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Tödliches Idyll (Krimi)

Ein Fall für Constable Evans

von Rhys Bowen (Autor)

2018 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

Ruhe und Beschaulichkeit sind alles, was sich Constable Evan Evans wünscht, als er sich in das kleine walisische Dorf Llanfair versetzen lässt. Das schlimmste Verbrechen, das dort jemals begangen wurde: der Raub eines Apfelkuchens. Doch dann verunglücken zwei Touristen in den malerischen Bergen tödlich. Während alle an einen Unfall glauben, ist sich Constable Evans sicher, dass die beiden ermordet wurden. Nur von wem?
Milchmann-Evans, Tankwart-Roberts und Mrs Powell-Jones haben es manchmal faustdick hinter den Ohren. Genau wie Betsy, die im Pub Red Dragon arbeitet und dem Constable schöne Augen macht. Obwohl Evan nicht glauben möchte, dass jemand von den liebenswert-kauzigen Bewohnern Llanfairs der Mörder ist, nimmt er seine Ermittlungen auf ...

Impressum

dp Verlag

Erstausgabe 1997
Überarbeitete Neuausgabe August 2018

Copyright © 2021 dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

E-Book-ISBN: 978-3-96087-461-4
Hörbuch-ISBN: 978-3-96817-110-4

Copyright © 1997 by Janet Quin-Harkin, veröffentlicht nach Absprache mit Janet Quin-Harkin. Alle Rechte vorbehalten.
Titel des englischen Originals: Evans Above

Dieses Werk wurde im Auftrag von St. Martin's Press, L.L.C durch die Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, Hannover, vermittelt.

Copyright © März 2005, btb Verlag in der Verlagsgruppe Random House
Dies ist eine überarbeitete Neuausgabe des bereits März 2005 bei btb Verlag in der Verlagsgruppe Random House erschienenen Titels Tödliches Idyll. Ein neuer Fall für Constable Evans. (ISBN: 978-3-44273-111-4).

Übersetzt von: Barbara Häusler
Covergestaltung: Miss Ly Design
unter Verwendung eines Motives von
© Helen Hotson/shutterstock.com
Korrektorat: Daniela Höhne

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

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dp Verlag

PROLOG

Der Bus kam ächzend die Straße von der Küste herauf und stieß eine Wolke Dieselqualm aus, ehe er kurz vor dem kleinen Dorf anhielt.

»Llanfair!«, rief der Fahrer und drehte sich zu einem jungen Mann um, der hinter ihm saß und einen Rucksack umklammert hielt.

»Das ist es?«, fragte Tommy zweifelnd, während er durch die Windschutzscheibe auf eine Reihe schiefergedeckte Cottages spähte.

»Näher dran kann ich nicht halten«, erklärte der Fahrer in singendem walisischem Tonfall. »Fragen Sie im Dorf. Man wird es Ihnen von dort aus erklären.«

Tommy stieg aus und hievte den Rucksack auf die Schultern. Aufheulend fuhr der Bus davon, eine dunkle Qualmspur hinter sich herziehend. Der junge Mann blieb einen Moment stehen und nahm den ungewohnten Anblick in sich auf: Sauber aufgereihte Cottages, einige davon weiß verputzt, die meisten jedoch graue Steinhäuser. Wahrscheinlich, vermutete Tommy, waren sie aus dem Schiefer des Steinbruchs gebaut, den er weiter unten an der Passstraße gesehen hatte. Dicht gedrängt schmiegten sich die kleinen Häuser an die steilen Hänge, die von parallellaufenden, glitzernden Wasserbändern durchzogen waren.

Hoch oben konnte Tommy weiße Punkte erkennen. Das waren bestimmt Schafe und die zwei dunklen Flecken, die um sie herumsprangen, Hütehunde. Hingerissen beobachtete er, wie die weißen Punkte zu einem großen Klecks verschmolzen, der sich langsam in Bewegung setzte. Jetzt, wo der Bus weg war, konnte er ihr entferntes Blöken hören, das der Wind zu ihm heruntertrug.

Wie friedlich es hier war – überhaupt nicht so, wie er es in Erinnerung hatte. Es war nichts zu hören außer dem Wind, der durch die Gräser strich, und dem Gluckern des Wassers, das unter der gewölbten Steinbrücke hindurchfloss. Alles war sauber wie nach einem Frühjahrsputz. Und es roch so frisch: grün und feucht. Tommy war froh, dass er sich schließlich doch entschieden hatte, herzukommen, denn er brauchte Abstand zum Lärm und zur Hektik der Stadt, und er wollte endlich einen Schlussstrich unter diese ganze traurige Geschichte ziehen. Er war erleichtert darüber, dass er nicht der Einzige war, der sich schuldig fühlte für das, was vor so vielen Jahren geschehen war – auch wenn man eigentlich niemanden dafür verantwortlich machen konnte. Nachdenklich schaute er zu den fernen Gipfeln hinauf, die sich scharf gegen einen klaren, blauen Himmel abzeichneten. Wie anders es doch damals gewesen war: die beißende Kälte, keine zehn Meter Sicht, der Wind, der ihnen den Atem verschlagen hatte, und der eisige Regen, der so tückisch in Schnee übergegangen war …

Er schulterte den Rucksack noch etwas höher. Es würde guttun, den alten Stew wiederzusehen und vielleicht auch Jimmy. Einer von den beiden musste ihm diese Karte geschrieben haben, denn sie konnte nur von einem von Dannys engsten Freunden aus ihrer kleinen Clique von Stube 19 stammen.

Tommy überquerte gerade die Brücke, als er bemerkte, dass jemand regungslos wie eine Statue im Schatten einer Bergesche auf dem Brückengeländer saß. Im Näherkommen erkannte er die Uniform des Briefträgers und registrierte belustigt, dass dieser in die Lektüre der Post vertieft war.

 

»Entschuldigen Sie«, sagte er, »bin ich hier richtig zum Everest Inn

Der Briefträger sah auf und starrte ihn so geistesabwesend an als sei er ein Marsmensch.

»Everest Inn?«, wiederholte Tommy und fragte sich, ob der Angesprochene überhaupt Englisch verstand.

Hastig raffte der Mann die Briefe zusammen, stopfte sie in seine Tasche und lief mit großen Schritten davon.

Tommy zuckte mit den Schultern und ging langsam die Dorfstraße hinauf. Keine Menschenseele war zu sehen. Sogar der Pub schien geschlossen zu sein. Wahrscheinlich hielten sie sich in diesem gottvergessenen Winkel von Wales noch immer an die strengen Alkoholgesetze. Er erinnerte sich daran, wie unfreundlich sie damals gewesen waren, wie sie gelangweilt aufgeschaut hatten und ins Walisische verfallen waren, sobald er und seine Freunde die Bar betreten hatten.

Dem Pub gegenüber lag eine kleine Ladenzeile. Direkt neben dem Milchladen von R. Evans befand sich die Metzgerei G. Evans. Lediglich der Gemischtwarenladen von T. Harris störte das Evans-Monopol. Tommy sah, dass sich hinter der Theke der Metzgerei jemand bewegte, also stieß er die Ladentür auf und trat ein.

»Bore da, guten Tag«, begrüßte ihn ein großgewachsener, rotwangiger Mann mit schmutziger Schürze auf Walisisch.

»Hallo«, antwortete Tommy mit seinem fröhlichen Cockney- Akzent. »Schöner Tag, nicht wahr? Ich suche das Everest Inn

Das Gesicht des Mannes wurde augenblicklich abweisend.

»Das Everest Inn

»Ja. Man hat mir gesagt, es sei hier.«

»Sie können es gar nicht verfehlen«, sagte der Metzger und fügte murmelnd hinzu: »Verflucht hässliches Monstrum!«

»Was ist denn damit?«

»Kein Mensch hat gewollt, dass es hier gebaut wird. Zieht jede Menge Fremde an und zu viel Verkehr.«

Tommy lächelte. Seit er aus dem Bus gestiegen war, hatte er kein einziges Auto gesehen. Der Mann war nach hinten gegangen und hatte ein halbes Lamm geholt, das er jetzt auf der Marmorplatte mit einem mörderisch aussehenden Hackbeil in rhythmischen Schlägen zerteilte.

»Wie komme ich denn da nun hin?«, fragte Tommy vorsichtig.

Der Mann schaute nicht auf und hackte weiter. »Gehen Sie durchs Dorf, an den Kapellen vorbei und den Hügel hoch. Sie können’s nicht verfehlen.«

»Danke. Und tschüs«, sagte Tommy und hob die Hand zu einem freundlichen Winken. Als er aus der Tür in die warme Frühlingssonne trat, war gerade ein Milchwagen vorgefahren, und ein langer, dünner Mann mit einer Kappe auf dem Kopf kam die Stufen hoch. Er nickte kurz in Tommys Richtung, rief dann dem Metzger etwas auf Walisisch zu und lachte laut. Tommy drehte sich um und konnte gerade noch sehen, wie der Metzger das Hackbeil drohend in die Richtung des Milchmanns schwang und ihm etwas nachschrie, das nach einem Schwall walisischer Beleidigungen klang. Die Worte wurden von den nahen Bergwänden als Echo zurückgeworfen.

»Reg dich wieder ab, Fleischer-Evans!«, rief der Milchmann, immer noch lachend. »Ich hab doch nur einen Witz gemacht. Du nimmst einfach alles viel zu ernst.«

»Ach ja? Nun, besonders komisch finde ich deine Witze nicht, Milchmann-Evans!«, brüllte der Metzger zurück. »Und glaub bloß nicht, du könntest mich beleidigen. Du stammst aus einem ganz untergeordneten Familienzweig.«

»Untergeordnet? Welchem denn, wenn ich fragen darf?«

»Kannst du vielleicht deine Vorfahren bis zum Großen Llewellyn zurückverfolgen? Du bist mit diesem Schwachkopf aus dem Postamt verwandt, so sieht es doch aus!«

Der Rest der Auseinandersetzung verlor sich, während Tommy die Straße hinaufging. Er für seinen Teil würde es niemals gewagt haben, Beleidigungen mit einem Mann auszutauschen, der eine Lammhälfte zerkleinerte, als würde er Butter schneiden.

Die Straße war noch immer wie ausgestorben. Das Schild vom Pub Red Dragon schaukelte sanft im Wind. Als er an der Schule vorbeikam, hörte er Kinderstimmen und sah etwa zwanzig kleine Kinder in Schuluniformen im Kreis um eine schlanke junge Frau herumspringen. Sie trug einen langen Rock, eine weiße Bluse und eine bestickte Trachtenweste. Ein weizenblonder, geflochtener Zopf hing ihr auf den Rücken, und sie sah aus, als sei sie geradewegs einem Mittelalterliebesroman mit König Artus entsprungen. Tommy blieb stehen und sah zu, wie sie den Rhythmus klatschte und die Kinder hüpften und sangen. Er versuchte, den Text zu verstehen, doch dann begriff er, dass sie Walisisch sangen. Das war das Mühsame an Wales – man meinte, man sei in keinem fremden Land, aber genau das war man.

Der Rucksack lastete schwer auf seinen Schultern, und vom Pass her blies der Wind nun heftiger herunter. Die Straße machte einen Knick, und da konnte er die beeindruckende Silhouette des Everest Inn sehen, die am höchsten Punkt des Passes die grüngeschwungene Hügelkette unterbrach. Im Näherkommen erkannte er, dass das Gebäude im Stil eines etwas überdimensionierten Schweizer Chalets gebaut war, mit geraniengeschmückten Balkonen und zahllosen Verzierungen im Zuckerbäckerstil. Kein Wunder, dass die Einheimischen es nicht mochten – es war ein verflucht hässliches Monstrum. Die letzten beiden Gebäude des Dorfs waren Methodistenkapellen, wie sie in diesem Teil der Welt üblich waren: zwei graue Schieferbauten mit bescheidenen Turmspitzen. Vor beiden standen Kästen für Aushänge. Im einen stand: »Bethel-Kapelle. Sonntagsschule um 10 Uhr, Andacht um 18 Uhr (Gottesdienst in Englisch).« Der andere informierte auf Walisisch:

»Beulah-Kapelle. Sonntagsandacht 10 Uhr und 18 Uhr. Gottesdienst in Englisch und Walisisch« – die englische Übersetzung stand klein gedruckt darunter.

Die Pinnflächen unter diesen Ankündigungen enthielten jeweils noch eine weitere Botschaft. Die der Bethel-Kapelle verkündete: »Sei wachsam, denn du weißt nicht, wann das Ende naht.« Amüsiert las Tommy anschließend den Text der Beulah-Kapelle: »Das Jüngste Gericht findet morgen statt.«

Tommy kicherte den gesamten Weg den Hügel hinauf, bis ihn der kühle Wind von den Höhen plötzlich frösteln ließ. Ins Tal zurückschauend, blieb er stehen und fragte sich, ob es wirklich richtig gewesen war herzukommen.

 

Hoch oben wachte der Berg und wartete.

1. KAPITEL

Liedklänge schallten aus dem kleinen Dorf Llanfair und schraubten sich den Pass zwischen den beiden hohen Gipfeln von Glyder Fawr und Yr Wyddfa herauf. Aufgeschreckt von dem plötzlich einsetzenden Geräusch hoben die Schafe auf den grünen Berghängen kurz die Köpfe. Dann wandten sie sich wieder dem Grasen zu, ihr wolliges Fell von der untergehenden Sonne rosa getönt.

Guide me, oh Thou great Jehova

Pilgrim in this barren land …

Die Worte dieses alten Lieblingskirchenlieds der Waliser, Cwm Rhonda, ertönten aus der Bethel-Kapelle, auf eine Art, wie nur walisische Kehlen es erklingen lassen können – zum Steinerweichen. Nur eine einzige Person sang nicht aus vollem Halse mit. Ein aufgeschossener junger Mann mit Schultern wie ein Rugbyspieler und einem liebenswerten, offenen Gesicht formte die Worte mit den Lippen lediglich lautlos nach.

I am weak, but Thou are mighty

Feed me with Thy willing hand.

Evan Evans war Constable bei der Polizei von North Wales und derzeit dem Dorf Llanfair zugeteilt. Er konnte die vertraute Röte aufsteigen spüren, die sich in seinem Nacken auszubreiten begann und sich schließlich über sein keltisch-hellhäutiges Gesicht ergoss. Er wusste, dass es dumm war, sich über etwas zu ärgern, das so viele Jahre zurücklag, aber er konnte einfach nichts dagegen tun. Jedes Mal, wenn sie in der Kapelle diese Hymne sangen, fühlte er sich wieder in den Versammlungsraum der Bezirksgrundschule in der Llanelli Road versetzt, stand in der ersten Reihe der Spitzenschüler und hörte hinter sich das Kichern, wenn zweihundert junge Stimmen den Refrain anstimmten.

Bread of ’eaven

Bread of ’eaven

Feed me till I want no more …

Und eben das sangen jetzt die Teilnehmer des Gottesdienstes in der Bethel-Kapelle. Evan meinte, die Knüffe im Rücken zu spüren und das Kichern und die geflüsterten Bemerkungen zu hören: »Was für ein Brot gibt’s denn heute für uns, mein kleiner Evan? Schönes knuspriges?«

Er war damals gerade erst neu aus dem nordwalisischen Gebirgsland an die Schule in der Llanelli Road gekommen, ein dünner, für sein Alter etwas zu kleiner Zehnjähriger – kein ebenbürtiger Gegner für die rauen Jungs aus dem Hafenviertel. Jedes Mal, wenn sie dieses Kirchenlied sangen, verfluchte Evan Evans seine Eltern, weil sie ihm so einen bescheuerten Namen gegeben hatten. Jetzt war er ein erwachsener Mann, beliebt und geachtet, der, wenn es darauf ankam, auch seine Fäuste ziemlich gut einzusetzen wusste. Doch dieses Kirchenlied hatte noch immer die Macht, ihm Unbehagen zu bereiten. Jetzt konnte er ihre Sticheleien förmlich hören. Hinter ihm tuschelte jemand. Jeden Moment würde ihn einer in die Rippen stoßen und zischeln: »Na, und was für ein Brot, kleiner Evan?«

Schließlich konnte er dem Drang, sich umzudrehen, nicht mehr widerstehen. Er warf einen Blick über die Schulter und sah am Seiteneingang zwei Männer stehen. Einer von ihnen war der alte Charlie Hopkins, der Kirchendiener, und er zeigte direkt auf Evan. Der andere Mann kam Evan bekannt vor, aber er konnte ihn nicht gleich einordnen. Er war mittleren Alters, schien aber gut in Form zu sein. Sein Gesicht war sonnengebräunt, aber das an den Schläfen bereits ergraute Haar, das zurückgekämmt war, um eine kahle Stelle zu verbergen, verriet sein wahres Alter. Er trug einen weiten Norwegerpullover mit Rollkragen und Cordhosen. Während Evan ihn noch überrascht anstarrte, machte ihm Charlie Hopkins aufgeregt Zeichen, zu ihnen zu kommen.

