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Mord mit Fischgeschmack (Krimi, Cosy Crime)

von Janet Laurence (Autor)

2018 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

Eine kostenlose Luxuskreuzfahrt, um den Smutje bei skandinavischem Essen zu beraten, erscheint Darina Lisle wie eine wundervolle Chance: Sie kann zwei Wochen lang dem Alltag entfliehen und mit ihrem Ehemann, Detective Chief Inspector William Pigram, jeglichen Luxus genießen.
Das Schiff bietet neben der Pracht der norwegischen Fjorde eine interessante Auswahl an Passagieren und eine Crew, die sich nur deren Unterhaltung verschrieben hat. Es scheint eine wunderbare Zeit zu werden. Doch dann verschwindet einer der Schiffsoffiziere und plötzlich steht die Frage im Raum: Hat er sich selbst ins Meer gestürzt oder wurde er gestoßen?
William beteiligt sich an der Ermittlung und verbringt seine Zeit damit, Crew und Offiziere zu befragen. So zurückgelassen, nähert Darina sich den anderen Passagieren an und entdeckt unter ihnen unerwartete Spannungen. Unruhestifter, Vorurteile, Ehrgeiz und Gier drohen, einen Skandal zu produzieren und führen schließlich zu einer weiteren Tragödie ...

Impressum

dp Verlag

Deutsche Erstausgabe Oktober 2018

Copyright © 2020 dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

E-Book-ISBN: 978-3-96087-571-0
Taschenbuch-ISBN: 978-3-96087-578-9

Copyright © 2000 by Janet Laurence
Titel des englischen Originals: The Mermaid's Feast

First published in Great Britain in 2000 by by Macmillan London 

Übersetzt von: Lennart Janson
Covergestaltung: Miss Ly Design
unter Verwendung eines Motivs von
www.shutterstock.com: © VICUSCHKA
Korrektorat: Martin Spieß

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

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Einführung

Ich wollte immer sehr gerne die norwegischen Fjorde sehen. Meine Mutter war Schwedin und ich habe Schweden und Dänemark häufig besucht. Aber bis auf eine Reise in den Süden war mir Norwegen unbekannt. Einige Freunde verbrachten einen wundervollen Urlaub mit einem Segeltörn zum Polarkreis. Sie erzählten uns davon und bald hatte mein Ehemann eine P&O-Kreuzfahrt ins Land der Mitternachtssonne gebucht. Sofort offenbarte sich mir eine Gelegenheit. Was wäre, wenn Darina Lisle von einer Firma für Norwegen-Kreuzfahrten beauftragt wird, um den Smutje bezüglich skandinavischen Essens zu beraten? Mit einer kostenlosen Kabine für sie und ihren Ehemann. Sobald wir für unsere Kreuzfahrt an Bord der Victoria gingen, nahm ich Kontakt zum Chefsteward auf, erzählte ihm von meiner Idee und fragte, ob ich das Leben hinter den Kulissen des Schiffes kennenlernen dürfte. Er hätte nicht entgegenkommender sein können. Ich lernte in allen Details, wie ein Kreuzfahrschiff betrieben wird, und während ich mich auf der Victoria bewegte, flogen mir schnell und üppig Ideen zu. Doch diese Nachforschungen beeinträchtigten unseren Genuss der Kreuzfahrt und des Gebotenen nicht zu sehr. Der Anblick der perlmuttfarbenen Sonne, die zur Mitternacht den Horizont streift, war etwas ganz Besonderes.

Das Schreiben von Mord mit Fischgeschmack ließ mich all das Erlebte ein zweites Mal genießen. Perfekt!

Janet Laurence, 2017

 

 

 

Für meine entzückende Nichte Julie,

mit viel Liebe

Kapitel 1

Eine klauenartige Hand griff über den Tisch. „Haben Sie Erdbeeren da, Liebes?“ Die Hand wühlte zwischen den Honig- und Marmeladenpäckchen herum. „Bei Scones tut es nur Erdbeere, finden Sie nicht?“

Heitere Augen blinzelten unter wie mit einem Stift gezogenen Bögen von Augenbrauen hervor. Das Haar hatte einen geschmackvollen Violett-Ton und war in steife Locken gedreht. Lange Ohrläppchen trugen riesige Ohrringe mit falschen Diamanten. Die konnten nicht echt sein, dachte Darina.

„Sind Sie schon früher mit der Empress of India gefahren?“ Die forschenden Finger fanden eine Packung der gewünschten Marmelade. „Ich glaube, das machen sie absichtlich, die mit Erdbeere zu verstecken, meine ich. Nur um einen zu testen. Alfredo!“ Die Hand winkte gebieterisch einem beschäftigten Kellner zu. Allerdings war er nicht zu beschäftigt, um beinahe umgehend zum Tisch herüber zu gleiten.

„Mrs. Carter, die Dame?“

„Wo verstecken Sie die mit Erdbeere, hm? Sie wissen, dass ich Erdbeere mag.“

„Haben Sie denn keine, die Dame?“ Der Kellner blickte betont auf die Packung auf ihrem Teller.

„Natürlich habe ich welche, Alfredo, aber der Rest des Tisches nicht. Bringen Sie mehr Erdbeere.“

Eine leichte Neigung des Kopfes und ein schmales Lächeln, als sich zwei Blicke aus braunen Augen im perfekten Einverständnis trafen. Ein paar Minuten später wurde in einer anmutigen Zeremonie ein Teller mit Erdbeermarmeladen-Päckchen in der Mitte des Tisches platziert.

„Alfredo weiß, was ich mag“, sagte die Frau zufrieden. Sie zerteilte ihren Scone und bestrich ihn großzügig mit Butter und Marmelade.

„Dann haben Sie schon zuvor eine Kreuzfahrt auf diesem Schiff gemacht?“, vermutete William Pigram, Darinas Ehemann, höflich.

„Acht Mal.“ Das Scone verschwand mit enormer Geschwindigkeit in kleinen, wirkungsvollen Bissen. „Sobald George, er war mein Ehemann, sich zur Ruhe setzte, sagte er: ‚Enid, mein Mädchen, ich habe mich von der Hetze des Geschäfts verabschiedet, wir machen eine Kreuzfahrt.‘ Und das taten wir. Beim ersten Mal rund um die Welt, das hat einen Haufen Geld gekostet“, fügte sie hinzu.

„Auf diesem Schiff?“, fragte William.

„Nein, das war auf der Catriona, sehr viel größer. Die Empress haben wir erst kurz vor Georges Tod vor drei Jahren ausprobiert. Er hat sie geliebt und seitdem fahre ich mit ihr.“

„Wir lieben die Empress auch“, sagte eine stille Frau neben Enid von sich aus. „Das hier ist unsere vierte Fahrt.“ Sie lächelte den Mann an, der sie begleitete. Sie schienen mindestens siebzig zu sein, ein unscheinbares Paar, ordentlich, aber nicht modisch gekleidet.

„Wir sind William und Darina Pigram“, sagte Darina fröhlich zu den fünf Personen am Tisch.

Enid Carter hatte sich vorgestellt, als sie sich zu ihr gesetzt hatten. Jetzt räumte das unscheinbare Paar ein, dass sie Mary und Jim French aus den Midlands seien. „Jim macht in Fenstern“, sagte Mary.

„Fenster bis zum Boden“, stimmte Jim mit einem strahlenden Lächeln zu, das den Anschein der Bedeutungslosigkeit vertrieb. „Das habe ich zu meinem Werbespruch gemacht, aber wir machen alle möglichen Fenster. Wir sind Spezialisten für das Baugewerbe. Wobei ich jetzt mehr oder weniger im Ruhestand bin – die Söhne haben das Geschäft übernommen.“ Und ihm damit reichlich Freizeit verschafft, war die Schlussfolgerung.

„Auf welchen Schiffen haben Sie Kreuzfahrten gemacht?“, fragte Mary Darina.

„Ich fürchte, das ist unsere erste“, sagte sie mit einem Lächeln.

„Sie sind sehr jung“, sagte die andere Frau argwöhnisch. „Die nördlichen Häfen ziehen normalerweise keine jungen Leute an, die fahren eher in die Karibik oder ans Mittelmeer. Sie lieben die Sonne, wissen Sie.“

„Werden wir auf dieser Kreuzfahrt nicht die Mitternachtssonne sehen?“, fragte William. „Die interessiert mich.“

„Das hängt vom Wetter ab“, sagte Jim freundlich. „Aber die Chancen stehen gut, ziemlich gut.“ Das Pärchen, das als letztes am Tisch eingetroffen war, sagte nichts. Sie sahen aus wie Ende fünfzig, vielleicht Anfang sechzig. Sie waren stabil gebaut und hatten Gesichter, die eher fürs Lächeln gemacht waren, als ihren momentanen, düsteren Gesichtsausdruck. Während es Marys und Jims Kleidern an Stil fehlte, sahen ihre aus wie aus einem wohltätigen Second-Hand-Laden – der Mann in einem abgetragenen Cardigan über einem Hemd ohne Krawatte, die Frau trug ein schlecht gemachtes, ärmelloses Oberteil, dass die Aufmerksamkeit unvorteilhaft auf ihre schlaffen Oberarme lenkte.

Darina Lisle ermahnte sich, nicht gehässig zu sein. Es gab wichtigere Dinge im Leben, als sich um die aktuellste Mode Gedanken zu machen. Aber warum in aller Welt hatte sie sich so lange mit ihrer Garderobe für die Kreuzfahrt gequält? Sie sah sich im Raum um. Wie viele Passagiere könnten in einer Modezeitschrift auftauchen? Wo waren Glanz und Glamour, wie sie es sich vorgestellt hatte? War ihre Vorstellung einer Kreuzfahrt ein Rückblick in ein goldenes Zeitalter von Luxus und Muße gewesen, in dem wenige Passagiere große Summen zahlten und alle schick gekleidet und gesellschaftlich versiert waren? Die Wirklichkeit reichte wie so oft nicht an die fortschrittliche Werbung heran. Doch eine gespannte Erwartung brodelte in ihr. Eine Kreuzfahrt würde eine völlig neue Erfahrung sein.

Sie wollte dieses Pärchen fragen, warum sie zu Beginn von vierzehn Tagen des Vergnügens so unglücklich aussahen. Ihre wettergegerbten Gesichter erinnerten sie an die Landwirte aus Somerset, die sie häufig getroffen hatte, als sie nicht weit entfernt von Taunton aufgewachsen war, und wo sie und William ein Jahr in dem Cottage nahe seiner ersten Polizeistation, ein paar Meilen vor Frome, gelebt hatten.

Darina hatte mittlerweile völlig vergessen, dass sie das Schiff erkunden wollte und dass es William gewesen war, der dringend eine Tasse Kaffee trinken wollte und vorschlug, ob sie ihre Tour nicht im Restaurant beginnen könnten. Ein Kellner in einer roten Jacke hatte sie an einem großen Tisch bei Enid Carter platznehmen lassen. Die anderen waren umgehend dazugestoßen, waren aber einer Unterhaltung nicht zugetan gewesen.

„Warum mögen Sie dieses Schiff so sehr?“, fragte William, als die Unterhaltung drohte, zum Erliegen zu kommen.

„Oh, die Empress ist wunderschön!“, rief Enid. „All die hölzernen Vertäfelungen und die Messing-Armaturen. So traditionell. Und nur siebenhundert Passagiere, es ist wirklich gemütlich.“

„Heutzutage bauen sie richtige Monster“, seufzte Mary French, während Jim fröhlich nickte. „Von Bug bis Heck meilenlang und mit so vielen Decks und Salons. Man kann jemanden am ersten Tag kennenlernen und für den Rest der Kreuzfahrt nicht mehr wiedersehen.“

Darina betrachtete den Bereich des Speisesaals, den sie von ihrer leicht erhöhten Position auf einer Plattform neben einer Reihe von Bullaugen aus einsehen konnte. Draußen hatte man einen großartigen Blick auf die Docks von Southampton, das Schiff sollte erst in etwa einer Stunde ablegen. Ja, das Schiff war wunderschön, aber würde es sie kümmern, diese Menschen nicht mehr wiederzusehen? Neben ihnen wirkten sie und William mit Mitte dreißig unmöglich jung. Doch wie oft musste man erste Eindrücke später korrigieren. Es mussten Menschen an Bord sein, mit denen sie gerne Zeit verbringen würden. Immerhin waren es nur zwei Wochen und sie hatte William dabei.

Als Darina ihrem Ehemann von dem Angebot einer kostenlosen Kreuzfahrt erzählt hatte, war es unerwartet aufwändig gewesen, ihn zum Mitkommen zu überreden. Zu viele Menschen, nicht sein Ding, und außerdem gäbe es zu viel Arbeit, hatte er gesagt.

„Wer will denn immer wegfahren und entspannen und sagt dann, dass ihn Strandurlaub langweilt?“, fragte Darina. „Wer mag denn Abwechslung, will viele Orte besuchen und liebt Essen? Komm schon, du hast die Urlaubstage und du wirst mit niemanden reden müssen.“

Irgendwann hatte er zugestimmt und bislang keine Abneigung gezeigt, sich mit den anderen Passagieren zu unterhalten. Hier waren sie gemeinsam auf einem Luxusliner, und zwei Wochen lang konnte sie Williams Gesellschaft ohne die Gefahr genießen, dass er weggerufen würde. Zwei Wochen, in denen er nichts zu tun hatte, außer zu genießen. Zwei Wochen, in denen er am Ende des Tages nicht erschöpft sein würde und sich mit seiner Ehefrau unterhalten könnte, ohne dass ihnen die Arbeit dazwischenkam. Es sei denn, die Arbeit, für die Darina angeworben wurde, stellte sich als zeitaufwändiger heraus, als ihr beschrieben worden war. Sie hoffte inständig, dass es nicht viel Zeit in Anspruch nehmen würde. William und sie brauchten diesen Freiraum in ihrem Leben.

Enid musterte Mary French mit offener Neugier. „Haben wir uns nicht schon einmal getroffen?“, fragte sie unvermittelt. „Waren Sie nicht vor drei Jahren auf der Empress of China? Die Kreuzfahrt zu den Schätzen des Mittelmeers?“

Mary wirkte überrascht. Sogar nervös. „Ich, ich glaube wir waren dort“, sagte sie.

Enid sah zufrieden aus. „Dachte ich mir. Ich vergesse nie ein Gesicht. War das nicht die Kreuzfahrt, auf der das Gerücht umging, wir hätten einen Pädophilen unter uns?“

Jetzt wirkte Mary beunruhigt. „Ich glaube nicht. Ich erinnere mich an nichts dergleichen.“ Sie blickte zu ihrem Ehemann. Er trank Tee und schien von der Unterhaltung nichts mitzubekommen.

„Das war kurz nach diesem scheußlichen Gerichtsverfahren. Erinnern Sie sich, eine Enkelin warf ihrem Großvater vor, sie sexuell belästigt zu haben? Es wurde nichts bewiesen, aber das war alles sehr erschütternd. Dann sagte jemand, er würde unter anderem Namen mit uns reisen. Bestimmt erinnern Sie sich.“

Mary schüttelte bestimmt den Kopf. „Das muss eine andere Fahrt gewesen sein“, sagte sie endgültig.

„Was gefällt Ihnen so gut an Kreuzfahrten?“, fragte William sie.

„Was uns an Kreuzfahrten gefällt?“, wiederholte Mary. Sie sah sich am Tisch um, als könnte jemand anderem eine gute Antwort einfallen.

„Wir kamen her, um von allem wegzukommen, geht es bei Kreuzfahrten nicht genau darum? Irgendwo zu sein, wo einen niemand erreichen kann, während man umsorgt wird und nicht nachdenken muss? Es ist eine Flucht.“ Ihre Stimme zitterte leicht. Ihr Ehemann sah noch missmutiger aus.

Sie hatte einen breiten, ländlichen Dialekt, der aus den östlichen Midlands, Cambridge oder Norfolk stammen musste, dachte Darina. „Sind Sie Landwirte?“, fragte sie freundlich.

„Ja“, sagte die Frau und schien dann zu begreifen, dass sie die einzigen waren, die sich noch nicht vorgestellt hatten.

„Joyce und Michael Harwood“, sagte sie. „Zumindest“, fügte sie abgehackt hinzu, während sie zu ihrem Ehemann blickte, „waren wir Landwirte.“

„Wir wurden aus dem Markt gedrängt“, sagte der Mann barsch.

Mit diesem Eindringen der hässlichen Realität fiel Schweigen über den Tisch.

„Das tut mir so leid“, sagte Darina mitfühlend. „Ich weiß, dass es in der Landwirtschaft zurzeit schwierig ist. Haben Sie Vieh gehalten? War es BSE?“

In diesem Augenblick warf ein junger Mann die mit einem Fenster versehene Tür zum Restaurant auf, er war Anfang zwanzig und trug eine Jeans und ein T-Shirt, auf dem der Schriftzug „Set my Willie Free“ prangte. Er war unsicher auf den Beinen, obwohl das Schiff noch am Dock lag, klammerte sich an das kleine Geländer am Fuß der schmalen Treppenflucht, die hinauf ins Hauptgeschoss des Speisesaals führte, und betrachtete die Anordnung von Tischen. „Man bekommt noch was“, trällerte er über seine Schulter, während er sich weiter am Geländer festhielt. Er hatte einen Schopf prächtiger, dunkler Locken, dunkle Augen und Wimpern, für die jede Frau morden würde. Dazu ein Gesicht, das mit der mächtigen Nase und dem Mund, der fast wie Amors Bogen aussah, eine seltsame Mischung aus machohaft und feminin ergab. Er sah eindrucksvoll aus, während er sich auf das Geländer schwang, um auf den Rest seiner Gruppe zu warten, und leise eine Melodie pfiff.

Enid Carter sah ihn an und die herbe Realität verschwand zum Bullauge hinaus. „Oh, meine verlorene Jugend! Noch einmal zwanzig sein und zusammen mit diesem jungen Mann auf einem Schiff festsitzen“, sagte sie lüstern. „Bordromanzen – jeder sollte eine haben. Was für ein Traumschiff!“ Ihre dunklen Augen leuchteten vor Freude.

Mary French sah ausgesprochen empört aus. „Meine Enkelin hält Leonardo DiCaprio für wunderschön, aber ist Aussehen wirklich alles?“, fragte sie tugendhaft und tätschelte ihrem düster dreinblickenden Ehemann die Hand.

Die Harwoods sagte nichts.

William seufzte. „Ich glaube, er steht unter Drogen“, flüsterte er Darina zu.

„Du bist hier nicht im Dienst“, sage sie bedeutungsvoll in gedämpftem Ton.

Hinter dem jungen Mann erschien jemand, der nur sein Vater sein konnte – dieselben dunklen Locken, dieselben dunklen Augen, das Gesicht derber, ohne die feminine Note, aber trotzdem sehr attraktiv. Seine Lippen allerdings bildeten eine dünne Linie der Missbilligung. Er packte seinen Sohn an der Achsel, führte seinen Mund dicht an sein Ohr und stieß Worte durch die zusammengebissenen Zähne, die nur eine Warnung sein konnten.

Stets aufmerksam, ließ der Oberkellner sie an einem nahen Tisch Platz nehmen, ehe sie auch nur Luft holen oder der Rest der Gruppe die schmale Treppe herabsteigen konnte. Als erstes kam eine kleine, schlanke Frau mittleren Alters mit schmalem Gesicht und wachsamem Blick. Alles an ihr war kontrolliert; ihre Kleidung sprach dafür, dass sie sich sorgfältig um alles kümmerte, von dem kleinen Tuch, das sie sich ordentlich um den Kragen ihres gewöhnlichen, cremefarbenen Pullovers gebunden hatte, bis zu ihrem gut geschnittenen, aber sehr einfachen, marineblauen Hosenanzug. Das einzige Auffallende an ihr war ihr Haar. Es war früh silbergrau geworden und lag in kurzen Strähnen an ihrem Kopf, in einem Stil, der jugendlich wirkte und ihr sehr gut stand. Sie hielt auf der Treppe inne und griff nach hinten, um etwas zu betonen, das sie zu der Frau hinter ihr gesagt hatte, wobei sie ihre wohlgeformte Hand auf den Arm der Anderen legte. Es war etwas Leichtes und Vertrautes an dieser Geste – wir sind Freundinnen, vermittelte sie.

Lachend, über was auch immer gesagt worden war, zeigte sich das letzte Mitglied der Gruppe von ihrer besten Seite. Ebenfalls in mittlerem Alter, aber elegant und selbstbewusst, war sie auffallend attraktiv. Sie war durchschnittlich groß und ihr wehendes, blondes Haar rahmte ein begehrenswertes Gesicht ein, während exzellent geschnittene Jeans und ein Pullover in passendem Blauton, der mit cremefarbenen Blüten bestickt war, ihre gute Figur zur Schau stellten.

Der ältere Mann erhob sich, als sie sich dem Tisch näherten und zog der Frau mit silbergrauem Haar einen Stuhl heraus. Sie lächelte ihn mit ihrem plötzlich strahlenden Gesicht an. Die andere Frau warf dem Mann ein diskretes Lächeln zu und ignorierte bewusst den Jüngeren. Er saß krumm und beleidigt auf seinem Stuhl, hatte den Kopf zurückgeworfen, während eine Hand auf der Tischdecke mit einem Messer spielte.

„Mein Gott“, sagte Enid Carter in ehrfurchtsvollem Ton. „Das ist die Lottogewinnerin!“

„Wirklich? Welche?“, fragte Darina, die sich immer für solche Informationshappen über ihre Mitmenschen interessierte.

„Die Grauhaarige. Ich habe alles über sie gelesen. Das sind ihr Ehemann und ihr Stiefsohn. Sie ist Wissenschaftlerin und wird die ganzen sieben Millionen Pfund der Forschung spenden!“ Enid schmunzelte düster. „Ich frage mich, was ihre Familie davon hält!“

Kapitel 2

Phil Burell, Assistent des Chefstewards und Lagermeister auf der Empress of India, ließ sich mit einem erleichterten Seufzer in seinen Drehstuhl fallen. Er streckte die Arme aus und lockerte seine Schultern. Das Laden und Verstauen der Lebensmittelvorräte für eine zweiwöchige Kreuzfahrt zu beaufsichtigen war der schlimmste Teil seiner Arbeit. Aber das war jetzt geschafft uns sie befanden sich auf See. Er konnte bereits spüren, wie eine leichte Dünung das Schiff bewegte. Aber das würde die gewaltigen Vorräte nicht ins Rutschen bringen, die er den ganzen Tag lang hatte verladen lassen. Er gähnte ausgiebig und ging in Gedanken noch einmal alles durch, was sie erreicht hatten. Unter den Decks befanden sich genug Lebensmittel in einer Reihe großer Backskisten, um eine kleine Stadt durch eine mehrmonatige Belagerung zu bringen. Die Passagiere der Empress of India würden das Meiste davon in zwei Wochen verspeisen.

