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London Love - Herz über Kopf (Chick- Lit, Liebe)

von Dorothea Stiller (Autor)

2018 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

Für Sarina steht fest: Leo mit den grünen Augen und den wilden Locken ist ihr perfekter Traummann. Dumm nur, dass er nach einer gemeinsamen Nacht nach London verschwindet, ohne eine Adresse oder Telefonnummer zu hinterlassen. Ein Fall von Ghosting? Sarina kann es nicht glauben. Manchmal muss man eben um sein Glück kämpfen. Kurzentschlossen fliegt sie nach London, um Leo zu finden und dem Schicksal auf die Sprünge zu helfen. Dabei lernt sie die flippige Finnin Päivi kennen, die dort ebenfalls jemanden finden möchte – ihren Vater.

Auf ihrer turbulenten Suche landet Sarina im Tourbus einer berühmten Rockband, bei einem Champagnerdate im Vertigo42, auf einer Taxirundfahrt durch London in Unterwäsche und findet das ganz große Glück. Eine Geschichte über das Suchen und Finden, über schicksalhafte Begegnungen, Freundschaft und eine besondere Liebeserklärung an eine einzigartige Stadt.

Impressum

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Neuausgabe Oktober 2018

Copyright © 2018, dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

ISBN: 978-3-96087-555-0
Taschenbuch-ISBN: 978-3-96087-444-7

Covergestaltung: Miss Ly Design
unter Verwendung von Motiven von
©Polina Katritch/shutterstock.com und ©Yana Fefelova/shutterstock.com
Korrektorat: Ruth Papacek

Dies ist eine überarbeitete Neuausgabe des bereits 2016 bei Forever erschienenen Titels Love on Air – Verliebt in London (ISBN: 978-3-95818-063-5).

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

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1

Das Erste, was Sarina an diesem Morgen spürte, war das leise Dröhnen in ihrem Kopf, welches davon zeugte, dass es gestern ein paar Gläser zu viel gewesen waren. Doch noch etwas durchdrang die wattigwollige Schlaftrunkenheit und kitzelte ihre Nase: Es war der Duft seines Parfums. Sie streckte sich, wagte aber nicht, die Augen zu öffnen, aus Angst, es könnte alles nur ein Traum gewesen sein. Sie fühlte sich angenehm matt und wider Erwarten kopfschmerzfrei. Das mussten die Endorphine sein. Eine Flut von Bildern strömte durch ihr noch immer cocktailtrunkenes Hirn, und unwillkürlich musste sie lächeln. Eine wundervolle Nacht! Fast zu schön, um wahr zu sein. Sie und er. Sarina und Leo, ihr perfekter Traummann. Der, den sie vor rund zehn Jahren bereits beim Universum bestellt hatte. Und er lag hier in ihrem WG-Zimmer, in ihrem Bett.

Sarina rollte sich auf die Seite, streckte den Arm aus und ertastete: nichts. Die Matratze neben ihr fühlte sich kühl an. Ungläubig blinzelte sie ins Halbdunkel ihres Schlafzimmers. Die andere Bettseite war leer.

Sarina setzte sich ruckartig auf, was ihr Magen ihr für einen Moment übelnahm. Sie atmete ein paar Mal tief durch die Nase ein und aus, und das flaue Gefühl legte sich wieder. Hatte sie vielleicht doch nur geträumt? Ihr verschwommener Blick schweifte durch den Raum und suchte nach Hinweisen. Ohne ihre Kontaktlinsen sah sie zwar nicht besonders gut, aber ihre Klamotten von gestern Abend lagen tatsächlich wild verstreut auf dem Boden, und wenn sie nicht alles täuschte, baumelte ihr neuer roter Push-up-BH von der Schreibtischlampe. Nein, sie hatte eindeutig nicht geträumt. Während sie noch darüber nachdachte, ob er sich klammheimlich aus dem Staub gemacht hatte, fiel ihr auf, dass nebenan im Bad die Dusche rauschte. Sie lächelte, schlüpfte aus dem Bett, zog sich einen Slip und ein T-Shirt an und lief in den Flur. Als sie vor der Badezimmertür stand, hörte sie, wie die Dusche abgestellt wurde. Kurz darauf ertönte das metallische Klirren der Duschvorhangringe.

Fast zärtlich klopfte sie mit dem Fingerknöchel an die Tür.

„Leo? Ich setze Kaffee auf. Möchtest du auch einen?“

Drinnen war das Rascheln eines Handtuchs zu hören. Dann öffnete sich die Tür und der Kopf ihrer Mitbewohnerin Kathi erschien, deren Haare zu einem pinkfarbenen Frotteeturban aufgeschlungen waren.

„Ich heiße zwar nicht Leo, aber einen Kaffee nehme ich gerne“, sagte Kathi grinsend.

„Haha, sehr lustig, Kathi!“

Sarina gab einen Grunzlaut von sich und verschwand in Richtung Küche. Auf dem Weg streifte ihr Blick eine neonpinkfarbene Haftnotiz an der Haustür. Sarina zupfte das Zettelchen ab und las:

Ich musste los. Sei mir nicht böse. Wir sehen uns! Leo

Sarina zog die Nase kraus und las noch einmal. Wir sehen uns? Was hatte das nun zu bedeuten? Hieß das, dass er sie wiedersehen wollte, oder war das nur eine höfliche Umschreibung für „Vielen Dank für den One-Night-Stand – bis irgendwann mal“? Während sie noch über Leos Notiz grübelte, tauchte Kathi im Flur auf.

„Dann war Leo noch mit hier? Wann wart ihr denn zu Hause?“ Sie schaute sich um. „Und wo steckt er?“

Wortlos hielt Sarina ihrer Freundin Leos Zettel unter die Nase.

Kathi runzelte die Stirn. „Okayyy …“, sagte sie gedehnt. „Heißt das jetzt, das war eine einmalige Sache?“

Sarina zuckte mit den Schultern. „Keinen Schimmer. Das wüsste ich ja auch gerne.“

„Warum rufst du ihn nicht an?“, schlug Kathi vor.

„Du bist lustig. Ich habe doch seine Nummer gar nicht.“ Sarina zerknüllte die Notiz in der Hand und betrat die Küche.

„Ich brauche jetzt erst einmal einen Kaffee.“

Missmutig starrte Sarina in ihre Tasse, während sie das zusammengeknüllte Post-it wie einen Fußball mit dem Finger auf dem Tisch hin und her schnippte.

„Warum hab ich ihn denn nicht nach seiner Nummer gefragt?“

„Na ja, sieh es positiv!“ Kathi grinste. Ihr gelang es meistens, den Dingen noch eine heitere Seite abzugewinnen. „Du bist schon erheblich weiter als die meisten anderen, die nach einer Party mit jemandem im Bett landen. Immerhin kennst du seinen Namen.“

„Sehr witzig, Kathi.“ Ärgerlich schnippte Sarina das Papierbällchen gegen Kathis Kaffeetasse. „Ich könnte ausflippen. Jetzt hatte ich überhaupt keine Chance, ihm zu sagen, was ich für ihn empfinde.“

„Das ist auch so etwas.“ Kathi nippte an ihrem Kaffee. „Warum bist du dir eigentlich so sicher, dass Leo der Mann deines Lebens ist? Genau genommen kennst du ihn doch so gut wie gar nicht und hast kaum mehr als ein paar Worte mit ihm gewechselt.“

Sarina stieß einen langen Seufzer aus und nahm ebenfalls einen Schluck Kaffee.

„Das ist eine lange Geschichte.“

„Schieß los, ich hab Zeit.“ Kathi deutete mit dem Kinn in Richtung Kühlschrank. „Der Putzplan sagt, dass ich heute mit dem Bad dran bin. Jede Ausrede, die mir hilft, mich davor zu drücken, ist willkommen.“

Sie wackelte mit den Augenbrauen, womit sie Sarina ein kleines Lächeln entlockte.

„Sag mal, hast du eigentlich irgendwann auch mal schlechte Laune?“

„Nö.“ Kathi schüttelte vehement den Kopf. Der Handtuchturban, der bis dahin immer noch auf ihrem Kopf gethront hatte, glitt zu Boden und ihre schwarzen Locken fielen ihr auf die Schultern. „Das Leben ist zu kurz, um es mit mieser Laune zu verschwenden. Also los, erzähl.“

Sie angelte mit den bloßen Füßen nach dem Handtuch, bekam es mit den Zehen zu fassen und grinste triumphierend, als sie es mit einer geschickten Verrenkung in ihre Hand befördert hatte.

„Ich fürchte, da muss ich ein bisschen ausholen“, begann Sarina ihre Erzählung.

Sarina war dreizehn Jahre alt und schrecklich verliebt in Nils. Er war toll: groß, sportlich, lässig, selbstbewusst, hatte wunderschöne, meergrüne Augen und dunkle Locken. Im Basketball war er unschlagbar und er war der Leadgitarrist der Schulband. Nils war von vorne bis hinten ein Traum, und Sarina liebte ihn mit jeder Faser ihres jugendlichen Herzens – doch leider vergebens. Die beginnende Pubertät hatte ihr übel mitgespielt. Sarina kämpfte noch mit dem Babyspeck, da bescherten ihr die Hormone auch schon Pickel. Immer genau dann, wenn es besonders ungünstig war, und immer an prominenten Stellen. Mal am Kinn, mal auf der Nase, mal auf der Stirn oder, wie an dem Tag, als das Klassenfoto gemacht wurde, an allen drei Stellen gleichzeitig. Sie hatte sich von einem ambitionierten Friseur zu einem Pixie-Cut überreden lassen, der ihr leider überhaupt nicht stand, und mit dem sie aussah wie ein Junge. Und als hätte das nicht vollkommen gereicht, bekam sie noch Brille und Zahnspange verpasst. Kurzum, sie sah aus wie ein kleiner, pummeliger Junge mit Brille und Zahnspange. Und Nils – ein typischer Vierzehnjähriger – hatte das Konzept der inneren Werte noch nicht verstanden. Er flog auf die langen blonden Locken und den bereits deutlich erkennbaren Busen von Janina.

Sarina hatte schreckliche Angst gehabt, für immer ungeküsst zu bleiben. Also hatte sie sich auf Sandra Adamczyks Karnevalsfeier erbarmt und Dennis geküsst, den etwas zu kurz geratenen Klassenclown. Immerhin hatte er hübsche braune Augen und einen tollen Sinn für Humor. Das hatte sich Sarina zumindest gesagt, als sie ihn geküsst hatte. Es war nass gewesen. Nass und schlabberig. So, als hätte man eine Nacktschnecke abgelutscht. Eine Nacktschnecke, die nach einer aparten Mischung aus Erdnussflips und Juicy-Fruit-Kaugummi schmeckte. Bis zum heutigen Tag machte Sarina einen weiten Bogen um beides.

Und an jenem Abend hatte sie sich geschworen, nie wieder Kompromisse einzugehen, was die Liebe anging. War er nicht perfekt, war er nicht für sie.

Am nächsten Tag hatte sie sich hingesetzt und eine Postercollage von ihrem perfekten Traumprinzen gebastelt. Aus Mädchenzeitschriften ausgeschnitten, mit den Eigenschaften ihrer Lieblings-Buchhelden versehen, die sie in Stichpunkten auf dem Bild notiert hatte. Ihr perfekter Mann war groß, hatte dunkle Locken und grüne Augen – genau wie Nils. Er war natürlich sportlich. Nach Möglichkeit war er ein Prinz – oder wenigstens adelig. Zur Not auch Schauspieler oder Popstar. Modisch gekleidet musste er sein, ein strahlendes Lächeln haben und schöne Zähne. Pianistenhände! Jedenfalls keine Pranken, keine ungepflegten Nägel oder schwitzigen Handflächen. Er würde mehrere Fremdsprachen sprechen. Und selbstverständlich war er auch nicht arm. Er musste Bücher lieben, intelligent sein, romantisch und Nichtraucher. Und natürlich musste er küssen können. Küssen und dabei weder nach Erdnussflips noch nach Fruchtkaugummi schmecken! Gut riechen sollte er auch. Weder nach Schweiß oder sonstigen Ausdünstungen, noch nebelte er sich mit aufdringlichen Düften ein. Ein guter Tänzer musste er sein, höflich und respektvoll. Er würde niemals ungeniert oder zur Unterhaltung anderer rülpsen, pupsen oder popeln. Sein Verständnis von Humor wäre es auch nicht, Furzgeräusche mit der Achselhöhle zu erzeugen. Stil und Klasse würde er haben, einfach … rundum perfekt sein! Sarina besprühte ihr Machwerk noch mit ein paar Spritzern der Parfumprobe, die ihr Vater neulich in der Drogerie bekommen hatte und die wahnsinnig gut roch. Anschließend verstaute sie den Papier-Traummann feierlich in einem Karton, den sie bemalte und mit Glitzer bestreute. Dann hatte sie ihre Wunschbox unter dem Bett verstaut und sich darauf gefreut, dass ihr das Universum bald den bestellten Traumprinzen liefern würde.

Mit den Jahren waren Sarinas Haare gewachsen, Pickel und Babyspeck hatten sich verflüchtigt, die Zahnspange war entfernt worden und Sarina hatte ihre Mutter überreden können, die Brille durch Kontaktlinsen zu ersetzen, als sie in den Schwimmverein eingetreten war. Mittlerweile war Sarina beim männlichen Geschlecht deutlich im Kurs gestiegen. Ihr honigblondes Haar fiel in weichen Wellen über ihre Schultern, ihre langen, schlanken Beine machten sowohl in Jeans als auch im Minirock Eindruck, und ihre graugrünen, nunmehr brillenlosen Augen leuchteten unter dichten, dunklen Wimpern.

Sarina hatte sich nach Kräften bemüht, ihre Ansprüche in Sachen Traummann hochzuhalten, wenn sie auch über die Jahre einige ihrer Forderungen als optional – da unrealistisch – eingestuft hatte. Etwa die Sache mit dem Prinzen, Rockstar oder Schauspieler.

Dennoch hatte sie stets Abstriche machen müssen. Den strengen Traummann-Kriterien ihres dreizehnjährigen Selbst hatte bisher niemand in allen Punkten standhalten können. Ob das der Grund dafür war, dass ihre Beziehungen nie von langer Dauer und pauschal betrachtet enttäuschend waren, konnte Sarina nicht sagen.

Schließlich lernte sie zu Beginn ihres Studiums auf einer Party Joachim kennen. Er war der Freund eines ihrer Mitbewohner. Damals hatte sie noch in ihrer ersten Studenten-WG gewohnt. Joachim schien wie für sie gemacht. Bis auf die Haarfarbe erfüllte er so gut wie alle Kriterien auf ihrer Liste. Doch nach ein paar Monaten hatte sie feststellen müssen, dass nichts von dem, was er ihr über sich erzählt hatte, stimmte. Offenbar hatte er in ihrem Zimmer herumgeschnüffelt, war auf ihre Wunschkiste gestoßen und hatte ihr den perfekten Traumprinzen vorgespielt. Daraufhin hatte sie die Kiste in eine spinnenverseuchte Ecke auf dem Dachboden ihres Elternhauses verbannt.

Sarina fürchtete fast, sie habe sich mit der Traummann-Wunschkiste unbeabsichtigt selbst mit einer Art Fluch belegt. Gib acht, was du dir wünschst – hieß es doch. Doch wie wurde man so einen Fluch wieder los? Sarina war überzeugt, es gebe nur einen Weg: Sie musste den Wunschkisten-Traummann finden. Dann erst würde sich ihr Liebesschicksal zum Guten wenden.

