Lade Inhalt...

Verführt von einem Herzensbrecher (Liebe, Historisch)

von Patricia Cabot (Autor)

2018 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

London, 1870: Lady Caroline Linford, eine junge Frau aus gutem Hause, beobachtet, wie sich ihr Verlobter mit einer anderen vergnügt. Doch Caroline fürchtet einen gesellschaftlichen Skandal, wenn sie die äußerst vorteilhafte Verlobung auflöst. Sie sieht nur einen Ausweg: ihren zukünftigen Ehemann dazu zu bringen, nur noch sie zu lieben und zu begehren.
Leider hat Caroline von der körperlichen Liebe so gar keine Ahnung und wendet sich an den berüchtigten Braden Granville, der im Ruf steht, ein Meister der Verführung zu sein. Von ihm möchte sie sich in die Kunst der Liebe einweihen lassen – so lautet zumindest ihr Plan. Allerdings hat Braden Granville nicht die geringste Absicht, Caroline zu helfen.
Doch da auch Braden von seiner Verlobten hintergangen wurde, sucht er nach Beweisen, um die Verbindung lösen zu können. Caroline ist die Einzige, die ihm dabei helfen kann und so gehen die beiden einen Handel ein. Aber die Chemie zwischen ihnen ist unwiderstehlich und es beginnt eine funkensprühende Romanze ...

Impressum

dp Verlag

Erstausgabe 2002
Überarbeitete Neuausgabe November 2018

Copyright © 2020 dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

E-Book-ISBN: 978-3-96087-582-6
Taschenbuch-ISBN: 978-3-96087-583-3

Copyright © 2002 by Meggin Cabot by arrangement with Pocket Books, a division of Simon & Schuster, Inc. New York
Titel des englischen Originals: Educating Caroline

Copyright © 2003, Bastei Lübbe GmbH & Co. KG, Köln
Dies ist eine überarbeitete Neuausgabe des bereits 2003 bei Bastei Lübbe GmbH & Co. KG, Köln erschienenen Titels Lehrstunden einer Lady (ISBN: 978-3-86800-634-6).

Übersetzt von: Britta Evert
Covergestaltung: Rose & Chili Design
unter der Verwendung von Motiven von:
Periodimages.com: © Mary Chronis, VJ Dunraven Productions
shutterstock.com: © Dm_Cherry
Korrektorat: Susanne Meier

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

Unser gesamtes Verlagsprogramm findest du hier

Website

Folge uns, um immer als Erster informiert zu sein

Newsletter

Facebook

Instagram

Twitter

Youtube

dp Verlag

Prolog

Oxford, England Dezember 1869

Ein praller Vollmond stand über den hohen Universitätsmauern am Himmel und beleuchtete den Weg des jungen Mannes so hell und klar wie eine Gaslaterne.

Nicht, dass es keine Gaslaternen gegeben hätte. Es gab welche. Aber das Strahlen des runden weißen Mondes machte das gelblich flackernde Gaslicht im Grunde überflüssig. Auch wenn alle Lampen in England erloschen wären, hätten sich Leute, die wie er zu dieser Stunde noch unterwegs waren, im Licht dieses bemerkenswerten Mondes relativ leicht zurechtfinden können.

Oder vielleicht lag es aber auch nur daran, dass er so betrunken war. Ja, es war durchaus möglich, dass sich dieser Mond in keiner Weise von irgendeinem anderen Mond unterschied, und dass er von all dem Whisky, den er während des Spiels getrunken hatte, noch immer völlig berauscht war, und dass der Grund, warum er sich so mühelos in der mitternächtlichen Finsternis bewegen konnte, nichts mit dem Mondschein zu tun hatte, sondern lediglich mit der schlichten Tatsache, dass er diesen Weg schon so oft zuvor gegangen war.

Er musste nicht einmal darauf achten, wohin er ging. Seine Füße trugen ihn in die richtige Richtung. Betrunken oder nicht, er war imstande, beim Gehen an andere Dinge zu denken, genau wie sonst, und was ihn vor allem beschäftigte – abgesehen von der Kälte, die beträchtlich war –, war die Frage, wie zum Teufel er das Geld auftreiben sollte.

Nicht, dass er sich tatsächlich verpflichtet fühlte, es zurückzuzahlen. Die Karten waren gezinkt gewesen, keine Frage. Wie hätte er sonst in so kurzer Zeit so viel verlieren können? Er war ein exzellenter Kartenspieler. Wirklich exzellent. Die Karten waren mit Sicherheit gezinkt gewesen.

Was angesichts Slaters Überzeugung, dass bei dem Spiel alles mit rechten Dingen zugegangen war, recht seltsam erschien. Slater kannte die besten Kartenrunden in der Stadt. Thomas wusste, dass er von Glück reden konnte, zu dieser überhaupt zugelassen worden zu sein, wenn man bedachte, dass er schließlich nur ein Earl war und noch dazu ein brandneuer. Immerhin, dieser Bursche mit dem Schnurrbart war ein Herzog gewesen. Ein Herzog, verdammt!

Allerdings hatte er sich nicht unbedingt wie einer benommen. Schon gar nicht, als Tommy nach einer weiteren verlustreichen Runde behauptet hatte, dass das Spiel getürkt sei. Statt diese Anschuldigung mit einem Lachen abzutun, wie es ein richtiger Herzog vielleicht getan hätte, hatte dieser hier eine Pistole auf ihn gerichtet. Im Ernst, eine Pistole! Tommy hatte von solchen Sachen zwar schon gehört, aber nie damit gerechnet, dass ihm so etwas passieren könnte.

Zum Glück war Slater da gewesen. Er hatte den Burschen beruhigt und ihm versichert, dass Tommy es nicht ernst gemeint hätte – obwohl Tommy es verdammt ernst gemeint hatte. Aber, wie Slater ihm später, als sie allein waren, erklärte, konnte man unmöglich einen Mann des Falschspiels bezichtigen, ohne dafür handfeste Beweise zu haben. Und Tommys einziges Argument – dass das Muster auf den Kartenrücken eigenartig aussehe und er noch nie so viel verloren habe – war nicht besonders stichhaltig.

Vermutlich konnte er sich glücklich schätzen, mit dem Leben davongekommen zu sein. Dieser Herzog hatte ausgesehen, als wäre es etwas ganz Alltägliches für ihn, einem Mitspieler eine Kugel in den Kopf zu jagen.

Obwohl eine Kugel im Kopf möglicherweise dem Problem vorzuziehen war, mit dem sich Tommy nun konfrontiert sah: die tausend Pfund aufzutreiben, die er brauchte, um seine Spielschulden zu zahlen.

Seine Bank konnte er selbstredend nicht darum bitten. Das Vermögen, das ihm sein Vater nach seinem Tod vor einem guten Jahr hinterlassen hatte, war bis zu seinem einundzwanzigsten Geburtstag, also noch zwei Jahre, in einem Treuhandfond angelegt. Er kam an das Geld nicht heran. Aber er konnte es beleihen, das wusste er.

Das Problem war, wen er fragen sollte. Nicht die Bank. Man würde nur seine Mutter informieren, und sie würde wissen wollen, wofür er das Geld brauchte, und das konnte er ihr unmöglich sagen.

Seine Schwester wäre eine Möglichkeit. Sie war bereits volljährig und in diesem Monat in den Besitz ihres Vermögens gekommen. Auch sie würde wissen wollen, wozu er das Geld benötigte, aber sie war leicht zu beschwindeln. Wesentlich leichter als ihre Mutter.

Und wenn Tommy ihr eine gute Geschichte auftischte – da seine Schwester sehr weichherzig war, am besten eine, in der es zum Beispiel um arme hungernde Kinder ging oder grausam misshandelte Tiere –, könnte er ihr mit Sicherheit vier- bis fünfhundert Pfund abschwatzen.

Das Problem war, er wollte Caroline nicht belügen. Sie ein wenig zu hänseln, war eine Sache, aber schamlos zu lügen? Das war etwas ganz anderes. Es verletzte sein moralisches Feingefühl, seine Schwester so unverschämt zu hintergehen, selbst wenn es, wie in diesem Fall, bedeutete, seine eigene Haut zu retten. Die Tatsache, dass Caroline ganz sicher lieber seine Schulden bezahlen als ihn verlieren würde, beschwichtigte sein Gewissen nicht im Geringsten. Nein, Tommy wusste, dass er jemand anders finden musste, von dem er die tausend Pfund leihen konnte.

Und während er im Geist die Liste seiner Freunde und Bekannten durchging und sich daran zu erinnern versuchte, ob ihm einer von ihnen einen Gefallen schuldete, trugen ihn seine Füße, die unbeirrt weitergegangen waren, vor das Tor seines Wohnheims und blieben dort stehen. Ohne zu überlegen, was er tat, streckte er eine Hand aus. Er war allerdings keineswegs überrascht, das Tor verschlossen zu finden. Das war es natürlich seit neun Uhr abends, und jetzt war es weit nach Mitternacht.

Wieder setzten sich seine Füße wie von selbst in Bewegung, diesmal um ihn am Tor und der hohen Steinmauer vorbeizuführen, hinter denen die Unterkünfte lagen, die er mit ungefähr zweihundert Kommilitonen teilte. Tommy, der immer noch die Liste mit Freunden durchging, dachte nicht einmal darüber nach, was er gerade tat. Denn das war in den letzten Monaten zu einer Art Gewohnheit geworden: Er würde natürlich über die Mauer klettern, und zwar, sobald er den Spalt in der Mauer erreichte, der seinen Füßen genügend Halt bot.

Keiner seiner Mitstudenten hatte Geld, das wusste er. Sie waren alle in der gleichen Lage wie er, sie warteten auf ihren einundzwanzigsten Geburtstag und ihr Erbe. Einige der Studenten, deren Väter noch lebten, bekamen gelegentlich Geld geschenkt, aber keiner von denen, die er gut genug kannte, hatte in letzter Zeit eine so hohe Summe erhalten.

In dem Moment, als er den Efeu, der an der Mauer wuchs, die er erklimmen wollte, niedergeschlagen beiseiteschob und seine Stiefelspitze in den Spalt zwischen den Steinen stellte, hörte er, wie jemand seinen Namen rief. Mit einem unterdrückten Fluch wandte er den Kopf. Es hätte ihm gerade noch gefehlt, dass der Proktor entdeckt hatte, dass der Earl von Bartlett wieder einmal über die Mauer stieg!

Als er sich umdrehte, stellte er fest, dass es keineswegs der Proktor, sondern dieser verflixte Herzog war. Der Bursche musste ihm von der Schänke, in der die Kartenpartie stattgefunden hatte, gefolgt sein. Man sollte meinen, ein Herzog hätte Besseres zu tun, als einem unbemittelten Earl nachzuschleichen, aber offenbar war dem nicht so.

»Hören Sie«, begann Tommy, während er seinen Fuß ließ, wo er war, und einen Ellbogen auf sein Knie stützte, »Sie bekommen Ihr Geld, Euer Gnaden. Sagte ich das nicht bereits? Nicht sofort, versteht sich, aber bald …«

»Es geht nicht um das Geld«, erwiderte der Herzog. Er sah wirklich nicht unbedingt nach einem Herzog aus. Würde ein Herzog seinen Schnurrbart tatsächlich so aufzwirbeln? Und war diese Weste, wenn auch aus Samt, nicht eine Spur … nun ja, zu bunt?

»Es geht darum, wie Sie mich genannt haben«, erklärte der Herzog, und erst jetzt entdeckte Tommy, dass er etwas in der Hand hielt. Im hellen Mondlicht war Tommy außerdem in der Lage, genau zu erkennen, was es war.

»Wie ich Sie genannt habe?« Auf einmal hoffte Tommy, ihr Gespräch würde belauscht werden. Beinahe inbrünstig betete er, dass dieser idiotische Proktor sie hörte und das Tor öffnete, um eine Erklärung zu verlangen. Es war wesentlich besser, von der Universität verwiesen zu werden, weil er das Gelände außerhalb der erlaubten Zeit verlassen hatte, als eine Kugel in den Bauch zu bekommen – auch wenn ihn diese Kugel vermutlich von seinen Schulden befreien würde.

»Richtig.« Der Herzog hielt den Pistolenlauf unverwandt auf Tommys Brust gerichtet. »Einen Betrüger. So haben Sie mich genannt. Aber der Herzog tut nicht betrügen, verstanden?«

Tommy wurden zwei Dinge gleichzeitig bewusst. Erstens, dass es unwahrscheinlich schien, dass ein Herzog – ein echter Herzog – so fehlerhaft mit seiner Muttersprache umgehen würde.

Zweitens, dass er sterben würde.

»Sagen Sie gute Nacht, Mylord«, befahl der Mann, der kein Herzog war, und zog den Abzug der Waffe, die immer noch auf Tommys Brust zielte.

Und dann verschwand ganz plötzlich das helle Mondlicht und mit ihm Tommys drängendste Sorgen.

Kapitel 1

London, Mai 1870

Es brannte kein Licht in dem Zimmer, das nur von den Flammen in dem reich verzierten Marmorkamin erhellt wurde. Das Feuer war schwach, reichte aber aus, um die Silhouette des Pärchens auf dem Diwan deutlich nachzuzeichnen. Caroline konnte die Gesichtszüge erkennen. Sie wusste, wer es war. Sie wusste es sogar sehr gut. Schließlich hatte sie das Lachen ihres Verlobten durch die geschlossene Tür erkannt und nur deshalb die Tür überhaupt geöffnet.

Unglücklicherweise sah es so aus, als hätte sie lieber zuerst anklopfen sollen, da sie augenscheinlich einen Moment größter Intimität störte. Und obwohl sie wusste, dass sie gehen oder sich zumindest bemerkbar machen sollte, musste sie feststellen, dass sie sich nicht von der Stelle rühren konnte. Wie angewurzelt blieb sie stehen und starrte gegen ihren Willen auf Lady Jacquelyn Seldons Brüste, die sich aus dem Mieder ihres Abendkleides befreit hatten und jetzt in einem Rhythmus mit den kräftigen Hüftbewegungen des Mannes, der zwischen Lady Jacquelyns Schenkeln lag, auf und ab hüpften.

Caroline, die sich mit einer behandschuhten Hand an den Türgriff und mit der anderen an den Rahmen klammerte, streifte der Gedanke, dass ihre eigenen Brüste noch nie so wild gehüpft waren. Natürlich waren sie auch nicht annähernd so groß wie die von Lady Jacquelyn.

Was eine Erklärung dafür sein mochte, dass es Lady Jacquelyn und nicht Caroline war, die rittlings auf dem Marquis von Winchilsea saß.

Caroline war sich der Vorliebe ihres Verlobten für vollbusige Frauen bisher nicht bewusst gewesen, aber offensichtlich empfand Lord Winchilsea sie in dieser Hinsicht als unzulänglich und hatte sich deshalb eine Dame gesucht, die seinem Geschmack eher entsprach. Was natürlich sein gutes Recht war. Allerdings konnte Caroline nicht umhin, zu denken, dass er den Anstand hätte haben können, es nicht ausgerechnet während einer Dinnerparty in einem von Lady Ashforth’ Salons zu tun.

Ich glaube, ich falle in Ohnmacht, dachte Caroline und verstärkte ihren Griff um die Türklinke, für den Fall, dass plötzlich der Boden unter ihr nachgab, wie es den Heldinnen in den Romanen so oft passierte, die ihre Zofe manchmal herumliegen ließ und in denen Caroline gelegentlich schmökerte.

Natürlich fiel sie nicht in Ohnmacht. Caroline war noch nie in ihrem Leben in Ohnmacht gefallen, nicht einmal, als sie vom Pferd gestürzt war und sich den Arm an zwei Stellen gebrochen hatte. Sie wünschte beinahe, sie wäre ohnmächtig geworden, weil ihr der Anblick, wie Lady Jacquelyn ihren Finger in Hursts Mund schob, dann erspart geblieben wäre.

Also wirklich, wunderte sich Caroline, warum tut sie das? Fanden Männer Gefallen daran, wenn eine Frau ihnen einen Finger in den Mund steckte?

Offensichtlich war es so, da der Marquis sofort anfing, geräuschvoll daran zu saugen.

Warum hatte das ihr gegenüber nie jemand erwähnt? Wenn der Marquis sich gewünscht hätte, dass Caroline ihren Finger in seinen Mund schob, hätte sie es bestimmt getan, wenn es ihn glücklich machte. Wirklich, es war völlig unnötig von ihm, sich wegen einer solchen Bagatelle an Lady Jacquelyn zu wenden, mit der er kaum bekannt war, geschweige denn verlobt.

Unter Lady Jacquelyn stieß der Marquis von Winchilsea ein Stöhnen aus – ziemlich erstickt, weil ihm ihr Finger im Weg war. Caroline sah, wie sich seine Hand von Lady Jacquelyns Hüfte zu einer ihrer üppigen Brüste schob. Wie sie bemerkte, hatte Hurst weder sein Hemd noch seine Jacke ausgezogen. Nun, vermutlich konnte er sich auf diese Art schneller wieder der Dinnerparty anschließen. Aber so nah am Kaminfeuer – ganz zu schweigen von der Hitze, die Lady Jacquelyns Körper ausstrahlen dürfte – musste ihm reichlich warm sein.

Es schien ihm jedoch nichts auszumachen. Die Hand, die sich um Lady Jacquelyns Brust geschlossen hatte, wanderte zu ihrem schlanken Nacken, wo sich feine Strähnen aus dem aufwendigen Lockentuff auf ihrem Kopf gestohlen hatten. Dann zog Hurst ihr Gesicht an seines, bis ihre Lippen aufeinandertrafen. Lady Jacquelyn musste ihren Finger aus seinem Mund nehmen, um ihn durch ihre Zunge zu ersetzen, die sie stattdessen hineinsteckte.

So, dachte Caroline. Das war’s. Die Hochzeit findet eindeutig nicht statt.

Sie überlegte, ob sie ihren Entschluss hier und jetzt verkünden sollte, ob sie tief Luft holen und die Liebenden bei ihrer Umarmung – falls das die korrekte Bezeichnung war – unterbrechen und eine Szene machen sollte.

Aber dann entschied sie, dass sie einfach nicht imstande war zu ertragen, was unweigerlich folgen würde: die Entschuldigungen, die Selbstanklagen, Hursts gestammelte Erklärungen, dass er sie liebe, Lady Jacquelyns Tränen. Falls Lady Jacquelyn überhaupt weinen konnte, was Caroline stark bezweifelte.

Wirklich, was blieb ihr anderes übrig, als sich umzudrehen und den Raum so leise zu verlassen, wie sie ihn betreten hatte? Mit dem stummen Gebet, Hurst und Lady Jacquelyn mögen zu beschäftigt sein, um das leise Klicken der Klinke zu hören, zog sie die Tür hinter sich zu und stieß erst dann den lange angehaltenen Atem aus.

Was sollte sie jetzt tun?

Im Korridor draußen vor der Tür zum Salon war es dunkel. Dunkel und kühl, ganz im Gegensatz zu dem Rest von Lady Ashforth’ Stadthaus, in dem sich nahezu hundert Gäste und beinahe genauso viele Dienstboten drängten. Hierher würde sich wohl niemand verirren, da Champagner, Speisen und Musik im unteren Stockwerk geboten wurden.

Niemand bis auf eine empörend hintergangene Verlobte wie sie selbst.

Ihre Knie fühlten sich plötzlich ein bisschen wackelig an. Caroline sank auf die dritte und vierte Stufe der schmalen Dienstbotentreppe genau gegenüber der Tür, die sie so leise geschlossen hatte. Sie würde nicht in Ohnmacht fallen, das wusste sie, aber ihr war ein wenig schlecht. Sie brauchte etwas Zeit, um sich zu fassen, bevor sie wieder nach unten ging. Einen Ellbogen auf ihr Knie gestützt, legte Caroline ihr Kinn auf die Hand, betrachtete diese Tür durch die schlanken Streben des Geländers und fragte sich, was sie jetzt machen sollte.

Ihr schien, jedes normale Mädchen würde nun in Tränen ausbrechen. Immerhin hatte sie soeben ihren Verlobten in den Armen – nun, um korrekt zu sein, den Beinen – einer anderen ertappt. Sie müsste weinen und verzweifeln, das wusste sie aus den vielen Romanen, die sie gelesen hatte.

Und sie wollte weinen und verzweifeln. Wirklich. Sie versuchte, ein paar Tränen zu produzieren, aber es kamen keine.

Ich nehme an, dachte Caroline bei sich, dass ich nicht weinen kann, weil ich schrecklich wütend bin. Ja, das muss es sein. Ich bin rasend vor Zorn und kann deshalb nicht weinen. Also wirklich, ich sollte eine Pistole suchen, zurückkommen und Lady Jacquelyn ins Herz schießen. Das sollte ich tun.

Aber bei dem Gedanken fühlte sie sich noch wackeliger als zuvor, und sie war froh, dass sie sich hingesetzt hatte. Sie mochte Schusswaffen nicht und konnte sich nicht vorstellen, jemals auf einen Menschen zu schießen, nicht einmal auf Lady Jacquelyn Seldon, die es durchaus verdient hätte.

Außerdem, sagte sie sich, selbst wenn ich sie erschießen könnte – was ich stark bezweifle –, würde ich es nicht tun. Was für einen Sinn hätte das? Man würde mich verhaften. Caroline entdeckte eine lose Paillette an ihrem Rock und zupfte gedankenverloren daran. Und dann käme ich ins Gefängnis. Caroline wusste über Gefängnisse mehr, als sie je zu erfahren gewünscht hatte, weil ihre beste Freundin Emmy Mitglied der Londoner Vereinigung für die Gleichberechtigung der Frau war und mehrmals verhaftet wurde, weil sie sich an die Wagenräder diverser Parlamentsmitglieder gekettet hatte.

Caroline wollte nicht ins Gefängnis, das Emmy ihr bis ins kleinste grausige Detail geschildert hatte, und genauso wenig wollte sie jemanden erschießen.

Angenommen, man befindet mich für schuldig, dachte sie, dann werde ich gehängt. Und wofür? Dafür, Lady Jacquelyn erschossen zu haben? Das war die Sache wohl kaum wert. Caroline hatte im Grunde nichts gegen Lady Jacquelyn. Sie war immer außerordentlich höflich zu Caroline gewesen.

Nein, entschied sie, wenn sie schon jemanden erschießen musste – was sie mit Sicherheit nicht tun würde –, musste es Hurst sein. Also wirklich, erst vor einer knappen Stunde hatte er ihr ins Ohr geraunt, dass er es bis zu ihrer Hochzeitsnacht, die in nur einem Monat stattfinden würde, kaum noch erwarten könnte.

Nun, offenbar war er so ungeduldig gewesen, dass er sich gezwungen gesehen hatte, jemand ganz anderen zu finden, mit dem er für dieses Ereignis üben konnte.

Mieser Bastard! Caroline versuchte, sich an ein anderes der derben Schimpfwörter zu erinnern, die ihr jüngerer Bruder Thomas und seine Freunde einander an den Kopf warfen. Ach ja! Hurenbock!

Es würde dem miesen Hurenbock und Bastard recht geschehen, wenn ich ihn erschieße!

Und dann hatte sie plötzlich ein schlechtes Gewissen, weil sie an so etwas auch nur dachte. Denn natürlich war ihr zutiefst bewusst, wie viel sie Hurst schuldete. Und zwar nicht nur für das, was er für Tommy getan hatte, sondern weil er unter all den Mädchen in London sie zu seiner Braut auserwählt hatte. Sie wollte er heiraten, sie sollte die Einzige sein, die in den Genuss seiner langsamen verführerischen Küsse kam.

Oder zumindest hatte sie das bis vor Kurzem geglaubt. Jetzt war ihr klar, dass sie nicht nur weit davon entfernt war, die Einzige zu sein, sondern dass sich die Küsse, die sie von ihm bekommen hatte, deutlich von denen unterschieden, an die Lady Jacquelyn offensichtlich gewöhnt war.

Verflixt! Sie stützte ihren anderen Ellbogen auf und legte ihr Kinn in beide Hände. Was sollte sie tun?

Korrekt wäre natürlich, wenn Hurst die Verlobung lösen würde. Der Marquis war unerschütterlich korrekt in allem, was er tat – na ja, von diesem einen Vorfall natürlich abgesehen – und deshalb glaubte Caroline, berechtigten Grund zu der Hoffnung zu haben, dass er derjenige sein würde, der die Verlobung löste und ihr somit die Verlegenheit ersparte, es selbst zu tun. Liebling, konnte sie ihn förmlich sagen hören, tut mir leid, aber wie es nun einmal ist, habe ich ein Mädchen kennengelernt, das ich sehr viel mehr mag als dich …

Aber nein. Der Marquis von Winchilsea war nichts als höflich. Er würde vermutlich etwas in der Art von sich geben wie: Caroline, mein Schatz, bitte mich nicht, es näher zu erklären, aber ich kann es nicht mit meinem Gewissen vereinbaren, die Sache durchzuziehen. Das verstehst du doch, nicht wahr? Du bist so verständnisvoll …

Und Caroline würde versichern, dass sie es verstand. Denn das tat sie wirklich. Lady Jacquelyn Seldon war eine atemberaubend attraktive Frau, die wundervoll singen und Harfe spielen konnte und ebenso talentiert wie schön war. Sie würde jedem Mann eine perfekte Ehefrau sein, auch wenn sie natürlich kein Geld besaß. Das wusste jeder. Die Seldons – Lady Jacquelyns Vater war der vierzehnte Herzog von Childes gewesen – waren eine alte und sehr angesehene Familie, aber sie besaßen keinen Penny, nur einige Landhäuser und Schlösser.

Dass Hurst, dessen Familie ebenso vornehm, leider aber auch ebenso verarmt war, beschlossen hatte, eine Verbindung mit einer Seldon einzugehen, war nicht weiter überraschend, auch wenn Caroline es nicht für sehr klug von ihm hielt. Was glaubte er eigentlich, wovon er und Lady Jacquelyn leben sollten? Bis auf die Möglichkeit, alle ihre prachtvollen Landsitze an reiche Amerikaner zu vermieten, verfügten sie über keine nennenswerte Einkommensquelle.

Aber was bedeutete schon ein Einkommen für zwei Verliebte? Auf jeden Fall ging es Caroline nichts an, wie sich das Pärchen durchschlagen wollte. Ihr Problem war Folgendes:

Wie sollte sie es ihrer Mutter beibringen?

Die Gräfinwitwe Lady Bartlett würde es nicht gut aufnehmen. Nein, ganz gewiss nicht. Im Gegenteil, die Nachricht war eher dazu angetan, einen ihrer berüchtigten hysterischen Anfälle auszulösen. Sie betete Hurst förmlich an. Und warum auch nicht? Schließlich hatte er ihrem einzigen Sohn das Leben gerettet. Carolines Familie schuldete dem Marquis ungeheuer viel. Indem sie einwilligte, ihn zu heiraten, hatte Caroline gehofft, seine Güte ein klein wenig zu vergelten.

Aber jetzt war klar, dass es für den jungen Marquis keine besondere Herausforderung gewesen war, Carolines Hand zu gewinnen. Wie demütigend!

Und die Einladungen waren bereits verschickt worden. Fünfhundert Stück, um genau zu sein. Fünfhundert Leute – die Crème de la Crème der Londoner Gesellschaft. Caroline nahm an, dass sie ihnen allen würde schreiben müssen. Bei dieser Vorstellung war ihr tatsächlich nach Weinen zumute. Fünfhundert Briefe. Das war ein bisschen viel. Normalerweise bekam sie schon nach zwei bis drei Briefen einen Schreibkrampf.

Hurst sollte die Briefe schreiben, dachte sie rachsüchtig. Immerhin war er es gewesen, der gegen die Regeln verstoßen hatte. Aber Hurst, der lieber seinem Vergnügen nachging, als daran interessiert war, seinen Intellekt zu strapazieren, hatte nie etwas Längeres als einen Scheck geschrieben, daher wusste Caroline, dass es ausgesprochen albern war, sich in dieser Beziehung auf seine Hilfe zu verlassen.

Vielleicht könnte sie einfach eine Annonce in der Zeitung aufgeben. Ja, natürlich, das war es! Eine elegant formulierte Erklärung, dass die Hochzeit von Lady Caroline Victoria Linford, einzige Tochter des ersten Earl von Bartlett und einzige Schwester des zweiten Earl, und Hurst Devenmore Slater, zehnter Marquis von Winchilsea, leider abgesagt werden müsse.

Abgesagt? War das der richtige Ausdruck?

Gott, wie peinlich! Fallen gelassen wegen Lady Jacquelyn Seldon! Was würden ihre ehemaligen Mitschülerinnen dazu sagen?

Nun ja, tröstete sich Caroline. Es könnte schlimmer sein. Sie wusste zwar nicht inwiefern, aber sie nahm es einfach an.

Und ganz plötzlich war es das auch.

Jemand kam. Und zwar nicht aus dem Salon, sondern den Flur entlang. Es war jemand, der nach Lady Jacquelyn Ausschau hielt, stellte Caroline fest, sobald das Licht des Kerzenhalters, den er in Händen hielt, seine Gesichtszüge genügend erhellte, dass sie ihn erkennen konnte.

Und als sie ihn erkannte, blieb ihr das Herz stehen. Davon war sie fest überzeugt. Ihr Herzschlag setzte tatsächlich einen Moment lang aus. Das war nicht geschehen, als sie die Salontür geöffnet und ihren Verlobten in inniger Umarmung mit einer anderen Frau entdeckt hatte. Nein, keineswegs.

Aber jetzt passierte es.

Trotz des Kerzenhalters stieß er an das Bein eines kleinen Tisches, auf dem eine Vase mit getrockneten Blumen stand. Als Braden Granvilles Fuß den Tisch traf, schwankte die Vase hin und her, kippte um und ließ eine Anzahl trockener Blütenblätter auf den Läufer rieseln. Er fluchte halblaut und bückte sich, um die Vase wieder hinzustellen. Caroline, die ihn durch die Stangen des Treppengeländers hindurch beobachtete, fand, dass er erzürnter aussah, als wegen ein paar getrockneter Blumen angebracht zu sein schien.

Er weiß es, dachte sie. Lieber Gott, er weiß es!

Ohne zu überlegen, stand sie auf und sagte: »H-hallo.« Ihre Stimme klang ziemlich atemlos.

Braden Granville blickte abrupt auf. »Wer ist da?«, fragte er.

»Ich bin’s nur«, antwortete Caroline. Was war bloß mit ihrer Stimme los? Sie klang lächerlich hoch und dünn. Sie musste versuchen, sie zu senken. »Caroline Linford. Ich habe letzten Monat bei Lady Chittenhouse’ Dinner neben Ihnen gesessen. Sie werden sich wohl nicht erinnern …«

»Oh. Lady Caroline. Natürlich.«

Die Enttäuschung in seiner Stimme war nicht zu überhören. Noch während sie sprach, hatte er den Kerzenhalter gehoben und sie angeschaut. Sie wusste sehr gut, was er vor sich sah: Eine junge Frau von mittlerer Größe und mittlerem Gewicht, deren Haar weder blond noch brünett, sondern eher sandfarben war und deren Augen weder blau noch grün, sondern schlicht und einfach braun waren. Caroline wusste, dass sie nicht an die atemberaubende dunkle Schönheit einer Lady Jacquelyn Seldon herankam, aber sie wusste ebenfalls – und zwar von ihrem Bruder Thomas, der wie alle Brüder von schonungsloser Offenheit war –, dass sie durchaus ein Mädchen war, dem man einen zweiten Blick gönnte.

Allerdings verschwendete Braden Granville keinen zweiten Blick an sie. Als wäre er selbst besonders ansehnlich, dachte Caroline leicht verstimmt. Eingebildeter Kerl. Schließlich war er nicht annähernd so hübsch wie Hurst. Während der Marquis von Winchilsea mit seinem blonden, lockigen Haar, den blauen Augen, dem hellen Teint und der hochgewachsenen, schlanken Gestalt eine Art goldener Adonis war, war Braden Granville dunkel wie die Hölle und so breit in den Schultern, dass er fast schon massig wirkte, und er sah immer so aus, als bräuchte er eine Rasur, auch, davon war Caroline überzeugt, wenn er sich gerade rasiert hatte.

Braden Granville senkte den Kerzenhalter und erkundigte sich: »Ich nehme an, Sie haben nicht zufällig Lady Jacquelyn Seldon hier in der Nähe gesehen?«

Carolines Blick flog zur Salontür. Sie hatte es nicht vorgehabt. Sie hatte nicht vorgehabt, auch nur in die Richtung dieser Tür zu schauen. Aber ihr Blick wurde davon so unwiderstehlich angezogen wie die Gezeiten vom Mond.

