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Die wilde Rose (Historisch, Liebe)

von Patricia Cabot (Autor)

2018 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

Yorkshire, England, 1860. Lord Edward Rawlings liebt die Ausschweifungen und das Vergnügen – allerdings winken ihm die lästigen Pflichten eines Herzogs. Die einzige Möglichkeit, diesen zu entgehen, besteht darin, seinen Neffen Jeremy zum Herzog von Rawlings Manor zu ernennen, wie es der letzte Wunsch seines Vaters war.

Daher macht sich Edward auf den Weg zu Jeremy, der bei seiner Tante Pegeen MacDougal lebt. Die hasst alles, was der Adel aus ihrer Sicht darstellt und Edward muss erkennen, dass Pegeen entgegen seiner Vermutung keine alte Jungfer ist. Im Gegenteil: Die selbstbewusste junge Frau mit den smaragdgrünen Augen verzaubert ihn ab dem ersten Moment.

Als Jeremy und Pegeen dem draufgängerischen Lord nach Rawlings Manor folgen, bringen sie Edwards Leben gehörig durcheinander. Pegeen hasst Rawlings Reichtum, seine Stellung und seine Macht, doch ein folgenschwerer Kuss bringt ihre Entschlossenheit ins Wanken …

Impressum

dp Verlag

Erstausgabe 1998
Überarbeitete Neuausgabe August 2018

Copyright © 2020 dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

E-Book-ISBN: 978-3-96087-339-6

Copyright © 1998 by Patricia Cabot by arrangement with St. Martin's Press
Titel des englischen Originals: Where Roses Grow Wild

Copyright © April 2003, Ullstein Heyne List GmbH & Co. KG, München
Dies ist eine überarbeitete Neuausgabe des bereits April 2003 bei Ullstein Heyne List GmbH & Co. KG, München erschienenen Titels Die wilde Rose (ISBN: 978-3-45386-870-6).

Übersetzt von: Ullstein Buchverlage GmbH
Covergestaltung: Miss Ly Design
Unter Verwendung eines Motivs von
periodimages.com: © painted_5345
Korrektorat: Susanne Meier

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

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dp Verlag

1. Kapitel

Yorkshire, England, 1860

Lord Edward Rawlings, zweiter und einziger überlebender Sohn des verblichenen Herzogs von Rawlings, war nicht glücklich.

Yorkshire war nicht gerade der angenehmste Ort, den Winter zu verbringen; manchmal kam es einem wochenlang so vor, als schiene die Sonne überhaupt nicht mehr. Doch das war nicht der Grund. Es lag auch nicht daran, dass Lady Arabella Ashbury – deren Gatte ein Anwesen in unmittelbarer Nachbarschaft von Rawlings Manor besaß – gegenwärtig zu sehr mit sich selbst beschäftigt war, um ihm ihre werte Aufmerksamkeit zu schenken.

Nein, Edward war aus Gründen unglücklich, die er wahrscheinlich nicht in Worte zu fassen vermocht hätte, selbst wenn er es gewollt hätte. Und er wollte nicht, denn die einzige momentan verfügbare Person war eben die Vicomtesse von Ashbury. Obschon bekannt in ganz England für ihre feineren Attribute, beispielsweise ein elfenhafter Teint und elegante Fesseln, gehörte ein verständnisvolles Ohr nicht zu ihren Vorzügen.

»Ich werde Mrs. Praehurst anweisen, genügend Leberpastete für fünfzig Personen zu bestellen«, sagte Lady Ashbury und machte ein Häkchen auf ihrer Liste ausgewählter Dinge; diese war dazu bestimmt, von Edward zwecks Beschaffung der gewünschten Güter an seine Haushälterin übergeben zu werden, bevor ihre gemeinsamen Freunde aus London zur Jagd am Wochenende in Yorkshire einträfen. »Ich habe festgestellt, dass sich die Leute auf dem Lande oft nichts aus Leberpastete machen. Die Herbert-Töchter könnten keine Leberpastete von einem Hackbraten unterscheiden.«

Edward, ausgestreckt auf der Chaiselongue vor dem Kaminfeuer im goldenen Salon, entfuhr ein Gähnen. Er versuchte, es zu unterdrücken, aber es war zu spät. Zum Glück hatte es Lady Ashbury, die es keinesfalls gewohnt war, dass Männer in ihrer Gesellschaft gähnten, nicht mitbekommen.

»Ich sehe gar nicht ein, warum du die Herbert-Töchter einladen solltest«, fuhr Lady Ashbury fort. Sie klang zwar nicht verdrießlich, aber auch nicht leichthin. »Ihr Vater mag zwar dein Verwalter sein, aber ich kann nicht behaupten, das Gefühl zu haben, dass er dir gute Dienste erweist.«

Edward beugte sich auf der Chaiselongue nach vorne, um sich aus der Karaffe einen weiteren Schwenker Brandy zu genehmigen. Die Karaffe hatte er in Reichweite auf dem Beistelltisch platziert. Er war schon ziemlich betrunken und hatte vor, diesen Zustand noch zu steigern, bevor der Nachmittag in den Abend überging. Eine der angenehmen Eigenschaften der Vicomtesse von Ashbury war, dass sie ein derartiges Benehmen offenbar nicht störte.

»Schließlich, Edward«, fuhr Lady Ashbury fort, »wenn Sir Arthur Herberts sogenannten unermüdlichen Anstrengungen im Dienste des Rawlings-Anwesens nicht wären, dann wärst du jetzt Herzog anstelle dieser Brut deines Bruders.«

Edward lehnte sich zurück, nippte an seinem Brandy und richtete den Blick himmelwärts. Die Decke des goldenen Salons war von gedämpftem Gelb, passend zu den schweren Samtvorhängen der Fenster. Er räusperte sich lautstark und sagte in seiner tiefsten Stimmlage – derjenigen, welche die Stalljungen von Rawlings Manor in Angst und Schrecken versetzte: »Jedermann scheint zu vergessen, dass Johns Sohn der rechtmäßige Erbe des Titels und auch des Anwesens ist.«

Lady Ashbury war nicht anzumerken, dass sie seinen warnenden Ton zur Kenntnis nahm. »Aber niemand hatte überhaupt eine Ahnung, wo der Junge steckt, bis Sir Arthur anfing, seine abscheuliche Nase in die Sache …«

»Auf meine Anweisung, erinnerst du dich, Arabella?«

»Oh, Edward, behandle mich nicht so herablassend.«

Lady Ashbury warf ihren Stift auf die polierte Oberfläche des Sekretärs und erhob sich unter lautem Rascheln ihres blassblauen Satinkleids. Sie schritt Richtung Chaiselongue, wobei ihr blasser Teint und die weißblonden Korkenzieherlocken ein recht hübsches Bild des Kontrastes zu den goldbraunen Vorhängen im Hintergrund abgaben. Das war natürlich auch der Grund, warum die Vicomtesse stets darauf bestand, dass sie sich hier trafen statt im komfortableren blauen Morgensalon, der die Vorzüge ihres Teints jedoch nicht angemessen hervorhob.

Arabella seufzte. »Es wäre doch ein Kinderspiel für dich gewesen, dem Herzog einfach zu sagen, dass Johns Sohn – wie seine Mutter und sein Vater – ebenfalls tot ist, und dann hättest du den Titel selbst annehmen können.«

Edward hob spöttisch eine Braue. »Die leichteste Sache in der Welt, was, Arabella? Meinen Vater auf dem Sterbebett anlügen? Nachdem er seine letzten zehn Jahre damit verbracht hat, John dafür zu verfluchen, die Tochter eines schottischen Vikars geheiratet zu haben, und er den Waisen später nicht einmal hier in Rawlings Manor sehen wollte, obwohl er der rechtmäßige Erbe ist. Und dann, als er auf dem Sterbebett weich wurde und nachgab … Also bitte, Arabella! Es wäre doch höchst unehrenhaft von mir gewesen, nicht einmal zu versuchen, dem alten Herrn seinen letzten Wunsch zu erfüllen.«

»Ach, zum Teufel mit der Ehre!«, rief Lady Arabella. »Du hast den Jungen doch noch nicht einmal gesehen!«

»Nein«, stimmte Edward zu. Er war mit dem vierten Brandy fertig und schenkte sich einen fünften ein. »Aber das werde ich, wenn Herbert morgen mit ihm zurückkehrt.« Mit nach innen gewandtem Lächeln sinnierte er: »Was du anscheinend nicht in dein hübsches Köpfchen bekommen willst, Arabella, ist, dass ich überhaupt nicht Herzog werden will. Anders als dir, und – da bin ich sicher – deiner Mama, die es sich zur Lebensaufgabe gemacht hat, dir einen Ehemann mit Adelstitel zu verschaffen, reicht es mir völlig aus, nur ein ›Mister‹ zu sein.«

Lady Ashbury entfuhr ein ärgerliches Schnauben. »Und wie, bitte schön, willst du dir von dem Gehalt eines bloßen Misters, die Sorte von Pferden erlauben, die in deinen Ställen steht, Lord Edward? Oder das Haus auf der Park Lane in London? Ganz zu schweigen von dieser zugigen Monstrosität, die du als Landgut bezeichnest. Der einzige mir bekannte Mister, der sich ebenfalls leisten kann, was du besitzt, ist Mr. Alistair Cartwright, und – wie du genau weißt – sein Reichtum ist genauso ererbt wie deiner. Nein, Edward, du bist der Sohn eines Herzogs, und folglich hast du auch den entsprechenden Geschmack. Dein einziges Unglück ist, dass du nicht vor deinem missratenen Bruder John geboren wurdest.«

Edward warf ihr mit hochgezogener Braue einen süffisanten Blick zu. »Verdammt, Arabella. Glaubst du ernsthaft, mir würde es Spaß machen, Herzog zu sein? Den ganzen Tag über die Angelegenheiten der Anwesen grübeln? Ständig auf der Flucht vor Männern wie Herbert, die meine Zeit mit Buchhaltung verplempern wollen? Mich unablässig mit den Pächtern rumschlagen, dafür sorgen zu müssen, dass ihre Dächer jedes Jahr ausgebessert werden, ihre Kinder was lernen, ihre Ehefrauen glücklich sind?« Seine breiten Schultern hoben sich, geschüttelt von Abscheu. »Diese Art zu leben hat meinen Vater zu einem alten Mann gemacht, hat ihn vor seiner Zeit ins Grab gebracht. Ich werde nicht zulassen, dass mir das auch passiert. Soll doch dieses Balg von meinem dahingeschiedenen Bruder den Titel haben. Herbert wird schon aufpassen, dass Rawlings in der Zwischenzeit nicht vor die Hunde geht, und in zehn Jahren, wenn der Junge mit Oxford fertig ist, kann er herkommen und seinen rechtmäßigen Platz in diesen heiligen Hallen antreten.«

»Und was, Edward, willst du mit dir selbst anfangen?«, fragte Arabella, ihre Schroffheit kaum verhehlend. »Jagen kannst du nur von November bis März, und London ist im Sommer widerwärtig. Was du brauchst, Liebling, ist eine Beschäftigung.«

»Was glaubst du, was ich bin? Ein Amerikaner?« Edward lachte hämisch und leerte sein Glas. »Ich bewundere es immer, wenn du so gnädig bist, mir Ratschläge zu erteilen, Arabella. Es führt mir unseren Altersunterschied so deutlich vor Augen. Sag mal, stört es deinen Gatten eigentlich nicht, wenn du ständig übers Moor davoneilst, um einen Mann zu besuchen, der halb so alt ist wie er und eine Dekade jünger als du?«

»Musst du immer so viel trinken?«, schnappte die Vicomtesse, und Edward subtrahierte mit einem resignierten Seufzer eines ihrer Attribute. »Es ist ziemlich abstoßend, einen jungen Mann dabei zu beobachten, wie er immer aufgedunsener und pummeliger wird.«

Edward ließ den Blick über die weiße, fachmännisch gebundene Krawatte gleiten und betrachtete seinen kraftvollen Brustkorb und den flachen Bauch, der von einer Weste bedeckt war.

»Pummelig?«, echote er ungläubig. »Wo?«

»Du hast Tränensäcke unter den Augen.« Arabella trat vor und schnappte ihm den Brandyschwenker aus der Hand. »Und es ist klar zu erkennen, dass du Hängebacken bekommst, genau wie dein Vater.«

Edward fluchte und sprang von der Couch auf. Der Brandy hatte ihn etwas wacklig auf den Beinen werden lassen. Größer als sechs Fuß war Edward immer eine beeindruckende Erscheinung, und das galt umso mehr im goldenen Salon von Rawlings Manor. Seine große, kraftvolle Erscheinung ließ die zierlichen vergoldeten und mit grünem Samt bezogenen Möbel zwergenhaft erscheinen. Seine Füße – in glänzenden schwarzen Reitstiefeln – wirkten auf den sorgsam gekämmten Perserteppichen schwer. Nach wenigen Schritten stand er vor dem Wandspiegel mit den schräg geschliffenen Kanten und suchte sein Ebenbild nach Zeichen von Pummeligkeit ab.

»Ernsthaft, Arabella«, sagte er und sah vom Spiegel zur Vicomtesse hinüber, »ich weiß nicht, wovon du redest. Was für Hängebacken?«

Er war sicher, dass es nicht Eitelkeit war, die ihn für sichtbare Konsequenzen seiner Ausschweifungen blind machte. Wenn sie da wären, würde er sie auch bemerken. Edward machte sich nicht viel aus seinem Aussehen, obwohl er – weil viele Frauen es ihm gesagt hatten – wusste, dass es angenehm war. Natürlich wusste er auch, dass er trotz seiner exquisit geschneiderten Kleidung in jedem Salon fehl am Platz wirkte, ob vergoldet oder nicht. Er hatte den dunklen Teint und die finstere Ausstrahlung eines Piraten oder Brigadiers, dazu längeres, pechschwarzes Haar mit der Tendenz, sich widerspenstig auf dem Mantelkragen zu kräuseln. Im scharfen Gegensatz zu Lady Ashbury, deren ganze Erscheinung so licht war wie die eines Lamms, waren bei Edward nur die Augen hell; von einem Grau wie die Nebelschwaden, die beständig aus dem an Rawlings Manor angrenzenden Moor waberten.

»Ich habe nicht direkt gemeint, dass du schon Hängebacken und Doppelkinn hast«, sagte die Vicomtesse von Ashbury, die plötzlich mit irgendetwas, das auf dem elfenbeinverzierten Schreibtisch lag, ziemlich beschäftigt war. »Ich meinte nur, dass, wenn du nicht aufpasst …«

»Das hast du nicht gesagt.«

Edward war nicht sicher, was er bestürzender finden sollte; die Tatsache, dass sie ihn dazu gebracht hatte, von der Couch aufzustehen, oder den Gedanken, dass er – wo er schon einmal stand – auch gleich nach oben gehen könnte. In der gemütlichen Atmosphäre seiner Bibliothek könnte er seinem Unglück frönen viel besser, oder gar im Billardzimmer, wo er rauchen und trinken konnte, wie es ihm gefiel. Und zwar ohne lamentierende Weibsbilder in der Nähe, die ihn vor seinem körperlichen Verfall warnten.

Doch bevor ihm eine Entschuldigung einfiel, mit der er die leicht beleidigte Vicomtesse beschwichtigen könnte – mit der er am Vormittag immerhin schon einige anregende Stunden in einem Gästezimmer im dritten Stock verbracht hatte –, trat Evers in den Salon und räusperte sich lautstark.

»Sir Arthur Herbert möchte Sie sehen, Mylord.« Der Butler, der Edwards Vater fünfzig Jahre lang gedient hatte und dem neuen Herzog von Rawlings zweifelsohne weitere zwanzig Jahre schenken würde, hob nicht einmal die Braue ob des alkoholisierten Zustands seines Arbeitgebers so früh am Nachmittag.

»Herbert?«, echote Edward ungläubig. »Warum ist der denn schon so früh zurück? Ich habe ihn frühestens morgen erwartet. Ist das Balg … ähem, Seine Lordschaft, der Herzog, bei Sir Arthur, Evers?«

Evers’ Blick haftete die ganze Zeit auf einem Punkt oberhalb der marmornen Kaminuhr. »Sir Arthur ist allein, Mylord, und – wenn ich hinzufügen darf – in einem Zustand beträchtlicher Erregung.«

»Verdammt!« Edward hob die Hand und rieb sich das Kinn, welches bereits rau von dunklen Stoppeln war. Wenn Herbert allein war, konnte das nur heißen, dass der Bericht, den sie aus Aberdeen eingeholt hatten, falsch gewesen war – wie all die anderen davor. Und Herbert hatte geschworen, dass die Quelle verlässlich war! Jetzt musste Edward wohl mehr Anstrengung – und Geld – in die Suche nach dem Erben des Herzogtitels investieren. Wie konnte es sein, dass ein zehnjähriger Junge einfach so vom Erdboden verschwand?

»Verdammt«, sagte Edward verärgert. »Dann hol ihn rein, Evers. Hol ihn rein.« Die Vicomtesse stieß einen übertriebenen Seufzer aus, kaum dass der Butler außer Hörweite war.

»Oh, Edward, wirklich. Musst du diesen ekligen Mann hier empfangen? Hättest du nicht veranlassen können, dass er in der Bibliothek auf dich wartet? Es ist nicht gerade so, als ob es mir Spaß machte, euch beiden bei eurem Gefasel über dieses elende Kind zuzuhören …«

»Ja genau, elend!« Sir Arthur, stattlich und jovial wie immer, eilte in den Raum. Er wartete kaum darauf, dass Evers ihm die Türen weit genug öffnete, bevor er sich an dem Butler und dessen steif emporgezogenen Augenbrauen vorbeidrängelte. »Oh, in der Tat ein völlig erbärmliches Kind, Lady Ashbury! Treffendere Worte sind gar nicht möglich!«

Sir Arthur war so aufgewühlt, dass er nicht einmal einem Lakaien gestattete, ihm Mantel und Hut abzunehmen. Nun glitt der Schnee an den hängenden Schultern des Mannes herab, der sich in mittleren Jahren befand.

Evers lauerte in nächster Nähe, das Gesicht eine schmerzlich verzogene Maske, während sich die nassen Flecken auf dem Teppich unter den Galoschen des Anwaltes ausdehnten.

»Guter Gott, Mann«, platzte es aus Edward heraus, der von dem zerzausten Aussehen seines Gutsverwalters erschreckt war. »Sind Sie gerade aus Schottland zurückgekehrt, Sir, oder aus der Hölle?«

»Letzteres, Mylord, Letzteres, das kann ich Ihnen versichern.«

Bevor Evers es verhindern konnte, sank Sir Arthur auf die grüne Samtcouch nieder, die Edward gerade verlassen hatte. Schnee fiel auf die dicken Kissen und schmolz in der Wärme des Kaminfeuers.

»Nie, in all diesen Monaten der Suche nach dem Erben Ihres Vaters, bin ich in eine derart unangenehme Situation geraten.«

Die Vicomtesse war den Vorgängen mit leicht geschürzten Lippen und delikat emporgehobenen Brauen gefolgt. Sie warf dem Butler einen Blick zu. »Evers, ich glaube, Sir Arthur braucht einen Brandy.«

»Nein, nein«, rief Sir Arthur und streckte eine dickliche Hand empor. »Nein, vielen Dank, Mylady. Ich trinke nie Schnäpse vor Mittag. Lady Herbert wäre gar nicht damit einverstanden, ganz und gar nicht.«

»Aber Sir Arthur«, Arabellas Lächeln war eindeutig spöttisch, »schließlich ist es schon nach eins.«

»Ah, in dem Falle …« Evers war bereits mit einem gefüllten Cognac-Schwenker zur Stelle. »Oh, danke schön, Evers, guter Mann. Ah, das tut gut … Und es gibt ja gar keinen Grund, dass Virginia davon erfährt, oder?«

Edward, der in Gegenwart des Beraters, dem sein alter Vater am meisten vertraut hatte, stets Lust bekam, etwas Zerbrechliches zu zerschlagen, fragte mit zusammengebissenen Zähnen: »Kann ich aufgrund Ihres völligen Verlusts an Haltung davon ausgehen, dass wir schon wieder übers Ohr gehauen wurden?«

Sir Arthur sah von seinem Schwenker auf; sein plumpes, sanftes Gesicht wirkte fast erheitert. »Was? Übers Ohr gehauen? O nein, Mylord. Ganz und gar nicht. Nein, das ist der richtige Junge. O ja, wir haben endlich den richtigen gefunden.« Er hob die Brust zu einem zitternden Seufzen, das genauso dramatisch wie lautstark hervorkam. »Es ist schlimmer.«

Als Sir Arthur eine zittrige Hand ausstreckte, um sich einen weiteren Brandy aus der Karaffe einzugießen, die auf einem Tisch mit vergoldeten Beschlägen stand, traten sowohl Edward als auch Evers vor, um ihn aufzuhalten. Der Butler aus aufgeregtem Pflichtbewusstsein heraus und Edward aus purer Frustration. Edward war nicht zu betrunken, um sowohl mit einem fünfzigjährigen Vater von fünf Kindern als auch einem siebzigjährigen Butler fertig zu werden. Er sank neben der Couch auf ein Knie, seine Finger griffen nach dem Hals der Brandy-Karaffe. Er war so groß, dass er kniend dem sitzenden Sir Arthur in die Augen sehen konnte, und das tat er nun, sich nicht der Tatsache bewusst, dass seine grauen Augen vor unterdrücktem Ärger gefährlich glitzerten.

»Was«, begann Edward und sprach die Worte sorgfältig aus, »ist … in … Schottland … geschehen?«

Sir Arthur hörte auf, traurig auf den Grund seines Schwenkers zu starren; sein Blick war von Edwards drohend glühenden Augen gefesselt. »Nun, ich, äh«, stammelte der Anwalt. »Nun, sehen Sie, Mylord, es liegt an ihm. Dem Herzog, Mylord. Der junge Jeremy von Rawlings …«

»Sie haben ihn gefunden?« Edwards Erleichterung war offensichtlich. »Gott sei Dank.« Doch die Erleichterung verwandelte sich allmählich in Ungeduld. »Aber wenn Sie ihn doch gefunden haben, warum, zur Hölle, haben Sie ihn nicht mit nach Rawlings gebracht?«

»Er wollte nicht mitkommen.« Sir Arthur zuckte nur mit den Achseln.

Edward war nicht sicher, den Anwalt richtig gehört zu haben. »Es tut mir leid, Sir Arthur. Könnten Sie das wiederholen?«

»Er wollte nicht mitkommen«, sagte Sir Arthur erneut. »War darin auch ziemlich unnachgiebig, Mylord. Er wollte sich nicht vom Fleck bewegen ohne …«

»Er wollte nicht kommen?«, bellte Edward. Er sprang auf die Füße, die Hände zu Fäusten geballt und in die Seiten gestemmt. Er bemerkte, dass Arabella ihn alarmiert betrachtete, aber er konnte das plötzliche Verlangen, wie ein Käfigtier im Raum auf und ab zu schreiten, nicht unterdrücken.

»Er wollte nicht kommen? Der Junge hat erfahren, er sei der Erbe eines Vermögens, der Besitzer eines Gutes, das das Juwel von Yorkshire darstellt, dass er sogar in der Tat ein Herzog ist, und er wollte nicht mitkommen? Ist dieses Kind vollkommen verblödet?«, brüllte Edward und erschreckte Evers, der versuchte, die mittlerweile leere Karaffe zu entfernen. Einen idiotischen Erben zu produzieren, hätte genau zu John gepasst, dachte sich Edward wütend.

»O nein, Mylord«, schreckte Sir Arthur zurück. »Eher das Gegenteil. Gesund wie ein Pony, zehn Jahre alt, den Schalk im Nacken. Knallte mir ein rohes Ei an den Hinterkopf, kaum dass ich aus der Kutsche steigen konnte.«

Edward kämpfte um Geduld. »Also, warum wollte er dann nicht mit Ihnen kommen?«

»Nun, es lag nicht so sehr an dem Jungen, Mylord, als vielmehr an seiner Tante.«

»Tante?« Arabella hielt in der eingehenden Untersuchung ihrer Fingernägel inne und sah auf. »Der Junge hat eine Tante?«

»Ja, Mylady – er ist ein Waise, wissen Sie nicht, Lord Johns vorzeitiges Ableben vor zehn Jahren. Ich glaube, seine Mutter, Lord Johns unglückliche Ehefrau, ist kurz danach gestorben. Der Herzog wurde von der Schwester seiner Mutter und seinem Großvater mütterlicherseits aufgezogen, der nun seinerseits vor ungefähr einem Jahr gestorben ist. Schreckliche Sache, wie ich es verstanden habe. Ist auf der Kanzel tot umgefallen. Er war Vikar, wissen Sie.«

Edward bekam langsam das Gefühl, der einzige Mensch im Raum zu sein, dem noch ein wenig Realitätssinn geblieben war.

»Was ist denn mit dieser Tante?«, verlangte er in dem Versuch, das Gespräch wieder auf den springenden Punkt zu bringen. »Die Tante will den Jungen nicht gehen lassen?«

»Nicht ganz, Mylord. Der Junge will nicht ohne seine Tante kommen. Er hängt ziemlich an ihr. Das ist recht bewegend in diesen Zeiten zu sehen, wie ein Junge so nah an seiner …«

»Hölle und Verdammnis, Herbert«, polterte Edward. »Warum haben Sie der verdammten Tante nicht einfach gesagt, dass sie auch mitkommen kann?«

Sir Arthur blickte erschrocken drein. »Das habe ich, Mylord. Wirklich! Ich habe die Einladung auf sie ausgedehnt und gesagt, sie könne auf Rawlings Manor leben, so lange sie wolle. Für den Rest ihres Lebens, wenn sie das wünscht.« Der Anwalt brach ab und begann unvermittelt, sich seines Mantels zu entledigen. »Ist es nicht warm hier, Evers? Ich glaube, dieses Feuer ist etwas zu stark.«

»Und?« Edward hatte mit dem Herumlaufen aufgehört und lehnte sich mit einem Ellbogen an den Kamin. Er fand das Feuer überhaupt nicht zu stark. »Was hat diese verrückte Tante dazu gesagt?«

»Oh, sie hat meine Einladung entschieden zurückgewiesen. Wollte nichts davon hören. Und ohne sie war der Junge zu nichts zu bewegen.« Herbert zuckte die Achseln. »Tja, und nun sitze ich hier.«

»Hat Ihre Einladung abgelehnt?« Edward war nun wirklich danach, seine Fäuste zu gebrauchen. Evers hatte just einen Ofenschirm zwischen Herbert und dem Kamin aufgestellt, also ließ er seine Wut eben daran aus und schmetterte das feine, handbemalte Glas mit einem kraftvollen Schlag zu Boden.

Arabella entfuhr ein kleiner, verschreckter Schrei, und Herbert blickte wie vor den Kopf gestoßen. Evers sammelte unbewegt die Überbleibsel des Ofenschirms auf und bedachte seinen Brotgeber mit einem missbilligenden Blick.

»Ist dann die Tante idiotisch?«

»O nein, Mylord, eher das Gegenteil.« Sir Arthur schwitzte mittlerweile deutlich, entweder wegen der Hitze oder aus Nervosität ob Edwards Benehmen. Vielleicht überlegte er, dass eine dieser großen Fäuste bald in seine Richtung geschossen käme. Jedenfalls beeilte er sich, fortzufahren; sein breites Gesicht glänzte vor Schweiß. »Nein, Mylord, sie ist nicht verblödet. Sie ist eine Liberale.«

Hätte der stattliche Anwalt aufs Parkett gespuckt, Edward hätte kaum verblüffter sein können. »Eine was?«, keuchte er.

