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So war das aber nicht geplant (Liebe, Humor)

von Mia Blum (Autor)

2018 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

Bei Flo läuft es. Rückwärts und bergab. Dabei hat sie ein super Leben, einen super Job, einen super Freund! Es könnte alles so perfekt sein, würde Julian sich nicht auf einmal nach jedem Kinderwagen den Hals verrenken und Flo täglich an ihre tickende biologische Uhr erinnern.
Als dann auch noch ein folgenschwerer Brief ihres Frauenarztes ins Haus flattert, verpufft Flos gut durchdachter Lebensplan wie jeder gute Vorsatz am Dessertbuffet. Zum Glück gibt es da noch ihre beste Freundin. Sunny eilt Flo mit teuflisch starkem Marillenschnaps und einem Flugticket nach Gran Canaria zu Hilfe. Ihr Liebster denkt allerdings so gar nicht daran, Flo mit ihrem Sorgenknäuel und ohne weitere Erklärung davonkommen zu lassen. Eins ist ganz klar: So war das wirklich nicht geplant!

Impressum

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Erstausgabe August 2018

Copyright © 2018, dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

ISBN:  978-3-96087-435-5
Taschenbuch-ISBN: 978-3-96087-436-2

Covergestaltung: Claudia Toman
unter Verwendung eines Motivs von
© Javier Brosch/shutterstock.com
Lektorat: Marie Weißdorn

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

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1
Flo

Mit klackernden Absätzen hetzte ich aus dem feudalen Geschäftsgebäude der Nordica Consulting am Eppendorfer Baum. Der Himmel war bleigrau und es pieselte ohne Unterlass aus der dichten Wolkendecke. Hamburg im Spätherbst war wettertechnisch einfach eine Pracht! So genoss ich meinen Feierabend doch am liebsten, auch wenn Schröder ihn mir mal wieder nur äußerst widerwillig gewährt hatte.

Beherzt sprang ich über eine schlammige Pfütze und sprintete geduckt zu meinem silbernen VW Lupo. Der Verkehr auf dem Weg in die Innenstadt zog sich wie Tapetenkleister und selbstverständlich fand ich bei Ankunft erst einmal keinen Parkplatz. Wäre ja auch zu einfach gewesen. Ich klebte den Wagen halb auf den Kantstein und erreichte dank sehenswerter Stiletto-Ziel-Sprints pünktlich auf die Minute das Auktionshaus in den Hamburger Colonnaden. Der Cardio-Fit-Kurs, den ich einmal pro Woche recht unmotiviert besuchte, war also doch nicht ganz umsonst gewesen.

Voller Elan hopste ich die Stufen der grauen Steintreppe hinauf und warf mich schwungvoll gegen die schmiedeeiserne Tür. Drinnen angekommen, scannte ich den Saal nach einem freien Platz, quetschte mich durch die Reihen und sank schnaufend wie ein asthmatischer Mops auf einen Stuhl. Die hölzerne Lehne knarrte missmutig. Der Raum war trotz der hohen Decken ebenso stickig wie voll, also schälte ich mich in Windeseile aus meinem Daunenmantel. Schnell noch den Schal abgewickelt. Geschafft! Jetzt nur ein bisschen Glück haben und das Schild ersteigern, und dann …

Ein zartes Tippen an meinem linken Oberarm riss mich aus meinen Gedanken.

„Entschuldigung, Ihr Schal ist runtergefallen.“

Den Bruchteil einer Sekunde später blickte ich in die tollsten grauen Augen, die ich je gesehen hatte. Sie gehörten zu einem hinreißend attraktiven Mann mit dunkelblonden Wuschelhaaren und Dreitagebart.

„Oh, äh … ja … vielen Dank.“ Entgeistert griff ich nach dem Schal, den der Grauäugige ritterlich vom Fischgrätenparkett aufgelesen hatte und mir nun schmunzelnd entgegenstreckte. Er ließ aber nicht sofort los. Und so kam es, dass wir uns dann doch ein wenig zu lange und zu tief in die Augen schauten. Er in Grün, ich in Grau.

„Und, warten Sie heute auf etwas Bestimmtes?“, fragte er mit einer dieser Männerstimmen, die sich auch unheimlich gut bei prasselndem Lagerfeuer in Gitarrenbegleitung machen würden.

„Ja, ein altes Straßenschild für meinen Vater“, brachte ich immerhin hervor. „Es soll ein Geschenk sein. Siebenundsechzigster Geburtstag.“

Der Grauäugige lächelte. Strahlend weiße, gleichmäßige Zähne. Grübchen auf der linken Wange. Hinreißend! Das machte mich ganz nervös. Und wenn ich nervös werde, neige ich leider zum Quasseln in der Taktung einer Automatikwaffe.

„Die Straße heißt Buchenweg, da steht sein Elternhaus. Oder besser gesagt ‚stand‘. Es wurde nämlich vor einigen Jahren abgerissen – musste einem dieser Indoor-Spieltempel weichen. Persönlich finde ich die ja schon ziemlich befremdlich, diese überdachten Spielplätze. Die erinnern mich irgendwie an Las Vegas für Minderjährige. Überall blinkt und lärmt es. Da ist es ja auch wirklich kein Wunder, dass die Knirpse heutzutage alle auf Ritalin sind, oder? Bagaboo heißt der Laden übrigens, vielleicht kennen Sie ihn?“ Noch bevor mein Gegenüber auch nur zum Antworten ansetzen konnte, blubberte aus meinem Mund schon der nächste Wortschwall. „Und einmal im Monat hat es sogar für Erwachsene geöffnet. Da kann es Ihnen dann passieren, dass Ihr Zahnarzt in der Hüpfburg an Ihnen vorbeihopst oder Ihr Chef neben Ihnen im Bällebad auftaucht. Irre Sache!“

Endlich brachte ich es fertig, meinen Schnabel zu halten. Ich sah schüchtern zu meinem Sitznachbarn. Das charmante Schmunzeln war noch da, nun aber begleitet von einem deutlich irritierten Blick. Offensichtlich überlegte er gerade, in welches psychologische Krankheitsbild ich einzusortieren war.

Dabei war meine instabile Gemütslage ganz allein seine Schuld! Was musste er auch genau neben mir sitzen und dabei so unverschämt gut aussehen? Schätzungsweise Mitte dreißig, gerade Nase, markantes Kinn, leicht gebräunte Haut, verwegener Dreitagebart. Kreuzung zwischen Managertyp und Naturbursche.

Was ist bloß los mit dir? Florentine Bergmann, du kitschige Kuh! Er ist ein Mann, ganz normal, davon gibt‘s eine Menge. Fünfzig Prozent der Weltbevölkerung gehören dieser Gattung an. Also: nichts Besonderes!, rief ich mich selbst zur Vernunft.

„Schöne Idee, dann drück ich mal die Daumen“, sagte der Naturburschen-Manager und lächelte wieder sein attraktives Grübchen-Lächeln.

Konversation aufrechterhalten!, pochte es in meinem Oberstübchen. Warum fiel einem grundsätzlich nie irgendetwas Witziges, Charmantes, geschweige denn Schlagfertiges ein, wenn man es wirklich brauchte? Und dabei war ich eigentlich sehr wohl witzig, charmant und schlagfertig.

Bei uninteressanten Männern jedenfalls. Besonders bei denen in der Firma. Je dünner das Haar und je dicker die Wampe unterm Jackett, desto besser. Ein charmantes Lächeln, gepaart mit einem pfiffigen Spruch und garniert mit einem „Tausend Dank, das ist ja so unglaublich nett von Ihnen!“ – und zack: die Männer überschlugen sich fast, um mir zu helfen. Dabei fanden sie mich ganz offensichtlich sehr witzig, sehr charmant und sehr schlagfertig.

In der gegenwärtigen Galaxie war ich verstockt, einsilbig und wunderlich. Nervös zupfte ich kleine graue Wollknötchen von meinem Schal und ließ sie aufs Fischgrätenparkett rieseln.

Nach einer deutlich zu langen Phase des Schweigens und Zupfens rang ich mich dann aber doch noch zu einem „Und Sie?“ durch. Ich versuchte, es ganz beiläufig klingen zu lassen. Gelang mir aber nicht.

„Ich hoffe, dass was Schönes für mein Baby dabei ist“, lautete die euphorische Antwort.

Oh Gott, der schöne Grauäugige hat ein Baby. Eins zu null für die Ungerechtigkeit des Universums!

Vielleicht nannte er aber auch seine Freundin Baby? Das wäre ebenfalls schlimm, aber nicht hoffnungslos.

Oder aber seinen Freund. Das wäre dann allerdings hoffnungslos.

„Ihr Baby?“, entfuhr es mir einige Dezibel zu laut und schrill. In der Reihe vor uns räusperte sich eine elegante Dame in jägergrünem Tweed.

„Ja, mein Mercedes Cabrio Jahrgang 1968“, informierte mich der Grauäugige voll unverhohlenen Männerstolzes.

„Na Gott sei Dank“, entwich es mir erleichtert.

„Wie bitte?“

Hatte ich das etwa laut gesagt? Wie peinlich!

„Na, ich meine … Gott sei Dank kein Porsche. Mercedes ist viel eleganter, viel subtiler, nicht so prollig.“

Jetzt hält er dich nicht nur für einen stummen Stockfisch, sondern auch noch für eine oberflächliche, luxusfixierte Irre, geisterte es mir durch den Kopf. Unruhig drehte ich den dünnen Silberring an meinem linken Ringfinger hin und her.

„Absolut meine Meinung!“ Der Grauäugige nickte angetan und zeigte sich beeindruckt von meiner vorgetäuschten automobilen Fachkenntnis.

In diesem Moment des unerwarteten Triumphes erklang ein eindringliches Brummen aus meiner Tasche. Firmenhandy.

Das konnte nichts Gutes bedeuten! Im Moment standen weitreichende Entscheidungen an und Herr Schröder war seit Wochen unnatürlich aufgedreht und offenkundig übellaunig. Heute hatte er sogar seine violette Kampf-Krawatte getragen. Dieses seidene Prachtstück französischer Herkunft kam nur dann zum Einsatz, wenn Herr Schröder den Zenit der Übellaunigkeit überschritten hatte. Frei nach dem Motto: „Bis einer heult“. Ein ordentlicher Anschiss war da noch ein Glücksfall. Mit der Kampf-Krawatte konnte alles passieren!

Das Brummen verstummte. Ich kramte das Handy aus der Tasche. Nach drei Sekunde folgte ein weiterer Brummton.

Brauche Sie hier!

Missmutig starrte ich auf die unheilvolle WhatsApp-Nachricht. Eine zweite ließ keine zwei Sekunden auf sich warten.

ASAP!!!

„Mist. Mein Chef“, raunte ich dem Grauäugigen konspirativ zu. „Schröder, verflucht seien Sie“, murmelte ich dann mit finsterer Miene dem Handy entgegen.

Nach eineinhalb Jahren als Untergebene von Herrn Thomas Schröder, alias dem herrischen Kameltreiber der Nordica Consulting, tat sich am Horizont immer noch keine Beförderung zur Managerin auf. Dabei rackerte ich mir wöchentlich sechzig Stunden lang den Hintern ab. Mindestens. Das fand aber weder ein Fitzelchen Beachtung noch einen Schnipsel Anerkennung, denn „Nur die Harten kommen in den Garten“ war Schröders erklärter Lieblingsspruch. Den hörte ich mindestens dreimal täglich, nämlich immer dann, wenn er mir schwungvoll eine neue Akte auf den Schreibtisch donnerte.

Ja, ich ärgerte mich viel und ausufernd über meinen Chef. Oft auch mehrmals täglich und mit pantomimischer Untermalung bewährter oder ganz neu erfundener Schimpfworte. Mein Favorit lautete derzeit: „cerebral subperfundierter asinus anus“. Frei aus dem Lateinischen übersetzt: unterbelichteter Eselarsch.

Aber jedes Mal, wenn ich kurz davorstand, Schröder vor versammelter Mannschaft den Tacker an die sorgfältig pomadisierte Birne zu schleudern und die Firma mit einem dramatischen Abgang auf nimmer Wiedersehen zu verlassen, wurde mir bewusst, dass ich meinen Job mochte. Nein, ich mochte ihn nicht. Ich liebte ihn.

Ich liebte diese Welt der frisch gestärkten weißen Oberhemden, der funkelnden Manschettenknöpfe und des Orchesters von rhythmisch tippenden Fingern auf Laptop-Tastaturen. Nichts verschaffte mir so ein konspirativ heimeliges Gefühl wie das kollektive Gähnen auf den ersten, morgendlichen Flügen von Hamburg hinaus in die Metropolen dieser Welt.

Und mal ehrlich: Herr Schröder konnte zwar ein absoluter Widerling sein, aber ein schlechter Mensch war er nicht. Das versteckte er zuweilen gekonnt, aber ich wusste, dass sich tief in seinem Inneren ein gutherziger Kerl verbarg. Irgendwo unter den Tausend-Euro-Maßanzügen und den ebenso teuren wie scheußlichen Seidenkrawatten. Zum Beispiel hatte ich ihn einmal in der Mittagspause heimlich dabei beobachtet, wie er dem zotteligen Obdachlosen, der immer mit seinem noch zotteligeren Hund in der Seitenstraße unseres Büros saß, ein belegtes Brötchen aus der Bäckerei mitbrachte. Schlechte Menschen taten so etwas nicht. Und seitdem ich mit fünfundzwanzig von der Uni direkt in den Strudel der Unternehmensberater-Szene hineingesogen worden war – zusammen mit einer ganzen Armada an emsigen Uniabsolventen in billigen Anzügen –, hatte ich noch nie einen so guten Mentor gehabt wie ihn. Wenn Thomas Schröder Talent witterte, dann förderte er es zutage. Wenn nötig eben auch mit der Brechstange.

Mein Telefon brummte penetrant ein weiteres Mal.

„Cerebral subperfundierter asinus anus!“, zischte ich gefrustet. Kurz dachte ich über die Option der Arbeitsverweigerung nach, fing dann aber doch an, mich missmutig in meinen Daunenmantel zu bugsieren. Möglichst ohne dem grauhaarigen Herren im nadelgestreiften Anzug neben mir meinen Ellenbogen in die Rippen zu rammen.

„Ist was passiert?“, erkundigte sich der Grauäugige besorgt und mit hochgezogenen Brauen.

„Ich muss los, die Firma ruft“, flüsterte ich.

Die Dame in Grün guckte trotz meines Flüsterns angezickt und presste die schmalen Lippen aufeinander.

„Oh, schade.“ Er sah ernsthaft betrübt aus. Das freute mich wiederum diebisch.

„Und das Straßenschild?“, fragte er aufmerksam.

„Da hat mir mein Chef einen Strich durch die Rechnung gemacht. Er vertritt ganz offensichtlich die Auffassung, dass man als persönliche Assistenz keinen Anspruch auf ein eigenes Leben hat“, entgegnete ich und schulterte meine Tasche.

„Also, ich kann gerne für Sie mitsteigern. Sie müssten mir nur den Straßennamen aufschreiben, Ihr Maximalgebot … und natürlich Ihre Kontaktdaten“, bot der Grauäugige selbstlos an.

Ich guckte verdutzt.

„Ich meine, natürlich nur, wenn das für Sie okay ist. Ihre Kontaktdaten, meine ich“, fuhr er verlegen fort.

Bildete ich mir das ein, oder hatte ich den schönen Grauäugigen mit meiner Unsicherheit angesteckt?

„Das würden Sie wirklich tun? Die Schilder kommen laut Katalog ja erst gegen Ende der Versteigerung dran“, entgegnete ich betont sachlich. Alles Fassade. In meinem Kopf spielten sich torjubelähnliche Szenen ab.

Ein zufriedenes Lächeln machte sich auf dem Gesicht meines Sitznachbarn breit. „Ach, gar kein Problem. Ich hab heute genügend Zeit mitgebracht und im Gegensatz zu Ihnen keinen drängelnden Chef, der mir im Nacken sitzt.“

Stichwort „drängelnder Chef“! Mein Handy brummte inzwischen in Dauerschleife. Herr Schröder war es eben nicht gewohnt, dass man nicht sofort sprang, wenn er pfiff.

Der eleganten Dame in Jägergrün riss endgültig der Geduldsfaden. Sie wirbelte das sorgfältig frisierte Haupthaar herum und zischte ein durchdringendes „Psst“ durch feuerrot geschminkte Lippen.

„Verzeihung!“ Ich schenkte der Dame ein verlegenes Lächeln und wandte mich sofort wieder dem Grauäugigen zu. „Hm. Tja ... okay! Falls das wirklich in Ordnung für Sie ist, nehme ich Ihr Angebot sehr gerne an. Danke.“

Subtil flirtender Blick.

„Sie haben wirklich was gut bei mir!“

Noch ein subtil flirtender Blick.

Ich kramte in meiner Tasche und fand weder Stift noch Papier. Und das bei einem Tascheninhalt, mit dem ich locker vier Wochen ohne Kontakt zur Außenwelt im Amazonas überleben könnte.

Die einzig brauchbaren Objekte waren ein Taschentuch – zerknautscht wie ein Crashtestdummy, aber immerhin frisch – und ein grauer Kajal. In vertrackten Situationen war Pragmatismus bekanntlich das Mittel der Wahl. Und Begegnungen, die unter die Kategorie „Flirt“ fielen, waren per se eine vertrackte Situation. Ich warf einen letzten Blick auf das verunfallte Taschentuch und schrieb dann schnell meinen Namen, meine Telefonnummer und „Buchenweg“ auf das fusselige Gewebe. Darunter: max. € 200.

Der Grauäugige nahm amüsiert meine improvisierte Visitenkarte entgegen, blickte mir in die Augen und sagte mit seiner Lagerfeuerstimme: „Florentine, sehr hübscher Name. Passt zu Ihnen.“

In meinem Magen sausten ganze Horden von Schmetterlingen hin und her. Die Contenance war endgültig dahin. Brumm, brumm, brumm. Fast kam es mir vor, als hörte man den Flatter-Orkan in meinem Bauch.

Oh, mein Handy, durchfuhr mich die wenig romantische Erkenntnis. Strafend fixierte ich das Ding und wünschte meinem verflixten Chef die Pest an den Hals und Hämorrhoiden an den Hintern.

Ich brachte nur noch ein gestammeltes „Danke“ hervor, sprang auf und manövrierte mich durch die engen Stuhlreihen. Zu meinem Leidwesen und zur allgemeinen Unzufriedenheit der Betroffenen gelang mir das nicht ohne Kollateralschäden. Mindestens drei Personen trat ich auf den Fuß, schlug ihnen meine Tasche gegen die Knie, oder beides. Dabei spürte ich unentwegt den Blick des Grauäugigen in meinem Rücken. Oder auf meinem Hintern? Das machte es jedenfalls nicht gerade einfacher, mich möglichst elegant durch das Publikum zu quetschen.

Draußen regnete es immer noch. Gleiche Intensität, aber mit Richtungswechsel. Statt von oben nun frontal. Noch ehe ich mein artistisch geparktes Auto erreichte, sah ich das weiße Knöllchen hinter meinem Scheibenwischer flattern. Durch den böigen Wind sah es fast so aus, als würde es mir zynisch zuwinken. Das Ding sollte ich Herrn Schröder eigentlich um die Ohren hauen!

Vier Stunden und zwei endlose Meetings nervenaufreibenden Inhalts später hockte ich mit rot geäderten Augen und unterirdischer Laune vor dem PC. Spontanauftrag von Schröder. Vorstandspräsentation. Super dringend. „Dringend“ und „Feierabend“ waren ziemlich dicke Kumpels in Schröders Welt. „Super dringend“ und „Wochenende“ sogar best friends forever.

Überhaupt war der Nachmittag mit Schröder grässlich gewesen. Animiert durch die Kampf-Krawatte hatte er sich geradezu selbst übertroffen. Nachdem er Barbara, die bei uns gerade eine Umschulung zur Steuerfachkraft machte, öffentlich dazu geraten hatte, sich „statt um den Aufbau ihrer potthässlichen Kunstnägel gefälligst mehr um den ihrer Gehirnkapazität“ zu kümmern, und zwar „ratzifatzi!“, hatte sie die Segel gestrichen.

Ich sollte Schröder bei Gelegenheit dazu raten, ein Buch zu schreiben. Effizienter Frustabbau für narzisstische Führungskräfte – 10 todsichere Taktiken, seine Angestellten in den Wahnsinn zu treiben. Das wäre doch ein passender Titel.

Meine Gedanken an einen umjubelten Schröder auf der Frankfurter Buchmesse inmitten einer Menschentraube von anerkennend nickenden Anzugträgern wurde vom Klingeln des Handys unterbrochen. Unbekannte Nummer.

