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Um der Liebe Willen (Liebe, Fantasy)

von Nicole Lange (Autor)

2018 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

Die 21-jährige Jaislyn wird seit ihrer Kindheit von Träumen und Visionen eines prachtvollen Königreichs heimgesucht. Am liebsten würde sie in diese magische Traumwelt flüchten, die ihr immer mehr Rätsel aufgibt. Denn dort lebt Lorius, der attraktive langhaarige Krieger, zu dem sie eine geheimnisvolle Verbundenheit spürt. Doch als sie eines Tages in einer Vision eine erschreckende Entdeckung macht, muss Jaislyn erkennen, dass sie in ihrer Welt nicht mehr sicher ist.

Auf der Flucht vor Söldnern wird sie von Lorius in das fantastische Reich ihrer Träume entführt und findet sich mitten in einem Konflikt um die Krone wieder. Der arrogante und machthungrige Rades setzt alles daran, Jaislyn in seine Gewalt zu bekommen. Hat es mit der sagenumwobenen Nailah zu tun, die vor zweihundert Jahren lebte und der Jaislyn zum Verwechseln ähnlich sieht?

Impressum

dp Verlag

Erstausgabe Dezember 2018

Copyright © 2020 dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

E-Book-ISBN: 978-3-96087-487-4
Taschenbuch-ISBN: 978-3-96087-623-6

Covergestaltung: Rose & Chili Design
istockphoto.com: © Kiuikson
depositphotos.com: © FairytaleDesign, © jag_cz, © 3dart
Lektorat: Natalie Röllig

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

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Für meine fantastischen Mädels
Sabrina Marstatt
Monika Martin
Carla Gebert
Janine Kronshage
Ihr leistet beim Testlesen Großartiges.
Eure Begeisterung beflügelt, und es ist ein traumhaftes Erlebnis, wie ihr von meinen Roman-Projekten berichtet, als hättet ihr einen Wahnsinnskinofilm genossen.

Vorwort

Liebe Leserin, lieber Leser,

 

bist du bereit für eine neuartige Mischung aus Chick-Lit, Romantasy und Märchen gespickt mit Sarkasmus?
Dann bist du hier goldrichtig.

Ich wünsche dir ganz viel Spaß und prickelnde Momente mit Jaislyn und Lorius.

 

Deine Nicole Lange

1

Visionen

In einem schnellen, gleichmäßigen Rhythmus treffen meine Laufschuhe auf den unebenen Waldboden. Hin und wieder springe ich über abgebrochene Äste von Waldkiefern und Rotbuchen, die meinen Weg behindern. Die Bäume und Sträucher rasen an mir vorbei, doch ich nehme sie kaum wahr. Meine Gedanken poltern mir wie ein Flummi durch den Kopf. Eine Pause gönne ich mir nicht – im Gegenteil. Ich bestrafe meinen Körper mit dieser Anstrengung für etwas, woran er gar keine Schuld trägt. Meine Muskeln protestieren schmerzhaft gegen diese immer wiederkehrende Belastung. Seitenstiche kündigen sich an. Der Schweiß läuft mir über die Stirn und brennend in die Augen, doch ich kann nicht anders. Mein Wille ist stärker als mein müder Leib. Nur so bekomme ich endlich den Kopf frei, der jedes Mal vor lauter Schlafmangel in der Berufsschule auf die Tischplatte plumpsen könnte. Das heißt, eigentlich schlafe ich genug, aber ich träume so wild und intensiv, dass ich danach völlig gerädert bin. Das Joggen durch den Wald, beim Erwachen des Tages, gibt mir die frische Luft und Klarheit, die ich brauche. Die Vögel begleiten mich mit ihren Liedern und schenken mir Normalität. Meine Klamotten kleben mir bereits auf der Haut. Der schwache Wind lässt mich etwas frösteln. Ich verlasse den Waldweg und laufe einen Hang hinauf.

Wusch.

Oh nein! Nicht schon wieder.

Das Licht der Morgensonne verändert sich, beginnt zu flackern, bricht in grelle Farbspektren, der Boden unter meinen Füßen wird weich, und ich falle schier endlos. Das pure Adrenalin wie bei einem Free-Fall-Tower jagt durch meinen Körper.

Eine Vision hat mich gepackt, und ich finde mich in einer mittelalterlichen Zelle wieder. Es riecht nach Schimmel, Kot, Urin und Erbrochenem. Verängstigt und neugierig zugleich drücke ich mich an die Mauer. Sie fühlt sich rau und kalt an, viel zu real. Spinnweben und Schmutz bedecken den Kerker. Es gibt weder Tisch noch Stuhl oder ein Fenster. Für die Notdurft steht ein Eimer in der Ecke, doch es fehlt an Wasser zum Waschen oder Trinken. Schmutziges Stroh auf dem Boden stellt das Bett dar. Die Tür wird geöffnet. Beduinenähnliche, dunkel gekleidete Männer mit Säbeln am Gürtel stoßen eine junge Frau herein und schubsen sie auf das Stroh. Das lange, schwarze Haar klebt ihr im Gesicht, das vor lauter Blessuren kaum zu erkennen ist. Nur eine zerschlissene Kutte verhüllt ihren schmutzigen, blutigen Körper. Sie ist mir mittlerweile so vertraut wie eine alte Bekannte. Ich kenne jede Wunde an ihrem Körper, jeden blauen Fleck. Ich will ihr helfen, weiß aber von vergangenen Visionen und Träumen, dass ich es nicht kann. Zum x-ten Mal frage ich mich, wie diese Männer so grausam sein können, eine Frau zu foltern. Die Stahlfesseln haben ihr die Haut an den Handgelenken aufgeschürft, dennoch machen sich die Dreckskerle einen Spaß daraus, an dem Metall herumzuzerren. Die Pein steht ihr ins Gesicht geschrieben.

Eine weitere Person betritt das Verlies und zieht meine Aufmerksamkeit auf sich. Edle Kleidung, Schmuck und eine Krone lassen keinen Zweifel aufkommen, wer oder was der Neuankömmling ist.

Na wunderbar. Ein Arschloch-König, der zulässt, dass Frauen misshandelt werden.

Mein Zorn wächst. Ich balle die Fäuste, kann aber nichts tun, als zuzusehen.

Der Herrscher wäre ein attraktiver Mann gewesen, mit seinen aristokratischen Zügen und den gepflegten braunen Haaren. Allerdings verraten ihn seine unerbittlichen blauen Augen.

Die geschlagene Frau kämpft sich wie eine Löwin zurück auf die Beine.

„Warum hasst Ihr mich so?“, flüstert sie mit schwacher und ausgedörrter Stimme.

Ein grausames Lächeln erscheint auf des Königs Lippen. Er streichelt ihr über die Wange, was so gar nicht zu seinem gehässigen Gesichtsausdruck passen will.

„Habe ich Euch und Eurer Familie nicht stets einwandfrei gedient?“, fragt die Gefangene weiter, während einer der Krieger ihr die Fesseln abnimmt. Ihre verzweifelte Stimme berührt mich.

„Meine hübsche kleine Kriegerin. Den Grund für dein Verderben werde ich mit ins Grab nehmen. Niemand wird je erfahren, was mit dir passiert ist, und eines Tages wird auch keiner mehr nach dir – elendige Ratte – fragen.“

Schreie von anderen Häftlingen, die gefoltert werden, dringen in die Zelle. Vor Schreck zucke ich zusammen.

Oh bitte. Ich will raus aus dieser Vision. Das Ganze jagt mir eine Scheißangst ein.

„So unwichtig kann ich nicht sein, wenn Ihr Euch die Mühe macht und mich persönlich besucht.“

Höre ich da aus ihrer selbstsicheren Stimme das letzte Zusammenkratzen von Mut?

Der König packt die Frau an der halb zerfetzten Kutte und zieht sie nah an sein Gesicht.

„Das wird ein Abschied für immer. Dein Sarkasmus und deine Aufmüpfigkeit werden schneller verflogen sein, als du dir vorstellen kannst. Ich werde dich ganz langsam und elendig richten lassen. Dein Flehen und Betteln wird keiner hören. Niemand wird kommen, um dich zu befreien. Du wirst dich nach dem Tod sehnen und um ein schnelles Ende flehen. Dein qualvoller Tod wird meine stille Genugtuung sein. Eigentlich schade, dass es kein Publikum geben wird. Nun ja, man kann nicht alles haben, nicht wahr? Hach, was für ein Jammer. Du bist … warst eine schöne Frau.“

Der Herrscher drückt ihr einen brutalen Kuss auf die Lippen. Mit letzter Kraft – zu der sie noch fähig zu sein scheint – reißt sie sich los und verpasst dem König eine gewaltige Ohrfeige.

„Ihr seid ein Monster und nicht würdig, diese Krone zu tragen“, schreit sie ihm krächzend entgegen.

Mit einem kräftigen Schubs stößt der König die Todgeweihte von sich und blickt sie angewidert an. Sie taumelt zurück, und ihr blanker Fuß landet auf dem Schwanz einer Ratte, die jaulend davonstürmt. Ihr Kopf knallt neben mir an die Mauer, und sie sackt bewusstlos zusammen.

2

Attacke

Ich liege auf dem Waldboden. Kiefernnadeln piksen mich. War klar, dass ich den Hang nicht hinaufschaffe, wenn mein Kopf für kurze Zeit auf Reisen geht. Stöhnend krabbele ich auf allen vieren, diese Vision hat verdammt viel Kraft gekostet. So würdevoll wie möglich komme ich wieder auf die Beine. Ich habe längst aufgehört zu hinterfragen, warum mich diese Visionen heimsuchen. Wer sollte mir die Antwort dafür geben? Beunruhigend ist, dass sich die Visionen und Träume häufen, wiederholen und sich immer realer anfühlen. Seit meiner Kindheit habe ich seltsame und unklare Träume von Menschen in mittelalterlich oder wikingerähnlich aussehender Kriegskleidung, die in einer Arena mit Schwertern und Speeren kämpfen. Fische, die durch wassergefüllte Glassäulen zischen. Frauen in fließenden Gewändern. Die Träume waren wie ein Nebel, der sich immer mehr lichtet. Später kamen Visionen dazu. Zunächst waren sie schemenhaft, werden jedoch zunehmend klarer und wiederholen sich ebenfalls. Diese Szene im Kerker hat sich heute zum ersten Mal erweitert.

Jedoch habe ich nicht nur von dieser Gefangenen geträumt oder sie in Visionen erlebt. Nein. Ich sah öfter einen Mann mit langen, dunkelblonden Haaren und fantasievoller Lederrüstung, der immer wieder vorkam. Sobald ich von ihm träume, flattert mein Herz. Ich fühle eine Verbundenheit zu ihm, die ich nicht verstehe. Wie kann ich Sehnsucht zu einem Mann spüren, den es überhaupt nicht gibt?

Ich verdränge die Gedanken fürs Erste, klopfe mir den Schmutz von der Sportkleidung und binde mir den Zopf neu. Am liebsten würde ich in dem kristallklaren Flüsschen, der sich durch den Wald schlängelt, barfuß nach Hause gehen, da der herrliche, grüne Wald hinter dem Mietshaus, in dem ich wohne, endet.

Allerdings wird es Zeit, dass ich nach Hause jogge, sonst komme ich zu spät zur Berufsschule.

Zurück zu Hause bin ich fest davon überzeugt, dass mich nicht einmal meine heiß geliebte Schokodroge – übertrieben süßer Kakao – zum Laufen kriegt. Dafür bin ich zu aufgewühlt. Meine Gefühle kochen über, wenn ich an die gepeinigte Frau denke.

Zügig esse ich mein Müsli, springe unter die Dusche und lasse mir zu viel Zeit dabei.

Aber ich brauche das jetzt, ich will den Schmutz der Vision abwaschen. Dieser Kerker beschert mir eine widerliche Gänsehaut. Dagegen helfen nur heißes Wasser und viel Seife.

Während ich mir einige Zeit später am Waschbecken die Zähne putze, schweifen meine Gedanken ab, da die letzte Nacht auch viel Stoff zum Nachdenken aufwarf. Unruhig hatte ich mich herumgewälzt, geplagt von seltsamen, skurrilen und vor allem beängstigenden Träumen, die dermaßen real waren, dass sie morgens nur schwer abzuschütteln sind. Ich spucke die Zahnpasta ins Waschbecken. Mit einem Mal wird mir speiübel, und ich schwanke. Letztendlich wird mir schwarz vor Augen.

Faustschlägen ähnlich prallen in meinem Kopf Bilder auf mich ein, sodass sich meine Hände um den Waschbeckenrand krallen, damit ich nicht den Halt verliere. So kurz hintereinander haben mich die Visionen noch nie attackiert. Dass ich Schmerzen fühle, als würde ich verprügelt, ist mir ebenfalls neu.

Es ist Nacht. Fackeln erleuchten einen sandigen Weg. Ich erkenne wieder die Frau aus dem Kerker. Bisher habe ich nie ihr Gesicht gesehen, aber meine Träume und Visionen sind oft so real, als befände ich mich in ihrem Körper. Mein Herz rast wie verrückt aus Angst um diese schreiende Frau. Sie schlägt um sich, kann aber ihren Peinigern in altägyptisch aussehenden Rüstungen, die sie mit brachialer Gewalt mit sich zerren, nicht entkommen. Ihre alte Kutte hängt ihr in Fetzen vom Leibe, und ihr bis zum Gesäß reichendes schwarzes Haar verdeckt fast das gesamte Gesicht. Brutal wird sie herumgeschleudert, geschlagen und von diesen Kriegern ohne Pardon mitgeschleift. Sie hat keine Chance, ihnen zu entkommen.

Auf einmal stoßen die Krieger sie in eine steinerne Grube und schieben eine schwere Steinplatte über die Öffnung.

Lebendig begraben.

Kurz bevor der massive Stein die Grube für immer verschließt, leuchtet einer der Männer mit einer Fackel hinein und winkt der Frau zu, begleitet von grausamem Gelächter. Ein erster, aber auch letzter Blick auf das vor Todesangst gepeinigte Gesicht lässt mich vor Schock zurücktaumeln. Das bin ich! Diese Frau aus der Vision hat mein Gesicht! Meine grünen Augen. Fassungslos schnappe ich nach Luft. Nicht einmal der sanfte Klang von Panflöten-Musik, die aus meiner Bluetooth-Box erklingt, kann mich wieder beruhigen.

Dieses Erlebnis stellt alles bisher Gesehene in den Schatten. Noch nie hatte ich eine Vision, die mich dermaßen schockierte und aus der Fassung brachte. Was hat das bloß alles zu bedeuten?

Ich schließe die Augen und versuche ruhig durchzuatmen. Die Sekunden und Minuten vergehen. Schweißperlen rinnen über meinen Rücken. Schließlich traue ich mich, die Lider wieder zu öffnen. Mein Blick fällt auf die Baduhr.

„Oh, verdammter Mist! Jetzt hab ich mehr als zehn Minuten verloren.“

In Eile werfe ich mir die Klamotten über – dabei wäre ich lieber noch mal duschen gegangen – und schlüpfe in meine Ballerinas, schnappe mir meine Schultasche, schließe die separate Haustür meiner Erdgeschosswohnung ab und eile hinaus zu meinem Auto. Ich liebe diesen alten knallblauen Fiat Punto. 

Natürlich sind alle Ampeln in dieser verfluchten Kleinstadt rot. Ich habe es ja überhaupt nicht eilig.

