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Ein ganzes Leben Sommer (Liebe)

von Bettina Kiraly (Autor)

2018 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

Rebeccas Glück ist perfekt. Seit Daniel vor vier Jahren in ihr Leben trat, fühlt sie sich wie in einem Hollywood-Film. Sie ist überzeugt, dass er die Liebe ihres Lebens ist. Als sie nach einem Sturz im Krankenhaus erwacht, geschieht das Unglaubliche, das ihr Leben von Grund auf erschüttert: Niemand weiß von ihrer Beziehung. Ihre Familie versucht sie zu überzeugen, dass der Daniel, den sie kannte, nie existiert hat. War ihr Traum vom großen Glück tatsächlich nur ein Traum? Es gibt nur eine Person, mit der sie über Daniel sprechen kann und die ihr helfen kann, das Geheimnis ihrer großen Liebe zu ergründen – Valentin, der Mann mit den funkelnden grünen Augen, der etwas zu verbergen scheint …

Impressum

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Überarbeitete Neuausgabe Oktober 2018

Copyright © 2018, dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

ISBN: 978-3-96087-540-6
Taschenbuch-ISBN: 978-3-96087-603-8

Covergestaltung: Traumstoff Buchdesign
unter Verwendung eines Motivs von
© Svesla Tasla/shutterstock.com
Lektorat: Daniela Pusch

Dies ist eine überarbeitete Neuausgabe des bereits 2017 erschienenen Titels Ich träumte von deiner Liebe von Bettina Kiraly.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

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1. Kapitel

Samstag, 23. Mai 2015

Ich pirschte mich leise an. Daniel war in die Zeitung vertieft und merkte nicht, wie ich die Müslischale vor ihm zur Seite schob. Schließlich musste ich ihm die Zeitung aus der Hand nehmen, um seine Aufmerksamkeit zu erregen.

„Was …?“ Er wandte sich mir zu. Sein Blick glitt über das schwarz-rote Spitzenkorsett an meinem Körper, das ich gestern erst gekauft hatte. Das aufblitzende Verlangen in seinen Augen wich allerdings schnell Bedauern. „In nicht mal einer Viertelstunde muss ich los.“

„Dann lass uns keine Zeit verschwenden.“ Ich setzte mich auf den Küchentisch und spreizte die Beine. „Ein spontaner Quickie.“

„Becca …“

„Du wirst vier Tage unterwegs sein. Vier Tage!“ Ich strich über seine Wange, zog ihn näher. Der herbe Geruch seines Aftershaves stieg mir in die Nase und verwirrte meine Sinne. „Ich will dich. In letzter Zeit bist du ständig müde, wenn du von der Arbeit nach Hause kommst.“

„Es ist grad viel los.“

Ein verführerisches Lächeln auf den Lippen legte ich den Kopf schief. „Muss ich dich wirklich an deine ehelichen Pflichten erinnern?“

„Wenn ich tonnenschwere Ladung durchs ganze Land transportiere, muss ich ausgeruht sein.“ Er stand auf.

Meine Finger krallten sich in sein Shirt und zerrten ihn an mich heran. Mein Oberkörper rieb sich an ihm. Ich war so ausgehungert, dass das Blut heiß durch meine Adern floss. Wie sehr ich ihn wollte! Ich brauchte ihn. „Wie munter du erst sein wirst, wenn du mich hier auf dem Küchentisch …“

„Wenn ich zurückkomme. Versprochen.“ Er schob mich vehement von sich.

„Nur einen Kuss.“ Vergeblich versuchte ich, seine Lippen zu erreichen.

„Rebecca, schalte einen Gang zurück.“

„Nur weil ich meinen Mann begehre …“

„Ich habe jetzt keine Lust. Darüber will ich nicht streiten. Wie du schon sagtest: Ich werde vier Tage mit dem Lastwagen unterwegs sein.“

Diese energische Ablehnung kränkte meinen Stolz. Obwohl ich es nicht persönlich nehmen sollte, wenn er seinen Job an erste Stelle setzte. Schließlich hielt ich es mit meinem nicht anders. Doch wie sollte ich nicht tief getroffen sein, wenn er meinen dargebotenen Körper abwies?

Ich starrte ihn wütend an. Dann wandte ich mich um, lief die Stufen hoch ins Schlafzimmer und schlug die Tür mit einem lauten Knall zu.

Schwer atmend hoffte ich auf das Geräusch seiner Schritte, die mir nachkamen. Er brauchte sich nicht zu entschuldigen. Es würde reichen, wenn er mich in den Arm nahm und mir versicherte, wie sehr er mich liebte.

Von unten klang das Knallen der Haustür zu mir. Es dauerte, bis ich begriff, was das bedeutete.

Daniel hatte das Haus verlassen. Er war einfach gegangen, ohne sich zu verabschieden, ohne den Streit zu klären.

Meine Augen brannten, aber ich hielt die Tränen zurück. Ich hatte Erfahrungen mit unerwartet verschwindenden Männern. Eine Überraschung, Daniel dazu zählen zu müssen. Nein, eine Enttäuschung. Nun schmerzte auch mein Herz.

Ich riss die Haken an meinem Korsett auseinander, wobei einer kaputt ging. Vermutlich würde ich das Spitzending ohnehin nicht mehr benötigen.

„Ich verspreche dir, mit dieser Beziehung niemals leichtfertig umzugehen.“

Weshalb stand er nicht zu diesem Schwur, den er mir vor knapp drei Jahren in der Hochzeitskapelle in Las Vegas gegeben hatte? Seine Worte nahm ich sehr ernst. Obwohl sie von ihm stammten, waren sie auch zu meinem Motto geworden.

Nur mit einem Slip bekleidet lief ich nach unten ins Wohnzimmer, wo mein Handy lag. Ich würde ihn anrufen und die Angelegenheit klären.

An der Haustür erklang das Geräusch eines sich herumdrehenden Schlüssels im Schloss. Als ich herumwirbelte, kam Daniel vom Gang herein. Er betrachtete mich in meinem Aufzug mit geweiteten Augen.

„Du bist zurückgekommen!“ Mit einem Aufschrei lief ich auf ihn zu.

Er streckte die Arme aus, um mich aufzufangen.

Ich schlang ihm die Arme um die Schultern und sprang an ihm hoch. Erleichtert bedeckte ich sein Gesicht mit Küssen. „Bei einem Anruf wollte ich mich entschuldigen. Wie ich es hasse, wenn wir streiten.“

„Tut mir leid, dass ich es verbockt habe, Becca. Ich hätte nicht davonlaufen dürfen.“

„Nein, das hättest du tatsächlich nicht.“

„Nenn mich einen Idioten. Ich beschwere mich, während jeder andere Mann mich für deine Heißblütigkeit beneiden würde.“

In seinen Augen lag Liebe und schlechtes Gewissen. Doch letzteres quälte auch mich. „Wenn ich nicht so offensiv gewesen wäre … Ich habe Angst, uns zu verlieren.“

„Wir werden daran arbeiten. Gleich wenn ich zurück bin.“

Seine Hände lagen auf meinen Pobacken. Als er die Finger spreizte, musste ich mir auf die Lippen beißen, um nicht aufzustöhnen. Ich drängte die hochkochende Leidenschaft zurück. Das musste bis zu seiner Rückkehr warten. „Ich liebe dich.“

Er küsste mich sanft. Die zarte Berührung seiner Lippen machte es mir nicht leicht, geduldig zu bleiben. Er unterbrach den Kuss und lächelte. „Ich liebe dich. Und wenn ich nicht dringend weg müsste …“

Langsam glitt ich an seinem Körper hinunter. „Schon klar. Was mache ich nur so lange ohne dich?“

„Du könntest dich um Valentin kümmern. Er hat Liebeskummer. Die Frau, für die er sich interessiert, nimmt ihn gar nicht wahr. Ich fürchte, es hat ihn diesmal ziemlich schlimm erwischt.“

„In Ordnung. Schließlich ist dein bester Kumpel auch für uns immer da. Und jetzt geh endlich. Sonst musst du die verlorene Zeit mit Rasen einholen. Das wäre nicht gut für meine Nerven.“

„Ich weiß, wie schwer die letzte Zeit für dich war. Wenn ich wieder zurück bin, dann …“ Er zögerte. „… dann basteln wir an unserem ersten Kind.“

„Du musst mir keine Versprechungen machen, die …“

Er schüttelte den Kopf. „Ich will das genauso sehr wie du. Mein Gehalt wird nicht ausreichen, um als Alleinverdiener unseren momentanen Lebensstandard zu erhalten. Aber ich habe überlegt, Vaterschaftsurlaub zu nehmen. Wir können …“

Ich umarmte ihn stürmisch, bis ihm keine Luft zum Weiterreden blieb. „Unser gemeinsames Baby!“

„Unser ERSTES gemeinsames Baby“, korrigierte er. „Wir haben diesen riesigen Garten nicht umsonst. Ich werde dich unterstützen, so gut ich kann. Das mit dem Vaterschaftsurlaub wird sicher kein Problem. Dann kannst du rasch wieder arbeiten gehen.“

„Ich brauche keinen Luxus, wenn ich dich habe. Wir besitzen ein Haus, in dem wir zufrieden sind. Wenn hier noch das Lachen von Kindern erklingt, bin ich die glücklichste Frau der Welt“, versicherte ich.

„Dann ist es beschlossene Sache. Ein Baby, das aussieht wie du.“

Ich schüttelte den Kopf. „Eines, das aussieht wie wir beide. Das Beste von uns beiden. Mehr kann ich nicht verlangen.“

Dienstag, 26. Mai 2015

Mit einem großen Becher Kaffee in der Hand eilte ich die Straße hinunter. Ich war spät dran. Dieser dämliche Besichtigungstermin ruinierte alles. Nach einem Blick auf die Uhr beschleunigte ich noch einmal mein Tempo.

Ich hasste es, mich unvorbereitet mit Kunden zu treffen. Weder besaß ich genaue Infos zu dem Pärchen noch zu der Wohnung, die ich ihnen zeigen sollte. Wäre mein Kollege bei seiner Besichtigung nicht aufgehalten worden, wäre ich jetzt schon zuhause. Ich könnte jetzt bereits in der Küche stehen und Vorbereitungen für ein Festmahl treffen.

In zwei Stunden kam Daniel zurück.

Ich wollte ihm einen besonderen Empfang bereiten. Im ganzen Wohnzimmer standen Kerzen. Eine gute Flasche Wein wartete gekühlt. Dazu sollte es Hühnchen mit Curry-Gemüse und Reis geben. Ich war zwar keine besonders gute Köchin, aber das hätte ich hingekriegt. Wenn mir genug Zeit dafür geblieben wäre.

Jammern half nichts. Daniel freute sich bestimmt auch über eine Pizza, die ich beim Heimfahren besorgen konnte.

Die U-Bahn-Station kam in Sicht. Verdammt, ich war mit Gewissheit zu spät. Selbst wenn mit viel Glück sofort eine U-Bahn einfahren sollte.

Mein Fuß befand sich auf der ersten Stufe, als ich eine Frau entdeckte, die sich mit ihrem Kinderwagen abmühte. Die junge Frau hatte sich aus unverständlichen Gründen dagegen entschieden, den Fahrstuhl zu benutzen. Sie versuchte, eine Stufe nach der anderen zu überwinden, ohne das Gleichgewicht zu verlieren. Nicht sonderlich erfolgreich. Außer mir befand sich niemand auf der Treppe. Mein Gewissen und mein Pflichtbewusstsein lieferten sich einen lautstarken Streit in meinem Kopf.

„Warten Sie. Ich helfe Ihnen“, murmelte ich seufzend. Ich lief ein paar Stufen nach unten, bis ich bei der Frau angelangt war, und warf einen Blick in den Wagen. Das Baby mit der blauen Mütze und dem rosigen Gesicht schlief trotz des Geruckels tief und fest. Kurz spürte ich einen Stich in der Herzgegend. Durfte ich bald auch so ein kleines Wunder im Arm halten? Ich warf meine Tasche über die Schulter und klemmte den Kaffeebecher mit der linken Hand fest. Mit einem Griff um den unteren Rahmen hob ich den schweren Kinderwagen an. Dann trug ich alles rückwärts die Treppen hinunter.

Wir kamen natürlich langsam voran, und ich unterdrückte ein Seufzen, denn jetzt würde ich bestimmt die nächste Bahn verpassen. Ein Jugendlicher überholte uns, aber sonst war niemand zu sehen, den ich um Unterstützung hätte bitten können. Warum hatte ich mich auch verantwortlich dafür gefühlt, der Frau zu helfen?

„Können wir etwas schneller machen?“, bat ich.

Das Gesicht der Frau war vor Anstrengung verzerrt. „Ich weiß nicht …“

„Ich muss dringend weiter.“

„In Ordnung.“ Die Frau hob ebenfalls den Wagen an. So fiel es leichter, den Kinderwagen nach unten zu transportieren. Nur mehr ein paar Stufen.

Eine einzige Sekunde lang war ich unachtsam. Mein Fuß fand plötzlich auf der rutschigen Treppenstufe keinen Halt, und ich spürte, wie ich nach hinten kippte. Ich ließ den Kaffeebecher fallen und tastete nach dem Geländer. Gleichzeitig klammerte ich mich an den Rahmen des Kinderwagens.

Dem Baby durfte nichts passieren. Ich musste es beschützen.

In diesem Moment verlor ich endgültig den Kampf mit dem Gleichgewicht. Ich fiel! Mit dem Rücken krachte ich auf den Boden und spürte einen Schlag gegen die Rippen. Dann knallte auch mein Kopf auf den Boden. Ein Poltern ließ mich befürchten, das Baby nicht gerettet zu haben. Dass es ebenfalls auf den Boden aufgeschlagen war.

Diese Art zu sterben konnte nur als Ironie bezeichnet werden. In den Tod gestoßen von meinem größten Wunsch. Wehe, wenn das das Ende war! Um mich herum wurde es dunkel.

2. Kapitel

Samstag, 30. Mai 2015

Mein Kopf pochte, als würde ein kleines Männchen mit einem Hammer von innen gegen meine Stirn klopfen. Ich presste die geschlossenen Augen zusammen, als könnte ich dadurch den Schmerz loswerden, aber es fiel mir schwer, meine Augenlider zu bewegen.

Jemand hantierte an meiner Kleidung. Da wurde gezogen, gerafft, glattgestrichen. Man setzte mich auf und legte mich auf eine Seite. Das ganze Prozedere war mir unangenehm. Warum konnte ich mich nicht dagegen wehren?

Ich schluckte, aber mein Mund schien viel zu trocken. Meine Zunge blieb beinahe am Gaumen kleben. Ich räusperte mich.

Das Gezerre hörte auf, als ich die Augen mühsam öffnete. Ich befand mich in einem Krankenzimmer. Vermutlich hatte ich mich bei dem Sturz von der Treppe verletzt. Ich konnte mich nicht daran erinnern, hierhergekommen zu sein. Mein Körper fühlte sich seltsam schlapp an. Doch ich konnte zum Glück meine Arme und Beine bewegen, wenn auch nur mühsam. Ich rollte mich auf den Rücken.

Die Krankenschwester, die gerade den Krankenhauskittel in meinem Rücken geschlossen hatte, starrte mich unhöflich mit offenem Mund an. Der geschockte Gesichtsausdruck wäre höchstens angebracht gewesen, wenn ich eine Gruselmaske von Halloween tragen würde.

Ich wollte nach einem Glas Wasser bitten. Doch ich brachte kein Wort heraus, nur ein Stöhnen.

Die Schwester richtete sich auf und drückte einen Alarmknopf.

Neuerlich versuchte ich die Bitte um Wasser über die Lippen zu bringen, scheiterte jedoch. Mit großer Anstrengung hob ich meine Hand. Irgendetwas stimmte nicht mit meinem Hals. Als ich danach tastete, spürte ich unter meinen Fingern irgendeinen Schlauch aus Kunststoff. Ich zog daran, doch das fühlte sich wie ein Pfeil an, der sich durch meinen Hals bohrte.

„Nicht doch“, tadelte eine Stimme. Neben der Krankenschwester tauchte eine Ärztin auf. „Mein Name ist Birken. Ich bin Assistenzärztin und werde Ihnen helfen.“ Die hübsche junge Frau kam lächelnd näher.

Während sie das Ding, das sich als Intubationsschlauch entpuppte, aus meiner Kehle entfernte, schossen mir Tränen in die Augen. Warum hatten sie mir das Ding überhaupt in den Hals gesteckt?

„Geht es?“, fragte die Ärztin.

Als ich mich bedanken wollte, brannte meine Kehle. Mehr als ein Krächzen kam nicht über meine Lippen. Sogar das bloße Drehen meines Kopfes verursachte Schwindel.

„Ihre Stimme ist bald wieder da. Geben Sie ihr etwas Zeit.“ Die Ärztin lächelte mich wieder an. Vermutlich sollte mich das beruhigen. „Erschrecken Sie nicht. Ich werde ein paar Untersuchungen machen.“

Sie zog die Bettdecke weg, tastete mit kalten aber sanften Fingern meine Beine und meine Arme ab, fragte mich, ob ich die Berührungen spüren würde, ob ich Schmerzen habe.

