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Mordsgefährlich: 7 spannende Kurzgeschichten (Krimi)

von Bettina Wagner (Autor)

2018 0 Seiten

Leseprobe

Kurz vorab

Liebe Leserin, lieber Leser,

wie schön, dass du dich für diesen booksnack entschieden hast! Ich möchte dich auch gar nicht lange aufhalten, denn sicher hibbelst du der folgenden Kurzgeschichte schon voller Freude entgegen.

Aber ich möchte dir vorab ganz kurz die wichtigsten Merkmale einer Kurzgeschichte in Erinnerung rufen:

  1. Der Name ist Programm: Alle Kurzgeschichten haben ein gemeinsames Hauptmerkmal. Sie sind kurz.
  2. Kurz und knapp sind auch die Handlung und die erzählte Zeit (Zeitsprünge sind eher selten).
  3. Ganz nach dem Motto »Einleitungen werden total überbewertet« fallen Kurzgeschichten meist sofort mit der Tür ins Haus.
  4. Das zweite Motto lautet »Wer braucht schon ein Happy End?« Also bereite dich auf einen offenen Schluss und/oder eine Pointe am Ende der Geschichte vor. Das Geheimnis dahinter: Kurzgeschichten sollen dich zum Nachdenken anregen.
  5. Versuch deine Neugier zu zügeln, denn auch für die Beschreibung der Charaktere und Handlungsorte gilt »in der Kürze liegt die Würze«.
  6. Die Aussage des Textes ist nicht auf den ersten Blick ersichtlich. Hier bist DU gefragt, um zwischen den Zeilen zu lesen und deine persönliche Botschaft aus der Geschichte zu ziehen.

Jetzt bist du gewappnet für unseren literarischen Snack. Und findest du nicht auch, dass man diesen gleich noch mehr genießen kann, wenn man weiß was drin ist?

Viel Spaß beim Booksnacken wünscht dir

Stephanie Schönemann

Programmleitung dp DIGITAL PUBLISHERS

Über dieses E-Book

Das Leben ist immer ein Risiko – doch manchmal kann es mordsgefährlich sein!

Das stellen in dieser Sammlung von 7 kriminell guten Kurzgeschichten nicht nur glücklose Schauspielerinnen und abgehalfterte Zauberkünstler fest, auch für unangemeldete Besucher und dreiste Diebe hält das Schicksal oft unvorhergesehene Wendungen bereit.

Denn eines ist klar: Die Grube, die man anderen gräbt, wird nicht selten zur eigenen Falle …

Impressum

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Gesamtausgabe August 2018

Copyright © 2018, booksnacks,
ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten
ISBN: 978-3-96087-492-8

Titel- und Covergestaltung: Francesca Hintz
unter Verwendung eines Motives von
© Neizu/shutterstock.com

Korrektorat: Daniela Pusch

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Buches sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Mords
gefährlich



Bettina Wagner

Vorwort

Warum ich Krimis schreibe?

Zum einen, weil ich gerne einen Blick in jene Abgründe werfe, die sich – dann und wann – in jedem von uns auftun. Und zum anderen, weil ich meine Protagonisten gerne in eben jene Gruben fallen lasse, die sie vermeintlich anderen gegraben haben.

Den perfekten Plan gibt es nämlich nicht. Das Schicksal hält meist noch eine kleine Überraschung bereit. Das Leben ist eben »mordsgefährlich«!

Herzlichst

Ihre Bettina Wagner

Sieben Mörder

Sie schlitterte den Abhang hinunter. Ihr Kleid war an der Schulter zerrissen, ihre Knie waren aufgeschlagen und ihr Haar hing ihr in wirren Strähnen ins Gesicht, aber sie kümmerte sich nicht darum. Da unten war die Straße, und damit Schutz und Sicherheit!

Blindlings stolperte sie auf die Fahrbahn und schwenkte verzweifelt die Arme. Ein dunkler Wagen, der sich mit hoher Geschwindigkeit näherte, verlangsamte seine Fahrt und hielt neben ihr an. Wie von Sinnen stürzte sie darauf zu und riss die Beifahrertür auf. Sie war so erleichtert, dass sie kaum sprechen konnte, sondern haltlos zu Schluchzen anfing.

