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Tod dem Teufel im Waschsalon (Kurzgeschichte, Krimi)

von Julia Meumann (Autor)

2018 0 Seiten

Leseprobe

Kurz vorab

Liebe Leserin, lieber Leser,

wie schön, dass du dich für diesen booksnack entschieden hast! Ich möchte dich auch gar nicht lange aufhalten, denn sicher hibbelst du der folgenden Kurzgeschichte schon voller Freude entgegen.

Aber ich möchte dir vorab ganz kurz die wichtigsten Merkmale einer Kurzgeschichte in Erinnerung rufen:

  1. Der Name ist Programm: Alle Kurzgeschichten haben ein gemeinsames Hauptmerkmal. Sie sind kurz.
  2. Kurz und knapp sind auch die Handlung und die erzählte Zeit (Zeitsprünge sind eher selten).
  3. Ganz nach dem Motto »Einleitungen werden total überbewertet« fallen Kurzgeschichten meist sofort mit der Tür ins Haus.
  4. Das zweite Motto lautet »Wer braucht schon ein Happy End?« Also bereite dich auf einen offenen Schluss und/oder eine Pointe am Ende der Geschichte vor. Das Geheimnis dahinter: Kurzgeschichten sollen dich zum Nachdenken anregen.
  5. Versuch deine Neugier zu zügeln, denn auch für die Beschreibung der Charaktere und Handlungsorte gilt »in der Kürze liegt die Würze«.
  6. Die Aussage des Textes ist nicht auf den ersten Blick ersichtlich. Hier bist DU gefragt, um zwischen den Zeilen zu lesen und deine persönliche Botschaft aus der Geschichte zu ziehen.

Jetzt bist du gewappnet für unseren literarischen Snack. Und findest du nicht auch, dass man diesen gleich noch mehr genießen kann, wenn man weiß was drin ist?

Viel Spaß beim Booksnacken wünscht dir

Stephanie Schönemann

Programmleitung dp DIGITAL PUBLISHERS

Über die Kurzgeschichte

Als Ilva Fuchs im Waschsalon einen toten Teufel entdeckt, glaubt sie zuerst an einen bösen Scherz. Doch kurz darauf gerät auch sie in einen Strudel verstörender Skurrilitäten und in höchste Lebensgefahr.

Impressum

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Erstausgabe November 2018

Copyright © 2018, booksnacks,
ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten
ISBN: 978-3-96087-353-2

Titel- und Covergestaltung: Anne Peisler
unter Verwendung eines Motivs von
© Ralwel/shutterstock.com

Korrektorat: Daniela Pusch

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Buches sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Tod dem teufel im Waschsalon



Julia Meumann

1.

Trist und trostlos gähnte der Posteingang ihr ins Gesicht. Verstümmelte, schwarze Buchstabenzähne rochen nach Spam und lieblosen Standardabsagen. Was sollte sie sagen, die Geschäfte liefen mehr als schleppend. Pausenlos drehten sich die Gedanken in ihrem Kopf, während sie ins Badezimmer schlurfte, um den riesigen Wäscheberg in mehrere Teile umzuschichten. Hell-bunt, dunkel-bunt, schwarz und grau, 60° und weiß. Der weiße Berg war klein und würde erfahrungsgemäß noch ein paar Wochen warten müssen, bis er an der Reihe war. Der hell-bunte Berg schien eine gute Waschmaschinenfüllung zu bieten, frische Unterwäsche brauchten die Kinder auch. Schon seit einiger Zeit gab es keine rosarot beherzten Schlüpfer mehr, keine Unterhemdchen mit kleinen Feen oder geringelte Strumpfhosen mit Tiergesichtern auf den Popos. Inzwischen trugen ihre Töchter pastellfarbene Panties mit Tupfen und Bustiers ohne Körbchen.

