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Glitzer im Kopf (Chick Lit, Liebe)

von Maddie Fuchs (Autor)

2018 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

Sofia Fitz hat einen Traum: Sie will die verwöhnte Ehefrau eines schwerreichen Mannes werden und so in die höchsten Kreise der Reichen und Schönen aufsteigen. Antonio Manetti könnte ihr dunkler Prinz in diesem Märchen sein: charmant, wohlhabend und geheimnisvoll. Entgegen aller Warnungen lässt sie sich auf Antonio ein – zu aufregend erscheint ihr die schillernde und unerforschte Welt dieses hinreißenden Mannes, so undurchsichtig er sich auch benehmen mag.
Doch zwischen Glitzer und Glamour wartet nicht nur Antonios herrische Ex, sondern auch ein wahres Gefühlschaos auf Sofia. Hat sie ihr Glück wirklich gefunden? Wieso knistert es dann so zwischen ihr und ihrem besten Freund David, der so gar nicht Sofias Beuteschema entspricht?

Impressum

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Erstausgabe September 2018

Copyright © 2018, dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

ISBN: 978-3-96087-451-5
Taschenbuch-ISBN: 978-3-96087-450-8

Covergestaltung: Traumstoff Buchdesign
unter Verwendung von Motiven von
© Look Studio/shutterstock.com, © Paper Element/creativemarket.com
Lektorat: Marie Weißdorn

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

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1

Am Tag vor ihrer Hochzeit war Sofia Fitz geplagt von Liebeskummer, und sie hasste sich dafür. Was war sie doch für ein dummes Ding. Verliebte sich in einen anderen, obwohl ihr Verlobter der wohl wunderbarste Mann dieser Welt war. Himmelhoch jauchzend hätte sie diesen Tag verbringen sollen!

Stattdessen dümpelte Sofia an diesem Morgen in trüber Stimmung herum und zog sich die Decke über den Kopf. Auf gar keinen Fall würde sie ihrem bescheuerten Herzen nachgeben. Oder gar demjenigen, nach dem es sich sehnte. Es hatte sich ausgeschwankt! Gerade um diese Zeit würde bereits eine Armada von Floristen die Location mit Tausenden weißen Rosen schmücken. Die Gäste hatten schon vor Wochen ihr Fisch-oder-Fleisch-Kreuzchen gesetzt, die Band stimmte wahrscheinlich schon ihre Instrumente und ihr maßgeschneidertes Hochzeitskleid hing bereit, um alle Gäste zum Staunen zu bringen.

Nein! Sofia Fitz würde morgen heiraten und somit der Ära der Verwirrung und Verirrung ein Ende setzen. Jawohl!

Beflügelt von diesem mutigen Gedanken schwang Sofia die Beine aus dem Bett und trat an das Fenster heran. Der Anblick des blauen Himmels über ihrem Garten weckte in ihr zumindest den leisen Wunsch, den heutigen Tag doch nicht im Bett zu verbringen. Sie liebte die Aussicht auf dieses Fleckchen Grün.

Genau wie David fühlte Sofia sich der Natur verbunden – aber keine zehn Pferde würden sie in ein verdammtes Zelt auf eine Gummimatte bekommen! Das überließ sie dann doch lieber dem Sonnyboy, der sich aus Mücken in seinem Müsli nichts machte. Antonio war da schon eher Sofias Meinung. Auch der nächtigte lieber in einem Luxushotel als unter dem nackten Sternenhimmel.

Sie verwünschte beide Männer in ihrem Kopf, ging ins Badezimmer und richtete sich für den Tag her. Nachdem Make-up, Outfit und eine ganze Weile später auch die Frisur saßen, stieg Sofia die Treppen hinab in die Küche.

Ihr Verlobter war bereits bei der Arbeit und sie hatte den Tag wie üblich zur freien Verfügung. Auf dem Programm standen ein Spray-Tan, ein Friseurbesuch sowie Maniküre und Pediküre. Der Tag konnte also einfach nur wunderbar werden und würde sie sicher von den Aufregungen der letzten Tage ablenken. Nur kurz dachte sie an den hässlichen Streit auf ihrer Verlobungsparty mitten im Schnee. Ein Glück, dass sie sich dabei keine Blasenentzündung zugezogen hatte. Das hätte nun gerade noch gefehlt! Andererseits hätte der physische Schmerz sie womöglich von ihrem zerrissenen Herzen abgelenkt …

„Du bist heute nicht bei der Sache, Schätzchen.“ Diesel, ihr winziger irokesischer Friseur, schnalzte missbilligend mit der Zunge. „Ein volles Glas Champagner für meine Lieblingskundin, und zwar vite, vite!“

Eilig hastete die blutjunge Assistentin mit einem kleinen Tablett heran. Diesel war zuckersüß zu seiner Kundschaft, zu seinen Bediensteten nicht unbedingt. Sein Salon aber war die beste Adresse der Stadt und die Arbeit dort eine hervorragende Schule für Mädchen wie die kleine Vanessa, die Sofia gerade ein Glas befüllte.

„Und nun husch, husch“, scheuchte Diesel das arme Ding davon. „Schau zu, wie Leylani ihre Blondierung anmischt. Da kannst du wirklich noch was lernen, ma petite.“

„Musst du so gemein zu ihnen sein?“, fragte Sofia und schüttelte belustigt den Kopf.

Diesel seufzte theatralisch. „Schätzchen, die Welt da draußen ist kein Ponyhof. Was denkst du, wie ich hierhergekommen bin?“

„Deine Eltern haben dir den Salon gekauft“, gab Sofia zurück und prustete beim Anblick seiner Schnute beinahe ihren Champagner über den Spiegel.

„Sofia!“ Diesel fuchtelte bedrohlich mit dem Glätteisen herum. „Gut. Ja, meine Alten haben mir die Bude gekauft. Aber das Handwerk, das habe ich buchstäblich auf der Straße gelernt! Denkst du, ich habe mich durchbeißen können, weil alle nett zu mir waren? Nein! Ich habe es allein geschafft, weil ich genau wusste, was ich wollte.“

Sofia schwieg. Das hatte gesessen, und sofort dachte sie an sich selbst. Wusste sie, was sie wollte? Andererseits – wenn der winzige Diesel es in dieser großen Welt geschafft hatte, dann würde auch Sofia Fitz ihr Ding durchziehen können.

Sofia verließ den Salon beschwingt und mit fliegenden Fahnen. Diesel hatte so was von recht! Wenn man weiß, was man will, muss man alles daransetzen, es auch zu erreichen. Und sie hatte schon immer Ehefrau werden wollen.

Am Nachmittag besuchte sie ihre beste Freundin Tina Hoffmann in deren Kosmetiksalon. So konnten sie jede Woche Zeit miteinander verbringen, ohne sich den Abend freischaufeln zu müssen.

„Wo ist mein Süßkeks?“, dröhnte es aus dem fliederfarbenen Flur. Der Stimme folgte eine weiblich gebaute Frau Ende vierzig, deren schwarze Krause zu jedem ihrer energischen Schritte auf und ab wippte. Sofia sagte immer, Tina sei der kompetenteste Mensch, den sie kenne. Dieser Frau hätte sie auch die Steuerung einer Rakete anvertraut – ohne eine einzige Flugstunde.

„Hallo, mein Liebling!“, rief Sofia lächelnd und ließ sich in eine Wolke von Tinas pudrigem Duft einhüllen. Sie verströmte seit jeher einen Hauch von blumigem Parfum, vermischt mit dem Aroma der Räucherstäbchen in ihrem Büro und Handdesinfektionsmittel.

Tinas Salon war ein exklusives Schmuckstück in einem alten Backsteingebäude. Sie hatte aus den ursprünglich industriell anmutenden Räumen eine in Weiß und Flieder gehaltene, taghelle Oase geschaffen, in der die verwöhntesten Damen der ganzen Stadt die Verantwortung für ihr taufrisches Aussehen in äußerst vertrauenswürdige Hände legten.

„Komm, wir gehen nach hinten.“ Tina schob Sofia den Gang hinunter bis zum Pediküre-Raum. Dieser nahm die gesamte Rückseite des Salons ein und erinnerte mit seinen Mosaikfliesen, den Steinbecken im Boden und den Baldachinen über den Badewannen an eine Szene aus Tausendundeiner Nacht. An der Wand zur Rechten standen gemütliche, aufwändig gearbeitete Sessel vor den Pedikürebecken und geradeaus lag die Fensterfront, durch die man einen entspannenden Blick in den grün bewachsenen Hinterhof genießen konnte. Zur Linken befand sich der Durchgang zu zwei ausladenden Badewannen, in denen die Kunden Schlamm-, Milch- und Ölbäder allein oder auch zu zweit genießen konnten. Dort lagen auch die Massagekabinen, von denen Sofia jede einzelne kannte.

„Hallo“, grüßte Sofia die beiden Damen, deren frisch lackierte Zehennägel bereits von zwei Angestellten auf Hochglanz poliert wurden. Sie grüßten höflich zurück und taxierten Sofia mit demselben schnellen Scan, den auch sie bei anderen durchführte. Frisur, Outfit, Accessoires.

Haute Couture.

„Willst du etwas essen?“, wollte Tina wissen und ließ warmes Wasser in eins der Fußbecken ein.

„Nein, danke.“

„Dann vielleicht was trinken? Gurkenwasser? Oder einen Spritz?“

„Oh, ein Spritz wäre fein“, rief Sofia und streifte sich die Pumps von den Füßen.

Tina ging zur Sprechanlage und bellte einige Befehle ins Mikrofon. Mit dem Getränk kam auch ein junges Mädchen in den Raum, um sich an Sofias Maniküre zu begeben.

„Und, wie geht es dir so vor dem großen Tag?“, fragte Tina, während sie ein Wattepad in Stücke riss und mit Nagellackentferner tränkte.

„Ach ja …“ Sofia seufzte und blickte sich verstohlen um. Dann raunte sie: „Das kann ich doch hier nicht so offen erzählen.“

Tinas Löckchen wippten lustig auf und ab, als sie nickte. „Verstehe, verstehe. Dann sag mir nur: Hat er sich noch mal gemeldet?“

„Nein“, wisperte Sofia und nahm einen großen Schluck Spritz. „Das habe ich aber auch nicht erwartet.“

„Und wie geht es dir damit?“

Sofia war versucht, ihrer Freundin ihr Herz auszuschütten und zu gestehen, wie verletzt sie war. Doch dann dachte sie an Diesel und seine flammenden Worte über Zielstrebigkeit. Sie war fast am Ziel. Nur ein Verlierer hätte so kurz vor der Linie das Handtuch geworfen.

„Gut“, sagte sie daher mit fester Stimme. „Ich habe eine Entscheidung getroffen und ich freue mich wahnsinnig auf morgen.“

Überrascht blickte Tina von ihren Zehen auf. „Ach, echt?“, fragte sie verblüfft.

„Echt.“ Sofia nickte bestimmt und deutete dann auf die Farbpalette der Schellacke. „Heute hätte ich gern Grau, an Händen und Füßen.“

Tina schien für den Rest des Termins in Gedanken versunken. Sie plauderten über Belanglosigkeiten, Sofia bekam einen zweiten Spritz und die tuschelnden Damen neben ihr verabschiedeten sich, bevor der Lack auf Sofias Nägeln getrocknet war.

„Mira, du kannst dann gehen“, sagte Tina zu dem Mädchen, das Sofias Nägel wirklich sorgfältig lackiert hatte. „Hast du super gemacht“, fügte sie hinzu und kniff wohlwollend die Augen zusammen.

Mira trollte sich und nahm umsichtig auch das leere Glas mit hinaus.

„Und jetzt sag mir die volle Wahrheit“, hob Tina an, nachdem die Tür geschlossen war. „Was geht da bei euch ab?“

„Nichts“, antwortete Sofia defensiv und sah unsicher zur Seite.

„Süße, ich will dich doch nicht angreifen oder so. Aber dieser Zoff auf deiner Party mit ihm! Draußen im Schnee, in verdammten Riemchenpumps. Du warst total neben der Kappe. Bist du dir ganz sicher, dass du das morgen durchziehen willst?“

„Ja“, murrte sie unwillig. „Sonst würde ich doch wohl nicht hier sitzen und mich hübsch machen lassen. Ich habe mir das genau überlegt.“ Sie atmete tief durch und fügte hinzu: „Ich weiß genau, was ich will. Und das schon mein ganzes Leben lang. Ich werde heiraten und Ehefrau sein.“

Tina seufzte und begann mit der Pediküre. Etwas so Persönliches hätte sie niemals einer Fremden überlassen. „Dagegen ist ja überhaupt nichts einzuwenden. Aber jemand, dem das Heiraten so wichtig ist wie dir, der will doch auch nur einmal im Leben heiraten. Oder?“

„Was soll das denn bitte heißen?“, erzürnte sich Sofia. Allmählich machte sie dieses Kreuzverhör wütend. „Ich bin kein kleines Kind, okay? Ja, ich habe auf dem Weg ein bisschen geschwankt, aber das tun doch alle. Die Ehe ist eine mordsmäßige Verpflichtung! Aber ich will das so.“ Sie verschränkte die Arme und funkelte Tina beleidigt an.

„Maus, du musst es selbst wissen. Es ist dein Leben. Ich will ja nur …“

„Ich weiß“, unterbrach Sofia ihre Freundin. „Und ich danke dir. Aber ich kann solche Reden über Zweifel jetzt absolut nicht gebrauchen.“

„Ich verstehe. Entschuldige bitte.“

Damit war das Thema erledigt. Sofia nickte und betrachtete ihre betongrau glänzenden Nägel. „Sehr schön“, konstatierte sie und hielt die Hand prüfend ins Licht.

Sie herzten sich zum Abschied und Tina küsste ihre blonde Freundin auf die Wange. „Wenn doch etwas sein sollte, egal was: Ich bin an deiner Seite.“

Sofia drückte sie noch fester. „Ich weiß. Danke, mein Schatz.“

2

Am Morgen der Hochzeit hing der Himmel bleigrau und schwer über den Hügeln. Sofia hatte es schon immer geliebt, in die Wolken zu schauen, und es störte sie nicht, dass diese sich heute von ihrer dunklen Seite zeigten. Im Gegenteil. Dass das Wetter fortfuhr wie gewohnt, verschaffte ihr angesichts des aufrührenden Tages ein wenig willkommene Normalität. Bald würde der Regen in einem grauen Schleier über den tiefgrünen Hügeln niedergehen.

Sofia stand an einem der hohen Fenster, die sich über die gesamte Breite des Wohnzimmers ihrer zukünftigen Schwiegereltern zogen. Sie blickte in die bleiernen Wolken, ohne in Gedanken zu versinken. An ein Abschweifen war auch kaum zu denken, während die Brautjungfern unentwegt auf ihren Rücken einredeten …

„Lass mich doch noch einmal dein Make-up kontrollieren, Mäuschen“, rief ihre Stiefmutter Maria in diesem Moment lauter als alle anderen.

Sie wandte sich um und ihr Herz füllte sich mit Dankbarkeit. In diesem Raum waren ihre engsten weiblichen Vertrauten versammelt. Wie Schneeflocken hatten sie sich auf verschiedenen Möbelstücken niedergelassen und waren allesamt aufgeregter als Sofia selbst.

„Du hast doch eben erst meine Stirn nachgepudert, Maria, und Nita hat meine Frisur zum x-ten Male einbetoniert. Es riecht hier immer noch nach Haarspray, als wären wir backstage bei einer Modenschau“, protestierte die Braut.

„Natürlich, aber sicher ist sicher. Ich möchte doch nur, dass du dir auf den Fotos später auch gefällst“, gab Maria Fitz zurück. Sie war seit über fünfzehn Jahren mit Sofias Vater verheiratet, der kurz nach dem zweiten Geburtstag seiner Tochter verwitwet war.

„Man heiratet schließlich nur einmal im Leben“, warf ihre zukünftige Schwiegermutter mit einem rauen Lachen ein.

Sofia bemühte sich um ein zuversichtliches Lächeln. „Das habe ich vor. Aber bevor es losgeht, wäre ich gern noch einen Moment allein. Seid mir bitte nicht böse.“

„Natürlich, mein Schatz.“ Die Stiefmutter lächelte breit und hauchte ihr einen Kuss zu. „Aber verheule mir ja nicht diesen perfekten Lidstrich, bevor du an den Altar trittst.“

Sofia erwiderte das Lächeln. Wie sehr sie diese Frau doch mochte. Sie hatte sie vom ersten Tag an warmherzig und liebevoll behandelt und war ihr wie die Mutter gewesen, an die Sofia sich nicht mehr erinnern konnte.

Die Brautjungfern winkten ihr freudig zum Abschied und bummelten schwatzend hinter den beiden Frauen aus dem Raum. Währenddessen hatte Sofia Gelegenheit, ihre Vertrauten genau zu betrachten. Sie war immer noch hoch zufrieden mit ihrer Idee, für alle Gäste den Dresscode Weiß vorzugeben, während der Bräutigam und sie in Schwarz vor den Altar traten.

„So muss niemand überlegen, was er anziehen darf. Und ich wollte schon immer eine pompöse schwarze Robe tragen, wie ein Filmstar“, hatte sie zu ihm gesagt. Er war sofort einverstanden gewesen und hatte ihr diesen schwer verliebten Blick zugeworfen, der sie jedes Mal aufs Neue in seinen Bann zog.

„Ich liebe es, dass du mich immer wieder mit deinen kleinen Verrücktheiten überraschen kannst“, hatte er geflüstert, seine Hand in ihrem Haar vergraben und sie geküsst. „Ehrlich. Du bist so was von überhaupt nicht langweilig.“

Sofia erinnerte sich noch genau, wie sie während des anschließenden Sex daran gezweifelt hatte, dass das ein echtes Kompliment gewesen war.

Mit einem leisen Klicken schloss sich die schwere Holztür hinter den Frauen und augenblicklich kehrte Ruhe ein. Sofia griff nach der Schleppe ihres traumhaften Kleides. Ihr Magen fühlte sich schrecklich leer an, wie immer in den letzten zehn Wochen. Sie hatte sich einer strengen Diät unterworfen, um auf den Fotos des heutigen Tages bis in alle Ewigkeit makellos auszusehen. Eine wahre Tortur für eine Frau, deren Lieblingsmahlzeit hausgemachte Lasagne war (am besten üppig mit Käse überbacken).

Seufzend und zugleich steif wie eine Kleiderpuppe sank Sofia auf die Chaiselongue nahe der Fensterfront. Trotz ihrer Diät und des qualvollen Trainings im Fitnesscenter war die herrliche Robe dann doch nur eine Größe 36 geworden, in die sie nach all ihren Mühen haargenau hineinpasste, anstatt darin unterzugehen.

Kurz verlor sich ihr Blick in der Schönheit der Hügel im tanzenden Regen, dann griff Sofia nach ihrem Handy. Eine Nachricht war eingegangen.

Guten Morgen. Sieht so aus, als ziehst du es wirklich durch. Wünsche dir alles Gute, kleiner Pfirsich.

Ihr Herz zog sich zusammen. Kleiner Pfirsich.

Dieser Mann war ein wunderbarer Freund. Konnte man so jemanden nennen, der in eine Frau verliebt war und sich mit ihrer Freundschaft zufriedengab?

Ja, beschloss sie, das kann man.

Er war in den letzten Jahren stets für sie da und dabei immer ehrlich und integer gewesen. Ein Freund, der es von Herzen gut mit ihr meinte.

Sofia war es seit jeher leichtgefallen, Freunde zu finden, denn sie war stets gut aufgelegt. Das Konfetti auf jedem Fest, der heiße Kakao bei schlechter Laune. Die wenigsten bemerkten, dass sie bloß an der Oberfläche der schönen Blondine kratzten, ohne ihr wirklich unter die Haut zu gehen. Sofia hatte ein gutes Herz, das jedoch seit dem frühen Tod ihrer Mutter von einer harte Schale geschützt wurde.

Waren die Leute um Sofia herum fröhlich und sorglos, war ihr die Gesellschaft angenehm. Doch wenn einer ihrer vielen Bekannten mit einem Problem zu ihr kam, half sie ihm vor allem aus Pflichtgefühl – und in den seltensten Fällen aus Nächstenliebe. Denn im Grunde machte sie sich nichts aus Leuten, die sich in ständigem Selbstmitleid suhlten, anstatt die Ärmel hochzukrempeln.

Die Ausnahmen bildeten ihre Eltern, ihr besten Freundinnen Emma und Tina – und selbstredend ihr Verlobter. Die Sorgen dieser Menschen waren auch Sofias Sorgen, genauso wie sie sich für ihre Erfolge freute, als hätte sie selbst dieses Hindernis überwunden. Und ja, sowohl David als auch Antonio gehörten zu diesem sehr engen Kreis.

Sofia: Danke, mein Lieber. Ich wünschte, du wärst …

Nein, das konnte sie ihm nicht schreiben.

Sofia: Danke, mein Lieber! Gleich geht’s los. Geschminkt bis zur Unkenntlichkeit. xo

Der treue Freund würde nicht zur Hochzeit kommen. Mit seinen sarkastischen Kommentaren hätte er die ganze Stimmung kaputtgemacht, sagte Sofia sich immer wieder. Es war gut, dass er gar nicht kommen wollte. Ihr Verlobter wusste nichts von den Gefühlen eines anderen für seine Verlobte, genauer gesagt hatte Sofia ihm gleich zu Beginn erzählt, dass ihr bester Freund schwul und somit keine Konkurrenz sei. Die schlichte Wahrheit war, dass sie nicht auf dessen Gesellschaft verzichten oder seine Nachrichten vor ihrem Zukünftigen verbergen wollte. Andersherum hatte Sofia ihren treuen Gefährten erst in ihre ernste Liebesbeziehung eingeweiht, als schon feststand, dass sie zusammenziehen würden …

„Sofia, mein Mäuschen, kann ich reinkommen?“

„Aber ja, Papa.“ Sofia blickte auf beobachtete, wie ihr Vater in seinen besten Schuhen in den Raum trat. Seine Schritte hallten auf dem Marmorboden, den Sofia schrecklich ungemütlich fand.

„Ist alles in Ordnung?“ Er küsste seine Tochter sanft aufs Haar, wie er es schon tat, seit sie denken konnte. Sofia liebte ihn über alles. Er war ihr Held, ihr Beschützer und größter Halt.

„Alles in Ordnung, Papa. Ich wollte einfach mal einen Moment Ruhe von den Hühnern.“

Lächelnd ließ er sich auf dem Sessel neben ihr nieder. „Das kann ich gut verstehen. Mich würde das auch in den Wahnsinn treiben.“

„Wie geht es dir denn, Papa? Bist du aufgeregt?“

„Das fragst du mich? Du bist doch die Braut, die gleich einen Traumprinzen heiraten wird. Vermeintlich jedenfalls.“ Er blickte sie prüfend und besorgt über den Rand seiner Brille hinweg an.

Sie dachte daran, dass er noch nie in seinem Leben eine andere Brille getragen hatte. Dieses runde Modell mit Horngestell ließ ihren Papa genauso intellektuell wirken, wie er war.

„Was meinst du?“, fragte sie gekünstelt.

„Das weißt du doch, Schatz. Ich mag kein Mann großer Worte sein, dafür bin ich ein umso besserer Zuhörer und Beobachter. Mir sind Dinge zu Ohren gekommen, die mich nicht sehr glücklich machen.“

„Was denn für Dinge?“ Ihr Herz zog sich zusammen. Sie wusste genau, wovon er sprach, aber es schmerzte sie, dass auch er davon erfahren hatte. Sie hasste es, wenn ihr Papa sich sorgte, er hatte weiß Gott genug Sorgen in seinem Leben hinter sich. Der Tod ihrer Mutter und dann die Erziehung einer halbverwaisten Tochter, die ihm während ihrer Jugend mehr als nur ein paar graue Haare beschert hatte, waren nur zwei davon. Daher versuchte Sofia, ihm stets nur Positives aus ihrem Leben zu erzählen.

„Dinge, aufgrund derer man eine Hochzeit mit so einem Mann womöglich nicht in Betracht ziehen sollte“, sagte er langsam.

„Damit fängst du eine Stunde vor der Trauung an, Papa?“ Sie vermied mit ihrer Gegenfrage bewusst eine Antwort.

„Es heißt doch immer in der Predigt ‚Der möge sprechen, oder für immer schweigen‘“, fuhr ihr Vater fort. „Das Recht zu sprechen nehme ich dann doch lieber vorher wahr.“

Sofias Herz begann schneller zu schlagen. Sie war hin- und hergerissen zwischen Ärger und dem Bedürfnis, ihre Entscheidung zu rechtfertigen. Wieso hatte er dieses Gespräch nicht vor einer Woche oder vor einem Monat mit ihr geführt?

Gerold Fitz lehnte sich mit roten Wangen vor. „Sofia“, begann er eindringlich. „Ich kann mir vorstellen, dass es dich ärgert, das jetzt besprechen zu müssen. Es ist dein Leben und es sind deine Entscheidungen, in die ich mich nicht einmischen will. Deshalb habe ich dazu nichts gesagt. Ich dachte, wenn du das mit mir teilen möchtest, würdest du schon auf mich zukommen.“

Das leuchtete ein. Sofia fühlte sich beschwichtigt, doch das Verlangen, die Rechtmäßigkeit ihrer Einstellung zu verteidigen, war groß. Sie hatte sich in der Rolle des unwissenden und auf Ratschläge angewiesenen Kindes noch nie wohlgefühlt.

„Das stimmt“, gab sie zurück und blickte auf ihre grau lackierten Fingernägel.

„Du bist dir also ganz sicher, dass du vor diesem Hintergrund heiraten möchtest?“ Er fuchtelte nun wild mit den Armen herum. Meistens fand Sofia das lustig, weil es ihn aussehen ließ wie einen intellektuellen Dirigenten in der Oper. „Schatz, ich muss dich das zumindest einmal ganz offen gefragt haben, sonst könnte ich nicht damit leben. Auch wenn ich Konflikte ebenso verabscheue wie du …“ Er durchschnitt die Luft energisch mit der Hand. „Wir sollten wenigstens einmal darüber gesprochen haben, bevor du ihn tatsächlich zum Mann nimmst.“ Erschöpft von seinem hitzigen Vortrag lehnte Papa Fitz sich in dem Sessel zurück. Er sah plötzlich sehr müde aus.

„Das ist lieb von dir, Papa.“ Sie strich mit dem Zeigefinger über ihren Verlobungsring mit dem herrlichen Diamanten und bemühte sich um einen beruhigenden Tonfall. Mehr kluge Worte wollten ihr dazu in diesem Moment nicht einfallen.

„Wenn du mir nichts darüber sagen möchtest, musst du es nicht. Doch ich bin es mir und auch dir schuldig, dich zumindest darauf hinzuweisen, dass es immer eine Alternative gibt“, sagte der Vater und ließ beinahe kraftlos die Arme sinken.

