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Das Licht der Highlands (Historisch, Liebe)

von Kathleen Givens (Autor)

2019 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

Schottland, 1263: Der schönen Margaret MacDonald, der Tochter des Lairds von Somerstrath, wurde ein schweres Schicksal prophezeit, das sie mit dem richtigen Gefährten an ihrer Seite bezwingen kann. Kurz vor ihrer Hochzeit mit dem adeligen und gutaussehenden Lachlan Ross ist sie überzeugt, diesen Mann gefunden zu haben. Doch ihr Glück ist nicht von Dauer. Als sie von einer Reise zum Königshof nach Hause zurückkehrt, findet sie das Dorf verwüstet und geplündert vor. Ihr Bruder wurde entführt und der Rest ihrer Familie getötet. Nur einer kann ihr helfen, ihren Bruder zu finden – der Ire Gannon MacMagnus. Schafft sie es, mit der Hilfe dieses anziehenden Kriegers ihr Schicksal zu wenden?

Impressum

dp Verlag

Erstausgabe 2006
Überarbeitete Neuausgabe Februar 2019

Copyright © 2019 dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

E-Book-ISBN: 978-3-96087-650-2
Taschenbuch-ISBN: 978-3-96087-727-1

Copyright © 2006 by Pocket Books, a division of Simon & Schuster, Inc.
Titel des englischen Originals: On a Highland Shore

Copyright © 2007, Blanvalet Verlag, München, Verlagsgruppe Random House GmbH
Dies ist eine überarbeitete Neuausgabe des bereits 2007 bei Blanvalet Verlag, München, Verlagsgruppe Random House GmbH erschienenen Titels Das Licht der Highlands.

Übersetzt von: Katharina Volk
Covergestaltung: Cover Up Buchcoverdesign
unter Verwendung von Motiven von
shutterstock: © Nick Fox und © Khomenko Maryna

Korrektorat: Susanne Meier

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

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dp Verlag

Prolog

Lammas-Nacht am Rande der Welt
August 1254

Der Himmel war an diesem Sommerabend noch blau, die grauen Flanken der hoch aufragenden Berge im Westen Schottlands noch von der Sonne beschienen, doch der lange Tag neigte sich nun dem Ende zu. Im Osten verblasste das Licht in den tiefen Tälern und Wäldern, der Wind seufzte in den Zweigen und trug Wassertröpfchen von den Wasserfällen der Bäche auf nahe Farne, wo sie die kurze Sommernacht über ruhen würden. Stetig sank die Sonne im Westen, das Meer schimmerte wie geschmolzenes Silber, und das leuchtende Kobaltblau der Inseln vor der Küste wurde zu stumpfem Grau. Wellen beeilten sich, den Kiesstrand einzunehmen, und sandten ihre zarten weißen Schaumkronen in den heraufziehenden Abend.

Das junge Mädchen, das die Landzunge entlangeilte, sah nichts von alledem; es sah nur die alte Frau, die sich immer weiter entfernte, und beeilte sich, um sie nicht zu verlieren. Robben hoben ihre Köpfe aus dem Wasser, und die Vögel der Küste stießen herab, um sich die beiden Gestalten dort unten näher anzusehen. Doch das junge Mädchen sah sie nicht.

Es wollte in die Zukunft schauen.

Das Mädchen war ein schönes Kind, groß gewachsen, mit glänzenden dunklen Locken, die um sein ovales Gesicht spielten und die blauen Augen und ebenmäßigen Züge einrahmten. Doch es war die Entschlossenheit, die jedem, der es gesehen hätte, als Erstes aufgefallen wäre, das stählerne Glitzern in diesen bezaubernden Augen, üblicherweise unter einer Schicht Höflichkeit und guter Erziehung verborgen; doch nun, da das Kind nur von den Bewohnern des Wassers und der Luft beobachtet wurde, war das Kinn entschlossen vorgereckt und der Blick unbeirrbar nach vorn gerichtet.

Das Mädchen betrachtete sich als Schottin, war jedoch in Wahrheit von gemischtem Blut. Es war geprägt von feurigen Pikten, alten Kaledoniern und wilden Wikingern auf der Vaterseite und von siegreichen Normannen und leidenschaftlichen Kelten auf der Mutterseite. Die Kleine wusste von der gemeinsamen Geschichte dieser Völker, hatte die Erzählungen von den alten Zeiten und den Kriegen um die Vorherrschaft gehört, von Feinden, die vom Süden und von der See gekommen waren, von mutigen Menschen, die die Römer in Schach gehalten und die Wikinger vertrieben hatten. Doch all das lag in der Vergangenheit, und sie verschwendete keinen Gedanken daran. Was jetzt kommen sollte, das fesselte ihre Aufmerksamkeit, und nur die alte Frau konnte ihr helfen, das zu erkennen.

Sie hatte an diesem Abend schon vieles gesehen. Sie hatte die Rituale der Lammas-Nacht beobachtet, des ersten der drei Erntefeste, und sie hatte zugesehen, wie das Korn eingelagert und das zeremonielle Feuer entzündet wurde, das den Himmel erleuchtete. Sie hatte den Clanmitgliedern zugeschaut, die sich, angeführt von ihrem Vater, zum Festmahl niedersetzten, und sie hatte von dem Laib Brot gekostet, der mit dem Mehl des ersten Korns gebacken wurde. Und nach dem Festmahl, als die meisten anderen schon recht betrunken waren oder sich in der wunderbaren Musik verloren, hatte sie zugesehen, wie ihr Vater seine jüngste Gespielin bei der Hand nahm und mit ihr aus der Halle schlüpfte. Ihr war auch nicht entgangen, wie sich der Blick ihrer Mutter verfinsterte, als sie die beiden gehen sah.

Sie hatte beobachtet, wie ihr jüngerer Bruder Rignor einen vollen Becher umwarf und einen unschuldigen Diener dafür verantwortlich machte – und niemand hatte Rignor dafür getadelt, obwohl ihre Eltern den Zwischenfall selbst mitangesehen hatten. Doch sie hätte nichts anderes erwartet, denn sie sah ja, dass sich das bei Rignor immer so abspielte. Sie hatte Dagmar gesehen, aus dem Nachbardorf und nur ein paar Jahre älter, aber viel reifer, was alles Fleischliche anging, wie sie ihr Kleid in Ordnung brachte und dem Mann, dem sie gerade im Garten zu Willen gewesen war, ein kurzes Lächeln schenkte.

Sie hatte zugesehen, wie der Priester die Ernte segnete und Gebete über dem neuen Saatgut sprach, das über den langen Winter aufbewahrt werden sollte. Sie hatte neben ihm gestanden und wie gebannt zugesehen, während die alte Frau, mit ernster Stimme und diesem fremdländischen Akzent, den Leuten aus der Hand las und die Zukunft vorhersagte. Der Priester hatte zwar die Stirn gerunzelt, aber ebenso aufmerksam zugehört wie die anderen. Die alte Frau hatte für dieses Jahr eine gute Ernte vorausgesagt, und ihren Eltern ein neues Kind – kaum überraschend, wenn man den geschwollenen Leib ihrer Mutter betrachtete. Doch der Kleinen hatte sie nichts gesagt.

Sie wusste schon viel darüber, was die Zukunft für sie bereithielt. Sie war das älteste Kind des Laird of Somerstrath, und sie kannte ihre Pflichten. Sie war als kleines Mädchen mit Lachlan Ross verlobt worden und wusste, dass sie Somerstrath irgendwann verlassen und als seine Frau bei ihm leben würde. Doch sie wollte mehr wissen, und deshalb folgte sie der alten Frau über die Landzunge, die sich nach Westen ins Meer erstreckte.

Am Rand der Welt blieb die Frau stehen, blickte über das Wasser hinaus und berührte mit ihren langen, knochigen Fingern den goldenen Stern, den sie um den Hals trug. Sie drehte sich um, als das Kind zu ihr trat. »Du willst, dass ich dir aus der Hand lese?«

Das Mädchen streckte die Hand aus. »Ja, bitte, wenn Ihr so freundlich wärt, Madam.«

Die Miene der Frau wurde weicher. Sie hatte gehofft, die Burg verlassen zu können, ohne von dem Kind gesehen zu werden, doch es überraschte sie nicht, dass es ihr gefolgt war. Jetzt blieb ihr nichts anderes übrig, als die Kleine zu warnen. Margaret MacDonalds Leben würde kein friedliches Leben sein. Wie ihr Land, so würde auch Margaret in den kommenden Jahren schwere Prüfungen überstehen müssen. Schottland, da war die alte Frau sicher, würde trotz der Mächte, die es bedrohen würden, trotz der Herausforderungen, denen sich der junge König Alexander III. würde stellen müssen, überleben. Margaret MacDonald würde in schweren Zeiten heranwachsen. Die alte Frau seufzte. Wie sollte sie dieser kleinen Unschuld sagen, was ihr bevorstand? Sie nahm die Hand des Mädchens und studierte die Handfläche so lange, dass das Kind ungeduldig von einem Fuß auf den anderen trat.

»Dein Name ist gut gewählt«, sagte die Alte, als sie schließlich aufblickte.

Margaret lächelte, unsicher, was das bedeuten sollte, und die Frau lachte leise.

»Sieh mal«, sagte sie und hielt Margarets Handfläche hoch. »Das hier ist deine Herzlinie, und dies ist die Lebenslinie.« Sie sah das Mädchen lange an. »Du wirst Drachen ins Auge sehen.«

Margaret lächelte höflich. Drachen, dachte sie. Ihr Vater hatte recht gehabt; hieran war nichts Magisches, nur eine alte Frau, angeheuert, um die Leute zu unterhalten.

»Du glaubst mir nicht«, sagte die Frau, richtete sich wieder auf und musterte das Mädchen nachdenklich. »Weißt du, wer die heilige Margareta war?«

»Oh ja«, sagte Margaret. »Sie war Königin von Schottland, die Gemahlin von König Malcolm. Ich bin nach ihr benannt worden, da war sie aber noch keine Heilige …« Sie verstummte, als die Frau den Kopf schüttelte.

»Ich meine nicht sie, Kind. Die erste heilige Margareta. Kennst du ihre Geschichte?«

»Nein.«

»Aha. Nun, das solltest du aber. Die heilige Margareta war ein wunderschönes junges Mädchen, ganz ähnlich wie du. Sie lebte in Antiochia, weit, weit fort von Schottland.«

»Kommst du von dort, aus Antiochia?«

Der Blick der Frau wirkte einen Augenblick lang entrückt.

»Nein, mein Kind, aber meine Heimat ist Antiochia näher als Schottland. Eines Tages wirst du vielleicht meine Geschichte hören, aber nicht heute. Ich werde dir von meinem Leben erzählen, wenn wir uns wiedersehen. Denn, Margaret, ich denke, wir werden uns wiedersehen.« Sie lächelte, ihr Blick wurde scharf und ihre Stimme forsch. »Hör zu. Als die heilige Margareta heranwuchs, bewunderte alle Welt ihre Schönheit, und sie erregte die Aufmerksamkeit eines römischen Präfekten, der sie heiraten wollte. Als sie ihn zurückwies, ließ er sie in einen Kerker werfen, wo sie verhungern sollte. Aber sie ist nicht gestorben.«

»Was ist geschehen?«

»Der Teufel kam zu ihr und bot ihr die Freiheit an, im Tausch für ihre Seele.«

»Aber sie hat sie ihm nicht gegeben«, sagte Margaret.

»Nein, natürlich nicht. Der Teufel war so erzürnt, dass er sich in einen Drachen verwandelte und sie bei lebendigem Leibe auffraß.«

»Warum ist sie dabei nicht gestorben?«

Das Lächeln der alten Frau wurde breiter. »Sie hat das getan, was jede anständige Heilige getan hätte, Margaret von Somerstrath. Sie hielt das Kreuz Jesu Christi in die Höhe, und der Drache spie sie aus und ging selbst zugrunde.«

Margaret ließ enttäuscht die Schultern sinken. Sie war ziemlich sicher, dass kein römischer Präfekt je um ihre Hand anhalten und kein Drache sie je bedrohen würde.

»Sieh her«, sagte die Frau und strich mit dem Zeigefinger die Lebenslinie des Mädchens nach. »Siehst du diese Unterbrechung hier? Du wirst aus deiner Heimat fortgerissen werden und Drachen ins Auge sehen. Wenn du den rechten Gefährten erwählst, werdet ihr die Drachen gemeinsam töten. Und die Liebe finden, die es sonst nur in Legenden gibt.«

»Und wenn ich nicht den richtigen erwähle? Was dann?«

»Dann wirst du untergehen.«

Margaret kämpfte gegen den plötzlichen Schauer, der sie erfasste, und zwang sich, der Frau in die Augen zu sehen.

»Das glaube ich alles nicht.«

Die Frau lachte, doch bei dem Laut lief es Margaret erst recht kalt über den Rücken.

»Wir suchen uns nicht aus, was Gott uns in diesem Leben schickt, mein Kind, ebenso wenig, wie wir uns unseren Namen selbst aussuchen. Margaret bist du, und Margaret wirst du sein, und das wird den Lauf deines Lebens beeinflussen. Du wirst Drachen ins Auge sehen. Und du musst darauf vorbereitet sein.« Sie wandte sich ab und ging für eine so alte Frau überraschend schnell davon.

Margaret sah ihr einen Augenblick lang nach, hin und hergerissen zwischen Enttäuschung und Neugier, und lief ihr dann hinterher. »Aber wie soll ich den rechten Gefährten erkennen? Woher soll ich wissen, dass er es ist?«

Die alte Frau blieb stehen. »Du wirst ihn erkennen. Er wird sein wie kein anderer Mann, der dir je begegnet ist. Er wird golden sein. Er wird das Leben nach dem Tode bringen.«

»Aber woher soll ich es wissen?«

»Hör zu. In jedem von uns spricht eine Stimme. Höre auf sie.«

»Was wird mit mir geschehen?«

»Bevor du diese Welt verlässt, Margaret MacDonald, wirst du die Geburt eines Volkes erleben, das aus vielen Völkern entstehen wird, geschaffen aus Eisen und Feuer, Magie und Nebel – ein Volk, das die ganze Welt bereisen und sie für alle Zeit verändern wird.«

»Aber woher …«

»Ich kann dir nichts weiter sagen. Geh nach Hause, Kind. Die Dunkelheit naht.«

1

Juni 1263
Eine Insel vor Schottland

Die morgendliche Brise strich über das Wasser, als der Wikinger den Männern half, den Leichnam seines Vaters neben den Mast des Langschiffs zu legen. Die ersten Sonnenstrahlen nahmen die Insel bereits wieder in Besitz, doch er wandte sich nicht nach der baumlosen Landschaft hinter sich um oder nach den Menschen, die den Kiesstrand säumten. Er wollte ihre von Trauer gezeichneten Gesichter nicht sehen. Denn er empfand keine Trauer.

Sein Vater war ein alter Mann gewesen; es war an der Zeit, dass er ging. Der Wikinger hatte jahrelang auf diesen Tag gewartet, und nun endlich würde er über diese Insel herrschen, nun endlich würde er sein Volk in die Zukunft führen. In eine glorreiche Zukunft.

Bald würde er sich nicht mehr verstellen müssen. Seit dem Tod des alten Mannes vor einigen Tagen hatte der Wikinger das Murren seiner Leute ignoriert, ihre Bemerkungen, wie seltsam es sei, dass Thorfinn, der pflichtbewusste älteste Sohn, nicht hier war, um seinen Vater zu bestatten. Der Wikinger hatte nichts darauf erwidert, nicht einmal, als er in die finstere Miene seines jüngeren Bruders Ander geblickt hatte. Ander war zurückgewichen, wie Ander es immer tat. Und schließlich hatten ihm die Leute zugestimmt, dass sein Vater bestattet werden musste, und sei es in Thorfinns Abwesenheit.

Die Bestattung würde genau so stattfinden, wie der alte Krieger sie sich gewünscht hatte. Sie hatten an alles gedacht.

Der Wikinger hatte sich selbst um alle Einzelheiten gekümmert, hatte zugesehen, wie das Schiff des Alten vorbereitet wurde, und den Rumpf am Abend zuvor selbst bepackt. Er hatte die Vorbereitungen zum Fest zu Ehren seines Vaters überwacht, zu dem er heute Abend im Langhaus seines Vaters einladen würde. Und dann würde er dort bleiben und im Bett seines Vaters schlafen, ein symbolischer Akt für den Übergang der Herrschergewalt. Es war an der Zeit. Die letzten Jahre waren schlecht gewesen, die Ernten mager, die Winter ungewöhnlich lang. All das würde sich unter seiner Führung ändern. Heute Abend, wenn die Leute abgefüllt waren mit Essen, Bier und Wein, wenn sämtliche Lobreden auf seinen Vater verklungen waren, würde er ihnen von seinen Plänen für die Zukunft erzählen. Und niemand würde ihm die Gefolgschaft verweigern.

Sie arbeiteten schweigend, er, Ander und Anders junger Sohn Drason. Sie füllten den Rest des Schiffsrumpfes mit dicht gestapeltem Torf und Zweigen und bedeckten auch den Leichnam und den unteren Teil des Masts damit, sodass kein Faden Wolle seines Umhangs mehr hervorlugte und das Schwert und die Axt an seiner Seite den Gruß der Sonne nicht mit einem Glitzern erwidern konnten. Sie stützten die Ruder an den Mast, damit die Flammen umso schneller vorankommen würden, hissten das rote Segel und kletterten von Bord.

Dann sprach der Priester. Seine Gebete und die Antworten der Leute trieben über den Hafen hinaus, begleitet von den Wellen, die sacht ans Ufer schwappten. Doch der Wikinger hörte sie nicht, sondern lauschte stattdessen seinen eigenen Gedanken. Er ballte die Hände zu Fäusten und ließ die Zeremonie des Priesters über sich ergehen, gab die passenden Antworten, wenn es erforderlich war, und nickte, wo es ihm angemessen schien. Er hielt den Blick gesenkt, als übermannten ihn die Gefühle, denn er war sich bewusst, was die Leute, die ihn beobachteten, sehen wollten. Sein helles Haar schimmerte gewiss in der Sonne, und seine Augen, leuchtend blau, wirkten traurig. Er war groß und stark, seine Schultern breit, sein Mut und seine Kühnheit weithin bekannt. Und seine Gedanken konnte schließlich niemand lesen.

Am Ende der Zeremonie segnete der Priester das Drachenschiff, als sei es geheiligter Boden und der Mann, dessen Leichnam darauf lag, ein Held. Die Leute wischten sich verstohlen die Tränen fort, unterhielten sich leise und bemerkten, dies sei eine angemessene Bestattung für einen alten Wikingerkrieger. Der jüngere Wikinger war nicht ihrer Meinung. Sein Vater war im Leben ein Versager gewesen und war es auch im Tod. Statt sein Volk zu Wohlstand und Ruhm zu führen, war er stets damit zufrieden gewesen, die Dinge so zu erhalten, wie sie waren. Statt im Kampf war er im Schlaf gestorben. Für ihn würde es kein Walhalla geben, nur diese gefühlsselige, völlig unnötige Zerstörung eines guten Schiffes, verbrannt um der Eitelkeit eines alten Mannes willen.

Doch selbst dieses Opfer hatte der Wikinger für seine Zwecke genutzt, denn ganz unten im Rumpf lag der Körper seines älteren Bruders Thorfinn.

Er hatte Thorfinn aus dem Weg räumen müssen. Sein Bruder wäre als Ältester Nachfolger des Vaters geworden. Und er hätte die Dinge so belassen, wie sie waren – so durfte es nicht weitergehen. Der Wikinger hatte keine andere Wahl gehabt, redete er sich ein, während er Ander und einigen Männern aus dem Dorf half, das Schiff ins Wasser zu schieben, und dann zurücktrat, als die See es sich holte.

»Euer Vater ist jetzt bei Gott«, sagte der Priester.

Ander dankte ihm und wandte sich dann den anderen Männern zu. Der Wikinger antwortete nicht, er nickte nur.

Mit besorgter Miene legte ihm der Priester eine Hand auf die Schulter. »Ich weiß, dass dies ein schwerer Tag für Euch ist.«

Der Wikinger antwortete nicht, sondern öffnete langsam die Hand, um dem Priester den Dolch zu zeigen, den er die ganze Zeit über in der geballten Faust gehalten hatte. Die Klinge hatte ihm in die Handfläche geschnitten.

»Mein Sohn«, flüsterte der Priester. »Ihr habt Blut an der Hand!«

Der Wikinger lächelte. Er presste die Hände aneinander, verschmierte das Blut über beide Handflächen und hielt sie dann hoch, um dem Priester zu zeigen, dass Blut an seinen Händen klebte. Er sah dem Priester dabei in die Augen, sah, wie sie sich erschrocken weiteten, und bemühte sich, sein Lächeln zu unterdrücken.

»Danke, Vater«, sagte er und ging dann zu Ander hinüber. Der Priester blickte ihm nach, einen furchtsamen Ausdruck in den Augen.

Als das Schiff begann, sich von selbst zu bewegen, schleuderten sie brennende Fackeln darauf und sahen zu, wie es, von der Strömung der Ebbe erfasst, auf die Hafeneinfahrt zuglitt. Das Feuer griff rasch um sich, orangerote Flammen züngelten aus dem Rumpf hervor, leckten am Mast und färbten das Wasser um das Schiff bernsteinfarben. Das Segel war zwar mit Öl übergossen worden, hob sich aber dennoch aus der Reichweite der Flammen empor und trieb das Langschiff rasch nach Westen aufs offene Meer zu.

Ander beugte sich dicht heran und flüsterte rau: »Ich weiß, dass du Thorfinn ermordet hast.«

Der Wikinger sah seinem Bruder kurz in die Augen und legte ihm dann eine Hand fest auf den Arm. »Es ist an der Zeit, dass sich etwas ändert. Werde ein Teil dieser Veränderung, und es wird dir wohlergehen. Stell dich mir in den Weg, und …« Er blickte von Ander hinüber zu Anders Frau Eldrid, die mit blasser, besorgter Miene dastand, und weiter zu Anders Jungen Drason. Dann sah er wieder seinen Bruder an.

»Wer weiß schon, wer von uns als Nächster sterben wird?«

Er wandte sich wieder der See zu. Ander tat dasselbe, doch Drason beobachtete seinen Onkel weiterhin. Der Wikinger dachte darüber nach, was das bedeuten mochte.

Die Leute schnappten hörbar nach Luft, als das Schiff an der Hafeneinfahrt innehielt. Das Segel ging plötzlich in Flammen auf, und das brennende Schiff drehte sich, sodass der stolze Drachenbug im Profil erschien – wie ein letztes Lebewohl. Und dann drehte sich das Schiff wieder und wandte sich den dunklen Wassern jenseits des geschützten Hafens zu. Der Wikinger blinzelte und kniff die Augen zusammen, denn auf einmal tanzten Sonnenstrahlen auf dem Wasser, so leuchtend und grell, dass er sich abwenden musste. Als er wieder hinsah, lag der Hafen erneut ruhig vor ihm, das Meer dahinter war kobaltblau. Und leer. Mit hämmerndem Herzen starrte er auf den Horizont.

Das war ein Zeichen, ein Omen. Es war richtig gewesen, so kühn zu handeln. Seine Pläne würden aufgehen.

 

Juni 1263
Somerstrath, Ross
Westküste Schottlands

Margaret MacDonald reckte das Gesicht der Sonne entgegen, lehnte sich an einen Felsen auf dem Kiesstrand und seufzte zufrieden. Ihr war wunderbar warm. Der dunkle Winter war allzu lang gewesen, der Frühling feucht, und der Sommer war sehr spät gekommen. Die Brise streichelte ihre Wangen, das Wasser plätscherte sacht an den Strand, und der Felsen in ihrem Rücken fühlte sich glatt und angenehm an. Frische weiße Wolken eilten über einen strahlend blauen Himmel. Ein Stück den Strand hinunter glitten die Wellen sacht auf den Kies und zogen sich mit einem leisen Zischen wieder zurück. Und an ihrer Seite beugte sich ihre beste Freundin Fiona vor, schlang die Arme um die Knie und blickte aufs Meer hinaus.

Dieser Frieden würde nicht lange anhalten. Bald würde ihre Schwester Nell nachkommen und ihre vier jüngeren Brüder – und damit das Chaos – mit sich bringen. Da gab es kein Entrinnen; ihre Mutter, die bereits zehn Kinder geboren hatte und nun das elfte trug, erwartete von Margaret, der Ältesten der sieben überlebenden Kinder, dass sie einen guten Teil der Betreuung ihrer Geschwister übernahm. Margaret kümmerte sich fast den ganzen Tag lang um ihre kleinen Brüder. Nell war ihr mit zwölf Jahren schon eine Hilfe, aber die Jungen, zwischen vier und zehn Jahre alt, heckten ständig etwas aus, und Margaret und Nell waren meist vollauf damit beschäftigt, das Schlimmste zu verhindern. Margaret war den anderen vorausgeeilt, um ein paar ruhige Augenblicke mit Fiona zu haben, während Nell auf die Jungen aufpasste, die sich jeden einzelnen Felsbrocken genau ansehen mussten, um dann darauf herumzuklettern oder ihn von allen Seiten zu untersuchen. Oder ihn zu werfen.

Nun wurde ihr klar, dass dies vielleicht der letzte ruhige Augenblick war, den sie vor ihrer Hochzeit noch haben würde, und ganz gewiss eine der letzten Gelegenheiten, unter vier Augen mit Fiona zu sprechen, bevor sie abreisen würde. Im kommenden Monat würde sie Lachlan Ross heiraten, und ihr Leben würde sich schlagartig verändern. Sie würde Somerstrath hinter sich lassen und damit auch die alte Margaret. Nie wieder würde sie einfach eines der vielen Kinder von Somerstrath sein, sondern die Gemahlin eines Cousins des Königs, die Frau eines reichen und gut aussehenden Mannes. Sie war noch ein Säugling gewesen, und Lachlan war ein paar Jahre älter, als ihre Väter den Ehekontrakt geschlossen hatten, der die Allianz der Familien Ross und MacDonald einmal mehr bekräftigen sollte. Dieses Eheversprechen war ein ebenso selbstverständlicher Teil von ihr wie ihre Haarfarbe und ebenso unabänderlich: Niemand konnte diesen Kontrakt aufheben, nur der König selbst. Was ihr nur recht war, denn sie brannte darauf, zu heiraten und endlich die Kindheit und diese kleine Festung an der Westküste hinter sich zu lassen. Und sie war begierig darauf, wie das Leben als verheiratete Frau aussehen mochte. Lachlan war stets freundlich zu ihr gewesen, doch in letzter Zeit hatte sie ein Leuchten in seinen Augen gesehen, wenn er sie betrachtete. Sie wusste, dass sie ihm gefiel, und das gefiel wiederum ihr. Sie warf einen verstohlenen Blick zu Fiona hinüber.

»Ich kann es kaum glauben, dass ich bald fort sein werde«, sagte sie. »Mir bleiben hier nur noch drei Wochen.«

Fiona warf ihr hellbraunes Haar über die Schulter zurück.

»Du hast es gut, wirst bald heiraten und uns alle hier zurücklassen. Dann hast du deinen eigenen Hausstand mit Bediensteten und brauchst keinen Finger mehr zu rühren. Und du wirst an den Hof kommen und neue Freundinnen finden, und binnen zwei Wochen wirst du mich nicht einmal mehr vermissen. Weißt du eigentlich, wie gut du es hast?«

Margaret sah sie überrascht an. In Fionas Stimme schwang ein neidischer Unterton mit, den sie noch nie zuvor gehört hatte. Sie spürte einen Anflug von schlechtem Gewissen. Das Leben musste Fiona sehr ungerecht erscheinen – ihr Vater war ein Weber, ein achtbarer Mann, aber alles andere als wohlhabend. Margarets Vater war das Oberhaupt des Clans, Landbesitzer, ein reicher und sehr angesehener Mann im Westen Schottlands, und ihre Mutter die Schwester von William, Earl of Ross. Fiona war nie weiter von zu Hause fortgekommen als bis zum benachbarten Clan, und wenn es nach dem Willen ihres Vaters ging, würde sie bald einen Mann aus Somerstrath heiraten und den Rest ihres Lebens in diesem Dorf verbringen, höchstens einen Steinwurf weit von dem Haus entfernt, in dem sie zur Welt gekommen war. Margaret war schon zweimal am Hof von König Alexander III. gewesen und würde bald dort leben, am Mittelpunkt allen politischen und gesellschaftlichen Interesses. Sie hatte Rechenunterricht erhalten und konnte Lateinisch, Französisch und Gälisch lesen und schreiben. Fiona konnte nur an zehn Fingern abzählen und hatte weder Lesen noch Schreiben gelernt. Während ihres bisherigen Lebens waren diese Unterschiede kaum je von Bedeutung gewesen, doch nun würden Margarets und Fionas Lebenswege abrupt auseinandergehen und nie wieder zusammenfinden.

»Ich weiß, wie gut ich es habe«, sagte sie leise. »Und ich werde dich vermissen. Neue Freunde bei Hofe könnten dich nie ersetzen.«

Fiona sagte mit schiefem Lächeln: »Dafür danke ich dir.«

»Ich wünschte, du könntest mitkommen.« Margaret beugte sich vor und fragte sich, warum sie erst jetzt auf diesen Gedanken kam. »Vielleicht wäre das sogar möglich, Fi! Sonst hätte ich gar niemanden von zu Hause bei mir.«

»Was soll ich denn sein, deine Zofe, die dir beim Ankleiden hilft?« Fionas Stimme klang scharf.

»Du könntest meine Gesellschafterin sein!«, rief Margaret. »Es wäre so schön, dich dabeizuhaben. Lachlan hätte gewiss nichts dagegen, dich mitzunehmen.«

Fiona schnaubte. »Na, das wäre mal was.«

»Vielleicht finden wir sogar unter Lachlans Männern einen Ehemann für dich, dann könnten wir immer zusammenbleiben!«

»Ich hab es nicht eilig mit dem Heiraten.«

Margaret nickte nachdenklich. Fiona hatte hier nicht viel Auswahl: eine Handvoll unverheirateter Männer und die Witwer mit Kindern – keiner von ihnen sonderlich anziehend. Wenn es ihr nicht gelang, Fiona mitzunehmen, würde ihre Freundin schließlich einen der jungen Männer aus dem Dorf heiraten, und ihr Leben würde genauso verlaufen wie das ihrer Mutter – geprägt von harter Arbeit, die tagein, tagaus gleich war. Und von den Schrecken des Gebärens – Fis Mutter war im Kindbett gestorben, und eine Geburt war für jede Frau gefährlich. Margaret war auf einmal fest entschlossen, Fionas Schicksal eine neue Wendung zu geben.

»Ich werde mit Mutter darüber sprechen, ob du mich begleiten kannst«, erklärte sie energisch.

Fiona schüttelte trübsinnig den Kopf. »Sie wird es nicht erlauben. Sie hat mich gebeten, ihr mit den Kindern zu helfen, wenn du weg bist.«

»Es gibt andere, die das tun können. Ich werde mit ihr sprechen. Stell dir nur mal vor, Fi! Du und ich unter all diesen englischen Damen.«

Fiona machte große Augen. »Englische Damen! Reist ihr denn auch nach England?«

Margaret zögerte mit ihrer Antwort. Sie hatte das höfische Treiben und seine Spieler kennengelernt, kannte ihre Geschichten und die ihrer Familien, oft über mehrere Generationen in die Vergangenheit. Aber Fiona war in der Abgeschiedenheit Somerstraths aufgewachsen und kannte nichts von alledem.

»Unsere Königin Margaret«, sagte sie, »ist die Tochter von König Henry von England. Als sie nach Schottland kam, um unseren König Alexander zu heiraten, brachte sie viele ihrer Hofdamen mit und selbstverständlich deren Ehemänner. Fast der halbe Hof ist jetzt englisch oder hat zumindest eine starke Bindung an England. Aber natürlich sprechen alle Französisch.«

Fiona nickte, als hätte sie das schon gewusst. »Natürlich.«

»Also wirst du auch Französisch lernen müssen«, sagte Margaret. »Und wir müssen dir ganz neue Kleider machen!«

»Wie deine?«

Da war wieder dieser neidische Unterton. Margaret betrachtete ihre fein gearbeiteten Lederschuhe mit den eingeprägten und gefärbten Verzierungen, die neben ihr im Sand lagen, und dann Fionas nackte Füße. Auch ihre Kleidung spiegelte den Standesunterschied wider, und Margarets Gewänder aus weichem Leinen und guter Wolle bildeten einen starken Kontrast zu Fionas grob gewebtem Kleid. Die Tochter des Webers trug dessen Fehler, die Tochter des Burgherrn seine beste Arbeit.

»Als meine Gesellschafterin müsstest du gut gekleidet sein. Und dein Haar! Warte nur, bis du siehst, wie die Leute sich dort frisieren. Du bist unverheiratet, also dürftest du dein Haar offen tragen. Ich werde mit Mutter darüber sprechen und sie bitten, dich mit mir zu schicken.«

»Noch nicht. Warte bis morgen, wenn deine Eltern nicht mehr so wütend auf Rignor sind.«

Margaret seufzte. »Ja.«

Auf ihren Bruder Rignor, nur zwei Jahre jünger als sie, musste man oft besser aufpassen als auf die Kleinen. Seine wilden Einfälle und sein Jähzorn hatten die Missbilligung der Eltern schon oft erregt, vor allem in jüngster Zeit. Ihr Vater beklagte sich laut und häufig, er habe die Hoffnung schon aufgegeben, doch Mutter sagte, Rignor brauche eben noch ein paar Jahre.

»Will er immer noch Dagmar heiraten?«, fragte Fiona.

»Oh ja, der Dummkopf. Als ob meine Eltern das je erlauben würden.«

»Dein Vater kann nicht glücklich darüber sein, und wer könnte es ihm verdenken? Sie ist bloß die Tochter eines seiner Gefolgsleute aus dem nächsten Tal, die jeden unter ihre Röcke lässt.«

Margaret nickte und dachte daran, wie oft sie schon gesehen hatte, dass Dagmar einen Mann in ein stilles Eckchen lockte und bald darauf mit zerwühlter Kleidung und einem selbstzufriedenen Lächeln auf dem Gesicht wieder hervorkam.

