Lade Inhalt...

No Saint (Romantasy, Liebe)

von Susanne Halbeisen (Autor)

2018 0 Seiten

Leseprobe

Du bist spitze!

Ja, wirklich: DU. Es ist toll, Leser wie dich zu haben, die neue Formate wie unsere Love Shots ausprobieren.

Wir – das sind heute Katherine Collins, Anne Gard, Dorothea Stiller, Bettina Kiraly, Jessie Weber, Daniela Blum, Evelyn Boyd, Anna Donig, Susanne Halbeisen, Nadin Hardwiger, Mariella Heyd, Lara Kalenborn, Natascha Kribbeler, Saskia Louis, Lisa McAbbey, Dolores Mey, Annell Ritter, Linne van Sythen und Jennifer Wellen – haben uns viele Gedanken um unsere Leser gemacht.

Wir wollten etwas schaffen, das dir mehr Zeit zum Lesen gibt oder die Zeit, die du hast, noch mehr versüßt.

Versüßt mit schöner Literatur und Geschichten, die fürs Herz geschrieben sind. Wir schreiben „Bücher mit Herz“ und bei unserer Romance Alliance spielt die Liebe eine zentrale Rolle.

Mit unseren Love Shots wird dein „Unterwegssein“ (ob zur Arbeit, in die Uni oder mit der Bahn oder dem Bus) pure Unterhaltung. Wir schicken dein Herz mit unseren Geschichten auf Reisen – in andere Welten oder andere Zeiten. Mit einem Love Shot als Begleitung soll jeder deiner Wege, jede Fahrt zum Abenteuer werden. Lass dich von uns verführen.

Viel Spaß wünschen dir

Katherine, Anne, Dorothea, Bettina, Jessie, Daniela, Evelyn, Anna, Susanne, Nadin, Mariella, Lara, Natascha, Saskia, Lisa, Dolores, Annell, Linne und Jennifer

www.facebook.com/romancealliance/

https://romance-alliance.com

Über dieses E-Book

Nathalie kommt als Stewardess viel in der Welt herum, aber dennoch wünscht sie sich nichts sehnlicher, als endlich einen Mann kennenzulernen, für den sie mehr ist als ein kurzer Flirt zwischen zwei Flügen. Als sie eines Tages überraschend eine Schicht in der First Class übernimmt, erscheint plötzlich ein dämonisch gutaussehender Mann vor ihr und bittet sie um Hilfe. Im Flugzeug befinden sich drei dunkle Magier, die ihn fangen und versklaven wollen. Wenn Nathalie ihm hilft, wird der Dämon ihr einen Wunsch erfüllen. Perplex willigt Nathalie ein – doch wie versteckt man einen attraktiven Hünen mit Hörnern über mehrere Stunden in einem Flugzeug? Und was hat es mit dem Wunsch auf sich, den er Nathalie erfüllen könnte?

Impressum

Erstausgabe Oktober 2018

Copyright © 2018, dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

ISBN: 978-3-96087-369-7

Covergestaltung: Annadel Hogen
unter Verwendung von Motiven von
© Valua Vitaly/www.shutterstock.com, © mrjo/www.shutterstock.com und © pikepicture/www.shutterstock.com
Lektorat: Astrid Rahlfs

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Unser gesamtes Verlagsprogramm findest du hier

Website

Folge uns, um immer als Erster informiert zu sein

Newsletter

Facebook

Twitter

Aldhoraz rannte. Seine Lungen brannten schon, seine Muskeln schrien vor Schmerz, doch er rannte weiter.

Sein Feind kam näher, das konnte er spüren. Seine magischen Kräfte waren unsichtbar, lautlos, doch er bemerkte genau, wann der Feind wieder näherkam. Es fühlte sich an, als würde sich eine kalte Hand nach ihm ausstrecken. Auf seinem erhitzten Körper bildete sich eine Gänsehaut. Schneller! Er musste ihn abschütteln.

Vor ihm öffnete sich eine Felsspalte. Mit einem Hechtsprung setzte er darüber hinweg. Im Springen war er gut, das war oft sein Vorteil in der Arena – springen, rennen, geschmeidige Angriffe. Er atmete so tief durch, wie es im Rennen eben ging und leitete seine letzte Zauberkraft in seine Beine. Darin war er ein Meister – seinen eigenen Körper durch seine Dämonenkräfte zu stählen.

Etwas berührte ihn am Nacken, eiskalte Finger streckten sich nach ihm aus. Aldhoraz musste den Impuls unterdrücken, sich umzusehen. Das war zwecklos, er würde nichts sehen. Der Magier hatte sich getarnt.

Feigling. In der Arena würde ich dich fertigmachen, schoss es ihm durch den Kopf.

Vor ihm tauchte ein Ast auf. Aldhoraz riss die Arme nach oben, krallte seine Finger in das Holz, zog sich hinauf. Blutrote Blätter schlugen ihm ins Gesicht, fast so rot wie seine Haut, doch er achtete nicht darauf. Mit kraftvollen Bewegungen zog er sich hoch, immer weiter hinauf in die Baumkrone. Ob der Magier ihm hierher folgen konnte?

Er biss die Zähne zusammen und griff nach dem nächsten Ast.

Plötzlich brach sein Kopf durch das Blättermeer. Aldhoraz sah sich um. Über ihm erhellten die zwei Monde, Daskun und Madaskun, halb versteckt hinter Wolken, den Himmel. Ein wahres Meer aus Blättern breitete sich um ihn herum aus, schimmerte im Mondlicht. Aldhoraz zwang sich dazu, leiser zu atmen, auch wenn seine Lungen sich anfühlten, als würden sie jeden Moment platzen. Um sich herum hörte er nur das Rauschen der Blätter und das leise Säuseln des Windes.

Dann geschah es.