Schon hatte sie sich als verbitterte alte Jungfer enden sehen, als unverhofft Leo in ihr Leben gestolpert war – und zwar wörtlich, über ihre ausgestreckten Beine im überfüllten Seminarraum. Sie hatte ihm geholfen, seine verstreuten Siebensachen aufzuheben – unter anderem eine spanische Taschenbuchausgabe von Hundert Jahre Einsamkeit von Gabriel García Márquez (gleich zwei Haken auf der Traummann-Liste: Bücher und Fremdsprachen). Der Blick aus seinen wundervollen, graugrünen Augen hatte Sarina wie der Blitz getroffen, und ein leiser Hauch eines Duftwassers, das genauso roch wie ihr Traummann-Duft, hatte ihre Nase gekitzelt. So dezent und leicht, dass sie sich am liebsten an seine Brust geworfen und ihre Nase in seinem Hemd vergraben hätte, um den Duft aufzusaugen. Seine schwarzbraunen Locken waren ihm neckisch in die Stirn gefallen, als er sich mit einem strahlenden Lächeln und einem warmen, trockenen Händedruck bedankt und auf einem freien Stuhl zwei Plätze weiter niedergelassen hatte. Natürlich hatte Sarina gleich auf der Anwesenheitsliste nachgesehen und wusste seither, wie er hieß: Leo. Leo von Wietersheim. Wenn schon kein Prinz, so klang sein Nachname wenigstens adelig. Und dann hatte sie auf einem Plakat im Mensa-Foyer entdeckt, dass Leo in der Theatergruppe „The Bard’s Players“ den Hamlet gab. O Gott! Auch noch Schauspieler! Seither hatte sie ihn intensiv beobachtet und ihn – zu ihrem Entzücken – auch noch nie mit einer Zigarette oder beim Popeln erwischt. Leo war wahrhaftig der fleischgewordene Wunschkisten-Mann. Aus diesem Grund sehnte Sarina die Mittwochnachmittage herbei wie andere das Wochenende. Mit verträumtem Blick saß sie jeden Mittwoch im Seminar für Mediengeschichte und Medienästhetik und brachte die neunzig Minuten damit herum, jede seiner Bewegungen zu beobachten, während sie Blümchenranken und Herzchen in ihren Collegeblock kritzelte. Die perfekte Blaupause ihrer Träume war unerwartet über ihre Beine gestolpert. Es musste einfach Schicksal sein.

Leider hatte die Sache zwei kleine Schönheitsfehler. Einer davon war Sarinas notorische Schüchternheit, was Männer anging. Sie hatte sich schon so oft vorgenommen, ihn anzusprechen und zu fragen, ob er mit ihr in die Mensa oder in die Cafeteria gehen wollte. Aber sie hatte jedes Mal gekniffen.

Die einzigen Worte, die sie bislang mit ihm gewechselt hatte, waren ein paar launige Kommentare vor dem Seminar gewesen, wenn sie noch in Grüppchen zusammenstanden und auf den Dozenten warteten.

Sicher hätte sie sich eines Tages ein Herz gefasst und ihn angesprochen, wäre da nicht Schönheitsfehler Nummer zwei gewesen. Merle, die attraktive Brünette, die ihn immer nach dem Seminar abholte. Seine Freundin. Sarina kannte sie flüchtig aus der Ringvorlesung „Positionen der Medienwissenschaft“. Sie war total nett und taugte noch nicht einmal zum Feindbild. Doch gestern auf der Semesterabschlussparty der Medienwissenschaftler hatte sich das Blatt gewendet.

Sarina hatte mit Kathi und Inga schon während des Stylings ordentlich mit Hugo vorgeglüht, und so waren sie bester Laune und etwas übermütig auf der Party eingetroffen, wo sie sich gleich eine Runde Cocktails gönnten und die Tanzfläche unsicher machten.

„Puh! Ich brauche eine Pause!“, stöhnte Sarina, und die drei Freundinnen suchten sich ein ruhiges Eckchen am anderen Ende der Tanzfläche, um eine Weile zu verschnaufen und das Feld zu sondieren.

„Ist das da drüben nicht dein Leo?“

Inga deutete zur Bar, bei der Leo mit ein paar Kommilitonen stand.

„Er ist nicht mein Leo. Er ist Merles Leo“, seufzte Sarina.

„Sie scheint aber heute nicht dabei zu sein“, sagte Kathi und schaute sich um.

„Und ich finde, er sieht irgendwie traurig aus“, sinnierte Inga.

„Wunschdenken!“, wehrte Sarina ab. „Hört bloß auf, mir falsche Hoffnungen zu machen. Vielleicht hatte sie keine Lust auf die Party oder sie ist bloß kurz auf der Toilette.“

„Papperlapapp!“ Kathi wedelte ungelenk mit der Hand in der Luft herum. Ihre Wangen hatten schon dieses verräterische Glühen, das sie immer annahmen, wenn Kathi etwas zu tief ins Glas geschaut hatte. „Was hast du schon zu verlieren? Schlimmstenfalls holst du dir einen Korb. Es nützt doch nichts, wenn du ihn bloß aus der Ferne anschmachtest.“

Inga nickte und sah Sarina herausfordernd an. „Also, irgendwie hat Kathi ja recht. Wann, wenn nicht jetzt? Wo, wenn nicht hier?“ Sie knuffte Sarina in die Seite. „Na, komm schon. Worauf wartest du?“

„Ich weiß nicht …“ Sarina verschränkte die Arme vor der Brust. „Was soll ich denn sagen? ,Hallo, ich bin die Sarina und du bist der Mann meines Lebens‘?“

„Quark. Für den Anfang reicht es, wenn du ihn einfach fragst, ob er Lust hat, mit dir zu tanzen“, meinte Inga grinsend.

Sarina schien kurz zu überlegen. Dann schüttelte sie den Kopf. „Nein. Das ist doch total aufdringlich.“

„Jetzt oder nie!“, platzte es etwas zu laut aus Kathi heraus und noch bevor Sarina sie festhalten konnte, war sie losgelaufen und quer über die Tanzfläche auf Leo zugestolpert.

„Ach du Scheiße! Bitte nicht!“, entfuhr es Sarina. Sie wagte es kaum, hinzusehen, als Leo den Blick hob und sie prüfend über Kathis Schulter hinweg taxierte. Ein amüsiertes Lächeln breitete sich auf seinen Lippen aus.

„Verdammt, ist das peinlich! Inga! Ich muss hier raus!“, stieß Sarina hervor.

„Zu spät. Er kommt rüber“, kicherte Inga und stieß ihr den Ellenbogen in die Seite.

„Na toll!“, schimpfte Sarina. „Ihr findet das natürlich ungemein witzig.“

Sie wünschte sich im Augenblick nichts sehnlicher, als dass sich der Boden auftun und sie verschlucken möge.

Leo hielt breit grinsend auf sie zu. Er legte ihr leicht die Hand auf die Schulter und beugte sich zu ihr herunter.

„Hi! Ich bin Leo“, raunte er in ihr Ohr. Sein Atem kitzelte angenehm. „Ich habe gehört, hier wird noch ein Tanzpartner gesucht?“

„Ich bin Sarina. Gott, das ist mir so peinlich!“, stöhnte Sarina. „Meine Freundin ist schon ziemlich betrunken. Ich hoffe, du denkst nicht …“

„Ach, Quatsch“, unterbrach Leo sie und lächelte schelmisch. „Das Denken hab ich nach dem zweiten Cocktail für heute Abend vorläufig eingestellt. Außerdem fand ich es irgendwie süß! Was ist nun? Wollen wir?“ Er zwinkerte, reichte ihr die Hand und deutete mit der anderen auf die Tanzfläche.

„Ach, was soll’s?“, murmelte Sarina und ließ sich von Leo mitziehen.

Sie drängelten sich zwischen die Tanzenden und ließen sich vom Rhythmus der Musik anstecken. Sarina war froh, nicht mehr ganz nüchtern zu sein. Sie fühlte sich angenehm enthemmt und würde ihre Gesichtsfarbe auf den Alkohol und die Wärme schieben können. Sie grinste verlegen, ließ die Zunge aus dem Mund hängen und zupfte mit zwei Fingern an ihrem Top, als müsste sie sich selbst Luft zufächeln.

„Ganz schön warm hier!“, brüllte sie über die Musik hinweg.

Leo griff nach ihrer Hand und wirbelte sie herum, so dass sie rücklings in seinen Armen landete.

„Ich würde sogar fast sagen … heiß!“

Sein Mund war dabei so nah an ihrem Ohr, dass ihr ein Kribbeln über die Haut lief. Abermals drehte er sie, stieß sie sanft von sich, ließ sie aber nicht los. Er lachte und drückte ihre Hand. Leo war ein guter Tänzer, bewegte sich fließend und im Rhythmus der Musik. Die meisten Typen traten vollkommen hüftsteif auf der Stelle von einem Fuß auf den anderen und bewegten höchstens leichte den Kopf. Leo war anders. Er hatte Rhythmusgefühl und konnte sich bewegen. Wieder ein Haken auf Sarinas Liste.

Sie tanzte näher an ihn heran, wiegte die Hüften und ließ ihre honigblonde Mähne herumwirbeln. Leo fasste sie sanft an den Hüften und wiegte sich mit ihr, seine grünen Augen waren fest auf sie geheftet. Genau in diesem Moment endete das Musikstück und es setzte eine langsamere Nummer ein. Der Augenblick war absolut perfekt. Sarina kam La Boum in den Sinn – die Szene, in der Mathieu Vic die Kopfhörer aufsetzt und mit ihr Klammerblues tanzt, während eigentlich eine schnelle Rock’n’Roll-Nummer gespielt wird. Sarina schmiegte sich in Leos Arme und konnte ihr Glück kaum fassen. Wenn es nach ihr gegangen wäre, hätte das langsame Stück ewig dauern können, doch es war viel zu kurz.

Lächelnd griff Leo nach ihrer Hand.

„Kommst du mit raus? Ein bisschen frische Luft schnappen?“

Sie setzten sich auf die Treppenstufen vor dem Gebäude. Es war eine laue Juninacht, die Sterne funkelten über ihren Köpfen, eine angenehme Brise streichelte ihre erhitzte Haut. Über der Wiese tanzten Glühwürmchen.

„Man glaubt gar nicht, dass es nachts zwischen diesen Betonklötzen so schön sein kann“, brach Leo das Schweigen.

Sarina lächelte. „Das stimmt. Tagsüber sollen wir ja auch fleißig studieren.“

„Du, es gibt da etwas, das ich dir sagen muss“, begann Leo und sah Sarina unverwandt an. Verflixt! Sarina wappnete sich innerlich. Jetzt würde er den schönen Traum zerstören, indem er das Gespräch auf seine Freundin Merle brachte.

„Also, das klingt jetzt wahrscheinlich ein bisschen doof. Ich hoffe, du denkst nicht schlecht von mir“, sagte Leo und wuschelte sich verlegen durch die dunklen Locken. „Ich habe mich total gefreut, als deine Freundin mich eben angesprochen hat. Du bist mir nämlich schon im Seminar aufgefallen, bloß …“

Sarina schluckte. Jetzt würde unweigerlich die Seifenblase platzen.

„Also, na ja, da war ich noch mit meiner Ex zusammen.“

Sarina hatte das Gefühl, ihr Herz habe einen Schlag übersprungen. Seine Ex? Bedeutete das etwa, er war nicht mehr mit Merle zusammen? Sie gab sich größte Mühe, nicht allzu erfreut auszusehen.

„Es lief schon eine Zeit lang einiges schief“, erklärte Leo. „Und vor zwei Wochen hat sie dann die Konsequenzen gezogen.“

„Oh. Das tut mir leid“, log Sarina.

Leo schüttelte den Kopf. „War definitiv besser so. Ich wusste schon länger, dass es vorne und hinten nicht mehr passte, aber ich habe mich vor der Entscheidung gedrückt. Ich glaube, ihr Frauen habt mehr Mumm als wir, was so etwas angeht.“

Sie schwiegen eine Weile und sahen den Glühwürmchen bei ihrem Tanz zu.

„Ich hätte richtig Lust, barfuß über die Wiese zu laufen“, sagte Sarina in die Stille.

„Warum tust du es nicht?“ Leo legte den Kopf schräg und sah sie herausfordernd an. „Wer als letzter seine Schuhe ausgezogen hat, muss dem Gewinner nachher einen Cocktail spendieren!“

„Tja … Pech! Das bist dann wohl du!“ Sarina lachte, kickte ihre Pumps von den Füßen und lief los. Leo schlüpfte hastig aus seinen Sneakers und lief hinter ihr her.

„Na warte! Ich krieg dich!“

Das Gras kitzelte unter Sarinas Fußsohlen, über ihr funkelten die Sterne und Glühwürmchen umschwirrten sie wie kleine Lampions. Perfekter hätte es nicht sein können. Sarina lief absichtlich langsamer, um Leo aufholen zu lassen. Er erwischte ihren Arm und sie ließ sich ins Gras fallen. Leo plumpste neben sie. Lachend schnappten sie nach Luft. Plötzlich schwebte Leos Gesicht nur wenige Zentimeter über ihrem. Seine Lippen näherten sich. Sarina schloss die Augen. Der Kuss war unbeschreiblich. Süß und fordernd, ein Versprechen auf den Lippen, das angenehm nach Erdbeeren und einem Hauch Salz schmeckte – was vermutlich an der Strawberry Margarita lag, die er zuvor getrunken hatte. Auf jeden Fall weit angenehmer als Erdnussflips und Fruchtkaugummi. Leo schmeckte nach Leidenschaft, nach Freiheit, Urlaub und nach mehr.

Sie hatten sich lange und leidenschaftlich geküsst. Schließlich waren sie noch einmal auf die Party gegangen, hatten sich an der Bar noch einige Cocktails gegönnt, getanzt, geknutscht und gefummelt, bis sie offenbar beschlossen hatten, das Ganze bei Sarina zu Hause fortzusetzen. Der Rest des Abends war eine Folge recht verschwommener Erinnerungen an deren Ende dieser Morgen stand, an dem Sarina nackt in einem Bett aufgewacht war, das nach Leo duftete, während ihr Push-up-BH als stummer Zeuge an der Schreibtischlampe baumelte.

Soweit also die Vorgeschichte. So perfekt der Abend gewesen war, so wenig entsprach sein Ende Sarinas Vorstellungen. Endlich hatte sie ihn gefunden, den Wunschkisten-Mann, hatte ihn geküsst, hatte eine zauberhafte Nacht mit ihm verbracht – doch sie hatte nie die Gelegenheit erhalten, ihm zu sagen, was sie für ihn empfand. Noch hatte diese Liebe keine echte Chance bekommen. Und ehrlich gesagt, in diesem Augenblick sah es dafür auch reichlich mau aus.

Allerdings stand eines für Sarina fest: Sie hatte nicht über zehn lange Jahre auf Leo gewartet, um ihn nun ohne Kampf wieder vom Haken zu lassen. Auch in den romantischsten Filmen war oft nicht beiden von Anfang an klar, dass sie füreinander bestimmt waren, eine Schicksalsliebe hatte immer Hindernisse zu überwinden. Sarina weigerte sich, zu akzeptieren, dass das schon alles gewesen sein sollte. Wahrscheinlich war sie für Leo nur eine Ablenkung gewesen, ein Trostpflaster für die Wunden, die seine Trennung von Merle gerissen hatte. Womöglich hatte sie auch die falschen Signale ausgesendet. Vielleicht hatte sie es zu sehr darauf angelegt, ihn ins Bett zu kriegen, so dass er einen falschen Eindruck von ihr gewonnen hatte. Hieß es nicht immer, man solle nicht gleich beim ersten Date mit einem Mann ins Bett gehen? Wahrscheinlich hatte er geglaubt, sie sei nur auf einen One-Night-Stand aus. Woher sollte er auch ahnen, dass er ihre große Liebe war? Derjenige, auf den sie so lange gewartet hatte, ihr Schicksal, ihr Seelenpartner? All das hatte sie ihm nicht sagen können.

Sie musste dringend mit ihm sprechen. Wenigstens wüsste sie dann, woran sie war. Das war sie sich und ihrer Selbstachtung schuldig. Außerdem war sie sicher, dass das letzte Kapitel zu ihrer Leo-Lovestory noch lange nicht geschrieben war. Es passte alles so perfekt – es musste einfach Schicksal sein! Das, oder das Schicksal hatte einen äußerst schrägen Sinn für Humor. Doch wie, wenn sie seine Telefonnummer nicht hatte, geschweige denn wusste, wo er wohnte? Google und Cyberstalking förderten keine brauchbaren Ergebnisse zutage. Er schien nicht einmal auf Facebook zu sein – jedenfalls nicht unter seinem Klarnamen.

2

Suchend blickte sich Sarina im Seminarraum um. Vielleicht hatte sie ihn bloß übersehen. Nein, nichts. Sie schaute auf die Uhr. Auch das akademische Viertel war schon längst verstrichen, und langsam gab Sarina die Hoffnung auf, dass Leo noch auftauchen würde. Verflucht! Warum hatte sie Samstagnacht nicht mehr daran gedacht, sich seine Nummer geben zu lassen? Allerdings hatte sie zugegebenermaßen auch nicht damit gerechnet, dass er sich am Morgen so schnell aus dem Staub machen würde. Man konnte nicht gerade behaupten, dass die Sache mit Leo so gelaufen war, wie Sarina es sich vorgestellt hatte. Heute war auch noch die letzte Seminarsitzung vor den Semesterferien. Wenn er ihr nicht zufällig auf dem Campus über den Weg lief, hatte sie keine Chance mehr, mit ihm zu sprechen.