Was ihr heute allerdings Kopfzerbrechen bereitete, war der Berg mit der 60° oder vielleicht auch 90° Wäsche. Seit einigen Monaten beherbergten sie Gäste in der Einliegerwohnung im dritten Stock. Genau genommen war es nur ein kleines Zimmer mit Bad, das über einen eigenen Eingang zu erreichen war. Bed and Breakfirst hatte sie sich damals überlegt, wahrscheinlich war das auch einer ihrer Blitzeinfälle, die ihr regelmäßig beim Wäsche sortieren kamen. Das wäre doch eine super Sache, um etwas Leben in die Bude zu bringen, hatte sie gedacht. Nette Leute kennenzulernen und die teuren Reit- und Tanzstunden ihrer Töchter zu bezahlen. Na ja, mit dem Ergebnis, dass die meistens Gäste sich nur dann zu Wort meldeten, wenn die Kinder endlich im Bett lagen und sie in Jogginghose, mit einem Glas Wein in der Hand vor dem Fernseher saß. Abgesehen davon war die Mehrzahl der Gäste nicht so lustig und unterhaltsam wie sie gehofft hatte, und außerdem verursachten sie verschmierte Kloschüsseln, Papierkram und nicht zu vergessen, die 60°-90° Wäsche, für die es nicht nur an Platz in der Waschmaschine, sondern vor allem an Trockenmöglichkeiten mangelte.

Ilva betrachtete den 60°- oder vielleicht auch 90°-Berg, sie hatte sich immer noch nicht entschieden. Sie schob das 60°-bis-90°-Gebirge von links nach rechts, die unüberwindbare Gebirgskette aus Frottee und Baumwolle, und traf dann endlich eine Entscheidung. An diesem Tag musste etwas bewegt werden. Außerdem brauchte sie frische Luft und Abwechslung. Und einen guten Kaffee. Sämtliche Laken und Handtücher stopfte sie in zwei große Wäschesäcke aus Baumwolle, die bedruckt waren mit einer hügeligen Landschaft und grasenden Kühen. Sie warf noch einen kurzen Blick in ihre Emails. Zurück im Bad verspottete sie ihr eigener zerknirschter Blick im Spiegel. Braune Haarsträhnen standen an den Ohren ab, die grünen Augen guckten müde aus dunklen Rändern. Der Winter hatte noch nicht angefangen und doch lag der letzte Sommer schon viel zu weit zurück. Lediglich ein paar vereinzelte Sommersprossen auf den blassen Wangen erinnerten noch an die Ferien am Meer. An Ostsee, Sonne, Sand und Natur pur. An Wein aus Zahnputzbechern, den sie getrunken hatten, eingewickelt in Decken und Schlafsäcke, sitzend auf Campingstühlen in der untergehenden Abendsonne. Ilva seufzte.

Ein Wäschesack landete in der großen Gemüsekiste, die sie mit Kabelbindern auf dem vorderen Gepäckträger ihres quietschenden Damenrads montiert hatte. Den anderen verschnürte sie mit einer Gummispinne über dem Hinterrad. Mit etwas Geschick klemmte sie sich dazwischen, steuerte ihren Drahtesel aus dem Hoftor und radelte in Richtung Waschsalon. Seitdem sie diese Gäste zu Besuch hatten, war das zu ihrem Zufluchtsort für alle Wäschenotfälle geworden. Dort gab es nicht nur riesige Waschmaschinen, in denen man unzählige Bettlaken verschwinden lassen konnte, es gab sogar Wäschetrockner, die von ihrem Fassungsvermögen an die Drehkübel eines Betonmischers erinnerten. Das Ilva sich zusätzlich zu diesem Ort hingezogen fühlte, lag wohl an dem nebenangelegenen kleinen Bioladen, dessen Inhaberin einen vorzüglichen Kaffee brühte – wenn man nur nett genug fragte und genügend Zeit mitbrachte. Und Zeit kaufte sie beim Einschmeißen der Euros im Waschsalon ja praktischerweise gleich mit!

Ilva stieß einen kurzen Fluch aus, dumpf meldete sich die Erinnerung an den frühen Morgen. Wie ihre Töchter ihr sehr eindringlich klargemacht hatten, dass sie sofort einen Taschengeldvorschuss für ihre Halloweenkostüme bräuchten. Und heute war tatsächlich schon Halloween, die Zeit raste! Sie radelte an einem geschnitzten Kürbis vorbei, dessen Augen böse flackerten. Um diese Jahreszeit schien es nicht mehr hell zu werden. Der Fahrtwind trieb ihr die Tränen in die Augen. Hoffentlich hatte sie jetzt noch genug Geld für den Waschsalon. Und für den Kaffee!