Kopfschmerzen kündigen sich an, ich schließe kurz die Augen und reibe mir die Schläfen. Vor meinem inneren Auge flackert ein Bild auf. Kristallblaue Augen. Ein liebevoller Blick. Mein Herz beginnt wild zu pochen. Da ist er wieder. Der Mann, der so viele Jahre in meinen Träumen auftaucht. Sein Wikinger-Krieger-Aussehen strahlt etwas Rohes, Starkes aus mit einer Prise Anmut.

Wieso tauchst du ständig in meinen Gedanken, Träumen und Visionen auf? Was soll mir das sagen? Warum fühle ich eine schmerzhafte Sehnsucht, wenn ich dich sehe?

Das Hupkonzert holt mich zur Ampel zurück. Im Rückspiegel sehe ich wild gestikulierende Arme. Was der Fahrer schimpft, kann ich mir wortwörtlich vorstellen. Zur Entschuldigung hebe ich die Hand und nehme Kurs auf die Berufsschule, die nur noch zwei Straßen von mir entfernt liegt. 

Mit quietschenden Reifen donnere ich auf den Schülerparkplatz, wo ich schon sehnsüchtig erwartet werde.

„Jaislyn, what the fuck! Wo warst du denn so lange?! Ich muss doch noch die Hausaufgaben in Kundenorientiertes Verkaufen von dir abschreiben!“

Verstimmt zerre ich meine Mappe heraus und reiche sie meiner Freundin Mayli. Eigentlich heißt sie Mayleen, wird von mir jedoch liebevoll Mayli Monet genannt, weil sie irre gut malen und zeichnen kann. Meinen seltenen Namen verdanke ich meiner Mutter, die sich Hobbyautorin nennt, doch ich bin glücklich damit. Julia, Marie, Leonie und so weiter gibt es wie Sand am Meer, hat sie immer gesagt – um sich zu rechtfertigen, wenn die Leute sie bei meinem Namen schief ansahen. „Das konservative Volk“, schimpft sie immer.

Es klingelt. Mayli und ich eilen über den Schulhof in den dreigeschossigen, hässlichen Betonklotz, der sich Schulgebäude schimpft. Natürlich befindet sich unser Klassenraum im dritten Obergeschoss. Während wir die Treppen hinaufflitzen, wirft mir Mayli besorgte Seitenblicke zu.

„Du siehst blass aus, hast du einen Geist gesehen?“

Die furchtbare Vision mit der Ermordungsszene kommt mir in den Sinn. „Ich glaube eher, ich sehe zu viele Filme, anders kann ich mir meine seltsamen Träume nicht erklären.“

Mayli rümpft die Nase und sagt sarkastisch: „Wenn ich wie du zum Frühstück die Saw-Filme gucken würde, hätte ich auch Albträume.“

Ich boxe ihr sanft mit dem Ellenbogen in die Seite. „Ich bin ein abgebrühter Filmfan und hatte nie Probleme mit Albträumen. Aber mittlerweile sind es sogar Tagträume, die mich regelrecht überfallen und umhauen.“

Nachdenklich fährt sich Mayli durch das lange, dunkelblonde Haar. „Vielleicht bedeuten diese Visionen ja etwas. Wir treffen uns nachher, dann erzählst du mir alle Einzelheiten, und ich fertige Skizzen davon an. Alle außergewöhnlichen Träume schwarz auf weiß zu haben, kann hilfreich für dich sein. Ich meine … falls du dir nicht alle Visionen merken kannst.“

Ich bin dankbar, dass mir meine Ausbildung zur Kauffrau im Einzelhandel diese Freundin beschert hat. Ich lächle sie an und betrete den Klassenraum. Mayli ist sichtlich froh, dass der Tag mit dem Fach Steuerung und Kontrolle startet, so hat sie neunzig Minuten Zeit, meine Hausaufgaben abzuschreiben. Allerdings kassieren wir einen ungehaltenen Blick von unserer Lehrerin, Frau Böttcher, weil wir zu spät sind.

Wir sind bereits im dritten Ausbildungsjahr, und es sind nur noch wenige Wochen bis zur Prüfung. Für mich ist es die zweite Ausbildung, daher bin ich mit meinen einundzwanzig Jahren schon eine alte Schachtel in der Klasse. Als Bäckereifachverkäuferin verdiente ich einfach zu wenig, und deshalb wollte ich mich noch etwas weiterbilden. Mayli und ich arbeiten sogar im gleichen Geschäft. Schwerpunkt: Lebensmittelbranche. Wirklich miserable Arbeitszeiten. Im nächsten Leben werde ich Beamtin, das schwöre ich mir hoch und heilig.

„Ich werde das mit dem Rohgewinn und Reingewinn nie kapieren“, flüstert mir Mayli seufzend zu. Kaum zu glauben, dass sie so viele Schwierigkeiten hat, dabei sieht sie mit ihrer Brille echt intellektuell aus. Dazu finde ich sie wirklich respekteinflößend mit ihrer stattlichen Größe von bestimmt eins achtzig. Dagegen sehe ich aus wie ein Hobbit mit meinen hundertsiebenundfünfzig Zentimetern. Meiner Größe verdanke ich es auch, dass ich ein wenig rundlich wirke. Ich bilde mir immer ein: alles Muskeln vom Fahrradfahren und gelegentlichem Kickboxen sowie Selbstverteidigungskursen, worauf ich auch ein wenig stolz bin. Mich macht keiner so schnell fertig. Attraktiv finde ich an mir mein langes, glänzend schwarzes Haar, das mir über das Gesäß reicht, und die tiefgrünen Augen. Meine Brüste sind auch nicht ganz ohne, aber das möchte ich nicht weiter erörtern.

„Pause. Komm, wir gehen zu unserem Lieblingsplatz“, sagt Mayli und zieht mich vom Stuhl.

„Okay, aber nicht zu weit ins Dunkle. Sonst kriege ich wieder Panik.“

„Es ist nur ein Kellergeschoss, Jaislyn, da tut dir keiner was.“ Ich seufze. Ja, das weiß ich auch. Die Beklemmung vor dunklen Schächten, Kammern oder stinknormalen Kellergeschossen kann ich mir selbst nicht erklären. Liegt vielleicht an Träumen und Visionen von Verliesen und dem Lebendig-begraben-Werden. Hmpf. 

Wir setzen uns auf den Stufen zum Kellergeschoss mit dem Rücken an der Wand. Hierhin ziehen wir uns gerne zurück. Niemand hört zu. Wenn ich ehrlich bin, gehen wir den anderen Mitschülern mehr oder weniger aus dem Weg. Nicht weil wir in der Klasse unbeliebt sind, sie akzeptieren unsere Zweisamkeit.

Meine Gedanken schweifen wieder ab, dieses Mal jedoch etwas verträumter. Während sich Mayli ihrem Käsebrötchen widmet und Cola trinkt, bekomme ich keinen Bissen hinunter. Mayli stupst mich mit ihrer Cola-Flasche an und sagt mütterlich: „He, bei deiner Dauerdiät fällst du mir noch vom Fleisch.“

Das entlockt mir ein Lächeln. „Wohl kaum.“

Maylis schmatzende und schlürfende Geräusche erfüllen den Treppenabgang „Musst du mich immer so anstarren?“

Mayli zuckt die Schultern, die in einem schwarzen Rammstein-Shirt stecken, und fragt: „Denkst du wieder an diesen Typen?“

Ich sehe ziellos zum Kellergeschoss hinab. „Er ist nicht echt“, sage ich eine Spur zu bissig.

„Na aber in deinen Träumen schon. Und du bist so was von verknallt.“ Ein breites Grinsen schwingt in ihrer Stimme mit.

Verärgert werfe ich ihr einen Blick zu, der sie nicht wirklich einschüchtern kann, und sage: „Man kann keine Gestalten aus seinen Träumen lieben.“

Mayli wechselt zu einem schwärmerischen Ausdruck. „Du schon.“

Ich vermeide es lieber, sie anzublicken, und flüstere halbherzig: „So sonderbar findest du mich also?“

„Na hör mal! Ich wäre auch über beide Ohren verschossen, wenn ich heiße Träume von einem Wahnsinnsmann hätte, der Thor aus den Marvel-Filmen ähnlich sieht.“

Verstimmt ziehe ich die Augenbrauen hoch. „Ich hatte nie heiße Träume von ihm.“

Mayli wackelt mahnend mit dem Zeigefinger. „Na, na. Er hat dich im Traum gestreichelt.“

Ich verschränke abwehrend die Arme vor der Brust. „Er hat mein Gesicht berührt. Das ist doch keine heiße Stelle.“

Mayli fährt sich spielerisch, aber erotisch mit dem Zeigefinger von ihrer Stirn über die Wange zu den halb geöffneten Lippen und hinab zu ihrem Brustansatz. Wie es der Zufall so will, kommt ein Lehrer um die Ecke, der die Treppen hinabsteigen will. Bei seinem verwunderten Blick richtet sich Mayli kerzengerade auf und lässt die Hand in der Hosentasche verschwinden. Der Lehrer schüttelt den Kopf und geht weiter. Trotz ihres geschockten Blickes muss ich lachen.

„Toll! Jetzt hält er uns für lesbisch.“

Von Mayli kommt ein „Hmpf“. „Wie auch immer, als er dich in seinen Armen hielt, hast du bestimmt was zwischen deinen Beinen gespürt“, behauptet Mayli weiter.

Blitzschnell krame ich aus meinem Rucksack eine Taschentuchpackung heraus und schmeiße sie ihr an den Kopf.

„Ich habe nichts dergleichen gespürt.“

Mayli deutet an, die Packung zurückzuwerfen.

„Du hast mal gesagt: Die Träume seien so real, als hättest du alles wirklich gesehen und gefühlt. Du benimmst dich wie eine alte Jungfer. Was für einen Mauerblümchen-Sex hast du bisher getrieben?!“

Ich schnappe nach Luft und bedenke sie mit einem bitterbösen Blick. „Sehe ich so aus?!“

Na gut, den Sex, den ich bisher hatte, kann ich an einer Hand abzählen. Und mein erstes Mal mit sechzehn war der totale Reinfall. Ich glaube, ich bin beziehungsunfähig, solange mich diese Träume begleiten. Kein Typ fühlt sich richtig an.

Mayli grinst lasziv und neckt mich weiter: „Ich fertige eine Skizze deines Sexgottes an, dann hast du wenigstens was Festes in der Hand.“

Sie zwinkert mir verschwörerisch zu. Bei meinem traurigen Gesichtsausdruck wird Mayli jedoch wieder ernst und tätschelt mich am Oberarm. 

„Wünsch dir niemals, jemanden zu lieben, den es nicht wirklich gibt“, sage ich und spüre, wie eine Träne meine Wange hinabrinnt.

3

Seltsame Begegnungen

Nach der Schule setzen wir uns erschöpft in meinen Puki – so nenne ich meine kleine Rostlaube – und ich bringe Mayli nach Hause. Während der Fahrt hält sie sich meckernd die Ohren zu. „Dein Musikgeschmack ist der pure Horror!“

Daraufhin drehe ich die Lautstärke noch höher, und die Titelmelodie von Titanic dröhnt ihr entgegen. Genervt stöhnt sie auf. „Mit der Anlage solltest du lieber was Vernünftiges hören.“

„Komm mir nicht wieder mit deinem Heavy-Gebrüll.“

Mayli zieht ein paar CDs aus ihrer Tasche und wedelt damit vor meinen Augen herum. „Rammstein, Die Ärzte oder Edgy ist kein Gebrüll“, betont sie lautstark, als wäre ich ein begriffsstutziges Kind.

„Wie oldschool. Du schleppst noch CDs mit dir rum?“

Mayli streckt mir die Zunge raus. „Hier. Meine neueste Errungenschaft. Habe ich erst gestern meiner Mutter abgeschwatzt.“ Ich werfe nur einen kurzen Blick zu ihrem Rucksack, um die Straße nicht zu lange aus den Augen zu lassen, und runzele die Stirn.

„Ein Discman? Okay, Mayli, jetzt bist du wirklich oldschool.“

„Pff, lieber oldschool als eine Albträumerin wie du.“ Das sitzt und ruft mir meine Sorgen mit den Visionen wieder ins Gedächtnis. Zumal Maylis Provokationen nicht immer leicht wegzustecken sind. Aber ich liebe ihr offenes, taktloses und direktes Mundwerk.

Schweigend fahren wir weiter.

Mayli wohnt noch bei ihren Eltern in einer Neubausiedlung eines Vorortes. Ich halte auf dem Schotterparkplatz direkt vor der Tür des schicken Einfamilienhauses, das gerade mal drei Jahre alt ist. Jedes Mal muss ich staunen, wie mutig Familie Maikamp ihrem Neubau einen knallblauen Fassadenanstrich verpasst hat. Die schwarz glänzenden Dachziegel passen hervorragend zu dem Haus. Zahlreiche Fenster sorgen für viel Licht und Wärme. Der offene Wohn- und Esseckebereich grenzt an die Küche und bietet genug Platz für die gesamte Familie.

Ich bin gerne hier und vor allem oft.

Mayli ist achtzehn, hat aber noch kein eigenes Auto, daher spiele ich ab und an den Chauffeur. Ihre sechzehnjährige Schwester Marie und ihren vierzehnjährigen Bruder Marvin sieht man so gut wie nie.

Schnell rauschen wir die Holztreppe hinauf zu ihrem Studiozimmer, wie Mayli es nennt. Hier hat sie eine Menge Licht für ihre Malerei. Supergelungene Porträts von Katzen, Hunden und Pferden zieren ihre lila und rosa gestrichenen Wände. Auch beeindruckende Bilder von fantasiereichen Orten springen mir ins Auge. Poster von Rammstein, Edgy, den Ärzten und Iron Maiden hängen zwischen den Zeichnungen. Mayli wirft ihre Schultasche achtlos in die Ecke, geht an ihre Staffelei und klemmt über eine leere Leinwand dickes Papier. Danach schnappt sie sich ihren Kohlestift, um ihn anzuspitzen. Ich werfe mich auf ihr hellblaues Sofa und lege den Kopf in den Nacken, um kurz die brennenden Augen zu schließen, dabei scheint mir die Sonne durch das Dachfenster ins Gesicht.

Als ich nichts mehr von ihren Anspitztätigkeiten höre, schiele ich zu ihr rüber. Sie wirft mir einen erwartungsvollen Blick zu, und ich versuche meine Gedanken zu ordnen, um Mayli ja nicht zu enttäuschen. „Wo soll ich anfang…“ 

Da fällt sie mir prompt ins Wort: „Magst du heute Abend bei uns essen? Es gibt mein Leibgericht. Rotkohl mit selbst gestampftem Kartoffelbrei und Cordon bleu.“

Ich sehe sie dankbar an. „Ja, gerne. Allein zu essen, regt nicht gerade den Appetit an. Und wenn ich es wage, mich bei meinen Eltern einzuladen, komme ich da so schnell nicht wieder weg.“

„Tja, die Bürde eines Einzelkindes.“ Mayli wendet sich wieder ihrem Blatt Papier zu und ermahnt mich eindringlich: „Krümel bloß nicht wieder rum, sonst saugt dich meine Mom mit dem Handstaubsauger ab, wie neulich.“ Um das Ganze noch zu unterstreichen, fuchtelt sie mit dem Zeigefinger hin und her.

