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Liebe und andere Bescherungen (Liebe)

von Dolores Mey (Autor)

2018 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

Weihnachten. Darauf hat Isabella dieses Jahr gar keine Lust. Trotzdem jobbt sie auf dem Weihnachtsmarkt, weil sie glaubt, dass der Weihnachtswahnsinn ihr wenigstens hilft, vor den Ereignissen der Vergangenheit zu flüchten. Doch schon am ersten Tag sorgt sie für Chaos. Konstantin, die Marktaufsicht, schreitet ein und glättet die Wogen. Auch er möchte der Heile-Welt-Weihnachtsstimmung am liebsten entfliehen. Da kommt ihm die taffe Isabella gerade recht, er ist fasziniert von der jungen Frau, darf aber seine Stellung als Aufsichtsperson nicht ausnutzen. Nur wie soll er seine Traumfrau kennenlernen, wenn nicht während der Arbeitszeit?


Impressum

dp Verlag

Erstausgabe Dezember 2018

Copyright © 2020 dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

E-Book-ISBN: 978-3-96087-595-6
Taschenbuch-ISBN: 978-3-96087-596-3

Covergestaltung: Buchdesign Traumstoff
unter Verwendung von Motiven von
shutterstock.com: © OlgaKok
Lektorat: Astrid Rahlfs

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

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dp Verlag

Prolog

19. Januar. Ski-Ausscheidungsrennen, Abfahrt der Damen.

Cortina d’Ampezzo, Italien.

Strahlender Sonnenschein, minus sechs Grad.

Hochkonzentriert und völlig in ihrer eigenen Welt versunken, blendete Isabella hoch oben auf dem Berg den Trubel um sich herum aus. Für sie zählte nur noch dieses Abfahrtsrennen. Es sollte die Eintrittskarte für den Weltcup werden, an dem nur die Weltspitze teilnehmen durfte. Ein Ziel, auf das sie seit Jahren hintrainierte. Durch hervorragende Leistungen hatte sie die Nominierung vom Verband dafür bereits bekommen, doch ein Platz unter den ersten Dreien würde ihr auch noch die nötige Punktzahl einbringen, um ganz sicher daran teilnehmen zu können. Nur nominiert zu sein, war noch lange keine Garantie für die tatsächliche Teilnahme.

Unten im Tal drängelten sich Massen von Touristen und Besuchern aus aller Welt, die dem Spektakel beiwohnen wollten, was sich unschwer an den mitgebrachten Papierfähnchen erkennen ließ. Sämtliche Hotels waren bis auf das letzte Bett ausgebucht und selbst die einfachsten Pensionen hatten keine Zimmer mehr frei.

Unbeeindruckt von dem atemberaubenden Panorama der Dolomiten ging Isabella in Gedanken Abschnitt für Abschnitt der Abfahrtsstrecke durch. Dabei wusste sie genau, wo sich die gefährlichen Stellen befanden und stellte sich mental darauf ein. Auch wenn sie die Strecke wie ihre Westentasche kannte, hatte sie doch einen Höllenrespekt vor nicht vorhersehbaren Tücken, die selbst den erfahrensten Skiläufer aus der Bahn werfen konnten.

Nach dem Testlauf am vergangenen Tag lag sie ganz vorn und galt nun als Mitfavoritin auf das Siegertreppchen, was bedeutete, dass sie zukünftig auch an Skirennen in den USA und Kanada teilnehmen würde.

Isabella seufzte. So sehr sie auch versuchte, sich davon nicht unter Druck setzen zu lassen, es wollte ihr nicht gelingen. Jedenfalls nicht ganz. Lieber Himmel, sie war so kurz davor, in die Weltspitze aufzusteigen. Alles das, wovon sie seit Jahren träumte, war nun zum Greifen nahe. Und ein Sieg auf ihrer Heimstrecke sollte das nun besiegeln.

Das Signal zum Start ihrer Vorgängerin ertönte. Isabella begab sich in Position. Sie klappte das Visier des Helms nach unten, sendete ein Stoßgebet in den Himmel und wartete auf den nächsten Signalton.

Und dann ging’s los. Zwei kurze und ein langer Piepton ertönten. Adrenalin schoss durch ihren Körper. Den wohlgemeinten Klaps ihres Trainers bemerkte sie kaum, auch nicht, dass er toi, toi, toi, jetzt gilt’s Isa! rief.

Die Schranke öffnete sich und Isabella rammte die Stöcke in den gefrorenen Boden. Mit aller Kraft stieß sie sich ab. Äußerste Konzentration war geboten, denn der erste Abschnitt war zur linken Seite hin leicht abschüssig. Die Gefahr lag darin, dass mit vereisten Stellen gerechnet werden musste. Nach zweitägigem Tauwetter hatte es in der vergangenen Nacht einen Kälteeinbruch gegeben.

Isabella verdrängte die Furcht und startete souverän. Mit Bravour nahm sie scharfen Kurven und verlor nicht eine Hundertstelsekunde, als es für wenige Meter wieder leicht bergauf ging. Zielstrebig schoss sie an beeindruckenden Felsen vorbei und durchquerte die berühmte Tofana-Schuss-Etappe. Dabei verlor sie jegliches Gefühl für Zeit und Raum. Mit einer Geschwindigkeit von teilweise über 130 Stundenkilometern bretterte sie den Berg hinunter. Sie fuhr volles Risiko und schreckte vor keiner Bodenwelle zurück.

Der nächste Abschnitt begann mit einem kleinen Hügel, weshalb sie automatisch zum Sprung ansetzte. Wieder einer über dreißig Meter. Das Ziel zeigte sich in greifbarer Nähe, als es plötzlich passierte.

Der linke Ski kam auf einer vereisten Stelle auf und verkantete. Von da an ging alles rasend schnell. Isabella verlor die Kontrolle, konnte sich nicht mehr fangen und überschlug sich mehrere Male auf dem tiefgefrorenen, betonharten Abhang, bevor sie reglos im Fangnetz am Pistenrand liegen blieb.

Das Erste, was Isabella bewusst wahrnahm, war gleißendes Neonlicht über sich. Dazu ein tickendes Geräusch und ein sich ständig wiederholendes leises Piepen, mit dem sie nichts anzufangen wusste. Warum fühlte sich ihr Körper nur so unendlich schwer und unbeweglich an? Wo war sie? Sie schloss die Augen, weil ihr ein schmerzhafter Stich durch den Kopf ging.

„Isa, mein Schatz“, hörte sie ihre Mutter flüstern, die sich zu ihr hinunterbeugte, „Kind, Gott sei Dank.“

„Mein Kopf“, stöhnte Isabella und bedeckte ihre Augen mit der Hand. Sie blinzelte, zog sie wieder fort und erkannte das besorgte Gesicht ihres Vaters, hinter dem auch ihre Schwester Constanze auftauchte.

„Was ist los?“, krächzte sie, „Warum seid ihr hier?“

„Ach, mein liebes Kind“, schluchzte ihre Mutter, „wir sind so froh, dass du wieder bei uns bist.“

In den ersten Tagen nach dem Aufwachen aus dem dreitägigen Koma schlief Isabella viel. Sie verspürte keine Schmerzen, fühlte sich aber unendlich müde und schwer, regelrecht apathisch. In den kurzen Momenten, in denen sie aufwachte, saß immer ein Familienmitglied an ihrem Bett. Dabei wusste sie nicht, ob es Tag oder Nacht war. Nur allmählich drang ihr ins Bewusstsein, welche Umstände sie auf die Intensivstation befördert hatten. Jedoch endete ihre Erinnerung in dem Moment, als sie die Kontrolle über ihre Skier verloren hatte. Und eigentlich fühlte es sich an, als wäre es eine andere Person gewesen, der das passiert war. Mit jedem weiteren Tag, an dem die Ärzte die sedierenden Mittel reduzierten, tauchten Fragen in Isabellas Hinterkopf auf. Unangenehme Fragen, auf die sie keine konkrete Antwort bekam.

Wenn sie an sich heruntersah, ahnte sie nichts Gutes. Nicht nur, dass ihr Kopf in einem turbanähnlichen Verband steckte, auch das linke Bein war bis zur Hüfte bandagiert. Außerdem trug sie ein festes Korsett um ihre Rippen. Und auch der rechte Unterschenkel war mit Bandagen umwickelt.

Was hatte das zu bedeuten?

Mit dem Wechsel in ein normales Krankenzimmer bekam sie die schockierende Diagnose.

„Es tut mir sehr leid, Frau Hofer“, hörte sie den Chefarzt sagen, „dass ich Ihnen keine bessere Botschaft überbringen kann, aber die Verletzungen, die Sie bei dem Sturz erlitten haben, sind so gewaltig, dass eine Fortsetzung Ihrer Karriere unter professionellen Bedingungen als Abfahrtsläuferin ausgeschlossen ist.“

„Aber …“, Isabella schossen die Tränen in die Augen, „das kann doch alles wieder heilen … wenn nicht gleich, dann doch …“ Das bedauernde Kopfschütteln des Arztes ließ sie verstummen.

„Leider nein. Hören Sie, ich verstehe, dass das jetzt sehr hart für Sie ist, aber es ist nicht nur der Kreuzbandriss im linken Knie, der Ihnen immer wieder Probleme bereiten wird, sondern auch mehrere Meniskusrisse, die die Stabilität ihres Knies auf Dauer beeinträchtigen können. Abgesehen davon haben Sie sich zwei Rippen gebrochen und eine schwere Gehirnerschütterung davongetragen.“

Isabellas Mutter stellte sich neben den Chefarzt, ergriff ihre Hand und streichelte sie mitfühlend, ohne ein Wort zu sagen.

Anschließend weinte Isabella heiße Tränen der Enttäuschung. Sie haderte mit sich, dem Leben und Gott weiß, mit was noch alles. Sie schwor sich, bessere, kompetentere Ärzte aufzusuchen, damit die ihr eine andere, eine günstigere Diagnose stellen konnten.

Heidi, Isabellas Mutter, ertrug Tag für Tag geduldig die Gefühlsausbrüche ihrer Tochter und beklagte sich nicht. Nur wenn die Sprache auf Georg kam, Isabellas Freund, der sich noch nicht eine Sekunde an ihrem Bett eingefunden hatte, bekam Heidi einen harten Zug um den Mund.

Georg war ebenfalls ein großes Skiabfahrtstalent Südtirols. Seit gut einem Jahr waren sie ein Paar und verbrachten jede Minute ihrer wenigen Freizeit zusammen.

Nach vierzehn Tagen Krankenhausaufenthalt stand Georg dann endlich an Isabellas Bett. Sie war allein im Zimmer, weil ihre Mutter bereits gegangen war.

„Hi“, begrüßte er sie und küsste sie flüchtig auf die Wange.

