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Küsse auf Italienisch (Liebe)

von Jessie Weber (Autor)

2019 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

Lexis langersehnter Liebesurlaub in Italien stellt sich als absoluter Reinfall heraus. Statt einer romantischen Reise wird der Trip nach Venedig zum Alptraum, als ihr Freund Johannes zunehmend unangenehmere Eigenschaften an den Tag legt. Nach einem heftigen Streit lässt er sie allein zurück. Der Traum vom sorglosen Luxusleben an seiner Seite scheint ausgeträumt.
Die zauberhafte Landschaft und die traumhafte Atmosphäre Italiens lassen Lexis Lebensgeister wieder aufleben. Mit dem schweigsamen Italiener Lucio erlebt sie drei magische Tage in den geheimen Winkeln von Venedig. Doch dann erreicht sie ein Hilferuf aus der Heimat …

Impressum

dp Verlag

Erstausgabe Januar 2019

Copyright © 2020 dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

E-Book-ISBN: 978-3-96087-640-3

Covergestaltung: Miss Ly Design
unter Verwendung von Motiven von
shutterstock.com: © Jne Valokuvaus, © Oleksandra Naumenko, © Lesya Dolyuk
Lektorat: Astrid Rahlfs

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

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»Komm schon, Süße. Du bist hübsch genug. Gib mir mein Smartphone und lass uns gehen.«

Lexi ließ die Haarbürste sinken. »Kannst du das Ding nicht im Zimmer lassen, bitte? Wir gehen doch nur runter zum Essen.«

Johannes schnaubte. »Wie stellst du dir das vor?« Er streckte die Hand nach dem Telefon aus, nahm es und blickte auf das Display. »Vor einer halben Stunde war Abgabe der HafenCity-Ausschreibung. Jeden Moment kann der Anruf kommen, dass wir in der engeren Auswahl sind. Dann entscheiden die richtigen Worte alles, und die kann nur ich zu dem Kunden sagen. Freu dich, dass wir in der heißen Phase überhaupt in den Urlaub gefahren sind.«

Lexi schluckte eine Erwiderung hinunter und folgte Johannes auf den Flur. Die Reise war schon lange gebucht gewesen, als die Ausschreibung dazwischengekommen war.

Sie hatten kaum ihre Plätze auf der Restaurantterrasse eingenommen und bestellt, da erklang auch schon die Ode an die Freude. Sein Klingelton.

»Schau nicht so vorwurfsvoll. Es dauert ja nicht lange.«

»Es ist aber unhöflich …«

»Ach was!« Johannes wischte ihren Einwand mit einer Handbewegung beiseite. »Das stört die Italiener nicht. Die telefonieren doch selbst ständig.« Er strich über den Touchscreen und meldete sich.

Ob es Lexi störte, war ihm offensichtlich gleichgültig.

Es hatte sich abgezeichnet. Sie hatte so für diese Reise gekämpft – nun bezahlte sie dafür. Sie hatte es gewusst, kaum dass sie das Flugzeug verlassen und das Wassertaxi bestiegen hatten. Eine Stadt ohne Autos – diese Götzen, die er anbetete –, dafür voller Boote, Kirchen und Menschen. Für all diese Dinge hatte Johannes nichts übrig. Auf dem Wasser wurde ihm übel, Gottesfürchtige verhöhnte er als Idioten, die an Märchen glaubten, so wie er die meisten Menschen verlachte, wenn sie ihm nicht gerade von Nutzen waren.

Noch im Wassertaxi hatte sich das nächste Problem angekündigt – die Hitze. Als ob Herr Superklug nicht gewusst hätte, dass es im August in Venedig heiß war! Aber man fuhr schließlich nach Venedig oder Paris in den Liebesurlaub, und die Franzosen konnte er nicht leiden. Also hatte er Venedig gebucht – nicht für sie und nicht für sich, sondern für die anderen – die Kollegen, die Untergebenen. Für die Fotos, die man später auf dem Smartphone herumzeigen konnte. Weil man es so machte, wenn Geld keine Rolle spielte.

Sie hatten noch keinen festen Boden unter den Füßen gehabt, als sein langärmeliges schwarzes Designerhemd die ersten Schweißflecke gezeigt hatte. Er hatte seine Wut darüber am Portier des Luxushotels an der Riva degli Schiavoni nahe dem Markusplatz ausgelassen. Der ältere Herr in Uniform hatte den Redefluss stoisch über sich ergehen lassen. Entweder verstand er kein Englisch oder er war an unverschämte Touristen gewöhnt. Und Lexi? Hatte beschwichtigt, statt Johannes die Meinung zu sagen, obwohl sie am liebsten im Erdboden versunken wäre. Auch als das Himmelbett zu weich, der bereitgestellte Champagner zu warm, die Suite zu hellhörig gewesen war. Immer beruhigen, immer das aufgeblasene Ego streicheln. Sie waren noch keine drei Stunden in Venedig, und Lexi fühlte sich bereits, als sei sie soeben einen Marathon gelaufen.

Der Kellner brachte den Wein, Johannes beendete sein Gespräch, grinste und hob sein Glas.

»Auf die Ausschreibung. Es ist zwar noch nichts entschieden, aber es sieht gut aus!«

Lexi zwang sich zu einem Lächeln. Warum hatte er nicht ›auf uns‹ sagen können? Sie verlangte nicht viel, nur ein wenig Aufmerksamkeit im ersten Urlaub ihres Lebens. Sie trank ihr Weinglas in einem Zug leer und öffnete den Mund, um ein Gespräch über die Herrlichkeit des Abends und der Aussicht zu beginnen. Um ihn vielleicht einmal aus der Reserve zu locken, ihm die Augen zu öffnen für die schönen Dinge des Lebens. Da klingelte erneut sein Smartphone. Natürlich.

›Du kriegst keinen Besseren, versau es nicht!‹, hatte ihre Schwester gesagt und den eigenen Mann mit einer Mischung aus Resignation und Mitleid gemustert. Dabei liebte Trixi ihren Thorben, das wusste Lexi. Nur war sie es leid, auf jeden Euro zu achten, den Kindern nicht einmal spontan etwas kaufen zu können. Nicht ein einziges Mal die Leichtigkeit zu spüren, die genügend Geld mit sich brachte.

Lexi hatte alles getan, um es nicht zu versauen. Sechs Monate lang. Nur nicht zurück in die Provinz, nur nicht zugeben, dass der Traumprinz nun doch keiner war. Hübsch aussehen und lächeln, bis der Kiefer schmerzte. Vergessen, dass man ein Studium abgeschlossen, sich mit miesen Jobs zum Abschluss gekämpft hatte. Lieber nur noch schmückendes Beiwerk sein. Sich mit Gold behängen lassen, viel zu sauren Champagner trinken, Häppchen und Spießchen statt Burger und Bier, langweilige Menschen treffen, statt ums Lagerfeuer zu sitzen, Verabredungen in gepflegten Weinlokalen – für Wein waren die Franzosen dann doch gut genug – statt in lauten Kneipen.

Sie war fasziniert gewesen von Johannes, dem attraktiven Juniorchef des angesehenen Hamburger Architekturbüros Mühling, in dem sie ihr Praktikum absolviert hatte. Er hatte um sie geworben, und sie hatte sich für etwas Besonderes gehalten. Die glänzende Zukunft, die er ihr in der Firma versprochen hatte, lag nun gänzlich in seiner Hand. Und darin, ob sie tat, was er wollte. Ihn angemessen anhimmelte, nur nicht widersprach. Sie hatte in jenen ersten Wochen keinen Grund gehabt. Er war zuvorkommend gewesen und dennoch leidenschaftlich, und ihre Liebesnächte waren ihr wie ein Rausch vorgekommen.

Dann jedoch hatte er begonnen, sich zu verändern. Da hatte Lexi schon drei Wochen bei ihm gewohnt, hatte alle Zelte hinter sich abgebrochen und sich mit Haut und Haar und unter den Beifallsstürmen ihrer Familie in ihr Luxusleben an seiner Seite gestürzt.

Es waren Kleinigkeiten gewesen – eine respektlose Bemerkung über den Hintern einer Frau, eine im betrunkenen Zustand zerschlagene Weinflasche, als sein bester Freund einen dummen Spruch gemacht hatte, das ständige Überschreiten von Geschwindigkeitsbegrenzungen, das Abstellen seiner Luxuskarossen auf Gehwegen und Behindertenparkplätzen. Lexi hatte geschwiegen. Bis zu dem Fußtritt gegen die Geldbüchse eines Obdachlosen, eines faulen, arbeitsscheuen Penners, wie er gesagt hatte. Sie hatte geholfen, die Münzen wieder einzusammeln, sich bei dem Mann entschuldigt, und als sie im Auto gesessen hatten, hatte sie Johannes ihre Meinung gesagt. Zum ersten Mal. Ohne ein Wort war er zu ihrer gemeinsamen Wohnung gefahren – lächerlich, sie so zu nennen! Als ob sie irgendeinen Anteil an dem edlen Domizil direkt am Park besaß oder je besitzen würde. Er hatte ihren Koffer unter dem Bett hervorgezerrt und ihr vor die Füße gestellt. Sie hatte die enttäuschten Gesichter ihrer Eltern vor sich gesehen und sich tränenreich entschuldigt. Gnädig hatte er ihr verziehen.

Und nun diese Reise. Hatte Lexi ernsthaft geglaubt, dass sich ihre angeschlagene Beziehung kitten lassen würde, dass ihn der Zauber dieser wunderbaren Stadt zu einem besseren Menschen machen würde? Noch im Flugzeug hatte sie sich an ihn geschmiegt, voller Hoffnung, dass er nur eine Pause von der Arbeit und all der Verantwortung brauchte. Dass er nur einmal entspannen musste. Im Flugzeug war das Telefon ausgeschaltet gewesen, zwei herrliche Stunden lang. Niemand hatte sie gestört, sie hatten sich in die Augen gesehen, sich geküsst, sich sogar unterhalten!

Sie hatte vergessen, was das Thema gewesen war. Nun saßen sie auf der Terrasse des Hotels, die Sonne ging langsam unter, Lexi pickte an ihrem Fisch herum – und Johannes telefonierte. Sie seufzte, stürzte ein weiteres Glas Wein hinunter und blickte auf die Lagune hinaus. Ein riesiges Kreuzfahrtschiff verließ soeben die Stadt und nahm Scharen von Tagesgästen mit. Sie hatte sich immer gewünscht, einmal nach Venedig zu reisen, einen Abend in der Stadt zu erleben, wenn die meisten Touristen fort waren und endlich Stille einkehrte. Sie hatte sich vorgestellt, Hand in Hand mit ihrem Liebsten durch die schmalen Gassen zu schlendern, in einer winzigen Trattoria zu essen, schließlich an irgendeinem Kanal zu sitzen, mit einer Flasche Wein, nur die Sterne über ihnen. Doch der Liebste, mit dem sie hier war, hatte offenbar keinen Sinn für diese Art von Romantik. Seine Liebesbeweise waren teure Plätze in der Elbphilharmonie und jede Woche ein neues Abendkleid.

Doch war das so schlimm? Lexi betrachtete Johannes, der mit der freien Hand dem Kellner bedeutete, ihnen nachzuschenken, und mit der anderen am Telefon einen Großauftrag an Land zog. Ganz der Geschäftsmann, der er nun einmal war.

Sie hatte doch gewusst, worauf sie sich einließ! Es war ungerecht, ihn nun zu verurteilen. Sie lächelte ihn an, und er zwinkerte ihr zu. Ihr Herz tat einen Sprung. Sie wollte so sehr, dass es funktionierte, wollte es noch immer. Obwohl er sich verändert hatte. Es war bestimmt nur der Stress. Sie liebte ihn doch. Hatte er ihr nicht die Welt zu Füßen gelegt? War es wirklich so furchtbar, dass er ab und zu Dinge tat, die sie nicht verstand und die ihr peinlich waren? Wenn sie doch im Gegenzug so viel von ihm bekam?

