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Ein verräterisches Herz (Historisch, Liebe)

von Patricia Cabot (Autor)

2019 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

Yorkshire, England, 1871: Jeremy Rawlings kümmert sich wenig um die Verantwortung, die sein Titel als Lord mit sich bringt. Als er von der Universität geworfen wird, kehrt er nach Hause zurück. Dort trifft er auf seine Jugendfreundin Maggie, die er prompt kompromittiert. Obwohl auch Maggie sich zu Jeremy hingezogen fühlt, will sie nichts mit dem Schuft zu tun haben, zu dem er geworden ist. Statt seinen Heiratsantrag anzunehmen, geht sie nach Paris, um Kunst zu studieren, während Jeremy im Auftrag des Militärs in Indien dient.
Fünf Jahre später kehrt Jeremy nach England zurück mit nur einem Ziel: Maggies Herz erobern. Doch Maggie ist inzwischen verlobt und auch ihr Stolz steht weiterhin zwischen den beiden. Trotzdem zweifelt Jeremy keine Sekunde daran, dass die Leidenschaft zwischen ihnen sich nicht länger in die Vergangenheit verbannen lässt ...

 

Impressum

dp Verlag

Deutsche Erstausgabe Februar 2019

Copyright © 2020 dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

E-Book-ISBN: 978-3-96087-635-9

Copyright © 1999 by Patricia Cabot by arrangement with St. Martin’s Press
Titel des englischen Originals: Portrait of my Heart

Übersetzt von: kommunikathiv
Covergestaltung: Rose & Chili Design
unter Verwendung von Motiven von
Periodimages.com: © Mary, © VJ Dunraven Productions
depositphotos.com: © FairytaleDesign

Korrektorat: Sofie Raff

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

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dp Verlag

 

 

 

Dieses Buch ist für meinen Mann, Benjamin.

Kapitel 1

Yorkshire, im Mai 1871

»Sag mir, dass du das nicht getan hast«, stöhnte Lord Edward Rawlings und verbarg sein Gesicht in den Händen. »Nicht von Oxford, Jeremy.« 

Besorgt sah Jeremy seinen Onkel über den Tisch des Wirtshauses hinweg an. Er fragte sich, ob er das Schankmädchen herrufen und ein Glas von etwas Stärkerem als Ale bestellen sollte. Edward sah aus, als könne er ein oder zwei Whisky gebrauchen. Allerdings war es noch früh und sie befanden sich in der Bierschenke »Goat and Anvil«, nur ein paar Kilometer von Rawlings Manor die Straße hinunter. Die Bediensteten würden vielleicht komisch gucken, wenn der Herzog von Rawlings und sein Onkel schon vormittags einen Whisky nach dem anderen herunterstürzten. 

»Es ist wirklich nicht so schlimm, wie du sagst. Komm schon, Onkel Edward«, meinte Jeremy unbekümmert. »Und du kannst nicht behaupten, du hättest so etwas nicht erwartet. Schließlich hatte ich bereits die Ehre, von Eton und Harrow verwiesen worden zu sein. Dieses Vergnügen wollte ich auch deiner Alma Mater nicht vorenthalten.«

Edward lachte nicht. Jeremy hatte das auch nicht wirklich erwartet und so musterte er den gesenkten Kopf seines Onkels nachdenklich. In den sechs Monaten seit Weihnachten, als er ihn zuletzt gesehen hatte, waren die dunklen Haare an Edwards Schläfen zunehmend ergraut. Jeremy bildete sich nicht ein, dass er der Grund für diese Farbveränderung war. Immerhin war sein Onkel momentan einer der einflussreichsten Männer im Oberhaus. In einer Machtstellung wie der seinen wurde ein bisschen Grau nicht nur erwartet, es war auch notwendig war, um einem kaum über vierzigjährigen Mann Autorität zu verleihen – die eher konservativen Genossen hätten ihn wohl sonst als zu jung erachtet. Aber zu wissen, dass er zu den ohnehin lästigen Sorgen seines Onkels beitrug, passte dem Herzog nicht wirklich. 

»Von der Oxforder Universität verwiesen«, stöhnte Edward abermals in den Schaum, der über seinen Bierkrug ragte. 

Er hatte diesen Satz wieder und wieder gesagt, seitdem Jeremy beiläufig den Grund für sein plötzliches Erscheinen in Yorkshire erwähnt hatte. Jeremy bedauerte langsam, dass er überhaupt etwas gesagt hatte. Er hätte – das realisierte er im Nachhinein – mit der Nachricht warten sollen bis zum Abendessen im Herrenhaus, wenn seine Tante Pegeen anwesend war. Während es niemanden auf der Welt gab, den Jeremy weniger enttäuschen wollte als seine Tante, war sie im Gegensatz zu ihrem Ehemann immerhin in der Lage, die vielen und mannigfaltigen Missgeschicke ihres Neffen im rechten Licht zu sehen. Die Tatsache, dass Jeremy von der Oxforder Universität verwiesen worden war, würde sie nicht einmal veranlassen, eine Augenbraue hochzuziehen. Sicher, wenn sie wüsste, weshalb er verwiesen worden war ... ja, das würde sie unglücklich machen und gerade deshalb hatte sich Jeremy entschlossen, seinen Onkel allein zu treffen, bevor er sich auf den Weg zum Anwesen machte.

»Verdammter Mist«, fluchte Edward und sah endlich auf, um den Blick seines Neffen zu treffen, der dieselben klaren, grauen Augen hatte wie er selbst. »Musstest du den Mann unbedingt umbringen, Jerry? Hättest du ihn nicht einfach nur anschießen können?«

»Wenn ein Mann erklärt hat, dass er beabsichtigt, bis auf den Tod mit dir zu kämpfen, Onkel«, sagte Jeremy mit einiger Bitterkeit, »ist es im Allgemeinen am klügsten, ihn dauerhaft zu beseitigen, wenn es irgendwie geht. Hätte ich ihn angeschossen, hätte er sich erholt und wäre wieder auf mich losgegangen. Und ich kann mich nicht mein ganzes Leben lang nach durchgedrehten Attentätern umsehen.« 

Edward schüttelte den Kopf. »Aber du behauptest doch, du hättest das Mädchen nie angefasst?« 

Jetzt schien sich Jeremy zum ersten Mal unwohl zu fühlen. Da er genauso hochgewachsen war wie sein Onkel, der mit seinen gut Einsneunzig die meisten Menschen überragte, hatte Jeremy Schwierigkeiten, bequem auf den schmalen Bänken im »Goat and Anvil« zu sitzen und musste seine Ellenbogen auf den Tisch stützen, um sich Platz zum Atmen zu verschaffen. Das war jedoch nicht der Grund für sein momentanes Unbehagen. 

»Nun ja«, begann er, »ich habe nicht gesagt, dass ich sie nie angefasst hätte –«

»Jeremy«, knurrte sein Onkel mit warnendem Unterton.

» – aber ich wollte sie ganz sicher nicht heiraten! Und da liegt der Hund begraben.«

»Jeremy«, sagte Edward erneut mit der tiefen Stimmlage, die er sich für die Arbeit im Parlament und das Maßregeln von Kindern aufsparte. »Habe ich dir nicht erklärt, dass es Frauen gibt, mit denen ein Mann ... ähm ... tändeln kann, ohne die Erwartung einer baldigen Hochzeit zu wecken und andere Frauen, mit denen er am besten gar nicht verkehren sollte, außer seine Absichten sind –« 

»Ich weiß«, sagte Jeremy und bügelte eilig den Vortrag ab, den er bereits auswendig konnte. Seit er alt genug war, um sich zu rasieren, bekam er ihn mindestens zwei Mal im Monat zu hören. »Ich weiß, Onkel Edward. Und ich habe im Laufe der Jahre ganz bestimmt den Unterschied verstanden. Aber mit dieser bestimmten jungen Dame wurde ich absichtlich bekannt gemacht, das weiß ich inzwischen – und zwar von ihrem eigenen Bruder, wenn du dir so etwas Schäbiges vorstellen kannst. Er stellte sie mir auf solche Weise vor, dass jeder Mann geglaubt hätte, sie wäre nichts als ein charmantes leichtes Mädchen, das jeder haben kann, wenn er bloß fragt. Sie hat mein Geld mehr als bereitwillig angenommen, das versichere ich dir. Erst, als das Kind schon in den Brunnen gefallen war, kam Pierce an und krakeelte, dass ich die Ehre seiner Schwester befleckt hätte.« Jeremy erschauderte ein wenig beim Gedanken daran. »Er blieb dabei, dass ich das Biest heiraten müsse oder seinen Degen kennenlernen würde. Ist es denn verwunderlich, dass ich den Degen gewählt habe?« Jeremy hob seinen Krug und nippte an dem Hefegebräu. »Pech für Pierce, dass er fechten wollte«, bemerkte er amüsiert. »Ich nehme an, er hätte sich mit der Pistole besser geschlagen.«

»Jeremy.« Edwards Gesicht, das in den elf Jahren, seit er ihn erstmals getroffen hatte, zeitgleich mit dem weniger ausschweifenden Lebensstil seines Onkels schlanker und attraktiver geworden war, wirkte todernst. »Du bist dir darüber im Klaren, dass du einen Mord begangen hast, oder nicht?« 

»Jetzt mach aber halblang, Onkel Edward«, widersprach Jeremy. »Es war ein fairer Kampf. Sein eigener Sekundant hat ihn ausgerufen. Und ich gebe ja zu, dass ich mich auf seinen Arm gestürzt habe, aber doch nicht auf sein Herz. Aber der verdammte Dummkopf hat versucht, eine Finte zu schlagen und als Nächstes weiß ich nur –« 

»Ich billige keine Duelle«, unterbrach ihn Lord Edward herrisch. »Ich habe bereits versucht, dir das klarzumachen, als das letzte Mal so etwas passiert ist. Und ich erinnere mich deutlich, dich damals darauf hingewiesen zu haben, dass du es, wenn du unbedingt kämpfen musst, auf dem Festland tun sollst, Herrgott nochmal. Du bist vielleicht adlig, aber weißt du, du stehst nicht über dem Gesetz. Jetzt hast du keine andere Wahl, als das Land zu verlassen.«

»Ich weiß«, sagte Jeremy und verdrehte die Augen. Auch diesen Vortrag hatte er schon einige Dutzend Male gehört. 

Edward nahm keine Notiz vom Überdruss seines Neffen. »Ich denke, die Villa in Portofino wäre wohl am besten, obwohl die Wohnung in Paris momentan leer steht, wie ich meine. Es liegt bei dir. Sechs Monate sollten genügen. Du hast ein verdammtes Glück, Jerry, dass das College keine ausreichenden Beweise hat, um dich rechtlich zu belangen, sonst –« 

»Richtig«, unterbrach ihn Jeremy und zwinkerte gerissen. »Sonst wäre ich jetzt hinter Gittern, statt mit meinem guten alten Onkel Ed einen zu heben.«

»Ich wäre dir dankbar, wenn du nicht darüber scherzen könntest«, sagte Edward streng. »Du bist ein Herzog, Jerry, und als solcher hast du sowohl Vorrechte als auch Pflichten erworben. Eine davon ist, das Töten deiner Mitmenschen zu unterlassen.«

Jetzt war es an Jeremy, wütend zu werden. Nachdem er den Bierkrug mit einem Rums abgesetzt hatte, schlug er seine geballte Faust mit aller Kraft in die Tischmitte und platzte heraus: »Denkst du, ich wüsste das nicht?« Er sprach gerade leise genug, um die Aufmerksamkeit der anderen Gäste der Bierschenke nicht auf sich zu ziehen. »Glaubst du, du hättest mir diesen Leitsatz im Laufe der letzten zehn Jahre nicht erfolgreich eingebläut? Seit dem Tag, an dem du vor unserer Tür in Applesby erschienen bist und Pegeen erzählt hast, ich wäre der Erbe des Rawlings-Herzogtums, habe ich nichts zu hören bekommen, als ›Du bist ein Herzog, Jerry, du kannst dies nicht machen‹ und ›Du bist ein Herzog, Jerry, du musst das tun.‹ Mein Gott, hast du eine Ahnung, wie satt ich es habe, ständig zu hören, was ich zu tun und zu lassen habe?

Edward, der angesichts des plötzlichen Wutausbruchs etwas überrascht wirkte, blinzelte. »Nein ... Aber ich habe das Gefühl, dass du es mir gleich sagen wirst.« 

»Ich wollte niemals aufs Internat gehen«, fuhr Jeremy verbittert fort. »Ich wäre weitaus glücklicher auf der Dorfschule hier in Rawlingsgate gewesen. Aber du hast mich nach Eton verfrachtet und als ich mich von dort verweisen ließ, hast du die Leute in Harrow bestochen und dann in Winchester und so weiter, bis mir dann vorgeschrieben wurde, dass ich die nächsten paar Jahre meines Lebens an einem College zu verbringen hätte. Ich hatte kein Interesse daran, nach Oxford zu gehen – du wusstest, dass es so war – und trotzdem hast du darauf bestanden, obwohl es überdeutlich war, dass ich mit dem Schwert weitaus talentierter bin als mit dem Stift. Und jetzt, als Schlimmstes meiner Vergehen, werde ich von Oxford verwiesen wegen des Verdachts, mich mit einem Kommilitonen duelliert zu haben –« 

»Den du, wie du offen zugibst, umgebracht hast«, betonte Edward. 

»Natürlich habe ich ihn umgebracht!« Jeremy streckte ihm in einer hilflosen Geste seine offenen Handflächen entgegen. »Pierce war ein Prolet und ein Trittbrettfahrer, und ich bin nicht der Einzige, der froh über seinen Tod ist, obwohl es mir nicht mehr Vergnügen bereitet hat, ihn zu erledigen, als eine Mücke zu zerquetschen. Und du besitzt die Dreistigkeit, mir vorzuwerfen, ich würde darüber witzeln. Tja, was sonst sollte ich tun? Mein ganzes bisheriges Leben war ein Witz, oder nicht?« Jeremy funkelte seinen Onkel über den Tisch hinweg an. »Na? Oder etwa nicht?« 

Edwards Gesicht, das genauso feingeschnitten und gutaussehend war wie das seines Neffen, verzog sich zu einer zynischen Miene. »O ja«, sagte er mit einer Stimme, die vor Sarkasmus triefte. »Du führst in der Tat eine tragische Existenz. Ungeliebt und verkannt. Deine Tante Pegeen hat keinerlei Opfer für dich gebracht, in all den Jahren, die sie für dich gesorgt hat, ohne die leiseste Ahnung, dass du jemals ein Herzogtum erben würdest. Sie hat nicht etwa selbst ihr Essen entbehrt, nur damit du ein vernünftiges Frühstück bekommst –« 

»Lass Pegeen aus der Sache raus«, unterbrach Jeremy seinen Onkel hastig. »Ich rede nicht von Pegeen. Ich rede davon, wie du, nachdem du uns nach Rawlings gebracht und sie geheiratet hast –« 

Zum ersten Mal, seit Jeremy ihm von seiner Verweisung erzählt hatte, wirkte Edward belustigt. »Wenn du dich über die Tatsache aufregst, dass ich deine Tante geheiratet habe, Jerry, dann möchte ich dich darauf hinweisen, dass es ein wenig zu spät ist, um etwas daran zu ändern. Schließlich haben wir dich bereits mit vier Cousins und Cousinen ausgestattet. Es wäre harte Arbeit, den Erzbischof zum jetzigen Zeitpunkt noch zu einer Annullierung zu überreden.« 

Jeremy lachte nicht. »Hör mal, Onkel Edward«, sagte er, »Ich werde es so formulieren: Warum hast du vor elf Jahren all die Zeit und all das Geld darauf verwendet, mich zu finden, obwohl du auch einfach den Leuten hättest erzählen können, dass dein älterer Bruder kinderlos war, um den Titel dann selbst zu beanspruchen?« 

Edward sah verblüfft aus. »Weil das ehrlos gewesen wäre. Ich wusste, dass John ein Kind gezeugt hatte, bevor er starb und es war nur recht, dass dieses Kind den Titel seines Vaters erben sollte.« 

»Das ist nicht das, was Sir Arthur mir erzählt hat«, sagte Jeremy kopfschüttelnd. »Er sagte, dass du die Verantwortung eines Herzogs nicht tragen wolltest und dass du alles getan hättest, um den Titel auszuschlagen.« 

»Nun«, sagte Edward und zuckte unter dem einwandfrei geschnittenen Jackett unbehaglich mit den Schultern, »das ist nicht ganz richtig, aber auch nicht sehr weit gefehlt ...«

»Also was denkst du, wie ich mich fühle?«, fragte Jeremy mit Nachdruck. »Ich will das auch nicht!« 

»Warum nicht, in Gottes Namen?« Edwards Stimme klang einen Tick zu herzlich. »Hast du etwa nicht eins der beträchtlichsten Vermögen in ganz England? Die besten Pferde, die man für Geld kaufen kann? Besitzt du etwa nicht das Stadthaus in London, eines der größten Anwesen in Yorkshire und eine Wohnung in Paris sowie eine Villa in Italien? Du hast über einhundert Bedienstete, den besten Schneider Europas und einen Sitz im Oberhaus, den ich dir, jetzt da du volljährig bist, gern überlassen werde. Dir ist jedes Privileg zuteilgeworden, jede Ehre, die jemand deines Standes verdient –« 

»Außer der Freiheit, zu tun was ich möchte«, unterbrach ihn Jeremy halblaut. 

»Natürlich, ja.« Wieder setzte Edward eine sarkastische Miene auf. »Das ist in der Tat ein hoher Preis. Aber was genau möchtest du denn tun? Außer der Unzucht und dem Morden nachzugehen, meine ich?« 

Zu Jeremys Glück hatte das Schankmädchen in diesem Moment beschlossen, sich ihrem Tisch zu nähern. Sonst hätte er sich vielleicht noch eines weiteren Mordes schuldig gemacht.

»Kann ich Euer Gnaden was bringen?« Rosalinde, ein Mädchen, das mit ihren roten Wangen und dem Kussmund ihrem Namen mehr als gerecht wurde, schenkte den beiden Männern ein hübsches Lächeln. Als sie sich vorbeugte, um die Tischplatte mit einem feuchten Lappen abzuwischen, bot sie Jeremy einen unverstellten Blick auf ihren prall gefüllten Ausschnitt. »Vielleicht noch’n Krug Bier?«

»Danke, nein, Rosalinde«, sagte Jeremy und hob seinen Blick mit etwas Mühe von ihrem Busen zu ihrem Gesicht. »Für dich, Onkel?« 

»Nein, bei mir ist alles gut«, sagte Edward. Er schien nicht bemerkt zu haben, dass Rosalindes Mieder auseinanderklaffte, stellte Jeremy mit einiger Empörung fest. Andererseits hatte Jeremy nie erlebt, dass sein Onkel Augen für irgendeine andere Frau als Pegeen gehabt hätte. 

»Wie geht es Ihrem Vater, Rosalinde?«, fragte Edward freundlich. »Ich hörte, er fühlt sich nicht wohl.«

»Oh, ’s geht ihm besser, gnädiger Herr. Nachdem er das Tonikum ausgetrunken hatte, das ihre Lady uns geschickt hat, war er wieder kerngesund.« Rosalinde schaffte es, Edward diese Neuigkeit mitzuteilen, ohne ihren Blick von Jeremy zu wenden, der den Versuch, ihr nicht ins Dekolletee zu gucken, aufgegeben hatte und stattdessen unentwegt aus dem Bleiglasfenster starrte. »Werdet Ihr denn ’ne Weile auf dem Anwesen bleiben, Euer Gnaden, oder geht Ihr sofort zurück auf die Schule?« 

»Ich weiß noch nicht genau«, antwortete Jeremy steif. »Ich werde wohl zumindest noch ein paar Tage bleiben ...« 

Weil er den Blick so sorgfältig abgewandt hatte, sah er nicht, wie Rosalinde lächelte und wie ihre blauen Augen glänzten, als sie schwärmte: »Oh, das freut mich aber. Und ’s wird auch Miss Maggie freuen. Ach, gerade vor ein paar Tagen habe ich sie draußen vor dem Handelskontor gefragt, wann sie Euer Gnaden wieder sehen wird, und sie sagte, sie wüsste das nicht recht, allerdings wäre ’s letzte Mal schon so lange her, dass man sich keinesfalls wiedererkennen würde, schätzte sie!« 

Auf diese Information reagierte Jeremy lediglich mit einem höflichen Kopfnicken, aber das schien für Rosalinde genug zu sein, denn sie schwebte davon, als wären ihr plötzlich Flügel gewachsen. Sobald sie außer Hörweite war, riss Jeremy seinen Blick von dem Karrengaul los, auf den er ihn geheftet hatte, während Rosalinde mit ihm sprach, und fixierte stattdessen seinen Onkel. »Siehst du?«, fragte er nachdrücklich. »Siehst du, was ich meine? Ich bin nicht mal im örtlichen Pub sicher! Ich muss nach Aasgeiern Ausschau halten, wohin ich auch gehe!« 

»Rosalinde Murphy ist wohl kaum ein Aasgeier, Jerry«, antwortete Edward besänftigend. »Ich denke, sie hat ein aufrichtiges Interesse an deinem Wohlergehen.« 

»Nicht an meinem Wohlergehen«, korrigierte ihn Jeremy, »An meinem Wohlstand.« 

»Wohl an deiner Person«, sagte Edward und lachte. »Die junge Dame ist von dir angetan. Was ist daran so falsch?« 

Jeremy atmete ungeduldig aus. »Weil es ihr nicht um mich geht!«, beharrte er. »Es geht ihr um mein Geld und den verdammten Titel! Sobald ich eine Frau treffe und sie erfährt, dass ich ein Herzog bin, heißt es nur noch Euer Gnaden hier, Euer Gnaden da. Alles, an was eine Frau denken kann, wenn sie mich kennenlernt, ist der Tag, an dem sie endlich ihren Namen mit dem Zusatz ›Herzogin von Rawlings‹ schreiben kann. Ich sehe es in ihren Augen. Sie stellen sich schon vor, wie sie mit einem Diadem auf dem Kopf und einem Hermelin um die Schultern aussehen werden.« 

»Was du in ihren Augen siehst, Jerry, ist Verlangen – und nicht etwa nach deinem Titel.« Edward versuchte erfolglos, ein Glucksen zu unterdrücken. »Sieh dich an, Jerry. Du siehst in dir vielleicht noch den kleinen, dürren Spitzbuben, der du als Zehnjähriger warst, aber Rosalinde sieht etwas ganz anderes. Sie sieht einen hochgewachsenen, kräftigen jungen Mann mit dunklem Haar und hellen Augen und mit guten Zähnen –«

»Ich glaube kaum, dass Rosalinde Murphy jemals meine Zähne beachtet hat«, murmelte Jeremy, um die Verlegenheit zu kaschieren, die die Beteuerungen seines Onkels in ihm auslösten. 

