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Der Glanz des blauen Bandes (Liebe)

von Ria Hellichten (Autor)

2018 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

Eine junge Frau, die alles hat – wäre da nicht der unerfüllte Kinderwunsch. Auf Anraten ihrer Ärztin nimmt Clio eine Auszeit in der alten Familienvilla am Meer. Doch was sie dort erwartet, ist alles andere als erholsam: ein Brief ihrer Jugendliebe Vincent aus den gemeinsamen Studientagen in Oxford. Damals hat er sie im Stich gelassen, jetzt ist er todkrank und hat nur noch einen Wunsch – sie wiederzusehen. Kann Clio ihm verzeihen? Und was wird aus ihren Zukunftsplänen, jetzt wo die Vergangenheit sie eingeholt hat?

Die Geschichte von Clio und Vincent erzählt von Liebe und Loslassen, aber vor allem von Freundschaft und Neubeginn.

 

Impressum

dp Verlag

Überarbeitete Neuausgabe November 2018

Copyright © 2020 dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

E-Book-ISBN: 978-3-96087-389-1
Taschenbuch-ISBN: 978-3-96087-394-5

Copyright © 2017, Ria Hellichten im Selfpublishing
Dies ist eine überarbeitete Neuausgabe des bereits 2017 bei Ria Hellichten im Selfpublishing erschienenen Titels Schneestolz (ISBN: 978-3-74506-938-9).

Covergestaltung: Buchdesign Traumstoff
unter Verwendung von Motiven von
shutterstock.com: © T-Part und © Fona
Lektorat: Philipp Bobrowski

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

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dp Verlag

 

 

 

Für Heinrich, Henrik und Tobias.

PROLOG

Theodora saß in einem Meer aus Blumen, Gras und Käfern. Zwischen ihrem Daumen und dem Zeigefinger hielt sie einen Grashüpfer gefangen, der jetzt hilflos zappelte. Sie wollte aufstehen und die stolze Beute ihrem Vater präsentieren, der nur wenige Meter entfernt im Gras hockte, aber das Gewicht der Windel zog sie nach hinten, sodass sie wieder auf dem Boden landete. Der Grashüpfer nutzte den günstigen Moment und entsprang in die Freiheit. Der Vater lachte und strich seiner Tochter über den blonden Haarflaum, bevor er ihr einen Kuss auf die Stirn gab. Dann drehte er sich zu ihrer Mutter um, die am Haus den Kaffeetisch deckte. Sie winkte den beiden zu und eilte die wenigen Treppenstufen in den Garten hinunter. Es roch nach einem wolkenlosen Nachmittag und nach dem Apfelkuchen, der noch im Ofen war – der perfekte erste Geburtstag. Theodora krabbelte zu ihrem Vater, der sie mühelos mit einem Arm hochnahm und den anderen um ihre Mutter legte. Gemeinsam gingen sie zur Tür, denn es hatte eben geläutet, und sie warteten auf die Ankunft der Patentante.

KAPITEL I

»Deshalb sage ich dir: Ihr sind viele Sünden vergeben, denn sie hat viel geliebt; wem aber wenig vergeben wird, der liebt wenig.«
Lk 7,47

Es ist ein merkwürdiges Gefühl, an einen Ort seiner Kindheit zurückzukehren und zu sehen, wie alle Dinge unbedeutend und klein geworden sind. Auch, wenn man ihn wieder und wieder besucht, kann die Gegenwart nur schwer den Eindruck mindern, den die Vergangenheit in unsere zarten Kinderseelen geprägt hat. Umso mehr erscheint uns das Heute als blasses Abbild der damals so zauberhaften und unerschöpflichen Welt.

Clio war so in Gedanken gewesen, dass sie nicht wusste, wie sie hierhergekommen war. Eben noch auf der Autobahn, dann hatte sie unbewusst die alten Straßen und Wege eingeschlagen, die sie so gut kannte, und jetzt war sie da. Am Ende der Straße stand, dicht zwischen die Kastanien gedrängt, die einst so majestätische weiße Villa. Noch immer – und obwohl sie nun reichlich mit Moos bewachsen waren – leuchteten die helle Fassade und die lackierten Dachziegel vor dem Kontrast der rostfarbenen Bäume, die in diesem September früher als sonst ihre Blätter zu verlieren schienen. Am Horizont warteten auf den Betrachter nur ein verlassener grauer Sandstrand und die endlose Einsamkeit des Meeres. Der schwarze Jeep rollte knirschend auf die Auffahrt und drückte dabei viele kleine weiße Kieselsteine in den Boden.

Warum fühlte sie sich wie ein Eindringling, jetzt, da sie an diesen Ort zurückkehrte – in dem großen, teuren Auto und ganz ohne die Unbeschwertheit aus Jugendtagen?

Der Schrei einer Möwe durchbrach gellend die Stille. Clio stieß einen leisen Seufzer aus, nahm gedankenverloren den kleinen Trolley aus dem Kofferraum und kramte in ihrer Handtasche nach dem Haustürschlüssel. Sie sehnte sich nach dieser Art von Ruhe, die man nur in einem beliebten Touristenörtchen außerhalb der Saison finden konnte. Es war einsam und grau hier, aber einerseits passte das genau zu ihrer Stimmung, und andererseits hatte das kalte Nachmittagslicht, das alle Makel des scheinbaren Idylls gnadenlos entblößte, etwas Tröstliches. Sie musste nicht perfekt sein in einer unperfekten Welt.

Vielleicht hätte sie schon früher herkommen sollen. Aber sie liebte ihre Arbeit als Verlagslektorin, und es würde ihr schwerfallen, den Alltag ziehen zu lassen. Nicht, dass sie einer dieser überarbeiteten Workaholics war, aber der vielsagende Blick ihrer Ärztin stand ihr noch klar vor Augen. Sie brauchte also eine Auszeit.

Mit zwei Fingern strich Clio den Staub von der geschwungenen Messingklinke. Es war lange niemand hier gewesen. Vielleicht schon über ein Jahr lang? Oft hatte sie ihre Eltern dafür getadelt, dass die Villa selbst in der Hochsaison leer stand und nur ab und zu ihre Schwester dort ein paar Tage verbrachte oder ihre Haushaltshilfe Linda vorbeischaute, die gelegentlich die Fenster putzte und den Briefkasten leerte. Was für eine Verschwendung! So war das Haus nur ein Relikt aus vergangenen Zeiten, als ihre Eltern noch frisch verliebt gewesen waren und in ihrem jugendlichen Eifer die Villa gekauft und liebevoll renoviert hatten – ganz in Weiß. Früher hatte es sicher sehr spektakulär gewirkt, aber heute, wo sich die High Society in bester Strandlage mit ihren Anwesen gegenseitig zu übertrumpfen suchte, zählte es eher zu den schlichten Bauwerken.

Clio streckte sich und hievte den Koffer die steile Wendeltreppe hoch. Sie ließ ihren Blick von der Galerie über die Loggia schweifen, sog die muffige Luft in die Lungen und fühlte sich im selben Moment zu Hause. Es war nur das kurze Aufflackern eines bekannten Gefühls wie das Heimkehren nach einer sehr langen Reise. Die ungelüfteten Räume dufteten nach dem Holz der antiken Möbel – ein Geruch, den sie seit ihrer Kindheit liebte.

Die lange Autofahrt hatte sie erschöpft, und so ließ sie sich im Schlafzimmer auf das Bett fallen und streckte die Arme von sich, während ihre Füße über dem Boden baumelten. Sie musste daran denken, wie sie sich früher das große Himmelbett mit ihrer Schwester geteilt hatte. Noch immer hingen die weißen Ajour-Gardinen an der Balkontür zu ihrer Linken, die eingerahmten Stickereien ihrer Mutter zierten die Wände und der Blick über das Meer war unverbaut. In dem kleinen Garten und am Strand dahinter hatte Clio viele unbeschwerte Stunden verbracht.

Während sie den Blick durch das vertraute Zimmer schweifen ließ, wurde ihr klar, dass es die richtige Entscheidung gewesen war, allein herzukommen. Marcus war einfach nicht Teil dieser Welt, zu der auch sie vermutlich kaum noch gehörte. Vor ein paar Jahren waren sie zur großen Familienfeier anlässlich des 60. Geburtstags ihrer Mutter hier gewesen, aber er hatte sich nicht richtig wohl gefühlt. Das war nur verständlich: Zu sehr war die Geschichte der Villa mit der ihrer Familie verwoben und darin war kein Platz für neue Figuren. Es hing etwas Verwunschenes an dem Haus, in dem ihre Mutter seit dem Tod des Vaters keinen Stuhl verrückt und kein Bild abgenommen hatte – ein irrsinniger Versuch, die Zeit anzuhalten. Und leider erfolglos, dachte Clio erschöpft.

Aber das alles war vergangen und wenn sie die Augen schließen und es schaffen würde, die Stimmen in ihrem Kopf zu ignorieren, wäre alles wieder in Ordnung; Es herrschte die betäubende, weiße Ruhe des Hauses, und sie wäre ein Teil davon.

KAPITEL II

Am nächsten Morgen erwachte Clio bei Sonnenaufgang. Das Licht des anbrechenden Tages fiel beinahe ungedämpft durch die hellen Vorhänge und der kühle Morgenwind, der durch das gekippte Fenster drang, kitzelte ihre Nase. Das Salz machte die Meerluft schwer und feucht und ihren müden Geist wach und hungrig. Ohne zu frühstücken schwang sie sich auf das alte Hollandrad ihrer Mutter, das sie zu ihrer Freude zwar etwas verrostet, aber einsatzbereit in der Garage vorgefunden hatte. Die milden spätsommerlichen Temperaturen waren ideal, um auf das Meer hinauszuschwimmen.

Der Himmel war noch wolkenverhangen, als sie mit großen, kräftigen Zügen durch das Wasser glitt, aber am Horizont konnte sie die aufsteigende Sonne beobachten, die über dem Wasser funkelte wie ein leuchtender roter Edelstein. Unter ihrem Körper spürte Clio das sachte Schaukeln der Wellen, und es befiel sie eine Vorahnung der schwarzen Tiefe, die sich mit kaltem Griff an ihre Beine zu klammern schien. Sie blieb in Strandnähe, denn seit jeher empfand sie in tiefen Gewässern eine merkwürdige Angst vor dem, was womöglich unter ihr lauerte. Diese Tiefenangst war ein absurdes Relikt aus Kindertagen und fest in ihrem Unterbewusstsein verwurzelt.

Sie konzentrierte sich auf ihre Bewegungen und das Geschrei der streitsüchtigen Möwen, aber an diesem Morgen kreisten die Gedanken unaufhörlich in ihrem Kopf.

Wie ich ihnen schon sagte, die Werte sind im Normbereich. Lassen sie sich einfach ein wenig Zeit, es kann viele Gründe haben, wenn Paare …

Dann hatte sie abgeschaltet. Sie wollte ihr Innerstes nicht einem fremden Menschen offenbaren, auch nicht unter dem Deckmantel medizinischer Diagnostik. Die dünne Stimme der Ärztin, die sie eindringlich aus schmalen Augen ansah, der sterile, lieblose Raum und das feindselige Ticken der Wanduhr hatten sich wie jedes andere Detail dieses Tages in Clios Gedächtnis eingebrannt.

Marcus hingegen hing mit einer Mischung aus Verzweiflung und Zuversicht an den Lippen der fremden Frau. Es war schon über ein Jahr, seitdem sie versuchten, eine Familie zu gründen. Ein endloses Jahr für Clio, hatte sie doch alle Hausmittel und Tricks erfolglos probiert und, wenn sie ehrlich zu sich selbst war, schon fast resigniert. Sie fühlte sich wie ein Baum, der keine Frucht trug.

Wir müssen doch etwas unternehmen können!, dröhnte Marcus‘ Forderung in ihren Ohren. Man hatte ihm angemerkt, dass der unerfüllte Kinderwunsch allmählich an seiner sonst so unumstößlichen Gelassenheit nagte. Er war älter als sie und hatte mit 40 alles erreicht: Vor Kurzem war er zum Teilhaber des Verlagshauses »Schwartz und Weiß«, wo sie beide arbeiteten, aufgestiegen – jetzt fehlte nur noch ein Stammhalter. Und sie konnte verstehen, dass er nicht mit dem Gehstock im Türrahmen lehnen wollte, während seine Kinder draußen spielten.

