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Grabesschuld (Krimi)

von Andreas Schmidt (Autor)

2018 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

Erschossen und auf dem Altar aufgebahrt: Den Küster der Herz-Jesu-Kirche Klaus Gerber ereilte ein grausames Schicksal. Wer ist der Killer, der es auf den angeblich friedliebenden Mann abgesehen hatte? Für die alleinerziehende Kriminalhauptkommissarin Katrin Kramer und ihren eigenwilligen und verschrobenen Kollegen Karl Brauer beginnt eine lange Nacht, denn jemand will mit aller Macht verhindern, dass ans Licht kommt, was für immer begraben hätte bleiben sollen …

 

Impressum

dp Verlag

Überarbeitete Neuausgabe August 2018

Copyright © 2021 dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

E-Book-ISBN: 978-3-96087-452-2
Taschenbuch-ISBN: 978-3-96087-490-4

Copyright © April 2016, dp DIGITAL PUBLISHERS
Dies ist eine überarbeitete Neuausgabe des bereits April 2016 bei dp DIGITAL PUBLISHERS erschienenen Titels Du sollst nicht töten (ISBN: 978-3-94529-863-3).

Covergestaltung: unter Verwendung von Motiven von
shutterstock.com: © Freedom Studio
Lektorat: Lennart Janson

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

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dp Verlag

Prolog

Es regnete seit Tagen. Der Herbstwind peitschte dicke Tropfen gegen das Fenster. Der hochgewachsene Mann hockte in seinem speckigen Fernsehsessel im Wohnzimmer seiner kleinen Mietwohnung und rauchte. Nachdenklich drehte er den Joint in seiner rechten Hand und starrte ins Leere. Die einzige Lichtquelle im Raum war das blaue Licht des Fernsehers, der ohne Ton lief. Kurze Bildsequenzen und wechselnde Kamerapositionen sorgten für einen flackernden Lichtschein. Das Programm interessierte den Mann nicht. Er nahm einen tiefen Zug von seinem Joint, blies den würzigen Rauch an die vergilbte Zimmerdecke und wandte den Blick träge zum Fenster hinüber. Es sah aus, als wolle er durch einen Wasserfall hinaus in die Nacht blicken. Das Licht der Straßenlaterne warf einen hellgrauen Streifen auf den Boden des karg eingerichteten Wohnzimmers.

Herbst, dachte er fröstelnd. Das ist also der Herbst.

Er nahm noch einen tiefen Zug. Das Papier am Anfang der selbstgedrehten Zigarette glomm sekundenlang auf wie ein Glühwürmchen. Er paffte genüsslich. Schwer hing die süßliche Dunstwolke im Raum und umhüllte seine massige Gestalt wie eine Nebelglocke.

Jetzt blickte er zum Fernseher und schüttelte verächtlich den Kopf. Ein so oberflächliches Medium, das vierundzwanzig Stunden am Tag das Leben aus zweiter Hand zeigte. Leerlauf fürs Gehirn. Leben aus der Konserve – diktiert von profilierungsgeilen Redakteuren irgendwelcher drittklassiger Magazine. Er wandte sich ab und stierte auf den kleinen Wohnzimmertisch. Die einst glänzende Glasplatte war staubblind. Das Kondenswasser von gekühlten Bierdosen hatte klebrige Kränze auf dem Tisch hinterlassen. Die leeren Dosen drückte er stets in der Faust zusammen und warf sie auf den Tisch, wo sie scheppernd den kläglichen Rest ihres Inhaltes auf der Tischplatte verteilten. Inzwischen war er bei der dritten Literdose angekommen. Sein Kopf war wie leergefegt, und das war auch gut so. In einer Woche würde er die Bude räumen müssen. Weil er mit der Miete mehr als drei Monate im Rückstand war. Gestern hatte er die Kündigung seines Vermieters im Briefkasten gehabt. Renoviert und besenrein solle er die Wohnung hinterlassen.

Er würde dem Kerl eins scheißen, dachte er verächtlich und war froh, dass die Stadtwerke ihm noch nicht den Strom abgedreht hatten. Die Rechnung kam bestimmt auch noch, aber dann würde er schon nicht mehr hier wohnen.

Er beugte sich vor, griff nach der großen Bierdose, nahm einen tiefen Schluck, rülpste laut und dachte über sein beschissenes Leben nach. Arbeitslos. Hartz IV, Behördenärger am laufenden Band. Sie hatten ihm vor einem Monat einen Job in Neuss angeboten. Als Erntehelfer. Hatte jemand auf dem Amt vielleicht berücksichtigt, dass er nach einem Bandscheibenvorfall krankgeschrieben worden war und ein ärztliches Attest eingereicht hatte? Nein, natürlich nicht. Und außerdem besaß er kein Auto, mit dem er täglich an den Niederrhein hätte fahren können. Das heißt, den alten Passat hatte er ja noch. Aber die Kiste war seit einem halben Jahr TÜV-überfällig und nicht mehr verkehrssicher.

Nachdem er den Job in Neuss abgesagt hatte, strichen sie ihm die Zahlungen. Er war wegen chronischem Pech und einem schweren Rückenleiden durch das soziale Netz gefallen. Niemand kam für seine Miete auf. Niemand unterstützte ihn, wenn er nachts schlaflos und hungrig in das schmierige Bett kroch und die Decke bis zum Gesicht zog. Niemand war für ihn da. Karin, seine Freundin, war jetzt seine Exfreundin. Sie hatte ihn mit seinem besten Freund betrogen, ihn als Versager beschimpft und war aus der ehemals gemeinsamen Wohnung ausgezogen. Das Einzige, was ihm geblieben war, waren ein paar lausige Euro für Bier und Gras. Drogen, die er sich täglich gönnte, um sein beschissenes Leben ertragen zu können. Er hatte gebettelt, überall versucht an Geld zu kommen, um seinen Lebensunterhalt auch weiterhin bestreiten zu können. Als Arbeitsloser gab es Mittel und Wege, an Geld zu kommen. Nicht nur vom Arbeitsamt und der Arge. Soziale Einrichtungen, Freunde, Familie. Alle hatten ihn ausgelacht. Niemand hatte ihm auch nur einen einzigen Cent gegeben.

Doch damit war jetzt Schluss. Seine Zeit war gekommen. Es war die Zeit der Abrechnung. Lange hatte er an seinem Rachefeldzug gefeilt, jedes Detail bis ins Letzte durchdacht. Und ab morgen würden die Uhren anders ticken. Er würde abrechnen. Vielleicht würden sie ihn endlich verstehen, wenn er ein Zeichen gesetzt hatte.

Seine Finger zitterten, als er den Stummel der Zigarette im Ascher ausdrückte und die Bierdose leerte, bevor er sie zusammenpresste, wie ein wehrloses Tier, das in seiner Hand gefangen war. Er feuerte das dünne, zerknüllte Weißblech auf den Glastisch, wo es scheppernd einige Drehungen vollführte. Morgen würde sein neues Leben beginnen, dachte er, als er sich mit einem triumphierenden Grinsen auf den Lippen erhob, schwer von Alkohol und Drogen, und ins Schlafzimmer kroch. Als hätte man bei ihm einen Schalter umgelegt, fiel er in das vom Vortag ungemachte Bett und schlief auf der Stelle ein.

Samstag

19.15 Uhr, Kirche Herz Jesu, Elberfeld

Nachdem der letzte Besucher der Samstags-Messe gegangen war, erhob sich Klaus Gerber von seinem Hocker hinter der Orgel. Obwohl er die abendliche Messe sehr liebte, war er heute froh, dass der Gottesdienst zu Ende war. Während des Orgelspiels hatte er wieder diesen Schmerz in der Brust verspürt. Das Stechen wurde schlimmer, und er fürchtete, bald nicht mehr an einem Besuch bei Dr. Bespin, seinem Hausarzt, vorbeizukommen. Irgendetwas schien mit seinem Herzen nicht in Ordnung zu sein.

Doch jetzt verwarf er den Gedanken und widmete sich wieder seiner Arbeit. Der Küster schaltete das mächtige Musikinstrument ab. Seine Hände glitten liebevoll über das Holz. Bei der Orgel handelte es sich um ein ganz besonderes Instrument, denn der Kern des Klangwerks stammte aus einer lutherischen Kreuzkirche, während das prächtige Gehäuse aus einer alten Kirche in Holland kam. Eine Orgelbaufirma aus Höxter hatte aus beiden Komponenten dieses beeindruckende Instrument geschaffen, das auf den Wuppertaler Orgeltagen immer wieder Beachtung unter Musikfreunden fand. Dem Küster war es eine Ehre, auf diesem besonderen Musikinstrument spielen zu dürfen.

Gerber atmete tief durch und warf einen Blick auf die Armbanduhr. Viertel nach sieben. Pünktlich zur Tagesschau würde er zu Hause sein, dachte er zufrieden und verließ seinen Platz an der Orgel.

Pfarrer Tütering, der die Abendmesse gehalten hatte, war recht eilig in die Sakristei verschwunden, um sich umzuziehen. Er hatte heute Abend noch etwas vor. Den Messdienern hatte er mit einem schelmischen Augenzwinkern gestanden, noch ein Date zu haben.

Der Küster mochte „seinen“ Pfarrer. Schon seit elf Jahren arbeiteten sie zusammen und waren, wie Hans Tütering es immer nannte, so etwas wie ein Dream-Team. Gerber hatte keine Probleme mit der humorvollen und weltoffenen Art des katholischen Geistlichen – im Gegenteil: Tütering hatte bei seinem Amtsantritt frischen Wind in die etwas angestaubte Gemeinde gebracht. Die Gemeindemitglieder mochten ihn.

Gerber zupfte die Gestecke in den Blumenschalen zurecht und steckte neue Kerzen in die eisernen Halter, während ein kalter Herbststurm um die dicken Mauern der Kirche fegte. Regen prasselte gegen die kunstvoll verzierten Fenster. Der Küster erschauderte und freute sich auf einen heißen Tee, den er sich zu Hause zubereiten würde. Doch zunächst gab es noch einiges zu tun. Er wollte die Kirche für den morgigen Gottesdienst herrichten.

Gerber durchquerte das Schiff der Kirche. Hohl hallten seine Schritte von der kuppelförmigen Decke zurück. Er liebte diese Stille nach dem Gottesdienst. Zeit, ein paar Gedanken mit Gott auszutauschen. In aller Stille. Der untersetzte Mann mit dem silbrig schimmernden Haarkranz war fast siebzig Jahre alt, aber er fühlte sich mindestens zehn Jahre jünger, und er war sicher, dass er das „dem da oben“ zu verdanken hatte. Nach dem Tod seiner Frau Luise vor zwölf Jahren, hatte sich der rüstige alte Herr noch einmal ins Arbeitsleben gestürzt. Obwohl es auch für Gemeindemitarbeiter eine Altersgrenze gab, hatte er seinen Vertrag auch nach dem fünfundsechzigsten Lebensjahr jährlich verlängern lassen. Mit einem nachdenklichen Lächeln auf den schmalen Lippen dachte er an seine Ehe. Relativ spät hatten die beiden noch ein Kind bekommen, doch die Tochter ging längst eigene Wege, und mit der christlichen Lebensweise der Eltern hatte sie nichts zu tun. So war es gekommen, dass der Kontakt zwischen Tochter und Vater fast eingeschlafen war. Sie sahen sich nur wenige Male im Jahr. Obwohl Klaus Gerber nach dem Tod seiner Frau versucht hatte, die Beziehung zwischen Vater und Tochter aufzufrischen, hatte er längst bemerkt, dass die Tochter Wert darauf legte, ein eigenes Leben zu führen. So ging Gerber völlig in seiner Arbeit als Gemeindeküster auf – mittlerweile seit fast drei Jahrzehnten. An die wohlverdiente Rente verschenkte er keinen Gedanken. Herz Jesu, die Kirchengemeinde von Elberfeld, war ihm ans Herz gewachsen.

Vor dem geschmückten Altar bekreuzigte sich Gerber und kniete sich auf eines der dünnen Kissen. Er schloss die Augen, faltete die Hände und war ins Gebet versunken, als hinter ihm mit einem dumpfen Knall die schwere Kirchentür zufiel. Doch Gerber blickte nicht auf. Vermutlich hatte eine der alten Damen, nach der Messe ihren Regenschirm vergessen und war nun zurückgekommen, um ihn zu holen. Dann würde sie sicherlich auch wieder verschwinden.

