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Mord macht Appetit (Krimi, Cosy Crime)

von Janet Laurence (Autor)

2018 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

Darina Lisle ist überrascht, dass eine alte Schulfreundin Kontakt zu ihr aufnimmt, und erst recht, als sie den Grund dafür erfährt. Jemima Ealham will herausfinden, wer der Vater ihres Neffen Rory ist. Denn Rorys Mutter starb bei der Geburt ohne das Geheimnis preiszugeben.
Basil Ealham, Multimillionär und Großvater von Rory, tut die Angelegenheit allerdings als unwichtig ab. Aus Loyalität gegenüber ihrer Freundin nimmt Darina dennoch die Ermittlungen auf, stößt aber bald auf ungeahnte Schwierigkeiten.
Unterdessen trifft auch Darinas Ehemann, Detective Chief Inspector William Pigram, auf den verschrobenen Basil. Hat der Millionär etwas mit dem tödlichen Feuer zu tun, das in der Lebensmittelfabrik seiner Geliebten ausbrach? Schon bald steht er unter dringendem Mordverdacht. 
Und was Darina angeht: Ihre Beziehung zu Rory entwickelt sich auf eine Weise, die sie nie für möglich gehalten hätte …

Impressum

dp Verlag

Deutsche Erstausgabe September 2018

Copyright © 2020 dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

E-Book-ISBN: 978-3-96087-340-2
Taschenbuch-ISBN: 978-3-96087-476-8

Copyright © First publishes in Great Britain in 1998 by by Macmillan London Limited
Titel des englischen Originals: Appetite for Death

Übersetzt von: Lennart Janson
Covergestaltung: Miss Ly Design
unter Verwendung von Motiven von
shutterstock.com: © greenazy und © John Williams RUS
Korrektorat: Martin Spieß

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

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Vorwort

Während ich über den Hintergrund der Handlung meines nächsten Darina-Lisle-Buchs nachdachte, genossen mein Ehemann und ich gelegentlich mit großer Freude den Besuch unseres zwei Jahre alten Enkels Ben. Es war fast unausweichlich, dass ein kleines Kind eine Rolle spielen würde, was die Handlung auch sein mochte. Darina und ihr Partner, der Inspector, waren jetzt verheiratet und eines der vorherigen Bücher, Mord à la provençale, hatte sich um ihre Flitterwochen gedreht. Vielleicht war es an der Zeit zu sehen, wie sich ihre Ehe weiterentwickelt. Zu der Zeit interessierte ich mich auch sehr für Lebensmittelunverträglichkeiten. Manche Menschen stellen fest, dass gewisse Speisen ihnen Probleme bereiten, die man dadurch beheben kann, die entsprechende Zutat zu identifizieren und sie aus der Ernährung zu streichen. Es gab einen wachsenden Markt für Lebensmittel, die eine gewisse Zutat vermeiden, wie etwa Gluten. Ich dachte, dass ich einen Charakter entwickeln könnte, der sich mit der Herstellung solcher Lebensmittel beschäftigt. (Heutzutage haben die meisten Supermärkte einen Bereich, der sich solchen Produkten widmet, doch vor zwanzig Jahren war die Situation noch ganz anders.) Würde ich eine komplizierte Handlung brauchen, um diese Fäden zusammenzuführen?

Es mag so gewirkt haben, doch als ich Darina darauf ansetzte, Rorys Vater ausfindig zu machen, fielen alle Puzzleteile an ihren Platz. Das Schreiben von Mord macht Appetit ging mir leicht von der Hand und ich bin zufrieden mit der Geschichte, die dabei entstanden ist.

Janet Laurence, 2017

 

 

 

Für Ben,

die Inspiration für Rory,

und Alfie,

der mitten im Schreibprozess auftauchte.

Kapitel 1

Darina Lisle hob einen silbernen Löffel, beladen mit zerdrückten Fischstäbchen und Kartoffeln. Augen so blau, dass sie Saphire als überschätzt erscheinen ließen, blickten mit absoluter Konzentration in ihre. Dann verschwand das Essen in einem begierigen Mund, ein wonniger Blick trat in das kleine Gesicht und eine dicke Faust sauste verzückt hinab. Sie erwischte die Kante der Plastikschüssel mit dem hübsch gemusterten Rand, der Inhalt schoss heraus und spritzte an die Küchenwand und auf die Ablage des Hochstuhls.

Die blauen Augen wurden weit vor Erstaunen und das Glucksen aus anerkennenden Geräuschen war beinahe verständlich, während zwei dickliche Finger probeweise in den Klecksen herumstocherten und vorsichtig einen Fischbrocken in den Mund ihres Besitzers beförderten.

„Was für ein Vielfraß“, sagte Jemima Ealham. Sie hatte es sich auf einem gepolsterten Küchenstuhl gemütlich gemacht, schwenkte ihr Weißweinglas und machte keine Anstalten zu helfen.

„Ich würde ihn als eifrigen Esser bezeichnen“, lachte Darina, während sie Essensbröckchen von der Ablage des Hochstuhls rettete. „Rory ist die Art Mann, für die ich gerne koche.“ Etwas von der Schwermut, die sich in den letzten Wochen eingeschlichen hatte, wie Nebel, der sich über einer sonnenbeschienenen Wasserfläche ausbreitet und dabei den Glanz und alle Gedanken dämpft, fiel von ihr ab.

„Lass gut sein“, sagte Jemima müßig, als Darina zur Spüle hinüberging, um einen Lappen zu holen. „Mrs. Starr wird bald da sein, sie kann saubermachen.“

„Wie ich sehe, hast du deine Angewohnheiten seit der Schulzeit nicht geändert. Lässt immer noch alle anderen deine Drecksarbeit machen.“ Sie sagte es mit einer Leichtigkeit, die den Worten jede Schärfe nahm, und Jemima schien keinen Anstoß daran zu nehmen. Sie war eine große Frau, nicht so groß wie Darina, aber weit über dem Durchschnitt; sie war eher mager als schlank und hatte eine ruhelose Energie, die sie ständig im Stuhl herumrutschen, nach dem Teller mit Käsestangen greifen, Wein nachschenken und mit den Knöpfen der Jacke ihres knallrosa maßgeschneidertem Kostüms spielen ließ, unter dem sie anscheinend keine Bluse trug. Die spitzen Knie, die der kurze Rock enthüllte, ließen sie seltsam verwundbar erscheinen, ein Eindruck, der von dem kurzen, braunen Haar und der zu großen Nase verstärkt wurde, die ein elfenhaftes Gesicht dominierte. Große, blaue Augen spiegelten Gefühle, die sich zu schnell veränderten, um sie zu identifizieren.

„Tue nie etwas, das du auch jemand anderen für dich machen lassen kannst, war eine von Dads Maximen, und sieh dir an, wohin ihn das gebracht hat.“ Jemima grinste Darina an.

Darina wischte fertig auf und machte sich wieder daran, das kleine Kind zu füttern. „Wenn du das gegessen hast, und immer noch hungrig bist, brate ich dir noch ein Fischstäbchen“, erklärte sie Rory und brach ausnahmsweise mit ihrem alten Prinzip, nicht in den Häusern anderer Leute zu kochen, wenn sie nicht dafür bezahlt wurde. Menschen zu verpflegen war Darinas Geschäft. Ehe sie zur Autorin und Vorführköchin geworden war, hatte sie im Catering gearbeitet, aber Kleinkinder waren neu. Sie beabsichtigte, es auch dabei zu belassen, aber es war unmöglich, nicht dem Charme seiner großen, staunenden Augen zu erliegen.

„Ich habe Leute erlebt, die sich mit weniger Appetit über ein Rinderfilet hermachen“, kommentierte Darina, als Rory mit Begeisterung den Löffel leerputzte. „Vielleicht ist es an der Zeit, ihm etwas Anspruchsvolleres als Fischstäbchen vorzusetzen?“

„Fang nicht davon an! Dad versucht seine neueste Auserkorene dazu zu bringen, eine Kollektion von Gourmet-Babynahrung herauszubringen, und meint, dass Kinder wie Rory gebildet werden müssen.“

„Wirklich? Das klingt toll. In welcher Sparte arbeitet sie?“

Jemima verlor ihre Lebhaftigkeit. „Val Douglas? Ich bin mir nicht ganz sicher, sie hat diese Firma, irgendetwas mit Lebensmitteln für Menschen, die gewisse Dinge nicht essen können. Sie und Dad sind gerade dicke Freunde. Und, na ja, du kennst Dad, er glaubt immer am besten zu wissen, was gut für andere ist.“

Woran sich Darina bei Basil Ealham am besten erinnerte, war seine Abwesenheit. Jemimas Vater hatte sich nur selten an ihrer Schule blicken lassen. Einmal allerdings landete er mit einem Helikopter auf dem Hockeyplatz. Jemima badete im Ruhm und musste ausnahmsweise nicht erklären, dass er ein Firmenimperium leitete und viel zu wichtig war, um am Gründertag oder zum Sportfest da zu sein. In jüngerer Zeit, bei den seltenen Gelegenheiten, wenn sie mal in die Wirtschaftsseiten sah, hatte sie seinen Namen bei Übernahme-Meldungen gelesen, immer auf der Gewinnerseite.

„Sagtest du Val Douglas? Ich habe sie kennenglernt. Sie schrieb früher Koch-Artikel für eine Frauenzeitschrift, aber ich habe sie seit einer Weile nicht mehr bei Presseterminen oder der Kochautoren-Gilde gesehen.“

Jemima schien sich nicht für diese Information zu interessieren. „Na ja, Dad glaubt, dass die Zeit reif ist, um Gourmet-Babynahrung auf den Markt zu bringen, und dass Val es tun soll.“

„Und wird sie das machen?“

Jemima lachte heiser. „Wenn sie weiter bei Dad gut dastehen will, wird sie es tun. Sie streiten sich so schon genug.“

„Streiten?“ Darina fiel es schwer, sich vorzustellen, dass sich die beherrschte und freundliche Val Douglas mit jemandem stritt. „Weswegen?“

„Oh, ich weiß es nicht, ob eine Rationalisierung in der Produktion die Qualität beeinflussen würde, solche Sachen. Mit Val kann es ziemlich hitzig werden.“

Darina erinnerte sich daran, wie Val sich darüber ausließ, dass kommerzielle Produktionsmethoden selbst die besten Lebensmittel zur Unkenntlichkeit reduzierten.

„Im Moment“, fuhr Jemima fort, „reden sie dauernd darüber, was privilegierte Kleinkinder in der täglichen Ernährung brauchen. Ich verstehe nicht, warum sie sich darum Gedanken machen. Warum keine Fischstäbchen? Die haben immerhin Proteine und alles, oder?“

„Für die Ernährung sind sie ausgezeichnet“, stimmte Darina zu. „Aber sie sind kein kulinarisches Erlebnis. Warum sollte man nicht die Geschmacksnerven eines Kleinkindes herausfordern? Ihren Gaumen stimulieren? Immerhin formen frühe Gewohnheiten den Rest unseres Lebens.“

„Ich nehme an, deine Mutter war eine fabelhafte Köchin“, sagte Jemima träge.

Darina lachte. „Ma hasst es, zu Kochen! Aber ein feinschmeckerischer Cousin lebte bei uns und er experimentierte ständig in der Küche. Ich wuchs damit auf, ständig auf die nächste Mahlzeit zu warten.“

„Und jetzt löst du Delia Smith ab.“ Jemima klang ehrlich beeindruckt.

Darina schnaubte höhnisch. „Ich wünschte, so wäre es! Du siehst eine kämpfende Kochautorin vor dir. Ich habe vor Kurzem meine regelmäßige Kolumne verloren und noch keine neue gefunden.“

„Aber du bist im Fernsehen! Ich habe eine der Sendungen gesehen, wann war das, vor einem Jahr?“

„Vor über einem Jahr, und seitdem nicht mehr“, sagte Darina niedergeschlagen und fühlte sich mehr und mehr deprimiert. „Ich habe im Moment nicht einmal einen Auftrag für ein Buch. Seit meiner Hochzeit scheint nichts mehr gut gelaufen zu sein.“ Das hatte sie nicht sagen wollen, es war ihr irgendwie herausgerutscht.

Jemima setzte sich etwas aufrechter hin, ein böser Glanz lag in ihren Augen. „Darina, die große Optimistin, ist zu Tode betrübt? Das glaube ich nicht. Ich habe wohlgemerkt nie viel von der Ehe gehalten. Lieben und verlassen, dass ist mein Motto.“ Ihre prahlerische Art ließ anderes vermuten.

„Ich will William nicht verlassen“, sagte Darina schlicht.

„Wie lange seid ihr verheiratet?“

„Achtzehn Monate.“ Es war ein kalter Tag im März gewesen, stürmisch, der Wind hatte ihr den Schleier ins Gesicht geblasen, als sie für die Hochzeitsfotos draußen vor der Kirche gestanden hatten. Schließlich hatte der Fotograf um einen Freiwilligen gebeten, der hinter ihr stehen, und den feinen Tüll festhalten sollte. Mit Darinas Größe war es nicht schwer gewesen, eine Begleiterin zu finden, die hinter ihr verschwand und das Familienbild nicht störte.

„Du bist ja praktisch noch eine frischvermählte Braut! Wart’s ab!“

„Hast du es selbst noch nicht versucht?“

„Dafür bin ich zu schlau“, sagte Jemima überzeugt.

Darina legte den Löffel ab und wischte mit der Seite ihres Fingers überschüssiges Essen von Rorys Mund. Er schenkte ihr ein gewaltiges Grinsen, das sein Gesicht erhellte wie Nordlichter eine Winternacht, brachte noch mehr fast verständliche Phrasen hervor und nahm den Löffel.

Wieder hob sich die Last der Schwermut von Darina, als sie ihn anlächelte und nach dem Werkzeug griff.

Er schrie entrüstet und wedelte den Löffel besitzergreifend umher. Als er sie ins Auge traf, schwand der kurze Anflug von Mütterlichkeit. „Aua! Lass das!“

„Er hasst es, etwas hergeben zu müssen“, sagte Jemima lakonisch und nippte an ihrem Wein. „Genau wie sein Großvater. Er wird ganz schön schwierig werden.“

„Kannst du wirklich selbst essen?“, fragte Darina Rory. Er schenkte ihr ein weiteres breites Grinsen, sagte: „Da“, grub den Löffel ungeschickt in die Schüssel und hob ein wenig Nahrung an seinen Mund. Unter großer Anstrengung schaffte er es, das meiste davon zu essen.

„Ich kann verstehen, warum du so vernarrt in ihn bist.“

„Ich bin nicht vernarrt in ihn“, erklärte Jemima. „Es fällt mir recht leicht, dem Charme des Wickelns, der nächtlichen Schreie und der überall verteilten Spielzeuge zu widerstehen. Und Rory verfolgt gnadenlos, was er möchte. Wie gesagt, er erinnert mich sehr an Dad.“ Dann ruinierte sie die Wirkung dieser Worte, indem sie dem Kind einen Kuss auf den Kopf drückte, als sie Darina ein Glas Wein brachte.

„Ist er denn gar nicht wie deine Schwester?“, fragte Darina, während sie fasziniert die Bemühungen des Kleinen beobachtete, sein Mittagessen zu essen. So entschlossen, so gierig!

Jemima zuckte mit den schmalen Schultern. „Kannst du irgendwelche Ähnlichkeiten entdecken?“

„Ich habe Sophie nie wirklich kennengelernt“, sagte Darina entschuldigend. „Sie war so viel jünger als wir, zehn Jahre, oder? Ich traf sie nur als kleines Mädchen, als ich mit euch allen in die Ferien fuhr.“ Aus einem tiefen Winkel ihrer Erinnerung zog sie das Bild eines kleinen Kindes hervor, an einen riesigen Teddybär geklammert, der auf der Reise nach Italien viel zu viel Platz einnahm, und an ihrem Daumen lutschend, während sie die Freundin ihrer Schwester mit großen, braunen Augen beobachtete. „Wann ist sie gestorben?“

„Bei Rorys Geburt.“ Jemima drehte ihr Weinglas auf dem Tisch.

„Wie furchtbar! Warum? Ich dachte, eine Geburt ist heutzutage ziemlich sicher.“

„Ich war zu dem Zeitpunkt nicht da, aber Dad sagte, es sei eine Sepsis gewesen.“

„Das klingt als hätte man sich nicht angemessen um sie gekümmert“, deutete Darina zweifelnd an. Es war schwer vorzustellen, dass ein Kind der wohlhabenden Ealham-Familie nicht unter allen Umständen beste medizinische Betreuung bekam, besonders bei einer Schwangerschaft.

Jemima seufzte. „Sie war von zu Hause weggerannt. Hatte sich versteckt. Wir wussten nicht, wo sie war oder was sie tat, bis das Krankenhaus Dad anrief und mitteilte, dass sie ein Kind geboren hatte und im Sterben lag.“

Darina versuchte sich vorzustellen, eine Schwester so aus den Augen zu verlieren, und versagte. „Wie furchtbar! Dein Vater muss vor Sorge außer sich gewesen sein!“

Jemima schwieg.

„Warum ist sie von zu Hause weggegangen?“

Jemima zuckte wieder mit den Schultern. „Ich weiß es nicht. Ich wohnte in der Stadt, als sie verschwand, und führte meine Modeboutique.“ Sie sah Darina an. „Seit Mutter gestorben ist, habe ich nicht mehr viel Zeit zu Hause verbracht. Ich habe versucht, Kontakt zu Sophie zu halten, wirklich, aber es war schwierig.“

Rory schlug mit seinem Löffel auf den Tisch und schrie nach Aufmerksamkeit. Sein Teller war leer.

„Soll ich noch ein Fischstäbchen machen, oder gibt es Nachtisch?“ Jemima biss sich auf die Unterlippe, während sie nachdachte. Sie sah aus wie ein von Dolce und Gabbana eingekleideter Hamster. „Was hat Maeve gesagt, solle er danach bekommen?“, fragte sie in die Luft. „Oh, ich weiß, einen dieser Früchtequarks, und ich glaube, sie sagte Trauben oder eine Mandarine.“ Sie ließ ein Lächeln aufblitzen. „Ja genau, sie hat sich erdreistet mir zu erklären, dass ich sie schälen müsse! Die Frau scheint mich für eine Idiotin zu halten. Der Kühlschrank ist da drüben“, fügte sie charmant lächelnd hinzu.

Darina blieb, wo sie war. Nach einem Augenblick schenkte Jemima ihr ein weiteres lächeln, das zu sagen schien, alles sei einen Versuch wert, und holte den Nachtisch für ihren Neffen.

In der Schule war Jemima die Anführerin gewesen, hatte Befehle erteilt und erwartet, dass sie befolgt wurden. Darina war eines der wenigen Mädchen gewesen, die nicht nach ihrer Pfeife getanzt hatten. Auf einer Klassenfahrt nach Paris hatten sie sich angefreundet. Jemima, damals dreizehn, hatte einen jungen Mann kennengelernt und sich von einer Vorführung russischer Volkstänze weggeschlichen, um ihn zum Abendessen in einem schicken Restaurant zu treffen. Darina hatte sie gedeckt, als Jemimas Abwesenheit bemerkt wurde. Groß, pflichtbewusst und gesetzestreu wie sie war, glaubten die Autoritätspersonen ihr, wenn sie behauptete, dass jemand anwesend sei, obwohl es nicht stimmte. Als Jemima sich bedankte, sagte Darina unverblümt, dass sie eine Idiotin sei, hörte sich aber gerne an, was es zu essen gab. Von diesem Punkt an war eine etwas empfindliche Freundschaft aufgeblüht. Jemima war anscheinend fasziniert davon, dass jemand nicht nach ihrer Pfeife tanzte, und Darina von ihrer respektlosen Lebensanschauung.

Rory wedelte vergnügt mit den Armen, als Darina Himbeerquark in seinen Mund, der so zart und rot war wie eine Rosenknospe, löffelte und beobachtete, wie er sich auf den neuen Geschmack konzentrierte. „Maeve ist sein Kindermädchen?“

„‚Kindermädchen‘ ist ein bisschen viel gesagt für eine Irin, deren einzige Qualifikation ist, soweit ich herausfinden konnte, dass sie zig Geschwister aufgezogen hat. Aber Rory mag sie und ich weiß nicht, wie wir es ohne sie schaffen sollten.“ Sie füllte ihr Glas mit Wein auf. „Dad scheint sie auch für ein gutes Ding zu halten“, fügte sie mit eintöniger Stimme hinzu.

Für eine Weile herrschte Schweigen. Darina fragte sich, wann dieses Kind begreifen würde, dass es keine Mutter hatte. Was würde das für ihn bedeuten? An materiellen Dingen würde es ihm im Leben nicht mangeln. Die Küche sah aus, als stamme sie direkt aus einem Hochglanz-Designer-Magazin, aber es gab kein sympathisches Durcheinander von Küchengeschirr oder das ein oder andere Arbeitsgerät auf den granitenen Arbeitsplatten; keine mit Nachrichten, Einkaufszetteln und Postkarten vollgestopfte Pinnwand, alles war makellos und ohne Herz. Hatte Rory ein Kinderzimmer mit fantasievoll bemalten Wänden und einem Schaukelpferd? Lag Spielzeug herum oder war alles so aufgeräumt wie hier? War diese Maeve für ihn seine Mutter? Es schien auf jeden Fall nicht so, als würde Jemima sich besonders darum bemühen, den Platz ihrer Schwester einzunehmen. „Meine Retterin“, war ihre Begrüßung gewesen, als sie Darina vor einer halben Stunde die Tür zu Blackboys, dem Anwesen der Ealhams, geöffnet hatte, während Rory sich an ihr Bein klammerte. „Es ist Zeit für Rorys Mittagessen und ich bin unfähig, wenn es um ihn geht.“ Dann hatte sie Darina einen herzlichen Kuss gegeben und sie alle in die Küche gebracht.

Jemimas Anruf war aus heiterem Himmel gekommen. Sie hatten sich nicht mehr gesehen, seit sie von der Schule abgegangen waren, und wie sie an Darinas Nummer gelangt war, war ihr ein Rätsel. Trotz der Lücke von so vielen Jahren, hatte Jemima ehrlich begeistert darüber geklungen, wieder mit ihr Kontakt aufgenommen zu haben. So sehr, dass Darina die Einladung zum Mittagessen ohne Umschweife annahm. „Um eine kleine Angelegenheit zu besprechen, bei der ich Hilfe brauche“, hatte Jemima gesagt.

Darina hatte aufgelegt und sich amüsiert gefragt, worum es wohl gehen könnte; Jemima war in der Schule dafür bekannt gewesen, ihre Freundinnen auszunutzen. Dann hatte sie sich selbst getadelt. Hatte Jemima ihr nicht diesen Urlaub in Italien ermöglicht, als sie fünfzehn war? In ihrer Schule gab es etliche Mädchen, die Jemima bei den Hausaufgaben geholfen, ihr Kleidung geliehen oder beliebig viele Gefallen getan hätten, um sie zu der luxuriösen Villa mit Pool und Dienstmagd in den toskanischen Hügeln zu begleiten. Doch sie hatte Darina gefragt, die in Mathe und Latein schlechter stand als sie und deren Kleidung Jemima niemals gepasst hätte, selbst wenn ihr der Stil zugesagt hätte.

Als Darina Rory den letzten Löffel Quark anbot, erklang das eindringliche Klingeln eines Handys.

Jemima schnappte sich das Gerät vom Tisch. „Dominic, hey!“, sagte sie erwartungsvoll. „Toll von dir zu hören, wie geht’s?“ Sie stand mit dem Telefon auf und lief zur anderen Seite der Küche.

Darina versuchte, sich auf Rory zu konzentrieren, aber sie konnte unmöglich ihre Ohren abschalten. „Nein, tut mir leid Dom, Dad kommt heute Abend zurück und ich will hier sein. Nein, hör mal, ich hab doch gesagt, dass es mir leid tut“, verteidigte sie sich. „Es ist, nun ja, wirklich schwierig. Er wird über die Verhandlungen und all das sprechen wollen. Ich bekomme ihn nicht häufig ohne Val zu sehen.“ Eine Pause. „Natürlich wirst du mir fehlen.“ Ihre Stimme klang sanft. „Ich kann es nicht erwarten, dich zu sehen. Morgen dann? Ich ruf dich an.“ Jemima klappte das Handy zu und kehrte kommentarlos zum Tisch zurück.

„Also“, fragte Darina, während sie für den gierigen Rory die letzten Reste aus dem Becher kratzte, „wobei brauchst du meine Hilfe?“ Bitte verlang nicht von mir, zu kochen, betete sie im Stillen. Die Tage waren vorbei, in denen sie für jeglichen Catering-Auftrag dankbar war, der ihr angetragen wurde.

Jemima sah zu Darina herüber, ihr Blick war offen und direkt. „Ich möchte herausfinden, wer Rorys Vater ist.“

„Das weißt du nicht?“ Darina war erstaunt.

Jemima schüttelte den Kopf. „Als Dad das Krankenhaus erreichte, lag Sophie schon im Koma; sie kam nie wieder zu Bewusstsein.“

„Aber irgendjemand muss es doch wissen“, protestierte Darina. „Was ist mit ihren Freundinnen?“

„Sie hat es niemandem erzählt“, sagte Jemima mit einem endgültigen Unterton.

„Hat dein Vater nicht versucht, es herauszufinden?“ Darina konnte sich nicht vorstellen, dass der mächtige Basil Ealham nicht eine Armee von Privatdetektiven darauf angesetzt hätte, um herauszufinden, wer seine Tochter geschwängert hatte.

Jemima sah verzweifelt aus. „Er sagt, dass es keine Rolle spielt, dass Rory eben Rory ist. Er ist vernarrt in ihn.“ Sie ließ es klingen, als ging es um eine gefährliche Perversion.

„Aber du hältst es für wichtig?“ Darina löste mehrere Mandarinenstücke voneinander und gab eines davon dem Kind. Rory nahm es, und betrachtete es eingehend, bevor er es mit einem zustimmenden Grunzen in den Mund steckte. Sie legte noch einige Stücke vor ihn auf die Ablage. Er mochte es offensichtlich, Kontrolle über sein Essen zu haben.

„Du nicht?“ Jemima klang verblüfft über die Frage.

„Na ja, schon, aber warum hast du so lange gewartet?“ Darina betrachtete, wie das Kind das nächste Stück mit dem Daumen und einem dicken Fingern aufnahm. „Ich meine, Rory ist jetzt wie alt, fünfzehn Monate?“

Jemima dachte für einen Augenblick nach. „Siebzehn Monate.“

„Hättet ihr nicht nach seiner Geburt versuchen sollen, seinen Vater zu finden?“

„Ja, nun, haben wir nicht“, sagte Jemima stur.

