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Wenn der Winter dich küsst (Liebe)

von Jennifer Wellen (Autor)

2018 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

Alessa könnte ihr Leben verfluchen: Es gibt wirklich Schöneres, als bei Minusgraden in Minirock und High Heels an einer Bushaltestelle zu sitzen und zu frieren. Frisch verlassen, ohne Kreditkarte und ohne Plan, wie es weitergehen soll. Und das ausgerechnet an Heiligabend! Deshalb erscheint ihr der attraktive Soldat, der sie in seinem Auto mitnehmen will, wie ein Geschenk des Himmels.
Während der Fahrt stellen beide schnell fest, dass ihnen nicht nur die Sympathie gemein ist, sondern auch eine seelische Last, die beide seit Längerem mit sich herumtragen. Doch dann geschieht auf der langen Fahrt etwas, das die beiden unverhofft zusammenschweißt …

Impressum

Lovebirds

Erstausgabe November 2018

Copyright © 2020 Lovebirds, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

E-Book-ISBN: 978-3-96087-584-0

Covergestaltung: Rose & Chili Design
unter Verwendung von Motiven von
depositphotos.com: © oksanello, © TAlexey, © zaretskaya und © alegria
Lektorat: Astrid Rahlfs

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

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Alessa

Herrgott! Da soll ich mich jetzt echt anstellen? Grob überschlage ich die Anzahl der Kunden in der Schlange beim Mietwagenverleih und komme geschätzt auf eine zweistellige Zahl. Das dauert sicher ewig. Und was, wenn die mir dann sagen, dass ich die Kaution nicht bar bezahlen kann? Dann hätte ich mindestens eine Stunde meines Lebens vergeudet … Ehrlich gesagt habe ich aber schon viel zu viel Zeit meines Lebens verschwendet.

Daher kämpfe ich mich an den Wartenden vorbei in Richtung Schalter. Leider ist mein Trolley, den ich hinter mir herziehe, ziemlich wackelig, sodass ich Schwierigkeiten habe, mit dem störrischen Koffer auf diesen Monster-High Heels überhaupt vernünftig geradeaus zu laufen. Ich kann noch nicht einmal in normalem Zustand auf den Dingern laufen, geschweige denn bei Schnee und Glätte. Aber Ben zuliebe hatte ich sie gestern Abend angezogen.

Ben.

Der Arsch.

War ja klar, dass so etwas mal wieder passieren musste. Aber wenn ich ehrlich bin, hatte ich es doch schon gespürt. Die Zeichen waren klar und deutlich gewesen, nur ich dumme Nuss hatte sie wie immer verdrängt.

Energisch setze ich meinen Weg fort, kann aber nicht ignorieren, dass ich auf den Pfennigabsätzen nicht nur wie ein Storch im Salat stakse, sondern auch, dass meine Zehen sich bereits so anfühlen, als seien sie abgestorben. Vielleicht war es wirklich nicht klug von mir, einfach so Hals über Kopf abzuhauen. Ich hätte mich zumindest umziehen sollen.

Entschlossen kämpfe ich mich an den Leuten vorbei und bemerke ungefähr auf der Hälfte der Strecke, wie mir der Trolley ausbricht. Dabei rempele ich aus Versehen einen älteren Herrn mit Zeitung an.

„Hey, passen Sie doch auf!“, knurrt er unwirsch.

Ich werfe einen besorgten Blick über die Schulter und zucke zusammen. Hinter ihm steht ein großer Typ in Bundeswehrklamotten. Abrupt bleibe ich stehen. Mein Blick huscht zu seinem Abzeichen – Hauptfeldwebel!

Mein Magen krampft sich zusammen. Wie immer, wenn ich an Mirko denke. Ich muss zudem schwer schlucken, weil plötzlich ein Kloß in meinem Hals steckt, den ich nicht einfach so ignorieren kann. Mirko. Mein Gott, ich habe mich immer noch nicht daran gewöhnt. Er fehlt mir. So sehr.

Bevor ich in Tränen ausbreche, dränge ich die Gedanken schnell beiseite. Ich muss zusehen, dass ich einen Mietwagen bekomme, egal wie. Und wenn nicht, werde ich schon einen anderen Weg finden, ins Ruhrgebiet zu kommen.

„Tschuldigung“, murmele ich schnell und wende hastig den Blick von dem Bild ab, das sich gerade schmerzhaft in meine Netzhaut frisst. Doch selbst dann noch, als ich mich bis zum Schalter vorgearbeitet habe, sehe ich den Soldaten in Tarnkleidung vor mir stehen. Allerdings ist es nicht das Gesicht des Hauptfeldwebels aus der Schlange, sondern das Gesicht von Mirko.

Sandro

Seufzend rücke ich in der Schlange ein Stückchen auf. Eigentlich hätte ich schon vor Stunden auf dem Weg in Richtung Bochum sein sollen. Aber kurz hinter München hat es meinem Cherokee auf der Autobahn dank eines fetten Kiesels die Frontscheibe zerschlagen. In der Werkstatt hatten sie mir auch keine großen Hoffnungen gemacht, den Wagen noch am gleichen Tag wiederzubekommen. Schließlich sei Heiligabend. Deshalb blieb mir nur die Alternative eines Mietwagens.

Die andere Möglichkeit wäre, meine Mutter anzurufen und ihr zu sagen, dass ich nicht kommen würde. Doch da wäre es vermutlich angenehmer, mit bloßen Händen einem Alligator am Amazonas den Hals umzudrehen. Heute wird Mutter keine meiner sonstigen Ausreden gelten lassen. Sicherlich nicht einmal den Verlust beider Beine durch eine Tretmine. Vor allem, weil es dieses Weihnachten einen besonderen Anlass gibt, dem ich notgedrungen beiwohnen muss: der Hochzeit meines Stiefbruders Damian. Deshalb stehe ich mir hier bei der Autovermietung gerade seit einer gefühlten Ewigkeit die Beine in den Bauch, obwohl ich eigentlich viel lieber woanders wäre.

Unsanft werde ich plötzlich zur Seite geschubst. Eine junge Frau drängelt sich an mir vorbei. Ich weiß nicht, ob es ihr Haar ist, dessen Farbe irgendetwas zwischen honigfarben und rot gleicht. Es könnten aber auch die schmalen Schultern sein, die nur von einem dünnen Trenchcoat bedeckt sind und der knapp über ihren Knien endet. Jedenfalls zieht sie meinen Blick wie magisch an.

„Hey, passen Sie doch auf“, mault der ältere Herr vor mir.

Ich sehe, wie die Remplerin sich erschrocken zu ihm umdreht und ihm einen gehetzten Blick zuwirft. Ihre Augen sind so tiefblau wie der Ozean. Faszinierend. Fast meine ich, sogar das Meer rauschen zu hören.

Ihr Blick fällt nun von der Seite aus zu mir, kehrt dann aber hastig wieder zurück zu dem Meckerheini. „Tschuldigung“, ruft sie ihm laut zu und stöckelt energisch weiter. Dabei drängelt sie sich noch an den anderen Wartenden vorbei, sodass ein leises Raunen durch die Schlange geht.

In diesem Moment fällt mein Blick auf ihren schwarzen Minirock, aus dem von dünnen Nylonstrümpfen bedeckte schlanke Beine herausragen, an deren Ende sich wiederum knallrote High Heels befinden. Für die Wetterlage von zehn Zentimetern Neuschnee sicher alles andere als passend.

Der Kerl vor mir vergräbt sich murmelnd wieder hinter seiner Zeitung, während im selben Augenblick mein Handy in der Innentasche meiner Feldjacke vibriert. Seufzend hole ich es hervor und werfe einen Blick auf das Display – Mutter. Verdammt!

„Und Sandro? Wo bist du?“, vernehmen meine Ohren, gleich nachdem ich das Gespräch angenommen habe.

„Ich stehe noch in Kranzberg bei Sixt.“

„Junge. Was bitte machst du in Kranzberg bei Sixt? Und wo ist das Kaff überhaupt?“ Ihre Stimme hat einen schrillen Tonfall angenommen. Sicherlich glaubt sie, ich sage meinen Besuch ab, so wie jedes Mal in den letzten neun Monaten.

„Was man bei Sixt eben so macht Mutter, sich einen Mietwagen leihen.“

„Aber warum leihst du dir denn einen Mietwagen?“

Seufzend wechsele ich das Handy von rechts nach links und schiebe den Gurt meines Rucksacks zurück, der mir von der Schulter zu rutschen droht. Die Hübsche mit den Meeresaugen hat sich derweil bis ganz nach vorne zur Theke durchgekämpft.

„Sagen wir so, es gab einen kleinen Zwischenfall.“ Vorsorglich erspare ich ihr nähere Details, die sie eh nur aufregen würden.

