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Eine Teestube zum Verlieben (Liebe)

von Nadin Maari (Autor)

2019 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

Mit süßer Intuition kreiert Miela Ladur die zauberhaftesten Gebäckstücke für ein Lifestyle-Magazin. Doch eines Tages wird ihre heile Welt erschüttert, als sie ihren Freund Nils bei einem Seitensprung beobachtet.

Zusammen mit ihren bunten Macarons wagt Miela einen Neuanfang – in der altmodischen Teestube Teetässchen, die in einem entzückenden Hofgarten, mitten in einem hippen Berliner Altstadtviertel, auf Gäste wartet. Gemeinsam mit Assa, ihres Zeichens Teepsychologin, erweckt Miela dank eines Adventsmarktes voller Winterromantik die Läden des Hofgartens aus ihrem Schlummer. Ihr Macaron-Adventskalender lässt die Gästeherzen dahinschmelzen – vor allem das des smarten Architekten Henrik.

Allerdings läuft der Mietvertrag des Teetässchens pünktlich zu Weihnachten aus und auch Nils klopft wieder an Mielas Herz ...

Impressum

dp Verlag

Erstausgabe Januar 2019

Copyright © 2019 dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

E-Book-ISBN: 978-3-96087-536-9
Taschenbuch-ISBN: 978-3-96087-580-2

Covergestaltung: Rose & Chili Design
unter Verwendung von Motiven von
depositphotos.com: © rvika, © JZhuk, © PinkPueblo, © leremy, © impresja, © numismarty
shutterstock.com: © Melkor3D, © Claudia Paulussen, © Vjom
Lektorat: SL Lektorat

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

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dp Verlag

If you are cold, tea will warm you.

If you are too heated, it will cool you.

If you are depressed, it will cheer you.

If you are excited, it will calm you.

William Ewart Gladstone

Britischer Premierminister im 19. Jahrhundert

Kapitel 1

W wie Weihnachten

Walnuss-Macarons

Verführerisch duftet es nach einer Ganache aus vanilliger Weihnachtsschokolade mit gehackten und gerösteten Esterhazy-Walnüssen zwischen zimtigen Macaronhälften.

Es mag sein, dass der Teufel Prada trägt. Aber die Teufelin trägt definitiv ein Dirndl – vermutlich nicht von Prada, so doch bestimmt von Edelweiß.

Dirndl – ja mei, wird so manch einer sagen, des is doch nix bsonders. Nein, nicht in Bayern und Umgebung, vermutlich nicht einmal in der unteren Hälfte Deutschlands, wenn man es horizontal halbiert, aber hier, in Berlin, auf jeden Fall. Des glaub i ned, wäre vermutlich die nächste Erwiderung. Doch, es ist so. Regelmäßig quetsche ich mich in den Berliner Nahverkehr in Form von Bussen und Bahnen – dreiundfünfzig Minuten hin zu meiner Arbeit und neunundsiebzig Minuten zurück nach Hause. Dabei begegne ich mehr Leuten samt ihren individuellen Geruchsnoten, als mir lieb ist.

Alles, aber keine Dirndl!

Nur hier, bei mir, in der Redaktion, sehe ich Tag für Tag ein Dirndl. Mal in Limettengrün, mal in Himmelblau, hin und wieder in Altrosa, selten in Weiß, doch immer adrett mit gebügelter Bluse und Schürze. Und darin steckt meine Chefin Constanze. Constanze Mol, ihres Zeichens Chefredakteurin des Lifestylemagazins WeSelf, bei dem ich als Leiterin des Backressorts arbeite.

Und in dieser Funktion schlage ich gerade das neunte Eiweiß zu einem weißen Fluff für meinen Angel Food Cake auf. Eigentlich haben wir für die betreffende Ausgabe geplant, klassisch herbstlichen Kuchen einen überraschenden Touch voller Genuss zu verpassen und damit unsere Leser zu einem zweiten und dritten Stück zu verführen. Aber nein, zu laaangweilig – O-Ton Constanze Mol. Wir wollen modern sein, frisch, anders – Pflaumenkuchen, Traubentörtchen – wir doch nicht. Nur leider waren der Pflaumenkuchen und die Traubentörtchen vor sechs Wochen in unserer Monatskonferenz noch völlig in Ordnung. Dazu, das möchte ich ausdrücklich betonen, backe ich nicht nur schnöden Pflaumenkuchen. In meinen Probeversionen habe ich saftige Pflaumen in Riesling-Traubensaft sanft gegart, auf ein Polster aus Maronencreme gebettet und dieses mit buttrigem Blätterteig umhüllt. Dazu zwei, drei Esterhazy-Walnussstreusel für den perfekten Crunch.

Mit der richtigen Dosis aus Kraft und Gefühl schlage ich weiter die Eiweiße auf. Die Masse glänzt wie frisch gefallener Schnee im Vollmondlicht.

Nur noch 121 Tage bis Weihnachten! Gibt es etwas Schöneres als die Wochen und Monate davor? Als die Vorfreude, gepaart mit der dunkler werdenden Jahreszeit, die sich wie ein Vorhang senkt, um an Weihnachten mit Schwung emporgezogen zu werden? All die goldenen Lichter und Weihnachtsdüfte nach gebrannten Mandeln und Zimt und – all die Geheimnisse.

Ich kann mir ein Grinsen nicht verkneifen und lasse den Eischnee für einen Moment in Ruhe. Aus dem Backofen duftet es nach dunklem Tannenhonig mit einem Hauch Ceylon-Zimt. Meine ersten Honigkuchen der Saison! Golden wölben sich die breiten Stangen in der Wärme nach oben, noch ein, zwei Minuten und sie sind perfekt. Ich spüre schon den zarten Schmelz auf meiner Zunge, die Melange aus Honig und Zimt.

»Sag nicht, es ist schon wieder so weit.«

Vor Schreck beiße ich mir auf die Zunge und wirbele herum. »Sarah!«

»Habe ich dich erschreckt? Sorry. Aber wie du so vor deinem Backofen meditierst und wartest, herzallerliebst. Das kann nur heißen, Tusch und Trommelwirbel, die Lebkuchensaison ist eröffnet.«

Vorsichtig reibe ich meine Zunge am Gaumen. Alles heil. »Das müsstest du aber schon draußen auf dem Gang erschnuppert haben.«

»Ich habe Schnupfen.« Unbekümmert steckt Sarah einen Finger in den Eischnee und schleckt ihn ab.

»Im August?«

»Na und, du bäckst Lebkuchen im August.«

Wir lachen beide. »Wohl wahr. Aber immerhin haben wir schon die letzte Augustwoche.« Ich gebe Sarah einen Klaps auf die Finger, die sie schon wieder in die Schüssel tauchen will. »Was kann ich für dich tun, außer ein wenig Meringue?«

»Die Mol hat unsere Monatskonferenz vorgezogen. Vermutlich hast du hier unten in deiner Backenklave nichts mitbekommen.«

»Davon war nicht einmal heute früh die Rede, als sie mich noch vor dem Backofenanwärmen nach oben zitiert hat. Sie teilte mir nur mit: Kleine Planänderung für die nächste Ausgabe, wir wollen kein wurmstichiges Zwetschgenzeugs, wir wollen eine moderne Interpretation des Angel Food Cakes«, äffe ich meine Chefin nach. Noch immer genervt von dieser Ansage, klemme ich mir nachdrücklich eine verrutschte Locke hinters Ohr.

»Oh, wie entzückend, die liebe Constanze sorgt bereits für die ersten weißen Haare in deinen Herbstlocken. Ich wusste gar nicht, dass du schon so weit jenseits der Dreißig zu finden bist.« Sarah deutet auf die Haarsträhne, die ich mir gerade mit Eiweißmasse verkleistert habe. Mit einem Küchenhandtuch rubbele ich an dem klebrigen Zeug und verdrehe die Augen. Ich kann es gar nicht leiden, wenn sich jemand über mein Alter lustig macht, schon gar nicht, seit ich vor Kurzem die dritte Null kassiert habe.

»Wann muss ich hoch?«

Sarah hüpft von der Arbeitsplatte, auf der sie es sich bequem gemacht hat. Eigentlich erstaunlich, wie sie in ihren ultraengen Jeans überhaupt die Beine anwinkeln kann. Auf einem unserer Shopping-Ausflüge habe ich auch einmal solch eine Zweite-Haut-Hose anprobiert und, was soll ich sagen, als ich darin steckte, ging nichts anderes mehr. Und gehen meine ich wörtlich. Millimeter für Millimeter musste ich dieses gemeine Ding nach unten abrollen. Dann lieber meine geliebten Fünfzigerjahre-Kleider, da passt alles von mir rein.

Sarah linst auf ihre Armbanduhr. »Abzüglich unseres Gespräches, in genau viereinhalb Minuten.«

»Das ist nicht dein Ernst!« Meine Stimme schrillt durch den Raum.

»Mein Ernst nicht, aber Madame Hulks.« Sarah sprintet aus der Backstube, um schnellstens jeglicher Erwiderung zu entgehen. Was nicht schwer ist, denn mit ihren Anderthalb-Meter-Beinen – pro Seite! – macht sie zwei Schritte, wo ich sechs brauche.

Na toll, ich habe in der vergangenen Dreiviertelstunde neun Eiweiße in liebevoller Handarbeit zu einem perfekten Schnee aufgeschlagen, um diesen mit sieben Mal gesiebtem Mehl zu vereinen, und nun das!

Ein bitterer Geruch trifft meine Nase. Die Honigkuchen! Ich fahre in meine Cupcake-Ofenhandschuhe, reiße die Backofentür auf, schnappe mir das Blech und versenke es in der Spüle. Gratulation! Die ersten Lebkuchen der Saison, dunkelbraun und brüchig. Aber für die Meute da oben in den Büros gerade noch essbar, allen voran die IT-Jungs. Ich glaube, die haben immer nur leere Kühlschränke zu Hause. Vielleicht haben sie auch gar keine Kühlschränke, sondern nur Computer?

Mit spitzen Fingern klaube ich die heißen Honigkuchen vom Blech auf ein Tablett, lege großzügig ein paar Walnuss-Macarons dazu und will eben die Küche verlassen, als Taylor Swift in Gestalt meines Mobiltelefons losshaked. Diesen Klingelton habe ich auf Geheiß meiner Großmutter Elionore auf meinem Telefon installiert. Damit ich immer sofort Bescheid weiß, wenn meine quirlige Gramsie mich erreichen möchte.

Ich habe noch siebenunddreißig Sekunden, um aus meiner Küche hinaus, in die dritte Etage nach oben und in den Konferenzraum neben Constanzes Büro zu gelangen. Ignoriere ich jetzt dieses Klingeln, was das Vernünftigste im jobmäßigen Sinn wäre, wird Gramsie jedes Telefon in diesem Häuserkomplex anklingeln, bis sie mich erwischt. Meine Großmutter kennt Leute, von denen ich nicht einmal weiß, dass sie existieren. Zielsicher würde sie eine von Constanzes Mobilfunknummern herausfinden. Keine verlockende Idee.

Ich sehe es vor mir: Constanzes Telefon, exakt ausgerichtet fünfzehn Zentimeter neben ihrem Laptop liegend, der sich im rechten Winkel vor ihr befindet, blitzt auf. Sie greift danach – selbstverständlich mit perfekt manikürten, farblich zu ihrem Dirndl passenden Nägeln – und im Display steht: Bitte verbinden Sie mich sofort mit meiner Enkeltochter Miela, ich möchte sie sprechen. Hochachtungsvoll Elionore Ladur, Mielas Großmutter.

Mit nach wie vor klebrigen Fingern nehme ich das Gespräch an und wie immer werde ich mein Telefon am Ende des Tages polieren dürfen.

»Hi, Gramsie! Es tut mir leid, aber es ist gerade total ungünstig. Kann ich dich nachher zurückrufen?«

»Nein, kannst du nicht, meine liebe Miela!«

Mist, falsche Frage. Ich hätte einfach sagen sollen, dass ich sie zurückrufe.

»Im Übrigen ist dies eine sehr unhöfliche Art, an das Telefon zu gehen!«, schimpft sie mit mir, aber in sehr gesetztem Ton. Ich vermute, weil sie noch etwas möchte. Jetzt aber schnell.

»Gramsie, was kann ich für dich tun?«

»Bei dir, in der Nähe deiner Arbeit, gibt es diesen fabelhaften Künstlerbedarfladen, das Lunis. Bitte sei so lieb und bringe mir ihre spezielle Anfertigung des Mittellichtblaus heute noch vorbei. Ich arbeite gerade an dieser wundervollen Abendstimmung des schwedischen Sommers und dieses Blau ist es, mit dem ich mein Meisterwerk vollkommen machen werde.«

Blau? Meine Großmutter braucht noch heute ein Blau von mir? »Kannst du nicht ein anderes Blau nehmen?«

Gramsie atmet so entrüstet ein, dass mir die Luft knapp wird.

»Miela! Bäckst du etwa Macarons mit Mandeln aus dem Supermarkt anstelle von Marcona-Mandeln?«

»Selbstverständlich nicht!« Ups! Jetzt hat sie mich. Aber ganz ehrlich, wer würde schon Supermarktmandeln für Macarons nehmen!

»Da siehst du es. Und wenn du es pünktlich bis neunzehn Uhr schaffst, kannst du gern das Abendessen mit uns einnehmen. Adele wickelt schon den ganzen Tag Rouladen auf, mehr muss ich doch nicht sagen, meine Liebe?«

In der Tat, für eine von Adeles Rouladen würde ich sogar zwei Mal durch die Stadt nach Lichtenrade fahren.

»Okay. Aber ich muss jetzt wirklich los.«

»Bis nachher, mein Schatz, und denk an das Mittellichtblau.«

Mit einem Supersprint, der mich vom Fleck weg in jeden olympischen Kader dieser Welt katapultieren würde, treffe ich im Konferenzraum ein. Offensichtlich hat das Constanze-Ritual bereits begonnen und wird nun leider für mich durch eine Madame-Hulk-Einlage unterbrochen. Meine Chefin und dreizehn Augenpaare mustern mich.

»Das Fräulein Ladur! Wie schön, dass es sich auch zu uns gesellt. Etwas derangiert, aber immerhin nun anwesend.« Constanzes Blick scannt mich von oben bis unten und wieder zurück. Verlegen balanciere ich mit der einen Hand das beladene Tablett, während ich mit der anderen meine Schürze glatt streiche. Moment, hier brauche ich sie doch gar nicht. Egal, mit so viel Würde wie möglich stelle ich das Gebäck auf den Tisch und nehme raschelnd Constanze gegenüber am Konferenztisch Platz. Der zweilagige Petticoat unter meinem Tellerrockkleid war heute Morgen, akustisch gesehen, nicht die beste Entscheidung.

Ich habe noch nicht einmal die Beine übereinandergeschlagen, da ist schon ein Drittel der semiverbrannten Honigkuchen in den Mündern diverser Männerkollegen verschwunden, während die Frauen seufzend die beigefarbenen Walnuss-Macarons bewundern und dann sanft auf ihren Zungen schmelzen lassen.

»Wenn wir dann bittschön wieder zur Ruhe kommen könnten.« Constanze rollt das R so, wie nur echte Bayern das R rollen können, richtig voll und lang und mit vibrierender Zunge. Schade nur, denn diese Kunst wird bei uns hier oben im Norden nicht als solche erkannt. Aber ich muss zugeben, ihr Bayrisch ist ansonsten ziemlich deutsch. Leider hat sie zusammen mit ihrem Dialekt auch die berühmte bayrische Herzlichkeit in ihrer Heimat zurückgelassen. Und ich kann ja echt, absolut und total verstehen, dass ausgerechnet Constanze vor einem Jahr von unserem Mutterverlag in München ausgewählt wurde, unser müdes Berliner Blatt wieder wehen zu lassen. Denn arbeitstechnisch veredelt sie alles, was sie anpackt, und dass dabei der eine oder andere Mitarbeiter auf der Strecke bleibt, verbucht sie halt unter Nebenkosten. Im Rechnen ist sie richtig gut. Trotz allem, hätten sie sie nicht einfach behalten können? Schließlich ist sie eine von ihnen.

»Da ich nicht viel Zeit habe, möchte ich mit euch nur ganz kurz die Weihnachtsausgabe besprechen.«

»Warum trommelt sie uns dann an so einem hektischen Vormittag zusammen, wenn sie so wenig Zeit hat?«, grummelt Harry neben mir und pickt einen Honigkuchenkrümel von seinem weißen T-Shirt. Sarah, die neben ihm sitzt, knufft ihm ins Bein. Harry lässt sich von Constanze nicht gern herumscheuchen und sagen wir so, sie weiß das. Doch mehr als einen Blick unter ihren Frida-Kahlo-Augenbrauen hat sie heute nicht für ihn übrig.

»Unsere aktuellen Marktanalysen ergeben einen ganz klaren Trend für den Ausklang heurigen Jahres. Und wir werden dabei natürlich mitmachen. Selbstverständlich in eigener Form, modern, frisch, anders.«

Constanze hält inne. Ich persönlich finde Trends ziemlich überbewertet. Was ist falsch an Altbewährtem, noch dazu, wenn das Altbewährte so lecker schmeckt wie Marzipanstollen oder Spekulatius oder Zimtsterne? Nun gut, die verkleinerten Formen von allerlei Kuchenkreationen, wie sie gerade modern sind, bringen auch viele appetitliche Varianten mit sich und erst die federleichten Macarons. Was auch immer, es wird schon passen. Schließlich lassen sich aus frischen Eiern, guter Butter und Honig allemal Köstlichkeiten zaubern. Bei meinen Ressort-Zutaten geht das gar nicht anders.

Gespannt verfolge ich, wie sich Constanze erhebt und neben die Leinwand stellt. Respekt, ihr tannengrünes Dirndl mit der weihnachtssternroten Schürze passt perfekt zum Thema.

Der Beamer surrt los und ein Bild mit dem Logo von WeSelf leuchtet auf. Vom Cover prangen uns Weihnachtskekse entgegen, appetitlich angerichtet auf einem goldenen Teller vor einem lodernden Kamin. Und eine Überschrift.

Constanze vollführt eine gekonnte Werbegeste. Die Kollegen diverser Shoppingsender könnten das nicht besser. »Voilà! Das vorläufige Cover unserer Weihnachtsausgabe: Vegan for Christmas.«

Wie jetzt vegan? Vegan als Abkürzung für:

Vanillekipferl

Esskastaniengelee

Granatapfel-Macarons

Anisplätzchen

Nugattürmchen?

Das Tuscheln meiner Kollegen übertönt den Beamer, der tapfer dagegen anbrummt, je länger er zum Betrieb gezwungen wird.

Gesundheit und Bücher ereifern sich bereits in Details und ihrer Begeisterung nach, begehren die beiden Ressorts in der Weihnachtsausgabe doppelt so viele Seiten. Kosmetik und Reisen kürzen wohl gerade ihre Beiträge auf eine halbe Spalte, gemeinsam. Essen und Trinken schwankt noch.

Nach einem Kopfnicken von Constanze erhebt sich ihr Schatten, ich meine natürlich Assistent Gorden, und verteilt hellgraue Mappen an uns. Igitt, wenn er sich noch einmal den Zeigefinger ableckt, bevor er sich eine Mappe vom Stapel nimmt, sehe ich mich gezwungen, die Damentoilette aufzusuchen. Es könnte aber auch sein, dass der Papiereimer herhalten muss, falls ich den Weg nicht mehr schaffe.

Beim Austeilen meine ich fast, so etwas wie ein Lächeln auf Gordens Strichlippen zu entdecken. Vermutlich resultiert dieses Weihnachtsdesaster nicht nur aus den Statistiken der IT-Jungs. Gorden ist allseits dafür bekannt und manchmal auch hinter vorgehaltener Hand bewundert, dass er in den Jahren bei WeSelf noch nie dabei beobachtet wurde, sich auch nur ein Zuckerkörnchen genehmigt zu haben. Und kein Weißmehl und kein Fleisch und keine Butter und überhaupt. Vermutlich ernährt sich Gorden von klingonischen Superpillen.

»In den Mappen findet ihr alle Details meiner Planung. Bittschön schaut euch alles genau an, nächste Woche in den Einzelmeetings der Ressorts gehe ich dann auf die Details ein. Und wenn ich Ressorts sage, meine ich ALLE Ressorts!« Schon schreitet Constanze zur Tür und beendet ihre Audienz. Zurück bleibt ein Raum voller aufgekratzter Untergebener.

»Tja, Jungs und Mädels«, Harry erhebt sich und grinst in die Runde, »vermutlich bin ich der Einzige hier, dem dieses Thema nicht die Weihnachtsausgabe verhagelt.« Er schnappt sich seine Lederjacke von der Stuhllehne und klemmt sich die unsägliche Mappe unter den Arm. Dann drückt er Sarah einen Kuss auf deren blonden Scheitel und verabschiedet sich von ihr. »Wir sehen uns später, Babe. Ich muss noch die Rezension von dem Indie-Musikfestival im Mauerpark fertig schreiben.«

»Ich bin ja echt ein aufgeschlossener und neugieriger Mensch, Miela«, wendet sich Sarah an mich, ohne dabei Harrys Kehrseite aus den Augen zu lassen. »Aber muss es vegane Mode sein? Ausgerechnet zu Weihnachten?«

Seufzend streiche ich ihr über den Arm und sehe dabei zu, wie die Gedankenblase über ihrem kreativen Modeköpfchen platzt: hier eine elegante Seidenbluse zum Fest, dort eine sexy Lederhose für danach.