„Bergmann“, maulte ich monoton, ohne den Blick vom flackernden Bildschirm abzuwenden.

Stille.

Oh Mann, jetzt war der Jemand am anderen Ende der Leitung also auch noch zu dusselig zum Antworten!

„Bergmann, hallo?“, wiederholte ich ungeduldig.

„Hallo Florentine, Julian hier“, sagte eine Männerstimme. Julian, Julian … In meinem Hirn wühlten sich kleine Mainzelmännchen durch die abgespeicherten Namen von vertrauten und flüchtigen Bekannten. Nichts. Musste eine Verwechslung sein.

„Ich kenne keinen Julian“, antwortete ich barsch, während ich nebenher die wohl tausendste Tabelle für die Vorstandspräsentation formatierte.

„Oh sorry, ich hab ganz vergessen, mich vorhin richtig vorzustellen“, kam es zögerlich vom anderen Ende der Leitung. „Wir haben uns bei der Auktion kennengelernt. Ich hab das Schild ersteigert. Und einiges von deinem Budget ist auch noch übrig. Für hundertzwanzig Euro hab ich es gekriegt. Ich hoffe, das ist okay?“

Jetzt fiel der Groschen. Der heiße Grauäugige vom Aktionshaus. Ich dusselige Kuh! Super. Erster Eindruck: chronisch gestresste Tussi, zweiter Eindruck: frustrierte Beißzange.

„Ah, oh ... Ja, klar“, stotterte ich peinlich berührt und wechselte dann in den Schnurrmodus. „Wow, danke, das ist wirklich super! Vielen Dank noch mal!“ Ein dilettantischer Versuch, meine angeknackste Reputation zu retten.

„Ach, Quatsch. Nichts zu danken, hab ich gern gemacht. Du hast aber wirklich was verpasst. Es war eine super interessante Auktion mit ein paar richtig tollen Stücken“, plauderte Julian euphorisch.

Das glaubte ich sofort. Alles war besser als mein Nachmittag in diesem Irrenhaus unter Schröders Fuchtel.

„Wie sollen wir denn die Übergabe organisieren?“, fragte Julian und sprudelte sofort weiter, ehe ich einen einzigen Piep von mir geben konnte. „Also, ich weiß ja nicht, wie deine Pläne morgen so aussehen. Aber da Samstag ist, dachte ich mir, dass die Chancen für einen gemeinsamen Kaffee gut stehen könnten?“

War da etwa Unsicherheit in seiner Stimme? Vielleicht beschlich ihn ja mittlerweile ein ungutes Gefühl, weil er sich als Konsequenz seines märtyrerhaften Spontaneinsatzes im Auktionshaus erneut mit mir treffen musste. Egal! Es zählte allein, dass ich nach Monaten der Abstinenz von sozialer Interaktion nun Aussicht auf ein Treffen mit einem interessanten Mann hatte.

„Ja, klar, sehr gerne“, antwortete ich wie aus der Pistole geschossen. „Ich hab noch nichts vor. Ich kann mich zeitlich also ganz nach dir richten.“ Eine Millisekunde später bereute ich meine Antwort. Wie verzweifelt klang das denn jetzt bitteschön? Da hätte ich auch gleich sagen können: Hey, toller Mann, ich bin einunddreißig und zähle an meinen Wochenenden die Wollmäuse unterm Schrank, weil ich dank meiner ausufernden Arbeitszeit keinerlei Sozialkontakte pflege.

Ehe ich mich mental so richtig geißeln konnte, vernahm ich aber ein aufrichtig freudig klingendes „Super!“, gefolgt von einem „Dann lehne ich mich hiermit aus dem Fenster und schlage gleich ein Frühstück vor. Äh, natürlich nicht bei mir. In einem Café. Obwohl du selbstverständlich sehr willkommen wärst. Also nicht, dass ich etwas zu verbergen hätte. Natürlich nicht. Und Frühstück ist ja im Grunde auch Kaffee, mit Zusatz eben. Sofern du überhaupt Frühstück magst. Oder Kaffee. Sonst natürlich auch gerne Tee. Oder ein Heißgetränk deiner Wahl. Oder so …“, blubberte es aus dem Handy. Dann folgte ein resigniertes Schnaufen. „Ach Mensch, was rede ich hier eigentlich für einen Stumpfsinn?“

Obwohl wir uns erst einmal gesehen hatten, konnte ich sein verlegenes Grübchen-Schmunzeln direkt vor mir sehen. Offenbar war ich nicht die Einzige, die sich von der zwischengeschlechtlichen Date-Anbahnung heillos überfordert fühlte.

Ich musste lauthals lachen. Julian auch. Das war schön und irgendwie auch so merkwürdig vertraut. Ping, Pong, Piff, Paff. Die Schmetterlinge in meinem Bauch klatschten wie Flipperkugeln von einer Magenwand zur anderen.

Julian räusperte sich und wagte einen neuerlichen Versuch. „Also, Florentine, wie gesagt, mein Angebot steht: Frühstück mit Schildübergabe. Ich würde mich ehrlich freuen.“

Oh. Mein. Gott. Dieser tolle Typ fragte mich gerade wirklich nach einem Treffen.

„Schildübergabe mit Heißgetränk. Wie könnte ich so ein Angebot ausschlagen?“, sagte ich überraschend lässig, wie ich fand. Florentine Bergmann, cool as ice. Tschacka!

„Okay. Alles klar. Super!“, antwortete Julian. So gar nicht lässig.

Ich malte ein windschiefes Herzchen auf meine Schreibunterlage.

„Kennst du das Herr Max in der Schanze? Das ist wirklich ein netter Laden“, folgte Julians Vorschlag zum Übergabeort des Straßenschildes im anpreisenden Tonfall eines Vertriebsprofis. „Sagen wir zehn Uhr. Passt das für dich?“

„Ja, klar. Toller Laden!“ Doppel-Oh-Mein-Gott! Herr Max war mein absolutes Lieblingscafé in Hamburg. Mit ganz und gar köstlichen Backwerken. Wenn Julians Vorschlag kein Wink des Schicksals war, dann fraß ich eine dreistöckige Hochzeitstorte.

„Super!“, freute sich Julian.

„Super!“, plapperte ich. Vor lauter Euphorie fühlte ich mich ganz duselig. Nebenbei hatte ich, ohne es bewusst wahrzunehmen, ein ganzes Geschwader kleiner Herzchen rund um das erste Herz gekritzelt.

„Also dann“, sprach er.

„Also dann“, wiederholte ich. Mensch. Eben war es doch noch so gut gelaufen mit mir und der Konversation. Wann war ich von der coolen Datingqueen zum einfallslosen Papagei mutiert? Hoffentlich hatte das Gespräch bald ein Ende und ich eine Chance zur minutiösen Vorbereitung auf das Date.

Nach einer kurzen Phase angespannter Stille erlöste mich Julian. „Bis morgen, Florentine. Ich freue mich.“

„Bis morgen, Julian“, schnaufte ich – vielleicht einen Tacken zu erleichtert.

Als ich auflegte und das Handy zurück auf den überfüllten Schreibtisch legte, hinterließ es ein heißes, pochendes Gefühl an meinem Ohr. Ich hatte ein Date! Und sogar eines, zu dem ich nicht von meiner besten Freundin Sunny, der selbsternannten Kuppelkönigin, genötigt worden war.

Zielstrebig schritt ich durch das moderne Großraumbüro der Nordica Consulting zum Damen-WC, schloss mich in einer der Kabinen ein und führte ein etwa zehnsekündiges Freudentänzchen im Gangnamstyle auf. Dann schritt ich mit der professionellsten Miene, die ich zu bieten hatte, wieder an meinen Platz zurück. Voller plötzlicher Motivation baute ich sogar ein animiertes 3D-Männchen in die Vorstandspräsentation ein.

Während ich das Foliendeck fertig formatierte, legte ich mir einen Masterplan für das Date zurecht. Zehn Uhr. Das bedeutete eine sehr limitierte Vorbereitungszeit. Jedenfalls wenn man bedachte, dass mich die Aktenschlacht im Büro noch mindestens zwei weitere Stunden meiner Lebenszeit kosten würde und ich auf gesunde acht Stunden Schlaf kommen sollte. Neben dem Hineinschütten von literweise stillem Mineralwasser war Schlaf ja bekanntlich das wirksamste Mittel gegen vorzeitige Hautalterung. Zumindest, wenn man den Aussagen allerlei genetisch verwöhnter Schauspielerinnen Glauben schenken mochte.

Da Wasser aber für gewöhnlich Volumen im Körper beanspruchte, fiel eine spontane Trinkkur aus. Immerhin wollte ich bei meinem Date weder einen 3-Liter-Wassertank anstelle meines Bauches spazieren tragen, noch fünfminütliche Pipipausen riskieren.

Als ich an diesem Abend meine hellblaue Wohnungstür in der Gertigstraße aufschloss, war es zwanzig nach zehn. Natürlich hatte es im Büro noch länger gedauert als kalkuliert. Mein schöner Masterplan war dahin. Futschikato! Hauptgrund dafür: Ein Anruf von Sunny im Geisteszustand der Verzweiflung.

Sunny war seit Jahr und Tag meine beste Freundin. Als dreijährige Stöpsel im Kindergarten hatte uns die Eisbärengruppe zusammengeführt. Seitdem wir dort am allerersten Tag beide vor Heimweh in die Hose gepullert und anschließend zusammen die Schmach ertragen hatten, waren wir unzertrennlich. Daran hatte letztlich nicht einmal Marius Jaschke irgendetwas ändern können, in den wir während unseres letzten Kindergartenjahres beide unsterblich verliebt waren und an den unsere Mütter zahlreiche selbstdiktierte Liebesschwüre hatten überbringen müssen.

Nach einigen Wochen bitterböser Eifersuchts-Fehde war die Eisbärengruppe Zeuge eines finalen Duells zwischen Sunny und mir geworden. Hinterhältige Tritte gegen dürre Schienbeine und zahlreiche ausgerupfte Haare später – blonde von Sunny und kastanienbraune von mir – erklärten wir den Streit für beendet und schworen Marius Jaschke ein für alle Mal ab. So toll war er dann doch nicht gewesen. Seither war unsere Freundschaft unverwüstlich und Sunny für mich die Schwester, die ich nie gehabt hatte.

Diese Sunny hatte sich kürzlich Hals über Kopf verliebt. Zu meinem Leidwesen in einen verheirateten Typen. Seitdem unterhielt sie mit ihm eine rasante Affäre und erlebte geradezu täglich eine Berg- und Talfahrt der Gefühle. Und ich mit ihr. Der Status „beste Freundin“ verpflichtete eben.

Durch die ausschweifende Telefonseelsorge war nun an ein ausgiebiges Prä-Date-Beautyprogramm nicht mehr zu denken und ich entschied mich pragmatisch gegen eine Ganzkörperenthaarung. Erstens zu anstrengend, zweitens ging es hier nur um Frühstück. Ich war zwar wirklich nicht prüde, aber trotzdem hatte ich nicht vor, mir zwischen Croissant und Rührei die Klamotten vom Leib zu reißen.

Die Gesichtsmaske fiel ebenso aus. Ein Ekzem war wirklich das Letzte, was ich jetzt brauchen konnte. Na ja, abgesehen von einem Date mit Röntgenblick. Somit blieb an diesem Abend eine Extraschicht Gesichtscreme meine einzige Maßnahme zur kurzfristigen Förderung der Schönheit. Danach wankte ich ins Bett und rollte mich wie eine Lakritzschnecke unter meiner kuscheligen Daunendecke zusammen. In dieser Nacht schlummerte ich wie ein Stein. Ein haariger Stein.

Als ich am nächsten Morgen aufwachte, war es neun Uhr drei, wie mir ein zerknautscht einäugiger Blick auf das Handydisplay verriet.

„Holy shit!“ Einem Herzinfarkt bedrohlich nahe fuhr ich in die Senkrechte. In meiner vorabendlichen Nervosität hatte ich offensichtlich völlig verpennt, den Wecker zu stellen.

Innerhalb von Millisekunden sprang ich aus dem Bett und hechtete ins Badezimmer. Während ich aus der Pyjamahose sprang und die Haare auf dem Kopf zu einem wuscheligen Knödel zusammenknüllte, kalkulierte ich den Notfallplan.

„Um pünktlich am vereinbarten Treffpunkt zu sein, bleibt jetzt genau eine halbe Stunde für das Komplettprogramm. Duschen, zehn Minuten. Anziehen, fünf Minuten. Haare bürsten und Gesicht aufmalen, fünfzehn Minuten!“, informierte ich im Tonfall eines Admirals mein Spiegelbild. „Und jetzt: Arschbacken zusammenkneifen, Florentine Bergmann! Die Zeit läuft!“, rief ich dem Spiegel einen finalen Schlachtruf entgegen, bevor meine Unterhose schwungvoll auf der Heizung landete und ich bibbernd unter die eiskalte Dusche hopste. Immerhin das Bindegewebe sollte jetzt angemessen gestrafft sein!

Um neun Uhr vierzig, also eigentlich zehn Minuten hinter dem Plan, sprang ich mit dem Feingefühl und dem Geräuschpegel eines Poltergeistes das Treppenhaus hinunter.

Ich war zufrieden. Meine Erscheinung war zwar meilenweit von „hinreißend“ entfernt, konnte aber durchaus als „passabel“ bezeichnet werden. Jedenfalls sofern ich nicht noch plötzlich den Halt verlor, mit Karacho über das Geländer segelte und mir einen bösen Splitterbruch der Gesichtsknochen zuzog. Das passierte nicht, und so blieb der Status meines Erscheinungsbildes glücklicherweise bei passabel.

Die „Auf-meinem-Kopf-hat-ein-Nagetier-Nestbau-betrieben“-Frisur von vor dreißig Minuten war einem ordentlichen Pferdeschwanz gewichen, der mir in leichten Wellen über die Schultern fiel. Aufgemalt hatte ich mir kein gänzlich neues Gesicht – dazu hatte die Zeit gefehlt –, aber immerhin war das alte Gesicht durch Mascara, Lipgloss und pfirsichfarbenes Rouge frisch in Szene gesetzt. Mein Outfit konnte im besten Fall als unspektakulär beschrieben werden. Dunkelblaue Röhrenjeans, dunkelblaue Chucks, mein beigefarbener Lieblings-Oversize-Pulli aus Kaschmir. Darüber der olivfarbene Steppmantel mit dem flauschigen Fleecekragen.

Als ich wenige Minuten später aus dem Bus stieg und die letzten Meter zum Café Herr Max spazierte, zitterten mir die Knie wie das Kinn eines hysterischen Kleinkindes und das Herz pochte mir bis unter die Schädeldecke.

Julian wartete schon vor der Tür. Als er mich sah, machte sich ein verschmitztes Grübchen-Lächeln auf seinem Gesicht breit.

Aus dem Frühstück wurde ein Brunch und aus dem Brunch ein Mittagessen mit fließendem Übergang zum nachmittäglichen Kaffee und Kuchen. Julian war neununddreißig, Sohn einer Floristin und eines Orthopäden und mit einem älteren Bruder namens Paul an der Ostseeküste aufgewachsen. Der war ebenfalls Orthopäde und arbeitete mit seinem Vater in einer gemeinsamen Praxis. Julian hatte Wirtschaftsingenieurswesen in Hamburg und Stockholm studiert und anschließend sieben Jahre in einer Unternehmensberatung gearbeitet. Wie ich. Ein sehr gutes Zeichen, wie ich fand. Na ja, vielleicht nicht ganz wie ich. Meine Projekte hatten bisher nie Personalabbau erfordert. Julian hingegen hatte bei seinem Spezialgebiet – Umstrukturierung und Sanierung – eine arme Seele nach der anderen entlassen müssen. Das brachte zwar gutes Geld, machte ihn aber nicht glücklich. Ganz im Gegensatz zu dem Herumwerkeln an britischen Oldtimern, wobei er eine besondere Schwäche für Mercedes-Modelle aus den Fünfzigern, Sechzigern und Siebzigern hatte. Mit Mitte zwanzig hatte er seinen ersten Oldtimer in ziemlich abgerocktem Zustand ersteigert und in Hunderten von Stunden zu einem Juwel aufgearbeitet. Ein Sammler hatte ihm das Auto für eine stolze Summe abgekauft. Es folgte der zweite, dritte und vierte Wagen und schon bald konnte Julian gut von seinem Hobby leben. Vor drei Jahren hatte er dann seinen Job in der Unternehmensberatung gekündigt, um sich ganz dem Import und der Aufarbeitung alter Sportwagen zu widmen. Seine letzte Beziehung war ebenfalls drei Jahre her und schlussendlich in die Brüche gegangen, weil seine Exfreundin nicht damit leben konnte, einen bombastisch verdienenden, meist gestressten Unternehmensberater gegen einen gut verdienenden, meist ölverschmierten Autobastler einzutauschen. Neben seinen Autos liebte Julian das Meer, Nutella und seine Familie. Allen voran seine zwei kleinen Neffen Leon und Nico, mit denen er regelmäßig Zeit verbrachte.

Nach dem geteilten Stück Käsesahnekuchen im Karolinenviertel bei Gretchens Villa hatte ich den Eindruck, Julian und ich würden uns schon ewig kennen.

Sieben Wochen später zog ich bei ihm ein. 

2
Flo

Genau dieser Julian steht nun mit vor der Brust verschränkten Armen im Flur unserer gemeinsamen Altbauwohnung in der Hegestraße und blickt mich mit vorwurfsvoller Miene an. Noch ehe ich vollständig durch die Wohnungstür treten kann, bin ich schon in eine Diskussion verwickelt.

„Da bist du ja endlich. Ich hab mir schon Sorgen gemacht!“ In seiner sonst so sanften Stimme schwingt ein unverhohlen angefressener Unterton mit.

„Da ist ja jemand richtig gut gelaunt“, murmle ich in mich hinein.

„Hast du mal auf die Uhr geguckt? Es ist viertel vor zehn!“ Demonstrativ hält mir Julian seinen leicht gebräunten Unterarm mit dem Wald an blonden Härchen unter die Nase. 21:45 leuchtet es auf der Digitalanzeige seiner silbernen Casio-Uhr.

Wortlos nickend trete ich über die Türschwelle auf den Vorleger aus knirschender Kokosfaser. My home is my castle steht dort in schwarzen Buchstaben. Wohl eher die Festung von Mordor am heutigen Abend.

„Das ist das dritte Mal diese Woche, dass du nach halb zehn zu Hause bist. Sind das jetzt die neuen regulären Arbeitszeiten? Dein Chef hat sie doch nicht mehr alle!“ Julian tippt sich mit dem rechten Zeigefinger an die Stirn. Seine grauen Augen funkeln wütend und eine imaginäre Gewitterwolke zieht mit Getöse ihre Kreise über seinem Kopf.

„Bitte, Julian.“ Flehend schaue ich an ihm vorbei ins Wohnzimmer zu unserem herrlich weichen Sofa. Da wollte ich jetzt liegen. In absoluter Stille. „Eine Diskussion über meine Arbeitszeiten oder Herrn Schröder ist gerade das Letzte, was ich brauche. Ich hatte einen super anstrengenden Tag. Ich bin hundemüde.“ Entnervt lasse ich meine dunkelbraune Aktentasche zu Boden sinken und lege meinen Trenchcoat über den Samtsessel mit den schnörkeligen Goldfüßchen. Den unbequemen Blazer werfe ich gleich hinterher.

Julian steht im Türrahmen zum Wohnzimmer und beobachtet jede meiner Bewegungen mit Argusaugen. Offenbar biete ich einen jämmerlichen Anblick, denn nach einem resignierten Schnaufen ändert er seine Strategie von Konfrontation zu Mitgefühl.

„Ich hab gekocht“, sagt er versöhnlich. „Hähnchenfilet mit Kräuterkruste und Kartoffelgratin. Ist zwar jetzt schon kalt, aber ich kann es für dich aufwärmen, wenn du magst.“

„Du hast gekocht?“, frage ich ungläubig, während ich aus meinen schwarzen Lederpumps schlüpfe. „Gibt es einen besonderen Anlass? Ich hab doch nicht etwa irgendeinen wichtigen Tag vergessen, oder?“, setze ich misstrauisch hinterher. Julian und Kochen – das ist sehr ungewöhnlich.

„Nein. Nichts Besonderes. Einfach so. Ich dachte, ein schöner gemeinsamer Freitagabend würde uns beiden mal wieder guttun“, erklärt er bemüht beiläufig. Trotzdem klingt er enttäuscht.