Ich versuche mich wieder auf meine Visionen zu konzentrieren. „Also oft sehe ich eine fremde Welt oder Stadt. Sie wirkt wie eine Mischung … ich weiß nicht, es ist ein seltsamer Mix aus altägyptisch-römisch-griechischer Architektur. Da ist dieser riesige Palast, der aus vielen schmalen Türmen besteht, aus deren Wasserspeier schier endlose Wasserfälle herabfließen. Und ein so azurblauer See, wie ich ihn nie zuvor gesehen habe. Der Himmel und das Wasser scheinen miteinander zu verschmelzen. Üppige Gärten, beinahe wie eine Mischung aus Weinhängen und Rosengärten, erstrecken sich rund um den Palast und die vielen offenen Terrassen. Hohe weiße Steinsäulen, an denen sich Efeu hinaufschlängelt. Alles funkelt in dem strahlenden Weiß, und jede Skulptur, jedes Geländer, einfach alles ist übertrieben mit Gold verziert.“ Ich muss Luft holen, die Bilder überfluten mich. „Die Stadt erstreckt sich rund um den riesigen See. Die Häuser, die nahe am Palast sind, ähneln Villen mit goldenen Dächern. Alles wirkt offen und einladend. Es gibt zwei große Glaspyramiden, in denen sich die Sonnenstrahlen und das Wasser spiegeln, dass es wie ein einziger Diamant wirkt. Es duftet nach Rosen, Flieder und Jasmin. Die Blumen in Balkonkästen sind bunt und zauberhaft. Die gepflasterten Straßen schimmern schwarz-bläulich. Die Gebäude passen gar nicht zusammen, wirken surreal, aber mit einer Schönheit und einer Prise Charme, wie ich es in noch keinem Fantasyfilm gesehen habe.“

Nervös kratze ich mich am Kopf. „Je weiter man sich von dem See im Stadtkern entfernt, desto wüstenähnlicher wird es. Die Häuser werden kleiner, die Dächer wirken dunkler, wie Bronze. Diese Stadt scheint eine Oase mitten in der Wüste zu sein.“

Mayli lässt ihren Stift in der Luft kreisen und blickt kurz zu mir herüber. „Ist doch gar nicht schlecht für den Anfang. Aber so schnell, wie du sprichst, kann ich gar nicht skizzieren.“

„Tschuldige. Meine Faszination für diesen Ort könnte nicht größer sein. Wenn ich ehrlich bin, träume ich gerne von dieser Stadt. Aber es macht mir auch Angst, weil ich das Ganze nicht verstehe.“

Mayli überlegt kurz und antwortet: „Du hast eine lebhafte Fantasie. Schon mal daran gedacht, Bücher zu schreiben?“ 

„Schon mal daran gedacht, Kunst zu studieren? Du hättest dein Talent wirklich zum Beruf machen sollen, anstatt in einem Laden zu versauern.“

„Das war keine Antwort auf meine Frage“, tadelt sie, um schließlich zu resignieren. „Ich finde, wir sollten am Ende all meine Skizzen in einer Ansichtsmappe sammeln.“

Na das wird aber eine fantastische Mappe voller bizarrer Orte, denke ich mir. Mayli skizziert fleißig weiter, und ich genieße ein wenig die angenehme Stille.

„Sind diese Skulpturen auch menschenähnlich?“

„Ja, einige. Schöne Frauen in fließenden Gewändern oder Tuniken. Soldatenskulpturen, und einige sehen aus wie Herrscher.“

Mayli schaut verstimmt zu mir herüber. „Herrscher? Soll ich so nen Caesar-Verschnitt skizzieren? Oder Napoleon?“

Ich lege das Gesicht in die Hände und stütze die Ellbogen auf meinen Oberschenkeln ab.

„Nein, so sah das nicht aus. Ich sagte doch, es ist schwer zu erklären.“

Mayli murmelt ein „Sorry und arbeitet hoch konzentriert weiter.

Nach einer längeren Weile stehe ich auf, gehe um die Staffelei herum, um ihr einen Blick über die Schulter zu werfen. Ein kleiner Adrenalinstoß jagt durch meinen Körper, und ich schaue beeindruckt und sprachlos auf ihren Entwurf.

„Wow.“ Mehr kommt mir nicht über die Lippen. So ein Talent ist mehr als sagenhaft. Aus meinen dahingebrabbelten Worten ist eine faszinierende Stadt auf Papier entstanden. „Wenn ich das betrachte, fühle ich mich, als stünde ich in einer Kulisse von ‚Spartacus‘, ‚Hercules‘ und gehe ‚Im Reich der Pharaonen‘ spazieren und sehe einen Hauch von Asgard. Wie du die Wasserfälle, Villen, den Palast … einfach alles skizziert hast … es ist unglaublich! Wie hast du das bloß hinbekommen?“

Mayli lächelt mich voller Stolz an. „Das, meine Süße, ist meine Art, meiner Fantasie Ausdruck zu verleihen.“

Bevor meine Augen weiter diese wunderschöne Zeichnung bestaunen können, klopft es an der Tür, und die Stimme ihrer Mutter erklingt: „Kommt ihr zum Essen? Vergesst aber das Händewaschen nicht.“

Mayli rollt die Augen, lässt den Stift demonstrativ fallen und hakt sich bei mir unter. „Na los. Kippen wir uns eine Runde Cola-Bier in den Kopf.“ Dazu sage ich nicht Nein, allerdings muss es bei einer Flasche bleiben, wenn ich nicht zu Fuß nach Hause will.

Erst gegen dreiundzwanzig Uhr komme ich in meiner Wohnung an. Ein Glück, dass ich am nächsten Tag Spätschicht habe und ausschlafen kann. Gut gelaunt durch Maylis unbeschwerte Art schlüpfe ich unter meine kuschelige Decke. Schnell schlafe ich ein und lasse mich von neuen Traumabenteuern umarmen.

Kristallblaue Augen strahlen mir entgegen. Das dunkelblonde, schulterlange Haar umschmeichelt seinen kräftigen Hals. Den langen Pony hat er zurückgebunden, damit ihm das Haar nicht ständig ins Gesicht fällt. Sein durchtrainierter Körper steckt in einem altertümlichen Leder-Kampfanzug mit blauem Umhang. Ich schmelze dahin, so sehr bin ich von seiner Schönheit gebannt. Normalerweise mag ich keine Männer mit Bart, aber ihn könnte ich mir ohne seinen geschmackvollen Sieben-Tage-Bart gar nicht vorstellen. Wie soll ich dich nur nennen? Brad Pitt alias Tristan oder gar Chris Hemsworth alias Thor? Was bist du? Ein Prinz? König, Kaiser oder Fürst der Verzauberung? Du stellst alle männlichen Wesen dieser Welt in den Schatten. Selbst der Anblick, wie du lässig an der Balkonbrüstung lehnst, ist prickelnd und voller Sex-Appeal. Zumindest für mich.

Meine Hände fangen selbst im Traum an zu schwitzen. Wie kann sich das nur so real anfühlen? Mein langes Haar weht im warmen Wind, und ein silberfarbener Umhang flattert an meinem Körper. Erstaunt erblicke ich an mir eine weibliche Soldatenkleidung. Ich gehe gemächlich auf ihn zu, er nimmt meine linke Hand in die seine und führt sie sanft zu einem Kuss an seine hübschen Lippen. Ich blicke ihm entzückt in die Augen, um mich in ihnen zu verlieren. Doch der ersehnte Kuss auf meinen hungrigen Mund bleibt aus. Etwas flüstert in mir, dass wir uns nicht küssen dürfen. Das Gefühl hatte ich noch nie. Bin ich nicht gut genug für ihn? Oder nur eine Freundin? Sind wir vielleicht sogar verwandt? Oh nein, lass mich nicht seine Schwester sein.

Er blickt in die Ferne, über all die eindrucksvollen Stadtvillen hinweg, mit den goldenen oder bronzenen Dächern, üppigen Balkonen voll von Blumen wie Callas, Orchideen, Rosen, Hyazinthen und bunte Gerbera.

In seinem Gesicht erkenne ich eine gewisse Traurigkeit – oder gar Hilflosigkeit? Ich wende den Blick von ihm ab, da mich sein Schmerz traurig stimmt. Hinter mir sehe ich wehende Stoffe, die anscheinend den Eingang zu seinen Privatgemächern verhüllen. Erst jetzt fällt mir die Pracht des Gebäudes auf, dem dieser Balkon angehört. Es muss ein Herrscherpalast sein, gar keine Frage.

„Nailah?“

Ich drehe mich wieder zu dem Mann um und traue meinen Ohren nicht.

Hat er mich gerade so angesprochen?

„Lorius.“

Habe ich das gerade gesagt?

Verwirrt wache ich auf. Es ist erst kurz vor sechs Uhr, das wars wohl mit Ausschlafen. Verärgert krabbele ich aus dem Bett, werfe mir ein weißes XL-Schlabbershirt über und gehe aus dem Schlafzimmer. Im kleinen Wohnzimmer liebäugele ich mit den „Herr der Ringe“-Filmen. Irgendwie muss ich die Zeit bis zu meiner Spätschicht überbrücken, aber nicht ohne Stärkung. In meiner Miniküche mit den scheußlich grünen Fliesen und Siebzigerjahre-Möbeln mache ich mir einen kalten Kakao, gähne und schlurfe mit meiner Schokodroge zurück ins Wohnzimmer. Die Balkonszene aus meinem Traum drängt sich in mein Bewusstsein, daher fällt mein Blick auf den Laptop anstatt zum DVD-Regal.

Okay, die Filme müssen warten. Googeln hilft bei allen Fragen.

Ich setze mich auf meine L-förmige Couch in Anthrazit und starte den Laptop. Zu meiner Enttäuschung kann ich nach wenigen Klicks nichts Interessantes über die Namen Nailah und Lorius finden, jedenfalls nichts, was zu meinen Träumen passen würde. Ich schnappe mir mein Smartphone und wünsche Mayli per WhatsApp einen Guten Morgen und viel Spaß bei der Frühschicht. Sie ist heute für den Backshop eingeteilt, und diese Arbeit mögen wir beide sehr. Dennoch wollte ich nicht mit ihr tauschen.

Gedankenverloren sehe ich durch mein Wohnzimmer. Ein moderner TV-Schrank in Weiß und Silber, völlig überfüllte DVD- sowie Bücherregale, eine Essecke mit rundem Tisch aus Buche und vier Rattanstühle. Mein größter Stolz ist ein wirklich gut gelungenes Schwarz-Weiß-Porträt von mir, das mir Mayli zum Geburtstag geschenkt hat. Eigentlich mag ich es nicht, wenn man Bilder von sich selbst in der eigenen Wohnung aufhängt, aber auf diesem Porträt finde ich mich ausnahmsweise richtig schön.

Ich bin zufrieden mit meiner kleinen Fünfzig-Quadratmeter-Erdgeschosswohnung. Ein Minigarten, der vor lauter Büschen nicht einzusehen ist, gehört dazu und ein eigener Parkplatz. Mein Vater kommt einmal die Woche, um mir liebevoll den Rasen zu mähen. Meine Mutter nutzt dabei ständig die Gelegenheit, meinen Kühlschrank vollzustopfen, damit ich bloß nicht verhungere. Ich bin von zu Hause ausgezogen, um ihnen zu beweisen, dass ich mich selbstständig versorgen kann. Allerdings denke ich, dass Eltern, die nur ein Kind haben, einfach nicht anders können, als zu bemuttern.

Als ich das rote Backstein-Mietshaus, das von Bäumen und Büschen umringt ist, zum ersten Mal sah, wusste ich, dass ich hier glücklich werde und meine Privatsphäre bekomme. Eine eigene Hauseingangstür mit Klingel fühlt sich richtig gut an. Sämtliche „Keep out“-Schilder von meinem Kinderzimmer, die in meinen Umzugskartons gelandet waren, flogen in die Mülltonne. Endlich allein. Ich war meine eigene Chefin.

Wenn ich wenigstens Herrin über meine Träume wäre. Hmpf. Ein Plong, das nur von meinem Smartphone stammen kann, holt mich ins Hier und Jetzt zurück. Mayli hat aus dem Backshop ein Selfie geschickt, worauf sie jedoch nicht gerade munter aussieht. Es folgt eine Nachricht: „Gehen wir heute zum Berufsschultreff?“

Müde fahre ich mir mit der Hand über das Gesicht und überlege kurz, dann schreibe ich zurück: „Warum nicht? Ich komm nach Ladenschluss. So ca. zwanzig Uhr dreißig. Wo ist das denn?“

Es dauert gut fünfzehn Minuten, bis sich Mayli wieder meldet und mir mitteilt, dass die Party bei Marcel stattfindet. Seine Eltern wohnen in einem alten Bauernhaus aus dem 19. Jahrhundert mit einer guten Scheunen-Location, da stört niemanden die laute Musik. Also sage ich zu und gehe sogleich an meinen Kleiderschrank, um ein passendes Partyoutfit herauszusuchen.

Der Vormittag zieht sich schleichend dahin, und ich vertreibe mir die Zeit mit Lesen. Das ist oft ein Nachteil bei Spätschicht, man muss elend lange warten, bis man zur Arbeit kann, und der Nachmittag sowie der Abend sind auch hinüber. Um elf Uhr macht mein Smartphone erneut Plong, und gelangweilt sehe ich nach, was es Neues gibt. Mayli hat mir eine Voicemail geschickt. Ihre Stimme klingt so aufgeregt, dass ich die Nachricht mehrmals hören muss. „Du glaubst nicht, was ich hier beobachte! Zum Glück bin ich gut hinter meiner SB-Theke versteckt. Echt der Hammer, sag ich dir.“ Anstatt auf den Punkt zu kommen, spricht sie in Rätseln, und da ich keine Lust auf ein Schreib-Hin-und-Her oder Voicemail-Hin-und-Her habe, rufe ich sie einfach an.

„Was ist denn passiert?“

Mayli holt geräuschvoll Luft, schweigt jedoch. Mit einem Mal brüllt sie: „Sogar die Kunden wirken nervös und ängstlich.“

Langsam verliere ich die Geduld und schnauze sie an: „Was ist denn los?!“

„Sag mal, ist ein Zirkus oder eine Theatergruppe in der Stadt?“, kommt sie mit einer Gegenfrage, anstatt mir meine zu beantworten.

„Das weiß ich doch nicht“, erwidere ich verstimmt.

Mayli scheint aber gar nicht zuzuhören, sondern beobachtet lieber ihre interessante Entdeckung. Ich schweige, in der Hoffnung, dass sie sich daran erinnert, mich noch immer am Ohr zu haben. Plötzlich saugt sie geräuschvoll den Atem ein und beginnt zu flüstern: „Deine Träume machen mir doch langsam Angst.“

Verständnislos runzele ich die Stirn und weiß gar nicht, was ich darauf erwidern soll.

„Ich mach dir heimlich ein Bild, sonst glaubst du es eh nicht“, flüstert sie.

„Nun sag doch, was los ist“, blaffe ich sie an.

Langsam kann ich durch das Smartphone Maylis echte Anspannung fühlen. Kurz und knapp schildert sie schließlich: „Ein Dunkelelf, Wolfman und so eine Art Monsterzwerg spazieren hier durch den Laden.“

Ich möchte sie am liebsten auslachen, aber der Ton ihrer Stimme klingt einfach zu ernst. Plötzlich ist die Verbindung weg, doch sogleich kommt ein Foto an, und ich sehe die Gestalten auf meinem Display. Der sogenannte Dunkelelf trägt einen Köcher mit Pfeilen auf dem Rücken und den Bogen in der Hand. Ein langes Schwert sitzt griffbereit in seiner Scheide am Gürtel. Die Wolfman-Kreatur braucht wahrlich keine Waffen. Seine Reißzähne und Klauen reichen völlig aus, um gefährlich zu wirken. Der Zwerg sieht aus wie ein Dutzend Mal zusammengetackert. Eine interessante Mischung aus Zwerg und Ork. Seinen Körper bedecken Narben, so weit das Auge reicht. Sein mörderischer Blick jagt mir eine kalte Angst über den Rücken. Mayli sendet ein kurzes Video. Ich schlage mir eine Hand vor den Mund. Der irre Blick des Zwergs fährt mir in die Glieder, weil er aussieht, als könne er sich kaum zügeln zuzuschlagen. Die Kreaturen suchen den Laden ab. Der Blick des Dunkelelfen scannt sämtliche Kunden und meine Kollegen. Als mein Smartphone klingelt, zucke ich zusammen.