»Dagmar ist jedenfalls keine passende Ehefrau für den Erben von Somerstrath«, sagte Fiona entschieden. »Kannst du sie dir als Herrin von Somerstrath vorstellen?«

»Woher sollten wir wissen, von wem ihre Kinder sind?«

»Jemand sollte Dagmar mal sagen, dass sie sich lieber einen anderen ausschauen sollte.«

»Das hat jemand bereits getan – meine Mutter, und zwar sehr nachdrücklich.«

Margaret seufzte beim Gedanken daran, wie reizbar ihre Mutter seit ein paar Monaten war. Gewiss lag das nur an dem Kind, das sie unter dem Herzen trug. Mutter, schon immer ein wenig aufbrausend und lebhaft, war in letzter Zeit besonders schwierig gewesen, ihre Launen wechselhaft, ihr Ärger über Margaret offensichtlich. Und allzu häufig. Margaret konnte die Hochzeit kaum mehr erwarten. Sie würde den Launen ihrer Mutter entrinnen, an den Hof ziehen und ein Teil dieser glitzernden Welt werden. Sie würde Herrin über ein eigenes Haus sein und war fest entschlossen, dass in ihrem Haushalt Lachen und Frohsinn herrschen würden, nicht Zwist und Streitigkeiten wie in Somerstrath. Und sie würde einen Ehemann haben, der charmant und ihr treu ergeben war.

Sie unterhielten sich über andere Dinge, bis das Gespräch erlahmte und dann ganz abbrach. Margaret schloss die Augen und sagte sich, sie müsse den Sonnenschein richtig genießen, und gleich darauf war sie eingeschlafen.

»Margaret! Wach auf!«

Sie schnappte überrascht nach Luft und riss die Augen auf, als sich der vierjährige Fergus mit fröhlichem Geschrei auf sie warf. Sie lächelte und drückte den kleinen Jungen an sich. Nell blieb hinter ihm stehen, doch die anderen Jungen rannten schnurstracks hinab zum Wasser und scheuchten die Seevögel unter Freudengeheul in die Luft. Fiona lachte und schüttelte den Kopf.

»Du hast geschlafen, Margaret«, sagte Fergus. »Mitten am Tag.«

Margaret lachte. »Das ist wahr.«

Nell schmollte ein wenig, als sie sich neben Margaret auf den Felsen setzte. »Mutter hat wieder eine ihrer Launen. Sie ist mit nichts zufrieden. Ständig ist sie wegen irgendetwas verärgert.«

»Sie ist müde«, sagte Margaret. »Du weißt doch, wie sie in den letzten paar Wochen immer ist. Alles ist anstrengend für sie.«

»Ich«, verkündete Nell, »werde niemals Kinder bekommen.«

Fiona verdrehte die Augen. Margaret unterdrückte ein Lächeln und strich Nell das hellbraune Haar über die Schulter zurück. Sie erinnerte sich gut daran, wie es war, zwölf Jahre alt zu sein; sie hatte ständig das Gefühl gehabt, darum kämpfen zu müssen, dass man sie wie eine Erwachsene behandelte. Ihre Schwester war redselig und stürmisch, sie verschenkte ihr Herz ebenso schnell, wie sie zornig wurde oder wieder zur Versöhnung bereit war. Ungeduldig. Störrisch. Und die treueste Verbündete, die Margaret sich vorstellen konnte. Die beiden Schwestern standen sich sehr nahe. Sie erzählte Nell Dinge, die sie nicht einmal Fiona anvertrauen würde. Nell würde ihr sehr fehlen. Ebenso wie der kleine Junge, der sich nun an sie schmiegte, und der Duft von Sonnenschein und Erde in seinem Haar. Sie lächelte Nell an. »Keine Kinder? Nicht einmal solche wie Fergus?«

Nell schüttelte den Kopf und seufzte tief. »Nein, nicht einmal solche.«

»Ich bin auch müde«, sagte Fergus und ließ den Kopf an Margarets Schulter sinken.

»Aber natürlich«, sagte sie zu ihm. »Wir sind alle manchmal müde.«

»Mutter sollte ein Nickerchen machen«, sagte Fergus. »So wie du gerade.«

»Ja, allerdings, das sollte sie.«

»Vater ist auch immer böse«, sagte Nell, »dabei ist er nicht derjenige, der das Kind bekommt.«

Margaret blickte in Nells grüne Augen und sah, wie verwirrt ihre Schwester war. Ihr Vater war gereizt, weil er sich Sorgen machte. Wegen der nassen Witterung hatten die Leute das Korn nicht rechtzeitig aussäen können; die Ernte würde schlecht ausfallen. Das Vieh hatte auf den aufgeweichten Hügeln nicht viel zu fressen gefunden, als die Männer die Herden endlich auf die Sommerweiden getrieben hatten. Und ihre Mutter stand kurz vor der Niederkunft, was ihrem Vater noch mehr Sorgen bereitete und seine Launen umso unberechenbarer machte. Doch Nell war zu jung, um all das zu erkennen; sie würde das empfindliche Gleichgewicht des Lebens bald genug kennenlernen. Und Margarets Gedanken waren viel zu ernst für einen so schönen Tag.

Sie erhob sich und zog ihren Bruder auf die Füße. »Aber wir sind nicht böse, nicht wahr? Die Sonne scheint, und im Augenblick wartet keine Arbeit auf uns. Wir sind fröhlich, Fergus, nicht wahr?«

Fergus lachte. »Ja, Margaret! Wir sind fröhlich!«

Nells Miene wurde weicher, als sie nach der Hand des Jungen griff. »Komm, mein Kleiner, wir sehen mal nach, was die anderen Jungen treiben«, sagte sie und führte ihn hinunter zum Wasser, wo ihre anderen Brüder über den groben Sand rannten und hastig den Rückzug antraten, wenn die Wellen an den Strand schlugen.

»Himmel, sieh sich das einer an«, sagte Margaret halb verärgert, halb belustigt, als ihre Brüder, durchweicht bis zu den Knien, vor dem Wasser flohen. Sie sollte sie ermahnen, vorsichtig zu sein. Aber es war Sommer, es war herrlich warm, und dies war einer ihrer letzten Tage mit ihren Geschwistern. »Weißt du noch, wie es war, so klein zu sein?«, fragte sie Fiona. »Als ein Sommer eine Ewigkeit lang war und wir dachten, das Leben würde immer so sein?«

Fiona blickte wehmütig drein. »Ja. Wir dachten, für uns würde sich nichts verändern. Aber da haben wir uns getäuscht.« Sie stand auf, und ihr Tonfall war brüsk. »Ich würde ja gern bleiben, aber ich gehe besser zurück, bevor mein Vater mich vermisst. Komm doch nach dem Essen zu mir runter, was meinst du?«

»Ja, das mache ich«, sagte Margaret und sah ihrer Freundin nach, die zum Dorf zurückkehrte. Sie würde ihre Eltern überreden, Fiona mitkommen zu lassen, und nie wieder diesen neidischen Unterton in der Stimme ihrer Freundin hören müssen.

Dann schloss sie sich Nell und den Jungen an, tanzte mit dem Wasser und lachte, rannte vor und zögerte dann lange genug, um die Wellen ihren Fuß oder einen langen Rocksaum erhaschen zu lassen. Über ihnen stimmten die Vögel in ihr fröhliches Kreischen ein und riefen einander etwas zu, als würden auch sie diese Stunde von Herzen genießen. Nach einer Weile ging Margaret mit Fergus vom Wasser weg, während die anderen weiterspielten. Es wurde allmählich kühl; Wolken schoben sich vor die Sonne. Weiter unten am Strand tanzte etwas auf den Wellen, mal sichtbar, mal verborgen, bis die Wogen es schließlich auf den Sand warfen. Die Jungen, die ihr Spiel satthatten, rannten hinüber, um nachzusehen, was es war. Davey erreichte das Ding zuerst und stieß einen lauten Schrei aus.

»Schaut!«, rief er und beugte sich erneut darüber.

Nell, nur ein paar Schritte hinter ihm, kreischte und wich zurück. »Margaret!«

Margaret setzte sich Fergus auf die Hüfte. »Was ist?«

»Ein Kopf!«, rief Davey und winkte Ewan und Cawley zu sich heran.

Fergus starrte Margaret an.

»Das ist wahrscheinlich nur ein Klumpen Seetang«, sagte Margaret zu ihm, als sie losging, »oder ein Seehundkopf. Die wollen sich wohl einen Spaß mit uns erlauben.« Aber als sie sah, was da an Land gespült worden war, verging ihr das Lachen.

Davey hatte recht. Es war tatsächlich der Kopf eines Mannes, an dem noch langes, blondes Haar hing. Er schien im mittleren Alter gewesen zu sein, das Gesicht war breit mit flachen Wangenknochen, die Lippen zu einer Grimasse verzerrt. An seinen Wangen hingen noch Fetzen von Haut. Was bedeutete, dass er vor nicht allzu langer Zeit gestorben war, und vermutlich nicht weit von hier.

Margaret drehte es den Magen um, doch fünf junge Gesichter blickten mit großen, ängstlichen Augen zu ihr auf. Sie hatte plötzlich eine Ahnung von bevorstehendem Unheil, schob das Gefühl jedoch rasch beiseite und holte tief Luft.

»Die arme Seele«, sagte sie, hielt ihre Stimme möglichst ruhig und bemühte sich, ihr rasendes Herz zu beruhigen.

»Wie ist der hierhergekommen?«, fragte Davey.

Margaret blickte aufs Wasser hinaus und erwartete beinahe, noch mehr Köpfe auf den Wellen tanzen zu sehen, doch die See war leer. »Vielleicht ist ein Schiff in einen Sturm geraten. Wisst ihr noch, wie heftig es in der letzten Nacht gestürmt hat? Vielleicht ist er von Bord gefallen.«

»Und der Wind hat ihm den Kopf abgeschlagen?«, fragte Nell.

Margaret warf ihr einen finsteren Blick zu.

»Vielleicht hat ihn ein Seeungeheuer gefressen!«, rief Davey.

»Oder es gibt irgendwo Krieg!«, sagte Ewan.

»Bestimmt ist nichts so Schreckliches passiert«, sagte Margaret. »Es gibt keine Seeungeheuer. Und wenn es irgendwo Krieg gäbe, wüsste Vater davon.«

»Wir sollten ihm den Kopf bringen«, sagte Davey. Die jüngeren Brüder stimmten begeistert zu.

»Ich trage das Ding nicht!«, rief Nell und wich einen Schritt zurück.

»Niemand von uns trägt es«, sagte Margaret. »Wir schieben den Kopf ein Stück höher, weg vom Wasser, und sagen Vater, wo er ist.«

Sie blickte sich nach der Sonne um, und erneut lief es ihr eiskalt über den Rücken. Ein Mann war gestorben; das musste gar nichts bedeuten. Ewan versetzte dem Kopf einen Tritt, sodass er auf den Strand kullerte.

»Lass das!«, fuhr sie ihn an. »Gehen wir nach Hause.«

Margaret scheuchte ihre Schützlinge über die niedrigen, felsigen Hügel, die den Strand von ihrem Dorf trennten, und war erleichtert, als sie die Burg über den Häusern der Clanmitglieder aufragen sah, die sich darum drängten. Das schmucklose vierstöckige Gebäude aus Stein, eigentlich nicht viel mehr als ein Wehrturm, war weder schön noch elegant, sondern furchteinflößend. Es war erbaut worden, um seine Bewohner zu schützen und Besucher abzuschrecken, statt sie einzuladen, und es lag im Herzen von Somerstrath, mit Blick über die Häuser und den Hafen darunter. Margaret hatte es oft als zu wuchtig und klobig empfunden, doch nun fand sie ihr Zuhause schön. Und den Anblick der hohen Steinmauern, die das Dorf umschlossen und ihr oft so beengend erschienen waren, fand sie beruhigend.

Sie entspannte sich ein wenig, als die Leute ihnen zuwinkten und den Kindern fröhlich einen Gruß zuriefen. Männer kehrten von den landeinwärts gelegenen Feldern zurück. Unten im Hafen wurden die Fischerboote ausgeladen, und das Gelächter der Fischer hallte den Hügel hinauf. Ganz in der Nähe stieg eine Rauchwolke aus einer der Hütten auf und tanzte in der Brise. Es war albern von ihr, sich so aufzuregen.

Der Kopf, der am Strand angespült worden war, war kein böses Omen, kein Anzeichen von Unruhen jenseits des Meeres, kein Hinweis auf einen Krieg an ihren Grenzen. Das war einfach nur der Kopf einer armen Seele, die ihr Leben auf See verloren hatte und von den launischen Strömungen irgendwo angetrieben worden war. Ohne ihren Kopf? Sie schob den beunruhigenden Gedanken beiseite.

Sie ließ die anderen vorauslaufen und wartete, bis Fergus damit fertig war, die Würmer zu untersuchen, die er unterwegs gefunden hatte; mit einer Hand umklammerte er eine zerdrückte Blume.

»Komm, mein Junge«, sagte sie und beugte sich über ihn. Er hielt ihr einen Wurm hin, damit sie ihn sich näher ansehen konnte. »Schau.«

Margaret lächelte. Eines Tages würde sie vielleicht ein eigenes Kind haben, das so wunderbar und voller Leben war wie dieser Kleine und seine Brüder. »Lassen wir die Würmer lieber leben, ja?« Sie schob sie zurück in ihr Loch. »Leg ihn wieder zu seinen Freunden. Hast du keinen Hunger?«

Fergus blickte von dem Wurm zu Margaret, nickte dann und ließ seinen Gefangenen in das Loch fallen. Sie klopfte den gröbsten Staub von seinen Kleidern, nahm ihn bei der Hand, eilte mit ihm durch das landeinwärts gelegene Tor, sammelte die anderen ein und ging mit ihnen zur Burg. Die Jungen rannten voran über den Hof und trampelten durch den Lagerraum, der auch als Wachstube diente, rempelten einander an und rannten dann die Wendeltreppe hinauf zu dem Flur, der zur großen Halle führte. Dort warteten sie auf Margaret, Nell und Fergus. Margaret zupfte ihre Gewänder zurecht, fuhr allen mit den Fingern durchs Haar und bedeutete ihnen dann, einzutreten.

Diesen Raum mochte sie in ganz Somerstrath am liebsten. Die Halle war nicht groß, verglichen mit den Gebäuden, die sie in Stirling und Edinburgh gesehen hatte, oder den gewaltigen Schlössern nach normannischer Art, die überall in der Mitte Schottlands errichtet wurden. Aber sie war groß genug für einige Reihen langer Tische aus poliertem Kiefernholz und für die von vielen Gästen glatt gesessenen Bänke. Und der aus Stein gemeißelte Kamin am Ende des Saals wäre prächtig genug gewesen für jedes Schloss, das sie je gesehen hatte. Ihre Mutter hatte den großen Raum mit Wandbehängen wohnlicher gemacht, und ihr Vater hatte die Wände mit Trophäen geschmückt, mit Hirschgeweihen und einem Eberkopf, der die Jungen zu wilden Geschichten inspiriert hatte.

In einer Ecke saßen mehrere Männer ihres Vaters und steckten die Köpfe zusammen. Ihr Vater und Rignor saßen allein an einem anderen Tisch. Margarets gute Laune verflog, als sie ihre Mienen sah. Vaters Gesicht war gerötet, was bedeutete, dass sich er und Rignor wieder einmal gestritten hatten. Vater schlug gerade mit der Faust auf den Tisch, als die Jungen näher kamen, und bemerkte deren erschrockene Mienen nicht einmal. Er beugte sich vor und funkelte Rignor finster an.

»Ich kann deine Ausreden und dein Gejammer nicht mehr hören«, brüllte Vater. »Du hättest das noch vor dem Mittag erledigen und nicht jemand anderem übertragen sollen. Keine Aufgabe ist zu unbedeutend für das Oberhaupt eines Clans! Es ist an der Zeit, dass du endlich damit aufhörst, dir selbst das Leben leichter und allen anderen schwerer zu machen. Du solltest lieber lernen, wie man Leute führt, Sohn, denn sonst suche ich mir einen der Jüngeren aus, der an deiner Stelle mein Nachfolger wird, wenn ich nicht mehr bin.«

»Du wirst nichts mehr zu sagen haben, wenn du nicht mehr bist«, brüllte Rignor zurück.

Ihr Vater bekam rote Flecken im Gesicht. »Sag das noch einmal, Junge, und ich erledige das gleich hier und heute.«

Rignor stürmte hinaus, ohne seine Geschwister eines Blickes zu würdigen. Ihr Vater starrte kopfschüttelnd ins Leere, während Margaret einen Blick mit Nell wechselte. Würde es zwischen ihrem Vater und ihrem Bruder je Frieden geben?

Sie waren sich in vielerlei Hinsicht so ähnlich, beide groß, dunkel und kräftig gebaut. Beide waren aufbrausend, doch ihr Vater verhielt sich beherrscht und maßvoll, während Rignor seinen Impulsen nachgab. Ihr Vater stellte die Bedürfnisse des Clans vor seine eigenen – meistens jedenfalls. Rignor tat das nur selten. Ihr Vater hörte sich an, was andere ihm zu sagen hatten, und bezog es in seine Erwägungen ein. Rignor redete zwar gern und viel, war aber taub gegen jegliche Bemerkung, die ihm nicht passte. Rignor stellte seinen Vater selten zufrieden, doch wenn es um Rignor ging, war ihr Vater auch schwer zufriedenzustellen.

Die Miene ihres Vaters hellte sich auf, als er sich ihnen zuwandte und Fergus auf seinen Schoß zog. »Hast wieder im Schmutz gewühlt, was, mein Kleiner?«

»Vater!«, rief Ewan. »Wir haben einen Kopf gefunden!«

Ihr Vater lächelte. »Müsst ihr euch den teilen? Solltet ihr nicht insgesamt sechs Köpfe haben, und nicht nur einen?«

Ewan schüttelte den Kopf. »Nein, nein, Vater. Ehrlich, wir haben einen echten Kopf gefunden, am Strand!«

»Einen Kopf gefunden? Was soll das heißen?«

Die Jungen redeten alle durcheinander. Ihr Vater lauschte mit gerunzelter Stirn und blickte dann über ihre Köpfe hinweg zu Margaret auf. »Ab nach oben mit euch, Jungen«, sagte er, als sie fertig waren. »Du auch, Nell.«

»Ist denn irgendwo Krieg, Vater?«, fragte Ewan.

Ihr Vater schüttelte den Kopf. »Ich habe nichts von einem Krieg gehört. Und jetzt ab mit euch.«

Nell scharte die Jungen seufzend um sich und bedeutete Margaret mit einem gequälten Blick, dass es ihr nicht passte, mit den Kindern fortgeschickt zu werden. Schweigen herrschte in der großen Halle, nachdem das aufgeregte Geschwätz der Jungen auf der Treppe verhallt war, und dann wandte ihr Vater sich mit düsterer Miene seinen Männern zu.

»Sucht den Kopf. Bringt ihn mir.« Er wartete, bis sie gegangen waren, und blickte dann Margaret an. »Erzähl mir noch einmal, was geschehen ist.« Er hörte aufmerksam zu, die Arme vor der Brust verschränkt und mit finsterem Blick, sagte aber nichts mehr.

Als die Männer schließlich mit dem Kopf zurückkehrten, wickelte ihr Vater das Bündel aus und starrte lange auf den Inhalt. Er berührte den Kopf nur ein einziges Mal, um eine blonde Strähne zwischen den Fingern zu reiben, bevor er ihn wieder von sich schob.

»Das war ein Wikinger, nicht?«, fragte Margaret.

Ihr Vater nickte. »Begrabt das Ding«, befahl er seinem Hauptmann, rief dann nach seinem Kriegsherrn und stapfte durch die Halle und zur Tür hinaus, seine Männer ihm dicht auf den Fersen.

Margaret wartete, und wie sie vermutet hatte, kehrte Rignor bald darauf zurück und lümmelte sich ihr gegenüber auf die Bank. Er trank einen kräftigen Schluck von Vaters Whisky.

»Worüber habt ihr beiden euch diesmal gestritten?«, fragte sie.

»Er behauptet, ich gebe mir nicht genug Mühe und müsse erst lernen, wie man Clanoberhaupt wird.«

»Hast du ihm gesagt, dass du dich von nun an mehr bemühen würdest, Rignor?«

Er funkelte sie an.

»Du brauchst es doch nur zu versuchen«, sagte sie und beugte sich vor. »Du wirst ein gutes Clanoberhaupt sein, wenn die Zeit gekommen ist. Sag ihm nur, dass du dir Mühe geben wirst.«

Rignor brummte unwillig und erhob sich. »Ich habe es satt, dass er mir ständig sagt, ich sei nicht gut genug. Und dass du ihm auch noch recht gibst. Du bist mir eine schöne Schwester, dass du mich nicht einmal verteidigst. Genauso, wenn sie mir sagen, ich dürfte Dagmar nicht heiraten. Da hast du mir kein bisschen geholfen! Ich lasse mich nicht davon abbringen, ganz gleich, was sie sagen. Und erzähl mir nicht, ich müsse mich eben anderswo umsehen oder wir bräuchten weitere Allianzen mit Ross oder sonst irgendeinem Clan. Das habe ich alles schon gehört. Jetzt redet er über die Comyns – als bräuchte die mächtigste Familie in ganz Schottland eine eheliche Verbindung mit uns! Ich werde mit dir nicht mehr über Dagmar reden und darüber, wen ich heiraten werde.«

»Ich hatte nicht vor, etwas dazu zu sagen«, erwiderte sie, und das entsprach der Wahrheit. Ihre Eltern hatten das Thema erschöpfend behandelt und ihrem Sohn ein Dutzend Mal erklärt, warum er seinem Clan gegenüber eine Verantwortung habe, sich gut zu verheiraten, und warum sie einer Hochzeit mit Dagmar niemals zustimmen würden.

Margaret hatte auch nicht vor, ihm zu sagen, was sie wusste, nämlich dass mehrere Versuche, einen Ehekontrakt für Rignor und eine wünschenswerte junge Frau zu knüpfen, ziemlich schnell an irgendeiner Dummheit Rignors gescheitert waren. Er hatte den Vater einer der bedeutendsten Familien des MacDonald-Clans beleidigt, eine Katastrophe, die noch immer nicht bereinigt war. Auf Besuch bei der nächsten guten Partie, war er im Bett der Zofe ertappt worden. Ihr Vater hatte versucht, die Sache scherzhaft abzutun, doch der Vater der jungen Dame hatte das anders gesehen und war nicht mehr bereit gewesen, diese Verbindung in Betracht zu ziehen. Rignor war, genau wie Margaret, kurz nach seiner Geburt versprochen worden, und einige Jahre später erneut, doch beide Mädchen waren noch als Kinder verstorben. Unter den Clanleuten wurde getuschelt, Rignor sei verflucht und werde nie eine Frau finden, und manchmal fragte sich Margaret, ob die Leute nicht vielleicht recht hatten.

»Rignor«, begann sie, doch er unterbrach sie mit einer ungeduldigen Handbewegung.

»Lachlan Ross lieben sie natürlich. Jeder mag Lachlan.

Und du bist durchaus gewillt, ihn zu heiraten.«

»Ja, das bin ich«, sagte sie, doch er ließ sie nicht weitersprechen.

»Aber Lachlan ist nicht der Prachtkerl, als den sie ihn hinstellen, weißt du?«, sagte Rignor und beugte sich vor. »Ich habe Klagen von seinen Leuten gehört, dass er sie vernachlässigt, dass er seine ganze Zeit bei Hofe verbringt und all sein Geld für teure Gewänder für sich selbst ausgibt. Es wird ihm schwerfallen, in seinem Leben Platz für eine Ehefrau zu finden, Margaret.«

»Das stimmt nicht!«, rief sie aus. »Er war immer sehr freundlich zu mir. Und zu dir. Bei seinem letzten Besuch war er mit dir auf der Jagd.«

»Und was hat er da gefangen, hm?«

Sie sah ihn stirnrunzelnd an. »Was soll das heißen?«

»Ich mag ihn nicht, Margaret. Das soll es heißen.«

Er verließ die Halle, ohne einen Blick zurückzuwerfen.

Margaret seufzte.

Ihr Vater ließ die Patrouillen an den Grenzen seines Landes verstärken, sandte Nachricht von dem Fund an die benachbarten Clans und verbrachte viele Stunden in ernster Unterhaltung mit seinem Kriegsherrn, der dem Clanoberhaupt in Kriegszeiten zur Seite stand, doch die beiden verstummten sofort, wenn sich ihnen jemand näherte. Den anderen sagte er nichts. Es wurden keine weiteren Köpfe gefunden. Die Boten, die von den anderen Clans kamen, brachten keine Nachricht von Überfällen oder Unruhen, und die Leute hörten wieder auf, ständig über die Schulter zu blicken und sich Sorgen zu machen. Ganz Somerstrath hielt den Atem an, doch als immer mehr Tage ohne einen Zwischenfall vergingen, legte sich die Aufregung. Allerdings nicht bei Margaret, die immer noch beunruhigt war, als hätte ihr Körper eine Veränderung gespürt, die in der Luft lag, ohne dass ihr Verstand sie genauer benennen könnte.

Sie redete sich ein, das sei die Nervosität einer Braut und sie sei so rastlos, weil dies ihre letzten Tage in Somerstrath waren. Sie war in ihrem Leben schon ein wenig herumgereist, hatte Anwesen der MacDonalds und der Ross’ besucht und die Familie ihrer Tante Jean, die Comyns. Sie hatte mit Adeligen, Clanoberhäuptern und einem König gespeist, doch den Großteil ihres Lebens hatte sie hier verbracht, auf dem kleinen Stück Land des MacDonald-Clans, über das ihr Vater gebot. Ihre Unruhe, so sagte sie sich, kam schlicht daher, dass sie bald alles und jeden zurücklassen würde, das und den sie kannte. So sehr sie sich auf ihre Hochzeit freute – ein Teil ihres Herzens würde immer hier in Somerstrath bleiben.

Sie würde nicht hier sein, um die Winterstürme mitzuerleben, die von Westen hereinbrachen, um die salzige Gischt zu spüren, die der Wind vom Wasser hochpeitschte und bis in die Burg trieb, würde nicht hier sein, um die Regenbogen zu sehen, die sich von den Bergen herabzogen oder hinter den blauen Inseln vor der Küste versanken, um den Geschichten zu lauschen, die an langen Winterabenden erzählt wurden, Geschichten vom mächtigen Somerled, von dem ihr Vater abstammte, Geschichten von den großen Kriegern vergangener Zeiten, die um der Ehre oder Liebe willen alles aufs Spiel gesetzt hatten, von Selkies und Banshees und Riesen. Sie würde nicht hier sein, wenn das neue Brüderchen oder Schwesterchen zur Welt kam, sie würde das Kind überhaupt nicht kennenlernen, würde nicht miterleben, wie ihre Brüder heranwuchsen und sich veränderten. Sie würde verheiratet sein, im Landesinneren leben, umgeben von Luxus und Bergen und Bächen, die vielleicht rauschten wie das Meer, aber weit fort von ihrer Heimat und ihrer Familie waren. Da war es nur natürlich, dass sie beunruhigt war.

Doch das sollte sie nicht sein, schalt sie sich. Schließlich heiratete sie nicht irgendeinen Fremden, sondern Lachlan. Das Leben mit ihm würde wunderbar sein. Und sie konnte Somerstrath besuchen; Lachlan war oft genug hier zu Besuch. Nell und ihre Brüder konnten sie besuchen. Und Fiona würde bei ihr sein, davon würde sie ihre Eltern schon noch überzeugen. Außerdem blieb ihr ja noch ein wenig Zeit hier, zwei Wochen, bevor sich alles verändern würde.

Doch leider irrte sie sich.

2

Juni 1263
Fermanagh, Ulster, Irland

»Mylord.«

Gannon MacMagnus blickte von dem Brief auf, den er gerade an Patrick Maguire, seinen Stiefvater, schrieb. Er lehnte sich auf dem Stuhl des Pächters, in dessen Haus sie die Nacht verbracht hatten, zurück. Er hatte Patrick gerade schreiben wollen, dass in seinen westlichen Ländereien alles zum Besten stand und dass Gannon und sein jüngerer Bruder Tiernan die gesamte Grenze ohne jeden Zwischenfall abgeritten hatten. Doch ein Blick auf den Mann, der nun in der Tür stand, weckte in Gannon die Befürchtung, dass der Brief anders würde lauten müssen.

Der Mann war Alban Maguire, und neben ihm stand sein Bruder. Beide waren Gefolgsleute von Gannons Stiefvater, und Gannon kannte sie seit vielen Jahren. Albans Miene war von Trauer gezeichnet, und er wirkte erschüttert. Sein Bruder war bleich und blickte grimmig drein. Was auch immer vorgefallen sein mochte, war sehr ernst. Auf der anderen Seite des Raums blickte Tiernan von dem Zaumzeug auf, das er gerade überprüfte, und die Brüder wechselten einen Blick.

»Was ist geschehen, Alban?«, fragte Gannon.

Alban rang die Hände. »Mylord, erinnert Ihr Euch, dass ich Euch erst gestern erzählt habe, was geschehen ist, als meine Tochter in Sligo war? Dass dieser Mann um sie angehalten hat, und sie hat ihn abgewiesen?« Auf Gannons Nicken hin fuhr er mit bebender Stimme fort: »Sie müssen gewusst haben, dass Ihr in unserem Haus wart und wann Ihr es verlassen habt, denn in der Nacht, gegen Morgen, sind sie gekommen.« Er hielt inne, um zitternd Luft zu holen. »Sie haben meine Frau umgebracht, Sir. Und meine Töchter geraubt, alle beide. Ich habe versucht … Ich habe es versucht, Mylord, aber ich konnte sie nicht aufhalten. Wisst Ihr noch, was ich Euch erzählt habe – dass er gedroht hat, sich an ihr zu rächen? Aber ich hätte nie damit gerechnet …« Er barg das Gesicht in den Händen und konnte nicht weitersprechen.

»Ja. Ich erinnere mich«, sagte Gannon. Es hatte ihn nicht überrascht, dass der Mann aus Sligo ihr einen Antrag gemacht hatte; sie war sehr schön. Aber es hatte ihn auch nicht überrascht, dass sie ihn verächtlich zurückgewiesen hatte; sie hatte schon immer eine sehr hohe Meinung von sich selbst gehabt. Die meisten Männer, die auf diese Weise abgewiesen wurden, wären daraufhin verbittert gewesen, aber nicht gewalttätig geworden. Gannon erhob sich, sammelte seine Dokumente ein und spürte, wie die Wut in ihm hochstieg.

»Er kam im Morgengrauen zu mir«, sagte Albans Bruder und deutete auf Alban. »Und ich habe ihm gesagt, dass er sich an Euch wenden soll. Es ist doch nicht zu glauben, dass Männer einfach so etwas tun, eine Frau ermorden und meine Nichten rauben. Gott allein weiß, was inzwischen mit ihnen geschehen sein mag.«

Gannon legte sein Papier und die Feder in die hölzerne Kassette und ließ den Deckel mit einem dumpfen Knall zuschlagen. »Ihr wollt, dass wir ausziehen und sie zurückholen, nicht wahr?«

Albans Bruder sah Tiernan an, und dann die vier anderen Männer im Raum. »Nein. Ihr seid zu wenige. Aber wir dachten, da Ihr doch ein Cousin des großen Rory O’Neill seid, des Herrn von ganz Ulster, könntet Ihr ihm vielleicht eine Nachricht senden und ihn um Hilfe bitten. Wenn Ihr ihn darum bittet, wird er uns wohl ein paar Männer schicken …«

»Das würde drei Tage dauern«, sagte Gannon. »Wie viele waren es?«

»Fünfzehn, Mylord, allesamt groß und furchterregend.« Gannon zog eine Augenbraue hoch. »Wir sind zu sechst, Sir, und ihr beide macht acht. Und ich versichere Euch, dass wir wesentlich furchterregender sind als sie. Wisst Ihr, wo sie sind?«

»Wir haben ihre Spur bis zu einer Lichtung nicht weit von hier verfolgt, Mylord, aber Ihr denkt doch nicht etwa daran, es ohne Hilfe mit ihnen aufzunehmen?«

Tiernan trat an Gannons Seite. Die Brüder wechselten einen Blick, dann nickte Gannon. Er wandte sich an seine Männer. »Macht euch bereit, Leute. Wir haben etwas zu erledigen. Wir ziehen los und holen uns die Bastarde.«

Gannon beugte sich dichter über den Hals seines Pferdes hinab und flüsterte dem Hengst etwas zu, der daraufhin mit den Ohren zuckte. Das Pferd, ebenso hervorragend ausgebildet wie sein Herr, gab keinen Laut von sich. Gannon wandte sich nach Tiernan um, der sein Pferd neben ihm zum Stehen gebracht hatte; beide standen im fleckigen Schatten der Bäume, die sie umgaben. Auf der Lichtung vor ihnen kauerten die beiden Mädchen dicht aneinandergedrängt, die Jüngere schluchzte. Die Ältere starrte in die Ferne, während die Männer aus Sligo ihre Pferde versorgten, sich unterhielten und einen Weinschlauch herumgehen ließen. Offensichtlich hatten sie schon reichlich getrunken. Und, nach den Blicken zu schließen, die sie den Mädchen zuwarfen, nicht nur das.

Gannon winkte Alban zu sich heran und bedeutete ihm, leise zu sein. Als Alban bei ihm war, schob er die dichten Blätter auseinander und fragte: »Sind sie das?«

Alban nickte. Seine Angst war nicht zu übersehen. »Aber Mylord, Ihr werdet es nie …«

Gannon legte den Zeigefinger an die Lippen. »Wir holen sie zurück«, flüsterte er.

