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Eine Sehnsucht im Herzen

exklusiv bei Thalia

von Patricia Cabot (Autor)

2018 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

Schottland, 1833: Nach einer kurzen Ehe verstirbt Emma Van Courts Mann und lässt sie ohne einen Cent auf der schottischen Insel Faires zurück. Die junge Frau versucht sich als kläglich bezahlte Lehrerin durchzuschlagen, doch neben den Geldsorgen sieht sie sich zahlreichen Verehrern gegenüber, da nach einer erneuten Heirat eine beachtliche Erbschaft auf sie wartet. Dabei möchte Emma eigentlich nur eins: endlich wieder Sicherheit und Frieden. Gleichzeitig erfährt James Marbury vom Tod seines Cousins und reist sofort nach Faires, um bei Emma sein zu können. Die ist nicht gerade begeistert, den jungen Earl zu sehen und möchte ihn am liebsten wieder zurück aufs Festland schicken. Nach anfänglichen Schwierigkeiten bietet James sich als vorübergehenden Ehemann an, um Emma von ihren Verehrern zu befreien. Allerdings hegt er insgeheim schon lange Gefühle für sie und hofft, auf diese Weise endlich ihr Herz erobern zu können. Um sich selbst zu schützen, willigt Emma schließlich ein. Doch auch sie verbirgt ein Geheimnis vor James ...

Impressum

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Digitale Erstausgabe Oktober 2018

Copyright © 2018, dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

ISBN: 978-3-96087-496-6
Taschenbuch-ISBN: 978-3-96087-569-7

Copyright © 2002 by Meggin Cabot
Veröffentlicht nach Absprache mit Pocket Books, eine Marke von Simon & Schuster, Inc. New York.
Alle Rechte vorbehalten.
Titel des englischen Originals: Kiss the Bride
Copyright © der deutschen Übersetzung (Ein Sehnen im Herzen) 2002 by Lübbe GmbH & Co, KG, Bergisch Gladbach
Dieses Werk wurde im Auftrag von Pocket Books durch die Literarische Agentur Mohrbooks AG Literary Agency, Keller, vermittelt.

Covergestaltung: Annadel Hogen
unter Verwendung von Motiven von
© Mary Chronis/Periodimages.com, © VJ Dunraven Productions/Periodimages.com, © Susanitah/shutterstock.com, © jeffy11390/shutterstock.com
Korrektorat: Susanne Meier

Aus dem Amerikanischen von Britta Evert

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

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Prolog

London, Mai 1832

Er kam zu spät.

Das sah ihm nicht ähnlich. Der Earl von Denham kam niemals zu spät. Seine mit Smaragden besetzte goldene Taschenuhr, im vergangenen Jahr in Zürich zu einem, wie Emma vermutete, fürstlichen Preis erworben, ging auf die Minute genau. Er stellte sie nach den Zeigern der großen Uhr von Westminster, und diese Zeiger gaben weiß Gott immer die richtige Zeit an.

Außerdem ging der Earl von Denham nach dem Tee regelmäßig in seine Bibliothek, um sich zu vergewissern, ob Nachrichten für ihn eingetroffen waren.

Wo steckte er bloß?

Wenn sich James verspätete, dann nur deshalb, weil jemand seinen festen Tagesablauf unterbrochen hatte. Und Emma hatte nicht den leisesten Zweifel, wer dieser Jemand sein konnte.

Schön und gut für Penelope. Sollte sie sich dem Earl ruhig an den Hals werfen, wenn es ihr gefiel. Heute Morgen beim Frühstück hatte Penelope Emma anvertraut, dass sie die Absicht habe, noch an diesem Tag ihr Glück zu versuchen.

»Und wenn er im Moment noch nicht ans Heiraten denkt, werde ich ihm den Gedanken eben in den Kopf setzen«, hatte Penelope ihr zugeraunt, während sich ihre Eltern, Emmas Onkel und Tante, über ihr Rührei beugten. Die beiden litten an Kopfschmerzen, da sie dem Champagner am Vorabend bei Lady Ashforths Ball zu kräftig zugesprochen hatten. »Verlass dich darauf«, hatte Penelope hinzugefügt.

Emma zweifelte nicht daran, dass Penelope imstande war, jeden Mann dazu zu bringen, ans Heiraten zu denken. Schließlich war ihre Cousine mit Schönheit gesegnet. Nicht, dass Emma unansehnlich gewesen wäre. Nein, sie wusste, dass auch sie hübsch war … zumindest passabel.

Aber Penelope hatte schwarzes glattes Haar, die Glückliche, und die funkelnden dunklen Augen einer Spanierin, während Emma mit ganz gewöhnlichen blauen Augen und blondem Haar gestraft war, das sich hartnäckig weigerte, sich glätten zu lassen. Es kräuselte sich ungebärdig und wirkte dadurch um einiges kürzer, als es tatsächlich war. Abgesehen davon war Penelope mit ihren eins siebzig im Gegensatz zu Emma, die mit ihrer Größe bei knapp eins fünfundfünfzig lag, eine wirklich eindrucksvolle Erscheinung. Kein Wunder also, dass die schmächtige Emma in der Familie immer noch als Baby angesehen wurde. Sie sah aus wie eine Puppe und wurde auch so behandelt.

Aber bald nicht mehr. Nach heute nicht mehr. Nicht, nachdem sie James mitgeteilt hatte, was sie ihm mitteilen musste.

Sie verübelte es Penelope nicht, dass sie vorhatte, sich den Earl zu schnappen. Ganz und gar nicht. Emma hatte durchaus Verständnis für diesen Wunsch. James Marbury, dunkel und attraktiv und noch dazu schwer reich, war einer der begehrtesten Junggesellen von ganz London. Für die Damen der ersten Kreise war es geradezu ein Ärgernis, dass es ihm bisher gelungen war, dem Ehejoch zu entkommen.

Aber lange würde er seine Freiheit nicht mehr genießen, davon war Emma überzeugt. Nicht, nachdem Penelope es sich in den Kopf gesetzt hatte, Lady Denham zu werden. Kein Mann, nicht einmal ein so überzeugter Junggeselle wie der Earl von Denham, konnte Penelope Van Courts Reizen widerstehen.

Emma wünschte nur, ihre Cousine würde sich damit beeilen, diese Reize spielen zu lassen. Es musste einen recht eigenartigen Eindruck machen, dass sich beide Cousinen so kurz, nachdem der Earl selbst gegangen war, auch aus dem Salon von Lady Denham, der Gräfinwitwe, zurückgezogen hatten. Emma fragte sich, ob sich Stuart und seine Tante, Lady Denham, wohl vernachlässigt fühlten. Nun, Stuart würde ihr sicher verzeihen, wenn er das Ergebnis ihrer Unterredung erfuhr … ein sensationelles Ergebnis, davon war sie überzeugt.

In diesem Moment öffnete sich die Tür zur Bibliothek des Earls von Denham. Emma sprang von dem Diwan auf, auf den sie sich gesetzt hatte, und glättete die schimmernde blaue Seide ihres Kleides. Seltsam, aber bis jetzt war sie wegen der bevorstehenden Unterredung nicht nervös gewesen, kein bisschen. Warum auch? Zugegeben, wenn sie mit James über ihre Pläne sprach, handelte sie in krassem Widerspruch zu Stuarts Wünschen …

Emma hatte das Gefühl, dass Stuart nicht ganz gerecht war, wenn es um James ging. Stuart fand, dass sein Cousin James, so sehr er ihn auch mochte, ein Verschwender und ein Zyniker war. Und es traf zu, dass der Earl Unsummen seines märchenhaften Vermögens für Dinge wie Schweizer Taschenuhren und den einen oder anderen Vollblüter ausgab.

Aber es war James’ Geld, er konnte damit machen, was er wollte. Und er öffnete seine Börse stets bereitwillig, wenn Emma ihn um Spenden für einen der vielen wohltätigen Zwecke bat, denen sie ihre Zeit widmete. Oh, natürlich beklagte er sich … aber nur im Scherz. Emma hatte die Bibliothek des Earls von Denham noch nie mit leeren Händen verlassen.

Und es ließ sich nicht leugnen, dass James mehr als großzügig war, was seine Verwandten anging. Seine Mutter lebte in größtem Luxus in seinem Stadthaus in Mayfair, und seinem verwaisten Cousin Stuart hatte er nichts als Wohltaten bewiesen, indem er Stuart, auf dessen eigenen Wunsch hin, eine Ausbildung als Geistlichen ermöglicht und ihn in jeder Beziehung so behandelt hatte, als wären sie Brüder und nicht nur Cousins.

Angesichts dieser Großzügigkeit musste Emma einfach der Meinung sein, dass das, was Stuart plante, falsch war. James würde schrecklich verletzt sein, von seiner Mutter ganz zu schweigen. Und was war mit Penelope und ihren Eltern? Emma schuldete ihrem Onkel und ihrer Tante sehr viel. Es war besser – viel besser – , alles so zu machen, wie es sich gehörte, offen und ehrlich, damit sich niemand hintergangen fühlte.

Und das würde Emma Stuart beweisen, indem sie persönlich mit James sprach. Wenn er erst einmal sah, wie begeistert sein Cousin die Idee aufnahm – und Emma zweifelte nicht daran, dass James das, was sie ihm zu sagen hatte, im richtigen Licht sehen würde – würde Stuart zur Besinnung kommen und sich angemessen verhalten.

Als sie allerdings den Ton des Earls hörte, der gerade mit jemandem sprach, der noch hinter der Bibliothekstür auf dem Flur stand, war sie sich nicht sicher, ob jetzt der richtige Zeitpunkt war, dieses spezielle Thema mit James zu erörtern.

»Ja, das ist alles höchst interessant, Miss Van Court«, sagte James, wobei er, wie Emma feststellte, nicht einmal den Versuch machte, die Ungeduld in seiner tiefen Stimme zu unterdrücken, »aber ich muss mich jetzt leider um wichtige Angelegenheiten kümmern. Wenn Sie mich also bitte entschuldigen würden …«

»Ja, aber«, hörte Emma ihre Cousine Penelope sagen, »es ist wirklich schrecklich wichtig, dass ich mit Ihnen spreche, Mylord. Wenn ich nur …«

»Vielleicht ein anderes Mal, Miss Van Court«, sagte der Earl, und als Nächstes war er allein im Raum mit Emma und schloss erleichtert die Tür hinter sich.

Die Erleichterung wich allerdings rasch Verwirrung, als er Emma auf einmal bemerkte, die mit ergeben gefalteten Händen in seiner Bibliothek vor ihm stand.

»Oh, Lord Denham«, sagte sie nervöser denn je. »Verzeihen Sie bitte. Ich wollte kurz mit Ihnen sprechen, aber wie ich sehe, ist jetzt vielleicht nicht der beste Augenblick …«

Was für eine Untertreibung! Emma hegte keinerlei Zweifel, dass sich Penelope nach dieser schroffen Abfuhr in die nächste Wäschekammer geflüchtet hatte, wo sie sich schon als Kinder oft versteckt hatten, um sich ungestört die Augen ausweinen zu können. Es würde schwer werden, sie zu trösten, das wusste Emma. Und sie mussten heute Abend noch auf den Ball bei Lord und Lady Chittenhouse. Penelope würde sich bestimmt nicht rechtzeitig beruhigen.

Aber Lord Denham, der über Emmas unerwartete Anwesenheit in seiner Bibliothek keineswegs verärgert schien, wandte sich lediglich mit einem Schulterzucken, als müsste er etwas Unangenehmes abschütteln, von der geschlossenen Tür ab und sagte lächelnd: »Ein Besuch von Ihnen, Emma, kommt nie ungelegen. Welchem Umstand verdanke ich das Vergnügen dieses Mal? Dem Damenzirkel zur Obsorge des Wohlergehens weiblicher Insassen in Newgate? Oder ist es wieder einmal die christliche Mission?«

»Oh«, sagte Emma, als James hinter seinem Schreibtisch aus massivem Mahagoni Platz nahm und nach Feder und Papier griff, um seinen Sekretär schriftlich aufzufordern, einen Scheck auszustellen. »Weder noch, ehrlich gesagt.«

James blickte überrascht auf. »Weder noch? Erzählen Sie mir nicht, dass Sie noch einem Wohltätigkeitsverein beigetreten sind, Emma! Sie sollten nicht all diesen Leuten erlauben, an Ihr weiches Herz zu appellieren. Gute Menschen wie Sie werden leicht ausgenutzt und letzten Endes aufgerieben, glauben Sie mir.«

»Diesmal geht es nicht um einen wohltätigen Zweck, Mylord«, sagte Emma, die das Gefühl hatte, dass ihr irgendetwas die Kehle zuschnürte. Sie räusperte sich. Es würde wirklich nicht so leicht werden, wie sie es sich vorgestellt hatte. Bei all ihren Plänen hatte sie die Augen des Earls vergessen, Augen, die veränderlich waren und je nach Licht goldbraun oder sogar grünlich wirkten. Aber welche Farbe sie auch zeigten, der Ausdruck blieb immer derselbe, eindringlich … und manchmal bohrend. Emma, die alles verlor, was sie zuvor an Mut besessen haben mochte, stand mit schlaff herabhängenden Armen vor dem Schreibtisch.

Der Earl, dem dieser Umstand nicht entging, legte die Feder nieder, lehnte sich in seinem Sessel zurück und sagte: »Na schön, Emma. Raus mit der Sprache. Was haben Sie angestellt?«

»Ich?«, rief Emma entsetzt. Wirklich, es machte sie rasend, dass sie so reagierte, als wäre sie ein schuldbewusstes Kind. Schließlich war er nicht ihr Vormund. Die Tatsache, dass Regina Van Court, die Emma großgezogen hatte, und Lady Denham eng befreundet waren, machte sie nicht zu Familienangehörigen. Sie waren nicht miteinander verwandt – noch nicht, zumindest. Aber Emma war sicher, dass es der größte Wunsch der beiden Damen war, ihre Familien eines Tages durch eine Heirat verbunden zu sehen.

Was sie nicht wussten, war, dass dieser Tag praktisch bevorstand. Leider jedoch waren es die falschen Sprösslinge, die vor den Altar treten wollten.

»Ich habe überhaupt nichts angestellt«, beeilte sie sich, zu erklären. »Wirklich nicht. Es … es geht eigentlich um Stuart.«

»Stuart?« James zog eine seiner dunklen Augenbrauen hoch. Der Earl hatte in vielerlei Hinsicht, von der Finanzierung von Stuarts Ausbildung bis zu großzügigen Spenden für Stuarts wohltätige Zwecke, bewiesen, dass ihm sein Cousin am Herzen lag … aber das hieß nicht, dass er immer einer Meinung mit ihm war, genauso, wie Stuart nicht immer mit dem Earl einverstanden war. Ganz im Gegenteil, um genau zu sein. Stuart schaffte es immer wieder, James zu reizen, der die Lebensphilosophie seines jüngeren Cousins nicht verstand und noch weniger billigte. Es sei schön und gut, wie James oft bemerkte, den Armen zu helfen. Aber wäre es nicht besser, den Armen zu helfen, sich selbst zu helfen?

Stuart war der Überzeugung, genau das zu tun, wenn er die Armen in ihrem Glauben an Gott stärkte. James hingegen neigte zu der Ansicht – aus der er keinen Hehl machte – dass die Armen wesentlich mehr von Unterweisungen in Hygiene und Familienplanung sowie soliden finanziellen Investitionen profitieren würden. Eine Seele mit leerem Magen sei schwer zu ernähren, fand er.

»Falls es um seinen hirnrissigen Plan geht«, fuhr James streng fort, »die Stelle eines Hilfsgeistlichen in der Einöde der Shetlands anzunehmen, lassen Sie es sich von mir gesagt sein, Emma, dass auch die charmantesten Bitten Ihrerseits mich in diesem Punkt nicht umstimmen werden. Es ist schlicht und einfach Wahnsinn. Ich habe nicht all das Geld für ein Studium in Oxford ausgegeben, damit er seine Ausbildung an ein Pack bedürftiger Schotten wegwirft. Er wird hier in London eine Stelle als Kaplan antreten oder vielleicht sogar die Pfarrei in Denham Abbey übernehmen, wenn er weiß, was gut für ihn ist. Wenn nicht, nun, ich kann ihn natürlich nicht aufhalten, genauso wenig, wie ich ihn daran hindern kann, von der Church of England zur Church of Scotland überzuwechseln. Aber ich kann ihm die Sache durchaus erschweren, indem ich es ablehne, seine Absichten zu finanzieren. Soll er ruhig sehen, wie man von den Einkünften eines Kaplans lebt. Innerhalb eines Monats ist er wieder da, glauben Sie mir!«

Emma ärgerte sich zwar über diese großspurigen Töne, schluckte aber die scharfen Worte hinunter, die ihr auf der Zunge brannten, als sie ihren Liebsten so geschmäht hörte. Ihr war klar, dass es zu nichts führen konnte, zu diesem Zeitpunkt einen Streit mit dem Wohltäter ihres zukünftigen Ehemannes anzufangen.

»Darum geht es nicht«, sagte Emma. »Es geht um … na ja…«

Sie brach ab und fragte sich, ob Stuart nicht vielleicht recht gehabt hatte, als er sie davor warnte, die Angelegenheit mit James zu erörtern. Sein Cousin schien dem Shetland-Projekt nicht sehr wohlwollend gegenüberzustehen und es war wenig wahrscheinlich, dass er für den Teil, den sie ihm erläutern wollte, empfänglicher sein würde.

Andererseits war James immer sehr nett zu ihr gewesen, und nicht erst seit damals, als sie im zarten Alter von vier Jahren beide Eltern verlor und von den Van Courts aufgenommen wurde. James war ihr mit seinem vorgerückten Alter von vierzehn Jahren sehr klug vorgekommen, als er ihr den brüderlichen Rat gab, den Bienen, die sie so gern streicheln wollte, lieber aus dem Weg zu gehen. James war ihr so weise erschienen wie Stuart, der nur sechs Jahre älter war, als sie und düster und unzugänglich wirkte, romantisch.

Aber auch in jüngerer Zeit war James auffallend freundlich zu ihr gewesen. Seit sie ihr Debüt in der Gesellschaft gegeben hatte und ihre erste Saison in London genoss, hatte James sie nie so behandelt, als wäre sie ein junges Ding, das gerade aus dem Schulzimmer entlassen worden war – nun ja, zumindest nicht sehr oft – , und das war mehr, als man von den meisten Mitgliedern ihrer eigenen Familie sagen konnte. Wann immer auf einem Ball Mangel an Tanzpartnern herrschte, wie es gelegentlich vorkam, konnte sie sich darauf verlassen, mindestens einmal vom Earl von Denham aufgefordert zu werden.

Und wenn sie wegen James’ Cousin Stuart Liebeskummer hatte – was manchmal der Fall war, vor allem, wenn Stuart kaum zu merken schien, dass sie existierte – , zog James sie deshalb nie auf. Zugegeben, er schien nicht übermäßig entzückt zu sein, als sie ihm anvertraute, wie sehr sie Stuart verehrte, aber er hatte den beiden auch nicht verboten, einander zu sehen. Er schien das, was er Emmas ›Schwärmerei‹ für seinen Cousin nannte, eher amüsant zu finden.

Sie bezweifelte allerdings, dass ihm aufgefallen war, welche Ergebnisse seine Duldsamkeit gezeitigt hatte.

Trotzdem hoffte sie, er würde sich freuen. Natürlich würde er sich freuen. Es war nicht recht von Stuart, seinen Cousin so falsch einzuschätzen. James war ein sehr großzügiger Mensch und hatte ein gutes Herz. Es war nur nicht immer sichtbar, dieses Herz … wie zum Beispiel eben im Flur bei der armen Penelope. Aber das bedeutete nicht, dass es nicht vorhanden war.

»Stuart und ich …« Emma schluckte schwer. Bitte. Sie hatte es beinahe herausgebracht. Komisch, dass es so viel schwieriger war, als sie gedacht hatte. Sie hatte immer gefunden, dass man sehr gut mit James reden konnte und dass er keineswegs das Ungeheuer war, das Stuart häufig aus ihm machte. Wie konnte er ein Ungeheuer sein, wenn er trotz seiner Ansichten über die Kirche – in seinen Augen dummes Zeug – Stuarts Ausbildung zum Geistlichen bezahlte? Er hätte durchaus darauf bestehen können, dass sein Cousin stattdessen Jura studierte. Aber das hatte er nicht getan.

Nein, Stuart irrte sich. Hunde, die bellen, beißen nicht, das galt für James. Er würde die Neuigkeit, die Emma ihm mitzuteilen hatte, freudig begrüßen. Freudig deshalb, weil ihre beiden Familien dadurch endlich verbunden wären. Das würde seine Mutter glücklich machen. Und es gab nichts, was James nicht tun würde, um seine Mutter glücklich zu machen.

Außer natürlich zu heiraten, bevor er voll und ganz dazu bereit war. Was, wie es im Moment schien, möglicherweise erst der Fall sein würde, wenn er die vierzig überschritten hatte, eine bittere Pille für so manche Dame der Gesellschaft, die heiratsfähige Töchter unter die Haube zu bringen hatte.

»Stuart und Sie?«, wiederholte James – ziemlich frostig, wie Emma fand.

»Stuart und ich«, platzte Emma heraus, um es endlich hinter sich zu bringen, »wollen heiraten. Und Sie müssen unbedingt mit ihm reden, Mylord, weil er nämlich die absurde Vorstellung hat, dass Sie es nicht erlauben werden und wir beide durchbrennen müssen. Ich habe ihm gesagt, dass Sie nicht die geringsten Einwände haben werden, aber Sie wissen ja, wie eigensinnig er sein kann. Und ich hatte gehofft … also, ich hatte gehofft, Sie könnten mit ihm reden. Ich wünsche mir nämlich eine richtige Hochzeit, wissen Sie, mit Ihnen und Penny, Tante Regina und Ihrer Mutter und allen anderen. Könnten Sie nicht mit Stuart sprechen, Mylord? Ich wäre Ihnen sehr dankbar.«

Da. Es war heraus. Es war ausgesprochen und jetzt würde alles gut werden. James würde die Sache in die Hand nehmen, und zwar genauso geschickt und erfolgreich, wie er sich um alles andere kümmerte. Emma hatte noch nie ein Problem gehabt, das James Marbury nicht hätte lösen können. Probleme mit ihrer Schularbeit? James war zur Stelle, um ihr zu helfen. Probleme mit dem Besitzer einer Halle, die sie für eine Wohltätigkeitsveranstaltung mieten wollte? James wurde mit einem einzigen, sorgfältig abgefassten Brief damit fertig.