»Vielleicht nicht«, lachte Edward. »Aber jedenfalls bist du ein schönes Mannsbild, Jerry, und du kannst nicht erwarten, dass die Frauen dafür nicht empfänglich sind. Und wenn sie es sind, tu dieses Interesse nicht gleich als reine Geldgier ab.«

Jeremy, nun gründlich in Verlegenheit gebracht, murmelte in sein Bier: »Na ja, ein Herzog zu sein, macht solche Sachen ganz bestimmt nicht einfacher. Ich meine, großer Gott, ich kann nicht einmal heiraten, wen ich möchte! Ich muss eine Frau heiraten, die eine ordentliche Herzogin abgibt.« 

»Das stimmt«, sagte Edward. »Aber daraus folgt nicht zwangsläufig, dass man mit der Art von Frau, die eine ordentliche Herzogin abgibt, keine Ehefreuden erfahren könnte.« Nachdenklich hob er seinen Bierkrug. »Mir ist es immerhin gelungen.« 

»Zu blöd, dass mein Vater nicht so anspruchsvoll war«, bemerkte Jeremy bitter. »Von zwei Schwestern schaffte er es, diejenige auszuwählen, die ihn schließlich das Leben kosten würde.« 

Edward räusperte sich unbehaglich, als er den Krug wieder absetzte. »Nun ja. Pegeen war erst zehn Jahre alt, glaube ich, als John deiner Mutter zum ersten Mal Avancen machte, daher denke ich nicht, dass sie ernsthaft im Rennen war.« Dann, als ob er sich plötzlich an etwas erinnerte, beugte sich Edward vor und sagte in einer ganz anderen Tonlage: »Du wirst deiner Tante nicht erzählen, warum du dieses Mal verwiesen wurdest, Jerry.« 

»Als ob ich das täte«, sagte Jeremy bitter. »Dass Pegeen davon weiß, ist das Letzte, was ich will. Aber sie wird nicht umhinkommen, es herauszufinden. Es wird wahrscheinlich in der Zeitung stehen.«

»Gewiss wird es in der Zeitung stehen«, sagte Edward und nickte barsch. »Das ist allerdings etwas anderes, als wenn du es ihr gegenüber freiheraus zugibst. Das wäre überhaupt die einzige Möglichkeit, wie Pegeen je glauben könnte, dass du zu einem Mord imstande wärst.« 

»In der Tat«, stimmte Jeremy zu und grinste dabei genauso zynisch, wie sein Onkel es zuvor getan hatte. »Ich, der kleine Junge, der nach seinem ersten Jagdausflug stundenlang geheult hat, weil ihm der Fuchs so leidtat.« 

»Ganz so lang hast du nicht geheult«, sagte Edward und rutschte bei der Erinnerung an diesen unglücklichen Tag unbehaglich auf seinem Platz herum. »Aber du hast recht. Es ist schwer, den Jungen von damals mit dem Mann, der du heute bist, in Einklang zu bringen.« 

Jeremys Blick war immer noch voller Sarkasmus. »Und wer bin ich heute, Onkel?«

»Das liegt an dir, oder etwa nicht?« Edward nahm noch einen Schluck von seinem Bier und fragte dann: »Was für ein Mann möchtest du sein?« 

»Einer, der kein Herzog ist«, antwortete Jeremy prompt. 

»Aber das«, sagte Edward, »ist nicht möglich.« 

Jeremy nickte, als hätte er mit dieser Antwort gerechnet. Ohne ein weiteres Wort begann er, sich von der Bank zu erheben. Überrascht sah Edward zu ihm auf. »Wohin gehst du?«, fragte er. 

»Zum Teufel«, antwortete Jeremy beiläufig. 

»Aha«, sagte Edward und nickte. Er lehnte sich in seinem Stuhl zurück und hob den Krug an, um seinem aufbrechenden Neffen feierlich zuzuprosten: »Dann sei pünktlich zum Abendessen zu Hause.«

Kapitel 2

»Oh Maggie!«, rief Lady Edward Rawlings aus, als sie das Seidenpapier auf der kleinen Leinwand beiseiteschob. »Oh! Oh, das ist entzückend!« Maggie Herbert, die hinter Pegeens Stuhl stand, kräuselte skeptisch ihre mit Sommersprossen übersäte Nase und sah von ihrem Platz auf das Gemälde herab. Zu viel Grün, dachte sie. Ja, viel zu viel Grün im Hintergrund. Als sie das Gemälde studierte, fiel eine weiße Blüte von den Zweigen, die sich über ihnen ausstreckten, in einer kreiselnden Bewegung nach unten auf die frisch getrocknete Leinwand. Maggie gefiel es so besser, aber Pegeen wischte die Blüte ungeduldig fort. 

»Oh, ich kann nicht erwarten, es Edward zu zeigen«, verkündete Pegeen, während ihr Blick immer noch auf dem Gemälde ruhte. »Er wird es einfach nicht fassen können. Ich finde, auf keinem der anderen Porträts, die wir von den Kindern haben anfertigen lassen, sind sie so gut getroffen wie auf diesem –« 

»Tatsächlich?« Maggies Tonfall klang ein wenig ungläubig. Sie kniff ihre Augen zusammen, bis das Bild auf der Leinwand, das sie am Tag zuvor gemalt hatte und von dem Pegeen so schwärmte, verschwamm und sie nur noch farbige Umrisse erkennen konnte. Und zu viel Grün. 

»Oh ja«, beteuerte Pegeen. »Es ist ja, als ob du imstande wärst, ihre kleinen Seelen einzufangen!« 

Maggie lachte. »Wohl kaum! Wenn ich das getan hätte, würde Lizzie ganz anders aussehen. So sieht sie viel zu lieb aus –«

»Wie meinst du das, zu lieb?« Pegeen nahm die Leinwand, die nur fünfzehn mal fünfzehn Zentimeter groß war, und hielt sie mit ausgestreckten Armen vor sich hoch. Sie war immer noch so entzückt, dass sie nicht wegsehen konnte. »Lizzie sieht vollkommen hinreißend aus. Und John auch. Oh, und sieh dir Marys kleinen Schmollmund an! Und Alistairs Kinn. Du hast es genau getroffen! Ich habe gewisse Leute sagen hören, Alistair hätte ein trotziges Kinn, aber weißt du, es ist nur markant, das ist alles.«

Maggie hob ihren Blick und betrachtete das Gesicht ihrer Mutter, die in einem schmiedeeisernen Gartenstuhl Pegeen gegenüber saß. Lady Herberts Lächeln war ebenso vielsagend wie Maggies. Das Kinn aller Sprösslinge der Rawlings war natürlicherweise stur nach vorn gereckt, eine unbewusste Imitation des Gesichtsausdrucks ihrer Mutter, wenn sie besonders störrisch war. Dass Pegeen sich weigerte, sich dies einzugestehen, sorgte unter ihren Freunden und Nachbarn für einige Belustigung.

»Oh Maggie«, seufzte Pegeen, die immer noch außerstande war, ihren Blick von dem Porträt abzuwenden. »Es ist einfach wunderschön. Ich weiß nicht, wie du das machst.«

»Ich weiß auch nicht, wie sie das macht.« Lady Herbert beugte sich vor, um sich auf dem kleinen Klapptisch, der zwischen den Gartenstühlen aufgestellt worden war, eine weitere Tasse Tee aus dem silbernen Teegeschirr einzugießen. Da Pegeen guter Hoffnung war – allerdings nicht so weit fortgeschritten wie Maggies ältere Schwester Anne, die Lady Herbert gegenübersaß und ihre Teetasse auf der großzügigen Wölbung ihres Bauches balancierte –, hatte die ältere Frau automatisch die Aufgaben der Gastgeberin übernommen. Zwar waren sowohl Lady Herbert als auch ihre Töchter Gäste des Anwesens, in dem Sir Arthur, Maggies Vater, als Berater für den jungen Herzog arbeitete. Doch die Herberts verbrachten so viel Zeit in Rawlings Manor, dass Maggie es seit langem als ihr zweites Zuhause betrachtete und dazu neigte, sich auch so zu verhalten – eine Tatsache, die der ausgesprochen damenhaften Anne nicht unbedingt passte. Vor allem, wenn sie ihre jüngere Schwester dabei erwischte, wie sie die Treppengeländer herunterrutschte, was bis vor einem oder zwei Jahren nur allzu häufig vorgekommen war.

»Sie hat ihr Talent sicherlich nicht von mir geerbt«, verkündete Maggies Mutter und rührte Zucker in ihren Tee. »Es muss von der väterlichen Seite der Familie stammen.«

»Papa?« Anne wirkte, als fühle sie sich unwohl – so wie immer, wenn der talentierte Umgang ihrer Schwester mit Pinsel und Farbe erwähnt wurde. »Sicher nicht! Niemand auf Papas Seite der Familie hat je das Malen angefangen. Meine Güte, Mama, wie kannst du so etwas sagen?« 

Maggie richtete ihren Blick wieder auf das kleine Porträt, das sie abgeliefert hatte und schüttelte ihren Kopf. »Nein, Lizzies Lächeln passt nicht«, sagte sie zu sich selbst. »Nicht annähernd schelmisch genug.« Leider hörte Lizzies Mutter das.

»Schelmisch!«, rief Pegeen und drückte das Gemälde an ihre Brust, als fürchtete sie, Maggie könne versuchen, es ihr für einige Änderungen zu entreißen. »Unsinn. Meine Tochter ist keinen Deut schelmisch. Sie ist ein kleiner Engel. Es sind alles Engel.« Als sie erkannte, dass Maggie nicht die Absicht hatte, ihr Geschenk wieder zurückzuholen, wagte Pegeen noch einen Blick und ergoss sich sofort in weitere Verzückungen. »Oh, Anne, schau wie sie Johns Augen gemalt hat. Hast du je etwas so Frappierendes gesehen?« 

Maggie, die immer noch nicht überzeugt war, wandte ihren Blick von dem Gemälde ab und schaute in den Garten, wo Pegeens »kleine Engel« gerade damit beschäftigt waren, eines der Rosenbeete zu verwüsten. Sie hatten bei ihren Bemühungen Unterstützung von Annes Kindern, wobei Maggies wohlerzogene Nichten und ihr Neffe deutlich weniger ungestüm waren als die Rawlings-Brut. Ungefähr fünfzehn Findelkinder des Rawlings-Waisenhauses, die Lady Pegeen anlässlich des Maifeiertages mit einem Picknick in den Gärten des Anwesens bewirtete, vervollständigten das Spektakel. Ein einziger Blick auf Pegeens und Edwards ältestes Kind zeigte Maggie, dass sie sich tatsächlich geirrt hatte, was den Liebreiz anging. Elizabeth Rawlings war ein hübsches Mädchen, aber offensichtlich so eigenwillig wie ihre Eltern. Dies wurde durch den Dreckklumpen belegt, den sie in Richtung ihres Bruders John warf, weil es ihm misslang, ihre Anweisungen auszuführen.

»Und hast du es geschafft, deinen Vater zu überreden, dass er dich diese Pariser Kunstschule besuchen lässt, von der du mir erzählt hast, Maggie?«, wollte Pegeen wissen.

»Nein«, sagte Maggie. Sie konnte nicht verhindern, dass eine Spur Missmut sich in ihre Stimme mischte. »Er hat schreckliche Angst, dass ich mich, sobald ich ohne Begleitung englischen Boden verlasse, verführen und nach Marokko verschleppen lasse, wo ich sicher als Sklavin an einen arabischen Prinzen verkauft werde.«

»Maggie!« Annes ließ ihre Teetasse auf den Unterteller krachen. 

Lady Herbert stimmte ihrer ältesten Tochter zu, allerdings mit deutlich sanfterer Stimme: »Wirklich, Maggie. Wovon um alles in der Welt sprichst du? Dein Vater denkt nichts dergleichen.« 

»Das tut er allerdings«, sagte Maggie und lehnte sich seufzend gegen den Stamm des Kirschbaumes. »Papa ist sich meiner sonderbar fleischlichen Neigungen durchaus bewusst.« 

»Maggie!« Annes Wangen hatten sich vor Scham purpurrot gefärbt. »Wie oft muss ich dich noch bitten, in der Öffentlichkeit keine Worte wie ... wie« – sie senkte ihre Stimme zu einem Flüstern – »fleischlich zu benutzen?« Sie wandte sich Pegeen zu und bat sie inständig: »Oh, bitte, hören Sie auf zu lachen, Lady Edward. Sie werden sie nur bestärken.«

»Oh!« Pegeen wischte sich die grünen Augen, in denen Lachtränen standen. »Oh, Liebes! Maggie, meine Liebe, du darfst keine – du darfst wirklich keine solchen Wörter benutzen. Du wirst dir noch deinen guten Ruf verderben –« 

»Bei wem denn?«, fragte Maggie angewidert. »Bei den hiesigen Gutspächtern? Ich glaube kaum, dass sie sich darum scheren, ob ich das Wort fleischlich benutze oder nicht.« 

»Nicht bei den Pächtern, Maggie, Liebes«, sagte Lady Herbert leise. »Bei jungen Männern.« 

»Welchen jungen Männern?« Maggie drehte sich um und begann, mit einem spitzen Stock, den sie auf der Frühlingswiese im frischen Gras gefunden hatte, die Rinde vom Stamm des Kirschbaums zu kratzen. »Die einzigen jungen Männer, die es hier gibt, sind die Schafshirten und ich wette, dass es nicht viel gibt, was sie über Fleischlichkeit nicht wissen.« 

»Maggie!« Anne sah aus, als hätte sie ihre kleine Schwester am liebsten gekniffen. Leider waren ihr aufgrund der beträchtlichen Größe ihres Bauches schnelle Bewegungen unmöglich und sie wusste aus Erfahrung, dass sie in der Tat sehr schnell sein musste, wenn sie Maggie kneifen und der darauffolgenden Backpfeife entgehen wollte. »Herrgott nochmal!« 

Maggie zuckte mit den Schultern. »Na ja«, sagte sie. »Es ist nur die Wahrheit.« 

»Ja, aber du bist jetzt fast siebzehn, Liebes.« Anne musste sich offensichtlich zwingen, ihre Stimme ruhig zu halten. »Du wirst nächstes Jahr in die Gesellschaft eingeführt werden. Die jungen Männer, die du während deiner ersten Saison in London treffen wirst, werden sicher nichts über deine ... äh ... Neigungen hören wollen.«

»Eigentlich«, warf Pegeen nachdenklich ein, »bin ich mir ziemlich sicher, dass sie schrecklich gerne davon hören würden, aber ich bin nicht sicher, dass es etwas ist, mit dem Maggie hausieren gehen sollte ...« 

»Da hast du’s«, verkündete Anne. »Hast du gehört, Maggie? Hör auf Lady Edward. Das habe ich schon die ganze Zeit versucht, dir zu sagen. Wenn du in London einen Ehemann finden willst, wirst du anfangen müssen, dich mehr wie eine Dame zu benehmen –« 

»Ich will mich nicht wie eine Dame benehmen«, murmelte Maggie. Ihre volle Aufmerksamkeit ruhte auf dem Loch das sie in den Baumstamm geritzt hatte. »Jedenfalls nicht, wenn das heißt, den ganzen Tag nichts zu tun, als Kleider anzuprobieren«, sie grunzte, als ein großes Stück Rinde unter der Spitze ihres Stock nachgab, »und mir die ganze Nacht die geistlosen Unterhaltungen von blödsinnigen Baronets anzuhören –«

»Was machst du da mit dem Baum?«, fragte Lady Herbert nachdrücklich. »Komm, setz dich hin und leg den dreckigen Stock weg.« 

Maggie ließ den Stock fallen, aber sie setzte sich nicht hin. Stattdessen drückte sie ihren Rücken gegen das Loch, das sie in den Baumstamm gekerbt hatte. Sie wusste nicht, warum sie das Bedürfnis gehabt hatte, ihre Aggressionen an einem unschuldigen Baum auszulassen, aber sie dachte, dass der Baum alles in allem eine bessere Wahl wäre als ihre ältere Schwester. 

»Wenn du dich nicht wie eine Dame benehmen willst, Margaret«, erkundigte sich Maggies Mutter mit einiger Belustigung, »was willst du denn dann machen?« 

»Das habe ich dir doch gesagt, Mama.« Maggie seufzte. »Ich möchte malen. Das ist alles, was ich will. Und ich möchte zu Madame Bonheur gehen, um zu lernen, wie man es richtig macht.« 

Lady Herbert hob ihren Blick zum Himmel, aber es war Anne, die herausplatzte: »Aber Madame Bonheurs Kunstschule steht außer Frage! Mama, du musst es ihr sagen und bleib dieses Mal standhaft. Maggie darf nicht die Erlaubnis bekommen –«

»Aber warum?« Pegeen klang ungeduldig. Maggie konnte ein Grinsen nicht unterdrücken. Es war, als würde Lady Edward Rawlings stets etwas Neues finden, für das sie sich einsetzen konnte, und heute hatte sie sich Maggie ausgesucht. »Warum steht das außer Frage? Es ist wirklich irrsinnig, ein Talent wie das deiner Schwester zu verschwenden, Anne. In Wahrheit ist Maggie tausendmal begabter als das alberne Malerchen, das Edward letztes Jahr angeheuert hat, um mich zu porträtieren. Seht euch die Farben in dem Bild an, das sie von den Kindern gemalt hat.« Pegeen hielt die Leinwand hoch, sodass die anderen Frauen sie betrachten konnten. »Die Art und Weise, wie sie sie zusammengestellt hat, dass jedes aussieht wie ein einzigartiges Juwel. Und wie sie die Gesichtsausdrücke der Kinder eingefangen hat – doch, das ist präziser als auf jedem Daguerreotyp!« 

»Ich gebe dir da vollkommen recht, Pegeen«, sagte Lady Herbert ein wenig müde. »Aber –«

»Sir Arthur hat doch nicht etwa die altmodische Einstellung, dass man für die Ausbildung eines Mädchens kein Geld verschwendet, oder?«, hakte Pegeen nach. »Denn falls doch, werde ich sehr gern persönlich rüber nach Herbert Park gehen und ihn aufklären –« 

»Es ist nicht nur deswegen, Pegeen«, sagte Anne ernst. »Papa sieht es nicht gern, wenn Frauen einem Beruf außerhalb des Haushalts nachgehen und dann auch noch Kunst – Himmel! Wenn das Thema nur erwähnt wird, ist er einem Herzanfall nahe! Aber ich muss sagen, ich kann ihm nur zustimmen. Es ist wirklich skandalös, wie viele Mädchen nach London gehen, um ein Leben als Krankenschwester oder Sekretärin oder Lehrerin – oder ach, ich weiß nicht als was noch alles – zu führen! Aber ich nehme an, sie können nicht anders – sie müssen arbeiten, du weißt schon, um auszukommen. Aber Maggie? Sie muss gar nicht arbeiten. Sie will es einfach und das ist natürlich vollkommen lächerlich. Jeder weiß, dass die Mutterschaft der einzige Beruf ist, der für Frauen geeignet ist –« 

»Ja, meine Liebe«, unterbrach Lady Herbert und lächelte geduldig. »Wir kennen alle deine Meinung zur Bedeutung der Mutterschaft. Aber ich glaube, die Bedenken, die euer Vater gegen Maggies Weggang hegt, liegen hauptsächlich daran, dass sie die Jüngste von euch Mädchen ist. Sie ist die Einzige, die noch zuhause ist.« Lady Herbert lächelte Maggie liebevoll an, die zu den Kirschblüten über ihrem Kopf schielte. »Keiner von uns ist wirklich bereit, sie einfach so erwachsen werden zu lassen.« 

»Na ja, irgendwann werdet ihr sie aber gehen lassen müssen«, sagte Pegeen. »Ich meine, falls sie in der nächsten Saison in die Gesellschaft eingeführt wird.« 

Lady Herbert stieß einen leidenden Seufzer aus und führte einen Bissen Kuchen zum Mund. »Und so wie ich Maggie kenne«, seufzte sie, nachdem sie die Gabel wieder auf dem Teller in ihrem Schoß abgelegt hatte, »wird sie jede Minute davon hassen wie die Pest.« 

Pegeen lachte nicht. »Natürlich wird sie es hassen. Ein Mädchen wie Maggie –« 

»Ein Mädchen wie Maggie wird nicht mal eine Minute in London bestehen«, unterbrach Maggie sie, genervt davon, dass jeder über sie, aber nicht mit ihr redete. »Die haut monde wird sie zerreißen. Die anderen Mädchen werden über sie lachen, weil sie zu groß und zu laut ist und Farbe unter den Fingernägeln hat und die Männer werden, falls sie ihr überhaupt ein bisschen Aufmerksamkeit schenken, von der Tatsache angewidert sein, dass sie Wörter wie fleischlich bei Konversationen in der Öffentlichkeit benutzt.«

»Oh nein«, rief Pegeen. »Sicher nicht, Maggie! Du bist doch so überaus hübsch mit dem vollen dunklen Haar und den großen braunen Augen. Du bist weitaus hübscher als die älteste Tochter der Smythes und schau, wie gut sie sich verheiratet hat ...« 

»Welche Rolle spielt es, wie sie aussieht?«, fragte Anne eindringlich. »In der Sekunde, in der sie ihren Mund aufmacht, beginnt das Zimmer sich zu leeren. Sie ist viel zu forsch –« 

»Das ist sie nicht«, protestierte Pegeen. »Sie sagt bloß ihre Meinung. Das hat sie schon immer getan.« Sie drehte den Kopf, um Maggies Lächeln zu erwidern. »Das mag ich so an ihr.« 

Im Gegensatz zu ihr hatte Anne kein Lächeln für ihre jüngere Schwester übrig. »Sie sagt das, was ihr als erstes in den Kopf kommt, ohne über die Folgen nachzudenken, und zwar immer dann, wenn niemand sie nach ihrer Meinung gefragt hat.«

»Sie ist erfrischend aufrichtig«, sagte Lady Herbert, um Maggie zu verteidigen. 

»Mutter, sie hat keinen Sinn für Anstand, nicht mal einen Hauch! Neulich habe ich sie erwischt, wie sie den Saum ihres Kleides in den Bund ihrer Unterwäsche gestopft hatte und einen Baum hochkletterte!« 

Die Gesichter aller drei Frauen wandten sich anklagend in Maggies Richtung. Sie richtete sich auf und sagte mit so viel Würde, wie sie aufbringen konnte: »Ich brauchte Blüten. Für ein Stillleben, an dem ich gearbeitet habe.« 

»Margaret«, rief ihre Mutter, »Wirklich, manchmal gehst du doch ein wenig zu weit. Du hättest den Gärtner bitten können, dir einen Blütenzweig zu holen.« 

»Ich glaube«, sagte Maggie und schluckte, »ich sollte einmal nachsehen, was die Kinder treiben.«

»Ich denke, das solltest du, Liebes«, stimmte ihr Lady Herbert so bereitwillig zu, dass es für Maggie offensichtlich war, dass ihre Mutter die feste Absicht hatte, über sie zu reden, sobald sie sich außer Hörweite befand. 

Mit einem Seufzer stieß sich Maggie von dem Baum ab und schlenderte in die Richtung, aus der sie die Kinder rufen hören konnte. Es war für einen Tag im Mai ungewöhnlich heiß und das erste Mal in diesem Frühling richtig warm. Maggie hatte sich seit dem Morgen irgendwie träge gefühlt. Sie wusste, dass diese Trägheit teilweise aus Langeweile entstanden war. Seit sie das Porträt der Rawlings-Kinder beendet hatte, hatte sie nicht mehr wirklich etwas zu tun und keine neuen Projekte in Aussicht. Oh, da gab es das Porträt, das die alte Freifrau zu Ashforth machen lassen wollte, aber das war von zwei Katzen und Maggie hatte kein großes Interesse daran, Katzen zu malen. Menschen zu malen war sehr viel herausfordernder: ihren Gesichtsausdruck genau zu treffen und eine exakte Wiedergabe zu erreichen, ohne sie aber zu kränken ... ja, das war spannend. Katzen waren einfach zu leicht.