»Eine Liberale.«

Sir Arthur lächelte dankbar in Evers’ Richtung, der gekommen war, um das nasse Bündel aus Mantel und Hut zu entfernen, welches er auf der Chaiselongue neben sich deponiert hatte. »Eine ziemliche Antiroyalistin, Mylord. Will nichts mit dem Adelsstand zu tun haben.

Sie sagt, der Adel ist verantwortlich für den Reformstau und schadet den einfachen Leuten. Und dass die Konservativen die Massen in elender Armut halten, damit ein Prozent der Bevölkerung neunundneunzig Prozent des Reichtums besitzen kann. Sie sagt, Landbesitzer wie Sie sind Taugenichtse mit nichts im Kopf außer der Jagd und den Huren …« Peinlich berührt brach Sir Arthur ab und schielte Richtung Vicomtesse. »Ich bitte um Vergebung, Lady Ashbury.«

Arabella zog eine Braue empor und sagte nichts.

In einem Zustand der Fassungslosigkeit hörte Edward dem Anwalt zu. Das konnte doch nicht wahr sein. Der Erbe des Herzogs von Rawlings war gefunden, aber der Junge wollte nicht herkommen, weil seine durchgeknallte Tante eine Liberale war? Wie war das möglich?

»Ich versteh das nicht«, sagte Edward und kämpfte um Beherrschung. Er hatte Angst, dass sein Temperament wieder mit ihm durchginge. Es gab nichts mehr, um darauf einzuschlagen, außer Sir Arthurs dickes, grinsendes Gesicht. Aber weil er den alten Windbeutel wirklich gern hatte, wollte ihm Edward nicht wehtun. Nicht sehr jedenfalls. »Sie sagen also, diese Frau hat die Einladung abgelehnt, in einem der glänzendsten Häuser Englands zu wohnen, und das wegen ihrer politischen Neigungen?«

»Ganz recht, ganz recht«, kicherte Sir Arthur. »Und natürlich wollte der Junge nicht ohne sie gehen.«

»Aber diese …« Edward schluckte hart. »Diese Frau. Hat sie keinen Ehemann, mit dem man vernünftig reden könnte?«

»O nein, Mylord. Miss MacDougal ist unverheiratet.«

»Miss MacDougal?«

»Ja, Mylord. Pegeen MacDougal. Sie hat auf einem Gehöft in der Nähe des Pfarrhauses gelebt, seit ihr Vater starb – sie und der Junge. Ich glaube, sie leben von einem kleinen Erbe, das ihre Mutter hinterlassen hat. Bei Gott, der Vikar hat ihnen nichts hinterlassen …«

»Eine alte Jungfer«, zischte Edward durch zusammengepresste Zähne. »Abgeblitzt bei einer altjüngferlichen Tante mit liberalen Neigungen. Hölle und Verdammnis, Mann!« Edward war so weit, sich die Haare zu raufen, aber stattdessen brüllte er seinen Verwalter so laut an, dass sogar der unerschütterliche Evers erschrak.

»Sie konnten eine alleinstehende Tante, die von einem Almosen lebt, nicht davon überzeugen, dass es das Beste für ihren Neffen ist, wenn sie ihn in einem herrschaftlichen Anwesen in Yorkshire in Luxus leben lässt?«, verlangte er ungläubig zu wissen. »Sind Sie närrisch, Mann? Was könnte leichter sein? Wissen Sie denn gar nichts über Frauen? Konnten Sie sie nicht bestechen? Oder becircen? Sie mit Schmeicheleien überzeugen? Gibt es denn nichts auf der Welt, was die verdammte Frau zum Austausch für den Jungen haben will?«

Sir Arthur hatte sich zwar so weit wie möglich auf der Chaiselongue zurückgelehnt, aber er konnte dem drohenden Blick nicht entkommen, der ihn heißer werden ließ, als ein Feuer das vermocht hätte. Er steckte einen plumpen Finger unter seine Krawatte, zerrte vergeblich daran und schnappte nach Luft.

»Aber Mylord! Ich hab’s doch gesagt! Sie wollte nichts mit mir zu tun haben! Vor die Tür gesetzt hat sie mich. Sogar einen Topf hat sie nach mir geworfen!« Sir Arthur wimmerte schon fast. »Und der Junge, Mylord! Gar kein wohlerzogenes Kind, sondern ein Höllenjunge. Hat ein verdammtes Wiesel in meine Tasche gesteckt und einem der Kutschpferde einen Kieselstein unter das Geschirr geschoben. Ich dachte, ich käme nie heil nach Hause zu Lady Herbert!«

Abrupt drehte Edward seinem Anwalt den Rücken zu, die breiten Schultern herabhängend. Nun, es war ziemlich klar, was jetzt zu tun anstand. Sein Fehler war gewesen, einen Agenten für eine Aufgabe, die passenderweise er selbst hätte erledigen müssen, vorzuschicken. Hatte sein Vater ihm nicht immer gesagt, dass es ungleich einfacher sei, eine Aufgabe selbst zu erledigen, anstatt einem Lohnempfänger zu erklären, was zu tun sei? Dies war ein klassisches Beispiel. Was wusste Sir Arthur trotz seiner fünf Töchter schon über Frauen? Er hatte nicht viel Erfahrung im Umwerben von Frauen, denn er hatte die erste geheiratet, die ihn wollte; und obwohl Virginia Herbert eine feine Frau war, so war sie ihrem ungeschickten Ritter doch sicher keine große Herausforderung gewesen.

Nein, es gab nur noch einen Weg. Edward musste sich selbst nach Aberdeen aufmachen und den Jungen sowie die verrückte Tante holen.

Eine Liberale! Gott behüte ihn vor gebildeten Frauen! Was hatte sich der Vikar dabei gedacht, seine Tochter die Zeitung lesen zu lassen? Sie sollte noch nicht einmal den Unterschied zwischen Liberalen und Konservativen kennen. Kein Wunder, dass sie eine alte Jungfer war, und sie sollte auch dazu verdammt sein, eine zu bleiben, wenn die Art, wie sie mit Herbert umgegangen war, ihre übliche Art der Konversation darstellte.

Evers stand im Flur und räusperte sich. »Entschuldigung, Mylord, aber war das jetzt alles?«

Edward, der mit hinter dem Rücken verschränkten Händen am Kamin gestanden hatte, drehte sich um.

»Nein, in der Tat noch nicht, Evers. Informieren Sie meinen Kammerdiener, dass wir schleunigst nach Schottland aufbrechen werden. Ich brauche ausreichend Hemden für mindestens drei Tage. Lassen Sie Roberts den Brougham vorfahren. Ich reise ab, sobald gepackt ist.«

Drüben beim Sekretär legte Arabella ihren Stift nieder.

»Edward, bist du verrückt? Hast du etwa vor, diese schreckliche Frau selber zu treffen?«

»Warum nicht?«, erwiderte Edward. »Traust du mir nicht genug Überzeugungskraft zu? Liegt eine liberale schottische alte Jungfer jenseits meiner Möglichkeiten?«

Lady Ashbury lachte. Ihr Lachen hatte – wie Edward bereits festgestellt hatte – einen kalten, klirrenden Klang, wie ein Tischglöckchen, fordernd und ohne Resonanz. »O nein, Mylord. Wir alle wissen, wie überzeugend du sein kannst, wenn du wirklich willst.« Ihr Blick huschte an ihm entlang, und Edward entging das Leuchten ihrer hübschen Augen nicht, als sie auf der leichten Wölbung an der Vorderseite seiner Hose ruhten. »Aber du musst schon verzweifelt sein, Liebling, wenn du bei diesem Wetter die ganze Strecke nach Schottland fahren willst. Warum bloß die Eile? Wir wissen doch jetzt, wo dieser Junge ist, und offensichtlich wird er dort auch bleiben.«

»Ich will diese Angelegenheit erledigt haben«, sagte Edward ruhig und drehte sich wieder zum Feuer. »Mein Vater ist schon fast ein Jahr tot und seitdem dümpelt Rawlings ohne Herzog vor sich hin. Das geht jetzt lange genug so, denke ich.«

Arabella lachte wieder. »Seit wann machst du dir Sorgen um Rawlings? Wirklich, Sir Arthur, Sie haben einen schlechten Einfluss auf ihn. Als Nächstes wird er noch die Schafweiden inspizieren wollen!«

Sir Arthur blickte entsetzt ob Edwards geplanter Schottlandreise. »Ich bitte Sie, Mylord, lassen Sie’s sein! Lassen Sie’s ruhen. Vielleicht kommen Sie in ein, zwei Monaten, wenn Sie sich an den Gedanken gewöhnt haben, von alleine. Wissen Sie, Miss MacDougal war nämlich felsenfest davon überzeugt, dass der Junge Ihrem Vater vollkommen egal war, und sie war überrascht, dass der Junge überhaupt im Testament bedacht war …«

»Ich habe nicht die Geduld, einen Monat zu warten, Sir Arthur«, gab Edward zurück. »Ich werde heute aufbrechen und ich wette, dass ich beide – den Jungen und die jungfräuliche Tante – innerhalb der nächsten vierzehn Tage hier in Rawlings einquartiert haben werde.«

»Wenn du noch mehr Lust hast zu wetten, dann kannst du ja deinen alten Kumpel Mr. Cartwright wecken«, bemerkte Arabella trocken. »Er schläft seinen Rausch vom Billardspielen gestern Abend noch in der Bibliothek aus. Nimmst du ihn mit, Edward? Du kannst dir vorstellen, wie er es genießen würde, mit einer schottischen Jungfer zu streiten.«

Edward funkelte sie an. »Auf dieser Reise werde ich ohne Alistairs zweifelhafte Hilfe auskommen. Du kannst ihn, so lange ich weg bin, zu deiner Unterhaltung hierbehalten, Arabella. Pass auf, dass er nichts Wertvolles zerbricht, und falls er das tut, sieh zu, dass er es ersetzt.«

»Mylord, ich muss doch bitten, das zu überdenken.« Sir Arthur war so in Sorge, dass er sich aus der Chaiselongue hochwuchtete und an Edwards Seite trat. »Ich befürchte, Sie ahnen nicht, welch unberechenbares Temperament diese Frau besitzt. Sie hegt absolute Verachtung für alles Aristokratische und weigert sich hartnäckig …«

Edward lachte und legte eine schwere Hand auf Sir Arthurs Schulter. »Herbert, alter Junge, lass mich dir etwas über Frauen sagen. Sie sind alle gleich.« Der Blick, den er der Vicomtesse schenkte, war voller Spott. »Sie alle wollen etwas. Was wir herausfinden müssen, ist, was diese Miss MacDougal will, und dann kriegt sie es eben im Austausch für ihren Neffen. Es ist alles ganz einfach.«

Sir Arthur sah nicht überzeugt aus. »Das Problem, Mylord, ist – ich glaube, was Miss MacDougal will, ist …«

»Nun, Herbert?«

»Ihren Kopf, Lord Edward. Und zwar aufgespießt.«

2. Kapitel

Pegeen wiegte das neugeborene Baby in ihren Armen, schaukelte es leicht und versuchte, es zu beruhigen, während es weinte.

»Na, na«, sagte sie; ihr Atem bildete Wölkchen in der eisigen Luft. »Es ist alles in Ordnung. Ich weiß, es ist bei Weitem nicht so nett hier draußen, wie es dort drin war, aber du musst dich eben dran gewöhnen, weißt du.«

Vom Bett, das nicht viel mehr war als ein Stapel vergammelter Lumpen und Stroh, sah die Mutter des Neugeborenen mit einem schwachen Lächeln zu ihr hoch. »Er sieht gesund aus, nicht, Miss MacDougal? Alle Finger und Zehen dran?«

»Zehn und zehn«, sagte Pegeen viel fröhlicher, als ihr zumute war. »Wie wollen Sie ihn nennen, Mrs. MacFearley?«

»Ach Gott, ich hab keine Ahnung.«

»Keine Namen mehr auf Lager, was?« Mrs. Pierce, die Hebamme, drehte dem mickrigen Feuer, das sie und Pegeen seit einer Stunde mit wenig Erfolg in Gang zu bekommen versucht hatten, den Rücken. Ohne Kohle, nur mit ein paar feuchten Stückchen Torf unterlegt, erzeugte ein solches Feuer nicht viel Wärme, aber die MacFearleys waren immer noch besser dran als einige ihrer Nachbarn. Deren windige Hütten hatten nicht einmal einen Kamin. »Ich kann nicht behaupten, dass mich das überrascht. Das wievielte Kind ist er, Ihr sechzehntes?«

Mrs. MacFearley nickte stolz. »Der achte Sohn, wenn man die drei nicht mitzählt, die tot zur Welt kamen.« Während Gedanken an ihre Totgeborenen das erschöpfte Gesicht der Frau verdunkelten, murmelte sie: »Was meinen Sie, Miss MacDougal, wäre es falsch, ihn genauso zu nennen wie einen der Totgeborenen? Ich mag den Namen James sehr gern, aber der letzte, der gestorben ist, hieß James …«

Pegeen sah auf das heulende Bündel mit den roten Fäustchen in ihren Armen herab und konnte das alles nicht eine Minute länger ertragen. Es schien, als rückten die verrußten, schwärzlichen Wände der Hütte näher auf sie zu, und der Geruch — normalerweise eine unangenehme Mischung aus Kohl und menschlichen Exkrementen — war jetzt zehnmal schlimmer, besonders wegen des Gestanks der Nachgeburt.

Pegeen fühlte, wie ihr Frühstück, das aus Haferbrei bestanden hatte, ihr im Hals emporstieg; mit einem kleinen Stöhnen stieß sie das Baby in die hastig ausgestreckten Arme der Hebamme und stürzte hinaus auf den Hof.

Blindlings durch den Schnee stolpernd, schaffte sie es gerade bis zum Komposthaufen, bevor sie sich erbrach. Als sie fertig war, klammerte sie sich an den Wäscheständer, legte die Wange an das kalte, raue Holz und schloss die Augen, das Gesicht in die strahlende Wintersonne gereckt. Hier draußen vor der Hütte roch es auch nicht viel besser, aber immerhin war sie fort von diesem ermatteten Gesicht und dem klapperdürren Körper, der verbraucht war vom Kinderkriegen, eins nach dem anderen.

Die Tür der Hütte öffnete sich und Mrs. Pierce kam heraus. Sie trug einen Eimer, dessen Inhalt in der Kälte dampfte. Pegeen suchte hastig in ihrer Handtasche nach ihrem Taschentuch und wischte sich über den Mund, wobei sie auch etwas sauberen Schnee vom Boden aufhob und zur Hilfe nahm.

Mrs. Pierce näherte sich Pegeen und dem Komposthaufen, während sie vor sich hin murmelte. Als sie nahe genug war, um zu sehen, was die junge Frau im Schnee gemacht hatte, schnalzte sie missbilligend mit der Zunge.

»Ich weiß nicht, warum Sie jedes Mal darauf bestehen, mit mir zu kommen«, erklärte die Hebamme, »wenn es Ihnen davon doch nur elend wird.«

Unvermittelt drehte Mrs. Pierce den Eimer um und leerte seinen Inhalt über das Erbrochene. Pegeen, die den vertrauten Geruch der Nachgeburt erkannte, merkte, wie sich ihr Magen wieder umdrehte, und griff schnell nach dem Wäscheständer, als ob das Festklammern daran ihre Übelkeit vertreiben könnte. Sie presste sich das Taschentuch auf die Lippen.

»Oh, Mrs. Pierce«, seufzte Pegeen jämmerlich. »Es ist so schrecklich. Wie halten Sie das nur aus? Diese Frau bringt sich damit um, jedes Jahr ein Kind zu bekommen. Irgendjemand muss mit den Männern in diesem Dorf reden. Können Sie das nicht machen?«

»Es steht mir nicht zu, so etwas zu tun, und das wissen Sie, Miss MacDougal«, erklärte Mrs. Pierce abweisend. »Das ist die Pflicht des Vikars. Und wenn Sie glauben, dass sich unser neuer Vikar im Umgang mit Leuten wie Myra MacFearley die Hände schmutzig macht, dann sind Sie genauso weltfremd, wie Ihr Vater es war.«

Anstatt an Mrs. Pierces Anspielung auf die exzentrischen Interessen ihres Vaters Anstoß zu nehmen, seufzte Pegeen bloß und stopfte ihr Taschentuch zurück in die Tasche. »Ich schätze, Sie haben recht. Es ist nur so ungerecht. Sechzehn Kinder in ebenso vielen Jahren, und ein Drittel davon tot. Und Mrs. MacFearley ist erst dreißig, Mrs. Pierce! Diese Frau da drin ist nur zehn Jahre älter als ich und sieht aus …«

»So alt wie ich?« Mrs. Pierce zwinkerte; ihr breites Gesicht strahlte. »Keinen Tag über fünfzig?«

»Sie wissen, was ich meine.« Pegeen sah düster auf ihre Stiefelspitzen hinab. Der Saum ihres braunen Wollkleids war feucht vom Schnee. »Vielleicht, wenn ich mit Mr. Richlands rede«, schlug sie vor, klang allerdings nicht sehr hoffnungsfroh.

»Sie?« Die Hebamme warf den Kopf zurück und lachte. Der satte Klang war merkwürdig gedämpft in dem verdreckten Hof. »Sie wollen mit dem Vikar über die Dorfhure sprechen? Oh, das ist groß, Miss MacDougal, also wirklich!«

Pegeen runzelte die Brauen. »Was ist daran so komisch? Schließlich sind wir beide erwachsen. Es ist die Pflicht von Mr. Richlands, mit seinesgleichen über solche Dinge zu sprechen. Gott weiß, dass mein Vater das versucht hat.«

»Mr. Richlands wird grün im Gesicht und verliert sein Frühstück, wenn Sie solche Themen zur Sprache bringen.« Mrs. Pierce schüttelte den Kopf. »Nein, meine Liebe. Es ist unpassend für eine junge unverheiratete Frau, mit einem Junggesellen – auch wenn er Vikar ist – über so etwas zu reden. Besonders für eine Frau wie Sie.«

»Was meinen Sie damit, eine Frau wie ich?«, forderte Pegeen beleidigt.

»Nun schauen Sie nicht so verletzt«, lachte Mrs. Pierce. »Ich meine, eine Frau, die aussieht wie Sie. Hören Sie, Sie sind hübscher als die Schauspielerinnen, die man in der Zeitung sieht. Also, eine schöne Frau wie Sie versucht, mit einem Mann wie dem Vikar über Dinge zu sprechen, die die meisten Ehefrauen nicht wagen würden, vor ihren Männern zu erwähnen … Nun, das kann einfach nicht angehen, Miss MacDougal, auch nicht für Sie. Ich weiß, dass Ihr Vater das nicht gut gefunden hätte, trotz der schlauen Bücher, die er Ihnen immer zu lesen gegeben hat …«

Pegeen fühlte sich nun etwas besser und ließ den Wäscheständer los. Sie schüttelte den Kopf. »Ich weiß nicht, wovon Sie reden, Mrs. Pierce. Ich gehe jetzt besser zurück. Jeremy kommt bald zum Essen nach Hause, und ich hab noch nichts auf der Feuerstelle. Bitte sagen Sie Mrs. MacFearley, dass ich heute Abend mit ein wenig Brot und Brühe für sie und die Kinder kommen werde.«

»Das mache ich, meine Liebe.« Mrs. Pierce zwinkerte erneut und klopfte Pegeen auf die Schulter. »Mache ich.«

Von dem Teil des Dorfes, in dem die ärmeren Familien lebten, bis zum Pfarrhaus war es kein langer Weg, wenn man die Abkürzung über den Friedhof nahm. Das tat Pegeen auch, die ohnehin nicht abergläubisch war. Sie schritt zügig aus, um sich von der eisigen Kälte abzulenken. In ihrer Eile, vor der Geburt im Haus der MacFearleys einzutreffen, hatte sie ihr Häubchen vergessen, und so blieben ihr jetzt nur die lose hängenden braunen Haare, um ihre Ohren zu schützen. Sie schob die Arme ineinander verschränkt unter ihren abgewetzten, pelzverbrämten Umhang und horchte auf das Geräusch, das ihre Füße beim Durchbrechen der Schneekruste machten. Nachlässig überflog sie die Grabsteinsprüche, die sie alle auswendig kannte; ein Nebeneffekt, wenn man sein ganzes Leben in einem Dorf verbracht hatte.

Hier ruht Enid, lautete einer, der Pegeen immer beunruhigt hatte. Meine Frau, meine Liebe, mein Leben. Wie würde es sein, fragte sich Pegeen oft, wenn jemand für einen so wichtig war? Sie konnte sich nicht vorstellen, dieses Gefühl für einen Mann zu empfinden. Natürlich liebte sie Jeremy, und sie war sich sicher, dass sie im Notfall ihr Leben für ihn geben würde. Aber für einen Mann so tief zu empfinden — jemand außerhalb der Familie —, dass sie ihn als ihr Leben bezeichnen würde? Wie beängstigend, jemanden so stark zu lieben! Sie hatte ziemlich Mitleid für Enids armen Ehemann, der durch den Verlust seiner Frau so seines Lebenssinns beraubt war. Wie viel vernünftiger wäre es für ihn gewesen, sie vielleicht ein bisschen weniger zu lieben.

»Miss MacDougal!«

Pegeen erstarrte mitten im Ausschreiten. O nein. Das konnte doch nicht wahr sein.

»Miss MacDougal!«

Das war es aber. Sie sah, wie er hinter einem großen Grabstein hervorkam und sich Schnee von den Knien strich. Was hatte er dort gemacht? Hatte er sie vorher am Pfarrhaus vorbeigehen sehen und nun ihre Rückkehr abgewartet? Seltsamer Mann. Sie überlegte, vorwärts zu eilen und so zu tun, als habe sie ihn nicht gesehen, aber er war schon bei ihr, und sie musste sich ein Lächeln abringen.

»Guten Morgen, Miss MacDougal!«

Mr. Richlands riss sich den hohen Hut vom Kopf und machte eine komisch übertriebene Verbeugung, obwohl sich Pegeen bei seinem Anblick ohnehin ein Lachen verkneifen musste. Er war schließlich der Nachfolger ihres Vaters und der geistige Vorsteher der Gemeinde. Es war nicht Mr. Richlands’ Fehler, dass er Pegeen mit seiner schlaksigen, unbeholfenen Figur und den plumpen Bewegungen zuweilen an eine Marionette erinnerte.

»Wie gut Sie aussehen an diesem kalten Wintermorgen«, zischte der Vikar; sein Atem kam stoßweise in weißen Wölkchen hervor.

Pegeen lächelte gezwungen. »Guten Morgen, Mr. Richlands. Ich wünschte, ich hätte Zeit zu einem Besuch, aber ich muss zurück ins Haus und Jeremys Essen vorbereiten.«

»Dann müssen Sie mir gestatten, Sie zu eskortieren«, erklärte der Vikar und hielt Pegeen den Arm zum Einhaken hin. »Der Weg ist rutschig, und ich würde es mir nicht verzeihen, wenn Sie fallen und sich vielleicht die Fessel stauchen.«

Pegeen war nicht gerade erfreut, den Vikar über ihre Fesseln sprechen zu hören. Er war ein großer, junger Mann — Pegeen ging ihm nur bis zur Schulter — und, obwohl tollpatschig, war er gut gebaut; er hatte blaue Augen und rostbraune Haare. Aber im Gegensatz zu jeder anderen unverheirateten Frau im Dorf fand Pegeen ihn nicht attraktiv und konnte nicht verstehen, warum alle so einen Wirbel um ihn machten.

Da sie einsah, dass sie kaum seinen Arm ablehnen konnte, ohne dass es ruppig wirken würde, ließ Pegeen ihre behandschuhten Finger in des Vikars Ellbogenbeuge gleiten und erlaubte ihm, sie über den Friedhof zu geleiten. Während sie gingen, erzählte ihr Mr. Richlands ausführlich von den Veränderungen, die er in ihrem Geburtshaus vorgenommen hatte, dem Haus, in dem sie aufgewachsen war. Nach ihres Vaters Tod war das Haus dem neuen Vikar übergeben worden. Obwohl sie mit ihrer eigenen kleinen Behausung am entfernten Ende des Kirchengrundstücks durchaus zufrieden war, konnte sie doch einen gewissen Besitzerinstinkt gegenüber dem Pfarrhaus nicht unterdrücken, und es ärgerte sie, zu hören, dass Mr. Richlands die Wände im Wohnzimmer tapeziert hatte. Dummer Kerl. Wusste er nicht, dass der Kamin rußte und die Tapete übers Jahr wieder verfärbt wäre?

Mr. Richlands dämliches Geschwätz dauerte fast bis zur Friedhofsmauer. Pegeen, die seit einigen Metern mit sich gekämpft hatte, platzte plötzlich heraus, »Mr. Richlands, ich war gerade bei den MacFearleys unten im Dorf und habe der Geburt von Myra MacFearleys sechzehntem Kind beigewohnt …«

Bevor sie weiterreden konnte, merkte sie, wie Mr. Richlands sich versteifte und verblüfft von ihr zurücktrat. »Was?«, rief er und sah nicht sehr erfreut aus. »Machen Sie Witze, Miss MacDougal? Obwohl ich sagen muss, wenn das ein Witz ist, zeugt er von Geschmacklosigkeit.«

Pegeen starrte zornig zu ihm empor. »Nein, es ist kein Witz, Mr. Richlands. Ich habe mit Mrs. Pierce, der Hebamme, darüber gesprochen, und wir finden, es ist Ihre Pflicht als Vikar, mit den Männern von Applesby zu sprechen. Sie sollen für mindestens ein Jahr nicht mehr zu Mrs. MacFearley gehen. Anderenfalls kommt sie so nie wieder zu Kräften. Und wir müssen natürlich ihren Einkommensverlust so gut wie möglich aus dem Klingelbeutel ersetzen.«

»Miss MacDougal!« Mr. Richlands’ blasses Gesicht war um eine Nuance bleicher geworden und glich schon fast dem sie umgebenden Schnee. Pegeen erkannte mit sinkendem Mut, dass Mrs. Pierce recht gehabt hatte. Sie hatte den Vikar vollkommen schockiert und jetzt musste sie die Konsequenzen tragen.

»Ich bin völlig perplex, ja befremdet zu hören, dass Sie, eine junge, unverheiratete Frau, einer Entbindung beiwohnen! So etwas habe ich noch nie gehört! Und dann noch die Geburt eines unehelichen Kindes der Dorfhure! Was mag sich die Hebamme dabei gedacht haben, Ihnen das zu erlauben? Ich werde mit der Frau reden müssen. So etwas ist derart würdelos, dass ich – nun, ich weiß gar nicht, was ich denken soll!«

Der Anblick von Myra MacFearleys mattem Gesicht war Pegeen noch immer deutlich vor Augen, genau wie die Erinnerung an den unerträglichen Geruch der Nachgeburt. Sie stampfte ungeduldig mit dem Fuß auf, wütend, dass sich der Vikar über die Tatsache, dass sie bei einer Geburt dabei war, so aufregen konnte, wenn es so viel wichtigere Dinge gab, um die er sich kümmern sollte.

