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Das Geheimnis von Kestrel Hall (Historisch, Liebesroman)

von Dorothea Stiller (Autor)

2018 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

England, 1814: Die junge Marguerite Gillray glaubt, das perfekte Glück gefunden zu haben, als sie den charmanten Lord Adam Peterborough heiratet und kurz darauf ihr Sohn Jacob geboren wird. Doch dann ziehen sie auf den Landsitz Kestrel Hall an der rauen Küste Yorkshires. Während es in Marguerites Ehe zunehmend kriselt, muss sie feststellen, dass in dem düsteren Herrenhaus nicht alles mit rechten Dingen zugeht. Bei ihrem Ehemann stößt die verängstigte Marguerite auf Unverständnis. Zuspruch und Trost findet sie jedoch bei dem faszinierenden Timothy Beauchamp, einem Freund der Familie. Schon bald befindet sich Marguerite im Widerstreit der Gefühle und, ohne es zu ahnen, in allerhöchster Gefahr.

Impressum

dp Verlag

Erstausgabe November 2018

Copyright © 2020 dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

E-Book-ISBN: 978-3-96087-494-2
Taschenbuch-ISBN: 978-3-96087-222-1

Covergestaltung: Rose & Chili Design
Lektorat: Astrid Rahlfs

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

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dp Verlag

Eins

Montag, 20. Juni 1814 – Hyde Park, London

Einundzwanzig Salutschüsse waren zu hören gewesen. Das Zeichen, dass sie das Tor zum Park erreicht hatten.

»Können Sie sie sehen, Hayward?«, rief Marguerite und sah zu dem Ast hinauf, auf dem Leander Hayward saß und nach den Majestäten Ausschau hielt. An den Baumstamm gestützt, balancierte Marguerite auf den Fußballen und reckte den Hals, um über die Köpfe der Zuschauer hinwegzusehen, doch sie konnte nur gelegentlich einen Blick auf den Reitweg erhaschen, wenn eine Lücke zwischen den dichtgedrängten Menschen entstand.

»Nein! Noch ist nichts zu sehen«, rief der junge Mann von seinem Ausguck.

»Fall bloß nicht herunter. Der Ast sieht nicht gerade stabil aus.« Seine Schwester Emmeline beschattete die Augen mit ihrer Hand und sah zu ihrem Bruder auf.

»Jetzt! Jetzt sehe ich sie!« Der Ast bog sich gefährlich, als er sich aufrichtete, um besser sehen zu können. »Da! Da ist Prinny! Und das zu seiner Rechten muss der russische Zar sein.«

Marguerite musste lachen. War es nicht ein wenig gewagt, diesen spöttischen Kosenamen für den Prinzregenten zu verwenden, wenn der gerade vorbeiritt? Sie reckte sich auf die Zehenspitzen und fand endlich eine Lücke, durch die sie Köpfe und Schultern der vorbeireitenden Majestäten erspähen konnte.

»Der in der schwarzen Uniform? Mit den goldenen Epauletten?«

»Ja. Und der mit dem weißen Federbausch auf dem Hut ist gewiss der preußische König, Friedrich Wilhelm III.«

»Und der Alte mit der roten Schärpe und den vielen Orden?« Emmeline war neben Marguerite getreten und versuchte ebenfalls, zwischen den Zuschauern hindurchzuspähen.

»Der mit dem Schnauzbart? Ich glaube, das ist Feldmarschall Blücher.«

Hinter den Majestäten folgte ein Zug diverser hochdekorierter Offiziere und Beamter. Es mussten bestimmt weit über zweihundert Männer aus verschiedenen Nationen sein. Nachdem der Prinzregent mit den alliierten Hoheiten vorbeigeritten war, zerstreute sich die Menge ein wenig, und das Gedränge wurde erträglicher.

»Achtung, Miss Gillray, ich komme herunter.« Geschickt ließ sich Leander Hayward von dem Ast heruntergleiten und landete neben seiner Schwester und Marguerite auf dem Boden. Mit den Handflächen klopfte er notdürftig den Schmutz von seinen hellen Pantalons. Sein Hemd sah ebenfalls etwas mitgenommen aus und die Krawatte, zuvor salopp à la Byron gebunden, hatte sich gelockert.

Marguerite sah ihn amüsiert an.

»Sie sehen aus wie ein Lausbub, der im Garten Verstecken gespielt hat.«

»Dazu fehlen mir die aufgeschlagenen Knie.« Hayward zupfte sein Hemd zurecht, richtete die Krawatte und ließ sich von Emmeline die Jacke reichen. »Ist es Ihnen so genehm, Miss Gillray?«

»Beinahe. Darf ich?« Marguerite zupfte ein Blatt aus seinen rotblonden Locken. »So. Nun könnten Sie fast mit dem Zar zum Bankett gehen.«

Hayward lachte und zwinkerte ihr zu.

»Finden Sie nicht, dass ich dafür ein wenig zu vornehm bin?« Er reckte den Hals und spähte über die Menge hinweg. »Da kommen die Truppen. Das wird ein einmaliges Spektakel«, verkündete er und begann zu schwärmen. »Rund zweihundert Mann der Königlichen Artillerie, über zweitausend Mann Kavallerie, Infanterie, Milizionäre und Freiwilligenkorps, insgesamt über zwölftausend Mann.«

Marguerite konnte Haywards Begeisterung für das Militär zwar nicht teilen, ein Aufmarsch von über zwölftausend Soldaten und mehr als zweitausend Pferden allerdings war ein durchaus sehenswertes Ereignis, und so waren aus ganz London Schaulustige in den Hyde Park geströmt und säumten die Wege, um die Truppenabnahme zu sehen.

Begleitet von Militärkapellen und Freudenschüssen zogen die Soldaten an der jubelnden Menge vorbei, und Marguerite musste zugeben, dass es in der Tat beeindruckend war.

»Ich glaube nicht, dass ich jemals so viele Männer in Uniform gesehen habe.«

»Die machen schon etwas her, finde ich.« Emmeline Hayward beobachtete gebannt den schier endlosen Zug, der an ihnen vorbeimarschierte.

»Du wirst also einmal einen Offizier heiraten, Schwesterlein?«, neckte Hayward. Emmeline lachte nur und knuffte ihren Bruder wenig damenhaft in die Seite.

»Reden wir nicht übers Heiraten«, seufzte Marguerite. »Davon reden meine Eltern bereits genug.«

»Dann wollen wir heute nicht davon sprechen und uns einfach nur vergnügen.« Leander Hayward lächelte.

»Dafür gibt es auch genug Anlass. Endlich hat der grässliche Krieg ein Ende«, stimmte Emmeline zu.

In der Tat war der Sieg über Napoleon ein Grund zu feiern, und der Prinzregent hatte auch keine Kosten und Mühen gescheut, dieses freudige Ereignis und die nunmehr zweihundert Jahre währende Herrschaft des Hauses Hannover mit zahlreichen sich an Prunk und Extravaganz überbietenden Festivitäten zu begehen.

Als etwa zwei Stunden später die letzten Regimenter vorbeigezogen waren, beschlossen die drei Freunde, bei einem der vielen Stände, die entlang der Wege aufgebaut waren, eine Erfrischung zu sich zu nehmen.

Sie kamen nur langsam vorwärts, denn zwischen den Ständen und Zelten drängelten sich die Menschen, und überall gab es etwas zu sehen. Jongleure, Tänzer und Clowns, dressierte Tiere, Puppenbühnen, Schiffsschaukeln und Karussells.

Nachdem Leander für sie Rindfleischpasteten, heißen Aal und Ingwerbier sowie kandierte Früchte erstanden hatte, fanden sie einen Platz an einem der Tische zwischen den Zelten. Es schien, als habe die Sonne dem Anlass entsprechen wollen, denn sie strahlte kräftig vom fast wolkenlosen Himmel, und Marguerite beneidete Hayward nicht um Jacke und Krawatte, war ihr doch selbst in ihrem hauchzarten Musselinkleid noch ungeheuer warm.

»Herrlich, so ein buntes Treiben, nicht wahr?« Emmeline nahm einen Schluck Ingwerbier und sah sich neugierig um.

»Sehr«, stimmte Marguerite zu. »Ich kann mich nicht daran erinnern, je ein solches Spektakel in London gesehen zu haben. Man kommt aus dem Staunen gar nicht mehr heraus.«

Tatsächlich hatte der Trubel sie für eine Weile von ihrer unangenehmen Lage ablenken können. Doch jetzt, da sie ein wenig zur Ruhe kam, kehrten ihre Gedanken zurück zu dem Gespräch mit ihrer Mutter.

»Was ist mit dir? Fühlst du dich nicht wohl?«, fragte Emmeline, die den grüblerischen Gesichtsausdruck der Freundin bemerkt hatte. Vor ihr konnte Marguerite nichts verbergen, sie kannten einander einfach zu gut, schließlich waren sie so gut wie miteinander aufgewachsen.

»Eigentlich wollte ich uns damit nicht die Stimmung verderben«, entgegnete Marguerite.

»Ich kann es mir denken. Gewiss geht es um die Heiratspläne, die deine Eltern schmieden, nicht wahr?«

»Geht es nicht immer darum?« Marguerite seufzte. »Seit ich sechzehn geworden bin, arbeitet Mama doch darauf hin. Eine günstige Liaison soll meine Eintrittskarte in die noble Gesellschaft sein.«

»Ist es nicht eigentlich widersinnig, dass sich die adlige Gesellschaft dem Bürgertum gegenüber derart überlegen fühlt?« Leander Hayward biss ein Stück von seiner Fleischpastete ab und kaute. »Ihr Vater, Miss Gillray, arbeitet hart und hat es mit seinem Tee- und Gewürzhandel zu Ansehen und Wohlstand gebracht. Während er sich mit Geschick und ehrlicher Arbeit ein Vermögen erwirtschaftet hat, leben wir in der Hauptsache von unserem Landbesitz, der uns als Erbe in die Wiege gelegt wurde. Warum also sollte man einem Mann wie Ihrem Vater weniger Respekt entgegenbringen als beispielsweise unserem Vater – nur, weil der sich Baron Segrave nennen darf?«

»Du wirst den Gang der Welt nicht ändern, Leander«, warf Emmeline ein. »Es sei denn, du willst es den Franzosen gleichtun. Vergiss dabei nicht, wie viel Blut in ihrer Revolution geflossen ist.«

Hayward lachte.

»Sei unbesorgt, Emmeline. Zum Umstürzler bin ich nicht geboren, und es ist auch nicht mein Ehrgeiz, die Verhältnisse auf den Kopf zu stellen. Dennoch glaube ich, ein bisschen weniger Arroganz stünde unserer noblen Gesellschaft ganz gut zu Gesicht.«

»Hört, hört!«, rief Emmeline aus und hob ihr Glas. »Du wirst einmal einen fabelhaften Politiker abgeben.«

»Sie haben recht, Hayward. Eigentlich sollte es keine Rolle spielen, in welch eine Familie man hineingeboren wurde. Doch so ist es nun einmal, und daher hat sich meine Mutter in den Kopf gesetzt, dass ich unbedingt einen Mann mit Titel heiraten soll. Und ich fürchte, dieses Mal wird es für mich ernst.«

Das Lächeln wich aus Haywards Gesicht und seine Stirn legte sich in Falten.

»Das heißt, sie hat einen geeigneten Heiratskandidaten für Sie gefunden?«

»Allerdings. Seit Wochen ist von nichts anderem die Rede. Mama hat auf einer Gesellschaft die Dowager Countess of Peterborough kennengelernt und nähere Bekanntschaft mit ihr geschlossen. Wenn man den Gerüchten Glauben schenken kann, ist die finanzielle Lage der Familie angespannt. Dessen ist Lady Peterborough offenbar erst nach dem Tod ihres Mannes gewahr geworden, als ihr die Vermögensverhältnisse offengelegt wurden.«

»Und höchstwahrscheinlich gibt es da einen Sohn, richtig?«, folgerte Hayward.

»Adam Sinclair, der fünfte Earl of Peterborough.« Marguerite stieß hörbar Luft aus. »Die Countess hat es offenbar eilig, ihn unter die Haube zu bringen. Neben der prekären finanziellen Lage, befürchtet sie möglicherweise auch, die Geburt eines Stammhalters nicht mehr zu erleben.«

»Und den sollst du ihm schenken – zusammen mit einer großzügigen Mitgift, nehme ich an?«, schloss Emmeline.

»So ist es.« Marguerite nickte. »Mama hat Lady Peterborough und ihren Sohn für nächste Woche zu einem Dinner eingeladen, damit wir uns kennenlernen können.«

»Ansehen kannst du ihn dir doch. Vielleicht ist er gar nicht so übel«, fand Emmeline. »Ich hoffe, du verzeihst meine Direktheit, aber du neigst dazu, dich viel zu schnell aufzuregen. Aber ebenso rasch kannst du dich für Dinge begeistern. Nimm dir Zeit, ihn erst einmal kennenzulernen. Noch ist nichts beschlossen, und du kannst später entscheiden, ob du dem Drängen deiner Eltern nachgeben willst oder es auf eine Konfrontation ankommen lassen möchtest.«

»Sicherlich«, stimmte Marguerite zu. »Ansehen könnte ich ihn mir, doch ich fürchte, wenn er mir nicht gefällt, werde ich trotzdem herzlich wenig Mitspracherecht haben. Mama plant im Kopf bereits die Hochzeit – es fehlt nur, dass sie mich schon das Monogramm auf die Wäsche sticken lässt. Bleibt mir nur die Hoffnung, dass ich ihm nicht gefalle und er mehr Einfluss auf die Entscheidung hat als ich.«

»Das halte ich für unwahrscheinlich«, entgegnete Hayward.

