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Selfie mit Zuckerguss (New Adult, Chick Lit, Liebe)

von Emma Simon (Autor)

2018 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

Louisa ist nicht perfekt. Sie hat Speckröllchen, liebt flauschige Hausschuhe und ihre gemütliche Couch. Ganz anders als die Instagram-Models, denen sie folgt. Als sie dann Johannes, den Traumtypen mit den blauen Augen, kennenlernt, fasst sie einen Plan: Weg mit der alten Louisa und her mit dem trainierten Beach-Body! Sie will endlich das perfekte Leben, von dem sie schon immer geträumt hat: Perfekter Body, perfekter Freund und perfektes Instagram-Feed! Louisa ist bereit, alles dafür zu geben, um endlich die beste Version ihrer selbst zu sein. Doch sie erkennt, dass die schöne Selfie-Welt nicht das ist, wofür sie sie gehalten hat ... Kann Louisa sich selbst lieben wie sie ist? Und was ist an einem unperfekten Ich eigentlich so verkehrt?

Impressum

dp Verlag

Überarbeitete Neuausgabe September 2018

Copyright © 2020 dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

E-Book-ISBN: 978-3-96087-431-7
Taschenbuch-ISBN: 978-3-96087-437-9

Copyright © 2017, dp DIGITAL PUBLISHERS
Dies ist eine überarbeitete Neuausgabe des bereits 2017 bei dp DIGITAL PUBLISHERS erschienenen Titels Fitnessbitch (ISBN: 978-3-96087-181-1).

Covergestaltung: Buchdesign Traumstoff
unter Verwendung von Motiven von
shutterstock.com: © Anney_Lierg, © JFunk
freepik.com: © BiZkettE1
Korrektorat: Daniela Höhne

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

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dp Verlag

Prolog

Wenn Leute sagen, man müsse alles mal ausprobiert haben, man müsse überall mal gewesen sein, dann sprechen sie meistens von Bungee-Jumping, Gruppensex oder Laos. Sie sprechen nicht von den schwarzen Orten der Seele, in die man keinen Schritt setzen sollte, weil man sonst immer wieder zu Besuch kommt. Wenn man sich den beschwerlichen Weg durch den Dornenwald erst einmal freigeschlagen hat, ist er plötzlich ganz leicht wiederzufinden und ganz leicht zu begehen. Bei seiner Freilegung hat man sich das Gesicht und die Arme blutig gekratzt, die Knie aufgeschürft und die Knöchel verstaucht. Man ist gestolpert, hat sich aufgerappelt, ist wieder aufgestanden. Nicht nur ein Mal, mehrere Male. Soll das umsonst gewesen sein? Es ist doch so schön hier. Ruhig. Nur ab und zu kann man doch an diesen dunklen Ort kommen, den sonst keiner kennt. Allein sein, der Einzige sein, sich von der Welt da draußen erholen, weil die Welt da draußen anstrengend ist. Anstrengend und verständnislos. Bald auch ahnungslos. Und wenig später schon geradezu blind vor Engstirnigkeit. Denn eigentlich ist man der Einzige, der wirklich Bescheid weiß. Über diesen ganz einsamen Ort der Ruhe zum Beispiel.

Und auch, wenn man irgendwann immer mehr Erholung von der Außenwelt braucht: Ist doch nichts dabei? Sollen die anderen nur ruhig Bungee-jumpen, Gruppensex haben und nach Laos reisen. Jeder hat doch ein Recht auf seinen ganz persönlichen Rückzugsort. Und jeder träumt von seinem ganz persönlichen Rückzugsort. Aber nicht jeder Rückzugsort ist einfach irgendwo in Laos.

Die Zebras, der Elefant und Johannes

Schon bevor ich überhaupt zugesagt hatte, wusste ich, dass diese WG-Party wahrscheinlich ein Reinfall werden würde. Aber ich hatte Mia hoch und heilig versprochen, sie an ihrem Geburtstag zu besuchen, auch wenn das eine dreistündige Autofahrt für mich bedeutete. Ziemlich viel freundschaftlicher Einsatz für eine mittelprächtige Party, wie ich fand. Aber um ehrlich zu sein, kam mir selbst die kleinste Aussicht auf ein wenig Spaß und Ablenkung gerade recht.

Ich musste raus hier.

Raus aus dieser verfluchten Stadt, die mich als motivierte Master-Studentin aufgenommen und als irgendwas, das nicht wiederzuerkennen war, wieder ausgespuckt hatte. Früher hatten sich die Kerle nach mir umgedreht. Früher wäre ich nie versetzt worden. Heute drehte sich niemand um. Heute war ich versetzt worden. Auf dem Weihnachtsmarkt. Vergessen, wie ein belangloser Zahnarzttermin. Wobei man den meistens nicht vergisst, denn der nächste freie Termin ist häufig so weit in der Ferne, dass die Zahnschmerzen sich von selbst erledigt haben, weil es bis dahin keinen Zahn mehr gibt. Solche Termine vergisst man selten. Menschen dagegen schon.

Ich brauchte also Aufmunterung, und mein Ego brauchte Beifall. Am besten tosenden, wenn’s geht. Weniger wertgeschätzt zu werden als ein Zahnarzttermin, ist kein gutes Gefühl. Man will es loswerden, man will es vergessen. Man will wissen, dass man noch da ist und fort, nicht genauso entbehrlich ist, wie ein weißbekittelter Mann, der einem die Mundhöhle nach Karies absucht. Und das so schnell es geht. Noch bevor dieses Gefühl die Selbstzweifel so gut genährt hat, dass sie groß, massig und muskelbepackt sind und das Selbstbewusstsein auf dem Schulhof locker kopfüber in die Tonne kloppen können. Und wenn es dafür den existenzbekundenden Applaus einer mittelprächtigen Partygesellschaft bedurfte – bitte schön. Dann machte ich mich eben schick für eine Party, von der ich ahnte, dass sie beschissen werden würde. 

Für gewöhnlich waren zwar alle Partys ihrer WG the place to be in dieser popeligen, kleinen Studentenstadt, die kaum eine anständige Kneipe, geschweige denn einen nur halbwegs akzeptablen Klub vorzuweisen hatte. Aber diese Facebook-Veranstaltung ging alles andere als steil. An einem verlängerten Wochenende seine Geburtstagshausparty in einer Stadt zu feiern, deren sämtliche Bewohner sich völlig verständlicherweise wünschten, sie so häufig wie nur möglich gen Urlaub verlassen zu können, war nicht sehr schlau gewesen.

Ich checkte die Liste der Einladungen. Nur zweiundzwanzig Zusagen. Innerlich verdrehte ich die Augen. Nicht nur, dass sämtliche unserer gemeinsamen Freunde sich eine lächerliche Ausrede hatten einfallen lassen, um nicht den weiten Weg nach Schießmichtot-Stadt machen und dort auch noch nächtigen zu müssen – anstatt derer hatte sich auch noch „die Gang“ angemeldet.

„Die Gang“ war eigentlich nichts weiter als eine ziemlich große Horde junger Männer, die zufälligerweise allesamt aus demselben kleinen Dorf kamen, allesamt im gleichen Alter waren und allesamt eine niedrige Toleranz gegenüber Leuten außerhalb ihres Rudels aufwiesen. Und was gab es schon Schöneres auf einer Party, als ein zusammengerottetes Pack bulliger Jungs, die sich gegenseitig „Möse“ und „Schwengel“ nannten und einen mit verächtlichen Blicke straften, wenn man ihre Lieblingsband scheiße fand oder – Gott bewahre – sie nicht kannte.

Wer glaubt, sich verlesen zu haben, den muss ich enttäuschen: ja. Sie hatten alle stets dieselbe Lieblingsband.

Später sollte sich herausstellen, dass auch „Möse“ und „Schwengel“ nicht umhin kamen, wie alle anderen erwachsen werden zu müssen und dass die gegenseitige Abstinenz, die ihnen durch verschiedene Studienorte aufgezwungen worden war, die Entwicklung einer eigenen Persönlichkeit und einer selbstständigen Gehirnfunktion, abseits des Rudeldenkens, geradezu beflügelte. Aber damals … damals ähnelte der Versuch einer Anbandlung mit „der Gang“ einem Elefanten, der versuchte, sich in eine Herde Zebras zu integrieren. Klar, Zebras sind keine aggressiven Tiere. Aber sie starren. Sie stehen da, mampfen Gras und starren den Elefanten an.

Genauso wie Timmy jetzt starrte – eines der wenigen „Gangmitglieder“, die auf einen tatsächlich existierenden, nicht der Fäkalsprache entlehnten Namen hörten.

„Wie, du isst das nicht?“, kam es aus ihm heraus. Er stopfte sich eine der Pizzaschnecken in den Mund und glotzte mich weiter ungläubig an, während die Teigteilchen einen bedenklichen Ruck gen meines Dekolletés machten, als er mir den Teller an die Brust drückte, als hoffte er, der Inhalt könnte auch durch meinen Busen absorbiert werden.

„Nein, ich bin Vegetarier“, stellte ich nun zum dritten Mal klar und wünschte, ich hätte einfach eine der Schnecken genommen, nur um sie dann wieder zurückzulegen. Die zwei Promille, die Timmy mindestens innehatte, hätten mir diesen Betrug mehr als erleichtert.

„Aber die sind echt lecker!“, beharrte Timmy und ich spürte eine große Ladung Krümel in meinen Ausschnitt rutschen. Schnell nahm ich ihm den Teller aus der Hand. Mit nur zwei Promille hatte ich mich wohl grob verschätzt.

„Ich esse kein Fleisch, aber danke“, sagte ich und hoffte, die Diskussion damit beendet zu haben. Wo zum Teufel steckte Mia, wenn man sie mal dringend brauchte? Wahrscheinlich war sie mir schon einige Party-Schritte voraus und wurde in irgendeiner Ecke der Bude befummelt. Da ihr fester Freund ebenfalls zur Feiergesellschaft gehörte, war das Duell allerdings nicht ganz fair. Ich hatte keinen festen Freund. Stattdessen hatte ich Timmy.

„Salami ist doch kein Fleisch!“ Er riss den Teller wieder an sich. „Hey, Penis! Glaubst du das, die isst keine Salami!“ Ich stöhnte, es war so klar gewesen. Ein Rat des Rudels wurde einberufen, um sich in seiner einheitlich stupiden Meinung gegenseitig zu bestätigen. Bald würde man mich auf der Party nur noch unter einem lächerlichen Pseudonym kennen und ich konnte die Aussicht auf ein wenig Spaß vollkommen begraben.

„What?! Du bist so ’ne Tofu-Fotze?“ Penis alias Thomas war dem Ruf seines Gangmitglieds brav gefolgt und gesellte sich zu uns. Das war nicht die Art Aufmerksamkeit, die ich mir von dieser Party erhofft hatte. Sein Atem roch nach Hochprozentigem und es fiel ihm zusehends schwer, mein Gesicht zu fokussieren. Ich fürchtete, dass sich zu den Krümeln in meinem Ausschnitt bald auch noch Erbrochenes gesellen würde.

Um das bestmöglich zu vermeiden, machte ich einen Schritt zurück. Die beiden folgten nach. Es war geradezu absurd: Ein Elefant, der von Zebras in die Ecke gedrängt wurde. Ich musste kichern bei dem Gedanken, was meine beiden Gegenüber fälschlicherweise als Auflösung eines Scherzes deuteten: „Die hat uns verarscht! Die hat uns verarscht!“, brüllte Timmy vor Lachen. Ich verzichtete lieber darauf, ihn zu verbessern. Die Möglichkeit, den beiden Hornochsen in ihrem Zustand kurz vorm Nirvana argumentativ die Vorteile von Vegetarismus darstellen zu können, war verschwindend gering. Außerdem sah ich meine Chancen wieder steigen, die Party doch noch unter meinem eigenen Namen hinter mich zu bringen. So verlockend Tofu-Fotze auch klingen mochte.

Ich griff zur nächsten Bierflasche. „Jungs, wer hat Lust auf eine Runde Bierpong?“, rief ich und erntete johlende Zustimmung. Ein paar mehr Bier intus waren unabdingbar, um aufzugeben und die Hoffnung über Bord werfen zu können, auf dieser Party noch einen anregenden Gesprächspartner zu finden. Anregende Gespräche hatten auf WG-Partys einfach nichts verloren.

Wir enterten also grölend die Abstellkammer, in der die Tischtennisplatte aufgestellt worden war – zumindest Timmy und Thomas grölten, bei mir war es eher ein zaghaftes, mädchenhaftes Johlen, das nur ein weiterer Beweis dafür war, dass ich mir nun so schnell wie möglich einen reinlöten musste. Anpassung ist der einzige Weg, als Elefant in einer Zebraherde unterzutauchen. Also nichts wie her mit den Streifen.

Um den Tisch in der Mitte der Kammer hatte sich eine beträchtliche Menge Zuschauer gebildet. Sie feuerten die beiden sich duellierenden Mannschaften an. Ich drückte mich durch die Menge. Den zehn in Pyramidenform aufgestellten und bis zum Anschlag mit billigem Bier gefüllten Plastikbechern auf jeder Seite der Platte nach zu urteilen, hatte das Spiel gerade erst begonnen. Am anderen Kopfende entdeckte ich Mia, wie sie mit hochrotem Kopf und einem Tischtennisball in der Rechten auf einen der Becher der gegenüberliegenden Seite zielte. Offensichtlich hatte ich mit meiner Fummelvermutung falsch gelegen. Meine Entscheidung war schnell gefasst.

„Mia! Ich bin in deinem Team!“, verkündete ich lauthals und richtete meinen Zeigefinger demonstrativ auf meine Freundin. Very Uncle Sam. Ich konnte regelrecht fühlen, wie sich die Lebensgeister in mir regten. Hätte aber auch nur das Bier sein können. Belassen wir es bei den Geistern.

Ein bisschen zeitlich versetzt – gerade noch so, dass es glaubwürdig auch als Folge einer natürlichen, langsamen Reaktionsfähigkeit ausgelegt werden konnte – löste sie sich aus ihrer Konzentrationsstarre. Als sie mich erkannte, war die Freude groß: „Wohooo! Luisa! Die machen wir fertig!“, rief sie mir zu und sprang mich voll trunkener Motivation an. Das Bier in meiner Hand schwappte mir aufs T-Shirt. So langsam würde man aus meinem Ausschnitt eine Probe entnehmen können, die mehr Dreck enthielt als jegliche Toilette dieser WG. Und das war eine Leistung.

