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Dönerröschen (Humor, Liebe)

von Jaromir Konecny (Autor)

2019 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

Als der sechzehnjährige Jonas mit seinen Eltern und dem Schoßhund Napoleon vom beschaulichen Oberhaching ins Münchner „Ghetto“ nach Neuperlach zieht und sich in die süße Türkin Sibel verknallt, bekommt er es mit der Angst zu tun. Vor allem, als er Sibels furchteinflößende anatolische Oma kennenlernt. Wird sie ihn zur Zwangsheirat zwingen – oder noch Schlimmeres? Bis er merkt, dass Sibels Vater ihm gar nicht den Schniedel absäbeln will, hat er sich schon von einem Fettnäpfchen zum nächsten gehangelt.

Impressum

dp Verlag

Überarbeitete Neuausgabe Januar 2019

Copyright © 2021 dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

E-Book-ISBN: 978-3-96087-639-7
Taschenbuch-ISBN: 978-3-96087-668-7

Copyright © 2013, cbt
Dies ist eine überarbeitete Neuausgabe des bereits 2013 bei cbt erschienenen Titels Dönerröschen (ISBN: 978-3-64108-754-8).

Covergestaltung: Miss Ly Design
unter Verwendung von Motiven von
shutterstock.com: © Ilja Generalov, © Stockforlife, © Roman Samborskyi
Korrektorat: Lektorat Reim

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

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dp Verlag

Neuperlach

Wochenlang packte Anne jedes einzelne Haushaltsstück in eine Luftschutzfolie ein und legte die Dinger vorsichtig in Umzugskartons. „Jetzt fangen wir noch mal ganz von vorne an, Baby“, sagte Dok zu Anne, als die Kartons voll waren, und wollte das ganze Zeug zum Sperrmüll fahren. Anne fiel in Ohnmacht, und alles blieb beim Alten. Meine Eltern sind immer so drauf.

Unsere Möbel wollte Dok selbst auseinanderschrauben und sie in der neuen Wohnung wieder zusammenbauen. Schon beim Küchenschrank hat er sich aber den Schraubenzieher so tief in den Unterarm gebohrt, dass er im Krankenhaus genäht werden musste. Dok, meine ich. Nicht der Schrank. Daraufhin hatte Anne eine Umzugsfirma beauftragt. Die vier Russen bauten unsere Möbel in der neuen Wohnung ohne ernsthafte Verletzungen oder Todesfälle auf. Nur unser Schoßhund Napoleon hat unter dem Krempel im Keller meinen alten Teddy gefunden und ihm den Kopf abgerissen. Was soll’s! Mit sechzehn brauchst du keine Teddys mehr.

Am ersten Wochenende der bayerischen Pfingstferien zogen wir von Oberhaching nach Neuperlach. In „das Türkenviertel“, wie Anne es nannte. Dok arbeitete jetzt schon seit ein paar Monaten in den Perlacher Einkaufs-Passagen – PEP – als Nachtwächter und hatte hier eine billige Wohnung aufgetrieben.

Gleich am Freitag holte Anne vom PEP eine große Schwarzwälder Kirschtorte. „So, Jungs!“, sagte sie zu Dok, mir und unserem Hund Napoleon. „Am Sonntag, wenn alles eingeräumt ist, essen wir die Torte.“ Klar versuchte Napoleon schon jetzt, sich die Torte zu krallen. Anne hatte sie aber im Kühlschrank eingesperrt. Der ist bei uns wegen Napoleon mit einem Schloss gesichert. Nicht gesicherte Kühlschranktüren knackt Napoleon locker. Unser Schoßhund ist ein militanter Lacto-Vegetarier, der trotz seines kleinen Wuchses gern große Hunde verdrischt. Weil sie Fleisch fressen. Wurst und Schinken ekeln Napoleon an, sogar Knochen! „Fleisch?“, knurrt er immer. „Pfui!“

Nur den Osterhasen frisst Napoleon gern, weil der aus Schokolade ist. Gemüse mag Napoleon aber auch nicht. Nur Eis, Schokolade, Erdbeershake und Kuchen. Mehlspeisen liebt unser Hund über alles.

„Napoleon ist nun mal mehr ein Österreicher als ein Hund“, sagt Dok.

Wir hatten Napoleon von Tante Lora aus Linz bekommen. Anne meint, diese ganzen Zuckersachen seien ungesund. Aber das stimmt sicher nicht. Von den Süßigkeiten bekommt Napoleon solche Blähungen, dass er ständig in Bewegung bleibt und somit viel Sport treibt. Wenn Napoleons Düsenantrieb startet, schießt er durchs Wohnzimmer wie eine Rakete, fliegt von Wand zu Wand, steuert mit seinem wedelnden Schwanz und bellt dabei vor Freude.

Jetzt aber, am ersten Wochenende der Pfingstferien, hockte Napoleon aber nur vor dem Kühlschrank in der neuen Wohnung und knurrte uns wegen der eingesperrten Torte beleidigt an.

Leider hatte Dok am Sonntagnachmittag zwei Flaschen Bier kühlen wollen und den Kühlschrank vergessen abzusperren. Kurz darauf lag die Torte in Napoleons Bauch und Napoleon faul in seinem Korb im Badezimmer.

Anne und Dok redeten streng auf Napoleon ein, er glotzte sie aber nur an und ließ hin und wieder behäbig einen fahren. „Was soll dieser Stress wegen etwas Kuchen?“, fragte er sich sicher. Bis ihm die Augen zufielen.

Egal! Ich hatte sowieso keinen Bock auf Kuchen. Statt am Sonntagnachmittag Torte zu essen, radelte ich die Gegend ab: Parkplätze und lange Wohnblocks, das Neuperlacher Krankenhaus mit seinem Dach, auf dem Außerirdische landen würden, wie Dok behauptet hatte. Leider entpuppten sich die Raketen der Außerirdischen als Rettungshubschrauber mit Schwerverletzten von der Autobahn.

Keine Villen und Familienhäuser, keine Gärten schmückten die Straßen wie in Oberhaching. Nur Wohnblocks. Gleich hinter dem Krankenhaus und ein paar Wohnblocks, direkt vor dem Wald, lag zum Glück der Bolzplatz. Eins war klar: Auch in Neuperlach wurde gekickt.

Gerade stieg auf dem Bolzplatz ein Spiel der türkischen U-18-Super-Liga. Na ja, die meisten Spieler und Zuschauer waren wohl sechzehn – wie ich. Alle bis auf einen blonden Spieler schienen Türken zu sein. Oder gab’s auch blonde Türken?

Sogar einige Fans chillten am Wiesenrand: Jungs und Mädels. Auf dem Feld zweimal sieben Spieler und ein Schiri. Auch ein Sechzehnjähriger. Der chillte aber nicht. Der wurde vom Publikum genervt.

Ein Zuschauer rief: „Beschiktasch!“, und der Schiri guckte, als hätte man ihm einen Zahn gezogen. Einige Zuschauer lachten und johlten. Andere schimpften. Leider verstand ich nur Bahnhof. Na ja, nicht ganz. Das Türkisch wurde hin und wieder mit einem deutschen Wort gespickt: „Opfer“, „Spast“, „Arschloch“ und „Sozialamt“ zum Beispiel.

Und wieder der Ruf: „Beschiktasch!“, und wieder Lachkrämpfe im Publikum. „Beschiktasch“ musste eine krasse Beleidigung sein, denn der Schiri brüllte plötzlich auf Deutsch: „Hurensohn!“ und ging auf den „Beschiktasch“-Rufer los. Echt!

Mannomann! Nach einem Haching-Spiel wollten die Fans auch schon mal den Schiri verdreschen, aber dass der Schiri die Fans vermöbelte, das war mir neu. Ganz schön originell, die Türken!

Und schon ging auf dem Bolzplatz eine kleine Bud-Spencer-Show ab: Der Schiri jagte den „Beschiktasch“-Rufer ums Feld herum, die Zuschauer, die vorhin gelacht hatten, prügelten die Schimpfenden, und auch die Spieler fingen an, Watschen zu verteilen, ohne Rücksicht auf die Abseitsregelung. Hier fightete sowieso nicht mehr Mannschaft gegen Mannschaft, sondern Schiri-Sympathisanten gegen die andern, egal ob sie aus dem Gegnerteam oder aus dem eigenen waren.

Auch einige Mädchen tobten sich ganz hübsch in der Schlacht aus und boxten wie um den Weltmeistertitel. Großer Sport! Nur der blonde Türke sprintete aus dem Schlachtrudel heraus und raste auf mich zu. Bestimmt will er mir auch eine auf den Rüssel klatschen, dachte ich, doch der Typ hockte sich zu mir, gab mir die Hand und sagte: „Schnauze!“

„Ich hab nix gesagt“, sagte ich.

„Hä?“, sagte er. „Ich heiße Schnauze!“

„Ein hübscher Name!“, sagte ich. „Ich bin Jonas.“

Schnauze wischte sich den Schweiß von der Stirn. „Das geht hier jeden Sonntag ab.“

„Warum prügeln die sich?“, fragte ich, guckte aber weiter der Show auf dem Rasen zu. Ein dickes Mädchen nahm gerade einen der Keeper in den Schwitzkasten.

„Ihr Fußballverein hat verloren“, sagte Schnauze. „Türkische Liga.“

„Ich hab gedacht, der Typ da hat den Schiri beschimpft“, sagte ich. „Was heißt auf Türkisch Beschiktasch? Sicher was ganz Übles, oder?“

„Nee! Beschiktasch is’ eben Fußballverein. Istanbul. Beschiktasch hat gestern verloren. Und Schiri is’ großer Beschiktasch-Fan.“

„Ach, so“, sagte ich. „Die haben sich über den Schiri lustig gemacht?“

„Idioten!“, sagte Schnauze. „Beschiktasch is’ super. Hatte jetzt nur bissl Pech.“

„Bist du auch Beschiktasch-Fan?“, fragte ich.