Die Ärztin hatte schließlich ihre Brille zurechtgerückt und mit einem Lächeln vorgeschlagen: »Vielleicht fahren Sie ein paar Tage weg? Irgendwohin, wo Sie innerlich zur Ruhe kommen und loslassen können.«

Da sie sich nicht auf eine erneute Diskussion zum Thema einlassen wollte, hatte Clio eingewilligt. Die Ärztin hatte ihr bei der Verabschiedung eine Krankschreibung in die Hand gedrückt, aber Clio hatte abgewinkt und stattdessen zwei Wochen längst überfälligen Urlaub eingereicht.

Jetzt war sie allein, aber dafür fernab von allem: vom unerfüllten Kinderwunsch, von ihrem Mann und ihrer Ehe. Als sie vor drei Jahren geheiratet hatten, war Clio sich sicher gewesen, die richtige und zudem auch eine vernünftige Entscheidung zu treffen. Er war sehr zuvorkommend, aufmerksam und trotzdem bodenständig. Ja, aber manchmal wurde ihr diese Harmonie zu eintönig und zu viel. Sie war ein Freigeist, mit dessen Temperament er nicht immer umzugehen wusste – und sie war längst nicht so geradlinig wie er. Gerade deshalb verschonte sie ihn mit manchen ihrer Gedanken und Gefühlsduseleien. Sie konnte ihm dieses makellose Bild von ihr, das er so verehrte, nicht nehmen. Aber dadurch fiel es ihr auch schwer, sich ihm zu öffnen. Sie hatte ihm noch nicht alles von sich erzählt: Kaum vom Tod ihres Vaters in ihren Studienjahren und auch nicht davon, dass sie insgeheim einen Verdacht hegte, warum es mit dem Kinderkriegen einfach nicht klappen wollte.

Ein plötzliches Frösteln riss Clio aus ihren Gedanken, und sie bemerkte, wie weit sie sich vom Ufer entfernt hatte. Die Sonne war nun vollends aufgegangen, und den Horizont schmückte nur noch ein rosafarbener Schimmer. Sie steuerte auf den Strand zu und versuchte, nicht an die klaffenden Weiten zu denken, die sich unter ihrem Körper erstreckten. Stattdessen heftete sie ihren Blick an den Strandstreifen, auf dem gerade ein älteres Ehepaar seinen Hund spazieren führte.

Am Ufer angekommen trocknete sie sich ab, warf sich das Kleid über – der Badeanzug klebte feucht auf ihrer Haut –, hängte sich die Tasche über die Schulter und stieg auf das alte Rad. Ihre Glieder fühlten sich allmählich schwer und müde an, und der Fahrtwind blies ihr die nassen Haarsträhnen aus dem Gesicht. Als sie endlich die Villa erreichte, ließ sie erschöpft ihre Sachen neben die Tür fallen und eilte die Treppe hinauf ins Badezimmer, um eine lange, heiße Dusche zu nehmen.

 

Es war schon später Vormittag, als sie schließlich zum Frühstücken hinunterging. Sie öffnete aus Gewohnheit den Kühlschrank und sah, dass er leer war. Das hätte sie sich ja denken können, tadelte sie sich selbst. Während sie leise fluchte, spürte sie eine sachte Berührung an der Schulter. Clio fuhr herum und sah in zwei liebevolle blaue Augen. »Linda! Was machst du denn hier?« Die Worte klangen eine Spur zu harsch.

»Wonach sieht denn es aus?«, entgegnete Linda mit einem breiten Grinsen, stellte den Putzeimer auf den Boden und wischte sich die Hände an der Schürze ab. »Die Fenster putzen sich leider nicht von allein. Und außerdem muss ich sagen, dass deine Schwester einen ziemlichen Saustall hinterlassen hat.«

Clio lachte und nahm ihre alte Freundin in den Arm. Es fühlte sich an wie früher, als sie mit ihren Eltern fast jeden Sommer in der weißen Villa verbracht hatte, wenn deren Hamburger Kanzlei für ein paar Wochen geschlossen blieb. »Marcus hat dich geschickt, stimmt’s?«, fragte sie und zupfte Linda ein Blatt aus dem Haar, das sich in einer grau melierten Strähne verfangen hatte.

Linda nickte. »Ja, und ich dachte eigentlich, er kommt auch.«

Clio zuckte mit den Schultern. »Er hat doch erst die neue Stelle angetreten. Unmöglich, dass er sich jetzt freinimmt. Außerdem brauche ich auch mal ein bisschen Zeit für mich …«

»Ja, das tut manchmal gut«, bestätigte Linda und deutete auf den Flur. »Frühstück steht auf dem Tisch und die Post liegt auch daneben. Es ist ganz schön was zusammengekommen.«

»Danke«, erwiderte Clio und hielt kurz inne. Dann fügte sie hinzu: »Es ist schön, dich zu sehen.«

Linda nickte und verließ den Raum. Erst als Clio ihr hinterherblickte, fiel ihr auf, dass die großen Fensterflügel, die auf die Veranda hinausführten, geöffnet waren und ein leichter Wind hereinwehte. Auf der langen Tafel vor der Fensterfront stand eine Papiertüte mit Croissants und ein Kaffee vom Bäcker. Wie hatte sie das nur übersehen können? Clio streckte sich und lächelte zufrieden. Es war sehr aufmerksam von Linda, ihr das Frühstück vorbeizubringen, und sie freute sich außerdem über die Gesellschaft. Zu Hause in Frankfurt war sie meistens allein. Da konnte sie auch darüber hinwegsehen, dass sie sich wieder ein wenig wie ein kleines Mädchen fühlte, wenn jemand anderes für sie putzte und ihr das Essen brachte. Was soll’s, dachte sie, immerhin war sie zum Entspannen hier, und einen Tag lang konnte sie sich ja verwöhnen lassen. Später würde sie sich vielleicht revanchieren und Linda zum Essen einladen.

Ihr Blick fiel auf den Papierstapel auf dem Tisch. Sie hatte gestern andere Dinge im Kopf gehabt, als nach der Post zu sehen. Aber Linda hatte einen Schlüssel und leerte den Briefkasten alle paar Tage. Wenn etwas Wichtiges dabei gewesen wäre, hätte sie also sicher Bescheid gegeben. Gelangweilt blätterte Clio durch die Briefe. Rechnungen vom Telefonanbieter – die wurden automatisch eingezogen – dutzende Werbeprospekte vom lokalen Supermarkt, Einladungen zu einer Gala und einem Konzert im Maritim-Hotel – beides war schon vorüber –, das Gemeindeblatt … und schließlich ein dicker Großumschlag. Clio wog ihn in der Hand – er war ungewöhnlich schwer und handschriftlich adressiert. Es war kein Absender angegeben, aber ihr kam irgendetwas an der geschwungenen Schrift seltsam vertraut vor. Es dauerte einen Augenblick, dann erkannte sie den Schreiber. Ihr Atem stockte, und sie spürte, wie sich ihr der Magen umdrehte: Der Brief war von Vincent. Der Verdacht bestätigte sich, als sie auf die Rückseite sah und über einer Regensburger Adresse seinen Namen las: V. Artmann.

Clio ließ wie angeekelt den Brief auf den Tisch fallen, wo er mit einem unangenehmen, dumpfen Geräusch zum Liegen kam. Zur Beruhigung nahm sie einen Schluck von dem Kaffee, den Linda ihr gebracht hatte. Er war schon kalt.

Nach dem ersten Schreck schossen ihr unzählige Fragen durch den Kopf. Was wollte er plötzlich von ihr, ausgerechnet jetzt? Suchten sie die Geister ihrer Vergangenheit zur Strafe heim? Und wenn ja, was hatte sie verbrochen?

Wie von fern erklang Lindas tiefe Stimme. »Erkälte dich nicht, meine Kleine«, rief sie. »Ich lüfte gerade ein bisschen.«

»Ja – lass dich von mir nicht stören, ich geh wieder rauf«, antwortete Clio mechanisch und schob die restliche Post zusammen. Dann klemmte sie sich den Brief unter den Arm, ließ Kaffee und Frühstück stehen und ging rasch die Treppe hinauf ins Schlafzimmer.

Von innen lehnte sie sich gegen die Tür und horchte. Draußen konnte sie hören, wie sich Lindas Schritte entfernten und eine Zimmertür zuschlug. Zitternd wog sie den Brief in den Händen, die von kaltem Angstschweiß feucht waren. Obwohl sie sich dagegen sträubte, wanderte ihr Blick zur Balkontür, und vor ihren Augen erstrahlte ein sonniger Dezembertag: Ein schlanker und groß gewachsener Mann Anfang zwanzig strich einem beinahe ebenso jungen Mädchen durch das kastanienbraune Haar. Es würdigte die liebevolle Geste mit einem Lächeln und sah aus naiven Augen zu ihm auf. Vincent und sie saßen in dem Korbsessel auf dem Balkon, der für zwei eigentlich zu klein war. Sie waren eingehüllt in warme Decken, denn der Wind wehte frisch in dieser einen Ferienwoche, die sie an der Küste verbrachten.

Wütend schmiss Clio den Umschlag aufs Bett und sah in den Garten hinaus – so, als ob sie seine Existenz einfach ignorieren könnte. Vincent war Vergangenheit, und sie hatten ohnehin nur ein paar schöne Monate zusammen verbracht, bevor alles ein sehr unschönes Ende genommen hatte.

Ihr Blick wanderte unruhig zwischen den verwilderten Blumenrabatten hin und her, als sie versuchte, Abstand zu den aufkeimenden Erinnerungen zu bewahren. Was dachte er sich bloß dabei, ihr nach all den Jahren einfach so zu schreiben? Es waren schon fast sieben Jahre vergangen, seit sie aus Oxford weggegangen war und in Frankfurt ein neues Leben begonnen hatte. Und jetzt dieser Brief. Mit dem Ringfinger fuhr sie sich über die Schläfen und versuchte, den pochenden Schmerz dahinter zu lindern. Vincent musste doch wissen, dass sie nur noch selten herkam. Ja, es hätte sogar sein können, dass die Villa inzwischen verkauft wäre. Die Preise auf dem hiesigen Immobilienmarkt explodierten immerhin geradezu, aber es hingen zu viele Erinnerungen an dem Haus, und ihre Mutter würde das nie übers Herz bringen. Jedenfalls konnte sie nicht zulassen, dass dieses unerwünschte, unscheinbare Schriftstück ihr Leben durcheinanderbrachte.

Sie legte den Brief auf den kleinen Biedermeiersekretär in der Ecke und schob ihn unter einen Stapel mit Zeitschriften. »Ich habe dich einfach nie bekommen«, sagte sie halb zu sich selbst und halb hinüber zu dem Möbel, wo der Brief völlig zwischen den Hochglanzmagazinen verborgen war. Das fühlte sich befreiend an und auch wie ein kleiner Triumph, denn früher hätte sie sich nicht zu beherrschen gewusst und den Umschlag in einer jugendlichen Mischung aus Neugier und Bestürzung sofort aufgerissen, aber das war die alte Clio. Inzwischen sollte sie erwachsen und gefestigt sein – oder?

Ihr Blick schweifte zu ihrem Handy auf dem Nachttisch: zwei neue Nachrichten. Sie lächelte. Marcus schien sie bereits zu vermissen. Er erkundigte sich, wie es ihr bisher gefiele und ob sie sich schon zu Tode gelangweilt hätte. Am Wochenende, versprach er, würde er sie besuchen kommen und nach Lübeck zum Essen und ins Theater ausführen. Ihr zuliebe, das wusste sie. Marcus war es eigentlich lieber, in der Freizeit seine Ruhe zu haben, vielleicht irgendwo spazieren zu gehen oder einfach drinnen vor dem Kamin zu sitzen. Sie hingegen brauchte Abwechslung, stets drängte etwas in ihr nach neuen Erlebnissen und Erfahrungen. Sie wollte die Welt um sich herum erleben und auskosten und konnte die Tage nicht so selbstzufrieden an sich vorbeiziehen lassen wie er. Vielleicht hätte ein Kind diese Differenz zwischen ihnen überbrückt, denn manchmal, wenn sich diese Unruhe in ihr ausbreitete, wurde sie sich selbst zu viel.

