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Meeresduft macht noch keinen Sommer (Liebe)

von Laura Albers (Autor)

2018 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

Camille freut sich auf ein paar unbeschwerte Tage in der Bretagne. Dass neben ihren Freunden Falko und Greta ausgerechnet Samir mitkommt, mit dem sie noch eine Rechnung offen hat, löst in ihr jedoch gemischte Gefühle aus. Doch sie beschließt, sich ihre Zeit in dem malerischen Penmarch nicht verderben zu lassen. Die beiden liebenswerten und kauzigen alten Franzosen in ihrer Nachbarschaft haben so manche Geschichte zu erzählen und Camille fühlt sich bald wie zu Hause – erst recht, als Falko bei ihr Schmetterlinge im Bauch weckt.
Doch dann bricht ein Unwetter über den idyllischen Küstenort herein und überrascht Camille auf dem Weg ins Dorf. Ihre Freunde sind in Aufruhr – einer von ihnen ganz besonders ...

Impressum

dp Verlag

Erstausgabe Oktober 2018

Copyright © 2020 dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

E-Book-ISBN: 978-3-96087-308-2
Taschenbuch-ISBN: 978-3-96087-499-7

Covergestaltung: Elica Design
unter Verwendung von Motiven von
depositphotos.com: © diabolique04, © innervision, © karandaev, © massimosantiund
shutterstock.com: © arka38
Lektorat: Janina Klinck

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

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Kapitel 1

Geschafft!

Mit einem erleichterten Kribbeln im Bauch betrat Camille den Bahnsteig im Gare Montparnasse. In der letzten halben Stunde hatte sie sich durch den Metrodschungel in Paris schlagen müssen, immer in der Angst, den Anschlusszug nach Quimper nicht rechtzeitig zu erwischen. Aber jetzt stand sie hier und sah dem einfahrenden Zug entgegen, der sie in die Bretagne bringen würde. Penmarch, der Zielort ihrer Reise, lag wortwörtlich am Ende der Welt, im Finistère.

Camille freute sich auf ihre drei Freunde, die Gewinner dieser Urlaubswoche, und auf das Meer und den weiten Himmel darüber, nachdem der Sommer in Saarbrücken launisch verlaufen war. An den sonnigen Tagen hatte sie meistens lang arbeiten müssen und an ihren freien Tagen war es trüb gewesen. Höchste Zeit also, Sonne zu tanken, bevor der Winter nahte. Der Atlantik würde ihr genau das bieten, denn man sagte, dass sich Schlechtwetterwolken an der bretonischen Küste nie lange hielten.

In diesem Moment, wo der Wind, der jeden einfahrenden Zug begleitete, ihre Locken tanzen ließ, fiel die Enttäuschung über das saarländische Sommerwetter von ihr ab. Plötzlich fühlte Camille sich lebendig, fast quirlig. Der Zug kam mit ohrenbetäubendem Quietschen zum Stehen, und sie stieg durch die nächstgelegene Tür ein. Die Bahn hatte ihr bei der Online-Buchung empfohlen, für die gesamte Fahrt Sitzplätze zu reservieren, also zog sie nun ihren Trolley auf der Suche nach dem richtigen Platz durch die Waggons hinter sich her. Jedes Mal, wenn sie den Wagen wechseln musste, bockte das unhandliche Ding auf den Übergängen und verursachte auf den klappernden Blechen einen Höllenlärm. Bis heute hatte Camille nicht kapiert, wo sie sich vor der Abfahrt den Wagenstand des Zugs heraussuchen konnte. Nun war es ihr peinlich, dass alle Passagiere sich zu ihr umdrehten, sobald sie einen Waggon betrat. Wahrscheinlich sah man ihr sofort an, dass sie Deutsche war. Ihr Gesicht brannte vor Hitze und Schweißtropfen liefen die feinen Härchen an ihren Schläfen entlang. Aber in Saarbrücken war es an diesem Morgen schon so herbstlich kühl gewesen. Sie hatte einfach nicht damit gerechnet, dass es in Paris noch sommerlich heiß sein würde.

Nervös pustete sie sich die widerspenstige Locke aus dem Gesicht, die wie ein dunkler Schatten immer wieder über ihr rechtes Auge rutschte. Mit ihrer kleinen Handtasche, Rucksack, Trolley und der blöden Softshelljacke war sie hoffnungslos überladen.

Endlich erreichte sie den richtigen Wagen. Sie checkte die Sitznummern – ihr Platz musste sich an diesem Ende des Waggons befinden. Erleichtert atmete sie auf und entdeckte hinter dem letzten Sitz eine Stellfläche für Gepäck, in die ihr Trolley locker noch passen würde. Sie klickte auf den Knopf am Griff, mit dem sie die Doppelstangen einfahren konnte, dann schob sie das Teil in die Lücke hinter dem Sitz. Der Trolley verkantete sich, ragte in den Durchgang hinein und ließ sich nicht mehr bewegen.

„Cavolo“, stieß sie leise aus. Das italienische Schimpfwort würde hier hoffentlich niemand verstehen. Sie bemühte sich, den Trolley mit ihrer freien Hand in die Aufrechte zu bringen. Hinter ihr wartete bereits eine ältere Dame und warf ihr unter einem silbergrauen, streng geschnittenen Pagenkopf ungeduldige Blicke zu. Mit einem weiteren Schnaufen legte Camille ihre Jacke kurzerhand auf dem Schoß des Passagiers ab, der auf dem letzten Sitz saß, und murmelte ihm ein hoffnungsvolles „Pardon“ entgegen. Dessen Haare waren genauso grau wie die der Dame, doch seine Augen strahlten ihr freundlich entgegen, er legte eine Hand auf die Jacke und sagte Camille, sie solle sich Zeit lassen.

Nachdem sie den Trolley mit zwei Händen in der Ecke verstaut hatte, griff sie nach ihrer Jacke, hauchte dem Mann ein „Merci“ entgegen und der Ungnädigen hinter ihr ein „Pardon, Madame“, dann eilte sie davon.

Nur drei Reihen weiter entdeckte sie ihren Platz in einer Vierergruppe mit Tischchen dazwischen. Ihr gegenüber saßen zwei Jugendliche, Kopfhörer auf den Ohren, Smartphones vor den Augen. Sie blickten kurz auf und deuteten ein Nicken an. Irgendwie wirkten sie erleichtert, als sie Camille sahen. Der Platz neben ihr war nicht reserviert. Mit einem Stoßgebet, dass er frei bleiben würde, setzte sie sich ans Fenster, legte ihren Rucksack und die Jacke auf den freien Platz, und schon fuhr der Zug an.

Camille brauchte ein paar Minuten, bis sie sich abgekühlt hatte. Dann stand sie auf, froh und erleichtert, weil sie am richtigen Platz gelandet war, und schob die Jacke in das Gepäckfach über sich. Bestimmt würde sie jetzt auch dazu kommen, die Geschichte aufzuschreiben, die ihr seit Beginn des Jahres im Kopf herumspukte. Jetzt, da sie das Umsteigen und den Wechsel der Bahnhöfe in Paris hinter sich gebracht hatte, begann für sie der Urlaub.

Nachdem sie ihren Laptop aus dem Rucksack gezogen und aufgeklappt hatte, tippte sie die Worte ein, die sich auf der Metrofahrt in ihrem Kopf geformt hatten – nachdem sie seit Wochen vergeblich nach dem ersten Satz für ihren Roman geangelt hatte. Sie wusste, der erste Satz war extrem wichtig. Aber vielleicht war gerade dieses Wissen der Grund, weshalb sie einfach nicht die richtigen Worte fand? Kurzgeschichten schrieb Camille schon seit Anfang des Jahres. Komischerweise hatte die Hochzeitsrede, die sie spontan bei der Trauung ihrer Cousine Mia an Weihnachten hatte halten müssen, etwas in ihr ausgelöst. Seitdem flossen ihr die Geschichten nur so aus den Fingern. Ihrem Traum vom eigenen Roman war sie allerdings noch keinen Schritt näher gekommen. Im Kopf hatte sich längst die gesamte Geschichte geformt, aber es waren wohl die berühmten ersten Worte, die ihr partout nicht einfallen wollten und die sie seitdem blockierten.

Erst vor einer halben Stunde – in der Metro eingeklemmt zwischen einer dunkelhäutigen jungen Frau und einem alten weißen Mann – war ihr dann endlich ein Gedanke gekommen, von dem sie hoffte, dass er ihr aus der Misere helfen konnte. Sie tippte den Satz ein und spürte, wie die Sorge darum, ihre Geschichte mit den perfekten Worten zu beginnen, sie verließ. Hauptsache, der erste Satz, diese große Klippe, war genommen. Ändern konnte sie ihn ja immer noch. Zufrieden lehnte sie sich zurück und las ihn noch einmal.

Ich lasse den ersten Satz weg, vielleicht klappt es dann endlich mit dem Schreiben.

Sie wollte den Roman in der Ich-Form schreiben, aus der Perspektive einer jungen Frau, die für ein Jahr aussteigen wollte. Sie verschränkte ihre Hände und streckte die Arme aus, um ihre Knöchel knacken zu lassen. Sie spürte das Kribbeln in den Fingerspitzen und wusste, jetzt würde sie nichts mehr aufhalten.

Nur mit halbem Ohr hörte sie die Bleche zwischen ihrem und dem nächsten Waggon klappern, dann setzte ein aufgeregtes, helles Bellen ein, und eine dunkle Stimme rief „Banou!“ Noch bevor Camille registrierte, dass diese Stimme in ihr etwas auslöste, sah sie einen schwarzen Schatten durch den Waggon huschen, aufgeregt kläffend und eine Leine hinter sich her ziehend. Plötzlich gab es einen heftigen Ruck, und das schwarze Etwas kam abrupt zum Stehen. Ein lustig aussehender Hund stemmte sich gegen sein Halsband und bellte aufgeregt. Die Schnauze wirkte eingedrückt, die Zähne im Maul waren winzig und minderten den Eindruck einer wütenden und gefährlichen Bestie. Wieso trug dieser Hund keinen Maulkorb? Das war doch Pflicht in Frankreich.

Eine Sekunde blitzte eine Erinnerung in Camilles Kopf auf: sie und Samir Faure als Kinder an einer Bushaltestelle. Sie waren vom Fahrer vor die Tür gesetzt worden, weil sein Hund seinen Maulkorb abgestreift hatte. Wie lange war das her, bald zwanzig Jahre? Sie hatten ein paar Besorgungen in Dijon erledigen sollen. Samirs damaliger Hund, ein weißbrauner Terrier, war daran gewöhnt gewesen, mit in die Stadt zu fahren. Aber den Maulkorb hatte er verabscheut.

Noch ehe sie weiter darüber nachdenken konnte, glitt Camille aus dem Sitz und ging vor dem schwarzen Hund in die Hocke. Der sah jetzt eher verwirrt als gefährlich aus, und sie ließ ihn an ihrer Hand schnuppern. Seine samtig weiche Schnauze kitzelte Camilles Haut. Seine großen braunen Augen nahmen sie sofort für sich ein, und die Fledermausohren über dem bulligen Körper und dem putzigen Gesicht entlockten ihr ein Schmunzeln. Eine französische Bulldogge, fast noch ein Welpe. Jetzt sah Camille auch, wer den Lärm zwischen den Waggons verursacht hatte: Eine Servicekraft schob einen Wagen mit Getränken und Snacks vor sich her. Sie blickte an der Karre vorbei und verdrehte die Augen.

„Der Hund muss festgebunden werden. Was denken Sie sich denn?“, schimpfte sie. „Und wo ist sein Maulkorb?“

Camille hatte unter dem Kinn des Hundes ein weiches, schwarzes Stoffteil entdeckt, das wohl der Maulkorb sein musste, und mühte sich, es dem Hund über die Schnauze zu ziehen. Ihr war sofort klar, dass dieses Teil nicht lange dort bleiben würde, denn die Schnauze des Hundes war dafür zu kurz. Camille versuchte, die Leine zu sich zu ziehen, doch die hatte sich an einem der Sitze verhakt – hinter der Kaffeekarre. Sie sah eine kleine Hand, die sich an der Schlaufe zu schaffen machte, dann erkannte sie das Gesicht eines Jungen, der die Lage offensichtlich richtig interpretierte und helfen wollte. Er ließ die Leine los, nachdem er sie gelöst hatte, und Camille zog sie vorsichtig zwischen den Sitzen und dem Kaffeewagen zu sich heran, um den Hund mit sich zu ihrem Platz zu nehmen. Dort hob sie ihn auf den Schoß und streichelte ihm über den Rücken.

„Binden Sie ihn bitte fest, damit das nicht noch einmal passiert. Möchten Sie einen Kaffee?“

Leicht verschüchtert nickte Camille. „Oui, un café au lait, s’il vous plaît.“ Sie bereute ihre Bestellung, als sie sah, wie die Frau einen dünn aussehenden Kaffee aus einer Thermoskanne in einen Pappbecher kippte, um ihn ihr anschließend mit zwei Milchdöschen zu reichen.

„Ich zahle den Kaffee“, erklang da eine dunkle, etwas raue Stimme, die bewirkte, dass sich Camilles Haare im Nacken aufstellten. Samir? Nicht jetzt schon, bitte! Sie hatte gehofft, noch eine Weile allein zu reisen, doch da sah sie ihn auch schon hinter der Servicekraft, die sich zu ihm umgewandt hatte. Seine Haut schimmerte in diesem Bronzeton, den sie schon als Kind so bewundert hatte. Die dunklen Haare auf seinem Kopf waren allerdings verschwunden, was auf sie jedoch kein bisschen unattraktiv wirkte. Im Gegenteil, so konnten seine Augen umso stärker strahlen. Deren Blau, das Camille immer an den Ferienhimmel in der sommerlichen Bourgogne erinnerte, wurde durch die dunkle Hornbrille kaum abgemildert. Eine Gänsehaut lief über Camilles Rücken, als ihr klar wurde, dass aus dem kleinen Samir ein erwachsener Mann geworden war. Ein dunkler Bartschatten unterstrich die Form seines kantigen Gesichts, und die lange Nase gab ihm etwas Irritierendes, umso mehr, als seine weichen Lippen noch immer die des fröhlichen, liebenswerten Jungen waren. Des Jungen, mit dem sie hätte Pferde stehlen wollen, am liebsten ihr ganzes Leben lang. Ein Stich bohrte sich in Camilles Brust und dehnte sich sofort zu einem unangenehmen Ziehen aus, das auch ihren Magen erreichte.

„Nein, ich zahle selbst“, sagte sie schärfer als beabsichtigt. Doch bis sie mit einer Hand – mit der anderen hielt sie noch immer den Hund auf ihrem Schoß – ihren Geldbeutel aus der Tasche gefriemelt hatte, hatte Samir der Schaffnerin längst die Münzen in die Hand gezählt. Diese zog weiter, anscheinend besänftigt, weil Samir ihr nicht nur ein Trinkgeld, sondern auch sein Lächeln geschenkt hatte. Dieses Lächeln, das Camilles Gehirn im Teenageralter zu einer zuckrigen, geleeartigen Masse hatte werden lassen. Aber das war längst Geschichte. Nur wenig später hatte Samir sie einfach vergessen. Er hatte ihr das Herz gebrochen, noch lange bevor sie erwachsen war. Und das würde sie ihm niemals verzeihen.

Natürlich wusste Camille schon seit Monaten, dass sie gemeinsam eine Woche in der Bretagne verbringen würden, schließlich hatte Mias Freundin Sophie Thielen, die wie Camille eine der „berüchtigten Brautjungfern“ gewesen war, ihnen bereits kurz nach Silvester mitgeteilt, dass sie im September auf Hawaii sein würde und deshalb in der letzten Augustwoche nicht mit nach Penmarch kommen konnte. Natürlich gönnte Camille Sophie und ihrem Freund und Chef, Yannis Jouvet, den gemeinsamen Traumurlaub, aber als Sophie ihr mitgeteilt hatte, dass sie ihren guten Freund Samir Faure fragen würde, ob er die Reise an ihrer Stelle antreten wolle, hatte Camille gehofft, er würde Nein sagen.

Tat er aber nicht.

Immerhin, hatte Camille sich dann gesagt, würden auch Greta und Falko mit von der Partie sein, die sie bei Mias Hochzeit als Freunde gewonnen hatte. Alles halb so schlimm. Außerdem war diese Kindheitsliebe inzwischen schon so lange her … Sie hatte sich längst damit abgefunden. Umso unangenehmer war ihr die Nervosität, die sie befiel, als Samir Anstalten machte, sich auf den freien Platz neben sie zu setzen.

„Äh, Sekunde, ich muss erst den Besitzer dieses Hundes suchen“, beeilte Camille sich zu sagen und rutschte auf dem Sitz zum Gang, damit Samir sich nicht setzen konnte. Der Hund auf ihrem Schoß hatte sich auf seine Pfoten gestellt, was nicht gerade gemütlich war, denn er rutschte immer wieder mit der einen Vorderpfote ab, und Camille war froh, dass sie eine robuste Jeans trug, auch wenn die viel zu warm für diesen Tag war.

„Das wird nicht nötig sein“, sagte Samir und kraulte den Hund unterhalb des Maulkorbs am Hals. „Darf ich vorstellen – Banou, meine Hündin. Banou, das ist Camille, eine liebe Freundin von mir.“

Eine liebe Freundin? Was fiel ihm ein?

Kapitel 2

Überrumpelt rutschte Camille zum Fenster, wo ihr Rucksack jedoch ein Drittel des Platzes belegte, sodass der nach einem dezenten Aftershave duftende Samir ihr viel zu nah kam. Seine Oberschenkel berührten ihre, was sofort eine unangenehm warme Empfindung in ihr auslöste. Doch sie konnte nicht weiter rücken, solange dieser Hund auf ihrem Schoß balancierte. Dazu noch das Tischchen – sie fühlte sich arg beengt. Der Bulldogge schien die Nähe dagegen nichts auszumachen, obwohl sie mit ihren Pfoten auf dem glatten Jeansstoff keinen Halt fand. Sie wackelte mit ihrem Hinterteil hin und her, was lustig aussah, weil sie keinen Schwanz besaß, mit dem sie hätte wedeln können, und beschnupperte Samir, als wolle sie ihn willkommen heißen.