»Oh, kommen Sie, Mr. Richlands. Jung und unverheiratet bin ich vielleicht, aber ich bin kein Kind und auch nicht unaufgeklärt. Ich weiß, wie Babys entstehen und wie sie geboren werden, und ich bitte Sie, als Vikar der Gemeinde, Mrs. MacFearley zu helfen …«

»Ich werde nichts dergleichen tun«, rief Mr. Richlands aus. »Ich würde mich niemals dazu herablassen, einer Frau zu helfen, die so unzüchtig ist und ihre Beine nicht lange genug zusammenhalten kann, um sich von einer Entbindung zu erholen.«

»Aber es ist Ihre Pflicht, das zu tun! Mein Vater …«

»Ihr Vater! Ihr Vater! Haben Sie eine Vorstellung davon, wie sehr ich es leid bin, von Ihrem Vater zu hören, Miss MacDougal? Ihr Vater war wohl kaum der aufgeklärte Denker, für den Sie ihn anscheinend halten. Wenn er so vorausdenkend war, warum hat er Sie und Ihren Neffen dann am Ende mit nichts als den Almosen der Kirche — meinen Almosen —, um Sie vor dem Arbeitshaus zu bewahren, allein gelassen?«

Pegeen blinzelte zu ihm empor; ihre Augen waren plötzlich mit Tränen gefüllt, die sie ärgerlich wegwischte. »Wenn Sie so denken, Mr. Richlands«, sagte sie in einer leisen, knappen Stimme, die sie kaum als ihre eigene wiedererkannte, »dann wünsche ich Ihnen einen guten Tag.«

Sie drehte sich auf dem Absatz um und ging steif davon. Was fiel dem ein? Vor dem Arbeitshaus bewahrt durch seine Güte! Hatte keine Lust mehr, von ihrem Vater zu hören, was? Nun, er sollte kein Wort mehr hören, nicht ein Wort. Pegeen würde nie mehr mit diesem aufdringlichen Kerl reden. Jede Wette.

Der Vikar rief ihren Namen; die Aufgeregtheit in seiner Stimme war immens. Er stolperte hinter Pegeen her, und als sie nicht anhielt, legte er plötzlich seine beiden behandschuhten Hände auf ihre Schultern und drehte sie herum, sodass sie ihn ansehen musste. Von dieser Geste war Pegeen überrascht. Der Vikar hatte immer gewissenhaft vermieden, sie zu berühren, auch bei den Abendgesellschaften, die sie ab und an besucht hatten. Die fanden meist in den Heimstätten wohlmeinender Nachbarn statt, die sich wünschten, dass die attraktive Tochter des verstorbenen Vikars und der gut aussehende neue Vikar sich zusammentäten.

»Miss MacDougal«, keuchte der Vikar, während seine Finger durch den Stoff ihres Umhangs drückten. »Ich bitte um Verzeihung, Sie beleidigt zu haben, aber bitte hören Sie mir zu. Schon lange denke ich, dass Ihr Vater, obwohl sicherlich ein guter Mann, viel zu liberal mit den Angelegenheiten der Gemeinde umgegangen ist, und besonders mit Ihrer Erziehung …«

Als Pegeen Luft holte, um dies empört abzustreiten, fuhr der Vikar hastig fort: »Was jedoch für ein junges Mädchen unziemlich zu wissen ist, sind aber unerlässliche Kenntnisse für die Frau eines Vikars, also bin ich gewillt, diesen geschmacklichen Ausrutscher zu übersehen, den Sie sich geleistet haben …«

Pegeen starrte zu ihm hoch. Ihre Kinnlade fiel herab. »Mr. Richlands«, konnte sie gerade noch japsen. »Wollen Sie etwa …«

»Ja, das habe ich vor. Ich glaube nicht, dass es Sie besonders überraschen kann, Miss MacDougal. Denn seit einiger Zeit bewundere ich Sie, und das mehr als nur als Freundin. Ich hoffe, Sie tun mir den Gefallen, meine Frau zu werden.«

Pegeen war dermaßen überrascht, dass das Lachen beinahe aus ihr herausgeplatzt wäre, aber sie konnte sich im letzten Moment zusammenreißen. Gütiger Himmel, hier wurde ihr der erste Heiratsantrag ihres Lebens gemacht, und ihre erste Reaktion war, lachen zu wollen! Wie ungehörig.

Mr. Richlands’ Gesicht jedoch war todernst. Sie überlegte, dass die Ursache dafür eher in dem Thema lag, welches sie zuvor zur Sprache gebracht hatte, als in der Frage, ob sie seinen Antrag annehmen würde oder nicht. Was natürlich keinesfalls ihre Absicht war.

Sie reichte hinauf, um seine Finger von ihren Schultern zu lösen, und sagte: »Mr. Richlands, Sie liegen vollkommen falsch, wenn Sie glauben, ich hätte jemals die wahre Natur Ihrer Gefühle für mich erahnt. Es tut mir leid, falls ich den Eindruck vermittelt haben sollte, meine eigenen Gefühle Ihnen gegenüber wären mehr als nur freundschaftlich. Und weil sie eben nur das sind, fürchte ich, kann ich Ihren großzügigen Antrag nicht annehmen. Jetzt lassen Sie mich bitte los.«

Weil er sich immer noch resolut weigerte, sie frei zu lassen, begann sie sich in seinem Griff zu winden. »Haben Sie mich gehört, Mr. Richlands?«

»Nenn mich Jonathan«, sagte der Vikar und beugte sich herab, um sie zu küssen. »Pegeen.«

Pegeen war so überrumpelt, als sich sein Mund über dem ihren schloss, dass sie für den Moment erstarrte und sich sowohl der heißen Trockenheit ihrer Lippen als auch des überraschenden Auftauchens seiner Zunge bewusst war, die versuchte, sich zwischen ihre fest zusammengepressten Lippen zu zwängen.

Ihre nächste Reaktion war allerdings nicht so unbeholfen. Sie nahm einen ihrer Füße zurück und trat mit der scharfen Spitze ihres Stiefels gegen das Schienbein des Vikars.

Mit einem Aufschrei ließ er sie los; Pegeen hob ihre Röcke und rannte los. Sie lief den Friedhofspfad hinab, so schnell ihre schlanken Beine sie trugen. Sie hörte ihn nach ihr rufen und rannte trotz der vereisten Oberfläche des Schnees weiter. Aus Angst, er könne sie einholen und versuchen, sich zu entschuldigen, wagte sie nicht, langsamer zu werden. Obwohl sie an diesem Morgen bereits ihr Frühstück verloren hatte, war sie nicht sicher, ob ihr Magen dies ertragen könne.

Sie rannte weiter, und der kalte Wind pfiff ihr durch den offenen Mantelkragen; ihre Augen begannen zu tränen. Auf der Dorfstraße stieß sie fast mit Mrs. MacTurley, der Frau des Bäckers, zusammen, rief aber nur ein kurzes »Entschuldigung!« über die Schulter. Es war ihr egal, ob das ganze Dorf ihre Waden zu sehen bekam. Sie war auf der Flucht. Sie rannte am Pfarrhaus vorbei, durch ihr Gartentor hindurch und hätte es bis zu ihrer Haustüre geschafft, wäre sie nicht kurz davor auf ein großes, dunkles Hindernis gestoßen. Sie schleuderte mit vollem Schwung hinein, und es gab ein verwundertes Japsen von sich.

Völlig perplex wäre Pegeen von dem Aufprall zu Boden gegangen, aber starke Hände fingen sie auf, und eine dunkle Stimme sprach amüsiert: »Hoppla, Schätzchen. Wohin denn so schnell mit so einem Affenzahn?«

Keuchend und nach Atem ringend, schob Pegeen ihre dunklen, zerzausten Haare aus den Augen und sah auf in das erstaunlichste Gesicht, das sie je erblickt hatte.

Klare graue Augen sahen lachend auf sie herab; sie waren umgeben von kleinen Fältchen in leicht gebräunter Haut, die Pegeen sofort an Sommertage denken ließ, an die violette Heide, die sich sanft im Abendwind wiegte. In starkem Kontrast zu den hellen Augen stand jedoch pechschwarzes Haar, welches ein kantiges, mit seinen schweren, dunklen Brauen und sinnlichen Lippen irgendwie finsteres Gesicht umrahmte.

Atemlos zu dieser Erscheinung emporsehend, dachte Pegeen, dass dieser Mann wie einer der Piraten aus den Büchern aussah, die Jeremy immer von ihr vorgelesen bekommen wollte. Sie war sich der starken Arme, die sie festhielten, übermäßig bewusst; ebenso bemerkte sie die breiten, von einem dunklen Mantel umhüllten Schultern, die in ihrem Ausmaß den Blick auf alles andere verstellten. Sie nahm den männlichen Geruch wahr, der von seiner Weste herzukommen schien. Er enthielt Leder, Tabak und ein wenig Pferd.

Plötzlich wurde ihr klar, dass der grauäugige Blick dreist an ihr bis zu der Stelle hinabglitt, wo das pelzbesetzte Revers ihres Umhangs offen stand und so den Blick auf ihre schlanke Taille und die festen Brüste freigab, welche sich heftig hoben und senkten, denn sie rang noch immer nach Atem.

Mit einem leichten Kopfschütteln kam sie wieder zu Sinnen. Was tat sie hier bloß? Sie ließ sich von einem vollkommen Fremden auf eine Art und Weise festhalten, für die sie den Vikar gerade erst getreten hatte. Mit einem Keuchen machte Pegeen eine schnelle Bewegung frei zu kommen, und der leise lachende Fremde ließ sie sofort los.

»Brennt’s irgendwo, Schätzchen?«, fragte der Mann mit einem kurzen Emporzucken dieser dunklen Brauen. »Oder werden Sie von irgendeinem liebeskranken Gemischtwarenhändler verfolgt?«

Pegeen starrte zu ihm hoch, noch immer zu atemlos, um zu sprechen. Sie wusste, dass sich die Farbe ihrer Wangen in ein tiefes Rot verwandelt hatte und war dankbar, dass er wegen der Kälte kaum schließen konnte, sie sei vor Scham errötet. Denn das war sie natürlich.

Er war der attraktivste Mann, der ihr je begegnet war. Wie sollte sie da nicht erröten?

»Was ist denn los, Kind? Hat es dir die Sprache verschlagen?«

Er grinste auf sie herab, und der Anblick seiner spöttisch gekräuselten Lippen ließ ihr Herz in der Brust springen.

»Ich stehe hier schon eine Zeit lang und habe versucht, Ihre Herrin zu erreichen«, fuhr er fort. »Wenn sie nicht zu Hause ist, könnten Sie mich dann nicht wenigstens hineinlassen, um mich während des Wartens aufzuwärmen? Ich glaube, ich habe mich erkältet, weil ich schon so lange hier draußen stehe und an diese Tür klopfe …«

Pegeen hörte jemanden von der Straße her rufen. Sie stellte sich auf die Zehenspitzen, um über den ausgestreckten Arm des dunklen Gentlemans sehen zu können. Mr. Richlands kam, mit dem Hut winkend, auf sie zu gehumpelt.

»O nein«, ächzte sie.

Ihr Besucher warf einen lässigen Blick über die Schulter und sprach in seiner tiefen Stimme: »Dieser Mann scheint etwas von Ihnen zu wollen.«

»Ich weiß«, stöhnte sie. »Das ist das Problem.«

Sie warf sich gegen die Tür, die sie nie abschloss, und stolperte über die Schwelle hinein. Während sie durch den Flur eilte, machte sie sich mit einer Hand an den Verschlüssen des Umhangs zu schaffen und warf mit der anderen ihre Handtasche zur Seite.

»So ein Mist«, murmelte Pegeen und nahm kaum wahr, dass ihr der breitschultrige Fremde ins Haus gefolgt war und jetzt am Fenster stand. Er beobachtete Mr. Richlands, der am Gartentor stehen geblieben war und plötzlich erkannt zu haben schien, dass seine Anwesenheit unerwünscht war. »Jeremy wird jeden Moment nach Hause kommen!«

»Belästigt Sie dieser Mann, meine Liebe?«, fragte der dunkelhaarige Gentleman. »Denn wenn das der Fall ist, werde ich ihn gerne für Sie los.«

»Oh«, stöhnte Pegeen, legte ihren Umhang auf die Lehne einer Bank und eine Hand an ihre Stirn, als müsse sie einen plötzlichen Kopfschmerz verscheuchen. »Sie können ihn nicht loswerden. Glauben Sie mir, ich hab’s versucht.«

Der große Mann sah noch einmal aus dem Fenster. »Seit dem College habe ich mit niemandem mehr gekämpft — jedenfalls nicht mit Fäusten —, aber der Kerl macht als Gegner nicht viel her. Er könnte ein wenig jünger sein als ich, aber das ist auch alles. Wie gut, glauben Sie, kommt er bei Morgengrauen mit der Pistole zurecht?«

Pegeen blickte ihn an und lachte; es war ein helles, gluckerndes Geräusch, das aus ihr hervorzuquellen schien. Sie hatte keine Ahnung, wo dieses Lachen auf einmal herkam. »Das können Sie nicht ernst meinen! Er ist Mr. Richlands, der Vikar.«

»Ich meine es todernst. Es wäre mir egal, wenn es der Erzbischof von Canterbury wäre. Mit Freuden würde ich ihn für Sie töten. Sagen Sie nur ein Wort.«

Sie beobachtete, wie seine grauen Augen über die freundliche, doch kärgliche Einrichtung des Raums glitten, bis sein Blick sich dann auf sie richtete. Pegeen dachte plötzlich an das feuchte, braune Wollkleid mit schneebedecktem Kragen und einer eng geschnittenen Taille, das sie trug.

»Bei näherer Überlegung«, sprach der Fremde nachdenklich, »anstatt ihn umzubringen, wäre es wohl besser, wenn ich ihn verjagen würde. Dann können wir beide ein Feuer anmachen, uns hinsetzen und ein wenig kennenlernen. Jedenfalls, bis Ihre Herrin zurückkehrt.«

»Meine Herrin?«, echote Pegeen. »Wovon reden Sie bloß?«

In diesem Moment flog die Tür auf, und der Vikar humpelte ins Zimmer. Er warf die Schultern zurück und sagte mit verletzter Würde: »Entschuldigen Sie mein Eindringen, aber ich glaube, ich muss Sie um Verzeihung bitten, Miss MacDougal.«

»Miss MacDougal?«, wiederholte der Fremde, der Pegeen einen scharfen Blick zuwarf.

Bevor sie antworten konnte, fuhr Mr. Richlands fort. »Es ist, wie mir bekannt ist, nicht ungewöhnlich, dass junge Damen den ersten Antrag eines Gentleman ablehnen, und so werde ich mir Ihre Zurückweisung nicht so sehr zu Herzen nehmen. Ich werde meinen Antrag jedoch wiederholen, keine Angst, wieder und wieder, bis Sie mir die Ehre erweisen, meine Frau zu werden.«

Jetzt wurde Pegeen wirklich rot. Nie in ihrem Leben hatte sie sich so gedemütigt gefühlt. Wie konnte der Vikar in Anwesenheit eines Fremden so reden?

»Ich versichere Ihnen, Mr. Richlands«, begann sie erhitzt, »es wird völlig unerheblich sein, wie oft Sie fragen. Meine Antwort wird immer die gleiche sein. Halten Sie mich für ein dummes junges Ding, für das die Zuneigungen der Männer ein Spiel ist, wie Trophäen? Wenn das so ist, liegen Sie falsch.« Gebieterisch wies sie mit einem Finger Richtung Tür. »Jetzt wäre ich Ihnen dankbar, wenn Sie das Haus verlassen.«

Mr. Richlands tat zunächst, wie ihm geheißen, hielt aber plötzlich inne und starrte den großen Fremden an.

»Dürfte ich wohl erfahren, was diesen Gentleman in Ihre Kate führt?« Die Stimme des Vikars klang vor lauter unterdrücktem Gefühl nörglerisch. »Es ist unpassend von Ihnen, Sir, eine junge, unbeaufsichtigte Frau wie Miss MacDougal alleine aufzusuchen.«

Der grauäugige Mann sah überrumpelt aus, und erst jetzt begann sich Pegeen zu wundern, was er eigentlich wollte. Niemand kam sie oder Jeremy je besuchen, außer einigen der Gemeindefrauen, die Pegeen bei ihrer Wohltätigkeitsarbeit unterstützten. Wer konnte dieser gut aussehende Fremde sein? Wegen ihrer Empörung über Mr. Richlands Antrag war es ihr noch nicht in den Sinn gekommen, darüber nachzudenken.

Dem Gentleman hatte es eindeutig die Sprache verschlagen. »Da scheint irgendein Irrtum vorzuliegen«, sagte er gedehnt.

»Irrtum?« Pegeen starrte ihn an. Er war gut gepflegt, in den feinsten Mantel gekleidet, den sie je gesehen hatte, und seine hohen Stiefel waren so schön poliert, dass sie eindrucksvoll glänzten. Seine Krawatte war schneeweiß und elegant gebunden. Alles in allem war er ein außergewöhnlich attraktiver Mann, aber plötzlich merkte Pegeen, dass ihr etwas an ihm irgendwie bekannt vorkam. Irgendwas an diesen grauen Augen …

»Ich suche nach einer Miss MacDougal«, sagte er unsicher. »Aber die Miss MacDougal, die ich suche, ist die Tante eines gewissen Jeremy Rawlings …«

Pegeen spürte einen plötzlichen Druck in der Mitte ihres Brustkorbs. »Ja, das bin ich«, seufzte sie und ließ müde die Schultern hängen. »Was hat Jeremy denn jetzt angestellt? Was immer es ist, ich schwöre, wir machen es wieder gut. Ist jemand verletzt worden, Sir? Ich kann Ihnen nicht sagen, wie leid es mir tut …«

»O nein, Sie missverstehen mich.« Der Fremde sah ihr geradewegs in die Augen, und sein Unbehagen war offensichtlich. »Ich glaube, Madam, ich bin Ihr Schwager. Edward Rawlings.«

3. Kapitel

Einen Moment lang glaubte Edward, das Mädchen würde ohnmächtig.

Die leuchtende Farbe schwand aus ihren Wangen, sodass sie bleich wie eine Marmorstatue wurde. Sie schien ein wenig zu schwanken. Während er rasch an ihre Seite sprang, um sie in seinen offenen Armen aufzufangen, falls sie fiele, verfluchte sich Edward. Er wünschte, er hätte Herbert umgebracht, als er zuletzt Gelegenheit dazu hatte. Wie unglaublich idiotisch von Herbert, ihn im Glauben zu lassen, die Tante des Jungen sei eine vertrocknete alte Jungfer, wo sie doch in Wirklichkeit das feinste Weibsstück war, das er … na ja, in sehr langer Zeit zu Gesicht bekommen hatte.

Und er hatte gedacht, sie sei bloß ein hübsches Hausmädchen, als sie atemlos angerannt kam und mit ihm zusammenstieß! Mit ihrer festen kleinen Figur und dem elfenbeinfarbenen Teint war sie wesentlich hübscher als die Hausmädchen in den Stadtvillen seiner Londoner Freunde. Hübscher, aber nicht älter. In dem Moment, als sie zu sprechen begann, hätte er merken sollen, dass sie kein gewöhnliches Hausmädchen war. Sie hatte nicht den üblichen schottischen Akzent dieser Region. Ihr Englisch zeugte von Schulbildung. Zur Hölle mit diesem Herbert! Und als sie erst diese windzerzauste dunkle Mähne beiseitegeschoben hatte, sodass er ihre smaragdgrünen Augen sehen konnte, hatte er seinem Glücksstern gedankt, dass sie bloß eine Dienerin war. Ansonsten wäre er in höchster Gefahr.

Aber sie war keine Dienerin. Sie war seine Schwägerin. Und diese Erkenntnis ließ sie offensichtlich ohnmächtig werden.

Jedoch nicht ganz. Anstatt auf den Boden zu sinken oder in Edwards erwartungsvolle Arme, ließ sich das Mädchen auf die Bank fallen und vergrub stöhnend das Gesicht in ihren Händen.

»O nein!«, rief Pegeen in dieser kehligen Stimme, die Edward so charmant fand — bis er erfahren hatte, wer sie war. »Jemand muss mich aufwecken. Dieser Tag verwandelt sich in einen Albtraum.«

Edward versuchte zu verbergen, wie sehr es ihn beleidigte, als Albtraum bezeichnet zu werden, und überlegte gleichzeitig, warum ihm das etwas ausmachte. Er sah auf sie hinab.

»Entschuldigung, Madam, aber … soll ich nach Ihrer Magd rufen?«

»Magd!«, rief der Vikar verächtlich aus. »Sie hat keine Magd. Nur eine Putzfrau, die einmal die Woche vorbeikommt, um bei der schweren Arbeit zu helfen. Und das auch nur, weil ich dafür aus meiner eigenen Tasche bezahle!«

Edward blickte auf das gesenkte Haupt hinab und versuchte, einen Blick auf das Gesicht zu erhaschen, das hinter ihrem rotbraunen Haar wie hinter einem Vorhang versteckt war. »Keine Magd? Sie meinen, Sie und der Junge wohnen hier — ganz alleine?«

»Sehr allein«, erwiderte Richlands genussvoll wie eine geborene Klatschtante. »Es gibt noch nicht einmal eine Frau, die nachts bei ihnen ist. Aber sie wollte ja nicht, obwohl ich ihr die Dienste meiner lieben verwitweten Tante, Mrs. Peabody, angeboten habe. Miss MacDougal sagte, es gäbe keinen Platz, und außerdem wolle sie sich nicht herumkommandieren lassen. Aber schließlich war Miss MacDougal schon immer sehr unkonventionell, Sir, auf sehr unangemessene Weise. Es ist eine Schande, das habe ich von Anfang an gesagt. Eine junge unverheiratete Frau, die alleine wohnt. Nun, es ist nicht auszudenken, auf welche Ideen die Männer im Dorf da kommen könnten …«

»Nein«, sagte Edward und warf der rothaarigen jungen Frau einen unheilvollen Blick zu. »Nicht auszudenken, nicht wahr? Sie könnten sich ihr sogar geradezu aufdrängen und verlangen, dass sie Sie heiratet, weil Sie ihre Putzfrau bezahlen, die einmal die Woche vorbeikommt.« Befriedigt sah er, wie der junge Angeber zornig errötete. Edward wandte seine Aufmerksamkeit wieder Pegeen zu und fragte sanft: »Kann ich Ihnen irgendetwas bringen, Miss MacDougal? Etwas Riechsalz vielleicht?«

»Riechsalz?« Pegeen hob den Kopf, wobei eine kastanienfarbene Locke über ein Auge fiel. Sie starrte ihn ungläubig an. »Riechsalz? Sie machen wohl Witze. Ein Schuss Whiskey wäre wohl eher angebracht, meinen Sie nicht?«

Von ihrer Kühnheit überrascht, hob Edward eine Braue. »Whiskey?« Aber als er sah, dass sie keinen Scherz gemacht hatte, fragte er amüsiert: »Wo bewahren Sie ihn auf?«

»Miss MacDougal«, rief Richlands in derselben ängstlichen Stimmlage, bei der sich Edward schon vorher die Haare zu Berge gestellt hatten. »Ich bitte Sie, überlegen Sie sich das genau. Schnaps ist niemals eine Lösung …«

»Ach, lasst mich bloß in Ruhe, alle beide.«

Sie stand auf und stolzierte aus dem Zimmer. Ihre Stiefelabsätze klackerten laut auf den Holzdielen.

Edward stand da, starrte den Vikar an und fühlte sich mordlustig. Es war offensichtlich, dass es kaum einen ungünstigeren Zeitpunkt für seinen Besuch hätte geben können. Wäre er vielleicht an einem anderen Morgen aufgetaucht, an dem ihr keine unerwünschten Verehrer ihre Liebe erklärt hätten, hätte das Mädchen ihn sicher besser aufgenommen. Bevor sie erfahren hatte, wer er war, war ihr Umgang unbeschwerter gewesen — freundlich, könnte man fast sagen. Er bildete sich sogar ein, eine gewisse Bewunderung in ihrem Blick gesehen zu haben — und warum auch nicht? Er war sicherlich ein Vorzeigeexemplar von einem Mann. Jedenfalls besser als dieser selbstgefällige Vikar.

Und Edward würde das Haus auf gar keinen Fall verlassen, bevor dieser Kerl weg war, aber dieser närrische Dummkopf sah keineswegs nach Aufbruch aus.

Richlands starrte Edward herausfordernd an. »Ich habe keine Ahnung, was Sie hierhergeführt hat. Sie sollten jedenfalls genau wissen, dass ich vorhabe, Miss MacDougal zu heiraten, und falls Sie irgendwelche — wie soll ich sagen — weniger ehrwürdige Absichten in Bezug auf sie haben, schlage ich vor, dass Sie sich verziehen.«

»Ich habe Ihnen längst gesagt, wer ich bin, Sie aufgeblasener Wicht«, knurrte Edward drohend und hatte das Vergnügen, den kleineren Mann blass werden zu sehen. »Ich bin ihr Schwager und meine einzige Absicht ist es, meinen Neffen hier rauszuholen und ihn zum siebzehnten Herzog von Rawlings zu machen.«

Der Vikar räusperte sich. »Wenn das Ihre Absicht ist, Sir, dann werden Sie enttäuscht werden. Miss MacDougal würde niemandem erlauben, ihr Master Jeremy wegzunehmen. Sie liebt ihn wie einen eigenen Sohn. Ich wäre natürlich bereit, ihn wie einen Sohn aufzuziehen, wenn sie sich einverstanden erklärt, dass er in ein Internat geschickt wird.«

»Wie ehrenvoll von Ihnen«, höhnte Edward, »ihre Wünsche vor die eigenen zu stellen. Was stellen Sie für sie dar?«

Der Jüngling — so sah ihn Edward jedenfalls, obwohl der Mann fast so alt war wie er selber – sah verblüfft aus. »Was ich für Miss MacDougal darstelle? Was können Sie nur damit meinen?«

»Sie sagen, Sie bezahlen ihre Putzfrau.« Edward hatte einen ausgesprochen schlechten Geschmack im Mund. »Ist sie Ihre Geliebte?«

»Sir!« Richlands wurde rot wie ein Granatapfel. »Wie können Sie es wagen? Mein Antrag um Miss MacDougals Hand ist absolut ehrenvoll. Wenn nicht die Großzügigkeit der Kirche wäre – meiner Kirche –, dann würde Miss MacDougal mit diesem verdammten Jungen im Arbeitshaus sitzen, anstatt diesen relativen Luxus hier zu genießen …«

Edward sah sich im Zimmer um. Es war zwar alles recht gefällig arrangiert, aber ziemlich schlicht und machte insgesamt den Eindruck elegant überspielter Armut.

»Das nennen Sie Luxus?«, schmunzelte er. »Nun, ich bin schon in besser beheizten Grabkammern gewesen. Geben Sie ihr nicht genug Kohle, um diesen verdammten Schuppen zu heizen?«

»Sir!« Dieser Vikar mit den dünnen Lippen schien kurz vor einem Schlaganfall zu stehen. »Schließlich kann ich Sie, der Sie behaupten, ihr Schwager zu sein, fragen, warum Sie es nicht für angemessen befunden haben, ihr auch nur einen Penny zur Unterstützung für Ihren Neffen zu schicken! Hätte ich auch nur eine Ahnung gehabt, dass sie so reiche Verwandtschaft hat, hätte ich Miss MacDougal längst dazu angehalten, Ihnen von ihrer ärmlichen Situation zu berichten!«

Edward hatte den Tonfall und die Anspielungen des Vikars satt, ebenso wie die Tatsache, dass er ihm offensichtlich für die Unterstützung seines Neffen während dieser ganzen Jahre, dankbar zu sein hatte. Er griff in seine Weste und holte die Brieftasche heraus. »Wie viel?«, verlangte er knapp.