Unsichtbare Hände waren überall auf seinem Körper, bohrten ihre kalten Finger in sein Fleisch. Aldhoraz schrie.

Einen Herzschlag später war nichts mehr zu hören, außer dem Rauschen des Windes in den Blättern.

***

„Nathalie, du bist die allerbeste Freundin, die ich ... uäh...“

Nathalie hielt das Handy unwillkürlich weiter weg von ihrem Ohr. Auf der anderen Seite der Leitung hörte sie ihre Freundin Vanessa würgen.

„Ist doch selbstverständlich, Nessa. In dem Zustand kannst du unmöglich die First Class bedienen.“

Aus dem Handy erklang heftiges Atmen. „Hm, ich weiß auch nicht, was da los ist. Waren doch nur zwei Mojitos gestern. Das muss ein Virus sein oder so. Und du bist dir ganz sicher, dass du mich vertreten kannst? Du bist ja selbst erst vor zehn Stunden gelandet.“

„Zwölf Stunden“, korrigierte Nathalie. „Ich habe schon mit dem Maître de Cabine geredet, sie machen eine Ausnahme. Bin schon auf dem Weg zum Flughafen. Mach dir keine Sorgen und leg dich wieder ins Bett, ja? Vielleicht kannst du ja morgen meinen Platz in der Crew einnehmen und so nach Zürich zurückfliegen. Und dann ab nach Hause mit dir, ins Bett! Wir treffen uns in der WG.“

„Du bist ein Riesenschatz! Vielen vielen vielen Dank und guten ... aaaah ...“ Ein neuerliches Würgen klang aus dem Lautsprecher.

Nathalie tat sich selbst einen Gefallen und legte auf. Sie ließ den Blick über die Palmen vor dem Fenster schweifen und lehnte sich in ihrem Sessel zurück.

Vanessa und sie waren Freundinnen, seit sie sich gegenseitig die Sandkastenschaufeln klauen konnten. In der Schule waren sie unzertrennlich gewesen, und die Neuseelandreise nach der Matura hatte sie nur noch enger zusammengeschweißt. Nathalie berührte unwillkürlich den grünen Anhänger, den sie seit dieser Reise jeden Tag um den Hals trug. Ein besonderes Souvenir aus ihrer Work-and-Travel Zeit. Vanessa war mehr als eine Freundin, sie war praktisch ihre Schwester.

Seit sechs Jahren teilten sie sich eine kleine Wohnung in Zürich. Der Job ließ es leider immer seltener zu, dass sie sich täglich sahen. Als Stewardessen waren sie beide ständig unterwegs, und obwohl sie für dieselbe Airline arbeiteten, kam es selten vor, dass sie gemeinsam unterwegs waren. Gestern war einer der wenigen Abende gewesen, an dem sie zusammen nach Dienstschluss noch ausgehen konnten – sogar in Los Angeles, einer von Nathalies Lieblingsstädten. Aber es klang ganz so, als hätte Vanessa die Nacht ganz und gar nicht gut überstanden ...

Nathalie erlaubte sich einen kleinen Seufzer, ließ das Handy in ihre Handtasche gleiten und griff nach ihrem Rollkoffer. In einer halben Stunde startete das Briefing in der Hotellobby, dann ging es auch schon los zum Flughafen. Genug Zeit, um sich noch schnell die Haare zu waschen. Ein Langstreckenflug in der ersten Klasse lag vor ihr, da musste sie tipptopp aussehen.

***

„Frau Thurnher? Ich habe einen Anruf bekommen, dass Sie heute für die First zuständig sind.“

Nathalie nickte und gab dem großen Mann mit dem sauber frisierten Bart die Hand. Er lächelte ihr freundlich zu.

„Das ist richtig. Sie müssen Herr Weber sein.“

„Ganz genau, der Maître de Cabine auf diesem Flug. Freut mich, Sie im Team begrüßen zu dürfen. Vanessa hat schon viel von Ihnen erzählt.“

Hoffentlich nicht so viel, wie Vanessa mir von dir erzählt hat, dachte sich Nathalie. Seit Wochen hing ihre Freundin ihr mit Schwärmereien über Patrick Weber in den Ohren: Ich sage dir, so ein Gentleman! Und wie der immer riecht, himmlisch! Warum müssen die guten Männer eigentlich immer schwul sein? Ist doch nicht fair!

Nathalie merkte, wie sich ein leichtes Schmunzeln auf ihren Lippen ausbreitete. Unrecht hatte Vanessa ja nicht. Manchmal beschlich sie auch das Gefühl, dass alle Kollegen in der Cabin Crew entweder in festen Händen waren oder sich nicht für Frauen interessierten.

„Nathalie?“

Diese Stimme! Nathalies Ohren schienen plötzlich in Flammen zu stehen.

„Thomas“, brachte sie hervor und wirbelte herum. Vor ihr stand ein junger Mann mit kurzen, blonden Haaren, der mindestens genauso verlegen dreinsah wie sie.

„Deine Haare ...“, sagte er und gab sich große Mühe, ihr nicht in die Augen zu sehen. „Sind die jetzt länger?“

„Hm“, nickte Nathalie und inspizierte ganz angestrengt einen Fussel auf Thomas’ Schulter.

„Sieht gut aus. Ja also, ich muss dann ...“

Als Thomas außer Hörweite war, traute Nathalie sich endlich, wieder auszuatmen. Meine Güte, war das peinlich! Wann hatten sie sich zuletzt gesehen? Das musste in dem Hotelzimmer in Singapur gewesen sein, vor fast einem Jahr. Ein unbeschreibliches Wochenende war das gewesen, aber es war so wenig davon in ihrem Gedächtnis geblieben.

