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Tödliche Zeilen (Krimi, Cosy Crime)

Ein Fall für Agnes Munro

von Dorothea Stiller (Autor)

2019 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

Nach Jahren kehrt die pensionierte Lehrerin Agnes Munro in das malerische schottische Küstenstädtchen Tobermory zurück, um ihrer Freundin Effy in dieser schweren Zeit beizustehen. Denn die Kleinstadt wird von einem tragischen Todesfall überschattet: Effys Sohn Neil kam bei einem Autounglück ums Leben. Ein Unfall? Doch dann kommt es zu einem zweiten mysteriösen Todesfall und die Ereignisse überschlagen sich …

Die polizeilichen Ermittlungen können die resolute Agnes nicht überzeugen, also beginnt sie, auf eigene Faust nachzuforschen. Tatsächlich stößt sie auf Ungereimtheiten. Der Dame mit dem extravaganten Modegeschmack gelingt es, den Inselpolizisten auf ihre Seite zu ziehen. Und weiß der Gemeindepfarrer vielleicht mehr als er zugibt? Agnes stürzt sich in ihre Nachforschungen und muss sich eingestehen, dass sie auch mit ihrer eigenen Vergangenheit in Tobermory noch nicht ganz abgeschlossen hat.

Impressum

dp Verlag

Überarbeitete Neuausgabe Januar 2019

Copyright © 2020 dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

E-Book-ISBN: 978-3-96087-465-2
Taschenbuch-ISBN: 978-3-96087-466-9

Covergestaltung: Miss Ly Design
unter Verwendung von Motiven von
shutterstock.com: © Nongnuch_L, © James Clarke, © Martin M303/
Lektorat: Astrid Rahlfs

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

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dp Verlag

1

Hazel schreckte aus dem Schlaf und sah auf den Wecker. Draußen prasselte der Regen gegen ihr Fenster wie Trommelwirbel. Halb drei Uhr nachts. Wer kam auf die Idee, mitten in der Woche um diese Zeit anzurufen? Kurz überlegte sie, das Klingeln zu ignorieren. Doch vielleicht war es etwas Wichtiges? Sie griff nach dem Hörer.

»Hallo?«

»Hey Zel, noch wach?«

Hazel erkannte die Stimme ihres Bruders.

»Neil? Hast du noch alle Tassen im Schrank? Ich hab schon längst geschlafen. Weißt du, wie spät es ist?«

»Hör zu. Ich muss dich unbedingt sprechen. Hab ‘ne Entscheidung getroffen. Ist wichtig. Brauche unbedingt deine Meinung dazu. Ich komm jetzt rüber, okay?«

Neil hatte die Worte gelallt. Hazel war schlagartig hellwach.

»Sag mal, lallst du? Bist du etwa betrunken? Verflucht! Bleib, wo du bist. Setz dich bloß nicht ans Steuer! Schon gar nicht bei dem Wetter.«

»Bin schon auf dem Weg. Ich hab das im Griff, Zel«, verkündete Neil. »Ist doch nicht weit.«

Hazels Herz jagte. Sie sprang aus dem Bett, lief in den Flur und riss ihre Jacke vom Haken.

»Neil! Leg sofort das Telefon weg und fahr rechts ran. Ich komme und hole dich.«

»Lass gut sein. Bin gleich bei dir, ja?«

Hazel zog hastig die Jacke über den Pyjama und schlüpfte in ihre Schuhe, während sie in der Kommodenschublade nach dem Autoschlüssel wühlte.

»Neil! Ich meine das ernst! Fahr ran und bleib, wo du bist! Ich komme sofort.«

Sie öffnete die Haustür und blickte hinaus. Der Regen fiel in dichten Fäden.

»Scheiße, Neil. Da draußen geht gerade die Welt unter. Halt sofort an, ich komme und hole dich! Ich lege jetzt auf, okay?«

»Mann, scheiße, ich seh überhaupt nicht … «

»Neil!! Bist du okay? Du hältst sofort an und ich lege auf. Okay?«

»Verdammt, was … «

»Okay, Neil? NEIL!?«

» …«

»NEIL!!«

2

Eine leichte Brise kräuselte das Wasser und die Nachmittagssonne glitzerte auf den Wellen, als die CalMac Fähre Douart Castle passierte und auf den Fähranleger von Craignure zuhielt. Es hätte ein Bild aus einem Urlaubskatalog sein können. Doch das sommerliche Idyll passte genauso wenig zum Anlass ihres Besuchs wie der Schal mit dem leuchtend pinkfarbenen Blumenmuster, der fröhlich im Seewind flatterte. Agnes stand an der Reling und beobachtete die Isle of Mullbeim Anlegen, während sie sich im Kopf zurechtzulegen versuchte, was sie sagen sollte. Sie hatte nie gewusst, was man in so einer Situation Tröstliches sagen konnte. Sie hasste Kondolenzbesuche, die Floskeln, das traditionelle Schwarz. Doch dieses Mal war es anders. Es ging um Neil, Effys Sohn. Sie würde sich zusammenreißen und für ihre Freundin da sein, so wie Effy für sie dagewesen war. Aber wie konnte man einer Mutter Mut machen, die gerade ihren Sohn verloren hatte? Was sagte man seinem Vater, seiner Schwester? Neil war doch gerade erst 27 gewesen, kerngesund. Eigentlich sollte man sein Leben da noch vor sich haben.

Auf dem Anleger entdeckte Agnes Hazels roten Haarschopf, der schon von weitem in der Sonne leuchtete. Agnes holte tief Luft. Zurück auf die Insel zu kommen, war für sie ohnehin mit einem Gefühl der Beklemmung verbunden. Zu viele schmerzhafte Erinnerungen lauerten hier auf sie und nun würden weitere dazukommen.

Sie folgte den anderen Passagieren von Bord. Hazel hatte die Hand an die Stirn gehoben und balancierte auf den Fußballen, um über die Köpfe hinwegzusehen. Als sie Agnes entdeckte, winkte sie.

Wieder fiel Agnes auf, wie erwachsen Hazel aussah. Noch zu gut erinnerte sie sich an das kleine, sommersprossige Mädchen mit dem Pferdeschwanz. Es fühlte sich an, als sei seitdem nicht viel Zeit vergangen, doch nächstes Jahr würde es dreißig Jahre her sein, dass sie ihr Patenkind zum ersten Mal in den Armen gehalten hatte. Agnes wischte sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht, als könne sie damit den unangenehmen Gedanken verjagen. Sie mochte sich nicht alt fühlen und es löste Unbehagen in ihr aus, darüber nachzudenken.

Auf dem Anleger nahm Agnes die junge Frau in den Arm und streichelte wortlos ihren Rücken. Vielleicht hatte sie sich zu viele Gedanken gemacht. Manchmal brauchte es keine Worte, um auszudrücken, was man fühlte.

Hazel drückte Agnes noch einmal und löste sich aus der Umarmung.

»Lieb, dass du so schnell gekommen bist.«

Ihre Stimme klang kratzig.

»Lass nur, ich kann den Koffer selbst nehmen«, wehrte Agnes ab, als Hazel nach ihrem Gepäck griff, und hakte sich unter. »Wie geht es jetzt zu Hause?«

Hazel seufzte.

»Dad ist erstaunlich gefasst. Wahrscheinlich kann er es nur nicht so zeigen. Du kennst ihn ja, Charlie Thorburn, der Unerschütterliche. Mum macht mir ernsthafte Sorgen. Sie hat sich in ihrem Zimmer verbarrikadiert und möchte nicht mit uns sprechen. Ich weiß nicht, was ich tun soll. Es ist, als ob wir ihr egal wären. Glaubt sie, sie ist die Einzige, die trauert?«

Ihre letzten Worte klangen wütend und verzweifelt zugleich.

Agnes zog Hazel fest an ihre Seite.

»Das darfst du nicht denken, Hazel. Deine Mum liebt euch sehr, und ihr seid ihr gewiss nicht egal. Sie kann nicht anders. Deine Mutter hat Probleme schon immer zuerst mit sich allein ausgemacht. Wenn sie aus ihrem Schneckenhaus herauskommt, wird sie euch dafür umso mehr brauchen.«

»Vielleicht hast du recht, Tante Agnes. Mum war noch nie gut darin, sich helfen zu lassen.«

Hazel wischte sich mit dem Ärmel über die Augen.

»Ach lass doch das Tanteweg, Hazel. Es klingt so altmodisch, findest du nicht?« Hazel lächelte kurz. »Ich finde altmodisch schön. Und du bist doch meine Patentante.«

»Aber du bist doch kein Kind mehr.«

»Vielleicht finde ich genau deshalb den Klang so schön.« Hazel strich eine rote Haarsträhne hinter das Ohr. »Das erinnert mich an eine Zeit, in der die Welt noch viel einfacher schien.«

»Wenn es so ist, darfst du natürlich gern dabei bleiben.« Agnes drückte liebevoll Hazels Arm, als sie den Parkplatz erreichten.

Eine Weile schwiegen beide, während sie die schmale zweispurige Straße entlangfuhren, die sich an die Küstenlinie schmiegte, vorbei an Weiden, moosbewachsenen Felsen und Gruppen von dürren Birken, bis Hazel schließlich das Schweigen brach.

»Ich habe für dich das Gästezimmer hergerichtet. Es wird dir gefallen. Wir haben es erst vor einem Monat renoviert.«

»Meinst du nicht, es wäre besser, wenn ich vielleicht ins Hotel …« Weiter kam Agnes nicht, denn Hazel widersprach vehement.

»Kommt gar nicht in die Tüte, Tante Agnes. Du bleibst bei uns.«

Agnes lächelte.

»Danke. Aber dann übernehme ich das Einkaufen und Kochen.«

»Das nehmen wir gern an. Ich schlafe zurzeit auch bei Mum und Dad. Ich kann sie jetzt nicht allein lassen. Bei mir würde ich ohnehin nur herumsitzen und die Wände anstarren.«

Die Straße verengte sich auf eine Spur und wand sich durch einen schmalen Streifen Kiefernwald. Hazel drosselte das Tempo und blickte konzentriert auf die Straße. Ein Großteil der Straßen auf der Insel war immer noch einspurig, oft schwer einzusehen, und man musste mit Schafen und Rindern auf der Fahrbahn rechnen. Tödliche Unfälle jedoch waren selten.

»Wie ist es denn passiert? Ein Tier?«

Diese Frage spukte Agnes im Kopf herum, seit sie aus der Zeitung von dem Unfall erfahren hatte. Details hatte der Bericht nicht genannt.

Hazel schüttelte den Kopf und presste für einen Moment die Lippen zusammen.

»Nein. Kein Tier. Ich weiß nicht, was in ihn gefahren ist, aber Neil hatte allem Anschein nach getrunken. Es kommt mir alles so surreal vor. Er kam von Dervaig. Die Sicht war schlecht, die Straße rutschig. Es hatte den ganzen Tag geregnet und schüttete immer noch.«

Hazel hielt das Lenkrad fest umklammert und rang sichtlich um Fassung.

»Warum ist er bloß mitten in der Nacht bei so einem Wetter ins Auto gestiegen? Ich begreife das nicht!«

»Wie schrecklich, Hazel! Ich kann mir das auch überhaupt nicht vorstellen.«

Agnes zupfte an ihrem Schal. Ihr war unangenehm bewusst, dass es einfach nichts Passendes zu sagen gab, wenn ein so junger Mensch starb.

»Sie haben ihn noch nach Craignure gebracht, aber dort konnte man nichts mehr für ihn tun.«

Hazels Stimme zitterte. »Ich habe dir erzählt, dass er zu mir wollte?«

Agnes wandte ruckartig den Kopf und starrte Hazel ungläubig an.

»Nein, das wusste ich nicht. Hast du eine Ahnung, warum?«

Hazels Finger trommelten nervös auf dem Lenkrad herum. Sie schüttelte den Kopf.

»Nein. Ich weiß nur, dass er zu mir wollte. Er hat mich aus dem Auto angerufen.«

Ein entsetzter Laut entfuhr Agnes und sie schlug die Hand vor den Mund. Gleichzeitig bereute sie es. Es musste schlimm genug für Hazel sein. Ihr sichtbares Entsetzen machte es ganz sicher nicht besser. Sie schluckte.

»Du meinst, bevor …?«

»Natürlich habe ich gesagt, er solle sofort anhalten. Aber er klang ganz aufgeregt, sagte, er habe eine wichtige Entscheidung getroffen und müsse dringend mit mir sprechen.«

»Oh Hazel, das ist ja furchtbar! Hast du irgendeine Ahnung, worum es ging?«

»Keinen Schimmer. Ich zerbreche mir schon die ganze Zeit den Kopf darüber. Vielleicht war es gar nichts Wichtiges. Schließlich war er betrunken.«

Hazel schluckte und wischte sich mit dem Handrücken die Tränen aus den Augen.

»Ich werde es wohl nie mehr erfahren.«

Stumm legte ihr Agnes die Hand auf den Unterarm, während Hazel den Wagen in eine Ausbuchtung lenkte, um einen entgegenkommenden Transporter passieren zu lassen.

»Wann soll die Beerdigung stattfinden?«, wollte Agnes wissen. »Kann ich euch dabei irgendwie helfen?«

»Darüber haben wir uns bisher kaum Gedanken gemacht. Sobald die Polizei seine … seinen … sobald sie ihn zur Beisetzung freigegeben haben, schätze ich. Sie untersuchen noch, ob es wirklich ein Unfall war oder er womöglich …«

Hazel sprach nicht weiter und lenkte den Wagen wieder auf die Straße.

»Verstehe. Sie glauben, er könnte den Unfall absichtlich verursacht haben? Das kann ich mir nicht vorstellen.«

Agnes strich sich eine Strähne ihres aschblonden Pagenkopfes hinter das Ohr. Sie war selten um Worte verlegen, aber das Gehörte machte sie zunehmend sprachlos. Sie hatte Effys Sohn seit Jahren nicht gesehen, doch sie erinnerte sich an ihn noch als fröhlichen, stets etwas frechen Teenager, und sie konnte sich einfach nicht vorstellen, dass er einfach aufgehört hatte zu existieren. Wie mochte es erst für Effy, Charlie und Hazel sein, die ihm so viel näherstanden?

Hazel zog die Schultern hoch. Sie wischte sich erneut über die Augen. Ihre Stimme klang kraftlos.

»Neil hatte seine Phasen. Nachdem er nach Glasgow gegangen war, gab es immer mal wieder richtig schwarze Zeiten. Und getrunken hat er auch zu viel. Aber er hat sich immer irgendwie gefangen. Seit er zurück auf der Insel war, hatte ich den Eindruck, er wäre wirklich auf einem guten Weg. Er wollte ganz neu durchstarten, hatte Pläne. Können wir uns denn alle so getäuscht haben?«

»Das glaube ich nicht. Die Untersuchung ist sicher bloß Routine«, versuchte Agnes die junge Frau zu beruhigen.

»Hätte er doch auf mich gehört! Wenn er nur das verfluchte Telefon zur Seite gelegt und angehalten hätte.«

Hazel fuhr sich mit einer Hand durch die Haare.

»Ich hätte auflegen sollen, anstatt auf ihn einzureden. Wer weiß, vielleicht wäre er dann noch am Leben.«

»So etwas darfst du nicht einmal denken!«

Agnes fühlte sich ohnmächtig. Zu gern hätte sie Hazel diese Gedanken ausgeredet. Doch sie wusste, dass es wenig Zweck hatte. Die quälenden Fragen in Hazels Kopf würden so schnell nicht verstummen.

»Es ist nicht deine Schuld, Liebes.«

»Ich weiß.« Hazel nickte, und eine rote Strähne fiel ihr in ihre Stirn. Sie verzog den Mund.

»Glaube ich jedenfalls. Ich denke bloß ständig darüber nach, ob ich es nicht irgendwie hätte verhindern können, wenn ich anders reagiert hätte. Das Gespräch brach irgendwann einfach ab. Vielleicht hatte er aufgelegt, vielleicht war es ein Funkloch. Der Handyempfang ist hier schließlich nicht besonders zuverlässig, wie du weißt.«

Agnes versuchte, dem Gespräch eine andere Richtung zu geben, um Hazel nicht noch mehr aufzuwühlen.

»Das Problem hatte ich noch nicht, als ich hier gelebt habe. Aber ich bin auch immer froh, wenn die Zivilisation mich wiederhat.«

»Wann bist du weggezogen? Ich erinnere mich nicht mehr so genau. Ich muss so ungefähr zehn gewesen sein. Kurz nach der Jahrtausendwende, oder?«

»Oktober 2001. Mein erstes Handy habe ich mir erst zwei Jahre später gekauft. Und jetzt kann ich nicht mehr ohne.« Sie klopfte auf ihre Handtasche. Ein auffälliges Stück in Apfelgrün mit einem pinkfarbenen Griff.

»Das ist eine starke Tasche, Tante Agnes.«

Hazel lächelte kurz. Sie hatte sich immer für den extravaganten Modestil ihrer Patentante begeistern können.

»Die hab ich auf einem Kunstgewerbemarkt erstanden. Ich konnte einfach nicht dran vorbeigehen. Du kennst mich ja.« Sie seufzte.

»Fünfzehn Jahre schon. Mir kommt es vor, als wäre es gestern gewesen. Und jetzt sieh dich an: eine erwachsene Frau. Die Welt hat sich ganz schön verändert, nicht wahr? Manchmal habe ich das Gefühl, ich komme da gar nicht mehr mit«, sagte Agnes nachdenklich.

»Das ist aber keine Sache des Alters. Wenn ich die Nachrichten ansehe, glaube ich auch, ich bin in so einer Art Paralleluniversum gelandet.«

Ein Mutterschaf mit Lamm kreuzte gemächlich die Straße. Hazel bremste ab und hupte kurz.

»Nur hier schien die Welt noch vollkommen in Ordnung, bis …« Sie sprach nicht weiter.

Es war eigentlich nicht Agnes’ Art, darüber zu jammern, dass früher alles besser gewesen sei. Doch in letzter Zeit ertappte sie sich häufiger dabei. Vielleicht setzte ihr einfach die Pensionierung zu, das Gefühl, nicht mehr gebraucht zu werden. Sie hatte immer noch so viele Pläne, so viele Projekte und Ideen gehabt, und jetzt kam es ihr manchmal so vor, als laufe alles nur noch auf das Ende zu. Der Gedanke machte ihr Angst.