»Wie bitte, Sir?«

»Wie viel hat die Kirche insgesamt für Miss MacDougal und ihren Neffen ausgegeben, seit ihr Vater gestorben ist?«

Der Vikar sah aus, wie vor den Kopf geschlagen. »Das kann ich nicht errechnen. Für christliche Nächstenliebe, Sir, können Sie keinen Preis benennen.«

»Sagen Sie mir, wie viel, verdammt noch mal, oder ich drehe Ihnen den frommen Hals um.«

Der Jüngling stampfte wütend mit dem Fuß auf. »Siebzehn Pfund und acht Pence, Sir.«

Edward zählte das Geld und trat vor. Den Vikar mit einer Hand am Kragen greifend, ließ er die Münzen in dessen Tasche fallen.

»Nun«, knurrte Edward und dachte bei sich, dass er diese Szene fast zu sehr genoss. »Wenn Sie nicht bei zehn aus diesem Haus sind, schleife ich Sie nach draußen und verpasse Ihnen eine Abreibung, dass Sie froh um Ihr wehleidiges kleines Leben sein können. Habe ich mich verständlich gemacht?«

Richlands schnappte nach Luft. »Haben Sie überhaupt eine Ahnung, Sir, mit wem Sie reden? Ich bin Ehrwürden Jonathan Richlands, Vikar des Dorfes Applesby, und ich fühle mich zutiefst beleidigt von Ihren …«

»Eins«, knurrte Edward.

»… widerwärtigen Drohungen …«

»Zwei.«

Richlands sah nunmehr etwas besorgt drein. »Ich wäre keinesfalls ein Gentleman, wenn ich Miss MacDougal mit einem Mann wie Ihnen allein im Hause lassen würde.«

»Drei. Sie sind sowieso kein Gentleman, Richlands. Wenn Sie das wären, würden Sie nicht versuchen, ein unschuldiges Mädchen zu erpressen.«

»Erpressen? Was wollen Sie damit sagen, Sir?«

»Sie sagen ihr, sie schuldet Ihnen Geld für christliche Wohltätigkeit, und dann machen Sie ihr einen Antrag. Ich nenne das Erpressung.« Er hob eine fragende Augenbraue. »Und was meinen Sie mit ›ein Mann wie ich‹?«

»Nun, Sie sind offenbar ein Mitglied der Aristokratie. Ich habe davon gehört, was Männer wie Sie mit hübschen, hilflosen Mädchen wie Pegeen machen. Sie glauben anscheinend, nur weil Sie einen Titel und ein bisschen Land besitzen, können Sie sich an jeder Frau, die Ihnen über den Weg läuft, vergehen. Nun, Pegeen kriegen Sie nicht. Ich … ich werde für sie kämpfen, das werde ich! Ich habe im Seminar etwas Boxen gelernt. Ich war sogar ziemlich gut darin.«

»Vier.« Edward musste dem Mann für den Versuch etwas Anerkennung zollen. »Sie sind also auch ein Liberaler, was?«

»Absolut. Ich werde immer für das Wohl des einfachen Mannes einstehen und kämpfen. Besonders gegen solche Lustmolche wie Sie.«

»Zehn«, sagte Edward, weil ihm danach war, diesen ignoranten Kerl zu verprügeln. Unglücklicherweise stand Richlands’ Mut in keinem Verhältnis zu seinen Überzeugungen, denn er wurde blass wie ein Laken und rannte schreiend aus der Tür.

Edward folgte ihm bis zum Gartentor, aber es war offensichtlich, dass der junge Mr. Richlands keine Absicht hatte, sich einholen zu lassen. Ungeschickt auf dem spiegelglatten Weg hin und her rutschend, wirkte er wie ein Haken schlagender Hase auf dem Weg in seine Höhle.

Ratlos mit den Schultern zuckend ging Edward zurück zum Haus. Als er auf der Suche nach seiner höchst zurückhaltenden Gastgeberin die Möbel des Wohnzimmers inspizierte, bestätigte sich seine Vermutung, dass Miss MacDougal, stolz wie sie war, doch kaum über der Armutsgrenze lebte.

Wie viel ihre Eltern ihr auch hinterlassen haben mochten – und Edward konnte sich nicht vorstellen, dass es mehr als vierzig Pfund im Jahr waren —, so war sie doch eindeutig nicht unabhängig. Das Haus selbst war Eigentum der Kirche und ihr zweifellos zu einer verminderten Miete überlassen worden, weil ihr Vater so plötzlich gestorben war und ihr keinerlei Möglichkeiten offenstanden. Obwohl die Möbel gepflegt und solide waren, so waren sie doch alt und sicherlich nach dem Tod eines alten Gemeindemitglieds weitergegeben worden. Eine genauere Untersuchung ihres Umhangs ergab, dass er mindestens ein Dutzend Winter gesehen hatte und Pegeen nicht seine erste Besitzerin sein konnte. Sogar die Zeitungen, die Edward neben der Bank entdeckte – ordentlich gestapelt —, waren auf zwei Arten gefaltet worden, was die vorherige Benutzung eines anderen Lesers nahe legte.

Nachdem er sich umgesehen hatte, wurde Edward die Außerordentlichkeit der Tatsache, dass das Mädchen sowohl Herberts Angebot als auch das des Vikars rundweg abgelehnt hatte, umso deutlicher klar. Obwohl Edward sich kaum einen unwürdigeren Gatten vorstellen konnte als den selbstgerechten Mr. Richlands, so hatte doch Pegeen MacDougal außer ihrem hübschen Gesicht und der anregenden Figur zum Thema Mitgift nicht viel zu bieten. Und dann war da auch noch ihr Neffe. Es gab wahrscheinlich nicht viele Männer in Applesby, die eine mittellose Braut mitsamt ihrem kleinen Neffen aufnehmen wollten, wie hübsch sie auch sein mochte. Mr. Richlands konnte durchaus ihre einzige Chance gewesen sein. Aber sie hatte ihn genauso entschieden abgewiesen wie Herbert. Was war mit dem Mädchen los? Edward hatte Katherine, die Frau seines Bruders, nie kennen gelernt. Aber offensichtlich lag der Wahnsinn im Blut des MacDougal-Clans.

Er fand sie in der Küche. Sie war dabei, etwas köstlich Riechendes in einem Topf aufzuwärmen, wobei sie eine Menge Krach machte, indem sie das Geschirr auf den Tisch knallte, der eindeutig nur für zwei gedeckt war. Sie hatte sich die Haare zusammengebunden und eine einfache Schürze um die Wespentaille geknotet. Aber nichts, was sie anzog, konnte sie weniger attraktiv erscheinen lassen – falls sie das im Sinn gehabt hatte.

Sie starrte ihn finster an. »Ich kann mich sehr deutlich daran erinnern, gesagt zu haben, dass Sie gehen sollen.«

»Wo haben Sie Ihre Manieren her?«, fragte Edward und lehnte sich lässig in den Türrahmen. »Ein Familienmitglied kommt den ganzen Weg von Yorkshire zu Besuch und Sie bieten noch nicht einmal eine Tasse Tee an?«

»Sie sind kein Mitglied meiner Familie«, erklärte sie, nahm einen Laib braunen Brots aus einer Schublade und begann ihn mit einem riesigen Messer zu bearbeiten. »Ich habe Sie noch nie in meinem Leben gesehen. Woher soll ich überhaupt wissen, dass Sie derjenige sind, für den Sie sich ausgeben? Nach allem, was ich weiß, könnten Sie genauso gut ein Fremder von der Straße sein, der Jeremy zur Kinderarbeit in London verkaufen will.«

»Haben Sie mal aus dem Fenster gesehen?« Edward ging zu ihr hinüber. Sie stand an einem Schneidebrett direkt vor dem Fenster. Durch die Eisblumen auf der Fensterscheibe war seine Kutsche deutlich zu sehen.

»Das ist ein Brougham mit dem Rawlings-Wappen auf der Tür«, sagte Edward. Weil sie ihm immer noch steif den Rücken zuwandte, setzte er seine großen Hände auf dem Schneidebrett beiderseits ihrer schmalen Taille auf und hielt sie so zwischen seinen Armen gefangen.

»Die Lakaien bei dem Brougham tragen Rawlings-Livree, grün und gold«, fuhr er liebenswürdig fort und merkte, dass er so nahe bei ihr stand, dass sein Atem die feinen Härchen an ihrem Nacken bewegte. »Und die Pferde — alles Bays, alle perfekt aufeinander abgestimmt. Man könnte in ganz Schottland keine feineren Tiere finden, und das meine ich nicht abwertend. Sehen diese Pferde für Sie aus, als könnten sie jemandem gehören, der Kinder ausbeutet?«

Sie drehte den Kopf, um ihn anzusehen. Er stellte fest, dass ihre ausdrucksstarken smaragdfarbenen Augen von dunklen, sorglos geschwungenen Wimpern umrandet waren. Sie roch angenehm, nach Seife und noch etwas anderem. Veilchen vielleicht. Ihr geschwungener Hals war so schlank, dass er das Gefühl hatte, ihre Kehle mit einer einzigen Hand umfassen zu können. Er fragte sich, wie sie wohl reagierte, wenn er seine Lippen auf die weiße Haut ihres Halses presste, genau unterhalb dieser elegant geformten Ohrläppchen?

Pegeen selbst fand sich durch die Nähe ihres Schwagers seltsam beeinflusst. Sie spürte die Wärme seines Körpers an ihrem Rücken, und ein Blick auf seine Hände rechts und links von ihr sagte ihr, dass seine Finger vom Reiten und Jagen sonnengebräunt und stark waren. Aber ohne Schwielen von irgendeiner echten Arbeit, dachte sie trocken. Eine plötzliche und ungebetene Vision dieser Hände auf ihrem Körper ließ ihr das Blut in die Wangen schießen. Gütiger Himmel, an was dachte sie da nur? Sie hatte den Mann vor kaum einer Stunde zum ersten Mal gesehen, und jetzt fantasierte sie über …

Ihre Finger krampften sich um den Griff des Messers. Zur Hölle mit ihm. Darauf legte er es also an!

Da Edward seinem Impuls, Pegeen zu küssen, erfolgreich widerstanden hatte, war er mehr als überrascht, als sie das Messer unvermittelt und sehr hart in das Schneidebrett rammte — wenige Zentimeter neben seinem rechten Zeigefinger. Keuchend entwand er ihr das Hackmesser und drehte sie an den Schultern zu sich herum.

»Du verdammtes Luder«, rief er und starrte wütend auf sie herab. »Du hättest mir fast den Finger abgehackt!«

»Hatten Sie etwa vor, Lord Edward«, begann Pegeen mühsam beherrscht, »mich genau hier, in meiner eigenen Küche, zu verführen? Denn wenn dem so ist, lassen Sie sich gesagt sein, dass ich noch viel mehr solcher Messer hier habe und nicht davor zurückschrecken werde, sie zu benutzen.«

Edward sah verblüfft auf sie herab, und sie lächelte ihn kalt an.

»Lassen Sie mich rekapitulieren.« Die leuchtenden grünen Augen fixierten ihn mit einem scharfsinnigen Ausdruck. »Der arme, glücklose Sir Arthur kehrte nach Rawlings Manor zurück, untröstlich über die Tatsache, dass die grausame Tante des kleinen Duke ihm nicht erlauben wollte, zu seinem angestammten Familiensitz zurückzukehren. Sie haben daraufhin sicherlich den armen, glücklosen Sir Arthur beschimpft. ›Wie bitte?‹, haben Sie wahrscheinlich gesagt. ›Sie haben sich von einer Frau ins Bockshorn jagen lassen? Da werde ich mich mal drum kümmern.‹ Also fahren Sie nach Applesby in der Erwartung, eine verstockte alte Jungfer anzutreffen, die Sie mit Ihrem enormen Intellekt und Ihrer weitaus beeindruckenderen Geldbörse problemlos kleinkriegen wollen. Stattdessen treffen Sie auf mich, und so sind Sie gezwungen, die Taktik zu ändern. Von Bestechung zu Verführung, hab ich recht?«

Edward war so sauer, dass er nur noch stottern konnte. Was war das hier für eine Pfarrerstochter, die Whiskey trank und ihn mit Hackmessern bedrohte? Er war vollkommen ratlos, wie er auf ihre Spielchen eingehen sollte. Er kannte keine jungen Mädchen — mit Ausnahme von Herberts fünf Töchtern, die jedoch alles daransetzten, ihm möglichst aus dem Weg zu gehen. Er hatte den schleichenden Verdacht, dass dies an Lady Herbert lag. Sie musste ihre Töchter vor seinem schlechten Ruf als unverbesserlicher Wüstling gewarnt haben. Sicher, die ehrwürdigen Damen der feinen Gesellschaft versuchten ohnehin nicht, ihm ihre jungfräulichen Töchter vorzustellen. Und würden sie es tun, so konnte sich Edward keinesfalls vorstellen, wie eines dieser teiggesichtigen kleinen Mädchen fröhlich ein Brotmesser schwang.

Aber diese grünäugige Hexe machte den Eindruck, seit ihrer Kindheit Erfahrung darin zu haben. Hölle und Verdammnis!

»Ich habe nicht versucht, Sie zu verführen«, log Edward. Seine Stimme war sehr leise und klang wie ein Knurren.

»Haben Sie nicht? Ich glaube, genau dessen hat Mr. Richlands Sie beschuldigt, bevor Sie ihn aus dem Haus gejagt haben.«

Edward warf ihr einen bösen Seitenblick zu. Lästiges Weibsbild! War sie außerdem hellsichtig, dass sie den Inhalt seiner Auseinandersetzung mit Herbert so haargenau wusste? Das war das Letzte, was er brauchen konnte — eine Hexe als Schwägerin. Was hatte John sich bloß dabei gedacht, in diesen lächerlich exzentrischen Familienclan einzuheiraten? Obwohl er zugeben musste, wenn Katherine auch nur annähernd so hübsch gewesen war, wie ihre Schwester, konnte er die Anziehung verstehen. Trotzdem war es kein Wunder, dass der alte Duke John aus dem Testament gestrichen hatte.

Pegeen drehte ihm abrupt den Rücken zu und fing an, wieder auf den braunen Brotlaib einzuhacken.

»Lassen Sie uns keine Spielchen spielen, Lord Edward, einverstanden? Ich weiß, warum Sie hier sind …«

»Tatsächlich?« Edward konnte ein Grinsen über ihren Eifer nicht unterdrücken.

»Ich bin kein Dummkopf.« Sie legte das Messer weg, verschränkte die Arme über der Brust und drehte sich zu ihm herum. »Was ich nicht verstehe, ist warum.«

»Warum?« Sein Grinsen wich einem Stirnrunzeln. »Was meinen Sie damit?«

»Es wäre für Sie sicher das Einfachste der Welt, den Titel selbst anzunehmen. Warum haben Sie sich all die Mühe gemacht, Jeremy zu finden? Ich bin sicher, wenn Sie behauptet hätten, der Junge sei unauffindbar und wahrscheinlich tot, hätte Ihnen jedermann geglaubt. Keiner hätte Ihr Recht auf den Titel infrage gestellt. Also, warum?«

»Warum?« Edward schüttelte ärgerlich den Kopf. »Jeder fragt mich das. Keiner scheint zu verstehen, dass mir mein Ehrgefühl verbietet, einen Titel anzunehmen, der rechtmäßig einem anderen zusteht!«

Pegeens schmale Brauen hoben sich. »Ehrgefühl? Das ist eine überraschende Eigenschaft für einen Angehörigen Ihrer gesellschaftlichen Schicht. Ich dachte, dass Ehrgefühl, genau wie Ritterlichkeit, mit den Rittern der Tafelrunde ausgestorben wäre.«

»Sie haben da ein sehr einseitiges Bild meiner Schicht, wie Sie es nennen«, bemerkte Edward. »Darf ich fragen, was unsereiner Ihnen angetan hat, um ein derartiges Urteil herbeizuführen?«

»Nichts. Genau das ist das Problem. Ihr habt den ganzen Reichtum und die Macht und tut dennoch nichts für die vielen Menschen wie mich, die gar nichts besitzen.«

Edward richtete sich auf. »Also, passen Sie auf …«

»Versuchen Sie nicht, es abzustreiten. Sie sitzen doch nicht etwa im Oberhaus des Parlaments und bemühen sich um Reformen. Ich sehe nicht, dass Sie für das Wohl des einfachen Mannes etwas unternehmen. Ich schätze, der einzige Grund für Ihre Suche nach Jeremy ist der, dass Sie ungestört fortfahren wollen, nach dem Lustprinzip zu leben, ohne sich um die lästigen Angelegenheiten des Anwesens und der Pächter kümmern zu müssen.«

Wieder war Edward so überrumpelt, dass er nur noch zu stottern vermochte. Nie in seinem Leben hatte jemand so mit ihm gesprochen — und erst recht keine Frau, die auch noch zehn Jahre jünger war und gesellschaftlich so viel tiefer stand als er. Ungeachtet der Tatsache, dass in ihren Worten ein Fünkchen Wahrheit lag, war er zutiefst verletzt, weil sie ihm unterstellt hatte, nur seinem Vergnügen zu frönen.

»Na schön, Miss MacDougal«, sagte er steif und verschränkte die Arme, wobei er ihre Pose unbewusst zu imitieren schien. »Sie haben gesagt, Sie wollen keine Spielchen spielen. Ich denke, es ist Zeit, über Ihre Zukunft zu reden, was meinen Sie?«

Pegeen sah ihn an, als sei er geistig behindert. »Ich bitte um Pardon?«

»Ihre Zukunft. Ihre und die von Jeremy. Sie haben doch schon darüber nachgedacht, was geschehen soll, wenn das Geld Ihrer Mutter aufgebraucht ist, oder etwa nicht?«

Die schmalen, dunklen Brauen senkten sich herab. »Was wissen Sie darüber?«, verlangte sie.

»Ich weiß, dass es nicht viel ist und dass es nicht für immer reichen wird. Lassen Sie uns ehrlich sein, Miss MacDougal.« Er blickte auf absichtlich unverschämte Art an ihr herab. »Sie haben mir ja schon bewiesen, dass Sie das gut können.«

Es geschah etwas, das er nicht für möglich gehalten hätte. Sie wurde rot. Das Blut schoss in ihre bleichen Wangen und sie ließ ihren Blick zu seinen Stiefelspitzen sinken. »Ein Punkt für Sie«, sagte sie anerkennend.

Er war erfreut zu sehen, dass er wenigstens ein bisschen Macht über sie hatte. »Also gut. Sie haben bereits das Angebot meines Agenten abgelehnt als auch mindestens einen Heiratsantrag. Nun sagen Sie mir, was sind Ihre Pläne für die Zukunft? Wollen Sie immer von der kirchlichen Fürsorge leben?«

»Ganz bestimmt nicht«, schnaubte sie. »Das ist eine Übergangssituation.«

»Übergang? Dann erwarten Sie also noch andere, lukrativere Heiratsanträge?«

Sie streckte ihr spitzes Kinn vor. »Ganz bestimmt nicht«, sagte sie wieder. »Ich werde niemals heiraten.«

»Ah.« Er rieb sich nachdenklich das Kinn und betrachtete sie. »Weil Sie Männer hassen?«

»Ich hasse Männer nicht«, erklärte sie. »Nur manche Männer. Aber das ist nicht der Grund, warum ich nie heiraten werde. Es sind die Gesetze auf dieser Insel, die Ehefrauen zu unterwürfigem Eigentum ihrer Männer machen. Verheiratete Frauen können kein Land besitzen, können sich nicht scheiden lassen — auch nicht, wenn ihre Männer sie misshandeln oder sitzen lassen —, und das Sorgerecht für Kinder aus der Verbindung wird immer dem Mann gegeben, egal, was er für ein Schurke oder Verbrecher ist …«

»Ich verstehe.« Edward konnte ein Grinsen nicht unterdrücken. »Aus Ihrer Perspektive ist die Ehe wirklich eine düstere Option.«

»Nicht nur aus meiner, Lord Edward. Vielen Frauen hier auf der Insel ergeht es so, genauso wie auf dem Kontinent. Schließlich kann Ihnen jeder, der Mary Wollstonecrafts Eine Verteidigung für die Rechte der Frau gelesen hat, bestätigen, …«

»Das ist ja alles schön und gut«, unterbrach sie Edward. Das Letzte, was er sich anhören wollte, war eine Predigt für die Rechte der Frauen. Soweit es ihn betraf, waren die Frauen, die er kannte, recht zufrieden, und wenn nicht, dann kaufte er ihnen eben Juwelen oder ein Stadthaus, und dann waren sie ruhig. »Aber ich glaube, wir haben uns über Jeremy unterhalten und nicht über Ihre Ansichten über die Institution der Ehe. Haben Sie darüber nachgedacht, was genau Sie mit ihm anfangen wollen, wenn sowohl das Geld Ihrer Mutter aufgebraucht ist als auch die Wohltätigkeit der Kirche?«

Pegeen zögerte; denn das hatte sie sicher noch nicht getan.

»Tatsache ist, Miss MacDougal, es steht Ihnen natürlich frei, die Ungerechtigkeiten der Menschheit zu beklagen. Aber da ist auch Jeremy, an den zu denken ist.«

Pegeen blickte wütend drein. »Ich habe immer an Jeremy gedacht, Lord Edward! Nicht wie gewisse andere Leute …«

»Jeremy ist der Erbe eines großen Vermögens«, unterbrach Edward sie. »Daran können Sie nichts ändern, Miss MacDougal, ungeachtet Ihrer politischen Ansichten. Er muss und wird seine Verantwortung als siebzehnter Herzog von Rawlings antreten.«

»Ach, ist das so?«

Er hätte es ahnen sollen. Er hätte wissen müssen, dass sie sich nicht kleinlaut anhören würde, wie er sie belehrte. Aber er verpasste die Warnsignale, während er durch die Küche streifte, sich lässig einen Stuhl griff, ihn umdrehte und sich unhöflicherweise — ohne etwa ihr den Stuhl zuerst anzubieten — rücklings darauf setzte.

»Ja«, sagte er und genoss die Situation sehr, »das ist so, Miss MacDougal.«

»Dann erklären Sie mir doch mal Folgendes, Lord Edward.« Sie sprach das Wort ›Lord‹ mit großer Verachtung aus, löste ihre bis dahin verschränkten Arme und stemmte sie in die Hüften. »Wenn Jerry der Herzog von Rawlings ist, wo war denn sein großer Reichtum bis jetzt? Ich habe keinen Pfifferling der Unterstützung gesehen von dem großen Haus Rawlings. Mein Vater und ich haben Jerry vom Säuglingsalter an aufgezogen, und seit dem letzten Jahr mache ich das alleine, so gut ich eben kann. Aber Sie haben die Nerven, seelenruhig hier zu sitzen und mich zu beschuldigen, nicht an ihn zu denken!«

Edward wurde langsam klar, dass er wohl etwas zu voreilig gewesen war. »Miss MacDougal, ich wollte damit nicht andeuten, dass Sie nicht …«

»Wie erklären Sie denn Ihre Vernachlässigung in den letzten zehn Jahren?«, verlangte sie. »Sie sind sein Onkel, genau so, wie ich seine Tante bin. Wo sind Sie gewesen?«

Edward rutschte ein wenig auf seinem Stuhl; ihm war etwas unbequem. Er war ein großer Mann, und der Stuhl war offensichtlich für wesentlich kleinere Leute gemacht worden. »Sie wissen ganz genau …«

»Was ich genau weiß, ist, dass Jerry der Herzog von Rawlings wird, wenn es für Sie angenehm ist. Wenn jedoch etwas für Jerry angenehm wäre, hören wir keinen Mucks von Ihnen.«

»Das ist nicht so, und das wissen Sie«, sagte Edward schnell. »Mein Vater hat Jeremys Eltern aus seinem Testament gestrichen. Als er erfuhr, dass sie tot waren — es tut mir leid, das zu sagen –, war er froh darüber. Erst als es für ihn selber ans Sterben ging, wurde der alte Herr nachgiebig und stimmte zu, Jeremy als seinen rechtmäßigen Erben anzuerkennen …«

»Und wegen der bitteren Enttäuschung Ihres Vaters darüber, dass Ihr Bruder eine schottische Pfarrerstochter geheiratet hat anstatt irgendeine Dame der feinen Gesellschaft in London, musste Jeremy seit dem Tod meines Vaters jede Nacht bei mir im Bett schlafen, weil wir uns nicht die Kohle für zwei beheizte Räume leisten konnten.« Ihre Stimme klang hart. »Er muss stets die Kleider von Dorfkindern auftragen, weil ich kein Geld habe, ihm seine eigenen Hosen und Schuhe zu kaufen …«

Edward begann, sich zu erheben. »Miss MacDougal …«

»Und seit einem Jahr kriegt er nur Haferbrei zum Frühstück, weil ich nicht mehr als zwei Eier die Woche kaufen kann, und die sind fürs Abendessen, weil Fleisch so eine Seltenheit für uns ist …«

Ihre Stimme brach, und Edward war erstaunt zu sehen, dass Tränen in ihren grünen Augen standen. »Und er musste das Mitleid solcher abscheulichen Leute wie Mr. Richlands über sich ergehen lassen! Und Sie kommen her und besitzen die unfassbare Frechheit zu glauben, dass er, nach allem, was er durchgemacht hat, vor Dankbarkeit, dass Sie ihm ein Herzogtum geben, auf die Knie sinken sollte ? Nach allem, was Ihre Familie ihm und seinen Eltern angetan hat, soll er Dankbarkeit für Sie empfinden? Vor einem Moment haben Sie von Würde gesprochen. Glauben Sie, Jeremy besitzt keine? Glauben Sie mir, Mylord, die hat er, und sie ist in diesen letzten Monaten schmerzlich verletzt worden. Es gibt gar nicht genug Herzogtümer auf der Welt, um das wieder gut zu machen!«

Zu Edwards noch größerem Erstaunen drehte sie sich daraufhin mit einem Schluchzer von ihm weg. »Oh!«, rief sie aus. »Und Sie wundern sich, dass ich die Liberalen unterstütze?«

Edward war vollkommen ratlos. Es war ihm nie aufgegangen, dass sie seiner Familie die Behandlung ihrer Schwester und ihres Neffen übel nehmen könnte, obwohl er natürlich so weit hätte denken müssen. Was sonst sollte sie empfinden außer Groll? Die Rawlings-Familie hatte dem MacDougal-Clan nichts als Ärger eingebracht.

»Miss MacDougal, ich kann Ihnen nicht sagen, wie sehr es mir leid …«

Pegeen hatte ihm den Rücken zugewandt und stand mit zuckenden Schultern vor der Arbeitsplatte. Sie wollte es kaum wahrhaben, dass sie vor ihm weinte, aber sie konnte um nichts in der Welt damit aufhören. Schwäche zu zeigen war das Letzte, was sie in Gegenwart dieses arroganten und grausam attraktiven Mannes tun wollte. Aber hier stand sie, schluchzte halb hysterisch, als ob endlich all der Kummer, der sich in mehr als einem Jahr in ihr angesammelt hatte, aus ihr herausströmte. Sie murmelte durch die Tränen hindurch, und ein paar zusammenhanglose Worte kamen bei ihm an.

»… verabscheuenswerter alter Mann … Kinder müssen für die Fehler ihrer Eltern bezahlen … erwarten, dass wir einfach mitkommen, als sei nichts gewesen …«

Edward stieß seinen Stuhl beiseite und kam auf die Füße. »Miss MacDougal, bitte glauben Sie mir, ich hatte ja keine Ahnung. Wir wussten bis letzten Monat nicht einmal, wo Jeremy überhaupt war, und wir hatten überhaupt keine Ahnung, dass er die ganze Zeit allein von einer unverheirateten Tante aufgezogen wurde …«

Das schien jedoch ihre schmalen Schultern noch heftiger zucken zu lassen. Edward war mit den Tränen junger Mädchen genauso unerfahren wie mit ihren Unverschämtheiten, aber er zog die Unverschämtheiten entschieden vor. Pegeens Schluchzer zerrissen ihm das Herz. Jeder einzelne schlug eine neue Saite in ihm an.

