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Mädchenfresser (Thriller)

von Andreas Schmidt (Autor)

2018 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

Eine Stadt in den Fängen einer brutalen Bestie: Ein Serienmörder treibt sein grausames Unwesen. Er macht Jagd auf junge Frauen, die er auf brutalste Weise zu Tode beißt. Er zieht seine blutige Spur durch die Stadt und stürzt seine Opfer und Verfolger in einen Alptraum, aus dem es kein Entkommen gibt. Franka Hahne und Michael Stüttgen ermitteln unter extremem Druck, denn niemand weiß, wann der Wahnsinnige das nächste Mal zuschlagen wird …

Impressum

dp Verlag

Überarbeitete Neuausgabe Dezember 2018

Copyright © 2020 dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

E-Book-ISBN: 978-3-96087-592-5
Taschenbuch-ISBN: 978-3-96087-602-1

Copyright © Oktober 2010, Juhr-Verlag
Dies ist eine überarbeitete Neuausgabe des bereits Oktober 2010 bei Juhr-Verlag erschienenen Titels Mein ist die Nacht (ISBN: 978-3-89796-220-0).

Covergestaltung: Sarah Schemske
unter Verwendung von Motiven von
pixabay.com: © LionFive
Korrektorat: Lennart Janson

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

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dp Verlag

Prolog

Als er erwachte, spürte er ein unbestimmtes Verlangen. Gier beherrschte sein Denken und Handeln, als er aufstand und an das Fenster trat. Die Dunkelheit hatte sich wie ein Leichentuch über die verfallenen Gebäude der Stadt gesenkt. Er hatte lange geschlafen und war erst am Abend erwacht. Während er durch das fast staubblinde Fenster hinaus in die Nacht blickte, stellte er fest, welch düstere Wolken sich vor den Mond geschoben hatten. In den letzten Stunden hatte Schneefall eingesetzt, und die Stadt schien unter einer unsichtbaren Schallglocke zu stecken. Es war totenstill draußen, und er versuchte sich daran zu erinnern, wann es zuletzt im November geschneit hatte.

Heute Nacht war es endlich so weit.

Er würde dem Verlangen nachgeben. Tun, was er tun musste.

Wochenlange Arbeit lag hinter ihm, nun würde er die Früchte seiner Mühen ernten. Ein teuflisches Grinsen huschte um seine blutleeren Lippen, als er sich abwandte und ruhelos durch die Räume schlich. Er war zu einem Wesen der Nacht geworden und er war sicher, dass sich sein Wille, so zu leben, heute Nacht manifestierte. Komplett aufgegeben hatte er sich in den letzten Wochen. Für verrückt hatte man ihn erklärt, ein Arzt hatte ihn sogar einweisen wollen. Er hatte sich enttäuscht und verbittert zurückgezogen. Dann würde er sein Ziel eben anders erreichen.

Nein, er war nicht verrückt.

Er war anders.

Lange hatte er nach einer geeigneten Räumlichkeit für sein Vorhaben gesucht und sie schließlich in einer leer stehenden Fabrikhalle am Ufer der Wupper gefunden. Der Besitzer – sollte es ihn tatsächlich noch geben – hatte das Gebäude offenbar längst aufgegeben, und so ruhte die alte Fabrik in einer Art Dämmerschlaf und wartete darauf, ihm für seine große Tat zur Verfügung zu stehen. Es war eine Kleinigkeit für ihn gewesen, das Schloss der eisernen Eingangstür im Hof auszutauschen. Niemand interessierte sich mehr für das verfallene Gebäude, hier war seit Wochen kein Mensch mehr gewesen. Also hatte er sich die Räume im oberen Stockwerk der alten Fabrik für ein ungestörtes Treffen hergerichtet. Meist hatte er nachts gearbeitet, wenn alle schliefen und das Viertel noch verlassener als tagsüber war. Die Nacht war seine Zeit, lange schon nicht mehr der Tag. Einem Schatten gleich glitt er durch die einsame Halle, die mit Zwischenwänden in kleinere Räumen aufgeteilt worden war.

Er war ein Geschöpf der Finsternis geworden.

Nun hatte er den Raum erreicht, in dem es heute Nacht geschehen würde. Eine fiebrige Erregung ergriff von ihm Besitz, als seine Finger beinahe liebevoll über das kalte Leder der Bahre glitten. Hier würde sie schon in ein paar Stunden liegen und ihm gehören. Sie wusste ja nicht, worauf sie sich einließ. Er spürte die feinen Vertiefungen des Leders an seinen Fingerkuppen und erschauderte.

Mit einem Ruck wandte er sich ab, trat wieder an eines der hohen Fenster, die mit eisernen Sprossen in kleine, gläserne Felder unterteilt waren, und blickte hinaus. Um diese Zeit verirrte sich kaum ein Mensch in dieses Viertel. Niemand wusste, dass er hier hauste, sogar Obdachlosen war diese Bleibe zu heruntergekommen, oder sie hatten schlicht Angst davor, eine Nacht in diesem unheimlichen Gebäude zu verbringen, in dem das Dach undicht war und nachts Ratten über den Boden huschten und die Räume mit ihrem schrillen Fiepen erfüllten, stets auf der Suche nach Beute. Nein, hierhin trieb es niemanden freiwillig. Normalerweise. Doch die Hallen mit den hohen Decken waren wie geschaffen für seine Arbeit. Als er den Raum durchschritt, hallten seine Schritte von den schwarz gestrichenen Wänden zurück. Er liebte den morbiden Charme dieses Stadtteils. Leer stehende Gebäude, heruntergekommene Wohnblöcke und verlassene Fabriken. Kneipen, die schon vor Jahren für immer geschlossen hatten. Seit langem ging das Gerücht um, dass hier bald die Abrissbirne zum Zuge kommen und die geschichtsträchtigen, aber baufälligen Gebäude am Ufer der Wupper dem Erdboden gleichmachen würde. Wahrscheinlich würden sie hier ein weiteres Einkaufszentrum errichten. Oder ein Parkhaus, vielleicht auch beides.

Doch noch war es nicht so weit.

Wer hier nach Einbruch der Dunkelheit durch die engen Straßen schlich, konnte sich kaum vorstellen, dass kaum einen halben Kilometer weiter das Leben der Großstadt brodelte. Einkaufspassagen, hektische Menschen, die auf der Suche nach einem Geschenk waren. Das Weihnachtsfest, für ihn die größte Lüge der Menschheit, stand bevor und beherrschte das Denken und Handeln der Sterblichen. Jedes Jahr fielen die Leute auf den Schwindel herein, mühten sich in überfüllten Innenstädten ab, um sich an Heiligabend nicht zu blamieren. Er grinste in Vorfreude auf das Geschenk, das er sich heute schon machen würde. Gut, bis Weihnachten waren es noch ein paar Wochen hin. Aber er feierte das Fest der Christen schon lange nicht mehr.

Es gab noch viel vorzubereiten.

19.05 Uhr

Der Winter im Bergischen Land kotzte ihn wirklich an. Wenn es mal schneite, dann kam gleich der komplette Verkehr zum Erliegen. Feine Schneeflocken wirbelten gegen die Windschutzscheibe, um dort zu schmelzen, noch bevor die Scheibenwischer die Flocken fortwischen konnten. Das Wischergestänge quietschte bei jedem Hub, und er umklammerte den abgewetzten Lenkradkranz des alten Opel. Die Schneedecke auf dem Asphalt glitzerte im Scheinwerferlicht, das dem Wagen vorauseilte und die Nacht mit breiten Lichtbalken durchschnitt. Aus dem Radio ertönte leise Musik. Sie hörten beide nicht zu, hingen ihren Gedanken nach. Die Musik wurde fast vollständig vom monotonen Summen des Heizgebläses geschluckt, das auf Hochtouren lief und so verhinderte, dass die Scheiben des Autos beschlugen. Er seufzte unmerklich und schüttelte immer wieder den Kopf.

Auf der Straße herrschte kaum Verkehr. Seine markanten Gesichtszüge schimmerten im Widerschein der Armaturenbeleuchtung. Fest lagen seine Hände auf dem Lenkrad, den Blick hatte er starr nach vorn gerichtet. Die Kieferknochen mahlten, ein Zeichen dafür, dass er angestrengt nachdachte.

Dann hatten sie die angegebene Adresse erreicht. Eine enge Straße mit heruntergekommenen Fabrikgebäuden, die am wolkenverhangenen Himmel über Wuppertal zusammenzuwachsen schienen. Die Anfahrt über die Wesendonkstraße hatte sich wegen chaotisch abgestellter Autos als schwierig erwiesen. Er stoppte den Wagen am Straßenrand und blickte zu ihr herüber. „Hier ist es“, bemerkte er überflüssigerweise.

Sie nickte und löste den Sicherheitsgurt. „Fünf Minuten zu spät.“

„Er kann froh sein, dass du bei diesem Scheißwetter überhaupt zu ihm kommst“, knurrte er.

„Das ist mein Job.“

„Tolle Gegend.“ Die Häuser in dieser Straße waren marode. Altbauten, die ihrem Namen alle Ehre machten. Staubblinde Fenster, Putz, der von den Fassaden bröckelte, und überquellende Mülleimer sowie Unmengen von Unrat in den Hofeingängen prägten das Straßenbild. Auch die teils anzüglichen Graffitis an den Hauswänden vermochten es nicht, mehr Farbe in dieses Viertel zu bringen.

Unterwegs hatten sie sich angeschwiegen. Natürlich passte es ihm nicht, dass sie abends zu einem anderen Kerl ging. Er machte keinen Hehl aus seinem Unmut und seiner Eifersucht. Dass er sie begleitete, hatte sie vehement abgelehnt. Und ihn damit in seiner Eifersucht bestärkt.

„Es ist doch nur ein Job“, hatte sie immer wieder versucht ihn zu beruhigen.

Doch er war anderer Ansicht. „Jobs macht man tagsüber. In Studios, in Agenturen, bei Castings. Nicht zu nachtschlafender Zeit in irgendwelchen leer stehenden Fabrikgebäuden.“

„Er ist Künstler, kein Fotograf, der im Atelier arbeitet und spießige Hochzeitspaare oder Schul- und Kommunionskinder ablichtet. Er ist anders, kreativ und ...“ Jetzt lachte sie. „Ja, er ist auch ein Spinner. Wie alle Kreativen halt. Er lässt sich nicht in ein Atelier zwängen, hält sich nicht an feste Arbeitszeiten und fotografiert dort, wo er am besten arbeiten kann – was ist so schlimm daran, dass das Studio in einer Fabrikhalle liegt?“

Jetzt war es an ihm zu lachen. Doch es klang nicht amüsiert, sondern verbittert. „Was so schlimm daran ist? Die Uhrzeit zum Beispiel. Der Ort zum Beispiel. Und die Tatsache, dass ich den Kerl nicht kenne.“ Nervös trommelte er auf dem Lenkrad herum.

„Ich geh jetzt da rein und mach mein Ding. Es dauert ein, zwei Stunden, dann bin ich durch, habe mein Geld verdient und gehöre wieder dir.“ Sie lächelte ihn sanft an und ergriff seine Hand. Als er nicht reagierte, stieß sie die Wagentür auf. Kalte Luft und Schneeflocken wirbelten ins Wageninnere.

„Also gut. Hol mich in anderthalb Stunden ab – wenn du magst. Wenn nicht, auch gut. Dann nehm’ ich mir ein Taxi und fahr nach Hause.“

„Wie du meinst.“ Er blickte stur geradeaus.

Sie beugte sich zu ihm hinüber und hauchte ihm einen Kuss auf die Wange, doch er reagierte nicht. Gut, dachte sie, dann eben nicht. Mit einer Mischung aus Wut und Enttäuschung im Bauch stieg sie aus. Beinahe wäre sie auf der Schneedecke des Bürgersteigs ausgerutscht. Sie klammerte sich mit der rechten Hand am Rahmen der Wagentür und mit der linken am Autodach fest, als sie sich noch einmal ins Wageninnere beugte.

„Wir telefonieren dann.“ Ohne seine Antwort abzuwarten, warf sie die Beifahrertür zu und wandte sich zum Gehen. Ein wenig nachdenklich blickte sie an der stuckverzierten Fassade des Altbaus hoch. Nur hinter einem der schmalen Fenster brannte noch Licht. Da musste es sein, dachte sie, als hinter ihrem Rücken der Wagen ihres Freundes anfuhr.

Er war wütend und gab zu viel Gas. Prompt drehten die Antriebsräder des Opel durch. Sekundenlang schlingerte der alte Kombi, dann hatte er den Wagen wieder unter Kontrolle und fuhr in gemäßigtem Tempo weiter. Er verfuhr sich in dem Labyrinth aus Einbahnstraßen, bog irgendwann in die Bembergstraße ab und passierte die alte Wupperbrücke. Schwarz glitzerte der Fluss im Zwielicht. Die rot glühenden Rücklichter des Opel verschwanden in der Nacht.

Als auch das Motorengeräusch verebbt war, griff die Stille der Winternacht mit ihren eisigen Klauen nach ihr. Eigentlich liebte sie diese paradiesische Stille, die es nur in verschneiten Winternächten gab. Es war, als würde die Welt unter einer Schallschutzglocke aus frischem, weißem Schnee versinken. Jedes Geräusch wurde geschluckt, die Landschaft wirkte friedlich wie im Märchen. Sie versuchte sich daran zu erinnern, wann es zum letzten Mal in der Gegend einen derartigen Winter gegeben hatte. Das Klima ist im Eimer, dachte sie. Die Sommer waren tropisch heiß und die Winter wurden von Jahr zu Jahr härter und länger. Es gab nur noch Extreme, keinen normalen Winter und keinen normalen Sommer mehr.

Als sie den Kopf in den Nacken legte und an dem Haus emporblickte, sah sie einen hochgewachsenen Schatten hinter einem der Fenster auftauchen.

Er erwartete sie also schon.

Ihr Weg führte in einen kleinen Hof. Rechts eine Laderampe, die seit Jahren vor sich hin rostete, links der Eingang. Eine nackte Birne warf ihr Licht in den Schnee. Sie betrat den Hauseingang, brauchte nicht nach der richtigen Klingel zu suchen, da er oben bereits den Türöffner betätigte. Als sie sich gegen die schwere Haustüre warf, fiel sie fast ins Innere des Altbaus. Oben wurde das Treppenhauslicht eingeschaltet, und sie fand sich neben einer Reihe blecherner Briefkästen wieder. Wahrscheinlich waren zu besseren Zeiten mehrere Firmen in diesem Gebäudekomplex untergebracht gewesen. Eine ausgetretene Betontreppe führte am Lastenaufzug vorbei nach oben. Es roch muffig, und sie rümpfte angewidert die Nase.

„Nimm den Aufzug, erster Stock!“, hallte seine Stimme von oben durch das nackte Treppenhaus.

„In Ordnung“, rief sie hoch und wandte sich nach links. Sie öffnete die schwere Tür des Lastenaufzugs und drückte auf die glühende Eins. Knarrend und rumpelnd setzte sich die große Kabine in Bewegung. Das Mauerwerk schien an ihr vorüber zu kriechen. Witzbolde hatten die Wände mit Fußabdrücken versehen. Die Seile, die den Aufzug nach oben zogen, ächzten bedenklich, und unwillkürlich fragte sie sich, wann der Aufzug zum letzten Mal gewartet worden war. Das Licht an der Decke flackerte und beschleunigte ihren Herzschlag. Ein Stromausfall in der Kabine des alten Aufzuges wäre so ziemlich das Letzte, was sie jetzt gebrauchen konnte. Im Schneckentempo erreichte der Lift die obere Etage. Eine große, handgemalte Eins an der Eisentür verriet ihr, dass sie angekommen war. Sie stemmte sich mit dem Gewicht ihres Körpers gegen die Tür, die mit einem ohrenbetäubenden Quietschen nachgab. Auf dem Gang schleuderte ihr eine einzelne Birne ihren grellen Lichtschein entgegen. Ihr war egal, wie ihr Auftraggeber hier hauste. Sie wollte hier nicht einziehen – sie wollte hier einen Job machen und dann wieder verschwinden. Schnell verdientes Geld, ohne Bürokratie und ohne Finanzamt. Und ganz nebenbei konnte sie ihre Neigung ausleben. So mochte sie es.

Leise Musik drang ihr entgegen. Sie zögerte einzutreten und klopfte gegen das vergilbte Holz einer Tür, die nur angelehnt war.

„Hallo?“, rief sie nach drinnen.

Schritte näherten sich. Die Tür wurde weiter geöffnet, und sein Gesicht erschien im Rahmen. Tiefe Ringe lagen unter wachsamen Augen, die Wangenknochen waren hoch und kantig, die Lippen schmal, aber dennoch sinnlich. Ihr kam es sofort so vor, als könne er zum tiefsten Grund ihrer Seele vordringen. In seinem Blick lag die Erfahrung eines reifen Mannes, doch er war nicht wesentlich älter als sie. Er betrachtete sie aufmerksam, während er den Eingang freigab und sie hereinbat.

„Hallo, du musst Mandy sein.“

Freundlich, sympathisch, stellte sie einigermaßen erleichtert fest. Er gab den Eingang frei.

„Ja, die bin ich. Und du bist ...“

„Clay.“

Nachdem sie eingetreten war, drückte er die Tür ins Schloss und legte den Riegel vor. „Ich bin ein sehr ängstlicher Mensch“, kommentierte er sein Verhalten, als er Mandys fragenden Blick sah.

„Oder besser: Ich bin ein vorsichtiger Mensch.“

Sie nickte und streifte den langen Mantel ab. Darunter trug sie ein kurzes, enganliegendes Kleid mit tiefem Ausschnitt. Ihre vollen Brüste wölbten sich unter dem Stoff. Dazu trug sie schwarze Nylonstrümpfe und kniehohe Stiefel. Seine lüsternen Blicke blieben ihr nicht verborgen.

Sie lächelte. „Gefalle ich dir?“

„Siehst gut aus, wie auf den Fotos im Internet.“ Er nahm ihr den Mantel ab, um ihn an der einfachen Garderobe aufzuhängen. Anscheinend war er ein ordnungsliebender Mensch, er benutzte einen freien Bügel und strich den Stoff glatt, bevor er den Mantel aufhängte. Sie betrachtete ihn so unauffällig wie möglich. Clay trug ein schwarzes Hemd, dazu eine ebenso schwarze Jeans und leichte Schuhe, natürlich auch in Schwarz. Wie hießen diese Typen doch gleich? – Gruftis? Sie trieben sich nachts auf Friedhöfen herum. Er passte in diese düstere Gegend. Doch im Gegensatz zu den Typen, an die sie dachte, ging von Clay eine unbeschreibliche Faszination aus. Seine Augen zogen sie förmlich in ihren Bann. Ein Schauer rann ihren Rücken hinunter.

„Und du bist also ein Freund der Finsternis?“ Sie lächelte ihn kokett an.

„Möglich. Die Dunkelheit fasziniert mich, deshalb liebe ich es, mit dem Licht zu experimentieren. Fotografie ist die Kunst, mit Licht und Schatten zu arbeiten.“ Seine Lippen bildeten ein schmales Lächeln. Ein unheimlicher Typ, dachte sie und erschauderte. Ihr Gastgeber war unwesentlich älter als sie, vielleicht um die dreißig, hatte pechschwarzes, langes Haar, das er zu einem Zopf zusammengebunden hatte. Er trug einen fein gestutzten Kinnbart. Der Blick seiner grünen Augen lag auf ihr, als wolle er sie abtasten. Sie sah sich in dem langen, schmalen Korridor um. An den Wänden hingen Fotografien in halterlosen Glasrahmen. Sie zeigten nackte Frauenkörper. Erotische Fotografie, sehr ästhetisch, meist in Schwarz-Weiß. Die Gesichter der Frauen blieben dem Betrachter verborgen – sie lagen entweder nicht im Bildbereich oder drehten dem Künstler den Rücken zu. Er beherrschte das Zusammenspiel von Licht und Schatten, verstand es, die Konturen des weiblichen Körpers vorteilhaft zu betonen, das erkannte sie auf den ersten Blick.

„Gefallen dir meine Arbeiten?“ Er war hinter sie getreten und folgte ihren Blicken. Sie bemerkte seinen Atem in ihrem Nacken und spürte, wie sich ihre Nackenhaare aufrichteten. Unwillkürlich trat sie einen Schritt vor und nickte. „Allesamt Kunstwerke“, sagte Mandy bewundernd.

„Du wirst auch zu einem meiner ... Kunstwerke“, erwiderte er und führte sie in eine Art Wohnzimmer. Ihr fiel auf, dass er anscheinend aus einem großen Raum mehrere kleine gemacht hatte. Hier brannten Kerzen. Die Einrichtung war einfach, aber geschmackvoll. Es gab eine bequeme Ledercouch, einen hölzernen Tisch davor, einen passenden Sessel, ein Regal mit Bildbänden und einen hochmodernen, sicherlich sündhaft teuren Fernseher, der fast eine ganze Wand des quadratischen Zimmers einnahm.

Sie blickte sich um. „Willst du ... ich meine, wollen wir ... hier?“

„Nein, die Fotos machen wir gleich drüben in meinem Atelier“, antwortete er lächelnd. „Ich dachte, wir trinken erst einmal etwas, um uns kennenzulernen. Um warm zu werden.“

„Einverstanden.“ Sie sank auf das Sofa. Der Saum ihres Kleides rutschte höher, und sie bemerkte sofort, dass er ihre Beine betrachtete. Schnell zupfte sie ihr Kleid zurecht und schlug die Beine übereinander.

„Du bist schön“, stellte er fest, bevor er in der Küche verschwand. „Leider ist meine Getränkeauswahl nicht sehr groß. Magst du Wein, Cola oder Whisky?“

„Dann gerne einen Whisky.“

„Geht klar“, antwortete er aus der Küche, die dem Wohnzimmer gegenüber lag. Sie hörte ihn mit Gläsern und einer Flasche hantieren, dann erschien er mit den Getränken im Wohnzimmer. Nachdem er ihr das Whiskyglas gereicht hatte, ließ er sich auf dem gegenüberliegenden Sessel nieder. Er hatte sich eine Cola mitgebracht. Schweigend tranken sie.

Mandy nahm einen tiefen Schluck und bemerkte, wie er sie über den Rand seines Glases hinweg betrachtete.

„Wer war das eben?“, brach er schließlich das Schweigen.

Mandy verstand nicht sofort und legte fragend den Kopf schräg. „Wer?“

„Der Mann, mit dem du gekommen bist. Ich habe gesehen, dass ein Mann den Wagen gefahren hat.“

„Ach das“, lachte sie und bemerkte, dass ihre Stimme aus einem ihr unbegreiflichen Grund zitterte. „Das war Tom, mein Freund.“

Clay nickte. „Ist er ... seid ihr schon lange zusammen?“

„Seit vier Monaten.“ Das Thema war ihr unangenehm. Üblicherweise trennte sie Privat- und Geschäftsleben voneinander. Mandy trank schnell, vielleicht zu schnell, denn sie merkte schon die Wirkung des Alkohols.