Die weißen, schiefergedeckten Häuschen der Ortschaft Salen huschten am Fenster vorbei, und die Straße verlief eine Weile parallel zur Küste. Rechts trennte sie nur ein schmaler Streifen Salzwiese von der Salen Bay, einzelne Schafe grasten dort und bildeten weiße Tupfen vor dem Blau der Bucht. Die verwitterten Überreste einiger Fischerboote ragten wie Skelette in den Sommerhimmel und verliehen der Landschaft etwas Melancholisches.

3

Über zwanzig Jahre lang war ihr Zuhause keine fünf Minuten Fußweg von hier entfernt gewesen, und doch fühlte sich Agnes seltsam fremd, als sie vor dem hübschen, orange gestrichenen Haus in der Breadalbane Street anhielten. Sie kam sich vor wie ein Eindringling. Charlies Van parkte in der Einfahrt und aus dem Schuppen neben dem Haus drangen Scheppern und Klappern.

»Dad?«, rief Hazel. »Agnes ist hier.«

Das Scheppern hörte auf und die kräftige Gestalt von Charlie Thorburn erschien in der Schuppentür. Er wischte mit dem Handrücken einige Schweißperlen von der Stirn. Die wenigen verbliebenen roten Haare wirkten wie ein Flammenkranz um die immer lichter werdende Mitte. Er stellte seinen Werkzeugkoffer neben dem Van ab, um Agnes zu begrüßen.

»Gut siehst du aus, Agnes. Du hast dich kaum verändert.« Charlie brachte ein kurzes Lächeln zustande. Dann deutete er mit dem Kinn auf eines der Fenster im zweiten Stock. »Effy schläft endlich. Ich konnte sie überreden, eine von den Pillen zu nehmen, die Doktor McInnes ihr verschrieben hat.«

Mit seiner bulligen Gestalt wirkte Charlie wie ein unverrückbarer Fels. Doch wer ihn gut kannte, konnte sehen, dass auch er angeschlagen war. Er wirkte kraftlos, weniger aufrecht, als Agnes ihn kannte.

»Das wird ihr guttun«, entgegnete sie. »Und wie geht es dir?«

Charlie zuckte beinahe hilflos mit den Schultern.

»Ehrlich gesagt, habe ich es noch gar nicht richtig begriffen, weißt du? Ich mach’ halt irgendwie weiter, nicht?«

Agnes zog die Brauen zusammen und drückte noch einmal seine Hand.

»Es tut mir so leid, Charlie. Wenn ich irgendetwas für euch tun kann, lasst es mich bitte wissen, ja?«

»Danke, Agnes. Ich bin froh, dass du kommen konntest. Effy wird es guttun. Es vergeht noch immer kein Tag, an dem sie dich nicht vermisst.«

»Ich vermisse euch doch auch. Aber … na ja, es war für mich leichter so.«

Charlie nickte.

»Sollte auch kein Vorwurf sein. Ich hoffe, das weißt du. Ich meine nur, es wird Effy schon helfen, dass du da bist.«

Hazel hatte die Stirn in Falten gelegt und deutete auf den Werkzeugkasten neben dem Wagen.

»Gehst du arbeiten?«

»Bei Hendersons regnet es rein. Ich hab versprochen, ich gucke mir das mal an.«

»Du bist nicht der einzige Dachdecker auf der Insel, weißt du?« Hazels Ton war vorwurfsvoll.

Charlies breite Schultern zuckten in einer Geste der Resignation.

»Deine Mutter schläft jetzt, und dass ich zu Hause herumsitze, während es bei Jean Henderson durchs Dach tropft, macht die Dinge auch nicht besser, nicht wahr?«

»Schon gut. Tut mir leid, Dad.«

Hazel malte mit der Schuhspitze einen Halbkreis in den Kies der Einfahrt. Sie tauschte einen Blick mit ihrem Vater, der ihre tiefe Vertrautheit erkennen ließ. Sie schien begriffen zu haben, dass dies einfach Charlies Art war, mit Neils Tod umzugehen.

»Komm. Wir gehen ins Haus«, wandte sie sich an Agnes. «Ich trage deinen Koffer hoch.«

»Lass nur, Hazel. Ich kann das selbst.«

Agnes mochte es nicht, zum Nichtstun verurteilt zu werden. Sie war es gewöhnt, immer irgendeiner mehr oder weniger sinnvollen Beschäftigung nachzugehen. Schon allein deshalb graute ihr vor dem Rentnerdasein. Resolut griff sie nach dem Koffer, doch Hazel ließ den Griff nicht los.

»Wie du dich vielleicht noch erinnerst, kann ich genauso stur sein wie mein Vater.« Hazel deutete zu Charlie, der inzwischen damit begonnen hatte, den Van zu beladen.

»Dann koche ich uns in der Zwischenzeit einen Tee.«

Agnes füllte den Wasserkocher und klappte einige Schranktüren auf, bis sie gefunden hatte, was sie suchte. Viel hatte sich im Haus ihrer Freundin nicht verändert. Es war immer noch so altmodisch und spießig, wie sie es in Erinnerung hatte. Bloß, dass sie es heute mit anderen Augen betrachtete.

Effys Haus war bis in den letzten Winkel mit Wärme und Liebe gefüllt. Sie steckten in den akkurat in Falten gelegten Vorhängen, dem kitschigen, geblümten Geschirr, jedem hässlichen Häkeldeckchen. Es war nicht nur ein Haus, es war ein Zuhause und es hatte Zeiten gegeben, da hatte Agnes ihre Freundin um all das beneidet. Wer weiß, wie ihr Leben heute ausgesehen hätte, wenn sie und John Eltern geworden wären?

Agnes, die gedankenverloren die Kette aus buntem Muranoglas um ihren Finger gewickelt hatte, ließ sie los und schüttelte kurz den Kopf, als wolle sie sich selbst zur Ordnung rufen. Es war müßig, über all die Wenns und Hättes des Lebens nachzudenken.

Sie goss Wasser in die Kanne, und während der Tee zog, nahm Agnes sich des traurigen Hortensiensträußchens an, das auf dem Küchentisch vor sich hinwelkte. Die vertrockneten Blüten beförderte sie in den Abfall und wusch die Vase aus. Später würde sie im Garten ein paar frische holen. Bunte Blumen würden ein bisschen Normalität ins Haus bringen.

Während sie das Teetablett in den Wintergarten trug, konnte sie Hazels Schritte auf der Treppe hören.

»Ich mache mich nur schnell frisch und bin dann gleich bei dir, Tante Agnes.«

Agnes stellte das Tablett auf dem Couchtisch ab und schaute hinaus. Gras und Büsche waren saftig grün und in den sorgsam gepflegten Blumenbeeten überboten sich die Blüten in ihrem sommerlichen Farbenrausch. Über das glitzernde Wasser der Bucht hinweg konnte man die in Nebel gehüllten Hügel von Morvern erkennen. Dieser Blick war eines der Dinge, die sie in Edinburgh vermisste.

Effy würde allerdings auch der atemberaubende Blick nicht trösten können. Agnes konnte ahnen, wie es ihr gehen mochte. In fünfzehn Jahren an einer Schule mit Internatsbetrieb konnte man nicht vermeiden, oft wie eine Mutter zu fühlen, auch wenn man keine eigenen Kinder hatte. Man nahm dort deutlich mehr Anteil am Leben der Schüler.

Hazel erschien in der Tür und Agnes machte sich daran, Tee in Effys geblümte Tassen zu gießen.

»Nimmst du Milch oder Zucker?«

»Nur etwas Milch, bitte.«

Hazel setzte sich und zog ein Bein unter ihren Körper.

»Egal, was ich tue, ich komme mir irgendwie unanständig vor. Es erscheint mir so banal, all diese Dinge zu tun, während Neil tot ist. Verstehst du, was ich meine?«

Agnes setzte sich zu ihr und nahm ihre Hand.

»Nur zu gut. Man glaubt, die Welt müsste aufhören, sich zu drehen. Doch das Leben geht einfach weiter.«

»Wie hast du das damals nur geschafft?«

Agnes fühlte einen Kloß im Hals. Auch nach Jahren fiel es ihr schwer, an die Zeit direkt nach Johns Tod zu denken.

»Es ist anfangs schwer auszuhalten, dass die Welt einfach weitermacht, als sei nichts geschehen. Aber davon, dass ihr aufhört, euer Leben zu leben, wird Neil nicht wieder lebendig. Es klingt platt, aber die Zeit macht es besser. Konzentrier dich auf die Lebenden. Es gibt immer Menschen, die dich brauchen und Leute, die jetzt für euch da sind. Ich hatte deine Mutter. Sie war einfach da. Auch wenn ich manchmal regelrecht eklig zu ihr war. Ich war so wütend und verzweifelt. Sie hat es verstanden und mich nicht allein gelassen mit all dem.«

Hazel wischte sich eine Träne aus dem Augenwinkel.

»Das Schrecklichste ist für mich die Vorstellung, er könnte es absichtlich getan haben.«

Sie presste die Lippen zusammen und schüttelte den Kopf, um den Gedanken zu verdrängen.

»Als er nach dem Schulabschluss nach Glasgow ging, haben wir den Draht zueinander verloren. Gerade hatten wir damit begonnen, uns wieder anzunähern, weißt du? Er hat davon gesprochen, dass er ganz neu durchstarten wolle. Er wirkte optimistisch, nicht lebensmüde.«

»Die Polizei muss eben jeden Zweifel ausräumen. Sicher werden sie zu dem Schluss kommen, dass es ein Unfall war.« Agnes nahm einen Schluck Tee.

»Trotzdem frage ich mich, ob wir Neils depressive Phasen unterschätzt haben. Warum steigt man mitten in der Nacht ins Auto? Allerdings klang er nicht resigniert, eher aufgekratzt, beinahe enthusiastisch. Ich kann mir bloß keinen Reim darauf machen, was er mir so Dringendes erzählen wollte. Es hätte doch Zeit gehabt.«

Agnes zog die Stirn kraus. »Hat er mit euch über seine Pläne gesprochen? Ich erinnere mich, dass eure Mutter sich Sorgen gemacht hatte, weil er ihr orientierungslos schien.«

»Er hätte hier wohnen können, aber er wollte auf eigenen Füßen stehen. So ist er bei Peggy Morgan untergekommen. Du kennst sie sicher noch. Sie hat ihm günstig ein Zimmer vermietet. Sie ist einsam und hat Platz. Es war für beide ein guter Deal. Neil hat ihr im Garten und mit Reparaturen geholfen. Zusätzlich hat er sich ein bisschen Geld mit Gelegenheitsjobs verdient, im Café Fish und in Craig Kirkpatricks Bootsverleih. Mir kam es vor, als hätte er dieses Mal die Kurve gekriegt. Konkrete Pläne hatte er keine, soweit ich weiß. Doch er hat davon geträumt, Schriftsteller zu werden.«

»Wirklich? Das wusste ich gar nicht.« Agnes stellte die Teetasse ab. »Was hat er denn geschrieben?«

»Ich weiß es ehrlich gesagt gar nicht so genau. So einen Fantasy-Kram. Er war ja immer ganz verrückt auf diese Sci-Fi und Fantasy-Schinken. Ich muss zugeben, dass ich seine Pläne nicht ganz ernstgenommen habe. Im Nachhinein fühle ich mich schrecklich deswegen. Neil hätte jemanden gebrauchen können, der ihn aufbaut und an ihn glaubt. Er hatte immer diese Selbstzweifel. Warum habe ich ihn nicht mehr unterstützt oder ihn mal danach gefragt, woran er gerade arbeitet?« Agnes konnte wieder Tränen in Hazels Augen sehen.

»Fang gar nicht erst an, dich ständig zu fragen, was wäre wenn. Du wirst dich nur mit Selbstvorwürfen zerfleischen.«

Hazel schniefte und schaffte es, kurz zu lächeln.

»Es tut gut, über alles zu sprechen, Tante Agnes. Aber diese Fragen in meinem Kopf kann ich einfach nicht ausblenden.«

»Leider müssen wir lernen, mit unseren Fragezeichen zu leben, denn es gibt nicht auf alles eine Antwort.«

»Ich werde es versuchen.« Hazel presste die Lippen zusammen und nickte.

»Weißt du was?«

Agnes hatte beschlossen, dass tatkräftige Unterstützung den Thorburns die größte Hilfe sein würde.

»Ich schaue gleich mal, was euer Kühlschrank und der Vorratsschrank noch hergeben. Danach gehe ich einkaufen und koche euch für heute Abend eine kräftige Hühnersuppe. Vielleicht kann ich deine Mutter überreden, ein bisschen zu essen. Schließlich muss sie bei Kräften bleiben.«

Hazel nahm das Tablett und folgte Agnes in die Küche. Sie drückte ihr einen Kuss auf die Wange.

»Du bist die Beste, Tante Agnes. Ich bin froh, dass du da bist.«

Es war eigentlich nur ein kurzer Fußweg zu dem kleinen Supermarkt am Fisherman’s Pier, doch Agnes brauchte eine halbe Stunde, weil sie immer wieder stehen bleiben musste, um alte Bekannte zu begrüßen. Das blieb nicht aus, wenn man fast ein Vierteljahrhundert an der einzigen weiterführenden Schule im Ort unterrichtet hatte. Viele, die ihr heute begegneten, hatte sie schon als naseweise Knirpse mit aufgeschürften Knien und schmutzigen Gesichtern gekannt. Später hatten sie dann mit ihren blaugestreiften Krawatten bei ihr im Unterricht gesessen. In einem Ort mit knapp unter tausend Einwohnern verbreiteten sich Nachrichten schneller als ein Buschfeuer, und natürlich hatten alle bereits von dem Unfall gehört.

Im Laden nahm Agnes sich einen Einkaufskorb und zog die Liste aus ihrer Jackentasche.

»Guten Abend, Mrs Munro! Wie schön, Sie mal wieder hier zu sehen.«

Agnes blickte von ihrem Zettel auf und erkannte Norman Willies, den Inhaber des Ladens, der früher ebenfalls bei ihr im Unterricht gesessen hatte.

»Was verschlägt Sie denn so schnell wieder …«

Norman unterbrach sich und schob mit dem Zeigefinger die kleine Nickelbrille hoch.

»Natürlich. Wie taktlos von mir. Schlimme Sache, das mit Neil Thorburn. Er war noch gar nicht so lange wieder hier und dann das! War noch eine ganze Ecke jünger als ich, möchte ich meinen. Tragisch so etwas. Wie geht es Effy, Charlie und Hazel?«

Agnes zog die Schultern nach vorn.

»Nicht besonders gut, fürchte ich. Ich bin hier, um die drei ein wenig zu unterstützen.«

»Das ist gut, Mrs M. Das ist wirklich gut, wenn Sie den Thorburns ein bisschen unter die Arme greifen in so einer schweren Zeit. Kann ich irgendwas für Sie tun?«

»Ehrlich gesagt ja. Es würde mir helfen, wenn jemand die Milch und die Getränke liefern könnte. Ich bin zu Fuß und kann nicht mehr so schwer tragen.« Sie rieb über ihre Schulter. »Tja, der Zahn der Zeit nagt wohl auch an mir.«

»Hören Sie auf, Mrs Munro. Sie sehen topfit aus und schick wie eh und je. Ich schicke Ihnen gleich Tom rauf, wenn er aus der Pause zurück ist. Wissen Sie schon, wann Neils Beerdigung ist?«

»Nein. Leider nicht. Die Polizei hat die Untersuchungen offenbar noch nicht ganz abgeschlossen.«

»Verstehe. Glauben Sie, Effy würde sich über ein paar Blumen freuen? Dann gebe ich Tom nachher einen Strauß mit.«

»Ehrlich gesagt habe ich Effy noch gar nicht gesprochen. Als ich ankam, schlief sie. Aber frische Blumen hat sie schon immer gern gehabt. Schaden können sie bestimmt nicht. Danke, Norman.«

An der Kasse ließ Agnes die schwereren Artikel für die spätere Lieferung in einen Karton packen und machte sich mit den Zutaten für die Hühnersuppe und ein paar Kleinigkeiten in der Einkaufstasche auf den Rückweg.

Das Haus war ungewöhnlich still. Charlie schien immer noch unterwegs zu sein, und Hazel hatte sich in den Wintergarten zurückgezogen. Offenbar war ihr gerade auch nicht nach Gesellschaft zumute. Agnes packte derweil die Einkäufe aus und machte sich ans Kochen.

Etwas später köchelte die Suppe auf dem Herd und verströmte einen Duft, den Agnes aus Kindertagen kannte. Immer wenn sie krank oder traurig war, hatte ihre Mutter eine kräftigende Suppe gekocht. Eine der wenigen mütterlichen Anwandlungen, die sie überhaupt gehabt hatte.

Vielleicht konnte sie ihre Freundin damit zum Essen bewegen. Sie stieg die steile Treppe in den ersten Stock hoch und klopfte zaghaft an die Schlafzimmertür.

»Effy? Bist du wach? Ich bin es, Agnes.«

Von drinnen waren das Rascheln der Bettdecke und das Klicken der Nachttischlampe zu hören.

»Agnes?«

Effy klang müde, ihre Stimme heiser.

»Komm herein.«

Agnes betrat das abgedunkelte Zimmer und blieb kurz vor dem Bett stehen. Ihre Freundin hatte sich aufgesetzt und die Decke zurückgeschlagen. Ihr ohnehin schmales Gesicht war blass und wirkte hohlwangig. Das von feinen, grauen Strähnen durchzogene braune Haar stand wirr vom Kopf ab. Effy machte einen erbärmlichen Eindruck, der Agnes das Herz zusammenzog.

Schweigend setzte sie sich auf die Bettkante und nahm die Hände ihrer Freundin. Feingliedrig und schmal wie Effy selbst, fühlten sie sich kraftlos an zwischen Agnes’ warmen, kräftigen Handflächen. Effy war immer zart gewesen, doch strahlte sie sonst Zähigkeit und Stärke aus, die ihr nun fehlten.

Noch nie war Agnes ihre Freundin so zerbrechlich erschienen. Effy war noch drei Jahre jünger, gerade einmal Anfang sechzig. Doch in diesem Moment sah sie wirklich aus wie eine alte Frau. Eine ganze Weile saßen die Freundinnen einfach nur da.