Er drehte sich zu den Männern hinter ihm um und bedeutete zwei von ihnen, sich zu beiden Seiten der Lichtung zu postieren. Dann nickte er Tiernan zu. Sein Bruder erwiderte das Nicken und hob die Hand, woraufhin sich die Männer bereit machten. Gannon ließ den beiden an den Flanken noch einen Augenblick Zeit, ihre Positionen zu erreichen, richtete sich dann auf und zog langsam das Schwert aus der Scheide, darauf bedacht, kein Geräusch zu machen. Er würde diesen Bastarden eine einzige Chance geben. Er nahm die Zügel und ritt auf die Lichtung.

Die Männer aus Sligo sprangen auf, einige griffen nach den Waffen, zögerten dann jedoch und beobachteten ihn. Gannon gab den Männern, die ihn anstarrten, genug Zeit, sein erhobenes Schwert zu sehen, und ließ sein Pferd in einem engen Kreis tänzeln, während er seine Gegner rasch musterte. Die meisten waren offensichtlich kampferprobte Männer, zweifellos für diesen Überfall angeheuert. Sie betrachteten ihn mit einer Mischung aus Verachtung und Staunen.

»Ihr werdet beschuldigt, diese Mädchen geraubt und ihre Mutter ermordet zu haben«, sagte Gannon. »Ich bin gekommen, um euch der Gerichtsbarkeit des Patrick Maguire zu überstellen.«

»Allein?«, fragte einer der Männer verächtlich.

»Werdet ihr mitkommen?«, fragte Gannon.

»Den Teufel werden wir tun«, sagte der Mann und griff Gannon an.

Gannon hatte auf ihn gewartet. Der Mann starb augenblicklich, und Gannon wandte sich dem nächsten zu. Hinter sich hörte er Tiernans Ruf und den Lärm der Pferde, die durch das Unterholz brachen; sein Bruder leitete den Angriff auf das Lager, und die anderen hinter ihm brüllten ihre Schlachtrufe. Die meisten der Männer aus Sligo kamen nicht einmal mehr dazu, nach Axt oder Schwert zu greifen, doch einige kämpften erbittert.

Gannon schlug sich durch ein dicht gedrängtes Grüppchen Gegner und ließ dann sein Pferd herumwirbeln, um erneut durch das Lager zu pflügen. Einer der Männer riss Albans ältere Tochter vom Boden hoch und benutzte sie als Schutzschild. Gannon nahm den Lärm um sich herum nicht länger wahr, als er dem Mann in die Augen sah und dann die junge Frau anblickte, der Tränen über das Gesicht liefen. Sie trug bereits dunkle Male am Hals, Spuren der Misshandlung. Sie drückte sich verzweifelt den zerfetzten Kittel vor die Brüste, schloss die Augen und zuckte vor Angst zusammen, als Gannon das Schwert hob. Er zielte so genau, dass er sie nicht einmal berührte. Der Mann hinter ihr wand sich auf dem Boden und blieb gleich darauf reglos liegen. Gannon würdigte ihn keines Blickes, sondern sah nach, wie sich Tiernan und die anderen schlugen.

Es war vorüber. Auf der anderen Seite der Lichtung schloss Alban seine jüngere Tochter in die Arme. Der Onkel der Mädchen fing Gannons Blick auf und nickte grimmig.

Sie verbrachten die Nacht in dem umfriedeten Dorf, in dem Albans Bruder lebte, und lauschten ihm und Gannons Männern, die die Geschichte von der Rettung der beiden Frauen immer wieder erzählten und sie mit jedem Mal noch abenteuerlicher ausschmückten. Gannon machte das nichts aus. Er trank ihren Whisky und nahm ihren Dank entgegen, bemühte sich jedoch, Alban und seine Töchter, deren Leid beinahe greifbar war, nicht anzusehen. Das Bett, das die Dorfbewohner Gannon zur Verfügung stellten, war warm, die Frau, die es mit ihm teilte, mehr als willig, und er war für beides dankbar.

Er träumte von Wasser, das über seinem Kopf zusammenschlug, von Gliedern, die zu schwer waren, um dem Licht dort oben entgegenzustreben, träumte davon, langsam in die Tiefe zu sinken und zu wissen, dass er versagt hatte und ihn der Tod erwartete. Er spürte, wie das Wasser unter seine Kleidung drang, wie herzlose kalte Finger ihm die Luft aus der Lunge pressten, seine Beine packten und ihn unerbittlich hinabzogen, immer tiefer, während das letzte bisschen Leben aus seinem Körper zu entweichen und zur Oberfläche zu treiben schien. Er blickte ein letztes Mal hinauf zum Licht.

Und dann nichts mehr.

Gannon fuhr aus dem Schlaf, noch immer zitternd, und merkte, dass er die Hände zu Fäusten geballt hatte, sein Herz hämmerte und sein ganzer Körper in Schweiß gebadet war. Das war ein Traum, sagte er sich. Keine Erinnerung. Keine Vorahnung. Nur eine Nachwirkung der Ereignisse des vergangenen Tages. Er schlüpfte vorsichtig aus dem Bett, um die Frau nicht zu wecken, und trat rasch aus dem Haus in die Nacht hinaus. Er starrte in den Himmel und beruhigte sich, indem er sich die Namen der Sternbilder dort oben vorsagte. Leo, der Löwe. Draco, der Drache.

Das Flüstern, dann die Träume. Das Flüstern kam stets zuerst, es klang wie der Wind in den Bäumen und enthielt Worte, die er beinahe hören konnte, schwache Fetzen längerer Sätze. Er ritt etwa durch einen Wald oder stand an der Küste und dachte an etwas völlig anderes, wenn das Geflüster plötzlich zu ihm drang, ihm seine halbe Geschichte erzählte und Erinnerungen mit sich brachte, die er unterdrückt hatte. Und dann kamen die Träume, Albträume, so wirklichkeitsnah, dass er schwören könnte, er sei dort, sehe den Tod anderer Menschen oder erlebe seinen eigenen, und die Bilder hingen noch in der Luft, wenn er erwachte. Als Nächstes kam die Erleichterung, dass der Tod ihn nicht geholt hatte, rasch gefolgt von der Erkenntnis, dass das eines Tages doch geschehen würde.

Er hatte keine Angst davor, zu sterben. Er hatte Angst davor, zu versagen, und genau das war es, was in seinen Träumen geschah. Jedes Mal wachte er am ganzen Körper zitternd auf und konnte sich nur beruhigen, indem er sich vor Augen hielt, wer er war, was er alles gelernt hatte und was für Blut in seinen Adern floss. Alle Menschen fanden irgendwann den Tod, und ihm würde es nicht anders ergehen. Das konnte er ebenso wenig ändern, wie er Ebbe und Flut umkehren konnte.

Das Flüstern und die Träume waren Warnungen, das wusste er; Warnungen, dass die Zeit seiner Prüfung bevorstand, von der er im tiefsten Inneren stets gewusst hatte – die Zeit, für die er geboren worden war. Er würde sich allem stellen, was da kommen mochte. Und er würde triumphieren. Ihm blieb keine andere Wahl. Eine Veränderung stand an, und er war bereit dafür.

Sie ereignete sich schneller, als er erwartet hatte, denn kaum waren er und Tiernan in die Festung ihres Stiefvaters zurückgekehrt, da wurden sie auch schon zu ihm gerufen.

Nell MacDonald summte vor sich hin, ließ ihre Röcke schwingen und beobachtete ihren Schatten an der verputzten Wand des Zimmers, das sie sich mit ihrer Schwester teilte. Sie war zu schnell gewachsen, hatte ihre Mutter geklagt, als sie verzweifelt nach etwas gesucht hatten, das Nell zu Margarets Hochzeit tragen könnte – alles, was sie gefunden hatten, war zu kurz gewesen. Aber Nell konnte schließlich nicht selbst darüber bestimmen, wie groß sie war. Oder über sonst irgendetwas in ihrem Leben.

Sie hatte gestern ihr neues Gewand bekommen. Beide Röcke waren aus lavendelblauer Seide, das Mieder ein wenig dunkler. Alles zusammen ergab ein exquisites, prächtiges, elegantes Gewand. Sie hatte es seither immer wieder anprobiert und war sehr stolz auf sich, stolz darauf, dass ihr Körper sich veränderte und sie die Mädchenkleider hinter sich lassen konnte. Margaret heiratete einen bedeutenden Mann, der sie mit an den Hof nehmen würde – und vielleicht auch ihre Schwester –, da würde einfache Kleidung nicht mehr genügen. Und obwohl ihr niemand etwas gesagt hatte, wusste sie, dass in letzter Zeit auch über ihre eigene Verlobung gesprochen worden war. Es war an der Zeit, auszusehen wie eine Frau. Wie Margaret, die ganz Somerstrath damit beschäftigt hatte, ihr neue Gewänder zu nähen, Mieder aus Seide, weite Rockschöße, die mit Bändern gerafft wurden, und einen wollenen Umhang mit Pelz gefüttert. Nun endlich war Margarets Garderobe vollständig, und die Aufmerksamkeit hatte sich der restlichen Familie zugewandt, was Nell sehr freute.

Margarets Hochzeit stand bevor, und ihre Mutter war vollauf mit den Vorbereitungen beschäftigt, damit sich ihr Heim und ihre Familie den Gästen von ihrer besten Seite zeigten. Nell hatte ihrer Mutter erklärt, dass sich niemand daran stören würde, wenn nicht alles vollkommen wäre, doch ihre Mutter hatte ihre Worte gereizt beiseitegewischt und Nell gesagt, sie verstehe das einfach nicht. Das stimmte auch. Eine Hochzeit sollte doch ein freudiger Anlass sein, aber der Laune ihrer Mutter nach hätte man das nie vermutet. Nell hoffte, ihre Mutter würde ruhiger werden, wenn Nell mit dem Heiraten an der Reihe war. Wann auch immer das sein mochte. Wen auch immer sie heiraten sollte.

»Schaust du schon wieder deinen Röcken beim Schwingen zu?«

Nell fuhr herum, als sie Margarets Stimme hörte, und ließ ihre Röcke erneut durch die Luft wirbeln. »Lach mich ruhig aus, aber ich will es genießen, bevor ich auch aus diesem Kleid wieder herauswachse.«

Margaret lachte tatsächlich. »Ich wollte dir nur sagen, dass Mutter mich zu den Hochweiden schickt, statt selbst zu gehen.«

Nell nickte. Jeden Sommer besuchte ihre Mutter die kleinen Katen auf den Weiden im Vorgebirge, um nach jenen Clanmitgliedern zu sehen, die das ganze Jahr über dort lebten. Außerdem sorgte sie dafür, dass die zeitweise unbewohnten Hütten für die Dorfbewohner bereit waren, die den Sommer in den Hügeln verbringen würden; sie nahmen ihre ganzen Familien und alle ihre Tiere mit, um das Vieh auf den saftigen Weiden zu mästen, und kehrten erst zum Lammas-Fest im August zurück. Doch dieses Jahr war ihre Mutter hochschwanger; da war es nur vernünftig, dass Margaret an ihrer Stelle ging.

»Rignor reitet natürlich mit«, sagte Margaret. »Möchtest du auch mitkommen?«

»Oh ja! Das wäre herrlich.« Nell lächelte voller Vorfreude. Ein Tag mit Margaret, außerhalb des engen Dorfs, wäre wunderbar, auch wenn der mürrische Rignor sie begleitete.

»Gut. Jetzt müssen wir nur noch Mutter davon überzeugen. Das überlasse ich lieber dir. Ich kann ihr in letzter Zeit anscheinend nichts recht machen.«

Nell nickte. Ihre Mutter war besonders barsch zu Margaret und noch strenger als mit allen anderen. Nell hatte sich oft gesagt, das läge nur daran, dass ihre Mutter für Margaret alles so perfekt haben wollte. Ihre Schwester trat an das winzige Fenster und starrte mit so ernster Miene hinaus, dass Nell innehielt und sie beobachtete.

»Margaret? Mutter wird bald wieder fröhlicher sein, wenn die Hochzeit vorbei und das Baby da ist. Dann ist sie wieder sie selbst.«

»Aber ich werde dann nicht mehr hier sein, nicht wahr, Nell?«

Nell spürte einen Kloß in der Kehle. »Bist du deswegen traurig?«

Margaret drehte sich um, und ihre hochgezogenen Augenbrauen hoben sich wie dunkle Mondsicheln von ihrer blassen Haut ab. »Nein, natürlich nicht. Aber ich werde dich vermissen, Nell. Du wirst mir mehr fehlen als alle anderen hier. Du musst uns besuchen kommen, ja?«

Nell lächelte und dachte an die Gewänder und Schuhe und die faszinierenden Menschen, die sie dann sehen würde. Ihr Lächeln verblasste, als die Tür mit einem Knall aufgestoßen wurde und ihre Mutter mit finster gerunzelter Stirn eintrat.

»Seid ihr beiden taub? Habt ihr nicht gehört, dass ich euch gerufen habe? Zieh das Gewand aus, Nell, sonst ruinierst du es, ehe du es einen Tag lang getragen hast. Kommt, ihr beiden. Ich kann nicht alles alleine machen. Margaret, wo warst du den halben Vormittag? Deine Brüder kommen mir ständig in die Quere. Ich verstehe nicht, warum euer Vater sie nicht mitnimmt, statt sie hier zu lassen, wo ich mich dauernd um sie kümmern muss. Ich versuche, diese Festung wie einen Palast aussehen zu lassen, auch wenn es nichts nützt, ganz gleich, wie viel Zeit ich dafür opfere, und kaum habe ich etwas geschafft, machen es eure Brüder wieder kaputt. Himmel, wie sieht eigentlich dieses Zimmer aus? Ihr müsst hier gründlich aufräumen.«

»Das sind doch nur ein paar Sachen«, sagte Margaret.

»Ein paar Sachen! So nennst du also all die wunderhübschen Kleider, die wir für deine Hochzeit genäht haben? Ein paar Sachen!«

»Ich meinte doch nur, dass nicht viel aufzuräumen ist. Ich wollte damit nicht sagen, dass sie nicht wunderhübsch sind.«

»Tja, ich sehe ja, mit welcher Sorgfalt du sie behandelst. Mehr bekommst du nicht, Mädchen, und ich will nicht, dass du uns bei Hofe Schande machst, obwohl es mir ein Rätsel ist, wie man von uns erwarten kann, mit all diesen Damen und ihren raffinierten Gewändern mitzuhalten, wo wir doch hier draußen am Ende der Welt leben.«

Nell unterbrach ihre Mutter, bevor sich diese in Rage reden konnte. »Wenn Margaret und Rignor zu den Weiden reiten, darf ich dann mitkommen? Bitte, darf ich mit?«

Mutter schüttelte den Kopf. »Du musst auf Fergus aufpassen. Du wärst ihnen ohnehin nur im Weg.«

»Ich könnte ihnen helfen.«

Ihre Mutter schnaubte. »Du willst doch nur einen Tag in den Hügeln herumreiten, statt hierzubleiben und deine Arbeit zu tun, nicht wahr? Nein, es hat keinen Zweck, das zu leugnen. Du bleibst hier und passt auf Fergus auf.«

»Inghinn kann doch auf Fergus aufpassen. Sie tut das gern.«

Die Augen ihrer Mutter wurden schmal. »Du bleibst hier. Margaret, kämm dein Haar, Lachlan kommt jeden Augenblick hier an.«

Margarets Freude war offensichtlich. »Schon wieder?«

»Du solltest dich freuen, dass dein Verlobter dir so viel Aufmerksamkeit widmet«, herrschte ihre Mutter sie an.

»Das tue ich ja auch. Ich bin nur überrascht, dass er so bald schon wiederkommt.«

»Mutter, bitte lass mich mitgehen …«, fing Nell erneut an. Ihre Mutter schüttelte den Kopf. »Wenn du mich noch einmal darum bittest, lasse ich dich die Gänse hüten, Nell MacDonald. Kommt herunter. Ich habe Arbeit für euch.« Sie machte auf dem Absatz kehrt und ließ die Tür hinter sich zuschlagen.

Nell seufzte und verdrehte die Augen. »Siehst du, sie ist nicht nur zu dir so. Ich wünschte, dieses Baby würde endlich kommen.«

»Es war auch nicht gerade klug von dir, Inghinn zu erwähnen.«

»Ach, soll ich vielleicht auch so tun, als wäre sie nicht da, wie Mutter das immer macht?« Margaret sah sie überrascht an, und Nell fuhr fort: »Ich bin kein Kind mehr, weißt du, obwohl mich alle wie ein Kind behandeln. Ich höre Mutter weinen, ich höre, wie sie sich streiten – wir alle hören, wie sie sich streiten. Ich weiß, was Inghinn und Vater tun.«

Margaret sank aufs Bett. »Offensichtlich. Ich wollte wohl lieber glauben, du wüsstest nichts von alledem. Es tut mir leid, dass du es doch mitbekommen hast.«

»Ich weiß alles, was hier vor sich geht. Niemand beachtet mich. Sie unterhalten sich, wenn ich dabei bin, als könnte ich kein Wort verstehen.« Nell setzte sich neben ihre Schwester aufs Bett. »Und sag mir nicht, ich würde das begreifen, wenn ich älter bin, denn dann schreie ich!«

»Ich weiß noch, wie es war, in deinem Alter zu sein. Mir ging es genauso. Ich dachte nur, du müsstest noch nichts davon wissen …«

»Inghinn sagt, ihr Kind ist von Vater.«

Margaret seufzte schwer. »Ja.«

»Vielleicht sucht Vater sich andere Frauen, weil Mutter ihn immer anschreit.«

»Vielleicht schreit Mutter ihn immer an, weil Vater sich andere Frauen sucht.«

»Wird es zwischen ihnen je wieder gut?«

»Das glaube ich nicht.« Schweigend saßen sie einen Augenblick lang beisammen, dann straffte Margaret die Schultern. »Und jetzt ab mit dir, bevor sie wiederkommt, um uns zu holen.«

Nell schlich bedrückt hinaus, und Margaret dachte über die Ehe ihrer Eltern nach. Dann dachte sie an ihre eigene und fragte sich, ob sie und Lachlan glücklich sein würden. Wie war es mit ihren Eltern nur so weit gekommen? Sie lugte in ihren winzigen, kostbaren Handspiegel, seufzte und beschloss, dass ihre Ehe mit Lachlan anders verlaufen würde. Sie kämmte sich das Haar, kniff sich in die Wangen, bevor sie hinunterging, und hoffte, dass sie in Wirklichkeit besser aussah als die Frau in ihrem Spiegel.

Ihr Verlobter saß mit Rignor in der großen Halle, einen Krug von Somerstraths bestem Bier in der Hand. Lachlan war ein sehr gut aussehender Mann; das sagten alle. Sie war auf einmal sehr stolz auf seine große, schlanke Gestalt, seine fein geschwungenen Augenbrauen und die schmalen, vornehmen Gesichtszüge. Er war wie immer sehr elegant gekleidet, das dunkle Haar mit einem goldgewirkten Band zurückgebunden, das feine Leinenhemd an den Säumen üppig bestickt.

Er erhob sich, als er sie sah, lächelte breit und streckte beide Arme aus. »Margaret! Ihr seht bezaubernd aus, wie immer.«

Sie knickste. »Ich danke Euch, Sir. Was führt Euch so bald wieder zu uns?«

»Was sonst als Eure Nähe? Ich habe Euch vermisst. Und ich bringe Neuigkeiten. König Alexander wird zwei seiner eigenen Hofmusikanten zu unserer Hochzeit schicken, als Brautgeschenk. Sind das nicht wunderbare Neuigkeiten?«

»Das habt Ihr uns schon das letzte Mal erzählt«, sagte Rignor.

Lachlans Lächeln erstarb.

»Das sind wunderbare Neuigkeiten, Mylord«, beeilte sie sich zu sagen, obwohl Rignor recht hatte; Lachlan hatte ihnen das bei seinem letzten Besuch bereits erzählt. Er benutzte diese Neuigkeit als Ausrede, um sie wiedersehen zu können. Was bedeutete, dass er drei Tage lang geritten war, um hierherzukommen und sie zu besuchen. Er musste sie schrecklich vermisst haben. Sie lächelte zufrieden. »Ich bin sicher, sie werden prächtig spielen.«

»Würde König Alexander sich mit weniger als dem Besten zufriedengeben?«, erwiderte Lachlan.

»Der König schickt seine Musikanten«, bemerkte Rignor. Diesmal hörte sie ihn genau, diesen unverkennbaren Unterton, der bedeutete, dass er Streit suchte. Sie zog Lachlan von ihm fort, doch Rignor hob die Stimme, damit sie ihn trotzdem verstanden.

»Oh ja, der König schickt seine Musikanten«, rief Rignor, »aber er beehrt uns nicht etwa selbst mit seiner Gegenwart. Dabei sollte man doch meinen, wir könnten ihm der Mühe wert sein, nicht wahr? Ist Margaret nicht die Nichte von William, Earl of Ross, einem der mächtigsten Männer in Schottland? Und ist die Frau unseres Onkels nicht eine Comyn, ebenfalls eine bedeutende Familie? Und ist Lachlan nicht sogar ein Cousin des Königs selbst? Gereicht diese Ehe nicht sowohl Alexander als auch William zum Vorteil, indem sie ihre Linien einmal mehr miteinander verbindet? William kommt zu eurer Hochzeit, aber der König wird nicht erscheinen. Das ist eine Beleidigung!«

»Der König kann nicht überall zugleich sein«, sagte Margaret und warf Rignor einen strengen Blick zu. »Ich bin eigentlich ganz froh darüber, dass er nicht zur Hochzeit kommen wird. Mutter hat schon genug Sorgen, auch ohne dass sie noch den König und sein Gefolge angemessen unterbringen und unterhalten müsste.«

»Sie würde sich freuen«, erwiderte Rignor.

»Sie würde verzweifeln.«

»Es wäre natürlich eine große Ehre gewesen«, begann Lachlan, »aber der König …«

»Hat Wichtigeres zu tun«, beendete Rignor den Satz.

»Aber selbstverständlich hat er das!« Margaret funkelte ihren Bruder an. »Und wir werden König Alexander oft genug sehen, wenn wir bei Hofe sind. Er braucht nicht eigens hierherzukommen!«

Rignor zuckte mit den Schultern, und Margaret bemühte sich, Lachlan rasch wegzubringen. Sie würde sich später mit ihrem Bruder darüber unterhalten. Vielleicht auch nicht, dachte sie und nahm Lachlans Arm. Sie würde fortziehen. Rignor und seine Launen würden in Somerstrath bleiben. Sie hingegen würde die Welt sehen.

Lachlan lächelte. »Kommt, wir suchen Euren Vater.« Margaret nickte. Sie freute sich, dass Lachlan nicht verärgert war und dass ihr der Spaziergang durchs Dorf Gelegenheit geben würde, sich kurz mit Fiona zu unterhalten. »Ich danke Euch für Eure Geduld, Sir.«

Lachlan ging voran, die Wendeltreppe ins Erdgeschoss hinunter und durch den Raum, der sowohl als Wachstube wie auch als Lager diente, und auf den gepflasterten Hof, wo die Männer ihres Vaters mit Lachlans Leuten in kleinen Grüppchen zusammenstanden und Neuigkeiten austauschten. Sie schnappte ein paar Sätze auf, während sie und Lachlan zum Tor gingen. Im Norden war irgendetwas geschehen. Es hatte Gewalttaten in Irland gegeben. Der Kopf am Strand.

»Gibt es Neuigkeiten?«, fragte sie Lachlan.

Er schüttelte den Kopf. »Keine, die uns betreffen.«

»Hat Rignor Euch von dem Wikingerkopf erzählt, den wir am Strand gefunden haben?«

»Ja. Aber, Margaret, Wikinger segeln jeden Tag hier vorüber, auf dem Weg nach Skye und Man. Da ist nur einer über Bord gegangen.«

»Ja«, antwortete sie und ließ das Thema fallen. Lachlan war hier, und das allein war wichtig.

Sie wandten sich nach rechts, dem Hafen zu. Nächstes Mal, wenn sie durch dieses Tor schritten, als verheiratetes Paar, würden sie sich nach links wenden und den Weg durch das obere Dorf nehmen, durch das Tal, über die Berge und quer durch Schottland. Bald, dachte sie und drückte seinen Arm.

»Wie schön, Euch wieder hier zu haben, Lachlan«, sagte sie.

»Ich konnte nicht fortbleiben«, sagte er mit herzlichem Lächeln.

»Nur noch ein paar Wochen, Sir, und dann werde ich Euch nie wieder aus den Augen lassen.«

»Ja, es ist schon fast so weit.«

»Werden wir, bevor wir an den Hof ziehen, Zeit haben, um …« Sie spürte, wie ihr das Blut in die Wangen schoss. »Um uns besser kennenzulernen?«

Er lachte. »Margaret, ich versichere Euch, dass wir uns vollständig kennenlernen werden.«

Sie bog den Kopf zurück. »Ich möchte alles darüber lernen, was es bedeutet, eine Ehefrau zu sein.«

»Ah ja?« Er klang belustigt. »Und es wird mir ein Vergnügen sein, Euch alles zu lehren. Aber Ihr wisst, dass ich oft im Auftrag des Königs unterwegs sein werde? Und Ihr werdet mich nicht immer begleiten können.« Sein Blick blieb an ihren Lippen hängen. »So sehr ich mir das wünschen würde.«

»Ja, das habt Ihr mir bereits gesagt. Ich werde eben andere Möglichkeiten finden, mich zu amüsieren, solange Ihr fort seid.«

»Die meisten Ehefrauen tun das.« Er lächelte erneut und küsste sie auf die Wange. »Ihr sollt nur nicht vergessen, dass Ihr die Meine seid, ganz gleich, wie viele Männer versuchen, Euch mit ihren Komplimenten den Kopf zu verdrehen.« Er strich ihr über die Wange. »Ihr seid sehr schön, Margaret, und bei Hofe wird es viele Männer geben, die Euch umwerben werden. Das wisst Ihr doch.«

»Ich werde keinen von ihnen empfangen.«

»Ja, sorgt dafür«, sagte er und lächelte breit.

Sie erwiderte sein Lächeln. Bei Hofe hatte sie die Liebeslieder gehört, die Chansons, die diese französischen Barden sangen, in denen es stets um Liebende ging, die beim bloßen Anblick ihres Geliebten seufzten, und um Männer, die einzigartige, aufregende Heldentaten vollbrachten, um sich der Liebe einer Frau würdig zu erweisen. Sie dachte an Tante Eleanor, deren Ehe ebenfalls von ihren Eltern arrangiert worden war. Sie war eine widerstrebende Braut gewesen, aber eine glückliche Ehefrau, die gestrahlt hatte, sobald ihr Mann den Raum betrat, genau wie er, sobald er sie sah. Margaret hatte sie beobachtet und gewusst: Was auch immer Eleanor und ihren Mann verband, es war machtvoll und berauschend, und sie wollte das Gleiche für sich. Sie warf einen verstohlenen Blick auf Lachlan. Sie war sicher, dass es bei ihnen beiden auch so sein würde.

Die meisten Häuser von Somerstrath lagen zwischen der Festung und dem geschützten Hafen. Lachlan wurde überall herzlich begrüßt und blieb mehrmals stehen, um zu erzählen, was es im Osten Neues gab, wer den König in letzter Zeit besucht hatte, dass es Unruhen in England gab und wie verstört die schottische Königin Margaret darüber war, weil sie sich um ihren Vater Henry, den König von England, und ihren Bruder Prinz Edward sorgte, der nun anstelle ihres Vaters das englische Heer anführte.

Als sie das Haus des Webers erreichten, erwartete Fiona sie mit einem freudigen Lächeln auf der Türschwelle. Lachlan begrüßte sie und ihren Vater sehr freundlich und sagte genau die richtigen Dinge, als ihm Fionas Vater sein jüngstes Werk vorführte, einen fein gewobenen dunkelgrünen Wollstoff, sein Brautgeschenk für die Hochzeit. Lachlan und Margaret lobten den Stoff, und Fionas Vater strahlte und zeigte Lachlan dann die neuesten Verbesserungen an seinem Webstuhl.

Fiona blieb bei Margaret stehen und seufzte, während sie Lachlan und ihren Vater bei ihrer angeregten Unterhaltung beobachtete.

»Bist du nicht die glücklichste Frau auf der Welt, Margaret?«, fragte Fiona leise. »Und ist dein Verlobter nicht der schönste Mann, den man je gesehen hat?«

Margaret lächelte zärtlich. »Du würdest dasselbe sagen, wenn er nur vier Zähne und ein Auge hätte, nicht wahr?«

Fiona lachte. »Das stimmt.« Ihr Lächeln wurde breiter, als Lachlan zu ihnen trat. »Willkommen, Mylord. Ich hoffe, Euer Besuch bedeutet, dass es heute Abend Musik und Tanz in der großen Halle geben wird.«

Lachlans Augen blitzten fröhlich. »In Somerstrath werde ich immer gut unterhalten. Ich bin sicher, wir werden diesen Abend alle genießen.«

»Ich freue mich schon darauf«, sagte Fiona.

»Wir alle freuen uns«, sagte Margaret lächelnd und ließ sich von Lachlan hinausführen.

An diesem Abend war die Halle von Musik und Lachen erfüllt. Ihr Vater war stets ein warmherziger und großzügiger Gastgeber, und wie üblich waren das ganze Dorf und der halbe Clan von außerhalb der Mauern zusammengeströmt. Das Festmahl war ein lautes Vergnügen, die Leute drängten sich auf den langen Bänken, aßen Reh und Fisch, am selben Tag gefangen, und Suppe und die Früchte des Sommers. Dazu gab es Bier und Wein, den ihr Vater vom Festland einkaufte. Die Bretter, von denen alle aßen, wurden immer wieder gefüllt und lächelnd geteilt. Die Kerzen in ihren eisernen Leuchtern warfen ein sanftes Licht auf die Gobelins, mit denen ihre Mutter die Wände geschmückt hatte – Wandbehänge, die sich nur ein reicher Mann wie ihr Vater leisten konnte. In der Ecke spielte ein Harfner leise vor sich hin, ein Vorspiel für die wildere Musik, die sie später hören würden. Die Binsen auf dem Boden waren sauber und dufteten nach den Kräutern und Sommerblumen, die dazwischen gestreut waren. Blumen schmückten auch jeden Tisch, wo sie sich aus ihren Töpfen lehnten, um die blank polierten Kiefernholzplatten zu berühren.

Margaret freute sich, dass Lachlans Männer die großzügige Gastfreundschaft offenbar genossen, für die ihr Vater bekannt war, und sagte sich, dass sie auch in ihrem eigenen Heim zu solchen Abenden einladen würde, voller Musik und Lachen, aber mit üppigeren Speisen als diesem hastig zusammengestellten Mahl. Sie würde Lachlans Halle mit Annehmlichkeiten und schönen Dingen schmücken. Und eines Tages mit Kindern. Sie warf ihm einen Blick zu. Wie sie ihm gesagt hatte, war sie bereit, alles über ihre Pflichten als Ehefrau zu lernen. Ein gut aussehender Mann, dachte sie und beobachtete, wie er über Rignors Scherze lachte. Nicht jeder mochte Lachlan – Rignor machte oft genug abfällige Bemerkungen über ihn –, doch sie freute sich, ihren Bruder und ihren Verlobten zusammen lachen zu sehen.

»Du siehst so glücklich aus, Kind«, sagte ihre Mutter.

»Ich denke an die Zukunft«, sagte Margaret. »Und genieße diesen Abend.«

Ihre Mutter nickte geistesabwesend, in Gedanken schon wieder anderswo. Margaret machte sich nichts daraus. Sie sah zu, wie der Sennachie die Kinder um sich sammelte, um ihnen Geschichten aus den alten Zeiten zu erzählen. Der Priester hatte das Mahl gesegnet und ein Gebet gesprochen, das alle mitgesprochen hatten, doch mehr als einer hatte auch die Segensgesten der alten Götter gemacht, der Geister und Gottheiten von Meer und Küste, von Bäumen und Bächen und den Wesen, die dort wohnten. Die offizielle Religion hier mochte seit Jahrhunderten das Christentum sein, doch die alten Bräuche wurden immer noch in jedem Tal befolgt. Über dem Kamin hob sich das gekreuzte Geweih eines Rothirsches weiß leuchtend von dem Stein ab, eine Erinnerung an das Land, das sie mit Gottes Geschöpfen teilten, und an uralte Zeiten, als ein König oft nur einen Sommer lang geherrscht hatte und dann zum Wohl seines Volkes geopfert worden war. Als Gestaltwandler durch die Welt streiften und Trolle und Feen mitten unter den Menschen lebten statt unter der Erde. Als man nicht zu viel sehen oder sich an den falschen Ort hatte wagen dürfen, um nicht einen Zauber oder einen Fluch auf sich zu ziehen, der die Familie über Generationen hinweg verfolgte.

Es waren genau solche Geschichten, die der Sennachie jetzt erzählte, und ihre kleinen Brüder waren unter den Kindern, die sich um ihn geschart hatten. Heute Abend war die Geschichte vom kühnen Somerled an der Reihe, ihrem Ahnherrn. Der mächtige Krieger war bekannt für seine Tapferkeit, seine Friedensliebe und dafür, dass er in Schottland und auf seinen Inseln ein eigenes Reich gegründet hatte. Margaret trat näher und hörte zu, obwohl sie die Worte so gut kannte, dass sie die Geschichte selbst hätte erzählen können. Somerled, der Herr der Inseln, heiratete eine Königstochter und zeugte Angus, dessen Nachkommen das nahe Moidart regierten, woher die Familie ihres Vaters stammte. Und er zeugte Dugall, aus dem die MacDougalls hervorgingen. Und Ranald, der wiederum Donald zeugte, der so schreckliche Untaten verübt hatte, dass er eine Pilgerfahrt nach Rom hatte machen müssen. Der Barde erklärte den Stammbaum ihrer Familie über zehn Generationen hinweg, denn die Jungen sollten diese Geschichte lernen und an ihre eigenen Kinder weitergeben. So wie Margaret sie eines Tages an ihre Kinder weitergeben würde.

