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Das Geheimnis der Tränen (Historisch, Liebe)

von Marie Caroline Bonnet (Autor)

2019 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

Frankreich, 1688: Auf der Flucht vor ihrem aufdringlichen Dienstherrn landet Lianne als blinde Passagierin im Frachtraum eines Schiffes. Zum ersten Mal in ihrem Leben fühlt sie sich frei und unbeschwert. Ihr Glück scheint perfekt, als sie den jungen Kaufmann Luc kennenlernt. Doch bald muss Lianne feststellen, dass man der Vergangenheit nicht entfliehen kann. Denn ihr Dienstherr ist ihr auf der Spur und bringt ein gut gehütetes Familiengeheimnis mit sich, das Liannes Welt aus den Fugen hebt.

Impressum

dp Verlag

Überarbeitete Neuausgabe Januar 2019

Copyright © 2020 dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

E-Book-ISBN: 978-3-96087-641-0
Taschenbuch-ISBN: 978-3-96087-691-5

Copyright © 2015, Forever by Ullstein
Dies ist eine überarbeitete Neuausgabe des bereits 2015 bei Forever by Ullstein erschienenen Titels Töchter der Tide (ISBN: 978-3-95818-050-5).

Covergestaltung: Cover Up Buchcoverdesign
unter Verwendung von Motiven von
shutterstock.com: © Kostyantyn Ivanyshen, © shutterupeire, © Oleg_P, © Scharfsinn, © valzan, © Mihail Guta
Korrektorat: Daniela Höhne

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

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dp Verlag

1

Saint-Malo, Mai 1688

Grau. Wie die Zeit zwischen Nacht und Tag, nur dass diese Nacht niemals vergeht.

Ich sah an mir hinab. Immer nur grau, tagaus, tagein. Farbe meines Kleides, Farbe meines Lebens. Grau wie die Fassade des Hauses, in dem ich lebte, wie die ganze Kalksteinstadt und die Mauern, die sie umgaben.

Das Quietschen des Fensters schmerzte in meinen Ohren, als ich beide Flügel aufstieß, um mehr Licht in den hohen Raum zu lassen. Ich beugte mich hinaus, sog die frische Morgenluft ein und reckte den Hals, um einen Blick auf die Bürgersfrauen zu erhaschen, die die nahe Querstraße entlang nach Saint-Vincent schritten. Sie folgten dem Klang der Glocken, die zum Gottesdienst riefen, und ihre goldbestickten Hauben und samtenen Gewänder glänzten in der Frühsommersonne. Ich drängte das aufkeimende Neidgefühl zurück und rückte mein eigenes schlichtes Leinentuch auf dem Kopf zurecht.

Wenigstens muss ich mich nicht in ein Korsett schnüren lassen!

Lautes Lachen zwang mich, in die entgegengesetzte Richtung zu schauen. Die drei halbwüchsigen Söhne der Nachbarsfamilie und ihre jüngere Schwester waren einmal mehr ihrer Kinderfrau entwischt und tollten in der Gasse umher, während sich die Ärmste mühte, sie wieder einzufangen. Mein Blick blieb an dem Mädchen haften. Die Wangen gerötet und eine Stoffpuppe umklammernd, versuchte sie, mit ihren Brüdern Schritt zu halten. Trotz der Anstrengung kicherte sie so heftig, dass sie sich verschluckte. Ich musste die Augen schließen. War ich je ein Kind gewesen? Ich konnte mich nicht erinnern …

Das Glockengeläut dröhnte durch den Morgen, doch nach mir rief es nicht. Sonntag, Tag der Ruhe und des Gebets. Nicht jedoch für Dienstmädchen. Nicht im Hause Bellier.

»Lianne!«

Die Stimme übertönte das Läuten wie ein Peitschenknall. Ich riss die Augen auf.

»Denkst du, eine solche Faulheit steht dir zu?«

Java stand im Morgenrock in der Tür und rümpfte die Nase. Das strohblonde Haar fiel ungekämmt über ihre Schultern, die in mühevoller Arbeit aufgedrehten Ringellöckchen des Vortages hatten sich in schlaffe Wellen verwandelt.

»Ich bin nicht faul!«

Auch wenn ich meine Tätigkeit kurz unterbrochen habe, bin ich wenigstens angezogen zu dieser Stunde!

Ich biss mir auf die Unterlippe, um der Versuchung zu widerstehen, den Gedanken laut zu äußern. Ein leichtes Kopfschütteln angesichts der Widersinnigkeit der Anschuldigung erlaubte ich mir dagegen.

»Sei nicht so patzig, Dienstmagd! Du dachtest wohl, alle seien in der Kirche und du könntest müßig sein, was?«

»Warum seid Ihr nicht in der Kirche, Mademoiselle Java?« Mühsam hielt ich meine Stimme im Zaum. Ich war mir meiner Stellung bewusst, doch die verzogene Tochter des Hauses brachte mich regelmäßig dazu, innerlich vor Wut zu schäumen.

»Keine Lust.« Das Mädchen hob die Schultern, sichtlich bemüht, Gleichgültigkeit zu zeigen, obgleich seine Augen blitzten. »Nachdem wir gestern endlich einmal Gesellschaft hatten, wollte ich mir nicht den Morgen mit dem Singsang des Pfarrers verderben. Ich sagte, dass ich mich unwohl fühle, da hat Vater mir gestattet, zu Hause zu bleiben.« Sie warf ihr Haar zurück. »Er tut eben immer, was ich will!«

»Schön für Euch.«

Ich wandte mich wieder meinem Wassereimer und der Bürste zu, kniete nieder und fuhr fort, die Dielen im Arbeitszimmer des Hausherrn zu schrubben. Dies tat ich jede Woche, sobald der Herr zur Kirche ging. An allen anderen Tagen war es mir verboten, den Raum allein zu betreten.

Java reckte den Hals, was unnötig war, da ich ohnehin schon am Boden hockte. Wenn man sie so sah, wusste man, woher der Ausdruck hochnäsig rührte.

»Ich wünsche, mein Mittagessen heute im Bett einzunehmen!« Damit schlug sie die schwere Eichenholztür hinter sich zu.

Das Krachen ließ mich zusammenfahren, obwohl ich die übliche Art Javas, ein Zimmer zu verlassen, längst kannte. Sie würde ihrem Vater erzählen, dass sie mich untätig erwischt hatte, und den Bericht gewiss noch gehörig ausschmücken. Es hätte mir gleichgültig sein können, wäre das Verhältnis zu meinem Herrn nicht in letzter Zeit äußerst angespannt gewesen. Ich hatte keine harte Strafe zu befürchten, und doch wurde mir bang. Ich kannte Javas Boshaftigkeit und machte mir keinerlei Hoffnung, dass sie bei der Wahrheit bleiben würde. Seit ihrer Kindheit war sie zu maßlosen Übertreibungen und Niedertracht fähig wie zu kaum etwas anderem.

Das Mädchen war nur ein knappes Jahr jünger als ich, und ich konnte mich deutlich an Java in ihren frühen Jahren erinnern. Dagegen schien es mir, als sei ich selbst nie Kind, sondern immer schon Dienstmagd gewesen. Ein Ereignis aus meinen ersten Tagen im Hause der Familie Bellier erschien mir so lebhaft vor Augen, als sei es erst gestern geschehen.

 »Putz meine Schuhe!«, fauchte die winzige Java und warf mir ihre Pantoffeln vor die Füße. Ich hob sie schweigend auf und betrachtete sie von allen Seiten. Verkrusteter Matsch bedeckte das Leder. Mein Blick ging zum Fenster; die Sonne brannte vom Himmel, wie schon seit Tagen. Der Boden musste staubtrocken sein …

Seufzend blickte ich auf meine nassen Hände hinab, die die Bürste hielten. Die Haut war rau und aufgesprungen, und auf meinem rechten Handrücken breitete sich ein wässriger Blutfleck aus. Ich rutschte auf Knien voran, bearbeitete gründlich Stück für Stück den Boden des Arbeitszimmers, damit der Herr nur ja keinen Grund fand, mich zu sich zu rufen. Durch das geöffnete Fenster drang das Sonnenlicht herein, schaffte es jedoch nicht, die Düsternis aus dem Raum zu verdrängen. Zu viel dunkles Holz, zu viel Schwere. Zu viel von meinem Herrn. Ich schüttelte mich und arbeitete schneller.

Das Glockengeläut endete mit dumpfem Nachhall, und in der folgenden Stille war mein Schrubben das einzige Geräusch. Ich hielt inne und lauschte. Offenbar hatte das Kindermädchen von nebenan Erfolg gehabt. Auch in unserem Hause war kein Laut zu hören. Bald jedoch würde es vorbei sein mit der Ruhe. Aus der Küche würde das Scheppern von Töpfen und Geschirr erklingen, die donnernde Stimme des Herrn und Javas verlogenes Jammern. Nur meine Herrin verursachte kaum je Geräusche. Obgleich sie nur einmal wöchentlich ausging, um die Kirche zu besuchen, schien es stets, als sei sie gar nicht vorhanden. Äußerlich ähnelte sie Java mit ihrer hellen Haut und dem blonden Haar, sie war jedoch von viel zarterer Gesundheit. Madame musste häufig das Bett hüten oder saß im Sessel und stickte. Sie aß selten mit der Familie. Brachte ich ihr stattdessen einen reich gefüllten Teller auf das Zimmer, so sah er, wenn ich ihn später wieder abholte, so aus, als hätte lediglich ein Vögelchen daran gepickt. Die wenigen Worte, die sie an mich richtete, waren stets freundlich. Laute Äußerungen und jegliche Art von Aufregung schienen sie zu schwächen, sodass sie darauf verzichtete. Ganz im Gegensatz zur übrigen Familie …

Der Gedanke an meinen Herrn brachte mich zurück in die Wirklichkeit, und ich fuhr rasch mit dem Schrubben fort. Die Zeit drängte, denn der Boden musste getrocknet sein, wenn Monsieur Bellier aus der Kirche kam. Seit Jahren erledigte ich die immer gleichen Arbeiten gewissenhaft, doch neuerdings hatte ich Mühe, mich zu konzentrieren.

Als Marthe nach mir rief, tat ich eben die letzten Bürstenstriche.

»Komm endlich, Mädchen, das Gemüse putzt sich nicht von allein!«

Ich eilte in die Küche, wusch mir die Hände mit sauberem Wasser und griff nach Messer und Rüben. Es waren einmal mehr die großen blassen Dinger mit dem üblen Geruch anstatt der süßen roten oder dunkelgelben. Nur zu den seltenen Gelegenheiten, wenn die Herrschaften Besuch empfingen, glichen die Mahlzeiten denen der anderen wohlhabenden Familien. Die Köchin berichtete oft von den Köstlichkeiten, die ihre Freundinnen zubereiten durften, und beklagte sich in der Abgeschiedenheit unserer Räume bitterlich über den eintönigen Dienst im Hause Bellier. Rüben, Kohl, derbes Fleisch Tag für Tag. Zu viel Genuss schien dem Hausherrn nicht zu behagen. Wenn Marthe zuweilen frische Kräuter auf dem Markt erstand, um etwas mehr Geschmack an die Gerichte zu bringen, erntete sie bereits Stirnrunzeln.

Die Küche füllte sich eben mit dem wenig angenehmen Duft des Mittagessens, als lautes Poltern die Ankunft des Herrn und seiner geräuschlosen Gattin ankündigte. Die schweren Stiefel krachten auf die Holzdielen, und augenblicklich tönte Javas Wehklagen vom oberen Stockwerk hinab. Ich spähte durch die halb geöffnete Küchentür in die Diele und sah einen Zipfel des blassgelben Kleides der Herrin um die Ecke entschwinden. Nicht einmal der Stoff gab ein Rascheln von sich. Dann erschien die mächtige, dunkle Gestalt des Herrn. Er blieb stehen und wandte sich in meine Richtung. Ich fuhr zurück und hielt den Atem an. Augenblicke später donnerten die Stiefel die Treppe hinauf.

»Dass sich der Herr weigert, nach der Mode zu gehen«, raunte die Köchin und schüttelte ihren runden Kopf. »Dieser Lärm! Und die kostbaren Dielen wird er auch noch zerstören! Wenn ich da an die anderen Herrschaften denke, die feinen Spangenschuhe …«

Marthe sah so entzückt aus, als würde im nächsten Augenblick ein hübsch gekleideter Kavalier in die Küche stolzieren, um sie zum Tanze aufzufordern. Ich musste lächeln. Mein Herr in zierlichen Schuhen? Nein, gewiss nicht. Er genoss seine lautstarken Auftritte zu sehr.

Als hätte ich es heraufbeschworen, ertönte das Poltern der derben Stiefel erneut, und die Küchentür flog auf.

»Meine werte Familie ist wieder einmal unpässlich«, schnaubte der Hausherr. »Da jede der Damen auf ihrem Zimmer zu speisen wünscht, werde ich dasselbe tun.« Er streckte die Rechte aus, und die Köchin reichte ihm eilfertig einen reichlich gefüllten Teller. Wortlos verschwand er in Richtung seines Arbeitszimmers.

Als er fort war, konnte ich wieder atmen. Ich hatte eben begonnen, Rüben und Fleisch für die Damen anzurichten, als ich die Stimme des Herrn meinen Namen bellen hörte. Marthe nahm mir den Fleischspieß aus der Hand und sah mich mitleidig an. Sie dachte wohl, dass ich nun Ärger bekäme. Wenn sie gewusst hätte … Ich schluckte und machte mich auf den Weg über den Flur.

Im Arbeitszimmer angekommen, fiel mein Blick sogleich auf den vergessenen Wassereimer. Ich spürte die Röte in meinem Gesicht aufsteigen, murmelte eine Entschuldigung und wollte den Eimer aufnehmen, doch da stand mein Herr schon dicht neben mir. Ich wagte nicht, ihn anzusehen, und umso deutlicher nahm ich seinen allzu vertrauten Männergeruch wahr. Leder und Schweiß, kaum überdeckt von einem Hauch Parfüm. Ich begann zu zittern.

»Sieh mich an.«

Gehorsam blickte ich zu meinem Herrn auf. Er stand so nah, dass ich den Kopf weit in den Nacken legen musste, um ihm ins Gesicht zu sehen. Er kratzte sich den kurzen, pechschwarzen Bart und musterte mich mit einer mir unerklärlichen Mischung aus Abscheu und Verlangen. Dann nahm er mein Kinn in eine Hand und flüsterte: »Noch biete ich dir ein Geschäft an. Noch. Ich bin es gewohnt zu bekommen, was ich begehre. Und für gewöhnlich gewährt man es mir freiwillig. Insbesondere wenn ich bereit bin zu bezahlen. Doch falls du nicht in meinen Vorschlag einwilligst, so bin ich durchaus in der Lage, mir auch ohne deine Zustimmung zu nehmen, was ich will. Wenn du mein weiches Bett verschmähst, soll es meinetwegen hier auf den Dielen geschehen, die du so brav geschrubbt hast. Ich werde nicht mehr lange warten!«

Er ließ mich los, stieß mich von sich und wandte sich seinem Schreibtisch zu. Ich ergriff den Putzeimer und eilte zur Tür, da ertönte die tiefe Stimme hinter mir.

»Bedenke, ob du mich wirklich zum Feind willst. Solltest du mit dem Gedanken spielen, in einen anderen Haushalt zu wechseln, so sei dir sicher, dass ich das zu verhindern weiß. Du gehörst mir. Ich vermag deinen Ruf in dieser Stadt mit Leichtigkeit zu zerstören. Und wohin würdest du gehen ohne eine neue Anstellung? Zu deiner Mutter

Er spuckte das letzte Wort aus und ließ ein kurzes, spöttisches Lachen hören. Ich floh vor der Stimme, die mich bis in meine Träume verfolgte, hinaus in den Hof, ließ den Eimer fallen und verkroch mich zwischen der aufgehängten Wäsche, bis sich mein Atem beruhigt hatte.

