Lade Inhalt...

Ein Fall von Liebe (Historisch, Liebe)

von Katherine Collins (Autor)

2018 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

Katharinas Trip nach Schottland verläuft anders als geplant. Eigentlich will sie sich eine schöne Zeit mit ihrer Schwester machen, doch ein Sturz in die sagenumwobenen Fairy Pools in den Highlands reißt die junge Frau durch den Strudel der Zeit in die Vergangenheit.Schottland, 1746. Mitten im Krieg mit den Engländern und dem Aufstand der rebellischen Jakobiter rettet der Highlander Finlay eine geheimnisvolle Frau vor einer Horde Halunken. Kann sich Katharina in der barbarischen Vergangenheit zurechtfinden – ohne ihr Leben auf dem Scheiterhaufen oder ihr Herz an ihren unverschämt attraktiven Retter Finlay zu verlieren? Diese romantische Schottland-Saga führt die Highland-Serie von Katherine Collins und deren liebgewonnene Figuren auf eine erfrischende Art im Geiste von Diana Gabaldons „Outlander“ weiter! Für Fans von historischen Liebesromanen und romantischen Zeitreisegeschichten.

Impressum

dp Verlag

Erstausgabe Oktober 2018

Copyright © 2020 dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

E-Book-ISBN: 978-3-96087-469-0
Taschenbuch-ISBN: 978-3-96087-470-6

Covergestaltung: Elica Design
unter Verwendung von Motiven von
depositphotos.com: © trilingstudio © olga4075 und © Davidenko_Vyacheslav
shutterstock.com: © orxy
Lektorat: Daniela Pusch

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

Unser gesamtes Verlagsprogramm findest du hier

Website

Folge uns, um immer als Erster informiert zu sein

Newsletter

Facebook

Instagram

Twitter

Youtube

dp Verlag

1. Wunderschöne Isle of Skye

Obwohl ich es genoss, von einer luxuriösen Limousine von A nach B gebracht zu werden, wünschte ich endlich anzukommen. Der Tag war lang genug gewesen, der Flug zwar mit zwei Stunden kurz, aber nicht weniger nervig als die Fahrt mit öffentlichen Verkehrsmitteln von Recklinghausen zum Flughafen nach Düsseldorf, aber das hatte ich zumindest selbst zu verantworten. Eigentlich hätte ich von Köln aus fliegen können, wenn ich mich nicht bereit erklärt hätte, die Lieblingsbücher meiner Schwester aus unserem Elternhaus mitzubringen. Tja, in den letzten Jahren, die ich in der Metropole am Rhein zugebracht hatte, hatte ich wohl vergessen, wie beschwerlich alles in Kaffs war, wie jenem in dem ich aufgewachsen war. Dass der Flughafen auch noch umbaute und das reine Chaos herrschte, war nicht vorhersehbar gewesen, und der Ausfall der Steuerbordturbine wurde zum I-Tüpfelchen meiner Reise. Wäre ich ein spiritueller Mensch, hätte ich es als böses Omen betrachtet, so aber überlegte ich, ob es Rückerstattungs-Klauseln gab, die ich in Anspruch nehmen konnte. Das Nachdenken hielt mich während der Fahrt beschäftigt, nicht das Panorama, dem ich mich nur widmete, wenn ich nicht nachdachte.

Seufzend riss ich mich vom Anblick des schillernden Nord-Atlantischen-Meeres los. Wir fuhren über eine Brücke, die das schottische Festland mit der Isle of Skye verband, demnach konnte es nicht mehr weit sein. Entschlossen ging ich online alle Artikel durch, die das Reiserecht abdeckten und markierte wichtige Passagen. Mein Laptop rutschte auf meinen Knien hin und her, was zu Fehlmarkierungen führte und mich von meiner Recherche ablenkte.

Die Aussicht änderte sich zwar, aber es blieb Natur, an der ich vorbeifuhr. Keine Häuser auf weiter Flur. Stattdessen fuhr die Limousine die millionste Biegung und den Hang wieder hinunter, den wir gerade erst gemeistert hatten. Wieder hoch und wieder runter. Besuchten wir Schneewittchen hinter den sieben Bergen?

Natürlich war meine Schwester Vanessa nicht Schneewittchen, und wenn sie mit sieben Zwergen zusammenlebte, würde ich schnurstracks wieder umkehren. Langsam fragte ich mich, in welches Niemandsland sie mich gelockt hatte. Fein, ich hatte Semesterferien und es hielt mich nichts in der Heimat, aber diese Odyssee war nicht besser, als weitere drei Wochen mit meinem Ex Felix in unserer engen WG aushalten zu müssen.

Unmut kribbelte in meinem Magen und ich griff nach meiner Tasche, im Begriff Vanessa anzurufen und zu fragen, in welchem verschlafenen Nest man mich absetzen würde, als ein Häuschen an mir vorbeiglitt. Ein altes Fachwerkhaus übersät mit Margeriten, Hortensien, Nelken und Blumen, die ich nicht benennen konnte, in allen möglichen Farben. Wie süß. Leider wurde es wieder von Rasen abgelöst, aber dahinter ragte plötzlich eine riesige Burg-Anlage aus dem Grün. Grau, trutzig und verwunschen.

Natürlich war ich von meiner Schwester vorgewarnt worden, aber irgendwie hatte wohl niemand in der Familie so recht geglaubt, dass an ihren Geschichten etwas dran war. Plötzlich ging es ihr gut? Sie hatte angeblich den Mann ihrer Träume getroffen, der sie binnen einer Woche geheiratet und auf sein Schloss in die Highlands entführt hatte? Also bitte, die Zeit für Märchen war längst vorüber!

Schön, ich war also eine Zynikerin, die ihrer großen Schwester generell kein Wort glaubte. Schon gar nicht, wenn es sich um unsterbliche Liebe, Seelenverwandtschaft und ähnlichem Schmu handelte. Die Sache zwischen Mann und Frau war simpel: Es ging um Sex. Männer interessierten sich nur so lange für einen, wie sie einen benutzen konnten, nett waren sie nur, bis sie einen eingefangen hatten. Und wir Frauen? Wir redeten uns ein, verliebt zu sein, um uns nicht eingestehen zu müssen, dass wir uns demütigen ließen. Traurig, aber wahr.

Felix hatte mir die Augen geöffnet, aber letztlich waren meine Beziehungen davor auch nicht anders verlaufen, mit dem Unterschied, dass dieses Mal ich es war, die ging. Ich hatte genug von seiner Ignoranz, von seinem Paschagehabe und seinen Forderungen. Und, ja, geliebt hatte ich ihn nie richtig.

Wir kamen näher und aus riesig wurde phänomenal: Dunvegan Castle. Eine richtige Burg, nicht zu fassen. Die gesamte Länge der Vorderfront war gekiest, dann schloss sich eine gepflegte Rasenfläche an. Das Gemäuer wirkte alt, der Putz hatte Risse, aber die dutzend Fenster funkelten im Sonnenlicht. Zwei Türme flankierten die Ecken und man sah, dass es hinten drei weitere Türme gab. Standarten wehten im Wind. Das Eingangstor wirkte übermächtig und passte nicht in meine Vorstellung einer Burg, denn es war keine Zugbrücke oder etwas ähnliches, sondern eine zweiflüglige Tür, hoch, breit und aus dickem Holz.

So ganz verinnerlicht hatte ich die neuen Lebensumstände meiner Schwester noch nicht, als der Chauffeur mir die Tür öffnete und mir die Hand hinhielt, um mir beim Aussteigen zu helfen.

Ich war fünfundzwanzig und nicht halbtot, aber ausweichen konnte ich der Geste nicht. Meine Tasche wurde mir ungefragt abgenommen und in Richtung Eingangsstufen bugsiert. Meine Schwester kam mir dort bereits entgegen.

„Katharina!“ Sie strahlte, was mich urplötzlich stehenbleiben und blinzeln ließ. Sah aus wie Vanessa, klang wie Vanessa, konnte aber unmöglich …

Sie umarmte mich. „Wie schön, dass du mich endlich besuchen kommst!“

Also gut, sie klang doch nicht wie meine Schwester.

Vanessa schob mich von sich, um mich zu mustern. „War ein langer Tag, was? Hast du die Fahrt genossen? Ich hoffe, du hast nicht die Minibar im Auto leergetrunken und erleichterst gleich deinen Magen in der Halle.“ Nicht lustig, trotzdem lachte sie auf. Wie unheimlich. Tatsächlich konnte ich mich nicht entsinnen, wann ich sie zuletzt lachen gesehen hätte.

„Komm rein. Ich zeige dir dein Zimmer. Ich warne dich, es ist so groß wie deine gesamte WG!“

Klar. Vanessa hakte sich bei mir unter und zog mich die Stufen hoch und durch das riesige Portal. Die Eingangshalle war beeindruckend, neben mannshohen Fenstern hingen Teppiche an den Wänden. Zwei erzählten, ähnlich wie aufwendige Gemälde, eine Geschichte von einer Schlacht und das Gebilde über dem Kamin war wohl ein Wappen. Die Farbe war verblichen und das Material mitgenommen. Es musste uralt sein, wie auch der Rest der ausgestellten Dinge. Hellebarden flankierten den Kamin, Kelche und ein Kandelaber standen auf dem Sims und trugen ebenfalls Insignien.

Sie ließ mir keine Zeit, mir alles genau anzusehen, sondern zog mich weiter, durch den Saal, der sich anschloss, zu einem monströsen Relikt eines Fahrstuhls – neben einer nicht minder beeindruckenden Treppe, die ich tausendmal lieber emporgestiegen wäre, als dieses Höllenteil zu nutzen, das aus einem Drahtkäfig bestand.

„Wir können auch die Treppen nehmen, aber es sind unzählige Stufen.“

Und wenn schon!

„Bei dem Teil wüsste ich nicht, welche Angst zuerst zuschlüge: Klaustrophobie, Cremnophobie, Karagulophobie oder Stenophobie.“

Vanessa schnaubte. „Fachchinesisch? Glaubst du, das beeindruckt mich?“

„Angst vor engen Räumen, Abgründen, sich lächerlich zu machen und vor Enge an sich. Und ja, ich wollte etwas aufschneiden, schließlich hältst du mich für einen Dummkopf.“ Dabei war ich es, die studierte, während Vanessa nur eine Ausbildung absolviert hatte und nicht mal eine herausfordernde, wenn man mich fragte. Hotelfachfrau war doch nichts weiter als eine nette Umschreibung für Mädchen für alles. Sie hätte besser mal was Nützliches gelernt, Steuerfachangestellte oder PTA.

„Nein, nur für faul.“ Wie immer nahm sie kein Blatt vor den Mund. „Wie läuft dein Studium?“ Und stocherte in der Wunde herum.

„Gut. Hervorragend. Könnte nicht besser laufen!“ Ich drehte ihr den Rücken zu und nahm die Treppe, abhängen konnte ich meine Schwester, den ollen Terrier, aber nicht.

„Ach wirklich? Zuletzt hieß es, dass du das Semester wiederholen musst.“

Das war keine aktuelle Information, Vanessa war nie up to date.

„Reite doch nicht darauf herum.“

Vanessa seufzte. „Lassen wir das. Du sollst dich hier erholen und amüsieren.“

Und ablenken, aber das brauchte ich nicht laut auszusprechen.

„Wie geht es Mama?“, fragte Vanessa nach exakt drei Stufen.

„Wie üblich.“

„Hm. Ich dachte, sie käme mit.“

Was ich ihr schnell ausgeredet hatte. Die beiden agierten zusammen wie ein altes Ehepaar und Vanessa vergaß, dass sie nur meine Schwester war und niemand, der mir Ratschläge zu erteilen hatte.

„Na, vielleicht ein andermal.“ Sie klang enttäuscht, ließ es sich aber nicht ansehen. „Ich habe extra ein Zimmer bereitstellen lassen, das sich nicht am A… der Welt befindet. Ich verlaufe mich hier immer noch und das wollte ich dir ersparen.“

„Danke.“

Vanessa bog ab und nahm die erste Tür. In einem Hotel wäre es wohl das Zimmer, das man lieber nicht haben wollte, direkt an der Treppe war es bestimmt nicht gerade ruhig. Die Aufmachung war ebenso wie alles Bisherige steinalt. Holzvertäfelung an den Wänden plus geweißte Steinmauern, ein riesiges Himmelbett, komplett aus schwerem Gehölz, dazu noch ein großer Kamin.

„Wow, ich begann schon, dich zu beneiden.“ Unnötigerweise, denn alles in allem fehlte es hier an Komfort.

„Ich weiß, es ist einfach, aber alle moderneren Zimmer sind so abgelegen, dass man sich verläuft.“ Ihr Kopf ruckte nach rechts. „Drüben im Südtrakt. Von hier findest du schneller zu den Salons und Speisesälen.“

Plural, was mir natürlich auffiel. „Wie viele davon gibt es?“

Vanessa winkte ab. „Unzählige.“ Sie verdrehte die Augen. „Hast du dich mal gefragt, was man mit so einem alten Kasten anfangen soll? Zimmer ohne Ende und alle stehen leer.“ Sie hob die Achseln. „Was für eine Verschwendung.“

„Mach ein Hotel draus.“ Der Kamin zog mich an. Er war groß genug, dass ein Kind aufrecht in ihm stehen konnte. Meine Fingerspitzen berührten die glatte Oberfläche und glitten über die tiefe Einkerbung. Sah aus, als hätte man versucht, ein Stück herauszuhacken. „Muss ich mir hier mein Wildschwein selber braten?“

Sie schnaufte mit einem unterdrückten Lachen. „Du bist hier all inclusive, Dearie, und ich will sehen, wie du das meinem Mann verkaufst. Ein Hotel, vermutlich fällt ihre Gnaden bei dem Vorschlag tot um.“

„Ich?“ Das hätte sie wohl gern. „Ist deine Baustelle, Schwesterchen, da misch ich mich nicht ein.“

Sie seufzte mit einem Achselzucken und ließ das Thema auf sich beruhen. Scheinbar, denn so wie ich meine Schwester kannte, ratterte ihr Hirn bereits, um meine Idee nach Schwachstellen abzuklopfen. Statt eines Stapels Argumente, warum mein Vorschlag absolut hirnrissig war, bekam ich eine Führung serviert. „Also, wenn du dich frisch machen willst, dort geht es zum Bad.“ Vanessa ging vor und drückte ein Paneel an der Wand auf. Eine Art Geheimgang, der ins nächste Zimmer führte. „Du hast das Bad für dich allein, aber es gibt einen zweiten Zugang vom anderen Schlafzimmer.“ Sie deutete auf die Nische gegenüber. „Es ist unbenutzt, dich sollte also keiner überraschen. Die Dienstmädchen, die hier saubermachen, werden sich aus dem Staub machen, sobald sie dich bemerken.“

„Wo ist die Dusche?“ Ich schob sie zur Seite, aber auch in der hinteren Ecke tauchte die nicht auf. „Baden? Echt jetzt?“

„Immerhin gibt es heißes Wasser.“ Vanessa zwinkerte verschmitzt, bevor sie auflachte. „Hey, in früheren Jahrhunderten musste das Wasser in Kübeln auf dem Feuer der Kamine, wie der in deinem Zimmer, erwärmt werden. Schwelge also in unendlichem Luxus!“ Sie prustete erneut.

„Haha!“ Sehr lustig, vor allem, wo war der Luxus, den ich mir nach der Fahrt in der Limousine und der ersten Klasse bei Britisch Airways – laut Originalbuchung und nicht, worauf ich schließlich hatte zurückgreifen müssen – erhofft hatte.

„Der Spa-Bereich hat eine Dusche und ist leicht zu finden.“ Sie grinste, als hätte sie meine Gedanken gelesen. „Die Treppe runter und den Gang zur Linken bis zum Ende. Ein Freiluftsalzbad, ein Whirlpool, eine Sauna und ein extralanges Becken fürs Schwimmtraining. Ich muss dich aber warnen …“

„Noch mehr Dienstboten?“

„Nein, mein Mann.“ Vanessa zog die Wand hinter sich wieder zu, wodurch ich die Schlaufe bemerkte, mit der sie zu öffnen war. „Er schwimmt zwei Mal am Tag und verbringt mindestens eine Stunde im Fitnessraum gegenüber.“

Also liefe ich meinem unbekannten Schwager häufiger über den Weg, als es mir recht sein konnte. Offengestanden stand ich ihm skeptisch gegenüber, schließlich kannte ich Vanessas Geschmack und der war grottig.

Es klopfte.

„Euer Gnaden“, murmelte ein Bediensteter, ohne in unsere Richtung zu sehen, und verbeugte sich vor uns. „Das Gepäck der Miss.“ Er hob meinen Koffer und meine Tasche. „Scott verwies darauf, dass es hier abzuliefern sei.“

„Kommen Sie rein. Das ist meine Schwester Katharina.“ Sie drehte sich mir zu und suchte meinen Blick. „Das ist unser Interimsbutler Ferris. Ihre Gnaden ist nicht zufrieden mit ihm, was es leider nötig macht, ihn irgendwann zu ersetzen. Wenn du Fragen hast oder etwas brauchst, bitte eines der Mädchen darum oder wende dich an Ferris. Er kennt sich hier aus.“

Verdattert musterte ich den Interimsbutler, der mein Gepäck am Fußende des Bettes abgestellt hatte und nun vor uns stehenblieb, die Hände auf dem Rücken, steif wie ein Brett und ohne eine von uns anzusehen. Hier waren sogar die Dienstboten Snobs.

„Hallo Ferris.“

„Miss Hagedorn.“ Er stolperte über meinen Namen und leichte Röte schoss in seine Wangen. „Euer Gnaden.“ Er wartete auf Vanessas Nicken und verschwand wie ein Geist. Nur das Puff fehlte.

„Euer Gnaden?“ Das war lächerlich.

„Die bestehen darauf.“ Sie seufzte. „Also kann ich dich gleich mitschleifen, oder brauchst du nach dem Stress der Anreise etwas Ruhe?“

„Wohin willst du mich schleifen?“ Mein Magen knurrte, und zwar nicht in Zimmerlautstärke.

Vanessas Augen wurden rund. „Wie wäre es mit einem Snack?“

Aufmerksam, das musste ich ihr lassen.

„Na komm, Auspacken kannst du immer noch, oder lass das eines der Mädchen machen. Das Dinner ist um sechs, also lohnt es sich nicht, noch ins Bett zu gehen. Auf keinen Fall solltest du zu spät zum Dinner kommen.“ Sie schauderte merklich. „Und du hast doch etwas Formelleres dabei? Ich kann dir auch was leihen.“ Dieses Mal war ihr Blick, der über mich glitt, kritisch. „Du darfst auf keinen Fall in Jeans …“ Gurgelnd brach sie ab und zeigte endlich einen Hauch ihres eigentlichen Selbst. Sie sackte zusammen und schlug sich die Hände vor das Gesicht. „Oh, Mann, bitte versprich mir, die Duchess nicht unnötig aufzuregen. Sie raubt mir den letzten Nerv.“

„Wer ist die Duchess?“

„Meine Schwiegermutter.“ Sie schaffte es, ihre Stimme klingen zu lassen, als käme sie aus dem Grab.