Die Musik veränderte sich, denn der Harfner zog sich zurück, und die schottischen Trommeln und Pfeifen spielten auf, begleitet von einer Laute vom Festland. Was bedeutete, dass der Tanz bald beginnen würde. Sie würde tanzen, dessen war sie gewiss, doch für den Augenblick blieb sie bei ihren Eltern, Nell und Rignor sitzen und lauschte Lachlans Neuigkeiten aus aller Welt.

»In Irland gibt es Ärger«, erzählte er gerade. »Schwierigkeiten an der Küste von Antrim. Ich habe nicht weiter darauf geachtet, aber wenn ich zurückkehre, werde ich genau erfahren, was geschehen ist.«

»Dort gibt es schon seit einer ganzen Weile Ärger«, sagte ihr Vater. »Sie können sich nicht entscheiden, wem sie folgen sollen: den alten keltischen Familien oder den normannischen Lords mit ihren Ländereien und Titeln.«

»Caithness ist in Aufruhr«, sagte Lachlan.

»Diese Wikinger können doch nie in Frieden miteinander leben, nicht?«, bemerkte ihre Mutter, und alle stimmten ihr zu.

»Weshalb ihr einen ihrer Köpfe am Strand gefunden habt«, sagte ihr Vater zu Margaret. »Sie haben ständig Streit miteinander.«

»Die wichtigste Neuigkeit«, sagte Lachlan, »ist aber das, was in England geschieht.«

»Ihr meint den Kampf zwischen König Henry und Simon de Montfort?«, fragte Margaret.

»Den Krieg meint Ihr wohl«, sagte Lachlan. »Denn so weit ist es inzwischen gekommen.«

»De Montfort und König Henry sind verschwägert«, sagte Margaret und warf Rignor einen Blick zu. »Stell dir nur vor, ein Krieg gegen deine eigenen Verwandten.«

Rignor schnitt ihr eine Grimasse. »Ja«, sagte er. »Manchmal …«

Er und Margaret brachen in Lachen aus.

Lachlan fuhr lächelnd fort: »Und natürlich fürchten nun alle, Frankreich könnte sich auf de Monforts Seite in die Schlacht stürzen, um Henry die Krone zu entreißen.«

Ihre Mutter schüttelte den Kopf. »Diese Franzosen«, sagte sie, »machen nichts als Schwierigkeiten.«

»Wir danken Euch für die vielen Neuigkeiten, Lachlan«, sagte der Vater, »aber nichts von alledem berührt uns hier, nicht wahr? Hier im Westen haben wir Frieden, und wir sind entschlossen, ihn auch zu behalten.«

»Mit Gottes Hilfe«, sagte Lachlan, leerte seinen Becher und wandte sich Margaret zu. »Tanzt Ihr mit mir, Mädchen? Noch ein letztes Mal vor unserem Hochzeitstag.«

Sie hakte sich bei ihm unter und lachte, als er sie durch den Saal wirbelte, und sie lachte immer noch, als er sie an sich zog.

»Mein«, sagte er mit leuchtenden Augen und drückte sie an sich. »Sagt mir, dass Ihr mein seid, Margaret.«

»Ich bin Euer, Lachlan«, sagte sie atemlos.

Er küsste sie, drückte sie an sich, bog sie leicht nach hinten und brach den Kuss auch nicht ab, als die Musik verstummte und Applaus aufbrandete. Schließlich hob er den Kopf und grinste in die Runde, bevor er sie wieder aufrichtete.

»Das dürfte für die nächsten Tage reichen«, sagte er und ließ sie los. »Ich will jetzt mit Rignor würfeln. Geht und tanzt mit Euren kleinen Brüdern.«

Sie entließ ihn mit einem Lächeln, als er in Rignors Richtung ging, und tat, wie ihr geheißen, indem sie mit Fergus und Davey tanzte, bis sie keinen Schritt mehr weitertanzen konnte. Sie gesellte sich zu ihrer Mutter und Nell und lächelte, als sie über dem Stimmengewirr kurz Rignors Lachen hörte.

»Klingt ganz so, als würde Rignor gewinnen«, bemerkte sie und blickte zu den Männern am Tisch hinüber. Ihr Vater lehnte sich an die Wand zurück und lachte über etwas, das Rignor gerade gesagt hatte. »Aber wo ist Lachlan?«

»Er brauchte frische Luft«, sagte die Mutter.

Nell blickte überrascht zu ihrer Mutter auf, die Nell eine Hand auf die Schulter legte.

»Frische Luft?«, fragte Margaret. »Aber es regnet draußen.«

»Er kommt sicher gleich zurück. Himmel, sieh dir nur wieder deine Brüder an. Können sie sich denn nie anständig benehmen?«

Margaret drehte sich überrascht um. Ihre Mutter hatte Ewan und Cawley seit Wochen kaum beachtet, und sie taten gar nichts so Schreckliches – sie boxten einander spielerisch im Takt der Musik. Sie warf Nell, die große Augen machte, einen Blick zu und sah dann wieder ihre Mutter an.

»Wisst ihr, wohin er wollte?«

»Er kommt gleich zurück. Er ist nur kurz hinausgegangen.«

»Nur kurz hinausgegangen? Was soll das heißen?«

»Er ist mit Fiona weggegangen«, platzte Nell heraus. Ihre Mutter rüttelte sie an der Schulter. »Nell!«

»Sie sind zusammen hinausgegangen«, sagte Nell. »Sie haben sich an den Händen gehalten und gelacht.«

3

Margaret blickte von ihrer Schwester hinüber zu den Würfel spielenden Männern. Lachlan sollte mit Fiona gegangen sein? Aber warum? Das war ihr ein Rätsel. Sie berührte sacht ihre Lippen, wo die Erinnerung an den Kuss nach ihrem Tanz noch lebendig war, und blickte sich dann in der Halle um. Fionas Vater war da, ganz in der Nähe ihres Vaters, und die beiden lachten, während Rignor den Würfelbecher schüttelte. Lachlan war nicht bei ihnen. Margaret blickte sich erneut um, als könnte Fiona allein durch ihren Wunsch plötzlich bei den Clanmitgliedern auftauchen. Aber Fiona war tatsächlich nicht da.

»Nein«, sagte sie laut. »Nein. Das kann nicht sein!«

Ihre Mutter packte sie am Arm und sagte mit leiser, aber scharfer Stimme: »Lass es auf sich beruhen. Du bist diejenige, die er heiraten wird, du wirst seine Kinder gebären. Die Leute beobachten dich. Lächle. Lass niemanden deinen Kummer sehen. Du bist nicht die Erste, die feststellen muss, dass ihr Mann sich zu einer anderen hingezogen fühlt. Sei still und lächle.«

Margaret wich zurück, doch ihre Mutter packte sie umso fester, ihre Miene und ihr Griff waren hart. Margaret hatte diese Frau schon ein paar Mal erlebt, diese fast grobe, erbarmungslose Frau, die während der letzten Jahre irgendwie die liebende Mutter aus Kindertagen verdrängt hatte. Die Sorge in den Augen ihrer Mutter galt nicht Margaret, sondern der Tatsache, dass andere sie hören könnten.

»Wo sind sie?«

»Du wirst mir keine Schande machen, indem du ihnen folgst, Margaret MacDonald. Überwinde deinen Stolz. Fiona ist ein hübsches Mädchen. Irgendwann musste einer ein Auge auf sie werfen.«

»Wusstest du davon, Mutter? Wusstest du es und hast mir nichts gesagt?«

»Ich wusste, dass du es ohnehin bald herausfinden würdest. Was macht das also für einen Unterschied?«

»Was für einen … Das ändert alles!«

»Es ändert nichts, Margaret. Schau einfach weg, du starrsinniges Kind!«

»Ich kann nicht … Ich werde nicht wegsehen!«

»Doch, das wirst du«, zischte Mutter. »Denk daran, was von dieser Hochzeit abhängt, und nicht nur für dich selbst. Warum sollte es dir anders ergehen als allen anderen Frauen auf der Welt? Er wird dir nicht treu sein, nicht jetzt und auch nicht, wenn ihr verheiratet seid. Du gewöhnst dich am besten gleich daran. Sieh einfach nicht hin. So wie ich.«

»Ich werde nicht schweigend erdulden, dass mich mein Ehemann zur Närrin macht!«

Ihre Mutter fuhr zurück. »Wie ich? Willst du das damit sagen, Margaret? Du willst es nicht so machen wie ich? Schön, wenn du meinst, du könntest es besser, dann bist du diejenige, die sich zur Närrin macht. Du wirst deinen Mann mit anderen teilen. Akzeptiere das.«

»Ich werde es nicht akzeptieren! Wie kann er mir das antun? Wie kann Fiona mir das antun? Sie ist doch meine Freundin!«

»Inghinn war auch einmal meine Freundin, bevor sie die Mätresse deines Vaters wurde. Sie war nicht die Erste, und sie wird auch nicht die Letzte sein. So sind die Männer nun einmal, und es ist an der Zeit, dass du das lernst. Und jetzt lächle, Margaret, und mach mir keine Schande! Die Leute beobachten uns.«

»Sollen sie doch!« Margaret rannte die Treppe hinunter und durch die Wachstube.

Sie war schon halb über den Hof, als Nell sie einholte.

»Mutter will, dass du sofort zurückkommst!« Als Margaret nicht antwortete, sondern zum Tor hinauslief, folgte ihr Nell, und ihre Stimme wurde immer schriller. »Margaret! Du sollst zurückkommen!«

»Ich muss selbst sehen, ob es wahr ist.«

»Es ist wahr. Alle wissen es schon seit Wochen …« Margaret wirbelte herum. »Und niemand hat es mir gesagt! Wusstest du davon?«

»Nein, nein! Ich hätte es dir bestimmt gesagt.«

Margaret nickte knapp und stürmte durchs Dorf. Sie achtete nicht auf den Regen, achtete nicht auf die Wachen, die sie beobachteten, achtete nicht auf Nell, die ihr nacheilte.

Einmal glitt sie auf dem nassen Pflaster aus, fing sich jedoch wieder, lief weiter und strich sich das nasse Haar aus den Augen. Durch den Spalt unter der Tür des Weberhauses fiel Licht heraus.

»Geh da nicht hinein«, flüsterte Nell. »Wir müssen zurück.«

Margaret öffnete die Tür. Der Raum wurde vom Feuer in einer Ecke und der Kerze auf dem Tisch erleuchtet – der Kerzenständer stammte aus Lachlans Gastzimmer. Ihre Mutter hatte diesen silbernen Leuchter als junge Braut mit nach Somerstrath gebracht, und nun erleuchtete eine der kostbaren Wachskerzen ihrer Mutter die kleine Hütte und flackerte in dem Luftzug, der an Margaret vorbei hineinwehte.

Lachlans Schuhe standen an der Tür, sein Hemd lag daneben. Und auf dem schmalen Bett am anderen Ende der Hütte wand sich ein nackter Lachlan auf Fiona. Fiona hielt seine Schultern gepackt, hatte den Kopf zurückgebogen und die Beine um seine geschlungen. Margaret sah zu, starr vor Entsetzen, und rang keuchend nach Luft, während Lachlan sich noch einmal aufbäumte und sich dann stöhnend auf Fiona fallen ließ. Nells unterdrückter Aufschrei und der kalte Luftzug von der Tür her erregten endlich die Aufmerksamkeit der beiden. Lachlans Augen weiteten sich, und Fiona machte ein entsetztes Gesicht, als sie Margaret entdeckten.

Lachlan erhob sich und riss die Decke von Fiona, um sich zu verhüllen. »Wie könnt Ihr es wagen, mir zu folgen?«

Fiona setzte sich hastig auf, raffte ihr achtlos hingeworfenes Kleid an sich und starrte Margaret voller Angst an.

»Ich habe mir gesagt, das könne nicht wahr sein«, sagte Margaret. Ihre Stimme zitterte. Ihr ganzer Körper zitterte. »Als ich hörte, dass ihr beide zusammen weggegangen seid, sagte ich mir, das müsse ein Missverständnis sein, sie hätten sich geirrt, keiner von euch beiden würde mich so hintergehen, die Leute hätten von jemand anderem gesprochen. Aber das haben sie nicht.« Ihre Stimme erstickte in einem Schluchzen. »Wie konntet ihr mir das antun?«

»Das hat nichts mit Euch zu tun«, sagte Lachlan. »Sie bedeutet mir nichts.«

Margaret hörte nicht auf ihn, sondern starrte stattdessen Fiona an. »Ich habe dir vertraut! Jeden einzelnen Tag unseres Lebens! Ich habe dir mein Herz ausgeschüttet und dich für meine beste Freundin gehalten. Und die ganze Zeit über hast du mich zum Narren gehalten! Heute Morgen, als wir euch besucht und mit euch gesprochen haben … hast du es genossen, dein kleines Spielchen genau vor meiner Nase zu treiben? Hat dir das Spaß gemacht? Ich kann es nicht fassen, dass zwei der Menschen, die mir am meisten bedeuten, mich so schändlich betrogen haben. Fiona!« Der Name klang wie ein Klagelaut. »Wie konntest du nur?«

»Ich wollte dir nicht …«

»Du wolltest nicht! Du hast mir ins Gesicht gelogen, Fiona.«

»Ich hatte doch keine andere Wahl!«

Margaret wandte sich entsetzt Lachlan zu. »Ihr habt sie gezwungen?«

»Nein! Nein, natürlich nicht.« Lachlan schüttelte energisch den Kopf. »Sag es ihr, Fiona! Sag ihr, dass du mir schöne Augen gemacht und gesagt hast, sie würde es nie erfahren. Los, sag es ihr!«

Margaret starrte ihre Freundin an. »Hat er dich gezwungen?«

Fionas Stimme war kaum ein Flüstern. »Nein. Aber du verstehst das nicht …«

»Nein, ich verstehe es nicht!« Margaret sah Lachlan ins Gesicht. »Und Ihr …!«

»Margaret!« Die Stimme ihres Vaters erklang wie Donner von der Tür her und übertönte ihre Worte. »Sofort nach Hause. Nimm deine Schwester mit. Ich kümmere mich darum. Sofort!«

Ihr Vater zerrte sie aus der Hütte und knallte die Tür zu. Sie konnte sich später nicht erinnern, wie sie zurück in die Burg gekommen war, wie die Feiernden die Halle verlassen hatten oder wie sie die schmale Wendeltreppe hinauf und in ihr Bett gelangt war. Dann endlich ließ sie den Tränen freien Lauf, ohne sich um Nell zu scheren, die sich auf die Bettkante setzte und ihr über den Kopf strich. Sie sprach kein Wort, als Nell sie schließlich allein ließ.

Sie hatte das Gefühl, stundenlang geweint zu haben, als sie in die Halle gerufen wurde. Rignor wartete auf dem Treppenabsatz über der Halle auf sie, die Stirn voller Sorgenfalten.

»Ich bringe ihn um, wenn du möchtest, Margaret«, verkündete er hitzig.

Sie lächelte schwach. »Vielleicht bitte ich dich irgendwann darum.«

»Du brauchst es nur zu sagen.«

»Ich danke dir.«

»Und es tut mir leid, dass ich recht hatte, was ihn betrifft. Ich konnte Lachlan noch nie leiden, und ich hatte das Gefühl, dass er allzu freundlich zu Fiona war, aber so etwas habe ich nicht geahnt. Sonst hätte ich dich gewarnt.«

Sie küsste ihn auf die Wange. »Dafür danke ich dir. Es ist gut, dich auf meiner Seite zu wissen.«

»Darauf kannst du dich verlassen«, sagte er.

Sie nickte, dankte ihm noch einmal, straffte dann die Schultern und ging hinunter in die Halle. Ihr Bruder folgte ihr.

Ihr Vater saß an seinem angestammten Platz am Tisch, ihre Mutter an seiner Seite, die Arme über dem Bauch verschränkt. Nell, die sich am Kamin herumdrückte, lächelte ihr zittrig zu. Lachlan war vor dem Tisch auf und ab gegangen und blieb stehen, als sie und Rignor eintraten. Die Jungen waren nirgends zu sehen, und auch sonst war niemand anwesend. Rignor trat neben Nell und verschränkte die Arme vor der Brust. Hinter Margaret schloss sich die schwere Holztür, und der dumpfe Knall hallte von den Mauern wider. Ihre Eltern beobachteten sie, während sie vor sie hintrat, und die Miene ihres Vaters wirkte streng, die ihrer Mutter hingegen selbstzufrieden, beinahe triumphierend. Lachlan trat näher. Margaret ignorierte ihn, erschüttert über die Schadenfreude, die sie in den Augen ihrer Mutter entdeckt hatte.

»Er hat dir etwas zu sagen, Margaret«, erklärte Vater. Lachlan ergriff ihre Hände. Margaret entzog sie ihm.

»Es tut mir aufrichtig leid, Margaret. Ich muss von Sinnen gewesen sein. Das wird nie wieder vorkommen, ich schwöre es. Ich werde Euch ein treuer Ehemann sein.«

Ihr Vater ließ die Hand schwer auf den Tisch fallen. »Haltet Euch daran«, sagte er, als sei die Angelegenheit damit erledigt.

Margaret schüttelte den Kopf. »Du kannst nicht von mir erwarten, dass ich ihn jetzt noch heirate.«

Ihr Vater reckte das Kinn vor. »Doch, das erwarte ich. Du wirst ihn heiraten.«

»Nein.«

Nell schlug sich die Hände vors Gesicht.

»Margaret!«, rief Lachlan. »Ich schwöre Euch, dass so etwas nie wieder geschehen wird. Es war Fiona, die mich verführt hat, versteht Ihr? Sie war mehr als willig …«

»Gebt ihr nicht die Schuld daran! Es war Eure freie Entscheidung …«

»Genug!«, brüllte ihr Vater. »Sämtliche Kontrakte sind lange unterschrieben. Ihr seid einander versprochen. Er hat sich entschuldigt. Die Sache ist erledigt. Ihr werdet wie geplant heiraten.«

Margaret starrte ihn an. »Das kann nicht dein Ernst sein.«

»Das ist mein Ernst«, erklärte ihr Vater bestimmt. »Du wirst diesen Mann heiraten.«

»Einen Mann, der nur auf sein Vergnügen aus ist und sein Wort gebrochen hat?«

»Ich habe nicht geschworen, Euch treu zu sein, bevor wir verheiratet sind, Margaret«, wandte Lachlan ein.

Sie drehte sich um und sah ihn an. »Nein«, sagte sie und legte all die Verachtung, die sie für ihn empfand, in ihre nächsten Worte. »Nein, das habt Ihr wohl nicht.« Sie wandte sich wieder ihrem Vater zu. »Wie kannst du auch nur daran denken, mich mit einem Mann zu verheiraten, der seine Ländereien und seine Leute vernachlässigt? Der sich neue Gewänder kauft, statt sein Haus in Ordnung bringen zu lassen? Weißt du, dass seine Pächter sich schon bei Onkel William beklagt haben?«

»Woher wollt Ihr das wissen?«, rief Lachlan dazwischen. Sie fing Rignors Blick auf und verstand seine stumme Bitte, ihn nicht zu verraten. »Ich höre zu, Lachlan«, erwiderte sie. »Ich habe nichts dazu gesagt, weil ich dachte, all das könnten wir gemeinsam ändern, aber ich habe zugehört. Ich will Euch nicht heiraten.«

Als ihr Vater nun sprach, klang er streng, aber nicht zornig. »Margaret, ich muss dich gewiss nicht an das erinnern, was du bereits weißt. Wir heiraten, um den Clan zu stärken, um unsere Ländereien zu vergrößern und an Einfluss zu gewinnen, und nicht zu unserem eigenen Vergnügen. Du wurdest Lachlan schon als Säugling versprochen. Ich habe deinem Onkel William und dem König mein Wort gegeben, dass ihr beide heiraten werdet, also werdet ihr beide heiraten. Dazu ist nichts weiter zu sagen.«

Lachlan nahm erneut ihre Hand. »Ich schwöre bei meinem Leben, dass so etwas nie wieder geschehen wird, Margaret. Ich schwöre es.«

»Ich werde Euch nicht heiraten. Eine Ehe muss doch aus mehr bestehen.«

»Es ist nicht mehr«, sagte ihre Mutter. »Du hast dir etwas erträumt, das es nicht gibt.« Sie warf ihrem Mann einen Seitenblick zu. »Du wirst Lachlan heiraten und dich glücklich schätzen.«

»Nein.«

Im Saal herrschte Stille.

Ihre Mutter funkelte ihren Vater böse an. »Sag es ihr! Sag ihr, dass sie Lachlan heiraten muss!«

»Das habe ich bereits«, erwiderte er müde.

»Ich will ihn nicht heiraten«, erklärte Margaret.

»Das sagtest du schon«, erwiderte Vater. »Geh auf dein Zimmer, Margaret. Wenn ich entschieden habe, was zu tun ist, werde ich dich dort aufsuchen.«

Erst am Abend des nächsten Tages klopfte ihr Vater leise an ihre Tür. Nell, die Margaret fast den ganzen Tag lang Gesellschaft geleistet hatte, öffnete sie. Ihr Vater blieb einen Augenblick lang in der Tür stehen und musterte seine Töchter. Ewan und Fergus lugten seitlich an ihm vorbei, doch er scheuchte sie fort.

»Geht jetzt, Jungs. Das hier ist nicht für eure Ohren bestimmt«, sagte er.

Ihr Vater klang ernst, und Margaret verzog das Gesicht. Dieser Tonfall ängstigte sie mehr als lautes Gebrüll, denn so sprach er nur, wenn er ihr schlechte Neuigkeiten beibrachte oder Beschlüsse verkündete, die unumstößlich waren. Er schloss die Tür hinter sich. Nell zog sich ans Fenster zurück. Margaret setzte sich auf die Bettkante. Gleich darauf ließ sich ihr Vater neben ihr nieder, rieb sich das Bein und strich dann den Wollstoff seines Feileadh glatt.

»Margaret«, sagte er, »du wirst wie geplant die Hochweiden besuchen. Nell wird dich begleiten. Dann verbringt ihr ein, zwei Nächte im Kloster in Brenmargon, bis euch euer Onkel William abholt. Und dann gehst du an den Hof.«

»An den Hof? Aber Vater, warum?«

Er sah ihr in die Augen. In seinem Blick lag Bedauern, ja, doch dies war der Blick des Clanoberhauptes, und niemand, nicht einmal seine Tochter, konnte ihm zuwiderhandeln. Ihr sank der Mut.

»Du musst eine Entscheidung treffen, Mädchen. Entweder du heiratest Lachlan, oder du gehst ins Kloster. Eine andere Wahl hast du nicht.«

»Es gibt doch andere Männer, Vater, andere Familien …« Er hob die Hand, um sie zum Schweigen zu bringen. »Kein Wort mehr, Margaret. Du heiratest Lachlan und lebst mit ihm im Luxus. Oder du verbringst deine Tage im Kloster. Ich überlasse dir die Entscheidung und hoffe nur, dass du nicht so dumm bist, dich stur zu stellen.«

»Er hat mich belogen, Vater.«

Vater seufzte erneut. »Ja, das hat er. Aber ich habe mein Wort gegeben, und du deines. Ein Kontrakt ist ein Kontrakt, und wir werden unseren Teil der Vereinbarung einhalten.«

»Vater!«

Er erhob sich. »Tränen werden nichts ändern, und Geschrei auch nicht. Das solltest du wissen, schließlich hast du deiner Mutter lange genug zugehört.« Er wandte sich zur Tür.

»Aber Vater«, rief Margaret, »warum ist Rignor frei und ungebunden, während ich heiraten muss, obwohl ich nicht will?«

Ihr Vater drehte sich zu ihr um, und seine Augen blitzten.

»Dein Bruder ist noch immer ›ungebunden‹, wie du das nennst, weil ihn niemand haben will. Vier Familien haben mein Angebot abgelehnt. Vier! Jedes Mal zerstört er alles, was ich aufgebaut habe! Ich weiß nicht, wo ich es noch versuchen soll. Nells Verlobter ist gestorben. Ich habe das jahrelang vor mir hergeschoben, aber nun werde ich jemanden für sie finden müssen. Deshalb ist deine Heirat wichtiger denn je, Margaret. Ohne gute, starke Allianzen sind wir nichts als ein kleiner Clan in der Abgeschiedenheit der Westküste; mit Ross sind wir ein Teil von Schottland. Ohne sie stehen wir unseren Feinden allein gegenüber. Mit ihnen haben wir Verbündete, die wir zu Hilfe rufen können. Ich lasse nicht zu, dass du oder sonst jemand mich daran hindert, das Beste für den Clan zu tun. Ich habe keine Geduld mehr mit einem Mädchen, das nur an sich selbst denkt, also triff deine Wahl. Heirate Lachlan oder verbringe dein Leben im Kloster.«

»Und wenn ich mich für das Kloster entscheide?«

»Dann wird Nell Lachlan heiraten, und wir werden dich kaum je wiedersehen. Also entscheide dich, Margaret, und lebe mit deiner Entscheidung. Welche von euch beiden wird Lachlan heiraten?«

Die Tür schloss sich hinter ihm. Margaret und Nell wechselten einen verwunderten Blick.

Es waren zwei Tage vergangen, seit sie Lachlan bei Fiona entdeckt hatte. Einen Tag lang war Lachlan ihr überallhin gefolgt, hatte sich gerechtfertigt und sie um Verzeihung gebeten, und am nächsten Vormittag hatten sie sich gestritten. Zwei Tage lang hatte ihr Vater sich geweigert, mit ihr darüber zu sprechen, und ihre Mutter hatte nur das Nötigste mit ihr geredet, um ihr gefühllos ihre Anweisungen zu erteilen – kein gütiges Wort, kein mitfühlender Blick. Also schön. Margaret hatte die Angelegenheit gründlich satt. Nichts hatte sich verändert. Sie würde den Mann nicht heiraten. Doch dann fiel ihr Blick auf Nell, und sie seufzte. Wenn Lachlan schon als Ehemann für sie nicht geeignet war, wie könnte er dann für Nell besser sein? Wem genau war sie verpflichtet, ihrem Clan und ihrer Familie – oder ihrer Schwester die gerade erst zur Frau heranwuchs? Sie zweifelte nicht daran, dass ihr Vater seine Drohung wahr machen und Nell an ihrer Stelle mit Lachlan verheiraten würde.

Wie konnte sie ihn heiraten? Wie konnte sie nicht?

Lachlan verließ sie endlich, wobei er den tief Enttäuschten spielte, mit gerunzelten Brauen und geschürzten Lippen. Er spielte seine Rolle nicht schlecht, doch Margaret überzeugte er damit nicht. Von der Warte ihres Zimmers aus hatte sie beobachtet, wie er den Kopf hob, sobald er den Hof hinter sich gelassen hatte und dachte, ihr Vater könne ihn nicht mehr sehen. Und statt sich nach links zu wenden, zum Landtor hinauszugehen und den Pfad zu nehmen, der ihn schließlich nach Stirling bringen würde, hatte er sich nach rechts gewandt. Zum unteren Dorf und dem Hafen. Zum Haus des Webers. Zu Fiona. Fiona, die ihre flehentlichen Bitten, Margaret sprechen zu dürfen, von den Wachen hatte überbringen lassen. Margaret hatte sie mit der Botschaft zurückgeschickt, dass, ganz gleich, was Fiona zu sagen habe, sie es nicht hören wolle.

Heute würde auch sie aufbrechen und mit Rignor, Nell und einer Handvoll Wachen zu den Hirten hinausreiten, dann weiter zum Kloster und an den Hof. Wie oft hatte sie an diesem Fenster gestanden und sich gewünscht, selbst über ihre Zukunft entscheiden zu können? Und nun konnte sie es, doch die Wahl war alles andere als angenehm. Sie schloss die Augen und ließ sich den Wind ins Gesicht wehen. Schnalzwind, dachte sie, öffnete die Augen und wandte sich vom Fenster ab. So nannte ihr Bruder Davey die Art von Wind, der von der See hereinbrauste und alles durcheinanderwirbelte. Er passte genau zu ihrer Stimmung.

Sie blickte sich in dem kleinen Gemach um, das sie sich mit Nell teilte und das mit allen Annehmlichkeiten ausgestattet war, die Somerstrath zu bieten hatte: Auf dem Boden lagen Teppiche aus fernen Ländern, seidene Behänge schmückten das Bett, das sie ebenfalls mit ihrer Schwester teilte, und eine Truhe in der Ecke enthielt Kleidung und allerlei Kleinigkeiten. Sie hatten eine Kerze, sodass sie nie im Dunkeln herumtasten mussten. Und ein kleines Fenster, beinahe schon ein wahrer Luxus, eigentlich kaum mehr als eine Schießscharte, das auf den Hof unten und das Dorf dahinter hinausging, von dem aus man aber auf die Bäume am Fuß der Berge schauen konnte und sogar auf die Berge selbst. Sie und Nell wussten, wann die Sonne aufging, ob es regnete oder der Wind wehte, so wie jetzt. Konnte sie in einer Zelle im Kloster leben, in der sie nichts von der Welt dort draußen sehen würde? Konnte sie den Rest ihres Lebens auf Knien und betend verbringen? Nie wieder am Strand entlanglaufen, nie wieder den Sonnenschein auf ihrem unbedeckten Kopf spüren? Konnte sie die Welt für immer hinter sich lassen?

Der Wind pfiff und wirbelte um sie herum, hob eine ihrer dunklen Locken hoch, wehte sie ihr ins Gesicht und holte sie so in die Gegenwart zurück. Ein anstrengender Tag lag vor ihr, und der würde sie ablenken. Einige der Hirtenhütten, die sie besuchen würden, lagen dicht zusammengedrängt, andere trennte ein Bach oder sogar ein kleines Tal, doch es würde ein angenehmer Ritt werden. Der Himmel war klar, die Luft erwärmte sich bereits, und es versprach, ein schöner Tag zu werden. Sie würde Menschen besuchen, die sie mochte. Die Reise war lang, aber mit Nell zur Gesellschaft dürfte die Zeit rasch vergehen, trotz Rignor, der zweifellos noch über den jüngsten Streit mit ihrem Vater wütend sein würde. Sie hatte das Gebrüll gestern Abend sogar bis in ihre Kammer herauf gehört. Der Wind ließ die Bettvorhänge schnalzen, und Margarets Laune hob sich. Sie konnte die Abreise kaum mehr erwarten.

Der Abschied war flüchtig. Ihre Mutter legte ihr beide Hände auf die Schultern und beugte sich zu Margaret vor, doch ihre Lippen streiften Margarets Wangen nicht, wie sie es kurz bei Nell taten, und länger bei Rignor, während sie ihrem ältesten Sohn etwas ins Ohr flüsterte. Margaret wandte sich ab und fing den Blick ihres Vaters auf; zu ihrer Überraschung sah sie Tränen in seinen Augen. Konnte dieser Gesichtsausdruck, den er so hastig unterdrückte, Reue und Bedauern bedeuten? Seine Umarmung war fest, sein Kuss auf ihrer Wange tröstlich.

»Versprich mir, dass du lange und gründlich darüber nachdenken wirst, mein Mädchen«, sagte er leise.

Sie nickte nur, denn sie brachte kein Wort heraus.

»Um mehr bitte ich dich nicht«, sagte er und ließ sie los. »Ich wünsche euch eine sichere Reise.«

Sie dankte ihm, eilte zu ihrem Pony und blieb nur kurz stehen, um jeden ihrer kleinen Brüder zu umarmen, die lachend die Arme um sie schlangen. Fergus schenkte ihr eine schon etwas zerdrückte Blume. Ewan und Cawley versicherten ihr, dass sie Lachlan davonjagen würden, damit sie sich einen anderen Mann suchen konnte. Sie dankte ihnen für die gute Absicht. Davey schmiegte sich ganz fest an sie, die dunklen Augen von Kummer überschattet.

»Was hast du denn?«, flüsterte sie.

»Ich will nicht, dass du weggehst«, sagte er.

»Ich habe keine andere Wahl, Davey.«

»Ja.« Er nickte und presste die Lippen zusammen.

»Ich muss gehen«, flüsterte sie. »Aber ich komme zurück. Das schwöre ich dir.«

»Geh nicht, Margaret. Es wird so lange dauern, bis ich dich wiedersehe.«

Sie lächelte, gerührt über seine Zuneigung, und küsste ihn auf die Wange, die sich unter ihren Lippen zart und weich anfühlte. In ein paar Jahren würde er ihr solche Vertraulichkeiten nicht mehr erlauben.

»Gib auf dich acht«, sagte er.

»Bestimmt. Und du auch, solange ich nicht da bin«, sagte sie und lächelte ihn an.

»Du wirst mir fehlen.«

»Du mir auch«, sagte sie, plötzlich betroffen, weil niemand sonst gesagt hatte, er würde sie vermissen. Niemand. Sie schlang noch einmal die Arme um ihn und küsste ihn auf den Kopf, ließ ihn aber wieder los, bevor er protestieren konnte. »Gott schütze dich, bis wir uns wiedersehen«, sprach sie die traditionellen Abschiedsworte.

»Dich auch«, erwiderte er.

Sie hatte es schon beinahe aus dem Dorf hinaus geschafft, als Fiona sie einholte. Sie rannte neben dem Pony her, ergriff Margarets Knöchel und bat sie, anzuhalten.

»Ich wollte dir nicht wehtun, Margaret! Das weißt du doch!«

Margaret würdigte sie keines Blickes.