Am anderen Ende stöhnt Mutter leise auf. „Wirst du dann überhaupt noch pünktlich zum Mittagessen da sein?“

Schnell unterdrücke ich ein weiteres tiefes Aufseufzen. Am liebsten würde ich ihr gerne sagen, dass mir das Mittagessen eigentlich schnurzpiepegal ist. Ich werde in Gegenwart meines Stiefbruders und seiner Verlobten ohnehin keinen Bissen herunterbekommen.

„Sobald ich den Mietwagen habe, fahre ich gleich los und bin vermutlich …“, ich werfe schnell einen Blick auf meine Striker am Handgelenk, „… so gegen achtzehnhundert bei euch. Zwar schaffe ich es dann nicht mehr zum Mittagessen, aber zumindest noch pünktlich zum Abendessen.“

Mein Blick gleitet über die Schlange, die nur unwesentlich kürzer geworden ist. Die Hübsche hält den Betrieb nun durch eine hitzige Diskussion mit der Dame vom Auto-Verleih zusätzlich auf.

Vielleicht drehe ich doch besser wieder um. Wenn ich ganz ehrlich bin, habe ich doch sowieso keinen Bock auf diese geschauspielerte Ringelpitz-mit-Anfassen-Familienharmonie-Scheiße. Da würde ich mir schon lieber einen Fünfzig- Kilometer-Marsch durch die Wüste ohne Wasser antun.

Just ändert sich der Tonfall in Mutters Stimme, so, als habe sie meine Gedanken erraten. Sie klingt flehend. „Aber du kommst doch noch, oder? Sandro, bitte, ich habe dich eine halbe Ewigkeit nicht mehr gesehen.“

Mit meiner bettelnden Mutter ist es wie mit diesen netten Vertretern, die einem so sympathisch sind, dass man es nicht fertigbringt, sie einfach abzuwürgen.

„Keine Sorge“, räuspere ich mich, weil ich bereits einen Kloß in meinem Hals verspüre. Meine Mutter kann ja nichts dafür, dass Damian ein Arsch und Nadja ein Miststück ist. „Ich werde der Hinrichtung schon beiwohnen. Aber erwarte nicht, dass ich die beiden auch noch beglückwünsche.“

Schnell drücke ich das Gespräch weg, um jede weitere Frage im Keim zu ersticken. Wenn ich nachher in Bochum bin, muss ich sicher noch genügend unangenehme Fragen über mich ergehen lassen. Wie zum Beispiel, warum ich mich einfach vor neun Monaten nach München habe versetzen lassen, ohne jemandem davon zu erzählen.

Alessa

Eigentlich hätte ich es mir denken können. Keine Kreditkarte – kein Mietwagen. Auf Barzahlung wollte die blöde Schnepfe vom Verleih sich leider auch nicht einlassen. Egal. Fahre ich halt mit dem Zug.

Wütend lasse ich Mietwagen Mietwagen sein und verlasse den Laden. Den Koffer hinter mir herziehend, überquere ich die Straße, um mich nur wenige Sekunden später seufzend auf die Metallbank an der Bushaltestelle sinken zu lassen. Dann stelle ich meine Füße auf den Trolley, damit die Kälte des Bodens nicht noch weiter durch meine Schuhe dringt. Ich schlinge die Arme um meinen Oberkörper, doch es nützt nichts. Kalt ist mir trotzdem. Am Hintern wie an den Füßen.

Meine Gedanken schweifen während des stumpfsinnigen Wartens unweigerlich ab. Dabei durchströmt mich plötzlich eine innere Wärme, die mich sogar die Kälte für einen Moment vergessen lässt. Heute ist Heiligabend – Weihnachten!

Ich sehe, wie Mirko und ich uns als Kinder immer gegenseitig geschubst haben, weil jeder der Erste bei den Geschenken sein wollte. Sehe den Haufen zerfetzten Weihnachtspapiers, der nach dem Auspacken unter dem geschmückten Tannenbaum lag. Meine Eltern, die gemeinsam Händchen haltend auf der Couch gesessen und uns beim Spielen beobachtet haben. Warum auch immer rieche ich in diesem Moment sogar einen Hauch von Zimt. Das ist der Duft von Muttis selbst gebackenen Zimtsternen, die Mirko und ich so lieben. Ich bin mir sicher, es muss eine Halluzination meiner unterkühlten Riechzellen sein.

Unvermittelt überfällt mich die Sehnsucht nach meiner Familie wie ein Angreifer. Sticht mir das Messer voll ins Herz, sodass ich einen heftigen Schmerz verspüre. Den letzten Heiligabend haben wir gemeinsam gefeiert. Mama, Papa, Mirko und ich. Doch so wie damals wird es nie wieder sein. Das ist schon schlimm genug. Aber schlimmer noch ist – ich bin schuld daran.

Tränen steigen mir in die Augen, aber ich versuche, sie mir tunlichst zu verkneifen. Bei diesen Temperaturen würden sie vermutlich nur auf der Haut meiner Wange gefrieren und es reicht doch, dass bereits mein Hintern und die Füße gefühllos sind.

Sandro

Als ich endlich an der Reihe bin, dauert es auch nicht lange, bis alle Formalitäten erledigt sind und ich mein Gepäck im Kofferraum eines gemieteten SUVs verfrachtet habe. Ich entledige mich meines Bundeswehrparkas, steige ein, programmiere das Navi und rolle im Schritttempo vom Parkplatz herunter.

Als ich an der Kreuzung stehe und links in Richtung Autobahn abbiegen will, fällt mein Blick unvermittelt auf die Bushaltestelle ein paar Meter weiter. Ich bin überrascht. Dort sitzt unverkennbar die Hübsche mit den Meeresaugen.

Vorhin hat sie noch für einen kleinen Tumult am Tresen gesorgt, worum es ging, habe ich aber nicht mitbekommen. Schließlich war sie wütend mit ihrem Koffer im Schlepptau wieder abgerauscht.

Nun sitzt sie dort zusammengekauert auf der Bank. Ihre Füße mit den roten High Heels hat sie auf den Trolley gestellt und die Arme eng um ihren zierlichen Körper geschlungen.

Hinter mir hupt jemand. Ich werfe einen Blick in den Rückspiegel und sehe den Fahrer des Wagens wild gestikulieren. Es ist der mürrische Alte mit der Zeitung, der scheinbar will, dass ich weiterfahre.

Also biege ich links ab, beschleunige den Wagen und werfe im Vorbeifahren einen letzten Blick auf die zusammengekauerte Gestalt auf der Bank. Ich hoffe für sie, dass gleich der Bus kommt.

Alessa

Mittlerweile zittere ich am ganzen Körper so sehr, dass sogar meine Zähne aufeinander klappern. Ach hätte ich mir zumindest noch die Zeit genommen, mich umzuziehen. Aber dann wäre ich womöglich noch Ben über den Weg gelaufen.

Ben.

Der Riesenbaustelle in meinem Leben.

Wenn man das überhaupt noch Leben nennen darf. Ich wohne bei einem Typen, der Fremdgehen für so normal hält wie schlafen oder essen, habe keinen Kontakt mehr zu meiner Familie und halte mich dazu mit einem schlecht bezahlten Job über Wasser. Was ist bloß aus meinem Traum geworden, Medizin zu studieren und die Welt zu retten?

Ich hatte ihn über Bord geworfen. Weil ich meine Schuld begleichen wollte. Dabei habe ich kläglich versagt. Wieder schießen mir die Tränen in die Augen.

Verdammt. Ich muss endlich hier weg.

Sandro

Die Anzeige meines Mietwagens zeigt mittlerweile minus sieben Grad und wenn ich eines in meiner Ausbildung gelernt habe, dann das, dass der Körper nicht allzu lange in der Lage ist, die Körperkerntemperatur bei Minusgraden aufrechtzuerhalten. Schon gar nicht in Minirock und Nylonstrumpfhose.

Ich bin schon kurz vor der Auffahrt auf die A9 Richtung Ingolstadt, als mich die Sorge übermannt und ich in einem günstigen Augenblick den Wagen wende.

Kurze Zeit später stoppe ich direkt vor der Bushaltestelle. Dann lasse ich die Scheibe auf der Beifahrerseite herunter. „Soll ich Sie vielleicht ein Stück mitnehmen?“

Die Hübsche wirft mir einen aufbrausenden Blick zu. Das Meer in ihren Augen tost.