»Lady Jacquelyn?«, echote sie, um Zeit zu gewinnen.

Was würde passieren, fragte sie sich, wenn sie ihm sagte, dass sie Lady Jacquelyn tatsächlich gesehen hatte? Dass sie, um genau zu sein, direkt hinter dieser Tür war?

Nun, Braden Granville würde Hurst ganz bestimmt töten. Thomas hatte ihr alles über den Mann erzählt, von dem er voller Bewunderung als »Granville« sprach. Dass Granville, der in Seven Dials, dem ärmsten und schäbigsten Bezirk Londons, zur Welt gekommen war, ein Vermögen mit der Herstellung von Schusswaffen gemacht hatte. Dass Granville in seinem Privatleben ebenso rücksichtslos war wie in geschäftlichen Dingen. Dass Granville dafür bekannt war, eine Kugel als einfachste Lösung zu betrachten, um Probleme in beiden Bereichen zu lösen, ein Umstand, der durch die Tatsache untermauert wurde, dass er allgemein als Meisterschütze galt.

Nun, Hurst würde mit einer Pistole nicht mal Westminster Abbey treffen, nicht einmal dann, wenn er mit dem blöden Ding danach warf.

»Ja«, antwortete Braden Granville und beäugte sie neugierig. »Lady Jacquelyn Seldon. Sie kennen sie doch sicher.«

»Oh«, murmelte Caroline. »Ja, ich kenne sie …«

»Nun«, sagte er. Die Geduld in seiner Stimme wirkte eher gezwungen. »Haben Sie sie hier vorbeikommen sehen? Mit einem … Herrn vielleicht? Ich habe Grund zu der Annahme, dass sie nicht allein war.«

Caroline schluckte.

Wie unangenehm das war! Für ihn vielleicht noch mehr als für sie. Denn natürlich war da außerdem der Umstand, dass Granville angeblich mit mehr Frauen geschlafen hatte als jeder andere Mann in London. Das war keine Mitteilung, die Carolines Bruder am Frühstückstisch gemacht hatte, sondern etwas, das sie aufgeschnappt hatte, als er sich mit seinen Freunden unterhalten hatte. Laut Thomas hatte Granville ebenso viele Geliebte wie der berüchtigte Don Juan. Thomas und seine Freunde nannten ihn tatsächlich – und noch dazu ganz im Ernst – den Lothario von London, was in England dem Titel Don Juan oder Casanova ungefähr gleichkam.

Erst in letzter Zeit war besagter Lothario gesetzter geworden und hatte der schönsten und kultiviertesten Frau von ganz England, Lady Jacquelyn Seldon, einen Heiratsantrag gemacht. Welche in diesem Moment rittlings auf dem Schoß von Carolines Verlobten, dem Marquis von Winchilsea, saß.

Wie mochte einem stolzen Mann wie Braden Granville, der sich aus eigener Kraft emporgearbeitet hatte und noch dazu überall wegen seiner Erfolge als Liebhaber bewundert wurde, zumute sein, wenn er erfuhr, dass seine Verlobte ihn betrogen hatte? Und noch dazu mit dem Marquis von Winchilsea, der keinen Penny besaß und nur sein hübsches Gesicht hatte, um davon zu leben! Nun ja, Caroline brauchte nur ein Wort zu sagen, nur ein einziges Wort, und sie würde sich den Kopf über den Wortlaut der Annonce für die Times nicht mehr zerbrechen müssen: Ihre Heirat mit dem Marquis von Winchilsea würde aufgrund seines vorzeitigen Ablebens nicht stattfinden können.

Sie gab sich einen Ruck. Lieber Gott, was überlegte sie da bloß? Sie durfte nicht zulassen, dass Braden Granville Hurst erschoss. Hurst, der ihrem Bruder Tommy das Leben gerettet hatte!

»Ich habe sie gesehen«, gab Caroline schließlich zu. Sie zeigte auf das andere Ende des Korridors. »Sie ging dort entlang.«

Braden Granvilles Gesicht verhärtete sich. Er hatte schon von Natur aus, im herkömmlichen Sinne des Wortes, kein hübsches Gesicht, und noch dazu war es vom Leben nicht freundlich behandelt worden – über seiner rechten Augenbraue verlief eine tiefe Narbe, die offenbar von einer Schnittwunde stammte.

Aber als sich sein Gesicht vor Entschlossenheit verspannte, wirkte es beinahe Furcht einflößend – als würde man dem Teufel persönlich ins Gesicht sehen. Was, um alles in der Welt, all die Frauen an ihm gefunden hatten, die mit ihm ins Bett gegangen waren, war Caroline ein Rätsel. Sie wandte den Blick ab und beschwor stattdessen im Geist das Gesicht des Marquis von Winchilsea herauf, das in jeder Beziehung so engelhaft war, wie es das Braden Granvilles … nicht war.

»War jemand bei ihr?«

Caroline warf einen vorsichtigen Blick in seine Richtung. »Wie bitte?«

»Ich fragte …«, er holte tief Luft, als müsste er sich beherrschen, nicht die Geduld zu verlieren, »war jemand bei ihr? Ein Mann?«

Caroline erwiderte: »Aber ja, so ist es.« So, sagte sie sich. Damit sollte sie ihn schnell loswerden – und gleichzeitig verhindern, dass er die Wahrheit entdeckte, die sich nur wenige Schritte entfernt hinter jener Tür verbarg.

Bei dem Lächeln, das Braden Granvilles Lippen kräuselte, als er das hörte, lief es Caroline kalt über den Rücken. So erfreut – so diabolisch erfreut – sah er aus, dass Caroline einen Moment lang der Atem stockte. Der Mann war wirklich ein Teufel!

»Danke, Lady Caroline«, meinte Braden Granville, wobei er weit herzlicher klang als zuvor. Dann ging er den Korridor hinunter und Caroline versuchte, wieder zu atmen.

Und stellte fest, dass es ihr nicht möglich war.

Gelinde gesagt war es bestürzend. Aber sie war entschlossen, Braden Granville nicht merken zu lassen, wie unwohl ihr war. Nein, worauf es ankam, war jetzt nicht, dass sie keine Luft mehr bekam, sondern dass er ging, weit, weit weg, damit Hurst eine Gelegenheit zur Flucht bekam …

Nur schienen ihre Bemühungen, ihr Unwohlsein zu verbergen, nicht sehr wirkungsvoll zu sein, denn gerade als er an der Treppe vorbeiging, auf der Caroline nun stand, drehte sich Braden Granville um und sah sie forschend an.

»Ist Ihnen nicht gut, Lady Caroline?«, fragte er.

Er wusste es, obwohl sie nicht verstand, warum. Sie hatte keinen Laut von sich gegeben. Wie auch? Sie konnte nicht einmal atmen.

Sie schüttelte den Kopf. »Doch, doch«, brachte sie gepresst heraus. »Beeilen Sie sich lieber, sonst verpassen Sie sie.«

Aber Braden Granville beeilte sich nicht. Oh, er sah so aus, als wäre ihm nichts lieber gewesen, doch stattdessen blieb er genau dort, wo er war, und sah sie mit einem Ausdruck an, den sie viel- leicht für Besorgnis gehalten hätte, wenn sie nicht einen kurzen Blick auf dieses boshafte Lächeln erhascht hätte.

Aber jemand mit einem so bösartigen Lächeln konnte sich unmöglich um andere sorgen.

»Ich glaube Ihnen nicht«, erklärte Braden Granville, und Caroline hatte das Gefühl, ihr würde gleich das Herz zerspringen.

Er weiß es!, dachte sie voller Panik. Oh Gott, er weiß es! Und jetzt wird er Hurst umbringen, und alles ist meine Schuld!

Aber dann sagte er: »Es geht Ihnen keineswegs gut. Sie sind kreidebleich im Gesicht und es scheint Ihnen Schwierigkeiten zu bereiten, Luft zu holen.«

»Unsinn«, keuchte Caroline. Obwohl das natürlich eine glatte Lüge war. Sie sog ungeheure Mengen Luft ein, doch nichts davon schien in ihre Lungen zu gelangen.

»Das ist kein Unsinn.« Braden Granville kam zurück. Als er die Treppe erreichte, auf der Caroline stand, beugte er sich vor und legte eine Hand auf ihren Nacken, genau so, wie es vor wenigen Augenblicken der Marquis von Winchilsea bei Lady Jacquelyn getan hatte.

Carolines Herz, das einen Schlag ausgesetzt hatte, als sie Braden Granville hatte kommen sehen, schlug jetzt so schnell, dass sie überzeugt war, es würde bersten. Lieber Himmel, dachte sie entsetzt. Er wird mich küssen. Er wird alles machen, was er mit den vielen Frauen gemacht hat, mit denen er angeblich geschlafen hat. Und ich werde womöglich nicht imstande sein, ihn daran zu hindern, weil er der Lothario von London ist.

Seltsamerweise fand Caroline die Vorstellung, von Braden Granville geküsst zu werden, nicht im Geringsten beunruhigend.

Nur dass der Lothario von London, statt ihren Kopf zu heben, damit er sie küssen konnte, herrisch sagte: »Setzen Sie sich.«

Caroline war so überrascht, dass sie sich widerspruchslos hinsetzte. Sie nahm an, dass es nicht viele Leute gab, die es wagen würden, einen Befehl zu missachten, der von dem großen Granville gegeben wurde – zweifellos der Grund, warum er als Geschäftsmann so erfolgreich war, ganz zu schweigen als Liebhaber.

Dann verstärkte sich der Druck von Braden Granvilles Hand auf ihrem Nacken und er drückte ihren Kopf so weit nach unten, bis er zwischen ihren Knien war.

»So«, meinte er zufrieden. »Bleiben Sie so, dann geht es Ihnen im Handumdrehen besser.«

Caroline, die auf die Perlenstickerei an ihrem weißen Satinrock starrte, erwiderte mit leicht erstickter Stimme: »Mhm. Danke, Mr. Granville.«

Ihre Enttäuschung, dass er nicht versucht hatte, sie zu küssen oder ihr in irgendeiner Weise zu nahezutreten, war – obwohl sie ihn nicht leiden konnte! – ungeheuer groß. Und bestürzend.

»Nicht der Rede wert«, entgegnete Braden Granville.

Hurenbock!, dachte Caroline bei sich, während sie auf ihren Schoß starrte. Ich bin es wohl nicht wert, verführt zu werden. Wer bin ich denn schon? Nur die Tochter des ersten Earl von Bartlett. Ein Nichts. Ein Niemand. Ich bin keine große Schönheit wie Lady Jacquelyn Seldon. Und ich habe auch keinen Landsitz im Lake District.

Aber etwas habe ich sehr wohl, das Lady Jacquelyn nicht hat: Den Anstand, nicht mit dem Verlobten einer anderen Frau zu schlafen.

Oh, fügte sie im Stillen hinzu. Und natürlich auch ein bisschen Geld.

Sie erwartete, dass er jetzt gehen würde, aber er tat es nicht. Seine starke, überraschend warme Hand blieb auf ihrem Rücken.

»Lächerliche Dinger, diese Korsetts«, fuhr Braden Granville im Plauderton fort. »Sollten verboten werden.«

Caroline, die es schon erstaunte, dass ein Mann von Braden Granvilles Bedeutung auf einem Flur stand und ihren Nacken hielt, war noch erstaunter, als er ein so unschickliches Thema wie ihr Korsett zur Sprache brachte. Sie murmelte in ihren Schoß: »Ich nehme an, manche Leute sind dieser Meinung …«

War das, fragte sie sich, ein geschickter Schachzug, um ihr das Korsett abzunehmen und sie dann – lieber Himmel! – zu verführen?

Aber Braden Granville bemerkte nur: »Es überrascht mich, dass Sie überhaupt eines tragen. Sind Sie nicht mit Lady Emily Stanhope befreundet?«

Das war eine so überraschende Frage, dass Caroline sich selbst sagen hörte: »Sie kennen Emmy?«

»Jeder kennt Lady Emily. Sie ist durch ihren Einsatz für die Frauenbewegung stadtbekannt geworden. Ich hätte gedacht, Sie als Ihre Freundin würden genauso denken.«

»Oh«, murmelte Caroline in ihren Rock. »Das tue ich. Das heißt, ich gehe nicht zu den Aufmärschen oder so. Ich mag Aufmärsche nicht besonders. Es ist viel netter, es sich zu Hause mit einem Buch gemütlich zu machen, als herumzulaufen und sich die Kehle heiser zu schreien und sich an Sachen zu ketten.«

»Wie ich sehe, sind Sie im Herzen eine wahre Freiheitskämpferin, Lady Caroline«, bemerkte Braden Granville trocken.

»Oh«, entfuhr es Caroline, als ihr bewusst wurde, wie albern sie sich für ihn angehört haben musste. »Oh, aber ich unterstütze Emmys Sache, wissen Sie? Allein letzten Monat habe ich zweimal ihre Gerichtsstrafen bezahlt, weil ihr Vater es nicht mehr tut. Und ich trage nur deshalb ein Korsett, weil ich … na ja, ich glaube, ich sehe mit einem Korsett besser aus als ohne.«

»Verstehe.« Er klang belustigt. »Ihr Engagement für die Gleichberechtigung hört da auf, wo Ihre Bequemlichkeit und Ihre Eitelkeit anfangen. Zumindest sind Sie ehrlich genug, es zuzugeben.«

Er machte sich über sie lustig. Das war ihr jetzt klar. Er hatte also nicht vor, sie zu verführen. Caroline wusste nicht viel über Männer, aber sie hatte den starken Verdacht, dass sie kein Interesse daran hatten, ein Mädchen zu verführen, über das sie sich lustig machten. Sie war erleichtert – nahm sie an. Aber ein klein wenig beleidigend war es schon, dass er es nicht einmal versucht hatte. Schließlich verführte er anscheinend jedes andere Mädchen in London. Warum nicht sie? Caroline wusste, dass sie keine mondäne Schönheit war, aber immerhin hatte sie etliche Verehrer, einschließlich eines ihr unbekannten jungen Mannes, eines Wildfremden, der ihr heute Morgen, nachdem sie ihm gehörig die Meinung gesagt hatte, weil er sein Pferd grundlos gepeitscht hatte, beinahe einen ganzen Block gefolgt war, nur um an seinen Hut zu tippen und ihr zu versichern, dass ihr Lächeln genauso strahlend und schön sei, wie ein funkelnagelneuer Penny und dass er nie wieder ein Pferd mit der Peitsche schlagen werde.

Aber Braden Granville hatte ihr Lächeln offensichtlich nicht bemerkt.

Und dann fiel ihr ganz plötzlich wieder der Grund ein, warum es ihr den Atem verschlagen hatte. Die ganze Zeit, die sie hier im Korridor über ihr Korsett plauderten, schwebte Hurst in der tödlichen Gefahr, entdeckt zu werden! Was hatte sie sich bloß dabei gedacht?

»Sollten Sie nicht lieber gehen, Mr. Granville?«, fragte Caroline, wobei sie sich bemühte, das Drängen in ihrer Stimme zu unterdrücken. »Wenn Sie Lady Jacquelyn noch finden wollen, meine ich.«

»Ja«, stimmte er zu. Jetzt klang seine Stimme ganz und gar nicht mehr freundlich. »Nun, ich bin sicher, es besteht keine Chance mehr.«

Caroline wollte beunruhigt wissen: »Keine Chance wozu? Sie zu finden? Oh, da irren Sie sich aber. Ich bin sicher, sie ist noch in der Nähe.« Als ihr klar wurde, was sie gesagt hatte, zeigte sie hastig mit dem Finger auf das gegenüberliegende Ende des Gangs. »Ich bin sicher, wenn Sie ihr einfach nachgehen …«

»Sinnlos«, brummte Braden Granville. Dann fügte er mehr zu sich selbst hinzu: »Ich habe jede Chance, sie bei ihrem Spielchen zu erwischen, verloren, als ich vor zehn Minuten die falsche Richtung einschlug und in der Küche landete.«

»Spielchen?«, echote Caroline schwach.

Braden Granville schien sich zu erinnern, wo er war. »Vergessen Sie es«, sagte er brüsk. »Geht es Ihnen jetzt besser?«

Caroline atmete ein. Ihre Schläfen verspannten sich vor einem nahenden Kopfschmerz, aber zu ihrer Überraschung stellte sie fest, dass sie wieder normal durchatmen konnte.

»Viel besser«, antwortete sie. »Danke.« Und dann, weil sie Angst hatte, er könnte mehr Details über die Untreue seiner Verlobten wissen, als er preisgab – zum Beispiel die Identität ihres heimlichen Liebhabers –, fügte sie hinzu: »Ich bin sicher, Sie irren sich, Mr. Granville. Was Ihre zukünftige Braut angeht. Ich bin überzeugt, sie treibt keineswegs ein … Spielchen. Mit niemandem.«

Das Lachen, das Braden Granville ausstieß, war genauso bösartig wie sein Lächeln, als sie ihm erzählt hatte – oh, warum nur? –, dass sie seine Verlobte mit einem anderen Mann gesehen hätte.

»Sie sind sehr gutmütig, Lady Caroline«, erwiderte er, wobei sein Ton verriet, dass es nicht als Kompliment gemeint war. »Aber erlauben Sie mir die Bemerkung, dass Ihr Vertrauen in Lady Jacquelyn gänzlich unangebracht ist. Und wenn ich den Namen des Burschen herausbekomme, werde ich das gern beweisen, notfalls vor Gericht. Das können Sie ihr gegenüber gern erwähnen, wenn Sie sie das nächste Mal sehen.«

Caroline, die über diese unerwartete Bemerkung ziemlich fassungslos war – und die Unterstellung, Jacquelyn Seldon und sie könnten mehr als nur flüchtige Bekannte sein –, rang nach den richtigen Worten, um darauf zu antworten.

Diese Mühe blieb ihr jedoch erspart, als die Tür zu Dame Ashforth’ Privatsalon aufging und der Marquis von Winchilsea auf den Korridor trat.

»Oh«, murmelte Caroline, die ihre Stimme wiedergefunden hatte. »Du meine Güte.«

Kapitel 2

Caroline hätte nicht entscheiden können, wer von beiden Männern überraschter aussah, der Marquis von Winchilsea, den es zu schockieren schien, dass seine Verlobte auf der Treppe saß und das Gesicht in den Schoß gedrückt bekam, noch dazu von einem Mann, mit dem sie nicht verwandt war, oder Braden Granville, der sofort seine Hand von ihrem Nacken nahm und sagte: »Winchilsea«, in einem Ton, der andeutete, dass Hurst nicht zu seinen Lieblingen zählte.

»Granville.« Hursts Stimme verriet deutlich, dass dieses Gefühl auf Gegenseitigkeit beruhte. Dann fuhr er in einem ganz anderen Tonfall fort: »Caroline, Liebling, warum in aller Welt sitzt du auf der schmutzigen Dienstbotentreppe?«

Caroline fixierte ihn aus schmalen Augen durch das Treppengeländer. Wie konnte er es wagen, sie »Liebling« zu nennen, wenn …?

Sie riss sich zusammen. Das war nicht der richtige Zeitpunkt.

»Ich …«, stammelte sie. »Ich h-habe dich gesucht. Und wie es aussieht, hatte ich einen leichten Schwächeanfall. Mr. Granville war so freundlich, mir zu helfen.«

Sie konnte es sich nicht verkneifen, hinter Hursts Rücken zu spähen, um zu sehen, ob Lady Jacquelyn ihm nach draußen folgen würde. Bitte, betete sie unwillkürlich. Bitte, bitte, bleiben Sie, wo Sie sind, Lady Jacquelyn.

»Und wie kommt es«, erkundigte Hurst sich liebenswürdig, »dass du einem Schwächeanfall erlegen bist, Caroline?« Er streckte eine behandschuhte Hand nach ihr aus. Caroline nahm sie und ließ zu, dass er sie von den Stufen zog. Sie war außerstande, den Blick von seinem Gesicht zu lösen. Meine Güte, vor nicht allzu langer Zeit war noch Lady Jacquelyn Seldons Zunge in diesem Mund, war alles, was sie denken konnte.

»Im Allgemeinen bist du aus härterem Holz geschnitzt«, stellte Hurst fest. »Das bewundere ich am meisten an dir, weißt du, meine Liebe.«

»Mr Granville meinte, es könnte an meinem Korsett liegen«, murmelte Caroline gedankenlos.

»Ach ja, tatsächlich?« Hurst lachte. Obwohl sein Lachen bar jeder Erheiterung war, nahm es seinen nächsten Worten ein wenig von ihrer Schärfe. »Ich wäre Ihnen dankbar, Granville, wenn Sie Ihre Kommentare über die Unterwäsche meiner Verlobten für sich behalten würden. Und Ihre Hände ebenfalls, wenn wir schon einmal dabei sind.«

Braden Granville antwortete nicht sofort. Er musterte den Marquis mit einem sehr eigenartigen Blick, fand Caroline. Fast … fast, als wüsste er es!

Aber das war ausgeschlossen. Er konnte unmöglich etwas wissen. Es war nicht etwa so, dass Hurst vergessen hätte, sein Hemd in die Hose zu stecken oder sein Halstuch zu richten. Er war durchaus präsentabel. Vielleicht war ein wenig mehr Farbe als sonst auf seinen Wangen, aber das war doch sicher kein Hinweis auf …

»Sehr gern«, gab Braden leichthin zurück. »Wenn Sie so nett wären, mir ebenfalls einen Gefallen zu tun.«

Hurst starrte ihn betroffen an. »Wie bitte?«, entgegnete er. »Wovon reden Sie, Granville?«

Braden deutete mit einer Kopfbewegung auf die geschlossene Tür. »Das ist Lady Ashforth’ Privatsalon, nicht wahr?«

»Ja«, gab Hurst mit unverhohlenem Widerstreben zu. »Und?«

Braden legte eine Hand auf den Türgriff. Ganz plötzlich hatte Caroline wieder Mühe zu atmen. »Nichts«, antwortete er. »Ich suche nur jemanden.«

Mit dem letzten Wort stieß Braden Granville die Tür auf, und Carolines Knie gaben prompt unter ihr nach. Sie sank wieder auf die Treppenstufe und vergrub ihr Gesicht in ihrem Schoß. Atmen, einfach atmen, befahl sie sich, während sie sich gleichzeitig fragte, ob dies das letzte Mal war, dass sie ihren Verlobten lebendig sah …

Und ob sein vorzeitiger Tod tatsächlich so furchtbar schlimm wäre.

Aber nein, natürlich wollte sie Hurst nicht tot sehen. Nicht nach allem, was er für Tommy getan hatte. Verwundet vielleicht, aber niemals tot.

Doch offenbar würde Hurst Devenmore Slater, zehnter Marquis von Winchilsea, seinen Hochzeitstag erleben – auch wenn die Identität seiner zukünftigen Braut gewissermaßen noch infrage stand –, da Caroline hörte, wie Braden Granville mit milder Stimme sagte: »Aber wie ich sehe, habe ich mich getäuscht.«

Caroline hob den Kopf. Lady Jacquelyn musste die Stimmen im Korridor gehört und einen anderen Weg aus dem Zimmer gefunden haben. Welch ein Glücksfall für sie alle.

»So ist es«, erklärte Hurst mit einer Stimme, die viel zu selbstgefällig klang. »Sie haben sich schwer getäuscht, Granville. Meine Liebe.« Er half Caroline wieder beim Aufstehen. »Sollen wir nicht lieber nach unten zu deiner Mutter gehen?«

Carolines Mund fühlte sich an, als wäre er voller Sand. Also wirklich, Hurst sprach mit ihr, als wäre nichts, rein gar nichts passiert. Sie hätte gedacht, dass ein Mann, der beabsichtigte, seine Verlobung zu lösen, seine Verlobte nicht »Liebling« oder »meine Liebe« nennen würde. Und schon gar nicht, fand sie, sollte er seine Hand auf ihren verlängerten Rücken legen. Das war ein bisschen dreist für jemanden, der erst vor wenigen Augenblicken …

Sie wollte nicht daran denken.

Dann fiel ihr Blick zufällig auf Braden Granville, der aus dem Salon gekommen war und gerade die Tür hinter sich schloss. Ach ja, natürlich, das war der Grund. Hurst wollte nicht vor jemand anders eine Szene heraufbeschwören. Schon gar nicht, nahm sie an, vor dem Bräutigam seiner Geliebten. Sicher wollte er warten, bis sie allein waren. Dann würde er ihr erklären, warum sie nicht länger die zukünftige Lady Winchilsea war.

»Natürlich«, erwiderte sie. Wieder sah sie zu Braden Granville und spürte, wie sich gänzlich unerwartet ein winziges Aufflackern von Gefühl in ihr regte. Was mochte das sein?, fragte sie sich. Mitleid war es bestimmt nicht – obwohl nicht zu leugnen war, dass Braden Granville, wenn Lady Jacquelyn ihm nur annähernd so viel bedeutete, wie Caroline an Hurst liegen sollte, sicher leiden würde, wenn er die Wahrheit über die verlogene, hinterhältige und schamlose Dirne herausfand, die er sich zur Frau erwählt hatte.

Aber sie konnte sich nicht vorstellen, dass ihm etwas an Lady Jacquelyn lag. Nicht nach der Art und Weise zu urteilen, wie er über sie und ihr »Spielchen« gesprochen hatte.

Nein, es war nicht Mitleid, was Caroline empfand, als sie Braden Granville ansah. Aber was dann? Caroline hatte ein weiches Herz, zugegeben, doch normalerweise schlug es nicht für skrupellose Geschäftsleute und herzlose Schürzenjäger.

Sie unterdrückte die unerklärliche Regung. »Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Abend, Mr. Granville«, sagte sie und streckte die Hand aus. »Und danke für Ihre freundliche Hilfe.«

Braden Granville musterte leicht überrascht ihre behandschuhte Hand. Caroline hatte ihn anscheinend aus seinen Gedanken gerissen, sehr düsteren Gedanken, nach seinem Gesichtsausdruck zu schließen. Aber er fing sich sofort, ergriff ihre Hand und zog sie eher zerstreut in die allgemeine Gegend seiner Lippen, ohne sie tatsächlich zu berühren.

»Guten Abend«, entgegnete er, ohne einem von ihnen einen Blick zu gönnen. Dann drehte er sich um und ging den Korridor hinunter.

Sobald er außer Hörweite war, schnaubte Hurst verächtlich und schimpfte: »Unverschämter Patron!«

Caroline sah ihren Verlobten an. Das war nicht unbedingt die Art von Verhalten, die sie von einem Mann erwartet hätte, der drauf und dran war, sich aus den Fesseln einer Verlobung zu befreien. »Was hast du gesagt?«, fragte sie, unsicher, ob sie sich nicht verhört hatte.

»Was für eine Unverfrorenheit, einfach dein Korsett zu erwähnen! Nicht etwa, dass ich bessere Manieren von einem Emporkömmling wie ihm erwarte. Es gibt einen Ort für Männer seiner Sorte. Weißt du, wie er heißt? Amerika.«

»Oh«, murmelte Caroline. »Also, wirklich, Hurst …«

»Nein, ganz im Ernst, Carrie. Ich schätze diese neue Mode nicht, jeden Hinz und Kunz in London auf Gesellschaften einzuladen, die früher durchweg exklusiver und privater Natur waren. Ich meine, ich weiß, dass der Kerl abstoßend reich ist, doch das macht ihn nicht weniger gewöhnlich, als er am Tag seiner Geburt war.«

Mag sein, konnte Caroline sich gerade noch verkneifen zu antworten. Aber wenigstens weiß er, wie man Geld verdienen und auch behalten kann. Das ist eine Fähigkeit, die du dir sicher nie angeeignet hast, Hurst.

Natürlich sprach sie es nicht laut aus. Hurst war sehr empfindlich, was die Tatsache anging, dass seiner Familie kein Geld geblieben war. Als er um ihre Hand angehalten hatte, hatte er sich beinahe dafür entschuldigt. »Ich weiß, dass ich nicht viel habe, Carrie«, hatte er gesagt. »Aber alles, was ich besitze, gebe ich dir gern, wenn du mir nur die Ehre erweist, die Meine zu werden.«

Und Caroline, überglücklich über die Aussicht, einen so hübschen, romantischen und tapferen Mann – hatte er nicht ihrem Bruder das Leben gerettet? – zu bekommen, hatte mit einem lauten »Ja« geantwortet.

Ganz schön dumm von ihr.

»Glaub mir, Carrie«, fuhr Hurst fort, als sie im Korridor standen und Bradens verklingenden Schritten lauschten. »Dieses Vermischen der Klassen kann zu nichts Gutem führen. Intrigante alte Schachteln wie Lady Ashforth mögen es amüsant finden, ich aber lehne es strikt ab.«

Damit nahm er Carolines Arm und führte sie auf dem Korridor in die entgegengesetzte Richtung, in die Braden Granville gegangen war.

Beim Gehen beschäftigten seine Worte Caroline unablässig. Carrie. Er hatte sie Carrie genannt, sein ganz spezieller Kosename für sie. Warum sollte er sie so nennen, wenn er vorhatte, ihre Verlobung zu lösen? Also wirklich, er nannte sie Carrie und Liebling, als wäre nichts passiert. Überhaupt nichts. Und wenn sie von der Damengarderobe aus nicht zufällig in die falsche Richtung gegangen wäre, Hursts Lachen gehört und mit eigenen Augen gesehen hätte, was er tatsächlich machte, seit er sie im Ballsaal zurückgelassen hatte – angeblich, um mit den anderen Herren »eine zu rauchen« – wäre sie nicht in hunderttausend Jahren auf den Gedanken gekommen, er könnte bei einer anderen Frau gewesen sein.

Bei einer anderen Frau? Lieber Himmel, er war mit einer anderen Frau intim gewesen. Und doch benahm er sich, als wäre er nur auf einen Sprung in Lady Ashforth’ Billardsalon gewesen, um in Ruhe zu rauchen!

»Ich hoffe«, bemerkte Hurst, als die festlichen Klänge von unten lauter wurden, »dass er dich nicht beleidigt hat, Caroline. Das hat er doch nicht, oder? Granville, meine ich.«

Caroline, die sich wie in Trance bewegte, fast wie die Heldinnen aus den Büchern ihrer Zofe, nachdem sie eine Leiche im Irrgarten entdeckt hatten, murmelte geistesabwesend: »Wie bitte? Beleidigt? Mich?«

»Nun, es würde mich nicht überraschen, wenn es so wäre. Der Mann hat einen ziemlich schlechten Ruf, musst du wissen. Bei Frauen, meine ich. Er hat dich doch nicht angerührt, oder, Carrie? Irgendwo, wo er es nicht sollte?«

Sie waren wieder in das Menschenmeer eingetaucht, das durch Lady Ashforth’ Ballsaal wogte. Caroline konnte ihre Antwort, ein erstauntes »Nein!«, kaum hören.

Es ging in den Klängen des Orchesters unter, das unvermittelt eine bekannte Melodie anstimmte.

»Ach du lieber Gott«, sagte Hurst und nahm ihre Hand. »Der Sir Roger de Coverley! Ich hatte ganz vergessen, dass er für Punkt Mitternacht angesetzt war. Komm, Carrie, nehmen wir unsere Plätze ein. Du weißt ja, wie Lady Ashforth zum Sir Roger steht.«

Das wusste Caroline in der Tat ganz genau. Nichts, keine marodierenden Zulu-Krieger mit geschwenkten Speeren und vergifteten Pfeilen und schon gar nicht ein Verlobter auf Abwegen, würden sie je bewegen können, den Sir Roger zu verschieben. Die Witwe behauptete zwar, zu alt zu sein, um an dem lebhaften Tanz teilzunehmen, hatte aber großen Spaß daran, wenn die jungen Leute, die sie in ihr Haus lud, ihn vorführten.

Caroline, in deren Kopf es immer noch drunter und drüber ging, nahm ihren Platz in der langen Reihe von Paaren ein. Ihr gegenüber stand Hurst in seiner eleganten Abendkleidung von ungetrübter Eleganz. Sein Halstuch war nicht im Geringsten zerknittert, seine Hose wies eine perfekte Bügelfalte auf. Wie war das möglich? Der Mann hatte sich noch vor einer knappen Viertelstunde in leidenschaftlicher Umarmung – Caroline war sich nicht sicher, ob diese Beschreibung korrekt war, aber es war ein-, zweimal in einem Buch erwähnt worden, das sie gelesen hatte, und sie fand, dass es sich ganz gut anhörte – mit einer schönen Frau befunden, und jetzt stand er da und sah aus, als könnte er kein Wässerchen trüben. Es war einfach unglaublich.