„Danke, Papa. Das weiß ich zu schätzen. Aber ich habe mir das alles genau überlegt.“ Sie schmiegte sich enger an die Chaiselongue und legte das Gesicht auf der Armlehne ab. Wie oft sie diesen Satz in den letzten Tagen doch schon gesagt hatte.

„Na gut, meine Kleine. Dann … lasse ich dich noch ein wenig allein.“ Ihr Vater sah sie nachdenklich an. „Es sei denn, du möchtest, dass ich bleibe?“

„Lies doch deine Zeitung hier, wenn es geht“, murmelte Sofia. „Jemand bringt dir sicher eine Ausgabe und deinen Earl Grey mit Milch.“

Gerold Fitz nickte und erhob sich. Er lugte aus der Tür, hinter der sich die geräumige Wohnküche befand, und bestellte seinen Tee. „Möchtest du auch etwas, Schatz?“

„Gern“, entgegnete sie dankbar.

Kurz darauf schlüpfte eine Angestellte in den Raum und brachte eine kleine Kanne schwarzen Tee, ein zauberhaftes Kännchen Milch und eine dazu passende Zuckerdose. Außerdem platzierte sie zwei Tassen und ein Tellerchen mit winzigem italienischem Gebäck vor ihnen und legte für Gerold Fitz gleich mehrere druckfrische Tageszeitungen auf den Kaffeetisch.

Ihr Vater schenkte ihnen den heißen, nach Zitrone duftenden Earl Grey ein, lehnte sich mit der Tageszeitung zurück und leistete seiner Tochter wohltuend zurückhaltende Gesellschaft, während diese in ihren Tagträumen versank.

„Herzchen? Ach Gerold, hier bist du.“

Sofia schreckte auf und erkannte, dass Maria den Kopf zur Tür hereingesteckt hatte.

„Liebling.“ Gerold Fitz legte die Zeitung beiseite und bedeutete Maria, näher zu kommen.

„Macht ihr es euch hier gemütlich?“

„Wir hatten ein kurzes Gespräch über Sofias Absichten“, statuierte der Vater. „Aber sie ist sich sicher, dass sie die Trauung vollziehen will.“

Sofia hätte beinahe die Augen verdreht, hielt sich jedoch respektvoll zurück.

„Ach Gerold, das Mädchen ist erwachsen.“ Ihre Stiefmutter ließ sich neben ihrem Mann nieder und schenkte sich in Gerolds Tasse einen Tee ein.

„Danke, Maria.“

„Dank nicht deiner Stiefmutter mit ihren romantisch verklärten Gefühlen. Denk doch nur daran, was du im letzten halben Jahr alles durchmachen musstest wegen dem Kerlchen!“, redete der Vater geradezu flehend auf seine Tochter ein.

„Papa, ich bitte dich. Du hättest dieses Gespräch so oft mit mir führen können. Heute ist es nicht nur unpassend, sondern auch zu spät. Ich habe mir das gut überlegt. Das wird schon.“ Während sie ihrer eigenen Stimme lauschte, fühlte sich Sofia wie ein naives Mädchen. Ein kleines Kind, das seinen Eltern erklärte, den Lolli nicht gestohlen zu haben, während es ihn hinter dem Rücken versteckte.

„Da hat Sofia recht, mein Schatz“, wandte sich nun Maria an ihren Mann. „Wieso fällt es dir gerade heute ein?“

„Das ist doch überhaupt nicht der springende Punkt“, ereiferte sich der Papa. Marias Nähe hatte ihm wohl einen neuen Energieschub verpasst. „Sofia kann auch jetzt noch entscheiden, die Hochzeit abzusagen.“

„Bist du verrückt?“, rief Maria entsetzt. „Absagen, wieso denn? Sofia sagt doch selbst, dass sie diese Hochzeit möchte. Nein, nein, Gerold.“ Seine Frau hob den Zeigefinger. „Du hast kein Recht, dich hier und heute so aufzuführen. Geh dir doch die Beine vertreten, mein Lieber.“

„Das wird wohl das Beste sein.“ Papa legte die Zeitung unwirsch beiseite und ging mit schnellen Schritten aus dem Raum.

Sofia war traurig, als sich die Tür hinter ihm schloss.

„Schon gut, mein Liebes.“ Maria lächelte ihr aufmunternd zu. „Dein Vater meint es nicht böse. Auch wenn er sich dabei anstellen kann wie der Elefant im Porzellanladen.“

„Ich kann einfach gerade keine Zweifel gebrauchen“, lamentierte Sofia und nippte an ihrem bereits kalten Tee.

„Möchtest du darüber reden?“, bot die gute Stiefmutter an. Sanft strich sie ihrer Stieftochter eine perfekt blondierte Strähne hinters Ohr.

In diesem Augenblick leuchtete das Display von Sofias Handy auf.

Ohne Make-up hast du mir schon immer am besten gefallen. Letzte Chance für einen Kurswechsel.
Foto.

Sie öffnete seine Nachricht und erkannte einen norwegischen Fjord, auf dessen glasklarer Oberfläche sich die umliegenden Gipfel und Wälder spiegelten. Sofia hatte ganz vergessen, dass er am Vorabend ihrer Hochzeit nach Skandinavien abreisen wollte.

Sofia: Wow, genauso habe ich es mir vorgestellt. Norwegen, meine ich.

„Wer schreibt dir, Liebling?“

Sofia presste die Lippen aufeinander und hob die Schultern.

„Ah, der beste Freund. Wie geht es ihm denn? Zu schade, dass er heute nicht hier sein kann.“

Sofia warf ihrer Stiefmutter einen ungewollt giftigen Blick zu.

„So meinte ich es doch nicht!“, verteidigte die sich augenblicklich. „Er ist einfach ein wichtiger Stützpfeiler in deinem Leben und fehlt heute im Kreise deiner Vertrauten.“

„Er hatte eben beruflich zu tun“, wiederholte Sofia Davids ‚Entschuldigung‘ zum hundertsten Mal. Es war nicht leicht gewesen, Antonio glaubhaft zu erklären, wieso der angeblich schwule beste Freund seiner Verlobten nicht zur Hochzeit kommen konnte.

Und noch viel schwieriger war es, nicht immer wieder an David zu denken …

3

Erst drei Monate vor der Hochzeit hatte Sofias bester Freund David von den jüngsten Ereignissen in ihrem Leben erfahren.

Sie war gerade aus dem Urlaub zurückgekehrt und hatte endlich wieder einmal Zeit, um mit ihm zum Yogakurs in der Innenstadt zu gehen. Es war ihr gemeinsames Ritual, danach einen Smoothie im Bananas zu trinken, das gleich neben dem kleinen Studio lag. Sie standen in der Schlange vor der Theke, der Mixer dröhnte und es roch nach Orangensaft, Erdbeeren und Bananen.

„Ich habe jemanden kennengelernt“, sagte Sofia beiläufig und vermied es dabei, ihm in die Augen zu sehen.

Ruckartig wandte David sich ihr zu. „Was?“

„Ich habe jemanden kennengelernt. Auf der Arbeit“, gab sie diesmal etwas lauter zurück. „Er heißt Antonio.“

David erwiderte ihren festen Blick. Verwirrung und Enttäuschung kamen in ihm auf, doch er blieb gefasst und strich sich mit der rechten Hand das dunkelblonde Haar aus der Stirn.

„Okay“, sagte er mit fragendem Unterton. „Und …“

„Hallo! Wie geht’s euch heute? Smoothies wie immer?“, unterbrach ihn Betty, die Barista.

„Ja“, gab David abwesend zurück, ohne den Blick von seiner blonden Begleiterin zu wenden. „Also. Wann ist das denn passiert?“

Sofia grinste. „Vor sechs Monaten. Er ist Seniorpartner in unserer Kanzlei.“

„Aha“, sagte David nur. Ihm fiel dazu nichts Besseres ein. Er wusste, dass Sofia nur freundschaftliche Gefühle für ihn hegte, und doch hatte ein kleiner verborgener Teil seines Herzens immer gehofft, dass sie ihn nur auf die Probe stellte. Dass sie eines Abends wie gewohnt mit ihm ausgehen und sie über einem Mojito sitzend die Erleuchtung ereilen würde, dass er der Richtige sei.

In dem Moment, als sie von diesem Antonio erzählte, verpuffte dieser vertraute, entfernte Traum wie eine Staubwolke auf dem Feldweg vor seinem Haus.

„Das ist alles?“, riss ihn Sofia aus seinen Gedanken. Sie hatte bereits die Smoothies bezahlt – Spinat, Apfel, Banane, Ananas, wie immer – und drückte ihm den kühlen, feuchten Plastikbecher in die Hand. Dann lenkte sie ihn ungefragt zu einem der kleinen Tische am Fenster, der soeben frei geworden war.

Eigentlich hatte David in diesem Augenblick überhaupt keine Lust auf eine Unterhaltung mit ihr, wollte sich nicht von Sofias rauer, mädchenhafter Stimme ablenken lassen. Es fühlte sich an, als hätte sie ihm den zarten Ellbogen in den Magen gestoßen. Jetzt gerade wollte er nichts lieber, als sich in Clive, seinen uralten, geliebten Clio, zu flüchten und die Stadt samt ihrer Bewohner hinter sich zu lassen. Aufs Land, nach Hause, durchatmen.

Während sich Sofia vor ihm her zu dem Tischchen durchwand, musterte er ihren kleinen, wohlgeformten Hintern in den engen Leggings, bevor sein Blick zurück zu ihrem Gesicht wanderte.

„Setz dich doch einen Moment“, bat sie und ließ sich auf dem Holzstuhl nieder.

David seufzte und nahm ihr gegenüber Platz.

„Ich hätte es dir ja schon eher gesagt. Aber ich wollte erst abwarten, ob das wirklich etwas Festes ist.“ Sie hob entschuldigend die Schultern und saugte mit Kulleraugen an ihrem Strohhalm.

„Ich verstehe“, antwortete er. Kurz dachte er daran, es einfach darauf beruhen zu lassen, doch dann legte er die Unterarme flach auf den Tisch und beugte sich vor. „Was ich aber nicht kapiere: Wieso kommst du erst nach einem halben Jahr damit? Sonst erzählst du mir doch auch von jedem Internetdate und jeder Anmache im Büro. Ich verstehe ehrlich gesagt nicht, wieso du mir gerade diese Sache verheimlicht hast.“

Sofia legte den Kopf zur Seite und sah ihn durchdringend an. „Ich weiß. Ich hatte auch ein ganz schlechtes Gewissen“, sagte sie und verfiel in den mädchenhaften Tonfall, den sie immer anschlug, wenn ihr etwas leidtat. „Ich wollte diesmal einfach für mich schauen, wohin das Ganze führt, und dir nicht schon wieder mit einer verpatzten Geschichte auf die Nerven gehen. In den ersten Wochen war alles noch ganz zwanglos.“

„Du gehst mir nicht auf die Nerven. Wir sind Freunde, da hört man sich zu.“

„Du bist lieb“, sagte sie nur. Ihr Köpfchen ruckte von einer Seite zur anderen, wie bei einem kleinen Vogel.

Du bist lieb.

Friendzone for Life.

„Ich weiß”, gab er mürrisch zurück.

„Jedenfalls hat er mich letzte Woche gefragt, ob ich ihn heiraten will.“

Sie ließ einfach nicht von ihm ab. Wie ein Terrier, der sich im Hosenbein festgebissen hat. David ballte unter dem Tisch die Fäuste.

„Und da dachte ich, hey, es muss ihm echt ernst mit mir sein. Deshalb erzähle ich es dir jetzt auch sofort.“ Sie verzog die vollen Lippen zu einem Schnütchen und sah ihn abwartend aus dunkelgrünen Augen an. „Ich weiß, dass das jetzt eine Riesenüberraschung für dich ist. Wer hätte gedacht, dass mir so was wirklich passiert? Aber, ich meine, mit deinen Kolleginnen bist du ja schon ausreichend beschäftigt und …“

„Lass doch diese Rechtfertigungen, Sofia“, unterbrach David sie genervt. „Du weißt ganz genau, dass ich nie etwas mit jemandem von der Arbeit anfangen würde.“

„Na danke für den Seitenhieb“, warf sie ein.

David schnaubte. „Was soll der Kindergarten? Ich bin einfach … enttäuscht, dass du einen so wichtigen Teil deines Lebens ein verdammtes halbes Jahr lang vor mir verheimlicht hast. Das ist echt mies, Sofia. Und ihr seid auch noch verlobt …“ Die Luft entwich seinen Lungen, als sei er ein Ballon, den keines der Kinder von der Party mitgenommen hatte. Erst als er dieses Wort selbst aussprach, wurde ihm die volle Bedeutung bewusst. Sie war verlobt.

„Es tut mir leid, David.“ Sie griff nach seiner Hand und suchte seinen Blick. „Es tut mir so leid. Weißt du, es ist auch für mich nie leicht, mit dir über andere Männer zu reden. Du weißt schon, weil …“

„Weil ich Gefühle für dich habe? So ein Quatsch!“ Entschlossen zwang er sich zur Selbstsicherheit und wischte ihre Aussage mit der freien Hand lässig vom Tisch. Wie immer. „Das Thema ist doch lange durch. Denkst du echt, ich würde so lange den Kumpel mimen, in der Hoffnung, dass du irgendwann deine Meinung änderst?“

Ja. Genau so war es. Und auch wenn sie es beide wussten, sagte Sofia zufrieden: „Gut.“

Fassungslos sah David sie an. „Gut?“

„Ja“, sagte sie und hob die Schultern. „Dann weiß ich nicht, was das Problem ist.“

„Du bist eine richtige Zicke.“ Er schüttelte den Kopf. Eine verlobte noch dazu.

„Ich bin keine Zicke.“ Sofia verschränkte die Arme. „Du bist doch derjenige, der sich eigentlich für mich freuen sollte, als guter Freund. Stattdessen meckerst du mich an.“

„Sofia. Du hast mir ein halbes Jahr lang einen Haufen Lügen erzählt, während du dich mit diesem Arturo getroffen hast. Das ist für mich ein riesengroßer Vertrauensbruch. Verstehst du das nicht?“

Sie lehnte sich auf dem unbequemen Holzstühlchen zurück. Dabei funkelte der klobige Stein an ihrem Ringfinger und zog Davids Blick auf sich. Er konnte das alles nicht glauben.

„Doch“, presste sie mühsam zwischen den gebleichten Zähnen hervor. „Ich versteh das. Und ich habe gesagt: Es tut mir leid.“

Es war Sofia noch nie leichtgefallen, Unrecht einzuräumen oder sich gar zu entschuldigen. Jetzt gerade erkannte David, wie die Rädchen in ihrem rauchenden, unreifen Köpfchen ratterten. Wenn sie in dieser Stimmung war, kam man nicht weiter. Unrecht und Kindergarten hin oder her. Also holte er tief Luft und tat, was er immer tat.

„Das wird schon“, lenkte er ein. „Ich … muss das einfach erst mal verarbeiten.“

„Aber du bist mir nicht böse?“, hakte seine Freundin nach. Sie öffnete den Pferdeschwanz und fuhr sich mit beiden Händen durchs honigblonde Haar.

Für einen Moment beobachtete er sie gedankenlos. Sie wirkte wie ein kleines Vögelchen, das sich im Wasserbad putzt und die zarten Federn aufplustert.

Dieses Verhalten, das den meisten anderen Erwachsenen schlicht auf die Nerven ging, war typisch für Sofia: Zuerst handelte sie auf eigene Faust, oft gegen jeden Rat ihrer Freunde. Dann kam sie hinterher mit schlechtem Gewissen und aus großem Harmoniebedürfnis wieder an, ohne sich jedoch aufrichtig entschuldigen oder in die Position des anderen hineindenken zu können (oder zu wollen).

Neben all ihren guten Eigenschaften war Sofia Fitz eine eitle, kleine Egozentrikerin. Auch jetzt wollte sie zwar reinen Tisch machen, doch verstand sie nicht wirklich, wofür David eine Entschuldigung erwartete. Um so etwas machte sich dieses Vögelchen keine Gedanken. Es wollte lieber frei herumflattern, landen, wo, und tun, was ihm gerade passte. Und das bitte schön ohne unangenehme Konsequenzen. In diesem Augenblick wollte Sofia lediglich seine Absolution, um mit diesem Typen zusammen zu sein, ohne dass Treffen wie ihr Yogakurs und nächtliche Party- und Pizza-Ausschweifungen wegfielen.

„Nein“, brummte David und fischte demonstrativ seinen Autoschlüssel aus der Jackentasche. „Alles gut. Bin froh, dass du es mir gesagt hast. Ich muss jetzt aber echt los, die Hunde warten zu Hause.“

„Oh, okay.“ Sie sah ihn mit großen Augen an. „Dann lass uns später noch mal telefonieren, ja?“

Er nickte und schob den Stuhl zurück. „Machen wir.“ Sanft griff David nach ihrer Schulter, als er sich zu seiner Freundin hinunterbeugte und die Wange an ihre legte. „Bis dann, Peaches.“

Er trat auf die Straße und wurde von tröstender, nüchterner Kälte empfangen. Es begann zu schneien, und für einen Moment legte er den Kopf in den Nacken, um den Ursprung der tanzenden Schneeflocken auszumachen.

Dann setzte David sich in Bewegung, den kalten Smoothie immer noch unangerührt in der Hand. Verdammt. Er hätte sich jetzt einen heißen Kakao gewünscht, anstatt die Pfoten an einem blöden Saft zu kühlen. Missmutig warf er den vollen Becher mit einem dumpfen Geräusch in den nächsten Mülleimer und ging mit langen Schritten zu seinem Auto, das zwischen all den SUVs und Limousinen hier stets auffiel, weil es so abgenutzt und unscheinbar wirkte. Ein Gegenstand, dessen Wert sich nur dem Besitzer offenbart. Wie ein tröstendes altes Plüschtier, das sich plötzlich zwischen der Playboysammlung und den billigen Parfums eines Heranwachsenden wiederfindet.

David stieg ein, warf seine Sporttasche auf den Beifahrersitz und setzte den Blinker.

Dieser verdammte kleine Pfirsich! Wäre sie doch nie in sein Leben getreten.

Den Kosenamen hatte er Sofia in der ersten Nacht gegeben, die sie zusammen im Bett verbracht hatten, nach jenem verhängnisvollen Abend in der Bar. Eigentlich, so überlegte er, war es überhaupt ihre allererste Begegnung gewesen …

Sofia war mit einer Freundin da gewesen, als David wie an jedem Freitagabend mit seinen Freunden im O’Connery saß, seinem Lieblingspub in der Altstadt. Sie hatte ihn während des Kartenspiels immer wieder von der Theke aus angelächelt und dabei ein Real Ale nach dem anderen bestellt. In einer Spielpause hatte er sich dann getraut sie anzusprechen und nach einem berauschenden Abend hatte die süße, freche Blondine ihn mit zu sich nach Hause genommen. Sie liebten sich mehrfach in dieser Nacht, und er schlief mit ihr im Arm völlig erschöpft im Morgengrauen ein.

Dieser Morgen hatte sich in sein Gedächtnis eingebrannt, so oft er die Erinnerung und das Schicksal auch deswegen verfluchte. Es war ein Moment absoluten Friedens gewesen. Er nahm damals kein Geräusch wahr. Weder Wasser, das durch eine Leitung im Haus rauschte, noch die brummenden Motoren draußen auf der Straße. Abgesehen davon hatte er ohnehin keine Ahnung gehabt, in welchem Teil der Stadt sich die Wohnung seines One-Night-Stands befand. David hatte sich auf die Seite gedreht, um die Frau besser betrachten zu können, die friedlich und sorglos neben ihm in der Morgensonne schlief. Erleichtert hatte er festgestellt, dass sie nicht nur im schummrigen, vernebelten Licht der Bar hübsch ausgesehen hatte. Daisy – falls sie denn so hieß – war auch bei Tageslicht ein schönes Mädchen. Er schätzte damals richtig, dass sie ungefähr dreißig Jahre alt sein musste. Daisy besaß ein grades Näschen und eine geschwungene Oberlippe, als hätte der liebe Gott mit einem feinen Pinsel ein Herz in ihr puppenhaftes Gesicht malen wollen. Die kantigen Kiefer und hohen Wangenknochen ließen Daisy jedoch keineswegs wie ein kleines Mädchen wirken.

Sein Blick war ihren Hals entlang zu dem Laken gewandert. Sie waren nach dem irren Sex erschöpft eingeschlafen und sie war, genau wie er, immer noch nackt gewesen. Die blassgoldene Sonne beschien zarte Haut, über die sich ein hauchfeiner Flaum zog. Wie bei einem Pfirsich.

Bis heute erinnerte er sich daran, wie die Morgensonne ihn geweckt hatte. Die blonden Härchen auf ihrem Arm schimmerten in dem Lichtkegel, der durch die Vorhänge aufs Bett drang. Sogar den feinen Flaum auf ihren Wangen hatte er im Morgenlicht betrachten können, während Sofia in seinen Armen schlief. Ihr Atem war ganz ruhig gegangen, während sich das Laken auf ihrer Brust hob und senkte. Vorsichtig hatte er den Stoff beiseitegezogen, um sie in ihrer gesamten Nacktheit betrachten zu können.

David Becker ging nie einfach so mit einem Mädel nach Hause, das er in einer Bar kennengelernt hatte. So ein Typ war er nicht. Doch dieses Mädchen war anders. Daisy war nicht nur bildschön (und verdammt, sie sah nackt wahnsinnig gut aus), witzig und clever, sondern hatte damals auch einen seiner Freunde unter den Tisch getrunken. Das perfekte Mädchen von nebenan.

***

Die Erinnerung an den Morgen, an dem Sofia Fitz zum ersten Mal neben David aufgewacht war, ließ sie jedes Mal ein wenig zusammenschrecken. Nicht, dass es unangenehm oder gar schlecht gewesen wäre – im Gegenteil. Der Sex mit David hatte ihr Spaß gemacht. Er war einfühlsam gewesen, hatte die richtigen Stellen mit dem richtigen Maß an Aufmerksamkeit bedacht und sich nicht allzu viel Zeit gelassen. Genau so, wie sie es mochte. Vielleicht schreckte sie eher zusammen, gerade weil diese Nacht ihr so gut gefallen hatte.

Sofia erinnerte sich noch, dass sie sich am Morgen eine Weile länger schlafend gestellt hatte, in der Hoffnung, er möge einer von den Jungs sein, die im Morgengrauen verschwinden. Kein Frühstück, keine Namen, Adieu, Monsieur.

Doch anstatt leise zu verschwinden und die Tür hinter sich für immer zu schließen, hatte dieser Mann begonnen, sanft mit dem Finger die Kontur ihrer Brust nachzuziehen. Er wanderte über die kleine Knospe am höchsten Punkt, dann zog er abrupt und beinahe schüchtern die Hand zurück.

In diesem Moment hatte sie die Augen aufgeschlagen und ihn unter schweren Lidern angesehen.

„Beobachtest du mich beim Schlafen?“, hatte sie ihn mit ruhiger Stimme gefragt. Er umschloss ihre Brust mit einer großen, schlanken Hand und drückte sie sanft.

„Du bist schön“, hatte er schlicht geantwortet und auf sie heruntergeblickt.

„Danke.“

Einen Moment lang verharrten sie schweigend und reglos in der Morgensonne. Ein letzter Moment der Intimität, des Weltvergessens.

Dann unterbrach sie den Blickkontakt und schlüpfte aus dem Bett. Sie spürte seinen Blick auf sich, während sie nackt durch den Raum zum Schminktisch ging und sich einen schlichten schwarzen Kimono überstreifte.

„Ich habe gleich eine Verabredung zum Frühstück“, sagte Sofia und ordnete mit einem Blick in den Spiegel beiläufig das zerwühlte, blonde Haar. „Es war schön gestern Nacht. Danke.“ Sie lächelte ihn durch den Spiegel an und blickte dann beinahe scheu nach unten.

David verstand. Er setzte sich auf die Bettkante und begann sich anzuziehen. „Das war es“, gab er zurück und ließ den Blick suchend durch den Raum schweifen.

„Hier.“ Sie fischte sein T-Shirt von einer Kommode neben der Tür und schnupperte kurz daran. „Ich mag dein Parfum“, hatte sie aus einem Impuls heraus zu ihm gesagt. Irgendwie duftete er nach Cool Water und … Kaffee?

Er hatte wortlos gegrinst wie ein verschlafener, zufriedener Kater, und sich angezogen.

Sie verabschiedete ihn mit einem letzten Kuss an der Wohnungstür.

„Bis dann.“

„Mach’s gut, Fremde.“

Sofia vergaß den One-Night-Stand mit dem hübschen Typen aus der Bar bald im Trubel ihres Alltags. David blieb ihr lediglich eine blasse Erinnerung an eine angenehme Nacht. Auch wenn nette und aufmerksame Bewerber heutzutage eine Seltenheit waren, so interessierte sie sich nicht dafür. Die Männer, die ihre Aufmerksamkeit erregten, waren die Pfauen im Anzug. Jene, die in der Mittagspause im Bankenviertel herumstolzierten, den Blick aufs Smartphone geheftet. Arrogant, erfolgreich und am besten augenscheinlich unerreichbar.

David hingegen war durch und durch … nett. Ein netter, netter Typ, der einem am nächsten Morgen eher das Frühstück ans Bett brachte, als wortlos zu verschwinden. David hatte ihr an dem Abend im Pub erzählt, dass er Barista in einem Café und damit sehr zufrieden sei. Er besaß zwei Hunde und ein kleines Häuschen am Rande der Stadt und fotografierte in seiner Freizeit gern in der Natur. Er hatte ein so liebes, freundliches Gesicht. Mit blauen Augen, die beinahe kindlich glänzten, wenn er an etwas Schönes dachte.

Tja. Das hatte bisher kein Feuer in Sofia Fitz entfacht. Je unerreichbarer ein Mann erschien, desto stärker fühlte sich sie zu ihm hingezogen. Wenn Menschen sie vor jemandem warnten, weckte das erst recht ihren Jagdtrieb. Als könnte sie einen bindungsunwilligen Playboy in einen braven Hausmann verwandeln – den sie ursprünglich gar nicht gewollt hatte …

Außerdem graute es ihr davor, dass sich irgendetwas an ihrem sorgsam geplanten Alltag ändern könnte. Sofia war guten Gewissens egozentrisch, weil sie es sein konnte. Unter der Woche arbeitete sie nicht selten vierzehn Stunden am Tag bei Hector & Waterman, und es machte ihr nichts aus. Sie liebte ihren Schreibtisch mit der Aussicht auf die Skyline, liebte ihre Aufgaben und die dynamischen, unpersönlichen und ehrgeizigen Kollegen in der Kanzlei. Die Abende verbrachte sie meist mit ihren Freundinnen Tina und Emma in Bars oder auf der Couch, ausgestattet mit einer Flasche Wein und Take-Out-Food, und an fast jedem Sonntag stand das Mittagessen bei ihrem Vater und Maria auf dem Plan. Ein für sie unglaublich wichtiger Termin, der schon so manche Dinge ins Rollen gebracht hatte.