Sie überlegte kurz, ob sie Marcus anrufen sollte, um ihm zu sagen, dass sie sich auf das Wochenende freute. Sie freute sich, aber gleichzeitig fürchtete sie, dass ihre Gespräche wieder unaufhaltsam dasselbe Thema umkreisen würden. Umso mehr sie es zu verhindern versuchten, umso weniger gelang es ihnen. Sie waren zurzeit beide sehr gereizt. Was sollte sie ihm also sagen? Ein, zwei Sätze vielleicht – und dann träte diese unerträgliche Stille ein, die tiefer schürfte als alle Vorwürfe, die sie sich gegenseitig machen konnten. Also schrieb Clio nur eine SMS und bedankte sich. Dann hielt sie für einen Moment inne, öffnete rasch die Tür und rief die Treppe hinunter: »Linda? Bist du noch da?«

»Jawohl«, erklang die Antwort vom Treppenabsatz. »Aber ich wollte gerade gehen. Ist noch was?«

Clio ging mit langsamen Schritten zu ihr hinunter und unterdrückte ein Grinsen. »Ach, eigentlich nicht … Ich dachte nur, vielleicht hast du heute Abend Lust, mit einer alten Freundin essen zu gehen?«

Linda lachte und strich ihre Schürze glatt. »Mit dir immer, das weißt du doch.« Sie kratzte sich am Kinn. »Allerdings ist heute Abend schlecht. Vielleicht morgen?«

»Ja, gerne. Ich ruf dich morgen an.«

Clio hielt ihr die Tür auf, Linda stapfte zu ihrem Opel und verstaute den Putzkorb im Kofferraum. Clio lächelte ihr zum Abschied zu, aber als das Auto langsam die Einfahrt herunterrollte, befiel sie ein ungutes Gefühl. Wie lange würde sie wohl die Einsamkeit, die sich zunächst so beruhigend angefühlt hatte, ertragen können?

KAPITEL III

Clio schloss die Tür und trat in das geräumige Wohnzimmer mit den Rundbogenfenstern und der hohen Decke, die von weiß lasierten Balken getragen wurde. Auf der Anrichte an der Stirnseite des Zimmers stand immer noch das Hochzeitsporträt ihrer Eltern umringt von unzähligen Kinder- und Familienfotos. Sie wandte den Blick ab und ließ sich erschöpft in den mit Fellen ausgekleideten Lehnstuhl sinken, direkt neben den Kamin. Dessen Glas war noch trüb, denn aufgrund der warmen Temperaturen hatte ihn lange niemand benutzt. Trotzdem lagen in dem Weidenkorb neben dem Kamin die Holzscheite fein säuberlich aufgeschichtet. Auf dem Kaminsims erspähte sie eine verstaubte Schachtel Kaminanzünder. Sie erhob sich schwerfällig aus dem weichen Sessel, um ein Feuer zu machen.

Wie in Trance führten ihre Hände die gewohnten Handgriffe aus, und ihre Gedanken schweiften zu dem Tag, als sie das letzte Mal diesen Kamin angefeuert hatte.

Genau wie jetzt kniete sie damals auf dem kalten Terrazzostein und beobachtete die kleinen Flammen, die sich gierig züngelnd und von einem angenehmen Knistern begleitet um das Holz legten. Vincent beobachtete sie vom Türrahmen aus, verschmitzt lächelnd und mit einer Weinflasche in der einen und zwei Gläsern in der anderen Hand.

»Was hast du gefunden?«, fragte sie mit Blick auf den Wein.

Vincent zuckte mit den Schultern und schwenkte übertrieben nonchalant die grüne Flasche: »Ich glaube, das ist der Teuerste.«

Einen Augenblick lang sahen sie sich in die Augen, dann prustete Clio los.

Als sie sich wieder gefangen hatte, ergänzte sie mit gespielter Entrüstung: »Entschuldige bitte den schlechten Geschmack meiner Familie, das nächste Mal degustieren wir etwas aus Monsieurs eigenem Weinkeller.«

Ein lautes Zischen im Kamin holte Clio wieder in die Gegenwart zurück. Es war seltsam, welchen Abstand man über die Jahre zu einer jüngeren Version seiner selbst entwickeln konnte. Sie schämte sich fast für die Unbekümmertheit, mit der sie damals in den Tag hineingelebt hatte. Sie hatten sich beide so unbeschwert gefühlt. Und so sehr sie es auch wollte, konnte sie nicht leugnen, dass es eine sehr schöne Zeit gewesen war – besonders diese eine Woche am Meer.

Sie hatten sich nicht die Mühe gemacht, in den Polstersesseln oder auf dem beigen Kanapee zu sitzen, sondern sich direkt auf dem Orientteppich vor dem Feuer niedergelassen. Es waren die Ferien nach dem Michaelmas Term in Oxford, Anfang Dezember also, und es war bitterkalt, auch wenn es nur vereinzelt geschneit hatte. Mit besagtem Weißwein feierten sie am glühenden Kamin das erfolgreiche Trimester und, wie so oft, diskutierten sie. Clio fand Gefallen daran, seinen Verstand und auch seine Geduld auf die Probe zu stellen und ihn mit ständig neuen Gegenargumenten zur Weißglut zu bringen, ganz ähnlich den Fragespielen, die man nur von kleinen Kindern kennt. Aber Vincent, in einem strengen Elternhaus und katholischem Internat aufgewachsen, ließ sich davon nicht aus der Ruhe bringen, und so konnte dieses Katz-und-Maus-Spiel ewig weitergehen. Dass sie beide Literatur studiert und größtenteils dieselben Kurse besucht hatten, machte die Sache nicht einfacher. Von Chaucer bis Beckett und vom Nibelungenlied bis Döblin war nichts vor ihnen sicher.

Clio fragte sich ab und zu, wie es sich wohl für Vincent anfühlte, das erste Mal ganz auf sich allein gestellt zu sein, schließlich war er auch zum Studium in seiner Heimatstadt Regensburg geblieben, bevor er zum Auslandsjahr nach Oxford kam. Manchmal erinnerte er sie an einen jungen Vogel, den man gerade aus dem Käfig in die Freiheit entlassen hatte. Anders konnte man einige seiner Einfälle auch nicht erklären.

An diesem Abend vor dem Kamin drehte er ihren Kopf sanft zu sich, strich ihr die braunen Locken aus der Stirn und fragte sie neckisch: »Calliope, warum liebst du mich?« Aber die Zeit für Diskussionen war schon vorüber, der Alkohol war beiden zu Kopf gestiegen, und sie küsste ihn und blieb ihm die Antwort schuldig.

Calliope … Niemand außer ihm hatte sie seinerzeit so genannt und niemand nannte sie heute so. Selbst für Marcus war sie immer nur Clio und wenn sie ihren Namen doch einmal ausgesprochen hörte, zum Beispiel bei Behördengängen, erschauderte sie.

Sie atmete tief durch und wandte den Blick vom Kamin ab hinüber zum Bücherregal ihrer Mutter in der anderen Zimmerecke. Es war eine ganz stattliche Bibliothek, und sie enthielt neben der juristischen Fachliteratur auch einige alte Schinken, Gartenratgeber und viel Kitsch. Vielleicht sollte sie sich eine Lektüre besorgen, um auf andere Gedanken zu kommen – sonst würde sie, wenn es so weiterging, niemals an etwas anderes denken können als an den Brief und seinen Absender.

Kurz entschlossen ging sie hinüber und griff wahllos ins Regal: Ihre Hand umschloss Daphne du Mauriers »Meine Cousine Rachel«. Clio kniff die Augenbrauen zusammen und seufzte. Sie hatte diese Geschichte schon vor Jahren gelesen, und trotzdem war sie ihr genau im Gedächtnis geblieben. Ein junger Erbe, sein alternder Ziehvater und eine geheimnisvolle Frau zwischen Gut und Böse, die beide um den Verstand brachte. Am Ende blieb unklar, ob Rachel schuldig oder unschuldig war.

Plötzlich hatte Clio einen Kloß im Hals. Wie oft hatte sie selbst die Schuldfrage gequält? Wer trug die Schuld an den Ereignissen vor knapp sieben Jahren? Vincent? Sie? Oder sie beide? Sie wusste nur, dass sie alles versucht hatte. Sie hatte ihn geliebt, bis es nicht mehr ging, und dabei fast ihre Würde verloren. Andererseits: Was spielte das noch für eine Rolle?

Auch zwischen Rachel und Philip stand am Ende unausgesprochen, aber allgegenwärtig diese Frage. War etwa immer derjenige schuld, der zu sehr liebte, weil er sich eigentlich nur nach Anerkennung im Spiegelbild des anderen sehnte? Mit einem beklemmenden Gefühl im Brustkorb stellte Clio das Buch zurück. Sie ärgerte sich darüber, dass ihr zufälliger Griff ins Regal gerade dieses Werk zutage gefördert hatte, und spürte wieder diese alles übertönende Einsamkeit, von der sie noch nicht wusste, ob sie Freund oder Feind war. Clio wollte nicht zu Bett gehen, ohne noch einmal Marcus’ Stimme zu hören. Obwohl es schon spät war, rief sie ihn auf dem Handy an.

»Clio, bist du’s?«, tönte es verschlafen aus dem Hörer.

»Ich wollte nur noch kurz deine Stimme hören«, sagte sie und bemühte sich, fröhlich zu klingen. »Ich gehe jetzt schlafen.« Sie konnte hören, wie er lächelte.

»Hm … ich hab dich vermisst.«

»Hab ich dich geweckt?«, fragte sie.

»Nein … nein, ich lege mich auch gerade hin.«

Clio war sich sicher, dass das geflunkert war.

»Na gut, schlaf schön«, erwiderte sie und hauchte ein Küsschen ins Telefon. Dann legte sie auf und ging aus dem Zimmer, ohne sich noch einmal nach dem glimmenden Feuer umzusehen.

Der Mondschein fiel durch die geöffneten Fensterläden im Flur und tauchte die weißen Räume in ein bläuliches Licht. Als Clio sich schlafen legte, war sie wie eingehüllt in diese kalte Stille. Einen Moment lang schien es nicht wichtig, wie viele Erinnerungen an diesem Haus hingen oder wie viele Nächte sie mit Vincent in eben diesem Bett geschlafen hatte. Sie dachte an Marcus und das bevorstehende Essen mit Linda und war froh, nicht die ganze Zeit über allein zu sein.

KAPITEL IV

Nach einer ruhigen, traumlosen Nacht brach in Timmendorfer Strand ein klarer Morgen an. Die Luft war reingewaschen vom nächtlichen Regen, und das Meer plätscherte sacht und beständig an die Küste. Clio zog die bestickten Gardinen auf, öffnete die Fensterläden weit und stellte erfreut fest, dass Linda genug für ein Frühstück auf dem Balkon eingekauft hatte.

Sie liebte, wie die salzige Luft beim Einatmen in der Nase kitzelte und die schrillen Schreie der Möwen auf der Jagd den Himmel erfüllten. Hier am Meer konnte man sich so unbedeutend fühlen – wie ein kleiner Fisch in der schwindelerregenden Weite des Ozeans. Dann schien das eigene Leben von immenser Bedeutungslosigkeit zu sein. Wie ein einzelner Wassertropfen in den Wellen existierte Clio angetrieben von einer großen, unbekannten Kraft und brauchte niemandem außer sich selbst Rechenschaft darüber abzulegen. Ihre Tage maßen ohnehin nur eine unscheinbar kurze Zeitspanne im Vergleich zum großen Ganzen.

Sie brachte ihr Geschirr in die Küche und wählte Lindas Nummer, die sie schon seit Kindertagen auswendig kannte. Es fühlte sich gut an, sie nach so langer Zeit wieder zu benutzen, und ein wohliges Gefühl stieg in ihr auf.