James machte immer alles gut. Oh, er schimpfte natürlich jedes Mal, aber letzten Endes löste er jedes Problem. Immer. Bei diesem Gedanken fühlte sich Emma gleich besser. Aber nur so lange, bis sie einen Blick auf das Gesicht des Earls warf.

»Heiraten?«, wiederholte James in einem Ton, der, wie sie bestürzt feststellen musste, nicht sehr freundlich klang. »Was soll der Unsinn? Heiraten? Das kann nicht Ihr Ernst sein, Emma.«

Emma blinzelte. »Es tut mir leid, Sie enttäuschen zu müssen, Mylord«, sagte sie leicht indigniert. »Aber das ist ganz gewiss mein Ernst.«

»Aber … aber Sie sind viel zu jung, um zu heiraten«, erklärte der Earl. »Sie sind noch ein Kind!«

»Wohl kaum, Mylord! Ich bin vor kurzem achtzehn geworden. Sie waren letzten Monat bei meiner Geburtstagsfeier, wissen Sie noch?«

»Achtzehn?« James schien zum ersten Mal, seit sie ihn kannte, um Worte verlegen. »Achtzehn ist immer noch viel zu jung, um zu heiraten. Stuart heiraten? Jetzt? Wissen Ihr Onkel und Ihre Tante Bescheid?«

Emma verdrehte die Augen. »Nein, natürlich nicht. Ich habe Ihnen doch gerade erklärt, dass niemand etwas weiß. Stuart will es geheim halten. Er will, dass wir durchbrennen. Er will, dass ich mitkomme, nach Schott…«

Emma brach ab, als James unvermittelt aufsprang. Er war so viel größer als sie, dass sie stets gezwungen war, sich den Hals zu verrenken, wenn er so dicht vor ihr stand wie jetzt, auch wenn der Schreibtisch zwischen ihnen war. Als sie jetzt in sein Gesicht hinauf starrte, regte sich plötzlich leise, aber unverkennbare Furcht in Emma. James sah geradezu gefährlich aus. Sie hatte ihn natürlich schon wütend erlebt. Er war sehr aufbrausend, wenn es um Dinge wie schlampige Bedienung bei Tisch oder die Misshandlung von Pferden ging, Tiere, für die er eine große Schwäche hatte.

Aber Emma hatte ihn noch nie so gesehen wie jetzt. Er sah so … nun, es gab kein anderes Wort dafür.

Mörderisch.

»Wollen Sie mir etwa erzählen«, sagte James mit einer Stimme, die wesentlich beherrschter war als sein Kiefermuskel, der unkontrolliert zuckte, »dass mein Cousin vorhat, Sie mit zu den Shetlands zu nehmen?«

Emma stellte fest, dass sie einem schweren Irrtum unterlegen war. Stuart hatte völlig recht gehabt, als er behauptete, dass sie, wenn überhaupt, nur heimlich heiraten könnten … zumindest, wenn das hier ein Beispiel für die Reaktion war, die ihre Verbindung hervorrufen würde.

»Es ist nicht so schlimm, wie es sich anhört«, versicherte sie ihm hastig. »Ich bin überzeugt, Stuart wird bald eine eigene Pfarrei bekommen. Die Stelle als Kaplan wird er nicht lange …«

»Ich habe ihm gesagt«, donnerte James so laut, dass Emma beinahe einen Satz gemacht hätte, »dass er überhaupt keine Zeit als Kaplan zu verschwenden braucht. Er kann die verdammte Pfarrei von Denham Abbey übernehmen. Das habe ich ihm nicht einmal, sondern tausendmal gesagt.«

»Ja … ja«, stammelte Emma, »ich bin sicher, dass er Ihnen dafür wirklich dankbar ist. Aber wissen Sie, er will an einen Ort – und ich bin ganz seiner Meinung – , wo er Gutes tun kann, wo die Menschen tatsächlich geistlichen Beistand brauchen, und ich fürchte, auf Denham Abbey trifft das nicht …«

»Also will er stattdessen Hunderte von Meilen entfernt einen Posten antreten, auf einer verlassenen Insel mitten in der Nordsee? Einen Posten, der mit so gut wie keinen Einkünften verbunden ist und ihn höchstwahrscheinlich umbringen wird, entweder durch den Hungertod oder durch Krankheiten? Und er will Sie mitnehmen?«

Das Haselnussbraun seiner Augen hatte sich in dunkles, feuriges Bernstein verwandelt. Emma fürchtete sich fast, ihn anzuschauen, so unheimlich wirkte die Farbe. Ach du meine Güte , war alles, was sie denken konnte. Sie hätte besser den Mund gehalten, das war ihr jetzt klar. Leider zu spät.

Angst – davor, was der Earl tun mochte und mit wem – machte Emma mutig. Sie hatte die beiden Cousins schon einmal bei einer Rauferei gesehen – wegen eines Pferdes, das Stuart angeblich zu hart herangenommen hatte – , und es war kein schöner Anblick gewesen. Eine weitere derartige Auseinandersetzung musste um jeden Preis vermieden werden.

Mit einem Gefühl, von dem sie sich einredete, es wäre Zorn, das in Wirklichkeit aber an Verzweiflung grenzte, rief sie: »Wirklich, Mylord, Sie brauchen nicht so zu schreien! Stuart und ich sind beide erwachsen und in der Lage, eigene Entscheidungen zu treffen. Ich bin in der Hoffnung zu Ihnen gekommen, gerade Sie würden Verständnis und Sympathie für unsere Pläne hegen. Aber wie ich sehe, habe ich Ihr Feingefühl stark überschätzt!«

»Das ist nicht das Einzige, was Sie überschätzt haben, Mädchen«, sagte James mit einem kurzen Lachen, das gänzlich unfroh klang. »Wenn Sie auch nur eine Minute glauben, ich würde einem von Ihnen beiden erlauben, diesen dummen und unüberlegten Plan auszuführen …«

Wieder einmal hätte Emma lieber den Mund halten sollen. Aber sie war zu wütend.

»Das möchte ich sehen, dass Sie uns aufhalten«, gab sie zurück und warf hochmütig den Kopf in den Nacken, sodass ihre dichten Locken auf und ab wippten. »Im Gegensatz zu Ihnen, Mylord, geben Stuart und ich uns nicht damit zufrieden, die Hände in den Schoß zu legen und zuzuschauen, wie andere sinnlos leiden. Wir wollen beide aus dieser Welt einen besseren Ort für diejenigen machen, die weniger gut dran sind als wir. Auf den Shetlands werden wir Menschen helfen, die uns wirklich brauchen.«

»Soweit ich sehen kann, ist der Einzige, der etwas braucht«, sagte der Earl drohend, »mein Cousin Stuart – und zwar eine anständige Tracht Prügel.«

Emma zog den Atem ein. »Wagen Sie es nicht, Hand an ihn zu legen«, warnte sie den Earl. »Wenn Sie das tun … wenn Sie das tun, spreche ich nie wieder ein Wort mit Ihnen.«

»Das, Emma«, sagte der Earl, »wäre nicht schwer.«

Ohne ein weiteres Wort schob er sich hinter seinem Schreibtisch hervor, stürmte zur Tür und riss sie auf.

Er war schon auf dem Flur, als Emma hörte, wie er den Namen seines Cousins brüllte. In diesem Moment jagte sie ihm nach.

»Nein, Mylord«, rief sie. »Bitte, tun Sie es nicht!«

Aber es war zu spät. Sie hörte ein Krachen und dann einen erschrockenen Aufschrei von Lady Denham.

»Lieber Himmel!« Penelope kam mit rotgeweinten Augen aus einer Kammer gestürzt. Ihr Tränenstrom war vor Überraschung versiegt. »War das Lord Denham? Was in aller Welt hast du zu ihm gesagt, Emma?«

»Zu viel«, antwortete Emma mit einem Stöhnen. Und dann rannte sie davon, um ihren Verlobten davor zu bewahren, umgebracht zu werden.

Kapitel 1

Shetlandinseln, Mai 1833

Emma Van Court Chesterton hatte einen schlechten Tag.

Nicht, dass dieser Tag wesentlich schlimmer gewesen wäre als jeder andere, wohlgemerkt. Sie kannte jetzt seit fast einem Jahr nichts anderes. Oh, es hatte innerhalb dieser zwölf Monate den einen oder anderen guten bis mittelmäßigen Tag gegeben, aber im Großen und Ganzen hatten die schlechten überwogen.

Sie wusste nicht genau, was sie getan hatte, um eine solche Pechsträhne zu verdienen. Sie hatte jeden einzelnen Halfpenny aufgehoben, den sie gefunden hatte, und darauf geachtet, unter keiner Leiter hindurchzugehen.

Nicht etwa, dass sie an solche Sachen glaubte. So etwas war rückständig und abergläubisch.

Aber um ganz sicher zu gehen, war sie erst in der vergangenen Woche zum Wunschbaum gegangen und hatte Stuarts Hausschuhe an den Stamm genagelt. Von ihren eigenen Schuhen konnte sie kein Paar entbehren, und Stuart würde seine ohnehin nicht mehr brauchen.

Aber als sie am nächsten Morgen aufwachte, stellte sie fest, dass die Schuhe kein bisschen genützt hatten. Ihre Pechsträhne ging unerbittlich weiter.

Der Hahn war wieder einmal ausgerissen.

Sie wurde vom Pech verfolgt, das war die einzige Erklärung. Ein Blick aus ihrem Schlafzimmerfenster verriet ihr, dass der Tag schon weit fortgeschritten war. Der bleierne Himmel war hell genug, um darauf hinzuweisen, dass der Morgen schon mindestens vor einer Stunde angebrochen war, aber kein Hahnenschrei hatte sie geweckt.

Sie war also spät dran. Wieder einmal.

Die Vorstellung, die Bettdecke zurückzuschlagen und den Tag in Angriff zu nehmen, war nicht unbedingt verlockend. Emma blieb nach dem Aufwachen eine volle Minute liegen und fragte sich, ob es sich überhaupt lohnte, einen Fuß aus dem Bett zu setzen. Erst das ungeduldige Winseln ihres Bettgenossen – ein freundlicher Hund unbestimmter Rasse, aber mit unleugbarem Charme, den Emma vor einer Woche von den Docks gerettet hatte – trieb sie schließlich aus den Federn.

Besser, sich einem wenig vielversprechenden Tag zu stellen, dachte sie bei sich, als zu riskieren, dass ihrem neuen Gast ein Malheur passierte.

Hastig schlüpfte Emma in Hausschuhe und Morgenmantel, während der Hund – eigentlich eine Hündin, die in Emmas zugegebenermaßen unerfahrenen Augen jeden Moment Junge bekommen würde – , aufgeregt um ihre Knöchel herumwuselte, wobei er in freudiger Erregung, endlich nach draußen zu dürfen, mehrmals an die Schienbeine seiner neuen Herrin stieß.

Als Emma die Haustür öffnete, um den Hund hinauszulassen, stellte sie fest, dass alles noch schlimmer – viel schlimmer – war, als sie erwartet hatte. Nicht nur, dass ihr Hahn weggelaufen war, fiel noch dazu Regen, schwerer, undurchdringlicher Frühlingsregen, der den Garten um ihr Häuschen in eine Sumpflandschaft verwandelte. Während der Nacht war auf See ein Sturm aufgezogen, der jetzt mit aller Kraft über die kleine Hebrideninsel tobte.

Nach einem halben Dutzend Schneestürmen seit Oktober war der Anblick von ganz normalem, kräftigen Regen nicht direkt unwillkommen. Emmas Freude über den Frühlingsschauer wurde allerdings durch die Vorstellung getrübt, dass sie sich durch dieses Unwetter kämpfen musste, um ins Dorf zu gelangen, wo ein Dutzend Kinder in der Schule darauf warteten, dass sie ihnen Unterricht gab.

Emma war nicht die Einzige, die den strömenden Regen mutlos betrachtete. Ihr kleiner Gast setzte zögernd eine Pfote in den Matsch und drehte sich dann zu Emma um, als wollte er sagen: Muss ich? Muss ich wirklich?

Aber genau in diesem Moment wurde der vertrauensvolle, leicht ratlose Gesichtsausdruck misstrauisch, und ein tiefes Knurren drang aus der Kehle der Hündin, das Emma anzudeuten schien, dass nicht nur die Abneigung gegen die Nässe der Grund war. Sie folgte der Blickrichtung des Tieres und entdeckte eine massige Gestalt, die reglos im Schatten unter dem Vorsprung des Strohdachs stand.

»Du lieber Gott«, murmelte Emma und legte eine Hand auf ihre Brust. Ihr Herz fing laut zu pochen an. Wirklich, sagte sie sich, das ist einfach zu viel! Dass man mir vor meinem eigenen Cottage auflauert, während ich noch im Morgenmantel bin … du meine Güte! Und es passierte auch nicht zum ersten Mal. So geht es nicht. So geht es ganz einfach nicht, dachte sie.

Sie öffnete die Augen, die sie geschlossen hatte, um ein kurzes, stummes Dankgebet zu sprechen, dass sie diesen speziellen Eindringling zumindest kannte, und sah die unbewegliche Gestalt an.

»Also wirklich, Mr. MacEwan«, sagte sie mit leicht schlaftrunkener Stimme. »Was machen Sie hier draußen im Regen? Sie haben mich beinahe zu Tode erschreckt.«

Der Riese – denn das war er tatsächlich, ein Riese von eins achtundneunzig, der zusammen mit seiner betagten Mutter auf einem benachbarten Bauernhof lebte – neigte den Kopf. Das Regenwasser, das sich in seiner Hutkrempe gesammelt hatte, ergoss sich in einem Schwall über die Kappen seiner schweren Stiefel.

»Morgen, Mrs. Chesterton«, sagte er in seinem breiten schottischen Akzent und machte ein betretenes Gesicht. »Ich wollte Ihnen keine Angst machen. Ich … ich bringe Ihnen Ihren Hahn zurück.«

Erst jetzt fiel Emma auf, dass ein magerer, leicht zerzauster Vogel unter Cletus MacEwans Arm steckte.

»Ach herrje«, sagte sie. »War er wieder hinter Ihren Hennen her, Mr. MacEwan? Es tut mir ja so leid …«

»Schätze, er hat vergessen, dass er nicht mehr dort lebt.«

Cletus setzte den Hahn auf den Boden. »Aber ich glaube nicht, dass er wieder weglaufen wird. Unser Charlie hat ihm ganz schön Beine gemacht. Wundert mich, dass Sie das Gekreische der beiden nicht bis hierher gehört haben.«

Emma musterte den Hahn, der unter den dürftigen Schutz des Vordachs flüchtete und dann hochmütig im harten Boden scharrte, als hätte er keine Ahnung, dass von ihm die Rede war, finster.

»Nein, ich habe nichts gehört«, erwiderte Emma, »und deshalb bin ich heute spät dran. Ich danke Ihnen herzlich, Mr. MacEwan, dass Sie ihn mir zurückgebracht haben.«

Cletus nickte. »Tja, ich denke, ab jetzt bleibt er hier, nach den Hieben, die Charlie ihm versetzt hat.« Dann streckte er verlegen den anderen Arm aus, an dem ein Korb hing, dessen Inhalt mit einem blau-weiß-karierten Tuch bedeckt war.

»Hätte ich fast vergessen«, sagte er. »Meine Mam hat sie gerade gemacht. Scones. Ganz frisch aus dem Backofen.«

Emma nahm den Korb aus seinen schwieligen, wettergeröteten Händen und stellte fest, dass er wieder einmal seine Handschuhe vergessen hatte. Der erste wärmere Frühlingstag und schon ließ Cletus MacEwan seine Handschuhe zu Hause, ohne wie Emma daran zu denken, dass sich das Wetter auf den Shetlands nicht immer an den Kalender hielt. Es konnte mitten im Winter sommerlich warm sein und mitten im Mai kalt wie im Februar, so wie heute.

»Oh, Mr. MacEwan«, sagte sie, wobei sie die Stimme hob, damit er sie trotz des stetigen Rauschens des Regens verstehen konnte. »Vielen, vielen Dank. Aber ich wünschte, Sie hätten das nicht getan …«

Emma wollte nicht einfach höflich sein. Sie wünschte wirklich, er hätte es nicht getan. Obwohl ihr Mrs. MacEwans Gebäck eindeutig lieber war als das Präsent der vorigen Woche – ein frisch geschlachtetes Schwein – , war es trotzdem zu viel. Cletus MacEwan war Emmas ergebenster und körperlich eindrucksvollster Verehrer, aber auch der, dem es am meisten an gesundem Menschenverstand mangelte.

»Sie werden mit Ihrer Arbeit nicht nachkommen, wenn Sie mir jeden Morgen etwas zum Frühstück bringen«, tadelte sie ihn milde.

Cletus lächelte sie nur, mit dem vertrauensvollen, freundlichen Lächeln eines Kindes an. Und er war tatsächlich noch sehr jung, achtzehn Jahre alt, und somit ein Jahr jünger als Emma.

»Meine Mam sagt, wir müssen schauen, dass Sie ordentlich essen«, antwortete Cletus. »Sie sagt, dass Sie zu dünn geworden sind und dass Sie noch ganz von Kräften kommen, wenn Sie nicht …«

»Ja, ja, schon gut«, unterbrach Emma ihn. Mrs. MacEwans düstere Prophezeiungen kannte sie zur Genüge. Mit Emmas Gesundheit stand alles zum Besten, aber Cletus’ Mutter prahlte gern vor ihren Freundinnen in der Stadt mit ihren Bemühungen, die »arme Witwe Chesterton« aufzupäppeln. Es konnte kein Zweifel bestehen, dass gute Nachbarschaft nicht der einzige Grund war, der hinter Mrs. MacEwans Fürsorge steckte. Sie hatte ein handfestes Motiv und dieses Motiv stand jetzt eben vor Emmas Augen und zitterte in seinen nassen Sachen wie ein Lamm vor der Schlachtbank.

Unter normalen Umständen zeigte Emma keinem ihrer zahlreichen Verehrer besonderes Entgegenkommen. An diesem Tag jedoch beschloss sie, eine Ausnahme zu machen. Vielleicht lag es an dem Anblick von Cletus MacEwans aufgesprungenen Händen, vielleicht auch an dem köstlichen Duft der Scones, die seine Mutter gebacken hatte. Wie auch immer, Emma entschied, ihn ins Haus zu bitten, und sagte deshalb freundlich: »Wollen Sie nicht hereinkommen, Mr. MacEwan?« Sie trat beiseite, um ihn eintreten zu lassen.

Cletus MacEwan brauchte keine weitere Aufforderung. Schnell wie der Blitz duckte er sich unter dem niedrigen Türrahmen hindurch und baute sich in ihrem Wohnzimmer auf.

»Sehr nett von Ihnen, Ma’ am«, sagte er und neigte erneut den Kopf, wobei es ihm gelang, einen Schwall Wasser auf ihrem sauberen Holzboden zu verteilen. »Vielleicht kann ich auf eine Tasse Tee bleiben, wenn es Ihnen nichts ausmacht.«

Emma beobachtete lächelnd, wie ihr Nachbar dem Kamin zustrebte. Cletus MacEwan war zwar nicht sehr aufgeweckt, aber als Nachbar ganz nützlich, hatte sie festgestellt, vor allem, wenn es darum ging, ein Hühnchen für ihr Abendessen zu schlachten, eine Aufgabe, für die Emma weder Talent noch Neigung hatte.

Aber diese Eigenschaft erweckte in ihr nicht den Wunsch, ihn zu heiraten. Emma hatte nicht den Wunsch, überhaupt zu heiraten.

Und das war die Wurzel all ihrer gegenwärtigen Probleme – den Hahn nicht eingeschlossen.

Der hellbraune Mischling, den Emma am Vorabend beschlossen hatte, nach der Figur eines Romans, den sie gerade las, Una zu nennen, hatte sein Geschäft erledigt und kehrte eilig in die Wärme des Hauses zurück. Emma trat beiseite, um nicht von den Wassertropfen besprüht zu werden, die in alle Richtungen spritzten, als Una ihr Fell ausschüttelte.

Als Emma in ihrem Schlafzimmer gerade damit kämpfte, ihr Haar zu bändigen – ein Kampf, der Tag für Tag zwischen den dicken blonden Locken, die ihren Kopf wie ein Heiligenschein umrahmten, und der steifen Rosshaarbürste stattfand, die dieser Aufgabe nicht im Geringsten gewachsen zu sein schien – , blickte sie zufällig auf und bemerkte etwas Ungewöhnliches.

In ihrem Gemüsegarten stand ein Leichenwagen.

Emma, die mehrere Haarnadeln, mit denen sie den Knoten auf ihrem Kopf zu befestigen versuchte, zwischen den Zähnen hielt, hätte diese beinahe verschluckt, als sie das lange schwarze Gefährt entdeckte. Die schäbige Kutsche – das einzige Fahrzeug des entlegenen Inseldorfes, das über eine Art Dach verfügte – wurde von einem Zweiergespann gezogen und beide Pferde schnupperten an Emmas Kohlköpfen, die eben erst zaghaft aus dem Boden sprossen.

Emma, deren Hände vor Überraschung wie festgefroren über ihrem Kopf verharrten, starrte den Wagen an. Was in aller Welt hatte der Leichenwagen des Dorfes in ihrem Gemüsegarten verloren? Hier in der Gegend hatte es keine Todesfälle gegeben – zumindest keine, von denen Emma gewusst hätte. Emmas Cottage lag auf einer einsamen Klippe über der See. Ihre nächsten Nachbarn, Cletus MacEwan und seine Mutter, lebten beinahe eine Meile weiter unten an dem steilen Abhang, der zum Anwesen der Chestertons führte. Mr. Murphy, der Besitzer des Wagens, konnte unmöglich glauben, dass einer der beiden MacEwans tot war. Und auch sie selbst war ganz offenkundig am Leben.

Zugegeben, Stuart, Emmas Ehemann, war gestorben, aber das lag sechs Monate zurück. Und auch wenn Mr. Murphy gern ein Glas zu viel trank, konnte nicht einmal er vergessen haben, dass er diese schicksalhafte Fahrt bereits gemacht hatte.