„Ich bin keine Nutte, auch wenn ich vielleicht so aussehe. Also fahr einfach weiter, okay?“

Daran habe ich gar nicht gedacht. Ein großer, muskelbepackter Kerl mit kurz geschorenen Haaren in einem SUV könnte wirklich gut als Zuhälter durchgehen. „Ich wollte eigentlich nur nett sein.“

Ihr Blick ist nun mehr skeptisch, die See nicht mehr ganz so rau. „Anbaggern brauchst du mich aber auch nicht. Ich bin schon vergeben.“

Ihre Aussage versetzt mir einen kleinen Stich. Was habe ich auch erwartet? Natürlich ist so eine attraktive Frau wie sie nicht mehr solo. Klar.

„Ich will dich nicht anbaggern. Aber du siehst so aus, als bräuchtest du Hilfe. Hast du vorhin keinen Mietwagen mehr bekommen?“

Ihre Augen verengen sich augenblicklich zu schmalen Schlitzen. Sie fixiert mich.

„Stimmt, jetzt erinnere ich mich, du hast hinter dem Kerl mit der Zeitung gestanden. Der Soldat, richtig?“

Sie steht zögerlich auf und kommt ein Stück auf den Wagen zu. Mit ihren Händen rubbelt sie sich über ihre dünnen Ärmchen.

„Du bist Hauptfeldwebel. Bei welcher Einheit?“

Überrascht reiße ich die Augen auf. Eigentlich habe ich gedacht, sie hätte mich überhaupt nicht registriert, geschweige denn meinen Dienstgrad erkannt.

Die Hübsche bemerkt scheinbar meine verblüffte Reaktion. Sie lächelt verhalten. „Mein kleiner Bruder war auch Soldat. Stabsunteroffizier bei der Bodentruppe.“ Ihr Lächeln wird breiter und lässt zwei süße Grübchen neben ihren Mundwinkeln in Erscheinung treten.

In diesem Moment kann ich nicht verhindern, dass mein Herz einen kleinen Salto schlägt. Verdammt, ich hätte vielleicht doch besser weiterfahren sollen. Bei der Frau kann ich definitiv für nichts garantieren. Und das kann ich im Moment eigentlich überhaupt nicht gebrauchen.

Alessa

Der Soldat war mir vorhin schon aufgefallen. Er hatte in meinen Augen etwas zu lange an der Kreuzung gegenüber der Bushaltestelle gestanden. Erst als hinter ihm jemand gehupt hatte, war er mit dem Luxusschlitten davongebraust. Was bitte macht er dann aber jetzt wieder hier?

„Ich habe keine Kreditkarte, nur Bargeld, deswegen wollten die mir bei Sixt kein Fahrzeug geben, wegen der Kaution, weißt du? Nun muss ich mit dem Zug fahren. Also warte ich auf den Bus, der mich zum Bahnhof bringt“, erkläre ich ihm.

Er nickt mir zu. „Wenn du magst, bringe ich dich hin, danach kann ich mich immer noch auf die Autobahn schwingen.“

Für einen Moment zögere ich. Mir ist es peinlich, im Minirock und High Heels vor ihm zu stehen. Was muss er bloß von mir denken? Solche Sachen trage ich doch sonst nicht. Und wenn, immer nur für Ben. Den notgeilen Bock! Aber in einem warmen Auto zu sitzen, klingt ebenfalls verlockend.

„Keine Angst, ich beiße auch nicht.“ Ihm ist meine Skepsis scheinbar aufgefallen. Nun grinst er mich an.

Ich grinse zurück. „Angst? Du Scherzkeks! Ich habe schließlich Pfefferspray dabei.“ Sicher hat er eine spezielle Nahkampfausbildung gemacht, gegen die jedes Pfefferspray absoluter Dreck ist.

Er lacht auf. „Dann hole ich schnell meine Gasmaske aus dem Kofferraum.“

Der Kerl ist mir tatsächlich sympathisch. Auch wenn seine Dwayne the Rock Johnson-Statur absolut furchteinflößend wirkt.

Er steigt schließlich entschlossen aus dem Wagen und hilft mir mit dem Gepäck. Nun kann ich ihn zum ersten Mal richtig betrachten. Vorhin in der Schlange habe ich mich ja sehr von seinem Abzeichen ablenken lassen. Der Kerl ist wirklich groß, ich schätze, um die einsneunzig. Er überragt mich trotz meiner High Heels um gut einen Kopf. Die dunkelbraunen Haare trägt er ziemlich kurz, aber nicht zu kurz. Sie sind etwas verwuschelt. Sicher wegen des Baretts.

Ehe ich etwas sagen kann, hat er sich einfach meinen Trolley geschnappt und ihn in den Kofferraum gehoben. Schließlich öffnet er mir sogar die Tür – wie ein wahrer Gentleman. Dabei kann ich in seine Augen sehen. Sie sind grün-grau mit lauter braunen Sprenkeln. Interessant …

Als ich auf den beheizten Beifahrersitz gleite, spüre ich die wohlige Wärme, die meinen kalten, gefühllosen Hintern umgehend aufheizt.

„Danke“, flüstere ich, weil mir ein angenehmer Schauer über den ganzen Körper läuft. „Du bist echt mein persönlicher Held für heute.“

Und das ist er – in der Tat.

Sandro

„Wo willst du eigentlich hin?“, versuche ich etwas lockere Konversation zu betreiben, während ich das Navi umprogrammiere. Es sagt mir, dass der nächste große Bahnhof in Langenbach gut eine halbe Stunde von hier entfernt ist.

„Nach Hause. Schließlich ist Weihnachten“, erklärt mir meine Beifahrerin.

„Leider“, murmele ich und tippe beiläufig weiter auf dem Display herum.

„Wieso leider? Bist du etwa ein Weihnachtsmuffel?“

Schnell werfe ich ihr einen Blick zu. Sie mustert mich aufmerksam, was mich verwirrt. Hastig versuche ich, mich wieder auf das Navi zu konzentrieren, treffe jedoch die Tasten nicht immer. „Nee, aber Weihnachten und ich sind nicht so richtig kompatibel.“

Sie lacht auf. „Nicht kompatibel? Was heißt das denn?“

„Ach du weißt schon … volle Läden, Geschenkestress, Weihnachtsschnulzen im Radio. All das ist nicht so mein Ding“, sage ich kopfschüttelnd, während ich den Wagen starte. Von meinen familiären Differenzen erzähle ich lieber nichts. Schließlich will ich sie nicht gleich wieder verschrecken.

Im Rückspiegel sehe ich die Lichter eines Busses näherkommen. Ich trete hastig aufs Gas, sodass der Wagen nach vorne schießt und wir in die Sitze gepresst werden.

„Wieso, weil du ein harter Kerl bist, der nichts mit Romantik am Hut hat? Lass mich raten, du magst bestimmt auch keine Liebesfilme oder Candle-Light-Dinner“, fragt sie weiter.

Ich schweige, weil sie damit leider genau ins Schwarze getroffen hat. Früher war das tatsächlich anders gewesen, bevor Damian und Nadja zusammengekommen sind. Vor meiner Flucht nach München.

Die Hübsche grinst spitzbübisch und mir fällt es schwer, stur geradeaus auf die Fahrbahn zu sehen. „Wusste ich es doch.“

Ich lächele nur verhalten und reiche ihr die Hand. „Übrigens, ich heiße Sandro.“ Sie schüttelt sie. Ihr Händedruck ist fest. Das mag ich.

„Hi Sandro, ich bin Alessa. Danke fürs Mitnehmen.“

Alessa

Seufzend kuschele ich mich in den Sitz. Sauge jeden Partikel Wärme in meinen durchgefrorenen Körper auf. Versuche, möglichst viel davon in meinen Zellen abzuspeichern, damit ich nachher genug Hitzepolster habe, wenn ich wieder in die Kälte muss …

Wir beide schweigen einträchtig, während der Motor wie ein Kätzchen schnurrt. Sandro – ein schöner Name – lenkt den SUV zügig und sicher durch die Straßen Richtung Langenbach. Dort ist ein großer Bahnhof, wo er mich absetzen will. Von da aus werde ich dann einfach mit dem ICE weiterfahren und mir ausnahmsweise die erste Klasse gönnen.

Ich ertappe mich dabei, wie ich mich frage, ob Sandro wohl eine Freundin hat?

Stop – ermahne ich mich selbst im gleichen Augenblick. Nachdem Ben mich mal wieder nach Strich und Faden betrogen hatte, hatte ich mir geschworen, zukünftig die Finger von den Kerlen zu lassen und mich auf mein eigenes Leben zu konzentrieren. Es wieder auf die Reihe zu bekommen, ohne von jemandem abhängig sein zu müssen. Außerdem bin ich mir ziemlich sicher, dass so ein hübscher Kerl eine Freundin hat. Schade eigentlich, Sandro ist wirklich attraktiv, nett und dazu noch Soldat. Meine Familie hätte ihn sicher gemocht.