Linda nahm sofort ab. »Schön, von dir zu hören, Kleine. Was meinst du? Ich hätte Lust auf eine richtig gute Pizza.«

Clio schmunzelte. Linda war so herrlich bodenständig, und sie würde sich niemals in einem schicken Sternerestaurant wohlfühlen. Das war gut so, denn die Eitelkeit der höheren Gesellschaft in Timmendorfer Strand, dieser kleinen Insel der Besserverdienenden an der Ostseeküste, widerte Clio an. »Klingt ganz wunderbar«, erwiderte sie voller Vorfreude.

Sie trafen sich um die Mittagszeit und spazierten gemeinsam zur Pizzeria an der Strandpromenade. In der Nebensaison waren die Straßen hier ungewöhnlich leer, und dem sonst lebhaften Örtchen haftete etwas so Melancholisches an wie einer verlassenen Filmkulisse. Ohne Probleme bekamen sie einen Tisch für zwei. Der Kellner nickte freundlich, zündete eine Kerze an und reichte ihnen die Mittagskarte.

Clio war bereits in die Lektüre vertieft, als Linda sie über den Rand ihrer Brille hinweg kritisch beäugte. »Du siehst aber nicht so gut aus, wenn ich das sagen darf, Kleine. Brauchst wohl wirklich ein bisschen Urlaub, hm?«

Clio wusste, dass sie vor Linda keine Geheimnisse haben konnte. Diese Frau sah ihr in die Augen und wusste sofort, was los war. So war es auch früher schon gewesen, wenn Clio sich beim Spielen mit ihrer Schwester die Knie aufgeschlagen oder in den leer stehenden Strandkörben herumgelungert hatte. Am liebsten hätte sie ihr sofort ihr Herz ausgeschüttet, und sie musste sich bemühen, gefasst zu bleiben.

Noch während Clio nach den richtigen Worten suchte, stellte Linda mit ihrer direkten Art die entscheidende Frage: »Hast du Streit mit Marcus?«

Das war zu viel. Die Worte sprudelten energischer als beabsichtigt aus Clio heraus. »Ich kann seine ganze naive Art einfach nicht mehr ertragen. Er ist so optimistisch, und dabei übersieht er völlig, wie ich mich fühle.«

Linda zog eine Augenbraue hoch. »Und wie fühlst du dich?«

Clio überlegte einen Augenblick. »Ich bin erschöpft. Du weißt ja, wie sehr ich immer eine Familie wollte, und –«, sie senkte ihre Stimme, »wir versuchen es schon seit über einem Jahr, aber ich werde einfach nicht schwanger.«

Jetzt war es raus. Kaum jemandem hatte sie sich bisher anvertraut. Sie schämte sich auch irgendwie. Sollte das nicht die einfachste Sache auf der Welt sein?

Aber jetzt wusste Linda Bescheid. Die eben noch neugierige Miene ihrer Freundin schlug in echtes Mitgefühl um. »Mensch, Kleine!« Sie drückte ihre Hand fester. »Jetzt versteh ich das alles. Weißt du, es ist nicht immer so einfach, wie man denkt.«

Clio sah sie fragend an, und plötzlich erkannte sie die Sorgenfalten im Gesicht ihrer Freundin.

»Na ja«, sagte Linda mit einem Seufzen. »Thomas wurde auch erst geboren, als mein Mann und ich schon zwei Jahre verheiratet waren.« Dann fügte sie lachend hinzu: »Dass das keine Absicht war, kannst du dir denken.«

Clio zwang sich, zu schmunzeln.

»Du musst Vertrauen haben, Kleine. Manche Dinge lösen sich einfach von allein – wenn man es zulässt«, fuhr Linda fort.

Clio nickte. »Du hast sicher recht, aber manchmal wünsche ich mir mehr Verständnis. Die ständigen Versuche, mich aufzuheitern, kann ich nicht mehr ertragen. Von seinen Annäherungsversuchen ganz zu schweigen. Er kann überhaupt nicht verstehen, was ich durchmache – für ihn lief doch immer alles wie am Schnürchen.« Sie ließ die Schultern fallen und schwieg einen Moment. »Und ich habe auch Angst wegen damals – er weiß nicht mal, dass ich …« Mit zittriger Stimme brach Clio den Satz ab.

Ihre Freundin wusste, was vor sieben Jahren Unaussprechliches geschehen war. »Das ist Vergangenheit«, erwiderte Linda und nahm liebevoll ihre Hand. »Du musst jetzt an die Zukunft denken. Und vergiss nicht: Ich bin immer für dich da.«

Clio mühte sich ein Lächeln ab und drückte Lindas Hand einmal kurz, um dann nach der Karte zu greifen. »Na, wie immer?«, fragte sie nach einer kurzen Pause.

Linda grinste. Im Gegensatz zu Clio bestellte sie immer das Gleiche: eine Pizza Vier Jahreszeiten ohne Artischocken. »Warum soll ich mich entscheiden, wenn ich von allem etwas haben kann?«, hatte sie früher oft zu ihr gesagt. »Na ja, alles außer Artischocken, aber da kann man wirklich eine Ausnahme machen. Brr!« Und dann hatte sie sich theatralisch geschüttelt, und sie hatten gelacht, die burschikose Linda und das kleine Mädchen.

Aber heute war Clio nicht mehr nach Lachen zumute. Sie bestellte Pasta und, wie immer, Eistee für sie beide. So saßen sie über zwei Stunden auf den niedrigen Holzstühlen und redeten über angenehm Belangloses: den neuesten Timmendorfer Klatsch und Tratsch und ein bisschen Weltgeschehen. Linda hatte zu allem eine unumstößliche Meinung. Dabei war sie gar nicht stur, sondern brachte alles so liebenswürdig vor und zeigte auch für ihr Gegenüber so viel Verständnis, dass man sich nie auf den Schlips getreten fühlte. Ihre Art war so erfrischend, dass Clio sogar die schnulzigen Liebeslieder überhörte, die Eros Ramazzotti im Hintergrund unaufhörlich aus den Lautsprechern trällerte.

KAPITEL V

Das letzte Stück des Rückweges ging Clio allein. Es war ein frischer Wind aufgezogen, der eine Handvoll ockerfarbener Blätter vor ihr herwirbelte. Blätter, die sich einfach treiben ließen.

Plötzlich packte sie eine Zuversicht. Eigentlich war das Leben so einfach. Es war einfach, glücklich zu sein. Ja, sie würde noch ein oder zwei Wochen hier am Meer bleiben, und wenn sie dann zu Marcus nach Frankfurt zurückkehrte, wäre sie ganz ruhig und gelassen. Sie würde eine gute Ehefrau und eine noch bessere zukünftige Mutter sein. Sie würde sich öffnen für all das Schöne, das sie erwartete, und für die Erlebnisse, die das Leben für sie bereithielt. Ach, und was diesen leidigen Brief anging – sie würde ihn wegwerfen. Einfach in den Mülleimer, sodass die Magazine ihrer Mutter wieder so dalagen, wie schon seit Jahren – als dieselben unberührten Relikte von glücklichen, aber vergangenen Zeiten. Die Clio, die dieser Brief völlig aus der Bahn geworfen hätte, existierte nun mal nicht mehr. Er war also nur ein Stapel Papier in einem braunen Umschlag, der nichts mit ihrem Leben zu tun hatte. Ja, sie war nun völlig überzeugt davon und stieß mit einem Schmunzeln die Haustür auf. Wie wenig es doch manchmal brauchte, um die Welt wieder in Ordnung zu bringen.

Zielstrebig eilte sie ins Schlafzimmer, kramte den Brief hervor und warf ihn in den Papierkorb unter dem Schreibtisch. Das fühlte sich tatsächlich befreiend an. Aber irgendwie starrte er immer noch zu ihr hoch aus seinem Versteck in dem säuberlich geleerten Behälter. Clio seufzte, schüttelte den Kopf und nahm den Brief schließlich wieder heraus, um ihn zum restlichen Müll in die Küche zu legen, den Linda später rausbringen wollte. Das war schon endgültiger. Jetzt konnte sie die Angelegenheit endlich vergessen.

Erleichtert atmete sie auf und überlegte, was sie mit dem angebrochenen Nachmittag anfangen sollte. Linda würde noch einmal vorbeikommen, um ihren Großputz zu beenden, aber Clio war nicht mehr nach Unterhaltungen oder aufregenden Unternehmungen. Es sah wieder nach Regen aus, sodass sie sich ein warmes Bad einließ.

Sie dachte kurz daran, Marcus später noch eine SMS zu schicken, eine kleine Aufmerksamkeit – einfach so. Es war sicherlich ihr schlechtes Gewissen, das da sprach, aber als das Wasser mit einem betäubenden Rauschen in die Wanne plätscherte, lösten sich alle Gefühle wie von selbst auf, und eine schwere Last fiel von ihren Schultern. Jetzt war nicht die Zeit dafür. Sie tauchte einen Zeh in das dampfende Wasser und spürte, wie die Wärme durch ihren Körper strömte. Hier, fernab aller Verpflichtungen und Erwartungen, war sie wieder ein Kind, das wie früher in die frei stehende Emaillewanne kletterte und mit den Augen die Konturen der kornblumenblauen Musterkacheln an der Wand nachzog – es war bloß alles ein wenig geschrumpft.

Als der Regen begann, gegen das kleine Dachfenster zu prasseln, ließ sie sich einfach treiben, und plötzlich war alles ganz weit weg: Marcus, der Kinderwunsch und die Erinnerungen an Vincent …

Leider hielt dieses angenehme Delirium nicht lange an. Hatte Clio es am Abend noch geschafft, sich fallen zu lassen und später irgendeine Quizshow im Fernsehen zu schauen, rebellierte ihr Unterbewusstsein in der Nacht schließlich gegen die plötzliche Entmündigung. Sie wälzte sich von einer Seite zur anderen und konnte keinen Schlaf finden. Es war im Schlafzimmer ungewöhnlich warm, obwohl sie das Fenster geöffnet hatte. Wie im Fieber dämmerte sie für ein paar Minuten weg und träumte wirre, zusammenhanglose Dinge von ihrer Studienzeit in Oxford, von Marcus, der sie nach Hause zurückholen wollte, und von Linda, die manisch lachend in einer Dauerschleife wiederholte: Ich kann doch alles haben!

Clio hatte kaum drei Stunden geschlafen, als ein schrilles Geräusch die Stille durchbrach. Es war ein piepsender Ton, und er schmerzte in ihren Ohren. Sie vergrub den Kopf tief im Kissen, aber es half nichts. Notgedrungen öffnete sie die Augen und sah sich im Zimmer um, das im Morgendämmern schwach erleuchtet war. Ein Blick auf den Wecker: noch nicht mal sieben Uhr. Der Ton war immer noch da. Dann wurde es ihr plötzlich klar – die Müllabfuhr! Panisch strich sie sich die Haare aus der Stirn und stolperte aus dem Bett. Ein Blick aus dem Fenster bestätigte ihre Vermutung. Clio hielt einen Moment lang inne, aber als die Schrecksekunde vorüber war, rannte sie barfuß die Treppe hinunter und durch die Diele in die Auffahrt, wo sie gerade noch sah, wie das Müllauto langsam davonrollte. Wie in Trance ging sie zur grünen Mülltonne hinüber, die an der Straße stand. Ungläubig starrte sie in den leeren Behälter, dann stieß sie kaum hörbar ein verzweifeltes Lachen aus. Was tat sie hier draußen – im Müll wühlen? Noch dazu im Morgenmantel? Die Nacht steckte ihr in den Knochen, und ein pochender Schmerz hinter den Schläfen erinnerte sie daran. Sie fröstelte.

Und dann begannen die Gedanken zu kreisen. Wäre sie es Vincent nicht schuldig gewesen, den Brief zumindest zu lesen? So lange hatte sie darauf gewartet, noch einmal von ihm zu hören. Wenn sie ehrlich war, hatte sie sich manchmal gefragt, was aus ihm geworden war, aber diese Frage hatte geschmerzt, und so hatte sie dieses Kapitel ihrer Jugend zu den Akten gelegt wie so manche andere Gelegenheit in ihrem Leben. Jetzt war auch diese Chance vertan, und sie würde niemals erfahren, was Vincent ihr hatte sagen wollen.