Und dann, als wäre der Abend nicht bizarr genug verlaufen, tauchte plötzlich direkt vor Carolines Augen Lady Jacquelyn Seldon auf. Tatsächlich, da war sie, den schönen Kopf in den Nacken geworfen, und schritt mit einem entzückten Lachen durch die Reihe der Tänzer – an ihrer Seite, mit sehr präzisen Schritten für jemanden, der nicht aus gutem Hause kam, Braden Granville.

Caroline starrte ihn an, bis sie das Gefühl hatte, ihr würden die Augen aus dem Kopf fallen. Er hatte seine Lady Jacquelyn also doch noch gefunden. Und ebenso wie Hurst sah die Dame kein bisschen anders aus als beim Dinner vor ihrem heimlichen Tête-à-Tête. Unglaublich. Schlicht und einfach unglaublich. Wie war es möglich, dass zwei Menschen das machen konnten, was … nun ja, was sie eben gemacht hatten, um dann seelenruhig den Sir Roger de Coverley mit jemand anders zu tanzen?

Es war mehr, als ein Mädchen wie Caroline an einem Abend verdauen konnte. Als der Marquis und sie mit der Promenade an der Reihe waren, bewegte sie sich mit der Anmut eines Automaten und war sich kaum bewusst, was ihre Füße unter ihr anstellten. Hurst schien es allerdings nicht aufzufallen. Er war bester Stimmung und schwenkte sie fröhlich herum, wobei er ihr Koseworte ins Ohr raunte, wann immer ihr Kopf nahe genug an seinem war. Er nannte sie ein hübsches kleines Ding und behauptete wieder, dass er es kaum noch bis zu ihrer Hochzeitsnacht erwarten könne. Caroline hörte, was er sagte, gab aber keine Antwort. Was hätte sie schon erwidern sollen?

Denn sie wusste natürlich, dass es keine Hochzeitsnacht geben würde. Nicht für Hurst und sie. Aus irgendeinem Grund – und Caroline hatte den starken Verdacht, dass es sehr viel mit dem Vermögen zu tun hatte, in dessen Besitz sie vor einiger Zeit gekommen war, und damit, dass Hurst über gar kein Einkommen verfügte – hatte Hurst nicht die Absicht, die Verlobung zu lösen.

Was nur eines bedeuten konnte: Caroline musste es tun.

Es würde natürlich nicht einfach sein. Ihre Mutter würde einen Wutanfall bekommen. Immerhin schuldeten sie ihm … nun ja, alles. Wenn er nicht gewesen wäre, wäre Tommy in jener kalten Dezembernacht gestorben, vor den Mauern der Universität auf der Straße verblutet.

Aber daran ließ sich nun mal nichts ändern, oder? Wie konnte sie einen Mann heiraten, dessen Küsse ihr monatelang das Gefühl gegeben hatten, das glücklichste Mädchen auf Gottes Erdboden zu sein … nur um dann zu entdecken, dass er seine richtigen Küsse für eine andere aufgehoben hatte?

Nur einmal kam Caroline im Verlauf des schwungvollen Ländlers zu sich, und zwar, als sie sich einen Moment lang mit ihrem Bruder Tommy als Partner wiederfand, der die Gelegenheit nutzte, sie in den Arm zu zwicken und zu mahnen: »Kopf hoch, Schwesterchen! Du machst ein Gesicht, als hätte dir gerade jemand erzählt, dass die Bowle vergiftet ist.«

»Tommy!«, rief Caroline, durch seinen Anblick von ihren unerfreulichen Überlegungen abgelenkt. »Was fällt dir ein, bei diesem Tanz mitzumachen? Du weißt doch, was Doktor Pettigrew gesagt hat …«

»Ach, Doktor Pettigrew«, meinte Thomas geringschätzig. »Der kann mich mal gernhaben.«

Bevor sie Gelegenheit hatte, ihren Bruder zu tadeln, wurde sie ausgerechnet von Braden Granville weitergewirbelt, der beinahe genauso düster dreinsah, wie sie selbst. Caroline presste die Lippen zusammen und sprach kein Wort mehr, bis der Tanz zu Ende war.

Aber falls sie gehofft hatte, ohne weitere Konversation mit Braden Granville entkommen zu können, wurde sie bitter enttäuscht. Zunächst trat ihr Bruder zu ihr und nahm ihren Arm.

»Komm, Schwesterherz«, bat Tommy. »Irgendjemand hat beim Dinner eine Krabbe auf Mas Teller geschmuggelt und jetzt hat sie einen Ausschlag bekommen. Sie wartet in der Kutsche auf uns. Oh, hallo, Sir!«

Selbst wenn sie nicht gerade zufällig in seine Richtung geschaut hätte, hätte Caroline an der ehrfürchtigen Art, mit der Tommy das Wort Sir aussprach, erkannt, dass Braden Granville noch in der Nähe war. Die Tatsache, dass er so nahe war – direkt neben ihr, um genau zu sein –, war geradezu erschreckend, da sie angenommen hatte, er würde seiner Wege gehen, sobald der Tanz vorüber war.

»Guten Abend, Lord Bartlett.« Braden Granville nickte dem jungen Mann zu. Zu Caroline gewandt, bemerkte er: »Lady Caroline. Ich hoffe, Sie haben sich inzwischen erholt.«

Caroline, die spürte, wie ihr die Röte in die Wangen schoss, versicherte hastig: »Oh ja!« Dann schwor sie sich, kein Wort mehr zu sagen, um in seinen Augen nicht noch dümmer dazustehen, als es vermutlich ohnehin der Fall war …

Bis wie von selbst die Worte »Wie ich sehe, haben Sie Lady Jacquelyn gefunden« von ihren Lippen kamen, beinahe noch, bevor sie selbst merkte, was sie von sich gegeben hatte. Du Schaf, schalt sie sich selbst. Woran lag es bloß, dass ihre Zunge manchmal wie gelähmt und dann wiederum nicht zu bremsen war?

»Ja«, erwiderte Braden Granville und folgte Carolines Blick, der auf seiner Verlobten ruhte. Sie plauderte fröhlich mit Lady Ashforth und wirkte makellos schön, ganz und gar nicht wie eine Frau, die vor nicht allzu langer Zeit in den Armen eines Mannes gelegen hatte. »In der Tat. Anscheinend war sie einen Moment im Lady Ashforth’ Garten, um ein wenig frische Luft zu schnappen.« Als er registrierte, dass Hurst zu ihnen geeilt kam, fügte er hinzu: »Wie ich sehe, sucht man Sie. Ich werde Sie nicht länger aufhalten.«

»Ach«, begann Thomas, »es ist doch nur Slater …«

Sein Einwand kam jedoch zu spät, da Braden Granville wieder in der Gästeschar verschwunden war. Hurst, dessen hübsches Gesicht äußerst aufgebracht wirkte, stürzte zu ihnen.

»Carrie!«, rief er. »Was muss ich hören? Du gehst, und das schon so früh? Davon will ich nichts wissen!«

Thomas, der sich ärgerte, weil die Begegnung mit seinem Abgott unterbrochen worden war, verdrehte die Augen. Caroline warf ihm einen missbilligenden Blick zu. Manchmal war es kaum vorstellbar, dass ihr Bruder noch vor sechs Monaten auf der Schwelle des Todes gestanden hatte.

»Unsere Mutter fühlt sich nicht wohl, Hurst«, erklärte sie. »Wir müssen gehen. Aber du bleibst selbstverständlich noch.«

Hurst stieß einen tiefen Seufzer aus. »Wenn du darauf bestehst, mein Schatz. Dann also bis morgen.« Er beugte sich vor, als wollte er sie küssen, und Caroline konnte sich gerade noch beherrschen, nicht das Gesicht abzuwenden. Der Gedanke an diese Lippen, die noch vor Kurzem auf Lady Jacquelyns gelegen hatten, erfüllte sie mit Widerwillen – fast genauso sehr, wie früher am Abend die Vorstellung, von Braden Granville geküsst zu werden, eine unerklärliche Erregung in ihr geweckt hatte.

Aber sie hätte sich nicht zu sorgen brauchen. Hurst machte keine Anstalten, seinen Mund in die Nähe ihrer Lippen zu bringen, sondern küsste sie nur leicht auf die Stirn. Carolines Erleichterung war so enorm, dass es ihr erst auffiel, als sie schon auf halbem Weg die Stufen hinunter war, die von Lady Ashforth’ Stadthaus zu der wartenden Kutsche führten.

»Mein Gott!«, hörte sie ihren Bruder rufen, als ihr gerade einer von Lady Ashforth’ Lakaien in den Wagen half.

Caroline, die annahm, ihr Bruder hätte drinnen etwas vergessen, und der davor graute, auch nur noch eine Minute in diesem Haus zu verbringen, das für sie immer mit sehr hässlichen Erinnerungen verbunden sein würde, setzte sich neben ihre Mutter, bevor sie fragte: »Was ist denn, Tommy?«

»Der Phaeton, der gerade hinter unserem Wagen stehen geblieben ist.« Tommy lehnte sich über sie, um besser sehen zu können, und quetschte Caroline und ihre Mutter dabei rücksichtslos an die Wand. »Das ist Braden Granvilles Phaeton. Schau dir nur das Gespann an, das ihn zieht, Caro. Perfekt aufeinander abgestimmte Kastanienbraune. Pa hätten wir von den beiden nie wegbekommen.«

Trotz ihrer Ungeduld, endlich loszufahren, drehte sich Caroline auf dem Sitz um und schaute hinaus. Ihr Vater war ein großer Pferdefreund gewesen und hatte seine Leidenschaft an Caroline weitergegeben – zum Verdruss ihrer Mutter, da Caroline ebenso wie ihr Vater nicht imstande war, ruhig zu bleiben, wenn ein Pferd von seinem Besitzer schlecht behandelt wurde. Diese Eigenschaft führte zu häufigen und manchmal recht lautstarken Auseinandersetzungen mit den Kutschern von Mietdroschken und Kohlenwagen, und Lady Bartlett verhüllte oft schamhaft ihr Antlitz vor Carolines undamenhaftem Benehmen, wenn ihr ein Gespann mit Hilfszügeln auffiel, eine beliebte Angewohnheit bei den modebewussteren Mitgliedern ihrer Klasse, die Caroline strikt ablehnte.

Braden Granville jedoch hatte sich dieses Vergehens nicht schuldig gemacht, was Caroline bewog, anerkennend zu bemerken: »Sehr schön.« Doch dann fiel ihr ein, dass sie nicht mehr an Braden Granville denken wollte. Sie hätte es beinahe laut ausgesprochen, aber ihre Mutter kam ihr zuvor.

»Braden Granville, Braden Granville, Braden Granville!« Lady Bartlett zupfte gereizt an ihrer Krinoline, die ihr Sohn durch sein Gezappel verschoben hatte, und seufzte unwillig. »Kannst du nicht einmal zur Abwechslung von etwas anderem reden, Thomas? Ich bin es leid, ständig von Braden Granville zu hören.«

»Wie wahr«, murmelte Caroline. Und in diesem Moment meinte sie es auch so.

Kapitel 3

Wie sich erwies, waren Lady Caroline Linford und ihre Mutter nicht die Einzigen, die nichts mehr von Braden Granville hören wollten. Auch Braden Granville selbst war es ein wenig leid, von Braden Granville zu hören.

Als er am nächsten Morgen die Times aufschlug und feststellte, dass er auf einen Artikel über sich selbst starrte, erschauderte er leicht und legte die Zeitung beiseite. Es hatte natürlich einmal eine Zeit gegeben, in der es eine gewisse Erregung in ihm hervorgerufen hatte, seinen Namen in der Times zu sehen, vor allem, wenn er wie heute von den Worten wohlhabender Industrieller begleitet wurde. Schließlich war er nicht immer reich gewesen, und er hatte nicht immer den Titel Industrieller getragen. Früher einmal, vor sehr langer Zeit, in seiner Erinnerung aber immer noch lebendig, als er bettelarm gewesen war, hatten ihn die Jungen, mit denen er jeden Tag auf der Suche nach Abenteuern und oft Schlimmerem durch die Straßen von London gestreunt war, Dead Eye genannt. Wie der Ausdruck besagte, traf er immer ins Schwarze, war ein unfehlbarer Meisterschütze, dem es schon mit fünf Jahren gelungen war, auf fünfzig Schritt Entfernung mit einer Schleuder und einem Kieselstein eine Ratte zu erlegen.

Seit jenem glorreichen Tag hatte er nur selten zurückgeblickt, und er tat es auch heute nicht gern. Aber es lag ihm genauso wenig daran, sich auf seinen gegenwärtigen Erfolgen auszuruhen. Schließlich waren viele von denen, die ihm heute schmeichelten, dieselben Leute, die ihn vor einigen Jahren noch verdammt hatten. Er wusste, er war weder das Genie, das sie heute in ihm sahen, noch der Versager, für den sie ihn damals gehalten hatten. Die Wahrheit, hatte Braden vor langer Zeit festgestellt, lag irgendwo in der Mitte, und es war am besten, nicht weiter darüber nachzudenken.

In diesem Sinne griff er nach der Korrespondenz, die ihm sein Sekretär auf den Schreibtisch gelegt hatte, und fing an, sie durchzusehen.

Ein Klopfen an die Tür seines Privatbüros unterbrach ihn, bevor er noch den ersten Satz zu Ende gelesen hatte. Er blickte auf und sagte duldsam: »Herein.«

Ronnie »Wiesel« Ambrose, unter dem Arm eine Ausgabe der Zeitung, in die Braden vor Kurzem einen Blick geworfen hatte, schlüpfte herein und schloss die Tür hinter sich auf eine Art und Weise, als wollte er sich bei etwaigen Anwesenden im Nebenzimmer nicht bemerkbar machen.

»Entschuldige die Störung, Dead«, bat er, sobald die Tür ins Schloss gefallen war. »Aber ›sie‹ ist hier.«

Braden brauchte nicht zu fragen, wer mit ›sie‹ gemeint war. Er bemerkte nur leicht überrascht: »Das ist aber sehr früh für sie. Es ist erst kurz nach zehn.«

»Sie trägt ihre Federn«, erklärte Wiesel, während er durch das Zimmer schlenderte und sich in einen der Ledersessel vor dem massiven Schreibtisch seines Arbeitgebers fallen ließ. »Du weißt schon, die, die sie immer zum Einkaufen trägt.«

»Aha«, murmelte Braden. »Das erklärt alles.«

»Stimmt.« Wiesel zog die Zeitung unter seinem Arm hervor und bemerkte beiläufig: »Hast du heute schon einen Blick in die Zeitung geworfen, Dead?«

»Hab ich«, antwortete Braden mit seiner tiefen Stimme.

»Ach ja?« Wiesel drehte die Zeitung so herum, dass der Teil mit dem Artikel über seinen Arbeitgeber zu sehen war. »Und das hier hast du auch gesehen?«

»Allerdings«, gab Braden zurück.

»Hier steht elegant.« Wiesel drehte die Zeitung wieder um und las laut, wenn auch nicht sehr flüssig, sondern mit einer Stimme, die trotz seiner zur Schau gestellten Gelassenheit bebte: »Von dem Erfinder des Hinterladers kommt diese elegante neue Pistole, die für den anspruchsvollen Waffensammler das begehrteste Modell der Saison zu werden verspricht.« Wiesel spähte zu seinem Arbeitgeber. »Interessiert es dich, wie viele Bestellungen allein heute Morgen eingelaufen sind?«

Braden sagte: »Einige, könnte ich mir denken. Erinnere mich daran, Wiesel, dem Verfasser dieses Artikels eine Kiste Brandy zu schicken.«

»Und das ist noch nicht alles.« Jetzt scheiterte der Sekretär kläglich bei dem Versuch, seine Aufregung zu verbergen. Er beugte sich eifrig in seinem Sessel vor und zerknüllte die Seite, die er hielt. »Was denkst du, von wem wir gerade eben eine Bestellung bekommen haben? Na, was meinst du, Dead, wer ist es?«

»Ich habe nicht die leiseste Ahnung«, erwiderte Braden mit merklichem Desinteresse.

»Der Prinz von Wales, Dead.« Wiesels Gesicht war gerötet, und seine Augen leuchteten. »Der Prinz von Wales wird in dieser Saison eine Granville-Pistole tragen!«

»Der Prinz von Wales«, entgegnete Braden, während er sich wieder seinen Geschäftsbriefen zuwandte, »braucht eine Granville-Pistole, so ein erbärmlicher Schütze, wie er ist.«

»Dead.« Wiesel stand auf und beugte sich über den Schreibtisch seines Freundes, die vergessene Zeitung achtlos in einer Hand zerknittert. »Dead, was ist los mit dir? Du hast gerade die glühendste Empfehlung für eine deiner Waffen bekommen, die du je hattest, und das in der London Times – der Times, Mann, die weltweit von mehr Menschen gelesen wird als jede andere Zeitung –, und sitzt da und tust so, als wäre das gar nichts. Was in Gottes Namen ist los?«

»Sei nicht albern, Wiesel.« Braden zupfte an den Aufschlägen seiner tadellos geschnittenen Morgenjacke. »Gar nichts ist los. Ich bin heute Morgen nur ein bisschen müde. War eine lange Nacht gestern, weißt du?«

Wiesel lachte. Nur wenige Männer hätten gewagt, dem großen Granville ins Gesicht zu lachen, aber Ronald Ambrose genoss den Vorzug einer zwanzigjährigen Bekanntschaft mit dem Mann. Tatsächlich hatte er Braden Granvilles Nase öfter in den Staub gedrückt, als er zählen konnte. Das war natürlich lange bevor ihn die Lehre seines Freundes bei einem Hoflieferanten aus den Dials herausgeholt hatte – bevor seine Karriere ihren kometenhaften Aufstieg bis zum gegenwärtigen Stand genommen hatte – und eine ganze Zeit bevor Braden Granville seine jetzige Größe von etlichen Zentimetern über eins achtzig erreicht hatte.

Dennoch scheute Wiesel, der mit seinen eins achtundsiebzig vergleichsweise klein wirkte, nicht davor zurück, seinen besten Freund und Arbeitgeber aufzuziehen. »Ach so«, sagte er. »Wir sind wohl erledigt, weil wir Lady Jackie bis spät in die Nacht nachjagen mussten?«

Braden knurrte. »Das geht dich nichts an, Wiesel.«

Wieder lachte der andere, diesmal weil er daran erinnert wurde, wie er zu seinem Spitznamen gekommen war. »Na, Glück gehabt?«

»Falls du wissen willst, ob es mir gelungen ist, die Identität des Mannes festzustellen, mit dem meine Verlobte eine heimliche Affäre hat, lautet die Antwort nein«, erwiderte Braden. »Zumindest findet sich kein Beweis, der vor Gericht zulässig wäre, falls sie auf die Idee kommen sollte, mich wegen Bruchs des Eheversprechens zu verklagen …«

»Auf die Idee kommen sollte?«, wiederholte Wiesel spöttisch. »Du glaubst, wenn du die Verlobung löst, wird Jackie Seldon dich nicht auf alles verklagen, was du besitzt? Lieber Gott, Dead! Es ist nur noch ein Monat bis zur Hochzeit.«

»Dessen«, erklärte Braden trocken, »bin ich mir durchaus bewusst, Wiesel.«

Wiesel senkte verschwörerisch die Stimme. »Ich habe von Richtern gehört, die Frauen, deren Männer manchmal ein gutes Jahr vor der Hochzeit abgehauen sind, tausende von Pfund zugesprochen haben. Und du glaubst, du kommst ohne eine Klage davon?«

»Ich weiß, dass sie klagen wird«, sagte Braden betont geduldig, »und ich weiß auch, dass sie damit durchkommen wird, es sei denn, ich habe bessere Beweise für ihre Untreue als fadenscheinige Erklärungen für ihr plötzliches Verschwinden – wie letzte Nacht – oder diese verdammten Gerüchte, die in letzter Zeit im Umlauf sind.«

Wiesel schüttelte den Kopf. »Gerüchte«, wiederholte er angewidert. »Man sollte meinen, wir wären wieder in den Dials, so wie die Leute hier übereinander reden. Trotzdem lässt sich mit einem Gerücht nichts beweisen.«

»Eben aus diesem Grund«, bemerkte Braden, »lasse ich sie beobachten.«

»Und die Jungs haben noch nichts herausgefunden?«

»Oh, es gibt da einen Mann, keine Frage«, berichtete Braden grimmig. »Aber entweder haben die Jungs ihr Gespür verloren oder der Kerl ist ein Geist. Anscheinend kann er sich in Luft auflösen und in der Menge verschwinden, fast, als wäre er …«

»Einer von uns«, beendete Wiesel den Satz für seinen Arbeitgeber. Er stieß einen langen, leisen Pfiff aus. »Glaubst du das?«

»Natürlich nicht«, antwortete Braden. »Wie sollte die Tochter eines Herzogs an einen Burschen aus den Dials geraten?«

»Abgesehen von dir, meinst du?«

Braden unterdrückte ein Lächeln. »Sieht so aus«, bemerkte er gedehnt. »Nein, ich glaube eher, dass der Betreffende verheiratet ist und verhindern will, dass seine Frau dahinterkommt.«

»Oder wahrscheinlicher ist,«, entgegnete Wiesel. »Er ist vermutlich nicht scharf drauf, dass ihm sein hübscher kleiner Kopf weggepustet wird. Trotzdem, Dead, wäre es nicht einfacher, sie einfach nur verklagen zu lassen? Du bist reich als Krösus, nicht wahr? Du kannst es dir leisten, ihr ein paar tausend Pfund in den Schoß zu werfen, um den Ärger los zu sein. Und sie.«

Das Grinsen auf Bradens Gesieht war wie weggewischt. »Nein, das glaube ich nicht«, sagte er so höflich, als lehnte er eine Tasse Tee ab. »Ich werde Lady Jacquelyn Seldon nicht mehr überlassen, als unbedingt nötig ist. Nicht auf diese Art und Weise.«

Wiesel zog die Augenbrauen hoch. Kein Wunder, dachte Braden bei sich. Seine strikte Weigerung, Jacquelyn Seldon »einfach loszuwerden«, überraschte ihn selbst. Hier spielte mit Sicherheit sein Stolz mit. Sein Stolz, den er bislang nie für zerbrechlich genug gehalten hatte, um von einer Frau erschüttert zu werden.

Andererseits hatte er auch niemals zuvor sein Herz verschenkt.

Er war selber schuld. Die Tatsache, dass eine so schöne, gebildete und – er konnte es ruhig zugeben – hochgeborene Frau Interesse an ihm haben könnte, hatte ihn dermaßen überwältigt, dass er sich in sie verliebt hatte, zu geblendet von allem, was sie repräsentierte, um sie so zu sehen, wie sie war.

Er sollte es früh genug erfahren. Ihre Verlobung war kaum offiziell bekannt gegeben, als Jackie auch schon anfing, nachlässig zu werden, indem sie nicht dort war, wo sie vorgegeben hatte zu sein, oder mit absurden Verspätungen zum Rendezvous mit ihm kam und oft so aussah wie … nun ja, wie eine Frau, die sich gerade mit einem Mann im Bett vergnügt hatte. Und zwar nicht mit ihm. Zu diesem Zeitpunkt begann Braden allmählich zu erkennen, dass Jacquelyn bei all ihrer Schönheit und ihrem hohen Rang trotzdem nur eine Frau war und ebenso bereit, Dummheiten zu machen, wie ein Straßenmädchen in Seven Dials.

Dumm von ihm, es nicht erkannt zu haben, bevor die Verlobungsanzeige erschienen war.

Wiesel stieß einen Seufzer aus. »Es ist eine Schande, das sage ich dir. Was ist aus der Welt geworden, wenn ein Mann wie Braden Granville – der Lothario von London – seine eigene Verlobte nicht daran hindern kann, ihn zu betrügen? Es ist fast … wie nennt man es noch? Ach ja. Ausgleichende Gerechtigkeit.«

Braden bedachte seinen alten Freund mit einem trockenen Lächeln. »Dein scharfes Auge für die Ironien meines Lebens ist unbezahlbar, Wiesel. Trotzdem, statt herumzustehen und zu moralisieren, solltest du vielleicht lieber Ihre Ladyschaft hereinschicken. Wer weiß, was Snake und Higginbottom da draußen aufführen, um Eindruck auf sie zu machen.«

»Na gut, ich schicke sie rein«, gab Wiesel verdrießlich nach. »Aber eins kann ich dir gleich sagen, Braden: Es gefällt mir nicht. Ich habe dich noch nie so erlebt. Nicht wegen einer Frau. Sie ist es nicht wert, glaub mir. Sie mag einen Titel haben, aber sie ist nicht besser als ein Flittchen.«

»Vorsicht, Mr. Ambrose«, mahnte Braden leichthin. »Du sprichst über meine zukünftige Frau.«

Wiesel verdrehte die Augen. »Das glaube ich erst, wenn ich es sehe.«

»Nun mach schon, Wiesel«, drängte Braden, der sich müder denn je fühlte. »Schick sie rein. Und besorge mir eine Tasse Kaffee, ja? Mein Kopf fühlt sich heute Morgen an, als säße er in einem Schraubstock.«

Wiesel schnitt ein Gesicht. »Wie Eure Hoheit befehlen.« Dann verließ der Sekretär hocherhobenen Hauptes und mit einem leichten Lächeln um die Mundwinkel den Raum.

Als er draußen war, starrte Braden einen Moment lang aus dem Fenster links von seinem Schreibtisch. Der Blick auf die belebte, geschäftige Bond Street war so erfreulich, wie man ihn in London für Geld nur bekommen konnte, aber Braden nahm nichts davon wahr, nicht in diesem Moment. Stattdessen sah er, wie so oft, wenn ihm etwas auf der Seele lag, das Gesicht seiner Mutter vor sich, wie es vor der Krankheit ausgesehen hatte, jener Krankheit, die sie das Leben gekostet und ihre feinen Gesichtszüge zerstört hatte. Die wenigen Jahre vor ihrem Tod waren in Bradens Erinnerung die glücklichsten seines Lebens. Und als sie nicht mehr da war …

Oh, sein Vater hatte sich Mühe gegeben. Aber Mary Granville war für Sylvester Granville ebenso wie für seinen Sohn das Licht seines Lebens gewesen, und nach ihrem Tod war der früher so tatkräftige Sylvester zu einem Schatten seiner selbst verkümmert, halb verrückt und dafür bekannt, auf der Suche nach Teilen für eine seiner zahlreichen sinnlosen Erfindungen manchmal tagelang zu verschwinden und seinen Sohn der Fürsorge freundlicher, aber nicht sehr aufmerksamer Tanten zu überlassen. War es ein Wunder, dass er in eine reichlich anrüchige Clique geraten war?

Zum Glück hatte es einen Mann gegeben, der ihn davor bewahrt hatte, ein schlimmes Ende zu nehmen …

Es waren die Tage vor dem Tod seiner Mutter, an die Braden häufig dachte, wenn er auf der Karriereleiter wieder einmal aufstieg, so wie heute Morgen. Denn von dem Moment an, als er seine ersten hundert Pfund verdient hatte – und was für eine schwindelerregende Summe schien es damals gewesen zu sein! –, wusste er, dass es bedeutungslos war. Es war bedeutungslos, wie viel Geld er verdiente. Geld war unwichtig. Alles Geld der Welt hätte seine Mutter nicht retten können.

Und es würde sie auch nicht zurückbringen.

»Braden«, zwitscherte eine hohe, melodiöse Stimme. »Was starrst du denn an?«

Braden zuckte zusammen und war kaum überrascht, als er feststellte, dass er sich nicht vor dem Kamin des Zimmers befand, in dem er aufgewachsen war, sondern vielmehr in dem luxuriösen Büro, das er auf der Bond Street unterhielt, nicht weit von dem Stadthaus in Mayfair, in dem er lebte. Und die Frau, die ihn ansprach, war nicht seine Mutter, die vor zwanzig Jahren einen langen und schmerzvollen Tod erlitten hatte, sondern die sehr lebendige Lady Jacquelyn Seldon, deren schöne Gestalt und noch schöneres Gesicht zurzeit das Stadtgespräch von London waren.

»Ich bin eifersüchtig«, bemerkte Jacquelyn schelmisch und hielt eine behandschuhte Hand über den Schreibtisch, damit er einen Kuss darauf hauchen konnte. »Wer ist sie?«

Er starrte sie an. Sie trug an diesem Morgen ein neues Kostüm, eines, in dem er sie noch nie gesehen hatte und das vor allem aus Marabufedern zu bestehen schien. Er konnte ihr Gesicht durch all die hauchzarten Federchen, die es umrahmten, kaum erkennen. Doch was er sah, war atemberaubend schön.

»Sie?«, wiederholte er, während er automatisch ihre Hand an seine Lippen zog und sie dann wieder losließ.

»Ja, mein Dummerchen. Diejenige, an die du gerade gedacht hast. Erzähl mir nicht, dass es keine Frau war.« Jacquelyn setzte sich selbstsicher auf die Kante seines Schreibtischs, scheinbar ohne daran zu denken, dass sich dabei der Saum ihrer Krinoline gefährlich hob. Aber vielleicht wusste sie genau, was sie tat, und hoffte, ein Paar neue Spitzenhöschen aufblitzen zu lassen. In dieser Beziehung war sie sehr kokett.

»Es war eine Frau«, bekannte Braden langsam und setzte sich wieder hin. Er war aufgestanden, sowie er bemerkt hatte, dass sie im Zimmer war, ganz wie es sich für einen Gentleman gehörte. Obwohl er offengestanden nicht ganz überzeugt war, dass sie eine Dame war. Oh. Von Geburt sicher. Aber nicht von ihrem Wesen her – was früher einmal einen Teil ihres Charmes ausgemacht hatte: Die Tochter eines Herzogs, die nichts dagegen hatte, sich zeitweilig eher unschicklich zu benehmen … Was konnte ein Mann mehr von einer Frau erhoffen?

Einiges, stellte Braden fest, wenn diese Frau beschloss, sich mit anderen als nur ihrem Ehemann unschicklich zu benehmen.

Oder, wie in diesem Fall, ihrem zukünftigen Ehemann.

»Ich bin wirklich eifersüchtig«, erklärte Jacquelyn und verzog ihre Lippen zu einem bezaubernden Schmollmund. »Wer ist sie? Sag es mir, jetzt gleich! Du weißt, dass ich schrecklich besitzergreifend bin, Granville. Und noch dazu hast du einen sehr schlechten Ruf. Ich weiß, dass unzählige Frauen in dich verliebt waren. Nun, wen hast du der Liste deiner Eroberungen hinzugefügt?«

Braden schwieg. Er musste selten reden, wenn Jacquelyn anwesend war. Sie redete genug für sie beide.