Fiona packte ihren Fuß noch fester. »Ich wollte dir nicht wehtun!«

»Was dachtest du denn, was geschehen würde, wenn ich es herausfinde?«

»Ich habe nicht geglaubt, dass du es herausfinden würdest.«

»Und wenn wir zusammen in Lachlans Haus eingezogen wären? Was dann? Wie konntest du glauben, ich würde es nicht merken?«

Fionas Miene verzerrte sich. »Lachlan hat gesagt … er hat gesagt, er würde diskret sein.«

»Er würde diskret sein, wenn er mit mir verheiratet ist? Ihr beiden dachtet, ihr könntet so weitermachen? Wie hättest du mir das antun können, Fiona? Wie könntest du mir tagsüber Gesellschaft leisten und dich dann davonschleichen, um das Bett meines Mannes zu teilen? Wie konntest du nur?«

»Ich habe nicht damit gerechnet, dass du uns entdeckst, Margaret!«

»Und das macht es verzeihlich? Ihr habt mich betrogen und euch eingeredet, was ich nicht weiß, könne mir auch nicht wehtun? War es so?«

Fiona errötete. »Du weißt ja nicht, wie das für uns andere ist. Dein ganzes Leben lang bist du umsorgt und verhätschelt worden. Du wusstest schon als kleines Kind, dass du mal einen reichen Mann heiraten würdest. Was wusste ich, Margaret? Dass ich irgendeinen der Männer von Somerstrath heiraten und seine Kinder gebären und das mit etwas Glück eine Weile überleben würde. Du weißt ja nicht, wie das ist, wenn man von einem Leben wie deinem träumt und wenn ein Mann wie Lachlan einem Sachen schenkt. Er war gut zu mir. Er liebt mich.«

Margaret blinzelte und versuchte, in dieser neuen Fiona das Mädchen wiederzufinden, das sie ihr Leben lang gekannt hatte. »Liebst du ihn?«

Fionas Stimme war gedämpft, ihre Worte aber deutlich.

»Lieben? Nein. Das ist etwas für Leute wie dich. Er war mein Weg hinaus in die Welt.«

Margaret befreite ihren Knöchel aus dem Griff ihrer Freundin. »Jetzt nicht mehr. Du wirst hier in Somerstrath sterben, Fiona.«

Fionas Blick wurde kalt. »Wir werden sehen.«

»Lass dir das gesagt sein, Fiona: Du wirst diesen Ort nie verlassen. Du wirst hier sterben.« Margaret trieb ihr Pony an. Sie lenkte es durch das obere Dorf und das Landtor und folgte Rignor und den Wachen den schmalen Pfad zu dem Plateau hinauf, das breit und flach war und von dem aus man ganz Somerstrath überblicken konnte. Hier legten sie eine Pause ein, doch Margaret schaute nicht auf das Dorf hinunter, sie wollte Fiona nicht noch einmal sehen. Sie hielt den Blick auf die Sonnenstrahlen gerichtet, die den obersten Teil der Burg erleuchteten, und fragte sich, ob sie sie je wieder ihr Zuhause würde nennen können. Sie wollte nicht an die Zukunft denken; sie wollte nicht weiter denken als bis zu diesem herrlichen Sommertag, der gerade erst anfing. Sie wendete ihr Pony und ritt auf die Bäume zu.

Sie war erst ein paar Schritte weit gekommen, als ihr Pony plötzlich scheute und sie sich hastig ducken musste, weil ein Rabe schnurstracks auf sie zuflog und seine Botschaft krächzte, bevor er wieder in den Kiefern verschwand. Sie beruhigte das Pony, doch sich selbst zu beruhigen, fiel ihr nicht so leicht. Alle wussten, dass es zu den schlimmsten Vorzeichen gehörte, wenn man zu Beginn einer Reise einen Raben auf sich zufliegen sah oder ihn krächzen hörte. Sie schüttelte das Gefühl einer bösen Vorahnung ab. Wie lächerlich, etwas auf diesen alten Aberglauben zu geben. Als Nächstes würde sie wohl noch Salz über ihre linke Schulter werfen.

Rignor brütete stumm vor sich hin, wie sie erwartet hatte. Doch Nell, die zum Glück nichts von dem Streit am gestrigen Abend wusste und klug genug war, Fiona nicht zu erwähnen, schwatzte die ganze Zeit mit ihm, während sie den Pfad entlangritten, einen steilen Hügel hinauf, der sie landeinwärts führte. Rignor, das musste Margaret ihm lassen, beklagte sich nicht und rückte auch nicht von seiner kleinen Schwester ab, doch er warf Margaret mehrmals böse Blicke zu; sie tat so, als merke sie nichts. Sie würden noch zwei Stunden reiten müssen, bis sie die erste Hütte erreichten, und sie war gern bereit, Nell so lange mit ihm schwatzen zu lassen.

Der Wind begleitete sie den ganzen Tag lang. Über ihnen hielten die von der Sonne erleuchteten Berge, bedeckt mit violettem Heidekraut, die Wolken davon ab, allzu rasch vorbeizuziehen, und ließen sie nur zögerlich ihren Weg nach Osten fortsetzen. Die kleine Gesellschaft wurde von jenen, die bereits landeinwärts gezogen waren, herzlich empfangen, und sie aßen ihr Mittagsmahl am Rand einer Wiese hoch oben im Vorgebirge. Während Rignor den Clanmitgliedern die Neuigkeiten aus Somerstrath erzählte, ließ Margaret den Blick und die Gedanken schweifen. Sie beobachtete, wie die Schatten der Wolken über die Hügelflanken eilten, alle Farben verdunkelten und sie dann wieder dem Sonnenschein freigaben. In wenigen Wochen würde das rotbraune Vieh der Highlands diese Wiese sprenkeln. Bis zum Herbst würden die Tiere dick und rund und zufrieden sein, und jene Menschen, die den Sommer hier in den Hügeln verbrachten, würden braun gebrannt und fröhlich nach Hause zurückkehren. Nell streckte die Arme über den Kopf. »Ich könnte für immer hierbleiben.«

»Ja, das wäre schön.«

Nell warf Margaret einen Seitenblick zu. »Bist du immer noch böse auf Lachlan?«

Margaret überlegte. Böse? Es gab kein Wort, das hart genug war, um zu beschreiben, was sie Lachlan gegenüber empfand. »Ja, ich bin noch böse, Nell. Und ich werde immer böser.«

»Was wirst du tun?«

»Ich kann dir sagen, was ich am liebsten tun würde. Ich würde ihn gern an den Zehen aufhängen und ihn im Verlies verrotten lassen. Zusammen mit Fiona.«

»Er hat sich entschuldigt.«

»Oh, ja. Schöne Worte.«

»Was ist mit dem Kloster?«

»Ich glaube nicht, dass ich für dieses Leben bestimmt bin. Nein, ich muss eine Möglichkeit finden, Vater und Mutter umzustimmen. Oder sonst einen Weg, diesen Kontrakt aufzulösen.« Margaret grinste. »Ich kann nur zusehen, dass ich bei Hofe einen Mann finde, der mich heiraten will und eine noch bessere Partie ist als Lachlan. Und dann muss ich auch noch einen für dich suchen.«

»Wie willst du das anfangen?«

Margaret lachte. »Das weiß ich noch nicht. Mir wird schon etwas einfallen.«

Nell jubelte. »Dir wird es gelingen, das weiß ich!«

»Allerdings wird es mir gelingen. Schau gut zu und lerne von mir!«

Margaret beobachtete von ihrem Platz vor der kleinen Hirtenhütte aus, in der sie die Nacht verbracht hatten, wie die Morgenröte den Himmel in flammende Farben tauchte. Sie seufzte bei diesem Anblick. Noch vor dem Abend würde es regnen. Konnte dieser eine Tag nicht grau heraufziehen, sodass sie gutes Wetter für die Reise haben würden? Sie hatte nicht gut geschlafen, hatte sich auf dem schmalen Lager, das sie mit Nell geteilt hatte, hin und her geworfen und war dann noch im Dunkeln aufgestanden und hatte sich draußen in ihren Umhang gewickelt hingesetzt , um ein wenig nachzudenken. Es gab keine andere Lösung als den lächerlichen Gedanken, auf den sie bereits gekommen war – zwei Männer zu suchen, deren Abstammung und Charakter ihren Wünschen entsprach und die sie und Nell heiraten konnten. Sie würde nicht viel Zeit haben, diese Männer zu finden, denn sie sollten keine zwei Wochen am Hof bleiben. Ihre Aussichten waren nicht gut. Wenn sie Lachlan heiratete, erfüllte sie damit ihre Pflicht dem Clan und ihrer Familie gegenüber, doch sie würde niemals glücklich werden. Und sie fürchtete, dass sie ebenso unglücklich sein würde, wenn sie ihr Leben im Kloster verbrachte. Und wenn Nell Lachlan an ihrer Stelle heiraten musste, könnte sie sich das nie verzeihen.

Sie seufzte erneut. Sie würde mit Judith darüber sprechen, der Äbtissin von Brenmargon, die sie sehr gut kannte. Sie war schon mehrmals im Kloster gewesen, hatte auf Reisen dort übernachtet und ihre Besuche stets genossen. Judith war englischer Abstammung und die Cousine von Rufus, einem Gefolgsmann ihres Vaters aus dem nächsten Tal südlich von Somerstrath, dem ihr Vater vertraute wie keinem Zweiten. Rufus war ein zuverlässiger Mann, ehrenhaft und alles andere als reizbar, der die Umtriebe seines einzigen Kindes nur zu gern übersah – Dagmar, mit ihren losen Sitten und ihrem unersättlichen Appetit auf Männer. Seine Cousine Judith war ruhig, fromm und außerordentlich scharfsinnig.

Die Familie von Judith und Rufus war in den Norden gekommen, als die Normannen vor hundert Jahren in England eingefallen waren. Sie hatten ihr Blut mit dem der Schotten vermischt, doch stets ihren eigenen Namen behalten, und außerdem einen vor Eifer glühenden Priester mitgebracht, der mit seinen unablässigen Bemühungen mehr dazu beigetragen hatte, die alten Bräuche der keltisch-christlichen Kirche auszutreiben als sonst jemand in diesem Teil von Schottland. Als er schließlich gestorben war, hatten Priester nicht mehr heiraten und ihre Söhne den Posten nicht mehr erben dürfen; Bischöfe kamen aus Glasgow, Edinburgh und Stirling, und die uralten Bräuche, der alte Glaube aus vorchristlichen Zeiten, konnte nur noch heimlich befolgt oder musste mit der christlichen Tradition verschmolzen werden. Quellen und Bäche, die ihre eigenen Gottheiten gehabt hatten, wurden der heiligen Bridget geweiht; Banshees waren nichts weiter als eine Teufelserscheinung oder schlicht der Wind. Bäume waren keine Wesen mehr, die man verehrte, sondern nur noch Manifestationen des Göttlichen. Geschichten von Riesen, die den Norden beherrscht hatten, wurden durch Erzählungen der Missionarsarbeit des heiligen Kolumban ersetzt.

Und doch waren die alten Pfade nicht ganz verschwunden, trotz aller Bemühungen der Kirche. Die Leute glaubten immer noch daran, und viele ihrer Bräuche hatten uralte Wurzeln. Der Schmerz einer Frau im Kindbett wurde abgeschnitten, wenn man einen Dolch unter ihr Bett legte. Kräuter wurden auf die Türschwelle gestreut, um böse Geister fernzuhalten. Ein frischgebackener Vater rannte dreimal, dem Lauf der Sonne folgend, um sein Haus, um seine Familie zu schützen. Hexenbesen wurden stets aus Birkenzweigen gemacht, aber eine Birke in der Nähe des Hauses schützte vor dem bösen Blick oder vor Unfruchtbarkeit. Jeder wusste, dass eine Eberesche, neben die Tür gepflanzt, vor Hexerei schützte, und dass man sich am Maifeiertag, an Mittsommer und Allerseelen, wenn die Feen umgingen, nicht unter einen Weißdornstrauch setzen durfte. Einfache Dinge. Wenn eine Kerze flackernd erlosch, bedeutete das, dass der Tod bald ins Haus kommen würde. Zaubersprüche und kleine Verse boten Schutz; Amulette waren sogar noch wirkungsvoller. Wer die Kräfte der Natur nicht anerkannte, fiel ihnen leicht zum Opfer.

Was Margaret zu einem anderen Thema brachte: ihrem eigenen Glauben. Hatte sie ihr Leben und ihr Schicksal all die Jahre lang falsch eingeschätzt? Die alte Frau und ihre Worte über den goldenen Mann hatten sie in ihren Träumen verfolgt: »Er wird sein wie kein anderer Mann, der dir je begegnet ist. Er wird golden sein. Er wird das Leben nach dem Tode bringen.« Hatte sie die Prophezeiung missverstanden, indem sie angenommen hatte, der goldene Mann sei aus Fleisch und Blut? Hatte das Schicksal sie an diesen Scheideweg geführt, weil es ihr bestimmt war, ihr Leben in Abgeschiedenheit und Kontemplation zu verbringen? War es ihre wahre Bestimmung, eine Braut Christi zu werden, und war ihr goldener Mann eine Darstellung des sterbenden Jesus? Hatte Lachlan sie betrogen, weil es ihr nicht bestimmt war, irgendeinen Mann zu heiraten, sondern zu Judith ins Kloster Brenmargon zu gehen, und waren es die Drachen der Sünde, die sie durch die Kraft des Gebetes besiegen sollte?

Sie hätte nicht verwirrter sein können.

4

Rory O’Neill kam persönlich, um Gannon und Tiernan zu holen. An einem hellen Sommertag erschien das Oberhaupt von ganz Ulster, der nördlichsten Provinz Irlands, mit einem großen Gefolge vor der Festung ihres Stiefvaters. Und er war für einen Krieg gerüstet. Rory O’Neill war ein großer Mann mit breiten Schultern und einer mächtigen Brust. Er sah genauso aus, wie Gannon ihn in Erinnerung hatte, obwohl viele Jahre vergangen waren, seit er den Cousin seiner Mutter zuletzt gesehen hatte. Sein kastanienbraunes Haar hatte graue Strähnen bekommen, doch seine dunklen Augen wirkten so lebhaft und klug wie immer. Er ritt mit seinen Männern in Patricks Burghof, begrüßte Patrick, setzte seinen Helm ab, fuhr sich mit den Fingern durchs Haar und wandte sich Gannon zu. Er verschwendete keine Zeit auf Höflichkeiten.

»Lieber Gott, Gannon, dich hätte ich überall als deines Vaters Sohn erkannt! Du siehst Magnus so ähnlich, dass man an Geister denken muss, die sich aus dem Grab erheben.«

Gannon nickte. Das hörte er schon sein Leben lang.

Rory nahm sich kaum genug Zeit, um Atem zu schöpfen.

»Ich bin hier, um dich und Tiernan mit nach Haraldsholm zu nehmen. Euer Onkel Erik hat mich um Hilfe gebeten. Wenn er mich braucht, braucht er auch euch beide. Und es ist ohnehin an der Zeit, Jungs. Eure Mutter liegt seit einem Jahr unter der Erde.«

Gannon sah Tiernans Überraschung, empfand aber selbst keine – er nahm nur zur Kenntnis, womit er ohnehin gerechnet hatte. Eine Veränderung. »Was ist geschehen?«

Rory schüttelte den Kopf. »Weiß ich nicht genau. Deshalb wollen wir dorthin, um es herauszufinden. Alles, was ich weiß, ist, dass es mächtigen Ärger gibt. Packt eure Sachen, Jungs. Wir werden uns noch Patricks köstliches Essen schmecken lassen, und dann reiten wir weiter. Und ihr beide werdet nicht hierher zurückkehren. Ihr gehört zu euren eigenen Leuten. Von jetzt an seid ihr entweder bei Erik, oder ihr seid bei mir.« Er lachte über ihre verblüfften Gesichter. »Ach, sind Familienbande nicht etwas Wunderbares?«

Gannon atmete tief ein, als sie den Wald verließen. Der Duft der Kiefern schwand, er konnte das Meer riechen und die Hufe der Pferde auf dem felsigen Weg klappern hören, da sie nun nicht mehr über den Nadelteppich unter den Bäumen trappelten. Vor ihm ritt Rory O’Neill mit einigen seiner Männer; weitere ritten hinter Gannon und Tiernan. Das Terrain veränderte sich, je mehr sich das Land der See zuneigte. Der Wind zupfte an seiner Kleidung und versprach für später Regen, doch noch schien die Sonne, und er hob das Gesicht ihrem Licht entgegen. Er freute sich, wieder an die Küste zurückzukehren, ganz gleich, was der wahre Grund für diese Reise sein mochte. Die See rief nach ihm, wie kein Binnengewässer das je tat. Sie lag ihm im Blut, dachte er, diese Liebe zur Küste.

Sein Blut.

Er war der Sohn von Magnus Haraldsson, der an der Nordwestküste Irlands zur Welt gekommen und aufgewachsen war, seine Abstammung aber über zweihundert Jahre bis zu König Harald Hardrada von Norwegen zurückverfolgen konnte. Magnus war stolz auf sein Blut gewesen und hatte seinen Söhnen erklärt, sie seien Nachkommen der Nordmänner, die anfangs nach Irland gekommen waren, um zu plündern und zu rauben, aber dann geblieben waren, um zu heiraten, das Land zu bestellen und Kinder großzuziehen.

Das war eine verbreitete Geschichte. Über Jahrhunderte hinweg hatten erst die Dänen, dann die Norweger Irland, England, Wales und Schottland angegriffen und dann das Land besiedelt, das sie erobert hatten; sie hatten sich mit jenen Völkern vermischt, die bereits dort lebten, bis jene, die sich als Nachfahren der Nordmänner bezeichneten, mit ihren ehemaligen Feinden zusammenlebten und das Christentum und die vorherrschende Kultur annahmen. Sie gelangten in den besiedelten Ländern zu Macht und Einfluss. In Antrim, im Nordosten von Ulster, an der Küste, hatten sich die Nordländer wie an vielen anderen Orten mit den Kelten verbündet und eine starke Allianz gegen alle Feinde von außen gebildet. Nur auf Orkney – und auf den westlichen Inseln zwischen Schottland und Irland – waren die Nordmänner Norweger geblieben, die immer noch der Herrschaft König Haakons von Norwegen unterstanden.

Magnus hatte seine Söhne gelehrt, dass die Geschichte ihrer Familie eine Geschichte von Mut und Tapferkeit war, und Gannon, der Älteste, hatte diese Erzählungen seines Vaters geliebt und war sehr stolz auf seine Abstammung gewesen. Bis zu dem Tag, an dem sein Vater gestorben war. An diesem Tag hatte sich Gannon von seinem nordischen Blut abgewandt und sich nicht länger Gannon Magnusson genannt, sondern stattdessen die irische Form des Namens angenommen, Gannon MacMagnus. Er hatte versucht zu vergessen, warum sie Haraldsholm verlassen hatten, versucht, sein ganzes Leben zu vergessen, bis zu dem Zeitpunkt, als er in Maguires Bridge angekommen war, doch nun sollte er sich all dem erneut stellen.

Tiernan schloss zu ihm auf und warf Gannon einen scharfen Blick zu. »Wirst du während der gesamten Reise kein Wort sagen?«

Gannon lächelte. Tiernan trug stets das Herz auf der Zunge. Wenn er sich Sorgen machte, wusste es jeder. Wenn er wütend war, war auch das nicht zu überhören.

»Nicht während der gesamten Reise«, sagte Gannon.

»Vielleicht nur drei Viertel lang.«

Tiernan lachte und deutete auf den Weg vor ihnen. »Was meinst du, was geschehen sein könnte, dass Rory O’Neill persönlich nach Haraldsholm reitet?«

»Etwas Wichtiges.« Gannon vermutete, es müsse sogar sehr wichtig sein. Vielleicht hatte einmal mehr der Tod die Nordküste heimgesucht und würde diesmal nicht ungerächt bleiben. Rory O’Neill war kein Mann, der sich grundlos für einen Krieg rüstete, und das Oberhaupt und seine Männer waren gut bewaffnet und sehr wachsam. »Ich habe ihn schon ein paar Mal danach gefragt, aber er will mir nicht mehr sagen.«

»Wie lange ist es her, seit wir zuletzt in Haraldsholm waren?«

Gannon warf seinem Bruder einen Seitenblick zu. »Vierzehn Jahre.« Eine Ewigkeit, wenn man so jung war wie Tiernan. Und auch für ihn, denn seither hatte sich so viel verändert.

»Ich frage mich, was uns erwartet.«

Gannon zuckte mit den Schultern. Das war einer der vielen Unterschiede zwischen ihnen. Tiernan konnte es kaum erwarten, die Zukunft zu entdecken. Gannon blickte ihr eher argwöhnisch entgegen und ließ sie einfach auf sich zukommen.

»Wenn uns nicht gefällt, was wir dort vorfinden, gehen wir wieder. Wenn es uns gefällt, bleiben wir. Es gibt nirgendwo etwas, das uns hält. Wir werden uns unsere eigene Zukunft schaffen, Tiernan.«

Margarets Stimmung verdüsterte sich, als die Ponys den Brenmargon-Pass hinabstiegen. Sie hatten das Pächterhaus, in dem sie übernachtet hatten, kurz nach Sonnenaufgang verlassen, als die Welt vom Tau noch feucht war. Die Ponys hatten sich nicht lange genug ausruhen können, weil die Nächte jetzt so kurz waren. Ihre Reise wurde zusätzlich durch die tief hängenden Wolken erschwert, die ihre Schleusen gegen Mittag geöffnet und sie durchweicht hatten. Sie hielt sich die Hand vor den Mund und gähnte. Sie hatte in der Nacht kaum geschlafen, sondern im Dunkeln gelegen und an die Wahl gedacht, die sie bald würde treffen müssen. Nell wollte Lachlan ebenso wenig heiraten wie Margaret. Welch eine schreckliche Entscheidung ihr Vater ihr aufgebürdet hatte. Wie dumm sie gewesen war, zu glauben, er könnte mehr als eine von zwei heiratsfähigen Töchtern in ihr sehen. Sie war für ihn nicht mehr als eine Kuh, ebenso gut wie jede andere für den Bauern, der sie schlachtete. Und doch … sie erinnerte sich an die Tränen in ihres Vaters Augen, an seine herzliche Umarmung und den Kuss bei ihrem Abschied.

Was ihr nicht gerade dabei half, Ordnung in ihre Gefühle zu bringen.

Sie erreichten das Kloster im strömenden Regen, zitternd und nass bis auf die Haut. Im ummauerten Hof stiegen sie von ihren Ponys und übergaben die Pferde den beiden Jungen, die schon bereitstanden. Judith erwartete sie herzlich lächelnd an der Tür des langen Holzhauses, bat sie herein, half ihnen aus den tropfnassen Umhängen und reichte diese einigen wartenden Nonnen. Margaret schüttelte ihre Röcke aus, strich sich das nasse Haar aus dem Gesicht und schenkte Judith ein Lächeln, von dem sie hoffte, es möge fröhlich wirken. Hinter Judith lag der Hauptraum des Klosters mit spartanischen Tischen und Bänken und einem großen Kruzifix an der Wand als einzigem Schmuck. Mehrere Nonnen drängten sich dort und warteten darauf, von Mutter Judith vorgestellt zu werden.

»Ich hatte mich schon gefragt, ob Ihr uns in diesem Sturm finden würdet«, sagte Judith, beugte sich vor, um Nell zu küssen, trat dann zu Margaret und streifte ihre Wange mit Lippen so trocken wie Papier.

»Eine Stunde später, und wir hätten es vielleicht nicht geschafft«, sagte Rignor säuerlich. »Dann hätten wir die ganze Nacht auf dem nassen Boden verbringen müssen.«

»Ich bin froh, dass Euch das erspart bleibt«, sagte Judith gelassen. »Wir haben eine Mahlzeit und Betten für Euch vorbereitet. Eure Männer können im Stall schlafen. Rignor, Ihr nehmt die Kammer darüber. Ich bin sicher, Ihr werdet sie sehr behaglich finden.«

Rignor nickte mit gerunzelter Stirn, und Margaret merkte, dass er vergessen hatte, dass Männer stets in dem Nebengebäude untergebracht wurden; die paar Jungen, die im Kloster arbeiteten, wohnten ebenfalls dort. Die Frauen wohnten im Hauptgebäude. Einige wenige waren wahrhaftig zum Glauben berufen, doch die meisten waren Witwen oder unverheiratete Töchter, die nirgendwo sonst unterkommen konnten. Es war ihr Geld, das dieses abgelegene Kloster, Heimat für vierzig Frauen, über die Runden brachte. Die Kirche schenkte ihm wenig Beachtung, bis auf den Bischof, der häufig zu Besuch kam und kein Geheimnis daraus machte, wie sehr er die gute Küche des Klosters genoss. Und Judiths Gesellschaft, wie manche behaupteten, doch das war kaum überraschend; er war ihr Schwager. Judith, seit Jahren verwitwet, hatte seinen Bruder kurz nach seiner Ernennung zum Bischof geheiratet. Seinem Einfluss hatte es Judith zu verdanken, dass sie nach dem Tod ihres Mannes zur Äbtissin ernannt worden war.

Margaret hatte sie seit Jahren nicht mehr gesehen. Judith war gealtert. Ihre Wangen waren eingesunken, ihre Haut zarter und dünner als früher, ihre Gestalt knochiger. Doch sie war immer noch groß und majestätisch und hatte ein Lächeln, das ihr Gesicht urplötzlich erstrahlen und beinahe mädchenhaft wirken ließ. Dieses Lächeln blieb jedoch verborgen, während Judith Margaret umarmte, ihr beide Hände auf die Schultern legte und sie so herumdrehte, dass ihr Gesicht von den Wandfackeln beleuchtet wurde.

»Ich war überrascht, als Euer Vater mir die Nachricht sandte, dass Ihr auf dem Weg hierher seid. Und weshalb. Wie geht es Euch, mein Kind?«

Margaret war den Tränen gefährlich nahe. Wie es ihr ging? Wie konnte sie Judith erklären, dass ihr Herz gebrochen war, dass sie über Lachlans und Fionas Verrat unzählige Tränen vergossen hatte? Dass sie diese zwei Tage fern von Somerstrath gebraucht hatte, um überhaupt richtig zu begreifen, was geschehen war. Und was ihre Mutter anging – womit hatte sie das verdient? Sie blickte über Judiths Schulter hinweg zu dem Kruzifix an der Wand und dem golden schimmernden Jesus Christus.

»Mir geht es gut«, sagte sie.

»Ach ja?«, entgegnete Judith leise, und ihre Augen sahen viel zu viel. »Wir unterhalten uns später.« Sie drehte sich um und umfasste Nells Hände. »Und Nell, Ihr wart immer so ein hübsches Kind, und jetzt seid Ihr eine hübsche junge Frau. Freut Ihr Euch schon darauf, bald den Hof zu sehen?«

Nell nickte mit leuchtenden Augen. »Oh ja, Madam. Ich habe schon so viel davon gehört. Ich kann es kaum erwarten, das alles mit eigenen Augen zu sehen.«

Judith lächelte. »Ich hoffe, er wird Euren Erwartungen gerecht. Nun kommt alle mit, ich habe warmes Essen, Bier und Wein für euch, und die Schwestern brennen darauf, zu hören, was es Neues gibt. Erzählt, was hat sich in letzter Zeit in Somerstrath ereignet?«

Lange, nachdem Rignor sich in den Regen hinausgewagt hatte, um sein Bett zu erreichen, noch länger, nachdem Nell sich zu der Kammer hatte führen lassen, die sie mit Margaret teilen würde, und nachdem die übrigen Nonnen sich zur Ruhe begeben hatten, bat Judith Margaret in ihre eigene Kammer. Das Gemach der Äbtissin war größer als die Zellen, welche die Nonnen üblicherweise bewohnten, und mit Mobiliar aus ihrem vergangenen Leben als Ehefrau eines reichen Grundherrn eingerichtet. An einem Ende stand ein solides, hohes Bett aus Eichenholz, mit geschnitzten Ranken und Blumen verziert. Die Decke war mit Brokat bestickt, die Bettvorhänge waren aus Seide. Vor dem warmen Kaminfeuer, einem weiteren seltenen Luxus in diesem Kloster, standen zwei Stühle, deren geschwungene Beine sich überkreuzten – Margaret hatte gehört, dass sie aus dem Heiligen Land hierher gebracht worden waren. Judith führte sie zu den Stühlen, ließ sich auf einem nieder und faltete die Hände im Schoß.

»Sprecht mit mir, Margaret.«

Und Margaret erzählte ihr alles, was geschehen war, von dem Kopf am Strand bis hin zu Lachlans Verrat, von Fionas trotziger Rechtfertigung, und was die alte Frau ihr über einen goldenen Mann, Drachen und das Heiraten vorhergesagt hatte. Judith lauschte schweigend, die Lippen fest zusammengepresst, und fand ihre Geschichte offenbar recht lächerlich.

»Eine Seherin, Margaret? Eine Frau, nicht von Gott gesandt, die von Dorf zu Dorf zieht und den Leuten erzählt, was sie hören wollen – dass ihr Leben dramatisch und weltbewegend sein werde und dass alles, was sie ihnen sagt, von Bedeutung sei? Dass sie die Zukunft vorhersehen könne? Und Ihr habt einer solchen Frau zugehört? Ihr hättet besser beten sollen.«

»Aber sie …«, begann Margaret.

»Wurde zur Unterhaltung angeheuert«, sagte Judith. »Aber das spielt keine Rolle. Das ist lange her. Fühlt Ihr Euch denn zum Dienst an Gott berufen?«

»Ich … ich bin nicht sicher«, antwortete Margaret.

»Das war ich auch nicht. Ich kam hierher, um mich von der Welt zurückzuziehen, doch bald erkannte ich, dass dies der richtige Weg für mich ist. Erzählt mir, was Eure Eltern zu alledem gesagt haben.«

Margaret sprach über die Wut ihrer Mutter, über die Wahl, vor die der Vater sie gestellt hatte. Judiths Miene wirkte nachdenklich, doch dann lächelte sie Margaret an.

»Es hat sich viel ereignet, seit ich Euch zuletzt gesehen habe. Jetzt erzählt mir von Eurem Glauben, Mädchen, und sagt mir, warum Ihr ein Leben hier überhaupt in Erwägung zieht.«

»Die alte Frau …«, begann Margaret, doch Judith schüttelte den Kopf.

»Ich will nicht wissen, was die alte Frau glaubt, Kind. Ich will wissen, was Ihr glaubt. Habt Ihr, bevor all das geschehen ist, schon je einen Augenblick lang daran gedacht, Nonne zu werden?«

Margaret dachte an den Frieden, den sie hier im Kloster empfand, an die Lieder, die die Nonnen bei der Arbeit sangen, an die Gelassenheit, mit der sie ihren täglichen Aufgaben nachgingen. »Es könnte sehr schön sein«, sagte sie.

»Und es könnte vollkommen falsch für Euch sein«, sagte Judith in schärferem Tonfall, als Margaret sie je hatte sprechen hören. »Ich habe viele Jahre lang in der Welt dort draußen gelebt, Margaret. Ich habe viel gesehen und erlitten, und dieses Kloster bietet mir den Frieden, den ich mir ersehnte. Ihr hingegen – nein. Ich sehe etwas von Nells Vorfreude in Euren Augen, wenn Ihr davon sprecht, an den Hof zu reisen. Ich sehe, wie die Jungen hier, so wenige es auch sind, Euch anschauen und wie Ihr ihre Blicke erwidert, wie Mädchen das nun einmal tun, und das ist völlig in Ordnung.«

Judith berührte das Kreuz, das um ihren Hals hing, und blickte dann auf zum Kruzifix an der Wand. »Ihr gehört ebenso wenig nach Brenmargon wie Rignor. Ihr müsst Euren goldenen Mann und Eure Drachen anderswo suchen, Kind. Oder besser noch, Ihr vergesst die Worte einer alten Frau, die ein paar Münzen für ihre Wahrsagerei bekam. Das Leben hat seine mystischen Augenblicke, ja, aber richtet Euer Leben nicht nach einer Handvoll Worte aus, die vermutlich gedankenlos dahingesagt wurden. Ihr dürft ihre Worte nicht mit einer Prophezeiung verwechseln, denn die gehört Gott allein.« Sie hob die Hände, um Margarets Protest zu unterbinden.

»Versteht mich nicht falsch. Ich würde mich über Eure Gesellschaft freuen, falls Ihr in das Kloster eintreten solltet. Wir sind eine Gruppe alter Frauen geworden. Ihr würdet Leben in dieses stille Haus bringen, und Jugend. Aber es wäre falsch von mir, Euch dazu zu ermuntern. Anfangs würdet Ihr es vielleicht als angenehme Zuflucht empfinden, doch ich glaube, Ihr würdet es bald bereuen und es mir nicht eben danken, dass ich Euch aufgenommen und damit der Welt beraubt habe. Es gibt Schlimmeres, als feststellen zu müssen, dass Euer Ehemann untreu ist.«

Margaret schnappte nach Luft, und Judith lächelte schief und hob erneut die Hand, um Margaret zum Schweigen zu bringen.

»Ich will Eure traurige Erfahrung damit nicht herunterspielen«, sagte sie. »Ich erkläre Euch nur, dass es ein Fehler wäre, wenn Ihr hierherkämet; Ihr seid ein wunderhübsches Mädchen und lebhaft obendrein, und Ihr solltet nicht den Rest Eures Lebens hinter diesen hölzernen Wänden zubringen.« Sie hielt inne, faltete die Hände und straffte die Schultern. »Und Ihr habt eine Verpflichtung gegenüber Eurer Familie. Ihr habt gewiss von den Spannungen gehört, die seit etwa zehn Jahren zwischen den Comyns und den Durwards herrschen. Die Familie Eurer Tante Jean ist im Augenblick sehr mächtig, aber sie brauchen jede einzelne Waffe in ihrer Waffenkammer, damit das so bleibt. Ihr, mit Eurer Schönheit und Lebhaftigkeit, wärt eine willkommene Verbündete auf ihrer Seite. Zweifellos zählen sie darauf, dass Ihr mit Eurem Charme den Comyns das Wohlwollen des Königs und der Königin sichert. Und dann ist da noch Eure Mutter.« Judith seufzte schwer. »Ich brauche Euch wohl nicht zu sagen, dass sie hofft, Ihr würdet ihr den Weg zurück an den Hof ebnen.«

Margaret starrte sie an. »Mutter? An den Hof?«

Judith nickte. »Ich kenne Eure Mutter fast schon mein Leben lang. Sie war ein kleines Mädchen, als ich sie kennengelernt habe, zierlich und hübsch und einer der unglücklichsten Menschen, die mir je begegnet sind. Ihre Eltern vergötterten sie, ebenso wie ihr Bruder und anfangs auch Euer Vater – aha, ich sehe Euch an, dass dem nicht mehr so ist. Aber einst war es so. Doch all das war nicht genug. Niemand konnte Eurer Mutter so viel Aufmerksamkeit schenken, wie sie sich wünschte. Sie glaubte, Euer Vater würde sie wieder zurück an den Hof bringen. Doch es war seine Pflicht, die Westküste zu schützen, deshalb blieb er in Somerstrath und tat genau das. Ich brauche Euch wohl nicht zu sagen, dass sie damit nicht eben glücklich war.«

Sie hielt inne, neigte den Kopf zur Seite und musterte Margaret. »Und da seid Ihr nun, schön und klug, ihre einzige Chance, ins höfische Leben zurückzukehren, das ihr ihrer Meinung nach zusteht, und Ihr wollt dieses Leben verschmähen, weil der Mann, dem Ihr versprochen seid, Euch untreu war, bevor Ihr überhaupt vermählt wurdet. Und ist es nicht genau das – ein untreuer Mann –, was sie die ganze Zeit über ertragen musste, während Ihr nicht dazu bereit seid? Kein Wunder, dass sie verärgert ist.«

»Es kommt mir beinahe so vor, als würde sie mich hassen«, sagte Margaret.

