Lade Inhalt...

Eine Diebin unter Gentlemen (Liebe, Historisch)

von Anna Jane Greenville (Autor)

2018 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

London im Winter 1870. Reannas Zuhause sind die kalten Straßen der Hauptstadt. Alles, was sie sich wünscht, sind warmes Essen und ein trockener Schlafplatz.
Dorian Kent ist ein junger, aufstrebender Theaterproduzent. Er glaubt, dass jeder für sein eigenes Glück verantwortlich ist. Und genau das sagt er der jungen Frau ins Gesicht, die ihn um einige Pence bittet. Dass sie ihn daraufhin um sein neues, vielversprechendes Manuskript erleichtert, hätte er nicht erwartet.
Nun muss der arrogante Dorian nach der Pfeife der mittellosen Reanna tanzen, um sein Manuskript wiederzubekommen. Und das auf dem prunkvollen Winterball des erfolgreichsten Theaterdirektors von London. Die junge Diebin und ihr unfreiwilliger Wohltäter finden sich in einem Wirbel aus Wortgefechten und turbulenten Gefühlen wieder und erkennen, dass das Glück oft unerwartet kommt …

Du bist spitze!

Ja, wirklich: DU. Es ist toll, Leser wie dich zu haben, die neue Formate wie unsere Love Shots ausprobieren.

Wir – das sind heute Katherine Collins, Anne Gard, Dorothea Stiller, Bettina Kiraly, Jessie Weber, Daniela Blum, Evelyn Boyd, Anna Donig, Susanne Halbeisen, Nadin Hardwiger, Mariella Heyd, Lara Kalenborn, Natascha Kribbeler, Saskia Louis, Lisa McAbbey, Dolores Mey, Annell Ritter, Linne van Sythen und Jennifer Wellen – haben uns viele Gedanken um unsere Leser gemacht.

Wir wollten etwas schaffen, das dir mehr Zeit zum Lesen gibt oder die Zeit, die du hast, noch mehr versüßt.

Versüßt mit schöner Literatur und Geschichten, die fürs Herz geschrieben sind. Wir schreiben „Bücher mit Herz“ und bei unserer Romance Alliance spielt die Liebe eine zentrale Rolle.

Mit unseren Love Shots wird dein „Unterwegssein“ (ob zur Arbeit, in die Uni oder mit der Bahn oder dem Bus) pure Unterhaltung. Wir schicken dein Herz mit unseren Geschichten auf Reisen – in andere Welten oder andere Zeiten. Mit einem Love Shot als Begleitung soll jeder deiner Wege, jede Fahrt zum Abenteuer werden. Lass dich von uns verführen.

Viel Spaß wünschen dir

Katherine, Anne, Dorothea, Bettina, Jessie, Daniela, Evelyn, Anna, Susanne, Nadin, Mariella, Lara, Natascha, Saskia, Lisa, Dolores, Annell, Linne und Jennifer

www.facebook.com/romancealliance/

https://romance-alliance.com

Impressum

DP_Logo_bronze_150_px

Erstausgabe Dezember 2018

© der englischen Originalausgabe 2018, Anna Jane Greenville,
unter dem Titel A Thief Among Gentlemen
Copyright © 2018, dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

ISBN: 978-3-96087-663-2

Covergestaltung: Annadel Hogen
unter Verwendung von Motiven von
© Serg Zastavkin/shutterstock.com, © Andrew Roland/shutterstock.com
und © Irochka/depositphotos.com
Lektorat: Astrid Rahlfs

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Unser gesamtes Verlagsprogramm findest du hier

Website

Folge uns, um immer als Erster informiert zu sein

Newsletter

Facebook

Twitter

Buecherregal_bronze_207_px

Kapitel 1

HOHN UND HAB

Kalt war der durch die Gassen und Hauptstraßen wehende Wind. Kalt waren die umherflatternden Schneeflocken. Kalt blickten die Leute auf Reanna auf ihrem Weg vom Trafalgar Square zum Haymarket. Ihren großen Schal wickelte sie noch fester um ihren Körper, obwohl dieser sie kaum vor der Kälte um sie herum schützte.

Es war schon lange nach zehn und diese Nacht versprach noch rauer zu werden als die vorherige. Flackernde Laternen beleuchteten die düstere Straße kaum. Während Reanna von einem Lichtfleck zum nächsten schritt, versuchte sie, sich mit angenehmen Gedanken zu wärmen. Sie stellte sich ein gemütliches Kaminfeuer, dampfenden Eintopf und eine Tasse Tee vor. Ihr Magen grummelte.

„Sei still“, flüsterte sie und setzte den Weg zum Theatre Royal Haymarket fort.