Der süßliche Geruch von Weihrauch hing in der Luft. Durch die gesenkten Augenlider bemerkte Gerber das Flackern der Kerzen. Von hinten näherten sich Schritte. Es waren keine klackernden Frauenschuhe. Gerber vermutete weiche, flache Sohlen. Gummisohlen, die jetzt leise quietschten. Gut, dann war es eben ein älterer Herr, der noch einmal zur Kirche zurückgekommen war. Gerber betete weiter.

Die Schritte näherten sich zielstrebig und schnell.

 „Sind Sie der Küster?“ Eine männliche Stimme.

 „Der bin ich.“ Gerber nickte und unterbrach das Gebet nun doch. Er stemmte sich in die Höhe. Ein Ächzen kam über seine Lippen. Die verdammten Knochen wollten schon nicht mehr so wie er, doch davon ließ er sich nicht erschüttern. Während er sich noch einmal bekreuzigte, drehte er sich zu dem Fremden um. Er kannte den Mann nicht aus dem Gottesdienst und auch nicht aus der Gemeinde. Und ein zufällig vorbeikommender Besucher, der sich das Gotteshaus nur einmal aus Neugier ansehen wollte, trat anders auf. Dieser Mann, Gerber schätzte ihn auf Mitte dreißig, hatte eindeutig andere Absichten. Er schien etwas Bestimmtes im Schilde zu führen. „Was kann ich für Sie ...“

Das „tun“ verschluckte Gerber, als er in die brünierte Mündung einer Waffe blickte. Sein Herzschlag setzte einen Moment lang aus. Es dauerte einen Augenblick, bis der alte Mann überhaupt realisiert hatte, dass er mit einer Schusswaffe bedroht wurde. Danach wurde ihm innerhalb einer Sekunde erst eiskalt, dann heiß. Winzige Schweißperlen standen auf seiner hohen Stirn. Er machte einen Schritt nach hinten, doch aus der Schusslinie brachte ihn das noch lange nicht.

„Was ... was haben Sie vor?“, krächzte er und spürte schon wieder diesen verdammten Schmerz in der Brust. Die Pumpe würde ihn doch wohl jetzt nicht im Stich lassen, durchzuckte es ihn. Längst schon hätte er Dr. Bespin einen Besuch abstatten müssen. Ausgerechnet in diesem Augenblick spürte er den Schmerz wieder. Übelkeit lähmte seinen Körper. Seine Augen weiteten sich, und er griff sich ans Herz. „Bitte“, keuchte er. „Helfen Sie mir!“

Doch der Fremde lachte nur. „Ich möchte nicht, dass Sie sich quälen müssen“, spottete er. „Das, was man Tieren ermöglicht, sollte man einem Menschen nicht vorenthalten. Oder was halten Sie von aktiver Euthanasie? Sie, als gläubiger Katholik?“ Mit einem triumphierenden Grinsen auf den Lippen entsicherte er die Pistole. „Das sind Sie doch, oder? Ein gläubiger Katholik?“

Gerber nickte mit panisch aufgerissenen Augen und brachte nur einen kehligen Laut über die Lippen. Der stechende Schmerz in der Herzgegend schien seinen Brustkorb zu zerreißen. Gerber hatte keine Ahnung von Waffen, er wusste nur, dass sie tödlich waren. Und an einen Scherz mit einer Schreckschusspistole, den sich der Fremde hier mit ihm erlaubte, glaubte der sonst so optimistische Küster nicht. Er fand nicht mehr viel Zeit zum Überlegen. Gerber spürte den Schmerz, der nun seinen ganzen Körper zu lähmen schien. Er ging stöhnend in die Knie. Sein Mund war trocken, er versuchte vergeblich zu schlucken. Ihm war, als schnüre sich die Kehle zu.

Seinem Gegenüber schien zu gefallen, was er sah. Mit einem schnellen Satz war der Fremde über ihm. Breitbeinig stand er über seinem Gesicht und zielte mit der Pistole auf den Küster. „Das war es dann also für dich, alter Mann.“ Der Fremde kicherte wie im Wahn. Dann deutete er mit dem Kinn auf den festlich geschmückten Altar. „Ich scheiß auf euren scheinheiligen Verein. Das Feiern wird euch schon noch vergehen!“ Diese Worte hatte er dem Küster ins Gesicht gespien. Blinde Wut lag in seinen kalten, emotionslosen Augen. Ohne Gerbers Antwort abzuwarten, betätigte er den Abzug.

Das Letzte, was Klaus Gerber sah, war das Mündungsfeuer der kleinen Pistole. Seltsamerweise, so dachte er im Moment seines Todes, peitschte kein Schuss durch das Kirchenschiff. Es machte nur einmal kurz „Plopp“, dann bäumte sich Gerbers Körper ein letztes Mal auf. Er würde heute nicht pünktlich zur Tagesschau zu Hause sein.

Ohne große Eile ließ der Mann die warme Pistole in der Innentasche seiner Jeansjacke verschwinden. Er blickte auf den toten Küster herab und zog verächtlich die Oberlippe hoch. Sekundenlang stand er einfach da und betrachtete sein Werk mit zufriedenem Grinsen. Gerber lag ihm zu Füßen, die Augen im Moment des Todes weit aufgerissen, der Mund stand einen Spaltbreit auf, als wollte noch um Hilfe rufen.

Ein erhebendes Gefühl überkam ihn. Ein paar Mal atmete er tief durch. Der Geruch des Weihrauchs nervte ihn. Diese Kirche hatte etwas Beklemmendes an sich. Das hatte er damals schon so gehasst. Plötzlich wurde er von einer inneren Unruhe getrieben. Er ging neben dem Toten in die Knie und durchsuchte die Taschen seines dunklen Jacketts. In der rechten Jackentasche klimperte es verräterisch. Schon hatte er gefunden, wonach er suchte: den Schlüsselbund. Wie vermutet, war es ein recht dickes Exemplar. Neben einem Autoschlüssel befanden sich noch knapp zehn Schlüssel an dem Bund. Das braune Ledermäppchen war verschlissen und unansehnlich. Er erhob sich schnell. Jetzt bekam er von dem verdammten Weihrauch auch noch Kopfschmerzen. Es wurde höchste Zeit, dass er verschwand. Er musste dringend an die frische Luft und es gab viel zu tun. Der Tod des Küsters war nur der erste Streich gewesen.

Eilig ließ er den Schlüsselbund des Küsters in der Tasche seiner Jeansjacke verschwinden. Eins nach dem anderen, mahnte er sich zur Ruhe. Zunächst einmal musste er die Waffe verschwinden lassen. Und auch dafür hatte er schon einen Plan.

Als er wenig später die Kirche verließ, prasselte ihm der Regen ins erhitzte Gesicht. Doch er grinste nur überheblich. Er fühlte sich gut. Der aufgestaute Druck der letzten Wochen und Monate hatte endlich nachgelassen. Er hatte nicht geraucht und nicht getrunken und fühlte sich frisch wie schon lange nicht mehr. Es war, als hätte sich tief in ihm ein Ventil geöffnet und alle Aggressionen abgelassen. Tief atmete er durch und genoss die kühle Herbstluft. Obwohl der Regen seine Kleidung binnen weniger Minuten durchnässt hatte, war das Grinsen auf seinem Gesicht wie gemeißelt. In der Jackentasche fühlte er den Schlüsselbund des Küsters. Sein Heiligtum. Er hatte es geschafft, und dafür den Tod eines alten, einsamen Mannes nur allzu gern in Kauf genommen.

Sein Blick glitt über die Fassaden der umliegenden Altbauhäuser. Niemand schien etwas von seiner Tat bemerkt zu haben. Zügig, aber nicht eilig, marschierte er die Ludwigstraße hinunter, passierte die lutherische Kirche und hatte schon bald die viel befahrene Gathe erreicht. Er hasste volle Straßen, hasste Menschenmengen. Er mied Stellen, an denen sich andere Leute besonders gern aufhielten. Schnell stoppte er ein Taxi, nannte dem türkisch aussehenden Fahrer die Adresse und ließ sich entspannt in die Polster der Sitzbank im Fond des Daimler sinken. Während der Fahrer ihn durch die Dunkelheit chauffierte, schloss er entspannt die Augen. Ihm ging es gut. Noch hatte er sein Ziel nicht erreicht, aber der Druck hatte erst mal ein wenig nachgelassen. Und er war noch nicht fertig mit seiner Mission. Noch lange nicht ...

19.55 Uhr, in einem Supermarkt am Üllendahl

Wache Augen in einem runzeligen Gesicht. Die Rentnerin betrachtete in aller Ruhe die Auslagen im Kassenbereich des Supermarktes. Gerda Friedrichs liebte es, spät abends noch einzukaufen. Da herrschte in dem großen Lebensmittelladen nicht mehr viel Betrieb. Hektik hatte sie jahrzehntelang gehabt. Die Weichspülermusik aus den Lautsprechern schien sie gar nicht mehr wahrzunehmen – die Melodie hatte die alte Dame in einen wahren Konsumrausch versetzt. „Easy listening“ nannte man das neudeutsch.

Mit einem verzückten Lächeln auf den faltigen Wangen betrachtete sie die Dinge, die man bewusst im Kassenbereich aufgestellt hatte. Es gab DVDs zum Sonderpreis, ein neues Duschgel, Katzenfutter mit abgelaufenem Haltbarkeitsdatum und die neue Bier-Cola-Kombination einer Brauerei. Das nannte man Verkaufspsychologie. Dinge, die kein Kunde sonst je kaufen würde, fanden kurz vor der Kasse reißenden Absatz. Hier, so hieß es, wurden Kunden von einer Art Torschlusspanik überfallen und warf alles in den Einkaufswagen, was sich ihnen in die Quere stellte.

Mit einem versonnenen Grienen auf den Lippen beförderte Gerda Friedrichs eine Dose Katzenfutter in den Korb. Dann fuhr sie ihren Wagen an das Förderband der Kasse. „Ist für die Katze meiner Nachbarin“, murmelte sie, als müsse sie ihren Kauf begründen.

Susanne Mallmann, die Kassiererin, nickte verständnisvoll und nahm einen Schluck aus ihrer Mineralwasserflasche. Ihr Rücken schmerzte. Seit drei Stunden schon saß sie an der Kasse und wartete vergeblich auf ihre Ablösung. Und von der Marktleitung ließ sich niemand mehr blicken. Kurz nach acht Uhr abends, eine Stunde noch, dann hatte auch sie Feierabend.

„Was man nicht im Kopf hat“, murmelte die Rentnerin entschuldigend und deutete auf die Wurst, den Käse und das Brot. „Und morgen ist doch Sonntag. Ich muss regelmäßig essen, wissen Sie, ich bin doch Diabetikerin.“

„Dafür sind wir doch extra lange für Sie da“, lächelte Susanne freundlich und begann mit dem Kassieren. Ihre Schulter schmerzte. Das kam vom monotonen Vorziehen der Ware, die tagtäglich auf dem Band landete. Immer die gleiche Bewegung, oft von morgens bis abends. Als sie an ihren Feierabend dachte, beschlich sie ein Gefühl der Leere. Was bedeutete es schon, in die leere Wohnung nach Hause zu kommen? Niemand wartete auf sie. Jörg war vor sechs Wochen ausgezogen. Was einst als innige Liebe angefangen hatte, war immer mehr abgeebbt und schließlich in eine Art Hassliebe umgeschlagen. Er hatte sie ständig betrogen und auch noch alles geleugnet, als sie ihn darauf angesprochen hatte. Obwohl sie Beweise für seine ständigen Seitensprünge hatte, weigerte er sich vehement, ihr reinen Wein einzuschenken. Erst als er mit Susannes bester Freundin Heike im Bett gelandet war, hatte sie einen Schlussstrich gezogen. Susanne hatte Jörg aus der Wohnung geworfen und Heike die Freundschaft gekündigt. Eine Welt war für sie zusammengebrochen. Inzwischen hatte sie den Verlust von Jörg überwunden. Wenn da nur nicht diese Einsamkeit wäre ...