„Ist er eifersüchtig?“ Der mysteriöse Fotograf betrachtete sie mit ernster Miene und drehte das Glas zwischen den Händen.

„Ziemlich, ja. Er mag es nicht, dass ich mich vor anderen Männern ausziehe, um mich fotografieren zu lassen.“

„Hast du jemals daran gedacht, ihn zu belügen?“

Mandy stutzte. Warum stellte er ihr diese Frage? Sie hatten sich im Internet kennengelernt. Er war ambitionierter Fotograf, und sie ein recht erfolgreiches Model. Bislang verdiente sie ihr Geld zwar fast ausschließlich mit Nacktfotos, aber bald schon, da war sie sicher, würde sich eine der großen Agenturen für sie interessieren. Das Modeln war ihr Job, nicht mehr und nicht weniger. Mandy nutzte jeden Auftrag, um in ihrer Karriere einen Schritt weiterzukommen. So hatte sie sich in mehreren Internetforen eingetragen, um an möglichst viele Aufträge zu gelangen. Eigentlich arbeitete sie in einem Drogeriemarkt, doch das war kein Job, in dem sie alt werden wollte, deshalb träumte sie von einer Karriere als Model. Und damit verdiente sie sich etwas dazu. Ganz nebenbei konnte sie sich so ausleben. Doch davon musste Tom nichts wissen. Sie sagte ihm noch lange nicht alles.

„Warum sollte ich ihn belügen? Er hat mich als Model kennengelernt und wusste vom ersten Tag an, was ich beruflich mache.“

„Hm.“ Clay nickte nachdenklich und erhob sich. Trat ans Fenster und blickte hinaus in die verschneite Nacht. „Ich habe euch vom Fenster aus beobachtet. Verzeih meine Direktheit: Sehr verliebt scheint ihr nicht zu sein.“

„Wie gesagt, er ist eifersüchtig.“ Mandy leerte ihr Glas. „Aber das ist sein Problem. Damit muss er klarkommen. Können wir jetzt mit der Arbeit anfangen?“ Sie wollte mit dem Job durch sein, bevor sich die Wirkung des Alkohols voll entfaltet hatte. Es erschien ihr unprofessionell, betrunken zu posieren. Bereits als sie sich erhob, spürte sie, dass ihre Knie weich wurden. Sie fühlte sich benommen, fast so, als hätte sie die ganze Whiskyflasche allein geleert. Was war nur los mit ihr?

Clay drehte sich zu ihr um. „Natürlich. Je früher, desto besser. Eins noch: Hast du ein Handy?“

„Natürlich.“

„Würde es dir etwas ausmachen, es abzuschalten? Diese Dinger klingeln in den unmöglichsten Situationen, und das kann bei der Arbeit sehr störend sein.“

„Klar – kein Problem.“ Sie nahm ihr Handy aus der Tasche und schaltete es ab.

„Danke.“ Er lächelte höflich. „Ich geh schon mal nach nebenan, in mein Atelier. Zieh dich aus.“

Sie zögerte. „Dein Studio ist hier in deiner Wohnung?“

„Sag nicht Studio, das klingt so technisch. Fotografieren ist eine Kunst, deshalb nenne ich es mein Atelier.“

Es war beileibe nicht das erste Mal, dass sie Aktaufnahmen mit einem fremden Fotografen machte, aber irgendetwas war diesmal anders. Sie spürte es, aber sie reagierte nicht auf die Alarmglocken, die in ihr schrillten. Sie streifte sich das Kleid ab und stand in Unterwäsche und Strümpfen vor ihm.

„Die Nylons und die Stiefel kannst du anlassen, das passt zum Motto.“

„Was ist denn das Motto?“

„Fetisch“, erwiderte er kurz angebunden und verschwand aus dem Zimmer. In einem anderen Teil der Wohnung hörte sie ihn an der Ausrüstung herumhantieren. Zögernd legte sie ihre Kleider zusammen und folgte ihm.

Diesmal kam sie sich besonders nackt vor.

Ausgeliefert.

Klein und verletzlich. Dennoch versuchte sie, ihre Empfindungen zu unterdrücken, als sie sein Atelier betrat. Schließlich war das alles nur ein Job.

19.20 Uhr

Planlos fuhr er durch die Dunkelheit, starrte mit geröteten Augen in die Schneeflocken, die vor der Motorhaube seines Astra Kombi einen wilden Tanz aufführten. Er hatte sich dafür entschieden, die Stadt über die viel befahrene Gathe und die Uellendahler Straße zu verlassen, die nach Norden führte. Einen Augenblick lang hatte er ernsthaft mit dem Gedanken gespielt, sich in den vorweihnachtlichen Trubel der Elberfelder Innenstadt zu stürzen. Doch allein die Vorstellung, stundenlang für einen Parkplatz anzustehen, hatte den Gedanken zu einer Horrorvorstellung reifen lassen. Beim Autofahren konnte er sich am besten ablenken. Die letzte Tankstelle hatte rechts vor einem Kreisverkehr gelegen. Die Lichter waren aus, der Tankwart hatte es vorgezogen, seinen Feierabend gemütlich zu Hause zu verbringen.

Er ärgerte sich, denn die Tanknadel näherte sich bedenklich dem roten Bereich.

Also weiter und hoffen, dass er eine Tankstelle fand, die noch nicht geschlossen hatte. Autobahntankstellen hatten Tag und Nacht geöffnet, und die Straße verlief parallel zur A46. Wenn er den Kopf nach rechts wandte, konnte er dort immer die Lichter der entgegenkommenden Fahrzeuge in der Dunkelheit ausmachen. Als er das blaue Hinweisschild sah, setzte er den Blinker und nahm die nächste Autobahnauffahrt. Nachdem er die langgezogene Kurve vorsichtig passiert hatte, stellte er erleichtert fest, dass der Winterdienst bereits eine Schneise in den Schneematsch der rechten Fahrspur geschlagen hatte. So ordnete er sich hinter einem Lastwagen mit polnischem Kennzeichen ein und zuckelte mit knapp siebzig Stundenkilometern hinter dem Sattelzug her, dessen Aufbau vor dem Opel wie eine Mauer in den Himmel zu ragen schien. Schnee flog von der Plane des Aufliegers und klatschte gegen den Wagen. Er fluchte wild und vergrößerte den Abstand. Nach ein paar Minuten kreisten seine Gedanken wieder um Mandy. Auf den letzten Kilometern hatte er mehrmals den Plan gefasst, einfach umzudrehen, um sie aus der Wohnung dieses seltsamen Fotografen zu holen, um sie einfach von diesem notgeilen Bock wegzubekommen. Thomas Belter bezweifelte keine Sekunde, dass dieser Kerl alles andere als seriös war. Wer sein Model nach Einbruch der Dunkelheit bis tief in den Abend hinein zu einem Shooting in eine offenbar leer stehende Fabrik in der dunkelsten Gegend von Wuppertal bestellte, war alles andere als normal.

Warum hatte sie nicht auf ihn gehört?

Er hasste ihren Trotz, wurde jedes Mal wütend, wenn sie ihm leichtfertig blinde Eifersucht unterstellte, sobald er sich um sie sorgte. Natürlich passte es ihm nicht, wenn sie sich vor den Augen eines anderen Mannes auszog, um für ihn zu posieren. Natürlich schnürte sich ihm die Kehle zu, wenn er daran dachte, dass seine Freundin anderen Kerlen als Wichsvorlage diente.

Er liebte sie. Und er wollte sie nicht mit fremden Typen teilen.

Auch der Vorwand, es seien doch nur Fotos, stimmte ihn nicht milde. Es waren aufreizende Posen, die bei Männern die Fantasie anregten.

Natürlich verkaufte sie nicht ihren Körper.

Doch, schrie alles in ihm. Sie verkaufte ihren Körper. Nein, natürlich war sie keine Nutte, natürlich trieb sie es nicht mit allen Männern, die sie nackt sehen konnten. Aber allein der Gedanke, dass die Burschen, die sie so sahen, sich an seiner Freundin aufgeilten, allein dieser Gedanke kotzte ihn an.

Diesmal war es anders. Er hatte einfach nur Angst um Mandy. Er wusste, dass mit diesem seltsamen Fotografen etwas nicht stimmte. Das dumpfe Gefühl tief in ihm hatte nichts mit Eifersucht zu tun. Es war die Sorge, dass dieser Typ ihr etwas antun könnte. Immerhin war sie allein mit ihm in seiner Wohnung, die in einem zwielichtigen Viertel der Stadt lag. Selbst wenn sie schrie, würde sich niemand um ihr Geschrei kümmern, so viel stand für ihn fest. Die Gegend, in der er sie abgeliefert hatte, wurde von Kriminalität und organisiertem Verbrechen beherrscht. Kleinkriege, Schlägereien und Schreie waren in diesem Viertel alltäglich. Bei dem Gedanken daran, dass ihr dort etwas zustoßen könnte, schnürte sich ihm die Kehle zu. Das Viertel, beherrscht von unzähligen, verschiedenen Kulturen und von Arbeitslosigkeit, war ein Schmelztiegel des Verbrechens.

Vermutlich würde es nicht einmal auffallen, wenn er sich an ihr verging und sie um Hilfe rief. Der Kerl hatte freie Bahn.

Diese Gedanken quälten ihn. Was sie jetzt gerade wohl tat? Sicherlich räkelte sie sich nackt vor seiner Linse, vielleicht spreizte sie sogar die Beine und zeigte diesem Heini das, was nur ihm gehören sollte. Es gab Männer, die es anmachte, wenn andere Kerle ihre Frauen nackt sehen konnten. Alle durften sie ansehen, aber nur sie allein durften mit ihnen vögeln. Der Gedanke daran machte diese Männer scharf.

So war er nicht.

Er liebte Mandy, und er wollte sie für sich allein. Wäre es anders gewesen, hätte er ihr ihren Wunsch nicht abgeschlagen, sie in den Swingerclub zu begleiten. Er wollte sie nicht teilen müssen. Sie hatte ihm beigepflichtet. Natürlich wollte sie ihm allein gehören, natürlich verstand sie seine Eifersucht.

Warum, verdammt noch mal, hatte sie sich dann heute Nacht anders verhalten? Er verstand sie manchmal einfach nicht. Wütend hieb er auf den Lenkradkranz und hielt mit zusammengepressten Lippen einen Fluch zurück. Die Frau, die er seit vier Monaten über alles liebte, war eine Exhibitionistin. Er liebte es, wenn eine Frau ihm alle sexuellen Wünsche erfüllte und auch selbst gern die Initiative ergriff. Nie zuvor in seinem Leben hatte er eine leidenschaftlichere Liebhaberin gekannt. An allen erdenklichen Orten hatten sie es getrieben. In der Umkleidekabine eines Modehauses, in einem Kölner Kaufhaus, in der Toilette ihrer Lieblingsbar in der Düsseldorfer Altstadt, im Auto, draußen auf dem Messegelände in Essen, in einer der letzten lauen Sommernächte am Ufer des Baldeneysees. Er war süchtig nach ihr, und dennoch bezweifelte er in diesem Augenblick, dass Mandys offener Umgang mit Sex ihrer Partnerschaft wirklich guttat. Tom verfing sich in seinen Gedanken. Immer wieder spielte er mit der Idee, einfach den Wagen zu wenden, zurück in die Stadt zu fahren und sie aus den Klauen dieses verrückten Fotografen zu befreien. Doch etwas hinderte ihn daran. Längst schon waren die Schilder für Düsseldorf an ihm vorübergeflogen. Einzelne, spärlich beleuchtete Häuser schälten sich als letzte Zeichen der Zivilisation in immer größer werdenden Abständen aus der Dunkelheit. Ansonsten gab es nur Schnee und diese trübe Einsamkeit, die ihn wahnsinnig machte.

Frustriert starrte er auf die Rücklichter des polnischen Lasters vor ihm. Es wurde Zeit für einen Tankstopp. Inzwischen war die Nadel der Tankanzeige tief im roten Bereich angekommen. Nervös klopfte er gegen das Glas, so, als könnte er damit bewirken, dass sich die Nadel noch einmal bewegte.

Er sehnte sich nach Licht, nach Wärme, nach Menschen. Er fragte sich, ob es in dieser Einöde keine Tankstelle gab, die Tag und Nacht geöffnet hatte, und fuhr weiter in die Dunkelheit hinein.

Irgendwo würde er anhalten und einen Kaffee trinken. Vielleicht würde er in der Gesellschaft von Menschen auf andere Gedanken kommen. Als er auf die Tanknadel im Armaturenbrett schielte, stellte er fest, dass der Zeiger jetzt bereits am Rand des roten Bereiches kratzte. Nun wurde es aber höchste Zeit, dachte er. Der Schneefall wurde dichter. Ein verdammtes Scheißwetter, er war hundemüde, musste morgen früh zur Arbeit, und seine Freundin zeigte sich nackt einem wildfremden Kerl. Was war das bloß für eine Scheiße?

19.35 Uhr

Das Atelier lag direkt neben dem Wohnzimmer.

In den gut zehn Quadratmeter großen Raum gelangte man nur über eine einzige Tür, die vom Korridor her abzweigte. Sie stand etwas unsicher im Türrahmen und betrachtete Clays Atelier. Die Fenster waren mit blickdichten, schwarzen Tüchern verhüllt. Auch die Wände waren schwarz gestrichen. Die einzigen Lichtquellen waren Kerzen, die in fünfarmigen Haltern steckten. Das flackernde Licht der Flammen ließ den Raum unheimlich erscheinen. Lange Schatten geisterten über die Decke und den Dielenboden. Möbel gab es keine; nur in der Mitte des Raumes stand eine Pritsche, die mit dunklem Stoff abgehängt war – möglicherweise versteckte sich ein ganz normaler Esstisch darunter. Erst jetzt entdeckte Mandy einen Sessel, der in einer Ecke des Zimmers stand. Vermutlich würde sie sich gleich auf diesem Sessel räkeln dürfen. Sie spürte, wie ihre Aufregung wuchs. Die Stimmung in Clays Atelier war bedrückend und gleichermaßen anregend. So etwas hatte sie noch nie erlebt. Schwer hing der süßliche Duft der schwarzen Kerzen in der Luft.

Mandy atmete tief durch und fühlte sich benebelt. Sie gab dem zu schnell getrunkenen Whisky die Schuld dafür und nahm sich vor, bei künftigen Shootings nur noch alkoholfreie Getränke zu sich zu nehmen.

Die technische Ausstattung von Clays Atelier hielt sich in Grenzen. Es gab lediglich zwei Stative, einen Fotoapparat und eine recht einfache Blitzanlage. Auf einem kleinen Tischchen in der Ecke stand ein Laptop, an dem man die gemachten Aufnahmen gleich betrachten konnte.

„Ich bin Minimalist“, lächelte Clay, der ihre Blicke beobachtet hatte. „Kerzenlicht fasziniert mich. Es bedeutet mir viel mehr als technischer Schnickschnack.“

„Und die Belichtung? Ich meine, wie kriegst du das hin, nur mit dem Kerzenlicht?“

„Lass mich mal machen. Ich blitze mit weichem Streulicht, den Rest erledigt eine manuell gewählte, lange Verschlusszeit. Aber das ist Fachchinesisch. Vertrau mir einfach.“ Er lächelte und Mandy konnte dieses Lächeln nicht recht einordnen. Sie erwischte sich bei dem Gedanken, dass sie froh wäre, wenn sie das Shooting hinter sich hatte.

19.40 Uhr

Eine Insel aus Licht schälte sich aus der Nacht. Seine Augen hatten sich an die Dunkelheit gewöhnt, und so blendeten ihn die Leuchtziffern der Preistafel am Straßenrand. Er drosselte das Tempo und seufzte erleichtert. Endlich eine Tankstelle, die um diese nachtschlafende Zeit noch geöffnet hatte. Die plötzliche Helligkeit imponierte ihm fast ein wenig, als er runterschaltete und den Opel zur Ausfahrt lenkte. Auf dem Gelände der Rastanlage herrschte kaum Betrieb. Wer es nicht unbedingt musste, ging bei diesem Wetter nicht vor die Tür. Thomas Belter steuerte den Wagen an eine der Zapfsäulen. Der Opel schlitterte leicht, als er das Lenkrad einschlug. Auf der Fahrbahn hatte sich eine glitschige Schicht aus Schneematsch gebildet.

Als er ausstieg, stellte er fest, dass es ein paar Grad wärmer geworden sein musste. Der weiße Schnee war einer matschigen Pampe gewichen. Feuchte Kälte griff nach ihm. Sein Gesicht glühte, als er den Tankverschluss öffnete und für zwanzig Euro Super Bleifrei nachtankte. Mehr konnte er sich nicht leisten. Es würde für den Rückweg nach Wuppertal reichen.

Nachdem die Anzeige der Zapfsäule auf 20 Euro gesprungen war, setzte er sich in den Wagen und fuhr den Opel hinüber zum Parkplatz, der vor dem gläsernen Shop der Tankstelle lag. Jetzt stand er zwischen zwei riesigen Lastzügen. Von den Fahrern keine Spur. Vermutlich hielten sie sich in der Tankstelle auf, um sich mit Bier, Bockwurst und Bumsheftchen zu versorgen, dachte er grimmig, während er den Opel abschloss und den Shop der Tankstelle betrat.

Das Blut rauschte in seinen Ohren, und er spürte, wie ihn die aufkommende Müdigkeit lähmte. Höchste Zeit für einen starken Kaffee.

Aus dem Lautsprecher an der Decke plärrte ein nerviger Radiomoderator vom Fest der Liebe, das nun unaufhaltsam auf uns zukäme. Tom rümpfte die Nase. Hinter der Kasse stand eine wasserstoffgefärbte Blondine mit leerem Blick. Zu grell geschminkt, die künstlichen Fingernägel knallrot lackiert, wartete sie an ihrem Platz und blickte immer wieder zur Uhr.

Die Trucker machten sich am Kaffeeautomaten zu schaffen und beobachteten ihn neugierig. Einer biss in eine Bockwurst.

Belter nickte den Fahrern zu und marschierte zur Kasse. „Die Zwei“, brummte er und schob der Kassiererin den 20-Euro-Schein herüber. „Und einen Kaffee.“

„Gibt’s drüben am Automaten.“ Sie beackerte einen Kaugummi und erinnerte ihn mit ihrem dummen, aussichtslosen Gesicht an eine Kuh auf der Weide. „Ich geb Ihnen ’ne Münze.“

„Danke.“

„Ist das ein Scheißwetter“, brummte einer der Fernfahrer, ein bärtiger Hüne in einer dunkelblauen Fahrerjacke. „Und ich muss noch bis Frankfurt.“ Er winkte müde ab.

Sein Kollege, ein drahtiger Bursche von Ende zwanzig, jedoch bereits mit schütterem Haar, meinte grinsend: „Ich fahr bis Kassel, und da leg ich mich auf dem großen Parkplatz pennen. Morgen geht’s weiter bis Erfurt. Mal sehen, vielleicht gönn ich mir im Sexshop auch noch was Nettes.“ Er zwinkerte dem Bärtigen zu. „Bei dem Wetter hat’s eh keinen Sinn, neue Rekorde aufzustellen.“

„Und du?“, wurde Tom jetzt angesprochen. „Musst du noch weit?“

Belter, der eine Jeansjacke mit Fellkragen zu einer herben Hose und festem Schuhwerk trug, wirkte auf die Trucker wohl wie ein Kollege. Er zog sich einen Kaffee am Automaten, verbrannte sich an dem Plastikbecher die Finger, fluchte, trat an den Stehtisch und schüttelte den Kopf. „Ich bin mit dem Pkw unterwegs, muss nur nach Wuppertal zurück.“

„Da wartet deine Süße schon auf dich, was?“ Der Drahtige grinste anzüglich und steckte den Daumen seiner rechten Hand zwischen Zeige- und Mittelfinger hindurch. „Da wünsch ich dir viel Spaß, Kleiner.“

„Falsches Thema, ganz falsches Thema“, brummte Belter.

„Oh, da wird aber einer böse“, lachte der Bärtige. „Hast wohl Stress mit Mutti, was.“

„Haltet doch einfach das Maul“, knurrte Tom, pustete in den Kaffee und trank viel zu hastig. Prompt verbrannte er sich die Lippen.

„Nichts für ungut, Kollege“, lenkte der bärtige Hüne beschwichtigend ein. „Wollte dir nicht zu nahe treten, der Peter. Ich kenn ihn schon lange, der ist manchmal einfach so.“ Er hielt Tom die Hand hin. „Wo wir schon mal dabei sind: Ich bin Georg. Komme zweimal die Woche hier vorbei. Scheißjob, aber besser Scheißjob als gar kein Job.“

„Wohl wahr“, stimmte Peter ihm zu. „Ich kann mich nicht beklagen, kann wenigstens meine Pausen machen, wie es das Gesetz verlangt. Und jetzt zu dir.“ Er klang versöhnlich, fast väterlich. „Wo drückt der Schuh?“

Belter zögerte. Und dann war es ihm egal: „Ich hab Zoff mit meiner Freundin.“

„Und da bist du einfach mal abgehauen?“

„Nein, ich hol sie gleich wieder ab.“

„Das muss ich jetzt nicht verstehen, oder?“ Peter warf seinem Kollegen einen zweifelnden Blick zu. Georg zuckte mit den Schultern.

„Sie ... arbeitet.“ Tom grinste schief. Das Wort Arbeit war ihm schwer über die Lippen gekommen. „Und gleich hat sie Feierabend, da hol ich sie ab, und dann fahren wir zu mir nach Hause und lassen den Abend ausklingen. Was ist so schlimm daran?“

„Nichts“, erwiderte Peter und orderte bei der Wasserstoffblondine noch eine Bockwurst mit Senf. „Sei froh, dass es so ist. Meine Frau ist vor zwei Monaten abgehauen, hatte keinen Bock mehr darauf, dass ich ständig unterwegs bin.“

„Ich habe auch keinen Bock darauf, dass Mandy ständig nachts raus muss“, erwiderte Belter verbittert. Vor seinem geistigen Auge tauchte eine schreckliche Szenerie auf. Er sah sie, nackt, wie sie sich vor den Augen des fremden Fotografen aalte. Was er nicht ahnte, war, dass das erst der Anfang war. Der Anfang von etwas, das schlimmer war als alles, was Thomas Belter jemals in seinem Leben erlebt hatte. Viel schlimmer.

19.50 Uhr

Sie räkelte sich auf der Pritsche, suchte den Augenkontakt zu seiner Kamera. Hart drückte das Holz des Tisches durch den dünnen schwarzen Stoff. Ihr Rücken begann zu schmerzen. Es war unbequem, doch er bezahlte sie dafür, also hielt sie durch. Mandy zeigte ihm verschiedene Posen, und Clay schien zufrieden mit seinem Model zu sein. Dennoch fühlte sie sich elend, fast so, als hätte sie hohes Fieber. Etwas stimmte nicht mit ihr, doch sie war professionell genug, diesen Job noch zu Ende zu bringen. Ihre aufkommende Krankheit konnte sie morgen bekämpfen.