Sarina stützte den Kopf in die Hände und versuchte, sich auf das Seminar zu konzentrieren, um sich von den Gedanken an Leo abzulenken. Ihr graute vor der Seminararbeit, die sie in den Semesterferien würde anfertigen müssen. Schließlich hatte sie – Leo sei Dank – von der Veranstaltung herzlich wenig mitbekommen. Sie sollte sich dringend von einem der Kommilitonen die Mitschriften kopieren. Natürlich! Die Semesterarbeit! Sarinas Herz klopfte aufgeregt, als sie sich daran erinnerte, dass sie ihre Adressen auf der Liste hatten eintragen müssen. Das bedeutete, dass Dr. Hörstrup wusste, wo Leo wohnte. Sie würde sich nur eine plausible Story überlegen müssen, warum sie die Anschrift dringend benötigte.

Mit klopfendem Herzen lauerte Sarina Dr. Hörstrup später im Flur auf. „Äh, entschuldigen Sie bitte, Dr. Hörstrup. Ich hätte da eine Bitte.“

Der Dozent klemmte seine Mappe unter den Arm und blieb stehen. „Ja?“

„Ja, also … Die Sache ist die … Ein Kommilitone hat letzte Woche seine Unterlagen liegen lassen. Ich habe sie mitgenommen, damit sie nicht abhandenkommen. Leider war er heute nicht im Seminar und ich habe seine Adresse und Telefonnummer nicht. Vielleicht könnten Sie …“

„Da müssen Sie sich an meine Hilfskraft wenden“, unterbrach Dr. Hörstrup sie unwirsch. „Für derlei Firlefanz habe ich keine Zeit.“

„Ja, dann, äh … nichts für ungut. Dann werde ich wohl mal da nachfragen. Danke.“

Sarina beeilte sich, zum Aufzug zu kommen, um die Hilfskraft noch im Büro anzutreffen. Vor der Tür zögerte Sarina kurz. Hoffentlich lauerte dahinter kein grantiger Vorzimmer-Drachen, der die Anschrift nicht rausrücken würde.

Sie klopfte an und wurde hereingebeten. Die Hilfskraft stand mit dem Rücken zu ihr auf der anderen Seite des Schreibtischs und sortierte einen Packen Unterlagen in eine Hängeregistratur.

„Einen Augenblick, bitte.“

Ihre Stimme klang jung und freundlich. Auch ihre langen Haare, die schlanke Figur und die legere Kleidung ließen vermuten, dass es eine studentische Hilfskraft war. Sarina schöpfte Hoffnung, dass sie bei einer Kommilitonin mit ihrem Anliegen auf Verständnis stoßen müsste.

„So, fertig.“ Die Frau schloss den Aktenschrank und drehte sich um. Sarina rutschte das Herz in die Hose. Das konnte doch wohl nicht wahr sein!

„Merle?“ Sarina hätte sich am liebsten einfach umgedreht und die Tür hinter sich zugeschlagen.

Merle zog kurz die Stirn kraus. Dann huschte ein Ausdruck des Erkennens über ihr Gesicht. „Sarina, richtig? Ich glaube, wir saßen ein paar Mal zusammen in der Ringvorlesung, stimmt’s?“

Sarina nickte. „Was machst du denn hier?“

Im gleichen Moment wurde ihr bewusst, dass die Frage ziemlich dämlich war. Merle lachte. „Na, ich arbeite hier. Ich bin seit drei Semestern Hilfskraft bei Dr. Hörstrup.“ Sie senkte die Stimme und beugte sich zu Sarina herüber. „Ein ziemlicher Choleriker, aber das Geld kann ich echt gut gebrauchen.“

Sarina versuchte sich an einem wissenden Grinsen, war aber immer noch viel zu perplex, um ihre Gesichtszüge vollkommen unter Kontrolle zu haben.

„Was kann ich denn für dich tun?“ Merle lächelte freundlich.

„Ich … ähm …“

Tja. Was konnte Merle nur für sie tun? Das war eine verdammt gute Frage. Sarina überlegte fieberhaft. Schließlich konnte sie Leos Ex schlecht nach dessen Adresse fragen. Ihr Blick huschte über den Schreibtisch, auf dem sich Hefter, Papiere und braune Umschläge stapelten. Was konnte sie nur wollen? Ihr Blick blieb auf einem Stapel bunter Plastikhefter hängen, vermutlich Seminararbeiten. Daneben lag ein Stoß zusammengehefteter Papiere mit einem farbigen Deckblatt. Zum Glück kam ihr in diesem Moment ein rettender Geistesblitz.

„Es ist mir ein bisschen peinlich“, sagte sie schließlich. „Ich muss noch meine Seminararbeit für das Seminar ‚Mediengeschichte und Medienästhetik‘ schreiben, aber ich kann meinen Reader einfach nicht mehr finden. Zu Hause habe ich schon alles auf den Kopf gestellt. Ich fürchte, ich muss ihn irgendwo in der Cafeteria oder in der Mensa liegen gelassen haben. Habt ihr vielleicht noch ein paar von den Readern für den Kurs?“

Merle blätterte durch den Stapel auf dem Tisch. „Das muss dir doch nicht peinlich sein. Das kann schließlich jedem passieren. Hm, hier liegt keiner mehr. Aber ich meine, ich hätte im Kopierraum noch einen Karton gesehen. Das waren die Reader mit dem blauen Deckblatt, oder?“

Sarina gab ihrem Gesicht einen erfreuten Ausdruck. „Ja! Ganz genau. Wenn ihr da noch einen für mich hättet, das wäre einfach super!“

„Ich gehe schnell runter und schaue nach. Ich bin ziemlich sicher, dass da noch welche waren. Leider muss ich dir dann noch einmal die fünf Euro Kopiergeld abknöpfen. Kannst du solange hier die Stellung halten?“

„Na klar“, versprach Sarina. „Das ist unheimlich lieb von dir, Merle.“

„Ach, kein Problem. Jeder Gang macht schlank. Ich bin gleich wieder da.“

Merle lächelte und verschwand durch die Tür in den Flur. Sarina seufzte erleichtert auf. Wie gut, dass ihr noch rechtzeitig eine plausible Ausrede eingefallen war, weswegen sie hier war. Merle war unglaublich nett. Warum es mit ihr und Leo wohl nicht gepasst hatte? Sarina runzelte die Stirn. Nein, darüber wollte sie lieber gar nicht nachdenken. Wichtig war, dass Leo wieder frei war. Vielleicht hatte es einfach nicht sollen sein und das Schicksal hatte ihn gerade im richtigen Augenblick für sie freigegeben. Sarina verschränkte die Arme vor der Brust und lehnte sich an die Schreibtischkante.

Zu spät merkte sie, wie die obersten Plastikhefter auf dem Stapel ins Rutschen kamen und zu Boden glitten. Mist. Sarina bückte sich, um sie aufzuheben. Dabei fiel ihr Blick auf eine gelbe Haftnotiz, die auf einem der Ordner klebte:

Seminararbeiten MG&MÄ – WS 17/18

Sarinas Herz begann zu pochen. Wintersemester 17/18. Das war ihr Kurs. Ob wohl …? Hektisch blätterte sie durch den Stapel bunter Kunststoffordner, bis sie schließlich einen blauen aus dem Stapel zog. Leo von Wietersheim. Mit zittrigen Fingern schlug Sarina das Deckblatt auf. Sie hätte am liebsten laut aufgejuchzt. Na also! Perfekter hätte es doch gar nicht laufen können. Sarina musste lächeln. Wer hätte gedacht, dass er zu den Leuten gehörte, die ihre Seminararbeit nicht auf den letzten Drücker anfertigten, sondern sogar noch vor den Semesterferien abgegeben hatten? Streber! Sie grinste und steckte den Hefter hastig wieder zwischen die anderen, als sie Schritte auf dem Gang hörte. Mit Unschuldsmiene ließ sie sich auf einem Stuhl in der Ecke nieder und lächelte zufrieden vor sich hin.

Die fünf Euro für den Reader waren auf jeden Fall sinnvoll investiert.

3

Sarina keuchte, während sie sich durch das muffige Treppenhaus in die achte Etage schleppte. Das Hochhaus hatte seine besten Tage vermutlich irgendwann Anfang der Siebzigerjahre gesehen, und dem altersschwachen Aufzug traute sie nicht über den Weg. Dass jemand mit dem Feuerzeug die Plastikabdeckung des Notrufknopfs angekokelt hatte, stärkte ihr Vertrauen nicht gerade. Als sie endlich im achten Stock angekommen war, blieb sie noch eine Weile stehen, um wieder zu Atem zu kommen und ihre normale Gesichtsfarbe wiederzuerlangen. Dann stieß sie die Drahtglastür zu dem Laubengang auf, der zu den zwei rechten Apartments führte. Ein Blick auf die Klingelschilder verriet ihr, dass Leos WG sich in dem hinteren Apartment befand. Sie fuhr sich noch einmal durch die Haare und zupfte den Ausschnitt ihres Tops zurecht. Dann drückte sie den Klingelknopf. Es dauerte eine Weile, bis von drinnen schlurfende Schritte zu vernehmen waren. Die Tür öffnete sich einen Spalt breit und ein Gesicht erschien. Eine schräge Kreuzung aus Ken und Reinhold Messner blickte ihr entgegen. Der junge Typ hatte seine kurzen Haare zu einem akkuraten Seitenscheitel frisiert. Dazu trug er einen üppigen, ordentlich in Form geschnittenen Kinnbart, der auch einem Rabbi gut zu Gesicht gestanden hätte. Die braunen Augen hinter den dicken, schwarzgerahmten Brillengläsern erschienen stark vergrößert. Bei näherem Hinsehen kamen sie Sarina gerötet vor. Nach einem prüfenden Blick auf Sarina öffnete der Mann die Tür vollständig. Sein tiefer V-Ausschnitt gab den Blick auf spärliche, schwarze Brustbehaarung und einen tätowierten Schriftzug frei. Sarina hätte zu gern gewusst, was dort stand, aber sie wollte nicht zu lange darauf starren.

„Hi!“, grüßte er knapp. „Komm rein.“

Dann verschwand er im Flur und ließ Sarina allein vor der geöffneten Tür stehen. Sarina trat ein und verharrte im Flur.

„Äh, hallo?“, rief sie.

„Komm einfach rein“, hörte sie eine Stimme aus dem Raum am Ende des Flurs. Verdächtige Nebelschwaden waberten durch die Tür in den Flur. Sarina blieb im Türrahmen stehen und schnupperte. Puh! Wenn sie länger hierblieb als unbedingt nötig, wäre sie allein vom Einatmen high.

Der Bärtige saß am Küchentisch über einer Tasse Espresso. Daneben auf dem Tisch lagen ein Päckchen Tabak und eine Packung Blättchen, von deren Deckel schon ein auffällig großes Stück Pappe abgerissen war.

„Setz dich. Ich bin übrigens Franco. Willst du einen Kaffee?“

Erst jetzt fiel Sarina der leichte Akzent und das gerollte r auf.

„Nein, danke. Ich bin Sarina und … na ja, eigentlich wollte ich zu Leo. Ist der da?“

Franco hob langsam den Blick von seinem Kaffee und sah Sarina lange an. Dabei kratzte er sich den Bart, als ob er schwer nachdenken müsste.

„Leo …“, murmelte er, zupfte drei Blättchen aus der Packung und begann, sie in aller Seelenruhe zusammenzukleben.

„Ja. Leo von Wietersheim. Dein Mitbewohner? Also, zumindest stand das an der Klingel“, versuchte es Sarina.

Franco rupfte eine Portion Tabak aus dem Päckchen, fischte nach einem braunen Klumpen, den er mit dem Feuerzeug anflämmte und zwischen Daumen und Zeigefinger zerbröselte.

„Ach Leo!“ Er nickte, während er die Krümel auf dem Tabak verteilte und das Ganze mit erstaunlichem Geschick zu einem trichterförmigen Gebilde aufrollte. „Der Typ, der hier wohnt.“

„Ja. Genau der.“ Sarina fühlte ihre Geduld auf die Probe gestellt. „Ist er nun hier oder nicht?“

„Hey, chill mal, ja?“ Franco stopfte mit dem kleinen Finger einige lose Tabakkrümel in die Tüte und zwirbelte das Papier oben zusammen. „Immer schnell, schnell, schnell. Und noch schneller. Höher. Weiter. Die Leute sind besessen von diesem elenden Leistungsdruck. Und das macht aggressiv. Wir hätten bestimmt nicht so viele Kriege, wenn die Leute mal chillen würden und einen Gang zurückschalten.“

„Ja. Äh. Das ist ja schön. Vielleicht hast du recht. Trotzdem wüsste ich echt gerne, wo Leo steckt.“ Es erforderte Sarinas gesamte Willenskraft, Franco nicht zu drängen. Doch sie wusste, dass Druck eher das Gegenteil bewirken würde.

Franco zündete den Joint an und nahm einen tiefen Zug. Er kniff die Augen zusammen, klopfte sich mit dem Daumen gegen die Brust, dann ließ er den Rauch langsam aus dem Mund strömen. Er hielt ihn Sarina hin.

„Nein, danke. Ich rauche nicht.“

Franco zuckte mit den Schultern und nahm noch einen langen Zug. „Musst du ja wissen.“

„Leo?“, erinnerte ihn Sarina.

„Der wohnt hier nicht“, erklärte Franco trocken.

„Wie bitte?“ Sarina war verwirrt. „Aber der Name steht doch an der Klingel.“

Franco nickte, während er den Rauch in der Lunge behielt und schließlich unter Husten ausstieß.

„Ja. Der hat hier gewohnt. Ich kann so lange in seinem Zimmer pennen.“

„Aha. Was heißt das, der hat hier gewohnt? Wo wohnt er denn jetzt?“

Franco kratzte sich wieder den Bart und starrte Löcher in die Luft, während er angestrengt nachzudenken schien.

„Marcel hat irgendwas gesagt. Ich weiß nicht mehr genau.“

„Marcel?“ Wer war denn das nun wieder? Sarina war kurz davor, die Geduld zu verlieren.

Franco nickte und betupfte die Spitze des Joints mit einem angefeuchteten Finger. „Der wohnt hier.“

„Das hatte ich mir fast gedacht.“ Sarina atmete hörbar ein und wieder aus. „Und was hat dieser Marcel nun gesagt? Wo steckt Leo?“

Franco hielt Sarina abermals den Joint unter die Nase. „Hier. Du musst dringend gechillter werden.“

Sarina schüttelte den Kopf. „Danke. Ich bin gechillt genug.“

Franco zog eine Augenbraue in die Höhe.

„Seh ich anders.“

„Was ist nun mit Leo?“ Am liebsten hätte sie Franco bei den Schultern gepackt und geschüttelt.

„Leo“, sagte Franco. „Leo … ist irgendwie ein geiler Name, findest du nicht?“

„Ja. Sehr geil. Und wo wohnt er jetzt?“

Sarina tappte mit dem Fuß auf den Boden.

„Ehrlich. Du musst unbedingt ruhiger werden.“ Franco massierte sich die Schläfen. „So hektisch. Das ist nicht gesund.“

Sarina schnaubte wortlos. Vermutlich hatte es keinen Zweck, Francos zugekifften Gehirnwindungen irgendetwas halbwegs Sinnvolles entlocken zu wollen. Dann würde sie eben ein anderes Mal wiederkommen, wenn hoffentlich dieser Marcel zu Hause war. Sie hob die Hand und wandte sich zum Gehen.

„London“, sagte Franco unvermittelt.

„Was?“ Sarina fuhr herum.

„Er wollte nach London. Irgendwas mit einem Praktikum oder so.“

„Wer? Leo?“

Franco nickte.

Leo war in London? Warum hatte er ihr von seinen Plänen nichts erzählt?

„Hast du zufällig seine Handynummer? Irgendwas, wo ich ihn erreichen kann?“

Franco drückte den Rest seines Joints mit umständlichen Drehbewegungen im Aschenbecher aus. „Warum willst du den Typ denn eigentlich so dringend sprechen? Bist du schwanger von ihm oder sowas?“

Sarina spürte, wie das Blut in ihre Wangen schoss. Was ging es diesen zugedröhnten Almöhi an, was sie mit Leo zu besprechen hatte?

„Es ist wegen der Uni“, knurrte sie. „Also, wo kann ich ihn erreichen?“

„Keine Ahnung, Mann. Ich sag doch, ich kenn den Typ nicht. Ich wohne nur hier.“ Franco verschränkte die Arme hinter dem Kopf und streckte die Beine unter dem Tisch aus.