„Ah, das obligatorische Schwiegermonster.“ Tja, wenn sie auch nur halb so schlimm war, wie der Komfort in meinem Zimmer, gab es keinen Grund zu Neid. Grinsend willigte ich ein, mein Bestes zu versuchen, und folgte ihr feixend hinaus in den Flur.

 

***

 

Das innere der Burg war tatsächlich verwirrend. Die Treppe hinab in die Halle, dann rechts den Gang hinunter, soweit kam ich mit. Zumal ich den Weg bereits zurückgelegt hatte und mein Zimmer an der Treppe zur Halle lag. Da hatte Vanessa tatsächlich mitgedacht. Die Halle war riesig, besaß eine hohe Decke, einen monströsen Kamin, der in strahlendem Marmor ausgekleidet war. Auf dem Sims standen goldene Kandelaber und eine Art Pokal. Die dunkel vertäfelten Wände ließen den Raum kleiner wirken, aber er maß gut fünfzehn Schritte und führte zu einem zweiten riesengroßen Tor, ähnlich jenem, durch das ich in die Burg gelangt war. Es war nicht die einzige Tür, die mit Schnitzereien verziert dazu einlud, sie länger zu betrachten. Ich folgte Vanessa durch ein Gewirr aus Treppen und Räumen, die allesamt mit Gemälden behangen waren

"Sag mal, was sind das für Tapeten?" Obwohl wir zügig gingen, nahm ich mir die Zeit, mit den Fingern über die Wandverkleidung des Flures zu streichen, und war beeindruckt von ihrer Weichheit. "Fühlt sich fast an wie …"

"Seide?" Vanessa lachte auf. "Tatsächlich sind die Wände der meisten Räume und Flure mit Seidentapeten verkleidet. Es gibt Ausnahmen, wie die Zimmer in deinem Flur, die gewöhnlich nicht genutzt werden, und die Verbindungsgänge zwischen den hinteren Türmen, aber generell sind sie farbenprächtig verkleidet.

Plötzlich standen wir in einem Wintergarten. Ein Dschungel aus Sträuchern, Palmen und einem bunten Blumenreigen, bevor wir auf eine ebenfalls bepflanzte Terrasse traten. Ich sah mich beeindruckt um. Die rückwärtige Burgmauer lag ein gutes Stück entfernt und war von dicken Efeuranken bedeckt. Der Terrasse schloss sich ein Garten an. Schmetterlinge flogen umher und Bienen summten geschäftig von Blüte zu Blüte. Vanessa zog an einer Kordel und drehte sich mit einem Lächeln zu mir um.

„Komm, setzen wir uns doch.“ Sie deutete auf eine Gruppe Rattanmöbel und wartete, bis ich vorging. „Also warst du bei Mama?“

„Aber ja.“ Der Stuhl knarrte unter meinem Gewicht. „Ich war froh, dass ich einen Flug hatte, den ich erwischen musste.“

Vanessa schüttelte den Kopf. „Sie ist ganz allein“, mahnte sie, streckte sich und legte ihre Hand auf mein Knie. „Sie braucht nur hin und wieder jemanden zum Reden.“

Mein Lachen war bitter. „Hast du mich deswegen hingeschickt? Von wegen, du wolltest deine Lieblingsbücher bei dir haben.“

„Oh doch, meine Bücher liegen mir sehr am Herzen.“ Sie zwinkerte. „So sehr, dass ich sie mir schon längst geholt habe.“ Sie kicherte. „Entschuldige, aber mit Mama zu telefonieren ist auch kein Spaß, und du bist für sie nie zu erreichen.“

„Aus gutem Grund.“

„Wir haben Glück, Katharina, glaube mir, es gibt Mutter-Kind-Beziehungen, die sind fürchterlich.“ Sie zog die Hand zurück und lehnte sich seufzend in die weichen Polster. „Meine Schwiegermutter zum Beispiel ist der Teufel in Person.“

„Eine deiner üblichen Übertreibungen.“ Sie liebte es, sich schlecht zu fühlen, selbst wenn alles hervorragend war.

„Oh, wenn du wüsstest!“ Ihre Aufmerksamkeit driftete ab. „Ferris, wir benötigen Tee und Sandwiches. Kati? Hast du einen Wunsch?“

„Tee?“ Sie war wirklich komisch.

„Entschuldige, es wird zur Gewohnheit. Kaffee natürlich. Möchtest du Kuchen?“

„Nein, Sandwisches sind super.“ Selbst wenn man die Wahl hatte. „Es ist hübsch hier.“ Der Innenhof war riesig, oder wirkte zumindest so, da die Beete und Wege verschlungen angelegt waren. Die Mauern um ihn herum waren mit Efeuranken bedeckt. Ich zählte vier Stockwerke und wunderte mich, wie viele Zimmer es hier wohl gäbe. Zu viele vermutlich.

„Du lenkst ab.“ Sie lachte. „Aber ja, es ist schön hier.“

„Und ruhig.“ Gerade mal das Zwitschern der Vögel war zu hören. „Aber wir sind am A… der Welt, nicht wahr?“

„Danke Ferris, das ist dann alles. Oh, ihre Gnaden muss nicht wissen, wo wir uns aufhalten.“ Sie lächelte ihm zu. „Meine Schwester und ich brauchen etwas Zeit für uns.“

Der Butler verbeugte sich eckig und verschwand lautlos.

„Ja, wir sind am Arsch der Welt.“ Sie kicherte. „Aber es ist herrlich hier.“ Ihr Grinsen verwischte. „Meistens.“

„Deine Schwiegermutter?“ Langsam wurde ich neugierig. „Erzähl.“

Vanessa verdrehte die Augen, strich sich eine Strähne aus der Stirn und seufzte gedehnt. „Wo fange ich da nur an?“

„Vorne.“ Wo sonst?

„Sie hasste mich von Anfang an. Ich bin ihr nicht gut genug.“ Ihr Seufzen war tonnenschwer. „Jedes Wort, das ich vorbrachte, nutzte sie gegen mich. Jede Information wurde zur Waffe. Mein Mann hatte mich gewarnt, ja, aber das war dann doch eine Nummer zu arg für mich.“

„Komm schon, Tacheles, hör auf in Rätseln zu reden!“ Ich war müde und mochte Dinge lieber deutlich, klar und durchschaubar.

„Am Tag der Beerdigung des alten Dukes hat sie mich in der Wildnis ausgesetzt.“

Das glaubte sie doch wohl selbst nicht!

„Zuvor hat sie mich durcheinandergebracht, meine Eifersucht benutzt und mein nagendes Gewissen, damit ich mich schlecht fühlte. Schlecht genug, um …“ Sie zuckte die Achseln und machte ein zerknirschtes Gesicht. „Mir fiel zu spät auf, dass ich auf dem falschen Weg war. Ich war schon fast am Wasserfall der Fairy Pools angelangt, als ich in Zweifel zog, dass die Beisetzung auf einem Berg stattfinden sollte, der nicht befahrbar war.“ Sie lachte auf. „Das war idiotisch, glaub mir, ich habe mich gefühlt, wie der größte Trottel.“

Immerhin konnte sie nun darüber lachen, was ein Fortschritt war zu ihrer üblichen Art, über vergossene Milch zu lamentieren.

„Der Anblick da oben ist phänomenal, aber natürlich habe ich ihn nicht genießen können.“

Der Butler Ferris war zurück und stellte ein Tablett mit Kaffee und Sandwiches auf dem Tisch zu unserer Linken ab, um dann einzugießen. „Milch und Zucker, Euer Gnaden?“

„Nur Milch bitte. Kati?“

„Schwarz, danke.“

Vanessa nahm ihre Tasse samt Untertasse entgegen und senkte sie in ihren Schoß. „Danke, Ferris, wir kommen nun zurecht.“

Der Kaffee dampfte, sein würziges Aroma fiel mir gleich auf und ich hob die Tasse, um ihn zu inhalieren.

„Ich zeige dir die Fairy Pools. Es ist ein wundervoller Ausblick.“

„Erwähntest du bereits und ich bin mir nicht sicher, ob ich tolle Aussichten benötige.“ Oder ausgedehnte Wandertouren, schließlich war es kein Ort, an dem man mit dem Wagen vorfahren konnte.

„Es lohnt sich.“ Sie nippte an ihrem Kaffee. „Aber lass mich zu Ende erzählen. Ich wollte den Weg nicht zurückgehen, weil meine Füße in den Pumps wahnsinnig schmerzten, also bin ich runtergeklettert.“

„Du bist was?“ Das war doch Wahnsinn.

„Nachher dachte ich mir auch, dass es bescheuert war, den Hang hinunterzuklettern, aber …“ Sie zuckte die Achseln. „Ich wollte einfach nicht den ganzen Weg wieder zurückgehen.“

„Du bist verrückt!“

Sie seufzte. „Das ist ja nichts Neues.“

Ich musste lachen und Vanessa fiel mit ein. Unsere Tassen klapperten und Kaffee schwappte über.

„Das Beste kommt erst noch.“ Sie hob die Brauen und grinste so verschmitzt, wie ich es bei ihr noch nie zuvor gesehen hatte. „Ich war mutterseelenallein im Nirgendwo, fror, hatte Hunger und Durst und war verzweifelt.“ Was ich mir hervorragend vorstellen konnte. „Keine Menschenseele weit und breit, nur eine kleine, verschrobene Hütte, die zwar verlassen wirkte, aber offenkundig bewohnt war.“

Ihre Augen blitzten auf. Langsam wurde sie mir unheimlich, ich konnte mich kaum entsinnen, sie jemals so positiv erlebt zu haben. Ihre Depression war immer schon vorhanden gewesen, selbst, als sie sich noch glücklich verheiratete wähnte. Sie hatte sich ein Kind gewünscht, hatte so danach gelechzt, dass jeder Fehlschlag einen Teil von ihr zerstört und sie tiefer in die Melancholie gerissen hatte. Nichts davon war ihr nun anzumerken.

„Mir war so elendig, dass ich die Hütte betrat und mir Feuer machte.“ Ihre Unterbrechung sollte wohl für Spannung sorgen, langweilte mich aber nur. Diese Spielchen hasste ich, ich wollte nicht unterhalten werden, sondern die Fakten hören.

„Als der Bewohner zurückkam, war es bereits Abend und die Silhouette hob sich gespenstisch vom Hintergrund ab.“

„Erzählst du mir jetzt eine Story, oder was passiert ist?“

Sie lachte auf und machte einen Wisch mit der Hand, bevor sie ihre Tasse aufnahm und an ihrem Kaffee nippte. „Banause. Also schön. Die Bewohnerin heißt Gail McInnes und sie lebt dort völlig zurückgezogen. Sie ist eine wundervolle Person, ich werde sie dir vorstellen.“

Da sie so verdammt enthusiastisch war, wollte ich sie nicht bremsen, auch wenn ich nicht Bekanntschaft mit verschrobenen Schottinnen machen musste, um meinen Aufenthalt zu versüßen. Ich brauchte nur Abstand und etwas Zeit für mich, um meine Gedanken und Gefühle zu ordnen.

Felix war Tabu, mein Ex war nicht der Richtige und auch nicht gut für mich gewesen, damit konnte ich mich abfinden. Besser als er zumindest.

„Sie nahm mich auf, und obwohl es ihr gesundheitlich nicht gut geht, brachte sie mich am nächsten Tag nach Dunvegan zurück“, fuhr Vanessa fort. „Sandwich? Greif zu. Wenn du einen Wunsch hast, lass es mich wissen.“

Um sie zu beruhigen, nahm ich mir einen Teller und häufte mir Brot auf.

„Möchtest du noch Kaffee? Warte, dass der Mist immer so weit weg stehen muss!“ Vanessa zerrte den Tisch mit dem Tablett näher an uns heran. „So. Besser, oder?“ Sie seufzte, während sie sich mit einer frischen Tasse Bohnenaufguss zurücklehnte und die Füße anzog. „Es war die längste Wanderung meines Lebens.“

„Wie? Sag nicht, es gibt hier keine vernünftigen Straßen.“

„Doch, aber sie meinte, querfeldein ginge es schneller.“ Vanessa verdrehte die Augen. „Sie hatte sicherlich recht, denn über die Straßen zu ihr zu gelangen, ist mit einem riesigen Umweg verbunden.“

„Oh, sie hat kein Auto, was?“

Vanessa schüttelte den Kopf. „Sie lebt sehr einfach. Ihr fließend Wasser ist der Fluss vor ihrer Tür.“

„Oh, Gott!“ Das konnte ich mir nicht einmal vorstellen. Ich liebte die Moderne mit all ihren Möglichkeiten und Vereinfachungen. Mir jeden Morgen Wasser ins Haus zu schleppen, um mich waschen oder etwas kochen zu können – nein danke.

„Als wir hier waren, wollte uns der damalige Butler nicht ins Haus lassen.“ Wieder hob sie die Brauen und sah mich eindringlich an. „Ist das zu fassen? Ich war mit dem Besitzer verheiratet und er wollte mich aus dem Haus werfen! Wenn Ian nicht rechtzeitig Heim gekommen wäre …“ Sie schüttelte den Kopf. „Die Duchess hat behauptet, ich sei abgehauen, dabei hatte sie mich ausgesetzt! Mein Mann war wahnsinnig vor Sorge und rund um die Uhr unterwegs gewesen, um mich zu finden.“

„Wow.“ Auf so eine Schwiegermutter konnte man verzichten – so Vanessa nicht maßlos übertrieb.

„Jepp, sie kann mich ums Verrecken nicht ausstehen.“ Sie kicherte und verschüttete dabei ihren Kaffee. „Es wäre lustig, wenn es nicht so traurig wäre.“ Sie seufzte schwer und tat wieder etwas, was mich überraschte. „Ach, was soll´s? Wenn du aufgegessen hast, zeig ich dir die Burg.“ Sie stockte und musterte mich schnell. „Oder bist du zu müde?“

„Verschone mich! Ich packe lieber aus, wenn du nichts dagegen hast.“

 

***

 

Dass nicht alles rosig war, hatte ich verstanden, wie dick aber die Wolken waren und wie tief sie hingen, war mir nicht bewusst. Aber ich sollte es herausfinden. Vanessa hatte mich gewarnt, dies hielt ich ihr zugute, trotzdem war ich auf das Zusammentreffen mit der Duchess nicht vorbereitet. Vanessa hatte mich abgeholt, obwohl ich mir zutraute ihrer Beschreibung nach den Speisesaal zu finden, aber sie offenkundig nicht. Entweder das, oder sie befürchtete, dass ich ihren Rat bezüglich meines Outfits nicht beherzigte, denn sie war äußerst angespannt, als ich die Tür zu meinem Zimmer öffnete, und seufzte dann erleichtert. Offenbar bestand mein dunkelblauer, wadenlanger Rock in Kombination mit meiner blütenweißen Seidenbluse, die ich untypisch hoch zugeknöpft hatte, in ihren Augen. Meine Kette passte zu meinen Ohrsteckern und funkelte in einem dunklen Blau, das zu meinem Rock und den Pumps passte.

Sie trieb mich zur Eile an und stürzte die Treppe hinunter – im übertragenden Sinne, obwohl ich mich fragte, ob es nicht doch an ihrer Lebensmüdigkeit lag, dass sie so unvorsichtig schnell die Stufen nahm.

Anstelle des Speisesaals betraten wir eine Art Wohnzimmer, nur das der Fernseher fehlte. Vanessas Hand flatterte in meinem Rücken, als sie mich vorwärts schob. „Ian.“ Ihr Lächeln flackerte. „Euer Gnaden, darf ich euch meine Schwester Katharina vorstellen?“

Im ersten Moment bemerkte ich die Frau gar nicht und hatte nur Augen für den mehr als sexy Typen, der mich angrinste. Himmelblaue Augen und rabenschwarzes Haar, wie ich diese Kombination liebte!

„Willkommen, Katharina.“ Seine Stimme war samtweich und weckte einen wohligen Schauer. Seine Berührung war zart und sein Kuss auf meinen Handrücken leider nur angedeutet. „Vanessa hat schon viel von dir erzählt.“

„Nur Gutes hoffe ich doch.“ Automatisch hob ich den Kopf und streckte die Schultern zurück. Wenn er nur halb so nett war, wie er aussah …

Er ließ meine Hand los und legte den Arm in Vanessas Rücken, um sie näher an sich zu ziehen. Mir dämmerte es, dass ich die Situation falsch einschätzte. Ian war Vanessas Mann. Ich ratterte durch die Erzählungen meiner Mutter und auch durch die Telefongespräche mit meiner Schwester, aber ich konnte mich nicht erinnern, eine optische Beschreibung von ihm bekommen zu haben. Schön, ich hätte es ihr wohl auch nicht abgenommen, dass sie nicht nur einen vermögenden Mann dazu brachte, sie von heute auf morgen zu heiraten, sondern auch noch einen, der allein durch seine Optik jede Frau rumbekam.

Um nicht aufzufallen – schließlich hatte ich mich bereits auf einen Flirt eingestellt – wandte ich mich schnell ab, um die zweite Person zu begrüßen, und bekam nun den ersten Eindruck der hiesigen Lage präsentiert. Die brünette Frau war in ihren späten Fünfzigern, auch wenn sie es zu verschleiern versuchte. Die Ohrringe, die breite mit Steinen besetzte Halskette, die Armbänder, die nicht weniger opulent geschmückt waren als die auffälligen Ringe, überdeckten sie beinahe und lenkten von ihrer einfachen Kleidung ab. Sicher eine Fehleinschätzung, denn sie passten ihr aufs Genauste. Dafür hatte ich ein Auge entwickelt, als ich mein Praktikum in einer Kanzlei für Familien- und Erbrecht gemacht hatte. Kleidung war ein Statushinweis und deutete auf die finanziellen Hintergründe, besonders bei Dingen, die nicht von der Stange kamen. Da ich für meine Praktika ebenfalls angemessen gekleidet sein musste, wusste ich, was Qualität kostete.

Ach, und Ressentiments erkannte ich auch. Ihre Miene war verkniffen und die Augen glitten mit einem Abscheu über mich, dass ich fast in wildes Gelächter ausgebrochen wäre. Sie kannte mich gar nicht und sah mich an, als wäre ich Abschaum.

Statt zu lachen, streckte ich ihr die Hand hin. „Hallo, ich bin Kati.“ Ich erwartete nicht, dass sie mir die Hand schüttelte, und wurde in dem Punkt auch nicht enttäuscht. Sie sprach nicht einmal mit mir, sondern wandte sich ab. Ihr Blick glitt hinter mich und sie begann zu sprechen. Ich verstand sie nicht, obwohl ich mich einen langen Moment bemühte, Sinn in die Worte zu bringen.

Ian unterbrach sie mit strenger, fast wütender Stimme in ebenfalls unverständlicher Sprache. Er trat vor, kam an mir vorbei und stellte sich zwischen mich und die wütende Duchess. Vanessa folgte ihm, legte ihm kurz die Hand in den Rücken, bevor sie mir einen ängstlichen Blick zuwarf.

„Es tut mir leid“, formten ihre Lippen.

Ich hob die Schultern, es war nicht Vanessas Schuld, sie hatte mich gewarnt. Definitiv ein Schwiegermonster und damit verblasste Ians Attraktivität deutlich. Klar, er war sexy und obendrein reich, aber ich würde es hassen, wenn ständig diese Anspannung um mich herum wäre.