Die ersten schwarzen Kutschen fuhren vor. Sehnlichst erwarteten sie neue Kundschaft. Das Stück würde bald enden. Reanna hatte es gerade noch rechtzeitig geschafft und hoffte sehr, dass die Aufführung unterhaltsam gewesen war, denn dann waren die Leute spendabler.

Sie stand neben einer der weißen Säulen des griechisch anmutenden Gebäudes in der Hoffnung, es könnte sie wenigstens ein wenig vom ungnädigen Wind schützen. Nicht mehr lange, dachte sie sich, und trat von einem frierenden Fuß auf den anderen, während sie die fünf gewölbten Eingänge genau beobachtete.

Die massiven Holztüren wurden geöffnet und entließen den Lärm sowie die Hitze des Foyers nach draußen. Die junge Frau trat näher an die warme Luft und das grelle Licht heran. Die ersten drei Personen kamen ihr entgegen. Angeregt besprachen sie das Theaterstück. Der Herr an der Spitze trug einen Zylinder sowie einen cremefarbenen Schal, der locker um seinen Hals lag. Sein schwarzer Anzug und Mantel schimmerten, seine Handschuhe waren makellos weiß.

Reanna sprang ihnen vor die Füße.

„Sir“, rief sie heiser von der Kälte, „hätten Sie vielleicht einige Pence?“

Er wich ihr aus und ging schnurstracks auf die Kutsche zu. Der Kutscher hielt ihm die Tür auf und der gutgekleidete Gentleman verschwand in der Box, ohne die junge Frau auch nur eines Blickes zu würdigen.

„Sir, ich bitte Sie, Sir.“ Ihre Stimme wurde weinerlicher, als sie sich an die Gefährten des ersten Mannes wandte. Sie hielt ihnen ihre schmutzige Hand hin, doch die Herren gingen an ihr vorbei, als wäre sie Luft. Nachdem der letzte der Männer in der Kutsche saß und der Kutscher hinter ihnen die Tür schloss, warf er Reanna einen verachtenden Blick zu.

Sie hatte jedoch keine Zeit, sich von seiner Abneigung aufhalten zu lassen und begab sich bereits zu den nächsten wohlhabenden Leuten. Eine Lady lachte über die Worte des Gentleman neben ihr, doch als die beiden Reanna erblickten, verhärteten sich ihre Gesichtszüge.

„Bitte, Sir“, jammerte Reanna, „Ma’am, ich bitte Sie, Ma’am.“

Auch dieses Paar stieg in eine Kutsche und fuhr umgehend davon.

„Bitte“, sagte Reanna, als sie von der größer werdenden Masse von Besuchern erfasst wurde. Sie wusste noch nicht einmal mehr, wem ihr Betteln galt und hoffte nur, irgendjemand würde eine Münze in ihre Hand legen.

In dem Gedränge stieß sie gegen Schultern und Ellenbogen, schwere Schuhsohlen traten auf ihre Füße, ihre Hand blieb jedoch leer. Sie schaute verzweifelt zu, wie die Kutschen davonfuhren und neue ihren Platz einnahmen, während die Menschenmenge sich immer mehr verflüchtigte. Die Leute um sie herum wurden simpler, schienen über geringeren Reichtum zu verfügen und somit war auch die Wahrscheinlichkeit geringer, von ihnen Geld zu erhalten. Reanna gab dennoch nicht auf, bis eine Dame ihr einen mitleidigen Blick und zwei Pence gab.

„Habt Dank“, stieß Reanna freudestrahlend hervor. „Mögen Sie immer glücklich und gesund sein!“

Die Dame lächelte und nickte. Ein kleiner Junge griff nach der Hand der Frau. Die beiden wandten sich von der Bettlerin ab und begaben sich in Richtung Piccadilly Circus.

Reanna blickte auf die funkelnde Münze in ihrer Hand und weinte beinahe vor Freude. Nach drei Tagen würde sie endlich etwas essen können.

Die Türe des Theatre Royal Haymarket wurden geschlossen. Außer Reanna waren die einzig verbliebenen Personen auf der Straße eine Dame und zwei Gentlemen, die zwischen den Säulen standen. Ihre Kleidung war elegant und die Bettlerin wunderte sich, dass die Gruppe noch nicht mit einer der Kutschen davongefahren war. An sie würde das Mädchen ihren letzten Appell richten und sich dann unabhängig vom Resultat für eine füllende Mahlzeit in einen Pub begeben.

„Dass ausgerechnet die Lady hinter alldem steckte, war ganz und gar unerwartet“, teilte die Dame ihre Meinung voller Begeisterung mit ihren männlichen Gefährten.