Das war eine beängstigende Aussicht. Bei jeder Kreuzfahrt kam Phil an diesem Punkt nicht umhin, mit der Vorstellung wohlgekleideter Schweine zu spielen, die sich um Designer-Tröge drängten und unter unersättlichem, freudigem Quieken einen nicht enden wollenden Schwall an Feinkost hinunterschlangen. Dann fühlte er sich schuldig. Das musste die Erschöpfung sein, sagte er sich jedes Mal. Passagiere waren wichtig. Eines Tages wäre er Chefsteward eines Schiffes und müsste im Restaurant an einem Tisch den Gastgeber spielen. Und die Passagiere an diesem Tisch würden von ihm erwarten, weltmännisch, liebenswürdig und charmant zu sein.

Die Aussicht war beängstigend. Phil wusste, dass er gute Arbeit machte. Vorausgesetzt er würde weiterhin hart arbeiten und es gäbe keine Unfälle, könnte er seinen Traum erreichen. Aber gesellschaftliches Geplauder war nicht seine Stärke.

Seine Ex-Frau Lizzie hatte gesagt, dass das Leben mit ihm wie ein Leben mit einem Buch in einer fremden Sprache sei. Man müsse sich sehr anstrengen, um irgendwelche Informationen herauszuziehen und man habe dabei keinen Spaß. Phil fand das lächerlich, wenn man bedachte, dass ihr Gesprächstalent nicht einmal einen Vierjährigen herausfordern konnte. Aber immerhin habe sie ihn wissen lassen, was sie dachte, hatte sie gesagt. Phil war häufig unter der Kraft ihrer Gefühle ins Wanken geraten.

Sie hätten nie heiraten sollen. Phil stellte fest, dass es eine Büro-Romanze gewesen war, umso intensiver, weil sie zusammen auf einem Schiff gewesen waren. Aber sie hatte all ihre Anziehungskraft verloren, als sie in einer offiziellen Beziehung gefangen waren. Es war eine solche Erleichterung gewesen, als die Scheidung endlich überstanden war.

War er dabei, denselben Fehler noch einmal zu begehen? Nein, definitiv nicht! Karen war alles, was er sich von einer Frau wünschen konnte: liebevoll, herzlich, lustig und sie besaß gesunden Menschenverstand. Sie schaffte es, dass er positiv von sich dachte. Später, wenn sie ihre Pflichten für den Abend hinter sich hatte, würde er sie suchen. Vielleicht war heute die Nacht, in der ihre Beziehung wirklich Fahrt aufnehmen würde.

Sein Eifer vermischte sich sofort mit Lampenfieber. Was, wenn er die Zeichen falsch interpretiert hatte? Wenn er doch nur gleich zu ihr gehen könnte, um das herauszufinden. Warten war die Hölle. Während er an einem Finger knabberte, rief Phil auf seinem Computer „Solitär“ auf und versuchte sich in den Feinheiten der Kartenzüge zu verlieren, um eine weitere der Patiencen zu lösen, die er für die befriedigendsten ihrer Art hielt. Es kam so viel mehr auf das eigene Können an als darauf, wie die Karten ausgelegt waren. Doch beinahe sofort merkte er, dass er einen falschen Zug gemacht hatte. Er nagte an seinen Knöcheln, während er den Bildschirm betrachtete und herauszufinden versuchte, wie er das Spiel noch retten konnte.

Die Tür zu seinem Büro öffnete sich. „Haben Sie eine Minute?“, fragte sein Assistent Roger Coutts gutgelaunt.

„Sechzig Sekunden, ja“, sagte Phil, winkte Roger herein und klickte auf das Feld, dass das Spiel in ein Icon am unteren Rand seines Bildschirms verbannte. „Eine Sekunde mehr und ich brauche einen Schnaps. Eigentlich ist das gar keine schlechte Idee.“ Er griff in die unterste Schublade seines Schreibtisches und zog eine Flasche Whisky mit zwei Gläsern heraus. „Wollen Sie einen?“

„Und ob!“ Roger ließ sich in den Stuhl auf der anderen Seite des Schreibtisches fallen. „Ich bin ausgebrannt!“ Er strich sich mit einer Hand durch sein kurzes, blondes Haar. Roger hatte ein breites, offenes Gesicht, das immer fröhlich wirkte, doch Phil fand, dass er noch etwas Feinschliff brauchte, wenn er mit seiner Karriere vorankommen wollte. Phil schenkte großzügig ein, gab einen Schuss Wasser hinzu und reichte ein Glas hinüber.

„Dennoch, wir haben jetzt alles verstaut“, sagte Roger und trank mehr als die Hälfte seines Drinks in einem Zug.

„Sie können morgen früh Zeit am Computer verbringen und die Inventarliste auf den neuesten Stand bringen“, sagte Phil mit einem leichten Lächeln.

Roger betrachtete den Bildschirm auf Phils Schreibtisch und nickte niedergeschlagen. „Trinken Sie heute Abend einen mit uns?“

Phil schüttelte den Kopf. „Ich hau mich früh aufs Ohr“, verdrehte er die Tatsachen.

„Ach ja? So nennen Sie das also?“

Phil errötete leicht. Wenn es eine Sache gab, die ihn nicht kalt ließ, dann war es, dass alle an Bord eines Schiffes immer alles über alle anderen zu wissen schienen.

„Das können Sie nicht verstecken, wissen Sie?“, fügte Roger unnötigerweise hinzu. „Aber wenn der himmelhohe Harry davon erfährt, ist das Ihr Untergang, das ist Ihnen klar, oder?“

Der Erste Offizier hatte diesen Spitznahmen erhalten, lange bevor Phil von der Empress of China auf dem Schwesternschiff, der Empress of India, angeheuert hatte. Er hatte nie herausgefunden, woher er kam, fand aber, dass er Harry Summers gut beschrieb. Viel zu verbissen darauf, eine große Nummer zu sein.

Phil grunzte etwas in sein Getränk. Dann beschloss er, dass er nichts zu verbergen hatte. „Ich schaue später vielleicht, ob Karen frei hat“, gab er zu.

Roger schenkte ihm ein breites Grinsen. „So wird was draus!“, sagte er ermutigend. „Wer nicht wagt, und so weiter. Das soll aber nicht heißen, dass Sie nicht wagemutig wären, nicht nach der letzten Fahrt.“

Phil füllte ihre Gläser wieder auf und sagte nichts. Er hatte keinen Bedarf, diesen kleinen Zwischenfall erneut zu erörtern. Er hatte zur Genüge unter den Konsequenzen gelitten und würde sich nicht auf eine Wiederholung einlassen.

Roger hob anerkennend sein Glas. Das bedeutete wohl, dass er aus Dank für den Drink mit der Stichelei fertig war. Mehr Whisky verschwand in seinem geräumigen Hals, dann griff er hinter den Computer. „Ich dachte, das könnte Sie interessieren. Hat meine Schwester geschickt, sie hat es extra für mich aufgehoben.“ Er zog eine sechs Wochen alte Ausgabe einer Boulevardzeitung hervor. „Das fiese, alte Ding, das sie ist. Sie hätte es zu einem unserer Häfen schicken können, aber sie spart das Porto lieber. Ich hatte nur Zeit für einen kurzen Blick, nachdem wir heute Morgen reinkamen.“ Er faltete die Zeitung auf und reichte Phil die innere Seite.

Lotteriegewinner wählt Kreuzfahrt, verkündete die Schlagzeile.

Phil ließ den Blick über den Artikel schweifen und pfiff. „Also ist eine Berühmtheit mit uns an Bord, ja? Ich beneide Sie nicht um die Mitläufer, die versuchen werden, kostenlosen Champagner abzustauben, wenn sie bemerken, dass sich eine Millionärin unter ihnen befindet.“

„Klingt als wären Mitläufer schnell abgefertigt“, sagte Roger träge und leerte sein Glas. „Na ja, ich genehmige mir ein bisschen Entspannung, ehe ich in die Heia gehe. Danke für den Grog.“ Er verschwand zur Tür hinaus.

Phil hörte kaum, dass er ging. Seine Aufmerksamkeit war auf die Zeitung geheftet. Er vergaß völlig, seinen Computer auszuschalten, während sich die Puzzleteile zusammenfügten und er verstand, wer die Lottogewinnerin war. Entsetzen überflutete ihn, als er in Erinnerungen versank.

Er saß da und starrte auf den Artikel. Hatte ihn die Vergangenheit wirklich eingeholt?

Kapitel 3

William lehnte sich über die Reling eines der Oberdecks der Empress of India. Feuchte Luft blies ihm ins Gesicht und eine breite Woge ließ das Schiff sanft und langsam schaukeln. Tief im Inneren hämmerten die Maschinen. Er sah zu, wie die Isle of Wight achtern verschwand und spürte eine gewisse Zufriedenheit. Vierzehn Tage lang konnte er alle Schwierigkeiten des Lebens auf dem Festland vergessen, die Spannungen und Konkurrenzkämpfe unter seinen Mitarbeitern, die Hindernisse bei der Aufrechterhaltung von Recht und Ordnung, und das Böse, das Menschen ihren Mitmenschen antun konnten. Vierzehn Tage lang würde ihn nichts stören können, und er hatte seine Frau ganz für sich allein. Abgesehen von den siebenhundert anderen Passagieren natürlich.

Am Horizont fuhr ein großes Containerschiff gemächlich in die entgegengesetzte Richtung.

„Bei einer Backpfeife wird sogar die linke Backe rot“, murmelte William vor sich hin. Backbord, links, rot ... Steuerbord, rechts, grün.

Diese Seefahrerweisheit hatte sein Vater ihm beigebracht. Als Offizier der Armee war sein Vater kein großer Seefahrer gewesen. Doch die Familie Pigram hatte sich mal während eines Urlaubs auf der Isle of Wight mit einigen Freunden ein Haus geteilt, und Schlauchbootfahren hatte einen Großteil der Aktivitäten ausgemacht. William hatte es geliebt. Er hatte gehofft, dass sie wieder dorthin fahren würden, doch die nächste Versetzung seines Vaters führte ihn nach Deutschland und seine Mutter hatte aus irgendeinem Grund die Freundschaft zu der Seefahrer-Familie nicht aufrechterhalten wollen.

Rückblickend erinnerte sich William jetzt an eine Bemerkung von ihr an seinen Vater, die er mit angehört hatte. „Andy Wright wird es nie zum Partner bringen, er hat nicht genug Ehrgeiz. Nicht dass eine Partnerschaft bei dieser lächerlichen Anwaltskanzlei auf dem Land irgendetwas zu bedeuten hätte. Hast du denn keine alten Schulfreunde, die der Welt ihren Stempel aufgedrückt haben, John?“

William konnte sich nicht daran erinnern, was sein Vater geantwortet hatte, falls er es überhaupt getan hatte. John Pigram war sehr gut darin gewesen, zu ignorieren, was er von seiner Frau nicht hören wollte. Außerdem war er sehr gut darin gewesen, seinen Kindern nicht zuzuhören. Ganz anders als Darinas Vater; laut ihren Erzählungen hatte Dr. Lisle immer Zeit gehabt, sich mit seiner Tochter zu unterhalten. Oh, Vater sein! William sehnte sich nach der Erfahrung und fürchtete gleichzeitig, sich als mangelhaft herauszustellen. Wie gut würde er die Bedürfnisse eines Kindes erkennen können?

Aber das war nichts, womit er sich in der nahen Zukunft herumschlagen musste. Bei zahllosen Diskussionen zu dem Thema hatte Darina klargestellt, dass sie erst Zeit brauchte, um sich in ihrer Arbeit zu etablieren. Er hoffte, dass sie entweder bald erreichte, was sie wollte, oder aufgab. Während er sich jetzt an die Reling lehnte und beobachtete, wie die See hypnotisierend gegen das Schiff brandete als würde die glasklare Oberfläche eine Macht zurückhalten, die noch ihre Kräfte sammelte, dachte William über Karrieren nach. Die Anforderungen seiner eigenen bedeuteten, dass er selten zu einer Zeit zu Hause sein konnte, zu der er Kleinkinder baden oder ihnen Gutenachtgeschichten vorlesen konnte. Er konnte nicht einmal garantieren, dass die Wochenenden frei von plötzlichen Einsätzen waren. Aber immerhin war seine Arbeit wichtig und notwendig.

Das Schiff wogte leicht, die Macht unter der glasklaren Oberfläche schien sich bemerkbar zu machen.

Natürlich wollte er sehen, dass Darina ihre Ziele erreichte, sagte William sich. Die Tage waren längst vergangen, in denen eine Frau damit zufrieden war, sich um ihren Ehemann zu kümmern, den Nachwuchs aufzuziehen und ein Zuhause zu gestalten, so wie seine Mutter es noch getan hatte.

„Sagen Sie dem Festland Lebwohl?“ Jim French lehnte sich neben William an die Reling und zog seine Pfeife heraus.

William blickte aufs Meer hinaus, dort waren jetzt viele Schiffe zu sehen, aber angenehm wenig Land. Eine Komposition in grau, kein Sonnenuntergang an diesem Abend, zu viele Wolken. Das Schiff bewegte sich langsam unter seinen Füßen. „Glauben Sie, es wird regnen?“, fragte er.

Jim zuckte mit den Schultern. „Ich war noch nie ein Wetterfrosch, trotzdem würde ich sagen: sehr wahrscheinlich. Aber die Empress hat gute Stabilisatoren.“

William folgte seiner elliptischen Aussage ohne Probleme. „So schlimm, ja?“

„Es heißt, dass es morgen etwas windig wird.“ Er paffte stillvergnügt an seiner Pfeife.

William fragte sich, ob Darina eine gute Seefahrerin war. Dann fragte er sich, ob er selbst einer war. „Sollte im Sommer nicht so schlimm werden“, bot er an.

Jim sagte nichts, doch die Art, mit der er das tat, beunruhigte William.

Jim zeigte mit seiner Pfeife auf eine Kanalfähre, die gerade in Sicht kam. „Erinnern Sie sich an die Zeit, als die noch halb so groß waren, mit wenig Komfort und voller betrunkener Randalierer, die das meiste aus dem zollfreien Verkauf machen wollten? Da musste man noch die Zähne zusammenbeißen, ehe man unter Deck ging. Jetzt bieten Sie den puren Luxus, liegen stabil im Wasser und die Überfahrt ist Teil des Urlaubs, statt etwas, das man vergessen will, sobald man auf der anderen Seite angekommen ist.“ Er hielt inne, dachte nach und fügte dann hinzu: „Aber es gibt keinen Duty-Free-Shop mehr.“

„Das scheint keinen großen Unterschied zu machen“, kommentierte William, während sie zusahen, wie die riesige Fähre durch das Wasser pflügte. Als er die Überfahrt verfolgte, fiel Williams Blick auf den ehemaligen Landwirt Michael Harwood, der ein Stück weiter an der Reling lehnte.

„Schlimme Geschichte“, stieg Jim ein. „Zu viele Landwirte nagen heutzutage am Hungertuch. Die Regierung mischt sich zu sehr ein, das ist das Problem“, fügte er klug hinzu. „Einer der Gründe, warum ich an die Jungs übergeben habe, war der ganze Papierkram, mit dem man sich heutzutage herumschlagen muss.“

William dachte verzweifelt an all den Papierkram, der ihn in seinem Leben verfolgte.

„Also, was führt Sie und Ihre Lady bei dieser Reise zu uns an Bord?“

„Darina ist Köchin“, sagte William. „Sie ist Expertin für skandinavisches Essen und die Betreibergesellschaft hat sie darum gebeten, dem Smutje dabei zu helfen, ein paar regionale Gerichte auszuarbeiten.“

„Ich esse gerne Steak“, sagte Jim. „Ich habe für diesen fremdländischen Mist nichts übrig. Obwohl das Curry, das sie uns zum Mittagessen vorgesetzt haben, gar nicht schlecht war“, fügte er nachdenklich hinzu. „Mary versucht sich manchmal daran, aber das ist nicht dasselbe. Sie meint, dass sie hier nicht das fertig gemischte Pulver verwenden. Viele der Mitarbeiter in der Bordgastronomie kommen aus Goa, also ist das kein Wunder.“

„Darina wird den Passagieren zeigen, wie man Canapés macht“, sagte William.

„Canapés, ja?“, fragte Jim nachdenklich. „Also ein Sandwich ohne Oberseite?“

„Ja.“

„Das ist bestimmt schwer zu essen.“

„Man benutzt Messer und Gabel.“

„Dann hat das ja wohl kaum etwas von einem Sandwich.“

William beschloss, dass er Darina nicht von dieser Unterhaltung berichten würde.

„Immerhin mal was anderes, schätze ich. Das sollte einem doch gefallen, oder?“ Jim zog an seiner Pfeife und erzeugte damit ein seltsames, blubberndes Geräusch. „Es klingt, als wären Sie ein glücklicher Mann, mit einer Essens-Expertin zusammenzuleben.“

William dachte daran, dass er widerholt heimgekehrt war, die Küche mit allerlei Kochgerätschaften vollgestellt vorfand, überall Geschirr herumstand und es trotzdem nichts zu essen gab. Alles war entweder nicht fertig, oder für den Tiefkühler bestimmt und Darina saß an ihrem Computer und braute einen Artikel oder den Abschnitt eines Buches zusammen. Wenn er Essen vorgesetzt bekam, wartete Darina immer unruhig auf seine Kommentare, es waren Gerichte mit fremden Gewürzen, seltsames Gebäck oder sogar rohes Gemüse. Nie schien es gewöhnliches Essen wie Shepherd’s Pie, Gebratenes oder Kedgeree – ein Gericht aus Reis mit Fisch und Ei – zu geben.

William rutschte unbequem am Geländer herum. Natürlich genoss er häufig, was Darina produzierte, dachte er, wie seltsam es auch war; sie war auf jeden Fall eine brillante Köchin.

„Sind Sie beim ersten oder beim zweiten Abendessen?“

„Beim zweiten.“

„Dafür hat Mary uns auch eingetragen“, sagte Jim niedergeschlagen. „Ich esse gerne früh, dann hat man noch den ganzen Abend Zeit, aber sie sagte, das spätere Essen sei stilvoller. Was arbeiten Sie, wenn ich fragen darf?“

„Beamter im öffentlichen Dienst“, sagte William prompt.

„Ich dachte mir, dass Sie nicht in der Industrie sind“, sagte Jim zufrieden.

„Warum?“ William war neugierig.

Jim betrachtete ihn eingehend. „Ich schätze, es hat etwas mit der Art zu tun, wie Sie Menschen betrachten. Als würden Sie uns einschätzen, beobachten, wie wir ticken. Ich wette, Sie sind Polizist.“

William lachte. Jim war scharfsinniger, als er auf den ersten Blick wirkte. „Erwischt!“

„Ich kann übrigens verstehen, warum Sie das nicht an die große Glocke hängen wollen.“

„Können Sie?“

„Natürlich, jedes Mal, wenn einer einem Polizisten begegnet, fühlt er sich schuldig.“

„Ich fürchte, das ist ein Hinweis auf Ihr Alter, heutzutage bringen uns nur wenige Menschen überhaupt Respekt entgegen.“

„Das macht die Arbeit sicher mühsamer.“

„Das können Sie laut sagen!“

„Ihr Geheimnis ist bei mir sicher“, sagte Jim beruhigend.

Michael Harwood blickte immer noch trostlos auf den Ozean hinaus, der jetzt eine etwas stärkere Dünung entwickelte.

„Er sieht aus als würde er sich im Meer wohler fühlen als darauf.“ Jim klang besorgt. „Ich denke, ich werde mal Hallo sagen.“

William fragte sich einen Augenblick lang, ob er auch die Hand zur Freundschaft austrecken sollte, dann dachte er, dass der ältere Mann allein eine bessere Chance hätte, Kontakt aufzunehmen. Als er sich umdrehte, um sich unter Deck zu begeben, stieß er mit einem großen, uniformierten Mann zusammen. Mit einer mechanischen Entschuldigung auf den Lippen realisierte William plötzlich, dass er ihn kannte. „Sergeant Dobson!“

Der Mann trat einen Schritt zurück und betrachtete ihn genauer. „Also wenn das nicht Detective Sergeant Pigram ist. Nur dass ich nicht glaube, dass Sie noch Sergeant sind, Sir, habe ich recht?“

„Ich bin vor Kurzem Chief Inspector geworden“, gestand William mit abwehrend verzogenen Lippen. „Hatte Glück.“

„Oh ja, Sie waren immer ein verdammter Glückspilz. Es ist beeindruckend, wie Sie immer mehr Glück hatten, je härter Sie gearbeitet haben.“

„Haben Sie jetzt den Dienst gewechselt?“, fragte William, als er das goldene Flechtband an der dunklen Marineuniform seines ehemaligen Sergeants betrachtete. „Ich dachte, Sie wären mit der Familie Ihrer Frau rauf nach Liverpool gezogen.“

Sergeant Dobson trat zur Seite, um eine Gruppe Passagiere an diesem schmalen Teil des Decks passieren zu lassen. „Ich habe meine dreißig Jahre gedient, Sir. Und gerade als ich ausschied, hörte ich, dass es offene Stellen als Sicherheitsbeamter an Bord von Linienschiffen gebe. Meine Frau starb vor einigen Jahren und ich wollte schon immer reisen, also bin ich hier. Schön, Sie wiederzusehen, Sir. Ich freue mich, dass es Ihnen so gut ergangen ist.“ Der ehemalige Sergeant hatte offensichtlich Pflichten zu erfüllen.

„Das mit Ihrer Frau tut mir leid. Ich hoffe, wir können uns mal zusammensetzen, wenn Sie nicht im Dienst sind und Zeit haben“, sagte William. „Es wäre schön, alte Zeiten aufzufrischen.“

Das furchige Gesicht des großen Mannes erhellte sich. „Das wäre es, Sir. Wir sehen uns dann.“ Er salutierte beinahe. William sah zu, wie er zielstrebig das Deck hinablief und dachte reumütig daran, dass man die Polizeiarbeit nie ganz hinter sich lassen konnte. Doch er hatte Stan Dobson immer gemocht und es wäre angenehm, etwas Zeit mit ihm zu verbringen. Konnte es bei Kreuzfahrten kriminelle Elemente geben?

Unter Deck hatte Darina bereits ausgepackt. „Ich habe noch nie so einen gut genutzten Raum gesehen“, rief sie aufgeregt, als William in die Kabine kam. „Ich hätte viel mehr Anziehsachen mitbringen können.“

William dachte an die Zeit, die sie zum Einpacken dessen gebraucht hatte, was ihm wie ein Großteil ihrer Garderobe erschien, und betrachtete das Ende eines Koffers, dass unter einem der Betten hervorschaute. „Du hättest aber die Koffer nicht mehr verstauen können, wenn wir noch mehr mitgebracht hätten“, sagte er und hielt sich an der Kante des Schminktisches fest, als das Schiff im Seegang wankte. „Jim French sagt, dass wir uns auf einen Sturm einstellen können“, fügte er hinzu und ließ sich schwer auf das Bett fallen.