„Sie scheinen jeden genau zu mustern, ohne jedoch langsamer zu gehen“, flüstert mir Mayli zu, als hätte sie meine Gedanken gelesen.

Adrenalin und Übelkeit drohen mir den Bauch zu sprengen. Angstschweiß rinnt mir die Schläfen hinunter.

„Vielleicht ist es wirklich nur eine Zirkus-Truppe“, stammle ich.

„Pah, dann haben die aber so dermaßen gute und teure Kostüme und Maskenbildner, wie sie nur Hollywood bezahlen kann. Dieses bösartig aussehende Ork-Geschöpf … damit komme ich echt nicht klar.“ Maylis Stimme schwankt zwischen Sarkasmus und Angst.

„Beastes!“ Vor lauter Schreck zucke ich zusammen und lasse mich auf mein Sofa sinken, als ich diese böse Stimme voller Befehlsgewalt durch das Smartphone höre.

„Okay, das reicht. Ich haue ab ins Kühlhaus. Ein besseres Versteck hat dieser Scheißladen ja nicht zu bieten“, sagt Mayli ängstlich. „Diese Dunkelelf-Gestalt scheint wohl der Boss zu sein, und der hat diesen Zwerg-Ork-was-auch-immer-Verschnitt zurückgepfiffen, als er in meine Richtung kam“, fügt sie rasch hinzu.

In Panik sehe ich auf die Uhr, um festzustellen, dass ich in zwei Stunden zur Arbeit müsste. Unfähig, einen klaren Gedanken zu fassen, was das alles zu bedeuten hat, kaue ich mir die Haut an den Fingernägeln blutig. Mindestens zwanzig Minuten hocke ich auf dem Sofa und höre gebannt Maylis ängstlichem Atem zu. Auf einmal schreit sie vor lauter Schreck auf, um sogleich wütend loszubrüllen, da, den Geräuschen nach zu urteilen, die Tür zum Kühlhaus geöffnet wurde.

„Du hast mich zu Tode erschreckt!“, schreit Mayli irgendwen an und scheint sich keuchend an jemandem vorbeizuzwängen.

„Mensch, du bist ja kalt wie ein Joghurt oder wie die Brötchenteiglinge hier drin, Mädchen. Was treibst du denn so lange hier?“ An ihrer Stimme erkenne ich unsere Kollegin Renate.

Ich stelle mir vor, wie Mayli nervös durch den Backshop tigert und einen vorsichtigen Blick über die Theke durch den Laden wirft, und hoffe, dass sie bald wieder mit mir spricht.

„Hast du dich auch vor den komischen Leuten versteckt?“, fragt Renate und beginnt herzlich zu lachen. „Da hab ich ja was verpasst. Sogar unser Geschäftsleiter ist ganz aus dem Häuschen. Und auch einige Kunden sollen regelrecht verstört bis hin zu hysterisch gewesen sein.“

Bevor Mayli der netten alten Renate, die kurz vor der Rente steht, die Bilder von den mysteriösen Gestalten zeigen kann, beende ich ohne Gruß das Gespräch, da Mayli mich sowieso völlig vergessen hat, und ziehe mich für die Arbeit um. Mein Kopf ist komplett leer, nur mein Körper zieht mechanisch die grüne Arbeitsbluse mit dem aufgestickten M, was für Marktland steht, an, um sich sodann der dunkelblauen Arbeitsjeans zu widmen. Kartonmesser, Kugelschreiber, Edding und Tiefkühlschutzhandschuhe wandern wie von selbst in die Hosentaschen und warten auf ihren Einsatz.

Auf der Arbeit angekommen, ist die unheimliche Kundschaft immer noch das Gesprächsthema des Tages. Sogar ein Reporter der Tageszeitung war vor einigen Minuten da und hat sich Smartphone-Bilder geben lassen, die die Mitarbeiter heimlich von den Gestalten geschossen haben.

Mayli zieht mich zur Seite, um mich auf den aktuellen Stand zu bringen: „Die Typen wurden zu Freaks erklärt, die uns nur Angst einjagen wollten. Einige behaupten, wir könnten von Glück sprechen, dass die komischen Kerle keine Amokläufer waren, die uns plattmachen wollten. Aber ich sage dir, und DAS IST MEIN ERNST – die sahen nicht aus wie ein paar bekloppte Gamer, die ihre Ballerspiele nicht von der Realität unterscheiden können. Die haben etwas gesucht oder jemanden! Also halt die Augen auf, Süße, und verschwinde ins Kühlhaus oder sonst wohin, wenn dir was komisch erscheint. Irgendetwas stimmt hier nicht.“

Ich bringe nur ein Nicken zustande.

Hätte ich nicht des Öfteren diese seltsamen Träume und Visionen gehabt, würde ich das mit den Freaks glauben, doch wenn sogar Mayli beunruhigt ist, kann hier etwas nicht stimmen, und ich weiß nicht, ob ich dem überhaupt auf den Grund gehen möchte.

Mayli haucht mir einen Kuss auf die Wange, drückt mich kurz an sich und nickt mir zum Abschied zu. Äußerlich um Fassung bemüht und innerlich total verängstigt starre ich meiner Freundin nach, die ihrem wohlverdienten Feierabend entgegeneilt. Erst als mich eine Kundin aus den Gedanken reißt, indem sie mir ungeduldig auf die Schulter klopft, da ich anscheinend nicht reagiert habe, kehre ich geistig in den Laden zurück. Ich führe die Frau zur Weinabteilung, um ihr den gesuchten Merlot zu reichen. Danach schaue ich mir die Regale an und notiere mir auf einem Schmierzettel, welche Waren knapp sind oder gar fehlen, und begebe mich zum Lager, um mir eine Palette mit neuen Weinkisten zu besorgen. Gut, dass ich nicht schmächtig bin, sondern durch Krafttraining starke Muskeln habe. Sonst würde ich mich mit Hubwagen und schweren Paletten herumquälen, und ich bin nicht der Typ, der sich gerne helfen lässt. Selbst ist die Frau. Wenn ich eins hasse, ist es, um Hilfe zu bitten, daher versuche ich in jeder Situation erst mal alles allein zu meistern.

Im Lager finde ich beim Weinhochregal neue Ware, die noch mit Folie umwickelt ist und förmlich nach mir schreit: „Pack mich aus!“ Zuallererst muss ich einen Hubwagen ergattern, den sich die Obst- und Gemüseabteilung, kurz O & G genannt, sicherlich wieder unter den Nagel gerissen hat. Warum wir so spärlich mit solch wichtigen Arbeitsmitteln ausgestattet sind, verstehe ich schon seit fast drei Jahren nicht, aber heute ärgere ich mich nicht darüber, es ist mir völlig egal, da sich meine Gedanken um andere Ereignisse drehen. Seit heute Morgen ist mir klar, dass dies kein gewöhnlicher Arbeitstag sein wird. Und tatsächlich ertappe ich mich dabei, wie ich ängstlich bei jedem Geräusch zusammenzucke. Wenn ich heute weiterhin so ein Weichei bin und drohe, die Nerven zu verlieren, werde ich es nicht bis Ladenschluss aushalten, fürchte ich.

Ah, siehe da, ein Hubwagen bei den Non-Food-Artikeln, wie schön, dann muss ich nicht so weit zur O-&-G-Abteilung wandern. Nachdem ich meine Palette in den Laden gezogen habe, dabei unruhig in jede Ecke schiele und tierisch unter Verfolgungswahn leide, parke ich meine Ware da, wo sie hingehört. Verärgert über mein ängstliches Verhalten, fische ich in dem Augenblick mein Kartonmesser hervor, als der Geschäftsleiter auf mich zukommt.

„Hallo, Frau Singer. Kommen Sie zurecht?“ Er reicht mir freundlich die Hand zum Gruß, die ich höflich schüttele.

„Ja, alles bestens. Nur die Aufregung hier von heute Morgen hat mich etwas verunsichert.“

Prüfend schaut er mich an. „Sie sehen etwas blass aus, gehen Sie doch kurz etwas trinken.“

Ich winke ab. „Es wird schon gehen. Danke.“

Sein Blick deutet ein „Wie Sie meinen“ an, und er nickt mir zu, um seinen Geschäftskontrollrundgang weiterzuführen.

Kein schlecht aussehender Kerl, so Mitte dreißig, denke ich mir und widme mich wieder meinem Wein, den ich allerdings jetzt lieber trinken würde, als ihn ins Regal zu stellen.

Schade, schade, aber man kann nun mal nicht alles haben.

Ich muss mich zusammenreißen. Meine heutige Antriebslosigkeit geht mir wirklich langsam auf die Nerven, und ich seufze vor mich hin. Da fällt mir ein, dass mir noch ein Pappwagen fehlt, ich schaue mich um, und glücklicherweise steht bei den Spirituosen noch einer. Mein Blick fällt auf meine Armbanduhr, und ich erschrecke, wie lange ich schon hier bin und wie wenig ich in der Zeit geschafft habe. Eilig ziehe ich mir den Pappwagen heran und schneide die Folie von der Palette. Eine Zweistufenleiter hab ich mir auch noch nicht besorgt.

Mann, das ist ja wie im ersten Lehrjahr. Ich bin total unorganisiert.

Während ich still mit mir selbst schimpfe, besorge ich mir eine Leiter, schnappe mir einen Karton, steige auf die Stufen und befülle das leere Regal. Auf der anderen Seite müssen Sektflaschen fehlen, da ich mühelos hindurchsehen kann. Also gehts nach dem Wein ab zur Sektabteilung.

Ein wenig wackelig klemme ich mir die Weinkiste unter den rechten Arm, um mit der linken Hand die Flaschen aus dem Karton einzuräumen. Als mein Blick wieder ins leere Regal wandert, rutschen mir jedoch – wie in Zeitlupe – Flasche und Karton aus Arm und Hand. Das Zerschellen der Weinflaschen auf den Fliesen nehme ich nur am Rande wahr, während ich wie gelähmt durch das Regal starre. Sehe ich wirklich, was ich da sehe?

Unfassbar!

Ich bin wie elektrisiert und klammere mich an die Hoffnung, dass es wahr ist, dass mich meine Augen nicht täuschen. Wunderschöne kristallblaue Augen schauen mich so intensiv mit einem ertappten Ausdruck an, dass gar kein Zweifel besteht. Meine Lippen sind leicht geöffnet, ich bekomme jedoch keinen Pieps heraus. Ich schwitze, und der grüne Lidschatten, passend zu meinen Smaragdaugen, oder der schwarze Mascara brennt mir in den Augen, was mich blinzeln lässt. Doch diese blauen Augen sind noch immer da sowie dieser unglaublich schöne Mund, den ich bisher nur in meinen Träumen sah. Es sind nur Sekunden, aber dieser wundervolle Moment scheint mir wie eine Ewigkeit.

Endlich löse ich mich aus meiner Starre und springe die Leiter hinab, um gleich darauf auf der Weinlache auszurutschen und hinzufallen.

Na prima, jetzt trete ich meinem Sexgott nach portugiesischem Weißherbstwein riechend gegenüber. Schnell rappele ich mich auf, zupfe mir zwei kleine Splitter aus der Hand und stürze ums Regal, nur um einen letzten Blick auf einen wehenden blauen Umhang zu erhaschen.

Er ist fort.

Ich renne und renne. Schaue in jeden Gang. Egal, ob mir Kunden und Kollegen fragend nachstarren. Das Adrenalin hält mich auf Trab. Ich muss ihn finden. Ich habe mir das nicht eingebildet. Er war wirklich echt. Warum bist du fort?! Wo bist du hin?!

„Lorius.“ Ich höre meine Worte selbst kaum, so traurig leise ist meine Stimme. Er ist fort, ich kann ihn nicht finden, und mein Herz fühlt sich an, als hätte ich den schlimmsten Verlust meines Lebens erlitten.

4

Gefunden

Nachdem ich mich Stunde um Stunde durch den Arbeitstag gequält habe, heißen mich nun endlich der Feierabend willkommen und das wohlverdiente Wochenende. Na ja, von Wochenende kann eigentlich keine Rede mehr sein, da morgen schon Sonntag ist. Schnell flitze ich in die Umkleide, um mich frisch zu machen. Von der Azubine verwandele ich mich in eine erotische Partymaus. Feiern und Abwechslung sind genau das, was ich jetzt brauche, da sich mein Gemütszustand anfühlt, als hätte ich einen schlimmen Todesfall in der Familie erlitten. Die ängstlichen Gefühle verbanne ich in die hinterste Ecke meines Bewusstseins, genauso wie ich als Vollprofi die Erinnerungen der Träume stets verbannen konnte. Ansonsten hätte ich meinen Alltag kaum bestreiten können mit so viel Wirrwarr im Kopf. Außerdem bin ich völlig aufgeregt, Mayli zu sehen, um ihr von meinem unglaublichen Erlebnis zu berichten. Per WhatsApp wollte ich ihr meine unheimliche Begegnung nicht mitteilen, weil ich einfach live ihren Gesichtsausdruck sehen will, außerdem kann ich das Ganze selbst noch nicht richtig fassen.

„Wow! Noch in die Disco?“ Bewundernd hält mir der zweiunddreißigjährige Steffen aus der Elektroabteilung die Personaltür zum Parkplatz auf. Ich lächele ihn dankbar an und antworte: „Nö, auf Disco stehe ich nicht. Privatparty auf einem Bauernhof.“

Steffen grinst und scheint sich gedanklich wohl an seine Jugendpartyzeit zu erinnern. „Na dann, viel Spaß.“

Ich murmele „Danke“ und gehe zu meinem Auto. Noch immer betrübt von meinem Seelenleben, weil Lorius verschwunden ist, werfe ich meinen Arbeitsrucksack in den Kofferraum. Als ich die Heckklappe zuschmeißen will, erhaschen meine Augen erneut das Flattern eines blauen Umhangs, der gerade um das Geschäftsgebäude verschwindet. Meine Heckklappe ballert gewaltig zu, und ich renne mit pochendem Herzen los, das mir droht aus dem Körper zu springen, so aufgewühlt sind meine Gefühle. Ein verzweifeltes „Warte!“ verlässt meine Lippen, und ich stürze um das Gebäude herum, nur um festzustellen, dass niemand auf dem Kundenparkplatz zu sehen ist. Tränen schießen aus meinen Augen, und ich lehne meine glühend heiße Stirn an die kühle Mauer des Geschäftes.

Warum quält er mich so? Bilde ich ihn mir doch nur ein?

Die Musik von Hurts mit dem Titel „Stay“ holt mich aus meiner Furcht und Ratlosigkeit heraus, aber es dauert einige Sekunden, bis ich begreife, dass es sich um meinen Klingelton handelt. Ein Blick aufs Display sagt mir, dass es bereits einundzwanzig Uhr ist und ich in meiner Verzweiflung wohl eine Weile die Mauer geknutscht haben muss. Ich hauche ein „Ja?“ ins Smartphone, und Mayli hört sich bei dem Klang meiner Stimme sofort besorgt an: „He, was ist los? Wann kommst du?“

Mein Hirn macht Ping, da war doch noch was? Und ich erinnere mich, wo ich eigentlich hinwollte.