Susanne hatte sich anderweitig orientiert und sich geschworen, es fortan wie die Männer zu machen. Frei nach dem Motto „andere Mütter haben auch hübsche Söhne“, hatte sie sich innerhalb kürzester Zeit von einem Abenteuer ins nächste gestürzt. Vielleicht hatte sie auch einfach das Bedürfnis, Jörg etwas heimzuzahlen. Susanne wusste es nicht. Ihre Freundin Jenny behauptete seitdem, dass Susanne nymphoman veranlagt sei. Und vielleicht hatte sie damit gar nicht mal unrecht, denn seit der Trennung von Jörg genoss Susanne ihr Liebesleben in vollen Zügen. Sie schämte sich nicht für ihr triebhaftes Verhalten, aber sie hasste das Gefühl der Einsamkeit, das sie immer häufiger beschlich.

Mechanisch wie ein Roboter hatte Susanne die alte Dame abgefertigt und nannte ihr nun die Summe. Sie versuchte, die Erinnerung an ihre gestrandete Beziehung zu verdrängen. „Vierzehn achtundneunzig macht das, bitte.“

Während die Rentnerin ihre letzten Einkäufe in den Wagen warf, zog sie ein ledernes Portemonnaie hervor. Den schwarzen Krückstock hängte sie an das Gitter des Einkaufswagens. „Warten Sie, junge Frau, ich hab es auch passend.“

Es schien die alte Dame nicht zu stören, dass sie trotz der späten Stunde nicht allein an der Kasse anstand. In aller Ruhe suchte sie in ihrer Geldbörse nach dem Kleingeld.

„Sehen Sie“, sagte sie dann mit einem gewinnenden Lächeln und legte Susanne die abgezählten Kupfermünzen in die Hand.

„Vielen Dank“, erwiderte Susanne und ließ das Geld in der Lade ihrer Kasse verschwinden. Sie wünschte Gerda Friedrichs ein schönes Wochenende.

Kurz nur dachte sie noch einmal an die leere Wohnung, die auf sie wartete, bis sich der nächste Kunde vor ihr aufbaute. Er war in ihrem Alter, fast zwei Meter groß und korpulent. Aber nicht fett. Etwas Sympathisches lag in seinem Gesicht. Seit ein paar Wochen kam er fast täglich in den Supermarkt. Vermutlich war er neu in der Gegend. Und egal wie voll es auch war – der Typ stellte sich immer nur an ihrer Kasse an, nicht an einer der anderen, auch wenn dort weniger Betrieb herrschte. Er kaufte immer nur das Nötigste, um den nächsten Tag zu überleben. Scheinbar war er Single, denn Familienväter kaufen nicht jeden Tag ein. Und Familienväter kaufen keinen Alkohol. Zumindest nicht in diesen Mengen. Seine Kleidung war nass. Anscheinend regnete es draußen immer noch. Susanne graute es vor dem Heimweg, denn ein Auto besaß sie nicht.

„’n Abend“, wünschte der Kunde nun.

„Wohl noch Durst?“, erwiderte Susanne lächelnd und zog die beiden Weinflaschen und das Sixpack Bier über den Preisscanner.

„Klar, ist doch Wochenende.“ Wieder lächelte er sie freundlich an. „Da braucht man ein Herrenhandtäschchen.“ Er zwinkerte vergnügt und zeigte auf das Sixpack Bier. Susanne war fasziniert von seinem Lächeln. Es war jungenhaft und erfrischend, auch frech, aber nicht anzüglich. Täuschte sie sich, oder reihte er sich seit Tagen absichtlich an ihrer Kasse ein? Seine runden Wangen hatten Grübchen, die sein jungenhaftes Aussehen noch unterstrichen. Unter der nassen Jacke sah sie ein Kapuzenshirt und modische Jeans.

„Und das alles ist für dich ... ähm ... für Sie?“, stammelte Susanne und wurde prompt rot.

Der Kunde lachte. „Bleib ruhig beim Du. Wir sind doch keine alten Leute. Ja, ist alles für mich. Oder möchtest du vielleicht mit mir trinken?“

Oh, durchzuckte es Susanne, so weit ist er ja noch nie gegangen. Sie spürte, wie ihr das Blut bis unter die Haarspitzen schoss. „Gern, aber was sage ich meinem Mann und meinem Sohn?“ Sie log immer, wenn ihr ein Kunde zu aufdringlich wurde. So konnte sie die meisten Männer auf Distanz halten. Susanne hielt bei ihrem Spiel mit dem Feuer immer gern die Zügel in der Hand und bestimmte stets die Richtung. Hinter ihm stand kein weiterer Kunde, der sie belauschen könnte, und auch der Marktleiter war bereits vor Stunden in seinem Büro verschwunden. Sie waren ungestört.

„Die beiden müssen ja nicht alles wissen“, konterte der Kunde mit einem gewinnenden Grinsen. Er zwinkerte Susanne zu. „Ich bin der Bert – ja, lach ruhig. Bert, wie der aus der Sesamstraße. Na ja, eigentlich Berthold, aber das klingt so opamäßig. Und du? Hast du auch einen Namen? Ich meine, wir sehen uns doch fast täglich.“

„Ernie“, kam es prompt über Susannes Lippen. „Nenn mich Ernie.“ Sie kicherte übermütig.

Der junge Mann lachte. „Gern ... Ernie.“ Rasch zog er die Geldbörse aus der Gesäßtasche seiner Jeans und reichte Susanne einen Schein, den sie schnell wechselte. Als sie ihm die Münzen aushändigte, berührten sich kurz ihre Hände. Ein angenehmer Stromschlag durchzuckte Susannes Hand. Sie erschauderte und lugte so unauffällig wie möglich in Berts Portemonnaie. Wie sie erfreut und mit geübtem Blick feststellte, befand sich darin nicht das Foto einer jungen Frau. War er Single?

Bert gefiel ihr ... sollte sie?

Nein, dachte sie. Es kann nicht gut sein, etwas mit einem Kunden anzufangen, der fast täglich hier im Supermarkt auftaucht. Sicher, jeden Tag traten zig gutaussehende Männer zu ihr an die Kasse, und sie hätte schon gern öfter mal mit dem Feuer gespielt. Aber ihre Neigungen lebte sie ausschließlich im Privatleben aus. Möglichkeiten, Männer kennenzulernen, gab es genug, dem Internet sei Dank. Und heute Abend war sie mit Jenny zu einem Frauenabend in der Börse verabredet. Dort fand, wie jeden Monat, eine Ü30-Party statt. Sicherlich würde sich dort auch die Gelegenheit zu einem heißen Flirt ergeben.

„Schade“, riss sie Berts Stimme aus den Gedanken. „Na ja, vielleicht ein anderes Mal. Dann wünsch ich dir ein schönes Wochenende ... Ernie!“ Lachend schob er die Geldbörse in seine Jackentasche, tippte sich mit zwei Fingern an die nicht vorhandene Hutkrempe, griff nach seinen Getränken und verschwand in Richtung Ausgang.

Susanne blickte ihm nach. Er hat einen verdammt knackigen Hintern, dachte sie ein wenig wehmütig. Und schon im nächsten Moment hatte sie Bert wieder vergessen. Wofür gab es schließlich die Ü30-Party?

20.15 Uhr, Oststrasse in Wichlinghausen

„Ein Toter in der Kirche Herz Jesu in Elberfeld. Offensichtlich erlag er einer Schussverletzung. Du solltest kommen und dir das ansehen.“

„In der Kirche? Na super.“ Katrin Kramer blickte auf die Uhr und seufzte. Im Fernsehen hatte gerade der Spielfilm begonnen, auf den sie sich schon die ganze Woche lang gefreut hatte. Sie hatte sich Kerzen im Wohnzimmer angezündet, eine Flasche Rotwein aufgezogen und eine Schale mit Knabbereien bereitgestellt. Die letzte Zeit war stressig gewesen, und ihr Job als Kriminalkommissarin bei der Wuppertaler Mordkommission forderte sie sehr. Eigentlich hatte sie sich gefreut, das Polizeipräsidium zwei Tage lang nicht sehen zu müssen. Doch als das Telefon angeschlagen hatte, war dieser Traum wie eine Seifenblase geplatzt. „Wer ist das Opfer?“

„Der Küster. Er war allein, als der Mörder ihn vor dem Altar antraf. Vermutlich hatte es der Täter auf die Kollekte abgesehen.“

„Da kommen doch immer nur ein paar Cent zusammen“, entgegnete Katrin und kaute auf der Unterlippe. Sie wanderte mit dem schnurlosen Telefon durch ihr geschmackvoll eingerichtetes Wohnzimmer. An einem der vier hohen Fenster blieb sie stehen und blickte hinaus. Es war stockfinster, und der Regen rann in dichten Bahnen über das Glas. Sie erschauderte bei dem Gedanken, noch einmal loszumüssen.

„Vertu dich da mal nicht, Frau Kollegin“, entgegnete Brauer vom K1. Gleich nach den Kollegen der Streife war er als Erster zum Tatort gerufen worden. Karl Brauer hatte Bereitschaft. „Heutzutage werden Menschen schon für fünf Euro abgestochen. Das weißt du genauso gut wie ich.“

„Ist ja schon gut“, lenkte Katrin ein. „Aber welches Motiv sollte es sonst geben, einen Küster zu töten?“

„Deshalb rufe ich ja an. Komm her und sieh dir die Scheiße selbst an. Vielleicht hast du ja eine Idee, die uns zum Täter führt.“

„Das war’s also mit dem gemütlichen Samstagabend.“ Katrin nickte, was Brauer am anderen Ende der Leitung natürlich nicht sehen konnte. „Bin schon unterwegs.“

„Im Fernsehen läuft eh nur Mist, und der Mann fürs Leben ist dir wohl auch heute noch nicht über den Weg gelaufen“, versuchte Karl Brauer einen Scherz. Als Katrin nicht lachte, räusperte er sich verlegen. „Tut mir leid, Katrin.“ Die Stimme des Kollegen klang fast schon mitleidig. „Aber es wäre gut, wenn du dir selbst ein Bild verschaffst.“ Brauer nannte ihr die genaue Adresse der Kirche.

Herz Jesu lag in Elberfeld. Auch wenn die Tanknadel ihres alten Polo bereits im roten Bereich stand, so müsste sie es auch noch ohne Zwischenstopp bis zur Nordstadt schaffen. Am Wochenende tankte sie prinzipiell nicht, da fast immer pünktlich zum Freitag die Benzinpreise stiegen.

„Du kommst also?“ In Brauers Stimme schwang Hoffnung und Erleichterung mit.

„Welche Wahl habe ich? In zwanzig Minuten kann ich am Tatort sein.“ Ohne die Antwort des Kollegen abzuwarten, unterbrach sie die Verbindung. Seufzend blies Katrin die Kerzen aus und schaltete den Fernseher ab. Es roch nach Kerzenwachs und Rauch, als ihre zehnjährige Tochter Sophie im Türrahmen auftauchte. In der rechten Hand hielt sie einen weißen MP3-Player. Seitdem sie den iPod von ihrem Vater bekommen hatte, gab sie ihn in der Freizeit gar nicht mehr aus der Hand. Manchmal hatte Katrin das Gefühl, dass die kleinen Kopfhörer schon mit den Ohren ihrer Tochter verwachsen waren. „Musst du noch mal weg?“

„Leider, ja.“ Katrin nickte. „Ein Einsatz.“

„Cool.“ Sophie strahlte, und in ihren blauen Augen sah Katrin die pure Abenteuerlust aufblitzen.

„Das ist alles, was du mir zu sagen hast?“, schmollte die alleinerziehende Mutter. „Dann danke ich dir für dein Mitgefühl. Du hast sturmfreie Bude, fürchte ich.“

„Cool“, wiederholte das Mädchen. Sophie strich sich eine blonde Haarsträhne aus der Stirn. „Lass dir ruhig Zeit. Franka ist ja auch noch da, ich bin also nicht allein.“

Franka war eine Klassenkameradin ihrer Tochter. Gemeinsam besuchten die Mädchen die Klasse 5f an der Gesamtschule Barmen. Sophie war der Mutter ins Schlafzimmer gefolgt und beobachtete Katrin, während sie sich auszog.