„Klar!“

„Und warum prügelst du dich nicht?“

„Bin Pazifist! Bisdu neu hier, oder?“, fragte er. „Gehsdu noch Schule?“

Mann! Schnauze redete so, dass mein alter Deutschlehrer in Oberhaching davon Hirngrippe kriegen würde. „Ja“, sagte ich. „Hast du auch Ferien?“ Echt komisch, dass es auch ganz blonde und hellhäutige Türken gab wie ihn.

„Ich hab ganz Jahr Ferien, Alta“, sagte er. „Du gehst Gymnasium, oder? Ich war Mittelschule.“

„Machst du jetzt ’ne Lehre?“

Schnauze grinste. „Ich weiß schon alles“, sagte er und guckte zum Schlachtfeld. Die Show auf dem Fußballfeld ebbte langsam ab, die Türken gingen auseinander. Manche der Streithähne lagen sich jetzt in den Armen und schütteten sich gegenseitig weinend ihre Herzen aus. Die Mädchen versorgten die Verletzten. Beschiktasch!

„Für uns Türken is’ Fußball Gott!“, sagte Schnauze. „Dein Verein – dein Heim!“ Also doch ein Türke. Ein Blonder! Zumindest schlägerte er sich aber nicht wegen irgendwelchen bescheuerten Fußballvereinen.

Schnauze holte seinen Rucksack, der ein Stück weiter auf dem Feldrand lag, und schnürte seine Fußballschuhe auf. „Geh’ma morgen PEP?“, fragte er. „Klar“, sagte ich. Im PEP, den Perlacher Einkaufspassagen, war ich schon mal gewesen, als ich Dok bei seinem Nachtwächterjob besucht hatte.

Jonas und der Fisch

„Fisch ist gesund, Jonas!“, sagte Anne am Montag in der Wohnungstür. Manchmal ist sie unfreiwillig komisch: Klar war der Fisch gesund für Jonas gewesen. Für den biblischen, meine ich, meinen Namensgeber. Sonst hätte Jonas nicht im Bauch des Fisches überlebt.

Schnauze grinste uns von der Treppe an. Napoleon lief aus der Wohnung heraus auf Schnauze zu, machte zweimal „Wau!“, um ihm Todesangst einzujagen, und trottete zwischen Annes Füßen wieder hinein. Anne steckte mir einen Zehner in die Hand und versuchte, mir auf die Backe einen Abschiedskuss zu kleben.

„Hi, hi, hi!“, kicherte Schnauze hinter mir. Anne machte die Wohnungstür zu, wir liefen die Treppe runter. „Meine Anne will mich auch ständig ablecken, Alta!“, sagte Schnauze.

„Heißt deine Mutter auch Anne?“

„Bisdu dumm, Lan? … Nee! … Früher hat mir Busseln nix ausgemacht … jetzt aba …“

„Das ist normal!“, sagte ich. „So ab zwölf Jahren kannst du deine Mutter nicht mehr riechen.“

„Echt? Wieso?“

„Das hat die Natur so eingerichtet. Damit es nicht zur Unzucht kommt … also wenn Jungs mit ihren Müttern poppen!“

„Äääh … krass eklig, Alta!“

„Sag ich ja!“

„Hasdus Glotze gehört?“

„Ne! Von Dok! Der hat’s in ’nem Buch über das Verhalten von Frauen gelesen!“

„Wer is’ denn Dok?“

„Mein Vater!“

„Ey, Mann! Wieso liest der so Scheiß so?“

„Er will meine Mutter besser verstehen!“

„Warum? Spinnt der?“

Im Erdgeschoss steckte der kleine Emre seinen Kopf aus der Wohnungstür. Den hatte ich schon vorgestern kennengelernt, als ich ein paar Sachen in den Keller geräumt hatte. Jetzt guckte uns Emre böse an:

„Haltet die Fressen, Wichser, isch übe!“ Er schlug die Tür wieder zu. Doch das Türholz konnte nicht die Metalbeats dämpfen, die aus Emres Wohnung dröhnten. Trotzdem hörten sich die Beats harmlos an – im Vergleich mit Emres Begleit-Rap:

„Isch bin der Hengst vom Block, der Hengst,

meine Faust kommt schneller als du denkst,

oh, Baby Bitch, mach aus das Lischt,

isch ändere misch nischt!“

Schnauze trommelte an die Tür, Emre hörte auf zu rappen. Die Tür ging wieder auf, einen Spalt breit, sodass nur Emres Nase herauslugte. „Was is’n, ihr Opfer?“

„Wie heißt dein Label, Emre?“, fragte Schnauze.

Rapproduction“, sagte Emre.

„Respekt“, sagte Schnauze.

„Wie alt ist der Kleine?“, fragte ich vorm Haus.

„Emre?“, sagte Schnauze. „Acht.“

„Krass!“, sagte ich.

„Geh’ma PEP?“

 

 

Das PEP hockte vor uns wie die Henne auf ihren Eiern. „Magst du auch Fisch essen?“, fragte ich.

„Nee!“, sagte Schnauze. „Besser vegetarisch. Sons disst mich Elke.“

„Hä?“

„Meine Mudda!“

Ich seufzte. „Alles klar!“ Mann! Schnauzes Mutter hieß Elke? Voll deutsch für eine Türkin, oder?

Schnauze zeigte zur Döner-Bude am Parkplatz. „Ich hol mir was drüben.“

„’nen Gemüse-Döner?“

„Nee! Mit Kalb!“

„Kalb ist doch nicht vegetarisch!“

„Doch! Kalb frisst Gras!“

„Blödsinn!“

„In Döner is’ viel Knoblauch drin. Wenn meine Mudda meine Knoblauch-Fahne riecht, is’ sie voll zufrieden.“

„Meine Mutter hasst Knoblauch!“, sagte ich.

„Wieso denn?“

„Knoblauch stinkt. Anne ist ein Feingeist!“

„Dann solltest du keine Türkin anbaggern, Alta! In Klein-Istanbul gibt’s aba wenig andere Perlhühner.“

„Klein-Istanbul?“

„Na, hier bei uns so Neuperlach so!“

„Aha!“

„Mann, Alta, du checkst auch gar nix!“, sagte Schnauze. „Warsdu Mittelschüler oder ich?“

„Äääh …“

„Döner macht schöner!“, sagte Schnauze. „Wegen Mädchen hier und so ess’ ich nur noch Knoblauch so. Komm schon, Alta. Deine Anne steck’ dich nicht Heim wegen bissl Knoblauch! Is’ doch selber Türkin!“

„Türkin? Meine Mutter? Wie kommst du denn darauf? Die Familie meiner Mutter stammt aus Ingolstadt.“

Schnauze lachte. „Heißt sie echt Anne?“

„Eigentlich heißt meine Mutter Linda“, sagte ich. „Aber ich sage schon seit meiner Kindheit Anne zu ihr.“

„Warum denn?“

„Keine Ahnung! Vielleicht war Anne mal ihr Künstlername. Als Geigerin meine ich. Alle guten Geigerinnen heißen Anne. Wo kommen eigentlich deine Alten her?“

„Na, aus Franken“, sagte Schnauze.

„Echt? Du hast doch gesagt, dass du Türke bist …“

„Schau nicht in die Vergangenheit, Alta! Schau in die Zukunft!“

„Cooler Spruch.“

„Is’ vom indischen Guru.“

„Und warum …“ Ich stutzte. Ach, egal, ich musste es ihn fragen: „Und warum redest du wie ein Türke, Mann, wenn deine Alten Franken sind?“

„Ich muss mich hier in Klein-Istanbul integrieren, Alta!“, sagte Schnauze. „Hasdus nicht Glotze gehört? Integration is’ voll wichtig!“ Er bretterte davon. Tja, da hatte er nicht Unrecht. Wenn über den EU-Türkeibeitritt nur in Neuperlach abgestimmt werden sollte, wäre die Türkei wohl schon längst drin.

„Neuperlach ist das demokratischste Viertel in München“, hatte mal Dok gesagt. „Alle wählen Erdogan!“ Gleich kicherte er. Anne hatte damals nur die Augen verdreht.

Ich würde mich hier in Neuperlach nie integrieren, weil ich wegen meiner Mutter keinen Knoblauch essen durfte. Warum hatte Schnauze aber gemeint, dass meine Anne Türkin ist? War schon komisch, der Typ, oder?

In der NORDSEE war nur ein Tisch frei. Neben zwei … hi, hi, hi … Perlhühnern. Die weniger Hübsche glänzte wie ein neuer Mercedes – frisch lackiert. Wohl heute alle Haarspraydosen im Badezimmer leer gesprüht, Baby?

Die Hübschere steckte in einer roten Adidas-Hose, einem weißen T-Shirt ohne Ärmel und Nike-Joggingschuhen. Sah verschwitzt aus. Hey! Heute schon joggen gewesen? Auf einmal starrte sie mich an. Ein paar Sekunden lang. Als wäre hier in der NORDSEE ein Pinguin aufgetaucht. Und nicht nur auf dem Teller.

Mannomann! Was für ein Blick! Scharf wie das Laserschwert von Luke Skywalker! Sie machte ihren Mund auf, dann wieder zu und zuckte ihren Blick weg. Uff! Sie lächelte ihre Freundin voll an, mit breitem Mund, und schob sich Haarsträhnen aus der Stirn.

Und plötzlich machte es KLICK in meinem Kopf: Ein Hintergrundprogramm hatte sich eingeschaltet, doch welches? Ich kam nicht drauf. Mann! Dieses Haar! Hatte ich das nicht schon mal irgendwo gesehen? Glatt und schulterlang, dunkelbraune Strähnen, die mal ins Schwarze stachen und mal ins Rote, je nachdem wie das Licht auf das Haar fiel.

Sie pickte mit ihrer Gabel in einem Schollenfilet rum, als wollte sie den Fisch tätowieren, und tunkte dabei die Spitze ihres Haars in die Remouladensoße. Schwarz-weiß! Ganz klar Türkinnen. Was sonst? Aus Knoblauchgründen nichts für mich.