Evan schaute sich um und schlich auf Zehenspitzen zur Tür. Charlie Hopkins packte ihn am Arm und flüsterte ihm ins Ohr: »Erst waren sie da, dann weg, und jetzt haben sie’s wieder gemacht, Constable Evans.«

Evan trat ins sommerliche Zwielicht hinaus. Hier, zwischen den hohen Gipfeln, ging die Sonne früh unter. »Was gemacht? Was ist los?«, fragte er und sah hilfesuchend zu dem Fremden, der neben Mr Hopkins stand.

»Einer von diesen Bergsteigern, das ist los«, erklärte Mr Hopkins. »Hängt wieder am Yr Wyddfa fest.« Er nannte den Berg, den die Engländer als Snowdon bezeichneten, bei seinem walisischen Namen, obwohl er Evan wegen des Fremden auf Englisch angesprochen hatte.

»Nicht schon wieder!«, rief Evan und verdrehte verzweifelt die Augen. »Wie lange ist es her, dass wir mal einen Sonntag ohne Rettungsruf hatten, na, Charlie? Was ist denn diesmal passiert?« Fragend schaute er auf den Fremden, noch immer in dem Versuch herauszufinden, wer dieser war.

»Das ist Constable Evans, Major«, sagte Charlie. »Er leitet unseren kleinen Rettungstrupp und ist ein richtiger Bergexperte.«

»Wirklich?« Der Mann hätte nicht weniger beeindruckt klingen können.

»Du kennst Major Anderson, nicht wahr, Evan, mein Junge?«, fragte Charlie. »Er ist der Hotelmanager vom Everest Inn im Tal oben. Du weißt doch, wovon ich spreche?«

Evan warf dem Major ein freundliches Grinsen zu. »Dürfte schwerfallen, diesen Ort nicht zu kennen, oder? Füllt doch das halbe Tal aus.« Er selbst hielt das Hotel für eines der scheußlichsten Gebäude, das er je gesehen hatte, und konnte nicht begreifen, wie jemand auf die Idee gekommen war, mitten in Wales ein Schweizer Chalet zu errichten. Das Hotel war erst in der letzten Saison eröffnet worden, kurz bevor Evan selbst nach Llanfair gekommen war, und seine Gäste hatten den Rettungstrupp des Dorfs seither in Atem gehalten.

Aber Evan behielt seine Ansichten für sich. Er streckte seine große Hand aus. »Wie geht es Ihnen, Major Anderson? Natürlich, wir haben uns schon einmal getroffen. Also mal wieder ein Wanderer in Bergnot? Warum bringen Sie diesen Leuten das Klettern nicht erst bei, bevor Sie sie auf die Berge loslassen?« Er hatte das als gutmütige Neckerei gemeint, aber jetzt sah er, wie das Lächeln aus dem Gesicht des Majors verschwand.

»Ziemlich besorgniserregend, was?«, bemerkte Major Anderson mit kehliger englischer Upperclass-Stimme. »Diese Bürschchen behaupten immer, sie könnten es. Ziehen mit der besten Ausrüstung los, unterschätzen aber immer unsere walisische Bergwelt.«

Evan gelang es, seinen Ärger zu verbergen. Er erinnerte sich jetzt sehr gut an sein letztes Zusammentreffen mit dem Major. Man hatte ihn gerufen, um einen Schmuckdiebstahl zu untersuchen, und der Major hatte sich furchtbar gönnerhaft gebärdet, ihn ständig »mein Bürschchen« genannt und Andeutungen gemacht, dass ein einfacher Dorfpolizist dieser Aufgabe wohl nicht gewachsen sei. Wie die meisten Waliser hatte Evan nicht sonderlich viel übrig für Leute, die herumliefen und sich aufspielten, sich Major nannten, obwohl sie nicht mehr in der Armee waren – oder über die Berge als »unsere walisische Bergwelt« sprachen und dabei vermutlich nicht einen Tropfen walisisches Blut in den Adern hatten.

Evan lächelte den Major verschwörerisch an. »Komisch eigentlich. Es muss eine Menge Leute geben, die unsere Berge für die Alpen halten. Die Leute, die Ihr Hotel gebaut haben, zum Beispiel. Ein Wunder, dass Sie keine kurzen Lederhosen tragen und Ihre Knie zeigen müssen.«

»Ah, genau. Ja. Haha. Sehr komisch«, sagte der Major.

Evan erinnerte sich mit einiger Genugtuung daran, dass der Major ihn an jenem Abend später noch einmal angerufen hatte, um ihm mitzuteilen, dass sich der Diamantring wieder angefunden hatte – im Geheimversteck der betroffenen Dame, in einem ihrer Samtslipper. Entschuldigt hatte er sich nicht.

Mit seiner professionellsten Haltung wandte Evan sich an den Major. »Sie sind also benachrichtigt worden, dass einer Ihrer Bergsteiger in Schwierigkeiten ist?«

»Hängt am Crib Goch. Man hat mich nicht benachrichtigt«, antwortete der Major. »Er ist nur einfach nicht wiedergekommen, das ist alles. Ist heute nach dem Frühstück aufgebrochen, und seitdem hat ihn keiner mehr gesehen.«

Evan schaute zu den dunklen Umrissen der Hügelkette des Snowdon hinauf, die sich jetzt vor einem silbernen, mit rosa Wölkchen durchsetzten Himmel abzeichnete. In den Schluchten hingen Wolkenfetzen wie Schafwolle in einem Netz.

»Es ist noch nicht ganz dunkel«, sagte er. »Geben Sie ihm noch etwas Zeit. Wahrscheinlich hat er sich am Sonnenuntergang erfreut, schließlich war es ein wunderbarer Tag. Heute früh bin ich selbst da oben gewesen. Wussten Sie, dass es dort ein Nest von Roten Milanen gibt, mit Jungen drin? Das ist doch eine gute Nachricht, ich habe schon jahrelang keinen mehr gesehen.«

»Ja, genau«, unterbrach ihn Major Anderson. »Aber kommen Sie bitte zum Thema zurück, Constable. Ich wäre nicht zu Ihnen gekommen, wenn ich mir keine Sorgen machen würde.«

»Und er hatte ganz bestimmt vor, heute Abend wieder zurückzukommen?«

»Ja, ganz sicher«, sagte Major Anderson. »Dem Personal hat er gesagt, er sei zum Abendessen zurück.«

»Und Sie glauben, dass er klettern gehen wollte, nicht nur wandern?«

Major Anderson sog geräuschvoll Luft durch die Zähne, während er überlegte. »Das kann ich nicht genau sagen«, räumte er ein. »Er hat nach dem einfachsten Weg auf den Snowdon gefragt und gesagt, dass er dort oben einen Freund treffen wolle. Aber er hat ziemlich anständige Schuhe angehabt, und einen Rucksack hatte er auch. Also wollte er vielleicht mit seinem Freund dort oben doch ein bisschen klettern gehen.«

»Da haben Sie’s«, sagte Evan. »Er hat den Freund getroffen, und sie haben beschlossen, zusammen einen anderen Rückweg zu nehmen. Wahrscheinlich sind sie mit der Zahnradbahn runter nach Llanberis gefahren. Dort trinken sie jetzt vermutlich einen, und der Freund bringt ihn später mit dem Auto wieder her.«

»Aber er hat gesagt, er werde hier zu Abend essen«, erwiderte Major Anderson geduldig, als sei Evan ein begriffsstutziger Zweijähriger. »Und er weiß, dass es pünktlich um sieben Abendessen gibt. Er hätte ja auch noch Zeit zum Umziehen gebraucht, wir haben im Speisesaal eine strenge Kleiderordnung.«

»Vielleicht hat er seine Meinung geändert«, schlug Evan vor. »Es ist nämlich durchaus gestattet, seine Meinung zu ändern.« Er blickte zu Charlie und zwinkerte ihm zu. »Wir sind hier schließlich nicht bei der Armee.«

Das Gesicht des Majors zuckte missbilligend. »Offensichtlich teilen Sie meine Besorgnis nicht, Constable. Ich muss an mein Hotel denken. Leute, die auf dem Berg festsitzen, sind eine schlechte Werbung für uns. Rettungsaktionen sind doch immer ein gefundenes Fressen für die Fernsehnachrichten.

Wenn er dort oben festsitzt, möchte ich, dass man ihn sofort runterholt.«

»Jetzt hören Sie mir mal zu«, sagte Evan und legte dem Major beruhigend die Hand auf die Schulter. »Wenn dieser Herr den Pig Track oder den Miners’ Track direkt auf den Gipfel vom Snowdon genommen hat, ist er auf einer viel begangenen Strecke unterwegs gewesen. Wenn er sich dort verletzt hätte oder in Schwierigkeiten geraten wäre, dann hätten wir etwas davon gehört. Außerdem gibt es auf dieser Strecke keine Stelle, an der man hängen bleiben könnte. Das ist die reinste Autobahn. Mit genauso viel Verkehr.«

Er musste plötzlich an seine frühe Kindheit denken, die er in diesen Bergen verbracht hatte, und an die glücklichen Tage mit seinem Großvater dort oben. Damals war es ihm so vorgekommen, als ob es nur sie beide gäbe, allein auf dem Dach der Welt, manchmal in den Wolken, manchmal über ihnen, Adler beobachtend, die unter ihnen dahinglitten.

Heutzutage war es schwer, ein Plätzchen zu finden, an dem man für sich war – selbst für jemanden wie Evan, der diese Berge wie seine Westentasche kannte. Unzählige Male hatte er gerastet und war in Gedanken versunken gewesen, und dann hatten Gelächter und laute Stimmen auf dem Pfad unter ihm die Ankunft einer weiteren Touristengruppe angekündigt. Sie schwankten den Weg herauf, häufig in unpassender Kleidung – Shorts und T-Shirts –, hatten keine Schlechtwetterausrüstung für den Fall eines Wetterumschwungs dabei, trugen Sandalen oder gewöhnliche Straßenschuhe und filmten sich im Gehen. Für sie war alles nur ein Heidenspaß. Es kam ihnen gar nicht in den Sinn, dass ein Gewitter losbrechen und Sturmböen sie vom Pfad fegen, dass Wolken aufziehen und ihnen den Rückweg abschneiden könnten – und dass eine Nacht in den Bergen ihr Ende bedeuten könnte.

»Geben Sie ihm Zeit bis morgen früh«, sagte er und kehrte wieder zum gegenwärtigen Problem zurück. »Ich kann meine Jungs nicht wegen jedem Bergsteiger, der sich verspätet, ihren Gottesdienst verpassen lassen. Höchstwahrscheinlich werden Sie bis zum Morgen etwas von ihm gehört haben. Ich wette, Ihr Junge taucht verspätet zum Abendessen auf oder ruft Sie aus Llanberis an. Und wenn er wirklich über Nacht da oben festsitzt – nun, es wird nicht allzu kalt, und er könnte es auf jeden Fall bis zur Imbissbude an der Bergbahn schaffen und dort Unterschlupf suchen. Das wird ihm vielleicht eine Lehre sein, unsere walisischen Berge künftig etwas ernster zu nehmen.«

Er lächelte den Major an. »Wenn Sie mich jetzt bitte entschuldigen wollen, ich muss in die Kapelle zurück. Ich will die Predigt von Reverend Parry Davies nicht versäumen. Sie haben doch von ihm gehört? Er ist ein berühmter Redner. Nimmt jedes Jahr an den walisischen Bardenwettbewerben beim Eisteddfod teil und gewinnt Preise. Er hält außerordentlich eindringliche Predigten – beschwört Hölle und Verdammnis. Man kann den Schwefel förmlich riechen. Reverend Powell-Jones musste bei sich drüben Doppelfenster einbauen lassen.«

Sein Blick glitt über die Straße zur Beulah-Kapelle, wo Reverend Powell-Jones seinen eigenen Abendgottesdienst hielt. Er machte seinen Mangel an Ausdruckskraft gegenüber Parry Davies dadurch wett, dass er seine Predigten zuerst auf Walisisch und danach noch einmal auf Englisch hielt. Weil das weit über eine Stunde in Anspruch nahm, war seine Gemeinde erheblich kleiner als die von Bethel – und bestand überwiegend aus alten Frauen, die mit der walisischen Sprache groß geworden und glühende Nationalistinnen waren. Darüber hinaus verfügte Bethel über einen weiteren unschlagbaren Vorteil: Ein kleiner Pfad auf der Rückseite der Kapelle führte direkt zur Hintertür des Red Dragon.

Obwohl es den Pubs in Wales inzwischen offiziell erlaubt war, auch sonntags zu öffnen, war Llanfair eine dieser letzten Bastionen religiöser Rechtschaffenheit, in denen man sonntägliches Trinken nach wie vor missbilligte, weshalb die Vordertür an diesem Tag für Fremde geschlossen blieb. Die Hintertür dagegen stand für die Stammgäste offen, und aus diesem Grund zogen es die meisten Männer von Llanfair vor, den Abendgottesdienst von Bethel zu besuchen.

»Verstehe ich Sie richtig, dass Sie jegliche Rettungsmaßnahme verweigern?«, ereiferte sich der Major. »Darüber werde ich ein ernstes Wörtchen mit Ihren Vorgesetzten reden.«

»Wenn ich erfahre, dass jemand in Not geraten ist, werde ich natürlich helfen, Major«, erklärte Evan. »Alle Männer aus dem Dorf werden das tun. Aber wir sind Freiwillige, wie Sie wissen. Wir können nicht sämtliche Berge nach jemandem absuchen, der in der Zwischenzeit vielleicht gar nicht mehr dort ist. Es wird bald dunkel, und ich will nicht das Risiko eingehen, dass einer meiner Leute abstürzt. Schauen Sie, warum rufen Sie mich nicht einfach morgen früh an, wenn er nicht aufgetaucht ist. Jetzt dagegen rufen Gott und Mr Parry Davies, wenn Sie nichts dagegen haben.«

Der Major marschierte davon und murmelte dabei vor sich hin: »Einfach absurd. Vollkommen unbrauchbar. Dorftrottel, alle miteinander …«

Charlie Hopkins wandte sich mit einem bedauernden Schulterzucken an Evan. »Meinst du nicht, dass wir doch hätten gehen sollen, Evan bach? Der ist genau der Typ, der gern Schwierigkeiten macht. Ist mit ganz hohen Tieren befreundet.«

Evan schaute dem schwindenden Major missmutig nach.

»Wenn er Freunde an den richtigen hohen Stellen hätte«, sagte er und deutete auf die Bergsilhouette, »dann könnten die nach seinem vermissten Bergsteiger gut selbst suchen und uns zum Kuckuck noch mal in Ruhe lassen.«

Charlie Hopkins kicherte, und widerstrebend fiel Evan in das Lachen ein. »Tut mir leid, Charlie, aber dieser Mann bringt mich auf die Palme. Bellt Befehle, als sei er noch beim Militär. Schließlich sind wir nur Freiwillige. Keiner gibt uns was dafür, dass wir durchs Gebirge latschen, unsere Schuhe ruinieren und den Gottesdienst verpassen.«

Mr Hopkins gab Evan einen Rippenstoß. »Dann will ich Sie mal nicht länger aufhalten, Constable«, sagte er. »Sie werden für den Rest der Predigt sicher wieder rein wollen.«

Er zwinkerte Evan zu.