„Ich hab’ so sehr auf dich gewartet. Du hast doch bestimmt gehört …“, wimmert sie und wollte ihn am Arm zu sich ziehen, doch er entzog sich ihr, wobei er sie nicht ansehen konnte.

„Ja, habe ich“, druckste er herum, „es tut mir sehr leid für dich.“ Wieder vermied er es, sie anzusehen.

Glücklicherweise hatte man ihr den Verband um den Kopf inzwischen abgenommen. Dennoch war sie kein hinreißender Anblick, dessen war sie sich bewusst.

„Schön, dass du da bist.“ Sie schluckte die Enttäuschung und die Frage, warum er sie erst jetzt besuchte, hinunter.

„Die Jacke kannst du dort drüben aufhängen. Setz dich doch.“ Sie deutete auf den Stuhl neben dem Bett.

„Nee, lass mal. Viel Zeit habe ich nicht. Aber ich wollte wenigstens mal bei dir vorbeikommen.“

Ein kalter Schauer überzog Isabella von den Zehen bis zu den Haarspitzen, als sie spürte, wie unnahbar er ihr gegenüber plötzlich war.

„Was ist mit dir?“ Panik lag in ihrer Stimme.

„Nichts. Was soll schon sein? Ich hatte einfach noch keine Zeit, herzukommen.“ Er kratzte sich am Hinterkopf. „Das wird sich auch zukünftig nicht ändern, du weißt ja selbst, wie das ist.“

„Aber …“, setzte sie an und verstummte gleich wieder, als sie die Kälte in seinen Augen bemerkte.

„Hör zu. Ich habe über uns nachgedacht und möchte dir da nichts vormachen. Das fände ich nicht fair“, begann er und man sah ihm an, wie unangenehm ihm die Situation war. „Isa, ich mag dich sehr, aber du weißt auch, welche Ziele ich habe. Ich brauche jetzt Leute um mich herum, die mich motivieren und aufbauen. Das wird dir unter den gegebenen Umständen schwerfallen, das verstehe ich … äh, ich weiß, es klingt hart und es tut mir auch leid, aber …“, er zögerte einen Moment und sah zum Fenster heraus, als er den Satz zu Ende sprach, „… ich kann jetzt nur eine Frau an meiner Seite gebrauchen, die voll belastbar ist.“

Er machte sich nicht einmal mehr die Mühe, ihr noch die Hand zum Abschied zu geben, sondern verließ den Raum, indem er ihr über die Schulter zurief: „Ich wünsch dir alles Gute. Lebwohl.“

Die Tür fiel mit einem lauten Knall hinter ihm ins Schloss.

Eins

Zehn Monate später …

„Was wollte denn unser Personalchef von dir?“ Felix sah seinen Kollegen verwundert an und legte den Bericht zur Seite, den er gerade erst zur Hand genommen hatte. „Das hab’ ich ja noch nie erlebt, dass der schon vor dem Frühstück Personalgespräche führt. Was gab's denn so Wichtiges, was nicht bis nach neun hat warten können?“

„Frag besser nicht. Das glaubst du mir sowieso nicht.“ Konstantin verzog mürrisch das Gesicht und warf eine reichlich abgegriffen aussehende schwarze Mappe aus Lederimitat auf den Schreibtisch, als wäre sie stinkender Müll. Mit einem Seufzer ließ er sich in den Bürostuhl fallen und drückte den On-Knopf am Rechner.

„Hast du so was schon mal gesehen?“ Er nahm die Mappe erneut zur Hand, hielt sie kurz hoch und zog dann den Reißverschluss, der die speckige, eiförmig ausgebeulte Kunsthülle ringsherum verschloss, auf. Noch bevor das Ungetüm offen wie ein Buch vor ihm auf dem Tisch lag, fielen handschriftlich beschriebene Papierschnipsel und loses Bonbonpapier heraus.

„Ach du liebes bisschen. Jetzt machst du mich aber neugierig.“ Felix stellte sich abwartend neben ihn und starrte auf den Wust vollgekritzelter Zettel, Werbeflyer und Visitenkarten, die zum Vorschein kamen.

„Wenn du mal einen Blick auf den Kalender und dazu noch einen auf das Ungetüm hier wirfst, hast du schon einen Teil der Antwort“, brummte Konstantin. „Na, was fällt dir auf?“

Felix runzelte die Stirn und starrte abwechselnd an die Wand, wo der Dreimonatskalender hing und dann wieder auf die Mappe.

„Heute ist der 26. November – ja, na und?“ Er sah Konstantin verständnislos an. Doch dann schlug er sich mit der flachen Hand auf die Stirn. „Nee … das gibt’s doch jetzt nicht! Was hast du denn mit der Mappe vom alten Schmitz zu schaffen? Verdammt, das schwarze Ding kam mir doch gleich so bekannt vor.“

„Bingo“, knurrte Konstantin. „Ab heute ist der Weihnachtsmarkt geöffnet und der Kollege Schmitz liegt im Krankenhaus. Akute Diabetes. Sieht gar nicht gut aus.“

„Ja, das kann ich mir vorstellen. Der Dicke hat den Job als Marktwächter geliebt, weil er sich von morgens bis abends überall durchfres… äh sorry, aber dass der jetzt mit hohen Zuckerwerten im Krankenhaus liegt, wundert mich nicht, nur …“ Felix schüttelte entgeistert den Kopf. „Was will denn der Jandrey dann mit uns, vielmehr mit dir? Wir gehören zum Bauamt und betreuen nicht den Weihnachtsmarkt.“

„Nützt aber nix. Er hat alle Abteilungen durchgeforstet und ich bin als einzige Alternative übrig geblieben. Was glaubst du, was ich mir gerade angehört habe? Keine Leute, zu hoher Krankenstand, Überalterung und und und …außerdem wäre ich als Letzter in die Abteilung gekommen und ich hätte ja wohl noch vor, Karriere zu machen.“ Er verdrehte die Augen. „Noch Fragen? Ach ja und wenn ich den Job von Schmitz übernehme, hat er gesagt, dann würde er mir das nie vergessen. Sowas käme in einer Personalakte immer gut.“ Konstantin fuhr sich mit den Fingern durch das volle, mittelblonde Haar. „Hätte ich da nein sagen sollen?“

„Nee, natürlich nicht“, räumte Felix kleinlaut ein. „Da wärst du ja verrückt.“

„Genau.“

„Und wer macht jetzt deine Arbeit?“

„Dreimal darfst du raten.“ Konstantin sah ihn unmissverständlich an.

„Ich!?“

„Wer denn sonst? Siehst du hier noch jemanden? Die anderen Abteilungen haben genug mit sich selbst zu tun.“

„Oh nein, das darf doch nicht wahr sein! Ausgerechnet jetzt, wo Laura so kurz vor der Entbindung steht und ich mich mehr als sonst um Yannik kümmern muss. Wir haben nun mal keine Großeltern vor Ort, die einspringen können.“

„Tut mir leid“, nickte Konstantin. „Du weißt, wenn ich kann, nehme ich dir alles ab, was geht, aber dass ich jetzt so einen Einsatz kriege, damit hätte ich auch nicht gerechnet. Was denkst du denn?“

Er stand auf und lief unruhig im Büro auf und ab. „Natürlich bin ich zwischendrin auch mal hier“, redete er weiter, „aber das nützt dir nichts. Mehr als das Nötigste werde ich kaum schaffen. Bis Ende Dezember ist es mein Job, mindestens zweimal täglich auf dem Weihnachtsmarkt Streife zu laufen. Und das kann dauern, hat mir Jandrey gesagt. Mit nur drüber laufen wäre es nicht getan. Ich sollte das nicht unterschätzen. Ein Spaziergang würde es nicht, meinte er auch noch.“

Am Nachmittag, nachdem Konstantin offene und unerledigte Arbeiten entweder abgeschlossen oder delegiert hatte, marschierte er los, um seinen neuen Arbeitsplatz, den Weihnachtsmarkt, zu erkunden. Ausgerüstet mit einem Lageplan für Standplätze und Inhaber und einigen wertvollen Hinweisen, die ihm Jandrey mit an die Hand gegeben hatte, war er auf dem Weg zu einem der alteingesessenen Händler, der sich außerdem Vorsitzender des städtischen Gewerbevereins nennen durfte. Von ihm erhoffte sich Konstantin eine Menge Insiderwissen, das man in keiner Arbeitsanweisung finden konnte. Trotzdem, sehr behaglich fühlte er sich als Marktpolizei nicht. Wozu brauchte man den Quatsch überhaupt? Was sollte denn schon passieren, wenn man es mit mündigen, erwachsenen Leuten zu tun hatte, die dazu noch selbstständige Kaufleute waren? Die meisten jedenfalls.

Erwartungsgemäß hielt sich die Besucherzahl am ersten Tag in Grenzen. Es war mild und sonnig und nur wenige Leute schlenderten schaulustig an den Ständen vorbei. Die meisten, um sich etwas zu Essen zu besorgen.

Ihm stieg ein unwiderstehlicher Duft von gebrannten Mandeln in die Nase, während aus den Boxen eines Kinderkarussells Süßer die Glocken nie klingen dudelte, doch erst die typischen Gerüche von Zimt, Lebkuchen und Glühwein, die schwer in der Luft lagen, ließen in ihm einen Hauch von vorweihnachtlicher Atmosphäre aufkommen. Angesichts der eher frühlingshaften Temperaturen empfand er die komplette Kulisse ziemlich befremdlich. Er mochte Weihnachten, keine Frage, aber nicht in diesem Jahr. Das Wort „Familie“ schien für Konstantin, wenn es um seine eigene ging, so auch nicht mehr passend zu sein. Zu seiner zählte nur noch sein Vater, alle anderen waren tot. Und der hatte bereits angekündigt, dass er die Feiertage mit seiner neuen Lebensgefährtin verbringen wollte. Konstantin verstand das und war sogar froh darüber, denn es bedeutete, dass sein Vater nach dem viel zu frühen Tod seiner Mutter endlich wieder zu leben begann. Doch das hieß auch, dass er die Feiertage allein verbringen musste. Eine Alternative gab es nicht. Die Beziehung zu Lisa, seiner Jugendliebe seit der zehnten Klasse, war im vergangenen Sommer auseinandergegangen. Einvernehmlich und nach mehreren missglückten Wiederbelebungsversuchen auch endgültig. Ausgeliebt eben. Noch immer verband ihn mit Lisa echte Freundschaft. Platonisch, so als seien sie Geschwister. Das fühlte sich richtig und gut an, änderte aber nichts an den Tatsachen. An ihrer Seite gab es inzwischen einen neuen Mann. Und das war die schmerzende Stelle in der Idylle. Lisas Eroberung wollte so gar nicht an platonische Freundschaften zwischen Männern und Frauen glauben, weshalb sich Konstantin freiwillig zurückgezogen hatte. Demzufolge war auch dieser, in den vergangenen Jahren so vertraut gewordene Familienersatz zu Weihnachten keine Option mehr für ihn.