»Suchst du das hier?«, ertönte eine vertraute Stimme von der Haustür her.

Erschrocken drehte sie sich um und sah in Lindas sorgenvolle Augen. Ihre Freundin lehnte im Türrahmen und winkte mit dem braunen Umschlag. Clio fühlte sich ertappt. Erst jetzt fiel ihr das Auto der Haushälterin auf, das in der Einfahrt parkte.

»Was … machst du schon hier?«, fragte sie stotternd und rieb sich die Stirn. Sie konnte nicht einmal sagen, ob ihre Scham echt oder gespielt war. Das war auch nicht mehr wichtig, denn nun würde Linda nicht lockerlassen, ehe sie alles erfahren hatte. So oder so.

Linda seufzte. »Komm. Na komm schon wieder rein. Du erkältest dich ja.«

Wortlos folgte Clio ihr ins Haus.

Linda legte ihr die Hand auf die Schulter und bugsierte Clio aufs Sofa, wo sie auch den Brief ablegte. »Ich mache dir erst mal einen warmen Kakao. Und du rührst dich nicht von der Stelle, verstanden?«

Clio sah ihr sprachlos nach, als Linda in die Küche ging. Sie wagte nicht, auf den Umschlag zu sehen, der neben ihr lag – nur einen Handgriff entfernt. »Linda?«, rief sie zögerlich.

Ihre Freundin sah über die Schulter: »Ja, Kleine?«

»Lieber einen Kaffee, bitte.« Clio mühte sich ein schwaches Lächeln ab. Dabei drehte sie unbewusst den Kopf ein Stück und der Brief rückte wieder in ihr Sichtfeld. Aus dem Augenwinkel konnte sie ihn erspähen. Er sah schon ein bisschen lädiert aus vom langen Weg, den er hinter sich hatte. War er nicht eigentlich reeller als alle Albträume, die sie heute Nacht gequält hatten? Seufzend sah sie auf den ungeöffneten Umschlag. Ihr war jetzt klar, dass es nur einen Weg gab, diese Sache aus der Welt zu schaffen: Sie musste den Brief lesen. Und vielleicht würde sich sein Schrecken im Licht der schwarz-weißen Fakten so schnell auflösen wie ein Nachtmahr bei Tagesanbruch.

Mit zwei duftenden, dampfenden Tassen Kaffee kam Linda aus der Küche zurück. Sie setzte sich zu ihr und musterte sie.

Clio spürte ihren Blick, obwohl sie abwesend aus dem Fenster sah, in den taufeuchten Garten hinaus. »Danke«, sagte sie und fragte noch einmal: »Was machst du so früh schon hier?«

»Der frühe Vogel fängt den Wurm«, entgegnete Linda mit aufgesetzt-fröhlicher Miene. Sie faltete ihre Hände im Schoß. »Außerdem dachte ich, du freust dich vielleicht wieder über ein Frühstück. Es steht in der Küche. Oder bist du jetzt zum Langschläfer geworden?«

Clio schmunzelte. »Du brauchst mir wirklich nicht jeden Morgen Frühstück machen.«, sagte sie und ergänzte in Gedanken: Ich bin ja kein kleines Mädchen mehr.

Linda sah sie liebevoll an und deutete auf den Brief. »Sag mir lieber, was du da draußen so leicht bekleidet wolltest.«

»Oh.« Clio nahm sich die Sofadecke und zog sie bis über die Schultern. Erst jetzt merkte sie, dass sie zitterte. Ob vor Kälte oder vor Anspannung, das wusste sie nicht. Sie stand also doch wie ein Kind vor ihrer alten Freundin und hatte etwas ausgefressen. Es war lächerlich, Linda etwas vorzumachen, und doch konnte Clio nicht anders. Gleichgültig zuckte sie mit den Schultern. »Der ist … aus Versehen in den Müll geraten.« Sie sah Linda nicht an. Irgendwie war es ja auch nur eine halbe Lüge.

»Ach so«, antwortete Linda schnell. »Von wem ist er denn?«

»Ich hab ihn noch nicht geöffnet.« Ihre Blicke kreuzten sich: Linda sah sie unbeirrt an und blinzelte nicht ein einziges Mal. Mit unruhigen Fingern nahm Clio schließlich das Schriftstück zu sich und versuchte, so gelassen wie möglich zu wirken. Eine Sekunde lang überlegte sie, ob sie einen Brieföffner holen sollte, verwarf den Gedanken aber ebenso schnell wieder. Dann durchbrach das schroffe Reißen der Papierlasche die gläserne Stille.

Clio konnte spüren, wie ihr Herz schmerzhaft gegen den Brustkorb hämmerte, als sie den Blätterstapel halb herauszog. Es waren etliche Seiten. Sie befühlte das strukturierte Briefpapier zwischen ihren Fingern. Ein prüfender Blick auf die Kopfzeile bestätigte, was eigentlich längst eine qualvolle Gewissheit war:

Regensburg, den 02. August.

Das teure Papier, die verschnörkelte Handschrift und Vincents Geburtsstadt Regensburg – all das weckte unangenehme Erinnerungen. Der Brief schien auch schon ein paar Wochen hier zu liegen.

»Er ist von Vincent«, sagte sie und schob die Blätter wieder in den Umschlag zurück, bevor sie ihn auf dem Couchtisch ablegte.

Linda schnaubte laut und zog etwas zu abschätzig beide Augenbrauen hoch. »Lange her«, sagte sie dann.

Clio schlang die kalten Finger um ihre Kaffeetasse und kuschelte sich enger in die Decke. »Sehr lange«, bestätigte sie und lächelte verlegen.

Für Linda musste sich diese gedankliche Reise in die Vergangenheit fast genauso absurd anfühlen wie für sie. Schließlich hatte die Haushälterin Vincent selbst kennengelernt, als sie mit ihm in der Villa gewesen war. Clio spürte, wie sie beim Gedanken daran rot wurde. Sicher hatte es auf Linda sehr kitschig gewirkt. Sie, das naive junges Mädchen, gerade ›flügge‹ und zum Studium nach England ausgeflogen, und er, der Kommilitone und ihre erste Liebe.

»Es muss sich komisch für dich anfühlen, nach so langer Zeit von ihm zu hören«, stellte Linda fest. »Ich kann verstehen, dass du den Brief nicht lesen wolltest.« Sie rümpfte die Nase.

Clio wollte etwas erwidern, aber dann nickte sie nur und schluckte. Das Herzklopfen hatte nachgelassen, und sie spürte eine schwere Last auf ihren Schultern.

»Wie auch immer«, fuhr Linda fort. »Manchmal muss man sich seinen Dämonen stellen. Sonst wird man sie nie los.«

»Du hast recht«, antwortete Clio. »Wie immer.« Dankbar legte sie eine Hand auf Lindas Knie.

Linda ergriff die Hand und drückte sie fest. »Willst du allein sein? Ich wollte noch ein bisschen Staub wischen, aber das kann ich auch später machen.«

Clio nickte und nahm noch einen großen Schluck aus ihrer Tasse. Es schmeckte bitter. »Danke, Linda«, sagte sie.

»Na klar, Kleine.«

 

Clio wartete, bis sie die Haustür zufallen hörte, dann nahm sie den Umschlag und ging nach oben, um sich etwas zum Anziehen aus dem Schrank zu nehmen. Wenn sie sich diesem Kapitel ihrer Vergangenheit stellen musste, wollte sie geduscht und angezogen sein, denn es befiel sie das unheimliche Gefühl, als ob jeder ihrer Schritte beobachtet würde – von jemandem, den sie schon lange nicht mehr kannte.

KAPITEL VI

Mit leerem Magen saß Clio im Schaukelstuhl auf der Terrasse. Neben ihr stand auf dem Teakholztisch ein Tablett mit Saft und frischen Croissants. Von dem Frühstück, das Linda liebevoll für sie vorbereitet hatte, bekam sie allerdings keinen Bissen runter. Die Wolken hatten sich verzogen, der Boden hatte den Regen der Nacht gierig aufgesogen, und es schien ein schöner Tag zu werden. Früher war das der Lieblingsplatz ihrer Mutter gewesen, die hier oft mit einem Buch in der einen und der Teetasse in der anderen Hand gesessen hatte, während Clio und ihre Schwester im Garten spielten.

Jetzt war das Grundstück halb verwildert. Marcus hatte ihr oft vorgeschlagen, einen Gärtner kommen zu lassen, weil er wusste, wie viel ihr an dem Sommerhaus lag. Aber es wäre Clio falsch vorgekommen, die Idylle künstlich am Leben zu erhalten, und deshalb mochte sie es so viel lieber. Ab und zu kam aber Lindas Mann vorbei, um den Rasen zu mähen. Darauf hatte Marcus bestanden.

Auf dem kleinen Teich schwammen zwischen den Algen einige Seerosen und die Hortensienbüsche waren bereits vertrocknet, aber sie würden nächstes Frühjahr wiederkommen.

Ein paar Spatzen und Meisen zwitscherten fröhlich und sprangen übermütig auf der steinernen Schale der Vogeltränke hin und her. Die ersten Sonnenstrahlen kitzelten Clio im Gesicht. Sie atmete noch einmal tief ein, um den Moment an diesem klaren Herbstmorgen festzuhalten – so, als ob sie dann immer wieder zu diesem Zeitpunkt zurückkehren könnte, an dem sie vielleicht eine falsche Entscheidung traf. Das war eine alte, lästige Gewohnheit aus Kindertagen, aber es half ihr in schwierigen Situationen.

Dann nahm sie endlich das Papier aus dem Umschlag. Sie zitterte inmitten des sonnigen Morgens. Nervös überflog Clio die Zeilen.

Calliope,

du wirst dich sicher fragen, warum ich dir nach all den Jahren schreibe. Wenn ich dir aber sage, was du wissen willst, wird das Folgende verfälscht sein und wie durch trübes Glas erscheinen.

Du wirst alles erfahren, aber vorerst bitte ich dich nur, mir ein bisschen deiner Zeit zu schenken. Ich möchte, dass du in diesem Brief von dem jungen Mann liest, den du einst geliebt hast. Es soll eine kurze Zeit lang keine Rolle spielen, wer ich heute bin. Ich weiß, wenn du noch genauso besonnen bist wie damals, als ich dich besser kannte, wirst du mir zuhören.

Clio hielt inne. Diese geschwollene Ausdrucksweise stieß ihr sauer auf. Früher war sie von seiner intellektuellen Erziehung beeindruckt gewesen, aber sie hatte dazugelernt und würde sich nicht mehr von so etwas blenden lassen. Dazu die dunkelblaue Tinte auf dem handgeschöpften Papier und die kleinen Schnörkel an den geschwungenen Buchstaben. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass er sich bedeutend verändert hatte, und es gab nichts, was sie von dem Menschen, zu dem er schließlich geworden war, wissen wollte. Sie hatte ihn zu gut gekannt.

Aber … Moment mal! Wenn sie genau hinsah, war die Schrift nicht so gleichmäßig wie früher. Vielleicht hatte er endlich von seinem ästhetischen Perfektionismus abgelassen.

Mit einem störrischen Seufzer fuhr sie fort.

Hier sitze ich also vor einem weißen Blatt Papier, das mir lange Jahre – ja, ich kann sagen, mein Leben lang – ein treuer Freund und Begleiter war.

Wie schwülstig. Vincent hatte sich als Schriftsteller gesehen und seit seiner frühen Jugend gedichtet – ja, auch ab und zu für sie, während ihrer gemeinsamen Zeit.

Aber sein Sprachgefühl schien ihn jäh verlassen zu haben, dachte sie nicht ohne Schadenfreude, und es war fast, als säße sie im Verlag vor einem neuen Manuskript. So fing kein Bestseller an. Ob es noch schlimmer wurde?