Als sie sich den Kindern näherte, sah sie, dass Elizabeth, deren Lächeln sie zu liebreizend dargestellt hatte, sich den Kopf ihres Bruders unter dem Arm geklemmt hatte. Ihr Kindermädchen und die Aufseherin des Waisenhauses waren nirgendwo zu sehen. So wie sie die Kinder kannte, wäre Maggie nicht überrascht gewesen, zu erfahren, dass sie die arme junge Frau geknebelt und gefesselt im Gestrüpp der Büsche zurückgelassen hatten. Seufzend hob sie den Saum ihres weißen Musselinkleides an und eilte zu ihnen, um den kreischenden kleinen Jungen aus der Tyrannei seiner Schwester zu befreien. 

»Aber er sagt die ganze Zeit, er wäre der Premierminister«, erklärte Lizzie, als Maggie sie zurechtwies. »Und ich sollte heute der Premierminister sein. Mama hat gesagt, ich darf!«

»Aber Mädchen können keine Premierminister sein«, widersprach John. »Das hat Papa gesagt!« 

Maggie, die sich an ähnliche Diskussionen zwischen ihr und dem Herzog von Rawlings vor einigen Jahren erinnerte, sah zu John herunter und sagte: »Warum spielen wir heute nicht etwas anderes als Parlament? Was hältst du davon, wenn ich dir das Spiel zeige, das dein Cousin Jerry und ich immer gespielt haben, als wir klein waren?« 

Lizzie, die den Hals recken musste, um Maggie ins Gesicht zu schauen, wirkte neugierig. »Willst du etwa sagen, dass du auch mal klein warst?«, fragte sie ungläubig. »Du bist so riesig!« 

Maggie versuchte, ihren Unmut zu kaschieren und murmelte: »So groß bin ich auch wieder nicht.« 

»Doch, bist du wohl«, verkündete John. »Du bist größer als Papa.« 

»Ich bin nicht größer als euer Vater«, sagte Maggie zunehmend gereizt. »Vielleicht als eure Mutter, aber nicht als euer Vater.« 

»Bist du wohl«, sagte John voller Überzeugung. »Das ist sie doch, oder, Lizzie?« 

Elizabeth betrachtete Maggie von oben und unten und sagte schließlich: »Nein, das ist sie nicht. Aber sie ist trotzdem sehr groß. Für ein Mädchen jedenfalls.« 

Maggie spürte, wie sie errötete und war zugleich wütend auf sich selbst, weil sie zuließ, dass das unschuldige Geplapper von Kindern sie ärgerte. Sie wusste, dass sie zu empfindlich war, was ihre Größe anging. Was machte es schon, dass sie in ihrer Schule immer das größte Mädchen war? Wenigstens hatte sie inzwischen aufgehört, zu wachsen. Mit gut einssiebzig – der Größe, die sie im Alter von zehn Jahren erreicht hatte – war sie größer als ihre Mutter und all ihre Schwestern und nur wenig kleiner als ihr Vater.

Aber zweifellos hatte es auch Vorteile, so groß zu sein. Sie wusste, dass sie in den neuen Turnüren, die gerade Mode waren, wirklich sehr gut aussah. Die Form – vorne flach und hinten aufgebauscht – schmeichelte ihrer kurvigen Figur. Außerdem konnte sie sich immer darauf verlassen, dass sie im Handelskontor auch an die Artikel auf den obersten Regalen herankam, was beim Einkaufen sehr nützlich war. 

»Hört mal«, sagte Maggie zu den Rawlings-Kindern. »Als euer Cousin Jerry und ich jünger waren, spielten wir oft ein Spiel namens Maharadscha und das hat wirklich Spaß gemacht. Einer von euch kann der indische Prinz oder die indische Prinzessin sein. Ein anderer ist der furchtlose englische Forscher, den der Maharadscha gefangen nimmt und an einen Pfahl bindet, um ihn als Opfer für einen heidnischen Gott lebendig zu verbrennen. Und der Rest von euch kann die britischen Soldaten spielen, die versuchen, ihn zu retten, oder Wilde, die um den brennenden Scheiterhaufen tanzen und versuchen, die Soldaten mit vergifteten Pfeilen abzuschießen. Hört sich das nicht spannend an?« 

»Ich werde der Maharadscha sein«, verkündete Lizzie. 

»Nein«, rief John, »ich!« 

»Du«, sagte Lizzie ruhig, »kannst der furchtlose Forscher sein.« 

John wurde auf der Stelle wütend, genau wie Jeremy damals, wenn Maggie darauf bestanden hatte, dass er der Forscher sein sollte. Weil sie das Gefühl hatte, sie hätte ihre Pflicht getan, drehte sie sich um und machte sich auf den Weg zurück zu den Frauen, die im Schatten des Kirschbaumes Platz genommen hatten. Allerdings ließ der Klang ihrer Stimmen sie auf halbem Wege innehalten. 

»An weiblichen Porträtmalerinnen ist aber auch gar nichts ungehörlich, Anne«, hörte sie Pegeen in ihrer unverkennbaren kehligen Stimme sagen. Ihr weicher schottischer Akzent verzerrte dabei ein bisschen die Vokale. »Es gab etliche, also, du weißt schon, im Laufe der Geschichte –« 

Anne unterbrach sie ungehalten: »Und ich würde gerne wissen, wie viele davon je geheiratet haben? Sehr wenige, wette ich. Eine Frau kann keine Ehe führen und gleichzeitig einem Beruf nachgehen.« 

»Vielleicht nicht«, lautete Pegeens bedachte Antwort. »Außer, sie verheiratet sich sehr klug. Mit einem Mann, der Verständnis hat ...« Dann fügte sie in fröhlicherer Stimmlage hinzu: »Aber das Gute ist: Maggie wird niemals heiraten müssen, so talentiert wie sie ist. Ich meine, außer sie möchte es. Sie könnte sich ziemlich gut selbst unterhalten, indem sie Porträts von Kindern aus der besseren Gesellschaft malt.«

Als sie sich im Klaren darüber war, dass tatsächlich über sie gesprochen wurde, fühlte Maggie erneut, wie ihre Wangen heiß wurden. Sie wusste, dass sie sich bemerkbar machen müsste, aber die Versuchung, zu lauschen, war einfach zu groß. Während sie plötzliches Interesse an ein paar Irisstängeln vortäuschte, spitzte Maggie die Ohren, um zu hören, was gesagt wurde. 

»Aber das ist genau das, wovor ich am meisten Angst habe, Pegeen«, rief Anne aus. »Du weißt, wie unkonventionell Maggie sein kann. Nehmen wir mal an, sie verliebt sich in irgendeinen bettelarmen französischen Dichter und muss in einer schmutzigen Dachkammer in der Nähe von Montmartre mit lauter anderen Künstlerpersonen leben? Solche Menschen glauben bekanntlich nicht an die Institution der Ehe. Sie denken, das ist spießbürgerlich. Maggie wird eine gefallene Frau sein. Und was werden die Leute dann über uns sagen?« 

Pegeen holte Luft, um zu antworten, aber Lady Herbert sagte eilig: »Wirklich Anne, du gehst zu hart mit deiner Schwester ins Gericht. Sie ist kein dummes Mädchen. Ich halte es für völlig unglaubwürdig, dass sie etwas so Dummes tun würde, wie sich in einen Franzosen zu verlieben.« 

Anne teilte die Ansicht ihrer Mutter nicht. »Sie wird noch viel dümmere Sachen tun als das, Mama. Darauf kannst du dich verlassen. Du und Papa, ihr habt bei ihr die Zügel viel zu locker gelassen. Bitte versuch nicht, es zu leugnen – ich habe es mit eigenen Augen gesehen! Ihr habt sie verzogen, Mama. Wie kann man das sonst erklären? Keine von uns, weder Elizabeth noch Fanny oder Claire sind auch nur annähernd so stur und eigensinnig wie Maggie.«

»Nun«, sagte Lady Herbert nachdenklich, »es war auch keine von euch demselben Einfluss ausgesetzt wie Maggie ...« 

Lady Herberts Stimme verhallte, aber Maggie war nicht die Einzige, die verstanden hatte, was sie meinte. Pegeen beeilte sich, ihren Neffen zu verteidigen: »Oh, du meinst Jerry, nehme ich an?«, fragte sie unbekümmert. »Na ja, es stimmt, dass die beiden früher ein Herz und eine Seele waren. Aber ich muss sagen, dass es mir – obwohl Jerry so viel älter war – immer so vorkam, als hätte Maggie das Sagen. Sie war so lange viel größer als er. Weißt du, ich habe sie einmal erwischt, wie sie sein Gesicht recht gewaltsam in den Dreck gedrückt hat. Jerry war völlig hilflos und konnte sich nicht wehren. Er war damals, glaube ich, zwölf, was bedeuten würde, dass Maggie gerade sieben war, aber trotzdem war sie größer als er. Ich glaube doch, dass das ziemlich erniedrigend für ihn war, damals ...«

»Ich nehme nicht an, dass wir Seine Gnaden in naher Zukunft sehen werden«, vermutete Anne in gespielt beiläufigem Ton. Maggie wusste ganz genau, wie wenig ihre Schwester den Herzog mochte. »Er ist immer noch in Oxford, nicht wahr?« 

»Eigentlich«, sagte Pegeen ruhig, »haben wir erst gestern Abend ein Telegramm von ihm erhalten, in dem stand, dass er heute nach Hause käme. Laut Lucy, die es vom Koch weiß, dessen Neffe in diesem Trimester sein Kammerdiener war, gab es zwischen Jerry und seinem Onkel gerade heute Morgen irgendeine geheime Verabredung, die erfordert hat, dass Edward vor einer Stunde mit der Kutsche ins Dorf hinunter geschlichen ist – scheinbar alles, damit ich den Grund für Jerrys plötzliche Rückkehr nicht erfahre. Es wird interessant sein zu sehen, wie lange die beiden dieses Mal denken, sie könnten vor mir ein Geheimnis haben.« 

Das weitere Gespräch hörte Maggie nicht. Sie hatte nicht aufgehört, zu lauschen. Aber in dem Augenblick, als sie Jeremys Namen und die Tatsache hörte, dass er auf dem Weg zurück nach Rawlings war, breitete sich langsam ein Lächeln auf ihrem Gesicht aus und ihre Füße begannen, wie von selbst eilig zur Vorderseite des Hauses zu laufen. Sie wusste ganz genau, dass Jeremy, wenn er heute nach Hause kommen sollte, unter der Eichenallee hindurchreiten müsste, die die Zufahrt säumte. Das wiederum bedeutete, dass er eine der ältesten Eichen auf den Ländereien passieren würde. Sie neigte sich – trotz der unermüdlichen Bemühungen der Gärtner, die über Jahre hinweg versucht hatten, den Stamm mit Metallstreben abzustützen – so weit über die Zufahrt, dass ihre Äste wie ein Baldachin nur etwa zwei Meter über der gepflasterten Straße hingen. Wäre es nicht ein Spaß, dachte sie, ihn aus dem Hinterhalt zu überraschen, genau wie sie die ankommenden Besucher des Anwesens als Kinder überfallen hatten? Mit ein wenig Glück könnte sie es schaffen, ihn direkt von seinem Pferd zu stoßen. Das hatte er nur verdient dafür, dass er sich den Verweis von einer weiteren Lehranstalt eingehandelt hatte – wenn es stimmte, was Pegeen sagte.

Maggie warf alle Ermahnungen ihrer Schwester, sich wie eine Dame zu benehmen, über Bord, zog ihre Röcke hoch und begann, über den Rasen im Vorgarten von Rawlings Manor zu rennen, ohne sich darum zu kümmern, dass ihre langen, wohlgeformten Waden über dem Schaft ihrer flachen Stiefel hervorblitzten. Es war so lange her, dass sie Jeremy gesehen hatte! Tatsächlich waren mehrere Jahre vergangen, da ihre Schulferien sich eigentlich nie überschnitten hatten. Und wenn es doch einmal der Fall war, war fast immer einer von ihnen in der Stadt oder im Ausland gewesen. Sie war sich nicht einmal sicher, ob sie ihn wiedererkennen würde. Falls man den stolzen Berichten seiner Tante und seines Onkels Glauben schenken konnte, war Jeremy alles, was ein junger Gentleman sein sollte: Ein geschickter Reiter, ausgezeichneter Fechter, hervorragender Boxer und ausdauernder Schwimmer. Sie hatte ihre älteren Schwestern, die ihn gelegentlich auf Gesellschaften in London getroffen hatten, sagen hören, dass der Herzog von Rawlings zu einem außerordentlich gutaussehenden Mann herangewachsen war; eine Tatsache, die Maggie nur schwerlich glauben konnte. Was aber noch lachhafter war: Sie behaupteten, er wäre tatsächlich inzwischen hochgewachsen, was sie ganz und gar nicht glaubte. Jerry sollte größer sein als sie? Unmöglich! 

Sie schwang sich den Stamm der Eiche hinauf, ein Kunststück, das sie spielend bewerkstelligte, obwohl sie sich einen Kniestrumpf und ihren Reifrock aufriss und einen Perlenknopf auf der Vorderseite ihres Mieders verlor – Zwischenfälle, die sie allesamt ignorierte. Oben angekommen machte sie es sich in ihrem blättrigen Unterschlupf unter den Ästen bequem. Von diesem Sitzplatz aus, knapp zweieinhalb Meter über dem Boden, hatte Maggie ziemlich freien Blick auf die Zufahrt. Ein einzelner Reiter im Galopp passierte sie gerade, während sie Ausschau hielt. Aber sie stellte enttäuscht fest, dass es nicht Jeremy sein konnte, denn der Reiter war viel zu breitschultrig und ragte zu hoch aus dem Sattel empor. Außerdem sah er ziemlich genau aus wie Lord Edward. Allerdings war Lord Edwards Pferd ein Brauner und das Pferd, das dieser Mann ritt, war pechschwarz – ähnlich wie Jeremys Pferd King. 

Sie lehnte sich nach vorne, bis sie ausgestreckt auf dem dicken Ast lag und lugte an dem grünen Blattwerk vorbei. Zu ihrem Erstaunen sah sie, dass das Pferd tatsächlich kein anderes war als King, das erste Pferd, das Jeremy je besessen hatte und bekanntermaßen sein Favorit. Aber niemand außer Jeremy hatte die Erlaubnis, King zu reiten, und das bedeutete ...

Aber nein! Es war nicht möglich. Niemand konnte sich so sehr verändern, nicht in gerade mal – Maggie zählte es rasch an ihren Finger ab – fünf Jahren. Gott, waren wirklich fünf Jahre vergangen, seit sie den Herzog das letzte Mal gesehen hatte? Als sie wieder aufsah, bemerkte Maggie, dass Pferd und Reiter jetzt fast direkt unter ihr waren und es gab keinen Zweifel: Es war Jeremy. Auch hatten ihre Schwestern nicht gelogen, er sah gut aus ... wenn man den düsteren, melancholischen Typ mochte, was Maggie nicht tat: Sie bevorzugte bei Männern einen hellen Teint. Sein dunkles Haar lockte sich verwegen unter einem teuer aussehenden Zylinder hervor, unter dessen Krempe seine stechenden grauen Augen verächtlich blickten. Seinen Gesichtsausdruck erkannte sie sofort: Jeremy war zornig, sein markanter Kiefer zusammengebissen, sein Kinn mit dem Grübchen hoch über die gerüschte Halsbinde erhoben, während die langen, behandschuhten Finger mühelos die Zügel seines Pferdes umschlangen. Er ritt mit solcher Selbstverständlichkeit, als wäre King ein Teil seines eigenen Körpers. Ein Körper, der – das stellte Maggie interessiert fest – genauso schlank und kräftig aussah wie die der Männer, die für den örtlichen Schmied arbeiteten. Männer, deren nackte Oberkörper Maggie häufig verstohlen betrachtet hatte, während sie die Eisen für die Pferde ihres Vaters schmiedeten ... 

Gott, das war schon wieder so ein fleischlicher Gedanke! Aber das hier war Jerry. Sie schüttelte sich. Was dachte sie da bloß gerade? Sie konnte auf keinen Fall in dieser Weise an Jeremy denken! Sie hatte diesen Körper öfter, als sie zählen konnte, mit Schneebällen beschossen und dieses Gesicht mindestens genauso oft in den Dreck gedrückt. Und jetzt ritt er direkt unter ihr entlang – so nah, dass sie ihm mühelos den Hut vom Kopf hätte schlagen können. In einem Augenblick würde er unter ihr dahinjagen und die Überraschung wäre vollkommen ruiniert. 

Ohne länger zu zögern, streckte sie einen Arm aus, um seinen Hut zu packen und sich über seine Reaktion zu amüsieren. Leider verlor sie gerade in dem Moment, als sie sich herunterbeugte, das Gleichgewicht und spürte, wie sie vom Ast rutschte. Verzweifelt versuchte sie, sich daran festzuklammern, aber es nützte nichts. Im nächsten Moment segelte sie durch die Luft ...

Kapitel 3

Jeremys erster Gedanke, als er das Kreischen hörte und die Wucht eines Körpers spürte, der gegen seinen prallte, war, dass Pierce irgendwie von den Toten auferstanden wäre und wegen der Entjungferung seiner Schwester und seiner darauffolgenden Ermordung mit ihm abrechnen würde. Er wand sich im Sattel hin und her und versuchte, seinen Gegner wegzuschleudern. Das Gelingen dieses Versuchs wurde allerdings durch die Tatsache behindert, dass sein Angreifer zwei weiche, sonnengebräunte Arme fest um seinen Hals geschlungen hatte und es zustande brachte, sie beide auf den Boden zu befördern.

Zu welchem Zeitpunkt genau sich Jeremy dessen bewusst wurde, dass sein Angreifer sowohl taillenlanges Haar als auch recht ansehnliche Brüste hatte, konnte er im Nachhinein nicht genau sagen. Aber es war wohl ungefähr zu dem Zeitpunkt, als ihre beiden Körper auf der Straße aufprallten und in einem Gewirr aus Reifröcken, Überröcken und Frackschößen einen guten Meter bis auf das Gras rollten. Da ihm kurz die Luft wegblieb, dauerte es einen Augenblick, bevor Jeremy realisierte, dass er auf einem Körper lag, der – außer Pierce wäre im Jenseits ein Busen gewachsen – eindeutig weiblich war. Tatsächlich hatte sein Gesicht, bevor er den Kopf hob, zwischen zwei Brüsten so groß wie Cantaloupe-Melonen geruht. Sie waren scheinbar aus dem Mieder gesprungen, das sie vorher eingesperrt hatte, und reckten sich ungeachtet der Tatsache, dass ihr Besitzer niedergestreckt auf dem Boden lag, keck der Sonne entgegen. 

Obwohl das, gelinde gesagt, ein angenehmes Gefühl war, wusste Jeremy, dass die Frau unter ihm wahrscheinlich durch die Wucht ihres Aufpralls bewusstlos geworden sein musste, wenn schon ihm die Luft weggeblieben war. Also benahm er sich wie ein Gentleman und hob den Kopf, um zu sehen, ob sie seine Hilfe brauchte oder nicht ... 

und ertappte sich dabei, wie er in zwei lachende und ihm seltsam vertraute, braune Augen starrte. 

»Du jämmerlicher Wicht!« Eine melodische und für die Beschimpfungen, die sie äußerte, merkwürdig süße Stimme verspottete ihn. »Du hast geschrien wie ein abgestochenes Schwein. In meinem ganzen Leben habe ich sowas noch nicht gehört.« 

Einen Moment lang dachte Jeremy wirklich, er würde einen Geist sehen. Nur ein überirdisches Wesen konnte jemandem, den er zu kennen glaubte, so ähneln und gleichzeitig so gar nicht aussehen wie sie. Denn die Frau, die unter ihm lag, war zweifellos Maggie Herbert – Maggie Herbert war die einzige Frau, die ihn ohne zu zögern einen jämmerlichen Wicht nennen würde – und doch war sie nicht Maggie Herbert. Nicht die Maggie Herbert, die ihre gesamte Kindheit damit verbracht hatte, ihn zu schikanieren. Die Maggie Herbert war, als er sie das letzte Mal gesehen hatte, spindeldürr gewesen, hatte Zahnlücken gehabt und zwei Zöpfe getragen. Sie hatte so lange, schlaksige Beine gehabt, dass sie gar nicht wusste, was sie mit ihnen anfangen sollte, und beim Laufen aussah wie ein neugeborenes Fohlen, das gerade seine ersten Schritte tat. 

Aber diese Maggie Herbert hatte eine so üppige und pralle Figur wie eine Edelkurtisane – und Jeremy wusste, wovon er sprach, denn er war mit einigen von ihnen zusammen gewesen. Diese Maggie war überhaupt nicht mehr fohlenhaft und Jeremy konnte zweifelsfrei bezeugen, dass die Beine, zwischen denen er so gemütlich gebettet war, alles andere als schlaksig waren. Genaugenommen waren die Oberschenkel, die sich unter dem Gewicht seines Körpers spreizten, ziemlich genau wie die übrigen Körperteile, gegen die er gepresst wurde – geschmeidig, kräftig, aber vor allem sehr weiblich. Maggie Herbert war, wie er realisierte, zu einem Mädchen erblüht, das man als vollbusig bezeichnen konnte. Gleichzeitig war sie mit schmalen Handgelenken und Knöcheln und einer Wespentaille gesegnet und das stand ihr besser als vielen anderen Frauen, die Jeremy getroffen hatte. Sie schien sich nicht im Geringsten durch ihre neue, frauliche Figur gehemmt zu fühlen ... aber sie wusste scheinbar auch nicht um die verheerende Wirkung, die diese Kurven auf einen Mann haben konnten.

Erst, als er sein Blick ihr Gesicht streifte, erkannte Jeremy zweifelsfrei, dass diese Maggie und die Maggie seiner Erinnerung ein und dieselbe waren. Die Zöpfe waren tatsächlich Vergangenheit und an ihre Stelle war ein Schwall kastanienbraunes Haar getreten, so dunkel, dass es vor dem frischen grünen Gras fast schwarz aussah. Und was ihre Zähne anging – sie waren jetzt ebenmäßig und weiß, ohne eine einzige Lücke. Aber in diesen dunklen Augen lag ein Glitzern, das er erkannte, das Aufblitzen von etwas, das zu gutmütig war, um boshaft, aber auch zu schelmisch, um völlig arglos zu sein. Und da war ein Schwung in diesen Lippen, die er früher als deutlich zu breit empfunden hatte, bei heutiger Betrachtung jedoch verführerisch voll fand, der an die alte Maggie erinnerte. Die Maggie, die ihn unbarmherzig gehänselt und gequält hatte und an der er sich, wie er sich hatte sagen lassen müssen, nicht rächen durfte, weil sie ein Mädchen war. 

Und jetzt war es, als hätte Maggie Herbert einfach dadurch, dass sie herangewachsen war, schon wieder gewonnen. Denn er hatte in seinem ganzen Leben noch keine Frau getroffen, die ihm so attraktiv vorkam ... und die für seine eigenen Reize so blind war.

»Oh!«, rief Maggie und lachte, bis sie außer Atem war. »Wie du geschaut hast! Das war köstlich, einfach köstlich!« 

Während er sich auf die Ellenbogen stützte – sein Gesicht schwebte noch immer nur ein paar Zentimeter über ihrem bemerkenswerten Busen –, fragte Jeremy ernst: »Bist du verrückt geworden?« 

Als ihre einzige Antwort noch heftigeres Gelächter war, bemerkte er: »Weißt du, du hättest dich dabei umbringen können.« 

»Das wäre es wert gewesen«, antwortete Maggie genießerisch. Sie lachte so heftig, dass Jeremy, der immer noch ausgestreckt auf ihr lag, spüren konnte, wie sich ihre Bauchmuskeln unter den Korsettstangen anspannten. Maggie Herbert in einem Korsett! Er hätte nie gedacht, dass er das erleben würde. 