Der Tag verging, ohne dass ich erneut auf den Hausherrn traf. Ich sehnte in jüngster Zeit die Abende herbei, und als ich endlich die Tür meiner Kammer hinter mir schließen und den Riegel vorschieben konnte, war mir, als fiele eine gewaltige Last von meinen Schultern. Ich entzündete eine Kerze, ließ mich auf dem schmalen Bett nieder und nahm meinen Handspiegel vom Nachttisch, das einzig Wertvolle, das ich besaß. Ich wusste, ich hatte ihn mit in den Haushalt der Belliers gebracht, doch die Erinnerung, ob meine Mutter oder eine andere Person ihn mir überlassen hatte, wollte sich nicht einstellen. Und dies war nicht das Einzige, was ich vergessen hatte. Meine Vergangenheit war nur eine Ansammlung von verschwommenen Bildern und Gefühlen …

Mit den Jahren hatte das Silber seinen Glanz verloren und war schwarz angelaufen, doch noch immer schenkte es mir Freude und Trost, dieses winzige Stück Kindheit zu betrachten. Ich fuhr mit dem Finger die eingravierten Blüten auf der Rückseite nach, die zarten Blätter und verschlungenen Ranken, dann drehte ich den Spiegel um.

Ein blasses, müdes Gesicht blickte mir entgegen, mit Augen so grau wie die Haube auf dem Kopf. Ich nahm sie ab, löste das Haarband und schüttelte mich. Glatt und braun fielen die Strähnen über meine Schultern. Wie der Rest von mir war mein Haar nichts Besonderes. Weder strohblond wie Javas noch pechschwarz wie das so vieler Mädchen in dieser Gegend, auch nicht goldlockig wie das meiner jüngsten Schwester. Was fand der Herr nur an mir, dass er mir um jeden Preis näherkommen wollte, notfalls mit Gewalt? Gewiss, mit den Jahren in seinem Hause war ich vom kleinen Mädchen zur jungen Frau geworden, was er jedoch kaum bemerkt haben konnte unter den unförmigen Kleidern, die ich trug. Warum war seine Gleichgültigkeit in Verlangen umgeschlagen? Was sollte ich gegen sein Drängen tun?

Nichts, flüsterte es in mir. Er hat doch recht, wohin sollst du schon gehen?

Auf keinen Fall zu meiner Mutter. Das wäre noch unerträglicher als der Zustand im Haushalt der Belliers. Nichts war so schlimm wie die Kälte, die diese Frau verströmte und die mich jedes Mal umfing, wenn ich sie und meine jüngeren Geschwister besuchte. Am nächsten Tag war es wieder so weit, und schon jetzt breitete sich bei dem Gedanken ein dumpfer Schmerz in mir aus. Am Vormittag würde ich das vornehme Kaufmannshaus meines Dienstherrn verlassen, um meine Verwandten in der Handwerkergasse zu besuchen. In der früheren Schreinerei würde ich meine Mutter treffen und ihr das Geld übergeben, das ich in der vergangenen Woche erarbeitet hatte.

Ich wusste erst seit etwa eineinhalb Jahren von meinen Geschwistern. Nachdem ich in den Haushalt der Belliers gekommen war, hatte ich meine Mutter nicht mehr gesehen. Ich hatte die Frau nicht erkannt, die an meinem sechzehnten Geburtstag im Trauergewand vor mich getreten war, unlängst Witwe geworden und mit zwei kleinen Kindern an den Händen, das dritte im Tuch vor die Brust gebunden. Seit jenem Wintertag, der auf mehr als eine Art frostig gewesen war, erhielt ich den Lohn für meine Arbeit jeden Montagmorgen ausgezahlt und brachte ihn sogleich zu meiner Mutter. So hatte diese es bestimmt, als ich sie nach Jahren wiedergesehen hatte, und ich tat, was sie von mir erwartete. Was sonst hätte ich tun sollen? Mein Leben war die Arbeit. Ich hatte kein Zuhause wie die Köchin, die abends zu Mann und Kindern heimkehrte. Ich war für alle nur das Mädchen. Mein einziges Bestreben durfte es sein, die Herrschaft zufriedenzustellen.

Zu den ersten Besuchen war ich mit der Zuversicht aufgebrochen, bei meiner Mutter ein Stückchen Familie zu finden, etwas Freundlichkeit, vielleicht gar Liebe. Diese Hoffnung hatte sich jedoch als töricht erwiesen, denn bisher war ich jedes Mal enttäuscht und traurig ins Haus der Belliers zurückgekehrt. Die Herzlichkeit meiner Geschwister vermochte mich nicht über die Kälte der Mutter hinwegzutrösten. Irgendwann konnte ich mir nicht mehr einreden, dass sie nur Zeit brauchte, mich kennenzulernen. Ihr Verhalten hatte sich in den vergangenen Monaten nicht verändert. Sie nahm mein Geld an, doch sie gab mir nichts dafür zurück. Und ich erduldete es, obwohl es mir das Herz brach. Meine Mutter war nicht einfach eine kalte Person, denn meinen Geschwistern gegenüber verhielt sie sich überaus liebevoll. Was hatte ich ihr getan, dass sie mich so hasste?

 Ich starrte mein Spiegelbild an. Graue Augen, von Schatten umrahmt, starrten zurück, riesengroß in dem blassen Gesicht. Das einzig Farbige waren die Lippen, die obere zu schmal, die untere zu voll, beide zu rot. War ich jemand, den man hassen musste? Ich war gewiss nicht schön, doch zum Fortlaufen hässlich auch nicht. Und ich hatte, seit ich denken konnte, nie einem Menschen etwas zuleide getan.

Ich drehte den Spiegel hin und her und betrachtete mich von allen Seiten. Sah ich meinem Vater ähnlich? Ich wusste nicht, wer er war, ob er lebte oder bereits tot war. Ich erinnerte mich nicht, ihn je gesehen zu haben, und meine Mutter verweigerte jede Auskunft über ihn.

Ihr ähnelte ich kaum, außer im Wuchs und in wenigen Gesichtszügen. Auch wenn die meiner Mutter so viel verhärmter waren als meine eigenen. Obwohl – zeichneten sich nicht auch auf meinem Gesicht schon die Falten der Bitterkeit ab? Schnell lächelte ich mein Spiegelbild an, und die Züge meiner Mutter verschwanden. Nein, so wollte ich nicht aussehen, wenngleich mein Leben und meine Zukunft nichts Gutes verhießen.

Was wäre wohl aus mir geworden, wäre ich nicht in Armut geboren? Wie oft fragte ich mich, was hinter diesen grauen Augen steckte und für immer unentdeckt bleiben würde. Wäre ich klug genug gewesen, all die Dinge zu lernen, die Java lernen durfte? Sie verabscheute den Unterricht, und ich wünschte mir nichts sehnlicher, als ihren Platz einnehmen zu dürfen. Das Leben war ungerecht!

In letzter Zeit fiel es mir schwerer und schwerer, in meiner Rolle der Dienstmagd zu verharren. Immer wieder musste ich mich daran erinnern, dass mir Widerworte nicht zustanden. Monsieur Bellier gegenüber hätte ich ohnehin nie welche geäußert, und Madame würde gewiss zu Staub zerfallen, wenn man ein unerwartetes Wort an sie richtete. Java hingegen … Ich wusste, ich sollte es, doch ich fühlte mich ihr nicht unterlegen. Was machte sie zu einem besseren Menschen, als ich es war? Sicherlich nicht ihr Umgang mit anderen. Ihr Aussehen? Vielleicht, aber konnte dies so wichtig sein? Am Ende blieben es doch nur ihre Herkunft und ihr Geld, die sie von mir unterschieden. Und es erzürnte und betrübte mich gleichermaßen, dass sie die Möglichkeiten nicht nutzte, die ihr zur Verfügung standen und die ich so gern gehabt hätte.

Ich seufzte und schüttelte mich. Solche Gedanken waren sinnlos und standen mir nicht zu. Ich war und blieb eine Dienstmagd, hatte kein Recht auf eine eigene Persönlichkeit, Hoffnungen und Wünsche. Wie mich Java stets wissen ließ, waren Dienstboten allein zur Bequemlichkeit der Herrschaften auf der Welt. So stünde es geschrieben, behauptete sie, und ich konnte mir gut vorstellen, dass ein hoher Herr, vielleicht gar der König, diese Regel aufgestellt hatte. Er war es schließlich, der die Gesetze schuf, denen sich alle Menschen im Lande beugen mussten.

Eine Sache jedoch gab es, die ich mir erlaubte, so ungehörig es für eine Magd auch sein mochte. Mein Geheimnis, der einzige Teil von mir, der nur mir allein gehörte. Meine einzige Freude, wenn mir mein vorbestimmtes Leben wieder einmal zu eng wurde, wenn es in mir schrie: Da gibt es noch mehr!

Ich griff unter das Bett und holte meinen Schatz hervor, ein Stückchen Kohle aus dem Herd und einen dünnen Stapel Papierreste. Der Herr verlangte von mir, alles Papier ins Feuer zu werfen, das er achtlos auf dem Boden seines Arbeitszimmers verteilte, sobald er es nicht mehr benötigte. Manchmal aber glättete ich ein zerknülltes Blatt oder riss von einem bekritzelten Stück ein noch unbeschriebenes Eckchen ab, und so hatte ich heimlich meinen Schatz zusammengetragen. Wenn ich dann abends in meiner Kammer saß, das Kohlestückchen über das Papier gleiten ließ und nach und nach ein Bild entstand, wie klein es auch sein mochte, versank ich in einer Welt, die schöner war als jeder Traum.

2

»Lianne!«

Drei kleine Körper flogen mir entgegen. Sechs Ärmchen umfingen mich, kaum dass ich in die Gasse der Handwerker eingebogen war.

»Guten Tag, meine Schätze.« Ich küsste die bleichen Gesichter meiner Geschwister.

Jean, mit fast sieben Jahren der Älteste, drängte seine Schwestern beiseite und strahlte mich an. »Ich habe gestern einen Fisch gefangen!«

»Das ist wundervoll, Jean.« Ich tätschelte ihm das Haar, dann riss sich der Junge von mir los. Er stieß die Tür zu seiner Behausung auf und schlüpfte hinein, dicht gefolgt von den Mädchen.

»Frau Mutter, Lianne ist da!«

Ich holte tief Luft und trat mit eingezogenem Kopf durch den niedrigen Durchgang neben der mit Brettern vernagelten Schreinerei. Meine Mutter hätte die Werkstatt weiterführen dürfen, doch der einzige Geselle hatte sich nach dem Tode des Meisters aus dem Staub gemacht, und den beiden Lehrjungen war es nicht erlaubt gewesen, in einem Witwenbetrieb ohne Gesellen zu bleiben.

»Du kommst spät«, ertönte es aus einer Ecke des Zimmers.

Wenn du wüsstest, wie langsam ich gegangen bin, nur um nicht anzukommen …

»Guten Tag, Frau Mutter.«

Die Gestalt löste sich aus den Schatten der düsteren Behausung und trat auf mich zu. Eine Weile hielt ich dem Blick der schwarzen Augen stand, dann senkte ich zuerst die Lider.

»Hier ist das Geld.« Ich streckte meiner Mutter einen Beutel entgegen.

»Ist es diesmal mehr?«

Ich schüttelte den Kopf. Meine Mutter ergriff den Beutel, leerte ihn in ihre Schürzentasche und gab ihn mir zurück. Dann deutete sie auf einen der beiden Stühle, die vor dem Kamin standen. Ich setzte mich und starrte in die kalte Asche. Meine Geschwister hatten abermals kein warmes Frühstück bekommen.

»Geht hinaus und spielt, meine Kleinen.«

Die liebevolle Stimme meiner Mutter versetzte mir einen Stich. Wie gern hätte ich einmal, nur ein einziges Mal, diesen Klang an mich gerichtet vernommen. Doch ich kannte den Ablauf der wöchentlichen Besuche zu genau, um noch Hoffnung zu haben. Meine Mutter hatte mich fortgeschickt, als ich ein kleines Mädchen gewesen war, und noch immer schien es in ihrem Leben keinen Platz für mich zu geben außer der Verpflichtung, meinen Lohn abzuliefern. Ich erinnerte mich nur undeutlich an die Zeit vor meinem Umzug in den Haushalt Bellier, wohl aber an das Gefühl, als ich das Haus hatte verlassen müssen, das mein Zuhause gewesen war. Lange Jahre hatte ich mir gewünscht, zurückgeholt zu werden, doch es war nie geschehen.

»Nun bringst du mir seit einem Jahr jede Woche die gleiche Summe.« Mutter setzte sich nicht, sondern blickte von oben auf mich herab. Ich fröstelte. »Es ist zu wenig für uns alle, so können wir nicht überleben! Gibt es wirklich keine Möglichkeit, uns mehr zu bringen?«

Ich starrte auf meine rissigen Hände und schüttelte den Kopf.

»Du arbeitest wohl schlicht nicht gut genug! Lebst ja auch bequem in dem feinen Haushalt, hast es warm und isst die besten Dinge«, die Stimme wurde schneidend, »während deine armen Geschwister hartes Brot nagen, tagein, tagaus.«

In mir regte sich Widerstand, ein ungewohntes Gefühl, das einer Dienstmagd nicht zustand und das ich bisher nur Java gegenüber nicht immer hatte unterdrücken können. Ich besiegte den Wunsch, Mutter die Meinung zu sagen, und bemühte mich um einen versöhnlichen Tonfall.

»Ich bekomme ja erst seit kurzer Zeit Lohn. Es ist doch besser als nichts. Vorher …«

»Vorher«, fiel Mutter mir ins Wort, »konnte ich noch die fertigen Gegenstände und Werkzeuge aus der Schreinerei verkaufen, um uns am Leben zu halten. Zum Glück wurdest du gerade rechtzeitig sechzehn Jahre alt, als das Geld zu Ende ging.«

»Warum habe ich früher nie Lohn bekommen?«

»Einem Kind, das man durchfüttert, Lohn zahlen? Das wäre wohl zu viel verlangt, nicht wahr? Anscheinend hast du mit sechzehn endlich angefangen, mehr einzubringen, als du kostest. Das ist der Grund. Aber es ist nicht genug! Es muss doch eine Möglichkeit geben, mehr zu verdienen. Los, sag schon! Ich erkenne, dass du etwas verheimlichst! Willst du, dass ich Jean arbeiten schicken muss? Weißt du, wie klug er ist? Er könnte die Schule besuchen! Dazu wird es jedoch nicht kommen, da du nicht bereit bist, deine Familie nach besten Kräften zu unterstützen!«

Inzwischen rannen Tränen mein Gesicht hinab. Dabei hatte ich mir so fest vorgenommen, diesmal nicht zu weinen! Doch meine Mutter stand über mich gebeugt, eine finstere, bedrohliche Gestalt, und mein Herz zog sich vor Angst zusammen. Ich wollte die Worte nicht sagen, und doch kamen sie heraus.

»Ja, es gibt eine Möglichkeit. Der Herr verlangt andere Dienste von mir, die er auch bezahlen will. Doch das kann ich nicht tun! Ich kann es nicht!« Ich schluchzte auf und schlug die Hände vor mein Gesicht.

»Du kannst es nicht? Oh doch, du kannst. Und du wirst! Sollen deine Geschwister betteln gehen? Soll deine Mutter eine Dirne werden, damit uns der Hungertod erspart bleibt?«

Ich blickte auf, sah ihr in das verbitterte Gesicht, und die Wut gewann die Oberhand über die Verzweiflung.