„Nimm dir eine der Kerzen und lass das Wachs über deinen Körper laufen.“ Sein Gesicht schielte kurz hinter dem Fotoapparat hervor. Er sah ihren zweifelnden Gesichtsausdruck.

„Bitte“, fügte er dann hinzu und lächelte gewinnend.

Mandy zögerte. Dann dachte sie an das schnell verdiente Geld und zog eine der schwarzen Kerzen aus dem Leuchter. Sie lehnte sich weit auf der Pritsche zurück und hielt die Kerze über ihren Leib. Ganz kurz fürchtete sie sich vor dem Moment, in dem das heiße Wachs ihre Haut traf. Möglicherweise würde sie sich Verbrennungen zuziehen. Sie zögerte, schloss die Augen, dann neigte sie die Kerze, die sie in der Hand hielt. Ein leiser Schrei kam über ihre Lippen, den sie jedoch mehr dem ersten Schrecken zuschrieb, als dem tatsächlichen Schmerz. Denn obwohl das Wachs sehr warm war, verbrannte sie sich nicht. Langsam öffnete sie die Augen und blickte an sich herab. Das schwarze Wachs bildete einen kleinen See auf ihrem Körper. Ein feiner Faden rann über die Haut nach unten, bevor er aushärtete. Sie spürte die noch immer warme Kruste.

„Spreiz die Beine“, forderte er sie auf und fotografierte. Sie gehorchte ihm.

Wieder tauchte sein Gesicht hinter der Kamera auf. Diesmal lächelte er nicht. Sein Gesicht war starr wie eine Maske. „Mehr Wachs“, forderte er. „Ich will das Wachs zwischen deinen Beinen sehen.“

Sie spürte, wie eine bleierne Müdigkeit in ihr aufstieg. Woher kam diese Schwere?

Was war nur los mit ihr?

Mandy zwang sich zu mehr Konzentration. Wie durch Watte drang seine Stimme jetzt an ihre Ohren, klang eigenartig verzerrt. Sie begab sich in die Position, die er von ihr verlangte. Sie beugte sich mit angezogenen, leicht gespreizten Beinen auf der Pritsche zurück. Hielt die Kerze über ihren nackten Oberkörper. Ihre Brüste vibrierten, als sie die Kerze leicht kippte. Das heiße Wachs lief über und tropfte auf ihren muskulösen Bauch. Sie schauderte, als sie die Hitze oberhalb ihres Bauchnabels spürte. Das Wachs rann über ihre Haut, bahnte sich seinen Weg abwärts, zum Schoß hinunter.

„Das ist perfekt – bleib so ...“ Clay trat näher und fotografierte sie aus nächster Nähe. Er grinste zufrieden, denn sie bot ihm das, was er haben wollte.

Sie fühlte sich gleichermaßen gelähmt wie stimuliert. Zäh wie Kaugummi rannen die Gedanken durch ihren Kopf. Kurz dachte sie an Tom, sah seine Gestalt schemenhaft vor ihrem geistigen Auge aufblitzen. Doch Tom verblasste von Sekunde zu Sekunde. Es war, als wäre ihr Freund ein Wesen von einem anderen Planeten. Fern und unerreichbar für sie.

Der Gedanke, nackt vor einem wildfremden Mann zu liegen, erregte sie mehr und mehr. Während sie sich in Pose brachte und erneut nach der Kerze griff, überlegte sie, ob das an dem Whisky lag, den sie vor dem Shooting getrunken hatte.

„Mehr Wachs, ich will mehr Wachs sehen“, riss sie seine Stimme aus den vernebelten Gedanken. „Komm, das ist echt heiß!“

Stumm nickte sie, winkelte die Beine weiter an und schüttete sich Wachs auf ihren Schoß. Ein heißer Schmerz durchzuckte ihre intimsten Stellen, doch der Schmerz wich schnell einem wohligen Gefühl. Sie stöhnte leise.

Mandy spürte, wie sich das heiße Wachs den Weg zwischen ihre Beine bahnte. Sie schloss die Augen. Das Wachs härtete innerhalb weniger Sekunden auf ihrer gebräunten Haut aus und bildete eine warme Kruste. Es fühlte sich angenehm an, wie eine Schutzschicht, die ihre Scham bedeckte. Sie hatte die Augen geschlossen und genoss das. Ein kehliger Laut kam über ihre Lippen. Nie zuvor hatte sie etwas Derartiges gefühlt. Sie bemerkte nicht, dass er den Fotoapparat längst weggelegt hatte und sich ihr näherte. Erst als sie seine Hand zwischen ihren Beinen spürte, schlug sie die Augen auf und blickte ihn erschrocken an. Verwundert, machtlos, aber nicht abgeneigt. Zu einer ohnmächtigen Zeugin degradiert. Gezwungen, ihm zu gehorchen.

Seine Fingerkuppen glitten über die hauchdünne Wachsschicht. Sie fühlte jede seiner Bewegungen durch das noch warme Wachs und erschrak. Sie war außerstande, Gegenwehr zu leisten, und wusste gar nicht, ob sie das überhaupt wollte. Sein Wille war so stark. Sie war ihm ausgeliefert, und sie genoss diesen Zustand der Machtlosigkeit.

Jetzt wollte sie genießen, wollte sich ihm hingeben.

Clay nahm ihr die Kerze ab, pustete sie aus und legte sie auf den Boden seines Ateliers. Das flüssige Wachs bildete einen Kranz auf dem Fußboden und härtete binnen weniger Sekunden aus. Sein Gesicht glich jetzt einer Maske.

Er grinste sie lüstern an. „Du bist fantastisch, Kleine“, flüsterte er, während seine Hände über die Innenseiten ihrer Schenkel glitten und die Wachsschicht lösten. Es war, als würde er ein Geschenk auspacken. Wie von selbst glitt sein Finger in ihren Schoß. Ganz automatisch hob sie das Becken an und ließ ihn gewähren.

„Ich denke, wir werden jetzt ein wenig Spaß haben.“ Er kicherte heiser. „Du hast doch nichts gegen ein wenig Spaß, oder?“

Schweigend schüttelte sie den Kopf und fieberte seinen Berührungen entgegen. Längst schon war sie der Realität entschwunden. Längst schon hatte sie sich aufgegeben, um ihm zu gehören. Wie im Fieber sah sie ihm dabei zu, wie er die Knopfleiste seiner Jeans aufspringen ließ. Er trug keine Unterhose. Schweißperlen standen auf seiner Stirn.

„Du willst es, oder?“, keuchte er und näherte sich ihr.

Sie nickte.

„Sag mir, dass ich dich ficken soll.“

„Fick mich.“ Ihre Stimme war nur ein Hauch. Sie war gefangen in ihrem eigenen Körper. Mandy fühlte sich wie im Wachkoma, bekam alles mit, war aber nicht imstande, sich zu wehren – und inzwischen wollte sie sich auch gar nicht mehr wehren. Sie schloss die Augen und ließ ihn gewähren. Seine herrschende Art erregte sie dennoch mehr, als sie sich je hätte eingestehen können. Tom hatte sie längst schon aus ihrem Kopf verbannt. Sie fieberte Clay entgegen, konnte es kaum erwarten, diesen fremden Mann zu spüren.

Er griff sie bei den Hüften und zog ihren Schoß vor, an den Rand der Pritsche. Bevor sie es sich versah, drang er in sie ein. Hart. Gewaltig. Er schloss die Augen und keuchte lüstern. Ein Wimmern kam über ihre Lippen.

Sie spürte den Schmerz, aber bekam keinen Schrei zustande. Sie war wie gelähmt, starrte in sein nassgeschwitztes Gesicht, ertrank in seinem fiebrigen Blick, hörte das lüsterne Stöhnen an ihrem Ohr und spürte, wie er sich tief in ihr bewegte. Fest umklammerten seine Hände ihre Fußgelenke. Dann ließ er sie los, doch sie zog die Beine an.

Er zwirbelte ihre Brustwarzen, so fest, dass es ihr wehtat. Sie betete, dass es nicht lange dauern würde. Als er seine Zähne in ihre rechte Brust grub, kam wieder dieser kehlige Laut über ihre Lippen. Für mehr reichte ihre Luft nicht aus.

Sie spürte, wie feuchte Hitze in sie hineinschoss. Von einer Sekunde zur anderen erwachte sie aus dem Dämmerschlaf. Sie fragte sich, was sie da um Himmels willen getan hatte. Tränen traten in ihre Augen, sie wand das Becken, wollte sich ihm entziehen. Sie spürte sein Pulsieren tief in sich, doch konnte nichts tun. Wie gelähmt lag sie vor ihm.

Clay zog sich nicht aus ihr zurück. Er grinste. Bevor sie sich wehren konnte, umklammerte er ihre Knie, drückte die Beine weit auseinander und drang noch einmal tief in sie ein. Sein Gesicht befand sich überdimensional groß vor ihren Augen. Jede Pore seiner Haut konnte sie erkennen wie die Kraterlandschaft eines fremden Planeten. Der Zopf hatte sich gelöst. Strähnig hingen ihm die Haare ins verschwitzte Gesicht. Sein Atem schlug ihr entgegen, warm, faulig, und sie spürte Übelkeit in sich aufsteigen.

Dann sauste sein Kopf herab. Er saugte an ihrem Hals, nagte an ihrer Haut.

Tief grub er seine Zähne in ihr warmes Fleisch, so tief, dass es wie Feuer brannte. Er biss kräftig zu und riss ein Stück Fleisch aus ihrer Kehle heraus. Der Schmerz breitete sich von ihrem Hals rasend schnell über ihren gesamten Körper aus und schien sie von innen heraus zu zerreißen.

Sie spürte, wie sie der Ohnmacht entgegensteuerte, unaufhaltsam, war nicht mehr in der Lage, bei Verstand zu bleiben. Grelle Lichtblitze blendeten sie. Sie versuchte noch einmal, sich ihm zu entziehen, doch er lachte nur. Lachte und schlug seine Zähne immer und immer wieder in ihren Hals. Wie ein Vampir.

Doch das war er nicht. Er wollte mehr als das Blut. Er wollte das Fleisch.

Er biss sie wie besessen, saugte an ihrem pochenden Fleisch, riss Stücke aus ihrem Hals, kaute und ergötzte sich am Geschmack ihres Blutes, schluckte gierig herunter und vergrub sein Gesicht erneut in der klaffenden Wunde.

Immer und immer wieder biss er zu. Als er kurz von ihr abließ, sah sie sein blutverschmiertes Gesicht wie eine Fratze des Teufels über sich schweben.

Er war der Teufel, daran bestand kein Zweifel. Sie spannte die Muskeln an, doch vergeblich.

Mandy blickte angsterfüllt zur Zimmerdecke und fügte sich ihrem Schicksal. Sie spürte, wie die Kraft ihren Körper verließ, fühlte, wie das Leben sie im Stich ließ, und sehnte den Moment herbei, sterben zu dürfen.

Doch nur langsam schwand das Leben aus ihrem Körper. Ihr dauerte das Sterben schon viel zu lange. Als es endlich so weit war, empfand sie ihren Tod als Erlösung. Die Kraft verließ die leblose Hülle ihres Körpers, ihre Augenlider flatterten ein letztes Mal, dann glaubte sie sogar zu spüren, wie die Seele ihren missbrauchten und geschundenen Körper zurückließ. Der Schmerz verebbte, das Brennen in ihrer Kehle ließ nach. Sie fühlte sich so leicht, als könnte sie schweben, glaubte, auf ihre tote Hülle herabblicken zu können.

Sie war einfach schwerelos.

20.05 Uhr

Blutüberströmt und nackt lag sie vor ihm. Die Augen im Augenblick des Todes angstvoll aufgerissen, den Mund wie zu einem stummen, angsterfüllten Schrei geöffnet. Ihre Kehle war eine einzige klaffende Wunde. Eine ganz schöne Sauerei hatte er da angerichtet, da gab es jetzt einiges zu putzen in seinem Atelier. Doch nur die Ruhe. Er wollte jede Sekunde mit ihr auskosten.

Als er von ihr abließ, war schon kein Leben mehr in ihr. Doch ihr Körper war noch warm, und fasziniert starrte er auf ihren Schoß. Sein Blick glitt über das, was von ihrem makellosen, sonnenbankgebräunten Körper noch übrig war. Über ihren Bauch hinauf zu ihren erigierten Brustwarzen. Doch die Brüste hoben und senkten sich nicht mehr. Als er die tiefe Bisswunde an ihrem Hals betrachtete, spürte er, wie die Erregung erneut in ihm aufloderte. Er hatte sie mit mehreren Bissen getötet, hatte ihr Fleisch verschluckt, schmeckte es noch auf der Zunge, gemischt mit dem süßlich-metallischen Geschmack ihres Blutes. Sie hatte gut geschmeckt. Zart und fein war ihr Fleisch, wie edler Thunfisch oder zartes Hühnerfleisch. Sie war eine Delikatesse.

Seine Hände glitten erneut über den leblosen Körper der jungen Frau. Das Gefühl der Macht beherrschte ihn. Er hatte ihr gezeigt, wer das Sagen hatte. Er hatte über Leben und Tod bestimmt und sich für ihren Tod entschieden. Dieser Gedanke der Macht erregte ihn. Er berührte sich. Lange. Sie spürte nichts mehr von dieser Demütigung.

20.30 Uhr

Um diese Zeit trieben sich düstere Gestalten auf der Straße herum, und immer wieder blickte sie sich ängstlich um. Doch da war niemand, der ihr in der Dunkelheit der Hofeinfahrt in ihrem Rücken auflauerte. Feierabend, dachte sie erleichtert, als sie vor die Tore der alten Textilfabrik in Wuppertals Osten trat. Bizarr hob sich das Backsteingebäude vom Nachthimmel ab. Im Hintergrund schälte sich das Gerüst der Schwebebahn aus dem Grau der Nacht. Ob die Bahn noch fuhr, wusste sie nicht, aber sicherlich hatten die Verkehrsbetriebe längst den Linienbusverkehr eingestellt. Sie schüttelte den Kopf, als sie sich an einen Zeitungsartikel erinnerte, in dem gestanden hatte, dass die Gelenkbusse der Stadt mit Sommerreifen ausgestattet waren. Kein Wunder, dass die Busse des öffentlichen Linienverkehrs an jeder kleinen Steigung quer standen und nichts mehr ging, sobald in der Stadt mehr als eine Flocke fiel.

Gut, dachte sie, gehe ich halt zu Fuß.

Der Fußmarsch an der frischen Luft würde ihr sicherlich guttun, und so schrecklich weit war es nicht bis zu ihrer Wohnung, die im Stadtteil Wichlinghausen lag.

Sie war mal wieder die Letzte gewesen, hatte im buchstäblichen Sinne das Licht in der Firma ausgemacht, den hellblau geblümten, altmodischen Kittel gegen den dicken Wintermantel getauscht und wollte nur noch nach Hause. Eigentlich machte sie gern Spätschicht in der Fabrik. Man wurde nicht ständig beobachtet und abgelenkt, und auch die hohen Herren der Geschäftsleitung waren längst zu Hause und ließen sie in Ruhe ihre Arbeit machen.

Trotzdem überkam sie jetzt eine schwere Müdigkeit, die auch nicht verflog, als sie an der frischen Nachtluft war. Ein wenig unschlüssig stand sie am Straßenrand der vierspurig ausgebauten Straße und lugte zur beleuchteten Bushaltestelle hinüber. Doch es gab keine Spuren im Schnee der Fahrbahn, die darauf schließen ließen, dass hier in der letzten Stunde auch nur ein einziger Bus gefahren war. Ihre Wangen glühten, und sie freute sich auf ihre Wohnung und ihr Bett. Niemand erwartete sie. Walter war letztes Jahr gestorben. Verdammter Krebs. Sie fragte sich, warum die Menschen zum Mond fliegen konnten, warum sie alle Computer, die es auf der Welt gab, miteinander vernetzen konnten, und warum es trotzdem kein Heilmittel gegen diese heimtückische Krankheit gab. Sie verfluchte die Ärzte, die mit der Behandlung von todkranken Patienten wahrscheinlich mehr Geld verdienen konnten als an einer effektiven Heilung. Die Einsamkeit griff mit eisigen Krallen nach ihr.

Vor die Tür ging sie nach Einbruch der Dunkelheit nie, denn sie wusste sehr wohl, dass die Welt schlecht geworden war. Das Verbrechen lauerte überall, und sie hatte nicht die geringste Lust darauf, eine Messerklinge in ihrem Rücken zu spüren. Immer wieder warf sie ängstliche Blicke über die Schultern, betrachtete jeden Schatten, der nach ihr zu greifen schien. Lena Hille wollte einfach nur schnell den Schutz ihrer Wohnung erreichen, spürte das Herz panisch in ihrer Brust schlagen und beschleunigte ihre Schritte.

Sie zog den Schal fester zu und machte sich, wie von einer unsichtbaren Macht getrieben, auf den Heimweg. Sie marschierte ein Stück die Friedrich-Engels-Allee entlang und registrierte, dass sie kein einziges Fahrzeug sah. Auf den Straßen herrschte kaum Verkehr. Eine matschige, grauweiße Schicht hatte sich über Wuppertal ausgebreitet. In den letzten Stunden war es ein paar Grad wärmer geworden, und der Schnee war so schnell, wie er gefallen war, zu einer nassen Pampe geworden.

So weit ist es nun auch wieder nicht, machte sie sich Mut.

Ihre Schuhe waren schon nach den ersten Metern durchnässt, und sie fröstelte. Jeder Schritt erzeugte ein Patschen unter ihren Gummisohlen. Ein Fahrzeug näherte sich mit rasselnden Schneeketten.

War doch noch ein Bus unterwegs?

Hoffnung keimte in ihr auf. Der große Dieselmotor wummerte dumpf durch die leeren Straßen. Doch als sie sich umwandte, erblickte sie nur einen orangefarbenen Unimog der Straßenmeisterei. Und wer war der Mann hinter dem Steuer dieses Ungetüms? War es ein Psychopath, der im richtigen Moment das Steuer nach rechts riss und mit seinem tonnenschweren Gefährt zu einer tödlichen Gefahr werden würde?

Nein, es sind alles Menschen wie du und ich. Er arbeitet, macht seinen Job und ist sicherlich auch froh, wenn er zu Hause bei seiner Frau und den Kindern sein kann. Das Rasseln des Schneeschiebers näherte sich unaufhaltsam, und Lenas Gedanken rasten plötzlich.

Wie schwer war es, sich ein solches Geschoss unter den Nagel zu reißen, um damit wehrlose Opfer zu überfahren? Sie war sicher, dass es keine Chance gab, wenn sie der Mann hinter dem Steuer erst einmal mit seiner schweren Schneeschaufel erwischt hatte. Als sie sich wieder umwandte, sah sie den Schneepflug auf sich zukommen. Der Motor dröhnte dumpf, die Rundumkennleuchte auf dem Dach der Kabine schleuderte ihren grellen Lichtschein an die Fassaden der umliegenden Häuser.

Der Unimog näherte sich rasselnd wie ein alter Armeepanzer und schob den Matsch vor sich her. Die Unterkante des eisernen Schiebers erzeugte immer wieder Funken, wenn der gehärtete Stahl auf einen Stein traf. Ein Mann, der brav seinen Dienst machte, um den Autofahrern eine gefahrlose Heimfahrt zu ermöglichen. Oder doch ein Verrückter, der das Fahrzeug entwendet hatte und nun alles niederwalzte, was sich ihm in den Weg stellte?

Lena Hille keuchte, als sie ihre Schritte beschleunigte. Im Laufen warf sie immer wieder Blicke über ihre Schultern. Sie wusste, dass man es auf sie abgesehen hatte.

Sie wusste es einfach. Nur nicht, warum.

Der Schneepflug näherte sich unaufhaltsam. Der Dieselmotor erinnerte sie an alte Panzer. Sie hatten Straßen passiert, die viel zu eng waren, und alles niedergewalzt, was sich ihnen zur Wehr gesetzt hatte. Sie erinnerte sich daran, nie einen Fahrer entdeckt zu haben. Panzerfahrer verbargen sich unter der zentimeterdicken Stahlschicht ihrer fahrenden Waffen und erweckten für Außenstehende den Eindruck, bei dem Panzer handele es sich um ein führerloses Ungetüm, das nichts und niemand aufhalten konnte. Als sie kurz innehielt, vernahm sie das Rasseln der Ketten.

Doch es war kein Panzer der Besatzungsmächte – es war ein städtisches Räumfahrzeug.

Nicht mehr und nicht weniger.

Und der Unimog hatte sich ihr bis auf wenige Meter genähert. Lena Hille duckte sich atemlos in den Schatten eines Hauseingangs. Hier würde sie der Mann im Fahrerhaus sicher nicht entdecken. Sicherlich würde er sich ein anderes Opfer suchen.

Das schwere Fahrzeug streute das Licht der gelben Rundumleuchte auf dem Dach rotierend in die Nacht. Geisterhaft brach sich der Lichtschein an den Fassaden der umliegenden Häuser. Vom Fahrer erkannte sie nicht mehr als eine Silhouette, dann war das schwere Räumfahrzeug auch schon vorbei.

Lena Hille atmete rasselnd aus. Sie spürte den brennenden Schmerz in der Brust. Es war höchste Zeit, dass sie zum Arzt ging. Seit einiger Zeit schien mit ihr etwas nicht zu stimmen. Diese Wahnvorstellungen und diese schrecklichen Schmerzen in der Brust peinigten sie. Doch sie hatte, ohne dass sie den Grund ihrer Beschwerden kannte, schreckliche Angst vor der Diagnose des Arztes. Panikattacken plagten sie immer wieder, und in diesen einsamen Winternächten, noch dazu nach Einbruch der Dunkelheit, fühlte sie sich ständig verfolgt und war sicher, eines Tages das Opfer eines Gewaltverbrechens zu werden.

Doch der Schneepflug entfernte sich. Das Rasseln der mächtigen Schaufel wurde leiser, auch das dumpfe Brummen des Dieselmotors verebbte in der Nacht. Die Schallglocke, die sich über der Stadt ausgebreitet hatte, verschluckte jedes Geräusch, und sie lauschte dem Patschen ihrer Wildlederstiefel, die sie sich im letzten Winter gekauft hatte. Schick und undicht.

Langsam beruhigte sich ihr Puls, und sie blickte dem tonnenschweren Räumgerät hinterher, ohne ihr Versteck zu verlassen. Das zuckende Licht des Unimog war soeben um die Ecke der Wichlinghauser Straße verschwunden. Sie marschierte weiter und erreichte die Fußgängerampel, die um diese Zeit abgeschaltet war.

Etwas am Straßenrand irritierte sie.

Da war es wieder, dieses unbestimmte Gefühl der Angst.

Die alte Dame spürte den Bleigürtel, der sich um ihre Brust legte. Eine nicht zu bestimmende Furcht streckte die kalten Krallen nach ihr aus.

Lena Hille blieb stehen und wandte den Kopf nach links. An dieser Stelle gab es einen kleinen, mit Büschen bewachsenen Grünstreifen, der Fahrbahn und Bürgersteig voneinander trennte. Sie hatte etwas gesehen. Als sie den Blick senkte, erstarrte sie. Sie blickte auf eine leblose Gestalt, die dort auf dem schmalen Grünstreifen lag.