»Dass er selbst entscheiden kann, ob er Marguerite heiraten möchte?«, fragte Emmeline.

»Dass sie ihm nicht gefallen könnte.« Leander Hayward lächelte schelmisch. »Da müsste er ein rechter Einfaltspinsel sein – oder blind wie eine Fledermaus.«

Marguerite lachte. »Vielen Dank für das reizende Kompliment, Hayward. Allerdings hoffe ich, dass der Earl diese Ansicht nicht teilt.«

Zwei

Dienstag, 21. Juni 1814 – Portland Place, London

Marguerites Finger flogen über die Tasten des Pianofortes, doch immer wieder musste sie innehalten und neu ansetzen. Sie war einfach nicht bei der Sache.

Ihre Mutter saß vor dem Fenster und war damit beschäftigt, ein halbmondförmiges Holztischchen mit einem zierlichen floralen Muster zu bemalen – ihre große Leidenschaft.

»Am Sonntag solltest du möglicherweise ein anderes Stück spielen. Oder du musst noch viel üben. Wir wollen doch, dass du bei Lord Peterborough einen guten Eindruck hinterlässt.« Mrs Gillray warf ihrer Tochter einen tadelnden Blick zu und tauchte die Pinselspitze in die Farbe.

»Nein, Mutter. Nicht wir wollen – du willst«, entgegnete Marguerite trotzig und griff prompt einen falschen Akkord. »Ich sehe nicht ein, dass ich für eure Ambitionen an den nächstbesten Mann verschachert werden soll.«

»Marguerite! Ich muss doch sehr bitten.« Die Mutter hatte den Pinsel sinken lassen und sah sie streng an. »Es ist eine mehr als glückliche Fügung, dass Lady Peterborough es so eilig hat, ihren Sohn zu verheiraten und dass sie bei der Wahl einer geeigneten Schwiegertochter nicht unbedingt auf einer adligen Herkunft besteht.«

Marguerite hörte auf zu spielen und schaute ihre Mutter zornig an.

»Nein, natürlich nicht. Ihr geht es in erster Linie darum, das wirtschaftliche Überleben ihrer Familie zu sichern. Offenbar hat der verstorbene Lord Peterborough sich nicht um die Finanzen geschert und über seine Verhältnisse gelebt. Und ich soll es nun richten. Unter normalen Umständen würde Ihre Ladyschaft genauso auf uns herabsehen wie der Rest ihres Standes. Doch wenn ihr Schiff im Sinken begriffen ist, kommt der reiche Gewürzhändler als Rettungsanker gerade recht.«

»Nun, darin kann ich nichts Verwerfliches sehen«, fand Mrs Gillray. »Ein jeder ist auf seinen eigenen Vorteil bedacht und möchte nur das Beste für seine Kinder.«

»Und du glaubst, das Beste für mich sei es, einen Mann zu heiraten, den ich überhaupt nicht kenne, nur um mich mit einem Titel schmücken zu können? Du hast es bloß nie verwunden, selbst einen Bürgerlichen geheiratet zu haben. Und jetzt soll ich mich dafür hergeben, deine Rückkehr in die adlige Gesellschaft zu ermöglichen.«

»Marguerite! Mäßige dich! Ich dulde nicht, dass du in diesem Ton mit deiner Mutter sprichst.«

Marguerite zuckte zusammen. Die donnernde Stimme ihres Vaters war ungewohnt scharf. Wie es schien, war Mr Gillray unbemerkt hereingekommen und hatte einen Teil ihres Wortwechsels mit angehört.

»Außerdem erlaube ich nicht, dass du dich derart respektlos über den seligen Lord Peterborough äußerst. Wie schnell kann man in eine missliche finanzielle Lage geraten. Wer möchte es der Dowager Countess of Peterborough verdenken, dass sie anstrebt, die Fehler der Vergangenheit wiedergutzumachen und ihrer Familie zu einer neuen, glänzenderen Zukunft zu verhelfen? Was bitte ist so unzumutbar daran, dass du ein Teil dieser Zukunft werden könntest?«

Mr Gillray stieß mit dem Zeigefinger in die Luft und lief energischen Schrittes vor dem Pianoforte auf und ab.

»Du musst nicht nur an dich selbst denken, Marguerite! Denke doch bitte auch an deine zukünftigen Kinder. Als Countess kannst du ihnen ein ganz anderes Leben bieten. Es wäre eine ideale Verbindung. Die Peterboroughs brauchen das Geld, und wir brauchen ihren Titel. Es ist ein legitimer Handel.«

Marguerite sprang auf.

»Ein Handel! Ich bin doch kein Stück Vieh, das ihr auf dem Markt an den Meistbietenden verkauft. Ist es denn zu viel verlangt, wenn ich einen Mann heiraten möchte, den ich auch liebe?«

Mrs Gillray lachte auf.

»O Marguerite, mein Herz. Das, was du für Liebe hältst, ist nach spätestens zwei Jahren verblüht. Darauf kann doch niemand eine Ehe und schon gar keine Familie gründen. Du wirst sehen, später kommt es viel mehr auf gegenseitigen Respekt und Verlässlichkeit an als auf Schwärmerei und alberne Sentimentalitäten.«

»Sentimentalitäten? Aber Mama! Mit diesem Mann werde ich mein Leben teilen müssen.«

»Strohfeuer verglühen schnell. Liebe muss erst langsam wachsen, Marguerite«, warf Mr Gillray ein.

»Wenn du erst einmal verheiratet bist, wirst du einem Haushalt vorstehen und dich um die Erziehung deiner Kinder kümmern müssen, für Romantik bleibt dir dann ohnehin keine Zeit. Lord Peterborough ist ein kluger und höflicher Mann und sieht ausgesprochen gut aus. Er wird einen guten Ehemann abgeben. Und selbst wenn er dir nicht gleich zusagt, mit der Zeit wächst man zusammen und lernt einander lieben«, sprang Mrs Gillray ihrem Gatten bei.

»Du hast Papa auch aus Liebe geheiratet. Nun wirst du doch wohl nicht behaupten, dass es dich unglücklich gemacht hätte.«

»Unglücklich nicht, Liebes, aber ich habe feststellen müssen, dass einem ein Titel mehr Türen öffnet als ein gefülltes Bankkonto, und für dich wünsche ich mir, dass du es leichter haben wirst.« Mrs Gillray nahm den Pinsel wieder auf und wandte sich ihrer Malerei zu. Das Thema war für sie offenbar erledigt.

»Ich werde nicht zulassen, dass du dich aus einer romantischen Vorstellung heraus für dein Leben unglücklich machst, Marguerite«, beendete ihr Vater die Diskussion mit Nachdruck. »Du wirst dir am Sonntag die allergrößte Mühe geben, Lord Peterborough und der Dowager Countess gegenüber zuvorkommend und höflich zu sein und dich von deiner besten Seite zu zeigen. Du genießt in diesem Haus eine Menge Freiheiten und Privilegien, und du wirst feststellen, dass ich auch weit weniger großzügig sein kann, wenn du es darauf anlegen möchtest.«

Marguerite wollte protestieren, doch sie wusste genau, dass es keinen Sinn hatte. Möglicherweise hatte Emmeline recht und der Earl war gar nicht so übel. Sie beschloss, sich ihre Kräfte für den Fall aufzusparen, dass sie einen unüberbrückbaren Widerwillen ihm gegenüber empfände, wenn sie ihn am Sonntag kennenlernen würde. In dem Fall stand ihr ein zäher Kampf mit ihren Eltern bevor. So viel stand fest. Also verbiss sie sich weitere Widerworte und kehrte zu ihrem Klavierspiel zurück. Mr Gillray schien zufrieden, nahm die Zeitung und setzte sich in seinen Lieblingssessel. Seine streitbare Stimmung war verflogen, denn er wippte zu Marguerites Klavierspiel gut gelaunt mit dem Fuß.

Sie hatte noch nicht lange gespielt, als Travers den Besuch der Geschwister Hayward ankündigte.

»Wir wollen gar nicht lange stören«, begann Leander Hayward, nachdem sie die Gillrays begrüßt hatten. »Eigentlich wollten wir Miss Gillray nur auf eine Ausfahrt in unserer Barouche entführen. Das Wetter ist herrlich.«

»Darf ich, Mutter?«, bat Marguerite. »Wenigstens möchte ich meine letzten Tage in Freiheit noch genießen.«

Mrs Gillray warf ihr einen zornigen Blick zu.

»Aus allem musst du ein Drama machen! Aber fahr nur. Frische Luft wird dir guttun. Doch ich wünsche, dass du morgen weiter dein Klavierstück übst.«

»Ja, Mutter. Ich verspreche es. Setzen Sie sich doch einstweilen, Mr Hayward. Ich werde mich rasch umziehen.«

Drei

Dienstag, 21. Juni 1814 – Hyde Park, London

Marguerite ließ den Kopf in den Nacken fallen und blinzelte in die Sonne, während die Kutsche mit den drei Freunden darin die Oxford Street in Richtung Cumberland Gate entlangrollte.

»Ich bin froh, für eine Weile entfliehen zu können. Mama bleibt unerbittlich, was den Earl of Peterborough angeht, und Papa stellt sich auf ihre Seite. Ich fürchte, die Aussicht, aus ihrer Tochter eine Countess zu machen, hat ihnen vollkommen den Verstand vernebelt.«

»Sie wollen nur dein Bestes, Marguerite. Das darfst du nicht vergessen. Welche Frau hat schon das Glück, nur aus Liebe zu heiraten?«, warf Emmeline ein. »Von Liebe allein kann der Mensch nicht leben, und man darf die Realität nicht aus den Augen verlieren. Solange dein Peterborough nicht rundheraus widerwärtig ist, solltest du es dir überlegen, ob eine solche Verbindung nicht doch von Vorteil sein könnte.«

»Ich muss dir widersprechen, liebste Schwester. Du warst schon immer viel zu vernünftig«, wies Leander Hayward den Einwurf zurück. »Wie sollen zwei Menschen miteinander glücklich werden, wenn sie nur der Zweck verbindet? Wenn andere Menschen oder äußere Umstände darüber bestimmen, wen ein Herz lieben darf und wen nicht, kann das doch nur in die Katastrophe führen.«

»Sehr wohlgesprochen, Hayward. Ich glaube auch, dass der Verstand das Gefühl nicht in die Schranken weisen kann. Gefühle sind wie Wasser, sie wollen frei fließen. Man kann wohl Dämme bauen, doch staut sich zu viel, können sie das Wasser nicht aufhalten und es bricht sich Bahn«, bemerkte Marguerite.

Emmeline lachte.

»Ihr lest zu viele Gedichte und Romane. Ich gebe euch recht, denn auch ich denke, dass eine Verbindung dann am glücklichsten ist, wenn Opportunität und Leidenschaft zusammenkommen. Doch wenn wir darauf warten, einem solchen Menschen zu begegnen, kann es sein, dass wir am Ende allein dastehen.«

»Möglicherweise ist es besser, allein zu sein, als sein Leben mit dem falschen Menschen zu verbringen«, sagte Marguerite und seufzte hörbar. »Doch was nutzt es? Wenn ich mich nicht mit meiner Familie überwerfen möchte, muss ich mich wohl oder übel ihrem Willen beugen.«

»Sind Sie sicher, dass Ihre Eltern nicht nachgeben werden?« Hayward sah sie mit zusammengezogenen Augenbrauen an. Er schien nachzudenken.

»Ja. Für meine Mutter steht fest, dass ich einen Mann mit Titel heiraten muss. Und diese Gelegenheit ist zu gut, um sie sich entgehen zu lassen. Wie ich bereits gestern sagte, meine einzige Hoffnung besteht darin, dass Peterborough sich uninteressiert zeigt.«

»Hm«, machte Hayward und knetete sein Kinn mit Daumen und Zeigefinger. »Vielleicht findet sich auch noch eine andere Lösung.«

»Lassen Sie uns über etwas Erfreulicheres sprechen«, schlug Marguerite vor. »Zum Beispiel darüber, wie lange Sie noch in der Stadt bleiben werden.«

»Wir werden sicher bis Mitte August bleiben. Es wird viel Trubel sein zu den Jubiläumsfeierlichkeiten, und ich glaube kaum, dass unsere Eltern sich das entgehen lassen wollen.«

»Also sollte ich dem Hause Hannover dankbar sein, beschert es mir doch die Freude, mich in diesem Jahr nicht so früh von meinen lieben Freunden trennen zu müssen.« Marguerite lächelte.

Sie befuhren die Ringstraße in der Nähe der nordwestlichen Einfriedung, die im Westen von den Kensington Gardens, im Süden vom Serpentine und vom restlichen Park mit einem Zaun abgetrennt war, als Emmeline den Kutscher bat, beim Eingang in der Nähe des Wildhüterhauses zu halten.

»Ich habe großen Durst«, erklärte sie.

Marguerite hatte den verschwörerischen Blick bemerkt, den die Geschwister getauscht hatten, und sie fragte sich, was dieser zu bedeuten hatte.

»Wenn man dem Fußweg unter den Bäumen ein Stück folgt, kommt man an eine Mineralquelle. Dort sitzt eine Frau, die Wasser verkauft. Bitte, wäret ihr vielleicht so lieb, mir einen Krug zu holen? Ich habe mir leider gestern den Knöchel vertreten und bin nicht so gut zu Fuß.«

Marguerite konnte sich nicht erinnern, bemerkt zu haben, dass Emmeline zuvor Schwierigkeiten beim Laufen gehabt hatte. Sie runzelte die Stirn. Was führten die beiden im Schilde? Sie würden doch nicht etwa … nein, den Gedanken fand sie so abwegig, dass sie ihn gleich wieder verwarf.