„Tse“, kam es über Katrins Lippen, als sie den bequemen Hausanzug gegen eine Jeans und ein warmes Sweatshirt tauschte. „Als ich so alt war wie du, hatte ich noch Angst, wenn ich abends mal allein zu Hause war.“

„Früher gab es ja auch noch keine Handys, mit denen man sich im Notfall verständigen konnte“, wurde die Kommissarin von ihrer Tochter belehrt.

Katrin musste lachen. „Ich weiß, ich muss mir keine Sorgen machen.“ Sie strich Sophie zärtlich durch das Haar.

„Kann ich morgen zu Papa?“, wechselte Sophie unvermittelt das Thema.

Katrin zuckte unmerklich zusammen. Seit ihrer Scheidung von Peter verstand sie sich zwar recht gut mit ihrem Ex-Mann, allerdings bemängelte er ständig, dass sie als Kriminalbeamtin viel zu oft und zu lange unterwegs war, während Sophie allein zu Hause war. Deshalb gab es ab und zu Streit. Und in Wuppertal hatte es eben einen neuen Mordfall gegeben. Da die ersten achtundvierzig Stunden nach einem Tötungsdelikt für die Ermittler die entscheidenden waren, fürchtete sie, in den nächsten Tagen nur selten nach Hause zu kommen. Vielleicht sollte sie ihre Mutter bitten, sich ein wenig um Sophie zu kümmern. Obwohl sie erst zehn war, hatte sie sich doch ihrem Schicksal als Tochter einer alleinerziehenden Mutter gefügt und war mit ihren Aufgaben gewachsen. Sophie war ein aufgewecktes und sehr intelligentes Kind. Nur die Tatsache, dass Peter sie morgen abholen wollte, bedeutete wieder Ärger. „Seid ihr denn verabredet?“ Katrin wusste nichts davon. Normalerweise stimmte er solche Dinge immer mit ihr ab.

„Zum Eis essen“, nickte Sophie lapidar. „Also – darf ich?“

„Natürlich darfst du.“ Katrin küsste die Tochter auf die Wange. Morgen würde sie Peter den Kopf waschen. Er pflegte sich die Zeit selbst auszusuchen, in der er seine Tochter traf. Katrin betrat kurz die fast quadratische, dunkle Küche und blickte durch das Fenster hinaus in die Nacht. Es regnete immer noch. Fröstelnd entschied sie sich für eine wasserdichte Jacke. Im Flur des kleinen Hauses angekommen, angelte sie nach dem Autoschlüssel, der am Brett hing. Bevor sie die Tür öffnete, warf sie einen letzten, prüfenden Blick in den Spiegel im Flur. Sie sah eine hübsche, vierzigjährige Frau mit blonden Locken und blauen, leuchtenden Augen. Sie fand, sie hatte in den letzten Wochen ein wenig zugelegt, aber vielleicht würde sie ja doch dem Fitnessstudio mal wieder einen Besuch abstatten, wenn es die knappe Zeit erlaubte. Eigentlich war sie mit sich zufrieden. Bei ihrem Aussehen war es ein Wunder, dass Katrin noch alleine war. Allerdings war in ihrem Leben zurzeit gar kein Platz für eine feste Beziehung. Job und Tochter bestimmten Katrins Alltag, und solange sich das nicht änderte, wollte sie es auch dabei belassen. Nach ihrer Trennung von Peter hatte Katrin sich entschlossen, das Hinterhaus in Wichlinghausen nicht aufzugeben. Sie liebte das Häuschen mit den typischen, bergisch grünen Türen und Fensterläden. Die Schieferfassade verlieh dem kleinen Haus aus dem Jahr 1761 einen nostalgischen Touch. Außerdem war Sophie hier aufgewachsen.

Ihre Tochter war ihr bis in den kleinen Flur gefolgt. „Danke, Mom.“ Sophie stellte sich auf die Zehenspitzen und umarmte die Mutter. „Dann mach’s gut.“

„Mach’s besser!“ Katrin zog die Tür hinter sich zu. Sekundenlang stand sie nachdenklich auf dem kleinen, verwinkelten Hinterhof unweit des Wichlinghauser Marktes. Gedämpft drang der Straßenlärm an ihre Ohren. Die vierzigjährige Kommissarin schlug den Kragen ihrer dunklen Jacke hoch. Der Regen hatte ein wenig nachgelassen. Dennoch pfiff ein eisiger Herbstwind um die Ecken der Häuser und trieb das Laub der Bäume vor sich her. Manchmal hasste sie ihr Leben. Sie musste einfach funktionieren, Tag und Nacht für den Job auf Stand-by sein. Das alles wäre nicht so schlimm, wenn da nicht die Tatsache wäre, dass Peter sich eine Geliebte gesucht hatte, weil Katrin so viel gearbeitet hatte und sowohl das Familien- als auch das Liebesleben völlig auf der Strecke geblieben waren. Und es wäre sicherlich erträglicher gewesen, wenn Sophie nicht so häufig alleine wäre. Aber wie so oft fragte auch an diesem Samstagabend niemand nach dem Privatleben der Kommissarin Katrin Kramer.

Ihr Polo parkte vor dem Schreibwarengeschäft mit der wunderschönen Fassade in der Oststraße.

Missmutig klemmte Katrin sich hinter das Steuer und startete den Motor. Die Tatsache, dass Sophies Freundin Franka heute bei ihr übernachtete, war nur ein schwacher Trost. Trotzdem wusste sie, dass sie sich auf die beiden Mädchen verlassen konnte. Sie stellten keinen Blödsinn an und öffneten niemandem die Tür.

Da die Autoscheiben bei dem nasskalten Wetter sofort beschlugen, schaltete sie das Gebläse ein. Um diese Zeit herrschte nicht viel Verkehr. Nach wenigen Metern im Schritttempo erreichte sie die rote Ampel am Wichlinghauser Markt. Schräg gegenüber leuchtete die gelbschwarze Leuchtreklame der Stadtbibliothek durch die graue Suppe. Die Ampel sprang auf Grün. Katrin schaltete das Autoradio ein, während sie nach links in die Wichlinghauser Straße abbog. Um halb neun drehte sie das Radio lauter, da bei Radio Wuppertal die Lokalnachrichten liefen. Ihre schlimmste Befürchtung trat nicht ein – die Medien hatten von dem Mord in der Kirche noch keinen Wind bekommen. Als sie die Berliner Straße erreicht hatte, etwa auf Höhe des Wupperfelder Marktes, wurde der Regen von einer Sekunde zur anderen stärker, fast so, als hätte jemand zusätzliche Schleusen geöffnet. Katrin fröstelte. Der Herbststurm peitschte die Wassermassen gegen die Windschutzscheibe, und die Scheibenwischer kämpften vergeblich gegen die dicken Tropfen an. Es war erst Anfang Oktober, aber das Wetter erinnerte an tiefsten November.

Obwohl es Samstagabend war, waren bei diesem Sauwetter nur wenige Nachtschwärmer unterwegs. Katrin sehnte sich nach ihrem gemütlichen Hausanzug, der Couch, einem guten Wein und einer Auszeit in einem gut duftenden Schaumbad. An der Friedrich-Engels-Allee tauchte links das quaderförmige Gebäude des Polizeipräsidiums auf. Nur in wenigen Fenstern brannte Licht. Sie überlegte, ob sie kurz ins Büro gehen und sich von der Fahrbereitschaft einen Dienstwagen geben lassen sollte, entschied sich aber dagegen und fuhr weiter. Sie wollte keine unnötige Zeit verlieren. Die Tanknadel schob sich bereits bedenklich in den roten Bereich. Während sie den Polo in Richtung Elberfeld steuerte, überlegte sie, wer Interesse daran gehabt haben könnte, den Küster einer katholischen Kirche kaltblütig zu ermorden. Sie überlegte, ob es in einer Kirche Gegenstände gab, die einen Raubmord rechtfertigten. Nein, korrigierte sie sich selbst. Nichts auf der ganzen Welt rechtfertigte einen Mord. Was gab es in einer Kirche schon zu holen? Vielleicht einige Skulpturen und Gemälde; von einem befreundeten Theologiestudenten hatte sie einmal erfahren, dass die Messbecher und ähnlicher Goldkram nicht aus purem Gold waren, wie viele Menschen noch immer vermuteten. Diese Gegenstände waren lediglich mit Messing „vergoldet“ und hatten nur einen relativ geringen Materialwert. Ob das der Mörder auch gewusst hatte? Die Idee, dass der Küster wegen einer Kollekte ermordet worden sein könnte, gefiel ihr jedenfalls nicht sonderlich.

Nachdem sie kurz vor dem Döppersberg nach rechts in die Gathe abgebogen war, durchfuhr sie den mächtigen Überbau der City-Arkaden. Die letzten Einkäufer waren soeben auf dem Heimweg, und rund um die Elberfelder City wurden die Straßen ein wenig voller. Als sie den Berg der Hochstraße hinauffuhr und rechts in die Ludwigstraße abbog, sah sie schon nach wenigen Metern Blaulicht durch die Dunkelheit geistern.

Vergeblich suchte sie einen Parkplatz in der Nähe der Kirche, die wie ein mächtiges Bollwerk inmitten der Nordstadt in den wolkenverhangenen Herbsthimmel ragte. Wie zu erwarten war, hatten sich bei dem Großaufgebot der Streifenwagen bereits zahlreiche Schaulustige eingefunden. Katrin seufzte. Sie mochte es nicht sonderlich, wenn ihre Arbeit durch Neugierige erschwert oder gar behindert wurde. Selbst mit dem kleinen Polo war es nicht leicht, einen freien Parkplatz zu ergattern. Schließlich parkte sie den Wagen an der Ecke Ludwigstraße/Georgstraße. Die Kollegen vom Streifendienst hatten ihre Fahrzeuge einfach kreuz und quer geparkt. Mit einem süffisanten Grinsen auf den Lippen überlegte Kramer, wie viele Strafzettel das wohl bei Privatfahrzeugen gegeben hätte.

Katrin blickte an der Kirche empor. Es war ein imposantes Backsteingebäude mit einem spitz zulaufenden Turm. Die Fenster in der Turmspitze waren erleuchtet. Ein gusseiserner Zaun führte einmal um den Kirchhof herum. Die Eingänge waren mit Absperrband für Normalsterbliche unzugänglich gemacht worden. Katrin kletterte über das rot-weiß-gestreifte Band mit der Aufschrift „Polizei-Absperrung“ und wies sich bei einem jungen, uniformierten Polizisten aus, den sie flüchtig kannte. Der Mann ließ sie passieren. Zunächst umrundete Katrin die Kirche und versuchte, sich jedes Detail einzuprägen. Rechts gab es ein mehrstöckiges Backsteingebäude, in dem anscheinend das Pfarramt untergebracht war. Über dem Erdgeschoss hatte man Mietwohnungen angelegt. Neben dem Eingang zum Amt gab es eine weitere Tür, die wie eine ganz normale Haustür aussah. Es gab eine Lampe über dem Eingang und ein Namensbrett mit den dazugehörigen Klingelknöpfen. Alles hier wirkte wie ein ganz normales Miethaus, das wohl nur zufällig an den Pfarrhof grenzte. Katrin nahm sich vor, die Bewohner der Wohnungen später zu befragen und richtete den Blick nach rechts. Fast genau gegenüber der Haustür gab es im Hautgebäude der Kirche eine Tür, vermutlich ein Nebeneingang. Außerdem hatte sie bei ihrem Rundgang festgestellt, dass es neben dem Haupteingang der Kirche seitlich noch weitere Eingänge gab, die jedoch verschlossen waren. Demnach musste der Mörder durch den Haupteingang im hinteren Teil der Kirche ins Innere gelangt sein.