›Was denn?‹, schrie ihre innere Stimme sie an. ›Respekt, ehrliche Zuneigung, wenigstens Interesse an deinen Gedanken? Wohl kaum.‹

Lexi schüttelte den Kopf, um sie zu vertreiben. Sie wusste, er respektierte sie, auch wenn er es nicht stets und ständig zeigte. Immerhin beteiligte er sie an wichtigen Projekten in der Firma.

›Ja, weil du klug bist und gute Ideen hast! Doch das würde er dir niemals sagen, nicht wahr? Dir nicht und auch den Kollegen nicht. Du nützt ihm, doch er stellt dich dar wie ein Dummchen, dem er aufgrund seiner großen Gnade einen Job gibt. Nicht weil es etwas kann, sondern weil es macht, was er will. Andere Firmen würden sich um dich reißen! Du bist nur zu geblendet von ihm, um es zu sehen.‹

Lexi ballte die Fäuste unter dem Tisch und verbot sich diese Gedanken. Sie hatte sowieso nur Architektur studiert, weil sie gut zeichnen konnte und ihr Vater es sich so sehr gewünscht hatte. Ihren Job mochte sie dennoch, doch das Wichtigste daran war, mit Johannes zusammenzuarbeiten. Sie wollte keine andere Firma.

Und sie wollte keinen anderen Mann. Ihr blieben vier Tage, um ihm zu zeigen, dass es mehr auf der Welt gab als das Geschäft und den schönen Schein. Lexi streifte ihren Schuh ab und ließ den nackten Fuß an Johannes’ Bein hochwandern. Das Aufflackern in seinen Augen machte sie glücklich. An ihrem Körper war er immer interessiert, und sie würde es auch noch schaffen, ihn für ihren Kopf zu begeistern.

Das Hohnlachen ihrer inneren Stimme ignorierte sie.

Sein Blick wanderte an ihr auf und ab, doch nicht lustvoll wie am Abend zuvor. Er runzelte die Stirn.

»Was für ein Fetzen ist das denn, Alexandra? Und diese Schuhe!«

Lexi verspürte einen Stich in der Magengegend, wie jedes Mal, wenn er sie so nannte. Es hatte lange gedauert, bis sie ihm gestanden hatte, dass sie tatsächlich Lexi hieß. Dass es keine Abkürzung eines echten Namens war. Er hatte nichts gesagt, nur einen Mundwinkel hochgezogen. Sie wusste, was er gedacht hatte. ›Das ist doch kein Name für eine erwachsene Frau!‹ Er nannte sie nie bei ihrem wirklichen Namen, immer nur Alexandra. Wie sie es hasste! Es erinnerte sie daran, dass sie nicht gut genug war für seine Welt, in der man Johannes hieß und nicht etwa Joe.

Lexi räusperte sich und versuchte ein Lächeln. »Hey, wir sind doch im Urlaub! Willst du nicht auch mal was Bequemeres anziehen?«

Johannes lachte auf. »Soll ich in Shorts, Tennissocken und Sandalen herumlaufen wie ein typischer deutscher Tourist?«

»Nein. Aber ein kurzärmeliges Hemd …«

»Kommt nicht infrage. Ich bin Geschäftsmann. Und du bist meine Begleitung, die nicht in Second-Hand-Klamotten herumläuft.«

»Geschäftsmann und Begleitung? Ich dachte, wir sind als Paar hier, das Ferien macht.«

Tränen traten in Lexis Augen. Sie liebte das luftige, kurze, geblümte Sommerkleid, dazu die ausgetretenen Turnschuhe, denn schließlich würden sie viel herumlaufen, und sie wollte keine Blasen bekommen! Sie hatte extra ihre alten Klamotten aus Studentenzeiten eingepackt.

Als Johannes nicht antwortete, schluckte Lexi gegen den Kloß in ihrem Hals an und sagte: »Uns kennt doch hier niemand. Zum Essen ziehe ich mich um, versprochen.«

Er zog einen Mundwinkel hoch. »Dann ist es ja gut. Und solange mache ich eben nur Fotos von deinem Kopf. Deine Mähne reißt immerhin einiges raus.«

Verstohlen ließ Lexi das Haargummi fallen, das sie in der Hand gehalten hatte. Wenn das der Preis dafür war, dass sie ihr Lieblingskleid tragen durfte und er trotzdem gute Laune hatte …

Bald jedoch verfluchte sie sich für ihre Feigheit. Als sie nach kurzem Fußmarsch am Markusplatz ankamen, lief ihr bereits der Schweiß den Nacken hinab, und sie hätte alles dafür gegeben, ihre Haare hochbinden zu können. Die Menschenmassen machten es nicht besser. Seit sie nicht mehr zu Rockkonzerten ging oder die U-Bahn benutzte, war sie empfindlich geworden, was Fremde anging, wenn sie nicht nur vereinzelt auftraten. Sie kam sich vor wie auf dem Hafengeburtstag, wie sie sich so zwischen Touristen aus aller Welt hindurchschoben und fliegenden Händlern mit kitschigen Souvenirs auf ihren Verkaufstischen auswichen. Johannes’ Hand umklammerte ihre wie ein Schraubstock, und sie hatte Mühe, mit seinen großen Schritten mitzuhalten.

Ehe sie sichs versah, schleifte er sie in den Dogenpalast, natürlich mit dem Turbopass an der Schlange der Wartenden vorbei, und mit ebensolcher Geschwindigkeit ging es weiter durch die Räume. Johannes ließ ihr keine Zeit, sich die prächtige Architektur und Kunst genauer anzusehen. Sie fühlte sich wie eine Schaufensterpuppe, die in Position geschoben wurde, damit er rasch mit seiner brandneuen Systemkamera ein – natürlich verbotenes – Foto schießen konnte. Erwartungsgemäß wich er nicht von seinem Vorhaben ab und fotografierte nur ihren Kopf. Lexi quälte sich ein Lächeln nach dem nächsten ab, und dann standen sie auch schon wieder auf der Straße.

Im sündhaft teuren Café nebenan verlangte er lautstark einen Platz, und er hatte Erfolg – selbstverständlich. Die hübsche weibliche Bedienung war so freundlich zu ihm, als störe sie sein überhebliches Auftreten kein bisschen. Er ließ seinen Blick einen Moment zu lange auf ihrem wohlgeformten Hinterteil ruhen, als sie ihre Bestellung – seine Bestellung für sie beide – aufgenommen hatte und davonstolzierte. Lexi fühlte sich mehr und mehr wie in einem schlechten Film. Unter einem Liebesurlaub verstand sie etwas völlig anderes.

»Schau nicht so grimmig drein«, sagte Johannes und packte ihr unter dem Tisch an das Knie.

Sofort schoss ihr die Hitze ins Gesicht, und die rührte nicht von den unerträglichen Temperaturen her. Als sich seine Hand noch ein Stück höher schob und er ihr tief in die Augen sah, wusste sie plötzlich wieder, warum sie hier war. Diesmal würdigte er die Kellnerin keines Blickes, als sie die beiden Tassen vor ihnen abstellte. Er löste nicht ein einziges Mal seine schönen Augen von Lexis, und dann lehnte er sich über den Tisch und küsste sie.

Lexi zerschmolz inmitten der vielen Menschen, die um sie herum saßen, und nichts war mehr wichtig, kein Kleid und kein Name, kein Haargummi und keine Kellnerin. Er war hier mit ihr, seine Zunge drängte sich in ihren Mund, und für ihn konnte sie Alexandra sein, wenn es ihm so wichtig war. Seine Hand fand ihren Weg unter ihren Rock, und Lexi musste an sich halten, nicht vor lauter Genuss aufzustöhnen. Sie spürte die Blicke der anderen Menschen, hörte das anklagende Gemurmel, doch es war ihr nicht peinlich. Diesmal nicht. Diesmal genoss sie seine forsche, fordernde Art, die zwar auch Schattenseiten hatte, doch mit denen konnte sie leben, wenn die Sonne so hell strahlte wie in diesem Moment. Sie schloss die Augen, ließ sich fallen und hoffte, dieser Kuss würde nie enden.

Die Ode an die Freude ertönte. Es wäre ja auch zu schön gewesen. Lexi öffnete die Augen. Johannes löste sich von ihr, zwinkerte ihr zu, und seine Hand, die eben noch in ihrem Höschen gesteckt hatte, griff nach dem Smartphone. Lexi fühlte sich, als sei ein Schatten über sie gefallen. Sie schlürfte den viel zu bitteren, viel zu kleinen, viel zu teuren Espresso, den er ihr bestellt hatte, obwohl sie viel lieber die Getränke mit cremigem Milchschaum mochte. Der Geschmack passte fabelhaft zu ihrer Stimmung. Eben noch hatte sie sich im Himmel gewähnt, wäre am liebsten an Ort und Stelle über den Mann an ihrer Seite hergefallen, nun war sie wieder auf der Erde aufgeprallt. Seine Aufmerksamkeit gehörte nicht mehr ihr, sondern dem Geschäft auf der anderen Seite der Telefonleitung, sein Blick suchte nicht mehr ihren, sondern den der Bedienung, die er mit der freien Hand heranwinkte und mit einem umwerfenden Lächeln und einer Geste aufforderte, die Rechnung zu bringen. Er gab ein vollkommen überhöhtes Trinkgeld und bedeutete Lexi mit einem Kopfnicken, ihm zu folgen.

Das Telefonat war noch immer nicht beendet, als sie den Anleger der Gondeln erreichten und er eine für sie aussuchte. Er stieg als Erster ein, ließ sich auf die Bank fallen und würdigte Lexi keines Blickes. Stattdessen ereiferte er sich am Telefon über einen schwierigen Kunden. Der Gondoliere erbarmte sich und half ihr in das schwankende Gefährt. Sie setzte sich neben Johannes, er legte den Arm um sie, und endlich beendete er das Gespräch, nur um sofort seine Kamera zu zücken und ein Selfie von ihnen beiden zu schießen. Natürlich nur von den Köpfen. Lexi sah sich und Johannes in dem hochgeklappten Selbstporträt-Display, sie lächelten wie ein glückliches Paar, hinter ihnen das strahlend blaue Wasser des Canal Grande und weitere Gondeln mit glücklichen Paaren. Und waren sie das nicht auch? Sie waren schön und erfolgreich, gesund und jung und verliebt.

Warum nur wurde Lexi den bitteren Geschmack des Kaffees nicht aus dem Mund los?

Drei weitere Telefonate, eine nass gespritzte Designerhose und einen abgekanzelten Gondoliere später hasteten sie wieder durch die Gassen Venedigs bis zur Rialtobrücke, für weitere Fotos von Lexis Kopf und den Sehenswürdigkeiten, die das Touristenprogramm vorschrieb. Touristenprogramm! In einer Stadt, in der man sich doch nur treiben lassen wollte! Lexi erhaschte nur kurze Blicke auf die Dinge, die sie sich wirklich ansehen wollte – die in der Sonne schlafende Katze auf einem Balkon, den Löwenkopf-Briefschlitz an einem Haus, die Marktstände mit bunt glänzendem Obst und frischem Fisch.

»Einen Fischmarkt kannst du auch in Hamburg sehen«, sagte Johannes und zog sie weiter. »Außerdem stinkt es da.«

Als ob er sie zu Hause auf den Fischmarkt gehen lassen würde! Dafür gab es schließlich die Feinschmeckerrestaurants am Hafen. Die Frau an Johannes’ Seite musste sich nicht die Hände schmutzig machen. Dass sie es gern getan hätte, gern für ihn gekocht, ihm gezeigt hätte, dass sie eine gute Köchin war, kümmerte ihn nicht.