Außer – Emma ließ die Arme sinken, als sich ein kaltes Grauen in ihr regte – außer, Samuel Murphy wäre aus einem ganz anderen Grund hier. Nicht, um eine Leiche abzuholen, sondern um sich der Schar von Verehrern anzuschließen, die ihr wie Cletus MacEwan so eifrig den Hof machten, seit sich die Kunde von ihrer ungewöhnlichen Erbschaft auf der Insel herumgesprochen hatte.

»Oh nein!«, sagte Emma laut. Una, die zu ihren Füßen lag und glaubte, Emma spräche mit ihr, wedelte freudig mit dem Schwanz. »Nicht Mr. Murphy! Oh, bitte nicht auch noch Mr. Murphy!«

Schlimm genug, dass Cletus MacEwan jeden Morgen auf ihrer Türschwelle stand. Schlimmer noch, dass sie jedes Mal, wenn sie ins Dorf kam, von heiratswilligen Junggesellen aller Altersgruppen und Arten belagert wurde, von denen etliche Fischer waren und versuchten, sie mit ihrem Tagesfang zu beeindrucken.

Aber all das wäre nichts, rein gar nichts, im Vergleich zu der Aussicht, tagein, tagaus von einem großen schwarzen Leichenwagen verfolgt zu werden, dessen Dach noch dazu mit einer schwarzen Rüsche verziert war!

Wild entschlossen, diesem Schicksal zu entgehen, trat Emma an ihr Bett, wo sie am Vorabend ihren Schal abgelegt hatte. Während sie das schwere Wolltuch um ihre Schultern warf, marschierte sie aus dem Schlafzimmer und ging direkt zur Haustür, ohne dem Hünen, der vor dem munteren Feuer in ihrem Kamin kauerte, auch nur einen Blick zu gönnen.

Die Vordertür ihres Häuschens war in der Hälfte unterteilt, sodass Emma den oberen Teil öffnen konnte, um im Frühling und Sommer die frische Brise vom Meer zu genießen, ohne zu riskieren, dass die Tiere, die sich in ihrem Garten herumtrieben, ins Haus kamen. Auch jetzt stieß sie die obere Hälfte auf und spähte durch den Regen zu dem schwarzen Gefährt und dem einsamen Lenker auf dem Kutschbock, dem die Nässe nichts auszumachen schien.

Emma holte tief Luft und schrie durch das unablässige Prasseln des Regens: »Samuel Murphy! Was haben Sie da zu suchen? Ich hoffe, Sie haben einen guten Grund dafür, mein Gemüsebeet mit Räderfurchen zu durchziehen!«

Sie hörte, wie sich Cletus MacEwan hinter ihrem Rücken bewegte.

»Murphy?«, rief er ungläubig. »Was will der denn hier?« Obwohl er die Frage nicht gehört haben konnte, tippte Mr. Murphy, der auf dem Kutschbock des Wagens saß, höflich an die Krempe seines durchnässten Hutes und rief zurück: »Ich hab hier Besuch für Sie, Mrs. Chesterton!«

Erst jetzt fiel Emma auf, dass jemand im Wagen saß. Da in Faires niemand mit diesem traurigen Vehikel fahren würde, wenn er nicht gerade der Länge nach in einer Kiste aus Fichtenholz lag und in der Angelegenheit nichts mehr zu sagen hatte, war es verständlich, dass Emma diese Möglichkeit nicht in Betracht gezogen hatte. Aber bei einem wahren Wolkenbruch wie dem, den sie gerade erlebten, würde jemand, der nicht bis auf die Haut nass werden wollte, auf das einzige geschlossene Fahrzeug in dieser Gegend zurückgreifen müssen.

Und dieses Fahrzeug war natürlich Samuel Murphys Leichenwagen.

»Es ist MacCreigh.« Cletus richtete sich auf. Er musste den Kopf einziehen, um nicht an die Dachbalken zu stoßen. Emma, die Angst um ihre Porzellanteller hatte, die auf den oberen Regalen der Anrichte in der Ecke standen und dazu neigten, bedrohlich zu klappern, wenn Cletus MacEwan über den Boden stapfte, streckte beide Arme nach ihm aus.

»Bitte, Mr. MacEwan«, sagte sie begütigend. »Setzen Sie sich doch. Es gibt keinen Grund zu der Annahme …«

Angesichts seines verstörten Gesichtes und der Tatsache, was er von Lord MacCreigh hielt, der sie ein-, zweimal in ihrem Cottage besucht hatte – wenn auch nicht so früh am Morgen – , überraschte es Emma nicht sonderlich, als er ihr ins Wort fiel.

»Es ist MacCreigh, sage ich Ihnen!«, beharrte Cletus, gehorchte jedoch, indem er blieb, wo er war. »So sicher, wie ich hier stehe. Zu verweichlicht, dieser Dandy, um wie normale Menschen im Regen auf seinem Pferd zu reiten, und deshalb musste er Murphys Leichenwagen mieten!«

Emma stellte fest, dass sie unverzüglich handeln musste, um ihr Porzellan zu retten. Bei einer Pechsträhne wie der ihren durfte sie kein Risiko eingehen. Daher wandte sie ihr Gesicht wieder dem Regen zu und rief dem Passagier in der Kutsche zu: »Also wirklich, Lord MacCreigh, ich bin sehr erstaunt. Ich dachte, ich hätte unmissverständlich klar gemacht, dass meine Antwort …«

Noch während sie sprach, schwang der Wagenschlag langsam auf und gab den Blick auf das Innere der Kutsche und einen großen Mann in einem schweren, pelzbesetzten Mantel frei. Er stieg etwas steifbeinig aus, was nicht weiter verwunderlich war, da das Innere von Murphys Wagen nicht dem Komfort der Lebenden, sondern dem der Toten diente.

Emma stellte fest, dass ihr Besucher keineswegs Lord MacCreigh war.

Abgesehen von der Tatsache, dass Lord MacCreigh entgegen Cletus’ Behauptung durchaus nicht so verweichlicht war, um wegen eines kleinen Schauers, Murphys Kutsche zu mieten – er war ein passionierter Reiter, dem schlechtes Wetter nichts auszumachen schien – , sah dieser Mann ganz anders aus als ihr unerbittlichster Verehrer. Der Mann hier war, im Gegensatz zu Geoffrey Bain, Baron von MacCreigh, der rote Haare hatte und einen Schnurrbart trug, dunkelhaarig und glattrasiert, und unter seinem Mantel trug der Mann beige Hosen und eine grüne Satinweste; Geoffrey Bain hingegen kleidete sich, seit er im Vorjahr von seiner jungen Verlobten verlassen worden war, stets in Schwarz. Obwohl das Alter – dreißig – und die Größe – ein wenig über eins achtzig – ungefähr hinkamen, waren die beiden Männer in jeder anderen Hinsicht absolut gegensätzlich.

Dieser Mann war Emma fremd. Und das an sich war schon seltsam, da nie Fremde nach Faires kamen.

Und schon gar nicht, um  sie  zu besuchen.

Hier musste ein Irrtum vorliegen. Ja, natürlich, das musste es sein. Denn falls sich die Neuigkeit ihrer Erbschaft nicht auf dem Festland verbreitet hatte, und Emma betete inständig, dass es so wäre, gab es keinen, nicht den geringsten Grund, warum ein Fremder sie aufsuchen sollte.

Der Mann ging auf das Cottage zu, und Emma, die zum ersten Mal sein Gesicht sehen konnte, stellte mit sinkendem Mut fest, dass dieser Tag einer der schlechtesten zu werden versprach.

Der Mann war kein Fremder, ganz und gar nicht.

Kapitel 2

»Oh Gott«, murmelte Emma, und ihre Hände, die auf der unteren Türhälfte lagen, verkrampften sich.

Sie erkannte ihn sofort. Die Ähnlichkeit zwischen diesem Mann und ihrem verstorbenen Gatten war schon immer verblüffend gewesen: Die unangenehm durchdringenden grünbraunen Augen, das dunkle Haar, eine Spur länger, als es der Mode entsprach – oder zumindest bei Emmas letztem Aufenthalt in London der Mode entsprochen hatte – und das, was bei einem Mann im Allgemeinen als auffallend gutes Aussehen galt … eine breite, glatte Stirn, schmale, markante Kiefer, Grübchen im Kinn.

Obwohl James von jeher der größere von beiden gewesen war – beinahe einen Kopf größer als Stuart und mit entsprechend breiteren Schultern – , war es Stuart gewesen, hinter dessen schmächtigeren äußeren Erscheinung die geistig gefestigtere Seele wohnte. Das hatte Emma jedenfalls geglaubt.

»Oh mein Gott«, sagte sie wieder. Ihr Mund war plötzlich wie ausgetrocknet.

Cletus, der immer noch hinter ihr stand, kam in Bewegung. Das Porzellan auf dem Regal schepperte laut. »Das reicht«, verkündete der junge Landmann. »Er ist ein toter Mann, Baron hin oder her.«

Emma merkte zu spät, dass sie laut gesprochen hatte. Und obwohl es ihr vielleicht nicht unangenehm gewesen wäre, wenn der Earl von Denham eine anständige Tracht Prügel von ihrem kräftigen jungen Nachbarn bezogen hätte, würde sich der Mord an einem Mitglied des Hochadels in ihrem Wohnzimmer vor den hiesigen Gesetzesvertretern möglicherweise schwer erklären lassen – und sie wollte wirklich nicht noch eine Leiche auf dem Gewissen haben.

Emma wirbelte herum und hob beide Hände, um Cletus, der im Sturmschritt zur Tür stapfte, aufzuhalten. Ihre Finger prallten auf eine Mauer von Fleisch. Genauso gut hätte man versuchen können, einen gereizten Bullen aufzuhalten, wie Cletus MacEwan daran zu hindern, genau das zu tun, was er wollte. Dennoch stemmte Emma beide Füße fest auf die Bodendielen und rührte sich nicht von der Stelle.

»Nein, nein, Mr. MacEwan«, sagte sie schnell. »Das ist nicht Lord MacCreigh. Er ist es wirklich nicht.«

Cletus’ dunkle Augenbrauen stießen über seiner Nase zusammen. »Ach, ist er nicht?«, fragte er ungläubig. Offensichtlich dachte er, dass sie ihn beschwindelte. »Wenn es nicht MacCreigh ist, wer dann?«

»Niemand«, sagte sie. »Niemand, der Sie etwas angeht, meine ich.«

Gott, war er stark! Wie eine Dampfwalze drohte er sie zu überrollen. Cletus MacEwan war viel zu sehr Gentleman, um sie ohne ihre Erlaubnis zu berühren, aber in seinem Eifer, es dem Mann zu zeigen, in dem er einen Rivalen sah, packte er sie bei den Schultern und versuchte, so gut er es konnte, ohne ihr wehzutun, sie aus dem Weg zu schieben. Emma, die entschlossen war, ihn nicht durchzulassen, wich keinen Zentimeter.

»Wirklich, Mr. MacEwan«, sagte sie. Sie sprach jetzt mit zusammengebissenen Zähnen und ihre Arme zitterten von der Anstrengung, ihn daran zu hindern, den Earl umzubringen, sowie er das Haus betrat. »Sollten Sie jetzt nicht lieber nach Hause gehen? Ich bin sicher, Ihre Mutter macht sich schon Sorgen um Sie …«

Die tiefe Stimme ertönte früher, als sie erwartet hatte. Und es war tatsächlich eine tiefe Stimme, viel tiefer, als sie sie in Erinnerung hatte, ein grollender Bass, der keinen Widerspruch duldete. Diese Stimme schien die Bodenbretter genauso heftig zu erschüttern wie Cletus MacEwans Füße.

»Was«, dröhnte James Marbury, »hat das zu bedeuten?«

Emma hob den Kopf. Durch ein Gewirr von Locken hindurch sah sie den Earl von Denham mit ungläubiger Miene auf der anderen Seite der Tür stehen. Mit einem kleinen Stöhnen senkte Emma den Kopf und mühte sich nach Kräften ab, Cletus zu bändigen.

Und dann, noch ehe sie wusste, wie ihr geschah, wurde sie aus Cletus MacEwans Umklammerung gerissen und höchst unsanft auf die Kissen ihrer Sitzbank gedrückt.

Wirklich. Genau so war es … oder zumindest kam es ihr so vor. Gerade hatte sie noch versucht, Cletus daran zu hindern, den Verwandten ihres Ehemannes umzubringen, im nächsten Moment saß sie auf der Bank, und Una kläffte die beiden Männer wütend an.

Cletus MacEwan, der seit vier Jahren Meister im Baumstammwerfen war, der größte und kräftigste Mann der Insel, geriet unter einem Schlag ins Gesicht ins Wanken und taumelte …

Direkt in Emmas Anrichte.

»Nein!« Emma sprang auf und stürzte sich auf den Earl von Denham, der gerade zum zweiten Schlag ausholte. Er hielt inne, um ihr ein Lächeln zu schenken, ein charmantes Lächeln, das durch den unerwarteten warmen Schimmer in seinen grünbraunen Augen noch überzeugender wirkte.

»Keine Angst, Emma«, sagte James Marbury galant. »Ich werde diesem jungen Tölpel beibringen, seine Hände bei sich zu behalten.«

»Aber …«

Zu spät. Cletus, der vom ersten Schlag noch immer benommen war, sah den zweiten nicht einmal kommen. Starr vor Entsetzen beobachtete Emma, wie ihre Anrichte unter seinem enormen Gewicht zusammenbrach. Die Porzellanstapel schwankten hin und her und krachten dann zu Boden.

Als Erstes fielen die Suppenteller. Dann war der Gewürzständer an der Reihe, gefolgt von den Speisetellern und Desserttellern und schließlich in einem einzigen Rutsch die Teetassen mitsamt Untertassen.

Emma hatte den Eindruck, dass dieses Werk der Zerstörung eine ganze Reihe von Stunden in Anspruch nahm, aber in Wirklichkeit konnten es nur Sekunden gewesen sein, sonst hätte der Earl vermutlich mehr aufgefangen als eine einzelne Teetasse, die er im Flug erwischte, kurz bevor sie sich zu den anderen gesellte, die in einem Scherbenhaufen rund um den der Länge nach ausgestreckten Cletus MacEwan lagen.

Als das letzte Stück Porzellan mit lautem Klirren zerbrach, stützte sich Cletus stöhnend auf seine Ellbogen und sah sich verdattert um. »Was war das?«, fragte er, während er Porzellansplitter von sich abschüttelte.

Emma starrte auf den Trümmerhaufen, der einmal ein komplettes Service für acht Personen gewesen war, schönes weißes Porzellan, an den Rändern mit einer handgemalten Rosengirlande verziert. Abgesehen von der Tasse, die der Earl in der Hand hielt, war kein einziges heiles Stück übrig geblieben. Una schnüffelte zu ihren Füßen herum, bevor sie sich setzte und die beiden Männer missbilligend fixierte.

James brach das Schweigen. Er drehte die Tasse um und musterte mit hochgezogenen Augenbrauen die Unterseite.

»Limoges«, las er. »Eine schöne Arbeit.«

Mehr als diese beiläufige Bemerkung war nicht erforderlich. Emma explodierte. Weil es so typisch für ihn war. Es war typisch für James Marbury, den neunten Earl von Denham, das Einzige von Wert, das sie besaß, zu zerstören, so wie er es schon einmal getan hatte, vor einem Jahr.

Sie stürmte vor und riss ihm die Tasse aus den Fingern.

»Ja«, schrie sie. Sie schrie tatsächlich, aus voller Kehle. »Es war wirklich eine schöne Arbeit! Zumindest, bis Sie hier hereinplatzen und alles zu Bruch schlagen mussten!«

Der Earl blinzelte sie an. Sie hatte den Eindruck, dass er einigermaßen verblüfft war, aber sie war zu wütend, um sich Gedanken um seine Verfassung zu machen.

»Hereinplatzen?«, echote er, als hätte sie ihn bis ins Mark getroffen. »Ich bitte um Verzeihung, Emma, aber als ich zur Tür kam, hatte ich den Eindruck, dass Sie angegriffen wurden. Entschuldigen Sie, wenn ich mich wie ein Ehrenmann verhalten und versucht habe, Sie zu beschützen!«

Emma starrte ihn vernichtend an. »Ich habe versucht, Sie zu beschützen, Sie ahnungsloser Engel! Sie wollte er angreifen, nicht mich.«

»Mich?« James zog die Augenbrauen hoch und musterte Cletus, der sich gerade aufsetzte und zusammenzuckte, weil er sich an einer Scherbe verletzt hatte. »Warum in aller Welt wollten Sie mich angreifen?«, herrschte der Earl ihn an. »Ich kenne Sie nicht einmal!«

Cletus blickte erschrocken auf. »W… was?«, stammelte er. Er hatte sich noch nicht ganz von den Schlägen erholt und schüttelte sich ein paar Mal, bevor er weitersprechen konnte. »Ich … ich wusste nicht, dass Sie es sind, Sir. Ich dachte, es wäre Lord MacCreigh.«

»Lord MacCreigh?« James wandte sich zu der Witwe seines Cousins um. »Wer ist dieser MacCreigh?«

Aber Emma schüttelte nur den Kopf und starrte niedergeschlagen auf den Trümmerhaufen auf ihrem Fußboden.

»Das Service war ein Hochzeitsgeschenk«, sagte sie bekümmert, »das einzige Hochzeitsgeschenk, das Stuart und ich bekommen haben, wie ich vielleicht hinzufügen darf. Und jetzt ist es kaputt, ruiniert, dank Ihrer Borniertheit!«

»Borniertheit!«, platzte der Earl heraus. »Also wirklich!«

»Es ist kaputt. Es ist alles kaputt. Sehen Sie doch.«

Emma war nicht unbedingt der Typ Frau, der über zerbrochenes Porzellan weinte, aber es ließ sich nicht leugnen, dass einen Moment lang Tränen in ihre Augen traten, als sie auf die Teetasse in ihrer Hand starrte. Sie erinnerte sich noch lebhaft an den Tag, an dem das Service in einer Holzkiste mit dem Stempel »Limoges, France« eingetroffen war, und wie aufgeregt und glücklich sie gewesen war, als sie jedes einzelne wunderschöne Stück behutsam aus der Holzwolle gehoben hatte.

Stuart hatte sie deswegen natürlich getadelt. Ihm hatte an materiellem Besitz nie etwas gelegen. Das war einer der Gründe, warum Emma sich in ihn verliebt hatte, eine der vielen Eigenschaften, die ihn so hoch über jeden anderen Mann stellten, dem sie in ihrem Leben begegnet war. Stuart war immer ein wahrhaft vergeistigter, wahrhaft gebender Charakter gewesen. Nie hatte sie jemanden kennengelernt, dem es so viel bedeutete, den weniger vom Glück Gesegneten zu helfen und nach dem Wort des Herrn zu leben, wie Stuart. Sie hatte sich verzweifelt bemüht, wie Stuart zu werden, ihre Gedanken auf geistige, nicht materielle Dinge zu richten …

Aber wie in so vielem, was Stuart betraf, hatte sie auch darin versagt.

Das Limoges-Porzellan war ein gutes Beispiel. Wie sehr hatte sie es geliebt, ihre neuen Teller in den Himmel zu halten, damit die Sonne hindurchscheinen konnte. Es war wie Zauberei, hatte sie gefunden. Und wenn Stuart anfing, ihr die chemischen Prozesse bei der Herstellung von Porzellan zu erklären, hatte sie ihre Ohren verschlossen – natürlich nicht so, dass Stuart es merkte – und stattdessen lieber weiter an Zauberei geglaubt.

Nur, dass jetzt dank James Marbury der Zauber verschwunden war.

Der Earl von Denham räusperte sich. »Sagen Sie mir den Namen des Dekors, Emma«, sagte er, »und ich sorge dafür, dass das Service ersetzt wird.«

Zornig auf sich selbst, weil ihr so viel an diesem albernen Service lag, noch mehr aber, weil sie sich eine Schwäche vor James anmerken ließ, einem Mann, mit dem sie nie wieder hatte sprechen wollen, wie ihr jetzt einfiel, tupfte sie sich die Augenwinkel an ihrem Ärmel trocken.

»Vergessen Sie es«, sagte sie. »Es ist nicht wichtig.«

James beharrte eigensinnig: »Es ist wichtig. Wenn Sie mir einfach …«

»Ich habe doch gesagt, es ist nicht wichtig. Nur …« Emma, deren Tränen getrocknet waren, blickte auf. »Was machen Sie eigentlich hier? Ich dachte …«

Ein Stöhnen von Cletus unterbrach sie. Er hatte es geschafft, die Porzellanscherben aus seinen Sachen zu klopfen, und versuchte jetzt etwas unsicher auf die Beine zu kommen. Emma stellte die verbliebene Teetasse auf den Kaminsims und eilte zu ihm, um ihm zu helfen.

»Alles in Ordnung, Mr. MacEwan?«, fragte sie. »Sind Sie verletzt?«

»Nein, nein.« Cletus, der sich eher in seinem Stolz verletzt fühlte, drehte sich um und begutachtete den Trümmerhaufen, der einmal Emmas Anrichte gewesen war. »Mrs. Chesterton!«, rief er erstaunt. »Bin ich das etwa gewesen?«

Emma sagte: »Keineswegs. Das war der da.« Sie warf einen vernichtenden Blick in James’ Richtung, der dem Landmann allerdings völlig entging, da er die Trümmer immer noch entsetzt anstarrte.

»Oh Mann«, hauchte Cletus. »Ich bau Ihnen etwas Neues, Mrs. Chesterton. Ehrenwort. Eine brandneue Anrichte. Die wird besser als die alte, mein Wort drauf.«

»Danke, Mr. MacEwan.« Emma bückte sich, um seinen Hut aufzuheben, klopfte ihn ab und reichte ihn Cletus. »Und jetzt gehen Sie lieber, denke ich.«

Cletus nahm seinen Hut, dankte ihr aber nicht. Stattdessen richtete er einen feindseligen Blick auf den Earl. »Was ist mit ihm?«, fragte er grob.