Ich ließ mich von Mia an die Tischtennisplatte zerren und mir den Ball in die Hand drücken. Unser Team hatte noch ein weiteres Mitglied, das ich allerdings nur kurz mit einem Auge musterte. Den Typ hatte ich noch nie zuvor gesehen. Egal, für Formalitäten war auch später noch Zeit. Jetzt hieß es erst mal den kleinen weißen Plastikball in einem der Becher des gegnerischen Teams zu versenken. Vom Kampfgeist gepackt, ging ich leicht in die Knie und visierte die Spitze der Becherpyramide an.

„Hey! Über den Tisch beugen ist verboten!“, protestierte sofort mein Gegenüber. Ich blickte hoch. „Möse“. Wer sonst.

Widerwillig machte ich einen Schritt zurück. Der würde noch staunen, wie gut ich zielen konnte. Ob über den Tisch gebeugt oder nicht.

Dong.

„Aua! Mann, was soll das?“, brüllte „Möse“ und hielt sich die Stirn. „Ups. Da habe ich mich wohl vertan“, antwortete ich trocken. Wütend bückte er sich, um auf dem Boden nach dem Ball zu suchen und riss dabei fast die halbe umstehende Menge mit sich.

„Guter Schuss“, flüsterte mir Mia ins Ohr. Ich verkniff mir ein lautes Lachen und stupste sie stattdessen verschwörerisch mit dem Ellenbogen. „Ich weiß nicht, was du meinst. Werfen ist einfach nicht mein Ding.“

Aus dem Augenwinkel sah ich, wie auch Teammitglied Nummer drei schelmisch zu mir rübergrinste. Sympathisch. „Hey, wir kennen uns noch nicht. Ich bin Luisa“, stellte ich mich vor und streckte ihm die Hand entgegen. Irgendwie hatte ich verdrängt, dass wir uns hier auf einer WG-Party und nicht in der normalen Welt befanden, in der man unter Fremden höfliche, aber distanzierte Gesten austauschte. Statt meine Hand zu nehmen, drückte er mich mit einer festen Umarmung an sich.

„Klar kennen wir uns! Ich wohne hier seit drei Jahren. Habe wohl nicht so einen bleibenden Eindruck hinterlassen“, lachte der mindestens um einen Kopf größere Mitspieler. „Ich bin Johannes.“ Es fühlte sich an, als würden meine Gedärme einen mächtigen Peinlichkeitssamba hinlegen. Vielleicht war es auch nur ein Biersamba, aber wer weiß das schon. „Das tut mir echt leid“, entschuldigte ich mich. Wie zum Teufel konnte es sein, dass dieser Typ jahrelang völlig unbeachtet von mir, Tür an Tür mit einer meiner besten Freundinnen zusammenwohnte?

„Ich feiere heute übrigens auch meinen Geburtstag“, legte er nach. Schlag-mich-einer-mit-dem-Beil-tot-und-brat-mich-statt-dem-Storch. Das durfte ja wohl nicht wahr sein! Ihn schien meine Ignoranz nicht im Geringsten zu stören, bester Miene wandte er sich wieder dem Spiel zu. Wie er das so locker wegsteckte, beeindruckte mich. Ich an seiner Stelle wäre zumindest kurz beleidigt gewesen – auch wenn ich das laut nie zugegeben hätte. Gesicht wahren und so. Ganz schön selbstsicher, dieser Johannes.

Lautes Gebrüll riss mich aus meinen Gedanken: „Möse“ hatte in eines unserer Biere getroffen und vollführte etwas, das wohl ein Freudentanz sein sollte, aber aussah als hätte eine Ente schwere Verdauungsstörungen. Nun war es an uns, das Bier zu leeren. Ein Blick zu meiner Linken verriet mir, dass der Drink meine dünne, kleine Freundin schnurstracks unter den Tisch befördern würde. Wir brauchten sie aber noch oben drüber. Ich war in Wirklichkeit nämlich alles andere als der gute Schmeißer für den ich mich ausgab … oder Schießer … oder Werfer … oder wie das heißt. Dafür ein sehr guter Trinker. „Ich mach das!“, statuierte ich also und leerte den Inhalt des Bechers in einem einzigen Zug. Ein erhabenes Gefühl durchströmte mich. Die Menge klatschte tosenden Beifall als hätte ich das 1:0 für Deutschland geschossen. Die Zebrastreifen standen mir mittlerweile ganz gut, fand ich.

Die nächsten Biere fielen dann Johannes zu, der mit seiner beachtlichen Größe auf jeden Fall mehr davon vertrug als Mia und ich zusammen. Als die letzte Runde angebrochen war, wurde es ungemein spannend. Neun von zehn Bechern waren auf jeder Seite schon getroffen und ausgetrunken worden, jetzt ging es um den Sieg. Alles oder nichts, dachte ich. Dabei hatte ich mit zunehmendem Alkoholgehalt im Blut Schwierigkeiten, einen sicheren Stand zu behalten, ohne mich an der Tischtennisplatte festhalten zu müssen. In meinem angetrunkenen Übermut hatte ich aber trotzdem keinen Zweifel daran, den letzten Becher von „Möse“ und Co. auf jeden Fall treffen zu können. Eine angespannte Stille machte sich im Raum breit, während ich wie ein Golfanfänger meinen Hintern in die Luft reckte, meinen Stand so gut es ging sicherte und die Augen zum Zielen zusammenkniff.

Zu aller Leute Erstaunen und nicht weniger zu meinem eigenen, sollte mein tollkühnes Ich recht behalten. Mit einem leichten Schnips landete der Ball in der mittlerweile Zimmertemperatur warmen Brühe. Mir und „Möse“ fiel gleichzeitig die Kinnlade herunter und Jubel brach aus. Wie aus dem Nichts fand ich mich in den Armen von Johannes durchs Zimmer wirbeln. „Das war ja mal ein richtig geiler Ball. Respekt!“, meinte er, als er mich wieder absetzte und mir zuzwinkerte.

Meine Integration in die Zebrahorde war nunmehr so weit, dass ich sogar anfing, ihr Sozialverhalten zu adaptieren: Denn nun war ich diejenige, die blöd starrte. Ob es an meiner vom Bier verzerrten Wahrnehmung lag oder an dem überraschend angenehmen, selbstbewussten Auftreten dieses Typen – in der Sekunde, als er mir zuzwinkerte, wusste ich eins: Das ist mein Mann.

Meine Eroberungspläne hatten aber erst einmal Pause. Mia zog mich in die Küche. Wie immer, wenn man schon sehr stramm ist, meinte sie auch jetzt, sie sei noch lange nicht stramm genug. „Komm, wir trinken noch eine Runde Kurze!“ Ich widersetzte mich nicht. Auch ich dachte, ich sei noch lange nicht stramm genug. Und so fischten wir aus der Spüle zwei dreckige, kleine Gläser und füllten sie, ohne sie zu spülen, mit etwas Knallgelbem, Klebrigem, das aussah als wäre seine ursprüngliche Konsistenz eher sogar fester Natur gewesen.

„Nimm 2-Schnaps“, meinte Mia auf meinen fragenden Blick hin. Ich hatte also recht gehabt. Das Zeug sah aus wie Kleister. Ich traute der Sache nicht: „Wie hast’n du die Bonbons da reinbekommen?“ Ich zeigte auf die Flasche.

„Zerstampft und mit Wodka aufgefüllt“, erklärte sie bereitwillig. „Und ein bisschen Saft dazugemischt.“

„Aber nur ganz ein bisschen!“, lallte es vom anderen Ende der Küche. „Ich war dabei!“ Timmy bahnte sich seinen Weg zu uns. Angetrunken konnte ich seine Gesellschaft schon wesentlich besser ertragen. „Na, dann trink doch du zuerst“, forderte ich ihn auf. Sollte er doch das Versuchskaninchen spielen für die Spirituosenexperimente meiner Freundin. Ohne zu zögern griff er sich statt dem Gläschen, das ich ihm anbot, die Flasche und sog den halben Inhalt in sich hinein. Als er absetzte, schwer schluckte und sich in meine Richtung drehte, ahnte ich es kommen. Einem lauten Rülpser folgte sodann auch gleich der Inhalt und landete beinahe vollständig in meinem Ausschnitt. Zur Salzsäule erstarrt, fühlte ich, wie die Flüssigkeit an meinem Bauch herunterlief. Ich konnte es nicht mehr aufhalten.

„Hoppala“, sagte Timmy.

Da man in solchen Situationen genau zwei Möglichkeiten hat zu reagieren und ich für eine Szene, die ihn in Grund und Boden stampfen würde, noch nicht betrunken genug, beziehungsweise schon zu angeheitert, war, brach ich in Gelächter aus. Davon angesteckt fingen auch Mia und Timmy wie Irre an zu lachen und wir kugelten uns fast auf dem Boden, während sich bei unserem Lachflash das Erbrochene in der ganzen Küche verteilte.

„Was ist denn hier los?“ Johannes steckte den Kopf durch die Tür und musste kurz würgen. Meinen Eroberungsplan konnte ich fürs Erste wohl knicken. „Wir wollen noch rüber ins Donkey’s. Wie schaut’s bei euch aus?“ Er musterte mich vielsagend von oben bis unten bis ihm auffiel, dass die Pizzaschnecke-Bröckelchen nicht etwa in meinem, sondern in Timmys Gesicht hingen. Ganz Mann der Stunde packte er ihn an der Schulter und manövrierte ihn aus der Küche. „Ich bring den mal ins Bett. Geht ruhig schon vor, wenn ihr“, er schluckte angewidert, „euch umgezogen habt.“

„Komm, ich hab da ein Oberteil für dich“, sagte Mia. Ich grinste in mich hinein. Sie musste schon sehr betrunken sein zu glauben, ich hätte nicht noch vier weitere Outfits im Gepäck. Keine fünf Minuten später stiegen wir mit einem überschaubaren Rest an Feierwütigen die Treppe in den Donkey’s Klub hinab. Es war ein ziemlich dunkler Keller, an den Wänden hing noch Lametta von Silvester und die Barbeleuchtung warf grünes Licht auf die Tanzfläche. Edel war anders. Das hier war abgenutzt, aber ehrlich. Man versuchte nichts zu sein, was man nicht halten konnte. Authentisch ist eben das neue edel.

Ich fragte mich, ob es klug war, jetzt noch einen Eroberungsversuch zu starten. Es war drei Uhr morgens und ich musste dementsprechend aussehen. Ganz davon abgesehen, dass der vorige Anblick von mir, über und über mit Erbrochenem bedeckt, vermutlich sein Übriges in Puncto Anziehungskraft getan hatte. Da meine Aufmerksamkeitsspanne im Moment aber der eines Goldfischs glich und Johannes ohnehin noch damit beschäftigt war, den volltrunkenen und protestierenden Timmy („Isch kommit! Kann noch rischtigut zanzen, du Penis!“) ins Bett zu kriegen, gab ich mich vorerst damit zufrieden, mit Mia zu unserem Lieblingslied von Mando Diao die Tanzfläche leerzufegen. Wenn Down in the Past gespielt wird, ist es ein Naturgesetz auf dem Planeten Mia-Luisa, völlig durchdrehen zu müssen. Und so sprangen, drehten und headbangten wir, bis uns zum Glück für alle Umstehenden die Puste ausging und bevor noch jemand durch herumfliegende Mädchenfäuste zu Schaden gekommen wäre. Irgendein lahmer Interpret aus den Siebzigern löste die schwedische Band ab.

Kurz vorm Erstickungstod wuchtete ich mich auf einen der zerschlissenen Hocker um den Holztresen und winkte einer Barkeeperin.

„Ein Bier, bitte.“ Meinem Durst nach hätte ich auch gleich zwei bestellen können. Meinem Pegel nach keins.

Ein paar Stühle weiter entdeckte ich Johannes wie er versuchte, die Barkeeperin auf sich aufmerksam zu machen, die gerade mein Bier zapfte. Zum zweiten Mal diesen Abend schoss mir ,jetzt oder nie‘ durch den Kopf und ich drängte mich zu ihm durch. Ich musste es versuchen. Johannes war mein Mann. Und dieser Mann würde mir nicht entkommen. Dieser Mann würde mich ganz sicher nicht auch noch vergessen, dafür würde ich schon noch sorgen.

Hier, in diesem durchgerockten Keller, wo das Licht so schummrig war, dass man sein Gegenüber kaum erkannte und die stickige, stinkende Luft einen wünschen ließ, das Rauchverbot in Klubs sei niemals durchgesetzt worden, fühlte ich meine Chancen steigen. Zu meinem Erstaunen wirkte er, als habe er mich ebenfalls gesucht und hatte ein breites Grinsen im Gesicht, als ich bei ihm ankam. Vielleicht hatte ich die Situation richtig eingeschätzt und sie würde sich so entwickeln, wie ich es mir erhofft hatte. Das Blatt vor dem Mund hatte mir der Alkohol schon geklaut und ich schoss einfach drauf los: „Dein Drink geht auf mich, du hast dich vorhin so heldenhaft um Timmy gekümmert.“ Ich reichte ihm seinen Jacky-Cola und fühlte mich schon wie Mr. James Bond höchstpersönlich. Fast hätte ich Pierce-Brosnan-mäßig meine Augenbraue keck nach oben gezogen, da meinte mein Held: „Gut, dass du ihn erwähnst. Ich soll dir was von deinem Freund ausrichten. Er hat absolut nichts dagegen, wenn du nachher bei ihm im Bett pennst.“ Ich riss schockiert die Augen auf. Dieses Gesicht hatte Pierce Brosnan sicher nicht auf Lager. „Danke für den Drink! Ich nehm’s als Geburtstagsgeschenk!“ Johannes prostete mir zu und ging. Wow. Ich hatte offensichtlich einen neuen Partygag: Ein Elefant, der glaubt, er sei James Bond, aber in Wirklichkeit ein Zebrakostüm anhat. Applaus, Luisa, Applaus.

Als ich mich am nächsten Tag auf den Heimweg machte – ich hatte dankend darauf verzichtet, Timmys großzügiges Angebot anzunehmen und lieber bei Mia geschlafen – hieß es, Johannes sei mit seiner Mannschaft bei einem Fußballspiel. Dass dieser lässige Typ auch noch Fußballer war, machte ihn nur noch interessanter. Warum genau, kann ich bis heute nicht sagen. Vermutlich löst das Bild von Sport treibenden, muskulösen Männern immer Hormonsprünge bei Frauen aus. Aber der Nachteil war, dass ich ihn heute demnach nicht mehr zu Gesicht bekäme, um das Missverständnis der vergangenen Nacht in einem beiläufigen Nebensatz aufklären zu können.

Dabei fragte ich mich immer noch, wie zur Hölle Timmy auf die wahnwitzige Idee gekommen war, wir beide würden beim Matratzensport ein gutes Paar abgeben. Oder dass ich überhaupt bereit wäre, einen Teil dieses Paares zu stellen. Aber auch die Klärung dieser Frage musste wohl vertagt werden, denn der vermeintliche Womanizer versprühte den ganzen Morgen lang seinen Charme lieber auf dem Klo und kuschelte in innigster Umarmung mit der Toilettenschüssel.

