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Heart and Sea (Liebe, Romantasy)

von Birgit Read (Autor)

2018 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

Die 19-jährige Emily möchte die Ferien vor ihrem letzten Schuljahr richtig genießen. Sie hätte sich nie träumen lassen, dass sie sich kopfüber in Dathan verliebt, der nicht nur wahnsinnig attraktiv ist, sondern auch voller Geheimnisse steckt. Für Emily steht fest: Er ist kein normaler Mensch.
Auch Dathan ist fasziniert von ihr und lässt sich entgegen aller Vernunft auf die verbotene Liebe ein. Doch er muss sich zwischen Emily und seiner Bestimmung entscheiden …

Impressum

dp Verlag

Erstausgabe November 2018

Copyright © 2020 dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

E-Book-ISBN: 978-3-96087-479-9
Taschenbuch-ISBN: 978-3-96087-621-2

Covergestaltung: Rose & Chili Design
unter Verwendung von Motiven von
depositphotos.com: © Antartis, © ronedale
shutterstock.com: © Olga Brik
Lektorat: Marie Weißdorn

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

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Für meine Familie:
Walter, Daniel und Christina.
Danke für eure nicht endende Unterstützung und Motivation.

1. Kapitel – In letzter Sekunde

Ein kräftiger Ruck riss Emily aus dem Schlaf. Das kleine Schlauchboot schwankte gefährlich in den immer höher schlagenden Wellen des Teldameers. Der Sturm trieb das leichtgewichtige Bötchen vor sich her.

„Oh mein Gott, was ist das denn?“, kreischte sie und klammerte sich verzweifelt am Bootsrand fest, um nicht in die tosende See geschleudert zu werden. Sie musste eingeschlafen sein! Weit und breit erkannte sie nichts als den Schaum des sich brechenden Salzwassers. Ihr Herz hämmerte wild und nasse Haarsträhnen peitschten ihr ins Gesicht.

Als sie vor zwei Stunden losgerudert war, hatte nichts auf einen solch krassen Wetterwechsel hingedeutet. Es sollte ein schöner Ausflug am Sonntagnachmittag werden, wie sie ihn schon unzählige Male gemacht hatte. Sich sanft durch die Wellen schaukeln und die Seele baumeln lassen …

„Verdammte Scheiße!“ Keuchend zog sie sich mit beiden Händen an dem dünnen Seil hoch, das durch die Ösen um den Bootsrand gezogen war. Wo waren die Ruder? Hektisch schaute sie sich um.

Sie löste die Hand nur für einen Moment vom Seil. Gerade in dieser Sekunde traf eine hohe Welle das Schlauchboot mit voller Wucht. Ein Ruck ging durch das Boot, Emily verlor den Halt und fiel schreiend in die tobenden Fluten des Teldameers.

Sofort sank sie immer tiefer, obwohl sie wie eine Verrückte mit den Beinen strampelte. Mit aller Kraft versuchte sie, an die Oberfläche zu gelangen. Bis sie die Kraft verließ. Sie wollte atmen, schluckte nur Wasser, hustete, schluckte wieder Wasser. Sie kämpfte einen aussichtslosen Kampf gegen die Urgewalt des Meers. Ihre Lunge schrie nach Sauerstoff … Dann verlor sie das Bewusstsein und schwebte lautlos in die Tiefe.

„Hey, komm schon. Atme …“

Wie von weither bahnte sich eine Stimme den Weg in Emilys Bewusstsein. Erst dumpf, dann immer klarer. Ihr Brustkorb schmerzte, die Speiseröhre brannte wie Feuer. Krampfhaft zog sich ihr Magen zusammen und bevor sie auch nur Luft holen konnte, schoss ein Schwall salzigen Wassers aus ihr heraus. Darauf folgte ein Hustenanfall, der ihr wie tausend Messer in Brust und Kehle stach. Sie stöhnte vor Schmerz.

„Ganz ruhig. Atme ganz langsam.“

Die sanfte Stimme beruhigte sie. Etwas Kühles legte sich auf ihren Brustkorb und sie versuchte, ihre Atmung dem Rhythmus des Sprechers anzupassen. Jemand strich ihr vorsichtig die Haare aus dem Gesicht. Sie wollte die Augen öffnen, doch ihre Lider brannten wie Feuer. Mühsam blinzelte sie, öffnete nur ein Auge zu einem schmalen Schlitz. Für einen Moment nahm sie ein nebulöses Gesicht über sich wahr, umrandet von etwas Schwarzem …

So war er also, der Tod. Gar nicht so anders als das Leben. Der Übergang war nicht ganz so einfach, wie sie es sich vorgestellt hatte. Kein bequemes Hinübergleiten. Ihre Brust schmerzte noch immer und das Salzwasser brannte höllisch in ihrer Kehle.

Moment. Salzwasser?

Schlagartig kehrte die Erinnerung zurück. Sie war ertrunken. Irgendwo im Teldameer.

Sie spürte, wie etwas über ihre Lider strich. Sanft wie ein Windhauch.

„Hey. Komm schon, mach die Augen auf. Versuch’s noch mal.“

Da war sie wieder, die Stimme. Liebevoll. Dunkel. Sanft. Zu wem mochte sie gehören? Einem Engel? Waren Engel nicht weiß, leuchtend und hatten Flügel? Dieser war schwarz umrandet. Ein schlechtes Zeichen? Sie hatte eher mit ihrer Großmutter oder ihrem Hund Buffy gerechnet. Diese Stimme war ihr gänzlich unbekannt.

Wieder strich etwas über ihre Stirn, glitt ihr Gesicht hinab und blieb auf ihrem Hals liegen.

„Komm schon, sieh mich an!“

Emily strengte sich an. Sie kämpfte gegen die Übelkeit, den stechenden Schmerz in ihrer Brust und den Drang, einfach einzuschlafen. Dann schlug sie die Augen auf.

„Endlich. Da bist du ja. Wie fühlst du dich?“, fragte das Gesicht über ihr. Leuchtend grüne Augen strahlten sie an. Die darunter liegenden Lippen waren zu einem erleichterten Lächeln verzogen.

„Hi“, krächzte sie. Sofort fuhr sie sich mit der Hand an die Kehle. Der Schmerz war noch da.

„Kannst du dich aufsetzen? Komm, ich helfe dir.“

Mühelos zog der Mann mit den strahlenden Augen sie in eine sitzende Position. Wie ein nasser Sack lag sie schwer an seinen Schienbeinen. Emily stöhnte leise, als ihr schwindelig wurde.

„Alles okay?“, fragte er besorgt. Vorsichtig versuchte sie, sich zu räuspern.

„Oh Mann, mir tut alles weh. Was ist passiert?“, fragte sie und wiegte den Kopf hin und her. „Ich bin am Strand. Wie …?“

„Wieso bist du bei so einem Wetter mit einem Schlauchboot auf das Meer rausgerudert? Wolltest du dich umbringen?“, unterbrach er sie, jetzt mit einem ärgerlichen Unterton in der Stimme.

Emilys Kopf schoss in den Nacken, sodass sie in sein vornübergebeugtes Gesicht sehen konnte. „Natürlich nicht“, zischte sie. „Ich bin doch nicht blöd!“ Mit einem Stöhnen fuhr ihre Hand in den Nacken. „Verdammter Schwindel.“

„Warum bist du dann so weit rausgefahren?“

Der Typ stellte aber auch Fragen. „Ich … bin wohl eingeschlafen. Das Wetter war so schön …“

„Mach das nie wieder! Hörst du? Versprich es mir!“

Verwundert sah sie ihn an. So langsam dämmerte es ihr, dass sie nur knapp mit dem Leben davongekommen war.

„Hast du mich gerettet?“, fragte sie verunsichert. „Wer bist du überhaupt? Ich hab dich hier noch nie gesehen.“

Er räusperte sich umständlich. Mit den Händen fuhr er durch sein langes, schwarzes Haar, fasste es zu einem Zopf zusammen, sah über das Meer und ließ die Haare wieder los. „Ich, ähm … bin Dathan. Und ja … ich hab dich gerettet.“

„Okay. Hi, Dathan. Ich bin Emily. Danke fürs Retten.“

Er nickte. „Keine Ursache. Kannst du aufstehen? Der Wind ist kalt und du bist klitschnass. Wir sollten uns irgendwo unterstellen.“

Er beugte sich zu ihr hinunter, fasste beherzt unter ihre Arme und half ihr beim Aufstehen. Er tat dies mit einer Leichtigkeit, als sei sie eine Feder.

„Da vorn“, sagte sie und zeigte auf eine blau gestrichene, verwitterte Holzhütte. „Das war mal ein Fischimbiss. Dort sind wir zumindest vor Wind und Regen geschützt.“

Vorsichtig versuchte sie einen Schritt, doch ihre Beine fühlten sich an wie Pudding und wollten einfach nicht den Befehlen ihres Gehirns gehorchen. Sie strauchelte und sackte in seinen Armen zusammen. Stumm hob er sie hoch und trug sie die paar Schritte bis zur Hütte. Ohne weiter darüber nachzudenken, schlang sie die Arme um seinen Hals und legte ihren Kopf an seine Schulter. Er roch nach Meer und Wind.

Auch als sie die Hütte erreichten und er sie auf der alten Bank davor absetzte, rückte sie nicht von ihm ab.

„Du zitterst ja.“ Wie selbstverständlich zog er sie an sich. „Komm in meinen Arm. Vielleicht wird dir dann wärmer.“ Seine Stimme klang sanft und gleichzeitig besorgt. Bereitwillig ließ sie sich von ihm umarmen.

Verwundert erkannte Emily, dass er lediglich eine Badehose trug und trotzdem nicht den Eindruck machte, als wäre ihm kalt. Seine Haut fühlte sich seltsam an. Kühl und fest. Wieder nahm sie das frische Meeresaroma wahr, das ihn umgab. Kein Wunder, dachte sie, er hat mich ja aus dem Meer gerettet, also riecht er auch danach.

„Ich sollte dich nach Hause bringen. Wo wohnst du?“, fragte er, als sie nach einer Weile nicht mehr zitterte.

„Gleich hinter den Dünen“, antwortete sie und zeigte hinter sich.

„Kannst du gehen? Oder muss ich dich tragen?“ Er zog den rechten Mundwinkel leicht nach oben, was sie ziemlich süß fand.

„Ich glaube, ich kann gehen …“

Schwankend, aber auf eigenen Füßen, stand Emily auf und stapfte über die Dünen. Dathan ging neben ihr, einen Arm beschützend hinter ihr ausgestreckt, bereit, sie jederzeit aufzufangen, falls sie wieder stolpern sollte.