»Nun ja, was geschieht, wenn einem ohnehin schon unglücklichen Menschen ein weiterer Wunsch verwehrt wird? Sie braucht jemanden, dem sie die Schuld daran geben kann, Margaret, und wir wissen beide, dass sie sich niemals selbst die Schuld an irgendetwas geben würde. Sie beneidet Euch und nimmt es Euch übel, dass Ihr genau das Leben wegwerfen wollt, nach dem sie sich so lange gesehnt hat.«

»Aber sie ist meine Mutter …«

Judith lachte. »Manchen Frauen würde das in diesem Zusammenhang etwas bedeuten, aber nicht allen. Und Eurer Mutter bedeutet es nichts. Glaubt ja nicht, das beträfe nur Euch, Kind. Sollte Nell es wagen, sich ihr zu widersetzen, erginge es ihr ebenso. Nell ist zu schön, um nicht den Zorn Eurer Mutter auf sich zu ziehen. Ich wünschte, ich könnte behaupten, dass mich dieses Verhalten Eurer Mutter überrascht, aber das kann ich nicht. Sie tut mir leid.« Judith blickte in die Ferne und sah dann wieder Margaret an. »So vieles wurde ihr gegeben, aber nichts ist ihr genug. Sie hat Euren Vater vergrämt, ist aber dann verbittert, wenn er Trost bei einer anderen findet. Sie hat zwei Töchter, die sie über alles lieben sollte, deren Schönheit und Klugheit ihren Stolz wecken sollten, nicht ihren Neid. Dazu kommen noch fünf Söhne und ein Heim, um das sie der ganze Westen beneidet. Die meisten Frauen wären vollkommen zufrieden. Aber nicht Eure Mutter.« Ihre Stimme wurde leise. »Es wäre klug von Euch, Margaret, wenn Ihr Euch dazu durchringen könntet, Lachlan zu vergeben und Euch ein neues Leben aufzubauen, denn ob Ihr es wollt oder nicht, Eure Zeit in Somerstrath ist vorüber.«

Sie seufzte schwer. »Und nun muss ich Euch etwas sagen, das Ihr nicht gern hören werdet. Wenn ich Euren Wunsch bedenke, hierherzukommen, muss ich auch daran denken, was das für uns bedeuten könnte. Lachlan findet beim König ein offenes Ohr, und ich will ihn mir nicht zum Feind machen. Wir sind auf den guten Willen jener angewiesen, die dieses Kloster durch ihre Zuwendungen unterhalten. Ich kann das Leben und Wohlergehen der Frauen, die unter meinem Schutz stehen, nicht um einer einzigen Frau willen aufs Spiel setzen – nicht einmal dann, wenn ich diese junge Frau sehr mag und sie dieser alten Frau die verbleibenden Jahre versüßen würde. Ich fürchte, wenn ich Euch hier Zuflucht gewähre, könnte ich damit einflussreiche Männer verärgern, und das wäre nicht sehr klug von mir, nicht wahr?«

Sie erhob sich. »Jetzt schlaft, mein Mädchen, und wenn die Zeit kommt, gebraucht Euer Herz und Euren Verstand, und lasst Euch bei Eurer Entscheidung nicht von Zorn leiten. Das Leben geht oft seltsame Wege. Ich hätte gewiss nie erwartet, dass mich mein Weg hierher führen würde. Wer weiß, was vor Euch liegt. Aber ich werde eines tun, das Euch die Entscheidung ein wenig erleichtern könnte. Ich werde Eurem Vater schreiben und ihn daran erinnern, dass ich, falls Ihr Euch für ein Leben bei uns entscheidet, Eure Mitgift ebenfalls hier erwarte. Wenn er erkennt, dass er für das Privileg, Euch zu bestrafen, teuer bezahlen muss, wird er es sich vielleicht noch einmal überlegen.«

Margaret schob ihre Enttäuschung beiseite und bedankte sich bei ihr.

»Der Herr wird Euch leiten, meine Liebe«, sagte Judith. »Und nun ab ins Bett mit Euch.« Sie schob Margaret sacht hinaus auf den Flur. »Gute Nacht«, sagte sie leise und schloss die Tür.

Margaret starrte die Tür einen Augenblick lang an, hob dann ihre Kerze und ging den Flur entlang. Nach dem langen Gespräch, in dem sie ihre Seele bloßgelegt hatte, war sie doch abgewiesen und mit gütigen Worten abgespeist worden.

Du wirst Drachen ins Auge sehen.

Die Worte klangen so deutlich, dass Margaret herumwirbelte, um nachzusehen, wer sie ausgesprochen hatte. Der Gang war leer, doch sie konnte das Echo noch hören, als sei der Geist der alten Frau hierhergekommen, um Judith zu widersprechen und Margaret auf einen anderen Weg zu führen. Margaret schlang die Arme um sich und eilte zu ihrer Kammer. Drachen, dachte sie. Nicht in diesen Mauern.

Am nächsten Tag besuchte sie die Morgenandacht und betete in der kleinen, dunklen Holzkapelle, in der sich die Nonnen drängten, um Führung auf den rechten Weg. Sie beobachtete, wie die Nonnen ihren alltäglichen Aufgaben nachgingen, Kleidung wuschen und Böden schrubbten, und sie lauschte ihrem lieblichen Gesang. Die Hymnen schienen eine ganz andere Bedeutung anzunehmen, wenn sie so schlicht gesungen wurden. In vielerlei Hinsicht war das Leben hier kaum anders als zu Hause: Mahlzeiten mussten zubereitet, Zimmer gereinigt und Pflanzen gehegt werden. Beim Abendgebet senkte sie den Kopf tief über die gefalteten Hände, bemühte sich, nicht zu weinen, bemühte sich, eine Berufung zu diesem Leben in sich zu finden. Doch es kam kein Frieden über sie. Ständig gingen ihr Dinge durch den Kopf, die sie eines Tages zu ihrem Vater sagen könnte, zu Lachlan oder Fiona, und Dinge, die sie ihrer Mutter nie sagen würde, die sie aber trotzdem nicht vergessen konnte. Ihre Wut hatte nicht nachgelassen, ihre Empörung war nicht verraucht. Trotz all ihrer Gebete war ihr Zorn so groß wie zuvor. Sie fürchtete, sie könnte ihrer Mutter ähnlicher sein, als sie ahnte, denn auch sie hielt an ihrem Ärger fest wie an einer lieben Gefährtin. Margaret fürchtete um ihre unsterbliche Seele, denn wenn man an einem solchen Ort keinen Frieden fand, dann konnte man ihn vermutlich nirgendwo finden.

Die Nonnen jedoch schienen ihren Frieden gefunden zu haben. Ihre Bewegungen, oft von den grob gesponnenen Habiten behindert, waren gemessen, ihre Mienen oft ruhig und friedvoll oder nachdenklich, als lauschten sie einer Stimme, die Margaret nicht hören konnte. Und vielleicht war es auch so, denn ihre Gesichter erhellten sich vor Freude, wenn sie vor dem Kruzifix niederknieten. Während Margaret zugleich ihre Sünden bereute und sich dieser Reue wegen besonders tugendhaft vorkam, fand sie es doch weder erhebend noch beglückend, Christus dort am Kreuz hängen zu sehen. Wie sollte sie an seinem Leiden Freude finden?

Sie waren gerade anderthalb Tage in Brenmargon, als Onkel William zu ihnen stieß. Am frühen Nachmittag traf er mit seiner großen, lauten Truppe ein, und Nell erschien der Klang so vieler Männerstimmen geradezu seltsam nach den gedämpften Stimmen der Frauen. Ihr Onkel hatte sich nicht verändert; er war immer noch groß und schlank, seine Augen und sein Haar waren so dunkel wie die ihrer Mutter, seiner Schwester. Doch er trat ganz anders auf als ihre Mutter. William zog sich die Handschuhe aus, während er zielstrebig die Halle betrat. Er war ein Mann, der nicht viele Worte machte und sich, im Gegensatz zu ihrer Mutter, auch nicht seinen Gefühlen hingab. Bei seinem Eintreten wirkte er geschäftig, beinahe brüsk, obwohl er sich einen Augenblick Zeit nahm, um Nell und Margaret einen Begrüßungskuss zu geben. Nell befand naserümpfend, dass er nach Pferden und Schweiß stank. Doch er lächelte breit und herzlich, als er seinen Neffen und seine Nichten begrüßte und Judith sich nach seiner Frau Jean und seinen Söhnen erkundigte.

»Sie werden von Tag zu Tag größer«, sagte William mit offenkundigem Stolz, »und halten ihre Mutter und mich mit ihren Dummheiten auf Trab.«

»Ihr werdet doch mit uns essen?«, fragte Judith.

»Ja, das werden wir, ich danke Euch«, sagte William. Er reichte einem seiner wartenden Männer die Handschuhe, legte mit einer wirbelnden Bewegung den Umhang ab und wandte sich Margaret zu. »Also, was ist das für eine Geschichte mit dir und Lachlan? Wie ich höre, brauchst du Begleitung zum Hof, die ich gern übernehme. Ich kann nicht lange bleiben, aber ich muss selbst mit dem König sprechen.« Als keine von ihnen antwortete, bedeutete er Margaret, sich ihm gegenüber hinzusetzen. Sie gehorchte widerstrebend und mit einem Seitenblick auf die zahlreichen Zuschauer – Williams Männer und Judiths Nonnen.

»Nun?«, fragte er und bedankte sich mit einem Nicken bei der Nonne, die ihm einen Krug Bier brachte. »Ich habe eine geheimnisvolle Botschaft von deinem Vater erhalten, in der stand, du wolltest dir überlegen, ob du Lachlan heiraten oder den Schleier nehmen wirst.« Er leerte seinen Becher und musterte Margaret abschätzend. »Hast du plötzlich zu Gott gefunden, oder geht es dabei um etwas anderes? Sag es mir jetzt, rasch, oder später, wenn wir weiterreiten. Ich will vor dem Dunkelwerden noch über den Pass. Also, mein Mädchen, worum geht es?«

Margaret errötete. »Er hat mich belogen, Onkel William. Er war … er hat mich mit einem Mädchen aus Somerstrath betrogen.«

»Fiona«, warf Nell ein. »Erinnerst du dich an sie, Onkel William? Die Weberstochter?«

William schüttelte den Kopf. »Nein, ich kann mich nicht an sie erinnern.«

»Margaret hat sie zusammen erwischt«, sagte Rignor. »Ich wollte ihn umbringen.«»Ach ja?«, sagte William und wandte sich wieder Margaret zu. »Und du?«

»Nicht sofort«, sagte Margaret. »Das kam erst später.«

Nell sah ein unterdrücktes Lächeln in Williams Augen funkeln, und ebenso in Margarets Blick, der bei seinen nächsten Worten jedoch wieder ernst wurde.

»Du weißt, dass die Kontrakte längst unterzeichnet sind?«

Margaret nickte und warf Nell einen hastigen Blick zu, als wolle sie sagen: »Ich hab’s dir doch gesagt.«

»Und wie wichtig diese Allianz ist?«, fuhr William fort.

»Ja.«

»Und dein Vater hat gesagt, du könntest selbst entscheiden, ob du den Schleier nehmen oder ihn heiraten willst?«

»Ja. Und dass, wenn ich Lachlan nicht heirate, Nell ihn wird heiraten müssen.«

William zog bei diesen Worten die Augenbrauen hoch, nickte jedoch. »Das wäre eine Lösung. Sie ist noch sehr jung, aber das ändert sich ja von Tag zu Tag.« Er erhob sich.

»Ich will ihn nicht heiraten, Onkel William«, erklärte Nell hitzig.

»Ich verlange das auch nicht von dir«, erwiderte William mit einem vielsagenden Blick auf Margaret.

William blieb zum Mittagsmahl, sammelte danach unverzüglich seine Männer, Nichten und den Neffen zusammen, dankte Judith für ihre Gastfreundschaft und versprach, bei seiner Rückkehr das Neueste vom Hof zu berichten. Margaret umarmte Judith und hörte die Worte hinter den Worten, als Judith sagte, sie solle ihren Besuch bei Hofe genießen. Sie verließ das Kloster schweren Herzens und in dem Wissen, dass ihr immer weniger Möglichkeiten blieben. William schlug ein scharfes Tempo an, das wenig Unterhaltung zuließ, doch sobald sie den Pass überwunden und das flachere Land im Osten erreicht hatten, ritt er langsamer, gesellte sich zu Margaret, Nell und Rignor und wandte sich lächelnd an Nell. »Dein erster Besuch am Hof, nicht, Nell?«

Nell nickte strahlend. »Ja, Sir.«

»Du musst ein paar Dinge wissen, bevor wir dort eintreffen.« Er warf den anderen einen Blick zu. »Ihr solltet auch gut zuhören. Zunächst einmal, Nell, sag mir, was du über den König weißt.«

Nell holte tief Luft. »König Alexander ist Alexander III., der Sohn von Alexander II., und wurde schon mit acht Jahren zum König gekrönt, regiert aber erst seit zwei Jahren allein.«

William war sichtlich zufrieden. »Gut. Und …?«

»Und wir haben schon seit vielen Jahren Frieden in Schottland.«

»Das stimmt nicht ganz. Es gab keinen Krieg, das ist richtig, aber die Durwards und die Comyns haben jahrelang stillschweigend um Einfluss beim König gekämpft. Die Comyns finden nun bei ihm Gehör, und da sie unsere Verbündeten sind, gilt das auch für uns. Wir haben nicht die Absicht, diesen Vorteil zu verspielen. Was weißt du noch?«

»Dass Königin Margaret die Tochter von König Henry von England ist. Und dass es zwischen Henry und Simon de Montfort Zwist gibt, wegen …« Nell verstummte, denn es fiel ihr nicht mehr ein.

»Wie das angefangen hat, ist unwichtig«, sagte William.

»Du hast recht. Aber inzwischen ist es viel mehr als ein Zwist. Und de Montfort hat die Franzosen mit hineingezogen, was die Lage kompliziert macht, weil wir auch Allianzen mit den Franzosen haben. Und … na ja, ihr seht wohl, wie vorsichtig wir in dieser Angelegenheit sein müssen.«

»Und«, fügte Rignor hinzu, der sich nicht beherrschen konnte, »König Alexander hat versucht, König Haakon von Norwegen die Hebriden abzukaufen, aber Haakon hat abgelehnt.«

William nickte. »Das ist eines der Dinge, die ich mit dem König besprechen muss.«

»Warum?«, fragte Margaret.

»Es gab Unfrieden im Norden«, sagte William. »Der Großteil von Caithness ist nordisch, wie ihr ja wisst. Wir wollen nicht, dass die dort oben allzu unruhig werden.« Er runzelte die Stirn und warf Margaret einen langen Blick zu.

»Das alles beschäftigt den König, weshalb dein Versuch, dein Eheversprechen zu lösen, vermutlich nicht ganz oben auf seiner Liste der wichtigen Dinge stehen wird. Was hat dein Vater sich nur dabei gedacht, dich an den Hof zu schicken?«

Margaret schüttelte den Kopf, doch Rignor antwortete sehr selbstbewusst: »Vater dachte, wenn Margaret sieht, was Lachlan ihr bieten kann und wie einflussreich er bei Hofe ist, würde sie es sich vielleicht anders überlegen.«

»Lachlan ist ein Cousin des Königs, Margaret«, sagte William. »Und ein wohlhabender Mann.«

»Ich weiß. Aber das genügt nicht«, sagte Margaret.

»Vielleicht wird es genügen müssen.« William trieb sein Pony an.

Ihre Reise verlief ohne Zwischenfälle, obwohl sie tückisches Sumpfland durchqueren mussten, denn Williams Männer kannten die sicheren Pfade. William wurde wieder gesprächig, als sie sich Stirling näherten, wo der Hof des Königs residierte. Er zeigte ihnen, wie brillant die Lage des gut befestigten Schlosses Stirling war. Es stand auf einem gewaltigen Felsmassiv, von dem aus man fast das gesamte Festland überblicken konnte. Im Westen lag das Marschland des River Forth, durch das sie nun ritten und das mit seinen Sümpfen und häufigen Überflutungen so gefährlich war, dass man keine größere Streitmacht hindurchführen konnte. Im Nordosten und Südwesten wurde die Festung von furchteinflößendem Bergland geschützt. Es gab keinen Weg durch das Landesinnere Schottlands, der nicht am Fuße von Stirling vorbeiführte; wer diesen Landstrich beherrschte, kontrollierte den Weg vom Flachland ins Hochland, und deshalb hatte hier stets ein Schloss oder zumindest eine Burg gestanden, solange die Menschen zurückdenken konnten. Vor Hunderten von Jahren hatte Kenneth Mac Alpin diesen Felsen belagert, um König der Schotten zu werden. Im vergangenen Jahrhundert hatte Alexander I. hier eine Kapelle gestiftet und war innerhalb der Burgmauern verstorben, ebenso wie William der Löwe vor fünfzig Jahren. Nun hatte Alexander III. seinen Hof für den Sommer hierher verlegt.

Margaret war schon zuvor in Stirling gewesen und hatte hier einen Sommer bei Hofe verbracht. Sie hatte Nell viel von ihrem Besuch erzählt, doch Nell hatte noch immer Fragen. Wo würden sie schlafen? Würde sie König Alexander und Königin Margaret vorgestellt werden und dabei sein dürfen, wenn sie Hof hielten, oder würde man sie mit den anderen Kindern hinausschicken? Durfte sie Prinzessin Margaret besuchen, die noch keine zwei Jahre alt war? Ihre Fragen wurden rasch beantwortet, denn William und sein Gefolge wurden am ersten Wachhaus herzlich begrüßt und den steilen, felsigen Weg zum Schloss hinauf eskortiert.

Nell blickte sich staunend um, als sie die hohen Steinmauern erreichten, die gerade an den ohnehin schon mächtigen Wällen aus Holz und Erde errichtet wurden, und dann durch das gewaltige Holztor in die Festung selbst einritten. Sie blieben auf ihren Ponys sitzen und warteten, während der König von ihrer Ankunft benachrichtigt wurde. Nach einer scheinbaren Ewigkeit wurde William zum König gerufen, während Rignor, Margaret und Nell weiterhin im äußeren Burghof warteten.

Es war nicht William, der kam, um sie hereinzubitten, sondern Lachlan, prächtig gekleidet in feinster Wolle und Seide, mit einer goldenen Fibel an der Schulter, einer Goldkette um den Hals und goldenen Ringen an den Fingern. Der Blick seiner dunklen Augen glitt über Nell und Rignor hinweg und blieb an Margaret hängen, die sich langsam umdrehte, als hätte sie seinen Blick gespürt. Lachlan hob die Arme, um ihr von ihrem Pony zu helfen.

»Willkommen bei Hofe, Lady Margaret«, sagte er und legte die Hände auf Margarets Taille. Er hob sie herunter, stellte sie vor sich ab und wandte sich sogleich Nell zu.

Nell glitt ohne seine Hilfe aus dem Sattel und fing sich dafür einen finsteren Blick von Lachlan ein, bevor dieser sich wieder Margaret zuwandte; er beugte sich dicht zu ihr herab und sprach mit leiser Stimme.

»Macht mir hier keine Schande«, sagte er. »Versucht gar nicht erst, mit dem König zu sprechen.«

Margaret blickte ihm in die Augen, und ihr Zorn war offensichtlich. »Ich werde den König bitten, unsere Verlobung für null und nichtig zu erklären, Lachlan. Ich werde Euch niemals freiwillig heiraten.«

Lachlan musterte sie und lächelte spöttisch. »Wer seid Ihr, dass Ihr glaubt, beim König Gehör zu finden, Margaret von Somerstrath? Bin ich nicht hier gewesen, seit ich Euch verlassen habe? Wem wird er wohl eher zuhören, einem kleinen Mädchen von Nirgendwo oder seinem eigenen Cousin?«

»Ich werde ihn dennoch darum bitten«, sagte Margaret.

»Wenn Ihr das tut«, sagte Lachlan mit eisiger Stimme, »werdet Ihr den Preis dafür bezahlen.«

Nell erwartete, dass Rignor protestieren würde, doch ihr Bruder schwieg und beobachtete argwöhnisch, wie Margaret und Lachlan einander anfunkelten. Nell trat vor. »Wagt es nicht, ihr zu drohen!«, rief sie.

»Das ist die Wahrheit, Nell«, sagte Lachlan und wandte sich ihr zu, »und keine Drohung. Aber ich habe eine ganz für Euch allein: Haltet Euch heraus.«

Nell bebte vor Zorn. »Wenn sie Euch nicht heiratet, soll ich es tun, wisst Ihr das?«

Lachlan bog den Kopf zurück und lachte. »Nein, Nell, Ihr werdet mich nicht heiraten. Das kann ich Euch versichern. Eher würde ich Euren Bruder heiraten.«

Margaret und Nell widersprachen ihm zornig, doch ihr Protest wurde von Williams Stimme, die von der Tür herüberdröhnte, übertönt. »Genug!«, rief ihr Onkel. »Kommt herein. Alle.«

William führte sie in einen großen Vorraum, offensichtlich Teil eines riesigen Saales, der sich noch im Bau befand, denn an einem Ende wurden Steine behauen, und hinter der hohen Holzverschalung, die den Rest des Gebäudes vor ihnen verbarg, war das laute Geräusch von Meißeln auf Stein zu hören.

»Ich werde das nicht dulden«, sagte William, und seine Stimme klang gepresst vor Zorn. »Lachlan, es ist ihr gutes Recht, darum zu bitten. Und, Margaret, er ist zu Recht beleidigt, weil du darum bitten willst. Ihr beiden habt vielleicht eine Art, euer gemeinsames Leben zu beginnen! Und jetzt kommt mit, alle. Rignor, du schläfst in Lachlans Gemächern. Margaret und Nell, ihr schlaft bei den Comyn-Frauen, und benehmt euch, ihr beiden. Kein Wort über Lachlan, verstanden? Bewahrt euch ein wenig Stolz, Herrgott!«

Er warf Lachlan einen finsteren Blick zu. »Und Ihr braucht nicht so selbstzufrieden zu grinsen, Junge, sonst werde ich selbst den König bitten, die Verlobung zu lösen. Sich unten im Hof zu streiten, wo Euch alle Welt hören kann! Ihr werdet das Gespräch beim Abendmahl sein, das kann ich Euch versichern.« Er winkte zwei Diener heran, die offenbar gewartet hatten, um sie zu ihren Gemächern zu führen.

»Jetzt wascht euch den Staub von den Gesichtern, und kleidet euch für das Abendmahl an.«

Am ersten Abend verschwamm Nell alles vor Augen, der Hof war ein Wirbel aus Farben und Lärm, Wortfetzen in Französisch und Angelsächsisch, Latein und Gälisch und die seltsame Mischung aus alledem, was man im Tiefland sprach. Sie saß still neben Margaret, während sich Rignor mit Lachlan und dessen Gefährten unterhielt, als seien sie die besten Freunde. Margaret sagte kaum ein Wort, was Nell nur recht war. Es gab so viel zu sehen.

Sie war von den Kleidern der Damen wie verzaubert. Sie trugen farbenfrohe Gewänder, ärmellos und ungegürtet, einige seitlich geschnürt, andere mit kurzen, prächtig bestickten Übergewändern darüber, und Röcke, die mit Schnürärmeln in verschiedenen Farben kontrastierten. Alle verheirateten Frauen trugen eine Kopfbedeckung, manche ein einfaches Kopftuch aus Seide, die ihre Wangen liebkoste. Andere trugen eine Haube mit Spitzenband darüber, das im Nacken verknotet war. Manche hatten sich mit auffälligem Kopfputz geschmückt, hoch aufragend und mit Edelsteinen besetzt. Die unverheirateten Mädchen trugen das Haar offen oder zu komplizierten Zöpfen geflochten, mit Bändern, passend zu ihren Gewändern, oder von einem schlichten Reif zurückgehalten. Aber die Schuhe! Nell kam aus dem Staunen nicht mehr heraus, was die Frauen alles an den Füßen trugen – lange, spitze Schuhe, manche mit Perlen bestickt, manche aus Holz geschnitzt und mit prächtigen Mustern bemalt. Sie hätte diese Schuhe stundenlang bewundern können.

Die Männer waren beinahe ebenso farbenprächtig gekleidet. Einige trugen Gewänder aus Samt oder Seide, andere Tuniken mit Knöpfen und Schnürärmeln und gezackten Säumen über wollenen Hosen, die meist in schimmernden Lederstiefeln steckten. Manche hatten auch weiche Lederschuhe an, bemalt wie die der Frauen und offensichtlich weder zum Reisen noch für die Arbeit oder den Krieg geeignet. Viele trugen bestickte Kappen oder Bundhauben, andere ließen das Haar offen oder bedeckten es mit einer Kapuze, und manche trugen ebenso üppigen Schmuck wie die Damen – Edelsteine blitzten an Ringen, Gürteln und Fibeln oder aus der Mitte silberner Knöpfe.

Die Highlander waren leicht auszumachen: Ihre Tartans, mit Pflanzenfarben gefärbt, wirkten neben den Prunkgewändern der Höflinge trist und langweilig, und alle trugen das Haar offen oder mit einem schlichten Lederriemen zurückgebunden. Viele der Highlander trugen auch Gold oder Edelsteine, manche waren so reichlich geschmückt wie der Hofstaat des Königs, während andere so schlicht gekleidet waren, dass sie wie Mönche wirkten.

In dieser prächtigen Mischung aus Farben, Stoffen und Mustern mussten sie und Margaret aussehen wie rückständige Hinterwäldler. Margarets neue Gewänder waren sehr gut gefertigt, doch in einem veralteten Stil, und obwohl die Schwestern ihren besten Schmuck trugen, verblasste er im Vergleich zum Zierrat der Hofdamen. Rignor, schlicht in Kittel und Hose gekleidet, wirkte wie ein Fremdling. Er schien es nicht zu bemerken, doch Nell sah, dass Margaret genau wie sie selbst die Damen beobachtete, wie sie sich in ihren prächtigen Gewändern bewegten und sich hier so offensichtlich zu Hause fühlten, dass ihre Selbstsicherheit einschüchternd wirkte. Nell war sich noch nie so unbedeutend vorgekommen. Wie glaubte Margaret, den König umstimmen zu können? Nell konnte König Alexander und Königin Margaret von ihrem Platz aus kaum erkennen – sie saßen weit weg von der Tür und weit weg vom König. Aber zumindest an der oberen Hälfte der Tafel, erkannte sie und seufzte erleichtert, und eigentlich war der Platz gut gewählt, denn sie saßen ganz in der Nähe von Onkel William und zwei weiteren schottischen Edelleuten, und ihnen allen wurde gut aufgewartet.

Das Essen war nach den Maßstäben von Somerstrath geradezu ein Festmahl, mit so vielen Gängen, dass Nell bald nicht mehr mitzählen konnte. Es gab Vögel, die so klein waren, dass man sie im Ganzen essen konnte, und andere, deren Flügel allein größer waren als Nells Hand. Es wurden ganze Fische serviert mit Augen und allem anderen, wovon ihr schon immer der Appetit vergangen war, und auf riesigen silbernen Platten, getragen von vier Männern, wurden ganze Rinderhälften hereingebracht. Es gab Früchte, die sie noch nie gesehen hatte, süß und so saftig, dass ihr der Saft über das Kinn rann, und Süßigkeiten, schwer vor Honig. Und dies, so sagte man ihr, war kein Festmahl, sondern ein gewöhnliches Abendmahl. Bei Hofe lebte man schon sehr anders als zu Hause. Und während sich das Essen für Nells Geschmack übermäßig lange hinzog, so gab es doch Musik und Gaukler und so viele Leute zu sehen, dass sie alles wie gebannt beobachtete.

Und bald bemerkte sie, dass auch sie beobachtet wurde. Einige der Männer, die bei Lachlan saßen, machten wohl hinter vorgehaltener Hand Bemerkungen über sie. Manche, wie der große Mann mit dem kupferroten Haar, beobachteten sie nur und verfolgten offenbar jede Bewegung von Margaret und Rignor. Nun huschte der Blick des rothaarigen Mannes zu Nell weiter. Er lächelte ihr zu, flüchtig, aber herzlich, mit einem schwachen Nicken, bei dem er leicht die Augenbrauen hochzog, als seien sie bereits gute Bekannte. Sie starrte ihn an und versuchte, sich zu erinnern, ob sie ihm schon vorgestellt worden war; sie glaubte es nicht. Da wandte er sich ab, um Lachlan zu antworten, und Nell beugte sich vor, in der Hoffnung, seine Stimme zu hören, doch die ging im Lärm der großen Halle unter.

Margaret versuchte, ein Gähnen zu unterdrücken, doch die Müdigkeit ließ sich nicht besiegen, und schließlich erhob sie sich, eine sehr schläfrige Nell an ihrer Seite, und verabschiedete sich von Onkel William. Der nickte und nahm die ernste Unterhaltung mit seinem Tischnachbarn wieder auf. Ein Stewart, glaubte sie, gehört zu haben, doch sie war nicht sicher. Sie hatte so viele Menschen kennengelernt, dass ihre Namen und Gesichter miteinander verschwammen und Margaret ihre Familiengeschichten, die sie eigentlich hätte auswendig lernen sollen, längst vergessen hatte. Sie sagte Rignor, Lachlan und seinen Männern gute Nacht; Rignor, zu betrunken, um sich um sie zu kümmern, winkte nur schwach mit der Hand, doch Lachlan bestand darauf, sie zu ihren Gemächern zu begleiten, und behauptete, sie würden sich sonst gewiss verlaufen.

»So groß ist das Schloss nun auch wieder nicht«, sagte Margaret. »Irgendjemand würde uns schon den Weg weisen.«

»Euch den Weg zu weisen, ist meine Aufgabe«, sagte Lachlan mit breitem Grinsen, an seine Männer gewandt.

»Und was für eine Aufgabe. Ich fürchte, ich werde den Rest meines Lebens damit zubringen müssen.« Er fiel in das Lachen der Männer ein.

Margaret schwieg, während sie die Halle verließen und den langen Flur zu ihren Gemächern entlanggingen; sie hoffte, dass die abendliche Brise, die durch die Bogenfenster hereinwehte, ihren Zorn kühlen würde. Normannische Bogenfenster, dachte sie und spürte eine heftige Ablehnung gegen alles, was nicht schottisch war. Französisch wurde nur von Leuten gesprochen, deren Familien schon seit Anbeginn der Zeit hier gelebt hatten. Chansons wurden dargebracht, keine Lieder. Der normannische, der französische Einfluss hatte das schottische Leben durchdrungen. Wann hatten die Schotten eigentlich die Herrschaft über ihr eigenes Land verloren? Sie warf Lachlan einen Blick zu, dessen schmale Nase und dunkler Teint sein normannisches Blut verrieten. Ihre Kinder würden vielleicht aussehen wie er, schmal und dunkel, oder sich benehmen wie er, arrogant und allzu sehr von sich überzeugt – allerdings musste sie zugeben, dass diese Charakterzüge ebenso typisch schottisch wie normannisch waren.

»Köstliches Essen«, bemerkte Lachlan und riss sie aus ihren Gedanken.

»Ja«, entgegnete sie.

»Fandet Ihr das Essen nicht auch köstlich, Nell?«, fragte er.

Nell nickte mit großen Augen.

»Nichts hat sich verändert, Lachlan«, sagte Margaret und blieb in dem spärlich erleuchteten Flur stehen. »Ich will Euch immer noch nicht heiraten. Ihr habt mich mit Fiona betrogen. Und ganz gleich, was Ihr mir jetzt vorspielt, es ändert nichts daran.«

Lachlans Gesicht wurde vom Fackelschein erhellt; ihres lag im Dunkeln – deshalb hatte sie sich diese Stelle ausgesucht. Er rang offensichtlich um Beherrschung, gewann aber den inneren Kampf. Einen Augenblick später war seine Miene ebenso ruhig und glatt wie seine Worte. »Ich möchte Euch immer noch heiraten.«

»Warum?« Margaret hörte selbst, dass Neugier in ihrer Stimme lag. »Warum mich, Lachlan? Ihr seid reich genug. Weshalb sucht Ihr Euch nicht eine andere Frau, die einfach wegsehen wird?«

Einen Augenblick lang glaubte sie, er werde ihr tatsächlich offen antworten, denn auf seinem Gesicht spiegelte sich eine Abfolge von Gefühlen. Ehrgeiz, wenig überraschend, Sturheit, auch vorhersehbar. Eine Sehnsucht, die sie verblüffte – doch gewiss nicht nach ihr? Und noch etwas, das sie nicht genau erkennen konnte. Der Ausdruck wirkte besitzergreifend, beinahe eifersüchtig. Konnte das der tieferliegende Grund sein – dass sie ihm versprochen worden war und er, wie ein kleines Kind, das keinen Bissen mehr hinunterbekommt, aber seine Leckerei auf keinen Fall hergeben will, sie nicht gehen lassen wollte?