„Es war eine höchst interessante Wendung, das muss ich schon zugeben“, stimmte der junge Mann an ihrer Seite zu. Er hatte das gleiche blonde, lockige Haar, die gleichen sanften blauen Augen und die gleiche zierliche Nase wie die Dame. Seinen Blick wandte er dem griesgrämig dreinblickenden Herrn ihm gegenüber zu.

„Raus damit, Dorian, was genau hat dich bei dem Stück verstimmt? Die Schauspieler waren großartig, der Dialog schlagfertig–“

„Und die Geschichte gänzlich vorhersehbar“, beendete Dorian Kent gelangweilt die Rede seines Freundes.

„Mr Kent, Sie behaupten doch nicht etwa, das Ende erraten zu haben.“ Die Dame in der Gruppe setzte einen gespielt schockierten Gesichtsausdruck auf.

„Leider doch, Ma’am“, erwiderte Dorian Kent mit einem Seufzen. „Das ganze Stück war besetzt mit Klischees, die Schauspieler haben ihre Vorhaben viel zu früh verraten und die Tatsache, dass der Liebhaber das Opfer sein würde, war klar, bevor er auch nur einen Fuß auf die Bühne gesetzt hatte.“

„Das kann ich nicht glauben“, beteuerte die Frau lachend.

„Und doch ist es wahr“, sagte der Mann, der Dorian Kent herausgefordert hatte, seine Meinung zu offenbaren. „Ich weiß das so genau, da Dorian so gut war, seine Theorien und Abneigungen während der gesamten Aufführung leise vor sich hin zu murmeln“, erklärte er fröhlich. „Und da ich die Freude hatte, zwischen euch beiden zu sitzen, erfuhr ich jedes noch so kleine Detail, gerade bevor es passierte.“

„Unerhört!“, rief die Lady empört. „Dann hat er die gesamte Auflösung für Dich ruiniert, Arthur.“

„Keineswegs, Cora! Ich kenne keine größere Unterhaltung, als Dorian das Leid schlechter Stücke ertragen zu sehen.“ Arthur grinste seinen Freund breit an.

Dorian Kent schnaubte und schüttelte den Kopf. „Du möchtest eigentlich sagen, dass meine harsche Kritik über andere Autoren für dich eine Bestätigung ist, da du fürchtest, sie könnten besser sein als du selbst.“ Ein schiefes Lächeln zeichnete sich auf seinen Lippen ab. „Keine Sorge, Arthur, der heutige Erguss vulgärer Anekdoten kann deinem neuen Drama nicht das Wasser reichen.“ Er hob die Ledermappe in seiner Hand. „Dieser erste Entwurf ist der Beweis deiner Genialität“, sagte er andächtig und seufzte. „Ich wünschte, ich könnte dich weniger loben, aber dein teuflisches Talent lässt mir keine Wahl, als dein noch teuflischeres Ego weiter zu ermutigen – es wird noch eines Tages platzen.“

„Hab keine Furcht, mein Freund, mein Ego ist überaus elastisch“, witzelte Arthur Boyd, ein junger aufstrebender Theaterautor.

„Das kann ich nur bestätigen“, fügte die Dame hinzu. „Ich würde nicht sein Theaterproduzent sein wollen – wie halten Sie es nur aus, Mr. Kent?“

„Ich würde es viel besser aushalten, wenn Arthur mich nicht jedes Mal nach Beendigung eines Manuskripts zu diesen geschmacklosen Aufführungen zerren würde.“

„Das ist Tradition, mein lieber Dorian“, entgegnete Arthur lachend. „Es bringt Unglück, Traditionen zu brechen.“

„Entschuldigen Sie bitte“, unterbrach eine kleinlaute Stimme die Gruppe. „Haben Sie vielleicht einen Penny über?“ Reanna schaute verlegen in die Gesichter der Herrschaften, hielt den Blick jedoch nicht lange. Ihr verschmutztes Auftreten war ihr durchaus bewusst.

„Arthur, kannst du ihr nicht etwas geben?“, flüsterte die Dame ihrem Bruder zu.

Arthur Boyd legte die Hand in die Tasche. Reannas Herz schlug schneller vor Freude. Das war ihre Glücksnacht.

„Tu nichts dergleichen“, wandte sein Freund ein und drehte sich zu Reanna. Seine dunklen Brauen legten sich tief über die mitleidslosen braunen Augen. „Du wirkst jung und gesund, warum suchst du dir keine anständige Arbeit?“

Reanna war daran gewohnt, Ratschläge dieser Art zu erhalten und sie gab immer die gleiche Antwort.