Verdammt! Warum lerne eigentlich immer nur ich die blödesten Nüsse wie Ben, Nick oder Tim kennen? Notorische Fremdgänger oder Egoisten, denen niemals eingefallen wäre, mir die Beifahrertür zu öffnen, geschweige denn meinen Koffer zu tragen oder zu fragen, ob ich Hilfe benötige.

Ich verdränge die unschönen Gedanken und sehe aus dem Fenster. Die Bäume entlang der Landstraße fliegen nur so an mir vorbei. Wie mein Leben.

Es ist seit dem Unfall von Mirko nicht mehr so, wie es sein sollte. Von dem Zeitpunkt an ist doch alles irgendwie schiefgelaufen. Eigentlich schon vorher. Warum hatte ich nicht einfach an Mirkos Stelle sein können? Dann müsste ich mich jetzt nicht mehr rumquälen. Mit mir, meinem verkorksten Leben und meinen Schuldgefühlen …

Sandro

Kurz vor Langenbach breche ich das Schweigen. „Wie kommt es, dass du dich bei dem Wetter nur in High Heels und Minirock auf den Weg machst?“

Alessa nickt. „Hast recht, warm angezogen sieht anders aus. Aber die Umstände haben es einfach nicht zugelassen, dass ich mich noch umziehe.“

Sehnsüchtig sieht sie aus dem Fenster und schluckt. „Ich habe meinen …“, sie stockt kurz, „… Ex mit einer Anderen erwischt. Da habe ich zu Hause nur schnell das Nötigste in den Trolley geworfen und mich erst einmal abgeseilt.“

Seufzend haucht sie an die Autoscheibe. Malt gedankenverloren ein Herz, streicht es durch und wischt es wieder weg. „Schwamm drüber. Er war eh ein Arsch. Schon immer. Jedenfalls wollte ich nur noch weg. Weihnachten sollte man sich besser mit liebevollen Menschen umgeben.“

In diesem Moment muss ich an meine Familie denken. Mein Stiefvater und ich konnten noch nie so gut miteinander, Damian war schon immer ein arroganter, selbstgefälliger Arsch und Mutter saß stets zwischen den Stühlen, wenn es um mich ging. Meine Familie ist also alles andere als liebevoll.

„Wo wohnt denn deine Familie?“, will ich wissen.

„In Essen“, antwortet sie. „Und deine? Du fährst doch sicher auch nach Hause oder?“

Es durchzuckt mich wie ein Stromschlag. Unsere Reiseziele sind nur gut zwanzig Minuten voneinander entfernt. „Äh …“, stottere ich. „Meine Familie wohnt in …“, ich mache eine bedeutungsschwangere Pause, „… Bochum.“

In diesem Moment wirft mir sie mir ein überraschtes Lächeln zu. Natürlich weiß ich, was das bedeutet. Bevor sie mich fragt, komme ich ihr allerdings zuvor. „Soll ich dich dann vielleicht mitnehmen?“

Alessa

Immer noch fassungslos beobachte ich, wie Sandro den SUV auf die Autobahn lenkt. Er gibt ordentlich Gas und wir werden in die Sitze gepresst. Was für ein Glück für mich, dass er nach Bochum fährt. Zumindest muss ich dann nicht mehr am Bahnhof frieren.

„Darf ich vielleicht das Radio anmachen?“, frage ich. In diesem Moment würde ich einfach gerne Musik hören.

„Klar“, gibt Sandro lächelnd zurück. „Fühl dich wie zu Hause.“

Zu Hause. Seine Worte versetzen mir einen Stich. Ich weiß schon lange nicht mehr, wo mein wahres Zuhause ist. In München ist es nie wirklich gewesen und bei meinen Eltern auch nicht mehr.

Die Stille, die sich nun zwischen uns ausbreitet, scheint mich verschlucken zu wollen. Hastig greift meine Hand nach den Knöpfen des Autoradios. Innerhalb von wenigen Augenblicken haben meine Finger einen Sender gefunden, der Weihnachtsmusik spielt. Immerhin besser, als weiter nachzudenken.

Sandro

„Last Christmas, I gave you my heart, but the very next day, you gave it away“, schmettert Alessa gemeinsam mit George Michael um die Wette. Sie trällert schon seit einer gefühlten Ewigkeit alle Weihnachtsschnulzen durch, die das Radio so anbietet. Allerdings ist sie nicht gerade eine begnadete Sängerin. Die Töne trifft sie meist nur zufällig und textsicher ist sie auch nicht gerade.

Dennoch finde ich es irgendwie süß. Ihre Augen strahlen, auf ihren Wangen liegt ein rosafarbener Schimmer und hin und wieder streift mich ein dankbarer Blick aus ruhiger, unergründlicher See. Und obwohl sie so schlecht singt, dass ihr Gesang von der Bundeswehr sicher glatt als neue Foltermethode anerkannt werden würde, könnte ich ihr stundenlang dabei zuhören.

Hastig werfe ich ihr einen weiteren verstohlenen Blick zu. Wohl nicht verstohlen genug, denn ihre Hand greift plötzlich zum Radio und dreht es leiser.

„Sorry, nerve ich dich?“

Ich lächele sie an. „Nein, schon okay. Ich bin nur etwas erledigt.“

Sie schaltet das Radio ganz aus und dreht sich zu mir. „Wenn du willst, kann ich auch mal fahren. Vorhin war eine Raststätte ausgeschildert. Halten wir an, holen uns einen Kaffee und tauschen einfach die Plätze.“

Ihr Angebot klingt wirklich verlockend, zumal ich eine Pause auch ganz gut vertragen könnte.

Bei passender Gelegenheit lenke ich daher den Wagen auf den Rastplatz Aurach-Nord und lasse Alessa wissen, dass ich mal eben für stramme Soldaten muss.

Sie lacht über meinen flapsigen Spruch und schlägt augenzwinkernd vor, uns stattdessen schnell einen Kaffee zu besorgen, der Soldaten strammstehen lässt. Ich muss schmunzeln. Humor hat sie, das muss man ihr lassen.

Alessa

Während ich an der Kasse stehe und auf den Kaffee warte, wird mir bewusst, wie sehr ich Sandro, den Weihnachtsmuffel, mit meinem nicht Song Contest geeigneten Gesang genervt haben muss. Allerdings hat er es mir gar nicht übelgenommen. Im Gegenteil: Er ist geflissentlich darüber hinweggegangen und hat alles klaglos ertragen. Bei Ben hätte ich sicherlich schon einen dummen Spruch gehört oder er hätte mir den Mund verboten.

Mein umherirrender Blick streift plötzlich einen Weihnachtsteddy. Er ist braun und trägt eine Nikolausmütze. Er sieht tatsächlich genauso aus wie der Teddy, den Mirko als Kind hatte – seine Paula.

An das Drama, als das Kuscheltier bei der Autofahrt in den jährlichen Italienurlaub auf dem Rastplatz verloren ging, kann ich mich noch gut erinnern. Mirko hatte zwei Tage lang Rotz und Wasser um seinen geliebten Freund geheult. Er hatte Paula aber nie ganz vergessen können. Jedes Mal, wenn uns ein Bär über den Weg gelaufen war, hatte Mirko ihn in die Hand genommen, betrachtet und kommentiert. Paula hatte aber größere Ohren, weicheres Fell, sanftere Augen.

Aus einem inneren Antrieb heraus greife ich zu dem Bären, um ihn genauer zu betrachten. Bis auf die Tatsache, dass das Fell nicht abgewetzt ist und er eine Mütze trägt, gleicht er Paula wirklich aufs Haar. Ich hab’ dich lieb, steht auf seinem Bauch. Genau diese Worte hatte mein Bruder ihr jeden Abend vor dem Zubettgehen zugeflüstert.

Entschlossen setze ich den Bären vor mir auf die Kasse. Der Verkäufer stellt noch die zwei Kaffeebecher dazu und rechnet ab.

„Übrigens, das ist ein Weihnachtswunschbär“, sagt er lächelnd zu mir.

Ich sehe überrascht auf. „Bitte was?“

Der Verkäufer nickt überzeugt. „Der Bär erfüllt Ihnen einen Wunsch. Verstehen Sie?“

Immer noch verwirrt, starre ich ihn an.

„Hier, sehen Sie? Auf dem Etikett steht Wunschbär. Also muss er doch auch einen Wunsch erfüllen können oder etwa nicht?“

Langsam lasse ich den Blick auf das Etikett wandern, das der Verkäufer mir unter die Nase hält. Tatsächlich, dort steht: Dieser Bär ist ein Produkt der Firma Wunschbär.

„Also, schließen Sie die Augen und wünschen Sie sich was, bevor es jemand anderes tut“, fordert er mich nun lächelnd auf.