„Okay. Kannst du mir dann wenigstens sagen, wie ich diesen Marcel erreichen kann?“

„Mann, Lady, du killst ernsthaft meinen Buzz.“ Franco setzte sich wieder auf und fischte in der Seitentasche seiner Cargohose nach einem Smartphone. „Ich geb dir seine Nummer, wenn du dann Ruhe gibst und dich verziehst. Diese Hektik. Das ist echt toxisch, weißt du das?“

„Ja, ja, weiß ich. Mit toxisch kennst du dich ja aus“, knurrte Sarina und zückte ebenfalls ihr Handy, um die Nummer zu speichern.

4

„Du willst was?“ Kathi sah Sarina fragend an. „Und alles wegen dem Typen? Findest du das nicht ein bisschen übertrieben?“

„Ja. Mag sein, dass es übertrieben ist. Wahrscheinlich hat es ihm überhaupt nichts bedeutet und ich mache vollkommen umsonst so einen Aufriss. Aber ich muss es wenigstens versuchen, verstehst du? Ich muss es ihm wenigstens sagen“, beharrte Sarina.

„Kannst du ihn denn nicht einfach anrufen wie normale Leute?“ Kathi runzelte die Stirn und rührte in ihrem Kaffee.

„Das ist es ja eben. Die Aktion war wohl super spontan. Die Zusage für die Praktikumsstelle kam ganz plötzlich und Leo ist ziemlich überstürzt abgereist. Sein deutsches Handy hat er abgemeldet und Marcel hatte leider keine Kontaktadresse oder Telefonnummer, weil Leo selbst noch nicht wusste, wo er unterkommen wird“, erklärte Sarina.

„Dann warte doch einfach, bis er zurückkommt“, schlug Kathi vor. „Einem Typen hinterher zu reisen, den man kaum kennt, finde ich jetzt ehrlich gesagt ein bisschen melodramatisch.“

„Ich bin melodramatisch.“ Sarina verschränkte trotzig die Arme vor der Brust. „Vielleicht habe ich zu viele kitschige Romane gelesen und zu viele Hollywood-Liebesschnulzen geguckt. Sehr wahrscheinlich bin ich abergläubisch und spinnert, aber mit dreizehn habe ich mir beim Universum einen Mann bestellt. Und Leo, da bin ich mir ganz sicher, ist dieser Mann. Es kann einfach kein Zufall sein, dass er so gut wie alle Kriterien auf meiner Liste erfüllt. Ich kann nicht so einfach aufgeben, auch wenn wir einen denkbar schlechten Start hatten. Möglicherweise will das Universum mich testen?“

„Hm“, machte Kathi. „Schön und gut. Nehmen wir an, er ist tatsächlich der Traumprinz, den das Universum dir geschickt hat. Aber wie willst du ihn ohne eine Kontaktadresse finden? London ist eine Millionenstadt.“

„Wenn es stimmt, dass er der Richtige ist, wird uns das Universum zusammenführen, oder nicht? Und einen kleinen Anhaltspunkt habe ich. Marcel wusste, dass Leo eine Praktikumsstelle bei einem Radiosender angenommen hat. So viele wird es davon nun auch wieder nicht geben – nicht mal in London.“

Sarina leckte sich etwas Milchschaum vom Finger.

„Soweit die Theorie …“, murmelte Kathi. „Aber weißt du, bevor du dich gleich in den Flieger setzt – es gibt da so eine Erfindung, die ist ungemein praktisch. Nennt sich Telefon …“

„Sehr witzig, Kathi“, unterbrach Sarina ihre Freundin. „Natürlich habe ich schon versucht, bei diversen Radiosendern anzurufen. Das Problem ist, dass ich auf den Webseiten immer nur die allgemeine Kontaktnummer finde. Die, unter der jeder Depp anruft, wenn er irgendetwas will. Ich habe das Gefühl, die wimmeln einen nur schnell ab und haben gar keine Lust, sich weiter damit zu befassen. Vielleicht denken sie auch, ich spinne.“

„Was man ihnen genaugenommen noch nicht einmal verdenken könnte“, feixte Kathi. Sarina lachte. „Stimmt. Na ja, jedenfalls habe ich das Gefühl, sie schauen gar nicht nach. Wenn ich frage, ob bei ihnen vielleicht ein Praktikant namens Leo von Wietersheim angefangen hat, kommt das ‚Nein‘ wie aus der Pistole geschossen.“

„Hm, verstehe“, nickte Kathi. „Vermutlich ist das auch ein Problem des Datenschutzes. Wahrscheinlich rücken sie nicht so einfach am Telefon mit Informationen über ihre Angestellten heraus.“

„Exakt. Ich hoffe einfach, dass ich vor Ort mehr erreiche. Wenn ich ihnen meine Situation erkläre und ganz lieb mit den Wimpern klimpere …“ Sarina ließ ihre Augenlider flattern.

Kathi lachte.

„Und wie lange gedenkst du, da zu bleiben?“

„Erst einmal nur über die Semesterferien.“

Kathi runzelte die Stirn. „Nur? Das sind drei Monate. Kannst du dir drei Monate London leisten? Du weißt schon, dass das eine der teuersten Städte der Welt ist, oder?“

„Darüber mache ich mir Gedanken, wenn ich da bin. Das Ersparte, das ich zusammengekratzt habe, dürfte für den Flug und etwa zwei Wochen Aufenthalt reichen. Ich werde mir halt irgendeinen Job suchen.“

Mit dem Zeigefinger stippte Sarina ein paar Croissantkrümel von ihrem Teller.

Kathi schüttelte den Kopf und lachte. „Du bist echt ’ne Marke, Sarina! All das für einen Typen? Ich seh dich schon irgendwo unter einer Themsebrücke im Pappkarton. Als deine beste Freundin muss ich dir sagen, dass ich selten einen so bescheuerten Plan gehört habe. Wenn er allerdings aufgeht …“

Sarina sah von ihrem Teller auf. „Ja?“

„Wenn du deinen Leo findest und aus euch wirklich ein Paar wird, dann kaufe ich dir hiermit jetzt schon mal die Filmrechte ab. Dann wird das die geilste Liebesgeschichte aller Zeiten.“ Kathi lachte. „Aber mein Geld würde ich ehrlich gesagt nicht darauf setzen.“

„Kathi?“ Sarina reichte über den Tisch und ergriff die Hände ihrer Freundin. „Glaubst du wirklich, dass das Ganze vollkommen unsinnig ist?“

Kathis Ausdruck wurde ernster.

„Es ist vollkommen bescheuert und unlogisch. Aber ich glaube, dass die ganz großen Gefühle meistens total bescheuert und unlogisch sind. Nimm Romeo und Julia – für die meisten Menschen unbestritten die größte Liebesgeschichte aller Zeiten. Zwei Vierzehnjährige, die heimlich heiraten. Er trinkt Gift, sie erdolcht sich – alles aus Liebe. Ziemlich bescheuert und ganz schön unlogisch, wenn du mich fragst. Und doch nach über 450 Jahren immer noch das Sinnbild für die ganz große Liebe.“

Sarina lachte. „Hm. Vergiften und erdolchen wollte ich aber nun wirklich niemanden.“

Kathi grinste verschmitzt. „Siehst du? Bescheuert und unlogisch ist relativ. Es gibt da durchaus Abstufungen. Also los, hau dein Erspartes auf den Kopf, wenn du meinst. Reise ihm nach und hol deinen Traumprinzen heim. Meinen Segen hast du – nicht, dass du ihn bräuchtest. Und wenn irgendetwas ist – bevor du unter der Brücke landest, meldest du dich bei mir. Du weißt, dass ich immer für dich da bin. Versprochen?“

„Versprochen.“

5

Was für ein Gewusel! Sarina schlängelte sich durch die Menge der Passagiere in der Victoria Station und war krampfhaft bemüht, dabei niemanden mit ihrem Trolley umzukegeln. Gerade noch rechtzeitig, bevor sich die Türen schlossen, quetschte sie sich in einen Waggon der Victoria Line. Es war warm und stickig, und sie fühlte sich schon nach wenigen Minuten unangenehm klebrig. Sie schielte auf den Aufkleber, auf dem die Haltestellen abgebildet waren. Zum Glück waren es nur drei Stationen. Vielleicht sollte man nicht ausgerechnet zur Rush Hour ankommen. Als sie die Zielhaltestelle erreicht hatte, schob sich Sarina mit ihrem Koffer Richtung Ausgang und tauchte in den Straßenlärm auf der Clapham Road ein. Der Wegbeschreibung folgend, holperte sie zwischen schäbigen Mietskasernen aus rotem Backstein hindurch. Schließlich stand sie vor einem reichlich heruntergekommenen Hochhaus. Sarina runzelte die Stirn und verglich die Hausnummer mit der Adresse auf ihrem Zettel. Tja, das war wohl tatsächlich das Hostel, das sie gebucht hatte. Sie zuckte mit den Schultern. Wenn man während der Hauptsaison in einer der teuersten Städte der Welt einigermaßen günstig unterkommen wollte, durfte man wohl nicht wählerisch sein. Sie hievte ihren Koffer die Treppenstufen zum Eingang hoch und betrat die Rezeption. Hinter dem Tresen stand ein junger Typ in kurzen Cargohosen und T-Shirt, die dunklen Haare zu einem Pferdeschwanz gebunden. Er begrüßte sie mit einem lässigen Grinsen.

„Hi! Willkommen in der Backpackers’ Lodge. Ich bin Leigh. Was kann ich für dich tun?“

Sarina kramte umständlich in ihrem Rucksack und förderte schließlich den zerknitterten Computerausdruck mit der Buchungsbestätigung zutage.

„Ich hatte ein Zimmer gebucht.“

Leigh nahm den Zettel und beugte sich über das Auftragsbuch. Er fuhr mit dem Zeigefinger die Seite hinunter – und schließlich wieder herauf. Kritisch runzelte er die Stirn und flog noch einmal mit dem Finger über die Liste.

„Einen Augenblick“, entschuldigte er sich und verschwand mit ihrer Buchungsbestätigung durch eine Tür hinter dem Tresen.

Als die Tür ihn kurz darauf wieder ausspuckte, hob er entschuldigend die Schultern.

„Da muss wohl irgendetwas mit der Buchung schiefgelaufen sein. Es tut mir schrecklich leid. Könntest du dich einen Augenblick hier in die Lobby setzen? Ich versuche das so schnell wie möglich zu klären. Wir sind nämlich ziemlich ausgebucht.“

„Okay. Alles klar. Kein Problem.“

Na prima. Das fing ja toll an. War das etwa ein Wink des Schicksals? Bedeutete es, dass ihre Beziehung zu Leo unter einem schlechten Stern stand – oder war es möglicherweise nur eine erneute Prüfung des Universums? Seufzend ließ sie sich auf das ausgesessene rote Cordsofa im Foyer plumpsen und fischte eine abgegriffene Zeitschrift vom Stapel auf dem Beistelltischchen in der Ecke.

Nach einer gefühlten Ewigkeit tauchte Leigh wieder auf.

„Es tut uns wirklich sehr leid. Da ist etwas falsch gebucht worden und in der günstigen Zimmerkategorie ist nichts mehr frei. Wir hätten allerdings noch ein Bett in einem Doppelzimmer. Du zahlst natürlich den Preis, den du für das Sechserzimmer bezahlt hättest. Wäre das in Ordnung für dich?“

„Das ist so etwas wie ein Upgrade, oder?“

„Ja. Sozusagen.“ Leigh grinste.

„Da werde ich wohl kaum nein sagen.“ Sarina sprang auf. Offenbar meinte es das Schicksal doch gut mit ihr. Sie hatte die günstigste Zimmerkategorie gebucht, auch wenn ihr davor graute, mit fünf fremden Menschen in einem Zimmer zu nächtigen. Allerdings erlaubte ihr Budget keinen Luxus. Je bescheidener ihre Ansprüche an Unterkunft und Verpflegung, desto länger würde ihr Erspartes reichen. Schließlich konnte es einige Zeit in Anspruch nehmen, Leo zu finden.

Zu ihrem Entsetzen hatten ihre Recherchen ergeben, dass es rund 78 lokale Radiosender gab – zuzüglich der Regionalstudios der großen Sender. Einige wie „Premier Christian Radio“, „Voice of Russia“ oder „Gaydio“ hielt sie für eher unwahrscheinlich und hatte sie erst einmal nur in Klammern auf die Liste gesetzt. „KISS“ hingegen klang doch fast schon wie eine Aufforderung. Ihr blieb wohl nichts anderes übrig als nach und nach alle Sender abzuklappern. Irgendwo würde sie schon fündig werden. Etwas Besseres war ihr nicht eingefallen.

Sarina folgte Leigh zum Tresen, wo er ihr die Schlüsselkarte aushändigte und sie in den zwölften Stock schickte. Auch wenn sie dem Aufzug in diesem Gebäude nicht viel mehr vertraute als dem in Leos Wohnblock, klangen zwölf Stockwerke in ihren Ohren abschreckend genug, um sich hineinzuwagen. Auf dem Weg zu ihrem Zimmer inspizierte Sarina die Gemeinschaftsduschen und Toiletten, die immerhin leidlich sauber aussahen, und lief dann mit ihrem Trolley über den Flur bis zu dem Zimmer mit der Nummer 1207.

Das Zimmer war spartanisch, aber zweckgemäß eingerichtet. Zwei einzelne Betten, ein kleines Waschbecken mit Spiegel und ein Tisch mit zwei Plastikstühlen. Auf dem Tisch stand ein Wasserkocher mit Teebeuteln und zwei Tassen bereit, so dass man sich einen Tee kochen konnte. Das rechte Bett sah benutzt aus. Am Fußende lehnte ein ausgebeulter Trekking-Rucksack, aus dem einige Kleidungsstücke heraushingen. Daneben standen ein Paar klobige, petrolfarbene Schnürstiefel aus Wildleder, und auf dem Nachttisch entdeckte Sarina ein zerfleddertes Taschenbuch. Sie hob es vorsichtig an, um den Titel zu lesen. Leider war es in einer fremden Sprache. Irgendetwas mit schrecklich langen Wörtern, einer Menge Umlaute und aneinandergereihten Konsonanten. Türkisch? Ungarisch? Sarina zuckte mit den Schultern. Sie würde es schon noch erfahren. Hoffentlich war ihre Zimmergenossin nett.

Sarina stellte ihren Koffer ab und trat ans Fenster. Auch wenn das Gebäude selbst potthässlich war, eins musste man ihrer Unterkunft lassen: man hatte einen phantastischen Blick über den Osten Londons. Sie entdeckte die Spitze von „The Shard“, der Scherbe, wie die Londoner den über 300 Meter hohen Wolkenkratzer wegen seiner spitzen Pyramidenform getauft hatten. In der Ferne konnte sie gerade noch die Spitze des Canary Wharf Towers ausmachen. Sie lächelte. Irgendwo da draußen war Leo, und sie würde ihn finden. Das Schicksal meinte es gut mit ihr.

Sie streifte die Schuhe von den Füßen, schlug die Decke zurück und ließ sich rücklings aufs Bett fallen. Die Matratze war weich und ziemlich ausgelegen. Sarina sank tief in die knarzende Federung. Rückenfreundlich war anders, aber das war Leo ihr allemal wert. Aus ihrem Handgepäck kramte sie die Liste mit den Radiosendern und den Reiseführer. Heute Nachmittag würde sie erst einmal richtig ankommen, sich einrichten und Pläne machen, um morgen früh gleich durchzustarten.

KISS FM war in der Tat ein vielversprechender Sender, fand Sarina. Das Studio lag laut Stadtplan nicht weit vom Oxford Circus in einer Seitenstraße der Oxford Street. Die stand ohnehin auf ihrer Liste. Schließlich wollte sie auch etwas von der Stadt sehen, wenn sie schon einmal hier war. Sie war ziemlich k.o. – nur für einen kleinen Moment die Augen schließen …

Sarina musste eingedöst sein. Sie schreckte hoch, als sich quietschend die Tür öffnete und jemand mit schlappenden Flipflops ins Zimmer kam. Ihre Zimmergenossin trat, in eine Wolke vanilligen Wohlgeruchs und ein enormes, quietschgrünes Handtuch gehüllt, neben das leere Bett. Sie rubbelte ihre Haare trocken und schleuderte das Handtuch über einen der Stühle. Nun ließ sie auch das Duschtuch zu Boden gleiten, wühlte in ihrem Rucksack und schien nicht zu bemerken, dass sie nicht mehr allein war. Sarina setzte sich auf und hüstelte leise. Sie wollte das Mädchen nicht unnötig erschrecken.

Ihre Bettnachbarin drehte sich um, entdeckte Sarina und streckte ihr lächelnd eine schmale, weiße Hand entgegen.

Hei! Ich bin Päivi. Scheint so, als teilen wir uns ein Zimmer, was?“, grüßte sie mit einem schwer definierbaren Akzent.