Ihr Haus lag keine hundert Meter entfernt. An der Tür blieb sie stehen und überlegte kurz, was sie tun sollte. Ihm war bestimmt kalt und nach der Rettungsaktion hatte er vielleicht Hunger. Sie könnte ihm einen Kaffee anbieten oder irgendwas zu essen. Einen Müsliriegel oder die Plätzchen, die ihre Eltern immer auf Vorrat kauften. Das war das Mindeste, was er verdient hatte. Außerdem fand sie ihn ziemlich süß und wollte gerne mehr über ihn erfahren.

„Willst du reinkommen?“, bot sie also an. „Etwas zum Aufwärmen trinken?“

Abwehrend hob er die Hand und schüttelte den Kopf. „In diesem Aufzug gehe ich sicher nicht mit dir in dein Haus. Vielleicht ein anderes Mal.“

„Schade“, murmelte sie, bevor ihr auffiel, dass das ziemlich unhöflich war. „Ich meine, okay. Aber wir sehen uns wieder, oder?“

„Ja. Wir sehen uns sicher noch mal“, antwortete er.

„Wo wohnst du denn?“

Er betrachtete sie einen Moment lang, als müsste er über die Antwort nachdenken. „Ich muss jetzt gehen“, sagte er dann. „Geh rein und wärm dich auf, sonst wirst du krank.“

Mit diesen Worten drehte er sich um und lief mit ausladenden Schritten über die Dünen davon. Kopfschüttelnd blickte sie ihm nach.

„Seltsamer Typ“, murmelte sie, bevor sie die Haustür schloss.

 

***

 

Dathan holte tief Luft, um sein aufgewühltes Inneres zu beruhigen. Er saß an der Stelle, an der er Emily aus dem Wasser gezogen hatte, und hatte nur ihr Gesicht vor Augen. Dieses Mädchen … Emily. Sie hatte in ihm etwas ausgelöst, von dem er bis heute nur gehört hatte.

Es regnete in Strömen und der Wind peitschte die Wellen über seinen Oberkörper. Doch das störte ihn nicht. Das Wasser war sein Element.

Kopfschüttelnd sah er auf die wilde Oberfläche. Es war kaum eine Stunde her, dass seine Schwester Sasana die ertrinkende Emily unter Wasser geortet und ihn informiert hatte.

„Dathan! Ein Mensch ist in Gefahr! Schnell, sie ertrinkt!“

Sofort waren sie an die Stelle gehetzt, an der Emilys Körper in die Tiefe glitt. Bei diesem Anblick hatte sein Herz schneller zu schlagen begonnen und ein seltsames Gefühl seine Bauchmitte erfüllt.

„Ich bringe sie an Land. Du kannst wieder zurück!“, hatte er Sasana zugerufen.

„Bist du dir sicher?“

„Ja. Ich bin sicher!“

„Denk daran: Du musst gehen, bevor sie die Augen öffnet!“

Daran hätte sie ihn eigentlich nicht einmal erinnern müssen.

Er hatte nie zuvor einen Menschen berührt. Die Geschichten, die man sich in seinem Volk erzählte, waren so unterschiedlich wie der Geschmack von Himpfschwänzen und Breitseitlingen.

Emily hatte sich weich und warm angefühlt. Ganz anders als seine Schwester. Der Geruch … süß und verlockend. Menschlich. Er wusste, dass er einen Fehler begangen hatte. Aber er hatte sich nicht von diesem wunderbaren Wesen lösen können. Ein Blick ihrer himmelblauen Augen, und schon war es zu spät gewesen.

Als er sie im Arm hielt, war es leicht gewesen, die aufkommenden Gefühle zu unterdrücken. Er handelte instinktiv und blockierte die tief in ihm lodernden Bedürfnisse. Er hatte ihren Geruch genossen. Ihre Haut anzufassen war eher von Neugier als von Verlangen getragen gewesen.

Doch jetzt überkam ihn der Drang mit voller Wucht. Er verengte die Augen zu Schlitzen, die Farbe wechselte von Smaragdgrün zu einem funkelnden Türkis. Sein Atem gewann an Tempo, spitze Stacheln bohrten sich durch seine Fingerspitzen und gleichzeitig ergriff ein unbändiges, unbekanntes Verlangen von ihm Besitz.

Aufgewühlt sprang er auf und rannte ins Wasser.

2. Kapitel – Annäherung

Emily war Dathans Rat gefolgt und hatte am vorigen Abend ein heißes Bad genommen. Die Wärme hatte ihr gutgetan und ihre Gedanken waren zur Ruhe gekommen.

Was ist eigentlich genau passiert?, hatte sie sich während des Badens gefragt. Sie war ins Meer geschleudert worden. Das Nächste, an das sie sich erinnerte, waren Dathans Stimme und seine sanften Berührungen. Wieder und wieder ging sie das alles durch, bis ihr beinahe die Augen zufielen.

Als sie an diesem Morgen aufwachte, fühlte sie sich wie neugeboren. Energiegeladen sprang sie aus dem Bett und stürmte ins Bad. Eine fröhliche Melodie vor sich hin summend versuchte sie vergeblich, ihr krauses, rotes Haar zu bändigen. Schließlich teilte sie die Mähne in der Mitte, band um jede Seite einen Haargummi und streifte ein langes T-Shirt über, das ihr bis an die Knie reichte.

Erst als sie die Zähne putzte, kam die Erinnerung an den gestrigen Tag zurück. Das Schlauchboot, der Sturm, die hohen Wellen, Dathan …

Ihre Hand fuhr an ihre Kehle, die gestern wie Feuer gebrannt hatte. Nichts. Sie räusperte sich, erst verhalten, dann intensiver. Kein Schmerz. Alles schien in Ordnung zu sein. Auch das Stechen in der Brust war verschwunden. Im Spiegel inspizierte sie ihre Augen, die gestern rot und geschwollen gewesen waren. Die Schwellung war verschwunden und die Bindehaut wieder weiß.

Dathan … Ihr Herz tat einen Extraschlag, als sie an den süßen Typen dachte, der sie gestern aus dem Meer gezogen hatte. Sie erinnerte sich an seinen Geruch. An die langen, schwarzen Haare, die sein schönes Gesicht umrandeten, und die smaragdgrünen Augen …

„Jetzt reiß dich zusammen!“, rief sie sich zur Ordnung. Vielleicht würde sie ihn nie wiedersehen. Sie wusste ja noch nicht mal, wo er wohnte oder ob er hier nur seinen Urlaub verbrachte. Obwohl seit einigen Jahren kaum noch jemand zum Urlaubmachen nach Dünensee kam.

„Hoffentlich hat er sich nicht erkältet in der dünnen Badehose“, murmelte sie.

„Emy“, johlte ihr kleiner Bruder Marc durch das Haus, als sie gerade aus dem Bad kam.

„Jahaaa!“ Emily sprang die Stufen hinunter und flog ihrem Bruder um den Hals. „Guten Morgen, Brüderchen.“

Marcs kurze feuerrote Haare standen in alle Himmelsrichtungen von seinem Kopf ab und ein schelmisches Grinsen lag auf seinem von Sommersprossen übersäten Gesicht. „Frühstücken wir zusammen?“

„Klar. Holst du Brötchen?“

„Mach ich, bin schon weg.“

Schon schlug die Haustür zu. Marc war sechzehn und genoss – wie sie selbst – die Schulferien ohne die elterliche Aufsicht. Eigentlich hatte er zu Onkel Tim und Tante Anna fahren sollen, aber nach tagelangem Betteln und Emilys Zusicherung, gut auf ihren Bruder aufzupassen, hatten ihre Eltern eingewilligt, dass er zu Hause bleiben durfte. Vier himmlische, elternlose Wochen lagen vor ihnen.

„Und gleich am ersten Tag baust du die Scheiße deines Lebens“, grummelte sie und schauderte bei dem Gedanken an die gestrigen Ereignisse.

Sie kochte Kaffee für sich, für Marc einen Kakao, und deckte den Frühstückstisch. Kurz darauf stand sie mit ihrer Tasse in der Hand am Fenster und sah Marc schon von Weitem mit seinem Fahrrad wiederkommen. Sie öffnete die Haustür und er stürmte hinein.

„Wo warst du eigentlich gestern, Emy? Hab dich nachmittags vermisst. Du bist auch nicht ans Handy gegangen“, fragte er und warf die Brötchentüte mit elegantem Schwung auf den Tisch.

„Ich … äh …“ Unsicher trank sie einen Schluck. „Na ja, ich war am Strand. Mein Handy hab ich vergessen.“

„Ah, okay.“ Er schaute sie verschmitzt lächelnd an. „Gib’s zu! Du hast einen Jungen kennengelernt.“

Emily wurde heiß und kalt zugleich. Hatte er gestern etwas bemerkt? Vorsichtig tastete sie sich vor. „Wieso fragst du?“

„Na ja, du warst eine ganze Weile verschwunden und nicht zu erreichen. Und heute strahlst du wie ein Honigkuchenpferd.“

„Du spinnst ein bisschen. Ich bin am Strand eingeschlafen. Mehr nicht.“

„Emy! Für wie blöd hältst du mich? Es hat wie aus Eimern geschüttet und gestürmt und dabei schläfst du am Strand? Ist klar.“

„Ich … war in der alten Fischbude und hab gelesen. Dabei bin ich eben eingeschlafen“, verteidigte sie sich vehement.

Marc winkte ab. „Ist auch egal. Du bist erwachsen und kannst machen, was du willst.“

Damit war für ihren Bruder das Thema erledigt. Sie atmete erleichtert auf. Von Dathan brauchte er vorerst nichts zu wissen und vor allem nicht von der Katastrophe, in die sie sich gestern hineinmanövriert hatte. Ansonsten hätte sie keine ruhige Minute mehr vor ihm. Er war zwar jünger als sie, spielte sich jedoch gern als ihr Beschützer auf. Das nervte sie ziemlich.

„Was machst du heute?“, fragte er und steckte sich das letzte Stück seines Brötchens in den Mund.

„Weiß noch nicht. Und du?“

„Ich treff mich mit Sven zum Zocken. Bleib auch über Nacht da, wenn das okay ist.“

„Mach ruhig, kein Problem. Wir schreiben?“

„Okay. Ich helf dir noch beim Aufräumen, dann bin ich weg.“

Als Marc aus dem Haus war, duschte sie ausgiebig, flocht ihre widerspenstigen Haare zu zwei Zöpfen und stand danach lange vor dem Kleiderschrank. Unschlüssig, was sie anziehen sollte, zog sie sämtliche Kleidungsstücke aus den Regalen und schmiss sie aufs Bett. Eigentlich ein guter Zeitpunkt, mal wieder auszumisten, dachte sie.