Emma verschränkte die Arme vor der Brust und sagte: »Was soll mit ihm sein, Mr. MacEwan?«

»Na ja.« Cletus scharrte verlegen mit seinen riesigen Füßen. »Wer ist das überhaupt?«

»Das ist der Cousin des verstorbenen Mr. Chesterton«, antwortete Emma. »Der Earl von Denham.«

»Oh Mann!« Der kräftige junge Mann wirkte beeindruckt. Er fing an, seinen Hut nervös in den Fingern zu drehen. »Ein Earl«, murmelte er ehrfürchtig. »Ich hätte beinahe einen Earl niedergeschlagen.«

»Ja.« Emma presste die Lippen zusammen, nahm Cletus beim Arm und versuchte ihn zur Tür zu lotsen. »Gehen Sie jetzt heim, Mr. MacEwan, und vergessen Sie nicht, alles Ihrer Mutter zu erzählen.« Damit sie ins Dorf laufen und es jeder Menschenseele weitersagen kann, die sie trifft, fügte Emma bei sich hinzu. Sie wusste, dass es keinen Sinn hatte, in einem Ort von Faires’ Größe etwas geheimhalten zu wollen. Es war besser, alles so schnell wie möglich bekannt zu machen, und in dieser Beziehung war Cletus MacEwans Mutter sehr verlässlich, wie Emma in den letzten Monaten gelernt hatte.

»Ein Earl«, murmelte Cletus ein letztes Mal, als Emma ihn in den Regen hinaus drängte. Er hatte den Blick nicht ein einziges Mal von James gewandt, während sie miteinander sprachen, und er dachte auch nicht daran, seinen Hut aufzusetzen. Erst als Emma energisch die Tür hinter ihm schloss, schien er wieder zu sich zu kommen, und dann sah sie durch das Fenster, wie er langsam zum Leichenwagen schlurfte. Mr. Murphy, stellte sie fest, war in das elende Gefährt gestiegen, zweifellos, um es sich dort mit einer Flasche Whisky gemütlich zu machen, während er auf die Rückkehr seines begüterten Fahrgastes wartete. Diese illustre Persönlichkeit würde den beiden Inselbewohnern Mr. Murphy und Cletus MacEwan wahrscheinlich Gesprächsstoff für etliche Monate liefern.

Emma hingegen hätte ihr letztes heiles Stück Limoges-Porzellan geopfert, wenn James ihr Haus dafür für immer verlassen hätte. Ein verstohlener Blick in James’ Richtung verriet ihr, dass er nicht den Eindruck machte, als wollte er irgendwohin gehen. Er streifte gerade seine Handschuhe ab – Glacéleder, nahm sie an – und sah sich prüfend im Cottage um. Sicher registrierte er, wie klein es war. Nun, Stuart hatte sich mit seinem Gehalt als Kaplan kein größeres Haus leisten können. Und auch wenn ihr Cottage tatsächlich klein war, war sie stolz darauf, wie ordentlich und hübsch es war. Denn das war es mit seinem pittoresken Strohdach, der grünen Tür und den grünen Fensterläden wirklich. Wenn seine Lordschaft nicht so viel davon hielt wie sie, nun, das war nicht ihr Problem.

Der Esstisch – im Grunde nur eine dicke Holzplatte mit vier Beinen – schien offenbar den hohen Ansprüchen des Earls zu genügen, da James dort seinen Hut mitsamt den Handschuhen ablegte.

Noch eine Minute, dachte Emma, dann zieht er seine Stiefel aus und legt die Füße auf den Kaminrost! Nein, so nicht! Sie würde für diesen Mann nicht die Gastgeberin spielen, nicht nach der Art und Weise, wie er Stuart behandelt hatte. Ganz bestimmt nicht!

Daher sagte sie so kühl, wie es ihr möglich war: »Falls Sie wegen Stuarts Sachen gekommen sind, haben Sie sich für nichts und wieder nichts Umstände gemacht.« Sie ging in die Ecke, wo sie Besen und Schaufel verwahrte, nahm beides und fing an, die Scherben aufzukehren, die einmal ihr Service gewesen waren. »Ich habe seine Kleidungsstücke und alles andere der Kirche gegeben.«

Es schien ein, zwei Sekunden zu dauern, bis ihre Worte zu ihm durchgedrungen waren. Dann fragte James, als wäre er nicht sicher, ob er sie richtig verstanden hatte: »Der Kirche? Sagten Sie, Sie hätten Stuarts Sachen der Kirche gegeben?«

»Ja«, antwortete Emma. Sie begann das Porzellan zusammenzukehren. »Ganz recht.«

»Soll das heißen«, fragte James langsam, »dass jetzt irgendein Stammeshäuptling im tiefsten Afrika in den Hosen meines Cousins herumläuft?«

Emma schaffte es, ihm ein knappes Lächeln zu schenken. »Oh nein. Es gibt genug Bedarf an Männerkleidung unter den Armen hier in Faires.« James’ Blick flog zum Fenster. Aha, dachte sie mit einer Art Triumph. Er hat die karierte Weste also erkannt, die Samuel Murphy trägt.

»Verstehe«, sagte James. Er klang unangenehm berührt. Vielleicht, dachte Emma und ihre Stimmung hob sich ein wenig, vielleicht ärgert er sich so sehr, dass er sofort wieder geht!

Aber diese Absicht schien James nicht zu haben. Aus welchem Grund er auch hier sein mochte – oh, warum, warum bloß war er gekommen? – , es sah nicht so aus, als würde er gehen, bevor er bekommen hatte, was er wollte. Zumindest nicht, falls es als Hinweis gelten konnte, wie er nach einem der vier wackeligen Holzstühle griff und ihn herumdrehte, bis er in ihre Richtung zeigte.

»Lassen Sie das liegen, Emma«, sagte er, »und setzen Sie sich zu mir. Wir haben einiges nachzuholen, Sie und ich. Schließlich ist es ein Jahr her, seit wir einander zum letzten Mal gesehen haben.«

Emma starrte ihn an.

Jetzt, da sie ihn näher anschaute, entdeckte sie, dass die Ähnlichkeit zwischen ihrem Mann und seinem Cousin im Grunde oberflächlich war. Tatsächlich sah der Earl viel besser aus, als Stuart es je getan hatte. Sein Haar war dunkler, sein Blick intensiver, seine Kinnpartie kantiger. Ja, fast kam es Emma so vor, als wäre Stuart, obzwar der jüngere von beiden, ein Rohentwurf seines Cousins gewesen … als wäre ihr Mann Gottes Probeabzug für den Earl von Denham gewesen.

Aber James schien immer noch gleichermaßen von sich überzeugt zu sein. Wer sonst würde einfach unangemeldet vor ihrer Tür stehen und erwarten, dass sie alles stehen und liegen ließ, um ihn zu bewirten?

»Ich fürchte, dazu habe ich im Moment keine Zeit, Lord Denham«, sagte sie knapp, wobei es ihr nur mit Mühe gelang, ruhig und gelassen zu klingen. Sie hoffte aufrichtig, dass er das Bum-Bum-Bum ihres Herzens nicht hören konnte, das viel zu laut in ihren Ohren zu dröhnen schien, seit sie ihn draußen in ihrem Gemüsegarten entdeckt hatte.

»Ich bin ohnehin schon spät dran«, fuhr sie fort. »Also, wenn Sie nicht wegen Stuarts Sachen hier sind, warum dann?«

Er wirkte überrascht. Nun, warum auch nicht? Bestimmt kam es nicht jeden Tag vor, dass eine Frau die Einladung ablehnte, mit dem Earl von Denham zu plaudern.

Aber andere Frauen, dachte Emma, kannten ihn nicht so gut, wie sie ihn kannte.

»Ich bitte um Entschuldigung, Emma«, sagte James in täuschend beiläufigem Ton. »Ich hatte keine Ahnung, dass Sie gerade ausgehen wollten. Als ich hereinkam, sah es eher danach aus, als hätten Sie Besuch.«

Emma spürte, wie sie rot wurde. Sie wusste, was er damit andeuten wollte. Es zeigte sich an seinem Tonfall, seinem Gesichtsausdruck. Während sie die Überreste ihres kostbaren Porzellans in eine der wenigen Laden kippte, die nicht zerbrochen war, als Cletus in ihre Anrichte gestolpert war, sagte sie betont: »Das war mein Nachbar Mr. MacEwan. Er kam vorbei, um meinen Hahn zurückzubringen.«

»Ihren Hahn«, wiederholte der Earl ausdruckslos.

»Ja«, sagte Emma. »Er war weggelaufen.«

»Der Hahn war weggelaufen?«

»Ja.« Warum hörte er sich so an, als würde er ihr nicht glauben? »Das macht er öfter. Er war ein Geschenk, wissen Sie. Er scheint seinen alten Hühnerhof zu vermissen und versucht ständig, dorthin zurückzukehren.«

»Ein Geschenk von Mr. MacEwan?«, fragte der Earl interessiert.

»Keineswegs. Der Hahn wurde mir von Mr. MacEwans Mutter geschenkt.« Als sie sah, dass er die Augenbrauen hochzog, zeigte sie auf den Korb, der auf dem Tisch stand. »Sie hat heute Morgen diese Scones für mich gebacken. Nehmen Sie ruhig eins, wenn Sie wollen. Sie sind sicher noch warm.«

Lord Denham ignorierte den Korb. Stattdessen wandte er den Blick nicht von ihr, was seltsam beunruhigend war. Seine Augen hatten immer schon eine eigenartige Farbe gehabt, erinnerte sie sich, nicht wirklich grün, aber auch nicht braun. Sie schimmern beinahe golden, dachte Emma bei sich. Golden wie der Ehering, den sie vor so vielen Monaten abgenommen und jemand anderem gegeben hatte – sie wusste nicht mehr, wem. Irgendjemandem, der ihn nötiger gebraucht hatte als sie, daran konnte sie sich noch erinnern.

»Sie haben sehr … aufmerksame Nachbarn«, war alles, was James sagte, und wieder lag diese Andeutung von irgendetwas unbestimmten in seinem Ton. Emma konnte nicht genau sagen, was dieser Ton bedeutete. Sicher nichts Schmeichelhaftes. Nicht, wenn es von den Lippen des Earls von Denham kam.

»Ja«, sagte sie. »Mr. MacEwan und seine Mutter kümmern sich rührend um mich, seit Stuart gestorben ist.«

Die unausgesprochene Kritik, dass der Earl und seine Mutter seit dem Tod ihres Ehemannes nichts für sie getan hatten, blieb nicht unbemerkt … obwohl es gar nicht Emmas Absicht gewesen war, etwas dergleichen anzudeuten. Es wäre zutreffend, aber angesichts der Umstände nicht ganz fair gewesen. Dennoch reagierte James sofort.

»Na gut, aber Mr. MacEwan und seine Mutter wissen viel länger von Stuarts Tod als meine Mutter und ich. Ich habe es erst vor einer Woche erfahren. Wirklich, Emma, hätten Sie uns nicht früher verständigen können?«

»Nein, das konnte ich nicht«, erklärte sie ruhiger, als sie in Wirklichkeit war. »Wie Sie wissen, stand der ganze Bezirk unter Quarantäne. Sie wurde erst letzten Monat aufgehoben.«

»Trotzdem hätten Sie eine Nachricht senden können!«

»Sie wissen, dass Sie gekommen wären«, sagte sie, »Quarantäne oder nicht. Und ich wollte nicht Ihren Tod auf dem Gewissen haben.« Wie den von Stuart, hätte sie um ein Haar hinzugefügt. Sie drehte sich um und nahm ihre Haube von einem Wandhaken. »So, jetzt haben Sie mich gesehen und können zu Hause allen erzählen, dass es mir gut geht. Und nun, Mylord, wenn es Ihnen nichts ausmacht, muss ich wirklich gehen.«

»Gehen?«, fragte er. Die Frage stand ihm wohl zu. Schließlich war er eben erst gekommen. Und die Ankunft des Earls von Denham war im Allgemeinen ein großes Ereignis. Er war der Typ Mann. »Wohin?«

»Ins Schulhaus«, antwortete sie mit mehr Courage, als sie empfand. Sie wusste, wie er reagieren würde, wenn er die volle Wahrheit erfuhr. Er würde lachen … oder Schlimmeres.

»Ins Schulhaus?«, wiederholte er. »Aus welchem Grund? So früh am Morgen findet doch wohl kaum ein Treffen der Missionsgesellschaft statt?«

Trotz ihrer Nervosität musste Emma unwillkürlich ein Lächeln unterdrücken. »Nein. Die hiesige Missionsgesellschaft ist zwar sehr eifrig, aber so eifrig nun auch wieder nicht. Ich gehe zur Schule, weil ich die Lehrerin bin.«

»Die Lehrerin?« James starrte sie an. »Sie unterrichten, Emma? Was? Und wen?«

Na gut. Wenigstens hatte er nicht gelacht.

»Ich gebe ganz normalen Unterricht«, sagte sie. »Für Kinder. Wenn Sie mich jetzt entschuldigen würden, Mylord, ich bin sehr spät dran. Sie können natürlich gern hierbleiben, wenn Sie wollen – obwohl ich mir nicht vorstellen kann, dass Sie das möchten – , aber ich muss gehen. Das verstehen Sie doch, oder?«

Der Earl von Denham schien es ganz und gar nicht zu verstehen. Er schien immer noch genauso verwirrt, wie in dem Moment, als er über ihre Schwelle getreten war.

Trotzdem riss er sich zusammen, griff nach seinem Hut und sagte ernst: »Dann bringe ich Sie in den Ort, Emma.«

Emmas Augen weiteten sich. »Oh«, sagte sie. »Das ist nicht … Ich meine, das ist wirklich nicht nötig.«

James zog eine seiner Augenbrauen hoch und streifte seine Handschuhe über. »Sie möchten also lieber zu Fuß gehen? Zwei Meilen? Bei dem Regen?«

Emma starrte auf den strömenden Regen draußen vor der Tür. Una, die sie in ihrem vorgerückten Stadium der Schwangerschaft nicht allein zu lassen wagte, winselte leise zu ihren Füßen. Offenbar behagte ihr die Vorstellung, wieder in die Nässe hinauszumüssen, genauso wenig wie Emma.

Eine Fahrt. Das war alles, was der Earl ihr anbot. Eine Fahrt in die Stadt. Und mit etwas Glück ließ er sich vielleicht sogar überreden, die Mittagsfähre zu nehmen und abzufahren, ohne jemals die volle Wahrheit über Emmas unglückselige Situation zu erfahren.

Warum nicht? Ihre Pechsträhne konnte unmöglich ewig weitergehen. Irgendwann mussten sich die Dinge zum Besseren wenden. Warum nicht jetzt?

Kapitel 3

Zuerst hatte James geglaubt, es wäre eine Täuschung durch den Regen gewesen.

Es war ein heftiger, prasselnder Regen, ganz anders als die milden Schauer in London oder seiner Heimat Devonshire. An diesem Morgen hatte es so gegossen, dass sich das, was in diesem Teil des Landes offenbar als Straße galt, in eine fünfzehn Zentimeter tiefe Schlammrinne verwandelt hatte. Sie hätten die Strecke in der halben Zeit zurückgelegt, wenn der Weg einen festen Belag gehabt hätte, davon war James überzeugt. Aber gepflasterte Straßen schienen auf den Shetlands unbekannt zu sein – ebenso sehr wie anständiger Kaffee und sanitäre Anlagen im Haus.

Als der strömende Regen ein wenig nachließ und James die Frau besser sah, die in der Tür des Häuschens stand, vor dem sie gehalten hatten, konnte er das, was er sah, nicht länger dem Regen zuschreiben. Ungläubig hatte er sie angestarrt.

Das hatte er ganz gewiss nicht erwartet. Emma hätte nicht herkommen sollen. Wenn er allerdings jetzt darüber nachdachte, musste er zugeben, dass es dumm von ihm gewesen war, zu denken, sie wäre nach England zurückgekehrt.

Aber was hätte er sonst denken sollen? Stuart war schließlich seit fast sechs Monaten tot … zumindest laut dem kurzen Schreiben, das letzte Woche in James’ Stadthaus in London abgegeben worden war. Darin erklärte Emma, warum sie so lange Zeit gewartet hatte, um sie von Stuarts vorzeitigem Ableben in Kenntnis zu setzen: Da aufgrund der Typhusepidemie, die zurzeit von Stuarts Tod in Faires ausgebrochen war, eine Quarantäne über die betroffenen Gebiete verhängt worden war, hatte sie nicht gewollt, dass irgendjemand sein Leben aufs Spiel setzte, um dem Toten die letzte Ehre zu erweisen …

Und obwohl es zutraf, dass Lady Denham ziemlich verstört über Emmas Versäumnis war, ihnen die traurige Nachricht mitzuteilen, war es für James ein Glück, dass sie so gehandelt hatte. Denn wenn Emma ihren Brief nicht erst im letzten Monat, sondern im vergangenen Herbst aufgegeben hätte, dann wäre James nach Faires gekommen, Risiken hin oder her, insbesondere, wenn er angenommen hätte, dass Stuarts Frau immer noch hier war. Es wäre ihm unentschuldbar erschienen, eine Frau in all dem Schmutz und Elend sich selbst zu überlassen. James hätte sich nicht mehr als Mann von Ehre ansehen können, wenn er etwas Derartiges zugelassen hätte.

Und es war nicht irgendeine Frau gewesen, sondern Emma. Emma. Undenkbar, Emma dort zu lassen! Er wäre unverzüglich nach Faires gereist und hätte darauf bestanden, sie wieder nach England zu bringen …

Etwas, das ihre eigene Familie, wie er jetzt feststellen musste, schändlicherweise versäumt hatte.

Er wusste, dass ihn das nicht sonderlich hätte überraschen dürfen. Die Van Courts hatten, ebenso wie seine Familie, Stuarts und Emmas Entschluss zu heiraten, nicht besonders freundlich aufgenommen. Emmas Onkel und Tante hatten sogar versucht, das junge Liebespaar zu trennen, indem sie ihre Nichte mehrere Tage buchstäblich in ihrem Zimmer gefangen hielten, nachdem sie James von ihrer Absicht, mit Stuart durchzubrennen, in Kenntnis gesetzt hatte, was er, wie es seine Pflicht war, ihrem Vormund sofort mitgeteilt hatte … sowie er damit fertig war, Stuart unmissverständlich klar zu machen, wie hirnverbrannt dieser Plan war.

Unglücklicherweise bewachten die Van Courts ihr Mündel nicht so gewissenhaft, wie sie es hätten tun sollen, denn eine Woche später flüchtete Emma und verschwand mit James’ Cousin, den sie keine vierundzwanzig Stunden darauf heiratete, in die Nacht und über die Grenze.

Und damit endete das Interesse der Van Courts an dem Mädchen, das sie einmal innig geliebt hatten, jetzt aber als undankbar ansahen. Auch die Beziehung zwischen Regina Van Court und James’ Mutter hatte wegen der Angelegenheit dauerhaften Schaden genommen. James hatte das Gefühl, dass seine Mutter Stuarts und Emmas Flucht fast ein wenig romantisch fand, während Mrs. Van Court – und zwar mit Fug und Recht, dachte James – über das Verhalten der beiden Liebenden zutiefst gekränkt war.

Dennoch hatte Emma nicht mit einem Wort in ihrem Brief erwähnt, dass sie immer noch in Faires lebte. Da das Schreiben persönlich überbracht worden war, hatte James verständlicherweise angenommen, dass die Verfasserin in London war. Er hatte sogar mit dem Gedanken gespielt, Emma im Heim ihrer Tante und ihres Onkels zu besuchen, da er davon ausging, dass selbst die Van Courts, so verstimmt sie über Emmas unbedachtes Verhalten auch sein mochten, es nicht übers Herz bringen würden, einer mittellosen Witwe die Tür zu weisen … und mittellos musste Emma sein, da Stuart abgesehen von seinem Gehalt nicht einen Penny besessen hatte. Das Gehalt eines Kaplans war, wie James wusste, ein Bettel im Vergleich zu dem Unterhalt, den er seinem halsstarrigen Cousin gezahlt hatte.

Nur der sanfte Hinweis von James’ Mutter, dass sein Verhältnis zu Stuart und seiner Braut vor einem Jahr nicht gerade ungetrübt gewesen war und sein Besuch der Witwe weiteren Kummer bereiten könnte, hatte ihn davon abgehalten, zu den Van Courts zu gehen. Stattdessen hatten sich Mutter und Sohn darauf geeinigt, dass Lady Denham ihr Beileid aussprechen würde, während James sich auf den Weg nach Schottland machen sollte, um in Erfahrung zu bringen, wo sich Stuarts sterbliche Überreste befanden, und alles Erforderliche für ihre Verlegung zu arrangieren, da es natürlich nicht anging, dass jemand mit Marburyblut seine letzte Ruhestätte an einem anderen Ort als der Familiengruft auf dem Friedhof von Denham Abbey fand.

Ironischerweise war James über diesen Verlauf der Dinge geradezu erleichtert gewesen. Seine Aufgabe, so unerfreulich sie auch sein mochte, war ihm weit lieber als die seiner Mutter, obwohl er keineswegs sicher war, ob er der Begegnung mit Emma – und dem Schmerz, den sie mit Sicherheit litt–gewachsen war. Sie hatte jene Art blauer Augen, wie James sich nur zu gut erinnerte, die einiges bei einem Mann anrichten konnten, ganz besonders, wenn sie sich mit Tränen füllten …

Zu spät erkannte James, dass seine Erleichterung übereilt gewesen war. Lady Denham würde umsonst bei Emmas Verwandten vorsprechen; die Witwe hatte nicht Trost am Busen ihrer nicht allzu liebenden Familie gesucht. Nein, keineswegs. Stattdessen war sie in Faires geblieben und hatte ihren Brief offensichtlich irgendeinem Schotten mitgegeben, der nach London wollte, um in der großen Stadt sein Glück zu versuchen.

Jetzt musste James ihr doch gegenübertreten. Ihr und ihren blauen Augen. Sah in diesen Augen die Feindseligkeit, die sie vielleicht immer noch für ihn empfand.

Bestimmt kann sie diesen Groll nicht ewig nähren, sagte er sich. Emma Van Court war immer ein offenes, gewinnendes Mädchen gewesen, der warmherzigste, freundlichste Mensch, den er je gekannt hatte. Sicher war sie wegen einer Sache, die sich vor zwölf langen Monaten ereignet hatte, nicht mehr böse auf ihn.

Oder doch? Denn so warmherzig und freundlich sie auch gewesen war, sie hatte auch diesen erbitternd starrköpfigen Zug gehabt–eben jene Eigenschaft, die nach James’ Überzeugung die Ursache für all den Ärger war.