»Mal sehen.« Sie klopfte mit einem Finger an ihr Kinn. »Mit wem habe ich dich gestern Abend sprechen sehen? Nun, mit Lady Ashforth natürlich, aber sie ist viel zu alt für dich. Ich weiß, dass sie von dir hingerissen ist, aber wohl kaum der Typ Frau, bei der ein Mann ins Schwärmen gerät. Lady Ashforth also nicht. Wer war noch da? Ach ja, die kleine Linford. Aber sie ist viel zu unscheinbar für jemanden, der so wählerisch ist wie du. Wer mag es sein, Granville? Ich gebe auf.«

»Du gibst zu schnell auf«, meinte er leichthin. »Aber ich verrate es dir trotzdem. Es war meine Mutter.«

»Oh.« Jacquelyn machte ein enttäuschtes Gesicht. »Darauf wäre ich nicht gekommen. Du sprichst nie über sie.«

»Nein«, gab Braden zu. »Tue ich nicht.« Nicht mit ihr. Nicht jetzt. Nicht an irgendeinem anderen Tag. »So, meine Dame. Erzähl mir lieber, was ich getan habe, um so früh am Tag die Ehre deines Besuchs zu verdienen. Da ich genügend Nächte mit dir verbracht habe, um es zu wissen, bin ich überzeugt, dass dich nur ein äußerst wichtiger Grund vor zwölf Uhr mittags aus dem Bett locken kann.«

Jacquelyn lächelte ihn von der Seite an. »So gut glauben Sie mich zu kennen, Mr. Granville? Es ist durchaus möglich, dass ich noch das eine oder andere Geheimnis habe.«

»Oh, das weiß ich«, entgegnete Braden. »Und wenn ich dich bei einem davon erwische, meine Liebe, werde ich meinen Anwalt zu einem überaus glücklichen Mann machen.«

Jacquelyns Lächeln erlosch. »W-wie bitte?«, stammelte sie, während sie unter ihrem Rouge – ein zarter Hauch, gerade so viel, wie sich eine Dame von Jacquelyns Rang erlauben konnte – sichtlich erblasste. »W-wovon redest du, mein Schatz?«

Braden tat es schon leid, so unüberlegt gesprochen zu haben. Er wusste selbst nicht, was seine scharfe Reaktion hervorgerufen haben mochte, abgesehen von der leichten Gereiztheit, die er bei Jacquelyns boshafter Bemerkung über Lady Caroline Linford empfand – einem Mädchen, dass er nur flüchtig kannte und an dem er nicht im Geringsten interessiert war – und befürchtete halb, er könnte seine Karten auf den Tisch gelegt haben. »Ich bitte um Entschuldigung, meine Liebe«, erklärte er schnell. Das Letzte, was er jetzt brauchen konnte, war, dass sie misstrauisch und infolgedessen vorsichtiger wurde, was die Stelldicheins mit ihrem Liebhaber anging. »Es war nur ein Scherz, aber wie mir jetzt klar ist, kein sehr geschmackvoller. Nun, welcher Umstand verschafft mir die Ehre dieses frühen Besuchs?«

Jacquelyn beäugte ihn unsicher, aber seine höfliche, nichtssagende Miene schien sie zu beruhigen, und die Farbe kehrte in ihr Gesicht zurück. Als sie sich wieder gefasst hatte, rief sie ekstatisch: »Ach, Granville, Liebling, eine ganz merkwürdige Sache, aber Virginia Cowley hat eine von diesen unangenehmen Frühlingserkältungen erwischt, und sie hätte doch heute einen Termin bei Mr. Worth. Nun, wie du weißt, konnte ich keinen bekommen, wegen … na ja, diese Sache mit Vaters Kreditwürdigkeit, als ich letztes Mal bei Mr. Worth war. Aber plötzlich sagte Virginia, ich könnte ihren Termin haben, und du weißt ja, Braden, wie sehr ich mir wünsche, genau wie die Ehefrau auszusehen, die ein so bedeutender Mann wie du verdient. Aber mein Trousseau ist im Moment kaum ausreichend für die Frau eines Abdeckers, geschweige denn für die Frau eines Mannes wie …«

Braden langte in seine Brusttasche. »Wie viel?«

»Oh.« Jacquelyn sah erst erfreut, dann sehr nachdenklich aus. »Nun, ich brauche einfach alles, Hüte, Capes, Handschuhe, Schuhe, Strümpfe, ganz zu schweigen von der Unterbekleidung … Ich denke, so viel wird reichen.« Sie hielt Daumen und Zeigefinger der rechten Hand ungefähr einen Zentimeter auseinander.

Braden reichte ihr ein Bündel Geldscheine, das in etwa dem angegebenen Maß entsprach. »Richte Mr. Worth meine Grüße aus.« Besser jetzt die Summe, dachte er, als später vor Gericht tausende von Pfund.

»Oh, danke, Liebling!« Jacquelyn stopfte das Geld hastig in ihr Täschchen und beugte sich über den Schreibtisch, die Lippen zu einem Kussmund gespitzt. Braden, der ihr einen flüchtigen Abschiedskuss geben wollte, hob den Kopf. Aber Jacquelyn schwebte offensichtlich etwas anderes vor. Sie packte seine Kragenaufschläge und zog ihn an sich, um ihre Zunge zwischen seine Lippen zu schieben und ihren ansehnlichen Busen heftig an ihn zu drücken.

Braden, der Lady Jacquelyns ungestüme Art früher durchaus zu schätzen gewusst hatte, fand mittlerweile sehr viel weniger Gefallen daran. Zum einen waren die Marabufedern, die ihn umwogten und ihn an der Nase kitzelten, ein Problem, zum anderen wusste er recht gut, dass er nicht der einzige Mann war, dem sie ihre Gunstbeweise schenkte.

Genau aus diesem Grund war es von äußerster Dringlichkeit, handfeste Beweise für ihre Untreue zu entdecken und sie unverzüglich Mr. Lightwood auszuhändigen, der sich dann um die Klage wegen Bruchs des Eheversprechens, die sie zweifellos einbringen würde, kümmern konnte.

»So«, murmelte er, nachdem sich Jacquelyn endlich wieder aufgerichtet hatte. »Das war sehr … nett.«

»Nett?« Jacquelyn hüpfte vom Schreibtisch und starrte ihn empört an. »Etwas Nettes war aber nicht beabsichtigt. Ganz im Gegenteil, um genau zu sein. Wirklich, Braden, ich finde, du hast dich verändert.«

»Verändert?« Braden musste unwillkürlich grinsen. »Ich habe mich verändert?«

»Ja, hast du. Weißt du eigentlich, dass es einen Monat … na ja, fast einen Monat her ist, seit wir zum letzten Mal … äh, die Nacht miteinander verbracht haben?«

»Ja, aber jetzt sind wir verlobt, Jacquelyn«, erwiderte er leichthin. »Das ändert einiges. Wir können nicht mehr tun, was wir wollen. Die Leute werden reden.«

»Früher war es dir egal, was die Leute denken.« Jacquelyn klang einigermaßen erbittert. »Falls ich mich recht entsinne, war dein Motto: ›Zum Teufel mit den Leuten‹.«

»Ja«, gab Braden vorsichtig zu. »Aber damals musste ich nur an meinen Ruf denken und nicht an den meiner zukünftigen Frau.«

Sie seufzte und verdrehte die Augen gen Himmel. »Na schön, falls du deine Meinung ändern solltest«, entgegnete sie, während sie in Richtung Tür rauschte, »weißt du, wo du mich findest.«

Und damit ging sie. Was von ihrer Anwesenheit blieb, waren eine Wolke ihres nach Rosen duftenden Parfüms und einige Marabufedern, die wie Herbstblätter auf seinen Schreibtisch gefallen waren.

Kaum jedoch hatte Braden Granvilles Verlobte den Raum verlassen, als sein Vater hereinmarschiert kam, dicht gefolgt von einem sehr irritierten Wiesel Ambrose.

»Braden, mein Junge!«, rief Sylvester, einen Arm zur Begrüßung weit ausgestreckt, unter dem anderen ein vertrautes, in Leder gebundenes Buch. »Meinen Glückwunsch!«

»Glückwunsch?« Braden sah zu Wiesel, der nur den Kopf schüttelte. Einer eisernen Regel zufolge hatte der ältere Granville jederzeit Zugang zum Büro seines Sohns … obwohl im Allgemeinen der Versuch gemacht wurde, ihn vorher anzumelden.

Heute jedoch war Sylvester Granville unverkennbar zu aufgeregt, um sich mit derartigen Formalitäten aufzuhalten. »Willst du etwa andeuten, du hättest noch nicht davon gehört?« Sylvester setzte sich in einen der Ledersessel vor dem Schreibtisch seines Sohnes. »Ich habe gerade Lady Jacquelyn gesehen. Ich hoffe, es macht dir nichts aus, dass ich ihr die frohe Botschaft mitgeteilt habe.«

Braden sank in seinen Sessel zurück, aus dem er sich erhoben hatte, um seiner Braut höflich Lebewohl zu sagen. Er war müde, und sein Kopf tat immer noch weh. Wo blieb nur der Kaffee, den Wiesel ihm bringen wollte?

»Welche Botschaft?«, fragte er mit mäßigem Interesse.

»Na, die Neuigkeit, die ich heute Morgen gehört habe. Die ganze Stadt spricht davon. Wegen des Zeitungsartikels über diese neue Pistole von dir.«

»Was ist damit?«, hakte Braden nach.

»Oh.« Mit dem Konto seines Sohnes war auch Sylvester Granvilles Leibesmitte gewachsen, und jetzt rutschte er ein bisschen in seinem Sessel hin und her. Er war keineswegs dick. Aber er war ein Mann, der einen Großteil seines Lebens zumindest ein bisschen hungrig zu Bett gegangen war, und das Gewicht, das er in den letzten Jahren zugelegt hatte, schien sogar ihn gelegentlich zu überraschen.

»Du weißt es also nicht? Nun, es heißt, es wäre sicher, dass man dir bis Ende des Jahres einen Titel anbieten würde. Die Baronetswürde wahrscheinlich.« Sylvester schüttelte gedankenverloren den Kopf. »Man stelle sich nur vor, mein Sohn ein Baronet. Und verheiratet mit der Tochter eines Herzogs! In den Adern meiner Enkelkinder wird blaues Blut fließen, und sie werden einen Titel vor ihrem Namen tragen. Mehr kann sich ein Mann für seinen einzigen Sohn nicht wünschen.«

Braden starrte seinen Vater an. Der alte Mann war natürlich seit dem Tod von Bradens Mutter geistig verwirrt, aber dies hatte sich bisher eher in verrückten Einfällen gezeigt, der Überzeugung zum Beispiel, dass er ein Gefährt erfunden hatte, mit dem man fliegen konnte, oder einen Trank, der unsichtbar machte. Sylvester Granvilles jüngste Fixierung auf den Adel – wie das Adelsregister unterstrich, das er in den Händen hielt – hatte vergleichsweise harmlos gewirkt. Jetzt fragte sich Braden, ob er sich darüber mehr Gedanken hätte machen sollen.

»Eine Baronetswürde?«, echote Braden. »Das glaube ich kaum.«

»Aber ja, ganz bestimmt«, versicherte sein Vater. »Offenbar kam der Vorschlag vom Prinzen von Wales. Das heißt, soweit ich weiß, fing alles mit dieser Hinterlader-Sache an. Und jetzt die neue Waffe – die Granville – also, alle reden darüber. Wirklich, ich habe gehört, dass der junge Duke von Rawlings damit erst letzte Woche in Oxford auf jemanden geschossen hat. So, mal sehen.« Er schlug das ledergebundene Buch auf seinem Schoß auf und blätterte zu seiner Lieblingsseite weiter, auf der die Geburten und Todesfälle der Seldons, Lady Jacquelyns Familie, eingetragen waren und wo später einmal der Name seines Sohns erscheinen würde – falls Braden Lady Jacquelyn heiratete. »Ich hoffe, du bekommst den Titel noch vor der Hochzeit. Dann würde hier stehen: Jacquelyn, einzige Tochter des vierzehnten Herzogs von Childes, Heirat mit Braden Granville, Baronet, am neunundzwanzigsten Juni achtzehnhundertsiebzig …«

Mit einem Gefühl, das an Grauen grenzte, wurde Braden klar, dass hier nicht von Wahnsinn die Rede sein konnte. Ganz und gar nicht. Sein Vater sagte nichts als die Wahrheit.

Wiesel, der immer noch in der Tür stand, fragte äußerst höflich: »Wünschen Sie immer noch den Kaffee, den ich Ihnen bringen sollte, Sir?«

»Ja«, antwortete Braden gepresst. »Und gib einen Schuss Whisky hinein, ja, Kumpel?«

Kapitel 4

Die Gräfinwitwe Lady Bartlett blickte von ihrem Frühstückstablett auf und fragte: »Wie kommt es, dass kein Dienstbote in unserem Haushalt imstande ist, eine simple Anweisung zu befolgen? Ich habe ein Drei-Minuten-Ei verlangt, und was bringt man mir?« Sie nahm das braune Ei aus dem silbernen Becher und klopfte damit demonstrativ an das Tablett auf ihrem Schoß. »Hör dir das an«, sagte sie. »Völlig hart gekocht. Meinst du nicht, dass ich, wenn ich ein hart gekochtes Ei gewollt hätte, darum gebeten hätte?«

Caroline zögerte. Da sich ihre Mutter in der letzten Nacht nicht wohl gefühlt hatte, hatte Caroline bis zum Morgen gewartet, um ihr die traurige Nachricht zu übermitteln. Aber wie es aussah, war auch dieser Zeitpunkt nicht sehr glücklich gewählt. Gab es überhaupt einen guten Zeitpunkt, um seiner Mutter mitzuteilen, dass fünfhundert Hochzeitseinladungen zurückgenommen werden mussten? Wahrscheinlich nicht. Daher holte Caroline tief Luft und erklärte: »Mutter, es ist etwas Schreckliches passiert.«

»Schrecklicher«, erwiderte Lady Bartlett, »als mein ruiniertes Frühstück? Das kann ich mir nicht vorstellen.«

Obwohl sie sich an das Kopfende des massiven Bettes lehnte, das sie mit ihrem Ehemann geteilt hatte, bis er einem Schlaganfall erlegen war, wirkte Lady Bartlett um nichts weniger Ehrfurcht gebietend als sonst. Sie war immer eine schöne Frau gewesen und noch heute, in ihren Vierzigern, sehr gefragt, und zwar nicht nur aus rein finanziellen Erwägungen. Das Vermögen, das ihr geliebter Mann ihr und ihren Kindern hinterlassen hatte, war beträchtlich, doch es gab etliche Gentlemen, die Lady Bartletts durchsichtige helle Haut und ihre ausdrucksvollen blauen Augen – die trotz einiger winziger Falten in den Winkeln von vielen immer noch für die schönsten in England gehalten wurden – noch anziehender fanden als ihr Erbe.

Lady Bartlett jedoch wollte von diesen Herren nichts wissen. Sie behauptete, der Grund dafür sei, dass sie den Tod des Earls vor zwei Jahren immer noch nicht überwunden habe, aber Caroline hatte den Verdacht, dass ihrer Mutter die Rolle der reichen Witwe ganz gut gefiel.

»Nun denn«, meinte Lady Bartlett und richtete die schönen Augen auf ihre Tochter, die leider weder die weiße Haut ihrer Mutter – Caroline hatte die unglückliche Neigung, braun zu werden – noch ihre schönen Augen geerbt hatte – Carolines Augen waren von einer völlig uninteressanten Braunschattierung, ohne den leisesten Mahagonischimmer oder goldene Sprenkel. »Worum geht es?«

Caroline stand da und drehte den Ring an ihrem linken Mittelfinger hin und her. Es war der Ring, den Hurst ihr gegeben hatte, der Ring seiner Großmutter. Er war sehr schön, aus schwerem Gold mit einem großen blauen Saphir in der Mitte, einem Saphir, der genauso blau war wie Hursts Augen. Caroline wusste, dass sie ihn jetzt zurückgeben musste, und war über diese Aussicht nicht so betrübt, wie sie vielleicht hätte sein sollen. Der Ring war sehr alt und sehr wertvoll, und sie hatte immer Angst gehabt, sie könnte ihn verlieren, wie es ihr so oft mit ihren Sachen passierte.

»Um Lord Winchilsea«, antwortete Caroline, wobei sie dem durchdringenden Blick ihrer Mutter auswich. »Ich fürchte … ich fürchte, er ist mir nicht treu gewesen.«

Carolines Blick flog zu dem Flakon mit Riechsalz, der auf dem Nachttisch ihrer Mutter stand. Sie war darauf vorbereitet, sofort loszustürzen und den Korken herauszuziehen, sobald ihre Mutter in Ohnmacht fiel. Aber Lady Bartlett wurde nicht ohnmächtig. Stattdessen bestrich sie eine Scheibe Toast mit Butter, und zwar angesichts der Umstände bemerkenswert gelassen, wie Caroline fand.

»Du meine Güte«, murmelte Lady Bartlett, nachdem sie ein großes Stück abgebissen hatte. »Nun, das ist sehr bedauerlich. Wie hast du es herausgefunden?«

Caroline war sich nicht sicher, ob sie richtig gehört hatte. »Bedauerlich?«, wiederholte sie, wobei sich ihre Stimme leicht hob. »Bedauerlich, sagst du, Ma?«

»Du brauchst nicht zu schreien, Caroline. Und ich habe dich und deinen Bruder gebeten, mich nicht Ma zu nennen. Du weißt, wie vulgär es klingt. Es war schön und gut, als wir noch in Cheapside lebten, aber jetzt …« Sie erschauerte leicht. »Und ja, ich halte es für bedauerlich. Ich hätte dem Marquis mehr Verstand zugetraut, als sich bei so etwas erwischen zu lassen.« Sie verteilte einen Klecks Marmelade auf ihrem Toast. »Doch auch dir hätte ich mehr Verstand zugetraut, Caroline, als dich über eine solche Lappalie aufzuregen.«

»Lappalie?«, platzte Caroline heraus. »Lappalie? Mutter, ich habe ihn auf frischer Tat ertappt! Ich habe meinen Verlobten mit … mit dieser anderen Frau erwischt! Und ich will zwar nicht unfein sein, aber ich muss schon sagen, die beiden waren in einer … einer kompromittierenden Situation.« Carolines Mutter war eine überaus penible Person, die keine Unfeinheiten duldete und dazu neigte, den menschlichen Körper für die unfeinste Sache von allen zu halten. Aus diesem Grund zog sie es vor, seine diversen Funktionen so wenig wie möglich zu erwähnen, und vermied vor allem jedwede Anspielungen auf Dinge, die im Schlafzimmer stattfanden. Caroline, die diese Eigenschaft respektierte, verzichtete darauf, näher zu beschreiben, was sie genau gesehen hatte. Es reichte aus, vielsagend zu wiederholen: »Kompromittierend, Mutter.«

»Du liebe Güte.« Lady Bartlett sank in ihre Kissen zurück. »Meine arme Caroline. Meine arme, liebe Caroline.« Dann schien sie sich einen Ruck zu geben und fuhr fort: »Caroline, mein Liebes, ich weiß, dass du sehr gekränkt sein musst. Aber du nimmst es wirklich zu tragisch. Du kannst unmöglich geglaubt haben, ein Mann wie der Marquis hätte keine Mätresse.«

»Eine Mätresse?«, wiederholte Caroline. Die Tränen, die so lange ausgeblieben waren, schienen jetzt alle auf einmal zum Vorschein zu kommen, und zwar in solchen Mengen, als wollten sie die verlorene Zeit wieder gutmachen. Sie nahmen Caroline die Sicht und gaben ihr das unangenehme Gefühl zu zerfließen. »Eine Mätresse? Nein, daran hätte ich nie gedacht. Warum sollte ich? Und warum sollte er so etwas tun? Wozu braucht er eine Mätresse, wenn er doch mich hat?«

Bei dem Wort mich brach Caroline völlig zusammen. Sie warf sich auf das Bett ihrer Mutter und brachte den Kaffee auf Lady Bartletts Frühstückstablett gefährlich zum Überschwappen. Lady Bartlett nahm die Tasse, damit nicht noch mehr verschüttet wurde, während die Schluchzer ihrer Tochter das Bett erbeben ließen.

»Aber, aber, mein Liebes«, flüsterte Lady Bartlett und strich liebevoll über Carolines zerzaustes Haar. »Nimm es dir nicht so zu Herzen. Ich weiß, es muss ein Schock für dich sein, und daran gebe ich mir die Schuld. Ich hatte einfach angenommen, du wüsstest Bescheid. Ich hatte keine Ahnung, dass du so ein Unschuldsengel bist, Caroline. Aber weißt du, Liebling, so etwas machen Männer wie der Marquis nun mal. All die Adligen tun es. Sich nebenbei Mätressen halten, meine ich.«

»Papa nicht«, protestierte Caroline hitzig in die Bettdecke.

»Nein, natürlich nicht, Caroline. Er hat mich geliebt.«

Lady Bartlett sprach das letzte Wort so indigniert aus, als müsste Caroline beschränkt sein, wenn ihr das nicht längst bekannt war. Aber natürlich wusste sie es sehr gut. Ihr Vater hatte seine kleine Familie vergöttert, vor allem aber seine Frau, von der er immer wieder erzählt hatte, dass sie scharenweise Verehrer gehabt hätte. Warum sie gerade ihn genommen habe, sei ihm ein Rätsel, hatte er gemeint, während Caroline ziemlich sicher war, dass die Augen ihrer Mutter nicht nur sehr schön, sondern auch sehr weitblickend waren. Sie hatte genau gewusst, dass der junge Hiram Linford zu Höherem bestimmt war. Und er hatte sie nicht enttäuscht, abgesehen davon vielleicht, dass er nicht lange genug gelebt hatte, um seine Enkelkinder zu sehen … falls Tommy oder sie selbst jemals Kinder in die Welt setzen würden, was Caroline mittlerweile zu bezweifeln begann.

»Mätressen waren in Cheapside nicht üblich«, erklärte Lady Bartlett. »Dein Vater war anders, Caroline. Er kam erst relativ spät im Leben zu seinem Titel. Er wurde nicht in den Adel hineingeboren wie dein Marquis. Und adlig auf die Welt zu kommen, ist etwas ganz anderes, weißt du?«

»Er ist nicht ›mein‹ Marquis«, sagte Caroline noch hitziger, hob den Kopf aber immer noch nicht. »Nicht mehr.«

»Sei nicht albern«, schimpfte Lady Bartlett, »Lord Winchilsea gehört immer noch dir, Caroline.«

»Nein«, widersprach Caroline. »Ich will ihn nicht. Und du weißt, dass er mich nur wegen meines Geldes will, Mutter.«

»Caroline, wie kannst du nur so etwas behaupten? Nach allem, was er für deinen Bruder getan hat …«

Caroline hob ihr tränenverschmiertes Gesicht. »Ich weiß, was er für Tommy getan hat, Mutter. Wie könnte ich es vergessen? Ich denke jedes Mal daran, wenn Tommy ins Zimmer kommt. Ohne Hurst … ohne Hurst …«

»Wäre dein Bruder jetzt tot«, beendete Lady Bartlett den Satz für ihre Tochter. »Und du bist so undankbar, zu sagen, dass du ihn nicht heiraten willst, bloß weil er eine kleine Dummheit begangen hat …«

»Nicht undankbar«, erklärte Caroline und wischte sich die Augen mit dem Ärmel ihres Kleides ab. »Ich bin sehr dankbar für alles, was er für uns getan hat, Mutter. Ich verstehe nur nicht … ich verstehe nicht, warum …«

»Außerdem«, fuhr Lady Bartlett fort, als hätte Caroline nichts gesagt, »selbst wenn wir ihm Tommys Leben nicht verdankten, wäre es viel zu spät, um ihn jetzt noch fallen zu lassen. Die Einladungen sind bereits verschickt.«

Caroline schniefte. »Ich dachte … ich dachte, wir könnten eine Anzeige in die Zeitung setzen und die Hochzeit absagen.«

Lady Bartlett stellte ihre Kaffeetasse wieder ab, so unsanft, dass noch etwas Kaffee auf ihr Frühstückstablett schwappte. »Eine Anzeige in die Zeitung setzen?«, echote sie. »Hast du den Verstand verloren, Caroline? Ist dir nicht in den Sinn gekommen, dass der Marquis, wenn wir so etwas täten, völlig rechtmäßig Klage gegen uns erheben könnte? Und hast du auch nur die leiseste Ahnung, wie viel Gerede es auslösen würde? Mein Gott, die Leute würden uns für die undankbarsten Geschöpfe auf Gottes Erdboden halten!«

»Klage erheben?« Caroline schüttelte den Kopf. »Aber weswegen? Er war es doch, der seine Zunge im Mund von jemand anders gehabt hat, nicht ich.«

Als Lady Bartlett das hörte, erschauerte sie vor Widerwillen, machte aber tapfer weiter, wie ein Soldat, der sich auf dem Schlachtfeld einen Weg durch seine gefallenen Kameraden bahnt. »Bist du bereit, das vor Gericht auszusagen, junge Dame? Bist du bereit, dich mit dieser Aussage öffentlich zu demütigen? Kannst du dir vorstellen, meine Liebe, dass ein Mädchen, das so schlecht beraten wäre, so etwas zuzugeben, jemals wieder einen Heiratsantrag von einem respektablen Mann bekäme?«

Caroline fühlte eine frische Woge von Tränen in ihren Augen brennen. »A-aber …«

»Ganz sicher nicht. Abgesehen davon, dass man dich für das undankbarste, herzloseste Mädchen der Welt halten würde, wenn du den Mann, der deinem Bruder das Leben gerettet hat, kurz vor dem Altar sitzen lässt, würde man dich in ganz London auslachen. Wir würden nie wieder jemanden finden, der auch nur annähernd für dich infrage kommt. Du müsstest als alte Jungfer sterben.«

Das schien Caroline kein allzu grausames Schicksal zu sein, verglichen mit der Alternative, einen Mann zu heiraten, der erwiesenermaßen kein bisschen in sie verliebt war. »Das würde mir nichts ausmachen«, meinte sie. »Ich kenne einige alte – nun ja, unverheiratete Frauen. Und viele von ihnen scheinen ein erfülltes Leben zu führen, indem sie gute Werke für die Armen tun und sich dafür einsetzen, dass es keine Armenhäuser mehr gibt und …«

Lady Bartlett war schockiert. »Was in Gottes Namen«, wollte sie wissen, »hast du mit solchen Frauen zu schaffen? Oh Gott, das ist Emmys Werk, nicht wahr?«

Caroline schob das Kinn vor. »Es hat nichts mit Emmy zu tun. Du weißt genau, dass ich an ein paar Vormittagen Vorlesungen besuche …«

»Meine Tochter«, entgegnete Lady Bartlett und fixierte Caroline mit einem ausgesprochen strengen Blick, »wird nicht als alte Jungfer enden. Lieber Himmel! Dein Vater würde sich schon bei der Vorstellung im Grabe umdrehen. Wie haben wir, bevor er zu Geld kam, geknausert und gespart, um dich auf dieses Pensionat für höhere Töchter zu schicken! Allein deine Tanzschuhe haben ein kleines Vermögen gekostet. Wenn du glaubst, ich würde zulassen, dass all das umsonst war …« Lady Bartletts Stimme versiegte in einem unheilvollen Schweigen.

Caroline machte ein finsteres Gesicht. Sie hatte schließlich nicht darum gebeten, in die teure und sehr exklusive Schule geschickt zu werden, die ihre Eltern für sie ausgesucht hatten, und sie hatte die Zeit dort nicht im Mindesten genossen. Die anderen Mädchen – unter anderem auch Lady Jacqueline Seldon, die ein paar Klassen über Caroline gewesen war – hatten den »Emporkömmling aus Cheapside«, wie sie Caroline genannt hatten, nicht sehr freundlich aufgenommen … alle, bis auf Emmy, in der Caroline eine mitfühlende Freundin gefunden hatte.

Dennoch musste sie zugehen, dass ihre Schulbildung manchmal von Nutzen war. Sie konnte jetzt in fünf verschiedenen Sprachen sagen: »Hören Sie bitte auf, Ihr Pferd zu schlagen.«

»Tatsache ist, Caroline«, fuhr Lady Bartlett fort, ohne die finstere Miene ihrer Tochter zu beachten, »dass du wie üblich viel Lärm um nichts machst. Du solltest lieber froh sein.«

Caroline erstickte fast an dem Wort. »Froh?«

»Allerdings. Die Tatsache, dass Lord Winchilsea eine Mätresse hat, bedeutet, dass er dich nicht bitten wird, gewisse … äh, unerfreuliche Dinge zu tun.«

Caroline musterte ihre Mutter aus schmalen Augen und fragte sich, was sie meinte, wusste aber, dass es sinnlos war, zu fragen. Lady Bartlett würde lediglich ins Stammeln geraten und erröten, wie immer, wenn Caroline Fragen zum körperlichen Aspekt einer Ehe stellte. War es unerfreulich, wenn ein Mann einem seine Zunge in den Mund steckte? Lady Jacquelyn hatte jedenfalls nicht so ausgesehen, als wäre es ihr unangenehm. War es unerfreulich, rittlings auf einem Mann zu sitzen und ihn zu reiten, als wäre er ein Pony? Lady Jacquelyn schien es sehr genossen zu haben.

War es das, wofür Caroline dankbar sein sollte, wenn Lord Winchilsea es nicht mit ihr machte?

»So«, erklärte ihre Mutter brüsk. »Reiß dich zusammen, Caroline. Die McMartins haben mir geschrieben, dass sie leider nicht kommen können, was bedeutet, dass wir jemanden von Liste B nehmen müssen. Wer ist dir lieber, die Allingtons oder die Sneads? Die Allingtons würden dir wahrscheinlich das schönere Geschenk machen, aber die Sneads haben einen Landsitz nicht weit von dort entfernt, wo sich der Prinz von Wales häufig aufhält …«

Caroline, die ihren Ohren nicht traute, starrte ihre Mutter fassungslos an. »Ma«, sagte sie. »Ich kann unmöglich einen Mann heiraten, der mich nur des Geldes wegen nimmt. Du weißt, dass ich das nicht kann.«

Lady Bartlett kniff die schönen Augen zusammen. »Caroline Victoria Linford«, entgegnete sie nicht ohne Entrüstung. »Wie in aller Welt kommst du auf die Idee, der Marquis würde dich nur des Geldes wegen heiraten?«

»Was weiß ich?«, rief Caroline erzürnt. »Vielleicht, weil ich ihn gestern Abend mit den Beinen einer anderen Frau um seine Hüften gesehen habe.«

Lady Bartlett erbleichte, und Caroline wusste sofort, dass sie zu weit gegangen war. »Caroline Linford!«, schimpfte ihre Mutter.

»Na ja«, murmelte Caroline. »Es stimmt doch!«

Lady Bartlett, die ihre Fassung allmählich wiederfand, machte sich an den Trägern ihres Negligés zu schaffen. »Angesichts der Romane, die ich in deinem Zimmer gefunden habe, Caroline, hätte ich gedacht, dass gerade du eine solche Szene kaum schockierend finden würdest.«

»Darum geht es nicht, Mutter. Hurst will mich nur wegen meines Geldes heiraten«, beharrte Caroline zähneknirschend. »Das weißt du genauso gut wie ich.«

»Wenn das wahr ist«, erwiderte Lady Bartlett, »kann ich nur sagen, dass es deine Schuld ist, Caroline.«

»Meine Schuld?« Carolines Stimme brach. »Wie in aller Welt kann es meine Schuld sein?«

»Wenn er dich nicht liebt, dann nur, weil du nicht genug dafür getan hast. Männer verlieben sich nicht einfach, Caroline. Sie brauchen einen kleinen Schubs. Und mir ist nicht aufgefallen, dass du irgendetwas in dieser Richtung getan hast, was den Marquis angeht.«

»Mutter …«

»Bist du verliebt in ihn?«

Caroline starrte ihre Mutter mit offenem Mund an. »Was?«

»Es ist eine einfache Frage, Caroline. Bist du in den Marquis verliebt?«

Caroline machte den Mund zu und schluckte. »Ich habe geglaubt, ich wäre es«, antwortete sie. »Bis gestern Abend. Ich meine, wie hätte ich es nicht sein können? Er ist …« Carolines Kehle schnürte sich zusammen, und sie brachte kein Wort mehr heraus.