»Oh bitte, Sie müssen mir helfen! Sie müssen mich mitnehmen! Oh bitte! Bitte!«

Am Steuer des Wagens saß ein junger Mann Anfang dreißig, mit blondem Haar und einem freundlichen, runden Gesicht. »Steigen Sie ein«, sagte er. »Was ist denn mit Ihnen passiert? Sie sehen ja ganz aufgelöst aus. Hatten Sie einen Unfall?«

»Ja – nein.« Jetzt, da die Angst und Anspannung der letzten Tage und Wochen von ihr abfielen, konnte sie ihre Tränen nicht mehr länger zurückhalten. Sie schlug die Hände vors Gesicht und beugte sich vor. Ihr schmaler Körper wurde von einem Weinkrampf geschüttelt. Beschwichtigend legte der junge Mann seine Hand auf ihre Schulter.

»Ist ja gut. Ist ja schon gut. Was immer es ist, Sie haben nichts mehr zu befürchten. Sie sind in Sicherheit. Aber jetzt erzählen Sie erst einmal, was eigentlich mit Ihnen geschehen ist.«

Die junge Frau nickte und wischte sich die Tränen aus den Augen. »Könnten – könnten wir vorher losfahren?«, fragte sie. Sie würde sich erst dann wirklich sicher fühlen, wenn sie diesen Ort so weit wie möglich hinter sich gelassen hatte.

»Natürlich. Ganz wie Sie wollen.« Der junge Mann startete den Motor und fuhr los. Eine Weile saß sie schweigend neben ihm, starrte durch die Windschutzscheibe auf die dunkle Asphaltbahn, die unter dem Wagen weg glitt, als würde sie von ihm verschluckt. Meter um Meter. Meile um Meile. Das Entsetzen, das sie wie mit eiserner Faust gepackt zu haben schien, fiel allmählich von ihr ab. Ihr Atem wurde ruhiger, ihre Hände hörten auf, unkontrolliert zu zittern. Mit stockender Stimme begann sie zu erzählen:

»Mein Name ist Melissa Sorenson. Mein Vater war Edward Sorenson – «

»Von den Sorenson-Werken?«

»Ja. Ich bin seine einzige Tochter. Nach seinem Tod habe ich sein gesamtes Vermögen geerbt. Aber das hat mir kein Glück gebracht. Oh nein, das hat mir kein Glück gebracht.« Die junge Frau schüttelte den Kopf. Verzweiflung schwang in ihrer Stimme mit, ihre Augen füllten sich erneut mit Tränen.

»Was ist passiert?«, fragte der junge Mann hinter dem Steuer mitfühlend.

»Ich stand nach dem Tod meines Vaters ganz allein da – meine Mutter starb bei meiner Geburt, müssen Sie wissen. Die einzige Verwandte, die ich noch habe, ist meine Tante Olga – sie ist die Schwester meines Vaters – und natürlich meine Stiefmutter Rita, die zweite Frau meines Vaters. Sie hatten erst vor zwei Jahren geheiratet. Vorher war Rita Vaters Sekretärin. Ich habe mich eigentlich nie besonders gut mit ihr verstanden, aber ich muss zugeben, dass sie nach seinem Tod wirklich sehr nett zu mir war, obwohl ihr bei der Testamentseröffnung nur eine geringfügige monatliche Rente und das Wohnrecht in unserer Villa zugesprochen wurden. Zur Beerdigung kam natürlich auch Tante Olga mit ihrer Familie, Onkel Gustav und den Jungen, Rüdiger und Benno. Tante Olga bestand darauf, dass sie alle zu Rita und mir in die Villa zogen, um sich um mich zu kümmern. Ich war ihnen anfangs auch wirklich sehr dankbar dafür, aber dann – nach etwa zwei Wochen tauchte plötzlich Igor auf, Ritas Bruder, und quartierte sich ebenfalls bei uns ein. Etwa zu dieser Zeit begannen um mich herum merkwürdige Dinge zu geschehen. Meine Zimmertür war nachts verschlossen, und wenn ich Rita oder Tante Olga am nächsten Morgen darauf ansprach, behaupteten sie, das wäre unmöglich und sie hätte wahrscheinlich nur geklemmt. Ich bekam keine Post mehr. Immer wenn das Telefon läutete, war irgendjemand vor mir dran, und angeblich war es jedes Mal falsch verbunden. Mein Handy war plötzlich spurlos verschwunden, mein Computer funktionierte nicht mehr. Unsere Hausangestellten wurden einer nach dem anderen unter fadenscheinigen Gründen entlassen. Rüdiger und Benno begannen, mich auf Schritt und Tritt, wo ich auch hinging, zu verfolgen. Sobald ich das Grundstück verlassen wollte, wurde ich unter irgendeinem Vorwand wieder ins Haus zurückgerufen. Dann wurde ich krank. Ich fühlte mich irgendwie ganz schwach und elend, konnte kaum noch aufstehen. Ein Arzt kam, aber es war nicht unser Hausarzt, der mich betreut hat, seit ich ein Kind war. Tante Olga erklärte, der Mann wäre ein Spezialist aus der Stadt, und ich bräuchte dringend intensive Pflege und viel Ruhe. Ich durfte mein Zimmer nicht mehr verlassen. Ich war praktisch eine Gefangene. In diesem Augenblick erkannte ich, dass meine Verwandten darauf aus waren, mich umzubringen. Ich war von sechs Mördern umgeben!«