„Ich habe seit meinem zwölften Lebensjahr als Schneiderin gearbeitet, Sir. Einmal wurde meine Hand durch ein heißes Bügeleisen so verletzt, dass ich meine Aufgaben nicht mehr so schnell wie die anderen ausführen konnte, daraufhin wurde ich auf die Straße gesetzt.“

Die junge Frau starrte auf ihre alten, abgenutzten Schuhe, als die polierten Lederstiefel des Mannes in ihr Blickfeld kamen.

„Deine Hand wirkt genesen.“ Er ergriff ihre Hand und hielt sie hoch. Die bereits erhaltene Münze glitt ihr aus den Fingern und flog durch die Luft. Reanna riss sich los und rannte den zwei Pence nach. Sie landeten auf dem gefrorenen Pflaster und rollten zwischen die Rillen des Straßenablaufs.

„Nein!“, rief Reanna und fiel davor auf die Knie.

„Geschieht dir recht für deine Lügen.“ Dorian Kent schnaubte.

„Mr. Kent“, protestierte die Dame. „Arthur!“ Hilfesuchend schaute sie zu ihrem Bruder.

„Tut mir sehr leid“, flüsterte Arthur seiner Schwester zu, „heute habe ich keine Münzen bei mir.“

„Es hat Wochen gedauert, bis meine Hand verheilt war“, rief Reanna noch immer zum Abfluss am Straßenrand starrend. „Und als sie endlich genesen war, war ich bereits schmutzig und zerlumpt. Niemand wollte mich einstellen.“ Das Mädchen stand auf und drehte sich zu den dreien. „Weil Leute, denen es gutgeht, sich die Nöte nicht ausmalen können, die zur Armut der Armen führen – es kümmert Sie nicht, Sir, und das muss es auch nicht“, Reanna wurde stetig lauter, sodass sie zuletzt schrie, „aber müssen Sie mir das bisschen nehmen, was ich habe? Müssen Sie mich herumschubsen und mit solcher Verachtung behandeln?“

Wütend schaute sie die Männer an, als ihr die Worte ausgingen. Der Herr mit den dunklen Haaren hob genervt eine Augenbraue, während seine Gefährten peinlich berührt wegschauten. In ihren Augen war sie nur eine Verrückte von der Straße. In wenigen Momenten würden sich ihre Wege trennen. Die reichen Leute würden dann keinen Gedanken an das Bettlermädchen verschwenden. Zorn und Scham brodelten in Reanna auf. Der dunkelhaarige Grobian seufzte kaum hörbar und brachte damit die Gefühle des Mädchens zum überlaufen. Reanna sprang vor und riss die Ledermappe aus Dorian Kents Hand und floh damit in die nächste Gasse. Die Dunkelheit verschlang ihre zierliche Statur. Die Schritte hallten von den engen Wänden wider, bis sie in der kalten Nachtluft verstummten.

Dorian starrte ihr, von der Dreistigkeit des Angriffs verdattert, nach. Erst der spitze Aufschrei der Lady riss ihn aus seiner Trance und er rannte los, um die Diebin zu fassen. Seine Sohlen waren glatt und nicht dafür gemacht, auf gefrorenem Pflaster zu laufen, doch er konnte dem Mädchen nicht erlauben, Arthurs Manuskript zu stehlen. Das neue Theaterstück sollte ihr großer Durchbruch auf den berühmtesten Bühnen Londons werden. Dieses Drama war besser als alles, was Arthur je geschrieben hatte. Dorians vorangegangene Produktionen der Stücke seines Freundes waren recht beliebt gewesen, doch die beiden Männer hatten es bisher nicht bis ans West End geschafft. Mit dem neuen Manuskript sollte sich das ändern, daher konnte Dorian Kent die Diebin niemals entkommen lassen.

„Fang sie!“, rief Arthur.

Dorian wusste, dass nur einer von ihnen der Diebin nachlaufen konnte, da eine Lady wie Cora nicht allein auf der dunklen Straße zurückgelassen werden durfte.

„Oh, nein!“, stieß Cora hervor. „Du musst ihnen nach.“

„Sorg dich nicht, meine Liebe“, beruhigte Arthur seine Schwester. „Dorian ist ein schnellerer Läufer als ich und er wird alles daran setzen, das Manuskript wiederzubekommen, denn ihm bedeutete es genauso viel wie mir.“

Arthurs Vertrauen brachte Dorian dazu noch schneller zu rennen. An dem Geschriebenen hatte sein Freund sehr hart gearbeitet, die Arbeit durfte nicht umsonst gewesen sein!