Camille fühlte sich hoffnungslos überfordert von den vielen Eindrücken, die auf sie einprasselten. Da war Samirs Geruch, der unter dem Aftershave lag und sofort Bilder in ihren Kopf zauberte. Endlose Sonnenblumenfelder der Bourgogne, hellblauer Himmel, flirrende Luft über dörrendem Gras, bunte Blumenmeere, aber auch der Geruch nach den berühmten Caves, den Weinkellern der Bourgogne. Und natürlich die heiße Schokolade, die Samirs Mutter für die deutschen Kinder, sie und ihren Bruder Julien, immer gezaubert hatte. Auch die Berührung seiner Schenkel, die in Bermudas steckten und deren kräftige Muskeln sie sah und deutlich spürte, verwirrte sie. Dazu dieser charmante Hund, dessen Gesicht das Kindchenschema voll erfüllte und so herzerweichend gucken konnte, dass sie ihn sofort ins Herz schloss. Das alles ließ keine klaren Gedanken mehr zu. Der heftige Fluchtimpuls, den Camille zunächst gespürt hatte, löste sich auf. Immerhin. Stattdessen setzte sich ein eigenartiges Wohlgefühl durch. Hey, das ist Samir, dein Kindheitsfreund, sagte Camille sich selbst.

„Komm, Banou, du nimmst Camille ja jeden Platz weg.“ Bei seinen Worten tapste die Hündin von ihrem Schoß auf den von Samir. Er schob die Beine auseinander – wodurch ihr Körperkontakt noch intensiver wurde – und setzte den Hund unter das Tischchen zwischen seine Füße, die ohne Socken in Vans steckten, bevor er die Leine um seinen Oberschenkel wickelte und Camille angrinste.

Ihr Herz setzte einen Schlag aus.

In jenen Sommerferien in der Bourgogne hatte sie sich endgültig in ihn verliebt, und ihre Gedanken waren nur noch um ihn gekreist, unaufhörlich. Seine kurze Mail im Herbst desselben Jahres war zugleich die letzte gewesen. Und das, obwohl er sich nach dem Urlaub noch mit einem zärtlichen Kuss von ihr verabschiedet hatte, als er ihr erzählte, dass er zum Studieren von Dijon weggehen werde. Dass er ihr, seiner „kleinen deutschen Freundin“ schreiben werde. Hatte er geahnt, wie weh ihr diese Worte taten? Selbst danach hatte sie nicht aufhören können, an ihn zu denken.

Camille erwiderte sein Lächeln nicht, doch er schien es nicht zu bemerken.

„Ich kann es nicht glauben, du bist es wirklich, Camille!“ Und damit beugte er sich vor, um ihr die Begrüßungsbises zu geben, zuerst links, dann rechts, dann noch mal links.

Ohne es wirklich zu wollen, erwiderte Camille den Gruß automatisch. Er kam ihr viel zu nah! Sein Geruch löste in ihr Dinge aus, denen sie sich nicht gewachsen fühlte, und gleichzeitig wurde ihr klar, wie wütend sie noch immer war. Wütend und verletzt. Samir hatte ihr Leben geprägt, er hatte die absolute Einsamkeit hineingebracht. Einsamkeit inmitten ihrer Familie, inmitten ihrer Freunde. Sie hatte nicht damit gerechnet, dass die erneute Begegnung sie so aufwühlen würde, dass er diese Art von Gefühlen in ihr auslösen würde. Wortlos griff sie nach ihrem Rucksack und ließ ihn unter den Tisch gleiten, neben Banou, die ihn interessiert beschnupperte. Die Hündin hatte sich zusammengerollt und legte nun den Kopf auf eine der kleinen Außentaschen. Wäre sie nicht so wütend gewesen, hätte Camille bei diesem Anblick gelächelt. Der Hund schien sie zu mögen.

Rasch rutschte Camille von Samir weg, um so viel Abstand wie möglich zwischen sie beide zu bringen. Wie gern wäre sie seinem Blick ausgewichen, aber das war unmöglich. Sein Grinsen verwandelte sich in ein warmherziges Lächeln, während er sie musterte. Sie erinnerte sich, dass sie früher oft gewettet hatten, wer zuerst wegschaut. Samir hatte immer gewonnen.

Sein Blick tastete ihr Gesicht ab, ihre ungezähmten dunklen Locken, haftete dann einen Moment auf ihrem Mund, den sie unwillkürlich ein winziges bisschen zusammenkniff. Wenigstens schien er nicht wie die meisten Männer auf ihre Brust zu schielen, obwohl sie bei ihrer letzten Begegnung in dieser Hinsicht noch weitaus kindlicher gewesen war. Ihre inzwischen sehr weiblichen Formen mussten für Samir jedenfalls genauso neu sein wie seine männliche Statur für sie.

Sie musterte ihn ihrerseits, wobei auch sie darauf achtete, nur sein Gesicht anzuschauen, nicht den leicht gedrungenen, muskulösen Körper, der sie an die Kraft eines Bären denken ließ. Sein Mund war sinnlich und voll, die Zähne strahlten, während er unverwandt lächelte. Sie erkannte, dass er gut rasiert war, und doch verursachten seine schwarzen Bartstoppeln einen dunklen Schatten auf seinen Wangen, der ihn, zusammen mit der Glatze, auf den ersten Blick älter wirken ließ, als er war. Um seine Augen lag ein Zug, den sie früher nie an ihm wahrgenommen hatte. Anscheinend kannte auch Samir sich mit Einsamkeit aus, konnte das sein?

„Du wusstest aber schon, dass ich dabei bin, oder?“ Camille bemühte sich erst gar nicht, herzlicher zu wirken. Dieser Mann hatte in ihr so vieles zerstört, er brauchte nicht zu denken, dass sie ihm verziehen hatte. Und in dieser Sekunde wurde ihr klar, dass es tatsächlich so war. Sie straffte die Schultern und zwang ihren Blick nach unten, wo er mit der Hand die Leine auf seinem Bein festhielt. Seine Unterarme waren mit feinen dunklen Härchen überzogen, die samtig glänzten. Er trug ein schlichtes Poloshirt zu karierten Bermudas. Auch seine Beine schimmerten dunkel von einem zarten Haarflaum. Camille schüttelte den ungebetenen Gedanken ab, wie es sich wohl anfühlen würde, wenn sie keine Jeans, sondern eines ihrer Sommerkleider tragen würde und ihre Beine sich berührten.

„Ja“, sagte er schlicht. „Ich habe mich darauf gefreut, dich wiederzusehen. Wie ist es dir in den letzten Jahren ergangen?“

Nun gut, Small Talk, das konnte sie auch. In ihrem Kopf sang Roger Cicero: „Und du so?“ Sie berichtete von ihrer Ausbildung zur pharmazeutisch-technischen Assistentin und dass sie nun schon seit einigen Jahren in einer Apotheke in Saarbrücken arbeitete. Ja, sie mochte ihren Beruf. Und er so?

Es wunderte Camille kein bisschen, dass Samir eine eigene Computerfirma gegründet hatte, die erfolgreich lief. Dass er sich in Metz niedergelassen hatte, war bei Mias Hochzeit bereits zur Sprache gekommen und keine Überraschung. Sophie und Mia hatten ihr auch erzählt, dass Samir innerhalb kurzer Zeit ein sehr guter Freund von Sophie geworden war.

„Was macht Julien, ist er verheiratet?“, wollte Samir wissen.

„Nein.“

„Warte, er muss jetzt siebenundzwanzig sein, richtig? Und du bist … vier Jahre jünger als ich, also vierundzwanzig.“

„Nicht mehr lange.“ Sie sah ihm wieder in die Augen. „Und du? Verheiratet?“

Ein schmerzlicher Zug huschte über sein Gesicht. Aha, da lag irgendwo der Grund für seine Einsamkeit. Warum sollte es ihm auch besser ergangen sein als ihr?

„Nein.“ Er straffte die Schultern. „Was ist mit deinen Eltern? Fahren sie immer noch in die Bourgogne in den Urlaub?“

„Mein Vater ist vor vier Jahren gestorben. Seitdem waren wir nicht mehr dort.“

„Das tut mir leid.“

„Ja. Aber meine Mutter hat einen neuen Lebensgefährten, Roberto. Seine Eltern stammen aus Kalabrien, und jetzt fahren die beiden im Sommer immer dorthin. Er ist sehr nett, ich mag ihn.“

Das Gespräch stockte. Tausend Fragen spukten durch Camilles Kopf, doch sie wollte sie ihm nicht stellen, weil sie ihm nicht das Gefühl geben wollte, sie interessiere sich noch für ihn. Es ärgerte sie sogar, dass sie die Antworten im Grunde gern wissen wollte. Aber sie hatte sich selbst schon vor einigen Jahren geschworen, dass sie Samir Faure aus ihrem Herzen und aus ihrem Kopf streichen und ihn nie wieder dorthin vordringen lassen würde. Nicht dass sie damit gerechnet hatte, ihm überhaupt wieder zu begegnen. Aber das Schicksal hatte offenbar andere Pläne. Jetzt saß sie hier neben ihm, konnte nicht verhindern, dass sein vertrauter Geruch, der nun erwachsener war, aber sonst noch ganz nach ihrem damaligen besten Freund roch, durch ihre Nase in ihren Kopf eindrang, wo er sich sofort festsetzen würde. Das wusste sie. Sie würde ihn nie wieder vergessen, und sobald sie es zuließ, würde dieser Geruch ihr Schmerzen bereiten. Also durfte sie es nicht zulassen, so einfach war das.

 Eine leise Stimme in ihr fragte sich, ob er seinerseits ähnlich empfand. Ob auch er mit ihrer gemeinsamen Vergangenheit haderte. Aber nein, wie sollte er? Ihm war das kleine Mädchen Camille ja schon nicht mehr wichtig gewesen, nachdem er mit seinem Studium an der Sorbonne begonnen hatte.

„Was ist mit deiner Freundin von damals?“ Camille hielt inne. Die Worte waren unbedacht aus ihrem Mund gefallen. Nun hatte sie ihm doch eine der verbotenen Fragen gestellt.

Sein Gesicht verschloss sich regelrecht. „Claire.“

Ja, sie meinte Claire. Die Claire, die in ihm jegliches Interesse für seine Freunde ausgelöscht hatte. Die Claire, die ihn ihr weggenommen hatte. So gründlich und endgültig, dass sie nicht nur diese Frau, sondern auch Samir eine lange Zeit geradezu gehasst hatte. Bis sie selbst erwachsen war und viele freundliche, charmante und humorvolle junge Männer ihr dabei geholfen hatten, den Franzosen mit den arabischen Wurzeln zu vergessen. Jedenfalls hatte sie geglaubt, dass sie ihn vergessen könne. Erst vor zwei Jahren hatte sie sich resignierend eingestehen müssen, dass Samir für immer ein Teil ihres Lebens sein würde. Aber verzeihen würde sie ihm nicht.

„Wolltet ihr nicht heiraten?“

„Sie ist gestorben.“ Er verstummte.

Camille erschrak, und bestürzt sah sie Samir an, dessen Miene ausdruckslos war. Plötzlich schämte sie sich ihrer hasserfüllten Gedanken der jungen Frau gegenüber, und sie begriff, dass er nicht darüber reden wollte. Anscheinend hatte er die Trauer noch nicht bewältigt. „Das tut mir leid“, flüsterte sie. Es war die Wahrheit.

Er sah ihr in die Augen, seine Pupillen wurden größer. Sie senkte den Blick und spielte mit den Fingern an dem Laptop herum, der unbenutzt auf dem Tischchen stand und sich inzwischen abgeschaltet hatte. Der Roman konnte warten.

„Es ist schon zwei Jahre her. Krebs.“

Camille nickte, ohne aufzublicken. Sie wollte nicht in seinen Verlust eintauchen. Ihre Arbeit in der Apotheke hatte sie gelehrt, den Kummer anderer Menschen nicht zu sehr an sich heranzulassen. Sie nahm einen Schluck aus dem Pappbecher.

Samir lachte. „Das Zeug kann man nicht trinken.“

Sie verzog angewidert den Mund. „Stimmt.“ Der Kaffee war ungenießbar. Kalt, dünn und bitter. Sie grinste Samir an und machte sich zugleich klar, dass sie die erste und schwierigste Begegnung überstanden hatte. Bald würden sie auf Greta und Falko treffen, dann würde es ihr leichtfallen, Samir aus dem Weg zu gehen. Und ansonsten würde sie versuchen, ihn einfach als einen Freund zu betrachten. So wie damals, als sie ihm im Alter von sechs Jahren zum ersten Mal begegnet war und er sie und Julien sofort in sein Herz gelassen hatte.

Er war im Grunde nicht nur ihr bester Freund, sondern auch ihr bester Französischlehrer gewesen. Sie hatten sämtliche Sommerferien gemeinsam verbracht. Samir hatte sich ihnen angeschlossen und sie sich seiner Familie. Jedes Jahr waren die Sommerferien in der Bourgogne der Höhepunkt des Jahres gewesen. Bis Samir sein Baccalauréat in der Tasche hatte und nach Paris gegangen war.

In Gedanken wischte Camille mit der Hand durch die Luft. Das alles war längst vorbei. Jetzt waren sie erwachsen und hatten eine spätsommerliche Woche in der Bretagne vor sich. Das Finistère sollte einen ganz besonderen rauen Charme besitzen. Camille freute sich darauf. Sie war fest entschlossen, diese Zeit zu genießen. Und Samir? Der würde sie nicht daran hindern. Im Gegenteil, beschloss sie, sie würde einfach die Freundschaft mit ihm an dem Punkt wieder einsetzen lassen, an dem er noch ein Kumpel gewesen war, kein Junge, der ihr Herz hatte höherschlagen lassen. Ja, so wollte sie es machen. Sie sah ihm in die Augen. „Schön, dich wiederzusehen.“

Er nickte. „Das finde ich auch.“

Von unter dem Tisch klang tiefes, gleichmäßiges Atmen herauf. Der Bully schien fest zu schlafen. Camille deutete mit dem Kinn nach unten und lächelte. „Du hast dir wieder einen Hund zugelegt?“

Samir nickte. „Ich habe ihn von meinem besten Freund Philippe und seiner Frau Florence einfach aufs Auge gedrückt bekommen.“

Ja, Camille erinnerte sich: Florence und Philippe waren Freunde von Sophie Thielen. Die beiden hatten im letzten Frühling dafür gesorgt, dass Samir als Blind Date Sophie zu der legendären Geburtstagsparty von Yannis Jouvet, dem Chef der Galéries Jouvet in Metz, begleitet hatte.

Sie zog die Brauen hoch. „Aufs Auge gedrückt?“

„Ja, es war ein geschickter Schachzug. Sie gaben dem Hund den Namen Banou, der in der arabischen Sprache so viel wie die Angesehene oder edle Dame bedeutet.“

Camille kicherte. Was für ein lustiger Name für so einen bulligen Hund. Auch wenn sie eingestehen musste, dass Banou Charme versprühte und nicht nur wegen ihrer Knopfaugen unwiderstehlich wirkte. „Aber wieso aufs Auge gedrückt, das verstehe ich immer noch nicht ganz?“

„Florence ist vor fünf Monaten schwanger geworden und hat ziemlich unerwartet eine Allergie gegen Hunde- und Katzenhaare entwickelt“, er zögerte, blies die Wangen auf und blickte zur Seite. „Sie wollten für das Ungeborene nichts riskieren. Kann man ja verstehen.“

„Und deshalb haben sie ihn dir gegeben?“

„Sie meinten, da der Hund schon einen arabischen Namen habe, würde er perfekt zu mir passen.“

„Aber wie ist das mit deinem Job vereinbar?“

„Tja, das war ihr zweites schlagendes Argument: Ich kann sie einfach mit ins Büro nehmen. Neben meinem Schreibtisch steht ihr Körbchen. Und in dem Haus, in dem ich wohne, sind Hunde auch willkommen. Die Hausmeisterin nimmt sich meines Hundes an, wenn ich einen Außentermin habe oder auf Geschäftsreise bin.“

„Aber jetzt hast du ihn dennoch dabei?“

„Ja, sie ist erst zehn Monate alt, und länger als ein, zwei Tage waren wir noch nicht getrennt. Außerdem“, er zuckte die Schultern, „spricht nichts dagegen, sie mitzunehmen. Sie wird nicht stören. Das Meer und der Strand werden ihr gefallen.“

Camille feixte. „Allerdings hat sie Schwierigkeiten mit dem Maulkorb. Weißt du noch, wie verloren wir damals irgendwo im Nirgendwo mit deinem Terrier Luke an der Bushaltestelle standen, weil der Busfahrer uns mitsamt dem Hund vor die Tür gesetzt hatte?“

„Ja, und dann sind wir fast zehn Kilometer zu Fuß gelaufen. Aber Banou ist wenigstens nicht so hektisch wie Luke damals. Der wollte ja nicht mit Bellen aufhören, somit war er selbst schuld daran, dass wir aussteigen mussten. Banou ist ruhiger.“

„Findest du wirklich? Vorhin hat sie ziemlich hektisch gebellt.“ Beide lachten. Ja, dachte Camille, auf diesem Niveau konnte ihre gemeinsame Zeit funktionieren. Sie musste einfach an der Oberfläche bleiben. Außerdem kam sie in diesem Moment zum ersten Mal auf den Gedanken, dass sie sich womöglich all die Jahre geirrt hatte: Vielleicht ahnte Samir nicht einmal, was sie damals für ihn empfunden hatte. Sie hatte sich nie getraut, es ihm zu sagen. Und als sie endlich selbst kapiert hatte, dass sie es sagen musste, weil sie sonst platzen würde, waren seine Mails ausgeblieben. Was für ein Glück, dass sie die ehrliche Liebeserklärung niemals abgeschickt hatte, die mehrere Wochen in ihrem Ordner für Entwürfe gelagert hatte!

Sie lehnte sich zurück und schloss die Augen. Das gleichmäßige Atmen des Hundes hatte eine geradezu hypnotische Wirkung auf sie. Plötzlich fiel alle Anspannung ab, und sie spürte, wie müde sie war.