Ich antwortete verwundert mit Nicken und Kopfschütteln. Während der Untersuchung bemerkte ich, wie schwach ich mich fühlte. Jede Bewegung zeigte mir deutlich, dass ich nicht die vollständige Kontrolle über meinen Körper besaß. War bei dem Sturz mein Gehirn in Mitleidenschaft gezogen worden? Als die Frau sich wieder aufrichtete, wartete ich bang auf ihr Urteil.

„Sehr schön.“

„Ist …“ Ich räusperte mich. „Ist alles in Ordnung?“ Gott sei Dank kam meine Stimme wieder. Sie hörte sich fremd an.

„Sieht ganz so aus. Den Rest erklärt Ihnen Herr Doktor Gebhard, mit dem ich Rücksprache halten werde.“ Nach einem letzten Lächeln wandte sie sich ab und verließ mein Zimmer.

„Aber …“ Ich hätte auch ein paar Fragen gehabt.

Die Krankenschwester tätschelte meine Schulter. „Annie, ihre Schwester, wird gleich hier sein. Wir haben sie angerufen. Ich hole in der Zwischenzeit den Herrn Primar.“

Erschöpft nickte ich. Mehrmals versuchte ich mich aufzusetzen, aber mein Körper gehorchte mir kaum. Die Minuten verstrichen. Ich lag reglos im Bett und fragte mich, warum ich mich so erschöpft fühlte. Der Sturz hatte meinen Körper offensichtlich sehr mitgenommen. Doch langsam begann ich zu befürchten, dass etwas ganz und gar nicht stimmte.

Eilige Schritte kamen näher. „Ich kann es nicht glauben“, murmelte jemand, und Annie, meine Schwester, betrat den Raum. Sie sah viel dünner aus, als ich sie in Erinnerung hatte. War sie dermaßen in Sorge um mich gewesen? Aber warum hatte sie meinen Krankenhausaufenthalt dann für einen Besuch beim Frisör genutzt? Ihre Haare waren bei unserem letzten Treffen noch länger gewesen. „Oh, mein Gott! Danke, Gott!“ Annie umarmte mich stürmisch.

„Es ist in Ordnung.“ Meine Stimme klang kratzig. „Tut mir leid, dir wieder mal Sorgen bereitet zu haben.“

„Du hast ja keine Ahnung. Ich wollte gerade das Krankenhaus verlassen, als man mich anrief. Jetzt bist du endlich wach.“

Ich löste mich von Annie. „Weiß Daniel schon Bescheid? Kommt er her?“

„Welcher Daniel?“

„Na, Daniel … mein Mann.“ Annies verwirrter Gesichtsausdruck gab mir Rätsel auf. „Egal. Ich rufe ihn selbst an.“

„Du bist durcheinander, Schatz. Leg dich lieber wieder hin.“ Annie rückte die Polster zurecht. „Wie fühlst du dich?“

„Ich habe Durst.“

„Natürlich. Du bekommst gleich ein Glas Wasser.“ Annie schlüpfte aus ihrer Jacke und legte ihre Handtasche zur Seite. Dann verschwand sie im Badezimmer. Das Glas, das sie mitbrachte, leerte ich in einem Zug, obwohl mein Hals brannte, und ließ es mir von Annie abnehmen.

„Danke. Schon wieder ein Unfall. Ich sollte nie mehr das Haus verlassen.“

„Schon wieder?“

„Ja, der Autounfall vor vier Jahren und jetzt das mit der U-Bahntreppe. Dämlich, mir jedes Mal den Kopf anzuschlagen.“

„Jetzt?“, echote Annie. „Und was für eine U-Bahntreppe?“

„War ich etwa ein paar Tage im Koma?“ Der Gedanke gefiel mir nicht. „Das kann für meinen Verstand nicht gut sein.“

Annie plumpste auf den Stuhl neben dem Bett. „Ein paar Tage?“

Über mir schlug eine Welle von Frustration zusammen. „Warum plapperst du mir alles nach? Ich glaube, wir sollten deinen Kopf zuerst untersuchen lassen.“

Annie griff nach meiner Hand. „Rebecca, du hast vier Jahre lang im Koma gelegen.“

„Ziemlich spät für einen Aprilscherz. Zu einer Kranken sollte man höflicher sein.“ Ich wollte nach dem Wasserglas greifen, doch mein Körper gehorchte mir nicht. Das, was von meinen Armen nicht mit den Ärmeln meines Nachthemdes bedeckt war, wirkte unglaublich dünn. Was war nur mit mir los? „Kannst du mir noch etwas zu trinken bringen?“

Sie ignorierte meine Bitte. „Ich habe nicht gewusst, ob du jemals wieder aufwachen würdest. Trotzdem habe ich dich die letzten vier Jahre so oft besucht, wie es möglich war.“

Ihre Worte jagten mir einen Schauer über den Rücken. Irgendetwas Seltsames ging hier vor. „Lass den Scheiß. Langsam wirst du mir unheimlich.“

Meine Schwester begann zu weinen. Sie wirkte verzweifelt. „Nein, du machst mir Angst. Du bist 2011 von einem Auto angefahren worden und hast seitdem dieses Zimmer nicht mehr verlassen.“

„Unsinn. Ich glaube, du bist zu schnell gerannt.“ Ich lachte gezwungen.

„Die Ärzte können dir bestimmt helfen. Es ist sicher schwer zu begreifen, wieviel Zeit du verloren hast.“

Sie redete Unsinn. Ich versuchte zu Annie durchzudringen. „2011 durfte ich nach zwei Wochen wieder nach Hause. Warum willst du mir etwas anderes weismachen? Wenn Daniel bloß hier wäre.“

„Ich kenne keinen Daniel.“

Was zum Teufel war hier los? „Dein Schwager! Wir hatten den Unfall 2011 gemeinsam. 2012 habe ich ihn geheiratet. In Las Vegas. Du warst doch dabei.“

Annie ließ meine Hand los. „Du bist nicht verheiratet. Nach dem Unfall hast du das Bewusstsein nicht wiedererlangt.“

„Ich habe das Gefühl, ich renne gegen eine Wand an“, seufzte ich.

„Du sagst, Daniel ist der Mann, mit dem du bei dem Autounfall unterwegs warst? Bei deinem … ersten Unfall?“

Ich nickte.

„Er hat dir das Leben gerettet. Ohne ihn hättest du den Zusammenstoß nicht überlebt.“

„Siehst du? Dann kennst du ihn doch.“

„Nein, Süße.“ Annies Gesichtsausdruck war ernst. „Er hat die ganze Wucht des Aufpralls abgekriegt. Er ist 2011 gestorben.“

Das Krankenzimmer drehte sich. War Annie verrückt? Wie konnte sie so einen Quatsch behaupten? Ich sollte vier Jahre im Koma gelegen haben? Daniel tot sein? „Wir haben geheiratet, in Daniels Haus in Sissendorf gelebt, uns geliebt. Ich habe mir das doch nicht eingebildet.“

„Es tut mir leid, Rebecca.“

„Was tut dir leid? Dass die Liebe meines Lebens angeblich nicht existiert?“ Ich wurde wütend. „Dass ich schon jetzt jemanden vermisse, mit dem ich nicht zusammengelebt habe, wie du behauptest? Dass ich die ideale Beziehung mit dem perfekten Mann gar nicht geführt habe? Oder dass du mich anlügst?“

„Rebecca …“

„Nein“, unterbrach ich. „Nein. Ich habe genug gehört.“

„In Ordnung. Verschieben wir das auf später.“ Annie stand auf. „Ich bringe dir noch etwas zu trinken.“

Ich wandte den Kopf ab und starrte aus dem Fenster. Das hier musste ein Albtraum sein. Vielleicht sollte ich versuchen zu schlafen. Danach würde ich aufwachen, und alles wäre wieder wie vorher.

Während Annie noch im Badezimmer das Glas nachfüllte, öffnete sich die Tür des Zimmers. Ich drehte den Kopf.

„Mein Name ist Doktor Gebhard“, meinte ein grauhaariger Mann, und kam näher. „Fühlen Sie sich gut?“

Ich lachte trocken auf. „Ehrlich gesagt, fühle ich mich wie in einem schlechten Film. Sind Sie gekommen, um diesen fehlgeleiteten Aprilscherz aufzuklären?“

„Welchen Scherz?“

„Annie will mir einreden, ich wäre vier Jahre lang im Koma gelegen.“

Doktor Gebhard runzelte die Stirn. „Ihre Schwester hat es Ihnen schon gesagt? Sie hätte auf mich warten sollen. Wir alle sind erfreut, weil Sie endlich aufgewacht sind.“

„Endlich?“ Meine Stimme klang schrill. „Nein!“

„Wir haben uns alle Sorgen um Sie gemacht. Sie waren ziemlich lange bewusstlos. Ihr Körper wird noch eine Weile damit zu kämpfen haben. Aber wir kriegen Sie schon wieder fit.“

Eine Träne lief mir über die Wange.

„Na, na. Freuen Sie sich doch.“ Der Arzt lächelte mich aufmunternd an.

Annie kehrte aus dem Badezimmer zurück und trat neben das Bett. Sie legte mir eine Hand auf die Schulter. „Ich glaube, etwas stimmt mit meiner Schwester nicht.“

„An der Formulierung musst du noch arbeiten“, blaffte ich.

„Sie ist der Meinung, nicht vier Jahre im Koma gelegen zu haben. Sie denkt, sie wäre vier Tage nach dem Unfall aufgewacht und hätte sich dazwischen verliebt und geheiratet. Vielleicht sind das Folgen des Unfalls oder der Kopfverletzung …“

„Oder vielleicht ist das hier der Albtraum, aus dem ich erwachen muss.“ Ich ballte die Hände zu Fäusten. Wären die Schmerzen an meinem Hals nicht so real, könnte ich mich an diese fadenscheinige Erklärung klammern.

Der Arzt setzte ein nachdenkliches Gesicht auf, für das ich ihn hasste. „Eine interessante Komplikation. Aber Sie waren lange nicht bei Bewusstsein. Sie hatten wirre Träume. Ich bin sicher, nach ein wenig Ruhe und Erholung gelingt es Ihnen, sich in der Realität zurechtzufinden.“

In einer Realität, in der Daniel nicht existierte? Das schien mir unsinnig.

„Ich bin nicht verrückt!“

„Natürlich nicht. Sie sind lediglich ein wenig durcheinander. Versuchen Sie bitte, sich aufzusetzen.“

„Was hat das jetzt mit meinen angeblichen Wahnvorstellungen zu tun?“, wollte ich wissen.

„Tun Sie mir einfach den Gefallen.“

Verärgert zog ich meine Augenbrauen zusammen. Widerwillig kam ich seiner Aufforderung nach. Ich setzte mich auf, versuchte mich zu drehen, um die Beine über den Bettrand schieben zu können. Meine Muskeln waren nicht in der Lage, meine Beine anzuheben. „Verflixt, was soll das?“, brummte ich.

„Sie haben vier Jahre lang im Koma gelegen. Die mangelnde Bewegung hat Muskelabbau verursacht. Aber das bekommen wir mit Reha und Training wieder hin.“

Blinzelnd starrte ich meine dünnen Beine an. Wäre ich tatsächlich nur vier Tage ohnmächtig gewesen, wäre mein Körper nicht so stark verfallen.

„Ich mache ein paar Untersuchungen, bevor wir Sie schlafen lassen.“ Der Arzt lächelte. „Danach sieht die Welt bestimmt schon anders aus.“

Sonntag, 31. Mai 2015

„Wie fühlst du dich heute?“

Ich bemühte mich um ein Lächeln. „Besser.“

Annie holte aus dem Waschtischunterschrank eine Vase für den riesigen Strauß roter und gelber Astern in ihren Händen. „Hast du gut geschlafen?“

Nein. Ich hatte geweint, bis mir die Nachtschwester ein Beruhigungsmittel gegeben hatte.

Wie sehr ich Daniel vermisste. Seine Stimme, sein Lachen, seinen Geruch, das Gefühl seiner Hand in meiner, seiner Lippen auf meinen, seines Armes um meine Hüften. Ich wollte zurück in die Welt, in der ich mit ihm glücklich gewesen war. Doch nicht einmal in meinen Träumen hatte ich ihn gefunden.

Wie gerne ich mit jemandem darüber gesprochen hätte! Doch die Erinnerung an Daniel existierte nur für mich. Würde meine Schwester mich irgendwann verstehen? Tränen traten mir in die Augen.

„Ich hab mich schwer getan, zur Ruhe zu kommen. Ich bin anscheinend zu lange faul herumgelegen“, meinte ich schließlich.

„Es muss seltsam für dich sein. So viele Dinge, die du nicht weißt … Menschen, die gestorben sind. Der Arzt meinte, ich solle dich mit all den Informationen nicht überfordern. Aber vielleicht wunderst du dich inzwischen, weshalb nur ich dich besuche.“

„Mama ist doch mit ihrem Freund nach Kanada gezogen. Und unser Vater ist tot.“

Annie starrte mich an. Die Vase in ihren Händen zitterte bedenklich. „Woher weißt du das?“, hauchte sie.

„Weil ich Mama auf dem Flughafen zum Abschied nachgewunken habe. Und weil ich an Papas Grab gestanden bin und ihn in Gedanken wegen seiner Feigheit verdammt habe.“

Die Vase landete mit einem lauten Knall auf meinem Nachttisch. Gott sei Dank ging das Glasgefäß nicht zu Bruch.

„Wann ist Dad gestorben, wann Mama abgereist?“

„Stellst du mich auf die Probe?“, fragte ich verblüfft.

Annie zuckte mit den Schultern.

„Mama ist vor eineinhalb Jahren zu Sam geflogen. Ich hoffe, sie bekommt nicht bald wieder kalte Füße. Papa ist vor zwei Jahren beim Streit mit einer seiner Freundinnen in ein Messer gelaufen. Ehrlich gesagt weiß ich den Namen seiner damaligen Sparringpartnerin nicht. Aber ich will sie ohnehin nicht im Gefängnis besuchen.“

„Das ist ein Trick.“ Annie lief vor meinem Bett auf und ab. „Du hast gegoogelt.“

„Sowas hab ich nicht notwendig.“

„Der Arzt hat mich gewarnt, du würdest versuchen, mich auf deine Seite zu ziehen. Er meinte, du könntest Informationen aufgeschnappt haben, die du nun gegen mich verwendest.“

Bittend streckte ich die Hand nach meiner Schwester aus. „Das hier ist kein Wettstreit von Geschwistern, wer Recht hat. Ich habe mich verliebt. Ich habe ein Leben mit Daniel geführt. Ich habe Dinge erlebt. Das alles war real.“

„Diese Situation muss verwirrend für dich sein. Aber es handelt sich nicht um meine Version der Realität oder die der anderen. Dies ist die einzige Wirklichkeit.“ Annie ergriff endlich meine Hand. „Ich liebe dich. Gemeinsam stehen wir diese verrückte Zeit durch.“

Die Wand zwischen mir und dem Rest der Welt schien unüberwindbar. „Ich war glücklich“, schluchzte ich. „Ich war so glücklich wie niemals zuvor.“

Annies Arme umfingen mich und wiegten mich sanft hin und her. „Es tut mir so leid.“

Die Tränen konnte ich nicht mehr zurückhalten. Ich trauerte um so vieles: um das Vertrauen, das Annie in mein Urteilsvermögen verloren hatte; um die Jahre mit Daniel, die ich anscheinend loslassen musste, weil ich sie nie erlebt hatte; um die Chance, Daniel doch noch kennenzulernen, da er den Unfall nicht überlebt hatte. Konnte ich akzeptieren, alles nur geträumt zu haben?

Jede Faser meines Körpers wehrte sich dagegen. Noch immer klopfte mein Herz beim Gedanken an Daniel schneller. Noch immer konnte ich seine Gegenwart spüren. Noch immer fühlte ich ihn nah bei mir. „Es war mehr als ein Traum.“

„Du hast nicht geschlafen, Schatz. Du warst im Koma.“

Die Tränen versiegten, doch mein Körper zitterte weiterhin. „Waren es wirklich vier Jahre?“

Annie nickte. „Ich habe im ersten Jahr jeden Tag neben dir gesessen. Danach war es nicht mehr so oft möglich, aber ich habe auf dich aufgepasst. Du hast ohne Unterbrechung in diesem Bett gelegen.“

Ich schloss die Augen und versuchte die Panik zu unterdrücken. „Aber mein Wissen …“

„Vielleicht hast du gehört, wie ich einer Krankenschwester von Mama und Papa erzählt habe.“

„Und Daniel?“

„Er war der letzte Mensch, den du im Wachzustand gesehen hast. Dein Gehirn hat versucht, den Unfall zu verdrängen. Du hast vermutlich einfach mit deiner Fantasie die Geschichte weitergesponnen, wo sie abrupt geendet hat.“

Mein Herzschlag normalisierte sich. Ich war bereit, Annies Theorie als Wahrheit zu akzeptieren. Aber nur, bis ich das Rätsel um die Erinnerungen, die ich eigentlich nicht haben durfte, selbst gelöst hatte.

„Erzähl mir von Daniel“, bat Annie.