Passenderweise trat Ferris ein, stoisch, wie ich ihn bisher kennengelernt hatte. Er räusperte sich, ignorierte alle Anwesenden als auch die Stimmung im Raum und verkündete laut und mit tragender Stimme: „Das Dinner kann serviert werden. Wenn die Herrschaften mir folgen wollen?“ Er machte kehrt und ging.

Beeindruckt sah ich ihm nach.

Vanessa seufzte. „Manchmal wünschte ich, ich könnte auch einfach gehen“, flüsterte sie mir zu. „Allein essen und ohne diese ständigen Machtkämpfe.“

„Warum tun wir es nicht?“ Alles war besser, als einem Streit zu folgen, den man ohnehin nicht verstand.

„Katharina!“ Der Tadel steckte bereits in der ersten Silbe.

Also ließ ich die tolle Idee ziehen, aber es gab keinen Grund, stattdessen hierzubleiben. „Komm. Wir wollen doch das gute Essen nicht verderben lassen.“ Ich zog sie mit mir. „Du verstehst auch nicht, worum es geht, oder?“

Sie schüttelte den Kopf und gab ihr Widerstreben nach einem schnellen Blick zurück auf. „Sie wird mir den Kopf abreißen und Ian wird sie dafür wieder auf ihren Witwensitz verbannen.“ Sie klang verzweifelt.

„Und das wäre schlimm?“ Hörte sich für mich eher nach einer Win-win-Situation an, also nicht das Kopfabreißen, sondern die Verbannung.

„Ich fühle mich schuldig“, vertraute sie mir an. In unserem Rücken herrschte immer noch ein turbulentes Wortgefecht. „Sie ist fürchterlich, auch zu ihren Kindern, aber sie ist die Mutter. Ich finde es falsch, sie einzukerkern und auf Wasser und Brot zu setzen.“

Nun war ich erst recht von Ian beeindruckt. Es brauchte eine gehörige Portion Abgebrühtheit, die eigene Mutter so zu behandeln.

„Besonders bei Feierlichkeiten.“

„Was gibt es zu feiern?“ Und ich hatte schon befürchtet, ich könnte mich hier langweilen.

„Ihren Geburtstag.“ Sie hätte auch etwas Makabres sagen können, wie ihren Todestag oder so etwas, so tief sank ihre Stimme ab.

Na herrlich. Vanessas Miene war göttlich, auch wenn sie sich jeden weiteren Kommentar zu dem Thema verkniff.

„Also schön, klär mich auf. Ich dachte, die Landessprache in Schottland sei Englisch.“

„Ist es auch“, brummte Vanessa, als sie sich von mir löste und auf einen Stuhl zeigte. „Da ist dein Platz.“ Sie selbst setzte sich mir gegenüber auf die andere Seite des Tisches. „Schottisches Englisch, wenn man es genau nimmt. Man hört den Unterschied, aber Schottland ist etwas komplizierter.“ Sie verdrehte die Augen. „Es gibt offiziell drei Amtssprachen. Scots und Gälisch werden zwar in der Minderheit gesprochen, aber sind beide nicht totzukriegen.“

„Scots? Ich habe schon mal was von Gälisch gehört, aber Scots?“ Ich schüttelte den Kopf und ließ meinen Blick über die Tafel gleiten. Etwas zu prunkvoll, aber ich war angetan. Mit einem Überschuss an Besteck konnte ich umgehen, nicht umsonst war meine Schwester gelernte Hotelfachfrau und warf gewöhnlich mit ihrem (Besser-)Wissen um sich.

„Ein Dialekt. Gälisch wird nur von einem Prozent der Schotten gesprochen.“ Sie sah mich an, als wolle sie ohne Worte ausdrücken, was sie als Nächstes zu sagen hatte. „Natürlich lande ich bei den wenigen, die diese verrückte Sprache sprechen und ihr Bestehen hartnäckig verfechten.“

„Aha.“ Ja, Murphys Law schlug bei meiner großen Schwester gerne zu. „Ein Prozent, ja?“

Sie knurrte und sah an mir vorbei. „Es gibt auf Skye sogar eine gälische Hochschule, rate, wer sie sponsert.“

Ich kicherte. Ich brauchte nicht raten, sie hatte es schon verraten.

„A ghràidh, entschuldige.“

„Sie wird nicht mit uns speisen?“ Vanessa stieß den Atem aus. „Ich hatte gehofft …“

„Wie erwartet.“ Ian setzte ein Grinsen auf. „Ich muss mich bei dir für das rüde Verhalten meiner Mutter entschuldigen, Katharina. Sie ist leider nicht gruppenkompatibel.“

Nette Umschreibung. „Womit genau stieß ich ihr nun vor den Kopf? Vanessa war mit meinem Aufzug zufrieden.“ Nicht, dass es mich interessierte, aber es gefiel mir, seine Aufmerksamkeit auf mich zu lenken. Seinen Blick auf mir zu spüren und mir vorzugaukeln, ein Mann wie dieser könnte Interesse an mir haben. Ein reicher Mann mit einem schäbigen Schloss und einem Drachen als Mutter?

Ja, manchmal war ich hoffnungslos bescheuert. Oder so ausgehungert nach männlicher Aufmerksamkeit, dass ich selbst meinem Schwager hinterherlechzte?

Schön, Felix hatte erst wieder Interesse an mir gefunden, als ich ihn vor vollendete Tatsachen gestellt hatte: die Trennung. Aber in den drei Jahren zwischen Kennenlernen und dem Aus war ich ihm häufig sprichwörtlich am A… vorbeigegangen. Es hatte ihn nicht interessiert, wo ich war, hinging oder was ich tun wollte. Gemeinsamkeiten hatten wir keine und so drifteten wir immer mehr auseinander.

„Mach dir darüber keine Gedanken.“ Ian griff nach Vanessas Hand und lächelte sie an. „Habt ihr schon Pläne? Wirst du mich involvieren, oder werde ich auf deine Gesellschaft verzichten müssen?“

Es ging offenbar auch anders, denn diese Frage hatte Felix mir nie gestellt. Zugegeben ich ihm auch nicht oft, aber mit meinem Ex und dessen Konsorten abzuhängen, war schnell zu einem No-Go geworden. Seine Clique bestand aus einem Haufen Spiele-Nerds, die das Sonnenlicht scheuten und ihre Mahlzeiten lieber flüssig als fest einnahmen. Wie gesagt, unsere Schnittpunkte waren rar gewesen und keiner hatte sich um Besserung bemüht. Die Vergangenheit schob ich schnell aus meinem Fokus, schließlich hatte ich lang genug Gedanken an diese Beziehung verschwendet, bevor ich meinen Entschluss endlich in die Tat umgesetzt hatte. Weg mit dem alten Hut, weg mit der Gleichgültigkeit und der lähmenden Routine.

„Irgendwie habe ich es verschwitzt, Pläne zu machen.“ Vanessa verzog den Mund. „Wir sind spontan, nicht wahr?“

„Klar.“ Wobei ich nur von mir sprach, von Vanessa wusste ich es besser. „Vielleicht schauen wir uns die Schule an?“

„Bitte?“ Sie schüttelte verwirrt den Kopf.

„Die gälische Hochschule“, griff ich auf und beglückwünschte mich. Ian strahlte mich an. Gut, es war ein blödes, unpassendes und gemeines Spiel, aber wenigstens für kurze Zeit wollte ich in der Vorstellung schwelgen, nicht nur Vollidioten anzuziehen, sondern Männer mit Substanz.

„Du interessierst dich für die gälische Sprache? Vanessa hat ihre liebe Mühe damit, aber ich muss gestehen, dass meine Versuche, Deutsch zu lernen, ebenfalls eher mühsam sind.“ Er lachte auf. „Sie sagt, mein Akzent sei grauenvoll!“

„Für die Hochschule. Ich studiere und finde Alternativen immer sehr interessant.“

„So?“ Ians blaue Augen funkelten interessiert. „Darf ich fragen, was ihr Studienfach ist?“

„Jurisdiktion. Ich studiere Recht.“ Was ein weites Thema war und fürchterlich aufwendig. Tja, oder ich gestand ein, zu abgelenkt gewesen zu sein, um mich auf mein Studium zu konzentrieren.

„Spannend!“

„Oh ja.“ Ich grinste, was etwas verwackelte, als Ian sich an Vanessa wandte und ihre Hand drückte.

„Ich habe Wirtschaft studiert, kann aber nicht behaupten, dass viel hängengeblieben wäre. Nur gut, dass ich meine Vanessa habe, die mich immer daran erinnert, den Ball flachzuhalten.“ Er feixte, während Vanessa die Augen verdrehte. Ich war irritiert, dachte mir aber nichts weiter dabei. Verwirrung war vorprogrammiert, wenn man sich eine Weile nicht in seiner Muttersprache verständigte.

„Du bist ein Verschwender, Ian.“

„Und du die Knauserin!“ Er hob ihre Hand und drückte sie an seinen Mund. „Wir passen zusammen, wie die Faust aufs Auge.“

Schön, es war wohl Zeit einzusehen, dass die beiden sich tatsächlich gesucht und gefunden hatten – verrückt, wie sie waren.

2. Ein Blick in die Ferne

Der Aufstieg zu den Fairy Pools nahm kein Ende. Ich wischte mir den Schweiß von der Stirn und wich erneut entgegenkommenden Touristen aus. Meine Schwester lachte in meinem Rücken.

„Ganz schön was los hier.“ Vanessa sah dem Pulk an Touristen feixend nach. „Wenn das letztes Jahr so gewesen wäre …“ Sie hakte sich bei mir ein und zog mich weiter.

„Ich verstehe nicht, warum man hier hochkraxelt, wenn man eigentlich zu einer Beerdigung will.“ Absolut unverständlich, wenn man mich fragte, aber Vanessa war ein Sonder-Fall. Sie war immer schon von ihren eigenen Dämonen und Hirngespinsten getrieben worden. Erst ihre perfekte Ehe mit Jörg, inklusive fanatischem Kinderwunsch und anschließend ein nimmer endendes Bad in Selbstmitleid.

Vanessas Seufzen trug ganze Dramen in sich. „Ich glaube, ich wollte einfach nur weg von meiner Schwiegermutter. Du hast sie erlebt, und da war sie noch handzahm.“

Wenn man das handzahm nennen konnte …

„Ich habe mir erst hier oben Gedanken gemacht, ob ich auf dem richtigen Weg bin.“ Vanessa lenkte uns an den Rand, um eine weitere Touristen-Stampede durchzulassen. Hier musste es etwas umsonst geben, bei dem Andrang. Mich vorbeugend verfolgte ich den unebenen Weg, der sich in den Berg grub. Es kam mir nicht so vor, als näherten wir uns unserem Ziel.

„Hier? Vani …“ Ich schüttelte den Kopf. „Du bist hoffnungslos.“

Wieder seufzte sie. „Ich bin selbst, als ich ahnte, dass ich hier nicht zur Kapelle finden würde, weiter geradeaus gegangen, nur um nicht aus Versehen doch noch der Duchess über den Weg zu laufen.“

Hoffnungslos. Mir blieb nur, den Kopf zu schütteln und das Wundern einzustellen.

„Na, komm, es ist noch ein Stück!“

Obwohl ich es geahnt hatte, stöhnte ich verzweifelt. Als meine Schwester vorgeschlagen hatte, die Fairy Pools zu besichtigen, hatte sie verschwiegen, dass damit eine Kletterpartie einherging. Ich hätte mich sonst herausgeredet.

„Der Anblick ist es wert, Katharina, glaub mir, er ist atemberaubend.“

Kein Wunder, wenn man bis oben auf den Berg kam, war man so fertig, dass einem automatisch der Atem wegblieb.

„Warum noch gleich?“ Mein Spott war verschwendet, aber ich hatte es auch nicht anders erwartet. Vanessa überhörte Sarkasmus und Ironie, egal wie dick er aufgetragen wurde.

„Der Auflauf hier?“ Vanessas Hand fasste meine und zog mich resolut den Weg hinauf. Einen Moment war ich verblüfft. Meine Schwester und Tatkraft passte zusammen, wie Sommer und Schnee.

„Catrionas Buch, Mystic Pools, spielt hier.“

„Und Catriona ist wer?“ Hier musste ich meine Verfehlung eingestehen. Ich hatte mir in den Jahren angewöhnt, abzuschalten, wenn Vanessa mit mir sprach. Erst waren es nur Vorhaltungen gewesen, wie sorglos und verschwenderisch ich sei, und dann ging es in endlose Litaneien über, wie schlecht es ihr ginge und warum.

„Ians jüngste Schwester, sie ist doch Autorin. Ich glaube, Enchanted Dùn wurde gerade übersetzt und sollte bald auch in Deutschland auf den Markt kommen.“ Vanessa wich einem Findling aus, der mitten aus dem Weg wuchs. Kopfschüttelnd ließ ich mich weiterziehen. Warum wurde so etwas nicht aus dem Weg geräumt?

„Deine Schwägerin also. Die Beliebte.“ Es war einfacher, Etiketten auf die Personen zu kleben, um sie auseinanderzuhalten, es waren einfach zu viele.

„Ealasaid ist …“, begann Vanessa, brach dann aber ab, um kichernd einzustimmen: „Ja, die Schwägerin, die ich leiden kann.“

Ich stieß mir den Zeh und fluchte.

„Ist es noch weit?“

„Stell dich nicht so an. Als ich zum ersten Mal hier hoch bin, trug ich Pumps!“

Was für meine Schwester keine große Sache sein sollte, lief sie doch arbeitsbedingt häufig auf Stelzen herum. Dass ich die Augen verdrehte, bekam sie mit, ließ es aber unkommentiert durchgehen.

„Ein paar Höhenmeter sind es noch, aber …“

Der Ausblick wäre es wert, ja, ja!

Folgsam hielt ich den Mund und schleppte mich weiter. Es war wohl offensichtlich, dass es mir an Ausdauer mangelte und daran trug allein ich die Schuld. Zu Beginn meines Studiums hatte ich noch regelmäßig das campuseigene Sportangebot genutzt, aber mit der Zeit – nein, mit Felix – war ich faul geworden. Auch das konnte ich zum Ende der Semesterferien in Angriff nehmen, ebenso wie die Verbesserung meiner Leistungen, denn inhaltlich war kaum etwas von den letzten beiden Studienjahren hängengeblieben.

„Verflixt, das ist jetzt aber nicht lustig!“ Vanessa riss mich aus der Selbstbetrachtung. Vor uns befand sich ein Pulk Menschen und mehr als Rücken und Hinterköpfe waren nicht auszumachen. „Müssen wir uns echt anstellen?“

Ihr Verdruss war putzig und beflügelte meine Laune. Fröhlich zwinkerte ich ihr zu und stellte mich an. „Ist sich die Herzogin etwa zu fein, um unter Gemeinen anzustehen?“

„Pft!“ Sie verschränkte die Arme, reihte sich ein und sah zur Seite, als sie murmelte: „Ich hätte das Areal räumen lassen sollen, wie Ian vorschlug.“

Ich lachte auf. Meine Schwester das elitäre Wesen, ja, das passte zu ihr!

„Und einen Shopper benutzen, anstatt hier zu Fuß hochzukraxeln!“ Die Schlange bewegte sich langsam vorwärts, kam zum Stehen und setzte sich wieder in Bewegung. Vanessa hatte ausgiebig Zeit, mich auszuschimpfen, daher stellte ich auf Durchzug. Endlich näherten wir uns dem Kopf der Gruppe. Ein Rauschen übertönte Vanessa und deutete auf fließendes Wasser hin. Endlich traten wir durch die Öffnung im Felsen auf ein Plateau, von dem man tatsächlich einen sagenhaften Ausblick hatte. Das Gedrängel nahm ab und ich konnte meinen Blick über das Panorama schweifen lassen. Vor uns lagen die Fairy Pools, was Vanessa mir nicht noch einmal sagen musste, es aber trotzdem tat. Es folgten noch ein Haufen Erklärungen und Geschichten, wie der Ort an die Bezeichnung gekommen war, die ich aber gekonnt ausblendete. Der Anblick genügte vollauf, um meine Sinne gefangen zu nehmen. Das Farbenspiel des Sees unterhalb von uns, der Regenbogen, der sich in dem gigantischen Wasserfall brach und der Krach, den das rauschende Wasser produzierte, als es über die Klippen ging und in die Tiefe stürzte. Ich verfolgte fasziniert den Fall. Unten gab es einen riesigen Bereich mit aufgewühltem Wasser, dann der Nebel, der über allem lag, ein Vorhang feinster Tropfen. Selbst hier oben spürte man ihn auf der Haut und in jedem Atemzug. Ich schloss die Augen, um mich für einen Moment auf meine Sinne zu konzentrieren. Es schmeckte anders, als ich es von Wasser gewöhnt war.

„Langfinger!“ Vanessas Kreischen riss mich aus der Betrachtung des Naturschauspiels. Automatisch machte ich einen Schritt zur Seite, denn die Warnung konnte nur auf mich gemünzt sein. Jedem anderen hätte sie etwas Englisches zugerufen. Ich stieß gegen das dicke Tau, das den Bereich absperrte, und musterte die Umstehenden scharf. Vanessa verstellte einer jungen Frau den Weg, als sie Richtung Torbogen verschwinden wollte. „Was haben Sie gestohlen?“

Meine Hand zuckte zu meiner Umhängetasche, die mit einem Magnetverschluss geschlossen war und zusätzlich einen Reißverschluss hatte. Beides war offen. Mein Blick folgte meinen Fingern ungläubig. Ich hatte nichts bemerkt!

Und wurde von etwas Glitzerndem, das auf dem Boden lag, abgefangen. Falsche Steine reflektierten Sonnenstrahlen, Steine, die mein Sternzeichen auf blauer Emaile nachbildeten. Mein Schlüsselanhänger!

Ich bückte mich um ihn aufzuklauben, während Vanessa sich um die Taschendiebin kümmerte. Sie bekam Unterstützung durch einen Mann, was mir allein eine tiefe Stimme verriet, denn meine Aufmerksamkeit war einzig auf meinen Schlüssel gerichtet. Mein Knie schrappte über lose Steine und ich streckte mich immer weiter, um ihn zu erreichen. Ich musste nachrutschen, während hinter mir nach dem Sachverhalt gefragt wurde und jemand keifend alle Schuld von sich wies. Endlich berührten meine Fingerspitzen das kühle Metall, aber ich war noch nicht nah genug, um es auch greifen zu können, also krabbelte ich weiter vor. Mein Mofaschlüssel hing über den Rand der Klippe. Erleichtert, ihn gerettet zu haben, stand ich auf, um den Beweis, dass die Frau an meiner Tasche gewesen war, in die Luft zu heben. Mich drehend bekam ich einen Schubs. Vermutlich unbeabsichtigt, denn die Frau stieß gegen mich, als sie versuchte, meiner Schwester auszuweichen.

Ich kippte, riss die Augen auf und fing Vanessas Blick auf. Ihre Lippen formten meinen Namen, aber ich konnte ihn nicht hören. Das Rauschen nahm überhand, als ich sie aus den Augen verlor. Die Zeit blieb stehen, während ich verdutzt verfolgte, wie mein Blickfeld sich Stück für Stück änderte.