Reanna lief so schnell wie ihre Füße sie nur tragen konnten. Sie wusste noch nicht einmal, warum sie das getan hatte. Sie hatte noch nie zuvor etwas gestohlen. Sie brauchte den Stapel Papier auch gar nicht, doch dem Mann hinter ihr schien dieser viel zu bedeuten und allein wegen der schlechten Behandlung seinerseits lief sie noch schneller.

„Gib es zurück!“, rief er. Obwohl er atemlos war, klang seine Stimme bedrohlich. „Du diebisches Biest!“

Reanna zuckte bei dem Wort „Dieb“ zusammen. Diebe wurden gehängt, sie wollte nicht hängen. Plötzlich durchfuhr sie die Angst vor den Konsequenzen der Tat. Die Furcht wandelte sie in Geschwindigkeit um. Es war fast so, als würden ihre Füße den Boden kaum noch berühren. Sie lief in eine noch engere Gasse, die sie gut kannte, da sie gelegentlich darin schlief. Eine hohe Wand war an deren Ende. Reanna konnte sie auch mit geschlossenen Augen erklimmen und da es so finster war, würde sie das wohl auch müssen. Ihr Verfolger würde nicht wissen, wo er hintreten sollte. Das würde ihn zum Aufgeben zwingen.

Der vage Umriss der Wand zeichnete sich vor ihr ab und die hallenden Schritte hinter ihr holten sie immer mehr ein. Der Mann schien die Ledermappe unbedingt wiederhaben zu wollen.

„Nun schau dir das an, eine Sackgasse“, rief der Mann selbstzufrieden.

Die junge Frau warf die Mappe mit aller Kraft über die Wand.

„Nein!“, brüllte der Mann, als sie bereits zu klettern begann.

Aufgrund der niedrigen Temperaturen hatte sich Eis auf dem Stein gebildet, was den Aufstieg schwieriger gestaltete. Sie rutschte einmal aus und stieß sich den Ellenbogen an der rauen Fassade, doch das verlangsamte sie kaum und schon bald zog sie sich hoch und stand auf der Barriere, die Dorian Kent vom besten Manuskript der Welt trennte. Sie schaute von ihrer erhöhten Position zu ihm hinab und merkte nun, wie sehr jeder Muskel in ihrem Körper schmerzte.

Dorian Kent blieb stehen und hechelte.

„Das wird dir eine Lehre sein!“, verkündete das Mädchen und versuchte, ihre Nervosität mit frechen Worten zu überspielen.

„Du!“, donnerte er wütend. „Gib mir sofort die Ledermappe wieder!“

„Sie haben mir etwas genommen und nun habe ich etwas aus ihrem Besitz entwendet – das ist nur gerecht.“ Sie verschränkte die Arme vor ihrer schwer atmenden Brust.

„Du weißt doch nicht einmal, wovon du sprichst!“, entgegnete der Produzent. Er trat näher heran und begann hochzuspringen, um nach einem von Reannas Füßen zu greifen. Seine Hand kam ihr gefährlich nah.

Schnell stieg Reanna auf der anderen Seite der Wand hinab, sammelte die Mappe und alle losen Blätter ein und rannte erneut los. Dorian Kents Nachrufe spornten sie nur noch weiter an.

„Warte, bis ich dich erwische, du kleine Diebin!“, hallte seine wütende Stimme von den Wänden, während er versuchte, die Barriere zu erklimmen, doch kläglich scheiterte. Seine Schuhe waren nicht fürs Laufen gemacht und noch viel weniger fürs Klettern.

Kapitel 2

ABNEIGUNG UND ABMACHUNG

„Grah!“, brüllte Dorian und riss mit einer einzigen Handbewegung zwei Vasen vom Tisch im eleganten Wohnzimmer seines noch eleganteren Reihenhauses.

„Weißt du, Dorian“, sagte Arthur andächtig. Er saß mit überkreuzten Beinen in einem cremefarbenen Sessel. „Ich wäre ebenso wütend wie du, wenn die gestrige Begegnung nicht eigentlich urkomisch gewesen wäre.“

„Wie kannst du das sagen?“ Dorian Kent schüttelte die Porzellanscherben von seinem Ärmel. „Dein Herzblut ist in die Erstellung des Dramas mit eingeflossen. Es hat das Potenzial, unsere bisherigen Erfolge bei weitem zu übertreffen. Das Manuskript ist tausende von Pfund wert!“

„Die ganze Situation ist sehr unerfreulich, aber der Standpunkt der jungen Frau ist durchaus nachvollziehbar.“ Arthur Boyd tippte sich mit dem Finger gegen sein Kinn. „Wir haben ihr etwas weggenommen und sie uns – wobei es eigentlich du warst, was mich nur zum unschuldigen Opfer der Misere macht“, verkündete Arthur melodramatisch.