Gemeinsam stehen wir auf und schlappen hinaus auf den Flur.

»Und, was habt ihr vor?« Vera aus dem Kulturressort gesellt sich zu mir und Sarah und legt jeder von uns einen ihrer massigen Arme auf die Schulter. »Für euch beide wird es wohl mit am schwierigsten.«

»Ach, wisst ihr, ich habe mir sagen lassen, dass sich aus Kichererbsenwasser ganz hervorragender Eischnee zaubern lässt.« Damit ducke ich mich unter meinen Kolleginnen weg und lasse sie mit offenen Mündern zurück.

»Oh, tu uns das bitte nicht an!«, ruft mir Vera hinterher und sie klingt echt verzweifelt.

Kapitel 2

E wie Erdbeerverführung

Erdbeer-Macarons

Eine Creme aus frischen Walderdbeeren, Alpensahne und weißer Vanilleschokolade vereint sich zwischen zartrosa Macaronschalen mit einer Puderschicht aus getrockneten Honeoye-Erdbeeren zu einem kulinarischen Gedicht.

Bevor ich in die Backstube zurückkehre, schlendere ich die Treppe hinauf in den vierten Stock. Hier befindet sich neben Sarahs Klamottenparadies das Fotostudio von WeSelf. Und wie es manchmal so passiert am Arbeitsplatz, ist der Fotograf unseres Magazins mein Lebensgefährte. Ach, was sage ich, Lebensgefährte, das klingt so langweilig, nein, wir sind nicht langweilig. Nils Krampert ist mein Freund und Mitbewohner – und eben mein Lebensgefährte.

Die Tür zum großen Fotostudio ist nur angelehnt und ich verstehe dies als Aufforderung einzutreten. Leise versteht sich. Nils lässt sich nicht gern bei der Arbeit stören, er hat sich da immer etwas, es hemme seine künstlerische Entfaltung oder so. Deshalb schwänzt er auch ab und zu Constanzes Termine, was ihn bei ihr nicht unbedingt beliebt macht.

Vorsichtig linse ich um eine mannshohe Studioleuchte. Nils kniet mit dem Rücken zu mir auf dem Boden und knipst im Nanosekundentakt das Fräuleinchen vor sich. Dieses wird wahrscheinlich erst volljährig, wenn ich jenseits der Fünfzig meine grauen Haare zu einem Dutt aufdrehe.

»So ist’s gut Baby! Ja, so will ich’s. Zeig’s mir.«

Jetzt mal ehrlich, ist das wirklich Kunst? Oder kann das weg?

Das jungfräuliche Mägdelein auf dem Hocker über meinem Freund spitzt mittlerweile seinen Kussmund so sehr, dass ich um die Lippen fürchte. Nicht auszudenken, wenn diese einfach abfallen. Das weiße Seidentuch, mit dem die Schülterchen halb bedeckt sind, rutscht bei der Luftkussnummer immer tiefer. Wenn ich nicht wüsste, dass dies hier ein Fotoshooting für einen neuen Hightech-Lippenstift ist, würde ich es glatt für die Busenwerbung eines Schönheitschirurgen halten.

Bei Nils’ schräger Lage machen offensichtlich seine nicht vorhandenen Bauchmuskeln schlapp, denn er kippt wenig elegant zur Seite. »Großartig Baby, diesen Schuss wollte ich noch haben!« Er rappelt sich auf und ich höre es leise in seinen Knien knacken. Mit einer Hand steckt er sich sein verrutschtes Hawaiihemd zurück in den Jeansbund, während er mit der anderen die Kamera an eine Assistentin weiterreicht.

Das ist meine Gelegenheit und ich räuspere mich dezent. Nils dreht sich zu mir herum. »Ach, du.«

Ja, ich. »Magst du mal kurz Pause machen?«

»Du kannst lockerlassen, entspann deinen sexy Mund«, wendet er sich an die Lippenstiftprinzessin, die ihm prompt gehorcht und die Lippen in ihre natürliche Position zurückschnappen lässt. Das dazugehörige Ploppgeräusch ist laut und deutlich zu hören.

Nils nimmt mich am Arm und läuft mit mir in Richtung Tür. »Hier dauert es noch eine Weile, Süße. Ich komme heute später heim.«

»Das trifft sich gut. Constanze hat mein Backprojekt quasi vom Blech gefegt und Gramsie mich gebeten, ihr noch etwas vorbeizubringen.«

»Bleibst du über Nacht dort?« Nils lässt meinen Arm los und streicht sich über seine kurzen braunen Haare. Er ist einen Zentimeter kleiner als ich, was er immer durch extremes Geradestehen auszugleichen versucht.

»Wollte ich eigentlich nicht, aber …«

»Bleib ruhig da«, unterbricht er mich. »Ich hole mir unterwegs eine Pizza und ein paar Bier und hau mich ins Bett.«

Ist es nicht schön, so vermisst zu werden? Allerdings gebe ich zu, dass es nicht die schlechteste Idee ist, bei meiner Großmutter zu nächtigen. So würde ich mir einige Wege sparen.

Nils fixiert mich mit seinen sandfarbenen Augen. »Denk nur an den weiten Weg. Lass dich lieber von den alten Leutchen dort verwöhnen und komm dann morgen frisch und ausgeruht zur Arbeit. Ich schaffe es schon mal eine Nacht ohne dich.« Nils drückt mir einen Kuss ins Gesicht, der irgendwo zwischen meiner Nase und meinem Mundwinkel landet. »Natürlich vermisse ich dich.«

Mit einem Grinsen verwuschelt er meine Haare, winkt mir kurz zu und verschwindet in einem Wäldchen aus Softboxen.

Nun gut, dann zurück in die Backstube. Vermutlich ist mein Eischnee mittlerweile zusammengefallen wie ein Soufflé im Wind. Aber ich bin guter Dinge, dass unser Chefkoch Christian daraus noch etwas Leckeres zaubern wird.

Mit wehendem Rock hüpfe ich die Treppen hinab in die Backstube. Gerade in meinem Beruf als Zuckerbäckerin nutze ich jede Gelegenheit, mich mehr als nötig zu bewegen. Wer will schon Nein sagen zu einem Stück Sachertorte oder einem Aachener Printen. Da versuche ich das Ja doch lieber mit Bewegung auszugleichen. Gut, ich gebe zu, dass das Verhältnis zwischen Naschen und Sport nicht ideal ausgewogen ist, aber immerhin bemühe ich mich, meinen inneren Schweinehund hin und wieder mit einer kleinen Joggingeinheit auf Diät zu setzen. Nils hat mir auch schon mal Appetitzügler von irgend so einer Werbekampagne mit nach Hause gebracht, denn er findet mich grenzwertig genusssüchtig. Zweifellos ist seine Perspektive durch den täglichen Blick durch die Kamera sehr verschoben, denn mehr als Striche bekommt er meist nicht zu sehen.

Genuss hin oder her, jetzt heißt es erst wieder neun Eier sauber trennen und das Eiweiß steif schlagen. Hierbei bin ich genauso altmodisch wie bei meinen Fünfzigerjahre-Kleidern, denn ich zerreiße das Eiweiß nicht brutal mit einem heulenden Mixer, sondern benutze meinen Schneebesen aus bestem V4A Edelstahl.

Da in vier Monaten bereits Weihnachten ist, wir also quasi schon in der Adventszeit sind, lege ich meine Evergreen Christmas CD in den CD-Spieler über der Arbeitsplatte. Bing Crosby beginnt, von weißer Weihnacht zu träumen, und ich mit ihm.

Das Eiweiß gehorcht meinem Willen und nach einem Drittel der CD halte ich inne. Perfekt.

Mehrere Locken aus meinem geflochtenen Zopf schwingen um meine Augen herum und mir ist heiß. Nach einem Glas Wasser verlasse ich die Küche und sprinte hinauf in den dritten Stock. Das Bad dort ähnelt eher einem Boudoir, im Gegensatz zu dem WCchen neben meiner Backstube, wo es nicht einmal einen Spiegel gibt.

An einem der Waschbecken erfrische ich mir das Gesicht und setze mich anschließend auf den Hocker vor dem bodentiefen Spiegel gegenüber der Tür. Ich löse den Zopf, bürste meine Haare und flechte sie wieder zusammen.

»Na, des werden wir net!« Die Eingangstür fliegt auf und Constanze stürmt samt Handy am Ohr herein. Ihre Lippen sind fest aufeinandergepresst und zwischen ihren Brauen hockt eine Zornesfalte, tief wie der Grand Canyon. Als sie meiner gewahr wird, bleibt sie mitten in der Bewegung stehen. Aber nur für einen Moment. »Ich rufe zurück«, schnappt sie, während ich mich erschrocken zu ihr umdrehe.

»Miela, wie schön. Ich wollte eben zu dir kommen.« Pling, schwebt ein strahlendes Lächeln in Constanzes Gesicht. Es ist immer wieder ein faszinierendes Schauspiel. Leider geht es auch ganz schnell andersherum.

»Ich habe soeben erfahren, dass die Sweetie in ihrer aktuellen Ausgabe ein Special zu Ehren des Angel Food Cakes als Aufmacher bringt. Es war falsch, dass du dich von deinem ursprünglichen Plan hast abbringen lassen, moderne Herbsttörtchen zu kreieren.«

Ich habe mich abbringen lassen? Sie hat es mir befohlen! »Ich hatte die ersten Varianten bereits fertig«, verteidige ich mich.

»Und wo, bittschön, sind diese jetzt? Ich möchte sie probieren.«

»Ähm, weg.«

»Wie weg?« Constanze klopft mit dem Handy auf ihre Hand und funkelt mich an. War da nicht eben noch ein Lächeln?

»Ich habe sie in der Redaktion verteilt. So wie immer, wenn wir die Proben nicht mehr brauchen.«

»Na super! Erst willst du moderne Herbstklassiker backen, dann plötzlich einen altmodischen Schwammkuchen und nun verfütterst du auch noch Redaktionseigentum an alle und jeden!«

»Du hast mich doch zu dir zitiert und mir befohlen, alles wegzuschmeißen und unverzüglich mit dem Angel Food Cake anzufangen.«

»Und du bist die Ressortleiterin unserer Backabteilung und musst wissen, was die Konkurrenz veranstaltet. Da muss erst ich wieder kommen!«

Nein, ich lasse mich nicht weiter provozieren. Nein, nein, nein! Aber gefallen lassen ist auch nicht richtig. Wie ich diese Reibereien hasse! Ich will doch nur backen! »Morgen Nachmittag bringe ich dir eine Auswahl nach oben.«

»Morgen Mittag«, sagt’s und rauscht zur Tür hinaus.

Ich mag meinen Job bei WeSelf, ehrlich. Meine Kollegen sind toll und ich darf in einer Küche backen, in der mir alles zur Verfügung steht, was es im Backuniversum gibt. Aber diese Machtspielchen mit Constanze laugen mich aus. Egal, wohin ich mich wende, sie ist vor mir da. Egal, was ich anfasse, ich fasse es falsch an. Egal, was ich denke, sie denkt das Gegenteil.

Ich spritze mir erneut kaltes Wasser ins Gesicht. Vielleicht sollte ich noch einen kleinen Abstecher zu Nils machen. Auf ihn kann ich mich verlassen. Er verdreht mir nicht meine Welt, bis sie verkehrt herum läuft. Nils ist geradeheraus und eindimensional. Morgens ein Marmeladenbrötchen, mittags ein Schnitzel mit Kartoffelsalat und abends eine Stulle mit Emmentaler Käse. Constanze hingegen verlangt es in der einen Minute nach Lebkuchenbrot und im nächsten Moment nach Crème Brûlée aus Ziegensahne, dazwischen will sie Orangen-Süßkartoffeln mit mariniertem Fenchel.

Die Tür zum großen Fotostudio ist verschlossen und das Nicht-stören-Schild prangt mir entgegen. Für einen Moment schwebt meine rechte Hand, bereit zum Klopfen, vor der Tür.

Ach was soll’s. Ich drehe mich weg und erspähe Sarah in ihrem Modetempel, die mich zu sich hereinwinkt.

»Hey, du siehst aus, als hättest du mit der Mol eine Zitrone geteilt.« Während Sarah mich angrinst, wurschtelt sie sich mit einem Haargummi die blonde Mähne zu einem hohen Pferdeschwanz und öffnet dann einen Kleidersack, der vor ihr auf einer Stange hängt.

»Eine Zitrone garniert mit unreifen Granatapfelkernen und ich hatte den größeren Anteil.«

Aus Sarahs Kleidersack ergießt sich ein bordeauxrotes Seidenkleid. Solch ein Kleid habe ich das letzte Mal an Barbie in der Weihnachtsgeschichte gesehen. »Das Kleid ist unglaublich! Ist das für die Weihnachtsausgabe?«

Sarah streicht sanft über den schimmernden Stoff. Doch ihr Lächeln verwandelt sich in eine Grimasse, als würde sie sich jetzt selbst einen Zitronencocktail genehmigen. »Das sollte in der Tat mein Weihnachtsprunkstück werden. Aber die Cuiteseide wird nun mal von süßen Räupchen gespendet, die sind selten vegan.«

»Das habe ich bei diesem ganzen Herbstthema-Hin-und-Her total vergessen. Kannst du nicht so tun als ob?«

Vorsichtig nimmt Sarah den Kleidertraum aus der Hülle und hält ihn mir an.

»Das Kleid sieht aus, als wäre es für dich gemacht. Sieh mal im Spiegel, wie dieser Rotton mit deinen goldbraunen Haaren harmoniert, und das Bernstein in deinen Augen leuchtet geradezu.« Sie schiebt mich vor den Zweimeterspiegel in der Mitte des Raumes und ich muss zugeben, dass mir gefällt, was ich sehe.

»Eigentlich wollte ich ein schwarzhaariges Model für das Kleid haben, aber wenn ich dich damit so sehe …« Sarah läuft um mich herum und zuppelt mal an meinen Haaren und mal an dem Kleid, dann zieht sie einen Flunsch. »Aber es ist egal. Ich muss jetzt versuchen, einen veganen Modetraum aufzutreiben. Vermutlich wird es ein sandfarbener Bambuskaftan mit einer schlammbraunen Leinenhose.«

»Du machst das schon.« Tröstend streiche ich Sarah über den Arm. »Ich muss wieder runter und das dritte Mal heute Teig ansetzen, vielleicht schafft es der ja bis in den Ofen.«

An der Tür drehe ich mich zu Sarah um, die sich gerade im Schneidersitz vor das Weihnachtskleid auf den Boden setzt. »Hast du zufällig Nils gesehen, bevor er sich ins Studio zurückgezogen hat?«

Sarah schüttelt den Kopf und ihr Zopf schwingt dabei munter hin und her. »Nö. Ich dachte eigentlich, er wäre schon gegangen. Das hat sich vorhin zumindest so angehört.«

Ich zucke mit den Schultern. »Wer weiß, was du gehört hast. Er will heute länger arbeiten und das Schild hängt ja auch draußen.«

»Dann klopf doch und geh rein.«

»Das mag er gar nicht.«

Sarah legt ihre Stirn in tausend Falten. »Miela! Ganz ehrlich, Nils mag vieles nicht. Ihr zwei lebt miteinander! Also bitte!«

»Ich muss runter. Bis dann.«

»Du lässt dir zu viel gefallen!«, ruft sie mir hinterher, doch da bin ich schon die Hälfte der Treppe hinuntergehüpft.

So ein klitzekleines bisschen hat Sarah ja recht. Und das wurmt mich.

Mit mehr Schwung als nötig öffne ich die Tür zur Backstube und knalle ein paar saubere Schüsseln auf die Arbeitsfläche. Ich suche mir Eier, Butter, Zucker, Mehl, Hefe und Gewürze zusammen und rühre drei verschiedene Grundteige an, die ich über Nacht im Kühlschrank ruhen lassen will. Morgen werde ich daraus herbstliche Köstlichkeiten backen, die Constanzes um den Kopf gewickelte Bauernzöpfe vor Freude aufrichten werden.

Kurz vor sechs binde ich mir die Schürze ab und nach einem letzten Blick auf die blitzblanke Küche sprinte ich hoch in den vierten Stock. Es hängt weiterhin das Nicht-stören-Schild an der Studiotür. Doch dieses Mal überwinde ich mich, klopfe leise und, da mich niemand anpflaumt, öffne vorsichtig die Tür. Die großen Studioleuchten sind aus, doch im hinteren Teil des Raumes höre ich Stimmen. Um nicht zu stören, schleiche ich hin.

Leider finde ich nicht Nils im Gespräch vertieft vor, sondern nur ein Radio, das offensichtlich vergessen wurde auszumachen.

Da war er wohl schneller fertig als geplant. Nun gut, dann hole ich jetzt das kostbare Dingsbums-Blau für meine Großmutter und fahre zu ihr.

Froh, mich heute Morgen gegen Bus und Bahn und für meinen tornadoroten Käfer entschieden zu haben, fädele ich mich kurz darauf in den Berliner Stau ein. Bis nach Lichtenrade mit Bus und Bahn ist kein Vergnügen, dann lieber mit dem Auto durch die gestaute Berliner Innenstadt. Begleitet von Sarah Connor ergattere ich eine Miniparkplatzlücke fast vor dem Künstlerbedarfladen. Wenn das weiter so gut läuft, könnte ich in einer Stunde vor dampfenden Rouladen sitzen. Doch mit dem Parkplatz endet meine Glückssträhne auch schon wieder. Im Laden stapeln sich die Kunden und jeder einzelne wird bedient, als wäre er der einzige.

Nach einer Dreiviertelstunde halte ich ein Fünf-Milliliter-Tübchen kostbares Mittellichtblau in den Händen und bin nun voll informiert über Azurit und Ultramarin und Smalte oder Smolto oder so.

Genau in dem Moment, in dem ich den Laden verlasse, blitzt es aus steingrauen Wolken und Tropfen groß wie Cake-Pops klatschen auf den Gehweg. Mein Auto steht siebzehn Meter von mir entfernt, aber es reicht, um mein Kleid, meine Lieblingsunterwäsche und auch mich zu durchnässen.

Igitt, ich hasse nasse Sachen am Leib! Mit einem Sprint rette ich mich ins Auto und zerre an dem feuchten Stoff auf meiner Brust herum, dabei fingere ich einen sommerlichen Paschminaschal aus der Handtasche. Ich habe immer einen dabei, man kann ja nie wissen. Wie jetzt zum Beispiel, als ich damit versuche, meine Haare zu trocknen.

Der Verkehr ist leider nicht weniger geworden und ich quetsche mich zwischen einen BMW, der dreimal so groß ist wie mein Käfer, und einen antiken Toyota in die verstopfte Fahrspur.

Nach einer weiteren halben Stunde habe ich mich so weit aus dem Blechstau herausgearbeitet, dass ich auch mein Gaspedal benutzen kann.

Wieder shaked Taylor Swift auf dem Handy und dank der neuen Freisprechanlage muss ich meinen Fahrschwung nicht unterbrechen. »Hallo Gramsie. Ich bin bald da.«

»Hallo, meine liebe Miela. Ich rufe nur an, weil es für dich nicht mehr notwendig ist herzukommen.«

»Das ist nicht dein Ernst!«, schreie ich mehr mir selbst als meiner Großmutter zu.

Pikiert spricht meine Großmutter daraufhin extra leise und ich muss scharf hinhören, um sie zu verstehen. »Meine liebe Enkeltochter! In dieser Lautstärke spricht man nicht mit anderen Leuten, schon gar nicht mit seiner eigenen Großmutter. Ingbert war so galant, für mich in die Stadt zu fahren und mir mein Mittellichtblau zu besorgen. So konnte ich schneller wieder meiner Inspiration folgen. Das verstehst du doch sicherlich. Denk nur an die Nacht, als du mich um drei Uhr morgens aus dem Bett geklingelt hast, weil du unbedingt meine Butterblumenbackform für eine deiner Kreationen gebraucht hast.«

»Das hat doch jetzt gar nichts damit zu tun.« Mit einem halben Schulterblick fahre ich an den Straßenrand und stelle den Motor aus.