»Wir sind einander versprochen, Margaret.«

»Ist das genug für ein gemeinsames Leben? Ich werde nie vergessen, was Ihr getan habt.«

Lachlans Lächeln war knapp und kühl. »Hier entlang«, sagte er und wies auf eine Tür. Ohne einen weiteren Blick ließ er sie stehen.

»Er hätte dir zumindest antworten können«, sagte Nell.

»Vielleicht«, entgegnete Margaret gedehnt. »Vielleicht versteht er sich selbst nicht so recht.«

Sie verbrachten eine ungemütliche Nacht auf Strohmatratzen in einem überfüllten Vorzimmer voller Fremder. Die Comyn-Frauen nahmen sie sehr freundlich und neugierig auf, doch Margaret fühlte sich bei ihnen nicht wohl. Sie beobachteten sie, als könnte ihr gleich ein zweiter Kopf wachsen, und sie merkte, wie ausgiebig über sie getratscht worden war.

Sie lag lange wach und dachte daran, wie dumm sie gewesen war, zu glauben, sie könnte an den Hof kommen, sich die Männer ansehen und einfach einen aussuchen, der ihr und ihren Eltern genehm sein würde. Dieser Abend, so weit entfernt vom König und der Königin platziert, umgeben von Fremden, die sie einschüchterten, hatte ihr ihre Lage deutlich vor Augen geführt. Wie konnte sie unter Fremden wählen? Woher sollte sie wissen, dass irgendein Mann, den sie hier kennenlernte, besser war als Lachlan? Wie konnte sie glauben, sie könne jemandem, den sie erst kurz kannte, ins Herz blicken? Also würde sie zwischen Lachlan und dem Schleier wählen müssen, außer es gelang ihr, den König von ihrem Wunsch zu überzeugen. Aber würde der König ihr auch eine Audienz gewähren? Die Unterhaltung am Abend hatte sich meist um die Lage in England gedreht und darum, ob Schottland wohl in den Konflikt hineingezogen werden würde. Ihr eigener Kummer würde König Alexander sehr unbedeutend erscheinen, und er würde ihr im besten Fall nur einen Augenblick seiner Zeit widmen. Sie drehte sich einmal mehr auf dem Strohsack herum.

»Seid Ihr wach, Margaret MacDonald?«

Das Flüstern kam von links, und sie erkannte die Stimme einer der jüngeren Comyns; das Mädchen mit dem lieblichen Gesicht war vorhin sehr freundlich zu ihr gewesen.

»Ja«, flüsterte Margaret zurück.

»Ist es wahr, dass Ihr hier seid, um Eure Verlobung lösen zu lassen?«

Margaret seufzte innerlich. Warum sollte sie es leugnen? Der ganze Hof schien ihre Geschichte mittlerweile zu kennen. »Mein Vater hat mich hierher gesandt, aber ja, das habe ich vor.«

»Ich habe heute Abend den Mann kennengelernt, den ich heiraten soll.«

»Und?«

»Er scheint recht freundlich zu sein. Älter, als ich gehofft hatte, aber …« Der Strohsack raschelte, als hätte das Mädchen sich auf einen Ellbogen gestützt. »Wir sind einander seit meiner Geburt versprochen. Aber ich habe darüber nachgedacht … falls Ihr Erfolg haben solltet, könnte ich mein Eheversprechen vielleicht auch wieder lösen lassen. Es gibt da einen jungen Mann zu Hause … Meine Eltern sind nicht mit ihm einverstanden, aber …«

»Es ist höchste Zeit«, sagte eine ältere, aber nicht unfreundliche Stimme, »dass ihr mit dem Denken aufhört und einfach eure Pflicht tut, alle beide. Ihr seid zum Wohl eurer Familien verlobt worden – und zum Wohl eures Landes. Hört auf damit, euch einzubilden, ihr hättet in solchen Angelegenheiten etwas zu sagen. Keine von uns hat das, Mädchen, also verzehrt euch nicht vor Sehnsucht nach etwas, das niemals sein wird. Findet etwas Gutes an dem Mann, den ihr heiraten werdet. Später werden eure Kinder euch über vieles hinwegtrösten. Und denkt daran, ihr heiratet reich. Was könnte sich eine Frau außer Sicherheit und Kindern noch wünschen? Die Liebe ist etwas für die normannischen Troubadoure, nicht für unsereins. Jetzt gebt Ruhe, und lasst uns andere schlafen.«

In der darauffolgenden Stille fand Margaret schließlich etwas Schlaf, und am nächsten Tag erwähnte niemand diese Unterhaltung. Sie erfuhr auch nicht, welche der Damen da gesprochen hatte.

Der nächste Tag war ein einziger Wirbel fremder Gesichter, denn Margaret wurde offensichtlich jedem im Schloss vorgestellt. Herzöge, Grafen, deren Anhängsel und entlaufene Cousins – in ihrem Kopf gerieten all die Namen rasch durcheinander. Sie und Nell lächelten und knicksten und versuchten, sinnvolle Antworten zu formulieren, doch am Nachmittag sehnte sie sich nach Schweigen. Als Nell, die sicher an Onkel Williams Seite saß und aufmerksam lauschte, ihr lächelnd bedeutete, sie könne sich davonschleichen, ergriff Margaret begeistert die Gelegenheit, endlich allein zu sein. Das gelang ihr, zumindest annähernd, im Küchengarten, wo gerade niemand arbeitete und Lachlans Begleiter sie gewiss nicht suchen würden. Sie spazierte ein wenig herum, gab sich der warmen Sonne und der Stille des Gartens hin und blieb dann mit klopfendem Herzen stehen, als sie merkte, dass sie doch nicht allein war.

Am anderen Ende des Gartens auf einer Bank, halb verborgen im Schatten eines Baumes, saß eine alte Frau, die Hände im Schoß gefaltet. Sie blickte zu Margaret herüber, und ihr Gesicht war im Schatten nicht zu erkennen, doch ihre Haltung wirkte gespannt, als erwarte sie jemanden. Margaret lächelte schüchtern und ging weiter. Doch nun fühlte sie sich unbehaglich, denn sie spürte bei jedem Schritt den Blick der Frau auf sich ruhen. Sie blieb stehen und blickte über die weite Ebene. Die nasse Oberfläche des Sumpflands fing die Sonne ein und spiegelte sie, und einen Augenblick lang war Margaret davon geblendet.

»Ich hatte Euch meine Geschichte versprochen.«

Die Stimme der Frau unmittelbar hinter ihr ließ Margaret vor Schreck erstarren. Sie drehte sich langsam um und rechnete halb damit, den Kiesweg leer vorzufinden, doch da stand sie, und sie sah noch genauso aus wie vor all den Jahren.

»Das ist nicht möglich«, flüsterte Margaret. Die alte Frau lächelte nur.

5

»Nicht.«

Nell drehte sich um, denn sie wollte sehen, wer sie daran hinderte, den Garten zu betreten. Am anderen Ende unterhielt sich Margaret mit einer alten Frau, aber viel zu leise, als dass Nell auch nur ein Wort hätte verstehen können. Die Hand auf ihrem Arm gehörte zu dem großen rothaarigen Mann, der ihr am vergangenen Abend aufgefallen war. Seine dunklen Augen blickten direkt in ihre. Heute war er wie ein Highlander gekleidet. Er trug einen Feileadh und einen langen Umhang mit einer Granatfibel, nicht die normannische Kleidung wie gestern Abend. Sie zog ihren Arm zurück und fragte sich, ob er einfach loslassen würde, doch sein Griff wurde fester.

»Lasst sie reden«, sagte er leise.

Nell hob den Arm und zog die Augenbrauen hoch, in der Hoffnung, hochmütiges Benehmen würde ihn einschüchtern, doch sie sah nur Belustigung in seinem Blick. Sie wandte sich von ihm ab, um ihre Schwester und die alte Frau zu beobachten. »Wer ist das?«

»Eure Schwester.«

Nell schnaubte, wandte sich zu ihm um, und als sie sein breites Lächeln sah, erwiderte sie spitz: »Tatsächlich? Ich hatte sie viel jünger in Erinnerung.«

Er lachte leise, und sie betrachtete ihn genauer. Er war jünger, als sie ihn gestern Abend eingeschätzt hatte, sein glatt rasiertes Gesicht noch nicht von der Zeit gezeichnet, der schlanke Körper kraftvoll und muskulös. Seine Augen waren grünlich goldfarben, sein Haar im hellen Sonnenlicht viel blonder, als sie gedacht hatte. Ein gutaussehender Mann. Sie dachte an Margarets Warnungen, was unbegleitete Unterhaltungen mit Männern bei Hofe anging, und fragte sich, ob sie nicht lieber vorsichtig sein sollte. Sie sah ihn stirnrunzelnd an.

Er lockerte seinen Griff, nahm die Hand jedoch nicht von ihrem Arm. »Ihr seid mir vielleicht eine, Nell MacDonald.«

»Ja, allerdings«, sagte sie. »Und Ihr seid?«

»Ich bin auch einer«, sagte er lachend. »Liam Crawford, Mädchen.«

»Ihr habt den Namen eines Flachländers und den Akzent eines Highlanders, Sir.«

Er nickte. »So ist es. Seltsam, nicht wahr? Aber keine Sorge, ich habe genug Highland-Blut in mir, um den Tartan tragen zu dürfen. Meine Mutter ist eine Stewart, und in mir fließt das Blut der Ross’ und der MacDonalds, wie in Euch auch.«

Sie versuchte, ihm ihren Arm zu entziehen. Sofort wurde seine Miene ernst.

»Bleibt hier, Nell, bitte. Eure Schwester sollte unbedingt mit ihr sprechen.«

»Wer ist sie?«

Seine Mundwinkel zuckten, doch diesmal antwortete er ihr. »Die Seherin des Königs. Sie sieht Dinge … und sie werden wirklich wahr.«

»Warum sollte Margaret mit ihr sprechen?«

»Sie haben sich vor langer Zeit schon einmal getroffen, und sie hat Eurer Schwester etwas vorhergesagt. Ich möchte wetten, Margaret ist nicht wenig überrascht, ihr hier zu begegnen.«

»Woher wisst Ihr das alles?«

»Sie hat es mir gesagt. Ich meine, die Seherin.«

»Ausgerechnet Euch, von all den Leuten hier? Sie hat sich Euch ausgesucht und Euch anvertraut, dass sie mit meiner Schwester sprechen muss? Obwohl Ihr Margaret gar nicht kennt? Das ist mehr als seltsam, Sir.«

»Ja.« Er ließ den Blick von ihren Augen zu ihrem Haar schweifen, und dann an ihrem Körper hinab. »Ihr seid noch ein Kind, Nell, aber sie sagte mir, dass Ihr und ich … wir werden uns wiedersehen. Und wir werden einander sehr gut kennenlernen.«

Nell starrte ihn mit offenem Mund an. Sie war nicht sicher, ob sie wütend werden oder ihm glauben sollte. Oder beides. »Ich bin kein Kind mehr, Sir.«

»Liam. Doch, das seid Ihr. Aber das macht nichts. Ich habe es nicht eilig. Auf ein so vielversprechendes Mädchen werde ich warten, so lange es eben dauert.«

Sie schloss hastig den Mund und versuchte, nicht auf ihre heißen Wangen zu achten. »Lasst mich los, Sir, bitte.«

»Liam.«

»Liam. Bitte.«

»Werdet Ihr hierbleiben und sich die beiden in Ruhe unterhalten lassen?«

Sie sah ihm in die Augen. Er kam ihr nicht verrückt vor, obwohl sie nicht recht wusste, wie ein Verrückter aussah. Doch sie war ziemlich sicher, dass ein Wahnsinniger ihr nicht so ruhig in die Augen blicken würde, dass der Griff eines Wahnsinnigen sich nicht so sicher anfühlen würde, als sei er gewiss, dass er die Wahrheit sprach.

»Werdet Ihr sie in Ruhe miteinander sprechen lassen, Nell?«

»Ja«, sagte sie leise.

Er ließ ihren Arm los, blieb jedoch nah genug, um sie erneut festhalten zu können, und sie war sicher, dass er genau das tun würde, falls sie sich rührte. Sie schaute in den Garten hinaus, wo Margaret und die alte Frau einen Weg entlangspazierten und die Köpfe zusammensteckten. Sie wünschte, sie könnte Margarets Gesicht sehen, doch ihre Schwester schien sich zumindest nicht zu fürchten. Nell wandte sich wieder zu Liam Crawford um, der ihrem Blick gefolgt war und ihr nun in die Augen sah.

Ihre Stimme hätte kraftvoller klingen sollen, war aber kaum ein Flüstern. »Was hat sie Euch über mich gesagt? Die Seherin, was hat sie gesagt?«

Er schwieg lange und blickte in die Ferne, dann lächelte er schief. »Sie hat mir gesagt, dass wir beide viel erleben würden, bevor wir uns wieder begegnen, und dass« – ein Hauch Farbe überzog seine Wangen – »und dass wir dann … sehr vertraut sein würden. Sie hat mir Euren Vornamen genannt, aber nicht Euren Familiennamen. Ich habe seither mehrere Nells kennengelernt und mich jedes Mal gefragt, ob es diese Nell sein könnte, doch als ich Euch gestern Abend gesehen habe … da wusste ich, Ihr seid es.«

»Woher?«

»Eure Augen. Ich habe in Eure Augen geschaut, und ich habe Euch erkannt.«

Sie sah ihn an und suchte nach einem Anzeichen von Belustigung oder Spott, doch diesmal war nichts davon zu sehen. Einen Augenblick lang starrten sie einander an, bis sie sich mit flammenden Wangen abwenden musste. »Und wenn es nicht wahr ist?«

Seine Stimme klang leise. »Dann würde ich das sehr bedauern.«

Sie sah ihm in die Augen, wandte den Blick wieder ab, und ihre Gedanken wirbelten durcheinander. Schweigend standen sie beieinander und beobachteten Margaret und die alte Frau, während der Wind auffrischte und Wolken über den Himmel eilten. Plötzlich beugte er sich vor, und sie spürte seine Lippen an ihrem Ohr.

»Ich werde auf Euch warten«, flüsterte er.

Sie wusste nicht recht, was sie sagen sollte, doch er ging bereits rasch zurück ins Schloss. Sie sah ihm nach, beobachtete den Schwung seiner Schultern und seine Schritte, die Selbstsicherheit, mit der er sich bewegte. Er war einige Jahre älter als sie, jung, aber doch schon ein Mann. Hatte ihr Vater nicht mit den Stewarts gesprochen? Das musste es sein, entschied sie. Er war einer der Kandidaten, die ihr Vater als Ehemann für sie in Betracht zog. All dieses Gerede, die Prophezeiung einer Seherin und dass er auf sie warten würde – das war Unsinn. Zweifellos lachte er gerade über sie.

Er blickte über die Schulter zurück, bevor er um die Ecke bog, hob eine Hand zum Gruß und zögerte, als widerstrebe es ihm, zu gehen. Sie spürte einen Schauer der Vorahnung und schalt sich sogleich dafür. Er musste einer der Kandidaten ihres Vaters sein. Ansonsten … sie schlang die Arme um sich und beobachtete Margaret und die alte Frau wieder.

Margaret hatte solche Geschichten schon früher gehört, jedoch nie von jemandem, der behauptete, sie selbst erlebt zu haben. Wenn sie diese kleine, vom Alter gezeichnete Frau vor sich sah, fiel es ihr schwer, sie sich als junges Mädchen vorzustellen. Doch da war dieses Blitzen in ihren braunen Augen, dieses stolz erhobene Kinn. Sie war einst eine Schönheit gewesen, bevor das Alter ihren Rücken gebeugt und ihre Hände verkrümmt hatte.

Die alte Frau erzählte von ihrer Kindheit in einem Wüstenland, inmitten ihrer Familie und der Familien ihrer Eltern, in einem kleinen Dorf an einem breiten Fluss; niemand aus diesem Dorf hatte irgendeine Bedeutung für die weite Welt. Sie erzählte von den Männern, die eines Tages angeritten kamen, an einem strahlenden Frühlingstag, die runzlige Miene entrückt bei der Erinnerung. Die Reiter töteten alle Männer im Dorf und fast alle Jungen. Ihr Vater und ihre Brüder waren unter den Ersten, die ermordet wurden. Das Schicksal der Frauen war einfach; die jungen wurden zusammengetrieben und in einer langen Reihe aneinandergefesselt. Die älteren … überlebten nicht. Keine Frau blieb unberührt.

Sie war nach Griechenland gebracht und an einen Händler verkauft worden, der sie wiederum an einen Mann in Rom verkauft hatte, der sie gut behandelt, sie zu seiner Religion zu bekehren versucht und ihr vor seinem Tod sogar seine Liebe gestanden hatte. Doch dann hatte seine Frau sie aus dem Häuschen vertrieben, das er für sie gemietet hatte, und ihre Jahre der Wanderschaft hatten begonnen. Sie hatte in Madrid gelebt. In Lissabon. In London. In York. In Edinburgh. Und nun lebte sie da, wo König Alexander und Königin Margaret gerade lebten. Sie erzählte Margaret mit schiefem Lächeln, dass sie für den Hof ebenso wichtig sei wie ein Hofnarr oder Musikant. Eine Frau habe nun einmal nicht viele Möglichkeiten, sagte sie, vor allem eine Frau, die nie verheiratet war, keine Familie hatte und hier nicht einmal eine Religion, bei der sie Zuflucht finden könnte.

Sie war noch sehr jung gewesen, als sie ihre Gabe des »Sehens« entdeckt hatte. Sie hatte die Zerstörung ihres Dorfes in einer Vision gesehen, lange bevor es geschehen war. Sie hatte gewusst, dass sie niemals ein eigenes Heim haben und eines Tages hier leben würde, am Rande der Welt.

»Und ich wusste, dass ich Euch wiederbegegnen würde. Wisst Ihr noch, dass ich Euch das gesagt habe?«

Margaret nickte, immer noch erstaunt darüber, dass die Frau hier war und zudem in den Jahren seit ihrer Begegnung in Somerstrath nicht gealtert zu sein schien. »Ich erinnere mich an jedes Wort, das Ihr mir damals gesagt habt.«

Die Frau lächelte gelassen. »Ich ebenfalls. Ihr habt Euch gut entwickelt, Margaret von Somerstrath, seid stark geworden. Und diese Kraft werdet Ihr brauchen.«

»Oh ja. Drachen«, sagte Margaret.

Die Frau lächelte erneut, sagte aber nichts.

»Was könnt Ihr mir jetzt über die Zukunft sagen?«

»Dass sie beinahe schon hier ist.«

Margaret starrte die Frau an und unterdrückte die scharfe Erwiderung, die ihr auf der Zunge lag. »Ja«, sagte sie, »und?«

»Dass sich Euer Leben auf eine Art und Weise verändern wird, die Ihr Euch noch nicht vorstellen könnt. Dass wir uns noch ein Mal begegnen werden, bevor ich sterbe. Und dass sich Judith in Brenmargon nicht über mich lustig machen sollte. Ich spotte auch nicht über ihren Glauben.«

Margaret starrte sie an. Nell, entschied sie. Nell musste irgendwann mit ihr gesprochen haben.

»Nell war es nicht«, sagte die Frau dann. »Und Euer Bruder auch nicht.«

»Aber woher …?«

»Ihr könntet ebenso gut fragen, wie ich den Wind auf meiner Haut spüre, Kind. Ich kann es Euch nicht erklären, ich weiß, was ich weiß. Judith fürchtet etwas, das sie nicht versteht. Ein Leben ohne Fragen ist sehr tröstlich und beruhigend. Ihr wird gesagt, was sie glauben soll, und sie hilft anderen, dasselbe zu glauben. Doch ihr Glaube ist echt, und ich werde nicht darüber spotten.«

Margaret wollte eine hitzige Antwort geben, schluckte sie jedoch hinunter. Woher konnte diese Frau Judith kennen? Hatte Onkel William vielleicht mit ihr gesprochen?

»Immer noch skeptisch, wie ich sehe.« Die Alte lächelte. »Ich werde Euch nur eines sagen, Margaret, und das wird Euch genügen müssen. Wir werden uns an einem Hof wiedersehen, der kein Hof ist, und Ihr werdet mit einem Mann dort sein, der nicht der Eure ist, aber nur Euch gehört. Euer Leben wird sein wie kein zweites, aber so, wie die Leben so vieler Frauen im Lauf der Jahrhunderte, Frauen, die an einem Wendepunkt der Zeit geboren wurden. Möget Ihr weise genug sein, den Weg zu erkennen.«

»Kann ich ihn denn verändern?«

Die Frau lachte leise, und ihre Augen blitzten fröhlich.

»Natürlich. Aber dann wäre auch diese Veränderung wiederum vorherbestimmt gewesen, nicht wahr?«

»Von …?«

»Nennt es Gott. Oder die Nornen. Oder das Schicksal. Nennt es, wie Ihr wollt. Wenn Gott allmächtig ist, dann hat er dies hier geplant, nicht wahr? Und wenn die Schicksalsgöttinnen Euer Schicksal bestimmen, sind sie dann nicht im Grunde Gott unter einem anderen Namen? Ist es denn so wichtig, wie wir die Kraft nennen, die unser Leben vorantreibt?«

»Ja.«

»Nein, ist es nicht. Merkt Euch das, Kind. Ihr müsst im Dunklen wählen. Und Gott schütze Euch.«

»Wie könnt Ihr an Gott glauben?«

»Wie kann ich das nicht, wenn alles um uns herum Seine Existenz beweist?«

Die alte Frau wandte sich ab. Margaret eilte ihr nach und entdeckte Nell, die am Tor zum Garten wartete. »Bitte«, flehte sie. »Bitte, sagt es mir. Werde ich Lachlan heiraten?«

Die Frau blickte in die Ferne und sah dann Margaret an.

»Ja. Und nein.«

»Das ist unsinnig.«

»Jetzt spottet Ihr, Kind. Wenn wir uns wiedersehen, werdet Ihr verstehen.«

»Aber wie kann die Antwort Ja und Nein zugleich lauten? Wird der König mir helfen?«

»Er wird Euch zuhören.«

»Aber wird er mir helfen?«

»Die Entscheidung liegt allein bei Euch. Aber jede Entscheidung hat ihren Preis.«

Margaret schüttelte verärgert den Kopf. Jede Antwort war ein neues Rätsel. »Und was ist mit dem goldenen Mann?«

»Er wartet.«

»Ist er Jesus? Ist er es?«

»Wählt klug, mein Kind. Seht, was wirklich ist, nicht, was Ihr zu sehen wünscht.«

»Was ist mit den Drachen?«

»Ihr werdet ihnen gegenüberstehen.«

»Wo? Wann?«

»Wie es vorherbestimmt ist.«

Die Frau winkte zum Abschied, und Margaret konnte ihr nur noch nachstarren. Er wartet. Sie blieb lange wie angewurzelt stehen, während sich ihre Gedanken überschlugen und sie der alten Frau nachschaute, die durch das Tor verschwand. Dann sah sie Nell langsam näher kommen, zögernden Schrittes und mit nachdenklicher Miene. Hinter Nell kamen zwei der Comyn-Frauen, nicht die nettesten beiden, die hinter vorgehaltenen Händen kicherten und durch den Garten spazierten. Margaret wollte nicht mit ihnen sprechen und ihre Verwirrung überspielen müssen. Sie wirbelte herum und starrte über das weite Land und auf den Fluss, der sich durch die Marschen wand, und auf den feinen Nebelschleier darüber. Das war ihr Leben, dachte sie, ein Weg, der vorherbestimmt, aber noch nicht sichtbar war. Sie kämpfte mit den Tränen. In den vergangenen zwei Wochen hatte sie ihren Verlobten und ihre liebste Freundin verloren. Jetzt verlor sie anscheinend auch noch den Verstand. Sie bog den Kopf zurück und starrte in die Wolken. Was sollte sie nur tun? Woher sollte sie wissen, was richtig war? Hatte sie bei alledem überhaupt eine Wahl, oder war alles, wie die Frau gesagt hatte, bereits vorherbestimmt und sie selbst nur eine Spielfigur der Schicksalsgöttinnen? Waren alle Menschen nichts weiter als das?

»Margaret?« Nells Stimme hatte einen seltsamen Unterton. »Geht es dir gut?«

»Nein. Mir geht es nicht gut. Und ich habe nicht die geringste Ahnung, wie ich das ändern könnte.«

»Ich auch nicht«, sagte Nell leise. »Ich muss dir erzählen, was eben geschehen ist.«

Fünf Tage vergingen wie im Flug und verwischten sich in ihrem Kopf zu einem einzigen Durcheinander. Margaret sprach mit Onkel William über ihr Dilemma, doch er war ihr keine Hilfe.

»Er ist reich und genießt die Gunst des Königs«, sagte ihr Onkel, doch seine Stimme klang gütig. »Mit der Zeit wirst du verstehen lernen, wie wichtig beides ist. Du musst lernen, über kleine Ärgernisse hinwegzusehen. Margaret, dir ist doch gewiss klar, dass deine Kinder von Lachlan die Cousins des Königs und seiner Kinder wären?«

Als sie Rignor berichtete, was William gesagt hatte, nickte dieser.

»Was er sagt, klingt vernünftig«, erklärte ihr Bruder. »Es gefällt dir vielleicht nicht, aber wir sollten beide auf ihn hören. Wenn ich in Somerstrath bin, werde ich Verbündete am Hof brauchen, Margaret.«

»Wie ich sehe, hast du also bereits über mich entschieden.«

Rignor schüttelte langsam den Kopf. »Das kann ich nicht, und ich will es auch nicht. Ich kann deinen Zorn verstehen. Aber …« Er zuckte mit den Schultern. »Wir waren beide naiv. Niemand hier heiratet aus irgendeinem anderen Grund als dem Nutzen, den er daraus zieht. Vielleicht sollten wir dasselbe tun. Sieh dich nur mal um.«

Margaret blickte sich um. Sie beobachtete die Männer des Hofes, musterte sie, ob sich womöglich ein goldener Mann unter ihnen befand, doch so viele waren prächtig gekleidet, so viele trugen Unmengen Goldschmuck wie Lachlan, Ringe an den Fingern, Fibeln an den Schultern – es war unmöglich, einen von ihnen als besonders golden herauszustellen. Einige der Männer überschütteten sie mit Aufmerksamkeit, schworen ihr ewige Liebe und baten sie um ein Stündchen mit ihr allein, als sei das alles ein Spiel und sie der Preis, den es zu gewinnen galt. In dieser Stunde, das wusste sie, würde sie ihren Körper für nichtssagende Schmeicheleien verschenken. Sie lachte mit ihnen, machte ihnen schöne Augen und tat so, als ziehe sie ihre Bitten in Betracht, um sie dann stehen zu lassen, ohne einen weiteren Gedanken an sie zu verschwenden. Es gab andere Männer, einige älter, andere Witwer mit Kindern, von denen sie ihr erzählten; deren aufrichtige Suche nach einer Frau und Mutter war zumindest offensichtlich. Sie sprach freundlich mit ihnen und sah mal Wollust, mal schlichte Einsamkeit in ihren Augen. Es war keiner unter ihnen, den sie hätte heiraten wollen.

Abends, wenn sich der Hofstaat in der großen Halle versammelte, schloss sie sich den Tanzenden an und versuchte, die Schritte der fremden Tänze zu erlernen. Sie war eine gesuchte Partnerin, nicht nur beim Tanz, sondern auch bei der Unterhaltung, an der sie sich lebhaft beteiligte, in der Hoffnung, in dieser Menschenmenge einen passenden Mann zu finden. Doch keiner berührte sie wirklich, weder ihren Körper noch ihren Verstand. Jeden Abend ging sie mit dem Wissen zu Bett, dass sie einmal mehr versagt hatte, dass es hier keine zwei passenden Männer für sie und Nell gab und dass ihr großer Plan nichts mehr wert war. Er wartet, dachte sie; aber offensichtlich nicht hier.

Sie setzte nun all ihre Hoffnung auf die Audienz beim König, die zu arrangieren William ihr versprochen hatte. Und am sechsten Tag wurde sie gerufen.

Als der Page kam, um sie abzuholen, blieb sie zunächst vor Überraschung und Angst stocksteif stehen. Sie hatte so lange darauf gewartet und ihre Bitte an den König gründlich vorbereitet, doch nun starrte sie den Jungen an und wusste plötzlich nicht mehr, wie sie ihren Fall vorbringen sollte. Sie folgte ihm den Flur entlang, ging vorsichtig an den Stellen vorbei, wo neue Mauern errichtet wurden, und raffte die Röcke, um sie vor dem Schmutz und den Splittern der hölzernen Stützwände in den Fluren zu schützen.

Das Schlimmste war, dass sich Lachlan in den vergangenen paar Tagen in Stirling so reumütig und charmant gezeigt hatte. Wie konnte sie von den Leuten erwarten, ihn so zu sehen, wie sie ihn sah? Wie sollte sie das König Alexander und Königin Margaret erklären, deren ebenfalls arrangierte Ehe nach allem, was man so hörte, sehr glücklich war? Nicht von Anfang an, wenn man den Gerüchten Glauben schenkte, doch nach ein paar Jahren durchaus. Und ganz gewiss jetzt, da sie Eltern geworden waren. Doch sie musste es versuchen, und sei es nur um ihres eigenen Seelenfriedens willen. Wenn sie hier versagte, würde sie viele Jahre lang darüber nachgrübeln. Sie könnte das Wissen nicht ertragen, dass sie es nicht wenigstens versucht hatte.

Der Raum, in den man sie brachte, war nicht groß, aber hell erleuchtet, denn die Nachmittagssonne fiel durch die Glasfenster herein, ein wahrer Luxus. Sie ließ die Farben des riesigen Teppichs, der fast den gesamten Boden bedeckte, ebenso leuchten wie die Wandbehänge, die den Flur zu den königlichen Gemächern abtrennten; die Goldfäden in dem Seidenstoff schimmerten im diffusen Licht. Sie hatte auf eine Privataudienz gehofft, doch der Raum war voller Menschen, und ihr Eintreten wurde neugierig beobachtet.

König Alexander saß in einem großen hölzernen Stuhl, der zwar kein richtiger Thron war, aber sehr hoch, und an der Lehne über seinem Kopf prangte das königliche Wappen Schottlands, der scharlachrote Löwe. Er war schlicht gekleidet – seine Gewänder waren sehr gut geschnitten und aus feinstem Stoff, aber nicht prunkvoll. Königin Margaret sah sogar noch würdevoller aus als ihr Gemahl. Sie saß auf einem kleineren, aber viel reicher verzierten Stuhl, der so gefertigt war, dass er sich um sie herumbog, als wolle er sie vor der Welt beschützen. Auch ihre Kleidung war schlicht, das Obergewand aber mit Goldfäden bestickt und die Bundhaube auf ihrem Kopf mit Streifen aus Edelsteinen besetzt. Ihre Hofdamen, die meisten von ihnen Comyns, standen beisammen wie eine besonders gut gekleidete Phalanx von Wachen, und ihre Mienen wirkten belustigt und erwartungsvoll, als sollte ihnen gleich Unterhaltung geboten werden. Ganz in ihrer Nähe, in seiner feinsten Kleidung, stand Lachlan, der sich tief vor Margaret verneigte; seine Verbeugung war formvollendet, seine Miene undurchdringlich. Onkel William begrüßte sie mit einem herzlichen Lächeln, doch Rignor an seiner Seite fühlte sich sichtlich unwohl. Als er Margarets Blick auswich, begann ihr Herz noch lauter zu klopfen. Margarets Knicks fiel recht unbeholfen aus, doch weder der König noch die Königin schien es zu bemerken. Alexander warf Lachlan einen Blick zu, und Königin Margaret musterte Margaret gründlich; zwar blieb ihr Blick am längsten an Margarets Gesicht hängen, doch auf dem Weg bis zu ihren Füßen entging diesen Augen nichts. Aus dieser Entfernung konnte Margaret deutlich erkennen, wie jung sowohl der König als auch die Königin waren, nur ein paar Jahre älter als sie. Alexander lächelte ihr zu, und der Knoten in ihrem Magen lockerte sich ein wenig.

»Eure Hoheit«, sagte Margaret und erschrak, denn ihre Stimme war nur noch ein Krächzen.

»Darf ich Euch meine Nichte vorstellen, Eure Hoheiten?«, sagte William und trat zu ihr. »Die Tochter meiner Schwester. Margaret von Somerstrath.«

Das Lächeln des Königs wurde breiter. »Willkommen, Margaret. Euer Vater ist ein getreuer Mann, der den Westen unseres Landes behütet. Wir sind ihm für seine Bemühungen sehr dankbar.«

»Ja, Eure Hoheit«, sagte Margaret. »Er tut sein Bestes.« Das leise Kichern um sie herum ließ ihr die Hitze in die Wangen steigen. Mit ein paar wenigen Worten hatte sie bereits ihren Mangel an Kultiviertheit bewiesen.

»Mein Vater sorgt dafür, dass die Westküste stark und sicher ist«, sagte sie und reckte das Kinn vor.

»Und das macht er sehr gut, nach allem, was wir gehört haben«, entgegnete Alexander mit einem weiteren Seitenblick auf Lachlan. »Doch das ist nicht der Grund für Euren Besuch bei uns, nicht wahr?«

»Meine Nichte bittet um wenige Augenblicke Eurer Zeit und Aufmerksamkeit«, sagte William.

Der König nickte und wies auf Lachlan. »Unser Cousin hat uns die Lage bereits erklärt. Und sich bei Euch entschuldigt, so weit wir wissen. Entspricht das der Wahrheit, Margaret?«

Sie nickte. »So ist es, Eure Hoheit.«

Nun trat Lachlan vor und legte Margaret eine Hand an den Ellbogen. Er lächelte den König an und verbeugte sich erneut. »Wenn Ihr gestattet, Cousin.«

Der König nickte, und Lachlan, der immer noch auf Margaret herablächelte, fuhr fort: »Ich habe sie mit meinem Verhalten beleidigt. Aber ich bin fest entschlossen, das wiedergutzumachen.« Über die Schulter hinweg warf er den Hofdamen der Königin einen Blick zu. »Wie die Comyn-Damen mir sagten, muss ich ein guter Ehemann sein, um eine von ihnen zu verdienen. Ihr Onkel, der Earl of Ross, sagte mir dasselbe und Margarets Vater ebenso. Und ich habe ihnen allen gut zugehört. Ich muss sie und Margaret allerdings daran erinnern, dass wir noch nicht verheiratet sind. Ich habe also kein Gelöbnis gebrochen.«

»Ich bitte …«, begann Margaret, doch William brachte sie mit einer Geste rasch zum Schweigen.