„Das stimmt leider“, grummelte Dorian und rieb sich mit der Faust die Schläfe. „Ich bin noch wütender auf mich selbst als auf die Göre.“ Er hielt einen Moment inne, um seinen Freund bedeutungsvoll anzuschauen. „Bist du dir ganz sicher, dass du nicht zur Polizei gehen willst?“

„Dorian, selbst wenn die Polizei uns ernst nehmen sollte – denn ehrlich gesagt bezweifle ich, dass mein Manuskript eine Priorität darstellen wird – was wird dann aus dem Mädchen?“, fragte Arthur besorgt.

„Sie wird bekommen, was sie verdient!“

„Gentlemen.“ Die unsichere Stimme des Hausmädchens unterbrach die Diskussion. „An der Tür ist eine junge Frau, die behauptet, ein dringendes Anliegen zu haben.“ Die Bedienstete knetete nervös ihre Hände. „Ich habe versucht sie fortzuschicken, aber sie ist hartnäckig, Sir.“

Dorian Kent rannte zum Eingang, noch bevor das Hausmädchen den Satz beendet hatte, denn der Besucher konnte nur die Bettlerin von gestern sein.

An der Vordertür entdeckte er Reanna. Sie hielt ihren jämmerlichen Schal eng umschlungen um ihre schmächtige Figur und atmete weiße Wolken in die kalte Luft.

„Ist heute nicht ein wunderschöner Tag?“, fragte sie fröhlich. „Ich war so frei, Sie gemäß der Adresse auf der Ledermappe aufzusuchen.“

Die Wut stieg wie eine Flamme in Dorians Herzen auf. Er packte die Frau an den Schultern und zerrte sie ins Haus. Was er mit ihr machen würde, wusste er noch nicht, doch es war sicherlich besser, wenn die Nachbarn es nicht mitbekamen.

An ihrem Schal zog er sie näher an sich heran. Sie war leichter, als er dachte und leistete keinen Widerstand.

„Du hast die Dreistigkeit, mit einem breiten Grinsen an meiner Tür aufzutauchen?“, zischte er sie an.

Reannas Knie zitterten ein wenig, doch sie wusste nicht, ob das auf die Kälte außerhalb des Hauses oder in dessen Inneren zurückzuführen war. Mut schöpfte sie aus ihrem Plan, den sie sorgsam über Nacht geschmiedet hatte.

„Ich bin gekommen, um eine Vereinbarung auszumachen, die für uns gleichermaßen vorteilhaft sein sollte.“

Ein Lächeln aufrechtzuerhalten, wurde zunehmend schwerer, als Dorian sie beinahe am Schal vom Boden hob.

Sein blanker Zorn über die Unverschämtheit des Mädchens machte ihn sprachlos. Hinter ihm erschütterte ein lautes Lachen die engen Wände des Eingangsbereichs.

„Ich muss schon sagen“, Arthur hielt inne, um nach Luft zu schnappen, „ich fange langsam an, Sie zu bewundern, Miss …?“

„Reanna“, sagte Reanna, stolz auf die Anerkennung.

„Der Humor scheint mir zu entgehen“, gab Dorian missmutig von sich, ohne seinen zornigen Blick von dem Mädchen abzuwenden.

„Komm, mein Freund“, sagte Arthur breit grinsend. „Lass Miss Reanna zu Wort kommen, mich interessiert ihr Angebot außerordentlich.“

Langsam und misstrauisch löste Dorian seinen Griff vom Schal des Mädchens.

„Gern erzähle ich Ihnen alles bei einem Tässchen Tee“, verkündete die Übeltäterin.

„Aber natürlich“, stimmte Arthur zu, „und bei einem Stück Kuchen!“

Die Augen der jungen Frau leuchteten auf.

„Wohin ist dein reizendes Dienstmädchen verschwunden? Wir wollen umgehend Tee und Kuchen“, wollte Arthur wissen.

Verstimmt aber voller Hoffnung, dass Arthur einen Plan hatte, führte Dorian seine Gäste zurück ins Wohnzimmer und gab die Anweisung Tee vorzubereiten. Das Hausmädchen schaute skeptisch zur Bettlerin, ohne ihre Verblüffung zu verstecken. Der düstere Ausdruck des Hausherrn verbat ihr jedoch Fragen zu stellen.

