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Fluch der Ewigkeit (Romantasy)

von Linda Budinger (Autor)

2018 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

Die junge Medizinstudentin Verena hat eine ebenso geheimnisvolle wie beunruhigende Fähigkeit: Sie kann die Aura von Menschen sehen und erkennen, ob sie dem Tod geweiht sind. Als sie eines Nachts im Park einen grausigen Fund macht, ahnt sie nicht, dass sie damit eine Kette unheilvoller Ereignisse in Gang setzt, die ihr gewohntes Leben für immer verändern wird …

Als Verena kurze Zeit später eine Stelle zur Pflege einer alten Dame in einem einsamen Herrenhaus annimmt, fühlt sie sich unwiderstehlich zu deren charismatischem Sohn hingezogen. Doch ihre Gefühle und ihre Gabe sprechen eine unterschiedliche Sprache. Kann sie dem düsteren Mann trauen? Und welches alte Geheimnis birgt das labyrinthische Herrenhaus?

Impressum

dp Verlag

Überarbeitete Neuausgabe Oktober 2018

Copyright © 2020 dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

Taschenbuch-ISBN: 978-3-96087-409-6
E-Book-ISBN: 978-3-96087-410-2

Copyright © März 2010, Sieben Verlag
Dies ist eine überarbeitete Neuausgabe des bereits März 2010 bei Sieben Verlag erschienenen Titels Unter dem Vollmond (ISBN: 978-3940235916).

Covergestaltung: Elica Design
unter Verwendung von Motiven von
shutterstock.com: © Ralf Gosch
pixabay.com: © rkarkowski, © pascalmwiemers
Lektorat: Daniela Pusch

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

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dp Verlag

Meiner Mutter Brigitte in liebevollem Gedenken.

 

Besonders bedanken möchte ich mich bei der ›Instant‹-Leserin und Autorenkollegin Andrea Tillmanns, die mir zeitnahes Feedback zur Erstfassung des Romans zukommen ließ.

 

Vielen Dank auch an Steffi Zurek, für den Einblick in ihre Arbeiten zum Sujet der gothic novel, namentlich:

 

»Elemente des Schauerromans in Jane Austens Northanger Abbey« (Hausarbeit von Stefanie Zurek) und
»Elements of the Gothic in Contemporary Popular Culture: The Case of Supernatural« (Magisterarbeit von Stefanie Zurek).

 

Schließlich geht noch ein ganz spezielles Dankeschön an ›Kurt‹ und Charlie für Sandman.

 

Und natürlich Alexander Lohmann für seine Geduld und Unterstützung.

Prolog

Zu beiden Seiten des Autos zogen Scheinwerfer vorbei, beruhigende Funken in der Dämmerung. Auf dem Rücksitz drehte Verena ihren MP3-Player auf und wippte im Takt der Melodie mit dem Kopf. Bumbadabum.

Der Regen malte Kreise auf die Autoscheiben, wie blühende Batikmuster. Als der Wagen Tempo aufnahm, wurden aus den Platschern gewundene Schneckenspuren. Verena spürte die Beschleunigung übermütig im Bauch kitzeln, als der VW ihrer Eltern durch tiefe Pfützen über die Autobahn pflügte. Verena dachte sehnsüchtig an die Bretagne, wo sie gerade herkamen, und deren südliche Sonne sie als helle Strähnen in der karamellbraunen Mähne trug.

Sie äugte zu Marion hinüber. Ihre kleine Schwester war auf ihrer Sitzerhöhung eingeschlafen, nachdem sie zuvor ewig gequengelt und am Gurtschloss herumgespielt hatte, weil sie ihr Kuschelmonster an sich drücken wollte. Nun war Marion endlich still.

Verena ließ den Kopf gegen das kühle Fensterglas sinken. Unzählige Reifen und Motoren erzeugten ein Brausen auf der Autobahn. Wasser sprühte am VW hoch wie unter einem Boot bei starkem Seegang.

Verena machte die Musik leiser, damit sie sich zum Wasserrauschen vorstellen konnte, auf dem Meer unterwegs zu sein. In ihren Träumen schlüpfte sie in eine andere Haut: War Popstar oder Hochseilartistin … Aus einem dieser Kokons würde sie jenseits ihrer unspektakulären 13 Jahre als Schmetterling herausschlüpfen und alle verzaubern, die sie bisher übersahen.

Ein heftiger Ruck und ein ohrenbetäubender Knall rissen sie aus ihren Phantasien. Das Auto bockte wie ein Wildpferd und der Sicherheitsgurt straffte sich. Verenas Blick irrte in den Regenvorhängen umher. Sie erfasste vorüberziehende Pfosten, die Leitplanke und im Rückspiegel das angespannte Gesicht ihres Vaters, der wild am Lenkrad kurbelte. »Was ist los? Wieso hupen denn alle?!«

Die Mutter saß starr auf dem Beifahrersitz. Ein Scheppern drang Verena bis auf die Knochen. Die Lichter, die sie bisher begleitet hatten wie treue Hunde, wandten sich gegen sie, blendeten. Etwas geschah mit dem Wagen, geschah mit der Welt.

Die Umgebung kippte zur Seite und der Gurt drückte Verena die Luft aus den Lungen, wie einem Aufblasball. Verena verlor die Orientierung. Marion purzelte kreischend durch den Innenraum. Das Autodach verformte sich, wollte sie erdrücken. Verena schrie entsetzt auf. Sie prallte seitlich gegen das Fenster, schlug sich den Kopf an. Alles drehte sich, splitterte und versank im Chaos.

Die Stille, nachdem der Wagen zur Ruhe kam, war unwirklich und wohltuend zugleich. Verena schmeckte Blut. Es roch im Auto scharf und metallisch. Sie wollte sich zusammenkauern, doch ihr rechtes Bein steckte fest. Verena fühlte sich benommen. War sie ohnmächtig geworden? Aber aus den Kopfhörern drang noch immer das gleiche Lied wie vor dem – Unfall?

Hatten sie tatsächlich einen Unfall gebaut? Verena wollte sich befreien und stöhnte auf. Bumbadabum. Die Musik machte sie jetzt rasend! Ihr Bein fühlte sich fremd an, als wäre es kein Teil ihres Körpers. Verena wünschte fast, dem wäre so, denn vor Schmerz war ihr übel. Sie ertastete unterhalb des Oberschenkels klebrige Flüssigkeit und – Splitter! »Es tut so weh«, jammerte sie kraftlos und fing an zu zittern.

Nichts rührte sich auf den Vordersitzen. »Mama? Papa? Helft mir doch.«

Verena hatte Mühe, Worte hervorzubringen. Sie hörte ein Stöhnen und zog die störenden Ohrknöpfe heraus. »Ich kann euch nicht verstehen.« Dann schob sich ein anderes Geräusch in ihre Wahrnehmung.

Marion weinte, unerreichbar fern und doch nicht weiter als eine Umarmung von ihr fort. Die kleine Gestalt der Schwester war im Dämmerlicht kaum auszumachen. Ihre dunklen Zöpfe hatten sich gelöst und dicke Haarsträhnen verdeckten das Gesicht. Erst auf den zweiten Blick erkannte Verena das Blut. Sie reckte sich nach Marion, aber die Schmerzen im Bein rissen sie brutaler zurück, als der verklemmte Gurt es vermochte. Furcht kroch von ihrem Nabel aus die Kehle hoch und drohte sie zu ersticken. Ein grünes Schimmern erfüllte die Wagenfront. Kam das von den Instrumenten? Nein, es war irgendwie anders.

»Mama! Sag doch endlich was! Du machst Marion Angst.«

Verenas Bitte blieb ungehört. Die Rückenlehnen schirmten sie von den Eltern ab wie eine Wand. Eine verkrümmte Faust umklammerte noch die Handbremse. Und war das da Marions zerdrücktes Kuscheltier oder der Kopf ihrer Mutter? »Nein … nicht«, stammelte Verena. Ihr Flehen erstarb auf der Zunge.

Das fahlgrüne Licht umgab die Körper ihrer Eltern wie ein Leichentuch. Die Angst wurde zur furchtbaren Gewissheit.

Ein Beben schüttelte Verena, schlimmer als zuvor. Sie schaute weg. Ihr Magen glich einem Knäuel Stacheldraht.

Marion schrie jetzt, abgehackt und schrill.

Verena schluckte. Sie zerrte am Gurt.

»Marion, Süße, bleib ruhig. Es wird alles gut!« Das glaubte sie ja selbst kaum. Ohne eine tröstende Hand zur Unterstützung erreichten die Worte ihre Schwester einfach nicht. Das Geschrei sank zu einem Wimmern herab und dann zu leisen Klagelauten.

Draußen sausten gleichmütig Autos vorbei. Die Geräusche schwollen an und ab, bis Verena schließlich gar nichts mehr wahrnahm. Ihre Ohren fühlten sich an wie mit Watte ausgestopft. Tränen strömten über Marions Wangen. Verena konnte die Kleine weder hören noch ihr helfen. Zu weit weg …

Der geisterhafte Lichtschein griff über auf das kleine Mädchen. Bis die Helfer eintrafen, hatte Verena ihre Schwester sterben sehen.

Kapitel 1

»Wenn ich am Kopfende des Bettes stehe, wird der Kranke nicht mehr genesen. Siehst du mich aber am Fußende stehen, so wird der Kranke gesund, so schwer sein Leiden auch sein mag.«

 

Die Herrin des Todes und ihr Patensohn

Märchen aus Frankreich

10 Jahre später

Frau Melzer würde nicht durchkommen, das wusste Verena gleich. Ihre Aura blutete ins Nirgendwo, rötliche Fäden faserten von ihrem inneren Licht ab und verblassten. So sah es kurz vor dem Ende immer aus, wenn die Lebenskraft eines älteren Patienten derart abgenommen hatte, dass sie sich schließlich wie ein ausbrennendes Feuer selbst verzehrte.

Bei der Übergabe an das Pflegepersonal der Frühschicht verschwieg Verena diese Beobachtungen und wies nur auf den schlechten Allgemeinzustand der alten Dame hin. Puls, Blutdruck … Werte, die jede erfahrene Schwester und jeder Mediziner deuten konnten.

Ehe sie den Raum verließ, bettete Verena Frau Melzers Kopf höher, damit ihr der Speichel nicht aus dem Mundwinkel lief. Natalie Melzer legte großen Wert auf ihr Erscheinungsbild und ausgesuchte Kleidung. Einige Kolleginnen lästerten hinter vorgehaltener Hand darüber.

Verena schluckte. Sie spürte, wie sich ihr Kehlkopf verkantete. Dem Tod eines anderen machtlos ins Auge zu sehen war nie leicht. Noch drei Stunden, vielleicht vier, dann wäre es zu Ende. Mit Anbruch des neuen Tages würde ein altes Leben erlöschen.

Verena seufzte und dachte, wie gut es war, dass das erst nach ihrer Schicht passierte. Sie hatte mit ihren Ahnungen bezüglich der Todeszeit oft bis auf die Stunde genau richtig gelegen. Seither tuschelte man über sie im Schwesternzimmer. Todesengel. Verenas Gabe war anderen Menschen unheimlich. Daher teilte sie ihr Wissen nur, sofern noch Hoffnung für einen Patienten bestand und sein Überleben daran hing, dass er rasch die nötige Versorgung bekam. Es war zermürbend genug, Revierkämpfe mit den Ärzten auszufechten, von denen einige es nicht schätzten, wenn eine Pflegekraft nach Höherem strebte. Falls sie je laut aussprach, wie sie ihr befremdliches Wissen gewann, würde man Verena in eine Klinik ganz anderer Art einweisen.

Verena hängte den Schwesternkittel in den Schrank, wickelte sich den blaugrünen Schal um den Hals und schlüpfte in ihren grauen Wollmantel. Sie machte sich auf den Weg ans andere Ende der Stadt. Nach Hause, endlich.

Es war noch dunkel draußen. Die frische Morgenluft legte sich wie ein Eispanzer auf ihr seit dem Autounfall lädiertes Knie. Die Kälte schien dort kleine Kristalle zu bilden, die bei rau über den Knochen schmirgelten. Der Schmerz sickerte bei jedem Schritt tiefer ins Gewebe.

Verena erreichte rechtzeitig den Bus und döste neben schläfrigen Frühaufstehern ihrem Bett entgegen. Das war für sie ein gewaltiger Fortschritt. Nur Dank einer langjährigen Verhaltenstherapie hatte Verena gelernt, die tägliche Fahrt in einem geschlossenen Fahrzeug angstfrei zu überstehen. Da Verena Autofahrten hasste, besaß sie weder Führerschein noch Auto und war auf den öffentlichen Nahverkehr angewiesen.

Zuhause würde sie noch die Kapitel über Gefäßkrankheiten memorieren und endlich in die Kissen sinken. Sie hoffte auf einen ruhigen Vormittag, damit sie neue Kraft schöpfen konnte und für die Vorlesung fit war. Wenigstens begannen bald die Semesterferien, dann wurden Klausuren geschrieben.

Die Welt war für Nachtarbeiter schlecht eingerichtet. Oder passten Leute wie sie einfach nicht hierher?

Verena wollte den Anflug von Selbstmitleid schon als melodramatisch abtun, ehrlich betrachtet, fühlte sie sich aber oft wie ein absonderlicher Einzelkämpfer.

Wenn sie sich dagegen die glatte Karriere von Oberarzt Karden ansah! Der war in den Fußstapfen seines Vaters leicht durchs Medizinstudium gelangt. Verena würde gerne gönnerhafte Platzhirsche wie ihn sehen, wie sie neben der Arbeit in der Klinik noch ein Studium bewältigten.

Dr. Karden hatte Verena heute zu Beginn ihrer Schicht gerügt, weil sie so müde aussah. »Bei Ihnen weiß man ja nie, ob Sie in ein Bett auf Station gehören oder ins Schwesternzimmer. Sie wissen, ich bewundere Leute, die mehr aus ihrem Leben machen wollen, Frau Seiler. Aber sind Sie den Belastungen durch ein Studium wirklich gewachsen?«

Dieser falsche Kerl! In Wahrheit hatte er Verena auf dem Kieker, seit durchgesickert war, dass sie sich weiterbildete, um eines Tages Ärztin zu werden.

So sehr sie Kardens Jovialität auch verabscheute, sie konnte es sich nicht leisten, ihn zum Feind zu haben. Deshalb behielt sie ihre Meinung für sich. Wegen ihrer Gabe war Verschwiegenheit für Verena ohnehin zur zweiten Natur geworden.

Mit asthmatischem Keuchen stieß der Bus die Tür auf, die Verena in den jungen Tag entließ. Vorsichtig, um nicht zu stolpern, setzte sie die Füße auf die Stufen des Ausstiegs.

Ein Stück weiter breiteten sich die nebelumflorten Wiesen des Blankenrainer Parks mit dem kleinen Waldstück aus. Ein erleuchteter Fußgängerweg, Promenade genannt, führte um den Park herum. Ein Kaninchen hoppelte übers morgengraufahle Grün, und seine Fährte zog einen silbrigen Streifen ins nasse Gras. Es war gesund und trächtig, wie das warme Orange um sein Fell verriet, das typisch für wachsendes Leben war.

Die Auren von Tieren waren einfach zu lesen und für Verena auf Anhieb zu erfassen, aber in denen von Menschen konnte sie sich verlieren. Deshalb hatte sie gelernt, ihren zusätzlichen Sinn die meiste Zeit zurückzunehmen und die Informationen auszublenden, damit sie nicht von der Fülle an Eindrücken erschlagen wurde.

Verena träumte einen süßen Moment lang, dem Kaninchen übers Grün hinterherzujagen, nur ein paar sorglose Minuten. Aber das Knie tat nach der ereignisreichen Nachtwache weh.

Sie seufzte und rückte den Schulterriemen der Tasche zurecht, ehe sie auf die Promenade einschwenkte.

Die Gegend erschien zu dieser frühen Stunde wie ausgestorben und die Laternen am Weg unterstrichen das übrige Dunkel. Verena ertappte sich dabei, wie sie beim Gähnen die Augen immer ein wenig länger geschlossen hielt. Als es in den Holunderbüschen raschelte, die den Pfad einfassten, wurde Verena stocksteif. Dann zwitscherte eine Amsel ihr Morgenlied. Verena atmete auf und setzte ihren Weg fort.

Der Pfad rückte näher an den Wald. Verena fröstelte und beeilte sich. Aber ausgerechnet an dieser Stelle hatte jemand ein Trinkgelage veranstaltet. Verena musste Glasscherben und Bierflaschen auf dem Boden ausweichen. Das brachte sie direkt an das Drängelgitter heran, das Radfahrern den Zugang zum Park erschweren sollte.