Trotz der bequemen Schuhe taten ihr von all dem Gerenne bald die Füße weh, und auch Johannes nörgelte über die immer stärker werdende Hitze. Hatte Lexi am Vormittag noch der verheißungsvolle Blick aus seinen wunderschönen blauen Augen getröstet, so waren diese nun dauerhaft hinter seiner sündhaft teuren Sonnenbrille verschwunden. Ihren Vorschlag, sich eine der unzähligen Kirchen von innen anzusehen, wies er vehement zurück. Nicht einmal die zu erwartende Kühle in den alten Steingemäuern überzeugte ihn. Stattdessen tranken sie jeder zwei Aperol Spritz auf der Terrasse eines Restaurants, um sich für den Rest des Tages zu wappnen. Als Lexi – leicht angetrunken – auf die zum Glück menschenleere Toilette ging, kam er ihr hinterher, drängte sie in eine der geräumigen Kabinen, schob ihr Kleid hoch und ihr Höschen herunter. Er nahm nicht einmal die Sonnenbrille ab, bevor er stürmisch in sie eindrang. Es war so schnell vorbei, wie es begonnen hatte, doch das war Lexi egal. Wie er im Augenblick seines Höhepunkts endlich einmal die Kontrolle über seine perfekte Fassade verlor und dass sie es war, die dies auslöste, verursachte ein solches Glücksgefühl in ihr, dass sie noch lange wie auf Wolken ging.

Johannes’ Laune hatte sich verbessert, und sie spürte noch die Nachwirkungen des Liebesakts zwischen ihren Schenkeln. Ein dritter Aperol tat sein Übriges dazu, dass sie hoffnungsvoll dem Nachmittag entgegenging und sich auf die Nacht freute, in der sie endlich auch einmal wieder ihren Spaß haben wollte. Es ging schließlich nicht immer nur um Johannes!

›Wer nicht schnell genug für mich ist, hat eben Pech gehabt‹, klang es in ihren Ohren. Er war betrunken gewesen, als er diese Worte gesprochen hatte, und sie waren gewiss nicht nur auf den Sex mit ihr bezogen gewesen, sondern ganz allgemein auf ihn, auf sein Leben auf der Überholspur. Doch er hatte sie in einer Liebesnacht gesagt, als er wieder einmal fertig gewesen war, bevor es für sie überhaupt richtig begonnen hatte. So wie gerade auf der Toilette, die zwar prächtig, aber im Grunde nicht romantischer gewesen war als jedes Bahnhofsklo.

Lexi schüttelte den Kopf. Was war nur los mit ihr? Ihre Laune wechselte so schnell wie das Wetter im April. Eben noch war sie glücklich gewesen, nun schlich sich schon wieder die gemeine Stimme in ihren Kopf, die ihr Johannes schlechtreden wollte. ›Hör auf‹, schalt sie sich. ›Er ist ein Traummann!‹

›Albträume sind auch Träume,‹ höhnte die Stimme.

Lexi brachte sie zum Schweigen, indem sie Johannes von der Seite aus betrachtete. Sah so vielleicht ein Albtraum aus? Er war der schönste Mann, den sie sich vorstellen konnte, das hellbraune Haar kurz und akkurat geschnitten, die blauen Augen strahlend – viel zu schön für sie, die zu klein war neben ihm, die Brüste zu groß im Verhältnis zum Rest des Körpers, die Sommersprossen zu zahlreich, die Haare zu wild und eine Spur zu rötlich, um als blond durchzugehen. Und doch war er mit ihr hier, in dieser Stadt der Liebe, nicht mit einer anderen. Nicht mit einer, die einen echten Namen besaß, nicht mit einer, die aus einer reichen Familie stammte. Er war hier mit Lexi – und nur mit ihr. Sie war es, die er auf die Toilette zog, weil er es nicht abwarten konnte, ihr nahe zu sein, allen Kellnerinnen zum Trotz.

Nach dem bitteren Espresso und dem bitteren Aperol sehnte sie sich nach etwas Süßem, und obwohl er es ihr eigentlich nicht kaufen wollte, weil er es kindisch fand, rückte er schließlich doch einen Fünfeuroschein heraus. Sie holte sich eine Waffel mit zwei Kugeln Eis, Vanille und Stracciatella, das süßeste, das es gab.

Sie waren den Touristenströmen entkommen, durch Gassen abseits des größten Trubels gelaufen, auf der Suche nach irgendeinem Museum, das zu Johannes’ Pflichtprogramm gehörte. Bisher hatten sie es nicht gefunden. Sie befanden sich nun am Canale di Cannaregio, hatten soeben eine Straße passiert, in der weniger exklusive Restaurants und Läden angesiedelt waren und die von Straßenhändlern mit Hüten, Sonnenbrillen und lustig bedruckten T-Shirts bevölkert war. Sie mündete in eine an allen vier Ecken mit Obelisken geschmückte, rot-weiße Brücke, die gerade hoch genug war, dass die Wasserbusse unter ihr hindurchpassten.

Mit dem Eis in der Hand lief Lexi die flachen, breiten Stufen hinauf. Oben angekommen, lehnte sie sich gegen das Geländer aus weißem Stein, sah Johannes entgegen, der ihr langsam folgte, und lächelte ihn an. Er zog einen Mundwinkel hoch, trat neben sie und blickte aufs Wasser hinaus.

»Da vorn ist schon der Canal Grande«, sagte er und deutete in die Richtung. »Wird Zeit, dass wir aus diesem elenden Viertel wegkommen.«

»Hier, probier mal«, sagte Lexi, die sich die Laune nicht verderben lassen wollte, und hielt ihm das Eis hin.

»Ich mag nicht. Das ständige Geschaukel in dieser Stadt dreht mir den Magen um.«

»Es ist lecker!« Sie stupste ihn mit der Vanillekugel an der Lippe an.

»Ich sagte, ich will nicht!«, fuhr er sie an und wischte sich mit dem Handrücken den Mund ab.

›Er bringt es nicht einmal über sich, das Eis abzulecken‹, zischte Lexis innere Stimme. ›Was für ein Idiot.‹

Plötzlich war das Gefühl zwischen ihren Beinen nicht mehr so wohlig wie zuvor. Sie fühlte sich wund und klebrig, und alle Süße vertrieb nicht den bitteren Geschmack in ihrem Mund.

Johannes lehnte sich vornüber und stützte sich mit den Ellbogen auf der Geländermauer ab. Plötzlich lachte er auf. »Sieh dir das an.«

Lexi beugte sich ebenfalls vor und erkannte, was er meinte. Eine wunderschöne Gondel kam eben unter der Brücke hervor, goldverziert und mit Blumen geschmückt, die Sitzkissen mit rotem Samt bezogen.

»Die holt bestimmt ein Brautpaar ab!«, rief sie aus. Sie konnte den Blick nicht von dem Boot abwenden, das aussah, als sei es für einen König gefertigt worden. »Wie romantisch!«

»So einen Kitsch habe ich ja noch nie gesehen.« Hohn troff aus Johannes’ Stimme.

Lexi presste die Lippen aufeinander. Sie fand die Gondel schön, und sie verfluchte sich dafür, dass sie es ihm nicht deutlicher sagte.

»Überhaupt ist diese angebliche Romantik gar keine. Diese Stadt ist ein Symbol für den Verfall, für Tod und Verwesung. Die verfluchten Kanäle stinken, alles steht auf modrigem Holz, und hinter den Palazzi versteckt sich nichts als Armut. Hast du den Müll in den Seitengassen gesehen?«

Sein Tonfall war so abfällig wie immer, wenn er von Dingen und Menschen sprach, die nicht waren wie er: reich, schön, perfekt. Nun war es Lexi, der übel wurde. Sie sah vollkommen andere Dinge als er: Verletzlichkeit, alte Werte, Kunst, Geschichte. Etwas Schönes, das es zu retten galt. Auch wenn sie bei ihrem Gehetze durch die Stadt kaum etwas in Ruhe hatte betrachten können, war das Gefühl in ihr Herz gedrungen, dass dieser Ort ein besonderer war. Wie schade, dass Johannes es nicht spürte.

Lexi biss sich auf die Unterlippe. Das Eis schmolz in ihrer Hand und tropfte auf die Brücke. Ihr war der Appetit vergangen, doch sie schlang es herunter. Den Triumph, es wegzuwerfen, wollte sie Johannes nicht gönnen. Mühsam unterdrückte sie die Tränen.

»Komm schon.« Johannes legte ihr eine Hand auf den Hintern. »Immerhin ist das Essen nicht ganz mies in dieser Stadt. Und der Aperol schmeckt. Wenn ich betrunken genug bin, merke ich das durchgelegene Bett wenigstens nicht mehr.«

Lexi antwortete nicht. Sie stieg auf den gemauerten Sockel des Geländers, um besser sehen zu können, stützte die Ellbogen auf und starrte der Gondel nach, die sich langsam entfernte. Der Kloß in ihrem Hals schien sie ersticken zu wollen.

»Zick nicht rum, Süße.« Johannes trat dicht neben sie und versuchte, sie zu sich herumzudrehen. Lexi machte sich stocksteif. Johannes schnaubte, ließ sie los und stieg ebenfalls auf den Sockel. Er beugte sich weit vor und starrte ins Wasser. Sie sah aus dem Augenwinkel, wie er den Kopf schüttelte. »Du willst mir also wirklich Ärger machen, nach allem – Scheiße!« Sein Wutschrei ließ sie herumfahren. »Meine Ray-Ban!«

Er zeigte nach unten. Lexi sah die teure Sonnenbrille noch für einen Wimpernschlag auf dem Wasser, dann versank sie im Canale di Cannaregio.

»Fuck!«, brüllte Johannes und blickte seinem kostbaren Besitz hinterher. »So eine verdammte Scheiße!«

Er sprang vom Sockel, lief ein paar Schritte die Brücke entlang und packte sich mit beiden Händen in die Haare. Er sah aus wie ein Kleinkind, dem ein anderes das Spielzeug weggenommen hatte und das nun einen Wutanfall bekam. Die Stadt des Todes und des Verfalls, wie er Venedig nannte, hatte sich sein liebstes Accessoire geschnappt. In Lexis Kehle stieg ein Lachen auf, und noch ehe sie sich dessen bewusst wurde, ließ sie es frei. Johannes trat vor sie und starrte sie an.

»Oh, so ein Pech.« Sie brachte die Worte vor lauter Kichern kaum heraus. »Aber es ist doch nur eine Sonnenbrille. Du kannst dir eine neue kaufen oder zehn. Schau mal da!« Lexi wies auf den Stand eines fliegenden Händlers am Fuß der Brücke. »Von denen kannst du dir sogar Hunderte leisten.«

Sie lachte und lachte, bis ihr die Tränen kamen, konnte sich nur mit Mühe auf dem Geländersockel halten, so verdreht, wie sie darauf stand. Schnell setzte sie die Füße in die andere Richtung, lehnte den Po gegen das Geländer und wischte sich die nassen Wangen ab.

Je mehr sich Johannes’ Gesicht verzerrte, desto absurder fand sie die ganze Situation – vor allem seine Wut. Es hatte den Anschein, als wolle er explodieren, und das wegen einer solchen Belanglosigkeit! Sie sah seine geballten Fäuste, die Falte auf seiner Stirn, sah, wie sich seine Wangen feuerrot färbten, und es war ihr egal, zum ersten Mal seit Monaten. So egal.

Ihr wurde schwindlig, vor Lachen und vor Übermut. ›Übermut tut selten gut‹, klang die Stimme ihrer Mutter in ihren Ohren. Doch auch die war ihr egal. Ihr Kopf schwirrte vom Alkohol, und sie fühlte sich leicht. So leicht, als habe sich eine Eisenkette gelöst, die um ihre Brust gespannt gewesen war.

Wenn er jetzt in ihr Lachen einstimmte, die Widersinnigkeit seines Zorns erkannte, wäre alles gut. Dann würden sie es schaffen, als Paar, als Kollegen, als Freunde für ihr ganzes, gemeinsames, reiches Leben.

Er lachte nicht. Er holte aus und schlug ihr seine Faust gegen den Kiefer.