»Nach Ihnen, Mr Hopkins«, sagte Evan und schubste ihn Richtung Tür. »Du bist doch der Kirchendiener und musst die Gesangbücher wieder einsammeln.«

Mr Hopkins schaute auf die Kapellentür und ließ seinen Blick dann die Straße hinunter zum Schild des Red Dragon wandern, das im Abendwind schaukelte.

»Die wissen alle, wo die Gesangbücher hingehören«, sagte er. »Außerdem klingt es so, als würde sich der Reverend heute Abend kurzfassen. Er muss genauso einen Durst haben wie wir. Ist doch Quatsch, nur für das letzte Lied noch mal reinzugehen. Wir könnten stattdessen gut eine Tür weiter schon mal unsere Bestellung aufgeben.« Er stieß Evan erneut in die Rippen. »Gibt dir außerdem Gelegenheit, im Pub eine Weile mit Du-weißt-schon-wem allein zu sein.«

Sein schmaler Körper bebte vor unterdrücktem Lachen. Evan seufzte. Seit er vor einem Jahr hierhergekommen war, hatte das gesamte Dorf versucht, sich als Ehestifter zu betätigen. Und Betsy, die Bedienung im Red Dragon, machte keinen Hehl daraus, dass sie für Evan schwärmte.

»Hör doch auf, Charlie«, sagte er verlegen und wurde rot. »Betsy ist ein nettes Mädchen, aber eben nicht mein Typ.«

»Dir könnte Schlimmeres passieren, mein Junge«, gluckste Charlie. »Ich habe gehört, dass sie bereit und willens ist, und Grips hat sie auch.«

»Das ist ja das Problem, Charlie«, erwiderte Evan grinsend. »Sie ist zu bereit und willens. Wenn ich nur Hallo sage, nimmt sie das als Ermunterung. Die ganze Zeit drängelt sie, dass ich sie zum Tanzen nach Caernarfon ausführe.«

»Und was ist daran verkehrt?«, fragte Charlie.

Evan schüttelte den Kopf. »Du hast mich noch nie tanzen sehen«, erklärte er. »Man sagt, ich sähe dabei aus wie ein Tintenfisch im Todeskampf. Außerdem bin ich einfach noch nicht so weit, mich jetzt schon zu binden. Ich bin doch gerade erst angekommen.«

Er stand mit dem Rücken zur Straße und hatte niemanden kommen hören, weshalb er zusammenfuhr, als eine sanfte Stimme sagte: »Guten Abend, Constable Evans. Heute nicht im Gottesdienst, wie ich sehe?«

Evan drehte sich um und erblickte eine schlanke junge Frau, die ihn anlächelte. Sie trug Khakihosen und eine Leinenbluse. Um die Schultern hatte sie einen dunkelgrünen Pullover geschlungen, der das Grün ihrer Augen betonte. Wie immer in ihrer Gegenwart fühlte sich Evan leicht sprachlos.

»Guten Abend, Bronwen Price«, stammelte er. »Wie ich sehe, sind Sie auch nicht in der Kirche.«

Bronwen betrachtete Evans Jackett und Krawatte und überlegte, dass er wohl vorgehabt haben musste, in den Gottesdienst zu gehen. Er gehörte nicht zu den Menschen, die ein Jackett trugen, wenn sie nicht mussten. Gewöhnlich war er eher der Alte-Jeans-und-Pulli-Typ. Ohne Uniform sah er ziemlich gut aus, dachte sie. Sie mochte es, wie ihm sein dunkles Haar jungenhaft in die Stirn fiel, wenn er seine Polizeimütze nicht trug.

»Ich komme gerade von einer Tagestour zurück«, sagte sie.

»Wussten Sie, dass es da oben ein Nest von Roten Milanen gibt? Ist das nicht eine wunderbare Nachricht?«

»Oberhalb vom Llyn Llydaw? Habe ich auch gesehen«, antwortete Evan, und seine Miene hellte sich auf.

Bronwen wirkte überrascht. »Wann sind Sie denn dort gewesen?«

»Heute früh.«

»Wirklich? Schade, dass wir uns verpasst haben.«

»Sehr schade«, sagte Evan gefühlvoll. Dann wurde ihm plötzlich wieder bewusst, dass Charlie Hopkins neben ihnen stand, und er stammelte: »Zwei Junge im Nest, richtig?«

Charlie schaute von Evan auf Bronwen. »Ich spring dann schon mal schnell zum Red Dragon rüber«, verkündete er. »Und sage, dass ihr kommt.«

Evan sah Bronwen an. »Hätten Sie Lust, etwas zu trinken?«

»An einem Sonntag?« Zuerst glaubte Evan, Bronwens schockierter Ton sei echt, doch dann sah er den Schalk in ihren Augen. »Was würden denn da meine Schüler sagen, wenn sie ihre Lehrerin am Sonntagabend in einen Pub gehen sähen?«

»Ich dachte nur, vom Wandern müssten Sie einen ordentlichen Durst haben«, sagte Evan.

»Sie haben recht, den habe ich auch«, bestätigte Bronwen lächelnd.

»Dann ist das ja eine rein medizinische Maßnahme«, erklärte Evan. »Es ist eine allgemein bekannte Tatsache, dass man seinen Flüssigkeitsspeicher nach anstrengenden Tätigkeiten wieder auffüllen muss – außerdem gehen wir hinten herum über den kleinen Pfad. Kein Mensch wird Sie sehen.«

Bronwen lachte. »In diesem Dorf gibt es nichts, was sie nicht sehen oder wissen, aber ich komme mit und leiste Ihnen Gesellschaft, wenn Sie möchten. Auch wenn ich nichts davon halte, den Gottesdienst zu schwänzen.«

»Sie sollten wissen, dass ich dienstlich herausgerufen worden bin«, sagte Evan. »Wieder ein verirrter Bergsteiger.« Er trat zur Seite, um Bronwen auf dem kleinen Pfad vorangehen zu lassen.

»Nicht schon wieder«, sagte Bronwen über die Schulter. »Man sollte sie eine Prüfung ablegen lassen, bevor man sie auf die Berge loslässt.«

»Das wäre eine gute Idee«, bestätigte Evan.

»Wie ich sehe, haben Sie es nicht eilig damit, ihn suchen zu gehen«, bemerkte Bronwen.

»Wenn ich jedes Mal losliefe, um einen Bergsteiger zu finden, der eine halbe Stunde zu spät zum Abendessen kommt, könnte ich meinen Beruf vergessen und gleich in den Bergen mein Zeltlager aufschlagen«, sagte Evan. »Wir erfahren es noch früh genug, wenn er wirklich in Schwierigkeiten ist. Es ist noch nicht mal dunkel.«

Vor dem Pub blieb er kurz stehen und schaute bewundernd zu den scharfen, dunklen Umrissen der Berge hinauf; der Himmel war jetzt klar und rosarot gefärbt. »Wird wieder ein herrlicher Tag morgen«, bemerkte er und geleitete Bronwen durch die Hintertür des Red Dragon.

2. KAPITEL

Oben auf dem Berg ging die Sonne unter und tauchte dessen Abhänge in tiefe Schatten, so dass es schwierig war zu erkennen, was da zwischen den Steinen lag. Ein scharfer Wind kam auf, fuhr heulend durch die Felsspalten und übertönte einen Schrei, den niemand hörte.

Als Charlie Hopkins den Pub betrat, schaute ihm Betsy, die Bedienung, erwartungsvoll entgegen.

»Guten Abend, Mr Hopkins«, sagte sie. »Erzählen Sie mir nicht, dass Sie heute der Einzige sind, der etwas trinken will.« Charlie blickte zur Tür zurück. »Der Gottesdienst ist noch nicht aus, Betsy bach. Constable Evans und ich sind wegen eines Notrufs rausgerufen worden, das verschafft uns einen Vorsprung.«

»Kommt Constable Evans denn nicht?«, fragte sie, und die Enttäuschung stand ihr ins Gesicht geschrieben.

»Doch, doch, der kommt schon noch. Lässt sich aber Zeit. Er ist abgefangen worden«, erwiderte Charlie mit verschmitztem Blick.

»Sie meinen, er ist mit jemandem zusammen?«, wollte Betsy wissen. »Doch nicht mit dieser Bronwen Price?«

»Meine Lippen sind versiegelt«, erklärte Charlie. »Machen Sie mir bitte eine Halbe vom besten Bitter, meine Liebe.«

Betsy zapfte das Bier, als drehe sie einem Hühnchen den Hals um.

»Diese verdammte Bronwen Price. Erzählen Sie mir bloß nicht, er findet was an der. Was soll’s denn unter all diesen Klamotten, die sie so trägt, zu sehen geben? Die meisten Männer wollen doch, dass eine Frau wie eine Frau aussieht, was, Charlie?«

Um ihren Worten Nachdruck zu verleihen, zog sie ihren tief ausgeschnittenen Angorapulli herunter.

Charlie verkniff sich die Bemerkung, dass Bronwen heute Abend nicht einen ihrer weiten Röcke trug und in ihrer Wanderkluft richtig rank und schlank aussah.

»Wahrscheinlich ist er einfach nur freundlich zu ihr«, sagte Betsy zur Selbstberuhigung, während sie das volle Glas vor Charlie stellte. »Er ist ein außerordentlich freundlicher Mensch, das meinen Sie doch auch, Mr Hopkins?«

»Außerordentlich freundlich«, bestätigte Charlie. Er fand, dass Evan und Bronwen schrecklich viel Zeit für die paar Meter brauchten.

Betsys Augen wurden größer, als sich die Tür öffnete und Evans Stimme zu hören war. Noch einmal zog sie ihren Pullover glatt. Sollte diese Bronwen Price ruhig ihr Bestes versuchen – armseliges Exemplar von Frau, das sie war. Keine nennenswerten Kurven, und geschminkt war sie auch nicht. Was konnte sie einem Mann in kalten Winternächten schon bieten?

Betsy beobachtete, wie Evan hereinkam und Bronwen am Tresen vorbei in den hinteren Teil des Pubs führte. Obwohl es kein geschriebenes Gesetz war, wurde doch allgemein akzeptiert, dass Frauen nicht zu den Männern an den Tresen gehörten. Eine Frau, die sich dieser Tradition widersetzte, musste einigen Mut haben. Verärgert sah Betsy zu, wie Evan einen Stuhl für Bronwen zurechtrückte und sie ihn anlächelte. Er zog das Jackett aus und hängte es über seine Rückenlehne. Betsys Blick verweilte anerkennend auf seinem breiten Rücken. Sie mochte die Männer gut gebaut und stellte sich vor, wie sie eines Tages dieses weiße Hemd aufknöpfen und mit ihren Händen über die starken Schultern streichen würde. Als er zum Tresen herüberkam, senkte sie den Blick und tat so, als sei sie beschäftigt.

»’n Abend, Betsy«, sagte er. »Ich hätte gern eine Halbe Guinness für mich und«, er senkte die Stimme und schaute sich um, ob jemand in Hörweite war, »ein Perrier für die Dame.«

»Ein Perrier?« Betsy rümpfte die Nase und starrte Bronwen an. Sie ging zum Kühlschrank und nahm die Flasche mit spitzen Fingern heraus. »Reine Geldverschwendung, wenn du mich fragst«, erklärte sie. »Könnte man genauso gut hingehen und sich ein Glas aus der Leitung holen.«

Evan unterdrückte ein Lächeln. Aus Erfahrung wusste er, dass sie jedes Lächeln als Ermunterung auffasste, und vor Bronwen wollte er sie ganz bestimmt nicht ermuntern.

Das Guinness für Evan zapfte sie so voll, dass es überlief.

»Ich mag Männer mit gesundem Appetit«, fügte sie hinzu und leckte sich mit der Zunge über die vollen Lippen. Evan spürte, wie er errötete.

»Danke, Betsy«, sagte er, kramte Geld aus der Hosentasche und legte es auf den Tresen.

»Wenn du später frei bist«, sagte sie mit leiser Stimme, während er die Gläser nahm, »habe ich da diesen interessanten Film aus der Videothek in Caernarfon. Ein italienischer – alles über das Dolce Vita in Rom. Ich verstehe zwar kein Wort von dem, was sie sagen, aber das muss man ja auch nicht unbedingt.«

Evan suchte nach einer Antwort, aber sein Kopf war wie leer gefegt. Er strengte sich mächtig an, seinen Blick nicht auf Betsys Dekolleté wandern zu lassen. Sie presste sich beim Sprechen gegen den Tresen, was ihren Ausschnitt noch tiefer rutschen ließ, und er wusste, dass sie das mit voller Absicht tat. Er ertappte sich dabei, dass er sich kurz überlegte, wie es wohl wäre, wenn …

»Kommst du also später rüber?«, fragte sie noch einmal. »Sonntags kann ich immer früh hier raus, sieht ja so aus, als kämen nur die Stammgäste.«

»Kann heute leider nicht, meine Liebe«, sagte er. »Wir hatten eine Meldung wegen eines vermissten Bergsteigers. Ich muss in der Nähe des Telefons bleiben.«

Nach diesen Worten brachte er eilig das Bier und das Perrier an den Tisch, bevor Betsy mit weiteren interessanten Vorschlägen kommen konnte.

»Entschuldigung«, sagte er und stellte Bronwen das Mineralwasser hin.

»Schon in Ordnung«, erwiderte Bronwen höflich. »Ich habe gesehen, dass Sie … anderweitig beschäftigt waren.« Ihre Augen streiften zur Theke hinüber. »Sie strengt sich wirklich an, nicht wahr?«, fuhr sie fort. »Ich würde ihr eine Eins für ihre Bemühungen geben.«

»Sie meint es gut«, sagte Evan großzügig.

»Da bin ich mir sicher«, entgegnete Bronwen.

»Sie akzeptiert einfach kein Nein als Antwort, das ist das Problem«, erklärte Evan. »Und ich will nicht unhöflich sein …«

»Natürlich nicht«, sagte Bronwen weich.

Evan hatte sich ihr gerade gegenübergesetzt, als die Meute aus der Kapelle lautstark palavernd hereinkam.

»Um was ging’s denn da vorhin, Constable Evans?«, fragte einer der Männer. »War das der Major, der Sie aus der Kapelle gerufen hat?«

»Ja, Mr Rees. Ein Bergsteiger aus seinem Hotel hatte sich zum Abendessen verspätet, und er wollte, dass wir ihn suchen gehen.«

»Der Mann hat vielleicht Nerven«, brummte ein anderer. »Offenbar denkt jeder, wir würden unseren Lebensunterhalt damit verdienen.«

»Und was haben Sie ihm gesagt, Evan bach? Ich hoffe doch sehr, dass er sich fortscheren soll?«

»Ich könnte Ihnen erzählen, was ich ihm gesagt habe, aber es sind Damen anwesend«, sagte Evan und erntete dafür allgemeines Gelächter. »Er war ganz schön platt, als ich ihm erklärt habe, dass ich euch Jungs heute Abend nicht rausrufen und durch die Berge scheuchen würde, um seinen Bergsteiger zu suchen.«

»Genau richtig, Evan bach«, pflichtete ihm einer der Männer bei. »Nichts als Ärger mit diesem Everest Inn, seit es gebaut wurde.«

Lächelnd drehte sich Evan zu Bronwen um, und die Männer scharten sich um den Tresen.

»Ich habe das Gefühl, dass Sie diesen Major nicht besonders mögen«, sagte sie.