Im ersten Augenblick dachte sie an eine Schaufensterpuppe, die hier jemand abgelegt hatte. Ungelenk standen die Gliedmaßen der Gestalt vom unbekleideten Torso ab. Die vermeintliche Puppe wirke lebensecht. Die Haut war kein Kunststoff, die Augen, die klagend zu ihr aufblickten, waren keine Glasaugen. Dennoch war der Blick der zu Lebzeiten wunderschönen Augen gebrochen.

Bei der Person handelte es sich um eine Frau, daran bestand kein Zweifel. Sie war unbekleidet, bis auf schwarze Strümpfe und kniehohe Stiefel mit spitzen Absätzen.

Lena Hille stockte der Atem beim Anblick der regungslosen Gestalt. Sie dachte sofort daran, dass die Frau dem ältesten Gewerbe der Welt angehören musste. Insgeheim hoffte sie inständig, dass ihr die Fantasie wieder einen Streich spielte und dass zu ihren Füßen doch eine lebensgroße, verdammt echt aussehende Puppe lag. Doch dafür war sie zu perfekt. Trotz ihrer Lage und den anklagenden Blicken war sie bildschön. So schön konnte keine Puppe sein, dachte sie in Panik und wandte sich um. Weit und breit war kein Mensch zu sehen, und es kam ihr vor, als würde sie sich auf einem fremden und bizarren Planeten befinden. In einer Parallelwelt, die ihrer Heimatstadt sehr glich. Doch es schien nur sie zu geben. War sie die letzte einer aussterbenden Spezies?

Sie drehte sich wieder zu der Frau. Kein Laut kam über ihre durch die Winterluft spröde gewordenen Lippen. Sie beugte sich zu der leblosen Gestalt herab, wagte aber nicht, sie zu berühren.

Schlief sie?

Wenn ja, dann war sie vermutlich längst erfroren.

„Mein Gott“, entfuhr es ihr. Viel hatte sie schon mitgemacht in ihrem Leben, viel hatte sie erlebt und gesehen. Vorsichtig stieß sie die Frau mit der Schuhspitze an. Nichts geschah.

Lena Hille ging neben der fast unbekleideten Person auf die Knie. Sie sank in den Schneematsch, ohne zu spüren, dass ihre Hose sofort durchnässt waren. Erst jetzt sah sie die tiefe, klaffende Wunde am Hals der Unbekannten. Man hatte die Frau ermordet. Bestialisch. Ihr Oberkörper war voller Blut. Lena Hille, die einsame, alte Arbeiterin, spürte, wie Übelkeit in ihr aufstieg.

„Mein Gott, mein Gott, mein Gott“, rief sie immer wieder, sprang auf und presste die Hände vors Gesicht. „Wer tut so was?“ Von Panik erfüllt blickte sie an den Fassaden der umliegenden Häuser hoch. Niemand stand am Fenster und gaffte. Es war, als hätte sich die Welt gegen sie verschworen.

Auf der Straße näherte sich ein Taxi. Sie sprang auf die Fahrbahn und winkte mit beiden Armen. Der Fahrer witterte ein Geschäft und stoppte den Wagen. Schlingernd kam der tuckernde Mercedes auf der matschigen Fahrbahn zum Stehen.

Lena Hille schlug mit der flachen Hand auf die warme Motorhaube und umrundete den Wagen. „Schnell“, rief sie im Laufen. „Kommen Sie!“

Der Fahrer ließ die Seitenscheibe herunter. Er grinste freundlich. „’n Abend junge Frau. Ziemlich kalt. Wo darf’s hingehen?“

„Polizei“, stammelte Lena Hille. „Bitte rufen Sie die Polizei. Hier liegt eine tote Frau! Alles ist voller Blut!“

Lena Hille riss die Fahrertür auf und berichtete dem Fahrer von ihrem grausigen Fund. Der schaltete die Warnblinkanlage ein und löste den Sicherheitsgurt.

„Jetzt kommen Sie schon!“ Lena Hille zog ihn am Kragen seiner Jacke ins Freie. „Da liegt eine Tote! Rufen Sie die Polizei, verdammt noch mal!“

Der Taxifahrer ließ vor Schreck die Kupplung kommen und würgte prompt den Motor ab. Ohne weitere Fragen griff er nach seinem Handy und wählte den Notruf.

21.05 Uhr

Das Klingeln des Telefons weckte sie.

Die Hoffnung, dass der Klingelton aus dem noch laufenden Fernseher kam, vor dem sie mal wieder eingeschlafen war, bewahrheitete sich leider nicht. Dennoch dauerte es einen Augenblick, bis sie in der Wirklichkeit ankam und erwachte.

Franka Hahne schlug die Wolldecke zur Seite, in die sie sich gehüllt hatte, und richtete sich schlaftrunken auf. Die junge Kommissarin war mal wieder, wie so oft in letzter Zeit, vor dem Fernseher eingeschlafen. Der Job bei der Kripo schaffte sie. Dabei war sie im letzten Jahr gerade mal dreißig Jahre alt geworden. Sie fragte sich, wie das in zehn Jahren sein würde, und gähnte herzhaft.

Das Klingeln des Telefons malträtierte ihren Schädel. Sorgenvoll versuchte Franka, die Schlaftrunkenheit abzuschütteln, und griff nach dem Telefon. Sie fragte sich zuerst instinktiv, ob ihrer pflegebedürftigen Mutter etwas zugestoßen war.

Bis vor kurzem hatte die Kommissarin noch in Berlin gearbeitet. Doch jetzt wollte sie für ihre Mutter da sein, wollte ihr ein Stück von dem zurückgeben, was sie ihr gegeben hatte, als sie selbst noch ein Kind gewesen und auf die Hilfe der Mutter angewiesen war. Die Dinge änderten sich, und aus dem kleinen Mädchen Franka war eine erwachsene, selbstbewusste Frau geworden, die sich täglich gegen männliche Kollegen behaupten musste.

Berlin war kein Zuckerschlecken gewesen, doch sie war hart im Nehmen, wollte in den Polizeidienst der Hauptstadt und hatte sich dort immer wieder bewiesen. Doch es hatte sie zurück in ihre Heimat im Bergischen Land gezogen. Der Grund war aber nicht die Tatsache, dass man in der Hauptstadt mit weitaus härteren Bandagen kämpfte als in der Heimat.

Edith Hahne war für Franka der Grund gewesen, sich zurück in ihre Heimatstadt versetzen zu lassen. Vier Jahre lang hatte Franka als Kripobeamtin in Berlin gearbeitet. Doch Berlin war ein hartes Pflaster, an allen Fronten kämpfte man dort, und zum Teil vergeblich, gegen das organisierte Verbrechen, gegen Drogen und die Prostitution. Das alles gab es in Wuppertal zwar auch, doch es war einige Nummern kleiner als in Berlin, und im Vergleich zur Hauptstadt ging es hier fast beschaulich zu.

Nun lebte sie schon seit fünf Monaten wieder im Bergischen Land. Was soziale Kontakte betraf, war sie quasi neu in der Stadt. Viele ihrer alten Jugendfreundinnen waren weggezogen, glücklich verheiratet oder längst Mutter – sie hatten weder Zeit noch Interesse gehabt, sich mit Franka zu treffen. Also stand Franka in Wuppertal vor einem Neuanfang. Schon nach wenigen Wochen hätte sie ein Verhältnis mit Bernd Krüger, dem Kollegen von der Spurensicherung, anfangen können. Er hatte ein Auge auf sie geworfen und machte keinen Hehl aus seiner Zuneigung zu der jungen Kommissarin. Doch Franka hatte es verstanden, ihn auf Distanz zu halten.

„Kommt Zeit, kommt Liebe – vielleicht“, hatte sie ihm damals gesagt, als er ihr unumwunden gestanden hatte, in sie verliebt zu sein. Krüger war ein netter Kerl: Anfang dreißig, groß, muskulös, strahlend blaue Augen und ein knackiger Hintern. Er war erfolgreich und beliebt bei den Kollegen, und er hatte einen großen Nachteil: Er war verheiratet.

Das schnurlose Telefon lag auf dem Tisch, und der aktivierte Vibrationsalarm ließ das Gerät nun mit dem Surren einer wütenden Hummel über die Tischplatte wandern. Franka sprang auf und angelte nach dem Telefon. Gestern erst hatte sie sich einen Rammstein-Song als Klingelton aufgespielt. Mit einem Blick auf das Display stellte Franka fest, dass der Anruf aus dem Präsidium kam.

Immerhin war nichts mit ihrer Mutter, dachte sie erleichtert, während sie die grüne Taste drückte und sich meldete.

Am anderen Ende der Leitung war Michael Stüttgen. Ihr Kollege. So wie sie hatte er heute Bereitschaft im KK 11, dem Kommissariat für Brand- und Tötungsdelikte. Der Dienstplan des Polizeipräsidiums sah vor, dass jeweils zwei Kollegen Bereitschaft hatten; meist ein erfahrener Kommissar und ein junger Kollege. In diesem Fall war Franka die jüngere Kollegin. Im Arbeitsalltag waren sie ein Team, und wie so oft in letzter Zeit schob er eine Zusatzschicht. Sie wusste, dass Micha private Probleme hatte und auf das Geld angewiesen war, das ihm die Zusatzschichten brachten.

„Es gibt Arbeit“, kam er ohne Umschweife auf den Punkt. „Die Kollegen von der Kriminalwache haben eben angerufen. Tut mir leid, aber ich fürchte, du musst deinen süßen Hintern noch mal in die Kälte bewegen. Wir haben eine Leiche, weiblich, ziemlich übel zugerichtet ...“ Er nannte ihr die Adresse und legte auf, ohne Frankas Antwort abzuwarten.

„Kein Problem, ich komme. Hatte sowieso nichts vor heute“, maulte Franka und blickte kopfschüttelnd auf das Display, bevor sie das Handy zurück auf den Tisch legte. Sie erhob sich, verschwand im Bad, wusch sich das Gesicht und schlüpfte in die Klamotten, die sie sich bereitgelegt hatte. Für solche Fälle war sie stets gerüstet.

Mit klammen Fingern saß sie eine Viertelstunde später hinter dem Lenkrad ihres alten Golf. Der kleine Motor erwachte trotz der eklig feuchten Kälte schon nach dem ersten Drehen am Zündschlüssel. Früher hatte der Wagen ihrem Vater Günter gehört. Nach dessen Tod hatte der Golf ein tristes Dasein in einer Garage gefristet. Nachdem Franka aus Berlin zurückgekommen war und kein Auto besaß, hatte ihre Mutter ihr plötzlich die Schlüssel des alten Wagens in die Hand gedrückt, der einst der ganze Stolz der Familie gewesen war.

„Ich weiß, dass das Auto bei dir in guten Händen ist“, hatte sie damals mit feucht schimmernden Augen gesagt. „Vati war immer sehr stolz auf den Golf – er war so etwas wie sein bester Freund.“

Zentralverriegelung, Klimaanlage, Airbags und Servolenkung – Fehlanzeige beim besten Freund.

Das alles ging ihr durch den Kopf, während sie vermummt durch die nächtlichen Straßen der Schwebebahnstadt fuhr. Die Wischer kämpften gegen den Schneeregen an, der von einem eisigen Wind an die Scheibe gepeitscht wurde. Der Schneematsch auf der Fahrbahn schlug gegen die Radkästen des alten VW Golf. Während aus dem Radio leise Musik erklang, bereitete sich Franka auf den Anblick vor. Eine Frauenleiche, die, wie ihr Kollege es genannt hatte, grausam zugerichtet war. Details hatte er ihr am Telefon erspart. Einen Eindruck konnte sie sich ja gleich persönlich verschaffen. Sie war gespannt und rechnete mit dem Schlimmsten.

Das Polizeipräsidium an der Friedrich-Engels-Allee lag auf dem Weg, und kurz war sie versucht, in den dort bereitstehenden Dienstwagen umzusteigen. Da sie aber keine Zeit verlieren wollte, verzichtete sie darauf und fuhr mit dem Privatwagen direkt bis zum Ort des Geschehens.

Hier hatte bereits die Chaos-Phase begonnen: Blaulicht zuckte gespenstisch durch die Nacht, in den umliegenden Wohnhäusern hingen die Neugierigen trotz der späten Stunde am Fenster und versuchten, einen Blick auf den Ort des Geschehens zu erhaschen. Kollegen hatten Sichtschutztücher aufgehängt. Rotweiß schraffiertes Absperrband flatterte im Wind. Leistungsstarke Scheinwerfer tauchten die Szenerie in ein kaltes, grelles Licht. Mehrere Streifenwagen parkten kreuz und quer am Straßenrand, weiter vorn stand ein Notarztwagen. Funkgeräte quäkten durch die Nacht. Die Nachricht vom Fund einer Leiche hatte sich wie ein Lauffeuer verbreitet, und Micha hatte bereits die ersten Vorkehrungen getroffen. Eine Kollegin der Pressestelle war vor Ort, um sich um die anwesenden Journalisten zu kümmern. Damit sie den Kollegen der Kriminalwache den Rücken freihielt. Für die Polizisten vom Streifendienst war der Einsatz hier so gut wie beendet. Sie hatten den Fundort der Leiche abgesperrt und waren damit beschäftigt, allzu neugierige Bürger auf Distanz zu halten.

Kaum dass Franka den alten Golf hinter einem der blau-silbernen Streifenwagen abgestellt hatte, klopfte ein uniformierter Kollege an die Seitenscheibe.

„Sie können hier nicht parken“, wurde sie mit gewichtiger Miene belehrt. Wäre sie im zivilen Dienstwagen vorgefahren, wäre ihr diese Prozedur erspart geblieben. Doch anstatt zu antworten, hielt sie dem Streifenbeamten ihren Dienstausweis unter die gerötete Nase und stieg aus.

„Hab’ nichts gesagt“, murmelte er kleinlaut und führte die junge Kommissarin zu der Stelle, wo die Leiche im Gebüsch gefunden worden war. Das zweiköpfige Team der Spurensicherung war bereits eingetroffen und huschte, bekleidet mit dünnen weißen Einmalanzüge, herum. Bernd Krüger, ihr Verehrer von der Spurensicherung, befand sich nicht unter ihnen, wie sie erleichtert feststellte. Franka war in Anbetracht der Uhrzeit und der äußeren Umstände weiß Gott nicht in Flirtlaune. Krüger lag vermutlich längst im Bett bei seiner Frau. Die Kollegen bedachten die junge Kommissarin mit einem Kopfnicken. Ein Polizeifotograf turnte herum und machte Aufnahmen vom Fundort der Leiche. Nachdem er seine Fotos geschossen hatte, wurde der leblose Körper mit einem faserfreien Tuch abgedeckt.

„Na, was für ein Anblick zu dieser späten Stunde“, rief eine Stimme hinter Franka. Sie wandte sich um und blickte in das eckige Gesicht ihres Kollegen Michael Stüttgen. Er hatte telefoniert und steckte grinsend sein Handy in die Jackentasche. Seine dunklen Haare waren zu lang, er war unrasiert, trug wie immer Boots und ein rot kariertes Holzfällerhemd, roch nach Zigarettenqualm und gab sich mit seinem äußeren Erscheinungsbild alle Mühe, nicht wie ein typischer Kriminalkommissar auszusehen. Wer ihn nicht kannte, hielt ihn eher für einen kanadischen Holzfäller als für einen Kommissar. Das Täuschungsmanöver gelang ihm in dieser nasskalten Nacht besonders gut, fand Franka und musste trotz der Situation lächeln.

„Micha“, sagte sie. „Wie immer vor mir da, wo etwas passiert.“

Er zog die Mundwinkel herunter. „Das gehört zum Job.“ Dann wurde er ernst, legte jovial einen Arm um Frankas Schulter und beugte sich zu ihr herab. „Hast du sie schon gesehen?“

„Die Leiche?“

„Ja.“

Franka schüttelte den Kopf. „Ich war gerade unterwegs, als ...“

„Sie sieht schlimm aus.“ Micha zog eine Packung Marlboro aus der Tasche seines Holzfällerhemdes, zog eine Zigarette heraus, strich sie glatt und zündete sie sich an. „So etwas kann kein gesunder Mensch tun“, fuhr er fort, während er den Rauch in den wolkenverhangenen Nachthimmel paffte. „Vermutlich wurde sie vergewaltigt, mit Wachs übergossen und ... totgebissen.“

„Was heißt das?“

„Der Typ, der das getan hat, hat ihr offenbar die Kehle zerfetzt. Sie ist elendig verblutet.“

„Kannibalismus?“

„Schon möglich.“

„Steht ihre Identität fest?“

„Noch nicht. Sie trägt nur Nylonstrümpfe und Stiefel, hat also keine Handtasche, keine Papiere, nichts dabei. Wir werden die Vermisstenmeldungen durchforsten müssen, fürchte ich.“

„Klingt nach einem Sexualverbrechen. Ich möchte sie sehen.“

„Dann hoffe ich mal, du hast noch nicht gegessen.“ Micha grinste schief und führte Franka zum Fundort der Leiche. Die Spurensicherung unterbrach ihre Arbeit, ein junger Kollege zog das Tuch, mit dem sie die Leiche abgedeckt hatten, zurück.

„Showtime“, murmelte Micha in seinem Sarkasmus, der manchmal so weit danebenlag, dass es schmerzte. Franka wusste, dass er nach außen hin cool tat, wenn ihm etwas an die Nieren ging, und rechnete mit dem Schlimmsten.

Und sie tat gut daran. Sie betrachtete den Leichnam einer jungen Frau, sie schätzte sie auf Mitte zwanzig. Ihr langes, blondes Haar umgab ihren Kopf wie eine Gloriole. Die Haut wirkte wächsern, die Lippen blutleer. Im Augenblick des Todes hatte sie die Augen weit aufgerissen. Der Mund stand einen Spalt breit offen. Ihr Körper war makellos, der Bauch durchtrainiert, die Brüste groß und fest. Zu Lebzeiten war sie eine hübsche Frau gewesen, dachte Franka. Ihre Gliedmaßen standen in verrenkter Haltung vom Körper ab. Eine tiefe Wunde klaffte am Hals der Frau. Blut hatte ihren Oberkörper besudelt. Tatsächlich, so schien es, hatte der Täter ein Stück Fleisch aus ihr herausgebissen. Bei dem Anblick drehte sich Franka der Magen um.

„Mein Gott“, kam es heiser über ihre Lippen. „Wer tut so etwas?“

„Ein kranker Kopf. Wir sollten keine Zeit verlieren, Franka.“

„Wer hat sie gefunden?“

„Lena Hille, 52, Witwe. Sie arbeitet in der Textilfabrik, hatte Nachtschicht und war zu Fuß auf dem Heimweg, als sie die Tote hier fand.“

„Ich will sie sprechen. Wo ist diese Lena Hille jetzt?“

„Zu Hause. Sie stand unter Schock, wurde vom Notarzt behandelt und von uns nach Hause gebracht. Wir können sie morgen besuchen, wenn es nötig wird, die Adresse haben wir.“

„Was ist mit dem Opfer?“, fragte Franka.

Micha zog ein letztes Mal an seiner Zigarette, schnippte den Stummel fort und trat ihn mit dem Absatz seiner Boots aus. „Der Notarzt schätzt ihren Todeszeitpunkt auf 20 Uhr, will sich aber noch nicht festlegen. Sie ist jedenfalls nicht hier gestorben“, fuhr er fort. „Der Notarzt hat bereits festgestellt, dass sie schon tot war, als das Schwein sie hier ablegte. Ich warte jetzt auf die Jungs von der Rechtsmedizin, die können uns vielleicht mehr dazu sagen.“

„Fundort ist also nicht gleich Tatort. Hat das denn niemand beobachtet?“

„Angeblich nicht, nein. Es ist wie immer: Alle stehen am Fenster, wenn ein Streifenwagen mit Blaulicht anhält, aber niemand will etwas gesehen haben, wenn jemand eine Frauenleiche hier ablegt.“

„Warum nur – ich meine, warum legt er sie ausgerechnet hier, an einer Hauptstraße ab? Ich würde mein Mordopfer unauffälliger entsorgen.“ Gemeinsam gingen sie zum Straßenrand der Berliner Straße. Ein kleiner Grünstreifen trennte Bürgersteig und Fahrbahn voneinander. Kaum drei Meter vor der Haltelinie einer Fußgängerampel hatte der Täter sein Opfer abgelegt. Die Kollegen der Spurensicherung hatten den dunkelgrünen Sprinter so am Fahrbahnrand geparkt, dass der vorbeifließende Verkehr die Leiche nicht sehen konnte. Auf Höhe der toten Frau befand sich die seitliche Schiebetür des Kastenwagens, mit dem die Kollegen der Spurensicherung ihre Ausrüstung zu den Einsätzen transportierten.

„Das kann ganz schnell gegangen sein“, erwiderte Micha und deutete mit dem Kinn auf die Schiebetür. „Er fährt mit dem Auto vor, hält kurz rechts an, öffnet die Tür und wirft sie ins Gebüsch, um dann sofort in der Nacht zu verschwinden. Vielleicht sogar mit einem blickdichten Lieferwagen, so wie der Wagen der Spurensicherung, das könnte passen. Die Ampel ist rot, er klettert nach hinten, öffnet von innen die Schiebetür und wirft sie aus dem Wagen. Er klettert wieder nach vorn auf den Fahrersitz, die Ampel wird grün, und er fährt weiter, als wäre nichts geschehen. Bei diesem Mistwetter kriegt davon keiner was mit.“

„Die Ampel ist um diese Zeit abgeschaltet. Die Stadt muss Strom sparen“, murmelte Franka nachdenklich. „Der Wagen des Täters muss also entweder vorgefahren sein, als die Ampel noch in Betrieb war, oder er hat angehalten, obwohl die Ampel aus war. Ich will trotzdem, dass alle Anwohner befragt werden“, erwiderte Franka. „Irgendjemand hat bestimmt ein auffälliges Auto gesehen und idealerweise auch das Nummernschild notiert.“ Sie grinste. „Wär’ doch ganz brauchbar, oder?“

Michas Blick glitt über die Fassaden der umliegenden Häuser. Überall hingen Neugierige an den Fenstern. Der späte Einsatz der Kriminalpolizei und das Aufgebot an Pressefotografen, deren Blitze durch die Nacht zuckten, hatten die Menschen auf den Leichenfund aufmerksam gemacht. Die Gebäude stammten aus den Fünfziger- und Sechzigerjahren des letzten Jahrhunderts und beherbergten Mietwohnungen und kleinere Einzelhandelsgeschäfte. Gastronomie beschränkte sich in diesem Bereich der vierspurigen Straße auf Frittenbuden und Kioske, die alle schon geschlossen hatten.

Hier würden sie gefühlte zehntausend Zeugenhinweise erhalten.