 Zwei Jahre vor ihrer Hochzeit, es war ein knackig kalter Oktobertag, war Sofia entgegen ihrer gewohnten Überpünktlichkeit zu spät dran für eben jenes Mittagessen. Sie hatte sich viel Zeit bei einem Spa-Date mit Tina gelassen und danach eine halbe Ewigkeit gebraucht, um sich zurechtzumachen. So war das nämlich am Sonntag bei Familie Fitz: jeder machte sich hübsch, um pünktlich um 13 Uhr an der gedeckten Tafel zu einem Festmahl Platz zu nehmen.

An diesem Sonntag jedoch hatte Sofia es eben gerade geschafft, mit fünfzehn Minuten Verzögerung die Wohnung zu verlassen. Da fiel ihr ein, dass sie vergessen hatte, den Kuchen nach Rezept ihrer verstorbenen Mutter zu backen, den ihr Papa so sehr liebte. Von ihrem schlechten Gewissen getrieben suchte sie auf dem Weg aus der Stadt heraus die Straßen nach einer Bäckerei ab, um zumindest einen gekauften Kuchen mitzubringen, doch um Viertel vor eins am Sonntagmittag hatten die Bäckereien der Stadt bereits ihre Pforten geschlossen.

„Fahr doch, du Idiot! Es ist grün! Wartest du darauf, dass die Scheißampel gelb wird?“ Wann immer sie genervt Auto fuhr, waren die anderen Fahrer schuld an allem. Am Zuspätkommen, am Wetter, am Hunger auf der Welt. Seufzend wählte Sofia Marias Nummer.

„Ja, Schätzchen, was gibt es denn?“, meldete sich ihre Stiefmutter.

„Hallo Maria, ich bin heute leider zu spät dran. Mein … mein Auto ist nicht angesprungen! Tut mir leid“, log Sofia. Das klang in ihren Ohren besser als Ich wollte nicht auf die Hot Stone Massage verzichten.

„Ach nein, wie ärgerlich. Geht es denn jetzt wieder?“

„Ja, alles in Ordnung. Ich habe nur über den Stress den Kuchen zu Hause vergessen. Kann ich auch einen gekauften mitbringen?“

„Ach, das musst du doch nicht, Liebes“, beschwichtigte Maria. „Ich habe noch einen Becher Walnusseis im Eisschrank.“

Uh. Walnusseis klang nicht gerade nach einem Dessert, das die Kalorien wert wäre.

„Nein! Ich bringe uns Kuchen mit“, beharrte Sofia.

„In Ordnung. Es gibt hier im Viertel ein ganz gemütliches Café in der Eulenstraße. Weißt du, wo die ist?“

„Ja, die kenne ich. Wie heißt es denn?“

„Gianni… Gianni’s … etwas in der Art.“

Sofia versprach, in zwanzig Minuten da zu sein und lenkte ihren Kleinwagen durch die Straßen des Stadtviertels, in dem sie aufgewachsen war. Es war sehr grün und herrlich bewachsen dort, und sie liebte es, wenn im Winter der Schnee wie eine weiche Decke auf den dürren Ästen lag.

Sie fand das Café Gianni’s am Ende der Eulenstraße, in der sich vorwiegend Stadthäuser aneinanderreihten. Wie eine kleine italienische Festung lag das Lokal zwischen den vielen weißen Residenzen in einem dunkelgrünen Gebäude mit goldenem Schild.

Sofia parkte ihren Polo gleich davor und fröstelte in der kalten Herbstluft. Allmählich begannen die Blätter sich in flammende Orange- und Rottönen zu färben, einige Vögel zwitscherten noch in den Kastanien auf der anderen Straßenseite und die Sonne schien nach wie vor entschlossen vom Himmel, der bald sein pastellblaues Wintergewand anlegen würde.

Sie stieß die kleine Holztür des Cafés auf und fühlte sich sofort wohl. Es duftete herrlich nach frischem Kaffee, nach heißer Milch und süßem Gebäck. Keiner der knorrigen kleinen Holztische war mehr frei. Überall hatten sich Freunde, Pärchen und Familien mit kleinen Kindern zu einem Espresso, Latte Macchiato oder auf ein Stück Kuchen niedergelassen. Obwohl sich rechts und links der Eingangstür eine große Fensterfront befand, erschien der hintere Teil des Lokals dunkel und heimelig. Keineswegs ungemütlich oder abweisend, sondern angenehm beleuchtet und zu einer einladenden Sitzgruppe mit gemütlichen Polstersesseln komponiert. Dies war keiner der üblichen Coffeeshops, die in jeder Stadt gleich aussahen und eine Pilgerstätte für Selfie-wütige Teenager darstellten. Hier machte man noch original italienischen Kaffee in dem für die Italiener typischen, schlichten Ambiente.

Langsam ging Sofia zu der Theke, in deren Vitrine sie das Gebäck bewundern konnte. Niemand sonst stand davor.

„Hallo“, sagte der Mann dahinter. „Was darf es für Sie sein?“

Ohne aufzublicken, murmelte sie: „Guten Morgen. Einen … Moment, bitte. Ich möchte Kuchen für vier Personen mitnehmen.“

„Darf ich einen empfehlen, oder haben Sie Lust auf etwas Bestimmtes?“

„Ich liebe Käsekuchen“, sagte sie und sah mit einem Lächeln auf.

Na klar.

Der Mann hinter dem Tresen war niemand anderer als der nette … wie hieß er doch gleich? Sie sah nur noch vor sich, wie er ihre Wohnung verließ, nachdem sie eine wirklich heiße Nacht miteinander …

„Hi.“ Der Barista sah sie höflich an und um seine Augen bildeten sich leichte Lachfältchen. „Wie geht’s denn so?“, fragte er freundlich und fuhr sich mit der Hand durchs Haar.

„Hm, gut, danke“, entgegnete Sofia mit gefrorenem Lächeln. „Und selbst?“

In ihrem Kopf rasten die Gedanken. Dachte er in diesem Moment auch an ihren nackten Körper unter seinem? Nein. Halt. Das war nun überhaupt nicht hilfreich.

„Gut, danke der Nachfrage. Kuchen also?“ Er klang jedenfalls nicht so, als könne er ihre Gedanken lesen. Gut so.

„Ja. Genau. Habt ihr Käsekuchen?“

„Ich kann die italienische Variante anbieten, mit Mascarpone und Amaretto. In meinen Augen eine deutliche Verbesserung“, gab er zurück.

„Oh, das klingt gut. Vier Stücke dann, bitte“, bestellte Sofia möglichst nüchtern und begann, sehr geschäftig in ihrem Geldbeutel zu stöbern. Nur nicht wieder in seine Augen sehen.

„Kann ich dich auch für einen Kaffee begeistern?“, fragte der gutaussehende Barista lächelnd. „Geht aufs Haus.“

„Hm … Ich bin jetzt zum Mittagessen eingeladen.“ Musste er auch noch so verdammt nett sein? Das verscheuchte ihre unanständigen Gedanken nicht gerade.

„Du hast ja eine ganze Reihe von Verabredungen.“

„Was soll das denn heißen?“

Er hob eine Augenbraue. „Na, an dem Morgen, als du mich aus dem Haus geworfen hast, warst du doch auch verabredet.“

„Ach so. Stimmt.“ Nun musste sie doch lächeln. „Mit meiner Maschine hätte ich dir vergleichsweise auch nur minderwertigen Kaffee anbieten können.“

„Ha, das werde ich vermutlich niemals herausfinden. Also, war das ein Nein zu einem absolut himmlischen, kostenfreien Latte Macchiato?“

„Weißt du …“ Sie stockte auf der Suche nach seinem Namen.

„David“, half er ihr.

„David!“, sagte sie erleichtert. „David, ich mache so was eigentlich nicht. Es war einfach ein Zufall, was da in der Nacht passiert ist, aber ich …“

„Nur ein Kaffee, Daisy. Kein Heiratsantrag“, unterbrach er ihren Versuch, sich zu rechtfertigen.

Verwirrt hielt sie inne. Dann fiel ihr wieder ein, dass sie ihm damals einen falschen Namen gesagt hatte. „Okay. Nett von dir. Dann nehme ich einen Caffè Americano mit einem Schuss Milchschaum.“

David nickte zufrieden und wandte sich ab.

Während er ihren Kaffee zubereitete und den Kuchen verpackte, redeten sie nicht miteinander. Das summende Gerede der Gäste, das Fauchen der Milchdüse und das fröhliche Geklapper von Tassen auf Untertassen schwappte über sie hinweg.

„Mit Karte, bitte“, sagte Sofia, als er den heißen Kaffee und das Päckchen mit dem duftenden Kuchen vor sie auf die Theke stellte.

„Gern.“ Er nahm ihre Karte entgegen und zog sie durch das Lesegerät. Bevor er es ihr zurückgab, verharrte sein Blick länger als nötig auf dem Stück Plastik.

„Ist das deine Karte?“ Er blickte sie erstaunt an.

„Ja. Wieso? Willst du meinen Ausweis sehen?“

„Nein. Dann hatte ich wohl deinen Namen einfach nur falsch verstanden. Geheimzahl eingeben, bitte.“

Sie spürte, wie ihre Wangen heiß wurden, während sie ohne zu antworten vier piepsende Tasten drückte. Dann riss sie sich zusammen und streckte ihm die Hand hin. „Sofia. Angenehm.“

Er lachte und schüttelte den Kopf. „Immer noch David. Mach’s gut, Sofia.“

4

Es sollte nicht lange dauern, bis David der verrückten Schönheit ein zweites Mal begegnete.

An einem winterlichen Samstagnachmittag war er in der Stadt, um einige Besorgungen zu machen. Er schob sich genervt durch die Menschenmenge, die auch an diesem Wochenende nichts Besseres zu tun hatte, als dem Konsum von Kosmetik, Kleidung und Unterhaltungsmedien zu frönen. Leute allen Alters und jeder Gesellschaftsschicht tummelten sich mit vollgepackten Tüten in der Einkaufszone. Sie zerschmolzen vor seinem inneren Auge zu einem gesichtslosen Potpourri an Gerüchen, Stimmen und Farben. David hasste Einkaufen und ebenso hasste er es, am Wochenende in die Stadt zu müssen. Doch bei der gestrigen Schicht hatte ihm ein zweijähriger kleiner Gast das letzte weiße Hemd für diese Woche mit Ninas Pflaumen Crumble eingesaut und so war er gezwungen gewesen, sich zur Reinigung zu begeben. Außerdem musste er ein kleines Präsent zu Giannis dreiundachtzigstem Geburtstag kaufen, der morgen gefeiert werden sollte.

Als David mit den Hemden über dem Arm und einem Modellflugzeug für seinen Freund auf den Marktplatz trat, bemerkte er einen kleinen himmelblauen Stand, der wie eine Insel aus dem grauen Menschenmeer hervorstach. Bei näherem Hinsehen erkannte er eine der drei Gestalten unter dem Zelt: Es war Sofia. Neugierig besah er sich den Stand und erkannte, dass die Aktion auf den neuen Kinderkrankenhausflügel der Uniklinik aufmerksam machen sollte. Wie üblich bei solchen Aktionen passierten die meisten Menschen das kleine Zelt ungeachtet seines Zwecks. Es war der Menschheit wohl wichtiger, mehr Kleidung und Make-up zu kaufen, um die ohnehin vollen Schränke, Schubladen und Regale zu bereichern. Nur eine ältere Dame mit schlohweißen Löckchen hatte Halt gemacht und ließ sich von einer jungen Frau mit Sommersprossen die Broschüre erklären.

„Hallo.“ Lächelnd trat David an den Stand und sah Sofia in die Augen. Sie blickte mit einer Mischung aus Erstaunen und Amüsement zurück.

„Na, wen haben wir denn da?“ Sie lächelte ihn ebenfalls an. Es schien ihr nichts auszumachen, ihn nach dem zufälligen Treffen im Café ein weiteres Mal wiederzusehen.

„Heute mal für einen guten Zweck im Einsatz?“

„So ist es. Möchtest du dir unsere Broschüre ansehen?“

Er ließ sich von ihr erklären, worum es bei dem Stand ging. Sie erzählte, dass es am nächsten Wochenende ein Benefizkonzert zugunsten des neuen Krankenhausflügels geben werde, bei dem von jeder Eintrittskarte fünfzig Prozent in die Klinikkasse wanderten. Außerdem konnte man Pate des Flügels werden.

David war überrascht, dass sich Daisy alias Sofia für einen so guten Zweck engagierte. Im Gegensatz zu ihrem Besuch im Café war sie heute alles andere als aufgedonnert. Sie trug warme Schnürschuhe, Jeans und einen dicken Wollpullover unter einer Jacke mit dem Krankenhauslogo. Ihr schönes Haar war zu einem Pferdeschwanz gebunden. Nur das sorgfältig aufgetragene Make-up passte zu ihrer letzten Begegnung.

„Und, wirst du kommen?“, beendete Sofia den Vortrag. Ihre Wangen hatten sich im Eifer der Erzählung leicht gerötet, ebenso wie ihr kaltes Näschen. David fand sie zauberhaft.

„Wohin?“, fragte er leicht verwirrt.

„Na, zu dem Konzert“, meinte Sofia lachend.

„Ach so. Wann war das noch gleich?“

„Morgen in einer Woche, um neunzehn Uhr im alten Theater an der Steinstraße.“

„Das ist gut. Dann hat das Café zu“, freute er sich.

„Sehr schön. Ich gebe dir noch die Broschüre mit.“ Sie reichte ihm einen himmelblauen Flyer und streifte dabei seine Hand. „Und hier.“ Sie kam um den Stand herum und hielt ihm einen kleinen Button mit einem gemalten Herz und fröhlich tanzenden Kindern hin. „Hab ich gemalt“, sagte Sofia strahlend und bedeutete ihm fragend, ob sie die kleine Stecknadel an seiner Jacke befestigen dürfe.

„Klar. Gefällt mir.“ Er lächelte. Das war ja zu goldig.

Sie pinnte den Button an seine Brusttasche.

„Jetzt bist du offiziell ein Mann der guten Tat.“ Sie klapste ihm zur Bestätigung mit der flachen Hand auf die Brust.

„Und was wäre eine gute Tat ohne Auszeichnung?“, murmelte er und betrachtete ihr Puppengesicht.

„Dann bis bald.“ Sie streckte ihm die Hand hin.

„Bis Sonntag. Ich werde kommen.“

Eine Woche später ging David wie versprochen zu diesem Konzert. Das alte Theater war bis auf den letzten Platz besetzt, was ihn sehr für das Kinderkrankenhaus freute. Die ausgediente Bühne war die perfekte Kulisse für ein Jazz-Ensemble, das den Zuhörer zurück in die gute alte Zeit entführte. Eine Zeit, in der die Männer noch Hüte und die Damen Petticoats trugen, in der ein neuer Kühlschrank der Gipfel der Zivilisation und ein Fernseher der pure Luxus gewesen waren. David schwelgte in den sanften, dumpfen Klängen und fühlte sich in diesem Augenblick innerlich vollkommen zufrieden.

Nach dem Konzert hielt er nach Sofia Ausschau und fand sie vorn an der Bühne bei den Musikern. Ihr blondes Haar fiel ihr in weichen Wellen über die Schultern. Dazu trug sie ein tannengrünes Strickkleid, das ihren Körper wunderbar umschmeichelte.

„Hey.“ Er legte ihr vorsichtig eine Hand auf die linke Schulter.

„Oh, du bist gekommen!“ Sie freute sich sichtlich, ihn zu sehen. „Schön, dass du da bist. Hat es dir gefallen?“

„Das hat es. Eine ganz wunderbare Band habt ihr ausgesucht.“

„Das freut mich.“ Sie verschränkte locker die Arme vor der Brust.

„Hast du Lust, mit mir eine Pizza essen zu gehen? Ich kenne ein hervorragendes Lokal gleich in der Nähe“, schlug er vor.

Heute legte Sofia kein verhaltenes Benehmen an den Tag, sondern hob nur knapp die Schultern. „Klar, wieso nicht“, sagte sie.

Sie gingen zu einem kleinen Italiener, Franco, der ein Bruder von Gianni war. Dort gab es eine hervorragende Pizza Parma mit frischem Rucola, die David seiner Bekannten ans Herz legte – und wie üblich selbst orderte. Die Bedienung brachte ihnen zwei Gläser Chianti und ein Körbchen mit ofenfrischen Pizzabrötchen.

„Nett ist es hier.“ Sofia blickte sich in dem kleinen Lokal um. Auf den Tischen lagen rot karierte Tischtücher aus Leinen, Licht und Musik untermalten unaufdringlich die gemütliche Atmosphäre. „Das sieht so urig italienisch aus“, stellte sie fest.

„Möchtest du deine Pizza mal original italienisch essen?“, fragte David und bestrich eines der knusprigen Pizzabrötchen mit Knoblauchbutter.

„Klar.“ Sie lehnte sich interessiert vor und nahm einen Schluck von dem Chianti.

„Gut. Ich zeige es dir, sobald sie da ist.“

Sofia war deutlich anzusehen, dass sie fieberhaft nach einem Gesprächsthema suchte.

„Jetzt sag mal: Ist das nicht ein verrückter Zufall, dass wir uns schon zweimal wieder begegnet sind, seit … Nun ja, seit …“

„Seitdem wir Sex hatten und du mich im Morgengrauen hinauskomplimentiert hast?“, half er ihr mit einem schiefen Grinsen. Eigentlich störte ihn dieser Vorfall keineswegs, aber es machte doch Spaß, ein wenig darauf herumzureiten.

„Ja“, stieß sie aus.

„Das ist wirklich ein Zufall“, gab David zurück. „Aber ein schöner, oder nicht?“

Sie begann, unbehaglich auf ihrem Stuhl hin und her zu rutschen. „Das stimmt. Aber David … Ich komme gerade erst aus einer komplizierten Geschichte und …“

„Und was?“ Er riss erstaunt die Augen auf. „Wir haben uns zufällig wiedergesehen und sind jetzt eine Pizza essen gegangen. Das bisherige Ende der Geschichte.“

„Ja, schon. Ich will nur nicht, dass du das falsch verstehst.“

„Du bist ja ganz schön selbstbewusst.“ Er lehnte sich entspannt auf seinem Stuhl zurück.

„Wie meinst du das?“

„Na, weil du gleich davon ausgehst, dass ich dich zur Frau nehmen will, nur weil ich heute Abend zu dem Konzert gekommen bin. Ich bin einfach neugierig, was für ein Mensch du bist. Aber wir kennen uns doch gar nicht, also entspann dich.“

Er sah, dass sie seine Antwort ruppig fand und keine Antwort darauf wusste. Doch es war nicht Davids Art, Dinge unausgesprochen zu lassen.

„Okay“, sagte sie nur und blickte betreten auf das Pizzabrötchen in der schlanken Hand.

„Ich will dich nicht angreifen, Dai… Sofia. Ich möchte einfach nur sehen, ob sich das Schicksal etwas dabei gedacht hat, uns beide noch einmal zusammenzuwerfen. Kann ja auch sein, dass wir für eine Feindschaft auf Lebenszeit bestimmt sind. Wer weiß das schon.“

„Aber … Es ist total unüblich, dass ein Mann eine Frau einfach kennenlernen will, ohne Hintergedanken zu hegen“, beharrte sie leise. „Besonders, weil wir doch schon Sex hatten.“ Sie flüsterte den letzten Satz, als hätten die Wände Ohren.

„Für ein Mädchen, das einfach so einen fremden Mann mit nach Hause nimmt, bist du ganz schön keusch bei Tageslicht. Im übertragenen Sinne, meine ich.“

„Ist ja auch ein seltsames Gespräch, das wir hier führen, meinst du nicht?“

„Wir reden einfach nur offen und ehrlich miteinander. Was ist verkehrt daran?“, hakte er grinsend nach.

„Ich bin es nicht gewohnt, mit einem Mann rein freundschaftlich zu plaudern.“

„Wir werden also Freunde?“

„Bleibt abzuwarten. Je nachdem, ob du anständig bleibst oder nicht.“

David lachte. „Du hast von mir nichts zu befürchten. Und nachdem das gesagt ist, erzähl doch mal: Was hat dich dazu bewogen, diese Krankenhausaktion zu unterstützen?“

Sichtlich erleichtert berichtete Sofia ihm von ihrem Interesse für die Medizin und von ihrer Freundin Emma, die als Kinderärztin an der Uniklinik tätig war. Sie war zugleich Sofias Sandkastenfreundin, die sie nie aus den Augen verloren hatte. Sofia erzählte auch von ihrem Job in „einer der bekanntesten Kanzleien der Stadt“, von der David noch nie zuvor gehört hatte.

„Davide“, erklang in diesem Augenblick eine volle Männerstimme. Franco, der Besitzer der Pizzeria, hatte den Vertrauten seines Bruders erkannt und trat mit einem Lächeln an den Tisch.

„Franco, come stai?“ David stand auf und umarmte den deutlich kleineren, rundbauchigen Mann herzlich. Sofia blickte neugierig zwischen ihnen hin und her.

„Va bene, va bene“, gab der freundliche Gastronom zurück. „E che bella donna. Wen hast du mir da mitgebracht?” Er griff nach Sofias Hand und führte sie symbolisch an die Lippen. Sie lächelte charmant zu ihm herauf.

„Mein Name ist Sofia.“

„Ah, Sofia. Sofia, Sofia.“ Franco wiederholte ihren Namen im Singsang und warf einen Kuss in Richtung Himmel. „Sie erhellte heute Abend meine Pizzeria wie eine stella.“

Sofia lächelte geschmeichelt und nahm einen Schluck ihres Weins. Sie lobte dessen Geschmack und das gemütliche Ambiente, was Franco noch mehr in Verzückung versetzte. Er sprach einige Sätze mit David über das Gianni’s, wie es laufe, und dass er die Familia erst gestern zum Essen da gehabt hatte.

„Habte ihr s’on bestellt?“, wollte er wissen und untermalte seine Frage mit lebhaften Gesten.

„Si“, gab David zurück. „Aber zur Pizza nehmen wir gern noch zwei Gläser birra, per favore.“

„Prego, sollst du haben, mein Lieber.“ Franco eilte zur Theke und gab den Wunsch nach Bier an die Bedienung weiter.

„Der ist ja lieb.“

„Nimm dich in Acht vor ihm, er ist ein Charmeur der alten Schule.“ David zwinkerte ihr zu. „Wo waren wir stehengeblieben?“

„Bei meinem Job in der Kanzlei.“

„Ach ja. Wie bist du denn dazu gekommen?“

Sofia lehnte sich zurück und trank noch einen Schluck Wein. „Ich wollte einfach einen Beruf ausüben, in dem ich viele interessante Menschen treffe. Deshalb habe ich eine Lehre zur Anwaltsgehilfin gemacht.“

„Und inwiefern sind die Menschen dort interessant?“

„Na ja, da begegnet man eben vielen Leuten, die sehr erfolgreich in ihrem Job sind, die vieles von der Welt gesehen haben, kultiviert sind …“

„Und versnobt“, schloss David.

„Hm, vielleicht auch das. Aber ich finde sie vor allem interessant“, gab Sofia defensiv zurück.

„Du hast also kein Problem mit reichen Leuten, die sich um ihr Geld streiten?“

„Wenn das so wäre, wäre der Beruf nichts für mich.“ Bekräftigend schüttelte sie den Kopf. „Nein, das macht mir gar nichts. Was ist denn so falsch daran, reich zu sein? Man kann reisen, in den besten Lokalen essen, sich tolle Dinge kaufen …“

„Ach weißt du, ich sehe das eher nach dem Motto: Kleine Börse, kleine Sorgen. Große Börse, große Sorgen“, stellte David fest und betrachtete ihren verträumten Gesichtsausdruck. „Geld kann den Charakter so rasch und nachhaltig verderben. Ich würde kein Millionärssöhnchen sein wollen.“

„Das kann ich gar nicht nachvollziehen“, sagte Sofia, plötzlich deutlich hitziger. „Ich wüsste genau, was ich alles tun würde, sollte ich einmal reich werden. Oder reich heiraten.“ Sie gab ein kleines, affektiertes Lachen von sich.

David runzelte die Stirn. So ein Mädchen war sie? Er fand ihre Einstellung mit einem Mal erschreckend und unattraktiv.

„Erzähl mir doch von deinen Eltern“, sagte er schnell, um das Thema zu wechseln. „Was halten die denn von so einer Meinung?“

„Meine Mutter starb, als ich drei war“, erwiderte Sofia leise. „Ich weiß also nicht, was sie dazu sagen würde. Aber sicher würde sie wollen, dass ich gut versorgt bin.“

Na, da hatte er ja ein tolles Thema erwischt. „Das tut mir sehr leid. Und dein Vater?“

„Mein Vater ist der gütigste und bescheidenste Mensch auf der Welt. Er ist Professor für Geschichte an der Uni und mit einer sehr lieben, einfachen Frau verheiratet, Maria. Die interessieren sich nicht für Aston Martins und Louis Vuitton-Taschen.“

„Dein Vater und Maria sind mir sehr sympathisch“, sagte David ruhig. Sofia bemühte sich um ein Lächeln.

Zum Glück brachte da gerade der Kellner die heißen Pizzen und zwei Gläser kühles Bier an ihren Tisch. David rieb sich voller Vorfreude auf das Essen die Hände.

„Also, in Neapel isst man Pizza so.“ Er klappte den knusprigen, dünnen Teig einmal in der Mitte zusammen und faltete den Halbmond dann erneut zu einem Karree. „Die Geldbeuteltechnik. Das müsste dir doch gefallen.“ Er lachte halb ironisch, halb amüsiert.

„Ha, ha“, machte Sofia. Sie wirkte nicht beleidigt, sondern einfach voller Unverständnis. „Und das schmeckt besser?“, umschiffte sie seine Anspielung und begann, es ihrem Gegenüber gleichzutun.

„Hundertprozentig.“ Herzhaft biss David in das Pizzasandwich in seiner Hand. Es schmeckte wie gewohnt hervorragend. Krosser Teig, die Tomatensauce genau in der richtigen Balance zwischen würzig und fruchtig, dazu Parmaschinken und einige Blättchen kräftiger Rucola, der von cremigem Mozzarella abgerundet wurde. Ein Gedicht.

Auch Sofia genoss ihre Pizza sichtlich. Vor lauter angeregtem Kauen kam sie glücklicherweise nicht dazu, ihre Ausführungen zum Thema Reichtum weiter zu vertiefen.

„Was sagst du? Gut?“

Sofia nickte heftig und ohne das Essen zu unterbrechen.