Und doch fühle ich mich wie gelähmt vor Angst beim Gedanken daran, alles, was hinter mir liegt, aufzuschreiben. Meine Ärzte halten es vielleicht für eine gute Idee, aber sie ahnen auch nicht, welche Grausamkeit es für mich bedeutet, dem Erlebten auf Papier schreckliche Realität zu verleihen. Dazu bin ich ein alter Mann. Nicht alt an Jahren zwar, aber durch das Leben gealtert, und meine Erinnerung ist trügerisch. Ja, manchmal habe ich das Gefühl, als ob mein Verstand sich geradezu gegen mich verschworen hat. Die Nervenbahnen meines Gehirns haben es sich zur Sisyphusaufgabe gemacht, meine Tantalusqualen jeden Tag aufs Neue zu reproduzieren in einer Dauerschleife, die ich nicht durchbrechen kann, die ich nicht …

Doch da ist manchmal wie aus einem Nebel dein Gesicht mit den braunen, ausdrucksvollen Augen, die mich anstarren. Ja, wenn ich es mir recht überlege, hat alles angefangen, als ich zum ersten Mal in diese Augen sah.

Clio kräuselte die Stirn und sah ungläubig auf die Buchstaben. Was sollte das werden? Ein verkappter Liebesbrief? Sie konnte nur hoffen, dass er bald vorüber war, aber die restlichen Seiten in ihrer Hand wogen schwer. Sie wusste außerdem bereits, dass er einen Hang zum Theatralischen hatte, und schon früher hatte sie für ihn manches Mal die Geliebten der Weltgeschichte verkörpert – seine Eva, seine Delilah, seine Julia. Aber wenn er dachte, dass diese Masche heute noch zog, konnte sie nur hoffen, dass er, wenn er von seinen Ärzten sprach, auch einen guten Psychiater meinte. Trotz des schwülstigen Pathos der Worte und trotz der Wut, die in ihr aufstieg, fühlte sie sich irgendwo tief im Innern ganz sachte berührt. Es war schmeichelhaft, dass er noch auf diese Art und Weise an sie dachte. Sollte er nicht inzwischen ebenfalls verheiratet sein, vielleicht sogar einen Lehrstuhl an irgendeiner Universität haben und ein, zwei Kinder mit einem langweiligen blonden Heimchen? Vor ihrem inneren Auge sah sie Vincent von seinen Kindern umringt im Sessel sitzen, und der Gedanke schmerzte. Nicht wegen ihm natürlich, aber die Kinder …

Clio strich sich über die Stirn, wie um die gehässigen Gedanken wegzuwischen. So wenige Zeilen hatten all das in ihr ausgelöst. War sie wirklich bereit hierfür? Sie wollte den Brief auf den Tisch legen, dann hielt sie plötzlich inne und ließ ihren Blick durch den Garten schweifen. Das Gras war immer noch grün, der Himmel blau und fast wolkenlos, die Vögel zwitscherten wie zuvor. Das hier war ihr Leben. Sie war zufrieden, sie wollte es sein, nur hier und heute in der alten Villa, und nichts auf der Welt konnte etwas daran ändern. Sie nahm die Blätter wieder an sich.

Es war ein milder Oxforder Herbst nach einem hitzeschwangeren Sommer, als ich dich traf.

Clio schwelgte in Gedanken. Ja, sie erinnerte sich noch an die langen Sommerabende und das hohe, saftige Gras an den Ufern des Cherwell, der sich durch das Städtchen und die Collegegärten schlängelte. Auch an besagtem Abend senkte sich die Sonne langsam über dem altehrwürdigen Sheldonian Theatre und die weitläufige Markstraße wurde in goldenes Licht getaucht. Fast wie im Frühling, der hier besonders lang und angenehm war – ganz englisch eben – aber ohne die Vorfreude und gespannte Erwartung dieser Jahreszeit und stattdessen wie gedämpft durch den trüben Nebel.

In dieser malerischen Kulisse stand wie ein Überbleibsel aus vergangenen Zeiten, dicht gedrängt zwischen die umliegenden Häuser, der Buchladen und trotzte mit seinem zeitlosen Charme, den niedrigen Decken und schiefen Böden dem Wechsel der Jahre und Jahrhunderte.

Ich saß an einem kleinen Tisch bei Blackwell’s in der Ecke vor dem Kamin, lehnte mit einer Ausgabe der Süddeutschen Zeitung in der Hand in dem eleganten Lehnstuhl und fühlte mich wie ein Dandy in dieser geschichtsträchtigen Stadt. Dann sah ich plötzlich deine Silhouette hinter der schweren Tür mit den milchigen Glaseinsätzen und wie du langsam die Türklinke herunterdrücktest.

Clio erinnerte sich an diesen Moment. Als sie eintrat, durchstreifte ihr Blick mit einer Mischung aus Neugier und Unsicherheit suchend den Raum, während sie die Fülle neuer Eindrücke aufsog – ein paar kleine Cafétische aus dunklem Holz, einige abstrakte Kunstdrucke an den Wänden und das wenige Abendlicht, das durch die Fenster von draußen hereindrang und den Staub unter den freigelegten Deckenbalken zum Tanzen brachte.

Als dein Blick auf mich fiel, fühlte ich mich schlagartig wieder wie der Schuljunge, der ich fast noch war. Diese stechenden Augen werde ich nie vergessen. Voller Wärme zwar, aber doch, als ob sie einem direkt bis auf den Grund des Herzens sähen. Ich war dir ausgeliefert.

Und deshalb Calliope, wegen unserer schicksalhaften Begegnung an jenem Septembervorabend, muss ich dir schreiben. Du kamst mit deiner katzenhaften Leichtfüßigkeit an meinen Tisch spaziert und sagtest Hallo.

Clio unterdrückte ein Schmunzeln. Wie poetisch. Nein, Vincent konnte kaum gealtert sein …

Ich weiß nicht mehr genau, was dann geschah, und ich bin immer noch erstaunt darüber, dass ich es schaffte, dein Interesse zu wecken, aber wir saßen eine ganze Weile dort. Wir bestellten Chai Latte und unterhielten uns über das bevorstehende Abenteuer: Wir würden beide ein Jahr an der University of Oxford verbringen, der alten und elitären Institution in dieser einmaligen, verträumten Stadt – wir hatten es unter unzähligen Bewerbern geschafft, und in ein paar Tagen würde der erste Term des Studienjahrs beginnen.

Clio erinnerte sich noch genau, wie sie sich an diesem Nachmittag gefühlt hatte. Es war unglaublich aufregend und befreiend zugleich gewesen, einen zukünftigen Kommilitonen zu treffen.

Wir sprachen zunächst über Alltägliches: die Unterkunft im College, die Anreise aus Deutschland. Dann kamen wir auf das Studium und unsere gewählten Kurse zu sprechen. Und schließlich endete das alles in einer Diskussion über unser Fachgebiet, die religiöse Literatur des Mittelalters. Du warst schön und intelligent zugleich. Ich war in deinen Bann geschlagen.

Clio lachte laut auf und hielt sich sogleich erschrocken die Hand vor den Mund. Verlegen sah sie sich im Garten um. Obwohl niemand außer ihr da war, fühlte sie sich ertappt. Und auch wenn sie es nicht gern zugab, gefiel es ihr, in den alten Erinnerungen zu schwelgen.

Irgendwann kam Stella dazu. Wie wünschte ich mir in diesem Augenblick, sie wäre an jenem Tag morgens krank aufgewacht. Oder ihr Fahrrad wäre kaputt gewesen, oder sie hätte einfach keine Lust auf ein Treffen gehabt …

Clios Mitbewohnerin hatte sich als Politikstudentin eingeschrieben und war im selben Haus untergebracht gewesen wie sie. Vorher hatte sie in Berlin studiert, und hatte so das deutsche Trio komplettiert. Auch, wenn sie sich später sehr gut verstanden hatten, hatte Clio gewusst, was Vincent gemeint hatte. Es hatte eine knisternde Spannung in der Luft gelegen, als sie zu zweit bei Dämmerlicht im Café gesessen und philosophiert hatten. Als Stella dann gekommen war, war die Magie irgendwie gebrochen und das Gespräch hatte sich wieder um Belanglosigkeiten gedreht.

Sie konnte nicht leugnen, dass sie über diese Veränderung ein wenig enttäuscht gewesen war. Vincent hatte sie mit seinem jungenhaften Charme und seiner Wortgewandtheit fasziniert. Sie konnte auch nicht abstreiten, dass sie ihn attraktiv gefunden hatte. Nicht auf gewöhnliche Art und Weise zwar, aber er hatte eine besondere Ausstrahlung besessen. Wie er wohl heute aussah? Damals hatte er tiefgrüne Augen und aschblonde Haare, die ihm schräg in das schmal geschnittene Gesicht fielen, gehabt. Mit dem wachen Ausdruck in den Augen, den markanten Brauen und dem breiten, volllippigen Lächeln hatte er freundlich und dabei trotzdem zurückhaltend gewirkt.

Ich weiß nicht mehr genau, wie alles kam, aber am Ende des Tages hatten wir so etwas wie eine Verabredung. Ich fragte euch, ob ihr am nächsten Tag zur Museumsführung gehen würdet. Die Aktivitäten der Einführungswoche schienen mir eine unaufdringliche Kulisse zu sein. Zu meinem Glück erwiderte Stella, dass sie geplant hatte, mit einer anderen Gruppe Eis essen zu gehen. Mit flauem Magen warf ich dir einen fragenden Blick zu.

Du sahst mir eine Sekunde zu lange in die bittenden Augen und sagtest dann, als ob es das Natürlichste auf der Welt wäre: »Warum nicht?«

Ich lächelte, und auch du konntest ein kurzes Zucken deiner Mundwinkel nicht unterdrücken. Schließlich verließen wir Blackwell’s und gingen auf die gepflasterte Straße hinaus, der Stadt und dem Unbekannten und dem Leben entgegen.

KAPITEL VII

Clio hielt inne und strich mit den Fingerspitzen über das Papier, als die Sonne den Garten in goldenes Licht tauchte. Die Sonnenstrahlen kribbelten angenehm auf ihrer Haut an diesem recht warmen Herbsttag. So schön der Moment einst gewesen war, so schön fühlte sich auch die Erinnerung daran an. Sie wusste, dass es trotz allem kein Happy End für sie beide geben konnte, und sah auf die Uhr. Es war fast Mittag, also steckte sie den Brief zurück in den Umschlag und legte ihn auf den Tisch, bevor sie ins Haus trat und in die Küche ging.

Vincent hatte wirklich eine Neigung dazu, die Ereignisse theatralisch auszuschmücken. Bis hierhin war alles aufregend und faszinierend gewesen. Sie hatte sich wohl gefühlt in diesen ersten Tagen in Oxford und es hatte sogar noch besser werden sollen. Zu gern hätte sie den Rotstift gezückt, einen Punkt in den Brief gesetzt und die restlichen Seiten gestrichen. Sie wären dann Futter für den Papierkorb – und mit ihnen alles, was danach geschehen war.

Plötzlich hörte Clio, wie die Tür ins Schloss fiel. Vielleicht war Linda vorbeigekommen, um ihr auch gleich das Mittagessen zu kochen. Die Ablenkung kam ihr auf jeden Fall recht, denn wenn Vincent ihre gesamte gemeinsame Geschichte erzählen wollte, musste sie für das Bevorstehende Kraft tanken. Sie rief den Namen ihrer alten Freundin, aber es kam keine Antwort. Als sie durch den Flur ging, konnte sie Geräusche aus der Küche hören. Sie spähte durch den weißen Türbogen und erblickte Marcus, der in den Geschirrschränken wühlte. Er wollte doch erst morgen herkommen! Auf einmal fühlte sie sich sehr schuldig. Hätte sie ihm von dem Brief erzählen müssen?

Auf dem Tisch lag eine Brötchentüte und daneben ein Strauß Rosen.

»Marcus! Was machst du hier?«, fragte sie und heftete ihre Augen auf den Rosenstrauß, der auf dem Küchentisch lag.

Marcus drehte sich erschrocken um. In der Hand hielt er eine Vase, die er jetzt auf der Arbeitsplatte abstellte. Ein zögerliches Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus, als er auf sie zuging. »Es sollte eine kleine Überraschung werden. Du hast mir wirklich sehr gefehlt.« Er drückte Clio an sich und vergrub seinen Kopf in ihrem Haar.