Verflixt, wie tief fiele ich wohl? War es von Bedeutung? Sicherlich war die Wasseroberfläche hart wie Stein, egal ob aus zehn oder hundert Metern und mein Aufprallwinkel war alles andere als optimal. Ich schlüge frontal mit dem Rücken auf, was schrecklich wehtäte. Bräche ich mir dabei das Genick? Moment, wie tief war der Pool hier? Selbst wenn ich den Aufschlag auf die Wasseroberfläche überlebte, wenn der Grund nicht tief genug lag … Ach, verdammt!

Ich war zu jung, um zu sterben. Wut mischte sich mit meiner Überraschung und wandelte sich ebenso schnell in Trauer. Eine eigene Familie wäre nett gewesen. Ein Baby, ein liebender Ehemann … Das war nicht fair!

Moment, irgendwie klang ich jetzt schon wie Vanessa.

Wasser schlug über mir zusammen und einen Moment lang verdrängte der Schmerz alles andere aus meinem Fokus. Die Augen aufgerissen sah ich, wie tausende Bläschen sich in die entgegengesetzte Richtung bewegten und ein kleiner Teil meines Gehirns merkte an, dass ich besser meine Richtung überdachte.

Ach ja, und den Mund schloss.

Ich biss mir auf die Lippe, was mir zumindest half, mein Entsetzen abzuschütteln, handeln konnte ich trotzdem nicht. Über mir färbte sich das Wasser rot. Der Atem ging mir aus, meine Lungen schrien nach Luft, während meine Glieder ihrem Befehl zu rudern nicht nachkamen. Scheiße!

Das Rot füllte mein Blickfeld aus, bevor dessen Ränder dunkler wurden und sich dann blitzschnell zusammenzogen. Oh, nein, eine Ohnmacht war das Letzte, was ich nun gebrauchen konnte. Leider kam ich nicht dagegen an.

3. Eine etwas andere Rettung

Licht gleißte auf, funkelte, drehte sich wild im Kreis. Etwas zog an mir. An meinem Haar, das sich aus dem lockeren Dutt in meinem Nacken gelöst hatte, an meiner Kleidung, die sich mit Wasser vollsog und mich unerbittlich hinab zog. Aber da war noch etwas. Etwas, das mir zusätzlich die Luft abdrückte, Luft, die ich gar nicht mehr haben dürfte.

Und doch …

Ich brach durch die Oberfläche, was ich nur durch die plötzliche Wärme auf meinen Wangen bemerkte. Ich schnappte nach Atem, gierig und verzweifelt zugleich, nur um doch Wasser zu schlucken. Ich prustete, kämpfte mich los, oder versuchte es zumindest.

Endlich ließ die Wand aus Wasser nach und ich bekam frische, wenn auch feuchte Luft in die Lungen. Gierig konzentrierte ich mich nur darauf zu atmen. Ein, aus, ein …

Das reine Glück schoss durch meinen Körper. Mir war danach zu lachen. Allerdings wurde der Laut augenblicklich abgewürgt. Eine Hand presste sich auf meinen Mund. Erneut fehlte mir der Atem und ich begann sofort mich zu wehren. Das Ergebnis war nicht, was ich im Sinn hatte, denn anstatt die Pranke loszuwerden, die mir Mund und Nase zudrückte, legte sich auch noch ein Stahlband um meine Mitte, das beide Arme an meinen Körper presste und mich bewegungslos zurückließ. Da ich an eine harte Mauer in meinem Rücken gepresst, und heißer Atem über meine Wange krabbelte, während unverständliche Worte gemurmelt wurden, korrigierte ich gedanklich das Stahlband mit Arm, auch wenn es sich nicht anfühlte, als wäre etwas Menschliches um mich herum.

Wieder zischte mir die dunkle Stimme ins Ohr, wobei sich der Druck auf mein Gesicht und um meine Rippen erhöhte. Mir schwanden die Sinne.

Halb ohnmächtig registrierte ich, dass ich aus dem Wasser gezogen und hochgehoben, dann abgelegt und zugedeckt wurde. Obwohl die Dunkelheit um meine Sinne sich wieder zurückzog, ließ ich die Augen geschlossen. Stimmen schwirrten um mich herum, aber ich verstand kein Wort, zum Teil, weil sie gegen das übermächtige Rauschen des Wasserfalls zu leise waren, aber auch, weil die Worte einfach keinen Sinn ergaben. Also weder Deutsch noch Französisch, was ich sogar besser beherrschte als Englisch. Ein unschöner Gestank legte sich auf mich, menschliche Ausdünstungen der feinsten Sorte gepaart mit Rauch. Es war unmöglich zu atmen, ohne in ein Gebell auszubrechen und es wurde zunehmend schlimmer.

Meine Neugierde zwang mich, zu blinzeln. Helle wurde ich dadurch nicht. Das Feuer lag nicht auf meiner Augenhöhe, sondern irgendwo hinter mir oder über mir, je nachdem wie man meine Lage beschreiben wollte. Jedenfalls beleuchtete es die Umgebung nur unzureichend und reflektierte nicht einmal an den Wänden. Die Höhle musste riesig sein und besaß eine massive Decke. Die einzigen Lichtquellen waren das vom Wasser gefilterte Sonnenlicht und das Lagerfeuer, von dort kamen die Stimmen, der Gestank und alles Weitere. Gut, die schwere Decke, die auf mir lag, roch auch nicht besser und ich entledigte mich ihrer nur nicht, um keine Aufmerksamkeit auf mich zu ziehen. Alles in mir rebellierte, mein Magen vornweg. Galle stieg mir in den Mund, die Semidunkelheit pulsierte vor meinen Augen und meine Gliedmaßen sackten weiter herab, als ich versuchte mich zu bewegen. Ganz abgesehen von meinem Kopf, der schmerzte. Vanessa war die Wehleidige von uns, aber wenn das, was mein Kopf jetzt durchmachte, Migräne war …

Nein, soweit kam es noch, dass ich mich schuldig fühlte, weil ich ihr nie ein Wort geglaubt hatte, wann immer sie beteuert hatte, sich nicht wohlzufühlen und nicht aufstehen zu können.

Schritte knirschten nahe an meinem Ohr, ließen meinen Schädel beinahe bersten. Es riss mich aus meiner Selbstbetrachtung und zurück in diese merkwürdige Situation. Irgendwas war hier absolut …

Über mir erschien eine dunkle Silhouette. Langes Haar hing über seine Schulter und ging nahtlos in eine Art Rauschebart über. Wohlgemerkt in einen in der Mitte geflochtenen Bart, dessen Ende meine Stirn kitzelte.

Raue Worte ergossen sich über mich. Mein Blinzeln fasste der Mann so auf, dass ich eine Wiederholung benötigte und nicht, dass ich kein Wort verstand. Diese Schotten übertrieben es mit ihrem Aufleben alter Gepflogenheiten deutlich. Schön dass sie ihre alte Sprache wieder verbreiten wollten, aber zur Verständigung mit nicht-gälischsprechenden Menschen wäre es sinnvoll, es mit Englisch zu versuchen!

Mal abgesehen davon, dass Rauschebärte gepflegt werden wollten und damit meinte ich nicht, verziert, sondern gewaschen, schamponiert und mit Pflegeprodukten behandelt.

„Was?“ Gut, das war unhöflich und vermutlich wäre ich mit einem Wie bitte besser gefahren, denn der Typ spuckte mir fast ins Gesicht, griff mir ins Haar und zwang mich praktisch in eine sitzende Position. Kaum saß ich ihm vis-à-vis gegenüber, pikste mich die Spitze eines Messers in den Hals.

Ich war zu überrascht, um zu reagieren.

Ein zweiter Typ, ein bis auf die Haut durchweichter junger Mann, tauchte hinter dem Hünen auf, griff nach dessen Arm und zog die Hand mit dem Dolch zurück, dessen schimmernde Klinge mir nun deutlich ins Auge fiel. Ich war beileibe keine Expertin, was Stichwaffen anbelangte, aber diese war ungewöhnlich. Und unhandlich, ein Klappmesser wäre besser zu verstecken und jedes Militärmesser zweckmäßiger, aber das Teil war riesig, schwer und auch noch blutverkrustet.

Okay, hier lief etwas so gar nicht, wie es sollte.

Die beiden Fremden stritten sich, wobei sie abwechselnd mich ansahen, beide an mir herumzerrten und immer wütender wurden. Schließlich zückte auch der Zweite, der Nasse, einen Dolch. Er war nicht weniger massig, haarig, oder aggressiv, was mir ein schmerzliches Zusammenziehen meines Magens bereitete. Meine innere Stimme meldete sich und warnte mich Deckung zu suchen. Gefahr lauerte und mein Körper reagierte mit einer noch nie zuvor dagewesenen Gänsepelle.

Der Griff in meinem Haar lockerte sich und ich wurde zur Seite gezogen. Für einen Moment verlor ich die Kontrahenten aus den Augen, weil ich auf dem Steinboden landete und mich erst aufrappeln musste, dann war nichts mehr zu sehen, als sich rangelnde Männer. Fäuste flogen, die Schneiden blitzten auf und Haar wirbelte durch die Gegend. Weitere Gestalten tauchten auf, leise, fast lautlos, rangen sie beide nieder. Eine Diskussion entbrannte, aber kein Geschrei, alles blieb gedämpft unter dem mächtigen Rauschen des Wasserfalls. Keiner beachtete mich, was meine Chance zu entkommen war, leider konnte ich sie nicht nutzen. Meine Glieder bebten, als ich mich aufstemmte, es war aussichtslos. Weiter als zur rauen Felswand kam ich nicht, dort zog ich die Beine an. Nun erst wurde mir bewusst, wie kalt mir war. Alles tat mir weh, mein Rücken, jede Faser in mir und mein Kopf sowieso. Die Arme um mich schlingend, legte ich den Kopf ab. Eine scharfe Kante drückte sich in meinen Hinterkopf, also ließ ich ihn nach vorn fallen und legte die Stirn auf den Knien ab. Was für eine merkwürdige Situation. Der Gedanke stockte, drehte sich und ließ eine bedeutende Frage aufkommen.

Wo zum Teufel … Mein Hirn nahm wieder Fahrt auf und ich erinnerte mich, wie ich gestürzt war.

„Einen Arzt.“ Mein Schädel explodierte sicherlich, zumindest hatte ich das Gefühl, als ich den Kopf zurückriss. „Ich muss ins Krankenhaus!“

„Sassenach!“, brüllte der Zottelbart und stürmte auf mich zu. Der Dolch hob sich und mein Herz setzte aus. Nee. Das konnte doch nicht sein. Wie daneben war das?

Ich ging davon aus, in einem Schauspiel gefangen zu sein, weshalb ich nicht wirklich verängstigt war, sondern eher verwundert. Klar, meine Kopfhaut brannte noch von seiner rüden Behandlung, abgesehen von meinen schwerwiegenderen Blessuren selbstredend, aber das alles machte doch gar keinen Sinn!

Ich sah dem Kommenden also unerschrocken ins Auge, sprich einem riesigen Berg von einem Mann – nicht unähnlich meinem Schwager, nur deutlich ungepflegter – der mit gezücktem Dolch näherkam und mich ganz sicher nicht vor einer Ratte retten wollte, die womöglich über meinem Kopf auf einem Felsvorsprung hockte.

„Sguir dheth!“, röhrte der nasse Typ, nicht minder massig, aber immerhin nicht gestylt wie der böse Onkel des Weihnachtsmanns. Er fing den Arm mit der schillernden Klinge ab und riss den Angreifer herum.

„Tha i na Sassenach!“

Erneut entbrannte ein Streit, lauter dieses Mal und wieder mischten sich drei weitere Personen ein. Zwei von ihnen trugen lange Kleider, der Letzte einen dieser Schottenröcke, alle drei trugen ihr langes Haar offen. Es schwang bei jeder Bewegung mit und hatte einen hypnotischen Effekt auf mich. Meine Lider wurden schwer, das Sehen zu anstrengend in der Dunkelheit der Höhle und dem flackernden, viel zu spärlichen Licht des Feuers. Also schloss ich die Augen, nur für einen Moment, um Kraft zu sammeln, bevor ich auf ärztliche Versorgung bestehen würde und darauf, den Irren wegzusperren, der mich mit einem Dolch bedroht hatte. Allerdings blieb dies ein Aktionsweg, der ausschließlich in meinem Kopf Entfaltung fand.

 

***

 

Kühles Nass tupfte auf meinem Gesicht und riss mich langsam aus dem umfassenden Meer der Dunkelheit. Die Gestalt, die sich über mich beugte, wie auch alles um uns herum, blieb undeutlich, verschwommen und dunkel.

„Vanessa?“ Mein Hals kratzte fürchterlich. Ich schloss die schmerzenden Lider und versagte mir ein Stöhnen. Jeder Laut musste schmerzen, nicht nur der Name meiner Schwester.

Finger glitten über meine Stirn und schoben Haare aus meinem Gesicht. Alle bis auf das eine, das an meinen spröden Lippen hängenblieb und an der aufgesprungenen, sehr sensiblen Haut riss.

„Uisge?“ Es war kein richtiges Wort, eher etwas, was man zur Beruhigung vor sich hinmurmelte. Oder? Während Tropfen auf meinen leicht geöffneten Mund fielen, blinzelte ich erneut. Das Bild änderte sich nicht, aber ich bekam weitere Eindrücke, die ich verarbeiten konnte. Lange Haare umrahmten ein schmales, dunkles Gesicht, aus denen mir wache, blaue Augen entgegensahen. Eine Frau, aber nicht Vanessa.

Ich fing einige der Wassertropfen ab, um meine Mundhöhle zu befeuchten. Das Kratzen in meinem Hals wurde dadurch nur wenig besser, aber ich wollte nicht murren – schließlich tat es weh und ich war eher fürsorglich für mich eingestellt. Trotzdem musste ich sprechen. Ich musste mich verständigen und herausfinden, was zum Geier hier gespielt wurde. Warum hatte man mich aus dem Wasser gefischt, aber nicht ins Krankenhaus gebracht? Mit jedem Moment, den mein Verstand bekam, um sich aus seiner Starre zu lösen, fielen mir mehr Dinge ein, die nicht passten.

„Wo …“ Aber sprechen ging nicht. Ich schloss die Augen und ließ die Zunge über meine Lippen gleiten. Es brachte nicht viel, gab mir aber das Gefühl, etwas in die richtige Richtung zu tun. Denken. Also, wenn ich keinen Ton hervor bekam … Der Typ mit dem Dolch kam mir in den Sinn und ließ mich aufschreien. Zur gleichen Zeit kam ich mit dem Oberkörper hoch, stieß die Fremde von mir und zog die Beine an. Ein Fluchtreflex, der ebenfalls für Schmerzen sorgte. Ich war definitiv nicht in der Verfassung, irgendetwas anderes zu tun, als still zu leiden.

Die Frau hob die Hände, zeigte mir ihre Handflächen und murmelte: „Tàmh.“

Ich stieß bei meinem Rückzug mit dem Rücken schmerzhaft gegen die Felswand und ließ sie nicht aus den Augen. Tja, ich dachte einfach nicht mehr an die anderen, weshalb mich die Berührung erneut aufschrecken ließ, mit einem weiteren Schrei natürlich. Eine Pranke drückte sich auf meinen Mund und erwischte meine Nase, wodurch ich – wieder einmal – keine Möglichkeit hatte, Luft zu holen. Meine Nägel bohrte ich mit vollem Bewusstsein in die Hand des Kerls, aber er zuckte nicht einmal zusammen, ertrug es stoisch.

„Still!“, hisste er mir ins Ohr, während er mich zu sich zog und an sich presste, um mich völlig in seine Gewalt zu bringen. Sprich: Meine Nägel aus seinem Fleisch zu lösen und meinen freien Arm in seiner Umarmung einzusperren. Mir blieb nur zu beißen, was ich auch ohne Gnade tat.

Das spürte er zumindest, auch wenn sich der Griff nicht lockerte, also biss ich fester zu. Ich schmeckte Blut und bekam langsam Panik, denn der Kerl ließ mich nicht los. Musste ich ihm erst ein Stück aus seiner Hand beißen?

„Aufhören, Sassenach!“, grollte er in holprigem Englisch.

Zwei Optionen, beide riskant, herrlich. Rechtlich gesehen beging ich natürlich eine Körperverletzung, während er bisher Freiheitsberaubung auf dem Kerbholz hatte. Natürlich agierte ich im Selbstschutz und er hatte keine guten Gründe, mir eine ärztliche Versorgung vorzuenthalten.

Seine Pranke reichte von einem Ohr zu meinem anderen, und als er seinen Griff festigte, zermalmte er meinen Kiefer in ihr. Ich konnte mit Schmerzen umgehen, klar, mit der richtigen Atemtechnik ließ sich einiges bewerkstelligen, aber da lag der Hase im Pfeffer! Mir schwindelte und die Entschlossenheit, mich zu behaupten, schwand bei jedem Versuch, Atem in die protestierenden Lungen zu ziehen.

Ich löste meine Zähne, nachdem ich mir meine Ausweglosigkeit bewusstgemacht hatte und nickte, als er mich erneut aufforderte stillzuhalten. Ich spürte ihn in meinem Rücken, seit er mich an sich gezogen hatte, er war kein bisschen weicher als die Felswand und durch seinen Arm um meine Mitte war es, als läge ein Gewicht auf meiner Brust.

„Du schreien, dann …“ Die Drohung blieb unvollendet, was mir aber gleich war. Ich war nur froh, endlich wieder Luft zu bekommen.

„Wo Lager?“ Sein Atem schlug mir ins Gesicht, rollte heiß über meine Wange und hinunter über meinen Hals. Meine Kleidung fühlte sich immer noch nass an, aber sie klebte nicht mehr an mir wie eine zweite Haut, außer in meinem Rücken, wo es verdammt warm wurde durch seine Körperwärme, denn ich schien im Gegensatz zu ihm kalt zu sein wie ein Fisch.

„Wo Lager?“

Lager von was? Den Heerscharen an Touristen, die die Gegend unsicher machten?

Mein Kopfschütteln sorgte für ein brummiges Zischen.

„Sagen, Sassenach.“

„Ich brauche einen Arzt.“ Zumindest bekam ich es deutlich hervor, auch wenn mein Hals brannte und zürnte. „Und mehr Wasser.“ Wenn ich schon Bedingungen stellte, sollte daran auch gedacht sein.

„Uisge.“

Sollte ich weitere Forderungen stellen? „Ich will sofort wissen, was das hier soll!“

Ein Grollen war die Antwort. Eine Frau, auf den zweiten Blick älter als erwartet und nicht dunkelhäutig, sondern schlicht dreckig, reichte mir eine Schale.

„Uisge.“ Sie nickte mir aufmunternd zu und lächelte, als ich ihr das Behältnis abnahm. Immerhin schmeckte es frisch und kühlte meine geschundene Speiseröhre. Einen Moment genoss ich die kleine Linderung.

„Warum haben Sie keinen Krankenwagen gerufen? Ich bin verletzt und brauche …“

Ich spürte, wie er den Kopf schüttelte, weil sein Haar meine Wange streifte. Sein Bart?

Bäh!