Ich scannte die Preise über der Theke, holte Annes Zehner aus der Arschtasche der Jeans und hockte mich mit meinem Seelachs an den leeren Tisch neben den beiden. „Hallo Süßer!“, rief die Spraydose, versteckte ihre Nase aber gleich wieder zwischen ihren Fritten. Die Hübsche kicherte.

„Hi, Perlhühner!“, sagte ich, aber nur virtuell. In Wirklichkeit sagte ich gar nichts und kümmerte mich nur um meinen Fisch, bevor er wegschwimmen konnte.

Die Hübsche flüsterte etwas. Was hat sie gesagt? Dass sie mich kennt? Blödsinn. Habe die Schnitte noch nie gesehen.

„Der ist doch noch nicht mal fünfzehn!“, sagte ihre Freundin.

Blöde Kuh! „Ich bin schon sechzehn!“, sagte ich.

„Von dir reden wir nicht!“, sagte sie. Ach so. Darauf fiel mir nichts mehr ein. Obwohl ich an krassen Sprüchen arbeiten wollte. „Gegen eine Nervensäge ist ein guter Spruch besser als ein Tritt in den Arsch!“, sagt Dok.

Statt Sprüche zu klopfen, folterte ich aber jetzt mit der Gabel und dem Messer weiter meinen Seelachs. Plötzlich bebte mein Teller. Eine türkische Oma mit Kopftuch hatte sich mir gegenüber gehockt, meinen Tisch gepackt und ihn zu sich gezogen. Ohne „Hallo“ zu sagen.

„Mahlzeit!“, sagte ich, aber auch das kümmerte die Oma wenig. An die Tischkante hatte sie einen brutalen Regenschirm gelehnt, obwohl es seit Wochen nicht geregnet hatte. Die Alte traute dem NORDSEE-Wetter wohl nicht.

Ich ruckelte mit meinem Stuhl dem Tisch nach und beugte mich über den Teller. Die Mädels am Nebentisch fingen wieder an zu kichern. Warum? Wegen meinen Bratkartoffeln? Die schauten aus wie Steinkohle. Aber wenn Anne gemeint hatte, dass das gesund sei … warum nicht?

Plötzlich wieder ein Erdbeben. Die türkische Oma hatte mir die Tischkante in den Bauch geschoben, stand auf und trippelte zur Theke. Den Regenschirm nahm sie mit. Wohl um sich eine Serviette zu holen. Warum sie statt dem Stuhl den Tisch ständig verrücken musste? Kein technischer Typ, die Alte. Zum Glück hatte ich schon alle Gräten abgeknabbert. Nichts wie weg hier!

Ich stand auf. Wieder das Gekicher neben mir. „Du hast eine Serviette am Hintern!“, sagte die Hübsche.

„Das ist keine Serviette, Sibel!“, sagte die andere. „Das ist Klopapier!“ Sibel gackerte wieder. Könnte glatt einen Job als Lachpublikum bei Pro7 bekommen.

Ich verrenkte den Hals und guckte nach hinten. Echt. Von meinem Arsch hing eine Serviette runter. Mit Remoulade an meine Jeans geklebt. „Danke!“, sagte ich, zog die Serviette weg, grinste die Suleikas an und griff nach meinem Teller.

„Hirsiz!“, brüllte die Oma, das war wohl Türkisch. Meinte sie mich? Ich schaute zu ihr und dann runter. Ups! Vor lauter Stress mit den zwei Scheherazaden am Nebentisch hatte ich mir den Teller der Alten gekrallt. Schnell legte ich ihn wieder zurück.

„Sorry!!!“, murmelte ich, nahm meinen Teller und lief zum Abstellwagen.

„Hirsiz!“, kreischte die Hexe noch mal. Ich überlegte, ob „hirsiz“ auf Deutsch „Dieb“ hieß, aber nicht lange. Denn gleich stieg hier Ekschn, und mir wurde klar, wozu sie den Regenschirm im Sommer brauchte. Als Waffe!

„Hirsiz!“, brüllte sie noch mal und prügelte mich mit dem Regenschirm aus der NORDSEE. Die Mädchen hinter mir schüttelten vor lauter Lachen ihre Bäuche wie beim Bauchtanz.

Zum Glück ging der Regenschirm am Ausgang plötzlich auf wie ein Fallschirm – ich war gerettet! Die Hexe hörte auf, mich zu schlagen, klappte das Ding zusammen und kehrte zu ihrem Fisch zurück. Wahnsinn! Krass die Alte, oder? Wenn alle türkischen Omas so brutal drauf waren, dann war’s in Neuperlach lebensgefährlich. Oder stand auf Fischraub in der Türkei die Todesstrafe?

Zum Glück ahnte ich da noch nicht, welchen Kampf ich mir mit einer türkischen Oma noch liefern würde. In der NORDSEE durfte ich mich in den nächsten Wochen auf jeden Fall nicht blicken lassen. Hier war ich jetzt hinreichend bekannt. Gott sei Dank schob Dok im Einkaufszentrum nur Nachtschichten. Wäre er jetzt da gewesen, hätte er seinen Sohn wegen Mundraub festnehmen müssen.

Plastiktiere

Schnauze hockte auf der Bank in der Einkaufspassage gegenüber der Traublinger-Bäckerei und kaute an den Resten seines Döners. „Mann! Der neue Gerät von dem Typ in Dönerbude is’ voll High-Tech.“

„Das heißt DAS Gerät: das Radio, das Auto, das Gerät!“

„Alta, du musst Deutsch lernen“, sagte Schnauze. „Der Gerät is’ nich’ das Auto oda das Radio. Der Gerät is’ das geile elektrische Messer zum Dönerschneiden. Kapito?“

„Ach so!“, sagte ich. „Das Gerät zum Dönerschneiden heißt der Gerät!“

„Genauso is’s, Mann!“

„Das muss ich meinem Vater sagen“, sagte ich. „Der mag solche Sachen!“

„Was macht dein Alta?“

„Äaaah … er ist nur Nachtwächter im PEP!“

„Geil!“

„Geil?“

„Klar! Da kannste die andern herumkommandieren … kann man mit Hauptschulabschluss Nachtwächter machen?“

„Sicher! Solche Jobs bekommst du aber erst ab achtzehn, oder?“

„Muss mal deinen Vater fragen.“

„Hmm“, sagte ich, kriegte aber gleich die Panik. Dok war echt irre. Den sollte keiner meiner neuen Freunde hier jemals kennenlernen. Die Türken schon überhaupt nicht. Sonst war ich hier erledigt. Die Türken haben doch eine ganz andere Kultur als Dok. Na ja, jeder hat eine andere Kultur als mein Vater.

„Zwei Jahre krieg ich schon irgendwie rum“, sagte Schnauze. „Hab Moneten genug. Soll ich uns was zum Trinken holen?“

„Spezi wäre super!“, sagte ich. Schnauze bretterte zu vinzenzmurr. Mann! Schnauze war der erste Jugendliche, der meinte, genug Geld zu haben. Blödsinn! Kein Jugendlicher hat genug Geld. Sonst würde er es ja sofort ausgeben und dann wieder nicht genug haben, oder?

Schnauze tauchte wieder auf und reichte mir meine Spezi. Krass cremig, das Leben im PEP, oder? Wir chillten auf der Bank und guckten uns die vorbeilaufenden Models aus dem Supermarkt an. „Hätte mir besser etwas bei McDonald’s zum Essen kaufen sollen“, sagte ich.

„Meggi muss nich’ immer sein“, sagte Schnauze. „Ich häng dort Tag und Nacht rum.“

Auf einmal hob Schnauze die Hand und klatschte einen Dunkelhaarigen ab. „Naber, Danis!“

Auch das Gesicht des dunklen Typen kam mir bekannt vor. Ein kleines Déjà-vu versuchte sich bei mir einzuschleichen – wie bei der Türkin im NORDSEE. Woher sollte ich den Typen aber kennen? Wohl ein Trugbild! Wieder eins von diesen komischen Bildern, die in der letzten Zeit in meinem Kopf auftauchten.

„Selam, Schnauze!“

„Sers!“, sagte ich.

„Na, was geht in Perlach, Danis“, fragte Schnauze. Wollte mir wohl auf die feine Art mitteilen, wo der Checker herkam.

„Dich kenn ich doch, oder?“, fragte mich Danis.

„Kann sein!“, sagte ich. „Meine Tante hat in Perlach gewohnt. Bis sie gestorben ist, war ich oft bei ihr. Meine Mutter hat damals Konzerte gegeben, und mein Vater war mit ihr viel unterwegs.“

Hmm … komisch! Meine Tante war gestorben, als ich zehn gewesen war, das hatte Anne mal gesagt, aber ich konnte mich an meine Zeiten bei der Tante überhaupt nicht erinnern, nicht einmal wie meine Tante ausgesehen hatte. Nur dass ich oft bei ihr gewesen bin. Oder hatte mir das auch Anne gesagt?

Plötzlich leuchtete etwas in meinem Kopf auf. Ich guckte Danis in die Augen, auf einmal stand die Szene so in meiner Erinnerung, als hätte sie sich gestern abgespielt.

„Ich erinnere mich, dass ich mich an einem Bach mit einem türkischen Jungen geprügelt habe!“, sagte ich. „Wir spielten Indianer, und er wollte, dass ich Nscho-Tschi bin.“

„Das war ich“, sagte Danis.

„Nscho-Tschi?“, fragte Schnauze.

„Nee, der Türke!“, sagte Danis.

„Cool!“, sagte ich.