„Und niemand hat euch kontaktiert?“

Jemima schüttelte den Kopf. „Wie gesagt, wir wissen nichts darüber, wo sie lebte, was sie tat oder mit wem sie befreundet war.“

Irgendetwas war hier sehr eigenartig. „Ich bin keine Privatdetektivin“, sagte Darina zurückweisend. Sie war sich ganz und gar nicht sicher, ob sie etwas mit dieser eigentümlichen Aufgabe zu tun haben wollte. „Ich wüsste gar nicht, wo ich anfangen soll.“

„Unsinn, wenn nur die Hälfte von dem stimmt, was ich gehört habe, hast du etliche Verbrechen aufgeklärt. Als ich Esther Symes traf, und sie mir erzählte, wie gut du dich geschlagen hast, kam mir die Idee.“

Sie also musste Jemima ihre Nummer gegeben haben. „Du weißt, wie sehr Esther es liebt, alles zu übertreiben. Erinnerst du dich, wie sie uns in der vierten Klasse erzählte, dass ihr Onkel der Präsident der Vereinigten Staaten sei?“

Jemima gluckste vor Lachen. „Was waren wir beeindruckt. Bis wir herausfanden, dass er in Wirklichkeit nur der Präsident irgendeiner amerikanischen Firma war.“ Sie beobachtete Darina genau. „Willst du damit sagen, dass du gar keine Morde aufgeklärt hast?“

„Na ja, das nicht.“ Darina machte Ausflüchte. „Aber es war bloß Glück, ich war zur richtigen Zeit am richtigen Ort.“

„Du warst schon immer von bescheidener Natur. Aber du kannst nicht bestreiten, dass du mit einem Polizisten verheiratet bist, niemand Geringeres als ein Detective Inspector. Er kann dir genau sagen, wie man an die Sache herangeht.“ „Tatsächlich wurde er gerade befördert, er ist jetzt Detective Chief Inspector William Pigram bei der Polizei von Thames Valley. Wir sind von Somerset dorthin gezogen.“

„Ich will mehr über ihn hören“, befahl Jemima. „Esther sagt, er ist traumhaft.“

Darina lächelte. „Ich dachte nicht, dass große, dunkelhaarige und gutaussehende Männer gerade in Mode sind.“

„Oh, er klingt köstlich! Eine Art Mr. Darcy?“

„Na ja, ja“, gestand Darina ein, und dachte daran, dass William mit komplizierten Gefühlen rang, genau wie Jane Austens Protagonist.

„Oh, himmlisch! Weicheier langweilen mich so. Heutzutage scheine ich nichts anderes kennenzulernen, Weicheier oder Machos, die unbedingt beweisen wollen, dass sie keine Frauen brauchen.“ Darina fragte sich, in welche dieser Gruppen Dominic fiel. Aber ein Macho hätte sicher darauf bestanden, dass Jemima an diesem Abend mit ihm ausging. „Ich wette, du kannst William um den kleinen Finger wickeln und ihn dazu bringen, dir bei allem Möglichen zu helfen.“

„Er arbeite sich gerade in seine neue Stelle ein. Das ist ein wichtiger Schritt und da will ich ihn nicht mit solchen Sachen stören“, sagte Darina abwehrend, wohl wissend, dass ihr einen Rat zu geben, wie sie etwas untersuchen sollte, das Letzte wäre, was William tun würde.

„Komm schon, wenn du keine Bücher schreibst oder Fernsehsendungen drehst, kannst du doch bestimmt ein wenig Zeit für Detektivarbeit entbehren.“ Jemima sah Darina flehend an. „Es würde mir viel bedeuten. Und ich werde dich bezahlen, selbstverständlich.“

Das war mehr, als sonst jemand bisher getan hatte! Doch Darina sagte: „Ich mache das nicht für Geld.“

„Na das solltest du aber. Komm schon, bitte, es ist so wichtig.“ Ihre Augen leuchteten, ihr Körper war angespannt.

Wenn Jemima ihre Verteidigung ablegte, war es schwer, ihr zu widerstehen. Und es stimmte, Darina hatte im Moment keine Abgabefristen. Aber der Kampf um eine geregelte Stelle in der Medienwelt war zeitaufwändig und sie musste auch an William denken. Das Letzte, was er gerade brauchte, war, dass sie in seinen Arbeitsbereich eindrang.

Aber die Suche nach Rorys Vater würde doch sicher nicht als Polizeiarbeit gelten. Immerhin hatte sich kein Verbrechen ereignet. Aber es gab etwas, das Darina nicht verstand. „Warum genau bist du so erpicht darauf, Jemima? Wenn dein Vater damit zufrieden ist, es nicht zu wissen, warum du nicht auch?“

Jemima strich sich mit einer Hand durch ihr kurzes, blondes Haar und wirkte gereizt, als hätte die Antwort völlig offensichtlich sein müssen. „Himmel, Darina, du weißt wie mein Bruder und ich aufgewachsen sind, findest du nicht, dass man Rory davor bewahren sollte?“ Jemimas Gesichtsausdruck war grimmig. „Wenn ich nur gemerkt hätte, wie Dad ihn komplett an sich reißt, wäre ich früher zurückgekommen. Er hat mein Leben ruiniert. Ich lasse nicht zu, dass Rory dasselbe passiert. Wenn dir schon das Essen für Kinder wichtig ist, wie viel wichtiger sind dann richtige Eltern?“

„Er könnte völlig ungeeignet sein.“

„Oder jemand, der ihn anständig erzieht und nicht auf dem Stellenwert von Besitz und Status besteht“, beharrte Jemima.

Darina fragte sich, wie gut Jemima ohne das Geld zurechtkäme, das ihre teure Kleidung und dieses luxuriöse Haus bezahlte. Dann ging sie einem anderen Blickwinkel nach. „Hast du irgendeine Ahnung, wer Rorys Vater ist?“

Jemima schüttelte den Kopf. „Anscheinend hatte sie keinen festen Freund, oder Freundin, wenn wir schon dabei sind. Sophie, also, Sophie empfand Menschen als bedrohlich.“

Jemima war nie besonders scharfsinnig gewesen und Darina wurde klar, dass Sophie einiges an sozialer Kompetenz gefehlt haben musste, damit es für ihre Schwester derart auffällig war.

„Dad sagt, dass Rory ein paar Wochen zu früh kam, du kannst dir nicht vorstellen, wie klein er war, als ich ihn zum ersten Mal sah.“ Jemima blickte zu dem kräftigen Burschen, der auf die Ablage seines Hochstuhls trommelte und ihr Blick wurde kurz sanft, ehe sie ihre Aufmerksamkeit wieder auf Darina richtete. „Sophie wurde seit siebeneinhalb Monaten vermisst, als Rory zur Welt kam. Wenn er sechs Wochen zu früh war, muss der Vater jemand sein, den sie kennengelernt hat, nachdem sie bei meinem Bruder und meiner Schwägerin verschwunden ist, oder?“

Darina sah nicht, dass das notwendigerweise daraus folgte, beschloss aber, für den Augenblick nicht darauf einzugehen.

„Aber wie soll denn irgendjemand eine Ermittlung auch nur anfangen, wenn du nicht weißt, wo Sophie lebte oder was sie tat, als sie schwanger wurde?“

Erleichterung erstrahlte auf Jemimas Gesicht. „Ich wusste, dass du es tun würdest! Und ich weiß genau, wo du anfangen kannst, bei meinem Bruder.“

Rory schlug herrisch auf seine Ablage.

„Was will er denn jetzt?“, fragte Darina. „Noch mehr zu essen?“

Jemima stand auf und holte ein Fläschchen. „Orangensaft, um das Festmahl abzurunden.“

Rory packte das Fläschchen mit beiden Händen und saugte daran. Wie simpel das Leben in diesem Alter war!

„Welcher Bruder?“, fragte Darina. Bei dem Urlaub in Italien waren zwei dabei gewesen: Job, ein introvertierter Student, der Wert darauf gelegt hatte, jeden Kontakt zum Rest der Familie zu meiden, und Jasper, ein zehn Jahre alter Junge, der sie ständig zum Lachen brachte.

„Mein von ganzem Herzen geliebter, älterer Bruder Job“, sagte Jemima ironisch. „Als Sophie von hier verschwand, ging sie zu ihm und Nicola. Wusstest du, dass er geheiratet hat?“

Darina schüttelte den Kopf. „Ich habe seit Jahren nichts von dir oder deiner Familie gehört. Wenn man nie eine Antwort bekommt, verschickt man irgendwann auch keine Weihnachtskarten mehr“, fügte sie ernst hinzu.

Jemima schenkte ihr ein beschämtes Lächeln. „Na ja, ich hatte irgendwie mit anderen Sachen zu tun. Alles ist so aufregend, wenn man gerade den Schulabschluss gemacht hat“, fügte sie hinzu, als würde das alles erklären. „Als ich neulich zufällig Esther begegnete, war es das erste Mal, dass ich einer von uns begegnet bin, seit wir alle fortgingen.“

„Was macht Job heute? Hat er irgendetwas aus seiner Schriftstellerei gemacht? Ich erinnere mich, dass er ständig in ein Notizbuch gekritzelt hat.“ Wobei er große Anstrengungen unternahm, damit es niemand lesen konnte. Jasper hatte es eines Tages geschafft, daranzukommen. Darina sah ihn jetzt vor sich, wie er um den Pool tanzte, es hoch in die Luft hielt und dem rachsüchtigen Job auswich, der ausnahmsweise mal aus seiner düsteren Melancholie gerissen wurde. Beide Brüder und das Notizbuch waren im Wasser gelandet. Jasper hatte den Anstand gehabt, sich zu entschuldigen, und angeboten, zu versuchen, die durchnässten Seiten zu retten, aber Job war davongeschlichen, blind vor Wut, und es hatte Tage gedauert, ehe er sich überwunden hatte, wieder mit einem von ihnen zu sprechen.

„Er redigiert die Lokalseiten einer wöchentlichen Zeitschrift.“

„Aber Job hätte es doch sicher deinem Vater gesagt, wenn er etwas wüsste, oder?“

„Er hasst Dad, er versucht ständig, ihn in seiner Kolumne schlechtzumachen. Er sagt, er habe keine Ahnung, wohin sie gegangen ist, aber ich bin mir sicher, dass er etwas weiß.“

„Warum fragst du ihn nicht?“ Das alles erschien Darina immer seltsamer.

Jemima seufzte. „Wir kamen noch nie wirklich gut miteinander aus, und seit ich für Dad arbeite, will Job nichts mehr mit mir zu tun haben. Es ist, als wäre ich zum Feind übergelaufen.“

„Du arbeitest für deinen Vater? Ich dachte, du hasst ihn.“

„Das war in meiner Jugend. Jetzt kann ich mich behaupten, und ich dachte, es wäre an der Zeit, sich in die Firma einzuarbeiten. Also schlug ich vor, dass er mich als Assistentin einstellt.“ Jemima füllte ihr Glas wieder auf. „Bis er in den Ruhestand geht, werde ich in der Lage sein, die Firma zu übernehmen.“ Die Vorstellung von Jemima, die immer Schwierigkeiten hatte, sich länger als einen Flohsprung auf etwas zu konzentrieren, an der Spitze einer internationalen Organisation, war zwar nicht unbedingt lächerlich, aber dennoch schwer ernst zu nehmen. Hatte sie sich in den vergangenen zwölf Jahren verändert oder machte sie sich etwas vor?

„Wie auch immer, du musst Job nur erzählen, dass Dad Rorys Vaterschaft nicht untersuchen will, dann wird er alles ausspucken.“ Jemima holte einen Zettel aus ihrer Tasche und reichte ihn Darina. „Ich habe seine Kontaktdaten für dich aufgeschrieben.“

Also war sie vorbereitet gewesen, vielleicht hatte sie sich verändert!

Darina überflog die Informationen. Job und Nicola Ealham lebten in Battersea, von ihrem Haus in Chelsea aus nur einmal über den Fluss. Recht praktisch, das musste auch Jemima klar sein. Ohne genau zu wissen warum, faltete sie den Zettel und steckte ihn sorgfältig in ihre Handtasche. „Ich werde darüber nachdenken“, sagte sie. „Ich verspreche nichts.“

„Rede einfach mit Job“, drängte Jemima. Sie lehnte sich vor. „Es ist wichtig Darina, wirklich wichtig.“

Irgendwo schlug eine Tür zu und eine Stimme rief aus der Entfernung: „Jemima? Wo zur Hölle bist du?“

„Dad! Er sollte erst heute Abend zurückkommen!“

Schwere Schritte näherten sich der Küchentür.

Jemima streckte ihre Hand über den Küchentisch zu Darina aus und drückte schmerzhaft fest ihr Handgelenk. „Kein Wort darüber, versprochen?“

Darina nickte. Jemima und sie hatten sich mal ewige Freundschaft geschworen, und dass sie sich nie verpfeifen würden.

Die Küchentür wurde aufgeworfen und dahinter stand Basil Ealham. „Wie geht es meinem Jungen?“, rief er. Rory ließ sein Obststück fallen und warf die Arme in die Luft, sein Gesicht strahlte, als er seinen Großvater entzückt anschrie.

Jemimas Gesicht war schwer zu lesen, als sie beobachtete, wie ihr Vater den kleinen Jungen hochnahm.

Kapitel 2

Basil Ealham hob den entzückten Rory hoch in die Luft.

„Er hatte gerade erst sein Mittagessen“, warnte Darina.

„Hm, vielleicht haben Sie recht.“ Die starken Hände ließen Rory herunter, Basil setzte sich auf einen der Küchenstühle und nahm das Kind auf seine Knie. Rory griff nach der letzten Käsestange. Jemima riss den Teller weg.

„Spielverderberin“, sagte ihr Vater.

Seines Leckerbissens beraubt, richtete Rory seine Aufmerksamkeit auf die Brille, die in der obersten Tasche seines Großvaters steckte, zupfte sie heraus und öffnete einen der Bügel. „Dad, das ist Darina Lisle“, sagte Jemima und deutete mit einer nachlässigen Handbewegung auf ihren Gast. „Erinnerst du dich, sie hat uns das eine Mal nach Italien begleitet?“

Darina wurde mit einem Blick aus blauen Augen gemustert, wie die von Rory, doch deutlich schärfer. „Sie mussten nach ein paar Tagen aus geschäftlichen Gründen nach England zurückkehren“, murmelte sie. „Ich wäre überrascht, wenn Sie sich an mich erinnern.“

„Im Gegenteil“, sagte Basil forsch. „Sie haben am ersten Abend ein tolles Essen für uns zubereitet, Tagliatelle mit Prosciutto, Tomaten und Basilikum, und einen herrlichen Salat. Ich war sehr beeindruckt.“

Genauso wie Darina, ob seines guten Gedächtnisses. Sie hatte die Ankunft dort völlig vergessen. Der Flieger hatte Verspätung gehabt, Mrs. Ealham hatte auf dem Flug Whisky getrunken und war ins Bett gegangen, kaum dass sie ihr Ziel erreicht hatten. Alle anderen waren hungrig gewesen und die Villa, hoch oben in den toskanischen Hügeln gelegen, schien kilometerweit von der nächsten Siedlung entfernt zu sein. Doch auf dem Tisch war für ihre Ankunft eine Auswahl von Lebensmitteln vorbereitet worden.

Rory versuchte, die Brille aufzusetzen. Sie fiel zu Boden.

„Hey!“, protestierte Basil. „Lass das.“ Er barg seine Brille und steckte sie wieder in die Tasche. Rorys Gesicht legte sich in Falten.

Jemima nahm das kleine Kind hoch. „Zeit für dein Nickerchen“, sagte sie.

„Einen Augenblick, junge Dame“, sagte Basil scharf. „Warum bist du nicht im Büro?“

„Ich kümmere mich um Rory. Es ist Maeves freier Tag, weißt du noch?“

„Und wo ist dann Mrs. Starr?“

„Sie hatte einen Zahnarzttermin“, sagte Jemima ruhig.

Darina erinnerte sich an diesen Ton aus ihrer Schulzeit. Sie fragte sich, was Jemima Mrs. Starr gesagt hatte, um sie davon abzuhalten, am Morgen herzukommen.“

„Also habe ich Darina angerufen und vorgeschlagen, dass wir hier Mittagessen, statt in der Stadt.“

„Was ist mit Jasper, hätte er sich nicht um ihn kümmern können?“

„Er ist in der Stadt, sagte, er müsse seinen Agenten treffen.“

„Jasper macht sich einen Namen als Autor“, sagte Basil zu Darina. „Zu experimentell für mich, aber anscheinend schätzt man ihn“, fuhr er ausdruckslos fort. Dann wandte er sich wieder an seine Tochter. „Ich nehme an, im Büro ist alles auf dem neuesten Stand?“

„Natürlich, Dad, du weißt, dass du dich auf mich verlassen kannst!“, sagte Jemima in verletztem Ton. „Hast du irgendetwas gegessen? Ich kann noch einen Teller decken, es gibt noch reichlich Hummersalat.“

„Nein danke, ich wurde im Flugzeug verköstigt.“

„Was ist aus der Besprechung von heute Vormittag geworden?“

„Die Italiener wollten nicht zusammenarbeiten, also habe ich sie sitzengelassen.“ Vergnügen erfüllte sein Gesicht. „Sie müssen höllisch wütend sein. Sie waren sicher, dass ich einen Kompromiss eingehen würde.“

„Da sind sie selbst schuld.“ Jemima hob Rory auf ihre Hüfte. „Sie werden bereuen, nicht kooperativer gewesen zu sein.“

„Na, und ob!“, sagte Basil unheilvoll. „Ich dachte, ich rufe an und besuche Rory, bevor ich ins Büro gehe. Ich konnte es kaum glauben, als ich draußen deinen Wagen sah.“

Jemima hielt das Kind fester. „Würdest du für mich Darina ein wenig unterhalten, während ich Rory hinlege?“ Ihr Ton war selbst für Basil Ealham ausreichend gebieterisch.

Seine rechte Augenbraue hob sich schief. Dann sagte er: „Mit Freuden“, und schenkte Darina ein Grinsen, das dem seiner Tochter erstaunlich ähnelte. „Machen wir es uns irgendwo gemütlich.“

Darina ließ sich in den gewaltigen Salon führen, der mit dick gepolsterten Sofas und Sesseln möbliert war, deren blasse Bezüge von auf Hochglanz polierten, antiken Beistelltischen kontrastiert wurden.

„Was trinken Sie?“ Basil öffnete eine Tür in der Ecke des Raumes und Darina erhaschte einen Blick auf eine gut bestückte Bar.

„Danke, aber Jemima hat mir schon Wein angeboten.“ Darina hielt das Glas hoch, das sie mitgenommen hatte. „Und ich muss fahren, also reicht mir das völlig.“

„Braves Mädchen! Ich trinke Tonic Water mit einem Spritzer Angosturabitter.“ Er tauchte mit einem großen Glas voll rosafarbener Flüssigkeit auf und setzte sich auf das Sofa ihr gegenüber.

Basil Ealham war eine so beeindruckende Gestalt, wie sie ihn in Erinnerung hatte. Er war etwa einen Meter achtzig groß und hatte einen kraftvollen Körper, was aber von seinem gut geschnittenen Anzug heruntergespielt wurde. Sein schöner Kopf war stets etwas vorgestreckt und seine Hakennase, die Jemima unglücklicherweise geerbt hatte, durchschnitt die Luft, als müsse sie einen Pfad für den Rest seines Körpers bahnen. Er hatte dieselbe ruhelose Energie an sich, die auch seiner Tochter innewohnte, und Darina wäre nicht überrascht, wenn sie sich auch in Rorys Genen wiederfände.

Basil lehnte sich vor, die Beine leicht gespreizt, seine gesamte Aufmerksamkeit auf sie fokussiert. „Schön, sie wiederzusehen. Ich dachte immer, dass aus Ihnen eine tolle Frau werden würde.“ Es gelang ihm, das ernst und nicht abgedroschen klingen zu lassen. Sein Blick war bewundernd, wahrte aber eine gewisse Distanz. „Was machen Sie dieser Tage? Nein, verraten Sie es nicht.“ Er betrachtete sie noch intensiver, und Darina fühlte sich wie eine Maus, die von einer Python betrachten wird, die nur ans Mittagessen denkt. „Ich bin sicher, dass Sie etwas aus Ihrem Kochtalent gemacht haben, aber ich sehe Sie nicht als Köchin. Ich weiß es, sie leiten Ihre eigene Cateringfirma.“ „Ich bin beeindruckt“, sagte Darina ruhig und fragte sich, ob es wirklich eine Vermutung war, oder ob er etwas über sie wusste. „Das habe ich mal. Aber heute verdiene ich meinen Lebensunterhalt, indem ich übers Essen schreibe, statt es zuzubereiten. Oh, und gelegentlich trete ich im Fernsehen auf – als Vorführköchin.“ Sie konnte nicht widerstehen, das hinzuzufügen.

„Jetzt ist es an mir, beeindruckt zu sein“, sagte Basil heiter, ohne die Intensität seines Blickes auch nur für einen Moment zu lockern. „Ich werde meiner Freundin Val sagen, dass sie Sie kennenlernen muss. Ich bin mir sicher, sie wird Ihren Namen kennen.“

Das legte nahe, dass es ihm nicht so gegangen war. Na ja, warum solle ein Industrieller eine bescheidene Kochbuchautorin kennen.

Dennoch wurde Darina deprimierter. „Jemima erwähnte Val Douglas. Ich kenne sie flüchtig, wir begegneten uns gelegentlich auf Presseempfängen, aber ich habe sie seit einer Weile nicht mehr gesehen.“

„Sie konzentriert sich mittlerweile auf die Lebensmittelproduktion. Es läuft außergewöhnlich gut. Ich helfe ihr, mit den Abläufen, der Betriebsführung, solche Dinge.“ Er versuchte nicht einmal, bescheiden zu klingen.

Darina erinnerte sich sehr gut an Val. Auf ihre Weise war sie eine ebenso stattliche Erscheinung wie Basil, groß und attraktiv, doch Darina hätte vermutet, dass Basil Ealham sich nicht für derart lebhafte Frauen interessiert, eher die sinnlichen. Dann tadelte sie sich. Sie hatte Val nur als Geschäftsfrau erlebt, vielleicht war sie im sozialen Umfeld milder und öffnete sich, wie eine Aubergine, die unter Hitze zu süßem Wohlgeschmack zerschmolz. Sie hielt angesichts dieses komischen Bildes ein Lachen zurück und konzentrierte sich auf Basils Worte.

„Val erkannte den potenziellen Markt für Menschen mit Lebensmittelunverträglichkeiten und hat sich darauf gestürzt. Heute ist sie sogar in Supermärkten vertreten. Wirklich beeindruckend! Aber es ist noch eine kleine Angelegenheit, sie muss mehr Werbung machen und eine neue Produktreihe einführen, die für mehr Umsatz sorgt. Gourmet-Babynahrung, ich habe ihr gesagt, dass sie daran arbeiten muss. Der Markt umfasst einhundertzwanzig Millionen Pfund, selbst ein Prozent davon wären zehnmal mehr Umsatz, als sie im Moment macht. Und mit ihrem Talent könnte sie leicht deutlich mehr erreichen.“ Er lächelte sie an. „Wenn sie ihre Auswahl zusammen hat, müssen Sie zur Verkostung kommen, wir planen eine große Einführung für die Presse.“

„Ich bin sehr interessiert.“

„Wenn wir schon von Val sprechen, macht es Ihnen etwas aus, wenn ich sie kurz anrufe?“ Darina bewunderte, dass er auf ihre Antwort wartete, eher er ein Handy aus seiner Innentasche zückte.

„Val?“ Basil lehnte sich in eine Ecke des Sofas zurück, sein Blick war auf einen Punkt an der Decke fixiert. „Ich bin zurück. Ja, heute Morgen, ich habe versucht, dich auf dem Weg vom Flughafen anzurufen, aber du warst nicht an deinem Schreibtisch.“ Eine kurze Pause, während Basil sich anhörte, welche Erklärung Val auch immer dafür haben mochte, nicht am Telefon zu kleben und auf einen eventuellen Anruf seinerseits zu warten. „Okay. Jetzt hör mal, komm heute Abend vorbei, dann können wir die Projekte durchgehen, an denen du gearbeitet hast.“ Eine weitere Pause.

Darina erhob sich und ging zu den bis zum Boden reichenden Fenstern hinüber. Der Garten leuchtete in herbstlichen Farben. Wohlgeordnete Blumenbeete säumten die glatte Rasenfläche mit einem kleinen, dekorativen Springbrunnen in der Mitte. Jenseits davon erhielt sie einen flüchtigen Blick auf den Rand eines Pools.

„Gut, ich verstehe, dass du mich nicht so früh zurückerwartet hast. Na gut, dann werden wir heute nur essen und gehen morgen Abend die Zahlen durch, wie ursprünglich geplant.“ Basils Stimme hatte an Schärfe gewonnen. Er war offensichtlich nicht gewohnt, dass Menschen nicht für das bereit waren, was er wollte, wenn er es wollte. Doch Val hielt wacker stand, dachte Darina leicht amüsiert, als klar wurde, dass sie für den Abend andere Pläne hatte.

Allerdings nicht lange.

„Sag es ab“, sagte Basil ruhig. „Ich will dich hier haben.“ Der Besitzanspruch in seiner Stimme war nicht zu überhören. „Soll ich einen Wagen schicken? Nein? Na gut, ich erwarte dich um acht.“ Es folgten weitere Proteste vom anderen Ende der Leitung. „Nein“, sagte er mit leichter Schärfe in der Stimme, „nur du und ich. Du weißt, dass Jasper nie mit uns isst, und Jemima wird ausgehen.“ Darina erinnerte sich an Dominic, jetzt würde Jemima ihn doch sehen können – allerdings auf Kosten des ruhigen Abends mit ihrem Vater, auf den sie sich gefreut hatte. „Weißt du“, Basils Stimme veränderte sich, „ich habe dich vermisst. Ich kann den Abend kaum erwarten, tschüss.“ Mit einem deutlichen Klicken rastete die Hülle des Handys ein. „Entschuldigen Sie.“

Darina kehrte zu ihrem Platz zurück, während Basil das Handy wieder in seine Jacke gleiten ließ.

„So, wo waren wir?“, fragte er zufrieden. Darina schien es, als wäre er nicht nur froh, Val seine Macht demonstriert zu haben, sondern auch ihr.