Melissa schwieg. Ihr Gesicht sah angespannt und müde aus, die Tränen, die jetzt getrocknet waren, hatten eine Schmutzspur aus Staub und Schweiß über ihre Wangen gezogen.

»Wie konnten Sie ihnen entkommen?«, fragte der junge Mann.

»Ich verstellte mich. Ich tat so, als würde ich weiterhin die Medizin nehmen, die der angebliche Arzt mir verschrieben hatte, aber in Wirklichkeit spülte ich sie die Toilette hinunter. Ich begann mich daraufhin sofort besser zu fühlen. Meinen Verwandten gegenüber ließ ich mir natürlich nichts anmerken. Sie dachten, ich würde langsam dahinsiechen, und teilten in Gedanken wohl schon mein Geld auf. Ich wollte einen günstigen Moment abwarten, um zu flüchten. Aber heute Morgen hörte ich zufällig ein Telefongespräch mit, das Onkel Gustav führte. Ich weiß nicht, mit wem, aber ich weiß, worum es ging. Die Sache mit den Medikamenten ging ihnen zu langsam. Freunde, Leute, die ich von früher kannte, begannen schon nach mir zu fragen. Meine Verwandten sahen ein, dass es zu riskant war, selbst in die Geschichte verwickelt zu sein. Also hatten sie ihre Taktik geändert. Am Telefon heuerte Onkel Gustav jemanden an, der mich ermorden sollte! Da wusste ich, dass ich keine Zeit mehr verlieren durfte. Ich schlich zurück in mein Zimmer, zog mich an, kletterte aus dem Fenster und rannte los. Ich rannte und rannte, ohne mich ein einziges Mal umzublicken, bis ich – «

Melissa brach plötzlich ab und sah sich irritiert um. »Wieso fahren wir auf einen Feldweg? Sind Sie sicher, dass das der richtige Weg ist?«

»Da bin ich mir ganz sicher«, sagte der junge Mann und stellte den Motor ab. In seiner Hand befand sich mit einem Mal ein Revolver, den er auf Melissa richtete. »Sie müssen nämlich wissen, Miss Sorenson – der Mann, mit dem Ihr Onkel am Telefon sprach – der war ich.«

Eierjagd

Willi Lebert hatte den Coup seines Lebens gelandet. Er konnte sein Glück immer noch nicht fassen.

Dabei sah die Villa der alten Dame, die, wie er wusste, zurzeit mit einem Oberschenkelhalsbruch im Krankenhaus lag, gar nicht so pompös aus. Die Farbe blätterte von der Fassade, die Fensterläden waren verwittert, und auch der Terrassenaufgang hätte dringend eine Reparatur nötig gehabt. Eine Alarmanlage gab es ebenfalls nicht, der Einbruch war praktisch ein Kinderspiel.

Auch im Inneren des Hauses sah es auf den ersten Blick nicht nach einem Super-Fischzug aus. Die Möbel waren alt und abgewetzt, der Nippes, der herumstand, war zwar aus Großmutters Zeiten, wirkte aber nicht übertrieben wertvoll.