Micha seufzte gequält. „Zu schön, um wahr zu sein, Frau Kollegin. Aber wenn es dich beruhigt: Es sind schon Kollegen in den umliegenden Häusern unterwegs, um die Bewohner zu fragen, dauert aber wohl noch. Wir müssen das Ergebnis der Befragung abwarten, da beißt die Maus kein’ Faden ab.“

Franka nickte. Sie fürchtete, dass ihr Kollege recht hatte. Der Gedanke, dass in dieser Stadt ein irrer Mörder herumlief, bereitete ihr Magenschmerzen.

21.30 Uhr

Schon vier Mal hatte er den Astra um den Block gelenkt, immer weit nach vorn gebeugt und an der Fassade des vergammelten Altbaus emporblickend. Inzwischen waren alle Fenster dunkel. Das konnte nur bedeuten, dass die Fotosession längst beendet war und dieser Künstler im Bett lag und schlief – hoffentlich alleine.

Mehrmals hatte er schon versucht, sie auf dem Handy zu erreichen, immer vergeblich. Schon beim ersten Klingeln schaltete sich die Mailbox ein – ein sicheres Zeichen dafür, dass ihr Handy abgeschaltet war.

Unter seine Wut und Eifersucht mischte sich jetzt Angst. Diese Mischung beflügelte seine Fantasie. Horrorvisionen tauchten vor seinem geistigen Auge auf. Gedanken, die ihn an den Rand des Wahnsinns brachten. War ihr etwas zugestoßen? In wessen Hände war sie da geraten?

Nachdem er bereits zum vierten Mal vor dem heruntergekommenen Fabrikgebäude stand, schaltete Tom Belter den Motor ab, löste den Sicherheitsgurt und stieg aus. Er hasste das Patschen des Schneematsches unter seinen groben Sohlen und sehnte den Frühling herbei. Mit langen Schritten stapfte er durch die nasse Pampe auf den Eingang der alten Fabrik zu. Da der Schnee geschmolzen war, konnte er keine Fußspuren mehr ausmachen. Beleuchtung gab es nicht, oder sie war abgeschaltet. Also zog er ein Feuerzeug hervor, um einen Blick auf das Namensschild neben dem Klingelknopf werfen zu können. Seine Hand zitterte, und er schirmte die kleine Flamme mit der Linken ab, um sie vor dem Wind zu schützen. Die Klingelschilder waren aus Kunststoff und von Flammen versengt worden; fast unmöglich zu entziffern. Vergeblich versuchte er sich an den Namen des Fotografen zu erinnern. Mandy hatte immer nur von einem „Clay“ gesprochen. Da sie ihn jedoch im Internet kennengelernt hatte, bezweifelte er, dass es sich dabei um seinen echten Namen handelte. Vermutlich war Clay nur einer dieser Nicknames, um seine wahre Identität zu verbergen. Dann konnte er sich die Mühe hier schenken.

Das Feuerzeug in seiner Hand war glühend heiß geworden. Er verbrannte sich die Finger, fluchte, ließ den Knopf los und stand im Dunkeln. Wütend stapfte er zum Wagen zurück und klemmte sich hinters Steuer. Innerhalb weniger Minuten waren die Scheiben von innen beschlagen.

Belter zog das Handy aus der Tasche und tippte die Nummer des Polizei-Notrufes ein. Übertrieb er es jetzt? Es dauerte nicht lange, und ein Beamter meldete sich.

„Mein Name ist Thomas Belter. Ich möchte meine Freundin als vermisst melden“, sagte er mit zitternder Stimme, während er mit der freien Hand den Beschlag von der Windschutzscheibe wischte und wieder nach oben spähte. Dort rührte sich nichts.

„Wie heißt Ihre Freundin und wie sieht sie aus?“ Die Stimme klang gelangweilt.

„Mandy Klimmek, sie ist siebenundzwanzig Jahre alt, schlank, hat lange blonde Haare, blaue Augen und eine Narbe über dem rechten Hüftgelenk, da ist sie als Kind mal mit dem Fahrrad gestürzt. Und ein Tattoo über dem Hintern.“ Er sagte dem Polizisten nicht, dass er dieses Tattoo hasste und es immer abschätzig als Arschgeweih bezeichnete.

„Wie lange vermissen Sie denn Ihre Freundin?“ Der Beamte am anderen Ende der Leitung klang desinteressiert. Er hackte auf einer Tastatur herum, durchsuchte scheinbar parallel die Vermisstenanzeigen.

„Seit ... seit rund zwei, zweieinhalb Stunden.“

„Da kann ich nichts für Sie tun, junger Mann.“ Das Hacken wurde unterbrochen, der Polizist in der Notrufzentrale seufzte gequält auf.

„Hören Sie – ich habe sie bei einem zwielichtigen Fotografen abgeliefert. Sie ... sie arbeitet als Model. Wir waren am Haus des Fotografen verabredet, eine uralte, baufällige Fabrik. Sie ist nicht da, und im Haus ist alles dunkel. Ich werde den Verdacht nicht los, dass ihr etwas zugestoßen ist.“

„Hatten Sie Streit?“

„Nun ja, Streit wäre übertrieben. Es hat mir nicht gepasst, dass sie mitten in der Nacht zu diesem wildfremden Mistkerl geht.“

„Es ist gerade mal Abend. Vielleicht handelt es sich hier eher um ein Eifersuchtsgeplänkel? Haben Sie schon mal darüber nachgedacht, dass Ihre Freundin mit Trotz auf Ihre Eifersucht reagieren könnte?“

„So etwas tut sie sicher nicht. Sagen Sie mal, sind Sie von der Polizei oder von der Seelsorge? Nehmen Sie jetzt diese verdammte Vermisstenanzeige auf?“

„Nein, werde ich nicht, junger Mann. Ich muss warten. Nach zweieinhalb Stunden kann ich unmöglich schon eine Fahndung einleiten, tut mir leid.“

„Dann schicken Sie wenigstens einen Streifenwagen vorbei und bitten Sie Ihre Kollegen, das Gebäude zu durchsuchen. Ich bin sicher, dass der Kerl meine Freundin in seiner Gewalt hat.“ Belter nannte dem Polizisten die Adresse, wo er Mandy abgeliefert hatte.

„Ohne richterlichen Durchsuchungsbeschluss dürfen wir nirgendwo rein, solange keine Gefahr im Verzug ist. Und die sehe ich hier nun wirklich nicht“, wurde Belter belehrt.

„Sie sollen keine Wohnungen durchsuchen, Sie sollen Ihre Kollegen vorbeischicken und hier nach dem Rechten schauen, mehr nicht.“

„Sie verlangen ernsthaft, dass ich eine Streifenwagenbesatzung vorbeischicke, die dann ein altes, wahrscheinlich leer stehendes Fabrikgebäude durchsucht, das möglicherweise sogar einsturzgefährdet ist?“ Der Polizist lachte verhalten.

„Sollte das der Fall sein, ist meine Freundin erst recht in Lebensgefahr, also schicken Sie Ihre Kollegen hierher!“

„Wenn sie ein Handy hat, versuchen Sie, die Dame anzurufen.“

„Das habe ich schon mehrfach getan. Sie hat ihr Handy ausgeschaltet.“

„Was meinen Verdacht bestätigt, dass sie nichts von Ihnen hören möchte. Bitte machen Sie sich keine Sorgen, ich bin sicher, morgen sieht die Welt schon ganz anders aus. Und um Ihre Sorge zu entkräften: Wenn da alles dunkel ist, dann hält sich Ihre Freundin bestimmt nicht mehr in dem Gebäude auf. Wir werden uns die alte Fabrik morgen, bei Tageslicht, einmal ansehen. Mehr kann ich Ihnen jetzt nicht zusichern.“

„Morgen kann es zu spät sein.“

„Das glaube ich nicht.“

„Sie haut nicht einfach so ab.“

Der Polizist am anderen Ende der Leitung schlug den Ton eines Grundschullehrers an. Beruhigend und beschwichtigend. Und vor allem scheute er sich vor unnötiger Arbeit. „Warten Sie trotzdem bis morgen. Vielleicht muss die Dame sich auch erst einmal beruhigen und eine Nacht darüber schlafen, wenn es wirklich Streit zwischen Ihnen gab. Und wenn Ihre Freundin morgen immer noch nicht aufgetaucht ist, wenden Sie sich an Ihre nächste Polizeidienststelle.“

„Danke.“ Tom drückte kopfschüttelnd den roten Knopf und feuerte das Handy in den Fußraum neben dem Beifahrersitz, wo es in seine Einzelteile zerfiel.

Er hatte es geahnt.

Dieser Typ war zurückgekommen, um seine Kleine abzuholen.

Zu spät, denn das Gebäude hatte er schon längst verlassen. Alle Spuren waren beseitigt. Er würde es ihnen nicht allzu leicht machen. Ein süffisantes Grinsen huschte um seine Mundwinkel. Es hatte ihm Spaß bereitet, dem Trottel dabei zuzuschauen, wie er ihn durch die beschlagene Windschutzscheibe beobachtet hatte, wie er ausgestiegen war und scheinbar im Hauseingang nach einem Klingelschild gesucht, es aber nicht gefunden hatte und frustriert wieder in seine Karre eingestiegen war. Natürlich wusste er nicht, hinter welcher Tür seine Kleine verschwunden war. Er war machtlos. Sicher würde dieses Würstchen gleich die Bullen anrufen.

Doch er wusste, wie das System dort funktionierte. Sie würden ihm nicht helfen, würden ihm empfehlen, zu warten. Sie würde schon zurückkommen, würde man ihm sagen. Da könnte er noch so rumheulen – in der Notrufzentrale hockte ein Beamter, der sich nicht die Bohne für einen eifersüchtigen Kerl interessierte, dessen Kleine sich für Nacktfotos auszog, ob ihm das nun passte oder nicht. Jetzt sah er, wie im Opel ein geisterhaftes grünes Glühen durch das Wageninnere huschte. Er hatte also tatsächlich das Handy in der Hand.

Das Gespräch dauerte ein, zwei Minuten, dann sah er wieder das geisterhafte Leuchten des Handys durch den Wagen schwirren. Vermutlich hatte der Kerl das Teil wütend auf den Beifahrersitz geworfen.

Er grinste triumphierend. Er hatte es gewusst.

Sie würden ihm nicht helfen. Und alleine würde er nie erfahren, was mit seiner Kleinen passiert war.

Die Frage war nur, als wie hartnäckig sich der Kerl entpuppte. Er würde die Spur seines Mädchens sicher zurückverfolgen. Und sobald er einen Anhaltspunkt hatte, was mit Mandy passiert war, würde er mit den Bullen zurückkommen.

Sie würden ihn jagen, so wie damals.

Und sie würden ihn finden, über kurz oder lang, da machte er sich nichts vor. Er wollte nicht zurück in den Knast. Da würde er krepieren. Also gab es nur einen Weg, die wenigen Spuren zu verwischen, die den Typen zu ihm führen konnten: Der Typ musste weg. Er musste für immer zum Schweigen gebracht werden. Eine andere Wahl gab es nicht.

Jetzt wurde der Motor des dunkelroten Astra gestartet. Der Wagen fuhr an. Nachdem der Opel um die nächste Straßenecke verschwunden war, startete auch er den Motor. Der Turbodiesel erwachte sofort zum Leben. Die ersten Meter fuhr er ohne Licht, dann erst schaltete er die Scheinwerfer ein. Es kostete ihn nicht viel Mühe, die Verfolgung aufzunehmen. Sein Wagen war schnell, und es war ihm ein Leichtes, mit dem Opel mitzuhalten. Sie überquerten eine alte Wupperbrücke und bogen auf die Bundesstraße 7 ein. Mandys Freund steuerte also nach Osten. Wie eine Insel aus Licht schälte sich die futuristisch anmutende Schwebebahnstation Kluse aus der Dunkelheit. Links daneben schien sich das dem Untergang geweihte Schauspielhaus an das hell erleuchtete Großkino zu ducken. Sie passierten den nostalgisch anmutenden Bau, in dem es bis vor kurzem eine Disco gegeben hatte, die er selbst oft besucht hatte. In seinen Nächten.

Diese verdammte Stadt war pleite. Sie wurde vom Land regiert und hatte ihre Macht über sich selbst schon vor langer Zeit verloren. Ihm kam der Songtext eines Wuppertaler Rappers in den Sinn, der seinem Ärger über die inkompetenten Politiker im Rathaus vor einiger Zeit mit einem Song Luft gemacht hatte. Zwei Milliarden Euro Schulden und 45.000 Arbeitslose, das war also aus der einst reichen Industriestadt geworden, die früher so gut von Garn und Textil gelebt hatte. Eine Stadt zum Abhauen, dachte er grimmig.

Wuppertal stirbt. Und nicht nur Wuppertal.

Ja, unrecht hatte der Rapper nicht, und er versuchte sich an den Namen des Sängers zu erinnern, der sich eigentlich immer mit seiner Heimatstadt verbunden gefühlt hatte. Meelman, richtig. Jahrelang hatte Meelman Tracks geschrieben, in denen er sich zu Wuppertal bekannt hatte. Und nun hatte sich das Blatt gewendet.

Während er sich im Fahrersitz zurücklehnte, lässig mit einer Hand fuhr, nahm er sich vor, im Internet nach anderen Titeln des Sängers zu suchen. Bestimmt gab es eine Website, auf der er sich präsentierte. Er hantierte am Autoradio herum und suchte nach passender Musik. Vergeblich, wie er feststellte. Auch auf dem Lokalsender der Stadt lief nichts Brauchbares. Wie immer. Nichts, das zu seiner Stimmung passen wollte. Also schaltete er die Kiste ab.

Der Fahrer im Opel schien es nicht sonderlich eilig zu haben, und so folgte er ihm in gebührendem Abstand. Um diese Zeit herrschte auch auf den Hauptstraßen der Stadt kaum Verkehr. Die Geschäfte der Innenstadt hatten inzwischen geschlossen. Immer wieder blitzte an einigen Stellen das grüne Stahlgerüst der Schwebebahn zwischen den Gebäuden durch. Während die Friedrich-Engels-Allee ihrem Namen in Unterbarmen noch alle Ehre machte und von alten Bäumen gesäumt wurde, die sich unter der Last des Schnees über der Fahrbahn zu verneigen schienen, wurde die Straße bald breiter. Sie passierten den Alten Markt. Wie mahnend erhobene Finger reckten sich die knapp vierzig Meter hohen Doppel-H-Pylonen der Schwebebahnstrecke in den wolkenverhangenen Himmel.

Er klebte nicht an der Stoßstange des Astra, nahm sich Zeit. Immerhin wollte er nicht auffallen. Noch nicht.

Sein Herz schlug schneller, als sie die Stelle erreichten, an der er Mandy aus dem Wagen geworfen hatte. Natürlich war sie längst gefunden worden. Die Bullen waren da und schoben Dienst. Man hatte leistungsstarke Scheinwerfer aufgestellt und die rechte Fahrbahn gesperrt. Gaffer hatten sich eingefunden, und die Autos vor ihm wurden langsamer, um einen Blick auf das Geschehen zu erhaschen.

Eine tiefe Befriedigung ergriff ihn, und er grinste breit, als er auf die linke Fahrspur wechselte, um den Ort des Geschehens zu passieren. Uniformierte und zivil gekleidete Polizisten liefen hektisch herum, einige von ihnen telefonierten. Die zivilen Einsatzwagen standen kreuz und quer am Straßenrand.

Er hatte ein Zeichen gesetzt, und sie würden sich wundern, zu welchen Taten er noch imstande war. Ein breites Grinsen stand in sein Gesicht gemeißelt. Leider lag sie schon unter einem Leichentuch. Er hätte so gerne gesehen, wie der Schein der Straßenlaterne ihren Körper in wächsernes Licht getaucht und das Blut aus ihren Wunden sie rot bemalt hätte. Es war ein so schönes Werk geworden.

Auch Belter fuhr langsam an der Stelle vorbei und verrenkte sich den Hals. Sah er etwas von seiner Freundin? Würde er Verdacht schöpfen und anhalten?

Es war eine bizarre Szenerie; überall Blaulicht und aufgescheuchte Polizisten, und seine Leiche bestimmte ihr Denken und Handeln. Der Gedanke hatte etwas.

Endlose Sekunden vergingen, und er hielt den Atem an.

Dann war Belter an der Fundstelle vorbei, hatte anscheinend keinen Verdacht geschöpft.

Der Wagen beschleunigte, und auch er gab wieder Gas. Er atmete tief durch und blickte in den Rückspiegel, wo sich der Fundort der Leiche immer weiter entfernte. Sein Puls beruhigte sich ein wenig.

Nachdem sie den Berliner Platz überquert hatten, gab Belter Gas, und er hatte Mühe, dranzubleiben. Der schwere Wagen musste auf Drehzahl gehalten werden. Der Diesel surrte wie eine Nähmaschine.

Wusste dieser Idiot denn nicht, dass hier immer wieder die Geschwindigkeit gemessen wurde? Die Strecke in Richtung Schwelm verleitete viele Autofahrer zum Gas geben. So auch Belter.

Aber er ließ sich nicht abschütteln.

Eine Autobahnauffahrt flog an ihnen vorbei, dann wurde die Bebauung spärlicher. Er erinnerte sich daran, dass es hier, an der Stadtgrenze zu Wuppertal, früher mal ein Autokino gegeben hatte. Mit Freunden war er manchmal dort gewesen. Früher, als sie ihn noch nicht für verrückt gehalten hatten, dachte er in einem Anflug von Wut und Wehmut.

Früher, als er sich seiner Begabung noch gar nicht so bewusst gewesen war.

Längst schon hatte er sich von seinem Leben als Sterblicher verabschiedet. Er schlich nachts über verlassene Friedhöfe und fühlte sich dort unendlich wohl. Dort, wo der Tod allgegenwärtig war. Er liebte den Atem des Todes, an jenem Ort, wo Menschen sich aus dem Leben verabschiedeten. Wuppertal hatte so viele wundervolle Plätze des Abschiedes. Parkähnliche Anlagen, dichte Bäume, die ihm Schutz vor neugierigen Blicken boten, und Kapellen, die nachlässige Friedhofswärter allzu gern abzuschließen vergaßen und die ihm so eine Bleibe für die Nacht in der Nähe der Verstorbenen boten.

Heute würde er keine Zeit finden, sich auf einem der zahlreichen Friedhöfe aufzuhalten. Er hatte zu tun, um die Polizei in die Irre zu führen. Schlafen konnte er tagsüber.

Er war zu einem Geschöpf der Nacht geworden.

Inzwischen hatten sie den Ortseingang von Schwelm erreicht. Verlassen lagen das Möbelhaus und der Baumarkt da, nur die grellen Leuchtreklamen warfen ihren bunten Schein in die Dunkelheit und blendeten ihn. Er hasste dieses grelle Licht. Die Burgerschmiede hatte noch geöffnet, aber wegen des miesen Wetters schien auch hier kaum Betrieb zu herrschen. Der Parkplatz war ziemlich leer.

Die kleinen Straßen von Schwelm, durch die der Astra nun rollte, waren ihm unbekannt. Er war selten hier. In einer Seitenstraße passierten sie ein Industriegelände. Auf dem Hof ragten Türme aus aufgeschichteten, roten Bierkästen in den Nachthimmel. Das musste die Schwelmer Brauerei sein, dachte er, als er die markanten Kästen sah.

Kurz darauf hatte Belter sein Ziel erreicht. Der Astra rollte langsam über einen Platz, der von Restaurants und kleineren Geschäften umgeben war. Die meisten Fassaden der Häuser waren verschiefert und strahlten einen historischen Charme aus.

Er suchte und fand einen Parkplatz und rangierte den alten Kombi in die freie Lücke. Noch immer hatte er nicht bemerkt, dass ihm ein Phantom bis hierher gefolgt war.

Altmarkt, las sein Verfolger derweil den Namen des Platzes auf einem Schild.

Er lenkte seinen Wagen in gebührendem Abstand an den Straßenrand und wartete ab. Von hier aus konnte er ihn noch immer sehen. Er beobachtete, wie der Mann ausstieg und den Wagen abschloss. Ohne sich umzublicken, marschierte er über den Platz. Scheinbar fühlte sich Belter nicht verfolgt. Gut so.

Zwei mächtige Kirchtürme ragten hinter einer höhergelegenen Häuserzeile in den Himmel. Die Ziffernblätter der Uhren waren erleuchtet und rückten unaufhaltsam der vollen Stunde entgegen.

Belter erklomm die breiten Stufen, die zum Kirchplatz hinaufführten.

Was hatte das zu bedeuten? Wollte er jetzt in die Kirche?

Arbeitete er hier vielleicht sogar? Um diese Zeit? Kaum denkbar.

Er beschloss abzuwarten. Nachdem Belter aus seinem Blickfeld verschwunden war, stieß er seinen Wagen in eine freie Parklücke und zog den Zündschlüssel ab. Er war seinem Opfer nicht hierher gefolgt, um es dann entwischen zu lassen. Im Fenster eines der Häuser ging Licht an. Es dauerte nicht lange, und er sah einen Schatten hinter den verschlossenen Gardinen umherhuschen. Den Bewegungen nach musste er das sein.

Er beobachtete das Treiben in der Wohnung. Als sich die Tür eines winzig kleinen Balkons öffnete und sein Opfer sich über die Brüstung lehnte, bestätigte sich sein Verdacht. Der Typ wohnte in einem der Häuser an der Kirche. Von dort aus musste man einen stimmungsvollen, fast romantischen Ausblick auf die alten Fachwerkhäuser am Altmarkt haben. Beinahe wäre Melancholie in ihm aufgekommen. Er stieß sie ab. Er war nicht hier, um eine Aussicht zu genießen.

Als die Glocken der Kirche zur vollen Stunde schlugen, zuckte er zusammen. Unheimlich hallte der Glockenschlag über die kleine Stadt, die wie im Dämmerschlaf dazuliegen schien. Sein Blick schweifte über die Fassaden der Häuser. Nur in wenigen Fenstern brannte noch Licht.

Oben verließ Belter den Balkon und zog die Gardinen zu.

Am kalten, flackernden Lichtschein erkannte er, dass er den Fernseher eingeschaltet hatte. Scheinbar wollte er noch nicht ins Bett. Wahrscheinlich wartete er auf seine Freundin. Wahrscheinlich grübelte er noch ein bisschen.

Doch da konnte er lange warten. Und grübeln.

Ein Grinsen lag auf seinen Gesichtszügen, als er aus dem Wagen ins Freie trat. Die Hände in den Jackentaschen versenkt, näherte er sich dem Haus und blieb davor stehen, um es in aller Ruhe zu betrachten. Für Minuten, die ihm wie eine Ewigkeit vorkamen, stand er in der nasskalten Winternacht und schmiedete einen Plan, wie er den lästigen Zeugen aus dem Weg räumen könnte. Mandys Freund war zu einer Gefahr geworden, die er beseitigen musste. Dazu war ihm jedes Mittel recht.

22.05 Uhr

An Schlaf war nicht zu denken.