„Bin auf dem Weg, erzähle dir gleich alles. Bye.“ Ich lege auf, um zu meinem Puki zurückzutrotten.

Die Party ist bereits in vollem Gange, und die Musik plärrt mir noch im Auto sitzend entgegen. Es ist ein beeindruckendes Fachwerkhaus mit bestimmt vierhundert Quadratmetern Wohn- und Nutzfläche. Ein gepflegtes, schwarzes Dach glänzt mir entgegen, und mir fallen zwei Paddocks auf sowie die meterlange Scheune, aus der die LED-Disco-Strahler leuchten. Solch alte Bauernhäuser aus dem 19. Jahrhundert strahlen eine gewisse Ruhe und Gemütlichkeit aus. Die herrlich grüne Umgebung mit Blick auf Wald und Wiesen lässt das Gebäude richtig romantisch aussehen.

Ich fühle mich sofort heimisch. Endlich kann ich mich ein wenig entspannen, um meine Chaos-Gedanken zu ordnen.

Daher lasse ich mir mit dem Parken und Aussteigen etwas Zeit, bevor ich mich in das laute Getümmel werfe. Nach einigen Minuten läuft Mayli mit zwei Bierflaschen aus der Scheune, blickt sich suchend um und erspäht mein Auto. Zügig kommt sie auf mich zu, öffnet meine Tür und schiebt mir die Flasche ins Innere des Wagens. Wir stoßen an und trinken erst mal einen Schluck, bevor wir uns begrüßen.

Müde quäle ich mich aus meinem Puki und umarme meine Freundin heftiger als geplant, wobei unser Bier verschüttet, und hauche ihr ein „Hi“ ins Ohr. Schließlich drückt sie mich eine Armeslänge von sich, um mein Gesicht genauestens zu mustern. Dabei fängt ihre Nase an zu schnüffeln.

„Was riecht denn hier so nach säuerlichem Wein? Hast du etwa schon auf der Arbeit vorgetankt?!“

Ups, da haftet wohl noch was auf meiner Haut, aber das ist mein Stichwort. 

Ich ziehe Mayli von der lauten Musik fort Richtung Wald. Unter einem Spitzahorn bleiben wir stehen, damit ich ihr alles haarklein berichten kann. Wie erwartet ist ihr Gesichtsausdruck phänomenal. Vor lauter Staunen bekommt sie den Mund nicht zu, bringt jedoch kein Wort heraus. Also gebe ich ihr Zeit, das eben Gehörte zu schlucken. Immer wieder fährt sie sich mit der Hand durch das lange Haar, bis sie sagt: „Ich brauche jetzt etwas Stärkeres als Bier. Komm, wir gehen zurück.“

Etwas widerwillig lasse ich mich mitziehen, um mir letztendlich an der provisorischen Theke, die aus Europaletten besteht, Tequila einschenken zu lassen. Meiner Meinung nach kippen wir eine Menge und viel zu schnell hintereinander, aber es hemmt wenigstens mein Gefühlschaos.

Um Mitternacht ist die Party auf dem absoluten Höhepunkt, und leider Gottes muss ich ständig die Annäherungsversuche einiger Klassenkameraden abwehren, die mir echt auf den Geist gehen. Vor allem die unseres Gastgebers Marcel, der offensichtlich seit einiger Zeit in mich verknallt ist. Er ist ja ganz niedlich mit seinen treuen braunen Augen und dunklen Haaren, allerdings ist er mit seinen achtzehn Jahren entschieden zu jung für mich, und es tut mir auch wirklich leid für ihn. Mit meinen Trugbildern und Träumen habe ich genug um die Ohren, als dass ich Bock auf einen One-Night-Stand hätte oder mich auf eine echte Beziehung einlassen könnte.

Mayli und ich tanzen, als hinge unser Leben davon ab, und ich staune nicht schlecht, wie viel Spaß sie hat, obwohl es überhaupt nicht ihr Musikstil ist. Denn Trance, House und sogar Schlagermusik wird abwechselnd zum Besten gegeben. Zwischen Tanzen und gehörigem Trinken stopfen wir uns fast bis zum Erbrechen mit Erdnüssen, Brotchips und allerlei anderen Snacks voll. Mir wird total schwindelig und übel, Mayli schubst den DJ beiseite und lässt Linkin Park aus den Boxen wummern, also torkele ich allein an die frische Luft und lege mich im parkähnlichen Garten unter die Weiden ins weiche Gras. Zunächst versuche ich die Sterne anzuschauen, aber die wirken so verschwommen, dass mir wenig später die Augen zufallen.

Nach einer Weile beginne ich wohlig und verträumt zu seufzen, denn es ist, als würde mir etwas sanft über das Gesicht streicheln. So zart, dass es beinahe unwirklich ist. Ist das wieder ein Traum? Der Geruch ist markant. Es ist nicht Marcel. Federleicht wandert die Liebkosung über meine Lippen, und ich stöhne auf, weil mein Körper nach mehr schreit. Und – unfassbar! – ich bekomme auch mehr. Eine starke Hand schiebt sich unter meinen Kopf und hebt ihn ein wenig an. Ist das eine andere Stirn an meiner? Der aufgeregte Atem eines Mannes dringt an mein Ohr. Ein zärtlicher Kuss auf meiner Stirn löst die Berührung ab.

Ich bin nicht nur völlig betrunken und wie von Sinnen, nein, ich bin wie verzaubert. Ich möchte, dass dieser Augenblick nie vorbeigeht. Meine Hände suchen nach dem starken Körper, der mich so leidenschaftlich umarmt, als wollte er mich niemals fallen lassen. Meine Lippen erhalten einen unsicheren, zaghaften Kuss geschenkt. Ich fühle den Stoff eines Umhangs, festes Leder um starke Arme. Mein Gefühl hat mich also nicht getäuscht. Mutig taste ich mich weiter vor und erwische langes Haar, das mir während des Kusses im Gesicht kitzelt. Ich zwinge mich, den Kuss zu unterbrechen, um benommen die Augen zu öffnen, und verliere mich sogleich in dem tiefen Blau. Die starke Liebe, die mir daraus entgegenstrahlt, lässt mich aufkeuchen und macht mich schier fassungslos. Jedoch nicht nur Liebe drückt sein Blick aus, auch Sorge mit einer Prise Ratlosigkeit – oder gar Verzweiflung? Mein benebeltes Hirn vermag sein Mienenspiel nicht mehr zu enträtseln. Ich schließe wieder die Augen und atme diesen herrlich männlichen Duft ein. Eine Mischung aus Leder und Sandelholz, was meinen Geruchssinn äußerst fasziniert. Erneut bekomme ich einen wunderschönen Kuss, der leider abrupt durch Rufe und näher kommende Schritte zerstört wird. Ehe ich protestieren kann und es richtig begreife, werde ich vorsichtig zurück ins Gras gebettet, und mein Prinz ist in der dunklen Nacht verschwunden.

Irgendwer schleppt mich zur Scheune zurück und setzt mich auf eine Bierzeltgarnitur, wo mein Kopf erst mal vor Müdigkeit auf die Tischplatte plumpst.

Als langsam die Sonne aufgeht und die ersten Vögelchen den Tag einläuten, rutsche ich unter einen von Alkohol vollgespritzten und mit eingeweichten Chips verdreckten Partytisch, um mir den Rausch rauszuschnarchen. Ich erhasche noch einen Blick auf Mayli. Ihr geht es nicht besser. Sie liegt ziemlich undamenhaft ein paar Tische weiter unter einer Partybank.

Etwa gegen dreizehn Uhr erwachen die ersten Schnapsleichen zu neuem Leben, mich eingeschlossen, wenn man es denn Leben nennen kann. Jemand betritt pfeifend und scheinbar ausgeschlafen die Scheune. „Einen schönen Guten Morgen. Ich bringe euch etwas zur Stärkung.“

Marcel. Dich schickt der Himmel.

Mein Arm schnellt unter dem Tisch hervor, was ich sogleich bedauere, da mir diese Bewegung einen heftigen Schmerz durch den Kopf jagt. Kläglich winke ich Marcel zu mir heran und krächze: „Meine Morgendroge bitte.“

Marcel lacht und kommt mit einem Tablett voller Tassen auf mich zu. Ich habe mich so buchstäblich unter den Tisch gesoffen, dass mein Gesicht glüht vor lauter Scham. Marcel stellt das Tablett auf die Tischplatte über meinem Kopf ab, kniet sich zu mir herunter und reicht mir eine große Tasse. Dankbar sehe ich ihn an, sauge seinen frisch geduschten Duft ein, der allemal besser ist als der Alkgeruch in der Scheune, nehme die Tasse, bereue jedoch sofort den ersten Schluck.

Ich spucke angewidert auf den Boden, dass Marcel ein wenig erschrocken zurückspringt.

„Kaffee! Igitt.“ Marcel wollte mich doch tatsächlich mit heißem Kaffee versorgen. Bäh!

Mayli schwankt auf uns zu und nimmt mir die Tasse ab. Tadelnd sieht sie den noch immer verblüfften Marcel an. „Also ehrlich, Kumpel. Wenn du bei Jaislyn landen willst, solltest du zunächst mal ihre Gewohnheiten kennen. Besorg ihr einen starken und kalten Kakao.“ Marcel zieht die Stirn kraus und geht beleidigt zu den anderen, die höchst unbequem in der Scheune seiner Eltern die Nacht beziehungsweise den Vormittag verbracht haben. Mayli nippt an der Tasse und widmet sich wieder mir Häufchen Elend. Sie versucht mir ein verschmitztes Lächeln zukommen zu lassen, worin sie allerdings als Ex-Alkoholleiche kläglich versagt.

„Die Party war genial. Das müssen wir unbedingt wiederholen.“

Ich schiele unter dem Tisch hervor und reiche ihr meine Hände, damit sie mich auf meine wackeligen Beine ziehen kann. Als sich unsere Hände berühren, schießen undeutliche Erinnerungen in mein Gedächtnis. Verblüfft starre ich Mayli an, die mich ebenfalls zurück anstarrt.

„Er hat mich heute Nacht gefunden und geküsst“, flüstere ich.

Mayli reißt die Augen auf und brüllt zu Marcel hinüber, dass mir die Ohren klingeln: „Marcel! Mach mir bitte auch einen Kakao mit nem ordentlichen Schuss Amaretto drin!“

5

Die Recherche

Zur Abendbrotzeit bin ich endlich mal in der Lage, mich und mein Auto nach Hause zu befördern. Ich weiß ja nicht, wie es manche Leute schaffen, jedes Wochenende zu feiern und sich bis zur Besinnungslosigkeit zu betrinken, aber ich für meinen Teil hab die Nase gestrichen voll. Ständige Partys sind nichts für mich. Da bleibe ich lieber bei meinen gemütlichen DVD-Abenden mit ein paar Cola-Bierchen.

Mit einem starken Pfefferminztee und einer heißen Badewanne, wo der Schaum über den Wannenrand quillt, möchte ich den Sonntagabend ausklingen lassen.

Ich lege mir einen kalten Waschlappen über das Gesicht, genieße klassische Filmmusik und versuche an nichts zu denken, was mir natürlich nicht gelingen will. Mayli kommt mir in den Sinn und unser Gespräch sowie unsere Enttäuschung, dass ich nicht sicher sagen kann, ob ich wirklich geküsst wurde oder ob es besoffene Fantasien waren. Der Waschlappen rutscht langsam von meinem Gesicht ins Wasser, und wie von selbst wandert meine rechte Hand über meine Wangen und schließlich über meine Lippen. War es Einbildung oder ein Traum? Realität oder einfach nur Wunschdenken? Verdammter Mist. Ich kann es einfach nicht sagen. Ich weiß es nicht, und diese Erkenntnis frustriert mich zusehends. Warum kann mein Leben nicht klar und deutlich sein? Was ist das bloß für ein Hin und Her voller merkwürdiger Ereignisse?

Mein Smartphone macht Plong, und ich lange zum Toilettendeckel hinüber, worauf mein Handy liegt. Erschrocken erinnere ich mich selbst daran, dass meine Hände völlig nass sind, also erst mal abtrocknen, bevor ich mit meinen glitschigen Fingern noch das Handy ins Wasser schmeiße. Unsere Kollegin Britta hat mir eine SMS geschickt. Dass SMS überhaupt noch existieren in dieser WhatsApp-Welt, lässt mich schmunzeln. Sie bittet mich dringlich, den freien Tag zu tauschen. Der Hammer, das passt mir gut, weil ich sowieso noch echt fertig bin. Cool, also hab ich Montag frei, und sie nimmt meinen freien Mittwoch. Ist gebongt, und das teile ich ihr fröhlich mit.

Zufrieden lehne ich mich wieder zurück und bin froh, morgen nicht wegen Frühschicht um fünf Uhr aufstehen zu müssen. Erneut lasse ich mich von meinen Lieblingsmelodien berauschen und tauche den Kopf kurz unter Wasser.

Meinen freien Tag verbringe ich also mit Herumgammeln und Ausnüchtern sowie einigen Actionfilmen wie „Iron Man“ Teil eins bis drei. Dienstag ist Schule, aber ich muss zum Glück nichts mehr vorbereiten oder Hausaufgaben machen. Von Mayli höre ich erstaunlicherweise gar nichts, die leidet bestimmt in ihrer Spätschicht vor sich hin. Zum Glück zieht sich mein freier Tag schön langsam dahin, und ich fühle, dass ich den Kampf gegen die Benommenheit gewonnen habe. Trotzdem gehe ich recht früh ins Bett, um frisch und ausgeruht zur Berufsschule zu erscheinen. Mein Plan geht auf, und ich stehe munter um sechs Uhr auf, ziehe mir eine rosa-türkis karierte Millefleurs-Bluse an, dazu eine schwarze Caprihose und türkise Sandalen mit Strasssteinen.

Plötzlich halte ich inne.

Ich habe nicht von ihm geträumt? Nicht einmal sein Gesicht flackerte kurz auf wie sonst.

In der Schule angekommen fallen mir jedoch fragende, neugierige oder leicht verstörte Blicke der Mitschüler und Mitschülerinnen auf. Hab ich auf der Party was falsch gemacht oder liegt es an meinem Outfit, dass mich so viele komisch mustern? Da kommt meine Klassenkameradin Nadine, die im Redekus-Lebensmittelmarkt arbeitet, auf mich zu. Sie hält etwas in der Hand und reicht es mir schließlich, sobald sie vor mir steht.

Neugierig schaue ich mir das überlassene Etwas an – ein antik aussehender Bilderrahmen, halb so groß wie der Bildschirm meines iPhones. Ich drehe den Rahmen um, und mir stockt der Atem. Es ist eine Miniaturzeichnung einer jungen Frau mit langen schwarzen Haaren, die mir verflixt ähnlich sieht. Verwirrt blicke ich Nadine an. „Wo hast du das her?“ In meinem Kopf kreist die Frage: Warum fertigt Mayli solch eine Zeichnung an, erzählt mir nichts davon und verteilt sie auch noch? Doch Nadines Erklärung lässt alle Vermutungen im Schatten stehen.