Nach einer Stunde brauchte man in ihrem Schrank keinen Kompass mehr, um etwas zu finden. Geordnet nach Winter, Sommer und Übergang lagen die Sachen, die sie behalten wollte, ordentlich im Schrank. Wenn das ihre Mutter sehen könnte …

Trotz der ausgiebigen Sortieraktion hatte sie immer noch nichts Passendes für eine eventuelle Begegnung mit Dathan gefunden. Ihr Herz klopfte heftig in ihrer Brust und in ihrem Magen kribbelte es gewaltig, wenn sie an ihn dachte. Ihr Blick fiel zum Fenster. Die Sonne malte Muster durch die Gardinen und versprach einen warmen Sommertag.

Schließlich entschied sie sich für eine weiße Bermudajeans, ein ärmelloses, gelbes Top und eine hellgraue Sweatjacke, die sie sich um die Hüfte band.

Was hatte sie Marc erzählt? Fischbude – lesen. Diese Idee fand sie für heute gar nicht so schlecht … und falls Dathan an den Strand kommen sollte, würde er sie finden.

Sie warf ein Strandtuch, Sonnenmilch, ihr Buch, eine Flasche Wasser und eine Packung Haferplätzchen in die Strandtasche und machte sich auf den Weg. Das Handy steckte sie in die Hosentasche. Marc würde sich garantiert bald melden.

Vor dem verwitterten Schuppen schob sie zwei der Holzbänke zusammen und breitete ihr Strandtuch darauf aus. Hinter der Bude fand sie einen kleinen Holztisch, an dem vor vielen Jahren noch Touristen gesessen und nach einem Urlaubstag das abendliche Fischessen genossen hatten. Genau richtig, dachte sie, zog ihn um die Bude herum und platzierte ihn neben den Bänken.

Heute war das Teldameer ruhig. Kleine Wellenausläufer glitten verspielt über den Sand. Nichts erinnerte an den Sturm von gestern. Den Anblick des sich gemächlich bewegenden Meers liebte sie, seit sie denken konnte.

Emily nahm das Buch und wurde sofort wieder von der Handlung mitgerissen. Die Zeit verging, ohne dass sie es bemerkte. Sobald sie ihre Nase in ein gutes Buch steckte, tauchte sie in die Welt der Geschichte ein und vergaß alles um sich herum. Sie sah erst auf, als sich neben ihr jemand räusperte – und sah direkt in Dathans schönes Gesicht.

„Hey“, sagte er und strich sich verlegen eine Haarsträhne hinters Ohr.

„Hey …“ Sein Anblick löste auf der Stelle heftiges Herzklopfen aus. „Hab dich gar nicht kommen hören. Schleichst du dich immer so an?“

Dathan verzog die Lippen zu einem Grinsen. Dabei bildeten sich neben den Wangen zwei Grübchen, die Emily fasziniert anstarrte. „Ich hab mich nicht angeschlichen. Du scheinst in einer anderen Welt gewesen zu sein“, gab er zurück.

Sie lachte. „Ja, das stimmt. Wenn ich lese, passiert das schon mal.“

„Wie geht’s dir? Noch irgendwelche unangenehmen Nachwirkungen?“

„Nein, keine. Mir geht’s blendend“, antwortete sie nachdenklich. „Merkwürdigerweise beinahe noch besser als gestern.“

„Das klingt gut.“

Emily ließ ihren Blick an Dathans Körper hinabwandern. „Du hast ja schon wieder nur eine Badehose an. Hast du nichts anderes zum Anziehen?“

„Nein.“

„Nein?“

„Nein.“

„Ernsthaft?“

„Nein.“

Irritiert sah sie ihn an. „Moment – was jetzt?“

„Na klar habe ich was anderes zum Anziehen“, antwortete er grinsend. „Aber es ist warm heute und wir sind am Meer. Ich will schwimmen, das mache ich gewöhnlich in Badehose. Kommst du mit ins Wasser?“

Sie legte das Buch zur Seite und wiegte den Kopf hin und her. „Ja, ich glaube, wenn du dabei bist, kann ich es wagen.“

Er grinste spitzbübisch, sagte aber nichts.

„Übrigens, danke für gestern“, fügte sie noch hinzu.

„Keine Ursache.“ Dathan senkte den Kopf und seine langen Haare verdeckten für einem Moment sein Gesicht. Er räusperte sich leise, hob dann den Kopf und sah ihr direkt in die Augen. „Kommst du?“

„Ich muss mich erst umziehen. Geh schon vor.“

„Okay. Bis gleich.“

Sie betrachtete ihn, als er das kurze Stück zum Wasser ging. Seine langen, schwarzen Haare hatte er zu einem Zopf zusammengebunden und die breiten Schultern fielen ihr besonders auf. Schwimmerschultern. Bestimmt war er ein exzellenter Schwimmer. Ach, natürlich war er das! Sonst hätte er sie nicht retten können.

„Wo bleibst du?“, rief er.

„Moment noch!“

Schnell zog sie Hose und Shirt aus. Den Badeanzug trug sie zum Glück schon drunter.

Der Sand unter ihren Füßen fühlte sich angenehm warm an. Als die erste Welle ihre Füße umspülte, sog sie hörbar die Luft ein. Das Wasser war noch kalt, der Sommer würde es erst im Laufe der Wochen immer mehr aufwärmen.

„Komm schon“, forderte Dathan lächelnd. Er stand schon bis zur Brust im Meer. „Es ist perfekt.“

„Es ist kalt.“ Zögernd ging sie weiter, bis das Wasser ihre Oberschenkel umspülte. „Verdammt! Ein Wunder, dass ich gestern nicht erfroren bin.“

„Es wird besser, wenn du drin bist und dich bewegst. Jetzt komm schon.“ Er kraulte auf sie zu und bespritzte sie absichtlich mit dem kühlen Wasser.

„Hey, lass das! Oder …“

„Oder was?“, rief er und machte Anstalten, sie erneut mit einem Schwall Wasser zu bespritzen.

Bevor er sein Vorhaben in die Tat umsetzen konnte, tauchte sie blitzschnell unter. Prustend kam sie an die Oberfläche und strich sich die Haare aus dem Gesicht. „Haha! Zu spät.“

„Warte ab, mir fällt schon noch was ein. Jetzt lass uns schwimmen.“

„Ich liebe das Meer“, keuchte Emily und schaute sich um. Sie waren eine Weile nebeneinander durch die leichten Wellen des Teldameers gekrault. Dathan schien kein bisschen außer Atem zu sein. „Oh, verdammt, wir sind ganz schön weit rausgeschwommen“, prustete sie und schnappte nach Luft. „Bin nicht sicher, ob ich den Rückweg schaffe. Ich glaube, das von gestern steckt mir noch in den Knochen.“

Dathan schwamm näher zu ihr. „Halt dich an meinen Schultern fest“, bot er an. „Ich ziehe dich ein Stück.“

Gern gab sie es nicht zu, aber sie war froh über sein Angebot. Sie hätte es nach gestern besser wissen müssen, doch sie hatte sich so voller Energie gefühlt. Wo zum Teufel war ihre Vernunft geblieben?

Dathan schwamm mit ihr im Schlepptau scheinbar mühelos ans Ufer.

„Woher nimmst du die ganze Kraft?“, fragte sie kopfschüttelnd. „Ich kann von mir behaupten, eine richtig gute Schwimmerin zu sein. Aber du …“

„Ständiges Training“, erwiderte er grinsend.

„Kaum zu glauben. Wie oft …“

„Komm“, unterbrach er sie und griff nach ihrer Hand. „Legen wir uns in die Sonne. Warte, ich hole dein Handtuch.“

„Okay.“ Emily quetschte mit beiden Händen das Wasser aus den Zöpfen und beobachtete ihn. Seine Haare faszinierten sie am meisten. Sie waren ungewöhnlich lang für einen Mann, gingen ihm fast bis zur Mitte des Rückens. Dann sah sie auf die muskulösen Beine. Bei jedem Schritt zeichneten sich die Konturen unter der straffen Haut deutlich ab.

„Wow“, flüsterte sie. „Knackig, knackig.“

In diesem Moment drehte er sich um und grinste über beide Ohren. Sie spürte, wie ihr die Hitze in die Wangen stieg. Hatte er sie etwa gehört? Unmöglich! Rasch drehte sie sich um und nestelte verlegen an ihren Haaren.

Er kam zu ihr zurück, breitete das Handtuch aus und bedeutete ihr mit einer Handbewegung, sich zu setzen. Er selbst sank in den Sand.

„Hier, hab dir dein Handy und dein Buch mitgebracht.“

„Danke. Wo ist dein Handy?“, fragte sie und kontrollierte schnell, ob Marc ihr geschrieben hatte. Nein, keine Nachricht eingegangen.

Dathan räusperte sich. „Vergessen.“

„Vergessen? Wie kann man sein Handy vergessen?“

Er hob die Schultern. „Das geht ganz einfach. Siehst du doch.“

„Ja, aber wenn dich jemand erreichen will, dir was Wichtiges sagen muss oder so?“

„Dann kann derjenige mir das auch später sagen.“

„Ja, aber …“

„Handys werden überbewertet“, unterbrach er sie. „Sag mal – du scheinst dich ja mit Vorliebe regelmäßig in Gefahr zu bringen? Ist das dein Hobby?“

Na, den Themenwechsel ließ sie ihm mal durchgehen. „Haha. Sehr witzig!“

„Du solltest vorsichtiger sein.“

Emily verdrehte die Augen. „Jetzt spiel dich bloß nicht als mein Aufpasser auf. Ich bin froh, die nächsten vier Wochen ohne die ständigen Ermahnungen meiner Eltern verbringen zu können.“

„Ich meine das ernst“, sagte er leise. „Du hast gestern und heute gefährlich mit deinem Leben gespielt. Eigentlich müsstest du es besser wissen.“

Ihr lag schon eine bissige Erwiderung auf der Zunge, als lautes Glockengeläut erklang. „Oh, mein Bruder ruft an. Sorry, da muss ich ran, sonst steht der gleich hier. Hi, Marc“, flötete sie in ihr Handy. „Ja, alles klar. Ich bin am Strand und lese. Und bei dir?“ Sie lauschte eine Weile und beobachtete Dathan, der rücklings auf die Ellbogen gestützt im Sand lag und das Meer beobachtete. Ihr fielen die dünnen, länglichen Narben an seinen Armen und Beinen auf.