„Ich glaube, ich werde ein bisschen schlafen“, murmelte sie.

„Tu das. Mal sehen, ob Greta und Falko den Mietwagen bekommen haben.“ Er zückte sein Handy und schaltete es ein.

„Mhm“, war Camilles genuschelte Antwort, dann schlief sie ein.

Kapitel 3

Camilles Schulter wurde sanft gedrückt.

„Camille, réveille-toi“, drang eine angenehm dunkle Stimme in ihr Ohr. Sie schloss den Mund und leckte über ihre trockenen Lippen. Erst dann wachte sie richtig auf und erkannte, wo sie war – in einem Zug. Ihren Kopf hatte sie im Schlaf zur Seite sinken lassen, und der wohlige Geruch, der sie so tief hatte schlafen und von Ferien in der Bourgogne träumen lassen, kam von einer breiten Schulter. Sie schreckte auf. Hatte sie an Samirs Schulter geschlafen? Und womöglich geschnarcht oder, sogar noch schlimmer, sein Poloshirt vollgesabbert? Verstohlen warf sie einen Blick auf den Stoff, doch da war alles trocken. Ein Glück.

Ihre Augen brannten ein bisschen, als sie Samir verschlafen anblinzelte. „Wie lang habe ich geschlafen? Sind wir schon da?“

Er lächelte. „In fünf Minuten fahren wir in den Bahnhof ein, deshalb habe ich dich geweckt. Und bevor du fragst: Nein, du hast nicht geschnarcht, bloß mit Banou um die Wette geatmet. Ich bin sogar selbst kurz eingenickt. Und ihr habt nicht nur mich in Narkose versetzt.“ Sein Lächeln wurde zu einem Grinsen, mit dem Kinn zeigte er auf die beiden Jungs ihnen gegenüber, die anscheinend auch gerade aus einem Nickerchen aufwachten. „Man sollte euch beide als Anästhetikum in Betracht ziehen – oder zumindest als zuverlässiges Beruhigungsmittel.“

Camille lachte und streckte ihre Arme über den Kopf. „Dann lass uns unser Gepäck holen. Meines ist dahinten.“ Sie deutete hinter sich.

„Gut, wir sehen uns gleich auf dem Bahnsteig. Mein Koffer steht am anderen Ende des Waggons.“

Zehn Minuten später traten sie aus dem Bahnhofsgebäude heraus und scannten den Vorplatz, auf dem geparkte Autos standen, nach Greta und Falko ab.

„Wie sehen die beiden denn aus?“ Samir warf Camille einen Blick zu, bevor er die Reihen der Autos nochmals betrachtete.

„Beide sind groß und blond.“ Camille grinste. „Sie könnten als Models durchgehen. Falko ist ein Sportfreak und Greta sieht aus wie Doutzen Kroes, falls dir das was sagt.“ Also so ziemlich das Gegenteil von mir, fügte sie in Gedanken hinzu. Es war jedenfalls wohltuend, dass Samir sie um höchstens fünf Zentimeter überragte.

Auch Camille suchte mit den Blicken den gesamten Parkplatz ab, konnte aber weder einen Avis-Mietwagen noch die beiden Freunde irgendwo entdecken. Am Straßenrand ließ sie sich auf einem der niedrigeren Poller nieder und suchte ihr Smartphone heraus, um ihre WhatsApp-Nachrichten zu checken. Niemand hatte sich gemeldet.

Sie tippte auf das Symbol für den Messenger-Dienst und suchte nach Gretas Kontakt, dann schrieb sie mit raschen Bewegungen ihrer Finger eine Nachricht.

Samir und ich sind da. Habt ihr den Mietwagen schon bekommen? Wir stehen vorm Bahnhof.

Sie blickte die Straße hinauf und hinunter, dann vibrierte das Smartphone in ihrer Hand auch schon.

Sind in fünf Minuten am Bahnhof.

Haben noch Sachen zum Essen und Trinken eingekauft. Abendessen ist gesichert. Ich hoffe, du magst Rotwein… :)

Camille lachte und zeigte Samir die Nachricht. Seine Augen blitzten vergnügt hinter den Brillengläsern. „Sehr gut! Auf die Idee bin ich noch gar nicht gekommen. Wer weiß, was es in der Ferienwohnung an Vorräten gibt.“

Camille stand wieder auf und streckte sich. Die lange Zugfahrt steckte ihr in den Knochen, und Hunger hatte sie auch. Sie mussten ja noch eine Weile fahren, bis sie den kleinen Ort an der Küste erreichten. Gut, dass die abendliche Versorgung gesichert war. „Boah“, stöhnte sie und zupfte am Bund ihrer Jeans herum, die an den Beinen klebte. „Bin ich froh, wenn ich diese Klamotten endlich ausziehen kann!“

„In Saarbrücken war das Wetter wohl noch schlechter als in Metz?“

„Oh ja. Ich bin froh, dass ich noch eine Woche Sommer vor mir habe.“

Ein kleiner weißer Peugeot rollte langsam die Straße entlang, als suche er nach etwas. Camille stellte sich auf die Zehenspitzen und beschattete ihre Augen, um hinter der Frontscheibe jemanden erkennen zu können. Und tatsächlich: Hinter dem Lenkrad saß eine Person mit hellblonden Haaren – und auf dem Beifahrersitz konnte sie ebenfalls blonde Haare erkennen. Ob der Wagen groß genug für sie alle sein würde? Sie warf einen Blick auf ihren Trolley und Samirs Koffer, der ebenfalls nicht ganz klein war. Vielleicht weil sich in ihm ein ganzes Hundekörbchen versteckte?

„Da sind sie, komm!“ Camille raffte Rucksack, Jacke und Trolley zusammen und ging auf eine Parkbucht zu ihrer Rechten zu, die Greta in diesem Moment ansteuerte. Samir fasste Banous Leine kürzer und griff nach seinem Koffer, um ihr zu folgen. Im Augenwinkel meinte Camille zu erkennen, dass sein Gesicht ein bisschen unsicher wirkte.

Der Motor des Wagens – es war ein Peugeot 208, wie Camille jetzt auf der Heckklappe lesen konnte – wurde abgeschaltet, die Türen öffneten sich, und auf beiden Seiten wurden zuerst lange, wohlgeformte Beine in kurzen Hosen sichtbar. Camille musste kichern, als Falko und Greta sich aus dem kleinen Auto herausfalteten und zu ihrer vollen Größe aufrichteten. Ein beeindruckendes Bild, das musste man schon zugeben. Beide gingen hinter den Wagen, Greta öffnete den Kofferraum, dann blickten sie Camille und Samir entgegen.

Ein freudiges Kribbeln stieg in Camilles Brust auf. Sie erinnerte sich unwillkürlich an Mias Hochzeit zurück, bei der sie die beiden so gut kennengelernt hatte. Die Tänze mit Falko hatten ihr geholfen, das Chaos mit Carlo zu überstehen, dem Typ, der damals noch mit Greta liiert war und ihr, Camille, gleichzeitig heftigste Avancen gemacht hatte. Was für ein Horst! Er hatte sowohl Camilles als auch Gretas Lebenslauf um eine weitere schlechte Erfahrung mit einem Mann erweitert.

Camille zuckte innerlich mit den Achseln. Sie alle hatten das Beste daraus gemacht, und nicht zuletzt hatte sie dank Carlo eine gute neue Freundin gewonnen. Camille und Greta hatten sich in der ersten Jahreshälfte einige Male in Aachen getroffen, und einmal war Greta sogar nach Saarbrücken gekommen, um ein Stück der kleinen deutsch-französischen Theatergruppe zu sehen, bei der Camille mitspielte. Sie hatte ein paar Tage mit in ihrer kleinen Wohnung am Schloss gewohnt, von wo aus sie Ausflüge in die Umgebung gemacht hatten. Sogar ein gemeinsamer Besuch bei Sophie in Metz hatte noch geklappt.

Greta streckte ihr die Arme entgegen, und Camille ließ den Trolley los, um sich an die Freundin zu schmiegen. Sie umarmten sich fest.

„Ach ist das schön, dich zu sehen!“ Greta drückte ihr ein Küsschen auf die Wange, dann ließ sie sie los, und Falko umarmte sie ebenfalls. Er wiegte sie leicht hin und her. Camille hoffte, dass ihr Deo nicht komplett versagt hatte, genoss aber die Berührung. Falko wirkte wie jemand, bei dem man sich anlehnen konnte. Kurz flammte das Gefühl wieder in ihr auf, das sie beim Tanz auf Mias Hochzeit von ihm empfangen hatte – Nähe und Verständnis.

Greta hatte sich zu Samir umgedreht und blickte nun die Hündin an, die die Neuankömmlinge aufgeregt beschnupperte und ihre Aufmerksamkeit wie ferngesteuert zu sich herunter zog. „Du musst Samir sein“, sagte sie, obwohl ihr Blick noch immer auf dem Hund lag, der wie wild mit dem gesamten Hinterteil wackelte. Samirs Lachen klang bis in Camilles Rückenmark. Sie streckte den Rücken durch, um das eigenartige und unangenehme Gefühl zu vertreiben.

„Nein, das ist meine Hündin Banou, ich bin Samir.“ Er sprach Deutsch. Wie lange hatte Camille seinen Akzent nicht mehr gehört! Bei seiner launigen Bemerkung sah Greta auf, lächelte und streckte ihm nach deutscher Sitte die Hand hin, die er ein bisschen verdutzt entgegennahm. Nach einer Sekunde der Besinnung beugte er sich dann vor und gab Greta Bises. Auch Falko begrüßte er auf die französische Art, wobei er ihm einen Klaps auf den Rücken gab, als wären sie alte Freunde.

„Ich freue mich, dich kennenzulernen. Du trinkst hoffentlich Rotwein?“ Falko sah Samir mit einem offenen Blick an, der sowohl dessen Gesicht als auch seine Gestalt umfasste. Ein bisschen schien es, als würden die beiden einander abschätzen.

„Natürlich“, erklärte Samir. „Am liebsten einen kräftigen Bourguignon.“

 „Na so ein Zufall“, rief Greta aus, zwinkerte Camille zu und griff nach ihrem Trolley, um ihn in den Kofferraum zu heben. „Dann habe ich genau das Richtige für uns geholt. Die hatten in dem kleinen Weinladen am Ende der Straße nämlich genau die Sorte, die wir beide getrunken haben, als ich dich in Saarbrücken besucht habe.“

„Du hältst der Bourgogne also die Treue, Camille?“

Ob Samir die Doppeldeutigkeit seiner Frage bewusst war? Wohl kaum. Camille feixte. „Ja, tue ich.“ Sie reichte Greta ihre Jacke, damit diese sie auch noch in den Kofferraum stopfen konnte.

„Oh je“, Falko rieb sich den Nacken und blickte auf den Kofferraum hinab. „Nichts geht mehr. Ich schätze, wir müssen umpacken. Dein Koffer ist für einen Kerl ganz schön …“ Er hielt inne und musterte Samir, der selbstbewusst grinste.

„Ganz schön …?“

„Groß.“

Widerwillig begann Falko damit, alle Gepäckstücke wieder herauszuheben: Camilles Trolley und den von Greta, außerdem einen Trekkingrucksack, der vermutlich ihm selbst gehörte. Daneben stellte er die Einkaufstaschen eines Supermarkts und des erwähnten Weinladens. Als alles nebeneinander aufgereiht stand, reichte Samir Camille die Hundeleine, legte seinen Koffer als unterstes in den Kofferraum, wo er gerade so hineinpasste, dann stopften sie die anderen Gepäckteile wieder darüber.

Am Ende quetschten Camille und Samir sich mitsamt den Einkaufstaschen auf die Rückbank. Banou saß auf Samirs Schoß und starrte unverwandt durch die Seitenscheibe nach draußen, während Greta den überfüllten Wagen umsichtig durch Quimpers Straßen steuerte und sie bald darauf durch die Landschaft in Richtung Küste kutschierte.

Unterwegs sahen sie neben einem der Monolithen, für die die Bretagne berühmt war, ein paar verfallene, uralte Kapellen und Klöster, die wie Boten einer vergangenen Zeit in der Landschaft standen. Die Gemäuer schimmerten im Sonnenlicht in dem besonderen hellen Braun, das Camille unbewusst bereits mit der Bretagne in Verbindung brachte, vermutlich aufgrund der vielen Fotos, die sie sich vor der Reise angesehen hatte. Es schien, als würden manche der Ruinen in Schuss gehalten, denn in den Gemäuern, die großenteils keine Dächer mehr trugen, sah sie keine Bäume oder Büsche. Bei anderen wuchsen hingegen große Bäume und Sträucher im Innern über die Mauern hinaus, wie es üblich war, wenn die Natur ein verfallendes Bauwerk zurückeroberte.

Bald hatte sie das Gefühl, in einer anderen Welt und Zeit gelandet zu sein. Die Vegetation wucherte üppig, auch wenn das Gras jetzt im Spätsommer ausgetrocknet wirkte. Im Vorbeifahren entdeckte Camille Feigen- und Lorbeerbäume, Rosmarin und andere kräftig grüne und blühende Kräuter, und ganze Meere von Hortensien, die in vielen Gärten der kleineren Ortschaften, die sie durchfuhren, in allen Farbschattierungen von Rosa, Violett und Blau glühten.

Es wirkte, als saugte auch der Hund an der Fensterscheibe all das in sich auf. Camille musste lächeln bei dem Gedanken, ob Banou wohl einen Unterschied zur Flora in ihrer Heimat erkannte. Samir warf ihr einen Seitenblick zu und erwiderte ihr Lächeln. Das Gespräch war verstummt. Alle schienen müde von der Reise oder bewunderten die beinahe verwunschen wirkende Landschaft.

Nach einer guten halben Stunde passierten sie endlich das Ortsschild von Penmarch, auf dem der Name in der französischen und der bretonischen Schreibweise stand. Der Ort wirkte verschlafen, auf den Straßen war keine Menschenseele unterwegs. Auch hier tupften blühende Sträucher ganze Farbmeere in die Vorgärten, und besonders die flammend roten, hauchzarten Fäden der gefächerten Blüten der Albizia hatten es Camille angetan. An den typischen Häusern mit den breiten gemauerten Kaminen, die auf beiden Seiten an den Giebelspitzen über die Dächer hinauswuchsen, konnte sie sich einfach nicht sattsehen. Viele der Bewohner hatten die Klappläden in leuchtendem Türkis gestrichen. Camille liebte diese Farbenpracht, die dank des Lichts der dem Horizont zuwandernden Sonne geradezu überirdisch leuchtete. Sie atmete tief ein und aus und hatte das Gefühl, ihre Lungenflügel würden sich mit der klaren Luft ausdehnen. Und das, wo sie doch in einem zu kleinen, stickigen Auto saß, verschwitzt von der Reise in ihrer viel zu warmen Kleidung, neben Samir, dessen Deo so langsam ebenfalls versagte. Und dazu der schwarze Hund, dessen Fell einen süßlichen Geruch absonderte, da auch auf ihn die ganze Zeit die Sonne schien, was die Bulldogge sichtlich genoss. Sie hatte vor einer Weile die Augen geschlossen und schlief, laut und gleichmäßig atmend.

„Da wären wir“, sagte Greta, die frisch wie der Morgentau wirkte. „Jetzt müssen wir bloß noch das Haus finden.“

Falko hatte in seinem Smartphone die Navigationsapp eingeschaltet und gab ihr genaue Anweisungen, wie sie fahren sollte. Sie kamen an den Rand des Ortes und erreichten endlich die Küste.

„Seht mal, da ist der Leuchtturm!“ Camille legte den Kopf schief, damit sie einen Blick darauf erhaschen konnte. „Wie heißt er noch mal?“

„Phare d’Eckmühl“, antwortete Samir.

Camilles Augen weiteten sich vor Freude. Hinter dem Leuchtturm erstreckte sich der tiefblaue Ozean bis zum Horizont. „Können wir kurz anhalten?“, hörte Camille sich sagen, obwohl sie sich seit Stunden nichts sehnlicher wünschte, als endlich aus dieser unglaublich warmen Jeans zu kommen.

„Das hatte ich eh vor“, erklärte Greta. „Ich fahre so dicht ans Meer ran wie möglich.“

Sie parkte den Wagen am Rand der Straße, und sie stiegen aus und streckten sich. Die frische Luft überfiel Camille wie eine wohltuende Dusche. Mit zwei raschen Schritten ging sie zu der Mauer, die neben dem Bürgersteig entlanglief und ihr bis zum Bauch reichte. Sie lehnte sich gegen den warmen, hellen Stein und ließ den Blick über die flachen, zerklüfteten Felsen wandern, die aussahen, als wären sie vor Urzeiten ins Meer geflossen, um dann zu erstarren. Sie erstreckten sich unterhalb der Mauer weit in den Ozean hinein, und das Salzwasser leckte an ihnen.

Camille entdeckte unzählige winzige Muscheln in den Furchen zwischen dem Gestein und nahm sich vor, wiederzukommen und welche zu sammeln. Dann blickte sie weiter, bewunderte den Leuchtturm, der so anders aussah als die bunt gestreiften, die sie von Nord- und Ostsee kannte. Dieser war in der Naturfarbe des für die Region typischen Granitgesteins belassen. Nur die Kuppel, die auf den Turm gesetzt worden war und in der sich nachts das Licht drehte, leuchtete wie eine weiße Blüte auf einem mächtigen, nach unten immer breiter werdenden Stängel. Camille drehte sich um und betrachtete die Häuschen und das kleine Café auf der gegenüberliegenden Straßenseite, und alles, was vom trüben Saarbrücker Sommer noch in ihr schlummern mochte, fiel restlos von ihr ab.