Der Schmerz war ein Schock, doch Lexi blieb keine Zeit, sich darüber klar zu werden, was soeben geschehen war. Schon fühlte sie wieder seine Hände, diesmal jedoch auf ihrer Brust. Er stieß sie von sich, wie man jemanden wegstoßen würde, der einem zu nahe kam, ohne dass man es wollte. Den man eklig fand.

Lexi verlor den Boden unter den Füßen. Ihr Hintern glitt über das Geländer hinweg, und sie fiel rücklings in die Tiefe. Nackte Angst erfasste sie, der heitere Schwindel von zuvor verwandelte sich in einen Mahlstrom in ihrem Kopf, der ihr den Magen umdrehte. Der Aufprall presste den Atem aus ihrer Lunge, dann schlug das Wasser über ihr zusammen. Augenblicklich drang es in ihren vor Schreck aufgerissenen Mund, vertrieb die Bitterkeit, die Süße und den Blutgeschmack. Es war widerlich, warm, modrig und salzig. Sie fühlte sich daran ersticken, schluckte und gurgelte, schlug wild um sich, doch in welche Richtung sollte sie sich bewegen? Um sie herum herrschte ein einziges flirrendes Graublau, ihre Augen brannten, ihr Blick war verschleiert. Das offene Haar wickelte sich um ihr Gesicht, die Turnschuhe hingen bleischwer an ihren Füßen und zogen sie hinab.

Hinab – dann war die andere Richtung die richtige! Panisch ruderte sie mit Armen und Beinen. Zuletzt war sie als Schülerin geschwommen, doch die Bewegungen vergaß man nicht.

Noch nicht einmal, wenn gerade das ganze Leben zusammenbrach.

Sie tauchte auf, prustete, schnappte nach Luft. Da erst spürte sie den Schmerz an ihrer Lippe, ihrem Kiefer, ihrem Nacken. Von oben hörte sie aufgeregte italienische Stimmen. Dann sah sie das Vaporetto, das genau auf sie zukam, seine spitze, schwarz-weiße Schnauze nur noch wenige Meter von ihr entfernt.

›Das war’s‹, dachte sie. ›Todesstadt, wahrhaftig.‹

Hände packten sie unter den Armen, sie wurde hochgezogen, aus der Reichweite des Wasserbusses gezerrt. Ihre rechte Seite schleifte hart über eine Kante, dann lag sie wie ein Fisch auf dem Trockenen am Boden des kleinen Bootes, das sofort Geschwindigkeit aufnahm und sich vor dem Vaporetto in Sicherheit brachte.

Lexi blinzelte Wasser aus ihren Augen, doch die Sonne verhinderte trotzdem, dass sie sah, wer sie gerettet hatte. Sie rappelte sich in eine sitzende Position hoch und blickte zurück zu der Brücke, von der sie soeben gefallen, nein, gestoßen worden war. Menschen standen am Geländer und blickten auf sie hinab, doch sie wusste, dass Johannes längst fort sein würde. Wenn ihn niemand aufgehalten hatte … Lexi schnaubte. Johannes hielt man nicht auf.

Ein Schatten fiel auf sie, und Lexi wandte den Kopf. Nun erkannte sie einen Mann, der auf sie herabblickte.

»Sind Sie in Ordnung?«, fragte er auf Deutsch und reichte ihr ein Handtuch.

»Danke«, presste Lexi hervor und hustete Salzwasser aus ihrer Lunge, dann trocknete sie vorsichtig ihr schmerzendes Gesicht und ihre Haare ab.

War sie in Ordnung? Das war eine gute Frage, auf die sie noch keine Antwort hatte. Was war gerade geschehen? Wie hatte das geschehen können? Ihr Kopf tat so weh, dass sie kaum einen klaren Gedanken fassen konnte.

Eine Hand streckte sich ihr entgegen, und Lexi ließ sich aufhelfen. Nun erkannte sie, dass es eines der kleinen, schnellen Wassertaxis war, in dem sie sich befand. Ein älterer Mann stand vorn am Steuer, der jüngere, der ihr aufgeholfen hatte, schob sie sanft zu der Sitzbank, auf der sich in diesem Moment kein Fahrgast befand. Er setzte sich neben sie und deutete auf ihr Gesicht.

»Das sieht böse aus.«

Lexi tastete nach ihrer Lippe und zuckte zusammen. Gleichzeitig mit dem Schmerz traf sie die Erkenntnis wie ein Stromstoß: Johannes hatte sie geschlagen! Hatte ihr tatsächlich seine Faust ins Gesicht gerammt wie – wie einem Feind, den man verletzen wollte. Er hatte sie einfach von der Brücke gestoßen. Sie hätte auf ein Boot klatschen können, dann wäre es augenblicklich um sie geschehen gewesen. Doch auch so war es schlimm genug gewesen. Das Vaporetto …

Ihr wurde übel, und mit einem Mal wollte nicht nur das verschluckte Wasser, sondern auch der Aperol und das Eis und ihr Frühstück wieder aus ihr heraus. Sie konnte es nicht zurückhalten, lehnte sich über die Reling und erbrach sich in den Kanal, in dem Johannes’ Sonnenbrille – der Auslöser des Ganzen – nun vor sich hin verrotten würde.

›Nicht die Brille war der Grund‹, dröhnte es in ihrem Kopf. ›Der Anlass, ja, aber nicht der Grund. Das ist allein er. Er ist aggressiv, hat sich nicht unter Kontrolle. Das wusstest du! Dumme Gans.‹

Lexi hatte das Gefühl, dass nicht nur ihr Mageninhalt, sondern sämtliche Organe, einschließlich ihres Herzens, aus ihr herausdrängten. Sie würgte und würgte, es wollte kein Ende nehmen. In ihrem Kopf wütete ein Presslufthammer.

Als es vorbei war, presste sie sich das Handtuch aufs Gesicht. Der junge Mann saß noch immer ruhig neben ihr.

»Tut mir leid«, murmelte sie.

»Wir bringen Sie ins Krankenhaus«, sagte er mit dem Hauch eines Akzentes in der Stimme. »Dort können Sie auch mit der Polizei reden.«

Mit einem Ruck riss Lexi ihren Kopf hoch, was sie sogleich bereute. »Nein!«, rief sie und presste sich die Hände an die Schläfen. Sie konnte jetzt nicht über die Sache sprechen, nicht in diesem Zustand! »Das – das ist nicht nötig.«

Zum ersten Mal sah sie dem Mann ins Gesicht. Er war in ihrem Alter, schätzte sie. Feine Bartstoppeln bedeckten seine tief gebräunte Haut, das pechschwarze Haar war offenbar länger nicht geschnitten worden und stand wirr von seinem Kopf ab. Dunkle Augen musterten sie mit einem Ausdruck von Mitleid – und mühsam unterdrückter Wut.

»Sie wollen das Schwein nicht anzeigen?«

»Sie wissen doch gar nicht, was passiert ist!« Lexi wusste nicht, warum sie meinte, Johannes verteidigen zu müssen. Schließlich gab es keine Entschuldigung für sein Verhalten! Sicher, sie kannte aus der Firma auch seine Eltern und konnte sich gut vorstellen, dass es diese eiskalten Geschäftsleute versäumt hatten, ihren Sohn mit Liebe und Geduld zu erziehen. Doch Johannes war zweiunddreißig! »Ich meine … natürlich war das nicht in Ordnung …«

Der junge Mann winkte ab. »Ich habe gehört und gesehen, was passiert ist. Aber Sie müssen mir nichts erklären. Es geht mich nichts an.« Er stand auf und trat neben den Älteren ans Steuer.

Sie bogen in den Canal Grande ein, nach kurzer Fahrt jedoch verließen sie ihn wieder und fuhren durch einen schmalen, ruhigen Seitenkanal. Lexi bemühte sich um Fassung, doch immer wieder sah sie Johannes’ zorniges Gesicht vor sich und schluchzte auf.

Wie sollte es jetzt weitergehen? Es gelang ihr nicht, ihre wirren Gedanken zu ordnen. So versuchte sie, sie zu verdrängen, indem sie sich umsah und die Umgebung in sich aufnahm, die prächtigen alten Häuser, von deren Fassaden der Putz abbröckelte, die Menschen, Touristen und Einheimische, auf den ersten Blick voneinander zu unterscheiden. Sie fuhren unter niedrigen Brücken hindurch, passierten eine schlichte Kirche und ein Hafenbecken mit Reihen von winzigen Booten, dann bogen sie in die offene Lagune ein. Lexi wusste, dass sie sich nun an der Nordseite Venedigs befanden, denn sie erkannte die Mauern der Friedhofsinsel San Michele.

Kurz darauf hielten sie an einem Anleger, der offenbar zum Krankenhaus gehörte, denn dort lagen drei orange-gelbe Boote mit der Aufschrift Ambulanza vertäut.

›Wie passend‹, dachte Lexi, ›der Friedhof gleich gegenüber.‹

Der junge Mann half ihr von Bord und führte sie unter ein Vordach zu einer automatischen Tür, an der eine Frau in weißem Kittel wartete. Er wechselte einige italienische Worte mit ihr, und sie nahm Lexis Arm und geleitete sie in das Gebäude.

»Vielen Dank!«, rief sie ihrem Retter noch zu, ehe sich die Tür hinter ihr schloss.

Endlose Stunden folgten, in denen Lexi auf Fluren wartete, in nüchtern eingerichteten Zimmern untersucht wurde, wieder wartete, mit dem Kopf in eine Röhre geschoben wurde, erneut wartete. Am Ende kam ein älterer Arzt zu ihr, der gebrochenes Deutsch sprach, und erklärte, dass ihr außer einer leichten Gehirnerschütterung und Prellungen nichts Schlimmes geschehen sei. Er entließ sie mit einer Schachtel Aspirin, einer Tube Heilsalbe für ihre wunde Lippe und einer gepfefferten Rechnung.

›Nichts Schlimmes!‹, dachte Lexi. ›Wenn der wüsste.‹

Ihr Leben war zerstört, als ob das nicht schlimm wäre! Zum Glück brauchte sie sich keine Gedanken zu machen, ob sie zu Johannes zurückkehren wollte oder nicht, denn sie war sich mittlerweile sicher, dass er sie nicht zurücknehmen würde. Er war nachtragend. Er fühlte sich im Recht, das ahnte sie. Nein, das wusste sie. In den Stunden im Krankenhaus hatte sie sich immer wieder ausgemalt, wie es sein würde, wenn sie sich das nächste Mal begegneten. Sie hatte sich erträumt, wie er sich entschuldigen, sie in die Arme nehmen und ihr versichern würde, er habe einen Fehler gemacht und es würde nie wieder vorkommen. Der Gedanke an sein zorniges Gesicht jedoch ließ diesen Traum jedes Mal wie eine Seifenblase platzen.

Er sorgte sich nicht um sie, ganz gewiss nicht. Seine Sorge galt vermutlich allein der Tatsache, dass er den Kollegen erklären musste, warum der Liebesurlaub schiefgegangen war. Lexi mochte sich nicht vorstellen, wie schlecht er sie dastehen lassen würde. Glücklicherweise bedeuteten ihr die Menschen im Büro nichts – wenn sie denn überhaupt noch einen Job hatte, zu dem sie zurückkehren konnte. Die Arbeit hatte ihr gefallen. Sie liebte es, ein Gebäude entstehen zu sehen, das sie sich zuerst im Kopf und dann auf Zeichenpapier ausgemalt hatte. Die Kollegen jedoch – neidzerfressen und arrogant, wie sie waren – würden ihr nicht fehlen. Ihr war nur ihre Familie wichtig, und der würde sie die Wahrheit erzählen.

Nicht, dass das etwas an den Vorwürfen ändern würde, die sie zu erwarten hatte. ›Hast du es also doch versaut‹, würde Trixi sagen. Sie hörte die Stimme ihrer Schwester so deutlich, als stünde sie neben ihr.