»Trotzdem«, sagte er ernst, »du kannst nicht so herumtoben. Du hättest dich ernsthaft verletzen können.« 

»Meine Güte! Du hast noch nie einen Scherz vertragen und wie es aussieht, hat deine noble Ausbildung daran jedenfalls nichts geändert.« Nachdem sie sich einige dunkle Haarsträhnen aus dem herzförmigen Gesicht gestrichen hatte, drückte Maggie sich mühsam auf die Ellenbogen hoch. Das Mieder ihres Kleides klaffte noch weiter auseinander und bot Jeremy eine vortreffliche Aussicht auf das, was in den spitzenbesetzten Körbchen ihres Kamisols lag. Im Gegensatz zu der Situation am Morgen war er dieses Mal vollkommen außerstande, wegzusehen und anstatt von ihr herunterzuklettern, was er zweifellos hätte tun sollen, blieb er an Ort und Stelle und bewunderte die beiden Wölbungen ihrer weichen, weißen Haut. 

Maggie bemerkte unwillkürlich, dass Jeremys Augen, von denen sie immer dachte, ihre Farbe wäre ein fades Grau, in Wirklichkeit nicht ganz so farblos waren, wie sie es in Erinnerung hatte. Tatsächlich waren sie auf sehr subtile Weise hellblau, mit kleinen silbernen Sprenkeln, und sie waren nicht einmal ansatzweise auf ihr Gesicht gerichtet. Vielmehr schienen sie an ihrem Brustkorb zu hängen. Als Maggie der Blickrichtung folgte, bemerkte sie, dass der Knopf, den sie beim Klettern auf die Eiche verloren hatte, in der Tat eine wesentliche Aufgabe erfüllt hatte. Ihr beachtliches Dekolleté quoll vorne aus ihrem weißen Kleid heraus. 

Maggie wurde von einer Flut widersprüchlicher Gefühle überrollt. Einerseits hatte die Situation etwas Komisches, das Maggie trotz der qualvollen Verlegenheit, die augenblicklich in ihr aufstieg, nicht entging. Barbusig vor dem Herzog von Rawlings! Was würde Lady Herbert sagen? Andererseits war an der Art und Weise, wie sie der Herzog von Rawlings ansah, gar nichts komisch. Wenn sie vorher Zweifel gehegt hatte, ob Jeremy sich seit ihrem letzten Treffen verändert hatte, machte sein Gesichtsausdruck diese zunichte. Sie hatte bei ihm noch nie zuvor so einen Blick gesehen ...

... oder zumindest war er nicht auf sie gerichtet gewesen. 

Allerdings war es einer dieser Blicke, die sie in letzter Zeit regelrecht auf sich zu ziehen schien. Sie hatte ihn in den Gesichtern von Fremden gesehen, an denen sie im Dorf vorbeigegangen war. Es war ein bewundernder Blick, das stand fest, und trotzdem war da etwas mehr als bloße Bewunderung, etwas, dass man ... na ja, nur mit einem Wort beschreiben konnte: Begierde. 

Begierde? 

Bei Jeremy? Urplötzlich erkannte Maggie, dass das nicht länger ein unschuldiges Spiel zwischen Kindern war. Dort auf ihr lag ein Mann, über zwanzig Jahre alt, und kein Junge. Und sie war eine Frau – na ja, gerade so – also sollte er besser schleunigst von ihr heruntersteigen, bevor zufällig jemand vorbeischlenderte oder aus einem der Fenster des Herrenhauses sah ... 

»Geh von mir runter«, keifte Maggie und ließ ihre Arme fallen, obwohl sie dadurch mit Kopf und Schultern wieder auf den Boden sank, was die Unangemessenheit der Situation noch verschlimmerte. Allerdings war sie in dieser Position imstande, sich mit dem weit geöffneten Ausschnitt ihres Kleides auseinanderzusetzen. 

Jeremy, der Maggies Unbehagen genauso genoss wie seine Aussicht, bemerkte beiläufig: »Du scheinst da einen Knopf verloren zu haben, Mags.«

»Denkst du, ich wüsste das nicht, du schmieriger Idiot?« Maggie konnte ihm nicht in die Augen sehen. Wie alles andere an ihm hatten sich auch seine Augen verändert. Sie schienen jetzt eine sonderbare Wirkung auf sie auszuüben – eine Wirkung, die ebenso verantwortlich für ihre roten Wangen war wie der fehlende Knopf. Während er ihre Bemühungen mit einer hochgezogenen Augenbraue beobachtete, sagte er: »Du siehst aus, als könntest du Hilfe gebrauchen – dürfte ich?« 

Maggie, deren Verlegenheit sich blitzschnell in Empörung verwandelte, schlug nach seinen Händen – es waren große, gebräunte Hände, wie sie zu ihrer Beunruhigung feststellte, mit Schwielen übersät und deutlich größer als ihre eigenen –, während sie mit ihrer anderen Hand den Ausschnitt ihres Kleides zusammenhielt. »Nein, darfst du nicht«, sagte sie und akzentuierte jedes ihrer Worte mit einem Schlag nach ihm. »Geh sofort von mir runter!« 

»Angesichts der Tatsache, dass du dich auf mich gestürzt hast, Mags«, bemerkte Jeremy, »ist deine momentane Entrüstung herzlich fehl am Platze.« 

»Geh runter!« Maggie sah sich um. »Mein Gott, es könnte uns jemand sehen!« 

»Das hättest du dir wiederum überlegen können, junge Dame, bevor du mich so gewaltsam von meinem Pferd geworfen hast.« Jeremy, der enttäuscht feststellte, dass sie es endlich geschafft hatte, ihr Kleid zu schließen, sah stirnrunzelnd auf ihre verkrampften Finger herab. »Warum machst du überhaupt so einen Aufstand daraus? Ich habe dich schon mal im Evaskostüm gesehen, wie du weißt. Allerdings nicht, das gebe ich ja zu, seit du so eine vortreffliche Figur bekommen hast –« 

»Geh runter!« Vollkommen gedemütigt schlug Maggie den Ellenbogen ihres freien Arms gegen seinen Kopf. Obwohl der Hieb nicht wirklich geschmerzt haben konnte, sah Jeremy sehr überrascht aus. Es passierte sicher nicht allzu oft, nahm Maggie an, dass der Herzog von Rawlings eins auf den Deckel bekam. Was für ein Mädchen würde einen Herzog verärgern wollen, besonders einen heiratsfähigen? Aber Maggie interessierte es nicht allzu sehr, was der Herzog von Rawlings – oder auch irgendein anderer Herzog – dachte. 

Das war vielleicht auch gut so, denn was der Herzog von Rawlings dachte, war, dass es dumm von ihm gewesen war, so lange von Zuhause fernzubleiben. Was er allerdings sagte, war: »Hör mal, das war nicht sehr sportlich.« Während er sich das Ohr rieb, versuchte er, verärgert auszusehen. »Du hast dich hoffentlich nicht in eins von diesen albernen, um sich schlagenden Mädchen verwandelt, oder etwa doch?« 

»Ach, um Gottes Willen«, fauchte Maggie, »Geh von mir runter. Mein Vater könnte uns sehen.«

»Das«, sagte Jeremy entschieden, »ist der einzige vernünftige Grund, der mir einfällt, um dieses äußerst angenehme Intermezzo zu beenden.« 

Dann löste er sich langsam von ihr, nicht ohne zu bemerken, dass ihr Rock hochgerutscht war und ein paar Waden freigab, die so vortrefflich gerundet waren, dass sie jede Revuetänzerin neidisch gemacht hätten. Und das war noch nicht alles, was er erspähte. Als er wieder auf den Beinen stand, reichte er ihr eine Hand, um ihr aufzuhelfen, und es gelang ihm, dabei einen Blick auf die Stelle zu erhaschen, wo ihre Kniestrümpfe endeten und ihre Strumpfhalter begannen, genau dort, wo sich ein weicher, weißer Oberschenkel wölbte.

Maggie, die auf dem Boden lag, entging Jeremys flüchtiger Blick zwischen ihre Beine nicht und sie schob hastig ihren Rock herunter, bevor sie einen argwöhnischen Blick auf die Hand warf, die ihr entgegengestreckt wurde. 

»Was?«, stieß Jeremy hervor, als er ihre zu Schlitzen verengten Augen bemerkte. »Ich will dir behilflich sein, das ist alles, du kleines Dummerchen. Du brauchst mich nicht anzusehen, als ob ich dich gleich beißen würde.« 

Maggie schluckte. Das war genau, wonach er aussah ... als ob er sie beißen wollte, oder etwas noch Schlimmeres. So ansehnlich, wie er geworden war, schien es mehr als wahrscheinlich, dass es eine Menge Mädchen gab, mit denen Jeremy eine Menge mehr getan hatte, als ihnen behilflich zu sein ... und auch mehr, als sie zu beißen. 

Da er den Grund für ihr Zögern missverstand, verdrehte Jeremy die Augen. »Ich werde dich nicht noch einmal in das Reflexionsbecken tunken, falls du das denkst«, erklärte er. »Ich denke, wir sind beide inzwischen alt genug, um auf diese kindischen Streiche zu verzichten, wenn man mal von deinem Überfall absieht.« 

Da sie wusste, dass sie sich lächerlich machte, streckte Maggie eine Hand aus, bedacht darauf, den Ausschnitt ihres Kleides mit der anderen zusammenzuhalten. In dem Augenblick, als Jeremys kräftige Finger sich um ihre schlossen, wusste sie, dass sie in Schwierigkeiten war. Sein Griff wirkte nicht so, als würde er sie so schnell wieder loslassen. Er würde sie genau solange festhalten, wie ihm beliebte und es gab rein gar nichts, was sie dagegen tun konnte. 

Aber trotz der Kraft in seinen langen Fingern war er überraschend zärtlich, und zerrte nicht an ihr, wie er es früher getan hätte. Es war auch gut, dass er sie noch ein wenig länger festhielt, denn sobald sie sich völlig aufgerichtet hatte, traf Maggie der größte Schock überhaupt: Jeremy war größer als sie. 

Nicht einfach nur größer als sie – viel größer als sie. Ihr Kopf reichte ihm gerade bis zur Schulter. Sie wäre mit der Nase mittig gegen seine Brust geprallt, wenn er ihre Hand nicht noch fester umklammert hätte, als sie vor Schreck stolperte.

»Maggie?«, Jeremy starrte fragend zu ihr herunter. »Bist du in Ordnung? Du hast dir doch nicht etwas gebrochen, oder?«

Benommen schüttelte Maggie den Kopf. Jeremy Rawlings sollte größer sein als sie? Und nicht nur ein bisschen größer, sondern mindestens zwanzig Zentimeter! Wann war das passiert? Als sie ihn das letzte Mal gesehen hatte, hatte sie ihn um mindestens einen Kopf überragt. Er war in fünf Jahren gut dreißig Zentimeter gewachsen. Großer Gott, er war so groß wie Lord Edward! 

»Das hätte ich ja nie gedacht«, sagte Jeremy erstaunt. »Maggie Herbert, sie schlägt um sich und sie fällt in Ohnmacht! Wie sich die Zeiten geändert haben. Ich dachte nie, dass du mal so ein zartes Pflänzchen werden würdest.« 

Das genügte, um Maggie aus ihrer Benommenheit zu reißen. Sie hob ihren Kopf – kaum zu fassen, dass sie tatsächlich den Kopf heben musste, um ihm in die Augen zu schauen – und keifte: »Ich bin nicht zartbesaitet. Und ich habe dich nicht geschlagen, sondern dir einen Stoß mit dem Ellenbogen gegeben und das hattest du verdient. Und jetzt lass meine Hand los.«

Jeremy lächelte und sie sah schnell in eine andere Richtung. Sein Lächeln schien denselben verheerenden Effekt auf ihr Herz zu haben wie seine Augen. Beide brachten es dazu, sich irgendwie in ihrer Brust zu überschlagen. »Immer noch ganz die alte Mags«, sagte er und hob ihre Finger als herzliche Geste der Anerkennung an seine Lippen. »Trotz der süßen neuen Kurven.« 

Maggie war schockiert über die saloppe Anspielung auf ihren Busen. Seine Augen verfolgten sorgfältig ihre Reaktion, als seine Lippen ihre Knöchel umschmeichelten. Sie versuchte unverzüglich, aber erfolglos, ihre Hand wegzuziehen. Jeremy hielt mit einem wissenden Lächeln auf den Lippen ihre Finger fest, ja drehte sie sogar herum, um ihre Nägel zu betrachten. 

»Aha«, sagte er, »Zinnoberrot, Magenta und ein kleines bisschen ... was haben wir hier? Ach ja, Schneeweiß. Wie ich sehe, malen wir noch. Und wie geht es Freifrau Ashforths Katzen? Sie müsste inzwischen genug Bilder von ihnen haben, um den großen Saal damit zu füllen –« 

»Lass meine Hand los.« Maggie bemühte sich, ihre Stimme ruhig zu halten, aber da sie kurz davor war, in Panik auszubrechen, war das kein leichtes Unterfangen. »Ich meine es ernst, Jerry. Lass los!«

»Lass meine Hand los«, äffte Jeremy sie nach. »Geh von mir runter. Begrüßt man etwa so einen alten Freund, den man ein halbes Jahrzehnt nicht gesehen hat?« 

Diese Frage lenkte sie ab und sie hörte auf, so hektisch zu versuchen, ihre Hand wegzuziehen.

»Einen Freund?«, wiederholte Maggie. Dann schnaubte sie. »Seit wann sind wir denn Freunde? Feinde würde es besser treffen.«

»Du warst diejenige, die die feindlichen Gefühle gehegt hat«, sagte Jeremy und tat, als wäre er beleidigt. »Ich habe nie verstanden, warum. Du hattest es dir zur Aufgabe gemacht, mir das Leben zur Hölle zu machen, obwohl ich immer nur wollte, dass –« 

»Du wolltest immer nur alle herumkommandieren«, unterbrach sie ihn. Jetzt war sie dran, ihn nachzuäffen. »Du kannst nicht der Piratenkapitän sein, Maggie. Ich bin der Herzog, also darf ich der Piratenkapitän sein. Du kannst nicht das letzte Kirschtörtchen haben, Maggie. Ich bin der Herzog, also bekomme ich das letzte Kirschtörtchen. Du musst tun, was ich sage, Maggie, denn ich bin der –« 

»Na und?«, unterbrach sie Jeremy und schaffte es, dabei höchst gleichgültig auszusehen. »Du hast ja sowieso nie gemacht, was ich dir gesagt habe.«

»Gut, dass wenigstens eine sich nicht von dir tyrannisieren ließ«, betonte Maggie. »Sonst wärst du vielleicht einer von diesen boshaften Männern geworden, die die Hand einer Frau nicht loslassen, wenn man sie darum bittet.«

»Boshaft? Ich bin also boshaft, ja?« Er grinste, als ob ihm gefiel, wie sich das anhörte – dabei hatte Maggie es kaum als Kompliment gemeint. Nichtsdestotrotz ließ er ihre Hand fallen und sah – ein wenig nachdenklich, wie Maggie fand – auf sie herab. Sie fragte sich, was er wohl dachte und überkreuzte dann abwehrend die Arme vor der Brust. Er mochte also ihre neue Figur? Und er besaß die Dreistigkeit, es ihr ins Gesicht zu sagen! Großer Gott, wie schnell ihre Schwester Anne in Ohnmacht gefallen wäre, wenn sie dieses Gespräch mitbekommen hätte! 

Maggies Schwester hätte noch weitaus mehr getan, als in Ohnmacht zu fallen, wenn sie in die Gedanken eingeweiht gewesen wäre, die in diesem Moment in Jeremy vorgingen. Er verpasste sich selbst gedanklich einen Tritt dafür, dass er nicht schon früher versucht hatte, Sir Arthur Herberts jüngste Tochter zu verführen. Wie hatte er es nicht sehen können?, fragte er sich selbst. Wie hatte er nicht sehen können, dass sie sich in so einen appetitlichen Leckerbissen verwandeln würde? Gut, all ihre Schwestern waren nicht so besonders gewesen, daher war er nicht vorgewarnt, aber Maggie ... Was für eine Entdeckung! Er hatte sich niemals so sehr mit einer Frau amüsiert, für die er nicht bezahlt hatte. Sie hatte etwas an sich, mit ihrer hemmungslosen Unverschämtheit, das vermuten ließ, dass in dem Mädchen – obwohl gerade erst den Kinderschuhen entwachsen – nicht einmal mehr ein Funke kindlicher Unschuld war. Es sah aus, als ob sein Besuch zu Hause schließlich doch nicht so langweilig werden würde wie gedacht ...

Maggie hingegen gefiel nicht, welchen Lauf die Dinge nahmen. Es gefiel ihr ganz und gar nicht. Es gab nicht viele Leute, die Maggie täglich sah und die größer waren als sie. Sie war es nicht gewohnt, sich klein zu fühlen. Doch Jeremy, den sie mehr oder weniger jahrelang gehänselt hatte, sorgte nun dafür, dass sie sich so fühlte. Schlimmer noch: Er war so viel größer, dass ihr das in der Tat ein wenig Angst einjagte. Und sie hasste es, Angst zu haben. Sie betrachtete sich selbst als furchtlos, da sie – im Gegensatz zu ihren älteren Schwestern – keine Höhenangst, Angst vor dem Wasser, vor Mäusen oder Insekten, Platzangst, Angst im Dunkeln oder vor sonst irgendetwas hatte. Warum sie also überhaupt vor Jeremy Rawlings Angst haben konnte, wusste sie nicht. Doch sie spürte nun mal diese Beklommenheit. Sie würde etwas dagegen tun oder zugeben müssen, dass es doch eine Sache gab, die ihr Angst machte ... aber ob diese Sache Jeremy Rawlings war, oder ob es die Gefühle waren, die er in ihr auslöste, darüber war sie sich nicht im Klaren. 

Als sie einen Blick in sein Gesicht riskierte, bemerkte sie, dass er immer noch zu ihr hinunter sah, mit demselben nachdenklichen Gesichtsausdruck. Großer Gott, er war attraktiv! Wie hatte sie das vorher nicht bemerken können? Nicht, dass sie gutaussehende Männer gerne mochte ... na ja, außer Lord Edward und Alistair Cartwright, ihren Schwager. Aber im Allgemeinen fand Maggie, dass hübsche Männer dazu neigten, zu viel von sich selbst zu halten. Sie nahm an, dass Jeremy einen Grund hatte, sich überlegen zu fühlen, da er nun gutaussehend war und außerdem mehr Geld hatte als die Queen. Aber in seinem Fall waren sowohl das Aussehen als auch das Vermögen Geschenke des Schicksals. Nur ein Dummkopf wäre stolz auf ein Geschenk Gottes ... 

Dann glitt Maggies Blick an seinen breiten Schultern vorbei. »Äh, Jeremy«, sagte sie.

»Ja?« Erwartungsvoll hob er beide Augenbrauen. 

»Du solltest vielleicht dein Pferd einfangen. Er rennt gerade davon.« Erschrocken drehte sich Jeremy um und sah, wie King in Richtung der Südweide trabte, wo die Stutfohlen grasten.

»Verdammt«, fluchte Jeremy. Er drehte sich eilig wieder zu Maggie um. »Warte hier«, sagte er und machte dabei eine Geste, die aussah wie die Handbewegung, die die Schäfer in Yorkshire machten, wenn sie ihre Collies anwiesen, auf ihrem Platz zu bleiben. »In Ordnung? Ich bin gleich wieder da.« 

»Oh«, sagte Maggie und nickte ernst. »Natürlich.« 

Sobald er sich umdrehte, machte sie sich auf den Weg zum Haus. Sie rannte nicht, weil das schwer war, wenn man das Mieder seines Kleides mit einer Hand festhalten musste – und außerdem wollte sie nicht, dass er dachte, sie würde weglaufen – aber sie ging rasch vorwärts. Der Rückzug erschien ihr an dieser Stelle als die beste Strategie. Sie musste mehr wieder instand setzen als nur ihr Kleid ... Ihr schwirrte wahrhaftig der Kopf, nachdem sie mit so vielen neuen Eindrücken überhäuft worden war. Jeremy Rawlings sah ebenso männlich und kräftig aus wie die Söhne des örtlichen Schmieds, die sie seit, na ja, inzwischen über einem Jahr aus der Ferne bewundert hatte. Jeremy Rawlings sah mit Begierde in den Augen zu ihr herunter, Augen, die ihr einst glanzlos vorgekommen waren, die aber jetzt so hell strahlten wie das silberne Teeservice ihrer Mutter. Und Jeremy Rawlings war größer als sie! 

Was war nur aus der Welt geworden?

Es war zu viel auf einmal für Maggie, um es zu verkraften. Da sie das ruhige Leben auf dem Land gewöhnt war, wusste sie überhaupt nicht, wie sie auf diese Wendung reagieren sollte. Sie brauchte Zeit zum Nachdenken, Zeit um sich wieder zusammenzunehmen – sowohl im wörtlichen als auch im sprichwörtlichen Sinne –, Zeit um herauszufinden, wie sie am besten mit dieser neuen und verstörenden Entdeckung umgehen sollte: Jeremy Rawlings jagte ihr Angst ein. 

Sie hatte nicht den Hauch einer Chance. Sie schaffte es gerade bis zum Wendeplatz vor dem großzügigen, dreistöckigen Herrenhaus, als sie eine tiefe Stimme hörte – Gott, selbst seine Stimme hatte sich verändert! –, die ihren Namen rief. Verdammt! Maggie blieb auf der Stelle stehen, schickte ein Stoßgebet zum Himmel und drehte sich dann langsam zu ihm um.

»Was denkst du, wo du hingehst?« In Jeremys tiefer Stimme lag ein vergnügter Unterton. Es war derselbe Tonfall, in dem er sie oft angesprochen hatte, wenn er gerade einem ihrer unzähligen Streiche zum Opfer gefallen war. 

»Äh«, sagte Maggie, »Nirgendwohin. Rein, einen Knopf suchen.« Sie biss sich auf die Zunge. Oh, brillante Konversation, Maggie!

»Komm mit«, sagte Jeremy. Er hatte King eingefangen und keuchte vor Anstrengung. Dabei sah er, wie Maggie fand, viel zu gut aus, denn die Sonne ließ sein rabenschwarzes Haar bläulich glänzen – er hatte offensichtlich bei dem Sturz seinen Hut verloren – und seine Halsbinde war gerade weit genug gelockert, um ein paar dunkel gelockte Brusthaare an seinem Halsansatz zu enthüllen.

»Äh«, begann Maggie. Und wieder hatte sie Probleme mit ihrer Zunge: Normalerweise konnte sie diese nicht ruhig halten, aber heute lag sie schwer wie ein Ziegelstein in ihrem Mund. »Nein. Ich kann nicht. Ich muss wirklich –« 

»Komm noch schnell mit, bis ich diese Bestie sicher angebunden habe.« Er grinste zu ihr herab, als ob ihr Widerstreben das Komischste wäre, das er je gesehen hatte. »Danach können wir reingehen und einen Knopf für dich auftreiben. Komm schon.« 

»Ich kann wirklich nicht, Jeremy. Meine Mutter –« 

»Ach, vergiss deine Mutter.« Seine silbernen Augen leuchteten herausfordernd, während das Lächeln auf seinem Gesicht breiter wurde. »Wovor hast du Angst?«

Maggie erstarrte. »Nichts«, erwiderte sie ein bisschen zu schnell. Mit ihrer Zunge schien alles wieder in Ordnung zu sein. Die silbernen Augen funkelten. 