Ihr Magen meldete sich und sagte ihr, dass sie jetzt endlich etwas essen musste. Zumal die frische Meeresluft ihren Appetit zusätzlich anheizte. Übermütig hängte sie sich bei Greta ein, deren Blick in der Ferne auf den irrlichternden Sonnenflecken im Ozean ruhte. „Hast du auch solchen Kohldampf?“ Dann lachte Camille den beiden Jungs zu, die genauso verträumt dastanden und die frische Luft genossen. „Die Seeluft macht hungrig, findet ihr nicht auch?“ Bei ihrer Bemerkung spitzte Banou die Fledermausohren und sah Camille mit einem herzerweichenden Blick an. Samir hatte sie, nachdem sie ihr kleines Geschäft erledigt hatte, auf die Mauer gesetzt, von wo aus sie in alle Himmelsrichtungen schnuppern konnte. Jetzt stellte sie sich auf alle Viere und starrte von Camille zu Samir.

„Hat sie verstanden, was ich gesagt habe? Kann sie Deutsch?“

Samir gluckste. „Kohldampf? Wohl kaum, aber vermutlich riecht sie deinen Hunger. Oder sie hat an der Tonlage erkannt, was du willst.“

„Es ist nicht mehr weit“, erklärte Falko, während sie wieder in das Auto stiegen. „Wenn wir hier ein Stück an der Mauer entlangfahren und dann die nächste links einbiegen, stoßen wir auf die Rue de Kervily.“

„Dann wohnen wir also ganz nah beim Meer?“ Camille freute sich darauf, morgens und vielleicht auch abends dort spazieren zu gehen. Zwar hatte sie noch keinen Strand entdeckt, aber der konnte nicht weit sein.

Wenige Minuten später hielt Greta vor einem Haus an. Es war offenbar nicht so alt wie der Kern von Penmarch, wie Camille mit Bedauern feststellte, dabei hatte sie darauf gehofft, in einem typisch bretonischen Haus zu wohnen. Zwar war es ein hübsches Gebäude mit gemauerten kleinen Balkons auf beiden Seiten der Eingangstür, aber es erinnerte sie eher an moderne, schnell hochgezogene Ferienanlagen in Touristenregionen auf Mallorca, wo sie während ihrer Ausbildung ein paar Mal mit Freundinnen und Freunden gewesen war. Dagegen war nichts einzuwenden, aber in ihrem Wunschtraum hatte sie sich nun mal eines der uralten bretonischen Häuser aus rauem Kersantongranit mit dem breiten Kamin ausgemalt. Das Gebäude, vor dem sie standen, hatte eine glatte Fassade und war weiß gestrichen. Nicht einmal der Kamin hatte die richtige Form, sondern ragte irgendwo aus dem Dach und war quadratisch wie zu Hause. Camille riss sich zusammen. Das Haus war offensichtlich neu, sah gepflegt und einladend aus, wie konnte sie darauf mit solcher Enttäuschung reagieren?

Falko war bereits ausgestiegen und zur Tür gegangen, wo er die Klingel drückte. Die anderen folgten ihm. Aus dem Inneren erscholl Hundegebell. Banou antwortete sofort darauf und legte sich in die Leine. Samir blieb hinter den anderen, fasste die Leine kurz und versuchte die Hündin zum Schweigen zu bringen. Eine schwarz gekleidete Frau um die fünfzig öffnete die Tür und sah zu Falko auf. Sie wirkte überrascht. „Oui?“ Sie zog das kleine Wort in die Länge.

Camille sprach sie auf Französisch an. „Bonjour, wir kommen aus Deutschland. Für uns ist für eine Woche ein Appartement in diesem Ferienhaus angemietet.“

Die Frau runzelte die Stirn, dann atmete sie tief ein und aus. „Mais vous n’avez pas reçu mon message?“

Camilles Hals wurde eng. Sie sollten eine Nachricht bekommen haben? Da stimmte etwas nicht. „Non“, antwortete sie zögernd. „Quel message?“

„J’ai envoyé des e-mails à toutes les adresses que Madame Hübner m’a données. Je suis désolée, mais j’ai besoin de l’appartement moi-même pour encore deux jours.“

„Was sagt sie?“ Greta berührte Camilles Oberarm. „Stimmt etwas nicht?“

„Das kann man wohl sagen. Sie sagt, sie hätte uns allen gemailt. Sie braucht das Appartement selbst für weitere zwei Tage.“

Falko rieb seinen Nacken. „Ups“, sagte er und verzog das Gesicht. „Und jetzt?“

„Aber das geht doch nicht.“ Greta fuchtelte mit den Händen. „Wie kann sie denn das Haus einfach kurzfristig selbst nutzen wollen?“

Die Miene der Französin wirkte auf Camille so unglücklich, dass sie sich fragte, ob die schwarze Kleidung der Frau auf einen Trauerfall hindeutete. Das Gebell im Hintergrund war indessen lauter geworden, und auch Banou wurde immer nervöser, die Haare auf dem Rückgrat zu einem Kamm hochgestellt, während sie wie verrückt bellte und an der Leine zerrte. Samir hatte alle Mühe, sie festzuhalten. Erstaunlich, welche Kraft der nicht mal kniehohe Hund an den Tag legen konnte, wenn er glaubte, seine Menschen verteidigen zu müssen. Bevor Camille noch etwas sagen konnte, schoss an den Beinen der Frau ein mittelgroßer brauner Hund vorbei und rannte auf Banou zu. Er schien noch jung zu sein, Camille vermutete, dass es sich um einen Labrador handelte. Die Hunde beschnupperten sich, dann forderte der größere den kleineren mit putzigen Bewegungen zum Spielen auf, indem er den Oberkörper senkte, als wolle er sich vor Banou verbeugen, und sie mit der Schnauze anstupste. Wenigstens hatte das hektische Gebell damit aufgehört.

Camille drehte sich wieder zur Haustür, in der nun ein etwas älterer Mann aufgetaucht war, der sich neben die Vermieterin stellte. Er hatte die beiden Hunde im Blick, wandte sich dann jedoch Camille zu.

„Bonjour“, sagte er und wechselte sofort ins Bretonische, um mit der Vermieterin zu reden.

Camille verstand kein Wort und hörte fasziniert dem fremden Klang zu, der einen französischen Einschlag hatte. Sie nutzte die wenigen Momente, um den Mann genauer zu betrachten. Er war ebenfalls komplett in Schwarz gekleidet, seine weißen Haare hatte er sauber mit Gel in Form gekämmt, wobei sich vereinzelte drahtig abstehende Strähnen dagegen zu wehren versuchten und ahnen ließen, dass er Locken haben musste. Sein Gesicht war braun gebrannt, die vielen Fältchen, die vor allem um die leuchtend grauen Augen herum lagen, hoben sich hell davon ab. Er mochte um die sechzig sein. Seine Stimme klang knurrig, aber nicht unfreundlich.

Das Gespräch zwischen den beiden ging eine ganze Weile hin und her, dann legte der Mann plötzlich seine Hand an den Ellbogen seiner Gesprächspartnerin, und sofort flossen bei ihr die Tränen. Sie beugte den Kopf und hielt sich die Stirn, während ihre Trauer sie zu überfluten schien. Camille schluckte. Am liebsten hätte sie dem Paar versichert, dass es kein Problem sei, sich eine andere Unterkunft zu suchen, doch da sprach der Mann sie schon auf Hochfranzösisch an, das sie problemlos verstand.

„Hören Sie, es ist ein Unglück geschehen. Louanes Tochter Maelle ist vor wenigen Tagen bei einem schlimmen Sturm hier in der Nähe verunglückt, heute war die Beerdigung. Louanes Kinder sind mit ihren Familien zu Besuch, deshalb ist das Appartement noch belegt. In zwei Tagen können Sie es beziehen.“ Er runzelte die Stirn und sah das Grüppchen der vier an. „Aber das wird Ihnen jetzt nichts nützen …“

„Mein herzliches Beileid“, sagte Camille zu der Frau mit dem außergewöhnlichen Vornamen und streckte ihr unsicher die Hand hin. Ihr Magen verknotete sich. Wahrscheinlich war Louanes Tochter ungefähr so alt wie sie selbst gewesen, jedenfalls nicht viel älter.

Louane nahm die Hand entgegen und drückte sie sacht, dann murmelte sie eine Entschuldigung, drehte sich um, verschwand wieder im Haus und überließ es dem Mann, die Dinge zu klären. Da er von ‚Louanes Tochter‘ gesprochen hatte, vermutete Camille, dass er nicht der Ehemann und Vater ihrer Kinder war.

 „Erlauben Sie mir, dass ich mich vorstelle. Mein Name ist Erwann Guéguen. Es ist wirklich ein Unglück, wir haben so lange keinen tödlichen Unfall mehr hier in Penmarch gehabt. Maelle war bei dem schrecklichen Sturm letzte Woche am Meer spazieren. Wir wissen nicht, wie es passieren konnte, schließlich ist sie hier aufgewachsen und kannte sich aus. Sie muss ausgerutscht sein und sich an den Felsen den Kopf angeschlagen haben, dann wurde sie ins Wasser gezogen. Nicht einmal weit, die Felsen in Küstennähe haben sie festgehalten, sonst hätten wir sie wohl nie gefunden.“

Camille hatte sich die Hand vor den Mund geschlagen. Leise übersetzte sie für die anderen, was Monsieur Guéguen ihr erzählte.

Greta zog zischend den Atem ein. „Oh Gott, was für ein Unglück! Natürlich finden wir eine andere Wohnung. Lasst uns zur Touristeninformation fahren, an der wir vorhin vorbeigekommen sind.“

„Das tut uns sehr leid“, erklärte Camille Monsieur Guéguen, „wir fragen bei der Tourist-Info nach einer freien Ferienwohnung. Bitte machen Sie sich keine Sorgen.“

„Wie furchtbar!“, sagte Greta, während sie die Fahrertür öffnete. „Hoffentlich ist das kein schlechtes Omen für unseren Urlaub!“

Kapitel 4

Wenige Minuten später sah Falko ungläubig auf seine Armbanduhr. „Viertel vor sechs?“ Er schüttelte den Kopf. Sie standen vor dem modernen, aus Granit gebauten Gebäude, in dem das Office de Tourisme untergebracht war, wie große kobaltblaue Lettern verrieten. Doch es war geschlossen. Sie waren eine Viertelstunde zu spät. Samir trat auf die gläsernen Türen zu, legte beide Hände an die Scheibe und ging mit dem Kopf dicht ran, um innen etwas zu erkennen.

„Es ist niemand mehr da“, sagte er und zog bedauernd die Schultern hoch. „Was machen wir jetzt?“

„Wir müssen die Pensionen abfahren, schätze ich.“ Greta verzog das Gesicht. „Dank Smartphone und Internet ist das ja heute kein Problem mehr. Aber …“ Sie blickte von Camille zu Falko, dann zu Samir. „Könnten wir vorher eine Kleinigkeit essen? Ich kippe sonst um.“

Camille erinnerte sich an den Appetit der gazellenschlanken Greta. Wenn der Hunger sie plagte, verstand sie keinen Spaß.

Als niemand sofort antwortete, zog sie eine Grimasse. „Und dieser tödliche Unfall macht es nur noch schlimmer. Schlechte Nachrichten geben mir immer das Gefühl, dagegen anessen zu müssen. Die junge Frau muss in unserem Alter gewesen sein, das ist einfach furchtbar, oder?“

„Ja“, stimmte Samir zu, „das ist es. Aber ist es nicht dennoch klüger, wenn wir uns zuerst um eine Unterkunft kümmern? Dann können wir den ganzen Abend noch mit Essen verbringen.“ Er lächelte Greta an.

Sie zog einen Flunsch. „Wenn ihr meint. Aber kann jetzt mal jemand anderes fahren?“

„Klar, ich mache das.“ Falko nahm ihr den Schlüssel ab und stieg auf der Fahrerseite ein.

„Du kannst nach vorne“, bot Greta Samir an und ließ sich auf die Rückbank sinken. Als Camille neben ihr einstieg, zog Greta ein Baguette aus einer der Einkaufstaschen zu ihren Füßen und brach ein Stück davon ab. „Wenn ich Hunger habe, habe ich Hunger“, flüsterte sie Camille zu. „Ich lass mir von keinem Kerl das Essen verbieten.“

Belustigt zog Camille eine Grimasse. Dann brach auch sie ein Stück Brot ab und reichte es nach vorne durch. Samir bedankte sich und begann zu knabbern, und selbst Falko nahm ein Stück.

Gretas Laune sank trotz des Snacks in der nächsten Stunde spürbar weiter. Niemand hatte eine Unterkunft für vier Personen frei. Sie entfernten sich immer weiter vom Ort, und langsam fiel es auch Camille schwer, ihre gute Laune zu bewahren. Die Schönheit der Landschaft, das besondere Licht und die üppige Vegetation nutzten sich schnell ab, wenn man seit Stunden in viel zu warmen Klamotten in einem Kleinwagen saß und keiner wusste, wo sie später schlafen würden. Nur der Gedanke an Mia, ihre Cousine, die doch alles so schön geplant hatte, verhinderte, dass Camille ihrer miesen Stimmung nachgab.

Falko seufzte. „Versuchen wir es beim Campingplatz? Vielleicht gibt es dort einen Wohnwagen oder ein Mobilheim zum Mieten?“

„Ein Traum“, murrte Greta, „aber wir haben wohl keine andere Wahl. Hauptsache, wir können bald etwas Richtiges essen.“

Auf dem Campingplatz war nichts frei. Im Auto herrschte Stille, als Falko den Wagen wieder zurücklenkte und auf langen kurvigen Wegen zwei weitere Campingplätze anfuhr. Die Sonne stand inzwischen tief, und der Himmel nahm eine orangefarbene Tönung an.

„Kaum zu fassen, dass alles ausgebucht ist.“ Greta raufte sich die Haare, die inzwischen etwas strähnig auf ihre Schultern herunterhingen.

„Es sind noch Ferien“, erklärte Samir lapidar. „Wir haben einen ungünstigen Zeitpunkt erwischt.“

„Wie kann er so entspannt bleiben?“, zischte Greta Camille zu.

Ein belustigtes Schnauben vom Beifahrersitz zeigte, dass er sie gehört hatte.

Camille grinste. Samir war früher schon so gewesen, er hatte immer Ruhe ausgestrahlt. „Sollen wir zum Haus von Louane zurückfahren und sie fragen, ob sie uns jemanden empfehlen kann?“, fragte Camille.

„Was soll das bringen?“, sagte Falko. „Keiner konnte uns bisher einen Rat geben, wo wir es noch versuchen können. So langsam stelle ich mich darauf ein, im Auto zu übernachten.“

Greta quietschte. „Wie bitte, zu viert? Im Sitzen schlafen? Niemals!“

Falko grunzte. „Schlag was Besseres vor.“ Für ihn, den Sport- und Outdoorfreak, gab es wahrscheinlich Schlimmeres als eine Übernachtung in einem viel zu kleinen Wagen. Im Freien wurde es nachts bereits empfindlich kühl, aber vielleicht würden die Jungs sich im Notfall sogar dazu bereiterklären, draußen zu schlafen, damit die Mädels mehr Platz im Wagen hatten. Trotzdem hatte Camille auf eine so verbrachte Nacht genauso wenig Lust wie Greta.

Diese setzte sich nun aufrecht hin und hielt mit beiden Händen Samirs Nackenstütze, während sie auf Falko einredete. „Gut, hör zu: Wir halten jetzt beim nächsten Restaurant an, das wir sehen, und essen erst mal was. Vielleicht kommt uns mit vollem Bauch noch eine bessere Idee.“

Samir drehte sich auf dem Vordersitz nach hinten und musterte Greta. Sie sah ihn herausfordernd an. Ihr Blick ging in ein Lächeln über, als sie seine Worte hörte. „Dann lasst uns zum La Voilerie fahren, das ist in der Nähe des Leuchtturms und soll gemütlich und gut sein.“

Sobald sie das Restaurant betraten, verschwand Camille mit Greta in der Damentoilette, denn sie fühlte sich endgültig nicht mehr wohl in ihrer Kleidung. Beide beeilten sich damit, sich zu waschen und frisches Deo aufzutragen. Greta kämmte ihre Mähne mit einer kleinen Bürste, die sie aus ihrer Handtasche zog, und fasste sie in einem losen Dutt am Hinterkopf zusammen, den sie mit einem Haargummi hinzauberte. Camille zupfte ihre wirren Locken nur mit den Fingern zurecht. Sie bedauerte, dass sie nicht daran gedacht hatte, sich ein T‑Shirt aus dem Trolley mitzunehmen. Aber mit dem hereinbrechenden Abend würde es sicher bald kühler werden.

Als sie in den Gastraum kamen, war Banou bereits mit einer Schale Wasser versorgt worden, Samir und Falko hatten Platz genommen und unterhielten sich mit einem Mann, der neben ihnen stand. Camille sah, dass die Speisekarten auf dem Tisch lagen und eine Flasche Wasser mit Gläsern bereitstand. Sie setzte sich auf die Bank neben Falko, da erkannte sie auch den Mann, mit dem Samir sprach. Klar, die knurrige Stimme war unverwechselbar. Es war Erwann Guéguen. An einem der Nebentische fielen Camille nun auch ein paar andere Personen in schwarzer Kleidung auf. Anscheinend gehörten sie der Trauergesellschaft an.

Guéguen nickte den beiden Frauen zu. „Bonsoir, ich habe schon gehört, dass Sie obdachlos sind.“ Er zeichnete mit einer Hand Anführungszeichen in die Luft. Dann richtete er sich auf und winkte zu dem Tisch mit den Schwarzgekleideten. „Eglantine“, rief er, „kommst du mal bitte?“

Eine drahtige Frau mit kurzen, weizenblonden Haaren und der gesunden Hautfarbe, die den Menschen dieser Region zu eigen war, kam herbei. Das schwarze, schlichte Kleid, das sie trug, unterstrich ihren Typ. Ihr ausdrucksstarkes Gesicht strahlte Offenheit und Stärke aus, auch wenn man ihr ansah, dass sie einen schweren Tag gehabt hatte. Aber vielleicht bildete sich Camille das auch nur ein, weil sie wusste, aus welchem traurigen Grund diese Menschen zusammengekommen waren.

„Oui?“, fragte sie und blickte die jungen Leute lächelnd der Reihe nach an.

Guéguen deutete auf die Frau und sagte: „Das ist Eglantine Robineau, eine gute Freundin von mir. Sie besitzt ein paar Ferienwohnungen hier in der Gegend.“

Dann sprach er Bretonisch mit Eglantine, und Camille sah Samir fragend an, doch er deutete ein Kopfschütteln an.