Ich riss die Augen auf. „Wie bitte?“

„Deine Fantasie hat ihn zu deinem Traumprinzen gewählt.“

„Wie du schon sagtest: das war vermutlich nur, weil er die letzte Person war, die ich vor dem Unfall gesehen habe.“

Annie schob mich auf Abstand und drängte mich in die Kissen zurück. „Der Autounfall. Das ist etwas, das ich nie verstanden habe. Am Valentinstag triffst du dich mit einem Kunden zu einem geschäftlichen Termin. Dann meldest du dich, um die Verabredung mit Mum abzusagen. Und zu guter Letzt werden dein Kunde und du nachts von einem Auto angefahren.“

„Ein aufregender Nachmittag“, murmelte ich. Das hatte ich auch damals, bei der ersten Befragung geantwortet.

„Warum seid ihr überhaupt so spät unterwegs gewesen?“

„Ich sollte Daniels Haus verkaufen.“

Annie schüttelte den Kopf. „Das ist keine Antwort auf meine Frage.“

Der Eindruck eines Déjà-vus raubte mir den Atem. „Er hat mir Sissendorf gezeigt.“

„Mitten in der Nacht?“

Wir hatten dieses Gespräch genauso bereits geführt. Schon damals war mir das Verhör auf die Nerven gegangen. „Ich kann dir nicht sagen, was du anscheinend wissen willst.“

„Ich verstehe es nicht. Es war gefährlich, da draußen herumzulaufen.“

„Niemand konnte ahnen …“, setzte ich an.

„Was hattet ihr im Dunkeln zu suchen?“

Wie sehr ich Daniel jetzt neben mir vermisste, den Mann, der angeblich nicht mehr existierte! Er hatte mir bei genau diesem Gespräch mit meiner Schwester beigestanden. Vielleicht waren seine damaligen Worte die richtige Erwiderung. „Ich wollte in seiner Nähe sein. Weil ich mich Hals über Kopf in ihn verliebt habe.“

3. Kapitel

Donnerstag, 9. Juli 2015

Ich wartete, bis ich die Krankenschwester das Nachbarzimmer mit einem übertrieben freundlichen Gruß betreten hörte. Erst dann öffnete ich die Tür meines Krankenzimmers gerade so weit, dass ich auf den Gang schlüpfen konnte. Während mich das Schnarchen meiner Zimmerkollegin verfolgte, ging ich mit schnellen Schritten Richtung Treppenhaus und blieb dann schweratmend im ersten Halbstock stehen.

Verdammt. Ich fühlte mich durch den kleinen Sprint so erschöpft, dass ich mich an das Geländer klammern musste, um das Gleichgewicht nicht zu verlieren. Ich blinzelte den Schwindel weg.

Trotz meiner Physiotherapie und meines täglichen Trainings kam ich noch viel zu leicht aus der Puste. Das erinnerte mich jede Minute des Tages an das Verschwinden von vier Jahren meines Lebens. Vier Jahre, die mir einfach fehlten. Es tat so weh. Mein Herz brannte, wann immer mein Körper Schwäche zeigte. Es war so frustrierend, dass ich schreien wollte. Ich kniff die Augen zusammen. Eine Träne löste sich aus meinem Augenwinkel.

Niemand verstand, was in mir vorging. Ich kämpfte mit unsichtbaren Dämonen und wurde von etwas gequält, das ich selbst nicht begriff. Wie einsam ich mich fühlte! Verloren in einer alles verschlingenden Leere. Obwohl ich mit anderen Menschen sprach, spürte ich mich ihnen nicht verbunden. Mir selbst war ich fremd, als würde ich bloß Emotionen simulieren, die von mir erwartet wurden.

Ich straffte die Schultern und trat vom Geländer weg. Bei jedem Schritt fühlte ich Unsicherheit. Der Boden unter mir schien instabil. Doch das rührte nicht ausschließlich von meinem Schwindel, sondern kam von der Ungewissheit mein Leben betreffend. Ich hatte so viel erlebt. Doch was davon war real? Was Fiktion?

Meine Theorie, wo ich die letzten vier Jahre verbracht hatte, durfte ich niemandem verraten. Auch wenn ich keine Erklärung dafür hatte, musste ich in der Zeit, in der ich für die anderen in diesem Krankenzimmer gelegen hatte, in einer Parallelwelt gelebt haben. Diese beiden Welten waren offensichtlich nicht gänzlich voneinander getrennt, weshalb ich Dinge wusste, die meiner Schwester Angst einjagten. Und nur, weil die Wissenschaft so ein Phänomen noch nicht beschrieben hatte, bedeutete es nicht, dass es nicht möglich war.

Langsam ging ich in den obersten Stock. Dort gab es einen Zugang zu einer breiten Terrasse. Ich brauchte frische Luft.

Kurz vor zwölf. Die meisten Patienten schienen in ihren Zimmern auf das Mittagessen zu warten. Es roch bereits im ganzen Haus nach schwerer Bratensoße und Kartoffelpüree. Vermutlich war aber auch die Sonne, die auf die geflieste Fläche niederbrannte, Schuld an der Ruhe auf der Terrasse.

Ich suchte mir ein schattiges Plätzchen am Geländer und sah auf den Parkplatz. Er war halb leer, aber das würde sich ändern, sobald die Besuchszeit begann. Die Bäume des Waldes, der auf der anderen Straßenseite begann, raschelten leise in der sanften Brise, die auch mein Gesicht streichelte. Von weit entfernt drang Kinderlachen zu mir. Das Blätterrascheln und die langsam vorbeifahrenden Autos klangen beruhigend. Doch meine Gedanken waren in Aufruhr.

Einen Moment lang spielte ich wie öfter in den letzten Tagen mit dem Gedanken, auf das Geländer zu klettern. Ein Blick in die Tiefe. Sollte ich den Schritt wagen? Weit unter mir die Straße. Von meinem Aussichtspunkt wirkten die Autos klein wie Spielzeuge. Ein Schritt und dann endlos fliegen.

Diese Überlegungen machten mir Angst. Die Dunkelheit war neu in meinem Leben. Ich musste mich auf das Licht konzentrieren.

Wenn ich die Augen schloss, sah ich Annie und mich an dem Tag, an dem ich das erste Mal das Krankenhaus nach meinem Autounfall verlassen hatte. Aufgeregt und voller Vorfreude. Ich hatte es nicht erwarten können, in ein gemeinsames Leben mit Daniel zu starten. Annie hatte mein Hibbeln amüsant gefunden. Sie war geduldig gewesen. Ich hatte noch ihre Sticheleien im Ohr.

Aber noch lebendiger war die Erinnerung an meine Verabschiedung davor von Daniel. Die Bilder stürzten auf mich ein, ohne dass ich mich dagegen wehren konnte.

„Klammer dich nicht so an mich! Du drückst mir die Luft ab.“

„Ich muss mich doch richtig von dir verabschieden.“ Bedauernd ging ich ein wenig auf Abstand und blickte in seine ausdrucksstarken Augen. Ich könnte mich darin verlieren, ohne jemals irgendetwas zu vermissen.

Er strich mir über die Wange. „Wir sehen uns in ein paar Stunden wieder.“

„Warum machen wir es überhaupt so spannend? Wir könnten gemeinsam von hier abhauen“, schlug ich vor.

„Kommt nicht in Frage. Doktor Gebhard will noch einmal mit dir reden“, mischte Annie sich ein. In einem anderen Jahrhundert würde sie eine großartige Anstandsdame abgeben. Daniel und ich waren dank ihr und den von ihr instruierten Krankenschwestern während meines Aufenthaltes niemals länger als eine halbe Stunde alleine gewesen.

Ich wollte endlich einen Kuss. Einen richtigen Kuss!

Daniel und ich kannten uns erst seit zwei Wochen. Dennoch fühlte ich eine Nähe zu ihm, die ich bei keinem anderen Mann empfunden hatte. „Dann soll er sich beeilen. Hast du nicht draußen was zu tun?“ Ich warf Annie einen vielsagenden Blick zu. Doch den ignorierte meine Schwester gekonnt und begann meine Kleidung zusammenzulegen. „Aber heute Abend bleibst du daheim, oder?“

Annie lachte.

„Wir werden ausgehen. Wir zwei alleine“, versprach Daniel. „Jetzt ruhst du dich aus und wartest auf Doktor Gebhard.“

Dann war er gegangen.

Das alles sollte ich mir nur ausgedacht haben? Ein Produkt meiner Fantasie? Es sollte keine Bedeutung haben?

Der Kloß in meinem Hals ließ sich nicht hinunterschlucken. Ich blinzelte und klammerte mich an das Geländer. Ich suchte Halt, den ich in meinem Leben nicht mehr fand. Vielleicht sollte ich versuchen, in das Leben zurückzukehren, das sich um so vieles realer anfühlte wie das hier. Wenn ich wieder in ein Koma fallen würde, könnte ich dann zurück zu Daniel …? Fallen …

„Da sind Sie ja, Frau Vanderberg! Ich habe Sie schon überall gesucht.“

Zu spät. Aber ehrlich gesagt wäre ich ohnehin nicht mutig genug gewesen. Mit einem falschen Lächeln auf den Lippen wandte ich mich zu der Krankenschwester um. „Jetzt haben Sie mich ja gefunden.“

„Sie sollen doch nicht alleine unterwegs sein. Wie geht es Ihnen?“

„Gut, keine Sorge. Ich wollte nur ein paar Minuten für mich.“

Die Frau mit den gutmütigen, braunen Augen kam näher. „Wenn Sie mir Bescheid gesagt hätten, wäre ich am Nachmittag mit Ihnen in die Parkanlage gegangen.“

„Alleine, Schwester Matilda.“

„Ich habe verstanden“, lachte die Krankenschwester. „Vielleicht können wir das irgendwie hinkriegen. Morgen. Aber Sie sind noch nicht kräftig genug, um ohne Begleitung unterwegs zu sein.“

„Wie Sie sehen, bin ich es doch.“

„Wenn Sie stürzen, würden Sie das anders beurteilen.“ Sie hängte sich bei mir ein und zog mich vorwärts. „Jetzt müssen Sie in Ihr Zimmer. Das Mittagessen ist fertig. Und danach steht wieder Physiotherapie auf dem Plan.“

„Was tischt uns denn die Küche heute Leckeres auf?“

„Falschen Hasen mit brauner Soße und Kartoffelpüree.“

Ich kräuselte meine Nase. „Wie lecker.“

„Sie werden es mögen“, behauptete Schwester Matilda. Sie führte mich zum Stiegenhaus und stützte mich auf dem Weg nach unten.

„Trotzdem habe ich es nicht eilig, in mein Zimmer zu kommen. Nach diesem … leckeren Essen erwartet mich Warmduscherturnen mit Schwester Trude. Ich bin begeistert.“

Die Frau neben mir wartete, bis ich auf der Zwischenebene der Treppe um sie herumgegangen wir. „Sie machen nicht nur sich selbst das Leben schwer, wenn Sie sich derart vehement gegen die Therapie wehren.“

„Wie bitte?“

„Unterschätzen Sie mich nicht. Ich weiß, weshalb Sie so verschlossen sind.“

Ich runzelte die Stirn. „Was wollen Sie damit sagen?“

„Sie verhalten sich dem Krankenhauspersonal gegenüber abweisend und arbeiten bei der Therapie nur halbherzig mit. Ich kann Ihre Angst verstehen. Vier Jahre im Koma. Die Zeit ist unwiderruflich verloren. Das muss hart sein.“

Blinzelnd blieb ich stehen. „Die letzten Tage waren ein Albtraum. Ich wurde ohne Vorwarnung in die Zukunft geschleudert. Wie sollte ich etwas anderes als verwirrt reagieren? Aber ich bin nicht verschlossen. Nun, ja. Vielleicht handle ich nicht ganz logisch, gebe nicht offen zu, was mich bewegt.“

„Wenigstens reden Sie jetzt mit mir.“

„Sie sind ja eigentlich auch ganz okay!“ Ich ging weiter.

„Wie geht es Ihnen wirklich?“

Ich blickte kurz zu der Frau neben mir. Sie hatte einen ehrlich interessierten Ausdruck in ihren gutmütigen Augen. Aber ich wusste ganz genau, dass ich Schwester Matilda nichts anvertrauen durfte, was der Rest der Welt nicht erfahren sollte. Für sie galt das Ärztegeheimnis nicht. „Ich sagte doch, ich fühle mich gut.“

„Schön. Sie müssen mir gegenüber nicht ehrlich sein. Aber belügen Sie sich nicht selbst. Sonst wird das mit dem Gesundwerden nichts.“

Ich kannte die Wahrheit hinter ihren Worten. „Keine Sorge. Ich höre auf mich und weiß, auf welche Fragen ich Antworten suchen muss.“

„Dann haben Sie vor, das alleine zu tun?“

„Das ist doch die Aufgabe, der ich mich stellen muss, nicht wahr? Es gibt Dinge, die kann niemand für mich erledigen.“

Wir hatten mein Stockwerk erreicht, verließen das Treppenhaus und gingen nun den Gang entlang zu meinem Zimmer.

„Das klingt nach einem einsamen Weg.“

Oh, wenn Schwester Matilda ahnen würde, wie einsam ich mich fühlte! Aber diese Entscheidung hatte das Schicksal für mich getroffen.

„Da wären wir.“ Die Krankenschwester öffnete mir die Tür und ließ mich vorbei.

Meine Bettnachbarin saß bereits am Esstisch vor ihrem Teller und stocherte im Hackbraten herum. Der älteren Frau gegenüber stand ein zweiter mit einem Deckel abgedeckter Teller. Wieder krauste ich meine Nase.

„Das riecht doch gar nicht schlecht“, meinte Schwester Matilda aufmunternd.

„Leicht gesagt. Für das Personal gibt es vermutlich was anderes.“ Ich hasste sie für ihre gute Laune, aber ich lächelte sie an. „Danke für die Begleitung. Ich werde auch brav essen. Versprochen. Können Sie sich dafür nachher etwas verspäten?“

„Mal sehen, was ich für Sie tun kann“, meinte sie und zwinkerte mir zu. „Vor der Therapie sollten Sie sich nicht drücken.“

Sie hatte Recht. Vermutlich.

Während ich den faschierten Braten probierte, der tatsächlich nicht so schlecht wie befürchtet schmeckte, wurde mein Herz schwer. Mit Freuden würde ich mein Leben gegen Schwester Matildas unkompliziertes, leichtes Dasein tauschen. Ich stand nicht auf Höhen und Tiefen. Doch die nächsten Wochen würden davon unzweifelhaft einige bereithalten. Und ich hatte keine Möglichkeit, etwas daran zu ändern.

Ich wollte nicht nach Hause in meinen alten Alltag. Wie sollte man in ein Leben zurückkehren, in dem man plötzlich fremd war? In ein Leben, das einem nicht mehr gehörte, in dem ein großer Teil fehlte?

Warum fühlte sich alles so falsch an?

Wohin gehörte ich jetzt?

4. Kapitel

Montag, 14. Februar 2011

„Jetzt mach mir nicht so viel Druck!“ Ich lenkte den Wagen in einem kleinen Bogen näher zur Mitte der Fahrbahn, um einer Wasserpfütze auszuweichen. Auf der glatten Oberfläche spiegelten sich die Sonnenstrahlen.

„Heute ist Valentinstag, und du verbringst ihn mit einem neuen Kunden. Wünschst du dir nicht mehr Romantik?“

Ich warf der Anrufanzeige auf dem Radio einen bösen Blick zu, als könnte meine Mum ihn sehen. „Natürlich hätte ich gerne einen Partner.“ Während ich noch die Augen verdrehte, fuhr meine Mutter am Telefon mit ihrem Plädoyer fort.

„Dann musst du etwas dafür tun.“

„Ich bin doch auf der Suche.“

Mum schien in ihrer Küche beschäftigt zu sein. Immer wieder hörte ich klappernde Töpfe. „Glaubst du, du wirst in der Disco fündig? Welche Art von Mann spricht dich dort wohl an?“

„Ich habe ernste Absichten. Aber solange ich die fünfundzwanzig nicht überschreite, kann ich es locker angehen.“

„Immer diese oberflächlichen Beziehungen. Such dir einen vernünftigen Mann.“

Das Navi schnitt meiner Mutter das Wort ab und forderte mich auf, die Bundesstraße zu verlassen. Ein Straßenschild versprach die Ortseinfahrt von Sissendorf in zehn Kilometern. „Du warst diejenige, die auf Enter gedrückt hat, nachdem ich die dämlichen Fragen dieser Flirtseite beantwortet habe! Dadurch trägst du Mitschuld an den oberflächlichen Beziehungen, die sich daraus entwickelt haben“, schimpfte ich in die Freisprechanlage.

„Unsinn. Selbst wenn du dem Richtigen über den Weg liefst, ließest du ihn nicht an dich heran.“

„Klar, gebe ich Männern eine richtige Chance. Warum, glaubst du, lernen sie dich und den Rest der Familie erst so spät kennen?“

„Rebecca Henrietta Nadine Vanderberg! Machst du dich etwa über mich lustig?“

„Eure Neugier würde die Kerle nur verschrecken!“

Am anderen Ende der Leitung wurde ein Topf kraftvoll abgestellt. Mir dröhnten die Ohren. Trotzdem konnte ich Mums nächste Worte verstehen. „Wenn du Kinder willst …“

„Ich habe doch noch Zeit für Familienplanung!“, unterbrach ich.