»Aber natürlich, Emmy. Kommen Sie, Miss Gillray, wir wollen rasch zur Quelle gehen. Es ist nicht weit, und der Weg am Garten des Wildhüters vorbei ist recht hübsch.«

Leander Hayward sprang aus der Kutsche und reichte Marguerite die Hand, um ihr beim Aussteigen zu helfen.

Sie ließen die Barouche hinter sich und spazierten den schattigen, von Bäumen gesäumten Weg entlang. Nach einer Weile konnten sie in einiger Entfernung das eingefasste Quellbecken erkennen und daneben eine Frau mit einem Handkarren, die unter den Bäumen einen Tisch und einen Stuhl aufgebaut hatte.

»Da ist es schon!«, rief Leander aus.

An der Quelle konnten sie eine Familie mit Kindern sehen, die ihren Sprösslingen offenbar etwas zu trinken gekauft hatten und die freundlich grüßte, als Leander und Marguerite näherkamen. Die Kinder tollten lachend um das Quellbecken herum.

Leander kaufte bei der Frau mit dem Handkarren einen kleinen Krug Wasser, und sie machten sich auf den Rückweg.

Als sie die Quelle und die Familie mit den lachenden Kindern hinter sich gelassen hatten, verlangsamte Leander merklich seine Schritte. Er räusperte sich.

»Miss Gillray, ich würde mit Ihnen gern über etwas sprechen, das mich seit unserer Unterhaltung gestern beschäftigt«, begann er. Marguerite blieb stehen und sah ihn prüfend an.

»Natürlich, Mr Hayward. Sprechen Sie.«

»Also, nun, ich habe lange nachgedacht … über das, was Sie bezüglich der Pläne Ihrer Eltern sagten und … nun, wenn es Ihren Eltern um den Titel geht, mein Vater ist Baron Segrave, und ich als ältester Sohn werde diesen Titel eines Tages erben. Möglicherweise könnten Sie sich vorstellen – also, da ich nichts als die wärmsten Gefühle für Sie habe, Miss Gillray – könnte ich doch bei Ihren Eltern um Ihre Hand anhalten, um Ihnen eine arrangierte Heirat mit Lord Peterborough zu ersparen.«

Das Sonnenlicht, das durch die Blätter der Bäume fiel, ließ seine großen bernsteinfarbenen Augen leuchten und Marguerite an hellen Karamell denken, den sie so gerne aß. Die rötlichblonden Locken fielen ihm keck in die Stirn und gaben ihm etwas Lausbübisches. Für einen kurzen Moment war sie versucht, seinen Antrag anzunehmen, denn die Geste rührte sie. Doch es fühlte sich falsch an, eine Ehe allein auf die Furcht vor der Alternative zu gründen. Einen lieben Freund zu heiraten, um einer von den Eltern angebahnten Heirat zu entgehen, war schließlich keinen Deut besser als sich in ihr Schicksal zu fügen. Wäre es nicht in beiden Fällen ein Zweckbündnis?

»O Hayward!«, rief Marguerite. »Sie sind ein wahrer Freund, und ich weiß Ihr Angebot zu schätzen. Es ehrt Sie, dass Sie mir damit eine erzwungene Heirat ersparen möchten. Ich habe Sie sehr gern, und wir kennen einander nun schon so lange, dass Sie wie ein Bruder für mich sind. Sicher könnten wir eine glückliche Ehe führen, doch gerade, weil ich Sie sehr schätze, kann ich Ihren Antrag nicht annehmen. Ich hoffe, Sie halten mich nicht für undankbar, jedoch wäre es falsch, aus diesem Grund zu heiraten und in höchstem Maße selbstsüchtig. Ich würde Ihnen damit die Möglichkeit nehmen, ihr Glück zu finden.«

Für einen Augenblick schien es, als wolle Hayward widersprechen. Doch schließlich nickte er.

»Ich verstehe. Sie haben höchstwahrscheinlich recht, Miss Gillray. Es war dumm von mir.«

»Nein. Nicht dumm. Es war sehr lieb von Ihnen, mir einen Ausweg aus meiner misslichen Lage bieten zu wollen. Das werde ich Ihnen niemals vergessen, Hayward. Vielen Dank!«

Für einen kurzen Augenblick schien sich ein Schatten über sein Gesicht zu legen, doch dann lächelte er wieder.

»In Anbetracht der Umstände, Miss Gillray, möchten Sie nicht endlich Leander zu mir sagen? Jedenfalls wenn wir unter uns sind?«

»Sehr gerne. Leander.« Sie mochte den Klang seines Namens. »Dann musst du mich auch Marguerite nennen.«

Langsam schlenderten sie zurück zu der wartenden Barouche, von der aus ihnen Emmeline bereits neugierig entgegenblickte. Marguerite bemerkte aus dem Augenwinkel, wie Leander den Kopf schüttelte und ein fragender Ausdruck in das Gesicht ihrer Freundin trat.

»Ich habe seinen Antrag nicht angenommen«, flüsterte Marguerite ihr ins Ohr, als Leander ihr in die Kutsche half. Emmelines Blick war nun nicht weniger neugierig, doch unterließ sie es, das Thema aufzubringen, um ihrem Bruder die Verlegenheit zu ersparen, was sie sichtbar Mühe kostete. Marguerite jedoch war es ganz recht, nicht weiter darüber sprechen zu müssen, auch wenn sie sich sicher war, die richtige Entscheidung getroffen zu haben.

Vier

Sonntag, 26. Juni 1814 – Portland Place, London

Marguerite betrachtete sich im Spiegel. Das neue cremefarbene Seidenkleid stand ihr ausgezeichnet. Es war über und über mit Glasperlen bestickt und an Ärmeln und Ausschnitt mit pinkfarbenem Satin verziert. Der Rock fiel leicht und fließend und war aufwändig mit Granatäpfeln, Ranken, Blumen und Eichenblättern aus gekordeltem Seidengarn bestickt. Normalerweise hätte es ihr gefallen, sich so herauszuputzen, doch heute hatte es einen bitteren Beigeschmack. Denn sie fühlte sich wie Ware in der Auslage eines Geschäfts, die möglichst ansprechend präsentiert werden sollte.

Anna hatte ihr die Haare zu einem eleganten Knoten aufgesteckt, um den sie die zu Zöpfen geflochtene untere Partie gewickelt und festgesteckt hatte. Die restlichen Haare hatte sie mit dem Eisen zu Locken gedreht. Sie rahmten Marguerites Gesicht vorteilhaft ein und ließen die Frisur weniger streng erscheinen. Sie sah wirklich hübsch aus. Mama würde keinen Grund zur Klage haben.

Marguerite war hin- und hergerissen. Da war diese Stimme in ihr, die rief, sie solle sich wehren, ihr Leben selbst in die Hand nehmen, aufbegehren gegen die Pläne, die ihre Eltern für sie geschmiedet hatten. Allerdings glaubte sie nicht, die Kraft und den Willen zu besitzen, es auf einen solchen Kampf mit ihren Eltern ankommen zu lassen.

Was war sie schon ohne das Erbe ihrer Eltern? Ihr Platz in der Gesellschaft hing davon ab. Natürlich, sie könnte selbst ihren Lebensunterhalt bestreiten. Schließlich war sie nicht dumm und hatte eine umfassende Bildung genossen. Aber sie war es nicht gewohnt, gegen Widerstände zu kämpfen. Bisher hatten ihre Eltern alle Schwierigkeiten aus dem Weg geräumt. Nie hatte sie für sich selbst sorgen müssen. Sie hätte überhaupt nicht gewusst, wie sie vorgehen sollte, wenn sie sich eine Arbeit suchen müsste. Wer würde sie beschäftigen, ohne den Segen ihrer Eltern? Die Wahrheit war, sie war zu feige und würde sich den Wünschen ihrer Eltern fügen. Zumindest wollte sie sich Lord Peterborough einmal ansehen. Wenn er ihr vollkommen zuwider war, würden ihre Eltern möglicherweise nicht darauf bestehen, dass sie ihn heiratete.

Es klopfte. Anna trat ein. »Die gnädige Frau wünscht, dass Sie herunterkommen, Miss Gillray. Der Besuch wird bald eintreffen.«

»Danke, Anna. Sagen Sie ihr, dass ich gleich komme.«

Noch einmal überprüfte Marguerite ihr Aussehen im Spiegel und rieb die Lippen gegeneinander, um sie zu röten.

Dann lief sie die Treppe hinunter in den Salon, wo ihre Eltern bereits warteten.

»Wunderschön, Marguerite!«, rief Mrs Gillray entzückt. »Das neue Kleid steht dir ausgesprochen gut – und dein Haar! Anna ist Gold wert. Ich bin froh, dass wir sie eingestellt haben.«

Sie trat heran und küsste ihrer Tochter die Stirn. »Ich bin stolz auf dich, Marguerite. Auch dein Klavierspiel hat sich unglaublich verbessert.« Sie nahm ihre Tochter bei den Händen, machte einen Schritt zurück und sah sie noch einmal an. »Du weißt, dass wir nur das Beste für dich wollen, nicht wahr, Marguerite?«

»Ja, Mama. Das weiß ich.« Es klang unfreundlicher, als Marguerite beabsichtigt hatte, aber ihre innere Anspannung war kaum zu ertragen. Sie wollte den Besuch nur schnell hinter sich bringen. Schließlich blieb ihr ohnehin kaum eine Wahl, und es würde ihr schwerfallen, höflich und freundlich zu ihren Gästen zu sein und sich ihnen möglichst vorteilhaft zu präsentieren, wenn ihr eher danach gewesen wäre, sich in ihrem Zimmer zu verkriechen.

Das Geräusch einer Kutsche war auf dem Pflaster vor dem Haus zu hören, und Mr Gillray trat zum Fenster, um nachzusehen.

»Ich glaube, da kommen sie.«

Rasch zog Mrs Gillray ihn am Ärmel vom Fenster weg.

»Christopher! Wenn sie dich sehen! Sie sollen doch nicht denken, wir wären verzweifelt.«

Marguerite atmete tief ein und verdrehte die Augen. Nein, sie sollten nur nicht denken, dass sie verzweifelt versuchten, ihrer Tochter mit einer saftigen Mitgift einen Mann mit Titel zu angeln.

Kurze Zeit nachdem Travers die Ankunft der Gäste gemeldet hatte, führte er Lady Peterborough in den Salon. Für eine Frau war sie erstaunlich groß und sehr schlank. Ihre kühlen blauen Augen musterten Marguerite mit Interesse und kritischer Distanz.

Hinter der Countess trat nun ein Mann ein. Marguerite musste sich zusammenreißen, um ihn nicht allzu offensichtlich anzustarren. Lord Peterborough sah weit jünger aus, als sie vermutet hatte. Wie seine Mutter hatte auch er eine schlanke Statur und überragte die Countess um ein Beträchtliches. Er hatte dunkelbraunes Haar und ebenso dunkle, markante Brauen über wachen, blauen Augen. Auf seinen fein geschwungenen Lippen lag ein leichtes Lächeln, das dem kantigen Gesicht mit der männlichen Kinnpartie etwas angenehm Weiches verlieh. Harmonischere und ansprechendere Gesichtszüge hatte Marguerite selten an einem Mann gesehen. Sie spürte, wie ihr unter den unverhohlen prüfenden Blicken der Gäste das Blut in die Wangen schoss.

»Lady Peterborough, Lord Peterborough! Wie schön, Sie wiederzusehen. Wir sind hocherfreut, Sie in unserem Haus begrüßen zu dürfen. Darf ich Ihnen meinen Mann, Mr Christopher Gillray und meine Tochter, Miss Marguerite Gillray vorstellen?«

»Haben Sie vielen Dank für die freundliche Einladung«, entgegnete die Countess. »Mr Gillray, Miss Gillray, ich bin hocherfreut, Ihre Bekanntschaft zu machen und freue mich, Ihnen meinen Sohn vorstellen zu dürfen, Lord Adam Peterborough.« Ihre Stimme war fest und kühl. Sie klang wie die Stimme einer Frau, die es gewohnt war, dass man ihren Worten Beachtung schenkte.

»Auch ich freue mich außerordentlich, heute bei Ihnen zu Gast sein zu dürfen. Insbesondere ist es mir natürlich eine Freude, Ihren Gatten und Miss Gillray kennenzulernen.«

Lord Adam Peterboroughs Stimme hatte eine angenehm warme Klangfarbe und wirkte wohltuend gegen den bestimmend kühlen Ton der Dowager Countess.

Marguerite hatte mit einigem gerechnet, aber nicht damit, dass ihr Lord Peterborough auf Anhieb sympathisch sein könne. Er war ein ausgesprochen gutaussehender Mann und hatte eine ruhige Gelassenheit an sich, die jedoch in keiner Weise überheblich wirkte.

»Bitte, nehmen Sie doch Platz.« Mr Gillray wies auf das Sofa.

Nachdem sich die Gäste gesetzt hatten, nahmen auch die Gillrays Platz. Marguerite sah verstohlen zu Lord Peterborough herüber und fühlte sich fast ertappt, als dieser ihren Blick auffing. Eben noch war sie der festen Überzeugung gewesen, sich sogar zu elementarer Höflichkeit ihm gegenüber zwingen zu müssen. Doch jetzt brannte sie darauf, mehr über ihn zu erfahren.

»Wir freuen uns so, dass Sie es einrichten konnten. Sicher haben Sie viele gesellschaftliche Verpflichtungen, denen Sie nachkommen müssen.« Mrs Gillray war bemüht, die Konversation in Gang zu bringen.