Auf Socken rutsche ich über den abgeschliffenen Dielenboden, schlinge die Arme um ihn und küsse ihn auf den Mund. Sein Dreitagebart kitzelt meine Lippen. Wie schön es doch ist, nach einem langen Arbeitstag zu ihm nach Hause zu kommen. Sogar zu dieser mürrischen Version von ihm.

„Danke, Schnuffi!“

Julian liebt es, wenn ich ihn so nenne. Meistens trägt ein süßes „Schnuffi“ nicht unerheblich dazu bei, dass er sich bei einem drohenden Streit doch noch erweichen lässt.

„Wirklich, du bist der Beste“, flüstere ich ihm zwischen zwei gehauchten Küssen ins Ohr.

Julians Miene hellt sich schlagartig auf. Die Gewitterwolke schrumpft zu einem grauen Klumpen zusammen.

„Aber wenn ich ganz ehrlich bin, Schnuffi, hab ich kein bisschen Hunger“, gebe ich zögerlich zu, während ich durch sein sandfarbenes Haar streiche.

Julians rechte Augenbraue fährt ruckartig eine Etage höher. Hab-Acht-Stellung!

„Ein Glas Wein mit dir auf dem Sofa und ein Film zum Entspannen wären aber fantastisch. Okay?“, füge ich eilig hinzu und klimpere mit den Augen wie die Maus in Die Sendung mit der Maus. Nur das charakteristisch klappernde Geräusch fehlt. Sonst wäre es sehr authentisch gewesen.

Da muss Julian dann doch unfreiwillig lachen. Gewitterwolke verpufft.

„Na gut, Maus. Wie du magst.“ Er drückt mir einen Kuss auf die Stirn und verschwindet in der Küche. Während ich ihn mit den Weingläsern hantieren höre, lasse ich mich auf unser großes graues Sofa sinken und ziehe mir die kuschelige Decke aus Mohair bis unters Kinn. Die haben wir im letzten Oktober bei einem Kurztrip nach Dublin gekauft und ihr farbenfrohes Karomuster kann mich sogar nach Arbeitstagen wie diesem aufmuntern.

Mannomann, mir tut alles weh. Wie kann man sich mit dreiunddreißig nur so verdammt alt fühlen? Okay, dreiunddreißig ist nicht mehr achtzehn, aber doch auch nicht siebzig! Im Moment quetscht die Arbeit einfach alle Energiereserven aus mir heraus wie ein Barkeeper trüb-sauren Saft aus einer Limone. Das aktuelle Projekt, das ständige Reisen, die schier endlosen Bürotage.

All das ist auch ohne Schröder schon anstrengend genug. Der setzt dem Arbeitserlebnis aktuell nur noch die Krone auf. Aufgrund diverser, höchst brisanter Projekte schwankt sein Seelenzustand minütlich zwischen dem eines launisch polternden Egozentrikers und dem einer kapriziösen Prima Ballerina. Dass er sich nächste Woche auf irgendeine südliche Insel in den Urlaub vertschüssen würde, machte es auch nicht besser. Offene To-Dos waren ihm ein Graus. Da konnte er nicht entspannen. Und damit auch kein anderer.

Aber ich hab es ja so gewollt. Die Beförderung vor neun Monaten von der Senior-Associate-Stelle hin zum lang ersehnten Manager-Posten hat neben der neuen Visitenkarte aus cremeweißem Büttenpapier genau eins mit sich gebracht: noch mehr Arbeit. Frei nach dem Motto: „Du hast es so gewollt, Weib! Jetzt wirst du auch geknechtet!“

Und so kenne ich mittlerweile die Flughäfen der Republik besser als ihre Innenstädte, nehme an den Geburtstags- und Einweihungsfeiern meiner Freunde meist nur über die sozialen Medien teil, und ein Haustier hätte bei mir eine geringere Überlebenserwartung als ein Nutellaglas in Julians Nähe.

Mit ihm hab ich zwar einen echten Traummann an meiner Seite, aber aktuell bleibt einfach kaum Zeit und Energie für unser gemeinsames Leben.

Genau dieser Traummann kommt nun mit zwei bauchigen Gläsern Rotwein aus der Küche getapst. An den Füßen hat er die dunkelblauen Hausschlappen, die ich ihm zum letzten Nikolaus geschenkt habe. Auf dem rechten Fuß steht Küsten und auf dem linken Junge – Küstenjunge.

„Danke, Schnuffi.“ Dankbar nehme ich das Glas entgegen und parke meine Füße auf Julians Schoß.

„Bitte, Maus.“ Er nimmt meine freie Hand in seine. Fest und warm. „Schön, dass du da bist.“

Wir stoßen an und ich nehme einen tiefen Schluck.

„Hmmm“, seufze ich. Der Amarone, den wir von unserem letzten Besuch beim italienischen Teil meiner Familie aus Verona mitgebracht haben, schmeckt wunderbar. Wein ist einfach eine grandiose Erfindung.

Und Wein ist vor allem nicht einfach Wein. Jedenfalls nicht für mich. Wein ist ein ganzes Universum an Farben und Geschmäckern. Wein erzählt Geschichten, Wein entführt in ferne Länder. Falls die Buddhisten mit ihrer Weltanschauung tatsächlich auf dem richtigen Dampfer sein sollten und es ein nächstes Leben geben würde, dann würde ich in der nächsten Runde Sommelière werden.

„Und, wie war dein Tag, Schnuffi?“, frage ich. Trotz aller Erschöpfung bemühe ich mich redlich, den Anschein der interessierten Freundin zu wahren. Julians Augen beginnen prompt zu glänzen wie die polierten Felgen seiner Oldtimer.

„Es war super! Die Kids sind einfach klasse. Paul und ich haben mit den beiden am Timmendorfer Strand rumgetobt. Sandra ist doch gerade auf Fortbildung und Paul noch bis Mittwoch Strohwitwer. Leon, Nico und ich haben jedenfalls eine richtig coole Sandburg gebaut. Vierstöckig. Du wärst ehrlich beeindruckt gewesen, Maus.“

Beim Gedanken an seine zwei kleinen Neffen strahlt er wie ein Reaktor kurz vor der Kernschmelze. Unwillkürlich muss ich an meine Geschäftsreise nach Aachen in der vergangenen Woche denken. Tihange abschalten stand da auf einem knallgelben Zettelmeer an Fensterscheiben von Privatpersonen und Ladenlokalen. Sagte mir nichts, aber Google wusste Bescheid. Tihange ist ein Atomkraftwerk knapp hinter der belgischen Grenze. Und da Aachen bekanntlich nah an Belgien dran ist, sind die Aachener naturgemäß keine großen Freunde der „strahlenden“ Nachbarschaft.

Egal. Zurück zu den Neffen.

Nico ist inzwischen schon fünf, Leon drei Jahre alt, und beide wachsen wie Unkraut. Julian ist völlig vernarrt in die beiden und gerät jedes Mal schwer ins Schwärmen, wenn er Zeit mit ihnen verbracht hat. Besonders dann, wenn diese Zeit damit verbunden war, in Matsch oder Sand zu wühlen. Jungs eben.

Als wir uns vor zweieinhalb Jahren kennenlernten, fand ich das noch sehr, sehr süß. Inzwischen aber schrillt bei den Namen Nico und Leon ein ganzer Chor an Alarmglocken. Denn jeden Tag, den er mit den beiden verbringt, nimmt er zum Anlass, das Kinderthema auf die Tagesordnung zu bringen.

Ergänzung: das leidige Kinderthema.

Noch bevor ich überhaupt antworten kann, geht es auch schon los. Julian nimmt Fahrt auf.

„Wenn man mit den beiden so herumtobt, kriegt man sofort gute Laune. Ich kann schon verstehen, dass die Leute sagen, Kinder würden das Leben unheimlich bereichern. Das nächste Mal musst du unbedingt mitkommen, Maus!“ Aufgeregt drückt er meine Hand.

Ich bemühe mich um Contenance und nehme noch ein Schlückchen Rotwein. Seine Begeisterung rutscht an mir ab wie ein Pfannkuchen an einer neuen Teflonpfanne.

„Ich arbeite freitags“, erwidere ich kühl.

„Natürlich nicht am Freitag.“ Julian rollt theatralisch mit den Augen. „Irgendwann. Am Wochenende oder so.“ Er stellt sein Glas auf den Wohnzimmertisch. Dann beugt er sich zu mir und küsst mich auf die Nasenspitze. „Weißt du was, Maus?“

„Hm?“, lautet meine unmotivierte Minimalantwort. Na, jetzt bin ich mal gespannt, schiebe ich in Gedanken hinterher.

Julian nimmt mein Weinglas und stellt es ebenfalls auf den Wohnzimmertisch. Anschließend greift er nach meiner rechten Hand und umschließt sie mit beiden Händen. Seine Augen glänzen auf einmal verdächtig feucht. Irritiert gucke ich auf das Knäuel an Fingern.

„Ich hab mir heute vorgestellt, wie es wäre, wenn wir zusammen ein Kind hätten ...“

Verdammte Axt! Mein Herz dröhnt wie ein Presslufthammer. Ba-bumm, ba-bumm. Ich höre mein Blut wie einen Sturzbach in meinen Gehörgängen rauschen. So oder so ähnlich muss sich eine Nahtoderfahrung anfühlen.

„Das wäre doch das tollste Projekt aller Zeiten, oder?“, setzt Julian nach.

Ba-bumm‚ ba-bumm.

„Ich finde, es wäre langsam der richtige Zeitpunkt, Maus. Was sagst du?“

Ba-bumm, ba-bumm, ba-bumm.

Erwartungsvoll lauert Julian auf meine Reaktion. Ich hingegen habe neben einem immensen Fluchtreflex auf einmal das dringende Bedürfnis, mir mein Rotweinglas zu schnappen, es am Wohnzimmertisch zerschellen zu lassen und mir eine Scherbe direkt in die Herzkammer zu rammen.

Tief durchatmen. Nicht hyperventilieren!, befehle ich mir und blinzle nervös in den stillen, tiefroten See in meinem Weinglas.

„Schnuffi, es freut mich wirklich sehr, dass du so einen schönen Tag mit deinen Neffen hattest. Aber ...“, taste ich mich vor.

Julian legt irritiert den Kopf schief.

„... aber wir haben doch mehr als einmal darüber gesprochen, oder?“

Julian legt den Kopf noch ein wenig schiefer und kneift voller Skepsis die Augen zu engen Schlitzen zusammen.

„Kinder, ja. Irgendwann“, füge ich vorsichtig hinzu.

Das liebevolle Glänzen in Julians grauen Augen verschwindet. Seine Mundwinkel wandern gen Süden.

Ein bisschen wie unsere Angie, huscht es mir durch den Kopf.

Ich muss mich sehr bemühen, meiner Mimik weiterhin einen neutralen Anschein zu verleihen. Immerhin weiß ich ganz genau, was jetzt kommen wird. Vor meinem inneren Auge sehe ich die gleich folgende Konversation lebendig wie ein Bühnenstück: Nein, Maus. Nicht wir haben über Kinder gesprochen.

„Wir“ schön lang gezogen.

Ich habe versucht, mit dir darüber zu sprechen.

„Ich“ ebenfalls schön lang gezogen.

Aber du lässt mich jedes Mal eiskalt abblitzen!

Das „du“ zischt durch die Luft wie eine fliegende Untertasse.

Beim Gedanken an den Fortgang dieser zermürbenden Konversation würde ich Julian sehr gern prophylaktisch das Sofakissen mit dem aufgestickten Hirschkopf auf den Mund pressen.

„Nein, Maus. Ich finde nicht, dass wir darüber gesprochen haben.“ Wäre dieses „wir“ ein Kaugummi gewesen, man hätte ihn von den Zähnen aus mehrfach um den eigenen Zeigefinger wickeln können.

„Ich habe versucht, mit dir darüber zu sprechen. Allerdings lässt du mich jedes Mal abblitzen, wenn ich das Wort ‚Kind‘ auch nur in den Mund nehme.“

Betonungen wie erläutert. Wusste ich es doch! Und da sollte noch mal einer sagen, recht zu haben verschaffe Genugtuung und Freude.

Flehend gucke ich zu dem zarten Holzkreuz an der gegenüberliegenden Wand. Ein dürrer Jesus baumelt da in all seinem Leid. Das Kruzifix war ein Geschenk meiner erzkatholischen italienischen Oma Cécilia. Die war nämlich der Ansicht, dass Jesus besser einen gestrengen Blick auf mich haben sollte, wenn ich schon außerhalb jeglicher familiärer Einflussnahme in wilder Ehe im fernen Deutschland hause.

„Mensch, Jesus“, murmle ich kaum hörbar. Jetzt wäre echt ein guter Zeitpunkt, eines deiner Wunder zu bewirken!, schicke ich in Gedanken hinterher und versuche, die telepathische Übertragung durch intensives Starren auf das Kruzifix zu beschleunigen.

„Maus, wir reden hier doch nicht von der Beulenpest, oder?“ Julian drückt auffordernd meine Hand zwischen seinen Händen. Nur noch mein linker, kleiner Finger guckt aus der Höhle heraus, die Julians kuchentellergroße Hände gebildet haben. Das Bild erinnert mich stark an das Beinchen eines glücklosen Grashüpfers bei der Begegnung mit einer fleischfressenden Pflanze.

Mein Blick springt besorgt zwischen Jesus und Julian hin- und her.

Julian führt sein leidenschaftliches Plädoyer indes unbeirrt fort. „Und ich will damit doch auch nicht ausdrücken, dass wir jetzt ein Kind haben sollen. Aber ich möchte schon wissen, wie du grundsätzlich dazu stehst, und darüber sprechen, wie wir uns unser gemeinsames Leben in den nächsten Jahren vorstellen. Nicht mehr und nicht weniger.“

Danke, Jesus. Das hat ja toll geklappt! Ruckartig setze ich mich auf und ziehe die Beine von Julians Schoß. Meine Hand befreie ich durch ebenso ruckartiges Ziehen.

„Schnuffi, bitte.“ Verteidigungsmodus: aktiv. Italienisches Gestikulieren: aktiv. „Wir haben mehrfach darüber gesprochen. Und ich habe dir jedes Mal erklärt, wie ich dazu stehe. Jedes einzelne Mal. Kinder: ja. Irgendwann. Aber irgendwann ist nicht jetzt!“

Dann schalte ich demonstrativ den Fernseher ein. Julian guckt gekränkt.

Eine stumme Minute lang starrt Julian mich und ich den Fernseher an, dann kassiere ich die ebenso barsche Antwort.

„Also gut. Wie du meinst.“ Er verschränkt die Arme vor der Brust. „Dann haben wir eben darüber gesprochen. Das sehe ich zwar völlig anders, aber okay. Eine Sache verstehe ich allerdings ganz und gar nicht, Flo. Und es wäre schön, wenn du mir die erklären könntest.“

„Natürlich“, lautet meine überfreundliche Antwort, während ich meine Beine schützend noch ein Stückchen näher an mich heranziehe. Meine Knie kleben jetzt fast unter dem Kinn. Außerdem schlinge ich die bunte Karodecke noch ein bisschen fester um meinen Körper und drapiere zwei kleine Sofakissen zwischen Julian und mir.

Dafür kassiere ich einen schwer genervten Blick. Ganz offensichtlich fasst Julian meine Umbaumaßnahmen als feindlich gesinnten Mauerbau auf. Er packt eines der fliederfarbenen Kissen und schleudert es auf den wuchtigen grauen Tweedsessel, der schräg neben dem Sofa steht.

„Ich würde gerne mal von dir erklärt bekommen, warum du so allergisch auf dieses Thema reagierst!“

Kein Zweifel. Julian kocht vor Wut.

Wortlos starre ich auf das zwischen uns verbliebene Kissen und nestle nervös an den Rändern meiner Decke. Nach und nach rupfe ich bunte Fussel davon ab und versammle sie in einem kleinen Häufchen in meiner Handfläche.

Julian beobachtet mich mit bedrohlich emporgezogenen Augenbrauen. Er wartet auf eine Antwort, die ich ihm nicht geben kann. Oder will. Kein Pieps kommt aus meiner Sofaecke. Nur das stetige Rupf-Geräusch von meiner Knibbelei am Deckenrand. Rupf. Rrrupf. Rupf.

Was soll man darauf auch schon erwidern? Und von „allergisch reagieren“ kann sowieso keine Rede sein! Ich stecke einfach nur meine Grenzen ab, und das ist ja wohl ein völlig natürlicher Schutzmechanismus als Reaktion auf externe Angriffe der Privatsphäre. Dazu zählen eindeutig auch spätabendliche Verhöre durch den eigenen Freund.

Julian schüttelt stumm den Kopf und fixiert einen meiner abgerupften Wollfussel auf dem Parkettboden. Als er wieder aufschaut, spricht aus ihm die blanke Enttäuschung.

„Ich will ehrlich mit dir sein, Flo.“ Resignierter Seufzer. „Ich habe absolut keine Ahnung, warum du so auf mich reagierst.“ Ratloser Seufzer. „Nur zur Erinnerung: Ich liebe dich und ich bin der Letzte, der dir etwas Böses will! Auch wenn du mir gerade ein anderes Gefühl vermittelst.“ Überaus resignierter ratloser Seufzer.

Ich starre und rupfe weiterhin stumm vor mich hin. Rupf, Rrrupf. Außerdem frage ich mich, ob so eine Wolldecke kahl werden kann.

Julian, der Ritter von der traurigen Gestalt, führt seinen Monolog fort. „Es gibt ja wohl Schlimmeres, als wenn ein Mann zu seiner Freundin sagt, dass er sie sich als Mutter seiner Kinder vorstellt.“

Er wirft mir einen Blick zu, als hätte ich mit voller Absicht den Mercedes-Stern von seinem Lieblingsoldtimer heruntergebrochen und würde ihn nun stolz als perfide Trophäe um den Hals tragen.

„Aber weißt du was? Wenn du keine Kinder mit mir haben möchtest, dann sag es doch einfach gerade heraus!“ Er wendet den Blick von mir ab und starrt auf den Fernseher. Der Spielfilm der Primetime ist gerade zu Ende. Allerhand Namen von Mitwirkenden laufen zur heiter dudelnden Abspannmelodie über den Bildschirm.

Also, falls es da oben im Himmel jemanden gibt, der hier unten auf Erden die Strippen zieht, dann muss dieser Jemand an der Wahl seines Soundtracks noch feilen. Irgendetwas Dramatisches von Wagner hätte jetzt eindeutig besser zur Stimmung gepasst als diese Dumdideldum-Musik.

„Ach komm, Schnuffi. So meine ich das doch nicht.“ Versöhnlich greife ich nach Julians Hand. Vielleicht lässt sich die totale Eskalation des heutigen Abends ja doch noch vermeiden. „Natürlich will ich Kinder mit dir und das weißt du doch auch.“ Das stimmt sogar.

Julian blinzelt skeptisch.

„Aber eben nicht jetzt, Schnuffi. Das Projekt ist gerade auf seinem Höhepunkt und Schröder will Ergebnisse sehen. Ich habe einfach momentan andere Sorgen, als mir über imaginäre, zukünftige Kinder Gedanken zu machen.“

Und wie das erst stimmt! Diese Diskussion soll einfach nur vorbei sein!

Bitte, Santa Maria, lass Julian das Thema vertagen!, schicke ich ein weiteres Stoßgebet gen Himmel. Wenn Jesus schon nicht hilft, dann vielleicht seine Mutter. Wenigstens auf Mütter muss in dieser verkommenen Welt doch noch Verlass sein!

Julian ahnt ja gar nicht, wie sehr mich das alles unter Druck setzt. Wie er mich unter Druck setzt. Ist doch klar, dass es mich beschäftigt, dass der Mann, mit dem ich mein Leben zu verbringen plane, mir vorwirft, ich würde seinen Kinderwunsch torpedieren. Dabei ist es überhaupt nicht so, dass ich nicht will. Nur eben nicht jetzt. Das ist argumentativ ja wohl ein himmelweiter Unterschied.

Wie sagt man so schön: Das Timing ist gerade suboptimal. Man bestellt sich ja auch kein Mettbrötchen mit einem Haufen gehackter Zwiebeln oben drauf, wenn man noch in ein Meeting muss. Das heißt aber nicht automatisch, dass man Mettbrötchen nicht mag oder Vegetarier ist. Es ist halt nur nicht immer die richtige Zeit für Mettbrötchen mit Zwiebeln!

Julian wirft einen flüchtigen Blick zu Jesus an der gegenüberliegenden Wand, als würde er ahnen, dass ich längst göttlichen Beistand angefordert habe. Dann reißt er flehend die Arme gen Himmel. Meine linke Hand flutscht aus seinem Griff und landet wie Fallobst auf einem apfelgrünen Karo der Mohair-Decke.