»Wie auch immer. Vielen Dank für deine Hilfe. Wenn du dennoch herkommen möchtest, bist du natürlich herzlich eingeladen, allerdings sind die Rouladen verbrannt. Leider lief Fantasy Island im Fernsehen und Adele war wohl abgelenkt.«

»Gramsie, deine Rentner-WG macht mir manchmal echt Angst.«

»Wir sind keine Rentner! Wenn schon, sind wir Pensionäre. Und wir sind auch keine WG, wir sind eine wohlsituierte Wohngemeinschaft. Nun entschuldige mich bitte, meine Farben verlieren ihre Geschmeidigkeit. Sehen wir uns dann heute noch?«

Ich schweige einen Augenblick. Nils hat mich vorhin fast gedrängt, bei meiner Großmutter zu nächtigen. Dort bin ich auch wirklich gern, ich habe ein riesiges Zimmer für mich allein, mit einem altmodischen Himmelbett, in dem ich schlafe, als wäre ich in Watte gewickelt. Aber da Nils anscheinend doch früher Schluss gemacht hat, könnte ich ihn überraschen. Es ist sowieso mal wieder Zeit für ein bisschen mehr Pfeffer in unserer Beziehung. Wann haben wir uns eigentlich das letzte Mal mit Leidenschaft geliebt? Der Routine-Beischlaf nach Nils’ Tatort-Auszeit sonntags hat mit Leidenschaft ungefähr so viel zu tun wie staubsaugen unter dem Sofa.

»Ich fahre nach Hause, Gramsie. Wir sehen uns nächste Woche zum Kartenspielen.«

Beladen mit Bio-Erdbeeren, Sahne und einer Flasche sortenreinem Chardonnay-Traubensaft stehe ich vor unserer Wohnungstür und taste nach dem Schlüssel in meiner Handtasche. Ursprünglich hatte ich Champagner statt Traubensaft in der Hand, aber ganz ehrlich, das Zeug schmeckt wie etwas, das schon jemand anderes im Magen gehabt und dann – sagen wir mal – wieder ausgespuckt hat.

Durch die Tür dringt klassische Musik. Der Bolero? Ich wusste nicht einmal, dass wir dieses Stück irgendwo haben.

Unsere Wohnung liegt im obersten Stockwerk einer umgebauten Stofffabrik. Eigentlich besteht sie nur aus einem einzigen Raum, lediglich das Bad liegt ein wenig versteckt direkt neben dem Eingang hinter einer Backsteinmauer. Ansonsten läuft man offen in unsere Koch/Ess/Wohn/Schlafhalle hinein, die zu beiden Seiten von bodentiefen Fenstern flankiert wird.

Unser Domizil gehört Nils. Als wir vor drei Jahren beschlossen, zusammenzuwohnen, bin ich bei ihm eingezogen, da er – wie er mir glaubhaft versicherte – niemals wieder in einer spießigen Drei-Raum-Wohnung leben würde. Egal, dachte ich damals, schließlich fühlt man sich dort daheim, wo man wohnt. Mittlerweile muss ich zugeben, dass dem nicht so ist. Ich würde sehr gern in einer spießigen Drei-Raum-Altbau-Wohnung leben.

Als ich die Tür endlich aufgesperrt habe, überfällt mich die nervige Musik in voller Lautstärke.

Im Wohnzimmerteil unserer Bleibe liegen Klamotten auf dem Boden verstreut, darunter ein Spitzen-BH ungefähr in der Größe meiner Pobacken.

Ein Stück weiter rekelt sich auf unserem riesigen Bett eine Frau – nackt. Ihrer Bestückung nach zu urteilen, ist sie die Besitzerin des Megabusenhalters.

»Komm schon, Kleiner«, gurrt sie und stützt sich nach hinten auf ihren Unterarmen ab. Dabei spreizt sie ihre Beine und gewährt mir damit Einblicke, wie ich sie nie haben wollte. In dem Moment nimmt ein brunftiger Nils mit aufgereckter Lanze Anlauf und springt zu der paarungsbereiten Nymphe aufs Bett. Er ruckelt ein wenig mit seinem nackten weißen Hintern und – ich würde sagen, Treffer versenkt.

Kapitel 3

I wie Intuition

Ingwer-Macarons

Man rühre unter die glänzende Macaronmasse ein, zwei Messerspitzen frisch geriebenen Ingwer. Für die Ganache empfiehlt sich mitternachtsdunkle Schokolade aufgelöst in heißer Sahne mit kandierten Ingwerstückchen.

Die Saftflasche knallt auf den Boden mit den schiefergrauen Riesenfliesen, Erdbeeren und Sahne folgen. Doch die Geräusche gehen in dem Stakkatogekreische von Herrn Ravel unter.

Ich würge und schaffe es gerade noch ins Bad neben der Tür. Was das rammelnde Knäuel auf dem Bett nicht stört, die sind beide nicht bei Sinnen.

Nachdem ich mein Mittagessen und den Kuchen vom Nachmittag von mir gegeben habe, erfrische ich mich am Waschbecken. Meine Hände zittern, meine Knie wabbeln und dabei rumpelt mein Herz.

Was passiert hier?

Das alles bilde ich mir doch nur ein, oder?

Wie soll ich jetzt die Sauerei aus Traubensaft und ausgelaufener Sahne aufwischen? Die Erdbeeren sind auch hin oder kann ich sie noch aus dem Scherbenhaufen pulen? Doch wer will die jetzt noch?

Wo ist mein Koffer? Wann bin ich eigentlich das letzte Mal verreist? Nils fährt öfter mal für ein Wochenende weg – mit den Fußballjungs! Ein ekliges Lachen entsteigt meiner Kehle.

Ich muss hier weg. Mein Wohnungsschlüssel steckt noch, meine Handtasche mit Autoschlüssel, Geld und Papieren liegt in der offenen Eingangstür. Mehr brauche ich erst einmal nicht.

Okay, Miela. Du gehst jetzt ganz locker zurück in diesen Saustall, du schaust nicht hin und ignorierst alles um dich herum. Kümmere dich um nichts.

Wieder muss ich würgen, doch ich kämpfe es nieder.

Wie auf Glatteis laufe ich aus dem Badbereich heraus. Mittlerweile kniet sie vor ihm. Ihre Brüste klatschen hin und her und er grunzt Worte, wie sie vermutlich nur Eingeweihten der Pornoindustrie geläufig sind.

Mit fünf großen Schritten stürme ich zum Bett hin. »Wieso tust du das?«, schreie ich Nils von hinten an. Was für eine blöde Frage. So viel zu meiner Coolness.

Als wäre meine Wut, die sich auf die beiden entlädt, mit hunderttausend Volt geladen, fahren sie auseinander. Nils dreht sich mit einem Bocksprung zu mir herum. »Das ist nicht das, wonach es aussieht!«

»Wenn du meinst, es sieht nicht nach Pizza essen und Bier trinken aus, dann hast du recht!« Meine Stimme jagt mir selbst Gänsehaut den Rücken herab, so kalt habe ich noch nie geklungen. Ihm geht es anscheinend ähnlich, denn sein männliches Teilchen schrumpelt auf Dattelgröße zusammen.

»Was soll der Scheiß?«, blafft das Busenwunder Nils an. »Du hast geschrieben, wir wären ungestört. Wenn mir heute nach Zuschauern gewesen wäre, hätte ich auch in irgendeinen Club gehen können.«

»Geschrieben?« Ich habe Mühe, den Blick auf ihr Gesicht mit dem verschmierten, blutroten Lippenstift zu konzentrieren.

»Tinder. Schon mal gehört, Püppchen?«

Mein Verstand nimmt die sechs Buchstaben auf, doch es gelingt ihm nicht, diese zu prozessieren.

Ohne Nils anzusehen wende ich mich ab, hebe meine Tasche auf, ziehe den Schlüssel aus dem Schloss und verlasse die Wohnung.

»Wo ist meine Hose! Verflucht, stell dieses Gejaule aus!«, höre ich Nils seiner Gespielin zuschreien, nur um mir kurz darauf im Treppenhaus Entschuldigungen hinterher zu wimmern.

Doch am Auto angelangt, hat er sich schon wieder gefangen und beschimpft mich als unkooperativ und kindisch. Schließlich gelingt es mir nach zwei vergeblichen Versuchen, den Motor zu starten und loszufahren. Im Rückspiegel wird Nils immer kleiner und der Schmerz in mir umso größer.

Durch meinen Tränenschleier kann ich gerade noch auf die grünen und roten Farben der diversen Ampeln reagieren, die meinen Weg kreuzen. Vielleicht nicht immer auf die richtige Art und Weise, aber immerhin ignoriere ich sie nicht völlig.

Was nun? Wohin?

Eine Straßenbahn klingelt kreischend neben mir. Vor Schreck reiße ich am Lenkrad, zum Glück in die entgegengesetzte Richtung. Mein Herz klopft einen wilden Techno Beat, während ich mir eine Parklücke am Straßenrand suche und schräg darin stehen bleibe. Die Scheibenwischer bleiben auf halbem Weg stehen, während ich den Motor abwürge.

Mit zitternden Fingern reibe ich mir die Augen, doch die Tränen hören nicht auf zu fließen.

Warum? Warum passiert mir so etwas? Gibt es das nicht nur in Filmen?

Hinter meiner Stirn beginnen Kopfschmerzen und mein geschundener Magen revoltiert noch immer. Doch zumindest muss ich mich nicht wieder übergeben.

Na wenigstens etwas.

Ich atme tief in meinen Bauch und nachdem ich für einen Moment die Luft angehalten habe, atme ich tief wieder aus. Und ein. Und aus. Immer wieder. Meine Schultern entspannen sich, mein Kiefer lockert und meine Fäuste öffnen sich.

Damals, in dem Yogakurs, in den mich meine Freundin Caro geschleppt hat, habe ich die Atmerei bestenfalls belustigend gefunden. Schließlich atmen wir Menschen von ganz allein, da muss ich nicht zusätzlich Luft und Liebe einsaugen, ommm summen und zusammen mit dem CO2 hinderliche Gedanken auspusten. Doch hier, allein in meinem Auto, mit einem Herzen schwer wie die Zugspitze und einem Gedankenkarussell, das sich der Lichtgeschwindigkeit nähert, beruhigt es mich.

»Danke Caro«, flüstere ich.

Ich schließe die Augen und konzentriere mich auf das Piksen hinter meiner Stirn. Mit jedem Ausatmen versuche ich den Schmerz loszuwerden. Doch er bleibt hartnäckig. Ich aber auch.

Schließlich gebe ich auf. Anscheinend bin ich doch kein Naturtalent-Yogi. Wenigstens sind meine Augen wieder trocken. Ich wühle in der Handtasche nach einem Taschentuch und putze mir die Nase.

Am einfachsten wäre es, zu Gramsie zu fahren, dort würde man mich sicherlich betüddeln und umsorgen. Aber genau das brauche ich gerade gar nicht. Vermutlich würde sich die ganze Rentner-WG – ich meine natürlich Pensionärs-Wohngemeinschaft – auf mich stürzen und mir Kräutertee, Kräuterschnäpse und mit Kräutersud getränkte Spitzentaschentücher reichen. Wenn die vier Damen zusammen mit ihrem Herrn auf Kurs sind, kann sie kein Verbotsschild stoppen, und wäre es so groß wie ein Wolkenkratzer. Nein, das ist eindeutig zu viel Aufmerksamkeit.

Ich ziehe mein Handy aus der Tasche und suche Caros Nummer. Es ist blöd, das ist mir klar, aber vielleicht ist sie ja schon aus Wien zurück.

Draußen ist es bereits dunkel. Wie spät ist es eigentlich? Kurz nach zehn. Da Caro einer der Menschen ist, die pro Nacht nur eine halbe Stunde Schlaf benötigen, kann ich sie locker noch anrufen. Und selbst wenn, meine beste Freundin wäre auch um drei Uhr nachts für mich da. Genauso wie ich für sie.

Caro, meine kluge, rationale, Ich-hab-so-viel-Schwung-Caroline.

»Hey, Miela! Du glaubst nicht, was gerade vor mir steht!« Caros rauchige Stimme vibriert vor Freude.

»Mmh, ein gut gebauter Wiener mit ordentlich Schmäh?«

»Miela, was ist passiert?« Ich höre Caro wispern, dann raschelt es kurz. »So, jetzt sind wir ungestört. Was ist los?«

»Warum glaubst du, dass etwas los ist? Ich habe doch gar nichts gesagt.«

»Nicht mit Worten, meine Liebe. Aber du klingst total nasal, und es hört sich nicht nach Schnupfen an. Außerdem war gerade so überhaupt gar kein witziger Ton in deiner Stimme, obwohl du ja wahrscheinlich mit dem schmähigen Wiener einen bescheidenen Lacher landen wolltest.«

Caros Trefferquote liegt bei einhundertzwanzig Prozent, was sie soeben einmal mehr bewiesen hat.

»Nils betrügt mich«, flüstere ich und jedes Wort ätzt sich wie Salzsäure meine Stimmbänder entlang.

»Bist du dir sicher oder vermutest du es nur?«

»Ich war dabei.«

»Oh.« Caro schweigt für einen Augenblick. »Ich nehme an, das war kein Anblick, der einen Lieblingsplatz in deinem geistigen Erinnerungsalbum belegt?«

Ein winziges Lächeln stiehlt sich auf meinen Mund. »Ich war noch nie scharf darauf, andere Menschen dabei zu beobachten. Manchmal stammen nicht nur meine Kleider aus den Fünfzigern.«

»Miela …«

»Ja?«

»Vermutlich ist dies der blödeste Zeitpunkt, dir das zu sagen und wahrscheinlich willst du es auch gar nicht hören, aber Nils ist ein eingebildeter Idiot. Nicht nur, weil er dich so schrecklich verletzt, sondern er ist es schon immer.«

Ich muss bei Caros Worten schlucken. Aber ich weiß auch, dass sie von Anfang an mit meiner Wahl nicht einverstanden war.

»Miela, sag etwas«, bittet sie.

»Es ist okay.« Und irgendwie ist es das auch wirklich.

»Wir kriegen das wieder hin. Und weißt du was, ich nehme morgen den ersten Flieger nach Berlin. Der Filmdreh ist so gut wie fertig und die restlichen Einstellungen schaffen die anderen Make-up Artists, wenn ich ihnen meine Vorlagen dalasse. Dann bekommst du das ganze Programm von mir. Angefangen bei Gigatonnen von Schokoladeneis über Tequila in eimergroßen Gläsern bis hin zu einem Ausflug in eine Karaokebar auf dem Land.«

Jetzt muss ich wirklich lachen. Denn wenn es etwas gibt, was Caro nicht trinkt, dann ist es Alkohol und wenn sie etwas nicht isst, dann ist es Eis, und über Karaoke hatte sie bisher eine extrem dezidierte Meinung. »Du und Eis mit Alkohol und deutschem Schlagergut?«

»Nicht ich, meine Liebe, nicht ich. Du bist diejenige mit Liebeskummer, ich werde nur deine Kummerkastentante und dein Taschentuch sein.«

»Und ich dachte schon, du stellst für mich deine Prinzipien auf den Kopf.«

»So schlimm steht es nun auch wieder nicht um dich.« Ich sehe Caro vor mir, mit ihrem fein geschwungenen Mund, der sich zu einem Caro-Lächeln formt, bei dem mir ganz warm ums Herz wird. »Es ist doch so, Miela, oder?«

Die zwei nackten Leiber von vorhin schieben sich wieder in meine Erinnerung und schnüren mir kurz die Kehle zu. »Ich fange mit dem Schokoeis an, dann sehen wir weiter.«

»Das ist mein Mädchen. Jetzt fährst du zu mir nach Hause, gönnst dir ein Bad mit meinem Vanilleschaum aus Tahiti und kuschelst dich in das Gästebett. Ruh dich aus.«

»Das hört sich gut an. Nur leider hängt dein Schlüssel in der Wohnung, die ich soeben fluchtartig verlassen habe und sie ist der letzte Ort, wo ich hinwill.«

»Unschön. Dann klingele bei Armin und Umberto, die beiden sind garantiert da, sie haben einen Ersatzschlüssel.«

»Meinst du, ich kann sie um diese Zeit noch stören?«

»Sie werden es lieben, sich von dir stören zu lassen.«

»Danke, Caro.«

»Jederzeit. Und beim nächsten Mal hoffentlich unter besseren Umständen. Bis morgen und versuche, ein wenig zu schlafen.«

»Caro!«, rufe ich noch, ehe sie die Verbindung beenden kann. »Was steht denn nun so Tolles vor dir?«

»Ein originales Stück Sachertorte! Ich war eben im Begriff, ein Foto davon zu machen und dir zu schicken, als du angerufen hast. Ein wenig Neid unter Freundinnen sollte hin und wieder schon erlaubt sein, finde ich. Aber unter diesen Umständen sehe ich davon ab und bringe es dir morgen als Trösterli mit.«

»Du bist die Größte.«

»Ich weiß. Schlaf gut.«

Caros Nachbarjungs sind mir mehr als wohlgesinnt. Offensichtlich wurden sie bereits von ihr über meine missliche Lage unterrichtet, denn als ich an dem Haus ankomme, in dem sie wohnen, steht bereits Armin in der Haustür.

»Meine bezaubernde Miela, ich grüße dich.« Ehe ich auch nur Pieps sagen kann, reißt er mich in seine Arme und drückt mich an sein gut genährtes Wohlstandsbäuchlein, mein Kopf landet knapp unter seinem Kinn. »Folge mir, mein Schatz, folge mir. Umberto und mir ist es ein Vergnügen, dir zu Diensten zu sein.«

Armin greift nach meiner Hand und tätschelt sie den ganzen Weg durch die marmorne Eingangshalle hindurch. Wir stiefeln gefühlte 127 knarzende Stufen hinauf in die oberste Etage des vornehmen Altbaus in Berlin Mitte. Bei jedem Besuch hier rätsele ich erneut darüber, warum bei der Sanierung vor ein paar Jahren ein netter, kleiner Fahrstuhl ausgespart wurde. Caros Kommentar dazu besteht stets nur aus einem eleganten Heben ihrer perfekt geschwungenen schwarzen Augenbrauen, während Armin bei dieser Frage jedes Mal seine Hände zusammenschlägt und gen Himmel reckt. Von Umberto gibt es nur: »Madonna, ich dich bitte.«

In der Wohnungstür steht Umberto und übernimmt mich von Armin. Dieses Mannsbild ist eine Mischung aus Brad Pitt (ohne Bart und in jüngeren Jahren) und David Beckham (die aktuelle Version) mit einem Schuss der Hemsworth-Brüder, garniert mit Hugh Jackman und Chris Pine. Eigentlich möchte ich den ganzen Tag nur dastehen und ihn anstarren. Doch daraus wird nichts. Die beiden scheuchen mich zu einer opulent gedeckten Tafel in ihrem Speisezimmer. Auf einer weißen Damast-Tischdecke umrahmt schweres Silberbesteck edles, fast durchsichtig scheinendes Porzellan. In der Mitte des Tisches thront eine Schüssel, in der dem Duft nach zu urteilen sich nur eines befinden kann: handgemachte Spaghetti von Umberto. Diese Köstlichkeit durfte ich schon mehrmals genießen und zu diesem Gedicht benötigt man weder Soße noch geriebenen Käse, nicht einmal Hunger. Diese feine, zartgelbe Pasta geht immer.

Wir widmen uns schweigend dem Essen, im Hintergrund erklingt dezente Klaviermusik von Mozart. Nur Caruso, der Jack Russell Terrier von Armin und Umberto, kommt ab und an durch das Speisezimmer gefegt, gefolgt von Mamsellchen, Caros Siamkatze.

»Sollte es nicht eher andersherum sein?« Grinsend sehe ich den beiden Fellknäueln hinterher.

»Sie sind Hähne des Streites, aber im Herzengrund lieben sie sich.« Umbertos italienischer Blick erhitzt die Spaghetti in meinem Bauch fast bis zum Siedepunkt. »Wo wir wären ohne Amore?« Er wendet sich an Armin und drückt dessen Hand. Bei ihrem Anblick steigt die Wärme aus meinem Bauch auf und wärmt mein frierendes Herz. Solange die beiden sich haben, ist die Welt für alle anderen in Ordnung.

Nach einem Espresso, der mich vermutlich die nächsten hundert Jahre wach halten wird, beenden wir unser Mahl. Die altmodische Standuhr schlägt bereits die zwölfte Stunde und trotz des Koffeins, welches in meinem Blut zirkuliert, fühle ich mich von Müdigkeit niedergedrückt. Ich erhebe mich träge und Armin und Umberto folgen mir zur Wohnungstür.

»Du bist sicher, Schatz, dass du nicht in unserem Gästezimmer nächtigen möchtest?« Armin sieht mich mit gerunzelter Stirn an. »Wir hätten dich sehr gern bei uns.«

»Ihr seid so großzügig zu mir und ich danke euch vielmals. Aber ich denke, ich wäre jetzt gern ein wenig allein.«

»Du möchtest etwas Mamsellchen mitnehme, zu dir?« Schnurrend kuschelt die schneeweiße Katze in Umbertos Armen, lässt sich jedoch ohne größeres Protestmiauen von mir entgegennehmen.

»Gute Nacht, Jungs.« Ich drücke beiden einen Kuss auf die Wange und schließe Caros Wohnungstür auf. Mit einem dumpfen Laut fällt sie hinter mir ins Schloss. Mamsellchen windet sich aus meinen Armen und entfernt sich Richtung Wohnzimmer.