 »Dasselbe verlangt Ihr auch von mir!«

Kaum hatte ich ausgesprochen, traf mich Mutters flache Hand hart auf die Wange.

»Das ist etwas vollkommen anderes! Bist du dir zu fein für deinen Herrn? Du solltest dich geehrt fühlen, immerhin bist du keine Schönheit. Weißt du, wie viele Weibsbilder ihn begehren?«

»Frau Mutter, das darf nicht Euer Ernst sein, dass ich mich verkaufen soll«, flüsterte ich, wissend, dass es sehr wohl ihr Ernst war. Dennoch hoffte ich verzweifelt darauf, sie würde mir das Gegenteil beweisen.

»Warum nicht? Du wirst ohnehin nie aus jenem Haushalt herauskommen. Da kannst du auch das Beste daraus machen.«

»Das Beste? Frau Mutter, wie könnt Ihr so etwas sagen? Wünscht Ihr Euch denn nicht für mich, dass ich glücklich werde? Dass ich mich einmal verliebe und heirate und …«

»Liebe?« Das Wort klang wie ein Schwerthieb. »Sieh dir an, wohin mich die Liebe gebracht hat. Ich weiß kaum, wie ich überleben soll. Vergiss diese Träumereien und sorge dafür, dass ich nächste Woche mehr Geld erhalte!«

Ich sprang auf und rannte aus dem Raum. In der Gasse spielten meine Geschwister mit anderen Handwerkerkindern, doch selbst ihr Lachen und der Anblick der kleinen Köpfchen mit den in der Sonne glänzenden Haaren ließen mein gefrorenes Herz nicht auftauen. Schnell huschte ich in entgegengesetzter Richtung fort. Es war mir unmöglich, mit ihnen zu sprechen.

Als ich außer Sichtweite war, verlangsamte ich meine Schritte, trottete durch die Straßen zum Haus der Belliers und grübelte, nicht zum ersten Mal, wodurch meine Mutter so hart geworden war. Die Bitterkeit über den frühen Tod ihres Ehemannes war verständlich und entschuldbar, aber wie konnte sie so von der Liebe sprechen? Sie war es nicht, die die Familie in Armut gestürzt hatte. Meine Mutter hatte einen anständigen Mann gehabt, Marthe hatte mir von seinem guten Ruf als Schreiner berichtet. Und obwohl ich wusste, dass ich als Dienstmagd leben und sterben würde, so sollte doch eine Mutter Besseres für die Tochter erhoffen und ihr nicht im Gegenteil alle Zuversicht nehmen. Ich seufzte und rieb mir mit dem Ärmel das Gesicht. Es war aussichtslos, die Frau verstehen zu wollen.

Ich wählte den Weg vorbei an Saint-Vincent. Obwohl ich den Gottesdienst nie besuchen durfte, liebte ich die mächtige Kathedrale, die so hoch vor mir aufragte, als wollten ihre Türme und Dächer die Wolken aufspießen. Mein Blick fiel auf ein zerlumptes, schmutziges Mädchen, das vor den Toren der Kirche kniete und bittend die Hand ausstreckte. Rasch wandte ich den Kopf ab, doch es half nichts. Im Geiste sah ich meine Geschwister dort hocken. Sie allein hatten mich liebevoll aufgenommen und waren mir in dem einen Jahr, das wir uns nun kannten, so wichtig geworden. Doch war es meine Aufgabe, sie zu versorgen? Ich gab, was ich konnte. Musste ich auch noch meinen Körper, meine Ehre hergeben für sie? Jean war klug genug, um zur Schule zu gehen, hatte meine Mutter gesagt. Hatte sie je darüber nachgedacht, ob ich vielleicht ebenfalls klug war?

Du bist kein Kind mehr, Lianne. Hör auf zu träumen.

Nein, kein Kind mehr. Aber warum sollte ich nicht träumen dürfen? Auch wenn ich für niemanden mehr war als das Mädchen, wollte ich nicht den letzten Rest von mir hergeben, nur weil meine Mutter es forderte! So lange hatte ich alles getan, was von mir verlangt wurde, hatte gedient, verdient, nie etwas für mich behalten. Gehörte ich deshalb den anderen? Konnten sie mit mir machen, was ihnen beliebte?

Ja, hallte es in meinen Ohren.

Nein!, wollte ich schreien.

Da war es wieder, dieses neue Gefühl, dieses Auflehnen gegen eine Wirklichkeit, die unabänderlich war. Stand es mir zu, Nein zu sagen? Wer war ich, mich zu widersetzen?

Was sollte ich nur tun?

3

Le Havre, Januar 1670

Das Klappern von zwei Paar Schuhabsätzen hallte durch die stille Gasse. Wenige Menschen waren an diesem Winterabend unterwegs, und von ihnen hatte es kaum jemand so eilig wie Robina. Das lange Kleid bis zu den Knien gerafft, hastete sie voran.

»Mademoiselle, so wartet doch!«

Robina hörte das Schnaufen der Zofe hinter sich, dachte jedoch nicht daran, langsamer zu werden. Zu wichtig war es ihr, dem Vater von dem heutigen Unterricht zu erzählen. Etwas so Aufregendes hatte sie noch nie gelernt!

So rannte sie mit wehendem Umhang und lautem Lachen um die nächste Hausecke, uneinholbar für die ältere Frau. Die Haube glitt ihr vom Haar, doch es bekümmerte sie nicht. Sie wusste, die Zofe würde das feine Stück aufheben. Da verstummten auch schon die Schritte hinter ihr, und leises Schimpfen drang an ihr Ohr. Dann war sie zu weit voraus, um die Zofe hören zu können. Später hatte sie eine Strafpredigt zu erwarten, doch Robina fürchtete diese nicht. Letztlich tat jeder der Dienstboten, was sie wollte. Dafür sorgte ihr Vater, und sie dankte es ihm mit gebührender Bewunderung und vorbildlichem Gehorsam – wann immer er in der Nähe war. War er es nicht, fand sich stets die eine oder andere Gelegenheit, den eigenen Willen durchzusetzen … Ihr war bewusst, wie glücklich sie sich über diesen Zustand schätzen konnte, denn sie erlebte in den Häusern ihrer Freundinnen andere Sitten. Deren Väter waren nicht wie ihrer, längst nicht so liebevoll, großherzig und fröhlich!

Als Robina endlich ihr Zuhause erreichte, musste sie sich mit aller Kraft gegen die schwer beschlagene Eingangstür stemmen, damit sich diese öffnete. Dann stürmte sie mit glühenden Wangen in die Diele und den endlosen Flur entlang, dass die langen Haare flogen. Sie rannte vorbei an den Gemälden und Statuen, auf das Arbeitszimmer des Hausherrn zu. Sie brannte darauf, ihm zu berichten, was sie an diesem kalten Tag gelernt hatte. Wie gut, dass ihr Vater es ihr erlaubte, zusammen mit den Töchtern der Blanchets in deren Haus Unterricht zu erhalten.

»Herr Vater!« Das Laufen nahm ihr den Atem, doch sie verlangsamte ihre Schritte nicht. »Ich habe so viel über Indien erfahren! Nun kenne ich sogar ein paar Worte der Sprache! Wenn erst das Schiff ankommt, werde ich den Kapitän …«

Ihre Mutter trat ihr so plötzlich in den Weg, dass Robina gegen sie prallte und ins Straucheln kam. Nur mit Mühe konnte sie sich auf den Beinen halten.

»Frau Mutter, warum erschreckt Ihr mich so?«

Das Gesicht bleich und versteinert, sprach die Ältere: »Es wird kein Schiff ankommen.«

»Kein Schiff? Aber …«

»Es ist alles verloren. Das ganze Geld. Dein Vater. Du und ich.«

»Was – wo ist Herr Vater?«

Die Mutter schwieg. Sie bemühte sich nicht einmal, Robina aufzuhalten, als diese sich an ihr vorbeidrängte und voller schrecklicher Vorahnungen in das Arbeitszimmer stürzte.

 Ihr Vater lag rücklings am Boden, der Hausdiener hockte neben ihm, ein abgeschnittenes Stück Seil in den Händen. Der Rest davon hing am Deckenbalken. Ein umgestürzter Stuhl lag mitten im Raum. Robina schrie auf. Sie starrte auf das blau angelaufene, leblose Gesicht des Vaters, die hervorquellenden Augen und die blutroten Striemen, dort, wo der Hausdiener eben erst das Seil entfernt hatte. Sie fühlte sich, als läge um ihren eigenen Hals ebenfalls eine Schlinge, die sich fester und fester zog und ihr den Atem nahm. Sie fiel auf die Knie, heftiges Würgen erschütterte ihren Körper, sie vermochte jedoch nicht, den Blick von dem Grauen abzuwenden, das dort vor ihr lag. Ihr herzensguter Vater, das Liebste in ihrem Leben – es durfte nicht sein! Ihre Augen sahen die Tatsachen, doch ihr Herz weigerte sich, sie zu begreifen. Sie sprang auf, packte ihn bei den Schultern und schüttelte ihn, richtete den schlaffen Oberkörper auf, wollte ihren Vater zurückholen, wie er am Morgen gewesen war, heiter, zu Späßen aufgelegt, trotz der mürrischen Miene der Mutter. Sie flehte, küsste das starre Gesicht, dann ließ sie entsetzt den Körper fallen, als die Wirklichkeit sie mit einem Schlag einholte. Ihr Schrei schien nicht enden zu wollen.

Schließlich wurde eine Decke über den Toten gelegt. Die Zofe erschien und schleppte Robina mithilfe des Dieners in ihr Zimmer. Sie legten sie auf das weiche Bett, wischten ihr mit kühlen Tüchern die Stirn ab und redeten beruhigend auf sie ein. Als dies keinen Erfolg brachte, schlug ihr die Zofe ins Gesicht, einmal, zweimal, doch es half alles nichts. Bald schon hatte sie sich heiser gebrüllt, doch sie konnte nicht aufhören, der Schrecken wollte nicht nachlassen, das Bild ihres Vaters erschien wieder und wieder vor ihren Augen. Als ihr die Zofe einen Becher an den Mund hielt und bittere Flüssigkeit hineingoss, verschluckte sich Robina, und erst der nachfolgende Hustenanfall ließ sie verstummen, da er ihr den Atem nahm. Dann setzte die Wirkung der Arznei ein, ein Gefühl der Lähmung breitete sich in Robinas Körper und auch in ihrem Geiste aus, und sie sank ermattet in die Kissen.

Die folgenden Tage durchlebte Robina wie von einem dichten Nebel umgeben, der alle Sinne dämpfte. Sie fühlte weder Hitze noch Kälte, sie schmeckte nicht, was die Zofe sie zu essen und zu trinken zwang. Worte erklangen undeutlich, ein stetiger, stummer Tränenschleier nahm ihr die Sicht. Sie wandelte ziellos durch das Haus, auf der Suche nach etwas, von dem sie wusste, dass sie es nicht finden würde. Menschen kamen und gingen, manche sprachen freundlich mit ihr, die meisten jedoch scherten sich nicht um die junge Tochter des großen Handelsherrn, der zu hoch hinaus gewollt hatte und so tief gefallen war. Laute, ärgerliche Stimmen ertönten, wenn Geschäftspartner ihr investiertes Geld zurückforderten, das so leichtsinnig verspielt worden war. Robina hörte die anklagenden Worte.

Größenwahnsinniger. Leichtgläubiger Narr. Marodes Schiff. Falsche Jahreszeit.

Und über allem schwebte die wohlklingende Stimme des von der Mutter beauftragten Advokaten, beschwichtigend, vermittelnd. Die Hausherrin selbst ließ sich nicht blicken. Aus ihrem Zimmer erklang kein Laut. Sie rief nie nach ihrer Tochter.

Schließlich, Tage später, ging Robina von sich aus zu ihr, auf der Suche nach ein wenig Halt. Die Mutter saß aufrecht im Stuhl, das Trauergewand mit dem steifen Kragen hochgeschlossen, das Gesicht unbeweglich wie das einer Statue.

Robina schluckte und sprach: »Frau Mutter, ich bin so traurig.«

Sie streckte die Arme aus, hoffte entgegen jeglicher Erfahrung, ihre Mutter würde sie an sich ziehen und trösten, doch diese streifte sie nur mit einem Blick und murmelte: »Noch ein Problem, das ich lösen muss.«

Robina wurde übel. Mit einem Schlage wurde ihr bewusst, dass sie kein geliebtes, behütetes Kind mehr war, nie mehr sein würde. Sie war ein Problem. Unbändige Wut stieg in ihr auf, die die tagelangen Tränen augenblicklich versiegen ließ. Sie schlug die Tür zum Zimmer der Mutter zu, rannte in ihr eigenes und schloss sich ein. Dann begann sie, die Wände mit Schlägen und Tritten zu bearbeiten.

»Warum, Herr Vater? Wie konntet Ihr mich allein lassen? Mit dieser Frau, von der Ihr genau wusstet, dass ich ihr nichts bedeute? Ich war immer Euer Kind, niemals ihres!«

Brennender Schmerz schoss in ihre Hände und Gelenke, doch sie hörte nicht auf, genoss vielmehr das Gefühl, noch am Leben zu sein. Sie schlug und trat und schrie, bis ihr das Haar nass von Schweiß am Kopf klebte und sie erschöpft zusammenbrach.

In diesem Augenblick fühlte Robina ihr Herz zu Stein werden.

Fortan weinte und wütete sie nicht mehr. Scheinbar gleichgültig nahm sie alles an, was ihr die Tage brachten. Und es waren zahlreiche Veränderungen, die sie durchmachen musste. Als Erstes verbot ihre Mutter den Unterricht, den sie sich nicht länger leisten konnten. Die Wände der Flure zierten statt der Gemälde nur noch eckige Flecken, auf den Holzdielen lagen keine Teppiche mehr. Schließlich musste Robina ihre Kleidertruhen leeren, durfte nur eines der schönen Gewänder behalten, die übrigen wurden ebenso verkauft wie ihre Ketten und Schmuckspangen. Sie tat, wie ihr befohlen wurde, und beklagte sich nicht. Das Personal wurde entlassen, auch die Zofe. Diese war zwar streng gewesen, aber dennoch Robinas einzige weibliche Vertraute im Hause, da ihre Mutter nie als eine solche aufgetreten war. Dennoch nahm sie gefasst Abschied von der älteren Frau.

Von nun an war Robina gezwungen, allein für ihre Wäsche und ihr Essen zu sorgen. Dieses fiel so bescheiden aus, dass sie kaum je satt wurde. Jedes Mal, wenn sie die Mutter um eine Münze bitten musste, um auf dem Markt die nötigsten Lebensmittel zu erstehen, schnürte es ihr die Kehle zu. Doch selbst wenn sie schwitzend über die Töpfe gebeugt in der Küche stand, das Haar unter einem Tuch verborgen und die Schürze des ehemaligen Hausmädchens über dem schlichten Trauerkleid, erklang kein Jammern aus ihrem Munde. Wen hätte es auch gekümmert? Die Mutter und ihr parfümierter Advokat waren selten zu sehen, und Freunde kamen nicht mehr in das Haus, das früher stets ein Ort fröhlicher Zusammenkünfte gewesen war. Nun herrschte Stille über die breiten Flure und die hohen Räume.

Ebenso wenig kam es für Robina infrage, ihrerseits Besuche bei ihren einstigen Freundinnen zu unternehmen. Weder besaß sie derzeit die angemessenen Kleider für gesellschaftliche Treffen, noch hätte sie die mitleidigen Blicke oder höhnischen Bemerkungen ertragen, die mit Sicherheit nicht ausgeblieben wären. Nicht einmal die Töchter der Blanchets hatte sie wiedergesehen seit dem Abend, an dem ihre Welt aus den Angeln gehoben worden war. Seit diesen letzten fröhlichen Stunden, bevor das Unheil über sie hineingebrochen war. Sie konnte sich kaum noch an das Gefühl erinnern, glücklich gewesen zu sein.