Zwar stimmte mich der offene Ausgang dieses Besuchs nicht gerade freudig, aber ich musste zugeben, dass es vermutlich besser war, zunächst Gras über alles wachsen zu lassen und stattdessen einen Plan für die nächste WG-Party zu schmieden. Die stand nämlich schon zwei Monate später zum Semesterabschluss an. Ich sagte sofort zu. Die Gästeliste war mir diesmal scheißegal. Ich hatte mir einen Mann in den Kopf gesetzt. Und ich würde ihn diesmal verdammt noch mal kriegen!

Zu Hause ließ ich mich erst einmal halbtot aufs Bett fallen. Solche durchfeierten Nächte nahmen mich durchaus mehr mit als noch vor ein paar Jahren. Wo ich früher einfach ausgeschlafen, eine Pizza gegessen und mich für die nächste Feier frisch gemacht habe, versuchte ich jetzt lieber ein wenig Haltung zu bewahren und nicht auf meinen Leopardenteppich zu kotzen.

Mein kraftloser Arm tastete auf der Matratze herum und fand, was er suchte. Ich griff mir mein Handy und überbrückte die Zeit bis zur Linderung meiner Übelkeit mit dem Maximum an körperlicher und geistiger Funktion, zu der ich gerade noch so fähig war: Ich checkte meine sozialen Netzwerke.

Mia war fleißig gewesen, Facebook quoll nur so über von Fotos der Party. Ich klickte mich gerade durch die Bildergalerie, da ploppte eine Benachrichtigung auf. Und noch eine. Und noch eine.

„Mia hat dich auf einem Foto verlinkt“, verriet mir mein Smartphone. Mir schwante Böses.

Die Benachrichtigungslinks führten zu Porträts meiner Wenigkeit, deren Augenlider von Bild zu Bild immer tiefer über die immer roter werdenden Augäpfel hingen. Auf dem letzten meinte ich, Sabber aus meinem Mundwinkel tropfen zu sehen. Zu wirklichem Ärger war ich nicht mehr fähig, daher entschied ich mich, einseitig unter jedes Bild „Mach das raus“ zu kommentieren. Diese Fotos überhaupt ins Netz zu stellen, zeugte schon von einer mangelnden Sensibilität gegenüber der Privatsphäre von anderen Leuten, aber diese dann auch noch namentlich darunter zu verlinken, das grenzte an dreiste Respektlosigkeit. Verdammt! Jetzt war ich doch stinkwütend. Wie ein Käfer auf dem Bett liegend, alle Viere von mir gestreckt, nicht einmal fähig, mir die Schuhe oder Jacke auszuziehen, grollte ich vor mich hin und versuchte, nun nicht nur meinen Mageninhalt, sondern auch meinen Ärger wieder herunterzuschlucken.

Viel half es nicht. Leicht säuerlicher Geschmack bahnte sich seinen Weg über meine Speiseröhre in meinen Mund hoch und ich konnte nicht anders, als aufzuspringen und mich in das nächste Behältnis zu übergeben, das ich in die Finger bekam: meine Handtasche.

Herzlichen Glückwunsch zu dieser Übersprunghandlung.

Natürlich hätte es nicht das einen Meter weiter stehende Waschbecken getan oder einfach der Mülleimer nebendran. Von mir selbst angewidert, fischte ich den Inhalt heraus, der glücklicherweise aus nicht mehr als einem Make-up-Täschchen, meinem Geldbeutel und meinem Schlüssel bestand und fing an, das Malheur mit fließendem Wasser, Seife und Lappen wieder in Ordnung zu bringen. Wenigstens hatte ich mein Handy schon herausgeholt. Gott weiß, was damit geschehen wäre, wenn es in einem Liter Alkohol-Frühstücksmüsli-Galle-Gemisch ein Bad genommen hätte.

Es fiepte. Ich warf einen Blick darauf, Facebook hatte schon wieder eine Benachrichtigung für mich. Egal, jetzt musste ich zuerst noch Zähne putzen. Es war ohnehin sicherlich nur Mia, die entweder die entwürdigenden Fotos gelöscht oder eine Diskussion über Bildrechte oder unterschiedliches Peinlichkeitsempfinden losgetreten hatte und auf Letzteres war ich ohne sauberes Mundgefühl definitiv nicht vorbereitet. Fast schon zur alten Form gelangt, schrubbte ich mir wütend alle Überreste des gestrigen Abends aus dem Mund und stach mir dabei vor Übermut fast ein Auge aus. Zahnpasta gehört da definitiv nicht hin, das weiß ich nun auch. Wegen meines verheulten Sehorgans nicht gerade besser gelaunt, tippte ich energisch auf den Bildschirm. In meinem Kopf wirbelten bereits diverse Schlagfertigkeiten umher, da merkte ich, dass das Fiepen mich auf eine Freundschaftsanfrage hinweisen wollte.

Diesen Timmy muss endlich mal jemand von seinen Halluzinationen uns betreffend befreien. Empört klickte ich auf das Profil des Antragstellers. Es war Johannes. An dieser Stelle möchte ich mich vorher für die folgende kitschige, flache und überhaupt nicht zu mir passende Phrase entschuldigen: Mein Herz machte einen Sprung. Igitt. Aber ich schwöre, es war so.

Zumindest war ich also nicht vergessen worden, selbst wenn ich als die vollgereierte Braut von „Timmy dem Kotzer“ im Gedächtnis geblieben war. Dieser Spitzname würde sich in „der Gang“ ganz schnell durchsetzen, dafür würde ich auf der nächsten WG-Party schon sorgen. Mein Shirt musste gerächt werden. Nachdem es getrocknet war, hatte der Fleck die alte Konsistenz der Nimm 2-Bonbons angenommen: klebrig, bockelhart und damit absolut nicht entfernbar. Auf allzu großen Widerstand seitens „Möse“ und „Schwengel“ würde ich mit meiner Pseudonym-Einführung sicher nicht stoßen.

Was meine Eroberung von Johannes anging, sah es schon anders aus. Mein momentanes Ich eignete sich vielleicht wunderbar, um Fische wie Timmy an Land zu ziehen. Aber für dicke Karpfen, wie Mr. Perfect hier, war der Haken offenbar nicht groß genug. Ich hatte mich zu einem belanglosen Zahnarzttermin entwickelt, hatte mich die vergangenen Monate wohl derart gehen lassen, dass kein anständiger Mann noch Notiz von mir nahm – also als Frau, nicht als Partygag. Eigentlich konnte ich es ihnen auch nicht übel nehmen. Das letzte Mal, als meine Nägel Nagellack gesehen hatten, war Glitzer noch the Shit gewesen, meine letzten Shopping-Ausbeuten waren ein Onesie, flauschige Hausschuhe und ein Bierkühler. Und das, was ich auf dem Kopf mit mir herumtrug, könnte man eher als schlammfarbene, filzige Hippie-Kopfbedeckung identifizieren denn als Haare. Es musste definitiv mein altes, glänzendes Ich her.

Face it, bitch.

Wenn es ums Haareschneiden geht, vertraue ich nur Roman. Niemand schneidet wie Roman. Als ich heulend bei Roman auftauchte, weil mir irgend so ein bescheuerter Vorstadtfriseur eine Jackie-Kennedy-Gedächtnisfrise verpasst hatte, richtete Roman das. Als mein Cousin sich kurzerhand überlegte, mir als Retourkutsche den Pony abzuschneiden, richtete Roman das. Ich war fest davon überzeugt, dass Roman das auch diesmal richten würde.

„Was ist denn hier passiert?!“, war absolut nicht das, was ich zu hören erwartet hatte. Ein wenig verunsichert strich ich durch mein Haar.

„Wie lange warst du bitte schön nicht mehr bei mir?“, fragte er eher rhetorisch, während seine Finger schon an meinen Haaren herumzupften. Ich schwieg. Gleich würde es kommen.

„Und dieses Dingsda, das du mir als Schnitt verkaufen möchtest, habe sicher nicht ich verbrochen.“ Na also.

„Ich bin Studentin“, sagte ich und versuchte möglichst vorwurfsvoll zu klingen. Dass ich neben meinem Studium noch arbeitete und von meinen Eltern unterstützt wurde, musste er ja nicht wissen. Ich gab mein Geld eben gerne für andere Sachen aus, statt für überteuerte Friseure. Alkohol und Partys zum Beispiel. Und davon hatte ich in letzter Zeit offenbar eine Menge gehabt, denn wie ich so in den großen Frisierspiegel blickte, bekam ich unweigerlich einen Eindruck davon, was täglicher Biergenuss verursachen konnte: Ich sah aus wie Arnold Footballschädel.

„Wir schneiden erst ab Kinnhöhe“, erklärte Roman. „Das macht das Gesicht schmaler.“

Verfluchte Scheiße. Verfluchte Oberscheiße. Ich hatte ja schon geahnt, dass ich mich seit meinem Umzug in die neue Stadt hatte gehen lassen: Ein neuer Ort bedeutete immer, dass man sich auch einen neuen Freundeskreis suchen musste. Und bei Studenten ging das am besten auf einer Party oder in der Kneipe und nicht auf dem Heimtrainer. Aber das. Würde ich mir eine weiße Naht auf die Stirn malen, müsste ich Angst haben, Leute könnten versuchen, meinen Kopf zu kicken.

Eine Stunde später und um einiges ärmer als zuvor, verließ ich den Haarsalon zufrieden – Roman hatte es trotz allem wieder geschafft. Auf zur Shoppingmeile, eine neue Attitude brauchte nun mal ein passendes Outfit. Immerhin wollte ich Johannes im Sturm erobern und nicht seicht anplätschern. Und ich wagte zu bezweifeln, dass sich Brad Pitt von Angelina Jolie durch einen Onesie, einen Bad-Hair-Day-Dutt und eine Laissez-faire-Haltung hatte einnehmen lassen. Der Vergleich hinkte ein wenig, denn soweit die Yellow Press das durchschaut hatte, war der eigentliche Grund ihr gemeinsamer Wunsch nach einer Großfamilie gewesen. Mir egal. Ich stiefelte los, das alte Ich hinter mir lassend, Angelina vor Augen.

Mit einem Berg voller Klamotten drückte ich mich, die Mitarbeiterin, die mir „Nur sechs Teile, Fräulein!“ hinterherrief, ignorierend, in die Umkleidekabine. Puh. Ich hatte vorsorglich alle Kleider schon mal eine Nummer größer als gewohnt mitgenommen. Mein Gefühl sagte mir, ich würde sie brauchen. Und falls es nicht passte: Später doch zu einer kleineren Größe greifen zu müssen war deutlich angenehmer als andersherum. Das erste Kleid war schon mal ein Hingucker. Violett, glatter, fließender Stoff, Wasserfallausschnitt. Und der Beinausschnitt erst! Dass ich kaum eine Gelegenheit finden würde, dieses extravagante Teil anzuziehen, verdrängte ich erst mal. Was ich aber nicht verdrängen konnte, war der Reißverschluss: Er klemmte. Ich zerrte, rüttelte und machte, aber das Ding hatte keine Gnade mit mir.

Schließlich ergab ich mich. „Entschuldigung, könnten Sie mir helfen? Der Reißverschluss klemmt.“ Die vorhin noch zeternde Mitarbeiterin kam widerwillig angestapft, ihre zotteligen Locken wippten dabei. Kaum hatte ich ihr den Rücken zugewandt, spürte ich, wie sie sich aggressiv an dem Reißverschluss zu schaffen machte. Da ich kurz zuvor an ein und derselben Methode gescheitert war, sah ich es nicht kommen, dass sie bei ihr funktionieren würde. Tat sie auch nicht.

„Fräulein, das liegt nicht am Reißverschluss. Das Kleid ist zu klein“, sagte sie trocken. Ich war erstarrt. Zu klein?

„Hören Sie, ich bringe Ihnen einfach eine Nummer größer“, bot sie freundlicherweise an, aber ich hörte nur zu klein … zu klein … zu klein. Was ich anhatte, war ja schon „eine Nummer größer“. Verdammte Hacke, bevor ich mich in eine 44 quetschte, liefe ich lieber nackt aus dem Laden. Meine Mutter trug eine 44.

„Nein, danke“, antwortete ich schnell und verschwand hinter dem Vorhang. Vielleicht fiel das Kleid einfach kleiner aus. Ich schlüpfte in eine Jeans oder versuchte es zumindest, denn über meinen Po schaffte sie es leider nicht. Mir fielen vor Unglauben fast die Augen aus. Diese Größe hatte ich vor einem Jahr doch noch gehabt! Diese Größe hing zigmal in meinem Schrank! Wenn ich ehrlich zu mir war, hatte ich die vergangenen Monate allerdings nicht ein einziges Mal eine Jeans getragen. Stattdessen Leggins und luftige Kleider, immerhin war es Sommer gewesen. Scheiße. Dass bequeme Klamotten bedeuteten, die Kontrolle über sein Leben verloren zu haben, hatte Karl Lagerfeld schon immer gewusst. Hätte ich doch nur auf Karl gehört. Nun hatte ich den Salat. Ich war verdammt dazu, nur noch flatternde Stoffe und Kleidung mit extra hohem Stretchanteil zu tragen. Zwar hatte ich das die letzte Zeit durchgehend schon getan, aber jetzt, da mich die Umstände dazu zwangen, fand ich den Gedanken ungefähr so würdevoll, wie mit einer Ledermaske, angekettet an eine Domina, in eine Bankfiliale spazieren zu müssen.

Ich drehte und wendete mich zwischen der Spiegellandschaft der Umkleidekabine. Es half nichts. Ich hatte deutlich zugelegt. Zu lange hatte ich weder auf Ernährung noch Sport geachtet. Was früher mal ein ansehnlicher Hintern gewesen war, sah nun aus wie der verdammte Mond. Nach einem Meteoriteneinschlag.

Verfluchte Scheiße noch mal. Mir war zum Heulen. Ich wollte schöne Kleider tragen. Ich wollte ihren Reißverschluss zubekommen und ich wollte in ihnen fabelhaft aussehen. Ich wollte ins Regal greifen, ein Kleid herausholen und es kaufen, ohne darüber nachdenken zu müssen, ob es an Problemzonen problemhafte Problemfalten aufwarf. Ich wollte, dass ich wusste, dass es wahnsinnig gut an mir aussah, weil ich wahnsinnig gut aussah. Ich wollte das unbedingt.