Basil lehnte sich entspannt zurück und sagte mit neuem, jungenhaften Charme: „Ich bin so froh, dass Jemima Kontakt zu einigen ihrer alten Freundinnen aufnimmt. Sie braucht ein paar Verbindungen nach draußen. Ich denke manchmal, dass sie zu sehr mit der Familie beschäftigt ist.“

Das war keine Eigenschaft von Jemima, die Darina wiedererkannte. In der Schule hatte sie immer reichlich Freunde gehabt und ihre Gunst so großzügig verteilt, wie Erdbeermarmelade auf Scones. Ihr rascher Verstand, ihr respektloses Auftreten und ihr attraktives Äußeres hatten sie zu einer Ikone gemacht.

Doch vielleicht hatte sie nie eine richtige Freundschaft geschlossen. Seite der Schulzeit hatte Darina ihren Namen gelegentlich in Klatschkolumnen gelesen, in Verbindung mit verschiedenen jungen Männern, alle reich und berühmt.

„Sie sagt, dass sie gerne mit Ihnen zusammenarbeitet“, murmelte sie. „Ah, ja, meine rechte Hand! Na ja, das lässt sie anständig bleiben, und wer weiß, vielleicht erweist sie sich eines Tages als nützlich.“

Darina gefiel die abschätzige Art nicht, mit der er das sagte. „Sie war immer sehr geschäftstüchtig“, sagte sie nachdrücklich, „und sie interessiert sich wirklich für Ihr Unternehmen.“

„Ja.“ Basil zog das Wort in die Länge, als wäre Jemimas Einstellung irgendwie fragwürdig. Das alte Gefühl beschlich sie, sich als Mädchen gemeinsam gegen die Autoritäten zu stellen.

„Für uns alle war Jemima immer das Mädchen, das in jedem Feld, das sie sich aussuchte, Erfolg haben würde“, sagte sie in offen provokativer Art.

„Sie wusste schon immer, wie sie sich darstellen muss“, stimmte Jemimas Vater seidenglatt zu. „Das ist ein wertvoller Vorzug – so lange er von echter Hingabe begleitet wird.“

Plötzlich verlor Darina den Antrieb, auf Jemimas Seite zu kämpfen. Sie waren keine Schulmädchen mehr, und was wusste sie schon von Jemimas Taten, nachdem sie ihre Schuluniformen abgelegt hatten?

„Ist ihr Enkel nicht großartig?“

Basils Gesicht erhellte sich. „Das kleine Monster“, sagte er stolz, während eine Hand nachlässig mit der Ecke eines Kissens spielte. „Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm! Ich kann mir gut vorstellen, dass er das Imperium leitet, wenn ich mich zu guter Letzt für den Ruhestand entscheide.“

Wie alt war Basil?, fragte Darina sich. Er sah aus wie fünfzig, aber alle Fakten deuteten darauf hin, dass er auf die Sechzig zuging. Immerhin musste Jemimas älterer Bruder jetzt etwa fünfunddreißig sein. Doch Darina hatte irgendwo gelesen, dass Basil Ealham nie zur Universität gegangen war, er hatte sich von bescheidenen Anfängen aus hochgekämpft, also könnte er früh geheiratet haben. Wollte er wirklich sein Imperium führen, bis sein Enkel bereit war, es zu übernehmen? Machte Jemima sich deshalb Sorgen? Hatte es vielleicht gar nichts damit zu tun, dass ihr Vater Rorys Leben dominieren würde, wenn er älter wurde?

Darina war sich keineswegs sicher, dass sie Jemimas Auftrag annehmen wollte, doch sie dachte sich, dass sie Basils Stimmung auch ausnutzen könnte, der nach seinem kleinen Sieg über Val entspannt und selbstgefällig war. „Es tat mir leid, als ich von der armen Sophie hörte. Das muss niederschmetternd gewesen sein, sich so lange Sorgen zu machen und dann Ihre schlimmsten Befürchtungen bestätigt zu sehen, so ...“ Darina brach den Satz ab, als sich Basils Gesicht verfinsterte, im wahrsten Sinne des Wortes. Blut durchflutete sein Gesicht und seine Augen funkelten gefährlich.

„Was hat Jemima erzählt?“ Seine Stimme klang rau.

Dieser Wandel in ihm war mehr als beunruhigend. Darina fand seine plötzliche Feindseligkeit abstoßend. „Ich habe mich für Rory interessiert“, sagte sie steif, während sie versuchte, sich nicht zu fühlen, als müsste sie sich rechtfertigen. „Sophie war so ein kleines Mädchen, als ich sie zum letzten Mal sah. Es war schwer zu begreifen, dass sie erwachsen geworden ist, ganz zu schweigen davon, dass sie so einen großen Jungen zur Welt gebracht hat.“ Basils Augen schlossen sich, als könne er die Erinnerung nicht ertragen. „Ihr Tod muss furchtbar gewesen sein“, fügte sie sanft hinzu.

Er öffnete seine schmerzerfüllten Augen. „Ich habe mich noch nie in meinem Leben so hilflos gefühlt“, sagte er schlicht. „Da war ich, fähig alles zu verlangen, was man mit Geld kaufen kann, doch ich konnte nichts tun, um ihr Leben zu retten. Sie sah so klein aus, so geschrumpft.“ Er klang ausgelaugt. „Ich konnte es nicht glauben, niemand stirbt heutzutage noch bei der Geburt. Die Ärzte sagten, es sei eine Präeklampsie gewesen, und dass man alles unter Kontrolle hätte bringen können, wenn man sie eher hätte behandeln können. Sie hätte gar nicht sterben müssen. Gott weiß, wo oder wie sie gelebt hat.“ Als könnte er es nicht ertragen stillzusitzen, stand er auf und ging zu einem Tisch, der mit Fotos in silbernen Rahmen übersäht war. Er nahm eines hoch und hielt es Darina hin. „Das war Sophie, ehe sie ihr Zuhause verließ.“

Es war eine gestellte Studioaufnahme, so wie sie auch das Titel von Country Lifehätte zieren können. Das Mädchen mit der einreihigen Perlenkette und passenden Steckohrringen sah aus wie siebzehn. Das braune Haar wurde von einem samtenen Haarreif aus dem scheuen, gutgläubigen Gesicht gehalten, mit Augen voll süßer Unschuld. Darina fiel die große Ähnlichkeit zu ihrer Mutter auf.

„Es tut mir leid, ich sollte das vermutlich nicht fragen, aber ich komme nicht umhin, mich zu fragen, warum sie weggelaufen ist.“

Sie hatte befürchtet, dass seine Feindseligkeit zurückkehren würde. Stattdessen zuckte Basil in einer hilflosen Geste mit seinen breiten Schultern. „Wenn ich das nur wüsste! Sie können sich nicht vorstellen, wie oft ich mir diese Frage gestellt habe. Sie wissen, wie Kinder sind, so durcheinander, dass sie kaum selbst wissen, warum sie etwas tun.“ Es war schwer zu sagen, ob er das wirklich glaubte oder nicht.

„Und Sie wissen nicht, wer Rorys Vater ist?“

Das Blut flutete wieder in Basils Gesicht. „Jemima hat Ihnen auch das erzählt, oder?“ Darina sagte nichts.

„Wenn ich den Mann in die Hände bekäme, der sie so sitzengelassen hat, würde ich ihn lynchen“, brachte Basil knirschend hervor.

Warum hatte er nicht versucht herauszufinden, wer der Mann war? Wenn er so rachsüchtig war, hätte er dann nicht jede Unterstützung angeheuert, die er für sein Geld anwerben konnte? Dann ging Darina plötzlich auf, dass er es vielleicht versucht – und versagt hatte. Vielleicht wollte er nicht eingestehen, dass es noch etwas anderes gab, das er mit seinem Geld nicht kaufen konnte. Welche Chance hätte sie in diesem Fall noch?

„Also wird Rory aufwachsen, ohne seinen Vater zu kennen“, beharrte Darina.

„Das wird ihm nicht schaden“, betonte Basil und nahm das Foto zurück. „Besser so, als dass er die Last eines nutzlosen Versagers am Hals hat, während er aufwächst.“

„Das war der Mann Ihrer Meinung nach, ein nutzloser Versager?“

Basils Augen wurden schmal. „Sie sind sehr neugierig“, sagte er mit einer plötzlich kalten Stimme.

Darina beschloss, dass es nicht ungefährlich war, diesen Mann zu verärgern. „Seit ich Rory kennengelernt habe, komme ich nicht umhin, darüber nachzudenken.“

Wieder stellte sich der Enkel als Schlüssel zu Basil Ealhams sanfterer Art heraus.

„Schauen Sie“, sagte er, während er das Foto auf den Tisch zurückstellte, „sind wir nicht alle gebeugt von der Last unserer Eltern? Was ist mit Ihren? Hat Ihr Vater keinen Einfluss auf ihre Lebensanschauung gehabt? Was machte er? Ah, ich erinnere mich, er war Arzt.“

Was für ein Gedächtnis dieser Mann hatte.

„Also wird er Ihnen Normen der Fürsorge aufgebürdet haben, und der Verpflichtung. Ohne seinen Einfluss hätten Sie sich vielleicht ganz anders entwickelt.“

Darina wollte nicht über die Einflüsse nachdenken, die sie geformt hatten. „Und werden Sie Rorys Erziehung lenken?“

„Darauf können Sie wetten! Sehr viel besser als ein Kerl, der liebt und verschwindet, ohne darüber nachzudenken.“

War es so gelaufen? Darina erinnerte sich an das liebliche, gutgläubige Gesicht von Sophie Ealham. Hinter solch süßen Gesichtern verbargen sich manchmal weniger attraktive Charakterzüge. Basil wäre nicht der erste Vater, der seine Augen vor der Wahrheit verschloss, wenn es um die eigene Tochter ging. Darina merkte, dass sie in das Mysterium um Rorys Geburt hineingezogen wurde, weil sich ihr Frage um Frage stellte. Es war, als hätte man eine unerwartete Kombination von Zutaten vorgesetzt bekommen und fragte sich, wie man sie zu einem zufriedenstellenden Gericht kombinieren konnte.

„Jemima braucht aber lange, um Rory ins Bett zu bringen“, kommentierte sie.

Jemima trat ein. „Rory hat sich endlich hingelegt“, sagte sie und fuhr sich mit einer Hand durchs Haar, als wäre es sehr erschöpfend gewesen, Rory zu beruhigen. „Wollen wir essen?“

Kapitel 3

Nach dem Mittagessen verabschiedete Jemima Darina mit Bedauern. Sie hatte so viele schöne Erinnerungen zurückgebracht.

Manchmal glaubte Jemima, dass die Schulzeit tatsächlich die schönste Zeit ihres Lebens gewesen war. Ihre Mutter hatte noch gelebt und ihr Leben schien in gewisser Weise unter Kontrolle gewesen zu sein – es hatte Hoffnung gegeben, dass es besser werden würde. Dann war die Schule vorbei und kurze Zeit später war Jemima nach einem ausgedehnten Einkaufsbummel in dem neuen Wagen, der ihr Geschenk zum achtzehnten Geburtstag gewesen war, nach Hause zurückgekehrt. Ihre Mutter hatte sie nicht begleiten können, schlimme Kopfschmerzen, hatte sie gesagt. Also hatte Jemima Hochglanz-Tüten voller fantastischer Kleidungsstücke hereingetragen und war die Treppe hinaufgeeilt, um sie vorzuführen, in der Hoffnung, die Kopfschmerzen hätten sich gebessert.

Jemima hatte das Schlafzimmer als erwartungsvolle Jugendliche betreten, und es als verbitterte Erwachsene wieder verlassen. Sie hatte sofort Bescheid gewusst, als sie die reglose Gestalt gesehen hatte. Es war nicht nötig gewesen, den Brief zu lesen, der an der leeren Pillendose lehnte. Eine Weile hatte sie auf dem Bett gesessen, die kalte Hand gehalten und sich an die letzten Worte ihrer Mutter erinnert. „Ohne dich wird es nicht halb so viel Spaß machen, Mum“, hatte Jemima gesagt. Und Julie Ealham hatte geantwortet: „Ich hoffe, dir wird dein Leben immer Spaß machen, Liebes.“ Damit war Jemima aus dem Zimmer stolziert, wütend auf ihre Mutter, weil das Leben ihr so viel zu geben hatte, wenn sie es nur annehmen würde.

Doch Jemima, ihre beiden Brüder und ihre Schwester hatten für Julie Ealham nicht ausgereicht. Sie hatten ihren Vater und sein Verhalten nicht ausgleichen können.

Jemima hatte in das kalte, steife Gesicht geblickt und gespürt, wie etwas in ihr zusammenschrumpfte, wie eine Seeanemone, die ihre Tentakel einzog. Dann hatte sie Basil angerufen und den Arzt, und das Haus, in das Sophie am Morgen geschickt worden war. Nachdem sie scheinbar alles Notwendige getan hatte, hatte sie systematisch die neuen Anziehsachen aufgehängt.

Während Jemima ihr Mercedes Coupé schnell über die schmalen Straßen steuerte, wusste sie, dass ihr Vater in seinem Büro saß wie eine hyperaktive Spinne in ihrem pulsierenden Netz. Sie hatte Darina gesagt, dass sie die Firma übernehmen wollte, wenn Basil sich in den Ruhestand begab. Lächerlich. Jemima Ealham verantwortlich für ein Multi-Millionen-Unternehmen!

Warum hatte sie ihrer alten Freundin nicht die Wahrheit gesagt? Dass ihre Boutique Pleite gegangen war, weil Basil weitere Geldmittel verweigert hatte, dass sie niemanden finden konnte, der ihr eine interessante Stelle anbot und dass die einzige Wohnung, die sie von ihrem aktuellen Gehalt bezahlen konnte, zu eng und zu weit ab vom Schuss war, um auch nur für einen Augenblick in Erwägung gezogen zu werden. Alle, die sie aus der Schule kannte, schienen interessante Karrieren zu verfolgen oder hatten aufstrebende Männer geheiratet. Warum war sie, das Mädchen, das beim Abschluss als am wahrscheinlichsten erfolgreich gewählt worden war, die einzige Versagerin?

Dann dachte sie daran, worum sie Darina gebeten hatte und kämpfte einen Augenblick lang mit der Panik. Was hatte sie da angestoßen? Würde Darina die Wahrheit aufdecken können? Esther hatte erzählt, wie klug sie war. „Die Sache ist, Süße, dass sie niemals aufgibt. Sie macht immer weiter, bis sie die Antwort hat. Das hat nichts mit Fingerabdrücken und dem ganzen Zeug zu tun, ich glaube, sie schafft es, weil sie den menschlichen Faktor durchschaut.“ Da war Jemima diesem plötzlichen Impuls gefolgt.

Jetzt fragte sie sich, ob die Wahrheit vielleicht besser nicht ans Licht kam. Vielleicht würde sie Rory kein besseres Aufwachsen als ihr bringen. Und was würde ihr Vater tun? Die Vorstellung von Basil, dem drohte, dass Rory seiner Kontrolle entzogen wurde, war plötzlich so furchteinflößend, dass Jemima fast auf der Stelle Darina angerufen hätte, um die Untersuchung abzublasen. Dann schob sie den Gedanken beiseite, weil die komplizierte Gefühlsmischung in voller Stärke zurückkehrte, die sie dazu veranlasst hatte, ihre alte Freundin anzurufen. Ihr Vater musste lernen, dass andere Menschen auch Rechte haben.

Sich daran klammernd, parkte Jemima den Wagen hinter dem Ealham Haus, ein aggressiv aussehendes Gebäude aus roten Backsteinen, das für seine progressive Architektur einige Auszeichnungen gewonnen hatte, und ging schnellen Schrittes hinein. Wenn man zielstrebig wirkte, hielten die Leute einen für wichtig.

Rosie Cringle sah auf, als sie das Büro betrat. „Mr. Ealham möchte Sie in seinem Büro sehen. Er sagte, sobald sie zurück sind.“ Jemimas Sekretärin war eine graue Maus, aber eine sehr tüchtige, junge Frau.

Jemima zupfte unbewusst am unteren Saum ihres Jacketts, nahm die Akte, die auf ihrem Schreibtisch lag, klopfte an die Verbindungstür zwischen ihrem Büro und dem des Vorstandschefs und des Geschäftsführers und trat ein, ohne auf eine Antwort zu warten.

Basil telefonierte. Er winkte sie heran und ließ sie auf einem Stuhl vor seinem enormen, blanken Schreibtisch Platz nehmen. Hinter ihm konnte sie sehen, dass er bereits die neuesten Produktionszahlen für die mühseligste Firma des Mischkonzerns herausgesucht hatte. „Gut, machen Sie das“, sagte Basil emotionslos in den Hörer. „Denken Sie einfach daran, dass Ihre Stelle davon abhängt und es keine zweite Chance gibt“, fügte er freundlich hinzu, ehe er auflegte. „Ah, Jemima. Das war ein nettes Mittagessen, oder? Ein nettes Mädel. Also, hier sind die Notizen, die ich auf dem Rückflug gemacht habe. Lass sie ausdrucken.“ Er reichte ihr eine Diskette. „Du wirst darin einige Anweisungen finden, trödle damit nicht herum. Wann ist die Besprechung, die du arrangieren solltest?“

„Morgen um zehn“, sagte Jemima ruhig und recht zufrieden mit sich. Basil hatte von ihr verlangt, einen schwer erreichbaren Industriellen zu fassen zu bekommen, der ein tiefes Misstrauen in den Ealham Konzern pflegte. Es hatte einiges an Beharrlichkeit gebraucht, ihn ausfindig zu machen und ihn dann zu überzeugen, dass es ein Fehler wäre, nicht mindestens einem Treffen zuzustimmen.

„Gute Arbeit“, sagte Basil abwesend. Von ihm war das ein großes Lob, und sie spürte einen Anflug von Triumph.

„Und diese Hochrechnungen, um die ich gebeten habe?“

Sie reichte die Akte rüber und dankte Rosie dafür, dass sie ihr am Vortag Druck gemacht hatte, sie fertigzustellen. Sie fühlte sich tüchtig. Diese Arbeit stellte sich als Erfolg heraus. Hochrechnungen zu erstellen war langweilig, aber sie liebte es, bei den Besprechungen dabei zu sein und zuzusehen, wie ihre Vater Großindustrielle in die Tasche steckte, in dem er Ideen vortrug, die von den Wänden widerhallten und dann einen revolutionären Weg aufzeigte, mit einem Problem fertigzuwerden, an dem alle anderen gescheitert waren. Manchmal waren die Ideen so simpel, dass man wusste, sie würden nicht funktionieren – bis er darauf bestand, es auszuprobieren, und sie Wirkung zeigten. Sie freute sich schon sehr darauf, am Abend zu hören, was in Mailand passiert war. Sie hatte selbst ein oder zwei Ideen, über die sie mit ihm reden wollte.

„Du hast hier nur die Hälfte der Zahlen“, sagte Basil und warf die Hochrechnungen auf den Schreibtisch. „Was stimmt nicht mit dir, denkst du ständig an diesen Versager Dominic?“ Er klang eher gelangweilt als verärgert, und Jemima sah plötzlich, dass auf dem Tisch schon ähnlich aussehende Dokumente lagen.

„Übrigens, Val kommt heute Abend vorbei. Ich nehme an, du hast Pläne?“ Basil drehte sich zu seinem Bildschirm herum und Jemima wusste, dass ihre gemeinsame Zeit beendet war.

„Ja“, sagte sie schnell. „Dominic führt mich aus.“

Basil knurrte, seine Aufmerksamkeit lag schon wieder auf den Zahlen, mit denen er herumspielte.

An diesem Abend fuhr Jemima nach London, Oasis plärrten aus dem Autoradio. Sie sang lauthals mit und weigerte sich, an etwas anderes als den frustrierend dichten Verkehr zu denken. Sie musste früh da sein, weil Dominic sonst vielleicht beschloss, irgendwo etwas trinken zu gehen, und sie würde sicher nicht die verschiedenen Bars absuchen, unter denen er wählen konnte.

Vor Dominics Wohnung einen Parkplatz zu finden war immer ein Problem, wenn man keinen Parkausweis für Anwohner besaß. Jemima stellte ihren Wagen auf einer Bordsteinecke ab, nahm ihre Prada-Tasche mit dem langen Riemen und warf sie sich über die Schulter. Ihre Stöckelschuhe klapperten vernehmlich, während ihre Beine in einer engen Lackhose funkelten. Sie hatte den Schlüssel zu Dominics Wohnung schon in der Tasche. Als sie sich selbst einließ, rief sie: „Überraschung!“

Und was für eine es war.

War sie eine Idiotin gewesen, oder hatte sie ihn in flagranti erwischen wollen? Jemima wusste nur, dass sie nicht überrascht war, als sie das Schlafzimmer betrat und die beiden bei der Sache fand wie zwei Frettchen in einem Hosenbein.

Das Mädchen hatte sie zuerst entdeckt. Ihr erschrockener Blick traf auf Jemimas wütenden, dann gruben sich ihre grün lackierten Nägel in Dominics Rücken, sodass er sich von ihr weg wölbte, aufschrie und dann zusammensank, seine schweißbedeckte Haut glänzte im schwachen Licht.

Jemima marschierte aus dem Schlafzimmer und schenkte sich ein großes Glas Whisky aus Dominics Schnaps-Sammlung ein, die er auf einem Beistelltisch aus Glas und Chrom aufbewahrte. Sie hatte ihm geholfen, diese Wohnung einzurichten, hatte das silberne und weiße Dekor ausgewählt. „Zu sehr 30er, Engel, aber es passt zur Architektur“, hatte sie kichernd gesagt, während sie Champagner tranken, um den Abzug des Inneneinrichters zu feiern.

„Also weißt du es jetzt“, sagte Dominic, während er sich ihr von hinten näherte und die Schärpe seines Kimonos zuband. Er goss sich ein ebenso großes Glas The Macallanein. Seine Atmung hatte sich normalisiert, sein Haar war zurückgestrichen, sein Ton plauderhaft. „Tut mir leid, dass du es so herausfinden musstest. Du hättest mir sagen sollen, dass du dich wegen heute Abend umentschieden hast.“

Jemima zuckte mit den Schultern und bewegte sich von ihm weg; er brauchte eine Dusche.

Er setzte sich in einen der quadratischen Sessel. Der Kimono öffnete sich und entblößte seine weichen Knie und haarigen Beine. „Wie ein Bär“, hatte sie immer gesagt, während sie ihre Finger über den dunklen, weichen Flaum gleiten ließ und spürte, wie die Berührung sinnliche Botschaften durch ihre Nerven sandte.

„Wer ist sie?“ Jemima lehnte sich an das Chrom-Regal, das sich an einer Wand erstreckte.

„Du kennst sie nicht.“ Die Hälfte von Dominics Whisky war geleert, doch er schien völlig normal, sogar gelangweilt. Wie hatte sie diesen kultivierten, aber aufgeblasenen Narren je unterhaltsam finden können?

Der Schmerz, der seit dem Tod ihrer Mutter nie weit weg gewesen war, erfüllte ihre Eingeweide. Warum verschwanden alle Menschen, die sie liebte?

„Sie ist ein süßes, kleines Ding“, sagte Dominic träge.

„Süßes ... kleines ... Ding“, wiederholte Jemima durch geschlossene Zähne. Plötzlich hob sie das schwere, geschliffene Glas und warf es fest und zielgenau durch den Raum.

Dominic duckte sich, das Glas prallte an die Wand und zerschmetterte das Glas der modernen Radierung, die ein Einweihungsgeschenk gewesen war.

„Du Bastard“, schrie sie und warf sich auf ihn, ihre Fingernägel schafften es, ihm eine blutige Wunde zuzufügen, ehe er mit überraschender Kraft ihr Handgelenk packte und sie zu Boden presste. Sie wehrte sich, Zorn, Erniedrigung und eine Menge weniger genau identifizierbare Gefühle verliehen ihr eine Kraft, die sie nie gekannt hatte. Doch das war nicht genug, am Ende brach sie auf dem Teppich zu einem Haufen zusammen und schluchzte, als würde ihr Herz zerbrechen.

Dominik bediente sich am Whisky. „Tu nicht so, als würde dir das nahegehen“, sagte er rasch atmend. „Der einzige Mensch, der dir wichtig ist, bist du. Oh, und dein Vater“, fügte er hinzu.

„Ich hasse meinen Vater!“, warf Jemima ihm mit wie bei einem Schluckauf stockender Stimme entgegen.

„Das sagst du immer. Du lässt dir keine Gelegenheit entgehen, über ihn herzuziehen, und doch nimmst du sein Geld. Du bist verwöhnt, unreif und egoistisch“, fuhr er leidenschaftslos fort, „und es ist Zeit, dass du dich am Riemen reißt. Du bist gut im Bett, aber im Leben geht es um mehr als Sex.“

Seine Unverschämtheit machte sie sprachlos. Wenn sie nur daran dachte, wie er sie um Sex angebettelt hatte. Wie er unter ihren Liebkosungen gewinselt hatte.

Sie stand auf und nahm ihre Tasche. „Du hast Glück, wenn es mit ihr nur halb so gut ist“, sagte sie ihm kühl. „Du verdienst niemanden wie mich.“

Seine Augen wurden auf unsympathische Weise schmal. „Ein Mann der dich verdient, muss aus der Gesellschaft ausgeschlossen werden.“

Sie lachte unstet. „Hab Spaß mit deinem Flittchen, ich schätze, sie kennt keinen besseren als dich, arme Kuh.“

Auf halbem Weg durch den Flur hörte sie, wie er rief: „Lass den Schlüssel da, du Schlampe.“

Sie warf ihn in seine Richtung, so schlecht gezielt, dass das Metall klirrend von der Wand abprallte und glitzernd auf dem Teppich liegenblieb, während sie aus dem Gebäude schwankte.

Ihr Wagen war mit einer Parkkralle versehen worden. Er hatte nur eine halbe Stunde dort gestanden, und schon eine Parkkralle!

Na ja, da konnte sie auch dafür sorgen, dass sich das Bußgeld lohnte. Jemima ging zu einer nahen Kneipe, wo sie einigermaßen sicher war, jemanden zu treffen, den sie kannte.

Sehr, sehr viel später bezahlte sie in Begleitung eines bulligen Mannes in seinen Zwanzigern, der auf rührende Weise dankbar dafür war, dass sie plötzlich in seinem Leben aufgetaucht war, ihr unverschämtes Bußgeld. „Bitte schön“, sagte der junge Stier, nachdem die Kralle entfernt worden war, und öffnete ihr die Tür. Sie stieg ein, er schlug die Tür zu und trat zurück.