Darina blickte auf die graue See hinaus, kleine, weiße Kronen auf den Wellen waren das einzige, was sie vom ebenso grauen Himmel unterschied. „Das ist in Ordnung, ich bin eine gute Seefahrerin“, sagte sie fröhlich. „Ich werde jetzt duschen und mir dann etwas anderes anziehen.“

„Ich dachte, das macht man beim ersten Abendessen nicht.“ William erinnerte sich an mehrere Hollywood-Filme mit peinlich berührten, neureichen Passagieren, die in voller Montur im Speisesaal auftauchten, während alle anderen Alltagskleidung trugen.

„Nichts Förmliches, aber ich dachte, ich ziehe eine andere Hose an, und das Oberteil, das dir so an mir gefällt.“ Darina legte Jeans und Sweatshirt ab und verschwand im Badezimmer.

„Ah!“, sagte William und nahm sich den Aktivitätenplan des Schiffes.

„Oh, und wir wurden von der Kreuzfahrtdirektorin zu einer Cocktail-Party eingeladen“, fügte Darina hinzu, indem sie ihren mit einer Duschhaube bedeckten Kopf noch einmal in die Kabine streckte. „Das ist vor dem Abendessen. Halt dich an mich und du wirst nicht für deine Getränke zahlen müssen!“

Kapitel 4

„Bist du bereit für die Drinks vor dem Abendessen?“, fragte Paul Mallory, während er seinen sehr zerknitterten Cardigan glattstrich, den er über einer Moleskin-Hose und einem Wildleder-Hemd trug, alles in dunklen bis hellen Pfauenblau-Tönen. Er sah über den Kopf seiner Frau hinweg in den Spiegel und strich sich auf der Suche nach den ersten Anzeichen von Grau mit einer Hand durch seine fast schwarzen Locken. Er konnte nichts finden.

Seine braunen Augen blickten in die haselnussbraunen Augen seiner Frau. „Ich kann es nicht erwarten, dass du graue Haare bekommst“, sagte sie. „Du wirst hervorragend aussehen.“

„Ich dachte, das tue ich schon.“

„Selbstverständlich, aber ich dachte, du würdest es trotzdem gerne hören.“

„Ein Mann hört immer gerne, dass seine Frau ihn bewundert.“

„Schluss damit“, sagte sie ernst. „Du wirst noch ganz aufgeblasen.“ Doch ihre Stimme war neckend.

Er legte seine Hände auf ihre Schultern. „Ganz im Ernst, Shona, ich werde auf ewig verblüfft sein, dass du dich für mich entschieden hast.“ Sein Blick war ernst, seine Lippen zart. Ihr Blick traf seinen im Spiegel und ihre Züge wurden weicher. „Ich meine, du bist so intelligent, so clever, hast deine ganzen Abschlüsse, deine Arbeit und alles. Und ich bin nur ein gewöhnlicher Kerl, der ein erfolgloses Geschäft leitet.“ Er setzte sich abrupt auf eines der kleinen Sofas in ihrer Kabine. „Ich könnte es mir nie leisten, dich auf eine so luxuriöse Kreuzfahrt einzuladen.“ Er umfasste mit einer Handbewegung die geräumige Kabine mit Blumen, Champagnerflasche, Obstkorb und Panoramafenstern – niemand konnte die als Bullaugen bezeichnen –, und jetzt, da die Vorhänge das Grau des Abends aussperrten, leuchtete die Ausstattung in gelben, bernstein- und cremefarbenen Tönen.

Sie schenkte ihm über den Spiegel ein herzliches Lächeln. „Ich freue mich, dass es dir gefällt. Es schien eine so gute Idee zu sein. Aber gewöhn dich nicht an all das, wir werden uns eine solche Unterbringung nicht noch einmal leisten können.“

Seine Lippen wurden schmaler, doch er sagte nichts.

„Das soll aber nicht heißen, dass wir keine weitere Kreuzfahrt unternehmen können. Immerhin bewegen wir uns nicht gerade am Existenzminimum, oder?“, fügte sie heiter hinzu. Sie hatte sich auf dem Hocker zu ihm gedreht, ihr Gesicht wirkte besorgt, das Lächeln war verschwunden.

Er konnte sich nicht dazu überwinden, anzuerkennen, dass das beträchtliche Einkommen, das ihr aktuelles Leben finanzierte, von ihr kam. Nicht so lange sie all ihre Leben so einfach verändern konnte.

„Du verstehst, warum ich das tue, oder?“, drängte sie.

Er griff nach vorn und schenkte den Rest des Champagners aus. „Du hast es mir gesagt und ich habe es akzeptiert. Ich verstehe es nicht, aber mach dir nicht die Mühe, es noch einmal durchzugehen. Ich dachte, dass dir deine Familie etwas bedeutet, also, etwas mehr als eine Luxuskreuzfahrt.“ Er ließ sich lässig in einer Ecke des Sofas nieder und trank aus dem Glas, als wäre es Wasser.

Sie beobachtete ihn für einen Augenblick, drehte sich dann wieder um und beendete die Reparatur ihres Make-ups, ihre Lippen formten eine dünne Linie.

„Wirst du dich nicht umziehen?“, fragte er, als ihm plötzlich klar wurde, dass sie denselben Hosenanzug trug, den sie schon den ganzen Tag anhatte. Der einzige Unterschied war, dass sie statt des kleinen Halstuchs, das sie umgebunden hatte, die Perlenkette trug, die er ihr geschenkt hatte.

„Nein, es ist der erste Abend“, gab sie zurück und legte korallenroten Lippenstift auf. Er fand die Farbe zu hell, zu auffällig, kommentierte es aber nicht.

„Trotzdem hättest du etwas anderes anziehen können.“

Sie sagte nichts.

Er fühlte sich von ihrem Verhalten herabgewürdigt und erniedrigt. Warum nahm man das ganze Theater auf sich, die Luxus-Kabine zu buchen, alles sehr stilvoll zu gestalten, in einem Stil, den er versuchte, ihr seit ihrer Hochzeit anzuerziehen, und sich dann nicht darum zu bemühen, zum Abendessen eine andere Garderobe anzulegen?

War sie wegen Julians Verhalten beleidigt? Vielleicht sollte er deshalb etwas sagen. „Es tut mir leid, dass der Junge so ein Esel ist“, sagte er verlegen.

Sie warf ihm einen ihrer nivellierenden Blicke zu. „Ich kann verstehen, warum er es tut, obwohl ich nichts daran ändern kann. Doch er steuert auf eine Katastrophe zu, Paul.“

Er zog die Schultern hoch. Warum zur Hölle musste sie ihm Schuldgefühle einreden? Nichts davon war seine Schuld. „Wenn du nur verstehen könntest, dass dein Weg ...“, hob er gekränkt an.

Sie unterbrach ihn, indem sie sich mit erhobenem Lippenstift umdrehte. „Nicht, Paul“, sagte sie. „Lass es einfach. Du weißt, warum.“

Frustration baute sich in ihm auf, doch er wusste, dass er es sich nicht leisten konnte, außer Kontrolle zu geraten. Er trat zu ihr und legte die Arme um sie. „Ich weiß“, sagte er sanft und ließ zu, dass sie sich mit dem zunehmenden Schaukeln des Schiffes gemeinsam hin und her bewegten. „Ich weiß. Ich bin nur nicht so ein Altruist wie du. Ich bin eigennützig, das gebe ich zu.“ Er küsste sie von oben auf den Kopf und spürte, wie sie sich an ihm entspannte. „Du bist mein größtes Geschenk und musst mich lehren, ein besserer Mensch zu sein.“

„Was für ein Unsinn“, sagte sie scharf. „Ich bin keine Heilige und das weißt du. Aber ich tue mein Bestes, für uns alle.“

Obwohl sie sich an ihn lehnte, bemerkte Paul, dass sie sich nicht völlig entspannt hatte, ihre Schultern waren noch immer angespannt, als könnte oder wollte sie nicht völlig nachgeben. Er drückte sie fester. „Ich liebe dich“, raunte er ihr ins Ohr. „Liebe dich, liebe dich, liebe dich.“

Er spürte, wie die Anspannung von ihr abließ und sich ihre Gliedmaßen sanft an ihn schmiegten. Sie streckte ihre Arme nach oben, legte sie um seinen Kopf und zog ihn in die Wölbung ihres Halses hinunter. Er konnte einen zarten Hauch der Olivenöl-Seife riechen, die sie immer verwendete. Plötzlich verspürte er einen Schwall purer Lust. Er zog sie vom Hocker und hinüber zu dem großen Doppelbett.

Sie lachte, ein ausnahmsweise ungeniertes Lachen, das über die Gefühle jubelte, die sie in ihm ausgelöst hatte. Ihre Hände tasteten nach seinen Hemdknöpfen, während er mit dem Verschluss ihrer Hose rang.

Das Telefon klingelte.

„Geh nicht ran“, brachte er knirschend hervor, während es ihm endlich gelang, den marineblauen Stoff von ihrer Hüfte zu lösen.

„Sei nicht albern“, sagte sie, wand ihren Körper aus seiner Umarmung und griff nach dem Hörer.

Es hatte keinen Zweck, wenn Shona überzeugt war, dass man ans Telefon gehen müsse, dann würde es so geschehen. Außerdem merkte er, dass das Verlangen jetzt verschwunden war.

Paul setzte sich auf die Bettkante und knöpfte sein Hemd wieder zu.

„Daphne! Ja, natürlich. Komm vorbei, dann können wir etwas trinken, ehe wir zum Abendessen gehen. Nein, natürlich störst du uns nicht!“ Shona lachte fröhlich, den Augenblick ihrer freudigen Reaktion hatte sie offensichtlich schon vergessen. Sie legte auf, rollte sich vom Bett und verschloss mit sparsamen Bewegungen ihre Hose.

Paul erhob sich, als sie an der gesteppten Tagesdecke zupfte. Er schüttelte die leere Flasche in ihrem Kühler. „Wir sollten besser noch eine vom Steward bestellen, wenn Daphne vorbeikommt“, sagte er und drückte den Knopf neben dem Bett.

„Ruf Julian an und frag, ob er sich uns anschließen möchte.“ Shona sah sich in der Kabine um. Gewiss wusste sie, dass sie tadellos war, dachte Paul gereizt, während er die Nummer der Kabine seines Sohnes wählte. Niemand ging ran.

Der Steward traf ein. Er hatte ihnen bereits seine Karte gegeben. Er hieß Manuel und war ein großer, lächelnder, dunkelhäutiger Mann, der sich langsam aber zielstrebig bewegte. Bis Daphne Rawlings eintraf, hatte er eine weitere Flasche Champagner und saubere Gläser besorgt.

„Meine Güte, das ist ja was“, sagte Daphne und sah sich beim Hereinkommen um. Shonas einzige Begrüßung war ein Lächeln. Es amüsierte Paul, dass seine Frau sich nie den leichten Küssen hingab, die die meisten Frauen für einen notwendigen Teil der Freundschaft zu halten schienen. Daphne hatte es ihm einmal erklärt. „Das hat alles mit ihrer Angst vor Ablehnung zu tun. Sie ist so daran gewöhnt, beherrscht zu sein, dass es ihr sehr schwerfällt, sich zu öffnen.“ Für Paul ergab das einen gewissen Sinn.

Daphne hatte sich umgezogen, ganz wie Paul erwartet hatte. Perfekt sitzende, beige Hose mit einem passenden Strickoberteil, ein langer Seidenschal in Beige und Gold, der oberhalb ihrer Brust verknotet war, und Goldketten, die sich um ihren Hals wanden.

„Wie ist deine Kabine?“, fragte Shona besorgt.

„Wunderschön“, versicherte Daphne. „Sie ist drüben auf der anderen Seite des Schiffes. Ist das hier Steuerbord oder Backbord? Wie auch immer, ich bin auf der anderen. Und in der Nähe des spitzen Endes.“

„Ich hoffte, wir wären näher beisammen“, klagte Shona.

„Wir waren spät dran“, erklärte Paul, ließ den Korken knallen, goss den schäumenden Champagner sauber in die Gläser und reichte Daphne eines. „Julian ist von dir aus gesehen am anderen Ende des Schiffs“, fügte er hinzu. „Ein Deck höher, aber auf derselben Seite wie wir.“

Daphne nahm sich eine Handvoll der Cocktail-Snacks die mit dem Champagner geliefert worden waren. „Also sind wir verstreut“, sagte sie beiläufig, während sie sich die knusprigen Häppchen in den Mund warf.

„Ich fürchte, ja“, stimmte Paul zu und setzte sich neben Shona auf eines der Sofas. Er hob sein Glas und lächelte seine Geliebte an.

Kapitel 5

Karen Geary, die Kreuzfahrtdirektorin, knüllte ihren Wasserfall aus roten Haaren zusammen und ließ sie locker fallen. Legere Eleganz war ihr Stil. Sie lehnte sich zum Spiegel vor und trug grauen Lidschatten auf, der ihre recht blassen, grauen Augen definierte und größer wirken ließ. Sie seufzte.

Es war beinahe Zeit für ihre Willkommens-Party für all die Darsteller. Je mehr sich die Entertainer geschätzt fühlten, desto besser würden sie die ungleiche Mischung der Passagiere unterhalten, die sich auf der Empress eingeschifft hatten. Sie waren selbst eine abwechslungsreiche Mischung: Komiker, ein Magier, Tänzerinnen und Sänger, Musiker aller Art und auf dieser Kreuzfahrt sogar eine Köchin. Eine Köchin als Entertainerin, was kam als Nächstes?

Die Party war außerdem eine Gelegenheit, sich gegenseitig kennenzulernen, wobei nicht alle Langzeitverträge hatten, manche waren nur für diese Kreuzfahrt angestellt. Karen wollte gerne glauben, dass sie es ihnen ermöglichte, Freundschaften unter Kollegen zu schließen, anstatt das während der Kreuzfahrt aus ihnen herauskitzeln zu müssen.

Wenn die Party überstanden war, könnte Karen sich um die Passagiere kümmern, die sie sich auf dieser Kreuzfahrt zu Freunden machen musste. Langsam empfand sie das als harte Arbeit. Die Richtigen auszuwählen konnte kompliziert sein, und man musste immer Reserven haben, falls sich ein Auserwählter am Ende als schwierig herausstellte. Und die verfügbare Zeit schien immer kürzer zu werden.

Wurde ihr das langsam alles zu viel?

Karen betrachtete ihr Spiegelbild und rückte ihren Anzug mit der taillierten, grünen Brokat-Jacke mit Schößchen und Strassknöpfen zurecht. Hatten sie Glück gehabt, bislang mit allem durchgekommen zu sein? Oder war das System wirklich idiotensicher?

Harry behauptete das. Aber es war auch Harry, der in Lissabon die Beherrschung verloren hatte.

Er musste zur Vernunft gebracht werden. Wenn er so weitermachte, konnte das nur ins Unglück führen.

Sie nahm das Telefon ab und wählte eine Nummer. „Könnte ich bitte mit dem Ersten Offizier Summers sprechen?“ Während sie wartete, ließ Karen ihre Lippen spielen und betrachtete im Spiegel die Kontur ihres Lippenstiftes. „Harry? Ich bin’s. Wir müssen reden. Treffen an unserem üblichen Ort, sagen wir, halb eins? Okay, bis dann.“ Sie legte auf.

Harry war nicht begeistert gewesen, während seines Dienstes einen Anruf zu erhalten. Aber er musste begreifen, dass sie eine gleichberechtigte Partnerin war. Er konnte nicht alle Ansagen machen. Wenn sie sich weigerte, zu kooperieren, wo wäre er dann?

Auf jeden Fall blieb ihnen jetzt nicht mehr allzu viel Zeit.

Phil hatte etwas davon gesagt, dass er sie nach ihrer Arbeit am Abend auf einen Drink treffen wollte. Karen glich mit geübtem Finger ihren Lidschatten aus. Phil war auf so viele Arten ein Schatz, ruhig und charakterfest. Es war erfrischend, mit einem Mann zusammen zu sein, der so ehrlich und geradeheraus war. Der nie zögerte, seine Pflicht zu erfüllen. Zu schade, dass Harry sich gegen ihn gestellt hatte. Aber sie würde Harry nicht ihr Leben bestimmen oder ihn entscheiden lassen, wen sie treffen sollte und wen nicht.

Ja, wenn Phil sie für den Abend auf einen Drink einlud, würde sie darauf eingehen, und wenn Harry sie zusammen sah, sollte er da hineinlesen, was er wollte. Karen käme auch ohne Harry Summers aus – würde sie sogar müssen. Aber noch nicht.

Lulu Prentice beendete die Überprüfung ihrer Ausrüstung. Ihr kleines Reich befand sich auf dem untersten Deck der Empress. Trainingsgeräte, Räumlichkeiten für Massagen, Equipment für Bodybuilder, ein winziger Pool – sollten die Passagiere sich schuldig fühlen, weil sie all das Essen und den Alkohol genossen, konnten sie die schlimmsten Folgen hier abtrainieren.

Lulu, getauft auf Lucinda, ein Name, der in der Schule bald abgekürzt wurde, hob einige nasse Handtücher auf. Es waren schon ein paar der neuen Passagiere für einen kurzen Sprung ins Wasser hier unten gewesen. „Wir dachten, wir regen mal den Appetit fürs Abendessen an“, hatten sie gesagt. Andere hatten einen Kennenlern-Termin ausgemacht, um ihren Stoffwechsel und ihre Fitness einschätzen zu lassen. Kurios, wie sie auf der einen Seite so eifrig ihre Gesundheit verbessern wollten, und dann auf der anderen Seite ihr Schlimmstes taten, um sie zu ruinieren! Lulu fragte sich, wie viele sie dieses Mal für ihren Meilen-Lauf über die Decks begeistern konnte.

Schließlich war alles tadellos für den nächsten Morgen vorbereitet. Lulu sah auf ihre Uhr und fragte sich, was sie mit dem Rest des Abends anfangen könnte. Es befanden sich sicher einige unterhaltsame Crewmitglieder in der Messe, aber sie hatte keine Lust, sich ihren Aktivitäten anzuschließen, was auch immer sie heute Abend trieben. Sie wären ohnehin alle erschöpft, der Übergangstag von einer Kreuzfahrt zur nächsten war immer kraftraubend.

Lulu war eine kleine, junge Frau, mit einem stämmigen, kompakten Körper und kurzen, dunklen Haaren, neben denen eine Klobürste seidig weich wirkte. Sie war keine Femme fatale. Doch sie war trotzdem sehr beliebt. Der Spaß, den alle mit ihr hatten, schien sich jedoch auf Albernheiten in der Messe oder auf Unfug in den Häfen zu beschränken, während der Freizeit. Niemand machte sich an Lulu ran.

Was ihr aber keine Sorgen bereitete. Männer bedeuteten in ihren Augen nur einen Haufen Ärger. Alle bis auf einen.

Wie standen die Chancen, dass sie Phil Burrell finden würde, um vorzuschlagen, dass sie sich für den Rest des Abends in seine Kabine zurückzogen?

Gut, er hatte gesagt, dass der Spaß, den sie zusammen hatten, vorbei war, dass sie eine tolle Freundin sei, sie in ihm aber nicht mehr sehen solle. Und sie war es, die in ihrer Beziehung die Führung übernommen hatte – aber wenn sie das nicht getan hätte, hätte es gar keine Beziehung gegeben. Doch Lulu konnte nicht recht glauben, dass er wirklich meinte, zwischen ihnen sei alles vorbei. Die Geschichte mit Karen Geary konnte nichts Ernstes sein. Das ganze Schiff wusste, dass Karens Ansprüche weit über einen einfachen Lagermeister hinausgingen. Sie spielte mit ihm. Es war an Lulu, Phil zu zeigen, was er tief in seinem Herzen schon wissen musste, dass sie die Richtige für ihn war, nicht Karen.

Sie machte die Tür zum Trainingsbereich zu, schloss ab und fuhr mit dem Lift auf Deck B. Phil war nicht in seinem Büro. Lulu dachte kurz nach und machte sich auf den Weg zum Empfangsbereich. Dort lief sie ihm über den Weg, als er ihr aus der Richtung seines Büros entgegenkam.

„Himmel, Phil, du siehst aus, als hättest du einen Geist gesehen“, sagte sie.

„Was?“, fragte er und schien dann aus großer Entfernung zurückzukehren. „Oh, Lulu, du bist es.“ Er wischte ihren Kommentar beiseite. „Ein Geist, na ja, das könnte man so sagen.“

„Hey, wir suchen uns ein stilles Plätzchen und du erzählst mir alles.“

Sein Gesicht nahm einen gequälten Ausdruck an. „Lulu, ich dachte, wir hätten das geklärt.“

„Oh, ich meine nicht, du weißt schon – nur dass wir reden und etwas trinken könnten, entspannen, abschalten, verstehst du? Wer ist deine beste Freundin?“ Lulu vergrub die Hände in den Taschen, stand da und versuchte munter auszusehen, als wäre alles halb so wild.

„Ein anderes Mal Lulu, okay?“

Sie fand, dass er sehr müde und besorgt aussah. Sie wollte ihm über die Stirn streichen, sich in seine Arme kuscheln und ihm sagen, dass sie ihn liebte und alles gut werden würde. Doch sie erkannte, dass sie die Gelegenheit dazu nicht bekommen würde. Zumindest nicht heute Abend.

„Hey, okay, kein Problem, wir sehen uns!“ Sie machte auf dem Absatz kehrt und ging geradewegs auf den Aufzug zu, während sie mit den Tränen kämpfte. Es war dumm, so sehr daran zu hängen. Dumm, dumm, dumm. Es war das letzte Mal, sagte sie sich, das wirklich allerletzte Mal.

 

Stabskapitän Alan Greenham tippte gereizt mit seinem Bleistift auf den Kartentisch, als sein Erster Offizier den Anruf entgegennahm. Es war etwas Persönliches, das konnte er daran erkennen, dass Harry sich so drehte, dass er beim Sprechen dem Großteil der Brücke den Rücken zuwandte.

„Welche Ihrer Liebschaften wartet heute Abend auf Sie?“, wollte er mit rauem Unterton wissen, als Harry aufgelegt hatte.

Harry zuckte abwehrend mit den Schultern. „Kann ich was dafür, dass ich so unwiderstehlich bin?“

Der Wachoffizier kicherte, während er das Radar beobachtete.