»Du würdest doch keine Angst vor mir haben, oder etwa doch, Mags?« 

»Ganz bestimmt nicht!« 

»Lügst du mich etwa an, Mags?« 

»Nein ...« 

Das Lächeln verwandelte sich in ein Grinsen, das so breit war, dass sie all seine weißen, ebenmäßigen Zähne sehen konnte. »Natürlich nicht. Das hätte ich auch nicht gedacht. Also dann, komm.« Er drehte sich um, um ihr seinen freien Arm anzubieten.

»Lauf ein Stück mit mir. Ich will alles darüber hören, wie es dir in den letzten fünf Jahren ergangen ist. Du malst offensichtlich noch. Aber was hast du sonst so gemacht?« 

Maggie warf einen langen, sehnsüchtigen Blick in Richtung der großen Doppeltüren des Herrenhauses. Jenseits davon warteten Sicherheit, Vernunft und ein Dienstmädchen mit einem Nähetui. Aber Maggie hatte Feigheit noch nie ausstehen können – am Allerwenigsten bei sich selbst. Also überquerte sie mit einem Seufzer die Auffahrt und hakte sich bei Jeremy ein. 

»Ach«, sagte sie unbekümmert. »Nicht viel.«

Kapitel 4

Das war zu einfach gewesen. Alles, was es gebraucht hatte, war ihren Stolz zu verletzen und schon gehörte sie ihm. Na ja, nicht ganz ... noch nicht, zumindest. Aber er hatte es geschafft, ihre Schwäche zu entdecken – oder eher wiederzuentdecken, denn jetzt erinnerte er sich ziemlich deutlich, dass Maggie schon immer mit einem einfachen Satz dazu gebracht werden konnte, fast alles zu tun: Du hast doch keine Angst, oder, Mags? 

Für den Moment leistete sie gute Arbeit darin, furchtlos auszusehen – zutiefst furchtlos, wie sie da auf einem Heuballen vor Kings Box saß und ihre Füße über dem Boden baumelten, als sie ihren Rücken gegen einen Holzbalken lehnte. Unglücklicherweise hatte sie immer noch mit einer Hand die Vorderseite ihres Mieders fest umschlossen und beraubte ihn so eines weiteren flüchtigen Blickes auf diese kurvigen, blassen Schönheiten. Er glaubte allerdings nicht, dass es lange dauern würde, bevor er mit ihnen mehr tun könnte, als sie nur anzuschauen. Jetzt, wo er wusste, was er sagen musste, um sie aus der Reserve zu locken, hatte er keine Zweifel, dass er sehr bald Rache an Maggie Herbert üben würde für all die Streiche, die sie ihm in ihrer Kindheit gespielt hatte ... 

Aber in der Zwischenzeit war er zufrieden damit, sie einfach nur anzusehen, denn sie sah in der Tat sehr hübsch aus, wie sie inmitten des schräg einfallenden Sonnenlichts saß, das durch die offene Tür des Marstalls drang. Ihr langes, offenes Haar fiel seidig und glänzend ihren Rücken herunter. Es war Glück gewesen, dass es ihm gelungen war, seine Ankunft mit der Teestunde zusammenfallen zu lassen. Alle Stallknechte und Pferdewirte waren drinnen und genossen ein Stück vom berühmten Kümmelkuchen seines Kochs. Er und Maggie waren allein in den Stallungen – bis auf die Pferde und ein paar Vögel, die ihre Nester in den Dachsparren gebaut hatten und ärgerlich zwitscherten, weil ihre Ruhe gestört worden war. 

Auch Maggie fühlte sich wohler. Jeremy hatte seine wollüstigen Blicke soweit eingedämmt, dass sie allmählich dachte, sie hätte sich vielleicht doch geirrt. Schließlich konnte der Herzog von Rawlings jede Frau auf der Welt haben. Warum sollte er gerade sie wollen? Sie war nur die Tochter seines Beraters, eines Edelmannes, der ein paar Anwesen weiter wohnte. Ihre Schwester hatte zufällig den besten Freund seines Onkels geheiratet und ihre Mutter verstand sich sehr gut mit seiner Tante, also hatten sie als Kinder ziemlich viel Zeit zusammen verbracht, aber das war auch alles. Sicher zeigte er dieses ausgeprägte Wohlwollen nur der alten Zeiten wegen. Er konnte unmöglich mehr in ihr sehen, als eine alte Freundin. Diese Ermahnung trug viel dazu bei, ihre sonderbar angespannten Nerven zu beruhigen. 

»Also«, begann sie, als er sich daran machte, King abzusatteln. »Evers Senior ist immer noch hier in Rawlings Manor, während sein Sohn im Londoner Stadthaus wohnt und dessen Sohn, wenn ich es recht verstehe, eine Art Butlerschule besucht. Er hofft, dass sein Großvater sich bald zur Ruhe setzt und er die Stelle übernehmen kann. Bloß, dass Evers Senior laut deiner Tante sagt, er setze sich zur Ruhe, wenn er tot ist. Er dekantiert immer noch alles selbst, obwohl seine Hände fürchterlich zittern, wann immer er etwas hochhebt, das schwerer ist als eine Fingerschale.« 

Jeremy, der seinen Mantel abgelegt hatte, während er sein Pferd striegelte, dachte, dass er ebenso gut sein Halstuch ablegen könnte. Lässig warf er das schlichte Leinentuch auf seinen Mantel, den er über die Boxentür gelegt hatte. 

»Wirklich«, sagte er und beugte sich hinunter, um Kings Mähne auszubürsten. 

»Ja. Und das Dienstmädchen deiner Tante, Lucy, hat noch ein Mädchen bekommen, es sind jetzt also vier. Aber sie sagt, sie wird nicht zufrieden sein, bis sie einen Jungen hat – obwohl man meinen könnte, vier Mädchen wären bei Gott genug.« 

»Aha«, sagte Jeremy. Er richtete sich auf und warf die Bürste beiseite, bevor er Maggie mit einem Blick fixierte, den sie nicht sehen konnte, weil ihr die Sonne mitten ins Gesicht schien und er mit dem Rücken gegen das Licht stand.

»Und Mrs Praehurst wird nächsten Herbst fünfundsechzig«, fuhr sie fort und setzte ihn fröhlich über das Privatleben seiner Bediensteten ins Bild. »Und deine Tante und dein Onkel schicken sie auf eine Italienreise, aber Mrs Praehurst hasst Italiener und meint, dass eine Küche, die so sehr auf Tomaten basiert, nicht gut für die Verdauung sein kann, daher müsste sie wohl jemand warnen –« 

»Maggie«, sagte Jeremy. Etwas in seiner Stimme ließ sie befürchten, dass er sie nicht deshalb unterbrach, weil er eine Frage dazu hatte, was die Haushälterin von der mediterranen Küche hielt. Er hatte die Boxentür geöffnet und dann wieder hinter sich geschlossen und stand jetzt nur einen guten Meter entfernt von dem Heuballen, auf dem sie saß. Sie konnte seinen Gesichtsausdruck überhaupt nicht deuten, aber dem Klang seiner Stimme nach war er nicht besonders beherrscht. 

»Ja-a?«, fragte sie langsam. 

Aber als er so nah kam, dass sein Schatten auf ihr Gesicht fiel, konnte sie – auch, wenn sie dafür den Hals recken musste – sehen, dass er überhaupt nicht gereizt oder verärgert aussah. Tatsächlich sah er aus, als wolle er sie necken. 

»Du hast mir alles über jeden erzählt, der auch nur im entferntesten mit Rawlings Manor in Verbindung steht«, sagte er und setzte sich neben sie auf den Heuballen, ohne um Erlaubnis zu fragen. »Aber du hast nicht mit einem Wort etwas von dir erzählt.« 

Weil er sich so dicht neben sie gesetzt hatte, dass ihre Schultern sich berührten – genaugenommen streifte ihre Schulter seinen Oberarm –, rutschte Maggie ein Stück, um ihm Platz zu machen. »Na ja, es gibt nicht viel zu erzählen«, sagte sie trocken. »Ich bin zur Schule gegangen.« 

»Ja, natürlich«, erwiderte er. Bildete sie sich das ein, oder war er nähergekommen – genau in dem Moment, als sie weggerutscht war? »Aber was machst du jetzt?«

»Na ja«, sagte sie und rückte wieder ein Stück weg. »Ich weiß es nicht. Ich wollte in Paris die Malerei erlernen, aber mein Vater lässt mich nicht.«

»Ach so?« Musste er sich so erfreut darüber anhören? Und wie kam es, dass sie plötzlich auf der äußersten Kante des Heuballens saß und nirgendwo mehr hinkonnte, außer auf den Boden?

»Also was wirst du stattdessen tun?«

»Ich weiß es nicht«, sagte Maggie und warf einen flüchtigen Blick auf den Boden. Nicht, dass sie wirklich nervös gewesen wäre, weil er so nah bei ihr saß; sie verstand bloß nicht, warum er es tat. Der Boden wäre immerhin seinem Schoß vorzuziehen, dachte sie, auf dem sie landen würde, wenn er noch näher kam. Vielleicht konnte sie ihn weiter ablenken, wenn sie redete. »Ich nehme an, ich werde nach London gehen müssen, du weißt schon, für meine Einführung in die Gesellschaft –« 

»Ach, deine Einführung in die Gesellschaft«, wiederholte Jeremy. Er hob einen Arm und legte ihn um ihre Schultern. Maggie starrte auf seine Hand, die an ihrer linken Seite herunterhing und bemerkte mit einiger Besorgnis, dass schwarze Haare wie die, die aus seinem Hemdkragen hervorragten, über seinen ganzen Arm verteilt waren, der aus dem hochgekrämpelten Hemdsärmel hervorschaute. Es war etwas so ausgesprochen Männliches an der Struktur dieser rauen Haare, dass allein bei dem Anblick eine Welle der Beunruhigung durch ihren Körper zuckte.

»Und freust du dich darauf, in die Gesellschaft eingeführt zu werden, Mags?«, fragte er. 

»Nicht besonders«, antwortete Maggie. Sie drehte ihren Kopf, sodass sie ihm in die Augen sah – was nicht viel brauchte, weil sein Gesicht nur ein paar Zentimeter von ihrem entfernt war. Allerdings erwies sich das als Fehler, da seine Augen immer noch denselben merkwürdigen Effekt auf sie zu haben schienen – nur, dass sich jetzt nicht ihr Herz überschlug, sondern sie auf den nackten Armen Gänsehaut bekam, obwohl sie in der Sonne saß und ihr eigentlich ziemlich warm war. »Die ganze Sache erscheint mir ziemlich albern«, brachte sie hervor. Ihre Zunge war seltsamerweise wieder sehr schwer geworden. »Ich hasse Feste und ich tanze auch nicht gerne.« Sie sah, wie sein Blick nach unten wanderte. »Jeremy«, sagte sie, während sie eine erneute Welle des Unbehagens durchzuckte. »Warum starrst du auf meinen Mund?!«

Er lächelte und die Hand, die locker über ihre linke Schulter hing, packte nun zu, sodass er sie in einer halben Umarmung umfasste. »Weil ich dich küssen werde, Mags«, sagte er mit einer so sanften Stimme, dass selbst das schon eine Liebkosung war. »Möchtest du das nicht?«

Maggies Herz überschlug sich in ihrer Brust, sodass ihr ganz mulmig wurde. »Nicht unbedingt«, sagte sie und lehnte sich hastig zurück – direkt in seinen vorausschauend wartenden Arm. Als ihr klar wurde, dass sie genauso unausweichlich gefangen war wie ein Kaninchen in der Falle, schossen ihre Hände abwehrend in die Höhe, wobei sie völlig den fehlenden Knopf vergaß. »Nicht –«

Aber es war zu spät. Dies war nicht der Jeremy von vor fünf Jahren, den sie nach ihrem Gutdünken schikanieren konnte. Dies war der neue Jeremy, ein erwachsener Mann, der ein gutes Stück größer und stärker war als sie und den es nicht das kleinste bisschen zu interessieren schien, was sie von der Sache hielt. Obwohl sie protestiere, drückte er seinen Mund auf ihren ...

Und dann konnte sie sich nur noch darüber wundern, warum sie überhaupt so einen Aufstand gemacht hatte. Denn, obwohl es eigenartig war, von Jeremy geküsst zu werden – außerordentlich eigenartig –, war es in der Tat auch ziemlich angenehm.

Maggie war nie zuvor von einem Mann geküsst worden. Sie war nie von einem Mann umarmt worden, oder hatte auch nur nah genug bei einem Mann gestanden, um zu wissen, dass alles an ihnen – wirklich alles – anders war. Sie fühlten sich nicht so an wie die Frauen – es gab an ihnen nicht einen weichen Fleck. Sie waren überall hart. Egal, welche Stelle Maggie mit ihren Händen berührte; sie fühlte nur harte Muskeln, die sich zusammenzogen. Selbst ihre Haut war nicht weich – Maggie spürte die Reibung von Jeremys Bartstoppeln auf ihrem Mund. Seine Barthaare waren scharf wie Nadeln. Und Männer rochen noch nicht einmal so wie Frauen. Jeremy roch nach Leder und Pferden und ein bisschen nach Tabak. Das waren alles Gerüche, bei denen sich Maggie, hätten sie an ihr geklebt, große Mühe gegeben hätte, sie abzuwaschen. Aber irgendwie fühlten sich diese Gerüche an einem Mann richtig an. Alles fühlte sich richtig an: Sein Arm, den er um ihre Taille gelegt hatte, um sie näher an sich zu ziehen, fühlte sich richtig an. Seine Lippen, die er in dutzenden kleinen, begierigen Küssen über ihre bewegte, fühlten sich richtig an. Selbst die langsame, verführerische Entdeckungsreise, auf die sich seine Zunge in ihrem Mund gemacht hatte ... selbst das fühlte sich richtig an. 

Was sich jedoch nicht richtig anfühlte, waren die Empfindungen, die all das in Maggie auslöste. Sie müsste, das wusste sie, wegen Jeremys dreistem Verhaltens zutiefst erzürnt sein. Sie müsste, da war sie sich sicher, versuchen, ihn von sich wegzustoßen. Aber sie konnte es nicht. Sie konnte nicht mal einen Hauch Empörung aufbringen, denn in dem Moment, als er angefangen hatte, sie zu küssen, war eine herrliche Trägheit über sie gekommen. Als sein Körper sie nach hinten drückte, bis sie nur noch von seinen starken Armen gehalten wurde und sein Mund sich so unersättlich über ihren bewegte, fühlte sie sich plötzlich wie das zerbrechliche, anmutige Mädchen, das sie immer hatte sein wollen. Die Art von Mädchen, das tatsächlich Riechsalz brauchte und das nicht zu groß war, um von einem Mann die Treppen hochgetragen zu werden ... 

Aber das war nicht alles, was sie fühlte. Nein, da ging noch etwas völlig anderes unter ihrer Unterwäsche vor sich. Denn während sich ihr restlicher Körper wohlig und wunderbar fühlte, spürte sie ein eindeutiges Gefühl der Anspannung zwischen ihren Beinen. Außerdem wurde es dort schlagartig feucht, wofür es keine begreifliche Erklärung gab, außer dass – wie Maggie immer befürchtet hatte – ihre fleischlichen Neigungen die Führung übernommen hatten. Irgendwas brachte sie jedenfalls dazu, sich so liebestoll zu fühlen wie eine brünstige Katze und es gab keinen Zweifel daran, dass sie – so beharrlich Jeremy seinen Körper auch gegen ihren presste – sich ebenso heftig an ihn drückte, und zwar so sehr, dass bestimmte Teile ihres Körpers tatsächlich schmerzten, weil sie sich danach sehnte, dass er sie berühren möge ...

Aber als er seine freie Hand, die während ihres Kusses die weiche, nackte Haut ihres Oberarmes gestreichelt hatte, in ihrem auseinanderklaffenden Mieder versenkte, und eine ihrer schweren, runden Brüste liebkoste, erstarrte sie vor Schreck. Das – das war ihr sofort klar – war nicht richtig. Nicht, weil es sich nicht gut angefühlt hätte – sie fand, dass sie nie etwas so Angenehmes gespürt hatte, wie seine rauen Finger, die sich fast anbetungsvoll über ihre nackte Haut bewegten – sondern, weil es sich zu gut anfühlte. So gut, um genau zu sein, dass Maggie genau wusste, dass sie überhaupt nicht mehr in der Lage sein würde, ihn aufzuhalten, wenn sie es jetzt nicht tat.

»Jerry«, keuchte sie, als seine Lippen sich von ihren entfernten, um sich seitlich ihren Hals entlang zu küssen.

»Mmmm.« Die Finger, die er unter das Mieder ihres Kleides geschoben hatte, fanden den Spitzensaum ihres Kamisols und glitten darunter, um über ihre seidige Haut zu fahren. Maggie atmete scharf ein.

»Jerry«, sagte sie erneut und dieses Mal eindringlicher, »Hör auf –«

»Warum?« Er klang tatsächlich verwundert, aber er hielt nicht inne darin, ihre Brust zu erkunden. Als er eine harte Brustwarze entdeckte, umschloss er sie mit seiner Hand und begann, sie sanft zwischen seinen Fingern einzuklemmen, während er mit der Handfläche dagegen drückte. Das veranlasste Maggie, ein kehliges Geräusch auszustoßen, das sie mehr denn je an eine brünstige Katze erinnerte, während sie instinktiv ihren Rücken durchbog, um ihren Körper gegen seine Hand zu pressen. Sie konnte spüren, wie der Stoff ihrer Pantalons noch feuchter wurde.

»Jeremy!« Dieses Mal war die Aufforderung weit entfernt von einem Keuchen.

Jeremy antwortete hingegen mit einer Stimme, die so träge klang, als wäre er betrunken.

»Was ist los, Mags?«, fragte er, kurz bevor er seine Lippen auf die üppige Wölbung ihrer Brust drückte.

Maggies Hände griffen nach seinen Haaren, als sie versuchte, seinen Kopf daran zu hindern, weiter nach unten zu wandern. Sie war überrascht, wie seidig sich die blauschwarzen Locken unter ihren Fingern anfühlten. »Jeremy«, begann sie und es verursachte ihr beinahe körperliche Schmerzen, dem Impuls zu widerstehen, ihm um den Hals zu fallen. »Du musst damit aufhören ...«

»Ich kann nicht«, antwortete er in den Spalt zwischen ihren Brüsten. Er überhäufte sie bereits mit Küssen, die immer näher in Richtung der Brustwarze wanderten, die er umschlossen hatte.

»Oh Gott, Maggie. Wann ist das alles geschehen?« 

Sie blinzelte und sah auf seinen dunklen Kopf herab. »Wann ist was geschehen?«, fragte sie verwirrt.

»Alles das«, sagte er erstaunt, bewegte seine Hand von der einen Brust zur anderen und ließ die Brustwarze, die er massiert hatte, steif aufgerichtet im Freien zurück. Bevor Maggie jedoch die Gelegenheit hatte, sich zu bedecken, übernahm Jeremy diese Aufgabe und seine Lippen schlossen sich um die erhärtete Spitze. Eine Welle der Erregung durchfuhr ihren Körper und wieder entglitt ihr ein Geräusch, ein hilfloses, wollüstiges Schnurren. 

Das war furchtbar und viel schlimmer, als sie ursprünglich angenommen hatte! Jetzt wollte sie nicht einfach nur nicht, dass er aufhörte, sie hatte das körperliche Bedürfnis, dass er weitermachte ... aber dennoch: Was würde passieren, wenn er tatsächlich weitermachte? Wenn sie sich schon förmlich unter ihm wand, obwohl er lediglich ihre Brustwarze mit seiner Zunge berührt hatte, was würde passieren, Gott behüte, wenn er ihre Röcke anheben würde und ... 

Nein. Maggies Herz hämmerte jetzt so unerbittlich, dass sie jeden einzelnen Schlag in ihren Schläfen spüren konnte. Nein, der Gedanke daran war viel, viel zu furchteinflößend. Der Gedanke, wie dieser Mann, den sie im Grunde kaum kannte, sich vor ihr seiner Kleider entledigte – der Gedanke, wie er sie noch intimer berührte, als er es ohnehin schon tat – der Gedanke daran, wie sie auf seine Nacktheit und auf diese Berührungen reagieren würde – all das war einfach zu viel für Maggie. Er hatte ihr vorgeworfen, ängstlich zu sein: Verdammt ja, sie hatte Angst. Sie fühlte größere Angst als jemals zuvor in ihrem Leben. Sie fühlte sich auch lebendiger als jemals zuvor in ihrem Leben ... und deswegen war sie verängstigt. 

Ihre Angst besiegte das Verlangen. Und mit der Angst kam schließlich die Entrüstung. Wie konnte er es wagen? Wie konnte er es wagen? Er war es vielleicht gewohnt, sich im Heu herumzuwälzen, wann immer ihn eine Laune danach überkam, aber er war ein erwachsener Mann. Nicht nur ein Mann, sondern ein Herzog. Er konnte nicht einfach herfallen, über wen er wollte, und dabei keinen Gedanken an die Konsequenzen verschwenden. 

Sie hingegen war vor dem heutigen Tag nicht einmal geküsst worden. Wie konnte er den Versuch wagen, ihre Unerfahrenheit auszunutzen? 

Nachdem sie die Erregung, die Jeremy in ihr ausgelöst hatte, in eine ordentliche Wut auf ihn verwandelt hatte, packte sie zwei Handvoll seiner Haare und versuchte mit aller Kraft, seinen Kopf wegzureißen. »Lass ... mich ... los«, fauchte sie mit zusammengebissenen Zähnen. 

Zu ihrer Verwunderung hob Jeremy seinen Kopf, sah ihr direkt in die Augen und sagte mit zitternder Stimme: »Oh nein. Du hattest deinen Spaß, als wir zusammen aufgewachsen sind. Jetzt bin ich dran, Mags.« Dann stürzte er sich ein weiteres Mal auf ihre Lippen.

Maggie musste nicht zweimal darüber nachdenken. Sie reagierte so instinktiv wie sie es zuvor getan hatte, als ihr Mund sich unter seinem geöffnet hatte. Bloß, dass ihr Handeln dieses Mal von Zorn angetrieben wurde und nicht von Leidenschaft. Maggie ließ seine Haare, die sie gepackt hatte, los, holte mit ihrer rechten Faust aus und dirigierte sie mit aller Kraft, die sie aufbringen konnte, in Richtung seiner Nase. Er hatte ihr einmal – vor ungefähr fünf Jahren – erklärt, dass dort die ideale Stelle sei, um einen Mann zu schlagen, da die Nasenscheidewand sehr dünn war und man sich daher nicht übermäßig die Knöchel verletzen würde, wenn man sie brach. 

Unglücklicherweise verfehlte sie in der engen Umarmung, in der er sie hielt, ihr Ziel und schlitzte sich beinahe die Hand an seinen Zähnen auf. Nichtsdestotrotz zeigte der Schlag die gewünschte Wirkung: Sein Griff lockerte sich sofort und Maggie sprang auf, um von ihm weg zu tänzeln und ihre schmerzenden Knöchel auszuschütteln.