„Ah, die Frau Kollegin.“

Kramer fuhr auf dem Absatz herum und blickte in das markante Gesicht von Karl Brauer. Wie sie war er Kriminalkommissar bei der Mordkommission und hatte an diesem Abend Bereitschaft. Die beiden hatten schon in anderen Fällen recht erfolgreich als Team gearbeitet, doch nach der Scheidung von seiner Frau Barbara hatte Brauer sich zu seinem Nachteil verändert. Er hatte mit dem Trinken begonnen und war zu einem Choleriker geworden. Vermutlich war er nie über die Trennung von Barbara hinweggekommen. Katrins Versuche, mit ihm über seine privaten Probleme zu sprechen, waren stets erfolglos verlaufen. Brauer war introvertiert und hatte einen unsichtbaren Schutzwall um sich herum errichtet. Karl war Ende dreißig und litt sehr unter seinem altmodischen Vornamen, für den er seine Eltern hasste. Sein dunkles Haar war von einzelnen silbrigen Fäden durchzogen. Er war von kräftiger Statur, auch wenn er in den letzten Monaten ein paar Kilo zugelegt hatte, was sicherlich daran lag, dass er sich als unfreiwilliger, aber frisch gebackener Junggeselle zu oft von Fast Food ernährte. Brauer trug leichte Lederschuhe, modische Jeans, ein Hemd und darüber eine wetterfeste Jacke.

„Hab ich dir den Mist hier zu verdanken?“, fragte Katrin anstelle eines Grußes. Sie ließ den Blick über den Kirchhof schweifen, der von zahlreichen leistungsstarken Scheinwerfern erhellt wurde.

„Ich fürchte, ja.“ Brauer machte ein betroffenes Gesicht. „Ehrlich gesagt, wollte ich einfach, dass du dir selbst ein Bild von der Lage machst.“

„Schönen Dank auch“, lächelte Katrin. „Seit Wochen freue ich mich auf einen freien Samstag, auf einen Abend in Schlabbersachen, mit Chips, Wein und einen romantischen Film im Fernsehen. Hat auch alles geklappt – bis das Telefon klingelte.“

„Tut mir leid.“

„Schon gut.“ Katrin lächelte. „Demnächst zieh ich den Stecker aus dem Apparat.“ Dann wurde sie ernst. „Wo ist der Tote?“

„Liegt noch in der Kirche.“ Brauer deutete mit dem Daumen über die Schulter. „Die Jungs von der Spurensicherung kümmern sich bereits um ihn.“ Er grinste schief und führte Katrin um die Kirche herum zum Haupteingang.

„Und der Rechtsmediziner?“

„Nicht da, muss ja auch nicht. Nachdem der Notarzt ‚Todesursache unbekannt‘ auf dem Totenschein angekreuzt hatte, war er auch schon wieder von der Bildfläche verschwunden. Den Rest machen die Kollegen von der Rechtsmedizin in Düsseldorf.“

„Hm.“ Manchmal gingen ihr die Sparmaßnahmen des Innenministeriums gewaltig auf die Nerven. Katrin hätte gern jetzt und hier das Urteil eines Fachmannes gehört. Jetzt musste sie wohl auf das Ergebnis der Obduktion warten. Manchmal dauerte es Tage, bis sie den Bericht auf dem Schreibtisch hatte.

Karl Brauer öffnete die schwere Holztür und führte die Kommissarin in die Kirche. Es war eine skurrile Szenerie: In einem Haus, in dem sonst heilige Messen gefeiert wurden, in dem sich Menschen einfanden, um friedlich beieinander zu sein, lag ein Toter, kaltblütig ermordet. Neben der Herz-Jesu-Statue befand sich eine Inschrift. „Mensch, du bist willkommen“ stand dort.

Ob das auch für den Mörder gegolten hatte?, überlegte Katrin in einem Anflug von Galgenhumor und wandte sich zu Brauer um. „Fehlt denn etwas?“

„Nein.“

„Dann können wir die Theorie mit dem Raubmord gleich wieder vergessen“, erwiderte Katrin. Sie sog den süßlichen Duft von Weihrauch ein und erinnerte sich unwillkürlich an ihre Zeit als Messdienerin in St. Michael an der Leipziger Straße. Die zuckenden Flammen der Kerzen wurden vom grellen Licht der aufgestellten Scheinwerfer überrollt. Männer und Frauen in weißen Einmalanzügen wieselten durch die Kirche. Die Spurensicherung hatte also bereits ihre Arbeit aufgenommen. Ein Fotograf lichtete den Toten ab, der mit weit aufgerissenen Augen anklagend zur hohen Decke hinaufstarrte. Als die Kollegen die Kommissarin erkannten, nickten sie ihr zu. Katrin ging neben dem Toten in die Hocke und betrachtete ihn. In Höhe der Brust klaffte eine dunkelrote Wunde. Die Kleidung des Opfers war blutgetränkt.

„Klaus Gerber, neunundsechzig Jahre. Seit dreißig Jahren war er der Küster von Herz Jesu“, informierte Brauer. „Der Mörder hatte leichtes Spiel mit ihm und konnte ihn aus kürzester Distanz erschießen. Sieh dir mal diesen Einschuss an!“

„Wer hat ihn gefunden?“ Katrin blickte zu Brauer auf.

„Hans Tütering, er ist der Pfarrer von Herz Jesu. Er steht unter Schock und befindet sich drüben im Pfarramt. Die Kollegen kümmern sich bereits um ihn.“

„Ich werde ihn später befragen“, erwiderte Katrin. Sie erhob sich und betrachtete Gerber aus einiger Entfernung. „Wie oft wurde geschossen?“

„So wie es aussieht, nur einmal, dafür aber aus nächster Nähe“, sagte Jacobs von der Spurensicherung und bestätigte so Brauers Vermutung. Peter Jacobs war Anfang dreißig und von schlaksiger Statur. Seine graublauen Augen funkelten Katrin durch die dünnen Gläser einer Brille an.

Sie blickte nach oben, zur Decke. „Ich kann mir vorstellen, dass ein Schuss hier drinnen hallt wie ein Kanonenschlag. Wir befinden uns in einem dicht besiedelten Wohngebiet. Gab es niemanden, der etwas gehört oder gesehen hat?“

Brauer schüttelte den Kopf. „Nichts dergleichen. Vermutlich hat er eine Waffe mit Schalldämpfer benutzt und ist unbemerkt entkommen. Die Kollegen von der Streife haben die Leute aus der direkten Nachbarschaft bereits befragt.“

„Ich frage mich eines: Wenn der Täter Gerber aus nächster Nähe erschossen hat, warum hat das Opfer dann nicht versucht zu flüchten? Kannte er den Täter und hat nicht damit gerechnet, dass von ihm Gefahr ausgeht?“

Schulterzucken. „Das herauszufinden, ist Ihre Aufgabe, Frau Kollegin“, murmelte Jacobs. „Ich werde den Bericht noch heute Nacht fertigstellen.“

Katrin nickte. Sie durchquerte die Kirche und ging zurück zum Haupteingang. Von hier bis zum Altar waren es gut dreißig Meter. Wenn der Küster sich am Altar aufgehalten hatte, dann hatte er genügend Zeit gehabt, den Mörder zu bemerken und zu flüchten. Warum hatte er keinen Fluchtversuch unternommen? Diese Frage hämmerte in ihrem Kopf. Im nächsten Moment wurde die Tür geöffnet, und die dunkel gekleideten Männer vom Bestattungsinstitut trugen einen einfachen Zinksarg in die Kirche. Sie nickten der Kommissarin zu und näherten sich dem Altar, wo sie nach einem kurzen Gespräch den Toten in den Sarg betteten. Kramer hatte schon oft in skurrilen Mordfällen ermittelt und viel erlebt, aber ein Mord in einer Kirche, in Gottes Haus, wie es so schön hieß, trug doch eine andere Handschrift. Sie ahnte, dass sie das Wochenende endgültig vergessen konnte.

21.15 Uhr, Üllendahler Strasse

„Komm schon, du siehst gut genug aus!“, kicherte Jenny, als sie hinter Susanne im Bad erschien.

Susanne schaltete den Fön ab, hängte ihn an den Haken an der Wand und überprüfte ein letztes Mal ihr Make-up im Spiegel. Die junge Frau zupfte sich einzelne Strähnen ihres rotblonden Haars zurecht. „Meinst du?“, lachte sie und betrachtete die Freundin im Spiegel. Susanne trug ein knapp geschnittenes, schwarzes Top mit dünnen Trägern, das ihre Oberweite betonte. Ein silbernes Kettchen zierte ihr Dekolleté. Dazu trug sie einen kurzen Rock, Strümpfe und kniehohe, schwarze Stiefel. Sie hatte ein betörendes Parfüm aufgelegt. Heute Nacht würde sie nicht alleine bleiben, so viel stand fest. Sie befand sich in einem eigenartigen Taumel der Erregung.

„Na, bei dir ist doch mal wieder das Jagdfieber ausgebrochen“, bemerkte Jenny und grinste die Freundin vielsagend an.

„Und wenn schon. Was Männer können, das können wir auch!“

„Da hast du recht.“ Jenny klimperte bezeichnend mit dem Autoschlüssel. „Wenn wir vorher noch etwas trinken gehen wollen, sollten wir aber langsam mal zu Potte kommen.“

„Bin schon so weit“, nickte Susanne und schaltete das Licht über dem Badezimmerspiegel aus. „Wenn ich mir dein Outfit ansehe, dann glaube ich aber auch, dass du heute auf die Jagd gehst.“

Jenny war einen Kopf kleiner als ihre Freundin, untersetzt, aber nicht dick. Sie hatte eine sehr frauliche Figur, wie Susanne es immer nannte: jede Kurve am rechten Fleck, und ein sehr hübsches Gesicht. Jenny trug eine eng anliegende Jeans, ein Shirt mit tiefem Ausschnitt und hochhackige Pumps, die ihre Beine länger wirken ließen. Sie hatte pfiffig geschnittene, kurze, schwarze Haare.

„Na, das kann aber auch täuschen“, lachte Jenny jetzt. „Ich will nur neben meiner paarungsbereiten Freundin nicht wie ein graues Mäuschen aussehen.“ Dafür erhielt sie einen Knuff in die Seite. Lachend verließen sie die Wohnung. Jennys rostiger Peugeot stand auf der anderen Straßenseite.

„Wohin?“, fragte Jenny, nachdem sie eingestiegen waren.

„Schlag was vor.“

„Extrablatt? Café Gaudi? Oder mal wieder zum Fischertal?“

„Mir egal. Fahr einfach.“ Susanne legte die Beine übereinander. „Übrigens war da heute so ein Typ bei mir an der Kasse“, plauderte sie, während Jenny den Wagen durch die nächtlichen Straßen lenkte. Der Regen hatte zwar endlich nachgelassen, aber das Licht der Straßenlaternen und der entgegenkommenden Fahrzeuge spiegelte sich tausendfach auf dem nassen Asphalt. In Schlaglöchern hatten sich Pfützen gebildet. „Ein Typ kommt zu dir an die Kasse? Das kann ich mir ja gar nicht vorstellen“, kicherte Jenny. „Schieß los – hast du ihn angemacht?“

„Unsinn.“ Susanne schüttelte den Kopf. „Er ist Kunde im Supermarkt. Seit einiger Zeit kommt er fast jeden Tag – meistens an meine Kasse.“

„Der ist scharf auf dich, klarer Fall“, stellte Jenny feixend fest. „Angel ihn dir, wenn er dir gefällt!“

„Nein, mit Kunden fange ich nichts an, das kann böse enden.“

„Als ob dich das stören würde“, konterte Jenny, ohne den Blick von der Straße abzuwenden. „Aber mach es nicht so spannend.“

Susanne berichtete der Freundin von dem Kunden, der sie eingeladen hatte, den gekauften Alkohol mit ihm gemeinsam zu vernichten.

„Und da zögerst du?“, fragte Jenny kopfschüttelnd. „Ran an die Buletten – wenn er doch so nett ist und so gut aussieht!“

„Na ja, vielleicht überleg ich es mir ja noch mal“, murmelte Susanne mit einem vielsagenden Lächeln auf den Lippen.

21.30 Uhr, Pfarramt Herz Jesu

„Und Sie sind sicher, dass in der Kirche nichts fehlt?“ Katrin Kramer musterte ihr Gegenüber eindringlich. Pfarrer Tütering war Gemeindepfarrer der beiden Kirchen Herz Jesu und Christ König. Tütering trug eine Brille, war schlank, einen Meter achtzig groß und hatte graues, aber dichtes Haar. Katrin schätzte den Geistlichen auf sechzig Jahre. Wie sie von Brauer erfahren hatte, war es der Pfarrer gewesen, der den Toten aufgefunden hatte. Nach einem Termin wollte er noch kurz im Büro einige Unterlagen abholen und hatte sich gewundert, dass in der Kirche nebenan noch Licht brannte. Er war in die Kirche gegangen und hatte den Toten unmittelbar vor dem Altar gefunden. Da war Gerbers Leichnam schon kalt und starr gewesen, hatte der Geistliche berichtet. Wie unter einer schweren Last leidend, hockte er nun zusammengesunken in seinem Stuhl hinter dem alten Schreibtisch, auf dem sich Aktenberge und Bücher stapelten.