„Macht’s gut!“

„Du musst nicht davonlaufen“, sagte ich. „Ich spiele keine Indianer mehr. Du kannst ruhig Winnetou bleiben. Oder von mir aus auch Old Shatterhand.“

„Ich muss schnell ins Kaufland und dann in meinen Schachverein.“

„Schachverein?“, fragte Schnauze. „Bisdu krank, Lan?“

„Schach ist gut fürs Hirn!“

„Wozu brauchsdu Hirn?“

„Bis dann!“

„Klar!“ Danis latschte Richtung Kaufland. Komisches Land, Neuperlach, oder? Hier redeten Franken wie Türken und Türken gutes Deutsch.

„Spielsdu Schach?“, fragte mich Schnauze.

„Hab damit aufgehört!“, sagte ich. „Napoleon hat die Dame gefressen. Er frisst alles, was süß ausschaut.“

„Euer Hund? Hat er Dame nicht wieder rausgeschissen?“

„Keine Spur! Zwei Tage lang haben wir sein Kacken bewacht, aber die Dame ist nie wieder aufgetaucht. Hey! Hätte echt Lust, wieder mal Schach zu spielen. Vielleicht gibt’s im Obletter Magnetschach? Das könnte ich mit meinem Vater im Auto zocken, wenn Anne fährt.“

„Ja! Und wenn Napoleon wieder Dame frisst, is’ er dann voll magnetisch und ihr braucht keine Leine für Hund. Du kannst doch auf Handy Schach zocken, Mann!“

„Äääh … hab nur so ’n altes Samsung. Speicher voll!“

„Echt?“, sagte Schnauze. „Hasdu kein iPhone, Mann?“

„Neee!“

„Du arme Sau!“ Hä? Das gibt’s doch nicht! Hatte der Typ echt so viel Kohle, wie er mir weiszumachen versuchte? Sicher nicht, oder? Wer hatte schon Geld in Neuperlach?

„Is’ dein Hund Facebook?“, fragte Schnauze. „Könnte ihm Freundschaft anbieten.“

„Spinnst du? Ein Hund bei Facebook.“

„Jeder coole Hund is’ bei Facebook.“

„Ich tummle mich eher bei Instagram!”

„Für Hunde is’ Facebook besser”, sagte Schnauze. „Dort sind voll die Alten unterwegs. Die mögen Hunde. Und Katzen auch!”

„Hmm.“ Ich stand auf. „Kommst du mit zu Obletter?“

„Obletta?“, fragte Schnauze. „Nee! Muss heim Blumen gießen. Geh’ma Donnerstag Bolzi?“

„Klar! Heute gehst du nicht kicken?“

„Meine Mutter hat frei genommen und will Franken fahren. Zu Oma!“

„Und wie redest du bei deiner Oma? Auch Neuperlach-Deutsch?“

„Wemmä frängisch redn koo, dann red i frängisch. Hinnerwidder.“

Vor Schock soff ich die Spezi auf ex. Mannomann! Schnauze war ein waschechter Franke! Und er konnte noch andere Sprachen als Neuperlachisch.

„Alles klar, Alta?“ Schnauze haute mir auf die Schulter. „Nicht traurig sein! Donnerstag sind wir zurück. Vor Kicken kann ich dir ZOO hier zeigen.“

„Gibt’s hier einen ZOO?“

„Logisch! Donnerstagmittag hier?“

„Passt!“

„Check die Wurst, Alta!“

„Heißt das nicht, ‚check die Nudel’?“

„Bin kein Vegetarier mehr.“

„Ach so … bis Donnerstag!“

 

 

Ich trollte zwischen den Regalen im Obletter. Ist Spielzeug nicht geil? Oida! Das da hatte ich doch als Kind gehabt, oder? Ein Bauernhaus aus Plastik mit Fensterchen. Nur viel größer als mein altes Häuschen.

Ich schaute mich vorsichtig um, ob mich nicht jemand beobachtete, ging in die Hocke und drückte eine Taste. Ein Fensterchen ging auf. Ein Plastikhund steckte seine Schnauze heraus: „Wau, wau!“ Super! Im Haus wohnten zwölf Tiere. Ich ließ sie bellen und wiehern, bis die Scheune bebte.

„Miau!“

„He, he, he!“ Na, was haben wir da noch? Dich hab ich noch nicht gedrückt, Tierchen!

„Muh!“ Geil!

Bevor ich die Taste mit dem Hahn anging, war mir ein lautes „Kikeriki“ herausgerutscht. Und plötzlich hörte ich im Rücken eine Mädchenstimme: „Und wie macht das Schweinchen, Joschi?“

„Grunz grunz …“, machte eine andere Mädchenstimme hinter mir. Ich drehte mich um und guckte hoch. Klar! Die zwei Kasperljennys von der NORDSEE! Und schon krümmten sie sich mal wieder vor Lachen. Scheißeee!

Jetzt ging’s nur noch drum, das Gesicht zu wahren. Wenn sich in Neuperlach rumsprach, dass ich auf Plastiktiere abfuhr, war ich an meinem neuen Wohnort erledigt. Das wäre noch schlimmer, als wenn die Leute hier meinen Vater kennenlernten.

Ich packte das Plastikbauernhaus, stand auf und sagte: „Das ist ein Geschenk für meinen kleinen Bruder!“

„Schade“, sagte Sibel. „Und ich habe schon gedacht, das wäre für dich. Ich mag Jungs, die gern spielen.“ Ihre Freundin gackerte wie ein Gänserudel. Ich trabte mit dem Plastikhaus zur Kasse.

„Der Typ hat mich tatsächlich vergessen!“, sagte Sibel hinter meinem Rücken. „So ein Egoist!“

Wohl laberte sie wieder über denselben Jungen wie in der NORDSEE. War auch gut so, dass sie mich aus ihren Spielchen rausließen – an diesen Lachtussen hatte ich echt kein Interesse. Sicher futterten sie eine Knoblauchknolle nach der anderen.

„Bist du schon achtzehn?“, fragte die junge türkische Verkäuferin an der Kasse, als sie das Hard-Core-Spielzeug sah, und wieherte auch vor Lachen. Mann, eh! Bin ich Jim Carrey, oder was? Stehen alle türkischen Mädels auf Comedy? Reißen die alle den Mund so breit auf? Und warum tragen die keine Kopftücher, verdammt?

48 Euro kostete das Ding! Heftig! Ich blätterte der Verkäuferin mein ganzes Geld hin und trottete mit dem Schmarrn aus dem Laden. Für Magnetschach musste ich wohl wieder sparen und bis dahin Schach gegen den Computer spielen.

Erst als ich draußen war, fiel mir ein, dass ich mir das Ding nicht in eine große Plastiktüte hatte packen lassen. Blöd. Na ja, die zwei Lustigen waren noch im Obletter. Vielleicht schaffte ich’s nach Hause, ohne dass mich ein Bekannter mit dem Babyspielzeug erwischen würde. Ich kannte hier ja keinen.

„Und was ist das?“, fragte Danis in der Einkaufspassage und zeigte auf das Tierhäuschen. Er latschte gerade vom Kaufland zurück. Zum PEP-Haupteingang.

„Äääh … ich wollte mir Schach kaufen“, sagte ich.

„Und hast dir statt Schach was voll Cooles gekauft, oder?“, sagte Danis und guckte das Plastikhaus mit den Tieren an. Wenn er jetzt zu mir Nscho-Tschi sagte, würde ich ihn in die Plastikscheune quetschen.

„Das ist ein Geschenk für meinen kleinen Bruder“, sagte ich.

„Du solltest deinem Bruder ein Auto kaufen“, sagte Danis. „Oder eine Knarre! Mit Tieren spielen doch nur Mädchen.“

„Wie mit den Pferden beim Schach, oder?“ Zugegeben: Der Spruch war kein echter Bringer.

„Das war nur Spaß mit dem Schach“, sagte Danis. „Ich würde doch nicht Schach in einem Verein spielen. Bin doch nicht bescheuert. Heute kicke ich sowieso. Kommst du mit?“

„Prügelt ihr euch eigentlich immer nach dem Spiel?“

„Hä?“

„Gestern auf dem Bolzplatz hat der türkische Schiri einen türkischen Zuschauer verdroschen.“

„Auch beim Fußball geht’s um die Ehre, Mann! Wir spielen heute aber ohne Schiri.“

„Super! Wo?“

„An der Putzbrunner Straße. Auf dem Rasen beim Pfanzeltplatz.“

„Wann spielt ihr?“

„Um fünf!“

„Bis dann!“

„Sers!“

Erst jetzt fiel mir wieder ein, dass Sibel im Obletter „Joschi“ gesagt hatte. Meinen Kindernamen, mit dem ich seit ’ner halben Ewigkeit nicht mehr angesprochen wurde. Das hab ich mir schon vor Jahren bei Anne und Dok erkämpft. Ach, Blödsinn! Sicher hatte ich mich verhört. Woher sollte die Frau meinen Kindernamen kennen?

Superman

„Bisdu schwul?“, fragte mich der achtjährige Emre von seinem Küchenfenster im Erdgeschoß, als ich vor unserm Haus nach meinem Schlüssel suchte. Er zeigte auf das Plastikbauernhaus in meiner Hand. Was hatten die Türken gegen Tiere, verdammt?

„Das ist mein Weihnachtsgeschenk für dich“, sagte ich. „Du spielst doch gern mit solchen Sachen.“

„Nee“, sagte der Knirps. „Ich poppe lieber!“

 

 

„Was ist das?“, fragte Anne und zeigte auf das Plastikhäuschen.

„Ich muss für die Schule Tierstimmen lernen!“, sagte ich. Meiner Mutter konnte ich nicht mit meinem kleinen Bruder kommen. Sie war extrem schlau und wusste, dass ich keinen Bruder hatte.

Ich schlug die Tür hinter mir zu. Uff! Endlich konnte ich in Ruhe mit meinen Tieren zocken. Kurz darauf geigten krasse Töne eine falsche Melodie dazu. Ah, meine Ex-Mitschülerin aus Oberhaching Lena nahm wieder bei Anne Unterricht! Die würde das Geigen wohl nie lernen.