„Das freut mich.“ David lächelte. „Warst du schon mal in Italien?“

Wieder nickte sie. „Früher, mit meinem Papa und meiner Mutter. Ich erinnere mich aber nicht daran.“

„Erinnerst du dich denn an deine Mutter?“ Er wusste selbst nicht, wieso er das fragte. Vielleicht suchte er nach einem Stück Echtheit in ihrem Gebaren, nach einem Gefühl, das tiefer ging als der oberflächliche Wunsch nach teuren Gegenständen. So wie ihr Interesse für das Kinderkrankenhaus.

„Kaum.“ Sie legte den Rest ihres Pizzasandwiches auf den Teller. „Ich wünschte, ich könnte mich besser an sie erinnern. Da sind nur Bruchstücke in meinem Kopf und die Fotos, auf denen wir zu sehen sind. Sie …“

Plötzlich schwieg sie. Aus ihrem Gesicht las er den Schmerz und die Sehnsucht, die seine blöde Frage aufgewühlt hatte.

„Es tut mir leid“, sagte sie gepresst. „Eigentlich bin ich überhaupt nicht nah am Wasser gebaut. Ich habe einfach … schon lange nicht mehr an sie gedacht.“

Ihre Augen füllten sich mit Tränen. Bestürzt ergriff David ihre Hand. Sie war weich und kalt.

„Es tut mir so leid“, sagte er hastig. „Das wollte ich nicht.“

„Schon gut.“ Sie winkte ab und nahm einen großen Schluck Bier. „Aber … ich würde jetzt gern gehen.“

„Natürlich.“ David fühlte sich schrecklich. Eben noch hatte er sie für ihre unreifen Ansichten verachtet, und jetzt tat ihm ihre Trauer von Herzen leid.

Er zahlte und ließ den Rest der Pizzen einpacken. Franco verabschiedete sie herzlich und bat den „blonden Engel“ ihn bald wieder zu beehren, „gern auch ohne Davide“. Sie versprach, mit ihren Freundinnen zurückzukommen und blühte beim Schwatz mit dem väterlichen Italiener wieder ein wenig auf. David half Sofia in den Mantel und kramte in seinem Kopf nach einem unverfänglichen Gesprächsthema.

„Kann ich dich nach Hause fahren?“, bot er an.

Sie zögerte. „Aber nur heimfahren.“

„Klar. Was denkst du eigentlich, was für ein Mensch ich bin?“ Er war ehrlich entsetzt. Zugleich war ihm bewusst, dass es eine Menge Leute gab, die einen schwachen Moment bei anderen für ihre Zwecke ausnutzten, doch David war weder Heuchler noch Opportunist. Damit passte er häufig nicht in die Generation Ego, in der man am besten vorankam, wenn man zuerst an sich selbst dachte.

Er lenkte Sofia in Richtung seines Wagens, den er unweit des alten Theaters geparkt hatte.

„Hast du eigentlich eine Katze?“, fragte David aus dem Nichts.

Überrascht sah sie ihn an. „Ja, wieso?“

Zumindest hatte diese Frage sie aus ihren trüben Gedanken gerissen.

„Mein T-Shirt. Das war voller Fell, als ich es morgens bei dir angezogen hab. Ist mir aber erst aufgefallen, als ich schon draußen war.“ Er lachte leise.

„Oh nein“, rief sie aus und musste ebenfalls lachen. „Das tut mir leid. Herr Katz vermisst wohl manchmal einen Mann im Haus.“ Sie hob entschuldigend die Arme.

„Herr Katz, so heißt er?“

„Ja. Er ist ein Birmakater. Silbern, mit schokoladenbraunen Pfötchen, Ohren und Schwanz. Und mit den blausten Augen, die du je gesehen hast.“

„Das klingt schön. Jedenfalls hat er sich auf meinem Shirt wohlgefühlt. Oder aufgepasst, dass ich seiner Besitzerin nicht wehtue …“ Er hätte sich am liebsten auf die Zunge gebissen bei der Anspielung.

Sie schüttelte nur lächelnd den Kopf. „Vergiss es, mein Lieber. Heute schläfst du zu Hause. Wo ist das eigentlich?“

„Ich wohne außerhalb der Stadt“, sagte er. „Mit einem Rauhaardackel und einem Rottweiler auf dem Land.“

Erstaunt fuhr ihr Kopf herum. „Ein Dackel und ein Rottweiler?“

„Ja.“ David hob die Schultern. „Den Dackel habe ich schon ewig und der Rottweiler war ein Findelkind. Eines Morgens saß am Wegesrand ein kümmerlicher Welpe, kaum älter als acht Wochen. Kein Mensch weit und breit zu sehen. Ich wünschte, ich hätte den erwischt, der das einem armen Tier antut.“

Sie sah ihn mit großen Augen an. Als könnte sie nicht glauben, dass er sich für einen kleinen Hund aufopfern konnte.

„Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll“, gab sie zu. „Das ist wahnsinnig toll von dir.“

„Wahnsinnig toll“, schnaubte er. „Das ist doch wohl selbstverständlich. Welcher normale Mensch lässt so ein hilfloses Lebewesen einfach am Wegesrand zurück?“

Sie kamen an seinem Auto an und er blieb stehen. Ratlos blickte sie sich um.

„Wir sind da.“ Er drehte den Schlüssel im Schloss der ausgeblichenen roten Fahrertür und ging um den Wagen herum, um Sofia die Tür aufzuhalten. „Bitte sehr.“

Sie musterte das Auto misstrauisch und stieg zögernd ein.

„Wie alt ist das Auto?“, fragte sie, als er auf den Fahrersitz glitt.

„Puh, lass mich nachdenken. Ich bin jetzt zweiunddreißig, also … vierzehn Jahre.“

„Das ist noch dein erstes Auto?“ Sie sah ihn entsetzt an.

Er lachte. „Ja, was ist verkehrt daran? Es fährt noch und die Hunde passen bequem rein.“

Auf dem Weg plauderten sie wieder ungezwungen, so wie vor der Frage nach ihrer Mutter. Sofia erzählte, wie sie an ihre kleine Wohnung gelangt war. David erwiderte, dass das Haus, in dem er lebte, vorher seinen Eltern gehört hatte, die nach Korsika ausgewandert waren, als er zwanzig wurde.

„Da sind wir“, stellte er schließlich fest. „Nikolausweg Neun.“

Er stieg aus und hielt die Beifahrertür für sie auf. Sofia kletterte umständlich aus dem Auto.

„Danke für den schönen Abend“, sagte sie lächelnd.

„Aber gern. Bitte entschuldige meine unsensible Frage vorhin, das war wirklich nicht so gemeint.“

Sofia winkte ab. „Ach, ist schon in Ordnung.“

Kurz sahen sie sich schweigend an.

„Sehen wir uns wieder?“, fragte David schließlich.

„Gern“, gab sie zurück. „Ich schaue bald noch einmal im Café vorbei. Der Kaffee war köstlich.“

„Wunderbar.“ David war ehrlich erleichtert, als sie sich verhalten umarmten. „Dann mach’s gut, Sofia. Grüß mir deinen Herrn Katz.“

„Danke, das werde ich. Und du grüß bitte …“

„Nero und Caesar.“

Sofia lachte. „Die Namen würden meinem Vater sicher gefallen.“

Irgendwie machte dieser eine Satz David unbeschreiblich glücklich.

Damals hatte er noch nicht ahnen können, dass das Herz der Sofia Fitz wahrlich unvorhergesehene Wege einschlagen konnte …

5

Anderthalb Jahre später

Es war ein ganz normaler Dienstag im April, der Sofias Leben eine entscheidende Wendung geben und ihr Herz auf eine Achterbahnfahrt der Gefühle schicken sollte.

Zunächst schien alles wie gewohnt. Sofia kontrollierte E-Mails, füllte Akten, faxte Schriftsätze an diverse Gegner und Gerichte. Sie liebte den andauernden Stress in ihrem Job, der die Tage stets verfliegen ließ und kaum einen Blick auf die Uhr erlaubte.

In ihrer Mittagspause schlenderte sie im strahlenden Sonnenschein zu Valentino’s auf der Ecke, um sich zum Lunch ein Serrano-Schinken-Panini zu kaufen. Es war ziemlich warm an diesem Tag, und sie genoss die Hitze der Frühlingssonne auf ihren Schultern.

„Einen Eiskaffee und ein Panini mit Serrano-Schinken zum Mitnehmen, bitte“, sagte sie zu dem alten Herrn hinter dem Tresen.

„Serrano iste aus Spanien“, belehrte sie der Kellner heftig gestikulierend und mit funkelnden Augen wie an jedem Tag. „Wolle Sie nicht lieber mit Mortadella? Oder Salami Milanese?“

„Beim nächsten Mal.“ Sofia zwinkerte zurück und lächelte, während der alte Mann halb ernst, halb im Spaß schimpfend ein Panini mit feindlichem Schinken belegte.

In Gedanken versunken wandte sie den Kopf, um beim Warten die Straße zu beobachten, als sich ihr Blick in dem eines Mannes verfing. Er stand unmittelbar hinter Sofia in der Schlange und sagte amüsiert: „Mit Pepe würde ich es mir ja an Ihrer Stelle nicht verscherzen.“

Sie öffnete den Mund und klappte ihn wieder zu wie ein Goldfisch im Wasser. Verdammt, sah der gut aus. Wie aus einer Werbung für Armani-Anzüge.

„Das ist unser kleines Ritual, wissen Sie“, sagte sie ein wenig zu spät. „Ich bleibe bei meinem Serrano, und er schimpft.“

„Iste unsere Art, unsere Liebe zu zeigen!“, rief Pepe hinter dem Tresen und hob die Hand. „Also Antonio, Hände weg von meine principessa.“

Der Angesprochene hob entwaffnend die Hände. „Verzeih mir, Pepe. Aber wie oft trifft man schon einfach so auf der Straße eine so schöne Frau?“ Er zwinkerte ihr zu.

In Zeiten von Hashtags wie metoo hätte Sofia angesichts solch offensiver Flirterei beleidigt sein sollen. Doch sie fühlte sich nichts als geschmeichelt vom Süßholzgeraspel dieses schwarzhaarigen Adonis. Ach nein, der wäre ja aus Griechenland. Das würde Pepe nicht akzeptieren.

„Passe gut auf, principessa“, warnte Pepe. „Diese Schlitzohr verdreht dir das Wort im Munde herum. Anwalt.“ Er schüttelte warnend den Zeigefinger und platzierte Sofias Panini und den Becher auf dem Tresen.

„Tatsächlich, Sie sind Anwalt?“, säuselte Sofia. „Ich arbeite auch für eine Kanzlei. Und Pepe hat recht: Sie sind Schlitzohren.“

„Also wenn ich dieses Wort noch einmal höre, dann muss ich dieses hart erkämpfte Panini leider konfiszieren.“ Er streckte ihr die Hand hin. „Antonio Manetti.“

Ihre Gedanken rasten. Manetti, Manetti …

„Sofia Fitz“, gab sie zurück und klammerte sich an ihren Becher. „Arbeiten Sie nicht bei Hector & Waterman?“

„Ja. Sie etwa auch?“ Er musterte sie neugierig und … wohlwollend?

„Allerdings. Mein Chef ist Doktor Fuchs, vierte Etage.“

„Ah, Immobilienrecht. Dann ist es ja kein Wunder, dass wir uns noch nie begegnet sind. Arbeitsrecht.“ Er deutete auf seine Brust.

„Das passt.“ Sie musterte ihn schmunzelnd und erwiderte den taxierenden Blick.

„Was soll denn das nun wieder bedeuten?“, fragte er.

„Ach, gar nichts. Bis bald, Antonio Manetti.“

Sie drehte sich auf dem Absatz um und verließ das Café, bevor ihr die schlagfertigen Antworten ausgingen.

Der verdammte Antonio Manetti hatte soeben mit ihr geflirtet. War das denn die Möglichkeit? Er war nicht nur Seniorpartner der Firma, sondern Erbe eines unschätzbaren Familienvermögens. Jede halbwegs ehrgeizige Junggesellen-Jägerin der Stadt kannte den Namen dieses berüchtigten Playboys. Nicht, dass Sofia die Konkurrenz von ihrem Vorhaben abgeschreckt hätte.

In Hochstimmung kehrte Sofia an ihren Schreibtisch zurück. Das Panini rührte sie in dieser Pause nicht an. Aller Appetit war ihr bei dem Geplänkel mit dem schönen Mann vergangen.

Es vergingen einige weitere Tage, an denen nichts Besonderes geschah. Sofia sehnte den Freitagnachmittag herbei, und als es endlich 17 Uhr wurde, kam ihr Chef noch mit einem Schriftsatz herein, der unbedingt jetzt gleich ans Gericht gefaxt werden musste. Genervt erledigte Sofia diese letzte Aufgabe und verabschiedete sich dann rasch ins Wochenende, bevor Dr. Fuchs noch eine weitere schlaue Idee käme.

Gerade als sie das Gebäude verließ, erblickte Sofia auf der Straße eine vertraute Gestalt. Antonio Manetti kam mit einer Aktentasche in der Hand daher und grinste verschmitzt.

„Paninigirl“, sagte er lachend und blieb dicht vor ihr stehen. „Endlich Feierabend?“

„Ja, endlich. Immer zu Diensten, wenn am Freitagnachmittag noch ein 15-Seiten-Schriftsatz raus muss“, erwiderte sie sarkastisch.

„Das ist ja wunderbar, ich hätte da noch so einiges auf meinem Schreibtisch und meine Sekretärin lasse ich freitags immer um 14 Uhr gehen.“ Er lachte.

„Die Glückliche! Das sollten Sie meinem Chef auch mal vorschlagen.“

„Wird erledigt.“ Er steckte die freie Hand in die Hosentasche. „Und, haben Sie am Wochenende was Schönes vor?“

Sie blickte ihn verwirrt an. Eine persönliche Frage für einen Vorgesetzten. Andererseits – er war ja nicht ihr Vorgesetzter. „Ja, allerdings.“

Er lachte schon wieder. „Aber Sie wollen es mir nicht verraten.“

„Nein. Sie sind ja irgendwie mein Chef. Da rede ich doch nicht über all die verbotenen Dinge, die mein Wochenende füllen“, erwiderte sie grinsend.

„Nun machen Sie mich aber noch neugieriger, als ich ohnehin schon bin. Wie stehen denn die Chancen auf einen Kaffee am Sonntag?“

Sie blickte ihn aus großen Augen an. „Mit Ihnen?“, fragte sie lang gedehnt.

„Natürlich“, gab er ohne zu zögern zurück. „Ich kenne da ein ganz wunderbares kleines Café, das Ihnen sicher gefallen würde. Sagen wir, so um elf Uhr? Ich schlafe nach meinen eigenen verbotenen Aktivitäten am Wochenende gern aus.“

Sofia schlug das Herz bis zum Hals. „Na, Sie sind ja ganz schön frech“, traute sie sich zu sagen.

Antonio zwinkerte. „Ich kann mein Gegenüber einfach immer einschätzen und weiß, wem ich was sagen kann. Wir beide finden uns doch interessant, oder nicht? Wieso dann nicht einen Kaffee zusammen genießen?“ Er betonte das letzte Wort, sodass er sie an einen Kater erinnerte, der sich genüsslich und sorgenfrei in der Sonne räkelt.

„Ist das ein Test, ob ich unethische Entscheidungen treffe?“

Er lachte herzhaft und raufte sich das volle Haar. „Oh, ihr Frauen in der heutigen Zeit! Nein, das ist kein Test. Einfach eine reale Frage in einer digitalen Welt.“

„Na dann … okay“, sagte sie rasch. „Um elf Uhr am Sonntag. Wo denn?“

„Im Café Au Lait. Kennen Sie das?“

Sie kannte es. Dort machten sie herrliche Baguettes, die wirklich schmeckten wie in Frankreich.

Sofia verabschiedete sich eilig, bevor Antonio ihre Nerven noch weiter zerfetzen konnte. All diese schlagfertigen Antworten zu geben, war sie nicht gewohnt.

Endlich wieder zu Hause, lehnte sie erschöpft den Kopf gegen die Flurwand und blieb erst einmal zehn Minuten so stehen. Das konnte doch einfach nicht wahr sein.

Sie, Sofia Fitz, hatte ein Date mit dem heißesten Junggesellen der Stadt. Diesen Sonntag.

Die Stunden bis zu dem Date vergingen glücklicherweise wie im Flug, dank einer rauschenden Party und dem anschließenden Auskurieren des Katers am Samstag. Die Geburtstagsfeier ihrer Freundin Emma war ein voller Erfolg gewesen, auf deren Höhepunkt sich Sofia selig und prickelnd wie eine kleine Champagnerperle gefühlt hatte. In dem Wissen, dass ein so erfolgreicher und attraktiver Mann wie Antonio Manetti sich auch nur im Entferntesten für sie interessierte, schwebte Sofia den ganzen Abend lang wie auf Wolken.

Am Sonntagmorgen schlief sie genau bis acht Uhr, um genügend Zeit zur Vorbereitung auf das womöglich wichtigste Date ihres Lebens zu haben.

Sofia presste eine Kapsel in ihre Maschine und bereitete sich wie jeden Morgen einen Vanillekaffee zu. Der Duft des heißen, frisch aufgebrühten schwarzen Getränks war das, was sie täglich gut gelaunt den Tag beginnen ließ.

Während der Kaffee durchlief, wandte sich Sofia ihrem zweitliebsten Gerät zu, ihrem Handy. Sie ging ihre sozialen Netzwerke durch und las lächelnd die Kommentare unter ihrem Foto von der Party. Sie liebte es, sich online möglichst perfekt zu präsentieren und dafür bewundert zu werden. Sexy-Sofia, Kuschel-Sofia, Working-Sofia. Dazu Bilder von sich und Herrn Katz, Bilder ihres Apartments, der Blick aus ihrem feudalen Büro.

An diesem Morgen jedoch schliff sie nur für einen einzigen Mann den Diamanten, für den sie sich zugegebenermaßen hielt.

Nach einer ausgiebigen Dusche, aufwendigem Zurechtmachen ihrer butterblonden Mähne und einem Make-up, das dem einer Bobbi Brown durchaus das Wasser reichen konnte, wählte Sofia sorgfältig etwas Passendes aus ihrem Kleiderschrank aus. Der Look musste zugleich elegant, ein wenig süß und ein wenig sexy sein und bereits aus der Ferne positiv auffallen. Selbstverständlich hatte sie vor, den stolzen Herrn Anwalt einen Augenblick warten zu lassen und den Gehweg zu ihrem Laufsteg zu machen.

Also wählte Sofia ein schlichtes weißes Top von Hervé Léger und einen geblümten Dolce und Gabbana-Rock. Beides hatte sie gebraucht gekauft, um zwischen all den elegant gekleideten Menschen auf der Arbeit nicht negativ aufzufallen. Beinahe ihre gesamte Garderobe bestand aus Second-Hand-Designerstücken, von Blusen über Blazer bis hin zu den exquisiten Pumps. Wer merkte schon, ob die Stücke neu waren? Abgesehen natürlich von den sehr aufmerksamen, hochnäsigen Damen aus dem achten Stock, die nichts trugen, was nicht aus der aktuellen Kollektion der Bekleidungsgötter stammte.

Sofia hingegen kam aus gutbürgerlichem und vor allem bescheidenem Hause. Es hatte ihr niemals an etwas gemangelt, doch konnte man keineswegs behaupten, dass Familie Fitz reich wäre. Dafür saß das Herz ihrer Eltern am rechten Fleck. Immer wieder hatte Gerold Fitz seiner Tochter zu vermitteln versucht, dass man kein besserer Mensch sei, nur weil man die Welt aus einem Porsche heraus betrachtete.

Doch Sofia wollte davon nichts hören. Sie hatte schon immer nach Höherem gestrebt, und die Ehefrau eines steinreichen Mannes zu werden, war ihr liebster Traum. Mit einem, der ihr Schuhe schenkte, die nicht vorher schon von einer anderen getragen wurden. Einer, der eine schicke Stadtvilla bewohnen und die Wocheneinkäufe in einem imposanten, glänzenden Geländewagen erledigte. Oder erledigen ließ. Einer wie Antonio Manetti.

Während sie sich gewissenhaft ankleidete, sah Sofia sich bereits am Arm des schönen Erben auf Galaveranstaltungen, gekleidet in feinstes Leinen und behängt mit lupenreinen Diamanten. Schließlich gehörten die Manettis zu den einflussreichsten und wohlhabendsten Familien des Landes.

Sie hatte dieses Leben verdient, davon war Sofia fest überzeugt. Wer sich beinahe täglich in einem sinnvollen Beruf bemühte, gebildet, charmant und gutaussehend war wie sie, gab eine gute Partie ab. Dies war ihre Chance.

Voller Aufregung und mit einem letzten prüfenden Blick in den Spiegel an der Eingangstür verließ Sofia ihre Wohnung. Herr Katz blickte ihr fragend nach und trollte sich dann ungerührt auf sein Plätzchen im Erker.

Seine Besitzerin war genau zehn Minuten zu spät aus dem Haus gegangen. Perfekt, dachte Sofia, während sie in jedes Schaufenster sah, das ihr Spiegelbild zurückwarf. Es war ein ungewöhnlich warmer Apriltag und an einer roten Ampel blickte sie hochzufrieden in den blauen Himmel. Außer einigen verwischten Wölkchen zogen nur zwei Flugzeuge hoch oben in der Luft ihre Kondensstreifen in weißen, flauschigen Bändern hinter sich her.

Sie konnte Antonio schon von Weitem vor dem Au Lait ausmachen. Gott, sah der Mann schön aus. Er trug ein weißes Poloshirt zu dunkelblauen Shorts, die Füße steckten in Seglerschuhen aus feinstem Leder.

Sie verbrachten ein wundervolles erstes Date. Antonio war zuvorkommend, charmant und erzählte spannende Geschichten aus seinem Berufsleben. Sofia saugte seine Aufmerksamkeit in sich auf und versuchte, sich jeden Moment dieser Verabredung genau einzuprägen. Nie zuvor hatte sie sich derart geschmeichelt gefühlt, von einem Mann umworben zu werden.

„Du bist echt ein Engel“, warf Antonio mitten im Gespräch ein.

Sie sah ihn mit großen Augen an.

„Ja“, bekräftigte ihr Gegenüber. „Dieses wunderschöne Gesicht, das blonde Haar … und dann bist du auch noch so unglaublich süß. Eine Traumfrau.“ Er machte eine Geste, als werfe er einen Handkuss gen Himmel.

„Danke“, stammelte Sofia überwältigt. Hätte ihr jemand, den sie weniger attraktiv gefunden hätte, so etwas beim ersten Date gesagt, wäre sie kurz darauf geflohen. Doch solche Worte aus Antonios Mund zu hören, war wie Musik in ihren Ohren.

„Was ist dir wichtig bei einem Mann?“, drang er weiter in ihre Gedanken.

Auch das: von jedem anderen unangemessen, viel zu früh und weitaus zu forsch. Doch es war der Manetti-Erbe, der ihr solch süße Worte zuflüsterte. Der wunderschöne, reiche, begehrte Sohn einer wahren Dynastie.

„Ich möchte einfach für meinen Partner das Wichtigste sein“, antwortete Sofia mit schüchternem Augenaufschlag. „Er braucht mir nichts zu schenken, keine Blumen mitzubringen. Ich tue in einer Beziehung alles für meinen Partner. Ich koche, putze, ich pflege mein Äußeres. Dafür möchte ich nichts anderes, als für meinen Mann die Prinzessin zu sein.“ Sie sagte es mädchenhaft, bescheiden. Er rückte mit dem Stuhl ein wenig näher und schüttelte lächelnd den Kopf.

„Da muss doch ein Haken sein“, kokettierte Antonio. „Kann es wirklich eine so perfekte Frau geben?“

Sie schwieg und lächelte schüchtern zurück. War er tatsächlich der Prinz auf dem hohen Ross, von dem immer alle sprachen?

„Ich muss jetzt leider los“, erklärte Sofia nach genau zwei Stunden. Im Laufe ihres Liebeslebens hatte sie gelernt, dass man stolzen und erfolgreichen Männern wie ihm mit genau der richtigen Mischung aus Desinteresse und Bewunderung begegnen musste, sollte auch nur die leiseste Chance auf mehr als eine heiße Nacht in teuren Laken bestehen. Außerdem war sie dermaßen überfordert von Antonios Worten, dass sie Zeit brauchte, um alles zu verarbeiten. Sofia war kein misstrauischer Mensch und machte sich bei derartigen Schmeicheleien nie Gedanken darüber, welche verborgenen Absichten dahintersteckten.

„Wirklich?“, meinte Antonio sichtlich enttäuscht.

„Wirklich“, bekräftigte sie.

„Kann ich dich nach Hause fahren?“, bot er an und winkte der Bedienung.

„Danke, ich gehe zu Fuß“, lehnte Sofia ab. „Es ist so schönes Wetter heute.“

„Ich bin mit dem Cabrio da“, verkündete er mit einem selbstsicheren Lächeln.

Ihr selbstbewusstes Konzept geriet augenblicklich ins Wanken. Was für ein Auto er wohl besaß?

„Lass mich dir den Gefallen tun. Ein Spaziergang kann mit solchen Schuhen doch kaum bequem sein.“

Die Kellnerin trat an ihren Tisch und legte die Rechnung auf einem kleinen Tellerchen vor sie. Antonio zahlte keinen Cent mehr als gefordert.

„Danke.“ Die Bedienung presste die Lippen zusammen und wandte sich ab.

Sofia blinzelte irritiert. Die Frau war bereits über ihre besten Jahre hinaus und hatte sie aufmerksam und rasch bedient.

„Was ist?“ Antonio fing Sofias Blick auf.

„Gibst du nie Trinkgeld?“ Sie konnte nicht umhin zu fragen.

Er winkte ab. „Doch nicht bei einem Kaffee. Die müssen eh alles in einen Topf werfen.“

„Ich finde ja nur, dass sie uns gut bedient hat und eine Aufmerksamkeit verdient hätte.“

„Ach, du süße Puppe. Ich kriege auch kein Trinkgeld, wenn ich meinen Job besonders gut mache. Jedem das, was er verdient.“ Antonio zwinkerte ihr nur frech zu und schob seinen Stuhl zurück. „Dann los, principessa.“

Er hat bereits einen Kosenamen für mich, stellte Sofia entzückt fest und dachte gar nicht daran, weiter auf das vorige Thema einzugehen.

„Mein Wagen steht im Parkhaus auf der Ecke.“

Als sie das Café verließen und zu seinem Cabrio schlenderten, gab sich Sofia nach außen hin betont entspannt, doch innerlich fühlte sie sich wie die Saite einer Gitarre. Er hätte sie bloß anzufassen brauchen und sie hätte zu schwingen begonnen. Aber sie kannten sich so wenig, dass jeglicher Körperkontakt sich falsch angefühlt hätte.