»Was zum –« Jeremy wischte sich mit der Hand über seinen pulsierenden Mund. Als er die Hand wieder herunternahm, sah er einen Blutstropfen darauf, der von der Stelle kam, wo ihre Faust seine Oberlippe gegen seine Zähne gedrückt hatte. Der Schlag hatte nicht sehr wehgetan, aber er hatte ihn auf jeden Fall ziemlich überrascht. Er sah ihr ungläubig ins Gesicht. »Maggie!«, rief er völlig verwundert, »Wofür war das?«

Maggie, die sich fragte, ob sie sich einen ihrer Finger ausgerenkt hatte, antwortete gereizt: »Ich hab dir gesagt, dass du mich loslassen sollst.« Sie sah auf ihre inzwischen angeschwollenen Knöchel herab. Was würde sie jetzt machen? Sie hatte sich ihre Hand an den Zähnen des Herzogs von Rawlings gebrochen. Wie würde sie das ihrer Mutter erklären?

»Ja, aber ...« Jeremy starrte auf das Blut an seinen eigenen Knöcheln, sein Gesichtsausdruck zeugte immer noch von äußerster Fassungslosigkeit. »Du hast mich geschlagen, Mags.«

Umgeben von strahlendem Sonnenlicht warf sie ihm einen gereizten Blick zu. »Na und?«, fragte sie und schaffte es, dabei schnippischer zu klingen, als sie sich eigentlich fühlte. »Denkst du etwa, nur weil du ein Herzog bist, kannst du belästigen, wen du willst und kommst damit davon? Tja, denk nochmal drüber nach, du eingebildeter Schwachkopf. Ich habe dir gesagt, dass du aufhören sollst und ich meinte es ernst.« Mit einiger Genugtuung bemerkte sie das kleine Rinnsal Blut, das aus seinem Mundwinkel tröpfelte. Ihr Herz hatte endlich begonnen, wieder in seinem mehr oder weniger gewöhnlichen Tempo zu schlagen, und sie stellte erleichtert fest, dass die rätselhaften Gelüste, die er in ihr ausgelöst hatte, vergangen waren – zumindest für den Moment.

»Ich wollte dich nicht verletzen, Mags«, erklärte Jeremy behutsam. Er hatte, wie Maggie bemerkte, einen seltsamen Gesichtsausdruck, den sie in all den Jahren, die sie ihn schon kannte, noch nie zuvor gesehen hatte. Was sie nicht wusste, war, dass niemand diese Miene bei dem Herzog von Rawlings je gesehen hatte: Dies war das erste Mal, dass Jeremy überhaupt einen Anlass hatte, so zu schauen. Es war schließlich das erste Mal, dass eine Frau ihn zurückgewiesen hatte.

»Ich weiß ganz genau«, sagte Maggie immer noch wutentbrannt, »was du tun wolltest. Und du denkst besser zweimal drüber nach, bevor du das erneut versuchst, Jeremy Rawlings, sonst – das verspreche ich dir – kriegst du noch mehr davon.«

Jeremy konnte kaum glauben, was er da hörte. Hier stand ein Prachtweib, wie er es lange nicht gesehen hatte – mal abgesehen davon, dass sie jemand war, den er schon sein halbes Leben kannte – und sie wollte ihn nicht haben. Nichts dergleichen war Jeremy in den langen Jahren seiner unbestreitbar mannigfaltigen Liebesabenteuer je passiert. Nie zuvor hatte eine Frau ihn zurückgewiesen. Niemals. Es war einfach nie passiert. 

Er wusste nicht, was er davon halten sollte. Es konnte unmöglich sein, weil sie sich nicht zu ihm hingezogen fühlte. Ihr Kuss war voller Verlangen gewesen, darin konnte er sich nicht geirrt haben. Also warum hatte sie ihn zurückgehalten? 

Na ja, zum einen war da die Tatsache, dass sie – wie er annahm – in dem Glauben erzogen worden war, dass man verheiratet oder zumindest verlobt sein müsste, bevor man einem Mann erlaubte, Dinge zu tun wie das, was Jeremy mit ihr gemacht hatte, und zwar ohne ihr die Vorteile einer Ehe zukommen zu lassen. Allerdings hatte das eine Vielzahl von Töchtern der besseren Gesellschaft nicht davon abgehalten, ihn bereitwillig all diese Dinge tun zu lassen, als er letzte Saison in London war. Warum hatte es also Maggie abgehalten? 

Er betrachtete sie im Sonnenlicht: Ihre Wangen waren vor Hektik errötet und ihre Brust bewegte sich auf und ab, während sie versuchte, zu Atem zu kommen – ein weiteres Anzeichen dafür, dass er ihr nicht egal war. Er beobachtete bewundernd, wie ihr Mieder beim Einatmen jedes Mal weiter auseinanderklaffte ... 

Das war auch das Erste, was seinem Onkel Edward auffiel, als er einen Augenblick später in den Marstall trat.

»Jeremy!«, donnerte er. Die Stare in den Dachsparren stießen erschrockene Schreie aus und flüchteten fast zeitgleich, als seine Stimme durch das stille, sonnendurchflutete Gebäude dröhnte. Und sie waren nicht die Einzigen, die Jeremys Onkel aufgescheucht hatte. Maggie schrie auf, wurde feuerrot und verschränkte ihre Arme hastig über ihren halb entblößten Brüsten. 

»Was zur Hölle«, fragte Edward aufgebracht, »geht hier drinnen vor?«

»Mein Gott, Onkel Edward«, näselte Jeremy von dem Heuballen herunter, auf dem er immer noch lag. »Musst du immer zu so einem ungelegenen Zeitpunkt kommen? Maggie und ich waren gerade dabei, uns wieder näher kennenzulernen.«

»Margaret.« Sie sprang beim drohenden Klang seiner Stimme erschrocken auf. Er hörte sich wütender an, als sie ihn jemals erlebt hatte – und das schloss den Tag mit ein, an dem er sie und Jeremy dabei erwischt hatte, Feuerwerkskörper hinten an den Brougham des Pfarrers zu knoten.

»Geh zu deiner Mutter zurück. Sofort.«

»Ja, gnädiger Herr.« Maggie ließ sich nicht lange bitten. Ohne ein einziges Wort wirbelte sie herum und flüchtete – oder versuchte es zumindest. Sie wurde schlagartig zurückgehalten, als jemand nach einem der Metallreifen ihres Reifrocks griff und ihn auf der Rückseite ihres Rockes wieder durch den Stoff fädelte. Sie gab ein leises Uff von sich, als die Bänder, die ihren Reifrock an ihrer Taille befestigt hielten, in ihren Bauch schnitten und warf einen anklagenden Blick über ihre Schulter. Aber Jeremy sah nicht sie an, sondern seinen Onkel.

»Es gibt keinen Grund, Maggie zu ihrer Mutter zu schicken«, sagte der Herzog – denn der herrschsüchtige Klang seiner Stimme erinnerte sie genau an die Tatsache, dass er diesen Titel trug. »Sie hat nichts Falsches getan. Wenn du auf jemanden wütend sein möchtest, dann sei wütend auf mich, aber Maggie ist völlig unschuldig –«

»Oh, ich bin mir Maggies Unschuld völlig bewusst«, sagte Lord Edward. Maggies Beklommenheit wuchs, als der ältere Mann begann, seinen Mantel abzulegen – Lord Edward, den sie nie anders als perfekt frisiert gesehen hatte, zog sich in einem Pferdestall aus! »Dich aber werde ich verprügeln, bis dir die Haut in Fetzen vom Körper hängt. Aber wenn du möchtest, dass Maggie dabei zusieht, kann sie das gerne tun ...«

Maggie gab ein verängstigtes Quietschen von sich, drehte sich um, riss ihren Reifrock aus Jeremys Griff und rannte, was das Zeug hielt.

Kapitel 5

Als er sah, wie Maggies gestiefelte Füße zum sonnigen Platz vor dem Marstall beinahe flogen, runzelte Jeremy die Stirn. »Du hättest sie nicht zu Tode erschrecken müssen, weißt du«, sagte er gereizt zu seinem Onkel.

»Oh, nein«, antwortete Edward, während er sich darauf konzentrierte, seine Hemdsärmel sorgfältig hochzukrempeln, »das hast du bewundernswerterweise selbst hinbekommen.«

»Ich?« Jeremy sah gekränkt aus. »Ich habe ihr keine Angst gemacht.«

»Hast du nicht?« Edward, der inzwischen seine Hemdsärmel über die Ellenbogen gestreift hatte, lockerte seine Halsbinde. »Warum blutest du dann am Mund?«

Jeremy hob eine Hand an seine Lippen, denn er hatte die Verletzung schon längst vergessen gehabt. »Ach das.« Er schmunzelte. »Ist das zu glauben? Ich habe ihr den Schlag mit der Rechten beigebracht, verstehst du. Ich kann aber nicht sagen, dass ich gedacht hätte, dass sie ihn je bei mir benutzen würde.«

»Hast du nicht?« Edward starrte ihn an. »Was dachtest du denn, was sie tun würde, Jerry? In deine Arme fallen?«

»Nun«, sagte er, »normalerweise tun sie das. Tatsächlich ist dies das erste Mal, dass es eine nicht getan hat. Hab noch nicht ganz herausgefunden, warum, aber –«

»Hast du nicht? Versuch es mal hiermit: Du magst vielleicht volljährig sein, aber Maggie Herbert ist noch ein Kind.«

»Ach, komm«, sagte Jeremy empört. »Sie ist fast siebzehn. Meine Mutter hat mich mit siebzehn bekommen.«

Obwohl Edward verwundert über Jeremys Anspielung auf seine Mutter wirkte, von der er selten – wenn überhaupt – sprach, sagte er nur: »Maggie Herbert ist die Tochter eines Edelmannes. Ihr Vater ist dein finanzieller Berater und mein Freund –« Jeremy verdrehte bei dieser Bemerkung die Augen, denn er hatte schon oft erlebt, wie sich sein Onkel über die ziemlich anstrengende Persönlichkeit Sir Arthurs beklagt hatte, aber Edward fuhr fort: »Sie ist als Gast meiner Frau hier, was bedeutet, dass sie bei ihrem Besuch auf Rawlings Manor unter deinem Schutz steht. Und du besaßt die Frechheit – nein, entschuldige, die Dummheit –zu versuchen sie zu verführen, in nichts weniger als einem Stall, als wäre sie irgendein Schankmädchen, dass du zufällig eines Abends beim Zechen getroffen hast –«

»Das stimmt nicht«, sagte Jeremy mit verletzter Würde. »Ich würde niemals versuchen, ein Schankmädchen in einem Marstall zu verführen. Mindestens würde ich fordern, dass sie mich in ein Zimmer mit einem Bett bringt, bevor ich sie auch nur anfassen würde –« 

Er sah die Faust kommen. Er hatte sie kommen sehen müssen. Aber zu Edwards Verwunderung duckte sich sein Neffe nicht und versuchte auch auf keine andere Weise, dem Schlag auszuweichen. Seine Knöchel trafen mit einem lauten, dumpfen Geräusch auf Jeremys Kiefer und Jeremy ging zu Boden, wo er rücklings auf dem Berg aus Heuballen landete. Während er seine Hand schüttelte, die von der Wucht des Schlags pochte – es war schon eine Weile her, seit Edward das letzte Mal an einer Schlägerei teilgenommen hatte; bei Mitgliedern des Oberhauses waren Handgreiflichkeiten nicht gern gesehen – sagte er mit einiger Verärgerung: »Es tut mir leid, dass ich das tun musste. Aber, um Gottes Willen, Jerry –«

»Ich weiß.« Jeremy, aus dessen unbändigen schwarzen Haarschopf Heuhalme herausragten, setzte sich auf und strich vorsichtig über seinen doppelt verletzten Kiefer. »Ich weiß. Ich habe es verdient.« 

»Das und noch mehr«, sagte Edward ernst. »Du wirst heute Abend nach Herbert Park reiten und dich entschuldigen – sowohl bei Maggie, falls sie dich sehen will, was ich bezweifle, als auch bei ihren Eltern. Du wirst Morgen in aller Frühe das Land verlassen.« Er ging zu Jeremy herüber und reichte ihm eine Hand, um dem jungen Mann auf die Beine zu helfen. »Je eher du außer Landes bist«, sagte er und ächzte, als er Jeremys beachtliches Gewicht nach oben zog, »desto schneller können wir diesen elenden Vorfall hinter uns lassen.«

Als er wieder auf den Beinen stand, begann Jeremy, nach den Halmen zu schlagen, die an seiner Hose klebten. »Und wann ist die Hochzeit? In sechs Monaten? Denkst du, ich müsste trotzdem sechs Monate warten, bevor ich zurückkomme, um sicher zu gehen? Wegen Pierce, meine ich?«

Edward, der seine pochende Hand probeweise in alle Richtungen bog, so, als wäre er nicht sicher, ob er sich vielleicht einen Knöchel gebrochen hatte, hielt inne und warf seinem Neffen einen strengen Blick zu. »Welche Hochzeit?«, fragte er argwöhnisch.

»Die Hochzeit«, sagte Jeremy und zupfte einem Strohhalm aus seinen Haaren. »Du weißt schon. Meine und Maggies.«

Edward starrte ihn an. »Du hast Maggie Herbert gefragt, ob sie dich heiraten will?«

»Na ja, nein«, sagte Jeremy und stieß ein gequältes Lachen aus. »Natürlich nicht! Kein Mann möchte heiraten, oder?« Sein Lachen erstarb so plötzlich, wie es begonnen hatte und Jeremy fragte nervös: »Aber wirst du mich nicht zwingen, sie zu heiraten? Du weißt schon, weil du uns, äh, wie soll ich sagen? In flagranti erwischt hast?«

»So sehr ich mich freue zu erfahren, dass du während deines Aufenthalts in Oxford wohl doch etwas Latein erworben hast«, sagte Edward bedächtig, »muss ich dir gestehen, dass ich nie die Absicht hatte, dich zu einer Hochzeit mit Maggie Herbert zu zwingen, nein.«

Zu seiner äußersten Verwunderung sah sein Neffe tatsächlich enttäuscht aus. »Aber Onkel«, sagte er, »ich habe sie ernsthaft kompromittiert, da würde ich denken –«

»Alles, was ich gesehen habe, war, dass ihr Kleid vorne geöffnet war«, unterbrach ihn Edward. Er hob seine immer noch pochende Faust vielsagend in die Luft. »Willst du mir sagen, dass du tatsächlich versucht hast, sie zu verführen?«

Jeremy beäugte die Faust. »Na ja«, sagte er, »Nein. Aber das hätte ich, wenn sie nicht versucht hätte, mir den Kopf einzuschlagen. Und wenn du nicht reingeplatzt wärst, versteht sich.«

»Also noch ein Grund, dich nach Frankreich zu schicken«, sagte Edward selbstzufrieden. Er ließ seinen Arm sinken. »Du kannst so viele Französinnen verführen, wie du möchtest. Aber halte dich von den Engländerinnen fern, besonders von Maggie Herbert. Und jetzt geh und mach dich frisch. Deine Tante hat nach dir gefragt. Das ist der Grund, weshalb ich überhaupt auf der Suche nach dir war.«

Edward ging zur Boxentür, über die er seinen Mantel und seine Halsbinde gelegt hatte. Als er sich wieder herumdrehte, stand Jeremy direkt vor ihm. Sein Kiefer war rot und geschwollen und seine grauen Augen funkelten zornig.

»Warum nicht?«, fragte er halblaut und in einem rauen Tonfall, den sein Onkel von ihm nicht kannte.

Verblüfft antwortete Edward: »Wie bitte?«

»Warum nicht Maggie?« Jeremy hatte beide Hände zu Fäusten geballt, wie sein Onkel verhalten bemerkte. »Denkst du, sie würde keine gute Herzogin abgeben? Denkst du, dass sie nicht gut genug für mich ist?«

In aller Ruhe schlüpfte Edward in seinen Mantel. »Im Gegenteil«, sagte er mit sanfter Stimme, die in direktem Gegensatz zu seinen harschen Worten stand. »Maggie würde eine hervorragende Herzogin abgeben. Du bist es, mein Junge, der nicht gut genug für sie ist.« Jeremys Mundwinkel zuckten unmerklich. »Wegen dem, was meine Mutter war?«, fragte er scharf.

Edward ließ ein trockenes, bellendes Lachen vernehmen. »Großer Gott, nein. Das hat nicht das Geringste mit der Tatsache zu tun, dass deine Mutter eine Hure war.« Da Jeremy bei diesem Wort nicht zusammenzuckte, fuhr Edward fort und verspürte dabei ein wenig mehr Respekt für den jungen Mann. »Nein, du verdienst Maggie nicht – oder jede andere anständige Frau –, weil du nichts bist, als ein Taugenichts.«

Jeremy blinzelte ihn an. »Ein was?«

»Jerry, du überraschst mich.« Edward schüttelte seinen Kopf, als wäre er von seinem Neffen schwer enttäuscht ... aber insgeheim lächelte er in sich hinein. »Ist dir niemals aufgefallen, wie hingebungsvoll deine Tante Pegeen sich den Wohlfahrtsorganisationen und Stiftungen widmet, denen sie in deinem Namen Geld spendet? Eben in diesem Augenblick sind ein Dutzend Waisen dabei, die Rosenbeete im Garten auseinanderzunehmen, weil Pegeen irgendein Picknick für sie gibt.« Als Jeremy ihn verständnislos ansah, verdrehte Edward die Augen. »Sie hat dich vom Säuglingsalter an aufgezogen, Jerry. Ist etwa nichts von dem, was sie dir beigebracht hat, hängengeblieben? Deine Tante hat ihr Leben der Aufgabe gewidmet, die Welt zu einem besseren Ort zu machen – für Kinder, für Frauen und für die Armen. Das ist, was du tun solltest.«

»Wohltätige Werke?«, fragte Jeremy mit einem Gesichtsausdruck, der von der Abneigung zeugte, die ihn beim Gedanken daran überkam, sich auf diese Weise zu engagieren.

»Nicht notwendigerweise«, antwortete Edward ungeduldig. »Aber du musst etwas aus dem Leben machen, das dir geschenkt wurde.«

»Warum sollte ich das müssen?«, fragte Jeremy streitsüchtig. »Ich bin ein Herzog.«

»Gerade weil du ein Herzog bist, ist es umso wichtiger, dass du etwas aus dir machst. Du musst beweisen, dass du des Titels würdig bist. Du kannst nicht einfach dein ganzes Leben lang Duelle ausfechten und junge Frauen verführen –«

»Warum nicht?«, fragte Jeremy. »Als du in meinem Alter warst, hast du nichts anderes getan.«

»Ja«, sagte Edward. Er hob einen Zeigefinger. Er wollte gar nicht pedantisch aussehen, aber er konnte nicht anders. »Ja, du hast Recht, das habe ich. Ich war wie du. Ich dachte, meine einzige Pflicht wäre es, mich zu amüsieren. Aber, wie du siehst, Jeremy, habe ich verstanden, wie falsch ich lag, als ich deine Tante traf. Wenn es dir wichtig ist, eine besondere Frau für dich zu gewinnen, kannst du nicht einfach versuchen, sie in einem Stall zu verführen und dann von ihren Eltern erwarten, dass sie dich zwingen, sie zu heiraten –«

»Das war nicht wirklich mein Plan«, murrte Jeremy und errötete dabei ein bisschen.

»– und du kannst nicht erwarten, dass eine Frau, die es wert ist, erobert zu werden, sich von dir beeindrucken lässt, nur weil du einen Titel trägst. Nein, du musst dir zumindest den Anschein geben, ihre Mühe wert zu sein ... und, offen gesagt: Der Mann, der ich war, als ich deine Tante traf, war überhaupt nichts wert – abgesehen von den Rechnungen beim Herrenschneider über ein paar Hundert Pfund im Monat, worauf sie mich schleunigst hingewiesen hat. Aber ich habe mich geändert, wie du siehst, Jeremy. Ich habe etwas gefunden, das ich gut kann – Verhandeln – und habe es zu meinem Beruf gemacht. Jetzt verhandle ich sehr erfolgreich, um Verbesserungen für das englische Volk zu erreichen, zumindest glaube ich das. Das ist, was du auch machen musst, Jerry. Du musst herausfinden, was du gut kannst und es tun. Dann wirst du ein Mädchen wie Maggie finden und –« 

»Ich will kein Mädchen wie Maggie«, blaffte Jeremy. »Ich will sie.«

Edward zog die Augenbrauen hoch. Nicht, dass er wirklich überrascht gewesen wäre. Schließlich war Maggie Herbert eine der wenigen Frauen in Jeremys Umgang, die nicht das leiseste Interesse daran hatten, eine Herzogin zu werden. Allerdings war Edward nicht sicher, ob sich Jeremy dessen bewusst war, dass vielleicht gerade darin die Anziehung lag, die er zu ihr verspürte. »Gut«, sagte Edward, »Wie dem auch sei. Du musst etwas finden –«

»Das einzige, was ich kann«, sagte Jeremy bestimmt, »ist Kämpfen.«

Edward nickte. »Tja, du hast sicher ein gewisses Talent dafür bewiesen, ja. Das Gelehrtenleben übt offensichtlich keine Anziehung auf dich aus und ich bezweifle, dass Politik genau deine Sache –«

»Ich kann kämpfen«, sagte Jeremy erneut. Er schien seinem Onkel nicht mehr zuzuhören. Stattdessen hatte er ihm den Rücken zugewandt und schritt eilig durch das Stroh. »Im Fechten bin ich am besten, aber ich kann auch schießen. Außerdem bin ich gut zu Pferd.«

»Richtig«, sagte Edward langsam. »Und das sind vortreffliche Fähigkeiten, aber –«

Jeremy hielt kurz vor Kings Boxentür inne. Edward sah, wie er die Schultern straffte und den Kopf hob. »Das ist es«, sagte Jeremy – offensichtlich zu seinem Pferd, denn er hatte seinem Onkel den Rücken zugewandt. »Ich werde zur Kavallerie gehen.« Es war eine Feststellung, nicht etwa eine Frage. Edward sagte: »Gut, jetzt lass uns erstmal sehen, ob wir herausfinden können –«

»Es gibt nichts herauszufinden«, unterbrach ihn Jeremy nüchtern. Er drehte sich um und sah seinen Onkel an. »Ich brauche eine Beschäftigung. Die Armee ist so gut wie alles andere. Man kann keine Offizierspatente mehr kaufen, also werde ich mir den Rang verdienen müssen. Das kommt gerade recht. Es ist beeindruckender, sich etwas zu erarbeiten, als es zu kaufen.«

Edward verspürte allmählich eine wachsende Unruhe. »Ja, aber Jeremy, die Armee ist wirklich eher für, äh, Zweitgeborene, junge Männer, die nicht auf das Erbe eines Titels oder auf Besitztümer hoffen dürfen und sich nicht für die Kirchenämter interessieren. Herzöge gehen für gewöhnlich nicht –«

»Ich werde der Leibgarde beitreten«, sagte Jeremy. Edward war sich nicht sicher, ob er ihn nicht gehört hatte oder ihn lediglich ignorierte. Jeremy begann wieder, umherzulaufen – dieses Mal vor Aufregung. »Ich werde darum bitten, in Indien stationiert zu werden. Das ist der gefährlichste Ort, an dem wir momentan Heere stationiert haben, nicht wahr? Zu dumm, dass es dort gerade keinen Krieg gibt. Mir hätte ein Krieg gefallen. Na ja, vielleicht kann ich einen anfangen.« Ohne ein weiteres Wort ging er auf das Tor des Marstalls zu.

»Jeremy«, rief Edward ihm nach.

Jeremy drehte sich um, als wäre er überrascht, dass sein Onkel immer noch da war.