Sie hatte noch vage Erinnerungen an ein Dinner mit Kerzenschein, an die vielen bunten Lampen und verführerischen Gerüche in Chinatown, an eine Nachtsafari im Zoo, während der sie sich mit Thomas in eine dunkle Ecke zurückgezogen hatte und die Tiere plötzlich ganz egal gewesen waren; all das waren nur Erinnerungsfetzen in ihrem Kopf. Aber an zwei Augenblicke konnte sie sich noch ganz genau erinnern, viel zu genau: wie sie gemeinsam aus dem Hotelfenster in die Dämmerung geblickt hatten und er zu ihr gesagt hatte: „In zwei Wochen habe ich meinen nächsten Nightstop hier. Dann sehen wir uns wieder. Versprochen.“

Das war die erste Erinnerung. Die Zweite war, wie sie allein in dem Doppelbett im Hotel aufgewacht war. Zwei Stunden später kam eine WhatsApp: Ich glaube, das wird doch nichts mit uns. Trotzdem danke.

Der Rückflug mit Thomas als ihrem Kollegen war die Hölle gewesen. Danach war er ein paar Monate einfach verschwunden gewesen. Vanessa vermutete, dass er einen Unfall gehabt hatte und deswegen nicht hatte arbeiten können, aber Nathalie war der Grund ziemlich egal gewesen. Hauptsache sie musste ihn nicht mehr sehen. Seitdem hatte sie sich geschworen, nie wieder etwas mit Kollegen anzufangen, auch nichts Kurzes. Es lief ja doch nur wieder auf Enttäuschungen und Peinlichkeiten hinaus. Trotzdem danke, dachte sie in Thomas’ Richtung. Sie schüttelte sich kurz.

„Frau Thurnher? Hier entlang, bitte“, bat die samtweiche Schokostimme des Maître de Cabine. Das ließ sich Nathalie nicht zweimal sagen. Bloß weg hier, ab in die Maschine. Je schneller sie zu Hause ankam, desto besser.

***

„Hat man Sie bereits über die Passagiere informiert?“, fragte Herr Weber leise.

Nathalie schreckte kurz hoch. Ihr war gar nicht aufgefallen, dass sie verträumt aus dem Fenster des Crew-Busses gestarrt hatte. Vor der Scheibe zischten die Autos auf dem vierspurigen Freeway vorbei. In wenigen Minuten würden sie am Flughafen Los Angeles ankommen.

„Wie? Nein, noch nicht. Haben wir wieder Schauspieler an Bord?“

Erst letzte Woche waren Ashton Kutcher und Mila Kunis bei ihnen zu Gast gewesen – dummerweise war Nathalie für die Business Class eingeteilt gewesen.

„Nicht ganz, aber ähnlich exzentrisch. Anscheinend allesamt Briten, die sind ja dafür bekannt. Ehrlich gesagt weiß ich nicht, was die Herren beruflich so tun, aber sie haben mehrmals darum gebeten, dass sie Ruhe wollen und nur minimalen Service benötigen. Zwischen dreiundzwanzig Uhr und ein Uhr morgens wollen sie absolut nicht gestört werden.“

Nathalie lächelte matt. „Das habe ich schon oft gehört. Am Ende wollen solche Passagiere dann doch spätestens alle zwei Stunden eine Käseplatte und ein Glas Champagner.“

Herr Weber zuckte mit den Schultern. „Diesen scheint es ernst zu sein. Sie haben die gesamte First Class gebucht, obwohl sie nur drei Sitze benötigen.“

„Was? Meine Güte, das muss ein Vermögen gekostet haben.“

Weber nickte. „Die Gäste fliegen zum ersten Mal mit unserer Airline. Mein Vorgesetzter hat mehrmals betont, dass wir sie gerne wieder bei uns begrüßen würden. Ich bin mir sicher, dass Sie sie erstklassig bedienen werden.“ Er schenkte ihr ein warmes Lächeln.

Nathalie nickte schnell. Das kann ja heiter werden ...

„... bitte bleiben Sie angeschnallt, bis die Lämpchen erloschen sind. Dies ist ein Nichtraucherflug. Wir wünschen Ihnen eine angenehme Reise bei uns an Bord. Dear passengers, please ...“

Nathalie holte noch ein Sektglas aus dem Schrank und begann, es zu putzen. Gleich würde ihr Kollege mit der Ansage fertig sein, und sobald die Maschine Flughöhe erreicht hatte, musste sie die Erfrischungen servieren. Kritisch beäugte sie das Glas in ihrer Hand und polierte es noch einmal. In der First Class musste schließlich alles aussehen wie frisch aus dem Ei gepellt.

Ein Klingeln unterbrach die monotone Ansage aus dem Lautsprecher. Nathalie sah erstaunt auf. Ein Passagier hatte wohl auf den Knopf gedrückt, mit dem man die Stewardess oder den Steward direkt rufen konnte. Schnell stellte sie das Glas ab und machte sich auf den Weg. Der hätte jetzt auch noch die zwei Minuten warten können, bis die Ansage fertig ist ...

„Kriegt man hier auch einmal etwas zu trinken?“, herrschte ein Mann sie an, als sie gerade durch den Vorhang schlüpfte, der die Küche, auch Galley genannt, von der First Class trennte.

„In einer Minute, Sir. Die Sicherheitsansage ...“

„... interessiert mich einen feuchten Dreck, ist doch immer dasselbe, sterbenslangweilig. Wofür zahle ich hier so viel? Bringen Sie mir einen doppelten Whisky, und wehe, wenn er nicht aus Schottland kommt. Dieses amerikanische Gesöff kommt mir nicht ins Glas.“

Der Mann stierte sie finster an, sein Gesicht war schon rot angelaufen vor Zorn. Mit seinen strohblonden Haaren und den dunklen Augen sah er aus wie ein zu groß geratenes Küken, das kurz vorm Explodieren war.

Nathalie blieb stehen und merkte, dass ihr Mund offenstand. Was bildet der sich bloß ein?

„Reginald, ich muss doch sehr bitten“, mischte sich ein anderer Mann ein.