„Das Projekt hier, das Projekt da“, schnaubt er. „Okay. Meinetwegen. Aber meinst du nicht, dass es auch noch etwas anderes im Leben geben muss als Arbeit? Auch wenn jetzt vielleicht nicht der optimale Zeitpunkt für Kinder ist, na und? Darüber reden und Pläne schmieden wird man ja wohl noch dürfen! Und weißt du, was ich schon dreimal nicht verstehe?“ Julian verengt investigativ die Augen. Wie ein Insektenforscher, der einen sehr, sehr kleinen Käfer unter die Lupe nimmt. „Warum dir die Meinung von diesem Schröder so verdammt wichtig ist. Wenn ich daran denke, was du so über ihn erzählst, dann ist er nichts weiter als ein armseliges Würstchen, das mit seinem Schreibtisch verheiratet ist!“

Zur Untermauerung seines Missfallens packt er das zwischen uns verbliebene Kissen und feuert es zu seinem behirschten Verwandten auf den Sessel. Dahin ist er, mein Schutzwall. Und sowohl Jesus als auch Maria haben ihren Einsatz verpasst. Toll.

„Schnuffi, bitte!“

Julian sieht mich lauernd an. Na, da bin ich mal gespannt auf die Antwort, prangt geradezu auf seiner Stirn.

Die Situation ist sonnenklar. Weil er mit seinen eigenen Argumenten nicht weiterkommt, versucht Julian jetzt also, Unbeteiligte mit in die Sache hineinzuziehen. Überhaupt ist er der Meister der irrationalen Interpretation von Sachverhalten. Und da soll noch mal einer sagen, Männer seien das rationale Geschlecht. Pff!

Bedächtig streiche ich die Decke über meinen Knien glatt, bevor ich einen letzten Versuch zur gütlichen Einigung wage. „Ja. Zwangsläufig ist mir Schröders Meinung wichtig. Er ist immerhin mein Chef und hat damit nun einmal direkten Einfluss auf die Projekte, die ich mache, sowie generell auf mein berufliches Fortkommen.“ Ich höre mich an wie der Erklärbär. „Und ja, Herr Schröder kann manchmal sehr aufmerksamkeitsintensiv sein. Nichtsdestotrotz hatte ich vorher noch nie einen Chef, von dem ich so vieles lernen konnte, und ich halte große Stücke auf ihn. So. Mehr gibt es dazu nicht zu sagen.“

Julians passiv-aggressive Haltung verwandelt sich in ein bitterböses Grinsen. Auch sein sonst von mir so heißgeliebtes Grübchen prangt geradezu aufmüpfig auf seiner Wange. Es ist nicht zu übersehen, was er von meiner Erklärung hält.

„Achso. Nur eines noch“, lasse ich mich deshalb zu einer weiteren Rechtfertigung hinreißen. „Schröder hat mit meinem Standpunkt, jetzt gerade in diesem Moment noch kein Kind in die Welt setzen zu wollen, überhaupt nichts zu tun. Und zwar kein bisschen, Julian. Es geht hier in erster Linie um das aktuelle Projekt, von dem du nebenbei genau weißt, welche Bedeutung es für meine berufliche Zukunft hat! Das ist meine Chance, der Führungsetage zu zeigen, dass es richtig war, mir die Verantwortung für die Implementierung der neuen Vertriebsstrategie in allen deutschen Standorten von Johnson Power Tools zu übertragen. Es war ein absoluter Glücksfall für mich, dass Carsten kurz vor Projektstart gekündigt hat. Jetzt muss ich eben auch zeigen, was ich draufhabe!“

Julian reibt sich mit der freien Hand über die Stirn. Er macht keinen Hehl daraus, dass er genervt ist. Das Grübchen ist unter einer glattgezogenen Decke stoppeliger Männerhaut abgetaucht.

„Alles klar. Das Projekt ist wichtig, kapiert. Ich war selbst mal Berater, nur falls du das vergessen haben solltest“, ätzt er.

„Ja, du warst auch Berater, Schnuffi. Und nein, das habe ich selbstverständlich nicht vergessen.“ Zum zehnten Mal streiche ich über dasselbe apfelgrüne Karo der Mohair-Decke. Jetzt kommt also die Ich-war-selbst-Berater-Karte. „Deshalb weißt du auch, dass man sich nicht einfach so aus laufenden Projekten rausziehen kann“, kontere ich entsprechend.

„Ja. Dein Projekt ist natürlich das Zentrum des Universums und dein Mitwirken ist unersetzlich. Ganz klar.“ Nach diesem Seitenhieb direkt vom Gipfel des Sarkasmus-Mount-Everests starrt Julian stumpf in den Fernseher. Eine klare Demonstration dessen, was er von meiner Argumentation hält. Was er von dem hält, was mir wichtig ist! Tief in meiner Magengrube bildet sich ein Nest weißglühender Wut.

„Und es ist auch ganz egal, Julian“, gifte ich ihm entgegen. Kein „Schnuffi“ mehr. Es hat sich ausgeschnuffit. „Ich will jetzt einfach kein Kind. Nicht heute, nicht morgen und auch nicht übermorgen. Wie es nächstes Jahr aussieht, darauf kann und werde ich mich ebenfalls hier und heute nicht festlegen. Herrgott im Himmel!“, kommt es mit Volldampf aus meinem Mund geschossen, untermauert von wildem Gefuchtel.

Entgeistert starrt Julian mich an. In seinem Blick steht die blanke Verletzung.

„Weißt du was, Flo? Wenn du keine Kinder mit mir willst, gut! Dann sag es einfach. Du bist doch sonst auch immer so gerade raus. Aber schieb nicht immer feige deine Arbeit vor!“ Wütend funkelt Julian mich an. Wütend funkle ich zurück.

„Das ist doch totaler Blödsinn!“, fauche ich.

Es wäre deutlich schlauer gewesen, in dieser Situation kleine Brötchen zu backen. Schließlich bin ich es, die jeden Tag spät nach Hause kommt und im Moment nichts für unsere Beziehung tut. Aber diese Unterstellung kann ich ja nun auch nicht auf mir sitzen lassen.

„Und außerdem hat das überhaupt nichts mit uns zu tun. Nichts! Niente! Jetzt gerade ist einfach nicht der richtige Zeitpunkt! Ich habe nicht unbegrenzt Zeit, an meiner Karriere zu arbeiten. Und es ist überhaupt nicht so, dass ich dich nicht verstehen könnte. Kann ich, ehrlich! Aber du bist ein Mann“, verkünde ich die unübersehbaren Fakten.

„Ach, wirklich? Ich bin also ein Mann? Mensch, Sachen gibt’s!“ Julian schüttelt in gespielter Überraschung den Kopf wie ein Wackeldackel.

„Jetzt tu nicht so, als ob das irrelevant wäre, Julian“, fauche ich entrüstet. Inzwischen habe ich mich auf dem Sofa kerzengerade aufgerichtet, bereit zur finalen Schlacht der Argumente. „Wenn ich der Mann in unserer Beziehung wäre, dann würde ich auch Kinder wollen. Gerne. Eins, zwei, meinetwegen sogar drei. Wunderbar! Das würde mein Leben als Y-Chromosomenträger nämlich nicht völlig auf den Kopf stellen und meine Karriere killen. Und mein Bindegewebe gleich mit!“

Julian starrt mich mit heruntergeklappter Kinnlade an, als spräche ich Hindu.

„Ja, ist doch wahr!“ Aufgebracht knote ich meine Haare zu einem wuscheligen Knödel zusammen. Bei Streitgesprächen kann ich grundsätzlich keine Ablenkung gebrauchen, und schon gar keine Haare im Gesicht.

Sobald die Haare untergebracht sind, setze ich erneut an.

„Das ist evolutionär bedingt. Männer investieren für die Reproduktion quasi nichts, ein bisschen Genmaterial, fertig. Ist ja auch völlig klar, warum. Damit sie dann schnell weiter den Säbelzahntiger über die Steppe jagen und, zack, die Nächste befruchten können. Für Frauen hingegen ist das eine high-involvement-Sache. Die sitzen dann erst mal jahrelang in der Höhle und warten darauf, dass der Mann ihnen was zum Brutzeln auf die Feuerstelle schmeißt. Deshalb will das wohl überlegt sein, das Kinderthema!“

So. Es ist raus. Was sollte Julian der Evolution noch entgegenzusetzen haben? Eben, nichts!

„Aber ist ja auch ganz egal. Jetzt ist jedenfalls nicht der richtige Zeitpunkt. Lass uns einfach mit dem Thema aufhören, ja?“

Aber Julian denkt gar nicht daran, aufzuhören. Er steht ruckartig vom Sofa auf und brüllt, dass die Wände wackeln. Wie ein Säbelzahntiger.

„Und genau das nervt mich so, Flo! Du tust gerade so, als sei das Leben vorbei, sobald man ein Kind hat. Was heißt hier überhaupt: Männer investieren nichts in die Reproduktion? Was ist das denn für ein antiquierter, gequirlter Mist? Ach, und was den richtigen Zeitpunkt betrifft: Soll ich dir mal was sagen? Den richtigen Zeitpunkt gibt es nicht. Für niemanden. Wenn du also Ausreden finden willst, wirst du immer welche finden.“ Sichtlich aufgewühlt tigert er vor dem Fernseher auf und ab.

„Das ist wirklich der ideale Zeitpunkt, um diese Diskussion zu führen“, murmle ich abfällig aus meinem bunt karierten Schutzanzug.

Julian hat inzwischen schon die vierte Bahn im Wohnzimmer gezogen. Vier Schritte hin. Tap, tap, tap, tap. Vier Schritte zurück. Tap, tap, tap, tap. Es macht mich wahnsinnig.

Jetzt greift er nach der Fernbedienung. Das Fernsehbild erlischt. Ein rabenschwarzer Hintergrund für einen rabenschwarzen Abend.

„Gut! Meinetwegen brauchen wir diese Diskussion gar nicht mehr zu führen“, konstatiert Julian mit der monotonen Bestimmtheit einer amtlichen Bekanntmachung. „Dann bekommen wir eben kein Kind. Ist angekommen. Du kannst ja deine Arbeit heiraten, wenn sie dir so am Herzen liegt. Mach, was du für richtig hälst!“ Er fährt sich nervös mit der Hand über den Mund. „Aber ist dir bei all deinem Gequatsche über deine so unglaublich wichtige Karriere jemals auch nur in den Sinn gekommen, dass Kinder für andere Leute kein Klotz am Bein sind? Dass Menschen mit Kindern wirklich glücklich sind? Eins kann ich dir jedenfalls sagen: Meinen Bruder habe ich noch nie glücklicher gesehen!“ Wütend klatscht Julian die Fernbedienung auf den hölzernen Wohnzimmertisch. Der Knall lässt mich auf dem Sofa zusammenfahren.

Stille.

Ungelenk befreie ich mich aus meiner Decke.

„Schnuffi, jetzt beruhig dich doch. Bitte.“

Ich habe es in der Hand: Krieg oder Frieden.

„Ich habe doch nie gesagt, dass ich keine Kinder will. Irgendwann, na klar. Und wenn, dann natürlich mit dir! Nur eben nicht jetzt und auch nicht nächstes Jahr. Ich will mir damit keinen Stress machen. Wir haben doch noch genügend Zeit dafür, oder weiß ich hier irgendetwas nicht?“

Julian bleibt genau vor mir stehen, fährt sich aufgewühlt durch das dunkelblonde Haar und blitzt mich aus verengten Augen an. „Genau das ist der Punkt, Flo. Ich finde nicht, dass wir ewig Zeit haben. Ich bin einundvierzig. Ehrlich gesagt habe ich keinen Bock, mit fünfundvierzig Vater zu werden. Ich will mit meinem Kind noch was erleben. Fußball spielen. Auf Bäume klettern …“

„Aha. Und du meinst, dass man das mit fünfundvierzig nicht mehr könnte? Das ist doch lächerlich.“ Ich lache verächtlich. Das ist es also. Verfrühte Midlife-Crisis.

„Ach, ist doch auch egal.“ Julian macht eine wegwerfende Handbewegung und starrt die Wand hinter dem Sofa an, als könnte sie ihm einen klugen Ratschlag geben. Er sieht auf einmal sehr müde aus. Und traurig.

„Ja, finde ich auch“, stimme ich nickend zu. Ich will nicht weiter streiten. „Komm, Schnuffi. Können wir das Thema nicht einfach vertagen und zusammen einen Film gucken?“ Versöhnlich strecke ich die Hand nach ihm aus und klimpere mit den Fingern auf einem imaginären Klavier.

Statt nach meiner Hand greift Julian nach seinem Weinglas und wendet sich zum Gehen. Meine Hand schwebt unbeachtet in der Luft.

„Nein, eigentlich habe ich keine Lust dazu.“ Er dreht mir den Rücken zu und geht in die Küche.

Fassungslos throne ich auf dem Sofa, eingewickelt in meine Decke, und starre ihm hinterher. „Julian! Schnuffi!“

Keine Reaktion.

„Lass uns doch über so einen Quatsch nicht streiten!“

Ich höre, wie er sein Glas auf der Küchenanrichte abstellt. Ich lausche. Keine Antwort.

„Schnuffi?“

Immer noch keine Antwort.

Wenig später ertönt erst Geraschel im Flur und dann das Klicken der heruntergedrückten Klinke der Wohnungstür. Im nächsten Moment fällt diese ins Schloss.

Mit offenem Mund starre ich Richtung Flur. Er ist gegangen. Er ist wirklich gegangen! Ich bin baff. Das hat Julian noch nie getan. Normalerweise bin ich diejenige, die bei einem Streit schmollend und türenknallend abzieht.

Und jetzt? Ich lausche angestrengt. Vielleicht hat Julian die Tür ja nur einmal auf- und wieder zugezogen, um mich glaubend zu machen, er wäre tatsächlich abgezischt. Um mir einen Schrecken einzujagen.

Sofern das sein Plan gewesen sein sollte, hat es ausgezeichnet funktioniert.

Ich horche weiter angestrengt. Nichts. Das Einzige, das zu hören ist, ist das leise, rhythmische Ticken der Wanduhr.

Er ist also echt weg.

Augenblicklich kriecht mir das blanke Unbehagen in den Nacken.

„Verdammter Scheißabend!“, kann ich mir nicht verkneifen. Egal. Es hört ja sowieso nur die einsame Hyazinthe auf dem Wohnzimmertisch zu. Und Jesus natürlich. Aber der hat sicherlich schon Schlimmeres gehört.

Ich schäle mich aus meinem karierten Decken-Cape und tapse auf leisen Sohlen Richtung Flur. Dort angekommen, sondiere ich die Lage. Bedächtig lasse ich den Blick durch den schmalen Raum schweifen.

Vom Schuhregal …

Julians weiße Sneaker mit den blauen Streifen sind weg.

… über die Garderobe …

Genauso wie seine graue Softshelljacke.

… bis hin zum schmalen, weißen Holzregal.

Schlüsselbund ebenfalls. Handy, dito. Alles weg.

Im Gegensatz zu seinem Portemonnaie. Das liegt weiterhin auf seinem angestammten Platz auf dem Holzregal neben der alten Metallschatulle vom Eppendorfer Landstraßenfest im letzten Sommer. Das ist beruhigend. Weit kann Julian schließlich nicht kommen, so ganz ohne Geld. Da muss man nicht Sherlock Holmes sein, um zu wissen, dass er in ein paar Stunden wieder da sein wird. Ach was. Wahrscheinlich in ein paar Minuten!

Sicherlich würde er einmal wutschnaubend um den Block marschieren, bis der gröbste Ärger verraucht war. Spätestens auf Höhe der Isestraße würde er umdrehen, nach Hause kommen und sich für seinen überzogenen Abgang entschuldigen. Genau! So würde es sein und nicht anders. Und bis er wiederkäme, würde ich mich zurück aufs Sofa legen und einen Film gucken. Irgendetwas Seichtes. Zum Abschalten. Mit Hugh Grant vielleicht.

Also tapse ich zurück, lege mich wieder aufs Sofa, ziehe mir die Decke bis unter das Kinn und schalte den Fernseher ein.

Zunehmend missmutig zappe ich durch die Kanäle. Kein Hugh Grant. Ich habe die beeindruckende Auswahl zwischen einer Romantik-Schmonzette mit junger, aber prüder Witwe und altem, aber heißem Landarzt in Cornwall, einem deprimierenden Kriegsdrama zu Zeiten Hitler-Deutschlands und einer fast schon fossilen Folge der Schwarzwaldklinik.

Der Landarzt kriegt seine Chance.

Während ich ihm dabei zusehe, wie er in einem schwarzen Range Rover über saftig grüne Wiesen fährt und sein seitengescheiteltes Deckhaar im Fahrtwind weht, fällt mein mürrischer Blick auf die Wanduhr über dem Fernseher.

Eine halbe Stunde ist seit Julians dramatischem Abgang vergangen. Für „einmal um den Block“ bereits zu lange.

Ich greife nach meinem Handy. Das Display ist schwarz wie die Nacht. Keine Nachricht von Julian.

Also sprach Zarathustra … Was tun? Im Geiste sehe ich meinen ehemaligen Deutschlehrer, Herrn Kerner, mit erhobenem Zeigefinger und theatralischer Miene in seinen ausgeleierten, senfgelben Cordhosen im Klassenraum umherschreiten. Dem Nietzsche Klassiker fügte er immer dann sein schmetterndes „Was tun?“ hinzu, wenn einer der faulen Jungs seine Hausaufgaben vergessen hatte und nun über dessen Schicksal gerichtet werden musste. Eins musste man ihm zugestehen: Sein Literaturunterricht hatte offensichtlich bleibenden Eindruck bei mir hinterlassen.

„Und jetzt?“, frage ich mich selbst und Jesus an der Wand. Aber von dem ist am heutigen Abend sowieso kein hilfreicher Input zu erwarten.

Die erste Frage lautet: Was sind meine Optionen?

Und die zweite, fast noch wichtigere: Welche ist die zu präferierende Option?

Ich grüble, während der Landarzt sein Landarztfahrzeug in Zeitlupe durch eine Herde fluffiger Schafe manövriert, die ihm – oh Wunder! – genau dann die Straße versperren, als die makellos schöne Witwe mit wehendem Haar vorbeischreitet.

Ich könnte anrufen. Damit würde ich Julian entgegenkommen und das wiederum würde die Chancen auf Versöhnung deutlich erhöhen.

Pro.

Wahrscheinlich würde Julian nicht drangehen.

Kontra.

Oder mich sogar wegdrücken.

Kontra hoch tausend! Sollte Letzteres eintreten, wäre ich nämlich in Null Komma Josef wieder auf hundertachtzig. Das wäre gar nicht gut. Dem Frieden nicht zuträglich, wie mein Vater jetzt sagen würde.

Sollte er aber doch drangehen, könnte das ebenfalls ratzfatz in einer neuen Runde Zankerei ausarten. Jedenfalls dann, wenn er eine Entschuldigung von mir erwartete.

So ist das ja meistens. Da macht man einen Schritt auf den Partner zu, und schon ist man wieder mittendrin statt nur dabei. Das gilt es unbedingt zu vermeiden. Außerdem ist morgen ja auch noch ein Tag.

Nach weiteren zwanzig Minuten des Wartens gebe ich auf und gehe ins Bett. Was den Film angeht, ist ja sowieso klar, dass sich der lüsterne Landarzt sehr bald mit der wohlgeformten Witwe im Heu wälzen wird.

Von Julian weiterhin kein Mucks.

Da liege ich also auf meiner Seite der Matratze und grüble. Julian und dieses verdammte Kinderthe…

Noch ehe ich meinen Gedanken beenden kann, vollführt mein Handy einen surrenden Tanz auf Hemnes, dem weißen Ikea-Nachttisch. Ich zucke wie vom Donner gerührt zusammen. Julian!, denke ich, als ich eilig nach dem Smartphone grapsche. Mit Sicherheit hat er geschrieben, dass ihm sein kapriziöser Abgang leidtut und er in fünf Minuten hier eintrudeln wird. Ich schmunzle triumphierend in mich hinein, aber der Blick auf das Display lässt mein Siegerlächeln gefrieren. SUNNY steht da in Großbuchstaben.

Hi Süße,
na, wie gehts? Wollte mal hören, wie es bei dir morgen aussieht? Käffchen und ein bisschen Quatschen? Muss dir unbedingt was erzählen!!! Es geht um Steffen … Ich bin ganz aufgedreht. Alles Weitere persönlich ;) ;).
Looos, sag ja! Küsschen, S.