In derlei Gedanken versunken, lief Konstantin zwischen den Verkaufsständen hindurch, bis er von unüberhörbarem Geschrei aufgeschreckt wurde.

„Es ist doch immer dasselbe“, wetterte ein korpulenter Mann mittleren Alters aufgebracht, „die Ausländer kommen hierher und dürfen alles, während wir für jeden Nasenpopel eine Genehmigung vorlegen müssen!“

Provokant baute er sich vor einer – wow – bildhübschen, dunkelhaarigen jungen Frau im Dirndl auf, die angesichts der Vorwürfe wie erstarrt dastand. Ihr Verkaufsstand gleich nebenan war anscheinend der Grund für den Unmut des Rüpels. Interessiert las Konstantin das Schild, das über dem geschmackvoll gestalteten Stand im alpenländischen Stil angebracht war: Spezialitäten aus Südtirol. In dem halb offenen Verkaufsstand entdeckte er eine weitere Frau, in etwa genauso alt wie die Dunkelhaarige, jedoch mit blonden Haaren. Logisch, da passten auch die Dirndl dazu, die die beiden trugen. Und jetzt verstand er auch die Sache mit den Ausländern.

Eine Frau, die nebenan hinter einer Auslage von einfallslos aufgereihten Messern, Scheren und anderen Kleinstküchenhelfern, ihren riesigen Busen auf den Tresen drückte und das Geschehen ringsherum mit Argusaugen beobachtete, nickte zu den Worten des Mannes heftig mit dem Kopf und schien die Angetraute des Schreihalses zu sein. Rein optisch passt die auf jeden Fall perfekt dazu, ging es Konstantin durch den Kopf. Komisch, sollten die Aussteller nicht auf ein ansprechendes Äußeres achten? Das galt für die Darbietung der Waren genauso wie für das eigene Auftreten. So jedenfalls stand es in den Statuten für die Marktbetreiber.

„Was denken Sie eigentlich, wo wir hier sind?“, brüllte der Kerl weiter, worauf die junge Frau empört nach Luft schnappte. Doch zu Wort kam sie nicht. „Wollen Sie mit ungeprüften Elektrogeräten den ganzen Markt abfackeln … ich glaube, es geht los! Das können Sie da machen, wo Sie herkommen, aber nicht hier.“ Bei diesen Worten beugte er sich bedrohlich nach vorn, weshalb die attraktive Dunkelhaarige erschrocken einen Schritt zurückwich.

„Wer soll mir denn am Ende den Schaden bezahlen? Hä? Sie vielleicht?“

„Jetzt ist es aber genug!“, rief die dunkelhaarige Schönheit und funkelte ihren Widersacher böse an. „Hören Sie endlich auf, mich so anzuschreien. Was haben Sie denn für ein unmögliches Benehmen?“

„Kommen Sie mir nur nicht so“, wiegelte der Mann den Vorwurf mit einer wegwerfenden Handbewegung ab. „Sie wollen eh nur ablenken …“

Konstantin erkannte, dass er nicht umhinkam, einzuschreiten und beschleunigte seine Schritte. Während er versuchte, sich den Lageplan vor seinem inneren Auge aufzurufen, wappnete er sich, um dem Schreihals Paroli bieten zu können. Scheibenkleister. Wo befand er sich hier nur? Dann erinnerte er sich: Er stand in der Gasse, in der hauptsächlich Küchengeräte, Kerzen, Textilien und verpackte Lebensmittel angeboten wurden.

Entschlossen ging er auf das Grüppchen zu, zu dem sich nun noch weitere der umliegenden Standbetreiber gesellt hatten.

Erleichtert entdeckte er am anderen Ende der Gasse zwei Polizisten, was ihn ungeheuer beruhigte. Die Gesetzeshüter beobachteten das Geschehen ebenfalls, ohne jedoch einzuschreiten. Ansonsten waren nur wenige Besucher in dem Marktabschnitt unterwegs, doch die drehten sich angesichts des Geschreis jetzt auch neugierig um.

Oje, Konstantin bekam eine Ahnung, was Jandrey mit, den Markt zu bewachen, wird kein Spaziergang, das werden Sie sehen, gemeint hatte.

„Guten Tag, die Herrschaften“, trat er in die Mitte und stoppte damit die lautstarke Tirade des Mannes. „Mein Name ist Konstantin Niendorf. Wie ich höre, gibt es Unstimmigkeiten. Vielleicht kann ich behilflich sein? Ab heute bin ich Ihr Ansprechpartner, wenn es Probleme gibt …“

„Wer sind Sie?“ Der ungehobelte Klotz musterte ihn argwöhnisch von oben bis unten, als wäre er ein lästiges Insekt. „Wem wollen Sie denn den Blödsinn erzählen? Wenn hier einer für uns zuständig ist, dann ist das der Schmitz, den kennt doch hier jeder und nur mit ihm werde ich verhandeln und mit sonst keinem.“ Er warf einen Blick auf seine Armbanduhr und sah sich dann kopfschüttelnd um. „Äh, wo ist der überhaupt? Hat den schon jemand gesehen?“

Die umstehenden Händler hoben ratlos die Schultern und schüttelten die Köpfe.

„Der Schmitz und ich haben nämlich mal drei Takte miteinander zu reden … mich hier so abzuschieben … in die hinterletzte Ecke. Das ist ja wohl eine Unverschämtheit“, posaunte er weiter. „Das lass ich mir nicht gefallen! Ich will meinen Stammplatz am Königsplatz wiederhaben!“ Er stach mit dem Zeigefinger in Konstantins Richtung und versah ihn mit einem grimmigen Blick. „Und das, mein Freund … das können Sie sich mal gleich hinter die Löffel schreiben, wenn Sie hier wirklich was zu sagen haben! Nur damit Sie schon mal Bescheid wissen …“

Konstantin wurde es zu bunt. Es genügte ihm schon, dass ihn alle wie die neueste Zirkusattraktion anstarrten. Denn er war noch nie ein Mensch gewesen, der unbedingt in die erste Reihe musste. Dazu kam die Unsicherheit, dass er sich mit der neuen Aufgabe überhaupt noch nicht hatte vertraut machen können und auch die Tatsache, dass er sich vor zwei Frauen profilieren musste, die ganz klar in sein Beuteschema passten.

Ein halbes Jahr Singledasein reichte ihm. Mit jedem neuen Tag sehnte er sich mehr nach einer festen Beziehung. Er hatte es satt, allein zu sein, doch so einfach, wie er anfangs dachte, war es nicht, eine passende Partnerin zu finden. Und nun standen gleich zwei wirklich passable Möglichkeiten vor ihm und er musste sich mit so einem Mist herumschlagen. Energisch hob er deshalb die Hand und gebot dem Grobian Einhalt. Forsch zog er den Dienstausweis hervor.

„Hier! Wie Sie sehen, bin ich ein Mitarbeiter der Stadt Kassel. Ich hoffe, das genügt Ihnen fürs Erste.“

Jetzt galt es, sich Respekt zu verschaffen. Ein Blick in die Runde zeigte, dass sich die Zuhörerschaft aufgrund der unüberhörbaren Diskussion weiter vergrößert hatte.

„Und jetzt noch mal für alle!“ Konstantin machte eine bedeutungsvolle Pause. „Herr Schmitz fällt krankheitsbedingt für mehrere Wochen aus. Es ist sehr unwahrscheinlich, dass er bis zum Ende der Saison wieder gesund ist. Ob es Ihnen nun passt oder nicht“, wandte er sich direkt dem Unruhestifter zu, „bis auf Weiteres bin ich Ihr Ansprechpartner.“

Erneut ging ein Murmeln durch die Runde und Konstantin stellte mit Genugtuung fest, wie sich die Stimmung zu seinen Gunsten änderte.

Nachdem die umstehenden Betreiber ihn begrüßt hatten, kümmerten sie sich wieder um ihre eigenen Geschäfte. Nur der Aufrührer blieb beharrlich an seiner Seite. Konstantin ignorierte das und wandte sich unmissverständlich der hübschen Dunkelhaarigen zu, die – wie er erfreut registrierte – von der blonden Dirndlträgerin Verstärkung bekam. Aufmunternd sah er die beiden an.

Mein Gott, was für wunderschöne große, braune Augen, passend zum Haar und dieser volle, sinnliche Mund, der das ebenmäßige, schmale Gesicht besonders zur Geltung brachte.

Reiß dich zusammen! Du bist im Dienst, rief er sich selbst zur Räson, zog eilig Block und Stift hervor und versuchte, geschäftsmäßig zu klingen.

„Vielleicht sagen Sie zur Abwechslung mal etwas zu der Situation.“

Schnell senkte er wieder den Blick, um seine Bewunderung zu verbergen. „Ach ja, bevor Sie mir Ihre Sichtweise schildern, bräuchte ich zuerst Ihre Personalien.“

„Mein Name ist Isabella Hofer“, erklärte sie mit warmer Stimme und unverkennbarem alpenländischem Akzent. Sie nannte ihm eine Adresse, die er unverzüglich notierte.

„Tja“, sie deutete auf Krüger, „wenn Sie mich nach der Aufregung des Herrn hier fragen, so kann ich nur mutmaßen, warum er so wütend ist.“

„Jetzt lassen Sie mich mal reden“, fuhr der Rüpel erneut dazwischen, „ich sage Ihnen dann schon, was los ist. Es ist nämlich so …“

Entnervt drehte sich Isabella um und wollte gehen.