Nathalie drehte sich zu ihm um. Es war der Gast, neben dessen Platz sie stehen geblieben war, ein älterer Herr mit grau melierten Schläfen und einem schicken Anzug. Mit den Bügelfalten in seinen Hosen hätte man sich problemlos rasieren können. Er schenkte ihr ein charmantes Lächeln und wandte sich dann wieder seinem Kollegen zu, dem Riesenküken.

„Wir hatten doch eine Abmachung. Und jetzt entschuldige dich bei der Dame.“

„Man wird doch wohl noch etwas zu trinken bestellen dürfen!“, gab der zornige Mann zurück, wagte es aber nicht mehr, Nathalie direkt anzusehen.

„Ihr Getränk kommt sofort, Sir. Wäre Ihnen ein Glen Alba, zweiundzwanzig Jahre, genehm?“, fragte Nathalie so professionell es ging.

Der Passagier nickte kurz, verschränkte die Arme vor der Brust und starrte aus dem Fenster.

Etwas Kühles legte sich auf Nathalies Oberarm. Sie zuckte kurz erschrocken zusammen. Der Herr mit den grau melierten Schläfen lächelte sie freundlich an.

„Ich muss mich für meinen Kollegen entschuldigen. Er war in letzter Zeit recht selten unter Menschen. Mein Name ist Edwards, freut mich, Sie kennenzulernen.“ Er zog seine Hand von ihrem Arm zurück, griff sanft nach ihrer Hand und hauchte ihr einen Kuss auf den Handrücken.

Nathalie erwiderte das Lächeln und zog aber ihren Arm zurück, um die kalte Hand des Gastes abzuschütteln. Bis gerade eben hatte er so nett auf sie gewirkt, aber diese Berührung ... ein leiser Schauer fuhr ihr über den Rücken.

„Kann ich Ihnen auch etwas bringen, Sir?“

„Danke der Nachfrage, aber ich bin wunschlos glücklich.“

Nathalie nickte und sah zu, dass sie schnell wieder in die Galley kam. Was hatte Herr Weber nochmal gesagt? Exzentrisch...

***

Nathalie gähnte und warf einen Blick auf ihre Armbanduhr. Laut ihrer inneren Uhr war es jetzt ungefähr zwei Uhr morgens, aber auf Langstreckenflügen dehnte sich die Zeit immer wie ein ausgeleiertes Haargummi. Sie musste noch vierzig Minuten durchhalten, dann würde ihre Kollegin Barbara sie ablösen, und Nathalie dürfte für ein paar Stunden in die Crew Quarters, um ein wenig zu schlafen. Es waren zwar nur schmale Schlafnischen hinter Vorhängen, ganz hinten im Flugzeug angebracht, und so richtig zur Ruhe kam sie selten, vor allem, wenn mal wieder ein Kollege schnarchte, aber sie war gerade so müde, dass ihr das auch schon egal war. Wenigstens schliefen die Gäste schon alle tief und fest und keiner kam auf die Idee, nach ihr zu klingeln.

Überhaupt waren die Gäste in der First seit vielen Stunden erstaunlich ruhig, sie hatten sogar ihr Abendessen abbestellt. Seit Stunden war das Licht aus, und das einzige, was sie hören konnte, war ein gedämpftes Geräusch, so, als würde jemand murmeln. Wahrscheinlich hatte das Riesenküken einen Drink zu viel gehabt und redete jetzt im Schlaf ...

Nathalie fuhr sich mit der Zunge über die spröden Lippen. Die trockene Luft im Flugzeug machte ihr auch nach vielen Dienstjahren noch zu schaffen. Gedankenverloren wühlte sie in ihrer kleinen Handgepäcktasche, auf der Suche nach Lippenbalsam. Ihre Finger stießen gegen kühles Glas. Sie stutzte kurz, dann fiel es ihr wieder ein. Richtig, sie hatte ja für ihre kleine Nichte Vera Sand aus Kalifornien mitgebracht! Bei dem Gedanken an die Achtjährige musste sie lächeln. Das Wandregal über ihrem Bett war vollgestellt mit Marmeladengläsern, die mit Sand und Steinen gefüllt waren. „Meine Tante ist die Beste, sie bringt mir die ganze Welt mit nach Hause!“, freute sie sich immer über die Mitbringsel.

Nathalie zog das Glas vorsichtig aus der Tasche und drehte es in ihrer Hand. Dann passierte es.

Es begann mit einem dumpfen Ton, so tief, dass Nathalie ihn eher in der Magengrube spürte, als ihn zu hören. Glas splitterte. Sie hörte sich selbst scharf einatmen. Und dann stand er plötzlich vor ihr.

Ein Mann, gute 1,90 Meter groß, erschien plötzlich in ihrer Galley. Im ersten Moment sah Nathalie nur seinen Bauchnabel und die rötliche Haut, die sich über die wohlgeformten Muskeln spannte. Kein Krebsrot wie bei einem fiesen Sonnenbrand, sondern ein Dunkelrot, wie guter Wein. Fassungslos wanderte ihr Blick weiter hinauf. Dunkle Augen blickten ihr entgegen, die genauso entsetzt zurückstarrten. Kurzgeschorene Locken umrahmten ein ovales Gesicht mit einer kühnen Stirn, und darauf waren ... Hörner! Kleine, spitze Hörner!

Nathalie senkte den Blick. Hörner?! Wie kann das ...

Sie brachte den Gedanken nicht zu Ende, denn sie hatte gerade den Lendenschurz bemerkt, den der Mann – oder was auch immer er war – trug. Nur diesen Lendenschurz, sonst nichts.

Im nächsten Moment war der Lendenschurz verschwunden, und der Fremde mit ihm. Nathalie riss den Kopf herum und sah gerade noch, wie die rote Gestalt hinter einer Falttür verschwand. Die Toilette!