Die meiste Zeit des Tages verbrachte Robina in der Einsamkeit ihres Zimmers. Sie las in den Aufzeichnungen, die sie während der vergangenen Jahre im Unterricht gemacht hatte, und schwor sich, nicht zugrunde zu gehen. Das Leben musste doch noch etwas für sie bereithalten, selbst wenn die Vorzeichen nun so ungünstig standen …

4

»Komm herein, Mädchen. Unser Besuch wird bald hier sein.«

Die Mutter und der unvermeidliche Advokat standen im Salon und deuteten auf einen der acht hochlehnigen Stühle, die um den langen Tisch aufgestellt waren. Stumm trat Robina näher. Ihr war schleierhaft, warum sie bei dem Treffen mit Monsieur Lefèvre dabei sein musste, doch sie hatte ihre Mutter nicht gefragt. Ohnehin sprach Robina nur das Allernötigste mit der Frau, die sie geboren hatte und für die sie nun ein Problem war. Darüber hinaus machte die beständige Anwesenheit des Beraters in der langen schwarzen Robe, ohne den die Hausherrin kaum noch anzutreffen war, die Situation im Hause nicht einfacher.

Robina verabscheute den Mann, obwohl dieser ihr gegenüber stets eine ausgesuchte Höflichkeit an den Tag legte, die ihr ebenso heuchlerisch wie unangebracht erschien. Nun stand er dort neben ihrer Mutter und lächelte unter seinen künstlichen weißen Locken hervor. Robina wäre am liebsten fortgelaufen, doch sie wagte nicht, die Anordnung ihrer Mutter zu missachten, was auch immer diese damit bezweckte.

Monsieur Lefèvre war einer der Geschäftsleute, die durch ihren Vater ein Vermögen verloren hatten. Sie mochte den Mann, einen Tuchhändler aus Saint-Malo, nicht besonders. Was konnte er von ihnen wollen? Geld war in diesem Hause mit Sicherheit nicht mehr zu holen, so sehr es ihm auch zustand. Robina schüttelte leicht den Kopf und setzte sich. Sie hoffte, der Händler würde nicht zu allem Überfluss seinen Neffen mitbringen. Nicht dass dieser ein unangenehmes Äußeres oder ein schlechtes Benehmen hatte, doch wann immer sie den jungen Mann traf, beschlich sie ein ungutes Gefühl. Er pflegte sie anzustarren wie eine Katze den Milchtopf …

Robina ließ ihren Blick durch den Salon wandern, um sich von dem unerfreulichen Gedanken abzulenken. Wie leer der Raum wirkte ohne die Bilder, ohne die Schränke und Teppiche. Nur Tisch und Stühle waren übrig, trotz ihrer Größe verloren in seiner Mitte. Robina schluckte die Tränen herunter, die in ihr aufzusteigen drohten, als sie an die Empfänge und Feste dachte, die das Zimmer gesehen hatte, an all die Fröhlichkeit, die nun der Vergangenheit angehörte. Dies waren wahrlich nicht die richtigen Überlegungen, um ihr zu besserer Stimmung zu verhelfen, und so wandte sie den Blick ab und richtete ihn auf ihre Hände. Erstaunt bemerkte sie, dass ihre Finger leise auf die Tischplatte trommelten. Sie verschränkte sie so fest, dass die Knöchel hervortraten, und rief sich zur Ordnung. Keinesfalls mochte sie der Mutter ihre Gefühlsregungen offenbaren!

Die verräterischen Hände wollten jedoch nicht still bleiben. Erst fuhr sich Robina über die aufgesteckten Zöpfe, die sich unbedeckt um ihren Kopf wanden. Dann zupfte sie an ihrem Kleid, strich den Rock glatt und richtete die Rüschen an den Ärmeln. Sie trug ihr einzig verbliebenes feines Kleidungsstück, ein dunkelblaues Samtgewand mit breitem Schulterausschnitt, das sie seit Wochen nicht getragen hatte. Das Gefühl war so ungewohnt, als stecke sie in der Kleidung einer Fremden.

»Weshalb musste ich mich zurechtmachen, Frau Mutter? Ich fühle mich unwohl damit. Ich sollte noch Trauer tragen nach so kurzer Zeit.«

Und warum tragt Ihr kein Schwarz mehr? Ist der Gemahl, der Euch jahrelang ein bequemes Leben ermöglicht hat, bereits vergessen?

»Kein Mann findet eine Frau in Trauerkleidung anziehend.«

Für einen Moment war Robina verwirrt. Sie hatte die letzten Worte doch nicht laut gesagt? Dann erst begriff sie, dass sie selbst gemeint war.

»Mann? Welcher Mann

In diesem Augenblick unterbrach die Türglocke das Gespräch. Das dumpfe Schellen hallte durch das stille Haus, und die Hausherrin eilte aus dem Raum. Der Advokat legte einen Stapel Papier so behutsam auf den Tisch, als seien die Blätter ein Vermögen wert. Dann rückte er seine Perücke zurecht und lächelte Robina auf eine Art an, die ihr Übelkeit verursachte. Ihre Gedanken überschlugen sich, doch sie kam zu keinem Ergebnis, was die Worte der Mutter zu bedeuten haben mochten.

Augenblicke später erschien diese mit Monsieur Lefèvre, einem Mann mittleren Alters, dessen feine Kleidung seinen Stand als wohlhabender Kaufmann offenbarte. Hinter den beiden betrat eine weitere Person den Raum, und Robina schluckte. Es war der Neffe.

Der Advokat begrüßte die Ankömmlinge, dann wandten sich die Männer ihr zu und blickten auf sie herab.

»Mademoiselle.« Lefèvre deutete eine Verbeugung an und strich sich mit der rechten Hand über die lange Knopfreihe seines seidenen Überrocks. Mit einer herrischen Bewegung der Linken winkte er seinen Begleiter zu sich. »Setz dich.«

Der junge Mann gehorchte. Robina hielt den Blick starr auf die Tischplatte gerichtet und spürte dennoch die dunklen Augen auf sich. Ein eisiges Prickeln breitete sich auf ihrer Haut aus.

Nachdem alle Anwesenden Platz genommen hatten, ergriff Robinas Mutter das Wort.

»Wir freuen uns, dass Ihr kommen konntet, Monsieur Lefèvre.«

Der Mann schien es nicht für nötig zu halten, die Höflichkeit zu erwidern. »Das möchte ich stark bezweifeln, Madame. Schließlich schuldet Ihr mir ein Vermögen.«

»Nun, dieses Gespräch ist dazu bestimmt, jene unglücklichen Umstände auszuräumen. Ihr könnt mir glauben, dass mir sehr daran gelegen ist.« Alle Freundlichkeit war aus dem Tonfall der Mutter gewichen.

»Wie dem auch sei … Ihr kennt meinen Neffen Lexius, den Sohn meiner Schwester? Da mir eigene Söhne nicht vergönnt waren, wird er das Kontor übernehmen. Schon jetzt leistet er so wertvolle Arbeit, dass in ganz Saint-Malo von ihm gesprochen wird.«

»Willkommen in meinem Hause, Monsieur.«

Als Robina weiterhin beharrlich schwieg, stieß ihre Mutter ihr den Ellbogen in die Seite. Widerwillig blickte sie auf und starrte den jungen Mann eindringlich an, bis dessen Gesicht rot anlief. »Guten Tag«, sagte sie betont kühl, dann senkte sie den Blick auf ihre Hände, die nun wieder ineinander verkrampft auf der Tischplatte lagen, um ihr Zittern zu verbergen.

»Sie müssen das Verhalten meiner Tochter entschuldigen. Sie trauert sehr um ihren Vater.«

»Ja, er war etwas Besonderes«, sagte Lefèvre spöttisch. »Immer schnell damit bei der Hand, anderer Leute Geld in aussichtslose Unternehmungen zu stecken. Wie dumm von mir, ihm zu vertrauen! Ich höre noch seine Versprechungen. Edelstes Tuch aus Indien! Nur dass es nie in Le Havre ankam, nicht wahr?«

Robina sog scharf die Luft ein, setzte zu einer Erwiderung an und fing sich einen erneuten Ellbogenstoß ihrer Mutter ein.

»Wer wüsste diese Dinge besser als ich, Monsieur? Seht mich an: Eine wohlhabende Handelsherrengattin war ich, und nun bin ich eine mittellose Witwe.«

»Oh, über gewisse Mittel verfügt Ihr dennoch, nicht wahr?«

»Ganz recht.« Der Unterton in der Stimme der Mutter brachte Robina dazu, alarmiert aufzuschauen. Sie fing den Blick des Tuchhändlers auf, der sie musterte.

»Schön ist sie ja mit ihrem rabenschwarzen Haar und den dunklen Augen. Was meinst du, Lexius?«

»Ja, das ist sie.« Ein Lächeln erschien auf dem Gesicht des Neffen, doch Robina ließ sich nicht erweichen und blickte weiterhin eisig in die Runde.

»Nun? Willst du sie haben?«

Der junge Mann errötete erneut. »Sollten wir sie nicht fragen?«, raunte er.

Sein Onkel reagierte mit dröhnendem Lachen. »Fragen? Das Mädchen? Also wirklich, Lexius! Wenn überhaupt jemand gefragt werden müsste in einem Haus ohne Herrn, so wäre es ja wohl die Mutter. Aber die hat kaum eine Wahl, nicht wahr? Würde sie ablehnen, nähme ich ihr das Haus, die Einrichtung und jeden Fetzen Stoff an ihrem Körper. Das weiß sie so gut wie ich. Ich denke, die Fragerei erübrigt sich damit.« Er blickte die ältere Frau scharf an.

»Selbstverständlich«, versicherte diese eilig.

Das Zimmer drehte sich um Robina. Sie konnte nicht fassen, was sie hörte. Sie wollte schreien, brachte jedoch keinen Ton heraus.

»Nun, willst du sie?«, fragte der Tuchhändler seinen Neffen erneut.

»Sehr gern sogar.«

»Gut. Herr Advokat, ich gehe davon aus, dass die Mitgift noch in der besprochenen Höhe zur Verfügung steht?«

»Aber ja. Ich habe den Vertrag schon vorbereitet.« Er schob ein Dokument über den Tisch. Der Kaufmann ergriff und überflog es. Ab und zu nickte er.

»Es sieht alles rechtmäßig aus. Wir kommen nächste Woche zur Unterzeichnung und besprechen dann die Übergabe.«

»Sie wird bereit sein.«

»Das sollte sie besser. Sie wird bis zur Hochzeit bei der Schwester meiner Frau leben. Ich erwarte, dass sie sich dort vorbildlich führt.«

»Das wird sie.«

Sie. Übergabe. Hochzeit. Robina wurde speiübel.

»Damit ist alles geklärt. Guten Tag. Komm, Junge.« Mit einem knappen Kopfnicken erhob sich Monsieur Lefèvre. Lexius lächelte Robina noch einmal zu und folgte seinem Onkel.

»Ich bringe die Herren hinaus!« Der Advokat sprang auf, um den Besuchern die Tür zu öffnen. Dann waren die beiden Frauen allein.

Die Wut kehrte zurück, und jede Gleichgültigkeit wich aus Robinas Herzen. Sie schluckte die Übelkeit hinunter und brüllte: »Mutter! Habt Ihr mich soeben verkauft

Der Schlag in ihr Gesicht kam so unerwartet, dass Robina erschrocken verstummte.

»Sei still, bis die Herren aus dem Haus sind, du dummes Kind! Willst du, dass sie deine Aufsässigkeit bemerken? Am Ende nehmen sie dich doch nicht!«

Robina rieb ihre brennende Wange. Kaum hörte sie die Haustür ins Schloss fallen, hob sie wieder an: »Frau Mutter, das könnt Ihr nicht tun!«

Die Ältere zuckte mit den Schultern. »Ich tat es bereits. Und was hätte ich sonst tun sollen? Er ist der Gläubiger, der am meisten verloren hat. Wenn ich ihn durch deine Mitgift besänftigen kann, bleibt mir das Geld vom Verkauf des Hauses, um die übrigen Investoren auszuzahlen, und vielleicht noch eine Kleinigkeit zum Leben.«

»Leben? Was ist mit meinem Leben?«

»Es wird dir nicht schlecht ergehen. Lexius scheint ein ehrgeiziger junger Mann zu sein. Er wird dich versorgen können.«

»Das soll alles sein – versorgen? Das hätte Vater niemals …«

»Dein Vater ist tot!« Die Stimme der Mutter schien die Luft im Raum zu zerschneiden, und ebenso schnitt sie mitten durch Robinas Herz. »Ich entscheide jetzt hier, und du wirst verlobt! Mein törichter Gatte hat aus übergroßer Liebe zu dir versäumt, Vorkehrungen für eine Vermählung zu treffen. Ich gedenke nicht, den gleichen Fehler zu begehen. Wenigstens hat der Dummkopf deine Mitgift sicher beiseitegelegt und mir damit die Möglichkeit gegeben, das Problem mit Monsieur Lefèvre zu lösen.«

Dummkopf. Problem. Robina ballte die Fäuste.

»Ihr habt kein Recht, mich zu verkaufen! Ich bin Eure Tochter und kein Möbelstück!«

Erneutes Schulterzucken. »Bleibt mir denn eine andere Wahl?«

»Ihr könntet ihm meine Mitgift einfach auszahlen und …«

»Und dich für immer und ewig durchfüttern? Nein danke.«

»Ich finde einen Mann, der mich ohne Mitgift nimmt!« Robinas Augen füllten sich mit Tränen. »Einen, der mich liebt und den ich liebe!«

»Liebe? Sieh dir an, wohin mich die Liebe gebracht hat!« Die Mutter sprang auf, rannte aus dem Salon und schlug die Tür hinter sich zu. Das Echo des Krachens hallte in Robinas Kopf, und es formte ein Wort, wieder und wieder.

Verkauft.

5

Saint-Malo, Mai 1688

»Lianne! In mein Arbeitszimmer!« Die Stimme des Hausherrn gellte durch die stillen Flure bis zur Küche. Ich ließ das Messer sinken.

Ist es jetzt so weit?

Zitternd erhob ich mich und zwang mich, einen Fuß vor den anderen zu setzen.

Werde ich jetzt eine …?

Ich verbot mir, das Wort zu denken. Mein Klopfen an der Tür, so zaghaft es war, klang in meinen Ohren wie Donnerhall.

»Nun komm schon herein!«, rief der Herr ungeduldig. Ich atmete tief ein und betrat das Arbeitszimmer. Auf dem Schreibtisch lagen haufenweise Papiere wild durcheinander, und dahinter saß er, Monsieur Bellier, riesig selbst noch hinter dem mächtigen Möbel, mit gerunzelter Stirn über die Unordnung gebeugt. Er fischte mit spitzen Fingern ein Schriftstück heraus, rollte es zusammen und versiegelte es. Ich beobachtete, wie die blutroten Wachstropfen auf das gelbliche Papier trafen, einer neben dem anderen, bis sie einen Fleck bildeten, der groß genug für das Widderkopfsiegel des Handelshauses Bellier war. Als er es hineinpresste und das Wachs an den Seiten hervorquoll, musste ich an eine offene Wunde denken, und Übelkeit kroch in mir hoch. Diese Farbtöne, rot auf hell, Blut auf Haut – grässlich, und doch stellte ich mir vor, mit ihnen zu malen. Hätte ich solche Farben und Leinwand statt des gestohlenen Papiers, was könnte ich damit erschaffen!