„Okay, kleiner Bruder. Wir hören uns später, viel Spaß noch beim Zocken.“ Seufzend legte sie das Handy zu ihrer Jeans. „So, das wäre erledigt. Der lässt mich jetzt erst einmal eine Weile in Ruhe.“

Dathan schaute sie grinsend an. „Kleine Geschwister können ganz schön nervig sein, stimmt’s?“

„Allerdings. Sprichst du aus Erfahrung?“

„Ja, ich habe eine jüngere Schwester. Sie meint auch, sie müsste ständig auf ihren großen Bruder aufpassen und ihm gute Ratschläge geben.“ Jetzt verdrehte er die Augen.

Sie lachte und legte sich auf den Bauch. „Wo wohnst du denn nun? Machst du Urlaub in Dünensee?“

Nachdenklich kräuselte er die Stirn. „Nein, ich mache keinen Urlaub. Aber ich wohne hier auch nicht. Es ist kompliziert. Jedenfalls brauche ich nicht lange, um hierherzukommen.“

Ihr Herz schlug bei diesen Worten schneller. Er war also kein Urlaubsgast, der nach zwei Wochen wieder nach Hause fuhr. „Das ist … toll“, begann sie verlegen.

„Toll?“

„Ja, es ist toll.“

„Okay, und warum ist das toll?“ Er zeigte ein unverschämt süßes Lächeln, fand sie, und auf der Stelle fühlte sich ihr Gehirn wie ein leeres Einmachglas an.

„Äh, weil …“ Sie räusperte sich. „Na ja, eben weil … du ja dann nicht weit weg wohnst.“

Dathan neigte den Kopf zur Seite und zog den rechten Mundwinkel nach oben. Wie gebannt starrte Emily auf die zwei kleinen Grübchen.

„Und? Gefallen sie dir?“

„Was?“ Emily wurde glühend heiß und sie spürte, wie sie tomatenrot anlief. Gott, wie peinlich …

„Meine Grübchen.“ Dathan lächelte immer noch. „Du starrst sie an, als wolltest du sie hypnotisieren.“

„Völliger Blödsinn“, brauste sie auf. „Das bildest du dir nur ein.“

„Okay. Entschuldige bitte“, sagte er und verzog gespielt zerknirscht das Gesicht.

„Du verarschst mich!“

„Das würde ich niemals tun.“

„Klar verarschst du mich. Na warte!“ Sie sprang auf und riss das Handtuch mit einem Schwung hoch, sodass der aufgewirbelte Sand in Dathans Gesicht flog.

„Au, verdammt!“, rief er und hielt sich die Augen zu. Emily wollte gerade loslachen, doch dann stockte sie, als sie hörte, wie er vor Schmerz aufstöhnte. Blitzschnell sprang er auf, rannte zum Wasser und hechtete ins Meer.

Wie versteinert starrte sie auf die Stelle, an der er untergetaucht war. Langsam glitt ihr das Handtuch aus der Hand.

„Dathan?“, rief sie beunruhigt, als er nach einer Weile noch nicht aufgetaucht war.

„Dathan!“ Ihre Stimme wurde schriller. Erst langsam, dann immer schneller rannte sie zum Wasser. „Dathan! Wo bist du? Hey, das ist nicht lustig!“ Ihr Blick wanderte hektisch über das Meer. Nichts. Keine Spur von ihm.

„Verdammt! Dathan, wo bist du? Tauch auf! Bitte!“

Panik ergriff von ihr Besitz, angespannt ging sie am Ufer hin und her. Was war denn nur passiert?

Kopflos lief sie bis zur Hüfte ins Wasser und suchte die Oberfläche ab. Mittlerweile war viel zu viel Zeit vergangen, so lange konnte noch nicht mal ein trainierter Apnoetaucher unter Wasser bleiben. Tränen stiegen ihr in die Augen. War Dathan ertrunken? Dann war es ihre Schuld! Hätte sie ihm nicht den Sand in die Augen gewedelt …

„Hey, du“, hörte sie plötzlich seine Stimme und fuhr herum.

Fassungslos starrte sie Dathan an. Kein bisschen außer Atem stand er hinter ihr und grinste.

„Mach! So was! Nie! Wieder!“, schrie sie ihn an und holte schon aus, um ihm eine Ohrfeige zu verpassen. Doch seine Hand schnellte hoch und fing ihren Arm kurz vor dem Gesicht ab.

„Was soll das?“, fragte er. „Warum bist du so wütend?“

„Du warst eine Ewigkeit unter Wasser. Ich hatte Angst, dass du ertrinkst!“

Er runzelte die Stirn. „Ich ertrinke nicht. Aber es dauert eben eine Weile, bis der Sand aus meinen Augen gewaschen ist.“

„Mach dich nicht über mich lustig“, erwiderte sie scharf. „Niemand kann so lange unter Wasser bleiben. Also hast du mich reingelegt. Bist du irgendwo heimlich aufgetaucht, wo ich es nicht sehen konnte? Das finde ich ziemlich gemein von dir, einfach abzuhauen und mir so eine Angst zu machen …“

„Emily“, unterbrach er sie, als sie sich immer weiter in Rage redete. „Jetzt mach mal halblang. Ich musste meine Augen vom Sand befreien. Sie sind sehr empfindlich und ich musste sie auswaschen.“

„Ist ja auch nichts gegen einzuwenden. Aber …“

„Nichts aber. Ich habe nichts getan, was ich nicht verantworten kann. Aber ich finde es total süß, dass du dich so um mich sorgst.“ Belustigt zwinkerte er ihr zu.

„Du … bist ein richtiger Arsch!“ Wütend drehte sie sich um und stapfte zur Hütte zurück. Ihre Wangen glühten nicht nur vor Zorn. Dummerweise hatte er mit seiner Bemerkung den Nagel auf den Kopf getroffen. Sie hatte sich um ihn gesorgt. Und zwar gewaltig!

Mit geschlossenen Augen atmete sie einige Male tief ein und aus und versuchte, sich zu beruhigen. Als sich ihr Pulsschlag auf ein Normalmaß beruhigt hatte, drehte sie sich um.

Dathan stand noch immer an derselben Stelle. Sein nasses Haar hatte er zu einem Zopf gebunden. Wo nimmt er nur immer die Haargummis her?, fragte sie sich. Bestimmt hatte er in der Badehose eine versteckte Tasche …

Moment. Warum machte sie sich hier eigentlich über Haargummis Gedanken? Verärgert darüber, dass dieser Typ sie offensichtlich mehr durcheinanderbrachte, als ihr lieb war, senkte sie den Kopf, stemmte die Arme in die Hüfte und blies mit gespitzten Lippen sämtliche Luft aus ihren Lungen. Bereit, ihm nochmals eindeutig ihre Meinung zu seinem Verhalten zu sagen, hob sie den Kopf.

Er hatte den Blick nicht von ihr gelöst. Mit beiden Armen machte er eine fragende Bewegung. Soll ich gehen?, schien sie zu bedeuten.

Wollte sie das? Sollte er gehen und das hier ihre letzte Begegnung sein? Und das, obwohl er ihr Verhalten wahrscheinlich ziemlich albern und übertrieben fand? Nein! Das wollte sie definitiv nicht.

Zögerlich machte sie einige Schritte in seine Richtung. „Hey. Ähm … Es tut mir leid.“

Lächelnd kam er ihr entgegen und nahm sie wortlos in den Arm. Es fühlte sich seltsam gut an, auch wenn sie ihn doch eigentlich gar nicht kannte. Wieder nahm sie diesen Geruch von Meer und Wind wahr, als ihr Gesicht auf seiner Schulter lag. Ein leises Grollen war tief in seiner Brust zu hören.

„Mir tut es leid. Ich hätte wissen müssen, dass es für dich sonderbar ist, wenn ich so lange unter Wasser bleibe“, murmelte er. „Kommt nicht wieder vor! Versprochen.“

„Okay. Erzählst du mir, wie du das gelernt hast?“

„Irgendwann sicher. Aber jetzt sollten wir den Tag einfach noch mal von vorn beginnen. Gehen wir noch mal ins Wasser?“

„Ich hab Hunger“, meinte Emily. Dathan nickte.

„Wasserspielchen machen hungrig. Was möchtest du essen?“

„Na ja, ich dachte, vielleicht gehen wir zu mir nach Hause und kochen was? Ich hätte Spaghetti im Angebot. Oder Gemüsesuppe von gestern. Oder …“

Ungläubig sah er sie an. „Du willst mich wirklich mit zu dir nach Hause nehmen?“

Sie hob die Schultern. „Klar, warum nicht?“

„Was, wenn ich ein Psychopath bin?“

„Ein Psychopath hätte mich nicht vor dem Ertrinken gerettet. Ich vertraue dir.“

„Du vertraust mir? Das geht aber ziemlich schnell bei euch Men… äh, bei dir.“

Da hatte er allerdings recht. „Normalerweise geht das nicht so schnell“, sagte sie nachdenklich. „Aber mein Bauchgefühl sagt mir, dass du ein guter Mensch bist. Und das täuscht mich selten.“

„Okay …“

„Was ist denn nun? Kommst du mit?“

„Weißt du … Was hältst du davon, wenn du etwas essen gehst und ich dich später abhole? Vielleicht hast du ja Lust auf einen Spaziergang?“

„Vertraust du meinen Kochkünsten nicht?“, bohrte Emily nach.

„Doch, natürlich. Du kochst bestimmt hervorragend, ich habe nur keinen Hunger und … müsste noch etwas mit meiner Schwester bereden.“

Hm. Das würde sie ihm wohl glauben müssen. „Na gut. Gern.“

„Perfekt. Ich hole dich in zwei Stunden ab?“

„Einverstanden.“

Winkend sah sie ihm nach, wie er am Strand entlangschlenderte.

Zu Hause sprintete sie in ihr Zimmer. Für den Abendspaziergang wollte sie sich besonders schön anziehen. Als sie zufällig aus dem Fenster schaute, sah sie gerade noch, wie Dathan ins Meer tauchte. Seltsam. Wieso ging er noch mal schwimmen? Er wollte doch nach Hause gehen und sich umziehen. Emily starrte auf die Stelle, an der er untergetaucht war. Er blieb schon wieder so lange unter Wasser …

Bevor sich die nächste Panikattacke in ihr breitmachen konnte, wandte sie sich vom Fenster ab und konzentrierte sich auf die Suche nach einem passenden Outfit.

Genau zwei Stunden später klingelte es an der Haustür. An die Hauswand gelehnt und eine Hand lässig in die Hosentasche gesteckt, lächelte Dathan sie mit hochgezogenem Mundwinkel an.

„Hey.“

„Hey“, sagte sie und musterte ihn von oben bis unten. „So siehst du also angezogen aus. Auch nicht schlecht.“

Er lachte. „Danke. Du siehst …“ Seine smaragdgrünen, in der Abendsonne leuchtenden Augen taxierten sie ebenfalls von oben bis unten. „… umwerfend aus.“

Sie spürte, wie Hitze in ihren Kopf schoss. Das war das Ärgerliche an ihren irischen Genen: Bei der kleinsten Peinlichkeit lief sie rot wie eine Herzkirsche an. Da halfen auch die unzähligen Sommersprossen nicht weiter.