„Nein“, Konstantin berührte sie am Arm, um sie aufzuhalten. „Bitte bleiben Sie. Geben Sie mir einen Moment.“ Sein charmantes Lächeln erstarb augenblicklich, als er sich dem rechthaberischen Mann zuwandte. „Ich habe Sie aber nicht gefragt, Herr …?“

„Mein Name ist Krüger und ich betreibe seit mehr als zwanzig Jahren meinen Stand auf dem Weihnachtsmarkt in Kassel. Hören Sie, seit mehr als zwanzig Jahren … aber noch nie an so einer abgelegenen Stelle wie dieses Jahr! Das ist …“

„Herr Krüger!“ Konstantin musste sich wirklich zusammenreißen, um nicht aus der Haut zu fahren. „Ich möchte Ihnen, genauso wie jedem anderen der Betreiber hier, behilflich sein. Sofern es in meiner Macht liegt, doch dafür müssen Sie mir auch die Gelegenheit geben. Es muss möglich sein, dass ich mir einen objektiven Eindruck von den Gegebenheiten verschaffe, um mir ein Ur…“, er räusperte sich, „… ich meine, um nach einer Lösung zu suchen. Dafür haben Sie sicher Verständnis. So, und deswegen bitte ich Sie, auch den Damen hier die Gelegenheit zu geben, Stellung zu nehmen.“

Konstantin drehte dem Querkopf wieder den Rücken zu und richtete nun zum zweiten Mal die Aufmerksamkeit auf Isabella, die angesichts der Situation ein wenig blass geworden war. „Sie sind also nicht die Eigentümerin hier?“

„Nein“, die hübsche Blonde ergriff das Wort. „Wenn ich das kurz erklären darf … wir sind beide Angestellte. Die Betreiberin ist Lena Hofer. Ihr gehört der Feinkostladen. Mein Name ist Fabienne Marx. Die nächsten Wochen werden wir beide hier arbeiten.“

„Ich vermute, es geht darum, dass ich mir gerade einen Espresso zubereiten wollte und ich dafür die Herdplatte angeschaltet habe“, begann Isabella. „Mir war nicht klar …“

„So ein Blödsinn … mir war nicht klar“, äffte Krüger sie nach, „wo kommen wir denn da hin, wenn jeder macht, was er will?“

Konstantin hob die Hand und bedachte den Schreihals mit einem kühlen Blick, worauf er Ruhe gab. Interessiert machte er einen Schritt in Richtung des einladend zurechtgemachten Standes und schaute sich um: Handgefertigte Frühstücksbrettchen, Kochlöffel und Nussknacker neben Brotaufstrichen, Weinbränden und anderen Südtiroler Spezialitäten. In einer Nische entdeckte er dann das Corpus Delicti: eine überalterte Einzel-Kochplatte mit einem angeknacksten Porzellanstecker aus längst vergangenen Tagen, auf der eine klassische Espressokanne stand. Konstantin nahm die Platte kritisch in Augenschein, sagte aber nichts.

„Entschuldigen Sie, aber ich wusste nicht, dass es verboten ist, Elektrogeräte mitzubringen“, erklärte Isabella. „Ich wollte auf gar keinen Fall hier für Ärger sorgen …“

„Aber doch nicht auf so einem Ding, das aus dem vorigen Jahrhundert stammt, einen kaputten Stecker hat und nicht nach den gängigen Regularien geprüft ist“, fuhr Krüger abermals dazwischen. „Glauben Sie, ich will meine Existenz wegen so einer Schluderei verlieren?“

„Herr Krüger!“, rief Konstantin schärfer, als er eigentlich wollte. „Können wir uns darauf einigen, dass ich Sie frage, wenn ich etwas von Ihnen wissen will?“

„Hören Sie doch auf! Was glauben Sie, wen Sie vor sich haben? Einen, der Tomaten auf den Augen hat? Ich bin doch nicht blind! Sie wollen doch nur die jungen Damen hier beeindrucken. Ha, aber nicht auf meine Kosten. Soweit kommt’s noch. Es ist ja wohl klar, wer da den Kürzeren zieht“, plusterte er sich erneut auf.

„Jetzt reicht’s aber!“ Konstantins Gesicht lief vor Zorn rot an. „Ich werde mir ja wohl erst mal einen Überblick verschaffen dürfen. Oder glauben Sie etwa, Ihr Wort ist hier Gesetz?“

„Ist schon gut“, meldet sich Isabella zu Wort. „Ich werde die Platte nicht mehr benutzen. Wenn damit der Streit aus der Welt ist …“ Sie stellte sich vor Krüger und wartete auf eine Antwort.

„Ja … na gut. Dann will ich mal nicht so sein. Aber wehe, Sie benutzen das Ding hinter meinem Rücken morgen doch wieder“, grummelte er misstrauisch.

„Nein, ganz sicher nicht. Herr Niendorf kann die Platte sofort in Gewahrsam nehmen. Ist es dann so in Ordnung für Sie? Wir möchten uns nämlich endlich um unsere Kunden kümmern.“

Tatsächlich beäugten zwei Frauen die Spezialitäten des Südtiroler Standes und interessierten sich besonders für die Holzbrettchen.

Konstantin gab Isabella eine Visitenkarte und nahm die Herdplatte an sich.

An Krüger gewandt, der ihn wie ein Habicht fixierte, sagte er: „Ich hoffe, Ihrer Beschwerde wurde zu Ihrer Zufriedenheit nachgekommen. Einen schönen Tag noch.“

Das knappe Kopfnicken Krügers nahm er als Antwort und setzte seine Erkundung über den Weihnachtsmarkt fort.

Zwei

Am Abend schlüpfte Isabella, müde und erschöpft vom langen Stehen, aus der Tracht. Sie bewohnte ein komfortables Einzelzimmer im Brunnenhof, einem ringförmig angelegten Hotel- und Gaststättenbetrieb, an dem ihr Cousin Teilhaber war. Max, der genau wie Isabella aus Südtirol stammte, war seinerzeit eher zufällig nach Nordhessen gekommen.

Lena, mit der er inzwischen verheiratet war, hatte ihn, ohne es zu wissen, aus einer ziemlich misslichen Lage befreit. Im Zuge dieser Verwicklungen hatten sich die beiden ineinander verliebt, geheiratet und waren nunmehr auch stolze Eltern einer kleinen Tochter geworden, Sophie. Gemeinsam führten sie den alteingesessenen Betrieb, der schon von Lenas Großeltern bewirtschaftet worden war.

Meistens nahm Isabella die Mahlzeiten im Nebenraum der Gaststube ein, dort, wo auch das Personal im Allgemeinen aß. Doch heute, am Ruhetag des Restaurants, war sie in die Privatwohnung der Eheleute zum Abendessen eingeladen worden. Diese befand sich im gegenüberliegenden Gebäude des Gasthauses, einer ehemaligen Scheune, in der das Dachgeschoss zu einer komfortablen Wohnung ausgebaut worden war.

In bequemer Freizeitkleidung fand sich Isabella dort ein und wurde von Lena empfangen, die sie in die geräumige Wohnküche führte, wo bereits der Tisch eingedeckt war. Ein angenehm würziger Geruch von Tomaten, Basilikum und Knoblauch hing in der Luft.

„Setz dich. Du kommst genau richtig. Die Nudeln sind gar. Max bringt nur unsere Süße ins Bett, dann können wir essen. Sophie war todmüde“, lachte sie. „Erzähl, wie war dein Tag? Wie geht’s deinem Bein? Hast du Schmerzen?“ Sie stellte zwei Schüsseln auf den Tisch und setzte sich dazu.

„Mein Bein ist ganz okay.“ Isabella zog eine Grimasse. „Ich hab’ mich zwischendrin immer mal hinsetzen können. Aber was unseren Standnachbarn betrifft, sieht die Sache schon anders aus. Mit dem haben wir einen ordentlichen Kaltstart hingelegt. Das ist ein ziemlicher Vollidiot. Sorry für die Ausdrucksweise, aber ist so. Der hat sich vielleicht aufgeführt … aber nachdem er endlich Ruhe gegeben hat, lief alles ganz okay. Wir haben ganz ordentlich verkauft.“

„Was war denn los?“ Max, der hinzukam, strich ihr liebevoll über die Schulter, bevor auch er sich setzte.

Während des Essens erzählte Isabella von den Vorfällen und geriet mit jedem Wort mehr in Rage.

„Tja, und am Ende … damit der Proll endlich Ruhe gab, habe ich die Herdplatte abgegeben … also abgeben müssen. Ein Angestellter der Stadt hat sie mitgenommen. Ihr könnt euch nicht vorstellen, wie peinlich das war! Der Kerl hat mit seiner Krakeelerei den ganzen Platz unterhalten. Also ich meine den Typen vom Nachbarstand, nicht den Beamten … der war sehr nett.“

„Wegen der ollen Platte mach dich nicht verrückt“, winkte Lena ab und strich sich eine widerspenstige rostrote Strähne aus der Stirn, die ihr immer wieder hineinrutschte. „Das Ding ist schon so alt, ich glaube, es stammt noch aus der Zeit meiner Großeltern. Das ist überhaupt nicht tragisch. Aber welche Möglichkeiten gibt es denn noch, damit du zu deinem heißgeliebten Espresso kommst? Gibt es denn keinen Stand in der Nähe, an dem du dir einen vernünftigen Kaffee kaufen kannst?“

„Ach, so wichtig ist das nun auch nicht“, schüttelte Isabella den Kopf. „Es reicht, wenn ich mir von hier Filterkaffee in der Thermoskanne mitnehmen kann. Da freut sich auch Fabienne drüber. Hätt’ ich gewusst, dass ich mit der Herdplatte so einen Sturm heraufbeschwöre, hätte ich mich gleich dafür entschieden. Aber ich denke, dem Kerl kann man sowieso nichts recht machen. Seine Frau hat auch kein Wort dazu gesagt. Sie schaute nur griesgrämig drein und hat den Quatsch, den er von sich gibt, abgenickt.“

Isabella fuhr sich mit den Fingern durch die dichten dunklen Haare, die sie jetzt offen trug.

„Was glaubt ihr, wie argwöhnisch der dreingeschaut hat, als er mitbekommen hat, dass die Leute nicht nur zum Kaufen an unseren Stand gekommen sind, sondern sich auch über Südtirol informiert haben. Und was die alles wissen wollten …“, lachte sie und berichtete mit lustigen Anekdoten von den vielen reiselustigen Passanten, die mit unzähligen Fragen am Stand haltgemacht hatten.

„Tja, wenn ich’s mir recht überlege, sollte ich mir für morgen ein paar Nummern aufschreiben, die ich dann weitergeben kann“, sinnierte sie laut.

„Für den ersten Tag hört sich das doch insgesamt ganz gut an. Telefonnummern musst du dir keine aufschreiben. In der Lounge liegen genug Flyer, die wir hier zur Info auslegen, die kannst du mitnehmen. Die kriege ich immer wieder neu.“

Max sah sie mit einem warmen Lächeln an. „Wenn ich dich so reden höre, hast du heute keine Zeit gehabt, zu grübeln. So gefällst du mir. Du warst in letzter Zeit so deprimiert, das war ja nicht mehr mit anzusehen.“

„Stimmt!“, pflichtete Lena ihm bei. „Allein dafür war der Proll schon gut – und die vielen Leute, die sich für deine Heimat interessieren, auch.“

„Ja, das ist echt cool – sorry, ich weiß, ich war ganz schön mies drauf in der letzten Zeit. Das war gar nicht mehr ich“, nickte sie und verzog ihr Gesicht zu einer reumütigen Miene. Als sie die besorgten Blicke von Lena und Max auf sich spürte, richtete sie sich ruckartig auf und wagte ein Lächeln.