»Sie haben recht, es ist der Sommer der Feste, liebe Mrs Gillray. Aber nach unserem Gespräch musste ich einfach Ihre reizende Familie kennenlernen. Ich fürchte, ich habe Lord Peterborough ganz närrisch gemacht, so habe ich von Ihnen geschwärmt.« Lady Peterborough wandte sich lachend ihrem Sohn zu. Der lächelte und nickte.

»Allerdings. Meine Mutter hat mir so viel von Ihnen erzählt, dass ich es nicht abwarten konnte, Sie endlich kennenzulernen. Insbesondere Sie, Miss Gillray. Mama sagte, Sie sind eine ausgezeichnete Pianistin. Ich hoffe doch, dass Sie uns später etwas zu Gehör bringen werden?«

Marguerite lächelte und spürte, wie ihre Wangen glühten.

»Selbstverständlich gerne, Mylord. Ich fürchte nur, meine Mutter ist nicht ganz objektiv, was meine Begabung angeht.«

»Stellen Sie Ihr Licht nicht unter den Scheffel, meine Liebe. Ich bin sicher, Sie haben auch eine wundervolle Gesangsstimme. Aber da wir gerade von Festivitäten sprachen«, begann die Dowager Countess, »der Watier’s Club, in dem Lord Peterborough Mitglied ist, veranstaltet am Freitag in Burlington House einen großen Maskenball zu Ehren des Duke of Wellington. Insgesamt werden etwa 1700 geladene Gäste erwartet. Wir hatten gehofft, dass Sie uns begleiten, Miss Gillray.«

Marguerites Herz schlug schneller. Ein großer Kostümball, auf dem sich alles tummeln würde, was Rang und Namen hatte. Und sie sollte dabei sein? Was für eine aufregende Aussicht!

»Ich kann Ihnen gar nicht sagen, was für eine große Ehre es für mich wäre, Sie begleiten zu dürfen, Mylady«, sagte sie voll Begeisterung.

»Mit einer so reizenden Begleitung freue ich mich nur umso mehr auf den Ball«, entgegnete Lord Peterborough mit einem Lächeln. »Sie müssen mir jetzt schon versprechen, mir einen Tanz zu reservieren, Miss Gillray.«

»Es wäre mir ein Vergnügen, Mylord.«

Marguerite strahlte. Die Aussicht, Lord Peterborough auf einen Ball zu begleiten und mit ihm zu tanzen, hatte jeglichen Schrecken verloren. Noch heute Morgen war es für sie klar gewesen, dass sie sich nur mit Widerwillen den Wünschen ihrer Eltern beugen würde. Schließlich war sie fest davon überzeugt, dass sie nur einen Mann heiraten wollte, den sie liebte. Jetzt allerdings fragte sie sich, ob sie überhaupt wusste, wie sich Liebe anfühlte. Konnte man tatsächlich bei der ersten Begegnung instinktiv wissen, dass man jemanden liebte? Noch nie hatte sie auf diese Weise für einen Mann empfunden. Diese Art der Liebe kannte sie doch nur aus Romanen und Gedichten. Waren die Empfindungen, die in Lord Peterboroughs Gegenwart auf sie einströmten, bereits erste Vorboten davon? Es verunsicherte sie, dass er so anders war als in ihrer Vorstellung, und ihr vehementer Widerstand erschien ihr rückblickend beinahe lächerlich. Eigentlich hätte sie doch wissen müssen, dass die Mutter ihr Lord Peterborough nicht vorgestellt hätte, wenn er ihr nicht als ein wünschenswerter Schwiegersohn erschienen wäre. Mit ihrem voreiligen Aufbegehren hatte sie Leander Hayward sogar dazu verleitet, ihr aus eilfertiger Ritterlichkeit einen Antrag zu machen, um sie aus den Fängen eines vermeintlichen Unholds zu retten. Damit hätte sie auch ihn auf Jahre hin unglücklich machen können, ihm die Möglichkeit genommen, sein Glück zu finden und eine Frau aus freien Stücken und aufrichtiger Liebe zu heiraten.

Oh, wie dumm war sie gewesen! Emmeline hatte recht behalten. Sie hätte warten und Lord Peterborough kennenlernen sollen, bevor sie ihre Eltern erzürnt und ihre Freunde in ihren Streit hineingezogen hatte. Sie war so sicher gewesen, dass sie besser wusste, was gut für sie sei. Nun stand sie vor sich, vor ihren Freunden und vor ihren Eltern blamiert da und musste einsehen, dass die mit ihrer Lebenserfahrung offenbar doch bessere Ratgeber waren als ihr stürmisches Herz. Sie fühlte sich an Emmelines Worte erinnert. Daran, dass die glücklichsten Verbindungen wohl die waren, in denen Opportunität und Leidenschaft aufeinandertrafen. Möglicherweise war diese Begegnung der Beginn einer solchen Verbindung. Marguerite war jedenfalls begierig, dies zu überprüfen.

Fünf

Montag, 27. Juni 1814 – Duchess Street, London

»Was ist mit dir? Nun habe ich schon zum dritten Mal hintereinander gewonnen. Fühlst du dich nicht wohl?« Emmeline nahm den Einsatz an sich und sammelte die Karten ein.

»Entschuldige bitte, Emmy. Ich bin nicht ganz bei der Sache.« Ihr Bruder griff nach dem Kartenstapel und begann zu mischen. »Ich glaube, ich habe bei Marguerite einen großen Fehler gemacht.«

Emmeline runzelte die Stirn.

»Welchen Fehler?«

Leander schwieg und beobachtete seine Hände beim Mischen. Er schien nachzudenken, und Emmeline wusste, dass es wenig Sinn hatte, ihren Bruder zu drängen.

»Als ich am Dienstag um ihre Hand anhielt«, sagte er schließlich.

»Du glaubst, es war ein Fehler, ihr einen Antrag zu machen?«

Leander hörte auf zu mischen und sah seine Schwester an.

»Nein. Es ist mehr die Art und Weise, wie ich ihr den Antrag gemacht habe. Sie musste annehmen, ich hätte es aus Mitgefühl getan, um ihr einen Ausweg aus ihrer schwierigen Lage zu bieten.«

Emmeline sah erstaunt auf.

»Und diese Annahme ist falsch?«

»Ach, ich ärgere mich so über mich selbst!« Leander fuhr sich mit den Fingern durchs Haar. »Aber bis gestern war es mir selbst nicht recht bewusst, fürchte ich. Ich Esel habe es so ungeschickt angestellt, dass sie ablehnen musste. Erst als sie meinen Vorschlag abgelehnt hatte, merkte ich, wie sehr mich das enttäuschte.«

»Du wünschst dir, sie hätte zugestimmt?«

Emmeline war verwundert und erfreut zugleich. Wäre es nicht wundervoll, wenn ihre Freundin auch ihre Schwägerin würde? Sie waren doch ohnehin wie Schwestern.

»Ja. Doch leider habe ich bis gestern Abend gebraucht, um es zu bemerken. Ich kenne sie so lang, dass es mir nicht bewusst war, aber ich liebe sie.«

»O Leander! Das ist doch wundervoll!«, rief Emmeline begeistert.

»Du täuschst dich, Emmy. Marguerite erwidert meine Gefühle nicht. Sie sagte, sie hat mich gern – wie einen Bruder.«

»Natürlich hat sie das gesagt. Ich bin sicher, sie empfindet genau wie du. Gewiss ist es ihr bisher auch noch nicht bewusst geworden. Wenn sie nur wüsste, was du fühlst!« Emmeline legte ihre Hände auf die ihres Bruders. »Du musst es ihr sagen.«

Leander hatte die Augenbrauen zusammengezogen.

»Bist du sicher, dass das klug wäre? Jetzt, wo sie dem Earl of Peterborough vorgestellt wurde?«

»Jetzt gerade! Noch wird er ihr keinen Antrag gemacht haben. So eilig wird es selbst unser finanzschwacher Earl of Peterborough nicht haben. Aber du musst schnell handeln. Also komm schon, wir wollen gleich zu ihr gehen!«

Da das Haus der Gillrays nicht weit entfernt war, machten sich die Hayward-Geschwister zu Fuß auf den Weg und kamen kurz darauf am Portland Place an, wo sie von Travers, dem Butler, in Empfang genommen wurden.

Als sie in die Halle traten, kam Marguerite ihnen über die Treppe entgegengeflogen. Obwohl es fast Mittag war, war sie noch in ihrem Morgenkleid, und sie strahlte über das ganze Gesicht.

»Emmeline! Leander! Als ob ihr Gedanken lesen könntet. Gerade habe ich daran gedacht, euch zu besuchen. Ich wollte mich soeben umkleiden. Es ist spät geworden gestern Abend, und ich habe lange geschlafen. Wartet doch einstweilen im Salon, dann mache ich mich zurecht. Travers wird euch Tee bringen.«

Kaum hatte sie dies gesagt, lief sie wieder die Treppe hinauf in das obere Stockwerk, in dem sich die Schlafgemächer der Familie befanden.

Verwundert sah Emmeline ihren Bruder an.

»Sie scheint guter Dinge«, bemerkte der mit einem enttäuschten Unterton.

Die Geschwister folgten Travers in den Salon und nahmen Platz, während sie auf ihre Freundin warteten.

»Du glaubst doch nicht, dass er ihr bereits einen Antrag gemacht hat«, flüsterte Emmeline. »Doch nicht direkt am ersten Abend.«

»Nein. Das glaube ich auch nicht. Aber sie wirkte fröhlich und unbekümmert, findest du nicht?« Leander sah ungeduldig zur Tür.

»Vielleicht haben ihre Eltern nachgegeben«, versuchte Emmeline, ihren Bruder zu beruhigen. Doch sie ahnte, dass Marguerites fröhliche Stimmung an diesem Morgen für Leander nichts Gutes zu bedeuten hatte.

»Du musst es ihr sagen«, sagte sie daher mit Bestimmtheit. »Sie muss es erfahren.«

»Du wirst dich zurückhalten!« Ihr Bruder warf ihr einen strengen Blick zu. »Es ist allein meine Entscheidung. Lass mich das übernehmen. Versprich es! Sollte sie ihre Wahl bereits getroffen haben, werde ich mich nicht dazwischendrängen.«

Emmeline schwieg.

»Versprich es!«, wiederholte Leander mit Nachdruck.

»Also gut, ich verspreche es.«

Sie wusste, dass sie ihren Bruder nicht davon würde abhalten können, sich aus Ritterlichkeit selbst unglücklich zu machen. Auch wenn sie überzeugt war, dass Leander und Marguerite ein vorzügliches Paar wären. Möglicherweise ließ sie sich dabei auch von ihrem eigenen Wunsch leiten, die beste Freundin zur Schwägerin haben zu wollen. Sie musste es Leander überlassen, wie er diese Angelegenheit handhaben wollte. Während sie noch darüber nachgrübelte, flog die Tür auf, und Marguerite kam herein.

»Da bin ich nun«, rief sie und nahm auf dem freien Sessel neben Leander Platz. »Oh, ich bin so albern gewesen! Du hattest vollkommen recht, Emmeline. Es wäre klüger gewesen abzuwarten, bevor ich mich derart aufrege. Ich hätte Mama wirklich ein besseres Urteilsvermögen zutrauen müssen. Lord Peterborough ist ein ganz reizender Gentleman. Du kennst mich zu gut und weißt, wie schnell ich mich in Sorgen und Befürchtungen hineinsteigern kann, Emmy.«

Sie hielt inne und sah zuerst Emmeline, dann deren Bruder fragend an.

»Aber ich sehe noch immer in lange Gesichter. Bitte, seid versichert, alles ist gut. Ich könnte zufriedener nicht sein. Ach wie kindisch ich doch war, euch so grundlos in Aufruhr und Sorge zu versetzen. Man stelle sich vor, wir hätten uns am Freitag verlobt, Leander! Das wäre wohl eine schöne Narretei gewesen!«

Marguerite lachte und Emmeline sah voll Mitgefühl zu ihrem Bruder. Sie öffnete den Mund, um ihre Freundin in ihrem Überschwang zu bremsen, doch sie sah, wie Leander kaum merklich den Kopf schüttelte.

»Ja! Was für ein törichter Einfall von mir dieser Antrag war! Nun, ich bin froh, dich so glücklich zu sehen. Das ist doch die Hauptsache, nicht wahr Emmeline? Wir wünschen Marguerite doch nur alles erdenkliche Glück.«

Der Blick ihres Bruders war beinahe flehend, und so verbiss sich Emmeline jede Einlassung, auch wenn sie nach wie vor glaubte, dass Marguerite schlummernde Gefühle für Leander hatte, derer sie sich nur bewusst werden musste.

»Ich kann dir gar nicht genug für deine Ritterlichkeit danken. Aber gewiss bist auch du nun froh, dass wir keinen Fehler begangen haben und die Aufregung überhaupt nicht nötig war. Ich weiß, dass ich bisweilen ein wenig übereilt im Urteil bin. Peterborough ist ganz anders, als ich erwartet habe. Er ist so höflich und gebildet und überaus gutaussehend. Wir sprachen über Literatur, Kunst, Philosophie und so vieles mehr. Und ehe ich mich versah, war es schon Zeit für das Supper. Die Countess hat mich sogar eingeladen, sie zu einem Ball des Watier’s Clubs in Burlington House zu begleiten. Über 1700 Gäste sollen kommen! Stellt euch das vor!«

»Das … das sind hervorragende Neuigkeiten«, brachte Leander hervor, und Emmeline staunte, dass es ihm gelang, dabei halbwegs überzeugend zu klingen.