Nach einem Wortwechsel von mehreren Minuten wandte Guéguen sich wieder an Samir. „Eglantines kleinstes Ferienhäuschen ist frei. Es liegt in La Madeleine. Allerdings ist es noch nicht aufgeräumt, die Gäste sind heute erst abgereist.“

„An meinem Häuschen werden demnächst ein paar Ausbesserungsarbeiten vorgenommen, deshalb habe ich keine Nachmieter bis nächsten Frühling angenommen. Außerdem war ich eigentlich schon auf dem Sprung nach Paris. Ich lebe dort und muss in der Firma nach dem Rechten sehen, verstehen Sie?“

Camille hörte nur, dass ein Häuschen frei war. Ganz egal, ob nicht alle Geräte darin funktionierten und ob es nicht picobello aufgeräumt war …

„Wir nehmen es“, kam Greta ihr zuvor, die anscheinend trotz ihres eingerosteten Schulfranzösisch verstanden hatte, worum es ging. Sie strahlte. „Hauptsache, wir haben einen Platz zum Schlafen.“

Eglantine lächelte. „Gerne. Dann möchte ich aber vorher rasch das Nötigste in Ordnung bringen. Geben Sie mir noch etwas Zeit?“ Sie sprach wieder in Bretonisch auf Erwann Guéguen ein, dieser nickte, antwortete, gestikulierte.

„Gibt es ein Problem?“, fragte Camille nach.

„Nein. Ich weiß, wie wir es machen“, sagte er zu Eglantine Robineau und sprach auf Französisch weiter, sodass alle ihn verstehen konnten. „Ich habe doch sowieso deine Ersatzschlüssel. Ich bleibe hier, bis die Herrschaften gegessen haben“, er wandte sich wieder Samir zu, „dann folgen Sie mir zu meinem Haus, wo ich die Schlüssel habe, und ich fahre Ihnen voraus zu La Madeleine. Das Häuschen ist ein bisschen schwer zu finden. D’accord?“, sagte er zu Eglantine. „Dann kannst du heimfahren, sobald du dich überzeugt hast, dass alles okay ist, und morgen in aller Frühe zum Flughafen.“

„Ja, ich rufe sofort die Putzfrau an, sie wird nicht begeistert sein, dass sie jetzt noch Betten machen muss, aber na ja, dann bekommt sie eben einen kleinen Bonus.“

Inzwischen hatten Greta und Falko sich entschieden und bestellten Le Plat du jour mit Fisch, und da Camille frischen Fisch ebenfalls mochte und hungrig war, schloss sie sich den beiden an. Die Bedienung, die die Bestellung während des Gesprächs bereits aufgenommen hatte, wartete lächelnd auf Samirs Wünsche und nickte zufrieden, als er ebenfalls den Pollack mit dem schönen französischen Namen Lieu jaune orderte.

Eglantine Robineau verabschiedete sich. „Ich werde übermorgen wieder hier sein. Noch ist der Sommer für mich nicht vorbei. Ich lasse mir meine Tage in der Bretagne nicht nehmen.“ Augenzwinkernd wackelte sie mit dem Kopf. „Gut, dass es Direktflüge gibt.“ Sie umarmte Guéguen etwas länger als üblich. Er hielt ihre Hand noch fest, als sie den ersten Schritt von ihm weg machte, und ließ sie erst dann los, was sie dazu brachte, sich noch einmal umzudrehen und ihm zuzuzwinkern.

Das Essen war eine Offenbarung. Wie immer, wenn Camille an einen Ort direkt am Meer kam, überraschte es sie, wie viel besser fangfrischer Fisch schmeckte, als derjenige, den man in ihrer Region bekam. Die schaumzarte Zitronen-Senf-Sauce zum Lieu jaune erinnerte sie einmal mehr an die Sommerferien ihrer Kindheit. Camille beobachtete ihre Freunde und konnte sehen, wie auch ihre Stimmung sich hob. Seit sie wussten, dass eine Unterkunft gesichert war, hatte sich Leichtigkeit zwischen ihnen ausgebreitet.

Samir erklärte unterdessen, dass der Pollack, den sie gerade genossen, an Weihnachten noch besser schmecken würde.

„Wieso das?“, fragte Greta belustigt.

„Weil er zur Geburt Jesu eine ganz besondere Körperchemie entwickelt, wodurch sich sein Geschmack verändert.“

Camille musste sich beherrschen, um nicht zu kichern. Samir hatte die Gabe, mit völlig ernstem Gesicht die unmöglichsten Fantasiegeschichten zu erzählen.

Falko lehnte sich zurück, sein Knie berührte das von Camille unterm Tisch. Überrascht bemerkte sie den angenehm prickelnden Strom, den die Berührung unter ihre Haut sandte. Sie lenkte ihren Blick auf sein Gesicht und spürte eine plötzliche Wärme in ihrer Brust, als sie das weiche Grünbraun seiner Augen erkannte. Sie erinnerte sich, dass ihr das Wechselspiel seiner Augenfarbe je nach seiner Stimmung bei Mias Hochzeit bereits aufgefallen war, und besonders intensiv in dem Moment, in dem er sie beim Tanzen gehalten hatte. Damals hatte er ihr gezeigt, wie sehr er verstand, warum sie sich an jenem Abend so schlecht gefühlt hatte. Sie zwinkerte Falko verschwörerisch zu und hielt ihr Bein ganz still.

„Du meinst, der Fisch weiß, wann wir Menschen Weihnachten feiern, und sorgt dafür, dass er dann besonders schmackhaft ist?“ Falko feixte. Greta runzelte ungläubig die Stirn und machte einen Schmollmund. Camille spürte, wie ihr eigenes Lächeln immer breiter wurde. Sie schwieg und beobachtete Samir.

„Nun, das wohl nicht.“ Samir zog die Brauen hoch, als fände er Falkos Bemerkung unpassend. „Es hat mit der Paarungszeit zu tun und damit, wann sie ablaichen. Wahrscheinlich machen sie sich im Dezember bereit, um auf Brautfang zu gehen, deshalb verändert sich die Zusammensetzung ihrer Hormone.“

An diesem Punkt war Camille sich selbst nicht mehr sicher, ob Samir scherzte. Greta beugte sich vor und sah betont lange in seine Augen. Camille lächelte Falko zu und deutete ein Schulterzucken an. Sie hätte nicht gedacht, dass Samir es sogar in der Fremdsprache Deutsch schaffen würde, sie so zu verwirren.

„Sag mal, hast du dir das gerade ausgedacht?“, wollte Greta wissen. Dann setzte sie sich wieder zurück, nahm ein Stück Fisch auf ihre Gabel, und bevor sie den Bissen in den Mund schob, sagte sie: „Ich kann mir kaum vorstellen, wie der noch besser schmecken soll!“

Samir brach in Gelächter aus. Gretas Zufriedenheit, die das Essen in ihr auslöste, amüsierte ihn offenbar sehr. Camille sah Wärme und Zuneigung in seinem Blick. Endlich rückte er mit der Sprache heraus. „Es stimmt, dass der Pollack ab Januar ablaicht, aber ich glaube nicht, dass sich der Geschmack deshalb großartig ändert.“ Er rieb sich eine Träne aus dem Augenwinkel.

„Pfff“, machte Greta. „Haben wir dir auch keine Sekunde geglaubt.“

„So einer bist du also.“ Falko schmunzelte.

Camille wollte eine launige Bemerkung darauf machen, da trat Guéguen an ihren Tisch. Sie sah, dass die anderen Leute, mit denen er bis eben zusammengesessen hatte, das Lokal verließen, und rückte auf der Bank ein Stück zur Seite, damit er sich zu ihnen setzen konnte. Dadurch war sie Falko noch etwas näher, sodass sie seine Körperwärme spüren konnte.

„Schmeckt es Ihnen?“, fragte Guéguen und ließ den Blick über die Teller wandern, auf denen nicht mehr viel lag.

„Oh ja, es ist traumhaft“, schwärmte Greta.

„Wenn Sie fertig sind, können wir los. Ich trinke in der Zwischenzeit noch einen Whisky.“ Die Bedienung war bereits heran und stellte ein Glas mit zwei Fingerbreit der bronzefarbenen Flüssigkeit vor Erwann Guéguen ab.

„Stoßen wir auf Sophie an?“ Camille gluckste, weil sie sich diese Bemerkung nicht verkneifen konnte.

Samir ruckte mit dem Kopf zu ihr herum, seine Pupillen waren riesig.

„Stimmt, da war doch was.“ Falko beobachtete Guéguen, der einen Schluck des Gebräus nahm und ihn im Mund hin und her bewegte, bevor er ihn schluckte. „Sie liebt Whisky.“

„Diese Sophie hat wohl Geschmack, wer auch immer das sein mag“, knurrte Guéguen mit seiner dunklen Stimme, und die Fältchen um seine Augen gruben sich tief ein. Dann hob er das Glas, damit alle die Flüssigkeit darin sehen konnten, und mit hörbarem Stolz sprach er weiter. „Dies ist ein bretonischer Whisky. Aus Buchweizen hergestellt, zweimal destilliert und in französischen Eichenfässern gereift. Seit es ihn gibt, bin ich von Pommeau auf Eddu umgestiegen.“ Guéguen rief etwas in den Gastraum und winkte dem Mann hinter dem Tresen zu, worauf dieser mit einer Flasche und mehreren kleinen Gläsern zum Tisch kam. Er zeigte ihnen das Etikett und fragte, wer kosten wolle.

Camille entzifferte den Schriftzug Distillerie des Menhirs auf dem unteren der beiden Etiketten. Da sie dem Geschmack von Whisky jedoch insgesamt nicht viel abgewinnen konnte, lehnte sie dankend ab.

„Die haben mit dem Whiskybrennen angefangen, als ich ein kleiner Junge war“, erklärte Samir. „Ich möchte ihn bitte probieren. Und du, Falko?“

Falko nickte, und auch Greta verlangte einen Schluck. Während sie anstießen und tranken, lächelte der Wirt zufrieden. „Sie können die Destillerie besichtigen. Es ist nicht weit von hier, Richtung Quimper.“

Camille bestellte sich einen Kaffee, und kurz darauf brachte die Bedienung mit den Worten: „Votre expresso, Madame“, auch die Rechnung. Camille lächelte bei der typisch französischen Abwandlung des Wortes Espresso.

Nachdem alle Gläser geleert waren, verließen sie das Restaurant, stiegen in ihren Wagen und folgten Guéguens altem Armee‑SUV durch die verwinkelten Nebenstraßen Penmarchs zu seinem Haus im Ortsteil Kérity. Er wohnte so, wie Camille es sich vorgestellt hatte: Das granitene Haus war nicht verputzt, sodass das Gemäuer zu erkennen war, und an beiden Seiten ragte der übliche Kamin über das Dach hinaus. Sogar die Läden waren in dem typischen regionalen Blau gestrichen. In der sinkenden Abendsonne erkannte Camille, dass im untersten Stockwerk Blumenkästen vor den Fenstern hingen, die mit robusten Pflanzen ohne nennenswerte Blüten bepflanzt waren, anscheinend Kräuter.

Als Guéguen den Wagen abgestellt hatte, öffnete er die Heckklappe, und der Labrador sprang heraus, den sie bereits vor Louanes Haus kennengelernt hatten. Guéguen legte ihm die Leine an. Erstaunlicherweise blieb Banou dieses Mal ruhig, die Hunde standen nebeneinander, als würden sie sich schon seit Monaten kennen. Erwann Guéguen hielt seinen Hund fest, während er den Schlüssel im Schloss drehte. Der Labrador zog an der Leine, sobald die Tür offen war, und mit einem kurzen Auflachen klickte Guéguen den Karabinerhaken aus dem Halsband, sodass der Hund wie ein abgeschossener Pfeil durch den kurzen Flur zu einer Tür rennen konnte, diese mit der Pfote öffnete und in den dahinterliegenden Raum stürmte. Gedämpftes Lachen und Begrüßungsworte einer weiblichen Stimme waren zu hören.

„Ich bin zurück, chérie“, rief Guéguen und bedeutete Samir und den anderen, ihm in das erste Zimmer zur Linken des Flurs zu folgen. Aus dem anderen Raum war noch immer gedämpftes Lachen zu hören.

Sie betraten eine Küche, die mit alten Möbeln eingerichtet war. Ein dicker Holztisch, der Platz für vier Personen bot, lag zur Hälfte mit Papieren, Umschlägen und Mappen voll, dazwischen konnte Camille auch ein Notebook erkennen. Etwas an dem Anblick wunderte sie, und als sie den Gasherd sah, der bis auf eine Kochstelle blankgeputzt glänzte, wurde ihr auch klar, was es war: Diese Küche sah aus, als würde sie nur von einer Person bewohnt, denn der Tisch wirkte eher wie ein Arbeitsplatz, nur einer der Plätze war frei, um daran zu essen. Vielleicht waren Guéguens Kinder längst erwachsen und aus dem Haus – vorausgesetzt, er hatte welche. Aber die Stimme, die noch immer mit dem Hund zu scherzen schien, gehörte doch sicher seiner Frau. Camille war neugierig, wie Guéguens Frau aussehen würde, und für eine Sekunde fragte sie sich, warum sie nicht bei der Beerdigung gewesen war.

Erwann Guéguen war zu einer der Schubladen getreten und wühlte darin. Es dauerte nicht lange, bis er fand, was er suchte. Triumphierend hielt er den Schlüsselbund in die Luft. „Voilà“, sagte er, bevor er in den Flur trat und ihnen bedeutete, das Haus wieder zu verlassen. „Chérie, kann ich Molly bei dir lassen?“

„Musst du noch mal weg?“, erklang die Stimme aus dem anderen Zimmer.

„Ja. Ich begleite ein paar Gäste zu Eglantines Haus. Sie brauchen dringend eine Unterkunft.“ Er ging zu der Tür und sprach vom Flur aus weiter. Seine Stimme hatte einen weichen Unterton bekommen und seine Gesichtszüge wirkten entspannt. „Die jungen Leute hatten bei Louane gebucht, aber du weißt ja, sie braucht das Haus.“ Ein Schatten glitt über sein Gesicht. „Es wird nicht lange dauern.“

„Naturellement. Aber bitte beeile dich, du warst schon so lange weg.“

Kapitel 5

„Alors“, sagte Guéguen, bevor er sich in seinen SUV setzte. „Folgen Sie mir. Wir sind in ein paar Minuten da.“

Während sie losfuhren, fragte Camille sich, ob Erwann Guéguen schon in Rente war. So alt hatte sie ihn nicht eingeschätzt, aber sicher konnte sie sich nicht sein. Sie verließen Penmarch auf der Hauptstraße, am großen Kreisel fuhren sie in nördlicher Richtung weiter. Die Sonne verschwand in ihrem Rücken gerade im Meer, weshalb Camille nicht mehr viel von der Umgebung erkennen konnte, durch die sie fuhren. Anscheinend war die Ecke, in der dieses La Madeleine lag, dünn besiedelt, denn sie sah nur noch vereinzelt Häuser. Nach mehreren Abzweigungen bog Guéguen noch einmal um eine Kurve, dann hielt er vor einer Gruppe niedriger Häuser an.

Camille verliebte sich sofort in den Anblick: Sie waren aus grob behauenen Granitsteinen gemauert und sahen so aus, als hätten sie sich im Laufe der Jahrhunderte ein wenig gesetzt. Sie schienen nach unten breiter geworden, als hätte das Gewicht sie mit der Zeit in den Untergrund hineinwachsen lassen. Das Häuschen, auf das Guéguen nun zuging, war das niedrigste und schmiegte sich gleichsam an das etwas höhere Nachbarhaus zu seiner Linken an.

Camille stieß einen Juchzer aus: Beide Häuser waren reetgedeckt. Auf dem First wuchsen breite Streifen einer ausgedörrt wirkenden, robusten Grassorte, deren Farbe dem des uralten Dachbelags glich. Das Licht der Straßenlaterne warf tiefe Schatten und ließ den Anblick der Häuschen noch etwas märchenhafter erscheinen. Wie alt mussten diese Häuser sein! Ein aus Steinen aufgeschichtetes Mäuerchen umgrenzte den Vorgarten, in dem üppige Rosenbüsche blühten. Die Haustür und die Rahmen der Fensterchen im dicken Mauerwerk waren in einem verblichenen Türkis gestrichen. Dieses Haus entsprach so sehr Camilles Wunschvorstellung, dass sich in ihrer Brust vor Freude ein Schwarm Kolibris erhob, der aufgeregt flatternd für ein wundervolles Kribbeln sorgte.

Guéguen ging ihnen voraus durch den Garten zur Haustür und steckte den Schlüssel ins Schloss. Es zeigte sich, dass nicht abgesperrt war, und erst jetzt fiel Camille auf, dass hinter dem Vorhang der Eingangstür und des danebenliegenden Fensters gedämpftes Licht hervorschien. Guéguen öffnete die Tür und trat hinein. Die vier folgten ihm. Banou hatte bereits im Garten aufgeregt nach Spuren anderer Bewohner gesucht und fuhr mit ihrer Inspektion im Innenraum fort.

Der Raum zog sich fast über die gesamte Länge des Häuschens und war in einen Ess- und einen Wohnbereich unterteilt. Mitten darin stand ein kugelförmiger Ofen aus Gusseisen, den man offenbar durch eine runde Klappe befeuerte. Sofort konnte Camille sich vorstellen, wie angenehm und unmittelbar die Wärme sein musste, die dieser Ofen abstrahlen würde. In der rechten Raumhälfte waren ein gemütliches Sofa und zwei Ohrensessel mit unzähligen Kissen und Decken rund um einen niedrigen Couchtisch mit Glasplatte gruppiert. Beim Eintreten stand man vor dem Esstisch, der aus einer stabilen dreieckigen Holzplatte auf dicken Beinen bestand. An jeder Seite des Tischs konnte man sich auf eine ebenso rustikale Bank ohne Lehne setzen. Die Gruppe bot locker Platz für sechs Personen, aber zur Not würden hier auch neun Leute sitzen und essen können. Vervollständigt wurde das Mobiliar durch eine Kommode und einen Küchenschrank aus naturbelassenem hellem Holz, die wohl mit dem nötigen Geschirr und Besteck ausgestattet waren. Auf allen Möbeln im Raum waren Deckchen mit Blumenmuster und Muscheln in allen Größen verteilt.