»Bitte, Miss MacDougal! Sie müssen mir glauben. Ich würde alles, alles dafür tun, um all die Entbehrungen wieder gut zu machen, die Sie gezwungen waren, zu ertragen …«

Er wusste nicht mehr, was er tun sollte, und so ging er in ihre Richtung, um sie irgendwie zu beruhigen. Vielleicht, überlegte er, indem er versprach, ihr ein Armband zu kaufen. Das hatte bis jetzt immer funktioniert, wenn eine seiner Geliebten in Tränen ausgebrochen war. Er hatte jedenfalls keine andere Absicht, als sie zu beschwichtigen. Alles andere wäre auch ziemlich unpassend gewesen.

Aber als er dann seine Hände auf ihre schmalen Schultern legte, sie zu sich umdrehte und in ihr hübsches, tränenfeuchtes Gesicht sah, geschah etwas ausgesprochen Seltsames mit ihm.

Edward, der in seinem Leben buchstäblich mit Hunderten von Frauen zusammen gewesen war und eine perfekte Kontrolle über seine ›niederen‹ Instinkte entwickelt hatte, wurde von dem plötzlichen Impuls ergriffen, seinen Mund auf diese feuchten und verführerisch roten Lippen zu legen. Ganz davon abgesehen, dass es zu keiner Zeit eine gute Idee war, seine Schwägerin zu küssen, und unter den gegebenen Umständen katastrophal. Auch gänzlich ungeachtet der Tatsache, dass er sie ohnehin schon kompromittiert hatte, indem er ohne Aufsicht allein mit ihr im selben Haus war. Oder dass sie ganz allein auf der Welt war und nur ein Schurke eine solche Situation ausnutzen würde, ohne Rücksicht auf die ökonomische — und schon gar nicht auf die emotionale — Lage dieser Frau. Er verspürte einen Drang, sie zu küssen, der stärker war als jeder Zwang, den er je kennengelernt hatte; und ohne weiter nachzudenken, gehorchte er ihm.

4. Kapitel

Als Edwards Lippen auf die ihren trafen, versteifte sich Pegeen überrascht. Ihre Lider, die sie vorher gesenkt hatte, flogen empor. Seine Finger schlossen sich um ihre Schultern, als erwartete er, dass sie zurückzucken würde. Obwohl es kaum eine Stunde her war, dass sie auf ähnliche Art von Mr. Richlands angegangen worden war und einem wilden Drang zur Flucht folgte, wollte sie in diesem Falle gar nicht entkommen. Edwards Mund auf ihren Lippen verursachte Gefühle in ihr, die sie nie gekannt hatte. Instinktiv hob sie die Arme und legte sie um seinen Nacken. Einen Herzschlag später ließen seine Hände ihre Schultern los, seine Finger glitten unter ihren schweren Zopf und umfingen ihren Nacken. Als Edwards Zunge die ihre berührte, spürte sie einen Schwall von Hitze zwischen den Schenkeln, und ihre Brustwarzen verhärteten sich in den spitzenbesetzten Körbchen ihres Mieders. Pegeen gab ein sanftes Geräusch von sich; nicht aus Protest, sondern aus Lust.

Edward hatte zwar eine Reaktion von diesem geradlinigen Mädchen erwartet, aber nicht eine solche. Mindestens eine Ohrfeige und ein paar Worte bitterer Zurückweisung. Stattdessen hielt er eine Frau in den Armen, die so weich und nachgiebig war, dass er sie — so schien es ihm — auf die Arbeitsplatte hätte heben können und sie besitzen, gleich hier und jetzt, so oft wie er wollte, ohne ein Wort des Protests aus ihrem Mund. Wie hätte er in der kurzen Zeit ihrer Bekanntschaft wissen können, dass sich hinter der prüden Fassade von Pegeen MacDougal eine so starke Sinnlichkeit verbarg? Selbst in diesem Moment waren ihre Lider vor Verlangen halb geschlossen, ihre Lippen von seinen Küssen gerötet. Er wusste nicht, wie er ihre Sinnlichkeit erahnt hatte. Er wusste nur, dass er diese Frau mehr begehrte als jemals eine andere zuvor. Sein wild schlagendes Herz war genug Beweis dafür, wenn nicht gar die Vorderseite seiner Hose, die sich über einer eisenharten Erektion spannte …

Es wäre nicht zu sagen gewesen, was als Nächstes passiert wäre, wenn nicht in diesem Moment die Hintertür der Küche aufgeflogen wäre und zunächst einen eiskalten Luftzug hereingelassen hätte. Bevor Edward noch reagieren konnte, befand er sich mitten im Angriff eines etwa vier Fuß hohen Bündels aus Wollumhang und Schals, das scheinbar durch den Wind hereingeweht worden war.

»Was machen Sie da mit Pegeen?«, tönte eine Kinderstimme mitten aus einem bunten Schal heraus.

Pegeen sprang von Edward weg, als habe er sie verbrannt. Ihre Wangen waren dunkelrot vor Scham, und eilig hob sie die Hände, um ihren von Edwards Fingern zerwühlten Zopf zu richten.

»Jerry, du kommst spät«, sagte sie mit zittriger Stimme. Sie machte einen raschen Schritt, um die Tür hinter dem Jungen zu schließen. »Und wo hast du deine Manieren gelassen? So begrüßen wir keine Besucher.«

Edward war vollkommen aus dem Konzept geraten und musste sich umdrehen, um seine offensichtliche Erregung zu verbergen. Er keuchte, als wäre er gerade ein Wettrennen gelaufen. Am liebsten hätte er den kleinen Herzog von Rawlings wieder zurück in den Schnee geschubst, um sich weiter der wilden Verführung von dessen Tante widmen zu können.

»Hast du dir die Schuhe abgeputzt, junger Mann?«, verlangte Pegeen mit einer Fassung, um die Edward sie beneidete.

Seine Tante eisern ignorierend, stierte Jeremy Rawlings wütend zu Edward hoch. Seine grauen Augen waren das einzig erkennbar Menschliche, das von ihm zwischen all den Kleidungsstücken zu sehen war.

»Was haben Sie mit Pegeen gemacht?«, wollte der Junge wissen.

»Also wirklich, Jeremy.« Pegeen machte sich an dem Wust von Schals zu schaffen. »Das ist keine Art, mit deinem Onkel Edward zu sprechen.«

»Mein Onkel wer?«, echote der Junge unhöflich.

»Dein Onkel Edward.«

Das Mädchen zog eine wollene Kappe vom Haupt des Jungen und enthüllte einen Kopf voller Haare, die genauso dunkel und lockig waren wie Edwards eigene. Das Gesicht des Kindes war rosig und mit ein paar Sommersprossen gesprenkelt; er sah seiner Tante nicht unähnlich. Der Schwung der Lippen, bemerkte Edward, sah ebenfalls vertraut aus.

»Das ist dein Onkel Edward. Er war eben gerade, ähem …«

»… dabei, deiner Tante einen Begrüßungskuss zu geben«, sprang Edward hilfsbereit ein. Er traute sich immer noch nicht, sich umzudrehen. »Hab sie lange nicht gesehen.«

Jeremy Rawlings war offensichtlich kein dummes Kind. Er sah konzentriert auf Pegeens errötende Wangen und sagte standhaft: »Das sah für mich aber nicht nach einem Begrüßungskuss aus. Das sah eher aus, wie einer der Küsse, die Mrs. MacFearley den Männern gibt, die ihr einen Penny dafür bezahlen, dass …«

Pegeen unterbrach ihn hastig. »Zieh deine Stiefel aus und setz dich hin. Dein Abendessen wird kalt.«

Edward musterte den Jungen, fuhr sich durch die Haare und seufzte verzweifelt. »Ich will verdammt sein«, murmelte er. »Wenn ich’s nicht besser wüsste, würde ich glauben, ich wäre wieder in der Kinderstube und würde von meinem älteren Bruder John gequält. Das hier ist genau sein Mundwerk. Ich bin nie etwas Grausamerem begegnet.«

Pegeen hatte ihn gehört und runzelte die Stirn. »Nein, so ist Jeremy nicht. Spitzbübisch vielleicht, aber nicht grausam.«

Jeremy fixierte seinen Onkel mit einem stählernen Blick. »Ist das Ihre Kutsche da draußen?«, wollte er wissen, wobei sein engelhaftes Gesicht in scharfem Kontrast zum höhnischen Misstrauen in seiner Stimme stand. Edward hob die dunklen Brauen. »Ja, das ist sie. Gefällt sie dir?«

»Besser als die von Sir Arthur«, murmelte Jeremy düster. »Ich habe nie einen Mann mit einem röteren Gesicht gesehen. Wie eine Kirsche. Ich hatte Angst, er könnte plötzlich in Flammen aufgehen.«

Pegeen antwortete erklärend auf Edwards fragend hochgezogene Brauen: »Bleak House von Dickens. Wir haben es uns abends vorgelesen. Einige der Charaktere gehen urplötzlich in Flammen auf. Jeremy, setz dich hin und hör auf, Geschichten zu erzählen. Und wenn du weißt, was gut für dich ist, ziehst du auch die Stiefel aus. Sonst musst du am Samstag wieder den Boden schrubben.«

Edward hatte keine Ahnung, wovon Pegeen sprach. Er wusste nur, dass sie mit ihren rosa Wangen und zerzausten Haaren noch anziehender aussah als vorher. Ihr braunes Wollkleid war vielleicht etwas zu klein und saß recht knapp; durch das Mieder waren die verhärteten Spitzen ihrer Brüste deutlich erkennbar. Edward wünschte, er hätte diese Brüste angefasst, als er die Gelegenheit dazu hatte.

»Nun, Mylord, gehe ich recht in der Annahme, dass Sie zum Abendessen bleiben?«, fragte Pegeen.

Erschreckt sah Edward auf den Tisch, der nur für zwei gedeckt war. Was auch immer sein Neffe da gerade in großen Schlucken trank, roch köstlich. Er dachte mit schlechtem Gewissen an seine Lakaien, die draußen froren, und sagte: »Nun, ich …«

»Es ist nicht genug da für euch alle«, stellte Pegeen sachlich fest. »Sie sollten sie zum Dorfgasthof hinunterschicken. Dort gibt es eine ausgezeichnete Brotzeit. Vielleicht schließen Sie sich ihnen am besten an.«

»Hexe«, klagte Edward sie an.

»Wohl kaum. Wäre ich eine, würde ich Sie fortzaubern.«

Als Edward seinen Kutscher und die Lakaien am Gasthof abgesetzt hatte und zurückkehrte, war ein drittes Gedeck auf dem Tisch, ein Humpen Bier stand neben seiner dampfenden Schüssel voll Eintopf. Diese kleine Geste überraschte und berührte ihn. Pegeen MacDougal besaß nicht viel, aber was sie hatte, teilte sie gern. Die Frau war eine verwirrende Mischung von Widersprüchen, und Edward fand sich mehr und mehr zu ihr hingezogen.

Diese Tatsache, verbunden mit der Entdeckung, dass der Eintopf vorzüglich war, brachte ihn zu der Überzeugung, dass er in der Tat in großer Gefahr war. Er war schon dumm genug gewesen, sie zu küssen. Er durfte nicht so weit gehen, sich in sie zu verlieben. Es war besser, sie in der Verteidigungsposition zu halten, sodass sie ihre liberalen Ansichten predigen konnte — als so wie jetzt, wo sie ihm gegenüber saß, anmutig an ihrem Bier nippte und wie ein Engel aussah.

Edward räusperte sich und sagte unvermittelt: »Jeremy, hättest du gern eine eigene Kutsche, so wie die da draußen?«

Jeremy legte seinen Löffel nieder und riss die grauen Augen auf. »Hätte ich gerne!«, rief er. »Also, ich würde sofort zu Brandon McHugh herüberlaufen und es ihm auf die Nase binden …«

»Du tust nichts dergleichen«, sagte Pegeen und knallte ihr Glas auf den Tisch. »Lord Edward, ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie dem Jungen keine Flausen in den Kopf setzen würden.«

»Aber Jeremy ist der Herzog von Rawlings.« Edward zuckte in gespielter Unschuld mit den Schultern. »Wenn er eine Kutsche wie meine haben will und sie Brandon McHugh vorführen will, so ist dies das gute Recht Seiner Durchlaucht.«

Pegeens grüne Augen sprühten nur so vor Feuer. »Lord Edward …«

»Ein Herzog muss sein eigenes Pferd haben«, fuhr Edward fort, als habe er sie nicht gehört. »Also müssen wir beide nach London fahren, um uns ein ganz besonders feines Pferd auszusuchen, Jeremy.«

»Ein Pferd?« Zum ersten Mal seit seiner Ankunft sah Jeremy seinen Onkel auf wirklich respektvolle Art an. »Ein Pferd für mich allein? Ein echtes Pferd? Kein blödes Pony?«

»Jeremy«, sagte seine Tante ruhig. »Sag nicht ›blöd‹.«

»Ein echtes Pferd«, sagte Edward schnell. »Ein Jagdpferd, sechzehn Handbreit hoch für dich, und … und eine Apfelschimmelstute für Miss MacDougal.«

»Im Gegensatz zu einem gewissen zehnjährigen Jungen, Lord Edward, ist Miss MacDougal nicht mit Pferdefleisch käuflich«, sagte Pegeen mit einem bitteren Lächeln. Trotzdem, ein Lächeln war ein Lächeln, und Edward versuchte sein Glück ein kleines Stückchen weiter.

»Nicht nur das, Jerry. Du wirst dein eigenes Schlafzimmer haben, und ein Schulzimmer mit den besten Lehrern, die man für Geld bekommt, und eine Kinderstube voll mit Spielzeug.«

Den engelhaften Blick auf das Gesicht seines Onkels geheftet, sagte Jeremy: »Ich habe noch nie Spielzeuge gehabt. Opa hat gesagt, die sind für Babys.«

»Nun, Spielzeug sollt Ihr haben, Mylord«, erklärte Edward. Er lehnte sich herab, hob den Jungen hoch und setzte ihn sich auf den Schoß. Zu seiner Überraschung protestierte Jeremy nicht. »Das einzige Problem, Jerry, ist, dass deine Tante Pegeen nicht will, dass du mit mir kommst.«

Pegeen warf ihm einen eisigen Blick zu. »Das ist wohl kaum das einzige Problem, Lord Edward.«

»Gibt es denn nichts«, fragte Edward, »das ich für deine Tante tun kann, damit sie mit uns nach Rawlings will?«

Jeremy musterte Pegeen über den Tisch hinweg. »Ich weiß nicht«, sagte der Junge verunsichert. »Sie sieht wütend aus. Was haben Sie mit ihr gemacht?«

»Wie wär’s mit einem neuen Kleid?«, wagte Edward einen Vorstoß. »Würdest du deine Tante Pegeen nicht gerne in neuen Kleidern sehen, Jerry? Ein Kleid von Mr. Worth? Würde sie nicht wie ein Engel darin aussehen?«

Zögernd nickte der Junge, der offensichtlich nicht wusste, wovon Edward sprach. Dann rutschte er ein wenig herum, um einen bequemeren Sitz zu finden. »Ich habe sowieso immer gefunden, dass Pegeen aussieht wie ein Engel, egal, was sie anhat.«

»Das ist zweifellos wahr. Ach Gott, deine Tante kann so viele neue Kleider haben, wie sie will, und die Rawlings-Juwelen auch. Und ihre eigenen Zofen und …«

Er versuchte verzweifelt, sich etwas einfallen zu lassen, das diesem Weib gefallen könnte. Anders als seine Mätressen wirkte sie bei der Erwähnung von Worth Kreationen und Juwelen vollkommen unbeeindruckt. Dann erinnerte er sich an die Zeitungen. »Und eine ganze Bibliothek für sich, eine der besten des Landes, und ihre eigenen Zeitungen, die nicht vorher von jemand anders gelesen worden sind …«

Das schien ihre Aufmerksamkeit zu erregen. Ihr Blick wurde noch ein paar Grade kühler.

»Oh«, sagte Jeremy. »Pegeen mag Zeitungen. Und Bücher auch. Hast du gehört, was mein Onkel gesagt hat, Pegeen? Du kriegst Bücher und Zeitungen, so viel du willst.«

»Ich habe es gehört«, sagte Pegeen tonlos.

Edward beeilte sich, hinzuzufügen: »Und sie bekommt eine Summe, mit der sie machen kann, was sie will, mindestens tausend Pfund im Jahr und …«

»Und ein richtiges Pferd?«, fragte Jeremy wieder. »Für mich allein?«

»Ja. Und ein Gewächshaus, in dem das ganze Jahr über Rosen wachsen, sogar im Winter.«

Pegeen biss sich auf die Unterlippe und ließ sie wieder los. Ihre kleinen, ebenmäßigen Zähne hinterließen die Lippe prall und blutrot. »Jetzt machen Sie sich wirklich lächerlich. Rosen das ganze Jahr über, und das ausgerechnet in Yorkshire?«

Edward versuchte, ihre edel geschwungenen Lippen zu ignorieren, die äußerst verlockend aussahen. Er fragte sich, ob der Vikar sie geküsst hatte, und bereute immens, den Mann nicht verprügelt zu haben.

»Wir haben sie aber«, sagte er und musste sich räuspern. »In Rawlings Manor. Ich lüge Sie nicht an. Kommen Sie mit und sehen Sie selber. Als Teil der Abmachung stelle ich mich gern weiterhin zur Verfügung, alle ungewollten Verehrer zu verjagen, und das ganz und gar kostenlos.«

Mit einem kaum unterdrückten Lächeln sagte Pegeen: »Jerry, hüpf da runter. Du musst zurück in die Schule.«

Jeremy bewegte sich nicht. »Können wir nicht mit ihm gehen, Pegeen? Ich will die Rosen sehen, die das ganze Jahr blühen, auch im Winter.«

»Dein Onkel und ich werden darüber reden«, sagte sie. »Aber ich sag mal, ich glaube eher nicht.«

Jeremy stöhnte enttäuscht. »Aber warum denn nicht?«, jammerte er.

»Weil es nicht so einfach ist, Jeremy.« Pegeen erhob sich vom Tisch und begann, die Teller und Schüsseln abzuräumen. Sie gab Acht, dass Lord Edward die Tränen nicht entdecken konnte, die ihr in die Augen traten. »Man kann nicht … man kann nicht einfach mit Versprechungen von Pferden und von Rosen, die das ganze Jahr über blühen, hier hereinschneien und von uns erwarten, einfach so zu vergeben und zu vergessen.«

Sie pumpte kaltes Wasser auf die Teller und murmelte grimmig zu den Eisblumen auf dem Fenster: »Ich lasse mich nicht kaufen, wissen Sie. Nicht für einen Stapel Zeitungen.«

Edward erhob sich, wobei er Jeremy auf den Boden stellte. Obwohl er keine Ahnung hatte, woher auf einmal die Worte kamen, so brachen sie doch plötzlich wie ein Wasserfall aus ihm hervor.

»Miss MacDougal, bitte verzeihen Sie mir«, sagte er in Richtung des schmalen Rückens des Mädchens. »Ich weiß, es gibt keine Möglichkeit für mich, Sie für das zu entschädigen, was Sie im letzten Jahr durchmachen mussten, als Sie sich ganz allein um Jeremy gekümmert haben. Aber Sie müssen mir glauben, dass ich es nicht zugelassen hätte, wenn ich davon gewusst hätte. Und ich bitte Sie, nein — ich flehe Sie an, mir die Chance zu geben, es wieder gut zu machen, indem Sie mit mir nach Rawlings Manor kommen, wo ich Ihnen mein Wort darauf gebe, dass es genügend Kohlen für ein Feuer in jedem Zimmer gibt, und Jeremy kann so viele Eier zum Frühstück haben, wie er will.«

Diese recht unelegante, doch von Herzen kommende Rede schien zwar auf Miss MacDougal keinen großen Eindruck zu machen — sie fuhr ungerührt fort, das Geschirr zu spülen –, doch Jeremy schien hoch erfreut darüber.

»Eier zum Frühstück, jeden Morgen?« Der Junge stellte sich an die Seite seiner Tante und zupfte an ihrem Rock. »Hast du gehört, Peggy? Eier an jedem Morgen!«

Edward erkannte, dass er einen unerwarteten Vorteil erlangt hatte und beeilte sich, seine Offensive auszubauen. »Und zu jedem Abendessen gibt es Fleisch.«

»Oh, können wir nicht mit ihm gehen, Peggy?«, bettelte der Junge. »Können wir’s nicht machen?«

»Vielleicht«, sagte Pegeen. Sie trocknete sich die Hände an einem Geschirrtuch, nahm die Schürze ab und hängte sie auf einen Haken neben der Speisekammertür. »Aber jetzt musst du erst einmal zurück in die Schule.« Jeremy blickte zu Edward empor — sein kleines Gesicht von einem glücklichen Lächeln verklärt. »Wenn Pegeen ›vielleicht‹ sagt, meint sie immer ›ja‹«, flüsterte er. Nach Preisgabe dieser nützlichen Information begann er, seine Stiefel anzuziehen.

Erst als Jeremy durch das Gartentor verschwunden war, drehte sich seine Tante zu Edward um und versetzte ihm eine derartige Ohrfeige, dass er Sterne sah. »Das ist für den Kuss«, sagte sie knapp. Dann ging sie, als sei nichts weiter geschehen, zur Anrichte und entnahm ihr eine Flasche Whiskey und zwei Gläser.

Edward taumelte noch von ihrem Schlag, der für ein so kleines Weibsstück überraschend hart gewesen war. Er war nicht mehr von einer Frau geschlagen worden, seit — nun, er konnte sich nicht mehr erinnern —, aber es war jedenfalls höchst unangenehm. Er hob die Hand und rieb sich das Kinn, während er Pegeen misstrauisch dabei zusah, wie sie großzügig einschenkte und ihm dann ein Glas herüberschob.

»Hier«, sagte sie und setzte sich auf einen Stuhl, der dem seinen am Tisch gegenüber stand. »Sie sehen aus, als bräuchten Sie das jetzt genauso wie ich.« Mit einer geübten Bewegung aus dem Handgelenk goss Pegeen sich den gesamten Inhalt des Glases in die Kehle.

»Oh«, hustete sie einen Moment später. »Das war aber auch nötig.«

Edward, der über die Ohrfeige noch keineswegs hinweggekommen war, war nicht sicher, was er sagen sollte. Was mochte sich das Mädchen wohl gedacht haben? Hatte sie ihre gemeinsame Umarmung nicht genauso genossen wie er? Er konnte die Lust in ihren Augen nicht missverstanden haben, genauso wenig wie das Verlangen dieser süßen Lippen oder die Art, wie sich ihr Körper bereitwillig an den seinen schmiegte. War sie vielleicht verrückt? Oder stritt sie die Wahrheit einfach wider besseres Wissen ab?

Er hob das Whiskeyglas an die Lippen und trank, um gleich darauf fast zu ersticken; es fühlte sich an, als stehe sein Schlund in Flammen.

»Was ist das für ein Zeug?«, krächzte er, als er wieder sprechen konnte.

Pegeen sah in ihr leeres Glas und hob unschuldig die Brauen. »Bloß irgendein Malzwhiskey, in Applesby destilliert. Was ist denn damit? Ist ein bisschen zu stark für Sie, was?«

»Stark?« Edwards Augen waren von Tränen verschleiert. »Es ist, als trinke man Äther …«

»Ach so. Vielleicht ist er einfach gewöhnungsbedürftig. Ich trinke ihn schon mein ganzes Leben lang.« Wie um dies unter Beweis zu stellen, goss sich Pegeen noch ein Glas voll. »Er ist wie Muttermilch für mich. Noch einen?«

Edward, der sich noch nicht erholt hatte, schüttelte den Kopf. »Bleiben Sie mir vom Leibe«, drohte er und hob einen warnenden Finger in ihre Richtung. »Seit ich Sie getroffen habe, bin ich von einem Pfaffen beschimpft worden, habe fast einen Finger verloren, bin geschlagen worden, und dann hat man mir fast die Kehle verbrannt. Ich glaube nicht, dass ich noch viel aushalten kann.«

Sie lächelte ihn keck an. »Wenn Sie auf Sir Arthur gehört und sich ferngehalten hätten — diese Botschaft habe ich ihm jedenfalls aufgetragen —, dann säßen Sie jetzt vor einem lodernden Kaminfeuer und könnten eine feine Pfeife und einen Brandy genießen, indes Ihr Haupt im Schoß Ihrer Mätresse ruht.«

Edward starrte sie düster an. »Und was genau wissen Sie über Mätressen?«, verlangte er misstrauisch.

Das kesse Lächeln wurde kühl. »Oh, wieso? Nichts natürlich. Was könnte eine kleine Vikarstochter wie ich schon über das weltgewandte Leben eines Gentleman von Ihrem Kaliber wissen?«

Edward starrte sie weiterhin finster an und dachte an den Kuss, den sie geteilt hatten. Er war sich zwar recht sicher, dass sie so etwas nicht regelmäßig tat, aber genauso sicher, dass sie eine ganze Menge übers Küssen wusste. Obwohl er sich beim besten Willen nicht vorstellen konnte, woher. »Ich gehe nach Ihren Worten davon aus, dass Sie einiges mehr wissen, als Sie zugeben. Wie alt sind Sie überhaupt?«

Sie hob eine elegant geschwungene Braue. »Was für eine Unverschämtheit. Warum, um alles in der Welt, sollte ich Ihnen mein Alter verraten?«

Edward zuckte die Achseln. »Ich bin Familienmitglied.«

»Von Jeremy vielleicht, aber nicht von mir«, beharrte sie. »Im Gegensatz zu meiner Schwester Katherine würde ich nie einen Aristokraten heiraten, nicht für allen Tee aus China.«

»Ich dachte, Sie wollen sowieso nie jemanden heiraten. Erinnern Sie sich?« Er grinste. »Ich hätte nicht erwartet, dass diese Einstellung bei Männern meines Standes eine Ausnahme macht.«

»Oh, das tut sie auch nicht. Ich denke sogar, dass Männer wie Sie, zu den verabscheuungswürdigsten Ihres Geschlechts gehören.«

Er merkte, dass sie seine Reaktion beobachtete wie ein Schuljunge eine Spinne, der er gerade ein Bein herausgerissen hat. Er konnte nicht widerstehen zu fragen: »Oh? Und wie kommt das, bitte schön?«

»Es sind Männer wie Sie, welche die wichtigen Reformen blockieren, die Frauen und Kindern im ganzen Land helfen würden«, erwiderte sie lebhaft. »Vielleicht sogar auf der ganzen Welt, weil man sich allerorten an England als moralischer Instanz orientiert.«

Edward platzte fast das Lachen heraus. »Wovon reden Sie, um Gottes willen?«

»Sie wissen es wirklich nicht?« Pegeen verdrehte die Augen ob seiner Unwissenheit. »Ich rede von jungen Mädchen, die nach London geschickt werden um ein Handwerk zu lernen und schließlich auf den Straßen herumlungern müssen, weil sie von ihren Arbeitgebern vergewaltigt oder verführt worden sind …«

»Was?«, rief Edward ungläubig.