Der Herr erhob sich, trat hinter dem Schreibtisch hervor und baute sich vor mir auf. Ich starrte auf die Spitzen der klobigen Stiefel, die die Köchin so verabscheute, da sie nicht der neuen Mode aus Paris entsprachen.

»Sieh mich an.« Widerwillig blickte ich auf. Mit einer schnellen Bewegung riss mir der Herr die Haube vom Kopf und löste mein Haarband. Ich fühlte, wie die schweren Strähnen herabfielen. Der große Mann begann, mit erstaunlicher Sanftheit darüber zu streicheln.

»Warum schaust du, als wärest du auf dem Weg zum Henker, Mädchen? Weißt du, wie viele Frauen sich glücklich schätzen würden, von mir begehrt zu werden?«

Ich konnte es mir vorstellen. Mehr als einmal hatte ich andere Dienstboten tratschen hören, wie beliebt Monsieur Bellier bei der Damenwelt war.

»Warum dann ich?« Hatte ich die Frage laut gestellt? Ich kniff die Augen zu, hielt den Atem an und wartete auf das Gewitter.

Es gab keines. Erst dachte ich, er würde nicht antworten, dann jedoch murmelte mein Herr: »Ich kann es mir selbst kaum erklären.«

Diese Worte und der Unterton in seiner Stimme brachten mich dazu, den Blick zu heben. Für einen winzigen Augenblick meinte ich, in dem vertrauten, angsteinflößenden Gesicht eine Spur von Traurigkeit zu erkennen.

Der Eindruck verflog, sobald mein Herr erneut den Mund öffnete und mich anfuhr: »Binde deine Haube, Mädchen. Leider erlaubt mir die Zeit nicht, mich näher mit dir zu beschäftigen. Diese Nachricht muss unverzüglich überbracht werden, ich kann auf keinen Boten warten.«

Ich beeilte mich, mein Haar unter das graue Tuch zu stopfen, denn der Herr streckte mir das versiegelte Papier entgegen und tappte ungeduldig mit dem Fuß. Als ob ich an der Verzögerung die Schuld trug!

»Hier, nimm. Bring dieses Dokument zum Hafen. Du weißt, wo das Handelshaus Duchamp ist? Schnell, die Nachricht wird dort eilig erwartet!«

Ich ergriff das Schriftstück und rannte aus dem Haus, ohne einen Umhang anzuziehen. Als ich auf die Straße trat, bemerkte ich erst, wie schön das Wetter an diesem frühen Sommertag war. Am liebsten hätte ich innegehalten und tief die frische Luft eingesogen, doch aus Angst vor meinem Herrn hastete ich voran. Dennoch nahm ich mir fest vor, rasch die Nachricht zu überbringen und dann die seltene Gelegenheit zu nutzen, einen Augenblick am Hafen zu verweilen und meine Nase in die Seeluft zu strecken. Vielleicht konnte ich dort für eine kleine Weile vergessen, was mich bei meiner Rückkehr erwartete.

Der Hafen summte und brummte vor Betriebsamkeit. Rufe gellten hin und her, aus den Luken der Lagerhäuser und von Bord der Schiffe. Fässer, Ballen und Kisten wurden ein- und ausgeladen, jedermann schien in Eile, denn die Flut war da. Die Kapitäne wollten sie um jeden Preis zum Auslaufen nutzen, um nicht noch einen halben Tag an Land festzusitzen. Ich ermahnte mich, an meinen Auftrag zu denken, doch mein Blick war gefesselt von der Vielzahl der großen und kleinen Handelsschiffe, die unter vollen Segeln auf ihre Abfahrt warteten. Sie schienen so unruhig, als seien es Lebewesen, schwankten auf und ab wie tänzelnde Pferde, jederzeit zum Aufbruch bereit. Der Himmel über dem Meer blitzte nur fetzenweise zwischen der Fülle von Masten, Tauen und Planen hervor.

Ich schloss die Augen und atmete tief. Der salzige Seegeruch drang in meine Nase, die unzähligen Geräusche um mich vereinten sich zu einem dumpfen Gemurmel, das nur vom Kreischen der Seemöwen übertönt wurde. Ich spürte die Sonne im Gesicht; sie wärmte schon, ohne jedoch zu brennen. Bunte Kreise tanzten hinter meinen Lidern, vermischten sich wie die Farben auf der Palette des Malers, den ich einmal voller Neid beim Porträtieren Javas beobachtet hatte. In mir breitete sich eine Ruhe aus, die zu empfinden mir selten vergönnt war.

Könnte ich doch nur ewig hier verweilen …

»Mädchen, schläfst du im Stehen?« Grob wurde ich angerempelt und riss die Augen auf. »Du bist im Weg!« Ein stämmiger Mann mit einem Sack auf den Schultern schob mich mit seinem Körper zur Seite, sodass ich gegen eine Frau taumelte, die sogleich zu keifen begann.

Verwirrt trat ich näher an die Hafenkante und lief ein paar Schritte nach rechts, um der Menschenmenge vor dem riesigen Frachtschiff zu entkommen. So kam ich vor einem anderen, kleineren Schiff zum Stehen, vor dem es ruhiger zuging. Ich reckte den Hals, um an der Bordwand hinaufzuschauen. An Deck eilten Männer hin und her, obwohl die Verladung abgeschlossen zu sein schien. Man machte sich bereit zum Ablegen, doch noch hielten dicke, straffe Taue das Schiff am Ufer fest. Wie sie sich wohl anfühlten? Ich streckte die Hand nach einer der Leinen aus – und bemerkte mit Schrecken das versiegelte Schriftstück darin. Mein Auftrag! Panisch wandte ich mich um und versuchte, über die wimmelnden Menschen hinweg zu erkennen, welches der Handelshäuser in der Straße das Haus Duchamp war. In welche Richtung musste ich laufen? Mein Blick raste die Gebäudereihe auf und ab, doch die Furcht lähmte mich so sehr, dass ich nichts erkannte. Ich hätte mich ohrfeigen können für meine Träumereien! Ich entschied, den nächstbesten Menschen anzusprechen und nach dem Handelshaus Duchamp zu fragen.

Der nächstbeste Mensch war ein wichtig dreinblickender Mann mit Papier und Stift in der Hand, der den Arbeitern an Deck Anweisungen zurief. Schüchtern tippte ich ihn am Arm an. Der Blick, der mich traf, war so ungeduldig, dass ich nur stottern konnte.

»Verzeiht, Herr. Ich – ich suche …« Hilflos hob ich die Hand und zeigte ihm das Schriftstück.

»Ah, endlich, die Nachricht für den Kapitän. Rasch an Bord mit dir, Mädchen.«

Diese Worte steigerten meine Verwirrung noch. Ich hob an, die Sache richtigzustellen, da packte mich der Mann am Arm und zog mich vorwärts.

»Los, hier entlang!« Er schob mich auf die Planke, die an Deck des Schiffes führte. »Nun geh schon, hurtig! Oder soll ich dir Beine machen?«

Erschrocken rannte ich die steile Stiege hinauf. »Links herum!«, brüllte mir der Mann nach, dann wurde er von jemandem abgelenkt und wandte den Blick von mir. Ich sah mich verzweifelt um. Wenn ich jetzt wieder herunterstiege, die Nachricht noch immer in der Hand, würde mich der Mann gewiss ins Wasser werfen!

Unschlüssig ging ich ein paar Schritte nach links, doch was sollte ich schon beim Kapitän? Die Botschaft war nicht für ihn bestimmt. Welch ein Zufall, dass er ebenfalls auf eine solche wartete!

Zufall? Oder etwas anderes? Mein Blick fiel auf die geöffnete Ladeluke, in der zunächst ein haarloser Kopf erschien und einen Augenblick später der ganze Mann, der sich scheinbar mühelos auf das Deck schwang.

»Alles verstaut!«, rief er seinen Kameraden am Bug des Schiffes zu und entfernte sich, ohne mich zu beachten – und ohne die Luke zu schließen. Ich starrte die Öffnung an. Sollte ich …? Ich umklammerte das Schriftstück. Was wäre, wenn Monsieur Duchamp es nie erhielt?

Was wäre, wenn die Botin einfach verschwinden würde?

Meine Gedanken rasten. Ich dachte an Monsieur Bellier und daran, was mich erwartete. An die Worte meiner Mutter, wenn ich ihr mehr Geld brachte. Wäre sie je zufrieden, oder würde sie mich zu weiteren Abscheulichkeiten zwingen?

Ich sah meine kleinen Geschwister vor mir, und mein Herz zog sich zusammen. Durfte ich sie alleinlassen? Doch wen hatte es geschert, als ich alleingelassen worden war? Was hielt mich in dieser Stadt, in diesem Leben, das keines war? Sollte ich, ich braves Dienstmädchen, meine Pflichten vernachlässigen und einfach …

Ja! Dies war kein Zufall. Es war mein Schicksal!

Ich huschte zur Luke, schwang mich hinab und fand mich in einem riesigen Laderaum wieder, der mit unzähligen verschnürten Ballen gefüllt war. Die Luft war stickig und roch nach Teer und Staub. Rasch schlüpfte ich zwischen der Ladung hindurch bis an die hintere Wand des Raumes. Dort hockte ich mich nieder und versuchte, meinen rasenden Atem zu beruhigen.

Mir wurde schwindelig. Was hatte ich getan? Ich spähte an den Ballen vorbei in Richtung Eingang. Eine schmale Stiege lehnte in der Luke und ermöglichte es mir, meinen törichten Plan eben noch selbst zu vereiteln. Doch wenn mich jemand aus dem Laderaum klettern sah, bekäme ich unweigerlich Ärger. Würde man meiner Beteuerung glauben, ich sei aus Unachtsamkeit hineingefallen? Ja, das könnte gelingen. Ich erhob mich, stopfte das gesiegelte Papier in den Beutel an meinem Kleid, um die Hände zum Hinaufklettern freizuhaben – nur um mich gleich darauf wieder auf den Boden fallen zu lassen. Ich konnte nicht zurück, denn wenn ich jetzt umkehrte, würde mich Monsieur Bellier zu seiner Mätresse machen. Ich hörte im Geiste schon seine Stimme. »Nun hab dich nicht so. Was soll daran schlimm sein? Selbst unsere geschätzten Könige erfreuen sich an anderen Bettgenossinnen als der eigenen Gattin, das ist vollkommen alltäglich!«

Ich schüttelte mich. Nein, diese Dienste sollte mein Herr von mir nicht erhalten! Ich hatte meine Flucht begonnen, nun musste ich sie zu Ende bringen!

Oder?

Ein Krachen ertönte, ich fuhr zusammen, und der Laderaum versank in Dunkelheit. Schrecken durchzuckte mich. Nun gab es kein Zurück in mein altes Leben. Es war zu spät.

Wohin würde mich mein Weg führen? Zum Glück hatte es mich auf ein kleineres Frachtschiff verschlagen, sodass ich zumindest nicht in Indien oder der Neuen Welt ankommen würde. Doch fuhr dieses Schiff nach Süden oder Norden? Wo würde sich die Gelegenheit ergeben, es zu verlassen? Käme ich überhaupt ungesehen an Land, oder – Ach! Die Gedanken wirbelten durch meinen Kopf und waren gänzlich sinnlos, denn ich hatte keine freie Entscheidung mehr. Ich musste abwarten, was mit mir geschah. So wie ich es bereits mein Leben lang tat.

Noch … Noch hatte ich keine freie Entscheidung. Mit einem Schlag wurde mir bewusst, dass es schon in naher Zukunft so weit sein würde! Dass ich, sobald ich dieses Schiff verließ, zum ersten Mal in meinem Leben meinen Weg selbst bestimmen durfte, ja musste, ich, ich und niemand sonst! In welche Himmelsrichtung sollte ich meine Schritte lenken, diese Straße hinunter oder jene, links oder rechts herum? In der Stadt bleiben, weiter fortgehen, und wenn ja, wohin? Ich würde die Wahl treffen, ich allein! Frei!

Über meinem Kopf dröhnten Fußtritte an Deck. Dann erschollen Rufe, gedämpft durch die Bordwand.

»Leinen los!«

Ein Rucken ließ das Schiff und meinen Körper erzittern. Ich hielt den Atem an. Saint-Malo, die einzige Stadt, die ich in meinem Leben gekannt hatte, würde bald hinter mir liegen. Wohin ging die Reise? Wie lange musste ich in diesem Versteck bleiben? Fragen über Fragen, auf die mir niemand eine Antwort zu geben vermochte, am allerwenigsten ich selbst. Ich hoffte, dass ich weit genug fort an Land gelangen würde, sodass er mich nicht finden konnte, und doch nicht so weit weg, dass mir alles unbekannt wäre, die Menschen, die Sprache …

War es ein Abenteuer, oder war es tödlicher Leichtsinn, was ich tat?

Ich wartete; etwas anderes konnte ich nicht tun. Während mein Körper zur Untätigkeit verdammt war, wechselten meine Gedanken und Gefühle stetig die Richtung. Mal war ich voller Hoffnung, dass sich meine Lage zum Guten wenden würde, dann wieder nahm mir die Angst allen Mut. Wenn sich Schritte der Ladeluke näherten, zog sich mein Herz krampfhaft zusammen und ich hielt den Atem an. Entfernten sie sich, entspannte sich auch mein Körper.

Bald verlor ich jegliches Gefühl für die Zeit. Ab und zu trappelten winzige Pfoten an mir vorbei, und einmal streifte mich ein Rattenschwanz an der Hand, doch ich verspürte keine Angst vor den Tierchen. Selbst im vornehmen Hause Bellier waren sie nicht unbekannt. Der scharfe Teergeruch, den das Holz um mich herum ausströmte, betäubte meine Sinne. Die Wellen schwappten dumpf und gleichförmig gegen die Bordwand. Ich durfte den Gedanken nicht übermächtig werden lassen, dass ich mich unterhalb der Wasseroberfläche befand. Dass sich auf der anderen Seite dieser hölzernen Bohlen und unter meinen Füßen Fische und weiteres Meeresgetier tummelten. Denn sobald die Vorstellung zu bildlich wurde, begann mein Herz zu rasen, und ich schnappte nach Luft, als sei ich selbst ein Fisch auf dem Trocknen. War dieses Schiff stabil und vertrauenswürdig, alle Ritzen dicht? Ich tastete an der Bordwand entlang, um zu fühlen, ob nicht doch Wasser eindrang. Im nächsten Augenblick schalt ich mich ein törichtes Ding. Selbstverständlich war das Schiff sicher, denn sonst würde niemand seine kostbaren Stoffballen darauf verladen lassen!

Mein Geist schien mit dem Fortschreiten der Stunden schwächer und die Furcht immer größer zu werden. Auch meine Erschöpfung nahm stetig zu. Das regelmäßige Klatschen der Wellen ließ meine Augen zufallen. Ich lauschte auf die Geräusche um mich herum, das Rauschen des Meeres, die Schritte und Rufe der Männer, das Pfeifen des Windes, vertraut und beängstigend zugleich, und langsam, ganz langsam, entspannten sich Körper und Geist …

Ich schrak auf und starrte in die Dunkelheit. Der Wellenschlag war noch immer zu hören, doch alle menschlichen Laute waren verklungen. Es musste Nacht sein. Die Stickigkeit war gewichen, und eine unangenehme Kälte, die mich schaudern ließ, hatte sich im Laderaum ausgebreitet. Plötzlich knurrte mein Magen vernehmlich. Ich hatte zuletzt zum Frühstück ein wenig Brei gegessen und einen Schluck Wasser getrunken. Mein Mund fühlte sich ausgedörrt an, und mit einem Mal wurde mir bewusst, dass ich über so vieles nicht nachgedacht hatte. Selbst den nächsten Hafen zu erreichen, würde Tage dauern. Wie sollte ich überleben, ohne etwas zu trinken? Ich hatte jetzt schon Durst, und wir waren kaum einen halben Tag unterwegs. Und weit und breit nur fest verschnürte Ballen von Stoff.