»Ich bin froh, dass du da bist«, sagte Effy leise.

Agnes lächelte und drückte ihre Hände.

»Du solltest etwas essen. Ich habe eine Hühnersuppe gemacht. Soll ich dir einen Teller bringen?«

Effy schüttelte den Kopf.

»Ich kann mich nicht ewig hier verkriechen, nicht wahr?« Agnes konnte spüren, wie ihre Freundin die Schultern straffte. Als sie jetzt wieder sprach, klang ihre Stimme merklich kräftiger.

»Du findest, ich sollte mich zusammenreißen, nicht?«

Agnes schüttelte den Kopf.

»Nein. Wie käme ich dazu? Ich habe doch selbst weiß Gott keine Tapferkeitsmedaille verdient. Aber Hazel hat sich Sorgen gemacht. Sie braucht dich. Genau wie Charlie.«

»Erinnerst du dich noch, wie viel Hazel und ich früher gestritten haben? Als sie ein Teenager war?«, fragte Effy.

»Oh ja. Da ging es manchmal rund.« Agnes lachte kurz.

»Sie war so rebellisch und hat mich immer auf die Palme gebracht. Und du hast immer zu ihr gehalten!«

»Das ist nicht wahr!«, protestierte Agnes. »Nicht immer.«

»Du warst einfach gelassener. Ich habe mir immer schreckliche Sorgen um meine beiden gemacht, dass sie mal auf die schiefe Bahn gelangen könnten. Man glaubt, man kann seine Kinder beschützen, und dann passiert so etwas.«

»Effy, du bist eine tolle Mutter. Das warst du immer schon. Ich hätte mir so eine gewünscht.«

»Bloß wie viel Zeit habe ich damit verschwendet, mit Neil und Hazel zu streiten? Dabei sind sie beide tolle Kinder. Ich bin so stolz auf sie. War … ich wünschte, dass ich es Neil öfter gesagt hätte. Und jetzt ist es zu spät dafür.«

Effy atmete tief ein und wischte sich über die Augen.

»Er war immer so verschlossen, vielleicht hat er das von seinem Vater. Wir haben nie viel über Gefühle gesprochen. Ich habe ihn damit verschont, weil ich dachte, es ist ihm unangenehm. Und jetzt frage ich mich, ob ich ihm nicht öfter hätte sagen müssen, dass ich ihn liebe und dass ich stolz auf ihn war – trotz aller Schwierigkeiten.«

»Er wusste das. Du hast es ihn immer spüren lassen. Außerdem glaube ich fest, dass er dich auch jetzt noch hört – wo immer er ist.«

»Reverend Fletcher war hier. Ich habe ihn weggeschickt, wollte nicht mit ihm sprechen. Hab mir ja nie viel aus der Kirche gemacht. Und plötzlich wünsche ich mir jemanden, der mich überzeugen kann, dass es ein Leben nach dem Tod gibt und dass wir uns dort alle wiedersehen. Vielleicht sollte ich ihn anrufen.«

»Schaden kann es jedenfalls nicht«, fand Agnes. »Andrew hat mir damals in der schweren Zeit sehr geholfen. Aber erst einmal musst du wirklich etwas essen. Und du solltest Hazel sagen, was du mir gerade gesagt hast. Sie braucht dich, Effy.«

»Du hast recht. Gib mir eine Viertelstunde.« Effy deutete auf ihren Kopf. »Ich sehe sicher aus wie eine Vogelscheuche.«

4

»Das waren gerade Neils Mitbewohner aus Glasgow«, erklärte Effy, als sie den Hörer aufgelegt hatte.

Sie wischte sich über die Augen. Das Gespräch hatte sie sichtlich berührt. Es war ihr immer noch anzumerken, dass der Alltag eine Kraftanstrengung bedeutete.

»Wirklich nette Jungs. Sie wollen unbedingt zur Beerdigung kommen. Möchte noch jemand etwas trinken? Ich wollte mir gerade etwas holen.«

»Nein danke, Effy. Ich setze Neils Freunde auf die Liste.«

Agnes nahm einen Kugelschreiber und notierte die Namen, die Effy ihr nannte. Seit die Polizei Neils Leichnam zur Bestattung freigegeben hatte, drehte sich bei den Thorburns alles um die Organisation der Beerdigung. Die Geschäftigkeit schien Effy Halt zu geben, und seit Agnes hier war, schien ihre Freundin wild entschlossen, sich ihrer Familie zuliebe zusammenzureißen.

Während die Thorburns darüber diskutierten, was Neil sich für seine Beerdigung gewünscht hätte, ertappte sich Agnes immer wieder dabei, wie ihre Gedanken zu dem Gefäß aus glattpoliertem Sandstein wanderten, der letzten Skulptur, die sie je geschaffen hatte, und die sie an ein gebrochenes Versprechen erinnerte. Ob John ihr verzeihen würde? Sie wischte den Gedanken beiseite. Schließlich war sie hier, um ihrer Freundin zu helfen. Sie telefonierte herum, doch es gestaltete sich erwartungsgemäß schwierig, in der Hauptferienzeit kurzfristig eine preisgünstige Unterkunft für Neils Freunde zu finden.

Agnes legte den Hörer auf und wandte sich an Hazel, die damit beschäftigt war, den Text für die Anzeige aufzusetzen.

»Im Crown and Thistle wären noch zwei Doppelzimmer zu haben. Aber das dürfte für die jungen Leute aus Glasgow zu teuer sein, meinst du nicht?«

»Eher richte ich bei mir zu Hause ein Matratzenlager ein, als dass ich erlaube, dass die drei ihr Geld diesem gewissenlosen Geldsack McNiven in den Rachen werfen!«, protestierte Hazel ungewohnt heftig.

»Henry McNiven?« Agnes zog die Augenbrauen zusammen. »Ich wusste nicht, dass du so schlecht auf ihn zu sprechen bist. Für mich war er immer ein sehr strebsamer junger Mann. Nicht besonders künstlerisch begabt, aber keiner, der mir negativ aufgefallen wäre. War er nicht mit Neil befreundet?«

»Ja. Da war er aber noch kein hemmungsloser Profitgeier«, knurrte Hazel. Charlie, der auf dem Sofa saß und die Sportbeilage las, faltete seufzend eine Ecke der Zeitung zurück und zog eine Augenbraue hoch.

»McNiven plant einen Hotelneubau in der Nähe vom Loch Frisa. Er will dort einige Feuchtwiesen trockenlegen lassen, um Bauland zu gewinnen. Hazel und ihre Bürgerinitiative liegen sich schon ewig mit ihm in den Haaren, nur wegen ein paar Eidechsen.«

»Fadenmolche, Dad. Und du brauchst dich gar nicht so despektierlich über uns zu äußern. Schließlich kommen die Touristen gerade wegen unserer unberührten Natur her. Leute wie Henry McNiven sägen kräftig an dem Ast, auf dem wir alle sitzen, wenn sie nur auf das schnelle Geld spekulieren.« Hazel sah ihren Vater finster an.

Effy war gerade wieder hereingekommen und blieb im Türrahmen stehen. Sie betrachtete ihren Mann und ihre Tochter mit einem Lächeln.

»Ihr könnt schon wieder streiten. Irgendwie wohltuend, das zu hören.«

»Entschuldige, Mum.«

»Nein, ich meine das durchaus ernst. Macht ruhig weiter. Es wirkt so normal, wenn ihr kabbelt.«

Effy setzte sich zu Charlie auf die Couch, zog die Beine an den Körper und lehnte sich an seine Schulter, während sie schweigend zuhörte.

»Dabei waren wir doch eigentlich schon fertig, nicht wahr?« Charlie grinste Hazel an.

»Ich finde es ja gut, dass meine Tochter für ihre Überzeugungen kämpft. Hazel liegen sie nun mal am Herzen, ihre Fadenlurche.«

»Fadenmolche, Dad.« Hazel lachte. »Und sie gehören zu den bedrohten Arten. Außerdem nisten Steinadler und Seeadler beim Loch Frisa und brauchen bestimmt keinen weiteren Touristenmagneten. Eierdiebe haben wir hier auch genug. McNiven soll sein Hotel einfach woanders bauen.«

»Touristen bevorzugen Zimmer mit Blick auf den See. Henry McNiven ist eben ein Geschäftsmann. Da kannst du es ihm nicht verübeln, wenn er sein Hotel da bauen möchte, wo es am schönsten ist.«

»Die Touristen können auch woanders wohnen. Die Fadenmolche nicht.«

Effy schien sich verpflichtet zu fühlen, für Charlie Partei zu ergreifen.

»Du musst eben auch McNivens Standpunkt verstehen, Hazel. Er hat viel investiert und muss das Geld erst einmal wieder reinholen. Im Übrigen tust du ihm Unrecht, wenn du ihn immer als gewissenlosen Teufel hinstellst, der nur seinen Profit im Kopf hat. Er hat viel für die Gemeinde getan und lässt sich nicht lumpen, wenn es um Spenden geht.«

»Ich weiß, Dad mag ihn, weil er ihn aus dem Golfclub kennt. Deswegen wiederhole ich hier auch nicht, was er neulich im Pub zu mir gesagt hat.«

Charlie horchte auf. «Was hat er denn gesagt?«

Hazel hob beschwichtigend die Hand. «Lass gut sein, Dad. Ich möchte dich nicht mit in die Sache hineinziehen. Dann würde ich mich auf sein Niveau begeben und ich halte ihm zugute, dass er an dem Abend ziemlich getankt hatte. Wahrscheinlich hat er es nicht so gemeint.«

«Was hat er nicht so gemeint? Ich werde …« «Dad. Ich bin erwachsen, ich kann mich selbst verteidigen, wenn ich es für geboten halte, danke. Jedenfalls freue ich mich, dass die Gemeinde versprochen hat, unsere Bedenken genau zu prüfen. Ob es McNiven passt oder nicht, er wird mit dem Bau wohl warten müssen.« Hazel grinste.

»Kundschaft werde ich ihm jedenfalls sicher nicht beschaffen. Im Übrigen können die Jungs sich ein Zimmer in seinem überteuerten Schuppen sicher nicht leisten. Die drei können bestimmt bei Bella unterkommen. Sie und Michael haben viel Platz in dem neuen Haus.«

»Bella McAulay?«, fragte Agnes, und Hazel nickte.

»War die nicht zwei Jahrgänge über dir? Ich erinnere mich noch, dass sie eine richtige Leseratte war.«

»Genau. Das ist sie auch heute noch«, lachte Hazel.

»Wir haben festgestellt, dass wir ganz ähnlich ticken und sind richtig gute Freundinnen geworden.«

»Hazel ist sogar die Patentante vom kleinen Lachie«, ergänzte Effy, nicht ohne etwas Wehmut in der Stimme.

»Und wenn du dann auch mal Kinder hast …«

»Mum! In nächster Zeit wird das nicht passieren, so viel kann ich mit Sicherheit sagen.«

Hazel pustete sich ärgerlich eine rote Haarsträhne aus dem Gesicht. Offenbar konnten auch Mutter und Tochter bereits wieder streiten. Man hätte fast meinen können, alles wäre wie immer, doch die hauchdünne Decke von Normalität konnte noch nicht lange tragen.

»Entschuldige, Hazel. So war es nicht gemeint. Ich musste nur gerade daran denken, wie viel Neil noch vor sich hatte. Vielleicht hätte er irgendwann auch eine eigene Familie gehabt.« Es war Effy anzuhören, dass es ihr die Kehle zuschnürte. Sie räusperte sich und tupfte mit dem Ärmel über ihre Augen.

Charlie faltete die Zeitung, legte sie auf dem Tisch ab, nahm Effy in den Arm und zog ihren Kopf fester an seine Schulter.

»Es ist nicht fair. Ich weiß.«

5

Es freute Agnes, dass so viele Leute gekommen waren, um den Thorburns beizustehen. Obwohl Effy Neil nicht hatte aufbahren lassen wollen, hatte sie sich eine Feier in der Art einer traditionellen Totenwache am Vorabend der Beerdigung gewünscht. Sie ließ den Blick durch den Raum schweifen. Der junge Mann neben Hazel kam Agnes auf den ersten Blick nur vage bekannt vor, doch sie nahm an, dass es sich um einen von Neils Jugendfreunden handeln musste. Sein hellbraunes Haar trug er sehr kurz geschnitten, was die etwas abstehenden Ohren und das längliche Gesicht zusätzlich betonte. Als Hazel ihn ansprach, bildeten sich deutlich sichtbare rote Flecken an seinem Hals. Agnes verkniff sich ein Lächeln. Es war nur zu offensichtlich, dass der junge Mann in Hazel verschossen war. Wer mochte es ihm verdenken? Sie war eine attraktive junge Frau.

Agnes schalt sich für ihre Neugier, dennoch konnte sie es nicht lassen, sich mit dem Getränketablett zu der Gruppe vorzuarbeiten, um ihn näher in Augenschein zu nehmen. Als er sich ihr zuwandte, runzelte er zunächst die Stirn, dann erhellte ein sympathisches Lächeln sein Gesicht.

»Mrs Munro! Vielleicht erinnern sie sich nicht mehr. Ist schließlich schon eine Ewigkeit her. Matt, Matthew Jarvis.«

»Natürlich! Matthew! Stimmt, wir haben uns sicher mindestens zehn Jahre nicht gesehen.«

»Kurz nach Ihnen bin ich auch aufs Festland gegangen, um meine Ausbildung zu machen. Erst in Tulliallan, dann Inverness und Oban. Seit vergangenem Jahr bin ich wieder hier und leite die örtliche Dienststelle.« Der Stolz in seiner Stimme war deutlich zu hören.

»Sie dürfen jetzt Sergeant Jarvis zu mir sagen – jedenfalls, wenn ich im Dienst bin.«

»Gratuliere, Sergeant Jarvis. Das ist großartig. Du hattest ja schon in der Schule ein Faible für die Polizei, wenn ich mich richtig erinnere. Warst du auch mit Neil befreundet?«

Die verblassten roten Flecken an Matthews Hals flammten erneut auf. Es war ihm sichtlich unangenehm, darauf angesprochen zu werden. Er warf einen nervösen Seitenblick auf Hazel.

»Nicht so besonders. Ich … äh … wollte heute einfach für die Thorburns da sein.«

Ein hochgewachsener Mann mit dunklen Haaren und einem elegant geschnittenen schwarzen Anzug kam durch den Raum auf sie zu. Hazel, die gerade mit Matt Jarvis sprach, blickte auf und lächelte.

»Stephen? Was machst du denn hier? Ich dachte, du wohnst jetzt in Fort William.«

Der Mann nahm die Hand, die Hazel ihm hinstreckte und zog sie in eine kräftige Umarmung.

»Es tut mir schrecklich leid, Hazel. Ich habe es in der Zeitung erfahren. Natürlich habe ich sofort Urlaub genommen. Neil war früher schließlich mein bester Freund. Auch wenn wir nach der Schule den Kontakt verloren haben.«

»Dann wohnst du jetzt bei deinen Eltern, nehme ich an.« Hazel lächelte. »Lieb von dir, extra herzukommen.«

Matt Jarvis beobachtete den attraktiven Dunkelhaarigen mit einem skeptischen Gesichtsausdruck. Agnes überlegte, woher er ihr bekannt vorkam. Dann fiel es ihr ein.

Natürlich! Das war Stephen McVoren. Der lange, dünne Teenager von damals hatte sich ganz schön gemacht. Heute ahnte sicher niemand mehr, dass er früher den Spitznamen Stickman – Strichmännchen – getragen hatte. Er war breitschultrig und muskulös.

Als Agnes sich mit dem Tablett auf den Weg in die Küche machte, um noch Häppchen nachzulegen, kam ihr eine alte Dame mit akkurat gelegter Dauerwelle in einem altmodischen Tweed-Ensemble entgegen.

»Agnes! Wie schön, dich einmal wiederzusehen. Wenn auch der Anlass alles andere als erfreulich ist.«

»Mir geht es genauso, Peggy. Es ist rührend, dass so viele gekommen sind. Neil hat bei dir gewohnt, habe ich gehört?«

Peggy Morgan nickte.

»Er war so ein lieber Kerl und mir eine große Hilfe. Es wohnt sich doch recht einsam so weit draußen. Ich bin schließlich nicht mehr so mobil. Früher habe ich alles zu Fuß oder mit dem Fahrrad geschafft. Ich habe hin und wieder auch noch den Landrover genommen, aber ich bin so unsicher geworden. Neil hat für mich eingekauft, im Garten geholfen. Er war ein absoluter Goldschatz. Gerade habe ich noch zu Reverend Fletcher gesagt, der Herr hätte doch besser mich zu sich genommen als so einen tüchtigen jungen Mann, der noch so viel im Leben vor sich hatte. Nicht, dass ich lebensmüde wäre, aber ich habe mein Leben gelebt, oder nicht?«

»Ich verstehe, was du meinst, Peggy. Es scheint falsch, dass wir Alten einen jungen Mann beerdigen müssen.«

»Hoffentlich hat mir der Reverend meine Bemerkung nicht übelgenommen. Gehört sich schließlich nicht, dem Herrn im Himmel reinzureden. Es ist wohl nur menschlich, dass wir seine Wege nicht immer verstehen.«

Peggy sah auf die Uhr.

»Agnes, entschuldige mich. Ich wollte schnell noch mit Hazel sprechen. Ich muss aufpassen, dass ich den Bus erwische.«

Peggy wandte sich um und tippte Hazel an die Schulter. »Hazel, ich möchte deine Mutter damit jetzt nicht belästigen, aber ich wollte euch wissen lassen, dass bei mir noch Sachen von Neil stehen. Ihr könnt jederzeit vorbeikommen. Es ist nicht viel – drei, vier Kisten vielleicht. Hauptsächlich Anziehsachen, Bücher, Papierkram, dieser kleine Computer … ich habe nichts angerührt. Es eilt aber nicht, so schnell werde ich das Zimmer nicht wieder vermieten.«

»Danke, Peggy. Ich weiß noch nicht, ob ich im Moment dazu in der Lage wäre, die Sachen abzuholen. Vielleicht …«

»Aber das kann ich doch für dich tun, Hazel«, bot Stephen an. »Mein Wagen ist bei Mackay’s zur Reparatur, aber morgen bekomme ich ihn wieder. Dann fahre ich gleich rüber.«

»Das wäre wirklich eine große Hilfe. Danke.«

Hazel lächelte und legte Stephen die Hand auf den Arm.