„Aber seitdem ich hier bin, fühlt sich mein Leben schon viel besser an. Jetzt habe ich wenigstens erst mal eine Aufgabe, obwohl ich immer noch nicht weiß, was ich mit meiner Zukunft anfangen soll.“

„Das erwartet auch gar keiner“, beschwichtigte Max sie und füllte sich den Teller. „Hab ein bisschen Geduld. Das kommt schon noch. Die letzten Monate waren hart für dich. Wir wissen das. Lass dir Zeit. Du bist jetzt hier … weit weg von dem, was dich erinnert, und hast alle Zeit der Welt, einen neuen Weg zu finden. Wir freuen uns, dass du da bist. Mit deinen Eltern ist ja abgesprochen, dass du so lange bleiben kannst, wie du magst und bis du für dich weißt, wo’s lang geht. Abgesehen davon können wir deine Hilfe gerade sehr gut gebrauchen.“

Während Lena und Max zu essen begannen, stocherte Isabella unschlüssig in ihren Nudeln. „Ich weiß und ich bin ja auch sehr gerne da.“ Isabella schluckte und legte die Gabel zur Seite. „Aber trotzdem …“, brach es aus ihr heraus.

Sie nahm einen Schluck Mineralwasser und konnte nicht weitersprechen, weil sie der Kummer über das Vergangene erneut wie aus heiterem Himmel übermannte.

„Wenn ich nicht wie heute den ganzen Tag beschäftigt bin, fühle ich mich so furchtbar leer und nutzlos. Nichts macht Sinn und es kommt mir vor, als hätte ich nur noch Watte im Hirn.“

Traurigkeit und Ohnmacht stiegen in ihr auf. „Keine Sorge, ich funktioniere, ganz klar, aber … mir fehlt jegliche Perspektive, wie es weitergehen soll. Habt ihr eine Idee, wie das ist, wenn man jahrelang nur auf ein Ziel hingearbeitet hat, immer nur von einem Rennen zum nächsten gedacht hat … egal für welches? Und plötzlich soll das alles überhaupt keinen Wert mehr haben? So, als hätte es das nie gegeben … und als ob das noch nicht genug wäre, sagt dir der Kerl, den du liebst und von dem du glaubst, dass er dich auch liebt: Schatz, ich will fair sein …“ Mit tonloser Stimme schilderte sie Georgs Krankenhausbesuch, bei dem er ihre Beziehung mit wenigen Worten beendet hatte.

Die ersten Tränen liefen Isabella an der Wange hinunter. Um Beherrschung bemüht, starrte sie zur Decke und presste die Lippen zusammen.

„Entschuldigung“, stammelte sie, als sie die betroffenen Mienen von Lena und Max registrierte. „Ich wollte euch nicht den Abend verderben …“

Lena legte das Besteck zur Seite und griff über den Tisch nach Isabellas Hand.

„Das tust du nicht. Glaub mir, ich verstehe dich sehr gut. Zwar habe ich es, was das Berufliche betrifft, leichter gehabt als du, aber wenn es um die Männer geht …“ Sie schickte Max zwinkernd einen Luftkuss. „Ich rede von den Männern, die ich vor deinem Cousin kennengelernt habe, da weiß ich genau, wie’s dir geht.“

Sie ließ Isabellas Hand los. „Wusstest du eigentlich schon, dass ich mir damals fest vorgenommen hatte, keine Beziehung mehr einzugehen? Ich wollte nie wieder Stress mit einem Mann haben“, lachte Lena, „und ich habe felsenfest daran geglaubt, dass ich ohne die Kerle auskomme“, nickte sie und strich Max zärtlich über den Arm. „Tja, bis Max alle meine guten Vorsätze über den Haufen geworfen hat.“

„Wirklich?“, lachte Isabella nun auch wieder und wischte sich die Tränen aus den Augen. „Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, wie du das hättest schaffen wollen … ich meine, dass die Kerle dich in Ruhe lassen.“

„Danke für die Einschätzung“, grinste Max, „das haben alle so gesehen, nur sie selbst nicht. Du musst wissen, dass sie sich vor Verehrern kaum retten konnte.“ Er wich einem Klaps von Lena aus und grinste frech. „Ich weiß bis heute nicht, weshalb sie sich für mich entschieden hat …“

Lena küsste Max. „Du machst mich ganz verlegen. Was soll denn Isa von uns denken?“

„Nur das Beste“, Isabella fand den Anblick der beiden wirklich tröstlich. „Ich freue mich, dass ihr so glücklich seid.“

„Hab ein wenig Geduld.“ Lena räumte den Tisch ab. „Es braucht Zeit, bis die Wunden verheilen. Das ist ganz normal.“ Sie zuckte mit den Achseln. „Ich kann dir nur aus eigener Erfahrung sagen, dass man gut daran tut, ein bisschen aufs Leben zu vertrauen. Ich weiß, wie klugscheißerisch sich das anhört. Mir ist es auch ziemlich schwergefallen, das zu glauben. Zumal ich, genau wie du jetzt, ganz unten im Loch gesteckt hab. Da kannst du Uschi fragen. Die war’s nämlich, die mir immer wieder eingetrichtert hat, dass das Gute meistens von dort kommt, wo man es am wenigsten vermutet.“

„Das kann ich mir vorstellen. Uschi ist ja auch die gute Seele vom Brunnenhof“, nickte Isabella.

„Und manchmal kommt das Gute auch in Verkleidung“, schickte Max schmunzelnd hinterher.

„Wie ist das denn gemeint?“ Isabella stapelte die Teller aufeinander und sah zwischen den schelmischen Gesichtern der beiden hin und her.

„Tja, das lass dir mal von Max erzählen“, lachte Lena. „Dann kann er dir auch gleich erklären, warum er hier bei uns von allen Max gerufen wird und wieso er bei euch daheim Alois genannt wird.“ Sie ging zur Spüle. „Du kannst das Geschirr stehen lassen, Isa. Bleibt ihr nur sitzen und unterhaltet euch. Ich kümmere mich um den Abwasch.“

Drei

Bevor Isabella am nächsten Morgen den Spezialitätenstand aufschloss, besuchte sie die Krügers nebenan. Sie wunderte sich nicht, dass die Eheleute schon längst vor Ort waren und das Geschehen ringsherum mit Argusaugen betrachteten. Demonstrativ hielt sie die große silberne Thermoskanne in die Höhe.

„Hier! Nur damit Sie wissen, dass bei uns heute keine Elektrogeräte zum Einsatz kommen.“

Ohne die Antwort abzuwarten, wandte sie sich ab und stapfte rüber zu Fabienne, die bereits dabei war, die Verkaufswaren ansprechend zu präsentieren. Kichernd begrüßten sie sich.

„Gut so.“ Fabienne klopfte ihr auf die Schulter. „Die können ruhig wissen, dass wir nicht kuschen.“

Isabella präsentierte die mitgebrachten Werbeflyer, die über Hotels, Ferienwohnungen und Restaurants in verschiedenen Regionen Südtirols informierten, gut sichtbar in einem dekorativen Korb und ignorierte die grimmigen Blicke, mit denen die Krügers jeden ihrer Handgriffe verfolgten. Es blieb den beiden ohnehin keine Zeit, sich darum zu kümmern, denn wie am Vortag konnten sie sich über mangelndes Besucheraufkommen nicht beklagen.

So vergingen die ersten Tage und der Dezember hielt Einzug. Die Temperaturen sanken um einige Grad und die Bäume verloren ihre letzten Blätter. Damit einhergehend spürte man, wie sich das herannahende Fest in das Bewusstsein der Menschen schlich. Immer mehr Leute bevölkerten den Weihnachtsmarkt.

An einem Donnerstagvormittag stachen drei vor Kraft strotzende Männer so auffallend aus der Menge heraus, dass Isabella sie nicht übersehen konnte. Der Mittlere hielt eine riesige Tüte gebrannter Mandeln in der Hand, in die die beiden anderen abwechselnd hineingriffen. Nach dem Aussehen zu urteilen, waren sie kaum älter als Isabella selbst – also ungefähr Mitte zwanzig.

„Kennst du die?“ Fabienne trat neben sie.

„Das weiß ich noch nicht.“ Isabella verzog skeptisch den Mund. „Der Rechte von den Dreien kommt mir ziemlich bekannt vor, aber vielleicht sieht er auch nur jemandem ähnlich“, überlegte sie laut. „Nein, normalerweise kann das nicht sein. Der, an den ich denke, stammt aus meiner Heimat und sollte jetzt eigentlich bei irgendeinem Eishockeyteam als Profi verpflichtet sein. Er wollte unbedingt in den USA oder in Kanada Karriere machen. Wir waren zusammen auf dem Sportinternat …“

„Na, also sportlich sehen die drei aber schon aus“, resümierte Fabienne, „und der Rechte gefällt mir am besten. Cooler Typ, obwohl ich eigentlich nicht auf lange Haare stehe. Aber der kann es tragen. Hach, wenn ich meinen Mirko nicht schon hätte …“ Sie wiegte den Kopf hin und her und schnalzte mit der Zunge, bevor sie sich lächelnd einer Frau zuwandte, die sich für Kräuterschnaps interessierte.

„Auf jeden Fall“, grinste Isabella, „ja, und der Rechte macht am meisten was her.“

Plötzlich fühlte sie sich beobachtet und seufzte genervt auf, weil Herr Krüger sie schon wieder so grimmig anstarrte.

Was hat der nur? So ein alter Stinker, dachte sie genervt.

„Isa? Isabella Hofer?“

Sie wandte den Kopf und erkannte, dass der attraktivste der drei Sportskanonen ihren Namen rief. Der, der ihr so bekannt vorgekommen war. Und plötzlich wusste sie, dass sie sich nicht geirrt hatte.

„Simon? Simon Landauer?! Was machst du denn hier? Ich hätte dich kaum wiedererkannt.“

Er nahm sie in den Arm und drückte sie einen Moment fest an sich.

„Ich dich schon. Du bist noch genauso hübsch wie damals. Was machst du hier auf dem Weihnachtsmarkt?“, schob er sie wieder etwas von sich, ohne sie ganz loszulassen.

„Ich arbeite hier. Und du?“

„Ich spiele bei den Huskies Eishockey und bin schon seit mehreren Monaten in der Stadt“, grinste er und sah sich den Marktstand näher an. „Okay, sieht alles ganz nett aus. So wie daheim.“ Mit dem Kinn deutete er auf den Stand.

„Aber wolltest du nicht nach Übersee?“, fragte Isabella erstaunt.

„Das will ich immer noch. Aber so einfach ist das nicht. Ich muss mir erst einen Namen machen.“

Er blickte über ihren Kopf hinweg und las das Inhaberschild, das ganz oben in der Ecke des Standes hing.