Katrin blickte sich aufmerksam im Pfarrbüro um. Eine Wand wurde fast komplett von Regalen eingenommen, die unter der Last zahlloser Bücher zu ächzen schienen. Offenbar war der Pfarrer ein belesener Mann. Am Fenster stand Tüterings Schreibtisch, davor zwei einfache Besucherstühle. Seinen Computermonitors hatte der Pfarrer mit einer Staubschutzhülle abgedeckt. Vermutlich benutzte er den Rechner nicht allzu oft. Karl Brauer hockte auf einer der beiden breiten Fensterbänke mit dem Rücken zum Kirchhof. Er musterte den Geistlichen eindringlich und nagte auf seiner Unterlippe.

„Nein“, brach Tütering jetzt das Schweigen. „Es fehlt absolut nichts. Alle Gemälde und Skulpturen befinden sich nach wie vor an ihrem Platz.“

„Was ist mit der Kollekte?“, fragte Katrin.

„Sie ist nicht entwendet worden, wohl auch nicht teilweise. Es waren keine fünfzig Euro heute Abend. Ein Dieb stiehlt sich selten reich, so lautet ein Zitat – von wem auch immer.“

Kramer warf Brauer einen vielsagenden Blick zu. Siehst du, sollte das heißen, niemand hat es auf die Kollekte abgesehen.

„Ihr Küster ist seit rund zwei Stunden tot, das wissen wir von dem Notarzt, der die erste Leichenschau durchführte“, wechselte Brauer rasch das Thema und wich Katrins Blicken aus.

Tütering warf einen Blick auf die Wanduhr. „Dann muss der Mörder ihn unmittelbar nach der Messe erwischt haben“, murmelte er und starrte auf die glänzenden Spitzen seiner schwarzen Lederschuhe.

„Sie meinen, dass der Mörder die Messe besucht haben könnte?“, hakte Katrin nach und ließ sich in einen der beiden Besucherstühle sinken.

Der Geistliche zuckte die Schultern. „Möglich ist alles.“

„Könnten Sie sich vorstellen, dass es sich bei dem Mörder um ein Gemeindemitglied handelt?“

„Nein“, sagte Tütering hastig. „Ich kenne die Leute schon ziemlich lange. Unter ihnen befindet sich sicherlich kein Mörder.“

„Vielleicht haben Sie ein neues Gesicht gesehen?“ Katrin ließ nicht locker.

 „Vom Altar aus kann ich nicht jede Person in den Bänken erkennen. Wenn sich ein Fremder weiter hinten aufgehalten hat, mag es sein, dass er bereits während der Messe in der Kirche war.“

„Und warum hat Gerber ihn dann nicht bemerkt und angesprochen?“, fragte Brauer und runzelte die Stirn.

„Wenn die Kirche leer ist, schaltet er die Orgel aus und kümmert sich um die Nachbereitung der Messe. Deshalb war er wohl auch noch in der Kirche, als der ... der ... Mörder ihn erwischte.“ Tütering schüttelte den Kopf, als könnte er seine eigenen Worte nicht begreifen. Er verbarg das Gesicht in den Händen.

Katrin blickte zu ihm auf. „Möglicherweise hat er die Kirche mit den anderen Gästen verlassen und ist zurückgekehrt, nachdem die Kirche leer war.“

„Leer ... bis auf ... bis auf Herrn Gerber“, fügte Tütering mit leiser Stimme hinzu. Seine Augen schimmerten feucht. Katrin und Brauer sahen ihm an, dass der Tod des Küsters ihm sehr naheging.

„Das würde bedeuten, dass er Herrn Gerber ganz gezielt alleine antreffen wollte“, überlegte Katrin und spielte mit einer blonden Locke. „Wie war Herr Gerber? Können Sie sich vorstellen, dass er Feinde hatte?“

„Ein netter und hilfsbereiter Mensch. Zu allen freundlich und zuvorkommend. Nein, ich kann mir nicht vorstellen, dass er einen Feind hatte.“

„Wie war sein privates Umfeld? Freunde, Familie?“ Brauer lehnte wieder an der Fensterbank.

„Freunde? Familie?“ Der Pfarrer dachte kurz nach, dann huschte ein mattes Lächeln über seine Lippen. „Die Gemeinde war seine Familie und sein Freundeskreis gleichermaßen. Er ist in seiner Arbeit als Küster aufgegangen. Ansonsten lebte er sehr zurückgezogen.“

Katrin zückte einen Notizblock und ließ sich die Anschrift von Klaus Gerber nennen. Er hatte neben der Kirche Christ König die Küsterwohnung bewohnt, eine Kirche, die nach den Angaben des Pfarrers ebenfalls zum Gemeindeverband gehörte. Der Wohnung würden sie einen Besuch abstatten. „Lebte er alleine?“, fragte sie dann.

Tütering berichtete mit knappen Sätzen davon, wie Gerber vor einiger Zeit seine Frau verloren hatte, die er über alles liebte. Außer einer Tochter, zu der er kaum Kontakt pflegte, gab es keine weiteren Angehörigen. „Herr Gerber war ein absolut integrer Mann“, schloss der Pfarrer schließlich seine Ausführungen und lehnte sich in seinem Bürostuhl zurück. Sein Atem ging flach. Den Schreck, Gerber tot aufgefunden zu haben, würde er so schnell nicht verdauen.

„Eine erste Leichenschau in meiner Kirche ...“, sagte er leise und blickte zu Brauer auf. „Das hört sich so widersprüchlich an. Mord in einem Gotteshaus – mein Gott, was muss noch geschehen, bis ...“

„Bis was?“ Katrin erhob sich und runzelte die Stirn.

„Die Hemmschwelle für ein Verbrechen sinkt immer weiter“, erwiderte Tütering nachdenklich. „Man ist an keinem Platz der Welt mehr sicher. Noch nicht einmal in der Kirche.“

„Unserem Mörder scheint es egal zu sein, wo er tötet“, brummte Brauer verbittert. „Haben Sie einen Verdacht, wer so etwas tun könnte?“

„Diese Frage habe ich mir, seitdem ich Herrn Gerber fand, schon mehrmals gestellt – leider vergeblich“, erwiderte Tütering.

„Dann werden wir jetzt mit dem eigentlichen Teil unserer Arbeit beginnen“, erklärte Katrin und zog eine Visitenkarte aus der Tasche ihrer Jeansjacke. „Hier“, sagte sie und reichte sie dem Pfarrer, der das Kärtchen an sich nahm und eindringlich studierte. „Da steht meine Nummer drauf – auch die Handynummer. Zögern Sie nicht, mich anzurufen, wenn Ihnen noch etwas einfällt.“

Der Pfarrer erhob sich nickend, ließ die Visitenkarte in der Tasche seines schwarzen Jacketts verschwinden und begleitete die Kripobeamten nach draußen. „Was ist morgen?“

Brauer und Katrin blickten ihn fragend an.

„Morgen um halb zwölf ist heilige Messe“, erinnerte Pfarrer Tütering mit einem verzeihenden Lächeln. „Kann ich die Messe halten?“

„Oh“, nickte Brauer schnell und grinste schief. „Die Kollegen sind mit der Spurensicherung durch. Es spricht nichts dagegen.“

„Danke.“ Tütering seufzte erleichtert.

„Eine Frage noch“, sagte Katrin, als sie schon an der Tür des Pfarramtes standen und ein kalter Nachtwind ins Haus fegte. „Wo waren Sie in der Zeit zwischen der Messe und dem Auffinden des Toten?“

„Darüber möchte ich nicht sprechen“, erwiderte Tütering eilig. Sein Gesicht hatte eine tiefrote Färbung angenommen. „Oder bin ich zu einer Aussage verpflichtet?“

„Noch nicht“, erwiderte Katrin.

Der Pfarrer schien erleichtert zu sein. Der Ansatz eines Lächelns erhellte sein Gesicht. „Danke“, sagte er. „Nur so viel: Ich habe ein hieb- und stichfestes Alibi für die Tatzeit.“

„Und?“, fragte Brauer mit hochgezogenen Augenbrauen, als sie draußen waren. Die Kollegen von der Spurensicherung waren inzwischen abgerückt. Jetzt lag die Kirche dunkel da. Nichts deutete mehr darauf hin, dass hier ein Mensch ermordet worden war.

„Was – und?“ Katrin schlug den Kragen ihrer Jacke hoch.

„Glaubst du ihm?“ Karl Brauer deutete mit dem Daumen über die Schulter nach hinten, wo sich das Pfarramt von Herz Jesu befand.

„Karl, bitte – er ist Pfarrer.“

„Bedeutet das, dass er nicht in der Lage ist, einen Menschen zu töten?“ Brauer grinste und steckte die Hände in die Hosentaschen.

„Jeder kann ein Mörder sein, aber ich glaube, wir sollten erst einmal bei anderen Zeitgenossen auf den Busch klopfen.“ Sie schüttelte den Kopf. „Komm, es gibt viel zu tun.“

„Packen wir’s an“, zitierte Brauer mit einem gedehnten Seufzer auf den Lippen einen alten Werbeslogan und folgte der ehrgeizigen Kollegin.

22.20 Uhr, Börse, Wolkenburg

Die Tanzfläche füllte sich langsam. Bei zahlreichen Besuchern war der Alkoholpegel in den letzten Stunden kontinuierlich angestiegen, und nachdem sich auch die schüchternen unter den Besuchern genug Mut angetrunken hatten, um sich mitten auf der Tanzfläche zum Gespött der halbwegs nüchternen Zuschauer zu machen, bildeten sich die ersten Pärchen. Spätestens bei „White Flag“ von Dido würden sich die frischen Paare auch körperlich näherkommen. Gerade hallte „Rhythm Of The Night“ durch den blauen Saal, und einige Tänzer bewegten sich ekstatisch zu den stampfenden Rhythmen von Corona.

Susanne und Jenny hatten es sich auf Barhockern an einem der Stehtische am Rand der Tanzfläche gemütlich gemacht und beobachteten das bunte und teils peinliche Treiben aus sicherer Entfernung. Die jungen Frauen brauchten nicht auf die männlichen Gäste zuzugehen – meist traten die Herren der Schöpfung an ihren Tisch, um mit mehr oder minder dummen Sprüchen um die Gunst der beiden zu werben.

„Das ist ja heute die reinste Freak-Show“, schrie Jenny gegen die laute Musik aus den großen Lautsprechern an, als sich ein muskulöser Mittdreißiger mit schütterem Haar nach einer Abfuhr der beiden trollte. Zu Ultravox und „Dancing With Tears In My Eyes“ schob er sich beleidigt weiter und baggerte am Nebentisch die nächsten Mädchen an. Hier schien er mehr Erfolg zu haben. Er spendierte den beiden ein Bier, das sie mit einem Strohhalm schlürften. Jenny warf ihrer Freundin einen vielsagenden Blick zu und tippte sich bezeichnend an die Schläfe.

Susanne nickte und freundete sich schon mit dem Gedanken an, heute Nacht doch allein nach Hause zu gehen. Im nächsten Augenblick baute sich ein Hüne an ihrem Tisch auf. Er trug ein betont jugendliches Hemd zu Jeans und Slippern, die in den späten Achtzigern modern gewesen waren. Sein Haar war dicht und wellig. Unter den Achseln erkannten die Frauen dunkle Schweißränder. Dass er betrunken war, bemerkten sie nicht nur an seinem unsicheren Gang, sondern auch an seiner schweren Zunge. „Na – auch hier?“, lallte er und grinste anzüglich. Er legte anzüglich einen Arm um Susanne. Sie schüttelte ihn mit einer geschmeidigen Bewegung ab und erntete dafür ein Kopfschütteln.