Matt Jarvis litt sichtlich. Agnes beschloss, ihrem ehemaligen Schüler ein wenig auf die Sprünge zu helfen.

»Matthew, Peggy erzählte mir gerade, dass sie nicht lange bleiben kann, weil sie noch den Bus erreichen muss. Könntest du sie nicht später mitnehmen? Für dich ist es doch kein allzu großer Umweg.«

»Aber selbstverständlich, Peggy. Das mache ich gern.«

Der junge Polizist nickte eifrig.

»Oh vielen Dank, wie lieb von dir, Matthew. Dann brauche ich nicht zu hetzen.«

»Wenn du noch Platz im Auto hättest, könntest du doch Neils Sachen gleich mitnehmen«, schlug Agnes vor. Hazel horchte auf und lächelte.

»Prima, Matt. Wenn du ohnehin fährst – trotzdem danke für das Angebot, Stephen.«

Matthew strahlte. »Wirklich, kein Thema, Hazel. Ich bringe euch die Sachen dann später hier vorbei. Wenn ich sonst noch irgendetwas für euch tun kann, musst du es mich nur wissen lassen.«

Stephen McVoren bedachte den Sergeant mit einem finsteren Blick und wandte sich dann wieder dem Gespräch zu.

In den drei jungen Männern, die sich mit Gläsern in der Hand zu der Gruppe gesellt hatten, erkannte Agnes Neils Glasgower Freunde. Sie sprachen offenbar gerade über Neils schriftstellerische Ambitionen. Agnes wollte eigentlich nicht lauschen. Neugier war jedoch immer schon eine ihrer großen Schwächen gewesen. Unauffällig hielt sie sich in der Nähe, um das Gespräch zu verfolgen.

»… zumindest hat er nie davon gesprochen. Dabei war er gar nicht schlecht. Ich habe mal eine seiner Kurzgeschichten gelesen. Könnte mir schon vorstellen, dass ein Verlag sie genommen hätte. Aber aus seinem Roman hat er immer ein großes Geheimnis gemacht. Sollte wohl ein umfangreicheres Fantasy-Epos werden. Er hat nie jemanden auch nur eine Seite davon lesen lassen.«

»Ja, da war er eigen. Er meinte, er wolle es erst fertigschreiben und dann vollständig überarbeiten. Die Rohfassung war ihm zu persönlich. Er sagte, Schreiben sei für ihn so eine Art Therapie.«

Agnes erinnerte sich, dass Neil sich schon in der Schule gerne Geschichten ausgedacht hatte. Im Literaturunterricht hatte es sie viel Überredungskunst gekostet, ihn dazu zu bringen, sie auch vor der Klasse vorzutragen. Wenn sie den fröhlichen Jungen in ihrer Erinnerung sah, konnte sie nicht fassen, dass sie ihn am nächsten Morgen zu Grabe tragen würden.

Der Gottesdienst fand in der Tobermory Parish Church statt. Die kleine, aus dunklem Stein in neugotischem Stil erbaute Kirche aus dem späten neunzehnten Jahrhundert hatte Agnes immer besonders gut gefallen. Ohne den Prunk und das Ehrfurchtgebietende großer Sakralbauten strahlte sie Würde aus. Hazel und Charlie hatten Effy in die Mitte genommen und Agnes nahm neben Hazel auf der Bank Platz. Die meisten der Anwesenden waren bereits am vorigen Abend bei den Thorburns gewesen. Hinter ihr hatte Hazels Freundin Bella McAulay Platz genommen. Agnes spürte ihre Kehle enger werden und nestelte an dem Liederzettel herum. Sie fühlte sich in der Zeit zurückversetzt. Damals hatte sich ihr die brutale Realität von Johns Tod auch erst mit der Trauerfeier und der Beerdigung mit Macht ins Bewusstsein gedrängt. Der Sarg vor dem Altar, das Foto von Neil daneben, die Blumen, die schwarz gekleideten Menschen in den Bankreihen, die Kühle des Kirchengebäudes – alles erinnerte mit Nachdruck daran, warum sie sich heute hier versammelt hatten.

Effy knetete ihre auf dem Schoß liegenden Hände und biss sich auf die Unterlippe, als die ersten Orgelklänge ertönten, und Reverend Fletcher vor die Gemeinde trat, um mit ihr Neil auf seiner letzten Reise zu begleiten.

Andrew Fletcher hatte eine Gabe, immer die richtigen Worte zu finden. Johns Beerdigung hatte Agnes beinahe wie in Trance erlebt, aber die tröstlichen Worte des Pfarrers waren wie eine Rettungsleine gewesen, an die sie sich hatte klammern können. Sie waren das Einzige gewesen, das sie später von jenem schrecklichen Tag noch erinnern konnte. Auch heute war es tief bewegend, wie Andrew über Neil sprach, über die Spuren, die er in den Leben der hier Versammelten hinterlassen hatte.

Agnes schmeckte Salz auf ihren Lippen und bemerkte jetzt erst, dass ihr die Tränen über das Gesicht liefen. Sie zupfte ein Taschentuch aus ihrer Handtasche und wischte über ihre Augen. Neben ihr schluchzte Hazel auf, und Agnes griff nach ihrer Hand.

Als die Orgel wieder einsetzte und das erste Lied spielte, sah Agnes sich in den gut gefüllten Bankreihen um und erkannte Verwandte, Bekannte, Freunde und Arbeitskollegen der Familie. Etwas weiter hinten entdeckte sie den attraktiven Mittvierziger, den ihr Charlie gestern als Hugh Petrie vorgestellt hatte. Er war der Geschäftsführer der Clydesdale-Filiale, bei der Hazel angestellt war. Neben ihm saß eine elegant frisierte Brünette, deren schwarzes, vorne gerafftes Kleid die deutliche Wölbung ihres Bauches nicht mehr verbergen konnte. Das musste seine Frau Hannah sein. Tod und Leben gingen oft Hand in Hand. Auch wenn Hannah hier aufgewachsen und zur Schule gegangen war, schien ihre elegante Erscheinung nicht recht nach Tobermory zu passen.

Es hatte etwas Tröstliches, dass so viele Leute gekommen waren, um gemeinsam mit ihnen um Neil zu trauern. Selbst Hazels Lieblingsfeind Henry McNiven, der Hotelier, hatte es sich nicht nehmen lassen. Schließlich war auch er ein Schulfreund von Neil gewesen.

Agnes nahm das Liederblatt zur Hand und stimmte in die ersten Zeilen von »How great thou art« ein. Effys Stimme war dünn und brach immer wieder, doch sie quälte sich tapfer durch das Lied.

Then sings my soul, my Savior God, to thee: How great thou art! How great thou art!

Agnes dachte darüber nach, wie seltsam es doch war, dass ausgerechnet dieses Lied so oft auf Beerdigungen gesungen wurde. Ihrer Seele lag es nie ferner, in Lobgesänge auszubrechen als angesichts des Todes eines geliebten Menschen.

And when I think that God, his Son not sparing

Sent him to die, I scarce can take it in

That on the cross, my burden gladly bearing

He bled and died to take away my sin.

Vermutlich lag der Trost genau in diesen Zeilen. Die Vorstellung, dass Gott auch nur ein Vater war, der seinen Sohn verloren hatte, machte ihn menschlicher. Werden und Vergehen, Geburt und Tod, der ewige Kreislauf, dem kein Geschöpf auf dieser Erde entgehen kann. Die Erfahrung des Verlusts, von der nicht einmal der Schöpfer selbst verschont blieb.

Agnes beobachtete aus den Augenwinkeln, wie der kleine Lachie McAulay von hinten seine kleine Hand auf Effys Schulter legte.

Und ihr wurde klar, dass das Tröstlichste an einer Beerdigung war, dass man nicht allein war. Überall konnte man dies spüren. Vielleicht war es an der Zeit, dass sie selbst ihre schwelende Fehde mit dem Allmächtigen beendete und ihm endlich verzieh, dass er ihr John so früh genommen hatte.

6

Die Tür des Pfarrhauses öffnete sich und Agnes sah sich Andrew Fletcher gegenüber. Sein frisches, freundliches Gesicht mit den von Seewind und Sonne geröteten Wangen ließ Agnes Mut schöpfen. Es war richtig, sich in dieser Sache an den Geistlichen zu wenden.

»Agnes? Wie schön, dich zu sehen. Kann ich etwas für dich tun? Schickt Effy dich?«

»Nein. Ich wollte selbst mit dir sprechen, Andrew. Es war ein wundervoller Gottesdienst gestern. Du hast genau die richtigen Worte gefunden.«

»Das freut mich. Vielen Dank.« Reverend Fletcher legte den Kopf schräg. »Aber etwas sagt mir, dass du nicht extra hergekommen bist, um mir das zu sagen.«

Agnes lächelte und zupfte an ihrem Ohrring. »Das stimmt. Ich … habe etwas Persönliches auf dem Herzen. Dabei wende ich mich an dich als Pfarrer. Ich habe sozusagen etwas zu beichten.«

Reverend Fletchers dichte schwarze Brauen hoben sich und etwas Schalkhaftes blitzte in seinen Augen. Wenn Agnes sich das Grau wegdachte, das seine schwarzen Haare mittlerweile deutlich durchzog, konnte sie noch den etwas vorwitzigen jungen Vikar erkennen, der vor über dreißig Jahren hier seine erste Pfarrstelle angetreten hatte. Das war genau in dem Jahr gewesen, als sie hergezogen war.

»In unserem Alter gibt es doch nichts mehr zu beichten.«

Agnes lächelte verschmitzt. »Du als Geistlicher solltest wissen, dass Sünde kein Alter kennt. Nur die Gestalt, in der sie uns heimsucht, die ändert sich.«

Reverend Fletcher lachte und hielt Agnes die Tür auf. »Bitte, komm herein. Ich mache uns einen Tee. Phyllis hat heute ihren freien Nachmittag.«

Agnes nahm auf dem altmodisch geblümten Sofa Platz und wartete, bis Andrew mit dem Teetablett erschien.

»Ein Tröpfchen Milch, kein Zucker, nicht wahr?«

»Dein Gedächtnis funktioniert offenbar noch besser als meines.« Agnes lachte. »Ich bin schon froh, wenn ich mich erinnern kann, wo ich meine Lesebrille zuletzt abgelegt habe.«

»Das täuscht, meine Liebe. Das Langzeitgedächtnis bleibt länger frisch. Ich könnte dir Gedichte aufsagen, die ich als kleiner Junge in der Schule lernen musste. Aber wehe, du fragst mich, was es gestern zu Mittag gab. Was die Brille angeht, bin ich eindeutig im Vorteil. Ohne bin ich blind wie ein Maulwurf, deshalb nehme ich sie so gut wie nie ab.«

Er stellte die Tasse vor Agnes ab, zog den Sessel heran, zupfte die Hose am Knie zurecht und nahm Platz. Andrew musterte Agnes.

»Du siehst wie immer blendend aus. Darf ich das sagen?«

Agnes drehte verlegen an ihrem Ring. »Ich werde mich sicher nicht beschweren, wenn man mir Komplimente macht.«

»Aber nun erzähl erst einmal, was du auf dem Herzen hast. Du bist schließlich nicht wegen der Komplimente gekommen.«

»Es geht um John«, begann Agnes.

»Nun ja, vielmehr geht es um seinen letzten Willen. Wahrscheinlich ist es an der Zeit, dass ich mich endlich damit befasse.«

Reverend Fletchers buschige Brauen berührten fast den dünnen, goldenen Rand seiner Brille. Er sah skeptisch aus.

»Du erinnerst dich, dass ich mit John damals über die bevorstehende Beisetzung gesprochen habe.« Agnes beschloss, gleich mitten ins Thema zu springen.

»Für Friedhöfe hatte er nichts übrig. Er fand die Vorstellung beklemmend, nach dem Tod in der Erde vergraben zu werden.«

»Ich erinnere mich. Ja – er hat sich für eine Feuerbestattung ausgesprochen. Er hat auch mit mir darüber gesprochen. Er wollte, dass seine Asche in Calgary am Strand verstreut wird.«

»Dort hat er mir seinerzeit den Antrag gemacht.« Die Erinnerung brachte Agnes für einen Moment zum Lächeln.

»Du sollst nicht auf einen blöden Stein im Rasen starren«, hat er gesagt. Ihm gefiel der Gedanke, dass ich seiner dort gedenken sollte, wo wir beide am glücklichsten waren. Er stellte sich vor, dass ich mir die Seeluft um die Nase wehen lasse, anschließend irgendwo in einem Café Tee und Scones genieße und an ihn denke, wann immer ich dort spazieren gehe.«

Andrew lehnte sich vor und nickte bedächtig. Seine hellen, blauen Augen musterten Agnes aufmerksam über den Rand seiner Brille hinweg.

»Das ist in der Tat ein schöner Gedanke. Aber deinen Andeutungen entnehme ich, dass du es anders siehst?«

Agnes betrachtete ihre auf dem Schoß verschränkten Hände. Wieder drehte sie nachdenklich an ihrem Ehering, den sie nie abgelegt hatte.

»John hat so viel mitmachen müssen. Ich fühlte mich hilflos. Wahrscheinlich verstehst du mich besser als die meisten.« Ihr Blick wanderte zu der gerahmten Fotografie auf dem Schreibtisch, die Andrews verstorbene Frau Marjory zeigte. »In dem Moment, als John über Calgary sprach, wurde er ganz ruhig. Der Gedanke schien ihm Kraft zu geben. Ich habe es nicht übers Herz gebracht, ihm zu widersprechen. Doch für mich war es eine fürchterliche Vorstellung, seine Asche einfach in den Wind zu streuen. Ich war noch nicht bereit, loszulassen.«

Andrew Fletchers Gesichtsausdruck entspannte sich und er nickte. »Das kann ich nachvollziehen.«

»Vielleicht klingt es makaber«, fuhr Agnes fort, »aber ich wollte ihn bei mir haben. Ich brauchte einen festen Ort zum Trauern, an dem ich an ihn denken, ihm Blumen bringen kann. Er hat sich ausgemalt, dass mir all die glücklichen Erinnerungen an unsere gemeinsame Zeit helfen würden. Doch für mich waren sie nur eine Belastung.«

»Und deswegen wolltest du fort. Das ist nichts, wofür du dich schuldig fühlen solltest, Agnes.«

Agnes sah auf und lächelte. Sie wusste es zu schätzen, dass Andrew ihre Motive nicht in Zweifel zog.

»Ich weiß, Andrew. Und doch fühle ich mich, als hätte ich John verraten. Er hat die Insel geliebt, ich habe ihn geliebt. Als junge Frau habe ich mich innerlich mit Händen und Füßen dagegen gewehrt, hier rauszuziehen. Doch John glaubte, nur hier könne er schreiben. Und als er dann noch die Chance bekam, die Bibliothek mit aufzubauen … das war, als wären alle seine Träume wahr geworden. Wie hätte ich mich da sperren können? Letztlich habe ich es auch nicht bereut. Denn ich habe mich an die Insel gewöhnt, Freunde fürs Leben gefunden. Ich habe hier meine glücklichsten und meine schrecklichsten Tage erlebt. Aber all das nur mit John. Jede Erinnerung ist mit ihm verknüpft. Es hat mich erdrückt. Ich habe noch einmal neu angefangen und versucht, all das hinter mir zu lassen. Ich konnte es einfach nicht. Ich habe ihm seinen letzten Willen nicht erfüllen können.«

Andrew hatte den Zeigefinger unter die Nase gelegt und den Daumen unter das Kinn geschoben, während er Agnes zuhörte.

»Du sprichst in der Vergangenheit«, sagte er schließlich. »Das hört sich an, als habe sich das geändert.«

»Ich weiß nicht, Andrew.« Agnes zupfte an den Troddeln ihres Halstuchs.

»Bei jedem meiner Besuche nehme ich mir vor, John endlich seinen Wunsch zu erfüllen, und dann bringe ich es doch nicht fertig und fühle mich schäbig. Was bin ich nur für ein Mensch, dass ich den letzten Wunsch meines Mannes nicht achte?«

»Ein Mensch, der John sehr geliebt hat«, entgegnete Andrew. »Einer, der in schweren Zeiten an seiner Seite war und ihn bis zur eigenen Erschöpfung gepflegt hat. Du bist zu hart zu dir, Agnes. Gott kann dir vergeben, also solltest du es auch selbst tun.«

»Vielleicht ist es an der Zeit, dass ich mir einen Ruck gebe. Du warst es, der mir damals Mut gemacht hat, auch nach vorne zu schauen und mein Leben in die Hand zu nehmen. Dein Zureden hat mir die Entscheidung erleichtert, von hier fortzugehen.«

Andrew räusperte sich und zupfte an der grauen Strickjacke, die sich über seinem rundlichen Bauch spannte.

»Ich bin dir sehr dankbar für alles. Jetzt stehe ich wieder am Scheideweg. Wieder kommt etwas Neues auf mich zu. Rentnerin. Das kann ich mir noch überhaupt nicht vorstellen. Es fällt mir schwer, mich darauf einzustellen. Vielleicht fehlt mir die Kraft, nach vorne zu blicken, weil ich mit der Vergangenheit noch nicht fertig bin.«

Andrew schien keine bequeme Position auf dem Sessel zu finden. Er schaute zu Boden.

»Ich … ich denke, das ist etwas, das nur du selbst entscheiden kannst, Agnes.«

Sie nickte. »Das weiß ich. Ich habe die Entscheidung auch längst getroffen. Ich wollte dich nur um etwas bitten. Ich möchte, dass du mich nach Calgary begleitest.«

»Ich habe befürchtet, dass du das sagen könntest.« Andrew rieb sich den Nacken. »Bitte glaube mir, wenn ich sage, dass ich dir immer gerne helfe, doch in diesem Fall muss ich leider ablehnen.«

Agnes runzelte die Stirn. »Andrew, ich verstehe nicht … habe ich etwas Falsches gesagt?«

Der Reverend räusperte sich. »Nein. Nein, das hast du nicht, Agnes. Ich denke nur, dass das eine sehr persönliche Angelegenheit zwischen dir und John ist und … ich kann dich wirklich nicht begleiten. Es wäre nicht richtig.«

Agnes kniff die Lippen zusammen. Sie versuchte, sich ihre Enttäuschung nicht anmerken zu lassen. Natürlich hatte Andrew jedes Recht, ihre Bitte abzulehnen, doch sie hatte sich von ihm mehr Unterstützung erhofft. Das Klirren, als sie ihre Tasse auf der Untertasse abstellte, verriet ihre Verunsicherung.