»Das können Sie ruhig laut sagen«, erwiderte er. »Dieser Mann bringt mich auf die Palme, Bronwen. Er erinnert mich an meinen alten Schuldirektor – der hatte den gleichen Tonfall und hat immer auf mich herabgesehen, weil ich nur ein Stipendiat war.«

Bronwen schaute interessiert auf. »Stipendiat? Wo?«

»Unten in Swansea. An der Swansea Grammar School – kennen Sie die?«, fragte Evan. »Sehr vornehm. Meine Eltern waren so stolz, als ich dort ein Stipendium bekommen habe.«

»Ich habe immer gedacht, Sie seien hier aus der Gegend.«

»Ich bin hier oben geboren worden, aber als ich ein kleiner Junge war, sind wir nach Swansea gezogen. Mein Vater hat dort unten einen Job bekommen, deshalb.«

»Das muss sehr schwer für Sie gewesen sein, in die große Stadt zu ziehen.«

»Es war ziemlich hart. Und dann habe ich ein Stipendium für diese piekfeine Schule bekommen, und das war noch härter. Sie haben sich immer über mich lustig gemacht, weil mein Englisch damals nicht allzu gut gewesen ist und ich etwas zu klein geraten und ziemlich mager war.«

Bronwen lachte. »Sie? Klein und mager? Da haben Sie sich aber verändert.«

Evan lächelte ebenfalls. »Ihre Einstellung hat sich erst gewandelt, als ich anfing zu wachsen und ein ganz brauchbarer Rugbyspieler geworden bin. Bei meinem Schulabschluss war ich doppelt so groß wie der Rektor. Da konnte er nicht mehr auf mich runtersehen, selbst wenn er gewollt hätte.«

»Was hat Ihren Vater dazu gebracht, nach Swansea runter zu gehen?«, fragte Bronwen. »Hat er im Hafen gearbeitet?«

»Er war Bulle«, antwortete Evan. »Sie haben da unten besser gezahlt.«

»Sie treten also in die Fußstapfen Ihres Vaters?« Evans Miene verdüsterte sich. »So in etwa«, sagte er.

»Und warum sind Sie wieder zurückgekommen?«

Er machte eine kleine Pause. »Ich hatte genug von Swansea.« Rasch fügte er hinzu: »Und Sie? Wieso sind Sie hier raufgekommen?«

Sie zuckte die Schultern. »Ich wollte das einfache Leben«, sagte sie. »Zurück zum Eigentlichen. Ich wollte Kinder unterrichten, die noch einen Sinn für Unschuld und fürs Staunen haben. Keine Drogen oder Banden oder Einkaufszentren.«

»Glauben Sie wirklich, dass wir die Welt von einem Ort wie diesem aussperren können?«, fragte er leise.

»Ich hoffe es«, gab sie zurück.

Evan betrachtete seine Hände. »Manchmal habe ich da meine Zweifel.«

Die Tür öffnete sich erneut und ließ einen kalten Luftzug herein, der die Servietten auf den Tischen aufwirbelte.

»Wenn das nicht Fleischer-Evans ist«, sagte der Milchmann vernehmlich. »Ist der Gottesdienst in der Beulah-Kapelle also endlich aus? Wo sind denn die anderen, sind die vielleicht auf ihren Kirchenbänken eingeschlafen?«

Fleischer-Evans bedachte ihn mit einem kalten Blick.

»Nur weil unser Pfarrer ein aufrechter Waliser ist, der es vorzieht, seine Predigt in seiner Muttersprache zu halten, ist das kein Grund, darüber zu spotten. Wenn es hier nur mehr patriotische Männer gäbe, die sich stärker für ihre Sprache als für ihr Bier interessieren würden!«

Milchmann-Evans machte einen Schritt auf ihn zu.

»Willst du damit sagen, ich sei weniger patriotisch als du? Wer hat denn am letzten St. Davids Day vergessen, seinen Lauch zu tragen, hä?«

»Ist es vielleicht meine Schuld, wenn meine Frau das Datum vergisst und meinen Lauch in den Lammeintopf wirft?«, fragte Fleischer-Evans, der inzwischen derart rot angelaufen war, dass sein Gesicht einer riesigen Tomate glich.

»Mein Zweig der Familie kann bis zu Llewellyn dem Großen zurückverfolgt werden, patriotischer geht es ja wohl nicht mehr.«

»Willst du etwa behaupten, ich sei nicht genauso walisisch wie du?«

Evan bemerkte die geballten Fäuste und machte sich bereit, um einzugreifen. Es wäre nicht das erste Mal, dass sich die beiden Männer im Pub prügelten. Noch während er aufstand, sprang die Tür ein weiteres Mal auf. Ein Junge mit vom Wind geröteten Wangen platzte herein.

»Ist Gesetz-Evans da?«, keuchte er ganz außer Atem vom Rennen und sah sich bei den Männern an der Theke um.

»Sagt ihm, er wird auf dem Berg gebraucht. Man hat eine Leiche gefunden.«

3. KAPITEL

Am nächsten Morgen stand Evan neben Sergeant Watkins, einem Kriminalbeamten von der Nordwalisischen Polizei, der aus Caernarfon herbeigerufen worden war. In der vergangenen Nacht hatten sie die Leiche entdeckt, wegen des schwierigen Geländes bis Tagesanbruch aber nichts weiter unternehmen können. Der Wind zerrte an ihren Uniformen, während sie zusammen am Rand eines schmalen, steil abfallenden Felsvorsprungs standen und auf die tief unter ihnen ausgestreckt daliegende Leiche hinabblickten. Selbst aus dieser Höhe konnten sie den schwarzen Fleck auf dem Granit deutlich sehen, wo der Mann lag.

»Grässlicher Unfall«, bemerkte Sergeant Watkins und zog die Luft durch die Zähne. »Aber ich kann nicht verstehen, warum Sie uns gerufen haben, Constable Evans. Wir haben im Präsidium gerade viel zu tun und keine Zeit, Bergunfälle zu untersuchen.«

Evan riss seinen Blick von dem schrecklichen Bild los und sah den Kriminalbeamten an. Der war ein kleiner, schlanker Mann in den Dreißigern mit einem blassen und humorlosen Gesicht, dessen Farblosigkeit durch sein leuchtend rotes Haar und einen rehbraunen Regenmantel noch verstärkt wurde.

»Sie meinen also, es war ein Unfall?«, fragte Evan.

Sergeant Watkins erwiderte scharf: »Natürlich. Was denn sonst? Ein unerfahrener Bergsteiger verliert an einem Felsvorsprung den Halt oder die Nerven, ihm wird schwindlig und er stürzt ab.«

»Entschuldigung, Sarge, aber nicht mal ein verdammter Engländer könnte an dieser Stelle abstürzen«, sagte Evan. »Nachmittags frischt hier der Wind von unten derartig auf, dass man sich fast dagegenlehnen könnte. Und sehen Sie den Winkel des Felsens? Wenn man hier den Halt oder die Nerven verliert, würde man in die Felswand zurückfallen und nicht den Steilhang hinunter.«

»Was ist dann Ihre Ansicht, Constable?«

»Ich behaupte, dass jemand nachgeholfen haben muss.«

»Gestoßen, meinen Sie? Sie wollen mir erzählen, das war Absicht?«

Evan zuckte die Schultern. »Vielleicht auch nur ein Versehen, Sarge. Vielleicht hatte er einen Begleiter, der ausgerutscht ist und ihn versehentlich umgerissen hat – und der dann Angst hatte, sich zu melden und es zu gestehen. So etwas kommt vor, das wissen Sie. Aber wenn man jemanden loswerden wollte, wäre das keine schlechte Methode.«

Sergeant Watkins schaute Evan zweifelnd an und schüttelte dann ungläubig den Kopf.

»Ach kommen Sie, Constable«, sagte er. »Wie viele Leute waren Ihrer Meinung nach gestern hier oben? Da müsste doch jemand etwas gesehen oder gehört haben.«

»Es hätte nur eine Sekunde gedauert – ein kurzer Schubs …«, entgegnete Evan.

Sergeant Watkins schüttelte erneut den Kopf. »Sie haben zu viele Krimis gelesen«, sagte er. Dann wurde sein Ton sanfter. »Sehen Sie, ich kann das ja verstehen. Es muss langweilig sein, in so einem Nest zu hocken und sich mit alten Damen und ihren verschwundenen Katzen zu beschäftigen. Ein netter kleiner Mord würde das ein bisschen aufpeppen, nicht wahr?« Er machte eine Pause und räusperte sich. »Im Präsidium unten suchen wir gerade einen richtigen Mörder. Jemand hat an der A 55 die Leiche eines elfjährigen Mädchens in den Straßengraben geworfen. Sie wurde missbraucht und erwürgt. Ein kleines Mädchen von elf! Ich will den Schweinehund finden, der das getan hat, Constable Evans. Das ist alles, woran ich im Moment denken kann. Deshalb, fürchte ich, habe ich keine Zeit, die ich auf einen Bergsteiger verschwenden könnte, der den Halt verloren hat und einen Steilhang runtergestürzt ist.«

»Vielleicht wissen wir mehr, wenn wir herausfinden, wer er ist, Sarge«, erwiderte Evan. »Falls er ein vermisster Erbe oder ein Polizeiinformant ist, werden Sie mir dann glauben?«

Dem Sergeant gelang ein Lächeln. »Sehr gut, Constable. Vielleicht wissen wir mehr, wenn wir die Leiche geborgen haben, aber ich bezweifle es. Sie werden sicher kaum den Abdruck einer Hand auf seinem Rücken finden.«

»Jemand könnte etwas gesehen haben«, sagte Evan. »Sie könnten einen Aufruf veröffentlichen, dass sich Leute melden sollen, die etwas Verdächtiges bemerkt haben.«

Sergeant Watkins sah ihn an. »Ich wette, dass Sie es für Ihr Leben gern mit einem Mordfall zu tun hätten, Constable, aber Sie verschwenden Ihre Zeit. Ich habe unseren Fotografen mitgebracht, damit er Aufnahmen macht, und dann müssen wir entscheiden, wie wir den Toten am besten bergen.«

Evan warf einen Blick auf die Leiche, die zwischen zerklüfteten Felsen am Fuße des Steilhangs lag. Darunter fiel das Gelände weiter ab und mündete in einen mörderisch steilen Geröllhang, der sich bis hinunter zum Westufer des Bergsees Glaslyn erstreckte.

»Und das wird nicht so einfach«, fuhr der Sergeant fort. »Möglich, dass ich im Präsidium anrufen und den Chef bitten muss, den Hubschrauber zu entbehren.«

»Meine Jungs schaffen das wahrscheinlich«, sagte Evan.

»Ihre Jungs?«

»Wir haben einen Bergrettungstrupp in unserem Dorf. Alle Männer sind hier groß geworden, als die Schieferminen noch in Betrieb waren. Sie sind es also gewöhnt, Steilhänge zu erklimmen. Sie sind geradezu dafür geboren und kraxeln in diesen Bergen herum, als würden sie übers freie Feld laufen – wenn es sein muss, sogar in ihren besten Sonntagsschuhen.«

»Soso«, sagte Sergeant Watkins und fischte sein Notizbuch aus der Tasche.

Ein Stück weiter vorn an der Felskante ertönte das Knirschen von Stiefeln. Ein junger Polizist kam, munter einen Fotoapparat schwenkend, auf sie zu.

»Hallo, Sarge. Ich habe die Aufnahmen, die Sie wollten.«

»Was meinen Sie damit?«, fragte Sergeant Watkins scharf.

»Von wo haben Sie die denn gemacht?«

»Von dort drüben, über dem Llyn Llydaw, wo man auf die Leiche runtergucken kann. Wollten Sie das nicht so?«

»Über dem Llyn Llydaw? Wovon sprechen Sie überhaupt? Die Leiche befindet sich hier.«

Der junge Polizist lugte über die Kante. »Mein Gott«, stieß er aus. »Dann gibt es zwei!«

Es dauerte eine Viertelstunde, auf den Hauptweg zurückzugelangen und so weit um die Bergzunge herumzulaufen, bis sie den Llyn Llydaw überblicken konnten, den unteren der beiden Seen am Snowdon. Von dessen Gipfel aus schlossen sich die Bergrücken hufeisenförmig fast vollständig um die zwei Seen; an einer Stelle jedoch schob sich eine Art Vorsprung dazwischen, der den Glaslyn, den oberen der beiden Seen, vom unteren trennte. Der Grat dieses Vorsprungs war messerscharf, und seine Felswände waren gnadenlos steil.

»Dort unten«, sagte der Polizeifotograf. »Er muss über die Gratkante gestürzt sein. Abschüssig genug ist es ja, und tückische Windböen gibt’s auch. Es hat mir fast den Apparat aus den Händen gerissen, als ich versucht habe, die Aufnahmen zu machen. Ich hoffe, Sie wollen nicht, dass ich zu ihm runtergehe – ich bin kein Freund von großer Höhe.«

Auch der zweite Mann lag bäuchlings am Fuß einer Steilwand, die Arme ausgestreckt, als habe er verzweifelt versucht, seinen Fall zu stoppen.

»Ein Wunder, dass wir keine Meldung von jemandem haben, der gesehen hat, wie das passiert ist«, fuhr der junge Fotograf fort. »Gestern war herrliches Wetter, es muss in den Bergen von Wanderern und Touristen doch nur so gewimmelt haben.«

»Das ist keine der Hauptrouten auf den Berg«, bemerkte Evan, der noch immer hinuntersah. Sollte einer dieser beiden Männer der Bergsteiger sein, der im Everest Inn vermisst wurde, dann hatten sie nicht den schnellsten Aufstieg zum Gipfel genommen. »Der einzige richtige Pfad ist der, den wir gerade den Kamm entlang genommen haben. Er führt über den Gipfel des Lliwedd und dann ins Tal runter.«

»Vielleicht war er auf dem Gipfel und hat versucht, den Abstieg abzukürzen«, schlug der Fotograf vor.

»Abkürzen, hier runter?« Sergeant Watkins beäugte die steile Felswand unter sich. »Dann muss er ganz schön blöd gewesen sein, es sei denn, er hätte ein bisschen klettern wollen.« Evan schüttelte den Kopf. »Er war kein Kletterer. Schauen Sie sich seine Füße an, er hat ganz normale Joggingschuhe an. Damit hätte er nie zu klettern versucht. Wahrscheinlich ist er mit der Zahnradbahn raufgekommen. Außerdem hat er kein Seil bei sich.«

»Vielleicht hatte er sich in den Kopf gesetzt, es einfach mal zu probieren, auch ohne Ausrüstung«, bot Sergeant Watkins an. »Die Leute tun ständig die idiotischsten Dinge. Sie sehen was im Fernsehen, und dort wirkt es ganz einfach. Er hat versucht, diese Wand hochzuklettern, konnte sich nicht mehr halten und ist abgestürzt.«

Evan schüttelte wieder den Kopf. »Er ist vorwärts gefallen, Sarge. Wenn er versucht hätte raufzuklettern, wäre er auf dem Rücken gelandet.«

»Wie auch immer, es war Pech«, entschied Sergeant Watkins. Er war schon im Gehen. »Haben Sie genügend Aufnahmen gemacht, Dawson? Gut, dann lassen Sie uns zurückgehen und dem Präsidium durchgeben, dass man sie bergen soll.«

Evan schloss zu ihm auf. »Denken Sie immer noch, es sei Zufall, Sarge?«, fragte er. »Zwei Männer, die an einem Nachmittag am selben Berg abstürzen?«

Sergeant Watkins sah stur geradeaus. »Ja, ich glaube, dass es sich um eine Verkettung unglücklicher Umstände handelt, Constable Evans«, entgegnete er. »Wenn nicht, was wäre die Alternative? Glauben Sie, dass hier ein Verrückter rumläuft, der Leute von den Bergen schubst?«

Constable Dawson drängte sich zwischen sie. »Meinen Sie, es könnte Vorsatz im Spiel sein?«

»Constable Evans glaubt es«, sagte Sergeant Watkins. »Er führt hier oben zwischen all den Schafen aber auch ein einsames Leben und ist einfach scharf auf ein bisschen Aufregung.«

»Ganz bestimmt nicht, Sarge«, erwiderte Evan ruhig. »Ich hatte jede Menge Aufregung, als ich in Swansea zur Kriminalausbildung war. Da hatten wir eines Nachts einen Mord im Hafen.«

»Sie waren zur Kriminalausbildung unten in Swansea?«, fragte Constable Dawson mit Neid in der Stimme. »Und was um alles in der Welt hat Sie dazu getrieben, das aufzugeben und hierherzukommen?«

»Man kann von einer guten Sache auch zu viel bekommen«, sagte Evan. »Sagen wir einfach, ich habe einen Mord zu viel gesehen.«

»Das kann ich verstehen«, bemerkte Sergeant Watkins. »Nehmen wir nur den Fall dieser Kleinen. Ich glaube, ich werde niemals das Bild vergessen, wie wir sie da in dem Straßengraben gefunden haben. Dieses kleine Gesicht werde ich mein ganzes Leben nicht mehr aus dem Kopf bekommen. Zuerst hat sie ausgesehen, als ob sie schliefe – genau wie unsere kleine Tiffany.«

Ihm versagte die Stimme, und er hielt sich die Hand vor den Mund und hustete, als sei es ihm peinlich, so viel Gefühl zu zeigen. Evan begann, ihn etwas freundlicher zu betrachten.