»Ja?«

»Du – du meinst das nicht ernst, oder?« Edward räusperte sich. »Du kannst nicht wirklich meinen, dass du dem Heer ihrer Majestät beitreten willst, oder?«

»Tja, Onkel«, sagte Jeremy grinsend. »Ich bin ein Herzog, oder nicht? Ich kann tun, was immer mir gefällt.«

Kapitel 6

»Was?«, schrie Pegeen und ließ beinahe die silberne Bürste fallen, die sie in der Hand hielt. 

»Zur Kavallerie«, sagte Edward. Er saß auf der Kante des gemeinsamen Bettes, einen guten Meter entfernt vom Frisiertisch seiner Frau, und hatte die Ellenbogen auf die Knie gestützt. Sein Gesichtsausdruck war bekümmert. »Das ist zumindest, was er gesagt hat.«

»Aber Edward ...« Pegeen erhob sich, die Haarbürste schlaff zwischen den Fingern. »Aber Edward, zur Armee? Er hat dir gesagt, dass er zur Armee geht?«

»Zur Kavallerie«, sagte Edward wieder. Er hatte seine Frau dabei gestört, sich für das Abendessen anzukleiden und sie trug nur ein Kamisol und ein neues Paar französischer Pantalons. Hilflos sah er zu, wie sie durch das Schlafgemach schritt. Mit ihren Händen hielt sie die Haarbürste umklammert, als wäre sie eine Verbindung zu dem geregelten Leben, das sie geführt hatte, bevor er vor wenigen Augenblicken hereingekommen war und diese unerwarteten Neuigkeiten überbracht hatte.

»Zur Kavallerie?« Pegeens erhob ihre rauchige Stimme, in die sich nun ein Anflug von Panik mischte. »Zur Kavallerie? Mein Gott, Edward, er wird umkommen. Er wird nicht eine Minute in der Kavallerie überleben. Er ist viel zu sensibel –«

Edward fragte sich, ob er seiner Frau die Tatsache enthüllen sollte, dass ihr sensibler Neffe in Wirklichkeit gerade einen Tag zuvor einen Mann im Duell tödlich verwundet hatte. Er hielt es allerdings für besser zu warten, bis sie sich ein bisschen beruhigt hatte.

»Was sucht ein Junge wie Jerry in der Kavallerie?«, fragte sie nachdrücklich, als sie am Bett vorbeistürmte, eine Kehrtwendung machte, wobei ihr langes, dunkles Haar hinter ihr her wehte, bevor sie in die andere Richtung davonrauschte. »Er wird am ersten Tag erschossen werden –«

»Er wird nicht erschossen werden«, sagte Edward. »Die Leibgarde gebraucht Schwerter, keine Pistolen.«

»Es spielt keine Rolle, welche Art von Waffen er gebraucht. Er wird nicht in der Lage sein, sich zu verteidigen«, rief Pegeen. »Er kann sich nicht mal dazu überwinden, einen Fasan zu erschießen. Er wird niemals wirklich fähig sein, einen Menschen zu töten!«

»Also«, sagte Edward langsam, »eigentlich –«

»Und Indien! Mein Gott, Edward! Indien! Er wird sich die Malaria holen und sterben – alleine in einem fremden, heißen Land –«

»Pegeen«, sagte Edward und beobachtete, wie sie auf dem Teppich mit dem Rosenmuster auf und ab schritt.

»Du musst ihn aufhalten«, sagte sie. »Mehr gibt es dazu nicht zu sagen. Du musst es ihm verbieten, Edward.«

»Ich kann es ihm nicht verbieten, Pegeen«, sagt Edward mit müder Stimme. »Er ist ein erwachsener Mann. Er kann für sich selbst entscheiden.«

»Ein erwachsener Mann! Er ist ein Junge, Edward. Er ist gerade einundzwanzig. Und wenn du ihn nicht aufhältst, wird er keine zweiundzwanzig werden!«

»Rechtlich gesehen«, meinte Edward, »ist er jetzt ein Mann, Pegeen.« Edward streckte seinen Arm aus und entriss ihr mit sanfter Gewalt die Haarbürste, damit sie nicht länger damit herumfuchteln konnte, als wäre es eine Waffe. »Wir können ihn nicht davon abhalten, zu tun, was immer er will. Und ich denke wirklich nicht, dass die Armee so eine schlechte Wahl ist. Da wird man ihm Disziplin beibringen. Und es wird ihn auch von Maggie fernhalten –«

»Maggie!« Pegeen schlug ihre Hände vor die erröteten Wangen. »Mein Gott! Ich werde mir das niemals vergeben können. Die arme Maggie!«

»Dir das vergeben?« Edward machte einen Arm lang, um seine Frau an den Hüften zu fassen und auf seinen Schoß zu ziehen. »Was hast du denn damit zu tun? Ich erinnere mich nicht, dich in den Stallungen gesehen zu haben.«

»Oh Gott!« Beschämt vergrub Pegeen ihr Gesicht im Nacken ihres Ehemannes. »Wie werde ich jemals wieder in der Lage sein, Anne ins Gesicht zu sehen – ganz zu schweigen von ihrer Mutter? Wie konnte er nur, Edward?« Sie schlug ihre kleine Faust kraftlos gegen Edwards Brust. »Wie konnte er nur?«

Edward schüttelte den Kopf, obwohl er genau verstand, wie sein Neffe etwas tun konnte, das so verwerflich war ... und so verlockend. Obwohl Edward vor Ort gewesen war und ihre Entwicklung verfolgt hatte, war ebenso überrascht darüber wie sein Neffe, wie sehr sich Sir Arthurs jüngste Tochter verändert hatte. Wäre er einundzwanzig und ledig gewesen, hätte er genauso gehandelt wie Jeremy. Er wäre allerdings nicht so empfänglich für den Vorschlag gewesen, das Mädchen zu heiraten. Das war das Merkwürdige an der Sache, wie Edward fand. »Glaubst du«, begann Edward und ließ sein Kinn auf dem Kopf seiner Frau ruhen, »dass er in sie verliebt ist?«

Pegeens Stimme klang dumpf, als sie in den Stoff von Edwards Hemd murmelte: »In Maggie? Oh, ich wüsste nicht, wie das passiert sein könnte. Sie war immer nur gemein zu ihm.«

»Wenn ich mich recht erinnere, warst du auch ziemlich gemein zu mir, als du das erste Mal meine Bekanntschaft gemacht hast.«

Pegeen hob ihren Kopf. »War ich nicht!«

»Warst du. Du hast versucht, einen meiner Finger mit einem Brotmesser abzuhacken.«

»Oh.« Pegeen legte ihren Kopf wieder auf seine Brust. »Na ja, du hattest es verdient.«

Edward zog die Augenbrauen hoch, hielt aber klugerweise den Mund.

»Du denkst doch nicht etwa«, fragte Pegeen nachdenklich einen Augenblick später, »dass das der Grund ist, oder?«

»Dass was der Grund ist?«

»Na ja, du sagst, sie hätte ihn geschlagen ...«

Edward nickte. »Ja. Und zwar genauso kräftig wie ich, glaube ich. Sie hat allerdings nicht richtig getroffen und seinen Mund erwischt. Ich würde mich nicht wundern, wenn sie uns morgen mit einer geschienten Hand begegnen würde.«

Pegeen zuckte zusammen. »Ach, Edward, ich wünschte wirklich, du hättest das nicht getan. Es war wohl kaum notwendig, dass ihr ihn beide schlagen müsst.«

»Wenn du ihn gehört hättest, Pegeen, hättest du ihn auch geschlagen, da bin ich ziemlich sicher«, beteuerte Edward mit grimmiger Miene.

»Wie dem auch sei«, sagte Pegeen und schaffte es irgendwie, dabei würdevoll zu klingen, obwohl sie nur in Unterwäsche auf dem Schoß ihres Ehemannes saß, »Ich könnte mir vorstellen, dass Maggies Zurückhaltung was seine, äh, Reize angeht, das ist, was ihn überhaupt erst zu ihr hingezogen hat. Ich denke nicht, dass jemals zuvor eine Frau Jeremy widerstanden – oder ihn gar geschlagen hat. Das muss ziemlich ungewohnt für ihn gewesen sein.«

Edward knurrte. »So ungewohnt, dass es ihn dazu bringt, sie heiraten zu wollen?«

»Leute haben schon aus weit törichteren Gründen geheiratet. Warum sollte Jeremy nicht jemanden heiraten wollen, der ihn als Gegenüber behandelt und nicht wie eine Art Gott? So wie all die Mädchen, die er letzte Saison in London getroffen hat und die nichts taten, als um ihn herumzuscharwenzeln, nur weil er einen Titel hat und wohlhabend ist.«

»Ich bezweifle sehr«, sagte Edward, »dass Maggies Schlag in sein Gesicht ihn dazu bewegt hat, die Hochzeit vorzuschlagen. Ich denke, es hatte mehr mit ihrer plötzlich so wohlgeformten Erscheinung zu tun. Du wärst überrascht, meine Liebe, wie leicht ein hübsches Gesicht einen Mann dazu bringen kann, seine eisernsten Vorsätze zu vergessen.«

Edward senkte den Kopf, um den Hals seiner Frau zu liebkosen. »Zum Beispiel bin ich bloß hergekommen, um dir mitzuteilen, dass unser Neffe zur Armee geht, aber jetzt, wo ich dich so reizend gekleidet vorfinde« – Pegeen kicherte, aber protestierte nicht, als Edward sie auf das große Himmelbett hinunterließ – »bin ich mir ziemlich sicher, dass du und ich mal wieder zu spät zum Abendessen erscheinen werden.«

Kapitel 7

Ein paar Kilometer entfernt war Maggie Herbert alles andere als zum Lachen zumute. Sie versuchte, dem Zorn ihrer Eltern standzuhalten, der – da Jeremy die Bibliothek ihres Vaters erst vor ungefähr zwanzig Minuten verlassen hatte – immer noch deutlich zu spüren war.

»Ich werde dich nicht fragen, Margaret«, begann Maggies Vater, der hinter seinem massiven Mahagonischreibtisch saß, »ob das, was seine Lordschaft mir gerade erzählt hat, wahr ist. Ich werde mich darauf verlassen, dass ein Mann wie der Herzog von Rawlings keinen Grund hat, Geschichten über die Töchter seiner Nachbarn zu erfinden.«

Maggie stand mit den Händen hinter dem Rücken vor dem Schreibtisch ihres Vaters – sie wagte es nicht, ihn einen Blick auf ihre frisch bandagierten Finger erhaschen zu lassen – und sah nervös zu ihrer Mutter herüber. Diese hatte sich in einen ledernen grünen Polstersessel sinken lassen und sah zwar etwas blass aus, aber trotzdem gefasster, als Maggie es unter diesen Umständen erwartet hätte.

»Und du brauchst dich in dieser Sache auch nicht hilfesuchend nach deiner Mutter umsehen, junge Dame«, sagte Sir Arthur so schroff, wie er konnte. Die Wirkung war allerdings wenig beeindruckend, da Maggies Vater nie ein besonders strenger Zuchtmeister gewesen war. »Sie und ich sind uns einig, dass wir uns für dich schämen. Du hast diese Familie entehrt und, das muss ich hinzufügen, das Hause Rawlings kräftig in Verlegenheit gebracht. Ich habe keinen Zweifel daran, dass Lord Edward meine Enttäuschung sowohl über dein Verhalten als auch über das des Herzogs teilt ... obwohl ich sagen muss, dass die Schuld hauptsächlich auf dir lastet, Margaret.«

Maggie öffnete den Mund, um gegen diese ungerechte Anschuldigung zu protestieren, aber dann bemerkte sie, wie ihre Mutter kaum merklich den Kopf schüttelte. Mit einiger Anstrengung hielt sie ihre Zunge still.

»Du warst schon immer eine Plage für den jungen Herzog«, fuhr ihr Vater fort, »obwohl du mehrmals gebeten wurdest, deine Hänseleien zu unterlassen. Die Kindheit seiner Lordschaft war nicht die glücklichste – aufgrund der unglücklichen Brautwahl, die sein Vater getroffen hat –«

Maggie verdrehte die Augen. Sie hatte diese eine Geschichte zu oft gehört, um noch zuzuhören. Ihr Vater redete unablässig weiter davon, wie Lord Edwards älterer Bruder John die Tochter eines Pfarrers geheiratet hatte. Und zwar Lady Pegeens ältere Schwester, Katherine. Das war ein Fehler, für den er schlussendlich mit seinem Leben bezahlen sollte. Niemals wurde dabei erwähnt, wo Jeremys Mutter jetzt war. Aber Gesprächsfetzen, die Maggie als Kind aufgeschnappt hatte, führten sie zu der Annahme, dass Katherine nicht nur am Leben war, sondern auch in London lebte und Lord Edward ihr verboten hatte, ihren Sohn jemals zu sehen. Der Grund war offensichtlich, dass Lord John im Duell um sie getötet worden war.

»Ich habe keine Zweifel daran, dass der heutige Zwischenfall«, fuhr Sir Arthur phlegmatisch fort, »wie vergleichbare Ereignisse in der Vergangenheit das Ergebnis deiner Versuche ist, seine Lordschaft durch List dazu zu bringen, sich ungehörig zu verhalten –«

Erneut holte Maggie Luft, um sich zu verteidigen, und wieder schüttelte ihre Mutter den Kopf. Mit zusammengebissenen Zähnen senkte Maggie ihren wütend funkelnden Blick zu Boden, damit ihr Vater ihren rebellischen Gesichtsausdruck nicht bemerkte.

»Ich habe mich daher bei seiner Lordschaft aufrichtig für dein Verhalten entschuldigt, obwohl er – als taktvoller junger Mann – darauf besteht, dass es allein seine Verantwortung ist und du keinerlei Schuld daran trägst. Morgen werde ich eine ähnliche Entschuldigung auch an Lord und Lady Edward überbringen lassen.« Sir Arthur, ein beleibter Mann, legte seine fülligen Hände auf seine lederne, grüne Schreibunterlage und seufzte. »Und jetzt, Margaret, denken deine Mutter und ich, dass die Frage nach deiner Zukunft zur Diskussion steht. Ich brauche dich kaum darauf hinzuweisen, dass solch ein Verhalten, wie du es heute an den Tag gelegt hast, in den Ballsälen Londons äußerst fehl am Platz wäre. Ich habe dich in der Vergangenheit auch zugeben hören, Margaret, dass du eine junge Dame bist, die von ihren, äh, Impulsen geleitet wird. Wenn der heutige Vorfall ein Beispiel dafür ist, wohin dich deine Impulse führen, dann kann ich nur sagen, dass eine Saison in London ein höchst fragwürdiges Vorhaben wäre. Die Einführung einer jungen Frau in die Gesellschaft ist jedes Mal eine erhebliche finanzielle Verpflichtung. An die Unterbringung muss gedacht werden – und nach diesem Zwischenfall können wir kaum darauf hoffen, dass uns Lord und Lady Edward ihr Stadthaus in London zur Verfügung stellen, wie sie es bei deinen Schwestern großzügigerweise getan haben – außerdem müssen alle möglichen Ballkleider und Hüte und so ein Flitter gekauft werden. Das sind beachtliche Ausgaben für eine junge Frau, die uns wahrscheinlich blamieren wird, indem sie sich dem ersten Mann in die Arme wirft, der sie zum Tanzen auffordert –«

Maggie hob den Kopf, um ihrem Vater einen wutentbrannten Blick zuzuwerfen. Aber er schien die Giftpfeile, die aus ihren Augen schossen, nicht zu bemerken. Stattdessen sagte er: »Also haben deine Mutter und ich nach reiflicher Überlegung beschlossen, dass du im nächsten Winter keine Saison in London haben sollst.«

Weil Maggie wusste, dass ihr Vater dies als Bestrafung meinte, schrie sie nicht laut »Hurra!«, obwohl das ihr erster Gedanke war. Stattdessen senkte sie erneut ihren Blick und versuchte, nicht zu breit zu grinsen. »Ja, Sir«, war alles, was sie sagte und es klang angemessen demütig.

»Jetzt sind deine Mutter und ich allerdings in eine Sackgasse geraten. Während ich denke – und ich darf hinzufügen, dass deine Schwester Anne mir in der Sache zustimmt –, dass ein paar Monate in einem Kloster vielleicht genau das Richtige sind für jemanden mit deinem, äh, Temperament –«

Maggie sah fassungslos zu ihrer Mutter, die kaum merklich mit den Schultern zuckte.

»– ist deine Mutter anderer Meinung. Sie denkt anscheinend, dass ein Teil deines Problems, junge Dame, daher kommt, dass du die ruhelose Seele eines Künstlers hast« – er verzog das Gesicht beim Wort Künstler, als ob die Aussprache desselben einen bitteren Geschmack auf der Zunge hinterlassen würde – »und dass es unsere elterliche Pflicht ist, diese Unruhe so gut wir können zu zügeln. Während ich denke, dass das Kloster hierfür ausgesprochen geeignet ist, meint deine Mutter, dass jemand mit deiner Veranlagung sich in so einem strengen Umfeld eingeengt fühlen könnte. Folglich hat sie nahegelegt, dass die Kunstschule in Paris, die du letzten Monat erwähnt hast, die beste Lösung ist –«

Dieses Mal konnte Maggie ihre Gefühle nicht beherrschen. Sie wirbelte herum und sah ihrer Mutter ins Gesicht. »Nein!«, schrie sie ungläubig. »Wirklich? Meint ihr das ernst?«

Lady Herbert war etwas besser darin, ihre Gefühle zu verstecken. »Ja, Liebes«, sagte sie ruhig, obwohl ihr Gesicht vor Freude strahlte. »Du wirst im Herbst dort anfangen –«

Maggie fiel ihrer Mutter um den Hals, während sie vor Dankbarkeit in Tränen ausbrach. Ihr Vater, der immer noch hinter seinem Schreibtisch saß, musste sich mehrmals räuspern, bevor er die Aufmerksamkeit der beiden Frauen wiedererlangte.

»Das ist nicht als Belohnung gedacht, Margaret«, erinnerte er sie streng. »Du wirst fleißig lernen und falls ich von Madame Bonheur irgendetwas über weiteres, äh, flatterhaftes Betragen deinerseits erfahre, hat das deinen sofortigen Ausschluss zur Folge ...«

»Aber ja, Papa«, schniefte Maggie glücklich und trocknete sich mit einem Taschentuch, das ihre Mutter aus dem Ärmel gezogen hatte, die Augen. »Du sollst es nicht bereuen, mir diese Chance zu ermöglichen. Ich schwöre, dass du keinen Ton von Madame Bonheur hören wirst, außer Lob.«

»Das hoffe ich ernsthaft. Wir werden Hill mitschicken, junge Dame, um ein Auge auf dich zu werfen. Du brauchst nicht denken, wir würden je erlauben, dass du England ohne Anstandsdame verlässt.«

»Natürlich nicht«, antwortete Maggie, die auf der Armlehne des Stuhls ihrer Mutter saß. »Oh Papa, du weißt nicht, wie viel mir das bedeutet –«

»Nein, da hast du Recht«, unterbrach Sir Arthur etwas unwirsch. »Das weiß ich nicht. Zu meiner Zeit sind junge Frauen nicht mit jungen Männern in einen Stall gegangen ... schon gar nicht mit unverheirateten Herzögen! Und sie sind sicherlich auch nicht auf eine Kunstschule gegangen. Ich gebe nicht vor zu verstehen, was diese Generation umtreibt und ich denke auch nicht, dass ich das je tun werde. Der Platz einer Frau ist zu Hause, wo sie dafür sorgt, dass ihr Ehemann glücklich ist und ihn mit Erben ausstattet. Alle deine Schwestern scheinen dieses Konzept begriffen zu haben. Ich habe die Hoffnung, Margaret, dass du – wenn du dieses fürchterliche Interesse am Kritzeln verloren hast – nach Hause kommen und dich mit einem geeigneten Gefährten häuslich niederlassen wirst, wie es auch deine Schwester Anne getan hat. Ich verstehe nicht, warum du nicht mehr sein kannst wie Anne. Anne hat nie darauf bestanden, in Frankreich zur Schule zu gehen. Englische Schulen waren deinen Schwestern gut genug. Und als ihre Ausbildung beendet war, haben sie geheiratet – so, wie es Frauen tun sollen. Diese unglückliche Neigung dazu, einer Beschäftigung außerhalb des Haushalts nachgehen zu wollen, die die Frauen neuerdings zu verspüren scheinen, wird der Ruin aller –«

»Ja, Arthur«, sagte Lady Herbert und strich ihrer Tochter eine Locke hinter das Ohr. »Ich weiß. Aber Maggie ist nicht wie die anderen Mädchen. Sie ist etwas Besonderes.«

»Etwas besonders Anstrengendes«, grummelte Sir Arthur, »das ist alles, was ich an ihr Besonderes finden kann. Und jetzt hätte ich, wenn ihr beide mit dem Schluchzen fertig seid, gern mein Abendessen. Und was hast du da am Finger, Margaret? Einen Verband? Was hast du jetzt schon wieder angestellt?«

Nach dem Abendessen begab sich Maggie mit Hill, dem Dienstmädchen ihrer Mutter, in ihr Zimmer, um eine Liste der Dinge zu beginnen, die sie beide in Paris benötigen würden. Nun gut, sie würde erst in vier Monaten abreisen, aber Maggie hatte das Gefühl, dass es nie zu früh wäre, mit den Planungen für so eine lange Auslandsreise zu beginnen. Außerdem brauchte sie etwas, um sich von dem, was früher an diesem Tag geschehen war, abzulenken, und die stetige Beschäftigung hielt einen, wie sie bemerkt hatte, vom Grübeln ab.

Nicht, dass Maggie über den Herzog von Rawlings nachdachte. Ganz und gar nicht. Sie verstand vollkommen, was zwischen ihnen passiert war und fühlte darüber nichts als die unerträglichste Beschämung – und einen gelegentlichen Anflug von Zorn. Es war vollkommen offensichtlich. Jeremy war gelangweilt gewesen und hatte beschlossen, ein bisschen seiner Freizeit mit dem Versuch zu verbringen, ein Mädchen zu verführen, mit dem er in Kindertagen befreundet gewesen war. Es war sicher nicht mehr als das, und es wäre auch nichts anderes daraus geworden, wenn Lord Edward sie nicht erwischt hätte. 

Sicherlich musste die Tatsache bedacht werden, dass Maggie es überhaupt zugelassen hatte, aber das war leicht zu erklären. Sie hatte schon immer ein leicht erregbares Gemüt besessen und hatte sich einfach in dem Augenblick dazu hinreißen lassen. Glücklicherweise war sie – dieses Mal – vor dem Verderben bewahrt worden und hatte in der Zwischenzeit eine wichtige Lektion gelernt; nämlich, dass man Männern nicht vertrauen konnte und, was noch wichtiger war, dass auch sie selbst sich nicht vertrauen konnte, wenn ein Mann in der Nähe war. Es würde leicht sein, ähnliche Vorkommnisse in Zukunft zu vermeiden. Sie würde einfach nicht zulassen, dass sie je wieder allein mit einem Mann war. Das war alles. 

Problem gelöst.

Die erste Gelegenheit, diesen neuen Plan umzusetzen, kam jedoch etwas früher als erwartet. Als sie und Hill dabei waren, den Bestand ihrer Garderobe im Ankleidezimmer zu katalogisieren, hörte Maggie ein Klopfen an der Glasdoppeltür zum Balkon ganz in der Nähe ihres Schlafzimmers. Sie ging hinüber, um zu öffnen, weil sie dachte, es wäre ihre Katze, die um Einlass bat, und erschrak, denn dort stand der Herzog von Rawlings im Mondlicht und hielt einen warnenden Finger an die Lippen.