„Das Lager, Sassenach.“

So kamen wir nicht weiter, also schwenkte ich um. „Welches Lager?“ Wenn ich ihm sagte, was er hören wollte, blieb er vielleicht kooperativ und ich konnte auf baldige Versorgung hoffen.

„Soldaten.“

Mein erster Gedanke war abwegig. Sicherlich versteckten sich keine Terroristen in den schottischen Bergen.

„Verzeihung, ich bin Ausländerin, ich weiß nicht, wo die Truppen im United Kingdom stationiert sind.“

„Sprecht!“, zischte er und machte Druck auf meinen Brustkorb, indem er mich noch enger an sich zog.

„Ich weiß es nicht!“ Vielleicht kein Terrorist, aber ein Verrückter.

„Sassenach, du sagen, wo Soldaten, oder …“

Mein Atem stockte, aber wir befanden uns im 21. Jahrhundert und ich war nicht erzogen worden, mich leicht einschüchtern zu lassen. Herrgott, ich hatte jahrelang Kampfsport betrieben, da lernte man ebenfalls, einer Bedrohung nicht auszuweichen.

„Oder was?“

Es blieb still. Tja, da hatte er wohl nicht mit Widerstand gerechnet. Mein süffisantes Grinsen blieb ihm natürlich verborgen, ich gönnte es mir trotzdem. Vor mir hockte nur die Frau, die mir das Wasser gegeben hatte, hinter ihr schimmerte es bläulich. Das Rauschen wurde mir wieder bewusst und ich ordnete es der Wand vor mir zu, der Wand aus fließendem Wasser. Der Wasserfall!

Ha! Er wollte mir medizinische Versorgung vorenthalten? Ich brauchte nur dort raus und tada, Vanessa sähe mich vom Felsvorsprung, von dem ich gestürzt war und ich käme schnurstracks in ein Krankenhaus.

Etwas Kaltes legte sich an meine Kehle. „Sprecht.“ Er verstärkte den Druck an meinem Hals.

Ein gefährlicher Irrer, na toll. Allerdings war ich zu nah an meiner Rettung, als dass ich untätig bleiben könnte.

Also nickte ich. „Ja, bitte nehmen Sie das Messer weg.“ Kaum zog er den Dolch zurück, klatschte ich ihm das restliche Wasser samt Schale ins Gesicht und stürmte vorwärts. Klar, ich musste noch hochkommen, was schwieriger war als erwartet, aber ich schaffte es noch, die Frau umzustoßen und fünf Schritte bis zum Wasserfall, bevor mich ein Sack umwarf. Ich schlug mit dem Kinn auf und sah nur noch explodierende Sterne. Shit!

 

***

 

Als ich dieses Mal zu mir kam, schmeckte ich Blut. Mein Kopf dröhnte, mein Gesicht brannte und der Rest meines Körpers fühlte sich an, als stecke er in einer mit Nadeln gefüllten Zwangsjacke. Ich konnte mich nicht rühren und es war stockfinster. Ach, und schweinekalt, was mir aber erst langsam bewusst wurde. Ungefähr zu der Zeit, als mir auch mein Versagen klar wurde, oder schüttelte ich mich vor Wut und nicht, weil ich fror?

„Dumm, Sassenach.“

Mein Stöhnen war sicher in der ganzen Gegend zu hören.

„Mädchen nicht kämpfen, Mädchen gehorchen.“

„Arschloch.“ Mir fielen noch mehr Schimpfwörter ein, aber eigentlich wollte ich nicht mit ihm reden. Eigentlich wollte ich ganz weit weg sein, gerne in meiner WG und mich mit einem anderen Psycho rumschlagen, meinem Ex. Der wurde wenigstens nicht gewalttätig und schlug mir die Lippe auf. Meine Zunge berührte vorsichtig den Schnitt. Er lag ziemlich mittig. Was noch? Hatte er mir die Nase gebrochen? Das Jochbein? Es fühlte sich so an.

„Sagen, wo Lager.“

„Ich kenne mich hier nicht aus!“, zischte ich und bereute es, weil der scharfe Ton meine Lippe beanspruchte. Also erging ich mich in stillen Beleidigungen.

„Woher du?“

Ich versuchte ihn in der Dunkelheit auszumachen. Seine Stimme kam von vorn und klang sehr nah, aber zu sehen war er nicht. „Deutschland.“

Das stopfte ihm für eine Weile den Mund. Allerdings sortierte es nicht seine wirren Gedanken.

„Meint Ihr Preußen? Welche Fürsten?“

„Hören Sie mal genau zu: Sie begehen hier schwere Körperverletzung und Freiheitsberaubung. Ich kenne das Strafmaß in Großbritannien nicht, aber sie machen es auf jeden Fall schlimmer, je länger Sie mich festhalten!“

Steinchen rollten auf mich zu, es knirschte und im nächsten Moment wurde ich auf den Rücken gedreht. Da meine Hände dort gefesselt waren, drückten sie mir schmerzhaft in den Körper. Er kam näher, ich spürte es daran, dass mir wieder wärmer wurde.

„Wem übergeben?“

Ah, endlich nahm er Vernunft an. Oder war es eine Finte? Solange ich nicht wusste, was hier gespielt wurde, war es schwer, das zu sagen.

„Der Polizei.“ Ha, ausgebootet!

„Der was?“ Sein Atem strich über mein Gesicht und er kam so nahe, dass ich endlich etwas sehen konnte – das Weiße in seinen Augen!

„Der Polizei.“

Sein Haar kitzelte mich, als er den Kopf schüttelte. „Sprecht, Lassie. Wer Polizei? Soldat?“

Okay, offenbar war es eine Sackgasse. Vernunft wirkte bei Verrückten nicht. Was sollte ich tun? Ruhe bewahren?

Viel lieber wollte ich lauthals schreien. Es steckte in jedem Millimeter meines geschundenen Körpers und war so nah daran auszubrechen, dass es mich ängstigte. Panik, keine Frage.

Meine Zunge formulierte Worte, was im engen Raum meiner Mundhöhle nicht einfach war. Schon gar nicht, da es sich so anfühlte, als vergrößere sie sich bei jedem Schlag. „Von welchen Soldaten sprechen wir eigentlich?“

„Was?“

„Ich bin etwas verwirrt, der Schlag auf dem Kopf vermutlich.“ Mein Lächeln war sicher weder zu sehen, noch sonderlich glaubwürdig. Lang hielt es auch nicht an, weil der Schnitt aufriss und brannte, als hätte ich eine Zitrone geküsst. „Wo bin ich?“

Nicht zu dick auftragen, mahnte ich mich gleich, schließlich wollte ich ihn offen und zugänglich und nicht als den Brutalo, für den er sich bisher erwiesen hatte.

„Daingead!“

Er stemmte sich auf. Ein kalter Hauch glitt über mich und ich drehte mich, um meinen Rücken zu entlasten.

Zuerst musste ich ihn dazu bringen, meine Fesseln zu lösen.

„Ihr von Preußen?“

„Ja.“ Komm schon, spornte ich ihn an, erzähl etwas, was mir weiterhilft!

„Name?“

„Katharina.“ Besser ich ließ meinen Nachnamen weg. Schließlich konnte ich nicht genau sagen, was dem Typen oder seiner Konsorte an Informationen vorlagen und welche Schlüsse sie daraus noch zögen. Wenn sie nun wussten, dass Vanessa die Duchess of Skye war und ihren Mädchennamen kannten? Wenn sie nun auf die Idee kamen, ich wäre ihnen als Gefangene nützlich? Also vorsichtig bleiben.

„Wo Begleitung?“ Er nahm neben mir Platz, sein Schenkel berührte mein Knie. Aber ich bemerkte es kaum, war ich doch zu verwirrt von seiner Frage.

„Ich habe keine?“

„Mädchen nicht reisen allein.“ Bei ihm klang es wie ein Naturgesetz.

„Und wie ich alleine reisen kann!“ Mann, in welchem Jahrhundert steckte der denn fest! „Ich kann übrigens auch eigenständig essen, gehen und denken. Nicht zu fassen, was?“

Er sah mich an, als hielte er mich für völlig durchgeknallt. Seufzend drehte ich meine Gelenke. Die Kordel rieb meine Haut auf, schien sich aber zu lockern. Also schön, es gab immer einen Ausweg!

4. Stand der Dinge

Es war eine verdammt schmerzvolle Arbeit, aber ich konnte nicht tatenlos abwarten. Ich war von einer Klippe gefallen, hart aufgeschlagen und hatte am ganzen Körper Schmerzen. Ich wollte schlicht und einfach untersucht werden, nur zur Sicherheit, und ein paar Aspirin wären auch nicht übel. Und eine warme Decke, eine Mahlzeit und etwas Trost. Obwohl mir die Geschichte wohl eh keiner abkaufte. Ich lenkte mich sehr gut von meinem Ärger ab, indem ich über meine Wünsche sinnierte und an meiner Entfesselung arbeitete, denn innerlich brodelte ich. Ich wurde hier von Verrückten gefangen gehalten, und wo zum Teufel war meine Schwester? Sie hatte zugesehen, wie ich von der Klippe fiel, und dann? Suchte sie mich nicht? Warum fand sie mich nicht, verdammt!

Es gab sicher Gründe. Ganz bestimmt. Aber die waren mir eigentlich egal. Warum hörte ich nicht einmal Sirenen? Müssten nicht Einsatzkräfte der Polizei und Feuerwehr nach mir suchen? Oder verlangte ich zu viel?

Blut trippelte über meine Finger, aber die Feuchtigkeit löste die Umklammerung des Seils. Noch ein bisschen und ich könnte meine Hand hindurchzwängen, ganz sicher!

Im hinteren Teil der Höhle raschelte es. Es war noch immer viel zu dunkel, als dass ich etwas ausmachen konnte, obwohl sich die Wasserwand langsam erhellte. Meine Zeit wurde knapp, denn sicher wachten die Verrückten bald auf und dann entkäme ich ihnen nicht mehr. Mein Zerren wurde fahriger, während ich angestrengt lauschte. Schnarchen. Sehr gut.

Endlich konnte ich mich befreien. Auf allen vieren kroch ich weiter, immer in Richtung des rauschenden Wasserfalls. Dabei bemühte ich mich keinen Laut zu machen und auch nahe an der Wand zu bleiben, damit man meine Kontur nicht ausmachte. Das Wasser war eisig, aber es gab kein Zurück. Herrje, ich wusste nicht einmal, ob es einen anderen Weg nach draußen gab und von dieser Richtung durch den Wasserfall konnte ich zumindest ausgehen, bald auf Menschen zu treffen. Die Hütte, von der Vanessa mir erzählt hatte, lag nur eine halbe Meile den Fluss herunter und dort könnte ich mich verstecken.

Ich brauchte der Bewohnerin nur sagen, wer ich war, auf meine Schwester und ihren Mann Ian verweisen und sie brächte mich nach Hause.

Meine Zähne schlugen aufeinander, als ich bis zum Hals in das eisige Nass tauchte und vorwärts schwamm. Das fallende Wasser trommelte auf meinen Schädel herab und erinnerte mich schmerzlich daran, dass er ohnehin pochte. Ich hätte tauchen sollen. Schnell holte ich es nach und spürte das Prasseln auf meinem Rücken, dann auf meinem Po, bevor ich wieder auftauchte und nach Atem japste. Ich zitterte am ganzen Körper und konnte kaum einen vernünftigen Schwimmzug machen. Verflixt, es war doch Sommer!

Die Nadelstiche in meinen aufgeschürften Handgelenken wurden zunehmend unerträglich, aber ich kämpfte mich weiter, bis an den Rand des Beckens. Denn obwohl ich durch den reißenden Strom schneller vorwärts käme, war ich mir sicher, dass es wegen der Temperatur zu gefährlich war. Schon nach wenigen Minuten versagten meine Knie mir den Dienst, als ich endlich die ersten Felsen unter die Füße bekam, und ich musste mich halb aus dem Pool ziehen. Sommer, ha!

Wäre ich mal in die Karibik geflogen, aber nein, ich wollte es ja günstig und war auf Vanessas Einladung eingegangen! Mein Ärger brannte durch meine Adern und gab mir nicht nur meine Willenskraft zurück, sondern auch etwas innerliche Wärme. Nach einigen Fehlschlägen schaffte ich es endlich, auf die Beine zu kommen und mich am Hang entlang zu schieben. Mein Blick wechselte dabei stetig die Richtung. Verfolgte man mich? Wo ging es lang? Warum zum Teufel musste ich die schwierige Seite erwischen?

Am gegenübergelegenen Ufer schloss sich eine Wiesenfläche an, während ich hier über Felsen klettern musste. Verflucht sei Murphy mitsamt seinem Gesetz!

Schön, man konnte mich hier nicht so leicht entdecken wie auf weiter Flur, trotzdem kostete es mich Zeit und unnötige Energie. Ich bekam einfach keine Distanz zum Wasserfall. Ängstlich beäugte ich ihn immer wieder und zuckte zusammen, als sich dort etwas tat. Automatisch ließ ich mich zu Boden fallen und duckte mich hinter einem Felsbrocken.

Hatte ich mich geirrt? Das Problem war, dass das fallende Wasser eine riesige Gischtkrone bildete und man dort nur schwer hindurchsehen konnte. Geduld oder panische Flucht?

Schön, panisch fliehen fiele mir hier schon schwer, schließlich gab es keine wirkliche Option zur Richtung. Schnell musterte ich den Wasserfall bis hoch zu seinem Ursprung, dann die Klippe, auf der gestern ein solches Gedränge geherrscht hatte und heute gähnende Leere.

Ja, ich sollte mich vom Glücksspiel fernhalten, ich würde Haus und Hof verlieren. Wieder die Gischt beschwörend, bemerkte ich eine Bewegung. Wie befürchtet, schwamm da jemand zum Ufer. Zum anderen Ufer, tja, wäre ja auch die klügere Strecke, um zu fliehen. Ich sparte mir meinen Sarkasmus, der mir schließlich nicht weiter half, und kauerte mich zusammen. Ein Glück, dass ich mich am Vortag für dunkle Farben entschieden hatte: schwarze Jeans, graues Shirt mit Spruch und eine dunkelgrüne Steppjacke. Damit war ich schwierig auszumachen, allerdings verschwand mein Opponent auf der anderen Seite mit seiner Bekleidung ähnlich gut mit dem Hintergrund.

Sein dunkelblondes Haar verschmolz mit der welken Heide, während die Brauntöne seines Rocks – ja, er trug einen Rock – mit dem Ufer harmonierten. Ein schottischer Fanatiker also. Ein Freiheitskämpfer, der die Abspaltung vom Commonwealth anstrebte, indem er Sabotageakte in britischen Kasernen verübte?

Ich konnte ihm sagen, wie erfolgversprechend seine Aktion war und wie viele Jahre Gefängnis auf ihn warteten, wenn wir in Deutschland wären. Ich verdrehte die Augen und schalt mich sogleich deswegen, denn ich hatte Mühe, ihn wiederzufinden. Er marschierte geduckt am Ufer entlang, drehte mir dabei den Rücken zu und sah sich um.

Erleichtert sackte ich gegen die Felsen in meinem Rücken und begann meine Beine zu reiben. Am sichersten wäre ich wohl, wenn ich wartete, bis der Typ weg war, aber währenddessen musste ich mich warmhalten. Und vielleicht war es bald Zeit für die Touristen, die Attraktion zu stürmen, dann konnte ich auf mich aufmerksam machen und der Spuk hätte ein Ende.

 

***

 

Irgendwie war es nicht mein Tag, obwohl mir mein Hinterstübchen vorrechnete, dass es nun fast zwei sein mussten. Der Typ war ins Dickicht abgetaucht, allerdings erst, nachdem er akribisch das Flussufer abgesucht hatte, und zwar bis weit an mir vorbei. Ich hatte mich mit Muskelentspannung warmgehalten und war etwas getrocknet. Auf dem Felsvorsprung oberhalb des Wasserfalls war niemand aufgetaucht, nicht eine Menschenseele. Vermutlich war sie wegen meines Unfalls gesperrt, nur, warum suchte man nicht nach mir?

Meine Glieder waren steif und machten es mir schwer, über die nächsten Felsen zu kommen. Ich war fast so weit, es doch noch mit dem Wasser zu versuchen, als mir eine Bewegung auffiel und ich blitzschnell hinter dem Geröll abtauchte. Hatte er mich gesehen?

Ich hatte meine Kapuze übergezogen, die mit Fell besetzt war, in der Hoffnung weniger auffällig zu sein. Vielleicht hielt er mich auf die Entfernung für einen Hasen?

Ich spähte hervor, verfolgte, wie der Typ etwas warf und dann in die Hocke ging. Stieg er ins Wasser? Verflixt! Ich hatte mich auf meinem Weg so weit vorgewagt, dass ich an der Flussbiegung angelangt war, wodurch meine Sicht auf den Wasserfall halb verdeckt wurde. Warten war keine Option, also kroch ich auf allen vieren weiter und rutschte über höhere Steine, um unsichtbar zu bleiben. Welche Idiotie. Auf der anderen Uferseite konnte ich noch immer nichts ausmachen, was an eine Hütte erinnerte, was mich zunehmend verärgerte. Bei Vanessa hatte es sich angehört, als sei sie nur ein Steinwurf entfernt gewesen, nicht Kilometer. Zumindest gab es keinen Grund, schwimmen zu gehen.

Die Biegung machte einen Schwung und versteckte mich endlich vor den Augen möglicher Verfolger, also stand ich auf und sah mich um. Auf meiner Seite ging der Berg zur Neige, was mich aufmunterte. Früher oder später würde die Landschaft auch auf meiner Seite eben werden, ich musste nur Geduld haben.

Schön, ich ging in die falsche Richtung und müsste auf der Straße wieder nach Norden, um die Burg meiner Schwester zu finden, aber noch konnte ich nicht durch Felsgestein wandeln und sowieso brauchte ich zuerst ein Krankenhaus und das konnte ebenso gut im Süden liegen. Also kraxelte ich behände weiter, bis meine Zehen so taub waren, wie meine Finger und mein Magen sich knurrend wie ein wildes Tier zu Wort meldete.

Das lief nicht so wie erwartet. Etwas kaltes Wasser beruhigte meinen Bauch, auch wenn sicher nicht für lange. Ein Fisch wäre doch lecker. Ja, eine Pizza auch, aber ich bezweifelte, so schnell an eines von beiden zu kommen.

Es war Zeit für eine Entscheidung. Sollte ich weiter dem Fluss folgen oder es querfeldein versuchen, um auf die Hauptstraße zu gelangen?

Gewöhnlich fiel es mir nicht schwer, mich zu entscheiden, aber nun fühlte ich mich überfordert. Es gab gute Gründe, die Straße zu suchen, und ebenso gute, am Fluss zu bleiben, außerdem ließ das Sonnenlicht nach. War es schon Abend? So richtig vorstellen konnte ich es mir nicht, aber etwas in mir, die gelinde Panik vermutlich, glaubte fest daran.

Weitergehen. Egal wohin. Schwankend setzte ich mich in Bewegung, stopfte dabei die Finger unter die Achseln und zog die Schultern hoch. Sicherlich fing ich mir hier eine Lungenentzündung ein.