Mit Nacktheit hatte Päivi offenbar schon mal keine Probleme. Sarina schüttelte die ihr angebotene Hand und versuchte, dabei weder auf die gepiercte Brustwarze noch auf den quer über das Brustbein laufenden tätowierten Schriftzug und schon gar nicht auf das zu einem schmalen Streifen gestutzte, knallpink gefärbte Schamhaar zu starren.

„Äh … Scheint so. Ja. Ich bin Sarina.“

Päivi zeigte eine Reihe perlweißer, schnurgerader Zähne.

„Cool.“

Dann fischte Päivi eine Bürste aus dem Rucksack, hockte sich aufs Bett und begann in aller Seelenruhe, ihre langen, pink gefärbten und von einigen pechschwarzen Strähnen durchzogenen Haare zu bearbeiten.

„Machst du Urlaub hier?“ Das Mädchen deutete mit dem Kinn auf Sarinas Reiseführer.

„Ja. Nein. Also, eigentlich suche ich jemanden.“

Sarina wusste nicht, warum sie Päivi das erzählte, aber irgendwie ließ ihre direkte, unverblümte Art sie vertrauenswürdig erscheinen.

Päivi hielt für einen Moment mit dem Bürsten inne.

Kismet!“ Sie grinste.

Sarina runzelte die Stirn. „Wie bitte?“

Kismet. Das ist Arabisch und bedeutet ‚Schicksal‘.“

„Dann bist du … äh … Araberin?“, fragte Sarina.

Päivi kicherte und warf sich rücklings aufs Bett. Dann tauchte sie heftig kopfschüttelnd wieder auf. „Nein. Ich komme aus Finnland. Aber ich glaube an das Schicksal. Du nicht?“

„Doch. Klar. Und wie.“ Sarina nickte heftig.

„Siehst du? Ich suche nämlich auch jemanden.“

Päivi warf die Bürste in den Rucksack und kramte ihre Unterwäsche hervor, die sie zu Sarinas Erleichterung nun anzog, auch wenn die schwarzweiße Leopardenwäsche mit den pinkfarbenen Schleifchen mehr entblößte als enthüllte. Nicht, dass Sarina prüde gewesen wäre, aber angezogen mit einer nackten Fremden über das Schicksal zu plaudern, war ihr dann doch eine Spur zu seltsam.

Päivi wühlte aus ihrem Rucksack einen winzigen Fön heraus. Entgegen seiner Größe machte das Ding allerdings einen Höllenlärm, während Päivi sich vor dem Spiegel über dem Waschbecken die Haare trocknete und den akkurat geschnittenen Bettie-Page-Pony sorgsam nach innen rollte.

Sarina drehte sich bäuchlings auf ihr Bett und sah Päivi dabei zu. „Wen suchst du denn?“

„Meinen Vater“, brüllte Päivi über den Krach, den ihr Winz-Fön verbreitete.

Das Höllengerät erinnerte Sarina an die „Grille“, die winzige Laser-Kanone aus Men in Black.

„Und du?“

Päivi war offenbar zufrieden mit ihrer Frisur und stellte den Fön ab.

„Einen Mann“, gab Sarina knapp zurück. Sie wusste nicht, was sie sonst hätte antworten sollen, ohne die Details ihres Liebeslebens vor einer Wildfremden auszubreiten.

Päivi grinste.

„Na, das dürfte ja nicht so schwer sein. Du bist schließlich alles andere als hässlich. Ich nehme an, der Haken an der Sache ist, dass du nicht irgendeinen Mann suchst, sondern einen ganz bestimmten?“

Sie wühlte in ihrem Rucksack, warf dabei einen Haufen Klamotten auf ihr Bett und hockte sich dann auf die Bettkante. Mit schiefgelegtem Kopf schaute sie Sarina an. „Oder ist dir das jetzt zu persönlich?“

„Nein. Es ist nur ein bisschen kompliziert.“

Päivi hatte etwas an sich, das eine Vertrautheit entstehen ließ, als hätten sie einander nicht gerade vor fünf Minuten kennengelernt.

Während Sarina die Situation erklärte, zerrte das Mädchen ein paar Anziehsachen aus dem Klamottenhaufen und stopfte den Rest wieder in ihren Rucksack. Schließlich schlüpfte sie in einen weit schwingenden schwarzen Rock, der mit weißen Margeriten bedruckt war, und ein kastiges, schwarzes T-Shirt. Sie ließ sich auf die Bettkante fallen und hörte aufmerksam zu.

Dann nickte sie. „Verstehe ich. Absolut.“

„Echt jetzt?“ Sarina war sichtlich erstaunt.

„Klar“, meinte Päivi. „Du bist überzeugt, der Typ ist der Eine für dich. Du könntest die Sache abhaken, aber dann wirst du möglicherweise noch im Altenheim darüber nachgrübeln, ob du nicht vielleicht die Chance deines Lebens verpasst hast. Also willst du jetzt Klarheit. Macht absolut Sinn.“

Ein warmes Gefühl breitete sich in Sarinas Bauch aus. Päivi war ihr einfach auf Anhieb verdammt sympathisch. Vielleicht hatte sie recht. Vielleicht war es Kismet – Schicksal –, dass sie einander begegnet waren.

„Du bist die Erste, die mich nicht für komplett verrückt hält.“

„Was wir im Leben tun, erscheint anderen Leuten häufig vollkommen verrückt. Aber die Anderen müssen ihre Leben leben und du deines. Am Ende deines Lebens bist du nur dir selbst Rechenschaft schuldig – okay … und vielleicht noch Gott, wenn du an ihn glaubst. Jede Entscheidung hat ihren Preis, weißt du?“ Päivi machte sich daran, ihre Stiefel anzuziehen. „In der Wirtschaft nennt man das Opportunitätskosten. Dir steht nur eine begrenzte Menge von Ressourcen zur Verfügung: Zeit, Geld, günstige Gelegenheiten … Du kannst sie auf eine Weise nutzen oder auf eine andere. Jede Entscheidung triffst du auf Kosten der entgangenen Alternativen. Am Ende ist doch nur wichtig, ob du findest, dass die Bilanz stimmt. Bevor ich angefangen habe zu studieren, hätte ich nicht gedacht, dass Wirtschaftslehre so faszinierend sein kann. Lässt sich oft total aufs Leben übertragen.“

„Du studierst Wirtschaft?“ Erstaunter hätte Sarina kaum sein können.

„Management und International Business, Master an der Aalto University in Helsinki. Sieht man doch, oder?“ Päivi grinste breit, streckte kurz ihre Zunge heraus und ließ ein Piercing aufblitzen.

Sarina lachte.

„Na ja. Nadelstreifen stehen dir bestimmt auch. Und du suchst deinen Vater? Hat er euch verlassen oder so?“

„Keine Ahnung, ehrlich gesagt.“ Päivi zuckte mit den Schultern. „Bis vor Kurzem wusste ich nicht einmal, dass ich einen Vater habe. Also, dass ich nicht aus dem Ei geschlüpft bin, weiß ich natürlich. Meine Mutter hat mich bloß immer in dem Glauben gelassen, dass sie nicht weiß, wer mein Vater ist und wo er lebt. Als Kind habe ich mir immer vorgestellt, er ist vielleicht Geheimagent und in verdeckter Mission unterwegs. Und irgendwann kommt er zu uns zurück. Oder er ist Millionär, Rockstar oder Schauspieler – sowas eben. Vielleicht ist er das ja auch. Wer weiß.“ Sie machte eine Pause und knabberte einen losen Hautfetzen von ihrem Fingernagel. „Vor Kurzem habe ich allerdings in den Sachen meiner Mutter einen Umschlag gefunden. Darauf standen nur mein Name – und ein Fragezeichen.“

Sarina machte große Augen. „Und was war drin?“

„Bloß ein Flyer vom Ministry of Sound in London, auf der Rückseite ein Name und eine Adresse in Nordlondon.“

„Und du glaubst, dass das der Name und die Adresse von deinem Vater sind?“

Päivi zuckte mit den Schultern. „Was sollte es sonst damit auf sich haben? Meine Mum war in den Neunzigerjahren eine bekannte DJane. Sie hat in Clubs in ganz Europa aufgelegt – war, glaub ich, eine ziemlich wilde Zeit. Na ja … Der Flyer war vom Dezember 1992. Da war der Club noch ziemlich neu. Ich bin im Oktober 1993 geboren …“

Sarina nickte. „Ziemlich genau zehn Monate später. Warum fragst du deine Mum nicht einfach, was es damit auf sich hat?“

Päivi strich sich eine pinke Haarsträhne hinters Ohr. „Das geht leider nicht. Sie ist letztes Jahr gestorben.“

„Oh. Das tut mir leid.“ Sarina wich Päivis Blick aus und strich mit den Händen ihr Kopfkissen glatt. Puh! Das war nun wirklich alles sehr persönlich. „Ich nehme an, der Name steht nicht im Telefonbuch? Sonst hättest du ihn vermutlich mal angerufen.“

Päivi lachte kurz auf. „Der verfluchte Typ heißt Ben Jones. Mit dem Namen gibt es allein in Greater London 76, keiner davon unter der Adresse auf dem Flyer. Vielleicht wohnt er ja auch nicht einmal mehr in London.“

„Kismet!“ Sarina lachte. „76 Ben Joneses und 78 blöde Radiosender in London.“

„Siehst du? Zufälle gibt es nicht. Vielleicht sind wir einander begegnet, um uns gegenseitig beim Suchen zu helfen.“ Päivi hielt die Handfläche hoch und Sarina schlug ein. „Auf unsere Suche! Das sollten wir noch unten in der Bar feiern gehen.“

6

Als Sarina und Päivi am nächsten Morgen müde aus den Betten krabbelten, war es bereits neun Uhr. Sie wollten gleich aufbrechen. In einem kleinen portugiesischen Café an der Clapham Road frühstückten sie ausgiebig mit Tee, Toast, Eiern, Speck und Bohnen und machten Pläne für den Tag. Zunächst brachen sie Richtung Oxford Street auf, um KISS einen Besuch abzustatten. Schon bald drängelten sie sich zwischen Massen von bummelnden Touristen von der U-Bahn-Station Oxford Circus, vorbei an Souvenirläden und Boutiquen, Richtung Tottenham Court Road. Nicht allzu weit vom Oxford Circus entfernt, bogen sie in eine unscheinbare Seitenstraße und blieben vor der Glastür des Mappin House stehen.

Sarina räusperte sich kurz, dann betraten sie das Foyer, in dem eine dunkelhäutige Dame in marineblauer Sicherheitsuniform mit Goldknöpfen am Empfangstresen saß. Offenbar wurde hier gerade renoviert. Die Böden waren mit Kartonplatten ausgelegt und von oben dröhnte eine Bohrmaschine.

„Entschuldigen Sie, das hier ist doch das Studio von KISS FM?“, fragte Sarina verunsichert.

Die Dame am Empfang lächelte freundlich. „Das tut mir leid, Miss. Da sind Sie falsch. Der Sender ist schon vor zwei Jahren in ein neues Gebäude umgezogen.“

„Oh!“, machte Sarina und fühlte einen Stein in ihren Magen plumpsen. Das fing ja schon gut an.

„Können Sie uns denn vielleicht sagen, wohin der Sender umgezogen ist?“, hakte Päivi nach.

„Natürlich, gerne. Das war …“ Die Dame, deren Namensschild sie als „Deliah“ auswies, machte eine Pause und schien angestrengt nachzudenken. „Verflixt, jetzt habe ich die Straße vergessen. Ich bin nur Aushilfe hier“, sagte sie mit einem entschuldigenden Lächeln und griff zum Telefonhörer. „Einen Moment, bitte.“

Nachdem Deliah einen Kollegen nach der neuen Anschrift des Senders gefragt hatte, bedankten sich Sarina und Päivi, wünschten noch einen schönen Tag und traten wieder hinaus in den Lärm der Straße.

„Golden Square. Das klingt doch vielversprechend“, versuchte Päivi, Sarina aufzumuntern, während diese die Adresse in ihr Smartphone tippte.

„Ist zum Glück nicht so weit. Etwa zehn Minuten zu Fuß.“

Sie huschten zwischen Bussen, Taxis und rasenden Fahrradkurieren über die Straße und liefen Richtung Carnaby Street.

„So sehen wir doch wenigstens noch etwas von der Stadt.“

Sarina warf neugierige Blicke auf die Schaufenster der vielen kleinen Läden und Boutiquen.

„Ich sag dir. Wenn ich mal zu Geld komme, fliege ich mit einem leeren Koffer her! Ich könnte hier einfach alles kaufen!“ Päivi war vor dem Schaufenster von Irregular Choice stehengeblieben und bestaunte die Auslage quietschbunter Schuhe. „Guck dir die an! Die würden so perfekt zu meinem Rock passen!“

Sie deutete auf ein Paar geschlossene Vintage-Heels mit schwarzer Satinschleife, Polkadot-Muster, weißen Margeriten und einem schwindelerregend hohen Absatz.

„Na, du wirst doch mal Wirtschaftstussi“, grinste Sarina. „Wenn du dann deine erste Million damit gemacht hast, Unternehmen in den Ruin zu beraten, nimmst du mich mit zum Shoppen. Oh! Oh! Oh! Guck doch mal die!“

Wie zwei kleine Kinder vor einem Spielzeugladen drückten sie noch eine Weile die Nasen am Schaufenster platt, bis Sarina ihre neue Freundin schließlich sanft am Ärmel vom Schuhparadies wegzog.

„Wir haben noch eine Mission zu erfüllen“, sagte sie mit gespielter Strenge.

Nicht lange später standen sie schließlich vor dem Gebäude, das KISS FM und einige seiner Schwestersender beherbergte. Neben dem Eingang stand eine junge Frau und rauchte. Sie hatte leuchtend rote Haare, trug rostfarbene Socken zu quietschblauen Doc Martens und eine Jeans, die aussah, als sei sie in der Wäsche eingelaufen. Aus dem gewagten Outfit folgerte Sarina, dass es sich um eine Mitarbeiterin des Senders handeln könnte.

„Entschuldigung, arbeitest du hier?“ Sarina deutete mit dem Kinn über die Schulter auf das Gebäude hinter sich.

„Wie man es nimmt“, meinte das Mädchen. „Ich bin bloß Praktikantin. Wieso?“

Praktikantin! Perfekt. Wenn jemand die Praktikanten mit Namen kannte, dann doch am ehesten die anderen armen Würstchen, die den Tag mit Kopieren und Kaffeekochen herumbrachten.

„Arbeitet hier zufällig jemand, der Leo heißt? Er ist auch Praktikant und kommt aus Deutschland.“

Das rothaarige Mädchen runzelte die Stirn, nahm einen Zug von seiner Zigarette und ließ den Qualm langsam aus dem Mundwinkel strömen. Schließlich schüttelte sie den Kopf. „Nein. Einen Leo kenne ich nicht. Der soll hier ein Praktikant sein?“

„Na ja“, sagte Sarina und zuckte mit den Schultern, „nicht unbedingt hier. Ich weiß nur, dass er bei einem Radiosender arbeitet.“

„Oh“, machte das Mädchen. „Nein, tut mir leid. Hier arbeitet er nicht. Ich bin schon ein paar Monate hier und kenne mittlerweile alle anderen Praktikanten. Wir sind öfter mal was trinken gegangen. Also, bei KISS, Magic, Kerrang und Heat kenne ich jedenfalls keinen Leo. Nur einen Leonard, aber der ist aus Dorset, kein Deutscher.“

Sarina war enttäuscht. Wie lange würde es wohl dauern, bis sie Leo gefunden hatte? Dies war doch erst der erste Haken auf ihrer Liste. Päivi schenkte ihr ein aufmunterndes Lächeln. Wie mochte es ihr erst gehen? Nach dem Tod ihrer Mutter stand sie ganz ohne Familie da. Es war nicht schwer, sich vorzustellen, wie viel es ihr bedeuten musste, ihren Vater zu finden. Doch die Finnin wirkte gelassen. Sarina beschloss, sich ein Beispiel an ihr zu nehmen. Sie lächelte zurück. So früh schon die Mutter zu verlieren, war sicher hart. Mit ihrer Mum lag sie sich ständig wegen irgendwelcher Kleinigkeiten in den Haaren. Das meiste davon war echt überflüssig. Möglicherweise sollte sie dankbarer sein, dass sie überhaupt Eltern hatte. Auf Papa war ohnehin Verlass. Nachts um drei aus Versehen aus der Wohnung ausgesperrt? Kein Problem. Dad anrufen und er würde sich ohne zu murren ins Auto setzen. Sie sollte ihre Eltern heute Abend definitiv einmal anrufen.

