wenn ich mich immer über eine Biologiestunde freue“, sagte Rispo langsam, „werde ich den Zoo für den Rest des Tages dennoch schließen lassen. Einer Ihrer Mitarbeiter wird vermisst und –“

„Wir werden den Zoo nicht schließen!“, fuhr sie ihm erzürnt dazwischen. „Ich weiß nicht, ob Ihnen die nationale Wirtschaftslage bewusst ist, Herr Wie-immer-Sie-auch-heißen, aber sie ist bei Weitem nicht so gut, als dass wir auf die Einnahmen eines so beschissen schönen Sommertages verzichten könnten!“

„Ja, wissen Sie, das interessiert mich nicht“, stellte Rispo, ganz das fachmännische Arschloch, fest. „Mich interessiert, dass ein Mann auf brutale Weise umgebracht wurde. Und Gott sei Dank ist es meine Meinung, die zählt.“

Die Direktorin presste die Lippen aufeinander, funkelte Rispo böse an, öffnete den Mund, schüttelte den Kopf und atmete dann zischend aus. „Schön“, fauchte sie und wandte sich an ihren Nebenmann. „Marius, würdest du dich bitte um die Polizei kümmern? Ich bin in meinem Büro und werde eine Pressemeldung aufsetzen.“ Und mit diesen Worten drehte sie sich auf den Absätzen um und verschwand in Richtung des Streichelzoos.

„Wunderbar“, sagte Rispo feierlich. „Dann können wir uns ja an die Arbeit machen und –“

„Wer ist sie überhaupt?“, unterbrach Marcel ihn und nickte zu mir herüber. „Sie schnüffelt doch schon seit heute Morgen hier herum! Ich hab sie vorhin dabei beobachtet, wie sie fast ins Löwengehege geklettert ist.“

Also jetzt übertrieb er aber! Rot anlaufen tat ich trotzdem, vor allem deswegen, weil ich Rispos durchdringenden Blick auf meinem Gesicht spürte.

„Du hast hier rumgeschnüffelt?“, wollte er mit gepresster Stimme wissen.

„Nein. Ich habe mir sogar sehr viel Mühe dabei gegeben, möglichst wenig zu schnüffeln. Es stinkt überall nach Mist hier! Ich bin lediglich ein Tierfreund, der sich einen entspannten Vormittag gönnen wollte.“ Und bei dieser Geschichte würde ich bleiben. „Ich sollte jetzt auch gehen. Die Arbeit ruft.“

Rispos Hand schraubte sich um meinen Oberarm. „Was ist hier los, Louisa? Was verschweigst du mir?“

„Gar nichts“, beteuerte ich und vermied es, ihn anzusehen. Mein Gesicht verriet zu viel. „Ich habe keine Ahnung von nichts“, sagte ich, machte eine kurze Pause und fügte dann leise hinzu: „Aber wenn ich du wäre, würde ich mich mal in den Fütterungskäfigen der Löwen umsehen – und um den verlorenen Schlüssel solltest du dir wirklich keine Gedanken machen. Bis dann.“

Und dann packte ich Trudi am Ellenbogen und floh mit ihr aus dem Zoo.

Kapitel 6

Meine beste Freundin Ariane bewohnte eine Erdgeschosswohnung mit weitläufiger Terrasse und einem kleinen, aber feinen Garten, der einiges hatte wegstecken müssen, seitdem sie mit ihrem Gärtner schlief – denn nun kam er nicht mehr dazu, sich um ihre traurigen Hortensien zu kümmern. Ich nahm die Stufen zur Eingangstür und zog mein Handy aus der Tasche. Bevor ich reinging, wollte ich den Anruf an Chris hinter mich bringen, den ich den ganzen Tag vor mir hergeschoben hatte. Ich musste mit ihm wegen des Entschuldigungsschreibens und der Richtigstellung des Artikels sprechen.

Ich mochte Chris. Er war ein unglaublich netter Typ, und früher hatten wir sehr viel Zeit miteinander verbracht. Aber jetzt balancierten wir auf einer Ebene der freundschaftlichen Distanz. Ich fühlte mich nicht unwohl in seiner Gegenwart, passte jedoch auf jedes Wort auf, das meinen Mund verließ. Was daran liegen mochte, dass ich ihm vor fünf Jahren meine tiefe Liebe gestanden und er mich deswegen ausgelacht hatte. Solche Situationen vergaß man nicht.