Unruhig wanderte Belter durch die Wohnung, trat an das Wohnzimmerfenster, zog die Gardinen zur Seite und blickte aus dem Fenster. Die benachbarten Häuser wirkten leblos und trist. Die Schneehaube auf den am Straßenrand geparkten Autos schmolz und hatte sich in tropfenden Matsch verwandelt. Der Mond hatte Mühe, die grauen Wolken zu durchdringen. Straßenlaternen tauchten den menschenleeren Platz in ein unwirkliches, kaltes Licht. In den Fenstern der gegenüberliegenden Häuser brannte kein Licht mehr. Sogar die Restaurants hatten geschlossen, weil bei diesem Wetter die Gäste ausblieben. Die Nachbarschaft schlief tief und fest, und er fühlte sich, als wäre er auf dem ganzen Planeten der letzte lebende Mensch.

Belter wandte sich vom Fenster ab und starrte auf sein Handy, das auf dem gläsernen Wohnzimmertisch lag. Er hatte es mit Mühe wieder zusammengesetzt, aber das Display hatte nach seinem wutentbrannten Schmetterwurf eine tiefe Macke.

Vielleicht wäre er besser zuerst in ihre Wohnung gefahren, bevor er die Bullen darauf ansetzte, überlegte er. Möglicherweise war Mandy wirklich sauer auf ihn und hatte es vorgezogen, die Nacht allein und in ihren eigenen vier Wänden zu verbringen. Sie neigte manchmal zu solchen Kurzschlussreaktionen, die sie aber nach wenigen Stunden schon wieder bitterlich bereute. Belter überlegte, ob er noch einmal zurück nach Wuppertal fahren sollte. Mandy hatte Wert darauf gelegt, ihre kleine Wohnung zu behalten. Sie wollte einen Ort, an den sie sich zurückziehen konnte, wenn ihr alles zu viel wurde. Das Dumme daran war, dass er keinen Schlüssel besaß. Natürlich hatte er versucht, sie dort anzurufen, jedoch vergeblich.

Vielleicht war sie nach dem seltsamen Shooting auch zu einer ihrer Freundinnen gefahren. Er überlegte, wer für eine solche Aktion infrage kommen könnte. Eigentlich nur Lisa. Die beiden hielten zusammen wie Pech und Schwefel.

Nach einem Blick auf die Armbanduhr war er sich nicht sicher, ob es eine so gute Idee war, Lisa Krämer jetzt noch anzurufen. Andererseits ...

Thomas zögerte.

Aber er hatte keine Wahl.

Entschlossen griff er zum Telefon und suchte die Nummer von Lisa Krämer, Mandys bester Freundin. Sie waren seit der gemeinsamen Kindheit ein Herz und eine Seele. Sie tauschten Geheimnisse aus, von denen er nichts ahnte, was ihn manchmal wurmte. Aber obwohl er sich das kaum eingestehen wollte: Es war besser, gewisse Dinge nicht zu wissen. Lisa machte auch keinen Hehl daraus, dass sie ihn nicht mochte. Vermutlich war sie nur neidisch, weil er in den letzten Monaten mehr Zeit mit Mandy verbracht hatte als sie, die beste Freundin. Er hatte es geschafft: Er hatte sie sich so lange schlechtgeredet, dass es jetzt nur noch schiefgehen konnte.

Es tutete.

Irgendwann, nach dem achten oder neunten Klingeln, meldete sich eine verschlafene Frauenstimme. „Hallo?“

Als er schwieg, weil er gerade noch dabei gewesen war, sich die richtigen Worte zurechtzulegen, rief Lisa am anderen Ende der Leitung: „Soll das ein Scherz sein? Hallo, wer ist denn da?“

„Ich bin’s, Tom.“ Hatte sie denn nicht anhand der Nummer erkannt, dass er es war, der sie aus dem Bett geklingelt hatte?

„Weißt du, wie spät es ist?“ Da fiel ihm ein, dass sie um kurz nach vier rausmusste. Für sie war zehn Uhr abends verdammt spät. Sie gähnte ungeniert in den Hörer.

„Mandy ist verschwunden.“

„Bitte? Was heißt denn das? Hattet ihr Streit?“ Sofort war sie wach.

Vorwurf und Spott lag in ihrer Stimme und ein gewisser „Ich wusste, dass das mit euch nicht gut geht“-Unterton. Belter ging nicht darauf ein und erzählte ihr, was in der Nacht geschehen war.

„Und jetzt denkst du, dass dieser Fotograf ihr etwas angetan haben könnte?“, schloss sie aus seinem Bericht. Sie klang völlig distanziert. Sie misstraute ihm, das spürte er – nein, er wusste es.

„Ich habe Angst um Mandy. Manchmal weiß ich nicht, zu welchen Typen sie geht, um sich fotografieren zu lassen. Du weißt, was ich von ihren Gelegenheitsjobs als Model halte, und manchmal ist es mir einfach unheimlich, sie nachts zu irgendwelchen Typen zu fahren. Wer weiß – vielleicht ist ja irgendwann ein Perverser darunter.“

„Deine Fantasie geht mit dir durch“, erwiderte Lisa spöttisch und kicherte humorlos.

Er kam sich vor wie ein Idiot. Was tat er hier eigentlich? Belter versuchte, seine Gefühle zu verdrängen.

„Du weißt also nicht, wo sie sein könnte?“ Er hatte keine Lust, mit Mandys bester Freundin zu diskutieren.

„Nein“, kam es schnippisch zurück.

„Bitte, sei ehrlich: Ist sie bei dir, Lisa?“

„Du spinnst. Hast du wieder getrunken, Tom? Dann schlaf deinen Rausch aus. Morgen ist sie wieder bei dir, deine Mandy, jede Wette. Mach dich nicht verrückt. Gute Nacht.“

Ohne seine Antwort abzuwarten, hatte sie aufgelegt.

Thomas Belter starrte auf das Gerät in seiner Hand, schüttelte den Kopf und warf es wütend aufs Sofa. Es blieb in einem Stück.

Plötzlich sehnte er sich nach einer Zigarette. Und das, obwohl er vor drei Monaten das Rauchen aufgegeben hatte. Mandy hatte es gehasst, wenn er nach kaltem Nikotin stank. Ihr zuliebe hatte er aufgehört. Manchmal aber sehnte er sich immer noch nach einer Zigarette. In Momenten, in denen er unter Stress stand, in denen er Sorgen hatte.

Dies war eindeutig so ein Moment. Durch die Diele marschierte er in die dunkle Küche, schaltete das Licht ein und fingerte auf dem Hängeschrank herum. Hier hatte er sich eine Packung Marlboro versteckt – für Notfälle. Doch die Packung war verschwunden. Vermutlich hatte Mandy sie gefunden und weggeworfen.

„Verdammt“, zischte er, wandte sich ab, trat an die Garderobe und zog sich den Mantel über. Dann würde er sich eben eine neue Packung aus dem Automaten ziehen. Sie war nicht da, also würde es sie auch nicht stören, wenn er nach Rauch stank. In der Manteltasche klimperte Kleingeld, er zählte vier Euro ab, griff nach dem Haustürschlüssel und war schon draußen. Die beiden Türme der Christuskirche waren stimmungsvoll angeleuchtet. Irgendwo plätscherte es. Der schmelzende Schnee auf dem Dach prasselte auf den Kirchhof. Belter hatte im Nu nasse Füße, stieg fluchend die Stufen zum Altmarkt herab und stand ein wenig unschlüssig vor den Parkbuchten. Das La Grappa auf der gegenüberliegenden Seite des Platzes hatte geschlossen. Also würde er den Weg zum Zigarettenautomaten auf sich nehmen müssen. Ein paar hundert Meter durch die Kälte.

Mit einem mürrischen Gesichtsausdruck stapfte Belter los.

Kaum ein paar Schritte gegangen, vernahm er ein Geräusch hinter sich. Er blieb wie angewurzelt stehen. Sein Puls raste. Als er sich umwandte, erblickte er einen hochgewachsenen Schatten.

Der Typ hatte in etwa seine Größe und Statur und trug einen langen Mantel. Mehr sah Belter nicht von ihm.

„Haste mal Feuer?“ Die Stimme klang rau.

„Klar“, nickte er und fingerte in der Manteltasche herum. Plötzlich spürte er kaltes Metall an seiner Kehle. Er wollte zurückweichen, doch die Klinge eines Messers bohrte sich ruckartig in sein Fleisch. Ein krächzender Laut kam über seine Lippen.

Thomas Belters Atem ging rasselnd.

Ehe er sich’s versah, wurde er von einer kräftigen Hand gepackt und herumgewirbelt. Er taumelte, riss die Arme hoch und trat einen Schritt nach hinten. Sein Angreifer riss die Hand zurück, mit der er das Messer hielt. Der Arm ruckte hoch und sauste jetzt geradewegs auf Toms Brust zu. Belter stand wie erstarrt da und war nicht in der Lage, der tödlichen Klinge auszuweichen. Im Augenwinkel sah er, dass in den Fenstern der gegenüberliegenden Häuser kein Licht mehr brannte. Er versuchte zu schreien, doch mehr als ein weiteres Krächzen kam nicht über Belters Lippen. Gebannt starrte er auf das riesige Messer. Das Gesicht des Angreifers war zu einer Fratze verzerrt. Die Klinge blitzte im Licht der Straßenlaternen. Im nächsten Augenblick erschien es Belter, als würde die Welt vor seinen Augen explodieren. Ein brennender Schmerz lähmte seinen Körper. Er riss die Arme schützend hoch, doch zu spät. Tief drang die Klinge in seinen Brustkorb. Er sah Sterne vor seinen Augen aufblitzen, spürte die Hitze, die sein Herz durchströmte und sackte kraftlos zusammen. Belter rang nach Atem, doch die Luft blieb ihm aus. Immer und immer wieder rammte der Fremde ihm die Messerklinge in den Oberkörper. Tom presste die Hände auf die Stelle, von der der Schmerz ausging.

Er spürte etwas Warmes, Klebriges ... Blut. Sein eigenes.

Sein Peiniger stach weiter auf ihn ein. Röchelnd brach Belter zusammen und schlug rücklings auf dem Pflaster des Bürgersteiges auf, spürte den harten Schlag am Hinterkopf, der ihm den Schädel zu zerreißen schien, krümmte sich vor Schmerzen, doch der Fremde warf sich auf ihn, riss ihm die schützenden Arme von der Brust fort und stach immer wieder zu.

Belter spürte, wie der nasse Matsch seine Kleidung durchdrang. Die klamme Kälte drohte seinen Körper zu lähmen. Er war dem Fremden ausgeliefert. Wie ein Gefangener in seinem eigenen Körper musste er machtlos mit ansehen, wie sich der Messerstecher über ihn beugte. Sein Gesicht glich einer Maske.

Immer und immer wieder bohrte sich die blitzende Klinge des Messers in seinen Oberkörper und lähmte ihn immer mehr. Thomas spürte, wie die Kraft aus seinem Körper wich. Er kämpfte gegen die Ohnmacht an, doch lange konnte er sich ihr nicht mehr widersetzen. Sein gesamter Körper bestand aus einem einzigen, alles vernichtenden Schmerz. Er spürte, wie sich die Messerklinge seines Angreifers immer wieder in seine Brust bohrte, wie seine Lungen durchlöchert wurden.

Als er sein eigenen Blut im Mund schmeckte, wusste er, dass er den ungleichen Kampf verloren hatte. Seine Hände ruckten hoch, hin zu der Stelle, wo sich die Stichwunden befanden, und er verfiel in einen dämmrigen Zustand. Seine Muskeln brannten, und Belter fühlte, wie das Leben aus seinem Körper wich.

Blitze tanzten grell vor seinen Augen. Ein asthmatisches Pfeifen entwich seiner Lunge. Dann wurde es dunkel um Belter, und er glaubte, ins Bodenlose zu stürzen.

Er hatte das Haus verlassen, um sich Zigaretten zu besorgen. Nun lag er, zerfetzt von einem übermächtigen Gegner, auf dem Bürgersteig, keine zehn Meter von der schützenden Haustür entfernt. Alles für eine einzige Zigarette.

Das Letzte, was durch seinen Kopf geisterte, war ein kurzer Satz: Rauchen tötet.

22.10 Uhr

Es dauerte einen Moment lang, bis er registriert hatte, dass sein Opfer den Kampf bereits verloren hatte. Wie im Wahn hatte er auf den Kerl eingestochen. Erst als der Mann leblos vor ihm lag und sich ein feiner Blutfaden den Weg aus dem Mundwinkel herunter zum Kinn bahnte, ließ er von ihm ab. Der gesamte Oberkörper des Mannes war eine einzige blutige Masse. Er wusste nicht, wie oft er die Klinge in die Brust des Mannes gerammt hatte, hatte die Hiebe gar nicht mehr gezählt, hatte es genossen, wie sich der wehrlose Körper immer wieder unter ihm aufgebäumt hatte. Erschöpfung stieg in ihm auf, als er sich mühsam aufrichtete und mit verächtlichem Blick auf den Kerl hinabblickte. Er hatte es geschafft. Die Hand, mit der er das große Messer umklammert hielt, zitterte. Schnell zog er ein Tuch aus der Innentasche seiner Jacke und wischte die blutverschmierte Klinge sauber. Dann ließ er Tuch und Messer wieder in der Tasche seines langen, schwarzen Mantels verschwinden.

Er überlegte, ob er seine Zähne in das noch warme Fleisch seines Opfers schlagen sollte, um sich eine kleine Belohnung zu gönnen. Sekundenlang zögerte er und blickte auf die angeschwollene Halsschlagader des Toten. Fast glaubte er das Blut zucken zu sehen und leckte sich genießerisch über die Zunge. Als er kurz die Augen schloss und tief durch die Nase einatmete, war da noch ein Geruch neben der würzigen Schneeluft: Er roch das Blut seines Opfers und verspürte das Verlangen, dem er aber nicht nachgeben durfte. Nicht jetzt.

Es wäre töricht gewesen, in diesem Moment schwach zu werden. Er konnte es sich einfach nicht leisten, bei seiner Blutmahlzeit gesehen zu werden.

Nachdem er sich umgeblickt und versichert hatte, keinen ungebetenen Zeugen zu haben, beugte er sich über den Toten und griff ihm unter die Arme, um ihn unter das Vordach eines Wohnhauses zu ziehen. Dort angekommen, legte er ihn auf die Seite und breitete den Wintermantel, den der Tote trug, wie eine Decke über ihm aus.

Ein Spaziergänger, der zufällig vorbeikam, würde ihn für einen besoffenen Penner halten. Dann wäre er selbst längst weg.

Rasselnd ging sein Atem; er hätte nicht damit gerechnet, dass er in dieser Nacht noch solche körperliche Schwerstarbeit leisten müsste. Sekundenlang stand er breitbeinig über seinem Opfer und ergötzte sich an dem Machtgefühl. Er hatte bereits zum zweiten Mal in dieser Nacht Herr über Leben und Tod gespielt und dem Tod den Vorrang gegeben. Obwohl es sich bei seinem Opfer um einen Mann handelte, spürte er wieder die Erregung in sich aufsteigen.

Er hatte den Fremden besessen, war in sein Leben eingedrungen, um seinem kläglichen Dasein ein Ende zu bereiten. Nun war es an der Zeit, in seine eigene Welt zurückzukehren, in die Welt der Finsternis.

Die Nacht war sein Reich. Und dennoch konnte er sich noch keine Ruhe gönnen.

Es gab viel zu tun, wollte er seine Spuren endgültig verwischen. Die Bullen würden ihn nicht finden, dafür würde er sorgen.

Schnell wandte er sich ab, blickte sich um. In den Fenstern der umliegenden Häuser brannte kein Licht. Niemand war geweckt worden, niemand hing neugierig am Fenster. Nachdem er sein Opfer mit einem letzten, mitleidigen Blick bedacht hatte, ging er gemächlich, ohne Eile, zu seinem Wagen, stieg ein und ließ den Motor an. Die Reifen drehten durch, als er die Kupplung kommen ließ. Aus dem Radio klang leise Musik. Er summte die Melodie mit. Langsam normalisierte sich sein Puls.

Er genoss es, wie der Wagen die Straße zurück nach Wuppertal zu fressen schien. Tief lehnte er sich in die Polster des Sitzes zurück und umklammerte das Lenkrad. Die Motorleistung faszinierte ihn immer wieder. Und es war schwer, den Fuß vom Gas zu nehmen, als er die Stadtgrenze von Wuppertal erreichte. Die B7 war in diesem Teilstück gut ausgebaut und sogar der Winterdienst hatte ganze Arbeit geleistet.

Den roten Blitz, der die Nacht für den Bruchteil einer Sekunde in ein gleißendes Licht verwandelte, bemerkte er, als es bereits zu spät war. Der brennende Schmerz in den Augen war unerträglich für ihn, der er das Licht so sehr verabscheute. Ein spitzer Schrei kam über seine Lippen, als er das Tempo drosselte und die Augen zu schmalen Schlitzen zusammenkniff. Ihm war, als hätte man ihm die Klinge eines Messers in die Augen getrieben. Prompt verriss er das Steuer. Die Reifen schlidderten über den nassen Asphalt, der Wagen brach aus und raste auf eine Reihe abgestellter Lastwagen zu. Immer größer wurden die kantigen Aufbauten der schweren Fahrzeuge. Wie uneinnehmbare Festungen wuchsen die Lastwagen vor ihm in den Nachthimmel. Wild steuerte er gegen und konnte im letzten Sekundenbruchteil verhindern, mit einem der Lastwagen zu kollidieren. Langsam fuhr er weiter und lenkte den Wagen an den Straßenrand. Dort angekommen, ließ er die Kupplung los. Der Wagen vollführte einen letzten Hüpfer, bevor der Motor erstarb. Die plötzlich eintretende Stille rauschte in seinen Ohren. Er sank über dem Lenkrad zusammen und barg das Gesicht in den Händen. Grelle Lichtblitze tanzten wie Irrlichter vor seinen Augen, und der Schmerz schwand nur in quälender Langsamkeit aus seinem Kopf. Als er nach ein paar Minuten die Augen wieder öffnete, erkannte er sein Umfeld nur schemenhaft. Es dauerte fast eine Viertelstunde, bis er wieder normal sehen konnte und der Schmerz erträglich wurde.

Langsam registrierte er, dass er in eine Radarfalle gefahren war.

Mist, dachte er, hier steht doch ein Starenkasten, der immer scharf ist.

22.25 Uhr

Sie hatten die Datenbanken der Vermisstenmeldungen durchforstet und nichts gefunden. Zig Fotos von jungen, blonden Frauen betrachtet, aber das Gesicht der Toten befand sich nicht unter ihnen.

Im Präsidium herrschte kaum Betrieb; nur die Kriminalwache und die Polizeiinspektion Ost waren rund um die Uhr besetzt. Franka hatte aus dem Automaten auf dem Korridor des Präsidiums Kaffee geholt. Nun saßen sie sich im Schein der kleinen Arbeitslampen an ihren Schreibtischen gegenüber und stierten ins Leere, während sie schweigend tranken. Micha hatte sich eine Zigarette angezündet und paffte. Das im Polizeipräsidium herrschende Rauchverbot ignorierte er; und Franka hatte keine Probleme damit.

Franka hatte die Füße auf den Schreibtisch gelegt und die Hände hinter dem Kopf verschränkt. „Wir stehen mit leeren Händen da, weil es bundesweit keine Vermisstenmeldung gibt, auf die die Beschreibung unseres Mordopfers zutrifft“, ärgerte sie sich. „Entweder vermisst sie niemand ... oder ...“

„Oder ihr Verschwinden ist noch niemandem aufgefallen, weil sie noch gar nicht vermisst wird“, führte Micha ihre Gedanken zu Ende und formte mit den Lippen kreisrunde Rauchkringel, die er an die hohe Decke des Büros blies.

„Dann haben wir eine kleine Chance“, bemerkte Franka, nahm die Füße von der Schreibtischplatte und griff schon zum Telefon. „Ich frage die Kollegen der Notrufzentrale, ob dort etwas eingegangen ist, das mit unserem Fall in Verbindung stehen könnte.“

„Tu, was du nicht lassen kannst.“ Micha paffte scheinbar gedankenverloren weiter und glaubte nicht an einen Erfolg. Er ahnte, was seine Kollegin vorhatte.

Es dauerte nur wenige Minuten, bis Franka den diensthabenden Beamten der Notrufzentrale am Apparat hatte. Ihre Wangen glühten, und sie kritzelte einige Notizen auf die Schreibtischunterlage. So plötzlich, dass Micha erschrak, schlug sie mit der flachen Hand auf den Schreibtisch.

Ihr Gesicht hatte eine tiefrote Färbung angenommen.

„Warum habt ihr nicht gleich reagiert?“, schrie sie in den Hörer und schüttelte den Kopf. „Ja, schon gut. Ich werde mich darum kümmern.“ Sie warf den Hörer des altmodischen Telefons auf die Gabel und stöhnte gequält auf.

„Das glaubst du nicht“, rief sie Micha zu. „Um 21.33 Uhr gab es einen Anruf, der für uns interessant sein könnte.“ Sie blickte auf ihre Notizen. „Der Anrufer hieß Thomas Belter. Er hat seine Freundin als vermisst melden wollen, doch da sie erst seit zwei Stunden verschwunden war, hat der Kollege ihn abgewiesen. Es sei keine Gefahr im Verzug gewesen, und für ihn klang das alles nach einer kleinen Eifersüchtelei. Ihr Name ist Mandy Klimmek, 27. Sie arbeitet wohl gelegentlich als Model. Und sie hatte ein Shooting bei einem Fotografen namens Clay. Ort des Geschehens war eine alte Fabrik in der Wesendonkstraße. Die Tatzeit, die uns der Notarzt genannt hat, könnte in das Zeitfenster passen.“

„So spät abends geht sie zu einem Typen und lässt sich fotografieren? Das ist ja ein tolles Früchtchen“, murmelte Micha. Er zog am Rest seiner Zigarette und drückte den Stummel im Aschenbecher aus. „Da kann ich diesen Belter gut verstehen, dass ihm der Job seines Mädchens missfällt. Woher wissen wir, dass es sich bei unserer Leiche um diese Mandy Klimmek handelt?“

„Wir wissen es gar nicht“, räumte Franka ein und massierte sich den Nasenrücken. „Es ist nur eine Möglichkeit, die wir nicht außer Acht lassen sollten. Sie ist schlank, blond und hat blaue Augen. Insofern passt die Beschreibung auf unsere Leiche. Und sie hat eine markante Narbe über dem rechten Hüftgelenk und ein Arschgeweih.“

„Franka!“ Micha schnaubte vorwurfsvoll.

„Na ja, so ein blödes Tattoo halt. So was würde ich mir selbst für viel Geld nicht stechen lassen, aber viele bezahlen sogar dafür.“

„Es gibt tolle Tattoos ...“

„Wir schweifen ab. Also, zwei Identifikationsmerkmale hätten wir.“ Sie griff zum Hörer und telefonierte mit den Kollegen der Rechtsmedizin. Wenige Minuten später wusste sie, dass es sich bei der grausam zugerichteten Leiche tatsächlich um das Hobbymodel Mandy Klimmek handelte. Die markanten Merkmale fanden sich auch am Körper der Leiche. Also hatte der ängstliche Freund recht behalten, als er seine Freundin als vermisst melden wollte. Franka hatte Lust, dem Kollegen in der Notrufzentrale ein Disziplinarverfahren anzuhängen, weil er dem dringenden Verdacht von Thomas Belter nicht nachgegangen war. Doch sie war keine Nestbeschmutzerin und verzichtete auf weitere Schritte. Der Kollege in der Notrufzentrale hatte ihr die Handynummer gegeben, die sie nun wählte. Doch es meldete sich nur die Mailbox.