„Ich würde es an Ihrer Stelle nicht zu weit treiben“, sagte Alan um ihn zu bremsen, und richtete seinen Blick fest auf die verkehrsreichen Fahrrinnen des Ärmelkanals. Er stand immer unter Druck, wenn er das Schiff zur Nordsee durchbringen musste. Zusammen mit dem ganzen Papierkram der letzten Fahrt machte das den Abreisetag zu einem Tag, den er so schnell und erfolgreich wie möglich hinter sich bringen wollte.

Der einzige Vorteil der endlosen Angelegenheit, das Schiff aufs Meer hinaus zu bringen, war, dass die Offiziere nicht mit den Passagieren zu Abend essen mussten.

Oh, es war so anstrengend, eine freundliche Unterhaltung zu führen und die Leute dazu zu bringen, miteinander zu reden! Man betete, dass wenigstens eine extrovertierte Person am Tisch saß, was üblicherweise der Fall war, denn es waren eher die Extrovertierten, die darum baten, an einen Offizierstisch gesetzt zu werden – dann hoffte man, dass keiner der Passagiere zu dominant war, was allzu wahrscheinlich war, und dass die Frauen attraktiv, aber nicht zu verführerisch waren.

An einem Tisch der Gastgeber zu sein gehörte dazu, wenn man einer der Rangältesten auf einem Kreuzfahrtschiff war. Und falls er Glück hatte, würde man Alan in ein paar Jahren zum Kapitän berufen. Das würde noch sehr viel mehr Geselligkeit mit sich bringen. Allerdings hätte er dann einen Stabskapitän unter sich. Der dem Ranghöchsten die operative Leitung abnahm und einige der Verantwortlichkeiten des Kapitäns für Notfälle mittrug.

Alan betete, dass es auf dieser Fahrt keine großen Probleme geben würde. Auf der letzten hatten sie eine Passagierin in einem der Häfen zurückgelassen. Es war natürlich ihre Schuld gewesen, hatte aber trotzdem einiges Hin und Her zwischen dem Schiff, der Zentrale und der britischen Botschaft mit sich gebracht, bis organisiert war, wie die leidige Frau in einem anderen Hafen wieder auf die Empress of India zurückkehren konnte. So viele Anfragen, bis die Verantwortlichkeiten geklärt waren, so viele Formulare, die ausgefüllt werden mussten.

Alan beäugte die gepflegte Gestalt seines Ersten Offiziers. Immerhin musste er sich nicht mehr lange mit Henry Summers herumschlagen, er war fast am Ende seiner zwei Jahre auf diesem Schiff angekommen. Er war natürlich ein fähiger Offizier. Er war auch großartig im Umgang mit den weiblichen Passagieren. Ganz zu schweigen von den attraktiveren Mitarbeiterinnen auf dem Schiff. Als er noch verheiratet war, blieb er immerhin diskret. Doch seit er sich von seiner Frau getrennt hatte, schien auch zwischen Harry und der Diskretion Funkstille eingetreten zu sein. Es wäre schade, wenn seine Anstellung vorzeitig beendet werden müsste.

Kapitel 6

Die Party der Kreuzfahrtdirektorin fand in einer kleinen Lounge statt, die von einem großen Unterhaltungsbereich mit Bar abging, welcher auch Spieltische enthielt.

„Ich bin wirklich froh, Ihre Bekanntschaft zu machen“, sagte eine sinnlich aussehende, rothaarige Frau mit ungeheurer Begeisterung zu Darina, als William sie in den Raum begleitete, der schon vor Menschen brummte. Karen Geary, Kreuzfahrtdirektorin, stand auf einem Namensschild an ihrem schicken, grünen Zweiteiler. Die Rothaarige winkte eine quirlige, dunkelhaarige, junge Frau in der Uniform eines Chefstewards herbei. „Meine Assistentin wird Sie mit einigen Ihrer Mitdarsteller bekannt machen. Sie alle werden diese Fahrt für uns zu etwas ganz Besonderem machen.“ Ein weiteres charmantes Lächeln und sie wurden an die andere junge Frau übergeben.

„Darina Lisle!“, rief die Assistentin begeistert. „Sie sind die Köchin, nicht wahr? Ich liebe es, zu kochen, nicht dass ich viel Gelegenheit dazu hätte, wenn wir nicht gerade im Urlaub sind. Ich verbringe meine Zeit mit dem Versuch, nichts zu essen“, kicherte sie und wackelte liebenswert mit ihrem winzigen Hintern. „Also, wen würden Sie gerne kennenlernen? Wir haben eine großartige Auswahl bei uns an Bord.“ Sie deutete schnell auf einige der anderen Darsteller: Ein großer, südländisch aussehender Magier mit einer sehr glamourösen Assistentin; ein Komiker und ein Sänger, den man früher wohl als Schnulzensänger bezeichnet hätte, dachte Darina – beide Gesichter glaubte sie aus dem Fernsehen zu kennen, und ihre Namen kamen ihr ebenfalls bekannt vor. Dann gab es eine Gruppe weit jüngerer Männer und Frauen, die anscheinend die Tanztruppe des Schiffes waren. „Das ist eine reizende Gruppe“, sagte die Assistentin der Kreuzfahrtdirektorin. „So talentiert, und sie haben ein wundervolles Programm, auf dieser Fahrt erwartet Sie etwas Besonderes. Das ist unsere Bridge-Dame, falls Sie an Ihrer Technik am Tisch feilen wollen.“ Sie wies auf eine ältere Frau in einem schicken Kostüm, die sich mit einem Mann mit sorgfältig beherrschtem Gesichtsausdruck unterhielt. Darina ging davon aus, dass sie auch ihn übers Fernsehen kannte. Oder vielleicht in der Vergangenheit gekannt hatte, denn sicherlich hatte sie ihn länger nicht gesehen, oder? „Sie unterhält sich mit unserem Spezialisten für klassische Musik. Wussten Sie, dass dies eine Klassik-Kreuzfahrt ist?“
Darina hatte es nicht gewusst. Sie hatte nicht die Zeit gehabt, viel mehr zu tun, als der ihr zugeschickten Hochglanzbroschüre die Häfen zu entnehmen, die sie anlaufen würden. Sie fragte sich, wie viel klassische Musik man ihnen anbieten würde.

„Oh, da ist unser ganz besonderer Bariton, Mervyn Pryde, Sie müssen ihn kennenlernen.“

Der Sänger war ein dicker Mann mit blondem Schopf und einem Gesicht, als hätte er ein Rugby-Gedränge erlebt und verloren. Als sie einander vorgestellt wurden, streckte er eine Hand aus, die so groß war wie ein Tennisschläger. „Schön Sie kennenzulernen“, sagte er und zeigte seine blendend weißen Zähne.

„Mervyn Pryde, ich kann es nicht glauben“, sagte Darina begeistert. „Ich bin ein großer Fan von Ihnen. Wir haben Sie in Yeovil gesehen, als Sie vor ein paar Jahren mit dem Figaro auf Tour waren, Sie waren wundervoll!“ Sie erinnerte sich lebhaft an den Abend. Mozarts wunderschöne Musik war mit so einer verlockenden Frische herübergekommen, und alle Sänger waren herausragend, doch dieser Mann hatte besonders gut gesungen, mit einer sanften Stimme, irgendwo zwischen Sahne und Seide in der Stimme, mit wundervoller Tiefe und erinnerungswürdigen Phrasierungen.

„Werden Sie wirklich für uns singen?“

Der dicke Mann nickte und sein Lächeln enthüllte seine strahlenden Zähne. „Das hier ist meine dritte Fahrt auf der Empress und ich genieße es sehr, den Passagieren ein kleines Vergnügen zu bereiten.“

Eine sehr gelangweilt aussehende, junge Frau stand etwas niedergeschlagen neben dem Sänger und drehte ein leeres Weinglas in der Hand, ihr begehrenswerter, kleiner Körper wurde von einem Träger-Kleid aus der kleinstmöglichen Menge von Seide zur Schau gestellt.

„Sind Sie auch Darstellerin? Oder ein Anhängsel wie ich?“, fragte William. „Ich heiße William Pigram und meine Frau wird eine Kochvorführung geben.“

Amüsiert beobachtete Darina, wie die junge Frau aus ihrer Versenkung auftauchte und sich ihre Augen weiteten, als sie William mit gespielter Aufmerksamkeit ansah. „Ich bin Tara Greene. Ich bin mit Merve zusammen hier. Ich bin auch Sängerin, aber ich trete nicht auf dieser Kreuzfahrt auf.“ Sie beendete ihren Bericht gereizt.

„Das ist sehr interessant. Singen Sie ebenfalls Opern?“

Darina glaubte es nicht. Es war nicht so sehr das winzige Kleid und ihr effektbeladenes Make-up, sondern eher der Mangel an disziplinierten Umgangsformen, der nahelegte, dass sie hier keine klassisch ausgebildete Musikerin vor sich hatten. Allerdings zeugte die Präsentation ihres Aussehens von großem Können. Taras schlanke Figur, ihr rundes Gesicht und ihre unscheinbaren Züge waren alle brillant verpackt. Die weit geöffneten Augen trugen eine zurückhaltende Blauschattierung, die mit spektakulären Lidschatten betont wurde, die fehlenden Wangenknochen wurden mit Rouge ausgeglichen und der zu kleine Mund wirkte unter der geschickten Verwendung von Lippenstift größer. Ihr krauses, platinblondes Haar war mit jenen Haarklammern nach hinten gebunden, die sich die aktuelle Mode aus Autowerkstätten geliehen zu haben schien.

Während Darina Mervyn lauschte, der ihr einen Vorgeschmack auf die verschiedenen Freuden gab, die er für die Passagiere parat hatte – es schienen hauptsächlich wohlbekannte Arien und einige Lieder zu sein – beobachtete sie, wie William höflich der koketten Tara zuhörte, die offensichtlich erfreut war, endlich ein Publikum zu haben.

„Merve sagt, dass ich mehr aus meiner Stimme machen sollte. Ich singe in einer Background-Gruppe, aber ich plane ein Soloprogramm. Merve sagt, ich hätte das Potenzial zum Star“, drang es schrill herüber, während Mervyn mit einer dramatischen Geste seine Hingabe für Mozarts Don Giovanni erläuterte.

Darina versuchte, ihm ihre volle Aufmerksamkeit zu schenken. Er war ein überwältigendes Individuum. Wenn der kleine Raum nicht so überfüllt gewesen wäre, hätte sie einen Schritt zurück gemacht. Doch unter diesen Umständen, spürte sie, dass sich ihr Kopf von dem mächtigen Gesicht weg neigte, das aus der Nähe fast bedrohlich wirkte. Die dunklen Augen leuchteten vor Leidenschaft, während seine wohlklingende Stimme die Verhandlungen beschrieb, die gerade über seinen ersten Auftritt in der Rolle des verliebten Dons geführt wurden. Er sprach sogar so deutlich, dass bei den Zischlauten Speichel in ihre Richtung flog.

Während sie versuchte, einen angemessen entzückten Gesichtsausdruck zu wahren, konnte Darina etwas mehr Platz zwischen sich und den Sänger bringen. Dann taumelte sie leicht, als das Schiff unterer ihren Füßen bedrohlich schwankte. Mit einem schnellen Tanzschritt schaffte sie es, die Balance zu halten.

Tara packte den Arm ihres Begleiters, doch es war nicht der Mangel an Balance, der diese Bewegung veranlasst hatte. „Merve“, sagte sie aufgeregt, „ich sagte dir doch, dass du mehr für mich tun solltest, dieser Kerl hier sagt, dass ich einen Aufritt haben sollte, dass man das organisieren müsse.“

Darina kicherte fast beim Anblick von Williams Gesicht, als ihm klar wurde, wie ernst Tara das nahm, was wohl nur ein unbeschwerter Kommentar gewesen war.

„Ist das so?“ Der Sänger wandte sich zu William. Sie waren ähnlich groß, beide weit über eins achtzig, doch William fehlte die schiere Masse des anderen. Als Mervyn Pryde ihn ansah, hatte Darina das Gefühl, dass das Rugby-Gedränge noch schlechter ausgegangen war.

„Nun“, sagte Mervyn ruhig, „dann wird er sehen müssen, was er erreichen kann, nicht wahr?“

Gerade als William eine kleine, hilflose Geste machte, erklang ein Gong im Lautsprecher für öffentliche Ansagen, der die zweite Runde des Abendessens ankündigte. Nur für den Fall, dass jemand die Botschaft nicht verstanden hatte, folgten verbale Anweisungen.

„Ah“, sagte William in der Art eines von amerikanischen Ureinwohnern bedrängten Siedlers, der die eintreffende Kavallerie entdeckt. „Essen!“

Darina hakte sich bei ihm ein. „Ich brauche etwas Unterstützung“, murmelte sie, während sie sich mit der Menschenmenge zum Ausgang bewegten. „Dieses Schiff hat eigene Ideen, was seine Position angeht.“ Das Schwanken wurde heftiger. Es musste die Bewegung des Schiffes sein, die ihr zu schaffen machte, es war nicht genug Zeit für mehr als ein paar kleine Gläser Wein gewesen. Doch Darina genoss es, ihren Ehemann dicht neben sich zu haben. Erneut erfüllte sie die herrliche Erkenntnis, dass zwei Wochen völliger Entspannung vor ihnen lagen. Besprechungen mit dem Smutje und eine Vorführung konnten nicht zu fordernd sein, oder?

Unten im Restaurant beleuchtete sanftes Licht die schön gedeckten Tische, jeder war mit einem Blumenarrangement verziert.

„Wo sitzen wir?“, fragte William und betrachtete die Karte mit der Tischnummer, die bei ihrer Ankunft in der Kabine gelegen hatte.

„Dort drüben“, sagte Darina und bewegte sich auf einen Achtertisch an der Seite des Raumes zu. „Ich habe die Nummer gesehen, als wir nach dem Tee raus gingen.“

„Kleines, tüchtiges Fräulein!“, lachte William.

Dann sah er, dass Mervyn Pryde und Tara ihnen zu demselben Tisch gefolgt waren. „Ah, wie schön, dass wir unsere Tischgenossen schon kennen“, sagte er zu dem Bariton und schaffte es, so zu klingen, als würde er das auch meinen.

Mervyn sah ihn nicht gerade entzückt an.

Am Tisch saß bereits der junge Mann mit dunklen Locken, der sich beim Tee auf das Treppengeländer geschwungen hatte. Er hatte sich ein dunkelrotes Hemd mit weiten Ärmeln und Flechtmuster am Kragen angezogen, das ihm ein schneidiges byronhaftes Aussehen verlieh. Wie aufregend, dachte Darina, wir werden die Lottogewinnerin und ihre Familie an unserem Tisch haben!

Tara glitt auf den Stuhl zur Rechten des jungen Mannes und Mervyn setzte sich neben sie.

Als William für Darina den Stuhl auf der anderen Seite des jungen Mannes hervorzog, zögerte sie. „Ist es in Ordnung, wenn wir hier sitzen?“, fragte sie.

Ehe er antworten konnte, tauchte eine junge Frau von Ende zwanzig oder Anfang dreißig auf. Sie betrachtete die anderen Speisenden, prüfte die Tischnummer auf der Karte, die sie in der Hand hielt, und sagte dann: „Es scheint, dass ich bei Ihnen sitze.“

William zog den Stuhl neben dem von ihm ausgewählten hervor. Sie lächelte ihn etwas zweifelnd an, gestattete ihm aber, ihr beim Hinsetzen zu helfen. Sie sah sehr sympathisch aus, mit einer hübschen Figur, gleichmäßigen Gesichtszügen und einem wohlgeordneten Schopf mit blonder Dauerwelle, doch Darina fand ihr Benehmen recht – nun ja, verklemmt war das Wort, das ihr in den Sinn kam. Vielleicht war sie schüchtern.

„Der Platz ist frei“, sagte der byronhafte Jüngling zu Darina. Sie setzte sich neben ihn. Jetzt waren nur noch zwei Plätze am Tisch unbesetzt, also konnten die übrigen drei Mitglieder der Gruppe der Lottogewinnerin nicht zu ihnen stoßen.

Einen Augenblick später traf Enid Carter ein, ihr Gesicht erhellte sich, als sie Darina und William wiedererkannte. „Na, das ist aber schön“, sagte sie.

Das ließ noch einen freien Platz übrig. Der blieb leer, während sich die Tische um sie herum füllten.

Darina stellte sich dem jungen Mann vor. Etwas widerwillig sagte er ihr, dass sein Name Julian Mallory sei.

„Sie sind mit Ihren Eltern hier, oder?“, bohrte Darina schamlos. „Wir haben Sie beim Tee gesehen.“

„Mein Vater und meine Stiefmutter“, korrigierte er bestimmt. „Ich sagte, dass ich nur mitkommen würde, wenn ich nicht bei ihnen sitzen müsste.“

„Sie sind ein bisschen zu alt, oder?“, bot William stichelnd an.

Julian sagte nichts.

„Und Sie sind?“ William wandte sich an die junge Frau neben ihm.

„Beth Cartwright“, sagte sie und schloss ihren Mund entschieden, nachdem sie ihren Namen herausgerückt hatte.

„Und waren Sie schonmal auf einer Kreuzfahrt?“, hielt er das Gespräch aufrecht.

„Nun, ja, ich schätze, das war ich.“

„Sie schätzen?“, regte er mit einem Lächeln an.

„Naja, ich habe gewissermaßen gearbeitet“, erklärte Beth mit leiser Stimme. Eine weiterführende Unterhaltung wurde vom Eintreffen des Weinkellners unterbunden.

„Sollen wir reihum Wein für alle bestellen?“, schlug William vor. „Wie ich höre, entspricht das den üblichen Gepflogenheiten.“

„Wir machen unser Ding“, sagte Mervyn. „Das erspart viel Ärger, oder?“

„Ich mag Bier“, bot sich Julian an. „Haben Sie Beck’s?“, fragte er den Kellner.

„Gewiss, Sir.“ Die Bestellung wurde notiert.

„Nun, darf ich Sie beide einladen, eine Flasche mit uns zu teilen?“, fragte William Beth und Enid.

„Was für ein Gentleman“, antwortete Enid überschwänglich.

„Danke, das klingt sehr nett“, sagte Beth förmlich.

Es folgte eine Diskussion darüber, ob weißer oder roter Wein angemessener wäre.

„Was werden Sie essen?“, fragte Darina und betrachtete die aufwändige und schön gemachte Menükarte.

„Ich nehme nur das Steak“, sagte Beth und schloss die Karte nachdrücklich.

„Wirklich?“ William war erstaunt. „Keine Vorspeise, keine Suppe?“

„Nein“, sagte sie.

Damit schien das geklärt zu sein! Während sich der Rest des Tisches durch die fünf Gänge arbeitete, saß Beth Cartwright da, spielte an ihrem Weinglas herum und beteiligte sich kaum an der Unterhaltung. Musste sie auch nicht, dachte Darina, während sie einer Erzählung über Rivalitäten hinter den Bühnen der Opernwelt lauschte, die Mervyn mit Elan und in exzellentem Tempo erzählte.

„Interessieren Sie sich für die Oper?“, fragte sie Julian während einer Pause im Strom der Geschichten, als der Bariton sich seinem Steak widmete.

„Nicht wirklich. Aber ich mag Musik. Ich werde bald Popstars managen, ich baue meine eigene Firma auf.“ Seine Augen leuchteten und zum ersten Mal gab es einen Hinweis auf eine Persönlichkeit, die zu seinem Auftreten passte.

„Wirklich?“, schaltete Tara sich ein. „Dann werden Sie mich managen wollen! Ich werde es bis ganz nach oben schaffen.“

Er richtete seine Aufmerksamkeit auf sie. „Erzählen Sie mir von sich“, lud er sie mit einem Charme ein, den er bislang unter Verschluss gehalten hatte.

Doch Mervyn hatte seine Stimme ausreichend gestärkt, um mit ihr wieder die Luft zu erfüllen, und so hob er zu einer Geschichte über Täuschung an, die seine Zuhörer fesselte, obwohl sie weniger verzaubert wirkten, als bei seiner ersten Erzählung.

„Wir unterhalten uns später“, flüsterte Tara Julian zu.

Darina verschloss die Ohren vor Mervyns Worten und richtete ihre Aufmerksamkeit auf das Essen. Die Vorspeise mit Räucherlachs war solide, Darina hatte bessere Varianten gegessen, aber nicht viele. Die Suppe, Borschtsch, war brillant gewesen, die satte Farbe passte gut zu der geschmacklichen Tiefe der Fleischbrühe. Während ein Großteil des Tisches sich für das Steak entschieden hatte, hatte sie den Wolfsbarsch gewählt und war nicht enttäuscht worden. Das zarte und gehaltvolle Fleisch war perfekt gegart und eine Soße aus Wein und Butter begleitete den dezenten Geschmack auf angenehme Weise. In der Kombüse beherrschte man sein Handwerk. Sie freute sich darauf, den Smutje zu treffen.

Beth hatte gesagt, dass sie Weißwein bevorzugen würde, ihre leise Stimme klang bei dieser Entscheidung ziemlich überzeugt. William hatte einen exzellenten Sancerre entdeckt, der als Restabfüllung zu einem absoluten Schnäppchenpreis angeboten wurde. „Lassen Sie uns den bestellen“, hatte er vorgeschlagen. Und er war köstlich, delikat, aber voller reiner Aromen mit einem Hauch von Süße. William hatte für sich und Enid ein Glas des roten Hausweins zu ihrem Steak bestellt und alle waren glücklich.

Als es an den letzten Gang ging, sagte Darina, dass sie verzichten würde, und Beth ebenfalls. „Ist es nicht die Hölle, zu versuchen, das Gewicht unten zu halten?“, fragte Darina fröhlich, während Mervyn die Menükarte studierte, um ein Dessert auszuwählen. „Wobei Sie sich im Gegensatz zu mir kaum Sorgen machen müssen“, fügte sie hinzu und betrachtete neidvoll die schlanke Figur der anderen Frau.

„Das ist alles eine Frage der gesunden Ernährung“, sagte Beth in ihrer sittsamen Art.

Es war eine Aussage, die für Darina das Gespräch beendete, doch William sagte freundlich: „Meine Frau kennt sich damit bestens aus. Sie hat mich auf eine Diät gesetzt, um alle möglichen Speisen zu vermeiden, die meinen Stoffwechsel durcheinanderbringen.“

„Wirklich?“, fragte Beth höflich.

„Oh, Sie sind doch wohl keiner dieser Ernährungs-Fanatiker?“ Enid war erstaunt.

„Weit davon entfernt, ich vermeide nur Dinge wie Weizen oder Milchprodukte“, sagte William und goss Sahne über seine winzigen Windbeutel.

Enid sah eindringlich auf seinen Teller.

„Na ja, meistens. Es hat große Auswirkungen auf meine Konstitution gehabt“, fügte er hastig hinzu.