Jetzt jedoch war unsere Beziehung eine völlig andere. Er war frisch geschieden und ich frisch vom Markt, womit sich die Sache erledigt haben sollte. Und dennoch war es mir jedes Mal unangenehm, mit ihm zu sprechen. Ich hätte sicherlich auch um einen anderen Journalisten bitten können, der mir beim Schreiben meines Artikels half, aber … ich hatte es nicht getan. Vielleicht war ich neugierig darauf, zu erfahren, zu welcher Art von Mann Chris sich in den letzten Jahren entwickelt hatte. Vielleicht wollte ich mir auch einfach selbst beweisen, dass ich über ihn hinweg war. Vielleicht wollte ich besser sein als die Louisa Manu, die sich vor einem halben Jahr im Supermarkt hinter der Käsetheke versteckt hatte, um Chris nicht über den Weg laufen zu müssen.

Ich atmete ein letztes Mal durch, sah auf mein Display, ignorierte die drei verpassten Anrufe und die Nachrichten von Josh, die energisch darum baten, ihn doch bitte zurückzurufen, und wählte Chrisʼ Nummer.

„Ja?“, meldete er sich keine Minute später.

„Hey, hier ist Louisa“, sagte ich, räusperte mich und friemelte mit meinen Fingern an dem Rest Dreck herum, der noch immer an meinem Arm klebte. „Ich habe ein Anliegen. Meine Mutter ist leider überhaupt nicht glücklich darüber, dass du meine Anekdoten über sie mit in den Artikel integriert hast und –“

„Ah, ich dachte mir schon, dass sie das stören würde“, unterbrach Chris mich, und im Hintergrund konnte ich hastige Fußschritte hören.

Ich runzelte die Stirn. „Warum hast du es dann gedruckt?“

„Mein Boss hat die Passage geliebt! Ich konnte sie nicht rausnehmen.“

„Schön, aber das ändert nichts daran, dass meine Mutter sich eine Richtigstellung des Artikels wünscht.“

„Puh, na gut.“ Chris zögerte kurz, bevor er meinte: „Tut mir leid, ich bin gerade auf dem Sprung. Sollen wir das nicht lieber bei einem Essen besprechen? Dann können wir auch über deine Zukunft beim Kölner Blatt quatschen.“

Meine Zukunft bei der Presse? Ich hatte eigentlich nicht vor, eine zu haben. „Von mir aus. Solange wir das mit der Korrektur des Artikels angehen.“

„Ja, verstehe ich. Ist gar kein Problem. Wie passt es dir morgen Abend? Um sieben?“

Ich stutzte. Um sieben? Das war doch schon reichlich spät für ein Geschäftsessen. „Theoretisch schon“, sagte ich langsam. „Aber denkst du nicht, dass –“

„Super, ich schicke dir die Adresse des Restaurants per Mail. Bis morgen!“

Im nächsten Moment legte er auf.

Verwirrt starrte ich auf mein Handy. Das Telefonat war anders verlaufen, als ich es mir vorgestellt hatte.

Die Tür vor mir ging auf, und Ariane sah mich fragend an. „Alles okay? Genießt du die Aussicht oder warum klingelst du nicht?“

„Chris will morgen mit mir Essen gehen“, sagte ich verblüfft.

Arianes Mund öffnete sich überrascht. „Ich verstehe nicht. Sagen wir das jetzt anstelle von ‚Guten Abend‘?“

„Nein. Aber das ändert nichts daran, dass er morgen um sieben mit mir geschäftliche Dinge besprechen will. In einem Restaurant. Und ich weiß nicht … ob das okay ist.“

„Okay für wen?“, wollte Ariane mit verengten Augen wissen. „Für Rispo? Dem du immer noch nicht erzählt hast, wer Chris ist?“

Oh, nein. Für den würde es definitiv nicht okay sein. Das war mir bereits klar. „Ich werde es ihm wohl sagen müssen …“, überlegte ich und ließ mein Handy sinken. Mein Herz sank direkt mit.

„Denkst du, ja?“, fragte Ari und trat beiseite, um mich einzulassen. „Und da kommst du von ganz allein drauf? Nicht etwa, weil ich es dir seit Wochen predige?“

Ich atmete schwer ein und rieb mir mit der flachen Hand über die Stirn. „Ja, ich weiß. Es läuft nur gerade so gut zwischen uns. Ich möchte es nicht kaputtmachen.“

„Das wirst du aber, wenn du es Rispo nicht sagst. Denn ganz gleich, wie es passiert – es wird rauskommen, dass Chris nicht einfach irgendein Journalist ist. Und es wird schlimm ausgehen, wenn Josh das nicht von dir erfährt.“

Ich ließ mich auf einen der Küchenstühle fallen und stöhnte laut auf. Ich hasste es, wenn Ari mithilfe logischer Schlussfolgerungen meine mühsam errichtete Traumwelt zerstörte.