»Haben Sie schon irgendwelche Spuren, Sarge?«, fragte er.

»Eine scheint ganz vielversprechend zu sein. Wir haben herausgefunden, dass ein verurteilter Kinderschänder namens Lou Walters vorzeitig aus dem Gefängnis von Pentonville entlassen worden ist, seine Mutter lebt in Caernarfon. Haben Sie schon von dieser neuesten Verrücktheit gehört, die ihnen jetzt eingefallen ist? Sie haben stillschweigend Leute vorzeitig aus dem Knast entlassen, um der Überbelegung zu begegnen, und niemanden darüber informiert. Der Innenminister ist fuchsteufelswild. Da werden Köpfe rollen, das prophezeie ich Ihnen, aber jetzt ist das Kind schon in den Brunnen gefallen.«

»Ist es Ihnen gelungen, diesen Kerl aufzuspüren?«, fragte Evan.

»Nein, aber wir beobachten das Haus seiner Mutter. Früher oder später wird er dort auftauchen. Außerdem schicken wir eine Personenbeschreibung an alle kleinen Polizeireviere, damit sie dort die Augen offen halten.«

»Ich hoffe, Sie schnappen ihn, bevor er noch weiteren Kindern etwas antut«, sagte Evan.

»Ich auch«, erwiderte Sergeant Watkins.

»Und was unternehmen wir wegen dieser beiden hier?«, wollte Evan wissen.

Sergeant Watkins schaute zurück. »Raufholen und die nächsten Angehörigen benachrichtigen. Das ist wohl alles, was wir tun können.«

»Dann sollten wir uns besser beeilen, bevor das Wetter umschlägt«, sagte Evan. Er ließ seinen Blick über die Hügel bis zum Meer schweifen. Es schien zwar noch die Sonne, aber der Horizont war inzwischen eine harte Linie. Das bedeutete baldigen Regen.

»Ich könnte mir vorstellen, dass unsere Leute die Leichen zu einer Stelle bringen, wo sie ein Hubschrauber aufnehmen kann«, meinte Sergeant Watkins. »Wir können die Toten ja schlecht zusammen mit den Touristen in der Bergbahn nach unten befördern.« Er legte Evan eine Hand auf die Schulter. »Vielleicht sollten Sie zu dem Hotel gehen, das den vermissten Bergsteiger gemeldet hat, und herausbekommen, wer er ist. Und bringen Sie den Hotelmanager runter ins Präsidium, damit er ihn zweifelsfrei identifiziert.«

»Darüber wird er nicht sonderlich erfreut sein«, sagte Evan grinsend.

»Schwieriger Kerl, wie?«, fragte Sergeant Watkins mit der Andeutung eines Lächelns.

»Könnte man sagen. Er tut gerade so, als würden die Berge ihm gehören«, erwiderte Evan.

»Und wissen Sie was, Constable«, sagte der Kriminalbeamte. »Wenn wir sie unten haben und rausfinden, dass beide die vermissten Erben desselben Vermögens sind, dann werden wir die Sache weiter verfolgen, okay?«

»Na schön, Sarge«, sagte Evan.

Es musste eine Verbindung geben, dachte er. Und irgendwie war er entschlossen, sie zu finden.

4. KAPITEL

Nachdem Sergeant Watkins gegangen war, um das Präsidium zu informieren, machte sich Evan an den Abstieg nach Llanfair. Er nahm den Pig Track, den steileren, aber schnelleren der beiden Hauptwege. Selbst jemand, der so gut in Form war wie Evan, brauchte eine gute Stunde, den Berg hinter dem Bwylch y Moch, dem Schweinepass, hinunterzusteigen. Was allerdings letztendlich genauso schnell ging, wie auf die nächste Bergbahn zu warten und damit auf der anderen Seite nach Llanberis hinunterzufahren. Im Übrigen war er ganz froh, eine Weile allein zu sein. Das verschaffte ihm Zeit zum Nachdenken. Der Anblick der Leiche hatte ihm gestern Abend ganz schön zugesetzt. Und heute Morgen festzustellen, dass die ganze Angelegenheit möglicherweise kein Unfall gewesen war, hatte ihn noch mehr durcheinander gebracht.

Er schaute zurück zu jenem Punkt, an dem, wie er wusste, eine der Leichen lag, und machte danach den einzigen Felsvorsprung aus, von dem aus der Mann abgestürzt sein konnte. Nur, was sollte jemand ausgerechnet dort gewollt haben? Oder, wie im anderen Fall, auf dem Grat? Keine der beiden Stellen bot eine besonders spektakuläre Aussicht für eine ungewöhnliche Aufnahme oder den Einstieg in einen bedeutenden Klettersteig. Es waren ganz gewöhnliche, wenn auch steile Felswände, etwas abseits gelegen. Dass zwei Menschen dort zu Tode gestürzt waren, überzeugte Evan davon, dass hier irgendetwas Seltsames vor sich ging.

Für Wanderer war es noch etwas früh am Tag, dennoch war Evan überrascht, auf dieser Seite des Bergs keiner Menschenseele zu begegnen. Er blieb stehen und schaute sich unbehaglich um. Zeit seines Lebens war er allein in den Bergen unterwegs gewesen, und gewöhnlich genoss er die Einsamkeit und das Gefühl, sich buchstäblich auf dem Dach der Welt zu befinden. Heute dagegen war ihm die Abgeschiedenheit außerordentlich bewusst. Es lag eine Spannung in der Luft, beinahe als sei der Berg selbst wachsam und auf der Hut. Evan musste an die Druiden denken. Er hatte einmal gelesen, dass sie an solchen hoch gelegenen Orten Menschenopfer dargebracht hatten. Ihn fröstelte. Was hatte Sergeant Watkins gesagt? Ein Verrückter, der durchs Gebirge läuft? Vielleicht hatte er ja recht.

Evan kämpfte gegen den Wunsch an zu rennen, während er den letzten Hügel hinunterstieg und den Damm auf die andere Seite des Llyn Llydaw überquerte. Der Anblick vertrauter Wegweiser und des unter ihm liegenden Dörfchens Llanfair beruhigte ihn wieder. Er verlangsamte seinen Schritt, schaute noch einmal zum Berg zurück und versuchte, irgendeinen Anhaltspunkt zu erkennen, den er an Sergeant Watkins weitergeben konnte.

Der Damm war vor langer Zeit gebaut worden, als es noch Kupferminen gab und man einen sicheren und schnellen Weg für die Esel gebraucht hatte, auf dem sie das Kupfererz zur Straße transportieren konnten. Was für ein unglaubliches Unternehmen, dachte Evan, während er den Berg betrachtete. Wie hatte sich das rentiert, da sie doch immer nur einen Sack auf einmal tragen konnten?

Jetzt tauchte das Everest Inn vor ihm auf, seine Lebkuchenbalkone glänzten im grellen Sonnenlicht. In spätestens einer Stunde würde es regnen, glaubte Evan. Er konnte das Salz vom Meer im auffrischenden Wind riechen. Hoffentlich hatten sie die Leichen geborgen, bevor es losging. Wenn es in Wales einmal anfing zu regnen, wusste man nie, wann es wieder aufhörte. Und sobald Wolken aufzogen, gäbe es keine Möglichkeit, einen Hubschrauber auch nur in die Nähe der Leichen zu bekommen.

»Üble Sache, Constable«, sagte Major Anderson und sog dabei wieder auf eine Weise geräuschvoll Luft durch die Zähne, die Evan auf die Nerven ging. »Verdammt tragisch.« Evan nickte mitfühlend, bis der Major fortfuhr: »Können Sie sich vorstellen, was das für unser Hotel bedeutet? Wir preisen uns als Familienurlaubsziel an, aber kein Mensch wird seine Kinder an einen Ort bringen wollen, wo Leute von Bergen abstürzen.«

Evan schwieg. Sinnlos, seinen Verdacht dem Major gegenüber zu erwähnen.

»Und wenn man bedenkt, dass die ganze Sache hätte vermieden werden können«, fuhr der Major fort und blickte Evan von seinem Schreibtisch aus an.

»Was meinen Sie damit, Major?«

»Wenn gleich ein Suchtrupp aufgebrochen wäre, als ich Hilfe angefordert habe …«

»Dann hätten wir ihn vor dem Sturz bewahren können – wollen Sie das damit sagen?«, fragte Evan.

»Möglicherweise.« Das rote Gesicht des Majors wurde noch eine Spur röter. »Vielleicht steckte er irgendwo fest, klammerte sich an einen Felsvorsprung und schrie um Hilfe, wurde schwächer und schwächer, bis er sich schließlich nicht mehr festhalten konnte.«

»Nicht in diesem Fall, Major«, sagte Evan. »Wenn er an einem Felsvorsprung gehangen und geschrien hätte, dann hätte irgendwer hingeschaut und ihn gesehen. Und wenn er losgelassen hätte, wäre er nach unten geschlittert, im Fallen mehrmals aufgeschlagen und auf der Seite oder dem Rücken gelandet. Dieser Mann lag aber auf dem Bauch. Er ist vornüber gestürzt.«

»Sehr seltsam«, bemerkte der Major.

»Das finden wir auch«, sagte Evan. »Und jetzt müssen wir natürlich die nächsten Angehörigen benachrichtigen. Er hat doch sicher ein Anmeldeformular ausgefüllt, nehme ich an, und vielleicht könnten wir auch einen Blick in sein Zimmer werfen.«

»Aber ja, er wird in unserem Computer sein«, sagte Major Anderson. »Wir sind hier sehr modern, wissen Sie. Alles voll elektronisch.«

Er führte Evan aus seinem Büro in die große Hotelhalle. Evan fand sie ziemlich trostlos mit all den Holzwänden, dunklen Teppichen und überdimensionierten Kaminen, aber es war offensichtlich, dass hier ordentlich Geld geflossen war.

»Hier wären wir. Alison wird Ihnen seinen Eintrag heraussuchen«, sagte der Major. »Der vermisste Bergsteiger – wie war noch mal sein Name?«

»Sie meinen den Mann von Zimmer 42, der nicht zurückgekommen ist?«, fragte das junge Mädchen. Ihre Finger flogen über die Tasten, und ein Eintrag erschien. »Mr Thomas Hatcher«, las das Mädchen vor. »87 Milton Road, Kilburn, London.«

»Ein Londoner also«, meinte Evan, der das Gefühl hatte, etwas sagen zu müssen. »Haben Sie irgendwelche Aufzeichnungen über seine Telefonate?«

»Ich verstehe nicht, was seine Telefongespräche mit einem Bergunfall zu tun haben sollen«, fuhr Major Anderson auf.

»Wir versuchen lediglich, den Freund ausfindig zu machen, den er angeblich treffen wollte«, entgegnete Evan ruhig.

»Ach so.« Das Gesicht des Majors entspannte sich. »Wir registrieren nur ausgehende Gespräche, und er hat keine geführt, fürchte ich.«

»Schade«, sagte Evan. »Vielleicht könnten wir uns jetzt sein Zimmer ansehen. Es ist immer gut zu wissen, mit wem man es zu tun hat, bevor man der Familie bei der Benachrichtigung über seinen Tod irgendeinen Unsinn erzählt.«

»Äh … ja, genau«, sagte Major Anderson. »Alison, den Schlüssel für Nummer 42, bitte.«

Evan gewann den Eindruck, dass Major Anderson wohl eher als eine Art Aushängeschild eingestellt worden war. In den alltäglichen Kleinigkeiten, die bei der Führung eines Hotels anfielen, schien er sich jedenfalls nicht besonders gut auszukennen. Alisons stumme Leidensmiene bestätigte das.

»Hier, bitte sehr, Major«, sagte sie. »Zimmer 42 liegt die Haupttreppe hoch auf der rechten Seite.«

»Ich weiß, wo es liegt«, blaffte der Major sie an. »Folgen Sie mir bitte.«

Er führte Evan über eine beeindruckende Holztreppe in einen mit Teppichboden ausgelegten Flur. Zimmer 42 ging auf den Pass hinaus und bot nur einen sehr begrenzten Ausblick auf das dahinterliegende Meer. Schon der erste Eindruck bestätigte, dass Thomas Hatcher ein ordentlicher Mann war. Auf dem Bett befand sich ein sorgfältig zusammengefalteter Schlafanzug, neben dem Waschbecken lagen Elektrorasierer und Zahnbürste. Ansonsten gab es keinen Hinweis darauf, dass der Raum benutzt worden war.

»Er hat nicht viel Gepäck gehabt, nicht wahr?«, fragte Evan und öffnete eine Schublade mit Pullovern, Unterwäsche und Socken, alles akkurat gestapelt.

»Er wird seine Brieftasche mit den Dokumenten, die Sie brauchen, bei sich haben«, meinte Major Anderson. »Sie werden mehr erfahren, wenn Sie ihn geborgen haben.«

»Wahrscheinlich«, stimmte Evan zu. Er sah in den Kleiderschrank. Darin hing ein Jackett. Evan durchsuchte die Taschen.

»Na bitte«, sagte er und zog eine schmale Plastikbrieftasche aus der Innentasche. »Das ist ja hochinteressant.« Er hielt dem Major eine eingeschweißte Karte entgegen. »Londoner Polizei. Der Mann war einer von uns.«

Evan war gespannt auf Sergeant Watkins’ Gesicht, wenn er ihm berichtete, dass eines der Opfer ein Polizist aus London war. Jetzt würde er den Fall sicherlich ernster nehmen.

Alle möglichen Szenarien schossen ihm durch den Kopf, während er den schweigsamen Major nach Bangor hinunterfuhr, um die Leiche zu identifizieren. Zunächst dachte er, der Major sei einfach nur unwirsch, weil man ihm seine wertvolle Zeit stahl. Doch als sie in Bangor ankamen, schien er Evan reichlich blass. Wahrscheinlich freute er sich nicht gerade darauf, einen zerschmetterten Körper betrachten zu müssen. Womöglich hatte seine Militäreinheit nie einen wirklichen Kampf miterlebt!

Evan konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen, als er in den Hof des Polizeipräsidiums einbog.

»Ich habe den Major in den Warteraum gebracht«, erklärte Evan, nachdem er Sergeant Watkins in dessen winzigem Arbeitszimmer aufgetrieben hatte.

»Ist er anstandslos mitgekommen?«, fragte Sergeant Watkins.