Nach der doch sehr männlichen Wohnung der Jungs, die hauptsächlich von schwarzem Leder und Palisanderholz dominiert wird, befinde ich mich in Caros Wohnung auf der anderen Seite der Farbskala. Honigfarbene Holzdielen glänzen unter meinen Füßen, weiße Möbel schmiegen sich an cremefarbene Wände und in Dutzenden von Kristallvasen in allen Größen setzen Blumensträuße bunte Akzente.

Nach einem Umweg übers Bad lasse ich mich auf Caros Gästebett fallen. Wie immer ist alles tipptopp und mit einem i-Tüpfelchen in Form eines schokoladigen Gute-Nacht-Grußes auf dem Kopfkissen vorbereitet.

Ich hole mein Handy aus der Handtasche und atme bis zu meinen Zehenspitzen durch. Hoffentlich hat sich Nils nicht gemeldet, ich weiß nicht, wie ich damit umgehen sollte.

Bis auf zwei Nachrichten von Caro hat mir mein Telefon nichts Neues zu vermelden.

Unglaublich! Nils hat nicht einmal versucht, mich anzurufen! Wie abgebrüht ist dieser Kerl eigentlich! Vermutlich muss er erst noch mit seiner Nacktbekanntschaft neue Tinder-Anbiederer nach links oder nach rechts schieben! Oder in welche Richtung auch immer.

Und da sind sie wieder. Literweise heiße Tränen, die ich fließen lasse, damit sie den Schmerz kühlen, der mein Herz perforiert. Ich rolle mich auf dem Bett zusammen, wie einst als Kind, wenn draußen ein Gewitter tobte und mich mit seinem Donner vom Schlafen abhielt.

Irgendwann, als mein Schluchzen abebbt, legt sich Mamsellchen zu mir. Sie schiebt mir ihr Köpfchen an den Hals und beginnt zu schnurren. Langsam entgleiten mir die quälenden Gedanken und ich lasse mich von dem gleichmäßigen Brummen einlullen.

Es scheint mir nur ein paar Augenblicke später, als Mamsellchen mit ihren Vorderpfoten auf meiner Brust auf und ab drückt. Ich öffne mühsam die Augen, die sich dick und verquollen anfühlen. Doch es ist später, als es sich anfühlt, denn die Sonne geht bereits auf.

»Ist gut, du kleine Frühaufsteherin.« Ich streichele dem weißen Fellknäuel sanft über das Köpfchen. »Ich habe vergessen, dass dein Frauchen mit den Singdrosseln aufsteht.«

Es ist still im Haus und durch das geöffnete Fenster höre ich nur gelegentlich ein Auto unten die Straße entlangfahren.

»Na komm, wir schauen mal, was Caro Gutes für dich zum Fressen hat.« Etwas wackelig erhebe ich mich aus dem Bett, dabei schmerzen meine Glieder mit meinem Kopf um die Wette.

Ich will es nicht und dennoch sehe ich auf mein Handy.

Nichts.

Nachdem ich die Katze bezüglich ihres Morgenmahls zufrieden gestellt habe, gönne ich mir eine kalte Dusche. Es ist ein kläglicher Versuch, meinen Kummer wegzuspülen. Ich rubbele mich mit einem Flauschhandtuch wieder warm und schlüpfe in das Kleid von gestern. Unglaublich, war es wirklich erst gestern, dass ich in diesem Kleid die Schmach meines bisherigen Lebens kassiert habe?

»Du kannst nichts dafür!« Trotzig streiche ich den purpurfarbenen Stoff über dem dazu passenden Petticoat glatt. Sicherlich könnte ich mir allerhand Nettes aus Caros Kleiderschrank ausborgen, nur liegen zwischen ihrer Sportfigur von einem Meter fünfundsiebzig und meiner rund zehn Zentimeter kleineren, eher weiblichen Figurvariante modisch mindestens drei Welten.

Da es gerade mal sieben Uhr morgens ist, beschließe ich, zu Fuß zu den Räumen der WeSelf zu laufen. So wäre ich vermutlich noch immer eine der Ersten dort, mit Sicherheit nicht die Erste, denn dieser Titel gebührt immer Constanze. Immer.

Nils trifft meist im Lauf des Vormittages in der Redaktion ein. Ob er sich wohl zu mir in die Backstube verirrt? Was soll ich bloß tun, wenn wir uns über den Weg laufen? Will ich ihm überhaupt über den Weg laufen?

Mit jedem Schritt in Richtung der WeSelf erhöhen meine Gedanken ihr Schusstempo. Trotz der bereits warmen Sonne kriecht mir Gänsehaut an den Armen empor.

An den Hackeschen Höfen regt sich das Berliner Leben. Fahrradkuriere mit strammen Waden fädeln sich durch den langsamer werdenden Verkehr. Erste Anzugmenschen hasten mit Kaffee-zum-Gehen-Bechern auf den Gehwegen in alle Richtungen. Was noch fehlt, sind die waschechten Mitte-Mütter mit ihren Bugaboo Kinderwagen und die Touristen, gut zu erkennen an I-Love-Berlin-Shirts.

Eine Gruppe kreischender Teenager mit an den Händen angewachsenen Telefonen drängt mich ab und ich halte kurz in einem Torbogen inne, um den Pulk vorbeizulassen. In diesem Moment erreichen Sonnenstrahlen die winzigen Mosaikfliesen, mit denen der Torbogen geschmückt ist. Azurblau leuchten sie auf und lenken meinen Blick auf das Kunstwerk. Wie funkelnde Saphire umspannen sie den ganzen Bogen, dazwischen schimmern goldene Steinchen. Der Anblick erinnert mich an die Abende, wenn der Schnee meterhoch liegt, die Luft frostig knistert und die Weihnachtstage Ruhe in unsere Seelen bringen. Wenn es früh dunkel wird und der Sternenhimmel sich so unendlich über uns wölbt.

Mein Kummer löst sich für einen Moment auf und ich atme zum ersten Mal seit gestern Abend ohne schmerzhaften Gegendruck ein. Selbst mein Kopfweh hält inne.

Neugierig gehe ich durch den Torbogen und bleibe mit pochendem Herzen stehen. Vor mir erstreckt sich ein Garten, den ich bisher nur aus meinen Träumen kannte.

Kapitel 4

H wie Herz

Haselnuss-Macarons

Wie wäre es mit knusprigen Macaronschalen aus aromatischen Lambert-Haselnüssen? Dazu eine schmelzende Ganache aus frischer Sahne und dunkler Haselnussschokolade.

Der Hofgarten wird auf drei Seiten von zweistöckigen Backsteinbauten umrahmt, an dessen Wänden sich weinrote Rosen emporranken. In der Mitte des Platzes thront ein Kirschbaum, um den sich eine Holzbank windet. Gepflasterte Wege aus silbrigen Granitsteinen führen zu je einem Eingang der drei Gebäude. Die sattgrüne Wiese zwischen den Wegen ist mit Gänseblümchen übersät.

Zu meiner Linken hängt ein altmodisches Zunftzeichen der Schreiner über dem Tor. Rechts befindet sich augenscheinlich ein Nähatelier, zumindest vermute ich es, denn es stehen diverse Schneiderpuppen auf dem Platz vor dem Eingang.

Direkt gegenüber liegt das Prunkstück des Gartens. Es ist ein Café mit zwei großen Fenstern, die eine gläserne Eingangstür flankieren. Durch das rechte Fenster erspähe ich Tische mit bunten Sesseln und durch die linke Scheibe einen Tresen mit einem deckenhohen Regal dahinter. Eine Frau schlendert vor dem Regal entlang und als sie mich sieht, winkt sie mich heran. Ihr strahlendes Lächeln fliegt mir quer über den Hof zu und zieht mich geradewegs zu dem Café, über dessen Tür ein Schild prangt, auf dem in geschwungenen Buchstaben das Wort Teetässchen aufgemalt steht. Welch entzückender Name!

Die Frau nimmt mich bunt und fröhlich an der Eingangstür in Empfang. Dabei flattert ihre wadenlange, orange-gelb gemusterte Tunika in den Ausmaßen eines Dreimannzeltes beschwingt um sie herum. Von den Ohrläppchen baumeln meterlange Goldanhänger und ihre granatapfelroten Haare türmen sich auf dem Kopf zu einem lockigen Etwas.

»Herzlich willkommen im Teetässchen. Kommen Sie nur herein, meine Liebe. Mein Name ist Assa und wie ich sehe, können Sie eine gute Tasse vom richtigen Tee gebrauchen.« Ihre tiefe Stimme überzeugt mich, hier genau richtig zu sein, und ich folge ihrer netten Einladung. Ich glaube ja, dass es gegen fast jeden Kummer das richtige Törtchen gibt, aber ein Tässchen Tee zur rechten Zeit kann auch nicht verkehrt sein.

Assa führt mich zu einem niedrigen Tisch am Fenster und ich mache es mir in einem burgunderroten Samtsessel bequem.

Für einen Moment blickt sie mir mit ihren grünen Katzenaugen direkt in die Augen. Doch mir ist es nicht im Ansatz unangenehm.

»Ich weiß, welcher Tee der Ihre ist. Sie mögen Brombeeren?« Mit einer Eleganz, die ich bei ihrer Leibesfülle nicht vermutet hätte, bewegt sich Assa durch den Raum und hinter die Teebar. Dort holt sie aus dem Regal, das vom Boden bis zur Decke mit glänzenden goldenen Dosen gefüllt ist, fünf davon heraus. Sie stellt sie vor sich hin, öffnet sie und schnuppert kurz an jeder. Dann nimmt sie einen Löffel und schaufelt aus jeder Dose den jeweiligen Tee in ein Teesieb. Bevor sie die Dosen wieder verschließt, nimmt sie aus der kleinsten nach. Aus einem der drei Samoware neben dem Regal lässt sie dampfendes Wasser durch das Sieb in eine Glastasse rinnen. Es läuft nur wenig Wasser heraus, sodass es eine ganze Weile dauert, bis das Teeglas gefüllt ist. Dann serviert sie mir das Getränk.

»Ringelblume kittet das Herz, Weißdorn lässt es wieder heilen. Dazu etwas Rose gegen das Misstrauen und Kamille für das Selbst.«

»Und die fünfte Zutat?«, hauche ich und kann es nicht fassen, was sie da gerade aufgezählt hat. Vermutlich verraten mich meine verquollenen Augen und die dunklen Schatten darunter. Selbst Caros Hightech-Concealer musste heute Morgen die weiße Flagge schwenken angesichts der Dunkelheit unter meinen Augen.

»Brombeeren, weil Sie die mögen.«

Da ich nicht weiß, was ich sagen soll, drehe ich das Teesieb in der Tasse hin und her und konzentriere meinen Blick darauf.

»Schwenken Sie das Sieb nicht zu sehr.«

Ich sehe sie fragend an und halte inne.

»Ich kann sonst Ihren Tee nicht lesen.«

Unwillkürlich lege ich meine Stirn in mehr Falten, als ihr guttut. Ich lese keine Horoskope, ich interessiere mich nicht für Freitage, die auf einen 13ten fallen und ganz bestimmt sehe ich meine Zukunft nicht in einem Haufen ausgelaugter Teeblätter geschrieben.

»Nun schauen Sie nicht so verschreckt. Ich bin, nennen wir es, eine Art Teepsychologin.«

Mit einem Schmunzeln bügele ich meine Stirn wieder glatt. Meiner Neugier konnte ich noch nie widerstehen. Wer weiß, vielleicht verbirgt sich zwischen den Kräuterblättchen zur Abwechslung mal eine gute Nachricht. Wie wäre es für den Anfang mit: Und Nils’ bestes Teilchen blieb in dem fremden Schlund bis in alle Tage stecken, nun lebt er auf immer und ewig ohne.

»Was muss ich tun?«

»Zuerst sollten Sie den Tee abkühlen lassen, ehe Sie ihn trinken. Wie wäre es in der Zwischenzeit mit einem guten Stück Erdbeerkuchen?«

Kuchen ist mein Stichwort, Kuchen geht immer. Aber Erdbeerkuchen – Ende August? Alarmiert drehe ich mich zur Kuchenvitrine um, denn zu dieser Jahreszeit gibt es Erdbeerkuchen in der Regel nur mit akademischer Hilfe oder erdbeerähnlichen Gewächsen aus China, die in Einweckgläser gequetscht werden. Dazu noch eine Handvoll Allurarot-Farbstoffe und vier, fünf Esslöffel Piperonal-Aroma.

Noch ehe ich dankend ablehnen kann, ist Assa bereits aufgesprungen und ratscht an der Bar mit einem Kuchenmesser durch eine undefinierbar rötlich-braune Masse. Schon kippt das Gebilde auf einen Teller und wird von vollaromatisierter Sprühsahne getoppt.

»Wohl bekomm’s.« Strahlend wie die Morgensonne draußen im Hof stellt Assa den überladenen Teller auf den Tisch und lässt sich auf den Stuhl neben mir fallen, der mit royalblauem Samt bezogen ist. Dabei ächzen sie und der Stuhl gleichermaßen.

»Ui, Erdbeerkuchen. Zum Sommerende, ähm, fein.« Vorsichtig pikse ich mit der Kuchengabel, die ein wenig stumpf wirkt, in die quietschgelbe Masse unter den Pseudoerdbeeren.

»Genau! Ich kenne niemanden, der Erdbeeren nicht liebt und zusammen mit einem guten Sahnepudding passt das doch immer, nicht wahr.«

Ich nicke und erinnere mich daran, ein Lächeln in meine Mundwinkel zu schicken.

»Und ganz unter uns«, Assa beugt sich über ihrem Riesenbusen vertraulich in meine Richtung, »ist backen nicht gerade meine Lieblingsarbeit hier in der Teestube. Immer dieses penible Abwiegen und alles muss irgendwie im richtigen Verhältnis zueinander stehen, sonst wird es nix. Da ist dieser Erdbeerkuchen perfekt für mich. Den guten Boden gibt es praktisch abgepackt, ebenso den Pudding und die Erdbeeren. Das Schichten mache ich dann ganz gern.«

Habe ich es nicht gesagt!

Was mache ich denn jetzt mit dem nett gemeinten Stück? Als wäre ich an der Einrichtung interessiert, lasse ich meinen Blick durch die Teestube schweifen. Doch ich kann nicht das winzigkleinste Pflänzchen entdecken, das ich großzügig mit dem Kuchen düngen könnte.

»Ich würde mir gern erst einmal die Hände waschen.« Entschuldigend nicke ich Assa zu und erhebe mich. Rechts neben der Teebar führt mich ein Schild in die richtige Richtung.

An der Kuchenablage bleibe ich stehen. Ich kann einfach nicht wegschauen, es ist zu grauenvoll. Der Erdbeerkuchen ist nicht das einzige Opfer dort. Daneben schrumpelt noch ein halbes Dutzend gräulicher Muffins vor sich hin, ein angeschnittener Gugelhupf, trocken wie die Wüste Gobi, wartet auf Meißel und Hammer und über allem thront ein windschiefer Turm aus … ja, aus was eigentlich? Soll das eine Pfannkuchentorte sein?

Selbst wenn man die Scheibe der Vitrine auf Hochglanz polieren würde, wäre der Anblick nicht appetitlicher. Was für eine Verschwendung von Lebensmitteln! Es tut mir leid um jedes Ei und jeden Zuckerkrümel, der in diesen Backwerken steckt. Dabei sind es garantiert Herden von Zuckerkrümeln.

Bei genauerem Hinsehen entschwindet auch der Charme der alten Teebar und des antiken Regals dahinter. Was ich für Shabby Chic gehalten habe, entpuppt sich als ziemlich eingestaubt. Es ist schon fast eine Meisterleistung, so akkurat runde Ecken gewischt zu bekommen. Einzig die Teedosen, die drei Samoware und das Teegeschirr funkeln und glänzen in der Morgensonne.

Merkwürdig. Kopfschüttelnd gehe ich in das Bad, um mir die Hände zu waschen. Auch hier müsste mal dringend sauber gemacht werden. Es ist nicht schmutzig-schmutzig, die Teestube und auch das Bad sind durchaus gepflegt. Aber irgendwie liegt alles unter einer Schicht Staub, als würde es schon seit einer Weile ruhen.

Dabei wirkt Assa so tatkräftig und auch so absolut richtig in ihrem Teetässchen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ihr dieser eingerostete Zustand egal ist. Mit einem Mopp, ordentlich Spülmittel und ein wenig neuer Farbe ließe sich hier so viel verschönern. Die gemütliche Lage der Teestube ist einzigartig, dazu dieser lichtdurchflutete Gastraum mit Blick in den herrlichen Garten. Wenn dort im Winter Schnee liegt, könnten wir in den Zweigen des Kirschbaumes Lichterketten aufhängen, dazu ein knisterndes Feuer in dem Kamin in der Ecke des Cafés, eine dampfende Tasse herrlichen Kräutertees, zusammen mit Honigprinten und Butterstollen …

Langsam schlendere ich wieder zurück zu meinem Platz. Assa begrüßt derweil einen älteren Herrn und geleitet ihn zu einem Tisch am anderen Ende des Fensters. Er scheint ein Stammgast zu sein, denn in dem Moment, in dem er sich setzt, stellt Assa auch schon ein dampfendes Teeglas vor ihn hin. Zusammen mit einem Schrumpelmuffin. Der Arme.

»Ein reizender Herr«, flüstert mir Assa zu, als sie zu mir zurückkommt. »Ein wenig schüchtern für meinen Geschmack, aber es kann ja nicht jeder so ein Draufgänger sein wie mein zweiter Mann.«

Ich muss über Assa schmunzeln, in ihrer Gegenwart fühle ich mich ganz leicht.

Sie weist mit einer Hand auf meinen Stuhl, doch ich schüttele den Kopf. »Es tut mir leid, aber ich muss los. Meine Arbeit wartet.« Just in diesem Augenblick schiebt sich Nils wieder in meine Gedanken. Wenn ich gleich auf der Arbeit eintreffe, liegt die Konfrontation mit ihm direkt vor mir. Übelkeit quetscht meine Kehle zusammen und meine Knie zittern. Tief durch die Nase atmend, setze ich mich doch hin. Mit dem Ellenbogen schiebe ich den aufdringlich riechenden Erdbeerkuchen zur Seite.

»Mir ist gerade etwas unwohl«, entschuldige ich mich bei Assa.

»Das sehe ich, mein Kind.« Mit flinken Bewegungen räumt sie den Kuchen ab und stellt mir ein Glas mit frischem Wasser hin. »Ich denke, Sie sollten Ihren Tee trinken. Der ist gerade richtig.«

Auch das noch. Um das Kuchenexperiment bin ich glücklicherweise herumgekommen, aber jetzt gruselt es mir doch vor dem Tee und wie ich diesen dankend ablehnen kann, ohne Assa zu verletzen, ist mir ein Rätsel. Was soll’s, Augen zu und runter damit. Schlimmer als Pudding aus industrieller Massenhaltung mit ultrahocherhitzten Gen-Erdbeeren kann er nicht schmecken.

Mit Schwung hebe ich das Teesieb aus dem Glas und leere mit einem Schluck die Hälfte des Tees. Ich hole Luft für den zweiten Zug und halte inne. Auf meiner Zunge umtanzen sich Aromen in einer Fülle und Harmonie, wie ich sie noch nie bei einem Tee wahrgenommen habe. Ich schmecke die Süße von reifen Wildbrombeeren, ich kann regelrecht den Saft an meinem Gaumen spüren. Ein vanilliges Honigaroma und blumig herbe Noten flirten in meinem Mund miteinander.

Ich merke selbst, wie ich die Augen aufreiße. Ungläubig starre ich Assa an, die mich ruhig angrinst.

»Ich sage doch, mit dem Backen habe ich es nicht so. Aber bei Tee weiß ich Bescheid.«

Assas Kommentar könnte arrogant klingen, tut er aber nicht, denn was ich hier trinke ist großartig. Und damit meine ich nicht nur den Geschmack, sondern auch mein Herz wird leichter, so als würde jemand über die Schrammen pusten und eine heilende Salbe auftragen. Was hat sie vorhin gesagt? Irgendeine Blume für das Herz und Rose, ja Rose und Kamille für mich selbst. Bisher habe ich Kamillentee immer für das quälende i-Tüpfelchen bei einem Magen-Darm-Infekt gehalten.

Voller Genuss trinke ich Schluck für Schluck die warme Flüssigkeit aus und genieße sie bis zum letzten Tropfen. Dann halte ich Assa das leere Glas unter die Nase. »Mehr.« Und dieses Mal ist mein Lächeln absolut echt.

Assa wackelt mit dem Zeigefinger. »Den guten Tee wollen wir doch erst einmal in Ruhe wirken lassen. Wie wäre es stattdessen mit einem Blick in Ihre Teekräuter?«

Begeistert nicke ich. Was so lecker schmeckt, kann nur gut und richtig sein, oder?