Auf seltsame Weise schien der Weg heute länger als sonst. Ilva musste grinsen, als sie an dem Friseur mit dem Sockel unter dem Schaufenster vorbeirollte. Sie sah ihre Mädchen vor sich, wie sie sich früher die Nasen an der Scheibe plattgedrückt und die Kundinnen unter den Trockenhauben mit starren Blicken fixiert hatten. Gleich dahinter kam die Bäckerei, die wie immer auf einer Werbetafel für Pfannkuchen mit Aprikosenmarmelade warb. Nasse Blätter verdeckten den halben Weg. Ilva beobachtete ihr abstehendes Bremskabel, zum Glück funktionierte der Rücktritt noch. Ihr Mann würde sich aufregen, wenn sie für so was Geld ausgab. Also musste sie noch drei Wochen warten, bis er von seiner Geschäftsreise zurückkam.

Je weiter der rotgepflasterte Radweg sie an der Straße entlang, in Richtung des brodelnden Stadtkerns, führte, desto schneller ging auch ihr Atem und sie merkte, wir ihr Puls bis zum Hals schlug. Dieses Gefühl war immer das gleiche, die große Stadt zog sie an und sog sie auf. Eine Stadt aus Löschpapier, altrosa, in dem die kleinen Holzsplitter noch zu erkennen waren. Und Ilva, ein radelnder Klecks aus Tinte. Und nicht zu vergessen, die bissige Postbeamtin vom Pastor-Niemöller-Platz, die farbenblinde Chupa-Chups-Verkäuferin vom Kettwurststand an der Schönhauser und die vielen Touristen, die sich zu jeder Tages- und Nachtzeit wie lebensmüde Lemminge auf Fahrradwege und Straßen stürzten. Ilva öffnete ihren Parka und brachte das Fahrrad vor dem Waschsalon zum Stehen.

2.

Frau Brandis winkte ihr schon aus dem Schaufenster des kleinen Ladens entgegen. Ilva erkannte ihren braunen Lockenkopf, sie schien die Deko neu zu arrangieren. Der Wechsel von Halloween zu Weihnachten musste schnell und übergangslos erfolgen.

Die Verkäuferin zeigte hinter sich ins Ladeninnere, in Richtung Kaffeemaschine. Ilva nickte begeistert und deutete an, gleich bei ihr zu sein. Das ging ja heute einfach. Oft machte Frau Brandis keinen so geschäftstüchtigen Eindruck. Für gewöhnlich schien es ihr seelische und körperliche Schmerzen zu bereiten, den Knopf der Kaffeemaschine zu bedienen, um sie vorzuheizen.

Ilva wuchtete ihre Wäschesäcke drei steinerne Stufen hinauf und stemmte sich gegen die Glastür des Waschsalons, bis sie merkte, dass sie ziehen musste. Eine Geruchsexplosion aus Waschmittel, Essig und Muff traf sie nicht ganz unvorbereitet. Nacheinander zog sie die schweren Wäschesäcke über die gesprenkelten Bodenfliesen und versuchte sich zu orientieren. Sie war allein. Es war heiß und stickig. Ilva zog die Jacke aus. Beim Versagen einer Waschmaschine bitte eine Stopkarte nehmen, stand auf einer Hinweistafel.

„Ok, Ilva, Gedanken bündeln“, flüsterte sie. „Sonst stehst du heute Abend noch hier.“ Was war praktischer, eine große Waschmaschine oder zwei kleine? Das nächste Schild mahnte: Wischmops und stark verschmutzte Wäsche müssen in dieser Maschine gewaschen werden. So schlimm stand es um ihre Wäsche nun auch wieder nicht.

Sie lief weiter, an großen und kleinen Bullaugen vorbei, über ihr summte und flackerte eine der Neonröhren. Sie legte den Kopf in den Nacken und begutachtete die braungelben Wasserflecken, die sich zu den Rändern hin dunkler werdend über die hellgrauen Deckenplatten zogen. Es waren diese Deckenplatten mit den Löchern, die sie schon über unzählige Schuljahre hinweg versucht hatte zu zählen. Aber weniger aus einer Leidenschaft für Zahlen heraus, sondern einzig und allein aus tiefer Verzweiflung und bohrender Langeweile.

Details

Seiten
0
Erscheinungsform
Erstausgabe
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783960873532
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v447050
Schlagworte
Teufel-s-kostüm Halloween Messer Mord Unfall Krimi-nal-geschichte Geisel

Autor

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    Julia Meumann (Autor)

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Titel: Tod dem Teufel im Waschsalon (Kurzgeschichte, Krimi)