Warum auch immer, ich schließe tatsächlich meine Augen und überlege mir, was ich mir wünschen könnte. Eigentlich gibt es nur eines, was ich mir wirklich von Herzen wünsche – dass alles wieder so ist, wie am letzten gemeinsamen Heiligabend mit meiner Familie. Doch mir ist klar, dass dies völlig utopisch ist und es endlich Zeit wird, zu akzeptieren, dass nichts und niemand die Zeit zurückdrehen kann.

Als ich die Augen öffne, steht Sandro plötzlich neben mir. Mein Herz schlägt einen Takt schneller.

„Für wen ist der? Für deinen Ex?“ Sandro nimmt mir die Kaffeebecher ab und der Verkäufer reicht mir mit einem Augenzwinkern das Wechselgeld.

„Nein, der ist für Mirko.“ Meine Stimme klingt belegt.

Er runzelt die Stirn. „Mirko?“

Ich nicke, seufze auf und stopfe den Teddy schnell in meine Handtasche. „Meinen Bruder.“

„Den Soldaten?“, hakt Sandro nun nach.

Herrgott. Ich will mit ihm nicht über Mirko reden, denn dann müsste ich ihm auch sagen, dass ich schuld daran bin, dass die Beziehung zu meiner Familie einem Scherbenhaufen gleicht. Weil ich wie immer meinen Kopf durchsetzen wollte.

Demonstrativ halte ich die Hand auf.

„Komm schon, lass uns endlich weiterfahren. Wenn wir ständig tratschen wie die Waschweiber, kommen wir heute ganz sicher nicht mehr an.“

Wortlos lässt Sandro den Schlüssel in meine Hand fallen. Dabei entgeht mir nicht, dass er mir einen fragenden Blick zuwirft. Egal, ich bin niemandem Rechenschaft schuldig außer mir selbst.

Sandro

Warum Alessa nun so abwehrend reagiert, ist mir ein Rätsel. Scheinbar liegt auch bei ihr einiges im Argen. Ich lasse den Autoschlüssel in ihre offene Hand gleiten und folge ihr stehenden Fußes. Dennoch kann ich nicht verhehlen, dass meine Neugier geweckt ist. Will sie womöglich nur nach Hause, um sich wieder mit ihrem Bruder zu vertragen? Mal sehen, ob ich noch mehr aus ihr herausbekomme. Bis Bochum sind es ja noch gut vier Stunden.

Alessa

„Wohnst du eigentlich in Kranzberg?“ Sandro sieht mich stirnrunzelnd an.

Ich nicke und sehe schnell zurück auf die Straße. „Mein Ex hat da eine Eigentumswohnung. In München kannst du Wohnen kaum bezahlen.“ Ich blinke und wechsele vorsichtig die Spur, um ein anderes Auto zu überholen.

„Und du? Wohnst du auch außerhalb?“

Aus dem Augenwinkel sehe ich, wie Sandro mit dem Kopf schüttelt. „Ich wohne in der Kaserne, habe aber vor, mir im nächsten Jahr was Eigenes zu suchen. So wie es aussieht, werde ich in München bleiben.“ Er seufzt auf. „Vielleicht suche ich mir dann auch was in Kranzberg. Ist es dort schön? Das einzige, was ich dort gesehen habe, war der Mietwagenverleih.“

In dem Moment, in dem Sandro mich danach fragt, wird mir klar, dass ich seltsamerweise mehr Bezug zu München habe. „Ehrlich gesagt kenne ich auch nur unser Wohnviertel und den Supermarkt um die Ecke. In München kenne ich mich dagegen wesentlich besser aus, schon allein, weil ich dort arbeite.“ Ich lächele, ohne den Blick von der Straße zu nehmen. Hand am Lenkrad und Blick nach vorne, Schwesterherz, hat Mirko immer geschimpft, wenn ich Auto fuhr. Letztlich hat ihm das aber auch nicht viel genützt.

Hastig presse ich die Lippen aufeinander. So schnell wie mir die Tränen in die Augen geschossen sind, so schnell schaffe ich es auch, sie wieder zu verdrängen.

„Was hat dich überhaupt von Essen nach München verschlagen? Die Arbeit?“, hakt Sandro weiter nach.

Ich umklammere das Lenkrad etwas fester und seufze leise. Genau diese Frage hatte ich insgeheim befürchtet. Ich kann Sandro ja jetzt schlecht sagen, dass ich vor meiner Familie förmlich nach München geflüchtet bin, weil ich alles nicht verarbeiten konnte. Ich bin Ärger schon immer lieber aus dem Weg gegangen.

Sandro mustert mich und kneift die Augen zusammen. Fieberhaft überlege ich, was ich ihm stattdessen sagen kann.

„Wegen meines Ex“, lüge ich deshalb spontan. „Ich wollte bei ihm sein.“

Der Soldat nickt verständnisvoll. „Und jetzt, wo er dich betrogen hat?“

Wortlos zucke ich mit den Schultern, zwinge mich, das Gaspedal nicht noch weiter durchzutreten, damit ich den SUV bloß nicht in die Leitplanke setze.

„Ziehst du zurück ins Ruhrgebiet?“, konkretisiert er seine Frage. Mich durchströmt es plötzlich heiß und kalt. Mein Mund wird ganz trocken.

Sandro spricht nämlich genau das an, was ich in den letzten Stunden bewusst verdrängt habe.

Was jetzt? Komme ich alleine überhaupt klar? Was mache ich ohne Ben? Ohne die finanzielle Sicherheit, die er mir immer gegeben hat? Kann ich damit leben, dass der Kerl mich schon wieder einmal betrogen hat? Zum gefühlt tausendsten Mal?

Mein Magen krampft sich zusammen. Das Lenkrad umschließe ich jetzt so fest, dass meine Knöchel weiß hervortreten.

Nein, natürlich nicht! Ich konnte es noch nie und werde es auch nie ertragen können. Fremdgehen ist für mich ein Betrug der schlimmsten Sorte, ein Vertrauensmissbrauch sondergleichen. Bislang hatte ich allerdings immer gute Miene zum bösen Spiel gemacht. Weil mir nichts anderes übrig geblieben war, weil ich Ben so viel schuldete. Und weil ich Angst vor der Konsequenz hatte: der Einsamkeit.

Ich konzentriere mich wieder auf die Straße, da es zu nieseln beginnt. Sprühregen, der mir die Sicht nimmt, sammelt sich auf der Frontscheibe. Mit dem Scheibenwischer wische ich ihn fort, so wie meine Gedanken an Ben.

„Du musst nicht antworten, wenn du nicht willst“, sagt Sandro. Er räuspert sich und rutscht unruhig auf seinem Sitz hin und her.

Ich zwinge mich zu einem Lächeln. „Du hast ja recht. Ich muss mir einfach überlegen, wie es künftig für mich weitergeht. Ich muss etwas ändern. Für kein Geld der Welt lässt sich Liebe und Ehrlichkeit kaufen. Und bevor ich Bens Respektlosigkeit ertrage, bleibe ich lieber allein.“

Sandro nickt und verschränkt die Arme vor der Brust. Seufzend legt er seinen Kopf an die Nackenstütze. „Du hast recht, manchmal muss man auch erst mal weg, um mit Abstand alles etwas objektiver betrachten zu können.“

Stille breitet sich zwischen uns aus, doch in diesem Moment finde ich sie seltsamerweise nicht schlimm, denn sie gibt mir Raum zum Überlegen, wie ich mit meinem zerrütteten Verhältnis zu Ben umgehen kann.

Sandro

Hinter Würzburg vernehmen meine Ohren eine leise Melodie, die eindeutig aus Alessas Handtasche kommt, welche zu meinen Füßen liegt.

„Willst du nicht rangehen?“, frage ich und hebe die Tasche auf. „Ist vielleicht wichtig.“

Meine Begleiterin schüttelt vehement den Kopf. „Das ist sicher nur mein Ex-Arsch.“

Ich grinse. „Soll ich ihn dann mal begrüßen?“

Sie wendet mir ihr hübsches Gesicht zu und das Funkeln in ihren Augen gibt mir umgehend Antwort.

Ich hole das Telefon hervor, werfe einen schnellen Blick darauf. „Er ist es. Also, soll ich?“

Alessa nickt. Noch ehe sie etwas erwidern kann, habe ich bereits das Gespräch angenommen.

„Wer ist da?“, faucht der Teufel in den Hörer, nachdem ich mich freundlich zu Wort gemeldet habe.

„Sandro, Alessas Kumpel. Und wer bist du?“

„Gib ihr endlich das Telefon, du Idiot.“

Vermutlich hat da jemand gerade einen Puls von 200. Nun gut, wenn ein Kerl an das Handy meiner Freundin ginge, würde ich sicher auch explodieren. Doch wer im Glashaus sitzt, sollte vielleicht besser keine Handgranate zünden.