„Und wenn du schon dabei bist, würde ich ihm auch gleich beichten, dass du morgen mit Chris essen gehst. Warum machst du das noch gleich?“

„Es ist geschäftlich!“ Und ich war neugierig darauf, wie ein Abendessen mit Chris, über das ich zugegebenermaßen den Großteil meines Studiums über fantasiert hatte, wohl aussehen würde.

„Ja, dann sag Rispo das doch. Ist doch kein Problem. Er wird das sicher verstehen.“

Ich musste lachen. Also, jetzt war sie es, die in einer Traumwelt lebte.

Es war fünf nach elf, als ich vor meiner Haustür parkte. Es war sechs nach elf, als ich Rispo erkannte, der auf der Stufe davor saß. Es war immer noch sechs nach elf, als ich überlegte, ob ich heute vielleicht lieber im Auto schlafen sollte. Es war sieben nach elf, als ich feststellte, dass ich albern war, und beschloss, auszusteigen. Es war acht nach elf, als ich Rispos Gesichtsausdruck bemerkte und mir der Schlafplatz in meinem Auto doch plötzlich recht kuschelig erschien.

Er sah nicht wütend aus. Nicht einmal vorwurfsvoll. Sein Blick wirkte nur sehr … geduldig. Er war sein Polizisten-Ich und das bedeutete nie etwas Gutes.

Ich schloss den Passat ab und ging an ihm vorbei zur Haustür. „Ich weiß“, besänftigte ich ihn mit erhobenen Händen.

Rispo schwieg vielsagend.

„Ist das Opfer dieser Henning?“, wollte ich wissen.

„Henning Wiese, Tierpfleger im Zoo. Sein Fingerabdruck war im System“, sagte er düster. „Wir können uns also glücklich schätzen, dass du den Finger gefunden hast.“

„Hm. Warum hörst du dich dann nicht euphorischer an?“, fragte ich vorsichtig und trat in den kühlen Hausflur.

„Weil wir interessanterweise tatsächlich menschliche Blutspuren in den Fütterungskäfigen der Löwen gefunden haben“, sagte er mühsam beherrscht. „Genau so, wie du es vorausgesagt hast.“

„Nun …“ Mit ernstem Gesicht wandte ich mich zu ihm um. „Bis jetzt habe ich meine hellseherischen Fähigkeiten unter Verschluss gehalten, damit du keine Angst vor mir hast, aber nun ist wohl der richtige Moment gekommen, sie zu erwähnen.“

„Lass den Blödsinn, Lou“, sagte Josh bissig. „Es geht hier um polizeiliche Ermittlungen, du bist gesetzlich dazu verpflichtet, mir alles zu sagen, was zur Lösung des Falls beitragen könnte.“

„Rein aus Interesse, was passiert, wenn ich es nicht tue?“, fragte ich im Plauderton und erklomm die letzten Stufen zu meiner Wohnungstür. „Willst du mich dann wieder ins Gefängnis stecken?“

„Hältst du mir das jetzt ewig vor?“

Ja, ewig und zwei Tage! Es war äußerst schwierig, darüber hinwegzukommen, von seinem Lover in den Knast gesperrt zu werden.

Ich ließ meine Handtasche auf den Tresen fallen, schlüpfte aus meinen Schuhen und nahm mir ein Glas, das ich an der Spüle mit Wasser füllte. „Willst du auch was trinken?“, fragte ich über die Schulter hinweg.

„Ich gehe davon aus, dass du keinen Whisky im Haus hast?“

„Nein, aber ich habe Kamillentee.“

„Und ich bin sicher, dass du gleich noch Harfenmusik auflegen wirst.“

„Keine schlechte Idee, hast du eine CD aus deiner Sammlung dabei?“

Rispo schnaubte. „Sag mir einfach, was los ist, okay? Ich werde dir keinen Vortrag darüber halten, warum du dich nicht in polizeiliche Angelegenheiten einmischen solltest. Ich werde dir nicht auf ein Neues predigen, dass es dumm für eine Frau mit deinem Gleichgewichtssinn ist, in einem Mordfall mitzumischen, und ich werde davon absehen, dir zu erklären, dass die Sache keinesfalls persönlich ist, nur weil du dich mit ein paar Erdmännchen im Dreck gewälzt hast. Erklär mir, warum du im Zoo warst und was du weißt und dann ist das Gespräch für heute beendet.“

Ich wandte mich um und lehnte mich gegen die Anrichte, bevor ich das Glas Wasser in meinen Fingern drehte.