Plötzlich schienen mich die Wellen auszulachen, schwappten gegen die Bordwand und murmelten: »Du willst Wasser? Hier draußen ist Wasser, jede Menge davon! Doch nicht zum Trinken!«

Verzweiflung ergriff von mir Besitz; ich begann zu weinen und konnte mich kaum beruhigen. Salzige Tränen rannen in meinen Mund und machten mich noch durstiger.

Was hatte ich mir nur dabei gedacht? Als ob ich je frei sein würde! Ich dumme Gans!

Wütend auf mich selbst sprang ich auf. Auf und ab, wieder und wieder, rannte ich zwischen der Ladung umher, passte meinen Gang dem schwankenden Untergrund an. Die Bewegung tat mir gut, und die bösen Gedanken ließen nach. So stolperte ich durch das Dunkel im Bauch des Schiffes und vertrieb mir die allzu lange Zeit. Ich begann, die Schritte zu zählen, die ich von einer Bordwand zur gegenüberliegenden benötigte, um die Stoffballen herum, einen Fuß vor den anderen. Bei zwanzig musste ich von vorn anfangen, zwei Hände voll Finger, zwei Füße voll Zehen, weiter kannte ich die Zahlen nicht. Verfluchte Java, die Unterricht bekam und es hasste! Ich wäre dankbar gewesen.

Eins, zwei, drei, dem Herrgott bin ich einerlei, vier, fünf, sechs, immer vorwärts unter Deck, sieben, acht, die Ratten halten mit mir Wacht, neun, zehn, weiter geh’n.

Das Reimen hielt die Grübeleien fern, doch das Gehen machte mich müde, so müde … Bald musste ich mich hinlegen. Immerhin war mir warm geworden, der Durst jedoch war schlimmer als zuvor. Ich rollte mich zusammen und fuhr fort, mir Verse auszudenken. So war ich wenigstens beschäftigt.

 Elf, zwölf, dreizehn, wenn er mich findet, wird’s mir schlecht ergeh’n. Vierzehn, fünfzehn, sechzehn, auch wenn mich niemand findet, wird dies nicht gut ausgeh’n. Siebzehn …

Siebzehn. So alt war ich im letzten Winter geworden. Würde ich einen weiteren Geburtstag erleben? Tränen stiegen erneut in mir auf, ich presste die Augenlider zusammen, damit sie nicht herausquellen konnten. Weinen hatte doch keinen Sinn, nichts hatte mehr Sinn, nichts! Alles war fort. Es gab nur noch das Rauschen des Meeres, das Schlagen der Wellen, das Schwanken des Schiffes, den Durst und die Schläfrigkeit. Dumme Gans. Armes Ding.

Durstiges, müdes, verlorenes Ding.

6

Saint-Malo, Mai 1688

Duchamp stand vor der Tür des Hauses Bellier und hämmerte mit beiden Fäusten dagegen.

»Aufmachen!«

Erbost stellte er fest, dass man ihn offenbar nicht einlassen wollte, und so malträtierte er die Tür noch ärger. Je mehr er polterte, desto heißer wurden seine Wangen. Schweiß tränkte bereits sein feines Rüschenhemd unter dem samtenen Wams, und er bereute seinen überstürzten Entschluss, Bellier persönlich die Meinung zu sagen, anstatt einen Boten zu schicken.

Ihm schien eine Ewigkeit vergangen zu sein, bis endlich geöffnet wurde. Dies war seiner Laune nicht zuträglich, und so war er drauf und dran, die unverschämt träge Dienstmagd anzufahren. Er sah sich jedoch nicht der Magd, sondern der stämmigen Köchin gegenüber, die ihn mit gerunzelter Stirn und erhobenem Fleischmesser musterte. Ein einzelner Blutstropfen rann langsam an der langen Klinge herunter.

»Entschuldigung. Das Mädchen sitzt wohl auf seinen Ohren. Wie kann ich Euch helfen?«

Duchamp war so überrascht, dass er zunächst nur stottern konnte, während er beobachtete, wie der Tropfen die Hand der Köchin erreichte und eine rote Linie auf die Haut malte. Dann jedoch kehrte seine Wut zurück, und ungeachtet des Messers drängte er sich an der Frau vorbei und stürmte das Arbeitszimmer des Hausherrn.

»Bellier! Wo ist die Nachricht, die Ihr mir schicken wolltet? Es sind Stunden vergangen! Ihr hattet doch verstanden, dass dieses Schreiben äußerst wichtig ist. Mein Schiff! Es sollte eben ablegen, nun jedoch …«

Bellier sprang von seinem Schreibtischstuhl auf und starrte den Besucher an. Sein dunkles Gesicht wurde blass.

»Die Nachricht ist nicht bei Euch eingetroffen, Monsieur Duchamp?«

»Selbstverständlich nicht! Hätte ich sie erhalten, stünde ich keinesfalls hier, sondern würde mich meinen Geschäften widmen, wie es einem Handelsherrn gebührt!«

»Aber, werter Herr, ich schickte meine Dienstmagd schon vor Stunden zu Euch.« Ein verwirrter Ausdruck zeichnete sich auf dem Gesicht des Hausherrn ab.

»Eure Dienstmagd? Habt Ihr keinen besser geeigneten Boten gefunden?«

»Da die Nachricht so eilig war, entsandte ich die erstbeste Person, die mir über den Weg lief.«

»Seid Ihr sicher, dass Euer Mädchen weiß, wo sich mein Handelshaus befindet? Sie ist schließlich nur ein dummes Ding!«

»Sie weiß es, sie hat doch meine Tochter schon zu Euch begleitet.«

»Ah, die kleine graue Maus ist es, die Ihr zu mir geschickt hattet. Nun, vielleicht ist sie verloren gegangen. Oder ist sie gar – fortgelaufen?«

Bellier starrte auf Duchamp herab und ballte die Fäuste.  »Das will ich ihr nicht raten! Fortgelaufen! Niemals! Sie hätte keine Ahnung, wohin sie gehen sollte. Sie kennt nichts außer diesem Haus.«

»Ihr solltet Euren Weiberhaushalt besser unter Kontrolle behalten!«, feixte Duchamp in seiner Wut und fing sich einen flammenden Blick des Hausherrn ein. Rasch hob er die Hände. »Nun, nun … So etwas kommt in den besten Familien vor. Immer wieder läuft einer fort, obwohl die Dienerschaft genau weiß, welche Strafen drohen.« Dann verstummte er und fragte sich besorgt, ob er Bellier hatte besänftigen können.

Es hatte nicht den Anschein. Das Gesicht des großen Mannes war verzerrt mit einem Ausdruck, wie ihn Duchamp noch nie bei einem Menschen gesehen hatte. Er vermochte nicht zu deuten, ob der Hausherr schlichtweg wütend war oder etwas anderes hinter seinem seltsamen Verhalten steckte. Er meinte, in der Miene und der gesamten Körperhaltung seines Gegenübers eine Mischung aus Hass und Verzweiflung zu erkennen, die dem Ärger über einen entlaufenen Dienstboten nicht gerecht wurde.

Er fuhr zusammen, als Bellier unerwartet brüllte: »Marthe! Java!«

Die Köchin erschien kaum einen Wimpernschlag später in der Tür, was Duchamp der pummeligen Frau schwerlich zugetraut hätte. Und selbst die verwöhnte Tochter des Hauses sah sich durch den Tonfall ihres Vaters offenbar genötigt, sich schleunigst in das Arbeitszimmer zu begeben.

»Wo ist das Mädchen?«, presste Bellier zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.

»Lianne? Ihr habt sie doch fortgeschickt, Monsieur.«

»Das weiß ich selbst! Sie sollte längst zurück sein, und die Nachricht, die ich ihr gab, ist nie angekommen. Wo ist das Mädchen? Java!«

»Ich sehe in ihrer Kammer nach, Herr Vater!« Java machte kehrt und rannte davon.

»Und du, Marthe, stellst notfalls das ganze Haus auf den Kopf. Ich will wissen, ob das dumme Ding zurück ist!«

Für einen Augenblick starrte Bellier den beiden Frauen hinterher, dann wandte er sich ab.

Sein Blick fiel auf Duchamp, der sich während des Ausbruchs seines Geschäftspartners wohlweislich im Hintergrund gehalten hatte. Nun aber traute er sich, zu sagen: »Nehmt es nicht so schwer, Bellier. Jeder hat einmal Ärger mit der Dienerschaft.«

»Habt Dank, Duchamp«, sprach der Hausherr mit beinahe gefasster Stimme, dann schritt er zu seinem Schreibtisch, wühlte die Papiere durch und fischte ein frisch beschriebenes Blatt heraus. »Dies ist meine Kopie des Dokumentes, das Euch zugestellt werden sollte. Ich benötige sie nicht, ich vertraue Euch. Die Urschrift wird mit der schwachköpfigen Magd zu mir zurückkehren. Nehmt, sodass Euer Schiff auslaufen kann.«

»Ich danke Euch, Bellier. Und ich bin Euch nicht übel gesinnt. Ich hoffe, Ihr könnt Eure Schwierigkeiten rasch in Ordnung bringen. Vielleicht ist das Mädchen ja nur mit einem hübschen Jungen durchgebrannt und kommt bald reumütig zurück?« Er brach in solch schallendes Gelächter aus, dass sein ganzer verschwitzter Leib bebte und die Rüschen an seinem Hemd auf und ab hüpften. Doch das Lachen blieb ihm im Halse stecken, als er sah, wie Belliers Gesicht urplötzlich flammend rot anlief und seine Hände sich zu Fäusten ballten. Duchamp murmelte einen Gruß und rannte mit seinem Schriftstück aus dem Haus, ohne die Tür hinter sich zu schließen.

Im Stillen wünschte er dem armen Dienstmädchen, es möge tatsächlich fortgelaufen sein und nicht zurückkehren. Er wagte gar die Vermutung anzustellen, sie wäre besser bedient, wenn sie ins Meer gefallen und ertrunken wäre …

Java kehrte als Erste zurück in das Arbeitszimmer ihres Vaters und sah diesen auf- und abgehen, das Gesicht zu einer grimmigen Maske verzerrt. Entgegen ihrer Natur sprach sie ihn scheu an: »Herr Vater? Ich konnte Lianne nicht finden.«

Belliers rechter Fuß verharrte einen Augenblick in der Luft, dann fuhr er mit seinem Schreiten fort, ohne Java zu beachten. Während diese noch darüber nachdachte, ob sie erneut sprechen sollte, erschien Marthe im Türrahmen. Auch die Köchin trug einen seltenen, ängstlichen Gesichtsausdruck zur Schau.

»Entschuldigt, Herr. Das Mädchen ist nirgends zu entdecken.«

Ohne innezuhalten, sprach Bellier: »Danke, Marthe. Du kannst vorerst gehen.«

Das ließ sich die Köchin kein zweites Mal sagen. Sie machte augenblicklich kehrt und verschwand. Java sah ihr nach, wagte jedoch nicht, ebenfalls den Raum zu verlassen. Verwirrt betrachtete sie den Hausherrn in seinem ruhelosen Lauf. Was hatte all dies zu bedeuten? Sie hatte ihren Vater schon wütend gesehen, nicht zuletzt oft genug auf sie selbst, doch niemals hatte sein Gesicht einen derartigen Ausdruck getragen.

Je länger sie so dastand, desto mehr kehrte ihre gewohnte Selbstsicherheit zurück. Schließlich hatte sie nichts falsch gemacht! Und diese Wut in den Augen des Vaters konnte nur bedeuten, dass es Lianne an den Kragen ginge, sobald er ihrer habhaft würde! Java lächelte und wickelte sich eine goldene Haarsträhne um den Finger. Sie hatte das Mädchen von Anfang an nicht leiden können, dieses unscheinbare Ding, das so plötzlich und gänzlich ohne Grund in ihren Haushalt gekommen war. Ein weiteres Kind neben ihr selbst, älter zudem, wenngleich nur eine Dienstmagd. Und die Mutter hatte die blöde Gans auch noch gemocht und stets in Schutz genommen. Wenn sie nur häufiger ihr Zimmer verließe, dann würde sie sehen, was Java in letzter Zeit beobachtet hatte, und ihre Meinung schnell ändern. Wie der Vater das Mädchen ansah … Java wusste, was das bedeutete. Sie war schließlich nicht dumm und kein Kind mehr! Aber das war nun gewiss vorbei.

»Lianne ist also nicht zurückgekehrt. Was werdet Ihr tun, wenn Ihr sie in die Finger bekommt, Herr Vater?« Sie konnte ein schadenfrohes Grinsen nicht unterdrücken.

Mit einem Satz war Bellier bei ihr. »Schweig!«, brüllte er so nah vor ihr, dass ihr sein heißer Atem ins Gesicht schlug. Das Lächeln verging ihr gründlich, und sie senkte den Blick. Totenstille legte sich über den Raum.

Einen Augenblick später atmete Bellier tief ein und aus. Dann wies er seine Tochter mit eisiger Stimme an: »Durchsuche die Kammer des Mädchens. Sieh, ob du etwas finden kannst, das uns einen Hinweis auf ihren Aufenthaltsort geben könnte.«

»Vielleicht hat sich das dumme Ding nur verlaufen. Seid doch nicht ärgerlich auf mich! Ich habe schließlich nichts getan.« Java versuchte es mit ihrem üblichen Schmollmund, ihr Vater jedoch strafte sie nur mit einem abfälligen Blick, woraufhin sie sich beeilte, seiner Anweisung nachzukommen. Erneut schob sie die Tür der winzigen Kammer neben der Küche auf.

Jetzt ist Vater deinetwegen wütend auf mich. Na warte!

Java ließ bei ihrer Suche keine Sorgfalt walten. Zuerst trat sie das Nachtschränkchen um, sodass der kleine Handspiegel klirrend zu Boden fiel und sein Glas in tausend Stücke zersplitterte.

Er war ohnehin zu schön für das dumme Ding!

Die Tür des Schränkchens sprang auf, und Liannes wenige Kleidungsstücke kamen zum Vorschein. Java schüttelte die Schürzen und Kleider aus, konnte jedoch nichts Verdächtiges dazwischen finden. Dann riss sie die Laken vom Bett, musste aber zu dem gleichen Ergebnis kommen. Ihre Wut wuchs mit jedem Augenblick. Schließlich schleuderte sie die Matratze so heftig in eine Ecke des Raumes, dass die Strohfüllung herausquoll, und blickte durch das Bettgestell auf den Boden darunter.

»Was ist das?« Java zerrte die Gegenstände hervor, die sie zwischen den Holzlatten gesehen hatte. »Na so was – die sind ja meisterhaft!« Sie blätterte durch den Stapel Papier, den sie entdeckt hatte. Zuoberst lag das Bild eines Zweimasters, bereit zum Auslaufen. Java meinte, den Wind zu fühlen und die Rufe der Seeleute zu hören, die winzig klein an Deck abgebildet waren. Dann folgte eine Zeichnung der Kathedrale Saint-Vincent. Java blätterte weiter – und fuhr zurück. Das Dienstmädchen blickte ihr von dem Papier entgegen, so lebensecht, als stünde es vor ihr. Auch die folgenden Bilder zeigten Gesichter. Hübsche Kinder, eine verhärmte Frau, Marthes pausbackiges Antlitz – und dann sie selbst, Java, mit einer boshaft grinsenden Miene!