„Tut mir leid, aber Alessa ist gerade beschäftigt.“ Ich zwinkere ihr zu und sehe, wie sie sich vor Lachen auf die Unterlippe beißt. Sexy! Mir wird warm und mein Herz flattert.

Ich versuche mich abzulenken und treibe es deshalb mit Ben weiter auf die Spitze.

„Weißt du, deine Ex hat gerade den Mund voll und kann deshalb nicht mit dir sprechen.“

Alessa presst sich die Hand auf denselbigen.

Die nachfolgenden Schimpfwörter, die nun mein Trommelfell in Schwingung versetzen, würde ich selbst nie in den Mund nehmen. Als Ben sich ordentlich ausgetobt und eine Atempause einlegt hat, schieße ich zurück.

„Jetzt mach mal halblang, mein Freund. Alessa sagt, du hast sie betrogen. Dann vögel doch jetzt einfach deine Neue durch und lass sie in Ruhe. Wenn du mich fragst, ist das Mädel sowieso eine Nummer zu groß für dich.“

Den Gesichtsausdruck, den meine Begleitung mir daraufhin zuwirft, deute ich tatsächlich mal in die Richtung, als sei sie geschmeichelt.

Ben am anderen Ende schäumt mittlerweile vor Wut. Ich lege auf, weil mit ihm in diesem Zustand sowieso nicht vernünftig zu reden ist. Dann schalte ich das Gerät aus.

„Sicher war es nicht das letzte Mal, dass er dich angerufen hat.“

Alessa nickt. „Gib mal her.“ Sie grapscht nach ihrem Telefon, lässt die Scheibe runter und pfeffert es einfach hinaus.

Überrascht keuche ich auf. „Bist du verrückt? Das findest du doch nie wieder.“

Mit einem Lächeln auf den Lippen zuckt sie mit den Schultern. „Will ich doch auch gar nicht.“

„Aber was ist, wenn es jemand findet?“

„Prepaid“, gibt sie kopfschüttelnd zurück.

„Und deine ganzen Nummern?“ Ich kann es immer noch nicht fassen, dass jemand einfach so sein Handy aus dem Fenster wirft!

„Stehen alle bei mir im Notizbuch und ich kann sie auswendig.“

„Echt?“ Wenn es stimmt, was sie sagt, dann Hut ab. Ich bin zwar in der Lage, mir Wort für Wort den Inhalt der Akte eines Soldaten einzuprägen, aber nicht, mir auch nur die zweistellige Durchwahl meines Chefs zu merken.

Ihr Gesicht verzieht sich zu diesem reizenden Grübchenschmunzeln. Mein Herz schlägt prompt einen kleinen Salto. Mein Gott, für dieses Lächeln bräuchte sie echt einen Waffenschein.

„Mir haben sie mal mein Handy geklaut, da war ich total aufgeschmissen. Es hat ein halbes Jahr gedauert, bis ich alle wichtigen Nummern wieder zusammen hatte. Seitdem schreibe ich sie sofort in das Buch und lerne sie auswendig“, erklärt sie.

Immer noch sehe ich sie fasziniert an. Sie sieht konzentriert nach vorne, weshalb ich in Ruhe ihr Profil studieren kann. Alessa hat eine kleine Stupsnase, dekoriert mit ein paar Sommersprossen. Ihren Mund hat sie leicht geöffnet. Hinreißend! In meinem Bauch kribbelt es verdächtig.

Verdammt, rufe ich mich selbst zur Ordnung. Frauen sind nicht hinreißend oder süß, sie sind heiß, man freut sich drauf, sie mal ordentlich durchzuvögeln und dann fallen zu lassen. So wie ich es mit dem ein oder anderen Mädel in den letzten neun Monaten gemacht hatte, um mich über Nadja hinwegzutrösten. Doch bei Alessas Anblick kommen mir leider ganz andere Bilder in den Sinn.

Ich sehe uns Hand in Hand durch eine verschneite Winterlandschaft wandern, Schneeballschlachten machen und später gemütlich im Warmen auf der Couch liegen, mit einem Glas Rotwein in der Hand. Das, was ich mit Nadja mal hatte. Aber ich habe mir geschworen, nie wieder eine Frau so nahe an mich ranzulassen.

„Was siehst du mich so an? Glaubst du mir etwa nicht?“

„Äh … doch doch.“

Stotternd sehe ich wieder nach vorne. Ich fühle mich ertappt. Ertappt, dass ich sie angestarrt habe. Ich verdränge hastig das Bild des knutschenden Pärchens auf der Couch.

„Hol mal das Buch raus“, fordert sie mich auf, „ich beweise es dir. Es ist ein kleines rotes.“

Zögernd greife ich in die Tasche, die immer noch auf meinem Schoß liegt. Darin befindet sich tatsächlich eine Notizkladde.

„Und jetzt?“

„Nenne mir irgendeinen Namen und ich sage dir die Nummer dazu.“

Mein Finger fährt wie bei einem Daumenkino über die zahlreichen beschriebenen Seiten. Irgendwo stoppe ich, schlage auf. „Andrea S.!“

„02087 – 73…“, rattert meine Mitfahrerin herunter.

Zufall, denke ich und probiere die nächste Seite. Doch da geschieht genau dasselbe.

Insgesamt mache ich das achtmal, Alessa liegt nicht einmal daneben. Als ich ihr die Nummern vorlese, gibt sie mir passend dazu sogar die Namen an. Faszinierend, die Frau hat scheinbar ein Gedächtnis wie ein Elefant.

„Was machst du eigentlich beruflich? Kannst du dein phänomenales Erinnerungsvermögen da nutzen?“

Sie lacht laut auf und schüttelt den Kopf. „Im Call-Center? Wohl kaum. Ich arbeite für einen großen Mobilfunkanbieter, da sollst du den Kunden neue Verträge aufschwatzen, aber nicht unbedingt mit Zahlen jonglieren.“

Ich stecke das Buch zurück in ihre Handtasche, bücke mich und verfrachte diese wieder im Fußraum. Als ich mich erhebe, sehe ich das blaue Autobahnschild über mir. Wir sind bald in Köln. Bis nach Essen ist es nun nicht mehr weit.

Seufzend lasse ich mich in den Sitz zurücksinken und strecke genüsslich die Beine aus. Das ist der Grund, warum ich immer nur große Autos fahre.

Alessa mustert mich von der Seite. „Was ist, freust du dich schon auf zu Hause? Auf deine Familie?“

Ich zögere. Aber nur für einen Moment. „Wenn ich ehrlich bin, nein.“

„Und warum nicht?“

Ich verschränke die Arme vor der Brust und seufze auf. „Weil mein Stiefbruder heiratet und ich keine Lust auf diesen ganzen Zirkus habe. Mein Stiefvater ist ein berühmter Politiker, weshalb das Ganze groß aufgezogen wird. Mit Presse und so.“

Alessa runzelt die Stirn. „Aber eine Hochzeit ist doch etwas Schönes, egal ob nun öffentlich oder nicht. Es sei denn, man heiratet aus den falschen Gründen.“ Sie räuspert sich. „Freust du dich denn nicht für deinen Stiefbruder?“

Für einen Moment denke ich nach. Freue ich mich für Damian? Oder für Nadja, seine Zukünftige?„Mein Bruder hat meine Freundin gevögelt, während ich in Afghanistan im Einsatz war und jetzt heiraten die beiden. Also freue ich mich ganz bestimmt nicht darauf“, gebe ich im Brustton der Überzeugung zurück.

Die schockierte Miene von Alessa ist Grund genug für mich, betreten aus dem Beifahrerfenster zu sehen und ihre mitleidigen Blicke zu meiden. Diesmal bin ich derjenige, der schweigt und das Radio einschaltet. Bis kurz vor Köln.

Nach einiger Zeit drehe ich es wieder leiser.

„Sollen wir mal wieder die Plätze tauschen?“

Alessa wirft mir einen dankbaren Blick zu und nickt.

In Königswinter tauschen wir und ich fahre wortlos weiter. Alessa schaltet irgendwann das Radio aus. „Wie lange ist das jetzt her?“

Ich stutze. „Was meinst du?“

Sie rollt genervt mit den Augen „Der Betrug deiner Ex natürlich.“

Nachdenklich lasse ich das letzte schicksalhafte Jahr Tag für Tag Revue passieren.

„Letztes Jahr im Herbst war ich im Einsatz“, gebe ich zurück und halte das Lenkrad fest umschlossen, sodass meine Fingerknöchel weiß hervortreten.