„Natürlich. Aber die Vorstellung eines Enkelkinds gefällt mir.“

Ein Stich ins Herz. Diesen Wunsch konnte vermutlich nur ich meiner Mutter erfüllen. „Was erwartest du von mir? Soll ich den erstbesten Kerl in meine Höhle schleppen?“

„Du musst nur mit offenen Augen durchs Leben gehen.“

„Ich kann doch nicht einen attraktiven Mann auf der Straße fragen, ob er der Vater meiner Kinder werden will.“ Ich wandte den Kopf zu dem Wagen, der mich gerade überholte. Mein Blick fiel auf den Anzugträger mit Kurzhaarfrisur darin. „Obwohl …“

„Mach keinen Unsinn.“

„Nein! Ich nehme nur deine Besorgnis ernst. Aber mal was anderes … wie läuft es mit David?“

„Ach, das ist schon lange vorbei.“

Nachdem sie vorletzte Woche noch davon geträumt hatte, ein Doppeldate organisieren zu können, wenn ich endlich einen meiner Bekannten zu meinem Freund ernannte, war dieses „lange“ wohl subjektiv.

„Aber ich habe heute Vormittag einen sehr interessanten Mann kennengelernt. Einen klugen, einfühlsamen Gentleman. Ich glaube, er ist der Jackpot.“

„Du hast verdient, dass es dieses Mal klappt.“

„Ich fühle mich auch schrecklich einsam“, seufzte Mum. „Kochen für eine Person ist deprimierend. Und an einem Tag wie heute bin ich noch weniger gerne alleine. Du hast mich auch schon ewig nicht mehr besucht.“

Ich bremste den Wagen ab, als ich das Ortsschild passierte. Es war Mama gelungen, mir ein schlechtes Gewissen einzuflüstern. „Ich muss Schluss machen. Der letzte Termin für heute. Aber ich verspreche dir, heute Abend bei dir vorbeizuschauen. Annie hat sicherlich auch nichts vor. Wir machen eine Mädelsparty mit Haarkur, Fingernägellackieren und Gesichtsmasken.“

„Einverstanden.“ Mums Stimme war voller Wärme. „Viel Erfolg, und pass auf dich auf, Kind.“

„Mach ich. Bis später.“ Ich drückte auf den Knopf, der die Verbindung trennte, und konzentrierte mich auf den Straßenverlauf.

In Gedanken bereitete ich das anstehende Verkaufsgespräch der Immobilie vor.

Die Lage war ausgezeichnet. Das Pendeln nach Wien stellte kein Problem dar. Aus meinen Recherchen wusste ich von der guten Zugverbindung. Familien konnten sich hier ebenfalls wohlfühlen. In der Nachbarstadt gab es Schulen für jedes Alter. Jetzt musste nur noch das Haus der Beschreibung entsprechen, dann konnte ich meinem Kunden rasch Käufer für sein Haus präsentieren.

Ich bemerkte auf meinem Weg ein paar Geschäfte: einen Lebensmittelladen, eine Buchhandlung, eine Werkstatt, eine Bäckerei. Besonders Letzte fand ich einladend. Ich fuhr langsamer.

In der Auslage entdeckte ich neben Brötchen auch Torten und anderen Süßkram. Vielleicht sollte ich ein wenig Marktforschung betreiben. Ich fuhr schmunzelnd rechts ran und ging in den Laden.

„Geben Sie mir bitte eine Mohnkrone und einen Kaffee zum Mitnehmen“, bat ich die Verkäuferin, die mich höflich begrüßt hatte.

„Darf es sonst noch was sein?“

Schnell schüttelte ich den Kopf, bevor ich mir noch mehr Kalorien einpacken ließ. Ich bezahlte und wandte mich zum Gehen. In einer Hand hielt ich meinen Kaffee und die Papiertüte mit der Mohnkrone. Mit der anderen verstaute ich meine Geldbörse in der Handtasche. Vermutlich hätte ich lieber hochschauen sollen.

Ein Hindernis versperrte mir den Weg. Es gelang mir nicht mehr, rechtzeitig vor einer Kollision zu stoppen, und ich lief gegen jemanden.

Der Kaffeebecher schwappte über und fiel mir dann aus der Hand. Die heiße Flüssigkeit spritzte meinem Gegenüber über den Pullover unter der offenen Jacke aber vor allem über die Jeans.

„Verdammt! Was in drei Teufels Namen …“ Der Mann wich zurück und wischte mit den Händen über seine Kleidung.

„Oh, mein Gott! Entschuldigen Sie“, keuchte ich.

„Warum passen Sie nicht besser auf? Das Zeug ist wirklich heiß.“ Er grummelte noch anderes unverständliches Zeug, bevor er hochblickte. Seine grünen Augen funkelten.

„Es tut mir so leid. Verzeihen Sie …“, entschuldigte ich mich weiter.

„Ich sollte Sie verklagen. Vermutlich bin ich jetzt zeugungsunfähig.“

Ich blinzelte. „Wollen Sie zu einem Arzt?“

Der Ausdruck in seinen Augen änderte sich, und mir wurde klar, von ihm auf den Arm genommen worden zu sein. „Ich werde es überleben.“

„Die Kosten für die Reinigung Ihrer Kleidung übernehme ich natürlich.“

Er lachte. „Quatsch. Halb so schlimm. Das meiste ist auf dem Boden gelandet.“

„Aber …“

„Ich verzeihe Ihnen. Sie haben mir das heiße Zeug ja schließlich nicht ins Gesicht geschüttet.“

Erleichtert seufzte ich. „Danke.“

Die Verkäuferin kam hinter der Theke hervor und begann, sich um die Pfütze zu unseren Füßen zu kümmern. „Was hast du wieder angestellt?“, schimpfte sie mit dem Mann vor mir. „Manchmal denke ich, du machst mir die Arbeit absichtlich!“

„Ich bin unschuldig. Diesmal zumindest.“ Mein Kaffeewurfopfer zog mich zur Seite, damit die Verkäuferin den Mopp besser schwingen konnte, und beugte sich zu mir. „Vielleicht sollte ich das mit meiner Manneskraft noch überprüfen, bevor ich Sie aus Ihrer Verantwortung entlasse“, meinte er nicht zu laut.

„Hoffentlich haben Sie sich nicht schwer verletzt.“ Ich warf meinen jetzt leeren Kaffeebecher in den Abfalleimer neben mir. Gott sei Dank hatte ich nichts von der Flüssigkeit abbekommen. Mein Immobilien-Kunde würde nichts von dem Malheur bemerken. Aber meine Mohnkrone war unschön zerquetscht. Schade drum.

„Das hoffe ich auch.“ Der Mann bewegte sich nicht von der Stelle.

Ich glaubte seinen Blick auf mir zu spüren und hob den Kopf. Er starrte mich an. Was für ein seltsames Gespräch. Was für ein seltsamer Kerl. Seltsam aber attraktiv.

„Besitzen Sie medizinische Kenntnisse?“, fragte er.

„Leider nein. Warum …?“ Der Groschen fiel langsam. Ich hatte nicht richtig auf seine Worte geachtet. „Ist das Ihr Ernst?“

„Ja, wenn der Spruch bei Ihnen ankommt. Nein, wenn Sie sich dann besser fühlen.“ Sein Mund verzog sich zu einem frechen Grinsen.

„Tut mir leid. Ich muss jetzt los.“ Attraktive Männer mochte ich nicht. Sie waren mir unheimlicher als bloß hübsche Typen. Diesen hier fand ich trotzdem irgendwie nett. Nur sein Ego schien etwas aufgeblasen.

„Darf ich Sie noch auf einen Kaffee einladen, da Ihrer jetzt Abwaschwasser ist?“

Ich schüttelte den Kopf. „Danke. Aber ich habe es eilig.“

„Sind Sie auf der Durchreise?“

„So etwas in der Art“, antwortete ich und machte einen Schritt von ihm weg.

„Hoffentlich war ich nicht zu direkt. Wollen wir vielleicht …“

„Schon okay. Ich muss wirklich los. Entschuldigung noch einmal für die Unannehmlichkeiten.“ Ich hob meine Mundwinkel zu einem schnellen Lächeln und eilte zur Tür und dann nach draußen.

Als ich beim Auto ankam, blickte ich noch einmal zurück. Der Kerl stand vor der Bäckerei und beobachtete mich. Jetzt winkte er mir zu und begann zu lächeln.

Dieses Lächeln! Vielleicht hätte ich ihn nach seinem Namen fragen sollen. Wenn er nur nicht so unsympathisch selbstbewusst wäre!

Sein Lächeln vertiefte sich. Oh, Mann. Viel zu gutaussehend. Aber wenn ich mir das mit dem Kaffee anders überlegen sollte, konnte ich mich immer noch in der Bäckerei nach ihm erkundigen.

Ich lenkte meinen Opel in eine Seitenstraße und parkte ein Stück weit von der zu verkaufenden Immobilie entfernt. Den Rest des Weges wollte ich mir ohne Glasscheibe vor der Realität ansehen. Ich schnappte mir meine Aktentasche und meinen Mantel und lief los.

Der Gehweg wurde von alten Bäumen von weit ausladenden Kronen beschattet. Die Nachbarschaft wirkte ruhig und gepflegt. Im Frühling mussten die Vorgärten mit den akkurat angelegten Beeten einladend wirken. Ich sollte zwei, drei Monate warten, bevor ich die ersten Interessenten hierher einlud.

Nach den Hausnummern zu schließen, käme mein Ziel gleich auf der anderen Straßenseite in mein Blickfeld. Ich machte noch zwei Schritte, dann besah ich mir das Objekt.

Das zweistöckige Einfamilienhaus besaß eine weiß-graue Fassade. Eine holzverkleidete Terrasse war über ein paar Stufen zu erreichen. Vom Vorgarten mit der unkrautfreien Rasenfläche führte ein Steinweg nach hinten. Den Unterlagen zufolge gehörte ein 1.300 Quadratmeter großes Grundstück zum Haus. Alles wirkte gut in Schuss.

Ich nahm mir noch einmal Zeit, um das Gebäude genauer zu inspizieren. Rotbraune Fenster, die zur Terrasse passten. Große Glasflächen bei einem Teil des Hauses, bei dem es sich wohl um einen Wintergarten handelte. Wirklich schön. Ich stand reglos auf der anderen Straßenseite und hatte meine Hand auf den Stoff meiner Jacke über meinem Schlüsselbein gelegt. Ich spürte das Hämmern meines Herzens gegen meine Rippen. Ich wusste mit Sicherheit, noch niemals hier gewesen zu sein, niemals ein Foto dieses Gebäudes gesehen zu haben. Doch beim Anblick des Hauses fühlte ich ein Kribbeln in meinem Magen, elektrische Ladung in der Luft, die mit einer Mischung aus Irritation, Wärme und Sehnsucht einherging. Absolut lächerlich. Aber ich wünschte, ich könnte dieses Heim mein eigen nennen.

Die Haustür öffnete sich, und ein breitschultriger Mann trat heraus. Während er in eine Jacke schlüpfte, kam er die Stufen herunter. Sein Gesichtsausdruck wirkte fragend, und erst jetzt wurde mir klar, mich noch immer nicht bewegt zu haben.

Ich überprüfte, ob ich die Straße sicher überqueren konnte, setzte ein Lächeln auf und eilte dem Mann entgegen. An der Gartentür trafen wir aufeinander.

Er war sympathisch, dachte ich, als ich den Kopf in den Nacken legte, um zu ihm hochzuschauen. Auf jeden Fall sympathischer als der Kerl vorhin. Als mein potentieller Kunde mein Lächeln beinahe scheu erwiderte, erwärmte sich mein Innerstes. „Rebecca.“ Ich streckte die Hand aus.

„Frau Vanderberg?“, fragte er mit leiser aber angenehmer Stimme nach.

Meine Wangen röteten sich. Die geschäftsmäßige Vorstellung hatte ich verpatzt. „Ja, Frau Vanderberg von Guttreu Immobilien. Es freut mich, Sie kennenzulernen, Herr Forst.“

„Daniel“, korrigierte er. Sein Griff um meine Finger war fest. Schon bei unserem Telefonat hatte ich seine Stimme sehr beruhigend gefunden. Ich hatte dennoch nicht erwartet, meinen Kunden so anziehend zu finden.

Die Hitze auf meinen Wangen vertiefte sich. „Daniel.“

Er legte den Kopf schief. „Sie sind jung.“

„Und trotzdem schon staatlich geprüfte Immobilientreuhänderin.“

„Es sollte kein Vorwurf sein. Wollen Sie sich das Haus ansehen?“

„Ja. Ja, natürlich.“ Widerwillig ließ ich seine Hand los. „Können wir mit dem Garten beginnen?“

Herr Forst ging vor. Statt beim Näherkommen das Gebäude zu betrachten, erwischte ich mich dabei, wie ich seine breite Rückenpartie begutachtete. Dank seiner kurzen Jacke hatte ich einen guten Blick auf seinen Hintern, der in der eng anliegenden Jeans knackig wirkte.

Du bist ein böses Mädchen, tadelte ich mich selbst. Reiß dich gefälligst zusammen.

Wir gingen links am Haus vorbei. Der Boden war noch nass vom kürzlichen Regen. Ich wagte den Steinweg mit meinen hochhackigen Schuhen nicht zu verlassen. Dabei hätte ich mich gerne näher umgesehen.

Auf den ersten Blick wirkte der Garten etwas trostlos. Der Rasen hier hinten war nicht so dicht wie im Vorgarten und von Klee und Wildblumen durchsetzt. Ein riesiger Nussbaum im vorderen Teil nahm einiges vom Licht weg. Weiter hinten gab es keine Blumenbeete mehr.

Doch ich stellte mir den Garten im Sommer vor. Dann leuchtete die Rasenfläche vermutlich in bunten Farben. Einer der Zweige des Nussbaumes schien perfekt für eine Schaukel. Und die freie Fläche lud zum Fußballspielen und Toben ein.

„Kinder würden sich hier sicherlich wohlfühlen“, meinte der Mann neben mir.

„Das habe ich auch gerade gedacht, Herr Forst.“

„Daniel.“

Ich sah zu ihm hoch. „Daniel.“

Nach dem Kräuseln seiner Mundwinkel zu schließen, gefiel ihm, wie ich seinen Namen aussprach.

„Stammen Sie aus Sissendorf?“, erkundigte ich mich.

„Ja. Meine Eltern wohnen ein paar Straßen weiter. Ich bin auf dem Heimweg von der Schule oft hier vorbeigegangen und hab mir gewünscht, hier hinten Fußball spielen zu können. Als das Haus zum Verkauf stand, musste ich zuschlagen. Sind Sie mit einem Garten aufgewachsen?“

Ich nickte. „Ich wohne jetzt zwar in Wien, aber mein Elternhaus befindet sich in Vösendorf. Die perfekte Mischung von Stadtnähe und Dorfcharakter.“

„Sie leben in einer Wohnung?“

„Zumindest im Augenblick. Irgendwann hoffe ich auf ein Haus wie dieses. Mit jeder Menge Lärm darin.“

„Das klingt toll.“ Seine braunen Augen leuchteten, als teilten wir den gleichen Traum.

Aus irgendeinem Grund beschleunigte sich bei dem Gedanken mein Puls. Ich blinzelte. „Darf ich fragen, warum Sie sich gerade an unsere Immobilienfirma gewandt haben?“

„Zufall. Ich habe die Anzeige in der Zeitung entdeckt. Ich bin froh, ausgerechnet Besuch von Ihnen bekommen zu haben.“

„Das tue ich gerne. Können Sie mir jetzt das Haus zeigen, Herr Forst … Daniel?“

„Gerne.“

Wir marschierten wieder nach vorne.

Daniel öffnete die Haustür und ließ mich vorbei. Der schmale Gang wirkte durch die weiß gestrichenen Wände und die hellen Holztüren sehr einladend. Eine Garderobe gleich beim Eingang bot genug Platz für Jacken und Schuhe.

Lächelnd wandte ich mich zu Daniel um. „Führen Sie mich herum?“

Er nickte und nahm mir den Mantel ab, den er mit seiner Jacke auf einen Kleiderbügel der Garderobe hängte. Dann begleitete er mich nach rechts in eine Küche, die durch eine Kochinsel mit Hochstühlen davor zum Verweilen einlud. Auch hier war helles Holz verbaut worden, während die Wände in einem sanften Gelb leuchteten. „Sehr schön“, lobte ich. „Aus welchem Jahr stammt die Küche?“

„Sie ist vor fünf Jahren renoviert worden.“ Sein Blick wanderte über die Hochschränke.

Nicht sehr gesprächig. „Leben nur Sie hier?“

Ein Nicken musste als Antwort reichen.

„Weshalb haben Sie sich entschlossen, das Haus zu verkaufen?“

„Ich bin Lastkraftwagenfahrer, fahre viel herum. Das Haus ist einfach zu groß für mich alleine.“

Ich umrundete langsam die Kochinsel, strich mit den Fingerspitzen über die Holzarbeitsfläche. „Vielleicht findet sich eine Frau, die sich in dieses Schmuckstück verliebt. Würden Sie den Verkauf dann nicht bereuen?“

Keine Antwort.

Ich wandte mich zu ihm um. Daniel beobachtete mich mit schwer zu deutendem Gesichtsausdruck. „Die Möglichkeit scheint mir plötzlich gar nicht mehr so abwegig.“

Oh, Mann. Ich spürte die Schwingungen, die Anziehungskraft. Ich sollte diesen Deal schnell abwickeln und dann gucken, was da zwischen uns war.