7

Die Adresse auf Päivis Flyer befand sich in Friern Barnet, im Norden Londons, unweit der U-Bahn-Haltestelle Arnos Grove. Während die beiden Mädchen in der Piccadilly Line nordwärts ratterten, blieb Päivi ungewohnt still.

„Bist du nervös?“ Sarina legte der Finnin die Hand auf den Arm.

„Und wie! Vielleicht sehe ich gleich zum ersten Mal meinen Dad. Möglich, dass er eine andere Familie hat. Ob ich Geschwister habe?“ Päivi griff nach Sarinas Hand. Ihre Handfläche fühlte sich kalt und feucht an. „Oder er wohnt längst nicht mehr dort. Er könnte auch tot sein. Wer weiß? Ein blödes Gefühl, dass ich auf alles gefasst sein muss. Der Besuch könnte mein Leben umkrempeln. Oder es passiert einfach gar nichts.“ Sie kaute an der Ecke ihres Daumennagels. „Voi paska!“

Sarina nickte und grinste. „Möchte ich wissen, was das heißt?“

„Na ja. So schlimm war es auch wieder nicht. Da hab ich schlimmere Flüche drauf. Ich bring sie dir bei, wenn du willst.“

„Abgemacht.“ Sarina drückte aufmunternd Päivis Hand. „Dann bring ich dir bei, wie man auf Deutsch flucht.“

„Weißt du, ich bin echt froh, dass ich nicht alleine bin. Danke.“

Päivi strich sich eine lose Haarsträhne aus der Stirn.

„Hey! Na klar! Du hilfst mir schließlich auch.“

„Leider bisher erfolglos.“ Päivi zuckte abschätzig mit dem Mundwinkel. „Aber wir finden ihn schon, deinen Leo. Hast du eigentlich was zu trinken im Rucksack? Mein Mund ist total trocken.“

Dankbar nahm die Finnin einen großen Schluck aus Sarinas Flasche. Sie grinste. „Danke. Das tat gut. Aber eigentlich könnte ich jetzt einen Koskenkorva gebrauchen. Meine Nerven!“

Sie brauchten eine Weile, um sich zu orientieren, als sie aus dem kreisrunden Stationsgebäude ins Freie traten Nach einem Blick auf den Umgebungsplan folgten sie der Bowes Road, vorbei an Geschäften und den typischen kleinen Reihen- und Doppelhäusern aus rotem Backstein, die noch unter Königin Viktoria oder Edward VII gebaut worden waren. Sie wechselten sich ab mit hell geklinkerten modernen Mietshäusern, weitläufigen, umzäunten Rasenflächen, hübschen Vorgärten und dicht belaubten Bäume. Es war ein recht hübsches Wohnviertel und sicherlich nicht ganz billig – besonders für Londoner Verhältnisse.

Das gesuchte Haus befand sich allerdings direkt neben einer Tankstelle. Es war ein unscheinbares, zweigeschossiges Mietshaus, einer der typischen Sozialbauten aus der Nachkriegszeit. Im Obergeschoss hatte jemand Bettwäsche zum Lüften ans Fenster gelegt, der Rasen im Vorgarten war akkurat geschnitten. Solche Häuser gab es in London wie Sand am Meer. So unspektakulär das Gebäude auch war, es konnte möglicherweise einen der wichtigsten Menschen in Päivis Leben beherbergen. Einzig die Eingangstür war in leuchtendem Rot gestrichen und schon von der Straße her deutlich sichtbar. Die Mädchen überflogen die Namen auf den Klingelschildern.

Vittulan Väki! Verfluchter Mist! Kein Jones.“ Päivi blies die Luft aus. „Und jetzt?“

Sarina nahm Päivi den Flyer aus der Hand.

„Hier steht ‚Wohnung 5‘. Warum klingeln wir nicht einfach? Selbst wenn Ben Jones dort nicht mehr wohnt, könnte der neue Bewohner doch wissen, wo er steckt.“

„Möglich.“ Päivi zuckte mit den Schultern. Die Enttäuschung war ihr deutlich anzumerken. Einen Augenblick lang schwebte ihr Zeigefinger zögernd über dem Klingelknopf mit dem Namen Torres. Dann drückte sie ihn. Aus dem Innern war ein schrillender Ton zu hören.

Eine Weile später öffnete eine Dame mittleren Alters die Haustür. Sie warf einen kritischen Blick auf Päivis pinkfarbene Haarpracht und ihre gepiercte Augenbraue und runzelte die Stirn.

„Ja bitte? Was wollen Sie?“

„Bitte entschuldigen Sie die Störung, Madam. Ich bin auf der Suche nach jemandem. Aber mein einziger Anhaltspunkt ist ein alter Flyer mit dieser Adresse darauf. Ich dachte, vielleicht könnten Sie mir weiterhelfen.“

Sie reichte der Dame das Papier.

8

„Ben Jones?“ Die Frau betrachtete mit zusammengezogenen Augenbrauen den Flyer. „Das muss schon lange her sein. Meine Vormieter hatten einen anderen Namen, und die haben, wenn ich mich richtig erinnere, einige Jahre hier gewohnt.“

Im Erdgeschoss des Anbaus öffnete sich ein Fenster, und eine alte Frau in blau geblümter Kittelschürze lehnte sich neugierig hinaus.

„Kommen Sie doch einen Augenblick herein, da ist man ungestört.“ Ms Torres hatte dies etwas lauter gesagt, als eigentlich nötig gewesen wäre. Sie bedeutete Päivi und Sarina, ihr in den Flur zu folgen und schloss die Eingangstür hinter ihnen.

„Die Alte von nebenan ist eine echte Pest! Hat ihre Augen und Ohren überall, das neugierige Weibsstück!“ Ms Torres warf einen ärgerlichen Blick Richtung Haustür.

„Darf ich fragen, warum Sie diesen Mr Jones suchen? Oder ist es etwas Persönliches? Ich möchte nicht neugierig erscheinen, aber vielleicht kann ich irgendwie helfen.“

Päivi zog eine Schulter hoch und machte ein schnalzendes Geräusch mit der Zunge.

„Ja, es ist persönlich. Wissen Sie, höchstwahrscheinlich handelt es sich bei Ben Jones um meinen leiblichen Vater.“

„Oh, verstehe.“ Ms Torres schien einen Augenblick zu überlegen. „Es tut mir wirklich leid, dass ich nichts darüber weiß, wer vor meinen unmittelbaren Vormietern in dieser Wohnung gewohnt hat. Wissen Sie was? Ich höre bei der Hausverwaltung nach. Gut möglich, dass die uns weiterhelfen können. Möchten Sie mir Ihre Nummer dalassen?“

Ms Torres kramte einen Kugelschreiber und einen Notizblock aus einer Schublade.

„Das ist wirklich nett von Ihnen.“

Päivi kritzelte ihre Handynummer auf den Zettel.

„Gerne doch. Hoffentlich finde ich etwas heraus, das Ihnen weiterhilft.“

Als Sarina und Päivi die Haustür hinter sich schlossen, lehnte die neugierige Nachbarin noch immer am Fenster und verfolgte ihren Weg zurück zur Straße mit aufmerksamen Blicken.

„Tja, das war ja wohl kein besonders erfolgreicher erster Tag“, seufzte Päivi.

„Nein, das kann man nicht gerade sagen.“ Sarina kickte mit dem Fuß ein Steinchen zur Seite. „Aber es war bloß unser erster Versuch. Wir sollten nicht gleich aufgeben.“

„Das habe ich auch nicht vor!“, sagte Päivi bestimmt. „Aber jetzt brauche ich trotzdem eine Portion Eiscreme. Bevor wir in die U-Bahn gestiegen sind, habe ich ein Baskin Robbins gesehen. Es gibt kaum etwas, das eine Kugel Mississippi Mud nicht besser machen würde.“

Sarina lachte. „Das würde ich jederzeit unterschreiben. Wenn das Zeug bloß nicht gleich auf die Hüfte ginge.“

Etwas später saßen sie mit einem Eis in der Hand auf dem Rand des Brunnens am Trafalgar Square und ließen die Beine baumeln, während sie die umherwuselnden Touristenscharen beobachteten.

„Ist schon eine tolle Stadt“, meinte Sarina. „An jeder Ecke steht irgendein geschichtsträchtiges Gebäude oder etwas, das du aus irgendwelchen Filmen oder aus den Nachrichten kennst. Wenn es nicht so laut und die Luft nicht so verpestet wäre, könnte ich mir gut vorstellen, hier zu leben.“

„Ich auch“, stimmte Päivi zu. „Allerdings schwindet das Geld in meinem Portemonnaie in einer alarmierenden Geschwindigkeit.“

„Wir sollten weniger Eis essen.“ Sarina grinste. „Aber im Ernst. Selbst wenn man versucht, sparsam zu leben. Das Geld rinnt einem nur so durch die Finger. Ist eben leider ein teures Pflaster. Ich hatte mir überlegt, dass ich mir irgendeinen Job suche. Schließlich könnte es eine Weile dauern, bis ich Leo gefunden habe. Und wenn ich ihn dann endlich gefunden habe, möchte ich schließlich auch etwas Zeit mit ihm verbringen und nicht direkt wieder abreisen.“

„Dito.“ Päivi nickte. „Genau das ist auch mein Problem. Ein Job wäre nicht verkehrt. Im Hostel lagen eine Menge Magazine und Tageszeitungen aus. Wir sollten einfach mal die Jobanzeigen durchstöbern. Vielleicht finden wir ja was Passendes“, schlug Päivi vor.

9

Nachdem sie unterwegs in einem Supermarkt Getränke, Snacks und etwas Obst erstanden hatten, brüteten Päivi und Sarina über den aufgeschlagenen Stellenanzeigen. Sarina stieß Päivi an und deutete auf die Zeitungsseite.

„Hier. Das klingt ganz gut. Die suchen Leute, die in der Tube Werbeflyer verteilen. Man muss nichts Besonderes können und auch keinen Führerschein haben oder so. Das kann man bestimmt auch stundenweise machen. Wir brauchen schließlich noch Zeit für unsere Suche.“

„Okay. Die schreib ich schon mal auf unsere Liste.“ Päivi beugte sich über die Zeitung und kritzelte die Telefonnummer auf einen Zettel.

Nach einer Weile hatten sie eine beachtliche Liste in Frage kommender Jobs zusammengestellt, die sie sich am kommenden Tag vorknöpfen wollten. Doch zunächst stand ein ausgiebiges Beauty-Programm an. Denn wenn sie nun schon einmal hier waren, wollten sie auch wenigstens das Londoner Nachtleben unsicher machen.

„Vielleicht sollten wir mal ins Ministry of Sound gehen. Ist ja schließlich so etwas wie deine Produktionsstätte.“ Sarina grinste.

Hyppää kaivoon!“ Päivi streckte Sarina die Zunge heraus und boxte sie in die Seite.

„Hey!“, rief Sarina. „Was hast du gesagt?!“

„Ach nichts“, Päivi schüttelte lachend den Kopf.

„Na warte! Komm her, du kannst noch etwas Farbe gebrauchen.“

Sarina drehte ihren Lippenstift aus der Hülle und lief damit hinter der abwechselnd lachenden und kreischenden Päivi her.

Ein Besuch des Ministry of Sound hätte wohl ihre Reisekasse gesprengt. Daher begnügten sich die beiden damit, für eine kleine Kneipentour nach Camden zu fahren.

Ihre erste Station war die Lockside Lounge, wo sie sich Bier und Hotdogs vom Grill genehmigten. Sie drängelten sich durch die Kneipengäste und ergatterten noch zwei freie Plätze an einem der Tische auf dem Balkon. Von dort konnte man auf den Kanal und die alte Schleuse blicken. Am anderen Ende des Tisches saß bereits eine Gruppe junger Männer.

Päivi nahm einen kräftigen Schluck von ihrem Bier.

„Wir müssen uns was einfallen lassen. Wenn wir jeden Tag draußen essen oder unterwegs etwas zu essen kaufen, wird es finanziell verdammt schnell knapp. Selbst wenn wir einen Job finden.“

„Ja. Schon allein das Hostel ist teuer genug. Es wäre günstiger, wenn wir selber kochen könnten und einen Kühlschrank hätten.“ Sarina zupfte eine Gurkenscheibe aus ihrem Hotdog und knabberte nachdenklich daran herum. „Dann könnten wir im Supermarkt einkaufen. Wenn man preiswert einkauft und alles durch zwei teilt, kommt man da auf jeden Fall deutlich günstiger weg.“

Päivi nickte.

„Das ist wahr. Du, es gibt doch Hostels mit Self-Catering. Da gibt es eine Gemeinschaftsküche, die man benutzen kann. Vielleicht sollten wir uns so etwas suchen.“

„Super Idee!“, rief Sarina begeistert und zückte ihr Handy. „Ich guck gleich mal nach. Ein Hoch auf kostenloses WLAN!“

Während sie noch auf dem Display herumtippte, beugte sich Päivis Sitznachbar, ein blasser Typ mit orangeroten Locken, Sommersprossen und einer eckigen Brille, plötzlich zu ihnen herüber.

„Tut mir leid, ihr zwei, dass ich euch so blöd von der Seite anquatsche. Ich wollte euch auch nicht belauschen, aber ich habe gerade rausgehört, dass ihr nach einer günstigen Unterkunft sucht. Wäre eventuell ein WG-Zimmer eine Lösung?“

Päivi und Sarina sahen sich fragend an. Was antwortete man üblicherweise, wenn einen ein Wildfremder in der Kneipe so etwas fragte?

„Äh. Na ja, das kommt darauf an.“

Sarina legte ihren Hotdog auf dem Teller ab und runzelte die Stirn.

„Also, es ist nämlich so: Ein paar Freunde von mir und ich haben eine WG in Bermondsey. Bei uns stehen zurzeit zwei Zimmer leer, für die wir Untermieter brauchen.“

Er schien Sarinas kritischen Gesichtsausdruck zu bemerken, stellte sein Pintglas ab und rutschte ein Stück näher.

„Ich weiß, das muss euch jetzt suspekt vorkommen. Aber es ist wirklich ein glücklicher Zufall. Wir sind eine gemischte WG und eigentlich zu sechst. Zwei unserer Mitbewohner, Michael und Ruby, sind allerdings gerade in Australien. Dadurch sind wir nun drei Jungs und Emma ist das einzige Mädchen. Ich kann mir vorstellen, sie wäre ganz froh, wenn sie Verstärkung bekäme. Eigentlich wollten Michael und Ruby nur Urlaub machen, aber dann hat sich da ein Job für sie ergeben. Jetzt bleiben sie drei Monate, und wir müssen ihre Zimmer untervermieten.“

„Wir könnten uns die Zimmer ja einfach mal ansehen. Was meinst du?“

Sarina schaute Päivi abwartend an.

„Klar. Wieso nicht? Außerdem haben deine Mitbewohner ja sicher auch noch ein Wörtchen mitzureden, oder? Ich meine, kann ja sein, dass sie uns total blöd finden.“

Der Typ lachte. „Das kann man nie wissen. Aber ich glaube, ihr könntet gut in unsere Gruppe reinpassen. Ich bin übrigens Keith. Und wie heißt ihr?“

Die WG befand sich in einem Reihenhaus im südlichen Bermondsey, nicht allzu weit entfernt vom Southwark Park und dem Surrey Quays Einkaufszentrum und verfügte, zu Sarinas großer Freude, sogar über einen kleinen Garten. Die Gegend war sicherlich nicht die hübscheste, die London zu bieten hatte. In regelmäßigen Abständen ratterten Züge über die nahe Bahnbrücke. Doch ein eigener kleiner Garten mitten im Großstadtgewühl, von der WG gemütlich hergerichtet, das hatte schon etwas. Direkt gegenüber fuhr die Buslinie 1 und brachte einen in zehn Minuten ins touristische Herz der Stadt. Die Miete war fast zu günstig, um wahr zu sein. Allerdings hatten die Zimmer auf Keith’ Handyfotos auch winzig ausgesehen. Wenn sie hier einziehen könnten, käme es sie wesentlich günstiger als dauerhaft in einem Hostel oder Bed and Breakfast zu bleiben. Ein wenig nervös war Sarina allerdings doch, als sie durch das hölzerne Gartentörchen traten und sich der Haustür näherten. Wie mochten die übrigen WG-Mitglieder sein? Und was, wenn sie mit Sarina und Päivi nicht einverstanden wären?

Die WG hatte sich bereits bei Tee und Keksen in der Küche versammelt. Sarina gefielen die zusammengewürfelten Möbel und die Deko. Alles sah aus, als hätte die Bewohner es liebevoll auf Flohmärkten zusammengesammelt.