„Äh, danke“, stammelte sie und senkte den Kopf.

„Ist dir was runtergefallen? Kann ich dir helfen?“

„Nein. Äh – meine Schuhe, ich dachte …“

„Gehen wir am Strand entlang, oder möchtest du lieber über die Promenade gehen?“, fragte er. Sie hätte ihn vor Dankbarkeit knutschen können. Damit hatte er sie aus ihrer peinlichen Situation gerettet.

„Lieber an der Promenade. Für den Strand sind die Schuhe eher ungeeignet.“

„Okay. Wie du möchtest.“

Wie selbstverständlich nahm er ihre Hand. Erneut schoss ein Schwall Hitze durch ihren Körper. Was übte dieser Typ bloß für eine Anziehungskraft auf sie aus? Sie atmete einige Male bewusst tief ein und aus. Zum Glück schwieg er. So konnte sich Emily ganz darauf konzentrieren, ihre Fassung wiederzuerlangen.

„Sag mal … Bist du eben, als du nach Hause wolltest, noch mal schwimmen gewesen?“

„Ja. Warum fragst du?“

„Nur so. Ich habe mich gewundert. Du wolltest dich doch umziehen und mit deiner Schwester reden, oder?“

„Ich hatte zwei Stunden Zeit.“ Sein Mundwinkel verzog sich amüsiert nach oben. Automatisch schwenkte ihr Blick zu den Grübchen. In ihrer Bauchmitte wurde es warm bei diesem Anblick.

 

***

 

„Dathan! Bist du von allen guten Geistern verlassen? Wieso hast du das gemacht?“

Schweigend senkte er den Kopf und ertrug die Schimpftirade seiner Schwester Sasana.

„Erklär mir das! Was werden Vater und Mutter sagen, wenn sie davon erfahren? Dein ganzes Leben lang haben sie dich genau davor gewarnt. Und ich habe es dir extra noch gesagt!“ Sasana stöhnte auf. „Ich darf gar nicht daran denken, was passiert, wenn unser Volk es erfährt.“

Dathan seufzte. „Jetzt mach nicht so ein Drama draus. Es wird niemand merken.“

„Wie stellst du dir das vor? Du weißt, dass Mutter Gedanken lesen kann. Wie soll das überhaupt weitergehen? Du hast in dem Augenblick, als sie dich nach ihrer Bewusstlosigkeit angesehen hat, die Verantwortung für sie übernommen, Dathan! Für immer.“ Sasanas Stimme wurde schriller.

„Ich weiß“, flüsterte er. „Ich konnte nicht anders. Ich kann dir nicht erklären, warum. Es war, als hätte mich etwas daran gehindert, rechtzeitig zu gehen.“

„Verdammt, Dathan. Jetzt haben wir ein echtes Problem.“

Wir haben kein Problem. Ich habe ein Problem.“

„Und was willst du jetzt tun? Du bist an sie gebunden! Du bist für ihr Leben verantwortlich!“

„Ich weiß, Sasana. Das brauchst du mir nicht jede Minute erneut zu sagen.“

Aufgekratzt schwamm sie um ihn herum, während Dathan schweigend auf dem Felsen sitzen blieb. Seine langen Haare wogten mit der leichten Strömung hin und her.

„Sasana … Bitte hilf mir. Sag unseren Eltern nichts davon. Wenn Mutter nichts ahnt, wird sie auch unsere Gedanken nicht lesen. Das tut sie nur, wenn sie denkt, wir verschweigen ihr was. Ich werde das schon irgendwie regeln.“

Sie lachte freudlos auf. „Wie willst du das denn regeln? Da gibt’s nichts zu regeln. Du bist an sie gebunden. Das kann nicht rückgängig gemacht werden.“

„Ich weiß. Du kannst spüren, wenn sie sich in Gefahr befindet. Wenn ich nicht bei ihr sein kann, musst du mir versprechen, dich auf Emily zu fokussieren und mir sofort Bescheid zu geben, wenn ihr Gefahr droht. Du weißt, ich höre dich – auch wenn ich weit von dir entfernt bin.“

Sie verschränkte die Arme vor der Brust. „Du verlangst eine Menge von mir. Ich soll unsere Eltern belügen und mich auch noch auf dieses Mädchen fokussieren?“

„Du sollst unsere Eltern nicht belügen. Du sollst ihnen nur nichts von ihr erzählen. Dann werden sie auch nicht fragen. Und wenn du dich nicht auf Emily fokussieren willst, bleibt mir nur die Möglichkeit, ständig bei ihr zu sein. Dann werde ich es unseren Eltern sagen und aus Virgeeville verschwinden müssen.“

Sasana stöhnte auf. „Fantastisch. Dann wird mir wohl nichts anderes übrig bleiben. Du bist mir was schuldig, Bruder!“, zischte sie.

„Klar, Schwesterherz. Alles, was du willst.“

„Das hast du nicht umsonst gesagt!“

„Jagen?“

„Jagen!“, rief Sasana und schoss mit einem kräftigen Flossenschlag an ihrem Bruder vorbei. Dathan stieß ein dunkles Knurren aus und folgte ihr.

3. Kapitel – Herz gegen Verstand

Dathan und Emily trafen sich zwei Wochen lang täglich. Bei schönem Wetter schwammen sie und vergnügten sich im Teldameer, sonnten sich am Strand, redeten über alles Mögliche und unternahmen jeden Abend etwas anderes. Wenn Emily nach Hause kam und durch ihr Zimmerfenster schaute, sah sie ihn jeden Abend noch ins Meer springen. Mittlerweile hatte sie sich daran gewöhnt, dass er eine absolute Wasserratte war.

Merkwürdig fand sie, dass er kaum etwas aß. Es kam ihr vor, als habe er nie Hunger. Er weigerte sich standhaft, Nudeln, Pizza oder ein Schnitzel zu essen. Ab und zu knabberte er halbherzig an Shrimps oder Gambas, verzog dabei aber regelmäßig das Gesicht. „Die sind alt und müffeln“, sagte er dann immer und spuckte die Reste in den Müll.

„Ich habe sie heute Morgen ganz frisch auf dem Markt gekauft. Wenn du Frischere haben willst, musst du dir selbst welche fangen.“

„Okay. Das mache ich – später …“, hatte Dathan grinsend geantwortet. Wenn sie ihn fragte, ob er eigentlich nie Hunger hätte, grinst er ebenfalls nur und sagte: „Selten.“

Emily war verliebt. Mit Haut und Haaren. Ihr Herz begann wie wild zu klopfen, wenn sie Dathan sah. Sie vergaß zu essen und lief mit einem Dauergrinsen durch den Tag.

Sie hatten sich zwar erst vor drei Wochen getroffen, aber es kam ihr vor, als kenne sie ihn schon ewig. Einen Tag ohne ihn konnte sie sich kaum noch vorstellen, obwohl es schon zweimal vorgekommen war, dass er zum üblichen Zeitpunkt einfach nicht an der Fischbude aufgetaucht und erst am späten Abend zu ihr nach Hause gekommen war. An diesen beiden Tagen war sie vor Angst fast verrückt geworden. Sie dachte an sein langes Tauchen, und dass ihm dabei vielleicht doch etwas Schlimmeres passiert sein könnte. Erreichen konnte sie ihn nicht. Sie wusste weder, wo er wohnte, noch hatte sie seine Handynummer. Er behauptete zwar, dass er ein Handy besitzen würde, hatte es allerdings noch nie bei sich gehabt.

Am zweiten Tag ohne ihn nahm sie sich fest vor, keine Ruhe zu geben, bevor er ihr nicht irgendeine Möglichkeit gab, ihn zu erreichen.

„Gib mir bitte deine Handynummer. Ich bin vor Angst fast verrückt geworden“, bestürmte sie ihn am nächsten Tag.

„Dummerweise ist mein Handy kaputt und ich hab noch kein neues. Aber du brauchst dir keine Sorgen zu machen, Emily. Ich kann ganz gut auf mich aufpassen, im Gegensatz zu dir, wenn ich mich recht erinnere“, erwiderte er und zog die Mundwinkel nach oben.

„Lenk nicht ab und grins nicht so! Es ist mir ernst. Wie kann ich dich denn sonst erreichen?“

Dathan seufzte. „Ich verspreche, dass ich dir das nächste Mal vorher Bescheid sage, wenn ich nicht kommen kann. Einverstanden?“

„Mir bleibt ja wohl nichts anderes übrig“, meinte sie unzufrieden. „Warum machst du so ein Geheimnis draus, wo du wohnst?“

„Es ist einfach nicht für Besuche geeignet“, antwortete er, und es kam ihr vor, als husche ein trauriger Schatten über sein Gesicht.

Vielleicht kommt er ja aus ärmlichen Verhältnissen und schämt sich vor mir, dachte Emily. Ich habe einen wunden Punkt getroffen und ein Thema berührt, über das er nicht sprechen möchte. Wir kennen uns ja noch nicht so lange.

Sie nahm sich vor, vorerst nicht mehr danach zu fragen.

Ihr Bruder Marc war zum Glück mit seinen Freunden und der Zockerei so beschäftigt, dass er sich kaum um sie kümmerte. Morgens frühstückten sie zusammen, danach verschwand er und kam oft erst nachts zurück. Emily gönnte es ihm. Wenn ihre Eltern aus dem Urlaub zurück waren, wäre das Lotterleben schnell vorbei.

„Sag mal … hattest du mal einen Unfall?“, fragte Emily Dathan eines Tages, als sie die Strandpromenade entlangschlenderten.

„Einen Unfall? Wieso?“

„Na ja, du hast überall Narben. An deinen Beinen, den Armen und auf dem Rücken.“

Er runzelte die Stirn, schloss die Augen und schwieg.

„Dathan?“

„Mh …“

„Willst du nicht darüber reden?“

„Äh … nein. Doch. Ich weiß nicht.“

„Du musst mir das nicht jetzt erzählen. Wahrscheinlich war es ein schlimmes Erlebnis für dich. Sag’s mir einfach, wenn dir danach ist.“

„Mhm. Danke für dein Verständnis. Irgendwann werde ich dir die Geschichte meiner Narben erzählen.“

„Okay. Darf ich sie mal anfassen?“

„Nein!“, zischte er und sprang einen Schritt zurück. Emily riss erschrocken die Augen auf.

„Entschuldige. Ich, ähm … ich werde nicht mehr fragen.“

Dathan schwieg.