Eine schlichte Holztreppe, eher eine Leiter, führte links neben dem Esstisch nach oben. Camille folgte Guéguens Blick nach oben, wo sich ein weiteres Stockwerk, ähnlich wie im Maisonette-Stil, erstreckte. Über eine Galerie, deren Luftraum dem Betrachter einen großzügigen Blick bis zum Dach hinauf gewährte, gelangte man offenbar zu den Schlafzimmern, von denen eines links und eines rechts von der Galerie abging.

Jetzt ging Guéguen um die Treppe herum und sagte mit einem Blick über die Schulter: „Hier hinten ist die Küche. Elle est mignonne, aber Sie finden alles, was Sie brauchen.“

Greta folgte ihm mit einer der Einkaufstüten in der Hand, die sie mit hereingebracht hatte, und stellte sie dort ab. Camille machte ebenfalls die wenigen Schritte bis zur Küchenzeile und entdeckte einen Gasherd und sogar eine Spülmaschine unter der Edelstahlspüle. Sie stellte die Tasche mit den Weinflaschen auf der schmalen Arbeitsplatte ab. Erwann Guéguen hatte recht, viel Platz war hier nicht, aber alles Nötige war vorhanden. Ein kleines Fenster ging nach hinten hinaus, wie auch eine Tür, die der Haustür gegenüber lag und in den Garten führen musste. Jetzt, im Dunkeln, konnte sie allerdings nur sehen, dass dort hohe Bäume standen. Sie nahm sich vor, am nächsten Morgen bei Tageslicht alles zu erkunden. In diesem Moment war es einfach eine Wohltat, überhaupt eine Unterkunft gefunden zu haben.

Guéguen kam wieder aus der Küche hervor und ging um die Treppe herum, die vier folgten ihm. Erst jetzt sahen sie, dass links vom Eingang eine Tür in einen weiteren Raum führte. Dort verbarg sich eine kleine Toilette und dahinter ein Badezimmer.

„Hier haben Sie das Bad, und die Schlafzimmer sind oben.“ Guéguen reckte den Kopf, rief einen Frauennamen und schickte einen ganzen Schwall bretonischer Wörter hinterher. Camille war sich nicht sicher, ob es eine Frage, ein Befehl oder eine Schimpftirade war.

„Oui?“, erklang eine junge Stimme von oben, und dann trat eine Frau aus der Tür links der Treppe. Sie kam zum Treppenabsatz vor, rieb sich mit dem Handrücken über die Stirn und blickte auf Guéguen herab.

Neben ihr lag ein Bündel Wäsche auf dem Treppenabsatz. Guéguen fragte, ob sie mit den Betten fertig sei, die junge Frau packte das Wäschebündel mit beiden Armen und kam die Treppe herunter, um es in einen riesigen Stoffsack zu stopfen, der auf der Sitzbank gelegen hatte. Mit einem Lächeln grüßte sie in die Runde, bevor sie Guéguens Frage bejahte und erklärte, dass sie nur noch den Staubsauger herunterholen müsse.

Guéguen stieg hinauf und zeigte den vieren die beiden Schlafzimmer. Zur Linken lag eines mit einem Doppelbett, in dem Zimmer auf der rechten Seite standen zwei Einzelbetten. Interessanterweise gab es zwischen den beiden Zimmern, auf der Galerie, zwei weitere Betten, die Kopf an Kopf unter der Dachschräge standen. Bunte Tagesdecken und zwei Kuscheltiere zeigten, dass sie für Kinder gedacht waren.

In wenigen Minuten einigten die vier sich darauf, dass Greta und Camille das Zimmer mit dem Ehebett und die beiden Jungs das mit den getrennten Betten beziehen würden.

„Falls du zu laut schnarchst, fliegst du“, erklärte Falko.

„Dito“, war Samirs schlichter Konter.

„Wollen wir noch ein Glas Wein als Schlummertrunk nehmen?“, schlug Greta vor, nachdem alle ihre Koffer in die Zimmer getragen hatten und sich im Wohnraum versammelten. Sie wandte sich an Guéguen, der in diesem Moment die Putzfrau an der Haustür verabschiedete. „Leisten Sie uns noch ein bisschen Gesellschaft?“

Guéguen schien unentschlossen, gesellte sich aber zu ihnen. Falko holte eine der Weinflaschen, suchte in den Schubladen des Küchenschranks, bis er einen Korkenzieher fand, und zog den Burgunder auf. Camille setzte sich mit einem Aufatmen auf eine der Bänke und nahm dankbar ihr Glas entgegen. Guéguen stand noch unschlüssig neben dem Tisch und warf einen Blick auf seine Armbanduhr. Er runzelte die Stirn, dann nahm er das Glas, das Falko ihm auffordernd hinhielt, und nickte. „Zehn Minuten werde ich schon noch bleiben können. Mailys ist ja nicht allein, Molly ist bei ihr.“

Am Ende saß Camille neben Falko und spürte wohlig die Wärme, die von ihm ausging. Ihr war klar, was das bedeutete, denn sie hatte sich schon oft in ihrem Leben verliebt. Und es tat gut, weil es sie darin bestärken würde, Samir gegenüber Distanz zu bewahren.

Die Freunde prosteten einander und Guéguen zu und tranken den dunkelroten Wein. Eine gelassene Ruhe breitete sich zwischen ihnen aus. Camille unterdrückte ein Gähnen. Inzwischen störten sie ihre warmen Klamotten nicht mehr, weil es merklich abgekühlt hatte, und sie fühlte sich rundum wohl. Sie bemerkte Falkos Geruch, der sich zu ihrem gesellte und den sie sehr mochte. Auch Samirs herbe Note und die blumige von Greta konnte sie riechen, und überrascht erkannte sie, wie angenehm diese Mischung war.

Greta griff plötzlich in ihre Hosentasche und zog ihr Handy hervor. „Oh je, ich habe ganz vergessen, mich zu melden. Meine Eltern …“ Sie verdrehte die Augen, tippte mit beiden Daumen rasch eine Nachricht, dann blickte sie einen Moment auf das Smartphone, als hätte sie einen Geist gesehen, und nahm einen Anruf an, der soeben hereinkam. „Hallo, Mia!“ Sie schaltete den Lautsprecher ein und hielt das Handy in die Mitte, sodass alle darauf schauen konnten.

Mia hatte sich per Videocall gemeldet und sprudelte sofort los. „Mann, ich versuche schon seit Stunden, euch zu erreichen! Was ist denn nur los? Seid ihr gut angekommen?“

Falko und Camille beugten sich vor, und auch Samir, der auf der dritten Bank saß, blickte interessiert auf Gretas Handy. Er kannte Mia ja noch gar nicht persönlich, wurde Camille klar.

„Über Umwege, ja.“ Greta erzählte in knappen Worten, dass sie sich eine neue Unterkunft hatten suchen müssen. Nachdem Camille und auch Falko Mia von den Vorzügen der neuen Unterkunft vorgeschwärmt hatten, schien ihre Freundin zufrieden.

„Okay“, sagte sie schließlich, „da ihr jetzt also endgültig angekommen seid, habe ich euch etwas zu sagen. Niklas und ich haben uns für euch einiges ausgedacht. Ihr habt doch hoffentlich nicht geglaubt, dass ihr euch zurücklehnen und chillen könnt?“

„Was?“, rief Greta aus, aber Camille konnte das Lachen in ihrer Stimme hören. Guéguen beugte sich interessiert vor, wodurch er für Mia sichtbar wurde.

„Oh, ihr habt Besuch?“, fragte sie.

„Bonsoir, Madame“, sagte Guéguen. „Isch bin ein alter Freund des Hauses.“ Camille war überrascht, dass er Deutsch verstand.

„Perfekt, dann können Sie, wenn Sie wollen, den Schiedsrichter spielen.“

„Moment mal“, mischte Camille sich ein, „worum geht es denn hier überhaupt?“

„Wir haben uns gedacht, dass wir die schöne Spiele-Tradition unserer Hochzeit noch mal aufleben lassen. Ihr bekommt für jeden Tag eine Challenge. Keine Angst, nichts Schwieriges, einfach ein paar Spielchen.“ Sie feixte.

„Madame, isch werde gerne richten.“ Guéguens Lachfältchen neben den Augen zeichneten sich tief ab.

„Ich schicke euch eure Aufgabe jeden Tag per Mail oder WhatsApp zu. Und abends oder am nächsten Tag berichtet ihr mir dann.“ Mia stockte und wandte den Blick kurz von ihrem Handy ab. „Heute ist es schon spät geworden, also machen wir etwas wirklich Einfaches. Jeder von euch zählt vier positive Eigenschaften auf. Aber nicht von den anderen, sondern von sich selbst.“

Kapitel 6

„Das ist eine schöne Idee von Ihren Freunden“, erklärte Guéguen, dann seufzte er und blickte auf seine Armbanduhr. „Aber es ist schon nach zehn. Ich muss zu Mailys, sie wird warten.“ Einen Moment schien es, als wolle er noch etwas hinzufügen, doch dann straffte er die Schultern und stand auf. „Ich habe eine Bitte an Sie. Wenn es Ihnen nicht zu persönlich ist, notieren Sie doch bitte die Ergebnisse. Ich bin sehr gespannt, wie Sie sich selbst einschätzen.“

Camille fragte sich einmal mehr, was wohl Guéguens Beruf war, und nahm sich vor, in den nächsten Tagen mehr über ihn herauszufinden. Dieses Urgestein bretonischer Herkunft interessierte sie. Etwas an ihm war widersprüchlich, auch wenn sie ihn zu wenig kannte, um sagen zu können, was es war. Guéguen strahlte zugleich eine Erdverbundenheit und unmittelbare Natürlichkeit aus, die ihn wie einen Fischer wirken ließ, während seine Sprache, seine Gesten und seine Mimik – und seine Empathie, die sie in ihm zu entdecken glaubte – eine gewisse Bildung und häufigen Umgang mit Menschen zu enthüllen schienen. Sein großes Interesse an Mias Spiel könnte darauf hindeuten, dass er Psychologe war.

„Warten Sie, Monsieur Guéguen.“ Samir stand ebenfalls auf.

„Bitte, nennt mich Erwann. So sagen hier alle zu mir.“

„Was meint ihr“, Samir wandte sich an Greta, Camille und Falko. „Findet ihr nicht auch, dass wir die gesamte Woche in diesem Häuschen bleiben sollten?“

„Wollte ich auch gerade vorschlagen“, sagte Falko. Camille und Greta nickten.

„Also, Erwann, meinst du, wir können die Woche hier wohnen bleiben? Oder wäre das für Madame Louane ein Problem?“

Erwann spitzte die Lippen, dann schüttelte er den Kopf. „Nein, ich glaube sogar, dass es besser ist, wenn sie keine Gäste aufnimmt. Louane hatte eine gute Saison, diese eine Woche wird ihr nicht schaden. Außerdem wird es ihr guttun, wenn sie noch etwas Ruhe hat, um zu trauern.“ Er deutete erneut ein Kopfschütteln an. „Es ist für uns alle immer noch ein Schock, dass Maelle zu Tode gekommen ist.“

Damit verabschiedete er sich und kündigte an, er werde in den nächsten Tagen wieder vorbeischauen.

„Können wir uns rüber setzen?“ Greta griff nach ihrem Glas, stand auf und deutete auf die Couchgarnitur.

„Klar. Und ich mache uns ein kleines Feuer“, erklärte Samir, ging um den Tisch herum zu dem Ofen und begann, bereitliegendes Zeitungspapier, Anfeuerholz und zwei große Scheite hineinzuschichten. Nur zehn Minuten später breitete sich behagliche Wärme aus.

Greta hatte sich auf einen der Sessel fallen lassen und die Füße auf die Ecke des kleinen Tisches gelegt, sie hielt ihr Weinglas in der Hand und entspannte sich sichtlich. „Ach, ist das herrlich hier! Morgen schauen wir uns die Umgebung an, ja? Und wir suchen das Meer. Das muss ganz in der Nähe sein. Ich bin schon so gespannt!“

Camille überlegte einen Moment, ob sie sich auf den zweiten Sessel gegenüber von Greta setzen sollte, zuckte mit den Schultern und fläzte sich stattdessen auf den Couchplatz, der ihrer Freundin am nächsten war.

Falko war in der Zwischenzeit zur Küche gegangen und entkorkte eine zweite Flasche Wein. Sie hoffte darauf, dass er sich neben sie setzen würde, aber leider wählte er den Sessel Greta gegenüber. Samir, der sich den Ruß von den Fingern gewaschen hatte, kam als letzter und setzte sich neben Camille. Die Couch war groß genug, sodass sie sich nicht berührten, worüber Camille froh war. Sie versuchte sich zu entspannen, und langsam begann eine wohlige Mattigkeit sich in ihr auszubreiten. Da erinnerte sie sich an Mias Aufgabe. „So, Leute. Vier positive Eigenschaften, das dürfte doch ganz einfach sein, oder? Wer fängt an?“

Sie dachte nach, was sie über sich selbst als Erstes sagen würde. Fröhlich? Entspannt? Selbstständig? Humorvoll? Das alles waren Dinge, derer sie sich nicht sicher war. Sie war eben nicht immer fröhlich, nicht einmal die meiste Zeit. Und entspannt – war das überhaupt eine Eigenschaft? Selbstständig, ja, das war sie, aber würde Mia das gelten lassen? Das war doch eher eine Äußerlichkeit.

Noch während sie ihren Überlegungen nachhing, bemerkte sie, dass auch die anderen angestrengt nachzudenken schienen.

„Hm“, machte Samir jetzt, „das ist gar nicht so leicht. Was heißt denn überhaupt positiv? Gute Laune? Meint Mia so was?“

„Ich denke schon.“ Falko blies die Wangen auf. „Gute Laune ist doch immer etwas Gutes, oder nicht? Sie wirkt ansteckend und sie macht andere auch fröhlich. Aber trifft das auf einen von uns zu? Ich würde mich jedenfalls nicht als immerzu gut gelaunt bezeichnen.“

Camille sah von Falko zu Samir und bemerkte den traurigen Zug, der wie ein Schatten über sein Gesicht glitt, um gleich darauf wieder zu verschwinden.

„Nein, ich auch nicht“, sagte er. „Gute Laune oder Fröhlichkeit sind nicht gerade meine Kennzeichen.“

„Bleiben wir doch mal bei dir, Samir.“ Greta zog die Füße vom Tisch, setzte sich aufrecht hin und beugte sich vor. „Wir kennen dich ja nicht so gut – abgesehen von Camille.“ Sie drehte sich zu Camille. „Du kannst also einschätzen, ob es stimmt, was er sagt.“ Sie grinste, dann sah sie erneut zu Samir. „Was sind deine vier besten Eigenschaften?“

Samir lehnte sich zurück, sein Knie berührte nun doch das von Camille, und sie wollte ihr Bein instinktiv wegziehen, doch dann ließ sie es. Die Situation erinnerte sie an ihre Kindheit, als sie im Gras gesessen und gespielt hatten, Samir, Julien und sie.

„Vier positive Eigenschaften also. Ich glaube, ich kann behaupten, dass ich tolerant bin. Gilt das?“

„Ja klar gilt das“, antwortete Falko. „Toleranz ist doch eine großartige Eigenschaft. Aber worauf beziehst du es im Einzelnen? Auf Hautfarben oder Gewohnheiten oder –?“

„Auf das Menschlich-Allzumenschliche, denke ich. Auf Hautfarben sowieso. Ich meine – ich habe Vorfahren aus Saudi-Arabien und lebe in Frankreich. Mein Opa war einer der großmütigsten Menschen, die ich in meinem Leben kennengelernt habe. Er war Muslim, hat aber eine Christin geheiratet. Er hat mit Sicherheit gegen viele Vorurteile kämpfen müssen. Meine Mutter hat uns Kindern einiges erzählt, was sie in ihrer Jugend erleben musste. Das wurde erst später besser, nachdem sie einen Franzosen geheiratet hatte und meine Geschwister und ich da waren. Vielleicht ist das der Grund, weshalb ich ohne Vorurteile lebe.“ Er hielt einen Moment inne. „Zumindest glaube ich das von mir. Ob es wirklich stimmt … Kann man sich da immer sicher sein? Was meint ihr? Sind wir wirklich komplett vorurteilsfrei? Ich meine, mal davon abgesehen, wie wir anderen Völkern gegenüber eingestellt sind. Ich denke, da dürften wir alle relativ gleich ticken. Aber einfache Dinge des Lebens. Unsere Einstellung gegenüber Alten, Andersgläubigen, Kriminellen?“ Er hielt inne.

„Da machst du jetzt aber ein Fass auf“, sagte Falko und zögerte, bevor er weitersprach. „Ich schätze, wir können uns alle nicht ganz davon freimachen, dass es Dinge gibt, die wir nicht tolerieren.“

„Nein. Ich werde zum Beispiel zur Furie, wenn ich nichts zu essen bekomme.“ Greta gluckste. „Ich weiß, ein bescheuertes Beispiel. Aber ja, ich denke, dich würde ich als tolerant bezeichnen, Samir.“

Camille nickte. „Ja, er ist absolut tolerant. Ich würde fast sagen, du bist der toleranteste Mensch, den ich kenne“, sagte sie zu ihm gewandt.

Seine blauen Augen schimmerten dunkel, als er lächelte. „Danke“, formte er stumm mit den Lippen.

Camille trank einen Schluck Wein und sah ihn abwartend an.

„Tja, dann wird es schon schwieriger. Ich glaube, ich bin humorvoll. Allerdings bin ich mir nicht sicher, ob andere das auch so sehen oder ob sie mich eher als ironisch oder sogar zynisch bezeichnen würden.“ Samir legte den Kopf schräg. Camille wollte darauf reagieren, doch da sprach er weiter. „Mir fällt gerade auf, dass es mir viel leichter fällt, negative Eigenschaften aufzuzählen. Ich bin ungeduldig, ehrgeizig, perfektionistisch, nicht besonders teamfähig, kann mich nicht selbst aufrichten, wenn ich down bin … Alles Dinge, die mir und den anderen das Leben eher schwer machen.“ Er runzelte die Stirn.