Assa schnappt sich das Teesieb aus meiner Hand. Sie beugt sich damit weit zur Fensterscheibe hin, um, wie es aussieht, auch das geringfügigste Quäntchen Licht in das Teesieb zu leiten. Dabei kneift sie die Augen fest zusammen und ihr Gesicht nimmt einen eher ungesund aussehenden, roten Farbton an.

Mein Herz rast, dazu bohre ich die Fingernägel in die Handflächen und beuge mich mittlerweile selbst bedenklich schräg über den Tisch.

»Ist es so schlimm?«, hauche ich. Assas Augen sind so weit zusammengekniffen, dass sie die Welt eigentlich nur noch als Strich wahrnehmen dürfte.

»Schlimm?« Assa blickt auf, behält aber ihren verkniffenen Gesichtsausdruck bei. »Schlimm ist hier gar nichts. Ich lese nur.«

Okay, ich habe zwar noch nie jemanden so angespannt lesen gesehen, aber das heißt ja nicht, dass es so etwas nicht gibt. Beruhigt hat mich ihr Hinweis freilich nicht.

»So, so«, murmelt sie vor sich hin und »Aha«, begleitet von »Ah, ja.« Dann sieht sie mich wieder an. »Welche Frage möchten Sie eigentlich beantwortet haben?«

Völlig davon überrumpelt plappere ich aus, was mir als Erstes durch den Kopf geht. »Werde ich mich jemals wieder verlieben?«

So ein Blödsinn! Habe ich keine anderen Sorgen? War es nicht erst gestern, dass ich meinem Freund – sorry, Exfreund – beim Sex zugesehen habe – mit einer ANDEREN?

»Ich, ich …«, stammele ich hinterher, aber Assa winkt nur ab und konzentriert sich wieder auf ihre Lektüre.

Schließlich stellt sie das Teesieb zurück auf eine Untertasse und lächelt mich an.

»Sie werden sich schon bald wieder verlieben und das Beste daran ist, auch er wird Sie lieben.«

Ich atme hörbar Luft aus, von der ich gar nicht wusste, dass ich sie angehalten habe. Das ist eine nette Nachricht. Erwartungsvoll sehe ich Assa an, doch sie schweigt.

»Und?«, helfe ich ihr ein wenig nach.

»Was und?«

»Wie sieht er aus, zum Beispiel?« Steht das nicht auch in den Teeblättern? Also nicht, dass mir das Aussehen so wichtig wäre, schließlich geht es um sein Herz. Aber gepflegt sollte er schon sein und gut angezogen und ich mag Männer mit schokobraunen Augen und dunklem Haar.

»Wie er aussieht?« Assa stutzt, blickt dann kurz in das Teesieb und nickt. »Halten Sie Ausschau nach einem mittelgroßen, mittelschweren Mann.«

»Mit braunen Augen?«

»So in der Art.«

»Und dunklen Haaren?«

»Braune Haare sind immer gut.«

Assa legt ihre Hand quer über den Tisch auf meine. »Das Wichtigste aber wird sein, dass er Sie liebt und Sie ihn. Er wird Ihr Herz heilen, auch wenn es gar nicht so kaputt ist, wie Sie gerade glauben.« Assas Stimme sinkt zu einem Flüstern herab. »Häufig ist ein Weg, den wir gerade gar nicht entlanglaufen wollen, der richtige. Wir sollten uns nicht von den herumliegenden Steinen und den Schlaglöchern abhalten lassen und auch nicht davon, dass wir manchmal ungeschützt im strömenden Regen wandern. Stattdessen sollten wir einen Schritt nach dem anderen gehen, ohne zu vergessen, dass am Wegesrand so manch hübscher Regenbogen in einem Regentropfen aufleuchtet, wenn wir nur sorgfältiger hinsehen.«

Die Glocke über der Tür schnippst mich von einem einsamen Waldweg zurück ins Teetässchen. Der Postbote, der die Teestube betritt, tippt sich mit einer Handvoll Briefen an die Schiebermütze, legt seine Gaben auf die Teebar und verschwindet wieder.

Hastig stehe ich auf. Wie peinlich, dass ich während Assas esoterischer Rede so an ihren Lippen gehangen habe. Fast hätte ich mir ein paar Wanderschuhe besorgt, diese geschnürt und mich aufgemacht in die tiefsten unberührten Wälder meines Herzens.

Assa erhebt sich mit mir und schüttelt ihre Zelttunika zurecht.

»Ich muss jetzt wirklich los. Was bekommen Sie?« Meine Wangen brennen, während ich in meiner Tasche nach der Geldbörse krame. Hoffnung und Schmerz duellieren sich gerade in mir und die Ahnung darüber, was heute noch vor mir liegt, legt sich wie Stacheldraht auf mein Gemüt.

»Eins fünfzig, bitte.«

Ich halte mit dem Kramen inne und blinzele Assa an. »Aber selbst der Tee allein …«

Mit beiden Armen winkt Assa ab. »Vom Kuchen hatten Sie ja leider nichts.«

Mit schlechtem Gewissen drücke ich ihr einen Fünf-Euro-Schein in die Hand. »Stimmt so«, murmele ich.

Assa begleitet mich zur Tür, öffnet diese und hakt sie ein. »Wenn Ihnen mal wieder der Sinn nach einer guten Tasse Tee steht, dann kommen Sie gern zu mir ins Teetässchen. Ich bin immer hier.«

»Das werde ich, der Tee hat mir gutgetan.«

»Ich wünsche Ihnen alles Gute.« Assa strahlt mich an und ich bin mir in diesem Moment sicher, dass wirklich alles gut werden wird. Vielleicht nicht unbedingt heute, aber bestimmt irgendwann.

Kapitel 5

N wie Nils

Nugat-Macarons

Zartschmelzendes, cremig gerührtes Gianduia geht eine Liaison ein mit goldbraunem Haselnussbaiser aus gerösteten Lambert-Haselnuessen, garniert mit knackigem Haselnusskrokant.

Langsam schlendere ich über den Hof, an dem Kirschbaum vorbei, dessen Früchte tiefrot an den Zweigen hängen. Am liebsten würde ich meine Schuhe abstreifen, auf einen der Äste klettern und mich an den saftigen Kirschen satt essen. Dabei würde ich meine Beine und meine Seele in der Sonne baumeln lassen.

Zu meiner Linken bekleidet gerade eine junge Frau eine der Schneiderpuppen mit einem hauchzarten Sommerpullover aus silbrig schimmerndem Kuschelgarn.

Magisch von diesem herrlichen Teil angezogen gehe ich zu ihr. »Dieser Pullover ist unglaublich schön. Haben Sie den selbst gemacht?«

Eine helle Röte breitet sich auf ihren Wangen und ihrer Stirn unter dem hellbraunen Pony aus. Verlegen lässt sie das Pulloverkunstwerk los und richtet sich den Zopf im Nacken.

»Ich dachte, jetzt, wo sich der Sommer seinem Ende zuneigt, wird es wieder Zeit für etwas Kuscheliges, das jedoch nicht so schwer und fest wirkt.« Nun färben sich auch ihre Ohrspitzen rötlich ein, sie scheint nicht gerade die geborene Verkäuferin zu sein.

»Wie fein die Fäden miteinander verknüpft sind.« Zart streiche ich über einen Ärmel, der sich wie Flaum anfühlt.

»Ich habe den Pullover in der Lace-Technik gestrickt. Viel Luft und viel Liebe für jede Masche.«

»Wie beim Backen. Da geht es auch um Luft und Liebe.«

»Oh, sind Sie Bäckerin?«

»So in der Art, ja. Ich bin Konditorin.« Auf Abwegen.

Aus der Werkstatt gegenüber rumpelt es kurz so laut, dass ich nicht einmal mehr die Vögel in dem Kirschbaum zwitschern höre. Anschließend ist es still, bis ein »So ein Mist!« folgt, welches aus tiefster Seele zu entsteigen scheint.

Ein Lächeln umspielt den Mund der Frau und sie blickt mit Sehnsucht über den Hof. »Das war Leon Carpenter, ihm gehört die Schreinerwerkstatt drüben.«

»Und wie es aussieht, rumpelt es dort öfter mal?«

»Definitiv.« Lachend wendet sie sich wieder der Schneiderpuppe zu und zieht den Pullover gerade. Ihre feinen Finger berühren dabei kaum das zarte Garn. Irgendwie ist alles an ihr sehr fein, wie ihr handgestrickter Pullover. »Bei uns im Hof ist es leider viel zu still. Da kommt mir ein wenig Gerumpel hin und wieder ganz recht.«

»Haben Sie noch mehr Sachen?« Ich blicke an dem Backsteingebäude empor, kann aber kein Schild entdecken, das Aufschluss über die Art des Ateliers geben würde. Nur neben der Tür steht eine kunstvoll bemalte Kreidetafel, auf der ein Sommerkleid und eine Hose aufgemalt sind.

»Drinnen habe ich noch mehr meiner Kleiderkollektionen. Ich liebe es, Kleidung zu designen. Meistens arbeite ich aber als Änderungsschneiderin.«

Die Frau geht mir voran in den Laden und ich folge ihr.

In dem vorderen Teil des sonnendurchfluteten Raumes stehen Schneiderpuppen in Grüppchen beieinander. Die einen tragen luftige Sommerkleider aus schimmernden Seiden- und Jersey-Stoffen und die anderen fließende Baumwollhosen sowie herrliche Strickpullover ähnlich dem, den ich bereits bewundern konnte.

»Unglaublich! Was für schöne Sachen.« Ich spaziere von Puppe zu Puppe und kann mich gar nicht sattsehen an den Eiscremefarben und zarten Stoffen. Jedes einzelne dieser Kleidungsstücke würde ich sofort an- und nie wieder ausziehen. Und das will etwas heißen, wenn ich meinem Fünfzigerjahre-Chic untreu werden möchte. »Die Leute müssten hier eigentlich Schlange stehen, um eines Ihrer Teile zu ergattern.«

Die junge Frau neigt ihren Kopf zur Seite und lächelt schüchtern. »Schlangen haben wir in unserem versteckten Hinterhof-Biotop noch keine gesehen – leider.«

Da liegt hier dieses Juwel, nur durch einen Torbogen getrennt, in einem der hipsten Stadtviertel Berlins und wird nicht gefunden. Warum eigentlich nicht?

»Ich komme gerade aus dem Teetässchen …« Durch die große Frontscheibe sehe ich zur Teestube hinüber. Assa sitzt bei dem älteren Herrn und lacht gerade so herzhaft, dass der rote Haarknödel auf ihrem Kopf hin und her schwankt. »Ist es dort auch immer so ruhig?«

Die junge Frau stellt sich neben mich und blickt hinüber. »Es gibt zwei, drei Stammgäste. Aber das war es dann meistens auch schon. Wenn sich Leute hierher verirren, brechen sie in der Regel beim Anblick unseres Hofgartens in Entzückensrufe aus und gehen dann bald wieder. Manchmal denke ich, wir sind einfach zu altmodisch, zu grau, irgendwie unsichtbar – farblos.«

»An Ihrer Mode und Assas Teekompositionen kann es nicht liegen … indes der Kuchen …«

»Oh ja, Assas Kuchenspezialitäten. Aber der Tee reißt es definitiv wieder raus.«

Ich nicke langsam. In der Tat, der Tee reißt es wieder raus.

»Ich bin übrigens Miela«, stelle ich mich der Frau vor und reiche ihr meine Hand.

»Dana Sastra«. Dana nimmt meine Hand und drückt sie unerwartet fest. In diesem zarten Persönchen stecken mehr Kraft und Willen, als es auf den ersten Blick den Anschein hat.

Es fällt mir schwer, mich zu verabschieden. Ob ich will oder nicht, ich bin mittlerweile ziemlich spät dran für die Arbeit und heute warten haufenweise Teige auf mich.

Und Nils.

Ich taste nach dem Handy in meiner Rocktasche. Es hat während der ganzen Zeit nicht ein einziges Mal vibriert. Dennoch hole ich es heraus und sehe nach. Nichts.

»Vielen Dank für den Rundgang. Ich werde mit Sicherheit mit meiner Freundin wiederkommen und danach bleiben dir nur noch nackte Puppen übrig.« Mein Ton soll leicht klingen, doch die Tränen, die sich schon wieder auf den Weg machen, verwässern meine Stimme.

»Alles okay?« Dana sieht mich warm mit ihren haselnussbraunen Augen an.

»Geht schon«, flüstere ich und eile zum Ausgang. Im Hof atme ich tief durch und straffe die Schultern. Gramsie bläut mir immer wieder ein, dass es einem durchaus mal schlecht gehen darf – es muss nur nicht jeder sofort sehen. Genau, und vor allem Nils wird gleich absolut gar nichts zu sehen bekommen.

Ich will eben durch den Torbogen zurück in die Wirklichkeit tauchen, als die Tür der Schreinerwerkstatt aufgerissen wird und ein Mann mit weißem T-Shirt und grüner Latzhose herausstürmt. »Moin«, knurrt er mich an und stürmt weiter in Richtung Teetässchen.

Das ist also der rumpelnde Schreinermeister, der es Dana angetan hat. Respekt für dieses Ziel, wenn es auch nicht gerade das einfachste ist, aber ein durchaus lohnenswertes so auf den ersten Blick.

Durch die geöffnete Werkstatttür erspähe ich einen Esstisch aus honigfarbenem Holz. Die Oberfläche schimmert glatt wie Seide und die dazugehörigen Stühle sehen so bequem aus, dass ich mich am liebsten mit einem Haufen Freunde an den Tisch setzen und bei einem köstlichen Essen – am liebsten einem Weihnachtsessen mit sahnigem Kartoffelauflauf und Bratäpfeln – fröhlich sein würde.

Ich trete ein paar Schritte näher. Gegenüber der Tür steht ein Regal, in dem ein Dutzend Lichterbogen auf ihren Einsatz warten. Diese sind so fein gearbeitet, dass ich die Glocken der handgeschnitzten Kirchen darin höre und die Schneeflocken, die darum herum flirren, kühl auf meiner Wange fühle.

»Kann ich etwas für Sie tun?«

Die Brummbärstimme reißt mich aus meinem Winterwonderland und ich wirbele herum, direkt vor die grüne Brust des Schreiners, die, so aus der Nähe betrachtet, sehr imposant wirkt. Er sieht mit ernstem Gesicht zu mir herunter, ohne Verkaufslächeln. Eine Hand hat er in der Hosentasche vergraben und in der anderen hält er eines von Assas Teegläsern mit einem sehr dunklen Tee darin. Malziger Schwarzteeduft erfüllt die Luft … und noch ein Aroma. Gern würde ich ihm den Tee abnehmen und das würzige Getränk kosten. Könnte es Zitronenthymian sein?

»Die Werkstatttür stand offen und da habe ich diesen herrlichen Esstisch gesehen und dahinter diese grandiosen Lichterbogen.«

»Dann haben Sie ja alles gesehen«, sagt’s und verschwindet in der Werkstatt. Immerhin donnert er mir nicht die Tür vor der Nase zu.

Kurz überlege ich, zurück ins Teetässchen zu gehen und Assa nach der Zutat des schwarzen Tees zu fragen. Vielleicht Verbene? Oder Zitronenmyrte? Doch ein Blick auf meine Uhr macht mir Beine. Das gibt Ärger!

»Das Fräulein Ladur! Ich hoffe, du hast wohlgeruht und bist nun endlich in Laune für deine Teiglinge.« Die Rs rollen von hinten über mich hinweg. Durch das Foyer hatte ich es meiner Meinung nach ungesehen geschafft, doch die Tür zur Backstube ist noch sieben Zentimeter von meiner Hand entfernt.

Ich drehe mich um. »Guten Morgen, Constanze. Es tut mir wirklich leid, dass ich zu spät bin, aber …«

»Die Verkostung der Herbsttörtchen wird vorgezogen. Franklin, der begnadetste aller Food-Fotografen, kann heute für ein erstes Briefing nur zwischen elf und zwölf. Sieh zu, dass wir ihm etwas Vernünftiges zeigen können. Ich will, dass dieser Bursche unseren Auftrag annimmt! Du weißt hoffentlich, wer Franklin McDorman ist?«

Ich nicke automatisch.

»Aber eigentlich fotografiert doch …«, ich muss mich kräftig räuspern, denn ich bekomme den Namen nicht aus meinem Mund. »Warum fotografiert nicht … Nils?«

»Franklin ist die Chance, unser Magazin in die nächsthöhere Liga zu katapultieren. Gegen Franklin ist Nils ein Schnappschussfotograf.«

Constanze sieht auf ihre Armbanduhr, die sich in Form goldener Edelweißblüten um ihr Handgelenk schmiegt. Passend zu dem Miederoberteil ihres Dirndls, welches ebenfalls mit Edelweißblüten bestickt ist.

»Geh mia«, scheucht sie mich in die Backstube. Doch anstatt wie üblich im hehren Dienste ihrer WeSelf davonzurauschen, bleibt sie an den Türrahmen gelehnt stehen.

Was soll das nun? Ausführlich wasche ich mir die Hände und binde mir eine Schürze um. Nach einem Blick auf meine Notizen hole ich aus dem Kühlschrank den Hefeteig, den ich gestern Abend angesetzt habe. Dick und seidig weich hat er sich in der Schüssel verdreifacht. Zufrieden fahre ich mit den Fingerspitzen über die feinen Poren. Das wird einen Fluff von einem Kuchen geben. Fast vergesse ich über die Bewunderung für meinen Teig Constanze, die sich ihre tannengrüne Dirndlschürze glatt streicht – obwohl diese wahrscheinlich noch nie eine Falte gesehen hat. »Wie es ausschaut, bist du wach genug, um zu backen. Ich wollte nur sichergehen, dass du dich nicht mit einem Kaffee in die Ecke hinter den Ofen setzt und wegdöst. Du siehst maßlos müde aus.«

Empört richte ich mich auf und klatsche den Hefeteig auf die Arbeitsfläche. Ich habe mich noch nie mit einem Kaffee in irgendeine Ecke gesetzt, um zu dösen! »Ich bringe dir gleich etwas Leckeres hoch«, knurre ich meine Chefin an.

»Wie gesagt, ich will heute das Beste vom Besten für Franklin. Gib dir mal Mühe.« Nach dieser Ansage dreht sie sich endlich um und verlässt die Backstube.

Kräftig walke ich den Teig durch und stelle mir vor, es wäre Constanze.

»Ach, Miela!«, kommt sie kurz darauf zurück.

Langsam wende ich mich mit einem schweren Backblech in den Händen zu ihr. Was denn nun noch? Soll ich sie jetzt auch noch mit Sahne dekorieren für den tollen Herrn Food-Fotografen? Die Idee gefällt mir und ich grinse breit.

»Wie du sicherlich schon weißt, hat Nils heute Morgen gekündigt, fristlos. Er ist bereits auf dem Weg nach Irgendwo.«

Mit allergrößter Mühe stelle ich das Backblech auf die Arbeitsplatte. Zumindest dachte ich, dass die Arbeitsplatte da wäre. Leider ist dort nur eine Kante und das Blech knallt samt Pflaumentörtchen zu Boden.

Den Rest des Tages sehe ich mir selbst zu. Ich sehe Miela, wie sie einen Vanille-Gugelhupf mit einer saftigen Quitten-Mousse bäckt, dazu karamellige Cupcakes mit Birnenherzen, einen Süßrahmbutterkuchen gekrönt mit Pflaumenstreuseln und als Highlight eine vierstöckige Maronentorte mit einer dunklen Trauben-Schoko-Ganache.

Ich koste nicht ein einziges Mal. Nicht die süße Eiervanillecreme, nicht die zimtigen Birnenstückchen und schon gar nicht die bittersüße Schokolade.

Franklin wirft sich vor meinen Törtchen auf den Boden und fotografiert, als hätte er den Zucker meiner gesamten Kreationen auf einmal inhaliert. Immer wieder versichert er mir, wie great und fantastic und gorgeous meine Backwerke – und ich gleich mit – doch seien. Constanze wird von ihm für Botendienste zweckentfremdet. Sie darf ihm Mineralwasser holen, medium, sulfatfrei, mit hohem Magnesiumgehalt, sowie brasilianischen Kaffee, frischgemahlen und koffeinfrei, mit Sojamilch, aber die fettreduziert.

Wie es aussieht, haben wir Franklin als Fotografen für unsere Herbstausgabe gewonnen. Constanze lässt am Nachmittag die Korken knallen und der Glanz in ihren Augen verrät mir, wie glücklich sie ist. Ein Prösterchen in meine Richtung ersetzt dabei das Danke.

Der Tag tropft an mir vorbei und sooft ich auch auf mein Handy starre, es bleibt still. Bis auf eine SMS von Caro, die auf dem Weg zu mir in die Redaktion ist.

Keine Nachricht von Nils, schon gar kein Anruf. Einmal bin ich kurz davor, seine Nummer zu wählen. Doch ausnahmsweise kommt Constanze mal im richtigen Moment zu mir, um mich herumzukommandieren.

Nils, wo bist du bloß? Warum tust du mir das an, du Mistkerl?