Er wandte den Blick nicht von mir. „Nach unserem ersten Telefonat hatte ich ein anderes Bild von Ihnen im Kopf.“

„Das tut mir leid.“

„Mir nicht.“ In seiner Stimme klang nicht genug Lachen mit, um es als harmlose Flirterei abzutun.

Ich mochte seine unbeholfene Direktheit. „Ich … Wollen Sie mir den Rest zeigen?“

Er legte den Kopf schief. „Ich wollte Sie nicht in Verlegenheit bringen.“

Ich klammerte mich an die Arbeitsplatte. „Das haben Sie nicht. Ich bin mir nur nicht sicher …“ Mum würde mir wahrscheinlich die Leviten lesen, wenn ich ihr von diesem Gestottere erzählte. Konzentration. War dies hier ein ausschließlich beruflicher Termin oder eine Möglichkeit, einen interessanten Mann näher kennenzulernen?

„Kein Problem. Hier geht’s lang zum Wohnzimmer.“

Ich folgte ihm über den Gang. Bei der großen Glasfront hatte ich falsch gelegen. Es handelte sich um keinen Wintergarten. Der lichtdurchflutete, L-förmige Raum war groß genug für eine gemütliche Sofalandschaft, einen Kamin und einen überdimensionalen Esstisch. Und trotzdem könnte man immer noch auf dem Platz dazwischen Walzer tanzen. Ich konnte verstehen, weshalb er sich hier verloren fühlte.

Nach einem Blick in den Garten wanderte ich weiter ins Zimmer hinein und blieb vor dem Kamin stehen. Helle Ziegel und ein breiter Holzkaminsims. „Eine wunderschöne Arbeit.“

„Danke.“ Er klang stolz.

Ich wandte mich ihm zu. „Den haben Sie gebaut?“

Er nickte. Eine Strähne seines braunen Haares fiel dabei nach vorne. „Der alte war viel zu klein und marode. Man hat mir empfohlen, ihn auszutauschen. Hat etwas gedauert, aber ich bin mit dem Ergebnis ziemlich zufrieden.“

„Wann haben Sie das Haus gekauft?“

„Vor fünf Jahren. Damals habe ich vieles neu gemacht. Tapeten heruntergerissen, Wände neu verspachtelt und gestrichen, einige Möbel selbst gebaut.“

Ich wollte fragen, ob er es für eine bestimmte Frau ausgesucht hatte, aber das ging mich nichts an. „Gibt es noch weitere Zimmer im Erdgeschoss?“

„Ein Büro und ein Gäste-WC.“

Neuerlich überquerten wir den Gang. Der erste Raum war ungefähr fünfzehn Quadratmeter groß. Die Büromöbel wirkten hochwertig. „Wollen Sie das Haus möbliert verkaufen?“

„Alles, was sich noch hier befindet, kann der neue Eigentümer behalten. Ich habe mir bereits eine Wohnung gesucht und einige Dinge mitgenommen.“

Nachdem ich auch die Gästetoilette begutachtet hatte, gingen wir eine Holztreppe nach oben. Ich betrat ein Badezimmer mit freistehender Badewanne, Dusche und Doppelwaschbecken. Die Dachschräge machte den Raum Gott sei Dank nicht zu niedrig. Ein großes Dachflächenfenster ermöglichte dem Badenden einen Blick in den Himmel. An einer Wand stand ein hoher, stoffbezogener Lehnsessel.

„Ein interessantes Gestaltungselement“, bemerkte ich.

„Als ich das Ding aufgestellt habe, hegte ich eigentlich die Hoffnung, darauf einer Frau beim Baden zusehen zu können.“

Ich weigerte mich, mit einem Kontrollblick zu überprüfen, ob dieser Kommentar als Scherz gedacht war. Stattdessen öffnete ich die Glaswand der Duschkabine. Platz genug für zwei darin. „Schön.“

Er verließ den Raum und deutete auf ein Zimmer, dessen Tür offen stand. „Ein großes Kinderzimmer. Genau wie hier drüben.“

Ich machte jeweils nur einen Schritt in die leeren, weißgestrichenen Räume.

„Und jetzt kommt der Masterbedroom, wie Immobilienmakler das Schlafzimmer gerne nennen.“ Er öffnete die letzte Tür.

Gegen meinen Willen musste ich grinsen. „Sie haben sich wohl informiert.“

„Vermutlich habe ich zu viel Zeit zum Fernsehen.“

Ich betrat den Raum nur zögernd. Wie sah die Schlafstätte eines Mannes aus, der Frauen gerne nackt beim Baden beobachtete?

Das Bett war riesig und stand in der Mitte des Zimmers. Keine Nachtkästchen, keine Kommoden. Lediglich eine Glastür linkerhand, die auf einen Balkon führte. Fehlte nur ein Spiegel an der Decke.

Er deutete auf eine Schiebetür. „Dahinter gibt es ein Anziehzimmer.“

Ich beeilte mich, die Tür zu öffnen. Das Platzangebot in dem fensterlosen, schmalen, aber bis an die Decke mit Regalbrettern ausgestatteten Zimmer überraschte mich. Daniel hatte seine Kleidung bereits weggebracht. Ich könnte sofort mit den Besichtigungen beginnen, wenn er es mit dem Verkauf so eilig hatte, wie es schien.

„Und? Sehen Sie Potential?“

Ich wandte mich zu ihm um und prallte gegen seine Brust. „Ein neuer Haarschnitt, ein engeres Hemd, und die Frauen würden Ihnen reihenweise ihre Telefonnummern zustecken.“

Seine Hände hatten meine Oberarme gepackt, damit ich nicht stolperte. Etwas ratlos blickte er auf mich nieder. „Flirten Sie mit all Ihren Kunden?“

„Wenn ich sie attraktiv finde.“

Er wirkte enttäuscht.

Meine Worte hatten mich selbst überrascht. „Es kam noch nicht vor. Ich halte Privates und Berufliches normalerweise getrennt. Es ist keine Verkaufstaktik, falls Sie das befürchten.“

„Gut zu wissen.“

Ich machte einen Schritt zurück. „Es wird keine Probleme geben, das Haus an den Mann zu bringen. Wie schnell brauchen Sie einen Käufer?“

„Ich frage mich gerade, ob ich mir nicht noch etwas Bedenkzeit nehmen sollte.“

„Ein Verkauf will gut überlegt sein“, meinte ich. „Etwas Vergleichbares werden Sie nicht so leicht wieder finden.“

„Gefällt Ihnen das Haus?“

„Es ist wundervoll. Mit Hilfe eines Homestagers, der den Räumen weibliche Finesse einhaucht, wird die Immobilie nicht lange auf dem Markt sein.“ Ich sollte den Raum verlassen. Seine breiten Schultern verstellten mir allerdings den Weg.

„Weibliche Finesse? Mit einer Junggesellenbude hat es aber auch nicht viel gemeinsam.“

Ich lachte. „Das stimmt wohl. Ist das Haus eigentlich unterkellert?“

„Ja, es gibt drei große Räume.“

„Schön. Sollen wir nach unten gehen und die weiteren Details klären?“, fragte ich.

Er schüttelte den Kopf.

„Dann wollen Sie doch nicht verkaufen?“

„Wenn ich Nein sage, kommen Sie mich hin und wieder besuchen, um mich dazu zu überreden?“

„Vermutlich. Ich ließe mir nur ungern die Provision entgehen.“

Wenn dieser Mann lächelte, machte mein Herz einen Luftsprung. „In dem Fall muss ich Sie leider enttäuschen. Heute werde ich keinen Vertrag unterzeichnen.“

Ich hatte es geahnt, als ich den stolzen Blick gesehen hatte, mit dem er durch sein Haus gewandert war. „Bin ich jetzt ganz umsonst den weiten Weg gefahren?“

„Nein, Sie haben mir etwas klargemacht.“

„Und das wäre?“

„Dass ich die Hoffnung noch nicht ganz aufgegeben habe.“

Seine Augen zogen mich immer wieder in ihren Bann. Es war einer dieser Augenblicke, in denen man einem anderen Menschen so tief in die Seele sah, bis man sein Äußeres nicht mehr wahrnahm. Wenn man sich mit Daniel unterhielt, dann schenkte sein ernster, offener Blick jedem Wort mehr Bedeutung, als es eigentlich besaß. Er war bestimmt ein guter Zuhörer. „Melden Sie sich einfach bei mir, wenn Sie sich ganz im Klaren über Ihre Wünsche sind.“

Er lachte trocken. „Das mache ich. Gehen Sie mit mir essen?“

Ich runzelte die Stirn. „Ich … Ja, gerne. Rufen Sie mich an, wenn es Ihnen passt.“

„Wie wäre es jetzt gleich?“

„Oh, eigentlich sollte ich ins Büro zurück.“

„Es ist schon nach vier. Die Arbeit kann sicher bis morgen warten.“

„Aber es ist zu früh zum Abendessen.“

„Dann gehen wir zuerst spazieren. Ich zeige Ihnen Sissendorf. Wenn Sie irgendwann mein Haus verkaufen dürfen, sollten Sie auch die Umgebung kennen.“

Ich blinzelte. Sein Blick hielt meinen gefangen. Ich meinte eine Vibration in der Luft zu spüren, die den Abstand zwischen uns wegschmolz. „Heute ist Valentinstag.“

„Ist das jetzt ein Grund für oder gegen ein Date?“

„Keine Ahnung.“

„Soll ich eine Ihrer fadenscheinigen Ausreden gelten lassen, oder sagen Sie endlich ja?“

Ich horchte auf mein Herz und traf eine Entscheidung. „In Ordnung. Aber ich muss vorher telefonieren.“ Im Büro würde ich mich krankmelden und Mum eine Absage für den Mädelsabend erteilen. Zumindest bei meiner Mutter durfte ich auf Verständnis hoffen.

„Diese Bar ist alles, was Sissendorf zu bieten hat? Ich sehe schwarz für den schnellen Verkauf deines Hauses“, lachte ich.

Wir saßen am Tresen eines kleinen Gasthauses. Das Licht war beinahe grell, die Theke abgenutzt, die Getränkeauswahl überschaubar. In erster Linie tummelten sich hier Pärchen. Ob das mit dem Valentinstag zusammenhing? Unter Romantik verstand ich eigentlich etwas anderes.

„Dein Urteil trifft mich persönlich. Aber ich habe den Eindruck, du amüsierst dich trotzdem ganz gut.“

Ich wurde ernst. „Das hängt nicht nur mit Sissendorfs Sehenswürdigkeiten zusammen.“

Das Leuchten trat nicht das erste Mal an diesem Abend in seine Augen. Ein Feuer, das mein Herz erwärmte. „Ich weiß, es geht verdammt schnell, aber …“

Er stockte, als ihm ein grauhaariger Mann zuwinkte, der an einem Tisch am anderen Ende des Raumes Platz genommen hatte.

„Entschuldige mich kurz. Bin gleich wieder da.“ Er erhob sich.

Warum musste diese Unterbrechung gerade jetzt sein? Ich nickte und widmete mich meinem Bier, während ich alleine war. Das blieb ich nicht allzu lange.

„Für eine Durchreisende sind Sie aber ziemlich lange in Sissendorf“, erklang eine tiefe Stimme neben mir. „Unser zweites Zusammentreffen am Valentinstag. Ob das ein Zeichen ist?“

Ich wandte den Kopf zu dem Neuankömmling. Ebenfalls ein Riese, wenn auch nicht ganz so breit wie Daniel. Mein Kaffeeunfallopfer! „Es ist zumindest ein großer Zufall. Ich nehme an, Sie wohnen in Sissendorf?“

Er nickte. „Schuldig im Sinne der Anklage. Und was hat Sie hierher verschlagen?“

„Mein Haus.“ Daniel kam zurück an unseren Platz. „Hallo Valentin.“

„Dein Haus hat deine hübsche Begleitung hergelockt? Dann verkaufst du die große Bude doch endlich?“

„Ich verstehe, weshalb er zögert“, gestand ich. „Dieses Haus ist etwas ganz Besonderes.“ Ich lächelte Daniel zu.

Daniels Gesicht wechselte mehrmals die Farbe. „Darf ich dir Rebecca Vanderberg vorstellen? Meine Immobilienmaklerin. Rebecca, mein bester Freund Valentin.“

„Freut mich, Sie kennenzulernen.“ Er schüttelte mir die Hand und zwinkerte mir zu. „Noch einmal.“

„Ihr kennt euch bereits?“, meinte Daniel irritiert.

„Deine Immobilienmaklerin hat mir vor ein paar Stunden ihren Kaffee über den Schoss geschüttet. Eine ganz heiße Sache.“

Ich blinzelte, gab keinen Kommentar ab. Im Vergleich mit Daniel fragte ich mich, wie ich diesen Kerl hatte attraktiv finden können.

Valentin boxte Daniel gegen den Oberarm. „Warum schleift er Sie hierher? Es gibt für Verhandlungen bestimmt schönere Orte in Sissendorf.“

„Oh, wir waren bereits im Lebensmittelgeschäft, sind durch die Parkanlage bei der Ruine gewandert und haben im Wilden Schwein zu Abend gegessen.“ Ich lachte. „Ich denke, die Sehenswürdigkeiten haben wir durch.“

„Damit haben Sie leider Recht. Mehr hat das Kaff wirklich nicht zu bieten.“

Ich sah zu Daniel. Meiner Meinung nach lohnte sich ein Besuch von Sissendorf allemal. Solange Daniel mein Stadtführer war.

„Ich hole uns noch etwas zu trinken. Willst du ein Bier, Valentin?“

Sein Freund nickte und machte Anstalten, sich auf den freien Hocker zu setzen.

Daniel schüttelte den Kopf. „Das ist mein Platz.“

Die beiden Männer wechselten einen bedeutungsvollen Blick. Schließlich nickte Valentin. „Kein Problem. Ich wollte ohnehin noch in die Disco fahren. Es findet sich bestimmt jemand, der heute auf der Suche nach Begleitung ist. Euch beiden wünsche ich einen schönen Abend.“

„Danke“, antworte ich. „Es war nett, Sie kennenzulernen. Noch einmal.“

Er schlug Daniel kräftig auf die Schulter, zwinkerte mir zu und machte sich auf den Weg.

„Sissendorf hat eine Disco?“, erkundigte ich mich.

Daniel lachte. „Nein. Da muss man schon eine halbe Stunde fahren. Vielleicht zeige ich sie dir das nächste Mal, wenn du mich besuchst.“

Das nächste Mal. Mein Herz klopfte heftig. „Gerne.“

„Dann hole ich uns jetzt das versprochene Bier.“

„Lieber nicht. Ich sollte mich langsam auf den Heimweg machen.“ Einen Schritt nach dem anderen. Nur nichts überhasten. Uns blieb Zeit genug, diese großartige Sache zwischen uns richtig anzugehen.

„Sicher?“

Ich nickte.

„Schade.“ Er hob den Arm und strich mit dem Handrücken über meine Wange.

Wie gerne ich mich an seiner Hand gerieben und geschnurrt hätte wie eine Katze. Das hier fühlte sich so richtig an. Aber ich wusste nur zu gut, wie vergänglich ein Gefühl wie Verliebtheit war.

Er ergriff meine Hand und zog mich hoch. „Ich begleite dich zu deinem Auto.“

Wir holten Mantel und Jacke, verließen das Gasthaus und gingen Richtung Parkplatz. Mein Herz schrie, ich sollte bleiben. Ich verschränkte meine Finger mit seinen.

„Es ist nicht weit. Wir können direkt in meine Straße spazieren, wenn dir nicht zu kalt ist.“

„Eine gute Idee.“

Im Augenblick schien kein Weg lang genug. Die letzten Stunden waren verrückt gewesen. Ein Sprung ins Ungewisse. Aber ich war froh, ihn gewagt zu haben.

Wir schlenderten durch die Dunkelheit. Ab und an erhellte eine Straßenlaterne den Gehsteig. Niemand war mehr unterwegs. Sogar der Wind schwieg.

Ich wusste nichts zu sagen, und Daniel schien es ähnlich zu ergehen. Er ergriff erst das Wort, als wir ein paar Meter gegangen waren. „Du kommst hoffentlich bald wieder. Vielleicht morgen?“

„Vielleicht.“

„Das hier ist anders, als ich es für möglich gehalten hätte. Das hier ist echter.“

Nur zu genau wusste ich, wovon er sprach.

„Es kommt unerwartet. Du hast mich unvorbereitet getroffen. Aber das ändert nichts. Worauf warten?“ Er sah zu mir, drückte meine Hand fester.

In meiner Brust spürte ich eine unbekannte Spannung und nickte.