Abgelenkt von meinen Gedanken stolperte ich und blieb liegen.

„Au.“

Zumindest hatte sich das Erdreich aufgelockert und das Ufer mehr Platz eingenommen, so dass ich nicht mit der Nase auf Stein landete, sondern in Dreck. Sehr gut, mein heller Teint hätte mich in der Nacht ohnehin verraten.

„Mist.“ Ich schob die Hände unter mein Gesicht und legte die Stirn darauf ab. „Vielen Dank, Vanessa, für diese erstklassige Erfahrung.“

Ein Geräusch schreckte mich auf, ließ meinen Puls in die Höhe schießen und mich auf das Wesentliche besinnen. Ich fuhr herum und suchte die Gegend nach Bewegung ab. Da war nichts. Oder?

Mein Herz pochte wild in meiner Brust und machte es schwer, etwas anderes als seinen Schlag zu hören. Kein Plätschern, analysierte ich das Geräusch, eher etwas Knackendes, aber Holz gab es hier doch keines. Steine? Ich kniff die Augen zusammen und musterte intensiv den Weg, den ich selbst zurückgelegt hatte. Dort lagen viele lose Steine herum, wenn man falsch auftrat, fielen sie schon mal runter. Panisch sah ich mich um. Der Fluss spendete mir Wasser, aber keine Deckung, die Heide wiederum …

Schnell kroch ich auf das hohe Gras zu und bewegte mich dort ausgesucht vorsichtig, um keinen Halm zu viel in Schwingung zu versetzen. Trotzdem hinterließ ich eine Spur eingedrückten Grases. Nach einigen Metern setzte ich mich auf und spähte umher. Nichts. Dies hier wurde einfach nicht lustiger.

„Nicht müde?“

Mein Zucken verriet mich, das war mir bewusst, denn ich kugelte nach hinten und rollte den kleinen Abhang hinunter. Auf die Füße zu kommen, kostete mich einiges an Mühe, jeder Schritt rüttelte meinen Körper durch und kam mir vor, als liefe er in Zeitlupe ab. Ich rannte doch? Mein Herz tat es definitiv, meine Lungen arbeiteten auf Hochbetrieb, aber waren meine Beine mit von der Partie?

Wohl schon, obwohl das Bild vor meinen Augen sich nicht änderte. Nein, das stimmte nicht, denn auch wenn ich die Sonne im Rücken hatte, bemerkte ich, wie sie immer tiefer sank und mir immer mehr Licht vorenthielt.

Toll, eine wilde Hetzjagd durch die nächtliche Heide. Ach ja, erwähnte ich, dass ich mich auf einer Insel befand? Wie weit war es bis zum Ende und erwartete mich dort ein flacher Sandstrand oder scharfe Klippen?

Solche Gedanken waren nicht hilfreich. Positiv denken: Solange ich noch lief, hatte er mich noch nicht gefangen genommen. Super!

Ich schnaubte mittlerweile wie ein Asthmatiker, wohlgemerkt ohne sicher zu sein, überhaupt vorwärtszukommen. Straße! Liebes Universum, ich wünsche mir eine Straße.

Irgendwer sagte mal, man solle vorsichtig sein mit dem, was man sich wünschte, denn es könnte wahr werden. Tja, ich bekam meine Straße und schlug erst einmal der Länge nach hin. Das Positive: Es gab keinen Asphalt. Das Negative: Es war nicht die Hauptstraße.

Staub wirbelte auf und verstopfte meine Atemwege. Keuchend und prustend drehte ich mich zur Seite, die Schmerzen ignorierend, die mich zusätzlich lähmten.

„Au!“

Schritte knirschten. „Genug jetzt?“

Ich blinzelte durch die Staubschwaden zu ihm auf. Riesig ragte er unendlich in den Himmel, als er sich über mich beugte und grinsend auf mich niedersah. Sein Haar wallte um sein Gesicht, Strähnen peitschten und verhedderten sich in seinem unseligen Bart. Er stemmte die Hände in die Hüften, stand breitbeinig da. Überlegen und arrogant in seinem Rock und dem langen Umhang, der ihn umflatterte. War er mir die ganze Zeit über auf den Fersen gewesen? Nein, unmöglich.

Ich knurrte und trat nach ihm, um die Chance zu haben, hochzukommen. Nach zwei Schritten verlor ich den Kontakt zum Boden und schrie überrascht auf.

„Bärin.“

Leider nahm er mich ernst und schlang beide Arme um mich, wobei meine Arme an meiner Seite festgepinnt wurden.

„Lass mich los, du Arschloch!“ Gut, ich sollte ihn besser auf Englisch beschimpfen, dann bestand zumindest die Möglichkeit, dass die Spitzen trafen.

„Ruhe“, verlangte er. Sein Atem wärmte meine Wange und ließ mich erst recht beben. Oh, mir war so fürchterlich kalt, dass ich heulen konnte!

„Hunger?“ Seine Umklammerung wurde fester. „Ruhe. Euch verletzen.“

„Lass mich los!“

„Nay, Sassenach, du Bärin.“ Sein Oberkörper bebte, auch wenn kein Ton von seinem Lachen zeugte.

„Du Arsch!“ Ich konnte nur nach ihm treten.

„Ruhe.“

„Steck dir Ruhe in den Arsch und schieb sie schön weit hoch!“ Schön, das war ordinär, aber sicherlich der richtige Weg, um mit diesem Irren zu sprechen. Leider war ich so verdammt verärgert, dass er mich geschnappt hatte, bevor mir auch nur irgendeine Menschenseele begegnet war, dass ich irgendwo damit hin musste.

„Sassenach, Ihr nicht Respekt lernen?“ Sein Haar peitschte mir ins Gesicht, als er den Kopf schüttelte. „Anstand? Nur Flüche, die Seeleute erröten.“

Und dabei hatte ich nicht einmal angefangen.

„Respekt und Anstand? Dann hast du die Lektionen offenbar auch verpasst. Stell mich ab, verdammt und behalte deine dreckigen Wichsgriffel bei dir!“

„Na, na. Lassie, Ruhe.“

Davon konnte er träumen. „Fick dich! Lass mich los und scher dich weg!“

„Letzte Möglichkeit.“

„Lern sprechen, Arschgesicht! Es heißt: Letzte Chance!“ Ich schleuderte den Kopf zurück in der Hoffnung, seine Nase mit meinem Hinterkopf zu erwischen.

Im nächsten Augenblick befand ich mich erneut am Boden und schluckte Dreck.

„Lassie, kein Ort für vorlaute Weibsbilder.“ Er riss meine Hände zurück und schlang etwas um meine Handgelenke.

Nicht schon wieder!

„Schmerzen.“

Ja, vielen Dank auch!

„Moraig helfen.“ Er drehte mich herum. Ich zog die Knie an und machte mich gefasst, mit auf den Rücken gebundenen Händen auf die Füße zu kommen und wegzulaufen. Leider ahnte er meine Reaktion und drehte sich gerade noch rechtzeitig weg. „Lassie, genug!“

„Ha!“ Ich war viel zu wütend und verwirrt, denn Vanessa hatte doch gesagt, dass alle Schotten Englisch sprachen, warum war der hier dann so grottig? „Was soll das?“

„Ihr Bärin und Fuchs auch. Gefährlich.“

„Ich bin verletzt und brauche medizinische Hilfe! Verdammt, jemanden gegen seinen Willen festzuhalten, ist eine Straftat.“ Obwohl es nichts brachte, wich ich ihm aus, als er nach mir griff.

„Moraig helfen. Ruhe jetzt.“ Er stellte mich resolut auf die Füße und schob mich vorwärts. Ich hatte aber nicht vor, zurück zum Wasserfall zu gehen, also sprintete ich los. Damit hatte er nicht gerechnet und ich nicht, dass er so verdammt schnell war und mich innerhalb weniger Momente wieder einfing.

„Sassenach, genug“, brummte er mir ins Ohr. „Euch nicht verletzen.“

„Ich will nach Hause!“ Womit ich natürlich die Burg meiner Schwester meinte und nicht mein Zimmer in der WG in Köln.

„Nay“, bestimmte er fest.

„Was willst du von mir?“

Wieder schob er mich vorwärts, in die falsche Richtung, wenn mich nicht alles trog, denn der Sonnenuntergang lag zu meiner Linken.

„Ihr kennt Versteck. Ihr verraten mich.“

Oh, super!

„Man wird nach mir suchen“, zischte ich. „Es werden unzählige Menschen herkommen und jeden Quadratmeter nach mir absuchen!“

„Wer?“

„Die Polizei, die Feuerwehr, meine Schwester!“ Ich stolperte weiter. Der Boden war kaum mehr auszumachen.

„Soldaten.“

Sinnlos. Mein Gurgeln verschluckte meine Worte. Soldaten! Aber natürlich vergaß ich hier etwas Entscheidendes: Der Typ war irre! Trotz der hübschen, braunen Augen.

Er schob mich weiter.

„Mein Gott, lass das!“ Was glaubte er, was ich war, dass er mich herumstoßen konnte? Ein Rindviech? „Es ist dunkel und es geht nicht schneller, okay?“

Es war doch idiotisch, ich hatte den ganzen Tag gebraucht, um hierherzukommen, mussten wir da eine ganz schöne Strecke zurücklegen und das in der Nacht?

„Ich bin müde!“ Ich stemmte die Hacken in die Erde, was ihm zumindest erschwerte, mich den Hügel wieder hinauf zu bugsieren. „Ich habe Schmerzen und weigere mich, auch nur einen Meter weiter zu gehen.“

„Sassenach“, grummelte er. „Letzte Möglichkeit.“

„Chance!“

Er riss mich von den Füßen. Ich landete mit dem Gesicht in seinem unteren Rücken, genau genommen in den Falten seines Umhangs, der ihn offenbar gemütlich warmhielt, aber nicht besonders angenehm roch. Eher muffig und deutlich nach: Dringend nötiger Wäsche!

Seine Schulter drückte sich tief in meinen Bauch und jeder seiner Schritte presste mir erneut den Atem aus der Lunge.

„Was …!“ Mein Stolz blockierte meinen Hals, weil ich gezwungen war, ihn hinunterzuschlucken. Ich konnte nichts tun, nicht einmal treten, denn er umklammerte meine Beine mit einem Arm.

„Arschloch! Verfluchter Penner. Wichser! Lass mich runter, du Affe!“

Ich keifte, bis mir die Stimme versagte, bringen tat es nichts.

 

***

 

Als die Sonne aufging, war ich fertig. Ich war hundemüde, hungrig und hatte Schmerzen, die kaum mehr zu beschreiben waren. Nun, was ich dafür genau sagen konnte, war, dass es keine – wirklich keine – Stelle gab, die mir nicht wehtat.

Ich hockte in einer engen Nische und zitterte. Mein Kidnapper versperrte den Ausgang mit seinem breiten Rücken und ich starrte ihn unentwegt an, als könnten meine Blicke ihn durchdringen wie spitze Dolche. Es funktionierte nicht. Kein bisschen, was mich auf die Palme brachte. Ich brodelte nicht nur vor Zorn, was mein laut knurrender Magen jedem in hundert Kilometern kundtat.

Mein persönlicher Irrer drehte sich zu mir um und ließ endlich etwas Sonnenlicht auf mich fallen. Ich hob die Hand, um meine Augen zu schützen, die die plötzliche Helligkeit kaum ertrugen.

„Hunger.“ Er hatte sich seinen Umhang umgeschlagen, so dass selbst seine Miene kaum mehr zu sehen war. Gerade mal die Augen blitzten aus seinem dreckigen Gesicht hervor. Er fror mit Sicherheit nicht, ganz im Gegensatz zu mir. Ich bebte unentwegt und nur weil ich die Zähne fest zusammenbiss, schlugen sie nicht aufeinander.

Er kam näher, was ich nicht verhindern konnte, schließlich drängte ich mich bereits gegen den harten Stein in meinem Rücken, und zog mich mit einem Ruck an sich. Ich hätte ihn angefaucht, wenn ich nicht mit Mund und Nase in seinem Wollteil gefangen worden wäre und mal wieder kaum Luft bekam. Binnen Augenblicken lockerte er meine Fesseln und wich wieder zurück. Wenn er einen Dank erwartete, wurde er enttäuscht. Er konnte froh sein, dass ich ihm nicht die Augen auskratzte für seine schäbige Behandlung.

Er fummelte an seiner Kleidung herum und zauberte ein braunes Etwas hervor, das er entzweibrach. Ein Teil reichte er mir mit einem Blick, der mich fast zum Überkochen gebracht hätte. Diese gewollte Großzügigkeit konnte er sich sparen, schließlich war er allein schuld daran, dass ich Hunger hatte. Wieder bot er mir den Klumpen an und nur, weil mein Magen erneut erbarmungsvoll knurrte und es mit einem schlimmen Ziehen einherging, griff ich danach.

„Was ist das?“

„Essen.“

Oder das, was er für Essen hielt. Ich schnüffelte daran und drückte die Finger in das Objekt. Es roch nach Mehl, fühlte sich aber nicht wie etwas Gebackenes an. „Ein Stein? Soll ich daran lutschen, um die Mineralien herauszusaugen?“ Ich schaute zu viel Fernsehen, definitiv.

„Nay, essen.“ Er machte es mir vor, indem er ein Stück abriss und es sich in den Mund stopfte.

„Das ist steinhart.“ Ich versuchte es, aber brechen ließ es sich nicht.

Er schüttelte den Kopf und forderte mich wieder auf zu essen.

„Ich wette, damit kann ich dir den Schädel einschlagen.“ Ich fasste es probeweise wie einen Stein und holte aus. Es lag definitiv gut in der Hand.

„Nay, Brot, Lassie. Esst.“

Er wandte sich ab. Sehr gut, er unterschätzte mich erneut. Also wäre sein Betonbrot hart genug, um ihn k.o. zu schlagen?

„Nicht angreifen, Lassie, Ihr Euch verletzen.“

Sei´s drum!

„Kein Essen bekommen.“

Was nur schlimm wäre, wenn ich ihn nicht überwältigte, nicht wahr?

Allerdings musste ich meine Verfassung in Betracht ziehen und die war einfach nur mit jämmerlich zu beschreiben. Seufzend knabberte ich an dem Brocken und malte mir aus, wie ich ihm entkam, kaum dass ich wieder bei Kräften war. Oh ja. Und dann würden Klagen auf diesen Hammel einprasseln, dass er sich wünschte, sein Wahnsinn wäre sein einziges Problem!

Das Gute an dem Betonbrot war, dass es mich beschäftigt hielt. Bestimmt eine Ewigkeit, eine, in der er sich nicht rührte. War er eingeschlafen? Konnte ich ihn einfach schubsen und der Weg war frei? Tja, allzu weit käme ich nicht, hatte sich doch mittlerweile ein ganz anderes Problem eingestellt.

„Hey, ich muss mal raus.“

Er reagierte nicht, also tippte ich ihn mit meinen Zehen an, dann fester. Sein Arm schnellte zurück und fing meinen Fuß ein. „Ruhe.“

„In dem Fall hieße es: Aufhören.“ Mein Augenverdrehen bekam er natürlich nicht mit. „Wo kommst du her, dass du nicht einmal Englisch sprichst?“

Ein flüchtiger Blick zurück gab mir den Eindruck, ihn zumindest mit einem spitzen Stachel gepikst zu haben. „Alba.“

„Albanien?“ Moment, etwas passte da nicht. Albania war doch der englische Name für Albanien.

„Alba!“, bellte er. „Schottland.“

„Aha.“ Leider konnte ich meinen Mund nicht halten. „Dann wohl von der unterbelichteten Sorte.“ Fies, ja, aber er ging mir einfach auf den Senkel. Ich war die Ausländerin hier und Schottland gehörte nach wie vor zu Großbritannien, Austrittsgedanken hin oder her. Sie sprachen Englisch, und zwar als erste Landessprache, wie Vanessa mir erst kürzlich vorgehalten hatte.

Er drehte sich zu mir um, blockierte aber immer noch den Sonnenschein durch seine massige Gestalt in der Spalte. „Was reden?“

„Ich spekuliere über deine Intelligenz.“ Obwohl meine vermutlich ebenfalls fraglich war. „Ich muss mal!“ Deswegen hatte ich ihn schließlich angesprochen und nicht, um eine tiefgründige Konversation zu führen.

„Weil nicht Sprache von Feind kennen? Ihr sprechen Gälisch?“

Ha! „Aye! Nay und madainn mhath. Ich denke mal, das ist mehr, als du auf Deutsch hinbekommst!“ Fast hätte ich ihm die Zunge rausgestreckt, aber ein klein wenig Verstand war mir geblieben.

„Aye“, grummelte er gedehnt, wobei ich das Gefühl hatte, von seinen Augen durchbohrt zu werden.

„Ich muss!“, wiederholte ich und starrte in seine Richtung. „Und ich habe keine Lust, mir in die Hose zu machen, weil du den harten Mann markieren musst.“ Ich rappelte mich auf, was in der Enge der Spalte eine Leistung war, und fasste all meinen Schneid zusammen, um ihn körperlich zu konfrontieren. Natürlich brauchte ich Spielraum, um einen Griff auszuführen, den ich im Kampfsport gelernt hatte, aber ich rechnete damit, dass er zurückwich.

Bingo. Zwar hob er die Arme, aber er machte einen Schritt rückwärts. „Genug.“

„Hörst du schlecht?“

„Ihr nicht gehen.“ Seine grimmige Miene wurde von der Sonne beleuchtet, dessen Strahlen ich mir sehnlich auf meiner Haut wünschte. Nur ein paar Minuten, nur ein paar wärmende Minuten … Aber geschenkt bekäme ich die sicher nicht.

„Du willst mich also zwingen, meine Notdurft hier zu verrichten?“

Seine Augen wurden größer und das Weiß in ihnen trat deutlicher hervor. Auch seine verkniffenen Lippen wurden weicher und er räusperte sich. „Nun, Ihr einhalten.“

„Ich halte seit gestern ein. Jeden Moment wirst du erleben, wie meine Blase platzt, und ich schwöre dir, dann willst du nicht in der Nähe sein.“ Denn gleichzeitig würde mir mit Sicherheit auch der Kragen platzen und ich würde den Rest meiner warnenden Vernunft über Bord werfen und den Dummkopf verdreschen, dass ihm Hören und Sehen vergeht. Geladen genug war ich, und wenn ich mich seinetwegen einnässte wie eine Zweijährige, war es vorbei mit der Zurückhaltung, so wahr ich hier stand.

Sein Blick war köstlich, zumal er an mir herabfiel und auf der Bauchregion lungerte, als erwarte er tatsächlich, dass ich jeden Moment aufbrach und anstelle des Aliens ein Schwall Pipi auf ihn zuschoss.

„Lass mich raus!“

Es bewirkte, dass er sich zusammenriss und mir Platz machte. „Nicht laufen, Lassie.“

Wenn ich eine Chance sähe, wäre ich weg, aber zu seiner Beruhigung schüttelte ich natürlich den Kopf. Obwohl wir meiner Kenntnis nach den Abstand zum Wasserfall noch vergrößert hatten, wurde die Landschaft wieder felsiger, was es schwierig machte, den passenden Ort für mein Geschäft zu finden, zumindest wenn man eine Frau war und nicht mit dem Wind pinkeln konnte. Es gab keine Bäume in unmittelbarer Nähe und auch kein Gestrüpp, das sich eignete, sich dahinter zu verbergen. Der Typ folgte mir auch noch auf dem Fuß, was mich zusätzlich nervös machte. So bekäme ich sicher keinen Tropfen heraus.