»… und die von ihren Familien als beschädigte Güter angesehen werden, sodass ihnen nichts bleibt, als Prostituierte zu werden«, fuhr Pegeen fort, als hätte er sie nicht unterbrochen. Sie stützte die Ellbogen auf den Tisch auf und redete weiter. »Ich rede von Frauen, die jedes Jahr eine Geburt ertragen müssen, eine nach der anderen, Jahr um Jahr, weil sie so ungebildet sind, dass sie nicht wissen, wie sie Schwangerschaften vermeiden können, und das alles, weil Männer es nicht für nötig halten, ihren Töchtern Bildung zu verschaffen, denn das sehen sie nicht als lohnenswerte Investition an …«

»Gütiger Gott!« Edward sog die Luft ein; er spürte, wie ihm das Blut ins Gesicht stieg. »Was, in Gottes Namen, hat sich Ihr Vater dabei gedacht, Sie Zeitungen lesen zu lassen? Das ist, als gäbe man einem Zuckerkranken einen Karton Schokolade!«

»Ich muss doch bitten«, schnaubte Pegeen und lehnte sich im Stuhl zurück. »Ich sage die Wahrheit. Ich kann auch nichts dafür, wenn Sie die Jagd auf unschuldige Füchse zu sehr in Anspruch genommen hat, um wahrzunehmen, was vor der Haustür passiert.«

»Mein liebes Mädchen, Sie haben zu lange alleine gelebt. Wenn ich Sie erst mal nach Rawlings gebracht habe …«

Sie blitzte ihn so giftig an, dass er abbrach. »Dann werden Sie was? Mich etwa intellektuell verhungern lassen? So, wie es mit Frauen in allen Zeitaltern geschehen ist?«

»Ich werde Sie übers Knie legen und Ihnen die Abreibung verpassen, die Sie so bitterlich nötig haben. Und überhaupt, was können Sie schon über Prostituierte wissen oder über Schwangerschaftsverhütung? Sie sind doch höchstens selber erst seit einem Jahr aus der Schule.«

»Zufälligerweise«, erklärte sie, ihre Augen vor Entrüstung weit aufgerissen, »werde ich nächsten Monat zwanzig Jahre alt!«

Edward begann zu kichern und ließ sich in den Stuhl zurücksinken. Das Mädchen starrte ihn zornig an. »Was ist so lustig, bitte schön?«

»Sie. Ich habe Sie dazu gebracht, mir doch noch Ihr Alter zu verraten, nicht wahr?«

Er klatschte sich freudig auf den Oberschenkel, als habe er gerade Alistair Cartwright bei einer Partie Billard geschlagen.

Sie funkelte ihn noch einen Moment an, zuckte dann aber gleichmütig mit den Schultern und wandte ihre Aufmerksamkeit wieder dem Whiskey zu.

Wider besseren Wissens fixierte Edward sie verwundert. Mit ihren großen grünen Augen und dem spitz zulaufenden Gesicht, umrahmt von weichen, dunklen Locken, mit der elfenbeinfarbenen Haut und den rosigen Wangen sah sie so unschuldig aus wie ein Schulmädchen. Wenn er allerdings den Blick zu ihrem an eine Rosenknospe erinnernden Mund wandern ließ, ahnte er, dass dieses unschuldige Aussehen bloß ein Trick, eine Ablenkung war. Hinter diesem engelhaften Gesicht verbarg sich eine Frau, deren sexueller Appetit gieriger war als bei jeder anderen, die er bisher kennen gelernt hatte.

Und vorlaut war sie obendrein. Gott stehe ihm bei, was sollte er bloß mit ihr machen?

Und woran lag es, dass — obwohl sie ein so ärgerliches Verhalten an den Tag legte — er diesen schamlosen Mund noch immer küssen wollte? Unmögliche Kreaturen, solche jungen Mädchen. Er zog reifere Frauen unbedingt vor, und ganz besonders verheiratete Frauen.

»Wenn wir zusammen unter einem Dach leben sollen«, begann er, »können wir dann nicht wenigstens Freunde sein?«

Pegeen erhob sich und ging zum Waschbecken hinüber, um die Whiskeygläser auszuspülen. Sie bedachte ihn mit einem misstrauischen Blick über die Schulter. »Zusammenleben? Wovon reden Sie bloß?«

»Sie haben eingewilligt, mit Jeremy nach Rawlings zu kommen.«

»Ich habe nichts dergleichen gesagt!«

Er merkte, dass er finster blickte – auf eine bösartig finstere Art, die eine der älteren Herbert-Töchter einst in eine hysterische Attacke versetzt hatte —, aber er konnte sich nicht helfen. »Sie haben ›vielleicht‹ gesagt …«

»Das habe ich. Und seit wann heißt ›vielleicht‹ auch ›ja‹?«

»Miss MacDougal.« Edward fiel nichts mehr ein. Die ganze Zeit dachte er schon, er hätte den Krieg gewonnen, dabei war er offensichtlich kaum in der ersten Schlacht. Er hatte das unbändige Bedürfnis, seine Fäuste zu gebrauchen, welch ein Unglück, dass der Vikar nicht mehr in Reichweite war. »Ich habe mich bei Ihnen für die Ablehnung meines Vaters entschuldigt. Ich habe diesem verdammenswerten Vikar jeden Penny zurückbezahlt, den er für Sie angeblich ausgegeben hatte. Ich habe alles in meiner Macht Stehende getan, um Ihnen zu beweisen, dass ich es aufrichtig meine, wenn ich Ihnen verspreche, dass Sie alles, wirklich alles haben können, was Sie wollen — wenn Sie zustimmen, mit Jeremy und mir nach Rawlings zu kommen. Was kann ich denn noch tun, um Sie davon zu überzeugen, dass meine Absichten, Ihnen und unserem Neffen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, wirklich ernst sind?«

Ihr Rücken war ihm zugewandt, und in einer sanften, ruhigen Stimme sprach sie — mehr zum Fenster als zu ihm: »Nichts. Ich glaube Ihnen. Ich weiß, dass Sie das Richtige machen wollen. Nur …«

»Nur was?«

»Nur … Wie viel, Lord Edward, wissen Sie über meine Familie?« Als sie sich zu ihm umwandte, wirkten ihre grünen Augen unnatürlich groß. »Was wissen Sie über meine Schwester?«

»Nichts.« Edward zuckte mit den Achseln. »Aber wenn sie auch nur im Geringsten wie Sie war, dann ist es kein Wunder, dass mein Bruder einen frühen Tod gestorben ist.«

Es überraschte ihn nicht, dass Pegeen über diesen Scherz nicht lachte. »Nichts? Gar nichts? Sie haben sie nie getroffen?«

»Das müssten Sie doch eigentlich wissen. Mein Bruder hat Ihre Schwester hier in Applesby getroffen, weil er übers Wochenende zur Jagd hier war. Sie sind unklug und vor allen Dingen vorschnell zusammen durchgebrannt, und als mein Vater sich weigerte, die Heirat anzuerkennen, haben sie sich auf den Kontinent abgesetzt. Keiner der beiden kehrte lebendig zurück. Was meinen Sie denn, Miss MacDougal?«

Sie gab keine Antwort, jedenfalls nicht umgehend. Stattdessen sah sie auf ihre Hände hinab. Edward folgte ihrem Blick und dachte daran, wie sich diese Hände in seinem Haar angefühlt hatten. Er stellte sich vor, wie es wäre, wenn sich diese kleinen, kühlen Hände an den Knöpfen seiner Kniebundhose zu schaffen machten …

»Wir kommen mit«, sagte sie plötzlich, so leise, dass Edward nicht sicher war, richtig gehört zu haben. Er sah abrupt auf. »Wie bitte?«

»Wir werden mit Ihnen kommen«, sagte Pegeen noch einmal, diesmal etwas lauter.

»Miss MacDougal!«

»Unter einigen Bedingungen.«

Edward zog die Brauen zusammen. »Miss MacDougal …«

»Ich habe abschließend über alles zu entscheiden, was Jeremy betrifft. Ich werde nicht erlauben, dass er von Leuten, die ihn beeinflussen wollen verwöhnt und mit Geschenken überhäuft wird. Er wird so normal wie möglich aufgezogen …«

»Das wird so nicht funktionieren«, sagte Edward höhnisch. »Jeremy ist Herzog von Rawlings. Was stellen Sie sich vor? Soll er mit den gewöhnlichen Straßenjungen zusammen in die Dorfschule gehen?«

»Jeremy ist ein gewöhnlicher Junge, Lord Edward. Das war er jedenfalls bis heute. Ich fände es gut, wenn es so lange wie möglich so bleibt. Und wenn ich mit ihm gehe, dann brauche ich natürlich eine Beschäftigung.«

»Ich bitte um Verzeihung?«

»Ich brauche etwas, um mich zu beschäftigen, Lord Edward. Im Gegensatz zu Ihnen bin ich das müßige Leben nicht gewohnt. Vielleicht könnte ich Ihren Haushalt verwalten.«

»Ich habe eine Hausverwalterin«, knurrte Edward.

»Dann könnte ich mich vielleicht um die Buchhaltung kümmern. Ich habe für meinen Vater immer die Finanzen der Kirche geregelt. Ich kann gut mit Zahlen umgehen.«

»Das überrascht mich nicht«, bemerkte Edward trocken. »Wie dem auch sei, Sir Arthur macht meine Buchhaltung.«

»Nun, Lord Edward.« Ihre Gereiztheit war deutlich in ihrer Miene zu lesen. »Irgendetwas muss es doch geben, was ich in Rawlings Manor tun kann.«

Edward starrte sie an. Er konnte sich eine Menge Dinge vorstellen, die sie sicher glänzend erledigen konnte. Nichts davon war jedoch angemessen für eine unverheiratete junge Lady, und schon gar nicht für eine, die Mary Wollstonecrafts Eine Verteidigung für die Rechte der Frau verschlungen hatte. So sagte er schließlich unverbindlich: »Wir finden schon eine Beschäftigung für Sie, keine Angst. Nun, was noch?«

Sie biss sich auf die Unterlippe. »Nun, ich schätze, wenn ich die Tante eines Herzogs bin, dann brauche ich … ich werde wahrscheinlich präsentabel aussehen müssen. Ich meine, ich besitze nur dieses Kleid und noch eins für die Kirche …«

Edward folgte wiederum ihrem Blick und bemerkte dabei, dass ihre Wangen dunkelrot verfärbt waren. Er wusste nicht, worüber sie sich Sorgen machte. Das Kleid war einfach, gewiss, aber es stand ihr auf eine reizende Art und Weise. In seiner Bekanntschaft gab es mehrere Frauen, die mit Freuden jemanden dafür getötet hätten, in einem so ärmlichen Kleid so gut auszusehen.

Aber er nickte ernsthaft. »Ja. Eine neue Garderobe gehört natürlich dazu.«

Pegeen seufzte erleichtert, um kurz darauf wieder zu zögern.

»Ich … ich werde auch etwas Geld leihen müssen.« Sie senkte den Blick, und er sah sie abermals erröten. »Um einer Familie hier im Ort helfen zu können.«

Also wirklich, das ging nun aber zu weit.

»Warum hilft dieser verdammte Vikar denen nicht?«, forderte Edward verärgert. »Das ist doch seine Aufgabe, oder etwa nicht?«

»Er tut es aber nicht.« Seufzend sah sie zu ihm auf.

Ihre Wangen waren noch röter, mehr sogar als nach dem Kuss. »Mrs. MacFearley ist die Dorfprostituierte, und ich war heute Morgen dabei, als sie ihr sechzehntes Kind zur Welt brachte …«

»Sie waren was?« Hätte sie gesagt, sie sei bei Jesu Geburt zugegen gewesen, er hätte nicht überraschter sein können.

Pegeen hustete verlegen. »Tja. Sonst kümmert sich keiner darum, verstehen Sie, und wenn ich ihr wenigstens ein bisschen Geld geben könnte, dann könnte sie sich eine Zeit lang erholen. Ihre Kraft zurückgewinnen, bevor sie weiterarbeitet …«

Edward hob eine Braue. »Das ist mal was Neues«, bemerkte er. »Ein Mann meines Standes bezahlt eine Dame der Nacht dafür, nicht mit jemandem zu schlafen.« Als er bemerkte, dass das Mädchen über seinen Sarkasmus nicht einmal lächeln konnte, seufzte auch er und steckte die Hand in seine Westentasche. »Wie viel?«

Sie biss sich wieder in ihre pralle Unterlippe. »Sind … sind fünf Pfund wohl zu viel? Ich schwöre, ich zahle es zurück. Meine Arbeit ist dreißig Pfund im Jahr wert …«

»Hmmm.« Er schätzte die Münzen in seinem Geldbeutel. »Lassen Sie’s uns auf zwanzig aufrunden, oder nicht? Wer weiß, vielleicht benutzt sie es als Köder und besorgt sich einen Ehemann. Ich glaube, Mr. Richlands ist jetzt frei, oder nicht?«

Er war überrascht, wie sehr sie diese beiläufige Bemerkung glücklich machen konnte. Pegeen klatschte in die Hände und war überhaupt nicht mehr peinlich berührt; sie wirbelte sogar in der Küche herum. »Zwanzig Pfund? Meinen Sie das ernst? Machen Sie’s wirklich? Oh, danke, Lord Edward, danke schön!«

Bevor er wusste, wie ihm geschah, war sie auf ihn zu gewirbelt und hatte beide Arme um seinen Nacken geworfen, um ihre kirschroten Lippen auf die gleiche Wange zu drücken, die sie keine halbe Stunde zuvor geohrfeigt hatte.

Edward zuckte zusammen, als er den sanften Druck ihrer kecken Brüste spürte. Bevor er sich halten konnte, hatte er sein Gesicht bereits so gedreht, dass ihre Lippen statt seiner Wange auf die seinen trafen. Sein Arm kroch um ihre schlanke Taille und zog sie auf seinen Schoß.

Er merkte, wie sie sich sofort versteifte … aber ihre Lippen waren süß auf den seinen, so sehr, dass er sie nicht loslassen konnte, jetzt noch nicht. Er hatte sich gewundert, ob sie die Ohrfeige ernst gemeint hatte, aber jetzt hatte er die Antwort. Sie hatte ihn geschlagen, weil das eine wohlerzogene Pfarrerstochter eben tun musste, wenn ein fremder Mann Annäherungsversuche machte. Aber im Herzen hieß sie seine Nähe willkommen. Deswegen schien sie jetzt in seinen Armen zu schmelzen, die Augen geschlossen, das Herz wild schlagend in der Brust …

Erst als er eine Hand emporwandern ließ, um eine dieser erlesenen Brüste zu umfassen, die unter ihrem engen Wollmieder lagen, sprang sie von seinem Schoß auf, wie eine erschreckte Katze.

»Lord Edward!«, rief sie; ihre Pupillen waren so geweitet, dass ihre Augen schwarz aussahen.

Edward, von ihrem süßen Aroma noch ganz benommen, streckte die Hand aus. Er wollte sie zu sich zurückziehen, ihre Wärme und Weichheit, ihre Neugier zu lernen. Aber sie zog sich von ihm zurück, bis sie mit dem Rücken ans Waschbecken am entfernten Ende des Raumes stieß.

»Lord Edward«, sagte sie verwirrt. »Nicht noch einmal. Das habe ich Ihnen gesagt!«

Er sah sie an und dachte, dass sie die einnehmendste Kreatur war, die er in langer, langer Zeit getroffen hatte, und erkannte plötzlich, dass er sie verlieren konnte, wenn er seine Karten falsch ausspielte. Sie war keine verheiratete Frau, die sich im Schlafzimmer auskannte. Sie war eine Jungfrau — zugegeben, eine sehr sinnliche —, und sie wirkte mehr überrascht über ihre eigenen Reaktionen auf seine Avancen als über die Tatsache, dass er diese Avancen gemacht hatte.

»Miss MacDougal«, sagte er und erkannte seine eigene Stimme kaum, so rau klang sie. Er räusperte sich und versuchte es noch mal.

»Miss MacDougal. Ich kann mich nicht genug entschuldigen. Ich weiß nicht, was über mich gekommen ist. Sie müssen mir glauben, es wird nie wieder passieren.« Selbst als er dies sprach, starrte er auf ihren Busen, diese faszinierende Art, wie sich ihre Brustwarzen — wie harte Steinchen in den Körbchen ihres Korsetts — durch den dicken Stoff drückten. »Schließlich«, sagte er grinsend, »sind Sie meine Schwägerin.«

Diesmal hätte er damit rechnen müssen, aber dieser wuchtige Schlag auf seine Wange war trotzdem schockierend. Sie schlug sogar härter zu als vorher, ließ wahrscheinlich all ihre aufgestauten Gefühle an seiner Kinnlade aus. Verdammt, sie hatte wirklich einen guten rechten Haken!

»In Rawlings wird es nichts dergleichen geben«, verkündete Pegeen wütend. Ihre Augen versprühten grünes Feuer. »Verstehen Sie mich überhaupt? Wenn Sie mir auch nur einen schiefen Blick zuwerfen, sind Jeremy und ich sofort auf dem Rückweg hierher!«

»Absolut«, sagte Edward und rieb sich reumütig das Kinn. »Sie haben absolut recht.«

Ohne ein weiteres Wort drehte sie sich schwungvoll um und stolzierte aus dem Zimmer, wobei ihr Hinterteil aufreizend hin und her schwang. Edward war sicher, dass ihr das nicht bewusst war.

»Außerdem waren es sechzehn Pfund, acht Pence, Sie Schwächling«, warf sie beim Hinausgehen über die Schulter.

Er dachte an die Münzen, die er in Richlands Tasche geschoben hatte, und begann kopfschüttelnd zu kichern. Der verdammte Vikar hatte ihn um ein Pfund betrogen.

5. Kapitel

Der bitterkalte Nordwind drückte Pegeens Krinoline gegen das Reifengestell, das sie darunter trug. Er drang durch ihren neuen Biberpelzumhang und ließ ihre Augen tränen. Sie nahm das Taschentuch von der Platzwunde oberhalb ihres Haaransatzes, an die sie es gepresst hatte, und tupfte sich die Augenwinkel mit einer sauberen Ecke des mit Monogramm bestickten Leinens, wobei sie hoffte, Jeremy würde es nicht bemerken und denken, dass sie weinte. Zu spät jedoch fiel ihr auf, dass er sie beobachtet hatte; seine hellen Augen waren in dem rotwangigen Gesicht geweitet.

»Hal-lo!«, rief er, nein schrie er fast, so laut war der Wind. »Nun seht mal, was ihr angerichtet habt, ihr Rüpel, ihr habt meine Pegeen zum Weinen gebracht!«

Die drei Männer, die sich verzweifelt anstrengten, den Brougham aus dem Graben zu hieven, in den er gerutscht war, sahen von ihrer Arbeit auf. Ihr keuchender Atem bildete große weiße Wolken. In den grün-weißen Rawlings-Livreen war ihnen sicher kälter als Pegeen, aber durch die Anstrengung glänzte Schweiß auf ihrer Haut, und das Haar des Lakaien klebte feucht in seinem Nacken.

Seit der letzten halben Stunde, seit die Kutsche von der Straße abgekommen war — falls man diesen armseligen vereisten Trampelpfad, der zu Rawlings Manor führte, überhaupt Straße nennen konnte — wünschte sich Pegeen, dass sie und Jeremy Applesby niemals verlassen hätten. Um diese Nachmittagszeit säßen sie normalerweise gemütlich vor dem Kaminfeuer und würden ihren Tee genießen, anstatt hier in einem Moor zu frieren; es war so verlassen und kalt, dass selbst die Straßenräuber fortblieben.

Neben ihr trat Sir Arthur Herbert im Schnee unbehaglich von einem Fuß auf den anderen und tippte ihr schließlich mit blasiert anmutender Besorgtheit auf den Arm.

»Miss MacDougal, ich kann mich für diesen unglücklichen Zwischenfall nicht genug entschuldigen.« Sir Arthur hatte sich ohne Unterlass entschuldigt, seit die Kutsche im Graben gelandet war. Pegeen hatte gehofft, dass ihn wenigstens die Kälte verstummen lassen würde. Unglücklicherweise hatte Jerrys zorniger Ausruf, dass Pegeen weine, der Besorgnis des Verwalters zu neuem Elan verholfen. »Sind Sie sicher, dass Sie sich nicht hinsetzen wollen? Ist Ihnen nicht kalt? Darf ich Ihnen meinen Mantel anbieten?«

»Mit Sicherheit nicht«, verkündete Pegeen entschlossener, als ihr zumute war. Sie verzichtete auf den Hinweis, dass — würde sie sitzen wollen — es keine geeignete Stelle dafür gab, denn der Brougham war zur Hälfte im Graben, und es gab weit und breit nichts, was als Sitzfläche hätte dienen können. »Mir geht es gut, Sir Arthur. Jeremy hat sich geirrt. Ich weine nicht.«

Sie drehte den Kopf so, dass Sir Arthur ihr Gesicht hinter dem breiten Schirm ihres neuen Häubchens nicht sehen konnte, und bedachte Jeremy mit einem missbilligenden Blick, bei dem sich ihre schmalen Brauen fast über dem Nasenansatz berührten. Sobald sie in Rawlings ankämen, würde sie eine ruhige Minute mit ihm finden müssen. Seitdem Jerry wusste, dass er der neue Herzog von Rawlings werden würde, benahm er sich fast unerträglich.

Der neue Herzog also blickte in das Gesicht seiner Tante und kreischte: »Es blutet schon wieder! Peggy, dein Kopf blutet!«

So ein Blödsinn. Pegeen drückte Lord Edwards Taschentuch auf die Platzwunde, die sie sich zugezogen hatte, als der Brougham umkippte. Es tat nicht besonders weh, und sie verstand die ganze Aufregung nicht; es war nur ein kleiner Schnitt, der ohnehin von ihren Haaren verborgen wurde. Aber dennoch hatte es recht heftig geblutet, genug jedenfalls, um Sir Arthur blass werden zu lassen und Lord Edward zu veranlassen, sich zu Fuß auf die Suche nach Hilfe zu machen.

»Das ist besser«, sagte Jeremy und grinste sie schelmisch an. Er sah glücklicher aus als je zuvor, seit sie ihre lange Reise nach Süden angetreten hatten. Sogar der einwöchige Aufenthalt in London war für Jeremy nicht so aufregend gewesen wie dieser Kutschenunfall. Seine Augen glitzerten, als er abermals die Geschichte erzählte, wie Lord Edward Pegeen vor dem sicheren Tod gerettet hatte, als Sir Arthur bei dem Unfall mit seinen Körpermassen in ihre Richtung gerutscht war.

»Sobald er merkte, dass sie umkippt«, schwärmte Jerry und langte hinauf, um an dem Ärmel von Pegeens dunkelgrünem Reisekleid zu zupfen, »hat Onkel Edward dich auf sich gezogen, nicht wahr, Pegeen? Ich schätze, er hat dir das Leben gerettet. Ich denke, Sir Arthur hätte dich zerquetscht wie eine Traube, wenn er auf dich gefallen wäre.«

»Das reicht jetzt, Jerry«, sagte Pegeen mild. »Es ist mir durchaus bewusst, dass Lord Edward mir das Leben gerettet hat. Ich habe mich schon bei ihm bedankt.«

Sir Arthur Herbert räusperte sich. Er hatte den Kommentaren des jungen Herzogs bezüglich seiner Körperfülle mit wachsendem Gefühl der Peinlichkeit zugehört und seine Grenze war offenbar erreicht. »Hören Sie, Mylord, warum laufen Sie nicht mal schnell auf den Hügel da vorne und sehen nach, ob Ihr Onkel mit einem Hilfstrupp auftaucht?«

Jeremy brauchte keine weitere Aufforderung, um ein wenig von seiner scheinbar unerschöpflichen Energie loszuwerden. Wie ein Wiesel lief er in Richtung der schneebedeckten Hügelspitze. Pegeen benutzte die Gelegenheit, ihre tränenden Augen zu wischen. Der Wind war schärfer geworden und wehte Schnee und Eiskristalle hoch, und ihre Nase und Wangen fühlten sich eiskalt an. Beim Unfall war Pegeens Haar aus dem Haarnetz gerutscht, aber ihre Finger waren zu gefühllos vor Kälte, um die widerspenstigen Strähnen wieder an ihren Platz zu bringen. Dafür bewahrten die Locken ihre Ohren jetzt vor dem Frost. Sie stampfte mit den Füßen auf, denn ihre Zehen fühlten sich in den Lederstiefeln bereits taub an. Sie erkannte, dass es auf diesem gottverlassenen Moor keine Stelle gab, an der man sich vor dem beißenden Wind schützen konnte. Sie hatten wohl den Kutschenunfall nur überlebt, um wenige Meilen vor ihrem Ziel zu erfrieren.

»Meine verehrte Miss MacDougal«, ermahnte sie Sir Arthur. »Sie sind schon blau angelaufen vor Kälte. Bitte gestatten Sie mir, Ihnen meinen Mantel zu geben. Mir reicht meine Schoßdecke aus dem Brougham voll und ganz …«

»Machen Sie sich nicht lächerlich, Sir Arthur«, gab Pegeen durch klappernde Zähne zurück. »Ich bin vollkommen in Ordnung. Ich weiß nicht, wie oft ich das noch sagen muss, bevor mir endlich einer glaubt.« Der hämmernde Schmerz in ihrem Kopf strafte diese Aussage Lügen, aber sie sah keinen Grund, Sir Arthur noch einen Grund zum Lamentieren zu liefern. Sie biss sich auf die Unterlippe und ertrug den Schmerz still, froh darüber, den Wind für die Tränen in den Augen verantwortlich machen zu können.

»Ich denke, wir haben’s fast geschafft«, rief einer der Kutscher, und Pegeen sah hoffnungsvoll auf. Der Lakai führte die vorderen Pferde und feuerte das Gespann an, während die beiden Kutscher im Graben das schwere, schwarze, mit Beschlägen verzierte Gefährt mit aller Kraft anschoben. Pegeen dachte, dass ein Mann von Sir Arthurs Körpergröße dort unten beim Schieben eine große Hilfe wäre, aber er schien zu glauben, er sei nützlicher, wenn er sich um sie kümmerte. Selbst in diesem Moment tätschelte er ihre Schulter und murmelte: »Da, sehen Sie! Sie haben es fast geschafft. Gute Jungs sind das. Lord Edward nimmt nur die Besten, wissen Sie …«

Aber es war offensichtlich, dass es mehr als drei dieser Besten von Lord Edward Rawlings brauchen würde, um die Kutsche wieder aufzurichten. Die nervösen Pferde fanden keinen Halt auf dem gefrorenen Weg, und als die Vorderräder der Kutsche auf die Straße rollten, stolperte das vordere Paar des Vierspänners und brachte das gesamte Gespann wieder ins Rutschen, sodass sie alle erneut im Graben landeten. Pegeen schrie eine Warnung, und die beiden Kutscher sprangen in letzter Sekunde zur Seite.

»Oh«, rief Pegeen. Jetzt war ihr wirklich zum Heulen zumute. »Oh, ist das schrecklich! Diese armen Männer! Und die armen Pferde! Sir Arthur, wie lange brauchen Lord Edward und der Lakai, um nach Rawlings Manor zu laufen? Es ist zwar noch nicht Teezeit, ich weiß, aber es wird schon bald dunkel …«

»Seien Sie zuversichtlich, Miss MacDougal.« Sir Arthur sah genauso geknickt aus, wie sie sich fühlte. Er säße jetzt wohl auch lieber gemütlich Tee trinkend vor einem kräftigen Feuer. »Haben Sie Vertrauen. Lord Edward Rawlings wird uns bestimmt nicht im Stich lassen.«

Vertrauen zu Lord Edward Rawlings war etwas, das Pegeen vollkommen abging. Obwohl er in den vierzehn Tagen seit ihrer ersten Begegnung an diesem schrecklichen Tag in Applesby keinerlei unwillkommene Annäherungsversuche mehr unternommen hatte, war sie sich absolut nicht sicher, ihm vertrauen zu können.