Jetzt, da sie ihm gegenüber in der Kutsche saß, war es schwer zu sagen, was sie bei dem Wiedersehen mit ihm empfand. Was in ihrem Cottage vorgefallen war, hatte ihr mit Sicherheit nicht gefallen. Im Grunde konnte James es ihr nicht verübeln. Es schien, als wäre von dem Moment an, als er das lachhaft kleine Häuschen betrat, das sie und sein Cousin bewohnt hatten, alles drunter und drüber gegangen – nicht nur ihr Limoges-Porzellan. Zuerst hatte er gesehen, wie eine schöne Frau scheinbar von einem großen, grobschlächtigen – na ja, Bauernlümmel war der einzig passende Ausdruck – belästigt wurde, und sich ganz wie ein Ehrenmann verhalten. Sein Leben lang war er angehalten worden, das schwache Geschlecht zu beschützen, nur, um festzustellen, dass Emma offensichtlich keinen Schutz benötigte, und noch dazu nicht im Mindesten dankbar für sein Einschreiten war.

Alles, was er als Dankeschön bekommen hatte, waren wunde Fingerknöchel.

Da es für Emma nichts Besonderes war, ihre Meinung offen auszusprechen – eine der vielen Eigenschaften Emmas, die ihn einerseits irritiert und andererseits, das musste er zugeben, seltsam angesprochen hatte, da sie äußerst selten bei den jungen Damen der Gesellschaft vorkam, die ihm von übereifrigen Müttern aufgedrängt wurden – hätte er sich nicht wundern sollen.

Trotzdem, dass sie nach einem derartigen Verlust, und er meinte nicht das Porzellan, so bissig sein konnte, war bestürzend. Er hatte Tränen erwartet. Bekommen hatte er alles andere als das.

Aber wann hatte Emma Van Court – Chesterton, korrigierte er sich energisch. Chesterton! – je getan, was man erwartete?

Sie trug nicht einmal Trauer. Das taubengraue Kleid unter ihrem Umhang sah reichlich abgetragen aus, die Spitzen an den Manschetten waren ausgefranst und die Puffärmel seit einem Jahr aus der Mode. Aber es kam nicht darauf an, was Emma Chesterton anhatte; selbst eine Nonnentracht hätte ihre Schönheit nicht verbergen können.

Mit einem Seufzer starrte James durch die gesprungenen Fensterscheiben der Kutsche auf die Landschaft, durch die sie fuhren. Wie jemand den Wunsch haben konnte, so nah am Meer zu wohnen, war ihm unbegreiflich. Die Klippe, auf der Stuarts Cottage stand, war zweifellos jeden Morgen in Nebel gehüllt und den Rest des Tages unbarmherzig Sonne, Regen oder Schnee ausgesetzt. Kaum ein Baum war in der Nähe zu sehen. Eine ungeschütztere – oder unzugänglichere – Stelle konnte James sich nicht vorstellen.

Und weit und breit kein Zeichen von einem Grabstein. Da James auf dem Friedhof am Rand von Faires kein Grab entdeckt hatte, hatte er angenommen, dass es sich irgendwo auf dieser einsamen Klippe befand. Reverend Peck, Stuarts ehemaliger Vorgesetzter, war ganz und gar keine Hilfe gewesen, was den Aufenthaltsort der sterblichen Überreste seines Kaplans anging. Er hatte behauptet, während der Epidemie, die mit Stuarts Tod zusammenfiel, hätte es so viele Todesfälle gegeben, dass es unmöglich gewesen wäre, genau festzuhalten, wer wo beerdigt worden war. Als es so weit war, dass nahezu ein halbes Dutzend Dorfbewohner am Tag starben, hätte man auf Massengräber zurückgreifen müssen. James war ziemlich sicher, dass Emma nie einem Massengrab für ihren Ehemann zugestimmt hätte. Zumindest dafür musste man dankbar sein.

Die Frage, die sich jetzt stellte, lautete natürlich: Was in Gottes Namen sollte er tun? Das alles lief ganz und gar nicht so, wie er es geplant hatte, soweit er in den wenigen Sekunden zwischen dem Augenblick, in dem er Emma durch das gesprungene Glas von Murphys Kutsche gesehen hatte, und dem Betreten ihres Häuschens überhaupt imstande gewesen war, einen Plan zu entwickeln. Er war schnell zu der Erkenntnis gelangt, dass seine Mission, Stuarts Leichnam überführen zu lassen, höchstwahrscheinlich zum Scheitern verurteilt war.

Aber eine andere, weit wichtigere und sehr viel dringlichere Mission hatte sich ergeben, und James war entschlossen, zumindest in dieser Hinsicht nicht zu versagen.

Emma, die dem Earl gegenübersaß, focht keine derartigen inneren Kämpfe aus. Nein, sie hatte das Gefühl, dass die Dinge endlich – endlich! – rosiger aussahen. Nicht nur, dass ihr der Earl keine Frage – nicht eine einzige, dem Himmel war zu danken! – zu Stuarts Tod stellte, hatte er ihr auch den Sitz, von dem man nach vorn sah, überlassen und sich selbst mit dem Rücken zum Fahrer gesetzt. Emma hasste es, gegen die Fahrtrichtung zu fahren.

Aber bald spürte Emma, dass ihr Glück nicht von langer Dauer war … und zwar in dem Moment, als die Wagenräder in eine besonders tiefe Rille in der Straße rutschten, worauf der Earl von Denham vornüber kippte und beinahe vom Sitz flog. Einen unangenehmen Moment lang befürchtete Emma, er würde direkt auf ihrem Schoß landen – warum das allerdings ein so beunruhigender Gedanke war, hätte sie nicht sagen können. Vermutlich, weil er so groß und schwer war und ihr wehgetan hätte, wenn er mit seinem ganzen Gewicht auf sie gefallen wäre.

Zum Glück jedoch fing er den Sturz gerade noch ab. Er lehnte sich zurück, um besseren Halt auf der ungefederten Bank zu finden, und sagte ernst: »Ich bitte um Verzeihung, Emma.«

Sie spähte verstohlen durch ihre Wimpern in seine Richtung. Sie war darum bemüht, eine Fassade kühler Gleichgültigkeit zu wahren, was den Earl anging – obwohl schon der kleinste Blick auf ihn reichte, um ihren Puls flattern zu lassen, wie sie sich eingestehen musste. Natürlich nur, weil er sie einfach rasend machte. Das redete sie sich jedenfalls ein.

»Schon gut«, sagte sie mit aller Nonchalance, die sie aufbringen konnte. »Sie brauchen mich nur bei der Schule abzusetzen, dann kann Mr. Murphy Sie zur Anlegestelle bringen.«

Ihren Worten folgte ein honigsüßes Lächeln.

Dass sie versuchte, ihn loszuwerden, ohne direkt unhöflich zu werden, war nicht zu übersehen. Und James war durchaus bewusst, dass sie guten Grund hatte, über sein Kommen alles andere als erfreut zu sein. Ihre letzte Begegnung war für beide Beteiligten nicht unbedingt angenehm gewesen. Immerhin hatte er, als sie ihn zum letzten Mal sah, gerade seine Faust ins Gesicht ihres Verlobten krachen lassen.

Trotzdem würde er sich nicht so leicht abfertigen lassen. Und es war besser, wenn sie das sofort erfuhr.

»Ich muss gestehen, ich war äußerst überrascht, Emma, Sie noch hier in Faires vorzufinden«, sagte er. »Als meine Mutter und ich Ihren Brief bekamen, nahmen wir an, dass Sie in London wären.«

Es lag Emma auf der Zunge, ihn zu fragen, wo er sie in London vermutet habe, da ihre Familie sich von ihr losgesagt und ihr keinen Penny gegeben hatte – was er besser als alle anderen wissen sollte. Aber es gelang ihr, sich zu beherrschen und stattdessen mit, wie sie fand, bewundernswerter Ruhe zu sagen: »Ach ja?«

»Ich hätte gedacht«, sagte er, »Sie wären nach Hause zu Ihrem Onkel und Ihrer Tante zurückgekehrt.«

Emmas Augen wurden schmal, aber leider ruhte sein Blick auf der Landschaft, die hinter der geborstenen Fensterscheibe vorbeizog, und daher bemerkte er ihren Zorn nicht. Vielleicht hörte er ihn in ihrer Stimme, als sie ruhig erwiderte: »Gerade Sie, Sir, sollten wissen, dass ich bei meinem Onkel und meiner Tante kein Zuhause mehr habe.«

Jetzt sah er sie an, und sie bemerkte, dass sich seine dunklen Augenbrauen zusammenzogen. »Emma«, sagte er streng, »Sie können es mir doch nicht mehr verübeln, dass ich es ihnen gesagt habe. Jetzt muss Ihnen doch auch klar sein, dass Sie viel zu jung waren …«

Emmas Augen weiteten sich. »Ich war nicht zu jung und ich glaube es einfach nicht, dass Sie immer noch …«

Er hob abwehrend eine Hand und brachte ihren Wortschwall damit wirkungsvoll zum Verstummen. »Was ich nicht glauben kann«, sagte er mit mildem Tadel, »ist, dass Sie Ihrer Familie nicht verzeihen können, dass sie mit Stuarts Plänen nicht einverstanden war. Sie müssen doch inzwischen eingesehen haben, dass es blanker Wahnsinn von ihm war, Sie zu heiraten, obwohl er erst ganz am Anfang seiner beruflichen Laufbahn stand. Er hatte nicht einen Penny. Natürlich war Ihre Familie nicht einverstanden. Aber glauben Sie nicht, dass sie Sie jetzt wieder liebevoll aufnehmen würden? Ich bin sicher, sie sind alle krank vor Sorge um Sie.«

Emma blinzelte. Krank vor Sorge um sie? Wohl kaum. Die Zuneigung ihrer Verwandten, so viel war Emma jetzt klar, hatte ihren Preis gehabt, und zwar in der Erwartung, dass sie einen Mann mit Geld oder zumindest mit einem Titel heiraten und das Ansehen der vornehmen Familie Van Court noch erhöhen würde. Da Emma diese Erwartung nicht erfüllt hatte, war sie genauso achtlos weggeworfen worden wie ein altes Staubtuch.

»Trotzdem«, fuhr James fort, »wenn Ihnen der Gedanke unangenehm ist, bei Ihrer Familie zu leben, könnten Sie vielleicht …«, er räusperte sich. »… könnten Sie vielleicht die Einladung akzeptieren, in London bei meiner Mutter zu leben.«

Emma glaubte, nicht richtig gehört zu haben. Die Worte wurden so leise und ohne jede Vorwarnung gesprochen, dass sie sicher war, ihn falsch verstanden zu haben. Aber der Ausdruck auf seinem Gesicht – geduldig und erwartungsvoll zugleich – sagte ihr, dass sie sich irrte. Sie hatte sich nicht verhört.

Trotzdem fragte sie benommen: »Wie bitte?«

»Ich hoffe, Sie sagen ja«, brachte James heraus, obwohl es ihn Mühe kostete, einen höflich distanzierten Ton beizubehalten. Ihre fassungslose Miene traf ihn zutiefst. Offensichtlich war ihr nie der Gedanke gekommen, Stuarts Familie könnte ihr Hilfe anbieten, nicht nur in finanzieller, sondern auch in anderer Hinsicht. War James in ihren Augen denn so ein Ungeheuer?

Aber er nahm an, dass er für eine verliebte Achtzehnjährige das schlimmste Verbrechen von allen begangen hatte: Er hatte versucht, sie von dem Mann zu trennen, den sie liebte.

Und sein darauf folgendes Verhalten – seine Weigerung, Stuart auch nur mit einem Penny zu unterstützen, in der Hoffnung, eine Kostprobe des Lebens mit dem kärglichen Einkommen eines Kaplans würde die frisch Verheirateten zur Vernunft bringen – hatte ihn bei den beiden wohl kaum beliebter gemacht.

»Mutter freut sich schon auf Sie«, fuhr er fort, was nicht ganz der Wahrheit entsprach, aber auch nicht völlig falsch war. Die Gräfinwitwe Lady Denham hatte Emma immer sehr gern gehabt und würde sie zweifellos in dem Stadthaus willkommen heißen, das sie und James immer noch in bestem Einvernehmen gemeinsam bewohnten, da James seine Mutter, der es gesundheitlich nicht allzu gut ging, nur ungern sich selbst überlassen hätte.

In der Annahme, dass ein leiser Tadel von seiner Seite zu diesem Zeitpunkt durchaus angebracht wäre, fügte er hinzu: »Sie hätten viel früher schreiben sollen, Emma. Die Situation hier ist untragbar. Das müssen Sie doch einsehen.«

Emma hatte wirklich keine Ahnung, was er meinte. »Welche Situation?«, fragte sie, wobei sie bei dem Gedanken, er könnte irgendwie von Mr. O’ Malley und seinem schrecklichen Testament erfahren haben, leise Panik befiel.

James hob erstaunt einen Arm. »Na, das hier. Alles. Das Cottage, in dem Sie ganz allein leben, noch dazu so weit weg von der Stadt, Emma!« Er schüttelte den Kopf. »Und dann diese Sache mit dem Unterrichten. Sie können doch unmöglich vorhaben, den Rest Ihres Lebens hier zu verbringen, oder?«

Emma öffnete den Mund, um ihm zu antworten. Aber was aus ihrem Mund kam, war keine Antwort auf seine Frage, sondern der Ausruf: »Achtung!«

Und dann wurde James plötzlich durch die Luft gewirbelt. Bevor er wusste, wie ihm geschah, fand er sich in der möglicherweise peinlichsten – wenn auch für viele Männer beneidenswerten – Position seines Lebens wieder: mit dem Gesicht nach unten zwischen Emma Chestertons Beinen.

Kapitel 4

Oh, da war genug Stoff – das Tuch des Rocks, die Baumwolle und die Spitzen der Unterröcke – zwischen seinem Gesicht und ihren Oberschenkeln, um zu verhindern, dass die Situation … nun ja, anstößig wirkte. Und falls Verlegenheit mitzählte, nun, davon war bei ihm genug vorhanden, um Emma wie eine Ritterrüstung zu schützen.

James konnte sich nicht erinnern, sich je im Leben so gedemütigt gefühlt zu haben. Umso mehr, als sich herausstellte, dass Emma selbst kein bisschen Verlegenheit empfand, sondern die Situation schrecklich komisch zu linden schien.

»Oh!« Sie lachte auf sehr unwitwenhafte Art und legte ihre behandschuhten Hände auf seine Schultern – mangels einer anderen Möglichkeit hatte er seine Arme um ihre Mitte geschlungen und kniete jetzt auf dem Boden der Kutsche, die Brust zwischen ihren Schenkeln und das Gesicht … nun, sein Gesicht war auf einer Höhe mit ihrer Taille, da er den Kopf gehoben hatte, sobald es ihm möglich war. »Ach du meine Güte!«

Die Kutsche blieb mit einem Ruck stehen. Das einzige andere Geräusch außer Emmas schallendem Gelächter war das stetige Prasseln des Regens auf das Kutschendach. James hatte Mühe, sich bei all seiner Verlegenheit und dem ausgesprochen angenehmen Lavendelduft, der Emmas Rock entströmte, wieder aufzurichten. Trotz seines pelzgefütterten Mantels war ihm kalt. Wie kalt, merkte er allerdings erst, als er etwas in seinen Armen hielt, das so sehr vor Wärme vibrierte, dass er es nur widerwillig losließ … auch, wenn dieses Etwas die Witwe seines Cousins war.

Als er den Blick hob, sah er Emmas Gesicht ganz dicht vor seinem. Ihre geschwungenen Lippen, die sehr rosig waren und feucht schimmerten, waren nur wenige Zentimeter von seinen entfernt. Es wäre ganz leicht , dachte er, die Arme zu heben, dieses lachende Gesicht in beide Hände zu nehmen und meine Lippen auf ihre zu pressen

Dann hörte James, wie sich die kleine Schiebetür im Kutschendach öffnete und gleich darauf Mr. Murphys raue Stimme ertönte: »Tut mir leid. Hab vergessen, Sie zu warnen. Wir sind gerade beim Wunschbaum.«

Und damit war alles vorbei. Der Bann war gebrochen. James riss seinen Blick von Emma Chestertons verführerischem Mund los.

»Emma«, sagte er, während er versuchte, sich aus dem Gewirr ihrer Röcke und Unterröcke, Strümpfe und Stiefel zu befreien. »Sind Sie verletzt?«

Nach ihrem Heiterkeitsausbruch zu schließen, war sie mit Sicherheit unverletzt, aber er hatte das Gefühl, diese Frage stellen zu müssen.

»Oh«, rief sie und wischte sich die Lachtränen aus den Augenwinkeln. »Oh, tut mir leid, dass ich lache. Aber Sie haben so verdutzt ausgesehen!«

»Nun ja«, sagte er und ließ sich neben sie auf den gepolsterten Sitz sinken. Das Risiko, ihr während der Fahrt gegenüberzusitzen, würde er nicht mehr eingehen. »Vielleicht, weil ich überhaupt nicht vorgewarnt war.«

»Aber jeder kennt doch das Schlagloch beim Wunschbaum«, rief Mr. Murphy leicht befremdet zu ihnen hinunter.

»Ich nicht«, gab James zurück. Zu seiner Genugtuung stellte er fest, dass der Zorn, der in ihm brodelte, andere, nicht unbedingt angenehme Gefühle in seinem Inneren übertünchte … zum Beispiel das schmerzhafte Verlangen, das er, wie ihm allmählich bewusst wurde, immer noch für die bezaubernde Witwe seines Cousins empfand. »Ich kannte es beim Wunschbaum nicht.« Als er zu seinem Ärger bemerkte, dass Emma immer noch mit dem Lachen kämpfte, erkundigte er sich: »Verzeihen Sie meine Unwissenheit, aber dürfte ich fragen, was genau ein Wunschbaum ist?«

»Sie haben noch nie einen Wunschbaum gesehen?« Murphy schüttelte seinen ergrauten Kopf. »Tja, dann gucken Sie mal aus dem Fenster. Wenn es ein Hai wäre, würde er Sie jetzt beißen.«

Diese Bemerkung schien Emma noch mehr zum Lachen zu reizen. Sie saß da mit zuckenden Schultern, das Gesicht in den Händen vergraben. James, der ganz und gar nicht erheitert war, schaute über ihren eingezogenen Kopf hinweg und sah sich durch die gesprungene Scheibe in der Kutschentür mit einem äußerst merkwürdigen Anblick konfrontiert. Eine Platane, an deren verwitterten Ästen, die in den grauen Himmel ragten, sich die ersten blass grünen Blattspitzen zeigten, stand direkt neben einem tiefen Loch in der Straße. James hatte seit seiner Ankunft auf dieser kargen Insel etliche ähnliche Bäume gesehen, aber keiner von ihnen war am Stamm mit Schuhen verziert gewesen – Dutzenden von Schuhen.

Er kniff die Augen zusammen, aber das Bild blieb unverändert. Die Leute hier hatten ihre Schuhe an einen Baum genagelt. James entdeckte Stiefel, solide Arbeitsstiefel ebenso wie Schnürstiefeletten, Holzpantinen, Babyschuhe und Kindersandalen, hier und da sogar einen zierlichen Damenschuh, allesamt fest an den Baumstamm genagelt. Die meisten Schuhe schienen von Wind und Wetter mitgenommen, als würden sie schon geraume Zeit dort hängen. Aber einige von ihnen waren ziemlich neu, insbesondere ein Paar Herrenpantoffeln, die James irgendwie bekannt vorkamen. Es war ihm, als hätte er ein ganz ähnliches Paar seinem Cousin einmal zu Weihnachten geschenkt.

»Ach«, sagte er und lehnte sich wieder zurück. Was er wirklich dachte, nämlich, dass die Schotten seltsame Käuze wären, wagte er nicht zu sagen. »Wie interessant!«

Emma nahm die Hände vom Gesicht, lachte aber immer noch unkontrolliert. »Oh«, rief sie. »Oh, es tut mir wirklich leid. Aber … aber Ihr Gesicht, als er sagte, wenn es ein Hai wäre, würde er Sie jetzt schon beißen – tut mir leid!«

James begriff den komischen Aspekt dieser Situation durchaus, fand ihn aber bei weitem nicht so erheiternd, wie es offenbar bei Emma der Fall war. Wie konnte er auch angesichts der Tatsache, wie sein Herz geklopft hatte, als er die Witwe seines Cousins unvermittelt in den Armen hielt? Es gelang ihm jedoch, ein schwaches Lächeln aufzusetzen, nur um zu zeigen, dass er genauso viel Sinn für Humor hatte wie jeder andere.

»Ja«, sagte er. »So ist es. Genau.«

»Es bringt Glück, wissen Sie.« Der einäugige Trunkenbold auf dem Kutschbock spähte immer noch zu ihnen hinunter. »Einen Schuh an den Wunschbaum zu nageln, bringt Glück. Besonders für frisch Verheiratete.«

»Oh ja«, sagte Emma, die sich endlich wieder beruhigt hatte. »Stuart und ich haben unsere Schuhe auch gleich nach unserer Ankunft an den Baum genagelt. Ich finde, es ist ein schöner Brauch.«

Ein schöner Brauch vielleicht, aber Glück hat er Emma Van Court bestimmt nicht gebracht, dachte James bei sich.

Ihr Ehemann war tot und ihre Familie hatte sich von ihr losgesagt. Vielleicht wäre es keine schlechte Idee gewesen, wenn Emma ihre Schuhe wieder abgenommen hätte. Wie es aussah, hatte ihr der Wunschbaum genau das Gegenteil von Glück gebracht.

Dann ging wieder ein Ruck durch die Kutsche – wenn auch lange nicht so heftig wie der vorige – und sie setzte sich in Bewegung. Kurz nach Verlassen des erbärmlichen Straßenstücks zwischen Emmas Cottage und dem Wunschbaum fuhren sie auf ebenerem Boden und bald konnte James durch die gesprungene Glasscheibe sehen, dass sie die sogenannte Stadt Faires erreicht hatten; sogenannt, weil in James’ Augen das Vorhandensein einer Schänke, eines Gasthofs, eines Kaufladens, einer Schmiede und einer Kirche nicht unbedingt die Bezeichnung Stadt rechtfertigte.

Auf den Shetlands jedoch reichte das für eine geschäftige Metropole, insbesondere, da der Ort über eine Hafenanlage verfügte, wo zahlreiche Fischer ihren täglichen Fang ablieferten. Diese Männer hatten Frauen und Kinder, die in schäbigen Baracken oder kleinen Häusern unweit vom Pier lebten, und offensichtlich waren es diese Kinder, die die Schule besuchten, an der Emma Van Court Chesterton unterrichtete. James war das Schulhaus vorher nicht aufgefallen, und das war auch kein Wunder. Denn als Murphy seine Pferde durch die schmalen Gassen lenkte und schließlich vor einer langen, felsigen Landzunge stehen blieb, die ins Meer hinein ragte, stellte James fest, dass das Gebäude, das in diesem Teil des Landes als Schule diente, gleichzeitig der Leuchtturm war.