„Ich habe nicht das Gefühl, dich gerade erst kennengelernt zu haben. Nur eine Frage will ich stellen: Was ist die eine Sache, die ich unbedingt von dir wissen muss? Die eine Sache, die ich beachten muss, damit das funktioniert.“

Die Antwort war nicht schwer. „Hab Geduld mit mir, auch wenn ich wirke, als ergriffe ich am liebsten die Flucht. Ich habe noch jedes Mal Panik gekriegt. Ich habe Schwierigkeiten, mich richtig auf einen anderen Menschen einzulassen.“

„Weshalb?“

Ich zuckte mit den Schultern und starrte auf den Boden. „Weil mein Schwager davongelaufen ist, als meine Schwester nicht schwanger werden konnte. Weil ich mehr als eine schlechte Erfahrung gemacht habe. Aber hauptsächlich weil mein Vater unsere Mutter verlassen hat. Weil eine Bezugsperson in meiner Kindheit einfach verschwunden ist, ohne sich mir zu erklären.“

„Das tut mir leid.“

„Es hat etwas in mir verändert. Aber ich will versuchen, das nicht zu einem Problem werden zu lassen. Nicht zwischen uns.“ Und dieses Gespräch sollte mich nicht traurig machen.

„Ich würde dich gerne küssen.“

Ich hob den Kopf. Mit einem Mal hatte ich Schwierigkeiten beim Atmen. Ich schien nicht genug Luft zu bekommen. Seine Direktheit war wunderbar. „Tja.“

„Tja, lieber nicht oder tja, worauf wartest du noch?“ Er blieb unter einem Baum stehen. Seine Hände umfassten mein Gesicht.

„Ehrlich gesagt … letzteres.“ Es war zu dunkel, um die Einzelheiten seiner Gesichtszüge zu erkennen. Was sein Körper mir verriet, war ohnehin genug. Ich hob meine Arme und legte sie ihm um den Hals. Ich musste mich auf die Zehenspitzen stellen, um meine Lippen auf seine drücken zu können.

„Du bist die Eine“, murmelte er. „Ich kann es fühlen.“ Dann legte er den Kopf schief, vertiefte den Kuss, eroberte meinen Mund mit sanfter Dringlichkeit.

Ich glaubte, seine Seele atmen zu können. Es zählte nicht, ob ich ihn seit Stunden oder seit Monaten kannte. Es machte keinen Unterschied, nicht alle seine Geheimnisse zu wissen. Die Verbindung zwischen uns war echt.

Sein Körper drängte sich näher an mich, überredete mich dazu, mich fallen zu lassen. Ich rieb mich fordernd an ihm.

In meinen Ohren erklang ein leises Summen. Ein Brummen, das schnell lauter wurde. Dann ein Quietschen. Eine unwillkommene Störung.

Enttäuscht seufzte ich auf, als er sich von mir löste. Ein Scheinwerfer ermöglichte es mir mit einem Mal, sein Gesicht zu erkennen, das er von mir abwandte. Daniel wirkte entsetzt. Nur langsam wurde mir klar, was gerade passierte. Ein Auto raste direkt auf uns zu.

Daniel zog mich enger an sich und drehte sich, damit sein Körper mich schützte. Ich wollte mit ihm davonlaufen. Wir mussten weg. Doch es war bereits zu spät.

Ich spürte den Aufprall, der Daniel von den Füßen riss. Ich lag immer noch in seinen Armen, als wir über die Motorhaube und auf den Asphalt geschleudert wurden.

Mein Kopf schlug hart auf. Meine Sicht verschwamm, und dann verschwand die Welt in Schwärze.

5. Kapitel

Mittwoch, 15. Juli 2015

„Das wirst du ganz gewiss nicht tun“, stellte ich klar und stieg aus dem Wagen aus. „Ich schaffe das auch ohne dich.“

„Ganz bestimmt wohnst du jetzt nicht alleine in deiner Wohnung.“ Annie holte meinen Koffer aus dem Kofferraum. „Entweder ziehe ich vorübergehend bei dir ein. Oder Mama übernimmt die Aufgabe, sich um dich zu kümmern.“

Ich spürte ein Kribbeln in meinem Nacken, das nicht davon herrührte, dass ich seit dem Verlassen des Krankenhauses vor lauter Nervosität fror. Mit meiner Mutter eingesperrt in meiner alten, kleinen Wohnung! Als wäre ich nochmal in der grausamen Phase meiner Pubertät gefangen. „Nein, das halte ich für keine gute …“

„Das wäre großartig, und wir könnten dadurch gleich mehrere Fliegen mit einer Klappe schlagen“, meinte Mama und hakte sich bei mir unter. „Das Leben im Hotel ist nicht das richtige für mich. Natürlich scheint es erstmal wie eine große Verlockung. Es gibt einen Swimmingpool im obersten Stockwerk, eine Sauna und einen Fitnessraum im Erdgeschoss. Jeden Tag wird das Zimmer aufgeräumt, das Bett gemacht, das Badezimmer geputzt. Aber auf Dauer fehlt mir meine Privatsphäre.“

Die würde sie in meiner winzigen Bude auch nicht finden. „Was hältst du davon, wenn ich statt dir ins Hotel ziehe? Ich hätte gegen Zimmerservice nichts einzuwenden.“

Annie griff nach meinem Koffer und hielt uns die Tür auf, damit meine Mutter mich ins Haus führen konnte. Obwohl ich an meinem Arm zerrte, den sie an sich presste, gab sie mich nicht frei. Ich konnte alleine gehen, verdammt!

„Dann hättest du doch wieder niemanden, der sich um dich kümmert. Nein, ich werde mich bei dir einquartieren.“

„In meiner Wohnung gibt es kein Gästezimmer, nicht einmal eine ausziehbare Couch. Du müsstest auf einer Luftmatratze schlafen. Dein Rücken wäre darüber nicht sehr erfreut.“

Mama machte ein nachdenkliches Gesicht, während sie den Knopf drückte, um den Lift zu rufen. „Das könnte tatsächlich zu einem Problem werden. Dann wird Annie zu dir ziehen, und ich kümmere mich tagsüber um dich.“

„Ihr übertreibt maßlos“, beschwerte ich mich. „In nicht mal zwei Wochen werde ich wieder zu arbeiten beginnen. Der Arzt hat sehr deutlich gemacht, dass ich wieder fit bin. Meine Turnübungen kann ich auch alleine machen.“

„Aber …“

„Ende der Diskussion.“

Wir quetschten uns zu dritt mit meinem Koffer in den Lift. Ich brauchte Platz. Ich sehnte mich nach Ruhe, um nachzudenken. Ich wollte mich nicht eingeengt fühlen, mich nicht schon wieder in einem Gefängnis befinden. Natürlich hatte ich Verständnis für ihren Wunsch, mich zu umsorgen, die verlorene Zeit nachzuholen, sich zu vergewissern, dass ich wirklich wieder ganz die Rebecca war, die sie kannten. Doch bei mir handelte es sich um einen neuen Menschen, der mir selbst fremd war und den ich selbst erst kennenlernen musste. Alleine. Und deshalb würde ich die beiden auf Abstand halten. Egal was sie davon hielten.

Die Lifttür glitt auf. Ich machte ein paar rasche Schritte nach vorne, um meiner Mutter zu entfliehen, und ging in Richtung meiner Wohnung. Einer Wohnung, die ich in einem anderen Leben gekündigt hatte, um mit Daniel zusammenzuziehen. Jetzt hierher zurückzukehren, fühlte sich seltsam an. Ganz bewusst hatte ich mich bei Annie nicht nach dem Zustand erkundigt.

„Deine Schlüssel.“ Annie hielt mir den Bund vor die Nase. „Die zu deinem Büro und zu Mums alter Wohnung habe ich zurückgegeben, aber alle anderen sind noch da.“

Mit klopfendem Herzen und zitternden Fingern nahm ich die Schlüssel an mich und sperrte die Tür auf. Mit einem leisen Quietschen schwang sie auf.

Kühle schlug mir entgegen. Mein Magen schmerzte, weil ich am liebsten die Flucht ergriffen hätte. Stattdessen trat ich zögernd ein.

Die Luft roch nicht abgestanden, wie ich es erwartet hatte. Die Oberfläche der Möbel war auf den ersten Blick nicht mit Staub bedeckt. Annie schien irgendwann in den letzten Tagen durchgelüftet und durchgewischt zu haben.

„Danke, dass du die Miete für meine Wohnung weiterbezahlt hast, Annie. Ich bin froh, noch einen Rückzugsort zu haben“, meinte ich.

„Niemals hätte ich dich aufgegeben.“

Ich erwiderte ihren Blick. „Keine Ahnung, wie schnell ich dir das zurückzahlen kann.“

„Kein Problem. Bei all den Weihnachts-, Geburtstags- und sonstigen Geschenken für dich, die ich mir durch dein Koma gespart habe, sind wir quitt.“

Mum stieß sie mit streng zusammengekniffenen Augen in die Seite, doch ich lachte lediglich trocken auf. Diese Direktheit war deutlich besser als das nervöse um mich Herumeiern, das sie sonst praktizierte.

Mitten im Raum blieb ich stehen und drehte mich im Kreis.

Meine Pflanzen, die sich am Valentinstag 2011 noch hier befunden hatten, waren verschwunden. Die beiden Pflanzgefäße mit dem Ficus und dem Gummibaum. Meine Orchideen, die nicht mehr geblüht hatten. Alles weg. Bestimmt hatte es zu viele Umstände bereitet, sie regelmäßig zu gießen. In der Parallelwelt, in der ich die letzten vier Jahre gelebt hatte, standen sie in dem Wohnzimmer unseres Hauses in Sissendorf. Doch ich wollte mich erst einmal auf diese Wohnung konzentrieren.

Die Bilderrahmen mit den Familienfotos standen noch an Ort und Stelle. Die Puppe, die ich von meinem Vater als kleines Mädchen geschenkt bekommen hatte, saß auf dem Regal. Meine Büchersammlung schien vollständig. Nur mein Fernseher fehlte auf dem Board.

„Als mein Fernseher kaputtging, habe ich mir deinen geholt“, meinte Annie leise.

Ich wandte mich zu ihr um und entdeckte Röte auf ihren Wangen. „Schon okay. Hier wurde er nicht gebraucht.“

„Du bekommst natürlich einen neuen von mir.“

„Darum kann ich mich jetzt selbst kümmern. Das Ding war ohnehin recht klein.“ Ich schlenderte weiter und warf einen Blick in mein Schlafzimmer und das angrenzende Bad.

„Die Bettwäsche ist neu. Wir haben auch die Badetücher und deine Kosmetikartikel nach Möglichkeit ersetzt“, berichtete Mama. „Deinen Kleiderschrank habe ich vor meiner Abreise nach Kanada ausgemistet. Es tut mir schrecklich leid, aber allzu viel ist nicht übriggeblieben.“

Mein Herz schmerzte. Hatten sie meine Lieblingskleidung weggeworfen? Nach der langen Zeit wären die Sachen ohnehin muffig und staubig gewesen. „Ihr habt mir ja das Wichtigste gekauft. Ich werde einfach morgen noch einmal shoppen gehen. Wenigstens habt ihr mir eine Ausrede dafür geliefert.“

„Eine großartige Idee. Wir werden dich begleiten.“ Meine Mum klang begeistert.

„Mal sehen.“ Ich hielt mich am Türstock fest und starrte auf das Bett. Die Erinnerungen überfielen mich unerwartet. Daniel und ich eng umschlungen in unserer ersten Liebesnacht, nervös und verliebt und glücklich. Das hatte ich mir nicht nur eingebildet. Ich spürte seine Lippen auf meinen, seine Hände auf meinem Körper. Es fühlte sich so echt an, dass ich stöhnend die Augen schließen musste.

„Mit dir an meiner Seite fühle ich mich endlich wie ein ganzer Mensch“, flüsterte er und umfasste mein Gesicht mit beiden Händen. „Noch niemals habe ich etwas so Perfektes gefühlt. Du vervollkommnest mich. Du vollendest mich. Es wird niemals wieder eine andere für mich geben.“

Daniel war nach unserer ersten gemeinsamen Nacht beinahe jeden Abend bei mir gewesen. Wochen später hatte er mir geholfen, meine Sachen in das Haus in Sissendorf zu bringen. Ich hatte die Wohnung sofort gekündigt, war mir absolut sicher gewesen, die Brücke zurück in das Singleleben abbrechen zu können.

Als ich jetzt die Augen wieder öffnete, sah ich zwar die Wohnung, in der ich lange gelebt hatte, doch sie war nicht mehr mein Zuhause. Egal was mein Nippes in den Schränken behauptete. Hier war ich fremd.

„Alles in Ordnung mit dir?“, fragte Annie leise.

„Ja, ja. Es ist nur ein seltsames Gefühl, wieder hier zu sein.“ Ich zwang mich zu einem Lächeln, stieß mich vom Türstock ab und marschierte zur Küchenzeile.

Mama begann etwas von Eingewöhnungszeit zu plappern, von einer Umstellung, doch ich wollte ihre Worte nicht hören. Laut klappernd riss ich die Laden und Küchenschränke auf.

„Ich kaufe nachher gleich noch ein paar Lebensmittel ein“, bot sich Annie an.

Mit einem knappen Nicken dankte ich ihr. Als Mum aufzuzählen begann, welche Vitamine ich jetzt brauchen würde und worauf ich bei meiner Ernährung achten sollte, schaltete ich das Radio an, um ihre Stimme leichter ausblenden zu können.

Die Worte des Liebeslieds, das gerade gespielt wurde, kannte ich nicht, obwohl mir die Melodie seltsam vertraut vorkam. Der deutsche Sänger erzählte davon, dass er eine Frau noch immer liebte, dass es keine andere für ihn gab, die ihn so vollendete.

Gänsehaut kroch über meinen Rücken. Ich meinte Daniel zu hören, der mir die Worte ins Ohr flüsterte. Tränen stiegen in meine Augen. Wie sollte ich das Leben ertragen, wenn er es nicht mehr mit mir teilte?

Montag, 20. Juli 2015

„Bist du bereit?“, fragte Hans und blickte mich prüfend an.

Ich nickte. „Die Daten zur Wohnung habe ich im Kopf. Danke, dass du mich gleich an meinem ersten Tag zurück im Büro zu einem Auswärtstermin mitnimmst.“

„Herr Guttreu hält große Stücke auf dich. Er hat mich darauf hingewiesen, dass du Herrn Wieser bereits einmal bei einer Wohnungssuche geholfen hast. Jetzt, wo er mit seiner Verlobten zusammenziehen will, sollst du wieder dabei sein, um leichter eine Beziehung zu unserem Kunden aufbauen zu können.“ Er zog den Autoschlüssel ab und stieg aus.

Hoffentlich irrte Herr Wieser sich mit dieser Einschätzung nicht. Eine leichte Unruhe machte sich in meinem Magen bemerkbar. Während wir gemeinsam das Gebäude betraten, um sicherzustellen, dass das Objekt besichtigungsbereit war, sandte ich Hans ein schiefes Lächeln. „Tut mir leid, wenn der Chef mich dir aufgedrängt hat.“

„Schon okay. Die Provision kriege ohnehin ich“, antwortete er. „Und du wirst unseren Klienten bequatschen.“

Wir drehten eine Runde in der Wohnung und warteten dann auf die Ankunft unseres Kunden. Ich durchforstete meine Erinnerung auf der Suche nach Herrn Wieser. Doch wie bei einigem aus meinem Leben vor dem Autounfall hatte ich nur ein sehr vages Bild von ihm im Kopf. Ich sah einen Mann um die dreißig mit ersten, einzelnen grauen Haarsträhnen und einem ernsten Gesichtsausdruck vor mir. Über sein Leben wusste ich überhaupt nichts mehr. Wie sollte ich eine Verbindung wiederaufleben lassen, die für mich gar nicht bestand?

Ein Klopfen an der Wohnungstür ertönte. Ich eilte durch den Gang, um zu öffnen, und hatte dann eine hübsche, brünette Frau vor mir, der ein breit lächelnder Herr Wieser den Arm um die Schulter gelegt hatte. „Wie schön, Sie wiederzusehen, Herr Wieser“, meinte ich und streckte ihm meine Hand entgegen.

Seine Augen funkelten, als er sie schüttelte. „Es freut mich, dass es doch möglich war, Sie bei dieser Besichtigung dabei zu haben.“ Er begrüßte auch Hans. „Darf ich Ihnen meine Verlobte Bianca vorstellen? Die Wohnung ist für uns beide gedacht und die Kinder, die wir hoffentlich bald bekommen.“

Die Frau kicherte. „Man kann ihm nicht vorwerfen, er würde sich dafür nicht mächtig ins Zeug legen.“

Hans‘ Grinsen war mir unangenehm.

Blinzelnd trat ich einen Schritt zurück und ließ die beiden vorbei. „Dann beginnen wir am besten im Kinderzimmer mit der Besichtigung.“ Ich lotste sie in den fast zwanzig Quadratmeter großen Raum. „Das zweite Kinderzimmer ist ähnlich großzügig geschnitten. Platz genug für eine Babywiege in den ersten Jahren sowie Schreibtisch und Schminkbereich bzw. Computerstation für später.“

Herr Wieser nahm die Hand seiner Verlobten und trat mit ihr zum Fenster, um die Aussicht zu begutachten.

„Die Schlafzimmer befinden sich alle gartenseitig. Sie müssen sich keine Sorgen um Straßenlärm machen.“

„Sehr schön. Sehr schön.“

„Dann darf ich Ihnen jetzt das Wohnzimmer zeigen“, meinte ich und wies ihnen den Weg. Überraschend schnell war ich wieder in die Rolle der Maklerin geschlüpft. Ich verspürte Wärme, als ich das erste Mal nach längerer Zeit wieder das Gefühl hatte, am richtigen Ort zu sein.