Dann wurde ihr klar, dass er nicht nach ihrer Nummer gefragt hatte. Nachdem sie ihn großzügig mit all ihrer Fachkenntnis verwöhnt hatte, wollte er sie nicht einmal wiedersehen.

Sie warf den Motor an. Kerle wie ihn gab es im Dutzend billiger, sie konnte so viele haben, wie sie wollte – jederzeit. Sie brauste davon, ohne in den Rückspiegel zu sehen, als sie ihn zurücklies.

Nach ihren exzessiven Aktivitäten fühlte sie sich wieder nüchtern, fuhr aber trotzdem mit ungewohnter Vorsicht nach Hause. Beim Fahren suhlte sie sich in Selbstmitleid. Das Schicksal war gegen sie. Wenn sie den Abend nur mit ihrem Vater hätte verbringen können, wäre alles in Ordnung gewesen. Sie hätte weder von Dominics Untreue gewusst, noch hätte diese unreife Sau sie als One-Night-Stand benutzt.

In den frühen Morgenstunden erreichte sie Blackboys und Jemima entschied, dass Val Douglas für alles verantwortlich war, was in ihrem Leben schief lief.

Kapitel 4

Darina war von Blackboys nach Hause gefahren und hatte mehrere Stunden lang Hausarbeit erledigt. Das makellose Vorbild des Ealham Haushaltes hatte ihr auf schreckliche Weise ihre Defizite in diesem Bereich bewusst gemacht. Wie üblich verspätete sich ihr Ehemann, Detective Chief Inspector William Pigram. So war es fast neun Uhr, als sie ihnen beiden ein Pfannengericht aus Hühnchen und feinen Gemüsestücken kochte, gewürzt mit frischem Ingwer und Zitronengras. Minimaler Kochaufwand, maximaler Geschmack, dachte sie.

„Es tut mir leid, ich bin nicht besonders hungrig“, sagte William und legte seine Gabel nieder. „Ich war im Büro am Verhungern, da habe ich mir ein Sandwich besorgt.“

Darina seufzte und schob die Reste ihres Essens beiseite. „Mein Mittagessen war sehr sättigend“, sagte sie.

William nahm beide Teller und warf die Reste in den Müll. „Wie lief die Wiedervereinigung mit deiner alten Freundin? Reichlich Gekicher über euer Treiben in der vierten Klasse?“

„Liebling, diese Reste hätten morgen noch ein Mittagessen abgeben können!“, protestierte Darina. Dann dachte sie, dass es gar nicht zu William passte, so mürrisch zu klingen. Sie betrachtete ihren Ehemann eingehend. Heute hatte er wenig von Mr. Darcy an sich, es sei denn, man ließ die düsteren Züge seines kantigen Gesichts zählen. Die dunklen Ringe unter seinen Augen wirkten sehr unheroisch, während die aufgequollenen Bereiche um die Augen und das Netz aus feinen, roten Linien in ihnen besorgniserregend waren. So wie die tiefe Falte zwischen seinen Brauen. Und die Art, mit der er seine Hände auf beiden Seiten an seine Stirn legte, und drückte, als versuche er, Kopfschmerzen zu vertreiben.

Dann bemerkte Darina schockiert die silbernen Strähnen in seinen lockigen, dunklen Haaren.

Seit William befördert wurde und die Leitung der Kriminalabteilung einer kleinen Polizeitruppe im Themse-Tal übernommen hatte, hatten sie sich fast nur noch „Hallo“ und „Auf Wiedersehen“ gesagt. „Hallo“ spät am Abend, falls Darina nicht bereits schlief, wenn er nach Hause kam, „Auf Wiedersehen“ am frühen Morgen, wobei William häufig das Haus verließ, ehe Darina aufgestanden war. Ihre Beziehung schien zurzeit voller Spannungen zu sein. Wann hatten sie das letzte Mal einen entspannten Abend zusammen verbracht, Freunde zu Besuch gehabt oder gar miteinander geschlafen?

„Irgendeine Chance, dass wir ein ruhiges Wochenende genießen können?“, fragte sie, während er den Kessel füllte, um Kaffee zu machen. „Wir könnten irgendwo spazieren gehen. Du siehst aus, als könntest du etwas frische Luft vertragen.“

„Wem sagst du das! Aber keine Chance. Ich ersticke in Papierkram und heute Abend rief Roger an. Er wird Terry Pitman in Beschlag nehmen, meinen Inspector, so wie es aussieht für mehrere Tage. Seine Abteilung leitet eine Operation in die Wege, um eine Bande erstklassiger Einbrecher zu stellen, die all unsere Reviere leerräumt.“ Er setzte den Kessel mit einem wütenden Knall ab.

„Nein! Aber das sind gute Nachrichten, oder?“

„Gute Nachrichten, weil abgebrühte Kriminelle aus unserem Revier entfernt werden und das Leben wieder sicherer wird für wertvolle Antiquitäten. Schlechte Nachrichten, weil meine Truppe währenddessen zu dünn gestreut ist, um die schändlichen Aktivitäten weniger abgebrühter Krimineller im Auge zu behalten; jedes kleine Unkraut wird sich zu einer verdammt großen Distel auswachsen.“ William setzte sich und stürzte den Rest des Whiskys herunter.

„Wie lange wird das dauern?“, fragte sie, versuchte dabei mitfühlend und verständnisvoll zu klingen, hörte aber, dass es gereizt klang. Sie streckte die Hand aus und legte sie an seine Wange, in der Hoffnung, dass die Berührung zu ihm durchdringen würde. „Unermüdliches Arbeiten tut niemandem gut. Du brauchst eine Pause.“

William bekam ein kurzes Lächeln zustande, küsste ihre Hand, und sank dann wieder in die Bank zurück. „Ich muss zuerst alles in den Griff bekommen“, seufzte er.

„Verdammter Roger“, stieß Darina wild aus. Superintendent Marks war nicht ihr Freund, es fiel ihr schwer, zu verstehen, warum William so gut mit dem dicken, überheblichen und – soweit es sie anging – unsympathischen Beamten befreundet war.

Roger hatte William überzeugt, dass es ein guter Schritt für seine Karriere wäre, sich zur Polizeitruppe einer der Grafschaften in der Nähe von London versetzen zu lassen. Die Beförderung zum Chief Inspector war willkommen gewesen, der unablässige Druck nicht. „Superintendent Marks“, fuhr sie durch geschlossene Zähne fort, „benutzt dich, um seine Haut zu retten. Diese Personal-Engpässe bedrohen den Erfolg seiner Division, und er weiß, dass er dich dazu drängen kann, doppelt so viel zu arbeiten wie alle anderen.“

„Wir leiden alle“, sagte William leise. „Roger hat mir einen neuen Sergeant versprochen, das sollte mein Leben erleichtern.“

„So lange er nicht so ist wie Detective Inspector Terry Pitman“, sagte Darina bissig.

„Terry ist ein guter Beamter“, protestierte William. „Und er ging davon aus, in meine Position befördert zu werden, da ist es kein Wunder, dass er mir meine Anwesenheit etwas übelnimmt.“

„Etwas!“, johlte Darina. „Wenn Gedankenmanifestation funktionieren würde, säßest du mittlerweile in einem rattenverseuchten Loch auf den Äußeren Hebriden. Sieh es ein, Liebling, für Terry bist du ein Dandy vom Lande mit Beziehungen, der einen einheimischen Bösewicht nicht von einer viktorianischen Straßenlaterne unterscheiden kann, und er wartet nur darauf, dass du einen Fehler machst, der dich nach Somerset zurückbringt.“

„Danke für das Vertrauensvotum“, sagte William leise, lehnte sich zurück und schloss die Augen.

„Liebling, sei nicht so. Ich sage nur, dass Terry so denkt. Wir beide wissen, dass du deine Beförderung absolut verdienst, dass du einer der schlausten Detectives im ganzen Land bist.“

„Vielleicht sagst du mir dann, wie ich das Terry Pitman vermitteln kann?“ Er hielt die Augen geschlossen.

Das Wasser im Kessel kochte. Darina erhob sich und rieb sich die Stirn dort, wo sich ihre Niedergeschlagenheit in rasende Kopfschmerzen zu verwandeln drohte. Dieser Tage musste sie sich in Williams Nähe auf Zehenspitzen und in Samtschuhen bewegen.

Vielleicht war es falsch gewesen, ihn zu überreden, dass sie in Chelsea wohnen sollten, statt etwas in der Nähe seiner neuen Station zu mieten.

Doch als sie sich das Haus angesehen hatten, das er gefunden hatte, hatte es klein und, na ja, schäbiggewirkt, im Vergleich zu dem weitläufigen Haus zwischen Themse und der King’s Road, das sie von ihrem Cousin geerbt hatte. „Wäre es wirklich so schwer, zu pendeln?“, hatte sie gefragt, während sie vergeblich gegen die Terrassentür drückte, die sich zu einem winzigen, überwucherten Garten hätte öffnen sollen. Die Terrasse vor ihrem Salon in Chelsea war zwar nicht größer, dafür aber umringt von ausgewachsenen, altmodischen Rosen, während sich eine Glyzinie an den gelben Ziegeln emporrankte und kleine Büsche ein ständig wechselndes Muster aus Gold- und Grüntönen formten, das immer wieder eine Erfrischung für die Augen war.

Das Schlafzimmer des Mietshauses war nicht größer als die Abstellkammer oben im Haus in Chelsea. „Wärst du nicht gerne im Zentrum von allem?“, hatte sie gefragt und einen Finger über das Kunstleder-Sofa gleiten lassen, um sich den Dreck anzusehen. „Tür an Tür mit Theatern und Ausstellungen, ganz zu schweigen von den Restaurants.“ William mochte gutes Essen. Was sie nicht erwähnt hatte war, dass sie das Gefühl hatte, es würde ihr jeglichen kreativen Instinkt rauben, in diesem reizlosen, engen Haus zu wohnen. Nicht wegen der Größe, ihr Cottage in Sommerset war auch nicht größer gewesen, sondern weil es keinen Charakter hatte, und eine bloße Ansammlung von Schachteln war, die sie erdrücken und ihr die Seele aussaugen würden.

William hatte keine Gegenargumente gebracht und sie dachte, dass er erleichtert sei, in ihr großes Haus in Chelsea einzuziehen, das jetzt leer stand, nachdem es lange von Mietern bewohnt wurde, die wenig Miete gezahlt und das ehemals elegante Gebäude abgenutzt und heruntergekommen zurückgelassen hatten. Doch jetzt wurde ihr klar, dass es ihn nur noch mehr unter Druck setzte, jeden Tag jeweils eine Stunde nach und von Weybridge pendeln zu müssen.

„Wie auch immer“, sagte William und öffnete die Augen, „Terry wird sich freuen, dass er bei der Operation Chippendale mitmacht.“

„Operation Chippendale!“, jaulte Darina.

William schenkte ihr ein müdes Grinsen. „Glaubst du an eine gewisse Zweideutigkeit?“

„Ich glaube, Roger lässt seine Muskeln spielen! Der Himmel schütze mich vor der Eitelkeit der Macho-Polizisten.“ Darina goss heißes Wasser über den gemahlenen Kaffee und stellte dann Käse und Obst auf den Tisch. Auf dem Heimweg hatte sie am Nachmittag ein exzellentes Feinkostgeschäft besucht und ein Stück Vignotte gekauft, den William wegen seiner cremigen aber festen Konsistenz liebte, und ein Stück des traditionellen Farmhouse Cheddar, der so schwer zu finden war. Sie fügte eine Auswahl der herzhaften Cracker hinzu, die sie für einen Beitrag gebacken hatte, an dem sie arbeitete. Nicht dass er schon einen Abnehmer hätte, sie versuchte immer noch Redakteure für einen Artikel über außergewöhnliches Beiwerk für einfache Gerichte zu begeistern. Doch wer hatte die Zeit, solche köstlichen Leckerbissen zuzubereiten?

Sie brachte die Stempelkanne zum Tisch, drückte den Kolben hinunter und versuchte dann, William mit einer Beschreibung des Ealham-Haushaltes zu unterhalten. „Du musst Jemima kennenlernen, wenn du mal einen weniger geschäftigen Tag hast“, endete sie. „Sie hat echt Charakter.“

Er rüttelte sich wach, schnitt ein großes Stück vom Vignotte und legte es zusammen mit drei der selbstgebackenen Cracker auf seinen Teller. „Rory gefällt mir besser.“ William sah Darina an. „Ist es nicht an der Zeit, dass wir unsere eigene Familie gründen, Liebling?“

Sie verbiss sich eine leichtfertige Bemerkung wie „Schön wär’s“ und kämpfte mit der Panik. „Wir haben doch beschlossen, dass es besser wäre noch etwas zu warten. Bis du dich eingewöhnt hast und meine Karriere auf einem stabileren Weg ist. Wann hättest du denn im Moment Zeit, ein Kind zu sehen, geschweige denn, mit ihm oder ihr zu spielen?“

William schob sich kleine Käsestücke in den Mund und biss nach jedem Stück ordentlich einen kleinen Brocken vom Cracker ab. „Es geht ja nicht immer so weiter“, in seiner Stimme lag ein leicht stählerner Ton. „Das ist nur eine schlechte Phase, in ein paar Wochen sollte ich das Schlimmste hinter mir haben. Aber was ist mit dir?“

„Mir?“

„Wann denkst du, wirst du deine Karriere wieder auf die Reihe bekommen?“

Sie sah auf den Dampf hinab, der sanft aus ihrer Kaffeetasse emporstieg und umherwehte, als wäre er der Star in einer Fernsehwerbung. Hoffnungslosigkeit erfüllte sie. „Du weißt, wie schwer es ist, wie viel Konkurrenz es gibt.“

„Warum legst du dann keine Pause ein und gründest stattdessen eine Familie? So dringen brauchen wir das Geld nicht.“ Immerhin hatte er nicht gesagt, dass sie auch ohne das Geld, das sie gerade verdiente, keinen großen Unterschied in ihrem Lebensstil bemerken würden.

„Du verstehst das nicht, ich habe mir gerade einen Namen gemacht, wenn ich jetzt nicht versuche, darauf aufzubauen, werde ich es nie schaffen.“ Darina sah ihren Ehemann mit flehendem Blick an.

„Nein, das verstehe ich nicht“, sagte er rau, als hätte er keine Kraft mehr für Geduld. „Da steckt mehr dahinter, als dein Wunsch über Essen zu schreiben oder eine Fernsehsendung zu machen. Warum erzählst du es mir nicht, warum sagst du es mir nicht – du willst einfach keine Kinder!“

„Das ist nicht wahr,“ stieß Darina aus. Dann hielt sie inne und überlegte. Machte sie sich selbst etwas vor? Versuchte sie, die Entscheidung aufzuschieben, bis ihre biologische Uhr sagte, dass sie sich keine Sorgen mehr machen müsse, weil es zu spät war? Aber sie war erst Anfang dreißig, diese Zeit lag noch weit in der Zukunft. Und heutzutage konnte man sogar nach den Wechseljahren Kinder haben. Die Stimme ihrer Mutter sang in ihrem Kopf, dass es gegen die Natur wäre. Ihre Mutter, die sich ihrer Meinung bei jedem Thema so sicher war, die William zustimmte, dass sie endlich eine Familie gründen sollten, und die sich eine ganz andere Tochter gewünscht hatte. „Liebling, jetzt ist nicht die Zeit, so etwas zu diskutieren, wir sind beide erschöpft“, sagte sie ausweichend.

„Jemima hat heute einen Vorschlag gemacht“, fuhr sie fort, entschlossen, ihn von seiner scheinbaren Besessenheit abzulenken. Wenn sie ihm die Gelegenheit bot, sich abschätzig über die Idee zu äußern, dass sie Rorys Vater suchen sollte, würde ihn das doch sicher in eine bessere Laune versetzen. Dafür war sie bereit, ihre Würde zu opfern.

„Weißt du, ich glaube, ich will nichts von Jemima hören“, sagte er und erhob sich. „Ich kann kaum die Augen offenhalten.“ Er trank seinen Kaffee aus, schnitt sich einen dicken Streifen Cheddar ab und verließ den Raum.

Darina fühlte sich erst verloren, dann wurde sie wütend. Sie blieb zurück, musste alles aufräumen und William verwandelte sich in jemanden, mit dem sie nicht umzugehen wusste. Was war aus dem entzückenden Bräutigam geworden, den sie geheiratet hatte?

Sie wickelte die Käsereste mit verzweifelter Tüchtigkeit ein, und ihr kam der Gedanke, dass William für jemanden, der für ein köstliches Pfannengericht nicht hungrig genug war, eine beeindruckende Menge Käse verzehrt hatte. Dann schob sie ihn beiseite. Morgen würde sie Job Ealham anrufen.

Am nächsten Morgen rief Darina unter der Nummer an, die Jemima ihr gegeben hatte. Job ging ans Telefon, seine Stimme klang gereizt und ungeduldig. Im Hintergrund konnte sie streitende Kinder hören.

„Es tut mir leid, wenn der Zeitpunkt gerade ungünstig ist, mein Name ist Darina Lisle. Jemima hat vorgeschlagen, dass ich anrufe, es geht um ihren Neffen, Rory.“

„Rory?“ Sorge trat an Stelle der Ungeduld. „Es ist doch nichts passiert, oder?“

„Nein, absolut nicht“, besänftigte Darina, während sie sich fragte, wie sie ansprechen sollte, was ihr ursprünglich wie eine einfache Angelegenheit vorgekommen war. Sie entschied sich für die simple Wahrheit, ohne Garnitur. „Jemima möchte, dass ich herausfinde, wer sein Vater ist.“

„Um Himmels willen!“ Die Ungeduld war zurück. „Warum in aller Welt glaubt sie, dass Sie das schaffen können? Keiner von uns weiß etwas.“

„Anscheinend ist ihr Vater strikt gegen diese Idee.“ Darina folgte Jemimas Drehbuch. „Er wird auf keine Weise kooperieren. Da stimme ich Ihnen zu“, fügte sie schnell hinzu. „Die Chance, in dieser Situation irgendeine Spur zu finden, ist verschwindend gering, dürfte ich dennoch ein paar Worte mit Ihnen wechseln? Ich wohne gerade auf der anderen Seite des Flusses, ich könnte direkt rüberkommen.“

Am anderen Ende der Leitung herrschte Stille. Dann sprach Job, aber nicht zu ihr: „Die Dinosaurier haben ihr Müsli auch nicht gegessen, deshalb sind sie ausgestorben.“ Gedämpftes Kreischen legte nahe, dass seine Kinder ihm das nicht abkauften, wenn es sie auch amüsierte. „Wenn Sie so erpicht darauf sind, kommen Sie besser vorbei“, sagte er mit resigniertem Ton. „Jemima kann erbarmungslos sein, wenn es darum geht, ihre verrückten Ideen zu verfolgen. Ich kann Ihnen allerdings nicht viel Zeit einräumen“, fügte er höflich hinzu, „ich muss bald ins Büro.“

„Das ist in Ordnung, ich bin in etwa zwanzig Minuten bei Ihnen“, sagte Darina hastig.

Sie holte die Tasche, die sie am vergangenen Abend vorbereitet hatte, nahm die Autoschlüssel, warf einen letzten Blick ins Straßenverzeichnis und machte sich auf den Weg zur Albert Bridge. Als sie beinahe stillstehende Schlangen aus Autos und Lastwagen passierte, die versuchten, ins Zentrum von London zu gelangen, war sie herzlich froh, in die Gegenrichtung unterwegs zu sein.

Job Ealham lebte in einem Straßengewirr hinter der Clapham Junction. Darina fand die Adresse ohne große Mühen, deutlich schwerer war es, einen Parkplatz zu finden. Sie musste ein Stück zurücklaufen, an einer Reihe viktorianischer Cottages vorbei, die ursprünglich zweifellos für Arbeiter entworfen worden waren und jetzt eine Mischung aus schön gestrichenen, aufgewerteten Behausungen und heruntergekommenen Gebäuden abgaben, die etwas Aufhübschen vertragen konnten. Jobs Haus war eines der Letzteren. Unkraut und eine lange, dürre Kletterrose dekorierten den winzigen Vorgarten, der Anstrich der Haustür blätterte ab und die Fenster waren staubig und verschmiert. Darina schob einen zerbeulten Roller aus dem Weg und klingelte. Da sie kein Klingeln hörte, betätigte sie einen Türklopfer, der eine sorgfältige Politur bräuchte, um seinen Messingglanz zurückzuerhalten.

Der Mann, der die Tür öffnete, war so schlaksig und mürrisch, wie sie ihn in Erinnerung hatte. Sogar die Jeans hätten dieselben sein können, die er bei dem Urlaub in Italien getragen hatte. Doch statt eines dunklen T-Shirts trug er ein ausgebleichtes, blaues, ordentlich zugeknöpftes Hemd, das er zusammen mit einer schmalen, hellroten Krawatte trug. Er hatte etwas zugelegt, doch seine Augen waren so wachsam wie immer. Dann leuchteten sie plötzlich und ein kurzes Lächeln erhellte sein Gesicht. „Ja, es ist das Mädchen, das uns in dieser furchtbaren Villa diese tollen Gerichte zubereitet hat. Ich wusste, dass mir der Name etwas sagt.“

Darina war daran gewöhnt, dass man sich an ihren Namen oder ihr Aussehen erinnerte. Mit knapp über einem Meter achtzig, einer Figur, die immer damit rang, dick zu wirken, und langen, blonden Haaren konnte sie sich in keiner Menge verstecken. Aber manchmal hatte es auch Vorteile. Sie schenkte ihm ein breites Grinsen. „Schön, dich wiederzusehen, Job. Ich hätte schwören können, dass nichts in diesem Urlaub genug Eindruck auf dich gemacht hat, dass du dich an irgendetwas außer deiner eigenen Anwesenheit dort erinnern kannst.“

Seine Lippen verzogen sich spöttisch. „Das habe ich zweifellos verdient. Komm rein und erzähl mir, was du seitdem getrieben hast.“

Die Tür führte direkt in einen Wohnbereich, der offensichtlich mal aus zwei Zimmern bestanden hatte. Handtücher lagen auf dem Boden verstreut. Die Möbel sahen ramponiert aus und das Sofa und die Sessel verbargen ihre schlimmsten Schattenseiten unter indischen Überwürfen, die besser sitzen könnten. Der Stoff war an den Beulen und Senken unordentlich zusammengeknüllt.

„Willst du einen Kaffee?“, fragte Job, als Darina sich vorsichtig in einen der Sessel sinken ließ, und spürte, wie eine Feder nachgab.

„Nein danke, ich habe gerade gefrühstückt.“

„Ich wünschte, das hätte ich auch. Macht es dir etwas aus, wenn ich was esse, während wir uns unterhalten? Ich komme zu nichts, wenn ich auf die Kinder aufpasse.“ Er warf sich auf höchst riskante Weise in einen anderen, wackeligen Sessel und nahm einen Teller, auf dem zwei dick mit Butter und Marmelade bestrichene, ansehnliche Scheiben Brot lagen.

„Bitte, fahr fort. Das Brot sieht wundervoll aus, kaufst du es hier in der Nähe?“ Darina wühlte in ihrer ledernen Handtasche herum und dachte, dass sie gerne häufiger über die Brücke fahren würde, wenn es hier einen Bäcker gab, der echte Brote anbot.

Job hielt beim Essen inne und grinste sie an. „Nicola macht sie. Während sie eine lokale Spielgruppe organisiert, die Kinder aufzieht und von zu Hause aus ein Computergeschäft leitet. Sie ist eine Fanatikerin, was gesundes Essen angeht, macht das Müsli selbst, kauft Biofleisch und -gemüse, solche Sachen.“

„Mensch, wirklich!“, staunte Darina. „Das klingt, als hättest du in der Ehefrauen-Abteilung ein gutes Geschäft gemacht.“ Die ganze Situation hier konnte unterschiedlicher nicht sein, verglichen mit dem Ealham-Anwesen, das weniger als fünfzig Kilometer entfernt im Themse-Tal lag. Nur das Computergeschäft legte nahe, dass diese Ealhams flüchtigen Kontakt mit dem Handelsgeist hatten.

Job schenkte ihr ein schiefes Grinsen, während er seine Kaffeetasse von einem Tisch nahm, den kein Ramsch-Laden mit ein wenig Selbstrespekt mehr anbieten würde. „Nicola sagt, ich sei ihr Lebenszweck, der Grund, dass sie geboren wurde. Sie sagt, sie habe noch nie jemanden mit weniger natürlichem Lebenstalent kennengelernt.“ Er sah auf seinen Kaffee hinab und das Lächeln verblasste. „Das war, bevor sie Sophie kennenlernte.“ Er sah auf seine Armbanduhr und sprach schnell. „Nicola ist heute dran, die Kinder in die Schule zu bringen. Jemand sollte kommen, um sich die Waschmaschine anzusehen, also sagte ich, dass ich hier sein würde, bis sie zurückkommt. Ich schätze wir haben etwa fünfundzwanzig Minuten. Was mehr als genug Zeit sein sollte, um dich zu überzeugen, dass ich nichts über Sophie weiß, was irgendwie dabei helfen könnte, herauszufinden, wohin sie von hier aus gegangen ist.“

Darina fand endlich ihr Notizbuch und holte es zusammen mit einem Stift heraus.

„Guter Gott, du meinst das ernst! Aber du verschwendest deine Zeit.“ Er nahm seine zweite Scheibe Brot. „Was hat Jemima überhaupt darauf gebracht?“ Plötzlich sah er seinem Vater sehr ähnlich.