Prompt verhakte sich ihre Tasche an einer Metallstrebe des Gitters und sprang auf. Der Riemen spannte sich und Verena geriet aus dem Gleichgewicht. Sie prallte mit dem Hüftknochen gegen die Eisenstange. Au, verdammt!

Sie befreite die Tasche und merkte, wie ihr Atem schneller ging, wie immer, wenn sie sich gefangen glaubte. Bei dem Gitter verschmolzen die Lichtkreise zweier Laternen und leuchteten jede Einzelheit aus. Verena konnte bis in den Wald sehen und bemerkte dort einen seltsamen Ast. Sie erstarrte, und ihr Herz jagte los. Das war kein Holzstück, das da aus dem kahlen Rhododendron ragte, sondern ein menschlicher Arm!

»Hallo?« Brauchte jemand Hilfe? Instinkt und Pflicht stritten kurz miteinander, dann machte Verena widerstrebend ein paar Schritte darauf zu. Ihre Sneaker sanken in die feuchte Wiese ein. Nach einigen Metern blieb sie stehen. Kein Zweifel, dort lag ein Arm.

Eine leise Stimme in ihrem Inneren wollte ihr weismachen, es sei nur der Teil einer Schaufensterpuppe, die Spaßvögel am Waldrand versteckt hatten. Aber Verenas Gabe enthüllte die grausige Wahrheit. Im Zwielicht erkannte sie deutlich die olivgrüne Aura von frischen Leichenteilen. Tiefer im Gebüsch schimmerte ein Torso. Und dahinter schien ein Fuß …

Verena schluckte, um den Kloß im Hals loszuwerden. Sie hatte in der Klinik eine Menge Tote gesehen, und im Studium beim Präp-Kurs einen Leichnam seziert. Meistens sahen Verstorbene entspannt aus – gelöst und irgendwie entrückt, nicht nur für ihre geschärften Sinne. Das hier aber war vollkommen anders. Die Körperteile lagen zwischen den Bäumen und Büschen verstreut wie Glieder einer zerrissenen Puppe.

Kam das Keuchen von ihr?

Ihre besondere Wahrnehmung suchte die fehlenden Stücke, die zuvor ein lebendes Wesen gebildet hatten. Ein Rest ihres Bewusstseins registrierte, wie sich die feuchte Luft auf ihrem Mantelkragen niederschlug, und versuchte, den stechenden Geruch nach Fäkalien und Blut auszublenden.

Etwas knackte tiefer im Gesträuch. Verena zuckte zusammen. Ihr Blick blieb an einer Schleifspur auf der taugetränkten Wiese hängen. Dunkle Abdrücke im Schrittabstand. Die einzelne Fährte endete an einem Gebüsch.

Die Erkenntnis traf Verena wie ein Schlag: Es führte keine zweite Fußspur zurück. Der Mörder lauerte vielleicht noch hier irgendwo.

»Oh Gott!« Ihr Magen zog sich zusammen. Sie war allein mit einer Bestie in Menschengestalt! Verena wünschte sich in den Kaninchenkörper: flink davonspringen und Deckung suchen.

Sie drehte um, steif und wie vor den Kopf geschlagen. So schnell es das marode Knie erlaubte, eilte sie zum Weg zurück, während sie gleichzeitig nach ihrem Telefon tastete. Vergeblich. Hatte sie das Handy etwa beim Drängelgitter verloren? Immer wieder verhakte sich ihr Fuß im feuchten Gras, aber jedes Knistern von altem Laub und dünnen Zweigen trieb sie vorwärts. Kein Gedanke mehr an Zuhause. Sie musste fort, unter Menschen, sich in Sicherheit bringen … Die Überlegungen wirbelten durch ihren Kopf, und sie konnte kaum Schritt halten mit diesem Karussell.

Vor dem Verlassen der Parkanlage warf sie einen Blick über die Schulter zurück. Da schälte sich eine Silhouette aus den Büschen. Ehe Verena genauer hinsehen konnte, trugen ihre Füße sie wie von selbst zwischen parkende Autos hindurch und über die Straße. Als sie sich das nächste Mal gehetzt umdrehte, war auch die Gestalt untergetaucht.

Gepresst stieß Verena den Atem aus. Sie eilte weiter, fort vom Park. Sie hielt nicht mehr an, um sich umzusehen, aber sie richtete all ihre Sinne hinter sich. Ihre Schritte dröhnten auf dem Asphalt, doch da war ein fremdes Schlurfen. Verenas Hand schloss sich um eine kleine Dose mit Pfefferspray. Die andere suchte immer noch das Handy. Mist!

Ein Stück die Straße hinunter lag ein Kiosk, der möglicherweise schon geöffnet hatte! Ein Stück hinter ihr schlug etwas gegen eine Stoßstange. Im Vorbeihetzen schaute Verena in den spiegelnden Autoscheiben nach ihrem Verfolger. Ein vager Umriss zeichnete sich im Glas ab. Blaue Blitze zuckten um die Gestalt. Unwillkürlich versuchte Verena, die Aura zu deuten und übersah dadurch die Bordsteinkante. Als sie das steife Bein zu hart aufsetzte, drang der Stoß bis in den Kiefer. Schlagartig wechselte das Knie vom Sand-im-Gelenk-Gefühl zur Phase Glassplitter über.

Verena zischte schmerzerfüllt. Ihre Finger stahlen sich automatisch zu der wehen Stelle. Eine Sekunde verharrte sie, die Hand schützend um die Kniescheibe gelegt. Sie spähte zurück, dann nach links und rechts.

Aber da war nur Dämmerung, in die sich allmählich der Sonnenaufgang schlich. Verena hatte die Gestalt aus den Augen verloren. Auf dem Bürgersteig konnte sich kein Angreifer verbergen, und vor ihr lag die Straße offen.

Wo versteckst du dich?

Die Ampel an der nächsten Kreuzung schaltete von Rot auf Grün. Das fahle Leuchten erinnerte Verena an die Aura der zerfetzten Leiche, und sie unterdrückte ein Würgen. Sie hastete weiter, an einem Abbruchhaus vorbei und schließlich um eine Ecke. Nirgendwo ein Licht, alle Leute schliefen noch.

»Internationale Presse« stand in abblätternden Buchstaben an der Wand des Kiosks am Ende der Straße, der auch schon bessere Tage gesehen hatte. Der Rollladen über dem Tresen war geschlossen. Auf dem Bordstein vor dem Geschäft lag ein aufgeplatztes Zeitungspaket. »Lumpensammler-Morde ohne jede Spur«, überflog Verena im Vorbeihasten.

Hier würde sie keine Hilfe finden. Sie war auf sich allein gestellt.

Wieder nahm sie hinter sich eine flüchtige Bewegung wahr, mehr das Huschen eines Tieres als eines Menschen. In der Ferne ratterte ein Zug durch den anbrechenden Tag. Neuer Plan! Verena lenkte ihre Schritte zum Bahnhof. Höchstens fünf Minuten Gehweg. Selbst wenn kein Zug fuhr, wartete dort zu jeder Tages- und Nachtzeit ein Taxi. Verena biss die Zähne zusammen. Im Eilschritt überquerte sie das Kopfsteinpflaster.

Sie entfernte sich immer weiter von ihrer Wohnung, doch das war ihr recht. Verena konnte nicht riskieren, den Verfolger zu ihrem Zuhause zu führen. Allmählich geriet sie außer Atem. Zu den Stichen im Knie, die in rascherer Folge durch das Gelenk schossen, kam ein dumpfes Drücken im rechten Fuß, den der Unfall zehn Jahre zuvor zerschmettert hatte. Es fühlte sich jetzt an, als stecke er in einem viel zu engen Schuh.

Verena sog tief die Morgenluft ein. Sie hatte wie durch ein Wunder das Unglück überlebt, das ihr die Familie genommen hatte, und sich zurück ins Leben gekämpft. Sie hatte die Unterbringung bei den strengen Pflegeeltern überstanden. Die Angst, dass man sie wegen ihrer Gabe für einen Freak hielt, ertragen – eine Angst, die bisher jede Beziehung zerstört hatte. Und sie würde auch die Begegnung mit dem Lumpensammler für sich entscheiden – denn wer sonst könnte für die Leiche im Park verantwortlich sein?

Eine Woge von Energie beflügelte sie.

Zum Bahnhof ging es rechts. Verena bog ab und erkannte noch im selben Moment ihren Fehler.

Zierkirschen säumten die Straße zum Bahnhof. Blankenrain war stolz auf diese Alleen. Sie boten im Sommer viele schattige Parkplätze. Aber im Augenblick waren all die Bäume für Verena finstere Säulen, hinter denen sich wer-weiß-was in die Schatten schmiegen konnte. War der Verfolger überhaupt noch an ihr dran oder hatte sie ihn abgeschüttelt?

Wie zur Antwort stürzte etwas um und rollte scheppernd durch den grauen Morgen. Sie riskierte einen Blick: Eine Mülltonne. Die kippten nicht von alleine um. Verena ballte die Fäuste. Sie durfte um keinen Preis umkehren, sonst lief sie dem Mörder direkt in die Arme.

Kurzentschlossen hinkte sie auf den Mittelstreifen, um so viel Abstand wie möglich zu den düsteren Straßenrändern zu gewinnen.

Ängstlich schaute sie sich um. Ihr Verfolger duckte sich weg, aber für einen Augenblick konnte sie ihn deutlich erkennen. Kein streunender Hund, sondern ein Zweibeiner. Bis auf die bläulichen Funken erschien seine Aura matt und kränklich.

Verena lief es eiskalt den Rücken hinunter. Sie legte trotz des wummernden Knies noch einen Schritt zu. Das wunde Gelenk rieb aufeinander, darunter schien rohes Fleisch zu liegen. Der Fußknochen fühlte sich an, als würde er durchbrechen. Sie hielt das Tempo und setzte den Fuß mit der Außenkante auf, um beides zu entlasten. Die halbe Strecke zum Bahnhof war geschafft. Aber die Zeit rannte ihr davon und der Verfolger kam näher.

Zuerst war das Pfefferspray dran, um den Angreifer zu verwirren. Dann musste sie improvisieren: Schlüsselbund, Fingernägel. Dabei konnte ihr Wissen über verwundbare Stellen am menschlichen Körper nützlich sein.

Verena bereitete sich auf eine Konfrontation vor, als sie ein unerwarteter Schwall süßer Aromen einhüllte.

Natürlich. Es machte in Verenas Kopf regelrecht Klack!, und sie drehte sich auf dem gesunden Bein geschmeidig um.

Ein Durchgang führte in den Hinterhof einer Bäckerei und von da aus direkt in die Backstube. Wie Verenas Nase zweifelsfrei feststellte, arbeitete dort zu so früher Stunde bereits jemand.

Ihre Schritte verstummten wie abgeschnitten, während sie sich über den unbefestigten Boden zur Tür vorkämpfte. Sie keuchte auf, als ein federnder Ast ihren Nacken berührte und ihr Herzschlag trieb sie weiter, auf die Tür und den Lichtstreifen am Ende des Durchlasses zu.

Verena machte sich nicht die Mühe zu klopfen, sondern drehte den Knauf und trat ins helle, warme Licht. Drei mehlbestäubte Angestellte sahen sie verblüfft an.

»Ich brauche Hilfe«, erklärte sie atemlos. »Es ist ein Notfall!«

Kapitel 2

Gazette

Blutbad im Park

Küstennachrichten

Lumpensammler schlägt wieder zu

Hernberger Rundschau

Rätselhafte Mordserie geht weiter

Blankenrain – In den frühen Morgenstunden des gestrigen Tages entdeckte die 23-jährige Verena S. im Stadtpark von Blankenrain den grausam zugerichteten Körper eines Helmstädter Geschäftsmannes. Die Polizei schließt einen Zusammenhang zu den anderen Morden im Landkreis (wir berichteten) nicht aus.

Sucht der wegen seiner angeblich abgerissenen Erscheinung im Volksmund Lumpensammler genannte Serienmörder nun auch im beschaulichen Blankenrain nach Opfern?

Über die genauen Hintergründe der Tat gibt es noch keine Informationen. Wir ermitteln in alle Richtungen, so der Polizeipräsident.

Gazette

Ihm (Rainer D.) konnte auch Schwester Verena nicht mehr helfen.

Abendbote

Nachtschwester findet zerstückelte Leiche

Wie erst nach Redaktionsschluss bekannt wurde, arbeitet Verena S., die gestern früh auf dem Heimweg wortwörtlich über eine Leiche stolperte, als Krankenschwester in der Klinik von Blankenrain. Nachdem sie auf die Überreste von Rainer D. stieß, rief sie, eigenen Angaben zufolge, umgehend die Polizei. Trotz eingeleiteter Großfahndung konnte im Park niemand angetroffen werden. Lesen Sie weiter im Innenteil.

Gazette

Nichts Neues im Park-Mord

Die Behörden wissen auch nach drei Tagen nichts Neues mehr zu berichten. Langsam erkaltet die Spur. Verena S., die angeblich so couragierte Krankenschwester, weigert sich mit der Presse zu sprechen. Hat sie etwas zu verbergen? Oder hat die junge Frau mehr gesehen, als sie zugeben möchte? In unserem Interview mit Bäckermeister Horn erfahren wir, wie er die Nacht des Mordes erlebte …

Ein leises Klirren. Verena, die sich hinter einer Zeitung auf dem Sofa vergraben hatte, schreckte hoch.

»Scht, alles in Ordnung«, meinte Martina. Sie stellte die Porzellantasse auf dem Glastisch ab und hinterließ eine mittlere Überschwemmung. »Ich dachte mir, eine Tasse Tee wäre jetzt genau das Richtige für dich.«

»Danke, Tina!«

»Ich verstehe nicht, wieso du dir das antust.« Tina wies auf den mit Zeitungen übersäten Tisch. »Die schreiben jeden Tag mehr Unfug über dich. Nun haben sie sogar ein Foto von dir aufgetrieben. Nicht mal ein Schmeichelhaftes.«

»Das war gestern schon bei Facebook.« Verena zuckte die Achseln. »Von den lieben Kolleginnen geteilt.« Auf ihr Handy, das sie in jener Nacht so verzweifelt gesucht hatte, war sie schließlich ganz unten in der Tasche gestoßen. Nun war der Akku so gut wie leer, weil sie sich die Unruhe vertrieben hatte, indem sie jede aktuelle Mitteilung online verfolgte.

»Nun lass doch mal gut sein. Denk an was Schönes!«

»Irgendwie muss ich mich ja beschäftigen«, erklärte Verena. »Die Klinik hat mich freigestellt. Ab nächster Woche sind Semesterferien, aber zum Lernen hab ich echt grade keinen Kopf. Eigentlich will ich von der Sache nichts mehr hören. Aber das ist wie mit einem lockeren Zahn. Man wackelt und wackelt mit der Zunge …«

»Die verbreiten nur Gerüchte, weil es über den Lumpensammler sonst nichts zu berichten gibt. Wenn du die Gazette zusammenrollst, kannst du glatt Blutwurst daraus machen.«

»Ja, bei dem Schmalzanteil in der Promi-Parade sogar eine recht gehaltvolle.«

Sie lachten. Verena, die bislang ihre Finger an der Tasse gewärmt hatte, zog Tina jetzt neben sich auf das Sofa. Die Freundin erstrahlte regelrecht in einem gelben Licht, das Verena als gesund zu deuten gelernt hatte.

»Danke«, wiederholte sie, »für die Einladung, ein paar Tage bei dir zu verbringen, bis das Schlimmste vorbei ist.«

»Na hör mal!«, wehrte Tina ab. »Das war selbstverständlich. Du hast doch sonst niemanden. Und die Polizei wollte dich ja nicht in Schutzhaft nehmen.«

»Schutzverwahrung«, sagte Verena mit gespieltem Vorwurf. »Tja, leider bin ich keine Kronzeugin aus einem amerikanischen Krimi. Ich hatte halt nur das Pech …«

»… über eine Leiche zu stolpern«, zitierte Tina. »Stell dir den Rummel vor, wenn du zu Hause geblieben wärst.«

»Ich will dich da nicht reinziehen. Es könnte gefährlich werden.«

In den Zeitungen war ein Phantombild des Verdächtigen abgedruckt, das kaum mehr hergab als ein paar glühende Augen in einer Kapuze, die in einen zerfetzten, weiten Mantel überging.