Mit wachsender Begeisterung strich ich die Vorzüge der Wohnung hervor, erklärte die Details zur Immobilie, versuchte Herrn Wieser und seine Verlobte dazu zu bringen, sich ihre Möbel hier drinnen vorzustellen. Meiner Meinung nach war die Wohnung perfekt für ihre Bedürfnisse.

Herr Wieser nickte neuerlich lächelnd, als er das Badezimmer für gut befand. „Ich glaube, hier drinnen hätten wir auch zu viert Platz. Nicht wahr, Schatz?“ Seine Verlobte stimmte ihm zu. „Sind Sie eigentlich inzwischen verheiratet, Frau Vanderberg?“

„Ja, das bin ich“, antwortete ich und spürte, wie mein Herz beim Gedanken an Daniel schneller zu klopfen begann.

„Seit wann das denn?“, fragte Hans mit gerunzelter Stirn.

Mein Herz stolperte. Ich tastete nach meinem Ehering, der sich natürlich nicht an meinem Finger befand. Ein Eisenring legte sich um meinen Brustkorb, als die Panik in mir hochstieg. „Ich … Entschuldigung … nein, ich bin nicht verheiratet. Ich dachte nur …“

Der Eisenring wurde enger. Ich bekam keine Luft, sodass meine Lungen brannten. Mir wurde schwindlig, während Tränen in meine Augen traten. Einen Augenblick hatte ich wirklich vergessen, dass ich mich in einer Welt ohne Daniel befand. Einige Sekunden war ich glücklich gewesen.

„Was ist los, Rebecca?“, fragte Hans besorgt und griff nach meinem Arm. Er zog mich von Herrn Wieser und seiner Verlobten weg. „Was redest du für einen Quatsch?“

„Es tut mir leid … ich wollte nicht … es ist nur, weil …“ Ich rang um Atem. Dunkelheit ließ meine Seele zu Eis erstarren. Eine einfache Frage hatte mich total aus dem Gleichgewicht gebracht. Es gelang mir nicht, die Panikattacke unter Kontrolle zu bekommen. „Bitte entschuldige. Ich muss an die frische Luft. Es tut mir leid. So schrecklich leid.“

Als ich mich losriss und zur Wohnungstür stürzte, hörte ich Herrn Wiesers Verlobte irgendetwas murmeln. Vermutlich hielt sie mich für verrückt. Allem Anschein nach war ich das auch.

Tränen liefen über meine Wangen und trübten meine Sicht, während ich die Stufen ins Erdgeschoss hinunterrannte. Immer noch war der Druck auf meinem Brustkorb viel zu hoch. Übelkeit verwandelte meinen Magen in einen harten Klumpen. Würgend stolperte ich ins Freie.

Luft. Da war so wenig Luft! Mein Innerstes erzitterte, als sich das, was alle anderen die Realität nannten, einen Weg in mein Gehirn bahnte. Ich war nicht verheiratet. Daniel war lange tot. Es gab keine Möglichkeit, ihm jemals wieder nahe zu sein. Ich war alleine. Und wenn ich nicht aufpasste, und vor meinen Mitmenschen ausplauderte, was ich während meines Komas erlebt hatte, würde man mich in die Klapse einweisen, und ich müsste meine Suche nach dem Weg zurück in die Parallelwelt aufgeben. Ich schluchzte auf. Die Hoffnungslosigkeit umhüllte mich wie ein dunkler Schatten.

Irgendwann legte sich die Panik, und es gelang mir, ruhiger zu atmen. Ich legte mir eine Ausrede für Hans zurecht. Niemand durfte erfahren, was wirklich in mir vorging. Mit meiner Trauer musste ich ganz alleine zurechtkommen.

6. Kapitel

Montag, 3. August 2015

„Leg dich lieber hin. Du bist schon ganz blass.“ Mama zupfte an meinem Ärmel.

„Die Übungen sind noch nicht zu Ende.“

„Aber wenn du dich überanstrengst, nutzt das niemandem.“

Ich konzentrierte mich auf die Situps und ignorierte ihren leidenden Gesichtsausdruck. „Ich hab es im Griff.“

„Du musst mehr trinken.“ Sie stellte eine Flasche Wasser neben mir ab.

„Später.“

„Bist du sicher, Situps gehören zu deinen Übungseinheiten?“

Das taten sie nicht. Aber bevor ich ihr das verraten würde, tackerte ich mir lieber den Mund zu. Ich stand von der Matte auf, die ich in meinem kleinen Wohnzimmer auf den Boden gelegt hatte, und setzte mich auf diesen dämlichen Gymnastikball. Ich nahm eine Hantel in jede Hand und breitete die Arme aus.

„Zieh nicht so ein Gesicht. Der Muskelaufbau ist wichtig.“

Ich versuchte meine Mutter zu ignorieren. Leider war das nicht besonders leicht. Warum glaubte sie, noch mehr auf mich aufpassen zu müssen, seit ich wieder daheim war?

„Deine Arme zittern schon. Gott, wie schwach du bist.“ Sie brach in Tränen aus.

„Das ist heute erst der zweite Durchgang, Mama. Ich werde noch viel mehr schaffen. Meine Hände zittern, weil sie noch nicht genug trainiert sind. Aber das bedeutet nicht, dass ich schwach bin.“

„Immer musst du die Starke spielen. Gib doch zu, wenn es dir zu viel wird.“

Ich presste die Lippen aufeinander. Wenn ich sie aufforderte zu gehen, würde sie nur panisch werden und glauben, ich wolle nicht vor ihr zusammenbrechen. „War es eigentlich angenehm, von allen bedauert zu werden, weil ich im Koma lag?“

„Rebecca!“

„Manchmal habe ich das Gefühl, du fühlst dich in der Rolle der leidenden Mutter sehr wohl.“

„Wie kannst du so etwas behaupten? Ich habe geglaubt, du würdest niemals wieder erwachen. Natürlich war ich in Trauer. Aber ich habe mich nicht darin gesuhlt!“

Sie stemmte die Arme in die Hüften. Ihre Stirn legte sich in Falten. Ihre Augen funkelten wütend. Sogar ihre Stimme bebte vor Empörung. Doch diese kurze Sekunde, kurz bevor sie ihre perfekte Maske wieder aufgesetzt hatte, war ein Ausdruck von Unsicherheit über ihr Gesicht gehuscht. Offensichtlich war sie sich ihrer eigenen Motive nicht sicher.

„Schon gut, Mama. Musst du nicht irgendetwas anderes machen? Du brauchst mich nicht beobachten. Ich klappe schon nicht zusammen.“

„Ich bin ganz für dich da.“

„Vermisst Sam dich denn gar nicht?“ Ich spürte, wie meine Muskeln um Gnade flehten. Nur noch ein paar Sekunden durchhalten.

Ein schiefes Lächeln erschien auf ihrem Gesicht. „Er weiß, ich will jetzt lieber bei dir sein.“

„Wie lang wirst du eigentlich bleiben?“

Sie bemerkte meine versteckte Aufforderung, mich allein zulassen, immer noch nicht. „Solange du mich hier brauchst.“

„Annie kann sich um mich kümmern. Du musst dein Leben nicht wegen mir auf den Kopf stellen.“ Langsam ließ ich meine Arme sinken, überlegte, welche Übung nun an der Reihe war.

„Bis zum Herbst kehre ich sicher nicht nach Kanada zurück. Sam wird mich irgendwann besuchen. Du musst dir keine Gedanken machen.“

Herbst? War sie denn von allen guten Geistern verlassen? „Das ist doch viel zu lange, Mama! Eurer Beziehung tut das sicher nicht gut.“

Neuerlich veränderte sich Mums Ausdruck sekundenlang. „Meinst du?“

„Eine Trennung über Monate …“ Ich rang um Atem. „Eine Fernbeziehung stellt eine Herausforderung für jedes Paar dar. Die Beziehung muss gefestigt sein, damit sie das durchsteht.“

Meine Mutter schien ins Grübeln zu geraten. Vielleicht reiste sie sicherheitshalber gleich morgen ab. Ich hatte sie fast soweit.

„Sam und ich sind so glücklich. Diese Zeit, in der ich mich um dich kümmere, überstehen wir sicherlich.“

Echt jetzt? Überall sah sie Probleme, wo keine waren. Sie beschwor Schwierigkeiten herauf und machte alle wahnsinnig, weil sie so besorgt war. Und in dem einzigen Moment, in dem ich auf ihre Panikmache setzte, reagierte sie vernünftig? Die Welt war nicht fair.

„Aber was es kostet, wenn du so lange im Hotel wohnst!“, gab ich keuchend zu bedenken.

„Kein Problem. Sam verdient ziemlich gut.“

„Das freut mich aber. Dann bleibt uns ganz viel Zeit zusammen.“

Die Gleichgewichtsübungen auf dem Gymnastikball waren nicht dazu gedacht, mich elegant aussehen zu lassen. Ich absolvierte die Übungen lieblos und setzte mich dann auf den Heimtrainer. Das temporeiche Strampeln machte viel mehr Spaß.

„Ich finde toll, wie viel Vertrauen ihr ineinander habt“, setzte ich mein Sticheln atemlos fort. „Die weite Entfernung, die lange Trennung … da fühlt man sich rasch einsam und wird empfänglich für Avancen. Toll, wenn ihr euch darüber keine Gedanken machen müsst.“

„Willst du mich verunsichern, Rebecca? Sam ist nicht so.“

„Klar! Ich sagte doch, wie toll ich euer Vertrauen ineinander finde.“

Mum zog ihre Stirn in Falten. „Genau. Trotzdem höre ich jetzt auf, mit dir über dieses Thema zu diskutieren. Ich setze mich hier auf die Couch und schaue dir zu, wie du trainierst.“

Jetzt fühlte sie sich von mir auf den Schlips getreten. Dann wusste sie wenigstens, wie das war. Mir ging ihre Überängstlichkeit schließlich auch auf den Senkel.

Ich stieg vom Heimtrainer, holte mir meinen iPod, den ich bei meinen Sachen vergessen hatte, und trat dann zu lauter Musik in die Pedale. Nach ein paar Minuten tropfte mir der Schweiß von der Stirn. Ich radelte nur noch schneller. Gerade beim Treppensteigen spürte ich immer rasch meine Beine müde werden. Das musste ich wieder in den Griff kriegen.

Eine halbe Stunde später ging meine Wohnungstür auf und meine Schwester trat grußlos ein. Klopfte denn hier niemand mehr an? Es war an der Zeit, die beiden Frauen loszuwerden. Ich wollte mein Zuhause zurückerobern.

Annie war mit zwei schwer aussehenden Tüten beladen, die sie in die Küche trug und dort ausräumte.

„Ich brauche einen Boxsack, Schwesterherz!“, rief ich in ihre Richtung.

Sie sah zu unserer Mutter, die in einer Zeitschrift blätterte, und dann zu mir. „Was ist passiert?“

„Nichts. Noch nichts. Ich würde gerne meine Arme trainieren. Außerdem glaube ich, es täte mir gut, etwas zum Schlagen zu haben.“

„Sehr witzig.“ Annie räumte weiter die Einkäufe aus und räusperte sich nach ein paar Sekunden. „Will mir niemand helfen?“

„Ich muss trainieren“, antwortete ich rasch. „Mum, geh du ihr doch zur Hand.“

Mama senkte ihre Zeitschrift. „Wie bitte?“

„Annie braucht Hilfe beim Verstauen der Lebensmittel.“

Sie stand langsam auf und ging rüber in die Küche. Ich hatte den Eindruck, es fehlte ihr etwas an Motivation.

„Was hast du eigentlich alles eingekauft?“, fragte ich. „Sieht aus, als wolltest du eine Großfamilie verköstigen.“

„Du brauchst Vitamine, Rebecca. Ein wenig Obst und Gemüse wird dir gut tun. Dein Kühlschrank war auch ganz leer.“

Mit einem leisen Piepsen zeigte der Heimtrainer das Ende meiner Einheit an. Ich griff nach einem Handtuch und trocknete mir das Gesicht. Dann stieg ich ab. „Ich springe unter die Dusche.“

Endlich allein, dachte ich, als ich die Badezimmertür abschloss. Andauernd war eine der beiden an meiner Seite, wenn ich vom Büro heimkam. Das fing an, mir ordentlich auf den Geist zu gehen. Es engte mich ein.

Ich ließ das Wasser an mir hinunterlaufen. Nahm mir Zeit für mich, um alle Sorgen und Gedanken abzuwaschen. Mein Körper war müde vom Training. Nur langsam lösten sich die Anspannung meiner Schultern und die Verkrampfung meiner Muskeln. Ich fühlte mich schläfrig. Vielleicht würde ich Mama und Annie einfach rausschmeißen und mich niederlegen.

Als ich eine halbe Stunde später aus dem Badezimmer kam und mich im Schlafzimmer anzog, hörte ich die Stimmen der beiden Frauen aus dem Nebenraum.

„Schonkost, Mama. Der Arzt hat ihr Schonkost verordnet.“

„Du weißt ganz genau, wie sehr ihr vor Fisch ekelt. Das gedämpfte Gemüse mit Lachs wird sie niemals anrühren.“

Töpfe schepperten.

„Aber nur weil sie Cordon Bleu so gerne isst, musst du ihren Körper nicht mit solchem Mist vergiften.“

Cordon Bleu? Ich wurde hellhörig.

„Dann koche ich ihr eben eine Gemüsesuppe. Die hat sie als Kind geliebt, wenn es ihr schlecht ging. Meinem Spezialrezept kann sie nicht wiederstehen.“

Ich zog eine Grimasse. Suppe klang nicht schlecht, aber Cordon Bleu wäre mehr nach meinem Geschmack.

„In Ordnung. Ich peppe den Fisch etwas auf, und du machst deine berühmt-berüchtigte Gemüsesuppe.“

Nicht das erhoffte Ergebnis. Ich schloss den Knopf an meiner Jeans und zog mir ein Shirt über den Kopf, bevor ich die Schlafzimmertür öffnete und in die Küche ging. „Ich fürchte, es ist egal, was du mit dem Lachs anstellst, Annie. Ich mag das Zeug einfach nicht.“

Meine Schwester funkelte mich an. „Aber der Arzt hat gesagt …“

„Die Zeiten von Schonkost und rohem Gemüse sind wohl vorbei. Es geht mir wieder gut.“

„Du wirkst aber müde“, warf Mama ein und lächelte höflich, als könnte sie mich damit dazu bringen, ihr nicht zu widersprechen.

Ich beschloss den Kommentar zu meinen Gunsten zu nutzen. „Ich habe es mit dem Training tatsächlich übertrieben. Warum kocht ihr nicht einfach fertig, während ich mich hinlege? Ihr könnt dann nach Hause fahren, und ich esse, sobald ich munter werde.“

„Ist dir nicht gut?“ Die Besorgnis wischte das Lächeln von Mutters Gesicht. „Geh schlafen, und ich passe auf dich auf.“

„Du wirst ins Hotel fahren. Ich komme alleine zurecht.“ Ich drückte ihr und Annie einen Kuss auf die Wange. „Danke für eure Mühe. Vergesst nicht abzuschließen, wenn ihr geht.“ Ich winkte ihnen zu und marschierte gut gelaunt ins Schlafzimmer, um ein kleines Nickerchen zu machen.

Und wenn ich gegen zehn Uhr abends Hunger bekommen sollte, würde ich mir einfach eine Tiefkühlpizza in den Ofen schmeißen.

Dienstag, 4. August 2015

„Wie waren die letzten Tage?“, erkundigte sich die junge Frau, die mir gegenüber saß.

„Oh, es lief gut. Ich habe einige Kundentermine alleine abwickeln dürfen. Ich fühle mich im Kontakt mit den Leuten nicht mehr unwohl.“

Die Psychologin lächelte. „Schön. Das ist ein großer Fortschritt nach den Panikattacken an den ersten beiden Arbeitstagen. Haben Sie mit Ihren Kollegen inzwischen über Ihre Komaerfahrungen gesprochen?“

„Sie meinen, ob ich ihnen von meiner Einbildung erzählt habe, ich wäre schon vor vier Jahren aufgewacht und verheiratet? Nein, das habe ich verschwiegen.“

„Warum?“

Ich lachte trocken auf. „Vielleicht, weil ich nicht als verrückt gelten will?“

„Würden Sie sich selbst als verrückt bezeichnen?“

„An manchen Tagen.“ Dieses Mal fiel mir das Lachen leichter.

„Glauben Sie, diese vier Jahre mit Daniel sind die Realität?“

Ich verschränkte die Arme vor der Brust. Alles in mir schrie: Ja! „Nicht mehr.“

„Wollen Sie mich oder sich selbst überzeugen?“

Das Gesicht der Psychologin verschwamm vor meinen Augen. Im Laufe der Sitzungen hatte ich mir angewöhnt, den Blumenstock hinter der Psychologin zu fixieren oder aus dem Fenster zu starren. Die Lügen kamen mir so leichter von den Lippen. „Ich kann keinen Schalter umlegen und vier Jahre ausradieren. Natürlich gibt es Rückfälle. Aber ich habe akzeptiert, von meinem Gehirn hereingelegt worden zu sein.“ In Wahrheit hatte ich das noch überhaupt nicht akzeptiert. Ich sagte der Psychologin nur, was sie hören wollte. Und dann wäre ich sie hoffentlich bald los.