Denn nur so würde ich mir meinen Mann angeln können. Natürlich wusste ich, dass dazu mehr gehörte als ein fabelhaftes Aussehen. Aber das war der Anfang, das Fundament. Ohne war ich weder sympathisch, noch charmant, noch locker und auch nicht selbstbewusst. Wer war das schon, wenn er sich in seiner Haut unwohl fühlte? Stattdessen war ich frustriert, unsicher und zuppelte an Stellen, von denen ich dachte, das Problemkleid würde an ihnen problemhafte Problemfalten werfen. Und obendrein tat es das tatsächlich.

Langsam verstand ich, warum ich versetzt worden war. Langsam verstand ich, warum Johannes mich keines Blickes gewürdigt hatte. Ich selbst hatte für in Scheißigkeit verpackte Unzulänglichkeit wenig übrig. Sie lief mir häufiger über den Weg: in Bars, in Restaurants, auf der Straße, in der Uni. Machte mich an, dachte, sie müsste es probieren. Ich dachte, sie sollte es besser lassen.

Es gibt nun mal Äußerlichkeiten, über die kann man nicht hinwegsehen, selbst wenn sich die innere Unzulänglichkeit im Nachhinein als pure Mutmaßung herausstellen sollte. Schon mal das Innere eines von außen völlig verschimmelten Brotes gegessen? Eben.

Der Grad der vom Gegenüber empfundenen Abneigung ist natürlich immer unterschiedlich. Manche finden das Brot zumindest interessant anzusehen, andere können es nicht einmal anfassen und wieder andere packt sofort der Würgereiz bei seinem Anblick. Schönheit ist eben subjektiv und liegt im Auge des Betrachters. Aber einen groben gemeinsamen Konsens gibt es dennoch. Die meisten Angehörigen einer Kultur finden optisch im Großen und Ganzen dasselbe attraktiv. Pickel findet zum Beispiel niemand schön. Ausnahmen gibt es immer. Aber flächendeckende Schönheitsideale halten sich nach wie vor hartnäckig in den Köpfen der Menschen. Meinem eingeschlossen.

Und so verglich ich mich mit unserem allergrößten gemeinsamen Nenner, der als optisches Idealbild in allen Hochglanzmagazinen und Social-Media-Kanälen zu sehen war, und versuchte dabei so ehrlich wie möglich mit mir ins Gericht zu gehen. Einsicht ist der erste Weg zur Besserung – das ist ausgelutscht, stimmt aber.

Die Zeit der Täuschungsmanöver für meine Selbstwahrnehmung war vorbei. Ich hatte es zu lange erfolgreich verdrängt, dass ich mich seit geraumer Zeit selbst immer weniger toll fand und mich immer weiter entfernt hatte von der schlanken, langhaarigen, stilsicheren und gepflegten Person, die ich mal gewesen war und die ich so gut hatte leiden können. Also würde ich mich ändern. Das gepflegte Äußere war auf einem guten Weg – die Haare waren fertig, wieder eine Make-up- und Pflegeroutine einzuführen war ein Kinderspiel – und die stilsichere Garderobe würde kommen, sobald ich mich des Schwabbels entledigt hatte. Ich hatte einen Plan. So würde ich es angehen.

Ohne die Verkäuferin eines Blickes zu würdigen, verließ ich schnurstracks den Laden in Richtung Zuhause. Es gab eine Menge zu tun.

Der Sport und ich. Eine Liebe.

Anderthalb Jahre zuvor. Ich war frisch in die Studentenstadt gezogen, hatte meinen Master in Kunstgeschichte begonnen und war höchst motiviert. Wie scheinbar alle hier. Meine Mitbewohnerinnen gingen mehrmals die Woche zum Uni-Sport und Joggen und ich hatte mich entschieden mitzuziehen. Gruppensport war zwar alles andere als mein Ding, aber erstens konnte es nicht schaden, neue Kontakte zu knüpfen, und zweitens würde ich dadurch wieder ein wenig in Form kommen.

Die letzten sechs Monate hatte ich mit einem ziemlich zeitaufwendigen und nervenaufreibenden Praktikum verbracht. Das hatte zwar verhindert, dass ich sonderlich zum Essen gekommen wäre – geschweige denn, zu gesundem selbst gekochten Essen, das nicht aus vorgepackten Plastikschüsseln vom Supermarkt gegenüber stammte. Ich war also relativ schlank geblieben. Aber genauso hatte ich jegliche sportlichen Betätigungen nach der Arbeit, die ich zuvor zumindest ab und an gepflegt hatte, aufgegeben. Stattdessen stand das kollektive Ertränken von Müdigkeits- und Schwächegefühlen in Spirituosen auf dem After-Work-Plan. Bereits nach wenigen Tagen konnte man mich von den Angestellten kaum unterscheiden: Halb Mensch, halb Rum-Cola. Dementsprechend war ich, zumindest was die Verträglichkeit von Alkohol anging, meinen neuen Kommilitonen eine ganze Nasenlänge voraus. In allen anderen Dingen war ich außer Form. Wenn ich die winzige Treppe zu meinem Dachzimmer im zweiten Stock hinaufstieg, kam ich völlig aus der Puste oben an. Meinen spontanen wie hirnrissigen Einfall, es mit einem vollen Bierkasten zu versuchen, kann sich jeder leicht vor Augen führen: drei Stufen, Herzinfarkt.

Ich war also recht froh über die Gruppendynamik in puncto Sport, die in meiner neuen Umgebung an den Tag gelegt wurde. Sogar ein Fahrrad hatte ich mir besorgt. Auf dem Heimweg schaffte ich es zwar gerade so bis zur Mitte des steilen Berges, auf dem ich wohnte, aber immerhin. Ich war guter Dinge es nach einigen Wochen bis vor die Tür zu schaffen. Peinlich waren nur die Mitbewohner, die einen links überholten, während man selbst resigniert vom Sattel stieg und den restlichen Buckel sein Fahrrad hinaufschieben musste. Und auch das nicht, ohne vorher eine Verschnaufpause am Gartenmäuerchen eingelegt zu haben.

Mein erster Bauch-Beine-Po-Kurs in der Uni-Sporthalle war noch weniger erfolgreich. Eher fatal. Zwischen hundert anderen Mädchen, deren Sportlichkeit sich durchweg unterschied – was mir ein wenig Mut machte, nicht die Schlechteste zu sein – turnte ich mir die Seele aus dem Leib. Auf einem großen Podest in der Mitte der Halle zeigte eine ziemlich schlanke Sportstudentin – und wenn ich sage ziemlich schlank, dann meine ich eher gefährlich nah am Hungertod – alle Übungen und hüpfte währenddessen noch auf und ab wie ein Gummiball. Weil ihr die Basics offenbar zu einfach waren, hatte sie sich an Armen und Beinen noch Gewichte festgeschnallt.

Sie sah aus wie ein verdammter Transformer.

Mit einer Drill-Sergeant-Stimme, die man ihr bei ihrer winzigen, klapperdürren, aber muskelbepackten und sehnigen Erscheinung kaum zugetraut hätte, brüllte sie uns wie ein Gorilla Befehle ins Mikro und machte jeden zur Sau, der es wagte, die Intervalle mit einem Päuschen zu unterbrechen.

Vor Anstrengung zitternd lagen wir alle im Ellbogenstütz. Die Sportskanonen unter uns versuchten dabei noch, abwechselnd ihre Beine in die Luft zu recken. Ich versuchte, nicht einzuknicken. Der Schweiß perlte mir schon seit geraumer Zeit über die Stirn und landete in dicken Tropfen auf dem klebrigen Hallenboden. Ich konnte nur hoffen, dass die Power-Yoga-Klasse nach uns große Matten dabeihatte.

„WAS IST LOS MIT EUCH! POWER, POWER, POWER! Noch drei, zwei, zweieinhalb, zweieinviertel …“

Sie fand sich wohl unfassbar lustig. Mir kam schier das Abendessen wieder hoch, und die dumme Kuh machte den Ellbogenstütz einhändig, weil sie mit der anderen noch eine Hantel in die Luft reckte.

Sie kotzte mich an.

Mit Wut im Bauch biss ich die Zähne zusammen und hielt ihren albernen Countdown durch, mit dem sie bei jedem Mathetest der ersten Klasse durchgefallen wäre. Wäre sie 1969 bei der NASA Leiterin der Raumfahrtmission gewesen, würde Apollo 11 heute noch darauf warten, in den Weltraum zu starten und die Menschheit hätte den Mond nie betreten.

Meine Körperspannung knickte ein.

„WAS IST MIT DIR DA HINTEN LOS? LOS AUF, WEITERMACHEN! DAS FETT VERBRENNT SICH NICHT VON SELBST!“

Das war doch nur noch krank. Wahrscheinlich hatte sie sich vor der Stunde schön noch eine Nase Kokain gegönnt, anders konnte ich mir diesen Wahnsinn, der sich vor mir auf dem Podium abspielte, nicht erklären. Vor Wut kochend, schnaufend wie ein Rhinozeros, hievte ich mich wieder in den Ellbogenstütz und stellte mir vor, wie es wäre, dieser dürren Giftspritze eine reinzuhauen. Es funktionierte. Bis zum Ende der Stunde hielten mich meine Aggressionen über Wasser, danach brach ich zusammen. Als ich versuchte, mich am nächsten Tag aufs Rad zu schwingen, knallte ich mit dem Fuß gegen den Gepäckträger. Höher kam ich nicht, der Muskelkater war zu krass. Verärgert nahm ich an jenem Tag die Bahn. Und am nächsten. Und am nächsten. Und am nächsten. Bis ich wieder einigermaßen in der Lage war, Spreizschritte zu machen, dauerte es Tage. Und dann war es auch schon Zeit für den nächsten Bauch-Beine-Po-Kurs. Zweimal noch ließ ich mich von meiner Mitbewohnerin Julia in den Strudel aus Nahtoderfahrung und darauf folgender Ganzkörperlähmung ziehen, dann gab ich auf.

„Vielleicht ist das für den Anfang doch ein bisschen zu viel.“ Julia saß mir am Küchentisch gegenüber und blickte auf das Häufchen Elend hinab, das ich darstellte. Zur Erinnerung: Das war ich. Fühlte sich zwar nicht an wie ich, war aber ich. Zerlegt in alle Einzelteile – aber ich. Wir hatten gerade die dritte Einheit hinter uns gebracht und ich hatte den Kopf auf meine verschränkten Arme gelegt. Toller Tischbelag, wirklich. Schöne, kleine, blaue Karos.

„Wenn du erst mal mit ein paar Laufeinheiten deine Ausdauer verbesserst, kannst du bestimmt bald mithalten.“ Mein Kopf löste sich schwer aus seiner bequemen Position. Er nickte und sackte wieder hinab. Julia musste es wissen. Sie machte diesen Kurs schon seit Jahren und war die einzige Frau, die ich kannte, die in der Lage war, ein Gurkenglas zu öffnen, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken. Sie hatte kräftige Arme, eine straffe Bauch-Beine-Po-Gegend und trug ihre vollen Locken in einem dicken, praktischen Pferdeschwanz. Sie machte auf mich den Eindruck, sportlich alles im Griff zu haben. Wenn die dürre Giftspritze von zehn auf minus zwanzig runterzählte, konnte Julia locker noch mal zehn. Sie hatte meine tiefste Bewunderung.

Ich nahm mir also ihren Tipp zu Herzen und stand fünf schmerzhafte Regenerationstage später in voller Joggingmontur nachmittags vor der Haustür. Nur ein paar Schritte entfernt verlief ein Pfad um den Fuß des nahen Berges herum, der sich wunderbar als Laufstrecke eignete und durch Schrebergärten und grüne Wiesen bis zum nächsten Dorf und wieder zurückführte. Julia hatte mir eine Abzweigung empfohlen, die durch den Wald und an Steinbrüchen vorbei den Berg hinaufführte. „Gut für die Oberschenkel“, hatte sie gesagt. Gut für mich, hatte ich gedacht und lief los.

Mein MP3-Player war bestens auf einen langen Lauf vorbereitet und spielte nur meine Lieblingssongs, die Sonne lugte hinter den Wolken gerade so hervor, dass es angenehm war, man aber nicht Gefahr lief, einen Sonnenbrand zu bekommen. Grüne Hecken zogen nur so an mir vorbei. Hier und da begegnete ich einem weiteren Läufer und man nickte sich gegenseitig in stiller Anerkennung zu, als ob man Teil einer verschworenen Sportlergemeinschaft wäre. Der Duft von blühenden Obstbäumen machte sich in meiner Nase breit. Ich lief und lief und lief. Die Zeit verging quasi wie im Flug, es fühlte sich perfekt an. So konnte es auf dem Rückweg gleich weitergehen.

Ich blickte auf die Uhr. Acht Minuten waren vergangen. Vor Schreck verpasste ich die Biegung und landete in der nächsten Laubhecke. Die war zum Glück ganz weich. Acht Minuten?! Ich hatte mindestens schon zehn Songs gespielt. „Aber keinen davon bis zum zweiten Refrain“, beantwortete ich mir selbst die Frage. Meine Beinmuskulatur machte sich schon deutlich bemerkbar. Verärgert rappelte ich mich aus dem Grünzeug hoch. Mein Ziel von einem Dreißig-Minuten-Lauf war höher gesteckt, als ich angenommen hatte. Offensichtlich war dieses Gerede von einer gefühlten Zeit doch kein bloßer Humbug. Aber so einfach gab ich nicht auf. Was die dürre Giftspritze wohl sagen würde? Das Fett verbrennt sich nicht von selbst! Was ich ihr antworten würde? Die Triebwerke von Apollo 11 auch nicht! Also nichts wie vorwärts, Louisa!

Die Abzweigung, die Julia gemeint hatte, war kaum zu übersehen. Der steile, betonierte Weg führte in großen, geschwungenen Serpentinen den Berg hinauf. Ein Blick auf die Uhr verriet mir, dass ich gerade dabei war, den Viertelstundenmarker zu knacken. Eigentlich sollte ich jetzt umkehren. Dieselbe Strecke wieder zurück laufen. Auf das Brennen in meiner Lunge hören, das sich langsam seinen Weg meine Luftröhre hinauf bahnte.

Scheiß drauf, dachte ich stattdessen. Wahrscheinlich würde die Route irgendwann auch wieder bergab führen und genau vor meinem Haus landen. Ein kleiner, energieintensiver Umweg, aber machbar. Und gut für die Oberschenkel. Ich lief los. Es fühlte sich aber nicht wie Laufen an. Die Steigung bewirkte, dass ich mich, wie in einer Zeitlupe gefangen, im Schneckentempo fortbewegte. Nur ohne die faszinierende Ästhetik. Ohne in alle Richtungen spritzende Farbbeutel. Ohne flügelschlagende Kolibris. Nur ich. Und mein Schweiß.