»Das ist ja ungeheuerlich! So sehe ich doch wohl nicht aus!«

Hat Lianne dies alles gezeichnet? Wie kann sie es wagen, mich zu zeichnen? Wie kann sie es überhaupt wagen? Wenn Vater das erfährt!

»Hast du sie gefunden, oder sprichst du mit dir selbst?«

Java fuhr zusammen, als der, an den sie eben gedacht hatte, nun zu ihr sprach.

»Mit mir selbst, Herr Vater. Seht, was ich entdeckt habe!« Eifrig hielt Java ihm die Zeichnungen hin. Er beachtete sie jedoch nicht, sondern blickte sich in der kleinen Kammer um.

»Was ist hier geschehen?«

»D-das war ich nicht, das mit dem Schrank!«, beeilte sich Java, ihm zu versichern. »Der war schon vorher umgefallen!«

Bellier antwortete nicht, denn inzwischen war sein Blick auf die Zeichnungen gefallen. Er riss seiner Tochter die Blätter aus der Hand und trug sie aus dem spärlich beleuchteten Raum, um sie in der Küche bei Licht zu betrachten.

»Das Papier muss sie Euch gestohlen haben, Herr Vater. Sie ist eine Diebin, Ihr müsst sie hart bestrafen!«

»Sei endlich still, sonst bestrafe ich dich!«, fuhr Bellier seine Tochter an. Java hütete sich, ein weiteres Wort zu sagen, bis ihr Vater jede der Zeichnungen eingehend betrachtet hatte. Dann konnte sie nicht mehr an sich halten, zu stark war der Wunsch, das entlaufene Dienstmädchen zu finden und ihre Züchtigung mit anzusehen.

»Wenn sie nicht bald zurückkehrt, könnten wir dieses Bild von ihr herumzeigen. Es hat sie sicherlich jemand gesehen, vielleicht spüren wir sie so wieder auf!«

Ruckartig wandte Bellier seiner Tochter das wutverzerrte Gesicht zu, und Java wollte schon die Flucht ergreifen, doch dann schienen ihre Worte bei ihrem Vater anzukommen.

»Das ist ein guter Gedanke, Kind. Vorher werde ich noch jemandem einen Besuch abstatten, aber wenn sie dort auch nicht ist, komme ich auf deinen Vorschlag zurück. Und nun bring dieses Zimmer in Ordnung.«

»Was – ich? Ach, Herr Vater! Kann das nicht das …«

»Das Mädchen machen?«, donnerte Bellier. »Das ist zurzeit wohl kaum möglich, nicht wahr? Und eine solche Unordnung in meinem Hause werde ich keinesfalls dulden, nicht einmal in der Kammer der Magd. Dies ist ein ordentlicher Haushalt! Deshalb werde ich die dumme Gans auch finden und zurückholen!« Seine Stimme überschlug sich, sodass er innehalten und tief durchatmen musste. Ruhiger fuhr er fort: »Mach dich an die Arbeit. Und übrigens: Sie hat dich auf der Zeichnung treffend abgebildet.« Damit wandte sich Bellier um und ließ eine beleidigt schnaufende Java zurück.

Marthe, die sich in eine Ecke der Küche verzogen hatte, konnte sich ein heimliches Lachen nicht verbeißen.

 

***

 

Krachend flog die niedrige Tür auf.

»Wo ist sie? Ist sie hier?«

Die polternde Stimme des Mannes schien den winzigen Raum erzittern zu lassen. Das jüngste der drei Kinder begann zu weinen und rannte zu seiner Mutter. Diese nahm das kleine Mädchen in den Arm und streichelte geistesabwesend über die goldenen Locken.

»Ist wer hier?«

»Wer schon, Lianne natürlich! Hältst du sie versteckt, Weib? Du weißt, sie gehört mir!«

»Das weiß ich. Hier ist sie nicht, zuletzt sah ich sie am Montag. Was hat das alles zu bedeuten?«

»Sie ist fort. Hast du Kenntnis davon?«

»Selbstverständlich nicht. Warum sollte ich etwas über ihren Verbleib wissen?«

»Du bist ihre Mutter!«

»Ja. Leider. Doch von mir hat sie das Fortlaufen nicht geerbt!«

Der Besucher lachte boshaft auf, wandte sich um und verließ das Haus. Krachend schlug die Tür hinter ihm zu. Die Frau atmete auf.

»Ganz ruhig, meine Kleinen. Es ist vorbei.«

Dann jedoch kam ihr zu Bewusstsein, was der Mann eben gesagt hatte. Lianne war fort? Wie sollte sie jetzt für die Kinder sorgen ohne den Verdienst ihrer Ältesten? Sie konnte es sich nicht leisten, dass Lianne auch nur einen Tag keinen Lohn erhielt!

Die Frau spürte eine unbändige Wut in sich aufsteigen, die der ihres Besuchers in nichts nachstand. Das sah dem dummen Ding ähnlich, seine Pflichten derart zu vernachlässigen. Genau dies war zu erwarten gewesen!

Hätte ich doch damals …

Das Kind in ihrem Arm begann zu weinen, da bemerkte sie, dass sie es in ihrem Hass beinahe zerquetschte. Rasch ließ sie los und küsste das lockige Haar.

Und aus ihrem Zorn wurde Verzweiflung, heiße Tränen rannen aus ihren Augen. Sie hatte Lianne fast so weit gehabt, ihre Forderungen zu erfüllen, das hatte sie beim letzten Besuch der Tochter deutlich gespürt. Bald hätte sie mehr Geld erhalten, hätte endlich einmal wieder etwas Gutes zum Essen auf den Tisch bringen können. Die Kleinen hätten neue Schuhe bekommen und sie selbst vielleicht ein Kleid. Der Herr wäre mit Sicherheit großzügig gewesen, und nun dieses Unglück!

Wie viele böse Streiche wollte ihr das Leben noch spielen?

7

Le Havre/Saint-Malo, Februar 1670

Robina saß auf der Truhe, die ihre verbliebenen Habseligkeiten barg, vor dem Haus ihrer Kindheit und wusste nicht, in welche Richtung sie blicken sollte. Die Möbelpacker schleppten schon seit dem Morgen Gegenstände des neuen Eigentümers hinein. Es war ihr gerade noch gelungen, all die Dinge, die ihr am Herzen lagen, aus ihrem Zimmer zu bergen, bevor dieses von zwei kleinen Mädchen in Beschlag genommen wurde. Die Mutter hatte keine Zeit verloren, das Erbe ihres Mannes abzustoßen und mit dem Advokaten zu verschwinden. Ihr weinte Robina keine Träne nach, doch es zerriss ihr das Herz, das Haus ihres Vaters in fremden Händen zu sehen. So drehte sie dem Heim, das sie unwiederbringlich verloren hatte, den Rücken zu.

Was erwartete sie in der anderen Richtung? Zunächst einmal ein Schiff, das sie nach Saint-Malo bringen sollte. Und dann? Ein Stadthaus in der besten Gegend, so hatte man ihr erzählt. Und ein Leben als Gattin eines angesehenen Kaufmanns, das sich nicht allzu sehr von dem der Tochter eines Handelsherrn unterscheiden dürfte. Sie würde wieder schöne Kleider tragen, Dienstmädchen haben. Nicht mehr kochen, nicht mehr waschen müssen. Vielleicht hätte sie sogar die Möglichkeit, ihre Studien fortzusetzen. Das war die eine Seite. Und die andere? Ein Ehemann, der ihr bestenfalls gleichgültig war, und die Pflichten, die damit zusammenhingen. Ihm zu Willen sein, seine Kinder gebären. Die Träume von der wahren Liebe, von der ihr Vater ihr vorgeschwärmt hatte und die sie immer in ihrem Herzen getragen hatte, waren mit ihm gestorben.

Wenn Ihr wüsstet, Vater, dass Eure wahre Liebe Euer Eigentum verschachert und sich verlobt hat, ohne die Trauerzeit abzuwarten …

Robina schloss die Augen, bis sie von einem Boten angesprochen wurde. Dieser geleitete sie und ihre Truhe zu der jämmerlichen Bark im Hafen, auf der die Mutter für so wenig Geld wie möglich ihre Überfahrt veranlasst hatte. Die Zuständigkeit der Lefèvres begann erst mit ihrer Ankunft in Saint-Malo, so hatte ihr der Advokat den Inhalt des Ehevertrages in nüchternen Worten erklärt. Dort am Hafen ihrer neuen Heimatstadt würde sie in das Eigentum der Familie ihres Verlobten übergeben werden. In die lebenslange Gefangenschaft, die das Schicksal für sie ausersehen hatte …

Robina schluckte, straffte die Schultern und schritt über den schmalen Steg an Bord des Schiffes. Die helfende Hand des Boten lehnte sie ab, ebenso wie die, die ihr ein Schiffsjunge entgegenstreckte, als sie oben ankam. Noch war sie für sich selbst verantwortlich, und diese letzten freien Stunden ihres Lebens wollte sie sich nicht nehmen lassen!

Den größten Teil der Reise verbrachte Robina an Deck. Der Seewind peitschte ihr Gesicht, doch sie zog die wollene Decke fester um sich und genoss den kalten Schmerz. Er schien ihrem wunden Herzen ein wenig Linderung zu verschaffen. Sie starrte auf das bewegte Wasser, das rau und grau den Schiffsrumpf umspülte, und ließ ihre Gedanken schweifen. Sie dachte mit Liebe an den Vater, mit Gleichgültigkeit an die Mutter und mit Besorgnis an ihren Zukünftigen. So vergingen die Stunden, bis es Zeit war, die kurze Nachtruhe in der winzigen Koje unter Deck zu verbringen. Sobald der Morgen graute, zog es sie wieder hinaus.

Sie hielten sich nahe der zerklüfteten Küstenlinie. Als gegen Mittag des zweiten Tages die Klosterinsel von Saint-Michel in der Ferne auftauchte, wusste sie, dass ihre Reise bald zu Ende war. Nun war es nicht mehr weit bis Saint-Malo.

Saint-Malo. Stadt der Seefahrer und Korsaren. Je näher ihr Ziel rückte, desto stärker verwandelte sich Robinas Sorge in Aufregung. Ihr Vater hatte ihr Geschichten von den mutigen Männern und Frauen erzählt, die im Auftrage ihres mächtigen Königs holländische und englische Handelsschiffe überfielen, um für den Staat und sich selbst Reichtümer zu erbeuten. Bei dem Gedanken, vielleicht bald einem dieser Korsaren zu begegnen, hüpfte Robinas Herz vor Freude. Sie hatte an den Verhandlungen bezüglich ihrer Vermählung nicht teilnehmen dürfen, aber sie hoffte, dass ihr ein wenig Zeit für eigene Erkundungen ihrer neuen Umgebung blieb, bevor es so weit war.

Und dann tauchte sie auf, die graue Kalksteinstadt, vollständig umschlossen von hohen Mauern und mit einem Hafen, der von Lebendigkeit und Tatkraft bebte. Robinas eiskalte Hände umklammerten die Reling, und sie suchte mit den Augen die am Kai liegenden Schiffe ab. Es waren allesamt schwere Handelsschiffe, manche unter vollen Segeln, bereit zum Auslaufen, auf denen die Seeleute umherwimmelten wie die Ameisen, andere unbemannt und still. Sie konnte keines der berühmten flinken Korsarenschiffe ausmachen.

Dann legten sie an, und Robinas zittrige Vorfreude erstarb augenblicklich, als sie ihren zukünftigen Gatten erblickte. Der junge Mann stand am Kai und wirkte, als trüge er die Kleidung eines Fremden, so wenig wollten die zarten Spangenschuhe, die roten Strümpfe und der feine dunkelbraune Überrock zu seiner kräftigen Gestalt passen. Das dichte schwarze Haar war ordentlich gekämmt und glänzte, und Robina musste zugeben, dass er durchaus als gut aussehend beschrieben werden konnte. Dennoch fühlte sie eine Abneigung gegen ihn, seit sie ihm zum ersten Mal begegnet war, und die Umstände ihrer Verlobung machten ihr den Mann nicht angenehmer. Er hatte sie sich von seinem Oheim schenken lassen! Sie glaubte nicht, dass sie diese Tatsache je würde vergessen können.

Robina fühlte sich, als seien ihre Hände an der Reling festgefroren. Steif und bewegungslos verharrte sie, bis einer der Seeleute sie am Arm nahm und von Bord führte. Dann stand sie vor ihrem Verlobten.

»Robina! Es ist schön, Euch zu sehen.« Er schien sich ehrlich zu freuen, und so zwang sie sich zu einem Lächeln, als sie zu ihm aufblickte.

Das nachfolgende angespannte Schweigen wurde von einem gellenden Ruf durchbrochen.

»Die Faucon! Seht, da ist sie!«

Robina hatte von dem berüchtigten Korsarenschiff gehört. Sie reckte den Hals, vermochte jedoch nicht, über die Köpfe der Menschenmenge zu blicken, die sich am Kai versammelte, um die Ankunft der Freibeuter nicht zu verpassen.

»Kommt fort von hier. Dies ist kein Anblick für junge Damen.« Robinas Verlobter nahm ihre Hand und zog sie mit sich. Sie sträubte sich und wollte widersprechen. Da legten sich die langen Finger ihres zukünftigen Ehemannes mit hartem Griff um ihr Gelenk und zeigten ihr deutlich, dass Gegenwehr nicht von Erfolg gekrönt sein würde. Sie musste sich damit abfinden, der Besitz dieses Mannes zu sein, ein Gefühl, das ihr Vater ihr nie gegeben hatte. Zum ersten Mal hatte sie es empfunden, als ihre Mutter sie verkauft hatte wie das Hab und Gut ihres Gatten. Die Machtlosigkeit entfachte ihre Wut, und die Unfähigkeit, diese auszudrücken, machte sie nur noch hilfloser. Sie ließ sich fortzerren, doch sie schwor sich, sich zumindest bis zu ihrer Hochzeit nicht einsperren zu lassen. Sie würde ein Schlupfloch finden und diese aufregende Stadt erkunden, koste es, was es wolle!

8

Saint-Malo, Februar 1670

Robina stand am geöffneten Fenster ihres Zimmers und blickte hinaus. Ihr Atem ließ weiße Wölkchen vor ihrem Gesicht entstehen. Der Tag war frostig, aber sonnig, und der Himmel über der Stadt leuchtete strahlend blau. Madame Barthez hatte ihr einen freundlichen, hellen Raum im ersten Geschoss zugewiesen, doch dass sie nicht über die Dächer hinweg zum Meer blicken konnte, stimmte Robina traurig. Sie sog die salzige Luft ein und seufzte. Daheim in Le Havre hatte man sie an solch schönen Tagen nicht im Hause halten können. Und es hatte auch niemand versucht. Die ganze Stadt hatte sie erkundet, den Fischern im Hafen zugesehen und den Schiffbauern bei ihrer Arbeit an den riesigen Holzgerippen. Zuweilen hatte sie einfach am Kai gesessen und das Meer beobachtet, das hier im Norden des Landes so rau und kraftvoll war und ihr dennoch wie ein Freund erschien. Sie hatte in die Wellen gestarrt und von ihrer Zukunft geträumt. Erneut seufzte Robina. So hatte sie sich ihr Leben gewiss nicht vorgestellt. Seit fünf Tagen fühlte sie sich nun schon eingesperrt, und ihr ersehntes Schlupfloch hatte sich noch immer nicht aufgetan. Es fehlte ihr an nichts, und doch …

Sie lehnte sich weit aus dem Fenster, um zum Ende der schmalen Straße blicken zu können. Im Geiste rannte sie die Treppen hinab, hinaus aus der Tür, die Gasse entlang, links um die Ecke, die Querstraße hinunter bis zu der Mauer, die die Stadt vom Meer abgrenzte. Von dort aus konnte man die felsigen Inselchen sehen, die bei Ebbe zu Fuß zu erreichen waren und die bei Flut so viel kleiner und entfernter wirkten. Einmal erst war sie an jener Stelle unten am Wasser gewesen, in Begleitung von Madame und nur so kurz, dass sie es nicht hatte genießen können. Robina schloss die Augen, um die Erinnerung an das Gesehene wachzurufen. Eine eisige Windböe fuhr ihr ins Gesicht, und sie musste lächeln. Sie meinte, die Rufe der Seeleute zu hören und den kalten Stein der Stadtmauer unter ihren Händen zu fühlen.