Frustriert werfe ich den Kopf in mein Daunenkissen, sodass es prall neben meinen Ohren hervorquillt. „Also Sunny, nicht Julian“, stelle ich sachlich fest.

Ich bin enttäuscht. Und gleichzeitig ein bisschen erleichtert. Die Aussicht, mir bei Sunny offen den Frust von der Seele zu reden und dabei ein wenig Abstand zu gewinnen, erscheint mir verführerisch. Außerdem: Wenn ich mit Sunny aushäusig unterwegs wäre, wäre ich logischerweise nicht zu Hause. Ergo erst einmal keinem akuten Streitrisiko ausgesetzt. Ergo einem Happy End einen Schritt näher!

Hi Sunny. Hört sich gut an! Bin gespannt auf deinen Steffen-Bericht. 11:30 Uhr? Küsschen

Vor meinem inneren Auge sehe ich, wie Sunny im Schneidersitz auf ihrem Bett hockt und mit gespitztem Zeigefinger auf ihr Smartphone einhämmert.

Klasse!! Freu mich :) :) :) Hole dich ab. 1130 MEZ! :-*

Beim erneuten Lesen der Nachricht muss ich schmunzeln. 1130 MEZ – Verrückte Nudel! Sunny und ich waren mit vierzehn völlig in den Hauptdarsteller der TV-Serie „J.A.G. – im Auftrag der Ehre“ vernarrt gewesen. J.A.G. stand für das Judge Advocate General’s Corps der US Navy, und jedes Mal, wenn der messerscharfe Anwalt Harmon Rabb in seiner blütenweißen Ausgehuniform über Flugzeugträger schritt, klebten wir am ollen Röhrenfernseher in Sunnys Jugendzimmer.

Wahrscheinlich hat unser heiß geliebter Officer Rabb nach inzwischen neunzehn Jahren längst dünnes Haar und einen Schmerbauch, der unästhetisch die Goldknöpfe seiner Uniform nach außen presst. Nicht dass ich das mit Sicherheit weiß, eventuell tue ich dem Guten also Unrecht. Das sollte ich bei Gelegenheit googeln.

Prima. Freue mich. :-*

Ich schicke die Nachricht auf die mysteriösen Pfade des Internets, schalte das Handy aus und lege es zur Seite. Display nach unten. Das war Julians Chance, sich zu melden. „Dann eben nicht“, motze ich vor mich hin.

Wütend knuffe ich in mein Kissen, während meine Gedanken zum leeren Platz im Schuhregal und dem nackten Kleiderbügel an der Garderobe wandern. Obwohl ich es ungern zugebe, sorge ich mich mittlerweile doch ein wenig um ihn. Und dass ich mich um ihn sorge, macht mich wiederum wütend.

Sorge, Wut. Wut, Sorge. Verflixt, Julian!

Warum musste er mir das bescheuerte Reproduktionsthema auch ausgerechnet heute Abend aufzwingen? Ja, vielleicht wäre irgendwann der richtige Zeitpunkt für Familie. Aber doch nicht jetzt! Und überhaupt soll Julian nicht so einen Trouble machen! Immerhin sage ich ja nicht, dass ich gar keine Kinder will. Und das ist definitiv mal anders gewesen.

„Ich nicht!“ Das hatte ich mir mit zwölf Jahren hoch und heilig im Beisein meines Goldhamsters Rudi geschworen, als ich den kläglichen Verfall meiner Cousine Viola live und in Farbe miterleben musste.

Viola war ein großes, gazellenartiges Wesen mit hüftlangen Goldhaaren. Ein wenig so wie meine dazumal heißt geliebte California-Barbie – Grund genug für mein kindliches Ich, sie zu bewundern. Jedenfalls war Viola nicht nur schön, sondern auch richtig schlau. So studierte sie als einzige Frau in ihrem Semester Biochemie und begann nach dem Abschluss eine rasante Karriere als Forscherin in einem internationalen Pharmakonzern. Die Mission „Rettet den Planeten“ dauerte aber nur so lange an, bis Viola ein allzu klischeehaftes Techtelmechtel mit ihrem allzu verheirateten Chef begann. Das Ende vom Lied: Karriere futsch, dafür einen Braten in der Röhre und keine Spur mehr vom liebestollen Vorgesetzten. Der hatte sich amourös umorientiert und praktischerweise auch gleich nach Asien versetzen lassen.

Der Braten hieß Adrian und wurde von allen liebevoll Addy genannt. An unser erstes Treffen im Borromäus Hospital in Leer erinnere ich mich noch genau. Addy war ein klitzekleines, knautschiges rosa Bündel – glatzköpfig wie eine Bowlingkugel.

Wir waren uns auf Anhieb unsympathisch.

Als Baby brüllte Addy ständig wie am Spieß. Sobald er zu zahnen begann, untermauerte er sein Missfallen auch mit erstaunlich kraftvollen Bissen, sofern man die eigenen Extremitäten nicht schnell genug aus der Schusslinie bringen konnte. Als dies endlich auch unser naiver Familienkater Gonzo begriff, hatte er bereits die Spitze des linken Ohres eingebüßt und einen irreversiblen Knick im Schwanz.

Mir erging es ähnlich wie dem treudoofen Gonzo. Wenn man ganz genau hinsieht, kann man heute noch an meinem rechten Zeigefinger den Abdruck von Addys rechtem Schneidezahn erkennen, den er mir beim ersten und auch letzten Versuch, ihn babyzusitten, ins Fleisch gerammt hatte.

Damals hatte ich mir hoch und heilig geschworen: ein Addy käme mir nicht ins Haus und aus mir würde keine zweite Viola werden. Aus mir nicht!

Aber dann trat Julian in mein Leben. Und von da an war sowieso alles anders.

Ich erinnere mich noch sehr genau an den Nachmittag vor knapp über zwei Jahren, als er meine Eltern kennenlernte. Spätestens nach diesem denkwürdigen Tag wusste ich zu hundert Prozent, dass Julian mich aufrichtig lieben musste. Sonst hätte ich nach der Einladung zu Kaffee und Tortina al Limone – italienische Zitronentarte – nur noch einen Kondensstreifen von ihm gesehen.

Julian war an diesem Tag extrem aufgeregt. Es war ihm äußerst wichtig und sein offiziell erklärtes Ziel, dass meine Eltern ihn mögen und als Mann an meiner Seite als würdig befinden sollten. Dabei waren seine Sorgen völlig unbegründet. Um mich selbst machte ich mir da deutlich mehr Gedanken, denn meine Eltern hatten eine ausgeprägte Passion dafür, alle noch so peinlichen Kindheitsgeschichten in epischer Breite auszurollen und damit potenzielle Partner auf beeindruckend raffinierte Weise zu vergraulen.

Mein Vater Ludwig Bergmann, seines Zeichens habilitierter Professor der Mathematik, stellte dann auch tatsächlich eindrucksvoll unter Beweis, dass Taktgefühl nicht unbedingt positiv mit dem Intelligenzquotienten eines Menschen korrelieren musste. So nannte er mich während des gesamten Nachmittags „meine Kröte“.

„Magst du mir mal die Schlagsahne rübergeben, meine Kröte? Meine Kröte, wie läuft es in der Firma?“

Hilfe!

Seit meiner frühesten Kindheit nennt er mich liebevoll genau so und konnte daher überhaupt nicht begreifen, warum er das doch bitte an diesem Nachmittag unterlassen sollte. Trotz meines eindeutigen Telefon-Briefings und flehenden Appells am Vormittag.

Auch drei Wochen später lachte Julian noch Tränen bei dem Gedanken an die Kröte und begrüßte mich morgens mit einem lauten Quaaak. Glupschaugen und aufgeblasene Wangen inklusive.

Wer nun denkt, diese Story sei an diesem Nachmittag der einzige Angriff auf mein intaktes Liebesleben gewesen, der irrt gewaltig. Nachdem Papa Julian mit der Kenntnis über meinen herzallerliebsten Kosenamen beglückt hatte, stellte meine Mutter die Frage aller Fragen. Jene Frage, die beim ersten Treffen mit den Schwiegereltern in spe kein Mann hören will.

„Und, Julian, wie steht es mit Ihrer Lebensplanung? Möchten Sie irgendwann einmal Kinder?“

Herrgott im Himmel! Ich weiß, dafür kommt man in die Hölle, aber in diesem Moment hegte ich wahrhaftig den Gedanken, meine eigene Mutter mit der Kuchengabel zu erstechen. Nur die Schockstarre hinderte mich daran, meiner Mordlust freien Lauf zu lassen.

So saß ich wie festgefroren auf der hanseatisch gestreiften Sitzbank. In meinem Kopf ratterte es: Das war’s, das war’s, das war’s! Julian würde mich auf dem Rückweg an einer Hauptstraße aus dem alten Mercedes schubsen und mit Vollgas davonbrausen.

Zu meiner Überraschung sprang Julian aber nicht wie von der Tarantel gestochen auf, um sich mit einem Hechtsprung durchs Erkerfenster in die Freiheit zu retten. Julian, der Tapfere, setzte sogar zu einer Antwort an. In Erwartung des Schreckens schloss ich die Augen.

„Unbedingt!“, schallte es im Brustton der Überzeugung.

Mir stockte der Atem. Meinte er das ernst? Ich hatte das Gefühl, als blockierte ein Stück Zitronentarte meine Atemwege.

Unter dem Tisch ergriff seine Hand meine. Warm und fest.

Oh Gott, er meinte es ernst!

Mein Herz klopfte wie der V8 Motor von Julians altem Mercedes.

Mit diesem Gedanken falle ich an diesem Abend in einen tiefen, traumlosen Schlaf.

3
Julian

Um kurz nach Mitternacht schleiche ich auf Socken Richtung Schlafzimmer. Die Hausschuhe habe ich vorsichtshalber im Flur gelassen, damit Flo vom Gequietsche der Plastiksohlen auf dem Dielenboden nicht aufwacht.

Als ich die Tür zum Schlafzimmer aufschiebe, regt sich nichts. Keine Bewegung, kein Mucks. Einen Moment lang bleibe ich im Türrahmen stehen und betrachte sie, wie sie daliegt. Fest eingemummelt in die Decke und mit einem Gesicht, als könne sie kein Wässerlein trüben. Von wegen! Außerdem okkupiert sie die Hälfe meiner Bettseite. Wie immer. Mit ihrem rechten Arm umschlingt sie sogar mein Kopfkissen wie eine Anakonda ihre Beute.

Das ist doch auch irgend so ein mysteriöses Freund-Freundin-Phänomen, oder? Egal, wie groß dein Bett ist und egal, wie groß du selbst bist, das zarte Wesen Frau befördert dich in kürzester Zeit von deiner Matratze und klaut dir dabei auch noch die Bettdecke.

Ratlos stehe ich im Türrahmen. Von allein wird Flo jedenfalls nicht den Rückzug auf ihre Seite des Bettes antreten, so viel ist klar. Handarbeit ist gefragt. Um mich selbst ins Bett legen zu können, muss ich sie mitsamt der Decke mindestens fünfzig Zentimeter über den Spalt in der Bettmitte ziehen.

Nach kurzem Zögern gehe ich zum Bett, packe beherzt zwei Zipfel ihrer Decke und ziehe Flo wie einen Sack Kartoffeln langsam über das Leintuch. Meine Güte, ist die schwer!

Als sie einen leisen Grunzer von sich gibt, erstarre ich zur Salzsäule. Reflexartig halte ich die Luft an und lausche ihren Atemzügen. Jeden Moment rechne ich damit, dass sie in die Senkrechte schießt und mir die Hölle heiß macht. Glücklicherweise passiert nichts dergleichen, sodass ich wenig später endlich auch im Bett liege. Zwar haarscharf am äußersten Rand und nur halb unter der Decke, aber immerhin liege ich.

Neben mir gibt Flo leise Pfeifgeräusche von sich. Inzwischen ist es achtzehn Minuten vor eins und ich kann nicht einschlafen. Dabei bin ich komplett erledigt. Körperlich nicht so sehr – bis auf die Brandblase, die mir das widerspenstige Ofenhuhn vorhin in der Küche beigefügt hat –, aber mental bin ich völlig am Arsch.

Meine Gedanken kreisen wie eine Horde Aasgeier um den verkorksten Abend. Besonders um die kleine Samtschachtel, die nach dem Debakel im Wohnzimmer weiterhin tief vergraben in meiner Sockenschublade residiert. Seit sieben Monaten, wohlgemerkt. Eigentlich ist es ein Wunder, dass der Ring darin nicht schon längst zu Staub zerfallen ist.

Wenigstens hat Flo ihn nicht entdeckt, das hätte noch gefehlt! Der Platz ist strategisch aber auch gut gewählt, das muss man mir lassen.

„Bei den Wäscheschubladen herrscht Gütertrennung, Schnuffi. Deine Socken, dein Business“, neckt Flo mich jedes Mal, wenn ich ihr meine Socken zum Waschen unter die Nase halte, und verweigert unter heftigem Kopfschütteln deren Annahme. Nur, um sie dann doch mitzuwaschen, sobald ich um die Ecke gebogen bin. Aber Zusammenlegen und in die Schublade verfrachten muss ich sie selbst, das ist Gesetz.

Beim Gedanken an diesen ständig wiederkehrenden Wortwechsel muss ich schmunzeln.

Während ich ins schwarze Nichts starre und Flos Pfeifkonzert lausche, versuche ich nachzuvollziehen, wann der Abend eigentlich angefangen hat, den Bach runterzugehen.

Eigentlich schon, als Flo um kurz vor zehn durch die Wohnungstür gekommen ist und ich sie motzenderweise begrüßt habe. Spätestens dann, als sie mir das Fell wegen des Kinderthemas über die Ohren gezogen hat. Da ist der Abend endgültig nicht mehr zu retten gewesen und das Huhn im Ofen sowieso schon längst gestorben. Was für eine Scheiße!

Nicht, dass es so geplant gewesen wäre. Weder das Gemotze noch das Kinderthema. Aber die Anspannung war einfach nicht mehr auszuhalten!

Seit drei Stunden hatte das verdammte Kräuterhuhn schon bei Niedertemperatur im Ofen geschmort und ich auf dem Sessel im Flur. Von da aus hatte ich unentwegt die Wohnungstür angestarrt und darauf gewartet, dass die werte Madame endlich einen Fuß über die Schwelle setzt. Nicht mal aufs Klo hatte ich mich getraut.

Um kurz vor zehn hatte ich dann endlich den Schlüssel im Schloss gehört. Alter Schwede. Allein beim Gedanken daran hämmert mein Herz schon wieder wie ein Industriegenerator. Und dann wollte sie nicht einmal einen einzigen Happen von dem verdammten Huhn essen. Ganz toll! Wo ich doch diverse Male nur knapp an einem schrecklichen Küchentod vorbeigeschrammt war, bis ich den Vogel endlich in den Ofen verfrachtet hatte. Fünf Stunden Schufterei in der Küche: komplett für den Arsch!

Dabei sollte das gemeinsame Abendessen doch genau eines sein: der Auftakt für morgen. Morgen, den Tag der Tage! Beziehungsweise heute. Mitternacht ist ja schon längst rum.

In meinem Kopf habe ich alles schon hundertmal durchgespielt. Mindestens. Und jedes Mal dieser hundert Male ist mein Adrenalinspiegel allein bei der Vorstellung fast durch die Decke geschossen.

Hoch oben über Hamburg würde ich mich im Korb des Heißluftballons vor sie hinknien und ihre Hand nehmen. Ich würde ihr sagen, dass ich keinen Tag mehr ohne sie sein wollte, dass sie die Frau meines Lebens war. Und dann würde sie vor Freude ausflippen und mir schluchzend um den Hals fallen.

Das hätte morgen passieren sollen. Genau das!

Stattdessen hatten wir uns den größten Streit unserer Beziehung geliefert. Zugegeben, als sie völlig k. o. durch die Wohnungstür kam, hätte ich es einfach gut sein lassen sollen. Ich hätte einfach meinen verdammten Rand halten sollen!

Aber ich kann es nicht mehr mit ansehen. Jeden Tag sieht sie abgekämpfter und blasser aus, nur um diesem Deppen Schröder zu gefallen. Das Projekt hier, das Projekt da. Und sagen darf man auch nichts, sonst zieht sie eine Schnute und fühlt sich in ihrer Rolle als emanzipierte Frau angegriffen. Wenn man dann auch noch das Thema „Kind“ anspricht, springt sie einem an die Gurgel wie der Höllenhund Zerberus höchstpersönlich.

Im Dunkeln erkenne ich ihre Umrisse neben mir. Eine Strähne kastanienbraunen Haares berührt meine linke Hand.

„Mensch, Flo“, flüstere ich. Überhaupt verstehe ich nicht, was das Problem ist. Wir sind erwachsen genug, wir sind finanziell so weit safe, wir lieben uns. Na ja, das dachte ich zumindest. So langsam bin ich mir da nicht mehr ganz so sicher.

Vielleicht denkt sie, ich sei ein Softie, weil ich Kinder mit ihr will. Na und? Dann bin ich eben einer. Ich bin halt einer von den Guten. Andere wären froh drum!

Für mich war immer klar, dass ich eine Familie will, wenn die Richtige kommt. Daraus habe ich erstens nie ein Geheimnis gemacht und zweitens … Ach, warum rechtfertige ich mich eigentlich?

Gefrustet knuffe ich mit der Faust mein Kissen und drehe mich auf die andere Seite.

Wieder denke ich an den Ring mit dem in Gold gefassten erbsengroßen Saphir und den sechs kleinen Brillanten drum herum. Oma Emmis Verlobungsring. Als kleiner Stöpsel hatte ich auf ihrem Schoß gesessen, mit den kleinen Wurstfingern an dem Ring herumgedreht und mir vorgestellt, dass der funkelnde blaue Stein die Erde darstellt und die weißen Diamanten kleine Raumschiffe, die darum kreisen.

Ach, Oma Emmi, wahrscheinlich guckst du gerade runter von deiner Wolke und schüttelst den Kopf über deinen verpeilten Enkel. Zu Recht!

4
Flo

Heute Morgen wache genauso allein auf, wie ich gestern Abend eingeschlafen bin. Julian liegt nicht neben mir. Dafür höre ich es in der Küche rascheln.

Dann ist er gestern Abend also doch noch nach Hause gekommen. Immerhin!

Trotzdem habe ich beim bloßen Gedanken an den gestrigen Streit einen dicken Kloß im Magen. Klein und kompakt wie die Königsberger Klopse meiner Hamburger Oma Lotti.

Ich starre an die Decke. Mein Blick bleibt an einem grauen Spinnenweben hängen, der wie die Liane eines Miniatur-Tarzan vom Kristallleuchter unserer Schlafzimmerdecke baumelt.

Was ich gesagt habe, tut mir nicht leid. Aber wie ich es gesagt habe, schon.

Ich habe Julian wehgetan, das war nicht zu übersehen. Nach intensiver Grübelei und einhergehenden Schwierigkeiten, ins Land der Träume zu entschlummern, habe ich dann aber doch geschlafen wie eine Tote. Ich habe offensichtlich nicht einmal mitbekommen, dass Julian ins Schlafzimmer gekommen ist. Das ist er aber definitiv. Ich tendiere zwar dazu, mich des Nachts wie ein Brummkreisel zu drehen und ein Kissenmassaker anzurichten, aber das zerbeulte Kopfpolster auf seiner Seite spricht Bände. Er hat neben mir geschlafen! Das ist eine äußerst wichtige Information, wie ich finde. Der Schlafplatz sagt bekanntlich eine Menge über die Stimmungslage eines Menschen aus. Das habe ich jedenfalls neulich im Flugzeug gelesen, in einem dieser qualitativ zweifelhaften Psychologiemagazine. Die Auswahl des Lesestoffes an Flughafengates ist ja per se schon nicht die Beste und dann wurde mir das letzte Exemplar der Cosmopolitan auch noch von einem dickbäuchigen Drängler vor der Nase weggeschnappt. Die Boarding-Schlange ist eben ein rechtsfreier Raum, in der das Recht des härteren Kabinentrolleys zählt. Wessen Schienbein oder Zeh einmal einem Rimowa-Koffer begegnet ist, der weiß, was ich meine. So war sie dahin, die letzte Cosmopolitan, und ich zum Lesen des Psychologie-Heftchens verdammt. Darin stand, dass der Schlafplatz ein überaus wichtiges Indiz für die Stimmungslage des Lebensgefährten darstellt. Denn wer vor lauter Rage kurz davor ist, seinem Partner an die Gurgel zu gehen, dessen präferierter Schlafplatz wäre doch allein schon aus Sicherheitsgründen das Sofa. Oder die Badewanne. Ausquartieren statt strangulieren!