Er rann mir nur so von der Stirn, als ich die erste Etappe, den Steinbruch, erreicht hatte. Auch die Sonne hatte es sich anders überlegt. Sie knallte auf den bröckeligen Stein, auf die Bagger, auf meinen Schädel. Mein Herzschlag füllte meinen ganzen Körper aus. Wie weit es wohl noch war, bis es wieder nach unten ging? Nach oben ging es jedenfalls noch sehr lange, vor mir bauten sich Reihen über Reihen von Baumwipfeln auf. Mein Knöchel schmerzte. War wohl doch nicht so weich gewesen, der Laubbusch. Zurücklaufen wäre eine Option. Aber dann wäre ich auf jeden Fall noch eine halbe Stunde unterwegs. Die Möglichkeit, dass sich hier bald eine Abzweigung ergeben würde, machte mehr Mut. Sie war da, ich wollte sie. Was ich nicht wollte, war umzukehren und aufzugeben. Es war lächerlich, denn gelaufene Strecke blieb gelaufene Strecke. Logik war im Moment aber nicht im Angebot.

Meine Nägel bohrten sich in das Innere meiner Handflächen. Die Luft atmete sich wie Feuer. Von Tempo konnte man nicht mehr sprechen, ich schlurfte mehr, als dass ich lief. Egal, ich spürte meine Beine ohnehin nicht mehr. Steine, Schlaglöcher, alles egal. Bäume über Bäume zogen an mir vorbei. Ein nie enden wollender Unendlichkeitstunnel aus hochgewachsenem Grünzeug. Ich nahm es kaum mehr wahr, weder mit den Augen, noch mit der Nase, noch mit den Ohren. Ein Flugzeug hätte Pestizide über dem Wald ausstreuen können, ich hätte es nicht gemerkt. So fühlte sich also der Überlebensmodus an. Taub.

Die Angst, mich verlaufen zu haben, war plötzlich da und fegte die angenehme Taubheit fort, die verhinderte, dass ich aufhörte zu laufen. Die Baumdecke erlaubte es mir nicht, einzuschätzen, ob die Sonne bald untergehen würde, aber wenn sie es täte, hätte ich ein Problem. Mein Orientierungssinn war längst hinüber. Wenn ich hätte zeigen sollen, wo in Luftrichtung sich mein Haus befand, hätte ich einen Kreis um mich gezogen. Andere Läufer waren mir schon lange nicht mehr begegnet. Gerade als ich versuchte, mich zu erinnern, was ich über den Schutz vor wilden Tieren und Kälte bei Nachteinbruch in der freien Natur wusste – also nichts –, kam ich an einen Wegweiser, der eindeutig ein Kreuz zeigte. Vor Erleichterung ließ ich einen Schrei los. Kreuz bedeutete Friedhof, und der befand sich direkt vor meinem Haus. Das war das erste Mal, dass ich mich freute, in der Nähe von verwesenden Leichen zu wohnen. Jetzt bloß nicht stehenbleiben, sonst würde ich mich nie wieder in Bewegung setzen können.

Die letzte Etappe ging talwärts, trotzdem bekam ich kaum mehr Luft, als ich an meiner Haustüre ankam. Die Sonne stand tief. Ich stützte mich an der weißen Hauswand ab. Sie war rau, für mich fühlte sie sich aber an wie Watte. Ich beugte mich zu meinem Schuh, um den Hausschlüssel loszubinden. Die Farben pulsierten, pink, dunkelblau, neongelb, alles drehte sich, ich kotzte mir auf die Füße. Gelbgrüne Galle mit Paprikastückchen von heute Mittag.

Sport und ich, wir waren ab jetzt geschiedene Leute.

Von Diätdrinks zur Hantel

Der erste Schritt zum richtigen Abnehmen war Recherche. Ich war schon vor Jahren aus dem Diätgeschäft ausgestiegen. Meine Magersucht in den Teenagerjahren hatte mich gelehrt, mit solchen Dingen mehr als vorsichtig zu sein oder besser noch: grundsätzlich die Finger davon zu lassen. Denn entweder sie funktionierten nicht, man übertrieb es und wog wie ich schließlich nur noch fünfzig Kilo, oder aber man nahm erfolgreich ab und scheiterte dank des Jo-Jo-Effekts beim Versuch, das Gewicht zu halten. Was ich suchte, war also keine Smoothie-Entschlackungskur und auch kein nach frischen Erdbeeren schmeckender Diätdrink. Dass so frische Erdbeeren schmeckten, glaubten doch ohnehin nur diejenigen, die dachten, Fleisch wachse in der Kühltruhe.

Ich googlete nach neuen, erfolgreichen Methoden, die möglichst schnell – denn meine Geduld war bei restriktivem Essverhalten, das nicht mal die erhoffte Wirkung zeigte, nicht sonderlich groß – und möglichst langanhaltend funktionierten. Und landete doch bei einem Abnehmgetränk.

Der Hersteller hatte sich bei der Verpackung nicht sonderlich viel Mühe gegeben, sie sah geradezu fad aus, was mein Vertrauen weckte. Nur wer keinen Inhalt bietet, braucht aufwendige Werbung. Gute Produkte sprechen für sich selbst. Oder?

Der Drink würde in den ersten drei Tagen zunächst alle Mahlzeiten ersetzen, die dann aber Phase für Phase langsam wiederum den Drink ablösten, sodass man nach der Diät wieder ganz normales Frühstück, Mittag- und Abendessen zu sich nehmen würde. Ohne Jo-Jo-Effekt versteht sich. Während dieser Zeit, in der ein Shake mindestens eine Mahlzeit am Tag ersetzte, purzelten die Pfunde ohne Hungern zu müssen – angeblich hielt das Zeug ganze vier Stunden satt.

Ich konnte mir kaum vorstellen, wie ein Getränk mich so lange satt halten würde. Ich war eine dieser Personen, deren Magen so groß war, dass darin zwei Pizzen bequem Platz fanden. Und dann gesellte sich noch ein Eis dazu. Und ein Bier. Oder zwei.

Aber damit war jetzt Schluss. Fatty Poletti konnte keinen super Typen aufreißen. Skinny Bikini dagegen schon.

Um das Zeug herzustellen, musste man das Pulver nur in der entsprechenden Menge mit Wasser oder Milch mischen und zwei Teelöffel Öl hinzufügen. Klang ekelhaft, aber einfach. In den Foren, die ich durchsuchte, war die Meinung dazu durchweg positiv: Alle Frauen – und ein paar Männer – hatten bereits in den ersten Wochen Abnehmerfolge von mehreren Kilos vorzuweisen und schworen darauf, sie nach der Diät nicht wieder zugelegt zu haben. Wobei „nach der Diät“ gänzlich falsch war, denn das absolute Absetzen des Drinks war vom Hersteller natürlich nicht vorgesehen.

„Wenn Sie Ihr Wunschgewicht erreicht haben, empfehlen wir Ihnen, weiterhin einen Drink am Tag, ergänzend zu Ihren normalen Mahlzeiten, einzunehmen.“

Aha. Nun ja, jeder will so viel von seinem Produkt verkaufen wie nur irgend möglich, das akzeptierte ich. Und wenn sogar empfohlen wurde, selbst nach der Diät noch diese zusätzlichen zweihundert Kalorien im Drink zu sich zu nehmen – um sein Gewicht nur zu halten und nicht zu reduzieren wohlgemerkt –, musste ja irgendwas an dem Zeug dran sein.

Das Geheimnis sollte darin liegen, dass die tolle, einzigartige Zusammensetzung der Inhaltsstoffe, die allesamt, wie mehrfach betont wurde, natürlichen Ursprungs waren, dafür sorgte, dass der Körper nicht wie gewohnt auf Sparflamme umschaltete, wenn man ihn auf Nahrungsentzug stellte. Stattdessen würde der Stoffwechsel sogar angekurbelt und die Muskelmasse, die ja bekanntlich sehr viele Kilokalorien verbrennt, bliebe erhalten.

Normalerweise ist sie genau aus diesem Grund das Erste, was bei restriktiven Diäten abgebaut wird. Der Körper versucht sich an die geringere Kalorienzufuhr anzupassen und seinen Energieverbrauch auf diese Weise zu verringern. Die gut gelagerten Fettdepots sollen dagegen so wenig wie möglich angerührt werden. Ist ja für schlechte Zeiten.

Ich hatte schlechte Zeiten. Und zwar wegen der Fettdepots, die sich rund um mein Hinterteil, Oberschenkel und Bauch angesetzt hatten. Kritisch drehte ich mich mit dem Rücken zum Spiegel, um die Butter auf dem Brötchen unter normalen Lichtbedingungen betrachten zu können. Man kannte ja die unvorteilhaften Leuchten in Umkleidekabinen.

Oh Gott. Beim Umdrehen schwappte eine Fettwurst meines Rückens über den Hüftspeck und bildete eine Hautfalte. Meine Arschbacken hingen mir gefühlt bis in die Kniekehlen und hatten den Kampf gegen die Schwerkraft schon aufgegeben. Große Masse bedeutete große Erdanziehungskraft. Ich wackelte mit meinem Arm. Natürlich. Was wäre eine Schwabbelparty ohne den VIP-Gast Winkewinkearm. Ich hasste diesen Körper. Er passte nicht zu dem lustigen, intelligenten und sympathischen Bild von mir selbst. Er sah er aus wie der Körper von jemandem, der den ganzen Tag auf der Couch rumfläzte, stupide Serien glotzte, über Werner-Comics lachte und zu allen Themen dasselbe zu sagen hatte: „Wenn das so ist, dann ist es halt so.“ Mit einer Stimme, die sich anhörte wie die deutsche Synchronstimme von Sylvester Stallone. Das war nicht ich. Angewidert von mir selbst setzte ich mich an den Laptop und bestellte fünf Packungen des Wunderdrinks.

 

***

 

Hölle. Hölle, Hölle, Hölle, Hölle. Anders konnte man es nicht ausdrücken. Am liebsten hätte ich meine Finger gegessen oder Haare oder sonst irgendwelche Körperteile, die einfach mit meinem Mund zu erreichen waren, so hungrig war ich. Und es war erst Tag eins der Diät. Brav hatte ich alles so zusammengerührt, wie es empfohlen wurde, und drei von diesen dicklichen, gelben Getränken in mich hineingeschüttet. Geschüttet deshalb, weil der Geschmack dermaßen abartig war, dass jeder normale Mensch lieber an einem Stück Pappe gelutscht hätte, als diesen Mist zu trinken, also nur schnell runter damit. Ich stellte mir vor, dass so in Wasser gerührte Speisestärke schmecken musste.

Nach dem „Genuss“ machte sich jedes Mal ein öliger Film im Gaumen breit und reizte mich, alles wieder ins Glas zu erbrechen. Inzwischen war es Abend und ich lag wie ein toter Käfer auf meinem Bett, hatte Bauchschmerzen vor Hunger und träumte davon, ein Stück Brot zu essen. Nur ein kleines, trockenes Stückchen Brot. Mit knackiger Kruste und weicher Krume. Am liebsten Weizenmisch, mit Roggen und Dinkel konnte ich mich nicht so recht anfreunden.

Aber Essen war absolut tabu. Wenn man den Plan nicht exakt durchführte, minderte es den Abnehmeffekt, sagten die Forumsbeiträge mehrerer Kunden und wenn ich schon durch die Hölle ging, dann wollte ich auch das Maximum aus meinem Leidenspfad herausholen. Außerdem war es bei großem Hunger nur ein winziger Schritt von „nur ein bisschen“ zu „ICH FRESS DAS GANZE DING“. Deswegen war meine Wahl auch nicht auf den Diätklassiker „Friss die Hälfte“ gefallen. Von wegen: Friss die Hälfte. Was sollte man dann mit der anderen Hälfte machen, die einen vom Teller aus anstarrte? Etwa wegschmeißen?! Ich war ein Kind der Nachkriegsgeneration und ich war Schwäbin. Bei uns zu Hause wurde überhaupt nichts Essbares weggeworfen. Wenn irgendwo Schimmel zu sehen war, wurde der abgeschnitten. Fertig. Wieder essbar! Dementsprechend widerstrebte es mir auch aufs Äußerste, den Teller nicht leer zu essen. Wahrscheinlich nicht gerade die gesündeste Eigenschaft in Zeiten des Überflusses, aber nur die Hälfte zu essen, kam mir vor wie ein Verrat an allen anderen, die weniger oder gar nichts zu essen hatten. Einfach immer nur einen kleineren Teller zu essen, klang zwar einfach und logisch, war aber nicht umsetzbar. Es war ohnehin schon schwer, Singleportionen zu kochen und allem voran Lebensmittel in den entsprechenden Größen und Mengen zu finden, und dann sollte man sie auch noch teilen?! Und den Rest dann statt zwei gleich viermal aufwärmen?! Sicher nicht.

Außerdem zählte ich mich nicht zu denjenigen mit einem stählernen Willen ausgestatteten Leuten, die sich von einer Schokoladentafel ein Rippchen abbrachen und sie dann in aller Ruhe mit den Worten „Das reicht mir schon“ weglegen konnten. Meine Superkraft bestand eher darin, Schokoladentafeln quasi inhalieren zu können, ohne dass sich irgendwann ein Fünkchen Genugtuung einstellte.

Also lieber liegen bleiben, gar nichts essen und schön weiter Wasser trinken. Oder Tee. Der war auch noch erlaubt. Natürlich ungesüßt und nur Kräutersorten. Kamille, Fenchel, Pfefferminze – ich hasste sie alle. 

Sowieso hasste ich gerade die ganze Welt. Aber am allermeisten hasste ich mich. Diese Fettpolster, Cellulite und Hautfalten. Die gehörten nicht zu mir und mussten weg. Die anfängliche Aufgabe der bloßen Eroberung Johannes’ hatte sich längst vergrößert: Ich wollte mich wieder wohlfühlen und zu meinem Wunschkörper finden, der weit weg war von achtundsechzig Komma fünf Kilo.

Diese Unglückszahl hatte die Waage heute Morgen angezeigt und mir damit beinahe einen Todesschock beschert. Das war absolutes Kampfgewicht. Aber ich war bereit, den Kampf aufzunehmen.

 

***

 

Tag sieben. Der Wecker klingelte und ich hatte Bock.

Schwachsinn.

Ich hatte natürlich keinen Bock. Ich hatte nicht einmal die Kraft, ihn auszuschalten, und ließ ihn stattdessen volle drei Minuten fünfundvierzig The Beautiful People von Marilyn Manson spielen. Niemand klopfte an die Tür. Meine Mitbewohner hatten eine engelsgleiche Geduld. Schade eigentlich. So dauerte es ganze zehn Minuten, bis ich mich im Schneckentempo aus dem Bett hievte. Erst die Beine von der Matratze auf den Boden rutschen lassen, dann den Oberkörper aufrichten und schließlich den schwierigsten Teil in Angriff nehmen: vom Bett aufstehen.