Zum Glück hatte ich schon vor Jahren meiner Mutter hinreichend bewiesen, dass ich als Geigenspieler eine super Niete war. Plötzlich kam mir Schnauze in den Kopf. Und seine Frage, ob unser Hund Napoleon bei Facebook sei. Ich lief mit meinem Handy in Doks Zimmer. Dort versteckte sich Napoleon immer, wenn Anne Geigenunterricht gab.

Jetzt lag er mit Ohrstöpseln unter … ääh, sorry … die Ohrstöpsel hab ich mir jetzt ausgedacht. Napoleon lag unter der Fensterbank und wedelte glücklich mit dem Schwanz, weil ich ihn besuchte. Als er merkte, dass ich mit dem Handy auf ihn zielte, schmiss er sofort Posen wie ein Model. Napoleon ist sehr fotogen.

Ich schoss ihm ein paar Profilfotos, lief in mein Zimmer zurück und meldete Napoleon bei Facebook und Instagram an. Als „Napoleon Hund“ – weil Facebook nur „Napoleon“ nicht nehmen wollte. So! Jetzt hatte unser Schoßhund endlich ein Profil in den sozialen Netzwerken: Interessen: Eis, Kuchen, Tiramisu.

 

 

„Jonas!“, rief Anne aus der Küche.

„Ja?“

„Isst du mit uns ein Stück Kuchen?“ Napoleon drängte sich an meiner Wade vorbei in die Küche, quietschte vor Freude und wedelte mit dem Schwanz. Wenn unser Hund das Wort Kuchen aufschnappt, ist er nicht zu halten. Wie gesagt schmecken Knochen Napoleon überhaupt nicht. Vielleicht ist der Hund deswegen so klein geblieben.

„Hi, Lena!“

„Hallo, Jonas!“

Auf dem Tisch lag ein großer Teller mit Apfelstrudel, in der Küche roch es wie in der Konditorei. Mhmm. „Du kriegst keinen Kuchen, Napoleon!“, sagte Anne. „Du hast dir schon nach dem Mittagessen die Zähne geputzt.“

Lena runzelte die Stirn. „Ihr Hund putzt sich die Zähne?“

„Ja!“, sagte Anne. „Dreimal am Tag!“

„Öfter als ich!“, sagte ich.

Lena riss die Augen auf. „Aber wie hält der Hund denn die Zahnbürste?“

Anne lächelte. „Ich helfe ihm.“ Napoleon verschwand aus ihrer Sicht. „Ja, brav“, sagte sie. „Leg dich unter den Tisch!“ Doch Napoleon plante schon den Angriff. Vor Annes Blick versteckt, hatte er sich den Plastikhocker zum Stuhl geschoben, den Anne benutzt, um das obere Schrankfach zu erreichen, und versuchte auf den Stuhl zu klettern. Von dort war es nur noch ein kleines Stück auf den Tisch.

Wenn es um Kuchen ging scheute Napoleon keine Schlacht. Um einen Kuchen zu erobern, würde Napoleon die Welt in Schutt und Asche legen. Bei seinem Aufstieg wimmerte er leise, damit Anne ihn an der anderen Tischseite nicht hörte, wahrscheinlich sagte er gerade so was wie:

„Scheiß auf die Zähne, Mann!“ Mich beachtete der Hund nicht. Wir hatten eine Abmachung, uns gegenseitig nicht zu verpfeifen.

„Den hat Lena selbst gebacken!“, sagte Anne und zeigte auf den Apfelstrudel.

Lena wurde rot wie ein Bayern-Trikot. „Den hat meine Mama gebacken!“, sagte sie.

„Aber sicher hast du ihr geholfen, oder?“

„Nee!“, sagte Lena. Mannomann. Manchmal ist meine Mutter voll peinlich. Die Erwachsenen haben keine Ahnung, wie man mit Leuten umgeht. Haben die das nicht in der Schule gelernt? He, he …

Napoleon hockte schon auf dem Stuhl, schlau wie er war, bückte er sich aber unter die Tischkante, damit Anne ihn nicht bemerkte. Wie ein Tiger machte er sich bereit zum Sprung. Dabei warf er mir bettelnde Blicke zu: „Mann! Schnauze halten! Wir sind doch Freunde, oder?“

„Wie …“ Mehr schaffte Anne nicht mehr zu fragen, weil Napoleon gerade in diesem Moment auf den Tisch und zum Kuchen schoss, sodass er auf dem Wachstuch ins Schleudern kam und einen doppelten Rittberger wie ein Eiskunstläufer hinlegen musste, um nicht vom Tisch zu fliegen. Gleich stand Napoleon aber wieder fest auf seinen Pfoten. Am nächsten lag mein Stück Apfelstrudel, klar konnte Napoleon seinem Verbündeten keinen Kuchen rauben, also stürzte er sich auf den Zweitnächsten: Den von Lena.

„Napoleon!“, kreischte Anne, sprang auf und wollte eingreifen.

„Lassen Sie ihn!“, rief Lena. „Der ist ja so süß!“

„Der Hund oder der Kuchen?“, fragte ich. Schnauze hatte einen guten Einfluss auf mich. So was hätte ich früher nie gesagt.

Anne seufzte, setzte sich wieder hin, zog den Teller mit dem restlichen Apfelstrudel zu sich und umarmte ihn wie ein Baby. Napoleon mampfte mit vollem Maul Lenas Stück. Ruckzuck hat er den Strudel verputzt, machte ein glückliches „Wau-Wau“ und hüpfte vom Tisch runter.

Anne brachte einen frischen Teller für Lena. Um sich für das gute Essen zu bedanken, ließ Napoleon einen fahren, sodass Anne die Puste wegblieb, und trottete aus der Küche. Anne schüttelte den Kopf. „Von wem hat der Hund nur seine Manieren?“ Sie wusste aber zu gut von wem.

„Wie läuft’s mit dem Kicken?“, fragte ich Lena. Sie spielt Frauenfußball bei Haching. Doch der Fußball geht mit der Geige irgendwie nicht zusammen. Als Geigerin ist Lena sowieso voll der Versager. Trotzdem schwingt sie weiter den Bogen. Schon seit Jahren gibt Anne ihr Unterricht. Jetzt muss Lena aber zu uns nach Neuperlach kommen.

„Gut“, sagte Lena. „Bei euch im Verein auch alles klar?“

„Äääh …“

„Jonas hat sich bei seinem Verein abgemeldet“, sagte Anne. Manchmal denkt sie, ich hätte noch nicht sprechen gelernt.

„Warum denn?“, fragte Lena.

„Äääh …“

„Jonas hat mit seinem Trainer gestritten.“

„Echt? Du hast mit deinem Trainer gestritten?“ Lena guckte mich voller Bewunderung an. In Haching herrscht ja Drill pur. Der beste Verein hier in der Gegend. Da müssen sich auch die Frauen sputen: Spielen und Maul halten!

„Quatsch!“, sagte ich. „Wir sind umgezogen. Ich will nicht so weit zum Training fahren. Vielleicht fange ich nach den Ferien bei Neuperlach an.“

„Die treten wie die Schweine“, sagte Lena und jagte damit etwas Röte in Annes Gesicht. Meine Mutter ist ein feiner Mensch und somit hier in Neuperlach etwas fehl am Platz.

Jetzt seufzte sie wieder: „Wir hätten nicht nach Neuperlach ziehen sollen. Viele von den Ausländern hier sind kriminell … das ist kein gutes Viertel. Sicher werden hier Drogen verkauft. Und die … die Türken haben eine ganz andere Kultur als wir. Schon der kleine Emre von unten redet wie ein Verbrecher.“

„Er ist ein cooler Gangsta-Rapper“, fügte ich hinzu. „Ich find den lustig!“

„Gangster?“, fragte Anne. „Schon mit acht? Gestern stand ich auf dem Balkon, und Emre hat zu seinem Freund im Hof etwas sehr, sehr Unanständiges gesagt.“

„Was denn?“, fragte ich. Anne räusperte sich.

Lena nickte. „Bei uns im Verein …“

BUMM! Die zugeschlagene Wohnungstür verursachte in der Wohnung ein kleines Erdbeben. Aus dem Gang dröhnte die Stimme von Dok. „Was ist das Thema des heutigen Tages?“

„Sport!“, rief Anne schnell.

„Frauenfußball!“, rief ich.

„Frauenfußball ist doch kein Sport, he, he, he!“, grölte Dok und steckte den Kopf in die Tür.

„Aaah … du bist noch hier, Lena?“, sagte er. „Entschuldigung! Hab nur gescherzt.“

„Das macht nichts!“, sagte Lena. „Mein Papa reißt auch ständig frauenfeindliche Witze. Aber der Boss zu Hause ist meine Mama.“

„Ho, ho!“, sagte Dok. „Das ist bei uns anders!“ Er guckte zu Mama. „Oder, Anne?“

„Zieh dir die Schuhe aus!“, sagte Anne. „Aber sofort!“

„Ich mach ja schon!“, brummte Dok und trottete in den Flur zurück. Klar ist bei uns meine Mutter der Boss. Also was die wichtigen Sachen angeht. Wer sonst? Das ist sicher überall so, oder? Hin und wieder veranstaltet mein Vater eine kleine Revolution, aber die kann sie sehr schnell niederschlagen. Deswegen freut sich mein Vater, wenn ich zu ihm „Dok“ sage. Das gibt ihm viel Selbstwertgefühl, wenn er sich schon von Anne herumschubsen lassen muss.

„Hi, Dok!“, sagte ich.

„Servus, Jonas!“

„Sind sie wirklich Doktor, Herr Auer?“, fragte Lena.

„Darauf kannst du deinen Arsch verwetten, Lena!“

„Max!“, sagte Anne.

„Den Titel hab ich mir auf dem Bau erarbeitet“, sagte Dok. „Da haben wir uns alle mit Doktor angeredet. Aaah! Apfelstrudel! Lecker!“ Er schnitt sich den halben Kuchen ab. „Kennt ihr American Pie? In dem Film hat ein Junge ’nen Apfelkuchen gepoppt, he, he, he …“

„Max!“, sagte Anne. „Kannst du dich vor den Kindern nicht etwas zurückhalten?“ Lena verdrehte die Augen.