Verena nickte in Richtung des Bilds. »Der sieht alles andere als freundlich aus.«

Jetzt war es Tina, die empört dreinblickte. »Hey, du hast doch ausgesagt, dass du niemanden gesehen hast. Außerdem ist dieser Lumpensammler nur hinter Männern her.« Tina befreite sich aus Verenas Griff und deutete in den Raum. »Und, sind hier irgendwelche Männer? Unter dem Tisch? Im Schrank? Oder etwa im Schlafzimmer?«

Tina sah einen Moment lang traurig aus. Das gelbe Licht um sie flackerte. Dann stemmte sie eine Hand in die mollige Hüfte. »Da ist es doch gut, dass ich keinen Lover hab. Wir beide sind völlig sicher.«

Verena schluckte. In Wahrheit hatte sie bei der Polizei ausgesagt, dass ihr jemand gefolgt war, den sie für den Mörder hielt. Die Beamten hatten sie jedoch angewiesen, aus ermittlungstechnischen Gründen über dieses Detail zu schweigen. Sogar Tina gegenüber. Man hatte ihr angeboten, sie unter Polizeischutz zu stellen. Aber der Gedanke an eine Zelle im Polizeirevier oder das wochenlange Eingesperrtsein in der eigenen Wohnung, war Verena unerträglich.

Lieber verkroch sie sich bei ihrer einzigen Freundin und schaute mit ihr jeden Abend romantische BBC-Kostümfilme auf Netflix.

In einem jedoch lag Tina goldrichtig: Die vier bisherigen Opfer des Lumpensammlers waren allesamt Männer und ungefähr doppelt so alt wie sie gewesen. Angeblich folgten Serienmörder doch einem festen Schema. Trotzdem wurde Verena das unheimliche Gefühl nicht los, dass mehr hinter den Morden steckte. Vor allem, weil eine Aura, wie die ihres Verfolgers, ihr nie zuvor untergekommen war.

Eine wachsende Unrast verdrängte die Erinnerung. Sich im winzigen Appartement ihrer Freundin zu verstecken, war eine Sache. Den ganzen Tag wie eine Klette an Tina zu kleben, eine andere. Weil sie Verena nicht alleine lassen wollte, hatte Tina alle Verabredungen abgesagt. Verenas Lust auf neue Kontakte hielt sich in Grenzen, vor allem, wo ihr Bild gerade durch die Presse geisterte.

»Heut Abend gehe ich arbeiten!«, verkündete Verena. Es wurde Zeit, dass sie auf andere Gedanken kam.

»Hast du dir das gut überlegt?«

Verena lächelte. Normalerweise war sie die Besonnenere. »Natürlich. Außerdem ist mein Handy-Ladegerät noch in der Klinik.«

»Dann fahre ich dich hin. Und zurück nimmst du ein Taxi!«

Tina fuhr so übervorsichtig, dass Verena sich in ihrem Auto halbwegs sicher fühlte. »Ja, Mama

Sie lachten beide. Die Stimmen fingen sich unter der Decke und hallten von den Wänden wieder. Das Echo klang eigenartig dünn, als spotte jemand über sie. Beinahe hätte Verena sich umgedreht, um zu sehen, ob irgendwer hereingekommen war. Plötzlich war ihr nicht mehr zum Lachen zumute.

Verena zog den Pullover aus. Sie hängte das Mobiltelefon ans Ladegerät und streifte den Schwesternkittel über. Endlich wieder auf Station. Es roch nach Desinfektionsmitteln, Plastik von den Abdeckhauben der Abendbrotteller, dazu ein Hauch von Schweiß und krankem Mensch. Der vertraute Krankenhausmief. Während der Nachtschicht herrschte in der Klinik eine eigentümliche, fast beruhigende Atmosphäre, als färbe der Schlaf der Patienten auf das Personal ab. Und Ruhe war genau das Richtige für ihre überreizten Nerven.

Verena ging zum Schwesternzimmer, einer Insel des Lichts inmitten abgedunkelter Zimmer. Bestimmt würde sie eine Kollegin antreffen. Tatsächlich blickten Mila und Katja überrascht hoch, als sie eintrat. Ärzte pflegten anzuklopfen, ehe sie das Refugium betraten.

»Sieh an, unsere Berühmtheit«, bemerkte Katja spitz. »Aus dem Rampenlicht zurück an die Bettpfanne.«

»Verena, was tust du denn hier?«, fragte Mila. »Wir haben das von dir gehört.« Ihre Haut zeigte für Verenas zusätzlichen Sinn einen Grauschleier. Mila musste gerade aus der Raucherpause gekommen sein, weil der Graustich sich einige ungetrübte Atemzüge später bereits auflöste.

»Ich wollte mich nützlich machen. Mir fällt die Decke auf den Kopf«, erklärte Verena.

»Wir haben hier alles im Griff!«, betonte Katja und schob das gebrauchte Geschirr zusammen. »Aber der Warteraum der Ambulanz ist voll.«

Mila nickte. »Es gab einen Notfall auf der U6, und mit nur einem verantwortlichen Arzt auf Station stapeln sich die Patienten. Willst du vorher noch ein Tässchen?«

Verena schüttelte den Kopf. »Danke, ich mach mich gleich auf den Weg.« Blauer Dunst und schwarzer Kaffee, das trug die Pfleger durch jede Nachtschicht. Sie wollte nicht wissen, was manche der Ärzte einwarfen, um die anstrengenden Dienste durchzustehen. Bereitschaftsdienste, Rufdienste, oder wie jetzt die Verantwortung für eine ganze Station und die Notaufnahme, forderten ihren Tribut.

Verena würde nie verstehen, wieso ausgerechnet Leute im Medizinbetrieb derart Raubbau am eigenen Körper betrieben. Vielleicht fühlten sie sich durch den Kontakt zu Krankheit und Tod vor Schaden gefeit. Oder sie waren einfach abgebrühter.

Im Wartebereich eine Treppe tiefer empfing Verena starker Alkoholgeruch, und das war gewiss kein Desinfektionsmittel. Die Stuhlreihen der Ambulanz bildeten ein U, in einer Glaskabine am offenen Ende des Hufeisens nahm ihre Kollegin Gerti Personalien und Krankengeschichten auf. Zwei Männer sahen aus, als hätten sie mit Brauereipferden gerauft. Ein älterer Herr saß mit seiner Tochter oder Schwiegertochter daneben und schnaufte. Für Verenas inneres Auge wirkten die Beschwerden seiner verschleppten Bronchitis nicht sonderlich gefährlich. Ein wenig abseits wartete eine Frau. Sie hielt sich den linken Arm, gebrochen war er allerdings nicht.

Verenas sechster Sinn lenkte ihre Aufmerksamkeit auf das Pärchen, von dem der Alkoholgeruch stammte. Der Mann hockte ungelenk auf dem für ihn viel zu niedrigen Stuhl und schob die Beine ruhelos vor und zurück. Doch es war seine Partnerin, die Verena beunruhigte – ihre Aura, die einen gesunden Menschen sonst wie ein Strahlenkranz im Gegenlicht umflorte, war verschoben. Die Linie um ihren Körper wies in Schädelhöhe einen feinen Riss auf.

Beim Anblick von Verenas Kittel wetterte der Betrunkene los. »Wo bleibt denn der verdammte Doktor? Wir warten schon über eine Stunde!« Verena musste jemanden auf den kritischen Zustand der Frau aufmerksam machen. Um den Mann nicht noch mehr aufzubringen, schlüpfte sie rasch in die Kabine.

»Hallo!«

Gertis Augen weiteten sich überrascht. »Verena! Oh Mann, gut, dass du da bist. Ich mach mir Sorgen, dass der Kerl gleich randaliert. Heute Abend stürmen die Leute hier rein, als gäbe es Freibier.«

Prompt kam Bewegung in die Menge. Köpfe ruckten hoch, Körper spannten sich. »Herr Doktor!«, rief der Betrunkene mit schwerer Zunge und kämpfte sich auf die Füße. »Kommen se schnell. Meine Frau ist die Treppe runtergefallen und jetzt hat se wahnsinnige Schmerzen.«

»Immer mit der Ruhe«, drang eine Stimme vom Gang, die leider sehr nach Dr. Karden klang. »Ich seh mir eben die Papiere an.« Der Arzt öffnete die Tür zum Glaskasten, doch der Betrunkene war überraschend flink. Noch ehe Karden in das Büro schlüpfen konnte, hatte der Mann ihn schon am Kittel gepackt.

»Es is dringend, Herr Doktor. Die wird verrückt vor Kopfweh.«

Verenas Blick flog zu der benommenen Frau. Sie kauerte mit schmerzverzerrtem Gesicht auf ihrem Stuhl, und der Riss in der Aura war in dem kurzen Moment, seit Verena die Ambulanz betreten hatte, länger geworden. Wütend pulsierte ein rötliches Strahlen um die Fissur.

Eine abwehrende Geste von Dr. Karden lenkte Verenas Aufmerksamkeit wieder auf die Männer in der offenen Kabinentür. »Wenn Sie ausfallend werden, helfen Sie Ihrer Frau auch nicht«, bemerkte er gerade und griff nach den Krankenblättern. Die Hand des Betrunkenen glitt vom steif gestärkten Arztkittel wie ein totes Gewicht. »Ich mein doch nur – tun se was!«, sagte er hilflos.

Karden wich vor der feuchten Aussprache des Mannes zurück. Er wäre beinahe in Verena gelaufen, ohne sie wahrzunehmen. »Wir kümmern uns gleich darum. Aber es gibt dringendere Fälle, Herr …«

»Noviak.«

Erst mal abwiegeln. Das war typisch Karden. Verena äugte noch einmal zu der Verletzten hinüber. Der aufgelösten Frau liefen die Tränen herunter und Verzweiflung und Schmerzen sprachen aus ihrer gesamten Haltung. Verena wusste, dass die lautesten Patienten nicht immer die dringensten Fälle waren, sondern oft umgekehrt. Sie räusperte sich leise.

»Soll ich alles zum Röntgen vorbereiten?« Sie bemühte sich um einen neutralen Tonfall, um nicht eigenmächtig zu erscheinen. Sonst musste am Ende die Patientin unter ihrem Vorpreschen leiden. Karden war in diesen Dingen eigen und brachte es fertig, das genaue Gegenteil des Vorgeschlagenen zu tun, nur um zu zeigen, wer das Sagen hatte.

Der Arzt blickte Verena an, als sähe er ein Gespenst. »Frau Seiler«, sagte er mit gespitzten Lippen. »Was machen Sie denn hier?«

»Ich bin eingesprungen, weil so viel los war!«

Kardens Blick sengte eine Brandspur durch den Raum, und Gerti schüttelte rasch abwehrend den Kopf. »Ich hab niemanden angefordert!« Entschuldigend sah Gerti Verena unter niedergeschlagenen Lidern an.

Nun genoss Verena Dr. Kardens ungeteilte Aufmerksamkeit. »Sie haben keine Berechtigung mehr, hier zu sein, Frau Seiler. Das wissen Sie doch.«

So schlimm konnte es wohl kaum sein, wenn sie mal freiwillig zum Dienst erschien. Bei Kardens nächsten Worten jedoch wurde Verena zunächst heiß und dann eiskalt.

»Seit Sie in diese unselige Mordgeschichte verwickelt wurden, geht hier alles drunter und drüber«, sagte er, als wäre sie mit Absicht einem Mörder in die Quere gekommen.

Verena fühlte, wie sie errötete. »Wenn ich erklären …«

»Wir müssen schließlich an die Patienten denken, Frau Seiler. Deren Wohl ist oberstes Gebot, das verstehen Sie gewiss.« Er hob die linke Hand, spreizte Daumen und Mittelfinger und strich sich geziert die Brauen glatt. »Ihre Anwesenheit stört entschieden die betrieblichen Abläufe. Obwohl wir Sie freigestellt haben, wimmelt es tagsüber von Reportern. Dies ist eine Klinik und kein Hühnerhof. Gestern erst ist ein aufdringlicher Boulevard-Schnüffler bis ins Schwesternzimmer vorgedrungen. Hat Fragen gestellt, über Sie.«

Verena war sprachlos über so viel Dreistigkeit. Aber was konnte sie dafür?

Karden blinzelte. »Ich bedauere, dass Sie es auf diesem Wege erfahren …«

Gar nichts tut dir leid, dachte Verena. Sie ahnte, worauf das alles hinauslief, fand vor Empörung jedoch keine Worte.

Der Arzt bürstete ein Staubkorn von seinem Ärmel. »Sie verstehen sicher unsere Lage. Der Betriebsrat hat der Kündigung zugestimmt. Da Sie nur über die Zeitarbeit angestellt sind, ging das fix. Das entsprechende Schreiben hätte längst …«

Verena schluckte. Natürlich. Ein Brief der Vermittlerfirma wäre an ihre Postadresse gegangen. Und die Sendungen der vergangenen Tage hatte sie noch nicht abgeholt, weil sie keine Verbindung von ihrem Zuhause zu Tinas Wohnung herstellen wollte. Außer Rechnungen und Werbebriefen bekam sie sowieso nie Post, und die konnten, weiß Gott, warten.

»Ihren Resturlaub bekommen Sie voll ausbezahlt. Ich bin sicher, eine andere Institution …«

Verena hasste sich selbst für das, was sie nun tun musste. Sie musste betteln. Und das ausgerechnet bei Karden. »Aber ich bin auf die Stelle angewiesen, um mir das Studium zu finanzieren. Wenn ich jetzt nach einem neuen Job suchen muss, kann ich die Klausuren vergessen.« Sie brauchte die Semesterferien zum Lernen und Geld verdienen. Und nun sollte sie sich in der knappen Zeit die Hacken bei der Arbeitssuche ablaufen. Das war unfair!

»Die Entscheidung habe nicht ich gefällt«, stellte Karden klar. »Entschuldigen Sie mich nun, es warten Patienten!« Er hob die Krankenblätter wie einen Schild vor die Brust.

Verena warf einen letzten Blick auf die zusammengesunkene Frau im Warteraum. Sie hörte ihr Weinen bis hierher.

»Gut, ich verschwinde«, sagte Verena. »Nur eins noch: Wir waren fachlich nicht immer einer Meinung, Doktor. Aber bitte sehen Sie sich Frau Noviak genauer an. Ich vermute, sie hat eine schwere Gehirnerschütterung, vielleicht sogar einen Schädelbruch.«

Kardens Mund verzog sich abschätzig. »Wer saufen kann, der muss auch die Folgen tragen. Im Übrigen bin ich ausgebildeter Arzt mit Berufserfahrung, und Sie nur eine Pflegekraft. Von einem fachlichen Austausch auf gleichem Niveau kann also keine Rede sein.«

In Verena kochte es. Ihr Kreislauf hatte auf heiß geschaltet. Die Magensäure brannte bis an ihrem Gaumen. Befeuert von gerechtem Zorn stieß Verena nur einen Satz hervor: »Wir werden ja sehen, was die Presse zu Ihrer Behandlung von Notfällen sagt.«

»Passen Sie auf. Wenn ich wollte, setzten Sie keinen Fuß mehr in ein deutsches Krankenhaus. Dann können Sie Ihr Glück im Ausland versuchen Haben wir uns verstanden, Frau Seiler?«

Verena versteifte sich. Ihr wurde noch heißer. Die Wände des gläsernen Kastens rückten näher und näher. Sie spürte, wie ihre Stirn feucht wurde, und hörte ihr Herz pochen. Karden beäugte sie misstrauisch. Er kannte die Anzeichen einer Panikattacke. »Ich hoffe, Sie machen mir hier jetzt keine Szene. Also gut …« Er winkte Gerti. »Bringen Sie die Patientin zum Röntgen. Und Ihnen noch einen schönen Abend, Frau Seiler.«

Verena eilte aus der Glaskabine, ehe ihr die Kehle zu eng für den nächsten Atemzug wurde. Sie unterdrückte ein Würgen, obwohl die Übelkeit sich mit Krakenarmen in ihrem Unterleib ausbreitete. Verena flüchtete in den Flur und vorbei an den Türreihen durch die schmale Pforte, vor der sich die Nikotinabhängigen trafen.

An der frischen Luft ging es ihr gleich ein wenig besser. Sie brauchte Bewegung, wollte sich die Wut aus dem Leib rennen. Wild rauschte das Blut durch ihre Adern.

Verenas Zukunft stürzte zusammen wie ein Kartenhaus. Wie sollte sie das alles bewältigen? Sie geriet regelmäßig mit Ärzten aneinander, weil ihre Gabe ihr Einblicke verschaffte, die genauere Diagnosen ermöglichte als ein MRT. Aber sie hatte sich auch einen zuverlässigen Ruf als Pflegekraft erworben. Nun war sie binnen kürzester Zeit zu trauriger Berühmtheit ganz anderer Art gelangt. Der Vernichtungsschlag aus dieser Richtung kam unerwartet!