So tippelte eine blonde, elegant gekleidete Sirene neben einem dunkelhaarigen, selbstbewussten Mann im besten Alter her. Ein Bild, wie es in diesem Viertel oft zu sehen war. Immer häufiger lag zwischen solchen Paaren ein beachtlicher Altersunterschied. Sofia überlegte, ob es sie stören würde, wenn auch Antonio deutlich älter wäre als sie selbst. Vermutlich nicht. Sie hatten einen solchen Respekt vor seinem Beruf, seinem Vermögen und seiner Begehrtheit, dass sie eine Menge Einwände in Kauf genommen hätte, um ihn weiterhin zu treffen. Natürlich, sofern auch er das wollte.

Gerade als das Schweigen zwischen ihnen den ersten leisen Selbstzweifeln Platz gemacht hatte, erreichten sie das Parkhaus.

„Und, was hast du heute noch vor?“, nahm Antonio den Smalltalk wieder auf und fuhr sich mit der Hand durchs rabenschwarze Haar, während er auf den Parkautomaten zuging. Noch keine grauen Strähnen zu sehen, stellte Sofia mit einem Seitenblick fest.

„Ich muss einen Kuchen backen“, sagte sie. Sofort ärgerte sich ihr Kopf über das voreilige Mündchen. Hätte ihr denn nichts Interessanteres einfallen können?

„Na, sieh mal einer an. Ich hätte schwören können, dass du eines von den Mädels bist, die ihren Ofen als Stauraum benutzen.“

„Tja, falsch gedacht“, entgegnete sie knapp. Das war aber auch anstrengend mit den schlagfertigen Antworten. „Und was sind deine Pläne fürs Wochenende?“

„Ich werde gleich hoch an die Küste fahren, aufs Boot.“ Er nahm das Wechselgeld aus dem Parkautomaten, das klirrend in den Spalt gerasselt war.

„Wie schön! Segeln oder Motorboot?“, bemühte sich Sofia möglichst unbeeindruckt zu antworten. Nach dem Motto: Alle meine Freunde haben ein Boot. Aber nett, dass du ebenfalls eines besitzt.

„Segeln. Für wen hältst du mich?“, erwiderte er lachend.

Was sollte denn das bedeuten?

„Ich mag es, beim Bootfahren auch mal Action zu haben. Die Trimm auszubalancieren, das Fieren … Ich brauche einfach einen Ausgleich zum Büro“, erklärte er.

„Das klingt ja romantisch. Dabei kann ich mir dich so gar nicht in Aktion vorstellen.“

„Wie traurig“, gab Antonio mit zweideutigem Blick zurück, während er einen Schlüssel aus der Hosentasche zog. Piepsend meldete sich ein weinroter Porsche Carrera aus wenigen Metern Entfernung. Galant hielt sein Besitzer Sofia die Tür auf und sie glitt auf den cremefarbenen Ledersitz.

„Wo wohnst du?“, fragte Antonio, während er den Wagen aus dem Parkhaus lenkte.

„Im Nikolausweg. Kennst du die Gegend?“

„Klar. Das ist ja tatsächlich gleich um die Ecke“, antwortete er. „Da fahre ich einen kleinen Umweg, damit sich die Spitztour auch lohnt.“

Was hatte das nun wieder zu bedeuten? War Antonio etwa der Meinung, es sei ein besonderes Bonbon für Sofia, in einem Porsche zu sitzen? Das war es zwar in der Tat, doch ihr war sehr daran gelegen, sich das nicht anmerken zu lassen.

„Das können wir gern verschieben“, gab sie entschuldigend zurück. „Ich stehe leider ein wenig unter Zeitdruck heute.“ Sie zuckte mit den Schultern.

„Die zehn Minuten kann dein Kuchen noch warten, Süße. Wir halten an der besten Eisdiele der Stadt und werden das Wetter feiern.“

„Na gut. Darauf lasse ich mich ein“, gab sie strahlend zurück und hoffte zugleich, dass ihr kein Tröpfchen Eiscreme auf einen der teuren Sitze laufen möge.

Antonio war ein ausgezeichneter Autofahrer. Souverän, ruhig und dennoch zackig. Sofia fühlte sich wie eine Prinzessin. In einem Luxuswagen zu sitzen und dabei von einem schwerreichen Erben herumkutschiert zu werden, kam dem Ganzen doch sehr nah.

An der Eisdiele standen die Menschen in einer langen Schlange, was bei einem Frühsommertag im April kein Wunder war.

„Welche Sorten magst du?“, wollte Antonio wissen und lenkte den Wagen in die nächstgelegene Einfahrt. Die Häuserfront lag genau gegenüber des breiten Flusses, der sich durch diesen Teil der Stadt zog.

„Vanille und Schokolade“, antwortete Sofia. „Können wir hier parken? Die Schlange ist ganz schön lang.“

„Mach dir darum keine Gedanken. Vanille und Schokolade also. Warte hier, ich bin gleich zurück.“

Er stieg galant aus dem Auto und verschwand im Eiscafé. Sofia blickte sich um, ob sie beobachtet wurde, doch es sah niemand zu ihr hin. Also nutzte sie die Gelegenheit, um mit ihrem Smartphone ein Foto von sich zu schießen. Mit den Fingern lockerte sie das lange Haar und achtete besonders darauf, dass neben ihrem perfekt geschminkten Kussmund auch Teile des exquisiten Sportwagens zu sehen waren.

Da kam Antonio bereits wieder aus dem Lokal, mit zwei Hörnchen Eiscreme in Händen.

„Die Dame.“ Er reichte ihr die Waffel über den Rand der Beifahrertür und hielt diese dann mit der freien Hand auf.

„Dankeschön.“ Wie war er denn so schnell drangekommen?

„Gern geschehen. Lass uns doch einen kurzen Spaziergang am Fluss machen, ich kann mit dem Eis in der Hand schlecht die Gangschaltung bedienen.“

„Und das Auto?“

Antonio winkte ab. „Das Haus gehört einem Freund. Wir können hier ruhig für eine Weile stehen bleiben.“

Zufrieden kletterte Sofia mit ihrem Eis aus dem Wagen.

Sie unternahmen einen kleinen Spaziergang am Flussufer und ließen sich die Sonne ins Gesicht scheinen. Sofia hätte in diesem Augenblick nicht glücklicher sein können.

Am Morgen nach dem ersten Rendezvous leuchtete Sofias Handy auf, noch bevor sie wie gewohnt um sieben Uhr das Haus verließ. Beim Aussteigen hatte Antonio ihr die Tür aufgehalten und sie fest umarmt. Sie hatten Telefonnummern ausgetauscht und selbstverständlich dachte Sofia nicht im Traum daran, sich zuerst bei dem Mann zu melden. Ihr Herz machte einen Hüpfer, als sie sah, dass genau der Richtige eine Nachricht gesendet hatte. Sie hielt sich an ihre eigene Regel, niemals sofort online zu gehen, um den Text zu lesen. Es sollte doch keiner denken, dass sie nichts Besseres zu tun hatte, als auf Nachrichten zu warten. Schon gar nicht dieser Mann.

Sie geduldete sich genau sieben Minuten lang, dann hielt sie es nicht mehr aus.

Antonio: Guten Morgen, principessa. Kannst du telefonieren?

Wieso wollte er telefonieren? Sofia tippte mit fliegenden Fingern zurück.

Sofia: Hey. Klar, bin gerade auf dem Weg zur Arbeit.

Zwei Minuten später klingelte ihr Telefon.

„Guten Morgen“, sang sie förmlich in den Hörer und griff nach ihrem Haustürschlüssel.

„Guten Morgen“, erklang Antonios tiefe Stimme am anderen Ende. Er schien im Auto unterwegs zu sein. „Hast du gut geschlafen?“

„Ja, danke“, gab Sofia zurück. „Und du?“

„Kaum.“ Er lachte rau ins Telefon. „Das hat mich ja gestern ganz schön aus der Bahn geworfen.“

„Was meinst du?“ Ihre Wangen begannen zu glühen.

„Dich, dolcezza“, sagte er schlicht.

Sie grinste breit und schaute zu Boden. Das konnte doch nur ein Traum sein, was hier geschah.

„Bist du noch dran?“

„Ja, tut mir leid. Da ist ein … Hund an mir vorbeigelaufen.“ Inzwischen war sie tatsächlich auf dem Weg zum Bürogebäude.

„Alles gut. Ich wollte dir nur kurz sagen, dass ich jetzt für einige Tage auf Dienstreise bin. Wir werden uns also vor Montag nicht sehen können.“

Enttäuscht blieb sie an einer Kreuzung stehen, obwohl die Fußgängerampel auf Grün umgesprungen war. „Oh“, meinte Sofia und suchte in ihrem Kopf fieberhaft nach einer besseren Entgegnung. Ach, das war gut: „Nett, dass du Bescheid sagst. Wo geht es denn hin?“

„Ich muss gleich nach Schottland zu einem wichtigen Klienten fliegen. Das mache ich lieber persönlich, als da einen Lehrling hinzuschicken.“

„Total“, war ihre lahme Antwort.

„Nicht traurig sein. Ich habe auf dem Boot noch viel über dich nachgedacht, Prinzessin.“

„Ist das so?“

„Ja, das ist so. Wenn ich zurück bin, nehme ich dich mal mit auf den Kutter.“

Anstatt weiter enttäuscht über seine Reise zu sein, tauchten in Sofias Kopf Bilder auf, wie sie, gehüllt in ihre Tunika von Cavalli, auf seinem Segelboot sitzen würde. Ihn bei einem Glas Wein beobachtend, während Antonio mühelos und unwiderstehlich wie Dicky Greenleaf mit wissendem Lächeln am Steuerrad stand.

„Klar, gern. Dann gute Reise.“ Sofia zog es vor, selbst diejenige zu sein, die dieses Gespräch beendete.

„Bis dann, dolcezza. Ich melde mich.“

Mit einer Mischung aus Enttäuschung und Vorfreude erreichte sie das Gebäude, in dem Hector & Waterman untergebracht war.

So war das mit Sofia Fitz. Ein Großteil der Menschen, denen sie begegnete, war ihr vollkommen egal. Sie hatte ihren Alltag, ihr Einkommen und ihr Leben auf der Reihe und kam immer genau so lange zurecht, bis ein Mann sie aus der Bahn warf. Dann stieg und fiel jeder Tag mit der Qualität dieses Verhältnisses. Meldet er sich? Wann meldet er sich? Was sagt, schreibt, erzählt, fragt er?

Sie hätte es wesentlich leichter haben können, indem sie sich nicht ausnahmslos auf undurchsichtige Egozentriker mit schöner Fassade einließ. Sie hätte einen der netten, gutherzigen Jungs in ihr Leben lassen können, der sie wahrhaft zu schätzen wusste und um ihrer selbst liebte. Doch der Ehrgeiz, unerreichbare Männer zu einem Schoßhündchen zähmen zu wollen, raubte denen, die ihr Herz verdient hätten, jede Chance. Was sie am Ende täte, wenn es ihr tatsächlich einmal gelänge, einen Bad Boy zu zähmen, darüber machte sich Sofia in ihrer Eitelkeit keine Gedanken.

Wohl aber fiel ihr bei dem Stichwort „nette Jungs“ ihr Freund David ein. Ein wenig Aufmerksamkeit von ihm wäre heute genau das, was sie brauchte.

Sofia: Guten Morgen, Sonnenschein. Rieche ich frischen Kaffee und Ninas Kuchen??

Die Antwort kam postwendend.

David: Selber Sonnenschein. Was gibt’s Neues?

Sofia: Lass uns doch heute Abend zusammen essen. Um acht bei dir?

David: Gern. Lasagne??

Na also, das machte den Tag doch gleich besser. Ihre Laune hob sich schlagartig, während sie in den Fahrstuhl des Bürogebäudes stieg und ihre Antwort tippte.

Sofia: Das weißt du doch ;) Freue mich. xo

***

David stand hinter dem Tresen in seinem geliebten Café und war glänzend aufgelegt. Er freute sich immer auf Zeit mit Sofia. Sie war selbst dann noch unterhaltsam, wenn sie schlecht gelaunt war, was so gut wie nie vorkam. Er liebte es, mit ihr gemeinsam ein Essen, einen Film oder einen Kaffee zu genießen. Sofia hatte genauso viel Freude daran wie er. Und sie roch unglaublich gut, nach einem Hauch von Kaffee und Orangenblüten. Sinnlich, weich und weiblich.

Schluss damit, schalt er sich. Solche Gedanken machten es ihm nur noch schwerer, vor ihr nicht zu einem Hündchen zu mutieren. Sie stand auf Machos, die ihrer Frau noch weniger Wertschätzung entgegenbrachten als ihrem Goldfisch, das hatte er inzwischen gelernt. Hauptsache, reich und arrogant. Doch David wollte die Hoffnung nicht aufgeben, dass sie sich irgendwann die Hörner abgestoßen haben und dann endlich bei ihm zur Ruhe kommen würde. Sah man von ihrem Opportunismus und ihrem egoistischen Verhalten ab, passten sie doch zusammen wie Amaretto und Käsekuchen.

6

Den restlichen Tag verbrachte Sofia inmitten von Akten. Sie lenkte sich bestmöglich mit einem Wust an Arbeit ab, um nicht darüber nachzudenken, dass sie den schönen Anwalt erst am Montag wiedersehen würde.

Es war gut, dass David an diesem Abend Zeit hatte. Mit ihm fühlte sich Sofia stets geborgen und sicher. Sie mochten beide alte James Bond Filme, zu denen selbstverständlich Wodka Martini serviert wurde. Lasagne zu kochen, war in den zwei Jahren ihrer Freundschaftaufgrund der gemeinsamen Liebe zum italienischen Lebensgefühl ebenfalls zur Tradition geworden.

Nachdem sie im Büro Feierabend gemacht hatte, ging Sofia noch in den kleinen Supermarkt nahe ihrer Wohnung. Sie brauchte David gar nicht erst zu fragen, was sie mitbringen musste: Martini, Wodka und Oliven. Für das Essen war er zuständig, sie für die Drinks.

Im Laufe des Tages war Sofias Stimmung immer ungehaltener geworden, weil Antonio sich nicht meldete. Einerseits war er ihr zu nichts verpflichtet, doch auf der anderen Seite hätte sie sich gefreut, wenn eine kleine Ich-denk-an-dich-Nachricht angekommen wäre. Natürlich würde sie ihm nicht aus eigenem Antrieb schreiben, um den Schein zu wahren, dass er lediglich einer von vielen auf ihrer Tanzkarte sei und es sie nicht die Bohne tangierte, nichts von einem der Bewerber zu hören.

Vor der Abfahrt duschte sie noch rasch, dann fütterte sie Herrn Katz, schmuste schnell eine Runde mit ihm und schlüpfte für den Lasagne-und-Bondfilm-Abend in schwarze Leggings unter einem lockeren, cremefarbenen Kaschmirpullover. Er fühlte sich tröstlich an. Tadellos weich, nicht zu warm und nicht zu kalt.

Während der zwanzigminütigen Fahrt zu David aufs Land legte Sofia ihr Handy mit dem Display nach unten auf den Beifahrersitz. Es störte sie zu sehr, wenn das Ding aufleuchtete und nur eine Nachricht von Emma, Tina oder ihrem Vater ankam.

Sie bog auf den Feldweg ab, der zu Davids Haus führte. Der Polo begrub knirschend Steinchen unter seinen Reifen, Sofia liebte dieses Geräusch. Davids Haus leuchtete in einigen hundert Metern Entfernung vor dem Hintergrund des dunklen Waldes, tröstlich und einladend. So musste sich der Vater im Erlkönig gefühlt haben, als er mit dem heimischen Gutshof vor Augen durch die Nacht galoppierte, um sein Kind zu retten …

Sofia erschrak über den düsteren Gedanken. Was für ein Gejammer auf hohem Niveau, schalt sie sich im Geiste. Sie war wütend, wegen eines Mannes, den sie kaum kannte, schlecht gelaunt zu sein. Sie würde ihm seine Funkstille so was von heimzahlen: Wenn er endlich Bericht erstattete, würde sie einen Tag lang nicht antworten.

Oder besser einen halben Tag lang. Nicht, dass er noch dachte, sie sei nicht interessiert.

Sofia parkte ihr Auto neben Clive (so nannte David seinen Clio) und stieg aus, bevor sie den geräumigen Shopper mit den Einkäufen aus dem Kofferraum nahm. Auf den hatte sie ein halbes Jahr gespart und ihn dann Second Hand gekauft.

Nero und Caesar meldeten an der Eingangstür bereits die Besucherin an, noch bevor ihr bester Freund die Tür öffnete.

„Da bist du ja. Komm rein.“ David lächelte herzlich und bemühte sich die Hunde im Zaum zu halten, die wie wild an Sofia hochzuspringen versuchten.

„Nero, Caesar, aus!“, rief er bestimmt. Die treuen Gefährten ließen die Ohren hängen.

„Hallo, ihr Süßen“, grüßte Sofia das kleine Gespann und verteilte vorsorglich mitgebrachte Hundekekse an die Vierbeiner. „Und hallo, Hundepapa.“ Sie herzte ihren Freund und fühlte sich sofort besser, als er die Außenwelt mit dem Schließen der Eingangstür aussperrte. Davids Heim war ein kleines Fachwerkhaus, um das sich hier und da prächtiger Efeu rankte. Stand man im Vorgarten, befanden sich rechts und links neben der Haustür jeweils zwei breite Sprossenfenster. Hinter der blauen Eingangstür aus Holz lag eine kleine Eingangshalle. Links führte eine Tür zur Küche und geradeaus gelangte man zum hellen Wohnzimmer, das auch einen beinahe hundert Jahre alten Kamin beherbergte. Rechts neben der Haustür war ein kleiner Flur, an dessen Ende sich die Gästetoilette befand. Davor führte eine weiß getünchte Holztreppe in den ersten Stock.

Sofia hatte sich schon bei ihrem ersten Besuch in Davids Zuhause wohlgefühlt. Es war sauber, gemütlich und auf erholsame Weise abgeschieden.

„Du trägst keine Jacke?“, schimpfte der Gastgeber und nahm ihr die Flaschen ab.

„Hab ich vergessen. Und Herr Katz hat so vorwurfsvoll geschaut, weil ich nur kurz zu Hause war, da wollte ich nicht noch mal reingehen.“

David lachte und sie folgte ihm in die Küche. Auf der Insel in der Mitte hatte der Gute bereits begonnen, das Gemüse für die Bolognese zu reiben.

„Ich mixe uns als erstes die Drinks“, verkündete Sofia und holte zwei Gläser aus dem Eisfach. Das hatte David noch nie vergessen.

„So ein schlimmer Tag?“, fragte der Freund.

„Eigentlich nicht. Du kennst mich doch, ich überkompensiere einfach mal wieder den normalen Stress.“

David nickte lächelnd. „So kenne ich dich. Dann schenk uns mal einen ein. Und, hat sich … wie heißt er noch mal? Der Investmentbanker noch mal gemeldet?“

„Du meinst Jonas? Nein, den habe ich abgehakt“, erzählte Sofia. „Er hat mir erzählt, er sei einer der Erfolgreichsten in seiner Firma und dann sagt mir deren Rezeptionistin, dass er erst vor einem Monat dort angefangen und bisher noch keinen einzigen Abschluss gemacht hat.“

„Und was stört dich nun mehr? Die Lüge, oder dass er kein Geldsack ist?“

„Beides.“ Sofia hob die Schultern und reichte David ein volles Glas.

„Dann aufs Prinzip.“ Er stieß mit ihr an und lächelte säuerlich. Sie wusste, dass er diesen Charakterzug an ihr nicht mochte.

„Und was gibt es sonst Neues? Wie geht es der Familie?“, fragte er und wechselte damit sehr elegant das Thema.

„Denen geht’s gut. Papa sagt, wenn ich mich auf meine Arbeit konzentriere und an meinen Werten arbeite, dann helfen sie mir bei der Finanzierung meines neuen Autos.“

„Was?“ Irritiert sah er sie an.

„Ja, ich wollte doch ein neues Auto haben.“

David runzelte die Stirn. „Wozu denn das? Du gehst zu Fuß zur Arbeit. Interessiert doch niemanden, was für ein Auto du in deiner Freizeit benutzt.“

„Du bist ja nur neidisch, dass du weiter mit Clive rumgurken musst, während ich bald einen SUV fahre. Ich nehme dich auch mit, Schatzi“, kokettierte sie.

Er betrachtete sie nachdenklich. „Ist dir nie in den Sinn gekommen, dass ich kein neues Auto will?“, fragte er mit Nachdruck.

„Nein. Ehrlich gesagt habe ich immer gedacht, das läge an deinem … Kellnergehalt“, schloss Sofia.

„Nett“, schnaubte der Freund und begann, das Hackfleisch anzubraten.

„Ich meine das doch nicht böse“, sagte sie schnell und tänzelte um die Kücheninsel herum. „Aber ich weiß doch, dass man in deinem Job nicht so viel Geld verdient.“

„Sofia. Ich weiß, da rede ich bei dir gegen Windmühlen, aber: Geld allein macht nicht glücklich. Ich brauche kein neues Auto, um gesellschaftlich anerkannt zu werden.“

„Ich doch auch nicht. Ich will das für mich. Als Belohnung für all meine harte Arbeit.“

„Wie soll das eine Belohnung sein, wenn du für die Finanzierung die Hilfe deiner Familie brauchst? Ein Eis ist eine Belohnung. Meinetwegen eine Tasche. Aber ein Auto? Das du nur für deine Freizeit brauchst?“

„Du bist ein Spielverderber“, maulte sie und nahm einen großen Schluck ihres Drinks.

David seufzte. „Bleibt immer noch, dass du genau das Gegenteil von dem tust, was dein Vater sich wünscht: An deinem Wertesystem arbeiten.“

„Stimmt doch gar nicht“, rief sie aus. „Ich arbeite doch dafür. Und lasse mir das Auto auch nicht von irgendwem schenken.“

„Wer sollte dir auch ein ganzes Auto schenken?“, murmelte David und sie sah genau, dass er die Augen verdrehte.

„Niemand. Deshalb will ich es ja selbst erreichen.“

Sie musste an Antonio denken. Der könnte ihr theoretisch ein Auto vor die Tür stellen … Sie verwarf den Gedanken rasch. Immerhin hatte der Blödmann sich noch nicht gemeldet, wie konnte sie da daran denken, sich teure Dinge von ihm schenken zu lassen?

„Lassen wir das Thema. Hilf mir lieber.“ David schob ihr mürrisch die Auflaufform hin.

Folgsam begann Sofia, den Boden der Form mit Nudelplatten zu bedecken. Sie stellten gemeinsam die Béchamel-Sauce her und bald entspannte sich das Gespräch wieder. David erzählte von der letzten Woche im Café, Sofia von einer lustigen Verwechslung in der Kanzlei. Sie hatte das Gefühl, dass er besonders darauf achtete, die unangenehmen Themen zu umschiffen.

Als sie sich zum Essen vor den Fernseher setzten, war die Stimmung dank der Drinks wieder gelöst und freundlich.

„Welchen willst du heute sehen?“ David griff nach der Fernbedienung.

„Hmmm. Der Spion, der mich liebte“, wünschte sich Sofia und kreuzte die Beine in den Schneidersitz.

„Oder vielleicht Die Welt ist nicht genug?“, fragte David leise lachend.

Sofia gab ihm einen Klaps. „Du bist blöd“, sagte sie. „Und nein.“

Er legte die gewünschte DVD ein und sie begannen zu essen. Wie immer schmeckte die Lasagne nach Giannis Rezept hervorragend. Beide konzentrierten sich auf den Film, auch wenn sie die Handlung in- und auswendig kannten. Heute knisterte es nämlich doch ein wenig zwischen ihnen und es wäre sehr unklug gewesen, dieser Spannung nachzugeben. Also wahrte Sofia den Abstand, wie immer, wenn sie sich ihm an einem seltenen Abend plötzlich wieder so nah fühlte.

Sie hatte die schlanken Beine angezogen und das Kinn in die Hand gestützt, über die der Ärmel ihres Pullovers gezogen war. Sie spürte, dass David sie vom anderen Ende des Sofas aus musterte.

„Was denn?“

„Nichts. Magst du einen Nachtisch?“

„Oh ja. Hast du Gummibärchen?“

„Na klar.“

Als David aus der Küche zurückkehrte, betrachtete Sofia ihren attraktiven besten Freund. Er sah mühelos gut aus, selbst mit Dreitagebart, schlichtem T-Shirt und Jeans, so wie jetzt. Und er machte Spaß im Bett, so weit sie sich an ihre erste Nacht erinnern konnte … doch ihren gelegentlichen Überlegungen, ihn ein weiteres Mal zu verführen, widerstand sie jedes Mal aufs Neue. Seine Aufmerksamkeit hätte ihr gutgetan, doch würde das Erwartungen in David wecken. Oder schlimmer noch, es würde ihre Freundschaft belasten. Auch wenn Sofia oft zuerst an sich selbst dachte, wollte sie nie bewusst denen wehtun, die sie liebte.

„Gummibärchen“, sagte er nüchtern und platzierte die Schüssel zwischen ihnen. Dann nahm er glücklicherweise erneut am anderen Ende der Couch Platz und heftete den Blick bemüht auf den Bildschirm.

Doch die Stimmung war umgeschlagen, und die Luft schien förmlich elektrisiert zu sein.

Unruhig lehnte Sofia sich zurück. Merkte David es auch?

Ihr fielen die zahlreichen Gespräche mit Emma und Tina zu dem Thema ein.

Ein Mann ist nie einfach platonisch mit einer Frau befreundet, belehrten die beiden sie immer wieder.

Bei uns ist das anders, wiederholte Sofia dann unermüdlich. Da ist keine sexuelle Spannung.

Doch genauso war es jetzt. Lag es an ihrer Unzufriedenheit über Antonio? Oder daran, dass David heute Abend so unverschämt gut aussah? Sofia überlegte hin und her, während sie Gummibärchen aus der Schale pflückte.

Dicht über der Schale berührten sich ihre Hände, und es fühlte sich anders an als sonst. Die Unschuld einer Sandkastenfreundschaft wich der Leidenschaft zweier Erwachsener. Instinktiv verhakte Sofia ihre Finger mit seinen und warf ihm einen tiefen Blick zu. Er schaute wortlos zurück und zog sie zu sich heran.

In dem Moment, bevor sich ihre Lippen trafen, verdunkelte sich sein Blick und ihr Puls raste. Sie ließ ihre Finger durch sein Haar gleiten und dann, endlich, trafen sich ihre Lippen. Sie öffnete den Mund und ließ seine Zunge hinein. Es war ein verdammt guter Kuss. Sein Duft und die Art, wie er mit der Hand ihren Rücken hinabwanderte, ließen sie augenblicklich feucht werden. Genau hiernach hatte sie sich gesehnt. Die Gummibärchen flogen unbeachtet zu Boden, und in ihrem Kopf drehten sich die Gedanken wie ein wildes Karussell.

Was machen wir hier? Wird er denken, ich hätte mich verknallt?