„Kinder?“, sagte Dok mit vollem Mund. „Das sind doch keine Kinder mehr! Die kennen sich damit besser aus als wir. Stimmt doch, oder?“

„Womit?“, fragte ich.

Dok machte seinen vollen Apfelstrudel-Mund breit auf. „Max!!!“, sagte Anne jetzt ganz laut. So laut sie konnte. Dok klappte den Mund wieder zu. Anne versuchte, das Gespräch wieder in anständige Bahnen zu lenken.

„Den Kuchen hat Lena selbst gebacken!“ Anne ist manchmal etwas vergesslich.

„Nö!“, sagte Lena.

„Schmeckt besser als Blutwurscht!“, sagte Dok. „He, he, he …“ Napoleon tauchte wieder auf, stellte sich bei Dok auf die Hinterpfoten, lehnte sich mit den Vorderpfoten auf sein Bein und begann zu betteln. Napoleon weiß, Dok ist ein Weichei, Dok lässt sich leicht rumkriegen.

„Gib dem Hund keinen …“, legte Anne los, aber da stopfte Dok Napoleon schon ein Drittel seines Kuchens ins Maul. Ganz schön aufmüpfig heute.

Anne seufzte noch mal. „Am Aushang unten steht, alle Mieter müssen ihre Satellitenschüssel vom Balkongeländer abbauen“, sagte sie. „Sonst gibt’s eine Anzeige. Die Satellitenschüssel hat uns der Vormieter dagelassen und jetzt sollen wir uns selbst darum kümmern.“

Dok sprang auf. „Das ist kein Problem! Ich schraube die Schüssel gleich ab.“

„Auf der Baustelle in Taufkirchen bist du in die Trommel des Betontransporters gefallen“, sagte Anne. „Man hat dich nur mit Not aus dem Beton retten können.“

„Ach das!“, sagte Dok. „Das ist schon lange her!“

„Soll ich nicht besser meinen Bruder anrufen? Die Schüssel hängt doch ziemlich hoch an der Wand …“

„Deinen Bruder holen? Ein Polizeibeamter hat doch keine Ahnung vom Handwerk! Äääh … Kennt ihr den? In ’ner Bank steht ein Räuber mit ’ner scharf gemachten Granate in der hoch gehobenen Hand! Da stürmt ein Polizist herein, mit ’ner Knarre am Anschlag, und brüllt: ‚Werfen Sie die Waffe weg!’ He, he, he … Gut, oder?“

„Iss besser deinen Kuchen auf!“, sagte Anne, da marschierte Dok aber schon mit seiner Werkzeugkiste durchs Wohnzimmer auf den Balkon. Napoleon mit wedelndem Schwanz hinter ihm her. Unser Hund mag es, wenn Dok bastelt, da erlebt er immer etwas Ekschn.

Anne stand auf, griff in ihr Hausapotheke-Körbchen auf der Kommode und verpasste sich eine Ladung von ihren Beruhigungspillen. Baldrian oder so Zeugs. Mit einem Lächeln kehrte sie zum Tisch zurück. Als wollte sie sagen: Jetzt ist mir alles egal, jetzt kann mich nichts mehr aus der Bahn werfen! „Wollt ihr noch ein Stück …“

„Uaaah!“ Das Gebrüll kam vom Balkon. Krieg? Überfall? Atombombe! Annes „Jetzt-ist-mir-alles-egal-Miene“ wandelte sich augenblicklich in einen Ausdruck des Schreckens.

„Wau, wau!“ Bellend und jaulend jagte Napoleon vom Balkon an der Küchentür vorbei und begann an der Wohnungstür zu kratzen. Was war da los?

Ich lief aus der Küche ins Wohnzimmer, doch schon durch die offene Balkontür sah ich, dass Dok nicht mehr auf dem Balkon stand. Fuck! Ich flitzte zur Wohnungstür.

„Was ist passiert?“, kreischte Anne aus der Küche und stürzte ohnmächtig zu Boden.

„Das ist nicht so schlimm wie es aussieht“, rief ich Lena zu. „Das passiert hier einmal die Woche. Kaltes Wasser hilft!“

Zuerst musste ich mich um Dok kümmern. Ich riss die Wohnungstür auf und hüpfte mit Napoleon die Treppe runter, aus dem Haus raus und um unseren Häuserblock herum.

Dok war mit seiner Satellitenschüssel direkt auf dem Rosenbusch von Emres Eltern gelandet. Jetzt kämpfte er sich aber schon ächzend heraus, die Schüssel immer noch in den Händen, mit zerkratzten Armen und zerkratztem Gesicht.

Emres Eltern hatten direkt am Haus einen kleinen Garten angebaut, wie alle Nachbarn im Erdgeschoss unseres Häuserblocks. Zum Glück waren sie nicht zu Hause. Nur der kleine Emre. Er stand auf Distanz zu meinem Vater, mit weit aufgerissenen Augen.

„Oida!“, sagte er zu mir. „Isch hab gedacht, dein Baba is’ Looser. Aber der is’ voll krasser Typ, ey. Wie Superman is’ er auf seiner Schüssel so angerauscht gekommen. Er muss nur coolen Superman-Dress anziehen. So kinomäßig so. Dann ist dein Baba voll der King in Neuperlach!“

 

 

„Dann heute um fünf!“, sagte ich zu Lena. Mit dem Geigenkoffer in der Hand lief sie die Treppe runter. Die Lederpille steht ihr besser. Napoleon machte mit der Schnauze die Tür zu und legte sich in sein Körbchen im Flur. Nach dem Kuchen und Doks Showeinlage war Siesta angesagt.

„Lena wäre eine sehr gute Freundin für dich“, sagte Anne in der Küche.

„Lass das, Mama!“

Anne versuchte, den knittrigen Halsausschnitt an meinem T-Shirt zu glätten. „Versuche nur nicht, hier etwas mit einem türkischen Mädchen anzufangen. Die Türken sind in solchen Sachen sehr empfindlich.“

„Aber, Mama! Wir leben doch nicht im Mittelalter.“

„Bei den Türken herrschen andere Sitten. Gerade gestern habe ich in der Zeitung über ein türkisches Mädchen gelesen, das … hmm … es muss nicht gerade Ehrenmord sein, aber …“

„Jetzt hör auf damit, Mama!“

„Du warst schon einmal wegen eines türkischen Mädchens sehr …“ Anne stutzte und legte sich die Hand auf den Mund.

Ein kleiner Blitz rauschte durch meinen Kopf, erlosch aber sofort wieder. „Was war ich wegen eines türkischen Mädchens?“

„Ach, nichts!“, sagte Anne. Sie seufzte. „Ich bringe in der letzten Zeit alles durcheinander. Pass nur auf! Mit den türkischen Mädchen ist das nicht so einfach wie mit den Deutschen. Wenn die sich mit einem Jungen einlassen, müssen die ihn heiraten. Du bist noch zu jung für solche Sachen.“

Ich ließ sie in der Küche sitzen und guckte nach dem Verletzten. Was hatte sie damit gemeint? Ich kannte doch gar kein türkisches Mädchen.

„Ächz, ächz“ – Dok pumpte in seinem Zimmer hoch und runter – seine übliche Liegestützen-Therapie. „Vielleicht solltest du dich besser vom Arzt durchchecken lassen“, sagte ich. „Ob alle Knochen …“

„Nee!“, sagte Dok. „Mit etwas Training vertreibst du die Schmerzen ruck zuck.“

„Das war wieder mal ein heftiges Abenteuer“, sagte ich.

Dok hockte sich auf das Sofa und wischte sich den Schweiß mit einem Handtuch ab. „Weißt du, Jonas! Ich wollte schon immer Handwerker werden. Ein Elektriker, oder ein Schreiner … ein Schlosser wäre schön … Oder Maurer würde mir gut gefallen, aber auch auf’m Bau hat’s nicht geklappt.“

„Nachtwächter im PEP ist doch ein super Job“, sagte ich.

„Schämst du dich vor den Jungs im Gymnasium nicht, dass ich als Nachtwächter arbeite? Die Väter deiner Schulfreunde in Oberhaching waren doch alle Anwälte und Computerexperten und so …“

„In Neuperlach ist das anders“, sagte ich. „Schnauze findet deinen Job voll cool!“

„Echt?“ Er zog den Gürtel an seiner Jeans fester.

Im Flur stießen wir mit Anne zusammen. „Leg dich doch hin!“, sagte sie zu Dok.

„Magst du mit mir unser Tandem fahren?“, fragte Dok. Er hatte ganz allein aus Ersatzteilen ein Tandem gebaut, aus zwei verschiedenen Fahrrädern, die zwei Teile hatte er in einer Werkstatt zusammengeschweißt, den Rest in den letzten drei Jahren in unserem Keller in Oberhaching gebastelt. Jetzt stand das Monsterfahrrad unten im Fahrradkeller und wartete auf seinen Einsatz. Doch keiner wollte mitfahren. Wir hatten Angst.

Anne wuschelte mit der Hand in ihren Haaren. „Ich fahre kein Tandem“, sagte sie. „Ich mag diesen Partnerlook nicht. Was würden die Leute dazu sagen? Die lachen uns doch aus!“

„Das ist doch schön, wenn Leute über uns lachen, Baby“, sagte Dok und klatschte Anne auf den Hintern.

„Bitte, sei nicht so primitiv!“, sagte sie und verschwand in ihrem Zimmer. Gleich hörten wir von dort schöne Geigentöne. Die wirkten bei Anne besser als Baldrian.