Was sollte sie nun tun? Zurück ins Hotel gehen, ihm dort begegnen? Ihren Koffer nehmen, den er gewiss schon gepackt hatte, und dann? Dann würde sie in der fremden Stadt auf der Straße stehen, in der Hochsaison.

Immerhin hätte sie ihr Telefon und ihre Brieftasche wieder. Beides lag im Hotel, das eine bewusst zurückgelassen, um den Urlaubstag zu genießen – genießen! –, das andere aus Gewohnheit. Sie brauchte es ja ohnehin nicht. Johannes bezahlte immer. Hatte immer bezahlt. Vergangenheit. Lexi seufzte.

Hoffentlich ließ er ihr überhaupt Geld oder zumindest ihre Bankkarte da und verschwand nicht einfach. Würde er so fair sein, ihr das Flugticket zu überlassen, wenn er seinen Flug umbuchte und früher abreiste? Vermutlich nicht, wenn sie nicht darum bettelte.

Doch das würde sie nicht tun. Sie würde nicht zu Kreuze kriechen, sich nicht für ihr Lachen entschuldigen, wenn er sich nicht zuerst für den Schlag entschuldigte.

›Eher friert die Hölle zu‹, höhnte ihre innere Stimme. ›Und du wirst dich sehr wohl entschuldigen. Du bist viel zu feige, dein bequemes Leben aufzugeben und noch einmal von vorn anzufangen.‹

»Bin ich nicht!«, flüsterte Lexi, um sich selbst zu überzeugen. Sie hatte doch noch Stolz, oder nicht? Auch wenn Johannes seit Monaten versucht hatte, ihn ihr auszutreiben – und es in Zukunft nicht anders werden würde, wenn er sie denn zurücknahm. Nun war er sogar gewalttätig geworden. Wer einmal geschlagen hatte, würde es wieder tun, sagte man das nicht? Plötzlich wurde ihr flau vor Angst, ihm zu begegnen. Das Pochen in ihrem Schädel wurde wieder heftiger. Wer war sie überhaupt noch ohne Johannes? Wieder die Lexi von vorher? Oder der Niemand, zu dem er sie gemacht hatte? Sie hatte sich so sehr über ihn definiert, dass alles andere verschwunden schien.

Und doch war es herausgebrochen mit dem Lachanfall auf der Brücke, so wie vorher schon in ihren aufmüpfigen Gedanken. So etwas würde sie sich nie wieder erlauben können. Dann jedoch war sie endgültig ein Niemand. Ein reicher Niemand, eine Hülle ohne Inhalt. Was sollte nur werden? Sie musste sich entscheiden, doch es gelang ihr einfach nicht. Zu wirr waren ihre Gedanken.

Sie umklammerte die Medikamente und trat auf zittrigen Beinen durch die Krankenhaustür hinaus ins Freie.

Überrascht blinzelte Lexi. Das Wassertaxi war noch da! Zwar hielt es die Einfahrt für die Ambulanzboote frei, doch es lag längsseits des Kais in unmittelbarer Nähe. Der ältere Mann war verschwunden, der jüngere saß auf der Passagierbank und hielt sein Gesicht mit geschlossenen Augen in die Sonne, die bereits tiefer stand. Es musste später Nachmittag sein. Warum war er noch immer da? Wartete er auf sie, um sich seinen Lohn für die Fahrt abzuholen? Sie hatte doch kein Geld dabei! Zum Glück hatte sie die Notaufnahme nicht sofort bar bezahlen müssen.

»Hallo«, sagte Lexi. »Warten Sie auf mich?«

Er öffnete die Augen und erhob sich. »Natürlich.«

»Die ganze Zeit?«

»Nein, ich hatte noch – etwas zu erledigen. Ich wusste ja, dass es einige Stunden dauern würde. Brauchen Sie ein Taxi?« Er lächelte und streckte ihr die Hand entgegen.

Lexi hatte das kurze Zögern bemerkt, doch der Gedanke wurde sofort von einem anderen verdrängt. »Ich – ich habe kein Geld.«

»Das weiß ich.«

»Woher?«

»Na ja, wenn Sie es nicht in Ihrem Schuh versteckt haben, wüsste ich nicht, wo Sie es aufbewahren sollten.«

Lexi sah an sich hinab, und flammende Hitze schoss in ihre Wangen. Das Kleid war inzwischen getrocknet, doch ihr wurde schlagartig klar, wie es zuvor an ihrem Körper geklebt haben musste. Es war gewiss mehr als deutlich zu sehen gewesen, dass sich darunter keine Tasche oder Ähnliches verbarg.

»Da haben Sie recht«, murmelte sie.

»Ich nehme kein Geld von Ihnen. Ich will Ihnen helfen.«

»Warum?«, platzte sie heraus.

Er lachte auf. »Nur weil Ihr Mann ein Arschloch ist, müssen Sie nicht jedem misstrauen.«

»Er ist …«

Der Italiener zog die Augenbrauen hoch, und Lexi verstummte. Hatte sie Johannes ernsthaft wieder in Schutz nehmen wollen? Dann hatte sie nichts Besseres als Schläge verdient. Schnell riss sie die Aspirinpackung auf und stopfte sich zwei Tabletten in den Mund.

»Mein Arm wird schwach. Kommen Sie jetzt? Ich habe Cola an Bord, damit rutschen die Tabletten leichter.«

Lexi ergriff endlich die ausgestreckte Hand und ließ sich ins Boot helfen. Der junge Mann kramte in einer Kiste und förderte eine Flasche zutage.

»Danke.« Lexi spülte die Aspirin herunter. »Für alles«, fügte sie schnell hinzu.

»Kein Problem. Es ist schön, auch mal zur rechten Zeit am rechten Ort zu sein – und das Richtige zu tun.« Es war, als fiele ein Schatten auf sein Gesicht, und Lexi fragte sich, was er verbarg. »Wohin möchten Sie? In Ihr Hotel?«

»Nein!«, entfuhr es ihr. Bloß nicht Johannes begegnen! Doch wohin sollte sie sonst?

»Sie haben Angst vor ihm.«

Es war, als schließe sich eine Faust um ihren Hals. Die Worte von einem Fremden ausgesprochen zu hören, machte sie auf seltsame Weise wahrer, als sie sich nur selbst einzugestehen.

»Ja«, flüsterte sie.

»Ich begleite Sie. Ihnen wird nichts geschehen.«

Lexi musterte den jungen Mann. Er war hochgewachsen, aber mager. Sein weißes Shirt und die schwarze lange Hose hingen locker um seinen Körper. Er sah nicht aus wie jemand, der sie beschützen konnte. Die struppigen Haare ließen ihn kindlich wirken, die Bartstoppeln und die Gesichtszüge waren das einzig Männliche an ihm. Es rührte sie, dass er sie begleiten wollte, doch sie konnte es nicht annehmen.

»Vielen Dank, aber ich möchte doch lieber nicht ins Hotel. Morgen hat sich bestimmt alles beruhigt, dann kann ich zurück.«

›Zurück in den goldenen Käfig oder nur zurück, um deine Sachen zu holen? Was willst du, Lexi?‹

Rasch sprach sie weiter, um den unangenehmen Gedanken zu entfliehen. »Wissen Sie vielleicht, wo ich übernachten kann und nicht sofort bezahlen muss? Morgen habe ich wieder Geld.«

Er musterte sie einen Augenblick, dann nickte er, trat ans Steuer und startete den Motor. Sie glitten weiter durch die Lagune, außen um die Stadt herum, bis sie schließlich wieder in einen Kanal einbogen. Nach kurzer Fahrt parkte ihr Retter in einer Lücke in einer langen Reihe von Booten und half Lexi von Bord.

»Wohin gehen wir?«, fragte sie.

Er grinste. »Zu mir nach Hause.«

Lexi blieb stehen und starrte ihn an.

»Keine Angst. Ich wohne bei meiner Mamma. Meine kleine Schwester ist ebenfalls da. Sie können mein Zimmer haben, ich schlafe auf dem Sofa.«

»Das kann ich nicht annehmen«, sagte Lexi bestimmt.

»Warum nicht?«

Ja, warum eigentlich nicht? Der junge Mann sah ihr offen und freundlich ins Gesicht, sie spürte seinen Eifer, ihr zu helfen – auch wenn sie ihn nicht verstand. Hintergedanken traute sie ihm nicht zu, sie wusste nicht, warum. Wenn sie tatsächlich zu seiner Mutter gingen – wovon sich Lexi natürlich überzeugen würde, ehe sie die Wohnung betrat –, hatte sie nichts zu befürchten. Eine große Auswahl an Möglichkeiten blieb ihr ohnehin nicht.

»Ich kenne ja nicht einmal Ihren Namen«, sagte sie.

Er lachte. »Ich Ihren doch auch nicht.« Er streckte ihr die Hand hin. »Lucio Neri.«

»Lexi Peters.« Sie ergriff seine Hand und lächelte ihn an.

»Lexi. Das klingt schön. Von Alexandra?«

»Nein!«, fuhr sie ihn an. Lucio zuckte zurück und ließ ihre Hand fallen. Ihr Tonfall tat ihr augenblicklich leid. »Nein, nur Lexi«, sagte sie leise und senkte den Kopf.

Er ging weiter. »Kommen Sie?«, fragte er, seine Stimme kühler als zuvor.

Lexi verfluchte sich im Stillen. Sie schloss zu ihm auf und sagte: »Entschuldigung. Mein Kopf tut immer noch so weh, dass ich kaum klar denken kann.«

Er blickte auf sie hinab und lächelte. »Schon gut. War ein harter Tag für Sie.«

»Oh ja. Erst das volle Touristenprogramm, das ganze Herumlaufen und die vielen Menschen, die Hitze …« Sie unterbrach sich. Den Alkohol, die Restauranttoilette und Johannes’ unentwegt schlechte Laune verschwieg sie besser. »Und schließlich der Streit.«

»Streit. Das klingt so harmlos, wenn Sie das sagen. Für mich war das ein Mordversuch.«

»Nun übertreiben Sie aber.«

»Wirklich?«

Sie wusste keine Antwort und wollte auch nicht länger darüber nachdenken. Ja, sie hätte Johannes sofort anzeigen sollen – nein, müssen! Ihr graute jedoch davor, den Vorfall zu erzählen, Fragen zu beantworten, und das alles in dieser fremden Stadt, ohne die Sprache zu sprechen und mit dem höllischen Hämmern in ihrem Kopf. Die Aspirin zeigten kaum Wirkung, und das Grübeln machte es nicht besser.

Lieber sah sie sich die Umgebung an. Sie gingen nun durch ruhige Gassen, zwischen gelb getünchten Häusern hindurch, auf deren Balkonen und vor deren Haustüren Kübel mit bunt blühenden Pflanzen standen. Über ihren Köpfen waren von einer Fassade zur anderen kreuz und quer Leinen gespannt, an denen Wäschestücke zum Trocknen hingen. Johannes hätte sich darüber lustig gemacht. Er beschäftigte eine polnische Wasch- und Bügelhilfe, die den frischen Sommerduft mit allerlei Zusätzen und Mittelchen in die Wäsche einarbeitete. Keins seiner Kleidungsstücke hatte je eine Leine gesehen. Lexi aber empfand den Anblick wie ein kleines Stück wahres Leben inmitten allen Wahnsinns. Hier also wohnten Venedigs Einheimische. Im Gegensatz zum Markusplatz war es eine andere Welt. Lexi wurde mit jedem Schritt ruhiger. Essensgerüche zogen aus geöffneten Fenstern zu ihr heraus, würziger Knoblauch- und Kräuterduft, und auf einer Türschwelle lag eine Katze und genoss die spätnachmittäglichen Sonnenstrahlen.

Vor einer Haustür aus dunklem Holz blieb Lucio stehen und drückte den goldenen Klingelknopf. Fußtritte erklangen, und Augenblicke später öffnete ein Mädchen im Teenageralter, setzte ein missmutiges Gesicht auf und plapperte drauflos. Lexi verstand kein Wort. Lucio antwortete, zeigte auf sie, und das Mädchen sah sie mit großen Augen an, starrte dann auf ihre lädierte Lippe und zog die Stirn in Falten.