„Bist du mit dem Sternekoch Max Hofer aus dem Brunnenhof verwandt?“

„Ja, er ist mein Cousin.“

„Aha, das erklärt einiges. Übrigens eine tolle Location. Ich bin schon ein paarmal da gewesen. Meistens zusammen mit dem Team. Wir Südtiroler müssen doch zusammenhalten.“

Er hielt einen Moment inne und sah sie mit einem bedauernden Lächeln an.

„Ich habe von dem bösen Sturz in Cortina d'Ampezzo gehört. Tut mir echt leid für dich … das war’s dann wohl mit deiner Karriere als Abfahrtsläuferin, was?“

Isabella schluckte und ihre Mundwinkel gingen nach unten. „Ja, da ist nichts mehr zu machen. Das Risiko einer noch größeren Verletzung ist zu groß. Ich kann froh sein, dass ich so glimpflich davongekommen bin“, nickte sie und schwieg.

Es reichte, wenn sie vor ihrer Verwandtschaft in Tränen ausbrach. Insbesondere vor Simon wollte sie sich keine Blöße geben. Er wusste bis heute nicht, dass sie während der Internatszeit heimlich für ihn geschwärmt hatte. Seltsam, dass er ihr ausgerechnet jetzt und hier über den Weg lief. Sollte das vielleicht ein Zeichen sein?

„Was meinst du? Wollen wir uns mal treffen? In Erinnerung an die alten Tage im Internat?“, lächelte er sie gewinnend an.

„Ja, warum nicht? Ich bin aber bis Weihnachten ziemlich eingespannt.“

„Das macht nichts. Gib mir deine Handynummer. Ich melde mich. Die Jungs werden schon ungeduldig.“

Vier

Konstantin verrichtete nun schon eine Woche lang seinen neuen Job auf dem Weihnachtsmarkt und wie jeden Tag startete er am Nachmittag seinen zweiten Rundgang und wusste mittlerweile, auf was er zu achten hatte. Allmählich fühlte er sich sicherer in dem, was er tat, denn die Standbetreiber akzeptierten ihn mittlerweile als Marktaufsicht und behandelten ihn, als wäre er seit Jahr und Tag dabei.

Nur Herr Krüger nicht.

Misstrauisch beäugte der notorische Nörgler ihn und es verging kein Tag, an dem er sich nicht über irgendetwas beschwerte – die Leute, das Wetter, über den unmöglichen Standplatz und nicht zuletzt über die schrecklichen Nachbarn, die sowieso alles falsch machten und ständig irgendwelche Regelverstöße begingen.

Konstantin ertrug Krügers Litanei eigentlich nur deshalb so geduldig, weil er währenddessen unbehelligt die beiden Dirndlschönheiten vom Südtiroler Stand bei ihrer Arbeit beobachten konnte.

Und die hatten richtig viel zu tun. Während die Blonde beriet und verkaufte, packte Isabella die Waren ein und kam damit kaum hinterher. Konstantin war das ganz recht, so bemerkten sie wenigstens nicht, mit welchem Interesse er sie in Augenschein nahm.

Plötzlich hörte Konstantin, wie jemand seinen Namen rief. Überrascht drehte er sich um und sah, wie Felix, den Kinderwagen vor sich herschiebend, gehetzt und aufgeregt auf ihn zugelaufen kam.

„Bin ich froh, dass ich dich endlich gefunden habe“, japste er und packte ihn am Arm. „Ich brauche dringend deine Hilfe.“

„Was ist denn los? Und wieso ist Yannik bei dir? Hast du schon Feierabend?“

„Nee … äh, ja. Ich musste früher aufhören. Laura ist mit dem Krankenwagen in die Klinik gebracht worden. Deshalb brauche ich ja so dringend deine Hilfe. Yannik kennt dich und die Kita macht gleich zu … ich weiß nicht, wohin mit ihm. Ich muss doch bei Laura sein, wenn das Baby kommt!“

„Ja … okay, aber ich bin noch nicht fertig hier.“ Konstantin wusste nichts anderes zu sagen.

„Das macht nix“, Felix klang gehetzt, „Yannik hat eine trockene Windel, er hat gegessen und er freut sich, wenn er ein bisschen mit dir rumfahren kann. Er ist doch ein ganz ruhiges und liebes Kind. Das weißt du doch. Bitte! Ich muss los. Ich darf keine Zeit mehr verlieren.“ Seine Augen flehten. „Bitte bitte, Konni, lass mich jetzt nicht im Stich. Wenn du mal soweit bist …“

„Aber …“

Noch bevor Konstantin etwas erwidern konnte, drückte ihm Felix eine prall gefüllte Babytasche samt Kinderwagengriff in die Hand und bahnte sich mit eiligen Schritten einen Weg durch die Menge.

Was war das denn für eine Aussage? Wenn du mal soweit bist! Scherzkeks! Das konnte ja dann noch dauern, bei dem Glück, das er bei Frauen hatte …

Konstantin betrachtete den knapp zweijährigen Jungen im Kinderwagen, der versonnen auf eine wippende Lichterkette schaute und dank der vielen Eindrücke und Geräusche ringsherum noch gar nicht mitbekommen hatte, dass sein Vater soeben gegangen war.

„Na, dann wollen wir mal sehen“, flüsterte Konstantin ihm zu, „wie gut wir beide uns verstehen.“

Er bugsierte die Tasche in die Gepäckablage des Wagens und schob los.

Bildete er sich das nur ein oder bekam er tatsächlich plötzlich mehr Aufmerksamkeit von den Damen? Lauter wohlwollende Blicke. Erst für das Baby und dann für ihn. Verrückt. Vielleicht sollte er sich Yannik öfter mal ausborgen. Blödsinn. Welche Frau würde sich schon für einen Mann mit Kind interessieren? Zumal sie ja denken musste, dass es dazu auch noch eine Frau gab. Also doch keine so gute Idee …

Um den Südtiroler Stand bildete sich auch an diesem Nachmittag eine Traube. Konstantin konnte die Mädels kaum ausmachen, so viele Leute hielten sich vor der Auslage auf.

Frau Krüger, die ausnahmsweise mal nicht ihren großen Busen auf der langweiligen Messerauslage abstützte, sondern sich vor dem Stand aufhielt, beugte sich begeistert über den Kinderwagen, als er vor ihrem Verkaufsstand angekommen war.

„Ach was für ein goldiger Junge“, säuselte sie. „Ganz der Vater. Wo ist denn die Mutti dazu, hm? Die erledigt Einkäufe, was? Das ist aber nett, dass Sie sich so lieb um ihr Kind kümmern …“

Konstantin ließ sich nicht anmerken, was in ihm vorging. Er war sich noch nicht sicher, ob er lachen oder schreiend weglaufen sollte.

„Ach der Herr Kontrolleur!“, brüllte nun auch Herr Krüger. „Das passt ja prima, dass Sie gerade jetzt hier vorbeikommen.“

Oh nein, nicht schon wieder eine Tirade auf die böse Welt da draußen! Konstantin blickte gen Himmel.

In Windeseile bewegte sich der recht korpulente Mann hinter dem Tresen hervor.

„Guck doch mal, Werner!“, stoppte ihn seine Frau. „Wäre das nicht wunderbar, wenn unser Timo uns auch endlich zu Großeltern machen würde? Ach, das wär’ ja so schön“, seufzte sie theatralisch und beugte sich so tief über Yannik, dass der prompt anfing zu weinen.

Konstantin presste die Lippen zusammen und verkniff sich einen Kommentar.

„Ach, lass mich doch damit in Frieden“, grunzte Krüger genervt. „Dafür müsste er erst mal eine Frau kriegen“, wetterte er weiter und wischte sich den Schweiß von der Stirn.

So warm war es doch gar nicht, dachte Konstantin. Gerade mal um die null Grad.

„Ach du liebes bisschen, nun weint der kleine Schatz …“ Frau Krüger zeigte echtes Bedauern.

„Himmelherrgott, jetzt sei doch mal still, Helga! Lass mich mal mit dem Herrn Niendorf reden … immer das Gequatsche …“

Konstantin, dem es peinlich war, so ein Aufsehen zu erregen, sah sich gehetzt um. Sein Blick streifte auch den Stand gegenüber. Glück gehabt. Dort war so viel zu tun, dass man das Trara nicht mitbekam. Am liebsten wäre es ihm, wenn die Mädels ihn überhaupt nicht mit einem Kind in Zusammenhang brächten.

„Moment mal!“, zischte Konstantin deshalb mit verhaltener Stimme. „Sie sehen doch, dass der Junge weint. Zuerst muss ich ihn beruhigen.“

Behutsam nahm er Yannik aus dem Wagen und gab ihm den Schnuller. „Ja, mein Kleiner, es ist ja alles gut …“

„Haben Sie denn keine Frau, die das erledigen kann?“, bellte Krüger.

„Werner! Jetzt bist du aber mal still! Heutzutage kümmern sich auch die Väter um ihre Kinder. Sie sind ja nicht alle so wie du. Nun lass ihn doch mal in Ruhe sein Kind versorgen.“

„So ist’s gut mein Kleiner.“ Konstantin schaukelte Yannik behutsam im Arm, wandte sich von den streitenden Krügers ab und sah verstohlen erneut rüber zum Südtiroler Stand. Ausgerechnet in diesem Moment strömten die Leute in alle Richtungen, sodass sich regelrecht eine Gasse bildete und er Isabella direkt in die Augen sehen konnte, die just in dem Augenblick herübersah.

Scheinbar überrascht über das Bild, das er abgab, lächelte sie ihn freundlich an. Genau der wohlwollende Blick, den er schon von anderen Frauen bekommen hatte. Na toll! Jetzt dachte sie garantiert, dass er ein glücklicher Familienvater war. Wenigstens schien Yannik wieder friedlich zu sein, denn er spuckte den Schnuller, der wohlweislich an einem Bändchen hing, aus und strahlte vor Freude über die bunte Beleuchtung ringsherum. Er streckte ein Ärmchen in die Luft und krähte und brabbelte fröhlich vor sich hin.

„Nun gucken Sie sich das da drüben mal an!“

Herr Krüger tauchte plötzlich neben ihm auf und deutete auf einen freistehenden Korbständer, der am Stand gegenüber positioniert war und in dem man bunte Flyer liegen sah. Konstantin, der befürchtete, dass Yannik angesichts des aggressiven Tonfalls erneut anfangen würde zu weinen, drehte sich von ihm weg und stellte erleichtert fest, dass wenigstens dessen Frau wieder ihre Position hinter dem Verkaufsstand eingenommen hatte.

„Was soll denn damit sein?“ Er konnte seinen Unmut nur schwer verbergen.

„Das sehen sie doch!“ Der notorische Stänkerer deutete auf die Menschentraube, die nun wieder so groß war, dass sie auch die Fläche vor Krügers Messerstand beinahe vollständig belegte.