Rispo lag falsch. Es war sehr wohl persönlich, wenn ich mich vor fünfzig Leuten zum Affen machte. Aber das war jetzt nicht der Punkt. „Warst du schon mal im Kölner Zoo?“, wollte ich wissen und nahm einen Schluck aus meinem Glas, bevor ich Josh wieder fixierte.

Seine Augen hatten die Farbe von Gewitterwolken. „Natürlich.“

„Was heißt hier natürlich?“, fragte ich verdutzt. „Du hast nicht gerade die charmante, tierfreundliche Zoobesucherausstrahlung.“

„Habe ich nicht? Dabei gebe ich mir solche Mühe.“

Meine Mundwinkel zuckten, während wir uns unverwandt anstarrten. Ich steckte in einer Zwickmühle. Ich wollte ihm die Wahrheit sagen. Aber ich wollte nicht dafür verantwortlich sein, dass Finn in Schwierigkeiten geriet. Ich hatte ihm versprochen, Josh nichts zu erzählen. Es war möglicherweise ein dummes Versprechen gewesen, aber das änderte nichts daran, dass ich es gegeben hatte.

Ich holte tief Luft, bevor ich murmelte: „Mir hat eine anonyme Quelle verraten, dass Samstagnacht ein leichenförmiger Sack aus dem Zoo getragen wurde.“

Rispo sagte nichts.

„Hast du mich gehört?“

Er nickte.

„Und …?“, fragte ich.

„Ich warte darauf, dass du etwas sagst, was mich nicht wütend macht.“

Oh, da war er vielleicht etwas zu optimistisch. „Nun, ich wollte dieser anonymen Quelle nicht glauben, aber ich habe versprochen, mich mal im Zoo umzusehen. Den Rest der Geschichte kennst du.“

Langsam verschränkte Rispo die Arme vor der Brust. „Was ist mit dem Schlüssel?“, fragte er steinern.

„Dem Schlüssel zu meinem Herzen?“, fragte ich hoffnungsvoll.

„Du sagtest, ich solle mir um den gestohlenen Schlüssel keine Gedanken machen. Warum?“, fragte Rispo und ignorierte so meine Frage gekonnt.

Das hatte er also nicht vergessen. Tragisch. „Ein Bauchgefühl.“

„Ein Bauchgefühl, das einer meiner Brüder bei dir hervorgerufen hat, der zufällig gerade ein Praktikum im Zoo macht?“

Ich wurde rot und kratzte mich unbeholfen am Kopf. „Manchmal habe ich fast das Gefühl, dass du doch ganz gut in deinem Job bist.“

Rispos Kiefer knackte. „Schön. Ich denke, ich hätte dann gerne einen dieser Kamillentees. Bei dem Gedanken daran, morgen meinen Bruder verhaften zu müssen, weil er unter Mordverdacht steht, könnte ich ein Getränk mit beruhigender Wirkung gebrauchen.“

Ungläubig riss ich meine Augen auf. „Immer langsam mit den Löwen!“, meinte ich kopfschüttelnd. „Du kannst Finn nicht verhaften. Er ist ein Volldepp, aber er hat es doch nicht verdient, in den Knast zu wandern.“

„Louisa, das ist kein Spaß“, sagte Josh eindringlich und beugte sich zu mir vor. „Ein Mann wurde auf brutale Art und Weise getötet und dann den Tieren zum Fraß vorgeworfen. Wenn Finn am Abend der Tat den Schlüssel zum Tatort gestohlen hat, dann ist das –“

„Aber er war es nicht! Er ist nicht der Mörder. Und das kann er sogar beweisen!“ Triumphierend richtete ich einen Finger auf Rispo. „Er hat die Sache gefilmt. Es ist nicht viel zu erkennen, aber man kann ihn im Hintergrund hören, er –“

„Gefilmt? Er hat den Täter auf Band und das sagst du mir erst jetzt?“, fragte er ungläubig.

Ich winkte ab. „Die Täter. Mehrzahl. Es waren zwei Gestalten zu sehen, aber ansonsten konnte man sie kaum erkennen. Ich bezweifle, dass dir das Material weiterhilft. Aber Emily gibt dir das Video bestimmt. Sie war auch dabei.“

„Klasse!“, sagte Rispo laut und fuhr sich mit beiden Händen in die Haare. „Noch ein durchgeknalltes Mitglied der Familie Manu, das in einen Mordfall verwickelt ist. Meine kühnsten Albträume gehen in Erfüllung. Gibt es vielleicht sonst noch etwas, das du mir sagen willst?“ Herausfordernd sah er mich an, und automatisch wanderten meine Gedanken zu Chris.