Nathalie dachte nicht nach, sie rannte einfach hinterher und stieß die Tür auf. Das Licht ging in dem Moment an, in dem sie den winzigen Raum betrat. Panisch sah sie sich um.

Nichts. Niemand war da. Aber das war doch unmöglich!

„Hallo? Ich weiß, dass Sie hier sind!“, zischte Nathalie. Ihre Stimme klang lange nicht so selbstsicher wie ihre Worte. Sie fuhr sich verwirrt durch die Haare. Ihr Blick glitt nach rechts, zum Spiegel. Bin ich jetzt völlig übergeschnappt?, fragte sie ihr Spiegelbild wortlos.

Ein lautes Poltern ließ sie zusammenzucken. Jemand riss die Falttür grob auf. Das Riesenküken stand vor ihr und starrte sie an, als wäre sie gerade nackt aus einer Torte gesprungen.

„Was machen Sie denn hier?“, polterte er sofort los.

Ich arbeite hier, du Nobelpreisgewinner, wäre ihr beinahe über die Lippen gerutscht.

„Sir, diese Toilette ist gerade nicht, ähm, benutzbar. Entschuldigung. Nehmen Sie doch einfach die andere auf der gegenüberliegenden Seite, in Ordnung? Ich werde mich sofort darum kümmern.“

Der Mann kam noch einen Schritt auf sie zu. Beinahe hätte sich Nathalie auf die Toilette setzen müssen.

„Ist hier jemand?“, fragte der Mann und sah sich hektisch in dem winzigen Waschraum um.

„Sir, diese Toilette ist wirklich nur für eine Person ausgelegt. Wenn ich Sie bitten darf ...“

„Reginald, bitte“, sagte eine Stimme. Das Riesenküken machte einen Schritt zurück und gab den Blick auf den freundlichen Herrn frei, der ihr vorhin den Handkuss gegeben hatte, Mister Edwards.

„Was geht hier vor?“, fragte er.

„Alles in Ordnung“, sagte Nathalie schnell. „Ich muss Sie nur leider bitten, die andere Toilette zu benutzen. Wir arbeiten daran, diese hier so schnell wie möglich wieder zur Verfügung zu stellen.“

„Vielen Dank, junge Frau, exzellenter Service wie immer. Ah, da wäre noch eine Kleinigkeit – sind Sie zufällig in der letzten halben Stunde einem jungen Mann begegnet?“

„Ähm ... wie meinen Sie das?“, fragte Nathalie ausweichend. Einen halbnackten Adonis mit Hörnern habe ich gesehen, bevor er spurlos auf dieser Toilette verschwunden ist. Meinten Sie zufällig den?, schoss es ihr durch den Kopf.

„Ach, nicht so wichtig“, sagte Mister Edwards freundlich, aber seine Augen musterten sie prüfend. Der Blick erinnerte Nathalie an ihren alten Klassenvorstand.

„Aber wenn Sie jemanden sehen sollten, wären Sie so freundlich, mir Bescheid zu sagen? Soweit ich weiß, befindet er sich hier an Bord. Seine Hautfarbe dürfte etwas ... ungewöhnlich sein.“

Nathalie schluckte. Ihre Gedanken überschlugen sich förmlich. Hatte sie sich das doch nicht alles nur eingebildet? War wirklich gerade ein Mann mit rötlichem Hautton einfach so in ihrem Flugzeug aufgetaucht? Und Mister Edwards wusste irgendwie davon?

Sie schüttelte sich unwillkürlich. „Natürlich, Sir. Ich gebe Ihnen Bescheid. Haben Sie denn eine Idee, in welcher Klasse dieser Passagier sitzt? Vielleicht könnte ich kurz die Kollegen fragen. Bei knapp dreihundert Passagieren könnte das allerdings schwierig werden.“

Mister Edwards winkte ab. „Keine Umstände, Madam. Es ist nicht so wichtig. Entschuldigen Sie bitte diesen Vorfall. Wir werden uns jetzt wieder auf unsere Plätze begeben, dann können Sie sich auch einmal ein wenig ausruhen. Auf Wiedersehen.“

Nathalie sah zu, wie die beiden Herren hinter dem Vorhang verschwanden. Dann griff sie nach der Tür, schloss sie zu und ließ sich mit einem Seufzer auf den Klodeckel sinken.

Was zur Hölle war das bitte?!

Eine Stimme im Abfallkorb sagte: „Danke.“

„Bitte“, sagte Nathalie automatisch, bevor es sie wie ein Blitz durchfuhr.

„Habe ich gerade mit dem Mülleimer geredet?“, flüsterte sie heiser.

„Nein, mit mir“, sagte der Mülleimer. Oder die Stimme daraus.

Nathalie schloss die Augen und ließ sich mit einem Seufzen gegen die Wand sinken. Das war's. Jetzt bin ich vollkommen übergeschnappt.

„Ich bin hier drinnen, aber ich kann nicht mehr lange bleiben, ich kann den Zauber nicht mehr lange aufrechterhalten. In spätestens zwei Minuten werde ich wieder groß sein“, erklärte die Stimme.

Nathalie presste die Augenlider weiter aufeinander. Das wird schon wieder. Ein bisschen Schlaf wird mir guttun. Vielleicht träume ich ja von dem heißen Typen mit den Hörnern.

„Bist du noch da?“, fragte die Stimme.

Nathalie schnaubte als Antwort.

Etwas zischte laut. Erschrocken riss sie die Augen auf und sah gerade noch, wie etwas – jemand – aus dem Mülleimer kletterte. Die Gestalt war gerade einmal so groß wie eine Puppe. Einen Wimpernschlag später war der Mann gewachsen, und plötzlich stand er wieder vor ihr. Nathalie versuchte aufzustehen, aber ihr ganzer Körper schien wie gelähmt zu sein.

Der Mann ging vor ihr in die Hocke, bis ihre Augen auf derselben Höhe waren.