Als die Stimme der Hausherrin von unten ertönte, kehrten ihre Gedanken in ihr Zimmer zurück, und sie bemerkte, dass es nicht die Mauer am Meer war, sondern nur der Fenstersims, den ihre Finger umklammerten.

»Komm herunter, Kind! Dein Verlobter möchte dich sehen.«

Ein letztes Mal atmete Robina tief die frische Luft ein, dann schloss sie das Fenster. Im Hinausgehen blickte sie in den goldgerahmten Spiegel über ihrer Kommode. Sie trug kein Schwarz mehr, sondern eines der Kleider, die Madame für sie erworben hatte, ein schweres dunkelrotes Ding, das ihr die schmalen Schultern niederzudrücken schien. Der eckige Ausschnitt war viel zu tief für ihren Geschmack. Schließlich hatte sie nicht vor, ihrem Verlobten einen Anblick zu bieten, der ihn dazu brachte, sie noch eindringlicher anzustarren. So zog und zerrte sie, bis der Stoff endlich den Ansatz ihrer winzigen Brüste bedeckte. Freudlos lächelte sie ihr Spiegelbild an. Die Winterkälte hatte eine zarte Röte auf ihre Wangen gezaubert. Sie hoffte, ihr Verlobter würde es nicht für ein Zeichen der Aufregung über sein Erscheinen halten, doch sie befürchtete genau dies. Dabei hätten ihre Gefühle kaum gegenteiliger sein können. Langsam verließ sie ihr Zimmer und ging die Treppe hinab.

Lexius stand im Salon seiner Tante und blickte Robina erwartungsvoll entgegen. Diese verspürte den unwiderstehlichen Drang, umzukehren und fortzurennen. Sie unterdrückte das Verlangen, straffte die Schultern und nahm die Schachtel an, die er ihr hinstreckte. Sie mochte die Süßigkeit aus Mandeln und Honig, die sich darin befand, doch sie wünschte, er würde ihr nicht bei jedem Besuch ein Geschenk mitbringen.

»Ich habe Euch am Fenster gesehen, meine Schöne. Ihr saht aus, als träumtet Ihr. Ich hoffe, ich kam in Euren Gedanken vor.«

Was hätte sie sagen sollen? Nein, Ihr als Allerletztes? Selbstverständlich nicht. Robina zwang sich zu einem Lächeln, das alles bedeuten konnte. Der junge Mann jedoch schien zufrieden. Dann bat Madame Barthez zum Tee.

Als das Treffen endlich vorüber war und ihr Verlobter das Haus verlassen hatte, sah sich Robina dem durchdringenden Blick ihrer Gastgeberin gegenüber.

»Du warst schweigsam heute Nachmittag. Tatsächlich bist du nie sonderlich gesprächig, doch wenn mein Neffe dich besucht, ist es noch ärger. Was ist mit dir, Kind?«

»Nichts, Madame Barthez«, beeilte sich Robina, zu versichern. Es ist alles in Ordnung.«

Die Hausherrin lächelte. »Das glaube ich dir nicht. Ich bin zu alt, als dass du mich täuschen könntest. Bist du nicht erfreut über deine Verlobung?«

Robina zögerte, doch die ältere Dame nickte ihr aufmunternd zu. Da fasste sie sich ein Herz und sprach: »Ich wurde nicht gefragt, ob ich mich vermählen will. Meine Mutter …«

»Ich weiß um die Umstände«, unterbrach Madame. »Erzähl mir von deinen Gefühlen. Du vermisst dein Zuhause?«

»Ja.« Robina schluckte und schloss die Augen. »Mein Heim, meinen Vater. Und meine Eigenständigkeit.«

»Dein Vater hat dir viel Freiheit gelassen?«

»So viel ich wollte. Ich durfte lernen, lesen, singen, herumspazieren, Freundinnen besuchen, am Meer sein. Frische Luft atmen, den Arbeitern zusehen. Zum Markt gehen. Ich durfte …«

»Sieh mich an.«

Robina öffnete die tränenblinden Augen und blickte in das freundliche Gesicht der Älteren.

»Du willst noch gar nicht heiraten.« Es war keine Frage, sondern eine Feststellung, die Madame Barthez mit wissendem Kopfnicken begleitete.

»Ich habe nie darüber nachgedacht. Sicher möchte ich früher oder später die Ehe eingehen, aber nicht auf diese Art. Ich dachte, ich würde mich – verlieben.« Sie schüttelte den Kopf und wischte sich mit dem Ärmel über die Augen. »Ich weiß ja, dass mir keine Wahl bleibt. Es ist nur nicht – einfach.«

Madame Barthez musterte sie eine Weile schweigend. Dann sagte sie: »Du bist sehr tapfer. Leider kann ich dir nicht helfen, denn die Vereinbarung ist getroffen und unterzeichnet. Doch solange du bei mir wohnst, werde ich versuchen, dir ein wenig von deiner Freiheit zurückzugeben. Wenn du mir versprichst, auf dich achtzugeben.«

»Ich verspreche es!« Hoffnung keimte in Robina auf. »Ich bin es gewohnt, auf mich aufzupassen.«

»Dann wirst du morgen früh für mich zum Markt gehen. Und lass dir ruhig Zeit!« Madame zwinkerte ihr verschwörerisch zu, und Robina lächelte zurück. Innerlich machte sie Freudensprünge. Nun würde sie ihren Schwur doch noch erfüllen können! Das Schlupfloch hatte sich unerwartet aufgetan …

Früh am nächsten Morgen nahm Robina Geldbeutel und Einkaufskorb von Madame Barthez entgegen und rannte, so geschwind sie konnte, durch die Gassen zum Markt. Dabei hüpfte sie über Bordsteine und um Hindernisse herum und stürmte so rasch um die Ecken, dass sie beinahe mit einem alten Mann zusammenstieß. Als sie ankam, musste sie einen Augenblick innehalten und nach Luft schnappen, denn die Kälte stach nach dem schnellen Lauf schmerzhaft in ihrer Brust. Doch das Hochgefühl, der Gefangenschaft entkommen zu sein, ließ alles andere unwichtig werden. Sie lehnte sich an eine Mauer und betrachtete glücklich das rege Treiben. Die Marktstände waren nicht so üppig gefüllt wie zu wärmeren Jahreszeiten, doch es gab noch immer frischen Fisch, Fleisch und reichlich Gemüse des vergangenen Herbstes. Gewissenhaft erledigte Robina ihre Einkäufe, dann streifte sie durch die umliegenden Gassen. Sie besah sich die Bürgerhäuser aus grauem Stein und die hier und da herumliegenden Überreste der vor Jahren verbrannten Holzhäuser, den mächtigen Bau der Kathedrale Saint-Vincent mit dem riesigen bunten Rosettenfenster, und sie genoss das Gefühl der Freiheit zum ersten Mal, seit ihr Leben in Stücke geborsten war.

Schließlich fand sie sich an der Mauer wieder, zu der sie sich am Vortag geträumt hatte, fühlte – diesmal wahrhaftig – den kühlen Stein unter ihren Händen. Der Tag war grau und stürmisch, und das Morgenhochwasser schien die Stadt verschlingen zu wollen. Eisige Spritzer trafen Robina im Gesicht, als die Wellen gegen die Stadtmauern schwappten, und sie lachte unwillkürlich auf und leckte sich das Salz von den Lippen. Dann riss sie sich die Haube vom Kopf, löste die Flechten und fühlte, wie der Wind von ihrem Haar Besitz ergriff. Sie stützte das Kinn in die Hände und blickte zufrieden auf das tobende Meer. Wieder wanderten ihre Gedanken zum Vater und seinem Schicksal. Wie anders wäre ihr Leben verlaufen, hätte er nur ein einziges Mal Glück gehabt …

»Ich nenne es Die träumende Schönheit«, erklang eine Stimme neben Robina. Sie schrak zusammen und starrte den jungen Mann an, der ihr ein Blatt Papier entgegenstreckte. »Da, nehmt.«

Robina griff nach dem Papier, und der Mann sprang mit einem Satz auf die Mauer und grinste sie von oben herab an.

»Nun, wie gefällt es Euch?«

Sie konnte nichts erwidern. Entzückt betrachtete sie die Zeichnung ihres Gesichts im Profil. Sie schien nur aus wenigen grauen Strichen zu bestehen, und doch spiegelte sie genau die Gefühle wider, die sie eben bei dem Gedanken an ihren Vater empfunden hatte. Das Bildnis wirkte so lebendig, dass sie meinte, ihr Haar würde im Wind wehen und die angedeuteten Wellen im Hintergrund sich bewegen. Sie sah zu dem jungen Mann auf, der noch immer bubenhaft lächelte.

»Es ist wunderschön«, brachte sie endlich hervor.

»Ihr seid wunderschön!« Er ließ sich auf sein Hinterteil fallen, stopfte die Zeichenutensilien in einen Leinenbeutel und schlenkerte mit den langen Beinen. »Wie ist Euer Name?«

»Robina.« Ihr Familienname wollte ihr nicht über die Lippen kommen. Schließlich hatte ihre Familie sie allein gelassen, auf die eine oder andere Weise.

»Robina.« Er sprach ihren Namen langsam und so sanft aus, als schmecke er süß wie Honig, dann lächelte er. »Das passt zu Euch. Mich nennt man Jacquo. Jacquo Cartier, nach dem großen Entdecker Jacques Cartier. Nein, wir sind nicht verwandt, leider! Meine Eltern bewundern ihn jedoch sehr, daher nannten sie mich nach ihm. Oh, ich rede zu viel, nicht wahr?«

Doch Robina wünschte sich, er würde nie mehr aufhören zu sprechen. Die Stimme dieses Jacquo Cartier versprühte grenzenlose Lebensfreude und Frohsinn, sodass es ihr nur allzu recht war, ihm zu lauschen. Sie schüttelte den Kopf und lächelte.

»Ich freue mich, Euch kennenzulernen, Monsieur Cartier.«

»Die Freude ist ganz auf meiner Seite.« Der junge Mann sprang von der Mauer und verneigte sich vor Robina. »Ihr müsst neu in der Stadt sein, Mademoiselle. Sonst hätte ich Euch sicherlich früher bemerkt.«

»Ja, ich bin erst seit sechs Tagen in Saint-Malo. Ich komme aus Le Havre.«

»Oh, die bedeutende Schiffbauerstadt, Sitz der französischen Westindienkompanie. Nicht übel! Ich dagegen habe schon immer hier in Saint-Malo gelebt.«

»Auch nicht übel, oder? Die große Korsarenstadt, Heimat der Entdecker, einst gar unabhängig von unserem geliebten Mutterland France

»Korsarenstadt, richtig! Und ein Korsar steht vor Euch! Nun ja, ein zukünftiger zumindest.« Die grauen Augen blitzten.

»Ihr wollt ein Freibeuter werden?«

»So bald wie möglich! Kein so grausamer wie dieser Engländer Morgan selbstverständlich, das nicht! Doch gern ebenso erfolgreich. Am liebsten würde ich die Faucon augenblicklich übernehmen und für König und Reichtum in See stechen! Leider hat sie bereits einen Kapitän, der nicht einmal gewillt ist, mich mitzunehmen. Zu jung, sagt er. Pah! Achtzehn Jahre – zu jung! Unser geschätzter Landesvater sitzt schon auf dem Thron, seit er – äh …« Jacquos Hand fuhr in sein wirres braunes Haar, er kratzte sich und setzte ein verlegenes Gesicht auf.

Robina lachte und schüttelte in gespielter Empörung den Kopf. »Seit er vier Jahre alt ist. Wie konntet Ihr das vergessen?«

»Oh, eine gebildete Frau steht vor mir!«

»Ihr klingt verwundert. Hättet Ihr mich nicht angesprochen, wenn Ihr es gewusst hättet?«

»Ich hätte Euch in jedem Falle angesprochen. Auch wenn das gewiss ungehörig von mir war. Ihr habt zweifelsohne einen Gatten, der mich im nächsten Augenblick töten wird, nicht wahr?«

Die Worte trafen Robina wie Hammerschläge, und das Lächeln wich aus ihrem Gesicht. Für einen kurzen Moment war sie wieder das Mädchen von früher gewesen, frei und glücklich, in ein anregendes Gespräch mit einem gut aussehenden Fremden vertieft. Nun war die Wirklichkeit in ihr Bewusstsein zurückgekehrt. Sie wandte sich ab und starrte in die Wellen, die mit unverminderter Kraft gegen die Mauern klatschten.

»Habe ich Euch verletzt?« Die Stimme des jungen Mannes war so leise, dass Robina ihn kaum verstand. Sie seufzte und blickte auf. Ein Windstoß fuhr in das lange, notdürftig von einem Zopfband gehaltene Haar ihres Gegenübers und blies es aus dem Gesicht, aus dem alle jungenhafte Fröhlichkeit gewichen war.

»Es ist nicht Eure Schuld. Ihr habt mich nur an das erinnert, was ich am liebsten vergessen würde.«

Die Brauen über den grauen Augen zogen sich fragend hoch.

Robina fasste sich ein Herz. »Ich bin verlobt. Unglücklich und gegen meinen Willen. Meine Mutter hat es verlangt.«

»Oh. Jemand, den ich kennen sollte?«

»Lexius, der Erbe des Handelshauses Lefèvre.«

»Der ist allerdings bekannt. Zweifellos ein gut aussehender Mann. Etwas steif, nicht wahr?«

»Sein Oheim hat mich für ihn gekauft.« Sie spie das Wort aus. »Allein das macht ihn mir widerwärtig!«

»Das verstehe ich gut. Wann soll die Hochzeit sein?«

»Nicht so bald, hoffe ich. Ich bin noch in Trauer um meinen Vater, das scheint er zu respektieren.«

Jacquo blickte Robina so unverwandt an, dass ihre Wangen heiß wurden. Er streckte die Hand aus, wickelte eine ihrer langen Haarsträhnen um seine Finger und sprach: »Ich kann nachvollziehen, dass er Euch besitzen will. Welcher Mann würde das nicht wollen? Ihr seid so jung und schön. Dieses pechschwarze Haar, diese Augen wie glühende Kohlen!«

»Oh, hört auf, mir zu schmeicheln!« Trotz ihrer unglücklichen Stimmung musste Robina lächeln.

Unbeirrt fuhr Jacquo fort: »Es ist falsch, Euch zu kaufen. Ihr solltet umworben werden, man müsste Euch die Welt zu Füßen legen! Die Ehe darf doch kein Geschäft sein, sondern Liebe! Nichts als Liebe, Kameradschaft, Lachen und Spaß! Das ganze Leben sollte ein großer Spaß sein!«

Details

Seiten
0
Erscheinungsform
überarbeitete Neuauflage
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783960876410
ISBN (Buch)
9783960876915
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v455664
Schlagworte
Love and Landscape historische-r-Liebes-roman-e Familiengeheimnis Generationenroman Schicksal ferne Ufer Liebe-s-roman-e

Autor

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    Marie Caroline Bonnet (Autor)

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Titel: Das Geheimnis der Tränen (Historisch, Liebe)