„Wie soll denn da noch jemand bei mir kaufen können? Hä? Das ist doch eine Unverschämtheit. Wollen Sie das etwa bestreiten?“

„Aber das ändert sich doch auch gleich wieder. Die Leute kommen und gehen.“

Konstantin stellte den Kinderwagen zur Seite, behielt Yannik aber auf dem Arm. Der Junge hatte einen Arm um seinen Hals geschlungen und betrachtete fasziniert die Menschen, die an ihnen vorbeigingen.

„Wie wollen Sie das verhindern?“, versuchte er Krüger zu überzeugen, „das kann umgekehrt genauso passieren.“

In hundert Jahren nicht, dachte Konstantin dabei ironisch, wer kommt schon wegen so langweiligem Zeug auf den Weihnachtsmarkt?

„Ach so ist das“, verzog Krüger sein Gesicht zu einer düsteren Miene, „die können also machen, was sie wollen und nur ich muss mich an die Regeln halten. Na, das ist ja mal was ganz Neues.“

Bei Yannik drohten sich die Schleusen erneut zu öffnen, denn er zog angesichts Krügers forschem Ton wieder eine Schnute.

Konstantin drückte Yannik daher schnell einen Kuss auf die Wange und schunkelte ihn hin und her. „Ist ja gut, mein Schatz. Ich bin ja da. Es tut dir keiner was.“

„Aber nein, das haben Sie falsch verstanden“, ging Konstantin auf Krügers Äußerung ein und verbiss sich einen schärferen Ton. „Seien Sie doch nicht immer gleich so empfindlich. Selbstverständlich haben Sie dieselben Rechte wie alle hier.“

„Aha, wenn das so ist, dann könnte ich neben meinen Messern und Scheren ja auch noch ganz andere Waren verkaufen.“

„Wie bitte? Das erklären Sie mir mal näher. Sie kennen doch die Statuten. Das hätten Sie anmelden müssen.“ Nun sah man Konstantin deutlich an, wie genervt er von Krügers Nörgelei war.

Er war kurz davor, den Querulanten einfach stehenzulassen, aber es war nun mal sein Job, der personifizierte Kummerkasten für die Standbetreiber zu sein.

„Dann gehen Sie doch mal rüber und gucken sich mal ganz genau an, was die da machen“, ätzte Krüger weiter. „Dann werden Sie sehen, was ich meine. Da, in dem Korb, das ist kein Speck oder Schnaps. Nee nee, die verkaufen Reisen nach Südtirol“, brüllte er. „Wenn das keine Frechheit ist! Was glauben Sie, warum bei denen ständig was los ist?“, donnerte er noch lauter.

Konstantin drückte Yannik sofort schützend an sich.

„Die nehmen allen anderen hier die Kunden weg!“

Krüger ließ seinen Zeigefinger nach links und rechts kreisen. „Na los! Nun gehen Sie schon, damit Sie sehen, dass ich die Wahrheit sage.“

Notgedrungen ließ Konstantin den Kinderwagen stehen. Mit einem unguten Gefühl im Bauch machte er sich auf den Weg zum Südtiroler Stand und wunderte sich über gar nichts mehr. Wo waren denn plötzlich die ganzen Leute hin? Ausgerechnet jetzt, wo er den Kontrolleur spielen musste. Die hohe Anzahl von Besuchern wäre ein unschlagbares Argument gewesen, um das leidige Gespräch auf einen späteren Zeitpunkt zu legen. Einen ohne Kind im Schlepptau.

Mein lieber Felix, dafür bist du mir was schuldig. Worauf du dich verlassen kannst

Lediglich zwei Damen ließen sich von Fabienne über verschiedene Schnapssorten beraten. Isabella räumte derweil Waren nach und bemerkte Konstantin nicht sofort.

„Hallo, Frau Hofer“, räusperte er sich, „es tut mir …“ Weiter kam er nicht. Er hörte nur ein klatschendes Geräusch in seinem Rücken, so als wäre jemand gefallen.

Isabella sah erschrocken an ihm vorbei zum Boden und auch Yannik, der bislang friedlich vor sich hingebrabbelt hatte, erschrak und fing spontan an, herzzerreißend zu plärren. Nun wandte sich auch Konstantin um und betrachtete das Geschehen, das sich hinter ihm abspielte.

In dem Bemühen, nur nichts zu verpassen, war der Obernörgler und Hans-guck-in-die-Luft ihm offensichtlich gefolgt und mit einem Mann im elektrischen Rollstuhl kollidiert. Nun lag er wie ein Maikäfer auf dem Rücken und krümmte sich vor Schmerzen.

„Es tut mir leid“, rief der Mann im Rollstuhl, „aber ich konnte gar nicht so schnell bremsen …“

Kurzerhand drückte Konstantin Isabella den Jungen in den Arm, murmelte eine Entschuldigung und schob ein älteres Ehepaar zur Seite, das gaffend auf die Szenerie starrte.

„Verzeihung, aber lassen Sie mich mal durch.“ Er beugte sich über Krüger, der sich mit schmerzerfülltem Gesicht eine Hand hielt.

„Das tut so weh“, stöhnte er.

Geistesgegenwärtig zog Konstantin sein Mobiltelefon aus der Jackentasche und wählte den Notruf.

„Wir brauchen einen Rettungswagen, schnell. Zum Weihnachtsmarkt auf dem Friedrichsplatz, erster Gang vor dem Café Alex. Hier ist jemand gestürzt.“

Er nickte kurz und legte dann auf. „Der Krankenwagen ist jeden Moment hier. Kommen Sie, ich helfe Ihnen auf.“

„Was machst du denn für Sachen?“, rief seine Frau aufgeregt vom Stand herüber. „Ich hab’ dir doch gleich gesagt, du sollst hier warten.“

„Ach sei doch bloß mal still. Was verstehst du denn schon?“

Noch ehe die beiden weiter streiten konnten, kamen drei Rettungskräfte mit einer Trage herbeigeeilt. Das Team war während der Zeit des Weihnachtsmarktes prophylaktisch in unmittelbarer Nähe stationiert, was sich jetzt als wahrer Segen herausstellte. Ruckzuck lag Krüger auf der Liege und wurde abtransportiert. Konstantin konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen. Aber das Bild vom keifenden Obernörgler auf der Trage mit den stoisch dreinschauenden Rettungskräften ringsherum, die seine Tiraden schlichtweg ignorierten, würde er so schnell nicht vergessen.

Als Rettungssanitäter musste man Nerven haben, bei so einem Schreihals … Ah – apropos. Yannik! Ach du Schreck! Der hatte ja auch ganz jämmerlich gebrüllt. Komisch, davon war gar nichts mehr zu hören.

Yannik hatte längst aufgehört zu weinen. Er brabbelte ruhig vor sich hin und fühlte sich auf Isabellas Arm sichtlich wohl. Sie war ganz begeistert von dem niedlichen Kerlchen, das sie umhertrug.

Sie betrachtete den Kleinen und mutmaßte, dass er wohl eher seiner Mutter ähnelte und hielt Ausschau nach Konstantin, den sie für den Vater des Jungen hielt. Isabella entdeckte ihn bei Frau Krüger, mit der er gerade sprach. Das gab ihr die Gelegenheit, ihn unbemerkt in Augenschein zu nehmen.

Seltsam, aber auf den Gedanken, dass er schon ein Kind haben könnte, wäre sie bei ihrer ersten Begegnung nicht gekommen. Natürlich war ihr klar, dass es für sein Alter nicht untypisch war – sie schätzte ihn auf Ende zwanzig – aber irgendwie machte er auf sie nicht den Eindruck eines Familienvaters. Warum sie so dachte, dafür hatte sie keine Erklärung. Allerdings musste sie sich eingestehen, dass irgendetwas an ihm sie neugierig machte. Ohne Zweifel war Konstantin Niendorf einen zweiten Blick wert. Aber sein gutes Aussehen war es nicht, dass sie sonderlich beeindruckte. Isabella war attraktive Männer um sich herum gewohnt. Die wenigsten Sportler waren total unansehnlich. Allein schon ihre mit Muskeln gestählten Körper brachten die meisten Frauen zum Seufzen, selbst wenn man ihre Gesichter eher als mittelmäßig bezeichnen würde.

Wie gut, dass mir keiner beim Denken zuhört. Das hört sich ja schrecklich eingebildet an, dachte sie. Und dennoch entsprach es der Wahrheit.

Mit diesen Gedanken beschäftigt, schlenderte sie mit dem Jungen auf dem Arm weiter und blieb vor einem Kinderkarussell stehen.

Konstantin verabschiedete sich von Frau Krüger, lief eilig hinüber zum Südtiroler Stand und sah sich suchend um. Als er den verwaisten Kinderwagen in der Menge entdeckte, rutschte ihm augenblicklich das Herz in die Hose und er fing an zu schwitzen.

Oh Gott, das auch noch!

Wo war Yannik? Felix würde ihn rädern und vierteilen, wenn dem Jungen etwas geschah.

„Schauen Sie mal da drüben.“ Fabienne, die seine Not anscheinend erkannt hatte, trat zu ihm. „Die beiden stehen vor dem Kinderkarussell.“

Konstantin fiel ein Stein in der Größe eines Felsmassivs vom Herzen.

„Oh ja, danke“, stammelte er und schnappte sich eilig den Kinderwagen.

Yannik und Isabella bemerkten ihn nicht einmal, als er sich einen Augenblick später neben sie stellte. Der Kleine war völlig im Bann des farbenfrohen Karusselltrubels. Nicht zuletzt die vielen Kinder, die ein- und ausstiegen, lenkten ihn rundum ab. Dennoch wunderte sich Konstantin, dass der Junge sich so schnell auf eine fremde Frau eingelassen hatte. Er erklärte es sich damit, dass Yannik ja schon seit fast einem Jahr in die Kinderkrippe ging und deshalb nicht nur auf seine Eltern fixiert war. Ein wahrer Segen, so eine Einrichtung.

Isabella schunkelte den Kleinen auf ihrem Arm und Yannik schien damit ganz zufrieden zu sein. Unentwegt brabbelte er vor sich hin und zeigte mit seinen süßen Patschehändchen auf die sich im Kreise drehenden bunten Wagen. Auch die lärmenden Kinder faszinierten ihn sehr.

Erschrocken drehte Isabella sich um, als sie jemand am Arm berührte.

„Danke, dass Sie sich um ihn gekümmert haben.“ Konstantin strahlte sie erleichtert an und streckte die Arme nach dem Jungen aus.

Schöne Lippen hat er, dachte Isabella, und einen Schneidezahn, der etwas aus der Reihe tanzt. Minimal. Ansonsten gab es an dem Gebiss nichts zu beklagen. Strahlendweiß, ebenmäßig und vollständig.