»Er ist außerordentlich charmant«, sagte Lady Bartlett wissend. »Und nicht nur charmant, sondern gut aussehend und unglaublich mutig. Wie er diese Strolche vertrieben hat, die deinen Bruder in jener Nacht überfielen …«

»Und die Blutung von Tommys Wunde gestillt hat«, murmelte Caroline. Sie hatte die Geschichte schon so oft gehört, dass sie sie auswendig kannte. »Mit seinem Taschentuch. Er hat ihn davor bewahrt zu verbluten, bevor der Arzt eintraf. Und er war ständig bei uns, bis Tommy auf dem Weg der Besserung war …«

»Na bitte«, meinte Lady Bartlett voller Wärme. »Der Mann hat deinem Bruder das Leben gerettet. Natürlich bist du in ihn verliebt. Wie könnte es anders sein?« Sie tätschelte Carolines Hand. »Ich könnte ihm selbst nicht widerstehen, wenn ich in deinem Alter wäre. Ich fürchte also, du musst den Tatsachen ins Auge sehen, Caroline. Du wirst um ihn kämpfen müssen.«

»Um ihn kämpfen? Und wie genau stellst du dir das vor, Mutter? Soll ich seine Mätresse zum Duell fordern?«

Lady Bartlett runzelte die Stirn. »Denk daran, was ich dir über Sarkasmus erklärt habe. Nichts ist unschöner an einer jungen Dame. Nein, wenn ich sage, du sollst um ihn kämpfen, meine ich natürlich, mit den Waffen, die Gott dir gegeben hat. Deinen Verstand, der trotz des Schunds, mit dem du ihn fütterst, ausgezeichnet ist. Und dein Körper, der, wenn ich so sagen darf, das Abbild meines eigenen ist, als ich in deinem Alter war, und den ich zu meinem Vorteil einsetzen konnte, um mir deinen Vater zu sichern, möge er in Frieden ruhen. Ich gebe dir jetzt einige wichtige Ratschläge, Caroline. Du solltest sie aufschreiben. Willst du dir nicht schnell ein Blatt Papier holen?«

Caroline erwiderte das Stirnrunzeln ihrer Mutter. »Nein. Du meinst, ich sollte mich ihm an den Hals werfen?«

»Lieber Himmel!« Lady Bartlett verdrehte die Augen. »Nein, Caroline. Ich meine, du solltest deine weiblichen Reize einsetzen. Du weißt schon, wie.«

»Ich …«

»Du weißt es. Jede Frau weiß es.« Lady Bartlett warf einen Blick auf ihr Frühstück und seufzte. »Ich weiß, dass er ein schöner Mann ist, Caroline, und ich weiß, dass er ein Marquis ist. Aber du musst dir stets vor Augen halten, dass du genauso hübsch bist, wie er gut aussieht. Nun ja, fast. Und dein Vater war ein Earl.«

»Ma«, entgegnete Caroline ungeduldig, »Papa ist nur zum Earl ernannt worden, weil die Königin dankbar war, dass er neue Wasserleitungen im Palast installiert hat.«

»Revolutionäre neue Wasserleitungen«, erinnerte Lady Bartlett ihre Tochter. »Das ermöglicht es der Königin, warmes Wasser zu haben, wann immer es ihr beliebt, nur durch das Aufdrehen eines Hahns, was in einem Gebäude, das so alt ist, wie der Palast, keine geringe Leistung darstellt. Es gibt keinen Grund, abfällig darüber zu sprechen, Caroline. Dein Vater war ein Genie bei Installationen.«

Caroline starrte an die Decke. »Ich weiß, dass Papa ein Genie war, Ma. Aber es besteht ein kleiner Unterschied zwischen Papas und Hursts Titel. Das musst du zugeben.«

Lady Bartlett zuckte die Schultern. »Apfel und Orangen, Caroline. Apfel und Orangen. Nun geh schon. Ich muss mich anziehen. Ach ja, Caroline?«

Caroline, die sich widerwillig vom Bett gehievt hatte und zur Tür gegangen war, drehte sich zu ihrer hübschen Mutter um, die in dem massiven Bett sehr klein, verloren und scheinbar zerbrechlich wirkte. »Ja?«

»Vergiss nicht, dass das Leben kein Zuckerschlecken ist.« Lady Bartlett lächelte sie sonnig an. »In Wirklichkeit ist ein glückliches Ende wie bei deinem Vater und mir im Grunde recht selten.«

Caroline nickte, aber im Stillen dachte sie erbost: Das werden wir ja sehen!

Kapitel 5

Lady Jacquelyn Seldon ging leidenschaftlich gern einkaufen und plante ihre Einkäufe mit einer Zielstrebigkeit und Präzision – lange im Voraus wurden Marschrouten und Taktiken geplant um die sie ein Militärstratege beneidet hätte. Wenn Lady Jacquelyn Seldon einkaufen ging, schien alles andere nicht mehr zu existieren – mit Ausnahme von Lady Jacquelyn, dem Produkt, das sie suchte, und der Geldsumme, die sich in ihrer Börse befand.

Aus diesem Grund bemerkte sie erst, als sie die Umkleidekabine eines eleganten Geschäfts auf der Bond Street betrat, dass anscheinend jemand denselben Weg genommen hatte wie sie. Zu ihrem Erstaunen sagte die Verkäuferin mit einem Augenzwinkern »Bitte sehr, Mylady«, als sie die Tür der Umkleidekabine öffnete, und als Lady Jacquelyn eintrat, musste sie feststellen, dass der Raum nicht leer war.

Auf der brokatbezogenen Bank gegenüber dem mannshohen Spiegel saß ein Mann, das Gesicht in den Falten eines Umhangs verborgen, der für die Jahreszeit viel zu schwer war.

Lady Jacquelyn holte tief Luft, um einen Schrei auszustoßen, aber bevor sie einen Laut über die Lippen bringen konnte, schlug der Mann den Umhang zurück, sprang auf und presste eine Hand auf ihren Mund.

»Verdammt, Jackie!«, zischte der Marquis von Winchilsea. »Da draußen muss ein halbes Dutzend verknöcherter alter Schachteln sitzen. Willst du etwa, dass sie uns hören?«

Jacquelyn wisperte schwer atmend, als er seine Hand sinken ließ: »Um Himmels willen, Hurst, was ist los mit dir? Bist du verrückt geworden?«

»Tut mir leid, Jackie«, raunte Hurst ihr zu und ließ sich wieder auf die Bank sinken. »Ich hatte keine andere Wahl. Ich glaube … ich glaube, ich werde beobachtet.«

»Beobachtet? Von wem?«, wollte Jacquelyn wissen, während sie sich neben ihn auf die Bank setzte und an den Bändern ihres Huts zerrte. »Bitte, Liebling, hilf mir doch mal, ja. Sie sind ganz verheddert.«

Hurst gehorchte, indem er beinahe geistesabwesend an dem Knoten der seidenen Bänder zupfte. »Wenn ich wüsste, wer es ist, würde ich etwas unternehmen, oder? Und es tut mir leid, dass ich dich so überfallen habe, Jacks, aber ich konnte nicht warten. Ich musste dich einfach sehen.«

Jacquelyn, die das Kinn reckte, damit Hurst besser an den Knoten herankam, konnte ein Lächeln nicht unterdrücken. Es war wirklich hinreißend, dass er anscheinend gar nicht genug von ihr bekommen konnte. Sie hatte angenommen, ihr kleines Zwischenspiel bei Lady Ashforth am Abend zuvor würde ihn für eine Weile zufrieden stellen, aber dem war offensichtlich nicht so. Weit gefehlt, überlegte sie, wobei ihr Lächeln ein wenig verblasste, als sie an Braden Granville dachte, der sich in letzter Zeit nicht einmal daran zu erinnern schien, dass sie existierte.

»Liebling«, sagte er, als er den Knoten endlich gelöst hatte. Jacquelyn nahm den Hut vom Kopf und wandte sich zum Spiegel um, um zu sehen, ob ihre Frisur Schaden genommen hatte.

»Ja?«, fragte sie zerstreut, während sie registrierte, wie gut sie ihrer äußeren Erscheinung nach zueinander passten. Ein Jammer, dass Hurst nicht Granvilles Geld hatte. Sie beide hätten ein umwerfendes Paar abgegeben.

»Weiß er etwas?«, erkundigte er sich besorgt.

Sie blinzelte, und der dichte Saum ihrer Wimpern verbarg einen Moment lang ihren Blick. »Wer soll etwas wissen, Hurst?«

»Granville«, zischte er. »Granville! Wer sonst?«

Jacquelyns perfekt gezupfte Augenbrauen senkten sich. Sie würde ihm nichts sagen. Was für einen Sinn hätte das schon? Die Bemerkung, die Granville über seinen Anwalt gemacht hatte … es war ein Scherz gewesen. Natürlich war es ein Scherz gewesen. Nicht sehr geschmackvoll, wohlgemerkt, aber was konnte man schon von einem Mann erwarten, der in so armseligen Verhältnissen groß geworden war?

»Wovon redest du?«, fragte sie ihren Liebhaber leichthin. »Natürlich weiß er nichts.«

»Bist du sicher?« Hurst wirkte nicht überzeugt. »Gestern Abend nämlich … Ich hätte schwören können, dass er uns auf die Schliche gekommen war.«

»Ja«, stimmte Jacquelyn zu, »das war knapp, nicht? Wir müssen in Zukunft vorsichtiger sein. Aber es hat sich gelohnt, oder?«

»Sicher«, antwortete Hurst, doch sein Ton war gehetzt. »Hat er nachher etwas zu dir gesagt? Irgendetwas, das darauf hindeutet, dass er es wissen könnte?«

»Sei nicht albern, Liebling«, meinte Jacquelyn unbekümmert. »Granville hat keinen Schimmer. Ich komme gerade von seinem Büro. Er ist genauso ahnungslos wie eh und je. Schau mal, das hat er mir gegeben.« Sie griff in ihr Täschchen und zog das dicke Bündel Geldscheine heraus, das sie ihrem Verlobten abgeschmeichelt hatte. »Denkst du, davon würde er sich trennen, wenn er über uns Bescheid wüsste? Glaub mir, er hat keine Ahnung.« Sie sagte es auch, um sich selbst zu überzeugen.

»Nicht?« Auf Hursts unglaublich anziehendem Gesicht lag ein Ausdruck, der Jacquelyn nicht gefiel. Er gefiel ihr ganz und gar nicht. »Bist du sicher? Ich habe nämlich den Eindruck, dass mir jemand folgt.«

»Dir folgt? Also wirklich, Hurst. Du denkst doch nicht .« Erst jetzt geriet Lady Jacquelyns Selbstsicherheit ein wenig ins Wanken. »Nun ja … er war in letzter Zeit ein wenig … zurückhaltend.«

Hurst packte sie schmerzhaft bei den Schultern. »Was meinst du damit?«

»Also, wenn du es genau wissen willst, er will nicht mehr … du weißt schon. Schon seit einer ganzen Weile.« Jacquelyn hoffte, dass ihr nicht anzumerken war, wie sehr sie sich darüber ärgerte. Sie liebte Braden Granville nicht – Gott behüte! –, aber es störte sie, dass er nicht mehr so hingerissen von ihr zu sein schien wie früher einmal. Es störte sie mehr, als ihr lieb war.

Hurst wirkte beunruhigt. »Aber das geht nicht. Das geht ganz und gar nicht. Du musst sein Interesse wach halten, Jacks. Er darf nicht abspringen.« Er schüttelte sie leicht. »Nicht jetzt.«

»Das weiß ich.« Sie blinzelte ihn an. »Glaubst du, das ist mir nicht klar? Keine Sorge. Ich habe eine große Verführung geplant.«

»Wann?«

»Nach den Dalrymples.«

»Aber das ist erst …«

Jacquelyn legte einen Finger auf seine Lippen. »Keine Sorge«, sagte sie wieder. »Jackie hat alles im Griff. Du wirst deine reiche kleine Klempnertochter heiraten und ich meinen reichen Waffenschmied, und wir zwei treffen uns jeden Monat oder so heimlich in Biarritz, und alles wird genauso, wie wir es geplant haben …«

Hurst ließ Jacquelyn unvermittelt los und beugte sich vor, bis sein Gesicht in seinen Händen lag. »Oh Gott«, murmelte er in seine Finger.

»Liebling?« Jacquelyn legte eine Hand auf seine Schulter. »Du magst Biarritz nicht? Ich denke, wir könnten stattdessen auch nach Portofino fahren.«

»Darum geht es nicht«, gab er stöhnend zurück. »Damit hat es nichts zu tun.«

»Worum geht es dann?«

Aber das konnte er ihr natürlich nicht erklären. Er würde so dumm dastehen. Und das wollte er nicht, nicht vor ihr.

»Liebling? Was ist los? Erzähl es mir.« Jacquelyn betrachtete ihn besorgt. Noch während sie es tat, erhaschte sie zufällig einen Blick auf ihr Spiegelbild und stellte fest, wie gut ihr eine sorgenvolle Miene stand. Vielleicht sollte sie in Granvilles Gegenwart öfter ein besorgtes Gesicht machen, damit er endlich wieder Notiz von ihr nahm. »Geht es darum, dass du glaubst, verfolgt zu werden?«

Hurst presste die Finger auf seine Augenlider und massierte sie. »Ja, so ist es. Es geht darum, dass ich verfolgt werde. Das ist alles.«

»Aber, aber, das macht doch nichts«, meinte Jacquelyn und schob eine verirrte Locke ihres tiefschwarzen Haares hinter ihr muschelförmiges Ohr. »Solange niemand gesehen hat, wie du aus meinem Haus gekommen bist …«

»Natürlich nicht«, sagte Hurst in seine Hände. »Du weißt, wie vorsichtig ich bin. Schon vorher habe ich stets darauf geachtet, nicht gesehen zu werden.«

Jacquelyn lächelte. »Na also, was macht es dann schon? Solange Granville keinen Verdacht schöpft …«

Hurst hob den Kopf. Er war nicht sicher, wie lange er all das noch aushalten konnte. »Aber was, wenn es nicht Granville ist?«, stieß er hervor. »Sondern … jemand anders?«

Jacquelyn brach in helles, perlendes Gelächter aus. »Na, wer könnte es sonst schon sein, Liebling? Du hast doch nicht etwa zwei eifersüchtige zukünftige Ehemänner im Nacken, oder?«

»Du verstehst das nicht«, murmelte Hurst hoffnungslos. »Du verstehst es einfach nicht.«

»Was verstehe ich nicht?« Jacquelyn riss sich von ihrem Spiegelbild los und sah ihn an. »Liebling, was ist denn?«

Er schüttelte nur den Kopf. Wie konnte er es ihr erzählen?

Wie konnte er es irgendjemandem erzählen? Es war eine untragbare Situation, und so ungern er es zugab, es war allein seine Schuld. Aber wie hätte er es wissen sollen? Als unbesonnener Bursche von neunzehn war er in die Sache hineingeraten, unschuldig wie ein Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird.

Nun ja, vielleicht nicht ganz so unschuldig. Lämmer pflegten natürlich nicht Karten zu spielen.

Aber Lewis’ Einladung war unwiderstehlich gewesen. Es gab in Oxford nicht viele Kartenrunden mit der Art Einsatz, nach der Hurst, ein unverbesserlicher Spieler, Ausschau hielt. Die Tatsache, dass die von Lewis erwähnte Partie im Hinterzimmer einer äußerst anrüchigen Kneipe stattfand, hätte ein erster Hinweis für ihn sein müssen. Und der Umstand, dass sich der Kartengeber ›Der Herzog‹ nannte, obwohl er offensichtlich nichts dergleichen war, hätte ihn bewegen sollen, die Flucht zu ergreifen.

Aber er war geblieben. Er war geblieben, weil er der beste Spieler in seinem Bekanntenkreis war – einem Kreis, der aus privilegierten, adligen jungen Männern wie ihm selbst bestand, was ihn zu der Überzeugung gebracht hatte, der beste Spieler der Welt zu sein.

Aber nicht einmal der beste Spieler der Welt hätte diesen Mann schlagen können.

Zuerst wusste Hurst nicht, warum. Er hatte verloren und dann noch ein bisschen verloren. Und da er von Hause aus nicht viel mitbrachte – nicht einmal die Aussicht auf ein paar tausend Pfund, wenn er einundzwanzig war, da seine Familie nichts besaß bis auf ihren guten Namen und ein paar Schlösser –, hatte er nicht die geringste Hoffnung gehabt, das zurückzuzahlen, was er schuldig war.

Aber der Herzog war nicht böse geworden. In späteren Jahren hatte Hurst den Herzog böse erlebt, doch in jener Nacht war nichts dergleichen passiert. Der Herzog war ziemlich ruhig geblieben. Da Hurst ihm kein Geld geben könne, meinte er, würde er seine Schulden abzahlen, indem er Lewis’ Aufgabe übernahm, noch mehr arglose junge Leute aus gutem Haus, die in Oxford die Universität besuchten – wie er selbst –, in seine Spielhölle zu locken.

Er solle nur darauf achten, hatte der Herzog mit einem Lächeln hinzugefügt, dass die unschuldigen Opfer, die Hurst ihm brachte, auch das Geld hatten, um ihre Verluste zu decken.

Eine Zeit lang war es kein schlechtes Arrangement gewesen. Hurst hatte seine Sache nicht schlecht gemacht. Und als er endlich erfuhr, warum er so hoch verloren hatte, fühlte er sich, als wäre er in ein unschätzbares Familiengeheimnis eingeweiht worden. Er war nicht einmal erzürnt, sondern widmete sich seiner Aufgabe mit mehr Energie denn je. Es war tröstlich, zu wissen, dass er nicht der einzige junge Mann in England war, der so leicht zu betrügen war.

Und als er schließlich gezwungen war, Oxford zu verlassen – die begrenzten Mittel seiner Familie erlaubten ihm nicht, länger als ein Jahr dort zu verweilen –, blieb er im Dienst des Herzogs, indem er angehenden Studenten, die er kannte, das »beste Spiel am Ort« empfahl und oft von London anreiste, nur um sie zu diesem Spiel zu begleiten.

Alles war viel besser gelaufen, als irgendjemand – allen voran Hurst, der wusste, dass er über keine besonderen Talente verfügte, die ihn zu einer geregelten Arbeit befähigten – erwartet hätte, bis zu der Nacht, in der der junge Earl von Bartlett dem Herzog Falschspiel vorgeworfen hatte. Dann hatte alles mit einem Schwall von Kugeln und Blut geendet.

Eine Weile hatte er geglaubt, dass er sicher wäre, dass der Herzog nicht ahnte … Wie sollte er auch? Sie beide bewegten sich kaum in denselben Kreisen, und der Herzog las bestimmt nicht die Klatschkolumnen.

Aber jetzt war er überzeugt. Er hatte den Mann gesehen – den Mann mit dem Spazierstock, der sich so angelegentlich bemüht hatte, nicht aufzufallen als er am Vormittag das Haus seiner Mutter verlassen hatte. Er hätte sich nichts dabei gedacht, wenn er den Mann nicht vor seinem Schneider wiedergesehen hätte.

Damit stand es fest. Der Herzog war dahinter gekommen. Er würde ihn für das, was er getan hatte, zahlen lassen …

Denn wenn es nicht Granvilles Leute waren, die ihm folgten – oh, wie viel besser wäre das! –, dann konnten es nur die des Herzogs sein. Und während der Gedanke, dass Granville hinter seine Affäre mit Jackie kommen und seine Chancen bei Caroline ruinieren könnte, unerfreulich war, war die Vorstellung, dass der Herzog die Wahrheit über ihn herausfand, geradezu beängstigend.

»Hurst, Liebling!« Jackie klang beunruhigt. »Lass dir von mir helfen. Du weißt, wie gut es mir immer gelingt, dich auf andere Gedanken zu bringen.«

Er nahm die Hände von seinem Gesicht. »Diesmal nicht«, rief er. Ihm war bewusst, dass er wie ein Verzweifelter klang, aber es kümmerte ihn nicht. »Hast du verstanden, Jackie? Dieses eine Mal kannst du nichts, gar nichts tun, um mir zu helfen.«

Jacquelyn zog die Augenbrauen hoch. Und ohne ein weiteres Wort bückte sie sich und hob den Saum ihres Rocks, um ihre langen Beine zu enthüllen, die in modischen, mit Spitzen besetzten Höschen steckten. Höschen, die sehr schnell abgelegt waren, wie sich bald zeigte.

»Nichts?«, fragte jacquelyn und zog seinen Kopl an ihren Schoß.

Hurst starrte auf das dunkle Dreieck schwarzer Haare zwischen ihren Schenkeln. »Na ja«, gab er nachdenklich zu. »Vielleicht doch.«

Kapitel 6

»Unerfreulich inwiefern?«, fragte Lady Emily Stanhope, als der Federball mit einem satten Plong auf ihrem Schläger landete.

»Das weiß ich nicht«, antwortete Caroline und schoss vor, um den Aufschlag ihrer Freundin zurückzugeben. »Das hat sie nicht gesagt. Ich nehme an, sie meint, dass seine Geliebte das tun wird … na ja, du weißt schon. So etwas wie Dinge. Die Ehefrauen nicht tun.«

»Und was für Dinge sollen das sein?« Emily sprang vor, um den Federball zu erwischen. »Mist!«, schimpfte sie, als der Ball im Netz hängen blieb.

»Ich weiß es nicht«, wiederholte Caroline. Den Schläger lässig in einer Hand schwingend, schlenderte sie zum Netz. »Das war ein ziemlich leichter Ball. Wie konntest du ihn verfehlen?«

»Halt den Mund«, erwiderte Emily. »Und versuch nicht, das Thema zu wechseln. Was für Sachen?«

»Noch einmal: Ich weiß es nicht, Emmy.«

Emily schnitt ein Gesicht. »Na schön. Ich möchte wissen, was daran gut sein soll.«

»Gut?«

»Du hast gesagt, du hättest es gut. Du bist im Begriff, einen gemeinen Schürzenjäger zu heiraten. Was ist daran gut?«

»Lieber Himmel, Emmy, musst du so brüllen?«, schalt Caroline sie. »Jemand könnte dich hören. Ich habe es dir ganz im Vertrauen erzählt.«

»Mir scheint, ich muss es laut herausschreien«, verkündete Emily, »da du es offensichtlich nicht kapierst. An der Sache ist nichts gut, Caroline. Ganz und gar nichts. Du bist an einen Unterdrücker gekettet, an einen ganz miesen Charakter, genau die Art Mann, gegen die wir bei unserer Bewegung seit Jahren kämpfen …«

»Ich habe nur gesagt«, erklärte Caroline zähneknirschend, »was für ein Glück es war, dass Lady Jacquelyn durch ein Hintertürchen aus Lady Ashforth’ Salon geschlichen ist, sonst würden sich Hurst und Mr. Granville bei Morgengrauen mit Pistolen gegenüberstehen.«

»Jammerschade, dass sie es nicht tun.« Emily, die den Federball befreit hatte, trat zurück und jagte ihn mit einem bösartigen Rückhandaufschlag, der besser zu Tennis als zu einer freundschaftlichen Partie Badminton gepasst hätte, über das Netz. »Du kannst ihn jetzt nicht mehr heiraten, Caroline. Er ist ein Lustmolch. Und wer weiß, was für Krankheiten er sich bei dieser blöden Kuh geholt hat.«

Caroline rannte dem Ball nach und drosch ihn mühelos auf Emilys Seite zurück. »Also wirklich, Emmy«, meinte sie. »Du kannst die Tochter des Herzogs von Childes nicht einfach als blöde Kuh bezeichnen.«

»Warum nicht? Sie hat gegen jede Anstandsregel verstoßen, indem sie sich mit dem Verlobten einer anderen eingelassen hat, oder etwa nicht? Das macht sie zu etwas Schlimmerem als einer blöden Kuh. Eine Schlampe, das ist sie, jawohl, Herzogstochter hin oder her.«

»Das schmeckt ein bisschen nach Doppelmoral, findest du nicht?« Caroline blieb stehen und gab den Ball, den Emily hastig pariert hatte, mit einem sauberen Schlag zurück. »Ich meine, Lady Jacquelyn ist eine Schlampe, weil sie mit einem Mann zusammen war, mit dem sie nicht verheiratet ist, während Braden Granville, der ungefähr mit jeder Frau in London etwas gehabt hat, für seine Bettgeschichten allgemein bewundert wird.«

»Nicht von mir.« Emily verfehlte den Ball. Sie war eine jämmerliche Badmintonspielerin. »Dein Punkt. Und ich verstehe immer noch nicht, warum du Granville nicht einfach die Wahrheit gesagt hast. Dann hätte er Hurst umgebracht, und die Sache wäre aus und vorbei, und alles könnte wieder beim Alten sein.«

»Könnte es nicht«, widersprach Caroline und trat für ihren Aufschlag einen Schritt zurück. »Verstehst du das nicht, Emmy? Ich will nicht, dass Hurst stirbt.«

»Warum nicht?«

»Du weißt warum, Emmy.«

»Nicht schon wieder das.« Emily verdrehte die Augen. »Himmel, ihr tut alle so, als hätte er ein Wunder vollbracht.«

»Hat er auch. Er hat Tommy das Leben gerettet.«

»Um Himmels willen, Caro, alles, was er getan hat, war, ein Taschentuch auf die Wunde zu drücken und nach einem Arzt zu schreien. Jeder, der zufällig in diesem Augenblick vorbeigekommen wäre, hätte dasselbe getan.«

»Um zwei Uhr morgens?«, wollte Caroline wissen. »Und wer, glaubst du, wäre zufällig um diese Zeit dort vorbeigekommen, wenn nicht noch ein paar von den Strauchdieben, die ihn überfallen hatten?«

»Hast du dich eigentlich je gefragt«, wandte Emily nachdenklich ein, »was Hurst Slater in dieser Nacht in Oxford zu tun hatte?«

»Darüber haben wir schon gesprochen«, erwiderte Caroline. »Du weißt genauso gut wie ich, dass er eine Vorlesung über Astronomie besucht hat.«

»Um zwei Uhr morgens?«

»Wann sonst geht man zu einem Vortrag über Astronomie? Sie wollten die Sterne betrachten.«

Emily schüttelte den Kopf. »Hast du an Hurst je das geringste Interesse für Astronomie festgestellt, Caroline?«

Caroline antwortete leise: »Er hat einmal zu mir gesagt, dass meine Augen so hell strahlen wie die Plejaden.«

Emily legte eine Hand auf ihren Bauch, der sich, da sie wie üblich kein Korsett trug, deutlich unter ihrem Satinrock abzeichnete. »Ich glaube, mir wird schlecht.«

Caroline klopfte gereizt mit dem Schläger an ihre Hüfte. »Bitte«, meinte sie. »Du hast gefragt. Und das ist nicht alles, was Hurst getan hat, und das weißt du. Du hast selbst gesehen, wie besorgt er um Tommy während seiner Genesung war. Ich glaube, es verging kein Tag, an dem Hurst nicht vorbeigekommen und ein paar Stunden an Tommys Bett geblieben wäre, um ihn ein wenig aufzumuntern. Du weißt, wie niedergeschlagen er nach dem Überfall war. Hursts Besuche waren ungeheuer hilfreich.«

Emily schnaubte. »Und ob. Nämlich für Hurst. Sie haben ihm zu einer reichen Braut verholfen.«

Caroline wirkte gekränkt. »Bitte, Emmy!«, rief sie. »Du hast selbst gesagt, wie süß es ist, dass Hurst sich so rührend um Tommy kümmert.«

»Da wusste ich noch nicht, was für ein krummer Hund sich hinter dieser engelhaften Fassade verbirgt.« Emily starrte ihre Freundin erbittert an. »Du hast die ganze Situation von Anfang an falsch angepackt«, erklärte sie.

»Ach ja, findest du?« Caroline verschränkte die Arme vor der Brust. »Was hättest du denn gemacht?«

»Erstens«, antwortete Emily, »wäre ich nicht aus diesem Salon gegangen, ohne ein Wort zu sagen.«

»Aber ich konnte nichts sagen, Emmy«, versicherte Caroline. »So etwas hatte ich in meinem ganzen Leben noch nicht gesehen. Ihre Zunge war in seinem Mund. Und nur das konnte ich sehen. Wer weiß, was sich unter all ihren Unterröcken abgespielt hat, von denen die beiden unterhalb der Taille bedeckt waren …«

Selbst im grellen Sonnenschein konnte Caroline erkennen, dass Emily etwas von ihrer Farbe verlor. »Oh Gott«, murmelte sie. »Ich glaube, jetzt wird mir ehrlich schlecht.«

»Es ist nicht wirklich so, wie es Schafe machen, Emmy«, fuhr Caroline mitleidlos fort. »Zum einen war sie oben.«

»Ich muss mich hinsetzen.« Emmy ließ sich auf den Rasen fallen.

»Und das ist noch nicht alles«, fügte Caroline hinzu. Emily hob eine Hand.

»Doch«, murmelte sie. »Das ist alles. Was mich angeht, ist es alles. Caroline, du musst die Verlobung lösen.«

»Das kann ich nicht.« Caroline hockte sich neben die Freundin ins Gras. »Du weißt, dass ich es nicht kann. Abgesehen davon, dass wir ihm Tommys Leben verdanken, meint Ma, dass Hurst berechtigt wäre, mich zu verklagen, wenn ich die Verlobung löse.«

»Na und?« Emily musterte sie streng. »Du würdest gewinnen.«

»Und um welchen Preis?« Caroline, die sich auf den Bauch gerollt hatte, genoss es, das von der Sonne erwärmte Gras unter sich zu spüren. »Um den Preis, in einem Raum voller Menschen aufzustehen und einzugestehen, dass ich nicht Frau genug bin, um meinen Verlobten zu halten? Wäre das etwa nicht demütigend?«

»Es hat nichts mit deinem Mangel an Fraulichkeit zu tun«, meinte Emily.

»Doch, hat es.« Caroline starrte auf den Boden. »Hurst hat mich nie, nicht ein einziges Mal, so geküsst, wie er Jacquelyn Seldon geküsst hat. Bis ich ihn gestern Abend mit ihr sah, dachte ich … na ja, ich dachte, wir wären glücklich. Das weißt du. Ich dachte … ich dachte, er liebt mich.«

Wie hatte sie sich nur so täuschen können? Das war die Frage, die sie sich immer wieder stellte. Immer wenn Hurst unter dem Esstisch nach ihrer Hand getastet und sie gedrückt hatte, immer wenn er sie allein erwischt und ihr einen dieser schnellen, lachenden Küsse gestohlen hatte – war das nur zum Schein gewesen? All die netten Dinge, die er getan hatte (ihr Blumen zu bringen, sie voller Stolz seiner Mutter vorzustellen) –, hatten sie nur dazu gedient, sich eine reiche Braut zu sichern? War alles, was er ihr gesagt hatte – dass er sie liebe, dass er es nicht erwarten könne, bis sie endlich Sein wäre – schlicht und einfach gelogen gewesen?

Emily streckte eine Hand aus und klopfte Caroline auf die Schulter. »Ich bin sicher, das tut er«, erklärte sie. »Dich lieben, meine ich. Auf seine Art.«

»Was nichts ist«, bemerkte Caroline bitter, »im Vergleich dazu, wie er Jacquelyn liebt. Oh, Emmy, wenn ich ihn nur dazu bringen könnte, mich auch so zu lieben! Dann wäre alles wieder gut.«

»Wie das?«, wollte Emily wissen.

»Na ja, dann könnte ich ihn heiraten, und Ma wäre glücklich und …«

»Weißt du was?«, fragte Emily nüchtern. »Du machst dir viel zu viele Gedanken darüber, andere glücklich zu machen. Was ist mit dir, Caroline? Was willst du?«

Caroline blinzelte. »Ich? Na ja. Hurst heiraten, natürlich. Wenigstens«, sie runzelte die Stirn, »wollte ich das bis gestern Nacht.«

»Und jetzt?«

»Jetzt?« Caroline schüttelte den Kopf. »Ich habe es dir doch gerade erklärt, Emmy. Es kommt nicht darauf an, was ich will. Ich muss es durchziehen. Ich schulde es ihm, für das, was er für Tommy getan hat. Außerdem sind die Einladungen bereits verschickt. Verstehst du nicht? Ich muss ihn dazu bringen, mich zu lieben.«

Emily sah aus, als würde sie liebend gern etwas dazu bemerken, sagte aber nur: »Und wie willst du das anstellen?«

»Ich habe lange darüber nachgedacht«, bekannte Caroline, »und ich glaube wirklich, Ma könnte recht haben. Wenn ich meine weiblichen Reize einsetze, könnte ich Hurst vielleicht zurückgewinnen. Von Jackie, meine ich. Das Problem ist nur, dass ich nicht genau weiß, wie ich es anstellen soll, etwas einzusetzen, von dem ich nicht einmal sicher bin, ob ich es überhaupt habe.«

Emily schnaubte. »Ich kann mir nicht vorstellen, dass es besonders schwer ist. Wenn Jackie Seldon es kann, kannst du es auch. Sie ist eine Närrin. Und wir beide wissen, dass Männer nichts anderes sind als große, ignorante Ratten …«

»Du hast gerufen?« Thomas, zweiter Earl von Bartlett, kam über den Rasen zu ihnen geschlendert, die Hände in den Hosentaschen, eine blonde Locke fiel ihm in die Stirn.

»Na so was, wenn das nicht der König der Ratten persönlich ist.« Emmy stützte sich auf die Ellbogen und grinste den Earl an. »Und was macht Ihr hier draußen, Eure Majestät? Hat Euch Eure Frau Mama Spaziergänge in zugigen Gärten nicht verboten? Ihr könntet Eure zarte Gesundheit gefährden.«

Thomas setzte sich neben Caroline ins Gras. »Halt die Klappe«, empfahl er Emily.