„Ein Kamin!“, stieß Reanna hervor und ging geradewegs auf das leuchtende Feuer zu. Als sie sich ganz nah ans Feuer setzte, offenbarte sie den Gentlemen, wie lange sie schon von Wärme träumte. „Seit Wochen“, erinnerte sie sich, „friere ich nur.“

Arthurs Blick wurde sanfter, während sich Dorians Miene weiter verhärtete. Hinter jedem ihrer Worte erwartete er einen Hinterhalt. Er wäre nicht überrascht, wenn das die Standardvorstellung des Mädchens wäre. Für ihn war sie nicht mehr als eine verlogene Diebin.

Sie hielt ihre schmutzigen kleinen Hände hoch und die Wärme kroch langsam unter ihre Haut.

„Das ist eine ziemlich schlimme Narbe“, merkte Arthur an, als er ihre linke Hand genauer anschaute.

Einen Moment lang überlegte Reanna, ob der Anblick den Herren unangenehm war und ob sie sie verdecken sollte, entschied sich aber dagegen. Keinen Zentimeter wollte sie ihre Handflächen von der Hitze der Flammen wegbewegen.

„Ja“, sagte sie stattdessen, „ich habe sie seit dem Frühjahr, wie gestern erzählt, aber manche Leute wollen mir ja nicht glauben.“ Sie warf Dorian einen Blick über die Schulter zu. Dessen Augen wurden zu misstrauischen Schlitzen. „Damals hat die Herrin uns geschlagen, wenn ihr etwas missfiel. Das eine Mal fand sie wenig Gefallen an meiner Verzierung eines Hutes. Sie fand sie hässlich und drückte zur Strafe ein heißes Bügeleisen auf meine Hand.“ Reanna zuckte von der bloßen Erinnerung zusammen. „Die anderen Mädchen sagten, meinen Schrei konnte man in Australien hören“, witzelte sie mit einem traurigen Beben in der Stimme.

Dorian schnaubte, Reanna schaute erbost zu ihm.

„Was für eine grausige Geschichte“, gab Arthur zu. Ein besorgter Ausdruck war selten auf seinem Gesicht zu erkennen, doch das war eine der Gelegenheiten. Im Gegensatz zu Dorian schien ihn die Geschichte nicht kalt zu lassen.

„Warum verrätst du uns nicht endlich, was du willst, du Diebin?“, wandte der Hausherr ein. „Dann können wir schon bald zu unserem Alltag zurückkehren und so tun, als wäre das nie passiert.“

„Um ehrlich zu sein …“ Reanna fühlte sich ausreichend gewärmt und erhob sich vom Boden, um näher an den wütenden Produzenten heranzutreten. „Ich habe mich noch nicht entschieden, welche Belohnung ich im Austausch für das Manuskript verlange. Bestimmt werden Tee und Kuchen meine Vorstellungskraft beflügeln.“

„Belohnung?“, wiederholte Dorian. „Das ist Erpressung und ich bin sicher, der Richter wird zustimmen, wenn wir dich vor Gericht bringen.“

„Nur zu“, sagte sie herausfordernd. „Doch dann werden Sie das Manuskript nie wiederfinden. Es wäre wirklich schade drum, da es eine so schöne Geschichte ist.“

Arthur konnte sich ein lautes Lachen nicht verkneifen. Sogar Dorian, der einen durchdachten Plot zu schätzen wusste, verspürte einen Hauch von plötzlicher Bewunderung.

„Sie haben es gelesen?“ fragte Arthur neugierig.

„Es hat mir die Zeit vertrieben, als ich in der kalten Gasse darauf wartete, bis die Nacht zu Ende ging“, antwortete Reanna.

„Zumindest … “, sagte Arthur sich vom Stuhl erhebend, „ … scheint unsere Diebin einen vorbildlichen Geschmack zu haben“, schmunzelte er. „Den Rest lege ich nun in Dorians kompetente Hände und bitte mich zu entschuldigen. Ich hoffe aber sehr, dass Sie Dorian lange genug mit Ihrer Anwesenheit erfreuen werden, sodass wir uns bald wiedersehen können.“

„Darauf können Sie sich verlassen“, freute sich das Mädchen.

„Bring mich doch noch bis zur Tür, mein Freund“, forderte Arthur in andeutungsvollem Ton.

Als die beiden Herren unter sich waren, wurde die Stimme des Autors zu einem verschwörerischen Flüstern. „Sie ist ein liebenswertes Mädchen etc., aber das Manuskript müssen wir trotzdem wiederbekommen. Ich vertraue dir da voll und ganz.“ Arthur war todernst. „Ich weiß einen guten Scherz zu schätzen, aber dennoch möchte ich mich nicht von Bettlern ausrauben lassen oder gar meinen Ruf aufs Spiel setzen.“

„Verlass dich drauf“, sagte Dorian und legte seine Hand auf die Schulter seines Geschäftspartners. „Ich werde meinen Fehler wiedergutmachen.“

„Au revoir, ma petit amie!“, rief Arthur Boyd Reanna theatralisch zu und verließ das Zuhause seines Freundes.