»Wir spielten Bouts-rimés, und er war ja so clever und gewitzt, niemals um einen Vers verlegen. Denkt euch, die Stimmung war so ausgelassen, dass sich sogar Mama ans Pianoforte wagte und wir getanzt haben. Getanzt, Emmeline! In unserem Salon! Stellt euch das nur vor. Papa mit der Dowager Countess und ich mit Lord Peterborough. Er ist ein fantastischer Tänzer. Ich kann kaum abwarten, mit ihm den Ball in Burlington House zu besuchen. O Emmeline! Ich werde ein Kostüm brauchen! Ich muss sofort heute zur Schneiderin, es soll ja bis Freitag fertig sein.«

Emmeline nickte, konnte den begeisterten Überschwang ihrer Freundin aber natürlich nicht teilen. Ihr Bruder tat ihr leid, und sie war immer noch sicher: Hätte Marguerite nur von seiner Liebe gewusst, gewiss hätte sie Peterborough und dessen clevere Verse recht schnell vergessen. Aber welches Recht hatte sie als Schwester und Freundin, sich in die Entscheidungen anderer einzumischen? Auch wenn es sie innerlich quälte. Zudem kannte sie die sprunghafte Begeisterung ihrer Freundin, die sich ebenso schnell auflösen konnte, wie sie entstanden war. Vielleicht war noch nicht alles verloren.

Sechs

Freitag, 1. Juli 1814 – Burlington House, Piccadilly, London

Marguerite war froh, als sie endlich den Eingang erreichten und aussteigen konnten. Sie waren schon um sechs Uhr aufgebrochen. Als sie jedoch eintrafen, dämmerte es bereits. In Richtung Piccadilly war kein Vorwärtskommen gewesen, und während ihre Kutsche sich quälend langsam dem Ziel entgegengeschoben hatte, war Marguerites Anspannung gewachsen. Sie konnte es kaum erwarten, den Ballsaal zu sehen und die hübsch geschmückten und beleuchteten Gärten. Auch der Prinzregent selbst würde anwesend sein sowie fast sämtliche Royal Dukes – und natürlich der Duke of Wellington als Ehrengast des Abends. Ein herrliches Spektakel! Farbenfroh und ein wenig verrucht, denn unter den Gästen sollten sich auch zahlreiche Kurtisanen befinden.

Ihr Herz klopfte, als sie die Eingangshalle betraten, in der sich bereits eine Menge Gäste in ausgefallenen Kostümen tummelten. Besonders gut zu erkennen waren die Mitglieder des Watier’s Clubs, die – wie auch Lord Peterborough – sämtlich hellblaue Capes ohne Maske trugen. Marguerite fand, dass es das Blau in seinen Augen besonders zur Geltung brachte. An seiner Seite schritt sie voran, vorbei an Harlekins, Schäferinnen, türkischen Sultanen, Seemännern und ägyptischen Königinnen. Lady Peterborough stellte Demeter dar, die griechische Göttin der Fruchtbarkeit. Dazu hatte sie sich in eine fließende weiße Robe im griechischen Stil gehüllt und das kunstvoll aufgesteckte Haar mit einem Kranz aus Feldblumen und Kornähren geschmückt.

Marguerite fühlte sich in ihren bauschenden und raschelnden Röcken aus dunkelrotem Seidenbatist wie von einer Wolke getragen. Sie hatte das Gewand einer spanischen Maja gewählt. Über ihrem zum Knoten gebundenen Haar steckte ein hoher, fächerförmiger Kamm, der einen Schleier aus feinster schwarzer Spitze hielt, der fast bis zu ihrer Taille herabfiel. Schwarze Spitzenhandschuhe und ein ausladender Fächer aus Seidenpapier sowie einige rote Nelken, von Anna kunstvoll in ihrem Haar drapiert, vervollständigten das Kostüm.

Einen solch großen Ball hatte Marguerite noch nie besucht, erst recht keinen Maskenball, und so kam sie aus dem Staunen kaum heraus.

Die Mitglieder des Watier’s Clubs bemühten sich um die Damen, und im Ballsaal wurde bereits getanzt: die Quadrille und deutscher Walzer. Walzer! Was Mama wohl dazu gesagt hätte! Fasziniert sah Marguerite zu, wie sich die Damen im Arm der Herren drehten, so ungehörig nah und doch nicht unelegant, wie sie fand.

Der Champagner, den Marguerite der großen Hitze wegen ein wenig zu schnell trank, stieg ihr zu Kopf, und schon bald fühlte sie sich ein wenig schwindelig.

»Sie hatten mir einen Tanz versprochen«, erinnerte sie Lord Peterborough und bot ihr seine Hand, um sie zur Tanzfläche zu führen. Marguerite kam sich ein wenig verwegen vor. Noch nie hatte sie auf einem Ball einen Walzer getanzt. Mama hätte es für ungehörig gehalten, doch das kümmerte sie nicht, denn es fühlte sich großartig an. Der bauschige Rock wirbelte bei den Drehungen um sie herum, und der Schleier folgte sanft den Bewegungen. Die warme Hand des Earls in ihrem Rücken fühlte sich wundervoll an. Ihm beim Tanz so nahe zu sein, war aufregend und prickelte wie der Champagner.

»Was sagen Sie, Miss Gillray, ein Fest wie dieses hätten wir keinesfalls versäumen dürfen, nicht wahr? Ein Ball, der von den Mitgliedern eines Gentleman’s Clubs ausgerichtet wird, ist möglicherweise nicht mit den Bällen zu vergleichen, welche die Damen der noblen Gesellschaft veranstalten. Oder sind Sie etwa schockiert?«

»Ich muss gestehen, dass ich noch nie Walzer getanzt habe, Mylord. Aber schockiert bin ich nicht. Ich finde es herrlich. Alle sind so ausgelassen und fröhlich.«

»Wären Sie schockiert, wenn ich Ihnen verriete, dass die Dame dort drüben neben dem Duke of Leinster Miss Harriette Wilson ist?«

»Sie meinen, die Dame in dem grellroten Seidenrock, der schwarzen Jacke und dem kleinen grünen Hut?«, wisperte Marguerite.

»Dieselbe. Miss Wilson ist die Geliebte vieler hochgestellter Persönlichkeiten. Auch Wellington selbst und sogar der Prinzregent sollen zu ihren Bekannten zählen.« Peterborough betonte das Wort auffällig und begleitete es mit einem wissenden Lächeln. Marguerite hätte beinahe losgekichert.

»Mylord! Gehört es sich denn, so einer Dame gegenüber zu sprechen?«

»Skandale und Gerüchte sind doch die Würze, die unser Leben erst interessant macht, stimmen Sie mir nicht zu, Miss Gillray?« Lord Peterborough lachte. »Geben Sie es zu. Auch Sie genießen von Zeit zu Zeit ein saftiges Häppchen aus dem Repertoire der Gerüchteköche. Wie langweilig wäre auch das Leben, wenn alle Welt stets tugendhaft und keusch leben würde!«

»Darin möchte ich Ihnen zumindest insoweit zustimmen, als die meisten Menschen einen natürlichen Drang haben, sich schockieren zu lassen und mit einem gewissen Vergnügen von Verbrechen, Unglück und Unmoral lesen oder hören«, entgegnete Marguerite. »Dennoch sollte dies wohl nicht dazu dienen, Anstand und Moral zu relativieren. In seinem eigenen Leben sollte man doch trotz allem bemüht sein, nach Tugend zu streben, Mylord.«

»Wie Recht Sie haben, Miss Gillray! Sie haben es so treffend formuliert, dass ich darauf später dringend einen Toast ausbringen möchte! Auf unser mühevolles Streben nach Tugend.«

»Empfinden Sie es tatsächlich als so mühevoll?«, neckte ihn Marguerite mit einem koketten Lächeln.

»Bisweilen – es hängt von der Gesellschaft ab, möchte ich meinen. Es mag vorkommen, dass man in Versuchung gerät, die Grenzen des Schicklichen zu übertreten.«

Marguerites Wangen brannten, und sie fühlte sich schwindelig vom Tanz und vom Champagner.

Als sie die Tanzfläche verließen, war sie froh um ihren ausladenden Fächer, von dem sie nun ausgiebig Gebrauch machte, um sich ein wenig Kühlung zu verschaffen.

Lord Peterborough lächelte und beugte sich zu ihr.

»Wollen wir ein wenig in den Garten gehen? Dort ist es sicher etwas angenehmer.«

»Sehr gern, Mylord. Die Luft wird uns guttun.«

Sie traten hinaus in den Garten, wo hübsch beleuchtete weiße Zelte aufgestellt worden waren, und flanierten den mittleren Weg entlang, der zwischen den Zelten hindurch in den hinteren Teil der Gärten führte. Dort waren nur noch einige vereinzelte Paare zu sehen, die im Schatten der Bäume lustwandelten.

Lord Peterborough verlangsamte seine Schritte.

»Darf ich offen sprechen, Miss Gillray?«

Marguerite blieb stehen und wandte sich ihm zu. Der sachliche Ton verunsicherte sie ein wenig.

»Selbstverständlich, Mylord.«

Ein amüsierter Ausdruck lag in seinen Augen.

»Sehen Sie mich doch nicht so furchtsam an. Ich möchte mit Ihnen lediglich über das sprechen, was wir alle wissen, aber niemand beim Namen zu nennen bereit ist.«

Marguerite runzelte die Stirn.

»Was meinen Sie damit, Mylord?«

Er lachte.

»Mühen Sie sich nicht, die Fassade der Höflichkeit wegen aufrecht zu erhalten, Miss Gillray. Wir wissen doch beide nur zu gut, dass wir Teil eines Handels sind. Ihr Vermögen und Ihre Schönheit für meinen Titel und meine gesellschaftliche Stellung.«

Marguerite wandte verlegen den Blick ab. Sie wusste nicht recht, was sie ihm entgegnen sollte. Sie lachte.

»Wenn man es so betrachten will, finde ich, dass es in diesem Falle vielleicht kein Verlustgeschäft wäre. Mein Vater hat bereits schlechtere Verträge abgeschlossen«, sagte sie schließlich. »Dann halten Sie es für einen Fehler?«

»Nein, nicht für einen Fehler. Das habe ich damit nicht sagen wollen. Lassen Sie mich erklären, Miss Gillray.« Lord Peterborough machte eine Pause, so als müsse er seine Gedanken ordnen. »Nun, zunächst war ich alles andere als angetan, als meine Mutter diese Verbindung vorschlug. Ich bin der Meinung, dass man in einer so wichtigen Angelegenheit selbst entscheiden sollte. Man kann ein Herz nicht zwingen, zu lieben. Darin stimmen Sie mir sicher zu.«

Marguerite senkte den Blick. Offenbar war das eingetreten, was sie sich noch vor kurzer Zeit so sehnlich gewünscht hatte. Lord Peterborough hatte keinen Gefallen an ihr gefunden. Eigentlich hätte sie darüber froh sein können, aber nun enttäuschte es sie.

»In der Tat«, entgegnete sie schließlich. »Auch ich glaube, eine Ehe sollte sich auf mehr gründen als gegenseitigen Nutzen.«

»Das dachte ich mir.« Lord Peterborough suchte ihren Blick. »Sie scheinen mir eine selbstbewusste und kluge junge Frau zu sein. Sie wollen sich keinen Ehemann aufzwingen lassen. Ich will ehrlich sein, Miss Gillray. Ich folgte der Einladung Ihrer Eltern nur aus Pflichtgefühl meiner Mutter gegenüber. Allerdings gebe ich zu, ich bin ein Mensch, der stets den Weg des geringsten Widerstands wählt. Ich hätte mich nur höchst ungern den Wünschen meiner Mutter widersetzt, auch wenn ich fest entschlossen war, Sie nicht zu mögen.«

Marguerite spürte, wie ihr Herz schneller schlug. Sie lächelte.

»Sie sprechen im Präteritum.«

»Sehen Sie? Einer klugen Frau wie Ihnen entgeht nichts.« Ein kurzes Lächeln flog über Lord Peterboroughs Lippen. »In der Tat habe ich in dieser Angelegenheit meine Meinung geändert. Sie haben mich vom ersten Augenblick an mit ihrem Liebreiz und ihrem Charme bezaubert, Miss Gillray. Und nun erscheint es mir weit weniger unangenehm, mich den Vorstellungen meiner Mutter zu beugen.«

Marguerite widerstand dem Drang, den Blick abzuwenden. Sie spürte, wie das Blut in ihre Wangen schoss.

»So gebe ich in diesem Fall nur allzu gern meinen Widerstand auf. Ich brenne darauf, in Zukunft öfter Ihre reizende Gesellschaft zu genießen. Wenn Sie erlauben, möchte ich Sie gern näher kennenlernen, um Ihre Geheimnisse zu ergründen.«

Er trat etwas näher und griff nach ihrer Hand. Im ersten Augenblick wollte Marguerite sie zurückziehen, doch die Wärme seiner Hand, die sie durch den zarten Spitzenstoff spüren konnte, war angenehm und löste ein ungewohntes Unruhegefühl in ihr aus.

»Ich wünsche mir nichts mehr, als dass Sie aus freien Stücken wählen, Miss Gillray. Ich möchte nicht, dass Sie sich zu irgendetwas zwingen müssen.«

»Oh, seien Sie gewiss, Mylord, das muss ich ganz und gar nicht. Noch vor wenigen Tagen hätte ich es nicht für möglich gehalten, aber jetzt möchte ich liebend gern nähere Bekanntschaft mit Ihnen machen.«

»Sie glauben gar nicht, wie glücklich Sie mich damit machen.« Noch immer hielt er sanft ihre Hand in seiner. Nun brachte er sie an die Lippen und hauchte einen Kuss darauf. Marguerites Herz klopfte merklich in ihrer Brust, als er sich schließlich vorbeugte und seine Lippen die ihren fanden.