Jenny neben ihr begann, in ihrer kleinen Handtasche zu wühlen. Dann zog sie ihren Personalausweis hervor, studierte ihn und nickte schließlich. „Ja“, sagte sie und grinste den Hünen an. „Ich bin es wirklich.“

„Ich bin Kurt.“ Jennys Ironie schien an ihm abzuprallen. Er hielt seiner neuen Eroberung die Hand hin, doch das übersah Jenny.

„Tanzt du?“

 „Nee, ich sitze hier gerade.“ Jenny warf ihrer Freundin einen hilfesuchenden Blick zu, den Susanne nur mit einem Schulterzucken beantwortete. Ich hab’s dir ja gesagt, den hättest du ignorieren müssen, sollte das bedeuten. Doch zu spät. Kurt sah eine Chance, mit Jenny anzubändeln. Er kicherte blöde über ihren Witz. „Der war gut“, lallte er mit schwerer Stimme und wandte sich um, damit er das Geschehen auf der Tanzfläche besser beobachten konnte. Dabei verlor er das Gleichgewicht. Seine Augen wurden groß wie Unterteller, er klammerte sich mit der schweißnassen Hand am Rand des Stehtisches fest. Der Tisch kippte beinahe um. Die kleinen Bierflaschen von Jenny und Susanne fielen scheppernd um. Das Bier breitete sich schnell auf dem runden Tisch aus und bildete einen nassen Fleck auf der Papierdecke.

„Himmel, schick Hirn zur Erde“, grollte Susanne und konnte gerade noch rechtzeitig verhindern, dass das Bier auf ihrem Rock landete.

„Mist“, murmelte Kurt sichtlich betroffen und wurde rot.

„Ist ja nichts passiert“, rief Susanne entnervt und hoffte, dass der Kerl bald verschwand.

Kurt grinste versöhnlich und richtete die umgekippten grünen Flaschen auf. Dass er sich dabei mit den Ärmeln in die Bierlache lehnte, schien ihn nicht sonderlich zu stören. Er beugte sich weit zu Susanne hinüber und rief ihr ins Ohr: „Ist ziemlich voll heute hier, was?“

Jenny, die trotz der hier herrschenden Lautstärke mitgehört hatte, grinste. „Dann hau du doch schon mal ab.“

Susanne gab sich Mühe, nicht laut loszulachen. Kurt indes zog einen Flunsch und machte eine wegwerfende Handbewegung, bevor er etwas von „blöden Hühnern“ brummte.

„Komm schon“, rief Susanne und zupfte an Jennys Shirt. „Weg hier.“ Sie zog die Freundin eilig fort. Kurz darauf waren die Freundinnen im Getümmel verschwunden, und Kurt stand alleine an einem Stehtisch mit einer von Bier durchtränkten Papiertischdecke.

Heute Abend würde er feiern, so viel stand fest. Er hatte viel erreicht, und nicht nur das: Er hatte die Weichen gestellt. Morgen würden sie ihr blaues Wunder erleben. Es war ihm eine Genugtuung, ein Zeichen zu setzen. Er hatte es geschafft und war auf dem richtigen Weg. Und dieses Gefühl machte ihn stark. Es gab nur selten Abende, an denen er sich stark genug fühlte, alleine loszuziehen. Heute war so ein Abend.

Es dauerte ein paar Minuten, bis er die Schlange vor dem Eingang passiert hatte. Der Regen hatte nachgelassen, aber noch immer fegte ein eisiger Wind durch die Straßen. Dann war er im Eingangsbereich der Börse. Der schwarz gekleidete Türsteher hatte keine Einwände gegen sein Outfit gehabt. Sein Glück ...

Heute störte er sich auch nicht an den Menschenmassen, die die Börse aufsuchten, um ein paar unbeschwerte Stunden zu verbringen. Normalerweise bereiteten sie ihm Angst. Doch heute hatte er sich ein neues Shirt und eine modische Jeans angezogen, war frisch geduscht und rasiert. Natürlich hatte er schon etwas getrunken, aber nicht zu viel. Niemand konnte ihm etwas anhaben. Er fühlte sich so gut wie schon lange nicht mehr. Er wollte die Nacht in vollen Zügen genießen.

Im Foyer war es brechend voll. An der Bar, die sich zu seiner Rechten befand, hatte sich eine Schlange gebildet. Das Personal hatte alle Hände voll zu tun, um die durstigen Kehlen mit Cola, Bier, Desperados und Cocktails zu versorgen. Von drinnen schallten ihm stampfende Rhythmen entgegen. Ein Zustand von unbeschreiblicher Erregung ergriff ihn. Da drinnen befanden sich hunderte Frauen, die ein Abenteuer suchten, so viel stand für ihn fest. Genau das, was er heute brauchte. Leichte Beute für einen Mann wie ihn. Das breite Grinsen stand in sein rundes Gesicht gemeißelt, als er den blauen Saal betrat. Auf der sieben mal sieben Meter großen Tanzfläche herrschte bereits Gedrängel, doch die meisten Gäste waren gut gelaunt und tanzten im Takt der Musik, die aus der 20.000-Watt-Anlage ertönte.

Suchend stand er in der Tür und blickte sich um. Es dauerte nicht lange, bis er sie entdeckt hatte. Also hatte ihn sein untrüglicher Instinkt nicht getäuscht. Er hatte es einfach gewusst, dass sie heute Abend hier sein würde. Sie war mit einer Freundin da und unterhielt sich mit einem fetten Typen, der anscheinend schon betrunken war. Sekundenlang war das Grinsen aus seinem Gesicht verschwunden, bevor es zurückkehrte. Den Kerl würde er vertreiben, nahm er sich vor. Sie gehörte ihm, und sonst niemandem. Den besoffenen Kerl würde er zur Hölle jagen. Heute Nacht würde sie ihm gehören. Er spürte, wie bei ihrem Anblick die Hitze in seinen Schoß strömte.

Showtime, durchzuckte es ihn, während er noch einen Moment lang neben dem Eingang verharrte, um die Szenerie auf sich wirken zu lassen. Ein paar Mal wurde er von gutgelaunten Gästen angerempelt, aber das ignorierte er, so gut es ging. Irgendwo hatte er einmal gelesen, dass der blaue Saal für achthundert Personen zugelassen war. Vergeblich versuchte er sich daran zu erinnern, wann er zuletzt unter fast tausend Mitmenschen gefeiert hatte, und ließ den Blick über die Anwesenden gleiten. Er schätzte, dass hier schon siebenhundert Menschen in Feierlaune waren. Er beschloss, sich zunächst mit einem Bier zu versorgen, bevor er sich ins Getümmel stürzte und zum Angriff überging.

Nachdem er ein paar Mal tief durchgeatmet hatte, machte er kehrt und ging ins Foyer zurück. Körperkontakt zu einigen Frauen ließ sich nicht vermeiden; es war zu voll hier, um gänzlich unberührt durch die Menge zu kommen. Doch er genoss die körperliche Nähe. Sie rochen alle so gut nach Parfüm. Durch die teils verboten dünnen Kleider spürte er ihre warme, weiche Haut. Genießerisch sog er die Luft tief ein. Dann stand er an der Bar und wurde vom Keeper nach seinem Wunsch gefragt. Freundlich orderte er ein Bier und bezahlte passend. An der Schlange wollte er den Verkehr nicht extra aufhalten. Nachdem er den ersten Schluck aus der Flasche getrunken hatte, kehrte er in den blauen Saal zurück. Jetzt würde ihn nichts und niemand mehr aufhalten.

Suchend blickte er sich um. Doch sein Opfer war wie vom Erdboden verschwunden. Wütend leerte er sein Bier mit einem tiefen Zug und stellte die leere Flasche mit einem lauten Knall auf einen der zahlreichen Stehtische. Die Leute, die den Tisch bevölkerten, blickten ihn verständnislos an, doch er ließ sich nicht stören. Erbost drängte er sich durch die Menge der ausgelassen feiernden und tanzenden Menschen. Immer wieder rempelte er Partygäste an und erntete zornige Blicke. Doch darauf konnte er jetzt keine Rücksicht nehmen. Er würde sie suchen und finden, so viel stand fest. Aus den Boxen dröhnte Status Quo mit „Whatever You Want“. Ja, er würde sich holen, was er wollte. Daran zweifelte er keine Sekunde.

23.05 Uhr, Ludwigstrasse

„Der Alte wird stolz auf uns sein.“ Brauer zwinkerte Katrin ironisch zu.

Sie schüttelte den Kopf und unterdrückte ein Gähnen. In den letzten Stunden hatten sie so gut wie nichts erreicht. „Er ist nie zufrieden, jedenfalls nicht, solange Gerbers Mörder frei herumläuft.“ Hauptkriminalkommissar Franz Kittler war Leiter der Wuppertaler Mordkommission und über die Stadtgrenzen hinaus als harter Hund bekannt; unerbittlich, wenn sein Team keine Erfolge erzielte. Ein Kriminologe der alten Schule und ein ernst zu nehmender Gegner für seine Feinde.

Sie standen fröstelnd auf dem Bürgersteig der Ludwigstraße und lehnten an Brauers Dienstwagen, einem unauffällig lackierten, dunkelblauen Opel Vectra. Brauer rauchte. Als ein alter Mann in gebückter Haltung vorbeiging, der seinen Hund ein letztes Mal an diesem Abend ausführte, nahm er die Zigarette in die hohle Hand und wartete mit einer Antwort, bis der Alte außer Hörweite war. „Wir haben alle Bewohner des Wohnhauses am Kirchplatz befragt, haben teilweise sogar Anwohner der näheren Umgebung gefragt, ob ihnen etwas aufgefallen ist, und ...“

„... und dabei nichts erreicht“, bremste Katrin Brauers Euphorie. „Die letzten zwei Stunden hätten wir uns sparen können, Karl.“ Katrin war frustriert. Sie war müde, sehnte sich nach ihrem kleinen Haus in Wichlinghausen und nach einem warmen, gemütlichen Bett. Sie hatten gemeinsam mit den Streifenpolizisten, die noch vor ihnen am Tatort eingetroffen waren, die Befragung der Anwohner durchgeführt. Etwas vage Angaben. Im Grunde genommen hatte niemand etwas gesehen, das zur Aufklärung des Falles hätte beitragen können. Eine alte Frau, die mit ihrem Hund unterwegs gewesen war, hatte einen großen, hünenhaften Mann gesehen, der zur vermuteten Tatzeit in Richtung Gathe verschwunden war. Sie konnte aber nicht sagen, ob der Mann wirklich aus der Kirche gekommen war.

Ein junger Mann, der im Hauseingang gegenüber der Kirche geraucht hatte, hatte einen gut 1,75 Meter großen, schlanken Mann mit dunklem Teint und schwarzen Haaren gesehen, vermutlich südländischer Abstammung. „Muss aber nichts zu heißen haben“, hatte er seine Aussage sofort eingeschränkt. „Ausländer gibt es in diesem Viertel mehr als Deutsche.“ Dann war da noch der angetrunkene Endfünfziger, der einen großen, dunkelhaarigen Mann gesehen haben wollte, der sich auffällig eilig von der Kirche entfernt hatte. Fast zwei Meter groß, ein Kerl wie ein Baum, hatte er zu Protokoll gegeben. Immer wieder habe er sich umgeblickt, als hätte er Angst gehabt, verfolgt zu werden. Auf Katrins Frage, was er denn noch auf der Straße gesucht habe, hatte er lapidar geantwortet: „Ich war noch kurz zum Büdchen an der Ecke – Bier war alle.“ Seine Alkoholfahne reichte beinahe aus, um Katrin ebenfalls betrunken zu machen.

Alles in allem hatte die Befragung der Anwohner also nicht viel gebracht. Große Männer und kleine, südländische Männer gab es wie Sand am Meer.