„Ich weiß nicht, warum du mich nicht verraten hast, aber meine Dankbarkeit ist grenzenlos, das versichere ich dir. Wenn sie mich geschnappt hätten, dann ...“

„Stop!“, hauchte Nathalie.

Seine Augen waren dunkelbraun, fast schwarz, und es lag eine Art schelmisches Blitzen darin. Für einen Moment vergaß sie, dass sie gerade etwas hatte sagen wollen.

„Ja?“, fragte der Fremde.

„Wer schnappt dich? Was soll das? Wer bist du überhaupt? Und was machst du auf meiner Toilette? Du kannst dich schrumpfen?!“

Der Fremde hob beschwichtigend die Hände. „Ich werde dir jede Frage beantworten, alles tun, was du willst. Aber erst muss ich wissen – wo ist der Magier jetzt?“

„Magier?“

„Meister Edwards und seine Gesellen. Ich habe seine Stimme gerade gehört. Er muss hier gewesen sein. Leider weiß ich nicht, wie er aussieht. Aber seine Hände sind immer kalt.“

Nathalie zuckte kurz zusammen. Kalte Hände, richtig. Sie nickte kurz.

„Edwards und das Riesenk... ich meine, der andere Passagier, sind wieder auf ihren Plätzen, hier in der First Class. Sie suchen jemanden ... dich, nicht wahr?“

Der Fremde nickte. „Ja. Der Magier hat mich beschworen, gegen meinen Willen. Er will mich versklaven, in ein Gefäß sperren und meine Zauberkraft für seine dunklen Zwecke benutzen, damit ich ihm jeden Wunsch erfülle.“

„Ah ja. Ist klar. Dann bist du ein Dschinn oder so, wie bei Aladin?“, fragte Nathalie. Sie war erstaunt, wie ruhig ihre Stimme bei dieser absurden Frage blieb.

Der Mann hob erstaunt die Brauen. „Dschinn? Dieses Volk kenne ich nicht. Ich bin einer der Rotdämonen.“ Er deutete eine Verbeugung an. „Aldhoraz, sechster Fürstensohn aus der Domäne des schwarzen Felsens. Du hast mich gerettet, dafür stehe ich auf ewig in deiner Schuld. Darf ich deinen Namen erfahren?“

Nathalie atmete tief durch. Das konnte doch alles nicht wahr sein! Wie von selbst streckte sie ihre Hand aus und berührte den Fremden an der Schulter. Seine Haut fühlte sich warm an, beinahe heiß. Unter der überraschend weichen Haut spürte sie harte Muskeln.

Der Fremde sah kurz auf ihre Hand, dann wieder zu ihr hinauf.

„Begehrst du meinen Körper?“, fragte er sachlich.

Nathalie zog blitzschnell die Hand zurück, als hätte sie gerade auf eine Herdplatte gegriffen. „Bitte was?!“

„Meinen Körper.“ Er sah an sich hinab, und Nathalie erlaubte sich ebenfalls einen Blick auf den makellosen Sixpack.

„Wenn es das ist, was du begehrst, sollst du es haben. Ich sagte bereits, ich stehe in deiner Schuld. Ich werde dir einen Wunsch erfüllen, egal, was es ist.“

„Ähm, Moment mal“, sagte Nathalie schnell. „Also erst mal heiße ich Nathalie. Und zweitens will ich nicht ... also, ich meine ... wie bist du überhaupt hierhergekommen?“ Gerade noch einmal die Kurve gekriegt.

„Meister Edwards hat mich magisch an diesen merkwürdigen Ort beschworen. Es scheint hier keinen Erdboden zu geben! Was ist das für eine Welt? Schweben wir etwa in der Luft?“

„Äh, ja klar. Wir sind in einem Flugzeug“, antwortete Nathalie trocken.

Einen Moment lang sahen sie sich beide wortlos an.

„Okay, also ich verstehe nur die Hälfte von dem, was du sagst, und dir geht es wahrscheinlich nicht anders“, sagte Nathalie nach drei quälend langen Sekunden in die Stille hinein. „Aber Fakt ist – du kannst hier eigentlich nicht sein. Du brauchst eine Bordkarte.“

„Eine Karte?“, fragte der Fremde. „Was für eine Karte?“

Nathalie fuchtelte hilflos mit den Händen in der Luft. „Na, eine – ach, vergiss es. Wir sind hier auf einem ... Schiff, verstehst du? Und du hast nicht für die Überfahrt bezahlt.“

„Ein Schiff, das durch die Luft fliegt?“, fragte der Fremde ungläubig.

„Genau. Ein Flugzeug eben.“

Der Dämon nickte. „Verstehe. Wie lange wird diese Überfahrt dauern?“

„Noch ein paar Stunden, dann landen wir in Zürich. Das ist in der Schweiz und ... na, egal. In ein paar Stunden sind wir wieder am Boden.“

Der Fremde schien erleichtert. Ein Lächeln stahl sich auf seine Lippen. Bei dem Anblick machte Nathalies Magen einen kleinen Sprung.

„Ein merkwürdiges Schiff. Und du bist eine Matrosin?“, fragte er.

„So ähnlich. Eigentlich müsste ich dich sofort dem Kapitän melden. Das verstehst du doch?“

Der Fremde legte den Kopf schief und sah nachdenklich in die Ferne. Seine Locken fielen ihm dabei in die Stirn. Nathalie ertappte sich bei dem Wunsch, mit ihren Fingern durch die seidige Mähne zu fahren.

Vorsichtig griff er nach ihren Händen. Nathalies Hals fühlte sich an, als hätte sie gerade eine ganze Zitrone auf einmal verschluckt.