Sieben

Mittwoch, 28. September 1814 – Miss Walters‘ Damenschneiderei, Wigmore Street, London

»Wunderschön, Marguerite! Du wirst eine zauberhafte Braut. Peterborough ist zu beneiden.«

Emmeline trat einen Schritt zurück und betrachtete ihre Freundin. Über einem weißen Satinunterrock trug sie eine blassgelbe Robe mit einer kurzen Schleppe aus Sarsenett, die vorne von mit Perlen und Goldberyll verzierten Spangen zusammengehalten wurde, so dass der Satin darunter hervorblitzte. Die Säume waren mit Satinband und feinster Spitze verziert. Dazu gehörten noch eine leichte Stola aus weißer Spitze und lange weiße Glacéhandschuhe.

»Vielleicht sollte es an der Taille noch etwas enger sitzen«, fand Marguerite, und die Näherin fasste den Stoff wie gewünscht enger und steckte ihn fest.

»Etwa so, Miss Gillray?«

Marguerite drehte sich hin und her und betrachtete zufrieden ihr Spiegelbild.

»Ja. So gefällt es mir.«

Die Näherin nahm Maßband und Block zur Hand und machte sich daran, die gewünschten Änderungen zu notieren.

Emmeline lächelte ihrer Freundin zu.

»Du hast recht, so ist es noch schöner.«

»Ich kann kaum glauben, dass ich schon bald eine verheiratete Frau sein werde, noch dazu eine Countess. Und Adam ist der beste Mann, den ich mir nur wünschen könnte. Seine Manieren sind vollendet, und er verwöhnt mich so. Jeden Sonntag lässt er mir einen frischen Blumenstrauß liefern, und immer schreibt er einen Vers dazu. Und ist der Ring, den er mir zur Verlobung geschenkt hat, nicht ein Traum?« Sie streckte Emmeline die Hand entgegen, an der ein wunderhübscher Ring mit einem Saphir steckte.

»Ja, das ist er.« Emmeline lachte. »Du hast ihn mir ja auch erst hundertmal gezeigt.«

Als Baron Segrave mit seiner Familie Anfang September nach Bedford zurückgereist war, war Emmeline als Gast der Gillrays zurückgeblieben, um Marguerite bei den Hochzeitsvorbereitungen zu helfen. Heute waren sie zur ersten Anprobe des Hochzeitskleides in Miss Walters‘ Laden gekommen. Emmeline sah ihre Freundin an und seufzte.

»Was werden wir nur ohne dich anfangen?«

»Sei doch nicht traurig, Emmy. Wir sind es gewöhnt, dass wir uns jedes Jahr für ein paar Monate trennen müssen. Es wird sich doch nichts ändern. Im Gegenteil, in Milton Abbey bin ich euch näher als zuvor. Es sind nur etwas über vierzig Meilen von Peterborough nach Bedford. Ich werde euch besuchen, so oft ich kann. Und im April sehen wir uns dann in London.«

Emmeline nickte.

»Ja, du hast recht. Es ist dumm von mir, aber ich habe dennoch das Gefühl, dich zu verlieren. Wenn du mir allerdings versicherst, dass du wirklich und wahrhaftig glücklich bist, so will ich mich für dich freuen und dich nicht mit meinen selbstsüchtigen Gefühlen quälen.«

Marguerite fasste ihre Hände und lächelte. Ihre grünen Augen strahlten wie die eines Kindes angesichts einer begehrten Leckerei.

»Ja, Emmeline. Ich bin glücklich. So glücklich wie ein Mensch nur sein kann.«

»Dann will ich es auch sein.«

Emmeline rang sich ein Lächeln ab. Es schmerzte sie, ihren Bruder unglücklich zu wissen. Nach wie vor grämte Leander sich, dass er seine wahren Gefühle für Marguerite erst so spät entdeckt hatte – zu spät. Das Schicksal vermochte grausame Kapriolen zu schlagen. Nun, wer konnte ahnen, wie sich all dies in Gottes großen Plan fügte? Möglicherweise gab es irgendwo eine Frau, die auch Leander würde glücklich machen können. Die perfekte Ergänzung, ganz so, wie es offenbar Lord Adam Peterborough für ihre Freundin Marguerite war.

Acht

Sonntag, 23. Juli 1815 – Milton Abbey bei Peterborough, Northamptonshire

Liebste Emmeline! Mein lieber Leander!

Ich hoffe, eure Heimreise nach Bedford war angenehm, und diese Zeilen treffen euch bei guter Gesundheit und frohen Mutes an.

Unsere gemeinsame Zeit in London ist viel zu schnell verflogen, und ich vermisse euch bereits jetzt so sehr, dass ich kaum weiß, wie ich es bis zu unserem Wiedersehen aushalten soll. Dann jedoch denke ich daran, wie schnell die Zeit zu fliegen scheint. Ich kann mir kaum vorstellen, dass Peterborough und ich im Oktober bereits unseren ersten Hochzeitstag feiern. Es kommt mir vor, als sei es erst gestern gewesen, und ich denke noch immer gern an unser gemeinsames Hochzeitsfrühstück zurück. Wie fröhlich wir alle waren und wie stolz Mama und Papa aussahen – ihre kleine Marguerite eine verheiratete Frau und noch dazu eine Countess.

Milton Abbey war bei unserer Rückkehr kaum wiederzuerkennen. In den Monaten der Abwesenheit sind die Umbauarbeiten so weit vorangeschritten, dass es eine Freude ist. Die Fassade hat nun ein korinthisches Säulenportal erhalten, und insbesondere die Gärten sind nun so viel attraktiver als zuvor.

Denkt euch, Peterborough hat eigens für mich einen hübschen Teich anlegen lassen, dazu einen griechischen Pavillon, in dem gut zwölf Personen Platz finden. Im nächsten Sommer wird er von Blauregen und Schlingknöterich berankt sein und ein herrlich schattiges Plätzchen abgeben. Auch ein kleines Wäldchen haben wir anlegen lassen und einen überrankten Wandelgang, der an duftenden Lavendelbeeten vorbeiführt. Ach, es ist herrlich!

Wer hätte das gedacht? Eure Freundin Herrin eines so großen Anwesens! Selbstverständlich fehlen mir die Annehmlichkeiten des großstädtischen Lebens, die Vielzahl der Geschäfte, die Zerstreuungen und die kulturellen Möglichkeiten. Dafür genieße ich die herrliche Ruhe und den Zauber der Natur, die Einfachheit des Landlebens und die Herzlichkeit der Leute. Hier geht es ruhiger und beschaulicher zu als in London, und den Schmutz in den Straßen und die schlechte Luft vermisse ich nicht im Geringsten.

Nach und nach lerne ich unsere Pächter kennen, allesamt einfache, aber herzerfrischend unverstellte und gutmütige Leute. In der weiteren Nachbarschaft hat Peterborough viele Bekannte, und ich muss nicht fürchten, hier einsam zu sein.

Er gibt sich größte Mühe, es mir an nichts mangeln zu lassen. Auch die Dowager Countess, meine Schwiegermutter – noch immer muss ich mich an den Gedanken gewöhnen, dass ich eine verheiratete Frau bin – könnte herzlicher nicht sein. Fast täglich besuchen wir sie zum Tee auf ihrem Witwensitz, der keine Meile entfernt liegt. Es ist ein bequemer und hübscher Fußweg, und so erhalte ich auch ausreichend Bewegung und frische Luft. Oft schließt sich Lady Peterborough unserer abendlichen Whistrunde auf Milton Abbey an.

Ihr seht, eigentlich könnte mein Glück vollkommen sein, wenn mir nicht meine lieben Freunde so sehr fehlten!

Und so lasst mich zum aufregendsten Teil meiner Neuigkeiten kommen: So Gott will, werden Peterborough und ich schon das Weihnachtsfest nicht mehr allein begehen, denn unsere Familie wird Zuwachs erhalten. Oh, ich kann gar nicht sagen, wie sehr ich mich darüber freue, auch wenn ich fürchte, dass die mütterlichen Pflichten meine Aufmerksamkeit noch stärker beanspruchen werden als die einer Ehefrau und Herrin eines so großen Haushalts und ich so noch seltener Gelegenheit haben werde zu reisen.

Als ich Lady Peterborough gegenüber gestern beim Dinner meine Betrübnis über die Trennung von meinen Freunden erwähnte, schmiedete sie mit mir ein formidables Komplott, um sicherzustellen, dass ihr uns recht oft besuchen werdet. Darum möchte ich euch bitten, die Patenschaft für unser Kind zu übernehmen. Außerdem schlug Lady Peterborough vor, Emmeline könne doch im Herbst nach Milton Abbey kommen, um mir in der beschwerlichen Zeit vor der Geburt zur Seite zu stehen.

Oh, du musst einfach ja sagen, Emmy! Es wäre für mich so beruhigend, eine gute Freundin an meiner Seite zu wissen.

Nun bin ich gespannt, von euch zu hören und zu erfahren, was euch bewegt und sende die allerherzlichsten Grüße, auch an Lord und Lady Segrave.

Ich trage euch stets in meinen Gedanken und schließe euch in meine Gebete ein.

Herzlichst,

Eure Freundin Marguerite

Neun

Sonntag, 29. Oktober 1815 – Milton Abbey

Geliebter Bruder!

Lass dir herzlich gedankt sein für deine Zeilen. Es tut mir gut, zu lesen, dass daheim in Bedford alles zum Besten ist. Vor allem freut es mich zu hören, dass ihr angenehme Gesellschaft habt.

(Du kannst übrigens versichert sein, dass ich deinen Brief zunächst für mich gelesen habe, bevor ich Marguerite daraus vorlas. Die vertraulichen Stellen ließ ich dabei aus, wie von dir erbeten.)

Indessen freut es mich, dass du dir vorgenommen hast, dich mit gesellschaftlichem Verkehr abzulenken. Besonders gern erfahre ich, dass Lady Latimers Nichten nach Bedford zurückgekehrt sind und euch Gesellschaft leisten. Möglicherweise vermag ja eine der Misses Bishop dich über deine enttäuschte Hoffnung hinwegzutrösten. Danach zu urteilen, was Mama und du über sie zu berichten habt, scheinen sie sich im Internat zu ihrem Besten entwickelt zu haben und ein recht erfreulicher Umgang zu sein.

Nun sehe ich schon im Geiste, wie du die Stirn in Falten legst, lieber Bruder, und will es genug sein lassen. Zürne mir nicht, denn ich wünsche mir nichts so sehnlich, als dass du das vollkommene Glück finden mögest.

Hier auf Milton Abbey geht es beschaulich zu. Auf Anraten Mr Denmans, ihres Accoucheurs, unternehme ich regelmäßige Spaziergänge mit Marguerite, wobei ich selbstverständlich darauf achte, sie nicht zu überanstrengen. Mäßige Bewegung tut ihr sichtlich gut, und ich habe den Eindruck, dass auch meine Anwesenheit ihr hilft, denn sie wäre sonst zu häufig allein.

Ich möchte dich in keiner Weise beunruhigen, aber es scheint mir, als ziehe sich Peterborough mehr und mehr in seine Privatangelegenheiten zurück. Er besucht Freunde und Bekannte, geht auf Fasanenjagd oder unternimmt lange Ausritte. Oft bleibt er auch über Nacht aus. Ich kann nicht behaupten, dass sein Benehmen mir oder Marguerite gegenüber in irgendeiner Weise unangebracht oder tadelnswert wäre, er ist freundlich und höflich und hat mich in seinem Hause herzlich aufgenommen. Dennoch verwundert es mich, dass ihm nicht daran gelegen scheint, in dieser Zeit so viel wie möglich an der Seite seiner Frau zu sein. Er sollte sich doch gerade jetzt ungern trennen. Indes möchte ich nicht ungerecht sein. Peterborough weiß seine Marguerite bei mir und Mr Denman schließlich in guten Händen. Allerdings meine ich, er könnte ihr gegenüber mehr Verständnis aufbringen. Sie ist nun oft sehr matt, und die Schwangerschaft strengt sie an. Kein Wunder, steht doch die Zeit der gesellschaftlichen Schonung kurz bevor.

Schon Anfang Dezember rechnet Mr Denman mit der Niederkunft. Ich muss gestehen, dass ich fast ebenso aufgeregt bin wie Marguerite selbst und kaum abwarten kann, unser Patenkind in den Armen zu halten. Zur Taufe wirst du sicher auch herkommen. Bis dahin werde ich auf jeden Fall bleiben, möglicherweise auch noch etwas länger, um ihr in der ersten Zeit mit dem Kind zur Hand zu gehen.

Lady Peterboroughs Gesundheit bereitet uns derweil leider große Sorgen. Möglicherweise ist auch dies ein Grund, warum Peterborough Ablenkung sucht und sich so oft von zu Hause fernhält. Denk dir, die arme Lady Peterborough hatte in diesem Herbst bereits zwei schwere Infektionen, die sie geschwächt haben, und nun hat sie sich erneut eine eitrige Halsentzündung zugezogen, die mit hohem Fieber einhergeht. Zudem hält es Mr Denman aus Furcht vor Ansteckung für geboten, dass Marguerite sich in ihrem Zustand von ihr fernhalten sollte, und so fällt die Fürsorge für Lady Peterborough allein dem Personal zu, welches zwar bemüht ist, aber doch nicht die Liebe und Zärtlichkeit einer liebenden Verwandten ersetzen kann. Die Ärmste trägt es mit Haltung und Würde, doch ich fürchte, in ihrem Alter und ihrem ohnehin geschwächten Zustand kann eine solche Krankheit gefährlich werden, und wir sind höchst beunruhigt. Marguerite macht sich deswegen Vorwürfe, doch sie kann nicht riskieren, sich so kurz vor der Geburt noch einen möglicherweise gefährlichen Infekt zuzuziehen. Umso unverständlicher ist es für mich, dass Peterborough so viel unterwegs ist, denn gerade in dieser Zeit bedürfen seine Mutter und Marguerite mehr denn je seiner liebevollen Fürsorge. In dieser Hinsicht ist meine Zuwendung nur ein recht unzulänglicher Ersatz für den Trost und die Zuversicht, die ein liebender Ehemann spenden könnte. Auch wenn Marguerite mir täglich versichert, wie wohltuend meine Anwesenheit für sie sei.