»Wenn Ihr erlaubt, Eure Hoheit«, sagte William. »Margaret bittet darum, sprechen zu dürfen.«

Auf das Nicken des Königs hin wandten sich ihr alle Blicke zu. Margaret schluckte und entzog dann Lachlan ihren Ellbogen.

»Ich ersuche Eure Hoheit, mich von dem Eheversprechen zu entbinden, das vor vielen Jahren gegeben wurde. Wir … passen nicht gut zueinander, und ich bitte nur darum, dass man uns nicht zur Heirat zwingt.« Geflissentlich überhörte sie das unterdrückte Gelächter der Zuschauer. Sie wusste, wie einfältig sie sich anhörte, konnte aber offenbar nichts daran ändern. Ihr wurde plötzlich eiskalt, dann siedend heiß, und sie zweifelte nicht daran, dass ihre Wangen flammend rot waren.

»Euch ist bekannt«, sagte der König, »dass Eure Verlobung vor Jahren von jenen beschlossen wurde, die nur Euer Bestes im Sinn hatten? Und dass diese Allianz die Familie Eures Vaters stärken wird, und damit auch mein Land im Westen?«

»Das ist gewiss richtig, Eure Hoheit, aber …«

Königin Margaret beugte sich vor und sagte freundlich: »Ihr wisst natürlich, dass meine Ehe mit König Alexander arrangiert wurde?« Sie warf dem König einen liebevollen Blick zu. »Es ist sehr wohl möglich, in einer solchen Ehe Glück und Zufriedenheit zu finden.«

Der König lächelte seine Königin an, und Margaret wusste, dass sie verloren war. Alexander machte eine abschätzige Geste. »Ihr seid jung, Margaret, und bezaubernd. Lachlan wird sich gewiss um Euch bemühen.«

Lachlan lächelte triumphierend. »In der Tat, das werde ich, Eure Hoheit.«

Margaret warf ihrem Bruder einen flehentlichen Blick zu, doch Rignor senkte den Kopf, und seine roten Wangen waren das einzige Anzeichen dafür, dass er ihre Bitte um Hilfe bemerkt hatte.

»Aber …«, begann Margaret, doch sie verstummte, als William ihr zuflüsterte, sie solle knicksen, was sie auch tat.

Die nächsten Augenblicke nahm sie nur verschwommen wahr. Irgendwie wurde sie aus dem Audienzsaal gedrängt, Lachlan und William waren an ihrer Seite, und Rignor war nirgends zu sehen.

»Tja, es ist Euch gelungen«, flüsterte Lachlan, »uns beide zu demütigen. Und wozu?«

»Genug, Lachlan«, sagte William eisig.

»Das war alles?«, fragte Margaret, die die Tränen nun nicht mehr zurückhalten konnte. »Mehr Zeit wollen sie mir nicht widmen? Ich bin ja nicht einmal dazu gekommen, mit ihnen zu sprechen. Ich hatte gar keine Chance, ihnen zu erklären …«

»Ihr habt genug gesagt, um uns beide zu beschämen«, sagte Lachlan.

»Das reicht jetzt!«, erklärte William.

Lachlan schnaubte. »Ich bin erwachsen genug, meine Verpflichtungen zu erfüllen. Ihr solltet das auch lernen.«

Margaret reckte das Kinn vor, brachte aber kein Wort heraus, und Lachlan hatte sich schon abgewandt.

An der Tür blieb er stehen. »Ich werde nach Fiona schicken, sobald wir verheiratet sind. Ihr werdet schließlich eine Gesellschafterin brauchen.« Damit ließ er die beiden stehen, die ihm fassungslos nachstarrten.

Sie schwiegen einen Augenblick lang, und dann seufzte William schwer. »Ich habe Nachricht von zu Hause erhalten, dass Besucher aus Irland mich dort erwarten. Morgen früh breche ich auf. In einer Woche schicke ich Männer, die euch nach Hause geleiten, außer, ihr möchtet den restlichen Sommer hier verbringen. Die Comyns sagen, sie würden sich freuen, wenn ihr noch länger bleiben wolltet.«

Natürlich, zu ihrer Unterhaltung, dachte Margaret, doch das sagte sie ihm nicht. William mochte die Familie seiner Frau, und die Comyn-Frauen waren tatsächlich sehr nett zu ihr und Nell gewesen. Es war nicht deren Schuld, dass sie ihre einzige Chance beim König verpatzt hatte.

Nell war alles andere als glücklich darüber, vor dem Morgengrauen aufbrechen zu müssen, und sie wusste nicht einmal genau, warum ihr Onkel so übereilt und mit besorgter Miene abgereist war. Schwierigkeiten im Norden, das war alles, was er gesagt hatte, aber gab es nicht immer irgendwo Schwierigkeiten? Die vergangene Woche hatte sie fast verrückt gemacht. Sie hatte vergeblich versucht, Liam Crawford zu finden, oder auch nur jemanden, der ihn mehr als flüchtig kannte, doch es war fast so, als hätte sie sich den Mann nur eingebildet. Sie hatte auch versucht, die alte Frau aufzuspüren, aber damit ebenso wenig Erfolg gehabt; man hatte ihr nur beschieden, die Seherin verließe selten die königlichen Gemächer und biete ihre Dienste nicht mehr jedermann an.

Margaret hatte sich seit der Audienz beim Königspaar zurückgezogen. Sie hatte Nell nur erzählt, dass sie versagt habe, dass sie, statt ihren Fall mit wohl gewählten Worten darzulegen, nur dagestanden habe wie ein gescholtenes Kind, während Lachlan König Alexander und Königin Margaret versichert hatte, er werde ihr ein vollkommener Ehemann sein. Dem König und der Königin war es gleich, wen Margaret heiratete. Was sollte es sie auch kümmern? Nell hielt es für übertrieben, dass Margaret sich selbst dafür verabscheute; Nell glaubte nicht, dass die beiden sich hätten umstimmen lassen, was Margaret ihnen auch hätte sagen mögen.

Nell wünschte, sie müssten nicht zurück nach Hause. Was würde jetzt geschehen? Ihre Schwester würde sich weiterhin ihren Eltern widersetzen, und die würden furchtbar wütend sein. Sie hatte Margaret mehrmals gefragt, was sie nun tun wolle, doch ihre Schwester hatte kaum ein Wort gesagt. Rignor war noch weniger gesprächig. Er ritt mit den Somerstrath-Männern und ging Margaret aus dem Weg, die sehr kühl zu ihm war. Nell fragte nach dem Grund, doch keiner von beiden wollte ihr etwas sagen.

Der Ritt war angenehm, sowohl das Wetter als auch die Ponys zeigten sich von der besten Seite, sodass die Reise gen Westen so rasch verlief, als treibe Gott der Herr sie selbst voran. Onkel Williams Männer erhielten zweimal Nachricht von diesem und sprachen sehr ernst mit Rignor darüber. Niemand musste Nell sagen, dass etwas Schlimmes auf Onkel Williams Land geschehen war und dass Margaret und Rignor sich gestritten hatten. Und es war nur gut, dass sie das selbst erkennen konnte, denn niemand wollte ihr irgendetwas sagen. Alle behandelten sie wie ein Kind.

Außer Liam Crawford, der zu wissen schien, dass ihr Körper und ihr Verstand nicht gleich jung waren. Also beachtete sie Margaret und Rignor einfach nicht mehr, sondern gab sich Träumen davon hin, wie sie beide … was hatte er gesagt … einander sehr vertraut wurden. Nell Crawford. Sie wünschte nur, sie könnte schneller erwachsen werden.

Margaret tröstete sich damit, dass sie so rasch vorankamen. Sie versuchte, nicht nachzudenken, sondern einfach das leuchtende Heidekraut zu bewundern, das auf jeder Hügelflanke blühte, und darauf zu achten, wie es an den Bergen emporkroch und selbst die dunkelsten Täler mit seinen Farben aufhellte. Sie betrachtete die Bäume, deren Zweige sich von Tag zu Tag mit mehr grünen Blättern füllten, lauschte dem Seufzen des Windes in den Kiefern – dieses Geräusch liebte sie besonders – und genoss den Anblick der Sommerblumen. Sie spürte, wie es plötzlich kühler wurde, als der Pfad in den Schatten des Brenmargon-Passes abfiel, und dachte daran, dass sie die Nacht im Kloster Brenmargon verbringen würde; Williams Männer würden sie dort verlassen, und die Geschwister würden den restlichen Heimweg mit ihrer eigenen Eskorte zurücklegen.

Rignor wollte ihr nicht sagen, was William solche Sorgen machte, und sie war zu stolz gewesen, ihn um Neuigkeiten anzubetteln. Sie sollte sich wohl daran gewöhnen, nicht beachtet zu werden, denn bald würde sie eine verheiratete Frau sein. Sie seufzte und dachte daran, wie kläglich sie sich bei ihrer Audienz beim König geschlagen hatte. Sie hatte sich ihre Worte gründlich zurechtgelegt und lange darüber nachgedacht, und doch hatte sie versagt. Sie hätte auf den Raben hören sollen, der ihr beim Aufbruch von Somerstrath seine Warnung zugekrächzt hatte. Diese Reise hatte von Anfang an unter keinem guten Stern gestanden.

Judith hieß sie bei ihrer Ankunft am Abend so herzlich willkommen wie immer. Die Unterbringung im Kloster war karg, aber ausreichend. Nachdem die anderen zu Bett gegangen waren, bekam Margaret von Judith eine strenge Rede darüber gehalten, was sie davon hielt, wenn jemand das Kloster als Zuflucht missbrauchte, um sich vor der Welt zu verstecken. Margaret blieb höflich, doch als auch sie endlich zu Bett ging, war ihr das Herz schwer. Anscheinend hatte jedermann eine Meinung über ihr Leben und fühlte sich bemüßigt, ihr diese mitzuteilen. Und morgen, zu Hause, würde sie sich die Meinung ihrer Eltern anhören müssen.

Williams Männer brachen am nächsten Tag auf, und der kleine Trupp aus Somerstrath setzte den Heimweg allein fort. Margaret, Nell und Rignor ließen sich viel Zeit bei den Hirten, genossen den warmen Sonnenschein und erzählten den Leuten das Neueste vom Hof. Nun ja, nicht alles. Margaret behielt ihre Enttäuschung über ihren Besuch bei Hofe und ihren eigenen Auftritt lieber für sich.

Ihr Pony roch es zuerst, es scheute und wich seitlich aus, sodass Margaret sich mit beiden Händen in der Mähne festkrallen musste. Sie konnte nicht erkennen, was das Pony so beunruhigt hatte, doch um sie herum hoben nun auch die anderen Ponys die Köpfe und sogen die Luft ein, und bald drang auch ihr ein schwacher Geruch in die Nase. Rauch. Und noch etwas, etwas Widerliches und Beängstigendes. Was war das?

Über Nells Kopf hinweg fing sie Rignors Blick auf. Er zog die Augenbrauen hoch und zuckte mit den Schultern. Sie holte tief Luft und musste husten. Der Geruch wurde schlimmer, als sie in das Wäldchen im letzten Tal östlich des Dorfes hineinritten, und die Ponys wirkten immer verstörter.

Rignor übernahm, mit tief gerunzelter Stirn, die Führung. Auf der Anhöhe vor Somerstrath breitete er plötzlich die Arme aus, um die anderen zurückzuhalten. Er starrte auf das Dorf hinab und drehte sich dann mit weit aufgerissenen Augen zu Margaret um. Er deutete mit ausgestreckter Hand hinunter, seine Lippen bewegten sich, doch es drang kein Laut aus seiner Kehle. Der Geruch war jetzt stärker, ein Gestank, wie sie ihn noch nie gerochen hatte, nach verkohltem Holz und noch etwas, das sie nicht erkannte. Mit hämmerndem Herzen drängte sie ihr Pony vorwärts.

»Alles ist weg«, flüsterte Rignor. »Verschwunden.«

6

Die Burg stand noch, doch vom Dach waren nur geschwärzte Trümmer übrig. Die Mauer um das Dorf war nahe am Hafen zerstört worden, das Tor aufgebrochen. Teile des Tors lagen auf dem Boden, kaum zu erkennen unter vielen Leichen. Die Häuser der Dorfbewohner, die am Weg zum Hafen lagen, waren niedergebrannt oder zerstört worden, sodass sie an zerbrochene Eierschalen erinnerten.

Der Hafen war leer; die Schiffe ihres Vaters, die auf dem Kiesstrand lagen, waren verkohlte Wracks, nur noch an der länglichen Form zu erkennen. Überall lagen Menschen in Blutlachen vor den aufgebrochenen Häusern und am Strand. Nichts rührte sich dort unten. Die Wachen schlossen zu ihr auf, um selbst zu sehen, was geschehen war, und ihre heiseren Rufe und erstickten Schreckensschreie klangen in der plötzlichen Stille sehr laut.

Margaret griff sich an den Hals. »Oh, lieber Gott.«

Nell stieß einen schrillen Schrei aus, als sie sah, was vor ihnen lag. »Der Kopf am Strand!«

Margaret zwang sich, sich zu beruhigen und genauer hinzusehen. Denk nach. Vielleicht waren einige ihrer Leute entkommen. Vielleicht waren nicht alle, die dort unten lagen, wirklich tot; vielleicht mussten einige versorgt und verbunden werden. Vielleicht waren ihre Mutter, ihr Vater und ihre Brüder noch am Leben, harrten irgendwo aus, brauchten ihre Hilfe. Sie blickte in Rignors Augen, sah seine Furcht und spürte, wie ihre eigene Angst wuchs.

»Wir müssen dort hinunter.« Ihre Stimme zitterte. »Mutter und Vater … was, wenn sie auf uns warten und sich Sorgen machen?«

»Ja«, sagte Rignor und wandte sich an die Wachen.

»Bleibt hier bei Nell.«

»Mein Vater muss dort unten sein, Sir«, sagte einer der Männer. »Ich ertrage es nicht, hier zu warten.«

»Ich bleibe nicht allein hier«, sagte Nell. Margaret und Rignor wechselten einen Blick.

»Dann bleib dicht hinter mir«, befahl Margaret Nell.

»Und sei bereit, sofort zu fliehen, wenn ich es dir sage.«

Nell nickte mit weit aufgerissenen Augen. Rignor zog sein Schwert; Margaret tat es ihm nach. Es bot wenig Schutz gegen das Grauen, das vor ihr lag, aber sie hatte gelernt, damit umzugehen, und wenn eines der Ungeheuer, die das angerichtet hatten, zurückgeblieben sein sollte, würde sie es mit ihm aufnehmen. Sie hörte, wie Nell hinter ihr den Dolch zog, und die Wachen packten ihre Schwerter.

Langsam ritten sie den Hügel hinunter und durch das landeinwärts gelegene Tor, das offen stand, aber unbeschädigt geblieben war. Die äußersten Häuser standen noch, doch selbst hier, weiter weg vom Hafen, waren alle beschädigt. Sie hielten an und lauschten.

Über ihnen brauste der Wind, der aufgefrischt hatte und Wolken sowie die Aussicht auf Regen mitbrachte. Irgendwo schlug klappernd eine Tür. Ansonsten war es vollkommen still. Kein Lachen drang aus den Häusern, keine Kinderstimmen, kein Streit oder Geschrei, keine leise Unterhaltung. Kein einziger Hund bellte. Nichts.

Sie hatte sich geirrt. Der Kopf am Strand war doch ein Omen gewesen, ein böses Vorzeichen nahenden Unheils. Sie holte tief Luft und bereute es augenblicklich, denn ihre Lunge füllte sich mit Rauch, und sie schmeckte förmlich diesen grauenhaften, Übelkeit erregenden Gestank, den sie vorhin nicht hatte benennen können. Jetzt wusste sie, was das war – der Gestank verbrannten menschlichen Fleisches, von versengter Wolle und Holz. Der Gestank des Opferfeuers, in dem ihr Zuhause und alles, was sie liebte, verbrannt war.

Rignor glitt aus dem Sattel und trat mit erhobenem Schwert einige Schritte von seinem Pony weg. Die Wachen taten es ihm gleich. Margaret stieg ebenfalls ab und wandte sich dem nächsten Haus zu; sie empfand Angst und Grauen und schämte sich für ihre Hoffnung, dass sie dort drin kein schrecklicher Anblick erwartete, dass sie dort drin die Bewohner vorfinden würde, verängstigt vielleicht, aber wohlbehalten. Rignor stieß mit den Fingerspitzen die Tür an, bereit, sofort zurückzuweichen. Seine Vorsicht erwies sich als überflüssig; es war niemand darin, der plötzlich hervorspringen oder ihn angreifen könnte. Er blieb einen Augenblick lang in der offenen Tür stehen, wich dann zurück und übergab sich.

Einer der Männer kam hinzu, starrte hinein und drehte sich schließlich mit unnatürlich bleichem Gesicht zu Margaret um. »Mein Vater … ich muss ihn finden …«, stammelte er und rannte davon, den Hügel hinunter.

Die anderen eilten ihm nach. Margaret brachte es nicht über sich, die Männer zur Ordnung zu rufen. Sie kannte jede Ehefrau, jedes Kind, jeden Vater und jede Mutter, nach denen die Männer suchten. Sie fürchtete, dass sie bereits wusste, was sie finden würden.

»Was ist denn?«, fragte Nell neben Margaret.

Margaret schüttelte nur den Kopf. Rignor wischte sich den Mund ab und starrte auf das Haus.

»Bleib zurück«, sagte sie zu Nell und schob die Tür ganz auf. Drinnen waren zwei Frauen und drei Kinder. Alle waren tot. Die Frauen waren brutal vergewaltigt worden, ihre Leichen waren ein stummer Beweis der Gräuel, die man ihnen angetan hatte. Ein Baby war in seiner Wiege gestorben. Die beiden kleinen Kinder hockten tot in einer Ecke und klammerten sich immer noch aneinander.

Sie hörte ihr eigenes Stöhnen, einen Laut schieren Entsetzens, presste die Hand auf den Mund und taumelte aus dem Haus. Rignor stand in der offenen Tür des nächsten Hauses und drehte sich fassungslos zu ihr um.

»Was ist denn?« Nells Stimme bebte vor Angst. »Margaret …?«

»Sieh nicht hin!«, rief Margaret und packte Nell am Arm, als ihre Schwester auf die Tür zuging. »Schau nicht dort hinein!«

»Sind sie tot?«, flüsterte Nell.

»Ja. Gott steh uns bei, ja.«

In jedem Haus erwartete sie das Gleiche. Männer waren auf der Straße gestorben, die Waffen noch in Händen. Manche waren offensichtlich auf der Flucht gestorben, andere auf der Schwelle ihrer Häuser, die sie verteidigt hatten. Niemand war verschont worden – Frauen und Kinder waren zu Dutzenden umgekommen, manche in ihren Betten, andere niedergestreckt, wo sie gerade standen. Margaret stolperte hinter Rignor her den Hügel hinab. Sie überprüften jedes Haus. Sie fanden keinen Überlebenden.

Nicht denken, nicht denken, nicht denken.

Sie blieben vor dem Gebäude stehen, das einmal die Wachstube gewesen war, und starrten auf das immer noch rauchende Dach der Burg. Nicht denken, nicht denken, nicht denken. Wie ein Refrain wiederholten sich die Worte in ihrem Kopf, doch das Denken fiel ihr ohnehin schwer. Da war ein Rauschen in ihren Ohren, beinahe wie das Meer. Sie nahm die Leichen der Männer, die hier gestorben waren, nicht einmal mehr wahr, sondern trat einfach über die Gefallenen hinweg, die überall im Innenhof und dem Lagerraum verteilt lagen, der einmal das Erdgeschoss eingenommen hatte. Rignor wartete am Fuß der dunklen, stillen Treppe, die zu den Privatgemächern emporführte. Niemand hielt sie auf; keine Stiefel trampelten die Treppe herunter, weil jemand nachsehen wollte, wer die Burg betreten hatte.

Nell zitterte und umklammerte Margarets Arm krampfhaft. Margaret wusste bereits, was sie oben vorfinden würden, und Nell durfte nichts davon sehen. Sie öffnete die Tür der winzigen Kammer, in der die Waffen der Wache aufbewahrt wurden, und dankte Gott im Stillen dafür, dass sie leer war. Sie schob ihre Schwester in die enge Kammer.

»Bleib hier«, sagte sie und drückte Nell an die hintere Wand.

»Nein!« Nell klammerte sich an sie. »Lass mich nicht hier zurück! Lass mich nicht allein!«

»Du musst hierbleiben. Ich komme wieder und hole dich, ich schwöre es. Sei ganz still. Wenn jemand auftaucht, gib keinen Laut von dir. Hast du verstanden? Du musst leise sein.«

Nell nickte stumm.

Margaret erwiderte das Nicken und trat dann zu Rignor. Sie stützte sich an der Wand ab, um die Treppe hinaufzugelangen, denn oft musste sie zwei oder drei Stufen auf einmal nehmen, um nicht auf jemanden zu treten. Tote lagen auf fast jeder Stufe. Manche waren nicht mehr zu erkennen, doch andere waren Männer – und Jungen –, mit denen sie ihr Leben lang jeden Tag gesprochen hatte und deren Gesichter ihr selbst im Tod noch allzu vertraut waren.

Nicht denken, nicht denken, nicht denken.

Schließlich fanden sie den Leichnam ihres Vaters, auf der Treppe, die zu den Gemächern der Familie führte, zusammen mit einigen seiner Männer. Margaret kniete sich neben ihn, ergriff seine leblose Hand und hoffte verzweifelt, sie könnte seinen Herzschlag spüren oder erkennen, dass seine starren Augen ihren Blick doch erwiderten. Seine Lippen, zu einer Grimasse verzerrt, sollten sich endlich bewegen und ihr sagen, dass alles nur ein übler Scherz war. Dass nichts von alledem wirklich war, dass es nur ein Traum war, aus dem sie gleich erwachen würde. Dass so viel Böses nicht an einem einzigen Sommertag geschehen konnte.

»Ist er …?« Rignors Schwert fiel klirrend gegen die Wand, und sein Gesicht war so grau wie der Stein. »Ist er …?«

Margaret nickte, und Rignor brach beinahe zusammen. Doch dann stiegen sie gemeinsam die letzten Stufen zum Gemach ihrer Eltern hinauf und hofften wider alle Vernunft – doch an diesem Tag gab es keine Hoffnung mehr. Sie waren alle hier. Ihre Mutter lag rücklings auf dem Boden, die Röcke zerknautscht und bis zur Taille hochgeschoben. Wie alle anderen Frauen war auch sie vergewaltigt worden, ihre Beine waren weit gespreizt. Rignor keuchte und taumelte mit einem kaum menschlich klingenden Stöhnen in die Ecke. Obwohl sich das Rauschen in Margarets Ohren zu einem Brüllen steigerte, beugte sie sich vor, um das Kleid ihrer Mutter über den angeschwollenen Leib herabzuziehen und ihrer Mutter das mit Blut verklebte Haar aus dem Gesicht zu streichen.

Inghinn, die Geliebte ihres Vaters, der ebenfalls Gewalt angetan worden war, lag in einer Ecke, und nicht weit entfernt sah Margaret die Leiche ihres Babys. Sie waren zusammen gestorben, die beiden Rivalinnen, die um die Liebe ihres Vaters gebuhlt hatten, im Tode ebenso verbunden wie im Leben.

Nicht denken, nicht denken, nicht denken.

Langsam drehte sie sich um, um nach den Übrigen zu sehen. Ihre Brüder waren ebenfalls gemeinsam gestorben, Ewan in vorderster Front; seine Hand hielt noch das kleine Schwert umklammert. Cawley lag auf dem Bett, und der kleine Fergus hatte sich in die hinterste Ecke des Betts gedrückt. Seine Augen waren geschlossen, der Mund zu einem lautlosen Schrei geöffnet.

Margaret sank zu Boden und verschloss die Augen vor diesem Anblick.

Nicht denken, nicht denken, nicht denken.

Nell hatte schreckliche Angst. Wie konnte Margaret sie allein hier zurücklassen? Sie zitterte und schlang die Arme um sich. Es war so still. Sie wartete schon sehr lange, in dieser winzigen Kammer in die Ecke gekauert, und beobachtete die toten Männer im Hof. Sie fürchtete sich davor, die Tür noch ein Stück weiter zu öffnen, doch noch mehr fürchtete sie sich davor, mit jenen Bildern, die sie auf dem Weg durch das Dorf gesehen hatte, hier im Dunkeln allein zu sein.

Wo war ihr Vater? Das fragte sich Nell zum hundertsten Mal, und zum hundertsten Mal verbot sie sich, darüber nachzudenken. Ihr fiel kein Grund ein, weshalb ihr Vater nicht bei seinen Männern hätte sein sollen – und seine Männer waren alle tot. Und wenn ihr Vater gestorben war – was war dann mit ihrer Mutter und ihren Brüdern geschehen? Wo blieben Margaret und Rignor? Hatten sie sie vergessen? Sie zitterte im Dunkeln, hatte Angst davor, hierzubleiben, und Angst davor, hinauszugehen.

Eine Bewegung am anderen Ende des Hofs ließ sie hastig in den Schatten zurückweichen. Erhob sich etwa einer der Toten? Aber nein, der Mann, der dort geduckt und mit einem Schwert in der Hand über das Pflaster eilte, war zweifellos lebendig. Sie stieß den angehaltenen Atem aus, als sie einen der Wachmänner erkannte, der sie begleitet hatte. Er hielt inne, blickte über die Schulter zurück und rückte dann mit angespannter Miene weiter vor. Als er die Wachstube betrat, öffnete Nell die Kammertür und rief seinen Namen.

»Himmel!« Der Mann ließ das Schwert sinken, schnappte nach Luft und warf erneut einen Blick über die Schulter. »Wo ist Euer Bruder?«

Nell deutete auf die Treppe. »Dort oben. Mit Margaret.«

»Sie sind zurückgekommen, Miss Nell. Wir müssen schnell hier weg.«

Nell starrte ihn an, sprachlos vor Entsetzen.

»Geht und holt Rignor, Mädchen. Ich sorge schon dafür, dass sie nicht an mir vorbeikommen.«

Sie nickte, lief zur Treppe, blieb aber auf der untersten Stufe stehen. »Was ist mit Eurem Vater?«

»Tot. Holt Euren Bruder und Eure Schwester. Wir haben nicht mehr viel Zeit.«

Die ersten paar Stufen waren frei, doch als sie um die erste Biegung kam, fand sie die Männer, die zur Leibwache ihres Vaters gehörten. Sie keuchte und zwang sich, weiter hinaufzusteigen, über die Leichen hinweg, und suchte sich einen Weg durch das Blut und über die Arme und Beine, die ihr den Weg versperrten.

Ihr Vater lag auf dem Rücken, umgeben von jenen Männern, denen er am meisten vertraut hatte. Nell starrte ihn einige Augenblicke lang an, ohne einen Gedanken fassen zu können, bis sie es schaffte, an ihm vorbeizugehen. Sie schluchzte, als sie das Gemach ihrer Mutter erreichte.

Margaret lag zusammengesunken auf dem Boden. Einen grauenhaften Augenblick lang glaubte Nell, auch Margaret sei tot, doch als sie sich vorsichtig näher heranschob, sah sie, dass ihre Schwester weinte. Rignor stand am Fenster und drehte sich nun zu ihr um, das Gesicht tränennass. Und dann sah sie ihre Mutter und ihre Brüder. Sie schrie und schrie und schrie.

Nells Schreie rissen Margaret aus ihrem halb betäubten Zustand. Mit einem heiseren Schrei sprang sie auf, zog ihre Schwester an sich und wiegte Nell in ihren Armen, bis sie sich ein wenig beruhigte. Über Nells Kopf hinweg starrte Margaret auf ihre Brüder. Ewan, der tapfere kleine Ewan, der versucht hatte, sich den Tod mit einem Schwert vom Leib zu halten, das kaum länger war als sein Unterarm. Und Cawley. Und Fergus, der ihr endgültig das Herz brach. Plötzlich blieb ihr die Luft im Halse stecken, und sie sah sich noch einmal um.

»Davey«, sagte sie.

Rignor wandte sich mit verwundert gerunzelter Stirn zu ihr um.

Sie wies auf das Bett. »Davey ist nicht hier.« Alle starrten das Bett an.

»Margaret!«, rief Rignor. »Er ist nicht hier!«

»Sieh unter dem Bett nach«, sagte Margaret und wirbelte herum, um nachzusehen, wo sonst in diesem Zimmer sich ein achtjähriger Junge versteckt haben könnte. Die Vorhänge waren von den Fenstern gerissen worden, die Bettvorhänge vom Betthimmel. Die Kleidertruhen waren offen und leer. Sonst gab es nichts, wo sie hätten nachsehen können. Rignor schaute unter das Bett, ließ sich dann auf die Fersen zurücksinken und schüttelte den Kopf.

»Rignor«, sagte eine Männerstimme. »Sir.«

Margaret starrte den Mann in der Tür an. Sie hatte die Wachen ganz vergessen. Er blickte sich um und erbleichte, als er sah, was sich in diesem Raum abgespielt hatte.

»Wir müssen fort. Jetzt gleich. Sie kommen zurück. Sie sind schon im Dorf.«

Sie eilten die Treppe hinunter und hofften, die Burg noch verlassen und landeinwärts fliehen zu können, doch der Mann von der Wache spähte durch eine Schießscharte und sagte, die Männer seien schon zu nahe.

Rignor warf auch einen Blick hinaus. »Wir werden es nicht mehr schaffen, ehe sie hier sind. Wir müssen uns verstecken.«

»In der Waffenkammer«, sagte Margaret. »Wo Nell vorhin war.«

Im Erdgeschoss eilten sie zu der Waffenkammer und zwängten sich zusammen in den engen Raum. Margaret betete stumm darum, dass die Dunkelheit sie verbergen möge. Die Tür zur Waffenkammer quietschte so laut, dass sie sie nicht ganz schließen konnten. Durch den Spalt konnte Margaret den Eingang sehen. Und dann warteten sie.

Sie hatten es gerade noch geschafft. Margaret hatte eben erst Nell fester gepackt und war ein wenig zu Atem gekommen, als ein Mann vor dem Eingang stehen blieb.

Er füllte die Türöffnung beinahe aus. Seine Schultern waren breit, seine Taille schlank; die obere Hälfte seines Kopfes war hinter dem oberen Türsturz nicht zu sehen. In der rechten Hand hielt er ein langes, blinkendes Schwert, in seinem Gürtel steckte eine Streitaxt. Ein lederner Schild hing über einer Schulter, der Lederriemen lief quer über die Brust. An seinem kräftigen Hals schimmerte ein Torques vor seiner gebräunten Haut. Seine Kleidung war schlicht: ein langer Leinenkittel, eine Hose, ein Umhang, mit einer goldenen Fibel geschlossen, Lederstiefel. Der Ledergürtel, den er über dem Kittel trug, zog den Stoff eng an seinen schlanken Oberkörper. Seine Hose verjüngte sich zu den Knöcheln hin und spannte sich an den Oberschenkeln. Sein blondes Haar war aus der Stirn zurückgestrichen und fiel ihm lang über die Schultern. Seine Augen waren dunkel, und sie starrten in die Wachstube.

Er bewegte den Kopf, als lausche er, und es verschlug ihr den Atem, als das Licht auf sein Gesicht fiel und kräftige Wangenknochen, einen starken Kiefer und leicht eingefallene Wangen beleuchtete. Er war furchteinflößend. Atemberaubend. Ein Nordmann. Ein Wikinger. Ein Mörder.

Nur die barbarischen Nordmänner konnten das getan haben. Der Kopf am Strand war eine Warnung gewesen, die keiner hier beachtet hatte, das blonde Haar ein Kennzeichen jener, die kommen würden, um ihnen allen den Tod zu bringen. Niemand hatte begriffen, von welcher Gefahr dieser Kopf gekündet hatte. Und jetzt stand einer der Mörder hier, zweifellos von Nells Schreien angelockt. Rignor holte zitternd Luft, und hinter ihm verlagerte der Wachmann leicht das Gewicht.

Leise. Nicht atmen. Nicht bewegen. Nicht nachdenken.

Der Wikinger hob sein Schwert, trat ein und blickte sich um. Dann fiel sein Blick auf die Tür der Waffenkammer. Er starrte eine scheinbare Ewigkeit lang darauf und wandte dann endlich den Blick zur Treppe. Wenn er hinaufging, dachte Margaret, konnten sie sich vielleicht hinaus in den Hof schleichen … Doch ihre Hoffnung auf Flucht wurde sogleich zerschlagen, denn ein weiterer Wikinger erschien in der Tür, und hinter ihm konnte sie noch mehr Männer erkennen. Der Erste sagte etwas, aber so leise, dass sie ihn nicht verstand, woraufhin der Zweite nickte und die Nachricht an die anderen weitergab. Vier Männer betraten die Wachstube, und draußen bewegten sich weitere Gestalten.

So sollen wir also den Tod finden?

Der zweite Wikinger schaute die Treppe hinauf und sagte dann etwas. Der Erste nickte und richtete den Blick erneut auf die Tür der Waffenkammer. Er hob das Schwert. Und trat beiseite, außer Sicht. Margarets Herz machte einen Satz. Auf dieser Seite der Wachstube gab es nichts, das für ihn von Interesse sein könnte, doch von dort aus konnte er sich ungesehen ihrem Versteck nähern. Der zweite Mann verschwand auf der anderen Seite hinter der Kammertür.

Details

Seiten
0
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783960876502
ISBN (Buch)
9783960877271
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v456440
Schlagworte
Highland-er-roman Krieg-er Schottland Wikinger Laird Clan-oberhaupt Liebe

Autor

  • Kathleen Givens (Autor)

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Titel: Das Licht der Highlands (Historisch, Liebe)