»Hallo«, sagte Lexi.

»Ciao«, entgegnete das Mädchen unfreundlich, wandte sich um und verschwand. Lexi hörte hastige Schritte auf einer Treppe.

»Das war Francesca, meine jüngste Schwester. Sie warnt meine Mutter vor. Sind Sie überzeugt, dass Ihnen hier keine Gefahr droht?«

Lexi musste lachen. »Nein. Ich bin zwar sicher, dass Sie mir in Anwesenheit Ihrer Familie nichts tun werden, aber die Kleine hat einen äußerst bösen Blick drauf.«

»Sie ist genervt, weil ich geklingelt habe und sie runterkommen musste. Aber ich wollte Ihnen beweisen, dass ich die Wahrheit gesagt habe. Eigentlich ist sie sehr nett.« Aus dem Inneren des Hauses erklang erneut Francescas Stimme. »Kommen Sie«, sagte Lucio.

Lexi folgte ihm ins Dunkel des Hausflurs und die Treppe hinauf, bis sie vor einer Wohnungstür endete. Im Rahmen stand eine Frau um die Fünfzig, die nichts von einer italienischen Mamma hatte, wie Lexi sie sich vorgestellt hatte. Sie trug ein modernes Kostüm mit schmalem Rock und hellgelber Bluse. Auf den ersten Blick sah Lexi die Ähnlichkeit mit Francesca und auch mit Lucio. Dieser küsste seine Mutter auf beide Wangen und sagte ein paar Worte. Die Frau nickte und lächelte Lexi freundlich an. Sie gab den Weg frei, und sie traten in die kleine, saubere Wohnung ein.

Lexi wurde auf ein weich gepolstertes Sofa platziert und erhielt ausreichend Zeit, die gerahmten Fotos an der Wand zu betrachten. Lucio und die beiden Frauen waren verschwunden, von irgendwo in der Wohnung erklangen Topfgeklapper, Wasserrauschen und Stimmen.

Lucios Mutter kehrte als Erste zurück, drückte Lexi wortlos ein Badetuch und ein einfaches weißes Trägerkleid in die Arme und ging wieder. Augenblicke später trat Lucio ins Zimmer. Er hatte sich umgezogen und trug nun Shorts, die den Blick auf seine schlanken, gebräunten und behaarten Beine freigaben. Seine Haare waren feucht, und er hatte sie ordentlich zurückgekämmt. Trotzdem stahlen sich vereinzelte Strähnen hervor und standen vom Kopf ab.

Lexi musste zugeben, dass er ein gut aussehender Mann war, auf eine völlig andere Art als Johannes allerdings. Und da die Sache mit diesem noch nicht geklärt war, war sie sowieso nicht interessiert. Außerdem wollte er nur nett sein. Aus einem Grund, den sie nicht verstand, schien er sich für sie verantwortlich zu fühlen.

»Sie sollten duschen«, sagte er. »Das Wasser in den Kanälen ist schmutzig. Meine Mutter hofft, dass Ihnen das Kleid passt.«

»Ist es von ihr?« Lexi sah an sich hinab. »Dann könnte es ein Problem geben.«

Lucio lachte. »Keine Sorge, es ist von meiner älteren Schwester, die jetzt in Rom lebt. Sie ist die Einzige von uns, die nach meinem verstorbenen Vater kommt.« Er wies auf eines der Fotos, das einen stattlichen Mann zeigte.

»Tut mir leid«, sagte Lexi leise.

Ein trauriger Ausdruck schlich sich auf Lucios Gesicht. »Er war lange krank. Seinetwegen bin ich hierher zurückgekehrt.« Gern hätte sie gefragt, wo er vorher gelebt hatte, doch sie hatte keine Gelegenheit mehr dazu. Francesca kam und sagte etwas, und Lucio übersetzte: »In fünfzehn Minuten ist das Essen fertig. Kommen Sie, ich zeige Ihnen das Bad.«

Wie alles in der Wohnung war auch das Duschbad winzig. Lexi schloss die Tür hinter sich ab und zog ihr knittriges Kleid, ihre Unterwäsche und die noch immer feuchten Turnschuhe aus. Sie wischte mit der bloßen Hand über den beschlagenen Spiegel und zuckte zusammen, als sie ihre blutverkrustete Lippe sah. Die ganze Gesichtshälfte war angeschwollen, und ihr Haar hing in wirren Locken um ihren Kopf. Nein, an ihr hatte gewiss kein Mann ein Interesse. Nicht in diesem Zustand.

Sie genoss das prasselnde Wasser auf ihrer Haut, wusch sich gründlich das Salz vom Körper und aus den Haaren. Die Seife, die in der Dusche lag, duftete nach Lavendel, und die Dämpfe beruhigten Lexi so sehr, dass sie es nur schwer über sich brachte, den Wasserhahn zuzudrehen und sich abzutrocknen.

Was sie ebenfalls nicht fertigbrachte, war, die schmutzige Unterwäsche wieder anzuziehen. Es war nicht allein das dreckige Salzwasser, das sie abschreckte, sondern ebenso der Gedanke daran, dass sich noch Spuren von Johannes in ihrem Höschen befanden. Natürlich war das Quatsch – das Kanalwasser hatte längst alles abgewaschen –, dennoch war ihr die Vorstellung unerträglich. Zudem waren die Sachen dunkelrot, was unter dem weißen Kleid unmöglich ausgesehen hätte. So zog sie nur dieses an, und sie war froh, dass es weit genug war, um ihre Oberweite anständig zu verhüllen, und lang genug, dass sie nicht unabsichtlich das Fehlen ihres Höschens offenbaren würde. Johannes hätte das gefallen. Allzeit bereit, um seine Finger in sich aufzunehmen oder sich auf Restauranttoiletten …

Lexi schüttelte den Kopf. Sie wollte jetzt nicht an ihn denken. Sich nicht daran erinnern, dass sie es genossen hatte, wie er sie begehrt hatte, obwohl sie weit entfernt war von dem perfekten Aussehen anderer Frauen. Was hatte er an ihr gefunden, dass er sie den untergewichtigen, stets makellos frisierten Kolleginnen vorgezogen hatte? ›Rebellion gegen seine Eltern, nichts weiter‹, höhnte die Stimme in ihrem Kopf. ›Nur dass er genau wie sie ist und dich letztendlich doch in die Form pressen wollte, in die du nicht hineinpasst, weil du gern einmal ein Eis isst und zuckrigen Kaffee mit Milchschaum liebst. Weil es dir nichts ausmacht, ein paar Kilo vom Idealgewicht entfernt zu sein, ihm aber schon.‹

Nun dachte sie doch über ihn nach. Lexi verfluchte sich dafür.

Zum Glück klopfte es in diesem Augenblick an der Badezimmertür. Sie öffnete, und Lucio lächelte sie an und reichte ihr einen Stoffbeutel, in den sie ihre Kleidung stopfte. Dann folgte sie ihm barfuß auf den Flur hinaus.

Auch die Küche war winzig im Vergleich zu ihrer in Hamburg und weit entfernt von deren moderner Ausstattung. Dafür wurde diese benutzt. Auf dem Gasherd stand lecker duftendes Essen, und der kleine Tisch war mit fröhlich geblümten Tellern gedeckt.

Lexi verspürte einen Anflug von Schüchternheit, als sie sich in dem fremden Kleid zu dieser fremden Familie setzte, als sei sie die Tochter, die längst ausgezogen war und auf Wochenendbesuch kam.

»Grazie«, flüsterte sie, als Francesca ihr Nudeln und Soße auffüllte – eines der wenigen italienischen Worte, die sie kannte. Das rang dem Mädchen sogar ein kleines Lächeln ab.

Signora Neri hatte sich ebenfalls umgezogen und trug ein Kleid, das dem ihren ähnlich war, nur hatte sie keine große Oberweite und runde Hüften zu verbergen, sondern war so mager wie ihre Sprösslinge. Ihr Gesicht zeigte Spuren vergangener Sorgen, doch sie lächelte viel.

Sie sagte jedoch kein Wort zu Lexi, obwohl sie sich gut vorstellen konnte, dass die Frau Englisch sprach. Sie war offensichtlich vorhin von der Arbeit gekommen, und nach dem Kostüm zu urteilen, hatte sie einen guten Job. Lexi nahm sich vor, Lucio danach zu fragen, falls sich dazu nach dem Essen die Gelegenheit ergab. Sie hoffte es, wusste jedoch nicht, ob er dazu überhaupt Lust hatte. Sie war schließlich nur ein unerwarteter Schlafgast, den er vielleicht nicht auch noch unterhalten wollte. Er hatte bestimmt noch etwas vor an diesem Abend. Warum auch nicht? Dass er bei seiner Mutter lebte, hieß schließlich nicht, dass er keine Freundin hatte.

Was er den beiden wohl über sie erzählt hatte? Sprach deswegen niemand mit ihr? Weil sie nicht wussten, was man zu einer Frau sagen sollte, die sich schlagen ließ und keine Anzeige erstatten wollte? Wahrscheinlich nahmen sie an, dass es öfter vorkam.

Plötzlich fühlte sie das unbändige Verlangen, Lucio zu sagen, dass es das erste Mal gewesen war. Das erste und das letzte Mal, denn sie würde sich das nicht bieten lassen! Sie wusste jedoch, dass jedes Wort nur wie eine lahme Ausrede geklungen hätte, wenn sie nun damit herausgeplatzt wäre. Lieber widmete sie sich erst einmal dem Teller vor sich.

Lexi schob sich eine Gabel voller Essen in den Mund, und augenblicklich ging die Sonne in ihrem Gemüt auf und ließ sie sogar die Schmerzen vergessen, die das Kauen ihrem lädierten Kiefer verursachte. Sie schmeckte Tomaten, Zwiebeln, Basilikum, Oliven, dazu die besten Nudeln, die sie je gegessen hatte – in seiner Einfachheit und Frische war das Gericht so vollkommen, dass sie lächeln musste.

»Gut, nicht wahr? Francesca will Sterneköchin werden und übt jeden Tag.« Lucio strich seiner kleinen Schwester über die Wange, und das Mädchen strahlte.

»Sehr gut sogar.« Lexi konnte nicht an sich halten und aß so schnell, dass sie vor den anderen fertig und enttäuscht war, dass ihr Teller schon leer war. Da jedoch erhob sich Francesca und servierte den zweiten Gang, rautenförmig geschnittene Polenta mit einem Fleischragout, das der Tomatensoße in nichts nachstand.

Nach dem Essen half Lexi mit dem Abwasch und war froh, sich wenigstens ein bisschen erkenntlich zeigen zu können. Seite an Seite mit Francesca spülte sie die Teller ab, und das Mädchen hatte seine unfreundliche Art komplett abgelegt. Sie schien begeistert von Lexis gutem Appetit und dem Lob für ihre Kochkünste.

Als sie fertig waren, verschwand Francesca in ihrem Zimmer. Auch Signora Neri hatte sich schon verabschiedet. Lucio saß im Wohnzimmer, vor sich eine Flasche Wein und zwei Gläser, eins davon gefüllt.

»Trinken Sie einen Schluck mit mir?«

»Ich weiß nicht – ich habe ja Aspirin genommen.«

Lucio lachte. »Mein früherer Chef hat auf Rotwein mit Aspirin geschworen. Er meinte, es würde sein Blut verdünnen und so einem Schlaganfall vorbeugen, vor dem er immer Angst hatte. Gebracht hat es ihm einen Magendurchbruch, als er es einmal mit der Menge übertrieben hatte. Ein Glas sollte aber nicht schaden.«

»Okay, dann nehme ich gern eins.«

»Sollen wir rausgehen?« Er stand auf, nahm die Flasche und die Gläser und ging voraus zur Balkontür.