Zwar hatte er sich als perfekter Gentleman erwiesen, während sie sich in seinem schönen Londoner Stadthaus aufhielten. Er hatte nach Sir Arthur und seiner Frau als Gesellschafter und Anstandspersonen geschickt, und obwohl Pegeen sich nicht viel aus Sir Arthur machte, fand sie doch schnell Gefallen an dessen Frau. Lady Herbert hatte alles, was ihrem Ehemann fehlte: gutes Aussehen, Humor, Verstand und Einfühlungsvermögen. Da sie selber fünf Töchter hatte, nahm sie die nicht enden wollende Kette von Schneiderterminen gelassen, die sich aus Lord Edwards Versprechen einer neuen Garderobe für Pegeen ergaben. Nach einem halben Dutzend Besuchen beim Hutmacher blieb sie wesentlich fröhlicher als Pegeen. Zwischen den Anproben eskortierte Lady Herbert Pegeen durch London. Gegen eine Besichtigung des Parlaments hatte sie nichts einzuwenden, obwohl die Sitzungsperiode noch nicht begonnen hatte; und sie fand so viel Freude an Museumsbesuchen, als sähe sie die Exponate zum ersten Mal.

Lord Edward kümmerte sich darum, dass der junge Herzog gut unterhalten wurde, und gab ihm Reitstunden in Regent’s Park. Sie machten mehrere Besuche im Zoologischen Garten und einen großen Einkaufsbummel. Dabei wurden Dinge angeschafft, die Pegeen rasend machten; sie fand es nicht angemessen, dass ein Junge in Jerrys Alter sein eigenes Gewehr besaß, geschweige denn, ein sechzehn Zoll großes Jagdpferd.

Aber es war nicht einfach, länger auf einen Mann böse zu sein, der sie alle zusammen jeden Abend zu teuren Dinners in Restaurants einlud, von denen sie bisher allenfalls gelesen hatte und sich nie hätte träumen lassen, je dort zu speisen. Und wie sollte sie ihre Ablehnung zum Ausdruck bringen, wenn er doch nach jedem dieser reichhaltigen Dinner, bestehend aus Hummer, Champagner und Baiser, Tickets für die Logen der Theater oder Opern zutage brachte? Die Tatsache, dass er selbst jeden Abend kurz nach dem Dinner verschwand, ging sie wohl kaum etwas an. Wie Lady Herbert dazu schulterzuckend anmerkte, war Lord Edward Rawlings ein Mann von Welt, und für einen solchen Mann war es etwas ermüdend, all seine Abende mit einem alten Ehepaar zu verbringen. Und, fügte Pegeen bei sich hinzu — weil Lady Herbert dazu viel zu wohlerzogen war —, mit einer prüden Pfarrerstochter.

Besonders prüde kam sich Pegeen regelmäßig morgens vor, wenn Lord Edward am Frühstückstisch zu ihnen stieß. Obwohl stets penibel und exquisit gekleidet, waren da doch unverkennbare Ringe unter seinen Augen, und manchmal war sie sich sicher, einen Hauch des Whiskeys aus der letzten Nacht in seinem Atem zu riechen. Kurzum, sie musste davon ausgehen, dass Lord Edward denjenigen Aktivitäten frönte, die man von einem Mann seines Alters und Standes erwartete, und sie fragte sich, wie viel er jeden Abend an den Spieltischen verlor und wie viele Mätressen er sich leistete.

Trotz ihrer Überzeugung, dass er in seinem zügellosen Lebensstil ein ziemlicher Verschwender sei, war Pegeens Höflichkeit ihm gegenüber doch vollkommen. Sie wollte nicht, dass Jeremy ihre Antipathie gegenüber dem Mann bemerkte. Es war ihr wichtig, dass ihr Neffe, der niemals in seinem Leben eine Vaterfigur gehabt hatte — mit Ausnahme seines Großvaters —, zu seinem Onkel aufblicken konnte. Und das würde er nicht können, wenn er merkte, wie sehr Pegeen diesen Mann ablehnte. Also behielt Pegeen ihre Meinung zum ersten Mal in ihrem Leben für sich. Jeden Morgen, wenn er matt und müde über seinem Kaffee hockte, musste sie sich auf die Zunge beißen, ihn nicht wegen seiner Exzesse aufzuziehen.

Aber selbst Pegeen musste sich eingestehen, von seiner Demonstration mannhaften Mutes im Verlauf des Kutschenunfalls beeindruckt zu sein. In dem Moment, als der Brougham die Balance verlor, hatte er seine Arme schützend um sie geworfen und sie aus der Gefahrenzone von Sir Arthurs rutschender Körpermasse gebracht. Unglücklicherweise war er nicht in der Lage gewesen, sie davor zu bewahren, ihren Kopf an die an der Decke des Brougham hängende Petroleumlampe zu rammen. Aber Lord Edwards besorgte Art, sich um sie zu kümmern – er hob sie sanft aus der Kutsche und presste sein edles Taschentuch an eine Wunde, die sie nicht sehen konnte und von der sie nicht glaubte, dass sie so schlimm war, wie alle taten. Dann die Tatsache, dass er darauf bestand, selber zu Rawlings Manor zu laufen und Hilfe zu holen. All das hob ihre Meinung von ihm um ein Hundertfaches. Sie konnte es daher auch nicht über sich bringen, sich über die Kälte zu beschweren — so gerührt war sie über Edwards Sorge.

Aber jetzt war er schon geraume Zeit weg. Pegeen war bis auf die Knochen durchgefroren und litt unter Kopfschmerzen. Wie weit war Rawlings von hier entfernt? Und wie lange würde es dauern, eine Kutsche fertig zu machen, die sie hier abholte?

Pegeen dachte an Sir Arthurs Frau mit ihrem sonnigen Gemüt und an die fünf Töchter des Ehepaars, und wie warm und glücklich der Aufenthalt in der letzten Nacht in deren baufälligem Landhaus gewesen war, das etwa zwölf Meilen von Rawlings entfernt lag. Wenn sie bloß von diesem schrecklichen Wintersturm geahnt hätten, bevor sie sich diesen Nachmittag in Richtung Rawlings Manor aufgemacht hatten. Wenn sie nur etwas eher aufgebrochen wären, hätten sie das Schlimmste früher hinter sich gelassen. Wenn nur … wenn nur ihre verdammten Zehen nicht so eiskalt wären!

»Oh, hallo, da!« Sir Arthur hob den Arm und signalisierte jemandem etwas — nicht in die Richtung, in die Jeremy gerannt war, sondern in die entgegengesetzte, aus der sie gekommen waren. »Hal-lo!«

Pegeen drehte den Kopf und blinzelte in den Wind. Sie sah einen Reiter in halsbrecherischer Geschwindigkeit näher kommen. Bei einem solchen Wetter, auf gefrorenem Boden, war es pure Dummheit, das Tier so zu hetzen. Mit plötzlichem Schrecken dachte sie, dass nur jemand auf der Flucht unter diesen Umständen so reiten würde und dass Sir Arthur vielleicht gerade einen Straßenräuber herbeiwinkte. Sie schluckte hart und stellte sich hinter den fassbäuchigen Ritter, wobei sie feststellte, dass sein Körper einen recht guten Windschutz für sie abgab.

»He da!«, rief Sir Arthur. »Können Sie uns helfen, Sir?«

Pferd und Reiter brachen durch die wirbelnden Schleier aus Schnee und Eis; Pegeen sah empor und stand vor einem riesigen, rotäugigen Hengst. Dampf stieß aus seinen schwarzen Nüstern empor. Der Reiter des Tiers schien nicht weniger einschüchternd. Ganz in Schwarz gekleidet, blickte der breitschultrige Mann, dessen Augen wie Stahl wirkten, grinsend auf sie herab. Mit einem kleinen Schreck des Erkennens sah Pegeen, dass es kein anderer war als Lord Edward. Er beherrschte das gewaltige Ross mit anmutiger Kraft und pfiff durch seine weißen, ebenmäßigen Zähne, als das Tier mit seinen schweren Hufen im tiefen Schnee stampfte.

»Lord Edward!«, rief Sir Arthur erleichtert. Er wischte sich den Schnee von der Hutkrempe und legte dann eine Hand an die Trense des Hengstes. Das war offenbar ein Fehler. Das Pferd stieß verärgert mit seinem tintenschwarzen Kopf in die Luft und besudelte Sir Arthurs Mantel mit Schaum und Matsch.

»Oh, Entschuldigung«, sagte Sir Arthur, scheinbar zu dem Pferd. Pegeen musste ein Grinsen hinter dem Pelzkragen ihres Umhangs verbergen. »Aber woher kommen Sie, Lord Edward? Ich habe Sie und den jungen Bob in entgegengesetzter Richtung entschwinden sehen …«

»Ich weiß.« Das Leder knirschte, als sich Lord Edward aus dem Sattel schwang und schwer neben Sir Arthur im Schnee landete. Vom ersten Moment, da sie ihn sah, hatte Pegeen Sir Arthur als ungewöhnlich großen Mann empfunden, aber Lord Edward war noch fast einen Kopf größer, insgesamt fast einen Fuß mehr als Pegeen. Besonders, wenn er seine Stiefel und Reithosen trug, war deutlich, dass Lord Edward an all den Stellen schlank war, wo sich bei Sir Arthur das Fett sammelte. Aber bei Edward war es die bloße Körperhöhe, die einschüchternd wirkte.

»Der Wind, der vom Moor weht, ist nicht zu unterschätzen«, belehrte sie Lord Edward knapp. »Keine Chance für einen Mann zu Fuß, lebendig da durchzukommen. Also haben wir einen Umweg gemacht und sind zu Ashbury House gelaufen. Ich habe das Pferd geliehen und bin so schnell wie möglich hierhergekommen. Die Straßen sind äußerst trügerisch.«

»Oje«, rief Sir Arthur bestürzt. »Wie ungünstig. Miss MacDougals Kopf blutet immer noch, Mylord, und ich denke, sie macht eine Menge durch.«

»Blutet immer noch?«, echote Edward, während der Wind Pegeens Widerspruch davonwehte. Seine Augen, grau wie der bewölkte Himmel über ihnen, musterten sie anklagend. »Nehmen Sie das Taschentuch weg«, befahl er ihr. »Lassen Sie mal sehen.«

»Es ist nichts«, wiegelte Pegeen ab. »Es ist nur Jeremy, der so übertrieben hat. Er ist überaus fürsorglich, was mich angeht.« Es war ihr ziemlich peinlich, dass jeder so einen Wirbel um etwas machte, das nur ein winziger Schnitt war.

Außerdem war ihr die Intensität von Lord Edwards Blick deutlich bewusst. Warum sah er sie immer auf diese Weise an? Er musste doch wissen, dass sie nie mehr für ihn sein konnte als eine Schwägerin … und eine ganz besonders spröde Schwägerin zudem, was das anging. Was für ein Quatsch! Der Mann war eine Plage. Das Letzte, was sie wollte, war, dass er ihr Kinn in die Hand nahm und sie aus nächster Nähe inspizierte. Seine Berührung machte sie unruhig und sein Blick … Also, wenn er nicht bald aufhörte, sie immer so anzustarren, müsste sie ihm wohl noch eine Lektion erteilen.

Aber er gab nicht eher Ruhe, bis sie ihm gestattete, ihre Stirn zu begutachten. Unwillig nahm sie das zerknüllte Taschentuch fort und drehte ihm das Gesicht zu, wobei sie seinen Blick sorgfältig vermied. Er nahm ihr Kinn zwischen zwei von einem schwarzen Handschuh verhüllte Finger und spähte sie aus der Nähe an, die dunklen Brauen zusammengezogen. Sie hätte die Prozedur wohl angemessen überstanden, wenn er nicht mit einem anderen Taschentuch — dieses Mal Sir Arthurs — an ihrem Haaransatz herumgetupft hätte.

Ihr Schmerzensschrei kam unabsichtlich. Sie biss sich auf die Unterlippe, konnte aber die Tränen nicht unterdrücken, denn die Wunde war sehr empfindlich. Auf einmal sah sie nur noch verschwommen und verlor fast das Gleichgewicht. Lord Edward ließ ihr Kinn sofort los, und ungeachtet ihres Protestes legte er einen eisernen Arm um ihre schmale Taille, während sie schwankte und nicht wusste, ob der Schwindel von der Kopfverletzung kam oder von seiner großen Nähe.

Sir Arthur fing sofort an, sie dafür zu tadeln, ihren schlechten Zustand nicht ihm gegenüber eingestanden zu haben. Sie konnte ihn nur entschuldigend anblinzeln, denn sie wagte nicht zu sprechen. Sie lehnte sich an Lord Edward, dankbar sowohl für die Körperwärme, die er verströmte, als auch für die Stütze. Er hatte seinen schweren schwarzen Mantel um sie beide geschlungen, und so eingehüllt konnte Pegeen langsam wieder ihre Finger und ihre Nase spüren.

Erst als das Schwindelgefühl nachließ, wurde sie sich der Härte der Muskeln unter dem Tuch bewusst, auf dem ihre Wange ruhte. Pegeen zog ihre Hände aus dem Muff und stemmte sie gegen Edwards breite, unnachgiebige Brust. Aber sie war so klein und noch so schwach, dass er den verzweifelten Druck, den sie ausübte, gar nicht beachtete.

»Sie muss wirklich sehr krank sein«, sagte Sir Arthur wiederholt, »aber sie hat keinen Ton gesagt, die Ärmste.«

»Blödsinn«, brachte sie schließlich verächtlich hervor, obwohl sie immer noch kurzatmig war und ihr Herz gegen die Korsettstäbe hämmerte. »Nichts als eine kleine Beule …«

»Pegeen!« Jeremys Brüllen war laut genug, um Tote zu erwecken. Benebelt hob sie den Kopf und sah ihn den schneebedeckten Hügel herabsausen, das kleine Gesicht vor Ärger gerötet; sein Atem kam stoßweise wie bei einer Lokomotive.

»Was machst du da mit meiner Pegeen?«, verlangte Jeremy. »Du lässt sie sofort los!« Lange als ›Heimsuchung Aberdeens‹ bezeichnet, hatte Jeremy Rawlings mehr Prügeleien angezettelt, als Pegeen sich erinnern konnte; viele davon waren ihretwegen gewesen. Und sie hatte die Hoffnung gehegt, dass die Rückkehr zur Heimat seiner Ahnen ihn besänftigen würde …

Doch es sah so aus, als habe Jeremy in seinem Onkel Edward einen Meister gefunden.

»Ruhe, du unverschämter Bengel«, knurrte Edward, »sonst lege ich dich übers Knie.«

»Das kannst du nicht!«, erklärte Jeremy. »Ich bin der Herzog!«

»Oh, Jerry«, stöhnte Pegeen. Das Letzte, was sie wollte, war, aus Edwards warmer Umarmung entlassen zu werden, um sich wieder dem bitteren Wind stellen zu müssen. Aber es war wohl nicht gerade umsichtig, so eng umschlungen in seinen Armen zu liegen. Und im Moment war es auch nicht mehr notwendig. Ihr Kopfschmerz hatte sich auf einen dumpf pochenden, aber erträglichen Schmerz reduziert, und schwindelig war ihr auch nicht mehr.

Aber als sie aufblickte, die Lippen schon zu der Bitte, sie loszulassen, geöffnet, sah sie, dass Edward sie nicht im Geringsten beachtete. Während seine körperliche Nähe in ihrer Brust die heftigsten widerstreitenden Gefühle hervorrief, schien ihre Nähe ihm überhaupt nichts auszumachen. Konzentriert starrte er in den Himmel.

»Der Schneefall wird stärker«, stellte er fest. »Ich denke, es ist das Beste, ich bringe Miss MacDougal jetzt nach Rawlings. Sie sollte nicht auf die Kutsche warten müssen.«

Pegeen schielte ängstlich nach dem schwarzen Hengst, dessen Nüstern große weiße Dampfwolken ausstießen. »Wirklich, Mylord, mir geht es wieder gut. Ich kann auf die Kutsche warten. Und Sie müssen mich nicht so fest halten, ich wehe nicht weg.«

»Ihnen geht es nicht gut, und Sie tun das, was ich sage.«

Edwards stechender Blick schien sie zu durchdringen, und Pegeen wandte die Augen ab, während ihre blassen Wangen abermals erröteten. Sie hatte nie einen Mann gekannt, der sie so schamlos angesehen hatte — außer den gelegentlichen Bewunderern auf der Straße in Applesby. Sie musste schon irgendwie faszinierend aussehen, dachte sie sorgenvoll, wenn er sie auf diese Art ansah.

Als habe er ihr Unbehagen gespürt, zog er den Arm um ihre Taille fort. Dafür öffnete er seinen Mantel und legte ihn Pegeens Protesten zum Trotz um ihre schmalen Schultern. Das schwere Kleidungsstück war so lang, dass fast ein Fuß Stoff über den Schnee schleifte. Befreit aus der allzu vertraulichen Umarmung, schwankte Pegeen ein wenig im Wind und hatte das Gefühl, als seien alle Körperstellen, an denen Edward sie berührt hatte, sehr warm. Ihre Wangen brannten, und sie hielt den Blick nach unten gerichtet, um niemandem in die Augen sehen zu müssen.

Jeremy kannte sie jedoch zu gut, um ihre gespielte Unbefangenheit nicht zu durchschauen. »Du bist wirklich krank«, erklärte er und trat an ihre Seite. »Warum hast du nicht eher etwas gesagt?«

»Na und? Was hätte das geändert?« Sie streckte die Hand aus und richtete seine Mütze, indem sie sie fester über seine Ohren zog. »Es hätte uns nicht schneller Hilfe gebracht.«

Jeremy wand sich. »Hör auf, an mir herumzuzupfen. Du bist diejenige, um die man sich hier Sorgen machen muss.« Er schob seine Brust vor, drehte sich um und sagte zu Lord Edward: »Ich denke, Sie nehmen sie am besten mit, Onkel. Sie ist nicht so stark, wie sie aussieht.«

Darauf musste Pegeen beinahe auflachen, aber das Lachen blieb ihr im Halse stecken, als sie emporblickte. Lord Edward kam mit großen Schritten auf sie zu, den Ausdruck grimmiger Entschlossenheit im Gesicht. »Sie kommen jetzt mit mir«, sagte er knapp.

Pegeen machte einen Schritt zurück und blickte in Richtung des Rappen.

»O nein«, sagte sie und hielt ihren Muff hoch wie einen Schild. »Mir geht es gut. Ich bleibe mit Sir Arthur hier. Nehmen Sie Jeremy mit. Er würde es wahrscheinlich himmlisch finden, auf diesem … diesem … Biest zu reiten.«

Aber ihr Protest hätte kaum auf verständnislosere Ohren treffen können. Während sie noch rückwärts ging, schlossen sich Edwards Finger um ihr Handgelenk, und plötzlich war sie wieder in seinen Armen. Edward hob sie in den Sattel, als sei sie nicht schwerer als ein Kind. Die Spannweite seiner Hände war so weit, dass die Finger seiner behandschuhten Hände sich um ihre eng geschnürte Taille fast berührten. Pegeen konnte ein Japsen nicht unterdrücken, als sie sah, wie weit die Entfernung vom Rücken des enormen Tieres bis zum Boden war.

»Alles in Ordnung?«, fragte Edward besorgt und musterte ihr Gesicht.

Pegeen nickte entschlossen, während sie versuchte, ihre Angst mit einem äußerlichen Gehabe von Eleganz zu überspielen. Ruhig ordnete sie ihre Röcke über dem Hals des Pferdes. Innerlich war sie jedoch mit inbrünstigen Gebeten beschäftigt, dass sie nichts Dummes tun würde — wie etwa ohnmächtig zu werden oder herunterzufallen.

Edward schwang sich hinter sie auf den Sattel, nahm den schweren Mantel von ihren Schultern und legte ihn um sie beide. Sein Arm schlang sich eisern um ihre Taille, doch dieses Mal war Pegeen dankbar für die Unterstützung. Falls sie ohnmächtig würde, könnte er sie fangen, bevor sie vom Pferd stürzte.

»Herbert«, sagte Lord Edward, als er die Zügel des Hengstes aufnahm. »Sie warten hier mit Seiner Lordschaft auf die Kutsche. Es sollte nicht mehr lange dauern.«

»Oh«, rief Sir Arthur. »Wunderbar, Mylord. Und vielleicht sollten wir auf dem Weg beim Haus des Arztes halten und ihn mit zum Herrenhaus bringen, damit er Miss MacDougals Verletzung versorgen kann.«

Geschützt zwischen Edwards starken, schlanken Schenkeln sitzend, verhielt sich Pegeen so ruhig, wie sie konnte; ihre Wangen fühlten sich heiß an. Durch Rock und Krinoline konnte sie die Wölbung seiner Männlichkeit an ihrem Hintern fühlen, und die Härte seiner Brust an ihrem Nacken. Sie hatte die Umarmung zuvor schon als intim empfunden, aber das war nichts gegen die Vertrautheit, mit der sie nun aneinanderlehnten. Pegeen versuchte, das Klopfen ihres Herzens zu kontrollieren; ihr war klar, dass das hier für ihn, als Mann von Welt, nichts Besonderes war. Ein kurzer Ritt über das Moor. Was konnte langweiliger sein?

»Bis später«, rief Edward Sir Arthur und Jeremy zu, während er den schnaubenden Hengst zügelte. »In Rawlings Manor.«

Und dann waren sie mit einer derartigen Geschwindigkeit auf und davon, dass Pegeen wiederum nur japsen konnte. Sie zog die Hände aus ihrem Muff und klammerte sich ängstlich an den Arm, mit dem Edward sie festhielt. Er reagierte, indem er seinen Griff um sie verstärkte; aber gleichzeitig hörte sie ihn lachen.

»Keine große Pferdefreundin, was?«, fragte er. Pegeen verkniff sich eine sarkastische Bemerkung. Es kam ihr nicht weise vor, denjenigen zu ärgern, der sie gerade vor einem sicheren Tod zwischen diesen donnernden Hufen bewahrte.

So trabten sie über die unebenen Flächen des Moors, während der Schnee hochstob und die eisige Luft trotz des breiten Schirms an ihrem neuen Häubchen ein Chaos mit Pegeens Haar anrichtete. Tränen traten ihr in die Augen, sodass sie kaum etwas erkennen konnte. Sie ließ den Kopf an Edwards Brust zurücksinken und betete. Der wichtigste ihrer Wünsche war nach wie vor, nicht von Lord Edwards Pferd zu fallen. Auf dem zweiten Platz rangierte ein gewisses Verlangen, Lord Edward an einer besonders ekelhaften Krankheit sterben zu sehen — aber darüber zu fantasieren musste sie, wie sie zu ihrem Leidwesen erkannte, aufschieben, bis sie sicher in Rawlings Manor angelangt war.

Als der schnaubende schwarze Hengst schließlich in einen ruhigen Galopp gefallen war, merkte Pegeen, dass sich Edwards Griff um sie ein wenig lockerte. Den Mund am Fellbesatz ihres Häubchens, fragte er: »Geht’s Ihnen gut? Können Sie’s noch aushalten?«

»O ja«, sagte Pegeen durch zusammengebissene Zähne. »Alles in Ordnung, danke.«

»Sie sind keine besonders gute Lügnerin, was?«, lachte Edward.

»Ich bin eine Pfarrerstochter«, gab sie säuerlich zurück. »Ich durfte nicht gut im Lügen sein. Jeremy hingegen kann das bewundernswert gut.«

»Diese Eigenschaft kommt sicher von der väterlichen Seite«, sagte Edward mit einem Grinsen.

Pegeen schüttelte den Kopf. Ihre Zähne klapperten; sie hoffte, dass Edward denken würde, das käme von der Kälte und nicht von ihrer Angst vor dem Pferd. »Oh, da wäre ich nicht so sicher. Kathy hatte auch immer einen gewissen Erfindungsreichtum.«

»Nein, Jeremy ist auf jeden Fall der Sohn seines Vaters. Sieht aus wie Johns Doppelgänger in diesem Alter.« Lord Edwards Stimme klang trocken. »Ihr Vater muss fast einen Schlaganfall erlitten haben, als Ihre Schwester und mein Bruder zusammen durchgebrannt sind. Können Sie sich daran erinnern?«

»Natürlich kann ich das«, sagte Pegeen. Sie schluckte — nicht wegen der Erinnerung, sondern wegen des breiten Grabens, über den Lord Edwards Pferd gerade leichtfüßig hinwegsetzte. Als sie sich wieder in der Lage fühlte, zu sprechen, sagte sie: »Ich war damals in Jeremys Alter.«

Falls Lord Edward das Zittern in ihrer Stimme bemerkte, ignorierte er es. »Wie war Ihre Schwester Katherine? Offensichtlich nicht wie Sie, wenn sie eine begabte Lügnerin war.«

Pegeen rutschte unbequem gegen ihn. Sie konnte immer noch nichts von dem Weg vor ihnen erkennen; was sie sah, war wie ein schwankender, weißer Ozean und ein schwerer, grauer Himmel über ihnen. »Wie ich? Nein, gar nicht wie ich.«

»Überhaupt nicht wie Sie? Das ist schwer zu glauben. Sicher war Katherine eine Schönheit, so wie Sie.«

Hätte sie gekonnt, hätte Pegeen ihren Hals verdreht, um sein Gesicht zu sehen. Sie konnte nämlich nicht beurteilen, ob er sich gerade über sie lustig machte oder nicht. Und als sie doch versuchte, sich nach ihm umzudrehen, wurde sie von einer aufgewirbelten Schneewehe erfasst, sodass sie ihr Gesicht an Edwards Brust verbarg. Ach, sollte er doch zur Hölle gehen. Warum versuchte er gerade jetzt, mit ihr zu flirten, wenn sie schwach war? Er hatte in London eine Woche Zeit gehabt, sie zu umwerben, aber stattdessen hatte er sie nur ignoriert. Widerwärtige Kreaturen, diese Männer.