„Warte. Warte, warte!“ Entschlossen drückte sie mit beiden Handflächen gegen seine Brust.

Er lehnte sich zurück und fuhr mit den Händen durch sein Gesicht, als wolle er das soeben Geschehene wegwischen.

„Tut mir leid“, sagte er sofort.

„Nein, ich hab angefangen“, unterbrach sie ihn. „Mir tut es leid.“

Abrupt rückte er von ihr ab und griff nach der Wasserflasche.

„Vielleicht waren es die Martinis“, murmelte David und schenkte ihnen ein, ohne aufzuschauen.

„Oder wir hatten einfach beide zu lang keinen Sex mehr.“ Sofia griff nach ihrem Glas.

„Oder das.“ David setzte sich in die entfernteste Ecke der Couch und sah ins Leere.

„Wie wäre es …“, hob sie an und brach dann ab.

„Wie wäre … was?“, hakte David nach.

Sie kaute auf ihrer Unterlippe herum. Niemals hätte sie damit gerechnet, dass ihr treuer David solche Gefühle der Leidenschaft in ihr wecken könnte. Sie wollte an dieser Stelle einfach nicht aufhören. Wenn es nur eine Möglichkeit gäbe, ihn ohne weitere Verpflichtungen einfach zu vögeln …

„Freundschaft Plus!“ Ja, das war die Idee, warum war sie nicht früher darauf gekommen? „Wie wäre es, wenn wir eine Freundschaft Plus draus machen, solange wir beide Single sind?“ Sie blickte ihn erwartungsvoll an.

David sagte zunächst nichts. Sie konnte sehen, wie Verlangen und Vernunft in seinem Kopf einen Kampf ausfochten. Dann seufzte er und schüttelte den Kopf.

„Was erwartest du jetzt? Ich bin ein Mann, verdammt. Aber meinst du nicht, das würde die Dinge nur verkomplizieren?“

„Ach was.“ Sie winkte ab. „Das mit den Gefühlen haben wir doch durch. Wir sind Freunde. Was ist verkehrt daran, miteinander ins Bett zu gehen, solange keiner von uns gebunden ist?“

David stand auf und tigerte im Wohnzimmer auf und ab. Blieb stehen, öffnete den Mund und schloss ihn wieder.

Schließlich besiegte das Verlangen die Vernunft. „Okay“, sagte er schließlich fast schon feierlich. „Lass uns Sex haben.“

„Aber keine Gefühle“, warf Sofia mit Nachdruck ein. „Und wenn einer jemanden kennenlernt, sagt er es.“

„Abgemacht. Und jetzt komm her.“ Mit einem Schritt war er wieder beim Sofa, zog sie auf sich und sie begannen sich wild zu küssen. Dann legte David die Arme um Sofia und nahm sie eng umschlungen mit nach oben in sein Bett.

Auf dem ganzen Weg dorthin küssten sie sich und mussten beide lachen, als David mit ihr über die Schwelle stolperte.

Endlich lag er auf ihr, und der Mond beschien das Zimmer blass und geheimnisvoll.

„Gott, du bist so schön“, raunte er und strich ihr eine feine Strähne hinters Ohr. Bevor sie schimpfen konnte, dass er zu nett für einen Sexfreund war, senkte er wieder den Kopf und streichelte sanft mit der Zunge ihre Unterlippe, bevor er hineinbiss. Sofia griff nach seinen Armen und schloss die Augen, während Davids Hand ihren Bauch entlang ins Höschen wanderte und er an ihrem Hals saugte.

Sofia stöhnte auf. Genau da hatte sie ihn haben wollen, und er streichelte sie genauso auf und ab, wie es ihr gefiel.

„Ich mag es, wie du stöhnst“, raunte er ihr ins Ohr und zog am Bund ihrer Leggings. „Mal sehen, wie laut du werden kannst.“

Mit diesen Worten beugte er sich hinab und begann, sie sanft zu lecken. Verdammt. Das mit dem dreckigen Sex hatte er wirklich drauf.

„Oh Gott“, hauchte Sofia und griff in sein Haar. „Oh Gott, mach weiter.“

Er leckte sie nur beinahe bis zum Höhepunkt und ließ seine Finger in sie hineingleiten. Sie war mehr als bereit für ihn. Dann zog er die Jeans aus und gab den Blick auf seine Erektion frei. Sie war gewaltig. Sofia zog ihn heran und schmeckte sich selbst auf seinen Lippen. Dann drang David in sie ein, und sie genoss das Gefühl, wie er sie dehnte. Sie umfasste seine Pobacken. „Schneller“, sagte sie. „Härter.“

„Du bist so feucht“, keuchte er und saugte an ihrer Brust. „Und so verdammt eng.“

„Und ich liebe es, wie sich dein Schwanz anfühlt“, gab sie atemlos zurück. „So hart und schwer.“

Er stieß sie immer härter, so wie Sofia es wollte, doch David war kein Egoist. Auch wenn es ihm schwer zu fallen schien noch nicht zu kommen, hielt er inne und begann, sie mit der einen Hand zu streicheln. Sofia stöhnte erneut auf.

„Ja“, sagte er und seine Augen blitzten im kühlen Lichtkegel auf. „Lauter, Baby!“ Er begann, gleichzeitig wieder in sie einzudringen und keuchte immer schneller. Es machte sie wahnsinnig zu sehen, wie sehr es ihm gefiel. Und es fühlte sich so gut an, wie er sie streichelte. So gut, dass …

Er stöhnte laut, als er sich endlich in sie ergoss. Sofia kam kurz darauf unter seiner Hand. Ja – es wurde an diesem Abend wirklich laut im Schlafzimmer.

Danach lagen sie für einen Augenblick schweigend nebeneinander. Sie waren erschöpft und befriedigt, doch wusste keiner so recht, was es nun zu sagen gab.

Nach einigen Minuten hielt Sofia die Stille nicht mehr aus. „Ich werde jetzt fahren“, sagte sie mit rauer Stimme.

Sie glitt nackt aus dem Bett und suchte im Dunkeln ihre Kleidung zusammen. Da erst wurden ihre Gedanken wieder klar. Verdammt, hatte er sie heiß gemacht. Wie war das nur möglich? Sie war noch nicht einmal verknallt in ihn.

David tat es ihr gleich. Keiner wollte in diesem Augenblick das Licht einschalten oder sich unterhalten. So zogen sie sich schweigend an und er folgte ihr nach unten in die Küche, wo sie ihre Sachen in die Tasche packte.

An der Haustür drehte sie sich noch einmal zu David um.

„Alles gut, oder?“ Sie lächelte verunsichert zu ihm auf, die Wangen immer noch gerötet. Sie suchte in seinem Gesicht nach der Verschlagenheit von vorhin, als er es einfach nur genossen hatte, ihr solche Töne zu entlocken. Keine süßen Komplimente, keine Gefühle. Nur dreckiger, ehrlicher Sex.

„Alles gut.“ Er nahm sie in den Arm. „Es war ein schöner Abend.“

Das war keine Antwort auf ihre Frage, und sie konnte in seinem Gesicht keine Emotion ablesen. So hauchte Sofia ihm zum Abschied einen Kuss auf die Wange.

„Das fand ich auch.“

Mit diesen Worten drehte sie sich auf dem Absatz um und ging mit schnellen Schritten zu ihrem Auto. In diesem Augenblick fühlte sich nichts tröstlicher an als der Gedanke an zu Hause.

7

An dem Tag nach Sofias Besuch war David in Hochstimmung erwacht. Beschwingt führte er Nero und Caesar am Morgen spazieren und genoss die Morgensonne in vollen Zügen.

Er hatte gestern Nacht mit Sofia geschlafen. Und es war wundervoll gewesen!

Ihr leises Stöhnen, das weiche Haar, in dem er seine Hände vergrub. Dieser straffe, schmale Körper unter seinem. Er hatte es in vollen Zügen genossen, Sofia wieder unter sich zu spüren und zu hören, wie sehr es ihr gefiel. Die zarte Haut, ihre vollen Brüste. Es war genauso gewesen wie in seiner Erinnerung.

David blickte glücklich in den blassblauen Himmel, den der Frühling nun täglich ein wenig satter einfärbte.

Alles ging ihm in dieser Woche leicht von der Hand. Das Kaffeerösten, die Kundengespräche, selbst das Aufräumen und Putzen nach Feierabend. Die Tage flogen nur so dahin. Sofia meldete sich immer mal wieder. Vielleicht war dies ja endlich der Beginn von etwas, das mehr war als nur Freundschaft. Er hatte nach über einem Jahr nicht mehr damit gerechnet, dass sich zwischen ihnen noch einmal etwas Romantisches ergeben würde. Als sie dann beim Film ihre schmalen Finger mit seinen verhakt hatte, war bei David eine Sicherung durchgeknallt. Mehr hatte es nicht gebraucht, um ihn aus der Fassung zu bringen.

Am Wochenende schlugen Emma und Tina vor, ins Kino zu gehen, und die Clique traf sich dazu am Samstagabend. Es war das erste Mal, dass David Sofia nach dem Filmeabend wiedersah.

„Hi.“ Sie strahlte ihn an und gab ihm ein Küsschen auf die Wange. Auch die anderen Mädels sowie Emmas Freund Fred grüßten David herzlich.

„Hallo.“ Er hielt sie einen Augenblick länger fest als nötig, doch dann spürte er, dass sie vor ihm zurückschreckte. Also zwang er sich dazu, sich abzuwenden und locker mit Fred zu plaudern.

„Möchtet ihr Popcorn? Nachos?“, wandte sich dieser an die Frauen. Er war ein sehr korrekter Mensch. Mit wenig Humor, dafür aber mit einer großen Portion Anstand gesegnet. David hatte sich damals schnell mit dem Kerl angefreundet, nachdem Sofia ihn einige Tage nach dem Theater- und Pizzaabend mit zu einem Cliquentreffen genommen hatte.

„Oh ja“, sagte Tina begeistert. Sie war eine große, üppig gebaute Brünette mit einem Hang zur Esoterik, die ein äußerst erfolgreiches Kosmetikstudio in der Innenstadt betrieb.

Die anderen Mädels gaben ebenfalls ihre Bestellungen auf und blieben dann hinter den Männern zurück. Fred und David waren für die Lieferung zuständig.

„Und, mein Lieber, alles in Ordnung im Café?“, erkundigte sich Fred.

„Alles super. Wie läuft das Versicherungsgeschäft?“

„Kann nicht klagen. Und, was tut sich bei dir sonst so?“

„Ich bin sehr zufrieden zur Zeit“, gab David zurück und meinte jedes Wort ernst.

„Klingt, als gäbe es was Spannendes zu berichten.“ Fred blickte ihn mit treuen Hundeaugen an.

„Ach, da ist noch nichts spruchreif. Aber sobald ich etwas Konkretes weiß, bist du der Erste, den ich anrufe.“

Fred klopfte ihm auf die Schulter. „Keiner hat es mehr verdient als du.“

Er sah, dass die Freundinnen abseits standen und in ein Mädelsgespräch vertieft waren. Tina erzählte gerade von einer Prominenten, die am Nachmittag ihren Salon besucht und begeistert verlassen hatte. Sofia freute sich für die gute Publicity, die solche Termine ihrer Freundin einbrachten. Ob sie wohl auch über ihre gemeinsame Nacht nachdachte?

Er sog die Kinoluft genüsslich ein. Es roch nach sauberen Teppichen, süßem Popcorn und einem Hauch der Gummifrüchte, vor denen sie standen.

Verdammt.

Der Gummibärchensex.

Sofia wandte den Kopf und schien bemerkt zu haben, wie erwartungsvoll er sie angesehen hatte. Sie schüttelte unmerklich und mit leisem Lächeln den Kopf, als wolle sie sagen: Willst du, dass die das hier mitkriegen?

Ja, in diesem Moment war es ihm tatsächlich egal. Es hatte einfach unglaublich gut getan, mit ihr zu schlafen. Und er hoffte, dass sie ihr Treffen bald wiederholen würden.

„Sofia? Hast du gehört?“, unterbrach Emma ihren Blickkontakt.

„Bitte, was?“, hörte er Sofia sagen.

„Ich habe gesagt, Fred und ich denken darüber nach, ein Baby zu bekommen.“

„Was?“ Verblüfft schaute Sofia ihre Freundin an. „Seid ihr euch sicher?“

„Nein“, gab Emma zurück. Sie klang ein wenig beleidigt angesichts Sofias barscher Antwort. „Aber wird man sich jemals sagen ‚Genau jetzt passt es’? Wir haben beide gute Jobs, wir lieben uns und das Haus ist schon seit einem Jahr fertig. Wieso also nicht.“

„Entschuldige bitte.“ Sofia nahm die Freundin in den Arm. „So habe ich es nicht gemeint. Ich war einfach überrascht. Du musst dich nicht vor mir rechtfertigen.“

Versöhnt drückte Emma ihre Hand.

„Oh, dann muss ich dir gleich nächste Woche die Karten legen“, warf Tina ein.

„Unbedingt!“ Emma glaubte zwar nicht so recht an Esoterik, doch sie fand es stets amüsant, wenn Tina ihr Schicksal aus einem Stapel Karten herauslas.

David war froh, als man ihm und Fred die Snacks aushändigte. Das war ja kaum zu ertragen, wie solche Gespräche unter Frauen abliefen. Lauter Tretminen überall.

„Hier, bitteschön.“ Sie verteilten Popcorn, Eiskonfekt und Getränke an die Mädels. Dann machte sich das Grüppchen auf zu den Plätzen. In Sofias Augen blitzte Überraschung auf, als David den Gangplatz wählte und Fred sich daneben pflanzte. Danach kam selbstredend Emma, erst dann Sofia und Tina zum Schluss.

Sofia war es nicht gewohnt, dass ihre Erwartungen unerfüllt blieben. Er hoffte, dass es sie ein wenig fuchsig machte, wenn er auf Abstand ging. So wie sie es bei ihrer Begrüßung getan hatte.

Der Film war kurzweilig und lustig. Sogar Fred musste einige Male lachen, obwohl sie währenddessen mehr tuschelten als die Frauen.

Nach dem Kino schien Sofia verwirrt und irgendwie ermattet. Auch jetzt vermied David es, sich in ihrer Nähe aufzuhalten oder mit ihr zu sprechen. Vor dem Kino plauderte er noch mit Tina, machte mit Fred ein Treffen für kommenden Mittwoch aus und verabschiedete sich dann in die Runde.

Sofia blickte ihn verunsichert an, doch er überging es galant.

David hatte sehr wohl gesehen, dass sein blondes Schätzchen unzufrieden mit dem Wechsel in seinem Verhalten war. Doch genau das hatte er erreichen wollen. Bei der Begrüßung hatte er schließlich genau bemerkt, wie rasch Sofia zurückgeschreckt war. Und das bloß, weil er sich freute sie zu sehen. Konnte man denn in ihrer Gegenwart nie einfach sein, wie man sich fühlte? Vielleicht war es eine bessere Taktik, den Spieß umzudrehen und zur Abwechslung mal ihr die kalte Schulter zu zeigen. Immerhin machten es die ganzen Vollidioten, auf die sie sonst abfuhr, genauso. Nur, dass es bei denen keine Absicht war, sondern echtes Desinteresse.

Er würde Sofia schon zeigen, dass sie zusammengehörten. Der Anfang war gemacht.

***

Am Montag kehrte Antonio ins Büro zurück.

Sofia war bereits vor dem Wecker aufgewacht und hatte sich so sorgfältig für die Arbeit herausgeputzt wie andere für eine Preisverleihung. Sie trug ein dunkelblaues Jil Sander-Kostüm zu cremefarbenen Schlangenlederpumps. So konnte sie dem schicken Herrn Anwalt erhobenen Hauptes begegnen. Er hatte ihr in der knappen Woche seiner Abwesenheit nur einmal eine kurze Nachricht geschickt: Ich denk an dich.

Das war alles.

Wie würde das Wiedersehen ablaufen? War das Date doch eine einmalige Sache für ihn gewesen?

Sofia bemühte sich an diesem Morgen, alle Zweifel beiseitezuschieben und begann den Tag im Büro mit ihrem gewohnten Kaffee. Sie rechnete jeden Augenblick damit, dass Antonio den Kopf zur Bürotür reinstecken oder sie anrufen würde. Doch bis zur Mittagspause tat sich nichts.

Als Sofia unten in der Lobby ankam, um sich einen Eiskaffee zu gönnen, machte ihr Herz einen Satz. Da kam er geradewegs auf sie zu, im Schlepptau einige der Partner. Darunter auch Isabel Sommer, eine rothaarige Schönheit aus dem achten Stock. Sie schenkte Sofia wie üblich keinerlei Beachtung, doch diese bemerkte ohnehin nichts und niemanden außer Antonio Manetti.

Da. Er hatte sie gesehen, seine Augen leuchteten auf. Antonio lächelte schmal und nickte, als er auf sie zukam.

Jetzt würde er bestimmt … vorbeigehen?

Sofia war wie vom Donner gerührt. Tatsächlich, schon sah sie nur noch seinen Rücken am Ende der Halle. So viel also zu dem Engel, für den er sie hielt. Er hatte sie soeben eiskalt links liegen lassen und war mit der feurigen Seniorpartnerin in die Mittagspause verschwunden.

Sofia schluckte schwer. Was hatte das zu bedeuten? War es schon aus mit ihrem Traum, eine reiche Ehefrau zu werden?

Verwirrt und enttäuscht machte sie sich auf den Weg in die Mittagspause. Im Café an der Ecke stand eine Reihe von Kollegen in der Schlange, unter anderem auch Simone, eine wirklich liebe Assistentin aus Sofias Abteilung.

„Sofia, hallo“, grüßte sie. „Stell dich doch zu mir.“

Dankbar trat Sofia neben die Kollegin.

„Wie geht es dir?“, wollte Simone wissen.

Die Blondine antwortete in Floskeln. Dass alles bestens sei und gut laufe. Dinge, die man eben zu jemandem sagt, den man nur flüchtig kennt. Sie plauderten rasch über Belanglosigkeiten wie das Wetter, den höllisch guten Eiskaffee und eine neue Diät, die Simone kürzlich begonnen hatte. Nachdem die Frauen ihren Eiskaffee erhalten hatten, schlenderten sie eine Runde um den Block. Die Sonne schien und die Pause war erst in zehn Minuten zu Ende.

„Ach, schau mal!“ Simone knuffte Sofia in die Seite. „Da ist Manetti mit seiner Freundin.“

Sofias Kopf fuhr herum und ihr wurde urplötzlich flau im Magen.

Da saß der Lügner, auf der Terrasse des Grand Hotels bei einem bescheuerten Salat. In Begleitung dreier Männer und – Isabel Sommer.

„Das ist … seine Freundin?“, bemühte sie sich betont beiläufig zu fragen.

„Ja, schon seit Ewigkeiten“, sagte Simone. „Die wird ihn auch nicht aus ihren Krallen lassen. Die Manettis sind eine richtige Architektendynastie. Der wird mal schwer erben.“

Fieberhaft und mit roten Wangen suchte Sofia nach etwas, das sie sagen konnte, ohne als naive Mätresse entlarvt zu werden.

„Das wusste ich nicht. Tja, die Probleme der Reichen, was?“

Ihr war zum Heulen zumute. All die Pläne, die sie in ihrem hübschen Köpfchen bereits gesponnen hatte, verpufften und hinterließen nichts als Feenstaub. Sie hatte sich bereits auf seinem Boot Wein trinken sehen, hatte romantische Abende geplant, Sex in Seidenbettwäsche, Urlaub in den besten Hotels. Seinen Porsche fahren, gemeinsam shoppen gehen und den arroganten Mädels auf der Achten bei der Firmenweihnachtsfeier eine lange Nase machen.

Und nun war Isabel Sommer seine Freundin.

„Alles in Ordnung?“, fragte Simone. „Du siehst so blass aus.“

„Alles okay“, beeilte Sofia sich zu sagen. Sie fühlte sich, als habe man ihr in aller Öffentlichkeit eine schallende Ohrfeige verpasst. „Hab heute einfach zu wenig gegessen.“

Sie kehrten ins Büro zurück und Sofia ließ sich niedergeschlagen auf ihren Stuhl fallen. Mit leerem Blick starrte sie hinaus in den sonnigen Tag und wünschte, sie läge bereits zu Hause im Bett mit Herrn Katz und einem Eimer Schokoladeneis.

8

Am Dienstagmorgen saß Sofia eine ganze Weile regungslos in ihrem Bürostuhl und suhlte sich in dem Gefühl der Enttäuschung. Sie war wütend auf Antonio, dass er gelogen und ihr Hoffnungen gemacht hatte. So ein Arsch.

Sie beschloss, heute früher Feierabend zu machen und David zu sich zu bitten. Ja, das würde sie auf andere Gedanken bringen. Immerhin hatte er sich seit dem Kino vorgestern nicht mehr bei ihr gemeldet.

Sofia: Schatzi, schon Pläne für heute Abend?

Das wäre doch gelacht, wenn sie einem Antonio Manetti hinterherweinen würde. Sofia Fitz war niemals allein und einen Mann brauchte sie schon gar nicht. David nahm sie aus der Überlegung heraus, weil er stets für sie da war und nun auch noch für ihren sexuellen Ausgleich sorgte.

Vielleicht könnte sie sich ja doch in ihn verlieben. Wenn er nur öfter diese Bad-Boy-mäßige Tour von Samstag abziehen würde, könnte sie sich glatt in den sonst so netten Barista verknallen …

Ihr Handy summte, das musste Davids Antwort sein.

Antonio: Hallo, Prinzessin. Heute Abend Zeit?

Vor Schreck ließ Sofia beinahe das Telefon fallen. Für einen Moment legte sie die Hände über die Augen. Was sollte das denn nun werden?

Wohlüberlegt ließ sie das Gerät einige Minuten lang links liegen. Erst als es erneut vibrierte, öffnete sie das Chatprogramm.

David: Schnucki! Muss heute lang arbeiten. Morgen?

Das wäre doch perfekt, dachte Sofia. Dann kann ich heute Abend Antonio zur Rede stellen und morgen habe ich wieder Sex.

Sofia: Gern, mein Lieber. Dann bei mir um zwanzig Uhr?
David: Perfetto. Freue mich.

Somit war Date Nummer eins schon geklärt. Nun zum Teufel persönlich.

Sofia: Hey. Muss lange arbeiten und kann erst ab acht.

Ohne Frage, ohne Vorschlag. Jetzt würde sich zeigen, ob er dennoch Interesse hatte. An seine Freundin dachte Sofia in diesem Augenblick nicht.

Sie blätterte unwirsch durch eine Akte und wartete darauf, dass ihr Smartphone eine Antwort meldete. Da war sie!

Antonio: Perfekt. Ich hole dich ab, Location ist eine Überraschung.

Das war heiß.

Sofort vergaß Sofia all ihre trüben Gedanken, auch die an David oder gar Isabel Sommer. In wenigen Stunden würde der Manetti-Erbe sie in einem schicken Auto zu einer Überraschung entführen. Sie musste schleunigst hier raus und sich auf diesen wichtigen Abend vorbereiten. Er durfte sie bloß nicht beim Gehen erwischen, sonst wäre ihre coole erste Nachricht dahin. Ach was, dann erledigte sie halt ganz offiziell einen Botengang. Das machten Sekretärinnen in dieser Firma oft, vom Gang in die Reinigung für die Anzüge des Chefs bis hin zum Abholen von Essen, Theaterkarten, Mätressen oder Kindern.

Es gelang Sofia, unbemerkt die Kanzlei zu verlassen. Sie trippelte eilig nach Hause und nutzte den gesamten Nachmittag zum ausgiebigen Waxing, Eincremen, Frisieren, um neues Make-up aufzulegen und ein Outfit auszusuchen.

Was würde sie brauchen? Wie schick musste sie sich machen?

Sofia: Entschuldige, aber den Dresscode müsste ich zumindest wissen.

Es dauerte nicht lange und das omnipräsente Smartphone meldete eine Antwort.

Antonio: Ganz ungezwungen. Und nimm eine leichte Jacke mit, wenn es abends kühl wird.

Sofia verbrachte die Stunde bis zu Antonios Ankunft im Seidenkimono mit Herrn Katz. Der war über die unerwartete Gesellschaft am Nachmittag ganz aus dem Häuschen und beschmuste sein geliebtes, duftendes Frauchen, als wäre sie ein Büschel Katzenminze.

Gerade als sie damit beginnen wollte, ihr ausgiebiges Dusch- und Schminkprogramm zu starten, klingelte das Telefon. Es war Gerold Fitz.

„Töchterchen. Schön, dass du schon zu Hause bist“, erklang seine warme Stimme.

„Papa, was gibt’s?“

„Maria und ich haben gerade überlegt, welches Auto es noch gleich war, das du haben möchtest. Einen BMW? Einen Audi?“

„Nein, Papa. Ich kaufe mir den Mercedes GLK. Das ist so ein süßes Frauenauto. Schreib es dir doch auf: G-L-K. Mercedes.“

Herr Katz maunzte protestierend, als sie es wagte, kurz das Handy in die andere Hand zu nehmen. Schnell streichelte sie ihn weiter.

„Ich verstehe. Nun ja, wenn du wirklich einen neuen Wagen brauchst. Maria meinte, du musst jetzt öfter dienstlich verreisen, da sollst du ja sicher sein.“

Betreten schwieg Sofia für einen Moment. Stimmt, das hatte sie der guten Stiefmama erzählt. In Wahrheit konnte die gerissene Stieftochter sämtliche Botengänge für die Kanzlei zu Fuß erledigen und für besondere Zwecke einen Dienstwagen nutzen. Wieso hatte sie das Maria bloß aufgetischt?

Weil sie dadurch vernünftiger dastand, als wenn sie gesagt hätte: „Ich will das Auto, um mich gut zu fühlen. Ich will eine von ihnen sein.“ Das wäre wahrhaft kein Argument gewesen, das das Ehepaar Fitz hätte nachvollziehen können.

„Papa, das ist nicht das Hauptargument“, lenkte sie halbehrlich ein. „Ich habe ihn aus einer Reihe von Gründen ausgesucht.“

„Wie auch immer. Wir wollten nur nach dem Modell fragen, damit wir uns ein wenig informieren können. Ist ansonsten alles in Ordnung bei dir, mein Schatz?“

Der gute Papa. „Alles in Ordnung. Nächsten Sonntag komme ich wieder bei euch vorbei, versprochen.“

„Oh, das ist schön. Dann mache ich uns eine schöne Entenbrust aus dem Ofen.“

„Ich freue mich. Jetzt muss ich leider los, Papa. Grüß Maria ganz lieb von mir.“

Sofia legte auf. Nun fühlte sie sich doch ein wenig schlecht, weil sie Maria einen solchen Blödsinn erzählt hatte. Wie ein Teenager, der den Eltern weismacht, Marihuana sei ein neuer Kaugummi.