»Verratet mir eins, Eure Lordschaft«, entgegnete Emily, während sie einen Grashalm ausrupfte und zwischen ihre Zähne steckte. »Woran liegt es, dass Männer völlig unfähig sind, einer Frau treu zu sein? Ich wüsste nämlich wirklich gern, warum euch Kerlen eine Frau nicht genug ist.«

»Natürlich ist eine genug«, meinte Thomas umgänglich. »Wenn es die Richtige ist. Und das ist das Problem, weißt du? Die richtige Frau zu finden. Die Sache ist nur die, es ist verdammt schwer, bei euch Mädchen dahinter zu kommen.« Thomas suchte sich ebenfalls einen Grashalm, auf dem er genüsslich herumkaute, und sprach aus dem Mundwinkel weiter: »Eure Väter halten euch bis zum Hochzeitstag unter Verschluss, sodass wir bis zur Hochzeitsnacht unmöglich sagen können, ob wir einen Treffer gelandet haben oder nicht, und dann … na ja, dann ist es zu spät, wenn sich die Frau als taube Nuss entpuppt.«

»Das«, erklärte Emily, wobei sie den Grashalm aus dem Mund nahm und ihn auf Thomas richtete wie ein Schwert, »ist die mieseste Bemerkung, die ich je gehört habe.«

»Stimmt aber, findest du nicht?« Thomas zuckte die Schultern. »Ich meine, es ist einfach absurd. Da schwören sich zwei Menschen ewige Treue, bis der Tod sie scheidet, und waren vorher nicht einmal miteinander im Bett. Ein Mann würde sich nicht mal ein Paar Hosen kaufen, ohne sie vorher anzuprobieren, doch jeder erwartet von ihm, dass er den Rest seiner mannbaren Tage mit einer Frau verbringt, mit der er nicht einmal …«

»Woher sollen wir wissen, wie man es anstellt, keine taube Nuss zu sein?«, fragte Caroline. »Woher sollen wir es wissen, wenn nie jemand mit uns darüber spricht?«

Tommy machte ein verwirrtes Gesicht. »Worüber?«

»Du weißt schon.« Caroline spähte argwöhnisch in den Garten und wisperte: »Körperliche Liebe.«

»Oh«, murmelte der Earl von Bartlett. »Das.«

»Ja, das. Du weißt, dass Ma nicht darüber reden mag. Woher also soll ich wissen, wie man einen Mann hält, geschweige denn, wie man kein Versager ist, wenn einem niemand erzählen will, was die meisten anderen – zum Beispiel Lady Jacquelyn Seldon – bereits zu wissen scheinen?«

»Ich muss schon sagen«, stellte Thomas fest, »dieses Gespräch nimmt eine äußerst merkwürdige Wendung. Was hat Jackie Seldon dir denn getan?«

»Nichts«, gab Caroline schnell zurück, da Emily gerade tief Luft holte, um alles zu erzählen. »Ich habe das nur bildlich gemeint, du weißt schon. Ich meine, immerhin muss Lady Jacquelyn unglaublich … also, wenn sie sich Braden Granville geschnappt hat, der laut deinen Freunden und dir bei Frauen sehr wählerisch ist, muss Lady Jacquelyn sich ihrer selbst sehr sicher sein.«

Thomas hörte auf, in den Himmel zu starren, und beäugte stattdessen seine Schwester. »Ich denke, so könnte man es nennen.«

»Ach was, hört auf!« Emily warf den Grashalm weg, an dem sie gekaut hatte, und setzte sich auf. »Das meint sie doch überhaupt nicht. Das Ganze läuft darauf hinaus, Thomas: Wir müssen wissen, was zwischen einem Mann und einer Frau im Bett vorgeht.«

Thomas machte plötzlich ein Gesicht, als wäre er am liebsten ganz woanders. »Warum fragt ihr mich?«

»Weil ich es wissen muss«, erklärte Caroline. »Und Ma ist bestimmt keine Hilfe.«

»Na ja, irgendjemanden muss es doch geben, den ihr zurate ziehen könnt. Ich meine, wenn Ma nicht darüber reden will, könnte vielleicht Emilys Mutter …«

Emily brach in wieherndes Gelächter aus. »Meine Mutter! Du machst Witze, Tommy. Als ich meine Mutter fragte, woher die Babys kommen, erzählte sie mir, dass der Fischhändler sie jeden Morgen in den Bäuchen seines Fangs findet. Das behauptet sie noch bis zum heutigen Tag.«

Thomas wand sich. »Na ja, dann hat bestimmt eine von euren Lehrerinnen auf der Schule …«

»Ach ja? Welche denn, Tommy?«, wollte Caroline wissen.

»Miss Crimpson, die solche Angst hatte, der Kohlenmann könnte sie vergewaltigen, dass sie die Tür nur öffnete, wenn eine von uns mit dem Schürhaken bewaffnet hinter ihr stand? Oder Miss Avalon, die behauptete, der Walzer wäre ein Werk des Teufels und würde die Gesellschaft, wie wir sie kennen, zu Fall bringen?«

»Vielleicht eines der Dienstmädchen … ?«

»Hab ich versucht«, bekannte Caroline. »Sie knicksen alle höflich und sagen, darüber sollte ich lieber mit Lady Bartlett sprechen.«

»Du kannst wohl nicht einfach deinen Verlobten …«

»Hurst?« Carolines Stimme schraubte sich bedenklich in die Höhe. »Ich soll Hurst fragen, wie die körperliche Liebe zwischen Mann und Frau funktioniert? Hast du den Verstand verloren?«

»Was ist daran so schlimm?«, wollte Thomas wissen.

»Dann denkt er doch, dass ich genau das bin, wovon du gesprochen hast … eine taube Nuss!«

»Warum sollte er das denken?«

»Weil ich nichts darüber weiß«, antwortete Caroline gereizt. »Und genau das will ich vermeiden, verstehst du?«

»Wirklich, Tommy«, seufzte Emily. »Sei nicht albern. Sie kann Hurst unmöglich fragen. Sie würde kaum dich darauf ansprechen, wenn sie nicht alle anderen Möglichkeiten erschöpft hätte. Und ich finde nicht, dass sie besonders viel verlangt.«

»Stimmt«, pflichtete Caroline ihr bei. »Ich will bloß Hurst dazu bringen, sich in mich zu verlieben.«

Thomas starrte sie verdutzt an. »Aber er ist in dich verliebt, Caro. Er hat dich gebeten, seine Frau zu werden, oder?«

»Ja, natürlich hat er das«, gab Caroline ungeduldig zurück. »Und ich weiß, dass er mich mag. Aber versteh doch, Tommy, das ist nicht genug.«

Thomas wirkte verunsichert. »Nicht?«

»Nein, natürlich nicht. Männer mögen ihre Hunde. Der Mann, den ich heirate, soll rettungslos und bis über beide Ohren in mich verliebt sein. Also, ich muss einfach wissen, wie man es vermeidet, eine … eine taube Nuss zu sein, wie du es nennst. Was heißt, dass ich alles über die körperliche Liebe lernen muss. Was Männern gefällt. Solche Sachen eben. Warum erzählst du es mir nicht einfach? Es würde mir viel Zeit und Mühe ersparen, Tommy, wirklich. Es ist so lästig, eine Jungfrau zu sein. Du hast ja keine Ahnung.«

Thomas sprang unvermittelt auf. »Weißt du«, murmelte er, »ich glaube, ich habe eine Verabredung vergessen …«

Caroline zog die Augenbrauen zusammen. »Was ist denn los, Tommy? Macht dir deine Wunde zu schaffen?«

»Wirklich, Tommy«, sagte Emily. »Du siehst ganz blass um die Nase aus.«

»Nein, nein«, antwortete Thomas und fuhr sich nervös durch sein sandfarbenes überlanges Haar, während er sich zum Gehen wandte. »Ich habe bloß diese Verabredung …«

Emily gab plötzlich ein gurgelndes Geräusch von sich. »Mein Gott, Caro!«, kreischte sie, ohne den Blick von dem jungen Earl zu wenden.

»Was ist?« Caroline fuhr erschrocken herum. »Eine Biene?«

»Nein.« Emilys grüne Augen tanzten. »Ich glaube, ich weiß, warum Seine Lordschaft zögert, dieses spezielle Thema zu erörtern.«

»Emmy.« Thomas erstarrte und drehte sich zu ihnen um. Ein warnender Unterton schwang in seiner Stimme mit.

»Seine Lordschaft wünscht nicht darüber zu sprechen«, verkündete Emily in lautem Bühnenflüsterton, »weil er es noch nie gemacht hat.«

»Das stimmt nicht!« Thomas kam schnell zu ihnen zurück. »Also Emmy, das ist einfach nicht …«

»Thomas!« Caroline machte große Augen. »Ist das wahr? Du hast es noch nie gemacht?«

»Das habe ich nicht gesagt«, platzte Thomas heraus. »Ich …«

»Du bewahrst dich also«, fuhr Caroline mit zuckersüßer Stimme fort, »für die eine wahre Liebe auf? Wie hinreißend!«

Thomas stieß ein äußerst ungehöriges Schimpfwort aus.

»Dein Bruder ist wohl der Ansicht«, meinte Emily, »wenn er die Hosen schon nehmen muss, ohne sie anprobiert zu haben, sollte er vorher keine anderen probieren, weil ihn das für die … du weißt schon, letzte Anprobe verderben könnte.«

Caroline lachte so schallend, dass sie kein Wort herausbekam.

»Das stimmt nicht«, erklärte Thomas empört. »Caro, das stimmt nicht. Ich habe mit Unmengen von Frauen geschlafen. Ich ziehe es lediglich vor, die Details meiner vielen Eroberungen nicht mit meiner Schwester zu diskutieren.«

»Nein«, keuchte Emily zwischen zwei Lachern. »Natürlich nicht!«

Thomas, der feststellte, dass die beiden Mädchen völlig außer Rand und Band waren, drehte sich um und marschierte zum Haus zurück, den Rücken sehr gerade, den Kopf unnatürlich hoch erhoben.

Nach einer Weile hörte Caroline auf zu lachen und wischte sich die Tränen aus den Augen. »Oh, Emmy, wir hätten uns nicht so über ihn lustig machen sollen. Schließlich war er sehr krank.«

»Pah«, meinte Emily. »Er ist seit Monaten kerngesund. Du und deine Mutter müsst wirklich aufhören, ihn zu verhätscheln.«

»Nein, das könnte ich nicht«, murmelte Caroline. »Er war dem Tod so nah …«

»Ja, ja«, schimpfte Emily, »Davon habe ich genug gehört, besten Dank. Im Übrigen wird er dir sowieso nichts erzählen. Selbst wenn er etwas zu sagen hätte, würde er es nicht tun. Das machen sie nie, weißt du?«

Caroline war verwirrt. »Wer? Wovon redest du?«

»Männer. Sie sagen uns Frauen nie etwas. So erhalten sie ihre Macht aufrecht. Sie erzählen uns nur dann etwas, wenn sie etwas von uns wollen. So läuft es zumindest bei meiner Mutter und meinem Vater.«

Plötzlich war Caroline gar nicht mehr nach Lachen zumute. Eigentlich fühlte sie sich ein wenig wie gestern Abend auf Lady Ashforth’ Party, kurz bevor Braden Granville ihren Kopf zwischen ihre Knie geschoben hatte, und sie fragte sich, ob ihr wieder ein Schwächeanfall drohte. »Glaubst du, das stimmt, Em?«, fragte sie atemlos.

Emily, die noch einen Grashalm ausgezupft hatte, versuchte gerade, eine Art Flöte daraus zu machen, indem sie ihn zwischen beiden Daumen hielt und kräftig darauf blies. »Ob was stimmt?«

»Was du gerade gesagt hast. Dass ein Mann einer Frau nur dann etwas erzählt, wenn er etwas von ihr will.«

»Na klar.« Emily warf den Grashalm weg und beugte sich vor, um einen neuen zu suchen. »Was glaubst du, warum die Königin in letzter Zeit so sauer ist? Mr. Gladstone informiert sie nicht über das, was im Kabinett vorgeht. Und er ist der Premierminister. Aber ich bin sicher, er denkt: Warum sollte ich ihr etwas erzählen, wenn sie mir als Gegenleistung dafür nichts bieten kann?«

Caroline hörte ihrer Freundin kaum noch zu. Eine andere Stimme dröhnte laut in ihrem Kopf.

Und wenn ich den Namen des Burschen herausbekomme, hatte Braden Granville gedroht, werde ich es gern beweisen, notfalls vor Gericht.

Braden Granville, stellte sie fest, wollte etwas. Und sie hatte den Eindruck, er wollte es so sehr, dass er praktisch alles dafür tun würde.

Ein gewagter Plan nahm in ihrem Kopf Form und Gestalt an.

Es war etwas, das sie bestimmt nie ins Auge gefasst hätte, wenn der Anblick ihres Liebsten in den Armen einer anderen – oder vielmehr zwischen den Beinen einer anderen – sie nicht an den Rand der Verzweiflung getrieben hätte. Aber da sie nun einmal so schrecklich unglücklich war, schien es ganz natürlich zu sein, dass diese Ideen – die ihr unter normalen Umständen nie gekommen wären – in ihrem Kopf auftauchten, so, wie hin und wieder im Seerosenteich von Winchilsea Abbey ein Goldfisch auftauchte.

Was sie plante, war schändlich. Aber blieb ihr eine andere Wahl? Nein. Ihre Mutter, ihr Bruder, ihr eigener Verlobter ließen ihr keine Alternative.

Außerdem hatte ihre Mutter ihr geraten, um den Mann, den sie liebte, zu kämpfen und weibliche Raffinesse einzusetzen. War es nicht genau das, was sie vorhatte?

Na?

Eine Männerstimme, ganz anders als die Braden Granvilles, schreckte sie aus ihren dunklen, dämonischen Überlegungen.

»Lady Caroline«, sagte der Butler gemessen.

Caroline zuckte zusammen und sah blinzelnd zu dem hoch gewachsenen Mann auf, der im grellen Sonnenlicht ausgesprochen düster wirkte.

»Oh, hallo, Bennington«, erwiderte sie. »Ist irgendetwas?«

»In der Tat, Mylady. Ihre Mutter, Lady Bartlett, hat mich gebeten, Sie daran zu erinnern, dass die Tochter eines Earls im Allgemeinen nicht im Gras sitzt, und lässt fragen, ob Sie einen Sessel benötigen.«

Caroline spähte an den Schultern des Butlers vorbei und sah ihre Mutter klar und deutlich an einem der Fenster im ersten Stock stehen und aufgeregt gestikulieren.

Du meine Güte, dachte Caroline. Wenn sie das schon für schlimm hält …

Kapitel 7

Braden Granville nahm sein Ziel sorgfältig ins Visier. Es war ungefähr fünfzig Fuß entfernt und nicht mehr als ein Brett von einem Meter achtzig Höhe und mit der Papiersilhouette eines Mannes; es lehnte an der Rückwand des Kellers. Braden hatte bereits zwei Löcher, die die Augen darstellen sollten, in die Papierfigur geschossen, außerdem ein weiteres: die Nase. Er nahm sich gerade den Mund vor – eine Serie kleiner Löcher in Form eines Halbmondes, dessen Winkel sich spöttisch hoben –, als ihm jemand auf die Schulter klopfte. Als er sich umdrehte, sah er Wiesel vor sich, der eine schwarze Rauchwolke aus seinem Gesicht wedelte und etwas sagte.

Braden nahm die Wattepfropfen aus seinen Ohren. »… lässt sich nicht abwimmeln«, erklärte der Sekretär gerade. »Ich habe versucht, ihr klar zu machen, dass du mit wichtigen Untersuchungen an deiner neuen Pistole beschäftigt bist, doch sie meinte, sie würde warten.«

Braden nickte dem jungen Burschen zu, der ihm den ganzen Nachmittag assistiert hatte. Der Junge flitzte durch den Keller, um das Papierziel zu holen.

»Tut mir leid, Wiesel«, gab Braden zurück, »aber ich habe nur den letzten Teil aufgeschnappt. Was hast du gesagt? Wieder mal eine der Nachbarinnen? Biete ihr doch eine Pistole an, als Zeichen unserer Wertschätzung, ja? Nein, warte, lieber doch nicht. Ich kann keine Hausfrauen gebrauchen, die auf der Straße auf mich schießen, weil ich die lieben Kinderchen geweckt habe.«

»Es ist keine Hausfrau«, antwortete Wiesel. »Und so tief, wie wir diesen Keller ausgehoben haben, könntest du höchstens Tote wecken. Nein, es ist eine junge Dame.«

»Eine junge Dame?« Braden nahm das Ziel, das der Junge ihm gebracht hatte, und hielt es seinem Sekretär vor die Nase. »Na bitte, Wiesel. Schau dir das an. Wirfst du mir jetzt immer noch vor, aus den Fugen zu sein? Ich habe sechs seiner Zähne rausgeholt.«

»Stimmt«, erwiderte Wiesel trocken. »Wenn das nächste Mal ein Mann mit weit offenem Mund regungslos dasteht, kannst du ihm die Backenzähne rausschießen. Toll. Diese Dame ist nicht von nebenan. Ihr Name ist Caroline Linford.«

Braden ließ das Ziel sinken und starrte seinen alten Freund an. »Caroline Linford? Lady Caroline Linford? Was zum Teufel kann Lady Caroline Linford von mir wollen?«

»Hat sie nicht gesagt.« Wiesel nahm das Ziel aus den plötzlich schlaffen Fingern seines Chefs. »Sieht nicht wie die Sorte aus, die dich normalerweise besuchen kommt, Dead, deshalb bin ich runtergekommen, um mit dir zu reden. Die hier hat ihre Zofe mitgebracht.«

»Ihre was?« Die Luft im Keller war vom Rauch dick, zugegeben, aber Braden konnte nicht glauben, dass er diese Information aus diesem Grund so schwer verdauen konnte.

»Ihre Zofe. Sitzt neben ihr, brav und züchtig.« Wiesel schüttelte den Kopf. »Du weißt ja, dass ich nie irgendwelche Ratschläge gebe, schon gar nicht in romantischen Dingen, aber diese Dame hier scheint mir nicht passend zu sein, Dead. Ich würde sie ihrer Wege schicken, und zwar schnell. Bei ihr lauert im Hintergrund bestimmt ein nervöser Papa mit einer deiner Pistolen im Hosenbund.«

Braden Granville lief bereits die Treppe hinauf, wobei er zwei Stufen auf einmal nahm. »Kein nervöser Papa«, rief er über die Schulter zurück. »Aber ein Verlobter, der Marquis von Winchilsea.«

Wiesel, der seinem Arbeitgeber die Treppe hinauf folgte, zog die Augenbrauen hoch. »Winchilsea? Mit dem würdest du leicht genug fertigwerden.«

»Wir sind hier nicht mehr in der Gosse, Mr. Ambrose.« Braden trat in sein Studierzimmer und ging zum Spiegel, um sein Halstuch zu richten, musste aber feststellen, dass die Falten voller Schießpulver waren. »Verdammt«, murmelte er, riss das Tuch von seinem Hals und nahm ein frisches aus einer Schublade. »Zwischen Lady Caroline und mir ist nichts. Nicht in der Art. Aber das Mädchen hat neulich Abend bei der alten Ashforth etwas gesehen …«

»An dem Abend, an dem sich Jackie davongemacht hat?«

»Genau. Ich fragte sie, ob sie Jacquelyn zufällig gesehen habe, und sie sagte ›Ja‹. Und dass Jackie nicht allein gewesen sei.«

»Du glaubst also, sie ist hier, um … um was zu tun?« Wiesel schüttelte den Kopf. »Das versteh ich nicht.«

»Ich auch nicht«, gestand Braden. »Sie will mir wahrscheinlich dafür danken, dass ich mich an dem Abend um sie gekümmert habe. Ihr war ein bisschen schwindlig, und ich …«, Wiesel gackerte viel sagend, aber Braden brachte ihn mit einem Blick zum Schweigen, » …ich blieb bei ihr, um ihr zu helfen«, fuhr er streng fort. »Ihretwegen habe ich das Pärchen verloren – Jackie und ihren Kerl.«

»Und du hast nicht versucht, etwas aus ihr herauszukriegen?« Wiesel wirkte erschüttert.

»Ihr war nicht wohl«, erklärte Braden.

»Na, heute sieht sie wohl genug aus«, meinte Wiesel mit einem Augenzwinkern. »Ich glaube, das ist deine Chance, Dead.«

»Meine Chance?«

Wiesel stöhnte frustriert. »Um herauszufinden, wie der Knabe ausgesehen hat! Der, mit dem Jackie zusammen war!«

Braden lächelte. »Ich könnte ein, zwei Fragen einflechten«, gab er zu. »Falls das Thema zufällig zur Sprache kommt. Aber du weißt, dass ich eine Dame niemals ausnutzen würde.«

Wiesel stöhnte wieder, und Braden machte sich grinsend daran, sein Halstuch zu legen und sein Werk dann kritisch zu mustern. Es würde gehen. Er fuhr sich mit den Fingern durch sein dunkles, etwas zu langes Haar und zupfte an den Enden seiner Weste. »So! Wie sehe ich aus?«

Wiesel runzelte die Stirn. »Du könntest eine Rasur vertragen.«

Braden Granville machte eine ungeduldige Handbewegung. »Ich habe nicht vor, sie zu verführen, Wiesel. Ich will Beweise sammeln. Wertvolle Beweise. Ich möchte beruhigend wirken, wie ein Mann, dem sich ein junges Mädchen anvertrauen kann. Na, wird es gehen?«

Wiesel wirkte skeptisch. »Das darfst du mich nicht fragen. Vielleicht holen wir lieber die Zofe …«

Braden holte tief Luft, betete stumm um Geduld und atmete wieder aus. »Schick sie einfach rein, ja?«

Wiesel nickte und ging. Eine Minute später kam er wieder, diesmal in Begleitung der jungen Frau, die Braden von der Dinnerparty bei Lady Ashforth vor ein paar Tagen wiedererkannte. Aber irgendetwas stimmte nicht. Kaum hatte Wiesel Lady Caroline hereingeführt, als sich die beiden auch schon gegen die Tür warfen, offensichtlich in dem Versuch, eine dritte Person am Eintreten zu hindern.

»Also wirklich, Violet«, rief Lady Caroline, während sie ihr Gewicht gegen die Tür stemmte, »es ist alles in Ordnung. Mr. Granville und ich unterhalten uns nur kurz, dann komme ich wieder. Ich gebe dir mein Wort, dass nichts Ungehöriges passieren wird, solange ich hier drinnen bin.«

»Lady Bartlett«, verkündete eine durchdringende Stimme hinter der Tür, »wird davon erfahren, Mylady! Glauben Sie nur nicht, ich würde bei einem so himmelschreienden Täuschungsmanöver mitmachen!«

»Von einem Täuschungsmanöver kann keine Rede sein, Violet«, entgegnete Lady Caroline »Das schwöre ich. Ich will nur ungestört mit Mr. Granville sprechen.«

»Ha!«, sagte die Zofe hinter der Tür. »Ich weiß alles über ihn, das können Sie mir glauben!«

Lady Caroline, die anscheinend zu bezweifeln schien, ob sie diese Schlacht gewinnen würde, wandte den Kopf und sah Braden neben seinem Schreibtisch stehen.

»Stehen Sie doch nicht einfach so da«, meinte sie, während sie sich schwer an die Tür lehnte. »Helfen Sie uns!«

Braden war zwar völlig verwirrt, gehorchte dem Mädchen aber trotzdem und stellte sich neben seinen Sekretär vor die Tür.

»Ich muss schon sagen«, bemerkte er nach einem Moment. »Wer auch auf der anderen Seite der Tür sein mag, diese Person ist ungewöhnlich stark. Wer zum Teufel ist das?«

»Meine Zofe«, antwortete Lady Caroline, während sie sich bemühte, nicht auf dem glatten Parkett auszurutschen. »Und ich muss zugeben, ich hatte mir Ihre Hilfe etwas anders vorgestellt.«

Braden und Wiesel wechselten einen Blick. »Ich habe versucht, sie draußen zu halten«, versicherte Wiesel, »wie die Lady es wünschte, doch sie ist ein ganz schönes Kaliber.«

»Lady Caroline!«, rief die Zofe durch die nur teilweise geschlossene Tür. »Das wird kein gutes Ende nehmen, glauben Sie mir!«

»Oh«, stöhnte Caroline. Aus irgendeinem Grund starrte sie Braden vorwurfsvoll an, als wäre alles seine Schuld. »Korrigieren Sie mich, falls ich mich irre, aber ich hätte gedacht, dass Sie sich auf diesem Gebiet auskennen, Mr. Granville. Fällt Ihnen denn gar nichts ein?«

Braden erwiderte höflich: »Sie müssen mir auf die Sprünge helfen, Lady Caroline. Ich habe keine Ahnung, von welchem ›Gebiet‹ wir reden.«

»Anstandsdamen«, platzte sie heraus. »Violet ist meine Anstandsdame. Wir müssen sie irgendwie loswerden. Ich muss mit Ihnen allein sprechen.«

»Oh.« Braden richtete sich abrupt auf. »Das ist leicht. Warum haben Sie das nicht gleich gesagt?«

Er nahm Caroline bei den Schultern, um sie freundlich beiseitezuschieben, und bedeutete Wiesel, von der Tür zurückzutreten. Wiesel gehorchte, und plötzlich flog die Tür auf, und Braden sah sich einer großen, zu allem entschlossen wirkenden Frau gegenüber. Sie trug ein mit Blumen verziertes Hütchen, das, verglichen mit ihrem empörten Gesichtsausdruck, seltsam frivol wirkte.

»Ah«, murmelte Braden. »Miss Violet. Ja. Tut mir schrecklich leid, aber wir dachten, es wäre jemand anders. Wie geht es Ihnen? Und darf ich Ihnen vielleicht ein Kompliment zu Ihrem bezaubernden Hut machen?«

»Mr. Granville«, begann Violet kämpferisch, »so leicht werden Sie mich nicht abschieben. Ich weiß alles über Sie, Sir. Keine Sekunde bleiben Sie mit meiner Lady allein. Nein, Sir. Nicht, solange ich …«

»Violet«, begann Braden sanft und legte einen Arm um die beeindruckenden Schultern der Frau. »Ihr Misstrauen verletzt mich. Wirklich. Ich mache Ihnen natürlich keinen Vorwurf. Sie können wohl nicht anders, als zu glauben, was Sie gehört haben. Doch halten Sie nicht irrtümlich für wahr, was ein paar Neider über mich tuscheln. Ich bin nicht das Monster, als das man mich hinstellt. Nein, Violet, ich bin genau wie Sie.«

Violet blinzelte ihn aus ihren großen braunen Augen argwöhnisch an. »Verzeihung, Sir«, erklärte sie frostig, »aber das nehme ich Ihnen nicht ab.«

»Doch, wirklich«, fuhr Braden fort. »Glauben Sie, ich habe immer in so großem Stil gelebt? Wohl kaum, Violet. Ich habe meine Kindheit in Seven Dials verbracht, Violet. Haben Sie schon von den Dials gehört, Violet? Sicher nicht. Was kann eine hübsche junge Frau wie Sie schon über den verkommensten Bezirk Londons wissen? Nun, es mag reichen, wenn ich sage, dass ich dort als Junge in den schmutzigen Gossen gespielt habe. Bis mich eines Tages ein glückliches Geschick dort herausholte. Mit harter Arbeit und Ausdauer bin ich zu dem Mann geworden, der vor Ihnen steht. Ist es ein Wunder, Violet, dass es Menschen gibt, die mich aus Neid auf meinen Erfolg verleumden?«

Violets Blick begann milder zu werden – ein ganz klein wenig. Braden, dem das nicht entging, nutzte seinen Vorteil sofort aus.

»Es ist unentschuldbar«, fuhr er fort. »Ich weiß. Aber wenn sich Menschen wie wir – wie Sie und ich, Violet – aus dem Schmutz dieser Welt herausziehen, gibt es nichts, rein gar nichts, was uns aufhalten könnte. Und das, Violet, ist sehr beängstigend für diejenigen, die an der Macht sind. Sie haben das Gefühl, dass ihre Stellung im Leben bedroht ist. Deshalb erzählen sie abscheuliche Dinge über uns. Ich bin schon mit allem Möglichen betitelt worden, wissen Sie? Einige Leute haben mir sogar vorgeworfen« – er holte tief Luft – »ein Schürzenjäger zu sein. Aber das ist nicht wahr, Violet. Ich bin nur ein Mensch aus Fleisch und Blut. Wie Sie, Violet. Genau wie Sie.«

Lady Caroline, die ihn mit skeptischer Miene beobachtet hatte, verdrehte bei diesen Worten die Augen. Aber ihre Zofe war längst nicht so hartherzig. Sie streckte eine Hand aus und nahm Bradens Rechte in ihre.

»Ich habe es gehört«, erwiderte Violet ernst. »Ich habe schreckliche Sachen über Sie gehört. Doch jetzt verstehe ich, warum die Leute gelogen haben. Neidisch, das sind sie alle miteinander! Und ich kann nur sagen … Gott segne Sie!«

Braden neigte bescheiden den Kopf. »Danke, Violet. Wiesel … Mr. Ambrose, meine ich, bringen Sie Miss Violet bitte in die Küche und sorgen Sie dafür, dass sie Tee und Kuchen bekommt.«

»Es ist mir eine Ehre, Sir«, entgegnete Wiesel, dessen Mundwinkel zuckten. Dann führte er die Frau, die Braden noch einen letzten verklärten Blick über die Schulter zuwarf, hinaus.

Braden schloss lächelnd die Tür hinter den beiden und drehte sich um. »Nun, Lady Caroline, was kann ich für Sie tun?«, wollte er fragen.

Leider blieben ihm die Worte im Hals stecken, weil Lady Caroline ihn giftig anstarrte.

»Was«, wollte sie wissen, »haben Sie mit meiner Zofe gemacht?«

Er betrachtete sie interessiert. Sie war, wie er bei Lady Ashforth’ Dinnerparty richtig bemerkt hatte, keine Schönheit im landläufigen Sinn. Ihr Haar war weder hell noch dunkel, ihre Figur weder üppig noch zierlich.

Und doch hatte Jacquelyn unrecht, wenn sie das Linford-Mädchen als unscheinbar abtat. Das war sie ganz und gar nicht. Es gab Frauen, die auch dieses Aussehen hatten, ein Aussehen, dass dem Betrachter auf den ersten Blick farblos erscheinen mochte, im Lauf der Zeit aber immer anziehender wurde. Diese Art Aussehen, so viel wusste Braden, war gefährlich – gefährlicher als die Schönheit einer Lady Jacquelyn –, da es sich ständig veränderte und einen Mann zu dem Wunsch verführen konnte, immer in der Nähe zu sein, um Zeuge dieser subtilen Veränderungen sein zu können …

Nicht, dass ihm so etwas schon passiert wäre. Oder je passieren würde.

Dennoch, Lady Caroline besaß etwas, dass sogar ein abgebrühter Bewunderer weiblicher Schönheit wie er selbst zugegebenermaßen unwiderstehlich fand. Und das waren ihre sehr großen Augen, die zwar von schlichtem Braun, aber ungemein ausdrucksvoll waren.

Auch in diesem Moment zeigten sie sehr viel Gefühl. Und sie waren vorwurfsvoll auf ihn gerichtet.

»Na los«, meinte sie anklagend. »Verraten Sie mir, was Sie mit ihr gemacht haben.«

»Gar nichts«, erwiderte Braden, während er auf seinen Schreibtisch zuging, hauptsächlich um aus dem Einflussbereich dieser großen, schimmernden Augen zu kommen. »Ich habe ihr gar nichts getan. Ich habe mit ihr gesprochen, wie ein vernünftiger Mensch mit dem anderen, das ist alles.«

Das Mädchen folgte ihm, es stellte sich vor seinen Schreibtisch und fixierte ihn.

»Das ist nicht alles«, verkündete Caroline. »Sie … Sie haben sie hypnotisiert!«

»Ich habe nichts dergleichen getan.« Braden schüttelte den Kopf. »Ich habe an ihr besseres Ich appelliert und gewonnen.«

»Ich glaube«, erwiderte das Mädchen mit argwöhnisch zusammengekniffenen Augen, »dass Sie sie behext haben.«

Braden setzte sich. Es war unhöflich, das wusste er, aber Lady Caroline schien sehr aufgebracht zu sein, und er hoffte, es würde beruhigend auf sie wirken, wenn sie sich nicht den Hals verrenken musste, um ihn anzuschauen.

»Lady Caroline«, erklärte er streng. »Wir schreiben das Jahr achtzehnhundertsiebzig. Muss ich Sie wirklich daran erinnern, dass es so etwas wie Hexerei nicht gibt? Außerdem waren Sie es, die sie mitgebracht hat. Wenn Sie sie nicht hier haben wollten, warum haben Sie sie dann überhaupt mitgenommen?«

»Weil es mir nicht erlaubt ist, ohne ihre Begleitung auszugehen«, antwortete sie mit einem Anflug von Ungeduld, als wollte sie andeuten, dass sie ihn reichlich begriffsstutzig fand.