Sarina und Päivi stellten sich vor und Sarina kam sich ein kleines bisschen vor wie bei einer mündlichen Prüfung, während sie dem – zugegeben nicht besonders streng wirkenden – WG-Tribunal gegenübersaßen.

„Es war ein glücklicher Zufall, dass ich euer Gespräch im Pub gehört habe, einfach perfektes Timing. Denn wir wollten gerade online eine Anzeige aufgeben“, erklärte Keith, nachdem er seine Mitbewohner vorgestellt hatte.

Neben Keith waren da Emma, Daniel und Nathan. Emma war eine fröhliche Blondine mit einem Püppchengesicht und Stupsnase. Ihr war anzusehen, dass die Aussicht, gleich doppelt weibliche Verstärkung zu bekommen, sie freute. Munter plauderte sie darauf los. Daniel sah aus, als hätte er asiatische Wurzeln. Er wirkte freundlich und offen, musterte die beiden Mädchen aber unter seinen Ponyfransen hindurch allerdings mit aufmerksamen und kritischen Blicken. Sarina vermutete, dass er morgens im Bad viel Zeit für sein gekonnt unfrisiert wirkendes Haarkunstwerk brauchen würde. Das blauschwarze Haar war kunstvoll zerzaust und sollte wohl den Eindruck machen, als sei er gerade erst aufgestanden. Nathan hingegen schien unbeteiligt. Es wirkte, als sei ihm egal, wer in die leerstehenden Zimmer einziehen würde. Hin und wieder nippte er an seinem Tee, trug aber herzlich wenig zur Unterhaltung bei. Im Gegensatz zu Daniel schien er nicht viel von aufwändigem Styling zu halten. Seine halblangen blonden Haare machten mehr den Eindruck, als sei er tatsächlich morgens so aus dem Bett gestiegen. Ein struppiger Fünftagebart unterstrich den leicht abgerissenen Eindruck. Sicher eine Künstlertype, fand Sarina. Warum allerdings ein gepflegtes Äußeres und künstlerische Ambitionen im Widerspruch zueinander stehen sollten, war ihr stets ein Rätsel geblieben.

„Für so kurze Zeit ist es auch schwer, jemanden zu finden. Viele wird es abschrecken, dass sie nur für drei Monate hier einziehen können. Möglicherweise könnte es etwas für Gaststudenten sein, aber auch die bleiben meistens etwas länger. Insofern bin ich froh, dass Keith euch gefunden hat.“ Emma lächelte und schob Päivi und Sarina den Teller mit Keksen zu. „Was treibt ihr denn hier in London? Macht ihr Urlaub?“

„Ich … äh … bin auf der Suche nach meinem Vater“, gab Päivi zu. „Es ist eine etwas komplizierte Geschichte. Das Einzige, was ich über ihn weiß, ist, dass er hier in London gelebt hat, und nun versuche ich, Spuren zu finden.“

„Ist ja spannend!“ Emma war offenbar sofort Feuer und Flamme „Bestimmt können wir dir helfen!“

„Das wäre toll. Bisher hatten wir noch nicht allzu viel Glück“ Päivi lächelte.

„Und du?“ Daniels prüfender Blick wandte sich Sarina zu.

„Also … äh …“ Sarina errötete. Kurz spielte sie mit dem Gedanken, eine Ausrede zu erfinden, zu sagen, dass sie nur hier war, um ihr Englisch aufzupolieren. Denn der wahre Grund dafür klang einfach zu bescheuert. Das musste sie ja zugeben. Schon als sie es Päivi erklärt hatte, war sie sich blöd vorgekommen. Allerdings fand sie, dass es nicht gerade ein gutes Omen war, wenn sie sich ihrer Mission schämte. Also beschloss sie, dazu zu stehen und der WG die Wahrheit zu erzählen. „Ich suche auch jemanden. Einen Mann. Jemanden, den ich flüchtig aus der Uni kenne. Also, ich bin mir ziemlich sicher, dass wir perfekt füreinander wären, aber … Also, er ist nach London gegangen, bevor ich die Chance hatte, ihm zu sagen, was ich für ihn empfinde.“

„Wie romantisch!“ Emma seufzte.

Nathan, der bis dahin in seiner Ecke gehockt und geschwiegen hatte, prustete geräuschvoll in seinen Tee.

„Sorry.“ Er grinste und entblößte dabei eine kleine Lücke zwischen seinen oberen Schneidezähnen. „Du kennst ihn nur flüchtig und trotzdem weißt du ganz genau, dass du ihn liebst und er dein Ritter auf dem weißen Pferd ist?“

„Ich sage doch, es ist kompliziert“, knurrte Sarina. „Das war jetzt nur die Kurzversion.“

Nathan lächelte schief.

„Dann kann ich kaum abwarten, die ausführliche Version zu hören. Ich sage, wir nehmen die Mädels auf“, rief er mit einem amüsierten Unterton, der Sarina innerlich zum Kochen brachte. Was für ein Blödmann! Aber die anderen waren super nett – und die Wohnung ein Traum.

„Ach, Nathe, du alter Stinkstiefel!“ Emma tat, als schlüge sie ihm auf den Hinterkopf. Dabei lachte sie. „Halt du dich da raus. Was verstehst du schon von Liebe und Romantik?“

„Stör dich nicht an Nathe. Der ist ohnehin selten zu Hause“, erklärte Keith und grinste. „Er ist Musiker und ständig mit irgendwelchen Bands unterwegs.“

Ha! Hatte sie es doch gewusst. Ein Künstler. Ts! Wenn man ständig in anderen Sphären unterwegs ist, muss man sich wohl um Höflichkeit und Takt nicht bemühen wie Normalsterbliche.

„Am besten zeige ich euch jetzt mal das Haus, nicht wahr? Sicher seid ihr gespannt auf eure Zimmer“, schlug Keith vor und brach damit die leichte Anspannung, die nach Nathans Bemerkung in der Luft gelegen hatte.

Sie begannen im unteren Stockwerk. Dort gab es außer der Küche noch ein großes, gemütliches Gemeinschaftszimmer. Sarina registrierte mit Begeisterung den offenen Kamin und die kuschelige Leseecke. Ein quietschbunter Sitzsack lag in dem typischen vorgebauten Erker, durch dessen Fenster man auf den kleinen Garten hinter dem Haus hinausblickte. Es gab sogar eine Gästetoilette, wenn auch ähnlich geräumig wie das Klo in einem Flugzeug. Eine Tür unter der Treppe führte zu einem kleinen Abstellraum, was Sarina direkt an Harry Potters Schlafstatt im Haus der Familie Dursley erinnerte. Eine steile, knarzende Treppe führte ins Obergeschoss. Dort befanden sich die Schlafzimmer und das große Gemeinschaftsbadezimmer befanden. Der lange Flur diente der WG als Bibliothek. Bis unter die Decke zogen sich lange Regalreihen, die mit Büchern aller Art vollgestopft waren. Das machte die Mitbewohner doch gleich noch sympathischer – von Nathan abgesehen. Bestimmt las der nicht. Oder höchstens Musikerbiografien oder irgendwelche abgedrehten Punkschriftsteller, bei denen es nur um Drogen und Sex ging.

Die Zimmer waren in der Tat winzig. Sie boten gerade genug Platz für ein Bett, einen Kleiderschrank und einen kleinen Schreibtisch. Doch jeder Bewohner – und jede Bewohnerin – hatte seiner Schlafstatt einen ganz persönlichen Stempel aufgedrückt.

Emmas mit zahlreichen bunten Kissen bestreutes Bett nahm fast die gesamte Breite des Zimmers ein. Sie hatte sich aus weißem Chiffon eine Art Betthimmel gebastelt. So wirkte ihre kuschelige Schlafstätte wie ein Beduinenzelt. Ihre Kleider hingen, nach Farben sortiert, an Kleiderstangen, die sie mit einem Flaschenzug unter die Decke ziehen konnte. Als Schreibtisch diente ihr ein etwas breiteres Regalbrett, das mit Scharnieren an der Wand angebracht war und hochgeklappt werden konnte, wenn der Tisch nicht gebraucht wurde.

Keith’ Zimmer wirkte nüchtern und aufgeräumt. Er schien eher pragmatisch veranlagt und hielt offenbar nicht viel von unnötigen Staubfängern. Außer einem Fotorahmen, in dem sich ein Familienporträt befand, gab es keine Dekorationsstücke. Alles schien einen festen Platz zu haben und bestimmt fand Keith immer auf Anhieb alles, was er suchte.

Als nächstes besichtigten sie Nathans Zimmer.

„Sind das etwa alles Backstage-Pässe?“

Päivi staunte und fuhr mit dem Finger durch die Plastikkärtchen, die an bunten Schlüsselbändern von der Kleiderstange hingen. Hier gab es keinen Schreibtisch. Aha! Dafür hatte Nathan ein E-Piano in sein Zimmer gequetscht. Veranstaltungs- und Bandposter pflasterten die Wände. Wie bei einem Teenager. Bloß dass es keine Boybands waren, die hier an der Wand hingen, sondern irgendwelche Rockgruppen, von denen Sarina bestenfalls die Namen kannte.

„Ja, genau. Das sind Backstage-Pässe. Nathan ist ständig auf irgendwelchen Festivals und Konzerten“, erklärte Keith. „Soweit ich weiß, studiert er an der London School of Sound – irgendwas mit Tontechnik und so. Aber so genau weiß ich das nicht. Ich hab nicht so einen Draht zu ihm. Michael und Ruby – also, die beiden, die jetzt in Australien sind – sind enger mit ihm befreundet. Die drei haben damals das Haus hier aufgetrieben und zusammen mit Daniel die WG gegründet. Das Haus gehört angeblich irgendeinem Verwandten von Nathe. Emma und ich sind erst später dazugekommen.“

„Wow! Helvetin Hyvä!“, rief Päivi, die immer noch mit glänzenden Augen die Backstage-Ausweise ansah. „Glitterilla Warriors! Sag bloß, die hat er persönlich getroffen!? Mann, die find ich richtig geil.“

„Wen?“ Sarina runzelte die Stirn.

Mita vittua!? Du kennst Glitterilla Warriors nicht?“ Päivi schaute Sarina mit einem Blick an, als hätte die sich eben als Kannibalin geoutet.

„Doch! Die kennst du. Ganz bestimmt. Das ist diese Glamrock-Band, die immer in total übertriebenen Frauenkostümen auftreten. Nathan war wohl schon öfter mit denen auf Tour. Ist auch nicht unbedingt mein Fall.“ Keith winkte ab.

„Ach, die aus diesem Kreditkarten-Werbespot, richtig?“

Päivi verdrehte die Augen und schüttelte ungläubig den Kopf.

„Ja. Die aus dem Werbespot. Aber dafür sind sie wohl kaum berühmt geworden. Sarina! Ich werd dich zum Zwangshören verdonnern. Die machen verdammt gute Musik. Man fasst es doch nicht! Wie kann man GW nicht kennen? Du brauchst ehrlich Nachhilfe. Erinnere mich daran, dass ich dich mit ein paar finnischen Radiosendern bekannt mache. Ein Hoch auf das Streaming.“

Päivi grinste, reckte die zur „Pommesgabel“ geformte Hand in die Höhe und schüttelte die Haare.

Keith hob skeptisch eine Augenbraue.

„Hey! Aber hier wird nicht mitten in der Nacht die Musik aufgedreht. Dass das klar ist!“

„Zwei Wörter“, konterte Päivi und reckte zwei Finger in die Luft. „Bluetooth. Kopfhörer.“

„Okay, dann will ich mal nichts gesagt haben.“ Keith lachte. „Kommt, ich zeige euch jetzt eure Zimmer.“

Die Mädchen folgten ihm zum Ende des Flurs, wo ihre Zimmer lagen. Im Gegensatz zu Keith’ Zimmer waren die Regale und der Schreibtisch in Michaels Reich mit allerhand Reiseandenken und Nippes vollgestellt und die Wände zierten Poster und Fotos. Eine ausziehbare Schlafcouch ersetzte das Bett. Rubys Zimmer hatte etwas von Barbies Traumhaus und war ganz in Rosa und Weiß gehalten. Päivi hatte schon bei den Handyfotos wenig Begeisterung signalisiert. Also hatte sich Sarina ganz selbstlos geopfert, in diesem Prinzessinnenzimmer zu wohnen. Sie verschwieg lieber, dass sie sich so ein Zimmer immer gewünscht hatte.

„Wie gesagt, es war eigentlich nicht geplant, dass Michael und Ruby länger in Australien bleiben. Die Kleiderschränke haben wir schon leergeräumt. Wenn euch der übrige Kram stört, könnt ihr ihn in Kisten packen. Die stellen wir dann so lange unten in die Abstellkammer.“

„Nicht nötig. Ich finde, das macht den Raum etwas wohnlicher“, fand Päivi. „Wenn Michael nichts dagegen hat, würde ich seine Sachen einfach stehen lassen.“

„Ich denke nicht, dass sie etwas dagegen haben werden. Falls ihr bei uns einzieht, gebe ich euch die E-Mail-Adressen von den beiden, dann könnt ihr es am besten selbst klären.“

„Falls wir einziehen?“ Päivi zog die Augenbrauen hoch. „Liegt die Entscheidung denn überhaupt bei uns? Das müsst ihr als WG doch entscheiden.“

Keith nickte.

„Klar. Natürlich müsst ihr vorher unseren dreistündigen schriftlichen WG-Einbürgerungstest und die praktische Prüfung im Badezimmerputzen und Kochen bestehen.“

Für einen kurzen Moment sahen Sarina und Päivi ihn schockiert an, so ernst hatte er dabei geklungen.

Keith lachte. „Quark! Keine Panik. Wenn es euch bei uns gefällt, würde ich euch einfach bitten, kurz hier oben zu warten, dann halten wir in der Küche ein kleines WG-Palaver und stimmen ab. Ich gebe euch dann sofort Bescheid. Einverstanden?“

Es dauerte keine fünf Minuten, bis Keith wieder auftauchte und Sarina und Päivi in die Küche bat, wo sie feierlich als neue Mitbewohner begrüßt wurden.

„Wenn ihr Hilfe beim Transport eurer Sachen braucht, sagt Bescheid. Nathan hat einen Bulli für seinen Tontechnik-Kram“, bot Emma an und war sichtlich begeistert, dass die beiden bald einziehen würden.

„Nein danke, nicht nötig. Wir haben ja nicht viel Zeug. Das schaffen wir auch so.“ Sarina war erleichtert, dass das befürchtete Kreuzverhör ausgeblieben war und sich das Kennenlernen der WG als so unkompliziert herausgestellt hatte.

„Morgen müssen wir erst einmal zu dieser Promo-Firma wegen eines Jobs. Dann holen wir abends die Sachen aus dem Hostel.“

10

Das unscheinbare Büro der Promotionagentur lag über einem Buchladen an der Charing Cross Road. Die Dame am Telefon hatte kaum etwas über Sarina und Päivi wissen wollen, sich aber gefreut, dass Sarina Deutsch sprechen konnte. Wegen der deutschen Touristen sei das sehr hilfreich. Nachdem Sarina und Päivi sich angemeldet hatten, bekamen sie jeweils einen Umhängebeutel voller Rabattgutscheine für den Eintritt ins London Dungeon. Die sollten sie in den U-Bahn-Stationen rund um die touristischen Hotspots verteilen.

„Ich gebe Ihnen dann auch gleich Ihre Arbeitskleidung. Die müssten Sie vor Büroschluss um vier Uhr wieder hier abliefern. Flyer-Nachschub bekommen Sie auch hier. Aber mit dem Material in den Taschen müssten Sie erst einmal eine Weile auskommen.“

Das glaubte Sarina gerne, denn die Umhängetaschen waren höllisch schwer. Was für ein Outfit sie wohl bekommen würden? Sarina hatte schon öfter als Messe-Hostess gearbeitet und rechnete mit etwas Figurbetontem.

„Das ist jetzt nicht Ihr Ernst!“

Entsetzt starrte sie auf die Kostüme, die sie tragen sollten: Jeweils ein langer schwarzer Umhang, braune Lederhandschuhe und eine ebenfalls braune Maske aus Leder mit einem riesigen Schnabel.

„Selbstverständlich ist es das, meine Liebe! Das London Dungeon hat aktuell wieder eine Ausstellung über die große Pest von 1665. Das haben wir schon mal gemacht – die Pestärzte kamen wahnsinnig gut an“, zwitscherte die Frau begeistert. „So etwas erregt Aufmerksamkeit.“

„Das kann ich mir denken“, flüsterte Päivi. „Wenigstens erkennt uns auf die Weise keiner.“ Sie grinste und begann, sich den Umhang überzustreifen.