Willi packte das silberne Teegeschirr aus der Vitrine ein, eine Bronzebüste, die über dem Kamin thronte, und eine Wanduhr aus Mahagoni. Dann suchte er nach dem Schlafzimmer der alten Dame. Vielleicht fand er dort reichere Beute.

Aber die Ausbeute schien zunächst mäßig zu sein: eine alte Taschenuhr, ein paar Silberketten und goldene Ringe, etwas Bargeld. Immer noch besser als gar nichts, sagte sich Willi.

Und dann sah er es: ein kunstvoll ziseliertes, blaugoldenes Ei, besetzt mit funkelnden Edelsteinen, das in der Mitte des altmodischen Frisiertisches thronte.

Willi wusste sofort, dass es sich dabei nicht um eine billige Kopie, sondern um das Original handelte. Ein waschechtes Fabergé-Ei, darüber gab es gar keinen Zweifel. Im Laufe seiner langjährigen Einbrecherkarriere hatte Willi einen geschulten Blick dafür bekommen, was echt und was falsch war.

Wie das Ei in die Villa einer pensionierten Handarbeitslehrerin, die mit einem mittlerweile verstorbenen Förster verheiratet gewesen war, kam, interessierte Willi zunächst nur am Rande. Wichtiger war, das Ei vorsichtig in ein Nachthemd seiner Besitzerin zu wickeln und in seiner Tasche zu verstauen. Und dann zu verschwinden, so schnell ihn seine Beine nur trugen. Jetzt durfte er sich bloß nicht mit seinem Schatz erwischen lassen!

Später, als er in seiner Wohnung saß und überlegte, wie er das Ei am besten zu Geld machen sollte, fiel ihm die Geschichte wieder ein, die seine Eltern ihm erzählt hatten, als er noch ein Kind war.

Dass vor vielen Jahren, zu Beginn des vorigen Jahrhunderts, einmal der schwedische König in dieser Gegend zur Wildschweinjagd gewesen war. Dabei war er im Haus des Großvaters des verstorbenen Försters, der damals kaiserlicher Wildhüter war, zu Gast gewesen. Der hohe Besuch hatte großes Aufsehen in der kleinen Gemeinde erregt und sorgte noch jahrelang für Gesprächsstoff.

Vielleicht hatte der schwedische König ja dem Wildhüter das Fabergé-Ei als Gastgeschenk mitgebracht. Und sein Enkel und dessen Frau hatten das Ei geerbt. Klar, dass sie einen so wertvollen Besitz nicht an die große Glocke hängen würden!

Und jetzt hatte Willi das Glück auf seiner Seite! Er war sich sicher, dass er rasch einen Käufer finden würde, der ihm genug Geld dafür bezahlte, damit er und Else für den Rest ihres Lebens keine Sorgen mehr zu haben brauchten.

Else jammerte schon seit langem, dass ihr kleiner Laden einfach nicht genug einbrachte, um rentabel zu sein, und dass sie ihn wohl bald aufgeben musste.

Naja, er konnte das verstehen! Else verkaufte in ihrem Nippesladen selbst hergestellte Ton- und Keramikarbeiten. Zurzeit war das Geschäft vollgestopft mit kunstvoll bemalten Ostereiern aus Glas und Porzellan. Doch wer sollte das Zeug schon kaufen, wenn es an jeder Ecke billige Plastik-Eier in rauen Mengen gab?

Dabei fiel Willi etwas ein. Auf einen Ladenhüter mehr oder weniger würde es in Elses Geschäft nicht ankommen, und er hatte das perfekte Versteck für sein Fabergé-Ei gefunden, bis er mit einem Käufer handelseins geworden war!

Gleich am nächsten Tag, als er Else in ihrem Laden besuchte, platzierte er das Fabergé-Ei in einem großen Korb mit Porzellan-Eiern, die auf dem Ladentisch ausgestellt waren.

Willi lachte sich ins Fäustchen. Selbst wenn die Polizei nach dem gestohlenen Ei suchte, würde sie es in einem Geschäft voller bunter Ostereier nie finden, und wenn es direkt vor ihrer Nase läge.

Die nächsten Tage verbrachte Willi damit, einen potenziellen Käufer für seinen Schatz aufzutreiben. Seine guten Kontakte zur Unterwelt waren ihm dabei sehr nützlich. Über einen Mittelsmann kam er mit einem wohlhabenden Sammler in Kontakt, der Willi für das Ei mehr Geld anbot, als er jemals zu hoffen gewagt hatte.