Clio zögerte kurz. Einerseits freute sie sich, ihn zu sehen. Andererseits hatte sie sich gerade mit der Situation arrangiert – mit der Stille, der Einsamkeit und Lindas sporadischen Besuchen. Ja, sie hatten außerdem eine Abmachung gehabt, gegen die er mit seinem plötzlichen Besuch verstieß. Sie war sich sicher: Wenn sie ihn darum bäte, würde er sofort wieder gehen. Aber das brachte sie nicht übers Herz. Endlich holte sie tief Luft, sog seinen erdigen Geruch ein und legte ihre Arme um ihn.

Übermütig hob Marcus sie in die Luft, um sie gleich wieder auf den Boden zu setzen und freudestrahlend anzusehen. »Die Blumen müssen ins Wasser«, bemerkte er und stellte den Strauß in die Vase.

Clio roch an den langstieligen Rosen. »Danke schön.« Sie musterte ihren Mann und lächelte verschwörerisch. Er kannte diesen Gesichtsausdruck. »Was ist mit meinem Dasein als Einsiedler hier oben?«, fragte sie neckisch.

Er runzelte die Stirn und strich ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht. »Vielleicht ist es falsch, aber ich will nicht, dass du vor Einsamkeit eingehst. Ich hatte gehofft, wir könnten die Auszeit für dieses Wochenende unterbrechen – eine Auszeit von der Auszeit sozusagen.«

Clio schmunzelte. »Hmm … Damit könnte ich mich arrangieren. Aber was ist mit der Arbeit?« Sie sah in die Brötchentüte.

»Der Verlag kommt auch mal einen Tag ohne mich zurecht«, erwiderte er selbstbewusst.

Clio sah erstaunt auf. Normalerweise ging ihm seine Arbeit über alles. »Wenn das so ist – gehen wir frühstücken?« Im selben Moment dachte sie wieder an ihr eigentliches Frühstück, das immer noch draußen stand, und bekam ein schlechtes Gewissen. Aber es ging nicht anders, sie konnte Marcus’ Anwesenheit hier in der Villa im Moment nicht ertragen, und über den Brief wollte sie schon gar nicht reden.

Marcus sah sie mit gespieltem Entsetzen an. »Da hat wohl jemand zu lange geschlafen«, neckte er. »Wir können gern mittagessen gehen, wenn du magst.«

»Okay«, antwortete Clio und wartete auf einen Vorschlag seinerseits.

»Oder … was hältst du von einem Picknick am Strand?«, fragte er. »Noch ist es schön draußen.«

»Ganz wie du willst.« Clio gab ihm einen Kuss auf die Wange und machte sich auf, den Picknickkoffer aus dem Ankleidezimmer ihrer Mutter zu holen, das inzwischen zur Abstellkammer verkommen war. Fröhlich stiegen sie in den schwarzen Jeep. Clio legte ihre Hand auf Marcus’ Schoß. Nur noch ein Abstecher zum Supermarkt, dann würden sie mit Trauben und Käse am Strand sitzen wie zwei Frischverliebte.

Nach dem Einkauf parkte Marcus in einer kleinen Seitenstraße an der Strandpromenade. Er öffnete Clio die Beifahrertür, bevor er den Picknickkorb und die Einkäufe aus dem Kofferraum nahm. Clio versuchte, ihm eine Tüte abzunehmen, aber er sah sie mit gebieterischer Miene an. »Du brauchst heute keinen Finger zu krümmen.«

Sie setzte ein Lächeln auf und zuckte mit den Schultern. Wenn er es so wollte. Sie war kein kleines, hilfloses Mädchen, und das wusste er, aber es würde zu komplizierten Diskussionen führen, ihn jetzt zu kränken. Marcus streckte seine Hand nach ihr aus. Clio zögerte kurz. Sie fühlte sich seltsam müde, und ihre Gliedmaßen waren schwer. Sie wollte sich gerne in die Unbeschwertheit des Tages fallen lassen, aber es ging nicht. Ihre Gedanken kreisten um alles Mögliche, und sie spürte wieder diesen unterschwelligen Druck, von dem sie sich hier an der See loszureißen versucht hatte.

Nachdem ihre Hand in der Jackentasche verschwunden war, sah sie schuldbewusst in seine treuen Augen. Sie meinte, einen Funken Enttäuschung darin aufblitzen zu sehen, aber dann schlang er den freien Arm um ihre Taille und beschleunigte seinen Schritt.

»Wie lange haben wir so etwas nicht gemacht?«, fragte Clio, um die unangenehme Stille zu brechen.

»Viel zu lange«, antwortete Marcus und sah den sachten Wellen entgegen.

Nur ein paar Meter vom Meer entfernt breiteten sie die Picknickdecke mit den blauen Vichykaros aus. In Clio stiegen Kindheitserinnerungen hoch und sie wurde ein wenig melancholisch. Vielleicht war sie doch ein klein wenig das Mädchen von damals geblieben. Der Korken ploppte mit einem dumpfen Knall aus der Weinflasche und riss sie aus ihren Gedanken. Sie blickte zu Marcus, der ihr mit wohlwollendem Nicken ein Glas reichte.

»Denkst du wirklich, ich sollte …«, begann sie.

Marcus schüttelte vehement den Kopf und nahm ihre Hand. »Es bringt doch nichts, wenn du dich die ganze Zeit verrückt machst, mein Schatz. Noch darfst du sicher ein Glas trinken.«

Clio seufzte und nahm das Glas aus seiner Hand.

»Auf uns«, sagte Marcus und prostete ihr zu.

Clio nahm einen Schluck. Vielleicht würde ihr der Alkohol wenigstens ein bisschen helfen, sich zu entspannen.

Sie ließ sich nach hinten fallen und spürte, wie der weiche Sand unter der Decke sich an ihren Körper schmiegte. Marcus drehte sich zu ihr. Vor dem blassblauen Horizont schien sein Gesicht zu leuchten. Er wirkte gelassen. Eine leichte Brise wehte ihm ein, zwei Strähnen seiner rotblonden Haare ins Gesicht, und seine braunen Augen sahen sanft unter den buschigen Brauen hervor. Clio konnte sehen, dass er es heute Morgen versäumt hatte, sich zu rasieren. Normalerweise würde sie diese Gelegenheit nutzen, um ihn neckisch zu tadeln, aber danach war ihr jetzt nicht zumute. Er musste fast noch in der Nacht aus Frankfurt losgefahren sein. Statt der Hemden und Sakkos, die er während der Arbeitswoche trug, hatte er eine helle Leinenhose und einen blauen Pullover an. Ein altes Lieblingsstück aus ihrer Kennenlernzeit, das wusste sie. So wirkte Marcus um Jahre jünger und nicht minder attraktiv. Sie bemerkte, dass sie ihn lange nicht mehr richtig angesehen hatte.

Marcus fühlte wohl ihren forschenden Blick auf sich. Er seufzte und nahm behutsam ihre Hände. »Danke, dass wir ein bisschen Zeit zusammen haben können«, sagte er schließlich.

Clio zog die Augenbrauen zusammen. Er schien sie wirklich sehr vermisst zu haben.

Bevor sie etwas erwidern konnte, stellte er sein Glas ab und beugte sich nach vorn, um sie zu küssen.

Clio hielt seinen Kopf sanft fest und strich die Falten auf seiner Stirn glatt. Eine zärtliche Geste, die ihr zur Gewohnheit geworden war. »Das ist für deine Unverschämtheit, hier einfach aufzukreuzen«, stichelte sie, bevor sie seinen Kuss erwiderte.

 

Die Zeit verflog, während sie an den Gläsern nippten, die Trauben von den Stielen zupften und das gleichmäßige, beruhigende Spiel der Wellen beobachteten.

Schließlich wurde es frischer. Marcus gab ihr seinen Pullover und zog sie zu sich. Sie schmiegte sich an den dünnen Stoff des T-Shirts, sodass sie seinen Herzschlag hören konnte, und schloss die Augen.

Als sie wieder aufwachte, stand die Sonne bereits tief. Marcus saß neben ihr und beobachtete sie.

Clio streckte sich und gähnte ausgiebig. »Wie lange hab ich geschlafen?«, fragte sie und blinzelte ihn aus müden Augen an.

»Nur ein bisschen«, erwiderte er beruhigend. »Sollen wir uns ein Restaurant suchen oder lieber zurück in die Villa?«

Clio überlegte kurz. »Lass uns etwas bestellen und es uns gemütlich machen, ja?«

Marcus legte seine Hände um ihre Schultern. »Ganz wie du willst.«

Sie packten die Sachen zusammen und verstauten alles im Kofferraum. Das Auto musste stehen bleiben, da sie beide schon zu viel getrunken hatten. Also liefen sie Hand in Hand zurück.

Auf dem Küchentisch klemmte unter der Vase mit den Rosen ein Zettel:

Ich komme Montag wieder. Macht euch ein schönes Wochenende! Linda

Clio lächelte und drehte sich zu Marcus um. »Asiatisch?«, fragte sie, obwohl sie die Antwort bereits kannte. Niemand hatte wohl so sehr ein Ritual daraus gemacht, bei Bami Goreng abends auf dem Sofa alte Krimiserien zu schauen, wie sie beide. Der Inhaber ihres Stammbistros zu Hause in Frankfurt erkannte sie, wenn er den Hörer abnahm, schon an der Stimme.

Als sie im Wohnzimmerschrank nach der DVD kramte, fühlte Clio sich gelöst. Vielleicht lag es daran, dass sie nicht über die Schwierigkeiten gesprochen, sondern in alten Erinnerungen geschwelgt hatten, oder vielleicht lag es am Wein, aber plötzlich konnte sie sich vorstellen, heute Nacht mit Marcus zu schlafen – einfach so, ohne Hintergedanken. Eigentlich hatte sie sich nach dem Arztbesuch vorgenommen, dass sie eine Pause brauchte. Deswegen war sie hier, um endlich den Kopf freizubekommen und mal an etwas anderes zu denken. Sonst setzte sie sich einfach zu sehr unter Druck. Doch an diesem Abend schien der Gedanke an ein Kind weit weg, und sie fühlte sich in Marcus’ Anwesenheit wieder so wohl wie früher.

 

Inspektor Columbo ermittelte im Hintergrund, aber eigentlich beachteten sie den flimmernden Bildschirm kaum. Als der Lieferjunge klingelte, saßen sie aneinandergeschmiegt in dem viel zu kleinen Polstersessel wie zwei Turteltauben.

»Endlich!«, rief Clio und stieß Marcus spielerisch von sich. »Ich hab schon gedacht, ich muss den ganzen Abend mit dir allein verbringen!« Sie ordnete ihre Haare und lief zur Tür.

Marcus schüttelte nur schnaubend den Kopf und blickte ihr wortlos hinterher. Als sie mit den Styroporboxen durch den Türrahmen trat, sah er sie mit gespielter Strenge an. Er nahm ihr das Essen ab und beobachtete belustigt ihren Gesichtsausdruck. Dann stellte er die Schachteln auf den Tisch und legte seine Hände um ihre Taille, um sie wieder auf das Sofa zu ziehen. »Du solltest lieber nett zu mir sein … sonst setze ich dich ins Auto und entführe dich wieder nach Hause«, drohte er und beugte sich über sie.

Clio verzog die Mundwinkel zu einem gespielten Schmollen. Dann lachte sie ihn an. »Das kannst du gar nicht, denn das Auto steht noch am Strand«, entgegnete sie und bohrte ihre Finger in seine Rippen.

Marcus prustete und ließ sich rücklings auf das Kanapee fallen. Clio kletterte auf seinen Schoß und wollte nicht aufhören, ihn zu malträtieren, während er zappelte wie ein Fisch an Land.

Schließlich atmete er tief ein und richtete sich ruckartig auf. So konnte er sie an den Armen fassen, die er sich um die Schultern legte, bevor er die andere Hand unter ihre Kniekehlen schob und sie hochhob. Mit aller Kraft versuchte sie, sich zu wehren, aber es war zwecklos, und so trug er sie mit einem triumphierenden Grinsen ins Schlafzimmer. Was soll’s?, dachte sie. Das Bami Goreng schmeckt auch noch kalt.