Sie ballte die Fäuste. Verfluchte Klatschpresse! Verdammter Lumpensammler. Hätte sie den Toten bloß nie entdeckt! Verena schluckte und fühlte sich scheußlich egozentrisch, weil sie ihre eigenen Probleme höher stufte als den schrecklichen Mord. Aber das eine hatte mit dem anderen nichts zu tun. Und die anstehenden Klausuren waren einfach zu wichtig, um sie auf die leichte Schulter zu nehmen.

Die kühle Nachtbrise klärte ihre Gedanken und trieb die drückenden Sorgen auseinander wie Regenwolken. Sie ging weiter, langsamer jetzt, über den erleuchteten Gehweg, vorbei am Parkplatz, der außerhalb der Besuchszeiten verlassen dalag.

Die Lichter des Klinikkomplexes verschwanden hinter ihr und endlich drang eine Wahrnehmung durch Verenas abflauende Panik. Sie hörte Tritte von schweren Schuhen. Sofort schlug ihr das Herz bis zum Hals. Ihr Verfolger? Instinktiv lief sie schneller. Aus purer Gewohnheit hatte Verena bei ihrem aufgebrachten Abgang den gewohnten, kürzeren Weg an der dunklen Cafeteria vorbei zur Bushaltestelle eingeschlagen. Die offene Haltestelle war alles andere als eine Zuflucht und im hellen Schwesternkittel war Verena leicht auszumachende Beute.

Sie zwang sich stehenzubleiben. Die Schritte verklangen augenblicklich. Verena ging ein Stück weiter. Wie ein schleppendes Echo kehrten die Fußtritte zurück.

Jemand war hinter ihr her. Und das Handy hing noch am Ladegerät neben ihrem Spind. Verfluchte Scheiße, wenn etwas schiefging, dann gründlich!

Verena blickte sich hektisch um, konnte in der Dunkelheit aber niemanden ausmachen. Das Geräusch verstummte.

»Hallo?«, fragte sie in die Schwärze hinein, weil sie sich nicht grundlos ängstigen wollte. Vielleicht war es nur ein Pfleger. Ein einsamer Spaziergänger – oder Reporter. Wo blieb die Meute, wenn man sie mal brauchte? »Suchen Sie mich?« Ihre Stimme trug weit in der Nachtluft.

Es kam keine Antwort, nur ein leises Rascheln, als hätte sich jemand tiefer in ein Gebüsch gedrückt. Wer immer da war, zog es vor zu schweigen.

Verena sammelte alle Kräfte. Also gut.

Den Lauten nach zu urteilen, war der Verfolger mindestens zehn Meter zurück. Verena knöpfte im Gehen hastig den Kittel auf. Hinter den vorspringenden Ästen der ausladenden Kiefer vor ihr würde der Unbekannte sie einen Moment lang aus den Augen verlieren. Eine bessere Gelegenheit gab es kaum. Verena zog den Kittel aus. Sie hängte das helle Oberteil in eine Berberitze am Weg. Dann schlug sie sich seitlich in die Büsche.

Für denjenigen hinter ihr sah es hoffentlich so aus, als wäre sie erneut stehengeblieben.

In Wahrheit huschte Verena geduckt in Deckung der Anpflanzungen über den Rasen zurück Richtung Klinik. Immer wieder stoppte sie und sicherte nach allen Seiten. Der Kittel hing wie ein Gespenst zwischen den dornigen Zweigen.

Verena hatte endlich die Cafeteria erreicht, als sie sich ein letztes Mal umsah. An der Stelle, wo sie den Kittel zurückgelassen hatte, nahm sie eine schattenhafte Gestalt wahr. Wild flatterten die Ärmel des Kleidungsstücks, und es sah beinahe aus, als tanze der Verfolger damit … Verena riss sich von dem Anblick los und steuerte direkt auf das Pförtnerhäuschen zu, das 24 Stunden am Tag besetzt war. Den Rest ihrer Sachen konnte sie morgen bei Tageslicht abholen. Jetzt würde sie beim Pförtner die Polizei alarmieren und sich ein Taxi bestellen.

Kapitel 3

Ein muffiger Geruch schlug Verena aus ihrer Wohnung entgegen, als sie die Tür aufsperrte. Seit dem furchtbaren Erlebnis vor zehn Tagen war sie nur einmal kurz hier gewesen, um einige Kleider zum Wechseln mitzunehmen. Raschelnd wurden Briefe mit dem Türblatt über die Fliesen geschoben. Verena bückte sich und sammelte die Post auf. Sie fächerte die Umschläge in der Hand auf wie ein wenig aussichtsreiches Pokerblatt.

»Werbung. Handyrechnung. Firma Holzmann.« Das wird die Kündigung sein, dachte Verena und hatte nicht übel Lust, der Klinik und der treulosen Vermittler-Firma ihren Anwalt auf den Hals zu hetzen. Vielleicht war ja eine Abfindung drin. Und wovon träumst du nachts? »Zahnarzt-Erinnerung, Werbung. Nanu!« Inmitten normierter dünner Umschläge in trostlosem Weiß steckte ein dickes Kuvert aus cremefarbenem Papier. Das sah nach einem richtigen Brief aus!

Das letzte Schreiben dieser Art war eine Einladung zum Klassentreffen gewesen. Verena klemmte die unerwünschte Post zwischen Zeige- und Mittelfinger und drehte den interessanten Briefumschlag um. Die Anschrift war handgelettert und der Absender auf der Rückseite in Gold in das Papier geprägt. Wolf von Hagendorf. Der Name sagte ihr nichts und die Adresse noch weniger.

Verena ließ die Tasche mit der Schmutzwäsche von der Schulter gleiten und widmete sich ganz dem Umschlag. Sie riss im Gehen die Klappe auf und setzte sich an den Küchentisch. Das steife Kuvert enthielt einen Bogen mit schwungvoller Handschrift.

Sehr geehrte Frau Seiler,

 

Sie kennen mich nicht, und damit Ihnen dieser Umstand nicht zum Nachteil gereicht, erlaube ich mir, mich und mein Anliegen etwas ausführlicher vorzustellen. Mein Name lautet Wolf von Hagendorf. Ich bin Privatgelehrter, den die Studien vor einigen Jahren auf den väterlichen Stammsitz geführt haben, ein Herrenhaus namens Weißenbach. Meine Mutter, Sidonie von Hagendorf, wohnt bei mir. Sie ist körperlich leidend, geistig aber völlig klar. Zur Zeit bin ich auf der Suche nach einer probaten Pflegerin für sie. Es beträfe einen Zeitraum von ungefähr 6 Wochen – dann wird meine Mutter zu einer Kur ins Ausland aufbrechen, die ihr Linderung verschaffen soll.

Sie sind uns von dritter Stelle als zuverlässige und einfühlsame Pflegekraft empfohlen worden, und ich habe bereits bei Ihrer Arbeitsvermittlung Erkundigungen eingezogen. Dort versicherte man mir, dass sie momentan ohne Anstellung sind. Ihre Pflichten werden Sie kaum länger als 4 Stunden am Tag beanspruchen, und Sie können auf die Hilfe der Haushälterin zurückgreifen. Ich hoffe, es ist Ihnen möglich, so kurzfristig zu disponieren.

Daher erlaube ich mir, einen Scheck beizufügen, der Ihre Reisekosten decken wird, und erwarte Ihre positive Antwort.

Kopfschüttelnd ließ Verena das Blatt sinken. Die Worte, antiquiert und doch geschmeidig, weckten Bilder aus einem vergangenen Jahrhundert. Sie wunderte sich so sehr über die gestelzten Ausdrücke, dass ihr die Bedeutung der Zeilen erst langsam bewusst wurde: ein Arbeitsangebot.

Sie massierte ihr pochendes Knie und dachte nach. Wie war dieser Hagendorf ausgerechnet auf sie gekommen? Welche dritte Stelle als Empfehlung konnte gemeint sein? Vor ihrer Krankenhauszeit hatte Verena im Bereich häuslicher Pflege gearbeitet. Aber das war im Umkreis von Blankenrain gewesen und nicht so weit Richtung Lüneburger Heide, wie die Postleitzahl verriet.

Verena fischte den unwillkommenen Brief von Holzmann aus dem Stapel. Sie schob den Zeigefinger unter die Lasche und zögerte. Wenn sie das Kuvert aufmachte, war das Schreiben zugestellt und die Kündigung wurde rechtlich gültig. Sie konnte den Umschlag immer noch wegwerfen und behaupten, nichts erhalten zu haben. Aber bestimmt gab es auch dafür ein Schlupfloch, das die Klinik nutzen konnte. Verena erinnerte sich an Kardens Drohung. Sie biss sich vor Ärger auf die Unterlippe und öffnete den leidigen Brief.

Sehr geehrte Frau Seiler,

wir freuen uns, Ihnen heute …

Verena stutzte. Ihre Augen flogen über die Floskeln, irrten zum Ende und wieder zurück. Schließlich griff sie zum Telefon.

»Martina Renser?«, meldete sich ihre Freundin Tina mit ihrer Telefonstimme.

»Tina, ich bin’s, Verena.«

Sofort verschwand die neutrale Klangfärbung aus Tinas Worten. »Ist alles in Ordnung? Du klingst so komisch. Die Polizei hat dir doch geglaubt, oder?«

»Ja, natürlich«. Verena hatte am Vormittag bei der Polizei eine Aussage über den unheimlichen Verfolger bei der Klinik gemacht. Der Besuch auf dem Revier lag für sie nun bereits weit zurück. »Ich bin schon zu Hause und hab eben meine Post gelesen.«

»Die Kündigung?«

»Ja. Holzmann schreibt, dass die Klinik das Arbeitsverhältnis beendet. Wie erwartet.«

»Tut mir leid«, sagte Tina so zerknirscht, als wäre das alles ihre Schuld.

»Außerdem erwähnen sie ein neues Angebot.«

»Das hört sich prima an!«

Verena mochte Tinas Überschwang nicht recht teilen. »Der Kunde hat sich auch schon bei mir gemeldet. Er schreibt, ich sei empfohlen worden. Es geht um eine befristete Stelle mit Kost und Logis – zumindest verstehe ich das so.«

»Klingt doch toll. Und so, als würde das perfekt in deine Planung passen.«

Allerdings. Es war beinahe zu schön, um wahr zu sein. Verena schluckte und glaubte, den Angelhaken in der Kehle kratzen zu fühlen. Aber es war ein in jeder Hinsicht verführerisches Angebot – auch die Polizei hatte ihr heute Morgen geraten, eine Weile von der Bildfläche zu verschwinden.

»Die alte Dame, die ich pflegen soll, lebt bei ihrem Sohn in einem Herrenhaus. Scheint weitab vom Schuss zu liegen, der Kasten.« Vor dem inneren Auge sah Verena einen typisch englischen Landsitz inmitten von sturmgepeitschter Heide.

»Aber das ist doch genau das Richtige. Wie bei Wuthering Heights.« Tina hörte sich begeistert an. »Da hast du Ruhe zum Lernen. So entkommst du den Pressegeiern und dem Stalker.«

»Moment, was hast du gesagt?«, wollte Verena wissen.

Verlegen lachte Tina ins Telefon. »Na, dieser Verfolger. Vielleicht ist er ja gar nicht der Lumpensammler, sondern ein Bewunderer.«

»Du bist hoffnungslos!« Verena war verärgert.

»Hoffnungslos romantisch«, korrigierte Tina. »Ich versuche nun mal, in Allem das Beste zu sehen.«

»Das nennst du das Beste? Lieber einen Stalker als gar keinen Verehrer?« Verena musste sich auf die Zunge beißen. Auf so eine Idee konnte auch nur Tina kommen, die jeden Umstand, der zu einer Beziehung führen mochte, durch die rosarote Brille betrachtete.

Drei Sekunden lang drang nur das leise Rauschen der Leitung aus dem Hörer.

»So war das gar nicht gemeint«, sagte Tina kleinlaut. »Am besten reden wir weiter, wenn du wieder hier bist. Ich setze frischen Kaffee auf.«

»Gut! Bis dann«, erklärte Verena einigermaßen besänftigt und legte auf.

Im selben Augenblick klingelte es an der Tür. Erschrocken fuhr Verena zusammen und hätte das Telefon beinahe fallenlassen. Ihr Nervenkostüm musste dringend aufgebürstet werden. Sie äugte durch den Türspion. Es war Frau Holm, die agile Rentnerin aus der gleichen Etage. Verena öffnete.

»Frau Seiler?« Die Nachbarin quetschte sich durch die halb geöffnete Tür in die Wohnung. Verena stolperte fast, als sie den Weg freigab.

»Ich habe Sie so lange nicht gesehen«, hob Frau Holm an. »Man las ja so einiges über Sie in der Zeitung.«

»Es geht mir gut«, antwortete Verena, ohne auf weitere Einzelheiten einzugehen. Sollten die Hausbewohner ruhig tratschen, sie würde dem Klatsch sicher keine neue Nahrung geben. »Was gibt es denn?«

»Ich wollte Sie nur warnen. Da war dieser seltsame Kerl, der hier im Treppenhaus herumlungerte. Er hatte einen Stapel Käseblättchen dabei. Hat getan, als wäre er der Austräger. Aber damit kann er jemanden wie mich nicht täuschen. Der hat auf Sie gelauert.«

Verena stockte der Atem. »Wann war das?«, brachte sie schließlich heraus. Folgte der Mörder ihr etwa? War sie zu leichtsinnig gewesen und wusste er längst, wo sie wohnte?

»Er wollte wissen, wann Sie nach Hause kämen.« Entrüstet schaute die Nachbarin Verena in die Augen. »Der hat mich wohl für senil gehalten. Natürlich habe ich dem Kerl nichts über Sie erzählt.« Sie warf sich in Positur, als hätte sie einem hochnotpeinlichen Verhör der Inquisition standgehalten.

»Wie sah der Mann aus? Können Sie ihn beschreiben?« Verenas Herzklopfen wurde stärker. Gab es endlich eine Spur?

»Ich hab den hier noch nie gesehen. Er wirkte ein bisschen verlottert. Aber die jungen Leute sind heute ja alle gammelig angezogen.«

»Würden Sie mich zur Polizei begleiten und darüber eine Aussage machen?«, fragte Verena angespannt.

Der Mund, der bis gerade kaum stillgestanden hatte, verschloss sich wie eine Auster. Frau Holm schüttelte den Kopf und ihr Kinn schlackerte hin und her. »Ich möchte keinen Ärger.« Die Seniorin strich über ihren geblümten Hausanzug.

Angesichts ihrer Leidensmiene ruderte Verena zurück. »Versuchen Sie bitte, sich zu erinnern, Frau Holm. Vielleicht können Sie wertvolle Hinweise liefern.«

»Ich weiß sonst nichts. Entschuldigen Sie mich, meine Serie fängt an.« Und schon hatte sich Frau Holm hinaus auf den Flur geschlängelt.

Verena fühlte die Furcht im Nacken. Sie war binnen weniger Tage zweimal von einem Unbekannten verfolgt worden. Und nun, wo ein Fremder hier herumschnüffelte, war ihr Zuhause kein sicherer Hafen mehr. Ihr Türschloss war ein Witz. Und mit einem simplen zusätzlichen Sicherheitschloss wäre es nicht getan. Der Mann konnte ihr im Hauseingang auflauern, sie bei den Mülltonnen abpassen …

Und bei all dem musste sie für die Prüfung lernen. Verena konnte sich unmöglich solange in Tinas Einraum-Apartment einquartieren.

Sie wollte so viele Kilometer wie möglich zwischen sich und diesen Kerl bringen! Und sie brauchte einen Job. Verena traf eine Entscheidung.

»Moment bitte«, rief sie und eilte Frau Holm nach, die wie ein Einsiedlerkrebs durch ihren Türspalt äugte. »Ich werde wohl einige Wochen nicht da sein. Würden Sie in der Zeit vielleicht ein Auge auf die Wohnung haben? Eine Freundin kommt zum Blumengießen vorbei.«

Dieser bescheidene Wunsch beruhigte die Nachbarin. Sie nickte.

»Und rufen Sie bitte sofort die Polizei, wenn der Kerl wieder auftaucht!« Es mochte unfair sein, der Nachbarsfrau Angst einzujagen, aber Verena konnte sich nicht bremsen. »In Ihrem eigenen Interesse. Der Mann hat auch Sie gesehen und weiß, wo Sie wohnen.«

Frau Holm erbleichte.

Kapitel 4

Eine halbe Woche später saß Verena im Zug Richtung Lüneburger Heide und versuchte sich einzureden, dass die Reise eine vernünftige Entscheidung war und keine Flucht.