„Halte Abstand, verdammt.“

„Ihr fluchen wie Hafenbraut.“

„Und du stinkst wie ein zehn Jahre ungereinigter Pumakäfig.“ Ich schoss ihm einen neuerlichen giftigen Blick zu, der seine Wirkung verfehlte.

„Was suchten Mädchen wie Ihr hier? Ihren Liebsten?“

„Eifersüchtig?“ Ich kletterte auf eine Erhöhung. „Bleib da!“ Aber er folgte natürlich, also drückte ich ihm die Hand ins Gesicht und drückte ihn zurück. „Bleib da und dreh dich um!“

„Du gefährlich scharfzüngig.“

„Und du hohl! Jetzt bleib da, ich kann nicht länger einhalten und ziehe mich sicher nicht aus, solange du zuguckst.“ Obwohl mir eine trockene, nicht eingenässte Hose lieber war als meine Schamgrenze, wollte ich es zumindest versucht haben.

„Wenn Ihr laufen …“

„Darf ich nie wieder pinkeln?“ Wieder drückte ich ihn fort. „Dreh dich um!“ Ich drehte mich ebenfalls und öffnete geschwind meine Jeans. Meine Haut protestierte, als ich sie grob runterschob und mich hinhockte. Ich hatte Eisbeine. Die Erleichterung ließ mich seufzen.

„Wirklich Notdurft.“

Blödmann. „Ich war auch wirklich hungrig, und ich habe auch wirklich Schmerzen.“ Ich zog den Reißverschluss hoch und bewegte mich, um in die hautenge Jeans zu schlüpfen. „So.“ Über den Rand kletternd, sah ich mich um. Der Fluss hatte sich geweitet und plätscherte nun gemächlich durch den breiten Bach und zwar nur einige hundert Meter entfernt. Sehr gut. Allerdings wurde bereits mein zweiter Schritt abgefangen und ich nach hinten gerissen.

„Wohin?“

„Hände waschen natürlich.“

„Nay.“ Er zog mich Richtung Felsspalt, wo ich sicher nicht weitere Stunden eingesperrt sein wollte.

„Hey, es sind nur ein paar Meter und es ist ja nicht so, dass wir Besseres vorhätten.“ Seine Umklammerung war eisenhart und bereitete mir einige Blessuren.

„Au!“, schrie ich, was zur Folge hatte, dass er mir den Mund zuhielt und mich eng an sich riss.

„Scht!“, hisste er mir ins Ohr und drehte sich dabei – mit mir natürlich – im Kreis. „Ton geht weit.“

Wenn es mal so wäre!

Er zog mich unerbittlich zum Spalt und quetschte mich hinein.

„Von Hygiene hältst du nichts, was? Dann lass erst recht deine Griffel bei dir.“ Besser ich dachte nicht darüber nach, was er alles angefasst hatte, nachdem er zuletzt in Kontakt mit Wasser gekommen war. Ich schüttelte mich vor Ekel.

„Hyg … Lassie, lassen.“ Er schob mich bis an die Wand und drehte sich dann wieder dem Ausgang zu.

Oh, nein! So ging das nicht weiter, das machte mich wahnsinnig, hier zu hocken und mir einfach einen Pin in den Po zu frieren.

„Verrätst du mir deinen Namen?“

Er sah über die Schulter zurück.

„Ich heiße Katharina.“ Ich hatte sicher einige Dutzend Entführungsdramas gesehen, egal was man tat, es ging gewöhnlich schief, aber eine persönliche Basis aufzubauen half, um unnötige Härten zu vermeiden. Also lächelte ich. „Klingt auf Englisch ziemlich gewöhnungsbedürftig, deswegen reicht auch Kati.“

Ich sparte mir die Hand auszustrecken, schließlich waren mir meine ungewaschenen Finger durchaus präsent und peinlich genug, um sie bei mir zu behalten.

„Katharina.“ Natürlich nahm er die unschöne Variante und es klang noch merkwürdiger, wenn er es aussprach.

„Und? Mit wem habe ich das Vergnügen?“ Meine heitere Stimme war sicher nicht echt.

„Finlay.“

„Wie nett.“ Der Name, nicht der Umstand, ihn näher kennenzulernen, natürlich. „Ist es ein typisch schottischer Name?“

Er drehte sich zu mir und sah mich einen Moment lang an, als wäre ich ein unbekanntes Wesen.

„Aye.“

„Hat er eine Bedeutung?“ Warum machte er es mir so schwer?

„Heller Krieger.“

Perfekt. „Eine interessante Wahl. Hast du Geschwister?“

„Aye.“

„Ich auch, eine Schwester. Sie ist einige Jahre älter als ich und hat mich früher gerne bevormundet.“ Wenn ich ihm jedes Wort aus der Nase ziehen musste, wurde es mit meinem Plan nichts.

„Lassie, Ihr wollen um Verstand reden?“

Hätte ich da bei einem Verrückten eine Chance?

„Nein.“ Einen Maulkorb wollte ich mir aber auch nicht verpassen lassen. „Ich bin nur …“ Meine Zähne schlugen aufeinander, weil ich mich schüttelte und ich presste sie schnell aufeinander.

„Kalt!“ Finlay streckte die Hand nach mir aus und berührte meine eisigen Finger. „Lassie, Ihr ganz kalt.“

„Du bist ganz kalt“, korrigierte ich ihn. „Und ja, für Sommer sind die Temperaturen ziemlich chillig.“

„Sommer? Herbst.“

„Es ist Juli!“ Herrje, ich war gleich zu Beginn der Semesterferien abgereist und die begannen nun mal am 20. Juli in diesem Jahr.

Finlay schüttelte den Kopf. „Oktober.“

Wir konnten uns also nicht einmal darauf einigen, in welchem Monat wir uns befanden.

„Welcher Tag genau?“ Es war der 25. Juli und daran bestand für mich kein Zweifel.

„Der 13. Oktober 1746.“

Zugegeben es dauerte, bis mir die Jahreszahl auffiel, dann klappte mir der Mund auf. Der Typ war noch verrückter als bisher vermutet. „Okay.“

„Noch Fragen?“

Einige, allerdings fehlte mir das geschichtliche Hintergrundwissen, um mit seinen Antworten etwas anfangen zu können, bzw. sie zu widerlegen. Natürlich wäre es müßig, mit ihm über belegbare Tatsachen zu diskutieren, wenn er schon das Datum negierte.

„2018“, murmelte ich trotzdem, um mir zu versichern, dass nicht ich verrückt war. „Es ist der 25. Juli 2018.“

„Bitte?“

„Wie lange muss ich noch hier sitzen?“ Und frieren.

„Schlaf. Gehen in Nacht.“ Er drehte sich weg und schüttelte sich. Sein Umhang rutschte von seinem Rücken und er warf ihn mir rüber. Er müffelte. Schrecklich sogar. Aber ich fror, also wickelte ich mich in ihn ein. Er war noch ganz warm und es dauerte nicht lang und ich sackte in tiefen Schlaf.

5. Unschöne Wendungen

Dieses Mal zog ich es vor, zu laufen. Wie ein Sack über seiner Schulter herumgeschleppt zu werden, war nicht ganz mein Ding, zumal es nun für mich mit einigen blauen Flecken mehr noch unangenehmer wäre. Zu laufen war auch kein Spaß, da es in der Dunkelheit aussah, als liefen wir ins Unendliche. Ich zitterte, obwohl er mir seinen Umhang gelassen hatte, und verlor immer mal wieder die Richtung. Unbeabsichtigt, was er mir nicht glauben wollte. Ich blieb nur nicht bei der Sache, setzte automatisch einen Fuß vor den anderen, wobei sie sich langsam anfühlten, als hätten sie Bleimanschetten umgeschnallt, und merkte gar nicht, dass ich flüchtig wurde.

„Daingead, Sassenach, geben Hand!“ Er wühlte sie aus dem Berg des Umhangs, den ich gefühlte tausendmal um mich geschlungen hatte. Er stutzte. Der Mond beleuchtet sein dreckiges Gesicht, wodurch ich seine Irritation mitbekam. „Kalt.“

Ja, immer noch, genau wie der Rest von mir. Ich hob die Achseln, auch wenn sie tonnenschwer waren, und ließ sie wieder absacken. Es riss mich fast um und ich strauchelte gegen ihn. Seine Hand legte sich auf meine Stirn und er fluchte dunkel.

„Heiß.“

Unsinn. Ich legte mir zum Doublecheck die Fingerrücken meiner freien Hand an den Kopf und riss sie direkt zurück. Millionen Nädelchen stachen augenblicklich in meine Eisfinger. Fieber, hervorragend. Der Gedanke raubte mir die letzte Kraft, die mich aufrecht gehalten hatte. Finlay fing mich ab und presste mein Gesicht an seine Brust. Obwohl er seinen Umhang abgetreten hatte, spürte ich, wie warm er war.

„Daingead!“

Auf Händen getragen, ich konnte mich nicht erinnern, wann ich zuletzt so meinen Standort gewechselt hatte. Als Kind vermutlich, und so fühlte ich mich auch wie ein erbärmlich schutzbedürftiges, kleines Kind, das am liebsten losheulen und nach Mami schreien würde. Nun meine Mutter käme nicht, ganz gleich wie laut ich sie rief.

Ich mummelte mich ein, versuchte so viel seiner Körperwärme abzufangen wie möglich, um etwas aufzutauen und ließ mich treiben.

„Moraig helfen“, wiederholte er brummig, während er weiterstapfte. Nach einer Weile fühlte ich mich wohler und richtete meinen Blick nach vorn, während ich mit mir haderte, ob ich darauf bestehen sollte, dass er mich losließ.

Etwas fing meine Aufmerksamkeit ein, ein Lodern. Ich kniff die Augen zusammen, um es besser erkennen zu können und sog erschrocken den Atem ein.

„Brennt es?“

Finlay stoppte und korrigierte seinen Griff, wodurch ich den Lichtschein für einen Moment aus den Augen verlor und erst wiederfinden musste, aber es blieb unwiderlegbar ein Flackern am Horizont.

„Nay“, murmelte er und lief weiter.

Da ich durchgeschüttelt wurde, bestand ich darauf, abgesetzt zu werden, was er ignorierte.

„Hey!“ Ich schlug gegen seine Brust. „Das reicht jetzt, lass mich runter.“ Ich begann zu zappeln, bis er nachgab. Schwankend klammerte ich mich an seinen Arm und sah zum Horizont. Wir waren nah genug, um eine Stadt ausmachen zu können, oder zumindest dessen brennende Häuser.

„Ich höre keine Sirenen.“ Und abgesehen von dem Feuer auch kein Licht. Wo war die Straßenbeleuchtung? Warum war nicht einmal die Burg beleuchtet, die über allem thronte?

„Sirenen?“

„Von der Feuerwehr“, antwortete ich abwesend. „Der Polizei.“ Aber auf weiter Flur gab es kein künstliches Licht.

„Staatsgewalt? Aye, Soldaten. Brennen nieder, McPherson ist Jakobiter.“

„Mann, hör doch auf mit dem Quatsch.“ Es wurde echt nervtötend. „Soldaten werden nicht eingesetzt, um innere Unruhen niederzuschlagen.“ Sicher war es nicht nur in Deutschland so. „Die Polizei beschäftigt sich mit Terrorismus und brennt nichts nieder.“

„Soldaten tun.“

Was brachte es, zu diskutieren? Zumal ich mit anderen Dingen beschäftigt war. Der unnatürlichen Dunkelheit zum Beispiel. Wie rückständig war Schottland, wenn es noch Dörfer ohne Strom gab? Gut, Vanessas Heim war sicher nicht auf dem neuesten Stand der Technik, aber es gab Strom, fließend Wasser und alles, was man an Komfort brauchte.

Ein Flackern fing meine Aufmerksamkeit ein. Eine Reihe von Lichtpunkten genaugenommen. „Was ist das?“ Man hätte es für eine Lichterkette halten können, aber es hatte einen ähnlichen Schein wie das Feuer im Hintergrund.

Finlay drehte sich mit mir im Arm. „Daingead!“ Er riss mich von den Füßen und lief los. Es war nur eine Frage der Zeit, bis man uns einholte, schließlich waren unsere Verfolger nicht zu Fuß – sondern zu Pferd. Womöglich machte es hier mehr Sinn, zu reiten, anstatt mit dem Auto herumzukurven, trotzdem fand ich es erschreckend. Mein ganzer Körper flutete mit einer Art Vorahnung. Ein Prickeln, das sich ausbreitete und mir die Kehle zuzog. Das hier war nicht richtig – ganz und gar nicht!

6. Bittere Erkenntnis

„Halt!“ Das Kommando wurde zwar in Englisch gerufen, aber die Modulation war ungewohnt und mit Hufgetrappel und Schnauben begleitet. „Bleibt stehen, oder ich gebe Feuerbefehl!“

Ich erstarrte in Finlays Armen. Sie konnten uns sicher kaum ausmachen, wussten gar nicht, wer wir waren, da war es ziemlich übertrieben, schießen zu wollen.

Finlay fluchte. Er war am ganzen Körper angespannt und ich spürte seine Gedanken: Konnte er es unter Beschuss bis zu den Bergen schaffen?

„Nein“, wisperte ich. „Das schaffst du nicht!“ Es war nicht möglich und sollte nicht einmal im Entferntesten in Betracht gezogen werden. „Egal was du angestellt hast, es ist es nicht Wert, dafür zu sterben.“ Und mich mitzureißen schon gar nicht.

Er sah auf mich herab, eine Ewigkeit wie mir schien, dann setzte er mich langsam ab. Mittlerweile zogen die Pferde einen Kreis um uns. Auf jedem saß ein Mann in neckischer Uniform, wobei sie mit langen Gewehren auf uns zielten, die aussahen, als hätte man sie aus dem Museum entwendet. Die einzigen britischen Soldaten, die ich kannte, waren die der Leibgarde der Queen in London. Die hier sahen aus, als könnten sie eine Mütze voll Schlaf, eine heiße Dusche und eine anständige Mahlzeit vertragen. Und Urlaub.

„Da haben wir wohl einen Dissidenten gefangen.“ Einer der Reiter trieb sein Tier vorwärts, sein Gesicht wurde unter seiner Mütze fast versteckt, aber sein dreckiges Grinsen war kaum zu übersehen. „Und sein Liebchen.“ Der Blick an mir herab war alles andere als angebracht.

„Ich bin nicht sein Liebchen!“ Obwohl ich es mit voller Entrüstung meinte, klang es eher nach einem Keuchen, das von einem Hustenschwall begleitet wurde.

„Ruhe.“ Finlay griff nach meiner Hand, die ich ihm wieder entriss.

Das waren offensichtlich Engländer und damit meine Chance, endlich nach Hause zu kommen, zu Vanessa zumindest, und an eine anständige medizinische Versorgung, bevor mein Fieber mich umbrachte.

„Ich bin Katharina Hagedorn, meine Schwester ist die Duchess …“ Der Soldat zog seinen Säbel und hielt ihn mir ins Gesicht.

„Natürlich, Liebchen. Los schnürt sie an.“

Während ich mit meiner Sprachlosigkeit kämpfte, schließlich wollte der Kerl mich nicht einmal aussprechen lassen, saßen die Hälfte der Berittenen ab und bildeten einen Kreis um uns. Sie behielten Finlay wachsam im Auge, was sicher nicht falsch war, aber mich schubsten sie grob zur Seite. Ich landete vor den Hufen des Befehlshabenden, der sein Tier nicht etwa zurück dirigierte, sondern vorwärts, wobei er auch noch lachte.

So ein Arsch.

„Katharina!“, röhrte Finlay hinter mir. Die Hufe erwischten mich nicht, obwohl mich der Umhang behinderte, als ich fort krabbelte, wieder in die Mitte, wo die sechs Männer mit Finlay rangen. Deren Tritte konnte ich nicht ausweichen. Finlay hatte keine Chance, er wurde niedergerungen und gefesselt. Auch meine Hände wurden an einen langen Strick gebunden und mit dem Ende von Finlays Seil beim Befehlshaber abgegeben, der breit grinsend an der Leine zog. Während Finlay seinen Stand mühelos behauptete, landete ich erneut im Dreck. Langsam hatte ich die Schnauze gestrichen voll. Finlay half mir auf die Füße, gerade rechtzeitig, denn dem Kommandanten war es gleich, ob ich lief oder hinterhergezogen wurde, er drehte und trabte los.

„Mieses Arschloch!“

„Aye“, grummelte Finlay und legte die gebundenen Arme um mich. „Haltet fest.“ So zu laufen war idiotisch, aber ich erkannte schnell, dass ich es nicht anders schaffen konnte – nur mit seiner Hilfe, denn eine längere Strecke im Trab über eine unebene Fläche war zu viel für meine Lungen.

 

***

 

Finlay wurde geschlagen. Ich hörte es, auch wenn ich mich nicht regen konnte. Vor mir waberte immer noch die Schwärze der nahenden Ohnmacht und jeder Atemzug brannte in meinen Lungen, schlimmer als je zuvor. Sie beschimpften ihn. Nannten ihn einen dreckigen Schotten, was per se nicht falsch war, er war Schotte und durch unseren Lauf hinter einem Pferd auch nicht mehr sauber, aber sie meinten es natürlich anders. Sie nahmen auch Worte wie Verräter und Abschaum in den Mund, der Terrorist fehlte nur, aber ich würde diese Ärsche sicher nicht darauf hinweisen.

Die Nacht ging langsam in den Morgen über und das Zelt, in dem ich neben einem Sack kauerte, wurde langsam eher von der Sonne beleuchtet, als von den zwei Fackeln, die die Männer bei sich hatten.

Ich blinzelte, sobald das Licht bei mir anlangte und die Ohnmacht nicht mehr über mich hereinzubrechen drohte. In alten Schinken sah man solche Zeltinnenräume oft, aber in der Realität hatten sie etwas verdammt Beengendes. Ein Spitzdach, der Pfahl in der Mitte, wie bei einem Zirkuszelt, nur in Weiß. Waren Kommandozelte der Armee nicht grün?

Meine Finger strichen über grobes Leinen. Vorräte? Nie im Leben! Mein Finger pikste in den Sack. Hart und etwas Feinkörniges. Selbst Sandsäcke wären doch nicht aus so grobem Material gefertigt.

Ich drehte mich vorsichtig. Anders als bei Finlay waren meine Handgelenke befreit worden, als man uns hier hinein verfrachtet hatte. Man hatte mich einfach links liegengelassen, unbeachtet. Schön, ich war der Bewusstlosigkeit nahe gewesen, so dass es keinen Unterschied gemacht hätte, trotzdem fand ich es leichtsinnig bis grob fahrlässig. Es sei denn, man hatte erkannt, dass man mich falsch einschätzte? Dass ich weder Finlays Geliebte war, noch unter einer Decke mit ihm steckte.