So war es. Emma gab anscheinend im Erdgeschoss von Faires’ einzigem und reichlich antiquiertem Leuchtturm Unterricht.

James hätte es nicht geglaubt, wenn er es nicht mit eigenen Augen gesehen hätte. Ungefähr ein Dutzend Kinder in abgerissenen Kleidern tobte über die Felsen der Landzunge, auf der der Leuchtturm stand. Trotz des schlechten Wetters waren sie in ein merkwürdiges Spiel vertieft, das sie sich selbst ausgedacht hatten und bei dem ein Ball, der aus Lumpen zu bestehen schien, die Hauptrolle spielte. Ziel war, soweit James es beurteilen konnte, zu verhindern, dass der Ball über den Rand des schmalen Landstreifens rollte, auf dem sich der Leuchtturm befand, und ins Meer fiel – keine geringe Leistung, da das Stück Land kaum drei Meter breit war. Bei besonders heftigem Sturm standen die Felsen mit Sicherheit unter Wasser …

»So«, sagte Emma, als Murphy das Gefährt mit einem Ruck zum Stehen brachte. »Da wären wir.«

James riss seinen Blick von dem ungewöhnlichen Spielplatz los. Emma, stellte er fest, spähte an ihm vorbei. Anscheinend zählte sie die Kinder. Kein Wunder. Die Möglichkeit, dass eines oder mehrere von ihnen ins Wasser fielen, um nie wieder zum Vorschein zu kommen, war durchaus gegeben.

»Ja«, sagte er. »In der Tat.« So viel stand fest. Was jetzt erforderlich war, war äußerst behutsames Taktieren seinerseits. Denn obwohl Emma offensichtlich darauf brannte, ihn loszuwerden, konnte – wollte – er nicht gehen. Nicht ohne sie.

Und nicht ohne Stuart, rief er sich in Erinnerung. Deshalb war er hier. Nicht wegen Emma, sondern wegen Stuart.

Aber nachdem er nun wusste, dass auch sie hier war, konnte er keinen von beiden mit gutem Gewissen auf dieser gottverlassenen Insel lassen.

Leider war ihm klar, dass es sehr schwer werden würde, Emma davon zu überzeugen.

»Es war sehr nett von Ihnen, den weiten Weg zu machen, nur um mich zu sehen«, sagte Emma. Seit sie die Fahrt angetreten hatten, hatte sie überlegt, welche Worte in diesem Moment – dem Moment des Abschieds – angebracht wären. Sie versuchte, genau den richtigen Ton höflicher Distanz zu treffen, als sie James ihre rechte Hand hinhielt und sagte: »Leben Sie wohl, Lord Denham. Trotz unserer früheren Differenzen hoffe ich, dass wir uns als Freunde trennen.«

James nahm ihre Hand in seine, noch bevor ihm klar war, dass sie Lebewohl sagte. Da er nicht die leiseste Absicht hatte abzureisen, zögerte er, unschlüssig, was er als Nächstes sagen sollte. Er war vielleicht genauso überrascht wie Emma, als sich das, was von seinen Lippen kam, als Entschuldigung entpuppte. »Emma«, hörte er sich sagen, »es tut mir leid. Das mit Stuart, meine ich. Und das, was ich an dem Tag mit ihm gemacht habe, als Sie … na ja, als Sie mir erzählten, was Sie beide vorhatten. Nicht, dass ich finde, Stuart hätte richtig gehandelt, das tue ich nicht. Aber Sie sollten wissen, dass es mir aufrichtig leidtut. Alles.«

Emma riss vor Erstaunen die Augen auf. Was sie auch als Antwort auf ihre kleine Rede erwartet hatte, eine Entschuldigung ganz sicher nicht. Eine Entschuldigung? Vom Earl von Denham? War so etwas überhaupt möglich? Sie hatte noch nie erlebt, dass sich James Marbury für irgendetwas in seinem Leben je entschuldigt hätte.

Er konnte es nicht ernst meinen. Und doch wirkte er aufrichtig.

Andererseits hatte sie sich von Lord Denhams Auftreten schon einmal täuschen lassen. Er hatte an jenem Abend in seiner Bibliothek, als sie ihm von ihren und Stuarts Plänen erzählte, aufrichtig gewirkt. Und doch hatte er Stuart gleich darauf mit der Faust ins Gesicht geschlagen oder etwa nicht?

Nein, Lord Denhams Auftreten durfte man nicht trauen. Selbst wenn es, wie sie zugeben musste, durchaus vertrauenswürdig wirkte. Sie konnte zumindest versuchen, nicht allzu unversöhnlich zu sein …

»Nun«, hörte Emma sich sagen, »ich denke, ich kann Ihnen verzeihen.«

Im nächsten Moment hätte sie sich am liebsten die Zunge abgebissen. Ihm verzeihen? Dem Earl von Denham? Niemals! Niemals!

Aber da er vermutlich nur noch länger bleiben würde, wenn sie das laut aussprach, fügte sie stattdessen hinzu: »Richten Sie Ihrer Mutter liebe Grüße aus und danken Sie ihr in meinem Namen für ihre freundliche Einladung. Aber ich fürchte, ich kann Faires nicht verlassen. Ich werde hier gebraucht, müssen Sie wissen.« Sie langte nach dem Griff der Wagentür. »Auf Wiedersehen.«

James, der seinen Griff um ihre Finger verstärken wollte, musste feststellen, dass sie ihm ihre Hand entwunden hatte. Sie öffnete die Tür und trat hinaus in die Kälte und Nässe. Er hörte das Tosen der Brandung, die an die Felsen schlug, wenn auch nicht laut genug, um die Kinder zu übertönen, die freudig jubelten, als sie ihre Lehrerin entdeckten. Ihre Stimmen waren kaum von dem schrillen Kreischen der Möwen zu unterscheiden, die über ihren Köpfen kreisten.

Dann warf Emma den Wagenschlag zu und schloss die Laute der Möwen und der Kinder aus, nicht aber das Tosen der See. James, der sich plötzlich allein wiederfand, schob sich ans Fenster, um sie durch das gesprungene Glas der Scheibe zu beobachten. Die kleineren Kinder hörten sofort auf zu spielen und kamen zu ihr gelaufen, um lautstark darum zu betteln, ihre Hand halten zu dürfen. Diejenigen, die zu spät kamen, mussten sich mit ihrem Rock begnügen. Die älteren waren zurückhaltender, aber genau wie James verfolgten sie ihre Lehrerin mit Blicken, als sie über die Felsen zur Leuchtturmtür ging, über der eine Messingglocke hing. Emma packte das Ende des Seils, das von der Glocke herunterbaumelte, und zog energisch daran. Das Läuten war das Signal, das die älteren Kinder aus ihrer Regungslosigkeit riss. Eines von ihnen packte den Stoffball, während die übrigen ihren kleineren Mitschülern folgten. Emma hielt die Tür offen, die in demselben fröhlichen Grün gestrichen war wie ihre Haustür.

Erst als die Tür hinter Emma und den zappeligen kleinen Wesen ins Schloss fiel, merkte James, dass er den Atem angehalten hatte. Er ließ ihn in einem Stoß heraus, atmete dann wieder ein und kostete den scharfen Geschmack von Salzwasser, der hier ständig in der Luft zu hängen schien. James hatte keine Ahnung, wie er so lange zu atmen hatte vergessen können. Vielleicht war es einfach ein Schock. Es war erst neun Uhr morgens und schon fühlte er sich so müde, als wäre es neun Uhr am Abend und als hätte er den ganzen Tag an seinem Schreibtisch und mit seiner Geschäftskorrespondenz verbracht. Unvermutet einer seit Langem verschwundenen angeheirateten Verwandten zu begegnen, konnte so etwas verursachen, nahm er an. Vor allem, wenn die angeheiratete Verwandte zufällig Emma Van Court war.

Die Klappe im Dach der Kutsche wurde erneut zurückgeschoben und Murphy lugte neugierig zu ihm hinunter. »Mylord«, sagte er gemütlich, »soll ich Sie jetzt zum Gasthof bringen, damit Sie Ihre Sachen holen können, bevor Sie die Mittagsfähre entern?«

James betrachtete resigniert das Gesicht über seinem Kopf. »Zum Gasthof können Sie mich gern bringen«, lautete seine Antwort. »Ich werde heute jedoch keine Fähre mehr ›entern‹.«

Die Augen des anderen weiteten sich ungläubig. »Was? Aber Mrs. Chesterton hat doch gesagt …«

»Mir ist durchaus bewusst, was Mrs. Chesterton gesagt hat, guter Mann. Ich ziehe es jedoch vor, meine eigenen Entscheidungen zu treffen, statt den Anweisungen Ihrer Mrs. Chesterton zu folgen.« Er lehnte sich auf der unbequemen Bank zurück.

Kaffee. Genau das brauchte er jetzt. Eine anständige Tasse Kaffee, gefolgt von einem Frühstück mit dicken Scheiben Fleisch und Senf. Bis die Schule für heute ihre Pforten schloss, würde ihm sicher einfallen, wie er in dieser verzwickten Lage am besten vorging.

»Weiß nich’ «, brummelte Murphy oben auf dem Kutschbock. »Das wird Mrs. Chesterton nicht gefallen. Gar nicht gefallen wird ihr das.«

James musste unwillkürlich lächeln. »Ja«, sagte er. »Davon bin ich überzeugt.«

Kapitel 5

Emma spähte vorsichtig durch das dicke Glas eines der Leuchtturmfenster. Die Kutsche fuhr ab. Sie konnte es zwar kaum glauben, aber ihr kleiner Plan war aufgegangen. Die Kutsche fuhr eindeutig ab.

Was bedeutete, dass James wegfuhr.

Sie konnte es kaum fassen. Sie, die im vergangenen Jahr nur Pech gehabt hatte, hatte endlich einmal ein bisschen Glück. James fuhr fort, und zwar, ohne etwas über Mr. O’ Malleys letzten Willen zu erfahren. Es schien fast zu gut, um wahr zu sein. Es war zu gut, um wahr zu sein …

Nein, war es nicht! Es war Zeit, allerhöchste Zeit, dass sich ihr Glück allmählich wendete. Wenn nicht heute, dann nie. James verließ die Insel und das war alles, worauf es ankam. Wenn ihr Glück anhielt, würde sie ihn nie wiedersehen.

Was Emma durchaus recht war.

Nur …

Nur, dass es nicht stimmte. Sie hasste James Marbury nicht. Sie hatte es nach jenem Tag in seiner Bibliothek bei Gott versucht. Aber es war einfach unmöglich, einen Menschen zu hassen, der immer so nett zu ihr gewesen war wie er, als sie heranwuchs. Immer war James derjenige gewesen, der ihre Drachen aus den Bäumen befreit hatte, wenn sie sich in deren Ästen verfangen hatten, oder ihr heimlich etwas Süßes gebracht hatte, wenn sie von ihrer Tante ohne Nachtisch ins Bett geschickt worden war. James, nicht Stuart, war es gewesen, zu dem sie mit Insektenstichen oder aufgeschlagenen Knien gelaufen war. James hatte immer Zeit für sie gehabt. Stuart hatte immer mit dem Kopf in einem Buch gesteckt.

Aber genau das hatte ihn so anziehend gemacht. Stille Wasser sind tief, hieß es, und Emma hatte sich seit ihrem vierzehnten Lebensjahr angestrengt, dahinter zu kommen, was nötig war, um Stuart Chestertons Aufmerksamkeit zu erregen. Wie sich herausstellte, brauchte sie nur Interesse an dem zu zeigen, was Stuart interessierte – den Armen zu helfen. Und dann war Stuart, wie sie zu ihrem Entzücken feststellte, stets bereit, seine Nase aus jedem Buch, in das er gerade vertieft war, zu nehmen, wann immer sie das Zimmer betrat.

Penelope hatte natürlich nie begriffen, was Emma an Stuart so faszinierend fand. James sähe bei weitem besser aus, behauptete sie. Er machte auf der Tanzfläche eine bessere Figur und zog viele schmachtende Blicke auf sich, nicht nur von Penelope, sondern von fast allen Frauen, die ihn entdeckten.

Aber nicht nur James Marburys Aussehen – von seinem Geldbeutel ganz zu schweigen – wurde von Penelope bewundert. Er war sehr gebildet und immer gut über das Tagesgeschehen informiert. Er las sogar beliebte Romane, etwas, das nicht viele Männer aus Emmas Bekanntenkreis in London taten. James konnte geistreich über die meisten Themen plaudern. Er war viel schneller mit einem Scherz zur Hand, als Stuart, der selten, wenn überhaupt je, versucht hatte, Humor zu zeigen. Für ihn gäbe es zu viel Elend auf der Welt, hatte Stuart einmal zu Emma gesagt, um so leichtfertig scherzen zu können, wie sein Cousin es gern tat. Es wäre ein Jammer, hatte er hinzugefügt, so viel Geld und Einfluss zu besitzen und beides nur für den persönlichen Komfort und Gewinn zu verwenden.

Emma war dieser Charakterfehler, ehrlich gesagt, nie zuvor aufgefallen, aber sowie Stuart sie darauf hinwies, gelangte auch sie zu der Überzeugung, dass James’ Prioritäten unbedingt in eine andere Richtung gelenkt werden sollten. Bei all seinem Reichtum – und er war einer der vermögendsten Männer Englands – spendete James Marbury nicht einmal der verdienstvollsten Sache auch nur einen Penny, wenn Emma sich nicht nachdrücklich dafür einsetzte. Er meinte, er habe für sein Geld hart gearbeitet, warum sollte er es also weggeben? Wenn die Armen so dringend Geld bräuchten, warum suchten sie sich nicht eine Stellung und verdienten ihr Geld, so wie er? Und dabei hatte er es nicht einmal nötig zu arbeiten. Das Vermögen der Marburys war schon immer beachtlich gewesen. Aber ein Mann, der nicht arbeitete, hatte James ihr mitgeteilt, wäre in seinen Augen kein Mann.

Emmas Argument, dass es in London nicht genug Arbeit für alle Armen gäbe – das wusste sie von Stuart – und die Löhne häufig so schlecht wären, dass sie für Essen und Kleidung nicht ausreichten, konterte der Earl regelmäßig mit der Bemerkung, dass die Armen nicht so viele Kinder in die Welt setzen sollten, wenn sie nicht in der Lage wären, ihre Familien zu ernähren.

Und daher dachte Emma nicht mehr gut von James, sondern hielt seine Einstellung für äußerst tadelnswert. Es wurde ein persönliches Anliegen für sie, dem Earl zu beweisen, wie falsch seine Ansichten waren. Wenn er ihr nur zugehört hätte, statt sie jedes Mal auszulachen! Dass sich James ihren Bemühungen, ihn zu bekehren, als absolut unzugänglich erwies, wurde für sie zu einer Quelle ständiger Frustration. Stuart behauptete, dass sie ihre Zeit verschwendete, und vielleicht hätte sie auf ihn hören sollen. Stuart kannte seinen Cousin schließlich am besten. Seltsamerweise – zumindest nach Emmas Meinung – wurde Stuart in seiner Zuneigung zu James nie wankend. Selbst nachdem James versucht hatte ihn umzubringen – na ja, vielleicht nicht direkt, aber er hatte ihn an jenem Tag fürchterlich zugerichtet, – lehnte Stuart es ab, etwas Schlechtes über seinen Cousin zu sagen, abgesehen davon, dass James von Natur aus nicht unbedingt ein Philanthrop war.

Stuart, dachte Emma nicht zum ersten Mal, hatte seine religiösen Überzeugungen manchmal ein bisschen zu wörtlich genommen.

Nicht, dass es jetzt noch darauf ankam. James fuhr ab und darüber musste Emma einfach froh sein, allein deshalb, weil sie ihn ohne große Mühe losgeworden war. James konnte recht hartnäckig sein, wenn er wollte … wie sie nur zu gut wusste. Sie war bei ihrem hastigen Abschied ziemlich sicher gewesen, dass er ihr nicht erlauben würde, aus der Kutsche zu steigen, dass er sie irgendwie zwingen würde, mit ihm nach London zurückzukehren, da es offenbar das war, was er wollte.

Und Lord Denham bekam immer, was er wollte.

Aber dann hatte James sie doch gehen lassen. Emma argwöhnte, dass Lady Denham ihre Einladung, Emma möge nach London kommen und bei ihr leben, nur aus Höflichkeit ausgesprochen hatte. James konnte sicher nicht gewünscht haben, dass Emma mit ihm kam. Welcher Mann würde schon gern mit der armen Witwe seines streng religiösen Cousins unter einem Dach leben? Vor allem, wenn Penelope ihren Willen durchgesetzt und es geschafft hatte, ihn auf das Thema Heirat zu bringen. Emma hatte völlig vergessen zu fragen, ob James inzwischen verheiratet war. Nicht, dass es sie sonderlich interessierte. Nur dass einer Ehefrau – insbesondere Penelope – vermutlich nicht viel daran lag, eine arme Verwandte in ihrem Heim aufzunehmen.

Nein, verheiratet oder nicht, James war zweifellos ungeheuer erleichtert gewesen, als sie die Einladung seiner Mutter ausschlug.

Das war im Grunde die einzige Erklärung dafür, warum James ihr nicht mehr zugesetzt hatte. James war der tatkräftigste Mensch, dem sie je begegnet war. Wäre er entschlossen gewesen, sie nach London mitzunehmen, hätte Emma wesentlich härter darum kämpfen müssen, dortzubleiben, wo sie war – hier in ihrem Schulhaus, wo sie gerade dem Quietschen von Kreide auf Schiefer lauschte. In diesem Fall hätte sie sich vielleicht schon in diesem Augenblick auf dem Weg nach London befunden.

Nein, James hatte anscheinend kein echtes Interesse daran gehabt, dass sie ihn begleitete, was ein weiterer Glücksfall für sie war – obwohl sie fest entschlossen gewesen war, sich gegen ihn zu behaupten, ganz gleich, wie gebieterisch er auftrat und wie sehr er im Recht sein mochte oder für wie undamenhaft er ihre Bestrebungen halten mochte. Sie würde ihre Kinder nicht im Stich lassen. Für viele von ihnen war sie alles, was sie hatten … und sie waren weiß Gott alles, was sie jetzt noch hatte. Sie verlassen? Genauso wenig würde sie Una in ihrem Cottage allein lassen, wenn sie weg war, statt sie wie heute Morgen bei Mrs. MacEwan abzuliefern.

Nein, Emma blieb und James ging. Freude über Freude, er ging und sie hatte seinen Besuch unbeschadet überstanden!

Na ja, so gut wie unbeschadet. Ein kleiner Schauer der Verlegenheit überlief sie unwillkürlich, als sie an den Moment dachte, in dem er in der Kutsche vornüber gefallen war und beide Arme um sie geschlungen hatte. Die plötzliche Regung in ihrem Inneren war so unerwartet gewesen, dass sie nicht anders gekonnt hatte, als in Lachen auszubrechen. James hatte ein Gesicht gemacht, als würde er sich über ihr Gelächter ärgern, und das hatte sie noch mehr zum Lachen gebracht.

Aber was hätte sie sonst tun sollen? Es war so lange her, Monate und Monate, seit sie zum letzten Mal die Arme eines Mannes um sich gespürt hatte, die Wärme eines männlichen Körpers zwischen ihren Beinen. Gut, es war James gewesen, aber das war das Überraschendste von allem! Sie hatte gewusst, dass es James war, der Mann, den sie mehr als alle anderen verabscheute und trotzdem hatte sie dieses Aufflackern von Verlangen gefühlt …

Warum das so war, konnte sie sich um ihr Leben nicht vorstellen. James’ Arme hatten sich ganz anders angefühlt als Stuarts. Einen angstvollen Moment lang, nachdem es ihn vom Sitz geschleudert hatte, hatte sie geglaubt, er würde ihr die Luft nehmen. Auch ihm schien es aufgefallen zu sein, da er seinen Griff lockerte … obwohl ihm seltsamerweise zu widerstreben schien, seine Arme von ihr zu nehmen. War er über die Gefühle, die seine Berührung geweckt hatte, genauso überrascht gewesen wie sie?

Und er hatte ganz anders geduftet als Stuart. Stuart hatte immer nach Zedernholz gerochen – wahrscheinlich wegen der Zederntruhe, in der Emma seine Sachen aufbewahrt hatte. James hingegen roch kein bisschen nach Zeder. Er roch ganz anders, nach Rasierseife und … nach daheim.

Sie hätte nicht sagen können, warum sie so empfand; es war einfach so. James Marbury roch nach London, nach reiner Seife, frischen Orangen und teurem Pfeifentabak, Dinge, die Emma in Faires selten begegneten und die jetzt in weiter, weiter Ferne zu liegen schienen.

Ein Glück, hatte sie gedacht, sowie sie sich voneinander gelöst hatten, dass James nach England zurückkehrte. Ein großes Glück. Kein Mann und schon gar nicht James Marbury, der jemanden so verraten konnte, wie er sie verraten hatte, hatte das Recht, so gut zu riechen. So etwas, wie diese Gerüche, konnte ein Mädchen ziemlich durcheinanderbringen. Auch eine Witwe.

»Mrs. Chesterton?« Ein dünnes Stimmchen, begleitet von einem energischen Zupfen an ihrem Rock, holte Emma in die Wirklichkeit zurück. Sie blickte nach unten und sah, dass die kleine Flora Mackay mit ihrer Schiefertafel in der Hand vor ihr stand.

»Warum bist du nicht auf deinem Platz, Flora?«, fragte Emma. »Ich dachte, du arbeitest an deinen Rechenaufgaben.«

»Hab ich auch, Mrs. Chesterton.« Flora senkte ihre Stimme zu einem Flüstern. »Aber ich dachte, Sie sollten wissen, dass die Antwort, die Sie bei neunhundertsechzig geteilt durch vierundzwanzig aufgeschrieben haben, falsch ist.«

Emma zuckte schuldbewusst zusammen und richtete den Blick auf die große Schiefertafel, die Samuel Murphy, der Hansdampf in allen Gassen von Faires, für sie an der leicht gewölbten, weiß getünchten Wand aufgehängt hatte. Die Summen, die sie errechnet hatte, starrten sie an. Abgelenkt durch das unerwartete Auftauchen des Earls von Denham, war sie bei den großen Divisionen ein wenig nachlässig gewesen, wie sie jetzt feststellte.