„Er hat das Handy aus.“

„Das ist doch gar nicht so ungewöhnlich“, erwiderte Micha und trank einen Schluck Kaffee. „Viele Leute machen nachts ihr Handy aus, um nicht gestört zu werden.“

Franka schüttelte den Kopf. „Würdest du dein Handy abschalten, wenn du deine Freundin vermisst und dir Sorgen um sie machst?“

Er nickte und gab ihr recht. „Nein, wohl nicht. Dann müssen wir nochmal los.“

Mit einem weiteren Anruf hatte Franka die Adresse von Thomas Belter erfragt. Er wohnte in Schwelm, der östlichen Nachbarstadt von Wuppertal.

„Wir sollten zu ihm fahren und uns von Thomas Belter ein Foto seiner Freundin zeigen lassen“, schlug Franka vor.

„Und ihm gleichzeitig die Nachricht ihres Todes überbringen, wenn wir sie auf dem Foto identifiziert haben“, brummte Micha und nahm die Füße von der Schreibtischkante. Der alte Bürostuhl, auf dem er saß, ächzte bedenklich. Er leerte seinen Kaffeebecher und beförderte ihn mit einem eleganten Wurf in den Papierkorb.

Franka riss sich wahrlich nicht darum, Angehörigen Todesnachrichten zu überbringen. „Fahren wir vorher noch an der alten Fabrik vorbei?“, fragte sie, während sie sich erhob und die Mappe mit Schlüssel und Fahrzeugpapieren für einen der vier Dienstwagen an sich nahm.

Micha schlüpfte in das dicke Holzfällerhemd und steckte die Zigaretten und das Feuerzeug umständlich in die Brusttasche. „Nein“, sagte er. „Das können wir auf dem Rückweg erledigen. Oder wir schicken einen Streifenwagen vorbei. Aber ich will keine Zeit verlieren.“

Franka hatte den silbernen Audi des KK 11 genommen, einen von vier zivilen Dienstwagen, die der Abteilung dauerhaft zur Verfügung standen und über Funk verfügbar waren. Die Temperatur war weiter gestiegen, und Regen hatte den Schnee nun vollends tauen lassen. Graue Matschfontänen wurden von den Reifen des unauffällig lackierten Dienstwagens durch die Luft geschleudert. Michas Blick war stur nach vorn gerichtet, während er fuhr.

Franka betrachtete ihn von der Seite. Sie kannte ihn gut genug, um zu wissen, dass er angestrengt nachdachte, und schwieg ebenfalls. Frankas Blick glitt nach vorn. Sie starrte auf die Scheibenwischer, die den nassen Schlamm in kurzen Intervallen von der Windschutzscheibe des Audi schwappen ließen. Das Haus, in dem Thomas Belter wohnte, lag am Altmarkt in Schwelm, einem historischen Platz, der um diese Zeit verlassen dalag. In kaum einem Fenster der umliegenden Gebäude brannte noch Licht, und auch die Restaurants, die den Platz tagsüber mit Leben erfüllten, waren geschlossen. Im Schritttempo steuerte Micha den Audi über das Kopfsteinpflaster, als er linker Hand eine Reihe von Parkplätzen erblickte. Er setzte kurzerhand den Blinker und parkte den Audi. Franka war bereits ausgestiegen und blickte sich auf dem Altmarkt um, als sie eine Gestalt im Schatten eines Hauseingangs liegen sah. Zusammengekrümmt wie ein Embryo im Mutterleib, der weite Mantel ausgebreitet wie eine Decke über dem Körper. Im ersten Augenblick dachte sie an einen Obdachlosen, der Schutz im überdachten Eingang des Hauses gesucht hatte, doch als sie nähertrat, erkannte sie die Blutlache, in der der Mann lag. Der graue Schneematsch unter ihm hatte eine tiefrote Färbung angenommen. Ihr Puls beschleunigte sich, als sie sich zu Micha umwandte, der sich gemächlich näherte.

„Micha, verdammt, komm her!“, gellte ihre Stimme durch die Stille der Nacht. „Hier liegt einer.“

Micha beschleunigte seine Schritte und warf die Zigarette, die er sich gerade angezündet hatte, achtlos in den Matsch. Die Glut erlosch mit einem leisen Zischen. Seine Schuhe patschten laut durch den Schneematsch. Der Hüne ging neben Franka in die Knie und betrachtete die leblose Gestalt. Nachdem er dünne Einweghandschuhe übergezogen hatte, berührte er den Mann, der mit dem Rücken zu ihnen lag.

„Hallo“, rief er und rüttelte an der Schulter des Unbekannten. „Können Sie mich hören?“

Wie ein nasser Sack rollte die leblose Gestalt auf den Rücken. Der Oberkörper war eine einzige Wunde. Micha und Franka erkannten mit einem Blick, dass hier jede Hilfe zu spät kam. Der Mann hatte die Augen im Moment des Todes weit und anklagend aufgerissen, sein Mund stand einen Spalt breit offen. Wieder die offenen Augen. Wieder der offene Mund. Vorsichtig öffnete Micha den Mantel des Toten und zog dessen Brieftasche hervor. Er klappte sie auf und fand seinen Personalausweis.

„Wir sind zu spät gekommen“, flüsterte er und richtete sich auf.

„Wovon sprichst du?“ Eine steile Falte hatte sich auf Frankas Stirn gebildet. Sie spürte, wie sich ihre Kopfhaut zusammenzog.

„Das hier ist Thomas Belter.“ Micha klappte die Brieftasche des Toten zu. „Ruf die Kollegen vom KK 11 in Hagen an – die sind zuständig für Schwelm. Sieht aus, als würden wir mit den Hagenern an einem gemeinsamen Fall arbeiten.“

23.20 Uhr

Mit blinder Wut steuerte er den Wagen durch die engen Straßen der Nordstadt, die ihn immer wieder an die Straßenschluchten in San Francisco erinnerten. Die Karre musste verschwinden, so viel stand fest. Sie hatten ihn geblitzt, als er mit zu hohem Tempo die Stadtgrenze passiert hatte. Das hätte einfach nicht geschehen dürfen, hämmerte es immer wieder durch seinen Kopf. Spontan fiel ihm das Parkhaus am Karlsplatz ein. Von dort aus würde er mit einem der Linienbusse weiterkommen, die hier zu jeder Tag- und Nachtzeit anhielten.

Er überlegte, ob es sinnvoll war, den Wagen eine Zeit lang in der Tiefgarage zu verstecken. Die Karre gehörte ihm nicht, also würde man ihn nicht zwangsläufig mit der Geschichte in Verbindung bringen. Es war ihm freigestellt, mitten in der Nacht mit dem Auto zu fahren, das tat er sonst schließlich auch. Das Radarfoto war im Kasten, er hätte einfach vorsichtiger sein sollen. Solange er bezahlte, würde es nicht zu einer Anhörung kommen. Kein Hahn würde nach ihm krähen. Eigentlich lief doch alles nach Plan.

Außerdem wusste er nicht, ob der Riesenwagen in das enge Parkhaus passte. Also verzichtete er auf unnötigen Aktionismus und steuerte die verfallene Gegend am Wupperufer an. Den Wagen parkte er in einer verlassenen Nebenstraße. Unbeobachtet erreichte er das düstere Gemäuer der alten Fabrik und blickte an der Fassade empor. Hier hatte er sein erstes Opfer gefunden. Sie hatte ihm gehört, und sie hatte ihm vorzüglich gemundet. Lange hatte er das Ritual vorbereitet. Fast bedauerte er es ein wenig, dass er sich nun einen anderen Wirkungsort suchen musste. Doch es war einfach zu gefährlich, den alten Kasten noch länger als sein Domizil zu benutzen. Dort würden sie die Verfolgung aufnehmen und ihn zur Strecke bringen.

Er lächelte genießerisch, als er sich an den Geschmack ihres warmen, zuckenden Fleisches erinnerte, und leckte sich über die Lippen, als er an ihr Blut dachte.

Er wollte mehr.

Doch er würde bei null anfangen müssen, darüber war er sich im Klaren. Hier würden noch in dieser Nacht alle Spuren verschwinden, denn nur so war er sicher, dass er sein Treiben ungehindert fortführen konnte. Es gab genug Frauen, die sich ihm hingaben. Und es war ein Kinderspiel, sie für seine Sache zu gewinnen. Doch das nächste Mal durfte es nicht mehr in dieser alten Fabrik geschehen. Der Aufwand, den er für sein Ritual betrieb, war hoch. Er durfte kein Risiko eingehen.

Er betrat das leer stehende Gebäude und marschierte die Stufen in das obere Stockwerk empor. Ein wenig körperliche Betätigung konnte ihm nach diesem üppigen Mahl nicht schaden, dachte er, als er die Räume des Schreckens erreichte und sich ans Werk machte. Ein teuflisches Werk.

23.30 Uhr

Die Spurensicherung war noch nicht eingetroffen, was Franka auf die längere Anfahrt der Kollegen aus Hagen schob. Lediglich der Notarztwagen parkte unweit des Tatortes. Franka und Micha standen ein wenig abseits des Geschehens. Streifenwagen parkten schräg auf den Bürgersteigen, und in fast allen Häusern am Altmarkt brannte nun Licht. Rot-weiß gestreiftes Polizeiabsperrband flatterte im Wind. Streifenbeamte waren damit beschäftigt, die Gaffer auf Distanz zu halten. Franka hatte ein Déjà-vu, denn das alles hatte sie in dieser Nacht schon einmal gesehen. Jeder wollte etwas gesehen oder gehört haben, und die uniformierten Kollegen waren damit beschäftigt, die Aussagen der vermeintlichen Zeugen aufzunehmen. „Großes Kino auf dem Dorf hier“, bemerkte Micha mit säuerlicher Miene. Sie wandten sich an den Notarzt. Dr. Gabriel, ein schlanker Endvierziger mit kurz geschorenem Haar und einer schmalen Brille, nickte ihnen zu. Gabriel führte Franka und Micha zu der Stelle, an der sie die Leiche gefunden hatten, die man jetzt mit einem Tuch vor den neugierigen Blicken der Nachbarn schützte.

„Er wurde mit mehreren Messerstichen ermordet“, erklärte Dr. Gabriel. „Das Opfer hatte keine Chance. Das sind bestimmt zehn bis zwanzig Messerstiche; der Mörder muss wie im Wahn immer und immer wieder auf sein Opfer eingestochen haben.“ Der Mediziner zog die Mundwinkel nach unten und deckte den Leichnam wieder ab. „Was der Mann um diese Zeit hier draußen tat, weiß ich nicht. Sein Mörder aber ist eine Bestie, das weiß ich.“

„Hat der Mörder ihn ... gebissen?“ Franka achtete auf jede Reaktion im Gesicht des Mediziners. Doch im Augenblick betrachtete er die junge Kommissarin eher wie eine Geisteskranke.

„Was wollen Sie hören?“

Micha schaltete sich ein. „Ob es Bisswunden gibt, ob der Mörder ihm mit den Zähnen die Kehle zerfetzt hat, ob er sein Fleisch gegessen hat, weiß der Geier.“ Er stapfte ungeduldig von einem Fuß auf den anderen und rieb sich die Hände. Ihm war kalt.

Gabriel blickte auch ihn an wie einen Geisteskranken. „Sehen Sie zu viele Splatterfilme?“

„Ich würde nicht fragen, wenn ich keinen Grund hätte“, entgegnete Micha wütend. Der unterschwellige Vorwurf in der Stimme des Notarztes prallte an ihm ab.

„Nein“, murmelte Gabriel. „Nichts dergleichen. Aber eines steht fest: Wer das getan hat, war blind vor Wut oder wahnsinnig.“

„Oder er wollte sicher sein, einen lästigen Zeugen aus dem Weg geräumt zu haben“, überlegte Franka und tauschte einen Blick mit Micha. Er zuckte unmerklich mit den breiten Schultern.

„Haben Sie zufällig ein Handy bei ihm gefunden?“, fragte er den Arzt.

Kopfschütteln.

„Dann besteht die Möglichkeit, dass es in seiner Wohnung liegt.“ Er zog Franka vom Fundort der Leiche weg. „Wir müssen uns in der Wohnung umsehen. Vielleicht finden wir dort einen Hinweis. Idealerweise liegt dort auch sein Handy.“

„Wenn es derselbe Täter ist, ist das Mordmotiv klar“, murmelte Franka, als sie außerhalb der Hörweite des Arztes waren. „Er hat Belter bis hierher verfolgt, um ihn zu töten. Vermutlich hatte er Angst, dass er ihm gefährlich werden könnte, und hat deshalb einen zweiten Mord in Kauf genommen.“

„Dumm gelaufen, denn jetzt sind wir erst recht hier“, brummte Micha. „Der hält uns ganz schön auf Trab. Ein Leisetreter ist unser Freund nun wirklich nicht.“ Er dachte nach. „Wenn ich meine Spur verwischen möchte, wenn ich jemanden auf dem Gewissen habe, dann sehe ich zu, dass ich meine Leichen unauffälliger verschwinden lasse, als er es tut. Der ist doch nicht ganz dicht, Frau Kollegin.“ Er tippte sich bezeichnend an die Stirn.

„Wie dem auch sei – hoffen wir, dass er nicht noch mehrere lästige Zeugen hat, die er aus dem Weg räumen wird.“

23.45 Uhr

Während die Kollegen des KK 11 aus Hagen mit der Sicherung des Tatortes beschäftigt waren, hatten sich Franka und Micha die Genehmigung geholt, Belters Wohnung besichtigen zu dürfen. Das Licht hatte Thomas Belter brennen lassen. Demnach hatte er nicht vorgehabt, länger wegzubleiben. Die Wohnung war einfach, aber geschmackvoll eingerichtet. Micha und Franka hatten sich dünne Einmalhandschuhe übergestreift, um die Wohnung von Thomas Belter nicht mit ihren eigenen Fingerabdrücken zuzupflastern.

Es gab einen fast rechteckigen Flur, beherrscht von einer Garderobe, die unter der Last unzähliger Jacken und Mäntel von der Wand zu stürzen drohte. Franka erkannte darunter auch einige Frauenjacken. Sie machte Micha auf ihren Fund aufmerksam.

„Scheinbar hat Mandy Klimmek zumindest zeitweise bei ihm gewohnt“, murmelte sie. Links zweigte eine schmale Küche ab. Eine Neonröhre an der Decke verbreitete mit einem monotonen Surren ihr grelles Licht. Die Küchenmöbel waren alt, aber in recht sauberem Zustand. Eine Korkwand mit Notizen, ein Kalender. Das Rollo war nicht heruntergelassen, und sie hatten durch das Küchenfenster freien Blick auf das massive Mauerwerk der Christuskirche, das um diese Zeit von Scheinwerfen angestrahlt wurde. In der Spüle stapelte sich der Abwasch, und der Deckel des Mülleimers ließ sich nicht mehr schließen. Micha stand vor der Pinnwand und studierte die Zettel.

Einkaufszettel, Quittungen, die Visitenkarte eines Arztes. Er trat näher und erkannte, dass es sich bei Dr. Martin Alberts um einen Gynäkologen handelte. Dieser Alberts schien der behandelnde Frauenarzt von Mandy Klimmek gewesen zu sein. Micha zog die Nadel aus dem Kork und nahm die Karte an sich. Vielleicht war Dr. Alberts ihnen eine Hilfe.

Franka verließ die Küche. Erste Tür rechts, das Wohnzimmer. Der Fernseher lief ohne Lautstärke. Es flimmerte eine Talkshow über den Bildschirm, die wahrscheinlich am Mittag des vorherigen Tages schon einmal gelaufen war. Der Talkmaster präsentierte einer pubertierenden Mutter und dem pickeligen Vater eines Kindes den x-ten Vaterschaftstest. Franka seufzte. Die sollten sich langsam mal was Neues einfallen lassen.

Sie trat an das große Fenster und zog die Gardinen zurück. Ein winzig kleiner Balkon erlaubte den Blick auf den Altmarkt. Unten waren die Kollegen aus Hagen noch mit der Tatortsicherung beschäftigt. Sie hatten Scheinwerfer aufgestellt, die die ohnehin schon grausige Szenerie in ein kaltes Licht tauchten. Soeben fuhr ein Leichenwagen vor. Dunkel gekleidete Gestalten stiegen aus und zogen einen Zinksarg von der Ladefläche. Schweigend klappten sie ihn auf und entnahmen der Transportbox einen transparenten Plastiksack mit einem weißen Reißverschluss. Ein wenig unsicher näherten sich die Fahrer des Leichenwagens den Beamten der Kriminalpolizei. Aus der Ferne vermutete Franka, dass sie zum ersten Mal einen Ermordeten transportierten. Sie schüttelte den Kopf und wandte sich vom Ausblick auf den Altmarkt ab. Eine bizarre Szene, die sie sogar in Berlin noch nicht erlebt hatte. Dies war ihre Heimat, und die Menschen, die hier lebten, waren offenbar genauso krank wie die Drogenjunkies in Berlin.

Der Täter hatte sein Opfer hier mitten auf dem Altmarkt überwältigt und ermordet. Er hatte damit rechnen müssen, dass er bei seiner Bluttat beobachtet wurde, doch das Risiko war er anscheinend eingegangen und nach dem kaltblütigen Mord unerkannt geflohen. Ein Gefühl der Ohnmacht überkam sie, denn sie hätte liebend gern eine Fahndung nach dem Mörder herausgeben, aber ohne die Angaben eines Fahrzeugtyps, eines amtlichen Kennzeichens oder einer Personenbeschreibung konnte sie sich die Mühe sparen. Der Mörder war auf freiem Fuß und hatte viele Chancen, unerkannt zu entkommen. Franka verdrängte den Gedanken und überlegte, wie der Täter wohl vorgegangen war.

Belter war kaum fünf Meter von der rettenden Haustür entfernt gestorben. Doch was hatte ihn zu später Stunde noch einmal aus dem Haus gelockt? Die Sorge um seine Freundin? Oder war er auf dem Weg zur Arbeit gewesen?

Als Franka sich umwandte, sah sie das Telefon auf dem Sofa liegen, fast so, als hätte er es achtlos dort hingeworfen. Sie durchquerte den Raum und ergriff das Handy. Es handelte sich um ein recht neues, finnisches Fabrikat. Die Menüführung kannte sie von ihrem eigenen Modell, und so war es ein Leichtes für sie, die ein- und ausgehenden Verbindungen aufzurufen. Mehrmals hatte Belter vergeblich versucht, Mandy anzurufen, zuletzt um 22 Uhr. Im Ordner der ausgehenden Anrufe fand sie zuletzt eine Lisa.

„Micha, ich habe sein Telefon gefunden.“

„Wo bist du denn?“

„Hier – in der Stube.“

Er tauchte im Türrahmen auf und grinste schief. „Es heißt Wohnzimmer“, brummte er. „Warum sagt ihr Ossis eigentlich immer Stube?“

„Ich bin kein Ossi“, wehrte sich Franka und gestand sich insgeheim ein, während ihrer Zeit in Berlin den Slang dieser Region in ihren eigenen Wortschatz übernommen zu haben, ohne es zu bemerken. „Ich habe in Berlin gearbeitet, mehr nicht. Aber warum feiert Köln eigentlich Karneval? Ihr seid doch das ganze Jahr über bekloppt“, konterte sie, dann wurde sie wieder ernst. „Hier: Er hat wahrscheinlich, unmittelbar, bevor er ermordet wurde, eine Lisa angerufen.“

„Ich drücke schnell die Wahlwiederholung. Vielleicht kann sie uns einen wichtigen Hinweis geben.“ Aber Franka hatte kein Glück. Es sprang direkt Lisas Mailbox an. „Wahrscheinlich schläft sie schon. Schreiben wir uns die Nummer auf unsere To-do-Liste für morgen“, schlug Franka vor.

„Gut. Warst du schon in den anderen Räumen?“

„Noch nicht.“ Franka folgte ihm ins Schlafzimmer. Es gab einen zwei Meter hohen Kleiderschrank mit einer Spiegelfront, ein französisches Bett, an dessen stählernem Kopfende Handschellen hingen.

„Aha“, kommentierte sie. „Unser junges Paar hat wohl gern experimentiert.“

Micha zog die Schubladen eines Nachtschrankes auf und fand zwei Dildos. „Und hier geht’s weiter“, grinste er.

„Du bist wohl neidisch“, erwiderte Franka bissig.

„Nein, überhaupt nicht.“

Sie wusste, dass Micha eine gescheiterte Ehe hinter sich hatte. Seine Frau lebte noch in Köln, und er hatte sich nach der Scheidung ins Bergische Land versetzen lassen, um die räumliche Distanz zu wahren. Nichtsdestotrotz traf er sich ab und zu noch mit seiner Exfrau, um mit ihr leidenschaftliche Nächte zu verbringen. Er machte keinen Hehl daraus, dass sie sich nach der Trennung besser verstanden als je zuvor und dass sie im Bett hervorragend harmonierten. Und experimentierten. Und dass fünfzig Kilometer eine recht überschaubare Distanz war für Ex-Partner, die einfach ab und zu miteinander vögeln wollten.

„Hier, sieh mal“, rief er jetzt, ohne auf Frankas Anmerkung einzugehen. Micha hatte ein in schwarzes Leder gebundenes Fotoalbum gefunden, das er durchblätterte. Die Fotos darin zeigten eine hübsche, junge Frau mit blonden Haaren, allesamt geschmackvolle, erotische Fotos.

„Das ist dann wohl unsere Mandy.“

Franka blickte ihm über die Schulter und erkannte auf den Fotografien die Frau wieder, die sie ermordet am Rand der Berliner Straße gefunden hatten.

„Allerdings.“ Sie musste eine begehrenswerte Frau gewesen sein. Die Kommissarin kämpfte gegen die aufkeimende Wut auf den Mörder an und widmete sich dem Kleiderschrank. Im rechten Fach hingen Hemden und Hosen ordentlich auf Bügeln, daneben einige Jacken. Auf dem Schrankboden reihten sich Herrenschuhe nebeneinander auf, allesamt blitzblank sauber. Thomas Belter schien ein sehr ordnungsliebender Mensch gewesen zu sein. Links außen wurden Herren- und Damenkleidungsstücke aufbewahrt. Socken, T-Shirts, die üblichen Freizeitklamotten und Jogginganzüge, die sowohl von einem Mann als auch von einer Frau getragen werden konnten. Franka nahm einen zweiteiligen Jogginganzug aus dem Fach und faltete ihn sorgfältig auseinander. „Größe 52“, murmelte sie. „Der dürfte wohl kaum der Klimmek gehört haben.“

Micha brummte zustimmend und machte sich am mittleren Schrankfach zu schaffen. „Bingo“, grinste er.