„Ui“, stößt sie aus. „Da war deine Ex aber flott wieder aufm Pferd, wenn sie den Typen, mit dem sie dir fremdgegangen ist, gleich heiratet.“

Ich verziehe das Gesicht zu einer belustigten Grimasse und werfe ihr einen ungläubigen Blick zu. „Aufm Pferd?“

Sie nickt. „Ja, man sagt doch, wer runterfällt, soll schnell wieder aufsteigen. Gilt das nicht auch für Beziehungen?“

Anscheinend ist ihr selbst nicht bewusst, wie merkwürdig sich das gerade anhört.

„Eigentlich ist sie ja nie richtig runtergefallen“, pariere ich.

Nun verzieht Alessa ihr Gesicht. Sie grinst. „Stimmt auch wieder.“

Das Meer in ihren Augen scheint keck über den Rand schwappen zu wollen. Ebenso wie mein hüpfendes Herz. Es durchzuckt mich heiß und kalt und mir wird schlecht. Mir scheint, dass ich gerade dabei bin, mich in sie zu verlieben. Verdammt! Denn genau das hatte ich nicht gewollt.

Stur sehe ich wieder zurück auf die Fahrbahn, während ich versuche, meine Gedanken zu sortieren und den aufkeimenden Gefühlen Widerstand zu leisten.

„Und was sagen die beiden dazu? War es ihnen peinlich oder haben sie dir gegenüber wenigstens ein schlechtes Gewissen gezeigt?“

Ich zucke mit den Schultern. Versuche Alessa dabei um Gottes willen nicht anzusehen. „Keine Ahnung.“

„Was heißt keine Ahnung? Willst du nicht drüber reden?“

Für einen Moment überlege ich. Schließlich fasse ich mir ein Herz. Ringe mich durch, zum ersten Mal darüber zu sprechen.

„Ich habe sie nach meiner Rückkehr versehentlich belauscht. Nadja wollte mir den Fehltritt beichten, doch Damian sagte zu ihr er wolle keine schlafenden Hunde wecken.

Das Bild, wie ich damals hinter der angelehnten Tür gestanden hatte und seine Worte mich wie ein Kugelhagel durchlöchert hatten, lässt mich plötzlich mit den Zähnen knirschen.

Als ich mich einigermaßen wieder im Griff habe, spreche ich leise weiter. „In einem stillen Moment habe ich sie darauf angesprochen. Sie hat mir dann alles gebeichtet und sich unter Tränen entschuldigt. Ich habe mir gedacht, okay, einmal ist vielleicht keinmal. Habe versucht, zum Alltag überzugehen. Doch ich bin einfach nicht damit klargekommen. Jedes Mal habe ich sie und Damian vor mir gesehen. Nackt. Das hat mich fertiggemacht. Deshalb habe ich mich irgendwann nach München versetzen lassen.“ Ich räuspere mich kurz. „Seitdem war ich auch nicht mehr zu Hause.“

Alessa schüttelt fassungslos den Kopf. „Unglaublich! Du bist einfach so abgehauen? Hat Nadja sich denn nicht bei dir gemeldet?“

Bei der Erinnerung an den Telefonterror seufze ich leise auf. „Doch. Immer wieder hat sie mich mit Anrufen bombardiert, mir auf die Mailbox gesprochen und mehrere SMS geschickt. Aber ich habe einfach nicht drauf reagiert. Wochen später hat sie sich Damian dann auch offiziell zugewandt.“

Traurigerweise wird mir plötzlich selbst klar, was ich all die Monate insgeheim gefühlt habe. Ich habe einen Riesenfehler gemacht, mich falsch verhalten und Nadja dadurch vermutlich noch in Damians Arme getrieben. Dennoch … Betrug bleibt meiner Meinung nach Betrug. Und den habe ich ihr einfach nicht verzeihen können.

„Und was war da mit deinem Ben?“, kontere ich, „dem Ex-Arsch? Da hast du auch nicht gerade das klärende Gespräch gesucht. Also, warum echauffierst du dich so?“

Alessa schürzt die Lippen und seufzt auf. „Stimmt, berechtigte Frage. Aber ich habe ihn schon wieder erwischt. Mit einer Kollegin. Ich glaube auch, dass das schon länger ging. Es gab da wie immer so einige Anzeichen. Überstunden, Frauengeruch, Flecken auf dem Hemd … deshalb habe ich mir die Aussprache schlicht und ergreifend gespart. Bringt ja doch nichts. Ben ist eben ein notorischer Fremdgänger und in dieser Beziehung unbelehrbar.“

Ich ziehe die Augenbrauen hoch. „Er hat das also schon öfter gemacht?“

Sie nickt. „Ich kann es schon gar nicht mehr zählen. Gefühlt an die hundert Mal. Deshalb rege ich mich vermutlich auch nicht mehr so sehr darüber auf. Eher über mich selbst. Weil ich mich immer wieder von ihm bequatschen lasse.“

Das kann ich ehrlich gesagt nicht nachvollziehen. Wie kann man mit so einem Menschen noch weiterhin zusammenleben?

„Wieso trennst du dich dann erst jetzt?“, will ich daher wissen.

Schnell sieht Alessa zur Seite. Sie meidet meinen Blick. Fährt mit dem Finger verlegen über die Dichtung am Fenster. „Keine Ahnung. Aus Angst, aus Hoffnung, aus Dummheit. Such dir einfach was aus.“

Ich habe Nadja nicht mal den einen Fehltritt verzeihen können. Wie wäre es mir erst gegangen, wenn ich gewusst hätte, dass es öfter passiert wäre oder sogar mit verschiedenen Männern? Vermutlich wäre ich durchgedreht.

Plötzlich kommt mir ein böser Gedanke. Entsetzt fahre ich mir mit der Hand durchs Haar. Mir wird schlecht.

Verdammt, ich habe nie hinterfragt, ob es vielleicht noch andere gab. Was, wenn Nadja solch eine notorische Fremdgängerin ist wie dieser Ben? Und Damian nur einer von vielen?

Alessa wirft mir einen fragenden Blick zu. „Alles in Ordnung? Du bist etwas blass um die Nase.“

Hastig nicke ich. „Nein nein, alles gut“, wiegele ich ab. Meine Beifahrerin sieht wieder nach vorne und ich versuche mich zu beherrschen.

Nadja, verdammt … aber es sind doch nicht alle Frauen so, oder?

„Darf ich dir vielleicht eine Frage stellen?“, rutscht es mir heraus. Alessa ist anders als Nadja, oder?

„Kommt drauf an“, gibt sie lachend zurück. „Meine Pinnummer für die Bankkarte werde ich dir ganz sicher nicht verraten.“

Ich lache auf, werde aber sofort wieder ernst. „Wärst du an Nadjas Stelle mit meinem Stiefbruder in die Kiste gesprungen, während ich im Ausland mein Leben aufs Spiel setze?“

Alessas dreht abrupt den Kopf in meine Richtung und sieht mich stirnrunzelnd an. In diesem Moment drückt ihr Blick tiefstes Bedauern aus.

„Nein, vermutlich nicht. Die Sorge, dass dir etwas zustoßen könnte, hätte meine Libido sicher im Keim erstickt.“ Sie seufzt leise auf. „Aber manchmal tun wir Menschen irrationale Sachen, die wir anschließend furchtbar bereuen. Deswegen würde ich für mich auch keine Hand ins Feuer legen.“

Es war nicht ganz die Antwort, die ich hören wollte. Aber zumindest ist Alessa ehrlich. Und das ist doch schon mal viel wert.

Alessa

Nachdem ich den ersten Schock überwunden habe, fahren meine Gedanken Achterbahn. Das hat Sandro nicht verdient! Kein Mensch hat so etwas verdient! Betrogen zu werden, ist schon schlimm genug. Ich weiß es ja aus eigener Erfahrung. Aber schlimmer noch ist es, wenn der Betrug innerhalb der eigenen Familie stattfindet. Blut ist immer noch dicker als Wasser und der Schmerz somit größer. Deswegen kann ich seine Gefühle hundertprozentig nachvollziehen.

Zwar haben meine Eltern mich nicht betrogen, sondern nur stumm mit dem Schuldstempel gebrandmarkt, aber das kommt einem Betrug trotzdem sehr nahe. Eine Familie sollte eigentlich zusammenhalten. Sich gegenseitig stärken, stützen und nicht belügen, betrügen oder etwas vorwerfen.

Seufzend sehe ich aus dem Beifahrerfenster. Wir sind bald da. Und ich hoffe für mich, dass ich meinen Eltern nicht über den Weg laufe. Denn ich weiß nicht, wie ich nach der ganzen Zeit auf sie reagieren werde. Das Bedürfnis, mich in ihre Arme zu werfen, um Verzeihung oder Aufmerksamkeit zu betteln, gewinnt immer wieder die Oberhand, doch ich lasse es aus verletztem Stolz nicht zu.