»Ach du meine Güte«, sagte Emma. »Kannst du es bitte für mich verbessern, Flora?«

Das kleine Mädchen nickte, nahm das Stück Kreide aus Emmas Hand und ging zur Tafel, um das Problem zu beheben. Emma, die ihr zusah, spürte leise Gewissensbisse. Sie war keine besonders gute Lehrerin, so viel stand fest. Genau genommen war sie eine sehr, sehr schlechte.

Aber was, fragte sich Emma nicht zum ersten Mal, war die Alternative? Entweder Emmas Schule für die Kinder von Faires oder gar keine Schule. Niemand sonst hatte angeboten, sie zu führen, nachdem der Schulmeister im letzten Herbst wie so viele andere der Typhusepidemie zum Opfer gefallen war.

Dennoch, die Kinder – vor allem die aufgeweckten – hatten etwas Besseres verdient, gestand sich Emma ein. Ein richtiger Lehrer, nicht die arme Witwe des Kaplans, sollte den Unterricht geben und ihnen Französisch beibringen und Naturwissenschaften und Geschichte und Geographie. Und sie sollten Tische haben, nicht bloß lange Holzbänke, auf denen sie dicht nebeneinander gedrängt saßen, während sie sich über ihre kleinen Schiefertafeln beugten und ihre Rechenaufgaben machten. Und ein richtiges Schulhaus, nicht dieses erbärmlich kalte und unweigerlich feuchte Erdgeschoss des Leuchtturms mit einem Holzofen, der ständig ausging. Sie sah, dass das Feuer schon wieder erloschen war.

Zum Teufel mit diesem Ofen! Er funktionierte so gut wie nie, und wenn er, was selten genug vorkam, einmal lief, wurde der Raum nicht annähernd warm genug. Außerdem qualmte er. Hätte sie nur einen kühlen Kopf bewahrt und daran gedacht, den Earl zu fragen, ob er nicht geneigt wäre, eine Spende für einen neuen Ofen zu tätigen …

Aber angesichts all dessen, was zwischen ihnen vorgefallen war, bezweifelte sie, dass James immer noch so bereitwillig wie früher Geld für ihre wohltätigen Zwecke opfern würde. Und sie nahm an, dass sie es ihm nicht einmal verübeln konnte.

Man musste zugeben, dass er etwas sehr Nettes getan hatte. Schließlich war er den weiten Weg von London gekommen, nur um sie einzuladen, bei seiner Mutter zu leben. Er mochte andere Motive dafür haben – Emma war überzeugt, dass er nur so gehandelt hatte, um sein schlechtes Gewissen wegen dieser schrecklichen letzten Auseinandersetzung mit Stuart zu beruhigen – , aber es war dennoch sehr lieb von ihm gewesen.

Und trotzdem, selbst wenn Emma nicht die Verantwortung für die Schule hätte, könnte sie Lady Denhams Angebot dann annehmen? Auf gar keinen Fall. Nicht mit O’ Malleys letztem Willen. Man stelle sich nur vor, sie ginge nach London und das Ganze käme heraus! Sie würde in ganz Mayfair zur Zielscheibe des Gelächters werden.

»John«, sagte Emma nach einem letzten Blick aus dem Fenster, um sich zu überzeugen, dass James wahrhaftig weg war, »könntest du mir vielleicht mit dem Ofen helfen? Ich glaube, er ist schon wieder ausgegangen.«

Bereitwillig sprang der Junge auf, schlaksig und ungelenk nach einem plötzlichen Wachstumsschub von mehr als zehn Zentimetern. »Ja, Mrs. Chesterton«, sagte er, legte seine Tafel beiseite und lief durch den Raum, um sich mit dem launischen Holzofen zu befassen.

Ein Jammer, dachte Emma, während sie ihn beobachtete, dass nicht genug Geld vorhanden ist, um ihn zur Schule zu schicken. Der Junge war hochintelligent, und in einem halben Jahr würde sie ihm nichts mehr beibringen können.

Sie hätte, dachte sie zerknirscht, den Earl fragen sollen, ob er es nicht für eine gute Idee hielte, in Stuarts Namen eine Art Stipendium zu stiften, damit die begabteren Jungen aufs College gehen konnten. Nicht, dass der Earl einem derartigen Vorschlag ohne Weiteres zugestimmt hätte. »Sie sollen sich durch die Schule kämpfen«, konnte sie ihn fast sagen hören. »Wenn sie ausgehungert genug nach Bildung sind, werden sie einen Weg finden, dafür zu bezahlen.«

Es bestand allerdings immer noch die Chance, dass er sich geändert hatte. Er war den weiten Weg von London gekommen, nur um sich persönlich zu vergewissern, wie es ihr ging, machte sie sich einmal mehr bewusst, und sie wusste sehr gut, wie sehr er Schottland verabscheute. Vielleicht war er für solche Anregungen empfänglicher als früher. Vielleicht hatte ihn Stuarts Tod milder gestimmt, so wie er Emma in gewisser Weise härter gemacht hatte. Auf jeden Fall hatte sie durch Stuarts Tod einige bittere Wahrheiten über sich selbst erfahren.

Sie könnte ihm schreiben … Ja, das war die Idee! Ein netter Brief war sicher genau das Richtige.

Aber sie hatte auch geglaubt, der Brief an seine Mutter wäre das Richtige, und was war dabei herausgekommen!

»Oje«, sagte Emma zu sich selbst. Dann hob eines der Kinder eine Hand, um sie zu fragen, warum sie geschrieben habe, dass fünf siebenmal in dreißig ging, wenn die Antwort ganz eindeutig sechs war, und sie vergaß den Earl von Denham völlig.

Kapitel 6

Der Earl von Denham hingegen hatte Emma nicht vergessen. Ganz und gar nicht.

Wie hätte er das auch gekonnt? Allein der Schmerz in seiner Hand reichte aus, ihn an ihre Begegnung von heute Morgen zu erinnern. Nachdem ihm sein Kammerdiener die Knöchel verbunden hatte, ging es James allerdings etwas besser.

Und schon bald fand er sich an dem besten Tisch in der örtlichen Schänke wieder – zumindest war er das laut der Kellnerin, einer stämmigen jungen Person namens Mary, die den Sitz seines Sessels hastig mit einem Lappen abwischte, bevor sie James aufforderte, Platz zu nehmen. James war nicht in der Stimmung, ihr zu widersprechen. Von dem Tisch aus hatte man einen freien Blick auf die Schwingtür zur Küche, aber zumindest saß er mit den Füßen am Feuer.

James wurde keine Speisekarte angeboten. Stattdessen versicherte Mary ihm, dass das Bauernfrühstück hervorragend wäre, und fragte ihn, ob er es mit Bier oder Cider hinunterspülen wolle. James beschloss, das Risiko einzugehen, und bat um Whisky. Mary strahlte – was ihr Gesicht nicht unbedingt verschönerte, da es ihren bestürzenden Mangel an Schneidezähnen offenbarte – und ratterte eine lange Liste von Torfwhiskys hinunter, die zu einem lächerlichen Preis zu haben waren. James suchte sich aufs Geratewohl einen heraus, hauptsächlich, um Mary und den Anblick ihres zahnlosen Gaumens nicht länger ertragen zu müssen, und hielt kurz darauf ein schlankes Glas in seiner Hand, dessen Inhalt seine Augen erbarmungslos tränen ließ, als er es in die Höhe hob.

James, der einzige Gast im Sea Cow zur Mittagszeit an einem Arbeitstag, saß an seinem Tisch und starrte ins Feuer. Er befand sich in einer misslichen Lage, daran bestand kein Zweifel, und er hatte nicht die leiseste Ahnung, wie er weitermachen sollte. Wie es schien, konnte er weder die Witwe seines Cousins von diesem Ort weglotsen noch die letzte Ruhestätte Stuarts ausfindig machen.

Womit er wieder beim ursprünglichen Problem war. Stuart! Was sollte er wegen Stuart unternehmen? Wo konnte Emma ihn bestattet haben, wenn nicht auf dem Friedhof der Gemeinde? Und warum sahen ihn die Leute so merkwürdig an, wenn er sich danach erkundigte, wo der verstorbene Hilfsgeistliche beerdigt worden war? Vermutlich hätte er nicht lange zögern und Emma direkt fragen sollen, aber verdammt, das war nicht die Art Frage, die man einer trauernden Witwe gern stellte. Vor allem, da er nicht danach fragte, weil er Blumen auf das Grab legen wollte. Nein, er wollte es öffnen lassen. Er bezweifelte nicht, dass Emma einiges dazu zu sagen haben würde.

Die Antwort des Pfarrers auf James’ Frage, ob er eine Ahnung hätte, wo Stuarts letzte Ruhestätte sein könnte, war äußerst unbefriedigend gewesen. »Es war sehr schwer«, hatte Reverend Peck ihm versichert, »Mrs. Chesterton, der Frau meines Hilfsgeistlichen, das Recht auf ein Grab für ihren Mann zu verweigern, aber was blieb mir anderes übrig? Es war einfach kein Platz.« Dann hatte der Pfarrer James anvertraut: »Ich befürchte, wo Mr. Chesterton auch begraben sein mag, es ist keine geweihte Erde. Mrs. Chesterton hat in manchen Dingen merkwürdige Vorstellungen, wie ich feststellen musste, unter anderem jene, dass jeder Boden Gottes Boden ist. Das kann man nicht zulassen, oder? Die Leute würden anfangen, ihre Nächsten im eigenen Garten zu beerdigen …«

Die einzige Möglichkeit, die blieb, war natürlich, die Ehefrau des Dahingegangenen zu befragen, aber das hatte er gründlich vermasselt. Er hatte es von Anfang bis Ende ihrer Begegnung geschafft, sich zum Narren zu machen, zuerst wegen dieses polternden Bauern, dann wegen Emma selbst. Wer hätte gedacht, dass sie sich so verändern würde? Wirklich, als er sie vor einem Jahr zum letzten Mal gesehen hatte, hätte er nie vermutet, dass sie so … ja, er konnte selber nicht genau sagen, in welcher Hinsicht Emma sich verändert hatte. Was war aus dem süßen, idealistischen Mädchen geworden, das ihn so gnadenlos um Spenden für ihre zahlreichen wohltätigen Werke bat und mit dem er im vergangenen Winter so oft auf Bällen und Gesellschaften getanzt hatte? Das Mädchen, das jeden mit ihrer puppenhaften Anmut und ihren lachenden tiefblauen Augen bezaubert hatte? Obwohl er, um ehrlich zu sein, öfter Feuer als Lachen in diesen Augen gesehen hatte. Ständig hatte sie ihn wegen seiner Selbstsucht und Unbeständigkeit getadelt, eine Gewohnheit, die er bei jedem anderen Menschen als ausgesprochen lästig empfunden hätte.

Aber von Emma auf den Pfad der Tugend geführt zu werden, genoss er geradezu. Es war immer wesentlich unterhaltender gewesen als die Schmeicheleien, die er von den anderen Frauen aus seinem Bekanntenkreis zu hören bekam.

Vielleicht, dachte James, während er grimmig ins Feuer starrte, war gar nichts mit Emma geschehen. Vielleicht war sie einfach erwachsen geworden. Vielleicht war das aus ihr geworden. Eine Frau.

Dieser Gedanke war es, der ihn schließlich bewog, sein Glas erneut zu heben und es zielstrebig an seine Lippen zu führen. Er kippte den Inhalt mit einem einzigen Schluck hinunter, senkte das Glas und …

… und wurde von einem heftigen Schauer geschüttelt.

Lieber Gott! Was hatte das zu bedeuten? Wollte man ihn umbringen?

Mit tränenden Augen und brennender Kehle sah sich James verzweifelt um, in der festen Überzeugung, jeden Moment zu sterben. Jemand hatte ihn vergiftet, jemand, der wusste, warum er nach Faires gekommen war, und ihn dafür verabscheute. Aber als er den Kopf wandte, sah er durch die Tränen in seinen Augen einen Mann hinter der Theke stehen, der gerade einen Humpen abtrocknete und dabei in sich hineinlachte. Über ihn.

»Dürfte ich erfahren«, krächzte James, »was Sie so amüsant finden, Sir?«

»Sie«, lachte der Schankbursche. »Hier.« Der Mann füllte den Humpen, den er gesäubert hatte, mit etwas, das aus einem Zapfhahn kam, trat hinter der Theke hervor und stellte ein Getränk mit heller Schaumkrone vor James. »Trinken Sie das. Wird ein bisschen helfen.«

James, dessen Magen wie Feuer brannte, gehorchte. Das kühle Bier löschte die Flammen in seinem Inneren sofort. Als James wieder sprechen konnte, fragte er mit unsicherer Stimme: »Was war das?«

»Was Sie bestellt haben.« MacTavish – der Schankbursche – griff nach dem unschuldig aussehenden Glas, in dem sich die giftige Flüssigkeit befand, und hielt es in das graue Licht, das durch die unterteilten Fensterscheiben kroch. »Aus einer der hiesigen Brennereien. Hat ganz schön Biss, was?«

»Biss?« James schüttelte den Kopf. Er musste allerdings zugeben, dass seine Kopfschmerzen ein wenig nachgelassen hatten.

»Genau. Noch einen?«

»Lieber nicht«, sagte James und wandte seine Aufmerksamkeit wieder dem Feuer zu. Worüber hatte er gerade nachgedacht? Ach ja. Emma. Und was aus ihr werden sollte.

Im Grunde hätte es nicht besonders schwierig sein sollen. Und bei jeder anderen Frau wäre es das auch nicht gewesen. James wusste, dass er recht charmant sein konnte, wenn er es darauf anlegte. Zugegeben, seine romantischen Affären neigten dazu, genau das zu sein – Affären. Ähnlich wie geschäftliche Beziehungen, hatte er festgestellt, aber viel offener und weit weniger kompliziert. Im Grunde genommen ein vernünftiges Arrangement. Viel vernünftiger als diese strapaziöse Sache, die man gemeinhin Liebe nannte.

Er hatte natürlich schon daran gedacht, dass es ihn auf lange Sicht weniger teuer kommen würde, zu heiraten. Und wenn er seine Braut klug wählte, konnte er bei dem Handel sogar noch Gewinn machen. Es gab in England einige unverheiratete Damen, die nichts dagegen hätten, sich mit dem Hause Denham zu verbinden und eine ansehnliche Mitgift mit in die Ehe zu bringen. James’ Mutter hatte sich jedenfalls in den letzten Jahren große Mühe gegeben, ihn mit diesen jungen Damen bekannt zu machen – allen voran Penelope Van Court.

Der Nachteil eines solchen Vorgehens bestand darin, dass man einer Ehefrau, wenn man ihrer überdrüssig wurde, nicht einfach ein Diamantarmband schenken und sich höflich verabschieden konnte. Und James hatte – mit einer Ausnahme – noch keine einzige Frau kennengelernt, von der er sich vorstellen konnte, dass er sie eines Tages nicht leid sein würde. Penelope Van Court mochte eine strahlende Schönheit sein und zehntausend Pfund im Jahr haben, aber sie war in seinen Augen auch ausgesprochen geistlos. Und die älteste Tochter des Earls von Derby mochte fünfzigtausend Pfund und einen Besitz in Shropshire haben, aber ihr unablässiges Gerede über Hetzjagden hatte James schnell in die Flucht geschlagen. Mit so etwas den Rest seines Lebens verbringen? Für kein Geld der Welt!

»Da wären wir, Sir. Bauernfrühstück wie für einen König.«

James starrte auf den Teller, den Mary vor ihn gestellt hatte. Ein großes Stück Käse, ein Kanten Brot, eingelegtes Gemüse, etwas Undefinierbares und eine Zwiebel. Davon also lebte der Landmann anscheinend.

Mary, der James’ Gesichtsausdruck auffiel, sagte verteidigend: »Das ist Haggis, Sir, jawohl« und zeigte auf den undefinierbaren dampfenden braunen Haufen, der auf James’ Teller lag.

Er blickte auf und brachte ein Lächeln zustande. »Vielen Dank.«

Es war ein Fehler gewesen zu lächeln, da Mary sein Lächeln sofort erwiderte und ihm erneut einen Blick auf ihre Zahnlücken gewährte. »Nichts zu danken, Sir«, sagte sie und eilte davon, um einen anderen Gast zu bedienen, einen Mann in mittleren Jahren, der gerade hereingekommen war.

MacTavish hinter der Theke beobachtete grinsend, wie James in seinem Essen stocherte. »Sie sind wohl geschäftlich hier, was?«, fragte er freundlich.

James spießte ein schlaffes Kohlblatt auf seine Gabel und sagte kurz: »Gewissermaßen.«

»Genau. Hab mir gleich gedacht, dass Sie einer von Lord MacCreighs Freunden sind, weil Sie piekfein sind. Die kommen aber gewöhnlich nicht in die Stadt. Bleiben meistens im Schloss. Sind sich zu gut für unsereiner, denk ich mal.«

James, der gerade ein Stück Käse kostete – gar nicht so übel – , hob den Kopf. So, dachte er. Vielleicht finde ich jetzt etwas heraus, das mich schon den ganzen Vormittag beschäftigt.

»Und wer«, fragte er, nachdem er den Käse mit einem Schluck Bier hinuntergespült hatte, »ist Lord MacCreigh?«

»Sie haben noch nie von Castle MacCreigh gehört?« Als James den Kopf schüttelte, fuhr der Schankbursche redselig fort: »Ist ein Stück die Straße rauf. Vom Kings Crag kann man’ s sehen. Ist irgendwann im siebzehnten Jahrhundert gebaut worden und sieht auch so aus. Gehört dem achten Baron von MacCreigh, Geoffrey Bain. Hat keinen Groschen, aber er hat das Schloss. Kostet ihn und seine Schwester, Miss Bain, einiges, das Ding zu erhalten. Meine Mam kocht hin und wieder für sie. Mir gefällt’ s gar nicht, dass sie allein da raufgeht, deshalb macht sie es nicht regelmäßig.«

»Warum gefällt es Ihnen nicht, dass Ihre Mutter ins Schloss geht?«, fragte James neugierig.

»Ach, eigentlich ist es nichts.« Der Schankbursche machte ein verlegenes Gesicht. »Bloß dummes Gerede, denk ich mal. Sie wissen schon. Von Geistern und so, die da oben spuken. Als Lord MacCreighs Verlobte verschwand …«

»Verschwand?«, echote James. Das Gespräch wurde allmählich interessant.

»Tja, durchgebrannt ist sie, sagt MacCreigh. Letztes Jahr. Mit seinem Kammerdiener. Kann sein, kann auch nicht sein. Ich schätze, außer MacCreigh weiß niemand, was wirklich los war. Deshalb reden die Leute natürlich. Dass sie gar nicht weggelaufen ist, dass MacCreigh sie mit einem anderen Mann erwischt und beide umgebracht hat. MacCreigh selbst unternimmt nichts, um die Gerüchte aus der Welt zu schaffen, wenn Sie verstehen, was ich meine. Reitet immer in einem schwarzen Umhang auf einem pechschwarzen Gaul, wenn er in die Stadt kommt, was nicht oft passiert. Jedenfalls ist es früher nicht oft passiert, als er noch nichts von O’ Malleys Testament wusste.«

James legte ein Stück Käse auf eine Scheibe Brot und aß es. Es war erstaunlich gut. »O’ Malleys Testament?«, wiederholte er, nachdem er gekaut und geschluckt hatte.

»Ach, davon haben Sie auch noch nichts gehört?« MacTavish langte nach einem Humpen und fing an, ihn geistesabwesend abzutrocknen. »Dieser Typ namens O’ Malley hat einen anderen umgebracht, das war vor … na ja, ungefähr sechs Monaten. War natürlich keine Absicht. O’ Malley war ein großer, kräftiger Bursche, ein Walfänger, wissen Sie. Hatte ein übles Temperament und kannte seine Kraft nicht. Tja, und der Kerl, den er vermöbelt hat, war hin. Dafür ist er gehängt worden. O’ Malley, meine ich. Obwohl es ihm echt leidgetan hat. So leid, dass er den Richter gefragt hat, denselben, der ihn verurteilt hat, ob er ihm nicht helfen könnte, sein Testament zu machen, damit er alles, was er hatte, der Witwe des anderen hinterlassen konnte.«

MacTavish stellte den Humpen ab und griff nach dem nächsten. »Was aber niemand wusste, war, dass O’ Malley einen ganz schönen Batzen Geld hatte. Alles in allem kamen zehntausend Pfund zusammen.« MacTavish lachte. »Man könnte sagen, seit Lord MacCreigh das weiß, kommt er öfter mal in die Stadt.« Er zwinkerte James zu. »Weil nämlich die Witwe des Kaplans – er war Kaplan hier, hab ich das schon erwähnt? – ,der, der gestorben ist, mein ich, na ja, sie ist bildhübsch und jetzt auch noch reich. Wenn Sie verstehen, was ich meine?«

Kapitel 7

James wusste keineswegs, was der Schankbursche meinte. Alles, was er wusste, war, dass das Käsebrot, das er gerade hinunterschluckte, plötzlich in seiner Kehle steckte und hartnäckig dortblieb. Er griff hastig nach dem Humpen und stürzte den Rest seines Biers hinunter. Damit verschwanden Brot und Käse, nicht aber das Entsetzen, das ihn befallen hatte.

Er stellte den leeren Humpen ab und fragte mit gepresster Stimme: »Wollen Sie damit sagen, dass Stuart Chesterton, der Kaplan, ermordet worden ist?«

MacTavish sah ihn neugierig an. »Stimmt«, sagte er.

»Aber das … das ist unmöglich«, rief James. »Er ist vor sechs Monaten gestorben, während der Typhusepidemie.«

»Tja«, sagte MacTavish. »Ist er. Aber nicht an Typhus. Es war ein Mann namens O’ Malley, der ihn umgebracht hat.«

James blinzelte den Mann an. Seine Gedanken flogen zu dem Wortlaut von Emmas Schreiben zurück. Nein, sie hatte keine genauen Angaben über Stuarts Todesursache gemacht – nur, dass er gestorben wäre und dass sie sie aufgrund der Quarantäne nicht früher von seinem Tod hätte verständigen können. James und seine Mutter hatten natürlich angenommen, dass Stuart an Typhus gestorben war.