Ich sende dir herzliche Grüße von ihr. Sie gedenkt, selbst noch einige Zeilen an dich zu richten. Grüße auch Papa und Mama recht herzlich und lasse sie wissen, dass es mir hier an nichts mangelt.

Dennoch freue ich mich auf unser Wiedersehen im Frühjahr.

Ich bleibe in liebendem Gedenken,

Eure Emmeline

Zehn

Freitag, 17. November 1815 – Milton Abbey, Lady Marguerite Peterboroughs Tagebuch

Kalt ist es geworden! Dennoch bestehen Mr Denman und Emmeline darauf, dass ich täglich Bewegung an der Luft bekomme, also bin ich folgsam und mache jeden Tag einen kleinen Spaziergang. Doch je dunkler und kürzer die Tage werden, je schärfer der Wind und je beißender die Kälte, bemerke ich, dass es auch Emmeline rasch wieder in die Wärme und zum Kaminfeuer zieht. Unsere Kreise um Milton Abbey werden täglich enger, und ich muss zugeben, dass ich darüber nicht traurig bin. Mein Gang ähnelt mehr und mehr dem der Gänse, die der Gutsverwalter hält, und meine Knöchel sind so geschwollen, dass es kein Vergnügen ist, mich in die Stiefel zu zwängen.

Der Sommer war kühl und verregnet, die Ernte schlecht, was vielen der ärmeren Pächter auf dem Besitz zu schaffen macht. Unser Gemeindepfarrer, Mr Sanderson, kümmert sich rührend um die ärmsten seiner Schäfchen. Normalerweise würde ich mich verpflichtet fühlen, ihn darin zu unterstützen, doch meine sozialen Pflichten werde ich wohl erst nach meiner Aussegnung wieder aufnehmen können. Fürs Erste hat Emmeline diese Aufgabe übernommen. Sie besucht heute zwei unserer Pächter, um zu sehen, wo sie unsere Hilfe und Unterstützung gebrauchen können. So habe ich ein wenig Zeit für mich alleine und möchte sie nutzen, indem ich meine Gedanken diesem Büchlein anvertraue.

Mich bewegen derzeit einige Dinge, die ich, aufgrund ihrer delikaten und privaten Natur, noch nicht einmal Emmeline anzuvertrauen wage. Ich mache mir Gedanken, dass Adam sich, seit ich das Kind erwarte, in zunehmendem Maße von mir abzuwenden scheint. Es betrübt mich, denn es sollte doch ein Anlass zur Freude sein, einer Freude, die wir beide teilen. Zugleich ist der Gedanke an die Schmerzen und die Gefahren des Kindbetts beängstigend und vielleicht fürchtet Adam, er könne mir und dem Kind schaden, wenn er sich mir auf die Weise eines Ehemannes nähert. Schon seit drei Monaten hat er keine Nacht mehr das Bett mit mir geteilt.

Ich frage mich, ob ich etwas falsch mache, ob ich möglicherweise zu unerfahren in diesen Dingen bin und ihn langweile. Dann erinnere ich mich an unser Gespräch auf dem Maskenball in Burlington House und seine Erwähnung der Kurtisanen. Ob Adam ebenfalls ihre Zuwendungen genossen hat – und ob ich seinen Ansprüchen in dieser Hinsicht nicht genüge? Ich kann mir nicht erklären, was sonst diese Veränderung bewirkt haben könnte. Er war immer so charmant und aufmerksam, und nun habe ich das Gefühl, er geht mir aus dem Weg. Er erscheint mir auch zunehmend mürrisch und grüblerisch, als ob ihn außer der Krankheit seiner Mutter noch etwas belaste. Jedes Gespräch, das ich in Bezug darauf anstrebe, wischt er beiseite, behauptet, ich sei derzeit aufgrund meines Zustands einfach übermäßig sensibel. Allerdings kann ich dies nicht gelten lassen, denn ich spüre doch deutlich die Veränderung.

Ende Januar, wenn das Parlament eröffnet, wird er nach London reisen, und wir werden noch weiter voneinander entfernt sein, als wir es jetzt schon sind. Mir graut vor den einsamen Monaten, bis ich nach Ostern mit dem Kind nachkommen kann. Ist es albern, dass ich mir Gedanken mache, wenn er ganz allein in London ist? Die gewissen Damen auf dem Maskenball wollen mir dabei nicht aus dem Sinn. Wird Adam Trost in ihren Armen suchen? Selbstverständlich weiß ich um die Andersartigkeit der männlichen Natur, dass der Trieb nach körperlicher Vereinigung bei ihnen schwer zu bezähmen ist. Eine kluge Ehefrau kann es dulden, dass er seinen Appetit gelegentlich anderswo stillt, solange er auf Diskretion bedacht ist und ihr Gefühl nicht verletzt, und doch lässt der Gedanke mich nicht los. Was, wenn meine Liebe nicht genug ist, sein Herz auf Dauer zu fesseln?

Möglicherweise betrübt ihn nur die Sorge um seine Mutter, und er wird meine Nähe wieder suchen, wenn die schwere Zeit ausgestanden ist. Gewiss lässt er sie ungern zurück, denn sie wird zusehends schwächer. Nach der schweren Halsentzündung vor drei Wochen ist sie nicht wieder vollständig genesen, im Gegenteil, sie hustet nun so sehr, dass Dr. Palmer fürchtet, die Lunge könne in Mitleidenschaft gezogen werden. Wir alle machen uns große Sorgen, denn eine Pneumonie würde sie in ihrem geschwächten Zustand nur schwerlich überstehen.

Ich könnte mir vorstellen, dass die Sorge um seine Mutter Adam mehr belastet, als er nach außen zeigt. Er hat noch nicht einmal Lust, mit mir über einen Namen für unser Kind nachzudenken. Er glaubt, es bringe Unglück, doch insgeheim habe ich schon gewählt. Für ein Mädchen würde mir Isabella gefallen, für einen Jungen Jacob. Oh! Ich bete, dass wir beide die Strapazen der Geburt gut überstehen und ich bald schon mein Kind in den Armen halten kann. Gewiss wird es auch Adam fröhlicher machen. Ich möchte zuversichtlich sein, dass wir zu unserem ursprünglichen Glück zurückfinden, wenn erst die Sorgen vorüber sind, es Lady Peterborough wieder besser geht und das Kind da ist.

Nun ist es bereits so dunkel, dass das Licht selbst hier am Fenster nicht mehr ausreicht. Ich werde also die Feder beiseitelegen und im Salon auf Emmelines Rückkehr warten. Ich bin froh, sie an meiner Seite zu haben. Sie ist eine große Hilfe, auch wenn ich ihr nicht alle meine Sorgen anvertrauen kann.

Elf

Montag, 12. Februar 1816 – Milton Abbey

»Vielleicht hättest du nicht mit dem Kleinen herkommen sollen, Marguerite.« Mit Mühe richtete sich die Dowager Countess auf. Marguerite erschrak, als sie sah, wie mager diese geworden war.

»Ich wollte, dass Sie ihn endlich kennenlernen, und Dr. Palmer hat keine Bedenken.«

Marguerite näherte sich dem Bett und legte ihrer Schwiegermutter den kleinen Jacob in die Arme. Die lächelte und strich vorsichtig mit dem Finger über seine Pausbäckchen.

»Er ist ein hübscher kleiner Kerl und das Ebenbild seines Vaters. Ihn im Arm zu halten, bringt Erinnerungen zurück.« Lady Helene Peterboroughs Stimme klang ungewohnt dünn und rau, und Marguerite bemerkte, dass ihre Hand zitterte, als sie Jacob über das braune Flaumhaar strich. »Willkommen auf dieser Welt, kleiner Liebling. Deine Großmama könnte nicht stolzer und glücklicher sein, dich noch kennenlernen zu dürfen. Viel Zeit werden wir nicht zusammen haben, fürchte ich.«

»So etwas dürfen Sie nicht sagen, Mylady. Wenn erst das Frühjahr kommt und es wärmer wird, werden Sie gewiss wieder zu Kräften kommen.«

Marguerite trat an das Bett und machte sich daran, die Kissen aufzuschütteln. Schon immer war ihre Schwiegermutter sehr schlank gewesen, doch nun wirkte sie ausgezehrt, ihre Haut bleich und durchscheinend. Dr. Palmer hatte gesagt, sie habe ein schwaches Herz. Die fortwährenden Infekte im Winter hatten sie offenbar mehr geschwächt als man befürchtet hatte.

Die Dowager Countess lächelte schwach.

»Ich danke dir für deinen Optimismus, und ich will gewiss noch nicht aufhören, für meine Genesung zu beten, aber ich habe dennoch damit begonnen, meine weltlichen Belange in Ordnung zu bringen. Hast du Nachricht von Adam aus London? Ist er wohlauf?«

»Ja. Es geht ihm gut, und er lässt herzlich grüßen. Er schreibt, er muss sich erst an den Zustand als Strohwitwer gewöhnen, und er freut sich, wenn wir im Frühjahr zu ihm kommen.« Marguerite lächelte. »Vielleicht sind Sie bis dahin wieder bei Kräften und können mit uns reisen.«

Die Dowager Countess erwiderte ihr Lächeln und schüttelte den Kopf. »O nein, mein Kind. Daran mag ich nicht mehr glauben.«

»Sie sollten die Hoffnung nicht aufgeben, Mylady. Wenn erst die Kälte ein Ende hat, wird mit der Sonne auch Ihre Gesundheit zurückkehren.«

»Dann glaube du für mich weiter an ein Wunder, es schadet gewiss nicht«, erwiderte ihre Schwiegermutter lächelnd. Dann wandte sie sich an Miss Jones, das Kindermädchen, das in der Tür wartete.

»Nehmen Sie das Baby doch bitte einstweilen mit hinunter. Ich möchte noch eine Weile mit Lady Peterborough sprechen.«

»Sehr wohl, Mylady.«

Marguerite rückte einen Stuhl an das Bett ihrer Schwiegermutter und nahm Platz. Die ältere Lady Peterborough hatte sich trotz ihrer kühlen, kontrollierten Art als herzlich und ihr zugewandt entpuppt, und es hatte Marguerite bedrückt, dass sie in den vergangenen Monaten von Besuchen hatte absehen müssen.

»Es ist gut, euch beide bei Kräften und gesund zu sehen, mein Kind. Ich habe für euch gebetet.«

»Wir waren bei Mr Denman in besten Händen. Ich hatte glücklicherweise keine sehr schwere Geburt.«

»Dann solltest du strahlen. Gott hat euch einen gesunden Jungen geschenkt, und du machst kein fröhliches Gesicht.«

Marguerite lächelte kurz.

»Sie haben recht, ich sollte glücklich sein, allerdings sorge ich mich um Sie, Mylady, und Peterborough fehlt mir.«

Die blauen Augen der Dowager Countess hatten ihren kühlen Schimmer verloren. Sie blickten Marguerite jetzt mit Wärme und Dankbarkeit an.

»Ich wünsche, dass du mich Helene nennst. Du bist jetzt die Countess, es ist dein Titel, und du sorgst dafür, dass er an die nächste Generation weitergegeben wird.«

Der Gedanke, dass sie nun die Herrin auf Milton Abbey war, erschien Marguerite noch immer so aberwitzig, und sie hatte den höchsten Respekt für Adams Mutter.

»Nun sieh mich nicht an wie ein Huhn, wenn es donnert!« Helene lachte kurz, was jedoch in einem ausgedehnten Hustenanfall endete. Marguerite griff nach dem Krug Wasser, der auf dem Nachttisch stand, und füllte das bereitstehende Glas.

Als der Husten sich beruhigt hatte, nahm die Dowager Countess einen Schluck.

»Vielen Dank. Du siehst, es steht nicht zum Besten mit mir. Dr. Palmer sagt, es sei Wasser in der Lunge, und auch wenn er mir Mut zuspricht, weiß ich, dass das kein gutes Zeichen ist.«

»Aber wenn Dr. Palmer …«

»Dr. Palmer ist ein guter Arzt und ein guter Mensch. Er möchte mich nicht ängstigen und mir die Hoffnung nehmen. Darum streut er immer ein wenig Zucker über seine Diagnose. Aber du und ich, wir sind klug genug, zu wissen, dass es wahrscheinlich ist, dass ich nicht wieder genese.«

Marguerite presste die Lippen aufeinander und nickte schweigend.

»Ich weiß, du glaubst, Adams Wahl sei nur aufgrund deines Vermögens auf dich gefallen, und ich kann nicht leugnen, dass uns ursprünglich vor allem an einer günstigen Verbindung gelegen war, um die finanzielle Misere abzuwenden, die der selige Lord Peterborough uns leider hinterlassen hat.« Sie seufzte. »Manchmal glaube ich, es wäre weiser, finanzielle Angelegenheiten uns Frauen zu überlassen. Wir sind in vielen Dingen umsichtiger als die Männer.«

Marguerite lachte leise.