»Nicht erlaubt …« Er verdaute diese Information. »Lieber Gott! Stehen Sie in irgendeiner Weise unter Arrest?«

»Nein«, entgegnete sie, und obwohl sie es nicht laut aussprach, war er ziemlich sicher, das Wort Dummkopf in diesen leuchtenden Augen zu lesen. »Ich darf ohne Begleitung nirgendwohin gehen. Junge Frauen werden in dieser Stadt häufig von gewissenlosen Übeltätern belästigt, und es ist Violets Aufgabe, mich vor ihnen zu beschützen.«

»Aha«, murmelte Braden leicht erschüttert. »Ich muss zugeben, sie hat den richtigen Körperbau dafür.«

Caroline sah erzürnt auf ihn hinunter. »Was Sie mit ihr gemacht haben, ist nicht in Ordnung. Sie … Sie haben ihr Dinge weisgemacht, die einfach nicht wahr sind.«

»Inwiefern?«, konterte er. »Das ist Ansichtssache, finden Sie nicht? Ich könnte Sie genauso gut fragen, ob es in Ordnung ist, in den Geschäftsräumen eines Mannes eine Szene zu machen. Ich hätte wegen der Hysterie dieser Person ohne Weiteres einen Kunden verlieren können. Das ist Geld aus meiner Tasche, verstehen Sie? Und aus Mr. Ambrose’ Tasche ebenfalls. Aus der aller meiner Angestellten, um genau zu sein. Wie soll ich ihre Gehälter zahlen, wenn Ihre Zofe meine Kunden mit ihren hysterischen Anfällen verscheucht?«

Das saß. Der Vorwurf in ihren braunen Augen wich tiefem Schuldbewusstsein.

»Oh«, murmelte sie. »Es tut mir wirklich leid! Aber ich musste Sie einfach sehen; ich war bei Ihnen zu Hause, aber man sagte mir, dass Sie hier seien und ich dachte … Na ja, was ich mit Ihnen zu besprechen habe, ist in gewisser Weise geschäftlich. Deshalb dachte ich, ich könnte einfach vorbeischauen und … Natürlich war mir nicht klar, dass Violet so hartnäckig darauf bestehen würde, mit mir hereinzukommen. Ich wollte unter vier Augen mit Ihnen reden, wissen Sie? Entschuldigen Sie bitte vielmals.«

Braden stellte leicht bestürzt fest, dass ihm an jenem Abend bei Lady Ashforth ein weiterer ihrer Reize entgangen war: ihre Stimme. Es war eine angenehme Stimme, eher tief und fast wie die eines Jungen, was er als Erleichterung empfand. Wie er im Lauf der Jahre festgestellt hatte, hatten junge Mädchen eine unerfreuliche Tendenz zu schrillen Tönen.

»Nun«, meinte er, »ich denke, ich kann Ihnen noch einmal verzeihen. Warum setzen Sie sich nicht und erzählen mir, was los ist, nun, da Ihre Violet nicht mehr zugegen ist?«

Caroline wandte den Kopf und entdeckte den Sessel, auf den er gedeutet hatte. Sie nahm Platz und beschäftigte sich eine Minute damit, sich an den Knöpfen ihrer Handschuhe zu schaffen zu machen, knöpfte sie aber nicht auf. Wie Braden beifällig feststellte, trug sie ein sehr schlichtes weißes Vormittagskleid mit einem blauen Cape, dazu ein passendes weißes Schirmchen und einen blauen Hut, der mit einer großen weißen Schleife unter dem Kinn gebunden war. Sie sah sehr adrett, ja, anziehend aus, auch ohne all die Federn und ähnlichen Schnickschnack, den Jacquelyn bei der modisch gekleideten Dame von Welt für unerlässlich zu halten schien.

»Ich nehme an …«, setzte Lady Caroline mit ihrer klangvollen Stimme an, um dann wieder an dem Knopf an ihrem Handgelenk zu zerren.

Braden konnte nicht umhin, den Streifen Haut zwischen Handschuh und Manschette zu bemerken. Diese Haut war für eine adlige junge Dame ungewöhnlich gebräunt und verriet, dass sie weit mehr Freizeit an der frischen Luft verbrachte, als allgemein für schicklich erachtet wurde. Lady Jacquelyn Seldon hingegen war fast nie an der frischen Luft und hatte die milchweiße Haut – von oben bis unten, wie er mit gutem Gewissen bezeugen konnte –, die es bewies.

»Ich nehme an, Sie erinnern sich noch daran, neulich Abend bei Lady Ashforth mit mir … äh, gesprochen zu haben«, begann Caroline.

»Allerdings.« Braden beobachtete, wie sie den Knopf malträtierte. Lange würde er nicht mehr halten. »Ich hoffe, Sie hatten nicht wieder einen derartigen Schwächeanfall wie an jenem Abend.«

»Oh.« Sie ließ den Knopf los und richtete ihre ganze Aufmerksamkeit auf sein Gesicht. Es war, als stünde man plötzlich im glühenden Licht eines Scheinwerfers – so zumindest stellte es sich Braden, der noch nie auf einer Bühne gestanden hatte, vor.

»Nein, nein«, versicherte sie. »Es geht mir viel, viel besser. Nur, falls Sie sich erinnern, haben Sie mich an dem Abend gefragt, ob ich nicht vielleicht Lady Jacquelyn gesehen hätte und ob sie in Begleitung gewesen wäre.«

Braden beugte sich unwillkürlich vor.

»Ja«, antwortete er, bemüht, nicht so gespannt zu klingen, wie er sich fühlte. »Ja, ich erinnere mich.«

»Nun, wie Sie wissen, hatte ich sie gesehen, und sie war nicht allein. Und sie und der Mann befanden sich in einer, wie man sagen könnte, verfänglichen Situation.«

Er zog fragend eine Augenbraue hoch. Ganz ruhig, ermahnte er sich. Bloß nicht übereifrig erscheinen. »Tatsächlich?«

»Ja.« Ihre Wangen, stellte er fest, hatten sich leicht gerötet. »Äußerst verfänglich.«

»Verstehe«, gab er mit erzwungener Ruhe zurück. »Fahren Sie fort.«

»Etwas, das Sie bei unserer letzten Begegnung erwähnten«, sagte Lady Caroline, »brachte mich auf den Gedanken, dass die Identität des Gentlemans, der mit Ihrer Verlobten in dieser … Situation war, wichtig für Sie sein könnte.«

Braden starrte sie an. Nein. Ausgeschlossen. Nach Monaten der Frustration würde er endlich die Antwort auf die Frage erhalten, an der sich ein halbes Dutzend seiner besten Männer die Zähne ausgebissen hatte – und zwar von diesem Mädchen! Von diesem arglosen Mädchen!

Wirklich, es war zu schön, um wahr zu sein. Es kostete ihn alle Willenskraft, nicht vor Freude durch das Zimmer zu springen. Stattdessen blätterte Braden in einigen der Unterlagen auf seinem Tisch, als wäre das, was sie ihm eröffnet hatte, ohne jeden Belang.

»Ja, so ist es«, erwiderte er in einem Ton, der, wie er hoffte, denkbar unbeteiligt klang. »Nett von Ihnen, sich deshalb die Mühe zu machen, mich aufzusuchen. Ich hätte Sie schon an jenem Abend gefragt, aber Sie schienen ein wenig die Fassung verloren zu haben, und ich hätte nicht gedacht … nun, ich hätte nicht gedacht, dass Sie ihn erkannt haben könnten.«

»Oh«, sagte Caroline, »Aber natürlich habe ich ihn erkannt.«

»Schön«, meinte Braden. Er hörte auf, in seinen Papieren zu wühlen, und lächelte. Weil er befürchtete, sein Lächeln könnte ein wenig zu viel von der überschwänglichen Freude verraten, die er empfand, versuchte er es zu unterdrücken und setzte eine geschäftsmäßige Miene auf. »Mit wem haben Sie sie gesehen, Lady Caroline?«

Caroline blickte auf. Jetzt lag in ihren ausdrucksvollen dunklen Augen ein Ausdruck, den er nicht benennen konnte. »Oh, das kann ich Ihnen nicht sagen«, entgegnete sie und machte ein schockiertes Gesicht.

Jetzt war es Braden, der sie anstarrte, und er tat es in der Überzeugung, dass seine Augen, die genauso dunkel waren wie ihre, nicht halb so viel von seinen Gefühlen preisgaben. »Sie können es nicht …« Er schüttelte den Kopf. »Tut mir leid. Ich dachte, Sie hätten erwähnt, dass Sie ihn erkannt haben.«

»Oh, ich habe ihn erkannt. Ich kann Ihnen nur seinen Namen nicht nennen, verstehen Sie?« Wieder warf sie ihm ein entschuldigendes Lächeln zu. »Ich weiß, dass es Ihnen gelungen ist, Violet mit Ihrer kleinen Rede, dass sie nicht alles glauben dürfe, was man über Sie sagt, einzulullen, aber ich fürchte, bei mir funktioniert es nicht. Sehen Sie, ich glaube voll und ganz, was man sich über Sie erzählt. Unter anderem heißt es, Sie seien recht schnell mit der Pistole bei der Hand, um persönliche Probleme zu regeln. Wenn ich Ihnen den Namen des Mannes nenne, den ich mit Ihrer Verlobten gesehen habe, werden Sie zweifellos versuchen, ihn zu töten. Nun, ich will nicht den Tod eines Menschen auf dem Gewissen haben, nein danke.«

Braden, der von dieser Erklärung völlig überrumpelt war, konnte sie nur anstarren.

»Aber wenn Sie darüber nachdenken«, fuhr Caroline zungenfertig fort, »kommt es im Grunde nicht darauf an, wer der Gentleman ist. Sie glauben, dass sich Ihre Verlobte mit einem anderen Mann eingelassen hat, und würden die Verlobung gern lösen, aber Sie befürchten, sie könnte Sie wegen Bruchs des Eheversprechens verklagen. Ist es nicht so?«

Braden hatte sie so unverwandt angestarrt, dass er ganz vergessen hatte zu blinzeln. »Ja«, bekannte er langsam, während er sich fragte, ob sie eine Irre war, und wenn ja, wie er sie loswerden könnte. Ein Jammer eigentlich, denn sie entpuppte sich als ganz hübsches kleines Ding. Aber eindeutig verrückt. Total verrückt.

»Und um auch nur die geringste Chance zu haben, diesen Fall zu gewinnen«, fuhr Caroline fort, »brauchen Sie Beweise für die Untreue Ihrer Verlobten.«

»Ja«, sagte er wieder. »Das stimmt. Und deshalb …«

»Wäre nicht die Aussage einer Zeugin, die Ihre Verlobte in den Armen eines anderen gesehen hat, Beweis genug?«

Braden räumte widerwillig ein: »Das hinge natürlich von der Glaubwürdigkeit der Zeugin ab …«

»Glauben Sie, man würde mich für eine glaubwürdige Zeugin halten?«, fragte sie.

Er zögerte. Eine Irre würde natürlich auf keinen Richter einen guten Eindruck machen. Aber trotz ihres Verhaltens sah Lady Caroline nicht wie eine Irre aus. Im Gegenteil, sie wirkte durchaus respektabel. Sogar anziehend.

Anziehend. Lieber Gott, was dachte er sich bloß? Sie war ein Kind. Na ja, gewissermaßen.

»Ich denke«, erwiderte Braden langsam, »dass es mit entsprechender Schulung Ihrerseits gehen könnte. Aber …«

»Das habe ich mir auch überlegt«, sagte Caroline. »Deshalb kommt es letzten Endes wirklich nicht darauf an, dem fraglichen Mann einen Namen zu geben. Ich meine, die simple Tatsache, dass ich ihn mit Ihrer Verlobten zusammen« – sie warf ihm einen vielsagenden Blick zu – »und ich meine zusammen im intimen Sinne des Wortes – gesehen habe, sollte als Beweis ausreichen, finden Sie nicht?«

»Lady Caroline.« Er konnte seine unbeteiligte Fassade nicht länger aufrechterhalten. Er hatte es schon vor ein paar Minuten aufgegeben, doch jetzt sank er, wie ausgebrannt vor Enttäuschung, in seinen Sessel zurück. »Nehmen Sie es mir bitte nicht übel, aber ich glaube nicht, dass Sie sich ausreichend mit unserer Gesetzgebung befasst haben. Vor Gericht zu lügen – was Sie offenbar vorhaben –, nennt man einen Meineid, ein Vergehen, das strafbar ist …«

»Ich weiß, was ein Meineid ist, Mr. Granville«, fiel sie ihm ins Wort.

»Schön«, entgegnete er gereizt. »Wenn Sie es wissen, begreife ich nicht, wie Sie glauben können, damit durchzukommen.«

»Mr. Granville.« Ihr Blick war offen und unverwandt. Und in ihren warmen braunen Augen konnte er nicht eine Spur von Wahnsinn entdecken. Trotzdem musste er vorhanden sein, davon war Braden überzeugt. Nur eine Verrückte konnte einen so absurden Vorschlag machen. »Wie ich Lady Jacquelyn kenne – und ich kenne sie von der Schule –, wird sie leugnen, einen Liebhaber zu haben, ob ich ihm nun einen Namen gebe oder nicht. Es kommt also nicht darauf an, wenn ich sage, dass ich ihn nicht erkannt habe – außer für den Betreffenden selbst, dem dadurch erspart wird, eine Kugel auf den Pelz gebrannt zu bekommen.«

»Lady Caroline«, gab Braden zurück. »Ich fürchte, Sie verstehen nicht ganz. Lady Jacquelyn wird sich mit Sicherheit sehr tüchtige Anwälte nehmen, die Sie sehr genau befragen werden …«

»Ja«, stimmte Lady Caroline zu. »Dessen bin ich mir bewusst. Aber ich vertraue darauf, dass ich imstande sein werde, ihre Fragen – bis zu einem gewissen Punkt – wahrheitsgemäß zu beantworten. Wenn die Identität des Mannes angeschnitten wird, werde ich einfach behaupten, dass ich ihn nicht gut genug sehen konnte, um sagen zu können, wer er war. Aber ich denke, ich werde ihm einen französischen Akzent geben.« Sie lächelte in sich hinein. »Ich glaube, das ist ein ganz glaubwürdiges kleines Detail, nicht wahr? Ich kann mir Lady Jacquelyn sehr gut mit einem Franzosen vorstellen.«

Braden starrte sie an. Er wusste, dass es unhöflich war, doch er konnte nicht anders. Er hätte nicht sagen können, auf was sie hinauswollte. Was für eine Frau, fragte er sich, würde so vergnügt anbieten, für einen Mann, den sie kaum kannte, vor Gericht einen Meineid zu leisten? Keine Frau, die er kannte – weder aus Mayfair noch aus den Dials.

»Bevor ich zustimme, als Ihre Zeugin aufzutreten, Mr. Granville«, fuhr Lady Granville fort, »wäre da allerdings noch die Frage der Entschädigung.«

Braden gab sich einen Ruck. Lieber Gott! Da war es! Da war endlich der Grund, warum das Mädchen zu ihm gekommen war.

Er verspürte eine seltsame Erleichterung. Lady Caroline war also nicht verrückt. Kein bisschen. Sie wollte etwas.

Warum das eine Erleichterung für ihn darstellte, verstand er selbst nicht. Was ging es ihn an, ob das Mädchen im vollen Besitz seiner Geisteskräfte war? Lady Caroline bedeutete ihm nichts.

Er sagte sich, dass es lediglich die Erleichterung war, die jeder Mann empfinden würde, wenn er feststellte, dass er sich doch nicht in Gesellschaft einer Irren befand, und fragte sich dann, was Caroline Linford wohl von ihm wollte. Nach allem, was Braden über sie wusste, was zugegebenermaßen nicht viel war, hatte sie alles, was sich eine junge Dame aus den ersten Kreisen wünschen konnte, unter anderem eine großzügige Mitgift, ein hübsches Gesicht und einen gut aussehenden Bräutigam.

»Entschädigung?«, wiederholte er neugierig.

»Ja.« Sie warf ihm einen Blick zu, der anzudeuten schien, dass sie seine Frage für reichlich beschränkt hielt. »Wenn ich mich darauf einlasse, einen Meineid zu leisten — ganz zu schweigen von dem Unwillen meiner Familie, wenn ich mit etwas so Skandalösem wie einer Klage wegen eines gebrochenen Eheversprechens zu tun habe –, muss ich dafür entschädigt werden.«

Seltsam enttäuscht musterte er sie. Diesmal musste er sich nicht fragen, warum er so empfand. Er wusste genau, warum er enttäuscht war. Weil sie so jung und hübsch und unschuldig aussah und sich doch in nichts von den anderen Frauen aus seinem Bekanntenkreis unterschied. Sie war wie die kandierten Blumen, die er als Junge im Fenster der Bäckerei bewundert hatte – sie sahen köstlich aus, aber sobald er endlich genug Geld zusammengekratzt hatte, um sich ein paar davon kaufen zu können, hatte er festgestellt, dass sie eigentlich gar nicht besonders gut waren. Wie so viele Dinge in Mayfair, die Braden früher einmal bewundert hatte, erwies sich, dass Caroline Linford bei näherer Begutachtung auch nicht ganz so verlockend war, wie sie zuerst gewirkt hatte.

Ein Jammer, sicher, aber warum ihm das so nahe ging, war ihm ein Rätsel. Wie gesagt, sie bedeutete ihm nichts.

Zynisch fragte er sich, in welchen Schwierigkeiten sie wohl stecken mochte. Hatte sie vielleicht ihr Vermögen verspielt? Er hatte gehört, dass ihr jüngerer Bruder, der Earl, eine Schwäche für das Kartenspiel hatte – und es auch recht gut beherrschte doch er wäre nie auf die Idee gekommen, dass Lady Caroline sonderlich erpicht auf Glücksspiel wäre. Andererseits hatte er Frauen gekannt, die genauso unschuldig ausgesehen hatten wie Lady Caroline, und die Unsummen am Spieltisch verloren hatten. Also war es wohl durchaus denkbar.

So enttäuscht er auch war, zumindest bewegte er sich jetzt auf vertrautem Gelände.

Für Geschäfte hatte er schon immer einen Kopf gehabt, genauso wie er bei der ersten Gelegenheit, als er eine Pistole in der Hand gehalten hatte, sofort ihren Mechanismus untersucht und Verbesserungsvorschläge ausgetüftelt hatte.

Daher zog er eine Schublade auf und entnahm ihr eine kleine Kassette, in der er stets größere Summen Bargeld verwahrte. »Verstehe«, sagte Braden. »Darf ich fragen, wie viel, Lady Caroline?«

Er hörte, wie sie nach Luft schnappte, und als er aufblickte, stellte er zu seiner Überraschung fest, dass ihre Wangen feuerrot geworden waren.

»Kein Geld!«, rief Caroline mit unverhohlenem Entsetzen. »Ich brauche kein Geld, Sir!«

Braden schloss die Kassette rasch. Er hatte sie beleidigt. Er war sich nicht ganz sicher, wodurch. Jacquelyn hatte nie Hemmungen gehabt, Geld von ihm anzunehmen, aber Lady Caroline Linford schien eine andere Einstellung zu haben.

»Verstehe«, murmelte er verwirrt, obwohl er in Wirklichkeit gar nichts verstand. »Aber Sie meinten doch, Sie wollten entschädigt werden …«

»Aber doch nicht mit Geld!«, rief Lady Caroline schockiert.

Braden, der bemerkte, dass sein Vorschlag sie tatsächlich aus der Fassung brachte, stellte die Kassette hastig in die Schublade zurück. Er hatte einen Fauxpas begangen, so viel stand fest, aber wodurch wusste er nicht. Andererseits waren junge Damen der Gesellschaft nicht unbedingt eine Bevölkerungsgruppe, mit der er sich viel abgab.

»Verzeihen Sie bitte«, erwiderte er in einem, wie er hoffte, begütigenden Tonfall. »Mir ist jetzt klar, dass es nicht pekuniäres Interesse war, das Sie zu mir geführt hat. Dürfte ich vielleicht erfahren, woran Sie gedacht haben, als Sie eine Entschädigung erwähnten?«

Caroline senkte den Blick. Sie schien außerstande zu sein, von ihrem Schoß aufzublicken. Was merkwürdig war, weil sie ihm die ganze Zeit, während sie ihm ihren Plan, einen Meineid zu leisten, erklärt hatte, direkt in die Augen gesehen hatte, und zwar mit einer Offenheit, die er geradezu bewundernswert fand.

Er musste sich eingestehen, dass er fasziniert war. In seinen Augen hatte sie sich von einer kandierten Blume in etwas sehr viel Verlockenderes verwandelt. In einen Pfirsich vielleicht. Pfirsiche – wenn sie reif waren – enttäuschten kaum jemals. Und Caroline Linford sah sehr reif aus.

»Es muss doch etwas geben«, meinte Braden, nachdem er beobachtet hatte, wie sie beinahe eine Minute darum rang, das, was sie anscheinend wollte, in Worte zu fassen. »Wie Sie selbst sagten, wird Sie Ihre Aussage zu meinen Gunsten vor Gericht zu einem Gegenstand des … allgemeinen Geredes machen. Das ist nicht unbedingt leicht für eine junge Frau.«

»Ich weiß.« Sie sah unvermittelt auf, und wieder hatte er den Eindruck, im hellen Rampenlicht zu stehen, so eindringlich war ihr Blick, so hell ihre Augen.

Nein, kein Pfirsich, dachte er bei sich. Etwas noch Süßeres. Eine Nektarine vielleicht.

»Aber es ist keine finanzielle Entschädigung, an die ich denke«, gab sie zögernd zurück. »Es … es ist etwas, das Sie für mich tun sollen.«

»Tun?« Er gab ihren Blick interessiert zurück. Eindeutig eine Nektarine. »Und was soll das sein?« Erneut senkte sie den Kopf und schien innerlich einen schweren Kampf auszufechten. Ihm fiel auf, dass sie wieder angefangen hatte, den Knopf an ihrem Handschuh zu malträtieren. Als er sich an ihre Sonnenbräune erinnerte – und sich aus einem unerklärlichen Grund fragte, wie hoch diese Bräune an ihren wohlgeformten Armen reichen mochte , kam ihm der Gedanke, dass sie vielleicht an irgendeiner Form von sportlicher Betätigung interessiert sein könnte. »Unterricht im Schießen vielleicht? Damit Sie Ihre Zofe nicht immer mitschleppen müssen? Sie könnten auf die gewissenlosen Übeltäter, wie Sie sie nannten, schießen, statt auf Violets Schutz angewiesen zu sein …«

»Oh nein«, unterbrach Caroline ihn schnell und sah wieder auf. »Ich hasse Schusswaffen.«

Er blinzelte leicht, unschlüssig, ob er beleidigt sein oder lachen sollte. »Aha«, meinte er schließlich nur. »Ich bin sicher, Sie würden nicht so denken, wenn Sie jemand überfällt und ich den Betreffenden mit einem Sechsschüsser verjage.«

»Ganz bestimmt«, entgegnete sie. »Aber Schusswaffen werden so selten zum Schutz verwendet. Meistens werden sie von Leuten wie Ihnen benutzt, um ein banales Ärgernis zu bereinigen.«

Er musste sich beherrschen, sie nicht darauf aufmerksam zu machen, dass der Liebhaber seiner Verlobten kaum ein banales Ärgernis für ihn darstellte.

»… oder von Strauchdieben«, fuhr sie fort, »die arme, unbewaffnete Menschen – wie meinen Bruder – damit bedrohen, um an ihre Geldbörsen heranzukommen.« Ihm entging nicht, wie gepresst ihre Stimme klang, als sie ihren Bruder erwähnte. »Er … er wäre beinahe gestorben, wissen Sie? Und das nur wegen einer einzigen Kugel.«

»Aber jetzt geht es ihm gut«, warf Braden freundlich ein. »Ich habe ihn neulich Abend bei Lady Ashforth gesehen, und er war …«

»Gesund und munter«, unterbrach Caroline ihn bitter. »Ja, ich weiß. Dank Hurst.«

Braden zog eine Augenbraue hoch. »Hurst? Der Marquis von Winchilsea, meinen Sie?«

»Ja. Er war es, der Tommy damals gefunden hat. Er verscheuchte die Täter und verhinderte, dass mein Bruder auf der Straße verblutete. Tommy wäre sicher gestorben, wenn Hurst nicht so schnell gehandelt hätte.«

Braden, der den Marquis nur flüchtig kannte, fiel es schwer, zu glauben, dass der hübsche Dandy, den er kennengelernt hatte, und der Mann der Tat, den Lady Caroline beschrieb, ein und dieselbe Person waren. »Tatsächlich?«, gab er diplomatisch zurück.

»Oh ja«, versicherte Caroline. »Es war monatelange Pflege erforderlich, während die Ärzte Tag und Nacht bei uns ein und aus gingen, und die ganze Zeit wich Hurst kaum von Tommys Seite. Damals … damals haben wir uns auch verlobt. Hurst und ich, meine ich. Weil wir nach Tommys Verwundung so oft zusammen waren …« Sie brach ab und starrte ihn vorwurfsvoll an, fast, als machte sie ihn für die Schusswunde ihres Bruders verantwortlich. Und ihre nächsten Worte verrieten, dass sie tatsächlich etwas in der Art dachte.

»Ehrlich«, bemerkte sie, »ich finde, ein Mann wie Sie, der zufällig ein Genie ist – jedenfalls behauptet das mein Bruder –, sollte sich lieber damit befassen, etwas zu erfinden, das wir wirklich brauchen, statt eine Form von … von Tötungsmaschine zu entwickeln. Mein Vater, müssen Sie wissen, entwickelte ein Warmwassersystem, das praktisch in jedem Haus installiert werden kann. Das ist etwas Nützliches.«

Braden hüstelte. Er konnte nicht anders. Er musste hüsteln, um sein Lachen zu überspielen. »Verstehe«, erwiderte er, nachdem er sich geräuspert hatte. »Ich werde daran denken. Und jetzt, Lady Caroline, wüsste ich gern, wenn es Ihnen nichts ausmacht, was ich Ihrer Meinung nach für Sie tun kann. Wollen Sie vielleicht, dass ich die Männer finde, die für die Verwundung Ihres Bruders verantwortlich sind? Dass ich dafür sorge, dass sie ihrer gerechten Strafe überführt werden?«

Sie runzelte die Stirn. »Nein«, antwortete sie. Dann sah sie sich im Zimmer um, als wollte sie sichergehen, dass sie tatsächlich allein waren, beugte sich vor und erklärte in verschwörerischem Flüsterton: »Nun ja, Mr. Granville, ich möchte … ich möchte, dass Sie mir alles über die Liebe zwischen Mann und Frau beibringen.«

Kapitel 8

Sie war sich nicht sicher, aber einen Moment lang sah es so aus, als würde Braden Granville der Schlag treffen. Caroline, deren Vater einem besonders schweren Schlaganfall erlegen war, kannte die Symptome. Sie beugte sich noch weiter vor und fragte: »Ist alles in Ordnung, Mr. Granville?«

Braden starrte sie weiterhin unverwandt aus seinen braunen Augen an – die im Gegensatz zu ihren eigenen interessante Tupfen von Mahagoni und Kastanie hatten. Er wirkte wie gelähmt.

»Soll ich Ihren Sekretär holen?«, bot Caroline an. »Oder möchten Sie vielleicht ein Glas Wein oder etwas Wasser?«

Sie sprang auf und wollte schon zur Tür laufen, um Mr. Wiesel zu holen, als sich der Mann hinter dem Schreibtisch endlich rührte, den Kopf schüttelte und mit einer Stimme, die stark an ein Knurren erinnerte, sagte: »Setzen!«

Caroline, zu der noch nie jemand in diesem Ton gesprochen hatte, fragte sich, wen er meinte. Als ihr aufging, dass er natürlich mit ihr gesprochen hatte – schließlich war niemand sonst im Baum –, sank sie vor Erstaunen in ihren Sessel zurück.

»Meine Güte«, gab sie mit mehr Courage zurück, als sie tatsächlich empfand. »Sie müssen mich nicht herumkommandieren, als wäre ich ein Schulkind.«

»Warum nicht?«, fragte Braden mit derselben gereizten Stimme. »Sie benehmen sich wie eines.«

»Ganz gewiss nicht«, widersprach Caroline aufrichtig gekränkt. Sie hatte das Gefühl, mit angemessener Haltung aufgetreten zu sein. »Und ich muss sagen, wenn Sie Ihre Geschäfte auf diese Art abwickeln – indem Sie Ihre Kunden beleidigen –, kann es mich nur wundern, dass Sie in ihrem ganzen Leben auch nur eine einzige Waffe verkauft haben.«

»Genau!« Braden Granville stand auf und zeigte anklagend mit dem Finger auf sie, während seine tiefe Stimme wie Donnergrollen durch den Raum dröhnte. »Das ist es! Ganz genau! Ich verkaufe Waffen, junge Dame. Ich verkaufe nicht mich selbst. Ich bin kein bezahlter Begleiter.«

»Das habe ich nie behauptet«, versicherte Caroline, deren Courage sich angesichts dieser Explosion in Luft auflöste. »Vor allem, weil ich keine Ahnung habe, was das bedeutet.«

»Ein bezahlter Begleiter«, erklärte er langsam und deutlich, »ist ein Mann, der für Geld mit Frauen schläft. Es ist das männliche Gegenstück zu einer Hure.«

Caroline blinzelte. Da sie ungewöhnlich viel Zeit damit verbracht hatte, ihren Bruder und seine Freunde zu belauschen, war ihr eine derbe Sprache durchaus vertraut. Aber sie hatte nie zuvor erlebt, dass solche Ausdrücke in ihrer Anwesenheit ausgesprochen wurden.

Und dann erkannte Caroline ganz plötzlich, warum Braden Granville so wütend war.

»Oh«, japste sie. »Oh nein! Sie glauben doch nicht …«

Er starrte sie mit steinerner Miene an. Oh doch, bemerkte sie, genau das denkt er …

»Ich versichere Ihnen«, fuhr sie mit so viel Würde, wie sie aufbringen konnte, fort, während ihre Wangen feuerrot erglühten, »dass Sie sich irren. Ich bin ganz bestimmt nicht gekommen, um Sie zu bitten, das zu tun.« Sie brach sprachlos vor Verlegenheit ab.

Schließlich war es nicht so, sagte sie sich, als sie dasaß und die heiße Röte auf ihrem Gesicht spürte, dass es nicht all ihren Mut erfordert hätte, einfach Braden Granvilles Büro zu betreten. Außerdem hatte sie in der vergangenen Nacht stundenlang wach gelegen und überlegt, ob sie wirklich das Richtige tat. Denn obwohl sie überzeugt war, dass Braden Granville die Lösung für ihr Problem mit Hurst war, wusste sie genau, dass sie nie … nicht in einer Million Jahren …

Wie auch immer. Die Röte, die auf ihren Wangen brannte, sagte alles. Na ja, vielleicht nicht alles, aber genug, um zu bewirken, dass sich Braden Granville hinter seinem Schreibtisch ein wenig zu entspannen schien. Sein Gesicht, das ausgesehen hatte, als wäre es aus Granit gemeißelt, wirkte nicht mehr ganz so versteinert, und er nahm die Fäuste vom Schreibtisch. Er kam sogar hinter dem verflixten Ding hervor und lehnte sich daran, um sie mit verschränkten Armen zu mustern … was nicht unbedingt zu ihrem Behagen beitrug, da sie sich ohne den massiven Schreibtisch als Barriere schrecklich verwundbar fühlte. Er war schließlich ein sehr großes und imposantes Exemplar von einem Mann. Irgendwie war es ihr gelungen, dieses kleine Detail aus ihrem Gedächtnis zu verbannen, wenn sie sich an jenen Abend bei Lady Ashforth erinnert hatte.

»Um ehrlich zu sein«, bemerkte er, wobei seine Stimme nicht mehr wie ein Knurren oder Donnergrollen, sondern wie etwas dazwischen klang, »ich war mir nicht ganz sicher, woran Sie dachten, Lady Caroline. Aber nachdem jetzt feststeht, dass das, was Sie meinten, nicht das war, was ich annahm, sollten wir es lieber noch einmal versuchen.«

Und dann grinste er. Einfach so. Braden Granville grinste sie an. Was sie schockierte, war nicht so sehr, dass er sie angrinste, sondern was sie bei diesem Grinsen empfand, nämlich etwas ganz anderes als an jenem Abend bei Lady Ashforth, als er gelächelt hatte. Diesmal kam ihr nicht der Gedanke, dass er wie der Teufel persönlich aussah. Alles, was ihr durch den Kopf ging, war, dass Braden Granville auf seine düstere, bedrohliche Art eigentlich ganz gut aussah.