 

***

 

„Na, endlich bist du wieder zurück. Du kannst nicht immer so lange an Land bleiben! Was soll ich unserem Volk sagen?“ Sasana schlug aufgeregt mit den Flossen und schwamm nervös um ihren Bruder herum. „Bisher haben sie akzeptiert, dass du angeblich auf der Jagd nach einem Riesenwitwenfisch bist, obwohl sie sich wundern, dass du niemanden mitnimmst. Aber lange werden sie mir diese Ausreden nicht mehr abnehmen. Leander hat schon gesagt, dass er das nächste Mal mit dir kommen will.“

„Jetzt schwimm doch nicht dauernd um mich herum! Du machst mich ganz verrückt“, antwortete Dathan. „Ich weiß selbst noch nicht, was ich machen soll. Ich kann sie nicht allein lassen! Sie braucht mich …“

„Du musst dafür aber nicht dauernd an Land gehen! Ich habe dir versprochen, mich auf sie zu fokussieren, und das mache ich auch.“

„Ich weiß, und ich bin dir auch sehr dankbar dafür. Aber …“ Ein dumpfes Knurren entwich seiner Kehle. „Sasana … Ich empfinde etwas für sie.“

„Nein! Dathan! Das ist nicht dein Ernst?“ Sie sah ihrem Bruder prüfend in die Augen. „Verdammt. Es ist dein Ernst.“ Aufgebracht schoss sie um ihn herum. „Du musst aufhören, dich mit ihr zu treffen. Sofort!“

Er schluckte schwer. „Ich weiß nicht, ob ich das kann.“

„Du musst!“

„Sasana, ich …“

„Du musst! Stell dir vor, wir werden angegriffen und du bist nicht da. Dathan, du bist unser Heiler! Wir brauchen dich.“

Er schloss die Augen. Seine Schwester hatte recht. Für Emily und ihn gab es keine Zukunft. Viel zu lange hatte er die Augen vor den unverrückbaren Tatsachen verschlossen. Er war nun mal ein Isurianer. Ein Meereswesen, nicht für ein dauerhaftes Überleben an Land gemacht. Isurianer konnten zwar eine Weile an Land bleiben, doch das entsprach nicht ihrer natürlichen Lebensweise. Die richtige Ernährung war dabei das größte Problem. Sie aßen nur frischen Fisch, Meerestiere und höchstens einmal Algen. Menschennahrung vertrugen sie gar nicht. Außerdem trocknete ihre Haut ohne Salzwasser aus und ihre Lungen verlangten spätestens nach einer Woche massiv nach Kiemenatmung und Sauerstoffaufnahme aus dem Wasser.

Seinem Volk gegenüber hatte er außerdem eine große Verantwortung, die er in den letzten Wochen sträflich vernachlässigt hatte. Ihr jahrhundertealtes Volk hatte Feinde, gefährliche Feinde, die sie in der Vergangenheit immer wieder angegriffen hatten und das aller Wahrscheinlichkeit nach wieder tun würden. Irgendwann. Jeder einzelne Isurianer hatte Fähigkeiten, die nur im Zusammenspiel ihr Überleben sichern konnten.

„Du hast recht“, sagte er zu Sasana. „Aber zuerst muss ich mit ihr reden, es ihr erklären. Das hat sie verdient. Dann werde ich nach Virgeeville zurückkommen.“

 

***

 

„Hey … Wo warst du gestern? Ich habe hier am Strand auf dich gewartet. Wolltest du mir nicht vorher Bescheid sagen, wenn du nicht kommst?“, fragte Emily und zog eine Schnute, kaum dass er sich neben sie auf die Bank vor der Fischhütte gesetzt hatte.

Dathan betrachtete sie grinsend. „Weißt du eigentlich, wie süß du bist, wenn du dein Gesicht so verziehst?“

„Mach dich nicht über mich lustig! Ich meine das ernst, Dathan. Wo warst du?“

„Ich hatte zu tun. Manchmal muss ich eben arbeiten.“

Das ergab natürlich Sinn. Trotzdem hatte sie zwei Stunden allein hier gesessen. „Wusstest du das nicht vorher? Ich komme mir ziemlich blöd vor, wenn ich hier warte und du kommst mal wieder nicht. Das ist jetzt schon das dritte Mal.“

„Es tut mir leid, Emily. Ich wusste es vorher nicht, das war sehr kurzfristig.“

„Dathan … jetzt mal im Ernst.“ Emily schüttelte den Kopf. Sie konnte das einfach nicht länger ignorieren. „Du verhältst dich merkwürdig. Kommst einfach mal nicht, ohne vorher was zu sagen, isst niemals mit mir, bleibst unnormal lange unter Wasser, ich weiß nicht, wo du wohnst und ich darf deine Narben nicht anfassen. Und du weichst mir jedes Mal aus, wenn ich dich frage.“

Dathan seufzte. „Emily …“

„Nein! Ich will jetzt endlich Antworten!“, unterbrach sie ihn aufgebracht. „Weißt du, ich hab dich echt gern. Aber deine Heimlichtuerei macht auf Dauer unsere Freundschaft kaputt. Warum vertraust du mir nicht?“

Er presste die Lippen aufeinander. „Emily, hör mir zu …“

„Ich höre.“

„Ich, na ja … ich hab dich auch gern. Sehr gern sogar.“

„Dann rede mit mir.“

Plötzlich wurde sein Blick ernst. „Ich möchte dich lieber küssen.“

Völlig perplex sah sie ihn an. „Was?“

Statt seinen Wunsch zu wiederholen, legte er seine Hände auf ihre Wangen, sah ihr tief in die Augen und berührte mit seinen Lippen sanft die ihren. Sie fühlten sich weich und warm an. Nur eine Millisekunde lang zögerte sie. Dann gab sie nach. Endlich! Seit drei Wochen träumte sie Tag und Nacht von dem Moment, in dem er sie küssen würde. Sie schloss die Augen, öffnete ihre Lippen und als seine Zunge sich den Weg zu ihrer bahnte und sie zaghaft berührte, seufzte sie leise auf. Sanft begannen ihre Zungen ein zärtliches Spiel und sie hörte Dathan heiser aufstöhnen. Versunken in diesem Taumel des Glücks, lösten sich all ihre Fragen in Luft auf. Sie schlang die Arme noch fester um seinen Nacken und wünschte sich, dieser Moment würde nie enden. Wieder nahm sie den Geruch nach Meer und Wind wahr.

„Lass uns ein paar Schritte gehen“, flüsterte er ihr ins Ohr, als sie die Lippen voneinander lösten. Noch immer eng umschlungen standen sie von der Holzbank auf. Emily schmiegte den Kopf an seine Schulter und umfasste mit beiden Händen seine Taille, sein Arm lag um ihre Schulter. So gingen sie schweigend eine Weile den Strand entlang und es war der schönste Moment der gesamten Ferien. Fast noch schöner als der Kuss. Diese Nähe zu ihm machte sie glücklich, fast euphorisch.

„Hör zu, Emily“, sagte Dathan nach einer Weile, blieb stehen und sah sie ernst an. Die Euphorie verflog. „Ich habe heute eine schlimme Nachricht bekommen. Meine … Oma ist sehr krank. Meine Familie und ich werden heute noch zu ihr fahren und eine Woche dortbleiben. Es steht sehr schlecht um sie.“

Schockiert sah Emily ihn an. „Oh mein Gott, das tut mir leid. Was hat sie denn?“

„Ich weiß es nicht genau. Ich muss auch bald los, obwohl ich jetzt viel lieber bei dir bleiben und dich noch ganz oft küssen würde.“ Er schloss die Augen und seufzte leise.

„Mir fällt es auch schwer, dich gehen zu lassen. Aber deine Oma ist jetzt wichtiger“, murmelte sie. Wenn ihre eigenen Großeltern krank wären, würde sie auch sofort zu ihnen fahren.

„Du bist so wunderbar, meine süße Emily. Versprich mir, dass du immer gut auf dich aufpasst. Keine Bootsausflüge und lange Schwimmtouren. Versprich mir das!“

„Du tust ja so, als ob du für immer verreisen würdest.“ Grinsend schüttelte sie den Kopf. „Zum Glück bleibst du ja nur eine Woche. Aber ich verspreche dir, dass ich keine Dummheiten machen werde. Ich hoffe, dass es deiner Oma schnell besser geht.“

Er küsste sie noch einmal lange und zärtlich, bevor er ging. Sie winkte ihm nach, doch er lief mit langen Schritten davon, ohne sich noch einmal umzudrehen.

„Bis nächste Woche“, murmelte sie bedrückt, bevor sie sich ebenfalls umdrehte und auf den Weg nach Hause machte.

„Was ist mit dir los? Du hängst schon die ganze Woche zu Hause rum“, fotzelte Marc. „Bin übrigens gleich wieder weg. Bleibe über Nacht bei den Zockerjungs.“ Prüfend sah er sie an. „Alles okay bei dir?“

„Ja. Klar“, murmelte Emily und bemühte sich um ein Lächeln. „Alles okay.“

„Dann ist ja gut. Du würdest es mir sagen, wenn was nicht stimmt … oder?“

„Klar.“

„Okay, dann bin ich jetzt mal weg. Bis morgen.“

„Bis morgen.“

Emily lächelte versonnen. Sie würde jetzt ein Bad nehmen, sich eine Gesichtsmaske gönnen und später die neue Bluse bügeln, die sie gestern gekauft hatte und morgen anziehen wollte. Denn morgen war die Woche ohne Dathan endlich vorbei. Er würde zur Fischbude kommen, wie immer. Da war sie sich sicher.

In der Woche der Trennung war ihr klar geworden, dass sie nie wieder ohne Dathan sein wollte. Er war ihr erster Gedanke beim Aufwachen und der Letzte vor dem Einschlafen gewesen. Bei allem, was sie tat, stellte sie sich vor, wie es wäre, wenn sie es mit ihm zusammen tun würde. Immer wieder zog es sie an die Stelle am Strand, an der sie sich geküsst hatten. Sie hatte ihn so sehr vermisst, dass es fast schon körperlich wehgetan hatte.

Während das Wasser in die Wanne lief, zog sie sich tanzend bei ihrer Lieblingsmusik aus und stellte sich dabei das Wiedersehen vor. Würde er sie wieder küssen? Wenn nicht, dann würde sie es einfach tun. In der Wanne träumte sie von diesem Wiedersehenskuss.

 

***

 

Dathan saß mit hängendem Kopf auf einem Felsbrocken und versuchte, Herr seiner Gefühle zu werden.