»Schon, aber er ist weiß wie ein Laken«, erwiderte Evan. »Ist es gelungen, die Leichen zu bergen?«

»Ja, sie sind hier. Der Polizeiarzt hat schon einen Blick auf sie geworfen und den Todeszeitpunkt bei beiden auf den späten Nachmittag festgesetzt. Zur Todesursache erklärte er ihre erheblichen Verletzungen, nur für den Fall, dass Sie sich fragen, ob man sie zuerst betäubt oder vergiftet hat.«

»Sie sind also immer noch der Ansicht, dass es sich um zwei voneinander unabhängige Unfälle handelt?«, fragte Evan.

Sergeant Watkins nickte. »Und daran werde ich auch weiterhin glauben, weil wir niemals etwas anderes beweisen können.«

»Und wenn ich Ihnen sage, dass der Mann aus dem Hotel, Thomas Hatcher, ein Polizist aus London war? Sehen Sie darin keinerlei Bedeutung?«

Sergeant Watkins schüttelte den Kopf. »Und wenn ich Ihnen sage, dass der andere Kerl ein Vertreter für Alarmanlagen aus Liverpool war? Wir haben mit seiner Frau gesprochen, und sie sucht jetzt jemanden, der sie mit dem Wagen herbringt, um die Leiche zu identifizieren. Ihr Mann war mit dem einzigen Auto der Familie unterwegs. Wir haben es auf dem Parkplatz bei der Zahnradbahn gefunden.«

»Und was ist mit dem anderen Toten?«, fragte Evan. »Konnte sie etwas darüber sagen, ob sich ihr Mann mit ihm treffen wollte?«

»Sie hat noch nicht mal gewusst, dass er nach Wales gefahren ist«, antwortete Watkins. »Wenn es Sie interessiert, bleiben Sie doch einfach hier und fragen sie selbst.«

»Danke, Sarge«, sagte Evan.

»Sie müssen mir nicht danken«, entgegnete Sergeant Watkins. »Sie würden mir sogar einen Gefallen tun, wenn Sie mir das abnehmen. Ich kann hysterische Frauen nicht ertragen. Und wenn sie und ihre kleinen Kinder hier vor mir weinen, fange ich vielleicht auch noch an.« Er machte eine nachdenkliche Pause. »Manchmal frage ich mich, ob ich den richtigen Beruf habe.«

Evan nickte verständnisvoll. Die Erinnerung an einen Grabstein durchzuckte ihn, an dem er umringt von all diesen blauen Uniformen gestanden und versucht hatte, gefasst zu wirken, obwohl er am liebsten geschrien und um sich geschlagen hätte.

»Sie kommt also hierher?«, fragte Evan.

»Ja, aber das könnte noch eine Weile dauern. Von Liverpool bis hier sind es gut zwei Stunden.«

»Ich glaube nicht, dass ich so lange bleiben kann«, sagte Evan. »Ich muss doch den Major gleich wieder nach Llanfair zurückbringen.«

»Wenn Sie wollen, rufe ich Sie an, wenn sie da ist«, sagte Watkins. »Natürlich ganz inoffiziell.«

»Natürlich.« Evan dachte, dass er den farblosen Sergeant Watkins möglicherweise unterschätzt hatte. »Wie heißt eigentlich dieser andere Mann?«, fragte er.

»Stewart Potts«, antwortete Sergeant Watkins mit einem leichten Lächeln.

»Stew Potts – Schmortopf? Wundert mich, dass er den Namen nicht geändert hat. Ich wette, er wurde in der Schule damit aufgezogen«, bemerkte Evan. »Erzählen Sie mir jetzt bloß nicht, dass seine Frau Honey heißt.«

»Greta«, sagte Sergeant Watkins. »Klingt nach einer Ausländerin. Sie wirkte am Telefon nicht besonders erschüttert. Aber es dauert wahrscheinlich ein bisschen, bis es wirklich zu ihr durchdringt, oder?«

»Ja«, meinte Evan. »Wahrscheinlich.«

»Schön, ich schlage vor, wir holen jetzt Ihren Major, damit er die Leiche identifiziert«, sagte Sergeant Watkins. »Wir sollten das so schnell wie möglich hinter uns bringen.«

Mit verbissenem Gesicht folgte der Major Watkins und Evan in die Leichenhalle. Evan bemerkte, dass er schwer schluckte, als der Diensthabende Beamte das Laken zurückschlug, das über die Leiche gebreitet war.

»Ja«, sagte der Major, nachdem er den Toten lange und gründlich betrachtet hatte. »Ich glaube, das ist der Mann aus dem Hotel. Natürlich kann ich das unter diesen Umständen nicht mit hundertprozentiger Sicherheit sagen.«

»Selbstverständlich«, meinte Sergeant Watkins und schaute auf das zerschundene, von Blutergüssen übersäte Gesicht.

»Aber auf jeden Fall hat er die gleiche Statur und die gleiche Haarfarbe«, fügte der Major hinzu. »Armer Teufel, eine wirklich miese Art abzutreten.«

»Haben Sie gewusst, dass er Polizist war, Major Anderson?«, fragte Sergeant Watkins, nachdem der Beamte das Laken wieder hochgezogen hatte.

»Das haben wir erst erfahren, als der Constable und ich seine Sachen durchsucht haben«, antwortete der Major.

»Er hatte es also nicht erwähnt?«

»Nein, warum um alles in der Welt hätte er das tun sollen?«, erwiderte Major Anderson scharf. Er sah auf seine Armbanduhr. »Wenn wir hier fertig sind, muss ich nun wirklich wieder zurück. Um drei erwarten wir wichtige Gäste, ich sollte da sein, um sie zu begrüßen.«

Während der Rückfahrt saß er in eisigem Schweigen neben Evan und trommelte mit den Fingern auf seine Knie.

»Ja, das ist er schon«, sagte Greta Potts, nachdem Evan ihr die Aufnahme gezeigt hatte, die auf dem Berg gemacht worden war. Es war ihr nicht leichtgefallen, die Leiche zu identifizieren. Das Gesicht war durch den Sturz ziemlich entstellt, und sie konnte sich kaum überwinden, genau hinzusehen. »Diese Schuhe würde ich auf der ganzen Welt wiedererkennen«, fügte sie angewidert hinzu. »Ich bin stocksauer auf ihn gewesen, als er damit ankam. Fast einhundert Pfund für ein Paar Schuhe, habe ich gesagt, als ich die Schachtel im Schrank gefunden habe. Dafür hätte ich für die Kinder und mich die gesamte Sommerkleidung kaufen können. Aber er hat behauptet, dass er diese Schuhe bräuchte – dabei habe ich ja nicht verlangt, dass er barfuß geht.« Sie sprach eine interessante Mischung aus einem ausländischen Akzent, überlagert von für Liverpool typischen flachen Vokalen. »Das sah Stew ähnlich«, bemerkte sie abschließend. »Hat sich immer gerne was gegönnt.«

Sie sah Evan an, und ihr Mund verzog sich zu einem spöttischen Grinsen. Ihr helles Haar war kantig geschnitten, und die Frisur wirkte sehr deutsch, und sie war entschieden zu stark geschminkt. Sie trug eine glänzende neongrüne Bluse über einem engen, kurzen schwarzen Rock und Stöckelschuhe. Während sie sprach, zog sie ein Päckchen Zigaretten hervor und tippte sich nervös eine heraus. »Es stört Sie doch nicht, oder?« Das war eher eine Feststellung als eine Frage. Evan konnte sich nicht vorstellen, dass es leicht war, mit dieser Frau zusammenzuleben.

»Er hat Ihnen also überhaupt nichts davon gesagt, dass er in die Berge wollte?«, fragte Evan behutsam.

»Er hat mir nie erzählt, wohin er geht. Wenn er mir gesagt hätte, dass er eine Bergtour machen wollte, hätte ich das sowieso nur für eine Ausrede gehalten.«

»Eine Ausrede wofür?«

Ihr Mund verzog sich erneut. »Mein Stewart gefiel sich als Frauenheld. Sie wissen schon, so wie die Seeleute: in jedem Hafen ein Mädchen. Vertreter sind ähnlich. Und er hatte ein großes Gebiet. Manchmal war er die ganze Woche unterwegs. Wer weiß, was er da angestellt hat. Ich hätte ihn nie heiraten und in dieses gottverlassene Land kommen sollen.«

»Wo haben Sie sich denn kennengelernt?«, fragte Evan.

»Er ist während seiner Militärzeit in meiner Heimatstadt in Deutschland stationiert gewesen«, antwortete Greta. »Ich bin ihm auf einer Tanzveranstaltung begegnet. Er war ein fabelhafter Tänzer – und sah gut aus.« Sie wühlte in ihrer Handtasche herum und zog ein Foto heraus, auf dem ein großer, dunkelhaariger Mann zu sehen war, der sie im Arm hielt.

»Ich hätte lieber auf meine Mutter hören und zu Hause bleiben sollen.«

»Glauben Sie, dass Sie wieder zurückkehren werden?«, fragte Evan.

Sie zuckte die Schultern. »Weiß ich nicht. Ich muss ja an die Kinder denken. Und wir haben ein hübsches kleines Haus in Liverpool. Ich weiß nicht.«

»Natürlich nicht«, sagte Evan. »Lassen Sie sich Zeit, bis sich alles gesetzt hat, bevor Sie irgendwelche Entscheidungen treffen.«

»Was sind Sie, ein verdammter Therapeut?«, fuhr sie ihn an.

Er betrachtete noch einmal das Foto. »Macht es Ihnen etwas aus, wenn ich das eine Weile behalte?«

»Wozu denn?«, fragte sie misstrauisch.

Evan wollte ihr seinen Verdacht nicht mitteilen. »Wir sind immer noch dabei herauszufinden, wo und wie er abgestürzt ist«, sagte er. »Jemand könnte auf dem Berg an ihm vorbeigekommen sein.«

»Was hat er bloß auf einem verflixten Berg zu suchen gehabt, das würde ich gerne wissen«, entgegnete Greta fordernd.

»Sie meinen also, er war normalerweise nicht der Typ, den es in die Natur zog?«

»Stew? Dass ich nicht lache«, sagte sie ohne jedes Lächeln. »Die einzige Gelegenheit, bei der er rausging, waren die Fußballspiele von Liverpool am Samstagnachmittag. Für den Fußball hat er gelebt. Ich habe ihm immer gesagt, wenn er seine Kinder nur halb so lieben würde wie diese bekloppten Fußballer …«

»Und Sie haben ihn nie einen Freund namens Thomas Hatcher erwähnen hören? Einen Freund aus London?«

Sie runzelte die Stirn und schüttelte dann den Kopf. »Nein, diesen Namen habe ich noch nie gehört. Ich wusste gar nicht, dass er überhaupt Freunde in London hatte.«

»Er hat Ihnen also nicht erzählt, dass er einen Freund treffen will?«

»Ich habe Ihnen schon gesagt, dass er mir gar nichts erzählt hat«, erwiderte sie ungeduldig. »Ich habe mir gedacht, dass er wahrscheinlich schon sonntags aufgebrochen ist, weil er Montag früh irgendwo eine Präsentation hatte. Das hat er manchmal so gemacht. Jedenfalls hätte er mir nie erzählt, dass er sich mit einem Freund treffen wolle. Er hat genau gewusst, dass ich ihm nicht abgenommen hätte, dass es sich dabei wirklich um einen männlichen Freund handelt.« Sie seufzte. »Na ja, jetzt ist er tot, und ich sollte eigentlich nicht schlecht über ihn reden. Armer, alter Stew. Da war er in Nordirland stationiert und hat’s überlebt, und jetzt das. Scheint irgendwie nicht gerecht, oder?«

Zum ersten Mal bemerkte Evan einen Riss in ihrem Panzer und dachte, dass ihre Kälte und Aggressivität möglicherweise eine Art Verteidigungsmechanismus waren, der zeigen sollte, dass sie nicht vorhatte, um einen treulosen Ehemann zu trauern. Er legte ihr eine Hand auf die Schulter.

»Kommen Sie, meine Liebe. Ich spendiere Ihnen eine Tasse Tee«, sagte er sanft.

5. KAPITEL

Dunkle Wolken rasten vom Meer heran, als Evan gegen vier wieder ins Dorf zurückfuhr. Gerade als er ausstieg, hielt der Bus und spuckte eine Ladung Kinder aus, die auf die Gesamtschule in Portmadog gingen.

»Hey, Constable Evans, sut ywt ti? Wie geht’s?«, riefen sie ihm mit ihren fröhlichen Stimmen in einer Mischung aus Englisch und Walisisch zu, die sie häufig benutzten.

Evan winkte ihnen zu.

»Mr Evans?«

Evan drehte sich um und sah Dilys Thomas, eine schlaksige Dreizehnjährige, vor sich stehen.

»Was gibt’s, Dilys?«, fragte Evan und betrachtete ihr knallrot angelaufenes Gesicht.

»Wissen Sie, dass am Samstag eine Teenieparty ist?«, sagte sie und spielte mit einer Strähne ihrer langen Haare, um ihre Verlegenheit zu verbergen.

»Ja, ich habe etwas davon gehört«, meinte Evan. »Wieder so ein Rave, stimmt’s? Mit wilder Musik und Lichtorgel?«

»Oh nein, nicht so was«, stieß Dilys entsetzt aus und merkte nicht, dass er sie auf den Arm nahm. »Sie findet im Gemeindesaal hinter der Kapelle statt. Ich habe gehört, dass Sie vielleicht einer der Anstandswauwaus sein werden.«

»Ich habe ›vielleicht‹ gesagt«, erwiderte Evan, »aber ich bin nicht sicher, ob das jetzt geht. Ich habe diese Woche ziemlich viel zu tun.«

Dilys machte ein langes Gesicht. »Oh, Sie müssen aber kommen«, protestierte sie. »Ich hatte so gehofft, dass Sie mal mit mir tanzen.«

»Du hast mich noch nicht tanzen sehen«, sagte Evan lachend. »Außerdem werden die Jungs Schlange stehen, um mit dir zu tanzen. Da habe ich doch keine Chance.«

»Nein, das werden sie nicht«, entgegnete Dilys. »Sie machen sich über mich lustig, weil ich größer bin als sie. Sie nennen mich Telefonmast Thomas.«

»Da würde ich mir an deiner Stelle nichts draus machen«, sagte Evan. »Das wird sich bald von ganz allein regeln. Aber ich werde versuchen vorbeizukommen, und ich verspreche, dass ich dann mit dir tanze, okay?«

»Danke, Mr Evans«, sagte Dilys und strahlte ihn an. »Tschüs dann. Ich muss heim, sonst bringt meine Mutter mich um.«

Evan sah zu, wie sie loslief, und staunte über ihre Unbefangenheit. Für sie gab es kein größeres Problem, als vor den gleichaltrigen Jungs in die Höhe geschossen zu sein. Weshalb verlief das Leben von manchen so sorglos, und das von anderen wurde durch eine Tragödie vorzeitig beendet? Das schien weder gerecht, noch ergab es einen Sinn. Und Evan wünschte sich, dass die Dinge einen Sinn ergaben.