KAPITEL VIII

Als Clio am nächsten Morgen aufwachte, war es noch früh. Das erste Licht des Tages fiel nur schwach durch die weißen Vorhänge ins Zimmer. Neben ihr schlief Marcus tief und fest.

Vorsichtig legte sie den Kopf an seine Schulter und wollte gerade die Augen wieder zumachen, als vor ihrem inneren Auge plötzlich ein Bild erschien. Sie dachte an den Brief, der immer noch – Wind und Wetter ausgesetzt – auf dem Terrassentisch lag. Sie sah zu Marcus und versuchte, noch einmal das Gefühl von Sicherheit zu empfinden, das er ihr gestern noch gegeben hatte, aber es war zwecklos. Die Nacht war vorbei. Ein kalter Schauer lief über ihren Rücken und sie fühlte sich schuldig – fast so, als hätte sie einen guten Freund im Stich gelassen. Hastig schlüpfte sie in ihren seidenen Morgenmantel, der an der Tür hing, und trippelte barfuß die Treppe hinunter.

Als sie die Terrassentür öffnete, fiel ihr Blick auf den Umschlag, der unberührt an derselben Stelle neben dem Tablett lag. Nur einige Birkensamen waren in der Nacht daraufgeweht. Sie atmete auf und nahm den Brief an sich. Zum Glück hatte es nicht geregnet. Mit schlechtem Gewissen dachte sie daran, dass sie das Schriftstück nun schon zum zweiten Mal so achtlos behandelt hatte. Wie zur Wiedergutmachung strich sie zärtlich mit der flachen Hand über das braune Papier, bevor sie es in die Manteltasche steckte und mit dem Tablett ins Haus ging.

Auf der Treppe waren Marcus’ Schritte zu hören. Bevor sie durch die Flügeltür in den Flur treten konnte, kam er ihr entgegen. »Was machst du so früh hier unten?«, fragte er verschlafen.

»Nichts weiter. Ich hatte noch etwas aufzuräumen«, erwiderte sie so gelassen wie möglich, stellte das Tablett auf dem ausladenden Fenstersims ab und vermied es, ihm in die Augen zu sehen.

Aber er war ohnehin ein Morgenmuffel und noch viel zu müde, um zu begreifen, dass etwas vor sich ging. Gähnend drückte er ihr einen Kuss auf die Wange. »Das können wir doch später machen. Komm wieder ins Bett, mein Schatz!« Dann wandte er sich um und stapfte langsam die Treppe hoch.

Clio atmete erleichtert aus, zog den Brief aus der Tasche und verstaute ihn schließlich zwischen zwei Büchern im Regal neben der Tür. Hier war er wohl sicher. Als sie das braune Papier zwischen den wohlsortierten Büchern und Zeitschriften sah, zögerte sie kurz. Sie konnte Marcus von dem Brief erzählen … oder musste sie das sogar? Aber was sollte sie sagen? Sie wusste ja selbst noch nicht, was Vincent eigentlich von ihr wollte. Einige Sekunden lang malte sie sich die Reaktion ihres Ehemannes aus. So verständnisvoll er auch schien, man konnte nicht abstreiten, dass er ein recht eifersüchtiger Mann war. So schnell, wie der Einfall gekommen war, verwarf sie ihn also wieder und trug kopfschüttelnd das Tablett in die Küche.

Marcus sah skeptisch auf, als sie mit zwei dampfenden Kaffeetassen in der Hand ins Zimmer trat. »Du bist ein komischer Vogel«, bemerkte er und platzierte liebevoll ein Küsschen auf ihrer Stirn. Dann nahm er dankend die Tasse entgegen.

Eine Weile war es still, während sie so auf dem Bett saßen.

»Für heute hab ich mir etwas Besonderes überlegt«, meinte er schließlich und sah erwartungsvoll zu ihr herüber.

»Ach ja?«

»Mhm … ja …«, setzte er an und stupste sie in die Seite. »Aber was, verrate ich dir erst später. Eine Überraschung.«

Clio musterte ihn akribisch: Seine Miene rührte sich nicht. Dann zuckte sie lächelnd mit den Schultern. Es war schön, dass er sie wieder so wie früher umwarb. »Ganz wie du willst«, meinte sie und zupfte an seinem T-Shirt. »Wie wäre es dann mit einer heißen Dusche?«

 

Nach einer guten halben Stunde hielten sie schließlich. Clio sah sich um. Dass sie in Lübeck waren, war ihr nicht entgangen, aber was wollte er hier? Auf dem Gebäude, vor dem der Jeep parkte, prangte in verschnörkelten Buchstaben der Schriftzug Hotel Hanseatischer Hof.

»Ein Hotel?«, fragte sie skeptisch. »Ist dir die Villa nicht mehr komfortabel genug?«

Aber Marcus zog nur geheimnisvoll eine Augenbraue hoch und öffnete ihr die Beifahrertür. Dann nahm er eine Reisetasche aus dem Kofferraum. »Du weißt doch, dass ich niemals etwas gegen dein verstaubtes Mauseloch sagen würde. Lass dich überraschen – es wird dir hier gefallen.«

So eine Vorlage schrie förmlich nach einer wortgewandten Erwiderung, aber Clio war zu perplex, um zu antworten. Wann hatte er die Zeit gefunden, sich all das zu überlegen?

An der Rezeption wurden sie freundlich begrüßt. »Herzlich willkommen, Herr und Frau Schwartz. Bitte überlassen Sie uns Ihr Gepäck. Mein Kollege geleitet Sie ins Spa.«

Ein zartes Lächeln breitete sich auf Clios Gesicht aus. Ein bisschen Wellness war genau das, was sie jetzt brauchte. Ein junger Mann in Pagenuniform nahm Marcus die Tasche ab und führte sie beide die Treppe hinunter in den Wellnessbereich. Marcus bedankte sich mit einem Trinkgeld und wandte sich an die Frau hinter dem Tresen, während Clio auf seine Geste hin abseits wartete. Ein kurzes Gespräch, dann reichte die Mitarbeiterin ihm Handtücher und Bademäntel. »Fühlen Sie sich ganz wie zu Hause – das Spa hat heute nur für Sie geöffnet«, bemerkte sie freundlich.

Clio sah fassungslos zu Marcus hinüber, der ihr die Tür aufhielt. »Du bist ja völlig verrückt!«, rief sie aus, als sie hindurchtrat.

Sie waren jetzt ganz unter sich. Das war schön, aber auch ungewohnt. Wann hatten sie das letzte Mal so viel Zeit nur für sich gehabt? Unweigerlich musste Clio an ihre Flitterwochen denken, als er sie mit einer Karibikkreuzfahrt überrascht hatte. Allmählich begann sie, sich an diese Extraportion Aufmerksamkeit zu gewöhnen. Er würde ihr fehlen, wenn sie bald wieder den Großteil des Tages allein in ihrem Büro in Frankfurt verbrachte – zwar in derselben Firma, aber trotzdem so weit entfernt von ihm. Komisch, früher hatte es ihr nicht so viel ausgemacht, allein zu sein.

»Kommst du?«, unterbrach Marcus ihre Gedanken und hielt eine weitere Tür auf.

Clio folgte ihm zögerlich in die Umkleidekabine, wo ihnen ein angenehm herber Duft entgegenschlug. »Ich hoffe, du hast etwas von meinen Sachen eingepackt, denn ich werde bestimmt nicht nackt baden«, bemerkte sie.

Marcus deutete auf die in der Kabine abgestellte Reisetasche. »Ist alles da drin, Liebling. Ich habe ungefähr deinen halben Kleiderschrank dabei.«

Clio lächelte und öffnete den Reißverschluss. »Ich muss mich wohl um nichts mehr kümmern, hm?«

Er knöpfte sein Hemd auf. »Du brauchst dich nur noch zu entspannen«, flüsterte er und zog beide Mundwinkel hoch.

Heißer Dampf benetzte ihre Haut, als sie das Spa betraten. Zur Rechten gab es ein großes Schwimmbecken, und daneben war eine weitere Tür mit einem Hinweisschild, das den Weg zum Saunabereich wies. Links gab es einen kleinen abgetrennten Bereich mit einem Jacuzzi.

»Ich will zuerst in den Whirlpool!«, rief Clio, als sie sich umgesehen hatte. Im Hintergrund lief Instrumentalmusik und es duftete nach einer schläfrigen Mischung aus Lavendel und Vanille. Es gab auch ein paar Stehtische und eine Bar, die aber unbesetzt war. »Kaltes Wasser gibt es ja in Timmendorf genug«, kicherte sie und hielt prüfend einen Zeh ins Becken. Sie drehte sich nach Marcus um, der gerade die Tasche hinter der Bar verstaute. Dann warf sie ihm einen auffordernden Blick zu.

Er kam mit einer Sektflasche und zwei Gläsern in der Hand hinter dem Tresen hervor. Clio beeilte sich und stieg in den Whirlpool. Marcus folgte ihr und stellte die Gläser auf dem Beckenrand ab.

»Schon wieder Alkohol?«, fragte sie eine Spur zu ernst.

»Sonst ertrage ich dich nicht«, gab er ohne zu überlegen zurück.

Sie sah ihn vorwurfsvoll an.

»War doch nur ein Scherz. Du sollst es dir heute einfach gut gehen lassen«, fügte er hastig hinzu und strich ihr eine Haarsträhne aus der Stirn. Dann entkorkte er die Flasche.

»Das werde ich, aber gibt es denn etwas zu feiern?«, fragte Clio und sah ihn fragend an.

Marcus lächelte nur, reichte ihr das Glas und legte seinen Arm um sie. »Dich«, flüsterte er schließlich.

Clios Herz schlug ein bisschen schneller. Eben war sie noch allein in der alten Villa gewesen und hatte versucht, ihr Leben in den Griff zu bekommen, und jetzt saß sie hier mit ihm und fühlte sich wie im Urlaub. Was war denn plötzlich los? Er war auch sonst zuvorkommend und charmant, aber er war es lange nicht mehr auf so offensive Weise gewesen. Wollte er sie lediglich ablenken, sodass ihre Gedanken nicht immer wieder um dasselbe Thema kreisten? Reine Berechnung also?

Clio legte die Stirn in Falten und sah in seine dunklen Augen. Er begegnete ihrem skeptischen Blick mit einem liebevollen Lächeln, und sogleich stiegen Schuldgefühle in ihr auf. Wie konnte sie so über ihn denken? Hatte sie nicht selbst etwas vor ihm geheim gehalten? Sie seufzte. »Marcus …«, begann sie. Ihre Zunge klebte staubtrocken am Gaumen.

»Ja?« Er stellte sein Glas ab.

»Ich weiß, dass du dir sehr viel Mühe gegeben hast. Aber ich denke, ich muss dir etwas sagen …« Sie konnte beobachten, wie sein Lächeln langsam erstarb und seine Mundwinkel nach unten sanken. Eilig fügte sie hinzu: »Ich meine, ich genieße das hier sehr, wirklich!« Sie bemühte sich, aufrichtig zu lächeln. »Es tut mir auch leid, dass ich …«

Für einen kurzen Moment sah er sehr enttäuscht aus, dann schüttelte er vehement den Kopf und legte seinen Zeigefinger auf ihre Lippen. »Clio …«, erwiderte er, »es ist mir bewusst, dass ich dich in letzter Zeit vernachlässigt habe. Und deshalb möchte ich wirklich mal wieder etwas für dich tun. Du hast das verdient.«

Die Worte blieben Clio im Hals stecken. Wieso stellte sie sich so an wegen dieser Lappalie? Alles in ihr schien sich gegen ein Geständnis zu wehren.

Die Sekunden zogen sich ewig hin. Das warme Wasser sprudelte unter ihren Beinen und sie atmete die heiße Luft tief ein.

Endlich nahm sie seine Hand. »Vielen Dank dafür. Aber da ist noch etwas …«

Details

Seiten
0
Erscheinungsform
überarbeitete Neuauflage
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783960873891
ISBN (Buch)
9783960873945
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v438447
Schlagworte
liebe-frauen-roman-tik-liebes-e-drama-literatur Kinder-wunsch Freundschaft Vergebung Seelenverwandte Happy-End

Autor

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    Ria Hellichten (Autor)

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Titel: Der Glanz des blauen Bandes (Liebe)