»Verstehe. Gut. Das muss ich wohl so akzeptieren.«

Andrew Fletcher öffnete den Mund, schloss ihn dann aber gleich wieder. Er wirkte hilflos.

»Es tut mir wirklich leid, Agnes. So gerne ich möchte, ich kann dir da einfach nicht helfen.« Er wich ihrem Blick aus.

Agnes strich mit den Händen ihren Rock glatt.

»Nun ja, ich schätze, ich danke dir für deine Ehrlichkeit. Dann werde ich es wohl allein tun müssen.« Sie erhob sich und reichte ihm die Hand.

Er ergriff sie mit der Rechten und legte die Linke darüber.

»Sei mir bitte nicht böse, Agnes.«

»Nein nein, ich bin dir nicht böse, Andrew. Es ist schon gut. Ich denke, ich sollte jetzt gehen.«

Reverend Fletcher zupfte eine imaginäre Fluse von seinem Ärmel. »Ich begleite dich noch zur Tür.«

7

Bella McAulay trat aus der Haustür und schloss für einen Moment die Augen. Die Morgensonne wärmte ihr Gesicht, und gierig sog sie die würzige Seeluft ein. Seit Lachlan in die Vorschule der Tobermory High School ging, hatte sie gelernt, diese freien Stunden zu genießen. Sie liebte ihren Kleinen und war gerne Mutter, aber bisweilen vermisste sie ihr altes Leben, die Galerie, ihre ausgiebigen Fotostreifzüge, ihr ehrenamtliches Engagement für den Umweltschutz. Es kostete viel Kraft und benötigte gute Organisation, all das unter einen Hut zu bringen. Doch Bella fand, dass sie es sich und ihrem Sohn schuldig war, es zu versuchen.

Sie brauchte noch Kleingeld und lief die Straße bergab Richtung Hafen, um bei der Bank welches zu holen. Die kleine Clydesdale-Filiale, in der auch ihre Freundin Hazel arbeitete, befand sich in einem malerischen viktorianischen Sandstein-Gebäude mit Türmchen und Erkern direkt an der Uferstraße.

Im Kassenraum entdeckte sie den Filialleiter Hugh Petrie, Hazels Chef, und Chloe Cameron, die gerade dabei war, der Auszubildenden Christie etwas zu erklären.

»Morgen, Bella! Geht es Ihnen gut?«

Hugh Petrie schenkte ihr ein freundliches Lächeln. Ein sehr attraktiver Mann, allerdings überhaupt nicht Bellas Typ. Für sie war er das Abziehbild eines Bankers und hätte hervorragend in jeden Werbekatalog für Finanzdienstleistungen gepasst. Ihr Michael war Bella lieber. Der war mehr der handfeste Typ, ein echtes Inselgewächs. Er machte vielleicht im Anzug keine so gute Figur wie Hugh Petrie. Dafür wäre der sicher keine große Hilfe beim Beschneiden der Obstbäume oder beim Unkrautzupfen. Bei der Vorstellung musste Bella grinsen.

»Na klar. Ich bin auf dem Weg in die Galerie. Und wie geht es Ihnen? Bei Hannah alles in Ordnung mit dem Baby?«

»Alles bestens, danke. Hannah geht es super, seit ihr endlich nicht mehr so übel ist. Ich kann auch nicht klagen, allerdings …« Hugh machte eine Pause und schien zu überlegen, ob er weitersprechen sollte.

»Ehrlich gesagt mache ich mir ein bisschen Sorgen um Hazel. Ich hatte ihr angeboten, sie könne noch bis zum Ende der Woche zu Hause bleiben, aber sie bestand darauf, heute wieder zur Arbeit zu kommen. Bloß ist sie heute Morgen nicht erschienen.«

Bella runzelte die Stirn. Das klang überhaupt nicht nach ihrer Freundin. Hazel war stets sehr zuverlässig.

»Vielleicht hat sie es sich anders überlegt? Haben Sie versucht, sie anzurufen?«

»Natürlich«, antwortete Hugh. »Aber sie geht nicht ans Telefon. Ich habe es auf der Festnetznummer und auf dem Handy versucht. Effy und Charlie möchte ich jetzt nicht zusätzlich beunruhigen. Ich dachte, vielleicht wissen Sie, was mit ihr los ist.«

Bella verzog das Gesicht und zuckte mit den Schultern. »Nein. Ich weiß nichts. Allerdings finde ich das auch merkwürdig. Wenn Hazel sich anders entschieden hat, warum hat sie Ihnen nicht Bescheid gesagt? Das sieht ihr gar nicht ähnlich.«

Hugh zog die Brauen zusammen und kratzte sich am Ohr. Auch er sah besorgt aus.

»Das ist es ja. Auf Hazel kann ich mich immer hundertprozentig verlassen. Na ja, allerdings hat sie gerade auch viel zu verkraften. Vielleicht hat Neils Tod sie doch mehr mitgenommen als sie zugeben möchte. Ich werde jedenfalls in der Mittagspause mal nach ihr sehen.«

»Ich kann auch schnell bei ihr reinspringen, bevor ich zur Galerie gehe. Das ist überhaupt kein Problem. Ich bin früh dran heute. Ich sage ihr dann, sie soll anrufen«, bot Bella an.

»Das wäre sehr hilfreich. Was kann ich denn sonst für Sie tun? Das Übliche?«

»Genau.«

Bella trat an den Schalter, um sich das Kleingeld auszahlen zu lassen. Sie verstaute es in einer Geldtasche, die sie in die Handtasche steckte, und verabschiedete sich.

Auf dem Weg in Richtung Victoria Street machte sich ein Gefühl der Unruhe in Bella breit. Es war ganz und gar untypisch für ihre Freundin, einfach nicht zur Arbeit zu gehen. Während sie lief, wählte Bella mehrfach auf dem Handy Hazels Nummern. Weder zu Hause noch auf dem Handy war sie zu erreichen. Eine Mailbox gab es nicht.

In Gedanken wälzte Bella Szenarien. Vielleicht lag sie krank im Bett und hatte das Telefon verschlafen. Oder sie war gestürzt und hatte sich etwas gebrochen. Womöglich hatte Neils Tod sie so aus der Bahn geworfen, dass sie schlicht vergessen hatte, auf der Arbeit anzurufen?

Bellas Herz schlug schneller, als das niedrige, hellblau gestrichene Häuschen in Sicht kam. Sie klopfte, erhielt jedoch keine Antwort. Vielleicht hatte Hazel sie nicht gehört. Eine Türklingel gab es nicht. Bella klopfte noch einmal. Dieses Mal etwas lauter. Drinnen rührte sich nichts.

Zögerlich drehte Bella den Türknauf und drückte die Haustür auf. Sie steckte den Kopf hindurch und rief hinein.

»Hazel? Bist du da?«

Das Haus antwortete mit Stille. Entschlossen trat Bella ein und sah sich um. Auf den ersten Blick konnte sie nichts Ungewöhnliches erkennen.

»Hazel? Alles in Ordnung? Ich bin es, Bella.«

Hazels Jacke hing an der Garderobe. Doch das musste nichts bedeuten, schließlich war es selbst am Morgen nicht besonders kalt. Das Auto hatte nicht vor dem Haus gestanden, was aber ebenfalls nicht weiter verwunderlich war. Hazel parkte den Wagen oft bei ihren Eltern, wo mehr Platz war. Im Ort kam man schließlich wunderbar zu Fuß oder per Fahrrad zurecht. Nur für weitere Strecken brauchte man das Auto. Einer plötzlichen Eingebung folgend, öffnete Bella die Schublade der Kommode im Flur.

Ein Gefühl der Übelkeit überfiel sie, als sie dort Hazels Schlüsselbund und ihr Portemonnaie vorfand. Offenbar hatte Hazel das Haus nicht verlassen. Aber warum antwortete sie dann nicht?

»Hazel?!«, rief Bella noch einmal. Ihre Stimme klang eigenartig schrill in ihren Ohren. Sie lief ins Wohnzimmer, konnte Hazel aber nirgends sehen. Sie sah sich in der Küche und im Arbeitszimmer um und hetzte dann atemlos ins Schlafzimmer. Hazels Bett war unberührt.

Bella runzelte die Stirn. Hatte die Freundin etwa die Nacht nicht zu Hause verbracht? Aber wo sollte sie hingegangen sein – ohne Schlüssel und ohne Geld?

Bella fühlte Panik in sich aufsteigen, als sie in den Flur stürzte und die Badezimmertür aufriss. Ein metallischer Geruch schlug ihr entgegen und instinktiv musste sie würgen.

Zuerst sah Bella das kalkweiße, bläulich angelaufene Gesicht ihrer Freundin. Glasige Augen starrten an die Decke. Bella riss die Hände vors Gesicht. Sie schrie, ohne sich dessen bewusst zu sein. Das Geräusch klang schrill und fremd in ihren Ohren.

Unnatürlich steif und verdreht lag Hazel in der Wanne, das Wasser rostrot verfärbt, die Fliesen hinter der Wanne blutbesudelt. Der rechte Arm baumelte über den Rand der Wanne hinab. Daneben auf dem Boden lag ein großes Küchenmesser.

»Oh mein Gott, oh mein Gott, oh mein Gott«, stieß Bella mantraartig hervor, während sie rückwärts aus der Tür stolperte und diese zuschlug. Mit zittrigen Fingern suchte sie in der Tasche nach ihrem Handy. Sie musste die Polizei rufen. Sie musste …

Als die Übelkeit sie übermannte, stürzte sie nach draußen, wo sie sich, an die Hauswand gestützt, übergab.

8

Agnes nahm gerade die frisch gerösteten Brotscheiben aus dem Toaster, als Effy die Treppe herunterkam.

»Hm, das riecht schon gut. Vielen Dank, dass du dich ums Frühstück gekümmert hast. Bei mir hätte es nur Frühstücksflocken gegeben. Ich muss aber zugeben, dass ich richtig hungrig bin.«

»Das ist ein gutes Zeichen, Effy. Setz dich. Ich hole nur schnell noch den Tee.«

»Ich habe deinen Koffer im Flur gesehen. Willst du denn wirklich schon jetzt wieder abreisen? Ich meine, du hast doch jetzt Zeit. Gönn dir einen Urlaub, wir unternehmen etwas zusammen. Hazel würde sich sicher auch freuen.«

Agnes versuchte, dem bittenden Blick ihrer Freundin auszuweichen.

»Ich habe Susan gesagt, ich bin spätestens in zwei Wochen wieder zurück. Sie versorgt die Blumen und holt die Post rein. Sie rechnet doch mit mir. Und euch kann ich doch auch nicht länger zur Last fallen.«

Effy holte hörbar Luft. »Nie um eine Ausrede verlegen. Du kannst es einfach nicht abwarten, zurück nach Edinburgh zu kommen, nicht wahr? Es war dir hier ja immer schon zu piefig.«

»Sei nicht unfair, Effy. Du weißt, wie schwer es mir immer noch fällt, hier zu sein.«

»Ich verstehe dich ja. Du fehlst mir bloß so. Niemand kann die beste Freundin so leicht ersetzen.«

»Hör bloß auf, ich fange gleich an zu heulen und sehe dann aus wie ein Panda.« Vorsichtig wischte Agnes sich mit dem kleinen Finger unter dem Auge entlang.

»Du fehlst mir doch auch. Aber es fällt mir immer noch schrecklich schwer. Ich habe doch nie wirklich hierher gehört. Tobermory war Johns Zuhause, nicht meins.«

Effy schüttelte den Kopf. »Du weißt, dass das nicht wahr ist. Du hast Wurzeln geschlagen, Agnes.«

»Ich weiß nicht, Effy. Mein Zuhause ist jetzt Edinburgh. Ich habe dort noch einmal von vorne angefangen, mir etwas aufgebaut. Es hat sich so viel verändert, nur hier scheint die Zeit stillzustehen.«

»Ja, das kann einem manchmal so vorkommen, nicht wahr? Aber all das hat auch sein Gutes. Die Leute halten zusammen, man hilft einander. Ich weiß nicht, wo du das sonst bekommst.«

Agnes lächelte. »Du hättest in die Politik gehen sollen.«

Charlie steckte den Kopf durch die Tür und schnupperte.

»Hmmm … hier duftet es ja ganz köstlich. Habt ihr noch etwas für mich übrig?«

»Natürlich, Charlie, komm und setz dich.« Agnes goss Tee in seine Tasse.

»Hast du schon gehört? Agnes will uns schon wieder verlassen.«

Agnes versuchte, den beleidigten Unterton in Effys Stimme zu überhören.

»Wirklich? Das ist aber schade, Agnes. Du kannst gerne bleiben, solange du willst.«

»Ich weiß. Das ist lieb, ihr zwei. Aber ich muss wirklich wieder nach Hause. Ich hatte vor, den Bus um halb eins zu nehmen. Dann bin ich rechtzeitig in Craignure, um die Zwei-Uhr-Fähre zu erreichen.«

»Ich kann dich auch fahren«, bot Charlie an.

»Nicht nötig, Charlie. Danke dir. Ich kann ganz bequem mit dem Bus fahren.«

»Willst du nicht wenigstens warten, bis Hazel von der Arbeit zurück ist? Sie wäre extrem traurig, wenn sie sich nicht von dir verabschieden könnte.«

»Ich werde gleich noch schnell bei der Bank vorbeigehen, um ihr auf Wiedersehen zu sagen.«

»Komisch. Eigentlich wollte sie sich gestern Abend noch einmal melden. Wahrscheinlich war sie zu müde. Die letzten Tage waren verflucht anstrengend für uns alle.« Charlie setzte sich und nahm einen Schluck von seinem Tee.

Es klingelte.

»Vielleicht ist sie das«, meinte Agnes.

»Nein. Sie wird längst bei der Arbeit sein. Außerdem würde Hazel nicht klingeln.«

Agnes lachte. »Daran muss ich mich erst wieder gewöhnen, dass niemand hier seine Tür abschließt.«

»Siehst du? Mein Reden, nicht alles besser in der Großstadt«, konterte Effy und wollte aufstehen.

»Lass nur, ich geh schon. Ich stehe doch ohnehin.«

Agnes ging in den Flur und öffnete die Haustür.

Verwundert blickte sie in das Gesicht von Matthew Jarvis. Im Kontrast zu seiner schwarzen Polizeiuniform wirkte er unnatürlich blass. Die Dienstmütze mit dem Schachbrettmuster-Band hatte er abgenommen und drehte sie in den Händen. Agnes beschlich ein ungutes Gefühl, das sich vom Magen in ihre Kehle hocharbeitete.

»Himmel, Matthew. Ist etwas passiert? Du siehst ja ganz verstört aus.«

Matthews Adamsapfel trat deutlich sichtbar hervor, als er schluckte. Er öffnete den Mund, zunächst ohne einen Ton hervorzubringen. Dann räusperte er sich.

»Ich muss mit Effy und Charlie sprechen. Es geht um Hazel.«

Agnes fühlte sich, als hätte sich der Boden unter ihr in Bewegung gesetzt. Ihr Herz pochte so laut und schnell, dass sie glaubte, Matthew müsse es hören.

»Um Hazel? Um Himmels Willen, Matthew. Ist ihr etwas passiert?«

Der junge Sergeant presste die Lippen aufeinander und Agnes sah Tränen in seinen Augen schimmern. Sie brauchte seine Antwort nicht abzuwarten. Matthews Zähne bearbeiteten seine Unterlippe.

»Ich … ähm, ich würde wirklich lieber zuerst mit Effy und Charlie sprechen«, sagte er schließlich.

Agnes wusste nicht, ob er so leise gesprochen hatte oder ob es an ihrer Wahrnehmung lag. Sie hatte das Gefühl, als habe sich plötzlich eine Glasglocke über sie gesenkt. Alle Eindrücke drangen nur gedämpft zu ihr durch, was der Situation etwas Unwirkliches verlieh.

»Natürlich. Komm herein«, sagte sie beinahe mechanisch und schloss die Tür hinter Matthew und folgte ihm in die Küche.

Effy und Charlie blickten freundlich zur Tür, als Matthew eintrat, doch das Lächeln erstarb, als sie seinen Gesichtsausdruck sahen. Er hatte den Blick fest auf die Mütze in seiner Hand gerichtet, die er unablässig drehte.

Für einen Augenblick, der ihr wie eine Ewigkeit vorkam, hörte Agnes nur das Pochen und Rauschen in ihren Ohren und das Ticken der Küchenuhr, bis Matthew schließlich den Mund öffnete und die Worte gepresst aus seinem Mund fielen, so als sei es eine unglaubliche Kraftanstrengung.

»Es tut mir schrecklich leid, euch diese Nachricht überbringen zu müssen – gerade jetzt. Es … äh … es geht um Hazel. Sie … ist tot.«

»Wie bitte, was?« Effy sah aus, als wolle sie laut loslachen. »Unsinn! Matthew, was redest du denn da?«

Matthews Augenbrauen zogen sich zusammen, seine Zähne gruben sich erneut in seine Unterlippe, während er verzweifelt nach den richtigen Worten suchte.

»Ich weiß nicht, wie ich euch das sagen soll. Sie … Bella hat sie heute Morgen in ihrer Badewanne gefunden.«

Matthew machte erneut eine Pause. Der junge Polizist schluckte schwer, bevor er weitersprechen konnte.

»Wir nehmen an, dass sie sich das Leben genommen hat. Allem Anschein nach hat sie sich die Pulsadern aufgeschnitten. Es tut mir wirklich so leid.«

Mit dem Handrücken wischte er sich über die Augen. Er sah vollkommen hilflos aus. Betreten schaute er zu Boden.