„Nathalie, ich verstehe, du hast deine Pflichten. Wenn du mich jetzt deinem Kapitän auslieferst, werde ich dir nicht grollen. Ich habe großen Respekt für alle, die ihre Pflicht erfüllen. Aber ich will dir ein Angebot machen. Dieser Magier und seine Schergen wollen mir ans Leder. Kannst du mir helfen, dieses Schiff zu verlassen? Ich schwöre dir, bei allem was mir heilig ist, dass ich dir dafür einen Wunsch erfülle. Alles, was dein Herz begehrt. Meine Zauberkraft ist im Moment geschwächt, aber ich werde wieder stärker sein, sobald ich Erdboden unter meinen Füßen spüre. Wirst du mir helfen?“

Nathalie spürte, wie ihr Kopf wie von selbst nickte. „Okay, versprochen“, sagte sie leise.

Ich muss völlig übergeschnappt sein.

Jemand klopfte so energisch gegen die dünne Falttür, dass Nathalie schon Angst hatte, sie würde ihr jeden Moment entgegenkommen.

„Moment!“, rief sie und deutete dem blinden Passagier an, sich neben sie zu stellen.

„Bleib hier und mach keinen Mucks, verstanden?“

Der Fremde – der Dämon – was auch immer – nickte ihr zu und presste sich neben sie. Nathalie biss sich unwillkürlich auf die Unterlippe. Sie berührten sich nicht, aber sie konnte förmlich spüren, wie von seiner Haut Hitze ausging. Vielleicht ist das immer so bei Dämonen? Oder nur bei diesem besonders gutaussehenden Exemplar?

Es klopfte erneut.

„Nathalie, ist alles in Ordnung bei Ihnen?“, fragte ein Mann auf der anderen Seite der Tür.

Ach du lieber Himmel! Mister Schokostimme. Der hat mir gerade noch gefehlt.

Nathalie schob den Riegel zur Seite und öffnete die Tür nur so weit, wie sie unbedingt musste, um sich durchzuquetschen.

„Hallo, Herr Weber. Ja, alles gut, war nur kurz ein wenig, äh ...“ Sie legte vielsagend die Hand auf ihren Magen und lächelte ihn schief an.

Er seufzte. „Hoffentlich ist das nicht doch ein Virus. Könnte Vanessa Sie angesteckt haben?“

„Nein, nein, alles gut, ich habe alles unter Kontrolle.“

„Na ja ...“, sagte Herr Weber ausweichend und neigte den Kopf in Richtung des Vorhangs, hinter dem sich die First Class befand. „Ehrlich gesagt haben sich die Passagiere gerade bei mir über Sie beschwert. Ich fand das selbst höchst merkwürdig und wollte daher persönlich mit Ihnen darüber sprechen.“

Scheiße.

„Anscheinend haben Sie den Zugang zur Toilette blockiert.“

„Ähm na ja, blockiert, ich meine, Herr Weber ...“ Sie rieb sich erneut mit der Hand über die Magengegend. „Es hat etwas länger gedauert, wenn Sie verstehen, was ich meine.“

„Absolut. Das muss ein Missverständnis gewesen sein. Ich werde sofort mit den Gästen sprechen. Und Sie tun mir bitte den Gefallen und gehen sofort in die Crew Quarters schlafen.“

„Äh, was?“, rutschte es Nathalie heraus.

Herr Weber lächelte ihr freundschaftlich zu. „Das wird Ihnen sicher guttun. Sie sind ja auch ganz blass. Ich finde schon jemanden, der für Sie hier weitermacht. Caroline schuldet mir noch einen Gefallen, ich wecke sie einfach früher.“

„Nein nein, vielen Dank, aber das ist absolut nicht nötig!“, sagte Nathalie schnell.

Die Crew Quarters waren am anderen Ende der verdammten Maschine, und hinter ihr hockte ein blinder Passagier – ein dämonischer blinder Passagier – den sie, in einem Anfall von absoluter geistiger Umnachtung, geschworen hatte zu verstecken. Geistige Umnachtung oder Hormonrausch?, fragte eine Stimme in ihrem Hinterkopf.

Herr Weber warf ihr einen besorgten Blick zu. „Bitte, Frau Thurnher, das wäre besser für alle – für Sie, für mich und vielleicht auch für die Passagiere. Nichts für ungut.“

In diesem Moment erklang ein lautes „Ping“.

Nathalie sah an Herrn Weber vorbei zu dem kleinen Bildschirm, der in der Galley angebracht war. Dort leuchtete etwas auf.

„Entschuldigung, die Passagiere brauchen mich“, sagte Nathalie schnell, zwängte sich durch die Tür und schloss sie sofort wieder. Sie schob sich an Herrn Weber vorbei zum Vorhang. Um Himmels willen, bitte geh jetzt nicht aufs Klo!, betete sie im Stillen.

Auf der anderen Seite des Vorhangs war es dunkel, nur einer der Passagiere hatte sein kleines Licht angeknipst. Nathalie steuerte auf ihn zu. Es war der Einzige, mit dem sie bisher noch nicht gesprochen hatte.

„Was kann ich für Sie tun?“, flüsterte Nathalie und beugte sich hinunter. Sie zuckte kurz zusammen. Zu behaupten, dass dieser Mann „blass“ sei, wäre in etwa so, als würde man sagen, in der Arktis sei es ein bisschen kalt. Wie konnte man gerade aus Kalifornien kommen und so bleich aussehen? Erst ein Riesenküken und jetzt auch noch ein Bettlaken.  Tiefsitzende graue Augen sahen sie an. Üblicherweise waren die Gäste zu diesem Zeitpunkt entweder leicht gereizt, stark übermüdet oder halbwegs freundlich, aber dieser Mann sah sie einfach nur an, als wäre er bereit, ein Samurai-Schwert zu zücken und es auch zu benutzen.

Er griff wortlos in seine Jackentasche und holte einen kleinen, durchsichtigen Gegenstand hervor. Nathalie blinzelte. Es war eine Glasscherbe.