Dok kratzte sich am Kopf. „Magst du mitfahren?“

„Geht nicht“, sagte ich. „Muss gleich zum Kicken.“

„Das ist doch blöd!“, sagte Dok. „Ich baue seit drei Jahren ein Tandem für uns und jetzt will keiner mitfahren.“

„Das Basteln hat dir doch Spaß gemacht!“, sagte ich und klopfte ihm väterlich auf die Schulter. Das väterliche Klopfen bekommen Väter gern von ihren Söhnen, sie machen’s ja selbst oft. „Sicher findet sich mit der Zeit jemand, der mitfahren würde“, sagte ich.

Plötzlich grinste Vater. „Oh, ja!“, sagte er und strahlte wie Napoleon, wenn er neben seinem Körbchen ein Stück Schwarzwälder-Kirsch-Torte entdeckt. „Jemand findet sich sicher!“ Shit! Ich hätte gleich eins und eins zusammenzählen können.

Frauenfußball

Um Viertel vor fünf schob ich mein Fahrrad aus der Tiefgarage. Hmm … Die Reifen waren etwas schlapp. Musste wohl oben die Pumpe holen. Anne winkte mir von unserem Balkon zu, der ohne die Satellitenschüssel irgendwie kahl aussah. Anne will mich immer verabschieden, auch wenn sie deswegen ihr Geigenspiel unterbrechen muss. Heute hätte sie besser weiter Geige spielen sollen.

Unter unserem Balkon stolzierte Emre mit spitzem Gelhaardach auf dem Kopf in seinem Gärtchen herum. „Batteln wir, Oida?“, fragte er. „Isch kann disch voll dissen.“

„Kann nicht, ich muss zum Kicken“, sagte ich und guckte hoch. Anne spitzte auf dem Balkon über uns die Ohren, tat aber so, als ob sie am Balkonrand Blumen gießen würde. Nur hatte sie kein Wasser in der Kanne. Das konnte ich sehen. Ihr war wohl nicht ganz geheuer, dass ich hier mit dem achtjährigen türkischen Gangsta so auf Tuchfüllung ging.

„Nimmst du misch mit?“, sagte Emre. „Isch bin hier voll der beste Kicker so, weil isch kicke bald bei Bayern und so. Das hat mein Trainer gesagt so. Meine Freunde sagen Özil zu mir, Oida.“ Anne auf dem Balkon über ihm verdrehte die Augen.

„Du bist zu klein, um mit uns zu kicken“, sagte ich. Anne atmete erleichtert aus.

„Isch fick deine Mutta, du Spast, du!“, sagte Emre. Anne stürzte in Ohnmacht. Ich ließ das Fahrrad fallen, lief um unseren Block wieder zurück und stürmte nach oben in unsere Wohnung. Ich hatte recht. In der Gießkanne war kein Wasser. Musste es im Badezimmer holen, um Anne wiederzubeleben.

Dok und Napoleon kamen auf den Balkon gerannt. Zum Glück war Dok noch nicht auf seiner Tandem-Tour. Er führte Anne in ihr Zimmer. „Leg dich ein bissl hin“, sagte er.

Ich trabte nach draußen. Erst am Fahrrad fiel’s mir wieder ein: Wegen dem Stress mit Anne hab ich die Pumpe vergessen. Ich schob das Fahrrad zu unserer Haustür und lief noch mal die Treppe hinauf. Die Wohnungstür sperrte ich sehr leise auf. Anne vertrug keinen Lärm, wenn sie ihre „Zustände“ hatte. Vielleicht schlief sie ja schon. Ihre Zimmertür war aber auf.

„Beinahe hätte ich’s Josch gesagt“, sagte sie. Aha! In meiner Abwesenheit benutzte sie also immer noch meinen Kindernamen.

„Jonas ist doch schon sechzehn“, sagte Dok. „Wir können ihm die Geschichte ruhig erzählen.“

„Und wenn er wieder krank wird?“

„Nach sechs Jahren? Glaube ich nicht! Damals hat ihn sicher nur der Tod deiner Schwester so mitgenommen. Mit dem Mädchen muss es gar nichts zu tun gehabt haben.“

„Du weißt nicht, was eine solche Sache mit einem Menschen anstellt“, sagte Anne. „Du bist überhaupt nicht sensibel.“

Dok seufzte, ich schlich mich wieder heraus und machte die Wohnungstür leise hinter mir zu. Warum ich sie nicht gleich zur Rede gestellt habe? Keine Ahnung! Dok meinte mal, man könne die Leute nicht zur Wahrheit zwingen. Ich konnte doch auch mit nicht voll aufgepumpten Reifen fahren, oder?

Trotzdem gab’s für die Zukunft etwas Wichtiges zu erledigen: Ich musste einen Familienkrimi lösen. War ich mal echt schwer krank gewesen? Ich erinnerte mich nur an Grippen. Und von welchem Mädchen hatten die denn geredet?

 

 

Auf dem umzäunten Rasen an der Putzbrunner Straße schnürte Danis sich gerade seine Fußballschuhe zu. Inmitten der anderen türkischen Jungs. Lena war auf ihrem Rennrad gekommen. Ich hatte sie an der Straße getroffen.

„Hast du dein Cheerleader-Team mitgebracht?“, fragte Danis und grinste Lena an.

„Ich würde gern mitkicken!“, sagte Lena.

Die türkischen Jungs wieherten vor Lachen. „Und wenn du dich verletzt?“, fragte Danis und grinste zur Abwechslung seine Kumpel an. „Fußball ist nicht Kochen, Blümchen, he, he, he …“

„Wenn du auf deine Glocken Obacht gibst, Schorschi, passe ich auch auf!“, sagte Lena. „Bei mir hängt da aber nix frei rum, was verletzt werden könnte.“

„Waas? Schorschi?“ Danis machte einen Schritt auf Lena zu, plötzlich lachte er aber wieder. „Na, gut!“

Er freute sich wohl auf die Abreibung, die er Lena beim Spiel verpassen würde. Trotzdem warf er mir einen sehr komischen Blick zu: „Was soll das, Mann, hä?“

Ich hoffte nur, Lena hat das Fußballspielen nicht verlernt. Sonst würde ich mich vor den Jungs als der große Frauenfußballer outen. Noch dazu vor lauter Türken. Wo ich mich hier grade zu integrieren angefangen hatte.

Nee, Lena würde mich nicht enttäuschen, oder? Man weiß aber nie, wie sich die Mädels anstellen. Eine Achtel im Hormonzyklus, und schon ist das Mädchen unberechenbar! So stand’s in einem Buch über das Frauenverhalten, das Dok gelesen hatte. Wenn Lena hier die Kuschelpuppe rauskehrte, würde ich mich vor Danis und den anderen Türken für immer blamieren. Ach, was soll’s. Schlimmstenfalls prügeln wir uns wieder, und die Sache hat sich.

Lena schnürte sich die Schuhe zu. Danis zischte mir ins Ohr: „Du solltest deine Freundinnen besser erziehen, Mann! Wenn meine Schwester oder meine Freundin so was wie mit den Glocken sagen würden, hätte ich ihnen gleich eine runter gebuttert. Bei den Frauen musst du immer zeigen, wer der Herr im Haus ist, Alter! Sonst wachsen sie dir über den Kopf!“

Ich zuckte nur mit der Schulter. Wenn ich Lena auf die harte Tour angepackt hätte, würde sie mir den

Kopf zur Glatze rupfen. Sollte er doch selber seine Methoden anwenden.

Eigentlich war Lena ganz cool, oder? Cooler als Danis auf jeden Fall. Aber etwas Verbrüderung mit Danis dürfte nicht schaden. Dank der Beschiktasch-Schlägerei auf dem Bolzplatz und Schnauzes Erklärung kannte ich mich super mit der türkischen Liga aus. „Bist du Beschiktasch-Fan?“, fragte ich Danis.

„Logisch!“, sagte er.

„Ich auch!“, sagte ich. Sofort lächelte Danis wieder und klopfte mir anerkennend auf die Schulter.

Blöd nur, dass keiner mit Lena und mir spielen wollte. Wir waren zwölf, aber nach dem Aufteilen standen die vier uns zugeteilten Spieler plötzlich wieder bei der Gegenmannschaft.

„Na, was ist?“, sagte Lena am Ende genervt. „Wollt ihr alle gegen eine Frau spielen? Ihr Memmen!“

„Was hast du gesagt, Püppschen?“, fragte einer der Jungs.

„Dass du ein Held bist!“, sagte Lena und grinste. Sie hatte nicht mal vor dem Teufel Angst.

Danis trieb die uns zugewiesenen Jungs zurück. „Ihr wurdet ausgelost“, sagte er. „Murat, Haluk, Karmak und Deppe!“

Deppe war der einzige Deutsche von den Jungs, schien sich aber wegen seines Spitznamens gar nicht zu grämen. Nur wegen Lena grämten sich die Jungs. „Was soll der Scheiß?“, fragte Murat, der Lena vorhin angemacht hatte. „Soll’ma heute Hinkepinke spielen oder Fußball?“

Die erste Runde haben wir 5:1 gewonnen. Vier von unseren Toren hatte Lena geschossen. Danis spielte gut, voll der Techniker, fast so gut wie ich, na ja, das wieder nicht, aber er hatte es echt drauf. Seine Tricks mit der Hacke waren erste Sahne, das wusste er auch, und spielte fast jeden zweiten Ball mit der Hacke.

Bei diesem Ronaldo-Gehabe wäre unser Trainer in Haching ausgeflippt – statt nach freien Spielern zu suchen, die er anspielen könnte, suchte Danis nach einem Zaubertrick. Er dribbelte wie der Gott des Fußballs, doch jede Finte kostete Zeit, einmal Schwenk nach links, einmal nach rechts, und schon wurde unsere Abwehrkette wieder fest geflochten.

Hin und wieder schielte Danis nach Lena dabei, und langsam wurde mir auch klar, für wen Danis heute diese Show abzog.

Lena dagegen flankte, wenn sie flanken konnte, sie kickte mir den Ball nach links zu und lief weiter durch die Mitte, die Rechte hochgestreckt, damit man sie nicht vergessen würde. Sie war so präsent, dass jeder nur sie auf dem Feld sah und ihr den Doppelpass geben musste.