Franka trat neben den Kollegen. Ihr Blick fiel auf Frauenkleidung. Jacken, Kleider und Blusen hingen auf Bügeln, Röcke und Hosen lagen sauber gefaltet auf dem Brett darüber. Von der Alltagskleidung bis hin zum „kleinen Schwarzen“ war alles vertreten. Franka begutachtete die Wäsche. Im obersten Fach fand sie Unterwäsche. Mandy Klimmek schien ein Faible für edle Spitzenwäsche gehabt zu haben. Die Kommissarin fand hauchdünne Slips und BHs, oft in Rot und Schwarz, aber auch in anderen Farben. Nylons, mit und ohne Halter, Bustiers und Corsagen – das volle Programm. „Dafür muss sie ein Vermögen ausgegeben haben“, vermutete Franka und verschloss den Schrank. In den anderen Fächern befanden sich die Kleidungsstücke ihres Freundes.

Micha schnalzte mit der Zunge. „Scheinbar hatte sie Spaß am Sex und das Leben in vollen Zügen genossen.“ Er wandte sich zu seiner Kollegin um und deutete mit dem Daumen über die Schulter. „Das da“, sagte er dann, „ist jedenfalls ein wahres Mekka für Wäschefetischisten.“

„Wie auch immer“, erwiderte Franka. „Immerhin war sie Model.“

„Und ihre Auftraggeber werden wir uns allesamt vorknöpfen müssen“, nickte Micha.

„Schade nur, dass uns ihr Freund keine Frage mehr beantworten kann.“

„Um diese Antworten zu verhindern, musste er ja sterben, da bin ich sicher.“

„Bestimmt gibt es ein Notizbuch, eine Kontaktliste oder Ähnliches.“

„Wenn es in dieser Wohnung einen Rechner gibt, nehmen wir ihn mit und lassen ihn von unseren Spezialisten durchforsten“, schlug Franka vor. „Vorausgesetzt, die Hagener Kollegen spielen mit.“

„Ich kenne Günther vom Hagener KK 11 ganz gut, lass mich mal machen, er schuldet mir noch was.“ Mit einem vielsagenden Grinsen verließ Micha den Raum. Er brummte im Nebenraum herum. Franka folgte ihm zurück ins Wohnzimmer.

„Hier ist kein Computer“, bemerkte er, als Franka sich im Türrahmen aufbaute.

„Die Klimmek hat auch noch eine eigene Wohnung“, erinnerte sie ihn. „Hier war sie nämlich gar nicht gemeldet.“

„Du meinst ...?“

„Na ja, eigene vier Wände eben. Nicht jedes Paar, das zusammen ist, wohnt auch gleichzeitig zusammen.“ Jetzt grinste sie den Kollegen vielsagend an. „Das müsstest du ja am besten wissen.“

„Nächstes Thema“, brummte Micha.

„Wenn sie sich eine eigene Wohnung gehalten hat, ist es auch ziemlich wahrscheinlich, dass sie ihre Unterlagen dort aufbewahrte. Ich habe hier nicht einen einzigen Aktenordner gesehen, auf dem ihr Name stand. Und Ordner hat man doch – Versicherung, Mietverträge, Papiere für das Auto, so was halt.“

„Komm, ich glaube, wir haben hier alles gesehen.“

Franka hatte keine weiteren Einwände und folgte ihm. Das Handy, das sie auf dem Sofa gefunden hatte, nahm sie mit. Damit konnten sich die Kollegen der KTU auseinandersetzen. Hier gab es nichts mehr zu tun, und jetzt zog es sie ins Bett. Sie spürte, dass die nächsten Tage noch anstrengend genug werden würden.

1.25 Uhr

Das alte Ledersofa, das er mit dem Lieferwagen vom letzten Sperrmüll besorgt hatte, tat ihm schon ein wenig leid, als er am Straßenrand innehielt und den Feuerschein betrachtete, der gespenstisch durch die staubblinden Fenster in die nasskalte Nacht hinausdrang. Als oben im ersten Stockwerk die Flammen prasselten, genoss er den Schauer, der seinen Rücken herunterlief. Gespenstisch reflektierten die Scheiben den Feuerschein. Wahrscheinlich war es nur eine Frage der Zeit, bis die Feuerwehr hier eintraf und den Brand zu löschen versuchte. Vergeblich, stellte er mit einem tiefen Gefühl der Genugtuung fest, denn er hatte vernünftig vorgearbeitet. Das Feuer würde sich rasend schnell ausbreiten und alle verräterischen Spuren vernichten. Der Schauplatz hatte seinen Dienst getan und musste nun ein Raub der Flammen werden. Er hatte das Feuer so gelegt, dass niemand den Brand rekonstruieren konnte. Schließlich war er nicht dumm. Der Brandermittler, der das Gebäude wahrscheinlich erst im Morgengrauen betreten würde, hatte keine Chance, den Brandherd zu ermitteln. Sie würden ihm nichts nachweisen können und zu der Erkenntnis kommen, dass sie einem Phantom nachjagten.

Nichts würde auf seine Existenz hinweisen. Es war, als gebe es ihn gar nicht.

Er lebte nicht mehr in der Welt der Sterblichen.

Davon hatte er sich verabschiedet, als er damals den Pakt mit dem Teufel eingegangen war. Die Dämonen hatten ihn gerufen, und er war ihrem Ruf gefolgt. Das Gefühl, fortan als Geschöpf der Nacht durchs Leben zu geistern, erfüllte ihn mit tiefer Zufriedenheit. Mit Glück. Zu jener Zeit war er endlich im Reich der Nacht angekommen, lebte so, wie er es sich lange schon erträumt hatte, und wollte nie wieder etwas mit den Normalsterblichen dieser Welt zu tun haben.

Als oben die erste Scheibe unter der enormen Hitze mit einem lauten Klirren zerbarst, wandte er sich vom Anblick auf die alte Fabrik ab und ging ohne übertriebene Eile zurück zu seinem Wagen.

8.05 Uhr

Nachdem sie ihre kleine Wohnung an der Tunnelstraße auf dem Rott erreicht hatte, waren ihr kaum zwei Stunden Schlaf geblieben. Mit Unterhemd und Slip bekleidet hatte sie sich aufs Bett fallen lassen und war innerhalb weniger Minuten in einen tiefen, traumlosen Schlaf gesunken. Keinen Gedanken hatte sie mehr an den rätselhaften Fall verschwendet, dachte nur daran, dass sie dringend Ruhe benötigte, weil sie in den kommenden Tagen fit sein wollte. So war Franka sofort in eine Tiefschlafphase eingetaucht und hatte sich wie gerädert gefühlt, als der Wecker sie wenig später in die Realität eines nasskalten Wintermorgens geholt hatte. Nach einer kurzen Dusche und zwei Tassen schwarzem Kaffee zu einer Stulle mit selbstgemachter Marmelade ihrer Mutter waren die Lebensgeister in Franka zurückgekehrt, und um kurz vor acht hatte sie das Präsidium in Unterbarmen erreicht. Zeit, sich über ihre Einsamkeit Gedanken zu machen, hatte sie nicht gehabt.

Micha hockte bereits am Schreibtisch. Er rauchte ungeniert Kette, trank Kaffee aus dem Automaten und las die Bild. Als Franka die Tür hinter sich schloss und die Jacke über den Stuhl warf, blickte er auf.

„Moin.“ Er faltete das Blatt zusammen und beugte sich über die Schreibtischplatte. Sein Grinsen war für die junge Kommissarin fast unerträglich. Franka fühlte sich wie gerädert. „Du hast wohl kein gemütliches Zuhause“, murmelte sie. An Michas Dreitagebart und an den dunklen Ringen unter den Augen erkannte sie, dass er scheinbar gar nicht mehr geschlafen hatte. Sie sank hinter ihren Schreibtisch und schaltete den Computer ein.

„Keine Zeit zum Pennen“, brummte Micha, als sie ihn darauf ansprach, und rieb sich durch das Gesicht. Die Bartstoppeln knisterten vernehmlich. „Hier boxt nämlich der Papst. Willi ist auf 180, und gleich ist Versammlung.“

„Das habe ich befürchtet.“

Willi Bever war der Erste Kriminalhauptkommissar und damit Abteilungsleiter des KK 11. Er war ein Teamplayer, doch er wurde nervös, wenn ein Täter ihm immer um eine Nasenlänge voraus war.

„Schütt’ dir noch en Kaffee in den Kopp, dann bist du auch gleich putzmunter“, schlug Micha in rheinischem Dialekt vor. Manchmal verfiel er immer noch in den Akzent seiner Heimat.

„Komm“, sagte er mit väterlichem Unterton. „Ich geb einen aus.“ Er klimperte in der Hosentasche mit Kleingeld herum und ließ sie allein. Franka nutzte die Zeit, um ihre Mails abzufragen. Der Bericht der Düsseldorfer Rechtsmedizin stand noch aus. Alles andere hätte sie auch gewundert. Manchmal verging bis zu einer Woche, ehe der Abschlussbericht einer Obduktion vorlag. Kurz darauf kehrte er mit zwei Pappbechern zurück und bugsierte die Getränke vorsichtig zu den Schreibtischen. „Schwarz wie die Nacht, Frau Kollegin.“

„Danke.“ Franka ergriff den Becher, verbrannte sich die Finger, fluchte, pustete in die braune Brühe und trank in kleinen Schlucken. Über den Rand des Bechers blickte sie ihren Kollegen an. „Und“, fragte sie, „was hast du getrieben, während ich geschlafen habe?“

„Nicht viel“, räumte er ein und steckte den neuen Becher in den bereits geleerten. „Ich habe mich im Internet umgesehen. Es gibt tatsächlich diese Fotobörsen, wo sich Models mit Fotografen verabreden können. Und die verdienen nicht schlecht. Zwei Stunden für 75 Euro, aber auch bis zu dreihundert Euro sind drin, besonders im Erotikbereich. Je mehr Haut das Mädel zeigt, umso mehr Kohle gibt es. Sie war übrigens hauptberuflich in einem Drogeriemarkt beschäftigt und hat da nicht übermäßig viel verdient. Wer weiß, vielleicht hat sie die Fotos auch nur gemacht, um sich ein teures Hobby leisten zu können.“

„Haben sich die Kollegen noch in der alten Fabrik umgesehen?“

„Das werden sie tun, sobald die Feuerwehr fertig ist.“

„Bitte? Wieso Feuerwehr?“

„Das Gebäude ist in den Morgenstunden ein Raub der Flammen geworden, um es mal so zu formulieren. Ich glaube, es ist müßig, dir zu erklären, dass es sich offenbar um Brandstiftung handelt.“

„Der Täter ist ehrgeizig, wenn es darum geht, seine Spuren zu verwischen“, murmelte Franka und schüttelte den Kopf. Wer auch immer Mandy Klimmek und Thomas Belter auf dem Gewissen hat – er ging im wahrsten Sinne über Leichen, um Beweise zu vernichten.

„Hast du etwas über einen gewissen Clay herausgefunden, der sich im Internet herumtreibt und junge Frauen nackt fotografiert?“

Kopfschütteln. „Es gibt keinen Clay in dieser Foto... Community oder wie das neudeutsch heißt.“

„Offen gestanden wäre er ein Idiot, wenn er sich mit seinem wahren Namen im Netz bewegte“, überlegte Franka.

„Und in die Mitgliederbereiche der Foren kommt man nur, wenn man sich registriert. Und das kostet Geld. Vermutlich auch, um neugierige Schnüffler wie uns abzuhalten. Wir wissen also nicht, mit wem wir es zu tun haben.“ Micha seufzte und fuhr sich durch das Gesicht. Die Bartstoppeln raschelten leise. „Außerdem wird er kaum seinen wirklichen Namen verraten, wenn er sein Opfer ganz gezielt ausgewählt und getötet hat.“

„Du meinst, der Mord war von langer Hand geplant?“

„Die meisten Sexualverbrechen sind Spontantaten, aber diesmal ist es, glaube ich, anders.“

„Wie kommst du darauf?“

„Wir haben einen Fotografen, der zum einen dringend tatverdächtig ist, mindestens einen Mord begangen zu haben. Außerdem, so scheint es, ist er flüchtig. Gehen wir mal davon aus, dass er eine krankhafte Neigung hat, denn sonst hätte er sein Opfer wohl kaum dermaßen zugerichtet. Würde es sich um ein reines Vergewaltigungsdelikt handeln, dann hätte er sich jede x-beliebige Frau von der Straße schnappen können. Überfall, Vergewaltigung, Mord. Ende. Schnell, ungeplant und meist einem spontanen Trieb folgend. Hier hat der Mörder seine aber Tat vorbereitet. Er hat Kontakt zu dem Model aufgenommen, hat sie in sein Atelier eingeladen, hat seine Tat begangen, die Leiche entsorgt und anschließend auch noch den Freund der jungen Frau auf bestialische Weise ermordet, damit der uns keinen heißen Tipp mehr geben kann. Nein, Micha, das ist kein Sexualverbrechen im üblichen Sinne.“ Franka schüttelte den Kopf.

„Ich habe auch recherchiert. Einen ähnlich gelagerten Fall gab es bundesweit noch nicht. Aber wer weiß? Vielleicht ist der Name Clay, ob echt oder nicht, ein Hinweis darauf, dass es sich bei dem Täter um einen Briten oder um einen Amerikaner handelt. Das werde ich noch prüfen.“

„Wir sollten auf jeden Fall ...“ Franka wurde unterbrochen, als die Bürotür aufflog und ein Kollege Anfang dreißig den Kopf in den Raum steckte. Björn Hassner, er war ebenfalls Kommissar. „Der Alte wäre dann so weit – es kann losgehen.“

„Das ist mal ein Wort“, brummte Micha und erhob sich schwerfällig. „Auf geht’s zur Muppet-Show.“ Im Stehen leerte er seinen Becher und knüllte ihn zusammen, um ihn schwungvoll in den Papierkorb unter seinem Schreibtisch zu befördern. Seite an Seite verließ Franka mit ihm das Büro.

8.15 Uhr

„Eine riesengroße Sauerei ist das, was da letzte Nacht passiert ist“, bellte Willi Bever. Sein rundes Gesicht war puterrot. In seinem Büro stand ein langer Besprechungstisch, der bei Einsätzen zweimal täglich von allen vierzehn Mitarbeitern besetzt wurde. Man traf sich meist einmal morgens und einmal am Abend, um den aktuellen Stand der laufenden Ermittlungen zu besprechen. In der Ecke des Büros stand eine Flipchart, daneben gab es eine altmodische, grüne Schultafel, auf der Bever mit weißer Kreide die Dienstpläne eingetragen hatte. Wie Franka mit einem Seitenblick auf die Tafel feststellte, war sie bald wieder mit dem Schießtraining dran. Bever erhob sich und trat an die Flipchart.

Da Micha mit der Übernahme des Mordfalles in der Nacht zum Leiter der Mordkommission geworden war, übernahm Willi Bever, den alle im KK 11 nur „den Alten“ nannten, die administrativen Aufgaben im Präsidium. Die Mitarbeiter hatten sich in seinem Büro eingefunden. Bever hatte das gesamte KK 11 zum Brainstorming antreten lassen. In den meisten Fällen bildeten die Kollegen Zweierteams, wobei Bever darauf achtete, dass jeweils ein erfahrener Kollege mit einem jüngeren zusammenarbeitete. Nun saßen sie alle am langen Tisch: Neben dem Duo Micha und Franka saß noch der junge schlaksige Björn Hassner am Tisch, der aussah, als käme er eben aus dem Surfurlaub: er war unrasiert, trug eine verblichene Jeans und ein buntes Hemd. Tatsächlich besaß er einen uralten VW-Bus, auf dessen Dach er das ganze Jahr über ein Surfboard spazieren fuhr. Trotz dieser Eigenschaften – oder vielleicht gerade deswegen – lagen ihm die Frauen nur so zu Füßen. Hassner arbeitete mit dem gut zehn Jahre älteren Kriminalhauptkommissar Sebastian Frank zusammen. Frank hatte eine in sich ruhende, aber, wenn es darauf ankam, sehr bestimmende Art. Die Kollegen wussten von ihm, dass ihm nichts über die Familie ging und er zu Hause ein liebender Ehemann und liebevoller Vater eines dreijährigen Sohnes war. Ihnen gegenüber hatten Birgit Hanser und Henrik Mellinghaus am Tisch Platz genommen. Kriminalkommissarin Birgit Hanser war Mitte dreißig, trug das schwarze Haar sportlich kurz und wirkte in ihren etwas konservativen Kostümen immer ein wenig wie eine strenge Lehrerin. Viel wussten die Kollegen nicht von ihrem Privatleben, außer dass sie allein lebte und wahrscheinlich mit Männern nicht viel am Hut hatte. Mellinghaus hingegen war ein Ass in Internet- und Telefonrecherche. Mit Ende dreißig war er geschieden worden; seine Ehe hatte nur ein Jahr lang gehalten. Seitdem stürzte sich Mellinghaus mit Übereifer in die Arbeit und hielt sich von den Frauen fern. Insofern war es eine Ironie, dass ausgerechnet er mit „KK’in Hanser“ – so stand es auf dem Namensschild an ihrer Bürotür – ein Team bildete. Ohne Partner saß Georg Brackwede am Tisch; er gehörte eigentlich zur IT-Abteilung des Präsidiums. Da Computer und Handys aber eine immer größer werdende Rolle in der Kriminalität spielten und es fast keinen Mordfall mehr gab, in dem nicht ein PC eine Rolle spielte, hatte Bever ihn zum Team geholt. Somit hatte Brackwede den Vorteil, von Anfang an zu wissen, worum es ging, sollte er im Verlauf des Falles Rechner und Handys analysieren müssen. Die Spurensicherung des KK 11 war mit zwei Kollegen vertreten: Zum einen saß Werner Zielke, ein ruhiger Vertreter Anfang fünfzig, am Tisch. Als ältester „Spusi“-Mann war er der ruhende Pol der Abteilung; ihn brachte so schnell nichts mehr aus der Ruhe. Zielke freute sich schon seit zehn Jahren auf den Ruhestand, den er mit seiner Frau Else im Garten seines Hauses am Stadtrand genießen wollte. An seiner Seite saß Lars Ricken. Er hatte im letzten Jahr die dreißig überschritten und war für die technische Ausrüstung der Abteilung verantwortlich. Von Bernd Krüger dagegen fehlte jede Spur, was Franka ein wenig verwunderte. Am rechten Ende des Tisches, gleich neben der Tür, saßen noch zwei unbekannte Männer am Tisch, die Bever mit zwei Sätzen als Kollegen des Hagener KK 11 vorstellte. Sie ermittelten im Tötungsdelikt Thomas Belter und kooperierten mit der Wuppertaler Kripo, da die beiden Morde offenbar im Zusammenhang standen.

Nachdem er den anwesenden Staatsanwalt Stefan Adler und die Kollegen aus Hagen begrüßt hatte, fasste er das noch in der Nacht erlangte Wissen zusammen:

„Wir haben einen offenbar psychisch gestörten Täter, der sein Opfer in einer Art Ritual tötet, indem er es zu Tode beißt. Die Frau starb durch den enormen Blutverlust, das hat die erste Untersuchung der Rechtsmediziner ergeben, die in der Nacht am Tatort waren. Die Obduktion findet heute oder spätestens morgen statt; der endgültige Obduktionsbericht wird uns also erst in ein paar Tagen vorliegen. Aber zurück zum Tötungsdelikt: Nachdem der Täter den Leichnam der Frau an einer tagsüber stark befahrenen Straße abgelegt hat, heftet er sich an die Fersen ihres Freundes, um auch ihn zu töten. Diesmal muss es schnell gehen – er tötet Thomas Belter mit mehreren Messerstichen in den Oberkörper. Nach vollbrachter Tat fährt der Täter zurück nach Wuppertal und kehrt zum Tatort zurück. Hier zündet er das Haus an, in dem er die Tat verübt hat, wahrscheinlich, um Spuren zu verwischen. Da die Gegend nachts nicht stark frequentiert ist, dauerte es eine Zeit, bis der Brand bemerkt wurde. Zu diesem Zeitpunkt ist es bereits zu spät: Das Gebäude brennt beim Eintreffen der Feuerwehr in voller Ausdehnung, und die Kollegen können sich nur darauf beschränken, dass das Feuer sich nicht auf die angrenzenden Nebengebäude ausweitet.“ Bever hatte einige Namen und Notizen an die Flipchart gekritzelt.

Franka sah sich im Raum um. Alle hatten Unterlagen vor sich liegen. Informationen zum Fall, die sie in aller Schnelle zusammengetragen hatten.

Bever marschierte durch sein Büro wie ein dozierender Professor. Er hatte die Hände hinter dem Rücken verschränkt und gab sich Mühe, ruhig zu bleiben.

„Ich bin froh, dass noch nichts in den Zeitungen steht, normalerweise haben diese Aasgeier immer Informationen, die sie in die Welt hinausposaunen. Aber vielleicht können wir die Journalisten ja noch ein wenig hinhalten, ich werde das gleich mit den Kollegen der Pressestelle abstimmen.“

„Keine Informationen also?“ Micha verschränkte die Arme hinter dem Kopf und lehnte sich weit zurück. „Keine PK, nichts?“

„Nein, vorerst nicht, solange wir keinen konkreten Verdacht haben müssen wir mauern“, bestätigte Bever und ließ sich schwerfällig in den Stuhl am Kopf des langen Konferenztisches sinken. „Alles, was wir an Informationen rausgeben, könnte die laufenden Ermittlungen gefährden, da wir nichts über den Täter wissen. Ich will der Pressemeute was zum Beißen vorwerfen, aber wir haben nichts, rein gar nichts.“ Dann blickte er sich in der Runde um. „Oder irre ich mich?“

Sebastian Frank blätterte in einer Mappe und räusperte sich. Er hatte die Daten der Leiche vorliegen. Alle Blicke lagen jetzt auf ihm. „Bei der Toten handelt es sich um das Fotomodell Mandy Klimmek, 27 Jahre. Sie war ledig, hatte aber einen festen Freund, der ebenfalls das Opfer eines Mordanschlages wurde. Klimmek war die jüngere von zwei Schwestern, wohnte in einer Wohnung am Röttgen, allein. Sie arbeitete als Kassiererin, besserte sich ihren Lebensunterhalt aber mit sporadischen Jobs als Fotomodell auf. Schwerpunktmäßig arbeitete sie für Hobbyfotografen, meist im erotischen Bereich. Der Obduktionsbericht von Mandy Klimmek liegt noch nicht vor, aber die Kollegen der Rechtsmedizin haben sich bereits zum wahrscheinlichen Tathergang geäußert: Sie wurde vergewaltigt – man fand die DNA des Täters in der Vagina, im Anus und auf dem Gesicht. Oralverkehr hat nicht stattgefunden.“

Details

Seiten
0
Erscheinungsform
überarbeitete Neuauflage
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783960875925
ISBN (Buch)
9783960876021
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v447328
Schlagworte
Mord-fall-ermittlung Kill-er Phantom Angst Ermittler-team-duo spann-end-ung-psycho-thrill-er poliz-ei-ist-in-en

Autor

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    Andreas Schmidt (Autor)

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Titel: Mädchenfresser (Thriller)