Während ich Julians Schlafplatzwahl und unsere Diskussion Revue passieren lasse, tapse ich im Morgenmantel Richtung Küche.

Im Wohnzimmer fällt mein Blick auf unser Sofa. Es sieht genauso aus, wie ich es gestern hinterlassen habe. Kein Kissen ist auch nur einen Millimeter verrückt worden und die bunte Mohair-Decke noch genau da, wo ich sie auf der Armlehne hinterlassen habe. Ecke auf Ecke. Apfelgrünes Karo auf fuchsiafarbenem Karo.

Meine Theorie bezüglich des Schlafplatzes von Julian ist also bestätigt. Er hat in unserem gemeinsamen Bett geschlafen, neben mir. Das wiederum kann nur bedeuten, dass seine Wut verraucht ist, oder zumindest beträchtlich gemildert. Trotzdem fürchte ich mich ein bisschen vor der Begegnung, als ich über die Schwelle zur Küche trete.

Julian steht in seiner grauen Jogginghose und seinem abgewetzten Superman-T-Shirt barfuß am Herd und hantiert hektisch mit einem Pfannenwender. In der gusseisernen Pfanne brutzelt ein Spiegelei.

Er dreht sich zu mir um.

„Hallo, Maus.“ Er klingt erschöpft. Die dunklen Schatten unter seinen Augen sind nicht zu übersehen. Offensichtlich hat er im Gegensatz zu mir entweder nicht viel geschlafen oder schlecht. Oder beides.

„Möchtest du auch ein Ei?“

Ohne die leiseste Spur an Emotion purzeln die Worte in den Raum und wabern in der Küche umher, während er mir bereits wieder den breiten Rücken zudreht.

„Ja, gerne, Schnuffi“, antworte ich verlegen.

Ehrlich gesagt weiß ich nicht, wie ich die Situation beurteilen soll. Einerseits bin ich froh, dass Julian überhaupt noch mit mir spricht. Andererseits verunsichert mich sein Verhalten doch beträchtlich. Kein Vorwurf, keine Wut. Seltsam. Mit einem wütenden oder beleidigten Julian hätte ich umzugehen gewusst. So stehe ich tatenlos in der Küche und fühle mich deplatziert. Gott sei Dank knackt und zischt das Spiegelei, sonst wäre es totenstill gewesen.

„Soll ich den Tisch decken?“, frage ich zum Zeichen des guten Willens.

„Hm“, folgt ein unbeteiligtes Brummen. Das interpretiere ich jetzt einfach mal als Ja.

Ich öffne den Hängeschrank und hole zwei Teller mit blau-weiß geringeltem Rand hervor. Die hat uns Julians Mutter letzten Sommer geschenkt. So wie auch seinem Bruder Paul und dessen Familie und dem gesamten näheren Bekanntenkreis der Lewandowskis. Und allen Nachbarn, dem Postboten, dem Bäcker und dem Gemüsemann. Julians Mutter hatte nämlich während eines Club-Urlaubes ihre Passion für Porzellan-Malerei entdeckt. Die neue Leidenschaft hatte das Ende des Urlaubes überdauert, woraufhin eine Serienfertigung für bemaltes Porzellan im heimischen Wohnzimmer gestartet worden war. Sehr zum Bedauern ihres Ehegatten und der Gemeinde der Zwangsbeglückten. Eine wahre Streifenteller-Epidemie war das gewesen!

Beide Teller trage ich bedächtig zum Esstisch. Dass ich nun auch noch das mit Liebe und zittriger Hand bemalte Geschenk von Julians Mutter zerdeppere, das fehlt gerade noch zur totalen Katastrophe.

Erst jetzt entdecke ich den riesigen Strauß pinkfarbener und weißer Pfingstrosen in der alten, blechernen Milchkanne vom Flohmarkt. Pfingstrosen. Lateinisch: Paeonia. Meine absoluten Lieblingsblumen.

Sofort nagt das schlechte Gewissen wieder an mir. Blumen, selbstgekochtes Essen. Julian hat gestern wirklich an alles gedacht. Nur ich doofes Schaf war mal wieder so überarbeitet und reizbar, dass ich bei der kleinsten Erwähnung des Kinderthemas sofort auf die sprichwörtliche Palme gehechtet bin.

Ich blicke zaghaft zwischen Julians Rücken und den opulent blühenden Blumen hin und her. „Die Blumen sind toll, Schnuffi.“

„Hm. Freut mich, dass sie dir gefallen.“ Von echter Freude keine Spur in Julians Stimme. „Ich dachte, sie wären eine schöne Tischdeko für unser gemeinsames Abendessen.“

Aha. Da ist er, der Seitenhieb. Der Hinweis auf das Abendessen, das nie stattgefunden hat. Zwar gut kaschiert, aber ganz klar ein Seitenhieb!

Intuitiv setze ich zur Verteidigung an, besinne mich aber in letzter Sekunde eines Besseren. Wenn kein morgendlicher Blitzkrieg ausbrechen soll, dann muss ich jetzt vor allem eins tun: mich entgegen meines impulsiven halbitalienischen Naturells zusammenreißen.

„Sehr sogar. Danke! Das ist wirklich ein wunderbarer Strauß. Bellissimo“, bedanke ich mich artig. Und heimlich zähneknirschend.

Julian geht kein bisschen darauf ein. So viel zur Würdigung meines guten Willens.

„So. Die Eier sind fertig“, lässt er mich wissen. Er schreitet mit der kleinen Pfanne in der Hand zum Esstisch, zieht mit einer Gabel die Spiegeleier über den Pfannenrand und schubst sie auf die Teller. „Bringst du noch Besteck mit?“

Ohne meine Antwort abzuwarten, setzt er sich und fängt an, mit der mitgebrachten Gabel sein Spiegelei zu zerteilen.

„Also doch beleidigt“, flüstere ich in die Geschirrschublade, während ich klappernd Besteck zusammensuche.

Das Frühstück gestaltet sich wortkarg.

Nach dem Spiegelei, einem Nutellabrötchen und der zweiten Tasse Kaffee meldet sich Julian zu Wort. Zu meiner Überraschung weder beleidigt noch sarkastisch. Offenbar hat der Kakaoanteil der Nutella seine Wirkung getan und genügend glücklich machendes Serotonin freigesetzt, um Signore Lewandowski gnädig zu stimmen. Das habe ich auch aus dem Psycho-Heft.

„Das Wetter sieht ganz gut aus, Maus.“

Maus. Hört, hört! Ich nippe stumm an meinem Kaffee.

„Was hältst du davon, wenn wir heute endlich mal unsere Ballonfahrt machen?“ Julian blickt mich erwartungsvoll über den pompösen Blumenstrauß hinweg an, während er sich daumendick Nutella auf ein zweites Brötchen schmiert.

Irgendwann wird er auseinandergehen wie Schmalzgebäck, denke ich mit staunendem Blick auf sein Brötchen.

„Oh.“ Gequält gucke ich auf mein eigenes, noch nacktes Brötchen. Die Ballonfahrt …

Vor einem halben Jahr hat mir Julian die Fahrt geschenkt, die wir aber bis heute nicht eingelöst haben. Immer ist irgendetwas dazwischengekommen. Meistens meine Arbeit. Dabei ist das eines der tollsten Geschenke, die ich jemals bekommen habe. Wenn nicht sogar das Tollste! Seit ich den Disney-Film Oben gesehen habe, träume ich von so einer Reise in einem Korb hoch über der Erde. Mit Blick auf Spielzeughäuser, Streichholzbäume und ameisengleich herumwuselnde Menschen.

„Ein Anruf bei Micha genügt“, legt Julian nach.

Micha ist ein ehemaliger Arbeitskollege von Julian, mit dem er neben einem Zweierbüro auch den Traum von einem Leben nach der Unternehmensberatung geteilt hat. Als Julian den Schritt in die unsichere, aber lang ersehnte Freiheit tat, kündigte eine Woche später auch Micha, um sich mit einem besonderen Service selbstständig zu machen. Wer ausgefallene Geschenke und Erlebnisse sucht, der findet sie bei Micha. Ob Fallschirmsprung, Schatzsuche in verlassenen Bunkern, Nacht in einem Iglu oder Ballonfahrt. Micha macht es möglich.

Nervös pule ich das fluffige Innere aus der Oberseite meines Brötchens. „Das klappt nicht, Schnuffi. Ich bin um halb zwölf schon mit Sunny verabredet. Sorry.“ Entschuldigend zucke ich mit den Schultern.

„Du bist mit Sunny verabredet?“ Julian starrt ein Loch in das satte Braun der Nutelladecke seines Brötchens.

„Ja, sie hat gestern Abend geschrieben und gefragt. Als du weg warst. Sie hat wieder Probleme mit Steffen und braucht jemanden zum Reden.“

Okay, das ist so mittelwahr. Noch ist nicht gesagt, dass Sunny Probleme mit Steffen hat. Aber die hat sie quasi dauernd, es könnte also immerhin sein! Obwohl sich ihre gestrige Nachricht ehrlicherweise nicht nach „zu Tode betrübt“, sondern eher nach „himmelhoch jauchzend“ angehört hat. Na ja. Aber erstens braucht Julian das nicht zu wissen und zweitens kann sich das theoretisch bis halb zwölf durchaus noch ändern. Außerdem liebe ich zwar den Gedanken an eine Ballonfahrt mit Julian, aber nicht heute. Nicht nach dem nervenzehrenden Streit gestern Abend und diesem bleiernen Morgen.

„Und du auch?“, erkundigt sich Julian beiläufig, während er das Nutellaglas erneut zur Hand nimmt. Noch immer würdigt er mich keines direkten Blickes.

„Ich?“ Ich bin ehrlich irritiert.

„Na, brauchst du auch jemanden zum Reden? Wegen gestern Abend, meine ich.“

Ich weiß nicht, was mir mehr in den Ohren klingelt. Sein Messer, das penetrant an der Innenseite des Nutellaglases schabt, oder seine beknackte Frage.

„Nein“, antworte ich knapp und beiße mir auf die Innenseite meiner Wange, um mich von einer verbalen Gegenattacke abzuhalten.

Julian nickt stumm schabend.

Chrrr, chrrrr, chrrrrr.

„Also ich schon“, lässt er mich wissen.

Chrrr, Chrrr. Sein Messer hinterlässt transparente Schlieren auf dem Glas. Das Geräusch macht mich wahnsinnig. Vielleicht leide ich ja unter Misophonie, der Entwicklung von Aggression durch Essgeräusche? Das hat nämlich auch in dem Psychologieheftchen im Flieger gestanden.

Ich lege mein Brötchen zur Seite. Da, wo eben noch die Vorfreude auf dieses Brötchen in meinem Magen hockte, flackert nun eine Stichflamme meiner gestrigen Wut. Ich starre auf meinen Teller und zähle die unregelmäßigen Streifen.

Julian lässt von der Nuss-Nougat-Creme ab und stellt sie geräuschvoll auf den Tisch zurück. „Wenn du Sunny triffst, fahre ich noch mal zu Paul und den Jungs“, werde ich knapp informiert.

„Mach das“, knurre ich. Ich greife nach dem ausgeweideten Nutellaglas, drehe energisch den Deckel zu und platziere es möglichst nah bei mir. Wenn ich noch einmal das Schaben eines Messers auf gepresstem Glas hören muss, stürze ich mich in die Klinge. Und überhaupt bin ich mit der Gesamtsituation unzufrieden!

Ich schaue zu den wunderschönen Pfingstrosen. Mit dem Zeigefinger fahre ich über die zarten Blätter einer fuchsiafarbenen Blüte.

Wann sind wir so ein Paar geworden? Eines, das sich bei der erstbesten Gelegenheit seine gegenseitigen Verfehlungen unter die Nase reibt? Das ist doch Mist!

Julian stippt gerade bedächtig mit angefeuchtetem Finger die letzten Brötchenkrümel von seinem Teller auf.

Als ich ihn ein kleines Weilchen stumm dabei beobachte, zerfällt meine Wut. In klitzekleine Brösel, wie die, die zu Hunderten auf seinem Teller und darum herum verteilt liegen.

Ach, verdammt! Ich liebe diesen Mann. Daran ändert es auch nichts, dass ich ihm manchmal am liebsten den Hals umdrehen würde.

Ich stehe auf und gehe um den Tisch. Kurz zögere ich, bevor ich meine Arme von hinten eng um ihn schlinge. Julian zuckt zusammen. Vielleicht denkt er, ich würde ihn hinterrücks anfallen. Das wiederum würde meine Selbstdiagnose der Misophonie bestätigen. Wer Aggression bei Essgeräuschen entwickelt, der bewegt sich laut Mensch & Psyche gefährlich nah am Rande des Psychopathentums.

Ich umklammere ihn wie ein Affenbaby seine Mutter und lege meinen Kopf auf seine Schulter. Ich komme in Frieden, soll das heißen.

„Ohne dich ins Bett zu gehen, war komisch“, flüstere ich ihm ins Ohr. Eine Strähne seines dunkelblonden Wuschelhaars streicht mir über die Wange.

„Ich war nicht lange weg. Vielleicht zwei Stunden. Ich habe in der Garage ein bisschen am Auto rumgeschraubt“, erklärt Julian reserviert. Stocksteif sitzt er auf seinem Stuhl, die Schultern vor Unbehagen bis unter die Ohrläppchen gezogen. „Aber du hast recht, Maus“, spricht die umklammerte Salzsäule.

Im nächsten Augenblick zieht Julian mich schwungvoll an sich. Ich verliere den Halt, gebe einen spitzen Schrei von mir und lande kichernd auf seinem Schoß.

Er fixiert mich aus stahlgrauen Augen. „Sie kosten mich wirklich Nerven, Signorina Bergmann!“ Ein kleines verwegenes Lächeln umspielt seine Lippen.

„Ich weiß“, flüstere ich schuldbewusst.

Julian runzelt die Stirn. Dann zieht er mich zu sich und küsst mich liebevoll auf die Nasenspitze. Wir schauen uns direkt in die Augen. Er in Grün. Ich in Grau.

„Bist du dann den ganzen Tag mit Sunny unterwegs?“, erkundigt er sich.

Ich schüttle den Kopf.

„Okay, sehr schön, Signorina Bergmann.“ Julian räuspert sich und schlägt einen hoch offiziellen Ton an. „Sofern Eure samstägliche Agenda also noch nicht vollständig ausgebucht sein sollte, würde ich mir erlauben, einen gemeinsamen Nachmittag vorzuschlagen. Falls das edle Fräulein überhaupt erwägt, diesen mit dem niederen Fußvolk zu verbringen.“

Ich spiele mit.

„Oh, dieser Vorschlag ehrt mich sehr, Knappe Lewandowski. Jedoch kommt das ganz darauf an, was das niedere Fußvolk zu bieten hat. Wie Ihr wisst, ist meine Zeit äußerst begrenzt und sehr kostbar“, necke ich zurück und strecke ihm die Zunge entgegen. „Sofern Euer Vorschlag jedoch den Genuss von Butterkuchen vorsieht, könnte ich eventuell einen gemeinsamen Nachmittag einrichten“, füge ich mit hoch in die Luft gereckter Nase hinzu.

Julian enthüllt ein triumphierendes Grübchen-Grinsen. „Na, das trifft sich ja ausgezeichnet! Wie es der Zufall will, führt mich mein Weg direkt vorbei an der Euch wohl bekannten Bäckerei Hansen, dem Epizentrum der norddeutschen Butterkuchenmanufaktur.“

Ich kann nicht anders, als herzhaft zu lachen. Ich streichle über seinen Kopf und zwirble eine Strähne seines Haares zwischen meinen Fingern. Sie hat den satten Goldton eines reifen Getreidefeldes. Oder eines Butterkuchens.

„Dann haben wir also ein Kuchendate, Maus.“ Er küsst mich auf die Stirn.

„So sieht es aus, Schnuffi.“

Julian blickt an mir vorbei auf den gedeckten Frühstückstisch, der auf seiner Seite vor allem durch den weitläufigen Krümel-Teppich besticht.

„Lass stehen. Das Geschirr räume ich weg“, biete ich dem Brötchen-Schlächter gnädig an.

„Okay. Danke, Maus. Ich rufe eben Paul an und mache mich dann auf die Socken.“

Er drückt mir einen flüchtigen, aber liebevollen Kuss auf die Lippen. Ungelenk erhebe ich mich von seinem Schoß und beginne, goldgelbe Krümel mit der Hand zu einem kleinen Häufchen zusammenzufegen.

Schon verschwindet er mit seinem Handy am Ohr im Wohnzimmer. Ich schubse das Krümelhäufchen über die Tischkante in meine offene Handfläche und denke zufrieden an den Verlauf des Morgens. Besser, als nach dem gestrigen Abend zu erwarten gewesen wäre …

5
Julian

„So, Bruderherz. Dann erzähl mal, was da eigentlich bei euch los ist. Wenn ich mich recht erinnere, hast du gestern noch erzählt, dass heute der Tag der Tage sein sollte. Du, Flo, ein Heißluftballon und Oma Emmis Ring. Das war doch der Plan, wenn mich meine grauen Zellen nicht im Stich gelassen haben.“ Paul lehnt am Stützpfosten der großen Holzschaukel am Timmendorfer Strand und tippt sich ans Oberstübchen. Der kleine Nico quietscht vor Vergnügen auf dem durch die Luft sausenden Sitzbrett. Fluffige, weißblonde Härchen wehen im Wind der Ostsee.

„Also, warum bist du jetzt hier und nicht da oben?“ Kerzengerade streckt Paul den rechten Arm gen Himmel und wartet gespannt auf meine Antwort.

Der Blick des kleinen Leon, der daumennuckelnd neben ihm steht, folgt reflexartig dem Arm seines Vaters.

„Oh, ein Fiss!“ Begeistert blinzelt er nach oben, wo eine fischförmige Wolke gemächlich wabernd ihre Bahnen zieht.

„Ja, ganz genau, Großer. Die Wolke sieht aus wie ein Fisch. Finde ich auch“, stimme ich dem blonden Zwerg zu. Dann wende ich mich wieder an Paul, der sichtlich neugierig am Holzpfosten lehnt. Als ich seinen sensationsgeilen Blick sehe, schwant mir Böses. Große Brüder können unerbittlich sein, und meiner ist der Schlimmste von allen. Wie es sich für einen großen Bruder gehört, hat er sich schon immer genüsslich an meinen Unglücken und Missgeschicken geweidet. Als ich mit acht am Zaun der Nachbarn hängengeblieben bin und mir eine böse Hodenquetschung zugezogen habe, hat er dank eines massiven Lachflashs so stark hyperventiliert, dass er sogar vor mir ärztlich behandelt werden musste. Der alte Mistkerl!

Aber ich bin zu ihm gekommen. Also muss ich jetzt auch auspacken. Ich hole noch einmal tief Luft und sauge den salzigen Wind durch die Nase.

„Na, was glaubst du denn, was passiert ist? Flo und ich haben uns gestern gestritten, dass die Fetzen flogen. Die halbe Hegestraße hat gewackelt. Wir hatten uns so in der Wolle, dass ich irgendwann die Schnauze voll hatte und einfach abgehauen bin.“

Pauls Blick wandert kurz zu seinem quietschenden Sohn auf der Schaukel und heftet sich dann irritiert wieder auf mich. „Du bist abgehauen?“

Nico schwingt eine Runde ohne weiteres Anschubsen, was unmittelbar mit empört knurrenden Lauten quittiert wird.

„Jep.“

„Du bist echt abgedampft, Jojo?“, fragt Paul erneut und fixiert mich mit hochgezogenen Brauen. „Also, wir wissen ja beide, dass du echt eine beleidigte Leberwurst sein kannst, aber bei unseren Kämpfen bist du nie mittendrin abgezischt, wenn ich mich recht erinnere.“ Er kratzt sich grinsend am Kopf.

„Ha, ha, Paul. Abhauen ist auch schwierig, wenn man vom Höllen-Bruder mit seiner eigenen Pyjamahose an den Bettpfosten geknotet wird.“ Ich strafe ihn mit einem genervten Blick. Vielleicht war es doch ein Fehler, herzukommen. Paul ist Spezialist darin, Salz in offene Wunden zu reiben.

Ich gebe Nico auf der Schaukel einen ordentlichen Schubser. Kleine Jungsbeinchen fliegen vor mattblauem Himmel.

„Och, komm schon, du Leberwurst. Das war ein Scherz, okay? Ein Sche-erz, Jojo. Jetzt sag schon“, drängt Paul.

Ich lasse mich erweichen. Aber nicht, ohne ihm vorher einen Beleidigte-Leberwurst-Blick zuzuwerfen.