Effy starrte Matthew immer noch mit einer Mischung aus Spott und Unglauben an, doch ihre Lippen zitterten und die Farbe schien aus ihrem Gesicht zu weichen. Sie pendelte gefährlich

auf ihrem Stuhl, so dass Agnes fürchtete, sie würde zu Boden stürzen.

Sie machte einen Schritt an Matthew vorbei und legte ihrer Freundin eine Hand auf die Schulter, um sie im Notfall stützen zu können, als Effy plötzlich begann, laut zu lachen. Ein unheimlicheres Geräusch hatte Agnes in ihrem Leben noch nicht gehört. Das Lachen schien nicht zu ihr zu gehören, es klang fremd und entrückt. Effy schüttelte vehement den Kopf.

»Nein, Matthew. Nein! Das ist nicht wahr! Das kann überhaupt nicht sein«, sagte sie schließlich und begann mit grimmiger Entschlossenheit, den Frühstückstisch abzudecken.

Charlie starrte Effy an, die sich die Schürze umgebunden und begonnen hatte, Wasser in die Spüle zu lassen, während sie unablässig murmelte.

»So ein Unsinn. Nicht Hazel. Das kann überhaupt nicht sein.«

Charlie rührte sich nicht und wirkte hilflos wie ein trockenes Blatt in einem Wasserstrudel.

Schließlich entrang sich seiner Kehle ein Geräusch, das Agnes an einen verwundeten Bären erinnerte. Er sprang auf und fegte dabei mit einer kraftvollen Armbewegung das verbliebene Geschirr vom Tisch. Effys geliebte Wedgwood Teekanne zerschellte mit einem Knall, und Tee ergoss sich über den Fliesenboden.

Matthew hatte unwillkürlich einen Schritt zurückgemacht und den Kopf zwischen die Schultern gezogen, als rechne er damit, dass Charlie sich jeden Augenblick auf ihn stürzen könne.

Charlie starrte verdutzt auf die Scherben und die braune Pfütze am Boden, so als fragte er sich, wie sie dorthin gekommen waren. Effy stand über die Spüle gebeugt, wusch das Frühstücksgeschirr ab und wirkte dabei wie ein Montageroboter in einem Autowerk.

Agnes sah verzweifelt zu Matthew hinüber. Sie hatte nicht die geringste Ahnung, wie sie sich verhalten sollte. Es wirkte alles so surreal, dass ein Teil von ihr einfach nur hoffte, sie möge endlich aufwachen.

Als Charlie sich schließlich an Matthew wandte, klang er ruhig, doch seine fahrigen Bewegungen und das Zittern, das seinen Körper durchlief, entlarvten ihn.

»Du sagst, Bella hat sie gefunden? Wie lange … wann ist sie … ich möchte alles wissen, Matthew, alles.«

Matthew machte einen zögerlichen Schritt ihn zu.

»Es tut mir leid. Im Augenblick können wir nur abwarten. Die Spurensicherung war noch nicht da. Wir haben ein Team vom Festland angefordert. Wenn die fertig sind, werden sie Hazel nach Craignure bringen.«

»Können wir dann zu ihr? Sie sehen?« Charlies Stimme klang heiser und kraftlos.

Matthew nickte stumm und sah betreten zu Effy, die sich nun das Handtuch genommen hatte und Teller und Tassen trocknete, als hinge ihr Überleben davon ab.

Charlie fuhr herum. In einem plötzlichen Anflug von Zorn packte er Effys Schultern und schüttelte sie.

»Verdammt, Effy! Hör auf damit! Hast du nicht gehört, was Matthew gesagt hat?«

Effys schmale Gestalt wurde von einem heftigen Schluchzen erschüttert, das wie das verzweifelte Japsen einer Ertrinkenden klang. Der Teller, den sie gerade abgetrocknet hatte, glitt aus ihren Händen und zersprang, während die Beine unter ihr zusammensackten und Charlie sie auffangen musste. Effys Atem flatterte, flach, viel zu schnell, während sie schluchzte und japste und am ganzen Körper zitterte.

Matthew sah deutlich überfordert aus. Agnes überlegte, ob er schon die Nachricht von Neils Unfall hatte überbringen müssen. Es gab keine abgebrühte, dienstmäßige Routine, ihm war anzusehen, wie ihm all das unter die Haut ging. Die Szene, die sich ihnen bot, konnte einem nur das Herz zerreißen: Charlie Thorburn, verzweifelt seine unkontrollierbar schluchzende Frau an sich pressend, inmitten der Scherben.

»Ich werde Dr. McInnes anrufen«, sagte Agnes schließlich, um etwas tun zu können.

»Ja. Das ist eine gute Idee. Ich schicke dann Fiona mit dem Wagen.« Er sah zu Charlie hinüber, der gerade vorsichtig versuchte, Effy ins Wohnzimmer zu dirigieren.

»Sie fährt die beiden dann nach Craignure – wenn sie in der Verfassung dazu sind.«

Agnes nickte.

»Ich bringe dich noch zur Tür, Matthew.«

Als Matthew sich auf der Türschwelle noch einmal umdrehte, stellte Agnes die Frage, die ihr bereits die ganze Zeit im Hirn herumspukte.

»Warum, Matthew? Warum sollte sie …« Sie fand nicht die richtigen Worte.

»Glaubst du, es war wegen Neil? Ich meine, es hat sie mitgenommen, aber sie wirkte nicht … sie hätte doch nie … Matthew, du hast sie doch auch gekannt.«

Matthew verzog das Gesicht und hatte dabei ein wenig Ähnlichkeit mit einem schuldbewussten Dackel.

»Es tut mir leid, ich darf zu den laufenden Ermittlungen wirklich nichts sagen. Ich werde die Thorburns auf dem Laufenden halten, so gut ich kann.«

Er wischte sich mit der Hand über den Nacken.

»Na ja, ich meine, eigentlich darf ich gar keine Auskunft geben, aber … es sieht so aus, als habe sie einen Abschiedsbrief hinterlassen. Darin erwähnt sie den Unfall. Ich … ich glaube also schon, dass es wegen Neil war.«

Der junge Sergeant fuhr sich mit der Hand durch die streichholzkurzen, braunen Haare.

»Verflucht, nach der Ausbildung glaubt man, auf solche Situationen vorbereitet zu sein. Und dann stellt man fest, dass man es überhaupt nicht ist.«

»Du hast Hazel auch sehr gemocht, nicht?«

Matthew blickte erschrocken auf. Dann lächelte er kurz, während seine Augen sich gleichzeitig mit Tränen füllten. »Es war ziemlich offensichtlich, was?«

»Es war schwer, sie nicht zu mögen.« Agnes schluckte gegen den Kloß in ihrem Hals an. »Gerade habe ich das Gefühl, in einem bösen Traum gefangen zu sein. Aber es ist keiner, nicht wahr?«

Der junge Sergeant rieb sich mit Daumen und Zeigefinger die Nasenwurzel, um seine Tränen zurückzudrängen. Er schüttelte lediglich den Kopf.

»Sie kümmern sich um Charlie und Effy? Ich denke, es kann nicht schaden, wenn Doktor McInnes ihnen etwas zur Beruhigung gibt.«

Agnes nickte.

»Ich schicke Fiona … also Constable Mackinnon, sobald ich mehr weiß.«

»Danke, Matthew.«

9

Agnes stellte sich immer und immer wieder dieselben Fragen, und sie fand einfach keine Erklärung. Wie konnte sie sich so getäuscht haben? Hazel war ihr nicht verzweifelt vorgekommen. Traurig, erschüttert, verwirrt, ja. Aber doch nicht so, dass man annehmen musste, sie könne sich etwas antun!

Agnes konnte einfach nicht stillsitzen. Um sich von ihren Gedanken abzulenken, hatte sie damit begonnen, die Küche aufzuräumen und zu putzen. Sie war gerade dabei, die Schränke abzuwaschen, als sie Schritte auf dem Gehweg vor dem Haus hörte. Sie ging zum Fenster, um hinauszusehen und erkannte die kräftige Statur und die dicken dunkelbraunen Locken von Hazels Freundin Bella McAulay. Sie wischte sich die Hände an Effys geblümter Küchenschürze trocken, als es bereits an der Haustür klopfte.

»Komm herein«, rief sie.

Durch das halb geöffnete Fenster würde Bella sie hören. Die offenen Haustüren waren eines der Dinge, die Agnes am Leben auf der Insel vermisste. Als sie in den Flur kam, trat Bella bereits ein. Ihr Gesicht war blass und ihre Nase rot und verquollen. Agnes überlegte, dass sie selbst wahrscheinlich einen ebenso erbärmlichen Eindruck machte. Ganz entgegen ihrer Gewohnheit hatte sie heute Morgen noch nicht einmal die Kraft aufbringen können, sich zu schminken.

Bella zupfte ein zerknülltes Taschentuch aus der Jackentasche, tupfte sich damit die Nase ab und lächelte Agnes kurz zu.

»Guten Morgen, Mrs Munro. Entschuldigen Sie meinen jämmerlichen Aufzug. Ich kann einfach nicht aufhören zu heulen. Darf ich bleiben?«

Agnes machte einen Schritt auf die junge Frau zu und half ihr aus der Jacke.

»Natürlich, komm rein. Ich stehe auch noch vollkommen unter Schock. Es ist so furchtbar. Soll ich uns einen Tee machen?«

Bella nickte dankbar.

»Mir gehen die Bilder nicht aus dem Kopf. Ich sehe sie immer wieder vor mir. Gleichzeitig denke ich immer, das kann doch alles nicht real sein. Ich weiß gar nicht, wohin mit meinen Gefühlen.«

»Es geht mir nicht anders. Ich kann es einfach nicht begreifen.«

Agnes hängte Bellas Jacke an die Garderobe und ging in die Küche, um Tee zu machen. Bella folgte ihr.

»Sie war meine beste Freundin. Und Lachie war vernarrt in seine Patentante. Ich hatte bisher nicht den Mumm, es ihm zu sagen. Armselig, oder?«

Agnes schüttelte den Kopf. »Nein. Überhaupt nicht. Wie soll man einem kleinen Jungen erklären, was man selbst kaum fassen kann?«

Agnes gab ihr Bestes, um der Stabilitätsanker zu sein, den sie alle, und vor allem die Thorburns, nun bitter nötig hatten.

»Lachie ist in der Vorschule. Ich wollte sehen, ob ich Ihnen mit irgendetwas helfen kann. Eigentlich hätte ich heute einen Termin gehabt, aber das schaffe ich noch nicht. Bloß zu Hause kann ich nicht aufhören zu grübeln. Gibt es Neues von Effy?«

»Ihr Zustand ist unverändert. Man hat sie von Craignure in die Akut- und Notfallpsychiatrie nach Lochgilphead gebracht. Charlie war nur kurz hier, um ihre Sachen zu holen und ist sofort wieder gefahren. Er wird vorerst bei ihr bleiben und hat mich gebeten, mich hier um alles zu kümmern.«

»Die Ärmsten! Ich kann mir das kaum vorstellen. Beide Kinder in so kurzer Zeit … wenn ich mich nicht um Lachlan kümmern müsste, hätte es mir auch den Boden unter den Füßen weggezogen. Den Anblick werde ich nie in meinem Leben vergessen. Wie sie in der Wanne lag, alles voller Blut … es ist wie ein Albtraum, der nicht aufhören will, nicht wahr, Mrs Munro?«

»Agnes.«

»Agnes«, wiederholte Bella und lächelte kurz.

Agnes deutete auf ihre Schürze und die Spuren ihrer Beschäftigungstherapie in der Küche. »Ich komme mir auch vor wie eine Schlafwandlerin. Ich versuche, mich mit Arbeit abzulenken.«

»Konnte Effy … hat sie Hazel noch einmal sehen können?«

»Ich fürchte, das hat den Zusammenbruch erst ausgelöst.« Agnes band die Schürze ab und wies mit der Hand in Richtung Wohnzimmer. »Setz dich doch, Bella. Ich setze das Teewasser auf und bin gleich bei dir.«

Nachdem Agnes den Tee eingegossen hatte, zog sie den Sessel heran und setzte sich zu Bella, die ungelenk auf der Sofakante hockte, das Kinn auf die geballten Fäuste gestützt, und einen Punkt auf dem Teppich zu fixieren schien.

»Die arme Effy, wie schrecklich!«, murmelte sie und wandte sich Agnes zu. »Danke für den Tee.«

Sie griff nach der Tasse und legte die Hände darum. »Und die Polizei glaubt wirklich, dass sie … ich meine, dass Hazel es selbst getan hat?«

Agnes nickte. »Matthew sagte, ein Team aus Oban habe die Ermittlungen übernommen. Die Chefermittlerin habe ich kurz kennengelernt, als ich bei der Polizei meine Aussage gemacht habe. Ziemlich nassforsch, aber vielleicht bringt das der Job mit sich. Jedenfalls nicht besonders einfühlsam. Sinclair hieß sie, wenn ich mich richtig erinnere. Sie haben mich zu Hazels Gemütszustand befragt und ob sie Suizidgedanken geäußert hätte.«

Agnes hielt inne und schüttelte vehement den Kopf. »Suizidgedanken! Hazel! Ich habe ihnen gesagt, dass ich mir das beim besten Willen nicht vorstellen kann. Sie wirkte so stark, so kämpferisch.«

Wieder musste Agnes sich unterbrechen. Mit dem Fingerknöchel wischte sie eine Träne aus dem Auge.

»Nicht wahr? Genau das habe ich mir auch wieder und wieder gesagt. Jeder, aber nicht Hazel«, stimmte Bella zu.

»Aber die Ermittler scheinen fest davon auszugehen. Es soll einen Abschiedsbrief gegeben haben. Charlie hat Hazels Handschrift eindeutig identifiziert. Zur Sicherheit haben sie ihn offenbar noch an einen Graphologen weitergeleitet. Matthew sagt, er darf über die Details erst sprechen, wenn die Untersuchungen abgeschlossen sind, aber bisher gibt es keinen Hinweis darauf, dass es irgendetwas anderes als ein Selbstmord war.«

Bella hatte die Zähne in ihrer Unterlippe vergraben und knetete ihre Nasenwurzel mit den Fingern.

»Genau das ist ja das Verrückte. Ich kann nicht glauben, dass Hazel Selbstmord begangen haben soll. Aber noch viel undenkbarer erscheint mir, dass jemand sie hätte töten wollen. Ich meine … wer? Und wieso? Hazel hat nie jemandem etwas zuleide getan. Wer hätte ihr etwas antun sollen?« Bella schluchzte auf.

»Darüber habe ich natürlich auch nachgedacht«, sagte Agnes. »Wenn sie es nicht getan hat, dann muss es doch jemand gewesen sein, der …« Sie schüttelte den Kopf. »Ich kenne so gut wie jeden hier im Ort. Die meisten schon seit der Kindheit. Und ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass jemand …«

Bella öffnete den Mund, schloss ihn dann aber gleich wieder und machte eine abwehrende Geste mit der Hand.

»Nein. Das würde ich nicht einmal McNiven zutrauen. So etwas würde ich niemandem hier zutrauen. Auch wenn er Hazel gegenüber schon übel ausfällig geworden ist.« Sie holte tief Luft.

»Ich nehme an, die Beerdigung wird warten müssen, bis die Polizei ihre Untersuchung abgeschlossen hat. Glaubst du, dass Effy bis dahin wieder nach Hause kann? Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie sie die Beerdigung verkraften soll. Mein Gott, die arme Effy! Wenn ich mir vorstelle, meinen Sohn … nein, darüber darf ich gar nicht erst nachdenken. Und Charlie. Er und Hazel standen sich so nah.«

»Ich habe leider keine Ahnung, wann Effy wieder nach Hause darf, Bella. Die Ärzte konnten noch nichts Genaues sagen. Ich fühle mich schrecklich hilflos. Und Charlie … der versucht, Fels in der Brandung zu spielen, während er innerlich zerbricht. Ich kann das nur schwer mit ansehen.«

»Kann ich irgendetwas Sinnvolles tun?«, fragte Bella. »Ich könnte vielleicht den Rasen mähen.«

»Ja, das wäre vielleicht keine schlechte Idee. Charlie hat einen alten Benzinrasenmäher, und ich habe ehrlich gesagt keine Ahnung, wie man mit so einem Ungetüm umgeht«, entgegnete Agnes. Eigentlich hatte der Rasen es noch nicht so dringend nötig, aber sie wollte Bella das Gefühl geben, etwas tun zu können.

Agnes ließ sich Zeit damit, die Küche aufzuräumen. Ihr graute vor der Aufgabe, die sie sich für den Vormittag vorgenommen hatte. Schließlich jedoch fasste sie sich ein Herz, setzte sich an den Schreibtisch und begann damit, einige Verwandte und Freunde aus Effys Adressbuch anzurufen, um sie über die schlimmen Ereignisse zu unterrichten. Es war keine Aufgabe, die man gerne übernahm, doch wie viel schrecklicher musste es erst für Effy und Charlie sein? So hatte Agnes wenigstens das Gefühl, etwas Hilfreiches zu tun. Als sie die wichtigsten Einträge in dem kleinen, ledergebundenen Büchlein durchtelefoniert hatte, wählte sie die Nummer des Polizeipräsidiums.

»Guten Tag, Constable. Hier spricht Agnes Munro. Könnte ich bitte mit Matthew sprechen?«

»Sie haben Glück, Mrs Munro. Er ist gerade zur Tür hereingekommen. Einen Augenblick. Ich hole ihn an den Apparat.«

Es raschelte im Hörer und kurze Zeit später hörte Agnes Matthews Stimme am anderen Ende.

»Mrs Munro. Hallo. Ich nehme an, Sie wollen hören, ob es Neues gibt. Ich komme gerade von einem Briefing. Ich kann Ihnen natürlich keine Details weitergeben. Nur so viel: Detective Chief Inspector Sinclair – Sie wissen schon, meine Vorgesetzte aus Oban, mit der Sie gesprochen haben – na ja, DCI Sinclair ist sicher, dass es Selbstmord war. Der Obduktionsbericht scheint das zu bestätigen. Es weist nichts darauf hin, dass etwa ein Kampf stattgefunden hätte. Das Team wird die Ermittlungen sicher bald abschließen. Ich kann es selbst nicht fassen, doch inzwischen glaube ich auch, dass sie es wirklich selbst getan hat.«

Obwohl Matthew es nicht sehen konnte, schüttelte Agnes den Kopf.