»Sprechen Sie heute nicht mit mir?« Eine sanfte, weiche Stimme schreckte ihn auf. Dann war es an ihm, rot zu werden. »Oh, Bronwen, entschuldigen Sie, ich habe Sie gar nicht bemerkt. Ich war in Gedanken.«

»Schon gut, ich verzeihe Ihnen«, sagte sie und lächelte ihn an, dass ihm ganz warm wurde. »Jetzt dürfen Sie sogar schon an Werktagen wandern gehen. Ich habe Sie durch das Klassenzimmerfenster den Pfad runterkommen sehen.«

»Wenn Sie’s genau wissen wollen: Ich war in den letzten vierundzwanzig Stunden schon zweimal auf diesem verdammten Berg«, sagte Evan etwas verärgert. »Einmal gestern Abend und heute früh gleich noch mal. Und es war nicht sehr erfreulich, beide Male nicht.«

»Ich weiß, der Kletterunfall«, meinte sie. »Ich habe nur gescherzt und kann mir vorstellen, dass es nicht allzu angenehm für Sie ist, eine Leiche bergen zu müssen.«

»Es war nicht nur eine Leiche«, korrigierte Evan. »Es waren zwei.«

»Zwei? Hingen sie am selben Seil?«

»Nein, es war noch nicht mal der gleiche Unfall.«

»Das ist ja sehr seltsam.« Bronwen kniff die Augen zusammen und fixierte den Gipfel. »Wir sind doch gestern beide dort oben gewesen, und ich habe noch gesagt, dass die Witterung fürs Wandern und Klettern ideal war. Also gab es eigentlich keinen rechten Grund abzustürzen.«

»Ganz richtig, wirklich sehr seltsam«, sagte Evan. »Sergeant Watkins meint, es sei nur ein schrecklicher Zufall.«

»Und Sie?«

»Ich überlege noch«, antwortete Evan. »Heute ist die Frau von einem der Männer gekommen, um ihn zu identifizieren. Ich rechne damit, dass bald auch Angehörige des anderen auftauchen. Vielleicht erfahren wir dann mehr.«

»Sie sehen müde aus«, bemerkte Bronwen. »War wohl ein langer Tag?«

»Seit heute früh um sieben hatte ich nur eine Packung Kekse und eine Tasse Tee«, sagte Evan. »Ich könnte ein ganzes Pferd verspeisen, auf der Stelle.«

»Ich habe den Eindruck, dass Mrs Williams sich um dieses Pferd kümmern wird«, meinte Bronwen lächelnd. »Ich habe sie im Laden getroffen, und sie war sehr bestürzt, dass Sie Ihr Mittagessen versäumt haben. Anscheinend befürchtet sie, dass Sie jeden Moment verhungern könnten.«

Evan lächelte verlegen. »Manchmal fühle ich mich wie ein prämierter Truthahn, der für Weihnachten gemästet wird«, bekannte er. »Ich sage ihr immer wieder, dass ich kein Mittagessen brauche, aber sie kocht jeden Tag. Und dann liegt es da ausgetrocknet auf einem Teller im Ofen und wartet auf mich, wann immer ich auftauche.«

»Das ist eines der Probleme mit Zimmerwirtinnen«, sagte Bronwen.

»Sie meint es gut und ist wirklich liebevoll«, meinte Evan. »Schwierig ist eigentlich nur die Sache mit dem Essen und mit ihrer Enkelin.«

»Enkelin?«

»Sharon«, erklärte Evan. »Mrs Williams glaubt wohl, wir würden gut zusammenpassen.«

»In diesem Dorf ist jedermann entschlossen, Sie unter die Haube zu bringen«, sagte Bronwen mit einem nervösen Lachen.

»Keine Sorge, ich habe vor, mir damit noch viel Zeit zu lassen«, erwiderte Evan.

»Das habe ich auch schon bemerkt«, murmelte Bronwen undeutlich. Laut sagte sie: »Schön, am besten, ich gehe jetzt mal, damit Sie Ihre Arbeit beenden können und zum Tee nach Hause kommen. Bis bald, Evan Evans.«

»Bis bald, Bronwen. Passen Sie auf sich auf.«

Evan betrat den kleinen Raum des Polizeireviers, das in einem Cottage am Dorfrand untergebracht war, direkt neben der Tankstelle von Tankwart-Roberts, die gleichzeitig Autowerkstatt, Feuerwache, Filiale des Royal Automobile Club und Imbissbude war. Sein Anrufbeantworter blinkte, und er drückte den Abhörknopf. »Hier spricht Mrs Powell-Jones«, ertönte durchdringend eine ungeduldige Stimme.

»Constable Evans, ich versuche schon den ganzen Tag, Sie in einer sehr wichtigen Angelegenheit zu erreichen. Bitte kommen Sie vorbei, sobald Sie wieder zurück sind.«

Evan seufzte. Er bezweifelte, dass es wirklich dringend war. Mrs Powell-Jones, die Frau des Pfarrers, der in zwei Sprachen predigte, war eine dieser autokratischen Frauen aus gutem Hause, die glaubten, dass der Begriff öffentlicher Dienst wörtlich zu nehmen sei. Sie zögerte keine Sekunde, Evan um zwei Uhr nachts wegen ihrer entlaufenen Katze anzurufen oder weil sie etwas Verdächtiges gesehen haben wollte. Und Mrs Powell-Jones fand eine Menge Dinge verdächtig, etwa ein junges Pärchen, das um Mitternacht in einem parkenden Auto seine Zeit vertrödelte. Aber Evan blieb nichts anderes übrig, er musste hin. Mrs Powell-Jones hatte Freunde in hohen Positionen, wie beispielsweise den Major. Evan wollte nicht riskieren, am nächsten Morgen einem wütenden Polizeipräsidenten gegenüberzustehen.

Das Haus der Powell-Jones’ war das letzte im Dorf und stand leicht zurückgesetzt auf einem großen Grundstück in bequemer Nähe zur Beulah-Kapelle. Sie hatten es von Mrs Powell-Jones’ Familie geerbt, die früher einmal den Schiefersteinbruch besessen hatte. Mit seinen viktorianischen Giebeln und seinem Eckturm befand es sich in auffälligem Kontrast zu den einfachen Cottages, die es umgaben. Evan zog die Cottages vor.

Mrs Powell-Jones öffnete ihm persönlich. Sie wirkte aufgeregt; ihre normalerweise ordentlich gewellte Frisur war völlig durcheinander, als habe sie sich die Haare gerauft.

»Gott sei Dank, dass Sie endlich kommen, Constable«, sagte sie. »Ich hatte solche Angst, dass Sie nicht rechtzeitig hier sein würden.« Sie sprach mit leicht walisischem Tonfall, der aber von einem gebildeten Schulenglisch überdeckt wurde.

»Rechtzeitig wofür, Mrs Powell-Jones?«, fragte Evan. »Gibt es ein Problem?«

»Ein Problem?«, kreischte sie. »Hier wurde ein Verbrechen verübt, Constable!«

»Wenn ein Verbrechen stattgefunden hat, hätten Sie unten im Hauptquartier anrufen müssen«, bemerkte Evan. »Haben Sie die Ansage auf meinem Anrufbeantworter nicht gehört? Wenn ich nicht im Büro bin, versucht man, mich zu erreichen, oder nimmt Notrufe für mich entgegen. In Nullkommanichts wäre jemand hier.«

»Es handelt sich nicht um ein Verbrechen, das ich Fremden anvertrauen würde«, erwiderte Mrs Powell-Jones und sah sich um, für den Fall, dass jemand zuhörte. »Kommen Sie mit in den Garten, bevor es anfängt zu regnen und die Spuren verwischt werden.«

Verblüfft folgte ihr Evan. Der angekündigte Regen setzte schon ein, in feinen Tröpfchen, die sich wie Diamanten auf Mrs Powell-Jones’ von grauen Strähnen durchzogenes Haar legten. Der Garten war weitläufig und erstreckte sich rund um das Haus, eine hohe Hecke schützte ihn vor den scharfen Gebirgswinden. Hinter von akkuraten Rosenbeeten gesäumtem Rasen lag der Gemüsegarten, der an das Grundstück des Everest Inn grenzte. Im feinen Sprühregen türmte sich das Hotel wie ein riesiger, unwirklicher Schatten drohend vor ihnen auf und ließ Evan frösteln.

»Da, sehen Sie!«, rief Mrs Powell-Jones und zeigte mit dramatischer Geste auf den Boden. Evan schaute, war sich aber nicht sicher, was er eigentlich sehen sollte. Er sah nur frisch umgegrabene Erde, aus der einige traurig aussehende, grotesk schiefe Stiele ragten.

»Was ist passiert?«, fragte er schließlich.

»Das sollen Sie ja herausfinden«, sagte Mrs Powell-Jones. »Natürlich habe ich einen Verdacht. Die platzt ja fast vor Neid, dass ich sie jedes Jahr bei der Schau schlage.«

»Welche Schau?« Evans Verwirrung stieg von Minute zu Minute.

»Die Blumen- und Gemüseschau in Beddgelert unten«, erklärte Mrs Powell-Jones. »Ich habe mit meinen Tomaten die letzten drei Jahre den ersten Platz gewonnen. Deshalb hat in diesem Jahr wohl jemand beschlossen, einen Anschlag auf meine Tomaten zu verüben, bevor sie es wieder schaffen.«

»Tomaten?« Evan war kein großer Gärtner.

Mrs Powell-Jones deutete auf kleine herumliegende Pflanzenteile. »Das waren bis gestern meine preisgekrönten Tomatensetzlinge«, sagte sie. »Jemand hat sie vorsätzlich in einem heimtückischen Akt von Vandalismus zertrampelt.«

»Und Sie meinen zu wissen, wer das getan hat?«, fragte Evan.

»Natürlich. Mrs Parry Davies. Wer sollte es sonst gewesen sein? Ich kann zufällig die meisten Sachen besser als sie, und das kann sie nicht ertragen«, sagte sie triumphierend.

Evan untersuchte die Erde. Sie wies deutliche Abdrücke von großen Stiefeln auf.

»Trägt Mrs Parry Davies Stiefel Größe 46?«, fragte er.

»Natürlich nicht, seien Sie doch nicht albern«, erwiderte Mrs Powell-Jones.

»Dann würde ich sagen, dass sie nicht die Hauptverdächtige ist«, meinte Evan. »Schauen Sie sich mal die Größe der Fußabdrücke an.«

»Oh.« Einen Augenblick lang war sie sprachlos, dann zeigte sich ein Lächeln auf ihrem Gesicht. »Ein schlauer Trick, damit ich sie nicht verdächtigen kann. Schließlich spielt sie in der hiesigen Theatergruppe immer die Charakterrollen, und ihr Mann hat große Füße. Gehen Sie zu ihr und konfrontieren Sie sie mit den Beweisen. Und denken Sie an meine Worte: Sie wird zusammenbrechen und gestehen.«

»Ich kann schlecht hingehen und …«, begann Evan. »Schließlich wissen wir nicht … ich meine, es wäre nicht ganz fair …«

»Wer sollte es sonst gewesen sein?«, rief Mrs Powell-Jones. Evan begann allmählich zu verstehen, warum ihr Gatte so lange Predigten hielt. Das verschaffte ihm zumindest eine halbe Stunde mehr Abwesenheit von seinem Haus. »Niemand außer ihr wünscht sich, dass meine Tomaten misslingen. Ich bin außerordentlich großzügig mit meinen Gartenerzeugnissen. Jedermann im Dorf schöpft reichlich aus seiner Fülle. Und es waren nur die Tomaten, wenn Sie sich erinnern. Meinen Rosenkohl hat der Vandale nicht angerührt.«

Im Stillen dachte Evan, dass es durchaus ein Segen gewesen wäre, wenn der Vandale den Rosenkohl nicht übersehen hätte. Seine Zimmerwirtin lehnte Verschwendung entschieden ab, und Mrs Williams würde Abend für Abend Rosenkohl kochen, wenn sie ihn von Mrs Powell-Jones geschenkt bekäme.

»Ich werde tun, was ich kann, Mrs Powell-Jones«, sagte Evan. »Ich versuche, die Angelegenheit für Sie zu klären.«

»Tun Sie das, Constable«, entgegnete Mrs Powell-Jones.

»Behandeln Sie den Fall mit Vorrang. Man darf schließlich nicht gestatten, dass Vandalismus um sich greift.«

Evan verbeugte sich leicht und trat dann eilig den Rückzug an. Sehnsüchtig schaute er auf das Schild vom Red Dragon. Nach einem langen, anstrengenden Tag wäre eine Halbe genau das, was er brauchte. Aber er hatte noch einigen Papierkram zu erledigen, und er wollte noch ein wenig über die beiden Männer nachdenken, die in den Tod gestürzt waren.

Durch ein Astloch in der Schuppentür beobachtete ein Augenpaar, wie Mrs Powell-Jones ins Haus zurückging. Als sich die Tür hinter ihr schloss, entwich den zusammengepressten Lippen ein Seufzer der Erleichterung, und die Spitzhacke wurde behutsam gesenkt. Langsam verzog sich der dünne Mund zu einem Lächeln. Die Leute waren wirklich zu dämlich!

6. KAPITEL

»Gehen Sie ruhig rein, Constable«, sagte die freundliche junge Polizistin, als Evan am nächsten Morgen im Präsidium ankam. »Thomas Hatchers Mutter ist bei Sergeant Watkins, um sich die Leiche anzusehen. Er erwartet Sie.«

Nachdem man ihn angerufen hatte, war Evan sofort losgefahren. Je länger er über die beiden Unfälle nachdachte, desto mehr war er davon überzeugt, dass er mit seinem anfänglichen Verdacht richtig lag. Scotland Yard war nicht besonders hilfreich gewesen. Es hatte sich herausgestellt, dass Thomas Hatcher nur ein gewöhnlicher Streifenpolizist war und nicht, wie Evan gehofft hatte, ein verdeckt arbeitender Ermittler, der in den Bergen irgendeinen geheimen Auftrag erledigte. Er hoffte, dass ihnen Thomas Hatchers Mutter etwas Aufschlussreiches mitteilen konnte, weil Sergeant Watkins sichtlich bestrebt war, den Fall abzuschließen und die Leichen zur Bestattung freizugeben.

Sie sah auf, als er den Raum betrat, eine kleine, schmale Frau mit einem scharf geschnittenen Cockney-Gesicht und noch schärferem Blick. Ganz offensichtlich trug sie ihren besten Sonntagsstaat – einen Wollmantel, der einmal schwarz gewesen und nun zu einem bräunlichen Grau verblichen war, und ein kleines schwarzes Hütchen. Trotzig umklammerte sie eine große, schwarze Handtasche und ihren Regenschirm.

»Sie sind also der, der meinen Tommy gefunden hat, stimmt’s?«, fragte sie.

Evan nickte. »Es tut mir sehr leid, Mrs Hatcher. Es muss ein schrecklicher Schock für Sie sein.«

Mrs Hatcher nickte, und Evan bemerkte, dass sich ihre Finger um den Griff der Handtasche öffneten und schlossen, auch wenn ihr Gesicht ausdruckslos und ihre Augen trocken blieben. »Er war ein guter Junge«, sagte sie. »Und ein guter Sohn.«

»Hat er bei Ihnen gewohnt?«, fragte Evan.

Sie schüttelte den Kopf. »Nein, er hat seine eigene Wohnung gehabt, aber er hat mich regelmäßig besucht, einmal im Monat. Er hat immer versucht, Sonntagabend zum Essen zu kommen, und hat nie meinen Geburtstag vergessen. Er war ein guter Junge.«

»Ist er viel gewandert und geklettert? War das sein Hobby?«, fragte Evan.

Die kleinen scharfen Augen wurden größer. »Nicht, dass ich wüsste. Er hatte sein Motorrad. Das ist sein größtes Hobby gewesen – dauernd hat er an diesem Ding herumgebastelt, er hat es geliebt. Aber ich habe nie bemerkt, dass er irgendein Interesse am Bergsteigen gehabt hätte. Er mochte natürlich aufregende Sachen und könnte mitgemacht haben, wenn ihn einer von seinen Freunden dazu aufgefordert hätte.«

»Hatte er viele Freunde?«

»Oh, ja«, sagte sie.