„Ich glaube, sie macht sich Sorgen, dass ihr Großvater auf Rory Einfluss nimmt. Sie sagt, wenn sie seinen Vater findet, wird Rory eine Chance auf ein besseres Leben haben als euer eigenes.“

„Ah!“

„Das klingt, als würdest du nicht zustimmen.“

Job rutschte in seinem Stuhl herum. „Ich verachte niemanden mehr, als meinen Vater.“ Seine Stimme klang verbittert. „Er ist ein Tyrann und er versucht, uns seine verdrehten Werte aufzuzwingen. Jemima, na ja, Jemima betrachtet das zwiespältig.“ Seine Stimme klang gleichmütig. „Sie glaubt, dass sie ihn hasst, aber sie kommt zu ihm gekrochen, wenn ihr Geschäft scheitert.“

Darina dachte an die Kleidung und an Blackboys, Basil Ealhams luxuriöses Haus. Ohne Zweifel brachte die neue Arbeit auch ein leistungsstarkes Auto mit sich. Sie erinnerte sich, wie Jemima am Anfang des Schuljahres immer die Freuden ihrer Ferien beschrieb. Freuden, die immer beträchtliche Ausgaben vorausgesetzt hatten. „Sie hat etwas von einer Modeboutique erwähnt.“

„Ja.“ Jobs Lippen kräuselten sich angeekelt. „Jemima überzeugte ihren Vater, den sie so hasst, in einen Laden zu investieren, den sie zum erfolgreichsten in ganz London machen wollte.“

„Ich würde sagen, sie hat ein gutes Auge für Mode.“

„Ohne Zweifel. Aber kein Talent für harte Arbeit. Ein eigenes Geschäft zu leiten ist Knochenarbeit. Jemima weiß nur, wie man Spaß hat. Es dauerte kaum länger als ein Jahr, ehe das Unternehmen bankrott ging.“ Er dachte für einen Augenblick nach, während Darina sich schweigend eingestand, dass er wahrscheinlich die Wahrheit gesagt hatte.

„Ich würde wetten, dass sie glaubt, Rorys Vater würde sich mit Dad anlegen. Entweder indem er Geld verlangt, oder Rory. Egal was davon, Dad würde es hassen.“

„Dein Vater sagt, dass er denjenigen gerne in die Finger bekommen würde.“

„Da ist er nicht der Einzige.“ Job war plötzlich grimmig.

War Sophie deshalb weggelaufen, weil sie wusste, dass ihre Familie den Mann, in den sie sich verliebt hatte, nicht akzeptieren würde? Es klang nach einem guten Grund, aber warum war Rorys Vater dann nicht in Erscheinung getreten, als Sophie zusammengebrochen war? Wie konnte er sie verschwinden lassen, ohne die Polizei oder das Krankenhaus zu informieren?

„Glaubst du denn, dass es eine gute Idee ist, zu versuchen, ihn zu finden?“

Job zuckte mit den Schultern. „Ich glaube nicht, dass du weit kommen wirst“, sagte er mit einer Stimme, die plötzlich ihre Kraft verlor.

„Glaubst du, es macht keinen Unterschied, wenn Rory von seinem Großvater aufgezogen wird? Hätte Sophie das gewollt?“ Darina war fasziniert von Jobs Mischung aus Leidenschaft und Distanz. Es klang als wäre es ein bedeutender Kampf gewesen, mit seiner Erziehung ins Reine zu kommen, trotzdem war er nicht daran interessiert, wie Rory aufwachsen würde.

Job aß das letzte Stück seines Marmeladenbrotes und wischte sich die Krümel von den Fingern. „Schau, Sophie und Jasper sind anders als Jemima und ich. Nach Mums Tod sahen sie in Dad den allmächtigen Spender guter Dinge, sie mussten die Streits nicht miterleben, oder Mums Kummer. Sophie liebte ihn über alles, und ja, ich glaube, dass sie sehr glücklich wäre, zu wissen, dass er sich um ihren Sohn kümmert.“ Er klang beherrscht, fast wissenschaftlich, als hätten die Leben seiner Geschwister nur wenig mit ihm zu tun.

„Und Jasper scheint damit einverstanden, bei seinem Vater zu leben“, kommentierte Darina, fasziniert von den neuen Einsichten in das Leben mit Basil. „Ich hörte, dass er einen Roman schreibt.“

„Das behauptet er.“ Wieder diese gekräuselten Lippen. Darina erinnerte sich an das Notizbuch, das Jasper von seinem großen Bruder gestohlen hatte, und Jobs verzweifelte Bemühungen, es zurückzubekommen.

„Es muss toll für ihn sein, dich als Berater einzuladen“, sagte sie hinterlistig.

„Jasper weiß es besser!“ Das Kräuseln wurde stärker. „Ich berichte über die Finanzwelt; ich bin kein kreativer Autor, das habe ich vor langer Zeit festgestellt.“

Darina fragte sich, welche Qualen ihm das bereitet hatte.

„Wie auch immer, was ist deine Rolle in alldem?“, fragte Job.

Ja, was war ihre Rolle? „Ich bin mit einem Detective verheiratet“, sagte sie vorsichtig. „Ich war gelegentlich in einen Fall verwickelt, also bat Jemima mich, zu helfen.“ Das war mehr oder weniger die Wahrheit. „Warum fangen wir nicht damit an, dass du mir genau erzählst, wann Sophie hierher zog und warum“, schlug sie vor und fixierte ihn mit einem festen, offenen Blick.

Jobs Gesicht nahm wieder den vorherigen, verschlossenen Ausdruck an. Er hatte sich für einen kurzen Augenblick geöffnet und wie ein normaler Mensch gesprochen. Jetzt war es, als sei der vorsichtige, argwöhnische Student wieder zurück, den sie vor all diesen Jahren kennengelernt hatte und der sich benahm, als würde er unter irgendeinem totalitären Regime leben.

Würde er seine Meinung ändern und mit ihr sprechen? „Ich verspreche, dass dein Vater nichts von dem hören wird, was du sagst, jedenfalls nicht von mir“, fügte sie eilig hinzu.

Er seufzte schwer und ein Teil der Skepsis wich aus seinem Gesicht. „Es kann wohl nicht schaden, nehme ich an, zumindest der armen Sophie nicht mehr. Na gut. Da muss ich allerdings nachdenken, das liegt schon ein Stück in der Vergangenheit.“

Darina beobachtete ihn, während er an die Decke starrte.

Dann sah er sie an. „Okay. Sophie kam vor etwa zweieinhalb Jahren zu uns.

„Wie alt war sie?“

„Oh, gerade achtzehn geworden? Ja. Nachdem sie sich zwei Jahre lang ohne Erfolg an der Abschlussprüfung versucht hatte, verließ sie die Schule, was Dad nicht gefiel. Sie war einfach keine Akademikerin. Also schickte Dad sie in die Schweiz, in irgendein Mädcheninternat, in dem es ihr furchtbar erging. Dann bot eine seiner Freundinnen an, Sophie in die Gesellschaft einzuführen; du weißt schon, Cocktail-Partys, Ascotkrawatte, Henley-Shirt, das ganze Zeug, damit sie viele junge Leute kennenlernen kann. Dad gab sogar einen Ball für sie und die Tochter seiner Freundin.“

Das klang vielversprechend. Dabei hätte Sophie alle möglichen jungen Männer kennenlernen können. „Wer war diese Freundin deines Vaters?“

„Keine Ahnung! Mein Vater kennt etliche gesellschaftlich erfahrene Frauen, die Hälfte von ihnen will mit ihm ins Bett, die andere Hälfte will noch weit mehr.“ Seine Stimme klang bissig. Darina machte sich eine Notiz, Jemima danach zu fragen.

„Also debütierte Sophie?“, ermunterte sie Job.

„Genau.“

„Und dann?“, fragte sie, als er keine Anstalten machte, fortzufahren.

„Ich weiß es nicht!“, sagte er verzweifelt. „Jemima hat dir bestimmt erzählt, dass ich alle Verbindungen zu meinem Vater abbrach, als unsere Mutter starb.“

„Aber deine Schwestern und Jasper?“

Er starrte aus dem hinteren Fenster, das den Blick auf einen kleinen Terrassenbereich mit Kaninchenstall und einem von Blättern bedeckten Planschbecken freigab. „Ab und zu kommt der eine oder die andere von ihnen zu Besuch.“

„Aber du bemühst dich nicht besonders, in Kontakt zu bleiben?“ Darina versuchte, neutral zu klingen, aber es fiel ihr schwer, jemanden zu verstehen, der Familienbande so gründlich ignorieren konnte. Als Einzelkind hatte sie sich nach einem Bruder gesehnt, der ihr Dinge erklären, sie zu Partys begleiten und ihr seine Freunde vorstellen würde, und nach einer Schwester, mit der sie Kleider tauschen und kichern konnte.

In Italien hatten sie und Jemima viel gekichert. Über die Jungs, die an den Mauern der Villa herumgehangen und auf ihren Anblick gewartet hatten. Über Job und seine Kritzeleien. Über das Dienstmädchen, das das Haus sauber hielt, ihre Kleider wusch und bügelte und sie behandelte, als wären sie mit Diamanten besetzt. Einmal hatten sie gesehen, wie sie Jemimas gestreiften Hosenrock vor sich gehalten, und sich ehrfürchtig im Spiegel betrachtete hatte. Eine Zeit lang hatte Darina sich fast so gefühlt, als hätte sie eine Schwester. Ganz besonders, als sie am Ende des Urlaubs vorgeschlagen hatte, dass Jemima dem Dienstmädchen ihren Hosenrock schenken solle und Jemima einverstanden war. Danach hatte sie gesagt, dass die Reaktion der jungen Frau den Verlust ihres liebsten Kleidungsstückes mehr als aufgewogen hatte.

Job zuckte mit seinen schmalen Schultern. „Sophie war die einzige, die regelmäßig anrief und häufig vorbeikam. Daher war es keine wirkliche Überraschung, als sie eines Abends mit einer kleinen Reisetasche auftauchte und fragte, ob sie bleiben könne.“

„Wusstest du, dass sie zu Hause unglücklich war?“

„Wie hätte es anders sein können?“ Er klang überrascht, und seine dunklen Augen funkelten sie an. „Sie hatte nichts zu tun. Sie hasste die ganzen Partys und sagte, dass sie sich nicht mit den Mädchen unterhalten könne, weil sie alle zu versnobt wären.“

„Hat sie keine jungen Männer kennengelernt, die ihr gefallen hätten?“

„Bitte! Sophie unterhielt sich auf Partys nicht und sie wusste nicht, wie man flirtet. Sie war nicht intelligent genug, um sich von der Welt zu distanzieren, in die sie nach der Vorstellung meines Vaters gehörte, also strampelte sie sich ab. Schlimmer noch, sie ertrank darin. Als sie herkam, war sie ein nervliches Wrack.“ „Und dein Vater hatte das nicht bemerkt?“ Darina dachte an Basils hellblaue Augen, deren Blick wie ein Suchscheinwerfer in die Menschen eindrang. Konnte er wirklich nicht sehen, was mit seiner jüngeren Tochter geschah?

„Vater bemerkt nur, was er bemerken will. Und Sophie wollte ihm nicht zeigen, dass sie unglücklich war. Doch als er vorschlug, dass sie seine Hauswirtin werden und den Haushalt führen sollte, all diese Dinge, kam sie damit nicht zurecht.

„Also kam sie zu dir“, stellte Darina fest.

Job nickte. „Ich war ihr großer Bruder“, sagte er verbittert. „Sie dachte, dass ich ihr ein sicheres Leben bieten könnte. Stattdessen muss ich alles noch schlimmer gemacht haben.“

Kapitel 5

William stand am Fenster seines Büros, sah hinunter auf den Polizeiparkplatz und wartete darauf, dass Detective Inspector Terry Pitman darauf reagierte, dass er ihn herbestellt hatte. Ein Kind spielte Fußball. Er sah aus wie fünf, trug ein zu großes T-Shirt und schmutzige Jeans.

Den Ball spielte er ungeübt an eine Wand zwischen zwei Autos, auf der die Polizeierkennungszeichen prangten. Nicht das würdevolle Wappen von Avon und Somerset in blau und weiß und der Streifen im Schachbrettmuster, die William über die Jahre so liebgewonnen hatte; diese hier waren greller.

„Sie würden ihn mitsamt seinem Ball davonjagen, oder?“, spottete Terry Pitmans Stimme plötzlich hinter ihm. „Ich würde ihm sagen, Wembley zu vergessen und auf Rugby umzusatteln.“ Diese letzten Worte hatten einen gekünstelten, wilden Ton. Er war klein und dünn, mit stechendem Blick und Haaren in einem ungewöhnlichen, hellen Haselnusston, die er zurückgekämmt trug, sodass sowohl seine schmale Nase als auch sein eigenartiger Mangel an Gesichtskonturen betont wurden.

Dieser Mann hätte es sicher jedem übelgenommen, der diese Stelle bekam, die doch ihm zugestanden hätte. Doch ein Vorgesetzter, der auf einer Privatschule und in Oxford ausgebildet wurde und in Chelsea lebte, schien zusätzliche Verbitterung zu erregen.

„Schließen Sie die Tür und setzen Sie sich“, sagte William höflich, drehte sich um und lehnte sich an die Fensterbank. So fiel das Licht auf den Sergeant. „Ich habe gestern Abend mit Superintendent Marks telefoniert“, setzte er an.

„Ah, ja, ihr Kumpel“, murmelte Terry wieder spöttisch, während er sich auf den Stuhl auf der anderen Seite von William Schreibtisch sinken ließ.

Hätte Terry Pitman die Beförderung bekommen, nach der er sich so verzweifelt sehnte und von der er glaubte, dass sie ihm zustand, wenn sein Mitarbeiter-Management besser gewesen wäre? „Sie und Detective Constable Hare werden sich für die Operation Chippendale dem Team des Superintendent anschließen. Sie werden sich beide heute Nachmittag beim Divisions-Hauptquartier melden, um sich einweisen zu lassen“, sagte William.

Terrys Spott verflog. „Das ist toll“, sagte er mit einem Anflug ehrlicher Begeisterung. „Ich werde es Chris sagen.“

„Nein, Sie rühren sich nicht vom Fleck“, sagte William mit stählerner Stimme. „Sie sind ein verdammt guter Detective, aber Sie werden in der Truppe nicht weiterkommen, wenn Sie ihre Einstellung nicht verändern.“ Er hörte seine eigene Verzweiflung. Warum schaffte er es nicht, eine Standpauke mit Rogers schroffer „Wir Jungs halten zusammen“-Art zu halten? „Es gibt keinen Grund, warum Sie mich mögen müssten“, genauso wenig, wie es keinen Grund gab, dass er Terry mögen musste. Doch er glaubte, dass es unter anderen Umständen möglich gewesen wäre. Terry war eifrig, hatte eine rattenartige Entschlossenheit, die Wahrheit hinter einem Fall herauszufinden, wenn er ihn für gut befand. „Aber Sie haben mich als Ihren vorgesetzten Beamten am Hals. Wenn Sie mich nicht entsprechend behandeln können, verschwinden Sie. Habe ich mich klar ausgedrückt?“

Jeglicher Ausdruck war aus Terrys Gesicht gewichen; er saß aufrecht in seinem Stuhl. „Sir!“

Erleichtert stellte William fest, dass er das Wort ohne jede Unverschämtheit heraufbellte.

„Bis die Operation Chippendale vorbei ist, erwarte ich, dass Sie verstanden haben, dass wir alle auf derselben Seite stehen.“ William hielt seinem Blick für einen langen Moment stand, und beobachtete wie Terry, etwa so alt wie er, um die Kontrolle über seine Gefühle rang. „Das wär’s Inspector“, sagte er gutgelaunt. „Von hier aus arbeiten wir uns vor. Oh, eine Sache noch“, fügte er hinzu, als Terry auf die Füße schnellte, als wären in ihm Federn gelöst worden. „Gehen Sie runter und finden Sie heraus, was dieser Junge auf dem Parkplatz macht. Er ist zu jung, um allein zu sein, selbst auf Polizeigelände.“

„Ich lasse Hare das rausfinden, Sir.“ Terry bewegte sich zügig auf die Tür zu.

„Nein, Inspector, ich sagte Ihnen, dass Sie es selbst machen sollen“, sagte William freundlich.

Für den Bruchteil einer Sekunde zögerte der andere Mann. „Klar, Chef“, sagte er schnell und verließ das Büro.

William drehte sich um und blickte auf den Parkplatz, gerade rechtzeitig, um zu sehen wie eine junge Frau aus einer Tür unter ihm trat und dem Kind etwas zurief. Der Junge nahm seinen Ball, rannte auf sie zu, stolperte über einen losen Schnürsenkel und fiel. Schmerzensschreie ertönten.

Die junge Frau nahm den Jungen hoch und umarmte ihn, ihr schrilles Schimpfen drang zu William hinauf und stand in völligem Widerspruch zu ihrer Körpersprache.

Dann betrat Terry Pitman die Szene. William konnte nicht verstehen, was er sagte, aber sie sträubte sich sichtlich, während sie das Kind an sich hielt.

Pitman nahm den Ball auf und reichte ihn abschätzig der Mutter. Das Kind lehnte sich an sie, einen Daumen in den Mund gesteckt, und beobachtete den Beamten mit missgünstigem Blick.

William seufzte. War das ein zukünftiger, problematischer Jugendlicher? Die Gelegenheit, Vertrauen in die Polizei zu sähen, war verstrichen. Er hätte gegenüber Terry Pitman von dem Augenblick an eine härtere Schiene fahren müssen, als er bemerkt hatte, wie der Sergeant auf seine Ankunft reagierte. Er hätte bemerken müssen, dass eine versöhnliche Herangehensweise als Zeichen der Schwäche aufgefasst werden würde. Glitt ihm die Sache aus der Hand? Wenn er nur die Arbeit auf seinem Schreibtisch in den Griff bekäme, könnte er es vielleicht schaffen, seine ständige Müdigkeit zu überwinden und etwas Lebenskraft wiederzufinden. Er zog einen Stoß Berichte zu sich heran und machte sich eine geistige Notiz, mit dem diensthabenden Sergeant zu sprechen, um herauszufinden, ob jemand das Kind bemerkt hatte, das allein auf dem Parkplatz spielte.

Später am Vormittag kehrte William in die Station zurück, nachdem er die Besitzerin einer hochklassigen Boutique zu einer Reihe von Diebstählen befragt hatte. Sie war sich sicher, dass einer ihrer Mitarbeiter Hinweise herausgab, wenn neue Bestände eingetroffen waren. Normalerweise hätten ein Detective Sergeant und ein Constable die Befragung durchgeführt, aber er hatte zwei seiner Mitarbeiter an die Operation Chippendale verloren, und die übrigen waren schon mit anderen Vorfällen beschäftigt. Also war William selbst hingegangen. Solche Aufgaben übernahm er mittlerweile viel zu selten. Mit Menschen zu interagieren, ihnen Hinweise zu entlocken und Verhöre zu veranlassen, das waren für ihn immer angenehme Herausforderungen gewesen.

Der einzige Nachteil war der daraus folgende Papierkram. Auf dem weg zurück zur Station packte ihn nagender Hunger. Die Mittagszeit war noch etwas hin. Er kaufte ein paar schokoladenüberzogene Snacks, zur Hölle mit dem Gewissen und der gesunden Ernährung. Der Hunger musste gestillt werden.

Er schob sich durch die Schwingtüren der Station. Während er sich einen Weg durch die Eingangshalle bahnte, hin zu der Treppe, über die er in die Kriminalabteilung kam, bemerkte er unterbewusst einen angenehmen und vertrauten Duft, der durch den institutionellen Geruch nach Staub, Desinfektionsmittel und Silikonputzmittel schnitt.

„Sir!“, rief der diensthabende Sergeant, „hier wartet jemand auf Sie.“

Erst in diesem Moment erkannte er den Duft als Darinas Lieblingsparfum. Was in aller Welt hatte sie hergeführt?, fragte er sich.

Eine hübsche, zierliche Gestalt in dunkelbraunem Rock und Jackett, stand mit einigem Elan auf.

Er trat vor. „Detective Chief Inspector Pigram“, sagte er hilfsbereit.

Die junge Frau hob eine Augenbraue und schenkte ihm ein amüsiertes Lächeln in dem eine gewisse Intimität lag. Sie hatte etwas Vertrautes an sich und William wühlte in seinem umfassenden Gedächtnis. „Ich bin vermutlich die letzte Person, die Sie hier erwarten“, sagte sie mit einem deutlichen Somerset-Schnurren.

Gütiger Himmel! Dann verwandelten sich die rostroten Locken in einen mittelbraunen Pagenschnitt und ein Gesicht aus der Vergangenheit stand vor seinen Augen. „Natürlich, Detective Constable Pat James!“ William war sich bewusst, dass die demonstrative Art, mit der der diensthabende Sergeant das Wachbuch betrachtete, ein tieferes Interesse an der unerwarteten Besucherin verbarg. „Fantastisch, Sie wiederzusehen. Kommen Sie mit nach oben und bringen Sie mich auf den neuesten Stand.“ Er ging voran und war erleichtert, den Papierkram noch aufschieben zu können, kämpfte aber gleichzeitig mit der Verzweiflung, weil er wertvolle Zeit verlor. Doch die Freude überwog. Er und Pat hatten früher gut zusammengearbeitet, ihre zurückhaltende Effizienz hatte ihnen bei mehr als einer Ermittlung den Weg geebnet.

„Ich hörte, dass Sie jetzt verheiratet sind“, sagte Pat James, während sie ihm die Betontreppe hinauf folgte. „Meine Glückwünsche. Darina, so hieß sie, nicht wahr?“

Er nickte. „Wir haben es vor etwa achtzehn Monaten endlich vor den Altar geschafft. Und was ist mit Ihnen?“, fragte er und öffnete die Tür zu seinem Büro.

Sie schüttelte den Kopf. „Ich habe noch niemanden gefunden, mit dem ich sesshaft werden möchte.“

„Ich bin sicher, das werden Sie bald“, sagte er herzlich. „Es ist schön, Sie wiederzusehen, wie lange ist es her, dass wir zusammengearbeitet haben, drei Jahre?“

„Dreieinhalb“, ihr Lächeln brachte ihre Grübchen zum Vorschein, während sie sich auf den Stuhl setzte, den Terry Pitman erst vor Kurzem geräumt hatte. „Und es heißt jetzt Sergeant James“, sagte sie erwartungsvoll.

„Glückwunsch“, sagte er herzlich. „Obwohl das keine Überraschung ist. Ich wusste, dass Sie es schaffen würden. Erzählen Sie mir, was Sie getrieben haben, seit wir uns das letzte Mal sahen.“

Während sie ihm von ihrer Versetzung von Somerset nach Wiltshire erzählte, betrachtete er sie unauffällig.

Es war kein Wunder, dass er einen Moment gebraucht hatte, um sie wiederzuerkennen. Pat James hatte schon immer eine beherrschte Art gehabt, aber jetzt hatte sie auch ein neues Selbstvertrauen an sich. Ihre Kleidung hatte den Stil, der ihr zuvor gefehlt hatte, sie hatte gelernt, Make-Up zu benutzen und zusammen mit der neuen Frisur verlieh das ihrem zuvor sehr gewöhnlichen Aussehen eine unmittelbare Wirkung. Tatsächlich sah sie jetzt ziemlich umwerfend aus.

„Sind Sie wegen eines Falles hier, oder haben Sie frei?“, fragte er, als sie den Bericht über ihre Prüfung zum Sergeant beendet hatte.

Pat lächelte ihn züchtig an. „William, Superintendent Marks hat mich Ihnen unterstellt.“

Er starrte sie an, sowohl sein voller Name, der von seinen Kollegen so gut wie nie verwendet wurde, als auch der Inhalt ihrer Aussage überrumpelten ihn.

„Heißt das, er hat es Ihnen nicht gesagt?“ Zum ersten Mal sah Pat James verwirrt aus. „Also, ich weiß zwar, dass ich erst am Montag anfangen soll, aber er sagte, er würde es Sie wissen lassen.“

„Hat er das?“, fragte William grimmig. Er griff gerade nach dem Telefon, als es klingelte.

„Bill? Roger hier. Deine Jungs sind gerade eingetroffen, vielen Dank. Im Gegenzug habe ich einen zusätzlichen Sergeant für dich arrangiert. Vielleicht nur vorrübergehend, aber das sollte der unmittelbaren Arbeitsbelastung Abhilfe schaffen. Ein schönes, kleines Stück, genannt Pat James, sagte, dass ihr in Somerset mal ein Team gewesen wärt. Sie arbeitete für mich, als ich in Wiltshire war und sie ist gerade Sergeant geworden. Ich weiß, dass du einen Mann vorgezogen hättest, aber sie sollte in Ordnung sein, schlau genug. Sie wird am Montag da sein. Also, sag danke.“

„Ah, ja, danke. Ich bin sicher, sie wird sich gut machen.“

„Wir müssen bald mal wieder einen trinken gehen“, fügte Roger oberflächlich hinzu und legte auf.

William beherrschte den Drang, den Hörer auf die Gabel zu knallen. Warum hätte der Mann ihn das nicht früher wissen lassen können? „Nun“, sagte er und lehnte sich zurück. „Willkommen in der Station. Ich muss Sie warnen, wir waren schon dünn besetzt, ehe sich die zwei Jungs der Operation Chippendale angeschlossen haben, jetzt sind wir wie ein Gummiband kurz vorm Zerreißen.“

Sie lachte pflichtbewusst.

„Es ist gut, dass Sie gleich vorbeigekommen sind. Ich fürchte, was von der Kriminalabteilung übrig ist, können Sie erst am Montag kennenlernen, im Moment sind alle unterwegs. Aber ich bringe Sie runter und stelle Ihnen einige der Uniformierten vor.“

„Könnten Sie mich ein wenig über den Hintergrund dieser Grafschaft informieren? Der Superintendent meinte, dass sie sich deutlich von der tiefen Provinz unterscheiden würde.“

„Natürlich.“ William sank in seinen Stuhl zurück. Ihm war deutlich bewusst, wie verunsichert er sich bei ihr fühlte. Was hatte sie an sich? Ihr neues Aussehen, oder dass sie zu glauben schien, sie verbinde eine besondere Beziehung? Dann mahnte er sich, nicht lächerlich zu sein. Sie waren alte Kollegen, natürlich ging sie davon aus, dass sie eine Art Freundschaft verbinden würde. „Wir sind unterbesetzt und haben Rückstand an Fällen, der einen vierundzwanzig Stunden am Tag hier halten kann, wenn man es zulässt.“ William sah davon ab, Pat zu erzählen, dass sein Vorgänger ein kranker Mann gewesen war, den man zu lange auf seinem Posten geduldet hatte.

„Klingt, als gäbe es viel für mich zu tun“, sagte Pat strahlend.

William lachte. „Sergeant, Sie haben keine Vorstellung wie viel!“ Er fragte sich, wie sie mit Terry Pitman auskommen würde. In der Kriminalabteilung saß zurzeit nur eine weitere Frau, eine sehr junge Detective Constable, die aus einem Hochhaus im Norden Londons stammte und es gewohnt war, für ihre Sache zu kämpfen.

„Zuerst das Offensichtliche, das hier ist eine vorstädtische Gegend, im Gegensatz zum ländlichen Gebiet“, setzte er an, doch weiter kam er nicht, weil das Telefon wieder klingelte.