Sinnigerweise sollte der Austausch am Ostersonntag stattfinden. Doch als Willi seiner Else am Abend davor die gute Nachricht mitteilen wollte, kam sie ihm zuvor.

»Ach, Willi!«, rief sie überglücklich. »Stell dir vor, was heute passiert ist! Weil die örtliche Sparkasse ein so gutes Geschäftsjahr zu verbuchen hatte, hat der Direktor sämtliche Ostereier in meinem Laden aufgekauft, um sie als Osterüberraschung an die Schul- und Kindergartenkinder zu verteilen. Ist das nicht fantastisch?«

Willi war wie vom Schlag gerührt. »Sämtliche Ostereier?«, wiederholte er tonlos.

»Ja, alle! Es ist kein einziges mehr übrig!«, jubelte Else. »Die Kinder werden sich bestimmt riesig darüber freuen, meinst du nicht auch?«

»Ja, bestimmt«, murmelte Willi. Eins der Kinder würde sich ganz besonders freuen …

Doppelgänger

Allmählich begann die Sache Alice unheimlich zu werden. Das war jetzt das zweite Mal innerhalb von drei Wochen, dass eine wildfremde Person sie auf der Straße ansprach und behauptete, sie zu kennen. Das erste Mal hatte sie vor der Auslage eines für sie viel zu teuren Modegeschäfts gestanden und hatte neiderfüllt die ausgestellten Abendkleider angestarrt, als diese Frau sie plötzlich umarmte und »Moira, Liebste, was für eine Überraschung, dich zu sehen!« rief. Es hatte Alice einige Mühe gekostet, die Frau davon zu überzeugen, dass sie nicht die Moira war, für die sie gehalten wurde.

Und nun war es wieder passiert. Sie war auf dem Weg zur Bushaltestelle, als plötzlich dieser rote Sportwagen neben ihr hielt. Der Mann am Steuer, braungebrannt und gutaussehend, lächelte ihr zu.

»Moira Schatz, was um alles in der Welt machst du in dieser Gegend? Ich dachte, ich traue meinen Augen nicht, als ich dich plötzlich die Straße herunterkommen sah. Wo steht dein Wagen?«

Alice war irritiert, aber sie blieb höflich. »Es tut mir leid«, sagte sie freundlich. »Ich fürchte, Sie verwechseln mich mit irgendjemandem. Ich habe Sie noch nie in meinem Leben gesehen.«

Der Mann ließ sich davon nicht beirren. »Komm schon, Moira, lass das Theater. Ja, ich weiß, ich hatte versprochen, mit dem Spielen aufzuhören, aber es war das allerletzte Mal, ich schwöre es dir. Du weißt doch, dass ich dich liebe.« Sein blendendweißes Lächeln war unecht, und er fügte mit umwerfender Offenheit hinzu: »Dich und dein Geld. Also hör auf zu schmollen und steig ins Auto. Ich lade dich zum Essen ein und wir rauchen die Friedenspfeife, einverstanden?«

Alice war zu dem Zeitpunkt so pleite, dass sie es sich nicht leisten konnte, eine Einladung zum Essen, egal welcher Art, auszuschlagen. Außerdem war diese ungewöhnliche Begegnung eine gute Gelegenheit, zumindest sich selbst zu beweisen, dass sie durchaus nicht so eine unbegabte Schauspielerin war, wie die Agenten, deren Klinken sie putzte, immer behaupteten. Wenn alle Welt darauf bestand, sie für diese Moira zu halten, dann war sie eben Moira!

Der gut aussehende Fremde führte sie in eines der teuersten Restaurants der Stadt, wo sie mit großer Zuvorkommenheit als Miss Westham und Mr. Amato begrüßt wurden. Offenbar war Moira hier Stammgast. Zahlreiche andere Besucher des Lokals nickten ihr zu, und Alice nickte huldvoll zurück. Sobald sie an ihrem Tisch Platz genommen hatten, ergriff ihr Begleiter ihre Hand.