Als Dorian ins Wohnzimmer zurückkehrte, war der Tisch bereits gedeckt und das Mädchen hatte nicht auf ihn gewartet. Gierig schaufelte sie sich mit schmutzigen Fingern Kuchen in den Mund und trank ihren Tee mit großen Schlucken.

„Meine Güte“, murmelte Dorian, als er die Szene betrachtete.

Er setzte sich ihr gegenüber, doch beteiligte sich weder an Speis noch an Trank. Das bisschen Appetit, das er noch gehabt hatte, war ihm nun vollends vergangen. Während er sie beim Essen beobachtete, fiel ihm auf, wie schlimm die Narben auf ihrer Hand waren. Ihr Gesicht war dreckverschmiert, ihre Kleidung waren alte Lumpen. Ihr Alter schätzte er auf 15, vielleicht 16 – sie war zu klein, um viel älter zu sein.

„Wie alt bist du?“, fragte er aus reiner Langeweile.

Reanna rechnete einen Moment lang still vor sich hin. „20, Sir.“

Die Antwort überraschte ihn, denn sie sah nicht nur kindlich aus, sie benahm sich auch so. Mit vollem Mund stellte sie ihm die gleiche Frage. Aus unerfindlichen Gründen brachte ihn der Anblick fast zum Lachen.

„25“, antwortete er.

Sie nickte.

„Kann ich sonst noch etwas für dich tun?“, fragte er, während der Kuchen schneller vertilgt wurde, als er es je gesehen hatte.

Sie schluckte einen großen Bissen laut herunter und überlegte kurz. „Haben Sie Rindfleisch?“, fragte sie dann unsicher, als wäre es ein solcher Luxus, dass er einzig der Königin zustand.

„Tammy!“, rief Dorian.

Es kam keine Antwort.

„Tamara!“

Stille.

„Entschuldige mich einen Moment.“ Er erhob sich, zögerte aber, bevor er den Raum verließ. „Versuch bitte nichts zu stehlen, während ich in der Küche nach dem Fleisch frage.“

„Ich bin keine Diebin“, murmelte Reanna, als ihr Gastgeber durch die weiße Doppeltür verschwand. Matte Ornamente zierten die zwölf Glasscheiben. Wie eine Tänzerin schwang sie hinter dem Hausherrn zu.

Erst jetzt, da ihr Magen gefüllt war, betrachtete Reanna den eleganten Stil und die ausgiebige Dekoration ihrer Umgebung. Eine wunderschöne Vase aus Porzellan mit großem Blumenstrauß stand auf dem Marmor-Kaminsims. Eine Uhr aus schwerem Holz befand sich daneben. Ein cremefarbenes Sofa mit passendem Sessel auf jeder Seite stand mit dem Rücken zum Fenster. Um den großen Tisch fanden sechs grazile Stühle mit geschwungenen Beinen und roter Polsterung Platz, auf einem von ihnen saß Reanna. Hinter dem Mädchen stand ein großer Schrank gefüllt mit Büchern, Journalen und Ledermappen, die der Entwendeten ähnelten.

Reanna bemerkte außerdem die Überreste zerbrochenen Porzellans auf dem roten und beigen Teppich und fragte sich, was damit wohl passiert war.

Die Person, die die Vasen zerbrochen hatte in ihrem Wutausbruch, stieg unterdessen gelassen die Treppe hinab, bis er in der Küche ankam. Dort traf er sein Hausmädchen an, wie es angeregt mit der Köchin lästerte.

„Ich kann nicht glauben, dass er eine schmutzige Bettlerin ins Haus gelassen hat“, flüsterte die Angestellte.

„Nächstes Mal, meine liebe Tammy, werde ich dich vorher um Erlaubnis fragen“, sprach Dorian in ihren Rücken.

Tamara erstarrte zur Salzsäule, während die Köchin ihren Teig weiterknetete, als ob sie nichts mit alledem zu tun hätte.

Details

Seiten
0
Erscheinungsform
Erstausgabe
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783960876632
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v451860
Schlagworte
Weihnachts-roman London Winter-roman historische-r-Liebesroman-e Liebesglück viktorianische-r-Liebesroman-e Regency-Roman-ce

Autor

  • Wenn Sie diese Meldung sehen, konnt das Bild nicht geladen und dargestellt werden.

    Anna Jane Greenville (Autor)

Zurück

Titel: Eine Diebin unter Gentlemen (Liebe, Historisch)