William brauchte eine Weile, um alle Einzelheiten in Erfahrung zu bringen. Dann betrachtete er seine Notizen einige Augenblicke lang, dachte an die leere Kriminalabteilung und sah zu Pat hinüber. „Wie würde es Ihnen gefallen, Ihre neue Stelle schon heute anzutreten? Es gab ein Feuer in einer Lebensmittelfabrik in unserem Revier. Es besteht Verdacht auf Brandstiftung und es gibt eine Leiche.“

Pat erhob sich bereitwillig. „Klar Chef, ich bin bereit, mit Notizbuch und allem.“ Ein zufriedenes Lächeln umspielte ihre Lippen, als sie ihre Handtasche nahm.

Eat Well Foodslag in einem Gewerbegebiet einige Kilometer von der Polizeistation entfernt.

Es gab eine Karte mit den Firmen, die dort angesiedelt waren, doch Eat Well Foodswar deutlich gekennzeichnet, mit Feuerwehrautos, Streifenwagen, einer Menge aus Schaulustigen und einem blauweiß gestreiften Band, dass den Tatort abriegelte.

Die Fenster der Fabrik waren unter der Hitze explodiert und Rußflecken zogen sich an der Außenwand hinauf. Überall waren Pfützen und als William vorfuhr, konnte er den Qualm riechen. Es erinnerte ihn an das eine Mal, als die Frittierpfanne seiner Mutter plötzlich Feuer gefangen hatte, aber hier roch es bitterer und beißender, und die schreckliche Duftnote eines außer Kontrolle geratenen Grillfestes lag in der Luft. Dieser Geruch fraß sich einem ins Bewusstsein. Es fiel auf, dass sämtliche Fenster aller umliegenden Gebäude geschlossen waren.

„Igitt“, sagte Pat James angeekelt.

Jenseits das Absperrbandes stand eine Gruppe Menschen: Drei oder vier Feuerwehrleute, mehrere uniformierte Polizisten, ein korpulenter Mann in Anorak und dunkler Hose, eine große, dünne Frau in einem Trenchcoat und ein Mann in einem gut geschnittenen Anzug, das helle Haar aus dem attraktiven, offenen Gesicht nach hinten gekämmt.

William zeigte dem Beamten, der den abgesperrten Bereich bewachte, seinen Dienstausweis. „Kriminalpolizei“, sagte er. „Wo ist der Brandmeister?“

„Da drüben, Sir.“ Der Beamte deutete auf die kleine Gruppe.

Gefolgt von Pat, die mit ihren neu aussehenden Schuhen sorgsam ihren Weg zwischen den Pfützen hindurch wählte, näherte William sich dem korpulenten Mann im Anorak. „Detective Chief Inspector Pigram, Sir“, stellte er sich vor. „Chief Shorrocks?“

„In der Tat, Chief Inspector“, bestätigte er. „Gut, dass Sie so schnell kommen konnten.“ Er nahm William ein Stück beiseite.

„Das Feuer wurde gegen vier Uhr heute Morgen gemeldet. Um sechs war es unter Kontrolle, aber das Gebäude konnte erst vor Kurzem untersucht werden; die Hitze, Sie verstehen.“

William betrachtete die kleinen Dampfsäulen, die noch aus dem Inneren des Gebäudes austraten und konnte die Schwierigkeiten abschätzen.

„Das hier ist Officer Melville“, der Chief winkte einen der Feuerwehrmänner heran. „Er hat mich hergerufen.“

„Können Sie mir sagen, was Sie gefunden haben, Officer?“, fragte William.

Das zerfurchte Gesicht des Feuerwehrmannes war verschmiert, seine Augen gerötet und müde. Er nahm seinen Helm ab und strich sich mit einer Hand über den Nacken. „Es ist ein einstöckiges Gebäude, wie Sie sehen können, und das Dach hat standgehalten. Sowohl die Büroräume, als auch die Fabrik – obwohl es eher eine riesige Küche ist, wenn sie mich fragen – wurden schwer beschädigt. Die Leiche befand sich im Flur zwischen den beiden Bereichen.“

Vom Rauch überwältigt? Oder gab es eine schlimmere Ursache für den Todesfall? Es war unwahrscheinlich, dass William an der Leiche viel würde feststellen können, das Feuer hätte alle offensichtlichen Indizien vernichtet. Es würde an der Spurensicherung und dem Pathologen liegen, die Todesursache festzustellen. Widerwillig stellte er sich der Tatsache, dass er sich trotzdem die verkohlte Leiche ansehen musste.

„Irgendeine Ahnung, wer es sein könnte?“, fragte Pat.

„Wir gehen davon aus, dass es der Nachtwächter ist“, schaltete sich der Brandmeister ein.

„Und Sie vermuten Brandstiftung?“, bot William an.

Der Feuerwehrmann nickte. „Bei einem der zerbrochenen Fenster im Büro lag das Glas auf der Innenseite, was einen Einbruch nahelegt. Es ist offensichtlich, dass die Feuersbrunst im Büro ihren Anfang nahm. Ich würde sagen, dass ein Brandbeschleuniger benutzt wurde, und es roch nach Benzin. Brandflecken an den Wänden und die Intensität des Feuers deuten darauf hin, dass es recht großzügig verteilt wurde, aber das werden ihre Jungs von der Spurensicherung feststellen müssen.“

„Ein forensisches Team ist unterwegs. Wer hat das Feuer gemeldet?“

„Jemand, der an dem Grundstück vorbeikam, rief uns an.“

„Haben Sie Namen und Adresse?“

Melville nickte. „Das ist alles auf Band, aber ich glaube, dass es ein sauberer Anruf war, keiner dieser Pyromanen, die Dinge anzünden, den Löschzug rufen und dann bleiben, um sich den Spaß anzuschauen.“

William blickte auf die ruinierte Fabrik zurück. „Wer ist der Besitzer?“

„Das Gebäude ist an eine Mrs. Douglas vermietet, die da drüben ist sie.“

„Gut, wir werden uns mit ihr unterhalten. Danke, Officer Melville, wir werden eine vollständige Aussage von Ihnen brauchen.“

Der Feuerwehrmann nickte. Er hatte sich anscheinend den Formalitäten ergeben. „Jederzeit, Sir.“

William ging zu der Frau hinüber. „Wie ich hörte, sind Sie die Eigentümerin von Eat Well Foods, Mrs. Douglas?“

Sie nickte. In ihren großen, dunklen Augen stand der Schock. In jeder anderen Situation wäre sie wunderschön gewesen, jetzt hatte die Anspannung die Züge ihres klassisch geformten Gesichts verhärtet und ihre cremefarbene Haut hatte eine unnatürliche Blässe angenommen. Das kurze, dunkle, glänzende Haar war zerzaust und sie trug kein Make-Up.

„Ich hörte, dass ein Nachtwächter in Ihrer Fabrik patrouillierte?“

Ihre Augen schlossen sich kurz. „Gerry Aherne“, war alles was sie sagte.

„Wann haben Sie ihn zum letzten Mal gesehen?“

„Gestern Abend, als ich gegangen bin, gegen halb acht.“ Es schien unmöglich, doch ihr Gesicht wurde noch blasser und ihre Augen noch größer.

„Wo wohnt er?“

Sie deutete auf eine Seite der Fabrik. „Dort hinten ist ein kleines Appartement.“

William sah den Feuerwehrmann an. Er schüttelte den Kopf. „Keine Hinweise, dass sich jemand dort aufgehalten hat, Sir“, sagte er.

„Mrs. Douglas, fällt Ihnen irgendjemand ein, der einen Groll gegen Sie hegt?“

Sie sah ihn an, ihre dunklen Augen waren geweitet – vor Angst? Schock? Fassungslosigkeit? „Wollen Sie sagen, dass das kein Unfall war, dass jemand das absichtlich getan hat?“ Sie zog die Schultern hoch und verschränkte die Arme in einer ablehnenden Geste.

„Ich fürchte, es sieht so aus, als wäre das Feuer absichtlich gelegt worden“, sagte William ausdruckslos, während er sie aufmerksam beobachtete.

Die verschränkten Arme versteiften sich und sie schüttelte vehement den Kopf. „Es gibt niemanden, ich meine, ich kann mir nicht vorstellen, wer so etwas tun würde.“

Ihr Begleiter legte ihr einen Arm um die Schultern. „Müssen Sie sie jetzt befragen?“, fragte er William. „Sie steht unter Schock, sie sollte zu Hause sein, im Bett.“ Seine Stimme klang wütend, aber auch unsicher.

William sah ihn höflich an. „Und Sie sind, Sir?“

„Paul Robins“, sagte der Mann, sein Anflug von Wut flaute ab. „PR-Berater für Eat Well Foods.“

Val Douglas entzog sich seinem Arm. „Paul, ich weiß, dass du versuchst zu helfen, aber es gibt Dinge, die erledigt werden müssen.“ Sie sah zu der Menge auf der anderen Seite des blauweißen Bandes hinüber. „Ich muss ihnen sagen, dass sie nach Hause gehen können“, sagte sie mit einem Seufzen.

„Das sind die Mitarbeiter“, erklärte Paul an William gewandt. „Sie sind alle wie üblich zur Arbeit erschienen. Na ja, warum auch nicht? Ich werde mit ihnen sprechen“, sagte er zu der Frau.

„Nein, das ist meine Aufgabe.“ Sie ging auf die Menge zu. „Hören Sie, es tut mir leid, aber wie Sie sehen können, werden wir heute nicht arbeiten können. Warum gehen Sie nicht alle nach Hause. Ich werde Sie wissen lassen, wenn die Produktion fortgesetzt werden kann.“ Sie überflog ihre Gesichter.

Es mussten ungefähr dreißig sein, schätzte William, hauptsächlich Frauen. Die Gesichtsausdrücke waren aufgeregt, besorgt, sogar verängstigt. Er konnte niemanden entdecken, der eingeweiht oder nicht überrascht wirkte.

Mrs. Douglas straffte die Schultern, eine natürliche Autorität trat hervor. „Hören Sie, Eat Well Foodswird im Geschäft bleiben. Ich werde ein anderes Gelände finden, bis wir hier alles wiederaufbauen können.“

„Das wird besser in der Nähe sein“, rief jemand.

Sie nickte. „Natürlich, vertrauen Sie mir.“ In diesem Augenblick, hätte selbst er das getan, dachte William.

Eine kleine, stämmige, junge Frau, deutlich besser gekleidet als die anderen, trat vor. „Was ist mit den Akten? Haben die überlebt?“

Mrs. Douglas verstand sofort, worauf sie anspielte. „Danke, Shaz, ich darf im Augenblick nicht nachsehen.“ Sie blickte auf das ruinierte Gelände zurück. „Aber ich glaube nicht.“

„Dann werde ich von allen die Adressen und Telefonnummern notieren“, sagte die junge Frau. Sie zog ein kleines Notizbuch hervor und die anderen drängten sich um sie.

„Die perfekte Sekretärin“, sagte Mrs. Douglas und die junge Frau schenkte ihr ein zufriedenes Lächeln. „Bleiben Sie hier, wenn Sie fertig sind, Shaz, dann werde ich herausfinden, wie wir von hier aus weitermachen. Und wir werden unseren Stammkunden mitteilen müssen, dass wir heute keine Bestellungen erfüllen können.“

„Sie hat alles ziemlich gut unter Kontrolle, oder?“, murmelte Pat William zu.

Er nickte. Es war eine beeindruckende Darbietung. Val Douglas hatte Mut und war eine Frau, die nicht so leicht lockerlassen würde. Er fragte sich, wie es um die Finanzen von Eat Well Foodsstand.

„Ich verstehe, dass Sie viel zu tun haben, Mrs. Douglas“, sagte er, als sie wieder zu Paul Robins stieß. „Aber wir müssen mit Ihnen sprechen.“

Sie beäugte ihn. „Mit mir sprechen?“

„Wir müssen mehr über die Firma wissen, über Ihren Nachtwächter und darüber, wie das Feuer gelegt worden sein könnte.“

Der leichteste Anflug von Röte befleckte die blassen Wangenknochen. „Ich fürchte, da kann ich Ihnen nicht helfen. Ich wünschte, ich könnte.“

„Hören Sie“, sagte Paul Robins aggressiv, „dies ist ein verheerendes Erlebnis für Val, für Mrs. Douglas. Dass Sie andeuten, sie könnte etwas mit dem Feuer zu tun gehabt haben, ist lächerlich.“

„Das tue ich nicht“, sagte William milde.

„Oh, nun, dann ist das in Ordnung.“ Paul schob seine Hände in die Taschen und trat ein loses Stück Schutt über den Boden.

„Paul, ich glaube wir müssen eine Stellungnahme formulieren, die wir an die Presse geben können“, sagte Val Douglas. Sie klang, als wären ihre Energiereserven aufgebraucht. „Wenn wir ihnen nichts sagen, werden all diese Reporter von vorhin wer weiß was drucken. Du solltest eine Pressekonferenz einberufen.“

„Natürlich“, sagte er eifrig. „Hör mal, wenn du nicht nach Hause gehst, komm in mein Büro.“ Er legte ihr die Hand auf den Rücken, als wollte er sie von der zerstörten Fabrik wegführen.

„Würden Sie mir bitte im Detail sagen, wo Ihr Büro ist, Sir?“, fragte Pat.

Paul Robins holte eine Visitenkarte hervor und reichte sie ihr. Sie überflog sie und reichte sie an William weiter. Robins Associates stand darauf, mit einer Adresse in einer nahegelegenen Stadt.

In diesem Moment glitt ein Rolls Royce heran und parkte neben Williams alten Bentley. Zwei Vollblüter, doch der eine war am Ende seines Lebens und der andere hatte seine Karriere gerade erst begonnen. Ein sehr gepflegter Mann mit maßgeschneiderter Kleidung stieg aus. Ein durchdringender Blick überflog die Szene.

„Basil!“ Val Douglas atmete anscheinend mit enormer Erleichterung auf. „Danke, dass du zurückgekommen bist.“

Er schritt besitzergreifend auf sie zu, hob das blauweiße Band an und trat darunter hindurch, als wäre es eine Jahrmarkts-Dekoration.

„Sir!“, protestierte der uniformierte Constable.

William brachte ihn mit einem Handzeichen zum Schweigen.

„Ich habe meine Besprechung beendet und alle Termine abgesagt. Jetzt können wir das hier regeln“, sagte der Neuankömmling. Er legte seinen Arm um ihre Schultern, wo eben noch der von Paul Robins gelegen hatte und hätte sie weggeführt, doch William trat vor.

„Wenn ich bitte die Informationen haben könnte, wo ich Mrs. Douglas erreichen kann?“, fragte er freundlich.

Kalte, blaue Augen blickten in seine, und er hatte den Eindruck, dass sie nicht begeistert waren, dass sich beide Paare auf derselben Höhe befanden. „Und wer sind Sie?“

„Chief Inspector Pigram, Sir, Kriminalpolizei. Ich untersuche das Feuer.“

„Das tun Sie? Bei Gott! Ich dachte das wäre eine Angelegenheit für die Brandschadensabteilung.“

„Sie haben eine Leiche gefunden, Basil“, sagte Val und ihre Stimme zitterte. Jetzt, da dieser Mann eingetroffen war, schien ihre Reaktion einzusetzen. „Es sieht aus, als wäre es unser Nachtwächter.“

„Gütiger Gott!“, sagte er scharf. „In dem Fall verstehe ich es.“ Auch er griff in eine Innentasche, doch seine Visitenkarten wurden in einem silbernen Etui aufbewahrt. Er öffnete es und reichte eine herüber. „Sie können Mrs. Douglas in meinem Büro erreichen.“ Der vollständige Name war Basil Ealham, Vorstandsmitglied und Geschäftsführer von Ealham Industries, eine weitere Adresse in der Nähe.

„Werden Sie Mrs. Douglas dort hinbringen, Sir?“, fragte Pat.

Basil sah auf sie herab. „Ich sagte, dass Sie sie in meinem Büro erreichen können“, wiederholte er etwas wichtigtuerisch.

„Danke, Sir“, sagte William ruhig. Es hatte keinen Zweck, den Mann unnötig gegen sich aufzubringen; William dachte, dass er sehr überrascht wäre, wenn der Befragung von Val Douglas irgendwelche Hindernisse in den Weg gestellt würden. Wenn die Untersuchung empfindliche Informationen zutage förderte, falls das passierte, wäre das der Punkt, an dem Ealham versuchen würde, die Kontrolle an sich zu bringen.

„Aber die Pressemeldung“, sagte Paul Robins hilflos, während er beobachtete, wie ihm seine Kundin abgenommen wurde.

„Wir werden später anrufen“, sagte Basil Ealham höflich.

Paul Robins blickte Val flehend an, aber William bezweifelte, dass sie überhaupt realisierte, dass er noch da war.

Erst als der Wagen davonschnurrte, erinnerte William sich, dass die alte Schulfreundin seiner Frau Ealham hieß, die mit der sie gestern zu Mittag gegessen hatte, anscheinend recht stilvoll und nicht weit entfernt von der Adresse, die er gerade erhalten hatte. Warum hatte er ihr nicht besser zugehört?

Kapitel 6

Nicola Ealham brachte ihre beiden Kinder zum Schultor und schob sie sanft in Richtung ihrer Klassenräume. „Ich hole euch um vier ab“, rief sie, als sie schneller wurden und mit dem Strom von Kindern verschmolzen. Kinsey blickte über die Schulter zurück und winkte, die dicken Zöpfe mit den blauen Schmetterlings-Schleifen tanzten auf den Schultern der Achtjährigen, doch der siebenjährige Arthur war zu sehr damit beschäftigt, den Arm seines besten Freundes zu boxen, als dass er sich darum gekümmert hätte, sich zu verabschieden.

Nicola grinste, als sie sich umdrehte und zurück nach Hause ging. In ihrer kleinen Welt war fast alles in Ordnung. Solange der Waschmaschinen-Mann kam und kein Schutzgeld dafür verlangte, das verdammte Ding zu reparieren. Doch sie war gerade für diesen Programmier-Auftrag bezahlt worden, den sie für eine Maklerfirma in der Nähe erledigt hatte, und würde den Schaden wohl bezahlen können.

Sie würde sich auf jeden Fall keine Sorgen machen. Die warme Septembersonne schien und zuhause wollte Nicola eine Ladung Haferbrot machen und eine neues Rezept für Soja-Pfannkuchen ausprobieren, die sie mit Ahornsirup zum Abendessen servieren wollte. Wenn sie ein Erfolg waren, würde sie noch mehr machen und sie am Wochenende für eine Mahlzeit mit Bio-Champignons füllen. Nicola glaubte daran, dass es eine Rolle spielte, was man den Menschen zu Essen gab, besonders bei Kindern. Immerhin erwartete man auch nicht, dass ein Rolls Royce mit minderwertigem Benzin lief, oder?

Sie betrat das Haus. „Ich bin zurück“, rief sie fröhlich, dann bemerkte sie, dass Job im Wohnzimmer saß und sich mit einer sehr großen, blonden, jungen Frau unterhielt.

„Hallo, Liebling.“ Job lächelte zu ihr hinauf. „Das ist Darina Lisle. Sie ging mit Jemima zur Schule und versucht herauszufinden, wer Rorys Vater ist.“

„Gütiger Himmel, das ist ein aussichtsloser Fall.“ Die arme, kleine Sophie. Jedes Mal, wenn Nicola an sie dachte, wurde sie traurig. Niemand hatte ihr helfen können, Job nicht und auch sie selbst nicht. „Warum jetzt? Ich dachte, deinen Vater würde es nicht interessieren. Ich fand das wohlgemerkt schon immer seltsam, dass er es nicht wissen wollte, meine ich.“ Sie setzte sich auf einen großen Sitzsack und sah die junge Frau, die sie locker und freundlich anlächelte, mit offener Neugier an.

„Das geht von Jemima aus“, sagte Darina. „Sie ist diejenige, die sich darum Gedanken macht.“ Sie zögerte einen Augenblick und fügte dann hinzu: „Es hat etwas damit zu tun, die Wirkung auszugleichen, die Rorys Großvater auf seine Erziehung haben wird, glaube ich.“

„Das verstehe ich gut“, sagte Nicola gut gelaunt. Basil stand für so vieles, was sie verabscheute – Besitz, Prahlerei und die Missachtung anderer Menschen, besonders derer, die von einem abhängig waren, wie Frau und Kinder. „Wir haben uns auch schon deswegen Sorgen gemacht. Mein Vorschlag, dass er bei uns leben könnte, war so beliebt wie ein blutiges Steak bei einem Vegetarier.“

„Ich muss gehen“, sagte Job und streckte seinen langen Körper. „Warum redest Du nicht mit Darina, Liebling, immerhin hast du sehr viel mehr von Sophie gesehen, als ich.“

Nicola sah Darinas hoffnungsvollen Blick und beschloss, dass das Haferbrot noch eine halbe Stunde oder so warten konnte. „Der Mann für die Waschmaschine war nicht da?“, fragte sie und wandte den Kopf nach oben für Jobs Abschiedskuss.

„Doch, er ist in der Küche.“

„Warum in aller Welt hast du das nicht gesagt?“ Nicola war im selben Augenblick auf den Beinen. Auf dem Küchentisch, zwischen schmutzigen Müslischalen und halb ausgetrunkenen Milchtassen (man konnte sich darauf verlassen, das Job nicht darauf bestand, dass die Kinder sie leertranken), lagen ölige Maschinenteile. Ein pickeliger Jugendlicher untersuchte eines davon, sein Overall sah aus, als hätte er noch nie eine der Maschinen von innen gesehen, mit denen er schon den Großteil seines Lebens verkehrte.

„Und?“, fragte sie.

„Sie hätten nicht vielleicht einen Kaffee, Miss? Meine Alte kam heute Morgen nicht auf die Beine.“

Nicola setzte den Kessel auf. „So, jetzt erzählen Sie mir von meiner Maschine.“

Zehn Minuten später stimmte sie, geblendet von der Kombination seiner technischen Fachkenntnis und der Unfähigkeit, sie zu kommunizieren, einem teuren Ersatzteil zu, unter der Bedingung, dass er die Maschine bis zum Ende des Tages wieder zum Laufen brachte. Mit zwei frischen Tassen Kaffee kehrte sie ins Wohnzimmer zurück.

„Manchmal denke ich, ich sollte Abendkurse in der Wartung von Küchengeräten nehmen.“ Nicola reichte eine der Kaffeetassen herüber und ließ sich wieder auf den Sitzsack sinken.

„Ich bin da nutzlos. Ich kann gerade so einen Stecker reparieren – und William ist nicht viel besser. Wir gehen davon aus, dass es auf lange Sicht günstiger ist, selbst die Heimwerker-Sachen beim ersten Mal einem Profi zu überlassen.“

Nicola betrachtete die junge Frau genauer. Etwa fünf Jahre jünger als sie selbst, schätzte sie, und sie mochte sie vom ersten Moment an. Nicola legte sich bei fremden Menschen üblicherweise sofort fest. Als sie Job kennengelernt hatte, hatten sie in der Unibibliothek beide nach demselben Buch von Thurber gegriffen. Sie hatte sein scheues Gesicht und seinen schlaksigen Körper betrachtet, die Vorliebe für surrealistischen Humor hinzugefügt und sich entschieden. Sie hatte vorgeschlagen, dass sie in einem nahen Café einen Tee trinken könnten. Er hatte gezögert, sie gequält angesehen, und sie hatte sehen können, das er zwischen dem Wunsch, ihre Einladung anzunehmen, und der Befürchtung, dass es sich zu einer Beziehung entwickeln könnte, die er nicht tragen konnte, hin und her gerissen gewesen war. „Ich rede nur über den Austausch eines geliehenen Buches, nicht über eine lebenslange Verpflichtung“, hatte sie gesagt und ihn in dem Wissen angegrinst, dass ihre Sommersprossen, ihr kurzes, fuchsrotes Haar und ihre frech gekrümmte Nase unheimlich beruhigend sein würden. Das hatte sie fast damit versöhnt, dass ihr Aussehen so unscheinbar war.

Die junge Frau, die ihr gegenübersaß, war auch keine klassische Schönheit, zu grobknochig. Aber sie hatte eine Offenheit an sich und eine Wärme in den weder grauen, noch richtig haselnussbraunen Augen, die viel attraktiver war, als das Aussehen eines jungen Models. „Ich kann mir nicht vorstellen, wie Sie und Jemima Freundinnen geworden sind“, sagte Nicola plötzlich. Jemima war eine der wenigen Personen, bei denen sie sich nie hatte entscheiden können. Manchmal verabscheute sie die Art, mit der sie sich schnappte, was sie vom Leben wollte, manchmal mochte sie ihren Elan und dachte, dass sie mit etwas harter Arbeit eine gute Beziehung haben könnte. Doch Jemima betrachtete sie mit der Skepsis einer Katze, die ein feindliches Revier untersucht, und versteckte sich hinter ihrer Internatssprache, bis Nicola sie hätte schütteln können.

„Wir sind uns nicht sehr ähnlich, oder?“ Darina klang amüsiert. „Vielleicht kommen wir deshalb so gut miteinander aus. Mit Jemima war es immer so lustig. Sie sagte und tat die fürchterlichsten Dinge, brachte einen aber zum Lachen.“ Sie schwieg für einen Augenblick, dann fügte sie hinzu: „Wir haben uns gestern zum ersten Mal seit unserer Schulzeit getroffen.“

„Gütiger Himmel, dass muss ja, wie lange, dreizehn Jahre her sein? Aber Jemima kennt sich auch nicht wirklich mit Freundschaften aus. Sie lebt in ihrer eigenen, kleinen Welt. Ihr Vater hat vieles davon zu verantworten.“

„Job sagte, dass sie von ihm abhängig ist.“

„Er hat all seinen Kindern das Leben versaut.“ Nicola sprach leise, aber leidenschaftlich.