„Ich hatte gestern Spätschicht, und da kam eine seltsame Frau auf mich zu. Sie trug eine altertümliche weibliche Rüstung mit Messern und einem Schwert. Als sie mir dieses Bild zeigte, fragte sie in kaum verständlichem Deutsch, ob ich diese Frau schon einmal gesehen hätte.“

Die Angst steht mir wohl im Gesicht geschrieben, und es ist überdeutlich, wie mein Herz rast. Ich hole tief Luft, um wenigstens eine Frage herauszupressen: „Und was hast du gesagt?“

Nadine studiert mein Mienenspiel und erwidert schließlich: „Nö, kenne ich nicht. Ich hab es nicht eingesehen, dieser komischen Frau zu antworten, sie wirkte mir eine Spur zu böse und arrogant.“

„Warum sollte man nach mir suchen? Ich habe mit solchen Leuten gar nichts am Hut. Und ich bin hobbymäßig auch nicht in einer Theatergruppe. Ich kapier das alles nicht. In unserem Laden sollen auch schon komische Freaks gewesen sein.“

Nadine blickt wieder auf die Zeichnung. „Ja, hab ich gehört und sogar in Mamas Zeitung gelesen. Vielleicht erlaubt sich irgendwer einen doofen Scherz oder du hast nur Ähnlichkeit mit der Person auf dem Bild, und es hat alles nichts zu bedeuten.“ Ihre Worte beruhigen mich jedoch kein Stück. Als sie weiterspricht und sich dabei unwohl die Arme reibt, läuft es selbst mir eiskalt den Rücken hinab.

„Was ich nur krass fand, war, dass die Aura dieser Frau den gesamten Raum um gute zehn Grad kühler machte. Jedenfalls kam es mir so vor. Ich fühlte mich unwohl in ihrer Gegenwart, regelrecht eingeschüchtert. Sehr beängstigend. Wenn die eine Schauspielerin war, war das eine gelungene Darstellung.“

Ich bin nicht fähig, etwas zu erwidern, also schweige ich, bis mir eine wichtige Frage einfällt: „Wie kommt es eigentlich, dass du das Bild hast?“

Nun huscht ein triumphierendes Grinsen über Nadines Gesicht. „Diese schräge Mittelaltertante rempelte einen älteren Kunden an und stieß gleichzeitig gegen meinen Pappwagen, da fiel ihr unbemerkt das Bild aus ihrem Gürtel in den Folien- und Pappmüll.“ Mit Unschuldsmiene zuckt Nadine die Schultern. „Tja, und da hab ich es mir halt geschnappt, als die Tussi weg war.“ Sie zwinkert mir zu.

So etwas wie „Du kleiner Schlingel“ will mir über die Lippen huschen, das Thema ist jedoch einfach zu ernst für mich, um fröhlich Scherze zu reißen oder amüsiert zu sein. „Darf ich das Bild behalten, um es Mayli zu zeigen? Sie kennt sich mit Zeichnungen gut aus.“

Nadine nickt. „Klar, was soll ich damit?“

Da ich meinen Gedanken nachhänge, gehen wir schweigend ins Schulgebäude und die Treppen hinauf zu unserem Klassenraum. Auf dem Weg nach oben teilen mir auch andere Mitschüler mit, dass sie über mich von seltsamen Leuten ausgefragt wurden. Was mir von Nadine immer mehr besorgte Blicke einbringt.

Meine zugeschnürte Kehle lässt sich bei all den Neuigkeiten kaum noch lockern. Wie soll ich bloß diesen Tag vor lauter Anspannung und innerer Unruhe überstehen? Mein Magen hat schon ein Schleudertrauma von dem Adrenalin und den flauen Gefühlen. Was ist, wenn mich diese seltsamen Leute doch noch finden? Einerseits will ich endlich wissen, was los ist, andererseits hätte ich gerne mein langweiliges Leben zurück ohne Rätsel, Freaks und prickelnd verwirrende Küsse. Na gut, das mit den Küssen … ist aufregend. Ach Scheiße!

Alles scheiße!

Wenn ich das meinen Eltern erzähle, flippen die bestimmt aus. Am besten, ich suche diese Typen selbst auf, um sie zur Rede zu stellen. Aber am wahrscheinlichsten ist, dass ich einfach nur in einem schlechten oder falschen Film bin. So etwas kann doch alles nicht wahr sein. Das Leben ist doch kein Fantasyfilm.

Im Laufe des Tages stellt sich immer mehr heraus, dass mehrere solcher Miniporträts existieren und andere Klassenkameraden oder deren Familien damit befragt wurden. Mayli kann sich natürlich nur in den Pausen intensiv mit dem Porträt beschäftigen und es eingehend untersuchen. In der großen Mittagspause setzen wir uns in die hinterste Ecke der Mensa, um über die Ereignisse zu sprechen, sogar Nadine und Marcel gesellen sich zu uns. Selbstredend ist mir so übel wegen der vielen Aufregung, dass ich nichts essen kann. Es beruhigt mich sehr, dass meine Freunde und die Klassenkameraden, von denen ich weiß, dass sie ausgefragt wurden, so überaus loyal waren und den Fremden gegenüber nichts von mir preisgegeben haben. Das nenne ich mal echte Kameradschaft und Zusammenhalt. Ich glaube, wenn mich kuriose und vor allem fremde Leute über Mayli oder Nadine befragt hätten, hätte ich auch keine persönlichen Infos ausgeplaudert. Also sitzen wir alle da und starren auf das Bild.

Um das erdrückende Schweigen zu unterbrechen, nimmt Mayli die Zeichnung an sich und schaut sich jedes Detail hoch konzentriert an. „Irgendetwas ist seltsam an dem Porträt“, murmelt sie vor sich hin.

Wir hängen an ihren Lippen.

„Wenn ich ehrlich bin …“ Mayli unterbricht sich selbst, öffnet den Rahmen und nimmt das Bild heraus. Sie holt tief Luft. „Sorry, aber ich werde den Eindruck nicht los, dass es weder gemalt noch gezeichnet ist.“

Skeptisch blicke ich sie an. „Was soll es sonst sein?“

Verträumt streichelt sie das Porträt, und mir ist, als würde ich ihre Berührung im Gesicht fühlen. Perplex fasse ich mir an die Wange, schweige jedoch.

„Das Bild ist so … irgendwie magisch …“

Verdattert blicken wir sie an.

„Was redest du da?“, fragt Nadine bissig, als fühlte sie sich veräppelt.

Mayli legt das Porträt auf den Tisch und lehnt sich mit vor der Brust verschränkten Armen zurück.

„Ich sehe … wenn ich es länger betrachte, funkeln die Augen. Wirken irgendwie … lebendig. Ich bleibe dabei. Es ist keine Zeichnung und kein Foto.“

Schweigen.

Eine merkwürdige Ahnung packt mich und zieht mich förmlich zu dem Porträt.

„Was machst du da?“, fragt Mayli.

„Ist nur so ein Gefühl“, wispere ich, kratze mir einen Mückenstich blutig und träufele mein Blut auf dieses stoffartige Papier auf die Rückseite des Bildes. 

Marcel, Nadine und Mayli japsen nach Luft.

Schemenhaft bilden sich feine Linien, formen sich die Umrisse eines Gesichts.

„Das Blut skizziert dich“, haucht Mayli fassungslos.

„Unfassbar“, flüstert Marcel.

Wie gebannt schauen wir zu, bis das neue Porträt fertig ist.

„Siehst super aus.“ Maylis Scherz wird von der Faszination und dem Unglauben verschluckt.

Ich halte mir das Bild vor Augen. Drehe es um und wieder zurück. Ja. Das bin dann wohl ich. Auf beiden Seiten. Eingeflossen in dieses kuriose Papier.

„Deine DNA macht mir Angst“, bemerkt Nadine.

„Wie ist das bloß möglich?“, fragen Marcel und Mayli wie aus einem Mund.

Ich drehe das Bild erneut um und wieder zurück. Betrachte meine aktuelle Version und die verblichene.

Mayli versteht sofort, was ich da vergleiche, nimmt mir das Bild ab, steckt es zurück in den verschnörkelten Holzrahmen und rätselt: „Hm, ich finde, der Rahmen sieht schon sehr altmodisch aus. Das Bild ist verblichen. Vielleicht war die Frau eine Verwandte von dir, die schon lange tot ist.“

Ich bin mehr als skeptisch, denn meine Eltern hatten mir nie von einer alten Verwandten erzählt, die so viel Ähnlichkeit mit mir hatte, und das sage ich Mayli auch. Meine Freundin schiebt schließlich das Bild auf dem Tisch ein wenig von sich.

„Tja, dann weiß ich es auch nicht. Wahrscheinlich können dir wirklich nur diese Freaks Antworten geben.“

Nun schauen mich alle erwartungsvoll an. Gott sei Dank rettet mich die Klingel vor einer Antwort, und wir packen zügig unsere Sachen zusammen, um zum nächsten Unterricht zu gehen.

„He, pass doch auf!“, brüllt Vanessa, eine Klassenkameradin, die über das Bein meines Stuhls stolpert, weil ich zu abrupt aufgestanden bin. Vanessas Tablett fliegt im hohen Bogen. Ein unerklärbarer Reflex nimmt Besitz von mir, und ich schnappe mir ihr Tablett, fange ihr benutztes Geschirr blitzartig damit auf und drücke es ihr in die Hand, als wäre nie etwas gewesen.

Alles im Raum wird geisterhaft still und starrt mich an, als wäre ich ein Alien.

6

Böse Überraschung

Gelangweilt verfolgen wir den Deutschunterricht, und meine Hände spielen unentwegt mit dem Miniporträt herum, wobei meine Gedanken ständig abdriften. Mein schulischer Ehrgeiz kommt heute so gar nicht zum Vorschein, und ich sehne mich nach dem Schulschluss.

Was passiert nur mit mir? Was habe ich da bloß mit dem Tablett angestellt? So schnelle Reflexe kann man unmöglich haben. Und was zum Teufel hat es mit diesem Bild auf sich? Nun glotzt mich doch nicht alle so an.

Die Klassentür wird heftig aufgerissen, und unser Mitschüler Christoph kommt, wie vom Donner gerührt, von seinem Toilettengang zurück.

„Da draußen … auf dem Schulhof stehen komisch aussehende Soldaten und mustern jede Schülerin und Lehrerin, die das Gebäude betritt oder verlässt!“

Aller Augen richten sich auf mich, doch unsere strenge Lehrerin, Frau Altenkrüger, rückt nur ihre Nickelbrille zurecht und verweist Christoph auf seinen Platz. „Das hat nichts mit diesem Unterricht zu tun, also hinsetzen!“

Gemurmel geht durch den Raum, und nach kurzer Zeit hören wir Krach aus den Nachbarzimmern. Mayli greift nach meiner Hand und sieht mich genauso ängstlich an wie ich sie. Mein Herz ist nicht nur dabei, in die Hose zu rutschen: Nein, ich glaube, es will geradewegs Richtung Keller. Diese schreckliche Panik lähmt mich so sehr, dass meine Augen nur noch die Klassentür fixieren. Gleich kommen SIE! Wer auch immer DIE sind. SIE kommen, um mich zu holen! Werde ich gleich verletzt oder gar sterben?! Auf einmal höre ich eine wunderschöne Frauenstimme in meinem Kopf: „Nutze deine Kraft und traue deinem Instinkt. Du wirst wissen, wie.“

Ein kribbeliges Gefühl saust über meine Haut. Adrenalin schießt durch meine Venen. Sogleich verlässt mich die Panik, und purer Überlebenswille, Kampfeslust und Selbstvertrauen durchströmen mich. Mayli ist mehr als verblüfft, bestimmt kann sie die Veränderungen in meinem Gesicht ablesen. Frau Altenkrüger stürmt zur Tür und brüllt in den Flur: „Was soll dieser Lärm?!“

Ihre Antwort bekommt sie, indem sie brutal in den Klassenraum geschleudert wird.

Erschrocken springt die halbe Klasse von den Stühlen. Nun erscheinen auch die Kreaturen, die bei uns im Laden gewesen sind, und diese grausige Hexe, von der Nadine berichtet hatte. Nach einem Blick durch den Raum haben sie mich schnell entdeckt. Die Frau strahlt eine kühle Schönheit aus. Ihre autoritäre Haltung lässt keinen Zweifel daran, dass sie der Boss dieser Monster ist. Sie deutet ein zufriedenes Lächeln an, und ihre Stimme hat eine Kälte, die jeden frösteln lässt. „Hurtor! Beastes! Mostro! Führt sie ab!“ Die angesprochenen Monster nicken in der Reihenfolge, wie ihre Namen fielen. Beastes. Ja, der Name passt zu der Monsterzwerg-Kreatur.

Marcel und zwei seiner Freunde stellen sich vor mich, der Rest der Klasse flüchtet schreiend an den Rand des Klassenraums. Doch was kann Marcel schon ausrichten? Er und seine Freunde werden einfach zur Seite gestoßen. Ich weiß nicht, wo ich die Stärke und Schnelligkeit herhabe, aber urplötzlich fege ich unsere Schulsachen vom Tisch und trete den Kreaturen mit geballter Kraft das Möbelstück entgegen, somit sind die für einen Moment außer Gefecht. Dafür springt mir nun ihre Anführerin entgegen. Schmerzhaft greift sie mir mit der rechten Hand ins Haar und schleift mich zur Tür.

„Einer Lady Cleotora …“ Sie deutet stolz auf sich selbst. „… wirst du nicht so schnell entkommen, mein Juwel.“

Ihr tiefböses Lachen spornt mich zur Höchstform an. Wie von selbst laufen meine Füße die Zimmerwand hoch, um daran abzufedern und an Lady Cleotoras linker Seite galant auf dem Boden zu landen. Erschrocken lockert sie den Griff, und meine Haare sind im Nu frei. Ich hatte bisher zwar keinen Crashkurs in Judo, Karate oder Taekwondo, doch mein Körper scheint wie mechanisch diese Kampfkünste umzusetzen, die weit über Selbstverteidigungstechniken hinausgehen, und ich verpasse dieser Wildkatze einen Knock-out, den diese selbst ernannte Lady nicht so schnell vergisst.

Mayli jauchzt vor Begeisterung auf. Allerdings haben sich Mostro, diese Wolfman-Gestalt, und Beastes, der Monsterzwerg, bereits erholt und kommen bedrohlich auf mich zu. Abermals funktioniert mein Körper nur noch mit dem einen Ziel: mich zu verteidigen. Mostro zielt mit einem Wurfstern auf mich, dem ich gerade noch ausweichen kann, dennoch streift er meinen rechten Arm. Ich ignoriere die Verletzung und brülle: „Geht alle in Deckung.“

Die ängstlichen Schreie und das Weinen meiner Klassenkameraden wecken einen ungeheuren Beschützerinstinkt in mir. Mostro bekommt einen heftigen Tritt an die Kehle und landet auf Beastes, der schmerzvoll aufschreit. Hurtor, dem Dunkelelfen, entwende ich zügig zwei handliche Dreizacke aus seinem Waffenarsenal am Gürtel. Gekonnt greife ich ihn an, und er pariert mit einem beeindruckenden Schwert. Ich fühle mich wie eine Gladiatorin, die in der Arena um ihr Leben kämpfen muss. Schließlich strecke ich meinen Gegner nach kürzester Zeit bewusstlos nieder und laufe auf den Flur, nur um festzustellen, dass da noch mehr solcher Typen auf mich zukommen. „Die schwarzen Beduinenkrieger“, rutscht es mir über die Lippen.

Ich überlege nicht lange und lasse mich von meinem Instinkt leiten, also stecke ich mir die Dreizacke hinten am Rücken in den Hosenbund und sprinte zurück ins Klassenzimmer zum offenen Fenster. Meine Mitschüler starren mich an, als wäre ich nicht mehr ganz dicht. Leider fehlt mir die Zeit für Erklärungen, die ich eh nicht habe. Ich erhasche einen Blick auf Mayli, die sich mit weit aufgerissenen Augen auf ihre geballten Fäuste beißt.

Die Kreaturen sind hinter mir her, wenn ich verschwinde, lassen sie die anderen vielleicht in Ruhe und folgen nur mir.