„George hätte sich nie auf etwas derart Albernes eingelassen.“ Enid klang völlig sicher. „Wie in aller Welt haben Sie ihren Ehemann überzeugt?“, fragte sie Darina.

„Oh, meine Frau ist Lebensmittelexpertin“, sagte William munter. „Sie schreibt Artikel und sowas. Und ist dabei sehr gut. Wenn sie nur an einem bedeutenden Thema arbeiten würde, wäre Sie Bestseller-Autorin, da bin ich mir sicher.“

Für Darina schien es, als wäre die Zeit eingefroren.

Die Unterhaltung lief um sie herum weiter, aber sie konnte nichts von dem Gesagten aufnehmen. Williams Kommentar hatte sie durchbohrt. „Wenn sie nur an einem bedeutenden Thema arbeiten würde“, hatte er gesagt. Als wäre es unwichtig, über Essen zu schreiben. Sie trank ihren Wein aus und die Bedienung schenkte ihr den Rest der Sancerre-Flasche ein. William lehnte sich vor und sagte etwas, das den ganzen Tisch zum Lachen brachte. Darina hatte keine Ahnung, was es war. Sie saß erstarrt da. Sie konnte das nicht jetzt mit ihm ausfechten. Offensichtlich hatte sonst niemand das Gefühl, dass an dem, was er gesagt hatte, etwas seltsam war.

In dem Versuch, sich abzulenken, sah Darina sich im Speisesaal um und ertappte sich dabei, wie sie Julians Familie anstarrte. Sie saßen an einem großen Tisch, der prominent in der Nähe der Saalmitte stand. Auch dieser Tisch hatte einen freien Platz.

„Es fehlen einige Passagiere“, sagte sie. Zu ihrer eigenen Überraschung klang ihre Stimme normal.

„Nur die Offiziere“, dröhnte Mervyn. „Das wird der Kapitäns-Tisch sein“, fügte er hinzu, als er bemerkte, wo sie hinsah. „Die Offiziere sitzen am ersten Abend nie bei uns. Sie sind zu beschäftigt damit, uns in die richtige Richtung zu steuern und sicherzugehen, dass wir mit niemandem zusammenstoßen, verstehen Sie?“

„Fehlt deshalb jemand an unserem Tisch?“

„Nein“, er zog eine ironische Grimasse. „Der Stuhl wird für einen anderen Passagier sein. Vielleicht ist derjenige zu müde, um sich heute Abend zu uns zu gesellen, oder ist zum früheren Essenstermin gewechselt. Uns hält man nicht für wichtig genug, um uns mit einem Offizier am Tisch zu belohnen.“

„Das hat damit nichts zu tun“, sagte Enid lebhaft. „Wir haben nur nicht darum gebeten, an einem Tisch mit einen Crewmitglied platziert zu werden. Das ist das Letzte, was ich will. Die armen Leute müssen sich ständig unterhalten und versuchen, sich zu erinnern, ob sie ihr Gegenüber schon kennen und woher die Leute kommen. Da versuche ich mein Glück lieber bei anderen Passagieren. Und schauen Sie, wie viel Glück ich damit hatte!“ Der Blick ihrer leuchtenden Augen wanderte um den Tisch. Das ließ Mervyn wieder darauf abheben, welche Passagiere er an anderen Tischen kennengelernt hatte, auf anderen Kreuzfahrten, auf denen er gesungen hatte. Mrs. Mallorys Ehemann schwang eine Rede. Während Darina zusah, band er allerdings gekonnt andere Tischgenossen in die Unterhaltung ein. Versiert in gesellschaftlichem Umgang, schlussfolgerte sie und wünschte sich, dass er Mervyn etwas Unterricht erteilen könnte. Mrs. Mallory, die Lottogewinnerin, sagte wenig, sah aber recht glücklich aus. Ihre Augen beobachteten ihren Ehemann, ihr Körper war entspannt. Ab und zu wechselte sie einen amüsierten Blick mit der anderen Frau aus ihrer Gruppe.

Als der Kaffee abgeräumt wurde, sagte Mervyn: „So, wer freut sich schon auf die kleine Show?“

„Welche Show?“, fragte William mit einem Hauch Misstrauen. „Ich dachte, wir kommen heute früh ins Bett.“

„Oh, die Direktorin wird ihr Team vorstellen, sie werden ein oder zwei Runden drehen, sie wird etwas zur Unterhaltung sagen, auf die Sie sich freuen können, dann verbeugen wir uns alle und das war’s.“

„Ich werde hingehen“, sagte Tara bedeutsam. „Ich will sehen, ob ich mich danach mit ihr unterhalten kann.“

„Mach das, Liebes“, sagte Mervyn fröhlich. „Ich liege dann schon flach. Weck mich nicht, wenn du reinkommst.“

Tara sah verärgert aus. Es war ein Ausdruck, der sich häufiger bei ihr einzustellen schien. „Lassen Sie uns gehen und endlich über mich sprechen“, sagte sie zu Julian und nahm ihre Clutch und die hauchdünne Stola.

„Ich gehe ins Bett“, verkündete Enid gutgelaunt. „Bis morgen, allerseits.“ Sie ging davon und hielt sich an Stuhllehnen fest, während sich das Schiff mal in die eine, mal in die andere Richtung bewegte.

„Ich glaube, wir werden das Unterhaltungsprogramm testen“, sagte William entschlossen.

Dann gäbe es heute Abend also keine Gelegenheit, seine Bemerkung zur Sprache zu bringen. Darina wurde klar, dass sie das auch gar nicht wollte, nach etwas gutem Schlaf würde es ihr besser gehen. Sie wandte sich um und wollte Beth fragen, ob sie sich anschließen würde, doch die junge Frau war verschwunden.

Karen war eine vollendete Darstellerin und ihr Team war talentiert. Die kleine Show bot eine angenehme Möglichkeit, die Zeit herumzukriegen. „Vielleicht werde ich die Abende doch nicht mit einem guten Buch verbringen“, sagte William, als der Applaus endlich abebbte und die Band einen Walzer anstimmte. „Sollen wir uns auf die Tanzfläche wagen?“

„Nein“, sagte Darina entschieden. „Mir ist nicht nach tanzen.“

„Oh? Na, dann lass uns stattdessen einen Absacker nehmen. Ich kenne da eine kleine Bar.“

„Ich bin also nicht die einzige, die die Augen offengehalten hat“, sagte Darina, während sie ihm folgte. „Ich habe mich schon gefragt, was du getrieben hast.“

Die Bar, zu der er sie führte, ging von einer weiteren großen Lounge mit Spieltischen ab, und im Nebenzimmer standen Spielautomaten. Von dort drang das Geräusch von gezogenen Hebeln und das Klimpern von Münzen durch die Musik und das Stimmengewirr zu ihnen.

In der Bar war es allerdings ruhiger. Als William und Darina eintraten, erhob sich ein Offizier aus einer Gruppe schick uniformierter Kollegen. „Das muss Darina Lisle sein“, sagte er, während er ihre Größe und das lange, blonde Haar betrachtete. „Ich habe Sie mal im Fernsehen gesehen, tolle Arbeit! Ich bin Francis Sterling, Chefsteward. Willkommen an Bord.“ Er war ein kleiner Mann mit strahlendem Lächeln und lockeren Umgangsformen. „Ich wollte Sie morgen ausfindig machen und mit Ihnen einen Termin absprechen, bei dem ich Sie dem Smutje vorstellen kann. Darf ich Sie und Ihren Ehemann auf einen Drink einladen?“

Im nächsten Augenblick hatte er Darina und William an einem kleinen Tisch Platz nehmen lassen. „So, was wollen Sie trinken?“

„Haben Sie einen Macallan?“, fragte Darina.

The Macallan? Natürlich.“ Die Bedienung kritzelte etwas auf ihren Block. William bestellte ebenfalls einen.

„Und ich nehme noch einmal mein Spezialgetränk“, sagte der Chefsteward. „Macht es Ihnen etwas aus, wenn wir uns kurz über die Arbeit unterhalten, Miss Lisle, oder darf ich Sie Darina nennen?“

„Natürlich.“

„Das ist großartig, Darina. Also, verstehe ich das richtig, dass Sie bereit sind, eine Vorführung für die Passagiere zu machen?“

Darina nickte. „Ich dachte vielleicht an eine Auswahl von Canapés? Das wäre sehr skandinavisch und würde keine Küchengeräte benötigen. Ich kann während der Vorführung über andere Gerichte sprechen und vielleicht möchte der Smutje einige davon in die Mittags- oder Abendmenüs aufnehmen.“

Der Chefsteward zog eine leichte Grimasse. „Wir müssen sehen, wie das in die Menüs der Betreibergesellschaft passt. Heutzutage wird alles von der Zentrale vorgeschrieben. Ihre Besprechungen mit dem Smutje sollen eher den Weg für die Zukunft weisen, als einen Einfluss auf diese Kreuzfahrt zu haben. Dennoch“, sein Ausdruck wurde etwas fröhlicher, „haben wir ein bisschen Autonomie. Setzen wir uns doch morgen zusammen und gehen die Möglichkeiten durch. Sagen wir halb drei in meinem Büro? Gehen Sie zur Information in der Haupthalle, dann wird Sie eines der Mädchen hinaufbringen. Vielleicht stellen wir die Vorstellung beim Smutje zurück, bis wir den ersten Hafen erreichen, dann wird es in der Küche etwas ruhiger sein.“

Das war für Darina in Ordnung.

„Ich nehme an, Sie würden gerne sehen, wie wir an Bord die Lebensmittel und das Kochen organisieren.“

„Wenn es nicht zu viel Aufwand ist, vielleicht kann ich einen Artikel darüber schreiben“, regte sie an.

„Großartig. Die Gesellschaft freut sich über öffentliche Aufmerksamkeit.“ Francis strahlte sie an. Er trug eine Brille, dahinter saßen hellbraune Augen und betrachteten sie begeistert. „Da drüben ist Phil Burrell, unser Lagermeister.“ Er deutete auf einen durchschnittlich großen Mann Mitte dreißig, mit attraktivem Gesicht, und rief ihn herüber, um ihm Darina und William vorzustellen.

„Ich dachte, es wäre eine gute Idee, wenn Sie Darina Ihre Kühlräume zeigen, um ihr eine Vorstellung davon zu vermitteln, wie unsere Lebensmittel gelagert und verwaltet werden“, sagte Francis Sterling. „Das ist ein Anblick“, fügte er an Darina gewandt hinzu.

„Es wäre mir eine Freude.“ Phil lächelte Darina an und vermittelte ihr den Eindruck, dass er mit diesem Vorschlag sehr zufrieden war. „Vielleicht zu einem etwas späteren Zeitpunkt der Kreuzfahrt? Im Augenblick ist es schwer, überhaupt etwas zu sehen, weil alle Waren so hoch aufgestapelt sind.“

Während er sprach, kam die Kreuzfahrtdirektorin in die Bar. Phil Burrell hatte schon zuvor erfreut gewirkt, doch jetzt wirkte sein Gesicht, als wären Lichter angegangen, die der Lichtshow von Blackpool Konkurrenz machen wollten. „Ich melde mich“, sagte er eifrig und ging auf den Neuankömmling zu. „Karen“, sagte er freudig, „setz dich und trink etwas, ich wette das kannst du nach all der harten Arbeit gebrauchen.“

Die Kreuzfahrtdirektorin sah auf ihre Uhr, und Darina war nach einem Blick auf ihre eigene überrascht, dass es schon fast Mitternacht war. Karen lächelte den Lagermeister an. „Warum nicht?“, sagte sie gnädig.

Sie setzten sich in die gegenüberliegende Ecke der Bar. Darina bemerkte, dass Francis Sterling sie aus dem Augenwinkel beobachtete.

„Diese Bar scheint bei den Offizieren beliebt zu sein“, deutete William an.

Francis nickte. „Wir scheinen stets herzufinden, wenn wir unsere Aufgaben erledigt haben.“

„Langer Tag?“, kommentierte Darina.

„Der Tag der Abfahrt ist immer lang. So vieles muss organisiert werden. Morgen auch. Danach sollte sich alles etwas beruhigen und wir können uns endlich an Ihnen, den reizenden Passagieren erfreuen.“ Dann zog das Eintreffen eines weiteren Offiziers in der Bar seine Aufmerksamkeit auf sich. Francis blickte rasch zu Phil Burrell und Karen, die in der Ecke etwas tranken, und winkte den Neuankömmling eilig heran, ein großer Mann mit breiten Schultern, einem kräftigen Gesicht und einem entschlossenen Blick in den Augen.

Francis’ Signal wurde ignoriert. Der Offizier erblickte den Lagermeister und die Kreuzfahrtdirektorin und ging direkt auf sie zu.

„Oh je“, sagte Francis. „Das ist Harry Summers, unser Erster Offizier.“ Die Information schien irrelevant. William machte einen Kommentar zur Zahl der Passagiere, die schon zuvor auf Kreuzfahrt gewesen waren. Francis erklärte, dass nur zehn Prozent der Passagiere auf einer Kreuzfahrt Neulinge waren, aber er wirkte geistesabwesend. Seine Aufmerksamkeit schien sich nicht auf seine Gäste, sondern auf die Gruppe in der Ecke zu richten.

Später konnte Darina nicht genau sagen, was passiert war, es ging alles so schnell. Plötzlich erhob sich Phil Burrell und spuckte dem Ersten Offizier Worte entgegen, während er wild gestikulierte. Karen streckte den Arm in einer beschwichtigenden Geste aus, doch einer von Phils wild um sich schlagenden Armen traf ihr Gesicht mit der Rückseite seiner Hand. Sie taumelte zurück. Dann lag der Lagermeister am Boden, gefällt von einem schnellen Hieb des anderen Mannes.

Die Unterhaltungen in der Bar stoppten so schnell wie ein Wagen, der auf eine Ziegelmauer traf. Ein rotes Mal trat auf Karens Wange, sie wirkte benommen.

„Entschuldigen Sie mich“, sagte Francis. Augenblicklich hatte er Phil aufgeholfen, sprach einige ernste Worte mit dem anderen Offizier und bedeutete einer Frau in der Uniform eines Chefstewards, sich um Karen zu kümmern.

„Ich glaube, wir sollten gehen“, sagte William leise, und leerte seinen Whisky. „Das ist eine Schiffsangelegenheit.“

Darina folgte ihm aus der Bar. Doch nicht ehe sie gesehen hatte, dass Phil Burrell seinen Arm aus Francis Sterlings Griff riss und sich zu Karen Geary wandte. Er schien sie anzuflehen. Doch sie wandte sich wütend und mit einer abweisenden Geste von ihm ab. Der Offizier, der Phil niedergeschlagen hatte, legte seinen Arm um sie und zog sie an sich.

„Oh je“, sagte Darina. „Das ist kein gutes Omen für unsere Kreuzfahrt.“

Kapitel 7

William erwachte früh. Das Schiff schwankte noch immer, doch nicht mehr so stark wie am vergangenen Abend, und als er die Vorhänge vor dem Bullauge öffnete, brach die Sonne durch grau umrandete Wolken und beleuchtete die bewegte See mit schimmerndem Glanz.

Er sah auf die Uhr. Er hatte den Tee erst in einer Stunde bestellt.

Darina schien immer noch fest zu schlafen. Sie war am vergangenen Abend etwas aus dem Häuschen gewesen. Sie hatte nicht mit ihm reden wollen, als sie nach dem Tumult in der Bar in ihre Kabine zurückgekehrt waren. Er war sehr enttäuscht gewesen, er hatte das Geschehene mit ihr besprechen wollen. Er hoffte, dass sie nicht unter der Bewegung des Schiffes litt.

William kuschelte sich unter die Bettdecke. Es war so schön zu wissen, dass das Telefon nicht plötzlich mit irgendeinem Notfall klingeln konnte, um ihn aus einer angenehmen Situation zu reißen. Einige Minuten später wurde ihm klar, dass er nicht mehr schlafen konnte. Er legte die Hände hinter den Kopf und betrachtete die Einrichtung der Kabine in dem grauen Licht, das durch das Bullauge fiel. Die Empress war auf jeden Fall ein ansprechendes Schiff, entschied er.

Er nahm das Buch zur Hand, das er mitgebracht hatte, doch schon nach einer halben Seite über die Betrachtung soziologischer Folgen der aktuellen Strafgesetzgebung schweiften seine Gedanken ab. William legte das Buch wieder auf den Nachttisch und fragte sich, ob es Darina stören würde, wenn er den Fernseher anschaltete. Dann erinnerte er sich an einen Punkt auf dem heutigen Reiseplan, der am vergangenen Abend in die Kabine gebracht worden war.

„Ich glaube, ich mache den eine Meile langen Deck-Lauf mit“, verkündete er der gekrümmten Gestalt seiner Frau, die sich jetzt regte. „Die Bewegung wird mir guttun nach all dem Essen und Trinken von gestern Abend. Kommst du mit?“

Darina hob ihr verschlafenes Gesicht. Es hatte eine eigenartige Farbe, recht blass mit einem Hauch von grün. „Ich glaube nicht, ich fühle mich miserabel“, stöhnte sie. „Das muss das Schiff sein.“ Dann eilte sie ins Badezimmer.

William stand auf und trieb sich unsicher davor herum. „Kann ich irgendetwas tun?“, rief er. Darina war nicht oft krank, und wenn, wollte sie nicht, dass er einen Wirbel darum machte, doch er fühlte sich hilflos, während die Geräusche ihres Elends deutlich durch die Tür drangen.

Ein paar Minuten später war das Geräusch der Spülung zu hören, Wasser lief, dann trat Darina mit kleinen Schweißperlen auf der Stirn heraus. „Ich glaube, ich bleibe einfach still liegen“, sagte sie und schlüpfte zurück ins Bett. „Könntest du mir vielleicht etwas Wasser bringen?“

William machte es ihr gemütlich und fragte, ob er bleiben solle. Doch sie sagte ihm, dass sie lieber allein wäre, also zog er Hose und Jacke seines Trainingsanzuges an, holte seine Joggingschuhe und begab sich nach oben, achtern, zum Pool. Laut Programm sollte der Eine-Meile-Lauf um das Deck dort anfangen.

Es war kein Land in Sicht, nur die weiß gekrönten Wellen und der stürmische Himmel. Das Schiff bewegte sich, da bestand kein Zweifel. Allerdings fand William, dass man die See nicht gerade als rau bezeichnen konnte. Er war überrascht, dass Darina so sehr darunter litt. Andere Passagiere waren ebenfalls auf den Beinen, manche frühstückten sogar auf dem offenen Oberdeck, wo unter Sonnenschirmen in fröhlichen Farben Tische standen. Die Seiten des Decks waren mit Glaswänden abgeschirmt, das war bei der steifen Brise auch bitter nötig. Diese mutigen Passagiere waren mit Pullovern und Jacken warm eingepackt. Es wirkte wie ein Triumph der Entschlossenheit über die Umstände, und William beschloss, fürs Frühstück nach unten ins Restaurant zu gehen.

Nachdem er mit dem Wind um die Tür gerungen hatte, begab William sich draußen auf dem Deck zum Treffpunkt. Dort schien niemand auf den Lauf zu warten. War er der einzige Mutige? Er sah auf die Uhr. Fünf Minuten vor acht; vielleicht kämen die Passagiere erst in der letzten Minute, aber die Fitness-Trainerin sollte doch hier sein, um die Mitlaufenden zu empfangen.

Dann wurde ihm bewusst, dass jemand an das Panoramafenster des Bereichs zum Sonnenbaden klopfte, von dem aus man den Pool sehen konnte, und dass ihn dahinter eine Gruppe von Menschen angrinste.

„Wir wollten warten, um zu sehen, wie lange Sie bleiben würden“, sagte eine kleine, quirlige, junge Frau mit einer Strickmütze, die sie sich über die Haare gezogen hatte. Sie trug Leggins und einen weiten, marineblauen Pullover mit einem Logo der Empress of India. „Aber das wäre nicht fair gewesen. Ich fürchte, wir können heute nicht nach draußen, zu stürmisch. Ich frage mich, wie viele weitere abgehärtete Menschen wir einsammeln werden.“

Um sie war ein halbes Dutzend versammelt. Zwei waren offensichtlich ein Paar, aber die anderen vier sahen aus, als würden sie sich nicht kennen. Mittleren Alters war die beste Beschreibung für sie.

„Ich bin Lulu Prentice“, sagte die junge Frau mit der Strickmütze. „Ich leite unten den Trainingsbereich. Wenn Sie noch nicht dort waren, schauen Sie heute Vormittag mal vorbei. Wir haben dort ein Innenbecken, alle möglichen Trainingsgeräte und ich teste gerne Ihre persönliche Fitness und stelle Ihnen ein Trainingsprogramm zusammen. Da Sie hier sind, wissen Sie ja, dass ich den Eine-Meile-Lauf über die Decks leite, bei dem ich Ihnen Teile des Schiffes zeige, die andere Spaziergänger nie erreichen. Wir brauchen fünf Runden um das Deck für eine Meile, da können Sie alle mitzählen.“ Sie blickte auf die Uhr. „Genau acht, wir warten noch ein paar Minuten, um zu sehen, ob noch jemand kommt. Normalerweise fange ich pünktlich an, aber es ist der erste Morgen.“

Genau als sie das sagte, öffnete sich die Tür der großen Lounge auf achtern und Beth trat heraus, die junge Frau, die am vergangenen Abend an ihrem Tisch gesessen hatte. Einer der Vorteile seines Berufes war, dass William darauf trainiert war, sich neben anderen Einzelheiten problemlos Namen zu merken. Er schenkte ihr ein einladendes Lächeln. Sie blickte ihn zweifelnd an, als wäre ihr Gedächtnis nicht ansatzweise so gut wie seines und als würde sie daher seine Absichten anzweifeln. Wie William trug sie einen grauen Trainingsanzug mit einem brauchbar aussehendem Paar Joggingschuhe an den Füßen. Sie trug außerdem gestrickte Handschuhe und ein gestricktes Schweißband um den Kopf.

„Hi“, sagte Lulu und hüpfte auf und ab. Dann lief sie zur Außentür hinüber und warf einen Blick auf das Deck. „Niemand da. Ich werde kurz die Lounge überprüfen, ich möchte ungern übereifrige Passagiere zurücklassen!“

William und die anderen tauschten ein nervöses Lächeln aus, während sie warteten. Ein oder zwei Leute schwangen die Arme in Aufwärm-Bewegungen. Nach einem kurzen Augenblick war Lulu wieder da. „Nein, ich glaube nicht, dass noch jemand kommen wird, wir haben ihnen eine Gnadenfrist von gut fünf Minuten gegeben, also geht es jetzt los. Denken Sie daran, dass ich am Ende des Laufes Gutscheine ausgebe. Sammeln Sie acht Stück und Sie bekommen eine kostenlose Fuß- und Knöchelmassage.“ Nach dieser Nachricht sahen alle etwas fröhlicher aus. „Jetzt folgen Sie mir.“ Damit startete sie durch die Steuerbordtür in die große Heck-Lounge, in der am vergangenen Abend getanzt und gespielt worden war. Die Gruppe folgte ihr in einem ungeordneten Wust, William bildete das Schlusslicht.