Camille sah ihn überrascht an, dann sprudelte sie los, ohne nachzudenken. „Ungeduldig, ja, das stimmt. Aber das ist nicht unbedingt negativ zu sehen, weil du es nur dir selbst gegenüber bist. Wenn ich an unsere Kindheit zurückdenke und daran, mit welcher Engelsgeduld du mir und Julien Französisch beigebracht hast. Und Ehrgeiz ist doch nichts Negatives.“

„Ehrgeiz?“, fiel Greta ihr ins Wort. „Das ist das Lieblingswort meiner Eltern.“ Sie betonte das Wort auf eine Weise, die deutlich zeigte, was sie davon hielt. Nämlich nichts.

„Hm“, mischte Falko sich ein. „Ich mag das Wort auch nicht so. Aber eigentlich bedeutet Ehrgeiz doch nichts anderes als Zielstrebigkeit, oder?“

„Ja, im Grunde schon“, stimmte Samir ihm zu. „Aber ich ertappe mich manchmal dabei, wie ich meinen Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen gegenüber wirklich unleidlich werde, bloß weil sie nicht schnell genug umsetzen, was ich will. Womit wir wieder bei der Ungeduld sind.“ Er zog die Schultern hoch. „Aber ich arbeite daran.“

„Jedenfalls habe ich schon bei der Hochzeit im Winter eine positive Eigenschaft an dir entdeckt, Greta“, erklärte Falko, indem er sich ihr zuwandte. Er schenkte ihr sein Lächeln, und Camille wünschte sich in diesem Moment nichts sehnlicher, als dass er sie auf die gleiche Art anlächeln würde.

„Sekunde“, unterbrach sie ihn, als er weiterreden wollte. „Es geht darum, dass wir unsere positiven Eigenschaften selbst erkennen und aufzählen.“

Greta trank einen Schluck, sah Falko über den Gläserrand hinweg an und zog bedauernd die Schulter hoch. „Also zurück zu dir, Samir. Du hast uns bisher nur eine positive Eigenschaft genannt. Ist dir inzwischen eine weitere eingefallen?“

„Ich finde es echt schwer, das selbst einzuschätzen. Woher soll ich wissen, was an mir für andere Menschen angenehm ist? Geht es euch nicht auch so? Was ist deine positivste Eigenschaft, Camille?“

So unmittelbar mit der Frage konfrontiert wusste Camille nicht, was sie antworten sollte, obwohl sie genügend Zeit gehabt hatte, darüber nachzudenken. „Vielleicht ist es Gelassenheit in manchen Dingen“, sagte sie langsam. In ihrem Innern zog sich etwas zusammen, denn dieses in manchen Dingen beinhaltete das große Thema ihres Lebens, die Einsamkeit. Allerdings war es eine erzwungene Gelassenheit, denn das Leben ließ ihr nun mal keine Wahl. Obwohl das Alleinsein sie belastete, musste sie sich damit arrangieren, keinen festen Lebenspartner zu haben. Natürlich war sie absolut in der Lage, ein Leben ohne Mann an ihrer Seite zu führen. Warum hatte sie diese Erkenntnis nur auf so schmerzhafte Weise lernen müssen?

Ja, sie war seit der Enttäuschung mit Samir gelassener mit all ihren männlichen Bekanntschaften umgegangen, selbst mit der letzten, Carlo, der sie angebaggert hatte, obwohl er noch mit einer anderen liiert gewesen war. Camille erinnerte sich an ein Gespräch mit Sophie, Greta und Mia kurz vor der Hochzeit. Die drei Brautjungfern waren bei Niklas und Mia zu Hause gewesen und hatten über Männer und Frauen gesprochen, und es hatte sich gezeigt, dass Camille die meisten Beziehungen mit Männern und daher größte Erfahrung vorzuweisen hatte. Es machte das Leben einfacher, wenn man es schaffte, von neuen Bekanntschaften nichts zu erwarten. Was jedoch nicht etwa bedeutete, dass ihr das gut gelänge. Das Gefühl, verliebt zu sein, war einfach zu schön, und, nun ja, die Hoffnung, dass es dieses Mal der Richtige war, entstand jedes Mal wieder von Neuem, ob sie es nun wollte oder nicht. Versonnen sah sie Falko an, der ihren Blick erwiderte.

„Das stimmt“, pflichtete er ihr unerwartet bei, und eine warme Welle zog durch ihren Bauch. „Du hast mich bei der Hochzeit wirklich beeindruckt. Wie souverän du mit Carlo umgegangen bist. Und du hast keine Rache eingefordert.“ Er deutete ein Kopfschütteln an, warf Greta einen Seitenblick zu und sprach weiter. „Außerdem fand ich deine improvisierte Rede stark, Camille.“

„Allerdings, deine Rede war richtig schön. Ich hätte das nicht so gekonnt. Hast du eigentlich mittlerweile angefangen zu schreiben?“ Bei Gretas Frage spürte Camille Samirs Blick auf sich ruhen.

„Im Zug hast du geschrieben, oder irre ich mich?“

Camille bemerkte verwirrt, dass sein Blick in ihr die gleiche Empfindung auslöste wie Falkos Kompliment. „Ähm, ja. Ich schreibe schon seit einer Weile Kurzgeschichten. Jetzt will ich mich an etwas Längeres wagen.“

Samir blickte sie alle der Reihe nach an. „Das ist auch etwas Positives – seine Neigungen erkennen und ihnen folgen. Und wenn ich es recht bedenke, trifft das wohl auf uns alle zu. Oder?“ Sein Blick blieb an Falko hängen. „Du hast noch nichts zu dir selbst gesagt. Lebst du das, was dich ausmacht?“

„Das ist eine schwierige Frage. Im Ernst, noch vor einer halben Stunde hätte ich sofort mit Ja geantwortet. Aber jetzt bin ich mir nicht mehr sicher. Ihr wisst ja alle, dass Sport mein Ding ist. Ich habe Sport studiert und werde – hoffentlich – im Herbst promoviert. Eine Professur ist mir so gut wie sicher. Es ist mein Beruf, es ist mein Hobby, es ist mein Lebensinhalt.“ Nachdenklich sah er Greta an, wobei es so wirkte, als nehme er sie nicht wirklich wahr. „Aber jetzt“, er sah zu Samir und Camille, die seinen Blick festhielt. Ihr Herz pochte heftig. „Na ja“, Falko zog eine Schulter hoch, „ich frage mich, ob meine Berufswahl mehr eine Folge meiner Kindheit und meiner Familienkonstellation ist, als mein ureigener Wunsch.“ Er runzelte die Stirn.

Camille hatte den Impuls, den Platz mit Samir zu tauschen, um Falko ihre Hand aufs Knie zu legen. Er strahlte etwas Jungenhaftes und Verletzliches aus. Unverhofft erinnerte sie sich daran, wie niedergeschlagen Falko bei der Hochzeit seines besten Freundes Niklas gewirkt hatte. Er war damals nicht damit herausgerückt, was ihn so bedrückte, sondern hatte nur vage angedeutet, dass es mit seiner Familie zu tun hatte. Jetzt beugte er sich vor, stützte die Ellbogen auf den Knien ab und grub die Hände in sein Haar.

„Aber du lebst auf, wenn du vom Sport sprichst. Ich habe schon das Gefühl, dass es genau dein Ding ist.“ Greta sprach aus, was Camille dachte.

Falko hob den Kopf und nickte langsam. „Ja, mein Ding ist es schon. Aber manchmal frage ich mich, was ich verpasst habe. Ich hatte immer das Gefühl, laufen zu müssen. Versteht ihr? Es war so, als würde ich gejagt, ohne dass ich hätte sagen können, von wem oder wovon. Ich, ich glaube, ich musste etwas beweisen. Meinen Eltern, denke ich.“ Seine Stimme klang überrascht. „Es ging darum, auf mich aufmerksam zu machen.“ Er sprach jetzt langsamer, als würde ihm das, was er erzählte, gerade erst klar.

Camilles Puls beschleunigte sich und sie musste das Gefühl, ihn in die Arme ziehen zu wollen, unterdrücken.

„Warum musstest du auf dich aufmerksam machen?“, wollte Samir wissen.

Falko verzog das Gesicht, als hätte er Schmerzen. „Das ist schwierig. Ich habe zwei Schwestern, Zwillinge. Sie sind fünf Jahre jünger als ich und sie kamen völlig überraschend. Ich“, er hielt inne und nahm einen tiefen Schluck Wein, bevor er weitersprach, „ich wusste nicht, dass ich adoptiert bin.“ Er schluckte nochmals.

„Was?“, rief Greta aus, und auch Camille riss die Augen auf. Falko war adoptiert? Das hatte er ihnen nie erzählt.

„Ja. Ich habe es letztes Jahr kurz vor Weihnachten erfahren. Ihr wisst, dass meine Mutter im Frühling gestorben ist? Sie hat mir vor der Hochzeit alles gestanden, weil sie nicht wusste, wie lange sie noch zu leben hatte.“ Er fuhr sich mit beiden Händen über das Gesicht.

„Deshalb wolltest du nicht nach Metz kommen“, sagte Camille tonlos. „Jetzt verstehe ich alles.“

Falko nickte. „Ich war unsagbar wütend, als ich gehört habe, dass ich adoptiert bin. Wie hatten meine Eltern mir das mein ganzes Leben lang vorenthalten können? Versteht mich nicht falsch, ich bin mir sicher, dass sie mich geliebt haben. Aber dieses Gefühl, das ich nie zuordnen konnte, das Gefühl, dass ich nicht am richtigen Platz war, das war plötzlich wahr. Ich gehörte nicht wirklich zu dieser Familie.“

„Aber sie lieben dich doch. Auch deine Schwestern, oder nicht?“ Camilles Stimme war bei der Frage leise geworden.

„Ja, das tun sie, wenn auch nur im Rahmen ihrer Möglichkeiten. Aber ich konnte ihnen nie einen Vorwurf machen. Ich habe damals sehr früh begriffen, dass sie krank sind und nichts dafür konnten, dass …“

„Sie sind krank?“, fragte Samir, als Falko nicht weiterredete.

„Nun, nicht krank im eigentlichen Sinn. Sie haben eine Form des Autismus.“

„Oh, das muss schwer für dich gewesen sein.“

„Du bist der Erste, der das sofort sieht, weißt du das? Sonst hieß es immer, wie schrecklich das für meine Eltern sein muss – und natürlich auch für Lily und Laika. Es hieß immer, ich wäre ein großer, ernsthafter, starker Junge. War ich ja auch, und ich bin es immer noch.“ Unvermittelt weichte ein Lächeln seinen harten Gesichtsausdruck auf. „Das Ernsthafte habe ich abgelegt. Na ja, jedenfalls war es tatsächlich nicht ganz leicht. Ich habe früh verstanden, dass meine Eltern sich vermehrt um die Zwillinge kümmern mussten, und es wurde mit den Jahren dann ja auch etwas einfacher. Ich liebe meine Schwestern. Und dass ich adoptiert wurde, spielt heute – endlich – nicht mehr die große Rolle. Aber schlimm war, dass ich es nicht wusste. Wisst ihr, wie betrogen ich mich fühlte?“ Er runzelte die Stirn. „Und könnt ihr euch vorstellen, wie das alles plötzlich in ein anderes Licht rückte, nachdem ich erfahren hatte, dass ich nicht das leibliche Kind meiner Eltern war? Hatten sie mich mir selbst überlassen, weil ich nur adoptiert war? Das habe ich mich eine Weile allen Ernstes gefragt. Aber nicht nur das, sondern auch, ob meine Mutter mir das überhaupt gebeichtet hätte, wenn sie nicht krank geworden wäre. Oder hätten sie mir die Wahrheit einfach weiter vorenthalten? Und wie lange?“ Er nahm noch einen Schluck aus seinem Glas, dann wischte er mit der Hand durch die Luft. „However, ich habe meinen Frieden mit ihr gemacht. Das war nicht leicht, das könnt ihr mir glauben. Aber als ihre Krankheit sie immer mehr aufzehrte und von der starken Frau, die sie war, am Ende nur noch ein trauriges und anlehnungsbedürftiges Mädchen übrig blieb, da verstand ich, dass sie niemals etwas Böses gewollt hatte. Sie litt darunter, dass sie und mein Vater eine falsche Entscheidung getroffen hatten. Ich habe es ihnen verziehen. Aber jetzt“, er biss sich auf die Unterlippe, „jetzt frage ich mich, ob ich eine andere Laufbahn eingeschlagen hätte, wenn das alles anders gelaufen wäre. Wenn dieses Gefühl, getrieben zu sein, nicht da gewesen wäre.“ Er schüttelte den Kopf. „Andererseits liebe ich es nach wie vor, mich zu verausgaben und anderen Menschen zu zeigen, was alles möglich ist. Ich freue mich übrigens aufs Kitesurfen.“ Er lachte, plötzlich befreit. „So, das war nun aber nichts Positives – oder nur halb. Ich lebe eine meiner großen Leidenschaften aus, ja. Aber lasse ich auch noch Raum für anderes?“

„Ich erkenne jedenfalls in dieser Geschichte einen ganz außergewöhnlichen Charakterzug“, sagte Samir jetzt. Camille ahnte, was er meinte, und nickte langsam.

„Du kannst verzeihen“, fuhr Samir fort. „Du hast es sogar bereits getan. Das ist wirklich groß.“

Ein Gedanke streifte Camille: Würde sie selbst auch so vollkommen verzeihen können wie Falko? Dann fiel ihr ein, wie sehr Samir sie damals verletzt hatte, und sie musste sich eingestehen, dass sie meilenweit davon entfernt war, ihm zu verzeihen. Doch sie schwieg und betrachtete weiterhin Falko, dessen Augen sich plötzlich mit Tränen füllten. Camille gab ihrem Impuls nach, stand auf und ging zu ihm. Sie schloss ihn in die Arme und spürte die Tiefe der Emotion, die von ihm zu ihr hinüberfloss, und sie sog seinen Geruch mit jeder Faser in sich auf. Ob Mia gewusst hatte, was sie in ihnen auslösen würde, als sie sich dieses Spiel ausgedacht hatte?

Sie konnten die Spielregeln nicht wirklich einhalten, weil jeder von ihnen zu selbstkritisch war, um selbstbewusst die eigenen positiven Eigenschaften zu sehen. Vielleicht war aber auch genau das Mias Ziel gewesen. Ihnen zu zeigen, dass sie sich selbst mehr akzeptieren sollten. Das würde zu ihrer empathischen Freundin passen. Blöderweise bremste Camilles Selbsterkenntnis, dass sie Samir gegenüber bisher unversöhnlich blieb und auch nicht das Gefühl hatte, dies ändern zu können, ihre Suche nach Positivem an sich selbst aus. Sie schaffte es nicht einmal, eine einzige gute Eigenschaft zu nennen, die ihr nicht oberflächlich und unwichtig erschien. Schließlich sagten ihre Freunde ihr auf den Kopf zu, dass sie warmherzig, selbstbewusst, lebensfroh und gelassen wirkte, und wie sehr sie sie deshalb mochten. Sie ließ ihre Freunde in dem Glauben. Wozu sollte sie ihnen klarmachen, dass diese Wahrnehmung verzerrt war und sie nur sehr geschickt ihre dunklen Seiten vor ihnen zu verbergen wusste?

Aber da es Camille zur zweiten Natur geworden war, ihre Unversöhnlichkeit zu überspielen, rang sie sich dazu durch, Samir zu sagen, dass sie neben seiner Toleranz seinen Humor, seine ruhige, empathische Art und seine Fähigkeit, ein unterhaltender Gesellschafter zu sein, immer schon gemocht hatte. Dass er sich damals ausgerechnet ihr gegenüber als gefühllos erwiesen hatte, verschwieg sie wohlweislich.

Greta erfuhr über sich selbst, dass sie die meiste Zeit eine ansteckende Fröhlichkeit und Leichtigkeit ausstrahlte – wenn sie nicht gerade hungrig war. Außerdem war sie intuitiv und dazu in der Lage, die Bedürfnisse ihrer Mitmenschen zu erspüren, und sie konnte tatkräftig die Dinge in die Hand nehmen, sobald sie erkannte, wo etwas hakte.

Falko schließlich sagten die Freunde, dass er energiegeladen wirkte und das auch weitergeben konnte. Außerdem konnte man mit ihm Pferde stehlen und ihm bedingungslos vertrauen. Samir hob hervor, dass er seine Bodenständigkeit sehr mochte.

Es war lange nach Mitternacht, als die vier einander eine gute Nacht wünschten. Camille lag neben Greta im Bett, lauschte auf die ruhigen Atemzüge ihrer Freundin und konnte nicht einschlafen. Sie hatte das Gefühl, an diesem Tag viel über sich herausgefunden zu haben. Allerdings war sie noch nicht bereit, ihren Freunden gegenüber alles einzugestehen. Ob sie das jemals können würde? In Gedanken schickte sie dennoch ein Dankeschön an Mia und Niklas, die durch ihr Spiel eine Seite in ihr berührt hatten, der sie sich lange Zeit nicht gestellt hatte. Vielleicht würde sie aus diesem Urlaub mehr mitnehmen, als sie erwartet hatte. Ein einzelner Vogel sang draußen sein Lied, als sie endlich in den Schlaf hinüberglitt. Sie fragte sich nicht, ob es bereits der erste Morgengruß war oder eine Nachtigall, die sie in den Schlaf sang.

Kapitel 7

Noch immer sang der Vogel sein Lied, als Camille langsam wieder aus dem Schlaf aufwachte. Erst dann bemerkte sie, dass es eine Vielzahl von Vogelstimmen war, und durch das halbrunde kleine Fenster der Dachgaube über dem winzigen Sekretär schien helles Licht herein. Sie streckte sich wohlig und nahm die Gerüche des Zimmers auf – Holz, Waschmittel und auch etwas, das sie nicht erkannte. Vielleicht trug das reetgedeckte Dach zu diesem speziellen Geruch bei. Sie nahm sich vor, Eglantine oder Erwann nach dem Alter des Hauses zu fragen. Was sie nicht vermisste, waren Spuren von Abgasen – genauso wenig wie den Lärm von Autos.