Ihr Gepäck mit den schweren Fachbüchern hatte sie schon am Vortag aufgegeben und nur die Reisetasche dabei. Tina hatte sie mit Proviant eingedeckt, als ginge es nach Sibirien. Außerdem hatte sie Verena einen Roman von Jane Austen aufgenötigt, Northanger Abbey. Wenigstens nicht Partnersuche für Dummies.

Verena hatte bisher nur lustlos in der Lektüre geblättert. Lieber verfolgte sie die vorbeifliegende Landschaft. Dichte Nadelwälder wechselten sich mit Heidehöfen in ihrem charakteristischen Backsteinfachwerk ab. Eine Werbung im Abteil wies auf eine Sehenswürdigkeit hin – den Mergelsteiner Aussichtsturm.

Die aufziehende Dämmerung hüllte das Land in ein blaues Tuch und Verena übersah beinahe das Ortsschild Richtstetten. Sie beeilte sich mit dem Aufstehen und ging frühzeitig durch das wiegende Großraumabteil zur Zugtür. Es fiel ihr wegen des Knies schwer, über schwankenden Untergrund zu laufen. Außerdem klemmten die Türen, und hilfreiche Schaffner waren dünn gesät.

Der asphaltierte Bahnsteig der kleinen Station war zu kurz für den Regionalexpress, so dass Verena nach dem Kampf mit der Tür einen Höhenunterschied von beinahe einem Meter überwinden und auf unbefestigten Boden treten musste. Um beide Hände zum Festhalten frei zu haben, ließ sie erst die Tasche auf die dürre Grasnabe plumpsen und stieg dann von der rostigen Stufe aus hinterher. Wie immer, wenn sie einen geschlossenen Raum sicher verlassen hatte, atmete sie auf. Wobei ihr das Schlimmste noch bevorstand.

Ein Wagen sollte sie vom Bahnhof abholen. Die drohende Tour lag Verena schwer im Magen. Ihr Blick schweifte am Bahnhofsgebäude mit dem winzigen Wartesaal vorbei. Hufe klapperten über Asphalt, und das dröhnende Rollen hölzerner Räder erklang. Verena klappte den Mund mit einer bewussten Anstrengung zu, als ein Pferdegespann hinter dem Gebäude auftauchte.

Das war wohl kaum … Sie las die Aufschrift ›Stadtrundfahrten‹ und prustete los. Von wegen standesgemäßes Fahrzeug. Wenn ich das Tina erzähle …

Beschwingt schulterte sie die Tasche und stapfte den rostigen Zaun entlang zum Ausgang.

Vor dem Bahnhof wartete ein Oldtimer – dagegen lehnte ein älterer Mann mit kurzgeschnittenem Kraushaar, durch das sich sein eckiger Schädelknochen schob. Seine eidottergelbe Aura war gedämpft, wie durch eine staubige Fensterscheibe. Als hätte er ihren Blick auf sich gespürt, hob er den Kopf, machte einige Schritte auf sie zu und fragte: »Frau Seiler?«

»Ja!«, antwortete sie und nickte gleichzeitig.

»Weber«, sagte er, »von Weißenbach. Guten Abend.« Er streckte unbegeistert die Arme nach ihrer Tasche aus.

Verena grüßte zurück und gab ihm ihr Gepäck. Sie schluckte. Die Aussicht auf eine Autofahrt mit einem Fremden am Steuer machte sie nervös. Die offene Pferdekutsche hätte ihr mehr zugesagt. Sie musste sich ablenken, rasch, ehe die Angst die Kontrolle übernahm. Sich auf etwas anderes konzentrieren, wie sie es in der Therapie gelernt hatte.

Das Auto war gut gepflegt, mit altmodisch geschwungenen Linien und großzügigen Abmessungen in Graumetallic. Verena erkannte das Emblem mit den beiden ineinandergeschachtelten M’s aus einer Reportage wieder. Ein Maybach.

»Wird es eine längere Fahrt?«, fragte sie mit klopfendem Herzen, während Weber die Tasche im Kofferraum verstaute.

Ein undefinierbares Krächzen ertönte, das als Zeitangabe wenig taugte. Der Chauffeur richtete sich auf und schlug die Heckklappe zu. »Das Haus liegt ’n gutes Stück hinter dem alten Truppenübungsplatz«, erklärte er, was Verena kaum weiterhalf.

Sie hustete verlegen, als er ihr die hintere Wagentür aufhielt. Beim Anblick der Rückbank überfielen sie tausend schreckliche Erinnerungen.

Sie blieb stehen.

»Ich würde lieber vorne sitzen.« Es klang sogar in ihren Ohren piepsig. Weber schien lautlos zu seufzen, ließ die Tür zufallen, ging um den Wagen herum und öffnete die Beifahrertür.

Verena folgte ihm rasch und schlüpfte hinein. Hinter der großen Windschutzscheibe würde sie die Fahrt besser ertragen, als eingezwängt im Fond.

Der Innenraum war vergleichsweise geräumig und bot Beinfreiheit. Trotzdem war ihr unwohl zumute, wie vor jeder Autofahrt, und ihr Magen ballte sich zusammen. Am liebsten hätte sie um sich geschlagen und ihrer Unruhe brüllend Ausdruck verliehen. Das half gegen die Panik, aber diese Ausbrüche gestattete sie sich natürlich nur in den eigenen vier Wänden.

Nun stieg Weber ein. Er lag beinahe in seinem Sitz, so tief war die Rückenlehne verstellt. Der Chauffeur ließ den Wagen an, wendete, und mit sonorem Brummen nahm die Limousine Fahrt auf.

Er hüstelte. »Anschnallen, bitte.«

Ach ja. Verena zog den Gurt über ihre Brust. Er schien sich durch ihren Mantel in die Haut zu sengen. Sie steckte die Schnalle ins Schloss. Das Geräusch erinnerte an das Zuschnappen einer Falle. Ihr Herz schlug so laut wie eine Kesselpauke. Gefangen. Schweiß brach ihr aus.

Sie atmete ein und aus und versuchte krampfhaft, nicht zu hyperventilieren. Flacher atmen, Bauchatmung, wiederholte sie ihr persönliches Mantra.

Also gut. Der Verstand musste ihr helfen, den Körper zu überzeugen. Es war ein großes Auto. Sie fuhren sehr gemütlich auf der Landstraße, keinesfalls schneller als fünfzig. Verena äugte zur Seite auf den Tacho und zuckte zusammen. Tatsächlich war der Wagen mit achtzig Kilometern pro Stunde unterwegs. Sie hatte sich durch die geräuscharme Fahrt täuschen lassen. Verena ballte die Fäuste. Sie war eingesperrt, ein einziges, wild klopfendes Herz in einem Brustkorb aus Stahlstreben.

Eine halbe Ewigkeit später, so erschien es Verena, rollte der Maybach über eine kiesbestreute Auffahrt. Eine Wacholderhecke schirmte das Haus von der Straße ab, die längst ein Privatweg auf dem Anwesen war. Sie führte um das Gebäude herum und vorbei an einem Teich. Malerisch spiegelte sich Weißenbach in dem stillen Gewässer. Weitere Wacholder, sich verjüngend wie Speerspitzen, standen auf dem letzten Wegstück Spalier – eine stumme Garde, die den Blick zum Portikus lenkte. Großzügig geschnitten, mit zwei sich quer anschließenden Flügeln, besaß Weißenbach die Form eines flachen H.

Vor dem Haus blühte rotviolettes Heidekraut in steingefassten schmalen Beeten. Die Villa hätte aus einem von Martinas Kostüm-Dramen stammen können, sogar die Hecke verströmte adelige Melancholie.

Verena atmete auf, weil die Nervenprobe zu Ende war.

Jetzt fehlen bloß die Diener, die sich zur Begrüßung aufstellen, dachte sie. Dann endete ihr Tagtraum vom Leben als heimkehrende Hausherrin oder verschollene Erbin. Für sie wäre der Dienstboteneingang passender, denn genaugenommen zählte sie zum Personal.

Weber ließ den Wagen ausrollen und öffnete den Schlag für sie. Anders als der Name nahelegte, war Weißenbach kein helles Gebäude, bestenfalls grau. Verena fielen runde Fenster unterhalb des Giebels auf, wie Augen eines Fabelwesens. Das lebensgroße Relief eines Pfaus schmückte die Hauswand. Sein schmaler Hals bog sich dem Betrachter entgegen, und das Federrad griff das Augenmotiv auf äußerst elegante Weise auf.

Verena trat unter den Vorbau und zwischen die Säulen. Eine junge Frau mit sommersprossigem Gesicht und butterblumenglänzender Aura öffnete die Tür. »Frau Seiler? Herzlich willkommen. Ich bin Gina und für alles in Weißenbach zuständig, außer dem Maybach und der Pflege der gnädigen Frau.«

Ihr offenes Lächeln und der flapsige Kommentar lösten Verenas Anspannung. »Danke sehr!«

»Folgen Sie mir doch bitte.« Die Haushälterin ging voran. Hier endeten schon die Ähnlichkeiten zu vertrauten Film-Villen. Der Eingang führte nicht zu einer Treppenflucht oder in eine Halle, wie Verena erwartet hätte. Stattdessen betraten sie einen langen, schmalen Gang. Licht fiel lediglich durch schlüssellochförmige Fenster auf der Außenseite ein, eng wie Schießscharten. An mehreren Stellen zweigten weitere Gänge ab ins Innere. Verena wurde beklommen zumute. Das war ja das reinste Labyrinth. Erst nachdem sie zweimal abgebogen waren, gelangten sie in die Eingangshalle.

»Daran werden Sie sich noch gewöhnen«, versprach Gina, die ihr Unbehagen wohl spürte. »Das Gebäude hat einen ungewöhnlichen Grundriss. Ich laufe wegen der vielen Umwege alle drei Monate ein Paar Sohlen durch.« Sie trug Schuhe mit leisen Gummisohlen, das war Verena gleich aufgefallen. Gina kippte den rechten Schuh an. »Diese Sohle ist beinahe hinüber. Wir haben immer einige Paar vorrätig, ich bin sicher, auch in Ihrer Größe.«

»Bitte?« Verena verstand nicht recht.

Gina wurde ernst. »Keine lauten Schritte im Haus. Die gnädige Frau wünscht es so. Sie hat ungewöhnliche Ruhezeiten, wegen ihrer Krankheit. Deswegen sind wir angewiesen, alles so leise wie möglich zu erledigen.«

Das fing ja gut an. »Ich habe ein Paar Sneaker, die sich bestimmt …«, setzte sie an.

Da ertönte von oben eine Männerstimme. »Danke, Gina, das wäre dann alles. Ich kümmere mich um Frau Seiler.« Auf der Galerie, die von zwei Säulen getragen die ganze Länge der Halle überspannte, stand eine Gestalt.

Gina drehte sich um und knickste wie ein Dienstmädchen in einem Historiendrama. »Ist recht, Herr Hagendorf.« Sie wandte sich noch einmal an Verena, die aber nur mit einem Ohr zuhörte. »Wir sehen uns später.«

Der Hausherr war ein gutaussehender Mann Mitte Vierzig. Seine goldgelbe Aura kleidete ihn wie ein maßgeschneiderter Anzug. Er lächelte Verena auf eine Weise an, die Selbstbewusstsein verriet, ohne arrogant zu wirken – ganz anders als Oberarzt Karden. Während er eine der beiden Treppen der Empore hinabschritt, ruhte Hagendorfs Blick auf Verena, was ihr die Freiheit gab, ihn ebenfalls unverfroren zu mustern. Seine Arme hingen locker herab, er berührte den Handlauf nicht ein einziges Mal.

Hagendorf war ein dunkler Typ, die braunen Haare schienen eine Spur länger, der Schnitt des Anzugs etwas gediegener, als üblich. Er war fast zu förmlich gekleidet für den Aufenthalt im eigenen Heim. Allerdings wirkte dies bei ihm weniger altmodisch als vielmehr lässig, ebenso sein federnder Gang auf dem marmorgedeckten Fußboden. Sein Anblick verursachte ein freudiges Kribbeln in Verenas Bauch und sie ertappte sich bei einem Lächeln.

»Willkommen in Weißenbach.« Er streckte ihr die Hand entgegen. »Ich hoffe, Sie hatten eine angenehme Reise, Frau Seiler.«

Natürlich war das eine Floskel. Niemand wollte tatsächlich von den Qualen hören, denen sie bei jeder Fahrt ausgesetzt war.

»Ja, danke«, antwortete Verena, eher höflich als wahrheitsgemäß. Sie schüttelte die angebotene Hand und bot kräftigen Gegendruck, um sich nicht von der Präsenz ihres Gegenübers vereinnahmen zu lassen.

Hagendorf überragte sie um mindestens eineinhalb Köpfe. Um größenmäßig mit ihm mithalten zu können, müsste eine Begleiterin auf hohe Absätze setzen. Verena entdeckte allerdings keinen Ehering an seiner Linken.

Unverheiratet, aber bestimmt geschieden, überlegte sie. Oder verwitwet. Ein Bild aus der alten Hitchcock-Verfilmung von Rebecca schoss ihr durch den Kopf. Sie dachte an Tinas Phantastereien über windumtoste Schlossherren, und bei dem Gedanken wurde sie tatsächlich rot.

Die Stille dehnte sich.

»Ein ungewöhnliches Haus«, brachte sie heraus und erinnerte sich an den Pfau. »Und ein seltsamer Fassadenschmuck. Ich dachte, alle alten Villen wären mit Efeu überwachsen.« Mist, das klang jetzt wie eine Kritik. »Verzeihen Sie, aber ich bin eine Großstadtpflanze.«

Die Brauen Hagendorfs sanken einen Millimeter tiefer. Hier im Dämmerlicht der Halle schimmerten seine Augen dunkelgrau. »Efeu ist eine Schmarotzerpflanze und zerstört die Bausubstanz. Es spricht mehr von Vernachlässigung eines Gebäudes denn von Pflege.«

Verena wäre vor Scham am liebsten im Boden versunken. Hagendorf hob die Hand, und seine Züge entspannten sich. »Und was den Pfau angeht, so ist er ein altes Symbol.«

Für Eitelkeit, dachte Verena. »Ja?«

»Die Menschen des Mittelalters glaubten, sein Fleisch sei unverweslich. Auf gewisse Weise ist der Pfau daher ein Sinnbild für die Unsterblichkeit, oder im christlichen Sinne für die Wiederauferstehung allen Fleisches. Sie werden die tiefere Bedeutung noch verstehen, wenn Sie mehr von der Geschichte dieses Gebäudes erfahren haben.«

»Das würde ich gern«, sagte Verena. Sein Blick ging ihr durch und durch, und sie freute sich auf überaus unprofessionelle Weise über das Wohlwollen, das sie darin las.

»Weber bringt Ihr Gepäck gerade aufs Zimmer. Ich kann Ihnen die Räume zeigen, im Anschluss an eine kleine Hausführung, damit Sie sich hier zurechtfinden. Gewiss wollen Sie sich vor dem Abendessen frisch machen.«

Den Angstschweiß der Fahrt loszuwerden war eine angenehme Vorstellung. »Danke. Wie geht es denn Frau von Hagendorf?«, fragte Verena. Am liebsten würde sie zuerst ihre Patientin kennenlernen, um eine Vorstellung von Sidonies Leiden zu bekommen. Aber nicht in verschwitzten Klamotten. Kranke Menschen waren oft feinfühlig, und an einem schlechten ersten Eindruck war Verena wenig gelegen.

»Sie ruht«, erklärte Hagendorf. »Ich denke, nach dem Abendessen wird sie Sie empfangen.«

Oh, dachte Verena. Gina hatte ja schon so etwas angedeutet. »Welche Krankheit plagt Ihre Mutter denn?«

Hagendorf seufzte. »Das Alter, wenn man das als Krankheit bezeichnen kann. Ich nenne es einen Fluch. Mit der Last der Jahre geht bei meiner Mutter eine Schwäche der Muskeln einher, eine Überreiztheit der Nerven. Kein Arzt konnte Linderung verschaffen bei dem rätselhaften Leiden, das ihren Körper befallen hat. Zum Glück ist ihr Geist gänzlich ungetrübt, auch wenn die Beeinträchtigungen eine furchtbare Belastung für Mutter darstellen.«

»Das kann ich verstehen.« Verena wurde neugierig. Sie brannte darauf, mehr über die Krankheit herauszufinden.

»Kommen Sie. Hier entlang.« Hagendorf legte eine Hand auf Verenas Rücken, um ihr die Richtung zu weisen. Es fühlte sich beschützend an, aber gleichzeitig auch ein wenig besitzergreifend.