Aber Mord? Stuart? Warum in aller Welt hätte jemand Stuart töten sollen? Abgesehen von James selbst natürlich, der große Lust gehabt hatte, seinen Cousin zu ermorden … aber nur dieses eine Mal an jenem Abend vor einem Jahr.

»Dieser O’ Malley«, sagte James. »Warum hat er es getan? Mr. Chesterton getötet, meine ich?«

Der Schankbursche zuckte die Achseln, »Das weiß keiner so genau. Völlig aus dem Häuschen war er. O’ Malley, meine ich. Ich weiß nur, dass der Kaplan wegen der Sterbesakramente zu O’ Malleys Frau ging, und dann, dass als Nächstes drei Leute tot waren: der Kaplan, O’ Malleys Frau und O’ Malley selbst, als man ihn dafür aufgeknüpft hat.«

James war so perplex über das, was er gehört hatte, dass ihm nicht auffiel, dass MacTavish seinen Humpen erneut gefüllt hatte. Er nahm einen kräftigen Schluck und fragte: »Und Sie sagen, die Frau des Kaplans, Mrs. Chesterton, hat vom Mörder ihres Mannes zehntausend Pfund geerbt?«

»Na ja, sie wird das Geld bekommen«, sagte MacTavish vertraulich, »sowie sie wieder heiratet.«

James starrte ihn an. »Wenn sie wieder heiratet? Wovon reden Sie? Hat Emma Chesterton nun zehntausend Pfund oder nicht?«

»Nicht«, ließ sich eine leicht irritierte Stimme hinter ihnen vernehmen. James drehte sich um und stellte fest, dass der Mann, der sich erst vor Kurzem an einen Tisch gesetzt hatte, seine Serviette beiseitelegte und sie beide von seinem Platz am Fenster mit Missfallen beäugte. »Und ich danke dir, Sean, dass du das Thema gerade dann zur Sprache bringen musstest, als ich meinen Lunch genießen wollte. Du weißt, dass es mir jede Freude am Haggis deiner Mutter verdirbt.«

Der Schankbursche verbiss sich ein Grinsen. »Tut mir leid, Mylord.«

James starrte den Fremden an. »Lord MacCreigh?«, fragte er zögernd, obwohl er durch den Eindruck, den der Schankbursche vermittelt hatte, nicht recht glaubte, dass MacCreigh der behäbige und dem Haggis zugetane Typ war.

»Nicht MacCreigh«, knurrte der Gentleman – denn ein Gentleman war er unverkennbar, der erste, der James seit seiner Ankunft auf den Shetlands begegnet war. »Lord Oberrichter. Mein Name ist Reardon. Ich bin der Richter, der vor sechs Monaten während seiner letzten Reise auf die Insel diesen O’ Malley verurteilt hat.« Er nahm einen kräftigen Schluck aus seinem Humpen, setzte ihn ab, rülpste und stieß ein befriedigtes »Ah!« aus.

James sah vom Richter zum Schankburschen und wieder zurück. Nach kurzem Überlegen schob er seinen Stuhl zurück und eilte an den Tisch des Richters. Reardon starrte ihn argwöhnisch an.

»Verzeihung, Euer Ehren«, sagte James. »Aber dürfte ich mich vielleicht zu Ihnen setzen? Ich denke, dieser Fall geht auch mich an …«

»Fall?« Reardon musterte ihn finster. Er war ein rotgesichtiger Mann, nicht übermäßig dick, aber auf dem besten Weg dorthin. Dennoch zeugten die Lachfältchen um seine Augen- und Mundwinkel von einem gewissen Sinn für Humor, der James bis jetzt noch entgangen war. »Welcher Fall? Es gibt keinen Fall. Der Fall ist abgeschlossen. O’ Malley hat Chesterton getötet; Chestertons Witwe bekommt O’ Malleys Vermögen, sobald sie wieder heiratet. Und falls Sie daran denken, Ihr Glück bei ihr zu versuchen, stellen Sie sich hinten an. Es müssen an die zwanzig Kerle vor Ihnen dran sein, junger Mann.«

Ohne eine Einladung des älteren Mannes abzuwarten – James hatte den starken Verdacht, dass keine erfolgen würde – , glitt der Earl auf den Stuhl gegenüber dem des Richters und beugte sich vor.

»Verzeihung, Sir. Mein Name ist Denham. James Marbury, neunter Earl von Denham, um genau zu sein. Stuart Chesterton war mein Cousin.«

Reardon zog seine Augenbrauen hoch, bis sie beinahe unter der altmodischen gepuderten Perücke verschwanden, die er trug. »Der Earl von Denham?«, wiederholte er. »Verstehe. Ich wusste, dass Chesterton mit einem feinen Pinkel verwandt war, habe aber immer gehört, es wäre ein Herzog.«

James, der darauf verzichtete, an der Bezeichnung ›feiner Pinkel‹ Anstoß zu nehmen, schwieg. Endlich, endlich, hatte er jemanden gefunden, der möglicherweise in der Lage war, ein wenig dringend erforderliches Licht auf den Tod und die darauf folgende Beerdigung seines Cousins zu werfen, ganz zu schweigen von Emmas Abneigung, nach England zurückzukehren. Infolgedessen sagte er nichts, sondern sah den Richter nur mit einer ernsten Miene an, die keinerlei Hinweis auf die rasende Ungeduld lieferte, die er in seinem Inneren spürte.

»Nun ja«, fuhr Reardon gemächlich fort. »Ich nehme an, dann haben Sie tatsächlich ein berechtigtes Interesse an dem Fall.« Er stieß seinen Stuhl zurück, um mehr Platz für seinen Bauch zu machen, der sich unter einer grün-golden gestreiften Weste wölbte, und rief: »Noch ein Bier, Sean, sei so gut. Mal sehen. Cousin, so, so. Sie sehen ihm ein wenig ähnlich, wenn ich es recht bedenke. Man sieht es ein bisschen an den Augen. Sie wirken allerdings wesentlich robuster. Sie hätte O’ Malley nicht umgebracht.«

»Wohl kaum«, stimmte James zu. »Dürfte ich fragen, Sir … warum diese Bedingung?«

Reardon, der nach seiner Gabel gegriffen hatte, machte sich wieder über sein Haggis her. »Welche Bedingung?«

»Die … äh, recht eigenartige Bedingung, die Sie gerade erwähnten, nämlich, dass Emma … äh, Mrs. Chesterton heiraten muss, um in den Besitz von O’ Malleys zehntausend Pfund zu kommen.«

»Ach so.« Der Richter spülte den Haggis mit einem Schluck Ale hinunter. »Das meinen Sie. Na, gebrauchen Sie Ihren Kopf, Mann. Sie kennen sie doch anscheinend. Schließlich hat sie Ihren Cousin geheiratet.«

»Ja«, sagte James düster. »Ich kenne sie.«

»Schön. Würden Sie dieser Frau zehntausend Pfund anvertrauen?« James öffnete den Mund, um etwas zu erwidern, aber der Richter fuhr fort: »Nein, natürlich nicht. Sie würde die zehntausend Pfund der Mission spenden oder alle möglichen Utensilien für diese Bruchbude von Schule kaufen, die sie leitet. Wer weiß schon, was sie damit tun würde? Nichts Vernünftiges, das kann ich Ihnen sagen.«

James trank einen Schluck Bier. Er hatte das Gefühl, dass er es brauchen konnte. »Ja«, sagte er. »Na gut. Sie haben die Bedingung, dass sie keinen Penny von O’ Malleys Vermögen bekommt, es sei denn, sie heiratet, als eine Art Sicherheit gestellt, dass das Geld … äh, klug angelegt wird?«

»So ist es.« Reardon schlug mit der Hand so heftig auf die Tischplatte, dass James zusammenzuckte. »Ganz genau. Zu ihrem eigenen Wohl, verstehen Sie? Gibt nichts Schlimmeres als eine weichherzige junge Dame mit viel Geld. Oder, in den Augen eines Halunken, nichts Besseres. Ich wette, wenn ich ihr die zehntausend im letzten Dezember zugestanden hätte, würde sie heute ohne einen Penny dastehen. Aber auf diese Art ist das Geld relativ sicher und wirft auf dem Konto, das ich für sie eingerichtet habe, ganz nette Zinsen ab. Wenn Mrs. Chesterton beschließt, wieder zu heiraten, übergebe ich ihrem Mann die Summe, der das Geld, so für sie verwalten kann, wie er es für richtig hält. Obwohl ich nicht behaupten könnte, dass ich in nächster Zeit mit diesem Ereignis rechne. Die Witwe Chesterton scheint es nicht eilig zu haben, sich wieder zu verheiraten und das zu beanspruchen, was ihr gehört.«

MacTavish, der mit zwei frischen Bierkrügen zu ihnen kam, bemerkte grinsend: »Ich habe sie letzten Monat gefragt. Hab sie draußen vor der Kirche abgefangen. Sie hat sich bedankt, aber gesagt, dass sie nicht die Absicht hat, demnächst zu heiraten, weil sie noch in Trauer um ihren Mann sei.«

Reardon hob seinen Humpen und nickte dem jungen Mann zu, der, wie James erst jetzt auffiel, ein großer, sportlich wirkender Bursche war, ganz und gar nicht der Typ Mann, der feindselige Gefühle weckte … aber seine Bemerkung hatte in James eine plötzliche und ausgesprochen heftige Abneigung hervorgerufen.

»Mein Beileid, junger Mann«, sagte der Richter zu dem Schankburschen. »Wenn jemand gut genug für unsere Mrs. Chesterton wäre, dann du, Sean.«

MacTavish schüttelte den Kopf. »Schätze, sie hat mich ein paar Mal zu oft mit Myra McAllister zusammen gesehen. Meinte, es wäre dumm von mir, wegen Geld und nicht aus Liebe zu heiraten, und ich sollte lieber bei Myra bleiben.« Er runzelte die Stirn, als der Richter schallend lachte. »Sehr witzig«, brummte er. »Myra will mich auch nicht haben, solange ich kein eigenes Heim habe. Sagt, sie mag nicht mit meiner Mutter unter einem Dach leben.«

Reardon schüttelte den Kopf und gab mitfühlende Laute von sich. »Sehen Sie?«, sagte er an James gewandt. »So läuft es hier in Faires. Ich komme nur zweimal im Jahr her, zu den Bezirksgerichtstagen, aber ich kenne die Leute hier wie meine Westentasche.«

»Das ist absurd«, rief James. Er war sehr aufgebracht, obwohl er selbst nicht recht wusste, was ihn am meisten ärgerte: Reardons hochtrabende Worte oder das Geständnis des Schankburschen, dass er Emma einen Heiratsantrag gemacht hatte. »Wir reden hier von einer Witwe, Sir, einer mittellosen Witwe, die Sie …«

»Beschützen«, warf Reardon gelassen ein.

»Verzeihung, aber ich bin anderer Ansicht.« James schüttelte den Kopf. »Ich bin sicher, dass es für ein derartiges Vorgehen in ganz England keinen Präzedenzfall gibt und dass Mrs. Chesterton, wenn sie wollte, Ihre lächerliche Entscheidung vor jeden Gerichtshof im Land bringen und mühelos gewinnen würde.«

Reardon, aus dessen Miene jetzt jedes Lachen verschwunden war, musterte ihn. »Könnte sie, aber sie wird es nicht tun. Sie vergessen, Mylord, dass ich Mrs. Chestertons Wohl im Auge habe. Sie hat weder einen Vater, der das tun könnte, noch einen Bruder oder Ehemann – nicht mehr. Sie steht ganz allein in der Welt und deshalb habe ich es mir zu meiner Aufgabe gemacht, dafür zu sorgen, dass sie nicht ausgenutzt wird. Sie ist ein guter Mensch, und ihre einzige Schwäche besteht darin, ihr Herz – und ihre Börse – ein bisschen zu bereitwillig zu öffnen.« Reardon setzte seinen Humpen ab und fixierte James mit stählernem Blick über den Tisch hinweg. »Ich weiß nicht, wie Sie zu ihr stehen, Mylord, aber ich weiß, dass ich Sie zum ersten Mal hier sehe. Wenn Ihnen das Mädchen und ihr Wohl so sehr am Herzen liegen, wo waren Sie dann in den Monaten seit dem Tod ihres Ehemannes? Das würde ich gern wissen.«

James starrte den älteren Mann fassungslos an. »Also wirklich«, begann James und beugte sich vor. »Ich weiß nicht, was Sie damit andeuten wollen, aber lassen Sie sich gesagt sein, dass ich erst vor einer Woche vom Tod meines Cousins erfuhr. Ich kam, so schnell es ging. Ich habe Mrs. Chesterton bereits ein ständiges Heim im Hause meiner Mutter angeboten, was sie, wie ich hinzufügen möchte, ablehnte …«

»Aber natürlich«, unterbrach ihn der Richter milde. »Sie wird die Kinder, die sie unterrichtet, nicht im Stich lassen. Es scheinen allerdings gewisse Zweifel zu bestehen, ob sie es wirklich tut oder nicht, das Unterrichten meine ich. Mir kommen die Kinder so unwissend vor wie eh und je, wenn auch mit den Werken von Walter Scott weit mehr vertraut. Aber es ist wohl nicht verwunderlich, dass Mrs. Chesterton so an ihnen hängt, wenn man bedenkt, dass sie und ihr Mann nicht mit eigenen Kindern gesegnet waren.«

James blickte abrupt auf, als er diese letzte Bemerkung hörte. Eigene Kinder! Seltsamerweise war ihm nie in den Sinn gekommen, sein Cousin und Emma könnten gewünscht oder auch nur versucht haben, Kinder in die Welt zu setzen.

Aber selbstverständlich waren Kinder die natürliche Folge einer Ehe. Warum ihn dieser Gedanke so sehr verstörte, begriff er selbst nicht. Er hatte nur nie daran gedacht – dumm von ihm, das war ihm jetzt klar – , dass Stuart, der in seiner ganzen Art so vergeistigt wirkte, tatsächlich … Und noch dazu ausgerechnet mit Emma!

Lieber Gott! Die Vorstellung brachte ihn völlig aus der Fassung, und er spürte, wie ihm das Blut aus dem Gesicht wich. Er wusste, dass es albern war. Schließlich waren die beiden Mann und Frau gewesen. Warum hätten sie wohl heiraten sollen, wenn nicht …

Er wollte nicht daran denken. Er wollte überhaupt nicht daran denken!

Der Richter, der James nicht aus den Augen ließ, schien seine gute Laune plötzlich wiedergefunden zu haben. Anscheinend amüsierte er sich über James’ Unbehagen bei dem Gedanken an das Eheleben seines Cousins – was James’ Abneigung gegen den Mann nur noch mehr verstärkte.

»Wer, sagten Sie noch gleich, dass Sie wären, Sir?«, erkundigte sich Reardon schmunzelnd. »Der Cousin ihres Ehemannes?«

»Ja«, antwortete James. »Es kam zwischen mir und Stuart zu einer kleinen Meinungsverschiedenheit, müssen Sie wissen, kurz bevor er und Emma heirateten. Infolgedessen brach der Kontakt zwischen uns ab. Ich kam, sowie ich von seinem Tod erfuhr …«

»Um seiner Witwe Ihr Beileid auszusprechen?«, fragte Reardon beiläufig.

»Äh … ja«, erwiderte James. Es bestand kein Grund, fand er, die wahre Ursache für seine Reise nach Faires preiszugeben. Irgendwie konnte er sich nicht vorstellen, dass Richter Reardon viel von Familienmausoleen hielt. »Ja, gewiss. Und um sie einzuladen, bei mir zu leben. Bei meiner Mutter, meine ich.«

Reardon lächelte. Es war ein seltsames Lächeln und James wusste nicht, ob es ihm gefiel. »Ich verstehe«, sagte er jedoch nur. »Und sie lehnte die Einladung ab.«

»Ja.«

»Und Sie kehren aufs Festland zurück?« Er warf einen Blick auf die Uhr hinter der Theke. »Sie haben die einzige Fähre verpasst, die heute noch geht.«

»Nein, ich kehre nicht zurück. Ich dachte, ich …« Und auf einmal wusste James es. James, der eben noch völlig erschüttert und mitgenommen gewesen war und nicht die leiseste Ahnung gehabt hatte, wie er weiter vorgehen sollte, wusste genau, was er tun würde.

»Ich bleibe«, sagte er fest. »Ich bleibe und frage sie noch einmal, wenn sie ein bisschen Zeit hatte, um darüber nachzudenken.«

»Wie ritterlich von Ihnen«, bemerkte Reardon. »Und Sie wussten nichts von den zehntausend Pfund?«

»Nein, natürlich nicht.« James warf dem Richter einen scharfen Blick zu. »Ich habe keine Verwendung für zehntausend Pfund, die ursprünglich dem Mörder meines Cousins gehört haben.« Als ihm auffiel, dass der Oberrichter ein skeptisches Gesicht machte, fuhr James erbittert fort: »Ich hielt es für meine Pflicht, zu kommen und Mrs. Chesterton meinen Schutz anzubieten!«

»Den sie ablehnte.«

James presste die Lippen zusammen. Er wünschte, Reardon würde darauf verzichten, ständig auf diesen Punkt hinzuweisen. »Äh … ja. Einstweilen.«

»Interessant.« Die Augen des Richters funkelten vor Interesse, als er James jetzt betrachtete. »Sehr interessant. Sie und Ihr Cousin hatten eine Meinungsverschiedenheit, sagten Sie? Worum ging es dabei? Nicht um Mrs. Chesterton, hoffe ich?«

James hatte das Gefühl, dass es höchste Zeit war, das Gespräch zu beenden. »Nun, Sir«, sagte er und schob seinen Stuhl zurück. »Ich denke, ich habe Ihre Zeit lange genug in Anspruch genommen. Ich setze mich jetzt an meinen eigenen Tisch zurück.«

Reardon faltete die Hände über seinem ansehnlichen Bauch und sah James mit einem rätselhaften Ausdruck auf seinem runden Gesicht an. »Denham«, sagte er nachdenklich. »Ich nehme an, Sie stehen im Adelsregister.«

Der alte Kauz wollte ihn also überprüfen! Bitte sehr. Er würde im Adelsregister nichts als die Information finden, dass die Marburys eine der ältesten und angesehensten Familien Englands waren.

James zupfte an den Enden seiner Weste. »Gewiss, Sir.«

»Danke.« Reardon neigte den Kopf wie ein Kater, der gerade eine Portion Sahne bekommen hat. »Es war mir ein Vergnügen.«

James setzte sich wieder auf seinen Platz, griff ohne zu überlegen nach seiner Gabel und fing an den Haggis auf seinem Teller hinunterzuschlingen. Von allen grotesken und rückständigen Dingen, die er je gehört hatte, war Emmas Situation mit dem Testament dieses O’ Malleys die absurdeste. Es war barbarisch, keine Frage. Wie kam dieser Mann dazu, einer Frau ihr Vermögen vorzuenthalten, nur weil sie zufällig ein großzügiger Mensch war? Also wirklich, es war lachhaft. Es war beleidigend. Es war … es war …

Es war im Grunde genial. Weil Reardon natürlich völlig recht hatte. Emma konnte nicht mit Geld umgehen. Was wusste sie schon über Finanzen? Sie hatte nie eigenes Geld besessen. Natürlich war sie in einem wohlhabenden Haus aufgewachsen, hatte aber mit achtzehn einen Mann geheiratet, der nicht einen Penny sein Eigen nennen konnte. Sie war buchstäblich arm wie eine Kirchenmaus.

James musste dem Richter recht geben. Er hatte die perfekte Lösung für das Problem gefunden. Leider hatte die Sache einen Haken.

Emma würde den Köder nicht schlucken. Offensichtlich wünschte sie genauso wenig zu heiraten wie James.

Der einzige Unterschied bestand darin, dass es vor langer Zeit jemanden gab, bei dem James durchaus an Heirat gedacht hatte.

Aber sein Cousin war ihm zuvorgekommen.

Kapitel 8

Emma nahm die erste der kleinen Schiefertafeln von dem Stapel, der neben ihr lag, und las: »Wenn ich mal grohß bin, will ich Fischer werden wie mein Pa und auf dem Ozehan segeln. Ich will neue Länder sehn und fiele Fische fangen. Dann komm ich heim und heirate Sie, Mrs. Chesterton.«

Emma legte die Tafel beiseite, nachdem sie einige Wörter verbessert und »Danke, Robbie« an den Rand gekritzelt hatte. Lieber Gott, es musste wirklich schlimm um sie stehen, wenn sie schon von Neunjährigen Heiratsanträge bekam. Obwohl sie zugeben musste, dass von allen Anträgen, die sie bisher bekommen hatte, Robbies mit Sicherheit der aufrichtigste war.

Als Emma nach der nächsten Tafel griff, sprangen ihr Bridget Donahues kühn geschwungene Buchstaben ins Auge: »Wenn ich groß bin, will ich Locken haben wie Sie, Mrs. Chesterton«, und sie langte unwillkürlich mit einer Hand nach ihrem Haar. Wie gewöhnlich waren die dicken Locken aus den Nadeln gerutscht, mit denen sie sie zu bändigen versucht hatte, und fielen ihr ins Gesicht. Warum war sie damit geschlagen? Sie hätte alles dafür gegeben, leicht frisierbares Haar zu haben wie das von Bridget, das glatt und gerade gewachsen war.

Etwas in der Art schrieb Emma gerade an den Rand der Schultafel des kleinen Mädchens, als sie hörte, wie die Leuchtturmtür aufschlug. Nach einem flüchtigen Blick auf die Taschenuhr an ihrer Taille sagte sie ohne aufzublicken: »Du bist wieder einmal spät dran, Fergus. Wenn du schon jeden Tag nach der Schule heimlaufen musst, um deine Katze zu füttern, solltest du wenigstens nicht trödeln. Ich muss nach unserer Nachhilfestunde nämlich schnell nach Hause, um meine eigenen Tiere zu füttern.«

»Ich bitte aufrichtig um Verzeihung, Mrs. Chesterton«, antwortete eine viel tiefere Stimme, als sie erwartet hatte. »Ich werde meiner Trödelei sofort ein Ende setzen.«

Details

Seiten
0
Erscheinungsform
Erstausgabe
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783960876014
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v444893
Schlagworte
Schott-e-n-land-isch historisch-e-r-liebe-s-roman historic-al-regency-romance herz-en ver-witwe-t Ehe-mann-frau stürmisch-es-verlangen

Autor

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    Patricia Cabot (Autor)

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Titel: Eine Sehnsucht im Herzen