Das Adrenalin gibt mir immer mehr Energieschübe. Beherzt klettere ich aus dem Fenster. Während ich auf dem Fenstersims aus Metall stehe, rasen meine Gedanken durch den Kopf wie mein Herz in der Brust.

Fuck. Was mache ich jetzt bloß?

Ein gehetzter Blick zurück ins Klassenzimmer sagt mir, dass mich gleich ein dunkel gekleideter Krieger schnappen wird.

Die alte Eiche. Das wird meine einzige Chance sein.

Nah am Gebäude steht eine etwa zwanzig Meter große Eiche, die einladend ihre Äste zum Schulgebäude ausstreckt. Ohne weiter darüber nachzudenken, springe ich, meine Hände finden die raue Rinde und krallen sich daran fest. Die Zweige reißen an meinen Haaren, dass es mir die Tränen in die Augen schießt. Wie viele Kratzer ich mir dabei einfange, will ich jetzt nicht wissen. Ich muss so schnell wie möglich runter von diesem Baum und fort von der Schule. 

Behände klettere ich an den Ästen hinab und springe ins Gras. Ein letzter Blick zum Fenster zeigt mir, wie der Beduinenkrieger zornig mit der Faust auf den Sims, auf dem ich eben noch stand, schlägt.

Ich werde das Gefühl nicht los, dass, je mehr solcher Typen und Kreaturen auftauchen, meine Reflexe und Instinkte zunehmen.

Unruhig sehe ich mich um. Hier unten ist die Luft rein, da sich alle Angreifer entweder im Gebäude oder am Schuleingang auf der anderen Seite des Betonklotzes befinden, also renne ich, was das Zeug hält.

Zu meinem Verdruss befinden sich meine Autoschlüssel, Hausschlüssel und das Smartphone in meiner Schultasche. Mir bleibt also nichts anderes übrig, als nach Hause zu laufen. Zum Glück habe ich einen Reserveschlüssel im Garten versteckt. Zur Polizei will ich im Moment auf gar keinen Fall, die würden mir eh nicht glauben. Also laufe ich wie von der Tarantel gestochen und verstehe die ganze Welt nicht mehr.

Was ist nun zu tun? Was soll ich bloß machen? Wenn die mich schon in der Schule finden konnten, werden die sicher bald vor meiner Tür stehen.

Tränen rinnen mir über das Gesicht, weil mir mein ganzes Leben wie eine Lüge vorkommt. Meine Ausbildung kann ich mir wohl von der Backe schminken, und die Berufsschule brauche ich nach diesem Auftritt wohl auch nicht mehr zu betreten. Aber was am unheimlichsten ist: Wer war diese mysteriöse Frauenstimme in meinem Kopf, die mir so viel Mut und Kraft verlieh? Meine Verzweiflung schlägt in ungeheure Wut um, und ich wische mir, ohne langsamer zu werden, die Tränen fort. Ich will endlich Antworten auf meine vielen Fragen. Ich balle die Fäuste, dann bemerke ich eine Schar Raben, die über mir kreisen. Mein verrückt gewordenes Hirn quatscht mich voll, dass sich die Raben vergewissern wollen, ob ich die gesuchte Person bin. Das aufgeregte Kreischen der Vögel zwingt mich, die Ohren zuzuhalten. Mit einem Mal stürzen sie vom Himmel und umfliegen mich. Instinktiv schlage und trete ich nach ihnen, bis sie plötzlich, wie abkommandiert, davonfliegen. Eine einzelne Feder landet auf meiner Schulter. Ich schnippe sie angewidert fort, als wäre es eine Spinne. Eigentlich mag ich alle Arten von Vögeln, aber diese waren nicht normal, sondern beängstigend. Ich ringe nach Luft, fühle mich überfordert und mehr als niedergeschlagen. Mein Haar ist zerzaust, zügig binde ich mir einen Zopf und laufe weiter nach Hause. Ich komme nicht weit, da reißt mich ein seltsamer Schatten aus meinen Überlegungen, und ich bleibe wie vom Blitz getroffen stehen. Ich befinde mich in einer ruhigen Seitenstraße, wo kaum Autos fahren, und bevor ich mich vom Fleck rühren kann, landet dieser seltsame Schatten, umhüllt von dunklem Nebel, auf der Straße, etwa fünfzehn Meter vor mir. Der Nebel lichtet sich, und ein beeindruckendes kleines Flugobjekt – das einer venezianischen Gondel ähnelt – kommt zum Vorschein. Bei all meinen Träumen, Visionen und was ich bereits selbst zu sehen bekam, kommt das langsam einem Kulturschock gleich. Ich bin gleichzeitig verängstigt und höchst beeindruckt. Ein kleiner Steg wird herabgelassen, und vier Soldaten in goldglänzenden Rüstungen mit schwarzen Umhängen steigen aus der Fluggondel aus, um sich neben dem Steg zu postieren. Dann taucht hinter den Soldaten ein stattlicher Mann auf, mit langen schwarzen Haaren, einem attraktiv gestutzten Piratenbart und samtartiger Kleidung mit schwarz-blau-schimmerndem Umhang, der sich majestätisch aufbauscht. Diese hoheitsgebietende Persönlichkeit bemüht sich, ruhig und gelassen auf mich zuzugehen, doch seine dunklen Augen verraten seine Aufregung. Ich kann mich kaum rühren, da mich die Schönheit dieses Mannes schier bewegungsunfähig macht. Doch trotz seines unverschämt guten Aussehens wird sein Glanz von einer bösen Aura begleitet. Mein Instinkt schreit förmlich, ich solle flüchten, denn dieser Typ hat sicherlich keine guten Absichten. Sogar die Stimme meiner Gedankenfee, wie ich sie nun nenne, taucht erneut in meinem Kopf auf: „Ich kann ihn nicht erkennen. Sein Anblick ist für mich verschwommen. Lauf! Vertrau ihm nicht!“

Ich blinzle, als würde ich aus einer Art Trance erwachen, und wirble herum, will fortlaufen, doch weit komme ich nicht. Ein starker Arm legt sich auf meinen Bauch, vor dem es kein Entrinnen zu geben scheint. Nun legt sich auch der zweite Arm dieses dunklen Prinzen auf meinen Busen, und ich werde umgedreht und an seine stählerne Brust gedrückt. Gefangen und gebannt schaue ich in die schönsten und dunkelsten bernsteinfarbenen Augen, die mir jemals begegnet sind. Schon wieder ein Typ, der nicht von dieser Welt zu sein scheint.

Unsicher, ob ich was sagen soll, studiere ich sein Mienenspiel. Er schaut sich mein Gesicht an, als hätte er es eine Ewigkeit nicht mehr gesehen und könnte es kaum glauben, mich vor sich stehen zu haben. Seine Blicke wechseln von beinahe liebevoll zu ungläubig. Könnte da sogar eine Spur von Verärgerung aufblitzen? Je länger ich ihn betrachte, desto bekannter kommt er mir vor.

„Wer sind Sie?“ Meine Frage ist nur ein Flüstern, doch anstatt zu antworten, legt er mir seine Hand an die linke Wange.

Will er mich etwa küssen?!

Blitzartig erscheint wieder die Vision in meinem Kopf, in der mein zweites Ich in diese Grube gestoßen und lebendig begraben wird. Etwas sagt mir, dass es völlig falsch wäre, in seinen Armen zu liegen und ihn zu küssen. Dieser Mann bedeutet nichts Gutes. Aus einem Reflex heraus verpasse ich ihm eine gewaltige Ohrfeige, reiße mich aus seinem Griff los und renne davon, wobei ich des Öfteren zurückblicke und seine Worte in meinem Kopf höre. Seine Soldaten stürmen auf ihren Herrn zu, aber er hebt Einhalt gebietend die Hand. „Lasst sie gehen. Ihr schafft es ohnehin nicht, sie einzuholen.“ Damit dreht er sich zu seiner Gondel herum, um wieder einzusteigen.

„Früher oder später wird sie mir wieder in die Arme laufen“, flüstert seine Stimme in meinem Kopf, und ein Lächeln schwingt in seinen Worten mit.

7

Um der Liebe willen

Mein Herz rast vom vielen Laufen. Ich glaube nicht, dass ich verfolgt werde, was mich stutzig macht.

Was war das für ein krasser Typ, und warum konnte ich seine Stimme in meinem Kopf hören? Ich will endlich wissen, was hier los ist!

Angst und Brechreiz kriechen mir die Kehle rauf. Hoffentlich geht es Mayleen und den anderen Mitschülern gut.

Verdammt, dass ich mein Smartphone nicht bei mir habe. Verdammt! Verdammt! Sonst wüsste ich, was weiter im Klassenraum geschehen ist.

Ich fasse den Entschluss, mich meinem Zuhause vom Wald her anzupirschen. Wenn die Luft rein ist, werde ich den Reserveschlüssel unter der Terrassenplatte hervorholen. Duschen, bequeme Jeans, T-Shirt und Sneakers anziehen, was essen, sämtliches Geld zusammenkratzen und den Reiserucksack packen.

Und danach? Was dann? Wohin?

Resigniert reibe ich mir den Hinterkopf. Am besten quäle ich mich nicht mit der Frage, lieber alles der Reihe nach organisieren.

Als ich endlich im Wald, nahe meiner Mietwohnung, angekommen bin, gönne ich mir eine Verschnaufpause auf einem Baumstumpf. Der Schweiß rinnt mir über den Körper, und ich versuche, meine Atmung zu normalisieren. Dabei lasse ich die letzten Tage Revue passieren. Meine Träume. Die Visionen und die plötzlich real auftauchenden Kreaturen. Mein Blick durch das Weinregal, wo ich meinem Traumprinzen direkt in die Augen gesehen habe. Unser Wahnsinnskuss. Bei diesem Gedanken muss ich mir über die Lippen streichen. Diesen Kuss habe ich mir bestimmt nicht eingebildet. Daraufhin fällt mir diese sogenannte Lady ein, die eher einer durchgeknallten Irren gleicht. Meine plötzlichen Fähigkeiten, zu kämpfen wie eine Löwin oder vielmehr wie eine jahrelang trainierte Kriegerin, lassen mein Hirn auch kräftig rattern. Dann ist da noch diese magisch fliegende Gondel mit dem finsteren Prinzen, oder was auch immer er ist, all das ist wahr und wirklich passiert.

Diese Erkenntnis müsste mich mehr als schocken und in den Wahnsinn treiben, aber ich versuche es lieber zu verstehen, als mich verrückt zu machen. Wenn ich jetzt überschnappe, hilft mir das auch nicht weiter. Wollten die Träume mich eventuell auf etwas vorbereiten? Es gibt also noch eine andere Welt dort draußen, daran besteht nun kein Zweifel mehr.

Na die NASA würde sich freuen.

Und früher oder später werde ich bestimmt all diese Rätsel verstehen. Besser früher als zu spät, damit ich endlich erfahre, welche Rolle ich in diesem ganzen Durcheinander spiele und ob ich da heil wieder rauskomme.

Mein Blick erspäht den sauberen Fluss, und ich verspüre den Wunsch, mich mit dem herrlichen Wasser zu erfrischen. Vorsichtig gehe ich zum Flussbett hinab, streife mir die Sandalen ab, ein Wunder und welch ein Glück, dass ich damit kämpfen und so schnell laufen konnte, und gehe in das kühle Nass. Ich lasse mir die Schuhe an die Beine baumeln und genieße ein wenig die Normalität. Ich schöpfe mir das Wasser ins Gesicht, und es rinnt mir kühl den Hals hinab zu den Brüsten. Mein Blick fällt auf die blutigen Kratzer und die Streifwunde des Wurfsterns. Abwechselnd wasche ich mir beide Arme und kühle die oberflächlichen Wunden. Viel zu laut trommelt mein Herz. Ich zwinge mich, Ruhe zu bewahren. Atme tief ein und aus, bis ich gemächlich durch den Fluss Richtung Wohnung tapsen kann.

Mit einem Mal fällt mir in einiger Entfernung etwas Blaues ins Auge.

Ist das ein blauer Stoff, der da flattert?

Ich schirme mir die Augen vor der Sonne ab und sehe genauer zu den Birken, Ebereschen und Rotbuchen. Mein Herz macht einen gewaltigen Satz, und ein prickelndes Kribbeln schießt durch meinen Bauch bis in meinen … ähm … Slip. Verräterischer Körper, für so etwas hab ich nun wirklich keine Zeit. Ich eile den kleinen Hang am Ufer hinauf und blicke mich suchend um. Wieder dieses Blitzgefühl durch mein Herz, als ich den blauen Stoff erblicke.

Zwischen Liguster und Geißblatt liegt ein großer Mann unter den Blättern auf dem Waldboden. Sein blauer Umhang hat sich an den Sträuchern verfangen und flattert sachte hin und her. Anstatt sofort zu ihm zu rennen, bleibe ich stehen, um meine aufkeimende Angst niederzukämpfen. Angst vor der Echtheit dieses Mannes. Vor den vielen Fragen und Antworten. Bammel vor meinen gewaltigen Emotionen, die auf mich zustürmen. Ich habe die meiste Zeit geglaubt, in einen Mann aus meinen Träumen verliebt zu sein, doch jetzt schlafe ich weder, noch bin ich betrunken, sondern hellwach, und er liegt direkt vor mir, scheinbar bewusstlos.

Reiß dich zusammen und hilf ihm, ermahne ich mich selbst.

Ich fasse mir ans Herz, schließe die Augen, atme tief durch und gehe vorsichtig auf ihn zu. Sobald meine Hand ihn berührt, ist es, als würden meine Gefühle Funken schlagen.

Wusch.

Eine neue Vision. Er lacht und sieht mich herausfordernd an. Ich springe über eine Art Parkour, der aus Felsen, ausrangierten Pferdekarren und zerbröckelten Mauerresten besteht. Wieder trage ich die Kriegsbekleidung mit dem Umhang und bin letztendlich schneller am Ziel als er. Sein Blick strahlt Bewunderung aus. Die Sehnsucht nach ihm zerquetscht mir das Herz. Offenbar sieht er mir die Emotionen an, und sein Mienenspiel wird ernst. Er versucht einen Seufzer zu unterdrücken, was ihm misslingt, und schaut zu Boden. Es ist, als würde er einen inneren Kampf mit sich selbst ausfechten. Bevor ich erfahre, was weiter geschieht, taucht der Wald wieder vor mir auf.

Ich streichele ihm das lange Haar aus dem Gesicht und sehe eine blutige Wunde an der Schläfe. Ohne nachzudenken, ziehe ich mir die Bluse aus – Gott sei Dank habe ich darunter noch ein Spaghettiträgershirt an –, tupfe ihm das Blut ab und laufe zum Fluss zurück, um das Kleidungsstück mit Wasser vollsaugen zu lassen. Mit der getränkten Bluse kehre ich zu ihm zurück und kühle seine Stirn. Ich muss seufzen.

Wie wunderschön er doch ist. Jedes Mal, wenn ich ihn berühre, knistert es gewaltig, und dieses Wahnsinnsgefühl jagt durch meinen ganzen Körper wie bei einer irren Achterbahnfahrt. Ich kann gar nicht aufhören, ihm zärtlich über das Gesicht zu streicheln. Er sieht aus, als würde er nur schlafen. Das bringt mich in die Wirklichkeit zurück:

Mann! ER. Ist. Verletzt. Und braucht Hilfe anstatt deiner Fummelei und Gafferei, also beweg gefälligst deinen Arsch und tu was!