Doch Sofia kam nicht dazu, tiefer in ihr Gewissen einzutauchen. Die Uhr zeigte bereits kurz vor acht und sie musste sich schleunigst ankleiden. Flink schlüpfte sie in eine eierschalenfarbene Marlenehose aus Kaschmir, das dazu passende Kurzarmshirt und burgunderfarbene Stilettos. Heute vergaß sie auch ihre Jacke nicht.

Pünktlich um zwanzig Uhr klingelte es an der Tür. Sofia warf Herrn Katz eine Kusshand zu. „Wünsch mir Glück!“

Antonio stand vor der Haustür und sah wie gewohnt umwerfend aus. Er trug ein himmelblaues Hemd mit Pullover darüber, dazu schlichte Jeans. Er war leicht gebräunt und Himmel, dieser Mann duftete unwiderstehlich.

„Hallo, bellissima. Du siehst umwerfend aus.“ Er zog sie zu sich heran und gab ihr ein Küsschen auf die Wange.

„Danke gleichfalls“, entgegnete sie. Wo war ihre Wut und Enttäuschung hin? Wie konnte sie sich in diesem Moment geschmeichelt fühlen, anstatt auf ihn loszugehen? Womöglich hatte sich Simone ja geirrt und er hatte gar keine Freundin, hoffte Sofia.

Antonio geleitete sein Rendezvous zu einem grauen Range Rover. Das wurde ja immer besser. Er hielt die Tür für Sofia auf und nahm dann auf dem Fahrersitz Platz.

„Bereit?“ Er lächelte sie von der Seite an.

„Ich weiß ja nicht, wofür.“ Sie sah ihn fragend an.

„Ich nehme dich mit zum Boot.“ Er lenkte den Wagen aus der Parklücke und Sofias Herz machte einen Satz.

„Oh, wie schön!“ Sie freute sich ehrlich.

„Ich habe mir gedacht, dass du dich freust.“

Sofia nickte aufgeregt und überblickte die Straße, als sei sie die Königin der Stadt.

„Wir müssen noch über etwas sprechen“, unterbrach Antonio nach wenigen Minuten Fahrt ihren Höhenflug. „Ich möchte offen mit dir sein, Sofia. Wenn das mit uns weitergehen sollte, musst du wissen, dass ich gerade aus einer langjährigen Beziehung komme.“

„Okay …“ Seine Ehrlichkeit entwaffnete Sofia.

„Wir wohnen auch noch zusammen“, fuhr er fort. „Bis ich etwas Neues für sie gefunden habe.“

„Ihr wohnt noch zusammen?“, wiederholte Sofia geschockt. „Wieso das? Sie kann doch in ein Hotel ziehen.“

„Das finde ich grausam.“ Antonio schüttelte den Kopf. „Immerhin haben wir sieben Jahre unseres Lebens zusammen verbracht. Ich habe es beendet, also muss ich ihr etwas Adäquates suchen. Mein Makler ist schon dabei.“

„Mir steht es nicht zu, darüber zu urteilen“, gab Sofia zurück. Sie befürchtete, wenn sie sich zu sehr gegen diese Situation aussprach, würde Antonio den Beginn ihrer Romanze sogleich im Keim ersticken.

„Das mag sein. Aber ich möchte dir das ehrlich erzählen, weil ich dich wirklich toll finde.“ Schuldbewusst sah der schöne Anwalt zu ihr herüber. „Ich meine es ernst, Sofia. Ich habe oft an dich gedacht in der letzten Woche.“

„Dafür hast du dich aber verdammt selten gemeldet.“ Sie blickte ihn vorwurfsvoll an.

„Es ging nicht anders.“ Er gestikulierte mit seiner freien Hand und lenkte den Wagen auf die Landstraße, die ans Meer führte. „Ich arbeite mit meiner Ex zusammen und sie war auch auf der Dienstreise dabei. Da konnte ich dir schlecht ständig schreiben.“

„Wenn sie deine Ex ist, geht es sie doch überhaupt nichts an“, ereiferte sich Sofia. Was sollte das?

„Das mag sein, doch es ist einfach eine Frage des Respekts, Süße. Ich will sie nicht rauswerfen wie einen verbrauchten Staubsauger. Das hat sie nicht verdient.“

„Aber wenn du Schluss gemacht hast, wieso will sie dann noch in deiner Nähe sein?“

„Das will sie nicht. Aber ich habe darum gebeten, ihr einen sanften Übergang in ihr neues Leben ermöglichen zu dürfen. Die Trennung macht sie echt fertig.“

Klar macht sie das, dachte Sofia. Schließlich bist du der Erbe eines Megavermögens. Da wäre Isabel schön blöd, dich einfach so aus ihren Fängen zu lassen.

Sofias Ehrgeiz war geweckt. Die rothaarige Hexe würde sie schon vom Thron schubsen.

„Sag doch etwas“, bat Antonio. „Ich weiß, das ist eine schlimme Situation für dich. Aber ich erzähle es dir ja direkt, um dir zu zeigen, dass ich es ernst mit dir meine.“

Das ergab für Sofia Sinn.

„Ich finde es gut, dass du es mir gesagt hast“, antwortete sie schlicht. „Über den Rest muss ich nachdenken. Damit habe ich nicht gerechnet.“

Sie strich mit der Hand über die weiche Hose. Antonio ergriff sie und drückte tröstend zu.

„Ich will das mit dir“, sagte er nur.

Gott, war das heiß.

Sie entschloss sich, das schweigend zu quittieren und genoss stattdessen den Ausblick auf die Landschaft. Am Straßenrand tauchten immer mehr Gräser auf, wie man sie an Dünen findet. Möwen kreisten über ihnen und die Luft hätte ganz sicher nach Salz gerochen, hätte sie das Fenster heruntergekurbelt. Der Himmel war bereits beinahe schwarz und die ersten Sterne funkelten.

Nach einer knappen Stunde Fahrt erreichten sie den Hafen. Antonio hielt an der Schranke und zog eine Parkkarte durch einen Schlitz. Er lenkte den Wagen nah ans Hafenbecken und hielt Sofia die Tür auf.

„Willkommen“, sagte er und breitete die Arme aus.

Sofia war noch nie an einem Yachthafen gewesen, geschweige denn auf einem der Boote an einem solchen Ort. Ja, der frische Wind duftete nach Meer.

„Du bist so still. Alles okay zwischen uns?“ Er sah sie besorgt an und wies in die Richtung eines weiter hinten gelegenen Stegs.

„Alles okay. Ich muss das einfach verarbeiten“, sagte Sophia und winkte ab. Gewiss würde sie in einem solchen Augenblick keinen Streit anzetteln. Sie befand sich in einem verdammten Yachthafen.

Antonio nickte und führte Sofia zum Ende des vorletzten Steges auf eine etwa fünfzehn Meter lange burgunderfarbene Segelyacht zu, die seitlich vor Kopf des Stegs lag.

„Farblich passen deine Schuhe zwar“, bemerkte der Kapitän mit einem Seitenblick, „die musst du aber leider trotzdem ausziehen. Tut mir leid, ich hätte dich warnen sollen. Aber keine Bange, innen ist alles mit Teppich ausgelegt.“

Erst jetzt fiel Sofia auf, dass Antonio wieder seine Seglerschuhe trug. Wie Cinderella reichte sie ihm ihre Pumps. Er ging an Bord und streckte Sofia eine Hand entgegen. Sie machte einen Satz auf das prächtige Boot.

„Wow!“ Sie blickte sich anerkennend um. Dieses Segelboot war schöner, als sie es sich je hatte vorstellen können. Der Boden des Laufdecks war aus hellem Holz und sogar das Lenkrad hatte man mit Leder überzogen. Sie betraten das Boot von hinten über eine kleine Plattform, von der aus eine Treppe hoch zum Cockpit führte. Antonio ging vorweg, zwischen der großzügigen Sitzgruppe aus hellem Leder durch zu einer Luke. Er schloss auf und schaltete das Licht an.

„Komm her.“ Er streckte wieder die Hand aus. „Sei nicht so schüchtern. Hier ist keiner außer uns beiden.“

Sie trat näher und stieg die Treppe hinab ins Innere des Segelboots. Der Wohnraum war luxuriös und modern eingerichtet, rechts befand sich eine Gästekabine. Antonio warf mit Bootsausdrücken um sich, die Sofia nichts sagten. Niemals hätte sie jedoch eine solche Unwissenheit zugegeben. Im Wohnbereich hing ein Flachbildfernseher an der Wand und dahinter lag eine Küche mit allem, was das Herz begehrte. Links befand sich eine Lounge-Ecke, deren Polstermöbel mit demselben hellen Leder überzogen waren wie die Bänke draußen. Dahinter lag sogar eine Fensterbank, die geschmackvoll mit Bildbänden und einem Bonsaibäumchen dekoriert war. Zuletzt entdeckte Sofia das Bad und im Bug des Schiffes lag die Eignerkabine, von deren Bett aus man die Sterne betrachten konnte, wie Antonio sagte.

„Dein Boot ist … unglaublich“, brachte Sofia nur hervor. Nie zuvor hatte jemand sie zu einem derart exklusiven Rendezvous eingeladen.

„Danke.“ Antonio lächelte zufrieden. „Ich habe alles eigenhändig konfiguriert, vom Interieur bis hin zur Außenlackierung.“

Erst jetzt bemerkte sie die Papiertüte in seinem Arm, die er auf der Küchenzeile abstellte. Antonio legte Musik von Diana Krall auf, die dem ohnehin ultraeleganten Ort noch mehr Ambiente verlieh.

„Setz dich doch bitte. Fühl dich wie zu Hause.“

Sofia fühlte sich eher, als würde sie träumen.

„Die Heizung habe ich schon angeschaltet, es wird gleich angenehm warm sein. Ich hatte gedacht, wir machen uns eine große Tapas Platte.“ Antonio packte aus der raschelnden Papiertüte eine Reihe von Köstlichkeiten aus: ein Stück mageren Serrano-Schinken, eine Chorizo-Salami, Manchego-Käse, Oliven, eingelegte Artischocken, getrocknete Tomaten und ein duftendes Baguette.

„Was für Wein magst du?“ Er öffnete einen kleinen Weinkühlschrank hinter der Holzverblendung der Küchenzeile. „Ich habe Riesling, Grauburgunder, Chianti und Chardonnay. Oder vielleicht lieber ein Bier?“

„Ich nehme einen Grauburgunder, danke. Kann ich dir helfen?“

„Oh nein, du bleibst sitzen und genießt die Aussicht. Erzähl mir, wie deine letzte Woche war.“

Sie bekam augenblicklich ein schlechtes Gewissen, während Antonio den Wein mit zwei Handgriffen entkorkte und ihr ein Glas einschenkte. Der Sex mit David fiel Sofia als Erstes ein, aber davon konnte sie wohl kaum erzählen.

„Ach, meine Woche war nichts Besonderes. Arbeiten, Freunde treffen. Am Samstag habe ich den neuen Bond Film im Kino gesehen.“

„Oh, den wollte ich mir auch noch anschauen.“ Antonio begann, die Zutaten auf einer großen weißen Platte anzurichten, und schnitt das Baguette in ein Stoffkörbchen. „Wie war er denn?“

„Gut. Ich bin aber nach wie vor ein Sean Connery-Fan.“ Sie hob die Schultern.

„Verständlich, so geht es mir auch. Aber der Neue lohnt sich trotzdem?“

Sofia betrachtete es als gutes Zeichen, dass Antonio ebenfalls auf James Bond stand. Das musste doch etwas bedeuten.

Sie plauderten über ihre Lieblingsfilme, Hobbies – Antonio bevorzugte klar das Segeln – und schöne Urlaubserinnerungen. Beim zweiten Glas Wein fühlte sie sich wie in Watte gepackt. Hier in diesem Luxusboot zu sitzen, bei leiser Jazzmusik feinste Speisen zu genießen und mit dem verdammten Antonio Manetti zu flirten.

„Du hast wirklich ein Engelsgesicht.“ Er sah sie über den Rand des Weinglases an und legte das Stück Baguette beiseite, das er soeben noch in das Olivenöl auf seinem Teller hatte tauchen wollen.

Oh Gott, jetzt würde es passieren.

Antonio beugte sich vor und griff sanft Sofias Hinterkopf. Dann küsste er sie. Seine Lippen waren weich und sanft. Sein Kuss war nicht fordernd oder tief, sondern zärtlich und vorsichtig.

„Wow.“ Er lehnte sich zurück und nahm einen Schluck Wein. „Du bist wirklich etwas ganz Besonderes.“

Scheu blickte sie auf ihren Teller.

„Erzähl mir von deiner Familie.“ Er legte den Ellbogen auf der Rückenlehne neben sich ab und betrachtete sie abwartend.

„Meine Mutter starb, als ich drei Jahre alt war“, sagte Sofia mit fester Stimme, dankbar über den schnellen Themenwechsel. Heute musste sie nicht weinen, als sie es erzählte. Mit David hatte sie in den Jahren seit ihrem Kennenlernen oft und auf heilsame Weise über ihren Verlust gesprochen.

„Oh nein.“ Sofort beugte Antonio sich vor und ergriff ihre Hand. Wieso taten die Männer das immer? „Dolcezza, das tut mir ja so leid. Und dein Vater?“

„Mein Papa ist der wunderbarste Mensch, den ich kenne. Er ist seit vielen Jahren mit einer herzensguten Frau verheiratet, Maria. Papa ist Professor für Geschichte an der Universität. Und deine Familie?“ Natürlich wusste sie bereits alles über seine Familie, doch auch das konnte sie ihm wohl kaum sagen.

„Nun wundert es mich auf jeden Fall nicht mehr, dass du so klug und unabhängig bist“, schmeichelte Antonio. „Meine Familie ist … überwältigend. Auf viele Arten, würde ich sagen. Ich habe drei Schwestern und eine überfürsorgliche Mutter, wie es sich für Italiener gehört. Mit meinem Vater verstehe ich mich gut, aber wir sehen uns nicht oft. Er ist Architekt und leitet die Firma, die schon unser Urgroßvater aufgebaut hat.“

Sofia nickte. „Und wieso bist du kein Architekt geworden?“

„Mein Vater hat immer gesagt, es braucht in der Familie Leute aus jedem Bereich des Lebens. Also ist meine ältere Schwester Chirurgin geworden, ich bin Anwalt, und von den zwei Jüngeren ist die eine Ingenieurin für Mercedes, nur unser Nesthäkchen wurde zur Architektin. Ist auch gut so, dann gibt’s später keinen Streit um die Übernahme.“

„Da müssen eure Eltern aber verdammt stolz sein. Jedes Kind ein Gewinner“, staunte Sofia.

„Ja, das sind sie wohl. Aber dafür hatte keiner von uns eine richtige Kindheit. Wir wurden alle von Beginn an darauf gedrillt, der Beste zu sein.“ Er lachte bitter. „So würde ich das für meine Kinder nicht wollen.“

„Mein Vater ist auch stolz auf mich. Ihm war es immer wichtig, dass ich etwas tue, das mir Freude macht. Geld dagegen ist ihm nicht so wichtig.“

„Jedem ist Geld wichtig“, gab Antonio kopfschüttelnd zurück. „Selbst denen, die sagen, sie pfeifen drauf. Am Ende des Tages wollen wir doch alle etwas, das bezahlt werden muss. Und sei es nur das friedliche Häuslein auf dem Lande, in dem man herumsitzt und gärtnert. Das bezahlt sich auch nicht von selbst. Dieser ganze Minimalismus-Quatsch kotzt mich echt an. Ich stehe dazu, dass mich Geld glücklich macht. Aber ich kenne auch den Preis: Neider, Hass und ein kaum vorhandenes Privatleben. Sieh mich an: Ich bin jetzt zweiundvierzig und habe noch nicht geheiratet, geschweige denn Kinder gezeugt. Hast du eine Ahnung, wie schlecht das bei meiner Familie ankommt als einziger männlicher Erbe?“

Sofia sah ihn nachdenklich an. Er war zweiundvierzig? Färbte er sein Haar?

„Ich hätte dich jünger eingeschätzt“, sagt sie nur. Er lachte und küsste sie erneut.

„Möchtest du noch etwas Wein?“

„Nein, danke. Das Essen war wunderbar.“

„Ich sollte auch nichts mehr trinken“, meinte er und schenkte sich den Rest der Flasche ein. „Aber vielleicht möchtest du ja das Auto zurück in die Stadt fahren?“

Sofias Augen leuchteten auf. „Gerne!“

Antonio räumte den Tisch ab und verbot Sofia, ihm zu helfen. Sie rollte sich auf der gepolsterten Bank ein und saugte die Umgebung in sich auf. Den Mann, die Musik, das luxuriöse Boot und den Geruch nach Wein und Meer. Sie blickte nach oben durch die Scheiben in der Decke und sah nach den Sternen.

Außer den vorsichtigen Küssen geschah an diesem Abend nichts weiter zwischen ihnen. Sofia durfte tatsächlich das Auto zurückfahren und freute sich über die Tour wie eine Schneekönigin.

„Ich sollte nicht so viel trinken“, sagte Antonio vom Beifahrersitz aus und legte seine Hand auf ihren Schenkel. „Aber manchmal ertrage ich mein Leben nur mit Alkohol.“

Unsicher sah Sofia zu ihm. „Wieso denn das?“ Das konnte sie überhaupt nicht nachvollziehen. Er besaß so vieles, von dem andere Menschen nicht zu träumen wagten. Eine große gesunde Familie, einen respektablen Beruf und mehr Geld, als er in einem Leben ausgeben könnte.

„Ich fühle mich oft so …“ Er suchte offenbar nach den richtigen Worten. „So leer. Mein Leben erscheint mir manchmal so sinnlos.“ Er sah sie durchdringend an. „Und dann habe ich dich getroffen.“

Sofia hätte beinahe für einen Moment zu lange von der Straße weggeschaut, so intensiv war sein Blick.

„Meinst du das ernst?“, fragte sie und fühlte sich dabei wie ein dummes Schulmädchen.

„Zu einhundert Prozent“, sagte er mit Nachdruck. „Versprich mir bitte, dass du mir jetzt die Zeit gibst, das mit meiner Ex so schnell wie möglich zu regeln. Ich will eine echte Chance mit dir.“

Verunsichert blickte Sofia zu ihm hinüber. „Heißt das, wir sehen uns nicht mehr, bis deine Ex ausgezogen ist? Das kann noch Wochen dauern.“

„Nein“, wiegelte Antonio ab. „Das könnte ich nicht durchhalten. Wir müssen uns bis dahin nur ein wenig bedeckt halten. Um meine Ex nicht noch weiter unnötig zu verletzen.“

Was zur Hölle interessierte Sofia seine Ex? Sie wollte wutschnaubend antworten, dass ihr das piepegal sein, doch dann hielt sie sich mit ihrer Schimpftirade zurück. Zu sehr befürchtete sie, dass Antonio unter Druck gesetzt gleich das Handtuch werfen würde. Sie musste nun genau taktieren und jeden Schritt planen.

„Darüber muss ich nachdenken“, gab Sofia zurück. „Das ist sehr viel verlangt.“

Wenn sie ehrlich zu sich war, stand es für sie an erster Stelle, sich Antonio zu angeln. Doch man durfte einem Mann niemals einfach die Beute vor die Füße werfen. Also würde sie zumindest vorgeben, nicht all seine Spielchen mitzumachen.

„Ich verstehe dich“, sagte er. „Und ich habe es mir auch nicht ausgesucht, so plötzlich etwas für eine andere zu empfinden. Aber das Leben ist kurz und ich hätte es ehrlich bereut, dich nicht angesprochen zu haben.“

Augenblicklich fühlte sich Sofia erneut geschmeichelt, auch wenn sein Verhalten undurchsichtig und moralisch bedenklich war. Sie kam sich dennoch vor wie Cinderella, die vom Prinzen auserwählt wird.

„Ich auch“, gab sie nur zurück und genoss die letzten Minuten in diesem Auto und mit dem Mann an ihrer Seite. Bald erreichte sie ihre Straße und stellte den Wagen in zweiter Reihe ab.

„Einparken kann ich den wohl nicht.“ Sie hob entschuldigend die Schultern und stieg aus. Er wartete an der Beifahrertür auf sie.

„Es war ein perfekter Abend, principessa.“ Er zog sie heran und küsste sein Rendezvous ein letztes Mal.

„Das fand ich auch.“

„Versprich mir, dass du uns eine Chance gibst.“

„Das kann ich nicht. Aber ich werde mir ansehen, wie es von hier aus weitergeht.“

„Mehr darf ich nicht von dir verlangen.“ Er reichte ihr die Handtasche und küsste sie sanft auf die Stirn.

„Gute Nacht, Antonio.“

„Gute Nacht, Sofia.“

9

Am nächsten Tag kehrte Sophia unsicherer und zugleich stolzer denn je in die Kanzlei zurück. Sie wusste nach wie vor nicht, was von dem stimmte, das Antonio sagte. Ob die Ex wirklich bald ausziehen und er alles wahr machen würde – und ob Isabel tatsächlich seine Ex war.

Sie beschloss, die Situation selbstbewusst und optimistisch anzugehen. Dazu gehörte, das Date mit David am Abend in jedem Falle einzuhalten. Daraus würde sie sicherlich gestärkt hervorgehen.

Simone kam an diesem Vormittag in ihrem Büro vorbei. Während des Smalltalks wägte sie ab, ob sie die Kollegin einweihen sollte, um so eventuell an mehr Informationen zu kommen. Und auch, um ihr auf die Nase zu binden, dass Isabel nicht mehr Antonios Freundin war. Doch was, wenn diese Information an die falschen Leute geriet? Sofia wollte um jeden Preis vermeiden, dass es in der Kanzlei zum Streit mit Frau Sommer käme, die auch ihren Job gefährden könnte. Andererseits … Sie musste Simone ja nichts von ihrem Date mit Antonio erzählen.

„Ich habe übrigens brandheißen Büroklatsch für dich.“ Sofia lehnte sich verschwörerisch vor.

„Nein!“ Simone tat es ihr gleich. „Erzähl! Was sagt der Buschfunk?“

„Isabel Sommer und Antonio Manetti. Die sind nicht mehr zusammen.“

„Was? Woher weißt du das?“ Simone riss überrascht die Augen auf. Ach ja, so ein Ärger. Woher wusste sie das?

„Das habe ich von einer der anderen Gehilfinnen gehört. Die hat er nämlich auf ein Date eingeladen.“

„Nein! Das ist doch nicht möglich!“ Dass die Kollegin nicht von ihrem Stuhl segelte, war auch alles.

„Es scheint wirklich ernst zu sein“, fügte Sofia hinzu. „Er sucht schon nach einer neuen Wohnung für Isabel.“

„Ich fasse es nicht.“ Simone warf die Hände über dem Kopf zusammen. „Und er hat schon eine Neue? Wobei – das wundert mich weniger. Er hat ja den Ruf weg, ein Playboy zu sein. Da hatte die Sommer bestimmt die Nase voll von.“

Jetzt war es an Sofia, die Erstaunte zu geben.

„Ach, wirklich?“ Sie bemühte sich, unbeteiligt zu klingen.

„Ja. Der hat doch jeden Monat ein neues Schätzchen, das er in einem seiner schicken Autos durch die Gegend fährt. Habe ich selbst schon mit eigenen Augen gesehen. Die Stadt ist klein.“

Sofias Herz zog sich schmerzhaft zusammen. So einer war er also. Und betrachtete er auch sie nur als eines seiner Schätzchen? So würde das mit dem Selbstbewusstsein aber nicht funktionieren.

„Tja. Gut, dass uns das nichts angeht“, bedeutete sie Simone das Ende des Gesprächsthemas. Die verstand den Wink glücklicherweise sofort.

„Da hast du wohl recht. Gehen wir nach der Arbeit noch was trinken?“

„Ich kann leider nicht“, entgegnete Sofia. „Heute Abend treffe ich schon meinen besten Freund zum Essen.“

„Oh wie schön, da wünsche ich euch viel Spaß“, rief die gute Kollegin noch und verschwand.

Sofia blieb ratlos auf ihrem Platz zurück. Sie musste dringend Emma und Tina einweihen, um deren Meinung einzuholen. Also schnappte sie sich ihr Smartphone und tippte beiden mit wehenden Fingern denselben Text:

Sofia: Heute Mittag Lunch zu dritt bei Tina im Studio??

Zum Glück sagten beide Freundinnen rasch zu. Das war einer der Vorteile, wenn man nahe seiner Vertrauten in derselben Stadt arbeitete: Kriegsrat in der Mittagspause.

Als Sofia um zwölf Uhr an Tinas Studio eintraf, war Emma bereits dort. In dem Laden herrschte wie immer geschäftiges, leises Treiben. Angestellte huschten in die Kabinen zur gut zahlenden Kundschaft, es duftete nach Cremes, Sandelholzkerzen und dem Nagellack aus der Maniküre-Ecke. Alles an Tinas Studio verströmte das Ambiente einer Luxus-Wellness-Oase. Die Chefin kam soeben aus dem hinteren Teil des Studios auf ihre Freundinnen zu.

„Kommt doch bitte mit, ihr Süßen!“ Tina drückte beide an ihre mütterliche Brust. „Ich habe uns den Pediküre-Raum reserviert, Luisa bestellt uns Sandwiches. Sagt ihr bitte, was ihr möchtet.“

Die junge Rezeptionistin nahm die Bestellungen der Frauen auf und Tina führte sie in den rückwärtigen Teil ihrer Geschäftsräume. Dort im Pediküre-Raum saßen die drei immer zusammen.

Sofort wehte Sofia der blumige, exotische und beruhigende Duft entgegen. Alles – von den Kissen über die Mosaikfliesen bis hin zu den Ornamenten an der Decke – war orientalisch angehaucht. An diesem Ort konnte man wahrhaft zur Ruhe kommen.

„Setzt euch, setzt euch“, scheuchte Tina die Freundinnen auf zwei der Sessel nahe der Fensterfront. „Das Fußbad ist frisch eingelassen, entspannt euch.“

Die Frauen nahmen die Gastfreundschaft der Studiobesitzerin dankend an und schlüpften aus ihren Pumps. Das Wasser fühlte sich herrlich seidig an.

„Und nun erzähl, was ist denn los?“, drängte Emma. Sie klang besorgt.

„Also …“, druckste Sofia herum. „Ich habe jemanden kennengelernt.“

Emma kicherte. „Wer ist es? Doch nicht dieser Investment-Typ?“

„Nein, es ist jemand aus der Kanzlei. Einer der Seniorpartner, Antonio Manetti.“

„Sagt mir nichts.“

„Mir auch nicht.“

Sofia sah die Freundinnen an, als hätten diese soeben verkündet, sie wüssten nicht, wer Madonna ist.

„Antonio Manetti“, wiederholte sie beharrlich. „Er stammt aus einer der reichsten Familien des Landes. Sein Vater ist ein ganz berühmter Architekt.“

Ihre Vertrauten schauten drein wie Kühe, die eine Katze auf dem Zaun beobachten.