Hoffnung flackerte in mir auf, auch wenn jedes Klatschen und damit jeder Schlag, den Finlay einstecken musste, diese zerstörte. Lang konnte ich mich aber nicht an die Illusion klammern und schon gar nicht den Mund halten.

„Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Misshandlung von Gefangenen toleriert wird. Laut Genfer-Konvention, und die ist hier von Belang, wenn das Militär eine landesinterne Angelegenheit …“

„Halte an dich, Metze!“ Der Kerl spuckte in meine Richtung, aber es war mein Atemproblem, weswegen ich mich unterbrach.

„… einmischt. Dabei ist es unerheblich, ob es sich um Terrorismus handelt oder nicht.“

„Halte deinen dreckigen Mund, Schottenhure“, warnte nun der zweite Folterer. Er war jünger und sah nach Bestätigung heischend zu dem Kollegen, der sich mit dem Armrücken über das geifernde Gesicht fuhr.

„Besser wäre es.“

„Katharina“, keuchte Finlay, wobei er meinen Blick suchte. Eine Warnung stand in ihm, die mich frösteln ließ. Aber das war Unsinn, warum sollten sie mir etwas antun?

Er erntete einen Tritt. „Alles, was du sagen darfst, Drecksschotte, ist, wo sich der Rest deiner Bande aufhält!“

„Vielleicht, wenn wir das Mädchen …“, schlug der junge Soldat vor, wobei er mich ansah, als wäre ich nackt. Oh, oh. Allerdings sollte er den Gedanken besser direkt wieder vergessen. Misshandlung war eine Sache, Vergewaltigung eine ganz andere, mal abgesehen davon, dass er mich dafür überwältigen musste. Ich zog die Beine an, denn liegend war keine gute Ausgangsposition für einen Kampf.

Der Ältere grunzte. „Will sicher der Hauptmann einreiten.“

„Sie ist seine Hure, was fällt es da schon auf, wenn wir uns den Spaß gönnen?“ Er war plötzlich Feuer und Flamme für seine Idee und ließ seinen Kollegen stehen, um auf mich zuzukommen. Finlay hechtete vor und brachte ihn zu Fall, was mir zwar Zeit erkaufte, aber kein sinnvoller Weg war, die Situation zu entschärfen.

„Aufhören! Verdammt, laut der Genfer-Konvention steht die Misshandlung von Gefangenen unter Strafe.“ Natürlich erwartete ich nicht, dass sie Vernunft annahmen. Ich rappelte mich betont schlapp auf. Für meinen Zweck war es von Vorteil, wenn sie mich weiterhin unterschätzten, denn einen gleichwertigen Gegner machte ich in meiner Verfassung nicht her. Schon gar nicht bei zwei Opponenten, die bulliger und kräftiger waren als ich. Also klammerte ich mich an den Pfeiler in der Mitte und ließ mein Vorgehen geistig vor mir ablaufen. Ruhe bewahren, gezielt angreifen und überwältigen. Welche Hilfe hatte ich zu erwarten? Finlay stöhnte, regte sich aber nicht.

Der junge Kerl griff nach mir, riss an meinem Wollumhang, der fest um meine Brust geschlungen war. Ich ließ mich nach vorn fallen und gab meinem Kopf im letzten Moment den entscheidenden Schwung. Ich stieß gegen seine Nase und erntete einen Aufschrei. Blut schoss mir ins Gesicht, als ich nach seiner Hand griff und ihn über den Rücken abrollte. Als er auf dem Boden aufschlug, sprang ich auf seinen Rücken und zog seinen Säbel aus der Scheide.

„Ah, das würde ich lassen.“ Ich meinte damit den Älteren, der auf mich zu gerannt kam. Er blieb zwei Schritte vor mir stehen, die Augen aufgerissen, als könne er nicht fassen, dass ich seinen Kollegen überwältigt und entwaffnet hatte. Mein Knie drückte in dessen Rücken und hielt ihn damit am Boden. Sein Gesicht steckte im Dreck, den einen Arm hatte ich noch fest umklammert, so dass jede Gegenwehr erlahmte. Ich gratulierte mir zu der fehlerfreien Ausführung des Schulterwurfs, den ich seit zehn Jahren nicht mehr geprobt hatte.

Finlay sprang hinter dem älteren Soldaten auf und schlang ihm die Arme um den Hals. Der Knoten seiner Fesseln drückte sich in dessen Kehle und lediglich unartikulierte Worte verließen den Mund des Mannes. Blieb noch mein besonderer Freund, der um Hilfe rufen konnte. Der Knauf des Säbels war die einzige Waffe, die mir zur Verfügung stand, und ich hoffte, dass man es mir zugute auslegte, dass ich dazu gezwungen war. Ein heftiger Stoß und mein Problem sackte ächzend zusammen.

„Komm!“ Finlay griff nach meiner Hand, jene die den Säbel hielt, und zog mich auf die Füße. „Schnell.“ Er hielt sich die Seite, als er durch das Zelt humpelte. Wir hatten keine Chance. Er nahm mir die Waffe ab und schnitt seine Fesseln durch, bevor er weiter humpelte.

„Warte!“ Das war Wahnsinn. Wir waren beide nicht bei Kräften und sollten gar nicht daran denken, die Flucht zu ergreifen. Ich sah mich um. Zwei niedergestreckte Soldaten, in was war ich da nur hineingeraten?

Ich wischte mir über das Gesicht, tränkte meinen Ärmel rot, was mich innerlich erzittern ließ und gelangte bei meinem Rundumblick wieder bei Finlay an. Er teilte die Plane und bedeutete mir hindurchzugehen.

„Das ist Wahnsinn.“ Aber letztlich glaubte ich nicht mehr, bei den Engländern besser aufgehoben zu sein als bei Finlay. Verflixt, nun wurde die Sache kompliziert!

Trotzdem blieb ich zögerlich, als ich durch den Spalt hindurch linste.

„Nicht weit.“

„Zu einfach“, hielt ich dagegen. Zwischen unserem Standort und dem lichten Hain lagen einige Meter.

„Wahl.“

Es zu versuchen oder zu bleiben? Sehr witzig!

„Ich würde gern wissen, wie es vorne aussieht.“

„Voll.“

Unsere Unterhaltung wurde in der Tat immer informativer. Ich seufzte, schließlich waren wir vorne herum ins Zelt gebracht worden, und obwohl ich nicht wirklich bei Sinnen gewesen war, hatte ich Lagerfeuer ausmachen können.

„Komm.“ Finlay legte den Arm um mich und schob mich raus.

Das Kratzen in meinem Hals nahm zu und ich brauchte meine gesamte Kraft, um das Husten zu unterdrücken, wobei der Weg, den Finlay einschlug, nicht gerade einfach zu beschreiten war. Er hielt uns auf, andererseits wurden wir dadurch langsam genug, dass auch ich folgen konnte. Ich wollte also nicht murren, und wenn dann hätte ich andere Punkte, die erwähnenswerter wären. Meinen Durst, dass ich fror und wie müde ich war, zum Beispiel.

Wir blieben nicht unbemerkt, aber Finlay verstand es, uns rechtzeitig aus dem Sichtfeld zu bringen, wann immer sich eine schwierige Situation anbahnte. Den ganzen Tag verbrachten wir verborgen hinter Gestrüpp oder laufend, bis wir den Hain durchquert hatten und bei Anbruch der Nacht über offene Landschaft huschen mussten. Das war schon einmal schiefgegangen und mittlerweile bekam ich kaum mehr einen Fuß vor den anderen.

„Finlay“, keuchte ich, am Ende meiner Kraft und zog an seinem Arm. Er hielt meine Hand schon den ganzen Tag, um mich nicht zu verlieren, wie er sagte.

„Weiter.“

Mein Kopfschütteln gab mir den Rest, ich sackte an Ort und Stelle zusammen und streckte mich aus.

„Katharina.“

„Geh ohne mich weiter. Ich kenne mich hier nicht aus und kann niemandem verraten, wo irgendwas ist, und ich bin dir auch zu nichts nütze!“ Meine Lider klappten von selbst zu. Ich war schlicht am Ende meiner Kräfte.

„Nay, kommt.“ Der Dummkopf, der sicher ebenfalls müde, hungrig und durstig war, versuchte mich auf den Arm zu heben, aber ich schlug nach seiner Brust.

„Hau ab! Du bist schneller in Sicherheit ohne mich.“ Wie um es zu unterstreichen, hustete ich und krümmte mich dabei. „Mir geht es nicht gut.“

„Nay.“ Lang konnte ich ihn nicht auf Abstand halten. „Kommt.“ So ein verflucht sturer Bock.

„Du kannst selbst kaum laufen. Du humpelst, du hältst dir die Seite, vermutlich haben sie dir die Rippen geprellt, als sie dich schlugen. Finlay sei vernünftig und lass mich hier.“

„Ruhe.“

Wenn er mir den Mund verbieten wollte, sollte er lernen, es richtig zu sagen. Auf Ratespiele ließ ich mich nicht ein. „Du bist …“ Eine Hustensalve unterbrach mich und ich klammerte mich an seine Brust. Wurde zur Gewohnheit, dass ich hier landete. Ich schloss die Augen, als ich endlich zur Ruhe kam.

„Ihr Bär.“

Mehr als ein Stöhnen brachte ich nicht über die Lippen. Gedanklich erwiderte ich jedoch: Und du ein riesiger Idiot!

 

***

 

Wie genau ich in diese Höhle gelangt war, konnte ich nicht sagen. Ich weiß noch, dass Finlay mich irgendwann mit einem tiefen Seufzer absetzte und ich das Rauschen des Meeres ausmachen konnte. Eine Klippe grüßte mich, als ich die Lider öffnete und Finlay schwang sich über die Kante.

Was folgte war nun ein Rausch an Farben und Tönen.

Das Rauschen war nicht vergangen, begleitete jeden Augenblick, wenn auch in unterschiedlicher Intensität. Ein kleines Feuer knisterte vor mir, wärmte mich aber nicht halb so gut, wie der heiße Körper in meinem Rücken. Finlays schwerer Arm lag über meiner Taille und er schnarchte mir ins Ohr. Der Hunger hielt mich wach. Mein Magen knurrte erbärmlich und zog sich immer mehr zusammen, irgendwie befürchtete ich, dass es nicht nur mein Magen war, sondern meine Regel, die einsetzte, was ein Desaster wäre.

Ich hatte schrecklichen Durst, meine Zunge klebte an meinem Gaumen und ich hatte sogar meine Tränen wieder aufgeleckt, um meinen Flüssigkeitshaushalt zumindest etwas auszugleichen.

Mein Kopf drehte jeden Moment, den ich in Finlays Gesellschaft verbracht hatte, hin und her. Alles machte absolut keinen Sinn. Wir waren über die halbe Insel gewandert und ich hatte nichts gesehen, was einer Straße oder einer modernen Behausung nahekäme. Keine Autos, LKWs oder Motorräder. Nicht einmal ein Flugzeug oder ein Schiff – nichts. Keine Strommasten, wie ich sie gesehen hatte, als ich in der Limousine über die Insel gekommen war. Es war ein schauderhafter Gedanke, dass es kein Wahnsinn war und kein Schauspiel, das hier stattfand, sondern womöglich Realität. Natürlich ein irrwitziger Gedanke.

Was wusste ich über das Jahr 1746? Verflucht wenig, wenn ich ehrlich zu mir selbst war. Ich konnte nicht einmal sagen, was in Deutschland zu der Zeit los gewesen war, geschweige denn in England oder dem Rest der Welt. Nur dass einige unschöne Ereignisse bevorstanden: die Französische Revolution, die Abspaltung der amerikanischen Kolonien von der Krone durch eine Teeparty und natürlich die beiden Weltkriege auf dem Kontinent mit Deutschland in seiner Mitte. Das waren schon gute Gründe, die Vergangenheit zu meiden, aber es gab drängendere: Frauenrechte gäbe es weitere zweihundert Jahre nicht, abgesehen von allgemeinen Menschenrechten und ganz zu schweigen von einer unabhängigen Rechtsprechung. Das Leben war wortwörtlich tödlich in dieser Zeit und da waren die Möglichkeiten so mannigfaltig wie schrecklich: Krankheiten wie Blattern, Pest, Cholera, Schwindsucht und Syphilis waren nur der Gipfel des Eisberges. Herrje, jede Erkältung konnte einen dahinsiechen lassen.

Jeder Tag war eine Gefahr, auch wenn man nicht von Soldaten verfolgt wurde, die einem an die Wäsche wollten, und selbst kleine Freuden brächten dich ins Jenseits. Herrgott, jeder Sex könnte dein Aus bedeuten. Schön, ich wurde melodramatisch, aber irgendwie hatte ich das Gefühl, ich sei bereits tot. Egal was ich machte, das war mein unausweichliches Ende.

Ich zitterte haltlos, mühte mich ab, meine Tränen zurückzuhalten und schluchzte trotzdem leise. Ich wollte nach Hause. Ich wollte zu irgendjemand, der mich in den Arm nehmen und trösten konnte.

Finlay erwachte schlagartig und presste seine Hand auf meinen Bauch und mich dadurch an sich. „Sassenach?“

„Hm?“ Meinen Mund bekam ich sicher nicht auf.

Er kam hoch und fuhr sich erst durchs Haar, rieb dann mit beiden Händen über das Gesicht, bevor er sich umsah. Er grollte eine lange Litanei, die ich nicht verstand, bevor er sich an das Sprachproblem erinnerte und stockte. Es war offensichtlich, dass er nicht wusste, wie er seine Worte formulieren sollte. „Essen. Wasser. Licht.“ Er deutete auf das kleine Feuer, das langsam in sich zusammenfiel. „Ich holen. Ihr Ruhe.“

„Damit ich dich Richtige verstehe: Du besorgst was zu Essen, Wasser und Holz, um das Lagerfeuer in Gang zu halten, während ich hier rumsitze?“ Zugegeben, zu viel mehr war ich nicht nutze. Ich fror, seit er sich aufgesetzt hatte.

Ein Grinsen hob seine Mundwinkel. Er sah schlimm aus, blutverschmiert und blaugelb gesprenkelt mit Blutergüssen. „Aye.“

„Schaffst du das?“ Immerhin war er arg zugerichtet worden. Seine Mundwinkel fielen wieder und die Brauen zogen sich über seiner Nase grimmig zusammen.

„Aye!“ Finlay rappelte sich auf und zischte dabei. Die Hand presste er an die Seite.

„Haben wir irgendetwas, was als Verband dienlich wäre?“

„Nay, Sassenach. Ruhe.“ Er bedeutete mir, sitzenzubleiben, während er probeweise einige Schritte durch die Höhle machte. „Wasser und … Holz.“

„Ist es nicht zu gefährlich?“ Zum einen die Kletterei an der Felswand, zum anderen suchten Patrouillen nach uns.

Er grinste mich wieder an. „Aye.“ Und so ließ er mich sitzen. Blödmann. Schön, mir war bewusst, wie abhängig ich von ihm war, aber das war es nicht, was mich beunruhigte. Alles war falsch, nichts machte Sinn und die einzige Konstante war bisher er. Wenn er weg war …

Es wurde schlimmer als vermutet. Ich wusste nicht, wie die Zeit verging, ob er nur Augenblicke fort war oder Stunden, aber das Feuer war niedergebrannt, ich zu einer kleinen Kugel zusammengerollt und dem Wind lauschend. Es klang wie ein gewaltiger Sturm. Ich sah nichts, weil der Eingang um eine Ecke lag, hinter der ich mich verbarg, oder hinter der das Feuer versteckt war, um vom Meer aus nicht gesehen zu werden. Das Warten nahm kein Ende und meine Gedanken kreisten mittlerweile um den nahen Tod. Ohne Wasser konnte man noch mal wie lang überleben? Nicht lang und die Zeit verstrich wie Sandkörner in einem Stundenglas. Je länger ich hier untätig liegenblieb, desto wahrscheinlicher war es, dass man meine sterblichen Überreste in tausend Jahren bei einer Höhlenexpedition fand. Allerdings waren meine Chancen, auch nur bis zum Ausgang der Höhle zu kommen, nicht sehr hoch, denn wenn ich mich aufsetzte, schwindelte es mir, meine Arme zitterten und das Atmen wurde augenblicklich zur Tortur. Von wegen Bär! Ich rollte mich wieder zusammen. Es gab nicht viel, was ich tun konnte, nicht in meinem Zustand.

Ein Keuchen schreckte mich auf. Vorsichtige Schritte. Es war zu dunkel, um etwas ausmachen zu können, selbst wenn ich nicht versteckt wäre. Sie kamen näher und ich rutschte leise rückwärts.

Eine Gestalt hob sich von der Glut des Feuers ab. Beugte sich hinunter zu der Stelle, an der ich Augenblicke zuvor noch gekauert hatte. Mir blieb fast das Herz stehen.

„Lassie?“

Mein Atem entwich mir in einem scharfen Zischen.

„Katharina.“ Er stolperte über die Überreste des Feuers und tastete nach mir.

„Hier.“

Ein Schwall fremder Worte folgte, während er mich an sich zog. „Kalt.“ Seine großen Hände rieben über meinen Rücken. „Wasser und Essen.“

Langsam wurde mir wärmer und mein Herzschlag beruhigte sich wieder.

„Wasser.“ Klang herrlich.

„Kommt.“ Finlay nahm mich auf und drehte sich, um mich vor der schwellenden Glut wieder abzulegen. „Holz.“

„Es heißt Feuer, wenn du das Lagerfeuer meinst.“ Ich wollte mich wieder aufsetzen, aber mir fehlte die Energie, also blieb ich liegen.

„Warm und Licht.“ Finlay fummelte herum und einige Augenblicke später knisterten frische Holzscheite in der Glut. „Feuer.“

„Ja, ein Lagerfeuer, es wärmt uns und hellt diese Höhle auf, damit wir was sehen.“

„Aye, Lagerfeuer.“ Finlay nahm seinen Umhang ab und legte ihn auf mich, um ihn um mich festzustecken. „Wasser.“

„Trinken. Ich bin sehr durstig.“ Er hielt mir eine Art Sack an die Lippen. Ich trank gierig, wobei die Hälfte an meinen Mundwinkeln herabfloss.

„Ruhe.“ Er nahm den Schlauch von meinen Lippen. „Ruhe.“

„Du meinst langsam. Ich soll langsam trinken“, korrigierte ich leise. Es war einfacher zu sprechen, nun da ich meine Kehle befeuchten konnte.

„Aye.“

„Dann sag es.“ Konnte nicht schaden, wenn er lernte, ganze Sätze von sich zu geben anstelle von Schlagworten.

„Ich soll langsam trinken?“, sagte er und hob den Behälter wieder an meine Lippen. Nach einem Schluck korrigierte ich ihn wieder.

„Trink langsam.“

„Trink langsam.“

Nach einem weiteren Schluck legte ich mich hin und schloss die Augen. „Wo warst du?“

„Suchen.“

Details

Seiten
0
Erscheinungsform
Erstausgabe
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783960874690
ISBN (Buch)
9783960874706
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v442109
Schlagworte
fall liebe historisch

Autor

  • Wenn Sie diese Meldung sehen, konnt das Bild nicht geladen und dargestellt werden.

    Katherine Collins (Autor)

Zurück

Titel: Ein Fall von Liebe (Historisch, Liebe)