Morgen. Morgen würde ich ihm die Sache mit Chris beichten. Und ich würde so großzügig sein, darüber hinwegzusehen, dass er mich als durchgeknallt bezeichnet hatte. Das war sicherlich ein Kompliment gewesen.

„Nein, das warʼs“, sagte ich lahm und ließ das Wasserglas auf die Anrichte sinken.

Rispo presste die Lippen aufeinander. „Weißt du, das ist wirklich hervorragend. Jetzt habe ich einen Bruder, der nicht nur ein Dieb, sondern auch ein Einbrecher ist; eine Freundin, die gerade dabei ist, sich erneut in einen Mordfall einzumischen; und vierzig Leichenteile, die wir aus dem Rhein gefischt und in diversen Tiergehegen – nicht zu vergessen im Sondermüll des Zoos! – zusammengesucht haben.“ Er stieß zischend Luft aus und ließ seine Hände aus den Haaren gleiten. „Und Finn kann ich nicht anschwärzen, weil das sein drittes Vergehen wäre und er für ein paar Monate in den Knast wandern würde; dich kann ich nicht dazu überreden, statt deines Detektivhobbys Jonglieren zu lernen oder Urzeittierchen zu züchten; und auf Henning Wieses Überbleibseln sind so viele verschiedene Bissspuren zu erkennen, dass ich nicht einmal seine Todesursache bestimmen, geschweige denn sagen kann, welches Tier am meisten von ihm gefressen hat! Und da wir nicht alle Tiere im Zoo aufschneiden können, um nachzusehen, werden wir wohl nie die gesamte Leiche zusammenbekommen.“

„Was denn alles für Bissspuren?“, wollte ich verwundert wissen. „Es waren nicht nur die Löwen?“

Rispo sah mich düster an.

Ich blinzelte. „Ähm, ich meine natürlich: Das ist scheiße, ich werde morgen direkt damit anfangen, Jonglieren zu lernen!“

Schnaubend schüttelte Josh den Kopf. „Sag mir nur, dass du den Fall in Ruhe lässt.“

Ich wollte ihn nicht anlügen, deshalb blickte ich zu meinem CD‑Player und fragte: „Wie waren wir mit der Harfenmusik verblieben?“

Rispo seufzte, streckte die Arme aus und zog mich zu sich heran.

„Wenn ich mit vierzig an einem Herzinfarkt verrecke, dann gebe ich dir die Schuld.“

Ich legte meinen Kopf an seine Schulter, genoss die mich umgebende Wärme und sog den Geruch nach Wald und Vanille und Rispo ein, während meine Finger seine Wirbelsäule hinaufkletterten. „Klingt fair. Was hältst du davon, mir die Polizeiakte für den Zoofall zu geben, damit du dir nicht so viele Sorgen darum machen musst, wie ich sonst an die Informationen komme?“

„In etwa so viel, wie von der Idee, mir von einem Leprakranken in den Mund niesen zu lassen.“

„Mhm. Kannst du mir wenigstens sagen, ob ihr schon einen Verdächtigen habt?“, wollte ich wissen, während Rispos Finger unter den Saum meines T‑Shirts fuhren und kleine Kreise auf meine Haut malten. Eine Gänsehaut krabbelte meinen Rücken bis in meinen Nacken hinauf.

„Nein“, flüsterte er an meinem Ohr, während sein Kinn über meine Wange kratzte.

„Nein, ihr habt noch keinen oder nein, du verrätst es mir nicht?“

Rispos Finger glitten über meinen Rippenbogen, und mein Atem beschleunigte sich. „Einfach nur Nein, Lou.“ Seine Lippen strichen über meine Schläfe, und meine Finger krallten sich in sein T‑Shirt.

„Okay“, murmelte ich und schloss die Augen. „Aber jetzt bin ich immer noch genauso dumm wie vorher.“

Details

Seiten
0
Erscheinungsform
Erstausgabe
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783960874201
ISBN (Buch)
9783960874218
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v431805
Schlagworte
Frauen-Krimi-nal-roman liebe-roman-tik-s-e-lustig-humor-voll Mord Verbrechen Kommissar Amateur-detektiv-in Privat-e-n-Ermittlung-er-in

Autor

  • Wenn Sie diese Meldung sehen, konnt das Bild nicht geladen und dargestellt werden.

    Saskia Louis (Autor)

Zurück

Titel: Mordsmäßig angefressen (Frauenkrimi, Chick Lit, Frauenroman)