Die letzte Woche war die reinste Qual gewesen. Seit er Emily verlassen hatte, fühlte er sich elend und leer. Er hasste sich für die Lüge, die er ihr aufgetischt hatte. Aber so hatte sie zumindest noch eine unbeschwerte Woche verbringen können. Bis sie verstand, dass er nicht mehr zurückkommen würde. Sie hatte so überglücklich ausgesehen nach dem Kuss. Dieses Bild von ihr wollte er in seinem Gedächtnis bewahren.

Virgeeville, die Stadt am tiefsten Punkt des Teldameers, in der er seit seiner Geburt wohnte, suchte er nur zum Schlafen auf und versuchte sich durchweg zu beschäftigen. Er erfüllte seine Pflichten, ging mit den Männern auf die Jagd und hatte heute die Bewachung der Schatzhöhle übernommen. Hier war er ungestört und brauchte nicht die ständigen Fragen von Freunden und Familie zu seinem eigenbrötlerischen Verhalten zu beantworten.

Die Schatzhöhle war eine versteckte Felsgrotte inmitten des Teldameers. Darin verbarg sich ein wertvoller Schatz, der vermutlich vor Jahrhunderten von einem anderen Meeresvolk dort versteckt worden war. Er bestand aus Gold, Schmuck und den unterschiedlichsten Münzen. Die Isurianer bewachten und verwalteten ihn seither.

Dathan dachte an Emily. Das tat er eigentlich ständig. Vergeblich hatte er versucht, sie aus dem Kopf zu bekommen. Hatte exzessiv gejagt, was ihm normalerweise immer bei Problemen half. Hatte an Sasanas und seiner Höhle gearbeitet, Beläge von den Wänden entfernt und sie mit blauen Leuchtmuschelschalen tapeziert.

Aber es spielte keine Rolle, was er tat, wohin er schwamm und wie sehr er versuchte, sich abzulenken. Emily schwirrte ständig in seinem Kopf herum. Es zerriss ihm jede einzelne Sekunde das Herz, wenn er daran dachte, sie nie wiederzusehen, sie nie wieder zu berühren, sie nicht mehr küssen zu können. Er liebte dieses süße Menschenwesen mit den roten Haaren und dem Gesicht voller Sommersprossen mit jeder Faser seines Herzens.

Ununterbrochen grübelte er darüber nach, was es bedeuten würde, wenn er sich doch wieder mit ihr treffen würde. Noch wäre es möglich, ohne dass sie etwas von seiner Lüge über die angeblich kranke Oma merken würde.

Hätten sie eine Zukunft als Paar? Auf Dauer wohl nur, wenn er sie in ein Meereswesen verwandeln würde. Doch das war viel zu riskant. Die Gefahr, sie dabei zu verlieren, war viel zu groß.

Es gab ein Paar in Virgeeville, Leander und Anna, bei denen es funktioniert hatte. Anna war eine Menschenfrau gewesen und hatte sich aus Liebe zu Leander von ihm verwandeln lassen. Aber was hatte sie dafür aufgegeben? Sie hatte sich für immer von ihrer Familie, ihren Freunden und ihrem menschlichen Leben getrennt. Und nicht nur das – sie hatte während der Verwandlung mehr als einmal fast ihr Leben verloren.

Nein! Das würde er Emily auf keinen Fall antun. Er wusste, wie sehr sie an ihrem kleinen Bruder und ihren Eltern hing. Sie hatte so viele Pläne, wollte Abitur machen und dann Meeresbiologie studieren. Wie enthusiastisch hatte sie ihm davon erzählt …

Die andere Möglichkeit wäre es, seinen Gefühlen nachzugeben und zu ihr zurückzukehren. Aber konnte er ein Leben lang so tun, als wäre er ein Mensch? Würde Emily die Täuschung nicht irgendwann auffallen? Sie war ein cleveres Mädchen und hatte schon angefangen, skeptische Fragen zu stellen. Andererseits hatte er sich bisher keine wirkliche Mühe gegeben. Wenn er es professioneller handhaben würde …

Sein Blick fiel auf die Schatzhöhle, und ein Gedanke formte sich in seinem Kopf.

Was, wenn …?

Bis zum Abend dachte er intensiv nach. Dann schwamm er nach Virgeeville und redete die halbe Nacht mit Sasana darüber, wie er sich alles vorstellte.

„Ich werde mir einen Teil des Goldes aus dem Schatz nehmen und ein Haus mit einem Innenpool kaufen. Oder ich baue einen Pool im Keller. Den werde ich mit Salzwasser füllen. Vielleicht noch ein, zwei Salzwasseraquarien für frischen Fisch. Wenn alles funktioniert, wie ich es mir vorstelle, brauche ich nicht mehr zurück ins Meer und kann an Land bleiben. Alles, was ich zum Überleben brauche, wird sich in meinem Haus befinden.“

Sie diskutierten heftig, Sasana weinte und versuchte, ihm den wahnwitzigen Plan mit allen möglichen Argumenten auszureden.

„Wenn jemand merkt, dass du dir das Gold genommen hast …“

„Wer sollte das merken? Niemand hat jemals die Goldstücke oder den Schmuck gezählt. Ich werde es so sortieren, dass nicht auffällt, dass etwas fehlt.“

Als sie merkte, wie ernst es ihm mit diesem Vorhaben war, versprach sie ihm ihre Unterstützung.

„Du liebst sie wirklich, Bruder?“

Dathan nickte entschlossen. „Ja. Ich liebe sie und ich würde für sie sterben. Die letzten Tage waren schlimmer als Folter für mich.“

Traurig schloss Sasana ihn in die Arme. „Ich helfe dir, wo ich kann. Du bist mein Bruder und ich liebe dich. Ich werde dich besuchen und aufpassen, dass es dir gutgeht. Ich hoffe, dieses Mädchen ist es wert!“

Lächelnd drückte Dathan sie an sich. „Das ist sie.“

4. Kapitel – Entscheidung

Am nächsten Morgen schwamm Dathan mit einem geflochtenen Seegrasbeutel zur Schatzhöhle und füllte ihn mit Goldstücken und Schmuck.

Sasana begleitete ihn, bis er am Strand von Dünensee aus dem Wasser stieg, um nie mehr nach Virgeeville zurückzukehren.

„Mach’s gut, Schwesterherz. Danke für alles! Das werde ich dir niemals vergessen.“ Stürmisch nahm Dathan Sasana in den Arm.

„Nichts zu danken. Wir sind eine Familie! Versprich mir, dass du dich meldest, wenn du Hilfe brauchst“, schluchzte sie.

„Das mache ich. Ich werde jeden Morgen, wenn die Sonne aufgeht, hier am Strand sein. Komm, wann immer du mich sehen möchtest.“

Damit drehte er sich um und ging mit festen Schritten in sein neues Leben. Als er auf dem höchsten Punkt der Dünen stand, winkte er Sasana ein letztes Mal zu. Dann sprintete er zu dem alten Bunker, einem Überbleibsel aus dem lange vergangenen Dünenkrieg, der noch am Strand sein klägliches Dasein fristete. Hier hielt er seine Kleidung versteckt, seit er Emily kannte. Dieser Ort würde sein vorläufiges Zuhause sein, bis er ein Haus gefunden hatte.

Er zog Jeans, Hemd und Schuhe an, versteckte den Seegrasbeutel mit den Goldstücken und machte sich auf den Weg in die Stadt, um Ausschau nach einem geeigneten Haus zu halten. Bis er alles geregelt hatte, musste er in den sauren Apfel beißen, im Bunker übernachten und ab und zu ins Meer. Er nahm sich vor, dabei in Ufernähe zu bleiben, um die Bindung zu seinem Volk so gering wie möglich zu halten.

Die Bindungslösung … Die würde das größte Problem für ihn werden. Zwischen einem Isurianer und seinem Volk bestand ein nahezu unlösbares Band. Noch nie hatte jemand versucht, dieses zu brechen. Nicht einmal Leander hatte dies in Erwägung gezogen, obwohl er für Anna so ziemlich alles getan hätte. Die Lenker, die Oberhäupter seines Volkes, erzählten seit Generationen Geschichten darüber, dass es einem Isurianer alle mentalen und körperlichen Kräfte aussog, wenn er versuchte, die Bindung zu seinem Volk zu lösen.

Morgen war der Tag, an dem er Emily versprochen hatte, zurückzukehren. Er würde in aller Frühe an der Fischbude auf sie warten. Der Gedanke an das Wiedersehen mit dem Mädchen, für das er sein Leben im Meer aufgab, ließ sein Herz wild klopfen.

An einem großen Schaufenster mitten in der Stadt, in dem Angebote mit den in der Umgebung zu verkaufenden Häuser aushingen, blieb er stehen und studierte die Exposés.

„Kann ich Ihnen helfen?“

Dathan schnellte herum. Ein älterer Mann mit einer Mappe unter dem Arm sah ihn neugierig an.

„Entschuldigen Sie, ich bin der zuständige Makler. Sie suchen ein Haus?“, fragte er freundlich.

„Ja“, erwiderte er.

„Schön! Kommen Sie ruhig rein, ich habe Zeit, dann unterhalten wir uns über Ihre Vorstellungen.“

Dathan konnte sein Glück nicht fassen. Am frühen Abend hatte er sich drei Häuser angesehen und das Letzte für geeignet befunden. Es würde noch eine Weile dauern, bis er einziehen konnte, aber der Grundstein für sein neues Leben war gelegt. Jetzt konnte der nächste Tag kommen.

 

***

 

„Hey“, sagte Emily und ihr Herz klopfte stürmisch, als sie den Mann, den sie so vermisst hatte, an der Bude warten sah. Verlegen lächelnd kam sie vor Dathan zum Stehen. „Na, wie geht’s?“ Obwohl sie diese Begegnung am Abend vorher immer wieder durchgespielt und sich mindestens fünf Varianten von Begrüßungstexten zurechtgelegt hatte, fehlten ihr jetzt die Worte.

„Hey du. Mir geht’s blendend“, antwortete er und verzog die Mundwinkel zu einem Grinsen.

Da waren sie wieder … die Grübchen. Sie konnte kaum den Blick davon lösen.

„Alles in Ordnung mit dir?“ Dathan musterte sie. „Du bist so still.“

„Äh … ja. Alles in Ordnung. Wie geht’s deiner Oma?“

„Gut. Sie ist wieder gesund.“

„Freut mich.“

Er nickte und warf einen Blick zum Meer. „Sollen wir ein Stück gehen?“, schlug er vor.

„Oh ja.“ Erleichtert ging sie neben ihm her. Im Laufen fiel ihr das Reden wesentlich leichter. Dathans Hand berührte ihre und sie verschlangen ihre Finger ineinander, was einen wohligen Schauder durch Emilys Bauchmitte strömen ließ.