»Weißt du, Moira Schatz, ich habe mir überlegt – wenn wir erst verheiratet sind, sollte ich vielleicht wieder mit dem Tennisspielen anfangen. Ich meine, mit einem richtigen Trainer und bei richtigen Turnieren. Du weißt, dass ich ein ganz passabler Spieler war, ich bin nur nie richtig gefördert worden, um es bis zur Weltspitze zu schaffen. Aber du mit deinem Geld, und ich mit meinem Talent – « Er lächelte ölig. Keinen Penny würdest du von mir bekommen, wenn ich Moira wäre, dachte Alice im Stillen. Aber sie sagte nur: »Darüber können wir ja noch reden.«

Sie aß sich durch die halbe Speisekarte: Kaviar, Spargel, Hummer, Fasan, flambierte Pfirsiche – es war die erste ordentliche Mahlzeit, die sie seit sie-wußte-nicht-mehr-wie-vielen Tagen zu sich nahm. So könnte es mir ruhig öfter gehen, dachte sie nach dem letzten Gang zufrieden, während sie sich von Amato Feuer geben ließ. Mittagessen in todschicken Restaurants, nachmittags zum Friseur und zur Maniküre, abends von einer Party zur nächsten. Der Tennisspieler redete inzwischen unaufhörlich davon, was er nach der Hochzeit mit ihrem Geld anfangen würde. Alice rümpfte unmerklich die Nase. Eine besonders gute Menschenkennerin schien diese Moira nicht zu sein, wenn sie auf so einen Blender hereinfiel. Sie an ihrer Stelle …

Amato beugte sich zu ihr hinüber und senkte seine Stimme zu einem vertraulichen Flüstern.

»Moira Schatz, wegen des Revolvers, den ich dir geliehen habe – du hast doch niemandem etwas davon erzählt, oder? Es ist nur, weil ich keinen Waffenschein dafür habe, und da möchte ich nicht – «

»Nein, nein, natürlich«, murmelte Alice geistesabwesend. In ihrem Kopf spukte ein Gedanke herum, eine vage Idee, die sich nicht mehr vertreiben ließ und die langsam, ganz langsam, eine bestimmte Form annahm. Moira Westham und sie …

Als Amato die Rechnung quittierte, griff Alice rasch nach dem Durchschlag. »Darf ich das behalten – als Souvenir?«, säuselte sie zuckersüß. Ihr Begleiter warf ihr einen schmelzenden Blick zu.

»Du weißt doch, dass ich dir nichts abschlagen kann, Moira Schatz.«

Alice lächelte gezwungen und stopfte den Durchschlag in ihre Tasche. Nach dem Essen versuchte sie sich mit dem Hinweis auf einen Friseurtermin von Amato loszueisen, aber er bestand darauf, sie mit dem Wagen hinzubringen. Also nannte sie den teuersten Laden, den sie kannte, ging winkend zur Vordertür hinein und schlich sich durch die Hintertüre wieder hinaus. Ihr Ziel war die städtische Bibliothek. Sie ließ sich den letzten Jahrgang des Lokalblattes geben und ging systematisch, Ausgabe für Ausgabe, die Klatschspalten durch. Sie hatte bald gefunden, was sie suchte. Es war kein geringer Schock für Alice, ihr eigenes Bild in der Zeitung zu sehen – in der Verkleidung einer atemberaubenden Glamourschönheit.

»Die Millionenerbin und der Tennisplayboy«, stand unter dem Foto zu lesen, das Moira mit Tony Amato zeigte. Aus dem anschließenden Artikel erfuhr Alice alles Wissenswerte über ihre Doppelgängerin:

»Moira Westham (30), Erbin der berühmten Westham-Millionen, erschien zur diesjährigen Wohltätigkeitsgala der Stadt in Begleitung des ehemaligen Tennisprofis Tony Amato, der in informierten Kreisen bereits als ihr nächster Ehemann gilt. Miss Westham ist augenblicklich noch mit dem bekannten Rennstallbesitzer Tom Brent verheiratet, die Scheidung wurde jedoch bereits eingereicht. Mr. Brents Rennstall geriet vor einiger Zeit in finanzielle Schwierigkeiten und steht nun zum Verkauf.«

Alice klappte die Zeitung zu. Sich drei Jahre älter zu machen und einen Ehemann in Kauf zu nehmen, der ohnedies nur noch auf dem Papier existierte, erschien ihr nicht zuviel verlangt, wenn sie an Moira Westhams Millionen dachte. Der vage Gedanke in ihrem Hinterkopf war zu einer fixen Idee geworden: Was wäre, wenn sie Moiras Platz einnehmen würde? Sie hatte es schon einmal getan, zu Mittag beim Essen, und keiner hatte etwas bemerkt. Sie war sicher, es wieder tun zu können. Wozu war sie schließlich Schauspielerin?