Verena folgte ihrem Arbeitgeber durch weitere Gänge. Sie hatte es aufgegeben, ein Muster in der Anordnung der Flure zu suchen.

»Da das Anwesen durch lange Vernachlässigung gelitten hatte, kam mein Großvater auf die Idee, an Stelle des alten Familiensitzes einen neuen zu bauen. Und zwar genau am gleichen Ort. Für seine Bedürfnisse war das Gebäude zu klein, aber er wollte die ehrwürdigen Mauern seiner Vorfahren bewahren.«

»Warum?«, fragte sie.

»Er war ein Gelehrter, so wie ich, und seine Studien machten Arbeitsräume sowie eine umfangreiche Bibliothek unabdingbar. Daher beschloss er, ein größeres Haus zu errichten, welches den ursprünglichen Gebäudekern in neuen Mauern barg, so dass nicht viel verändert werden musste.«

Das war ja mal wirklich konservativ. »Das alte Haus steckt also noch in der Villa Weißenbach wie eine Kapsel in einem Überraschungsei?«

Hagendorf legte den Kopf schräg. »Der Vergleich mit einem Ei ist durchaus zutreffend. Großvater war bestrebt, alles so vollständig wie möglich zu erhalten. Deswegen wurde der Eingang, durch den Sie gekommen sind, zwar an die andere Seite verlegt und dem Verlauf der neuen Straße angepasst, aber dort kein Mauerbruch durchgeführt. Somit führen die Gänge um das Haus herum, ehe sie in der Eingangshalle münden.«

Wie verschroben, dachte Verena. Sie wollte einwenden, wie unpraktisch sie das fand, dann wurde ihr klar, dass jemandem mit gesunden Beinen oder Personal Umwege nicht viel ausmachten.

»Dazu kamen später die Seitenflügel, von denen einer die Garage und Werkstätten beherbergt, der andere Wirtschaftsräume. Aber das Herz Weißenbachs schlägt im Zentrum, wie sich das gehört.«

Hagendorf sprach von seinem Wohnsitz wie von einem Lebewesen. »Haben Sie noch weitere Familie?«, fragte Verena. Der Anflug eines Schattens zog über Hagendorfs Züge. Verena wäre er gar nicht aufgefallen, wenn sie nicht gleichzeitig ein Flackern in seiner Aura bemerkt hätte.

»Ich lebe allein mit meiner Mutter hier«, antwortete er nur, und Verena beschlich das unbestimmte Gefühl, dass es da eine Geschichte gab, die er verschwieg.

Sie räusperte sich. »Wenn es Ihnen nichts ausmacht, würde ich gern noch mein Zimmer sehen.«

»Ach ja, natürlich. Ich zeige Ihnen die Räume, die wir für Sie vorbereitet haben. Später schicke ich dann Gina vorbei, die Sie abholen kann.«

Er ließ ihr den Vortritt durch eine schmale Tür. Verena staunte nicht schlecht: Sie waren wieder in der Haupthalle mit den Freitreppen eingetroffen.

Hagendorf wandte sich nach oben. »Seien Sie vorsichtig auf der Treppe. Die Stufen sind ausgetreten.«

Innerlich seufzte Verena. Treppen – die Krux alter Häuser. Heutzutage achtete man bei Neubauten auf einen barrierefreien Zugang. Davon konnte in Weißenbach keine Rede sein. So prächtig, wie sich die geschwungene Treppe dem Auge präsentierte, so schief waren die Stufen. Bisher hatte Verena ihr Hinken verborgen, um sich keine Blöße zu geben. Auch jetzt lief sie konzentriert, eine Hand immer auf dem Geländer. Neidvoll erinnerte sie sich, wie mühelos Hagendorf die Stufen herabgestiegen war, ohne den Blick von ihr zu wenden. Er musste diese Treppe in- und auswendig kennen.

»Wie lange wohnen Sie schon hier?«, fragte Verena, als sie die Empore erreicht hatten. Sie genoss einen Moment den Ausblick über die Halle. Es brauchte nicht viel Fantasie, um sich in vergangene Zeiten zurückzuträumen – rauschende Ballnächte, herumwirbelnde Kleider zwischen den Säulen.

»Ungefähr acht Jahre«, antwortete Hagendorf. »Meine … Mutter und ich haben vorher im Ausland gelebt – in Frankreich. Dann ist mein Großonkel überraschend gestorben und hat mir das Anwesen vererbt. So, hier entlang.«

Verena nickte. Die anschließende Passage war kein Vergleich zu den labyrinthischen Gängen an der Außenseite des Gemäuers. »Sie haben sich hier gut eingelebt. Ich meine, weil Sie so viel von der Vergangenheit Weißenbachs wissen.«

»Das 19. Jahrhunderts ist eine meiner privaten Liebhabereien. Man könnte mich mit Fug und Recht als Jünger Klios bezeichnen.«

»Verzeihung, wessen Jünger?«

»So nannten die alten Griechen die Muse der Historienwissenschaft.«

Gottseidank, dachte Verena, der bei dem Begriff Jünger etwas flau geworden war. Das fehlte noch, dass sie in eine obskure Geheimgesellschaft hineingeschlittert war.

Im Zentrum des Hauses war die Architektur übersichtlicher, dafür war es finster. Kein Wunder – es konnte kein Tageslicht geben, wenn das ganze Gebäude zusätzlich in einem anderen Haus steckte wie eine russische Matroschka-Puppe in der nächstgrößeren.

Hagendorf wies auf eine Tür mit geschwungener Messingklinke. »Da wären wir. Sie haben Zeit, das Abendessen wird traditionell um zwanzig Uhr aufgetragen.«

Wenn das die Ernährungsberaterin der Klinik wüsste, dachte Verena amüsiert. Für Frau Hensel war Nahrungsaufnahme nach achtzehn Uhr eine Sünde und schuld an so ungefähr jeder Zivilisationskrankheit.

Verena verabschiedete sich, trat ein und blieb verblüfft stehen. Jemand hatte das Licht eingeschaltet, vermutlich, damit sich der Gast besser zurechtfand. Der Lüster unter der hohen Zimmerdecke ließ den samtigen Orientteppich auf den bienenwachsgebohnerten Dielen in seiner Farbenpracht erglühen. Ihr Gepäck wartete zwischen dem geräumigen Bett mit aufgeschlagener Tagesdecke und einem Sekretär mit ausklappbarer Schreibfläche darauf, von ihr ausgepackt zu werden.

Zwei Fenster verbargen sich an einer Wand mit Kommoden hinter dichten Gardinen. Verena stieß einen der Flügel auf. Unter ihr gähnte eine Kluft. Eine Mauer, nur eine Armeslänge entfernt, versperrte jegliche Aussicht. Zwischen Außen- und Innenwand blieb ein offener Bereich, in dessen Decke ein Lichtschacht für ein kleines Bisschen Helligkeit sorgte.

Bei aller Schönheit hatte das Haus etwas von einem unterirdischen Bunker. Verena schloss das Fenster und zog die Vorhänge zu. Ehe ihr vor Beklemmung wieder der Schweiß ausbrach, beschloss sie, die Energie der aufwallenden Angst sinnvoll zu nutzen.

Lehrbücher und ihre Aufzeichnungen von der Uni machten einen Großteil ihres Gepäcks aus. Sie hatte nur wenig Kleidung mitgebracht, aber die Sachen würden kaum alle in die schmalen Kommoden passen, die aussahen, als stammten sie aus unterschiedlichen Epochen. Hatte Hagendorf nicht von Räumen gesprochen? Verena ließ die gefalteten Pullover vorläufig auf dem Bett liegen und machte sich auf die Suche.

Zwei weitere Türen waren geschickt wie Paneele in die holzverkleideten Wände eingelassen. Hinter einer verbarg sich ein begehbarer Kleiderschrank – eine ganze Kammer, in der ihre bescheidene Garderobe noch bescheidener aussehen würde. Verena seufzte. Aber wenn man den halben Tag einen Pflegerinnenkittel trug, gab es eh wenig Gelegenheit, schicke Kleidung auszuführen. Deswegen besaß sie auch außer ihrer Uhr, einem Erbstück, keinen Schmuck. Und selbst die legte Verena nur selten an. Das Armband war klobig und die Schnalle war so scharfkantig, dass sie damit aus Versehen schon mal einen Strickpulloverärmel aufgeribbelt hatte.

Der andere Durchgang führte in ein modernes Badezimmer: Duschwanne, WC, Waschbecken mit Spiegelfront darüber. Die zeitgemäßen sanitären Anlagen mussten erst nachträglich eingebaut worden sein und Verena war dankbar, dass Hagendorf den Aufwand nicht gescheut hatte, den dies sicherlich bedeutet hatte.

Sie schaute auf die Uhr und entschied, dass noch genug Zeit für eine heiße Dusche blieb.

Verena rubbelte sich gerade die Haare trocken, als es an der Tür klopfte. Das war sicher Gina, um sie abzuholen. »Bin gleich so weit«, rief sie gegen den summenden Luftabzug im Bad an. Die Frisur konnte sie unterwegs noch zurechtzupfen. Ihr goldbraunes Haar war unkompliziert, und der Bob saß auch ohne größere Föhn-Orgien.

In ihrer grauen Hose mit lilafarbenem Mohair-Pullover war Verena hoffentlich angemessen gekleidet für ein Abendessen. Als sie auf den Flur hinaustrat und klickend die Tür ins Schloss zog, wartete dort allerdings nicht das Hausmädchen, sondern Hagendorf persönlich. Er trug ein dunkles Jackett mit seidig schimmernden Aufschlägen.

»Oh«, sagte sie überrascht und wurde sich augenblicklich ihrer feuchten Haarspitzen bewusst. Verlegen strich sie eine Strähne hinters Ohr.

Hagendorf nickte. »Guten Abend. Gina ist noch in der Küche beschäftigt. Wir haben selten Gäste, und ich glaube, sie möchte einen guten Eindruck machen.« Er lächelte, wie über den Eifer eines bastelnden Kindes.

Einen guten Eindruck machen, ja, das wollte Verena auch, wie sie in einem Anflug von Eitelkeit bemerkte. Während sie mit dem Gastgeber ein Geschoss tiefer ging, überkamen sie Zweifel an ihrer Kleider- und Farbwahl. Lila und grau, na toll. Damit sehe ich aus wie ein wandelnder Erika-Strauß …

Verena atmete durch. Wen wollte sie denn beeindrucken? Das würde doch nur Tinas wilde Spekulationen stärken. Apropos, sie musste morgen bei ihrer Freundin anrufen …

Fast wäre Verena falsch abgebogen. Hagendorf fasste ihren rechten Ellbogen und hinderte sie daran, in einen offenbar blind endenden Gang zu laufen.

Seine Berührung war geradezu elektrisierend. Es schien, als würde Hagendorfs Energie, die sich so deutlich in seiner strahlenden Aura zeigte, auf sie übergreifen.

Unwillkürlich schnappte Verena nach Luft. Es gelang ihr, diese Regung noch in ein halbes Gähnen zu verwandeln, indem sie die Hand vor den Mund riss. »Entschuldigung«, sagte sie, und dann war das eigenartige Gefühl von Verschmelzung auch schon wieder verschwunden.

»Sie sind hoffentlich nicht zu erschöpft von der Reise. Im Speisesaal wartet eine Überraschung«, kündigte Hagendorf an.

Speisesaal klang nach einer endlos langen Tafel, die nur an den Kopfenden gedeckt war. Ich sollte endlich aufhören, in Klischees zu denken, ermahnte sich Verena. Aber sie konnte ihre Fantasie nicht stoppen, denn mit jedem Schritt erhielt die Vorstellungskraft neue Nahrung. Da waren die Ölgemälde, die die Flure zierten, dunkel unter altem Firnis. Da war der Mann neben ihr, der wie das Relikt einer vergangenen Zeit aussah und trotzdem – oder gerade deshalb? – seltsam anziehend wirkte. Konnte das an seiner adeligen Herkunft liegen?. Oder war sie einfach überreizt? Hals-über-Kopf-Gefühlswirrwarr zählte eigentlich zu Tinas Spezialitäten.

Hagendorf hielt ihr die Tür auf. »Wir sind da.«

An dem runden Tisch in dem getäfelten Zimmer saß eine zerbrechliche Dame. Verena blieb so unvermittelt stehen, dass Hagendorf fast gegen sie gelaufen wäre. Sie hörte das leise Schaben seines Jacketts und fühlte seine Präsenz bestärkend in ihrem Rücken. Er schob sich dicht an ihr vorbei und berührte ihren Ärmel. Bei dem Gedanken an seine Nähe, wie seidiger Stoff, der über ihre Haut streifte, beschlich sie ein wohliges Gefühl. Aber das war wirklich der falsche Zeitpunkt. Sie biss sich kurz auf die Lippen und konnte sich endlich wieder auf Hagendorfs Worte konzentrieren.

»Mutter? Darf ich dir Frau Seiler vorstellen? Frau Seiler …«

»Verena bitte«, quiekte sie wie ein Mäuschen und hasste den schwächlichen Tonfall. »Für meine Patienten«, fügte sie hinzu und hoffte, dass Hagendorf den Wink verstand. Sie legte großen Wert auf ein persönliches Verhältnis und hatte bisher damit gute Erfahrungen gemacht. Es schien nur fair zu sein, sich den Menschen zu öffnen, die auch für sie wie ein offenes Buch waren.

Ihr Gastgeber hüstelte irritiert über die Unterbrechung, fuhr dann aber geschmeidig mit der Vorstellung fort. »Sidonie von Hagendorf. Meine Mutter.«

»Guten Abend, Fräulein Seiler«, sagte die Dame mit steifen Lippen, als bereite ihr jedes Wort körperlichen oder seelischen Schmerz. Auf den ersten Blick sah sie nicht im klassischen Sinne alt und verwelkt aus. Sie hatte kaum Falten, trotz der erschreckend papiernen Haut mit dem leicht gräulichen Teint großer Erschöpfung. Aber ihre Aura … Verena erschrak und verschloss sich den überwältigenden Eindrücken.

»Ich muss auf der förmlichen Anrede bestehen, Fräulein Seiler. Das Personal würde Vertraulichkeit nicht schätzen.«

Ah, so war das also. Verena schluckte.

Sie nickte bestätigend. »Natürlich. Guten Abend dann, Frau von Hagendorf.«

Die alte Dame winkte ab. »Hagendorf genügt völlig. Wir leben ja nicht mehr im 19. Jahrhundert.« Ein messerrückendünnes Lächeln teilte ihre Lippen, deren Rosé auf die honigblonden, gewellten Haare abgestimmt war, die kein Stück gefärbt aussahen.

Hagendorf führte Verena zum Tisch und rückte ihr einen Stuhl zurecht, ehe er selbst an der Seite seiner Mutter Platz nahm. An seine guten Manieren konnte man sich gewöhnen!

»Es freut mich, Sie kennenzulernen. Wie geht es Ihnen denn heute Abend?«, fragte Verena. Zugleich öffnete sie vorsichtig ihren sechsten Sinn, ließ die fremde Aura auf sich wirken. Die Ausstrahlung glich der von Frau Melzer, Verenas letzter Patientin im Krankenhaus. Das gesunde Gelb umrahmte die Gestalt Frau von Hagendorfs nur noch in einer dünnen Linie, der größere Teil hatte einen violetten Farbton, der das Lebensende von Menschen anzeigte. Rötliche Adern durchzuckten die Umrisse wie Purpurblitze.

So wie Sidonie aussah, würde sie den Antritt ihrer Kur in sechs Wochen wohl nicht mehr erleben. Ob sie ahnte, wie es um ihre Gesundheit stand?

Das Schweigen dehnte sich unangenehm.

»Ich bin sicher, meine Mutter ist sehr froh darüber, dass Sie jetzt hier sind«, sagte Hagendorf in die Stille hinein.

»Ja, selbstverständlich. Wolf hat Recht.«

Verena fühlte den saugenden Blick der alten Frau auf sich und war für einen Moment brüskiert, weil sie nicht auf ihre Frage reagiert hatte. Dann rief sie sich zur Vernunft. Kranke waren vielen Belastungen ausgesetzt, und mürrisches Benehmen blieb manchmal ihr einziges Mittel, sich gegen das Schicksal aufzulehnen.

Es klopfte, und eine Sekunde später wurde die Tür geöffnet. Gina kam herein, mit einer frischen, weißen Schürze über dem schwarzen Hauskleid. Sie balancierte ein Tablett, über das sich eine silberne Haube wölbte. Ihr folgte Weber mit einem ähnlichen Tablett – er sah immer noch aus wie ein Höhlenmensch, den man in einen Anzug gesteckt hatte. Die grimmige Miene trug ihren Teil zu diesem Eindruck bei.