Die Lounge sah jetzt recht verlassen aus, die Stühle standen umgedreht auf den Tischen, während der Teppichboden gesaugt wurde. Lulu führte sie durch einen schmalen Durchgang, dann hinaus auf das geschützte Sonnendeck, wo sich mutige Frühstücksgäste über Obstschalen und Müsli, Platten mit Schinken und Eiern und üppige Mengen an Croissants, Toast, dänischem Gebäck und anderen Köstlichkeiten hermachten. Williams Magen grummelte, während er zügig folgte.

Die kleine Gruppe aus Läufern zog einige Kommentare auf sich, während sie sich über das Schiff bewegten. Es mussten viele Türen geöffnet, Treppen genommen und Lounges umrundet werden. Das Tempo war straff, zu straff für nennenswerte Unterhaltungen, und William bemerkte, dass nicht alle mithalten konnten. Doch Beth hielt Schritt. Sie lief mühelos mit und war kaum außer Atem, während die anderen ins Keuchen gerieten und gelegentlich sprinten mussten, um aufzuholen. Naja, dachte William, abgesehen von Lulu und Beth muss ich der Jüngste in der Gruppe sein, da wäre es ein Skandal, wenn sie nicht einigermaßen in Form wären.

Als sie sich an die zweite Runde um das Schiff machten, wurde Philip Burrell über das Lautsprechersystem ins Büro des Chefstewards gebeten. Das bedeutete vermutlich, dass der Lagermeister für seine Rolle in dem Aufruhr am vergangenen Abend zurechtgewiesen werden würde. Da er selbst einem öffentlichen Dienst angehörte, fiel es William nicht schwer, sich vorzustellen, wie ernst die höherrangigen Offiziere solch eine Entgleisung der Disziplin nehmen würden. Dann vergaß er den Zwischenfall, weil er sich konzentrieren musste, um mit der kleinen Gestalt der Fitness-Trainerin mitzuhalten.

Als sie die vierte Runde um das Schiff beendeten, war ein weiterer Aufruf für den Lagermeister zu hören. Beth war neben ihm, als er kam und sie verzog leicht das Gesicht. „Ich frage mich, was er treibt“, kommentierte sie, als William ihr eine Tür aufhielt.

„Was meinen Sie?“

„Sie haben offensichtlich Probleme, ihn zu finden“, sagte sie, bewegte sich unbeschwert und schickte ihre Worte über die Schulter.

„Es gab gestern Abend einen kleinen Zwischenfall“, sagte er und schleuderte seine Worte hinaus, damit sie ihn hören konnte. „Vielleich schläft er sich aus.“

„Nein, sie werden seine Kabine überprüft haben“, rief Beth zu ihm zurück.

William erinnerte sich, dass sie auf einem Kreuzfahrtschiff gearbeitet hatte. Er hätte fast nahegelegt, dass der Lagermeister in einer anderen Kabine sein könnte, doch das schien nicht nur deplatziert, er erinnerte sich auch an den Gesichtsausdruck der Kreuzfahrtdirektorin. Wenn Sie bereit gewesen wäre, die Angelegenheit im privaten wiedergutzumachen, hätte er sich früher zurückgezogen.

Sie kamen an Türen vorbei, die zu der schmalen Treppe führten, die einmal rund um eines der Decks lief. Sie waren vergittert und mit einer Notiz versehen, die Passagieren verbot, aufs offene Deck hinauszugehen, doch William konnte hindurchsehen und entdeckte seinen alten Freund, Sergeant Stan Dobson, der zielstrebig vorbeischritt. Die Gischt aus dem Meer schien ihn nicht zu kümmern.

Lulu bewegte sich jetzt sogar noch schneller, sie schien die Absicht zu haben, den Lauf so schnell wie möglich zu Ende zu bringen. Mehrere Mitglieder ihrer Gruppe riefen ihr zu, langsamer zu machen. Sie drehte sich mit entschuldigendem Blick um. „Es tut mir leid, aber Ihre Form muss besser werden, sie haben offensichtlich eine schlechte Kondition. Okay, noch eine Runde ums Deck, dann sind wir fertig.“

Es stellte sich heraus, dass das nicht das Ende war, denn nach der letzten Runde folgten Dehnübungen für die Bein- und Hüftmuskeln.

„Morgen um dieselbe Zeit“, sagte Lulu, nachdem sie sich von der letzten Dehnung wieder aufgerichtet hatte. Sie warf jedem von ihnen einen kleinen Gutschein zu.

„Die hat es aber eilig“, kommentierte einer der Läufer.

William kehrte nachdenklich in seine Kabine zurück.

Kapitel 8

Lulu eilte vom Eine-Meile-Lauf direkt hinunter zu einem der unteren Decks. „Wo ist Phil?“, verlangte sie zu wissen und wandte sich damit an den goanischen Steward, der sich vor seiner Kabine herumtrieb. Sie versuchte, die Tür zu öffnen, doch sie war abgeschlossen.

Der Steward schüttelte den Kopf. „Nicht geschlafen in Bett letzte Nacht“, sagte er.

„Zeigen Sie es mir!“

Er zögerte einen Augenblick, dann holte er einen Schlüssel heraus, schloss die Kabinentür auf und öffnete sie ihr. Lulu sah hinein. Der Raum war unglaublich ordentlich, so wie Phil immer war. Nicht wie ihrer, sie ließ immer Kleider auf dem Boden liegen, Zeitungen lagen verstreut herum und halb ausgetrunkene Kaffeetassen standen auf jeder verfügbaren Oberfläche. Die Koje war unberührt. Es stand kein Absacker auf dem kleinen Regal, wo Phil ihn immer abstellte, wenn er sich bettfertig machte.

Lulu stieß ein leises, verzweifeltes Geräusch aus und stürmte mit derselben wilden Eile aus der Kabine, die sie schon von den Oberdecks hergeführt hatte. Den Gang hinunter lag die Kabine der Kreuzfahrtdirektorin. Ohne den Steward zu beachten, der Phils Tür wieder abschloss, hämmerte sie an das polierte Holz.

Nichts geschah. Panik, Frustration und verbitterte Wut stiegen in ihr auf. Sie hämmerte erneut dagegen.

Eine Stimme murmelte etwas. Die Tür wurde langsam geöffnet. Karen stand auf der anderen Seite und zog den Gürtel ihres seidenen Morgenmantels um sich. Sie hatte einen blauen Fleck auf ihrem linken Wangenknochen, ein entstellendes, dunkles Ding, das bald violett werden würde. Lulu ignorierte das und schob sich an der Frau vorbei. „Er ist hier drin, ich weiß es.“

Innen war es ebenfalls ordentlich, die zweckmäßige Kabine erhielt durch die Seidenkissen, ein Blumenarrangement und eine Sammlung von Fotos einen weiblichen Charme. Niemand sonst war dort.

Lulu riss die kleine Duschkabine auf. Auch die war leer.

„Was tun Sie?“, fragte Karen wütend, ihre Stimme klang feindselig.

Lulu ließ sich auf die zerwühlte Koje sinken und legte den Kopf in die Hände. „Ich war sicher, dass er hier wäre“, murmelte sie.

„Was zur Hölle meinen Sie?“ Karen schloss die Duschtür, kam zu ihr und blieb so stehen.

„Phil!“

„Der lässt sich besser nicht in der Nähe blicken! Was in aller Welt ließ Sie glauben, dass er hier wäre?“

Das würde Lulu ihr nicht durchgehen lassen. „Sie wissen, was! Er ist seit Wochen um Sie herumscharwenzelt, seit Sie in Athen mit ihm verschwunden sind. Danach hat er mich einfach sitzen lassen.“ Sie wischte ihre wütenden Tränen fort. „Davor waren wir ein Paar.“

Karen holte ihr ein Taschentuch. „Das war wohl kaum meine Schuld“, sagte sie, ihre frostige Art erwärmte sich etwas. „Aber Sie liegen falsch, da war nie ... ich meine, da ist nichts zwischen uns. Oh, ich mag ihn, er war ... ist ein netter Bursche, aber, na ja, da ist noch ein anderer, wissen Sie.“ Sie blickte unfreiwillig zu einem der Fotos auf ihrem Schminktisch.

Ihrem Blick folgend erkannte Lulu eine Aufnahme von Harry Summers, dem Ersten Offizier. „Sie sind hinter den hohen Tieren her, wie?“, fragte sie gehässig und sah sich erneut in der Kabine um. Die Privilegien der Bessergestellten! Sie musste ihre Kabine mit einer der Friseurinnen teilen und sie hatten keine Dusche. Sie musste immer wieder darauf warten, dass eine frei wurde!

Karen setzte sich in den einzigen Stuhl, den die Kabine bot, und legte ihre langen, wohlgeformten Beine übereinander. Sie rückte den Seidenmantel zurecht und griff dann nach einer Packung Zigaretten. Mit anmutigen Bewegungen zog sie eine heraus, holte ein goldenes Feuerzeug hervor und zündete sie an. Sie nahm einen tiefen Zug, blies einen langen, kühlen Rauchwirbel in den oberen Teil der Kabine und sagte: „Ich weiß nicht, warum Sie glaubten, dass Sie sich hier hereindrängen und Phil finden könnten. Was in aller Welt hat Sie dazu gebracht?“

Lulu starrte sie an. „Sie müssen es doch gehört haben, er wird ausgerufen. Er wird vermisst!“

„Vermisst?“ Karen warf ihr einen ausgeglichenen Blick zu. „Was in aller Welt meinen Sie? Wir sind auf See, wie kann er vermisst werden? Sie neigen wohl dazu, voreilige Schlüsse zu ziehen.“

Lulu stieß ein gequältes Kreischen aus. „Miststück! Als ich sah, dass er nicht in seinem Bett geschlafen hatte, wusste ich sofort, wo er die Nacht verbracht hatte. Warum sagen Sie es mir nicht einfach?“ Mittlerweile war es ihr egal, ob Phil untreu gewesen war, immerhin hatte er sie vor Tagen verlassen, sie war darüber hinweg. Sie wollte nur wissen, dass er in Sicherheit war.

Karen zog erneut tief an ihrer Zigarette und seufzte. „Sie sind hysterisch. Er überprüft nur das Lager oder sowas und wird dringend für etwas Anderes gebraucht.“

„Aber sie haben ihn zweimal ausgerufen. Ihm muss etwas zugestoßen sein.“

Karen seufzte erneut ungeduldig und stieß dabei mehr Zigarettenqualm aus. „Ehrlich, Lulu, Ihre Fantasie macht Überstunden. Gehen Sie wieder an die Arbeit und lassen Sie mich aufstehen.“ Sie betrachtete sich im Spiegel und zuckte zurück. „Mein Gott, ich habe einiges zu tun, ehe ich heute jemandem gegenübertreten kann.“

Erst jetzt registrierte Lulu den blauen Fleck. „Was ist passiert? Ist der Himmelhohe Harry Ihnen an die Wäsche gegangen?“, stichelte sie.

„Nein! Um Himmels willen!“ Karen sah verärgert aus und zuckte dann mit den Schultern. „Ich nehme an, es wird sich ohnehin noch vor dem Mittagessen auf dem ganzen Schiff verbreitet haben. Harry und Phil hatten gestern Abend eine kleine Auseinandersetzung in der Oyster Bar. Phil schwang die Arme und mein Gesicht war im Weg. Also hat Harry ihn geschlagen.“ Sie sprach ohne Zögern, als hätte sie die Erklärung geübt. „Das ist alles“, beendete sie bestimmt. „Also müssen Sie das Ganze nicht zu einem großen Drama aufbauschen. Das wird sich bis zum Ende das Tages alles klären.“

Doch Lulu starrte sie an. „Harry Summers hat Phil geschlagen? In der Oyster Bar?“, sie keuchte. „Ihretwegen? Ich glaube es nicht. Ein Kampf könnte die sofortige Entlassung zur Folge haben.“

Karen biss sich auf die Lippe. „Es war ein Missverständnis.“

„Untreues Miststück! Sie halten Phil an der langen Leine und ruinieren dann die Kariere Ihres anderen Liebhabers. Tolle Unterhaltung bieten Sie da!“

In einer schnellen Bewegung hatte sie sich von der Koje erhoben, verschwand aus der Kabine und schlug die Tür hinter sich zu. Der Schwung trug sie noch ein Stück den Gang entlang, dann wurde sie langsamer und dachte nach. Hatte Karen ihr die Wahrheit gesagt? Phil konnte ein launischer Mistkerl sein. Wenn der Himmelhohe Harry ihn wirklich niedergeschlagen hatte, konnte er tatsächlich zum Schmollen irgendwohin verschwunden sein. Vielleicht hatte er eine Flasche Whisky oder so etwas in die Hände bekommen. Vielleicht lag er sogar jetzt gerade sturzbetrunken auf einem der Oberdecks. Wenn Karen ihn abserviert hatte, würde er genau das tun.

Lulu grub ihre Fäuste in die Taschen ihrer Jogginghose. Was war Phil nur für ein dummer Idiot! Warum in aller Welt sorgte sie sich so sehr um ihn? Besonders, nachdem er sie so schlecht behandelt hatte.

Plötzlich wurde ihr bewusst, wie spät es war. Sie könnte Kunden haben, die für den Pool und den Trainingsbereich Schlange standen! Phil konnte sie mal! Sie hatte schließlich einen Beruf! Lulu drehte sich um und machte sich auf den Weg in ihr kleines Reich.

Karen drückte in ihrer Kabine mit beherrschter Gewalt die halb gerauchte Zigarette aus. Sie nahm das Telefon, wählte eine Nummer und trommelte mit den Fingern auf ihr Regal, während sie darauf wartete, dass abgenommen wurde.

„Um Himmels willen, Harry“, sagte sie, als es endlich soweit war. „Hast du Schlaftabletten genommen, oder so? Dieses dumme, kleine Fitnessmädchen war hier, Lulu. Sie sagt, dass Phil ausgerufen wird. Sie glaubt, ihm sei etwas passiert ... Was meinst du damit, bleib ruhig? Ich bin ruhig!“, brüllte sie in den Hörer. „Aber wenn Sie das denkt, was ist dann mit dem Rest des Schiffes? Und Sie wusste nicht einmal, was in der Oyster Bar passiert ist? Harry, du Mistkerl, warum kannst du dich nicht beherrschen? Und warum kannst du nicht dann auftauchen, wenn wir verabredet sind, und nicht eine halbe Stunde früher?“ Sie schlug den Hörer auf die Gabel und nestelte eine weitere Zigarette hervor, während ihr Tränen über das Gesicht strömten.

Kapitel 9

Während William zu seiner Kabine zurückging und Down among the dead men pfiff, spürte er, wie das Schiff den Kurs änderte.

Die Route musste doch bestimmt eine mehr oder weniger gerade Linie sein, dachte er. Er stand still und versuchte herauszufinden, wohin sie fuhren, dann rannte er wieder nach oben.

Zurück an Deck konnte er sehen, dass das Schiff rechtsherum schwenkte. Es sah aus, als würden sie in die Richtung zurückkehren, aus der sie kamen. Er war nicht der einzige Passagier, der das bemerkt hatte. Menschen drängten sich an die Reling, deuteten aufs Meer und unterhielten sich. Die Worte „Mann über Bord!“ wurden zu ihm getragen. Plötzlich bekam der Gedanke, dass der Lagermeister ausgerufen wurde, weil er nicht aufzufinden war, eine finstere Bedeutung.

Er ging tief in Gedanken versunken zur Kabine zurück.

Als er die Tür öffnete, saß Darina aufrecht im Bett, trank Tee aus einer Tasse und sah bedeutend besser aus. „Vielleicht wachsen mir langsam Schwimmhäute“, sagte sie, als William ihr einen Kuss gab. „Wie war der Lauf?“

Er setzte sich aufs Bett und zog seinen Trainingsanzug aus, während er ihr ausgelassen von ihren zügigen Umrundungen des Decks berichtete, wobei er bewusst jede Erwähnung des Lagermeisters vermied. „Man hätte glauben können, dass sie aus uns Olympia-Läufer machen will“, endete er.

„Soll ich Frühstück im Bett organisieren, oder fühlst du dich dem Restaurant gewachsen? Es sind einige Leute auf dem Sonnendeck, aber mir ist das ein wenig zu windig.“

Darina stellte vorsichtig ihre Tasse auf den Nachttisch. „Ich denke, ich schaffe es zum Restaurant“, sagte sie fröhlich.

 

Sie fanden einen Tisch für zwei, William sagte, er fände es besser, wenn Darina nicht den Aufwand betreiben müsse, sich mit jemandem zu unterhalten. Während sie Obst und Joghurt aß, ließ er sich Schinken und Ei gefolgt von Toast und Marmelade schmecken. „Mensch, das macht einen zum Mann“, sagte er am Schluss.

„Ich glaube, du machst nur bei diesem Lauf mit, damit du ein ausgiebiges Frühstück rechtfertigen kannst“, lachte Darina. „Was wirst du tun, um an deinem Hunger fürs Mittagessen zu arbeiten? Den Pool rauf und runter spurten?“

„Bei dem Wetter, du machst wohl Witze! Ich dachte, wir machen uns einen ruhigen Morgen, ich glaube, den kannst du gebrauchen“, fügte er hinzu und sah sie genauer an. Darina hatte den grünlichen Hautton von vorher verloren, sah aber immer noch blass aus.

„Was ist mit all den fantastischen Aktivitäten, die sie uns anbieten? Bridge, Line Dance und was weiß ich noch alles!“

„Hör mal, solange du nicht arbeiten musst, bin ich zufrieden, wenn ich mir mit einem guten Buch ein stilles Plätzchen suchen und allem entkommen kann.“ William war entschlossen, das Möglichste aus diesem komfortablen und ansprechenden Schiff zu machen. Es war, als befände man sich in einem prachtvollen, schwimmenden Hotel, mit allen Annehmlichkeiten, aber ohne den Rummel; man musste an nichts denken und an jeder Ecke standen Menschen, die sich um einen kümmerten. Es wäre doch eine Schande, herumzurennen und Dinge zu tun, wenn man auch entspannen und die Welt zu Hause vergessen konnte. Es war schade um das Wetter, aber das sollte sich bald ändern.

„Ah, meine Arbeit“, sagte Darina und ihr Unterton gefiel ihm nicht. „Erinnerst du dich, was du gestern Abend gesagt hast?“

William erinnerte sich nicht.

Darina sagte es ihm.

Er starrte sie an. „Aber ich meinte nichts davon abwertend. Ich finde dich fantastisch, das weißt du.“

„Du sagtest, dass meine Kochbücher nicht wichtig wären.“

„Ist das so rübergekommen?“

Sie nickte und sah ihn mit verletzen Blick aus großen Augen an.

William seufzte schwer. „So habe ich das nicht gemeint.“ Er wedelte frustriert mit der Hand in der Luft. „Es ist nur, na ja, manchmal ...“

Darina sagte nichts, wartete nur ab.

William riss sich zusammen. Wenn er nicht vorsichtig war, konnte diese Angelegenheit sehr kompliziert werden. „Liebling, du bist eine wirklich wundervolle Köchin, du schreibst gut, du wirkst im Fernsehen großartig, du schaffst dir eine erstaunliche Karriere und ich bin dein treuster Fan.“

Es war nicht genug.

„Was meintest du dann damit, ich solle etwas Wichtiges in Angriff nehmen?“, beharrte Darina.

Während er versuchte, sich etwas einfallen zu lassen, das sie überzeugen könnte, lehnte sie sich zu ihm. „Du meinst, dass alle kochen und essen müssen, und dass es deshalb nichts Besonderes ist.“ Es war eine Aussage, keine Frage. „Obwohl du gestern Abend zugegeben hast, dass es dir viel besser geht, seit du einige Dinge aus deiner Ernährung gestrichen hast, kannst du nicht einsehen, dass das Gewinnen eines Autorenpreises nicht wichtiger ist, als Menschen davon zu überzeugen, dass köstliches und gesundes Essen ihr Leben verändern kann.“

William rutschte unbehaglich auf seinem Stuhl herum. „Ich bin sicher, dass du recht hast, Liebling, und ich stehe voll und ganz hinter dir. Immerhin ...“ Er zögerte – zu lang.

„Immerhin hältst du all meine Experimente aus, und dass ich keine Familie gründen will, und dass ich keine enormen Summen verdiene“, beendete Darina den Satz für ihn und klang dabei mehr als nur ein wenig verbittert, wie er schweren Herzens feststellte.

„Geld hat damit nichts zu tun!“, sagte er rasch.

„Aha, die anderen Dinge aber schon“, sagte Darina ebenso rasch.

„Hör mal“, sagte William mit Nachdruck. „Ich finde das was du tust wichtig, wirklich.“ Es klang schwach, selbst in seinen Ohren, doch im Augenblick schien sie entschlossen, alles so zu verdrehen, wie sie es für richtig hielt. „Du musst mir einfach glauben.“ Er fragte sich, was in Darina gefahren war, sie war sonst nicht so empfindlich.

Sie blickte auf ihren Teller und er bemerkte, dass sie keinen Mascara auf ihre hellen Wimpern aufgetragen hatte. Das war ebenfalls ungewöhnlich. Er wartete ab, wohl wissend, dass er nichts Hilfreiches sagen konnte, doch er fürchtete ihren nächsten Einfall.

Schließlich sah sie mit traurigem Blick zu ihm auf. „Ich schätze, ich muss einfach versuchen, dir zu glauben“, sagte sie.

„Das ist doch ein Anfang“, ermutigte er sie. „Jetzt muss ich es nur noch beweisen.“ Er würde nicht noch einmal töricht genug sein, etwas zu sagen, ohne nachzudenken.

Sie schenkte ihm ein schwaches Lächeln.