Wieder zu Hause, sah sich Alice in ihrer tristen Einzimmerwohnung um. Ein tropfender Wasserhahn, Farbe, die von den Wänden blätterte, und durch die schmutzigen Fensterscheiben der Blick auf die Mülltonnen im Hinterhof. Für die Chance, das alles hinter sich zu lassen, eine ganz neue Existenz zu beginnen, mit soviel Geld, wie sie sich nur wünschen konnte, dafür war sie sogar bereit, einen Mord zu begehen. Moira Westham hatte dreißig Jahre lang ein schönes Leben gehabt. Jetzt war sie an der Reihe. Mit siebenundzwanzig machte Alice sich keine Illusionen mehr über ihre Zukunft. Diese merkwürdige Geschichte war vielleicht die letzte Chance, die sie bekam, etwas aus ihrem Leben zu machen. Auch wenn es ein fremdes Leben war.

Der Plan, Moira Westham aus dem Weg zu räumen und an ihre Stelle zu treten, hatte sich wie von selbst in ihrem Kopf geformt. Aber sie wusste, dass sie schnell handeln musste, bevor irgendjemand mitbekam, dass es da eine Doppelgängerin gab. Zum Rollenstudium blieb keine Zeit. Wenn es soweit war, würde sie eben improvisieren müssen. Alice machte sich zielstrebig daran, ihren Plan in die Tat umzusetzen …

Sie kopierte Tony Amatos Unterschrift von der Rechnung aus dem Restaurant und setzte sie unter einen maschinegeschriebenen Brief, der wie folgt lautete: »Moira Schatz, ich muss dich unbedingt sehen. Triff mich um Mitternacht am alten Wasserwerk. Zu niemandem ein Wort. In Liebe, dein Tony.«

Sie schickte den Brief am nächsten Morgen mit der ersten Post ab. Dann verfasste sie einen zweiten Brief: ihren Abschiedsbrief. Man würde ihn bei der Leiche finden, die in ihren Kleidern ertrunken im Wasserreservoir trieb. Eine erfolglose Schauspielerin, die sich aus Verzweiflung das Leben genommen hatte. Niemand würde Fragen stellen. Niemand würde sie vermissen. Es war das perfekte Verbrechen. Alles, was sie zu tun hatte, war, ihren eigenen Tod zu inszenieren!

Alice fuhr schon gegen zehn Uhr zu dem stillgelegten Wasserwerk außerhalb der Stadt hinaus, um sich in Ruhe umzusehen. Das Wasserwerk war nur noch eine Ruine, aber das Reservoir war noch vorhanden. Es musste ihr irgendwie gelingen, Moira in das Becken zu zerren und sie unter Wasser zu drücken. Notfalls würde sie sie mit irgendetwas niederschlagen, sie musste nur darauf achten, dass die Verletzung wie ein Unfall aussah. Alice legte sich einen großen, handlichen Stein zurecht, dann kauerte sie sich hinter ein paar Büschen neben dem Beckenrand nieder und wartete.

Kurz vor Mitternacht flammten auf der Zufahrtsstraße zwei Scheinwerfer auf, die rasch näher kamen. Ein Wagen bremste quietschend. Eine Gestalt stieg aus und sah sich suchend um. Moira Westham!

»Tony? Tony Liebling, bist du da?«

Sie stolperte die Böschung hinunter. Alice erkannte an ihrem schwankenden, unsicheren Gang, dass sie nicht mehr ganz nüchtern war. Keine zwei Schritte von ihrem Gebüsch entfernt blieb Moira stehen.

»Tony? Wo steckst du? Du solltest wissen, dass ich solche Scherze nicht mag. Entweder du kommst jetzt raus und erklärst mir, was das Ganze soll, oder ich fahre wieder. Tony?«

Alice stand lautlos auf.