Nach dem Servieren verschwanden die beiden und ließen die kleine Tischgemeinschaft vor gefüllten Schüsseln zurück. Verena stürzte sich auf das Essen. Sie bemerkte, dass ihre Patientin ebenfalls einen gesunden Appetit an den Tag legte.

Verenas voller Mund enthob sie glücklicherweise jeglicher Verantwortung für eine Beteiligung an der tröpfelnden Konversation. Immer wieder schaute sie zu der alten Frau Hagendorf hinüber. Sie überlegte angestrengt, welche Art Krankheit eine solche Verwüstung in der Aura hinterlassen konnte. Es war kein Krebs, der hätte sich am Ursprungsherd oder in den Lymphen bemerkbar gemacht. Lunge, Herz und andere Organe schienen ebenfalls in Ordnung zu sein. Es war mehr eine Beeinträchtigung des gesamten Systems, die Verena sich nur schwerlich erklären konnte. Als würde die alte Dame innerlich verbrennen. Das konnte nicht allein die Folge fortgeschrittenen Alters sein.

Wann immer Verena zu ihrer Patientin sah, schaute Sidonie fort. Es wirkte, als würde sie Verena heimlich mustern und wolle jeglichen Augenkontakt meiden. Ein eigentümlicher Ausdruck, fast wie Hunger, sprach aus Frau Hagendorfs Miene, wann immer ihre Blicke sich dennoch trafen.

Verena würde ansprechen müssen, dass die alte Dame in die Obhut einer Klinik gehörte. Ihr Zustand ging weit über die Möglichkeiten häuslicher Pflege hinaus.

Die Gelegenheit kam schneller als erwartet, denn Frau Hagendorf zog sich vor der Nachspeise zurück. Verena hatte Leute gepflegt, die körperlich in besserer Verfassung gewesen waren und nicht mehr eigenständig gehen konnten. Aber Sidonie nahm nur einen Stock zu Hilfe. Sie wollte doch unmöglich allein die Treppen …

Verena war schon aufgestanden, da legte Hagendorf seine Rechte auf ihren Handrücken. »Warten Sie«, bat er leise. »Ich bringe Mutter kurz nach oben.«

»Wir sehen uns morgen«, meinte die alte Frau über die Schulter hinweg.

»Gute Nacht, Frau Hagendorf«, verabschiedete Verena sich mehr höflich als herzlich. Sie fühlte sich überflüssig und grübelte, wozu man eine Pflegerin eingestellt hatte.

Als der Kaffee serviert wurde, war Hagendorf längst zurück, und Verena hatte sich eine kleine Rede zurechtgelegt.

»Ich weiß, es ist ein heikles Thema, aber gab es … Unstimmigkeiten mit Ihrer Mutter wegen der Pflege? Oder andere Probleme, von denen ich wissen sollte?« Es war möglich, dass der besorgte Sohn sie über den Kopf der Patientin hinweg engagiert hatte. In diesem Falle konnte Verena die abweisende Reaktion der alten Dame nachvollziehen.

»Was wollen Sie damit andeuten?«, fragte Hagendorf.

»Patient und Pfleger müssen an einem Strang ziehen. Wenn die Patientin mich ablehnt, kann ich die Stelle bedauerlicherweise nicht antreten.«

Hagendorf schüttelte den Kopf. Seine Augen schimmerten im gedämpften Licht wie grauer Samt. »Im Gegenteil, meine Mutter war von der Idee sogar sehr angetan. Ich versichere Ihnen, Sie freut sich, dass Sie hier sind.«

Dafür war sie aber wenig überschwänglich gewesen. »Ich werde die Entscheidung nicht übers Knie brechen. Aber Sie können sich vorstellen, dass eine Zusammenarbeit, gerade in diesem Fall, von Vertrauen geprägt sein muss.«

Etwas blitzte in der Miene ihres Gegenübers auf. »Gerade in diesem Fall?«, wiederholte er.

Verena schluckte. Wo nun von Vertrauen die Rede war … Wie viel sollte Sie über ihre besonderen Einsichten verraten? »Ich möchte gewiss nicht übereifrig erscheinen. Sie sollten die Beurteilung des Gesundheitszustands natürlich einem Arzt überlassen. Aber ich habe den Eindruck, dass die Krankheit ihrer Mutter mehr als ungewöhnlich ist.«

Puh – das war gefährliches Terrain. Über solche Aussagen war es in der Klinik regelmäßig zu Auseinandersetzungen mit den Ärzten gekommen.

»Wie meinen Sie das?«, wollte Hagendorf prompt wissen.

»Nun ja, sie wirkt nicht gebrechlich und hat einen gesunden Appetit. Andererseits liegt ihr BMI sichtbar am Rand zum Untergewicht. Das sollte auf jeden Fall überwacht werden.«

»Das alles haben Sie schon nach einer halben Stunde und ohne genaue Untersuchung festgestellt?«, fragte Hagendorf. Seine Sarkasmus ärgerte Verena.

Automatisch setzte sie sich aufrechter hin. »In der Klinik habe ich ständig mit kranken Menschen zu tun gehabt. Außerdem studiere ich Medizin im sechsten Semester, müssen Sie wissen. Mit der Pflege und den Nachtdiensten im Krankenhaus finanziere ich mir nur das Studium.«

»Sie sind eine erstaunliche junge Dame«, sagte Hagendorf beschwichtigend. »Ich möchte Ihre Qualifikationen gewiss nicht anzweifeln. Sehen Sie, ich weiß über das Studium Bescheid und begrüße Ihren Ehrgeiz sogar.«

Ach! Jetzt war Verena sprachlos und Hagendorf fuhr fort.

»Verstehen Sie das bitte nicht falsch. Ich habe Erkundigungen über Sie eingezogen. Für meine Familie ist mir keine Mühe zu groß.«

Verena versuchte, ihre belegte Stimme mit einem Räuspern freizubekommen. »Doch ich bin noch kein Mediziner und eine solche Verantwortung …« Wie sollte sie sich nur ausdrücken, ohne ihr Geheimnis zu enthüllen?

Hagendorf nickte. »Der Zustand meiner Mutter ist fragil, darüber bin ich mir im Klaren. Unser Hausarzt hat mich darin bestärkt, sie so lange wie möglich zu Hause zu pflegen. Auch am Kurort ist alles für ihre Bedürfnisse eingerichtet.«

Verena war hin- und hergerissen, ob sie darauf pochen sollte, die Patientin ins Krankenhaus zu bringen. Dort gab es die Option der Intensivpflege. Andererseits lauerten dort resistente Keime, die einem geschwächten Patienten den Rest geben mochten.

»Gewiss werden Sie sich noch mit ihr anfreunden, Frau Seiler. Vielleicht war es falsch, das Treffen zu forcieren. Meine Mutter war sehr neugierig auf Sie, aber heute war nicht ihr bester Tag. Das wird morgen ganz anders aussehen.«

Verena biss sich auf die Lippe, um ihm nicht ins Wort zu fallen. An ihr sollte es bestimmt nicht scheitern. »Sie müssen mir versprechen, den Arzt hinzuzuziehen, sobald sich der Krankheitsverlauf verschlechtert. Und ich würde bei nächster Gelegenheit auch gerne mit dem Doktor reden.«

»Sicher. Sagen Sie nur, was Sie an Pflegemitteln, Medikamenten oder Geräten brauchen, und ich werde es herbeischaffen.« Sein Blick verlor sich in der Ferne, ehe er fortfuhr: »Meine Mutter hatte in der Vergangenheit bereits solche Phasen. Es ging ihr nach einer Kur jedes Mal besser. Darauf richten wir unsere Hoffnungen. Erst einmal sollte sie aber fit genug für die Reise sein.«

»Was für eine Kur ist denn geplant?«

»Wir fahren in das französische Heilbad Valedom.«

»Ich muss gestehen, davon habe ich noch nie gehört.«

»In dem abgelegenen Bergtal wird streng naturkundlich behandelt«, erklärte Hagendorf bereitwillig. »Die Kombination von frischer Luft, dem besonders mineralhaltigen Wasser und einer speziellen Medikation wird Sid… Mutters Gesundheit hoffentlich wiederherstellen.«

Wo wuchsen Pflanzen gegen das Altern? Das klang mehr nach einem Wunderheiler oder Guru. Allerdings war Verena die Letzte, die über gewisse Phänomene spotten sollte.

Und apropos unerklärbare Phänomene. Sie fühlte sich auf rätselhafte Weise betört. Verena versenkte sich in Hagendorfs kraftvolle Aura und überlegte, ob seine Arme wohl ebenso kräftig waren … Bestimmt entging ihr eine Menge, wenn sie jetzt unverrichteter Dinge zurück nach Hause fuhr.

Der Wind trug ihm tausend Gerüche zu, und er ritt auf ihnen seinem Ziel entgegen. In gleichmäßigem Trott rannte er an den Schienen entlang, tauchte in die Dunkelheit und kam als ein Teil von ihr wieder hervor. Die Jagd lag ihm im Blut. Auf Dauer konnte ihn niemand einsperren. Der Meister wusste das, und war nie lange böse, solange er nur zurückkehrte. Und das musste er.

An den Metallschwellen erklang leises Sirren. Es quälte ihn, und er wich in einen Grünstreifen aus.

Seine Brust bebte. Die Nüstern sogen die Düfte in schneller Folge ein. Er roch erhitztes Metall, taunasse Steine voller Rost. Pflanzen. Beute.

Immer noch geisterte das Summen über die Gleise, lauter jetzt. Eine Frau näherte sich. Er drückte sich hinter den nächsten Strauch und verschmolz mit der Nacht. Sie führte einen kleinen Hund an einem Lederriemen.

Der Winzling blieb stehen und stemmte die kurzen Beinchen in den Boden. Er kläffte, doch die Frau beachtete ihn kaum.

»Nun mach schon!«, sagte sie ungeduldig. »Musst du wirklich an jeden Grashalm in Haldern pinkeln?«

Das anhaltende Pfeifen von der Gleisstraße fraß sich in den Schädel des Jägers, und er zog die Kapuze tiefer ins Gesicht. Gewaltsam zerrte die Frau den Hund weiter. Das Tier jaulte, aber der Laut ging im Sog des heranrasenden Zugs unter.

Jetzt sprang er vorwärts. Drei, vier kraftvolle Sätze, und er hatte die beiden eingeholt. Die Frau schrie und setzte zur Flucht an. Neben ihr bellte der Hund in den höchsten Tönen.

Er trat den Kläffer weg, streckte die Klauen aus und stieß sie wie Dolche in den Rücken der Frau. Dann wirbelte er die Beute herum.

Ihre Hilfeschreie schluckte der vorbeidonnernde Zug. Sie verstummten, als er ihre Kehle zerfetzte.

Der Zug verschwand klappernd und ratternd in der Ferne. Der Jäger sog den Geruch des frischen Bluts tief ein und ließ die Beute zu Boden sinken. Das Hundchen biss zu, doch er spürte die Zähne kaum und schob das knurrende Tier mit dem Fuß fort. Schließlich packte er die Schlaufe der Lederschnur und wollte den Hund damit endgültig zum Schweigen bringen. Aber dann erinnerte er sich an die unsichtbare Leine, die ihn selbst an den Meister fesselte … In einem Anflug von Sympathie band er den Hund an den nächsten Zaun.

Schließlich zerlegte er die Beute. Er hatte sie diesmal nicht gefunden, die Frau mit dem besonderen Aroma. Die Jagd war dennoch zufriedenstellend gewesen – aber sie war keinesfalls zu Ende. Noch lange nicht.

Kapitel 5

Verena wurde vor dem Klingeln des Weckers wach. Ein Lichtfaden lief um den Vorhang vor den Fenstern und eine diffuse Wolke schien den graubraunen Stoff von hinten aufzublähen.

Verena stand auf und schlug die Gardine beiseite. Die Helligkeit kam durch den Lichtschacht. Neugierig öffnete sie einen Fensterflügel. Weiter oben hörte sie ein Poltern und leises Quietschen. Sie hatte mit dem Hebel zugleich etwas anderes betätigt, eine Klappe oder dergleichen. Frische Morgenluft drang ins Zimmer und fröstelnd verschwand Verena im Bad.

Nach der heißen Dusche kramte sie das Handy heraus. Tina war bestimmt schon auf den Beinen, und wenn Verena sich heute nicht meldete, würde sie ihr am Ende noch die Polizei auf den Hals hetzen. Der Akku war voll, sie achtete nach den Schrecknissen der letzten Zeit peinlich genau darauf, ihn immer geladen zu halten. Trotzdem konnte das Gerät keine Verbindung aufbauen. Ärgerlich steckte Verena das Smartphone weg. Es musste im Haus einen anderen Apparat geben, schließlich war sie hier nicht auf einer einsamen Insel gestrandet.

Den Weg bis zur Halle war Verena gestern mehrfach gegangen, daher fand sie sich bis dorthin einigermaßen zurecht. Von da aus lief der Korridor um das innere Haus herum, dann musste sie dieser Weg also geradewegs in den linken Flügel führen … Nach einigem Umherirren ließ Verena sich schließlich von der Musik leiten, die aus einem der Gänge tönte. Bald roch es verführerisch nach Gebäck, und die Töne wurden lauter. Eine Frauenstimme sang zu flotten Latino-Rhythmen, und eine zweite hüpfte annähernd im Takt dazu auf und nieder. »Hallo Gina?«, rief Verena, klopfte und trat ein. Die Küche war riesig. Über dem gusseisernen Herd von den Ausmaßen eines Kleinwagens hing ein gewaltiger, kupferner Abzugstrichter. Gina werkelte an der Arbeitsplatte und war ganz versunken dabei, Brötchen zum Abkühlen auf ein Backrost zu stapeln.

»Guten Morgen!«, sagte Verena laut, um den doppelten Gesang zu übertönen.

Gina zuckte zusammen. Mit einem schnellen Griff rettete sie ein Brötchen vor dem Sturz auf den Fußboden. »Ach Herrje, haben Sie mich aber erschreckt!«, rief sie.

»Das wollte ich nicht!«, beteuerte Verena. »Ich suche bloß ein Telefon. Mein Handy hat kein Netz …«

Gina nickte eifrig. Sie drehte das Radio leiser doch es plärrte weiterhin im Hintergrund wie ein vernachlässigtes Kind. »Kein Wunder. Wir sind hier aufs Festnetz angewiesen. Ich weiß gar nicht mehr, wann mein Handy das letzte Mal funktioniert hat. Kaum Sendemasten in der Gegend – bestimmt wegen des Truppenübungsplatzes.«

»Ich dachte, der wäre stillgelegt«, erinnerte Verena sich an Webers Worte bei der Anreise. Sie hatte sich vorab im Internet ein bisschen über die Region informiert. Die Anlagen waren etwa drei Kilometer Luftlinie entfernt und wurden seit über einem Jahrzehnt nicht mehr betrieben.

Gina nickte erneut. »Ja, ist er auch. Aber während des Kalten Kriegs war hier ein Horchposten der Amerikaner, so sagt man. Spionage. Technik überall im Boden.«

Sie sah einen Moment lang nachdenklich aus. Dann barst ein verschmitztes Lächeln durch die ernste Fassade. »Irgendwie muss man diese Gegend doch interessant machen. Hier gibt’s ja nichts außer Heidekraut, Heidesand und Heidschnucken.«

Verenas Magen knurrte vernehmlich. »Na, das werde ich meiner Freundin Tina erzählen. Sie wartet bestimmt schon auf Neuigkeiten.«

»Dann richten Sie ihr bitte Grüße aus. Gina grüßt Tina. Danach können wir zusammen frühstücken, wenn Sie möchten. Die Hagendorfs sind nämlich Langschläfer. Und Weber ist ein Eigenbrötler, wie er im Buche steht.«

»Gerne.« Verenas Magen gebärdete sich wie ein wütender Bär.

»Hier entlang.« An den großen Fenstern vorbei, die den Raum in gleißende Morgensonne tauchten, winkte Gina Verena zu einer rückwärtigen Tür. »Wir haben hinten einen Apparat. Der zweite steht im Salon der Hagendorfs. Aber der funktioniert auch nicht besser, weil beide zum gleichen Anschluss gehören.«

Sie führte Verena in eine Kammer voller altmodischer Möbelstücke. Auf den Regalen stapelten sich ausrangierte Haushaltsgegenstände wie eine alte Fahrradpumpe und ein Wasserkessel. Der Schemel vor dem Telefon an der Wand war blankpoliert vom vielen Sitzen.