William fühlte sich, als sei das Schiff haarscharf einem Eisberg entgangen, der so groß war wie die Titanic. Er räusperte sich. „Sie haben ein paar hübsche Postkarten mit dem Schiff darauf. Ich denke, ich werde meinen Eltern eine schreiben. Willst du eine an deine Mutter schicken?“

„Ich warte, bis wir einen Hafen erreichen“, sagte Darina. „Ich gehe mir ein gutes Buch suchen.“

Die Bücherei grenzte an eine ruhige Lounge mit gemütlichen Sofas, Sesseln und einem Flügel, an dem im Augenblick niemand spielte. Draußen waren der graue Himmel und die weiß gekrönten Wellen. Als Darina auf zwei freie Stühle am großen Panoramafenster zuging, winkte Enid Carter ihr aufgeregt zu. „Haben Sie bemerkt, dass wir in die falsche Richtung fahren?“

„Was meinen Sie?“, fragte Darina und blickte aufs Meer. „Ich bin mir sicher, dass wir geradeaus fahren!“

„Aber wir haben gewendet. Alles wegen dieses vermissten Offiziers. Er hat sich nach einem Streit um eine Frau ins Meer geworfen!“

„Gütiger Himmel!“ Darina ließ sich neben Enid auf den Stuhl fallen. „Sind Sie sicher?“ Sie sah William an, als müsse er die Wahrheit kennen.

Er wünschte sich, er könne eine beruhigendere Antwort geben. „Sie suchen wohl nach ihm, und Enid hat durchaus recht, das Schiff scheint in die Richtung zu fahren, aus der wir kommen.“

„Er hatte auf jeden Fall einen Streit mit einem der anderen Offiziere. Das hat mir jemand erzählt, der dabei war.“

„Wir waren auch da“, sagte Darina. „Was haben Sie gehört?“

„Sie waren dort? Oh, nun, dann wissen Sie ja alles.“ Enid klang enttäuscht.

„Sagen Sie uns, was Sie gehört haben“, sagte William. Niemand wusste besser als ein Polizist, wie Berichte über einen Vorfall beim Weitererzählen verzerrt wurden. Es wäre interessant zu hören, was hieraus geworden war.

„Nun ...“ Enid fand ihre ursprüngliche Begeisterung wieder und lehnte sich vor. Sie schien nicht zu bemerkten, dass sich ihre Weste zwischen dem Kissen und der Seite des Sessels verfangen hatte und sich jetzt von ihrem Rücken zog. „Anscheinend“, sagte sie in vertraulichem Ton, „hat Mr. Burrell, der Lagermeister, seine Freundin, die Kreuzfahrtdirektorin, in der Oyster Bar bei einem innigen Kuss mit einem anderen Offizier erwischt. Wie hieß er noch? Smith? Spring? Nein, Summers, das war’s.“ Sie machte eine kurze Kunstpause. „Mr. Burrell zerrte den Offizier also auf die Beine, sagte, dass er ein untreuer Bastard sei, und schlug ihn.“ Eine weitere Pause. Weder William noch Darina unterbrachen sie. „Dann schlug er Karen und der andere Offizier schlug ihn. Es gab eine richtige Schlägerei! Als sie vorüber war, schwor Mr. Summers, dass er Mr. Burrell töten würde, und Karen sagte, dass sie von ihnen beiden nichts mehr wissen wolle. Was halten Sie davon?“, fragte Enid am Ende triumphierend.

Darina und William sahen sich an. Dann sagte William: „Es tut mir leid, aber es war nicht wirklich so dramatisch.“ In wenigen Worten erklärte er Enid, was sie gesehen hatten.

„Na ja“, sagte sie unverzagt, „es ist trotzdem ernst. Er wird sicher vor den Kapitän zitiert – und was den Ersten Offizier angeht, ich kann mir nicht vorstellen, was aus ihm wird. Trotzdem verstehe ich nicht ganz, warum sie das Schiff gewendet haben. Ich wette, Mr. Burrell hat seine Sorgen in Alkohol ertränkt und ist dann irgendwo bewusstlos geworden. Sie werden ihn finden.“

„Das hoffe ich“, sagte William und dachte, dass sie vielleicht den Nagel auf den Kopf getroffen hatte.

„Oh, schauen Sie, da sind Jim und Mary French.“ Enid winkte ihnen zu, so wie sie es bei Darina und William getan hatte. „Ich muss zu ihnen und herausfinden, was sie gehört haben. Es macht Ihnen doch nichts aus, wenn ich Sie beiden jungen Dinger alleine lasse?“ Sie nahm ihre Zustimmung als selbstverständlich hin und ging zu dem anderen Paar hinüber, das sich in einer ruhigen Ecke niedergelassen hatte.

„Glaubst Du wirklich, dass es so passiert ist?“, fragte Darina William.

„Du meinst, dass er im Alkoholrausch in irgendeiner dunklen Ecke liegt? Weiß der Himmel.“

„Er schien gestern Abend so nett zu sein.“ Darinas Gesicht legte sich qualvoll in Falten. „Ich dachte, dass der Streit schon schlimm genug war, der andere Offizier wirkte so ... so herrisch. Ich bin mir sicher, dass das nur geschah, weil er die Fassung verloren hat. Ich hoffe, dass Phil Burrell gefunden wird.“

William konnte nur zustimmen. Er sah zu, wie Darina ihr Buch öffnete und sich mehr und mehr in Rezepte vertiefte.

Sein eigenes Buch war die Autobiographie einer Schiffskellnerin, die den Untergang der Titanic überlebt hatte. Es hatte interessanter ausgesehen als die soziologischen Folgen der Strafgesetzgebung. Er blätterte durch die ersten Seiten und dachte dann darüber nach, welchen Stellenwert Arbeit in den Leben der Menschen einnahm. Darina und er hatten beinahe einen ernsten Streit über seine gedankenlosen Worte gehabt, die ihre Karriere schlechtgemacht hatten. Jetzt ging es um den Lagermeister, dessen Arbeits- und Privatleben so miteinander verschlungen waren, dass das ganze Schiff Gefahr zu laufen schien, in ein persönliches Drama verwickelt zu werden. Dann war da noch der ehemalige Landwirt, Michael Harwood, der in einem Alter, in dem sich die meisten Männer auf den Ruhestand freuen, so offensichtlich den Verlust seiner Lebensgrundlage beklagte. Da er in einer Polizeitruppe auf dem Land gearbeitet hatte, wusste William aus erster Hand, wie schwer das Leben eines Landwirtes war und dass es für die meisten sehr viel mehr als ein Beruf war. Und was war mit der Lottogewinnerin, Shona Mallory, die ihren gesamten Gewinn an ihren Berufsstand überschrieb? Welcher wissenschaftliche Bereich hatte derart ihre Loyalität gewonnen, dass sie Geld dafür hergab, Geld, das die meisten Menschen als Chance begreifen würden, endlich den Lebensstil zu erreichen, von dem sie zuvor nur träumen konnten? Und ja, er dachte an Enid Carters Kommentar gestern beim Tee zurück: Was hielt ihre Familie von dieser Entscheidung? Waren sie miteinbezogen worden, hatten sie sie dazu ermutigt, oder bauten sich Spannungen zwischen ihr und ihren Liebsten auf?

William sah seine Frau an, die sich allem Anschein nach in dem Kochbuch verloren hatte, das sie in der Bücherei gefunden hatte. Sie engagierte sich sehr für ihre Karriere.

Was war mit ihm selbst? Wie engagiert war er in seinem Beruf? Vor ein paar Jahren hätte William gesagt, dass er so ehrgeizig war wie jeder andere. Und jetzt? Er dachte nach. Der Alltag der Polizeiarbeit interessierte ihn so sehr wie eh und je, es war die endlose Bürokratie, die ihn fertigmachte. Das und die Schwierigkeiten bei der Leitung seiner Untergebenen. Die Hälfte der Zeit, die er an einer Ermittlung arbeiten sollte, musste er Papierkram erledigen und Personalprobleme lösen. Die strengen Hierarchien zwischen den höheren Beamten und den Untergebenen waren in manchen Situationen vorteilhaft, in anderen sehr kompliziert. Die Polizei war wirklich ein Dienst, der dem Heer oder der Marine sehr ähnelte.

Mit der Marine war er wieder bei dem Problem des Lagermeisters. William dachte erneut an die Aufrufe, die ihn ins Büro des Chefstewards zitierten. Wurde er wirklich vermisst? War er nicht in der Lage gewesen, sich den Konsequenzen seiner Auseinandersetzung mit dem Ersten Offizier zu stellen und hatte sich versteckt? Wahrscheinlicher war es, dass Enid Carter recht hatte und er Zuflucht im Alkohol gesucht hatte. Doch dem Ersten Offizier blühte noch Schlimmeres. Vielleicht würde bald auch er ausgerufen werden.

„Ich glaube, ich muss mir einen Pullover holen, es ist nicht so warm wie ich dachte.“ Darina rieb sich die nackten Arme. „Ich hätte etwas mit langen Ärmeln anziehen sollen.“

William betrachtete genussvoll die kurzärmelige Bluse und die Jeans, die sie trug. Zu häufig wählte sie locker anliegende Kleidung und verbarg damit ihre langen Beine und entzückenden Kurven. „Du bleibst hier sitzen, ich werde dir einen holen“, sagte er.

„Danke, Liebling.“ Darina gab ihm Anweisungen, wo er den Pullover finden konnte, den sie wollte.

Nachdem er die Lounge verlassen hatte, begab William sich auf eines der Oberdecks. Die See sah etwas ruhiger aus. Frische Luft war ein verlockender Gedanke, vielleicht wären die Türen zum Außendeck offen.

Das waren sie und die Sonne brach wässrig durch die Wolken, als er sich zum Heck des Schiffes begab, wobei er bemerkte, dass es sich immer noch auf dem Rückweg Richtung Southampton befand. Dann wurde ihm bewusst, dass um ihn herum Betrieb herrschte. Matrosen öffneten verschiedene Türen und Schränke und verschoben die Liegestühle. Wenn ihn jemand gefragt hätte, was hier vorging, hätte er geantwortet, das sei eine besonders gründliche Durchsuchung des Schiffes.

Wo war Phil Burrell? Immer noch an Bord? Oder war er sozusagen vorzeitig von Bord gegangen?

Kapitel 10

Menschen verließen in einem langsamen Strom das Schiffstheater. Die ersten Vorträge über die Häfen waren vorüber.

„Willst du jetzt dieses, wie war der Name noch gleich, Sandan besichtigen?“, fragte Daphne Rawlings.

„Ich glaube, man spricht das ‚e‘ am Ende mit“, sagte Shona Mallory. „Und in der Mitte heißt es ‚ah‘. Sandahne.“

„Warst du schonmal dort?“, fragte Daphne träge und hielt an, um in das Schaufenster zu sehen, in dem paillettenbesetzte Oberteile und Pullover mit dem Logo des Schiffes ausgestellt waren.

„Nein, aber wir haben einen Norweger im Büro, ich bin mit ihm vor ein paar Wochen den Reiseplan durchgegangen und habe ein paar Sätze gelernt.“

„Offensichtlich mehr als unser Hafendozent“, murmelte Daphne.

Shona fragte sich, ob Daphne in den Laden gehen wollte, sie betrachtete die Auslagen sehr aufmerksam. Das Letzte, was sie jetzt tun wollte, war Andenken auszuschauen, die sie keinesfalls kaufen würde, oder Kleider zu betrachten, die sie in einer Million Jahre nicht tragen würde.

Zahlreiche Passagiere sahen das Stöbern aber als einen angenehmen Zeitvertreib an und drängten sich an ihnen vorbei in den hell erleuchteten Innenraum, in dem Schilder mit Angeboten für Kameras und Porzellantassen mit dem Logo des Schiffes lockten.

Daphne beendete ihre Inspektion. „Ich fürchte, da ist nichts, was mich interessiert. Geschäfte verraten einem immer so viel über ihre Kunden, findest du nicht?“

Shona war gleichermaßen erleichtert wie belustigt, und lachte. „Du meinst, du hast keine besonders hohe Meinung vom Modegeschmack unserer Mitpassagiere.“

„Du etwa?“ Daphne sah sich verächtlich in der ausgedünnten Menge um. „Wenn wir im Mittelmeer oder der Karibik unterwegs wären, würden wir einige richtig schicke Passagiere sehen.“

„Du weißt, dass bei mir alle Hoffnung verloren ist, wenn es um Kleidung geht. Wenn ich nicht deine Anleitung hätte, würde ich mit den schlimmsten Second-Hand-Verfechtern konkurrieren. Lass uns irgendwo einen ruhigen Sitzplatz finden, diese Dünung macht das Laufen ganz schön anstrengend. Eine Tasse Kaffee wäre auch gut.“

„Wird Paul zu uns stoßen?“

Shona bewegte sich und dachte, dass sie, wenn jemand die enttäuschte und doch spöttische Bewegung ihrer Lippen in Worte gefasst hätte, behauptet hätte, diese Worte noch nie gehört zu haben. „Ich bezweifle es. Er ist zu dem Bridge-Vortrag gegangen und meinte, das sei eine ideale Gelegenheit, seine Technik aufzufrischen. Ich gehe nicht davon aus, dass wir ihn vor dem Mittagessen wiedersehen.“

Sie fanden zwei gemütliche Sessel in einer Lounge, in der eine Kellnerin in schicker Uniform anbot, ihnen Kaffee zu bringen.

„Die Crew ist besser gekleidet als die meisten Passagiere“, bemerkte Daphne, als die Kellnerin mit ihrer Bestellung davonging.

„Du hättest etwas von deinem Warenbestand mitbringen sollen, um dem Laden Konkurrenz zu machen.“

„Mich an den Mast zu binden oder über die Planke zu schicken wäre noch zu gut für mich, wenn ich so etwas versuchen würde!“

Shona sah ihre Freundin an. Daphne war heute lässig, aber elegant gekleidet, mit einer marineblauen Hose und einem weißen Pullover, der mit schrägen marineblauen und türkisen Streifen verziert war. Große Emaille-Ohrringe in dunkelblau und Gold verliehen ihrer sonnengebräunten Haut und dem blonden Haar Brillanz. Die Haare waren raffiniert geschnitten, sodass sie ihren Kopf in scheinbar unfrisierten Locken umwehten.

„Wie lange brauchst du am Morgen, um dir Gesicht und Haare zu machen?“, fragte Shona plötzlich.

Daphne löste ihre Aufmerksamkeit von den Passagieren, die sie beobachtet hatte. „Gütiger Himmel, was für eine Frage! Warum in aller Welt willst du das wissen?“

„Oh, ich weiß nicht. Doch, ich weiß es“, sagte Shona ehrlich. „Ich hoffe, dass es ernstzunehmenden Aufwand benötigt, um so wundervoll auszusehen wie du. Aber ich fürchte, das tut es nicht“, fügte sie klagend hinzu. „Ich meine, du siehst selbst nach dem Training noch gut aus.“

Shona hatte Daphne Rawlings im Fitnessclub in der Nähe ihres Wohnortes in Surrey kennengelernt. Da sie sich bewusst war, dass jetzt mit Mitte vierzig ihre körperliche Energie schrittweise nachlassen würde, hatte sie beschlossen, dass regelmäßiges Training notwendig war. Golf dauerte zu lange und fürs Tennis brauchte man andere Menschen, doch ein Aerobic-Kurs im örtlichen Fitnessclub schien die ideale Lösung zu sein. Paul verbrachte die Mittwochabende beim Bridgespiel in einer Gruppe von vier Männern, und hatte schon länger vorgeschlagen, dass sie sich an diesem Abend eine Beschäftigung suchen sollte.

Shona hatte sich für einen Abend anstrengender Aktivitäten angemeldet; dass sie Freundschaften mit Frauen schließen könnte, die dasselbe taten, hatte sie nicht bedacht. Freundschaft war etwas, das Shona nicht wirklich verstand. Doch am ersten Abend, an dem sie in den Kurs ging, hatte Daphne sie aufgelesen.

„Nachdem wir tugendhaft unsere Übungen gemacht haben, gehen wir zusammen auf einen schnellen Drink runter ins Lokal, ehe wir nach Hause gehen. Wie wäre es, wenn Sie sich uns anschließen?“, hatte Daphne vorgeschlagen, als sie sich umzogen und in dem gut ausgestatteten Umkleideraum Turnanzüge und Leggins ablegten.

Shonas erste Reaktion war es gewesen, vor der vorgeschlagenen Intimität zurückzuschrecken. Sie sagte, dass sie nach Hause müsse, entschied sich dann aber um. Wohin musste sie zurückkehren? Paul würde erst spät nach Hause kommen, ihre Putzhilfe Mrs. Warren hatte gründlich abgeschlossen, Julian lebte nicht länger zu Hause und die Arbeit, die sie sich aus dem Büro mitgebracht hatte, konnte warten. Sie war sich plötzlich der spartanischen Isolation in einem Großteil ihres Lebens bewusst. „Warum nicht?“, sagte sie mit einem Lächeln, das sie erst später als dankbar einstufen konnte.

Fünf von ihnen waren zum Pub gegangen. Zwei Anwältinnen, eine Buchhalterin und Daphne, die, wie Shona bald erfuhr, eine elegante Boutique an der örtlichen Hauptstraße führte. Die anderen Frauen schienen alle ihre Kundinnen zu sein. Erst dachte Shona zynisch, dass Daphne den Fitnessclub zur Vernetzung benutzte und dass Daphne sie eingeladen hätte, um sie in ihren Laden zu locken.

Doch selbst wenn es so war, hatte Shona an diesem ersten Abend viel Spaß gehabt. Seit der Universität hatte sie sich nicht mehr mit intelligenten Frauen getroffen und mit ihnen gemeinsam eine gute Zeit gehabt.

Entgegen aller Erwartungen war Daphne ihre Freundin geworden, denn sie verkehrte eigentlich nie viel mit anderen Menschen und verachtete Frauen, die das Aussehen für wichtig hielten. Zum ersten Mal hatte Shona die Freude daran entdeckt, die kleinen Katastrophen des Alltags zu teilen und Bestätigung für ihr Verhalten zu bekommen. Shonas Erfahrung nach hatte kein Mann je diese Rolle verstanden.

Nicht einmal Paul. Er nahm meistens alles, was sie ihm erzählte, für bare Münze, sodass sie sich am Ende für ihre Handlungen rechtfertigte, statt gesagt zu bekommen, dass sie nicht an sich zweifeln solle. Sie hatte aufgehört, ihm von ihrem Tag zu erzählen, und sich stattdessen seine Taten angehört.

Bei Daphne konnte sie sich auf deren Sympathie verlassen, und auf eine geteilte Auffassung davon, wie dumm andere Menschen sein konnten. Nach ein paar Wochen hatte Daphne vorgeschlagen, dass Shona ihren Pagenschnitt kurz schneiden ließ und überzeugte sie dann, schmeichlerischere Kleidung anzuziehen als die schrecklich schlichten Hosenanzüge der Modeketten, die sie üblicherweise trug. Bald darauf telefonierten sie zwischen den Mittwochabenden, dann spielten sie Sonntagnachmittags Golf, zusammen mit Paul und wer noch im Club zur Verfügung stand.

Bei einem Gespräch über die Unzulänglichkeiten der Männer hatte Shona Daphne nach ihrem Ex-Mann gefragt. Doch Daphnes üblicher Informationsquell war versiegt. Stattdessen sagte sie nur: „Schätzchen, er war grauenhaft. Ein gewöhnlicher, kleiner Mann. Er war der große Fehler meines Lebens. Ich kann nur sagen, dass ich die Ehe damals für besser als ein Single-Leben hielt, und er schien eine geeignete Wahl zu sein. Grosse erreur!“ Daphne hatte die Angewohnheit, gelegentlich französische Phrasen in ihre Gespräche einzustreuen. Shonas erster Gedanke war, dass sie in Frankreich gelebt haben musste.

„Ich wünschte, es wäre so!“, hatte Daphne mit tiefempfundenem Sehnen gesagt, als sie das andeutete. „Ich glaube, ich bin nur dann wirklich glücklich, wenn ich in Frankreich bin. Das Land, das Essen, der Wein, der Lebensstil, alles ist très très sympa. Doch ich hatte nie die Gelegenheit, dort zu leben. Leider nicht. Ich fahre einfach hin, wann immer ich kann.“

„Es tut mir leid, dass wir nicht nach Frankreich fahren konnten“, sagte Shona jetzt entschuldigend zu Daphne, als ihr Kaffee kam. „Das ist Pauls Schuld. Ich dachte, er würde sich darum reißen, in ein Luxushotel an der Côte d’Azur zu fahren. Doch er sagte, dass er schon immer den Alltag an Bord eines Schiffes erleben und die norwegischen Fjorde sehen wollte. Und er sagte, Südfrankreich sei im Sommer schrecklich“, fügte sie noch defensiver hinzu.

„Es ist nie schrecklich“, murmelte Daphne und trank einen Schluck von ihrem Kaffee. Dann sah sie mit einem leicht verdutzten Stirnrunzeln auf. „Paul sagte, dass er Norwegen sehen wollte? Ich dachte, er hätte gesagt, du wollest da hin und er hätte es für eine gute Idee gehalten.“

Shona konnte sich nicht erinnern, je etwas über Norwegen gesagt zu haben. Typisch Paul, dachte sie etwas gereizt, ließ es so erscheinen, als sei das Geschenk, dass sie ihm gemacht hatte, etwas für sie.

„Und es ist wundervoll hier“, fuhr Daphne fort, während sie sich in der vertäfelten Lounge umsah, die zur Hälfte mit schläfrigen oder lesenden Passagieren gefüllt war. „Obwohl ich mich an die Zeit erinnert fühle, als Dorothy Parker erfuhr, dass Präsident Coolidge tot war und fragte: ‚Wie können Sie da sicher sein?‘ Wo sind die jungen Menschen, oder wenigstens die im mittleren Alter? Als ich auf einem Kreuzfahrtschiff gearbeitet habe, waren sie überall!“ Dann wirkte sie, als hätte sie sich gerne die Zunge herausgebissen.

„Du hast auf einem Schiff gearbeitet?“ Shona griff den Kommentar sofort auf. „Das hast du mir nie erzählt.“

„Keiner meiner glorreicheren Lebensabschnitte.“ Daphne sah tatsächlich beschämt aus. „Das war direkt nachdem ich mich von meinem Ehemann getrennt hatte. Ich brauchte Arbeit, jemand sagte mir, dass eine Schiffsboutique Mitarbeiter brauchte und es schien die perfekte Lösung zu sein.“

„Und war es das?“, drängte Shona.

„Na ja, ich habe die Häfen genossen, es war eine Weltreise, Orte, die ich schon immer besuchen wollte, wie Singapur und Hongkong – die Einkaufsmöglichkeiten, meine Liebe! – und manche der Passagiere waren unterhaltsam. Doch als wir zurück nach Hause kamen, war die Scheidung durch, ich bekam meine Ausgleichszahlung und konnte meine eigene Boutique eröffnen, so sagte ich dem Schiffsleben ohne Bedauern Lebwohl.“

Shona war nicht an den anderen Passagieren interessiert. Ihre kleine Gruppe war eine eigenständige Einheit. Dann wurde ihr mir Verspätung klar, dass das für Daphne möglicherweise nicht galt. „Du hast ohne Zweifel gehofft, ein oder zwei geeignete, alleinstehende Männer kennenzulernen“, sagte sie etwas steif. Sie dachte nicht gerne daran, dass Daphne mehr Gesellschaft als die ihre brauchte.