Sie war hinterher selbst erstaunt, wie einfach es war, von hinten an ihr Opfer heranzutreten, es zu packen und mit einem raschen Griff zu Boden zu werfen. Moira war entweder zu überrascht oder zu betrunken, um sich erfolgreich zu wehren. Mit wenigen Schritten war Alice am Becken. Als Moira klar wurde, was sie vorhatte, war es bereits zu spät. Ihre verzweifelten Versuche, um Hilfe zu schreien, führten nur dazu, dass sich ihre Lungen umso schneller mit Wasser füllten. Nach wenigen Minuten war alles vorbei. Alice musste nur noch mit der Toten die Kleider tauschen, dann wälzte sie Moira Westhams Leiche zurück ins Reservoir. Den Abschiedsbrief deponierte sie unter einem Stein auf dem Beckenrand. Alles verlief haargenau nach Plan.

In Moiras paillettenbesetztem weißen Cocktailkleid, das ihr passte, als wäre es für sie gemacht, ging sie zurück zum Wagen. Doch als sie die Böschung hinaufsteigen wollte, blieb sie wie erstarrt stehen. An der Kühlerhaube des Sportwagens lehnte ein Mann, in seiner behandschuhten Rechten ein metallisches Glänzen: ein Revolver, der geradewegs auf sie gerichtet war.

»Du bist erstaunt, mich hier zu sehen, liebste Moira?«, fragte der Mann liebenswürdig. »In diesem Fall würde ich dir raten, deine heimlichen Liebesbriefe nicht so offen herumliegen zu lassen, solange dein Mann noch im selben Haus mit dir wohnt. Aber eigentlich muss ich dir dankbar dafür sein. Der Brief hat mich nämlich auf eine glänzende Idee gebracht. Willst du hören, was für eine Idee das ist?«

Alice trat einen Schritt zurück. Tom Brent, schoss es ihr durch den Kopf. Moiras Ehemann! Ihre Gedanken überschlugen sich.

»Hören Sie, Mr. Brent – «

»Warum so förmlich, liebste Moira? Noch sind wir nicht geschieden. Darauf beruht nämlich meine Idee. Auf der Tatsache, dass im Falle deines Ablebens dein Vermögen immer noch mir zufällt, deinem gesetzlich angetrauten Ehemann. Als ich es brauchte, wolltest du mir ja nichts davon abgeben. Sollte dir also etwas zustoßen – «

»Aber nein«, rief Alice verzweifelt. »Das ist eine Verwechslung – «

»Eine Verwechslung? Natürlich ist es eine Verwechslung, liebste Moira. Der Revolver, den ich in der Hand halte, gehört deinem Freund Tony Amato. Auf deinem Nachttisch liegt ein Brief von ihm, in dem er dich hierher bestellt. Ich bin sicher, die Polizei wird sich mit Begeisterung auf solche Indizien stürzen. Um mich brauchst du dich nicht zu sorgen. Ich kann mir ohne Schwierigkeit ein Alibi kaufen – genug Geld habe ich ja jetzt.«

Alice dachte an Moiras Leiche, die hinter ihr im Reservoir trieb. Ein Mörder ermordet einen anderen Mörder, dachte sie. Ist das nun himmlische Gerechtigkeit – oder einfach nur eine Ironie des Schicksals?

Es war ihr letzter Gedanke.

Dann drückte Brent ab.

Der Besucher

Sie hatte vier Hühner, zwei Hunde und drei Katzen. Ansonsten lebte sie ganz allein in dem großen Haus am Ende des Ortes. Es hieß, dass sie nicht ganz richtig im Kopf war. Sie hatte etwas Geld von ihrem Vater geerbt, und ein Mietshaus in der Stadt, von dessen Einkünften sie lebte.

Sie brauchte nicht viel. Sie hatte einen großen Garten, in dem sie ihr eigenes Gemüse anbaute, Kartoffeln und Kopfsalat, sie hatte Eier von den Hühnern, und im Sommer Äpfel, Birnen und Pflaumen von den alten Obstbäumen am Rande des Weihers.

Details

Seiten
0
Erscheinungsform
Erstausgabe
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783960874928
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v435091
Schlagworte
Krimi-Anthologie perfektes Verbrechen Mord Auftragsmörder Bankräuber Krimi-Kurz-Geschichte spannende Kurzgeschichten

Autor

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    Bettina Wagner (Autor)

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