„Sie erwähnten Rückfälle. Meinten Sie so etwas wie der Flashback, von dem Sie mir in einer der ersten Treffen erzählt haben?“

Ich nickte.

„In welchen Situationen sind diese Flashbacks aufgetreten?“

„Das klingt so dramatisch. In der letzten Woche habe ich zweimal versehentlich Dinge gesagt … erwähnt, die ich in den Traumjahren erlebt habe. Mir war sofort bewusst, einen Fehler zu machen.“

„Ist es wirklich ein Fehler, etwas anders zu empfinden als die Umwelt?“

Eine Fangfrage, ohne Zweifel. „Natürlich. Wenn man nur das Echo von etwas fühlt, das gar nicht passiert ist.“

„Sie sind ziemlich streng zu sich.“

„Ich habe nicht den Anspruch an mich, perfekt zu sein. Ich will nur nicht verrückt wirken.“

„Wer ist nicht in gewissem Maße verrückt?“

Ärger wallte in mir auf. Die Psychologin versuchte mir zu helfen. Das war der einzige Grund, weshalb ich nicht losschrie. „Ich hasse diese Gefühle. Es ist unglaublich frustrierend, sich als einziger Mensch an etwas zu erinnern, das mir wichtig war. Diese unwahren Fantasien sind analysiert und abgeschlossen.“ Zumindest waren sie das hier in dieser Gesprächstherapie. Ich selbst glaubte, während der vier Jahre, die ich auf dieser Welt im Koma war, ein anderes Leben in einer Parallelwelt geführt zu haben. Daniel wartete dort vielleicht auf mich. Ich wollte den Weg zurück suchen. Wer sollte das verstehen? Manchmal hielt ich mich selbst für total übergeschnappt.

„Kann man das so einfach: etwas durchschauen und es dann abhaken?“

Ich presste die Zähne zusammen, bis sie knirschten. „Ich tue mein Bestes.“

„Man kann nicht behaupten, Sie würden nicht um Normalität kämpfen.“

„Genau.“

„Wie haben Sie in den letzten Tagen geschlafen?“

„Gut“, antwortete ich und dachte an die Schlaftabletten, die griffbereit neben meinem Bett lagen.

Mein Gegenüber behielt das freundliche Gesicht bei. „Haben Sie geträumt?“

„Daran kann ich mich nicht erinnern.“

„Sie sind heute sehr aggressiv mir gegenüber. Ich habe den Eindruck, als würde Sie etwas nerven.“

Ich betete um Geduld. „Diese Gespräche strengen mich an.“

„Eine gute Therapie bringt Dinge ans Licht, die wir normalerweise unterdrücken.“

„Nein. Sie zwingt mich dazu, etwas zu wiederholen, das meinen Ärger weckt. Und deshalb habe ich mir überlegt, die Stunden mit Ihnen zu reduzieren.“ Ich stand auf. „Vielleicht rufe ich ja mal an, und wir vereinbaren einen Termin. Aber ich glaube, ich komme alleine zurecht.“

Die Psychologin erhob sich ebenfalls. „Möchten Sie vielleicht eine Woche aussetzen? Wir könnten uns auf einen neuen Therapierhythmus einigen.“

„Ich lasse mich nicht überreden.“

„Das ist Ihre Entscheidung. Ihre Schwester wird aber nicht erfreut sein.“

„Erstatten Sie Annie etwa Bericht?“, rief ich entsetzt.

„Natürlich nicht. Das verbietet mir mein Berufsethos.“ Das erste Mal wirkte die Psychologin beleidigt. „Aber ich weiß, welch große Sorgen Ihre Schwester sich macht. Sie hat Sie überredet, sich Hilfe beim Bewältigen dieser Situation zu suchen. Ich durfte Sie inzwischen gut genug kennenlernen, um Ihr Gefühlschaos erahnen zu können. Ihr Fall ist außergewöhnlich. Damit sollten Sie im Alltag nicht alleine bleiben.“

„Meine Schwester hat ununterbrochen ein Auge auf mich. Sie befürchtet wohl, ich könnte in meiner Verwirrung in Unterwäsche durch Wien laufen.“

Die Psychologin lächelte. „Auch Ihre Schwester muss sich erst an die neuen Umstände gewöhnen.“

Ich schüttelte den Kopf. „Versuchen Sie nicht, Mitleid in mir zu wecken. Meine eigene Gefühlswelt ist kompliziert genug.“ Ich griff nach meiner Tasche und streckte der Psychologin die Rechte hin. „Vielen Dank für Ihre Unterstützung. Ich melde mich, wenn ich es ohne Ihre Hilfe nicht mehr schaffen sollte.“

Nach einem kurzen Handschütteln eilte ich aus dem Raum, den Gang hinunter, die Stufen runter und auf die Straße raus. Dort warf ich den Kopf in den Nacken und hielt mein Gesicht der Sommersonne entgegen. Nun fühlte ich mich befreiter.

Endlich niemand mehr, der mir einzureden versuchte, meine Zeit mit Daniel sei nicht echt gewesen. Am liebsten würde ich die Therapie abbrechen. Es lag nicht an der Psychologin. Sie war wirklich nett. Außerdem glaubte ich grundsätzlich, dass eine Gesprächstherapie in gewissen Situationen helfen konnte. Allerdings war sie nicht der richtige Weg für mich. Für mich hatte Priorität zu erforschen, was in den vergangenen Jahren mit mir passiert war, ob es einen Weg zurück gab. Stattdessen wurde von mir erwartet, mich in das Leben hier widerstandslos einzugliedern.

Ich genoss noch zwei Sekunden die Wärme auf meiner Haut. Dann wandte ich mich ab und ging in meine übliche Richtung. Die Blumenhandlung war schon von weitem sichtbar.

„Hallo, Frau Vanderberg. Schöner Tag, nicht wahr?“, grüßte der Besitzer mit einem breiten Grinsen.

„Jetzt schon, Bernd, jetzt schon.“ Ich griff nach einer Nelke und roch daran.

Der rundliche Herr kam auf mich zu. „Darf es das Übliche sein?“

Ich nickte. „Ja, wie immer. Und geben Sie mir bitte zusätzlich eine einzelne Sonnenblume. Nein, warten Sie. Zwei, bitte.“

„In Ordnung.“ Er packte das Gewünschte zusammen und legte die beiden Papiertüten dann auf den Tresen. „Das macht zehn Euro für Sie.“

„Oh, Bernd.“ Ich zwinkerte ihm zu. „Keine Extrabehandlung.“

„Wie Sie wünschen. Dann bekomme ich fünfzehn Euro.“

Ich reichte ihm zwanzig, verweigerte das Retourgeld und nahm anschließend die beiden Papiertüten.

„Bis nächste Woche?“, erkundigte der Blumenverkäufer sich.

„Vermutlich nicht. Tut mir leid. Meine Termine haben sich geändert.“

„Dann verliere ich meine treueste Kundin. Sie brechen mir das Herz.“

Ich lachte. „So oft bin ich gar nicht vorbeigekommen.“

„Aber Sie haben mit wundervoller Vorhersehbarkeit einmal pro Woche tolles Trinkgeld gegeben. Der Montag war dank Ihnen voller Sonnenschein.“

„Ich werde Sie einfach weiterempfehlen.“

„Tun Sie das, wenn Ihre Freunde so spendabel sind wie Sie. Ihr Mann kann sich glücklich schätzen, so oft Blumen von Ihnen zu bekommen.“

Mein Lächeln gefror. „Das sieht er bestimmt anders.“ Neuerlich ergriff ich die Flucht. Harmlose Worte, aber sie trafen mich mitten ins Herz.

Der Parkplatz war nicht weit. Ich stieg in mein Auto und verließ Wien.

Das Eisentor quietschte beim Öffnen. Als ich den Gang entlangging, knirschte der Kies unter meinen Schuhen. Das Grab, zu dem ich wollte, befand sich in der Mitte des Friedhofs. Ich stoppte abrupt, als ich den Gärtner an der Grabstelle bemerkte.

Ich bog in einen anderen Gang ein und blieb unter einem Baum stehen. Hinter dem Stamm sollte ich schlecht zu erkennen sein.

Der Mann in Jeans, grünem Hemd und mit Hut jätete Unkraut auf Daniels Grab. Neben ihm warteten zwei Blumenstöcke darauf, zwischen den anderen Blumen eingesetzt zu werden. Es sah nach einer aufwändigen Aufgabe aus. Ich überlegte, ob ich in der Zwischenzeit etwas im Ort spazieren gehen sollte.

Zu meiner Erleichterung griff der Gärtner bereits nach einer Schaufel. Von da wo ich stand konnte ich erkennen, wie die Muskeln auf seinem breiten Rücken arbeiteten, als er zwei Löcher aushob. Keine Viertelstunde später waren die Blumen eingesetzt, und er packte sein Werkzeug zusammen.

Ich wartete, bis er den Friedhof verlassen hatte. Erst dann trat ich an das Grab.

Daniel Ewald Forst. Geliebter Sohn. 20. Mai 1984 bis 18. Februar 2011“, stand in goldenen Lettern auf dem Marmor.

Ein Gefühl der Leere schnürte mir die Kehle zu. Daniel war vier Tage nach dem Autounfall gestorben. An demselben Tag, an dem ich in meiner irrealen Komawelt aufgewacht war. Er lag hier in der Erde, weil er mich beschützt hatte.

„Ich habe der Psychologin heute gesagt, ich brauche keine Sitzungen mehr. Sie war nicht sonderlich erfreut. Es ist an der Zeit für den nächsten Schritt.“

Der Gärtner hatte gute Arbeit geleistet. Die Begrünung wirkte ordentlich und strukturiert. Daniel hätte es gehasst. Er mochte Gärten lieber natürlich wild.

„Im Büro läuft es gut. Ich habe einige Rücklagen. Wenn ich noch zwei, drei Objekte verkaufe, habe ich genug Geld zusammen, um aus Wien fortzugehen. Ich fühle mich in meiner Wohnung nicht mehr wohl. Sie engt mich ein. Sie verstärkt mein Gefühl, alleine und fehl am Platz zu sein.“

Ich stellte den Strauß mit weißen Rosen in die Vase neben dem Grabstein und setzte mich im Schneidersitz daneben.

„Annie wird nicht glücklich sein. Ihr Kontrollzwang hat sich noch verstärkt. Ich habe schon überlegt, sie mit einem meiner Kollegen zu verkuppeln, damit ich sie endlich los bin. Aber das löst nicht mein Hauptproblem. Sie hält mich immer noch für verrückt, obwohl ich meine Rolle sehr überzeugend spiele.“

Eine Wolke schob sich vor die Sonne. Ich starrte in den Himmel, überlegte, ob er mir ein Zeichen geben wollte.

„Vielleicht bin ich tatsächlich verrückt. Vielleicht verliere ich tatsächlich den Verstand. Vielleicht fehlt mir der Bezug zur Realität.“

Leise drang das Quietschen des Eingangstors zu mir. Ich senkte die Stimme.

„Ich habe mir das nicht ausgesucht. Ich konnte mich nicht entscheiden. Aber ich will die Traumjahre auch nicht verlieren. Ich spüre dich immer noch bei mir. Ich liebe dich, obwohl wir in der Realität nicht länger als einen halben Tag miteinander verbracht haben.“

Ein Lächeln erschien auf meinem Gesicht. Die Sonne lugte hinter den Wolken hervor.

„Manchmal sind unsere gemeinsamen vier Jahre echter als dieser Albtraum, den sie mein Leben nennen. Du bist echter als die Menschen, mit denen ich zu tun habe. Es verbindet mich nichts mit ihnen. Sie reden von Dingen, von denen ich nichts weiß. Die Welt hat sich zu sehr verändert. Doch dich spüre ich ununterbrochen neben mir. Ich drehe mich hin und wieder um, weil ich dir etwas erzählen will, doch ich bin alleine. Unser gemeinsames Leben fand nicht hier statt. Aus diesem Grund muss ich aus Wien raus. Du hättest Verständnis dafür, nicht wahr? Du würdest mich unterstützen. Du würdest nicht versuchen, mir die Sache auszureden.“

Ich stand auf und strich über die Vertiefungen, durch die sein Name in den Stein gehauen worden war.

„Nicht mehr lange, Daniel. Ich werde einen Weg zu dir finden. Irgendwie werde ich zurück zu dir, zurück in unsere gemeinsame Welt reisen. Irgendetwas ist schief gelaufen. Vielleicht bin ich beim Sturz von der Treppe in ein Koma gefallen, und das hier ist die Illusion.“

7. Kapitel

Mittwoch, 5. August 2015

Meine Hände zitterten, als ich aus dem Auto stieg und absperrte. Ich blickte mich um, bevor ich die Straße überquerte und zum Haus ging. Es wirkte nicht sonderlich groß oder komfortabel aber dennoch gemütlich.

Ich holte tief Luft und klopfte.

Es dauerte wie erwartet einige Sekunden, bis geöffnet wurde. Eine grauhaarige, große, schlanke Frau öffnete die Tür. Sie wischte sich ihre Finger mit einem Lappen ab, der mit einem wirren Farbenwirbel verschmiert war. „Ja, bitte?“, fragte sie mit ernster, tiefer Stimme.

Ich blinzelte. „Tut mir leid, Sie zu stören. Ich habe gehofft, Sie säßen jetzt schon wie früher bei einer Tasse Tee.“

Die rechte Augenbraue der Frau hob sich. „Diesen Arbeitsrhythmus habe ich vor langer Zeit abgelegt. Kennen wir uns?“

„Ja, ich meine, nein. Mein Name ist Rebecca Vanderberg, und ich …“

„Ich weiß, wer Sie sind.“ Der kühle Tonfall passte zum ablehnenden Gesichtsausdruck.

„Entschuldigen Sie den Überfall. Ich würde mich gerne mit Ihnen unterhalten. Wenn Sie nur ein paar Minuten Ihrer Zeit erübrigen könnten …“

Die Frau zögerte. Sie starrte mich reglos an und nickte schließlich. „Jetzt bin ich wirklich neugierig. Kommen Sie herein.“ Sie drehte sich um und ging voraus ins Wohnzimmer.

Ich folgte ihr durch den schmalen Gang mit den vielen Bildern an den Wänden. Die fröhlichen, lachenden Gesichter der Familie darauf verursachten einen leichten Schwindel. Doch ich ließ mir nichts anmerken. Ich war gekommen, weil ich einen Plan hatte. Und davon durfte ich mich nicht ablenken lassen.

„Setzen Sie sich. Ich mache uns eine Tasse Tee.“ Die Frau deutete auf die Couch und verschwand dann in der angrenzenden Küche.

Leises Klappern, laufendes Wasser und andere Geräusche drangen zu mir. Während ich wartete, sah ich mich im Wohnzimmer um. Der Raum sollte sich vertraut anfühlen, doch das tat er nicht. Vielleicht hatte sich zu viel verändert.

Auch hier entdeckte ich gerahmte Fotos. Sie standen auf dem massigen Wandverbau aus Holz und hingen an den Wänden. Aus allen Richtungen lächelte mir Daniel entgegen. Auf einem Foto war Daniel mit einer Hand im Gips vor einer Ruine zu sehen. Neben ihm mit einem eingegipsten Fuß stand sein Freund Valentin und grinste breit. Tränen brannten in meinen Augen. Ich blinzelte sie weg.

Frau Forst kam mit einem Tablett zurück. Aus der mit filigranem Muster bemalten Kanne schenkte sie sich und mir Tee ein. Als die grauhaarige Dame die Zuckerdose hochhielt, schüttelte ich den Kopf.

Daniels Mutter nahm ihre Teetasse in die Hand und setzte sich auf einen Couchsessel. „Mein Mann ist leider unterwegs. Ich bin sicher, er würde Sie ebenfalls gerne kennenlernen.“

„Vielleicht ein andermal …“ Ich führte meine Tasse an die Lippen und hätte mir beinahe den Mund verbrannt.

Die rechte Augenbraue hob sich wieder. „Vielleicht. Aber jetzt erzählen Sie mal, was Sie nach Sissendorf verschlagen hat.“

„Ich möchte gerne das Haus Ihres Sohnes kaufen.“

„Damit habe ich nicht gerechnet.“ Die andere Frau betrachtete mich amüsiert. „Man hat mir von Ihnen erzählt, müssen Sie wissen.“

Mein Herz schlug mir plötzlich bis zum Hals. „Wer?“

„Oh, die Informationen kamen von verschiedenen Seiten. Natürlich weiß ich, mit wem Daniel bei diesem schrecklichen Unfall zusammen war. Als Sie aus dem Koma erwacht sind, hat mir eine Bekannte aus dem Krankenhaus von Ihrer Behauptung erzählt, die letzten vier Jahre mit meinem Sohn verbracht zu haben.“

„So viel zur Verschwiegenheitspflicht“, murmelte ich.

„Meine Bekannte wollte mich nur vorwarnen, falls Sie unerwartet vor meiner Tür stehen. So wie heute. Was hat Sie so lange aufgehalten?“

Mein Gesicht lief rot an. „Ich habe versucht, mit der Situation zurechtzukommen.“

„Was meinen Sie damit?“ Mein Gegenüber lehnte sich zurück und nahm einen Schluck vom Tee.

Autor

  • Bettina Kiraly (Autor)

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Titel: Ein ganzes Leben Sommer (Liebe)