Darina lehnte sich vor. „Erzählen Sie mir davon.“

Das tat Nicola nur zu gerne. Es war lange her, dass sie eine Gelegenheit hatte, einen Teil der Wut rauszulassen, die sie gegenüber Basil Ealham verspürte. „Fangen wir damit an, dass er ihre Mutter zur Alkoholikerin gemacht hat.“

„Ah!“ Ein kurzes Seufzen, das viel aussagte. „Als Jemima und ich etwa fünfzehn waren, habe ich mit den Ealhams einen Urlaub in Italien verbracht, und mich danach darüber gewundert. Jemima hat aber nie darüber gesprochen. War das bei Job anders?“

„Ja. Eigentlich habe ich es erraten. Mir wurde klar, dass es in seiner Vorgeschichte größere Schäden geben musste, er war so verschlossen und sprach nie über seine Familie. Ich wusste nicht einmal, dass er einen Bruder und zwei Schwestern hatte, bis er vorschlug, dass wir heiraten. Ich sagte ihm, dass ich nicht daran denken würde, ehe ich seine Verwandten kennengelernt hätte. Ich musste ihn irgendwie dazu bringen, sich seinen Problemen zu stellen!“

„Ich habe mich oft gefragt, warum Job bei diesem Urlaub dabei war. Immerhin war er an der Universität, die meisten Studenten, die ich kennengelernt habe, würden lieber sterben, als mit der Familie wegzufahren. Nicht dass Basil länger als ein paar Tage bei uns geblieben wäre. Geschäfte, sagte er uns.“

„Es sind immer die Geschäfte“, stimmte Nicola zu. Sie überschlug auf dem Sitzsack die Beine wie beim Yoga. „Job kam vermutlich mit, weil er seine Mutter vergötterte. Ich wünschte, ich hätte sie kennengelernt, sie starb, kurz bevor wie zusammenkamen – das fand ich erst Jahre später heraus. Als alles, was Job in sich hineingefressen hatte ...“ Für einen Augenblick spürte Nicola das Erstickungsgefühl, das immer dann auftrat, wenn sie damit konfrontiert wurde, wie schwer Job geschädigt worden war. Sie atmete mehrmals tief durch und erinnerte sich daran, wie viel Erfolg sie dabei gehabt hatte, ihn zu überreden, sich normalem, menschlichem Verhalten anzunähern und um Hilfe zu bitten.

„Sie sind der erste Mensch, den ich kennenlerne, mit dem ich über Jobs Mutter sprechen kann. Wie war sie?“

Darina dachte einen Augenblick nach. „Sehr bescheiden. Fast auf offensive Weise. Ich habe mal einen Rock bewundert, den sie trug, es war ein langer Faltenrock, in marineblau, genau so, dass er an meinen Hüften toll ausgesehen hätte.“ Sie blickte mit trockenem Humor an sich herunter. „Sie sagte mir, dass er von Marks and Spencer’s sei, und bei ihr klang es, als sei das ein verbotener Ort und sie hätte eine Art Sieg errungen. Jemima sagte ihr immer, dass sie sich ein paar anständige Kleider kaufen sollte, und dass das Haus neu eingerichtet werden müsse.“ Darina lachte kurz. „Sie hielt die Villa, in der wir wohnten, für wundervoll. Die gehörte anscheinend irgendeinem Geschäftsfreund ihres Vaters und war voll wunderschöner Möbel, viele davon modern und sehr teuer, würde ich annehmen.“

„Jemima mag teure Dinge“, murmelte Nicola. „Haben Sie Blackboys gesehen, als ihre Mutter noch lebte?“

Darina nickte. „Mehrmals. Meine Mutter sagte, es sähe aus, als wäre es von einem zweitklassigen Möbelhaus eingerichtet worden, ohne Kosten zu scheuen. Alles war farblich abgestimmt, aber ohne Geschmack.“ Sie lachte wieder. „Heute würde sie es lieben.“

„Ich hasse es“, sagte Nicola mit unterdrückten Gefühlen. „Soviel zu überheblich! Kommen Sie schon, erzählen Sie mir mehr von Julie. Wirkte sie glücklich?“

„Um Himmels willen, nein. Ich fragte mich immer, warum sie bei ihrem Ehemann blieb. Er machte schreckliche, höhnische Bemerkungen über sie, und sie saß nur da und sagte nichts. Am Abend unserer Ankunft hörten wir, wie sie sich anschrien. Ich erinnere mich, dass Sophie weinend in unser Schlafzimmer kam. Dann ging Basil, und Sophie wurde noch aufgewühlter. Jasper gefiel es auch nicht.“ Sie lächelte Nicola an. „Jasper war ein Clown. Am zweiten Abend lief er mitten beim Essen auf Händen über den ganzen Tisch, überall waren Gläser und Teller und Basil schrie ihn an, dass er aufhören solle, so ein Narr zu sein. Er hat nichts umgestoßen, sprang dann wie ein Akrobat herunter und sagte mit breitem Grinsen: „Für meinen nächsten Trick werde ich auf dem Wasser laufen!“ Und Basil brach in Gelächter aus. Jasper war ganz aus dem Häuschen. Nachdem sein Vater ging, war er einige Tage lang sehr niedergeschlagen. Jemima und Job waren erleichtert.“

„Was war mit ihrer Mutter?“

„Sie war auf jeden Fall weniger angespannt, trank aber genauso viel, wenn nicht mehr.“

„Wie schaffte sie es zu kochen? Oder stand ein Koch bereit?“

„Nein, ich habe meistens gekocht.“ Darina Gesicht leuchtete plötzlich. „Ich habe es genossen, all dieses wunderbare Gemüse, und ich hatte Elizabeth Davids Italienische Küche dabei. Ich glaube, da habe ich beschlossen, dass das Essen mein Leben werden würde.“

„Ich frage mich, was die Ealhams von all dem hielten! Laut Job war seine Mutter eine furchtbare Köchin. Sie und sein Vater kamen beide aus sehr armen Verhältnissen und ihre Vorstellung von einem wirklich guten Essen hat sich nie über Steak mit Pommes hinausentwickelt.“

„Sie hätten niemals heiraten sollen“, sagte Darina traurig.

„Die alte Geschichte, er schwängerte sie und meinte dann, sie heiraten zu müssen.“

„Na ja, das spricht immerhin für ihn.“

„Ich dachte, er würde nur für seinen häuslichen Komfort sorgen, damit er sich darauf konzentrieren konnte, ein Vermögen zu verdienen“, sagte Nicola bissig. „Die Frauen standen hinten an. Da hat Julie anscheinend mit dem Trinken angefangen. Von dort an ging alles bergab.“

„Warum hat sie ihn nicht verlassen, hat Job Ihnen das erzählt?“ Nicola dachte daran, wie Job sich immer verschloss, wie ein Igel, der sich zu einem Ball zusammenrollte, nichts als Stacheln; und an den langsamen Prozess, ihn dazu zu bringen, sich zu öffnen und sein Herz auszuschütten. „Er glaubt, dass sie seinen Vater wirklich geliebt hat und den Gedanken an ein Leben ohne ihn nicht ertragen konnte. Viel interessanter ist, warum er sie nicht verlassen hat. Meine Theorie ist, dass er gerne fremdging und sich keiner anderen verpflichten wollte. Immerhin hat er nie wieder geheiratet. Julie war ein Opfer des Lebens. Am Ende nahm sie eine Überdosis Schlaftabletten. Job hat seinem Vater nie vergeben.“

„Ist das der Grund, warum er nichts mehr mit ihm zu tun haben will?“

Nicola nickte. „Er wollte ihn nicht einmal zu Hochzeit einladen. Nicht, dass ich glaube, dass das Basil störte, er hat deutlich gemacht, dass er nicht viel von mir hielt; keine Herkunft, keine Verbindungen, kein Geld.“

Darina schüttelte den Kopf. „Was für ein arroganter Bastard.“

„In höchstem Maße“, sagte Nicola ruhig.

„Jemima sagte, dass Job nicht mehr mit ihr reden würde, seit sie für Basil arbeitet.“

Nicola zog mit beiden Händen an ihren kurzen, fuchsroten Haaren. „Verdammt! Er kann so ein Idiot sein! Er hat schon eine Schwester verloren und jetzt tut er alles dafür, auch die andere zu verlieren.“

„Erzählen Sie mir von Sophie.“

Nicola lehnte sich an das Bücherregal. „Ich glaube, sie war genau wie ihre Mutter. Schwachheit, dein Name ist Sophie, das habe ich immer gedacht.“

„Job sagte, dass er nicht wisse, warum sie weggegangen ist, wissen Sie es?“ Darinas Blick war sehr gleichmäßig und Nicola dachte, dass es schwer wäre, etwas vor diesen Augen zu verbergen.

Nicola blickte auf die Sommersprossen auf ihren Handrücken hinab. Sommersprossen wie brauner Zucker, hatte Sophie gesagt. Sie hatten am Küchentisch gesessen. Es war ein herrlicher, sonniger Tag im Mai gewesen und sie hatten den Wildkirschen-Tee genossen, den Sophie so mochte, und ohne wirklich zu sprechen, hatten sie die Wärme und das Gefühl, sich nicht unterhalten zu müssen, begrüßt. Sophie hatte ihre Finger über Nicolas Hand gleiten lassen, sich dann mit ihrem Mund genähert und sie abgeleckt. „Du schmeckst süß“, hatte sie gesagt. „Wie Zucker.“

Nicola hatte sie angegrinst. „Dann isst du mich besser nicht auf, du weißt, dass Zucker nicht gesund ist.“ Nicola zerrte ihre Gedanken wieder in die Gegenwart. „Sophie hungerte nach Liebe. Aber ich glaube, sie hatte auch Angst davor. Ihre Mutter starb, als sie acht war, und sie wuchs mit einer Reihe von Haushälterinnen und einem Vater auf, der fast nie da war, aber dann, wenn er da war, alles von ihr verlangte. Er wollte zu viel. Er wollte, dass sie intelligent war, aufgeweckt und ambitioniert.“

„Wie Jemima“, murmelte Darina.

„Ja, wie Jemima“, sagte Nicola sauer. „Aber Basil ging auch immer auf Jemima los; wegen ihrer Männer, ihrer Kleidung, ihrem Unvermögen, an etwas dranzubleiben. Basil versucht immer, die Menschen so zu formen, wie sie seiner Meinung nach sein sollten. Das hat Sophie verdreht. Sie war in einem schrecklichen Zustand, als sie hier ankam, brach bei Nichtigkeiten in Tränen aus und man musste sie behandeln, als wäre sie aus unglaublich mürbem Gebäck gemacht.“

Darina lächelte ob dieser Metapher.

„Aber unsere Kinder Kinsey und Arthur um sich zu haben, war genau das, was sie brauchte. Sie liebte sie und die beiden himmelten sie an. Sie konnten es nicht verstehen, als sie einfach so verschwand.“ Nicola hielt inne, dann fügte sie hinzu: „Ich auch nicht.“

„Dann war sie doch nicht so vertrauensselig?“, fragte Darina sanft.

Nicola schüttelte traurig den Kopf. „Ich dachte, dass wir Freundinnen wären. Ich habe wirklich geglaubt, dass sie mir alles hätte sagen können.“

„Können Sie mir genau sagen, was passiert ist?“

Nicola war die Ereignisse jener Woche so oft durchgegangen, dass sie alles runterrattern konnte, ohne nachzudenken. Sie hatten in den paar Monaten, die Sophie bei ihnen war, eine vertraute Routine entwickelt. Sophie hatte die Kinder wie üblich zur Schule gebracht und wieder abgeholt. Nicola war an der Reihe gewesen, am Dienstag- und Donnerstagmorgen die Spielgruppe zu leiten, während Sophie etwas Hausarbeit erledigte. Am Donnerstagnachmittag hatten sie gemeinsam gekocht, weil Martin Price zum Abendessen vorbeigekommen war.

„Wer ist Martin?“, unterbrach Darina. „War er Sophies Freund?“

Nicola lachte. „Ach du lieber Himmel, nein. Martin war mit Job an der Universität. Er leitet jetzt eine Finanzfirma in der Stadt. Er heiratete etwa zur selben Zeit wie wir und er und seine Frau Eleanor sind gute Freunde.“

„Aber Eleanor kam an diesem Abend nicht zum Essen?“

„Nein“, sagte Nicola langsam, weil sie zum ersten Mal über diese Tatsache nachdachte. „Eleanor war in Cornwall und kümmerte sich um ihre Mutter, ich glaube, sie hatte sich einen Arm gebrochen. Eleanor hatte mich angerufen, ehe sie abgereist war, und ich hatte ihr versprochen, dass wir uns um Martin kümmern würden. Er kam mehrmals zum Abendessen vorbei. Er ging sehr lieb mit Sophie um, sodass sie sich nicht wie eine Idiotin vorkam, wissen Sie?“ Sie dachte für einen Augenblick darüber nach. „Wie auch immer, Martin kam an diesem Abend zum Essen. Und am nächsten Abend hat er sie ins Kino ausgeführt.“ Sie spürte, wie sich Darinas Aufmerksamkeit veränderte. „Aber da war nichts Derartiges“, protestierte sie. „Er war nur nett.“ Sie blickte auf ihre Hände hinab, die zwischen ihren überkreuzten Beinen lagen. „Vielleicht sollte ich Ihnen etwas mehr über Martin erzählen. Er war damals sehr mitgenommen. Sein Sohn, Charlie, war bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen und er glaubte, dass Eleanor ihm die Schuld dafür gab. Martin ist von der Art, dass er sich immer schuldig fühlt, egal was passiert. Egal, was die Wahrheit war, er befürchtete, dass Eleanor von ihrer Mutter nicht zu ihm zurückkommen würde.“ Nicola sah Darina an und fügte schnell hinzu: „Aber das tat sie und es geht ihnen jetzt gut. Sie sehen, dass da nichts zwischen Martin und Sophie hätte sein können. Er führte sie aus, damit Job und ich einen Abend für uns selbst haben konnten. Wie sehr man jemanden auch mag, man braucht ab und zu eine kleine Auszeit.“

Darina machte sich eine Notiz, sie konnte Nicola unmöglich sagen, was sie dachte. „Das bringt uns zum Donnerstag, was passierte da?“

Nicola merkte, dass sie zu reden aufgehört hatte, weil die Erinnerungen an jene letzte Woche sie eingeholt hatten. Nichts war dann passiert. Zumindest nichts Ungewöhnliches. Abgesehen von: „Sie wirkte stiller“, sagte Nicola. „Aber sie war nie eine von den Lauten. Manchmal bemerkte man kaum, dass sie da war.“ Sie konnte Sophie jetzt sehen, wie sie in der Ecke dieses schäbigen, alten Sofas saß, so entspannt wie eine Katze.

„Ich habe nie jemanden erlebt, der so glücklich darüber wirkte, nichts zu tun. Nicht zu reden, zu nähen, Musik zu hören oder fernzusehen, einfach absolut gar nichts zu tun. Und das ganze Wochenende über schien sie immer stiller zu werden. Ich hörte sie nur einmal lachen, als sie mit den Kindern spielte. Martin kam am Sonntag zum Mittagessen vorbei und schaffte es, ihr ein oder zwei Mal ein Lächeln zu entlocken. Doch abgesehen davon war es, als würden wir mit jemandem zusammenleben, der sich in einen Geist verwandelt.“ Nicola erschauderte leicht, normalerweise war sie nicht so fantasievoll.

„Haben Sie sie gefragt, ob sie etwas bedrückt?“

Nicola drehte ihren Kopf nach oben. „Es war schwierig mit Sophie. Wenn sie glaubte, dass man ihr auf den Leib rückte, löste sie sich in eine Flut von Tränen auf. Natürlich fragte ich sie, ob alles in Ordnung sei, und sie sagte ja. Nachdem sie verschwunden war, fragte ich Martin, ob an dem Abend als sie ins Kino gingen, etwas passiert sei, doch er sagte, dass nichts war, sie sei allerliebst gewesen und er könne sich an nichts Ungewöhnliches erinnern.“

„Wann verschwand sie?“

„Montag. Ich musste für einen Auftrag aus dem Haus. Meistens arbeite ich von zu Hause aus, ich habe im Schlafzimmer einen Arbeitsplatz. Aber am Montag musste ich eine kleine Firma an der Hauptstraße besuchen. Als ich zur Mittagszeit zurückkam, war Sophie weg. Sie hatte eine kleine Tasche gepackt, uns eine Nachricht hinterlassen – und war verschwunden.“

Nicola spürte, wie sich Tränen in ihre Augen drängten. Sie war nie über Sophies Verschwinden oder die Tragödie ihres Todes hinweggekommen. Sie ging zu einem Schreibtisch in der Ecke des Zimmers, nahm ein Stück Papier und reichte es Darina. „Ich nehme an, dass Sie es sich besser anschauen sollten.“ Während Darina den Zettel auseinanderfaltete, konnte Nicola wieder die großen, unförmigen Buchstaben sehen, die buchstabierten: „Danke für alles. Ich muss jetzt gehen. Bis bald! Alles Liebe, Soph.“

„Und sie hat sich nie wieder bei Ihnen gemeldet?“

Nicola schüttelte den Kopf und versuchte, den Kloß in ihrem Hals herunterzuschlucken. Nach all der Zeit sollte sie Sophies Verschwinden besser verkraften.

„Hatte sie Geld?“

„Das war eine der ersten Sachen, an die wir gedacht haben. Sie hatte ein paar Tage zuvor dreißig Pfund von ihrem Konto abgehoben und soweit wir das ermitteln konnten, war das alles, was sie bei sich hatte.“

„Sie hat nicht mehr abgehoben?“

„Nein, und auch nicht ihre Kreditkarten benutzt. Es war, als hätte sie gewusst, dass sie ihren Aufenthaltsort verraten könnten.“ Nicola verschwieg, dass sie alle Sophie für tot gehalten hatten, nachdem Basil das herausgefunden hatte. Die Nachricht von ihrem tatsächlichen Tod war auf doppelte Weise tragisch gewesen. Sie war die ganze Zeit am Leben gewesen und sie hatten es nicht gewusst.

„Jobs Theorie lautet, dass Sophie nicht vor uns, sondern vor Basil weggerannt ist.“

„Was soll das bedeuten? Drohte Basil, sie mit nach Hause zu nehmen? Er wusste vermutlich, dass sie bei Ihnen lebte?“

„Oh, ja. Aber nachdem sie hier ankam, ging Job nach Blackboys hinüber. Es war eines der wenigen Male, dass er nach dem Tod seiner Mutter dort war. Er sagte Basil, dass Sophie einen Nervenzusammenbruch erleiden würde, wenn er sie nicht in Ruhe ließ. Schließlich willigte sein Vater ein, dass er sie für mindestens drei Monate nicht mehr kontaktieren würde. Ich glaube, Job sagte, Basils Worte waren: „Das Mädchen soll sich in den Griff bekommen.“ Aber sie hat ihn jedes Wochenende angerufen, ihm erzählt, was sie gemacht hat und gefragt, wie es ihm geht, solche Sachen eben.“

„Es hat sie nicht gesorgt, mit ihm zu sprechen?“

„Nein, sie hat ihn vergöttert. Nur bei ihm zu sein und zu versuchen, seine Ansprüche zu erfüllen, war zu viel für sie.“

„Hat Sophie an diesem letzten Wochenende mit ihrem Vater gesprochen?“

Nicola dachte einen Augenblick lang nach. „Nein“, sagte sie schließlich. „Ich erinnere mich jetzt, er war im Ausland. Sie versuchte, ihn in irgendeinem Hotel zu erreichen, aber er war nicht da. Sie hinterließ ihm eine Nachricht, dass er sie zurückrufen solle, aber das tat er nicht.“

„War sie deswegen aufgebracht?“

„Es schien mir nicht so. Aber wie gesagt, sie war so still, es war schwer zu wissen, was sie dachte. Wie bei einem Geist.“ Diese Bild kam immer wieder zu Nicola zurück, wie ein Spuk.

„Also haben Sie sie nie mehr wiedergesehen, nachdem Sie sie am Montagmorgen im Haus zurückließen.“ Es war eine Feststellung und Nicola musste nur nicken.

Darina runzelte die Stirn und sah auf ihre Notizen. „Können Sie mir die Adresse und Telefonnummer von Ihrem Freund Martin geben?“, fragte sie schließlich.

„Aber er weiß nichts“, protestierte Nicola. „Wir haben ihn schon gelöchert, nachdem sie verschwand. Wir dachten, wenn irgendjemand wüsste, wohin sie gegangen war, wäre er es. Immerhin war er die einzige Person außerhalb der Familie, mit der sie sich getroffen hatte, während sie hier war. Oh, einen Augenblick, es gab noch jemanden. Er arbeitete für einen Freund von Basil, sie machte in Lebensmitteln. Ich erinnere mich, dass Sophie erzählte, dass sie Gerichte für Menschen mit Lebensmittelunverträglichkeiten produzieren. Für mich klang das wirklich interessant.“

„Val Douglas“, steuerte Darina bei.

„Ich hab’s, Paul Robins, das war der Name.“

Darina schrieb ihn auf. „Sind Sie ihm begegnet?“

„Ja, er hat einfach geklingelt, kurz nachdem Sophie angekommen war. Sagte, dass er in der Gegend gewesen sei, wisse, dass sie bei uns wohne, und dachte, dass er mal vorbeischauen würde. Ziemlich attraktiv, wenn man auf eher glatte, oberflächliche Typen steht.“

„Hat Sophie sich gefreut, ihn zu sehen?“

Nicola versuchte, sich zu erinnern. Sie konnte nicht glauben, dass sie diesen Besuch völlig vergessen hatte. „Das war bei Sophie schwer zu sagen, sie sprach mit jedem, als sei ihr Gegenüber die wichtigste Person der Welt.“

„Bezaubernd“, kommentierte Darina.

„Ja, das war sie“, stimmte Nicola zu. Sie würde Sophie wohl immer vermissen.

„Aber haben Sie diesen Paul Robins je wiedergesehen?“

Nicola schüttelte den Kopf.

„Hätte er nicht anrufen können, wenn Sie nicht da waren?“

„Na ja, ich nehme an, schon“, räumte Nicola ein. „Aber Sophie hätte mir davon erzählt. Ich bin sicher, dass es nur das eine Mal war.“

Was würde diese Untersuchung ans Licht bringen? Nicola hoffte, dass es Job nicht beunruhigen würde. „Hören Sie“, sagte sie zu Darina, „ich bin sicher, dass es eine gute Idee ist, Rorys Vater finden zu wollen, und ich werde Ihnen Martins Kontaktdaten geben, wenn Sie glauben, dass das helfen kann, aber bitte sprechen Sie nicht noch einmal mit meinem Ehemann.“

„Es ist nicht leicht, mit der Ealham Familie verbunden zu sein, oder?“, fragte Darina.

Kapitel 7

Darina dachte über Sophie nach, als sie das Haus von Job und Nicola verließ.

Hatte es ihr wirklich so an Intelligenz gemangelt, wie Nicola angedeutet hatte? Sie schien geradezu unfähig, alleine zu überleben. Sie hatte ihr ganzes Leben in einer geschützten Welt verbracht, umgeben von Liebe. Trotzdem war sie verschwunden und hatte fast acht Monate ohne Kontakt zu einem der Menschen gelebt, die sie bis dorthin gekannt hatte. Wie?

Als sie verschwand, hatten die Ealhams die Polizei eingeschaltet, aber weil Sophie über achtzehn war, hatten sie nicht viel unternehmen können. Allerdings hatte ein freundlicher Beamter inoffiziell beim Sozialamt nachgefragt und herausgefunden, dass Sophie keinerlei Leistungen beantragt hatte. An dem Punkt hatte die Familie befürchtet, dass sie tot war.

Darina hatte von Jemima ein paar zusätzliche Einzelheiten erfragt. Basil war ins Büro gefahren, ehe sie zu Mittag gegessen hatten, und Jemima barsch instruiert, ihm nachzukommen, sobald Mrs. Starr auftauchte.

Beim Hummersalat hatte Jemima Darina von der Boutique erzählt, die sie zur Zeit von Sophies Tod in London geführt hatte, und von dem Mann, mit dem sie verkehrte. „Eines dieser echten Arschlöcher, die einem weniger als nichts geben, dafür alles von dir nehmen und das so charmant und stilvoll tun, dass man ihnen mit größten Freuden bis in alle Ewigkeit alles gibt.“ Ihr Gesicht hatte einen unvertrauten, sehnsüchtigen Ausdruck angenommen. „Er hatte diese dunklen Augen, die einen bis runter zur Muschi zu durchschauen schienen, und was für einen Körper! An manchen Sonntagen haben wir das Bett nicht verlassen. Montags konnte ich dann kaum bis zum Laden kriechen. Oh, es war wundervoll!“ Sie strahlte, während sie sprach.

„Was ist passiert?“

„Was bei meinen Männern immer passiert, er hat etwas anderes gefunden.“ Nicht jemanden, fiel Darina auf. „In Titus’ Fall war es Rafting im Colorado River. Er sagte, das sei kein Ort für eine junge Frau, und dass es nur ein paar Wochen dauern würde. Das war vor fünfzehn Monaten. Ich hörte, dass der Colorado River austrocknet, also vielleicht sehe ich ihn eines Tages wieder.“

„Du hattest seitdem keinen Freund mehr?“ Darina war skeptisch.

„Gütiger Himmel, Darina, hältst du mich für eine Nonne?“ Jemima stellte eine Obstschale und eine Käseplatte auf den Tisch. „Da war Mike, er war Journalist, rannte immer einer Story hinterher und hatte nie Geld. ‚Ich warte auf meine Spesen, Süße‘, war seine Ausrede, jedes Mal, wenn eine Rechnung kam. Ich habe ihn abserviert, als ich James kennenlernte.“ Sie zerteilte einen goldenen Pfirsich. „James war Vermögensberater, fürchterlich reich. Er hat mich in die besten Restaurants ausgeführt und war im Bett fast so gut wie Titus.“

„Und was ging bei ihm schief?“

„Seine Mutter! Sie übte sich darin, eine höllische Schwiegermutter zu sein. James vergötterte sie und sie trieb sich ständig bei uns rum. Die liebe Mami hatte nichts Besseres zu tun, als sich bei unseren Unternehmungen einzumischen. Gerade als ich es nicht mehr aushielt, lernte ich Dominic kennen. Das war vor etwa sechs Monaten.“

„Und wie ist er?“, fragte Darina amüsiert. Sie fand, dass Jemima schon immer Männer zu brauchen schien. Bei dem Urlaub in Italien hatte es nicht lange gedauert, bis sie mit Claudio Kontakt aufnahm, dem Jugendlichen, der immer bei der Villa herumhing. Danach gab es selten einen Tag, an dem sie nicht mit ihm irgendwohin verschwunden wäre. Einmal hatte Claudio einen Freund mitgebracht, und sie waren zu viert losgezogen, aber die Jungs waren nur daran interessiert, den Mädchen das bisschen Kleidung auszuziehen, die sie am Leib trugen. Jemima hatte sich nicht daran gestört, Darina aber schon. „Ehrlich“, hatte sie ihrer Freundin danach gesagt, „du solltest aufpassen. Ich bin nicht prüde, aber haben diese Kerle noch nie etwas davon gehört, wie man eine Frau anmacht?“

„Ach, du!“, war Jemimas einziger Kommentar geblieben. Als sie das nächste Mal vorgeschlagen hatte, zu viert auszugehen, sagte Darina, dass sie lieber den Pool der Villa genießen würde. Sie hatte sich gewundert, dass Jemimas Mutter keine Einwände gegen das Verhalten ihrer Tochter hatte, aber Mrs. Ealham verbrachte den Tag damit, neben einem Longdrink zu sitzen, der sich rapide leerte, bis er nachgefüllt wurde. Der einzige Kommentar, den sie abgab, war, Sophie zu ermahnen, ihren Sonnenhut aufzusetzen. Darina war es, die die Sonnenmilch auf ihren kleinen Körper auftrug, und Jasper unterhielt sie. Job war so schwer zu fassen gewesen wie Jemima.