„Die Beschreibung des Großen haben wir von zwei Zeugen gehört“, überlegte Brauer nun. „Dunkle Haare, rund zwei Meter groß, breitschultrig. Er trug eine Jeans, einen dunklen Pulli und eine Lederjacke.“

„Bei der anderen Aussage trug er eine Jeansjacke zu einer hellen Baumwollhose und ein kariertes Hemd“, entgegnete Kramer. „Karl, das ist mir alles zu vage. Wahrscheinlich haben die Leute sogar unterschiedliche Beobachtungen gemacht.“

„Ich halte mich an jedem Strohhalm fest“, murmelte Brauer. „Vielleicht werden wir später noch mal darauf zurückkommen müssen.“

Normalerweise hätten sie jetzt noch zum Präsidium fahren müssen, um die Berichte aufzuarbeiten. Doch das würde Brauer morgen übernehmen. „Lass uns Schluss machen für heute.“

Katrin hatte keine Einwände. Sie gähnte ungeniert. „Der Pfarrer sprach davon, dass Gerber eine Tochter hat, zu der er aber keinen Kontakt mehr hatte. Ich werde zu ihr fahren und sie befragen.“

„Wann – jetzt?“ Brauer zog erstaunt die Augenbrauen hoch und blickte auf seine beleuchtete Armbanduhr.

„Unsinn. Morgen. Vielleicht hat sie einen Schlüssel zur Wohnung ihres Vaters, dann können wir uns den Schlüsseldienst und die Schreiberei sparen.“ Sie grinste. „Und mit etwas Glück liegt uns morgen der Obduktionsbericht der Gerichtsmedizin vor.“

Brauer nickte stumm, zog ein letztes Mal an seiner Zigarette und warf den glühenden Stummel auf den nassen Asphalt. Es zischte leise, als er die Glut mit dem Absatz austrat. „Wir telefonieren.“ Er drückte den Knopf der Zentralverriegelung des Vectra. Die Schlösser klickten. Er zog die Fahrertür auf und stieg ein. Nachdem er den Motor gestartet hatte, glitt mit leisem Surren die Seitenscheibe herunter. „Und – danke!“

Katrin stutzte. „Wofür?“

„Danke, dass du dir den Samstag mit mir versaut hast. Geteiltes Leid ist halbes Leid. Hast was gut bei mir, Frau Kollegin!“

„Darauf komme ich bestimmt zurück“, lächelte Katrin und beobachtete Brauer, wie er den Dienstwagen langsam die Ludwigstraße in Richtung Gathe hinuntersteuerte.

Als die Rücklichter des Wagens verschwunden waren, blickte sie sich ein letztes Mal zur Herz-Jesu-Kirche um. Sie wusste, dass sie noch keine Ahnung hatte, in welcher Richtung sie ermitteln sollte, um Gerbers Mörder so schnell wie möglich zu stellen, und dieser Umstand stimmte sie unzufrieden. Doch Kramer war einfach zu müde, um sich darüber Gedanken zu machen. Brauer hatte recht, heute würden sie sicherlich nichts mehr erreichen. Frustriert marschierte sie zu ihrem Polo und trat den Heimweg an. Der Motor begann bereits zu stottern. Vielleicht hätte sie doch noch tanken sollen, dachte sie und schickte ein Stoßgebet zum Himmel, dass sie heute noch mit dem Wagen nach Hause kam. Und sie schimpfte auf die verdammten Ölmultis, die den Benzinpreis in schwindelerregende Höhen trieben und Autofahren damit zu einem schier unerschwinglichen Luxus machten.

23.25 Uhr, Börse, Wolkenburg

„Lass uns verschwinden“, schrie Jenny gegen die stampfende Musik an. Sie hatte keine Lust mehr, sich noch von irgendwelchen anderen Typen plump anbaggern zu lassen.

Susanne nippte lustlos an ihrem Bier. Auch ihr war die Lust auf ein Abenteuer gründlich vergangen. „Ist nicht unser Tag, was?“, rief sie und leerte die Flasche. Nachdem sie ein paar Mal auf der Tanzfläche gewesen war, um sich auszutoben, hingen ihr die Haare strähnig ins Gesicht. Während Susanne wenigstens beim Tanzen ihren Spaß gehabt hatte, war Jennys Laune inzwischen im Keller angelangt. Sie zog eine Grimasse. „Nur Baggertypen heute. So plump, so besoffen, einfach widerlich.“ Jenny hatte es eilig, die Party zu verlassen.

„Egal, Hauptsache, wir haben mal wieder das Tanzbein geschwungen“, erwiderte Susanne und stellte die leere Flasche auf einem Tisch ab. Als sie sich wieder umdrehte, um ihrer Freundin zu folgen, rannte sie in einen Fleischberg. Peinlich berührt wich sie zurück. Der Typ, den sie im Umdrehen angerempelt hatte, war zwei Meter groß und von stattlicher Natur. Er trug ein modisches Hemd und duftete ziemlich gut.

„’tschuldigung“, rief Susanne und blickte auf, als sie zwei starke Arme an den Schultern packten.

„Ist doch nichts passiert!“ Er grinste.

„Du?“ Susanne wurde prompt rot. „Bert – du hier?“

„Oh, hallo Ernie – warum denn nicht?“ Er grinste sie an. „Die Welt ist ein Dorf, und überall trifft man sich. Das gilt erst recht für Wuppertal. Ist fast so wie damals in der Sesamstraße, was?“ Jetzt blickte er suchend an ihr vorbei. „Wo sind denn dein Mann und deine Kinder, Ernie?“

Täuschte sie sich, oder lag da sanfter Spott in seiner Stimme? „Die habe ich heute Nacht zu Hause gelassen“, antwortete sie schlagfertig. „Ich bin mit einer Freundin da. Weiberabend, weißt du?“

„Hmm.“ Bert nickte und betrachtete Susannes Freundin ohne eine Miene zu verziehen.

Susanne drehte sich zu ihrer Freundin um und zog Jenny an der Hand heran. „Jenny, das ist Bert. Bert – Jenny, meine Freundin!“

Jenny blickte Susanne verwundert an. Sie zwinkerte ihr zu. „Bert, wir kennen uns aus dem Supermarkt.“ Jetzt erst schien Jenny zu verstehen, wen sie da vor sich hatte.

„Darf ich euch zu einem Drink einladen?“

„Klar“, nickte Susanne. „Warum nicht?“ Als sie sich zu Jenny umblickte, sah sie, dass es der Freundin nicht recht war, länger als nötig hier zu bleiben. „Nur ein kleines Bier, und dann hauen wir ab, ja?“

„Na gut, von mir aus.“

Zu dritt kämpften sie sich zu der kleinen Bar in der Ecke des blauen Saals durch. Bert orderte drei Bier.

23.40 Uhr, Oststrasse

Natürlich hatte sie es nicht ohne Tankstopp geschafft. Der Motor hatte geruckelt und gehustet, und so war Katrin im letzten Augenblick bis zur Tankstelle gerollt, die schräg gegenüber vom Polizeipräsidium lag. Ein Blick auf das beleuchtete Schild mit den Benzinpreisen hatte ihre Wut aufkeimen lassen. Wenn es so weiterging, würde ihr ganzes Gehalt bald für das Haus und fürs Tanken draufgehen.

Nachdem sie für zwanzig Euro rund dreizehn Liter des edlen Saftes getankt hatte, war sie ohne weitere Probleme bis nach Wichlinghausen gekommen. Als sie die Haustür so leise wie möglich aufschloss, drangen Musik und Kinderlachen an ihre Ohren. Natürlich, dachte sie und verdrehte die Augen. Hatte sie ernsthaft erwartet, dass Sophie und Franka schon schliefen? Katrin drückte die Haustür zu und schloss ab. Die regennasse Jacke warf sie über die Garderobe, die Schuhe kickte sie in die Ecke des kleinen Flurs. Sie zog das Handy aus der Jackentasche und drückte den roten Knopf. Das Gerät schaltete sich ab. Auf Socken erklomm Katrin so leise wie möglich die hölzerne Treppe ins obere Stockwerk des kleinen Hauses. Sie wollte den Überraschungseffekt auf ihrer Seite haben, als sie mit einem Ruck die Kinderzimmertür aufstieß. Prompt blickte sie in zwei Paar weit aufgerissene, erschrockene Kinderaugen.

„Hey“, rief Katrin. „Schön, dass ihr schon in den Betten liegt und schlaft. Ist ja erst kurz vor Mitternacht.“

„Es ist Wochenende, Mum“, erinnerte Sophie ihre Mutter, nachdem sie den ersten Schreck überwunden hatte. Ein vorwurfsvoller Unterton lag in ihrer Stimme. Sie mochte es nicht, vor einer Freundin getadelt zu werden.

Doch Katrin hatte keine Lust, jetzt darauf Rücksicht zu nehmen. „Das ändert nichts an der Uhrzeit“, ermahnte sie die Kinder. „In fünf Minuten ist hier Schicht. Und zwar Nacht-Schicht.“ Sie trat jetzt ganz ins Zimmer und küsste ihre Tochter zärtlich. Franka strich sie durchs Haar, dann zog sie sich aus dem Kinderzimmer zurück. Im Türrahmen wandte sie sich noch einmal zu den Mädchen um. „Ab ins Bad, Zähne putzen und waschen. Und dann ist Schluss für heute. Gute Nacht, Mädels“, sagte sie, bevor sie die Tür hinter sich zuzog.

Katrin marschierte hinunter in die Küche. Sie überlegte, ob sie sich einen Kaffee aufbrühen sollte. Ruhe würde sie so schnell nicht finden. Der Mord an dem Küster beschäftige sie. Morgen würde sie der Tochter des Ermordeten einen Besuch abstatten

In der Küche angekommen, entschied sich Katrin gegen einen Kaffee. Stattdessen zog sie sich eine Flasche Rioja auf. „Castillo San Lorenzo“, las sie auf dem edlen Etikett. Einer Zeremonie gleich, löste sie das Silberpapier vom Flaschenhals und zog den Korken mithilfe ihres sündhaft teuren Korkenziehers auf, den sie einst von Peter zum Geburtstag geschenkt bekommen hatte. Das leise „Plopp“ klang wie der Startschuss zu einem nächtlichen Intermezzo. Katrin liebte guten Rotwein und schnupperte an der Flasche, bevor sie sich ein Glas einschenkte. Der Wein duftete herrlich. Als sie das Glas gegen die Decke hielt, schimmerte das Getränk durch das Licht der Deckenlampe wundervoll rubinrot. Katrin knipste die Lampe aus und wanderte mit dem langstieligen Glas in der Hand in das dunkle Wohnzimmer. Sie schaltete den Fernseher ein, zappte sich desinteressiert durch die Programme und warf die Fernbedienung auf den Tisch, nachdem sie bei einer Reportage hängengeblieben war. Bei Reportagen konnte sie herrlich abschalten und nachdenken. Es lief eine Sendung über Auswanderer. Familien, die Deutschland satthatten, nicht mehr mit dem System klarkamen und der Heimat den Rücken kehrten. Katrin konnte die Menschen sogar verstehen, die ihrem Heimatland den Rücken kehrten, frustriert über Politik, Mentalität der Mitmenschen und Arbeitsmarktlage. Sie selbst hatte zwar ihren Job, und als Kommissarin saß sie sogar recht sicher im Sattel; verfügte über ein regelmäßiges Einkommen und kam gut über die Runden. Aber dennoch, da war sie sicher, verdankte sie dem Job auch das Scheitern ihrer Ehe. Sie wischte die aufkommenden trüben Gedanken fort, nippte genießerisch an ihrem Rioja und ließ sich auf das Sofa sinken. Das zuckende Licht des Fernsehers war die einzige Lichtquelle im Raum. Sie blickte auf die Mattscheibe, ohne dass die flimmernden Bilder ihr Gehirn erreichten.

Katrin zog die Beine an und angelte nach der Wolldecke, die sie sich vorhin schon bereitgelegt hatte. Während sie sich in die Decke kuschelte und von ihrem Wein trank, kreisten ihre Gedanken um den Mord an Klaus Gerber. Wer hatte ein Interesse daran, den Küster einer Kirche an seinem Arbeitsplatz umzubringen? Ein Gegner der Kirche, vielleicht auch die verstoßene Tochter, die ihrem Vater nicht verzeihen konnte, dass er sie enterbt hatte? Alles war möglich, und Katrins Gedanken schlugen wilde Purzelbäume.

Details

Seiten
0
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783960874522
ISBN (Buch)
9783960874904
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v432565
Schlagworte
Serienmörder Polizei-krimi-roman Kommissar Regional-krimi Krimi-nal-Roman Kirche-n-krimi Ermittler-Krimi

Autor

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    Andreas Schmidt (Autor)

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Titel: Grabesschuld (Krimi)