Die ganze Redaktion ergeht sich in Mutmaßungen, überall wird hinter meinem Rücken gewispert und getuschelt. Wenn ich mich umdrehe, gibt es stattdessen mitleidige Blicke. Am späten Nachmittag wagen die ersten Neugierigen, mich direkt anzusprechen. Doch meine Antworten bestehen lediglich aus Schulterzucken.

Eine heiße Träne läuft an meiner Wange entlang, schlapp kauere ich auf einem Hocker in der Backstube. Bis zu den Haarspitzen mit Frust angefüllt überkreuze ich die Arme auf der Arbeitsfläche und lege den Kopf darauf.

Ein leises Klopfen an der Tür stört mein Elend. Ich blinzle mit einem Auge und da fliegt mir auch schon Caro entgegen. Fest nimmt sie mich in die Arme und wiegt mich hin und her, warm umhüllt mich ihr Vanilleduft und geborgen schmiege ich mich an sie.

Nach einer Weile hebt sie mein Kinn mit ihrem Zeigefinger an und mustert mich aus Schokoaugen, die einen Kakaoanteil von mindestens 92 Prozent haben.

»Sooo schlecht siehst du ja gar nicht aus.« In ihrer rauchigen Stimme, die immer eine Spur heiser klingt, schwingt Erleichterung mit. »Ich glaube, es besteht noch Hoffnung für dich. Lass es uns hinter uns bringen. Wir holen deine Sachen aus der Wohnung und fahren dann zu mir und dort bekommst du das ganze Freundinnenprogramm geboten.«

Caro zieht mich vom Hocker und ich schlüpfe in meine Ballerinas. »Ich bestehe aber auf meinem Karaokeausflug. Wenn ich schon im Dreck krauche, dann will ich mich darin auch so voll und ganz wälzen.«

»Kriegst du, mein Mädchen. Aber zuerst der unangenehme Teil.«

»Welchen meinst du? Nils’ Wohnung oder den Karaokeausflug?«

»Das ist meine Miela.« Caroline umarmt mich noch einmal kurz und drückt mir einen Schmatzer auf die Wange. »Bist du hier fertig?«

Ich nicke und ziehe die Kuchenform zu mir heran, die ich zum Auskühlen auf die Arbeitsplatte gestellt habe. »Der Gute hier muss nur noch in den Kühlschrank.« Mit Schwung hebe ich die Form an. Doch wie es aussieht, habe ich vergessen, sie fest zu schließen, denn der Ring löst sich und das Unterteil bleibt stehen. Leider ist der Käsekuchen beim Backen alles andere als fest geworden und läuft mit einem Platsch in alle Richtungen davon.

Caro tippt mit dem Zeigefinger in die cremige Masse und schleckt sie ab. »Läuft doch bei dir. Zwar rückwärts und bergab, aber es läuft.«

»So, das war der letzte Karton.« Caro schüttelt ihren kinnlagen schwarzen Bob in Form, wobei es da nicht viel zu schütteln gibt. Die Haarpracht meiner Freundin sitzt auch dann wie frisch vom Friseur, wenn sie gerade vom Sport kommt.

In Caros Flur stehen fünf Umzugskartons. Erschreckend, mein Leben passt in fünf Kartons! Und drei davon sind mit meinen Kleidern und Petticoats gefüllt und einer mit Backbüchern. Ich lasse mich auf einen Karton sinken und fühle mich erbärmlich. Nicht einfach nur verlassen und weggetreten, betrogen und hintergangen, sondern so richtig und durch und durch erbärmlich.

Caro zieht aus ihrer rechten Hosentasche eine Tafel Vollmilchschokolade und aus ihrer linken zwei Zitronenbonbons und setzt sich mit überkreuzten Beinen vor mich auf den Boden. Sie wickelt die Schokoladentafel aus und reicht sie mir zusammen mit den Bonbons.

»Statt Brot und Salz. Herzlich willkommen in deinem neuen Zuhause.«

Mein Appetit macht gerade Urlaub in Timbuktu, dennoch nehme ich Caros Trösterli mit Tränen in den Wimpern an. »Meinst du, er hat mich öfter betrogen?«

»Spielt das denn eine Rolle?«

Ich zucke mit den Achseln. Spielt es eine Rolle? Aber zu sehen, wie sich Nils’ Wohnung so gar nicht verändert hat, nachdem ich meine Sachen herausgeräumt habe, stimmt mich noch trauriger. Ich bin absolut austauschbar. Dabei wünsche ich mir so sehr, die Eine für meinen Einen zu sein.

»Für mich bist du die Beste.« Caro sieht mich so intensiv an, dass ein Teil meines Kummers schmilzt.

»Danke.«

»Und weißt du was, solange du in Phase eins deines Liebeskummers feststeckst, wird es im Gefrierfach dieser Wohnung stets das beste Eis jenseits von Italien geben. Das habe ich höchstpersönlich mit Sunny geklärt.«

»Und in Phase zwei?«

»Kannst du deine Wut mit Tiefkühlerbsen runterkühlen und wieder selbst ins Schneeflöckchen gehen.«

Kapitel 6

A wie Aufwachen

Apfel-Macarons

Ein saftiger Alkmene-Apfel verschmilzt mit dem Mark einer Vanilleschote zu einem cremigen Kompott – und verbindet sich mit Macaronhälften, denen getrocknete Granny-Smith-Schalen beigefügt werden, zu einem unwiderstehlichen Ganzen.

Seit gestern Abend spürte ich es bereits, allerdings wollte mir niemand glauben. Doch ich habe recht. Wirbelnde weiße Flocken, groß wie Wattebäusche, tanzen vom Himmel herab und hüllen all die kahlen Äste und grauen Gehwege in ein schimmerndes Winterkleid.

Die Tür zu meinem Zimmer wird aufgerissen und Caro steckt ihren Schopf herein. »Es schneit! Wie gelingt dir das bloß jedes Mal? Der Wetterbericht hatte nicht eine einzige Schneeflocke auf dem Radar!« Mit großen Augen hockt sich Caro zu mir auf die Sitz-Fensterbank und sieht dem weißen Treiben draußen zu. »Das gibt ein schönes Chaos auf den Straßen! Gut, dass heute Samstag ist.«

Ich zucke mit den Schultern, was mir gleich einen Stoß in die Rippen beschert. »Den Tick kannst du dir übrigens gern mal abgewöhnen. Langsam ist es genug mit deiner Ist-mir-egal-Laune.«

Erschrocken drehe ich mich zu Caro um. Ihre Worte sind ungewohnt heftig und selbst Mamsellchen auf meinem Schoß faucht kurz auf und springt von dannen. Caro zieht einen Flunsch. »Ist doch wahr«, murrt sie.

Voller Weltschmerz seufze ich ausgiebig – auch ein neuer Dauerton von mir. Ich bin so vollkommen müde, lustlos, bitter. Haare waschen, ach was, verschieben wir es auf morgen; an meinen freien Tagen mal die verbeulte Jogginghose im Schrank lassen, och nö, mich sieht doch keiner; eine Mahlzeit zubereiten, die länger gekocht werden muss als dreißig Sekunden in der Mikrowelle, nee, lieber nicht, dauert zu lange.

In meinem Bauch kribbelt es und die Härchen an meinen Armen richten sich auf.

Ich bin faul. Eigentlich, und uneigentlich auch, bin ich schlicht und ergreifend faul geworden.

»Was hast du?« Caro zieht die Augenbrauen in die Höhe.

Ich entspanne meine Gesichtsmuskeln, die sich angesichts meines Selbstgeständnisses angespannt haben. »Caro, ich will so nicht weitermachen«, wispere ich.

»Halleluja!« Meine Freundin sinkt vor mir auf die Knie und streckt die Arme nach oben. »Sie hat Phase drei erreicht.«

»Und die wäre?«

»Die Rückkehr in ein geordnetes Leben, mit frischgewaschenen Haaren, gut sitzenden Hosen und Essen, das nicht aus dem Tiefkühler kommt.« Caro umarmt kurz meine Knie. »Und was noch viel schöner ist, die Rückkehr meiner fröhlichen, neugierigen, romantischen Freundin Miela.«

Es knackst in meinem Rücken, als ich mich von der Fensterbank erhebe und von den Zehen bis zu den Ohrspitzen durchstrecke.

Die vergangenen Wochen haben mich bequem werden lassen, schließlich war ich das Opfer und durfte ausgiebig meine Seelenwunden lecken. Jeder hatte Verständnis – oder hat zumindest so getan – und ist auf Zehenspitzen um mich herumgeschlichen. Bis auf Constanze, versteht sich. Die hat mir nur gesagt, ich solle aufhören zu heulen, denn etwas Besseres als Nils würde ich allemal finden. Das Kuriose war, dass ich ihr geglaubt habe, obwohl ich es gar nicht wollte. Doch in Constanzes Gegenwart konnte ich mich nicht in meinem Weltschmerz suhlen, weil er gar nicht da war. Nun gut, vielleicht ist das Backen ein wenig mein Pflaster gewesen, aber definitiv auch Constanze. Nicht, dass ich ihr das je sagen würde!

Ich gehe zum Schreibtisch und öffne die oberste Schublade. Heraus nehme ich drei Postkarten. Eine aus Barcelona, eine aus London und eine von Mallorca. Alle drei Karten hat Nils an mich geschrieben. Auf allen erzählt er von seinen Fotografenjobs und den spanischen Gebäckstücken sowie englischen Teekuchen, die er in irgendwelchen Bäckereien entdeckte, dabei konnte er bisher einen Gugelhupf nicht von einem Streuselkuchen unterscheiden. Und doch enden alle drei mit einer Entschuldigung.

»Es sind jetzt fast drei Monate, Caro. Kann man sich wirklich in drei Monaten entlieben, nachdem man drei Jahre miteinander gelebt hat?«

Caro zögert kurz. »Vermutlich ist es nicht mehr als das gewesen, Miela. Ihr habt miteinander gelebt. Punkt.«

»Manchmal vermisse ich ihn und dann wieder glaube ich, dass ich nur vermisse, jemanden in den Arm zu nehmen und zu lieben, die Gewohnheit irgendwie.«

»Mamsellchen bekommst du nicht.« Caro lächelt mich an.

»Ich will das ganz große Kino. Mit Myriaden von Schmetterlingen im Bauch und im Herzen. Ich will im Regen tanzen und ich will begehrt werden. Nur ich.«

Caro steht auf und legt einen Arm um meine Taille. »Und das sollst du auch bekommen.«

»Und wenn nicht? Ich bin schon dreißig und damit näher an meinem Verfalls- als an meinem Herstellungsdatum.«

Empört boxt mich Caro in die Seite. »Na hör mal! Ich bin genauso alt und fühle mich besser denn je. So einen gerührten Quark möchte ich nicht mehr von dir hören!«

»Du hast gut reden. Sobald ein Mann deiner ansichtig wird, vergisst er sein Woher und Wohin und schmeißt sich dir zu Füßen. Und dann musst du nur noch wie im Eisladen wählen: eine Kugel von dem braunhaarigen Wuschelkopf da hinten, zwei Kugeln von dem Blondschopf hier vorn und oben drauf einen Klecks Sahne.«

»Neidisch?« Caro grinst mich an.

»Nicht wirklich.«

»Komm schon, Mielachen. Es kommt, wie es kommt, und du kommst jetzt erst einmal zurück in den Alltag einer ganz normalen jungen Frau, die sich ihres Lebens freut.«

Ich salutiere mit durchgedrücktem Rücken vor Caro. »Was hältst du davon, wenn wir gleich damit anfangen? Heute gibt es in der Villa Rinder-Schmorbraten mit honigglasierten Möhren und einer Partie Scrabble.«

»Bei dem Wetter?« Caro zeigt zum Fenster, vor dem noch immer Riesenflocken zu Boden schweben.

»Ach, das hört gleich auf. Wirst sehen, in einer Stunde sind die Straßen nur noch ein wenig nass und diese Stunde kann ich gut gebrauchen, um die Staubschicht von mir herunterzuschrubben.«

»Eines deiner Gene muss mal einem Wetterfrosch gehört haben, denn im Moment sieht nichts danach aus, dass es jemals wieder aufhört zu schneien.«

»Es ist ja auch kein Wetterfrosch-Gen, sondern ein Eisbär-Gen. Meine Vorhersagen funktionieren nämlich nur im Winter, meine Liebe.« Damit schiebe ich Caro aus dem Zimmer und verabschiede sie mit einem Winken.

Langsam schlendere ich zurück zum Schreibtisch und lege Nils’ Postkarten zurück in die Schublade, zusammengebunden mit dem Schmerz und der Wut über seinen Verrat.

Und wieder habe ich recht. Caro und ich biegen gerade mit meinem Käfer in die Auffahrt zur Villa von Gramsie ein, da lugen schon ein paar Sonnenstrahlen durch eine Wolkenlücke. Vom Schnee von heute Vormittag sind nur hier und dort ein paar weiße Inseln übrig.

Schwungvoll lasse ich den Kies aufspritzen, während ich großzügig auf dem Stellplatz neben dem Haus parke. Auwei, wenn das Herr Ingbert sieht. Schnell steige ich aus und verwische mit dem Fuß meine verräterische Spur. Doch ich bin nicht schnell genug: Herr Ingbert, Gramsies einziger männlicher WG-Genosse, steht bereits als Empfangskomitee in der Eingangstür.

»Fräulein Miela!«, begrüßt er mich mit seiner konzertsaalfüllenden Bassstimme. Dabei deutet er eine Verbeugung an. »Wenn ich Ihnen erläutern dürfte, welch Schlechtigkeit Sie Ihren Reifen und dem Lack Ihres Gefährtes zumuten. Ganz zu schweigen von meiner Akkuratesse bezüglich der Pflege unserer Auffahrt.«

Ich nicke diensteifrig und ziehe Caro vor mich, die sicherlich amüsiert grinst. »Herr Ingbert, wie nett, dass Sie uns begrüßen. Sehen Sie mal, wen ich heute mitgebracht habe.«

»Das geschätzte Fräulein Caroline. Enchanté, madame!« Und tatsächlich verbeugt er sich vor meiner Freundin, nimmt deren Hand und küsst leicht ihren Handrücken.

»Ach, Sie Charmeur. Es ist mir eine außerordentlich große Freude, heute mit Ihnen speisen zu dürfen.«

»Und vergessen Sie nicht unsere Partie Scrabble hernach. Ganz unter uns, ich mag diese Englischisierung unserer feinen deutschen Sprache nicht, aber auch ich komme nicht umhin, dieses Spiel zu nennen, wie es nun mal genannt werden will. Wenn ich Ihnen erläutern dürfte, wie es zu diesem bemerkenswerten Spiel kam?«

Ich lasse ein wenig Abstand zu Caro und Herrn Ingbert und schlendere den beiden gemächlich hinterher. Caro hat an dem ehemaligen Oberstudienrat einen Narren gefressen, seitdem er vor zehn Jahren zusammen mit den anderen bei meiner Großmutter eingezogen ist. Ich glaube, er ist so etwas wie ihr Opa-Ersatz. Die beiden können stundenlang über dieses und jenes und alles diskutieren.

Von der großen Eingangshalle mit der geschwungenen Freitreppe aus Kirschholz schlendere ich nach links in die Küche. Die Tür steht offen und ich höre wie Adele eine Arie aus Madama Butterfly mitschmettert. Es duftet herrlich nach würzigem Braten und fruchtigen Möhren. Ich kann nur hoffen, dass wir bald essen.

»Hallo Adele.« Von hinten beuge ich mich zu der kugeligen Frau hinunter und umarme sie fest. In der einen Hand hält sie einen Schneebesen und in der anderen einen Rührlöffel. Beides kommt auch gerade gleichzeitig zum Einsatz. »Du wirbelst hier ja wieder Köstlichkeiten zusammen.« Ich linse über ihren Kopf hinweg in die Töpfe, die auf dem Herd blubbern.

»Mielachen, du kommst genau richtig.« Ohne ihr Kreuz-und quer-Rühren zu unterbrechen, schenkt sie mir ein Luftküsschen.

»Kann ich helfen? Vielleicht den Tisch decken?«

»Nicht nötig, mein Schatz. Ingbert hat schon alles vorbereitet. Geh du nur zu Elionore, sie ist hinten im Atelier.«

Wenn Herr Ingbert den Tisch gedeckt hat, kann ich wirklich nichts mehr helfen. Dann ist der Tisch so perfekt, dass er sich nach dem Essen quasi von selbst abdeckt.

Auf dem Weg zum Atelier komme ich am Wohnzimmer vorbei, wo Yvett auf einem Sofa sitzt, welches Platz für mindestens 27 Personen bietet. Sie telefoniert und zwirbelt dabei an einer ihrer goldblond gefärbten Bobsträhnen. Ich winke ihr zu und gehe weiter.

Im Atelier steht Gramsie vor einer Leinwand, die so groß ist wie sie selbst. Was nicht besonders groß ist, denn meine Großmutter ist ein zierliches Persönchen.

Gramsie dreht sich zu mir um, als ich das Atelier betrete. Hier scheint immer die Sonne, selbst wenn draußen schwarze Gewitterwolken alles Licht löschen. Das Gesicht und die Hände meiner Großmutter zieren bereits Flecken in diversen Farben, obwohl die Leinwand vor ihr noch leer ist. Selbst ihre silbernen, kurzen Haare werden von dunkelroten Flecken dekoriert.

»Miela, meine Liebe. Schön, dass du es trotz des Wetters geschafft hast. Ist Caroline mitgekommen?«

Ich küsse Gramsie auf die Wange und wir drücken uns für einen Moment. »Sie hat sich schon mit Herrn Ingbert ins Studierzimmer verzogen.«

»Er freut sich schon seit deinem Anruf auf Caroline. Hast du gesehen? Seine Samstagskrawatte hat er sich extra mit einem ganz besonderen Knoten um den Hals gewürgt.«

»Gramsie!«

»Na ist doch so. Welches Kleidungsstück, sofern wir bei einer Krawatte überhaupt von einem Kleidungsstück sprechen können, hat weniger Sinn als dieser schmale Stoffstreifen?«

»Die Männer wollen eben auch gut aussehen.«

»Deswegen müssen sie sich aber nicht gleich strangulieren, meine Liebe. Ein Mann, der auf sich achtet und sich pflegt, ist von allein ein wunderbarer Anblick. Ganz ohne Strick.«

Ich nicke ergeben, denn wenn Gramsie Ansichten hat, dann hat sie sie.

»Du siehst wieder besser aus.« Unvermittelt blickt mich meine Großmutter ernst an. »Ich habe mir in den vergangenen Wochen wirklich Sorgen um dich gemacht, meine liebe Miela.«

Gramsie zieht ein farbbesprenkeltes Tuch aus ihrer Kitteltasche und wischt sich damit über die Finger. Es ist nicht ganz klar, ob das Tuch die Farbe von den Fingern wischt oder die Finger die Farbe vom Tuch abbekommen. Mit für ihre Verhältnisse gesäuberten Händen greift Gramsie nach meinen. »Nils hat sich schändlich verhalten und er ist mit Sicherheit nicht der Einzige, der so gestrickt ist. Aber du bist einzigartig und ich bin immer für dich da. Bleib du selbst, meine liebe Enkeltochter, lass dich nicht von einem Mann verbiegen. Geh hinaus in die Welt und erobere sie.«

Ich schlucke schwer an meiner Rührung. »Ich gebe mir Mühe.«

»Manchmal reicht Mühe geben nicht, Miela. Manchmal musst du noch mehr tun.«

Ich bin mir nicht sicher, was sie meint, aber ihre Worte kribbeln in mir wie Brausepulver.

»Ich sehe, ich bringe in dir eine Saite zum Klingen. Das ist gut und gut ist auch, dass du endlich mal wieder ein Kleid trägst und dann noch in Farbe.«

Voller Freude über das Kompliment ziehe ich meine Hände aus denen meiner Großmutter und streiche mir über den engen Rock meines Vintage-Dior-Kleides. Sogleich ziert ein himmelblauer Streifen das Türkis des Kaschmirstoffes.

»Hast Glück, ist nur Wasserfarbe.« Beruhigend zwinkert mir Gramsie aus ihren bernsteinfarbenen Augen zu, die sie mir und meiner Mutter vererbt hat. »So, und nun entschuldige mich, ich möchte die Zeit bis zum Essen noch für Farbstudien nutzen.« Sie klopft mir wie einem alten Kumpel auf die Schulter und dreht sich zur Leinwand, um in ihre Malmeditation zurückzukehren.

So beschließe ich, schon mal ins Esszimmer zu gehen. Dort gibt es bestimmt das eine oder andere Leckerli zu stibitzen.

Hinter den bodentiefen Fenstern liegt der Garten im Halbdunkel vor mir. Schiefergraue Wolken bedecken mittlerweile den Himmel und spätestens zum Essen wird es erneut schneien. Und nicht so schnell wieder aufhören, aber das macht nichts. Es ist genau das richtige Wochenende, um mal wieder hier zu übernachten. Caro wird es auch freuen.

Im Schneidersitz setze ich mich auf meinen Platz an dem runden Esstisch, der nur in der Mitte durch einen kunstvoll geschnitzten Birkenholz-Standfuß gehalten wird.