„Dominic? Sehr lecker!“, sagte Jemima gedehnt. „Unglücklicherweise ist er beim Fernsehen. Mit seinen Arbeitszeiten und der Tatsache, dass Dad zum Bären wird, wenn ich mir freinehme, sehe ich nicht ansatzweise genug von ihm. Wie auch immer, verglichen mit Titus ist er nicht so toll.“ Für einen flüchtigen Augenblick stand ihr Mund offen.

„Ich bin nicht überrascht, dass du keine Zeit übrighast, um nach einer vermissten Schwester zu suchen“, sagte Darina forsch. „Ich bin bloß beeindruckt, dass du es schaffst, dein Privatleben mit der Arbeit für deinen Vater zu kombinieren.“

Jemima sah plötzlich verletzlich aus. „Bitte sag so etwas nicht! Niemand versteht das wirklich; ich brauche Männer, es ist wie ein Hungergefühl. Es geht nicht nur um den Sex, obwohl das auch dazugehört, ich brauche jemanden, auf den ich mich einlassen kann, verstehst du? Jemand, der sich um mich kümmert. Aber das heißt nicht, dass ich nicht gleichzeitig arbeiten kann. Und ich habe mir um Sophie Sorgen gemacht, wirklich.“ Sie saß da, hielt einen halben Pfirsich in der Hand, während der Saft der reifen Frucht langsam auf ihren Teller tropfte. „Zwischen uns war einfach ein zu großer Altersunterschied. Ich und Job gehörten zusammen, so wie sie und Jasper.“ Sie starrte Darina an, ihr ausdrucksstarkes Gesicht war verzagt. „Wie ich dir gesagt habe, war sie nicht das hellste Kind. Dad schien es nicht zu bemerken, aber mit ihr eine Unterhaltung zu führen war, als würde man mit jemandem sprechen, der nicht weiß, was es geschlagen hat. Sie hatte keine Vorstellung von dem Leben, das ich führte, und war nicht daran interessiert, davon zu hören. Aber ihr kleines Hirn schien für Dad keine Rolle zu spielen.“ Sie legte das Pfirsichstück auf ihren Teller und sah es an, als könnte ein Skorpion daraus hervorkriechen.

Sie war eifersüchtig auf ihre Schwester, ging es Darina plötzlich auf. All die Jahre war Basil nicht bei ihr in der Schule aufgetaucht und hatte sie im Urlaub alleingelassen, während sie sich verzweifelt nach seiner Aufmerksamkeit gesehnt hatte. Stattdessen schien er die ihrer kleinen Schwester geschenkt zu haben. „Vielleicht hat er auszugleichen versucht, dass sie keine Mutter hatte“, bot sie an.

„Er fühlte sich wohl eher schuldig“, sagte Jemima verbittert. „Wie Mum ihn all die Jahre ertragen hat, werde ich nie verstehen. Ehe, pah! Wer braucht die schon!“

Darina hatte kein Bedürfnis, dieses Argument weiter zu beleuchten. „Aber sagtest du nicht, dass er deine Boutique finanziert hat? Und jetzt gibt er dir eine Arbeit, die du anscheinend gerne machst.“

„Nur damit er seine Macht demonstrieren kann“, sagte Jemima bitter. „Er hat uns nie wirkliche Unabhängigkeit zugestanden. Jasper bekommt Taschengeld, damit er schreiben kann, aber es reicht nicht, um sich eine eigene Wohnung zu nehmen.“

Darina dachte, welches Glück Jasper hatte, seine Schriftstellerei nicht mit einem Beruf finanzieren zu müssen.

„Und mein Lohn reicht auch nicht ansatzweise dafür, dass ich weiter alleine leben kann. Das Problem ist, dass wir uns an dieses Leben gewöhnt haben.“ Jemima warf einen allumfassenden Blick auf den wunderschön eingerichteten Raum, das Silber und Kristall auf dem Tisch, die wunderbar reifen Früchte und den Käse. „Aber ich könnte es nicht ertragen, wenn Rory all das durchmachen muss, was wir aushalten mussten, all die Schikanen und das Geschrei, und dass Dad nie da ist, wenn man ihn braucht.“ Es lag echte Hoffnungslosigkeit in ihrer Stimme.

Darina hatte sich darauf vorbereitet, ihr zu sagen, dass sie die ihr hoffnungslos erscheinende Aufgabe nicht übernehmen würde, aber unerwarteterweise berührte es sie. „Erzähle mir mehr von der Geschichte im Krankenhaus“, schlug sie vor. „Hat jemand sie dorthin gebracht, oder kam sie in einem Krankenwagen? In beiden Fällen müsste es einen Namen oder Aufzeichnungen über eine Adresse geben.“

Jemima schüttelte den Kopf. „Wenn es nur so einfach gewesen wäre! Anscheinend brach sie auf offener Straße zusammen und ein Ladenbesitzer rief den Krankenwagen.“

„Und woher wusste das Krankenhaus, wen sie anrufen mussten? Hat sie es ihnen gesagt?“

„Nein, ich glaube sie lag im Koma, als sie ankam. Dad sagte, dass sie ihren Führerschein mit ihrer Adresse gefunden hätten und von der Telefonauskunft die Nummer bekamen.“

„Der Führerschein? In ihrer Handtasche?“

Jemima nickte.

„War sonst nichts da, womit man sie hätte identifizieren können?“

„Hör mal, ich habe dir doch gesagt, dass wir auf keinem Weg herausfinden konnten, wo sie gelebt hatte.“

„Wo genau ist sie zusammengebrochen?“

Jemima grinste plötzlich. „Ich wusste, dass ich Recht hatte, dich um Hilfe zu bitten, du lässt nicht vom Nachfragen ab.“ „Was hast du erwartet? Dass ich Informationen aus dem Nichts herbeizaubern würde? Also, wo hat dieser Krankenwagen sie aufgelesen? Ich kann mir nicht vorstellen, dass dein Vater das nicht gefragt hat.“

„Oh, ja! Er verhörte jeden, den er in die Finger bekam. Sie war in der Portobello Road, als sie zusammenbrach. Und es bringt nichts, mich zu fragen, was sie dort tat.“

„Hatte sie eine Einkaufstasche dabei?“

„In ihrer Manteltasche war eine Art Einkaufsnetz.“

Hatte sie gerade mit den Einkäufen angefangen, als sie zusammengebrochen war? „Und zu welcher Tageszeit war das?“

„Ein Uhr.“

„Mittagszeit“, sagte Darina nachdenklich. „Was weißt du sonst noch?“

„Also“, Jemima stützte die Ellbogen auf den Tisch und spielte an einem Ring herum, während sie sprach. „Wie du dir vorstellen kannst, ist Dad ziemlich gründlich an die Sache herangegangen. Der Fahrer des Krankenwagens sagte wohl, dass Sophie gerade wieder zu Bewusstsein gekommen war, als sie sie abholten. Jemand hatte ihr einen gefalteten Mantel unter den Kopf gelegt und ihre Hand gehalten. Sie sagte dem Notarzt, dass sie Kopfschmerzen hatte und ein Gefühl, als hätte sie jemand angefahren. Er fragte die Umstehenden, ob jemand etwas gesehen habe, aber mehrere Leute sagte, dass sie einfach zusammengebrochen sei. Der Sanitäter konnte nichts feststellen, außer, dass ihre Hände, Beine und Füße fürchterlich geschwollen waren.

Sophie sagte, dass sie sich furchtbar fühle, und er beschloss, sie ins Krankenhaus zu bringen. Unterwegs übergab Sophie sich und als sie ankamen, war sie ins Koma gefallen.“ Jemima zog den Kopf ein und strich sich mit dem Daumen über die Stirn. „Ich hasse es, sie mir so vorzustellen, ganz allein.“ Sie schien wirklich gerührt zu sein. Wenn sie eifersüchtig gewesen war, weil Sophie ihren Vater an sich gebunden hatte, schien es die Liebe zu ihrer Schwester nicht beeinflusst zu haben.

„Und sie hat ihnen nichts von sich erzählt?“, fragte Darina sanft.

Jemima schüttelte den Kopf. „Wie gesagt, sie fanden die hiesige Adresse auf dem Führerschein. Mrs. Starr gab ihnen die Nummer von Dads Büro. Er sagte, die erste Diagnose sei gewesen, dass Sophie einen Schlaganfall hatte.

„Ein Schlaganfall?“ Eine 19-Jährige? Darina konnte es nicht glauben.

„Ich weiß“, sagte Jemima traurig. „Aber anscheinend kommt das vor. Erst als sie sie untersuchten, stellten sie fest, dass sie schwanger war.“

„Gütiger Himmel!“

„Man sah es ihr nicht an, musst du wissen. Sie trug ein weites Kleid und das Baby war so klein. Dann wurde ihnen klar, dass sie unter Präeklampsie litt, das ist eine Form der Blutvergiftung“, fügte sie freundlicherweise hinzu. „Da holten sie das Geburtshilfe-Team dazu, das feststellte, dass das Baby Schwierigkeiten hatte, und einen Kaiserschnitt durchführte. Das Ergebnis: Ein winzig kleiner Rory, doch Sophie erlangte nie ihr Bewusstsein zurück. Anscheinend war es ein Aneurysma im Gehirn, eine Schwäche in einem Blutgefäß, das dann geplatzt ist.“

Darina fiel nichts Hilfreiches ein, was sie sagen konnte.

„Sie sagten außerdem, dass sie halb verhungert war“, fügte Jemima im nächsten Augenblick hinzu.

„Halb verhungert?“, wiederholte Darina erstaunt.

„Na ja, unterernährt hat Dad eigentlich gesagt.“

„Und das war wie lange, nachdem Sophie verschwunden war?“

„Acht Monate.“

„Also könnte sie schwanger gewesen sein, als sie ging. Vielleicht war das sogar der Grund!“

Jemima beugte sich vor, um den Rest des Pfirsichs zu essen, der Saft tropfte ihr vom Kinn. „Dad sagt, dass Rory etwa sechs Wochen zu früh zur Welt kam. Bei der Geburt war er winzig. Also sei es unmöglich herauszufinden, mit wem Sophie geschlafen hat, sagt Dad, weil es jemand gewesen sein muss, den sie traf, nachdem sie Job und Nicola verließ, und wir wissen nicht, wohin sie ging.“

Und das war alles, was Jemima ihr hatte sagen können.

Es war nicht viel, womit sie arbeiten konnte. Allerdings gab es ein paar Anhaltspunkte, denen Darina nachgehen konnte.

Als sie nach den Gesprächen mit Job und Nicola wieder in ihrem Haus war, schob Darina das Sophie-Problem entschlossen beiseite. Wenn die Klärung von Rorys Abstammung siebzehn Monate Zeit gehabt hatte, würden ein paar Stunden oder auch Tage keinen großen Unterschied machen. Vor drei Wochen hatte Darina ihren letzten Koch-Artikel abgeliefert und bislang hatte sie kein Glück mit weiteren Aufträgen gehabt. Oh, wie sehnte sie sich nach der Zeit zurück, als sie eine regelmäßige Kolumne hatte und sich nur um den Inhalt sorgen musste!

Darina holte ihre Mappe mit Notizen heraus. Sie blätterte einige Ideen durch: Zehn Nudelsoßen in zehn Minuten, sieben Variationen von einfachem Brotteig, ein skandinavisches Büffet für dreißig Personen, Sommerpicknick. Keine davon begeisterte sie, und was brachten Ideen für ein Sommerpicknick im September? Besonders bei Zeitschriften, die schon über Weihnachtsthemen nachdenken würden.

Weihnachten! Natürlich! Sie hatte keinen Gedanken an das große Schlemmen zu Hause verschwendet, wenn Zeitschrift um Zeitschrift Beilagen produzieren würde, die die verzweifelte Köchin durch die Weihnachtszeit führen würde, die jedes Jahr länger zu werden schien. Das Weihnachtsfest war beinahe wieder wie damals, als die Festivitäten zwölf Tage lang gedauert hatten.

Darinas Laune besserte sich. Eine Rezeptreihe für die zwölf Weihnachtstage? Wobei sie festliche Gerichte aus aller Welt einbringen könnte, und ein paar aus der Geschichte des Weihnachtsessens. Es war wahrscheinlich zu spät, eine Zeitschrift dafür zu begeistern, aber vielleicht für ein Großformat in der Zeitung?

Ihre Fantasie war endlich geweckt, Darina schaltete den Computer an, machte Notizen und zog Bücher aus ihrer umfangreichen Bibliothek zu Rate.

Tief in den Mysterien von weihnachtlichem Porridge, Mince Pies aus Rumpsteak, einem schwedischen Gericht aus verrottetem Fisch und etlichen Schinkenvariationen versunken, verlor Darina das Zeitgefühl. Am Nachmittag ging sie für weitere Nachforschungen in die Westminster Bibliothek und verbrachte den Abend damit, an Rezeptideen zu arbeiten. William rief an, um zu sagen, dass sich etwas ereignet hätte und er sich verspäten würde. „Ist es etwas Aufregendes?“, fragte sie. Doch er hatte schon aufgelegt und kam so spät zurück, dass sie bereits schlief.

Als sie erwachte, lag sie in einem leeren Bett und hörte, wie die Haustür ins Schloss fiel.

Sie wusste mittlerweile, dass William ihr sagen würde, woran er arbeitete, wenn er es für richtig hielt, also machte sie sich wieder an ihre Idee für den Artikel und schickte sie an einen hoffentlich aufgeschlossenen Redakteur.

Das Telefon klingelte, als sie von der Post zurückkam.

„Hast du schon etwas herausgefunden?“ Es war Jemima.

„Himmel, lass mir ein wenig Zeit!“

„Aber hast du Kontakt zu Job aufgenommen?“

„Ja, ich war gestern Morgen dort und habe mit ihm und Nicola gesprochen.“

„Und?“

„Nicht sehr viel“, sagte Darina abweisend. „Aber kennst du jemanden namens Paul Robins? Ich glaube, er arbeitet für Val Douglas.“

„Paul? Natürlich kenne ich ihn. Er ist ein Ekel, macht PR für Val. Wo kommt er ins Spiel?“

„Anscheinend hat er Sophie besucht, während sie bei Job und Nicola wohnte.“

„Paul? Das hat mir niemand erzählt!“

„Hast du seine Telefonnummer?“

„Ich kann sie besorgen. Val scheint im Moment sogar bei uns zu wohnen. Ihre Fabrik ist vorletzte Nacht abgebrannt.“

„Gütiger Himmel! Was ist passiert? Unzuverlässige Elektrik oder verbrannte Kuchen?“

„Die Polizei scheint es für Brandstiftung zu halten“, sagte Jemima unbekümmert. „Sie werden heute Nachmittag kommen, um sie zu befragen, und Dad spielt den großen Beschützer, besteht darauf, dass sie nicht alleine sein darf.“

„Sie hat doch Familie, oder? Ich meine, mich an mindestens zwei Kinder zu erinnern.“

„Sie sind beide erwachsen und haben das Nest verlassen“, sagte Jemima ungeniert. „Ich glaube nicht, dass Dad sich sonst auf sie eingelassen hätte. Kannst du morgen vorbeikommen? Es ist Samstag und ich habe frei! Du kannst Rory wiedersehen und mich auf den neuesten Stand bringen. Wir haben auch noch nicht besprochen, was deine Dienste kosten.“

Darina war kurz davor zu sagen, dass Jemima sich darum keine Sorgen machen müsse, als sie dachte, nein, vergiss es, diese Ermittlung kostet wertvolle Zeit, sie sollte dafür bezahlt werden. „Okay, wir sehen uns morgen früh.“

Darina durchsuchte den Kühlschrank nach Mittagessen und fand schließlich kalte Nudeln mit Pesto, die sich ganz hinten versteckt hatten, beschloss, dass der Geschmack die angetrockneten Ränder wert war und nahm sie zusammen mit ihren Notizen zu Sophie in den Garten mit.

Der zeitliche Ablauf von Rorys Geburt schien entscheidend zu sein. Laut Jemimas Aussage musste er gezeugt worden sein, kurz nachdem Sophie Job und Nicola verlassen hatte.

Darina sah die beiden Namen an, die sie in ihrem Notizbuch eingekreist hatte. Einer von beiden musste mehr wissen, als er bislang rausgerückt hatte. Eigentlich hatte Paul Robins sogar noch gar nichts erzählt. Na ja, er würde warten müssen, bis Jemima ihr seine Telefonnummer gegeben hatte. Aber Nicola hatte ihr die Telefonnummer des Büros von Martin Price gegeben. Warum nicht seinen Hausanschluss? Bedeutete das, dass sie wusste, wenn auch nur unterbewusst, dass Martin Sophie auf irgendeine Weise nähergekommen war?

Darina sah auf ihre Armbanduhr. Kurz nach zwei. Niemand hielt heute noch lange Geschäftsessen ab. Sie griff nach dem Telefon und wurde von einer eifrig klingenden, jungen Frau aus der Telefonzentrale durchgestellt.

„Martin Price“, sagte eine gelassene Stimme.

Darina stellte sich vor und sagte dann: „Nicola Ealham hat mir Ihren Namen genannt.“

„Ja“, sagte die Stimme auf beruhigende Weise, als hätte sie ihr Recht zu diesem Kontakt geltend gemacht.

„Ich untersuche die letzten Monate von Sophie Ealhams Leben.“ Darina hielt inne als sie hörte, wie scharf die Luft eingesogen wurde. „Nicola sagte, dass Sie mit Sophie im Kino waren, ein paar Tage, bevor sie ihr Haus verließ, und ich habe mich gefragt, ob sie bereit wären, mit mir über diesen Abend zu sprechen.“

Nach einem kurzen Zögern sagte Martin Price: „Wie Nicola Ihnen sicher gesagt hat, weiß ich nichts darüber, was mit Sophie geschehen ist.“ Der Nachteil davon, übers Telefon mit jemandem zu sprechen, bestand darin, dass man das Gesicht des Gegenübers nicht sehen konnte, insbesondere die Augen. Der Vorteil war, dass man sich vollständig auf die Stimme konzentrieren konnte, und Stimmen konnten so viel preisgeben wie Augen, manchmal sogar mehr. Das behagliche Selbstvertrauen war aus Martins Stimme gewichen.

„Das hörte ich, aber ich muss mit jemandem außerhalb der Familie sprechen, verstehen Sie?“

Er ließ sich nicht entwaffnen. „Das ist so lange her, ich glaube nicht, dass ich von Nutzen wäre.“

„Es ist erstaunlich, woran man sich erinnert, wenn man anfängt, darüber zu sprechen“, sagte Darina überzeugend. „Ich weiß, dass es ziemlich aussichtslos ist, aber na ja, das ist wie bei einem Exorzismus.“ Das Wort war aus Nicolas Beschreibung von Sophie entsprungen und es schien, als würde es bei Martin Price etwas in Erinnerung rufen, denn ein sehr schwaches Seufzen drang durch die Leitung.

„Ich kann wohl nicht nein sagen, wenn Sie glauben, dass es helfen würde.“

„Das ist sehr großzügig von Ihnen, Mr. Price. Könnte ich in Ihr Büro kommen, oder soll ich Sie lieber zu Hause besuchen?“

„Nein, nein!“, sagte er rasch. „Mein Büro wäre am besten. Haben Sie einen Zeitpunkt im Sinn?“

„In einer Stunde?“, schlug Darina vor.

Es entstand eine Pause. Martin Price wog offensichtlich das Für und Wider ab. „Ich bin heute Nachmittag sehr beschäftigt. Hören Sie“, sagte er plötzlich zielstrebig, „warum treffen wir uns nicht irgendwo auf einen Drink?“

Er wollte neutralen Boden, war nicht scharf darauf, dass sie in sein Hoheitsgebiet eindrang. Darinas Interesse wuchs. „Gern, was schlagen Sie vor?“

„Warum nicht das Savoy? Ich könnte um“, er hielt inne und Darina stellte sich vor, dass er erst auf die Uhr und dann auf seinen Schreibtisch sah, „sagen wir, sechs Uhr dort sein.“

„Gut“, sagte sie schnell, ehe er seine Meinung ändern konnte. „In der Grill-Bar?“

„Genau!“, sagte er herzlich. „Wie erkenne ich Sie?“

„Groß, schwer und blond“, sagte sie.

Er antwortete auf bewundernswerte Weise: „Ich kann es kaum erwarten! Bis dann.“

Darina erkannte ihn sofort, als sie die belebte Bar betrat. Nicht weil er allein war, sondern an seinem Gesichtsausdruck. Sie hatte einen besorgten Mann vor sich. Sein Blick schweifte durch die Bar und eine Hand tippte ruhelos auf die Armlehne seines Stuhls, die andere hielt ein Getränk, das wie Gin Tonic aussah und an dem er nervös nippte.

Sie trat zu ihm. „Martin Price?“

Er schreckte auf und verschüttete etwas von seinem Getränk, als er aufstand. „Darina Lisle?“

„Es ist sehr freundlich, dass Sie mich so treffen.“ Sie lächelte ihn an, setzte sich, nahm ein sehr kleines Notizbuch aus ihrer Handtasche und legte es auf ihr Knie.

Martin Price betrachtete es, als könnte es Plastiksprengstoff enthalten.

Sie schenkte ihm erneut ihr beruhigendes Lächeln. „Ich habe so ein schlechtes Gedächtnis, aber wenn es sie beunruhigt, stecke ich es weg.“

„Nein, gar nicht“, sagte er schnell und schaffte es, die Aufmerksamkeit eines Kellners auf sich zu lenken. „Was trinken Sie?“

„Ein trockener Weißwein wäre schön.“

Er hatte das ausgeprägte Aussehen eines Schnüfflers, mit einem faltigen Gesicht und tiefen Tränensäcken unter den verwaschenen, blauen Augen, die sich hinter einer Schildpattbrille versteckten. Er sah mittelgroß aus, mit schmalen Schultern und trug einen gut geschnittenen Anzug.

Der Kellner verschwand und Martin strengte sich sichtlich an, hilfsbereit und unbesorgt zu wirken. „Jetzt schauen wir mal, was ich Ihnen erzählen kann. Ich fürchte, dass es nicht viel sein wird. Die arme Sophie, ich war sehr bestürzt, als ich erst hörte, dass sie verschwunden war, und dann natürlich, als ich von ihrem Tod erfuhr.“ Er nahm seine Brille ab, zog ein Taschentuch hervor und rieb sie fest ab, während er schnell blinzelte.

„Das muss ein schwerer Schock gewesen sein“, sagte Darina sanft. „Und Sie wussten wirklich nicht, dass sie vorhatte, ihren Bruder und ihre Schwägerin zu verlassen?“

Er setzte die Brille wieder auf, schob das Taschentuch in seine Tasche zurück und schüttelte entschieden den Kopf. „Überhaupt nicht. Das habe ich auch Job und Nicola damals gesagt, ich war so schockiert wie sie.“

„Und Sie kennen keinen Grund, warum sie hätte gehen wollen?“

Wieder das deutliche Kopfschütteln. „Ich wünschte, ich hätte etwas gewusst, das habe ich ihnen damals gesagt.“ Er klang wie eine kaputte Schallplatte, die nur eine Zeile wiederholte.

Ihr Weißwein traf ein und Darina prostete ihm zu. „Danke hierfür“, sagte sie.

Er blinzelte nervös.

Sie setzte das Glas ab. „So, können Sie sich erinnern, welchen Film Sie angeschaut haben?“

Sein Gesicht erhellte sich, offensichtlich bewegten sie sich hier auf sicherem Gebiet. „Sicher. Es war Schlaflos in Seattle. Sophie kannte ihn noch nicht und er wurde in einer Art Wiederaufführungs-Phase in der Nähe der Ealhams gezeigt.“

„Wo wohnen Sie?“, fragte Darina schlicht.

„In der Nähe von Ladbroke Grove“, sagte er mechanisch.

Der Lärm der Bar trat in den Hintergrund.

Ladbroke Grove war nur ein paar Straßen von der Portobello Road entfernt, wo Sophie zusammengebrochen war. Hatte noch niemand zuvor diese Verbindung gezogen? Doch Jemima kannte die Prices womöglich nicht, und vielleicht wussten Job und Nicola nicht, wo der Krankenwagen Sophie aufgelesen hatte.

„Ich glaube, Ihre Frau war zu der Zeit nicht da“, sagte Darina und schrieb den Namen des Films in ihr kleines Notizbuch. Eine Notiz zu seinem Wohnort brauchte sie nicht.

„Das ist richtig.“ Der besorgte Blick war zurück. „Eleanor musste nach Cornwall, um sich um ihre Mutter zu kümmern“, fügte er schnell hinzu.

„Schön, dass Sophie jemanden hatte, der sie ausführte“, fuhr Darina locker fort. „Nicola sagte, dass sie anscheinend keinen festen Freund hatte.“

„Nein.“ Martin spielte an seinem Glas herum. „Sie sagte, es fiele ihr schwer, mit Männern zu sprechen.“

„Aber bei Ihnen fand sie es nicht schwer?“, bot Darina an.

Er wandte sich ihr mit einem intensiven Blick zu. „Sie sagte, dass sie sich bei mir entspannen könne, ich würde sie nicht einschüchtern.“

„Einschüchtern?“ Darina wiederholte das Wort mit feinfühliger Betonung. „Hatte sie schlechte Erfahrungen gemacht?“

Details

Seiten
0
Erscheinungsform
Erstausgabe
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783960873402
ISBN (Buch)
9783960874768
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v439293
Schlagworte
England Großbritannien Amateur-Privat-detektiv-in Agatha Christie liebe-frauen-roman-tik-s-e-lustig-humor-voll co-zy-sy-crime-krimi Millionär freundschaft

Autor

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    Janet Laurence (Autor)

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Titel: Mord macht Appetit (Krimi, Cosy Crime)