Da sich mein Gewissen eh nicht beruhigen lässt, versuche ich die Schimpferei auszublenden und überlege, was zu tun ist. Einen Notarzt werde ich wohl kaum rufen können. Zu viele unbequeme Fragen: Warum er keine Krankenkassenkarte hat, keinen Ausweis und warum er generell nicht existent ist.

Er ist schlicht und einfach nicht von dieser Welt, Herr Doktor.

Ich beiße mir auf die Unterlippe, mein Hirn rattert. Was tu ich nun? Am besten flitze ich nach Hause und frage meinen Nachbarn, ob er mir behilflich sein kann.

Gesagt, getan, ich renne schnell heim, schaue, ob vor meiner Tür keine Orks oder Ähnliches herumstehen, düse in den Garten, hole meine Schlüssel und klingle bei dem Nachbarn, der über mir wohnt. Mark ist achtundzwanzig und durchtrainiert, er wird meinen real gewordenen Sexgott bestimmt nach Hause schleppen können. Mark ist zum Glück zu Hause und kommt zur Tür. Ich schildere ihm, dass ein Kumpel von mir eine Theaterrolle im Wald geübt und sich dabei verletzt hat, und frage, und ob wir ihn zusammen in meine Wohnung tragen können. Wie nicht anders zu erwarten, folgt mir Mark sofort in den Wald. Es ist nicht einfach, doch mit vereinten Kräften schaffen wir es, Lorius, wenn er denn wirklich so heißt, in meine Wohnung zu hieven. Behutsam legen wir ihn auf mein Bett, und Mark verabschiedet sich ohne große Worte. Das ist eben Mark, keine unangenehmen Fragen, sondern nur Taten. Im Schlafzimmer wühle ich suchend durch die Kommode, um einen der älteren Kfz-Verbandskasten zu finden, die man so mit der Zeit anhäuft. Meiner Streifwunde, die mir der Wurfstern zufügte, verpasse ich ein Pflaster. Anschließend versuche ich seine Wunde behutsam zu reinigen und zu versorgen. Die Frage ist, hat er wohl noch mehr Verletzungen? Seine Hände haben blutige Kratzer, zum Glück nichts Ernstes. Da sein Körper in diesem fürchterlich zugeschnürten Lederkampfanzug steckt, werde ich wohl kaum andere Verletzungen finden, ohne ihn daraus auszupacken. Als Erstes binde ich mir die langen Haare zusammen und schalte das Radio ein, um mehr Schwung zu kriegen, außerdem ertrage ich diese Stille nicht. Dabei streife ich mir die vorwitzigen Ponysträhnen aus dem Gesicht und ertappe mich dabei, wie ich ihn betrachte.

Noch immer liegt er still und ruhig da. Wenn er nicht atmen würde, könnte man meinen, er wäre tot. Vielleicht liegt er ja in einem Zauberschlaf?

Jetzt drehst du wirklich durch, ätzt mich meine innere Stimme an. Ich ignoriere sie.

Zunächst schnüre ich seine Stiefel auf, ziehe sie von seinen Füßen und werfe sie achtlos in eine Zimmerecke. Dann suche ich nach Verschlüssen an seiner Lederrüstung, zerre hier und da, wovon er eigentlich schon wach werden müsste. Ich beginne zu schimpfen: „Wie zum Teufel bekommt man diese verdammten Star-Wars-Klamotten aus?!“

Nach etwa sechs weiteren Radiosongs sowie Werbespots und den Nachrichten gelingt es mir, ihn von all dem schweren Leder zu befreien. Viele Prellungen kommen zum Vorschein, aber zum Glück kein Blut, trotzdem möchte ich mir eine Schale mit Seife, warmem Wasser und einem Waschlappen besorgen.

Ich eile durchs Wohnzimmer, und mein Blick fällt auf das Festnetztelefon, das heftig am Blinken ist. Es sind mehrere Nachrichten auf dem AB, die ich schnell abspielen lasse. Als Erstes Maylis’ völlig aufgeregte Stimme, die mir entgegenschreit: „Süße! Das war alles unglaublich! Wo bist du?! Ich hoffe, es geht dir gut?! Hab deine Sachen zusammengepackt. Nachdem du wie Catwoman aus dem Fenster verschwunden bist, sind die Typen auch abgezogen. Du schuldest mir eine Menge Erklärungen, seit wann du Wonder Woman bist.“

Die zweite Nachricht ist von meiner Mutter, ob alles okay sei, da sie komische Dinge über Marktland und meine Berufsschule gehört habe. Die dritte und vierte Nachricht stammen wieder von Mayli und unterscheiden sich kaum von der ersten. Ich nehme mir vor, sie alle später anzurufen, jetzt würde ich zu viel Zeit verlieren. Mit dem warmen Wasser kehre ich ins Schlafzimmer zurück, um diesen göttlichen Männerkörper zu reinigen. Bis auf mittelalterliche Shorts habe ich ihn entblößt, er wird es mir sicherlich verzeihen. Seine Haut ist warm und straff, ich habe selten einen so durchtrainierten Körper gesehen. Mit Mühe halte ich meine Schwärmerei im Zaum, um mich auf das Wesentliche zu konzentrieren.

Plötzlich schießt mir ein wichtiger Gedanke durch den Kopf: Was ist, wenn diese Fantasy-Kreaturen herausfinden, wo ich wohne, und hier eindringen? Lorius, wenn er denn so heißt, wäre ihnen schutzlos ausgeliefert, vor allem diesem schwarzen Prinzen. Und der Kampflady.

Dieses Mal gebe ich meiner inneren Nervensäge recht.

Ein näher kommendes Geräusch lässt mich zusammenzucken. Angestrengt lausche ich. Autogeräusche? Der Waschlappen plumpst in die Schale, und ich laufe zum Küchenfenster. Mein Puki. Das kann nur Mayli sein. Kacke. Aber wiederum auch nicht. Cool, dass mein Auto wieder da ist. Hin- und hergerissen, was ich preisgeben kann, blicke ich durch meine Wohnung. Ich sollte ihr öffnen, bevor sie klingelt.

Mayli holt vor Schreck tief Luft, als ich die Tür aufreiße. Ihre Augen wandern über meinen Körper. „Du hast ja nicht mal einen blauen Fleck abbekommen.“

Ich streiche über die Kratzer auf meinen Armen. „Na ja, dafür waren die Äste nicht gerade sanft zu mir.“

Aufgeregt plappert Mayli weiter: „Ich bin ganz viel im Zickzack gefahren. Es sah nicht so aus, als würde mich jemand verfolgen.“

Ich lege mir den Zeigefinger auf die Lippen, um ihr zu bedeuten, leiser zu sein, und ziehe sie herein. In kurzen und knappen Worten schildere ich ihr die letzten Ereignisse. Danach blickt sie stumm Richtung Schlafzimmer, bis sie zu stottern anfängt: „Und … dieser Wahnsinnsgott, äh … -typ, ist jetzt da drin? Auf deinem Bett?“

Ich nicke nur. Sie pfeift durch die Zähne und schüttelt kaum merklich den Kopf. Anstatt wie eine neugierige Irre in mein Schlafzimmer zu stürmen, setzt sie sich aufs Sofa, zerrt aus meiner Schultasche eine hübsche schwarz-weiße Mappe mit Blumenmotiv heraus, die mir gar nicht gehört, und reicht sie mir. Ich nehme sie entgegen und beginne darin zu blättern.

„Wow, du hast viele weitere Zeichnungen gemacht. Die sehen super aus!“ Ich bin begeistert.

Sie geht nicht darauf ein, sondern spricht erneut über die Schule: „Die Polizei war da und hat Fragen gestellt.“

Ich hebe betrübt den Blick. „Dann wundere ich mich, warum die noch nicht hier waren.“

Mayli lächelt. „Ich habe allen gedroht, bloß nichts von dir zu sagen, bevor du die Chance bekommen hast, uns die Wahrheit zu sagen. Und da Frau Altenkrüger nach ihrem Flug durchs Klassenzimmer eh nichts mehr gecheckt hat, konnte sie überhaupt nichts berichten. Wir haben lediglich von diesen Monstern erzählt, was die Polizei auch säuberlich protokollierte.“

Ich kann nicht anders und muss Mayli auf das Heftigste umarmen. Sie zieht mich sanft auf die Couch. „Also, Lara Croft, woher hast du plötzlich diese Power?“

Verlegen starre ich auf meine Handflächen, bevor ich ihr in die Augen sehe. „Ich weiß es nicht. Es fließt auf einmal durch mich hindurch, als wäre es schon immer da gewesen, als hätte diese Kraft nur geruht und wäre von was auch immer geweckt worden.“ Kaum zu glauben, aber Mayli scheint sich mit der kurzen Antwort fürs Erste zu begnügen und steht auf.

„Okay, pass auf, ich werde lieber gehen, damit wir alle ein bisschen zur Ruhe kommen. Außerdem will ich dir deine erste und richtige Begegnung mit ihm, wenn er aufwacht, nicht vermasseln. Halt mich auf dem Laufenden. Handy haste ja wieder.“

Verblüfft erhebe ich mich ebenfalls. „Danke für alles. Du bist echt einzigartig, und ich liebe dich, weißt du das eigentlich?“

Wir umarmen uns in tiefer Verbundenheit. „Aber wie kommst du nach Haus?“

„Na mit dem Bus.“

Ich runzle die Stirn. „Du hasst Busfahren.“

Mayli wendet sich zur Tür. „Für dich bringe ich jedes Opfer.“ Wir lächeln uns verschmitzt an.

Mein Blick weist zur Schlafzimmertür. „Willst du ihn mal kurz sehen?“

Mayli schnappt nach Luft. „Darf ich denn?“

„Sonst glaubst du es mir ja nie“, beharre ich.

Wir schleichen zum Schlafzimmer, und ich öffne die Tür einen Spalt breit. Maylis Blick fällt auf Lorius’ atemberaubend schönes Gesicht. Wie vom Blitz getroffen springt sie zurück und hält sich beide Hände vor den Mund, bevor ihr womöglich ein Schrei der Entzückung entgleitet. Schnell schließe ich die Tür wieder und schubse Mayli Richtung Ausgang. Die fächelt sich übertrieben Luft zu. „Du hast vielleicht ein Glück. Frag ihn bei der nächstbesten Gelegenheit, ob er einen Bruder hat, ja?“

Ein wenig wehmütig blicke ich Mayleen nach, während sie in ihre Normalität zurückkehrt. Dann fällt mir auf, wie hungrig ich bin, wie dringend ich den Gang zur Toilette tätigen müsste, das Handy sollte geladen werden, und duschen wollte ich auch noch. Was ist mit meiner Schicht morgen? Wann wird mein Traummann aufwachen? Diese vielen Fragen frustrieren mich, also werde ich lieber eins nach dem anderen erledigen.

Toilette. Erledigt. Ab zum Kühlschrank, Joghurt, Müsliriegel, Schokoriegel – für die Nerven – und Apfel essen, Wasser trinken. Erledigt. Handy laden. Gebongt. Endlich finde ich Zeit für eine herrlich heiße Dusche, denn ich bin und bleibe ein Warmduscher. Da ich ohne Musik nicht leben kann, schalte ich auch hier das Radio an, werfe meine durchgeschwitzten Klamotten in die Wäschetonne und kletter in die Duschkabine.

Ich stemme die Hände an die altmodischen grünen Fliesen, schließe die Augen und lasse ein wenig den Kopf hängen. Das heiße Wasser läuft mir wohltuend über den Nacken. Ich lasse mir viel Zeit mit dem Einschäumen meiner Haare und Haut, da ich diese Einsamkeit für meinen Seelenfrieden benötige. Trotzdem kann mein Unterbewusstsein es nicht lassen und stellt sich vor, wie kräftige Männerhände meine Haut mit dem Duschgel liebkosen und durch mein Haar fahren. Sehnsuchtsvoll muss ich seufzen. Das ganze Bad ist erfüllt von Wasserdunst. Müde beende ich meine Dusche, um lieber mal einen Blick auf meinen Gast zu werfen. Ich klettere aus der Duschkabine, schlinge mir ein Saunatuch um den Körper, öffne das Badezimmerfenster, schalte die Musik aus und tapse in den Flur Richtung Wohnzimmer. Vor lauter Schreck bleibe ich mitten in der Tür stehen, und beinahe wäre mir mein Tuch zu den Füßen gerutscht.

Er ist wach.

Seine rechte Hand streichelt über mein Porträt, das an der Wand hängt. Die Wasserperlen kitzeln mich, als sie von meinem Hals zu meinen Brüsten unter dem Handtuch rinnen, was mich an meine verletzliche Nacktheit erinnert. Er löst den Blick von dem Bild und schaut schließlich mein Tuch an. Sein langes Haar liegt verführerisch über seinen starken, nackten Schultern. Sein Blick wandert an meinem Körper höher, bis er mir tief in die Augen sieht.

Meine Brüste heben und senken sich so schnell vor Aufregung, dass mein Handtuch ein wenig tiefer rutscht und die Hälfte meiner Brustwarzen freigibt. Ich glaube, mein Gesicht zeigt jede Art von Gefühlen. Freude, Verwirrung, Lust, Unsicherheit, Verliebtheit, Angst und vieles mehr. Ich erstarre zur Statue, als er mit undurchschaubarer Miene auf mich zukommt. Mit seiner Größe von etwa eins neunzig überragt er mich so, dass mein Kopf in den Nacken kippt, um weiter in sein liebliches Gesicht zu schauen. Langsam hebt er seine Hand und schmiegt sie an meine Wange. Ich lege das Gewicht meines Kopfes in seine Handfläche und kuschle meine Wange an seine warme Haut. Der Moment ist zu schön, um wahr zu sein, daher spricht niemand ein Wort. Auch in seiner Miene spiegelt sich nun ein Wechselbad der Gefühle wider, und mein Blick liebkost sein Antlitz.

Schließlich hebt er seine andere Hand, um mir die feuchten Haarsträhnen aus dem Gesicht zu streichen und meinen Mund an seine Lippen zu führen. Wie in Zeitlupe schließe ich die Augen und fühle, wie seine Lippen sanft die meinen streifen, um in einem vollkommenen Kuss zu verschmelzen. Dieser Kuss ist so intensiv, dass man meinen könnte, meine Lippen wären eine verbotene Frucht für ihn, die er schon immer probieren wollte.

Gebannt vernehme ich seine tiefe und unvergleichbare Stimme, und er legt seine Stirn an die meine. „Ich habe so unendlich lange auf dich gewartet.“

Na, und ich erst!

Ich bringe keinen Ton heraus. Lieber genieße ich das Hier und Jetzt und dass er real ist. Alles andere ist unwichtig. Dabei vergesse ich, mein Tuch festzuhalten, und es rutscht zu Boden.

Oh je, jetzt bin ich wirklich nackt.

Ohne Vorwarnung hebt er mich auf seine muskulösen Arme und trägt mich ins Schlafzimmer auf mein Bett.

Oh mein Gott! Werden wir es jetzt tatsächlich tun? Ich meine … Hilfe, wir kennen uns doch gar nicht. Wer bist du eigentlich … wirklich? Wo kommst du her?

Wieder ein sanfter Kuss, dieses Mal auf meine Schulter, was ein Kribbeln durch meinen gesamten Körper jagt.

Okay!

Details

Seiten
0
Erscheinungsform
Erstausgabe
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783960874874
ISBN (Buch)
9783960876236
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v448651
Schlagworte
Träume Visionen Prinzessin-Roman Romantasy-E-Book Romantasy-Erwachsene-Roman große Liebe andere Welt

Autor

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    Nicole Lange (Autor)

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Titel: Um der Liebe Willen (Liebe, Fantasy)