„Abgehauen ist vielleicht das falsche Wort. Ich bin einfach ein paar Stunden in die Garage und hab am Mercedes rumgebastelt. Nach dem ruinierten Abend war ja sowieso nicht mehr daran zu denken, die Ballonfahrt für heute vorzuschlagen. Und vorhin beim Frühstück war die Stimmung dann zwar wieder friedlich, aber Flo für heute schon mit Sunny verabredet. Ballonfahrt? Fehlanzeige. Und ausgesprochen haben wir uns auch nicht.“

„Hm, schöner Mist.“ Paul guckt ehrlich bedröppelt. Nachdenklich gibt er Nicos Schaukel einen sanften Schubser. Im Sandkasten hinter uns bekriegen sich zwei Kleinkinder lautstark mit bunten Plastikschaufeln.

Schnaufend falle ich auf die zweite Schaukel neben Nico. Leon nimmt Anlauf und hopst wie ein blonder Flummi auf meinen Schoß. Ich kann ihn gerade noch so am Hosenbund auffangen, bevor er über mich hinwegsegelt und eine Vollbremsung mit dem Gesicht hinlegt.

„Jedenfalls wäre es kompletter Irrsinn gewesen, trotz der Streiterei in den Romantikmodus zu wechseln. Auch wenn ich auf diese Gelegenheit schon seit einer halben Ewigkeit warte. Aber gestern Abend lag mir wirklich nichts ferner, als Flo einen Heiratsantrag zu machen, das kannst du mir glauben! Ehrlich gesagt …“

Vorsichtshalber wechsle ich in einen pädagogisch vertretbareren Flüstermodus. Man weiß schließlich nie so genau, was die Kleinen schon aufschnappen können. Und mit Sandra, dem dazugehörigen Muttertier, ist nicht gut Kirschen essen, wenn es um die Erziehung ihrer Sprösslinge geht. Letztes Jahr an Weihnachten hat sie mich fast mit Blicken erdolcht, als ich mich dazu erdreistet habe, den beiden Actionfiguren aus Plastik zu schenken. Aus Plastik, uhh. Böses Plastik, böse!

„… ehrlich gesagt, ich hätte sie auf den Mond schießen können.“

Paul lacht herzhaft auf. Um seine Augen bildet sich ein Fächer aus Lachfalten. „Och, das an sich finde ich ganz und gar nicht ungewöhnlich für eine feste Beziehung, Jojo. Im Gegenteil. Du hast ja keine Ahnung …“

Jetzt wechselt auch Paul in den kleinkindkompatiblen Flüstermodus.

„… wie oft ich Sandra schon den Hals umdrehen wollte“, raunt er, begleitet von entsprechender Handbewegung.

„Doch, das kann ich mir sogar sehr gut vorstellen“, gebe ich grinsend zurück. Gegen Sandra ist zwar an sich gar nichts einzuwenden, solide Wahl könnte man sagen. Aber wenn man sie mit einem Adjektiv beschreiben sollte, dann drängte sich eines besonders auf: dröge.

Paul zieht die buschig blonden Augenbrauen nach oben und fuchtelt drohend mit dem ausgefahrenen Zeigefinger. „Hey, hey, Meister!“

„Uhh, der väterliche Zeigefinger!“ Ich reiße in gespielter Panik die Augen auf. „Ich erstarre vor Ehrfurcht!“

Bevor er Vater geworden ist, hätte sich Paul in derselben Situation auf mich gestürzt wie ein tollwütiger Gorilla, mich in den Schwitzkasten genommen und mit der geschlossenen Faust so lange und so fest über meine Kopfhaut gerubbelt, bis mir büschelweise Haare ausgefallen wären. Im Beisein seiner Jungs muss es nun also der tadelnde Zeigefinger tun. Zahnloser Tiger.

„Alter, Vorsicht“, unternimmt Paul einen zweiten, nicht minder kläglichen Versuch, mir ernstzunehmend zu drohen. Als er mein zynisches Grinsen sieht, gibt er auf. Zahnloser Tiger, sagte ich ja bereits. „Nee, mal im Ernst, Jojo. Was hat Flo denn verbrochen, dass du die Flucht in die Garage angetreten hast?“

Mein Grinsen gefriert. Bei der Erinnerung an den Abend und das verkochte Huhn kriege ich prompt schlechte Laune. Ich setze eine finstere Miene auf und starre auf das dumpf blaue Wasser der Ostsee.

„Es fing schon gut an, bevor wir überhaupt ein einziges Wort gesprochen haben. Sie kam kurz vor 22 Uhr nach Hause. 22 Uhr, Paul. Zieh dir das mal rein! Dabei habe ich den ganzen Abend auf sie gewartet. Wie ein Vollidiot kam ich mir vor. Und als sie dann endlich da war, war sie natürlich stehend k. o. und wollte nicht mal einen einzigen Bissen essen. Hauptsache, ich hab den ganzen Nachmittag wie eine Hausfrau aus den Fünfzigern in der Küche gestanden. Unter Einsatz meines Lebens, wohlgemerkt!“ Zum Beweis strecke ich ihm meinen Handballen inklusive der sich prall wölbenden Brandblase unter die Nase.

„Du hast gekocht?“ Pauls graue Augen weiten sich ungläubig. Die Brandblase würdigt er keines Blickes. Typisch Arzt. Den eigenen Familienmitgliedern konnten ganze Gliedmaßen fehlen und sie zuckten nicht mit mal der Wimper.

„Guck nicht so, Paul. Ja, ich, Julian Lewandowski, habe gekocht. Ofenhuhn mit Kräuterkruste und Kartoffelgratin, falls du es genau wissen willst. Jamie Oliver wäre vor Neid erblasst.“ Mit Leon auf dem Schoß schwinge ich sachte vor und zurück. „Was sagst du dazu, Leon? Papa denkt, ich kann nicht kochen. Das kann ich aber sehr wohl! Nicht ganz unfallfrei, aber immerhin“, raune ich ihm verschwörerisch ins kleine Ohr. Er gluckst vor Freude. Wahrscheinlich hat er nur Bahnhof verstanden, aber das scheint ihm nichts auszumachen. Ich wünschte, Flo wäre so einfach zu begeistern. Das würde mein Leben deutlich vereinfachen.

Ich erhebe mich von der Schaukel und wuchte meinen Neffen auf die Schultern. Leon krakeelt vor Vergnügen. „Und ja, es hätte der Tag der Tage werden sollen. Konjunktiv! Als Flo nicht einmal einen einzigen Happen essen wollte, war die Stimmung schon völlig im Eimer, bevor ich die Ballonfahrt überhaupt erwähnen konnte.“

„Du riskierst dein Leben am heimischen Herd und Flo hat keinen Happen davon gegessen?“ Paul tätschelt mitfühlend meine Schulter. Dann gibt er mir einen Klaps auf den Hinterkopf, begleitet von einem süffisanten Grinsen. „Na, aber wer weiß. Vielleicht war das auch besser so, mit Lebensmittelvergiftungen ist ja bekanntlich nicht zu spaßen.“

Ich werfe ihm einen vernichtenden Blick zu.

„Okay, okay. Jojo. Mal im Ernst.“ Er hebt verteidigend die Hände. „Ich fühle mit dir, kleiner Bruder. Schöner Mist.“

„Du sagst es. Den Aufwand hätte ich mir sparen können.“ Gedankenverloren gucke ich wieder raus aufs Meer, wo sich zwei Möwen unter lautem Gekreische bekämpfen. „Was sagst du, Paul, gehen wir eine Runde mit den Jungs?“

Paul nickt zustimmend und hievt auch Nico von der Schaukel direkt auf seine Schultern.

„Aber jetzt sag mir nicht, ihr seid euch so in die Haare geraten, weil Flo dein Fünf-Sterne-Menü verschmäht hat“, meldet sich mein Bruder nach fünfzig zurückgelegten Metern zu Wort.

„Ach, Quatsch. Klar, ich war schon ziemlich enttäuscht. Da stehe ich den halben Tag in der Küche und fackle mir fast die Hand ab, und dann ist alles für die Tonne.“ Gefrustet kicke ich einen prallen Tannenzapfen zur Seite. „Trotzdem habe ich meinen Frust klaglos runtergeschluckt.“ Ein zweiter Zapfen folgt dem Ersten. Nach meinem kräftigen Tritt hoppelt er über die Promenade und landet raschelnd unter einer Hecke. „Zumindest habe ich es versucht! Du hättest Flo mal sehen sollen. Am anderen Ende des Sofas, eingewickelt in eine Wolldecke wie eine ägyptische Mumie und mit einem Gesichtsausdruck wie sieben Tage Regenwetter. Also hab ich mir gedacht, ich erzähl was Positives und berichte von unserem Strandtag mit den Jungs. Und was macht sie? Reagiert total schnippisch.“

Paul runzelt ungläubig die Stirn. „Flo reagiert schnippisch, weil du ihr von unserem Strandtag erzählst? Kann ich mir gar nicht vorstellen.“

„Nicht direkt“, gebe ich missmutig zu. „Erst hab ich ihr von unserem Strandtag erzählt. Davon, wie genial es mit den Jungs war.“ Ich stocke und visiere einen weiteren Zapfen an. „Und dann habe ich mich dazu hinreißen lassen, sie zu fragen, ob wir nicht auch langsam die Familienplanung in Angriff nehmen wollen …“

„Hast du nicht!“, fällt Paul mir ins Wort.

„Doch, hab ich“, erwidere ich bestimmt und versetze dem fetten Zapfen einen kräftigen Tritt. „Warum auch nicht, Paul? Wir sind seit über zwei Jahren zusammen, wir sind glücklich miteinander! Sie ist die Frau, mit der ich eine Familie will.“

Paul quittiert meinen emotionalen Striptease mit einem schwerfälligen Schnaufen.

„Klar wusste ich, dass so spät am Freitagabend vielleicht nicht der ideale Zeitpunkt ist, um das Thema Familienplanung anzusprechen. Aber irgendwas in mir wollte endlich mal eine klare Antwort haben. Sie ist mir lange genug ausgewichen! Danach ging es rund, wie du dir vorstellen kannst.“

„Mensch, Brüderchen.“ Paul schlägt sich die flache Hand vor die Stirn. „Du bist doch sonst so ein cleveres Kerlchen! Aber in Bezug auf Flo verhältst du dich manchmal wie ein unsicherer Schuljunge.“ Er legt grinsend eine rhetorische Pause ein. „Oder ein Volltrottel.“

„Schönen Dank auch, Bruderherz“, grummle ich und lasse den Blick über das sich kräuselnde Wasser der Ostsee schweifen. Die streitenden Möwen treiben wieder innig vereint nebeneinander über die Wellen.

„Och Jojo, jetzt sei kein Mädchen.“ Paul dreht genervt die Augen gen Himmel. Dann legt er mir die brüderliche Pranke auf die Schulter. „Flo liebt dich. Klar werdet ihr irgendwann Kinder haben. Ich glaube nur ganz ehrlich, dass du da mit Druck gar nichts reißen wirst. Im Gegenteil. Flo ist eben eine taffe Frau. Bevor sie klein beigibt, wird sie dir die Ohren langziehen.“ Die symbolische Untermauerung folgt in Form eines kräftigen Kniffes in besagtes Körperteil.

„Autsch! Mann, Paul!“ Ich bringe mich mit einem Sprung zur Seite in Sicherheit und reibe mein glühendes Ohrläppchen. „Penner!“

Ein Weilchen spazieren wir stumm nebeneinander her. Das Läppchen brennt wie Feuer.

„Ich weiß selbst, dass es ein Fehler war, sie damit so zu bedrängen“, stimme ich zähneknirschend zu, als das Brennen ein wenig nachgelassen hat. „Aber du kannst dir nicht vorstellen, wie gefrustet ich bin! Inzwischen plane ich den Antrag schon seit Monaten, und Flo verhält sich störrisch wie ein Maulesel.“

Ein fünfter Zapfen hoppelt nach einem kräftigen Tritt über die Strandpromenade.

„Da passt ihr ja ausgezeichnet zusammen“, kommt es wie aus der Pistole geschossen. Paul lacht gurrend.

„Ha, ha. Sehr empathisch, du Honk. Warum bin ich überhaupt hergekommen?“ Mürrisch stapfe ich neben ihm her.

„Ach, komm schon, Jojo. Du weißt doch, Mitleid gibt’s von mir nicht.“ Er holt eine transparente Tupperdose aus seiner Umhängetasche. „Aber du kannst nen Berliner haben. Willst du?“ Er grinst freudig und hält mir ein pralles, goldgelbes Schmalzgebäck vor die Nase. „Habe ich heute Morgen von der Bäckerei Hansen geholt. Die Jungs fahren voll drauf ab. Bei Sandra gibt es ja wie du weißt keinen Süßkram für die Zwerge. Zu viel Zucker. Zu fett. Zu ungesund. Zu ich weiß nicht was. Aber da wir ja gerade auf uns allein gestellt sind …“ Paul blickt mit gieriger Vorfreude auf die frischen Berliner.

Bevor ich antworten kann, krakeelt es im Duett von unseren Schultern: „Ich! Ich, ich, ich, iiich!“

Nico und Leon rudern wie wild mit ihren kleinen Ärmchen und grapschen Löcher in die Luft, um einen Berliner zu ergattern.

„Ja, ja, ja. Mensch, Jungs. Ist ja gut! Gemach, gemach. Ihr kriegt beide einen.“ Paul beeilt sich, seinen beiden Raubtieren je einen Berliner in die kleinen Hände zu drücken. Der Dritte geht an mich. Den Vierten schiebt Paul sich fast zur Gänze auf einmal in die Futterluke.

„Ich kann dir ja mal eine kleine Episode von Sandra und mir erzählen“, spricht Paul, während er sich bereits das letzte Stück seines Berliners in den Mund stopft. „Dann siehst du die Sachlage vielleicht mit anderen Augen.“

Ich runzle die Stirn. Mein Bruder hat so einige schräge Stories auf Lager.

„Bereit?“ Paul klopft sich die Puderzuckerhände an der Hose ab.

„Klar.“ Ich vertilge ebenfalls das finale Fitzelchen meines Berliners. „Schieß los.“

„Also …“ Pauls Augen blitzen vor Vorfreude auf seine eigene Story. „Drei Monate vor dem Ende meiner Facharztausbildung hatten Sandra und ich den krassesten Streit unseres Lebens. Um ehrlich zu sein hätte dieser eine Streit fast unsere Beziehung gekostet.“

„Waren das die drei Tage, als du damals bei mir in Düsseldorf auf der Couch gepennt, durchgehend Playstation gezockt und keinen Piep gesprochen hast?“ Mir schwant Böses.

„Exakt“, spricht Paul mit der Mimik eines Oberfeldwebels.

„Daran kann ich mich allerdings noch sehr gut erinnern. Du hast drei Tage in denselben Klamotten verbracht und ab Tag zwei gestunken wie ein Iltis.“

„Ey!“, folgt Pauls empörter Aufschrei. „Das war genau drei Monate vor Ende meiner Facharztausbildung. Ich war mit den Nerven zu Fuß, Jojo.“

„Du? War doch klar, dass du das mit Links packst.“ Dieses Mal lache ich ihn aus und haue ihm dabei dumpf knallend auf den Rücken. Paul ist schon immer ein Streber gewesen. Der hätte die Prüfung auch im Delirium bestanden.

„Dir vielleicht. Mir ganz und gar nicht. Für mich war es die Hölle“, schnauft er. „Mein Oberarzt hat mir einen Nachtdienst nach dem anderen aufgebrummt und Paps stand mindestens zweimal in der Woche auf der Matte, um schon mal gemeinsam Möbelkataloge nach unserer neuen Praxiseinrichtung zu durchstöbern. Horror!“ Paul greift nach einem Büschel Strandgras, das am Rand des Weges wächst, und rupft im Gehen erbarmungslos einen langen Halm ab. „Jedenfalls komme ich eines Abends spät vom Dienst nach Hause, und da steht Sandra.“ Mit anzüglichem Grinsen hält er sich schalldämpfend die Hand vor den Mund. „In einem oberheißen Fummel, Jojo! Halbtransparent und drunter schwarze Spitzenunterwäsche und Strapse.“ Paul pfeift bewundernd durch die Zähne.

„Sandra? Deine Sandra?“ Ich kann es nicht fassen. Aufreizende Spitzenunterwäsche und Strapse an der drögen Sandra? An der Sandra, deren größte optische Variation darin besteht, sich alle zwei Jahre vom Optiker ihres Vertrauens ein neues Kassengestell verpassen zu lassen und hin und wieder die Position ihres blonden Pferdeschwanzes zu verändern? Never ever!

„Ja. Meine Sandra. Ich dachte, mir fallen die Augen aus dem Kopf.“ Er stutzt. „Und was heißt hier überhaupt ‚deine Sandra‘? Blödmann!“ Paul wirft mir einen strafenden Blick zu. „Ach, übrigens: Ich schwör’s dir, wenn du das auch nur einer Menschenseele erzählst, dann renk ich dir irgendein wichtiges Gelenk aus. Und zwar eines, das richtig wehtut! Articulatio composita, zum Beispiel. Handgelenk.“ Paul lacht schallend auf. Zur Visualisierung seiner Androhung verdreht er eine fiktive Handwurzel zwischen den Händen. Beim bloßen Gedanken an die fehlgeleitete chiropraktische Behandlung meines Bruders verziehe ich schmerzvoll das Gesicht.

„Meine Lippen sind versiegelt.“ Mit Zeigefinger und Daumen schließe ich einen imaginären Reißverschluss an meinem Mund und werfe den ebenso imaginären Schlüssel in hohem Bogen ins struppige Gebüsch der Strandpromenade.

Paul nickt zufrieden. „Na, jedenfalls sind Sandra und ich wild knutschend auf dem Bett gelandet. Und weißt du, was dann kam?“ Er lässt geräuschvoll Luft durch die Zähne pfeifen. „Da sagt sie doch glatt zu mir: Du, Schatz“, Paul verstellt seine Stimme zu einem femininen Flöten, „nur damit du Bescheid weißt. Ich habe entschieden, die Pille abzusetzen. Dir als Arzt muss ich ja nicht erklären, wie schädlich diese Hormone sind. Ab jetzt lege ich das Schicksal in deine Hände.

„Ne! Heiliger Bimbam!“ Reflexartig schüttle ich den Kopf. Ein bisschen Puderzucker von Leons Berliner rieselt vor meinen Augen auf den sandigen Boden des Spazierweges. Ich bin einem mittelschweren Trauma nahe. Die dröge Sandra, das plastikhassende, militante Mutterschiff in heimtückischer Strapsmission.

Paul presst die Lippen zu einem schmalen Strich zusammen. „Oh doch. Ich dachte, ich hör nicht richtig.“

„Was hast du dann bitte gemacht?“

„Was ich gemacht habe?“ Paul grinst ein breites, schelmisches Grinsen. „Natürlich war ich super scharf, wie du dir denken kannst, und hatte überhaupt keinen Bock zu diskutieren. Pragmatisch wie ich nun mal bin, bin ich bäuchlings übers Bett gerobbt und habe die Schublade von meinem Nachttisch aufgezogen. Und tada: Ganz hinten in der Ecke lag noch ein einziges Kondom. Ein uraltes Ding. Ich konnte mich nicht mal daran erinnern, es jemals gekauft zu haben.“

„Oh nee.“ Ich werfe die Hände gen Himmel.

„Ja, du sagst es. Ich hab hin und her geguckt zwischen Sandra und der alten Lümmeltüte. Für einen kurzen Moment hab ich sogar mit dem Gedanken gespielt, es einfach drauf ankommen zu lassen. Aber ich konnte einfach nicht. Mehrlingsgeburten bei uns in der Familie, weißt du doch. Eine einfache Schwangerschaft hätte mich zum damaligen Zeitpunkt schon dazu veranlasst, völlig durchzudrehen. Bei Zwillingen wäre ich vom Klinikdach gesprungen!“

Ich breche in schallendes Gelächter aus. „Das hast du Sandra hoffentlich nicht eins zu eins so gesagt, oder?“ Durch das Gewackel löst sich erneut eine Puderzuckerlawine. Fein und weiß rieselt sie zu Boden. Leon gluckst vergnügt.

„Bist du verrückt? Nein, ich habe natürlich versucht, so viel Diplomatie wie möglich walten zu lassen. Also habe ich gesagt: ‚Okay, Schatzi. Ist in Ordnung. Morgen gehe ich Kondome kaufen.‘ Dann hab ich den Fernseher angemacht, mich auf den Rücken gedreht und den Arm um sie gelegt.“

Paul legt ein dramaturgisches Päuschen ein.