Veras Sandglas!

„Das hier habe ich gefunden“, sagte der Mann. „Woher stammt das?“

Sein Tonfall deutete weniger auf eine Frage, sondern eher auf einen Befehl hin.

„Mir ist vorhin ein Glas heruntergefallen“, antwortete Nathalie, so souverän sie konnte. „Verzeihen Sie bitte. Ich dachte, ich hätte alles weggefegt. Sie haben sich doch hoffentlich nicht verletzt?“

„Irrelevant. Was für ein Glas war das?“

„Ich verstehe nicht ...“

„Was befand sich darin?“

„Nichts“, log Nathalie schnell. „Es war einfach nur ein Glas.“

„Keine Lebensmittel? Pilze? Erde?“

Wenn er jetzt „Sand“ sagt, flippe ich aus ...

Nathalie schüttelte schnell den Kopf. „Nein.“

Der Mann ließ sich in seinen Sitz zurücksinken und sah Nathalie weiterhin durchdringend an.

„Das ist alles“, sagte er schließlich.

Wortlos drehte Nathalie sich um und ging zurück zur Galley. Der prüfende Blick des Passagiers prickelte in ihrem Nacken.

„Die ahnen etwas!“, zischte Nathalie, als sie die Toilettentür wieder hinter sich abgesperrt hatte.

Der Dämon nickte stumm und sah einen Moment lang nachdenklich ins Leere. Nathalie nutze die Gelegenheit, ihn zu mustern. Die Oberarme waren wirklich zum Reinbeißen, er trainierte offenbar ganz schön viel.

Andere Sorgen hast du im Moment nicht?, fragte die penetrante Stimme in ihrem Hinterkopf.

„Wie war eigentlich dein Name nochmal?“, fragte Nathalie.

„Aldhoraz.“

„Aldho... wäre es okay, wenn ich dich Al nenne?“

„Klar“, sagte er mit einem schiefen Lächeln.

Nathalies Knie wurden plötzlich weich wie eines dieser kleinen Butterstückchen, das zu lange auf dem Frühstücksbuffet-Tresen gelegen hatte.

„Was genau haben sie gesagt?“, fragte Aldhoraz.

Nathalie brauchte einen Moment, um sich zusammenzureimen, was er meinte.

„Einer von ihnen hat eine Glasscherbe von meinem Sandglas gefunden. Wie bist du da eigentlich hineingekommen?“

„Es war Erde“, erklärte er und lehnte sich dabei gegen den Spiegel, die Arme vor der Brust verschränkt.

So kommen die Muskeln im Oberarm natürlich noch besser zur Geltung ...

„Ich beziehe meine Kraft aus Erde. Der Magier hatte auch Erde dabei, wahrscheinlich in einer Flasche, damit er mich dort hineinbeschwören kann. Aber ich konnte mich im letzten Moment aus seinem Griff losreißen, als er mich durch die Dimensionen zog. Ich habe blindlings nach dem nächsten bisschen Erde gegriffen. Das muss wohl der Sand in deinem Glas gewesen sein.“

„Wow. Sowas kannst du?“

Er zuckte mit den Schultern. „Das können alle von uns, wir werden damit geboren. Eigentlich ist Zaubern nicht meine Stärke. Ich bin Arenakämpfer.“

Keine große Überraschung, bei dem Körperbau.Vor Nathalies innerem Auge baute sich ein Bild von Aldhoraz auf, wie er in einer Art Kolosseum gegen einen dreiköpfigen Höllenhund kämpfte, ähnlich dem Vieh aus dem ersten Harry-Potter-Film. Sie stellte sich vor, wie sein Körper in der Sonne glänzte ...

Nathalie schüttelte sich kurz. Keine Zeit zum Träumen.

„Aber was wollen diese Typen da draußen dann ausgerechnet von dir?“

Jemand rüttelte plötzlich an der Tür. Nathalie, die sich bis gerade eben noch dagegen gelehnt hatte, macht vor Schreck einen kleinen Sprung. Plötzlich spürte sie zwei starke Arme, die sie auffingen, und heiße Haut, die ihre Wange berührte.

„Leise“, flüsterte Aldhoraz ihr ins Ohr. „Es ist ihr Meister.“

Nathalie rührte sich nicht, aber sie hatte das Gefühl, ihr wild klopfendes Herz würde jeden Moment aus ihrem Brustkorb springen.

„Junge Frau“, hörte Nathalie jetzt einen Mann auf der anderen Seite der Tür. Mister Edwards, die Stimme erkannte sie inzwischen. „Ich will Ihnen keinen Ärger machen, aber Sie verhalten sich höchst merkwürdig. Lassen Sie uns das wie Erwachsene regeln. Ich zähle jetzt bis zehn, und dann kommen Sie heraus und sagen mir, was genau Sie vorhaben.“

Ein merkwürdiges Gefühl ergriff Nathalie. Gerade eben war alles noch so aufregend gewesen – die Nähe zu Aldhoraz, ihr wild klopfendes Herz, die Hitze, die von ihm ausging – aber jetzt wollte sie plötzlich nur noch eines: Genau das tun, was der nette ältere Herr vor der Tür von ihr verlangte. Es war doch eine vernünftige Bitte. Natürlich würde sie alles für Mister Edwards tun. Sie spürte, wie ihre Hand sich von selbst ausstreckte, der Tür entgegen.

Mit einem sanften, aber bestimmten Griff legten sich Aldhoraz’ Finger um ihren Arm.

Details

Seiten
0
Erscheinungsform
Erstausgabe
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783960873679
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v443211
Schlagworte
Chick-lit-liebe-roman-ti-sch-k-ce urban-roman-fan-tasy Dämon-en paranormal Herz Magier mystic-magic

Autor

  • Susanne Halbeisen (Autor)

Zurück

Titel: No Saint (Romantasy, Liebe)