»Haben Sie ihn je über einen Freund namens Stewart reden hören? Stew Potts? Lustiger Name, wie?«

Ihr Gesicht blieb ausdruckslos. »Ich kann nicht sagen, dass ich den Namen jemals gehört habe. Er war ja immer sehr verschlossen – hat mir nie viel erzählt, schon als Kind nicht. Immer wenn ich ihn gefragt habe: ›Wie war’s in der Schule?‹, hat er geantwortet: ›Ganz gut.‹ Das war alles, was ich aus ihm herausbekommen habe.«

»Dann hat er Ihnen also nicht erzählt, dass er an diesem Wochenende nach Nordwales fahren wollte?«

»Er hat mir noch nicht mal gesagt, dass er überhaupt wegfährt«, sagte sie. »Ich war total platt, als der Polizist vor der Tür stand. Ich habe nicht geglaubt, dass es mein Tommy ist, so lange nicht, bis ich die Leiche gesehen habe …« Ihre Stimme wurde immer leiser, bis sie verstummte. »Es ging ihm so gut zurzeit, er war so glücklich. Er hat eine nette Freundin gehabt und war gern Polizist. Wir waren so froh, dass er endlich seinen Weg gefunden hatte. Uns war allen klar, dass er einen Fehler gemacht hat, als er zum Militär gegangen ist, aber ein Siebzehnjähriger lässt sich ja nichts mehr sagen. Die wissen immer alles besser.«

Sie stand auf. »Ich gehe jetzt lieber. Ich muss den Zug bekommen. Man wird mir doch mitteilen, wenn ich die Beerdigungsvorbereitungen treffen kann, nicht wahr?«

»Ja, man wird sich mit Ihnen in Verbindung setzen«, sagte Evan. »Und, Mrs Hatcher, wenn Sie einen Blick in seine Wohnung werfen und etwas finden, das uns einen Hinweis geben könnte, was er hier bei uns gemacht hat, dann lassen Sie mich das doch bitte wissen.« Er kritzelte seine Telefonnummer und Adresse auf einen Zettel.

»Glauben Sie, dass etwas nicht stimmt?«, fragte sie, und ihr scharfer Blick schoss durch den Raum.

»Wir sind … nicht sicher«, erwiderte er. »Sagen wir, wir wollen der Sache weiter nachgehen.«

»Ich helfe Ihnen, so gut ich kann, Constable«, sagte sie. »Ich mag nicht glauben, dass mein Tommy umsonst gestorben ist.«

Evan begleitete sie zur Tür und sah ihr zu, wie sie, sich bei jedermann höflich bedankend, mit großer Würde ging.

»Der Lösung unseres Rätsels irgendwie näher gekommen?« Sergeant Watkins trat hinter Evan. »Sie haben sich nicht gekannt. Keine Verbindung.«

»Natürlich gibt es eine Verbindung«, entgegnete Evan. »Sie waren beide beim Militär.«

»Wie jede Menge anderer Jungs aus der Arbeiterklasse auch, würde ich sagen«, sagte Sergeant Watkins. »In Gegenden mit einer so hohen Arbeitslosigkeit wie in Liverpool ist die Armee schließlich eine der wenigen Möglichkeiten, einen Job zu bekommen. Es würde mich auch nicht überraschen, wenn beide bei den Pfadfindern gewesen und in eine Gesamtschule gegangen wären und sich für Fußball interessiert hätten!«

»Es würde aber auch nicht schaden, die Unterlagen aus ihrer Militärzeit zu überprüfen, oder?«, fragte Evan. »Einfach um zu sehen, ob sich ihre Wege gekreuzt haben.«

»Und was dann?«, wollte Sergeant Watkins wissen. »Selbst wenn sie sich gekannt hätten, so vermuten wir doch nur, dass irgendwas an der Sache faul sein könnte. Und auch wenn jemand den beiden einen Stoß versetzt hätte … Wie wollen Sie das beweisen?«

»Man könnte anfangen und ein paar Fragen stellen«, sagte Evan. »Gestern müssen eine Menge Leute dort oben gewesen sein.«

Sergeant Watkins fuhr sich durch die Haare. »Schauen Sie, Evans, wir sind hier einfach nicht das verdammte Scotland Yard. Wenn ich meinem Chef vorschlage, die Sache gründlich zu untersuchen, dann müssen wir Männer von der Suche nach dem Mörder dieses kleinen Mädchens abziehen. Wollen Sie wirklich, dass ich das tue?«

»Ich habe gelesen, was heute in der Morgenzeitung stand«, sagte Evan und deutete auf die aktuelle Ausgabe der Daily Post auf dem Schreibtisch des Sergeant. ZWEIFACHE TRAGÖDIE AUF BERGGIPFEL lautete die Schlagzeile. »In einem Winkel der Welt, der noch immer wegen des brutalen Mordes an einem kleinen Mädchen unter Schock steht, hat sich erneut eine Tragödie ereignet, die zwei Männer auf dem Mount Snowdon (Yr Wyddfa) das Leben gekostet hat. Bei zwei voneinander unabhängigen Unfällen beim Klettern starben …« Evan schaute auf. »Vielleicht wird das ja dem Gedächtnis von jemandem auf die Sprünge helfen und ihn dazu veranlassen, sich zu melden. Und hätten Sie irgendwelche Einwände, dass ich mir die Unterlagen von der Armee besorge – nur aus Neugier?«

»Ich sehe ja ein, dass ein Leben als Dorfpolizist todlangweilig sein muss«, sagte Sergeant Watkins. »Was Sie in Ihrer Freizeit machen, ist Ihre Sache, Constable. Aber ich erteile Ihnen keinen offiziellen Auftrag, Verbrechen zu untersuchen, die vielleicht gar nicht stattgefunden haben. Erstens halte ich das für reine Zeitverschwendung. Und zweitens bin ich dazu nicht befugt. Wie Sie wissen, bin ich nur einfacher Sergeant. Und wir sind, wie gesagt, nun mal nicht das verdammte Scotland Yard. Mein Chef hat die gesamte Presse des Landes wegen der Aufklärung des Mordes an diesem kleinen Mädchen auf dem Hals. Es würde nicht nur mich den Kopf kosten, wenn wir auch nur eine Minute mehr mit diesen Bergunfällen verschwenden – die ich übrigens so lange so nennen werde, bis mir jemand etwas anderes beweisen kann.«

»Okay, Sarge«, sagte Evan. »Ich habe gehört, dass Hauptkommissar Caldwell ein ziemliches Schwein sein soll, was das Zusammenarbeiten betrifft.«

Watkins nickte. »Genau wie Inspektor Hughes, mein direkter Vorgesetzter. Der glaubt, dass Verbrechen à la Sherlock Holmes aufgeklärt werden – anhand von Spuren wie abgebrannte Streichhölzer und Papierfetzen. Derzeit sind wegen der Jagd auf diesen Lou Walters alle ein bisschen gereizt.«

»Ich verstehe, Sarge«, sagte Evan. »Aber ich sehe trotzdem nicht ganz ein, welchen Schaden ich mit privaten Nachforschungen anrichten könnte. Wenn sich das Ganze als Spionageaffäre entpuppt, können Sie mir ja ein Bier ausgeben.«

»Einverstanden«, erwiderte Sergeant Watkins. »Und wenn nichts dabei herauskommt, geben Sie mir eins aus.«

Die beiden Männer schüttelten sich die Hand, und Evan eilte hinaus zu seinem Wagen.

Er hatte nicht gerade einen Auftrag erhalten, aber man hatte ihn auch nicht ausdrücklich angewiesen, sich um seine eigenen Angelegenheiten zu kümmern. Er musste herausfinden, wie und wohin man der Armee ein Fax schicken konnte.

Er schätzte, dass man nicht so leicht an irgendwelche Unterlagen herankam, und er wollte unverzüglich anfangen.

Es war zwei Uhr, als er das Haus seiner Vermieterin betrat.

»Sind Sie das, Mr Evans?«, tönte eine Stimme durch den engen, dunklen Flur. Mrs Williams kam aus der Küche getrippelt und trocknete sich dabei die Hände an ihrer Schürze ab, die sie täglich außer sonntags trug. Sie stellte diese Frage jedes Mal, obwohl Evan außer ihr die einzige Person war, die einen Hausschlüssel besaß.

Als er zum ersten Mal ins Dorf gekommen war, hatte man ihm den Namen von Mrs Williams genannt, die an Sommergäste vermietete und auch außerhalb der Saison eine kleine Nebeneinkunft sicher begrüßen würde. Mrs Williams hatte es ihm behaglich und angenehm gemacht und ihn auch, als die Sommergäste eintrudelten, nicht vor die Tür gesetzt. Also war er geblieben. Er wusste, dass er sich eigentlich eine eigene Wohnung suchen sollte, aber es widerstrebte ihm, nach Hause zu kommen und Spaghetti aus der Dose und ein kaltes Zimmer vorzufinden. Zumal er mit Mrs Williams eine Zimmerwirtin hatte, die ihm dreimal am Tag eine Mahlzeit vorsetzte – das zweite Frühstück und den Nachmittagstee gar nicht mitgerechnet.

»Grundgütiger, wo sind Sie denn wieder gewesen?«, wollte sie wissen, als sei er ein ungezogener Fünfjähriger. »Ihre Mittagessenszeit ist längst vorbei, und ich habe einen verkochten Shepherd’s Pie im Ofen.«

»Ich habe Ihnen doch gesagt, dass Sie mir kein Mittagessen machen müssen, Mrs Williams«, sagte Evan entschuldigend. »Ich bin Polizist und habe keine festen Arbeitszeiten. Außerdem versuche ich, mittags etwas Leichtes zu essen.«

»Etwas Leichtes?«, rümpfte Mrs Williams die Nase. »Sie müssen bei Kräften bleiben. Frauen mögen Männer, die ein bisschen Fleisch auf den Rippen haben. Unsere Sharon zum Beispiel findet Sie reizend. ›Er ist so süß und knubbelig‹, hat sie gesagt, als sie das letzte Mal hier war.«

Evan zuckte unter der Bezeichnung süß und knubbelig zusammen und beschloss, einmal täglich den Pfad zum Snowdon hinauf zu joggen, bis er sich alle bei Mrs Williams zugelegten Pfunde abgelaufen hätte.

»Stehen Sie nicht da herum, kommen Sie rein«, sagte sie. »Der Pie im Ofen ist immer noch heiß, und es gibt Steckrüben und Pastinaken dazu.«

Evan seufzte und ließ sich in die große, warme Küche führen. Über den Küchentisch war eine weißblau-karierte Tischdecke gebreitet, die man unter den Geschirrmengen allerdings kaum wahrnehmen konnte. In der Mitte versteckte sich unter einer gehäkelten Wärmehaube eine Teekanne. Mrs Williams hielt den ganzen Tag über Tee warm, für den Fall, dass jemand auf ein Schwätzchen hereinschaute – was unter Frauen ihres Alters eine feste Gewohnheit war, heutzutage aber immer seltener wurde. Die jüngeren Frauen gingen arbeiten oder machten Kurse, statt herumzusitzen und zu tratschen.

Neben der Teekanne stand ein Korb mit knusprigem frischem Brot. Daneben eine Kuchenplatte mit scones, kleinen Butterbrötchen, und mehreren Scheiben bara brith, dem walisischen Früchtebrot. Ein weiterer Kuchenteller enthielt eccles cakes, kleine mit Trockenfrüchten gefüllte Teilchen, und glasierte Rosinenbrötchen.

»Erwarten Sie Besuch?«, fragte Evan misstrauisch.

»Nur Sie«, gab Mrs Williams zurück. »Sie haben Ihr Dinner versäumt und gestern Ihren Tee.« Sie bestand darauf, das Mittagessen Dinner zu nennen. »Ich wollte nur sichergehen, dass Sie heute beides bekommen, deshalb habe ich den Tee schon etwas früher zubereitet. Sie können zuerst den Pie essen und dann Ihren Tee haben – oh, und ich habe noch einen Apfelstreuselkuchen im Ofen, den gibt’s mit frischer Sahne von Milchmann-Evans.«

Die Aussicht auf Apfelstreusel mit frischer Sahne war zu viel für Evan. Er erlag der Versuchung und setzte sich auf seinen Platz, während Mrs Williams um ihn herumflatterte und seinen Teller üppig mit dem saftigen Shepherd’s Pie, gestampften Steckrüben und Pastinaken belud.

»Hat man schon irgendwas über diesen schauderhaften Mord an dem kleinen Mädchen herausgefunden?«, fragte sie.

»Schauderhaft« war eines ihrer Lieblingswörter. »Und über die zwei armen Männer, die abgestürzt sind?«

»Bisher noch nicht, Mrs Williams«, antwortete Evan und starrte auf den dampfenden Essensberg vor sich; ihm war klar, dass er den irgendwie bewältigt haben musste, bevor Mrs Williams den Apfelstreusel mit Sahne auftischen würde.

»Schauderhaft«, wiederholte sie noch einmal. »All diese Leute, die sterben und ermordet werden. Was soll nur aus dieser Welt werden?«

Darauf wusste Evan auch keine Antwort. Er hatte erst ein paar Bissen gegessen, als das Telefon klingelte.

»Wer kann denn das jetzt sein?«, fragte Mrs Williams ärgerlich. »Drei-zwei-eins-sieben«, meldete sie sich mit dem hochnäsigen Tonfall, den sie speziell für Telefonate und englische Touristen reserviert hatte. »Ach, Sie sind’s, Mrs Powell-Jones.« Evan wurde schwer ums Herz. »Er isst gerade noch sein Dinner. Ein Notfall, sagen Sie? Schön, ich werde es ihm ausrichten.«

Sie legte den Hörer auf. »Sie sollen sofort zu Mrs Powell- Jones kommen. Sie hat gesagt, sie habe neue Beweise gefunden.«

Evan erhob sich, fast froh, dass er nun eine Entschuldigung hatte, diese gewaltige Portion Shepherd’s Pie nicht aufessen zu müssen. Wenn er wieder zurückkam, würde das Essen kalt geworden sein, und er konnte sich stattdessen dem Brot und dem Gebäck widmen. Mrs Williams war berühmt für ihre Backkünste. Ihre eccles gewannen jedes Jahr einen Preis.

»Und sehen Sie zu, dass Sie bald wieder da sind«, rief sie Evan hinterher. »Lassen Sie sich von dieser Frau keinesfalls herumkommandieren. Sie tut immer so vornehm. Nur weil ihrem alten Papa der Schiefersteinbruch gehört hat und sie auswärts zur Schule gegangen ist, hält sie sich für eine Gutsherrin.«

Mrs Powell-Jones erwartete Evan im Vorgarten. Sie hatte sich ein Kopftuch umgebunden, um ihre Haare vor dem feinen Sprühregen zu schützen, und trotz der abgetragenen Gartenkleider und schmutzigen Stiefel gelang es ihr tatsächlich, wie eine Gutsherrin auszusehen.

»Ein entscheidendes Beweisstück ist aufgetaucht«, erklärte sie. »Ich habe es vorhin beim Unkrautjäten in den Blumenbeeten entdeckt. Kommen Sie bitte hier entlang.«

Evan folgte ihr gehorsam und fragte sich, ob Mrs Powell-Jones in den zertrampelten Tomaten vielleicht eine verräterische Haarklammer gefunden hatte. Er war überrascht, als sie nicht den Weg zum Gemüsegarten, sondern zur Rückseite des Hauses einschlug.

»Da«, sagte sie und zeigte auf das Beet unter dem Erkerfenster. »Was sagen Sie dazu?«

Diesmal war die Beweislage ziemlich klar. Mitten in dem Beet befand sich ein großer Abdruck von einem mit Stollen oder Spikes beschlagenen Schuh.

»Haben Sie einen Gärtner, der solche Stiefel trägt?«, fragte Evan.

»Natürlich nicht«, fuhr sie ihn an. »Einmal die Woche kommt nur der alte Mr Wilkins, und der hat Gummistiefel. In diesem Garten war ein Eindringling, Mr Evans! Dieselbe Person, die meine Tomaten zertrampelt hat, späht jetzt in mein Haus. Und wir beide wissen, wer es ist, oder etwa nicht?«

»Da müssen Sie mich aufklären«, sagte Evan.

Details

Seiten
0
Erscheinungsform
Erstausgabe
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783960874614
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v433196
Schlagworte
Krimi-nal-roman-fall Spannung-s-roman Agatha-Christie-wal-es-isisch klassisch-Who-done-it Tod-es-mord-fall-tat-ort-opfer-ermittlung-en-kommissar Britis-c-h-englis-brit-crime mystery-polizei-arbeit

Autor

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    Rhys Bowen (Autor)

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Titel: Tödliches Idyll (Krimi)