„Was hast du gemacht in der Woche, als ich nicht auf dich aufpassen konnte?“

„Nicht sehr viel. Hab das Haus auf Vordermann gebracht, mit meiner Freundin Kim telefoniert und viel am Strand gelesen.“

„Also keine Dummheiten?“, fragte er grinsend.

„Nein, keine Dummheiten“, erwiderte sie lachend. „Sag mal, hast du Lust, später bei mir zu Hause was zu essen?“

„Mh …“

„Ich habe extra Fisch gekauft“, fügte sie schnell hinzu. „Und ein tolles Rezept rausgesucht.“

„Ich komme gern mit dir nach Hause“, sagte er langsam. „Aber ob ich etwas esse, weiß ich noch nicht. Ich habe … mir bei meiner Oma den Magen verdorben. Hab noch keinen richtigen Appetit.“

„Okay. Schade.“ Skeptisch zog sie die Stirn kraus. „Ich meine, das tut mir leid. Ist ja nicht so angenehm, wenn man den Magen verdorben hat.“

Dathan nickte. „Trotzdem danke für die Mühe, die du dir extra meinetwegen gemacht hast. Wir können doch was anderes bei dir zu Hause machen.“

Sofort nickte sie. Das hatte ihr in der letzten Woche gefehlt. „Klar. Wir könnten einen Film gucken oder Karten spielen. Heute ist übrigens auch unsere letzte Gelegenheit, ungestört zu sein. Morgen kommen meine Eltern aus dem Urlaub zurück.“

„Das sollten wir ausnutzen. Denn ich werde erst wieder zu dir kommen, wenn du mich deinen Eltern vorgestellt hast.“

Überrascht sah sie zu ihm auf. „Du möchtest, dass ich dich meinen Eltern vorstelle?“

„Natürlich. Das gehört sich so bei … uns. Ich meine, sonst dürfte ich dich ja nicht mehr besuchen. Ich möchte sie kennenlernen.“

Mit dieser Reaktion hatte sie nicht gerechnet. Etwas altmodisch, aber irgendwie süß. „Kein Problem. Ich rede mit ihnen, aber lass mir noch ein bisschen Zeit.“

„So viel du willst.“

Sie spazierten noch eine Weile schweigend nebeneinander her und betrachteten die Wellen. Eine seltsame Atmosphäre umgab sie. Emily wusste nicht mehr, über welches Thema sie sprechen sollte, und Dathan schien es ähnlich zu gehen. Genau genommen wollte sie auch gar nicht mehr reden … Was hatte sie gestern Abend in der Badewanne noch mal gedacht? Wenn er sie nicht küssen würde, würde sie es einfach tun. Aber das war in der Badewanne leichter ausgedacht, als jetzt getan. Und doch: Wenn er sie nicht mögen würde, wäre er doch heute gar nicht erst gekommen. Vielleicht traute er sich nicht, weil er nicht wusste, ob sie ihn überhaupt noch einmal küssen wollte.

Kurz kämpfte sie noch mit sich, dann blieb sie stehen und machte eine Vierteldrehung auf der Ferse, sodass sie sein seitliches Profil sah. Die Haare trug er offen und hatte sie hinter die Ohren geschoben. Sein Gesicht schimmerte eigentümlich in der Sonne, was ihm ein fast außerirdisches Aussehen gab.

„Was ist?“, fragte er und drehte sich zu ihr.

Statt einer Antwort nahm sie sein Gesicht zwischen die Hände und küsste ihn. Er schien eine Sekunde lang überrascht, aber dann erwiderte er den Kuss. Zärtlich fuhr er ihr durch die Haare und umfasste ihren Nacken.

Tausend Schmetterlinge flatterten in ihrer Bauchmitte und ließen sie alles um sich herum vergessen. So wie er den Kuss erwiderte, musste er mehr als Freundschaft für sie empfinden. Ein heißes Glücksgefühl strömte durch ihren Körper.

„Weißt du eigentlich, wie schön du bist?“, fragte er, als sich ihre Lippen endlich voneinander lösten.

„Nein. Sag’s mir …“

„Du bist das schönste Mädchen, das ich jemals gesehen habe“, flüsterte er ihr ins Ohr und begann, daran zu knabbern. Sofort zog sie kichernd die Schultern hoch.

„Iiih, das kitzelt!“

„Gut, dass ich das weiß“, neckte er sie.

„Keine Chance für eine Wiederholung“, rief sie lachend und sprintete davon.

Mit ausladenden Schritten lief Dathan hinter ihr her und hatte sie schon bald eingeholt. Mit beiden Armen umschlang er sie von hinten, hielt sie fest und legte sein Kinn auf ihre Haare. Sie hörte, wie er tief die Luft einsog.

„Du bist nicht nur schön, du duftest auch unglaublich gut.“

Emily war glücklich. Sie schloss die Augen, legte den Kopf in den Nacken und sog ihrerseits seinen unverkennbaren Geruch auf. Meer, Wind und Wellen. Sie hatte das Gefühl, nichts auf der Welt konnte ihr etwas anhaben. Wann immer er bei ihr war, war die Welt in Ordnung.

„Sollen wir nicht hier am Strand bleiben?“, fragte sie leise. „Essen können wir später. Erzähl mir, wie es bei deiner Oma war.“

Er entließ sie aus seiner Umarmung, griff nach ihrer Hand und zog sie langsam weiter. „Ach, es war eigentlich langweilig. Ich habe an ihrem Bett gesessen und ihren Geschichten gelauscht. Lass uns von was anderem reden. Wann fängt die Schule für dich wieder an?“

„Das dauert noch. Zum Glück! Ich möchte die Ferien noch ein bisschen genießen und … Aua!“ Ruckartig blieb Emily stehen, hob den Fuß und hüpfte auf einem Bein. Alarmiert sah Dathan sie an.

„Was ist?“

„Ich bin irgendwo draufgetreten. Ah … verdammt, tut das weh.“ Sie verzog das Gesicht.

„Setz dich, lass mich mal sehen.“

Sie ließ sich in den Sand fallen und stützte sich auf den Ellbogen ab. Er ging vor ihr in die Knie und nahm ihren Fuß in die Hand. Langsam strich er über ihre Ferse.

„Was habe ich da? Einen Splitter? Geschnitten?“

Er schüttelte den Kopf. „Du bist vermutlich ziemlich kräftig auf ein überstehendes Felsstück oder einen Stein getreten. Tut weh, hat aber keine lebensbedrohlichen Konsequenzen.“

„Grins nicht so frech“, beschwerte sie sich. „Das kann nicht sein, dafür hat es viel zu sehr wehgetan. Zeig mal her.“

„Moment, lass mich noch mal genau nachsehen.“

Sie hatte keine Chance, selbst einen Blick darauf zu werfen. Mit eisernem Griff hielt er ihr Bein fest und strich mit den Fingern langsam über ihre Ferse.

Bildete sie sich das ein oder ließ der Schmerz wirklich nach? Sie lehnte sich wieder zurück und beobachtete ihn. Sein Anblick fesselte sie immer wieder. Sie musste sich eingestehen, dass sie bis über beide Ohren in diesen Jungen verliebt war.

„In Ordnung. Keine äußeren Verletzungen.“

„Bist du dir sicher? Lass mich jetzt auch mal sehen.“ Sie setzte sich auf, betrachtete den Fuß und drückte mit den Fingern prüfend auf der Ferse herum. Nichts. Kein Kratzer, kein Schmerz. Dabei hätte sie schwören können, dass es geblutet hatte. Sie schaute hinter sich und entdeckte einen spitzen Stein einige Zentimeter aus dem Sand herausragen und … Blut.

„Hey, schau, ich habe geblutet. Hier.“ Sie deutete auf die Stelle.

„Das ist altes Blut und garantiert nicht von dir“, entgegnete er.

„Das werden wir ja sehen.“ Mit einem Satz sprang sie auf, aber Dathan war schneller. Er umfasste ihre Taille, wirbelte sie herum und küsste sie, sodass die Ferse im Nu vergessen war.

Grinsend setzte er sie wieder ab und strich über ihre Wange. „Und jetzt zieh dir deine Schuhe an, damit du dich nicht doch noch verletzt.“

„Du meinst nicht schon wieder.“

„Tu ich nicht, ich hab doch nachgesehen.“

„Dathan. Ich bin nicht blöd.“

„Hat niemand behauptet.“

„Ich hab’s doch gesehen.“

„Es war altes Blut von jemand anderem. Wollen wir jetzt weitergehen oder endlos über eine Verletzung, die keine war, diskutieren?“

 

***

 

Dathan saß im Bunker und ließ den Tag noch mal in Gedanken an sich vorüberziehen. Es hatte zwei Situationen gegeben, die ihn hätten verraten können. Zwei zu viel! Er hatte Emilys blutende Wunde geheilt, weil er nicht nachgedacht und nach seinem Instinkt gehandelt hatte. Er war seit der Rettung für sie verantwortlich, und das machte es umso schwerer, ihr nicht sofort zu helfen. Der zweite Fehler war, dass er sich geweigert hatte, etwas mit ihr zu essen. So ein paar muffige Shrimps hätte er sicher runterbekommen.

Für die Zukunft nahm er sich vor, überlegter und durchdachter zu handeln. Emily war ein cleveres Mädchen und würde nicht aufhören, Fragen zu stellen. Bisher hatte er sie noch mit Ausflüchten oder einem Kuss von ihren Fragen ablenken können, aber das würde nicht auf Dauer funktionieren.

Er sollte etwas über Menschennahrung und deren Zubereitung lernen. Außerdem musste er sich dringend etwas einfallen lassen, wie er sich in Zukunft ernähren und Emilys Fragen darüber umgehen sollte. Vielleicht hatte er sich sein dauerhaftes Leben an Land ein bisschen zu einfach vorgestellt.

In seinem zukünftigen Haus hatte er mehrere große Meerwasseraquarien eingeplant. Darin würde er sich einen Vorrat an lebenden Fischen halten. Für Nachschub würde er angeln gehen, vielleicht konnte er auch aufs Meer rausfahren und dort vom Schiff aus Fische fangen. Solange er nicht ins Wasser sprang, lief er nicht Gefahr, dass die Bindung zu seinem Volk wieder gestärkt wurde.

Alles würde sich mit der Zeit einspielen. Bis dahin musste er vorsichtiger sein und keine weiteren dummen Fehler machen.

Details

Seiten
0
Erscheinungsform
Erstausgabe
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783960874799
ISBN (Buch)
9783960876212
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v444898
Schlagworte
Meer-mensch-en Meer-jungfrau-en-Bücher prinz-essin geheimnis new-adult-liebe-s-roman-deutsch fan-roman-tasy-bücher große liebe

Autor

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    Birgit Read (Autor)

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Titel: Heart and Sea (Liebe, Romantasy)