»Nein, Matthew. Das will ich nicht glauben. Es passt überhaupt nicht zu Hazel. Sicher, sie hat um Neil getrauert und fühlte sich schuldig, weil sie glaubte, ihn nicht genug unterstützt zu haben, aber … so wie ich sie erlebt habe, kann ich mir einfach nicht vorstellen …«

»Mir geht es doch ganz genauso«, unterbrach Matthew sie. »Allerdings wäre es nicht das erste Mal, dass Freunde und Verwandte nichts bemerken.«

Eine Weile blieb es still im Hörer, dann hörte Agnes, wie Matthew mit der Zunge schnalzte. »Wie auch immer. Wir warten ab, zu welchem Schluss DCI Sinclair und ihr Team kommen.«

Aus der Richtung des Hausflurs waren Klopfen und Rufen zu hören.

»Agnes? Bist du zu Hause?«

»Ich fürchte, ich muss auflegen, Matthew. Da ist jemand an der Tür. Du hältst mich auf dem Laufenden?«

»Selbstverständlich. Und wenn Sie mit Charlie telefonieren, grüßen Sie von mir. Ich denke ständig an die beiden. Hoffentlich kommt Effy wieder auf die Beine.«

»Das hoffe ich auch, Matthew. Bis bald.«

Agnes legte auf und stellte fest, dass sie wütend war. Wie konnte Matthew ohne Widerrede akzeptieren, dass Hazel fähig gewesen sein sollte, ihrem Leben selbst ein Ende zu setzen? Er hatte sie schließlich auch gekannt – mehr noch – er war in sie verliebt gewesen.

Als Agnes die Tür öffnete, war dort niemand. Sie steckte den Kopf hindurch und spähte den Gehweg entlang, wo sie Andrew Fletcher entdeckte, der sich, einen bunten Strauß Sommerblumen in der Hand, Richtung Pfarrhaus auf den Weg machte.

Sie seufzte tief. Eigentlich hatte sie seine Weigerung, ihr in der Sache mit Johns Asche zu helfen, noch nicht ganz verdaut. Noch hatte sie keine Lust, ihm zu verzeihen, doch es war nett von ihm vorbeizuschauen. Und es würde guttun, mit ihm zu sprechen. Andrew hatte die Gabe, auch den dunkelsten Stunden noch einen Lichtschimmer abtrotzen zu können.

»Andrew!«, rief sie und der Pfarrer drehte sich um. Er winkte und nickte ihr zu.

»Ich war gerade am Telefon, als du geklopft hast«, erklärte Agnes.

Andrew legte eine Hand an ihre Schulter, mit der anderen reichte er ihr den Blumenstrauß.

»Die sind frisch aus dem Garten. Ich finde, Blumen bringen immer etwas Licht und Leben ins Haus.«

»Die sind wunderhübsch.« Agnes drehte den üppigen Strauß und betrachtete ihn von allen Seiten. »Rosen, Allium, Astern, Steppensalbei, Frauenmantel… wirklich zauberhaft.«

»Vielen Dank, Andrew. Komm doch herein. Möchtest du etwas trinken?«

»Nein, danke. Ich bin bereits von Phyllis reichlich mit Tee und Ingwerkeksen versorgt worden. Ich wollte einfach nur nach dir sehen und mit dir sprechen.«

Sie traten in den Hausflur, und Agnes dirigierte Andrew ins Wohnzimmer, während sie eine Vase aus dem Schrank unter der Treppe hervorkramte. Den Blumenstrauß stellte sie auf den Couchtisch und setzte sich zu ihm.

»Die sind wirklich traumhaft schön. Und sie duften auch noch so herrlich.« Agnes deutete auf die Blumen.

Sie holte tief Luft. »Fast möchte man es ihnen verbieten. Die bunten Farben, der Duft … das erscheint so unpassend.«

Andrew nickte verständnisvoll und musterte Agnes mit einem besorgten Blick. »Wie geht es dir?«

Agnes schluckte. Wie ging es ihr? Ehrlich gesagt, konnte sie darauf keine gute Antwort geben.

»Ich weiß es gar nicht so genau. Den Umständen entsprechend gut, denke ich. Solange ich mich beschäftige und nicht anfange, nachzudenken.«

Andrew nahm ihre Hand zwischen seine Handflächen. Sie fühlten sich angenehm trocken und warm an. Die Berührung tat Agnes gut.

»Bella war heute Morgen hier und hat für mich den Rasen gemäht. Alle sind unheimlich lieb und hilfsbereit. Wir alle machen uns große Sorgen um Effy und Charlie.«

»Hast du Neuigkeiten?«, wollte Andrew wissen.

»Nicht wirklich. Effys Zustand ist unverändert, und die Ärzte können noch nicht viel sagen. Matthew ließ durchblicken, dass die polizeilichen Ermittlungen bald beendet werden könnten. Sie glauben an Selbstmord, aber ich …« Agnes atmete hörbar aus und presste die Lippen aufeinander. Sie sah Andrew an. »Warum tut er so etwas?«

Andrew runzelte die Stirn, dann schien er zu verstehen. »Du meinst Gott?«

Agnes nickte. »Zuerst Neil, jetzt Hazel. Was hat Effy getan, dass er ihr so etwas antut?«

Andrew lächelte verlegen und rieb sich den Nacken.

»Er macht es mir manchmal ganz und gar nicht leicht, sein Botschafter zu sein. Es gibt so vieles, das mir rätselhaft erscheint und doch bin ich mir sicher, dass Gott uns liebt und sich um uns sorgt. Wenn wir diese Liebe weitergeben, bringen wir Licht in die Welt. Nur darauf kommt es an.«

»Aber es ist doch nicht gerecht, dass Effy und Charlie so leiden müssen!« Agnes merkte, dass sie zunehmend wütend wurde. Auf Andrew, auf Matthew und auf einen unbarmherzigen Gott, der ihrer Freundin die Kinder nahm.

»Leid gehört zum Leben. Es prüft uns und verändert uns. Viele der besten menschlichen Eigenschaften zeigen sich gerade in den schlechtesten Zeiten. Und gerade dann ist uns Gott oft am nächsten.«

»Da ist womöglich etwas Wahres dran. Trotzdem bin ich einfach verdammt wütend auf Gott!«

Andrew drückte ihre Hand und lächelte. »Ich weiß. Und das weiß auch er und er verzeiht es.«

Während Agnes im Kopf die Ereignisse der letzten Tage und die Gespräche Revue passieren ließ, schälte sich ein Gedanke immer klarer aus dem Chaos der widerstreitenden Stimmen in ihrem Kopf.

»Sie hat es nicht getan. Hazel hat sich nicht umgebracht. Sie hätte ihren Eltern das doch niemals angetan. Alles in mir sträubt sich dagegen, das zu glauben, Andrew. Und je mehr ich darüber nachdenke, desto weniger kann ich mir vorstellen, dass Hazel dazu fähig gewesen wäre.«

Andrew Fletcher zog die Brauen zusammen und ließ für einen Augenblick ihre Hand los. Stattdessen suchte er ihren Blick und hielt ihn fest.

»Als Pfarrer habe ich mich leider schon häufiger mit diesem Thema befassen müssen. Angehörige und Freunde fragen sich immer, ob sie nicht etwas hätten merken müssen, ob sie etwas hätten tun können, um es zu verhindern. Es ist schwer zu akzeptieren, dass jemand so etwas tut.«

Andrew fuhr sich mit der Hand über die hohe, mit Sommersprossen gesprenkelte Stirn.

»Nein, Andrew. Das ist kein Abwehrmechanismus. Ich bin mir ganz sicher. Sie hat es nicht getan!«

»Aber wer soll es denn sonst getan haben?« Andrew sah schockiert aus. »Traust du etwa jemandem hier zu, ein eiskalter Mörder zu sein? Abgesehen davon, welchen Grund sollte jemand haben, Hazel etwas anzutun? Es gab sicher den einen oder anderen, der sich mal über sie geärgert hat, aber das bedeutet noch lange nicht, dass jemand Grund gehabt hätte, sie zu töten.«

Agnes verschränkte zornig die Arme vor der Brust.

»Ich weiß. Es ist unvorstellbar. Aber eines der beiden Szenarien ist die Wahrheit. Und mir erscheint die Möglichkeit, dass sie sich selbst umgebracht haben soll, einfach noch viel verrückter. Natürlich macht es Hazel auch nicht wieder lebendig, aber … würdest du wollen, dass ein Mörder ungeschoren davonkommt?«

»Agnes. Die Polizei hat sicher nicht zum ersten Mal mit so einem Fall zu tun.« Andrew hatte die Stirn in Falten gelegt und sah besorgt aus, was Agnes noch wütender machte. Offensichtlich zweifelte er an ihrem Verstand.

»Wenn die Ermittlungen ergeben, dass es ein Selbstmord war, werden wir das akzeptieren müssen. Das sind Spezialisten. Die wissen schon, was sie tun.«

»Auch Spezialisten können irren«, beharrte Agnes trotzig. »Ich bin nicht verrückt, Andrew. Sie hat es nicht getan, da bin ich ganz sicher, und ich habe auch keine Angst, dieser Sinclair noch einmal deutlich meine Meinung zu sagen.«

Andrews mitleidsvoller Ausdruck regte Agnes nur noch mehr auf.

»Andrew, ich bin nicht verrückt!«, wiederholte sie noch eine Spur lauter, so als müsse sie sich selbst davon überzeugen.

»Das weiß ich doch, Agnes. Du warst Hazels Patentante, ihr standet euch nah. Da ist es nur allzu verständlich, dass es dir schwerfällt, die Tatsachen zu akzeptieren.«

Ein unangenehmes Kribbeln zog Agnes vom Nacken bis zu ihren Schläfen. Sie hatte Andrew immer gerngehabt, vielleicht sogar mehr als das. Er war ihr in den schwersten Stunden ein wahrer Freund gewesen, doch jetzt machten seine Beschwichtigungsversuche sie rasend. In ihrem Herzen wusste sie, dass sie alle irrten, sich irren mussten. Hazel hatte es nicht getan, und wenn die Polizei es nicht sehen wollte, würde sie es notfalls selbst beweisen.

»Von Tatsachen kann hier noch keine Rede sein«, entgegnete sie kühl. »Ich werde jedenfalls nicht so schnell aufgeben.«

10

Agnes holte Effys Fahrrad aus dem Schuppen und radelte los Richtung Back Brae und dann abwärts zur Uferstraße. Die Sonne glitzerte auf dem Wasser, wattige Wolken segelten am Himmel und kleine weiße Segelboote wippten munter auf den Wellen in der Bucht. Agnes sog gierig die würzige Seeluft in ihre Lungen. Tobermory war um diese Jahreszeit atemberaubend schön, und unter normalen Umständen hätte sie die Fahrt genossen. Die heile Welt ihrer alten Heimat hatte einen tiefen Riss bekommen, der nicht zur Bilderbuchwelt der bunt bemalten Häuschen an der Uferpromenade passte, Kulisse für die Kindersendung Balamory, in dem lauter freundliche Menschen lebten, die ständig aus heiterem Himmel anfingen zu singen. Hazels Tod hatte auch dieses Bild, das sie von ihrer langjährigen Heimat im Herzen getragen hatte, nachhaltig erschüttert. Agnes lenkte das Fahrrad in Richtung der Tobermory Distillery die Uferstraße entlang und hielt auf den Parkplatz vor Mackay’s Autowerkstatt zu, auf dem das Special Investigation Team ein temporäres Büro in einem großen Wohnwagen aufgeschlagen hatte. In der winzigen Polizeiwache in der Erray Road war einfach nicht genug Platz für Detective Chief Inspector Sinclair und ihr Team.

Agnes klopfte an die Tür des Wohnwagens und trat ein. DCI Mary Sinclair saß am Schreibtisch, neben sich eine Tasse Tee und ein verpacktes Sandwich, und tippte etwas in ihren Laptop. Agnes räusperte sich.

»Chief Inspector Sinclair?«

Die Frau im dunklen Nadelstreifenblazer hob kurz den Blick und runzelte die Stirn.

»Mrs Munro, richtig?« sagte sie. »Was kann ich für Sie tun?«

Mit der ausgestreckten Hand deutete sie auf einen Klappstuhl, der in der Ecke an der Wand lehnte. Agnes ignorierte die stumme Aufforderung. Sie blieb lieber stehen. So fühlte sie sich sicherer. DCI Sinclair hatte etwas Einschüchterndes an sich. Vielleicht, dachte Agnes, musste sie das. Sie war eine attraktive Frau. Groß, schlank, mit langen, dunklen Haaren, die ihr glatt bis auf die Schultern fielen. Agnes konnte sich vorstellen, dass es nicht immer ganz einfach war, als Frau in einem solchen Job ernst genommen zu werden. Schon gar nicht, wenn man aussah wie Mary Sinclair.

Agnes fand, dass die Kriminalbeamtin durchaus kompetent wirkte, und doch hielten sich bei ihr hartnäckige Zweifel.

»Es ist so, Chief Inspector, wie ich Ihnen bereits sagte, kannte ich Hazel Thorburn sehr gut. Ich ich bin mir vollkommen sicher, dass sie sich nicht selbst getötet haben kann.«

Mary Sinclair legte die Stirn in Falten und zog eine Augenbraue hoch, was ihr einen spöttischen Ausdruck verlieh, doch sie bemühte sich um Freundlichkeit.

»Und was genau bringt Sie zu dieser Auffassung, Mrs Munro?«

»Wie Sie wissen, habe ich Hazel und ihre Eltern in den vergangenen Tagen begleitet. Es passt weder zu ihrem Charakter noch zu ihrem Verhalten in den letzten Tagen. Sie hat um ihren Bruder getrauert, aber sie war ganz bestimmt nicht lebensmüde.«

»Hören Sie, ich weiß, das ist hart für Sie und die Thorburns. Es ist verdammt schwer, zu akzeptieren, wenn ein so junger Mensch sich das Leben nimmt, aber ich kann mich, im Gegensatz zu Ihnen, nicht von Gefühlen leiten lassen. Ich muss mich auf die Fakten stützen, und die sagen mir ausnahmslos, dass es ein Selbstmord war.«

»Dann wollen Sie die Ermittlungen einstellen?«

DCI Sinclair hatte sich aus ihrem Stuhl erhoben.

»Mrs Munro. Seien Sie versichert, dass wir hier alle gewissenhaft unsere Arbeit machen. Wir haben einen handschriftlichen Abschiedsbrief, vom Vater der Verstorbenen eindeutig identifiziert, keinerlei Hinweise auf Fremdeinwirken, ein negatives Toxikologie-Screening und passende Verletzungsmuster. Ich denke, wir können mit 99%iger Sicherheit davon ausgehen, dass es ein Selbstmord war.«

»Und was ist mit dem restlichen Prozent?«, beharrte Agnes.

DCI Sinclair atmete hörbar durch.

»Eine Restunsicherheit bleibt in den meisten Fällen, aber die Fakten sprechen wirklich eine ziemlich eindeutige Sprache.«

»Fakten!«, blaffte Agnes. »Sie haben sie einfach nicht gekannt. Hazel Thorburn war eine optimistische, kämpferische Frau. Ich habe sie nie anders als mutig und entschlossen erlebt. Sie hatte Ziele und Durchsetzungskraft. Jemand wie Hazel gibt nicht einfach so auf und schleicht sich aus jeder Verantwortung. Abgesehen davon ist es vollkommen unvorstellbar, dass Hazel ihren Eltern so etwas zugemutet hätte. Nicht, nachdem Effy schon unter Neils Tod beinahe zusammengebrochen war.«

»Ich verstehe doch, wie aufgewühlt Sie sind.« Mary Sinclair bemühte sich um einen verständnisvollen Tonfall. »Aber glauben Sie mir, es kommt oft vor, dass Verwandte und Freunde nichts von den Plänen eines Selbstmörders ahnen.«

Agnes’ Kiefer mahlten angestrengt, während sie krampfhaft nach einem schlagenden Argument suchte, um DCI Sinclair zu überzeugen.

»Das weiß ich alles, Chief Inspector. Doch auch, wenn die Indizien alle dagegen sprechen … mein Bauchgefühl sagt mir einfach, dass da etwas nicht stimmt.«

Mary Sinclair hob die Augenbrauen.

»Mrs Munro, ich kann es mir wirklich nicht erlauben, mich nach Ihrem Bauchgefühl zu richten. Es tut mir wirklich leid. In diesem Fall kann ich absolut nichts für Sie tun.«

»Womöglich haben Sie etwas übersehen«, versuchte es Agnes weiter.

Chief Inspector Sinclair kam um den Schreibtisch herum und legte eine Hand zwischen Agnes’ Schulterblätter. Mit sanftem Druck begann sie, sie in Richtung Ausgang zu schieben.

»Ms Thorburns Bruder ist umgekommen. Sie fühlte sich verantwortlich. Vielleicht hatte sie Depressionen.«

»Davon hätten doch ihre Eltern gewusst«, protestierte Agnes.

»Ich nehme an, Sie wissen genauso gut wie ich, dass gerade die Familie so etwas gerne nicht wahrhaben möchte.« Ein warnender Unterton schwang in Mary Sinclairs Stimme mit. Sie hatte offenbar das Ende ihrer Geduld mit Agnes erreicht.

»Wer von uns kann sich schon vorstellen, dass ein nahestehender Mensch so etwas tun würde? Und doch tun es jedes Jahr fast siebenhundert Leute, allein in Schottland.«

Agnes wusste, dass sie bei Chief Inspector Sinclair nichts mehr erreichen würde. Ihr war nach Heulen zumute. Warum wollte ihr niemand glauben? Dabei enttäuschte sie Andrews Skepsis allerdings weit mehr als die von DCI Sinclair. Diese Fremde aus Oban, für die Hazel nur ein Fall, eine Akte war, das war eine Sache. Doch Andrew? Er sollte sie besser kennen. Agnes war weiß Gott kein Kandidat für Verschwörungstheorien. Doch in dieser Angelegenheit war sie nicht so schnell bereit, zu akzeptieren, was andere bereits für unumstößliche Tatsachen halten mochten.