Camille warf einen Blick auf ihre Bettnachbarin. Greta lag zusammengerollt wie ein Kind, das Gesicht in ihre Richtung gewandt, und schlief noch fest. Wie jung sie im Schlaf aussah! Camille horchte, ob sie von den Männern irgendwelche Geräusche hören konnte, aber es war alles ruhig. Vermutlich schliefen auch sie noch. Sie beschloss, hinunterzugehen und nach dem Hund zu sehen. Sie schnappte sich frische Unterwäsche, eine bequeme Bermudashorts und ein T‑Shirt und stieg leise die Treppe hinunter, an deren Fuß Banou sie bereits erwartete und erfreut mit dem Hinterteil wackelte.

„Du musst bestimmt mal für kleine Damen, was?“, flüsterte Camille und legte der Hündin rasch die Leine an, da sie nicht riskieren wollte, dass sie ihr davonlief. Dann tat sie, was sie sich gestern schon vorgenommen hatte, und öffnete noch im Nachthemd die Tür, die in den Garten führte. Wie erhofft, fand sie einen Tisch und Gartenstühle inmitten der Wiese vor. An beiden Seiten des Grundstücks zog sich eine Mauer aus aufgeschichteten Natursteinen entlang, am Ende gab es jedoch keine Abgrenzung. Als sie mit Banou über das taufeuchte Gras dorthin schlenderte, sah sie, dass ein Bach das Grundstück begrenzte. Auf beiden Seiten des Baches standen große Bäume, die sie am Abend zuvor durch das Fenster hatte sehen können. An den Gartenmauern wuchsen Rosenbüsche und andere Blumen, auch die Wiese war von Wildblumen übersät, die dem Rasenmäher getrotzt hatten oder einfach schneller wuchsen als das Gras. Zur linken Seite ging die Mauer in die Ruine eines kleinen Steingebäudes über, das vielleicht mal ein Schuppen oder ein kleiner Stall gewesen war. Auch darauf wuchsen Blumen und Pflanzen. Was für ein zauberhafter Ort! Camille beschloss, zu duschen und dann den Tisch für ein Frühstück im Freien zu decken.

Obwohl sie sich Mühe gab, leise zu sein, wachten ihre Mitbewohner nach und nach auf, begrüßten sie mit verschlafenen Gesichtern und reagierten begeistert auf die Idee, draußen zu frühstücken. Der Erste, der ihr Gesellschaft leistete, war Samir. Nachdem er ihr einen guten Morgen gewünscht und sich die stürmische Begrüßung seiner Hündin abgeholt hatte, versorgte er Banou mit einer Schleppleine, die es ihr erlaubte, das gesamte Grundstück zu erkunden, ohne dass sie sich zu weit vom Haus entfernte. Camille beobachtete beim Tisch decken verstohlen, wie er sich in der Morgensonne in Schlafshorts und mit freiem Oberkörper bückte, um den Hund zu kraulen. Sie genoss den Anblick seiner Haut und der Muskeln, die seinen leicht untersetzten Körper überzogen. Seine Körperbehaarung wirkte an ihm völlig natürlich, und verstörenderweise musste Camille daran denken, wie es sich wohl anfühlen würde, diesen dunkel schimmernden, samtigen Flaum auf der eigenen Haut zu spüren.

Da flog ihr etwas Weiches von oben gegen den Kopf. „Woran denkst du gerade?“, erklang Gretas Stimme. Camille fing das Wurfgeschoss, ein kleines Handtuch, auf, das von ihrer Schulter herunterrutschte, drehte sich um und entdeckte die Freundin im offenen Fenster der Dachgaube, aus der sie herunterwinkte. Samir lachte laut, ging an Camille vorbei und erklärte, dass er unter die Dusche wolle.

Verwirrt winkte Camille Greta zu und ging zurück in die Küche, um nach dem Kaffee zu suchen.

 Zehn Minuten später war Samir frisch geduscht und half ihr. Inzwischen sang Falko unter der Dusche, während Greta erklärte, dass sie sich einfach am Waschbecken waschen würde, und ebenfalls Richtung Badezimmer verschwand.

In der Küche stand eine klassische Kaffeemaschine parat, aber auch eine italienische Caffettiera, und die letzten Gäste hatten eine halbe Packung italienischen Kaffees übrig gelassen. Camille stellte fürs Frühstück die Lebensmittel zusammen, die Greta und Falko am Vortag noch gekauft hatten, und so wurde aus dem Frühstück eher ein Brunch mit Baguette, Schinken, Käse, Tomaten und Orangensaft. Die Espressokanne kam gleich mehrere Male zum Einsatz, während sie das Essen im Freien unter dem Sonnenschirm auskosteten.

„Weißt du, dass ich das Gefühl habe, dich schon viel länger zu kennen, Samir?“ Greta hatte die Füße auf einen der freien Stühle gelegt. Sie trug ein schulterfreies Top zu einer gelben Baumwollshorts, und ihre Haut glänzte von der Sonnencreme, die sie aufgetragen hatte.

„Mir geht es mit euch auch so. Das liegt wohl daran, dass wir gestern übers Eingemachte geredet haben. Ich wundere mich immer noch darüber, dass ihr so übereinstimmend sagen konntet, was an mir positiv ist.“

Greta zog eine Haarsträhne über die Schulter nach vorne und betrachtete die Haarspitzen, während sie weitersprach. „Ja, aber irgendwie war es ganz leicht. Vielleicht auch, weil Camille dich schon kannte. Wann und wo habt ihr euch eigentlich kennengelernt?“ Sie warf Camille einen fragenden Blick zu.

„Meine Eltern sind immer in die Bourgogne gefahren, weil sie so frankreichfanatisch waren. Als ich sechs war, haben wir zum ersten Mal im Haus seiner Familie gewohnt.“

„Ja, damals haben meine Geschwister und ich noch unsere Zimmer geräumt, damit sie im Sommer an Gäste vermietet werden konnten.“

„Tatsächlich?“ Greta ließ die Haarsträhne fallen und sah Samir an. „Das war aber unangenehm, oder?“

Er zuckte die Achseln. „Früher war das halt so, wir kannten es nicht anders. Ich habe es eigentlich nicht schlimm gefunden. Mit Julien und Camille habe ich mich damals sofort angefreundet. Meine Schwester und mein Bruder waren nach wenigen Jahren dann eh weg, weil sie eine Lehre in Paris machte und er zum Studieren nach Marseille ging. Aber dann haben meine Eltern um- und angebaut, sodass ich mein Zimmer nicht mehr freimachen musste.“

„Das heißt, ihr habt quasi jeden Sommer zusammen verbracht?“ Ein fragender Ausdruck erschien auf Gretas Gesicht, und Camille ahnte, dass sie darüber nachdachte, wie intensiv die Freundschaft gewesen sein musste oder vielleicht bis heute war.

„Ich war, wie gesagt, erst sechs damals. Julien war acht, Samir zehn. Aber ja, wir haben die Gegend unsicher gemacht wie eine kleine Bande. Es war eine schöne Zeit. Fast zehn Jahre lang.“ Camille unterbrach sich. Hoffentlich hatte niemand die Bitterkeit gehört, die beim letzten Satz in ihrer Stimme gelegen hatte.

„Das war es wirklich“, stimmte Samir zu, und in seiner Miene meinte Camille kurz einen Anflug von Wehmut zu erkennen. Vermisste er die Sommer von damals etwa auch? „Es sind sehr schöne Erinnerungen“, sagte Samir und stellte damit ihre Freundschaft dorthin, wo sie hingehörte: in die Vergangenheit.

Camille spürte einen Kloß im Hals und stand auf. „Ich trage mal die Lebensmittel aus der Sonne, damit sie nicht verderben.“ Mit diesen Worten nahm sie Schinken, Salami und Käse an sich und ging in die Küche, um sie im Kühlschrank zu verstauen. Als sie wieder nach draußen gehen wollte, sah sie ihr Smartphone auf dem Küchentisch, dessen Signallämpchen blau leuchtete und darauf hinwies, dass eine Nachricht eingegangen war. Sie sah nach: Mia hatte sich gemeldet. Mit dem Handy ging sie wieder hinaus zu den anderen.

Falko sprang auf der Wiese herum und spielte ausgelassen mit dem Hund. Er warf Stöckchen und zerrte mit Banou daran um die Wette. Es war drollig, wie die Hündin mit ihrer hellen Stimme drohendes Warnknurren ausstieß, dann aber jedes Mal sofort das Stöckchen auf die Erde legte, sobald Falko „Aus“ verlangte. Camille hätte den Sportler gern noch eine Weile beobachtet. Optisch war er ein ganz anderer Typ Mann als Samir, und doch hatten beide eine Gemeinsamkeit. Obwohl der blonde Deutsche viel größer und athletischer als der bärenhafte Samir war, bewegten beide sich mit einer natürlichen Anmut, die den Eindruck erweckte, dass sie sich in ihren Körpern rundum wohlfühlten.

„Falko, kommst du mal zu uns? Mia hat sich gemeldet, ich will sie zurückrufen.“ Camille setzte sich wieder auf ihren vorherigen Platz. Greta und Samir beugten sich näher, um auf das Handy blicken zu können, und Falko stellte sich hinter ihren Stuhl. Sie sog den Duft seiner erhitzten Haut ein. Ein Lächeln umspielte ihre Lippen, als sie auf Mias Nummer tippte.

Die Freundin nahm das Gespräch kurz darauf an. Im Hintergrund sah Camille Bilder mit Blumenmotiven an einer Wand hängen. Das musste Mias Arbeitsstelle sein. Wie es aussah, stand sie hinter dem Verkaufstresen ihres Blumenladens. „Hallo, ihr Lieben, ausgeschlafen? Ihr seht alle so entspannt aus. Seid ihr im Freien?“

„Guten Morgen … oder besser guten Tag. Ja, wir haben gerade im Garten gefrühstückt. Es ist gestern spät geworden.“

„Verstehe. Und die Aufgabe? Seid ihr damit zurechtgekommen?“

„Das war gar nicht so einfach“, sagte Greta. Dann beugte sie sich vor und verengte die Augen zu Schlitzen. „Bist du gerade auf der Arbeit?“

„Ja, ich komme eben aus der Mittagspause.“

„Sehe ich da hinten einen Aushang?“

Mia drehte sich um und blickte auf die Wand in ihrem Rücken. „Ach, das da? Ja. Meine Chefin geht in Rente.“ Sie runzelte die Stirn. „Aber lenk nicht ab. Habt ihr die Aufgabe gelöst?“

Camille berichtete Mia von den Diskussionen, die darüber entstanden waren, welche Charaktereigenschaften überhaupt als positiv gelten konnten, und dass dieses Thema sie bis in die Morgenstunden wach gehalten hatte.

„Warte, Camille. Niklas will das sicher auch gern wissen. Könntet ihr die Ergebnisse für uns aufschreiben?“

„Aufschreiben?“ Camille verzog das Gesicht.

„Klar“, mischte Greta sich ein und beugte sich näher zu Camille, um ihr in die Augen zu blicken. „Das ist doch ein Kinderspiel für dich.“

Camille zuckte die Schultern. „Stimmt“, lenkte sie ein, „das kann ich.“ Sie versprach, die Ergebnisse ihrer gestrigen Challenge in einer Mail an Mia und Niklas zu schicken. „Es war echt aufschlussreich“, hängte sie an.

„Prima. Für heute haben wir uns wieder eine spannende Aufgabe ausgedacht. Wir möchten von jedem von euch wissen, was seine größte Angst ist.“

Camille hörte ein leises Zungenschnalzen und sah von Greta zu Samir, der die Stirn gerunzelt hatte, dann wandte sie sich um und blickte in Falkos Gesicht, der von der Aufgabe ebenfalls wenig begeistert wirkte.

„Das ist sehr persönlich, findest du nicht?“, sagte Samir.

„Vielleicht hast du recht.“ Mia verzog den Mund zu einer Schnute. „Vielleicht sind Niklas und ich auf diese Idee verfallen, weil ihr alle – außer dir, Samir – letztes Jahr Zeuge geworden seid, wie Niklas und ich uns unserer größten Angst gestellt haben.“ Sie verzog den Mund zu einer peinlich berührten Grimasse. Camille musste grinsen.

„Eure Hochzeitspanik“, sagte Samir. „Ich habe davon gehört.“ In seiner Stimme klang ein Lächeln mit. „Da habt ihr in Sachen Ängste und Phobien tatsächlich ordentlich vorgelegt.“

„Phobien ist ein gutes Stichwort“, hakte Mia ein. „Wie wäre es, wenn ich euch freistelle, anstatt tief sitzender Ängste ungewöhnliche Phobien zuzugeben. Wie zum Beispiel eine Knopfphobie oder so was. Das kann man doch ruhig zugeben, oder?“

„Knopfphobie? Dein Ernst?“, fragte Greta.

„Ja, die gibt es. Und die Menschen, die damit leben, haben es gar nicht mal so leicht. Ach, ihr werdet schon etwas finden. Seid kreativ! Ich muss Schluss machen, die Chefin rückt an.“ Sie schickte einen Luftkuss und schaltete ab.

„Boah, was ist das denn wieder für eine Challenge?“ Nachdenklich begann Camille damit, das Frühstücksgeschirr aufeinanderzustapeln. Samir stand auf und half ihr dabei. „Ich würde spontan sagen, dass ich keine Ängste habe“, dachte Camille laut nach. „Außer das Übliche, ihr wisst schon, nachts allein durch die Stadt laufen oder durch einen Wald. Aber so was meinen die beiden sicher nicht.“

„Na ja, vielleicht kannst du ja mit irgendeiner verrückten Phobie aufwarten.“ Greta griff nach dem Stapel Teller, den Camille aufgeschichtet hatte, und trug ihn zum Häuschen, wo sie durch die offenstehende Tür nach innen verschwand.

Falko nahm Camille gleich darauf die Tassen aus der Hand. „Du setzt dich jetzt einfach mal fünf Minuten hin und lässt uns das hier beseitigen.“ Sein Lächeln ging Camille unter die Haut.

„Okay, bevor ich mich schlagen lasse.“ Sie lockte Banou zu sich und begann, der Hündin von ihrem Platz aus das Stöckchen zu werfen. Es machte ihr Spaß, dem kleinen Muskelpaket zuzusehen. „Aber dann suchen wir das Meer“, rief sie in Richtung des Hauses, in dessen kleiner Küche die drei geschäftig zugange waren. „Einverstanden?“

Kapitel 8

Die Sonne stand hoch, als sie mit Badetaschen bepackt das Haus verließen. Falko hatte zuvor in seinem Smartphone nachgesehen, welche Strecke auf dem kürzesten Weg zum Strand führte.

„Wir müssen uns hier links halten. An der Kapelle vorbei und dann einfach dem Weg folgen. Irgendwann kommen wir zu den Dünen.“

„Wollen wir uns die Kapelle noch kurz ansehen?“ Camille mochte die Ruhe, die das Fleckchen Erde hier ausstrahlte. Um die Kapelle herum war das Gelände von gepflegtem Rasen bedeckt. Das Gemäuer sah uralt aus. Der grob behauene Stein, aus dem es gebaut war, hatte eine graue Farbe. Vermutlich handelte es sich auch hier um eine Granitart. Gelbliche Flechten hatten ein Tupfenmuster auf die Steine gemalt, und das Gebäude wirkte asymmetrisch. Am Eingang zum Gelände hielten zwei große Findlinge wie steingewordene Wärter Wache. In den einen war eine tiefe rechteckige Kerbe hineingehauen. Auch die Ränder der Kerbe wirkten verwittert und waren mit Flechten bewachsen. Wer das wohl getan hatte, und wann?

„Ich finde diesen Ort absolut faszinierend“, hörte Camille ihre eigenen Gedanken ausgesprochen und drehte sich zu der dunklen Stimme um. Samir stand mitten auf dem Gras, den Kopf in den Nacken gelegt, und betrachtete das Türmchen, in dem eine einzelne Glocke zu sehen war. „Ich könnte mir denken, dass diese winzige Kirche eine wechselhafte Geschichte zu erzählen hat. Die ist mehrere hundert Jahre alt. Vielleicht stammt sie sogar schon aus dem dreizehnten oder vierzehnten Jahrhundert.“ Er wandte sich Camille zu. „Wir sollten die Hausbesitzerin danach fragen. Ich habe mich auch schon gefragt, ob das Gebäude, in dem wir wohnen, früher eine andere Funktion hatte.“

„Woran denkst du?“

„Es könnte ein Stall gewesen sein, so lang gezogen wie es ist. Ich tippe darauf, dass das Haus links von unserem früher das eigentliche Wohnhaus war.“

„Hey, ihr beiden. Kommt ihr?“, erklang Falkos Stimme. „Ich rieche schon das Meer.“ Er und Greta waren auf der Straße weitergegangen und dann links abgebogen. Banou stand etwas verloren auf halber Strecke zwischen ihnen und wirkte unentschlossen, ob sie bei ihrem Herrchen bleiben und weiter die Kapelle inspizieren sollte, oder ob es vielversprechender war, Falko und Greta zu folgen.

„Wir kommen“, antwortete Samir und griff nach Camilles Ellbogen, um sie zur Straße zu lenken.

„Das Meer?“, rief Camille. „Das riecht man hier doch überall.“

Ein lautes Lachen von Falko war die Antwort.

Sie schlugen einen Pfad ein und folgten ihm durch Felder, an einer kleinen Pferdekoppel und an den rückseitigen Grundstücken mehrerer Häuser vorbei, die genauso hingestreut wirkten wie das Grüppchen der Häuser, zu denen ihres gehörte. Camille ließ das Zirpen der Grillen, die von Wärme flimmernde Luft über der Erde und die unzähligen, großzügig verteilten knallroten Farbtupfer des Klatschmohns auf sich einwirken.

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    Laura Albers (Autor)

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Titel: Meeresduft macht noch keinen Sommer (Liebe)