Meine Knie knackten. Mein Kopf war völlig leer. Diese Diät machte mich fertig.

Am Waschbecken brauchte ich erst noch Sekunden, bis sich mein Arm dazu durchgerungen hatte, dem Befehl von oben zu gehorchen und zur Zahnbürste zu greifen. Ich konnte froh sein, dass das Becken auf meinem Zimmer war. Das Tempo, das ich bei meiner Morgenwäsche vorlegte, lag außerhalb jeglicher noch so engelsgleicher Mitbewohnergeduld.

Fast noch langsamer zog ich mir eines meiner flattrigen Kleider über und stieg in meine Strumpfhose. Für einen Probelauf in meinen engen Jeans war die Zeit noch nicht reif, entschied ich. Dafür musste ich das mühselige Hineinzwängen in Nylon in Kauf nehmen. Als ich komplett angezogen war, fühlte ich mich wie die Gewinnerin eines Marathons und mixte mir zum Frühstück meinen Diätshake. An den Geschmack hatte ich mich mittlerweile gewöhnt. Vermutlich waren einfach alle meine Geschmacksnerven inzwischen abgestorben. Ich schob mir einen Menthol-Kaugummi in den Mund, Tränen stiegen mir in die Augen. Nein, alles noch da.

Gestern hatte ich eine ganze Packung Kaugummis gekaut, und damit meinte ich nicht einen dieser Riegel, sondern wirklich eine ganze Packung mit allen Riegeln. FrankaB72 hatte im Forum geraten: „Wenn mich der Heißhunger überkommt, kaue ich einfach zuckerfreien, scharfen Kaugummi.“ FrankaB72 hatte aber vermutlich nicht damit gerechnet, dass es auch Leute wie mich gab, denen bei Hunger jegliches Gefühl für eine angemessene Menge abging und die dann auf schmerzliche Weise lernen mussten, dass die Warnung „Kann bei übermäßigem Verzehr abführend wirken“ sehr wohl dem Verbraucherschutz diente. Vielleicht war Franka aber auch einfach nur bescheuert. Ihr zweiter Tipp war gewesen, an Schokolade zu riechen, statt sie zu essen. Ich stellte mir vor, wie sich eine Mittvierzigerin einen Schokoriegel kaufte, ihn genüsslich auspackte, daran schnüffelte und ihn dann in die Tonne kloppte. Wenn das kein gestörtes Verhältnis zu Essen war, dann wusste ich auch nicht. Davon wollte ich mich so weit wie möglich fernhalten.

Ganz davon abgesehen kennt ja jeder die Situation, wie man auf dem Weihnachtsmarkt am duftenden Waffelstand vorbeischlendert und denkt: Jetzt bin ich aber satt. Frankas Hilfestellungen entbehrten einfach jeglicher praktischen Logik.

Wenigstens konnte ich jetzt wieder ein festes Abendessen zu mir nehmen. Phase zwei war eingeleitet worden: zwei Shakes, ein Essen. Da ich leider noch nie der große Chef de la Cuisine war und unsere kleine WG-Küche auch nicht gerade dazu einlud, kulinarische Experimente zu wagen, besann ich mich auf die einfachen Rezeptvorschläge des Diätdrink-Herstellers. Ein paar Auberginen, Paprika, Zucchini und Möhren bekam sogar meine Wenigkeit noch geschnipselt und zu einem Ratatouille verarbeitet. Es hätte ehrlich gesagt auch nur eine Kartoffel sein können, trotzdem hätte ich die willkommene Abwechslung und Energie wie nichts anderes herbeigesehnt.

Vorerst füllte ich aber das Trockenpulver für mittags in eine kleine Plastikbox; in eine leere Plastikflasche kam das Öl. So konnte ich meinen Drink selbst an der Uni planmäßig einnehmen. Dass diese Prozedur für alle Außenstehenden lächerlich wirken musste, war mir schnuppe. Denn mein erster Versuch, den Drink vorher anzumischen und in einer Flasche zur Uni mitzunehmen, war fatal in die Hose gegangen. Offensichtlich hatte das Pulver die Eigenschaft, in Flüssigkeit aufzugehen wie ein verrückter Hefeteig, und meine Vorlesung hatte damit geendet, dass ich versuchte, mein Tascheninneres vom Inhalt der explodierten Flasche zu befreien. Den restlichen Tag mit knurrendem Magen zu überstehen und nicht in einem Anflug der Schwäche die Mensa aufzusuchen, kostete mich so viel Nerven, dass ich heulte wie ein Baby als ich wieder zu Hause war. Die Tasche war mir scheißegal.

Den heutigen Vormittag verbrachte ich, wie auch die letzten sechs, in völliger Trance. Zur Uni, sitzen, Information rein, Information raus, aufstehen, aufs Klo gehen. Das ständige Pinkeln ging mir langsam auf den Geist. Nicht nur, dass das Wasser scheinbar durch mich hindurchlief wie durch ein Sieb, mein Urin hatte auch eine alarmierend neongelbe Farbe angenommen. Angeblich war das aber rechter Dinge: „Alles nur überschüssige B-Vitamine im Shake, die wieder herausgeplätschert werden“, schrieb Ulrike54. Ich glaubte Ulrike54 nicht ein Wort. B-Vitamine konnten im Dunkeln sicher nicht leuchten.

Zu meiner Konzentrationslosigkeit hatten sich pochende Kopfschmerzen gesellt. Jetzt wusste ich wenigstens, dass da oben noch was drin war und ich es nicht bei einem meiner unzähligen Klogänge ausgeschieden hatte. Ich versuchte dagegen anzutrinken, Wasser war ja bekanntlich das Wundermittel gegen alle Schmerzen, allen voran denen im Kopf. Als ich nach meinem „Mittagessen“ zur Arbeit stiefelte, fühlte ich mich fast schon fit. Soll heißen die Kopfschmerzen waren verschwunden, die Leistungsfähigkeit meines Gehirns aber ebenfalls. Genauso wie die meines Körpers. Ich erwischte mich dabei, wie ich minutenlang im Foyer herumstand und vor mich hinstarrte. Zwischen mir und meinem Büro hatte sich ein Hindernis aufgetan, dessen bevorstehende Überwindung mich ernsthaft überlegen ließ, mich nicht einfach krank zu melden: Der Aufzug war kaputt. Ich starrte das Treppenhaus hinauf. Zwei Stockwerke. Vier Mal eins, zwei, drei, … ach was weiß ich wie viele Treppen. Meine Hand glitt übers Geländer. Du bist ja wohl keine Memme, dachte ich und ging los.

In Zeitlupe quälte ich mich die Treppe hinauf, die ich noch vor einer Woche hoch gesprintet war. Auf dem zweiten Absatz blieb ich schnaufend stehen, ich war total alle. Es fühlte sich an, als versuchte ich den Körper von Reiner Calmund diese verfluchte Treppe hinaufzuschleppen. Eine Kollegin passierte mich.

„Hey, Luisa! Na, wie geht’s?“

Sie erwartete offenbar, dass ich ihr folgte. Ich machte keine Anstalten.

„Heeey, Britta … alles ganz wunderbar. Ich komme gleich“, antwortete ich und täuschte vor, etwas in meiner Tasche zu suchen, um Zeit zu gewinnen. In meiner Brust hämmerte mein Herz immer noch marathonmäßig. Ich hatte Angst, nach den ersten Stufen in Ohnmacht zu fallen. In dieser blöden Tasche war doch bestimmt noch irgendwas Unauffindbares, was ich bei der Gelegenheit nun auffinden könnte. Sichtlich irritiert wandte Britta sich um und machte sich leichten Fußes auf den Weg nach oben. Ich hasste sie dafür.

Fünf Minuten später kam auch ich im Büro an und ließ mich mit einem längst vergessenen und nun in einer Seitentasche wiederentdeckten Lippenstift in der Hand auf meinen Stuhl fallen. Er war bockelhart. Am liebsten wäre ich für immer auf diesem Stuhl sitzen geblieben.

„Louisa, du siehst heute komisch aus“, tönte es vom anderen Ende des Raumes. Britta lugte hinter ihrem Bildschirm hervor. Ich hatte große Lust, ihr zu antworten, schwieg aber lieber.

„Irgendwas an deinem Gesicht ist seltsam.“

Ich wusste, dass sie es nur gut meinte. Seit ich angefangen hatte, an der Universität zu arbeiten, war sie mir die liebste Kollegin gewesen. Mit ihrer lockeren Art und den Geschichten über ihre früheren Arbeitsplätze und Kollegen konnte sie mich immer aufheitern. Britta war wirklich open-minded, unkompliziert und hatte Humor.

Einmal hatte am späten Freitagnachmittag ein hochrangiger Professor, Doktor, Ehrendoktor, Vorstand von Blablabla in unserem Büro angerufen und unglücklicherweise nur noch mich erreicht. Das brachte ihn so in Rage, dass er mich nicht nur unpfleglich beschimpfte – das vermutete ich zumindest, denn sein Dialekt und die Lautstärke, mit der er mich durch den Hörer anbrüllte, machten es mir unmöglich, ihn genau zu verstehen –, sondern auch versuchte, die private Telefonnummer meiner Vorgesetzten sofort, aber wirklich SO-FORT zu erpressen. Es war Freitagnachmittag. Und wir waren die Verwaltungsstelle der Universität. Ich wusste nicht, wem er versuchte, da etwas vorzumachen. Dass ich für die Drohungen eines unverschämten, alten Mannes reichlich unzugänglich war, der sich statt meines Nachnamens nur meinen vermeintlichen Vornamen gemerkt hatte und dauernd „LARISSA, ICH WARNE SIE“ brüllte, machte die Sache nicht leichter für ihn. Für mich umso mehr: „Herr …“

„FÜR SIE IMMER NOCH HERR PROFESSOR DOKTOR!“

Es wurde immer einfacher.

„… ich hätte da eine Nummer, auf der Sie es versuchen könnten.“

Mein Blick schweifte aus dem Fenster und blieb auf dem Sprinter von Farids fixer Gebäudereinigung hängen, die einen 24-Stunden-Service versprachen.

„Schreiben Sie bitte mit: Null, sechs, zwei, zwei, eins, …“

Er wartete nicht, bis ich die Nummer zur Sicherheit noch mal wiederholt hatte, sondern legte direkt auf. Ich verließ sofort das Büro und entschuldigte mich innerlich hundertmal bei Farid.

Das ganze Wochenende quälte mich der Gedanke, dass Britta am Montag ein sehr, sehr böser Anruf von Herrn Professor, Doktor, Ehrendoktor, Vorstand von Jähzornig Incorporations erwartete. Als ich so früh ich konnte – zehn Uhr – ungeplant im Büro aufkreuzte und reumütig Britta meinen kleinen, aber nicht ganz so feinen Scherz beichtete, schaute sie mich nur unbeeindruckt an und sagte dann trocken: „Mach dir nichts draus. Der ist immer so.“ Deswegen mochte ich Britta sehr.

Heute, an jenem verheißungsvollen siebten Diättag, an dem mein Nervenkostüm so dünn wie Butterbrotpapier war, konnte sie es einfach nicht lassen. Ich wünschte mir so sehr, sie hätte es einfach lassen können. Aber sie kam herübergestapft und beugte sich zu mir herunter. Mit zusammengekniffenen Augen studierte sie meine Visage, und ich dachte, das sei echt gefährlich nah.

„Du hast vergessen, dein rechtes Auge zu schminken.“

Ich schluckte.

„Weißt du, da muss ich jetzt die ganze Zeit drauf schauen. Das irritiert mich total!“

Ich schluckte noch mal. Es half nichts.

„Das ist mir SCHEISS-E-GAL, Britta! Was soll ich deiner Meinung nach jetzt machen? Mir mit einem Edding mein rechtes Auge anmalen? Geht’s dir dann besser?“

Für einen kurzen Moment ging es zumindest mir besser. Aber als sich meine Kollegin wortlos wieder hinter ihren Bildschirm trollte, wollte ich alle gesagten Worte wieder einfangen und wieder zurück schlucken. Ich mochte doch Britta sehr. Mich dagegen nicht mehr so sehr.

Zu Hause. Tasche am Boden. Ich gleich mit. Ich lag auf den zwei Quadratmetern freiem Boden in meinem winzigen WG-Zimmer und starrte das Waschbecken von unten an. Bräunliche Make-up-Wasser-Schlieren zogen sich über den äußeren Beckenrand bis hinunter zum Ablauf, wo sie sich überm Dichtungsring sammelten. Ich sollte mal mein Waschbecken von außen putzen.

Die Sonne ging langsam unter, warf ihre Strahlen durch meine Fensterfront und blendete mich ins linke Auge. Auf mein rechtes fiel der Schatten meines Schreibtisches. Ich rückte mit dem Kopf nach rechts und dachte: Noch nicht. Noch bin ich nicht bereit aufzustehen. Augenblicke später fand ich mich selbst lächerlich. Wie ich hier völlig kraftlos und halb verhungert am Boden lag und versuchte, mich selbst zu bemitleiden, und mir eigentlich selbst dazu die Kraft fehlte. Ich war doch sonst nicht so ein Weichei. Stöhnend richtete ich mich auf. Ich werde jetzt etwas essen, dachte ich. Etwas richtig Verbotenes. Und dann werde ich mir Gedanken machen, wie ich meinen Abnehmplan optimieren kann. Leider hatte ich nichts Verbotenes im Haus. Schon wieder hatte FrankaB72 es geschafft, mir ans Bein zu pissen: „Werft am besten alles Essbare weg, was euch in Versuchung führt, und kauft auch nur die Lebensmittel ein, die ihr am selben Tag zu einem der vorgeschlagenen Gerichte zubereitet! So verhindert ihr in schwachen Momenten, zu Ungesundem greifen zu können oder zu viel zu essen!“

So geschwollen, wie Franka daherschrieb, vermutete ich langsam, sie würde von den Diätdrink-Herstellern geschmiert, die ihr die "hilfreichen Tricks" vorformulierten. Wahrscheinlich war sie in Wirklichkeit selbst die mehrfach prämierte Chemikerin hinter diesem Getränk und schrieb sich unter einem Pseudonym nicht nur alle positiven Bewertungen von eigener Hand, sondern gab auch Tipps, die ihre Kunden in eine Produktabhängige Essstörung leiteten und die sie deswegen nicht von offizieller Seite geben konnte. Ob Paranoia in der Liste der Nebenwirkungen aufgeführt wurde?