Kurze Zeit später traf sie vor Hazels Haus ein. Agnes drehte den Schlüssel im Schloss herum und öffnete die Haustür. Sie konnte sich nicht helfen, sie kam sich unanständig vor, auch wenn Charlie ihr den Schlüssel gegeben und sie gebeten hatte, im Haus nach dem Rechten zu sehen. Denn sicher schloss dies nicht ein, dass sie in Hazels persönlichen Angelegenheiten herumschnüffelte.

Um sich weniger schäbig zu fühlen, sagte sie sich, dass sie es schließlich nicht aus Neugier tat.

Agnes trat in den Flur, öffnete die erste Tür und spähte hinein. Das Wohnzimmer. Vielleicht sollte sie hier beginnen.

Sie trat ein und sah sich um. Auf den ersten Blick war nichts Ungewöhnliches zu erkennen. Das Wohnzimmer war zweckmäßig, aber gemütlich eingerichtet. Die Bücher in den deckenhohen Regalen waren nach Farben sortiert, was sehr hübsch aussah. In der Ecke vor den Bücherregalen lag ein gigantischer apfelgrüner Sitzsack, über dessen Ecke eine kuschelig aussehende Wolldecke hing. Hazels Wohnzimmer war nicht unordentlich, aber es sah bewohnt aus. Auf einem Tischchen neben dem Sitzsack fand Agnes einige weitere Bücher: A Married Woman von Manju Kapur, Rubinroter Dschungel von Rita Mae Brown. Obenauf lag eine zerlesene Taschenbuchausgabe von Eat, Pray, Love, eine Ecke war als Lesezeichen zum Eselsohr geknickt. Agnes runzelte die Stirn. Das musste das letzte gewesen sein, das Hazel vor ihrem Tod gelesen hatte. Ein ziemlich optimistisches und lebensbejahendes Buch. War das die Lektüre einer Selbstmörderin?

Ihr Blick fiel auf einen Glasbildträger an der Wand über der Couch, der eine Fotocollage enthielt. Agnes nahm ihn vom Nagel und betrachtete die Fotos.

»Venedig.« Sie betrachtete Hazels junges, lachendes Gesicht, das Grimassen schnitt und einen Kussmund zog, während sie vor bekannten Sehenswürdigkeiten posierte. Ein besonders hübsches Portraitfoto zeigte Hazel auf einer Brücke, im Hintergrund einer der zahlreichen Kanäle. Die leuchtendroten Haare flatterten im Wind, während Hazel dem Betrachter eine Kusshand zuzuwerfen schien. Agnes musste lächeln. So hatte sie Hazel in Erinnerung – fröhlich, verspielt, ein bisschen verrückt.

Agnes meinte sich zu erinnern, dass Effy am Telefon einen Spontanurlaub im letzten Frühjahr erwähnt hatte. Mit wem Hazel dort gewesen war, wusste Agnes allerdings nicht. Sie würde Charlie fragen müssen, wenn sie es genau wissen wollte.

Agnes hängte das Bild wieder zurück an den Nagel. In der Küche fand sie nichts. Die Polizei hatte den Abschiedsbrief, die Flasche und das Glas mitgenommen. Im Arbeitszimmer entdeckte Agnes auf dem Schreibtisch eine gerahmte Fotografie von Neil. War das nicht ein Zeichen dafür, dass Hazel begonnen hatte, sich mit dem Tod ihres Bruders abzufinden, ihn zu akzeptieren? Ein Kalendarium, vermutlich ein Werbegeschenk der Bank, diente als Schreibtischunterlage. Hazel hatte dort einige Termine notiert.

Agnes fuhr mit dem Finger über die Einträge und blieb auf dem für den Montag nach Hazels Tod hängen. Wofür stand LPA? Sie notierte sich die Abkürzung und die Uhrzeit auf einen Zettel, den sie in ihre Handtasche steckte.

Die restliche Durchsuchung förderte keine weiteren Überraschungen zutage.

Agnes war einigermaßen enttäuscht. Womöglich steigerte sie sich doch in etwas hinein, weil sie das Unfassbare einfach nicht akzeptieren konnte. Sie wollte sich gerade zum Gehen wenden, als ihr ein Zettel auffiel, der an der Pinnwand über dem Schreibtisch hing und auf dem ein neongelbes Post-it mit der Aufschrift »ca. 14 Tage per Sonderzustellung« klebte. Neugierig nahm sie den Zettel ab und betrachtete ihn. Es war ein Informationsflyer über den Check and Send Service der Post. Stirnrunzelnd las sie den Text. Natürlich! Das war doch schon mal ein Anfang. Agnes wusste, was sie als Nächstes zu tun hatte.

11

Andrew Fletchers Haushälterin stellte das Tablett mit Tee und Sandwiches auf dem Tisch ab.

»Vielen Dank, Phyllis.« Andrew nickte ihr zu und rückte seine Brille zurecht. Die Unterbrechung kam ihm gerade recht, denn er konnte sich ohnehin nicht auf den Predigttext konzentrieren. Er goss Tee in seine Tasse und nahm ein Gurkensandwich vom Teller.

Agnes’ zorniger Blick wollte ihm nicht aus dem Kopf gehen. Seit sie hier war, schien es ihm bestens zu gelingen, bei ihr von einem Fettnäpfchen ins nächste zu treten. Er wusste, dass er sie bereits damit vor den Kopf gestoßen hatte, dass er abgelehnt hatte, sie nach Calgary zu begleiten. Natürlich hatte er gute Gründe dafür. Doch die Crux an der Sache war, dass er sie Agnes nicht erklären konnte. Dass er nicht daran glauben mochte, dass Hazel Thorburn womöglich ermordet worden war, machte es nicht besser. Jetzt war Agnes erst recht wütend auf ihn. Mehr noch als ihre Wut nagte an Andrew die Enttäuschung, die er in ihren Augen gesehen hatte. Sie fühlte sich von ihm im Stich gelassen. Zu Recht? Hätte er ihren Verdacht vielleicht nicht so schnell abtun sollen? Ihr deutlicher zeigen, dass er sie ernst nahm, sie wertschätzte? Er kannte Agnes schließlich als rationale Frau mit einem wachen Verstand. Eigentlich neigte sie nicht zu Überreaktionen. Doch dies war eine emotionale Ausnahmesituation – wie damals mit John. Dessen Tod hatte sie auch nur sehr schwer verkraftet. Er dachte nicht gern an diese Zeit zurück. Die Erinnerung wühlte auch in ihm zu viel auf. Für Agnes war das Jobangebot des Internats in Edinburgh damals vermutlich wie ein Wink des Schicksals gewesen. Ein Rettungsanker, an den sie sich klammern konnte, um nicht in Trauer und Schmerz zu ertrinken. Er hatte es nur zu gut nachempfinden können. Schließlich war es ihm mit Marjory ähnlich ergangen. Gemeinsame Jahre, Zukunftspläne, Träume von einem friedlichen Alter zu zweit, vom Krebs gnadenlos aufgefressen. Darum hatte er Agnes auch zugeraten, die Stelle anzunehmen, alles zurückzulassen, ganz neu anzufangen. Er hatte mit der Vergangenheit seinen Frieden gemacht. Und doch fragte er sich noch heute hin und wieder, ob er nicht vielleicht die falschen Entscheidungen getroffen hatte. So wie jetzt.

Er fühlte sich furchtbar, Agnes enttäuscht zu haben. Wenigstens zuhören hätte er können, auch wenn er nicht daran glaubte, dass es Mord gewesen sein könnte.

Sie konnte ja auch nichts ahnen von seinem Gespräch mit Hazel vor etwa einem Jahr. Er hatte überlegt, ob er der Polizei davon erzählen musste. Doch dann hatte er entschieden, dass solch ein vertrauliches Gespräch unter das Beichtgeheimnis fiel, und damit nahm er es sehr genau. Ein heikles Thema, das unter Juristen und Geistlichen immer wieder heftig diskutiert wurde. Sicherlich gab es Zweifelsfälle, etwa bei Kindesmissbrauch, in denen es im Sinne des Opferschutzes nötig war, das Beichtgeheimnis aufzuheben. Doch seine Unterhaltung mit Hazel konnte wohl kaum in diese Kategorie fallen. Natürlich wusste er nicht, ob Hazels Entschluss, ihrem Leben ein Ende zu setzen, irgendetwas mit dem Gegenstand dieser Unterhaltung zu tun hatte, allerdings wäre es durchaus eine Erklärung. Womöglich war Neils Tod nur der finale Auslöser gewesen.

Doch von all dem konnte Agnes nichts wissen, und es war nur zu verständlich, dass sie nicht akzeptieren wollte und konnte, dass die junge Frau sich umgebracht hatte. Er musste dringend mit ihr sprechen. Vielleicht war es eine gute Idee, bei Tobermory Chocolate vorbeizuschauen und ein Tütchen der Pralinen mit dunkler Schokolade und Veilchencreme zu kaufen, die sie so liebte. Für eine süße Bestechung war Agnes schon immer empfänglich gewesen. Er musste sich entschuldigen und sich anhören, was sie zu sagen hatte. Vielleicht kam er nicht umhin, ihr irgendwann auch die Wahrheit zu sagen, was ihre Bitte wegen Johns Asche anging. Doch jetzt war gewiss nicht der richtige Zeitpunkt dafür.

Auf dem Rückweg vom Schokoladengeschäft beschloss Andrew, noch kurz in Norman Willies’ Supermarkt vorbeizuschauen und eine Flasche Wein zu besorgen. Im hinteren Teil des Ladens entdeckte er Willies, der gerade dabei war, Eierkartons in ein Regal zu stapeln.

»Guten Morgen, Reverend Fletcher«, grüßte er freundlich, als er den Pfarrer kommen sah. »Wie geht es Ihnen?«

Andrew lächelte kurz. »Ganz gut, danke Norman.«

»Schreckliche Sache mit den beiden Thorburn-Kindern, nicht wahr? Kein Wunder, dass Effy zusammengebrochen ist. Man mag sich das überhaupt nicht vorstellen. Gibt es Neuigkeiten von den beiden?«

Andrew stellte seinen Einkaufskorb auf der Kante des Kühlregals ab und brachte Willies auf den neuesten Stand.

»Eine Tragödie! Was kann ich denn für Sie tun, Reverend? Wir haben gerade herrliche frische Cumberland Sausages im Angebot. Die mögen Sie doch so gerne.«

»Ein anderes Mal gerne. Ich wollte nur schnell etwas zu trinken besorgen und dann bei Agnes reinschauen.«

»Lieb von ihr, dass sie länger geblieben ist, um sich um die Thorburns zu kümmern. Eine patente Frau, Mrs Munro. Als Schüler haben wir sie alle unglaublich gern gehabt. Streng, aber gerecht.«

Andrew lachte und nickte. Das traf es gut. Streng, aber gerecht.

»Man kann sich keinen Reim drauf machen, nicht wahr? Dass Hazel so etwas getan haben soll. Aber die Polizei ist sich sicher, nicht wahr?«

»Wenn ich Matthew Jarvis richtig verstehe, ist die Untersuchung so gut wie abgeschlossen, und es deutet alles auf Selbstmord hin, ja«, bestätigte Andrew. »Aber Sie haben recht, es fällt schwer, das zu glauben.«

»Könnte daran liegen, dass sie es nicht getan hat, sondern dieser Kerl.«

Andrew wandte den Kopf in die Richtung, aus der die tiefe, heisere Frauenstimme gekommen war.

»Wunderschönen guten Morgen, Doris. Geht es dir gut?«

Der belustigte Unterton in Norman Willies’ Stimme war nicht zu überhören. Die mittelalte Frau, deren dürrer Körper in ihrer übergroßen braunen Strickjacke förmlich zu ertrinken drohte, tippte Norman mit einem knochigen Zeigefinger auf die Brust.

»Glaub nicht, dass ich deinen respektlosen Ton nicht höre. Bist ja nicht der Einzige. Machen wir uns alle hübsch über die alte, trottelige Doris lustig.«

Die runden, braunen Augen, aus denen sie Norman angriffslustig anfunkelte, wirkten hinter der enormen, rot geränderten Brille noch einmal doppelt so groß.

»Ihr werdet schon noch sehen, was ihr davon habt.« Doris fuhr sich hastig mit der Zunge über die grellrot geschminkten Lippen. »Werdet schon noch sehen, aber dann ist es zu spät.«

Norman Willies zog die Augenbrauen hoch und warf Andrew über den Rand seiner Brille hinweg einen vielsagenden Blick zu. Andrew runzelte die Stirn. Von was für einem Kerl hatte Doris gesprochen? Konnte es sein, dass Agnes womöglich doch recht hatte?

Als Doris sich an ihm vorbeizudrängeln versuchte, hielt er sie sanft am Arm fest. Ein Hauch von kaltem Zigarettenrauch und Alkohol drang in seine Nase.

»Du hast eben von einem Kerl gesprochen. Welchen Kerl meintest du, Doris?« Er schenkte der Frau, deren spitzes Gesicht mit der riesigen Brille ihn leicht an eine Gottesanbeterin erinnerte, ein ermunterndes Lächeln.

»Ach!«, wehrte Doris ab. »Es interessiert doch sowieso niemanden, was ich zu sagen habe.«

Sie entzog Andrew den Arm und setze ihren Weg durch den Laden in einem eigenartig schlurfenden Gang fort. Reverend Fletcher bemerkte, dass ihre Füße in übergroßen Cordpantoffeln steckten. Nach ein paar Schritten schien Doris es sich anders überlegt zu haben und wandte sich noch einmal um.

»Ich sag bloß, was ich gesehen habe. Am Abend steht ein Kerl vor ihrer Tür. Was der wohl will, hab ich gedacht, nicht wahr? Man muss ja heute vorsichtig sein, aber die jungen Frauen sind ja so unbeschwert. Lose Moral, keine Selbstachtung.«

Doris machte eine fahrige, abweisende Handbewegung und rückte die riesige Brille auf ihrer Nase zurecht. Ihre Stimme klang, als habe jemand ihre Stimmbänder mit grobem Sandpapier bearbeitet.

»Zu meiner Zeit hätte es so etwas nicht gegeben. Internet und dieses Tinder oder wie das heißt. Wildfremde, die man noch nie gesehen hat, und dann wundern sich alle, wenn man irgendwann nur noch ihre Überreste in einem Säurefass findet. Zeiten sind das – aber das hat ja alles bald ein Ende. Die Menschheit hat den Gipfel ihrer Dekadenz und Verdorbenheit erreicht, und von da geht es immer nur noch abwärts. Immer nur abwärts.«

»Äh … ja, natürlich, Doris.« Andrew gab sich alle Mühe, sein Lächeln aufrechtzuerhalten, um Doris die Information zu entlocken, die ihn interessierte. »Wir leben in schwierigen Zeiten. Aber du sagtest, Hazel hätte Besuch von einem Mann gehabt? Hast du das der Polizei gesagt?«

Doris lachte schrill. »Die Polizei! Wer in diesem Land noch auf die Polizei vertraut, dem ist doch nicht mehr zu helfen. Handlanger sind das doch nur noch. Marionetten. Wir wissen doch alle, wer in Wahrheit dieses Land regiert.«

»Zurück zu Hazels Besucher …«, versuchte Andrew, Doris von einer ausführlichen Tirade über Verschwörungen und Schattenregierungen abzuhalten.

»Multinationale Konzerne und die Schaufensterpuppen in London und Washington. Aber in Wahrheit geht es nur um Geld. Um Geld und Waffen, nicht wahr?« Doris verfiel in einen Hustenanfall.

Andrew biss sich auf die Innenseite der Unterlippe, um nicht die Geduld zu verlieren, während Norman Willies, der Doris den Rücken zugewandt hatte, die Augen verdrehte und Grimassen zog.

»Dieser Mann, der Hazel besucht hat, kannst du den beschreiben?«

»Nein. Ich spioniere ja nicht hinter meinen Mitmenschen her, nicht wahr? Sonst heißt es wieder: Steck deine Nase nicht in anderer Leute Angelegenheiten, Doris. Habe nur von weitem jemand an ihrer Haustür stehen sehen. Hab mich natürlich nicht weiter drum gekümmert. Geht mich ja nichts an, nicht wahr?« Trotzig schob Doris den knochigen Unterkiefer vor. »Hab erst später in der Zeitung gelesen, dass das Mädchen tot ist. Da macht man sich schon seine Gedanken, oder nicht?«

»Absolut«, stimmte Andrew zu. »Deswegen solltest du dringend zur Polizei gehen und ihnen sagen, was du gesehen hast, Doris.«

Doris legte den Kopf schräg und schien einen Augenblick nachzudenken. »Ich spreche aber nur mit Sergeant Jarvis. Scheint ein anständiger Kerl zu sein. Die Leute vom Festland, denen traue ich nicht.«

»Natürlich.« Andrew nickte ermutigend. »Ich könnte dem Sergeant Bescheid sagen, dass er bei dir reinschauen soll. In Ordnung?«

»Ich habe nichts anzubieten im Haus. Dass das klar ist. Reicht ohnehin hinten und vorne nicht. Ich mag Jammie Dodgers.« Damit drehte sie sich abrupt um und verschwand schlurfend im Gang mit den Frühstücksflocken.

Norman wandte den Kopf, als ob er sichergehen wollte, dass Doris außer Hörweite war.

»Sie glauben doch nicht wirklich, dass an Doris’ Geschwätz etwas dran ist? Sie wissen doch, die ist ein bisschen …« Er zeichnete mit dem Zeigefinger neben seiner Schläfe eine Spirale in die Luft. »Die wird nicht umsonst »Dotty« Doris genannt. Erinnern Sie sich noch daran, wie sie letztes Jahr behauptet hat, die Regierung betreibe hinter der Fassade der Destilliere ein geheimes Chemiewaffen-Labor?«

»Ich weiß, Norman. Wahrscheinlich haben Sie recht«, räumte Andrew ein. »Aber wenn die Chance besteht, dass Doris tatsächlich etwas gesehen hat …«

Details

Seiten
0
Erscheinungsform
Erstausgabe
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783960874652
ISBN (Buch)
9783960874669
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v452968
Schlagworte
Schott-land-isch-e-r-Krimi-s Cosy Crime deutsch Cosy Krimi Whodunnit Krimi-nal-roman Krimi für Frauen frauen-krimi

Autor

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    Dorothea Stiller (Autor)

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Titel: Tödliche Zeilen (Krimi, Cosy Crime)