„Ich kann dir sagen, die ist völlig ausgerastet! Wie eine Furie ist sie in ihren Strapsen durch unser Schlafzimmer getobt und hat mich angeschrien, dass ich dachte, mir platzen gleich die Trommelfelle!“

Wieder verstellt Paul seine Stimme. Dieses Mal nicht zu einem lieblichen Flöten, sondern zu einem krächzenden Gezeter.

Welchen Unterschied macht das bitte für dich, Paul? Ich habe sieben Jahre lang deine Launen ertragen. Ich habe dir sieben Jahre lang immer den Rücken für dein Studium freigehalten! Und jetzt? Jetzt ist die Zeit für meine Wünsche, für meine Bedürfnisse gekommen! Hörst du, Paul?

Pauls Stimme wechselt in ihre vertraute, tiefe Lage. „Na ja. Nachdem sie mich hysterisch angebrüllt hat, hat sie mich mit einer Jeans und einem T-Shirt beworfen und mich rausgeschmissen. Aus meiner eigenen Wohnung, wohlgemerkt! Den Rest vom Lied kennst du ja.“

„Krass!“ Gedankenverloren verspeise ich den letzten Bissen von Leons Berliner, den er mir gerade mit klebrigen Händchen nach unten gereicht hat. Natürlich nicht, bevor er auch die letzten losen Puderzuckerkristalle auf meine Haare hat schweben lassen.

„Du sagst es. Krass war das! Da ging es mir echt dreckig. Aber ich konnte einfach nicht. Nicht zu diesem Zeitpunkt. Ich hatte schlichtweg Schiss. Schiss vor der Verantwortung. Den Kopf mit der Ausbildung voll.“

„Aber meinst du nicht, dass es wirklich keinen Unterschied gemacht hätte? Drei Monate später hattest du deinen Facharzt in der Tasche und sorry, wenn ich das so direkt sage, Sandra diesen Braten im Ofen.“ Ich kneife den Braten in sein stämmiges Beinchen.

„Ja, einen Teufelsbraten“, stellt Paul nickend fest. „Stimmt, grundsätzlich hätte es wirklich keinen Unterschied gemacht. Drei Monate später war die Ausbildung vom Tisch und wie du weißt, habe ich ihr noch am Abend der Abschlussprüfung einen Heiratsantrag gemacht. Nebenbei bin ich mir tatsächlich ziemlich sicher, dass ich an diesem Abend auch ins Schwarze getroffen habe.“ Paul zwinkert vielsagend. Seine Augen leuchten vor Vaterstolz. „Trotzdem! Für mich machte es damals eben einen Unterschied. Ich war vorher einfach noch nicht bereit dazu. Und das lag überhaupt nicht daran, dass ich der Ansicht war, dass Sandra nicht die richtige Frau dafür wäre oder dass ich grundsätzlich keine Kinder wollte. Es war einfach der falsche Zeitpunkt. Und ich glaube, dass das bei Flo genauso ist. Bedrängen hilft da nicht.“

Stumm spaziere ich neben Paul her, unschlüssig, was ich von den Weisheiten meines großen Bruders halten soll.

„Seien wir mal ehrlich, Jojo. Sie ist Anfang dreißig“, legt Paul nach. „Da brauchst du gar nichts weiter zu tun, als abzuwarten. Das regelt die biologische Uhr doch von ganz allein. Tick-tack. Tick-tack.“

„Tick-tack, tick-tack“, folgt das piepsige Echo eine Etage höher von meinen Schultern.

„Ob du es hören willst oder nicht. Ich sehe da eindeutig Parallelen.“ Paul kichert voller Vorfreude ob des gleich Folgenden in sich hinein. „Sandra in ihren Strapsen und du mit deinem Kräuterhühnchen.“ Er bricht in schallendes Gelächter aus. Nico hoppelt auf seinen Schultern auf und ab wie ein Cowboy beim Rodeo.

Ich bleibe stehen und beobachte kopfschüttelnd meinen großen Bruder, der sich vor Lachen biegt. „Herziger Vergleich. Danke für das Bild, Paul. Das krieg ich nie wieder aus dem Kopf.“

Paul hält sich inzwischen an einer Zaunlatte am Wegesrand fest und schnappt nach Luft. „Ja, oder? Find ich auch!“ Langsam kommt er wieder zu Atem. Einatmen, ausatmen, einatmen, ausatmen. Genau so stelle ich mir einen Geburtsvorbereitungskurs vor.

„Bist du fertig? Oder setzen gleich die Presswehen ein?“, necke ich ihn. „Danke jedenfalls für das Teilen deines weiten Erfahrungsschatzes, Herr Strapsbändiger.“

„Gern geschehen“, gibt Paul atemlos zurück.

„So, ich mach mich mal wieder auf die Socken, Jungs. Ich will auch noch bei Hansens vorbei, ein paar Stück Butterkuchen mitnehmen. Vielleicht lässt sich mit wohlschmeckenden Kalorien die Misere ja doch wieder geradebiegen. Und danke, Paul. Hat gutgetan, mit dir darüber zu quatschen.“

„Na klar, Jojo. Du bist eben der Jüngere und Unerfahrenere. Da helfe ich doch gerne aus“, neckt Paul und schlingt seinen Arm wie einen Schraubstock um mich. „Das renkt sich schon wieder ein. Und der Butterkuchen von Hansens ist ne sichere Bank. Der hat mir schon über einige Krisen hinweggeholfen!“

Ich hebe den kleinen Leon von seinem Hochsitz auf meinen Schultern. „High Five, Großer.“ Ich halte ihm auffordernd meine Hand vor die spitze Nase. Klatschend landet sein kleines Kinderhändchen in meiner Handfläche.

„Also dann, tschüss Jungs!“ Ich wende mich winkend zum Gehen und drehe mich aus sicherer Entfernung noch einmal zu Paul um. „Achso, Paul, und danke auch noch mal für die Story mit Sandra. Allein das war die Fahrt hierher schon wert.“

„Ich warne dich, Jojo! Kein Wort, oder meine Rache wird grässlich sein!“, ruft Paul über die gesamte Strandpromenade.

„Mach dir keine Sorgen, big brother“, rufe ich grinsend über die anderen Wochenendspaziergänger hinweg. „Das ist selbst mir zu peinlich, es vor anderen wiederzugeben!“

Sandra im Spitzenfummel, was für eine Story.

Auf der Rückfahrt lege ich einen Zwischenstopp bei der Bäckerei Hansen ein und verfrachte ein doppelt geschichtetes Papptablett Butterkuchen auf den Beifahrersitz. Eigentlich müsste man nach einem einzigen Stück sofort eine Runde um die Alster rennen, um die buttrige Zuckerbombe mit dem Schweiß aus den Poren zu treiben. Aber das Teufelszeug schmeckt einfach geil!

Mit dem Kuchen an Bord fahre ich durch die saftig grünen Alleen des schönen Hamburger Außenbezirkes. Flo und ich lieben diese Strecke voll imposanter, knorriger Kastanienbäume und gepflegter Einfamilienhäuser. Speziell dieses eine Haus. Ein weißes Einfamilienhaus mit einem Walmdach aus grauem Schiefer, inmitten eines perfekt angelegten Gartens und einer Einfahrt gefüllt mit weißem Kies. Jedes Mal, wenn Flo und ich auf dem Rückweg von meinen Eltern daran vorbeifahren, sinnieren wir darüber, wie es wäre, die Besitzer dieses Hauses zu sein.

Genau in diesem Moment gleitet der Mercedes an besagtem Haus vorbei. An den makellos weißen Latten des Gartenzauns hängt ein Schild. Zu verkaufen.

Noch ehe die volle Bedeutung der Worte in mein Bewusstsein gesickert ist, lege ich eine Vollbremsung hin. Mit quietschenden Reifen setze ich den Wagen zurück. Hinter mir hupt es empört. Eine sehr blonde Frau mit einem ebenfalls sehr blonden Golden Retriever auf dem Beifahrersitz macht in ihrem SUV pantomimisch ihrer Entrüstung Luft.

„Aufgebrezelte Vorstadteule“, murmle ich, hebe dann aber doch entschuldigend die Hand und ringe mir ein Lächeln ab. Die blonde Dame wirft mir einen finalen entnervten Blick zu. Dann braust sie mit grollendem Motor davon.

Der Kies knistert unter den breiten Reifen, als ich ehrfürchtig auf die Einfahrt rolle. Ich steige aus und gucke gebannt auf das gepflegte Anwesen. Was für eine geniale Hütte!

Kaum habe ich einen Fuß auf den Kiesboden gesetzt, kommt ein struppiger Rauhaardackel wie ein Kampfjet knapp über die perfekt gestutzte Grasnarbe des Vorgartens geflitzt und kläfft sich die Seele aus dem kleinen Körper. Uns trennt nur noch der Gartenzaun. Die todesmutige Kampfwurst springt wie Rumpelstilzchen daran auf und ab, sodass der Kies wie Gischt in alle Richtungen spritzt.

Ich kann mir ein lautes Lachen nicht verkneifen, während ich den beeindruckend engagierten Wachhund dabei beobachte, wie er mit der Sprungkraft einer Metallfeder vertikal an den gusseisernen Stäben emporspringt. Hunde sind einfach coole Gesellen.

„Sht, Hugo. Lass das!“, dringt eine tiefe Stimme über den Vorplatz. Ein eleganter älterer Herr mit schlohweißem Haar kommt tiefenentspannt auf mich zugeschritten. „Verzeihen Sie!“ Er hebt entschuldigend die Hände und zeigt auf den aufgebrachten Vierbeiner. „Erst macht er die Welle, als wäre er Rambo höchstpersönlich, und im nächsten Moment schmeißt er sich rücklings vor den potentiellen Einbrecher, um sich den Pelz kraulen zu lassen.“ Er öffnet das verschnörkelte Gatter des Gartenzaunes.

Ehe sich die Pforte überhaupt bis zur Hälfte geöffnet hat, hat Dackel Hugo schon zum Hechtsprung angesetzt und wälzt sich auf dem pelzigen Rücken. Ungeniert wölbt sich mir ein kahler Hundebauch entgegen.

„Du bist mir so ein Wachhund, Hugo!“ Der Hausherr stemmt die Hände in die Hüften und schüttelt amüsiert den Kopf.

Besagter Hugo rollt sich grunzend wie ein Trüffelschwein auf dem Rücken und entblößt dabei eine blitzende Perlenkette schneeweißer Zähne. Er sieht aus wie eine lächelnde Fledermaus.

„Ein elendiger Opportunist, dieser Hund! Ich sag’s ja immer wieder, wir hätten uns eine Gans anschaffen sollen. Die macht mindestens genauso viel Krach wie du und hält auch noch den Rasen kurz. Das wäre weitaus konvenienter!“

Konvenienter. Was für eine Ausdrucksweise. Bei jedem anderen hätte es affig gewirkt, aber der Typ hat Stil, das muss man ihm lassen. Ich fühle mich ein bisschen in die James-Bond-Filme meiner Jugend zurückversetzt.

„So. Nun aber zu Ihrem Anliegen“, spricht der hanseatische James Bond außer Dienst. „Was kann ich für Sie tun?“

Mit knackenden Kniegelenken erhebe ich mich aus der Hocke und klopfe mir graubraune Rauhaardackelhaare von der Hose. Hugo wuselt schwanzwedelnd um meine Beine und sorgt dafür, dass neue Haare auf der Hose landen.

„Ich habe das Schild von der Straße aus gesehen.“ Ich deute auf die Einfahrt.

Der elegante Herr nickt.

„Eigentlich kann ich gar nicht glauben, dass genau dieses Haus zum Verkauf steht. Deshalb musste ich einfach anhalten!“

Genau dieses Haus?“ Der Hausherr legt erstaunt die Stirn in Falten.

„Tatsächlich genau dieses“, bestätige ich. „Sie müssen wissen, wir lieben dieses Haus. Meine Freundin und ich. Wir sind schon an die fünfzig Mal gemeinsam hier vorbeigefahren und jedes Mal sinnieren wir darüber, wie es wäre, in diesem Haus zu leben.“

„Schön, schön.“ Der elegante Herr schmunzelt.

„Sie wollen also wirklich verkaufen?“, erkundige ich mich. Das muss ein Fehler sein. So eine Hütte verkauft man nicht einfach. Und dann schon gar nicht über so ein Schild am Gartenzaun. Eine ganze Horde von Luxusmaklern hätte da schon längst ihre Krallen ins Fleisch gehauen.

„Wir wollen verkaufen“, folgt nickend die Bestätigung. „Natürlich auch mit einem weinenden Auge. Wir haben wunderbare Zeiten in diesem Haus verlebt, unsere Kinder sind hier aufgewachsen. Aber jetzt ist es Zeit für etwas Neues. Wir wollen in die Wärme. Mallorca. Beide Kinder hat es mit ihren Partnern nach München verschlagen und das Haus ist einfach zu groß für uns zwei und diese halbe Portion hier.“ Er deutet auf Dackel Hugo, der gerade sein Revier an einem Rosenbusch markiert. „Da nehmen wir uns lieber eine kleine Stadtwohnung in München und eine kleine Finca am Meer. Davon träumen wir seit Jahren. Mit einer Finca auf Mallorca steigen außerdem die Chancen, von den Kindern und Enkeln besucht zu werden, geradezu exponentiell an.“ Er hebt vielsagend die dichten, weißen Augenbrauen und zwinkert schmunzelnd. „Sie möchten sicherlich das Haus sehen, nicht wahr? Eine kleine Führung, was sagen Sie?“

Ich stutze. Ungläubig gucke ich Richtung Haus. „Sehr gerne, Herr …?“

„Lindemann. Sehr erfreut.“ Herr Lindemann streckt mir seine gepflegte Hand entgegen.

„Julian Lewandowski. Danke für das Angebot, Herr Lindemann. Aber ich möchte Ihnen wirklich nicht Ihre Zeit stehlen.“

„Ach was.“ Der Hausherr winkt ab und wendet sich zum Gehen. Mit einem scharfen Pfiff ruft er Dackel Hugo zu sich, der rasant hinter den Rosenbüschen hervorschießt. „Kommen Sie“, fordert er mich auf, während er bereits entschiedenen Schrittes Richtung Haustür stapft. Der Kies knistert unter seinen Wildleder-Mokassins.

Knapp dreißig Minuten später endet die Tour an der Doppelgarage.

„So. Unsere Runde ist fast zu Ende, Herr Lewandowski. Allerdings habe ich hier noch etwas, das ich Ihnen gern zeigen würde.“ Er lächelt geheimnisvoll. „Ich habe mir nämlich gedacht, dass Sie sich für Autos interessieren könnten“, spricht er mit einem Blick hinüber zur Einfahrt, wo mein Mercedes in der Sonne funkelt. Mein Baby.

„Kann man so sagen“, bestätige ich. „Vor einigen Jahren habe ich mich diesbezüglich selbstständig gemacht.“

Herr Lindemann zieht interessiert eine buschige Augenbraue gen Haaransatz.

„Ich importiere Oldtimer und arbeite sie auf“, erkläre ich.

Ein zufriedenes Lächeln umspielt die Mundwinkel des Hausherren. „Na, dann könnte Ihnen diese alte Lady hier gefallen.“ Herr Lindemann betritt die offene Garage und lüftet das weiße Baumwolltuch über dem mysteriösen Umriss eines Autos. Darunter kommt ein alter Jaguar aus den fünfziger Jahren zum Vorschein. Englischgrün mit cognacfarbenen Ledersitzen.

„Wow!“ Mir bleibt schier die Luft weg. Was für ein Hammerwagen!

Herr Lindemann nickt stolz. „Ja, nicht wahr? Ich habe sie vor einigen Jahren einem ehemaligen Nachbarn abgekauft und mir damals fest vorgenommen, sie aufzuarbeiten, sobald ich mich in den Ruhestand begebe.“ Er schüttelt gedankenversunken den Kopf. „Ich habe das ja nie glauben wollen, aber seitdem ich in Rente bin, ist mein Terminkalender voller denn je! Gartenarbeit, Reisen, Golfen, der Umzug, das Hundevieh …“ Hugo spitzt die Ohren, als wüsste er, dass von ihm die Rede ist. Herr Lindemann tätschelt ihm liebevoll den Kopf. „Ja, genau. Du alter Knecht bist gemeint, Hugo!“

Dann wendet er sich wieder mir zu und setzt eine geschäftsmännische Miene auf. Hätte er einen Anzug getragen, er hätte der ehrfürchtigen Seniorität von Sean Connery in nichts nachgestanden.

„Was sagen Sie also zum Haus, Herr Lewandowski? Sind Sie interessiert?“

Reflexartig straffe ich die Schultern. „Und ob ich interessiert bin, Herr Lindemann! Ehrlicherweise habe ich nicht erwartet, dass so ein Schmuckstück jemals auf den freien Markt kommen würde, aber …“ Ich stocke.

„Aber was?“ Herr Lindemann schürzt die schmalen Lippen.

„Aber ehrlicherweise gehe ich nicht davon aus, dass das Objekt innerhalb unserer finanziellen Möglichkeiten liegt“, erkläre ich zögernd.

„Tja. Nun bin ich nicht Ihr Finanzberater und weiß somit nicht, wie es um Ihre finanziellen Möglichkeiten bestellt ist. Aber ich frage mich gelinde gesagt schon, wie Sie das ohne Kenntnis des anvisierten Kaufpreises beurteilen können.“ Herr Lindemann schmunzelt neckisch. Ich gucke wie ein Auto. „Also, Herr Lewandowski, um Sie nicht weiter auf die Folter zu spannen. Der Kaufpreis liegt bei sechshunderttausend Euro.“

Meine Kinnlade klappt augenblicklich nach unten. Meine Augen haben sicher mindestens die Größe von Tischtennisbällen angenommen.

„Wie Sie sich denken können, könnte mit diesem Objekt weit mehr erzielt werden“, führt Herr Lindemann weiter aus. „Darum geht es uns aber nicht. Deshalb verkaufen wir das Haus auch privat und haben es absichtlich keinem dieser raffgierigen Makler gegeben. Ich will hier keine Goldgräber, die das Haus an den Meistbietenden verschachern.“ Die letzten Worte spuckt er angewidert aus. „Dafür bedürfte es ohnehin keines Maklers. Hier in der Nachbarschaft lauern einige Leute seit Jahren, wenn nicht seit Jahrzehnten auf dieses Haus. Verstehen Sie mich nicht falsch, Herr Lewandowski. Es ist nicht so, dass ich meine Nachbarn nicht mag, im Gegenteil. Aber für die hiesige Klientel wäre dieses Haus lediglich ein Zweit- oder sogar Dritthaus, das man quasi ‚auf Halde‘ kauft, um damit die eigenen Kinder oder Enkelkinder in die Nachbarschaft zu locken. Das bürstet mir gegen den Strich. Ehrlich gesagt bin ich dagegen höchst allergisch!“ Herr Lindemann schüttelt resolut den Kopf. „Dieses Haus soll jemand kaufen, der es auch selbst bewohnen und hier eine Familie gründen möchte. So wie meine Frau und ich damals.“

Zwischenzeitlich habe ich meine Kinnlade wieder unter Kontrolle gebracht. „Ist das Ihr Ernst?“

Herr Lindemann nickt mit der ernsthaftesten aller ernsthaften Mienen. „Mein voller Ernst.“

„Und Ihre Frau?“

Der Hausherr lacht amüsiert auf. „Meine Frau und ich sind da einer Meinung, wenn Sie das meinen, Herr Lewandowski.“ Er legt eine Denkpause ein und krault Hugo, den Opportunisten, hinter den Schlappohren. „Wenn Sie so wollen, bin ich der Finanzminister und meine Frau die Ethikkommission unserer Familie. Ohne Zustimmung der Ethikkommission bekommt der Finanzminister ohnehin keine Freigabe.“ Herr Lindemann lacht schallend über seinen treffenden Vergleich. „Wissen Sie, vor einigen Jahren bin ich noch dem Erfolg und dem Geld hinterhergehechelt. Aber schauen Sie sich doch mal um in der Welt.“ Er holt weit aus. Hugo schaut sich irritiert um. „Oder schlagen Sie die Tageszeitung auf. Das Elend springt einen doch von überall her an. Was nützt einem da das ganze Geld? Man muss das Leben genießen, solange es geht. Das letzte Hemd hat keine Taschen.“

Details

Seiten
0
Erscheinungsform
Erstausgabe
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783960874355
ISBN (Buch)
9783960874362
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v433206
Schlagworte
liebe-frauen-roman-tik-s-e-lustig-humor-voll romantisch-e-Komödie Traum-mann Karriere-frau Hund kinder-wunsch-kriegen Schwanger-schaft

Autor

  • Mia Blum (Autor)

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Titel: So war das aber nicht geplant (Liebe, Humor)