Draußen meinte Lexi, sich in einem Gewächshaus zu befinden, so vollgestellt war der kleine überdachte Balkon mit Kübeln, in denen Kräuter, Tomaten und bunt blühende Blumen wuchsen. Platz für einen Tisch oder zumindest Stühle blieb nicht. »Dies ist Francescas Reich«, erklärte Lucio. »Wir müssen noch ein Stück weiter nach oben. Schön vorsichtig.«

Da erst entdeckte Lexi die schmale Stiege, und sie folgte Lucio die Stufen hinauf. Er erklomm sie freihändig, sie musste sich an der Hauswand abstützen. So erreichten sie eine von einem niedrigen, wackligen Eisengeländer umzäunte und zur Hälfte mit einem Sonnensegel überspannte Terrasse, von der aus sie über die Dächer Venedigs blicken konnten. Ein Kübel mit einem Olivenbäumchen und zwei Laternen mit dicken Kerzen darin standen auf dem Holzboden, ebenso drei einfache Klappliegestühle mit hölzernen Rahmen und rot-weiß gestreiften Sitzflächen aus Stoff. Lucio rückte zwei von ihnen in den nicht überdachten Bereich und stellte die Lehnen so aufrecht wie möglich.

Lexi ließ sich in einem der Stühle nieder, zog das Kleid über ihren Knien zurecht und lehnte sich vorsichtig an. Ihr Rücken tat noch weh von dem Aufprall auf das Wasser.

Lucio setzte sich in den anderen Stuhl, füllte das leere Glas halb voll Wein und reichte es ihr. Dann hob er sein eigenes und prostete ihr zu. Lexi nahm einen Schluck. Sie kannte sich mit Wein nicht aus, hatte keine Ahnung, ob es ein guter oder ein nicht so guter war, doch er schmeckte ihr, und das war die Hauptsache. Wie oft hatte sie mit Johannes gute Weine getrunken, die ihr viel zu sauer gewesen waren …

Sie verdrängte den Gedanken und blickte sich um. Nur die Türme der umliegenden Kirchen ragten höher hinauf, ansonsten blieben Gebäude, Bäume und Menschen tief unter ihnen zurück. Dennoch war von hier aus kein Wasser zu sehen, da sie auf dem Weg zu Lucios Wohnung weit in das Gewirr der Gassen vorgedrungen waren.

»Es ist schön hier oben«, sagte sie.

»Ja, schön und einsam. Manchmal brauche ich das nach einem Arbeitstag in der Touristenhölle.«

»Ich hoffe, ich verderbe Ihnen nicht Ihren Feierabend.«

Lucio lachte. »Nein, bestimmt nicht. Ich freue mich, wieder einmal Deutsch zu sprechen. Ich hatte schon Angst, dass ich es verlerne. Es kommen zwar viele deutsche Touristen her, aber mehr als ein paar Worte wechsle ich nie mit ihnen.«

»Woher sprechen Sie es so gut?«

Lexi meinte zu erkennen, dass sich Lucios Gesicht für einen Wimpernschlag verfinsterte, doch der Eindruck verflog sofort wieder. »Ich habe acht Jahre in Berlin gelebt.«

»Oh, wirklich? Warum verlässt man eine so wundervolle Stadt wie Venedig?«

Er hob die Schultern. »Warum tut man Dinge? Weil man denkt, dass man sie will. Dass sie einen glücklich machen werden. Weil man nicht zufrieden ist mit dem, was man hat.«

Lexis Kehle wurde eng. Auch sie war nicht zufrieden gewesen mit dem Leben in der Kleinstadt, hatte mehr gewollt. Und nun hatte sie die Quittung dafür bekommen. Sie trank ihr Glas mit einem Zug leer und hielt es Lucio hin. »Und hat die Entscheidung Sie glücklich gemacht?«

»Für eine Weile, ja.«

Sie hatte das Gefühl, dass er noch mehr sagen wollte. Er schwieg jedoch, schenkte ihr nach und sah sie nachdenklich an. Lexis Wangen wurden heiß unter seinem Blick, und sie trank schnell noch einen Schluck.

»Langsam«, sagte Lucio. »Sie möchten doch nicht zurück ins Krankenhaus, oder?«

Lexi musste lachen. »Nein, bestimmt nicht.«

Sie stellte das Glas auf dem Boden ab, lehnte den Kopf zurück und blickte in den Himmel. Dieser war inzwischen nicht mehr strahlend blau, sondern verfärbte sich bereits orange. Die Sonne ging unter, der Abend nahte. Was wohl Johannes gerade tat? Saß er allein im Hotelzimmer und bereute den Vorfall? Wohl kaum.

»Denken Sie an Ihren Mann?«

»Nein!«, rief Lexi, und ihr Gesicht wurde noch heißer. »Er ist auch gar nicht mein Mann.«

»Da haben Sie Glück. Sie gehen nicht zurück zu ihm, oder?« Lexi fuhr hoch und starrte Lucio an. Sofort hob dieser die Hände. »Tut mir leid. Es geht mich nichts an.«

Sie seufzte. »Schon gut. Ehrlich gesagt weiß ich nicht, was ich tun soll.« Sie leerte ihr Glas, und der Wein schien ihre Zunge zu lösen, denn sie sprach weiter, ohne es zu wollen. »Wir wohnen zusammen, außerdem ist er mein Chef. Er wird mich sicherlich sowieso rauswerfen. Also aus der Wohnung und der Firma. Und dann muss ich zu meinen Eltern zurück, und die werden mich verfluchen, und meine Schwester …«

Endlich gelang es ihr, den Strom ihrer Worte aufzuhalten. War sie denn verrückt geworden, einem Fremden ihre ganze Lebensgeschichte zu erzählen? Er musste sie für vollkommen übergeschnappt halten!

Seine Antwort jedoch kam ruhig und ohne das geringste Anzeichen, dass er sie für ihre Worte verurteilte.

»Was glauben Sie, wie mich meine Familie verflucht hat. Trotzdem haben sie mich wieder aufgenommen, und obwohl diese Wohnung halb so groß ist wie die in Berlin, bin ich hier glücklich.«

Lexi stutzte. Etwas passte nicht zusammen. »Ich dachte, Sie sind wegen Ihres Vaters zurückgekommen. Warum hat Ihre Familie Sie dann verflucht? Sie sollten doch froh gewesen sein.«

Für einen Augenblick entglitten ihm seine freundlichen Gesichtszüge, doch sofort hatte er sich wieder unter Kontrolle.

»Ach, es kam eben sehr plötzlich. Eines Tages stand ich unangekündigt vor der Tür und habe ihr Leben durcheinandergebracht. Natürlich waren sie dann bald froh. Mein Vater lag ja schon im Krankenhaus, und sie konnten jede Hilfe gebrauchen.«

»Wie lange ist das her?«, fragte Lexi, um von sich abzulenken.

»Fünfzehn Monate. Verstorben ist er vor genau einem Jahr.«

»Das tut mir sehr leid.«

»Danke. Es war eine schwere Zeit, doch langsam erholt sich meine Mutter. Sie hat ihn vorher lange zu Hause gepflegt, hat sogar ihren Job dafür aufgeben müssen, doch seit einigen Wochen arbeitet sie wieder.«

»Was macht sie denn beruflich?«

»Sie ist Anwältin.« Stolz klang in Lucios Stimme mit. »Francesca und ich kommen zwar vom Aussehen her nach ihr, aber ihre Klugheit hat nur Valentina geerbt. Sie ist Steuerberaterin in Rom. Francesca wird immerhin einen ordentlichen Beruf erlernen, wenn sie im nächsten Jahr mit der Schule fertig ist. Sie hat schon einen Ausbildungsplatz in der Küche eines bekannten Hotels sicher. Ich dagegen …« Er verzog das Gesicht.

»Was hast du denn in Berlin gearbeitet?« Lucio sah sie überrascht an, und da erst fiel ihr auf, wie sie ihn angesprochen hatte. »Oh, Entschuldigung. Der Wein … Aber ich denke doch, dass wir uns duzen könnten, oder? Wir sind doch im gleichen Alter.«

Er lächelte. »Gern.«

Er schenkte nach, und sie prosteten sich zu. Der Himmel färbte sich rot, und Lexi wurde so leicht ums Herz wie schon lange nicht mehr.

»Was hast du denn nun in Berlin gemacht?«

»Tja, einmal Taxifahrer, immer Taxifahrer. Es war nicht viel anders als in Venedig, nur dass hier das Wetter schöner und die Kundschaft meist besser gelaunt ist.«

Er stand auf und zündete die Kerzen in den Laternen an, dann setzte er sich wieder, senkte die Lehne seines Liegestuhls ab, lehnte sich zurück und blickte in den Himmel. Lexi stellte ihr Glas ab und tat es ihm nach.

Eine Weile lagen sie schweigend da, bis die Nacht hereinbrach und sich die ersten Sterne zeigten. Es war noch immer warm, doch nicht mehr so unerträglich wie am Tag. Lexi tastete nach dem Weinglas, obwohl sie wusste, dass sie besser nichts mehr trinken sollte. Sie zuckte erschrocken zurück, als sie nicht das Glas, sondern Lucios Hand zu fassen bekam, der offenbar ebenfalls auf der Suche nach seinem Getränk war.

»Entschuldige«, murmelte sie.

»Kein Problem.« Er lachte leise.

Lexi setzte sich auf und sah ihn an. Das Kerzenlicht warf Schatten auf sein Gesicht. »Machst du das öfter?«

Auch er richtete nun seinen Oberkörper auf. »Was meinst du?«

»Fremde Frauen mit nach Hause bringen.«

»Nie. Meine Mutter würde mir das Fell über die Ohren ziehen.«

»Ist sie böse, dass ich hier bin?«

»Nein. Sie versteht es.«

»Ich verstehe es nicht.«

Er fragte nicht nach, wie sie es meinte, und sie war froh darüber. Es wäre ihr schwergefallen, es in Worte zu fassen. Sie meinte nicht nur den Umstand, dass er so nett zu ihr war, sondern auch die Tatsache, dass sie hier in Venedig war. Wie hatte es so weit kommen können? Warum hatte sie sich auf Johannes eingelassen, wieso überhaupt die Kleinstadt verlassen? Was hatte sie so größenwahnsinnig gemacht? Sie nahm ihr Glas und leerte es, obwohl ihr bereits schwindlig war. Lucio betrachtete sie, und plötzlich sehnte sie sich danach, dass er sie küssen würde. Es war verrückt, vollkommen irre, an so etwas zu denken, und sie verstand sich selbst nicht. Doch die Sehnsucht wurde größer und größer, je länger sie in die dunklen Augen blickte, die sie ernst und vorurteilslos ansahen.

Ehe sie wusste, was sie tat, beugte sie sich vor und küsste ihn auf den Mund. Er schrak nicht zurück, öffnete sogar ganz leicht seine Lippen und ließ sie gewähren. Mehr tat er nicht. Lexi wurde mutiger, da er nicht zurückwich, schob ihre Zunge vor, bis sie seine berührte. Ein Gefühl wie ein Blitzschlag zuckte durch ihren Unterleib. Er schloss die Augen, und endlich wurde auch er aktiv, erwiderte den Kuss sanft, vergrub seine Hände in ihrem Haar und stöhnte leise auf. Die Welt drehte sich um Lexi, und das wohlige Ziehen in ihrem Körper verdrängte allen Schmerz.

Sie hätte ewig so weitermachen können, doch Lucio löste sich von ihr und lehnte sich zurück. »Wir sollten das nicht tun.«

»Warum nicht?« Lexi bekam die Worte kaum heraus, so heiser war ihre Stimme.

Er lachte leise. »Weil ich es vorziehe, um meinetwillen geküsst zu werden. Verstehst du? Es geht dir nicht um mich. Jeder andere würde die gleichen Gefühle in dir auslösen. Du würdest dich im Augenblick zu jedem hingezogen fühlen, der nett zu dir ist und dir nicht wehtut.«

»Ich dachte, du bist Taxifahrer und kein Psychologe.« Lexi schlang die Arme um sich. Ihr war plötzlich kalt.