Lieber Himmel! Ganz gut? Braden Granville?

»Obwohl ich Ihnen sagen muss«, fuhr er im Plauderton und scheinbar, ohne ihr Unbehagen zur Kenntnis zu nehmen, fort, »dass meine ablehnende Reaktion nicht auf Widerwillen bei dieser Vorstellung beruhte, sondern eher auf dem Schock, dass eine junge Dame wie Sie einen solchen Vorschlag machen könnte.«

Caroline starrte ihn finster an. Sie sagte sich, dass das, was sie empfand, keine Anziehung war. Ganz und gar nicht! Nein, es war Empörung. Sie war natürlich furchtbar böse auf ihn. Er hatte doch tatsächlich geglaubt, sie wollte, dass er mit ihr schlief! Als hätte sie einen solchen Mangel an Bewunderern, dass sie auf Erpressung zurückgreifen musste. Was keineswegs der Fall war. Also wirklich, sie konnte jeden Mann haben, den sie haben wollte. Ganz bestimmt.

Was sie allerdings mit einem Mann machen sollte, wenn sie ihn erst einmal hatte, war ihr leider nicht ganz klar. Aus diesem Grund kam Braden Granville ins Spiel.

»Aber genau das«, murmelte sie, »ist ja das Problem.«

Er musterte sie fragend. Ein fragender Blick, stellte sie bestürzt fest, stand ihm genauso gut wie ein Lächeln. »Was denn?«

»Genau das bin ich für jeden. Eine junge Dame. Ich habe es satt, eine junge Dame zu sein.« Jetzt war alles egal. Sie hatte sich ohnehin schon zum Narren gemacht. Warum die Demütigung nicht vollständig machen? »Ich will eine Frau sein. Aber niemand erklärt mir, wie ich das anstellen soll.«

Er tauschte seinen fragenden Blick gegen eine verärgerte Miene. »Verzeihen Sie mir, Lady Caroline, wenn ich gestehe, dass ich mich ganz und gar nicht geschmeichelt fühle, weil Sie ausgerechnet mich bitten, Ihnen Lehrstunden in Weiblichkeit zu erteilen.«

»Aber verstehen Sie denn nicht?« Caroline lehnte sich vor. »Thomas – mein Bruder – hat mir erzählt, dass Sie mehr Geliebte als jeder andere Mann in London haben.«

Braden Granville schaute verstimmter aus denn je. Aber selbst ein verdrossener Blick, stellte Caroline zu ihrer Überraschung fest, sah bei ihm ganz gut aus.

»Nun, ich furchte, Sie werden Ihrem Bruder mitteilen müssen, dass die Gerüchte über meine amourösen Erfolge stark übertrieben sind«, blaffte er.

»Aber Sie geben zu, dass Sie hunderte Frauen gehabt haben«, beharrte Caroline.

»Also, hunderte ist vielleicht ein bisschen …«

»Schön, dann eben dutzende. Sie waren mit dutzenden Frauen zusammen – mindestens! –, nicht wahr?«

Die dunklen Augen wandten sich gen Himmel. »Na gut. Einigen wir uns auf dutzende.«

»Aber dann müssen Sie doch etwas darüber wissen, was eine Frau für Männer attraktiv macht.«

»Was eine Frau attraktiv macht«, wiederholte Braden Granville und richtete seinen Blick wieder auf sie, »besitzen Sie in Hülle und Fülle, Lady Caroline. Glauben Sie mir.«

»Ich glaube Ihnen nicht«, entgegnete Caroline, die seine Behauptung unverzüglich als Versuch abtat, sie zu beschwichtigen. »Denn wenn das wahr wäre …« Wenn das wahr wäre, hätte sie ihren Verlobten nicht zwischen Lady Jacquelyn Seldons Schenkeln ertappt. Aber das konnte sie ihm natürlich nicht sagen. »Glauben Sie mir, es stimmt nicht. Verstehen Sie doch, Mr. Granville, ich will keine Ehefrau sein.«

Er zog eine dunkle Augenbraue hoch, die mit der Narbe, wie Caroline auffiel. »Nicht?«

»Nein. Na ja, nicht nur eine Ehefrau.« Es war einfach schrecklich, all diese Dinge vor einem Mann auszusprechen, der eine so gute Erscheinung abgab. An jenem Abend bei Lady Ashforth hatte sie ihn offenbar nicht sehr genau angeschaut, wenn sie gemeint hatte, er sei ausgesprochen hässlich. Trotzdem, nachdem sie nun einmal so weit gegangen war, blieb ihr nichts anderes übrig, als weiterzumachen. »Ich möchte auch eine Geliebte sein.«

Die zweite schwarze Augenbraue zuckte hoch. »Eine Geliebte.«

Oh Gott. Warum gerade sie?

»Ja«, fuhr sie energisch fort. »Ehefrau und Geliebte zugleich, bei ein und demselben Mann. Auf die Art hätte er keinen Grund, auf Abwege zu geraten. Halten Sie das für möglich, Mr. Granville? Halten Sie es für möglich, dass ein Mann ausschließlich eine Frau lieben kann, wenn diese Frau beides für ihn ist, Ehefrau und Geliebte?«

Braden Granville öffnete den Mund, um ihn gleich wieder zu schließen. Dann antwortete er: »Es soll schon vorgekommen sein. In äußerst seltenen Fällen. Aber ich glaube, es hat dergleichen gegeben.«

»Genau das will ich«, bemerkte Caroline und zeigte mit einem Finger auf sich selbst. »Das will ich von Ihnen lernen. Wie ich für meinen Mann Ehefrau und Geliebte zugleich sein kann. Glauben Sie, Sie können mir helfen, Mr. Granville? Sie sind nämlich meine letzte Hoffnung. Niemand sonst will auch nur mit mir darüber reden.«

»Na ja«, entgegnete er trocken. »Das kann ich verstehen. Es ist ein etwas heikles Thema. Und Sie sind ein bisschen …«

Sie versteifte sich »Ein bisschen was?«

»Nun ja, ich meine, Sie sind ein bisschen …« Seine Stimme erstarb.

Das war viel schlimmer, als sie es sich ausgemalt hatte. Farblos. Das hatte er sagen wollen. Sie wusste es. Sie war ein wenig zu farblos, um als Geliebte durchgehen zu können. Na gut, am besten war, es offen auszusprechen. »Ein bisschen was, Mr. Granville?«

»Es ist nichts Schlimmes«, versicherte er ihr. »Es ist nur, dass Sie ein wenig jung …«

Jung? Wollte er sie zum Narren halten? Sie wusste, was er hatte sagen wollen. »Zufällig«, erwiderte sie steif, »bin ich einundzwanzig Jahre alt.«

»Wirklich?« Diese Information schien ihn übermäßig zu überraschen. »Sie wirken viel jünger. Das ist zum Teil das Problem …«

Na bitte. Farblos. Es lag ihm auf den Lippen. Auf diesen ausgesprochen männlichen und doch seltsam sensibel wirkenden Lippen.

»Welches Problem?«, stieß Caroline hervor.

»Nun, Sie scheinen ein wenig« – er zuckte die breiten Schultern – »ein wenig jungfräulich für eine Geliebte.«

Jungfräulich! Jungfräulich! Na ja, es war vielleicht nicht so schlimm wie farblos, aber … jungfräulich?

Als er ihr entsetztes Gesicht sah, fügte er hinzu: »Jungfräulichkeit ist nichts Schlimmes, Lady Caroline. Genau genommen erwarten es die meisten Männer von ihrer Braut.«

»Aber nicht von ihrer Geliebten«, jammerte Caroline, die ihr glühendes Gesicht am liebsten in den Händen vergraben hätte.

»Hm«, murmelte er. »Nein, wahrscheinlich nicht. Aber es gibt Männer, die es vorziehen …«

»Sicher«, meinte sie bitter. »Männer, die sich nicht die Mühe machen, ein Paar Hosen zu probieren, bevor sie es kaufen. Und welcher Idiot tut das schon?«

»Hosen?«, wiederholte Braden Granville verwirrt. »Wer hat etwas von Hosenkaufen gesagt?«

»Ich nehme an, Sie haben Ihre vor dem Kauf probiert. Jacquelyn Seldon scheint mir nicht unbedingt der jungfräuliche Typ zu sein.«

Braden Granvilles dunkle Augenbrauen fuhren wieder in die Höhe. »Ich glaube«, erwiderte er, »Sie haben gerade den Namen meiner zukünftigen Braut in den Schmutz gezogen.«

»Wir wissen beide, Mr. Granville, dass Ihre zukünftige Braut kaum als unschuldig gelten kann«, widersprach Caroline, die das Wort jungfräulich immer noch wurmte. »Ich zumindest weiß zufällig ganz genau, dass sie nichts dergleichen ist.«

Sie hatte nichts Derartiges erwartet, daher stieß sie einen kleinen Schrei aus, als er sich plötzlich vorbeugte, dabei mit seinem gewaltigen Oberkörper die Sicht blockierte und seine kräftigen Fäuste auf die Armlehnen ihres Sessels legte. Als sie aufsah, stellte sie fest, dass Braden Granvilles wütendes Gesicht ihr gesamtes Blickfeld ausfüllte.

Und Braden Granvilles Gesicht, stellte sie außerdem fest, konnte durchaus nicht mehr anziehend genannt werden, wenn es wutverzerrt war.

»Sagen Sie es mir!«, herrschte er sie an. »Sagen Sie mir, mit wem sie zusammen war, oder bei Gott …«

So sehr er ihr auch Angst machte – und mittlerweile hatte Caroline entschieden, dass Braden Granville ihr sehr viel Angst machte; sie fühlte sich in der Glut seines Zorns wie ein Stück Brennholz –, war Caroline unwillkürlich von der Tatsache beeindruckt, dass alles, was sie vor sich sah (das luxuriös eingerichtete Büro auf der teuersten Geschäftsstraße Londons, die geschäftigen Vorzimmer mit den vielen Angestellten, ja, selbst die hervorragend geschnittene Jacke und die kunstvoll geschlungene Krawatte, die er trug), mit der Kraft dieser harten Hände erworben war. So etwas ließ sich nur von wenigen Männern aus ihrem Bekanntenkreis behaupten und mit Sicherheit nicht von Hurst.

Genau genommen war der einzige Mann außer Braden Granville, auf den es zutraf, Carolines Vater.

Aber das war kein Grund, fand sie, ihm ein so ungehobeltes Benehmen durchgehen zu lassen.

»Um Himmels willen, Mr. Granville«, erklärte sie und vermerkte voller Stolz, dass ihre Stimme nicht schwankte. »Ich glaube nicht, dass Ihnen Gewalt in diesem speziellen Fall weiterhelfen wird.«

Er ließ ihren Sessel so plötzlich los, dass ein Windstoß hereinzufegen und alle Stellen abzukühlen schien, die er zuvor mit seiner Nähe versengt hatte.

»Verzeihen Sie mir, Lady Caroline«, bat er in dem vertrauten grollenden Ton, mit dem Rücken zu ihr, die Hände tief in den Taschen vergraben, als wollte er sie so ruhig halten. Anscheinend versuchte er, seine Fassung wiederzugewinnen. Caroline begrüßte die kurze Atempause von diesem dunklen, eindringlichen Blick. Dadurch hatte sie die Chance, wieder zu Atem zu kommen. Selbst etwas so Einfaches wie Atmen schien aus irgendeinem Grund in Braden Granvilles Nähe kompliziert zu werden.

»Schon gut, Mr. Granville«, meinte sie in der Hoffnung, dass sich ihre Erleichterung darüber, dass der Sturm vorüber war, nicht in ihrer Stimme verriet. »Es war meine Schuld. Ich hätte nicht etwas so … Provozierendes über Ihre Verlobte sagen dürfen.«

Wieder wirbelte er herum, nur dass sein Gesichtsausdruck diesmal nicht Wut, sondern Reue zeigte. Noch überraschender allerdings fand Caroline die Tatsache, dass Braden Granville Reue sehr gut stand. Seine Gesichtszüge hatten sich genügend entspannt, um beinahe als hübsch gelten zu können – nicht in der herkömmlichen, blonden, blauäugigen Art des Marquis von Winchilsea, sondern eher rau und eigenwillig.

»Die Schuld liegt bei mir«, erwiderte er, wobei er aufrichtig zerknirscht klang. »Nicht bei Ihnen.«

»Trotzdem«, sagte Caroline, die fast wider Willen gerührt war. Wer hätte gedacht, dass der ›große Granville‹ zu einer solchen Demut fähig wäre? Sie bestimmt nicht. »Sie sind mit Recht erzürnt. Sie lieben Ihre Verlobte«, bemerkte sie sanft, »ebenso sehr, wie ich meinen Verlobten liebe, und ich bin überzeugt, es muss Ihnen sehr wehtun, zu hören, dass sie Ihnen untreu war …«

Er unterbrach sie – recht nüchtern, fand sie, angesichts seiner vorherigen Erregung. »Sie erwähnen Ihren Verlobten. Er hat wohl keine Ahnung, dass Sie mit diesem … interessanten Vorschlag zu mir gekommen sind?«

Caroline blieb der Mund offen stehen. »Natürlich nicht!«

»Nicht.« Er nickte. »Das habe ich mir gedacht. Obwohl ich davon ausgehe, der Grund, warum Sie diese Informationen so dringend benötigen, ist, dass Sie beabsichtigen, Ihr Wissen an ihm zu erproben.«

»Ja, natürlich«, bekannte Caroline. »An wem sonst?«

»Ja, wirklich, an wem sonst?«, wiederholte Braden nachdenklich. »Und dennoch glaube ich kaum, Lady Caroline, dass er begeistert sein wird, wenn er erfährt, was Sie getan haben.«

»Aber das wird er nicht!«, rief Caroline. »Es erfahren, meine ich. Ich werde es ihm bestimmt nicht erzählen. Und ich vertraue auf Ihre Diskretion, Sir.«

»Aha«, murmelte Braden. »Aber was antworten Sie ihm, wenn er fragt, wie Sie zu Ihren neu erworbenen Kenntnissen gekommen sind?«

»Ganz einfach.« Caroline zuckte die Schultern. »Ich behaupte, ich hätte es aus einem Buch gelernt.«

»Einem Buch«, echote Braden und starrte sie an, als traute er seinen Ohren nicht.

»Ja. Es gibt solche Bücher, glaube ich. Ich habe nie eins gelesen, aber Tommy hat mir erzählt, er habe mal eins gesehen, in Oxford …«

»Ihr Bruder«, knurrte Braden, während er die Hände aus den Taschen nahm und anfing, ungeduldig hin und her zu gehen, »redet zu viel. Aber das war es nicht, was ich gemeint hatte. Was, glauben Sie, wird Ihr Verlobter denken, wenn Sie ihm mitteilen, dass Sie bei Lady Jacquelyn Seldons Klage wegen Bruch des Eheversprechens als Zeugin für mich auftreten wollen?«

Caroline biss sich auf die Lippe. Natürlich hatte sie darüber lange und angestrengt nachgedacht. Denn Hurst würde sich nicht darüber freuen, ganz und gar nicht. Die Vorstellung, dass seine Frau – sie war überzeugt, bereits mit ihm verheiratet zu sein, wenn die Verhandlung stattfand, da sich Gerichtsfälle stets ewig in die Länge zogen – an einer so skandalösen Sache teilhaben könnte, würde Hurst sicher entsetzen.

Und der Umstand, dass sie gegen seine Geliebte aussagen würde … Nun, es würde gelinde gesagt interessant werden.

Aber das alles schien in so weiter Ferne zu liegen – vielleicht würde es auch nie stattfinden. Bis es jedoch so weit war, hoffte sie, würde Hurst nur noch Augen für sie haben und sich bei dem Gedanken, dass er Jackie Seldon auch nur einen Blick gegönnt hatte, zutiefst gedemütigt fühlen.

Das sagte sie sich jedenfalls selbst. Zu Braden Granville sagte sie etwas ganz anderes.

»Mr. Granville, ich muss zugeben, Sie werden weder Ihrem Ruf als Don Juan noch dem als Geschäftsmann gerecht. Ich habe Ihnen ein durch und durch solides Angebot gemacht. Die Details – wie ich es zum Beispiel meinem Verlobten erklären werde – können Sie ruhig mir überlassen … Ich könnte behaupten, das ich es für meine Pflicht hielte, das, was ich weiß, dem Gericht mitzuteilen. Hurst ist bekannt, dass ich wohltätigen Zwecken viel Zeit widme. Das ist kein Problem.«

Caroline bemühte sich um ein gelassenes, selbstsicheres Auftreten. Sie wollte nicht, dass Braden Granville merkte, wie sehr ihr vor dem Gedanken graute, als Zeugin in einem Prozess auszusagen. Ihre Mutter würde wütend auf sie sein, das wusste sie, und Hurst würde es auch nicht gefallen – überhaupt nicht. Selbst wenn sie ihrer Familie erzählte, was sie vor Gericht aussagen wollte – dass sie das Gesicht des fraglichen Gentlemans nicht hätte sehen können –, würde Hurst sich ständig fragen, wie viel sie wirklich wusste. Wie könnte es anders sein?

Aber vielleicht, dachte sie, würde ihm ein bisschen Kopfzerbrechen ganz guttun.

Als Braden Granville weiterhin schwieg, obwohl sie ein paar Mal den Eindruck hatte, dass er drauf und dran war, etwas zu erwidern, fragte Caroline schließlich zögernd: »So. Werden Sie mir helfen, Mr. Granville? Als Gegenleistung für meine Hilfe?«

Braden Granville machte ein nachdenkliches Gesicht und schlenderte zu einem der hohen Fenster am anderen Ende des Raumes. Er blieb einen Moment lang dort stehen, anscheinend, um die Aussicht zu bewundern, und Caroline, die hinter ihm stand, tat dasselbe. Braden Granville war nämlich ein sehr lohnenswerter Anblick. Nur selten hatte Caroline in den Kreisen, in denen sie verkehrte, einen so kräftigen Rücken, so breite Schultern und so muskulöse Schenkel gesehen. Beim Hufschmied vielleicht, wenn sie ihre Pferde frisch beschlagen lassen musste. Oder im Stall, wenn die Tiere gefüttert wurden und kräftige Stallknechte den Hafer verteilten. Aber ganz bestimmt nicht in den Ballsälen, in denen Caroline sich so oft blicken lassen musste.

Aber wie der Marquis sie an jenem Abend bei Lady Ashforth so unverblümt erinnert hatte, war Braden Granville nicht einer von ihnen. Er war ein Außenseiter und würde es immer bleiben, selbst wenn … nein, ganz besonders, wenn er letzten Endes doch die Tochter eines Herzogs heiratete.

»Wenn Ihr Verlobter Sie wirklich liebt, Lady Caroline«, bemerkte Braden, ohne sich zu ihr umzudrehen – er sprach mit so leiser Stimme, dass sie sich vorbeugen musste, um ihn zu verstehen —, »dann lassen Sie sich von mir gesagt sein, dass nichts von dem, was ich Ihnen beibringen kann, von irgendeinem Nutzen wäre. Für wie unerfahren Sie sich auch im Schlafzimmer halten mögen, er wird Sie hinreißend finden, wenn er sie liebt. Aber …«, hier verlor seine Stimme jeden weichen Unterton und wurde wieder hart, »wenn er Sie nur wegen Ihres Geldes heiraten will …«

Caroline sog den Atem ein. Also wirklich, es wurde immer schlimmer! Es hieß zwar, der Mann sei ein Genie, aber warum hatte niemand erwähnt, dass er außerdem Gedanken lesen konnte?

»Ja?«, fragte sie, bemüht, nicht zu gespannt zu klingen. »Was ist dann?«

Er drehte sich zu ihr um. Das helle Sonnenlicht, das von draußen hereinfiel, tauchte sein Gesicht in Schatten. »Dann, Lady Caroline, wird nichts, was Sie tun oder sagen, etwas daran ändern. Sie können niemanden zwingen, sich in Sie zu verlieben. Sicher, Sie könnten ihn eine Weile in Versuchung führen. Sie könnten seine Achtung, sogar seine Bewunderung gewinnen. Aber Liebe, wahre Liebe … Das ist etwas, das nur wenige finden, und noch weniger Menschen schaffen es, daran festzuhalten, wenn sie das Glück haben, auf Liebe zu stoßen.«

Caroline, die sich seltsam entmutigt fühlte, starrte ihn an. Er klang so traurig, so … fatalistisch. War das der Mann, den Thomas so bewunderte, der große Braden Granville, der nichts falsch machen konnte? Braden Granville, der beredt über das Mysterium Liebe sprach? Braden Granville, den nichts und niemand aufhalten konnte, riet ihr aufzugeben?

Nun, sie würde nicht aufgeben. Er mochte sich damit abgefunden haben, seine Verlobte zu verlieren, aber diesen Luxus konnte sich Caroline nicht leisten. Wie konnte sie Hurst verlassen – jetzt, nachdem alle Einladungen verschickt waren und jeden Tag neue Geschenke geliefert wurden? Jeder würde sie für das undankbarste Mädchen der Welt halten, wenn sie den Mann sitzen ließ, der so viel für ihren Bruder, für ihre ganze Familie getan hatte. Wahre Liebe. Was wusste Braden Granville schon von wahrer Liebe? Nicht sehr viel.

Da, sie hatte es gesagt. Na ja, zumindest zu sich selbst. Er verstand nicht sehr viel davon, wenn ihn seine Verlobte zum Narren hielt … genau wie Hurst sie selbst zum Narren gehalten hatte, mit den Koseworten, die er ihr ins Ohr geflüstert hatte, dem heimlichen Händchenhalten unter dem Tisch, all seinen Küssen …

Küsse, die ihm nichts bedeutet hatten. Gar nichts.

Aber sie würde schon dafür sorgen, dass sie ihm etwas bedeuteten. Und ob sie dafür sorgen würde!

Sie hob das Kinn, um Braden Granville mitzuteilen, was sie von seiner kleinen Rede über wahre Liebe hielt, als sie irgendetwas an seinem Gesichtsausdruck zum Verstummen brachte. Auf einmal wusste sie es. Sie wusste es, noch bevor sie fragte. »Sie werden mir nicht helfen, nicht wahr, Mr. Granville?«

»Nein«, antwortete er sanft. Sie hätte unmöglich sagen können, was in ihm vorging. Genauso gut hätte er einen Teekuchen ablehnen können, fand sie, so ausdruckslos war seine Miene. »Ich bin Ihnen außerordentlich dankbar, Lady Caroline«, fuhr er fort, »für Ihr mehr als großzügiges Angebot, aber ich glaube, ich möchte Sie lieber nicht in diese ziemlich … unschöne Situation zwischen mir und meiner Verlobten hineinziehen. Sie sind eine sehr achtbare junge Dame, und es wäre unverantwortlich von mir, Ihnen zu erlauben, Ihren Ruf mir zuliebe zu schädigen. Ich hoffe also, Sie haben Verständnis, wenn ich Ihnen sage, dass ich Ihre Bedingungen leider nicht annehmen kann.«

Sie biss die Zähne zusammen. »Ich verstehe«, erwiderte sie kühl, obwohl ihr in Wirklichkeit nach Weinen zumute war. Aber sie hielt die Tränen zurück und fuhr tapfer fort: »Das ist sehr bedauerlich. Vor allem, da meines Wissens der einzige Mann in England, der noch mehr Erfahrung bei Frauen hat als sie, Mr. Granville, der Prinz von Wales ist. Und ich bin mir nicht sicher, ob er mich auch nur empfangen wird.«

Und dann drehte sie sich hoch erhobenen Hauptes um und verließ sein Büro.

Kapitel 9

Und dann war sie fort.

So unerwartet, wie sie gekommen war, verschwand sie wieder. Und Braden blieb mit der Frage zurück, ob alles, was sich während ihrer Anwesenheit anscheinend zugetragen hatte, tatsächlich passiert war. Hatte ihn dieses blutjunge, scheinbar arglose Mädchen wirklich gefragt, ob er ihr alles über die Liebe zwischen Mann und Frau beibringen könne? Und hatte er wirklich ›Nein‹ gesagt?

Was in Gottes Namen hatte er sich dabei gedacht?

Er grübelte immer noch über diese Frage nach, als Wiesel hereingehuscht kam. Obwohl er vor Neugier zu platzen schien, berichtete er nur: »Ich habe die beiden ihrer Wege geschickt, sie und ihre Zofe. Kein schlechter Kerl, diese Violet. Du hast allerdings ein bisschen dick aufgetragen. Hast sie praktisch in eine glühende Anarchistin mit all dem Blödsinn ›Alle Macht dem Volk‹ verwandelt.«

Braden stand auf derselben Stelle, wo er praktisch festgefroren war, als Caroline Linford aus dem Zimmer gerauscht war. Er hatte die Straße beobachtet, bis das Mädchen in ihre Kutsche gestiegen war, ein hübsches, unauffälliges Gefährt mit einem Gespann kräftiger Grauschimmel. Seit die Kutsche abgefahren war, starrte er auf die Stelle, an der sie gestanden hatte.

Und obwohl Braden Lady Carolines Abfahrt beobachtet hatte, schien ihre Gegenwart in seinem Büro immer noch spürbar zu sein. Nicht, dass es nach ihrem Parfüm duftete wie bei Jacquelyn, die stets einen betörenden Rosenduft hinterließ, wenn sie ein Zimmer verließ. Und es flatterten auch keine verräterischen Federchen herum. Da war nur die leichte Andeutung, dass sich durch ihr Kommen irgendetwas verändert hatte, wie bei der Wasseroberfläche eines Teiches, die sich sanft kräuselt, wenn man einen Stein hineinwirft.

Kein besonders beruhigendes Gefühl, dass eine Frau, die gerade gegangen war, irgendwie immer noch anwesend zu sein schien.

»Also.« Wiesel ließ sich auf die Ledercouch sinken und zog eine Zigarre aus seiner Brusttasche. »Was wollte sie?«

Braden schüttelte den Kopf. »Du wirst es mir nicht glauben, wenn ich es dir erzähle.«

Wiesel grinste. »Sie will doch nicht, dass du jemanden für sie erschießt?«

»Keineswegs. Sie lehnt Gewalt strikt ab, vor allem wenn Schusswaffen im Spiel sind.«

»Oh. Schade.« Wiesel, der seine Zigarre von oben bis unten abgeleckt hatte, steckte sie in den Mund und zündete sie an. »Tja, sieht so aus, als schuldete ich Snake ein Scheinchen.« Wiesel paffte an seiner Zigarre. »Ich habe gewettet, dass sie deshalb gekommen ist. Was wollte sie denn nun? Und hast du aus ihr rausgekriegt, ob sie an dem besagten Abend etwas gesehen hat?«

»Allerdings«, gab Braden vorsichtig zurück. »Sie behauptet, Jacquelyn in einer höchst verfänglichen Situation mit einem anderen Mann gesehen zu haben.«

Wiesel strahlte. »Weiß sie den Namen?«

»Sie sagt, ja.«

»So«, entgegnete Wiesel gedehnt. Auf einen Außenstehenden hätte es vielleicht so wirken können, als hätte es der Sekretär mit einem etwas begriffsstutzigen Menschen zu tun, aber dieser Ausdruck drängte sich nicht unbedingt auf, wenn es um Braden Granville ging. Wiesel sprach langsam, weil er im Lauf der Jahre gelernt hatte, dass es günstiger war, seine Worte sorgfältig zu wählen, wenn ›Dead Eye‹ in einer Stimmung wie dieser war. »Wer war es?«

»Sie will es mir nicht verraten.« Braden stellte fest, dass die Teestunde näher rücken musste, da alle Fußgänger auf der Bond Street der nächsten Teestube zuzustreben schienen.

»Sie will es dir nicht verraten?« Wiesel starrte ihn ungläubig an. »Warum nicht, zum Teufel?«

»Zum einen, weil sie nicht möchte, dass ich den Kerl erschieße«, erklärte Braden. »Sie behauptet, sie wolle nicht seinen Tod auf dem Gewissen haben.«

»Warum zum Teufel ist sie dann hergekommen?«

»Sie meint, falls ich die Hochzeit absage und Jackie Klage erhebt«, antwortete Braden, »sei sie bereit zu bezeugen, meine Verlobte mit einem anderen Mann gesehen zu haben. Mit einem Mann, den sie zwar nicht erkennen konnte, der aber mit Sicherheit nicht ich war.«

Wiesel nahm die Zigarre aus dem Mund und stieß einen langen, leisen Pfiff aus. »Jackie muss die Kleine irgendwie ganz schön in Rage gebracht haben.«

»Kaum«, meinte Braden milde. »Soweit ich es beurteilen kann, hat die Dame nichts gegen Jacquelyn. Sie ist nur gegen eine Entschädigung bereit, ihre Aussage zu machen.«

Er konnte fast hören, wie Wiesel der Unterkiefer herunterklappte. »Wie viel will sie?«

»Oh, sie will kein Geld, Wiesel.«

Der ältere Mann schüttelte den Kopf. »Was dann?«

»Sie will«, murmelte Braden, der es selbst noch nicht fassen konnte, »dass ich ihr alles über die Liebe zwischen Mann und Frau beibringe.«

Wiesel bekam einen Hustenanfall. Er riss sich die Zigarre aus dem Mund und schnappte nach Luft, bis Braden ihm ein hastig eingeschenktes Glas Whisky mit Wasser reichte.

»Danke«, sagte Wiesel, nahm das Glas und kippte den Inhalt mit einem einzigen Schluck hinunter. Es schien zu helfen. Nach ein paar Augenblicken war er imstande zu fragen: »Ist das dein Ernst, Dead? Die Kleine, die hier war? Die mit den Handschuhen? Sie will, dass du …«

»Offensichtlich.« Braden fand, dass ihm selbst ein Whisky auch nicht schaden könnte. Infolgedessen leerte er ein Glas, musste aber feststellen, dass es keine große Hilfe war. In seinem Kopf ging es immer noch drunter und drüber. Seit Caroline Linford ihre ungewöhnliche Forderung gestellt hatte, fiel es ihm schwer, einen klaren Gedanken zu fassen.

Aber was redete er da? Er war seit dem Moment, als sie sein Büro betreten hatte, nicht mehr in der Lage gewesen, klar zu denken. Dennoch ließ sich nicht leugnen, dass diese wenigen Worte ›Ich möchte, dass Sie mir alles über die Liebe zwischen Mann und Frau beibringen‹ ihn in heillose Verwirrung gestürzt hatten.

Nicht, dass nicht schon ähnliche Bitten an ihn gerichtet worden wären. Caroline Linford war lediglich die Erste, die je das Wort ›beibringen‹ benutzt hatte. Und obwohl es ihn leicht irritierte, hatte sie klar gemacht – nicht von Anfang an, aber in dem Moment, als ihr bewusst geworden war, welche Schlussfolgerung er gezogen hatte –, dass sie keineswegs mit ihm schlafen wollte. Nein, anscheinend wollte sie nur, dass er ihr das Prozedere beschrieb. Das war eine Premiere – zumindest nach seiner Erfahrung mit Frauen.

Nicht, dass sich alle Frauen zu ihm hingezogen fühlten – dieses Glück hatten nur Männer, die so aussahen wie der Marquis von Winchilsea. Aber obwohl er im herkömmlichen Sinn nicht so gut aussah wie andere, hatte Braden Granville etwas an sich, das Frauen anzog – ein glücklicher Umstand, da er Frauen immer aufrichtig gemocht hatte. Das hieß, bis Jacquelyn in sein Leben getreten war.

»Unmöglich«, sagte Wiesel abrupt und unterbrach damit Bradens Gedankengänge. »Sie ist nicht der Typ.«

Details

Seiten
0
Erscheinungsform
Erstausgabe
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783960875826
ISBN (Buch)
9783960875833
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v446335
Schlagworte
historisch-er-liebe-s-roman-e historic-al-regency-victorian-romance herz London-England-british-Britannien Gentleman-Lord-Lady Liebe-s-kunst-künstler-lektionen Verführ-ung-er-in

Autor

  • Wenn Sie diese Meldung sehen, konnt das Bild nicht geladen und dargestellt werden.

    Patricia Cabot (Autor)

Zurück

Titel: Verführt von einem Herzensbrecher (Liebe, Historisch)