Gnadenlos brannte die Juli-Sonne vom Himmel, während Päivi und Sarina die U-Bahn-Station Leicester Square ansteuerten. Nur durch die kleinen runden Gucklöcher ihrer Masken sahen sie die Touristengrüppchen, die hier und dort stehenblieben und johlend auf sie zeigten. Langsam kämpften sie sich in der Mittagshitze voran und wurden immer wieder von Touristen aufgehalten, die einen Erinnerungsschnappschuss mit den Pestärzten machen wollten. Die echten Londoner erkannte man daran, dass sie vorbeieilten, ohne besondere Notiz von den schwarzgewandeten Gestalten mit ihren Schnabelmasken zu nehmen.

Perkele!“, fluchte Päivi. „Das ist ja wie in der Sauna unter diesem Ding.“

„Das müsstest du doch gewohnt sein“, flachste Sarina.

„Von wegen!“ Päivi stöhnte. „In der Sauna bleibst du immer nur fünfzehn Minuten und zwischendurch springt man zum Abkühlen in den See, isst gegrillte Makkara und trinkt etwas. Apropos … Wir sollten uns noch ein Fläschchen Wasser besorgen.“

In dem engen kleinen Kiosk mussten die beiden sich alle Mühe geben, nicht mit ihren Umhängen die Regale abzuräumen. Dafür amüsierte sich der Ladeninhaber so prächtig über ihren seltsamen Anblick, dass er ihnen die Wasserflaschen schenkte.

„Endlich Schatten!“, stöhnte Sarina, als sie schließlich die U-Bahn-Station erreicht hatten. „Wenigstens ist es hier nicht so heiß.“

Diese Aussage entpuppte sich nach relativ kurzer Zeit bereits als pures Wunschdenken. Die Luft in den unterirdischen Gängen war warm, stickig und feucht, und die U-Bahn-Züge voll und eng. Nachdem sie nur einige wenige Stationen abgeklappert und dort ihre Flyer verteilt hatten, klebte Sarina das Top am Rücken und Schweiß rann aus ihrem Haaransatz in die Augen. Sie kam sich vor wie in einem Dampfgarer, in dem sie ganz langsam in ihrem eigenen Saft geschmort wurde.

Schließlich hielt sie es nicht mehr aus. Etwas abseits von den Touristenströmen hielt sie an, zog sich die schwarze Kapuze vom Kopf und schob die Schnabelmaske in den Nacken.

„Ich kann nicht mehr!“, stöhnte sie und stürzte den Inhalt ihrer Wasserflasche in einem Zug hinunter.

Vittu tätä paskaa!“, schimpfte Päivi neben ihr. „Was für ein Scheißjob! Mann, ich dachte, wir laufen ein bisschen nett lächelnd herum und verteilen Flyer.“

Sarina schaute in ihren Beutel. „Schätzungsweise war das jetzt knapp die Hälfte. Am liebsten würde ich den Rest der Flyer einfach in den Müll schmeißen. Meinst du, das würde auffallen?“

Päivi lachte.

„Wenn zwei Maskierte in schwarzen Umhängen den Inhalt ominöser Taschen im Müll deponieren, dürfte das sofort einen Bombenalarm auslösen. Mal abgesehen davon, dass es hier so gut wie gar keine Mülleimer gibt, falls es dir noch nicht aufgefallen ist. Ich fürchte, wir müssen den Rest noch brav irgendwelchen Touristen andrehen.“

Sarina seufzte und schob ihre Maske wieder übers Gesicht.

„Da dürftest du leider recht haben. Bei meinem Glück würde ich sowieso sofort erwischt. Ich könnte ja nicht mal ein Kaugummi durch den Zoll schmuggeln. Also, auf in den Kampf!"

Um der muffigen Schwüle unter der Erde wenigstens für eine Weile zu entkommen, beschlossen die beiden, zur Victoria Station zu fahren und die Flyer ankommenden Zugreisenden in die Hand zu drücken. Sie trennten sich, um an entgegengesetzten Ecken der großen Halle den Passagieren aufzulauern, die von den Bahnsteigen Richtung U-Bahn-Station oder zum Busbahnhof hetzten. Mechanisch griff Sarina immer wieder in ihren Beutel, sprang den vom Bahnsteig eilenden Zugreisenden in den Weg, die meistens – erschrocken vom Anblick der schwarzgewandeten, maskierten Gestalt – widerstandslos die Gutscheinkarte annahmen und kopfschüttelnd weiterhetzten. Zufrieden stellte sie fest, dass sich ihr Beutel zügig leerte. Sie konnte es kaum erwarten, endlich das Kostüm loszuwerden und sich die vollkommen verschwitzten Klamotten vom Leib zu streifen. Sie träumte von einer schönen, lauwarmen Dusche mit duftendem Schaum. Der Kreislauf machte ihr zu schaffen. Mittlerweile fühlte sich ihr Kopf an, als sei er mit Watte gefüllt. Wenn sie die Augen schloss und wieder öffnete, sah sie kleine Lichtblitze und violette Punkte in der Luft herumtanzen. Durchhalten! Nur noch ein paar Zettel und dann nichts wie raus aus diesem Kostüm!

Sarina griff in den Beutel. Als sie den Kopf wieder hob, traf es sie fast wie ein Hammerschlag. Das kann doch nicht wahr sein! Sie blinzelte. Diese verfluchten Gucklöcher waren einfach zu klein. Hastig schob Sarina die Maske in den Nacken. Ihr Herz setzte für einen Schlag aus und begann dann ein Trommelsolo hinzulegen, das dem Tier aus der Muppet Show zur Ehre gereicht hätte. Aus der Menge blitzte ein Gesicht auf, das Sarina unter hunderttausenden erkannt hätte. Wie ein Pingpongball auf einem wogenden Meer tauchte es immer wieder zwischen den drängelnden Passagieren auf. Leo! Die dunklen Locken wippten neckisch, den Blick hatte er auf die Anzeigetafeln gerichtet.

Wild fuchtelte Sarina mit den Armen.

„Leoo! Leeeeeo!“

Es war vollkommen unmöglich, das Getöse aus Bahnsteigansagen und Stimmengewirr zu übertönen. Leo runzelte die Stirn, hob den Arm und schien auf die Uhr zu sehen. Dann blieb er abrupt stehen und wechselte die Richtung. Sarina begann zu laufen.

„Leo! Bleib stehen, verflucht! Leeeo!“

Ihr Herz schlug wie verrückt. Sie keuchte unter dem nassgeschwitzten Umhang wie eine rostige Dampflokomotive. Immer wieder entdeckte Sarina Leos dunklen Lockenschopf einige Meter vor ihr zwischen den hin- und hereilenden Menschen. Er lief Richtung U-Bahn-Station. Sarina rang nach Luft, während sie rücksichtslos Leute zur Seite drängte und hinter ihm her stolperte. Fast hatte sie ihn erreicht.

„Leeeeo!“

Sarina versuchte, gegen das Getöse anzuschreien, mehr als ein Krächzen brachte sie aber nicht heraus. Alles um sie herum drang wie durch einen Filter in ihr Bewusstsein. Der Boden fühlte sich eigenartig weich an, schien unter ihr zu schwanken. Ihr war schwindlig. Entkräftet hastete sie weiter. Nur noch ein paar Schritte.

„Leeeo!“

Verzweifelt keuchte sie seinen Namen hinaus, streckte den Arm nach vorn, wobei ihr die vermaledeite Maske übers Gesicht rutschte. Mit den Fingerspitzen bekam sie seine Schulter zu fassen. Wie in Zeitlupe nahm sie wahr, dass er sich umwandte und sie erschrocken ansah. Seine Lippen formten offenbar irgendeine Frage. Dann gab der schwankende Boden unter Sarinas Füßen nach.

„Leo!“, krächzte sie. Dann wurde es schwarz um sie herum.

„Alles wird gut. Ich bin bei dir.“

Leos Stimme war warm und tröstlich. Sarina lächelte. Ihre Lider fühlten sich bleischwer an.

„Leo, endlich!“, murmelte sie.

„Sarina!“ Leos Hand strich sacht ihre schweißnassen Haare aus der Stirn. „Sarina! Komm schon, Sarina!“

Hatte Leo schon immer so schrill geklungen? Sarinas Augenlider begannen zu flattern. Sie öffnete sie, kniff die Augen jedoch gleich wieder zu. Es war unangenehm hell. Sie fühlte einen plötzlichen brennenden Schmerz in den Wangen. Mühsam versuchte Sarina die Augen zu öffnen.

„Leo, was ist passiert?“

Ein Gesicht schob sich in ihr Blickfeld. Sarina blinzelte.

„Leo?“

Voi kyrpä, Sarina! Mach so etwas nie wieder! Ich dachte, du bist tot!“

Über ihr kauerte Päivi in ihrem Umhang wie ein gigantischer schwarzer Unglücksvogel. Die verschwitzten pinkfarbenen Haare klebten an ihrer Stirn und der riesige Schnabel ihrer Maske ragte wie ein überdimensionales Horn davon auf. Ein grotesker Anblick.

Sarina griff nach Päivis Schulter und versuchte, sich hochzuziehen. Es gelang ihr erst beim zweiten Versuch. Jemand hatte offenbar einen Rucksack unter ihre Beine gelegt.

„Verdammt, wo ist Leo?“

Suchend glitt ihr Blick über die Menge der Schaulustigen, die einen Kreis um die beiden am Boden kauernden schwarzen Gestalten gebildet hatten. Sanft, aber bestimmt drückte Päivi Sarinas Schultern wieder nach unten und legte ihre Beine zurück auf den Rucksack.

Perkele! Bleib liegen! Die Sanitäter sind gleich da.“

„Aber ich muss hinter Leo her!“ Sarina kämpfte gegen den Druck auf ihren Schultern an und versuchte erneut, sich aufzurichten.

„Leo?“ Päivi runzelte die Stirn.

„Ja. Ich habe ihn gesehen. Hier in der Ankunftshalle. Ich bin mir ganz sicher. Er war es. Natürlich bin ich sofort hinterhergelaufen.“

„Ach, deswegen. Ich habe nur gesehen, dass du plötzlich wie eine Irre losgerannt bist. Ich wollte gerade zu dir, weil ich endlich alle verfluchten Flyer losgeworden bin. Plötzlich sehe ich, wie du losrennst und kurz später zusammenklappst.“ Päivi zog die Augenbrauen zusammen. „Und du hast echt Leo gesehen? Bist du ganz sicher?“

„Ja. Tausendprozentig. Ich hätte ihn fast erwischt. Er hat sich gerade umgedreht … Ist er denn nicht stehen geblieben, als ich plötzlich umgekippt bin?“

Sarina versuchte erneut, sich aufzusetzen. Päivi schüttelte mit strengem Blick den Kopf und drückte sie zurück auf den Boden.

„Großer Typ, dunkle Locken, grüne Augen, helle Jacke?“

Sarina riss die Augen auf. Auch Päivis Druck hielt sie jetzt nicht mehr in der Horizontalen. Sie richtete sich auf und suchte mit den Augen die Menge ab.

„Genau! Ja. Wo ist er hin?“

„Der hatte es wohl eilig. Hat gefragt, ob ich Hilfe brauche, und als ich nein gesagt habe, ist er weitergegangen. Jemand anderes war schon losgelaufen, um einen Sanitäter zu holen“, erklärte Päivi.

Sarina verbarg das Gesicht in den Händen.

„Verdammt, warum hast du ihn denn nicht aufgehalten?“

Tränen schossen in ihre Augen. Sie war gleichzeitig so enttäuscht und so wütend.

„Ich konnte doch nicht ahnen, dass dieser Typ dein Leo ist!“

Inzwischen waren auch die Sanitäter eingetroffen und schoben Päivi sanft beiseite, um sich der am Boden liegenden Sarina anzunehmen.

11

Auf der Rückfahrt zum Hostel herrschte frostiges Schweigen. Sarinas Laune hatte den Nullpunkt schon erreicht, lange bevor Leo ihr buchstäblich durch die Finger geschlüpft war. Immer noch reichlich angeschlagen von dem anstrengenden Tag und ihrem Kreislaufzusammenbruch, saß sie, die Arme vor der Brust verschränkt und den Blick starr auf den Streckenplan an der gegenüberliegenden Wand geheftet, auf dem abgewetzten Polstersitz, während die Victoria Line südwärts durch die Dunkelheit rumpelte.

Eigentlich konnte sie Päivi keinen Vorwurf machen. Das war ihr sehr wohl bewusst. Es war allerdings leichter, wütend auf einen Menschen aus Fleisch und Blut zu sein als auf das Schicksal, das Universum oder sonst irgendeine überweltliche Macht.

In einem Liebesroman hätte es anders laufen müssen. Leo, ihre wahre Liebe, hätte sie trotz der Maske erkannt. Er hätte gespürt, dass sie es war, auch ohne ihr Gesicht gesehen oder ihre Stimme gehört zu haben. Sein Herz hätte es ihm zugeflüstert. So wie Kantorka unter zwölf völlig gleichen Raben ihren Krabat erkannt hatte.

Warum hatten sich ihre Wege hier überhaupt erst gekreuzt, rein zufällig in einer Millionenstadt, an einem belebten Bahnhof? Wie hoch mochten die Chancen dafür sein? Ihr Geld hätte sie jedenfalls nicht darauf gewettet. Warum, wenn sie hätten zueinanderfinden sollen? Gehörte das alles zum Plan des Schicksals? Vielleicht wollte das Schicksal ihre Entschlossenheit testen. Vielleicht verdiente sie die große Liebe erst, wenn sie sich bewährt hatte und bewiesen, dass sie mit all ihrer Kraft dafür zu kämpfen bereit war.

„Es tut mir wirklich leid. Ich kann verstehen, wie enttäuscht du sein musst“, nahm Päivi zaghaft die Kommunikation wieder auf. „Wenn ich gewusst hätte, wer der Typ ist, hätte ich ihn notfalls mit Gewalt festgehalten, das musst du mir glauben.“

„Schon gut. Du kannst ja nichts dafür. Es ist bloß so …“ Ihr fehlten die Worte.

Päivi nickte.

„Wenn es da oben wirklich jemanden gibt, der unsere Geschicke lenkt, dann bekommt man manchmal den Eindruck, dass er ein Riesenarschloch ist – oder sie.“

„Er! Definitiv er! Das kann einfach nur ein Mann sein.“ Sarina musste lachen. Das tat gut. „Jedenfalls hat das Schicksal einen ziemlich fragwürdigen Sinn für Humor.“

Noch immer verärgert und erschöpft, pustete sie sich eine schweißverklebte Haarsträhne aus dem Gesicht. „Wenn wir ankommen, brauche ich einen Liter Mineralwasser. Und wenn wir dann den Kram nach Bermondsey gebracht haben, will ich eine Dusche, etwas Deftiges zu essen und danach mindestens einen starken Drink.“

„Klingt nach einem Plan.“ Päivi lächelte und stupste sie mit dem Ellenbogen an. „Dann bist du mir nicht mehr böse?“

„Quatsch. Nein. Es war ja nicht deine Schuld.“

Sarina versuchte sich an einem versöhnlichen Lächeln. Es geriet noch ein wenig schief, denn der Ärger über die verpasste Chance mit Leo saß tief. Offenbar sollte es ihr nicht leicht gemacht werden.

„Wenn dieses Riesenarschloch mit dem schrägen Humor gedacht hat, ich gebe so einfach auf, dann soll es mich noch kennenlernen. Hast du gehört, Schicksal? Ich trete dir noch in deinen sadistischen Hintern.“

„Richtig so! Bloß nicht aufgeben!“ Päivi lachte.

Bereits am Morgen hatten sie ausgecheckt und mussten nun nur noch ihr Gepäck aus der Aufbewahrung holen. In Vorfreude auf eine ausgiebige Dusche in einem blitzsauberen Badezimmer und eine warme Mahlzeit in der gemütlichen WG-Küche – Emma hatte angeboten, an diesem Abend für alle zu kochen – schleppten die beiden ihr Gepäck zurück zur U-Bahn-Haltestelle Stockwell und bestiegen einen Zug der Victoria Line.

Details

Seiten
0
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783960874430
ISBN (Buch)
9783960874447
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v445698
Schlagworte
Great-Britain-Groß-britannien-England Traum-mann-frau Rock-pop-band-star Freund-schaft-herz-schicksal-such-en-finden-Glück Chick-lit-liebe-s-frauen-romantik-romance-roman-lustig-humor-voll Urlaub-Reise

Autor

  • Dorothea Stiller (Autor)

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Titel: London Love - Herz über Kopf (Chick- Lit, Liebe)