In Schälchen angerichtet warten verschiedene Köstlichkeiten auf ihren Einsatz. Großzügig schnappe ich mir in Walnussöl eingelegte Oliven, mit Frischkäse gefüllte Honigtomaten und ein paar knackige Artischockenherzen.

Draußen beginnen die ersten schüchternen Schneeflocken vom Himmel zu schweben. Nicht zu fassen, nächste Woche ist bereits der erste Advent. In den Jahren zuvor war ich um diese Zeit längst im Weihnachtsrausch. Alles inklusive, angefangen bei duftenden Tannengestecken über honigtropfende Printen bis hin zu gemütlichem Kerzenlicht.

Und dieses Jahr?

Das Beschenken gehört mit zu meinen größten Weihnachtsfreuden, aber ich habe noch nichts. Normalerweise fällt es mir leicht, passende Geschenke für meine Lieben – und selbst für Fremde – zu finden. Doch ich fühle mich leer.

Langsam kaue ich eine Kalamata-Olive. Soll ich so tun als ob? Einfach mit den Weihnachtsvorbereitungen anfangen? Bei dem Gedanken füllt sich meine Weihnachtsleere leider kein bisschen. Dann soll es wohl so sein, wie es ist. Gefühle lassen sich nicht zwingen. Wie Mamsellchen: Wenn sie nicht schmusen will, hebt sie ihr Köpfchen und schreitet mit elegant gebogenem Schwanz davon.

Ich, Miela Ladur, bekennende Weihnachtssüchtige, werde in diesem Jahr Weihnachten Weihnachten sein lassen.

Mmh, fühlt sich auch nicht gut an.

Caro und Herr Ingbert, die eben in das Esszimmer kommen, beenden meine Grübelei. Caro setzt sich zu meiner Linken auf den Stuhl, Herr Ingbert selbstverständlich neben sie. Wie durch eine unhörbare Glocke gerufen, stromern nacheinander Yvett, Gramsie und Adele herein. Adele schiebt einen Servierwagen vor sich her, auf dem sich Schüsseln in allen Größen türmen. Herr Ingbert springt auf und serviert mit Adele zusammen das Essen.

»Wir sind vollzählig, meine Lieben.« Adele hebt ihr Wasserglas zu einem Prost. »Nur Tessa schippert lieber in der Karibik umher, als hier mit uns das Novemberwetter zu genießen.«

»Recht so.« Auch Herr Ingbert hebt sein Glas. »Dafür dürfen wir zwei nette Gäste bei uns begrüßen.«

»Und wie es aussieht, sogar für die Nacht«, ergänzt Gramsie fröhlich.

Den ersten Teil des Essens genießen wir schweigend. Jeder ist versunken in seinen butterzarten Braten mit den süßen Möhren. In dem Maße, in dem sich die Bäuche füllen, belebt sich unser Tischgespräch. Es beginnt mit einer Erläuterung über die Herkunft von Möhren von Herrn Ingbert, geht über den Nutzen von Wurzelgemüse für die Zähne von Yvett bis hin zu einer detaillierten Farbanalyse des Gemüses seitens meiner Großmutter.

»Apropos Farbe«, beendet sie ihre Exkursion, »wir sollten überlegen, ob wir nicht auch gleich ein paar der unteren Räume streichen lassen sollten, während der Dachboden ausgebaut wird.«

»Der Dachboden wird ausgebaut?« Mit einem unbeabsichtigt harten Rums stelle ich mein Glas zurück auf den Esstisch.

Herr Ingbert, Adele und Yvett seufzen schwer und in einer Tonlage.

»Das Dach ist leider fällig zur Rundumerneuerung und da dachte ich mir, wir nutzen gleich die Gelegenheit, den ollen, staubigen Dachboden wohnlicher zu machen.«

»Aber Elionore, so bedenke doch die wochen-, wenn nicht gar monatelange Belästigung durch Baulärm, Schmutz und fremde Bauarbeitermänner.« Herr Ingbert spricht das Wort Bauarbeitermänner aus, als wäre es eine ihm unbekannte Käferart, von deren Ungiftigkeit er noch nicht so recht überzeugt ist.

»Ich habe bereits mit einem Architekturbüro Kontakt aufgenommen, welches mir wärmstens aus meinem Bekanntenkreis empfohlen wurde. Die Damen und Herren dort werden sich vortrefflich um uns kümmern.« Gramsie betupft sich mit einer Serviette den Mund und erhebt sich. »So, und wen darf ich nun beim Scrabble vom Brett fegen?«

Kapitel 7

C wie Chili

Ceylon-Macarons

Fein gemahlener Ceylontee aromatisiert schokobraune Macaronschalen, die sich mit einer Creme aus Mascarpone, glatt gerührt mit frischem Ceylontee, zu einem schmelzenden Knuspererlebnis vereinen.

Ich habe mit meiner Einschätzung bezüglich des Schneewetters wieder mal einen Volltreffer gelandet. Es ist Montagfrüh und seit dem Festmahl am Samstagnachmittag bei Gramsie flockt es ohne Unterlass aus dicken Wolken, denen es nicht an Nachschub mangelt.

Folgende Wahl liegt jetzt vor mir: Ich steige in mein bescheidenes Auto und fahre tapfer im Schritttempo mitten durch die Schneemassen, bis ich irgendwann stecken bleibe, aber dank meines Tornadorots von Lawinenhunden gefunden und von starken THW-Helden wieder ausgeschaufelt werde. Das alles wird mich geschätzte zwei bis drei Stunden kosten und dann werde ich noch immer nicht auf der Arbeit angekommen sein. Constanze wird toben.

Oder ich schneewandere bis zum nächsten S-Bahnhof und hoffe, dass es ein Zug in den Bahnhof schafft und dann auch wieder hinaus. Leider gibt es vier Komponenten, die dem öffentlichen Nahverkehr sehr zu schaffen machen: 1. der Frühling, 2. der Sommer, 3. der Herbst und 4. unsere aktuelle Jahreszeit – der Winter. Geschätzte Wegzeit: zwei bis drei Stunden. Constanze wird toben.

Oder ich ziehe mir einfach wieder die Decke über den Kopf und melde mich schneekrank. Constanze wird toben.

Ich bin gerade dabei, mich für Variante drei zu entscheiden, da stürmt Caro in mein Zimmer, nötigt mich aufzustehen und mich anzuziehen. Eine Viertelstunde später sitzen wir in Armins Allrad-Antrieb-Offroad-Gefährt, Marke Ich-fahre-über-Stock-und-Stein-und-durch-Schnee.

Überpünktlich erscheine ich in den Räumen von WeSelf und sehe in den nächsten Stunden dabei zu, wie meine Kollegen kleckerweise und abgekämpft in ihre Büros huschen und sich dabei mit individuellen Anreisegeschichten übertrumpfen.

Constanze, mitleidlos ob ihrer bayrischen Schneemassenerfahrungen, peitscht durch die Büros und ich ducke mich verschonterweise in meiner Backstube hinter den Teigschüsseln. Unsere Monatskonferenz wird mangels Masse auf den frühen Nachmittag verschoben und so bleibt mir Zeit für ein paar neue Backkreationen, die ich für das Meeting zum Verkosten mitnehmen möchte.

Meinen mir selbst auferlegten Weihnachts-Boykott missachte ich geflissentlich und schwelge in Gewürzen von A wie Anis bis Z wie Zimt, selbst das Q in Form von Quendel kommt zum Einsatz. Zuerst aromatisiere ich herrliche Marcona-Mandeln mit Kardamom, Nelken und Sternanis. Die daraus gezauberten, sandbraunen Macaronschalen verwöhne ich mit einer Creme aus dunkler Zimtschokolade mit einem Hauch von Piment.

Hierzu müssten rote Macarons doch etwas fürs Auge bieten? Da ich mein Gebäck nicht künstlich färbe, zermahle ich zusammen mit dem Mandelpulver getrocknete Granatapfelkerne zu feinstem Mehl.

Es funktioniert! Stolz wie eine Zuckerbäckerin nur sein kann hole ich zwanzig Minuten später perfekte knusprige Köstlichkeiten aus dem Ofen, die in einem tiefen Rubinrot leuchten. Bei der Füllung entscheide ich mich für eine Ganache aus weißer Schokolade mit frischen Granatapfelkernen.

Am liebsten würde ich noch einen dritten Farbakzent auf die goldgerahmte Servierplatte backen, doch die Zeit drängt. Pfeifend trage ich meine Schätze hinauf in den Konferenzraum in der dritten Etage und stelle sie in die Mitte des Tisches, der bis auf ein paar Kabelsalate, die zu diversen elektronischen Geräten führen, grau und kahl daherkommt.

Ich bin die Erste und lasse mich auf dem strategisch besten Platz nieder, zwei Nebenflugbahnen entfernt von Constanzes Pfeilwurfrichtung.

Sarah – trotzig dem Winter gegenüber in einen ärmellosen Jumpsuit gekleidet – folgt mit Harry und zwei IT-Jungs, obligatorisch in T-Shirt und Jeans, Harry in Schwarz-Weiß, die Jungs in Schwarz-Schwarz, mehr oder weniger ins Grau ausgewaschen. Die Ressorts Essen und Trinken und natürlich auch Gesundheit schaffen es ebenfalls pünktlich. Dann schon rauscht Constanze in den Konferenzraum, bei Fuß begleitet von Gorden. Ihr pastellrosa Dirndl umschwingt keck ihre Knie. Zusammen mit der limettengrünen Schürze sieht sie mehr nach Frühlingswiese denn nach Winterwald aus.

Mit geradem Rücken wie die Damen der Jahrhundertwende – die Jahrhundertwende vor über 100 Jahren wohlgemerkt – hofiert sie auf ihrem Stuhl. Nachdem sie Laptop und Handy akkurat ausgerichtet hat, fällt ihr Blick auf den Teller mit den Macarons, die bereits sichtlich unter Schwund leiden. Constanze schnuppert kurz und sucht mich über den Köpfen der Anwesenden hinweg. Mittlerweile haben sich auch Literatur, Kosmetik und Reisen zu uns gesellt. Constanze findet mich trotzdem.

»Was soll dieses Weihnachtszeug hier?« Ihre Stimme könnte glatt fünf Macarons auf einmal durchschneiden, dabei trommelt sie mit den pastellrosa lackierten Fingernägeln auf die Tischplatte.

»Ich würde gern in einer der nächsten Ausgaben einen Macaron-Schwerpunkt setzen. Mit Franklin habe ich schon darüber geredet, welche Farbpracht wir aufs Cover bringen könnten. Er ist auch ganz begeistert und da heute so herrliches Winterwetter ist, dachte ich, es passen zur Probe weihnachtliche Advent-Macarons für die Verkostung.«

Bei meiner Bezeichnung des Wetters als herrliches Winterwetter brandet Gemurmel durch die Reihen meiner Kollegen. Für einen Moment habe ich das Bedürfnis, mich zu ducken.

»Weihnachtliche Macarons!« Constanzes R rollt durch den Raum. »Meine liebe Miela, dir ist schon bewusst, dass wir hier die Frühlingsausgabe besprechen? Und wie interessant ich es erst finde, dass du den Fotografen auswählst, möchtest du vielleicht noch andere Personalgespräche führen?«

Übersetzt teilt mir Constanze gerade mit: Ich sage dir, was du zu backen hast, dann sage ich dir, dass es Schrott ist, um dir anschließend zu sagen, dass wir ein Macaron-Special machen werden.

Und Mielachen macht brav mit.

In den nächsten zwei Stunden lausche ich den Frühlings-Vorschlägen meiner Kollegen und detailliere die Notizen für meinen Beitrag. Doch das Backressort wird ausgeklammert und ich bekomme einen Extratermin für eine Privataudienz bei Constanze aka Hulk.

Nach dem Meeting päppelt mich Sarah in der Backstube bei einem doppelten Espresso auf, denn sie hat es dieses Mal mit dem leichten Hippie-Stil ihres Frühlingsthemas gut getroffen.

Es schneit noch immer und auch wenn wir hier mitten in der Großstadt sind, umgeben von Häusern so weit das Auge reicht, sieht es draußen einfach phänomenal aus. Es würde mich nicht wundern, wenn gleich Santa Claus mit seiner Rentierkutsche vom Himmel herab brausen würde.

Mein Handy meldet mir eine SMS und ehe ich es aus meinem Rucksack gekramt habe, noch eine zweite.

In der ersten teilt mir meine Mutter mit, dass sie übermorgen nach Berlin kommt und das sogar zusammen mit meinem Vater. Ja, ist denn heute schon Weihnachten?

Mein Ärger über Constanze wird von der guten Nachricht hinweggewischt. Womit könnte ich meinen Eltern kulinarisch eine Freude machen? Da sich beide der Archäologie und insbesondere der Feldforschung zwischen dem Titicacasee und den Red Rocks verschrieben haben, empfinden sie das Getue rund ums Essen als Brimborium, wie sie es gern formulieren. Essen muss in ihren Augen nahrhaft sein und im besten Fall auch satt machen und wenn es mal nichts gibt, dann gibt es eben nichts.

Aber, und hier komme ich ins Spiel, für dicke, runde, fluffige, üppig gefüllte Berliner Pfannkuchen lassen die beiden jede frittierte Heuschrecke fallen. Ich werde drei verschiedene Füllungen machen. Selbstverständlich eine klassische mit Erdbeerkonfitüre, eine mit einem Schokopudding aus dunklem São-Tomé-Kakao und eine mit einer zimtigen Vanillecreme. Das wird fabelhaft!

Caro lässt mich in der zweiten SMS wissen, dass es bei ihr später wird und sie mich erst gegen 19 Uhr abholt.

Auch gut, bisher habe ich noch keine Mittagspause gemacht und alles in mir drängt mich, in dieses Schneemeer da draußen einzutauchen. Flink wechsele ich meine Ballerinas gegen fellgefütterte Winterstiefel, wickele mich in einen Schal, schnappe mir Mütze und Handschuhe und trotte in meiner liebsten Winterjacke hinaus in den späten Winternachmittag. Es ist schon fast dunkel und die Geräusche der Großstadt klingen gedämpft unter ihrer weißen Decke. An den Geschäften rund um unser Redaktionsgebäude funkeln Lichterketten, in den Fenstern der Wohnungen darüber erstrahlen Lichterbogen in allen Größen und über der Straße spannen sich erleuchtete Sterne.

Zuckerwatteweiche Schneeflocken streifen mein Gesicht und bedecken meine himbeerrote Jacke. Mein Herz tanzt einen Schneewalzer und ich fühle mich so wach und lebendig wie schon seit Monaten nicht mehr.

Ich lasse mich treiben und störe mich nicht an den verkniffenen Menschen, die um mich herum hetzen. Ein Mädchen mit einer rosa Bommelmütze hüpft mir an der Hand seiner Mutter entgegen und ich höre es Jingle Bells singen. Mit der fröhlichen Melodie im Kopf strande ich schließlich vor dem Torbogen, der mich vor einer Weile in diesen wunderbaren Hofgarten geführt hat. Ich habe immer mal wieder an das Teetässchen und Assa gedacht und auch an Dana und ihre zauberhafte Mode. Aber irgendwie bin ich die ganze Zeit über so damit beschäftigt gewesen, mir selbst leidzutun, dass ich den Weg hierher nicht habe gehen wollen.

Es war irgendwie tröstlich zu wissen, dass es diese Oase gibt und ich – wenn ich wollte – jederzeit hierherkommen könnte. Hoffentlich habe ich die Erinnerung an diesen Garten nicht zu sehr verklärt. Kurz überlege ich, weiterzugehen, doch wieder funkeln die goldenen Steinchen wie Sterne an einem saphirblauen Himmel und das Mosaik umgibt mich wie das Firmament.

Ich gehe hindurch und vor mir liegt der verzauberte Garten. Der Kirschbaum reckt sich über und über bedeckt mit funkelndem Schnee wie ein König in der Mitte des Hofes. Die Wege zu der Schreinerwerkstatt, dem Nähatelier und dem Teetässchen sind schneefrei gefegt und werden von orangefarbenen Lichterketten flankiert. In den Fenstern strahlen geschnitzte Holzbogen ihr Licht in die Dunkelheit und über allem schwebt ein weihnachtlicher Duft nach Zimt, Orangen und gebrannten Mandeln.

Das muss Herr Goethe gemeint haben, als er schrieb: Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein. Auch wenn dieses Stück dem Frühling gewidmet worden ist – wenn er diesen Gartenzauber gekannt hätte, wären wir jetzt in unseren Büchern bestimmt um einen Winterspaziergang reicher.

Ich schlendere auf die Teestube zu und werde von süßer, warmer Luft begrüßt, als ich eintrete. Wieder sitzt der ältere Herr, den ich schon bei meinem ersten Besuch gesehen habe, an seinem Platz am Fenster.

Assa beugt sich gerade über einen jungen Mann, den ich sofort als Studenten der Philosophie einordne. Sie tippt gegen sein Teeglas mit einer strohfarbenen Flüssigkeit und er nickt ergeben und streicht ein paar Haarsträhnen zurück, die in seine Augen hängen. Dabei seufzt er, als würde er ein Drama von Tolstoi lesen, und die Strähnen trüben ihm auch sogleich wieder den Blick. Eine Schere würde helfen.

Assa klingelt mit langen Ohrringen, aus denen man drei Halsketten herstellen könnte, auf mich zu. Ihre magentafarbene Tunika beißt sich aufs kräftigste mit dem Granatrot ihres Haargebildes, doch ihr Lächeln überstrahlt alles.

»Wie schön, Sie wieder in meinem Teetässchen begrüßen zu dürfen. Wie ich sehe, hat mein Tee geholfen. Ich glaube, ich weiß schon, was es heute sein darf.« Plaudernd geleitet mich Assa an einen Tisch vor dem prasselnden Kaminfeuer. Sie nimmt mir meine Jacke ab und ich kuschele mich behaglichen in den samtenen Ohrensessel. Mein Blick geht durch die große Scheibe mit den wunderschön geschnitzten Lichtbogen hinaus in den winterlichen Garten mit seinem verschneiten Kirschbaum.

Flink mixt mir Assa aus verschiedenen Dosen einen Tee und greift, während er zieht – oh nein, in die Kuchentheke. Ein paar Minuten später steht ein dampfendes Teeglas mit goldenem Inhalt vor mir, aus dem es süß und würzig zugleich duftet. Daneben welkt auf einem Teller etwas vor sich hin. Könnte das Kuchen sein? Aber was sind dann diese merkwürdigen schwarzen Krümel darin?

Assa strahlt mich an. »Es geht doch nichts über einen guten Stollen in der Weihnachtszeit. Wohl bekomm’s.«

Ui, Stollen soll es sein. Nun denn. Ich widme mich erst einmal dem Tee. »Danke Assa, der Tee duftet herrlich. Was ist es denn dieses Mal?«

»Trinken Sie in Ruhe, vielleicht schmecken Sie es heraus. Ich muss jetzt dem jungen Mann auf die Sprünge helfen.« Assa deutet mit dem Kopf zu dem Studenten mit dem Haarproblem, schiebt die angeschlagene Vase mit dem angewelkten Weihnachtsstern auf meinem Tisch zurecht und setzt sich dann zum Teeblätterlesen zu ihrem Gast.

Ich nippe vorsichtig an meinem Tee, da ich es nicht abwarten kann, seinen Geschmack zu kosten. Autsch, heiß, aber definitiv jede Brandblase wert. Wieder schmecke ich die Süße von reifen Brombeeren, doch dieses Mal verwoben mit würzigem Thymian und noch etwas, das ich nicht gleich erkenne.

Wieso ist es hier nur so leer? Gerade für die gehetzten Großstädter dieser Gegend müsste es doch DIE In-Location sein. Alle reden von Work-Life-Balance – oder heißt es Life-Work-Balance, na egal – und jeder hetzt irgendwohin zum Selbstoptimieren und Entspannen. Und hier gibt es dieses wunderbare Juwel, direkt vor der Tür beziehungsweise hinter dem Torbogen und keiner will es besuchen, sich entspannen und den Tag genießen. Zugegeben, es ist ziemlich angestaubt und das Interieur könnte die eine oder andere Auffrischung gebrauchen, aber alles in allem passt hier alles zusammen.

Es ist angenehm still, nur ab und zu gurgelt einer der Samoware und das Feuer knistert im Kamin, während Assa leise mit dem Studenten redet. »Es ist in Ordnung, Fehler zu machen. Aber Zögern und Zaudern lässt uns stehen bleiben und Dinge, die wir nicht tun, halten uns fest. Nur wenn Sie sich Ihrer selbst annehmen, kann auch die Dame Ihres Herzens Sie annehmen.«

Der Student nickt wie ein Erstklässler, dessen Lehrerin ihm erklärt, dass jedes Wort aus Buchstaben besteht. Mit Elan schiebt er sich erneut eine Strähne aus der Stirn, die jedoch keine Sekunde dortbleibt, wo er sie haben will.