Ich beschloss, der Sache auf den Grund zu gehen. Aber nicht bevor ich mich in die Küche gestohlen und meinem Mitbewohner sein Nutellaglas stibitzt hatte. Kurz hatte ich überlegt, auch noch das große Stück Parmesan aus dem Kühlschrank zu entwenden, fand das dann aber doch ein wenig übertrieben. Nutella und fettiger Käse würden die mit allen Nerven und Willenskraft bezahlten letzten Ergebnisse komplett ausradieren, also ließ ich es gut sein.

Mit extralangem Latte-Macchiato-Löffel, passend zum extragroßen Glas der Nussnougatcreme, das zum Glück nur noch halbvoll war, saß ich dann vor meinem Laptop und googelte gezielt nach Misserfolgen des Diätdrinks. Lange musste ich nicht suchen. Ich fragte mich, warum ich es eigentlich nicht schon eher getan hatte. Wahrscheinlich war der kurzfristige Erfolg einfach zu überzeugend gewesen. Die vier Kilo, die ich inzwischen weniger auf die Waage brachte, hatten mich eingelullt. Dass davon mindestens zwei einfach nur Wasser und Darminhalt waren, war mir durchaus bewusst – aber selbst dann war es immer noch eine recht erfolgreiche Bilanz. Immerhin rückte die Party, auf der ich mit meinem neuen Ich glänzen und mir Johannes angeln wollte, immer näher. Ich rief mir sein zwinkerndes Gesicht vor Augen und musste automatisch grinsen wie ein zwölfjähriger Teenager, der das Poster seines Lieblingsstars anhimmelt. Vielleicht stimmte mich aber auch nur der plötzliche Rausch aus Zucker und Fett so überemotional. Ich musste auf jeden Fall mein Bestes geben. Johannes war es wert. Ich war es wert. Davon war ich überzeugt.

Ich klickte auf ein Video, dessen Titel Die große Lüge der Diätdrinks – eine Abrechnung! lautete.

Zu meinem Erstaunen erschien ein braungebrannter Muskelprotz auf meinem Bildschirm. Er saß auf der Couch seines Wohnzimmers und filmte sich mit einem Kamerastativ selbst. Das war ganz und gar nicht die investigativ aufklärende Ärztin oder Chemikerin, mit Brille und seriösem, ernstem Blick, die ich eigentlich erwartete hatte und die mir etwas von den negativen, rückwirkenden Schäden von Radikaldiäten erzählen sollte.

„Glaubt nicht, was diese Diätdrink-Idioten euch sagen. Natürlich nimmt man ab, wenn man seinem Körper nur diese sechs- bis siebenhundert Kalorien in Form von Getränken zuführt, statt der zwei- bis dreitausend, die er braucht. Aber genauso könnt ihr dreimal am Tag Suppe essen – das kostet euch nicht so viel Geld und ist genauso wirksam!“

Richtig.

„Aber das ist nicht gesund! Ihr wollt doch nicht etwa so aussehen?!“

Der Muskelmann zeigte auf den Bildschirm seines Handys, wo ein äußerst unvorteilhaftes Bild einer abgemagerten Fußballerehefrau prangte und geriet jetzt erst richtig in Fahrt mit seiner „Abrechnung“. Was für ein ungesundes Bild von Frauen die Diätindustrie befördere, nur um uns glauben zu machen, so dürr müsste eine Frau aussehen. So würden Frauen immer wieder zu langfristig nicht erfolgsversprechenden Diäten gedrängt, die selbstverständlich einen Jo-Jo-Effekt nach sich zögen und es der Industrie nur einfacher machten, uns das nächste Crash-Diät-Produkt anzudrehen.

So wie er in die Kamera brüllte, fühlte ich mich geradezu ertappt. Wie leichtsinnig von mir. Natürlich wollte ich schlank und gleichzeitig gesund sein – wie konnte ich da nur auf die Werbeversprechen von irgendwelchen Diätdrink-Herstellern reinfallen, die allen Ernstes behaupteten, in einem Getränk, das de facto nur einen Bruchteil des Tagesbedarfs an Kalorien deckte, seien alle wichtigen Nährstoffe in ausreichender Menge enthalten? Ich klickte gleich auf sein nächstes Video: Meine ultimativen Tipps für den Traumbody. Dann lass mal hören. 

„Der einzige gesunde Weg abzunehmen ist und bleibt einfach Sport und gesunde Ernährung“, leitete der Muskel-Typ ein, der sich nun als ausgebildeter Fitnesstrainer ausgab und diesmal wesentlich seriöser hinter einem Schreibtisch saß. Im Hintergrund war mit Tortendiagrammen und Statistiken die Wand tapeziert.

Ugh. Meine anfängliche Begeisterung war verflogen. Mit diesem Geheimtipp hatte ich nun nicht gerechnet. Sport und gesunde Ernährung als Alternative hätte mir auch jeder noch so laienhafte Hausarzt als Abnehmprogramm vorschreiben können. Für mich klang dieses Lebensgewohnheiten-grundsätzlich-umstellen-Ding aber nach viel zu viel Arbeit für karge – oder wie sie es nannten „langfristige“ – Ergebnisse.

Mit Sport hatte ich mein letztes Hühnchen gerupft. Neben Muskelkater und Nahtoderfahrungen hatte es keinen merklichen Effekt gehabt. Die Vorstellung, mich körperlich wieder ins Zeug zu legen und wieder nichts als Schmerzen zu kassieren, schien mir daher alles andere als erstrebenswert.

„Und wenn ich Sport sage, dann spreche ich nicht von Joggen oder dem Cross-Trainer oder irgendwelchen bescheuerten Tanzkursen, bei denen ihr fröhlich herumhopst! Ich meine damit, dass ihr richtigen Muskelaufbau betreibt, an die schweren Gewichte und Geräte geht und es in kürzester Zeit zu eurer Top-Form schafft!“

Ich wurde hellhörig. Kein Ausdauer-Training? Top-Form in kürzester Zeit? Zugegeben, mit richtigem Krafttraining hatte ich es bisher noch nicht versucht. Zwar war ich früher auch Mitglied in einem Fitnessclub gewesen. Die einzigen Geräte, die ich dort aber mit mehr als einem halbgaren Versuch, sie zu betätigen, gewürdigt hatte, waren natürlich die Cross-Trainer, Stepper und Laufbänder gewesen. Damals hieß es noch, ein gutes Ausdauertraining mache schlank. Und ich war der beste Beweis dafür, dass das eine glatte Lüge war.

Hier dagegen schien alles Sinn zu machen: Muskelaufbau und Muskelerhalt kosteten den Körper zusätzliche Energie, die in Form von Fett abgebaut werden würde. Schöner Nebeneffekt: Alles wird straff und knackig, statt ungesund und mager. Sein Totschlagargument hatte sich der muskulöse Typ bis zum Schluss aufgehoben:

„Wer den Fitness-Lifestyle pflegt, muss nie wieder hungern.“

Stattdessen würden eine ausreichende Nährstoffzufuhr und eine Proteinhaltige Ernährung für ein optimales Muskelwachstum und einen gesunden, fitten Körper sorgen. Zwar gab es mehrere Wege, die zum Ziel führten, der effektivste sei aber seiner Expertenmeinung nach eine Low-Carb-Ernährung. Bei wem also in wenigen Wochen die Bikinisaison anstand, der solle lieber so wenige Kohlenhydrate wie nur möglich zu sich nehmen, am besten nur morgens. Noch besser gar nicht.

Protein dagegen ging ganz viel. Unendlich viel. Eine Grenze nach oben gebe es beim Muskelaufbau quasi nicht, denn Eiweiß sei der essentielle Baustein für Muskeln. Je mehr desto besser. Überschüssiges würde einfach ausgeschieden. Außerdem mache Eiweiß länger satt und habe dennoch nicht so hohe Kilokalorien auf hundert Gramm wie etwa Kohlenhydrate. Und schon gar nicht wie Fett. Der Fitness-Instructor rollte mit den Augen. Zwar sei Fett auf jeden Fall wichtig, aber nur in Maßen. Wer sich die Avocados reinschmeiße wie Smarties, der brauche sich nicht wundern, dass er nicht abnehme. Ich hatte bisher nicht mal gewusst, dass Avocados eine so fettige Frucht waren. Ganz nebenbei hasste ich Avocados. Sie schmeckten für mich wie ranzige Kartoffeln. Das wäre also nicht das Problem.

Problematisch könnte es eher werden, auf nicht-ranzige Kartoffeln, Nudeln, Reis und Brot verzichten zu müssen. Mit meinem Nutellaglas in der Hand kam mir Brot zwar nicht mehr ganz so verlockend vor wie noch wenige Stunden vorher, aber bis auf ein frühmorgendliches Porridge – für das der Fitnessguru natürlich ein eigenes Tutorial abgefilmt hatte – ganz auf Kohlenhydrate zu verzichten? Ich schluckte schwer.

Andererseits hatte ich nicht mehr so viel Zeit: Sechs Wochen waren es noch bis zur WG-Party. Und ich sah nicht, wie ich unter den bisherigen Bedingungen weitermachen konnte. Nicht ohne in einer fehlgeleiteten Fressattacke, allen Warnungen auf der Verpackung zum Trotz, den gesamten Kaugummivorrat des Supermarkts um die Ecke zu plündern und dann die ganze Nacht auf der Toilettenschüssel zu verbringen, um meine Eingeweide auszukacken. Oder schlimmer: mein Vorhaben aufzugeben.

Ich wollte nicht aufgeben. Ich hatte diesen Speckrollen den Kampf angesagt, also musste ich auch kämpfen.

Und wenn das bedeutet, dass ich Gewichte stemmen und tonnenweise Protein essen muss, dann bitte, dachte ich. Sechs Wochen waren zwar recht kurz, um abzunehmen, aber auch absehbar genug, um durchzuhalten – was auch immer da auf mich zukam.

Ich googlete die nächsten Fitnesscenter in meiner Nähe und fuhr sofort los. Mit dem Auto versteht sich.

Zum Glück war es bereits dunkel, als ich auf dem Weg nach draußen das leere Nutellaglas im Container entsorgte.

Low Carb. Low Fat. High Protein.

Da war sie schon wieder. Die Treppe. Sie starrte mich an. Ich starrte zurück. Alte, repräsentative Universitätsgebäude hatten es leider an sich, eine Menge hoher Decken, verwinkelter Flure und damit auch ebenso viele Treppen zu besitzen, um den Studenten auch Stock für Stock und Schritt für Schritt klarzumachen, was für ein kleines Rädchen sie eigentlich waren.

„Du willst der nächste Star am wissenschaftlichen Firmament sein? Find in diesen heiligen Hallen erst einmal die zentrale Universitätsverwaltung, du kleiner Wurm!“, schienen sie zu schreien und fügten mit schmähendem Blick auf mich hinzu: „Als hier Größen wie Karl Jaspers studiert haben, war der Aufzug nicht einmal angedacht, du faule Null!“

Mir war völlig egal, ob Jaspers, Siemens oder Helmut Kohl hier zwanzigmal hoch und runter gesprintet waren. Ich wollte nicht von Monumentalität beeindruckt werden, sondern einfach nur zur Arbeit. Und das war heute wieder einmal nicht so einfach wie es klang.

Beim Blick ins Treppenhaus graute es mir. Auf keinen Fall würde ich es ins Büro schaffen, völlig unmöglich. Wer war eigentlich für die Reparatur des Aufzugs verantwortlich? Der Gedanke, jene Person auszumachen und ihr bei einem netten Telefonat unmissverständlich zu verklickern, wie unverantwortlich es war, den Lift tagelang nicht zum Laufen zu bringen, motivierte mich wenigstens genug, die ersten Treppenstufen zu nehmen. Ich ächzte. Meine Oberschenkel brannten, als kämen sie direkt aus der Hölle. Die letzten Male im Fitnessstudio machten sich schmerzlich bemerkbar. Ganz kurz bereute ich es, bei meiner gestrigen Trainingssession die Gewichte gesteigert zu haben. Dann fiel mir wieder ein, dass ich es geschafft hatte, jeden verdammten Abend meinen Schweinehund zu überwinden und mich ins Studio zu schleppen, statt die Füße vor irgendeiner Serie hochzulegen und Stolz, so dick wie eine Massivholzplatte, verdrängte das reuige Gefühl.

Sogar meine neue Low-Carb-Ernährung hatte ich ohne Zwischenfälle durchgezogen. Mit einem Ziel vor Augen war es deutlich einfacher als gedacht. Außerdem griff die Ganz-oder-gar-nicht-Regel hier ebenso. Wenn man überhaupt erst nicht zu Brot, Nudeln oder Reis griff, gelüstete es einen auch nicht danach. Die einzigen Kohlenhydrate, die ich zu mir nahm, waren diejenigen, die natürlicherweise in Obst und Gemüse vorhanden waren. Außerdem – zum Aufladen des Glykogenspeichers, welcher wichtig für einen konstanten Blutzuckerspiegel sowie die Bereitstellung von Energie zur Muskelkontraktion, welche ich ja nun übermäßig durchführte, ist – die morgens mit heißem Wasser und Süßstoff aufgekochten sechzig Gramm Haferflocken mit frischen Früchten. Genauer gesagt einem Apfel – das war am einfachsten und so machte es auch Lucy, deren Videos ich mit zahlreichen weiteren Fitness-Youtubern für mich entdeckt hatte. Mit ein bisschen Zimt schmeckte das Ganze geradezu fantastisch! Diesen Tipp hatte ich wiederum bei Olga aufgeschnappt, die nach ihrer Schwangerschaft auf den Fitness-Lifestyle-Trend aufgesprungen war und es dadurch „super schnell und super einfach“ wieder zu einem straffen Body geschafft hatte. Seitdem filmte sie sich beim Zubereiten verschiedener kohlenhydratfreier Mahlzeiten, stellte Videos von ihrem Bizepscurl auf ihren Youtube-Kanal und hielt regelmäßig Fitnessprodukte in die Kamera. Von atmungsaktiven Sportklamotten, über Hanteln bis hin zu Nahrungsergänzungsmitteln, sogenannten Supplements, wie Vitamintabletten oder Proteinpulvern war alles dabei, „was man für den Fitness-Lifestyle braucht“. Olgas Meinung nach. Ich dagegen war mir nicht sicher, ob man wirklich diese „super heiße Leggins mit Tummy-Shape-Effekt“ für siebzig Euro oder diese „auf dem Markt super einzigartigen“ Vitamin-Booster für neunundvierzig Euro, die in Wahrheit stinknormale Vitaminpillen in einer geilen Verpackung waren, tatsächlich brauchte. Wahrscheinlicher war, dass Olga den fünfstelligen Betrag brauchte, den der Hersteller ihr für das inkognito-Bewerben seines Produktes überwies, um sich ein noch größeres Paar Brüste auf den fettfreien Oberkörper operieren zu lassen.