Lena nahm den Ball und donnerte ihn einfach ins Tor. Ohne groß rumzublödeln wie Danis und die Jungs in seiner Mannschaft. Alle krass gute Techniker aber schlechte Fußballspieler. Mit keinem von ihnen konnte Lena sich technisch messen, aber im Gegensatz zu ihnen hatte sie Teamgeist. Das Luder kicherte nur vor sich hin und schob die Pille durchs Feld – ein Traum! Als sie dem etwas dämlich glotzenden Dermak ein Tor zwischen den Beinen und knapp unter seinen Eiern geschossen hatte, brüllte er. „Hä? Was soll das?“

„Panna, Mann!“, rief Murat und klopfte Lena auf die Schulter. „Sie hat dich voll gepannert!“

In unserer alten Klasse in Oberhaching war Lena der zweitbeste Fußballspieler gewesen. Wer der beste war? Na, ich! Klar bin ich kein Angeber. Ich weiß nur, dass ich gut bin. Warum? Weil ich immer den ersten Ball erwische. Ich weiß immer, wo die Pille hinkommt. Schon wenn der Gegenspieler einen Anlauf zum Ball nimmt, weiß ich, wohin der Ball fliegen wird.

„War ich mal in der Schule längere Zeit krank?“, fragte ich Lena in der Pause.

„Du hast immer so eine oder zwei Wochen gefehlt.“

„Ich meine jetzt keine Erkältungen oder Grippen … War ich mal längere Zeit weg? In der Grundschule? …“

„Warte! Neblig kann ich mich erinnern, dass du in der Grundschule ein paar Monate im Frühjahr und im Sommer gefehlt hast. Da warst du, glaube ich, schwer krank, und bist nicht zum Kicken gekommen. Wieso? Weißt du das nicht mehr?“

„Nö!“

„Ach, ihr Männer!“, sagte Lena.

In der zweiten Hälfte führten wir nach ein paar Minuten 4:0. Danis fing an, mit seinen Spielern rumzustressen: „Komm zurück, du Mongo, du! Was ist los mit euch? Macht ihr alle auf Gomez, oder was!“

Nach dem Spiel wirkte Danis brutal depressiv. Redete mit keinem aus seiner Mannschaft mehr. Alle hauten ab. Auch Lena. Nur Danis und ich schnürten unter einem Parkbaum an unseren Schuhen rum. „Warum bist du sauer?“, fragte ich. „Weil ihr verloren habt?“

„Ich bin nicht sauer!“, sagte er.

„Doch!“, sagte ich.

„Blödsinn!“, sagte er. „Bestimmt ist Lena ein verkleideter Junge. Mich kann keine Frau im Fußball schlagen.“

„Nö!“, sagte ich. „Lena ist ein echtes Mädchen! Hast du ihre Brüste nicht gesehen? Die ist nur ein bissl dominant. In unserer alten Klasse in Oberhaching hat sie die Hälfte der Jungs verdroschen. Sie war sportlich schon immer gut drauf.“

„Wer will schon eine solche Frau heiraten?“

„Sie schaut doch gut aus!“

„Pff! Eine Frau soll bügeln lernen und kochen, nicht mit Männern Fußball spielen.“

„Na, dann!“, sagte ich. „Wollen wir nach Haching radeln? Der Wilderer dort macht die besten Burger! Das schaffen wir bis acht!“

„Die besten Burger macht meine Schwester!“, sagte Danis.

Huch! Was war das denn? Etwa zwanzig Meter hinter der Schulter von Danis fuhr auf der Straße Dok auf seinem Tandem. Hat er doch einen Mitfahrer gefunden? Nur einen winzigen Bruchteil einer Sekunde blieb Doks Mitradler hinter Danis’ Kopf versteckt. Dann tauchte er auf. Auf dem zweiten Fahrradsitz des Tandems hockte in einem befestigten Körbchen Napoleon auf seinen Hinterpfoten, mit den Vorderpfoten auf den Korbrand gestützt, blickte er stolz wie ein General von seinem Ross auf seine Soldaten. Das war also Vaters Mitfahrer. Napoleon! Und da kriegte ich blöderweise einen Lachkrampf.

„Du machst dich über meine Schwester lustig?“, kreischte Danis. Ich schrie vor Lachen. Noch als Danis in mich reinprügelte, lachte ich. Aber nur kurz. Dann schlug ich zurück.

„Macht ihr hier auf Kindergarten oder was?“, brüllte eine weibliche Stimme. Wir hörten auf und starrten hoch.

„Oj!“, sagte sie. „Ganz große Krieger, oder? Was sollte das Gekratze und Gezerre? Wenn sich Mädchen prügeln, sieht’s besser aus.“

Weil ich sie genauso blöd angeglotzt hatte wie Danis, wunderte ich mich nicht, dass sie wieder mal einen Lachanfall bekam. Danis und ich hockten in zerrissenen Klamotten auf dem Rasen, zerkratzt wie nach einem Katzenangriff und guckten zu ihr hoch.

Sibel, die Lachtante aus der NORDSEE und dem Obletter, kriegte sich mal wieder nicht ein vor Lachen.

„Das gibt’s doch nicht!“, sagte ich.

„Warum prügelt ihr Idioten euch?“, fragte sie. Danis schwieg. Um mich zu verwirren, hatte sie diesmal einen schwarzen Adidas-Anzug mit den drei weißen Streifen an der Seite an, samt Jacke. Jetzt am Abend war’s schon etwas kühler.

„Er hat gedacht, ich hätte mich über seine Schwester lustig gemacht“, sagte ich.

„Ach, so!“, sagte sie zu Danis. „Du hast die Ehre deiner Schwester verteidigt!“

„Na, das ist bei euch doch ganz normal, oder?“, sagte ich. Langsam gingen mir die Türken mit ihrer Ehre auf den Sack. Wenn man sich deswegen ständig prügeln musste, wollte ich echt keine Ehre haben.

„Meinst du bei uns den Türken?“, fragte sie. Ich sagte nichts. „Du hast doch keine Ahnung“, sagte sie.

„Aber ich hab nur gelacht, weil grad eben mein Va… ääh … ein Typ und ein Hund auf einem Tandem vorbeigefahren sind.“

Uff! Fast wäre mir „mein Vater“ rausgerutscht. Voll peinlich, wenn die zwei wüssten, dass der durchgeknallte Radfahrer mein Vater war. Das wäre bei den Türken sicher schlimmer als Frauenfußball zu spielen.

„Rede dich nicht raus!“, sagte Danis.

„Den Verrückten mit dem Hund auf dem Tandem hab ich an der Kreuzung auch gesehen“, sagte Sibel.

Den Verrückten? Alles klar! Diesen Leuten durfte ich echt nie meinen Vater vorstellen. Na ja, wollte ich ja auch nicht. Diese Sibel nervte sowieso. Tauchte in unmöglichen Situationen auf. Wohl nur, um sich über mich lustig machen zu können.

„Der Radfahrer sah einem Nachtwächter vom PEP sehr ähnlich, den habe ich schon ein paar Mal am Abend gesehen, wie er ums PEP herum seine Runden dreht“, fügte sie hinzu. „Aber da irre ich mich sicher. Kein solcher Verrückter könnte doch als Wachmann arbeiten.“

Oh, da irrst du dich aber, Baby! Ein Verrückter kann schon als Wachmann arbeiten. Scheißeee!

Danis und ich klopften unsere Klamotten ab. „Siehst du?“, sagte ich zu Danis. „Ich lache doch nicht über deine Schwester. Auch wenn sie sicher nicht die besten Burger macht. Die besten Burger macht der Wilderer in Haching!“

Sibel schaute Danis mit großen Augen an und lachte wieder. „Du hast dich wirklich wegen deiner Schwester geprügelt?“

„Nö!“, sagte Danis und wirkte plötzlich ziemlich verunsichert. Dabei hatte er noch vor kurzem erzählt, wie er mit den Mädchen umspringen würde. Jetzt hatte er aber nur Augen für seinen Rucksack und wühlte drin rum wie in einer Schatztruhe. He, he, vielleicht war er in diese Sibel verknallt? Gut so! Die würde ihm schon seine Macho-Flausen austreiben, diese Hexe. Mann! Wenn alle Türkinnen so drauf waren, dann wollte ich echt kein Türke sein. Die mussten voll auf Drill leben, die Armen. Na ja, Lena war auch krass brutal und war keine Türkin.

„Deine Schwester kann auf sich selber aufpassen“, sagte Sibel zu Danis. „Eigentlich müsstest du dich bei ihm entschuldigen.“ Sie zeigte auf mich.

„Ein Türke hat seinen Stolz“, sagte Danis. „Ein Türke entschuldigt sich nie!“

„Entschuldige dich“, sagte Sibel streng.

„Sorry!“, sagte Danis und gab mir die Hand. Der sollte mir noch mal erzählen, wie ein Mann mit Frauen umgehen soll.

„Gehen wir?“, sagte Sibel.

Ich hatte wohl recht gehabt. Die zwei kannten sich. „Ihr kennt euch?“, fragte ich.

Danis guckte mich an und machte den Mund auf: „Das ist doch …“

Sibel unterbrach ihn: „Ob ich den da kenne?“ Sie zeigte auf Danis. „Klar! Ist der Bruder von einer Freundin. Wir Türken in München kennen uns alle untereinander.“

Danis wirkte, als wenn er bei Meggi zu den Pommes Senf statt Ketchup gekriegt hätte.

Details

Seiten
0
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783960876397
ISBN (Buch)
9783960876687
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v452331
Schlagworte
Deutsch-türkisch Kulturen Missverständnisse humor-voller-Jugendroman Doktorspiele männer-humor-roman coming-of-age

Autor

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    Jaromir Konecny (Autor)

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Titel: Dönerröschen (Humor, Liebe)