»Ich mache dir doch keine Vorwürfe. Ich möchte nur deine momentane Verfassung nicht ausnutzen. Du bist verwirrt und betrunken. Auch wenn ich es natürlich genieße, dass mich eine schöne Frau küssen will.« Er zwinkerte ihr zu.

Lexi seufzte. »Du hast recht. Ich hab mich ganz schön danebenbenommen, was? Du willst mich nicht ausnutzen? Ich komme mir eher so vor, als würde ich dich ausnutzen. Morgen werde ich deswegen im Erdboden versinken.«

»Es muss dir nicht peinlich sein. Ich hätte dir keinen Wein geben dürfen.« Er strich ihr über das Haar. »Glaub mir, es fällt mir schwer, dir zu widerstehen. Es ist ja nicht so, dass ich nicht gern küsse. Aber es ist doch schöner, wenn man verliebt ist und weiß, dass die Frau es nicht am nächsten Tag bereuen wird.«

»Das würde ich nicht. Aber du vielleicht.«

»Vielleicht.«

Lexi meinte, noch immer Lucios Lippen zu spüren. Sie waren warm gewesen, und er hatte nach Wein geschmeckt. Sie wusste nicht warum, doch trotz all seiner wahren Worte, trotz des Schamgefühls, das sich garantiert am nächsten Tag einstellen würde, wollte sie mehr davon.

»Und wenn wir so tun, als sei dies nie geschehen?«, wisperte sie. »Als seien wir nicht wir, sondern zwei andere Menschen, die sich küssen, weil sie Lust dazu haben und es sich gut anfühlt?«

»Das würde nicht funktionieren, oder?«

Ihr Blick folgte dem seinen hinauf in den mit Sternen übersäten Himmel. Die Kerzenflammen flackerten. Ein Gefühl der Unwirklichkeit hüllte Lexi ein, und sie streckte ihre Hand nach seiner aus.

»Doch, das würde funktionieren.«

Sein Blick kehrte zu ihr zurück, seine Augen glänzten im Schein der Laternen. Er lehnte sich vor, küsste sie sanft, darauf bedacht, ihre Verletzung nicht zu berühren. Sie erwiderte seinen Kuss ebenso vorsichtig. Ihre Zungen fanden einander, umkreisten sich langsam, und Lexi verdrängte alle Gedanken. Sie war nicht mehr sie selbst, sie brauchte nicht nachzudenken. Sie bestand nur noch aus Wohlgefühl, genoss die Zärtlichkeiten des Mannes, der bei ihr war, ganz gleich, wer er war, solange er sympathisch und gut zu ihr war. Es erschreckte sie nicht einmal, dass sie sich ihm an Ort und Stelle hingegeben hätte, wenn er sie darum gebeten hätte.

Er tat es nicht, doch er hörte auch nicht auf, ihre Lippen zu liebkosen und ihren Körper zu streicheln. Das dünne Kleid schwächte die Berührungen kaum ab, und sie fühlte sich, als säße sie vollkommen nackt vor ihm. Sie ließ ihre Hände über seinen Rücken gleiten und schob sie schließlich unter sein Shirt. Er stöhnte leise auf, sein Mund glitt an ihrem Hals hinab und sandte einen Schauder nach dem anderen durch ihren Körper.

Sie leerten den Wein, betrachteten den Sternenhimmel, küssten sich wieder und wieder, bis sich Lucio schließlich von Lexi löste.

»Wir sollten schlafen gehen«, sagte er, der Vernünftige von ihnen. »Ich bin todmüde.«

Da erst spürte auch Lexi ihre Erschöpfung. Er führte sie hinab ins Wohnzimmer, und sie fiel aufs Sofa und schloss sofort die Augen. Sie fühlte noch, wie er eine dünne Decke über sie legte, dann schlief sie ein.

Mit dem Erwachen überfielen sie die Erinnerungen, die Scham und die Kopfschmerzen. Lexi rappelte sich auf und rückte das verrutschte Kleid über ihrer entblößten rechten Brust zurecht.

»Guten Morgen.«

Sie fuhr zusammen und sah sich um. Lucio saß im Sessel neben dem Sofa und lächelte sie an. Hitze schoss in ihre Wangen.

»Morgen«, murmelte sie.

»Gut geschlafen?«

»Hmm.«

»Aspirin?«

Er deutete auf den Couchtisch, wo noch ihre Medikamente lagen. Daneben stand ein Glas mit Wasser. Sie fingerte zwei Tabletten aus der Packung und schluckte sie rasch hinunter.

»Im Bad liegt eine frische Zahnbürste. Keine Sorge, Mamma und Francesca sind schon aus dem Haus. Möchtest du Kaffee?«

»Gern«, presste sie hervor und stand mühsam auf. Sie schwankte, und sogleich war er bei ihr und stützte sie. »Tut mir leid«, sagte sie.

»Was meinst du? Es ist doch nichts geschehen.«

Sie sah ihm in die Augen, und sein Blick erleichterte sie. Keine Scham, keine Vorwürfe, nichts Anzügliches, nur Freundlichkeit. Sie lächelte ihn dankbar an.

Nach dem Kaffee ging es ihrem Kopf besser, der Kloß in ihrer Kehle jedoch wuchs. Es war an der Zeit, die fremde Welt, diese für einen Abend geliehene Familie zu verlassen und in ihre eigene Realität zurückzukehren. Was würde sie im Hotel erwarten?

Lucio lieh ihr ein paar Sandalen von Francesca, die ihr nur einige Millimeter zu klein waren, und sie traten hinaus in die gleißende Sonne.

»Versaue ich dir gerade dein Geschäft für heute?«, fragte sie. »Schon wieder?«

Lucio lachte. »Nein. Gino fährt unsere Touren mit seinem Sohn. Wir zwei müssen ohne das Taxi auskommen.«

»Kein Problem«, sagte sie. »Danke, dass du mich begleitest.« Gern hätte sie seine Hand genommen, doch sie traute sich nicht.

»Das ist doch selbstverständlich.«

»Eben nicht.«

Er antwortete nicht, und erneut hatte Lexi das Gefühl, dass es einen bestimmten Grund für seine Hilfsbereitschaft gab. Da es sie jedoch nichts anging, lief sie schweigend neben ihm her.

Nach kurzer Fahrt mit dem Vaporetto, das Lexi vom Anleger aus deutlich sympathischer war als vom Wasser vor seiner Nase aus, kamen sie an der Riva degli Schiavoni und bei dem Palazzo an, in dem sich ihr Hotel befand. Lexis Herz raste, und ihr war übel. Würde sie Johannes jetzt begegnen?

Auf wackligen Beinen betrat sie das Foyer. Der betagte Portier stand wie am Vortag bereit und musterte sie mit unergründlicher Miene. Scheu sprach sie ihn auf Englisch an, doch er antwortete in vorzüglichem Deutsch.

»Schön, dass Sie da sind, Frau Peters. Wir haben uns schon Sorgen gemacht.«

»Wirklich?«

Ein kleines Lächeln zeigte sich auf dem faltigen Gesicht. »Ihr – Begleiter schien außer sich, als er gestern herkam. Er teilte mit, dass er unverzüglich abreisen wolle, und verlangte das bereits gezahlte Geld für das Zimmer zurück.«

»Ist er denn abgereist?« Lexi hielt den Atem an.

»Natürlich.«

Ihre Gefühle fuhren Achterbahn, Erleichterung mischte sich mit Enttäuschung. Sie war froh, Johannes nicht sehen zu müssen, andererseits hatte ein Teil von ihr wohl immer noch gehofft, er bereue seine Tat und würde voller Sorge auf ihre Rückkehr warten. ›Du Idiotin‹, schalt sie sich. ›Wie konntest du annehmen, dass er plötzlich ein Gewissen besitzt?‹ Da kam ihr ein anderer Gedanke, und die Übelkeit überschwemmte sie erneut.

»Wenn – wenn er sein Geld zurückbekommen hat, dann heißt das, ich habe jetzt kein Zimmer mehr, richtig? Wo sind denn meine Sachen?«

Das Grinsen des Portiers wurde breiter. »Ich sagte, er hat sein Geld zurückverlangt. Nicht, dass er es bekommen hat. Wer mich auf solche Weise anspricht wie dieser Herr gestern, kann nicht auf meine Kulanz und die meiner Vorgesetzten hoffen. Das Zimmer ist für weitere drei Nächte bezahlt, und Sie können es selbstverständlich nutzen. Folgen Sie mir, ich hole Ihren Schlüssel.« Er ging voraus zur Rezeption.

Lexi sah zu Lucio auf, der ihr aufmunternd zulächelte. Sie nahm die Schlüsselkarte in Empfang und dankte dem Portier.

»Gern geschehen.« Der Gesichtsausdruck des älteren Mannes wurde mitleidig. »Ich muss Sie allerdings warnen. Wie gesagt, der Herr war ungehalten. Das Zimmermädchen hat berichtet, dass … einige Unordnung in Ihrer Suite herrscht. Sie hat nichts angefasst. Wenn Sie Hilfe benötigen, sagen Sie Bescheid.«

Lexi wurde schwindlig. Was mochten diese Worte bedeuten? Nun fasste sie doch nach Lucios Hand. Er drückte ihre und sagte ein paar Worte auf Italienisch zu dem Portier. Dieser nickte, und Lucio zog Lexi zum Fahrstuhl.

»Was hast du zu ihm gesagt?«, presste sie hervor.

»Dass ich dich begleiten möchte, um dir beizustehen.«

Mit zitternden Fingern schob Lexi die Schlüsselkarte in den Schlitz, trat ins Zimmer – und blieb wie vom Donner gerührt stehen.

Es sah aus, als sei ein Wirbelsturm durch den Raum gefahren. Überall lagen Kleidungsstücke herum, auf dem Boden, auf dem zerwühlten Bett, verknittert und zerrissen. Lexi schluchzte auf, als sie ihre liebsten Sommerkleider sah, von denen nur noch Fetzen übrig waren. Sie ließ sich auf das Bett fallen und schlug die Hände vors Gesicht. Sie wollte das Elend nicht mehr sehen!

Lucio stieß einen groben italienischen Fluch aus, den sogar Lexi verstand, setzte sich neben sie und legte einen Arm um ihre Schultern. »Dieses Schwein!« Er rüttelte sie leicht. »Sieh mal, dort liegt ein Zettel.«

Lexi nahm die Hände von den Augen und ergriff das Schreiben vom Nachttisch.

»Dasselbe geschieht mit deinen Sachen in Hamburg«, las sie laut. »Lass dich bloß nicht mehr in der Wohnung oder der Firma blicken, duSchlampe!«, stand dort, doch sie sprach es nicht aus.

Er hatte kein Recht, sie so zu nennen! Sie knüllte den Zettel zusammen und sprang auf.

»Verfluchter Bastard!«, brüllte sie. »Ich hoffe, du erstickst an deiner Arroganz!« Da fiel ihr Blick auf ein Häufchen Scherben, das vor der Wand nahe der Balkontür lag. »Oh nein!«, rief sie aus, als sie erkannte, dass es sich um die Reste ihres Smartphones handelte. »Er hat mein Telefon an die Wand geworfen, dieser …«

»Und deine Bankkarte zerschnitten«, fügte Lucio hinzu und hielt ihr vier weißblaue Plastikteile entgegen. »Deine Brieftasche ist auch leer.« Er zeigte ihr das große rosa Portemonnaie.

Details

Seiten
0
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783960876403
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v451898
Schlagworte
Venedig romantische-r-Frauen-Roman-e Millionär-Roman Italien-Roman Urlaubs-roman Luxus-Leben Liebes-roman-e

Autor

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    Jessie Weber (Autor)

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Titel: Küsse auf Italienisch (Liebe)