»Damit könntest du möglicherweise recht haben.«

»Nun denn, es ist wie es ist, mein verstorbener Gatte hatte mir eine Menge Schulden hinterlassen und ich tat, was ich für nötig hielt, um unseren Besitz zusammenzuhalten und für das Fortbestehen der Familie und des Titels zu sorgen, auch wenn das berechnend erscheinen mag.«

Wieder musste sie husten, nahm noch einen Schluck Wasser und reichte Marguerite das Glas.

»Möchtest du dich nicht lieber ausruhen? Das Sprechen strengt dich offenbar sehr an.«

»Danke. Es geht schon wieder. Es ist mir wichtig, dass du hörst, was ich auf dem Herzen habe.« Die Dowager Countess sah Marguerite an und lächelte kurz. »Ich möchte, dass du weißt, wie sehr ich dich schätze. Du bist wie eine weitere Tochter für mich, und ich bin sehr froh, dass Adam sich für dich entschieden hat. Außerdem bin ich sicher, dass er ebenso glücklich ist, dich gefunden zu haben, auch wenn er es vielleicht nicht immer zeigen mag. Ich habe das Gefühl, er kommt in dieser Hinsicht nach seinem Vater. Adam hat auch nie viel Interesse daran gezeigt, jungen Damen den Hof zu machen, und zunächst hat er nur sehr widerwillig zugestimmt, dich kennenzulernen. Aber von Widerstand war schon nach dem ersten gemeinsamen Abend keine Rede mehr. Er schien Gefallen an meinen Plänen zu finden.« Sie lachte. »Auch wenn sie glauben, dass sie die Welt regieren, Männer sind das eigentlich schwächere Geschlecht und erst unter unserer sanften, geschickten Lenkung können sie ihr volles Potenzial entfalten. Das wirst auch du lernen. Wichtig ist nur, dass du sie niemals wissen lässt, wer die Zügel in der Hand hat. Weißt du, der Herrgott hat den Männern nun einmal keinen so reichen Verstand gegeben.«

Obwohl Marguerite ein wenig schockiert war, ihre Schwiegermutter so reden zu hören, musste sie lachen. Denn sie hielt diese Ansicht, wenn auch deutlich überspitzt, nicht für gänzlich falsch, zumindest was die ältere Lady Peterborough betraf. Sie selbst fühlte sich allerdings noch zu jung und unerfahren, um die Geschicke einer Familie zu lenken.

»Du möchtest sagen, ich solle an deiner Stelle die Zügel übernehmen, nicht wahr? Allerdings weiß ich nicht, ob ich nicht eine eher enttäuschende Wagenlenkerin wäre. Ich habe keine Erfahrung darin, einen Haushalt zu führen, und ich hatte nur wenig Einblick in die Geschäfte meines Vaters.«

»Aber du trägst einen klugen Kopf auf den Schultern und hast eine schnelle Auffassungsgabe. Ich bin gewiss, du wirst in deine Rolle hineinwachsen. Jedenfalls habe ich nicht mehr die geringste Sorge um die Zukunft der Familie, wenn ich meine Augen für immer schließe.« Sie griff nach Marguerites Hand und drückte sie kurz.

»Ich fühle mich geehrt, auch wenn ich nicht weiß, ob ich deinen Erwartungen gerecht werden kann.«

»Es gibt noch eine Sache, die ich in diesem Zusammenhang mit dir besprechen wollte.« Die Dowager Countess setzte sich mühevoll aufrechter. »Zu meinem Witwenteil gehört noch ein Anwesen in Yorkshire, das aus dem Besitz meiner Familie stammt. Es ist derzeit vermietet. Ich rechne nicht damit, noch lange zu leben und glaube, dass es sich auf die Dauer nicht auszahlt, das Anwesen zu halten. Ich bezahle den Verwalter und muss mich darauf verlassen, dass er alles zu meiner Zufriedenheit bestellt, weil ich nicht selbst nach Yorkshire reisen kann, um dort nach dem Rechten zu sehen. Solch ein Besitztum ist nur ein Klotz am Bein, wenn man es weder selbst nutzt, noch nahe genug wohnt, um ein wachsames Auge darauf haben zu können.«

»Ich verstehe.« Marguerite nickte. »Wünschst du, dass das Anwesen verkauft wird?«

»Richtig. Ich denke, es wird das Beste sein. Adam könnte versucht sein, es aus sentimentalen Gründen halten zu wollen. Als er mich vor seiner Abreise nach London besuchte, hat er so etwas angedeutet. Er ist praktisch auf Kestrel Hall aufgewachsen. Als Kind war er oft krank und das Seeklima tat ihm gut. Also beschlossen wir, ihn dort in der Obhut seiner Großeltern zu lassen, anstatt ihn auf ein Internat zu schicken. Er ist von einem Hauslehrer erzogen worden und hat also einen Großteil seiner Kindheit und Jugend dort verbracht. Insbesondere seine Großmama hat er sehr geliebt. Ich weiß, dass es keinen Sinn hätte, wenn ich versuchte, es ihm auszureden.«

»Und du glaubst, er würde eher auf mich hören?«

Marguerite runzelte die Stirn.

»Möglich. Er liebt dich – und den Kleinen. Es war ihm anzusehen, wie stolz er ist, Vater zu sein. Du wirst Adam schon zu überzeugen wissen, da bin ich ganz sicher. Jedoch sage ihm nicht, dass wir darüber gesprochen haben. Er mag es nicht, wenn man ihn drängt. Du musst subtiler vorgehen. Ich fürchte, er wird versucht sein, viel Geld in die Erhaltung des Anwesens zu stecken, auch wenn es klüger wäre, es zu verkaufen. Es ist alt und gewiss nicht mehr im besten Zustand. Außerdem wurde gemunkelt, es spuke dort. Das ist natürlich Unsinn, dennoch muss ich zugeben, dass mir das unheimliche alte Haus nie recht geheuer war.«

Die Dowager Countess lächelte.

»Ich setze darauf, dass du ihm den Kopf schon zurechtrücken wirst, mein Kind.«

»Ich werde mein Bestes tun«, versprach Marguerite.

Zwölf

Mittwoch, 28. Februar 1816 – Milton Abbey

Liebste Emmeline! Mein lieber Leander!

Ich schreibe euch heute mit traurigen Nachrichten. Nach langer Krankheit ist vorgestern meine liebe Schwiegermama von uns gegangen. Der sich zunehmend verschlechternde Zustand seiner Mutter veranlasste mich, nach London zu schicken, um Peterborough heimzuholen. Ich bin froh, dass ich es getan habe, denn er kam gerade noch rechtzeitig, um Abschied nehmen zu können. Es tröstet mich, dass er in ihren letzten Augenblicken bei ihr sein konnte. Seine Anwesenheit hat ihr gutgetan und sie beruhigt, das war zu spüren. Wir waren beide an ihrer Seite, als sie schließlich starb. Es war ein recht friedliches Ende. Sie ist einfach eingeschlafen. Peterborough ist untröstlich. Er hat sehr an seiner Mutter gehangen. Mich tröstet das Gefühl, dass Jacob und ich ihm in dieser schweren Zeit eine Stütze sind.

Erst heute Morgen sagte er, wie glücklich er darüber sei, dass Lady Peterborough ihren Enkel noch kennenlernen durfte und wie glücklich sie das Wissen gemacht habe, dass uns ein Erbe geschenkt wurde. Die Trauer um Lady Peterborough hat uns einander wieder nähergebracht, und ich sehe trotz der betrüblichen Umstände nun etwas optimistischer in die Zukunft.

Es war für uns alle eine schwere Zeit, und ein jeder hat seine eigene Art, mit dem Kummer zurechtzukommen. Während ich die Nähe und den Trost geliebter Menschen suche, zieht Peterborough sich zurück und braucht die Distanz. Wir haben oft und lange miteinander gesprochen in diesen Tagen, und ich konnte vieles offen aussprechen, das mir seit längerem auf der Seele lag. So haben denn auch betrübliche Ereignisse oft noch etwas Gutes. Peterborough wird noch bleiben, um sich um das Begräbnis zu kümmern, und erst danach wieder nach London abreisen.

Ich sehe mit Ungeduld dem Frühjahr entgegen, wenn wir in London wieder vereint sein werden, und ich auch euch endlich wiedersehe, meine geschätzten Freunde. Doch die Zeit wird mir nicht lang werden. Es gibt so vieles, das mich in diesen Tagen beschäftigt hält. Der kleine Jacob macht mir Freude, denn er wird mit jedem Tag kräftiger und sieht so rosig und frisch aus, dass es eine Wonne ist. Gewiss hat Emmy dir bereits alles auf das Genaueste berichtet, was es über den kleinen Kerl zu wissen gibt, lieber Leander. Ich bin so froh, dass sie in der schweren Zeit der Geburt an meiner Seite sein konnte. Nun, in London wirst du ihn dann endlich auch kennenlernen. Wie freue ich mich darauf!

Einstweilen werden wir aber unsere geliebte Lady Peterborough zu Grabe tragen, und ich muss Gott für die gemeinsame Zeit dankbar sein , die uns vergönnt war, für ihre Zuneigung und die Vertrautheit zwischen uns. Es ist ein großes Glück, eine solche Schwiegermutter gehabt zu haben, und ich bin glücklich, dass sie Jacob noch kennenlernen durfte.

Ich sende euch die herzlichsten Grüße und verbleibe in tiefer Trauer,

Eure Freundin Marguerite

Dreizehn

Freitag, 19. April 1816 – Berkeley Square, London

Zufrieden sah er aus, ihr hübscher kleiner Junge, das runde Gesichtchen glatt und rosig, die winzigen Fäustchen ruhten entspannt auf dem Kissen. Und kräftig war er geworden, längst nicht mehr der verschrumpelte Winzling, den man ihr am Tage seiner Geburt in die Arme gelegt hatte. Vier Monate war das nun her. Marguerite hätte ihren Jacob stundenlang betrachten können.

Sein Anblick entschädigte sie immer wieder aufs Neue für die Anstrengungen und Schmerzen der Geburt. Mit Inbrunst hatte sie die Worte der Aussegnung gesprochen, in denen sie Gott dankte, dass er ihr beigestanden und sie geschützt hatte. Denn es war ein großes Geschenk, dass sie einem gesunden Knaben das Leben geschenkt hatte. Sie hatte sich zuvor ausgemalt, wie es sein würde, ihr Kind zu halten, doch nichts, was sie sich in ihrer Fantasie vorgestellt hatte, kam an die Empfindungen heran, die sie in jenem Augenblick bewegt hatten. Während der Geburt hatte sie immer wieder gemeint, keine Kraft mehr zu haben, hatte geglaubt, sie könne unmöglich auch nur eine weitere Sekunde durchstehen. Doch in dem Moment, als Jacob den ersten Atemzug getan hatte, um mit kräftiger Stimme seine Empörung in die Welt hinauszuschreien, wusste sie, dass sie für dieses kleine Wesen alles und mehr würde ertragen können.

Nie hätte sie es über sich gebracht, ihn einer Amme anzuvertrauen, und Mr Denman hatte sie darin bestärkt, das Kind zumindest in den ersten Monaten selbst zu stillen. Es sei seiner Ansicht nach der Gesundheit von Mutter und Kind besonders zuträglich und ein wirksamer Schutz gegen das Kindbettfieber.

Auch wenn Marguerite hochzufrieden mit ihrem Kindermädchen war, wollte sie die Sorge für Jacob nicht vollständig aus der Hand geben. Ende Januar war Adam dann nach London aufgebrochen, und Emmeline hatte ihn ein Stück des Weges bis nach Bedford begleitet. Doch mit Jacob war es nie einsam gewesen. Und nun waren sie endlich alle wieder vereint. Marguerite genoss es, in ihre alte Heimat London zurückzukehren, ihre Eltern wiederzusehen, alte Freundschaften und Bekanntschaften aufzufrischen und natürlich auf die Bälle und Feste, zu Theatervorstellungen und Gesellschaften zu gehen.

Das Parlament hatte nach der Osterpause die Arbeit noch nicht wieder aufgenommen, und so freute sich Marguerite, ihren Gatten beim Frühstück im privaten Salon anzutreffen. Er schien auf sie gewartet zu haben, denn die Speisen standen noch unberührt auf dem Tisch. Lediglich eine Tasse Tee hatte er sich eingeschenkt und die Zeitung zur Hand genommen.

»Guten Morgen! Ich sehe, du nimmst das Frühstück heute nicht im Arbeitszimmer ein?«

Peterborough sah von der Lektüre auf, und zu ihrer Freude bemerkte Marguerite ein Lächeln auf seinem Gesicht. Er legte die Zeitung beiseite, stand auf und zog ihren Stuhl zurück. Diese Geste der Aufmerksamkeit freute Marguerite immens.

»Es gibt einiges, das ich gern mit dir besprechen würde. Daher hielt ich es für angebracht, wenn wir uns Zeit für ein gemeinsames Frühstück nehmen. Was macht Jacob?«

»Nach dem Trinken war er müde. Miss Jones hat ihn eben hingelegt. Ich habe nach ihm gesehen, bevor ich herunterkam.«

Wieder zeigte sich ein Lächeln auf Peterboroughs Gesicht.

»Er ist ein prächtiger kleiner Bursche, nicht wahr?«

»Natürlich ist er das. Er ist seinem Vater wie aus dem Gesicht geschnitten.«

Adam beugte sich über den Tisch und drückte kurz ihre Hand, bevor er sich daran machte, seinen Teller zu füllen.

»Ich habe damit begonnen, mich mit den Erbangelegenheiten auseinanderzusetzen. Mamas Besitz ist überschaubar, aber dazu gehören auch ein Haus und Ländereien in Yorkshire.«

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    Dorothea Stiller (Autor)

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Titel: Das Geheimnis von Kestrel Hall (Historisch, Liebesroman)