Natürlich trage ich Mitschuld an Mirkos Unfall. Ohne mich wäre er vermutlich niemals in das Auto gestiegen. Aber ich habe es doch nicht absichtlich getan. Hatte ihn nicht dazu gezwungen, mit hundertachtzig Stundenkilometern über die Autobahn zu fahren. Warum konnten meine Eltern damals denn nicht verstehen, dass ich zutiefst bereute, mich für Ben entschieden und damit den Stein ins Rollen gebracht zu haben?

Sandro

Als wir auf der A52 an Essen-Kettwig vorbei sind, ist mir klar, dass ich gar nicht weiß, wohin ich Alessa eigentlich bringen soll.

„Wo wohnen denn deine Eltern? Nur damit ich weiß, wo ich dich absetzen muss.“

Alessa sieht auf die Uhr an ihrem Handgelenk und runzelt kurz die Stirn.

„Am besten bringst du mich nach Hattingen zur Holthauserstraße. Wenn du nach Bochum willst, ist es auch nur ein kleiner Umweg für dich.“

Ich stutze. „Aber sagtest du nicht, deine Eltern wohnen in Essen? Was willst du denn dann in Hattingen?“

Sie nickt mir zu. „Mein Bruder wohnt dort, ich will ihm nur schnell einen kurzen Besuch abstatten.“

Aufgrund ihrer Erklärung greife ich schließlich zum Navi, um die Straße einzugeben. Doch Alessa greift nach meinem Handgelenk.

„Brauchst du nicht, ich kenne mich aus und führe dich, okay?“ Sie hält meinen Arm auch weiterhin fest.

Ich traue mich nicht, ihn wegzuziehen. Im Gegenteil: Ich finde es sogar schön, da ihre Berührung an der Stelle bei mir ein leises Kribbeln verursacht.

Verwirrt schaue ich sie an. Alessa mustert mich. Leider ist es bereits viel zu dunkel im Auto, um eine Gefühlsregung in ihren Augen erkennen zu können. Schließlich lässt sie mich los und das Ameisenkribbeln verschwindet.

Alessa

Immer wieder streife ich mir die Finger an meinem Minirock ab, aber das Prickeln an meiner Hand ist nach wie vor da. Herrje, was ist denn bloß los mit mir? Natürlich verbindet uns einiges: die Bundeswehr, das Fremdgehen. Und sicher – ich finde ihn attraktiv, keine Frage. Aber dennoch ist er ein Kerl. Und ich habe mir geschworen, mich nicht mehr auf einen einzulassen. Schon gar nicht in meiner jetzigen Situation. Weder weiß ich, wo ich heute Nacht schlafen werde, noch wie es in Zukunft für mich weitergeht. Da kann ich doch keinen Mann gebrauchen.

Vielleicht sollte ich mir einen Anwalt nehmen, der das für mich regelt. Immerhin gehört die Hälfte der Einrichtung mir. Und das Sparbuch! Aber so, wie ich Ben kenne, wird er es nicht einfach so herausrücken. Sich damit rausreden, dass er der Großverdiener ist und mir sogar noch den Job im Call-Center besorgt hat.

Seufzend bemerke ich, wie wir der Ausfahrt Bochum-Wattenscheid näher kommen. Gleich ist unsere gemeinsame Reise zu Ende. Soll ich mir vielleicht Sandros Handynummer geben lassen? Nur zur Sicherheit?

„Hier musst du runter“, flüstere ich ihm zu. In meinem Bauch zieht es. Mein Herz klopft und ich will nicht aussteigen. Nicht jetzt!

„Okay“, gibt Sandro zurück. Er setzt den Blinker.

Verdammt, Alessa! Erst musst du dein Leben wieder in den Griff bekommen. Sandro ist so ein netter Kerl, der eine dermaßen verkrachte Existenz wie dich nicht verdient hat. Und außerdem ist er bestimmt auch kein Kerl, der sich mit einer verheirateten Frau einlassen würde.

Sandro

Von der Autobahn aus führt Alessa mich zielstrebig bis zu einer Straßenecke, an der ich sie rauslassen soll. Natürlich steige ich aus und helfe ihr mit ihrem Trolley. Sie knöpft derweil ihren dünnen Trenchcoat weiter zu und stellt den Kragen auf. Verlegen lasse ich meine Hände in den Taschen der Tarnhose verschwinden. So stehen wir uns schließlich gegenüber.

Kleine Dampfwölkchen steigen empor und Alessa beginnt umgehend, wieder zu bibbern. Es tut mir in der Seele weh, sie so frieren zu sehen. Dennoch widerstehe ich dem Drang, sie an mich zu ziehen und mit meinem Körper zu wärmen. „Soll ich dir vielleicht meinen Dienstpulli leihen? Die Dinger sind zwar nicht schön, halten aber echt warm.“

Alessa lächelt verhalten. „Besser nicht. Bundeswehrgrün steht mir nicht so gut, weißt du?“

Betreten sehe ich zu Boden. Mir wird ganz komisch im Bauch. Mein Hals zieht sich zu. Eigentlich mag ich sie gar nicht gehenlassen. Möchte mit ihr am liebsten noch mal zurück nach Kranzberg und wieder nach Hattingen fahren. Dennoch hat alles Schöne irgendwann auch ein Ende.

Ich sehe sie an und räuspere mich vor lauter Verlegenheit. „Dann sieh zu, dass du schnell ins Warme kommst. Und melde dich mal bei mir, ja?“ Meine Stimme klingt ungewöhnlich heiser.

Sie nickt und schlägt die Augen nieder. „Danke noch mal fürs Mitnehmen, Sandro. Du hast echt was gut bei mir.“

Abrupt dreht sie sich rum, stöckelt nun links die Straße entlang. Ihr Trolley rollert leise hinterher.

Seufzend sehe ich ihr für einen Moment nach, dann schwinge ich mich wieder ins Auto und gebe die Adresse von zu Hause in mein Navi ein. Allerdings kann ich mich irgendwie nicht recht überwinden zu fahren. Nachdenklich sehe ich deshalb für einen Moment aus dem Fahrerfenster die Straße hinab. In der Ferne kann ich einen hellen Punkt ausmachen – Alessas Trenchcoat.

Alessa

Während ich den Weg zur Klinik entlangstakse, versuche ich mich daran zu erinnern, wie das letzte Weihnachten mit meiner Familie war. Ich weiß noch, dass meine Mutter Gans mit Rotkohl und Klößen gekocht hatte. Zum Nachtisch gab es Creme Caramel mit Vanillesoße. Papa hatte anschließend in seinem Fernsehsessel gesessen, Mirko an seinem neuen Handy gedaddelt. Wir zwei Frauen wollten nur schnell das Geschirr spülen.

Das Bild, wie das Weinglas in Mutters Hand zerbrach, als ich ihr von Bens Heiratsantrag erzählt hatte, lässt mich auch heute noch zusammenzucken.

„Du willst ihn doch nicht wirklich annehmen, oder?“, hatte sie mit weit aufgerissenen Augen geflüstert. In diesem Moment konnte und wollte ich sie nicht verstehen. Ich war total wütend auf sie. War überzeugt davon gewesen, sie müsse sich doch mindestens genauso über den Antrag freuen wie ich. Aber Mutter hatte scheinbar viel eher durchschaut, was Ben für ein Mistkerl war.

Aber so, wie die Glasscherbe in Mutters Daumen schnitt, als ich das bejahte, so schnitt mir ihre schockierte Reaktion in mein Herz.

Ich betrete die Klinik und laufe auf den Aufzug zu, dessen Türen offen stehen. Entschlossen haste ich los, um ihn noch zu erwischen. Zitternd betätige ich schließlich den fünften Knopf von unten. Als sich die Türen schließen, muss ich schwer schlucken.

Nach dem Streit mit meiner Mutter am Heiligabend hatte ich mich wütend ins Auto gesetzt und fuhr zurück nach München. Wochenlang hatten meine Eltern auf mich eingeredet und mich davon überzeugen wollen, den vermutlich größten Fehler meines Lebens nicht zu begehen. Bis ich, stur wie ich nun mal war, mit Ben einfach ohne sie vor den Traualtar trat. Mirko, dem ich als einzigem davon erzählt hatte, wollte mich noch davon abhalten. Aber geschafft hatte er es dann leider nicht mehr.

Details

Seiten
0
Erscheinungsform
Erstausgabe
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783960875840
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v444900
Schlagworte
liebe-frauen-roman-tik-liebes-e-drama-literatur clean-and-cosy wholesome-feel-good-romance uniform-militär-military-soldat weihnachten-love-story herz feier-tag-e-holiday-s

Autor

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    Jennifer Wellen (Autor)

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Titel: Wenn der Winter dich küsst (Liebe)