Das Proteinpulver hatte ich mir allerdings sofort, nachdem ich ihr Video gesehen hatte, bestellt. Als Vegetarier war es alles andere als leicht, sich eiweißreich zu ernähren, da Fleisch als Hauptproteinquelle wegfiel. Stattdessen marinierte ich Tofu, würzte ihn, marinierte ihn, kochte ihn, marinierte ihn und tat alles Menschenmögliche, damit dieses weiße, labbrige Stück Sojapudding wenigstens ein bisschen abwechslungsreich auf meinem Teller daherkam. Was soll ich sagen – ich scheiterte. Mehr als ein Stück am Tag war einfach nicht drin. Auch die alternativen Eier und Magerquark konnte man nicht kiloweise in sich hineinstopfen, ohne das Kotzen zu kriegen oder sich, wie in meinem Fall, in einen pupsenden Heißluftballon zu verwandeln. Da sprach ich zum Beispiel aber nur für meine Wenigkeit – Oliver konnte das. Denn Oliver war ebenfalls Fitness-Youtuber und selbsternannter Food- und Gym-Experte und zog sich täglich drei der 500-Gramm-Magerquark-Packungen rein. Dabei filmte er sich jedes Mal und schwor darauf, dass diejenigen „Hater“, die die Einnahme so vieler Milchprodukte der Laktose, Hormone und Enzyme wegen verteufelten, nicht alle beisammen hätten – er lebe ja auch noch. Dass damit weniger Milch als direkte Todesursache gemeint war – wie sollte das bitte funktionieren ohne sich darin zu ertränken – sondern als Auslöser für krankheitsbringende Folgeerscheinungen durch einen langfristigen, übermäßigen Konsum, ließ er mal beiseite. Oder hatte es einfach nicht kapiert. Sein sich selbst verliehener Expertentitel zeugte in jedem Fall von viel Glaubwürdigkeit.

Überhaupt war es schwer, die Spreu vom Weizen zu trennen. Die Fitness-Gemeinde im Internet war riesig, fast eine eigene Onlinewelt, die sich über alle sozialen Kanäle, allem voran Youtube und Instagram, erstreckte und vernetzt war. Man konnte Tage damit verbringen, sich Videos über besondere Übungen, Fitnessgeräte, Ernährungsstrategien und Supplements anzusehen und war am Ende dennoch nicht schlauer: Jeder hatte eine andere Theorie, jeder wusste sie mit einer anderen Studie zu belegen und jeder hatte eine vermeintliche Qualifikation es am besten zu wissen, weil er Experte, professioneller Bodybuilder, Guru oder sonst was war.

Es war eine Krux.

Viele waren, wenn überhaupt, ausgebildete Fitnesstrainer. Dass dies keine hinreichende Bedingung für Fachkompetenz in Sachen Sport und Ernährung darstellte, hatte ich bei meinem ersten Studiobesuch bereits festgestellt.

Jede Minute meiner Freizeit hatte ich die letzten Tage damit verbracht, mich durch eine Menge Muskel-Mist zu klicken und entschied mich schlussendlich, die glaubwürdigsten Tipps einfach auszuprobieren. Schiefer als beim Diätdrink-Versuch konnte es ohnehin nicht gehen. Bisher funktionierte Low-Carb ganz gut: Meine körperlichen Kräfte waren wieder da und wurden sogar von Tag zu Tag als Muskelmasse sichtbarer. Auch das Hungern hatte ein Ende: Ich startete den Tag mit besagtem Apfel-Hafer-Porridge, futterte dann mittags, abends und zwischendurch Gemüse und Tofu oder eben Eier, und spülte schließlich alles mit Proteinshakes hinunter. Fett kam nur noch in kleinen, sauber dosierten Esslöffeleinheiten beim Kochen zum Einsatz. Was Milchprodukte anging, versuchte ich mich auf eine annehmbare Menge Magerquark zwischendurch, und seltene Ausflüge zum Käseregal – ich liebte Käse einfach – zu beschränken. Einige Bodybuilder berichteten zusätzlich zu den potenziellen gesundheitsschädlichen Folgen von Milchkonsum auch von aufschwemmenden Nachwirkungen, und das wollte ich ja nun wirklich nicht mit meiner Diät bewirken. Erst auf alles Mögliche zu verzichten und am Ende an der wasserspeichernden Wirkung der Milch zu scheitern gehörte nicht zu meinem ambitionierten Fitnessplan. Olivers Expertenmeinung in allen Ehren, hatte ich außerdem keine besondere Lust, mich mit den darin enthaltenen Enzymen und Hormonen vollzupumpen oder die tierausbeutende Milchindustrie unnötig zu befeuern. Milchalternativen gab es mittlerweile ja genug und in Sachen Proteingehalt standen die der Kuhmilch in nichts nach. Supplementmäßig hielt ich mich neben meinem Proteinpulver mit Omega-3-Fettsäure-Kapseln, Vitamin D- und Vitamin B12-Tabletten für optimal aufgestellt. Erstere stellten eine gute Proteinsynthese sicher, Vitamin D sorgte für einen guten Knochenstoffwechsel und Letzteres war für die Blutbildung, Zellteilung und Nervenfunktion wichtig. In ausreichender Menge kam es nur in tierischen Produkten vor, die ich als Vegetarier nur sporadisch zu mir nahm und worauf ich lediglich durch meine Recherche in Sachen wichtige Nahrungsergänzungsmittel für vegetarische Sportler aufmerksam geworden war. Dass jeder meiner bisherigen Ärzte von meiner vegetarischen, fast schon veganen Ernährungsweise wusste und es offenbar zehn Jahre lang nicht für nötig befunden hatte mir eine B12-Supplementierung zu empfehlen und es stattdessen vegane Bodybuilder tun mussten, fand ich mehr als bedenklich. Allein deswegen hatte mein neu entdeckter Fitness-Lifestyle schon ein Stein im Brett bei mir. Ich fühlte mich, als hätte ich ein Rundum-sorglos-Abnehm-und-Gesundheits-Paket gebucht! No one can stop me now, bitch!

Eine Stimme riss mich aus den Lobhudeleien für meinen neuen Lebensstil.

„Was hast denn du dabei?“

Britta lugte mir neugierig über die Schulter. Ich hatte mir in der Mensa mein Mittagessen geholt: zwei große Plastikboxen Salat und zwei Bananen. Tofu gab’s nicht. Dafür zwei Proteinshakes. Dass sie nicht mehr sauer war, rechnete ich ihr hoch an. Diesmal konnte ich sogar gut gelaunt antworten, das hungrige Raubtier war von gestern. Ich prüfte sicherheitshalber noch mal im spiegelnden Fenster, ob ich nicht schon wieder vergessen hatte, mein ganzes Gesicht zu schminken. Fassadencheck: positiv.

Wahrscheinlich bereute Britta es in demselben Moment, gefragt zu haben, als ich mit meinen Ausführungen, die ich soeben noch gedanklich geführt hatte, noch mal von vorne begann. Keine der Einzelheiten meiner neuen Gemüse- und Eiweißlastigen Ernährung blieben ihr erspart und bei der Erwähnung von Fitnessgeräten, Hanteln, meinen Proteinshakes und Vitaminen geriet ich geradezu ins Schwärmen. Meine Muskeln brannten bei jedem einzelnen Schritt, den wir nach oben gingen und ich brannte mit. Für mein neues, vitales Ich.

„Wusstest du, wie viel Fett in einer Avocado ist? Vierundzwanzig Gramm! Britta, damit hätte ich mit nur einer Frucht schon die Hälfte meines Tagesbedarfs an Fett gedeckt!“

Ich war ziemlich schockiert. Britta auch.

„Woher weißt du denn so was? Ich esse ganz häufig Avocados und schau mich an – ich bin nicht kugelrund.“

Damit hatte sie in der Tat recht. Sie war alles andere als kugelrund. Trotz ihres Alters war sie schlank und sportlich geblieben. Aber Britta aß auch nur das Obst und Gemüse aus ihrem eigenen Garten, achtete auf Bio-Siegel, kaufte lediglich Brot aus Vollkornmehl und machte täglich Yoga. Ihre Wochenenden verbrachte sie damit, ausgedehnt zu laufen und zu wandern und ich vermutete, der besagte Garten hielte sich auch nicht von selbst in Ordnung. Da konnte man sich Avocados erlauben. Mein Leben dagegen hatte bis vor wenigen Wochen noch so ausgesehen: Bier, gebratene Maultaschen, Bier, Tiefkühlpizza, Bier, Mensafraß, Party, Party, Party und wieder von vorn. Ich konnte nicht aufhören, mir mein altes, faules und ungesundes Ich als abschreckendes Beispiel immer wieder vor Augen zu führen und mich zu fragen, wie ich mich in einem solchen Körper überhaupt hatte wohlfühlen können. Eines Abends war ich mit dem Auto zwei Straßen weiter zum Supermarkt gefahren, um mir eine Packung Erdnüsse und eine Cola light zum Abendessen zu kaufen. Eines anderen Abends waren es Gummibärchen gewesen. Und wieder eines anderen Abends Tiefkühlbrezeln und Butter. Wie viel Fett in so einer Butter ist! Und diese Person, halb Mensch, halb Emulgator, versuchte nun wieder in Form zu kommen. Da waren fettige Avocados nicht drin. Hatte ich schon erwähnt, dass ich Avocados ohnehin hasste?

Es sprudelte alles aus mir heraus.

„Das kann man alles mit einer Fitness-App tracken. Die zählt dir sogar Mikro- und Makronährstoffe aller Lebensmittel auf, die du dir nur vorstellen kannst! Mitsamt Ballaststoffen, Mineralstoffen, Cholesterinwerten, gesättigter und ungesättigter und mehrfach ungesättigter Fettsäuren und Transfetten!“

Ich war völlig aus dem Häuschen. Solche Vokabeln hatte ich seit meiner kriegsähnlichen Auseinandersetzung mit den Fächern Biologie und Chemie, die mir meinen Abiturschnitt deutlich versaut hatten – genauso wie Sport im Übrigen – nicht mehr benutzt. Hätte ich damals schon gewusst, wie man dieses Wissen auf den Alltag würde ummünzen können, wäre mein Interesse an Lipiden und Aminosäuren vermutlich größer gewesen.

Britta dagegen stierte skeptisch auf meine riesige Mittagsration Grünzeug. Sie verkniff sich eine Bemerkung zu machen. Ich war dankbar.

Die irritierten Blicke des Mensapersonals waren schlimm genug gewesen. Kauft die für zwei? Warum isst die nichts Normales? Hat sie ein Kaninchen in der Handtasche? Ich kannte es schon. Dieselben Blicke kassierte ich immer noch jedes Mal an hinterweltlerischen Orten, wenn ich erklärte, Vegetarier zu sein. Dieselben Blicke kassierte ich auch immer noch, wenn ich fragte, ob es den Cappuccino auch mit Sojamilch gäbe. Und dieselben Blicke hatte ich auch damals kassiert, als ich mit siebzehn beschlossen hatte, nichts mehr essen zu wollen, um so spindeldürr wie eines der Germany’s Next Topmodels zu werden. Aber das hier war etwas völlig anderes. Das hier war Fitness-Lifestyle. Es kapierte nur mal wieder keiner.

Den Rest des Tages verbrachte ich mit dem üblichen Papierkram, während Britta mir geduldig dabei zuhörte, wie ich mich selbst aufspielte.

Als ich mich am späteren Abend zum Aufwärmen auf den Cross-Trainer stellte, hatten mich die Hochgefühle immer noch nicht verlassen. Ich trat in die Pedale, mein Herz trat zurück. Die zwei Kaffee zum Aufputschen waren wohl ein wenig zu viel gewesen. Ich nippte an meinem Iso-Getränk in der Hoffnung, das Koffein noch verdünnen zu können. Unfähig einen klaren Gedanken zu fassen, weil mir der Kopf schwirrte und Run DMC in meinen Kopfhörern ein strafferes Tempo vorgab, als ich gerade zu leisten vermochte, stieg ich vom Ausdauergerät und wischte mir den Schweiß von der Stirn. Meine Gelenke waren geschmiert, die Endorphine tanzten, die Pumpe lief auf Hochtouren – Zeit, den Gewichten zu zeigen, wo der Hammer hing.

An der Trizepspresse sitzend, scrollte ich schon routineartig an die richtige Stelle meiner Playlist, schloss die Augen, konzentrierte mich. Jetzt musste Vollgas gegeben werden. Ohne bis zur allerletzten, möglichen Wiederholung – bis zum Muskelversagen – zu gehen, würde der Trizeps auch nicht optimal wachsen. Optimal war aber erstrebenswert. Es war Bedingung. Optimale Personality plus optimaler Po plus optimaler Look gleich optimaler Johannes. Das war meine Rechnung.

Einatmen, ausatmen, DMX zuhören. Sein aggressiver Rap überrollte meine Gedanken und erfüllte meinen Kopf mit einem tiefen, grollenden Knurren. Ich umklammerte die Griffe. Das Blut pochte in meinen Adern. Mein innerer Kampfhund machte sich zum Angriff bereit. Die Muskeln spannten sich an. Aggression auf Maximum. Augen auf. Fokus. Fass!

 

***

 

Wochen später. Dasselbe Studio. Dasselbe Gerät. Derselbe Song. Andere Uhrzeit. Es war Mittag, ich kochte vor Wut. Heute war der Tag. Heute würde ich Johannes wiedersehen. Ich freute mich. Allerdings hatte ich deswegen mein Training von Abends auf Mittags vorverlegen müssen. Mit der viel zu knappen Regenerationszeit für ein gutes Muskelwachstum seit meiner letzten Trainingseinheit am gestrigen Abend, kam ich wohl klar. Weil es sein musste. Morgen würde ich es nach der Party sicher nicht rechtzeitig nach Hause schaffen, um noch ins Fitnessstudio zu fahren. Zwei Tage Pause hintereinander waren in meinem Trainingsplan aber nicht vorgesehen. Dass ich zusätzlich keine Ruhe fand, machte es nur noch schlimmer.

Details

Seiten
0
Erscheinungsform
überarbeitete Neuauflage
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783960874317
ISBN (Buch)
9783960874379
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v435618
Schlagworte
Chick-lit-liebe-s-frauen-roman-tik-ce-tisch liebe-frauen-roman-tik-s-e-lustig-humor-voll Glück Instagram traummann perfekt sommer-urlaub-s-roman

Autor

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    Emma Simon (Autor)

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Titel: Selfie mit Zuckerguss (New Adult, Chick Lit, Liebe)