Gina hob den Hörer ab, hielt ihn ans Ohr, wählte eine Ziffer und reichte ihn an Verena weiter. »Bitte sehr. Sie haben Glück, heute ist die Leitung einwandfrei.«

Verena tippte Tinas Nummer. Sie hörte, wie hinter ihr die Tür zugezogen wurde.

»Renser«, meldete sich Tina putzmunter. Die hatte bestimmt bereits gefrühstückt.

»Hallo Tina, ich bin’s.«

»Na endlich«, unterbrach Tina. »Ich habe mir schon Sorgen gemacht, dass du verloren gegangen bist.«

»Nein, ich bin gut angekommen. Allerdings funktionieren hier die Handys nicht …«

Verena berichtete von der Anreise mit der vermeintlichen Kutschfahrt, dem Auto und seinem Chauffeur, den anderen Hausbewohnern und kam schließlich zum Ende. »Hast du die Postfach-Nummer der Hagendorfs noch, damit du mir meine Post nachsenden kannst?«

»Aber natürlich.« Tina kicherte verschwörerisch. »Alles im Kopf, damit keiner erfährt, wo genau du bist, am wenigsten dieser verfluchte Lumpensammler.«

»Ja, danke.« Seit Verena hier war, hatte sie nicht ein Mal an ihren Verfolger gedacht oder dieses seltsame Gefühl im Nacken verspürt, dass jemand sie beobachtete. Bei allen Unannehmlichkeiten mit der Reise und der neuen Unterkunft war das mehr als eine Erleichterung.

»Verena, bist du noch dran?«, fragte die Freundin in die Stille hinein. »Sieht er eigentlich gut aus, dieser Adelige mit dem animalischen Vornamen?«

Verena seufzte stumm. Tina wäre nicht Tina gewesen, ohne ihr Lieblingsthema aufs Tapet zu bringen.

»Ja«, sagte Verena kurz, um sie nicht zu ermuntern. Leugnen oder dreistes Lügen machten Tina nur neugierig. Und Verena war unsicher, was sie über Hagendorf dachte. Der Name Wolf passte jedenfalls zu ihm.

»Unverheiratet, sagtest du?«, bohrte Tina, die nie vorschnell aufgab.

»Soweit ich weiß, ja. Er spricht nicht gern über seine Familie. Darum glaube ich, dass ihm nur noch seine Mutter geblieben ist.

»Dranbleiben, Mädel!«

Als hätte Verena nichts Besseres zu tun! »Tina, das hier ist ein Job. Und wie du weißt, vermische ich Berufliches und Privates nicht.« Einer der Gründe, warum sie solo war. Sie arbeitete zu viel.

»Wenn dich Herzensangelegenheiten so wenig interessieren, wirst du da oben ja genug Ruhe zum Lernen haben«, antwortete Tina verschnupft. »Und wo wir grad beim Thema sind, mein Seminar fängt gleich an.«

»Schöne Grüße von Gina«, sagte Verena schnell.

Tinas Neugier siegte über das Beleidigtsein. »Wer ist das?«

»Die Haushälterin. Sie scheint die gute Seele von Weißenbach zu sein.«

»Und? Deine Intuition trügt doch selten. Hat Gina was mit dem Hausherrn?«

»Nein.« Verena wies diese Möglichkeit entschieden von sich. Irgendwie beunruhigte sie der Gedanke mehr, als sie sich eingestehen wollte. »Sie ist eine Angestellte, und Hagendorf hat momentan genug Sorge um seine Mutter.«

»Gut. Ich muss jetzt aber wirklich Schluss machen, sonst ist die Straßenbahn weg«, verabschiedete Tina sich.

Beim Frühstück fand Verena heraus, was Hagendorf den ganzen Tag und oft auch die halbe Nacht über beschäftigte. Mit seiner Bezeichnung Privatgelehrter hatte er untertrieben. Wie Gina beim Brötchenaufschneiden freimütig erzählte, besaß er tatsächlich den Doktortitel einer französischen Universität. In Pharmazie. Verenas Respekt vor diesem Mann stieg. Er verließ sich also nicht allein auf die Kunst der Mediziner, sondern forschte in seinem Labor sicher selbst nach einem Wirkstoff. Außerdem gehörte er nicht zu der Sorte Mensch, die einen Doktortitel wie einen Orden vor sich hertrug.

Eine altmodische Klingel ertönte und erschreckte Verena, die ihre Hände an der Kaffeetasse wärmte.

»Das ist Frau Hagendorf«, erklärte Gina. »Sie ist früh dran. Ich bringe ihr jetzt was zu Essen hoch. Kommen Sie doch gleich mit, sie wird Ihre Hilfe beim Aufstehen sicher zu schätzen wissen.«

»Gerne.« Verena streifte sich die Krümel vom Schoß. Sie hatte ihre Uniform angezogen, feste Schuhe, weiße Hose und einen gleichfarbigen Kittel. Die Berufskleidung erleichterte vielen Patienten es, ihr Vertrauen entgegenzubringen. Und wenn Frau Hagendorf es anders mochte, würde sie damit gewiss nicht hinter dem Berg halten. Von den Schuhen mit Gummisohle war jedenfalls bis jetzt keine Rede gewesen.

Sie folgte Gina, die mit schlafwandlerischer Sicherheit über die abgetretenen Läufer ging.

In einer anderen Zeit hätte man das Zimmer, das sie schließlich betraten, vermutlich einen Salon genannt. Ebenso großzügig bemessen wie die übrigen Räume, verströmte dieses Gemach etwas Spielerisches. Eine Tapete mit vielen Schnörkeln, geschwungene Formen auch bei den Kirschholzmöbeln. Dahinter lag das Schlafzimmer, in dem Frau Hagendorf im Bett saß. Sie wirkte immer noch hilfsbedürftig – aber keinesfalls mehr so hinfällig wie gestern. Verena grüßte und konzentrierte sich auf ihre Aura. Das Rot hatte sich aufgehellt, und der beunruhigende Violettstich war fast verschwunden.

»Guten Morgen«, antwortete Frau Hagendorf freundlich. »Ich würde mich gerne fertigmachen, Fräulein Seiler. Morgens bin ich besonders steif.«

»Aber natürlich! Möchten Sie vor oder nach dem Frühstück ins Bad?«

»Gleich bitte. Sauberkeit kann man nicht hoch genug bewerten.«

Während Gina im Nebenraum mit dem Geschirr klapperte, als verböte sich jeder Gedanke ans Lauschen, stützte Verena ihre Patientin beim Aufstehen. »Es tut mir leid, wenn ich gestern etwas ruppig war«, entschuldigte sich Frau Hagendorf und schlüpfte schwerfällig in die Pantoffeln. »Vieles wird schwieriger – sobald man in die Jahre kommt. Man verliert schnell die Geduld.«

»Ja, das verstehe ich«, sagte Verena, die selbst ab und zu die Geduld mit ihrem lädierten Knie verlor. Sie reichte der alten Frau den Morgenmantel und half ihr dabei, die Ärmel überzustreifen. »Ich bringe Sie rasch ins Bad.«

Das Badezimmer war ähnlich eingerichtet wie ihres, nur besaß es zusätzlich einen Duschhocker und einen Wannenlift und war auf die Bedürfnisse einer gebrechlichen Person abgestimmt. Die Sachen wirkten neu.

»Hat Gina Ihnen schon mal zur Seite gestanden?«, wollte Verena wissen, denn augenscheinlich musste jemand der alten Dame in ihrer Verfassung geholfen haben.

»Ach nein«, wehrte diese ab. »Die Küchenmagd hat zwei linke Hände.«

Verena wunderte sich über den geringschätzigen Beiklang, wollte das aber nicht überbewerten. »Es stimmt, das sollte jemand übernehmen, der sich auskennt. Es gibt einige Kniffe …«, erklärte sie. Nicht umsonst bekamen pflegende Angehörige Kurse bezahlt, in denen sie lernten, wie man einen Bettlägrigen mit wenig Kraftaufwand umdrehte. »Wenn man die Sache falsch anfängt, liegt man selbst ganz schnell mit einem Bandscheibenvorfall im Krankenhaus. Hatten Sie vor mir eine andere Pflegerin?«

»Nein. Bisher war das nicht nötig.«

Das mochte Verena kaum glauben. Da blieb als Hilfskraft nur einer übrig, denn Verena konnte sich Weber in diesem intimen Bereich schlecht vorstellen. »Dann hat Ihnen sicher Ihr Sohn …«

»Ja«, antwortete Frau Hagendorf. »Wolf ist mir eine große Hilfe.«

Verenas guter Eindruck von ihrem Arbeitgeber festigte sich. Es gab kaum Männer, die sich so innig um ältere Angehörige kümmerten. Meist blieb diese Pflicht den weiblichen Familienmitgliedern überlassen.

»Nach dem Frühstück bekomme ich immer meine Infusion«, sagte Frau Hagendorf mit einem leise fordernden Unterton, als verbäte sie sich kritische Fragen zum Thema. »Danach muss ich ruhen, und daher brauche ich Sie bis zum Mittag nicht mehr.«

»Was bekommen Sie denn?«, wollte Verena wissen.

»Verschiedene Vitamine, die mir der Arzt verschrieben hat.« Frau Hagendorf zeigte auf durchsichtige Beutel auf einem Rollwagen, anhand derer gelben Farbe Verena auf Vitamine aus der B-Gruppe schloss.

Die Einstichstellen an Sidonies Armen waren ihr bereits aufgefallen, obwohl sie klein und medizinisch unauffällig waren. Diese Arbeit musste eine Fachkraft erledigt haben, sonst wäre das kaum ohne größere Blutergüsse vonstatten gegangen. Vermutlich war es der verschreibende Arzt oder doch eine Krankenschwester gewesen. Etwas war hier vorgefallen, weshalb man jetzt auf Verena zurückgriff. Und früher oder später würde sie erfahren, was das war.

Während der nächsten Tage spielte sich in Weißenbach ein fester Tagesablauf ein. Verena gesellte sich zum morgendlichen Schwätzchen beim Frühstück zu Gina, bis die Hausherrin aufzustehen wünschte. Nach ungefähr einer Stunde Krankenpflege, Waschen, Infusion, abwechselnder Pediküre und Hautpflege saß sie bis zum Mittagessen über den Büchern. In einem Nebenzimmer von Frau Hagendorfs Salon hatte Verena einen Schreibtisch eingerichtet, auf dem sich Fachbücher und Vorlesungsmitschriften türmten. So konnte sie schnell zur Stelle sein, wann immer die alte Dame sie benötigte.

Wolf Hagendorf traf sie oft erst zur Mittagszeit. Er steckte meist im westlichen Anbau des Hauses, wo er in seinem Labor wirkte. Über die Arbeit redete er grundsätzlich nicht, obwohl Verena einige Male aus medizinischem Interesse nachfragte. Er erwähnte jedoch, dass er es vorzog, bei der Arbeit ungestört zu bleiben, und Genaueres brachte sie nicht aus ihm heraus.

Verena hatte den Eindruck, dass er gerne mehr erzählt hätte, denn immer wieder begegnete sie seinem Blick, tauschte sich still mit ihm auf eine rätselhafte Weise aus. Längst nannte sie Wolf in ihren Gedanken beim Vornamen. Sie spürte sein Interesse, fühlte es mit jeder Faser ihres Körpers, aber seine Lippen blieben versiegelt. Vielleicht lag es an der Gegenwart seiner Mutter, deren wacher Aufmerksamkeit bei Tisch wenig entging.

Über den Nachmittag sah Verena gelegentlich nach Frau Hagendorf, setzte ihr manchmal eine Spritze gegen verkrampfte Muskeln oder eine weitere Vitamininfusion. Die Vitamingaben schienen kurzfristig zu helfen, trotzdem wurde sie schwächer, als welke sie dahin. Nach Unterhaltung oder Gesellschaft verlangte Frau Hagendorf nicht. Sie hatte ein Fernsehgerät im Salon, mit dem sie sich die Zeit vertrieb.

Verena kam kaum an die frische Luft. Das Wetter lud nicht zu Spaziergängen ein, und das Knie tat ihr von den langen Gängen durchs Haus ohnehin schon weh. Wann immer sie ein bisschen Bewegung brauchte, erkundete sie Weißenbach. Dabei erstellte sie auf kariertem Papier einen groben Plan des Gebäudes.

Abends begleitete Verena die alte Dame zum Essen und half ihr, sich zum Schlafen fertigzumachen. Danach stand weiteres Lernen fürs Studium auf dem Programm.

Die Tage waren ausgefüllt, und Verena fiel zu später Stunde regelrecht in die Federn. Doch bei aller Müdigkeit schlief sie unruhig. Draußen stürmte es seit einer halben Woche, aber die doppelte Hausfassade dämpfte Außengeräusche. Allerdings hielt sie auch das Sonnenlicht fern, denn über die Schächte kam bei Weitem nicht ausreichend Helligkeit hinein. Ob das Dämmerlicht Verenas Wach/Schlaf-Zyklus durcheinanderbrachte? Vielleicht war das der Grund für ihre Unruhe. Sie hatte sonst niemals Schlafprobleme, nicht einmal bei der Umstellung vom Nacht- auf Frühdienst.

Über Tag dehnte sie ihre Besuche in der Küche aus. Dieser Raum hatte, wie alle in den Seitenflügeln, große Fenster und natürliches Tageslicht, aber das war nicht der einzige Grund, weshalb Verena regelmäßig ihre Schritte dorthin lenkte. Sie fühlte sich wohl in dem rustikalen Zimmer, das immer von Musik und Speisedüften durchzogen war. Schon seit dem zweiten Tag duzten sie und Gina sich. »Brauchst du etwas?«, fragte Gina am Ende der ersten Woche. »Weber fährt morgen nach Moldersen, die Post holen. Wenn du eine Zeitschrift möchtest, schreib ihm einen Zettel. Die Schinken in der Bücherei stammen fast alle aus dem letzten Jahrhundert – und so riechen sie auch.«

»Ich bin zufrieden, wenn ich die Nase mal nicht in ein Buch stecken muss.« Verena stützte das Kinn in die aufgestellte Hand. »Ich wüsste nichts, oder – Moment mal! Ob Weber mir fürs Arbeitszimmer eine Glühbirne besorgen kann, die das gesamte Spektrum abstrahlt? Die Beleuchtung im Haus ist arg schummrig.« Es schien, als würde der alte Kasten trotz vieler Lampen das Licht förmlich aufsaugen, und so langsam schlug ihr das ewige Zwielicht aufs Gemüt. »Ich verstehe nicht, wie die Hagendorfs das aushalten!«

»Er ist meist in seinem Labor – das hat Dachfenster. Und sie schläft ja die halbe Zeit.«

»Sag mal, könnte Weber einen Brief für mich aufgeben? Das Telefon war letztens gestört, und ich würde Tina gern ein paar Zeilen schreiben.«

»Ich denke, das kriegt er hin!«, kommentierte die Haushälterin.

Verena musste lachen. »Beides zusammen, oder nur den Brief?«

Gina schaute demonstrativ zu Boden und stieß dann prustend die Luft aus. »In Moldersen herumlaufen und diese spezielle Glühbirne suchen, meinte ich. Da kann er sich wenigstens mal nützlich machen. Er tut schließlich kaum was anderes, als am Auto herumzuschrauben. Oder Besorgungen für den Hausherrn erledigen.«

Auch Frau Hagendorf verfasste einen Einkaufszettel und gab ihn Verena mit. Nachdem die alte Dame für den Morgen versorgt war, kam Verena in der Küche vorbei und wedelte übermütig mit dem Blatt herum. »Noch mehr Arbeit für den armen Weber.«

»Lass mich raten – Anispastillen, Fernsehzeitschrift, Kölnisch Wasser?«, fragte Gina, als spule sie eine Schulaufgabe herunter.

Verena flippte über die in gestochen scharfer Handschrift niedergelegten Posten. »Genau.«

Es war ein sonniger Tag, das windige und feuchte Wetter war einem Altweibersommer aus dem Bilderbuch gewichen. Bei dem Gedanken, sich gleich wieder an die Bücher zu begeben, ergriff Verena tiefe Unlust. Außerdem konnte sie Tina schlecht schreiben, dass sie den ganzen Tag nur lernte. Sie brauchte Stoff für ihren Brief, vor allem, damit Tina keine falschen Schlüsse zog.

Details

Seiten
0
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783960874102
ISBN (Buch)
9783960874096
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v441092
Schlagworte
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Autor

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    Linda Budinger (Autor)

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Titel: Fluch der Ewigkeit (Romantasy)