»Katherine ist liebreizend«, gab Pegeen nach einer Pause zu. Obwohl es schwierig war, bei diesem Wetter und auf dem Rücken eines galoppierenden Pferdes Konversation zu treiben, so musste sich Pegeen doch eingestehen, dass es sie sowohl von der Kälte als auch von ihrer Angst ablenkte. So fügte sie zögernd hinzu: »Aber ein schönes Gesicht gehört nicht unbedingt zu einer schönen Seele.«

Edward lachte. »Das klingt nach einer echten Pfarrerstochter. Das hört sich so an, als lehnten Sie Katherine ab, oder nicht? Sie und John waren nicht gerade zurückhaltend in ihrem Lebensstil …«

»Das waren sie in der Tat nicht«, schnaubte Pegeen. »Für die beiden ging es nur um eine Party nach der anderen. Es war ihnen völlig egal, dass ihr zügelloser Lebenswandel sie schließlich zerstörte und ihr unschuldiges Kind zu einem Waisen machte …«

»Und Sie haben es dann auf sich genommen, dieses Kind aufzuziehen.« Edward blickte nun auf sie herab; sein Ausdruck war bitter. »Kein Wunder, dass Sie eine Liberale geworden sind. Sie müssen eine schlechte Meinung über den Adelsstand haben, wenn mein Bruder der Einzige ist, den Sie je davon getroffen haben. John war nicht gerade verantwortungsbewusst, weder in finanzieller noch in anderer Hinsicht.«

»Aber wer ist das in Ihrer Gesellschaftsschicht schon?«, verlangte Pegeen. »Mir fällt kein einziges Mitglied des Oberhauses ein, dem es mehr um das Wohl des einfachen Mannes ginge als um das Wohl seines eigenen Geldbeutels.«

»Ich halte nichts davon, mitten in einem Schneesturm mit einer grünäugigen Pfarrerstochter über Politik zu diskutieren«, sagte Edward; diesmal klang er eindeutig amüsiert. »Aber wenn Sie oder Ihr Vater meine Familie jemals informiert hätten, dann hätten wir dafür gesorgt, dass ihr genug Geld habt, um Jeremy gut aufzuziehen.«

»Oh!«, unterbrach Pegeen, die ihre Angst vor einem Sturz mittlerweile vollkommen vergessen hatte. »Sie erwarten doch nicht etwa, dass wir von Applesby angekrochen kommen und um Brotkrumen von eurem Tisch betteln? Schließlich habt ihr ja alle keinen Zweifel daran gelassen, dass keiner von euch irgendetwas mit uns zu tun haben wollte, nachdem John und Katherine geheiratet haben. Ohne irgendetwas über uns zu wissen, habt ihr uns von Anfang an gehasst!«

»Holla, ruhig«, kicherte Edward, als wolle er ein nervöses Pferd beruhigen. »Sie werfen uns Rawlings alle in einen Topf, als wären wir Zutaten für eine Suppe. Ich bin aber nicht für die Handlungen meines Vaters verantwortlich, wie sehr ich auch immer dagegen protestiert haben mag.« Als Pegeen übertrieben die Nase rümpfte, um ihre Ungläubigkeit zu demonstrieren, fuhr er fort: »Ich spreche die Wahrheit, bei Gott, Miss MacDougal. Ich war in Oxford, als John und Ihre Schwester durchgebrannt sind.«

»Oh, wirklich? Und John hat Ihnen nichts von seinen Plänen erzählt?«

»Wir waren uns nie sehr nahe. Wir waren zu unterschiedlich …«

Edward hielt überrascht inne, als Pegeen daraufhin unhöflich schnaubte. Sie konnte sich nicht zurückhalten, obwohl sie wusste, dass ihr Vater dieses Benehmen nicht gutgeheißen hätte. »Was für eine Untertreibung!«

»Bin ich so sehr anders als John?« Er klang ungläubig. Sie fragte sich, was er meinte. Wusste er nicht, dass sein Bruder John ein jähzorniger, unflätiger Säufer gewesen war? Pegeen konnte nie verstehen, was Katherine außer seinem gut aussehenden Gesicht und der scheinbar unerschöpflichen Geldbörse an ihm hatte lieben können.

»Sie wissen doch, dass Sie beide gar nichts gemein hatten«, sagte Pegeen, die seinem Ego keinesfalls zu sehr schmeicheln wollte, indem sie deutlicher wurde. Sie war sicher, Lord Edward Rawlings hatte genug weibliche Vertraute, die sein Ego verwöhnten — und nicht nur das.

So einfach würde sie seinem Charme nicht erliegen. Sie verstummte, als sie durch den wirbelnden Schnee etwas sehen konnte. Unbewusst versteifte sie sich in Edwards Arm. Er sah fragend auf sie hinab und folgte dann der Richtung ihres Blicks.

»Ah«, sagte Lord Edward dann mit einem Lachen, das keine Wärme enthielt. »Hier sind wir also. Das unvergleichliche Rawlings Manor.«

Durch den schräg fallenden Schnee sah Pegeen, wie das Moor weitläufig endete und an einer Stelle in eine Reihe uralter, zu dieser Jahreszeit kahler Eichenbäume überging. Sie formten eine Allee, die sich einen sanft geschwungenen Hügel entlangzog; auf dessen Gipfel ruhte jenes Gebäude, das Lord Edward als Rawlings Manor bezeichnete; dreigeschossig und mit zahlreichen Wirtschaftsgebäuden — Ställe, Remisen und die Häuser der Pachtbauern. Das Herrenhaus zierte die umliegende Landschaft wie ein Schwan, der auf einem silbern glänzenden See dahingleitet. An einem klaren Tag, überlegte Pegeen, konnte man bestimmt von den obersten, südwärts gerichteten Fenstern den Hügel hinab bis zum nächsten Dorf sehen.

»Es ist wunderschön«, hauchte Pegeen und merkte kaum, dass sie das laut gesagt hatte. So etwas hatte sie noch nie gesehen. Sie fragte sich, ob Katherine ein glücklicheres Schicksal beschieden gewesen wäre, wenn John sie je in sein angestammtes Heim gebracht hätte.

»Meinen Sie?« Edward klang amüsiert. »Ich habe es immer als eine Monstrosität empfunden. Außerdem recht unvorteilhaft gelegen. Die Winde aus dem Moor dringen im Winter förmlich durch die Wände. Es ist ein unglaublicher Aufwand, den Kasten zu beheizen. Aber mein Urururgroßvater Rawlings hatte weniger Verstand als ein Spatz, und er musste unbedingt ein Haus haben, das Aussicht auf das Moor bietet.«

Pegeen hörte kaum hin. Es kam ihr unwirklich vor, dass sie und Jeremy erst vor wenigen Wochen die letzten Kohlen ihres Vorrats aufgebraucht und keine Ahnung gehabt hatten, woher sie das Geld für Nachschub nehmen sollten. Und auf einmal — es war so schnell passiert, dass sich ihr alles drehte, wenn sie daran dachte — mussten sie sich nie mehr Sorgen um Kohlen oder Geld machen. In vierzehn Tagen dieser Umschwung, vom langsamen Verhungern zu diesem Luxus hier …

Es kam ihr vor wie ein Kapitel aus Jerrys Märchenbüchern.

Sie spürte, wie Edward hinter ihr das Pferd zum Galopp antrieb, sodass der Schnee und der Kies der Auffahrt hinter ihnen aufwirbelten. Sie sausten auf der Allee zwischen den Eichenreihen dahin, die zu dem nebelverhangenen Herrenhaus führten. Die Lichter der vielen Fenster zeichneten fröhliche gelbe Muster in den unberührten Schnee vor ihnen und auf die breiten Steinstufen, die zu dem schweren Doppelportal hinaufführten.

Die Türen schwangen auf, noch bevor Edward den Hengst pariert hatte, und helles Licht drang heraus. Zwei Männer in gepuderten Perücken und der bekannten grün-weißen Livree hasteten die verschneiten Stufen hinab und rannten ihnen entgegen.

Es brauchte die Kraft beider Männer, um den aufgeregten Hengst an der Steintreppe festzuhalten, sodass sie absteigen konnten. Offensichtlich hatte es das Pferd nicht so eilig wie seine Reiter, aus diesem rauen Wetter herauszukommen.

»Oh, Lord Edward«, rief eine weibliche Stimme. Pegeen erkannte eine plumpe Silhouette zwischen den Zwillingstüren des Hauses. »Ich bin so erleichtert, Sie sicher zu Hause zu sehen, Mylord. So ein schrecklicher Unfall und so ein beängstigendes Wetter! Was für eine Gnade, dass Sie ein Pferd auftreiben konnten. Sagt, wie geht es dem jungen Master und seiner Tante?«

»Davon dürfen Sie sich selbst überzeugen, Mrs. Praehurst«, sagte Edward, nahm den schweren Mantel von seinen breiten Schultern und drapierte ihn ganz um Pegeen. »Hier bringe ich ein Opfer der großen Poststraßen-Katastrophe.«

Die Frau trat auf die Steinstufen hinaus und schnappte hörbar nach Luft. Pegeen sah, dass sie recht üppig und im mittleren Alter war. Nach dem großen Schlüsselring zu urteilen, den sie an einem Gürtel um ihre Mitte trug, war sie die Haushälterin des Anwesens.

Der Schneesturm zerrte an dem Spitzenhäubchen, das sie auf ihrem ergrauenden Haar trug, aber Mrs. Praehurst schenkte dem keine Beachtung. Sie drehte sich um und rief ins Haus: »Mr. Evers! Rosie, geh und hole Mr. Evers. Sag ihm, Lord Edward ist daheim und dass er …« Sie brach ab und musterte Pegeen durch ihr goldenes Brillengestell. »Aber wer ist denn diese junge Lady, Mylord? Doch sicher nicht die kleine Maggie Herbert, in so einer Nacht!«

»Auf keinen Fall«, sagte Edward und lachte tonlos. Er schwang sich behände aus dem Sattel und drehte sich mit ausgebreiteten Armen zu Pegeen um; ein verschmitztes Glitzern lag in seinen strahlend hellen Augen. Sie biss sich auf die Unterlippe und senkte den Blick ahnungsvoll auf den Boden.

»Kommen Sie schon«, sagte er und löste mit seinen behandschuhten Händen ihre Finger einzeln aus der Mähne des Tieres. »Ich lasse Sie nicht fallen, falls Sie das denken.«

Da er damit genau Pegeens Befürchtung getroffen hatte, errötete sie. Glücklicherweise musste jeder Zuschauer der in helles Licht getauchten Szene annehmen, die Farbe ihrer Wangen käme von dem eisigen Wind. Vorsichtig legte Pegeen die Arme um Edwards Hals, presste die Augen fest zu und glitt in seine warme Umarmung, als sei dies der natürlichste Ort der Welt.

Aber anstatt sie von dem Pferderücken auf den Boden zu stellen, hob er sie hoch, als sei sie ein Kind. Er drehte sich um, trug sie die Steintreppe empor und ins Haus hinein.

»Um Gottes willen«, protestierte Pegeen, deren Augen plötzlich weit offen standen. »Ich bin doch nicht invalide! Ich kann laufen, wissen Sie.«

»Es ist rutschig hier«, war Edwards lapidare Antwort, obwohl er selbst überhaupt keine Schwierigkeiten zu haben schien, Tritt zu finden. »Und nass.«

»Ich bin durch und durch nass«, belehrte ihn Pegeen. »Ich habe keine trockene Faser am Leib. Ich weiß nicht, welchen Unterschied das machen würde …«

»Hat man Ihnen jemals gesagt«, wollte Edward wissen, während er die Stufen erklomm, »dass Sie definitiv zu viel reden?«

Bevor Pegeen eine angemessen spitzzüngige Antwort einfiel, rief Edward seine Haushälterin. »Mrs. Praehurst! Darf ich Ihnen die Tante Seiner Lordschaft vorstellen, Miss Pegeen MacDougal?«

Als Edward Pegeen nahe genug herangetragen hatte, dass Mrs. Praehurst sie in Augenschein nehmen konnte, war das Erstaunen in ihren Augen hinter den Brillengläsern sichtbar; ihre gute Erziehung verbot es ihr jedoch, das zu deutlich zu zeigen.

»Oje«, sagte die Haushälterin und versank in einem Knicks. »Ach du meine Güte, Miss MacDougal … Bitte verzeihen Sie mir. Aber in dem Licht da draußen … und Sie sehen so jung aus … ich hoffe wirklich …« Schließlich versuchte sie es anders. »Sie sind nicht schlimm verletzt, nicht wahr?«

»Es geht mir wieder besser, danke«, sagte Pegeen höflich, während Edward sie an der überraschten Haushälterin vorbeiwirbelte. Es war verdammt schwer, sich würdevoll zu verhalten, wenn man wie ein Sack Kartoffeln herumgetragen wurde. »Es ist sehr nett, Sie kennen zu …«

»Evers!« Edwards Brüllen ließ sie zusammenzucken. Als sie die Augen wieder öffnete, stellte sie fest, dass sie sich in der großen Eingangshalle befanden — ein riesiger Raum mit enorm hohen Decken. Das Einzige von vergleichbarem Ausmaß, das Pegeen je betreten hatte, war die Kirche ihres Vaters gewesen.

Hell erleuchtet von zahlreichen Kandelabern, die an den Wänden standen, sah es genauso aus, wie Pegeen es sich immer vorgestellt hatte … ein gewaltiger, prunkvoller Saal, der keinem erkennbaren Zweck diente. Die Einrichtung bestand aus einigen aufeinander abgestimmten Polsterstühlen, es gab ein paar recht gut gemachte Stillleben an den Wänden sowie antike Teppiche auf dem Steinboden. Zu beiden Seiten wanden sich Treppen hinauf, die eine große Tür am entfernten Ende des Raums umrahmten; sie führte in den Speisesaal. Die Treppen gingen auf eine offene Galerie hinaus, welche die Eingangshalle in der Höhe des zweiten Stockwerks an drei Seiten umgab. Alles in allem war es ein gewaltiges Raumgefühl, und die jährlichen Heizkosten hätten wahrscheinlich eine Familie in Applesby ihr Leben lang ernährt.

Pegeen hatte jedoch kaum Gelegenheit, dies alles wahrzunehmen, bevor Lord Edwards Brüllen sie abermals aufschreckte.

»Evers!«

Diesmal erhielt Edward Antwort, und zwar von einem ruhigen, etwas älteren Mann, der durch eine Seitentür in die Halle schlurfte. »Mylord?« Es schien ihn weder zu überraschen, dass sein Herr eine junge Frau in den Armen trug, noch zu interessieren.

»Evers«, sagte Edward. »Da sind Sie ja. Ist Robert auch …«

»Der junge Robert ist in der Tat vor einigen Minuten angekommen. Ich wärme gerade den Brandy an. Dies also, schätze ich, ist die Tante des Herzogs?« Ohne auf eine Antwort zu warten, sprach Evers zu Pegeen, als sei sie eine Königin. Er verbeugte sich tief. »Miss MacDougal, es ist mir eine Ehre.«

»Ich habe das Rosenzimmer für die junge Lady herrichten lassen«, sagte Mrs. Praehurst, die an ihnen vorbeieilte. Die Schlüssel an ihrem Ring klimperten melodisch. Sie hatte in der Zwischenzeit die Vordertüren geschlossen und eine Dienstmagd instruiert, den hereingewehten Schnee aufzuwischen. »Dort brennt ein schönes Feuer, und wir heizen auch das Badewasser auf. Sie werden einen heißen Grog trinken wollen, nachdem Sie aus dieser bitteren Kälte heraus sind. Rosie, lauf und sag dem Koch Bescheid, dass der Master — ich meine natürlich, Lord Edward — wieder da ist und etwas Heißes zu trinken wünscht …«

»Brandy reicht völlig«, sagte Edward.

Er schritt zügig auf die Doppeltreppen am Ende der großen Halle zu. »Sir Arthur Herbert wird den Arzt mitbringen. Schicken Sie Mr. Parks gleich zu Miss MacDougals Zimmer, wenn er ankommt.«

Ein lautes Gejohle klang von der Galerie oberhalb der großen Halle herab, und Pegeen sah hinauf. Ein gut gekleideter Mann, etwa in Edwards Alter — so um die dreißig – lehnte sich über die Balustrade, ein Glas mit goldgelber Flüssigkeit in der Hand.

»Hallo, Edward«, rief er gut gelaunt. »Wo hast du denn gesteckt? Arabella sagte mir, du solltest schon vor einer Woche wieder da sein.« Der blonde Gentleman nippte an seinem Drink und spähte dann auf sie herab. »Nanu, wen hast du denn da mitgebracht? Ist das Maggie Herbert? Was zum Henker hat das Kind jetzt schon wieder angestellt?«

Edward verlagerte Pegeens Gewicht in seinen Armen, und sie verstärkte ihren Griff um seinen Nacken — aus Furcht, er würde sie fallen lassen. Dann merkte sie jedoch, schamhaft errötend, dass er lediglich den langen Mantel fester um sie schlang, um nicht über den hinter ihnen herschleifenden Saum zu stolpern. Er sah auf sie hinab; ein reizendes Lächeln lag auf seinen beunruhigend sinnlichen Lippen. Pegeen wandte sich schnell ab und versuchte, seinem Blick auszuweichen, doch unglücklicherweise konnte sie ihm nicht entkommen.

Um ihre Verlegenheit zu verbergen, fragte sie: »Wer ist dieser Mann, der hier so laut herumbrüllt?«

»Das«, sagte Edward mit einem raschen Blick nach oben, »ist Mr. Alistair Cartwright, den ich schon als Schuljunge kennen gelernt habe und immer noch nicht losgeworden bin. Er hat keinen eigenen Landsitz, also macht er nach Belieben Gebrauch von meinem.«

»Und wer wäre dann wohl Arabella?«, fragte Pegeen scharf. »Ihre Mätresse?«

Das sanfte Lächeln verwandelte sich in ein missbilligendes Stirnrunzeln. »Wie kommt es nur«, fragte er trocken, »dass ein solch süßes Gesicht eine so bissige Zunge verbirgt?«

»Ich bin schließlich eine Liberale, erinnern Sie sich? Meine scharfe Zunge ist meine einzige Waffe, da ich ja kein nennenswertes Einkommen besitze.«

Als Antwort verstärkte sich nur Edwards Stirnrunzeln. Der Konversation der beiden keine Beachtung schenkend, eilte Mrs. Praehurst an ihnen vorbei, hob die Röcke an und begann, die geschwungene Treppe zu erklimmen.

»Ich gehe voran, Mylord, und bereite Miss MacDougals Bett vor …«

»Miss MacDougal?« Der blonde Mann, den Edward als Alistair Cartwright bezeichnet hatte, ließ fast den Drink über die Balustrade fallen, schaffte es jedoch, das Glas rechtzeitig wieder in den Griff zu bekommen, bevor es hinabstürzte und auf den Steinfliesen zersplittert wäre. Bis Edward schließlich Mrs. Praehurst über die Treppen bis zu der offenen Galerie gefolgt war, hatte sich sein Freund jedoch genügend gefasst, um ihnen mit einem entspannten Lächeln und kaum verhohlener Neugierde entgegenzutreten.

»Hallo, ihr beiden«, sagte er und eilte an Edwards Seite; sein strahlender Blick war auf Pegeen geheftet. »Erlauben Sie mir, mich vorzustellen, denn mein unfassbar unhöflicher Gastgeber würde mir das nicht abnehmen. Der Name ist Cartwright. Alistair Cartwright.«

Edwards Schritte wurden größer, während er Mrs. Praehursts raschelnden Röcken die offene Galerie entlang folgte. Pegeen musste sich fast den Hals verrenken, um an Edwards breiter Schulter vorbei einen Blick auf Alistair werfen zu können. »Wie geht es Ihnen, Mr. Cartwright?«, fragte sie höflich. Alistair Cartwright war nicht so groß wie sein Gastgeber und auch nicht so kräftig gebaut, und er war so hell, wie Lord Edward dunkel war. Aber er sah gut aus und war äußerst modisch gekleidet. Pegeen hatte noch nie so viele kunstvolle Faltenwürfe in einer Krawatte gesehen.

»Nun, es ging mir leidlich gut, Miss MacDougal, bis zu Ihrer Ankunft.« Alistair Cartwright trottete neben ihnen her, als sie in einen mit Teppichen ausgelegten Flur abbogen, als wäre er ein Schoßhund. »Verdammt langweilig war es in diesen Wochen, seit Edward weggefahren ist. Aber ich muss schon sagen, Ihre ungewöhnliche Schönheit bringt wirklich Licht in dieses langweilige alte Gemäuer …«

»Cartwright«, knurrte Edward. »Lass es sein.«

»Oh, sei gnädig, Rawlings.« Alistair blieb stehen, als Mrs. Praehurst mit ihrem Schlüsselbund vor einer reich verzierten Tür am Ende des schwach beleuchteten Flurs hantierte. »Miss MacDougal und ich haben doch gerade angefangen, uns kennen zu lernen!«

»Ich sagte, lass es«, schnauzte Edward. Pegeen sah ihn scharf an; das Kinn seines kantigen Profils wirkte verbissen, und ein gefährliches Leuchten lag in seinen Augen. »Du vergisst, dass ich mich ungern wiederhole.«

Alistair blieb angesichts dieser Zurechtweisung seines Freundes völlig ruhig. Er lehnte sich an die Wandvertäfelung und seufzte. »Ich schätze, das bedeutet auf Wiedersehen, Miss MacDougal, bis demnächst.«

»Hau ab, Cartwright.« Edward gab der Tür, die Mrs. Praehurst gerade aufgeschlossen hatte, einen Tritt, sodass sie krachend aufflog. Pegeen warf einen Blick auf die Haushälterin, um zu sehen, wie sie dieses barbarische Benehmen aufnahm. Aber Mrs. Praehurst wandte bloß die Augen gen Himmel, so ähnlich, wie Pegeen es machte, wenn Jerry sich dumm aufführte.

Das Rosenzimmer, in das Pegeen nun getragen wurde, trug diesen Namen zu Recht. Es war in rosa- und mauvefarbenen Tönen aufwändig möbliert, und die Tapete war mit weißen Schlüsselblumen bedruckt; der Raum hatte eine ausgesprochen weibliche Aura. Aber obwohl ein helles Feuer im Kamin prasselte und eine Schale mit frischen Blumen neben dem großen Bett stand, hatte Pegeen das Gefühl, dass der Raum lange Zeit nicht benutzt worden war. Sie schätzte, die letzte Bewohnerin war die Herzogin von Rawlings, Lord Edwards Mutter, die vor fast zwanzig Jahren gestorben war.

Falls sich dies als richtig erweisen sollte, so ließ sich Mrs. Praehurst nichts davon anmerken. Sie hastete durch das Zimmer und zog die schwere, daunengefüllte Bettdecke zurück, sodass makellos weiße Leinenlaken sichtbar wurden. »So, da sind Sie, Miss MacDougal«, sagte sie und schüttelte umständlich die weißen Kissen auf, die ganz offensichtlich vor kurzem schon aufgeschüttelt worden waren. »Ich hoffe, der Raum gefällt Ihnen.«

»Er ist reizend«, gurrte Pegeen und meinte es ehrlich. Sie hatte noch nie ein hübscheres Zimmer gesehen, und die frischen Blumen rührten sie. Sie hatte keine Ahnung, wo man im November üppig blühende Rosen bekommen konnte, und ging davon aus, dass es sich um die berühmten ganzjährig blühenden Rosen von Rawlings Manor handeln musste. Vielleicht hatte Lord Edward doch nicht gelogen.

Edward ging schnurstracks über den dicken Teppich zum Bett, wo er sie mit übertriebener Sorgfalt absetzte. Pegeen wollte über diese Vorsicht lachen und den Unterschied zwischen sich und einer empfindlichen Porzellanvase herausstreichen — aber als er seine Arme von ihr löste, glitt ihr Häubchen vom Kopf und gab den Blick auf die Platzwunde an ihrem Haaransatz frei. Mrs. Praehurst sog erschreckt den Atem ein.

»Oh!«, rief die Haushälterin. »Was für ein schrecklicher Schnitt! Das arme Kätzchen. Mein Gott, sie ist ja so blass wie das Laken, so wahr mir Gott helfe!«

»Wo bleibt Evers denn mit dem Brandy?« Edwards Stimme klang ärgerlich. Pegeen schätzte, er war ein sehr strenger Dienstherr. Sie empfand ein wenig Mitleid mit Mrs. Praehurst. »Cartwright, steh da nicht mit offener Kinnlade herum. Hol mir irgendeinen Schnaps, Mann. Siehst du nicht, das Mädchen wird gleich ohnmächtig!«

Pegeen, deren Lider etwas schwer geworden waren, zwang sie wieder empor. Sie wurde nicht ohnmächtig. Sie war in ihrem Leben noch nie ohnmächtig geworden. Sie war eine zähe schottische Pfarrerstochter, keine verwöhnte höhere Tochter der feinen Gesellschaft. Trotzdem, schläfrig war sie, das musste sie sich eingestehen. Vielleicht, wenn sie die Augen nur für eine Minute zumachte …

»Hier ist er, Mylord«, erklang die Singsang-Stimme des Butlers. Pegeen hörte Kristallgläser klirren und erkannte das schleifende Geräusch, als der Verschluss aus der Karaffe gezogen wurde. »Der Koch hat ein paar Grogs mitgeschickt.«

»Zum Teufel mit den Grogs«, fluchte Edward. »Schütten Sie einfach den Brandy ein. Das Mädchen ist bewusstlos.«

Bloß, um seine Worte Lügen zu strafen, öffnete Pegeen die Augen und blickte in das freundlich besorgte Gesicht von Mrs. Praehurst. Die Haushälterin war über sie gebeugt, zog ihr die Handschuhe aus und löste die Schnallen des Umhangs und die Schleife unter Pegeens Kinn, die das Häubchen am Platz gehalten hatte.

»Na also, meine Liebe«, sagte Mrs. Praehurst und zog sanft das Häubchen unter Pegeens Kopf fort. Mit einer kühlen, ruhigen Hand schob sie ihr die zerzausten Haare aus der Stirn. »Oje, der Schnitt sieht aber tief aus. Ich hoffe wirklich, dass …«

»Mrs. Praehurst, ich bitte Sie.« Edward schob sich an Mrs. Praehursts großzügigem Hinterteil vorbei; er hielt einen Schwenker mit der gleichen goldfarbenen Flüssigkeit in der Hand, die sein Freund getrunken hatte. Pegeen bemerkte, dass seine gut geschnittenen Züge verbissen wirkten, und sie ging davon aus, dass das an seinem Ärger über die Dienstboten lag, nicht an der Sorge um sie selber. Schließlich kannte er sie erst seit knapp zwei Wochen, zu kurz also, um ernsthafte Gefühle für sie zu entwickeln; mit Ausnahme vielleicht von Begierde. Doch Pegeen wusste, dass ein Mann wie Lord Edward Rawlings diese für jedes vorbeieilende hübsche Hausmädchen empfand.

»Trink«, befahl Edward ohne eine Spur von Mitleid in seiner tiefen Stimme. Er hielt das glockenförmige Glas unter ihre Nase. Der Dunst des Alkohols ließ Pegeens Augen tränen. Sie schüttelte schwach den Kopf. Sie würde keinen Tropfen dieses übel riechenden Zeugs anrühren.

»Haben Sie denn keinen Whiskey?«, brachte sie schließlich heraus und bemerkte Mrs. Praehursts erschreckten Gesichtsausdruck, verstand den Grund aber nicht.

»Trink es«, beharrte Edward, und irgendetwas an seiner Tonlage erinnerte Pegeen daran, dass er sich nicht gerne wiederholte. Sie warf ihm einen verärgerten Blick zu, nahm das Glas so rüde wie möglich aus seiner Hand, kniff die Augen zusammen und nippte an der feurigen Flüssigkeit. Dann griff sie das Glas mit beiden Händen und kippte den Inhalt mit einem einzigen gierigen Schluck in den Mund.

Als der letzte Tropfen des goldenen Getränks verschwunden war, nahm Edward ihr das Glas ab und starrte auf sie herab, während sie sich mit einer zitternden Hand über die brennenden Augen strich. Wie von Zauberhand erschienen, hielt er ihr plötzlich ein weißes Taschentuch hin. Sein ärgerlicher Ausdruck war jetzt vollkommen verschwunden.

»Besser?«, fragte er, als Pegeen schniefte.

Sie nickte. Der köstliche Brandy wärmte ihren ganzen Körper, bis hinab in die erfrorenen Zehen, und der Kopfschmerz war nicht mehr so schlimm. Brandy war tatsächlich besser als Whiskey!

»Gut«, sagte Edward, während er den Schwenker an Evers zurückgab, der ihn wieder auffüllte; diesmal war erheblich mehr darin. Edward blickte auf das Glas hinab und dann wieder zu Evers. Nachdem er in Richtung des ältlichen Butlers tadelnd den Zeigefinger geschüttelt hatte, kippte er sich den gesamten Inhalt des Schwenkers elegant die Kehle hinab.

Details

Seiten
0
Erscheinungsform
Erstausgabe
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783960873396
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v436266
Schlagworte
rose historisch liebe Britis-c-h-yorkshire-england historisch-er-liebe-s-roman-e historic-al-romance regency-romance verführ-er-ung Lord-Lady Charmeur

Autor

  • Patricia Cabot (Autor)

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Titel: Die wilde Rose (Historisch, Liebe)