„Wie auch immer. Er hat mich vor zwei Wochen in der Mittagspause angesprochen und wir hatten gestern unser zweites Date.“

„Das klingt doch super.“

„Aber …“ Sofia fiel es schwer, die passenden Worte für die verzwickte Situation zu finden, ohne wie eine dumme Gans dazustehen. „Er wohnt und arbeitet noch mit seiner Ex zusammen, die ebenfalls Seniorpartnerin in unserer Kanzlei ist. Er hat es mir gestern ganz offen gesagt und bemüht sich schon, über seinen Makler etwas anderes für sie zu finden. Nur weiß ich jetzt nicht, wie ich mich verhalten soll.“ Erwartungsvoll und unsicher blickte sie ihre Freundinnen an. Die Tatsachen laut auszusprechen, hatte sie Überwindung gekostet.

„Ich bin absolut dagegen“, sagte Emma bestimmt und ohne nachzudenken. „Das klingt für mich so, als wollte er dich bei der Stange halten, aber auch keine Nägel mit Köpfen machen.“

Damit hatte Sofia gerechnet. Emma und sie kannten sich seit ihrer Kindheit und sie war eine ihrer besten Freundinnen, aber ihr Alltag war das vollkommene Gegenteil von Sofias. Seit über zehn Jahren war sie mit Fred zusammen, einem grundsoliden, netten Kerl, der einen Kombi fuhr und jeden Kassenbon sorgfältig in penibel geführten Aktenordnern aufbewahrte. Nicht mehr lange, und er würde Emma vollends der Welt der Pyjamapartys und Cocktailabende entziehen und ihr ein Baby machen.

Also blickte Sofia abwartend zu Tina, deren braune Locken wild auf und ab wippten.

„Ich sehe das so.“ Tinas gepflegte Hand durchschnitt die Luft wie ein Säbel. „Du …“

„Entschuldigen Sie, Frau Hoffmann, das Essen ist da.“ Luisa kam mit einem Karton voller Sandwiches herein. Hinter ihr betrat noch ein junges Mädchen den Raum und trug ein Tablett mit Gurkenwasser und Gläsern an die Sessel. Sofia betrachtete die geschmackvollen rosafarbenen Blusen und die weißen Jeans der Angestellten, während sie das Mittagessen auf den winzigen Tischen neben den Sitzmöbeln arrangierten und sich dann zurückzogen.

„Ich sehe das so“, wiederholte Tina und wickelte ihr Truthahnsandwich aus. „Du machst gar nichts, außer umwerfend zu sein. Dann kann man dir nichts vorwerfen. Du meldest dich nicht, du mischst dich nicht ein. Und wenn von ihm aus weiterhin Interesse besteht, dann wirst du es schon merken.“

Das klang vernünftig.

„Aber was, wenn er noch mit dieser angeblichen Ex zusammen ist?“, wandte Emma ein. „Was, wenn er sie mit dir betrügt? Findest du es wirklich okay, die andere Frau zu sein?“ Sie besaß ein Herz aus Gold und einen sehr genauen Moralkompass.

„Das ist doch nicht Sofias Problem“, schnitt Tina ihr das Wort ab. „Die Frau ist erwachsen. Wer sich in der heutigen Zeit zu viel um andere schert, der bleibt auf der Strecke.“

„Findest du das nicht etwas zynisch?“, fragte Emma und nahm ihr Glas zur Hand.

„Wieso zynisch? Wir leben in einer Welt des Egoismus. Ich sage: Kümmere dich um dich selbst und deinen Kreis des Vertrauens und pfeif auf den Rest. Was schert Sofia irgendeine ominöse Frau im Hintergrund?“

„Wir wissen doch gar nicht, ob dieser Antonio lügt. Das will ich damit sagen.“

„Völlig irrelevant. Wenn er sich ehrlich in Sofia verliebt, wird er handeln. Wenn nicht, wird sie das merken.“ Tina blickte Sofia prüfend über den Rand ihrer beerenfarbenen Hornbrille an. „Du schaffst es doch, dir da selbst nichts vorzumachen, oder Schätzchen?“

„Ja, das schaffe ich“, gab Sofia mit gerecktem Kinn zurück.

„Dann ist doch alle klar.“ Tina kaute angeregt und ließ die Löckchen wieder wippen. „Was sagst du, seine Familie ist adelig?“

„Nicht adelig, bloß steinreich“, korrigierte Sofia die Freundin.

„Das wird deinem Vater ja gar nicht gefallen“, stellte Tina kichernd fest. „Sein ach-so-bescheidenes Töchterchen in den Fängen des Kapitalismus. Unsere kleine Heuchlerin.“

„Ich bin keine Heuchlerin“, murrte Sofia, ohne jedoch eingeschnappt zu sein. Sie wusste, dass die Freundin recht hatte. „Ich vermeide beim Sonntagsessen lediglich einige Kontroversen, wie meine Ansichten zum Wohlstand.“

„Das hast du nett formuliert.“ Emma schüttelte den Kopf. Sie hatte kein Problem mit Sofias Opportunismus, jedoch reagierte sie empfindlich auf Verstöße gegen Moral und Anstand.

„Das Problem haben wir doch alle mit unseren Familien“, meinte Tina und winkte ab. „Wer sieht die Welt schon genauso wie die eigenen Eltern? Es entwickelt sich alles so rasant heutzutage. Soll man auf Internetpornos verzichten, bloß weil Papa und Mama ohne groß geworden sind?“

„Du siehst dir im Internet Pornos an?“ Emma riss schockiert die Augen auf und schüttelte das rote Haar.

„Du etwa nicht?“

„Nein, ganz sicher nicht“, sagte Emma leise und starrte auf ihr Sandwich. „Und Fred auch nicht.“

„Na klar.“ Tina lachte laut auf, unterbrach sich jedoch, als sie in das betretene Gesicht der Freundin sah. „Tut mir leid, Herzchen“, entschuldigte sie sich. „Ich will nicht mit dir streiten. Ich meine ja nur – glaubst du wirklich, Fred schaut keine Pornos? Männer müssen doch ständig an sich rumspielen.“

Emma sah verlegen zur Seite. „Er weiß, dass mich das verletzt. Also haben wir vereinbart, dass so ein Schweinkram in unserer Beziehung nichts zu suchen hat. Mein Mann soll sich keine fremden Frauen bei etwas ansehen, das nur deren Männer etwas angeht.“ Ihre Wangen hatten sich gerötet. Offenbar war das Thema ein sensibler Punkt.

„Zurück zum Tagesgeschehen“, warf Sofia rasch in die hitzige Debatte ein. „Wie mache ich jetzt weiter?“

„Du machst gar nichts und wartest ab, was von dem windigen Anwalt kommt. Was sagt denn David zu der Nummer?“

Jetzt war es Sofia, die errötete. Sie dachte an den Sex mit dem Freund und daran, dass sie ihn heute Abend schon wieder treffen würde, um sich von ihren Gedanken an Antonio und Isabel abzulenken. Das wäre für Emma ganz sicher der Todesstoß gewesen.

„Der weiß noch nichts davon“, sagte sie also schlicht. „Ich will ihn auch nicht ständig mit Männergeschichten nerven, bevor ich weiß, was daraus wird.“

Insgeheim hoffte Sofia, dass Emma früher gehen würde und sie noch die Gelegenheit hätte, Tina in die ganze Geschichte einzuweihen. Sie würde platzen, wenn sie alle Geheimnisse für sich behalten müsste.

„Das ist auch vernünftig“, sagte Emma gerade. „David findet dich selbst so toll, dass ihn das ganz sicher verletzt.“

„Wir sind einfach Freunde“, sagte Sofia, wie immer zu diesem Thema. Wenn sie es oft genug wiederholte, glaubte sie sich womöglich eines Tages selbst.

„Für dich seid ihr Freunde. Aber der gefühlskälteste Mensch der Welt sieht doch, dass David den Boden verehrt, auf dem du stehst.“ Emma schüttelte vorwurfsvoll den Kopf. Heute waren sie so gar nicht auf einer Wellenlänge, und das nervte Sofia. Merkte Emma denn nicht, dass sie an diesem Punkt Zuspruch und Unterstützung brauchte anstatt Vorwürfe und Predigten? Sie wusste, dass ihre Freundin ihr nur auf den rechten Weg helfen wollte – aber Emmas rechter Weg musste nicht auch der ihre sein.

„Da gebe ich Emma recht“, warf nun auch Tina ein. „David ist bis über beide Ohren in dich verliebt, Süße. Wer könnte es ihm verdenken?“

„Hört doch bitte auf, das zu sagen. David ist erwachsen und wir haben mehr als einmal darüber geredet, dass da nichts laufen wird. Wenn er damit nicht klarkäme, wäre er wohl kaum mit mir befreundet.“

„Wir kommen hier völlig vom Thema ab und die Pause ist gleich vorbei“, erlöste Tina sie von ihren fadenscheinigen Rechtfertigungen. „Aber die Entscheidung ist ja schon gefällt: Sofia hält die Füßchen still, bis der Anwalt in Aktion tritt. Und so lange kein Wort zu David, das würde den armen Kerl nur wieder traurig stimmen.“

„So mache ich es. Danke für euren Rat.“ Sofia trocknete sich die Füße ab und schlüpfte wieder in die Stilettos. Die Gedanken an ihr egoistisches Verhalten einem guten Menschen gegenüber schob sie weit von sich. Das war jetzt definitiv zu viel.

Emma und Tina zogen sich ebenfalls die Schuhe wieder an.

„Soll ich das Sandwichpapier noch auf dem Tablett zusammenräumen?“, bot Emma an, während Sofia schon an der Tür angelangt war.

„Ach was“, dröhnte Tina. „Das machen meine Mädels gleich.“

Sie führte die Freundinnen nach vorn an den Tresen.

„Wann sehen wir uns wieder?“, wollte die Chefin wissen.

„Wie wäre es mit Freitagabend?“, schlug Sofia vor, auch wenn sie wusste, dass das Emmas Romantikabend mit Fred war.

„Da kann ich doch nie“, warf diese auch sogleich ein. „Aber vielleicht Frühstück am Sonntag?“

„Das geht“, sagte Tina und drückte die zarte, rothaarige Freundin.

„Tina, wollen wir trotzdem etwas essen gehen?“, beeilte sich Sofia zu sagen. Sie musste sich einfach jemandem anvertrauen und ihr geliebtes Lockenköpfchen war genau der taffe Beistand, den Sofia jetzt brauchte.

„Gern, ich ruf dich Donnerstag an“, stimmte diese zu.

Sie verabschiedeten sich und kehrten an ihre Arbeitsplätze zurück. Sofia fühlte sich ein wenig beruhigt von Tinas Ratschlag. Mit dieser Taktik konnte sie jedenfalls gut leben, sofern sich in nächster Zukunft tatsächlich auf Antonios Seite etwas bewegte.

An diesem Abend hatte Sofia David zu sich eingeladen und machte daher zeitig Schluss im Büro, um Ordnung zu schaffen. Im Gegensatz zu ihrem Freund war sie im Alltag eine kleine Chaotin, die überall in ihrem Zuhause Zeitschriften, Kleidung und leere Tassen verteilte wie ein Eichhörnchen. An der Wohnungstür wurde Sofia von Herrn Katz begrüßt, der ihr begeistert um die Beine strich. Gut, dass die Strumpfhosen-Saison vorüber war, sonst hätte sie sich über das Fell aufgeregt, das er an ihrer Kleidung hinterließ.

„Na, mein Kleiner, wie geht es dir?“, begrüßte sie das Tier. Mit hoch aufgerichtetem Puschelschwanz lief Herr Katz beschwingt vor seinem Frauchen her in die Küche. Die Wohnung war klein, aber äußerst fein. Es war ein Altbau wie aus dem Bilderbuch, mit echtem Parkett, hohen Decken und zweiflügligen, weiß lackierten Zimmertüren aus schwerem Holz. Rechts neben der Eingangstür lag das Bad, dahinter die Küche. Von beiden Räumen aus blickte man auf einen kleinen Park, der in der Mitte der Wohnsiedlung lag.

Am Ende des Flurs befand sich ein Haushaltsräumchen, das mit Spiegeltüren verdeckt war und so den Raum optisch vergrößerte. Links neben der Wohnungstür ging es ins Wohnzimmer mit dem schönen Erker, den Sofia ganzjährig mit Lichterketten und kuschligen Decken zum gemütlichsten Plätzchen ihrer Wohnung machte. Daneben hing der Fernseher an der Wand, den sie jedoch selten benutzte. Stattdessen las Sofia sehr viel oder malte an der Staffelei auf der anderen Seite des Erkers. Eine Verbindungstür führte vom Wohn- in das Schlafzimmer, in dem sich parallel zum Fenster das Bett befand. Von diesen beiden Räumen aus blickte man durch mannshohe Fenster auf die gegenüberliegende Häuserfront, die ebenfalls ausnahmslos aus Altbauten bestand. Der Nikolausweg lag in einem der schicksten Viertel der Stadt. Sofia war auch nur an diese prächtige, helle Wohnung gelangt, weil ihre alte Klavierlehrerin in ein Seniorenheim gezogen war und ihr das Apartment zu einem Spottpreis vermietete. Anderenfalls hätte sie sich von ihrem Gehalt niemals ein solches Juwel leisten können, und sie war jeden Tag dankbar für ihr Zuhause.

„Möchtest du einen Snack, Herr Katz?“ Sie öffnete eine kleine Dose Thunfisch für den Kater und schenkte sich ein Glas Weißwein ein. Dann machte sie sich ans Aufräumen. Als sie damit fertig war, zeigte die Uhr bereits Viertel vor sieben. Höchste Zeit, sich frisch zu machen und das Essen vorzubereiten. Was war noch im Haus?

Fieberhaft durchstöberte Sofia Kühl- und Vorratsschrank. Pasta wäre blöd, die hatten sie ja in Form der Lasagne erst letzte Woche gehabt. Auf Reis hatte sie keine Lust und Fleisch kaufte sie so gut wie nie. Mist. Es war nichts Brauchbares da und zum Einkaufen war es zu spät, wenn sie jetzt noch duschen und sich zurechtmachen wollte.

Sie beschloss, Apfelpfannkuchen zu servieren. Dafür war immer alles vorrätig – allein schon, weil Herr Katz Milch und auch Apfelschnitze liebte.

Zufrieden mit ihrem Plan sprang Sofia unter die Dusche. Dann schlüpfte sie in fliederfarbene Leggings und einen weißen, schlichten Pullover (ihr Besuch bei Tina hatte sie inspiriert). Zu Hause war sie immer barfuß, weil die Fußbodenheizung Pantoffeln überflüssig machte. Die gute alte Klavierlehrerin hatte das Apartment wenige Jahre vor ihrem Einzug kernsaniert und seine neue Bewohnerin erfreute sich von Herzen der Annehmlichkeiten.

Gerade als sie die Zutaten für den Pfannkuchenteig in eine Rührschüssel gegeben und leise Musik eingeschaltet hatte, schellte es an der Tür. David war ein sehr pünktlicher Mensch, genau wie sie. Sofia lief mit dem Schneebesen in der Hand zur Gegensprechanlage und betätigte den Summer. Ihr Herz klopfte ein wenig schneller als bei den Treffen vor ihrem Freundschaft-Plus-Sex. Das Thema Antonio Manetti war in diesem Augenblick genauso fern, wie es gestern David auf dem Boot gewesen war.

Sie öffnete die Tür, als der Gute gerade am Treppenabsatz angelangt war. Er trug eine schwarze Lederjacke, ein schwarzes T-Shirt und Jeans. Kein Schnickschnack, unaufdringlich schön. Und er strahlte, als er sie erblickte.

„Na, kleiner Pfirsich?“ Er gab ihr ein Küsschen auf die Wange, sodass sie den Hauch seines Parfums erhaschen konnte.

„Hallo.“ Sie schloss die Tür und ging ihm voran in die Küche. „Ich mache uns Apfelpfannkuchen.“

„Das sehe ich“, sagte er und wischte mit dem Daumen über ihre Wange. „Da ist noch ein wenig Feenstaub in deinem Gesicht.“

Sofia musste lachen. Sie hatte ihm einmal erzählt, dass sie als kleines Mädchen gern „Fee“ mit ihren Freundinnen gespielt hatte. Als Glitzer – und auch als Schnee – musste immer der Mehltopf ihres Vaters herhalten. Der verdonnerte die kleinen Feen irgendwann zum Spielen in den Garten, weil die Sauerei im Kinderzimmer einfach zu groß war.

„Möchtest du was trinken?“

„Gern. Was empfehlen Sie zu Apfelpfannkuchen?“

„Hm. Ich habe … Grauburgunder, Limonade, Wasser, Milch, oder …“ Sie schloss den Kühlschrank und blickte in einen der Hochschränke. „Glühwein. Davon sind noch drei Flaschen da.“

„Dann Glühwein“, meinte David grinsend. „Auch wenn es bei dieser Auswahl echt schwer ist, sich zu entscheiden.“

Sofia nahm zwei Becher aus dem Geschirrschrank, füllte sie mit Glühwein und wärmte diesen in der Mikrowelle auf.

„Was gibt’s Neues?“, wollte David wissen und setzte sich auf einen der Barhocker an der Theke.

„Ach, nichts Besonderes“, sagte Sofia unverbindlich. „Ich war heute in der Mittagspause mit Emma bei Tina im Kosmetiksalon. Es war herrlich. Wir haben Fußbäder genommen, Sandwiches gegessen und geplaudert.“

„Klingt schön. Ich treffe mich in dieser Woche auch mit Fred.“

„Ach, wirklich?“

„Ja, wir haben schon lange keinen Männerabend mehr gemacht.“

Unsicher sah Sofia auf. „Und … wirst du ihm von uns erzählen?“

„Das habe ich nicht vor“, sagte er und nahm seinen Becher entgegen. „Kann mir kaum vorstellen, dass Fred die Idee vernünftig fände. Erzählst du es Emma?“

„Um Himmels willen, nein. Die sind doch viel zu prüde für so was.“

„Da magst du recht haben. Ist es denn eine dumme Idee?“

Sie schluckte und sah ihn an. „Also ich komme damit klar. Und du?“

David nickte. „Ich auch. Ist doch ein vernünftiges Arrangement zwischen zwei Erwachsenen, die gern Sex haben.“

„Genau.“ Sofia schaltete den Herd an und begann, die Pfannkuchen zu machen. Einige graue Zellen in ihrem Kopf waren sich bewusst, dass David nicht die Wahrheit sprach. Doch zu vieles sprach für sie dagegen, anständig zu sein und sein Herz zu verschonen. Er war die beste Ablenkung, die sie sich vorstellen konnte, um nicht an Antonio und Isabel zu denken. Ganz abgesehen davon, dass ein Teil von ihr seine Nähe mehr als genoss.

„Kann ich helfen?“, bot David an und trat hinter Sofia an den Herd. Er berührte sie nicht. Sie atmete den Duft seines Parfums und des Apfelpfannkuchens ein, eine herrlich tröstliche Mischung.

„Ja, hol doch bitte den Kuchenrost aus dem Schrank rechts oben. Dann können die Pfannkuchen besser abkühlen.“

Sie bereiteten einen Stapel des köstlichen Gebäcks vor und arrangierten alles auf dem Kaffeetisch im Wohnzimmer. Sofia nutzte die Theke in der Küche sonst nur als Ablage für unzählige Modemagazine, aus denen sie Seiten mit nachahmenswerten Looks ausriss. Sie zündete überall im Wohnraum Teelichter an, die in geschmackvollen Gefäßen auf Fensterbänken, auf dem kleinen Tisch und im Bücherregal standen. Die Lichterkette im Erker verbreitete noch mehr Gemütlichkeit, die an Weihnachten im April erinnerte.

„Prost!“ Sie stießen mit ihren Glühweinbechern an und aßen die Pfannkuchen. Auch wenn Sofia keine große Köchin war, kriegte sie dieses einfache Gericht immer wieder perfekt hin.

„Bei dir ist wirklich ganzjährig Weihnachten.“ David blickte sich in dem sanft beleuchteten Raum um.

„Na und?“, entgegnete Sofia mit vollem Mund. „Das ist doch wohl der beste Ausgleich zu einem stressigen Alltag: ein gemütliches Zuhause.“

„Das war auch gar nicht als Kritik gemeint“, beschwichtigte ihr Freund. „Du bist bloß der einzige Mensch, den ich kenne, der sich nicht auf den Sommer freut.“

„Wieso auch?“ Sie zuckte mit den Achseln. „Abgesehen davon, dass man ohne Sonnenbank braun wird, sehe ich da keine großen Vorteile. Zu viele Fremde, die kein Deo benutzen und trotzdem neben dir in der U-Bahn stehen. Man schwitzt seine schönste Kleidung voll, es wird viel zu früh hell. Im Winter ist alles viel gemütlicher. Heißer Kakao, Kuschelpullover, Sinatras Weihnachtsmusik, der Geruch nach Zimt und Gewürzen in der Stadt. Wenn ich könnte, würde ich morgen nach Norwegen ziehen.“

David lachte. „Da ist was dran“, sagte er und nahm sich noch einen Pfannkuchen.

Nach dem Essen räumten sie gemeinsam den Tisch ab und Sofia wärmte ihnen noch einen Glühwein auf. Herr Katz kam schnurrend um die Ecke gestrichen und rieb sich an Davids Beinen.

„Da ist er ja. Hallo, mein Freund.“ Er streichelte dem Kater über den Rücken. Das Haustier genoss die Aufmerksamkeit sichtlich und folgte ihnen zurück zum Sofa, wo der Kater abwartend auf dem Teppich sitzen blieb und die Szene beobachtete.

„Passt du wieder auf, dass ich deinem Frauchen nichts tue?“, erinnerte sich der Gast an seinen ersten Besuch in dem Apartment.

„Heute musst du wohl eine Ausnahme machen, Herr Katz“, sagte Sofia grinsend und setzte sich rittlings auf Davids Schoß. Er lehnte sich sofort zurück und begann sie zu küssen. Es fühlte sich genauso gut an wie beim letzten Mal. Ihre Lippen öffneten sich und sie fuhr mit der Zunge in seinen Mund. Mit der einen Hand griff er sanft in das lange, blonde Haar, die andere fuhr langsam ihren Rücken herunter und verschwand in ihrer Leggins. Er umfasste ihren Po und griff in das winzige, überflüssige Höschen.

Es endete damit, dass sie die nächste volle Stunde mit Sex auf dem Sofa verbrachten, der Sofia alles andere vergessen ließ. Mit David war sie nie gehemmt. Sie ließ sich fallen und genoss seine Zärtlichkeiten – und wohldosierten Grobheiten – in vollen Zügen.

Anschließend stand sie auf und ging mit den beiden inzwischen kalten Bechern in die Küche, um den Wein aufzuwärmen. Danach lagen sie noch lange nackt unter Decken auf der Couch, tranken ihre Becher aus und redeten über alles – außer über das, was wieder zwischen ihnen geschehen war. Es fühlte sich einfach gut an, geborgen und wohltuend. Nur daliegen, Glühwein an einem Aprilabend trinken und darüber philosophieren, welchen Prominenten man gern zum Verwandten hätte.

Als nach und nach die Teelichter erloschen, war es für David an der Zeit aufzubrechen. Sie verließen das gemütliche Nest und zogen sich schweigend wieder an.

„Es war mir wie immer ein Fest“, sagte er an der Wohnungstür und blickte auf Sofia herunter.

„Das fand ich auch.“ Sie zog die Ärmel ihres Pullovers über die Hände und lehnte sich an den Türrahmen, mit zerwühltem Haar und roten Wangen. „Mach’s gut, Fremder.“

Er umarmte sie, diesmal ohne Kuss, und zog im Gehen die Lederjacke an. „Du auch. Bis die Tage.“

***

Die Tür schloss sich, und David atmete auf dem Weg nach unten tief durch.

Es war falsch gewesen, schon wieder miteinander zu schlafen. Er hatte nicht die Absicht, Sofia von nun an jedes Mal durchzuvögeln, wenn sie sich allein trafen. Das gab dem Ganzen einen so … faden Beigeschmack. Er wollte nicht ihr Vögelfreund sein, sondern ihr Partner. Wenn jetzt jedes Mal so abliefe, würde der Sex bald zur Gewohnheit werden und dann würde sich alles im Sande verlaufen. Das wollte David um jeden Preis vermeiden. Dies war seine Chance, seine Traumfrau zu erobern. Zumindest dachte der arme Schelm es in diesem Augenblick.

Er schloss Clives Fahrertür auf und rutschte auf den kalten, abgewetzten Ledersitz. Dann kramte er eine seiner Notfallzigaretten aus dem Handschuhfach und kurbelte das Fenster herunter.

Verdammt. Er konnte einfach nicht die Finger von ihrem kleinen Körper lassen. Schon gar nicht, wenn sie sich auf ihn setzte und sich an ihm rieb. Er war schließlich auch nur ein Mann.

Doch von nun an, das schwor er sich, würde er die Oberhand behalten. Sofia war eine Schmusekatze, wenn sie Respekt vor jemandem hatte, doch ein skrupelloses Raubtier beim Gefühl überlegen zu sein. Das durfte David nicht zulassen. Gut, dass er sich übermorgen mit Fred traf. Der bewahrte stets einen kühlen Kopf und würde wissen, was zu tun sei.

10

Am nächsten Morgen erwachte Sofia vom Vibrieren ihres Smartphones auf dem Nachttisch. Sie sah auf die Uhr. Es war halb sechs am Morgen. Wer zum Teufel schickte ihr um diese Zeit eine Nachricht?

Antonio: Guten Morgen, principessa. Bin schon auf dem Weg zu einem Meeting und denke an dich.

Mit einem Schlag war sie hellwach und las die Nachricht ein zweites und ein drittes Mal. Sie fühlte sich geschmeichelt, dass er an diesem Morgen als Erstes an sie dachte. Daran, dass er sich an dem Tag nach ihrem Bootsausflug kein einziges Mal gemeldet hatte, dachte sie nicht. War es sein Alter? Sein Vermögen oder sein Job? Sie schloss, dass eine Kombination dieser Faktoren dazu führte, dass sie sich von seiner Aufmerksamkeit uneingeschränkt geschmeichelt fühlte.

Selbstverständlich würde sie ihm jetzt nicht antworten. Tapfer wartete Sofia bis neun Uhr morgens, um dem stolzen Anwalt von ihrem Schreibtisch aus ein Bild der Aussicht zu schicken.

Details

Seiten
0
Erscheinungsform
Erstausgabe
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783960874515
ISBN (Buch)
9783960874508
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v441804
Schlagworte
Chick-lit-liebe-s-frauen-roman-tik-ce luxus-glamour-girl-ös Hochzeit-s-party-feier Play-boy-er heirat-en Traum-mann-prinz reich-rich-million-är-air-e

Autor

  • Maddie Fuchs (Autor)

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Titel: Glitzer im Kopf (Chick Lit, Liebe)