Daphne schenkte ihr ein herzliches, offenes Grinsen, das ihr Gesicht erhellte. „Die machen nur Probleme, Liebes! Oh, ich bestreite nicht, dass ich dankbar wäre, wenn mir ein wirklich attraktiver, wirklich wohlhabender Mann über den Weg laufen würde. Doch bis dahin bin ich absolut begeistert, dich und Paul als Gesellschaft auf diesem entzückenden Schiff zu haben, mit dieser faszinierend klingenden Reise vor uns. Wenn das Schiff nur aufhören könnte, sich so viel zu bewegen!“, fügte sie mit einer leichten Grimasse hinzu.

„Du bist doch nicht seekrank, oder?“, wollte Shona leicht alarmiert wissen, sie konnte nicht gut mit Krankheit umgehen.

„Nichts, was ein Brandy später nicht beruhigen würde.“

„Unsinn später, jetzt!“ Shona winkte der Kellnerin zu und bestellte einen großen, erlesenen Brandy.

„Wundervoll, wenn einem sogar die kleinsten Wünsche erfüllt werden“, sagte Daphne mit ironischem Unterton.

„Oh je, bin ich bevormundend?“

„Du musst aufhören, dich zu entschuldigen. Ich meinte nur, dass es schön ist, so umsorgt zu werden. Du und Paul, ihr seid so lieb, mich mitzunehmen.“

„Wir genießen deine Gesellschaft“, versicherte Shona ihr, um ihre Empfindlichkeit abzumildern. „Doch du musst nicht das Gefühl haben, mir dauernd danken zu müssen“, fügte sie ernst hinzu. „Dich bei uns zu haben war mein Wunsch. Du hast mir in den letzten drei Jahren so viel gegeben, mehr als ich je zurückgeben kann.“

Shona meinte das so. Mit Daphne Freundschaft zu schließen war so aufregend und angenehm wie sich in Paul zu verlieben – aber natürlich auf eine ganz andere Art.

„Hör zu.“ Daphne lehnte sich vor und legte eine Hand auf Shonas Knie. „Wie du mich in deine Familie aufgenommen hast, das ist wirklich eine Freude.“

Paul hatte Daphne zuerst nicht sympathisch gefunden. „Nichts als Gin und Golfclub“, hatte er gesagt, nachdem sie zum ersten Mal zum Abendessen bei ihnen gewesen war. „Ich weiß nicht, was du in ihr siehst.“

„Weil du nur ihre gesellschaftliche Seite gesehen hast“, hatte Shona ihm erklärt. Sie war sehr enttäuscht gewesen, dass die Unterhaltung nicht über das oberflächliche Geplauder hinausgegangen war, das ihr die Gesellschaft in Surrey so verleidet hatte, in die Paul sie eingeführt hatte, als sie zusammenkamen. Nach der vierten Dinnerparty, bei der sie waren, hatte sie sich beschwert: „Was bringt es, wertvolle Zeit mit Diskussionen über den Zustand der Greens im Golfclub zu verbringen, oder dass die Hauptstraße nachgelassen hat, wie die Immobilienpreise im Augenblick stehen und wie sie hingegen nächsten Monat aussehen könnten? Es wäre schöner gewesen, den Abend einfach gemeinsam zu Hause zu verbringen.“ Sie hatte seinen Arm gestreichelt, während sie das gesagt hatte. Sie, die sonst physischen Kontakt zu anderen verabscheute. So sehr hatte er sie beeinflusst.

„Du hättest kochen müssen“, hatte Paul sie geneckt.

Ja, in der Tat! Paul war der erste, der zugab, dass er Shona nicht ihrer Kochkünste wegen geheiratet hatte. Shona wollte wissen, was ein so charismatischer Mann an ihr anziehend fand. Sie, die so schlicht und ohne gesellschaftliche Grazie war.

„Du verleihst mir Bedeutung“, hatte er gesagt, als sie ihn das zum ersten Mal gefragt hatte. „Du machst es offensichtlich, dass mehr in mir steckt als der allglatte PR-Parasit.“

Er hatte gelächelt, als er das gesagt hatte, doch ausnahmsweise glaubte Shona nicht, dass er scherzte. Da war eine Spur Ehrlichkeit an ihm, diese Direktheit, die sie seine Einladung zum Abendessen annehmen ließ, als sie sich bei der zweiten Hochzeit ihrer Cousine Natalie kennengelernt hatten.

Sie war auf die Terrasse hinausgeschlendert und hatte sich an ihr Champagnerglas geklammert, als könnte es ihr von einem Terroristen entrissen werden. Dort hatte sie Paul gefunden. Oder er hatte sie gefunden.

„Natürlich will er dich“, hatte Natalie gesagt, die auch drei Monate später noch ganz vernarrt in ihren neuen Ehemann war. „Du bist Forschungsdirektorin an einer der besten wissenschaftlichen Einrichtungen des Landes. Du wirst von ernstzunehmenden Zeitungen interviewt. Du gehörst zum intellektuellen Establishment und ihn würden sie keines zweiten Blickes würdigen. Du bist eine bessere Vorzeigefrau als irgendein langhaariges Flittchen. Das Wundersame daran ist, dass du in Erwägung ziehst, dass er etwas hat, das dich interessiert. Werd erwachsen, Shona, in zehn Monaten wird er dich langweilen und das kommt von jemandem, der es wissen muss!“

Doch Paul hatte sie nie gelangweilt. Vielleicht, weil sie am Ende des Tages lieber abschalten wollte als tiefgründigen und bedeutsamen Diskussionen nachzugehen (tiefgründige und bedeutsame Diskussionen waren nicht Pauls Stärke). Und er brachte sie zum Lachen. Trotzdem genoss sie es, die Dinge des Lebens mit Daphne und ihrer Gruppe zu besprechen, und es war eine Schande, dass Daphne diese Seite von sich nicht gezeigt hatte, als sie zum Abendessen gekommen war.

Doch Shona hatte durchgehalten und schließlich hatte Paul eingeräumt, dass mehr an Daphne war, als er zuerst geglaubt hatte.

„Shona“, sagte Daphne plötzlich, als ihr Brandy eintraf, „willst du immer noch deinen gesamten Lottogewinn an die Forschung geben?“

„Oh, Daphne“, seufzte Shona, „das haben wir doch alles schon durch.“

„Ich weiß, dass du schrecklich idealistisch bist, Geld für die Wurzel alles Bösen hältst und meinst, dass es deine Beziehung mit Paul beenden würde, aber wird es die Beziehung nicht auch unter Druck setzen, wenn du alles weggibst?“

„Wenn ich nicht wüsste, dass das Geld so viel Gutes bewirken wird, würde ich mir wünschen, das Los nie gekauft zu haben!“, sagte Shona aggressiv. So aggressiv, dass den beiden interessierte Blicke zugeworfen wurden, obwohl natürlich niemand genau verstanden haben konnte, worüber sie gesprochen hatten.

„Warum hast du es gekauft?“, fragte Daphne, während sie das Brandyglas so vorsichtig in der hohlen Hand erwärmte, als wäre es ein Ei und sie die Henne.

„Weil ich das Geld brauchte, um meine Stiftung zu gründen. Die Lotterie war meine einzige Hoffnung, wo hätte ich sonst so eine große Summe herbekommen sollen? Ich hatte nie erwartet, so viel zu gewinnen, aber ich konnte träumen. Und ich habe Paul erklärt, dass wir einen großartigen Urlaub machen, wenn ich eine wirklich große Summe gewinne, dass er aber nicht glauben sollte, es würde unser Leben umkrempeln. Ich habe gesehen, was Geld anrichten kann, und ich will nicht, dass uns das je passiert.“

„Was hast du denn gesehen?“ Daphne stürzte den Brandy herunter und bedeutete der Kellnerin, dass sie gerne einen weiteren hätte.

Shona wünschte sich, nicht so übereilt gesprochen zu haben. „Ich kannte mal jemanden, der von zu viel Geld ruiniert wurde“, sagte sie nach einer Pause.

In Gedanken sah sie ein deutliches Bild von Charlie vor sich. Der schöne, charmante Charlie, der das Leben so unterhaltsam gemacht hatte; mehr noch, durch ihn hatte sie sich wie jemand Besonderes gefühlt. „Du bist ein reiner Kristall“, hatte er gesagt. „Viel kostbarer als Gold.“ Seine Sammlung aus Kristallen war behutsam auf einem langen Couchtisch ausgelegt; er behauptete, sie würden sein Leben für ihn filtern.

Mit ihren unschuldigen neunzehn Jahren hatte Shona erst langsam verstanden, dass sie Teil von Charlies Rebellion gegen seine reiche Familie und ihre anerkannten gesellschaftlichen Gepflogenheiten war. Als alles vorbei war und sie viel Weisheit über Menschen und die Welt erlangt hatte, hatte sie sich so gesehen, wie sie war: ein verklemmtes, schüchternes, intelligentes Mädchen aus einer Arbeiterfamilie, dessen Vater sie geschlagen hatte, wenn ihre Hausaufgaben unter das gewünschte Niveau absanken.

Genau das hatte Charlie angezogen. Er hatte gesagt, dass sein Vater ihn psychisch geschlagen hätte, indem er seine Erwartungen auf Charlies Schultern geladen hatte. Shona sei seine Zuflucht, hatte er gesagt.

Da hatte sie ja eine tolle Zuflucht abgegeben! Aber vielleicht hätte ihn niemand vor dem Schaden retten können, den seine Flucht in die Drogen verursacht hatte. Zum Ende hin beschimpfte er sie, weil sie ihn nicht verstand, weil sie sich seinen Angewohnheiten gegenüber so rechtschaffen verhielt. „Du liebst mich gar nicht wirklich“, hatte er verbittert geklagt.

Es hatte Shona zerrissen. Sie hatte so heftig darum gekämpft, ihn zu der Einsicht zu bringen, dass er sie beide aufgegeben hatte. Seine Familie hatte ebenfalls gekämpft, aber indem sie einen teuren Anwalt engagiert hatten, der ihn aus seinen Schwierigkeiten herausholte. Als er zum Beispiel versucht hatte, aus Indien eine große Menge Cannabis ins Land zu schmuggeln. Und als er wegen Diebstahls verhaftet worden war, weil sie ihm die finanzielle Unterstützung gestrichen hatten. Obwohl er behauptete, er würde all ihre Mittelklasse-Werte ablehnen, hatte er immer gewusst, dass sie für ihn da waren, dass sie ihn nicht ins Gefängnis gehen lassen würden.

Doch am Ende hatte auch all ihr Geld nicht geholfen. Charlie war dem Untergang geweiht. Er wusste es und tat, was er für den einzigen Ausweg hielt.

War das der Punkt, ab dem Shona niemanden mehr an sich herangelassen hatte, bis sie so viele Jahre später Paul kennenlernte?

„Wer war es?“, fragte Daphne erwartungsvoll. „Wessen Leben wurde vom Geld ruiniert? Er muss dir wichtig gewesen sein.“

Manchmal konnte Daphne zu aufdringlich sein. „Es ist lange her“, sagte Shona abweisend. „Ich kannte ihn nur kurz.“

Sie war seit über vier Jahren mit Paul verheiratet und die waren wie im Fluge vergangen. Im Gegensatz dazu schienen die zwei Jahre mit Charlie Jahrzehnte gedauert zu haben. So viel Leidenschaft, Enttäuschung, Frustration, gebrochene Herzen und der finale, betäubende Schmerz, der drohte, sie völlig zu zerstören.

Daphne sah sie skeptisch an, schien aber zu begreifen, dass sie nichts gewinnen konnte, wenn sie in dieser Situation auf mehr Informationen drängte. „Also verwehrst du deiner Familie, von deinem Glück zu profitieren, weil du mal einen verwöhnten, reichen Bengel kanntest.“

Shona war plötzlich alarmiert. „Hat Paul dich darauf angesetzt?“, fragte sie Daphne.

Der anderen Frau blieb eine sofortige Antwort erspart, weil der Brandy gebracht wurde.

Nachdem die junge Frau wieder fort war, sagte sie: „Du glaubst doch nicht wirklich, dass Paul so etwas mit mir besprechen würde, oder? Aber ich sehe, wie es an ihm nagt, dass du nicht das Kapital zur Verfügung stellen willst, das er braucht, um sein Geschäft zu retten. Und wie Julian dir verübelt, dass du seine Karriere anschieben könntest, es aber nicht tust.“

Wow!, dachte Shona bestürzt. Wirkt es so auf andere?

„Hör mal“, sagte sie abrupt, „das geht nur uns etwas an und sonst niemanden.“

„Ich weiß“, sagte Daphne beruhigend. „Aber ich bin deine Freundin und ich kann nicht zusehen, wie du dein Leben ruinierst, ohne etwas dazu zu sagen.“

„Das denkst du?“ Shona starrte sie an. „Dass ich mein Leben ruiniere?“

„Das Leben von euch allen“, mahnte Daphne.

„Das ist das Problem mit Geld“, sagte Shona verbittert. „Sobald viel davon vorhanden ist, denken die Menschen, sie haben ein Recht darauf. Und es vergiftet alles.“

„Du bist eine unnachgiebige Frau, Shona“, sagte Daphne.

„Wenn ich das bin, ist es nur zu unserem Besten. Ich werde Julian keine Musikagentur finanzieren, denn wenn ich das täte, würde sie scheitern. Er hat weder die Erfahrung, noch die Kontakte. So muss er sich nach oben arbeiten und wenn er Erfolg hat, und ich hoffe wirklich, das hat er, wird er all das ganz allein erreicht haben. Was Paul angeht ...“ Sie zögerte einen Augenblick, aber sie hatte schon zu viel gesagt, um nicht fortzufahren. „Wäre es nett, ihm zu ermöglichen, ein zweites Mal zu scheitern? Seine Firma geht pleite, weil er ein hoffnungsloser Geschäftsmann ist. Ich sagte ihm, dass ich seine Gläubiger ausbezahlen werde, aber ich werde ihm nicht das Kapital für einen Neuanfang geben, weil ich weiß, dass er diesmal ein noch größeres Chaos verursachen würde. Ich bin realistisch, Daphne, und wenn mich das unnachgiebig macht, nun, dann tut es mir leid, aber dann ist das eben so. Ich bin nicht bereit, Kompromisse einzugehen. Paul und Julian große Summen zur Verfügung zu stellen würde sie nur ruinieren.“

Daphne atmete scharf ein. „Mein Gott, hast du Paul das wirklich gesagt?“

Zum ersten Mal fragte Shona sich, ob es schlauer gewesen wäre, die Sache abzuschließen, als sie sich mit Paul gestritten hatte. Vielleicht hätte sie ihm sogar zweihunderttausend Pfund geben sollen? Aber das hätte nicht gereicht. Es kostete Hundertausende, seine Gläubiger auszubezahlen, und sie brauchte ihren ganzen Gewinn, wenn die Stiftung, die sie plante, erfolgreich ihre Ziele verfolgen sollte. „Hör mal“, sagte sie zu Daphne, „ich habe Paul gesagt, dass er ein sehr guter PR-Berater ist, und wenn er für jemand anderen arbeiten würde, wäre er brillant. Er hat Job-Angebote bekommen, na ja, ein Angebot.“

„Von einem Jungen, der nicht weiß, wie die Uhr tickt“, sagte Daphne verbittert.

„Das hat er dir erzählt?“ Shonas Stimme war brüchig. „Wann war das?“

Daphne schien sich plötzlich unbehaglich zu fühlen. „Oh, ich weiß nicht. Neulich, als ich zum Abendessen da war, du musst wohl gerade aus dem Zimmer gegangen sein.“

Shona war nicht bewusst gewesen, dass Paul eine so enge Freundschaft zu Daphne pflegte.

„Er hat eigentlich nur angegeben“, fuhr Daphne eilig fort. „Du weißt schon, erzählen, dass er angeworben wurde, du weißt doch, wie Paul redet!“

Das klang schon nach der Wahrheit. „Da hast du’s, er hat es selbst zugegeben! Dass er eine Stelle finden muss, anstatt zu versuchen, seine eigene Firma zu leiten.“

Daphne sah ihre Freundin völlig erstaunt an. Konnte sie wirklich nicht verstehen, was sie Paul damit antat, ihren unerwarteten Geldsegen nicht dafür zu nutzen, ihn auf den richtigen Weg zu bringen? Er könnte doch bestimmt einen richtigen Buchhalter einstellen, der ihn davon abhalten würde, die Fehler aus der Vergangenheit zu wiederholen, oder?

Wie konnte Shona das ganze Geld weggeben? Besonders für diesen Zweck.

Shona war immer ein Rätsel gewesen, das machte einen Teil der Anziehungskraft aus, die sie auf Daphne ausübte. Die meisten Menschen ließen sich zu leicht manipulieren. Wie in aller Welt hatte sie es geschafft, Paul für sich zu gewinnen? Sie war zu schlau und zu schwierig für einen gesellschaftlich so bewanderten Mann. Das dürfte Paul jetzt verstanden haben.

Daphne würde die Sache in die Hand nehmen müssen. Irgendwie musste sie Shona davon abhalten, ihrer dämlichen Stiftung das ganze Geld zu geben. Daphne war nicht nur absolut gegen ihre Ziele, sie musste auch dafür sorgen, dass Paul – und Julian natürlich, sie bezog ihn gerne in den Kreis derer mit ein, die sie bewunderten und liebten – bekam, was er verdient hatte, was sie beide verdient hatten.

Mit einem entschlossenen Schluck stürzte Daphne ihren zweiten Brandy herunter.

Kapitel 11

William machte sich auf den Weg zum Heck des Schiffes und bemerkte weitere Anzeichen dafür, dass das Schiff akribisch durchsucht wurde.

Er war erleichtert, dass er im Urlaub war und nicht Teil dieser Untersuchung! Er entdeckte den ehemaligen Polizisten, Sicherheitsoffizier Stan Dobson. Er wäre fast zu ihm gegangen, um zu fragen, was es gab. Aber er unterdrückte den Impuls. Es wäre nichts damit gewonnen, einen offensichtlich sehr beschäftigten Mann zu unterbrechen, außerdem war er im Urlaub, sagte William sich erneut.

Er blickte über die Reling auf die Wellen, die sich kraftvoll bewegten, während das Schiff hindurchpflügte. Man konnte die See nicht wirklich als rau bezeichnen, es war vielmehr, als würden die Naturgewalten spielen, entschlossen, ihre Kraft zu zeigen während sie sie unter Kontrolle hielten. Das Wasser sah sehr kalt aus, die kleinen, weißen Kronen tanzten wie Frostränder auf Winterlaub. Er stellte sich vor, von einem dieser Decks in die dunklen Tiefen zu stürzen.

Er dachte über das Tempo des Schiffes nach. Wie konnte jemand in diesen kalten Gewässern überleben? Und wie waren die Aussichten, gefunden zu werden? William war sich ziemlich sicher, dass die Antworten auf beide Fragen für einen Verunglückten keine große Hoffnung bedeuteten. Und falls der Lagermeister wirklich über Bord gegangen war, war es ein Unfall gewesen? War er absichtlich gesprungen? Oder hatte man ihn gestoßen?

Unter Deck schienen die Kabinen ebenso gründlich durchsucht zu werden. Stewards klopften an Türen und öffneten selbst, wenn keine Antwort kam.

Als er zu seiner Kabine kam, traf William dort auf Manuel. Das Bett war gemacht, das Teetablett abgeräumt, er könnte all das gerade beendet haben, aber William glaubte es nicht. „Sie haben ja ordentlich zu tun“, sagte er fröhlich, als er zu dem Schrank ging, in dem laut Darina ihr Pullover hing. Die Tür war nicht ganz geschlossen. Hatte sie sie so zurückgelassen oder hatte der Steward hineingesehen?

Der Steward murmelte etwas Unverständliches, öffnete die Tür zur Dusche, sah hinein, entschuldigte sich dann und verschwand.

William schnappte sich den Pullover, schloss die Kabinentür ab und eilte zurück zu den Oberdecks. Doch Stan Dobson war verschwunden, so wie die meisten der Matrosen. Es sah aus, als wäre die Suche abgeschlossen. Hieß das, dass man Phil Burrell gefunden hatte?

Zurück in der Lounge saß Darina immer noch dort, wo er sie zurückgelassen hatte, und Enid Carter war in ein Gespräch mit Jim und Mary French vertieft. Mehrere Pärchen hatten hergefunden und am Flügel saß Julian Mallory. Er sah lebendiger aus, als William ihn je gesehen hatte, und spielte „Memory“ aus dem Musical Cats. Tara sang dazu, während sie lässig an dem Boudoir Grand lehnte, Julians Blick mit ihrem hielt und das übrige Publikum scheinbar nicht wahrnahm.

„Man gibt ein Konzert für uns“, flüsterte Darina, als er ihr den Pullover gab.

„Das sehe ich“, antwortete er. Er setzte sich neben sie und versuchte, den vermissten Lagermeister zu vergessen.

Tara hatte eine süße und saubere Stimme. Vor einer größeren Kulisse hätte sie allerdings ein Mikrofon gebraucht, ihr Gesang hatte keine große Tragweite. Doch der Schwermut, den sie vermittelte, war ansprechend, und für William klang es, als sei sie gut ausgebildet.

Julians Klavierkünste kamen ihrem Gesang gleich.

Am Ende applaudierten einige der Gäste.

Tara verbeugte sich entzückt, dann deutete sie mit einer Hand auf den Pianisten und Julian grinste. Abseits seiner Familie wirkte er irgendwie älter und, nun ja, „verantwortungsbewusster“ war das Wort, das William in den Sinn kam.

„Was wollen Sie als Nächstes singen“, fragte Julian und sah sie ermutigend an.

Tara überlegte einen Augenblick, „Können Sie ‚I Will Survive‘ spielen?“, fragte sie.

„Natürlich.“ Ohne zu zögern spielte Julian eine kurze Einleitung, nickte ihr zu und tauchte in die Melodie ein. William kannte das Lied als Erkennungsmelodie für schwule Männer, aber Tara machte es sich zu eigen. Ganz anders als die Wehmut, die sie bei „Memory“ gezeigt hatte, war sie jetzt anzüglich und hielt nichts zurück.

Details

Seiten
0
Erscheinungsform
Erstausgabe
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783960875710
ISBN (Buch)
9783960875789
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v443083
Schlagworte
England Groß-britannien Amateur-Privat-detektiv-in Agatha Christie liebe-frauen-roman-tik-s-e-lustig-humor-voll co-zy-sy-crime-krimi Luxus-schiff-dampfer-reise-urlaub Meer-es

Autor

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    Janet Laurence (Autor)

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Titel: Mord mit Fischgeschmack (Krimi, Cosy Crime)