»Danke Assa. Und …« Er räuspert sich und seine blasse Gesichtsfarbe wird durch ein zartes Rosé aufgefrischt. »Ähm, wie sieht denn meine Herzdame aus?«

»Wie sie aussieht?« Assa dreht das Teesieb mit den Kräutern hin und her, als studiere sie jedes Blättchen. »Halten Sie Ausschau nach einer mittelgroßen, mittelschweren Frau.«

»Mit blauen Augen?«

»Ja, so in der Art.«

»Und dunklen Haaren?«

»Och, dunkle Haare sind immer gut, nicht wahr?«

Der Student nickt heftig und für einen Moment glaube ich, dass er gleich mit einer Superman-Geste durch die Scheibe davonschwirrt. Ist ja lustig, Assas Vorhersage seiner Traumfrau ähnelt der über meinen Traummann. So kann es gehen.

Vor dem Teetässchen klopft sich Leon Carpenter den Schnee von den Stiefeln und öffnet dann die Tür, um Dana zuerst eintreten zu lassen.

Assa begrüßt die beiden mit einer herzlichen Umarmung und Dana kommt zu mir an den Tisch, als sie mich sieht.

»Schön, dass du uns hier im Hof wieder besuchen kommst.«

Ich freue mich, dass sie mich erkennt, und stehe spontan auf, um sie zu umarmen. »Ich verstehe selbst nicht, warum ich nicht schon früher gekommen bin. Aber es war so viel zu tun und dann ist irgendwie eine Woche nach der anderen vergangen.« Verlegen zwirbele ich mir eine Locke um die Finger. »Ab sofort bin ich hier Stammgast, ich bin bereits süchtig nach Assas Tee.«

»Allzu lange werden Sie nicht mehr Gelegenheit haben, hier Stammgast zu sein«, knurrt eine tiefe Stimme hinter Dana. Leon Carpenter zieht eine seiner dunklen Brauen in die Höhe und mustert mich aus braunen Augen.

Ich runzele die Stirn. Es mag ja sein, dass ich bei unserem ersten Treffen zu neugierig in seine Werkstatt geblickt habe, aber deswegen muss er mich ja nicht gleich vom Hof verbannen.

»Ich möchte nicht unhöflich sein, doch ich entscheide gern selbst, wo ich meinen Tee trinke.« Um meine Worte zu unterstreichen, lasse ich mich in den Ohrensessel fallen und greife nach meinem Teeglas.

»Das ist Ihr gutes Recht, aber hier wird es bald keine Teestube mehr geben, um Tee zu trinken.« Leon Carpenters Augenbraue rutscht wieder dorthin, wo sie hingehört, und wenn er nicht so ernst auf mich hinuntersehen würde, könnte ich fast meinen, dass er mich auslacht.

»Was?« Gemeinsam mit meinem Aufschrei erhebe ich mich wieder und bringe dabei den Teelöffel auf der Untertasse zum Klirren, als mein Knie an den niedrigen Tisch stößt. Mit mir zusammen springen der Student und der ältere Herr vorn am Fenster auf.

Es folgt ein Stimmengemenge, welches Assa mit einer neuen Teerunde in geordnete Bahnen lenkt. Dana und ich schieben drei Tische zusammen und wir lassen uns alle daran nieder.

Assa lebt mit solch einer Leidenschaft für ihre Teestube, dass ich mir keinen Grund vorstellen kann, warum sie aufhören möchte. Vielleicht braucht sie nur ein wenig Urlaub? Es ist bestimmt viel Verantwortung, ganz allein für ein Café zuständig sein zu müssen. Immer präsent, immer gut drauf.

»Warum möchten Sie denn Ihr wunderbares Teetässchen schließen?«

Assa seufzt schwer, dabei wogt ihr Busen beträchtlich auf und ab.

»Assa möchte nicht schließen«, antwortet Dana. »Wir werden alle zum Jahresende die Kündigung erhalten, wenn wir unsere Umsätze nicht deutlich steigern.«

»Deutlich!«, schnaubt Leon. »Wucher sind die Forderungen! Nie und nimmer zu erfüllen!«

»Oh.«

»Ja, oh«, brummt mich der Schreiner an.

Ist ja gut, ich habe es verstanden! Als Antwort rolle ich nur mit den Augen.

»Aber wieso denn nur diese übertriebenen Forderungen, Frau Zeilon?« Der ältere Herr beugt sich zu Assa hin und sieht sie mitleidig an.

»Tja, wieso? Wegen diesem und jenem, schätze ich. Zu wenig Kunden, zu wenig Geld. Wir sind nicht attraktiv genug für dieses Stadtviertel. Wer braucht schon unsere guten alten Handwerke, wenn alles nur einen Mausklick entfernt vom Sofa aus zur Verfügung steht.«

»Ich protestiere aufs Entschiedenste! Der Mix macht es! Unsere moderne Gesellschaft benötigt unbedingt Traditionen!« Der Student zückt sein Mobiltelefon, was so über den Tisch gepeilt nach mindestens dreitausend Euro aussieht, und wischt ein paar Mal darauf herum. »Wie lautet Ihre Facebook-Seite? Ich werde sie gleich liken und in ein paar Gruppen teilen.« Erwartungsvoll schweben seine Daumen über dem Display.

Doch Assa nennt ihm nichts zu tippen.

»Eine eigene Website?«

»Ähm, ich glaube nicht. Also eigentlich eher nein.«

»Irgendetwas Digitales?«

Assa schüttelt ihren Lockenturban.

Das ist zu viel für den digitalen Ureinwohner, der hochschnellt und sich verabschiedet. »Morgen ist alles online. Das wäre doch gelacht, wenn wir den Laden nicht zum Laufen bringen!«

»Wer war das denn?« Danas Mund hat sich noch immer nicht ganz wieder geschlossen.

Assa lächelt. »Ach, einer von den IT-Jungs, die zwei Straßen weiter vor sich hintüfteln. Der arme Kerl sitzt den ganzen Tag nur vor seinem Computer und verlernt immer mehr das echte Leben.«

Für eine Weile hängen wir unseren Gedanken nach und der Tee, den Assa dabei serviert, beruhigt uns nach und nach ein wenig.

Melisse? Baldrian?

»Welche Kräuter sind es dieses Mal?« Fragend sehe ich Assa über mein Teeglas hinweg an.

»Rosmarin zur allgemeinen Entspannung, Lavendel, das Nervenkräutel sowie Waldmeister für die Energie und weil es schmeckt. Und ein Hauch Chili für das Feuer in uns.«

Kapitel 8

H wie Heimat

Himbeer-Macarons

Wenn getrocknete Himbeeren mit süßen Mandeln auf einen cremigen Sahnepudding treffen, verschmolzen mit frischen Himbeeren, so ist dies Liebe à la Framboise.

Zwei Tage später präsentieren sich die großen Straßen Berlins wieder schneefrei. Die Fußgängerwege hingegen sind im Wechsel angefüllt mit gräulichen Matschhaufen und harschen Eiskanten. Die Radwege sind den Straßenschneeschiebereien völlig zum Opfer gefallen.

Dennoch brauche ich mit dem Käfer ungewöhnlich lange nach Lichtenrade. Was mich kirre macht, denn die Zeit mit meinen Eltern ist kostbar. Wenigstens habe ich mit einleuchtenden Überstundenargumenten Ihre Hoheit Constanze überreden können, mir morgen einen Urlaubstag zu gönnen. Minimal gebettelt habe ich auch, ich gebe es ja zu.

Oft ernte ich mitleidige Blicke, wenn ich erzähle, dass meine Eltern im Schnitt 300 Tage im Jahr außer Landes ihrer Arbeit nachgehen. Doch dazu gibt es keinen Grund.

Während meiner Schulzeit ist immer ein Elternteil bei mir und Gramsie in der Villa geblieben, unterdessen hat der andere seiner Arbeit in Machu Picchu oder am Baikalsee oder im Dschungel von Borneo nachgehen können.

Als ich meiner Mutter einmal per Luftpost nach Patagonien klagte, der süße Philip aus der 9b habe lieber mit der Franziska aus der 9a auf der Geburtstagsparty von Caros Fünfzehntem geknutscht und Papa angesichts meines kratergroßen Liebeskummers nur der Meinung war, ich sei sowieso viel zu jung für solche Geschichten, kam sie auf direkten Umwegen per Esel, Propellerflugzeug und Containerschiff zu mir geeilt. Nichtsdestoweniger konnte ich mich nach ihrer reichlich verspäteten Ankunft kaum noch an Philip aus der 9b erinnern, denn mein Herz gehörte mittlerweile ganz und gar Leo aus der 9f.

So manche Ferienwoche verbrachte ich Staub siebend und Scherben puzzelnd in Ländern jenseits von Italien, Spanien oder Dänemark. Für meine Freundinnen war ich damit eine Attraktion, für deren Eltern ein Grund zum Kopfschütteln. Doch für mich selbst war ich immer genau da, wo ich sein wollte.

Als ich nach dem Abitur für meine Ausbildung zur Konditorin nach München ging, haben sich meine Eltern wieder parallel durch die Weltgeschichte gegraben, der eine hier, der andere dort. Doch bei Gramsie ist bis heute unsere gemeinsame Basis, hier füllen wir uns gegenseitig mit Familie auf, lachen, lieben, streiten. Wie eine ganz normale Familie halt.

Dieses Mal parke ich sanfter auf Herrn Ingberts geharkten Kieselsteinen. Wie bekommt er diese Schneemassen so gründlich von der Auffahrt weg? Der Mann ist immerhin 77. Als hätte er jedes Steinchen einzeln geputzt.

Mit Schwung stürme ich durch die Eingangstür. »Mama? Papa?«

Stille.

Ich durchforste die Küche, das Wohnzimmer, das Atelier, das Esszimmer und werfe einen Blick in den verschneiten Garten. Nichts.

»Gramsie?«

Ich klopfe an Herrn Ingberts Zimmertür und auch an Adeles. Wieder nichts.

Auch in der ersten Etage hält sich niemand auf, doch am Ende des Flures höre ich Stimmen. Ich sprinte die Treppe hinauf zum Dachboden und finde dort alle, die ich suche. Jeder redet, doch keiner hört zu.

Meine Mutter steht mir am nächsten und ich umarme sie von hinten.

»Miela!« Sie dreht sich zu mir um und wiegt mich fest hin und her. »Meine kleine Miela.«

Auch Papa entdeckt mich und umschlingt uns beide mit seinen kräftigen Armen.

Das tut so gut. Es ist schön, wieder fünf Jahre alt zu sein, keine Constanze, keine Miete, keine Werkstatttermine, keine Steuererklärung, keine verlogenen, betrügenden, fremdgehenden Kerle – obwohl, die Jungs im Sandkasten waren auch nicht ohne.

Nach unserer ausgiebigen Familienzusammenführung möchte ich wissen, warum alle auf dem Dachboden so aufgeregt umherflattern. Aus der mehrstimmigen Antwort entnehme ich schließlich, dass es momentan zwei Lager in diesem altehrwürdigen Haus gibt: Das eine begrüßt den Ausbau des morschen Dachbodens und das andere ist dagegen – strikt dagegen. Adele ist ein Lager für sich, den sie liebäugelt mal mit dem einen und dann mit dem anderen.

Ich bin die Schweiz und halte mich raus. Dank meiner Schweizer Talente gelingt es mir auch irgendwann, die diskutierende Meute ins Esszimmer zu locken.

Angesichts der Hauskrise schmorte Adeles Schinkenbraten zu lange im Ofen, doch wir lassen ihn uns trotzdem munden. Zumindest als Vorspeise, denn zu mehr reicht der auf die Hälfte geschrumpfte Braten nicht. Ich bin hochzufrieden, reichlich Pfannkuchen gebacken zu haben. Denn ich konnte nicht widerstehen, neben den geplanten drei Füllungen zwei neue auszuprobieren: helles Mandelnugat mit Wildblumenhonig sowie Granatapfelgrütze. Delicious!

Nach dem Essen mummeln Papa und ich uns ein und spazieren Arm in Arm durch das sich schlafen legende Viertel.

Der Himmel ist klar und Quantomillionen Sterne funkeln über uns, unser Atem vereint sich zu einer Wolke und unter unseren Stiefeln knirscht der Schnee.

»Es tut mir sehr leid für dich, Miela«, unterbricht Papa unser Schweigen und sieht zu mir herunter.

»Das muss es nicht. Ich bin okay.«

»Ich wünschte, ich hätte mehr für dich tun können, als mit dir per Skype über diesen Himmelhund zu schimpfen.«

Ich lache laut auf. Papa und ich haben regelmäßig unseren Spaß vor den Monitoren, manchmal könnte man uns glatt aufnehmen und als Comedyshow ausstrahlen.

»Caro war an meiner Seite und …«, ich stutze für einen Moment, »so schrecklich habe ich gar nicht gelitten.«

»Du meinst, dein Liebeskummer hat nicht gleich unser ganzes Sonnensystem infrage gestellt wie damals bei Philip? Oder reichlich schlimmer danach bei Leo, als du ihn sogar aus der Milchstraße hinaus gewünscht hast?«

Ich bleibe unter einer Straßenlaterne stehen und kuschele mich an meinen guten alten Papa. »Du kannst dich noch an Philip und Leo erinnern?«

»Na klar! Ich nehme es Leo bis heute übel, dass er sich nach dem Sommer statt mit dir lieber mit der ollen Martina verabredet hat.«

Oh! Martina! Wir waren diesen einen Sommer lang Freunde, doch danach ganz schnell nicht mehr. Die Olle!

Mein Papa sieht mich mit seinen dunkelbraunen Augen voller Liebe an und meinem leckgeschlagenen Glauben an die Männer bleibt gar nichts anderes übrig, als weiter zu heilen. Wenn mich mein Papa so ansieht, kann ich alles sein. Von einer Einhorn-Voltigiererin bis hin zur Präsidentin des Bundesverfassungsgerichtes.

»Mir geht es gut, Papa. Manchmal vermisse ich Nils schon ein wenig, aber …« Was eigentlich aber?

»Du weißt, ich brauche nicht viel zum Leben, nur eines brauche ich ganz gewiss. Nämlich deine Mutter und das, meine liebe Miela, ist es, was ich mir für dich wünsche.«

»Was, meine Mutter?«

»Ja, ja, spotte du nur. Eines Tages, und ich habe da so ein Gefühl, dass dieser Tag nicht mehr weit ist, wird es dich treffen, besser gesagt der Eine wird dich treffen. Und du wirst merken, warum du lebst.«

Ich muss an Assas Lesung aus meinen Teekräutern denken. Auch sie sagte, ich würde mich bald wieder verlieben.

»Na komm, Prinzesschen, die anderen warten sicher längst auf uns.« Mein Papa legt mir seinen Bärenarm um die Schulter und wir stapfen zurück zum Haus.

»Dir steht doch nur der Sinn nach einer zweiten Runde Pfannkuchen«, necke ich ihn.

»Und morgen zum Frühstück hätte ich nichts gegen eine dritte.«

Der nächste Morgen klirrt genauso klar wie die Nacht. Ein eisblauer Winterhimmel spannt sich über das eingefrorene Berlin. Meine Mutter bittet mich, mit ihr heute in die Stadt zu fahren. Sie würde einen neuen Pullover und eventuell auch eine Hose benötigen. Was an sich ja kein ungewöhnliches Begehren ist, außer der Tatsache, dass wir das letzte Mal zusammen shoppen waren, als ich zehn Jahre alt war und unbedingt eine Pluderhose im Stil von Jasmin aus dem Film Aladdin haben wollte.

Was liegt meiner Mutter also auf dem Herzen?

Da ich weiß, wie sehr es ihr graust, sich in großen Kaufhäusern aufzuhalten, fahre ich mit ihr zu Dana. Dort wird sie mit Sicherheit fündig werden. Meine Mutter legt keinen Wert auf Schnickschnack und Markenfetischismus, für sie zählt Qualität. Sie wird von Danas Sachen begeistert sein.

Von der Seite her beobachte ich sie, als wir durch den Torbogen in den Hofgarten schlendern. Sie bleibt wie ich beim ersten Mal stehen und an ihrem Lächeln kann ich sehen, dass auch sie entzückt ist. Die Sonne scheint direkt auf den verschneiten Kirschbaum, im ganzen Hof funkeln die Schneekristalle und der Lärm und die Hektik auf der Straße hinter uns verlieren sich.

»Ich habe schon wahrlich zahlreiche Orte auf unserer wunderbaren Erde besucht, aber das hier ist zauberhaft.« Meine Mutter breitet ihre Arme aus und lacht mich an, Dutzende Sommersprossen tanzen dabei im Sonnenlicht auf ihrer Nase.

Über den sorgfältig geräumten Weg führe ich sie zu Dana, die in ihrem Atelier gerade einer Schneiderpuppe einen kupferfarbenen Strickpullover über den Kopf zieht, in dem man wahrscheinlich nie wieder frieren würde.

»Miela! Wie nett, dich so schnell wiederzusehen.«

»Ich will ja auch Stammkunde des Monats werden.«

»Da musst du erst an Herrn von Weimann vorbei.«

»Ist das der ältere Herr, der immer links am Fenster sitzt?« Ich linse durch das Atelierfenster hinaus ins Teetässchen und in der Tat, dort sitzt dann wohl Herr von Weimann.

Dana nickt und sieht von mir zu meiner Mutter, was mich an meine Manieren erinnert. Ich stelle Dana meine Mutter vor.

»Freut mich, Sie kennenzulernen. Ich dachte mir schon, dass Sie zwei zusammengehören.«

Ich muss Dana recht geben. Meine Mutter und ich haben vieles gemeinsam. Auf jeden Fall unsere bernsteinfarbenen Augen, unverkennbar wie Gramsies, und unsere goldbraune Lockenmähne. So praktisch meine Mutter in ihrem Leben auch handelt, ihrer Haarpracht kommt keiner zu nahe. In Größe und Gewicht sind wir fast gleichauf, doch sie hat definitiv mehr Muskeln, ich dafür mehr weibliche Rundungen. Okay, wir gehen wirklich als ein Genpool durch.

Begeistert schlendert meine Mutter die Schneiderpuppen und Kleiderstangen mit Danas Kreationen ab und ehe ich entscheide, was ich alles für mich haben möchte, hat sie schon die Arme voll mit Kleidungsstücken. Ich helfe ihr, alles zur Umkleidekabine zu tragen, und freue mich über ihre Ausrufe der Verzückung über jedes Teil, das ihr hervorragend steht.

Mittlerweile betreten zwei weitere Kundinnen das Atelier, den Kameras um ihren Hälsen nach zu urteilen Touristinnen. Abgehakte klingende Worte fliegen nur so zwischen den beiden hin und her. Gleichwohl, Danas Kleidersprache ist international, und sie räubern penibel die Regale aus, wie es meine Mutter zuvor auch getan hat.

Zufrieden unterschreibt diese kurz darauf den Kreditkartenbon und verspricht Dana, sie auf jeden Fall wieder aufzusuchen, wenn sie in Berlin sei.

Dana lächelt wehmütig und sieht mich traurig an.

Ich will das nicht! Ich will nicht, dass das hier alles verloren geht!

Möglicherweise sollte ich Constanze davon überzeugen, einen Artikel über die Hofgemeinschaft in der WeSelf zu bringen. Wir könnten sogar ein Special daraus machen. Sarah würde sich mit Dana zusammensetzen, Anni Leon ins rechte Licht rücken und ich mit Assa unwiderstehliche Köstlichkeiten kreieren. Dazu könnten sich die Reiseleute dem Hof und der näheren Umgebung annehmen. Wenn es mir gleich morgen gelingt, Constanze an die Angel zu bekommen – und bei guten Themen beißt sie immer an – könnten wir bereits in der März-Ausgabe dabei sein.

Allerdings sagte Assa, die Kündigung kommt zum Ende des Jahres …

»Wie lange gedenkst du noch, deine alte Mutter im Schnee stehen zu lassen?« Ich zucke zusammen und sehe in das lachende Gesicht meiner Mutter. »Du hast mir einen sagenhaften Tee versprochen und auf diesen bestehe ich jetzt.«

»Na, dann auf.« Ich weise auf das Teetässchen vor uns und öffne die Tür. Warme, würzige Luft empfängt uns und Assa, die mit dem Studenten der Philosophie zusammensitzt, blickt uns erfreut entgegen.

Heute in eine türkise Tunika mit Goldrändern gewandet wogt Assa auf uns zu.

»Assa, darf ich dir meine Mutter, Tamara Ladur, vorstellen?«

An der Art, wie sich die beiden Frauen die Hände schütteln, erkenne ich sofort die gemeinsame Wellenlänge, auf der sie sich begegnen.

Assa führt meine Mutter und mich an den Tisch vor dem Kamin, in dem ein gemütliches Feuer knistert.

Details

Seiten
0
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783960875369
ISBN (Buch)
9783960875802
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v452328
Schlagworte
Seitensprung Trennung Weihnacht-s-Roman Winter-Liebes-Roman Macarons Gebäck Feel-Good-Romance

Autor

  • Nadin Maari (Autor)

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Titel: Eine Teestube zum Verlieben (Liebe)