„Sie haben keine Ahnung, wie sehr Sie mir gerade geholfen haben“, seufzte er. Ein zärtlicher Ausdruck leuchtete aus seinen graublauen Augen, als der Kleine ihm vertrauensvoll die Ärmchen um den Hals schlang.

Sicher war er ein guter Vater, wenn das Kind so zufrieden bei ihm war, dachte Isabella und konnte den Blick nicht von seinen weichen, vollen Lippen abwenden, mit denen er dem Jungen jetzt einen Kuss auf die Wange gab. Der Kleine quietschte daraufhin vor Vergnügen und fuhr ihm mit den Fingern durch den kurzen, aber sehr gepflegten Vollbart.

„Vielen Dank, dass Sie mir den Kleinen abgenommen haben“, hörte sie ihn jetzt sagen. Er hievte den Jungen in den Kinderwagen. „Sie haben was gut bei mir.“

Isabella zuckte mit den Schultern und grinste ihn schief an.

„Kein Problem, das hab’ ich doch gern gemacht. Er ist ein liebes Kind … wäre schön, wenn der Krüger auch so leicht zu besänftigen wäre.“ Sie schickte einen Blick gen Himmel, bevor sie ihn wieder ansah. „Ich weiß, dass Sie keinen Einfluss darauf haben, aber es nervt total, wenn man jeden Tag angemeckert wird und ständig unter Beobachtung steht.“

„Glauben Sie mir, wenn ich Ihnen sage, dass es mir genauso wenig Spaß macht, mir das Gemecker anzuhören?“

„Auf jeden Fall!“, nickte sie lachend, „das stelle ich mir auch schrecklich vor. Was wollte er denn heute?“

Konstantin steuerte den Kinderwagen mit einer Hand und entfernte sich allmählich vom Karussell, was Yannik sofort mit einem nörgeligen Ton quittierte.

„Warten Sie, ich weiß, wie wir ihn besänftigen können!“, rief Isabella. „Bestimmt hilft es, wenn wir ihm etwas zu essen oder zu trinken geben. Seine Mama hat ihm doch gewiss ein paar Kleinigkeiten eingepackt, oder?“

„Äh, ja … bestimmt … sicher.“ Konstantin wusste nicht, wie er die Situation erklären sollte. Wenn er in ihre dunklen, geheimnisvollen Augen sah, vergaß er alles um sich herum.

Warum konnte er so eine hammermäßige Frau denn bloß nicht unter anderen Umständen kennenlernen?

Isabella schien keine Handlung von ihm zu erwarten. So als hätten Frauen in solchen Situationen ein eingebautes Radar, holte sie die Babytasche unter dem Wagen hervor und kramte nach Keksen oder einer Trinkflasche. Dass er da nicht schon längst selbst drauf gekommen war. Oh Gott, was musste sie jetzt von ihm denken?

Tatsächlich ließ sich der Kleine mit einem Keks sofort beruhigen. Konstantin drückte ihm auch noch die Wasserflasche in ein Händchen und der Junge war zufrieden.

„Wollen Sie mir nicht erzählen, was der Krüger heute schon wieder zu meckern hatte?“

Sie hatten mittlerweile den Stand erreicht.

„Doch doch, natürlich. Sie können sich sicher schon denken, worum es geht. Ihm sind die Flyer über Südtiroler Hotels und Ferienwohnungen ein Dorn im Auge. Vielleicht wäre es besser, wenn Sie die nicht so offensichtlich aufstellen würden und sie stattdessen etwas unauffälliger an die Leute verteilen. Dann wäre allen Beteiligten geholfen. Mich stört es nicht, aber …“

Konstantins Handy klingelte. Felix’ Nummer leuchtete im Display.

„Entschuldigung, aber da muss ich kurz rangehen.“

Isabella nickte und wandte sich ab, um sich den Flyern im Korb zu widmen.

„Felix!“, rief Konstantin, „kann ich schon gratulieren?“

„Jepp, kannst du. Unsere kleine Josefine ist da. Es ging alles so wahnsinnig schnell. Ich sag’s dir. Laura konnte kaum Luft holen, da war die Kleine auch schon da. Warum ich anrufe: Ich wollte mich mit dir verabreden. Du bist doch sicher froh, wenn du mir meinen Zwerg wiedergeben kannst. Ich hoffe, ihr beiden hattet keine Probleme?“

„Nein, alles gut. Wir zwei sind prima miteinander ausgekommen. Yannik ist wirklich ein liebes Kind. Wo wollen wir uns treffen?“

„Ich bin schon fast bei dir“, japste Felix, „wenn du nach vorn in die Königsstraße zum Café Alex kommst, nehme ich ihn dir ab. Ich habe wenig Zeit. Ich will gleich wieder ins Krankenhaus.“

Konstantin zog den Kinderwagen zu Isabella.

„Ich muss dann jetzt los. Vielen Dank noch mal für Ihre Hilfe. Morgen komme ich wieder vorbei. Wenn Sie das mit den Flyern so regeln könnten …“

„Ich bin gerade dabei.“

„Prima. Entschuldigung, aber jetzt habe ich’s eilig. Bis morgen dann.“

Fünf

„Was bist du denn so hibbelig?“ Fabienne gähnte und sah Isabella kurz von der Seite an, während sie den Firmenkombi durch die nächtlichen Straßen steuerte. Inzwischen war es kurz vor halb neun am Abend und sie fuhren zum Brunnenhof, um die Einnahmen abzugeben.

„Ich habe eine Nachricht von Simon bekommen.“

„Wer ist denn Simon? Kenne ich ihn?“

„Du hast ihn gesehen, als er mit seinen beiden Freunden bei uns am Stand war.“

„Ah, die Sahneschnitte! Verstehe …“ Fabienne schnalzte mit der Zunge. „Und weiter?“

„Er ist mit ein paar Mannschaftkameraden im Brunnenhof und wartet auf mich.“ Isabella kicherte. „Der Verrückte. Warum sagt er mir das denn nicht schon früher?“

„Und, was hätte dir das genützt? Gar nichts. Wir hätten trotzdem bis um acht Uhr warten müssen, bis wir den Stand zumachen konnten.“

„Ja, stimmt. Aber dann …“

„Dann hättest du dich nur noch früher verrückt gemacht. So hast du dazu keine Möglichkeit gehabt. Dafür solltest du ihm dankbar sein.“

„Ach nee und wie war denn das mit dir und Mirko? Ich meine, als du ihn kennengelernt hast? Warst du da auch so … so abgeklärt?“, klimperte Isabella mit den Wimpern und schnalzte nun auch mit der Zunge.

Fabienne lachte auf und schüttelte den Kopf. „Sieh mal an, die schöne Isabella zeigt ihre Krallen. Gut so. Okay, willst du die ganze Story hören?“

„Na klar. Ich liebe diese Kennenlerngeschichten, das ist doch überhaupt das Schönste …“

„Na ja, ich find’s auch jetzt nicht schlecht. Ich kann mir mein Leben ohne Mirko nicht mehr vorstellen. Auch wenn der erste Rausch bei uns auch schon ein paar Tage her ist.“ Sie lächelte ein bisschen entrückt und sah dann kurz zu Isabella herüber. „Aber wer hätte gedacht, dass du so eine Romantikerin bist?“

„Jetzt hör auf damit … erzähl mir lieber, wie das mit dir und Mirko angefangen hat.“

„Eigentlich gibt’s da nicht viel zu erzählen. Vor drei Jahren, als Lena das Restaurant und den Spezialitätenladen neu eröffnet hat, brauchte sie dringend Leute, die ihr helfen. Das war auch der Grund, warum Max eine Chance bekam, bei ihr unterzutauchen … kennst du die Geschichte?“

„Ja, aber nicht bis ins Detail. Nur, dass sich Max hier eine Weile versteckt hat. Ich war zu dem Zeitpunkt so selten zu Hause, ständig in irgendwelchen Trainingslagern, weshalb ich das nicht so richtig verfolgt habe.“

„Das lass dir dann besser von ihnen selber erzählen. Du wolltest ja wissen, wie das mit mir und Mirko war.“

„Genau, aber Lena hat auch schon so eine seltsame Bemerkung gemacht. Das ging in Richtung Verkleidung oder so …“

„Ja“, lachte Fabienne, „das trifft’s zwar nicht ganz, aber so in etwa.“ Sie räusperte sich. „Also, das war so: Uschi hatte eine Art Inserat am Schwarzen Brett im Lebensmittelladen ausgehängt und Mirko und ich waren unter den Bewerbern und sind genommen worden.“

„Haben sich viele beworben?“

„Oh ja, aber wir haben das Rennen gemacht, weil wir schnell kapiert hatten, auf was es ankam. Im Brunnenhof zu bedienen, ist eigentlich nichts für Hilfskräfte, aber aus der Not heraus hat es ganz gut geklappt.“

„Und wann hat’s gefunkt?“

„Oje, warte, ich muss überlegen … ich fand Mirko nett, sympathisch und auch nicht unattraktiv. Er hat sich aber gleich in mich verknallt. Das hat er jedenfalls so gesagt.“ Sie seufzte. „Ich hab manchmal ein ziemliches Brett vorm Kopf, denn ich hab mal wieder überhaupt nichts mitgekriegt, bis Uschi eine Andeutung machte. Na ja, und dann ging alles ganz schnell. Es war nach einer auswärtigen Feier, schon verdammt spät und ich total müde …“, einen Augenblick schwelgte Fabienne in der Erinnerung, bevor sie weitersprach. „… aber ich hatte keine Chance. Mirko wollte reden und …“, sie lachte ein bisschen verschämt, „… und wenn Mirko was will, kann er ziemlich beharrlich sein“, schmunzelte sie.

„Es muss dir gefallen haben – sonst hätte es nicht funktioniert.“

„Natürlich. Wie gesagt, Mirko ist nicht unattraktiv. Er ist kein Mann, der sofort auf den ersten Blick auffällt … nicht so direkt jedenfalls, wenn du weißt, was ich meine“, grinste sie frech.

„Also, mir ist schon aufgefallen, dass er einen tollen Körper hat! Da reicht ein Blick auf seinen Rücken. Er treibt viel Sport, was?“

„Oh ja. In jeder freien Minute, sonst wird er unausstehlich“, lachte Fabienne, „außerdem kann er unglaublich charmant sein. Was will man mehr? Ich geb ihn jedenfalls nicht mehr her.“

Details

Seiten
0
Erscheinungsform
Erstausgabe
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783960875956
ISBN (Buch)
9783960875963
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v448705
Schlagworte
Weihnacht-en-s-roman-geschicht Winter-Roman-e Weihnacht-s-Roman-wunder Liebe-s-Roman Weihnacht-s-markt Glühwein humor-voll-e-r-frauen-roman-tik

Autor

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    Dolores Mey (Autor)

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Titel: Liebe und andere Bescherungen (Liebe)