»Ich muss mit dir reden«, flüsterte er.

Maggie, die eine Hand noch an der Türklinke hatte und mit der anderen den Rahmen umfasste, antwortete mit plötzlich blutleeren Lippen: »Hast du den Verstand verloren? Mein Vater ist unten. Wenn er dich hier oben sieht, wird er dich umbringen.«

»Das wird er nicht«, erwiderte Jeremy und sah dabei vollkommen unbeeindruckt aus. »Ich bin sein Dienstherr, hast du das vergessen?«

»Dein Berater zu sein ist sein Hobby«, sagte Maggie und warf herrisch den Kopf zurück. »Er ist ganz bestimmt nicht auf die Arbeit angewiesen. Er ist ein Mann mit einem eigenständigen Vermögen. Und jetzt geh weg.«

Sie versuchte, die Tür zu schließen, aber zu ihrer Verärgerung hatte Jeremy unbemerkt seinen Stiefel zwischen Tür und Rahmen geschoben, sodass sie ihn nicht aussperren konnte, egal, wie sehr sie es versuchte.

»Würde es dir etwas ausmachen?«, fragte sie schließlich. »Ich möchte nie wieder mit dir sprechen.«

Das Mondlicht war so hell, dass Maggie sehen konnte, wie Jeremys Mundwinkel nach oben zuckten. »Das klang sehr überzeugend, Mags. Wenn du tatsächlich deinen Mund geschlossen hieltest, würde die Drohung vielleicht Eindruck machen.«

Wütend fauchte Maggie mit zusammengebissenen Zähnen: »Ich meine es ernst, Jerry. Wegen dir hatte ich heute viel Ärger –«

»Du hattest Ärger wegen mir?«, unterbrach Jeremy sie mit einem trockenen Lachen. »Oh, das ist gut! Ich bin nicht derjenige, der herumläuft und dabei so aussieht ...« Er nickte ihr bedeutungsvoll zu.

»Und dabei wie aussieht?«, fragte Maggie abwehrend.

»Wie eines jeden Mannes Vorstellung von Perfektion«, fuhr Jeremy fort, obwohl er es bestimmt nicht hatte zugeben wollen. »Also, lässt du mich jetzt rein oder muss ich die Tür eintreten?«

»Wag es ja nicht!« Maggies Wangen glühten. Nur über ihre Leiche gäbe es eine Wiederholung dessen, was am Nachmittag passiert war. »Ich wäre wegen dir fast ins Kloster geschickt worden!«

Jeremy holte tief Luft, als müsse er sich zwingen, ruhig zu bleiben. »Schau, Mags«, sagte er schließlich, »ich bin hierhergekommen, um mich zu entschuldigen. Lässt du mich herein oder muss ich hier draußen bleiben und so lange rufen, bis dein Vater vorbeikommt und mir eine Kugel in den Kopf jagt?«

Maggies Herz begann erneut, ungleichmäßig in ihrer Brust zu schlagen. »Ich –«, sie blickte nervös über ihre Schulter, aber es war nicht Hill, die ihr Sorgen machte. Es war ihr Bett, ein sehr großes, sehr bequemes Himmelbett, das nur ein paar Meter entfernt stand. »Es ist nur, dass ...«

Jeremy streckte ihr beide Hände entgegen. Selbst im Mondlicht sahen sie gefährlich groß und männlich aus. »Wenn du vor diesen beiden hier Angst hast«, sagte er freundlich, »werden sie in meinen Hosentaschen bleiben. Ich schwöre es.«

Maggie schob ihr Kinn vor. »Ich habe keine Angst vor dir«, log sie voller Verachtung.

»Oh, das weiß ich«, erwiderte Jeremy mit einem selbstgefälligen Lächeln. »Ich habe Schrammen, die das beweisen. Also, wenn das so ist, warum lässt du mich nicht rein?«

Das war eine Herausforderung. Maggie konnte keinen Rückzieher machen, ohne das bisschen Ehre zu verlieren, das ihr noch geblieben war. Also rief sie, während sie ihn misstrauisch beäugte, über ihre Schulter: »Hill?«

Aus den Tiefen ihres Ankleidezimmers ertönte ein gedämpftes: »Ja, Miss?«

Ohne den Mann auf ihrem Balkon aus den Augen zu lassen, fragte Maggie: »Hill, wären Sie so gut, den Rest morgen zu erledigen? Ich fürchte, ich habe Kopfschmerzen bekommen. Ich möchte jetzt zu Bett gehen.«

Hinter ihr streckte das Dienstmädchen mittleren Alters den Kopf aus dem Ankleidezimmer. »Kopfschmerzen, Miss?«

Zu spät realisierte Maggie, dass ihre Ausrede keine gute gewesen war. Miss Margaret Herbert war in ihrem ganzen Leben keinen einzigen Tag krank gewesen und das gesamte Personal von Herbert Park wusste das.

»Möchten Sie, dass ich Ihre Mutter hole? Oder den Wundarzt, Mr Parks?«

»Ach nein«, sagte Maggie und drehte sich eilig um, sodass sie mit dem Rücken zu der Glastür stand. »Das ist nicht nötig. Ich brauche nur ein bisschen Schlaf, das ist alles.«

»Vielleicht sollt ich Ihnen ein Tonikum bringen, Miss. Das würd’ gar keine Umstände machen –«

»Nein, nein«, sagte Maggie und machte eine abweisende Handbewegung, um die Bedenken der älteren Frau zu verscheuchen. »Gehen Sie einfach und danke vielmals. Wir machen morgen weiter.«

Leicht missbilligend machte das Dienstmädchen einen Knicks. »Sehr wohl, Miss. Aber wenn Sie später doch’n Tonikum brauchen, rufen Sie mich nur.«

»Ja, Hill, das werde ich.« Maggie lächelte dankbar. »Dankeschön.«

Kaum hatte die Frau die Schlafzimmertür hinter sich geschlossen, als Jeremy durch die Glastür hereingepoltert kam und, weil er es so eilig hatte, hereinzukommen, beinahe Maggie umrempelte.

»Also«, sagte er, nachdem er sich lange und sorgfältig in dem weißen, feminin eingerichteten Zimmer umgesehen hatte. »Mir wurde endlich Einlass in Miss Margaret Herberts Privatgemach gewährt. Ich muss schon sagen, ich fühle mich geehrt. In meinem ganzen Leben habe ich nichts so Jungfräuliches gesehen.«

»Ach, sei doch still.« Maggie errötete vor Wut, ging zur Balkontür, die er weit offengelassen hatte, und schloss sie. »Es ist nicht dir zu verdanken, dass meine Jungfräulichkeit noch unversehrt ist, schönen Dank auch.«

Jeremy runzelte ob dieser Information die Stirn, entschied aber, dass er dieses besondere Thema jetzt besser nicht weiterverfolgen sollte. »Ja«, sagte er und steckte, um sicherzugehen, die Hände wie versprochen in seine Taschen, »Also, das alles tut mir leid. Wollten sie dich wirklich ins Kloster stecken?«

»Ja.« Maggie hatte noch nie zuvor eine Person des anderen Geschlechtes in ihr Schlafzimmer gelassen und erst jetzt, als sie ihn hereingelassen hatte, fiel ihr auf, was für ein furchtbar unangemessener Ort dies war, um einen Mann zu empfangen. Unterwäsche lag in unordentlichen Haufen überall im Zimmer verteilt – ihren zerrissenen Reifrock eingeschlossen, der auf dem Boden lag und aussah wie ein zertrümmerter Vogelkäfig; außerdem unzählige Paar Seidenstrümpfe, Kamisole und Korsetts, die über die Lehne eines Stuhls mit rosafarbigem Satinpolster hingen. Jeremy ignorierte diese Dinge nach seiner ersten Bemerkung jedoch taktvoll und schlenderte – mit den Händen in den Taschen, wie versprochen – zur Staffelei herüber, die Maggie vor dem Erkerfenster aufgestellt hatte.

»Sieh an«, meinte er, nachdem er die kleine Leinwand, die dort stand, begutachtet hatte, »Das ist wirklich gut. Ich wusste nicht, dass du jetzt auch Landschaften malst.«

»Na ja«, sagte Maggie unruhig, »mir gehen hier manchmal die Menschen zum Malen aus.«

»Ich habe das Porträt gesehen, das du von meinen Cousins und Cousinen gemalt hast. Sehr beeindruckend. Das könnte gut als das Werk eines professionellen Malers durchgehen. Du hast deine Zeit jedenfalls nicht verschwendet, was auch immer du die letzten fünf Jahre sonst noch so gemacht hast.«

Maggie wusste nicht, was sie sagen sollte. Sie hatte noch nie ein Kompliment vom Herzog von Rawlings bekommen. Es sei denn, man zählte diejenigen mit, die er ihr vor ein paar Stunden für ihre Figur gemacht hatte, was sie nicht tat, da ihre Kurven völlig ohne ihr Zutun entstanden waren. Das Kompliment für ihre Malerei allerdings bedeutete etwas und sie erwischte sich dabei, wie sie noch heftiger errötete. Weil sie sich so unwohl fühlte, klangen ihre Worte weniger freundlich, als sie beabsichtigt hatte: »Hör mal, Jerry, ich fühle mich geschmeichelt, aber warum sagst du nicht einfach, was du mir sagen wolltest und verschwindest dann wieder? Du hast mich wirklich in ziemliche Schwierigkeiten gebracht, weißt du.«

»Ich weiß.« Jeremy stand in der Mitte des Zimmers, die Hände immer noch in den Taschen, und sah sie an.

Im Lampenschein war Maggie genauso schön wie im leuchtenden Sonnenlicht. Der Kontrast ihrer dunklen Haare und Augen zu ihrer elfenbeinfarbenen Haut war bei Nacht noch verblüffender und verlieh ihrem Aussehen eine exotische Note. In ihrem einfachen Baumwollkleid – dieses Mal war es ein sehr blasses Rosa – schien sie nicht von dieser Welt zu sein und kam ihm vor wie eine Sylphe oder eine Zigeunerprinzessin. Auf jeden Fall hatte sie die würdevolle Haltung einer Königin. Jeremy fiel es nicht mal ansatzweise schwer, sie sich mit einem Diadem auf dem Kopf oder einem Hermelin um die Schultern vorzustellen.

Abgesehen davon natürlich, dass sie ein sehr unelegantes weißes Taschentuch um den Mittelfinger ihrer rechten Hand gewickelt hatte.

Er machte eine Kopfbewegung in die Richtung. »Tut es sehr weh?«

Sie sah herunter. »Nur wenn ich male. Bei dir?«

Er grinste. »Nur wenn ich lächle.«

Maggie machte ein paar Schritte, bis sie nicht mal einen halben Meter von ihm entfernt stand. Die Tatsache, dass er jetzt so viel größer war als sie, ärgerte sie ein bisschen, aber sie sah trotzdem zu ihm hoch. Sie legte eine Hand an sein Kinn und drehte seinen Kopf, sodass sie seine geschwollene Lippe besser betrachten konnte. Sie bemerkte, dass er bei ihrer Berührung leicht zusammenzuckte, aber er versuchte nicht, sie aufzuhalten. Da bemerkte sie den blauroten Bluterguss an seinem Kiefer.

»Hmmm«, sagte sie erstaunlich ruhig, »Lord Edward hat dich also wirklich verprügelt, nicht wahr?«

»Ach das«, sagte Jeremy unbekümmert und stieß ein kurzes Lachen aus. »Ja, er hat ein bisschen Dampf an mir abgelassen, das stimmt. Bei euch beiden bin ich mir nicht sicher, wer die härtere Rechte hat. Aber es war nur das, was ich verdient hatte.« Er sah auf sie herab und bemerkte, dass sie immer noch auf ihrer Unterlippe herumkaute, wenn sie sich auf etwas konzentrierte. »Es tut mir wirklich leid, Maggie, was heute passiert ist.«

Zu seiner Enttäuschung nahm Maggie ihre Hand so schlagartig von seinem Gesicht, als hätte sie sich verbrannt. »Ja«, sagte sie und sah zu Boden. Ihre sonst blassen Wangen begannen, sich rot zu färben. »Also ...«

»Ich hätte dich wie ein normaler Mensch über die Vordertür aufgesucht, wenn ich die Hoffnung gehabt hätte, dass du mich sehen wollen würdest«, fuhr Jeremy eilig fort. »Aber ich wusste, du würdest sagen, dass du unpässlich bist oder irgend so ein Unsinn, und das hätte ich nicht ertragen. Ich hätte wahrscheinlich deinen Butler vor Wut erschlagen oder so. Deswegen bin ich hier hinten hochgeklettert. Ich musste dich sehen, Mags ...« Er streckte den Arm aus und ergriff ihre unverletzte Hand. Sie fühlte sich lebendig und warm zwischen seinen Fingern an – so, wie sich auch der Rest von ihr im Marstall angefühlt hatte. »Ich muss dich etwas fragen.«

Maggie sah eindringlich auf ihre Hände herab. »Was ist mit deinem Versprechen?«, fragte sie. Er folgte ihrem Blick, konnte aber nichts anderes sehen als seine große, gebräunte Hand, die ihre kleine weiße umhüllte. »Welches Versprechen?«

»Dass du deine Hände in den Taschen behältst, du elender Halunke.«

Jeremy funkelte sie an. »Hast du eine Ahnung, wie überaus schwierig es ist«, fragte er mit zusammengebissenen Zähnen, »einer jungen Frau einen Heiratsantrag zu machen, die dich gerade einen elenden Halunken genannt hat?«

Kapitel 8

»Einen Heiratsantrag zu machen?« Maggies große braune Augen weiteten sich so sehr, dass sie ihr halbes Gesicht einzunehmen schienen. Dann brach sie zu Jeremys Verdruss in Gelächter aus. »Oh, das ist gut!«, rief sie belustigt. »Und machst du jedem Mädchen, das du küsst, einen Antrag, Jeremy, oder hab ich nur irgendwie Glück?«

Obwohl er nie zuvor in einer ähnlichen Situation gewesen war, war Jeremy sich ziemlich sicher, dass Heiratsanträge im Allgemeinen nicht mit schallendem Gelächter aufgenommen wurden. Er fand ihre Reaktion entmutigend. Er hielt immer noch ihre Hand umfasst und erwiderte steif: »Ich mache keine Scherze, Maggie, und ich würde es zu schätzen wissen, wenn du aufhören könntest, zu lachen.«

Sie schien allerdings völlig außerstande, seiner Bitte nachzukommen, also fuhr er mit ruhiger Stimme fort: »Ich habe viel darüber nachgedacht und ich denke, dass – wenn man alles abwägt – du und ich ausgesprochen gut zueinander passen. Ich muss für eine Weile ins Ausland gehen, aber ich denke, es könnte spaßig sein, wenn du mitkommst. Wir könnten unterwegs in Gretna Green anhalten –«

Maggie schien sich im Laufe seiner Rede wieder gefasst zu haben. Sie richtete sich auf und wischte sich mit dem Rücken der freien Hand über die Augenwinkel, während sie misstrauisch zu ihm aufsah. »Großer Gott«, sagte sie mit einer Stimme, die vom Lachen heiser war. »Du meinst das ernst!«

»Natürlich meine ich das ernst«, sagte Jeremy gereizt. »Ich habe es mir wohl kaum zur Gewohnheit gemacht, herumzulaufen und Heiratsanträge zu verteilen, weißt du.« Mit einem Griff in seine Westentasche zog er eine goldene Taschenuhr heraus, warf einen Blick darauf und sagte: »Wenn wir jetzt gehen, können wir morgen früh in Gretna Green sein. Brauchst du Hilfe beim Zusammenpacken deiner Sachen? Es wäre wahrscheinlich besser, wenn wir nicht dein Dienstmädchen um Hilfe bitten, denn das würden deine Mutter und dein Vater sicher mitbekommen ...«

Maggie zog ihre Finger von seinen weg und ging ein paar hastige Schritte rückwärts, bis ihr Rücken die Wand berührte. »Du bist verrückt geworden!«, rief sie mit ungläubig aufgerissenen, dunklen Augen. »Das kannst du nicht ernst meinen!«

»Das hast du bereits gesagt«, erwiderte Jeremy und legte ruhig seine Uhr beiseite. »Offenkundig bin ich nicht verrückt. Ich rede mit dir auf eine völlig rationale Art und Weise. Du bist es, die die ganze Zeit lacht wie so eine wahnsinnige Hyäne –«

Maggie hörte ihn kaum. Sie versuchte, einen Sinn darin zu finden, dass der Herzog von Rawlings ihr tatsächlich einen Heiratsantrag gemacht hatte. Komischerweise sah er nicht aus wie ein Verrückter. Aber natürlich war er das. Nur ein Verrückter würde ein sechzehnjähriges Mädchen heiraten wollen, das sich erst vor ein paar Stunden die Fingerknöchel an seinen Zähnen aufgeschlitzt hatte. 

Jeremy nutzte ihre Fassungslosigkeit und ging die wenigen Meter, die sie trennten, auf sie zu. Er sah, dass Maggies Augen noch heller aufflammten, als er sich näherte. Sie suchte mit ihren Augen das Zimmer nach irgendetwas ab ... wahrscheinlich nach einer Waffe, dachte er schmunzelnd, mit der sie sich gegen ihn zur Wehr setzen konnte. Er stützte beide Hände neben sie gegen die Wand, sodass ein Entkommen unmöglich war. Dann kam er so nah, dass sein Brustkorb ihre Brüste streifte, und sagte in seiner tiefsten, überzeugendsten Stimme, die, mit der er immer bekam, was er wollte: »Maggie. Ich meine es ernst. Ich will, dass du mich heiratest. Jetzt. Heute Abend.«

Maggie versuchte verzweifelt, sich so weit wie möglich gegen die Wand zu drücken, und schluckte. Sie bemühte sich, nicht zu tief Luft zu holen, denn mit jedem Atemzug wurden ihre Sinne mit seinem männlichen Geruch geflutet ... und die Spitzen ihrer Brüste stießen dabei gegen die Vorderseite seiner Satinweste. Das kann nicht wirklich gerade passieren, dachte sie. Nicht ihr. Das passierte irgendwelchen Mädchen in Büchern, aber nicht Maggie Herbert. Niemals Maggie Herbert.

Jeremy, der ihr die Unsicherheit im Gesicht ablesen konnte, seufzte. Er hatte gehofft, darauf nicht zurückgreifen zu müssen. Er wollte, dass sie einwilligte, ihn zu heiraten, ohne dass er sie mit körperlichen Reizen überreden müsste. Aber diese Überheblichkeit war ihm schon ausgetrieben worden, als sie über seinen Antrag gelacht hatte. Ihr Verhalten ließ ihn allmählich verzweifeln. Er hatte erwartet, mit seinem Vorschlag auf ein bisschen Widerstand zu stoßen ... das war nur natürlich. Schließlich hatte sie ihn vor wenigen Stunden erst geschlagen – und auch recht kräftig. Aber das hier hatte er sicher nicht erwartet.

Ebenso wenig konnte er es verstehen. Maggie Herbert war nicht dumm. Er war einer der wohlhabendsten Männer in England und hatte die Ländereien und den Titel, um es zu belegen. Und ausnahmsweise war es ihm egal, ob diese eine Frau ihn wegen seines Geldes haben wollte – solange er sie nur irgendwie bekam. Außerdem wusste er, auch wenn er es seinem Onkel gegenüber nicht zugegeben hatte, dass Frauen auch seine Person attraktiv fanden und nicht nur seinen Geldbeutel. Das konnte, was Maggie anging, nur vorteilhaft für ihn sein. 

Aber Maggie schien sich von all diesen Dingen nicht beeindrucken zu lassen. Vielmehr war Besorgnis in ihren Augen zu lesen, als sie ihn ansah – vielleicht sogar Angst. Sie sah ihn an, als hätte er sie gebeten, nackt durch die Bibliothek ihres Vaters zu rennen und dabei laut »God Save the Queen« zu singen.

Er würde den Ursprung dieser Angst finden, selbst wenn es die ganze Nacht dauern sollte.

Jeremy senkte seinen Kopf, drückte seinen Mund auf ihren und die erstickte die Worte, die sie gerade hatte sagen wollen. Wahrscheinlich war es das Wörtchen Nein, das beunruhigend häufig über ihre Lippen zu kommen schien.

Maggie wehrte sich dieses Mal nur einen kurzen Moment lang. Sie schien zu wissen, dass sie gefangen war, und entspannte sich schließlich mit einem resignierten Seufzer.

Und obwohl sie ihre Hände immer noch abwehrend gegen seine Brust drückte und ihre Arme nicht um seinen Hals schlang, gaben ihre Lippen unter seinen nach. Und das war Aufforderung genug, was Jeremy anging. Er schlang seine Hände um ihre schlanke Taille, zog sie zu sich, bis sie auf den Zehenspitzen stand und fast ausschließlich von seinen Armen gehalten wurde, und fiel mit seinem Mund über sie her.

Maggie, deren Herz dumpf in ihren Ohren dröhnte, konnte nicht recht glauben, dass sie sich in haargenau derselben Lage wiederfand, wie erst vor ein paar Stunden ... nur schlimmer, denn dieses Mal gab es niemanden, der sie unterbrechen könnte und da stand ein Bett, nur einen knappen Meter entfernt. Mein Gott, was war mit ihr los? Warum hatte sie nicht einmal versucht, ihn abzuwehren? Irgendetwas stimmte absolut nicht mit ihr. Sie sehnte sich nach der Umarmung dieses Mannes. Und doch konnte sie, wenn sie in seinen Armen lag, nur daran denken, wie viel Angst sie davor hatte, was als Nächstes passieren könnte.

Und er hatte sie gefragt, ob sie ihn heiraten wolle! Er schien nicht einmal betrunken zu sein und er hatte sie gefragt, ob sie ihn heiraten wolle. Gut, er hatte ihr nicht wirklich seine unsterbliche Liebe bekundet oder etwas in der Art. Tatsächlich war sein Antrag, wenn man es sich genau überlegte, außergewöhnlich unromantisch gewesen. 

Aber mein Gott, wie gut sie sich fühlte, wenn er sie küsste! Na ja, nicht wirklich gut – eher das Gegenteil von gut. Seine Küsse ließen sie sich sündhaft fühlen ... was wirklich ein angenehmes Gefühl war, wie sie feststellte. Aber sicherlich konnte das nicht so bleiben. Irgendwann führte das Küssen zu anderen Dingen, Dinge, die Maggie nur auf der Schafweide beobachtet hatte und an denen sie ganz bestimmt nicht teilhaben wollte, schönen Dank auch. Es schien für die Böcke ganz gut zu sein, aber die Mutterschafe schienen sich nie so wirklich zu vergnügen ... und dann sahen sie verwundert aus, wenn ein paar Monate später plötzlich ein Lamm aus ihrem Hinterteil sprang! Maggie dachte nicht im Traum daran, den Rest ihres Lebens damit zu verbringen, Lämmchen rauszupressen. Nicht, wo sie endlich ihre Eltern davon überzeugt hatte, sie nach Paris gehen zu lassen ...

Und heiraten? Den Herzog von Rawlings? 

Nein. Beim Gedanken daran lief es Maggie eiskalt den Rücken hinunter. Maggie Herbert, die Herzogin von Rawlings? Das wäre ja, als müsste sie jeden Tag eine Saison in London überstehen – für den Rest ihres Lebens. Was dachte er sich dabei bloß? War er verrückt? Sie wäre die schlechteste Herzogin in der englischen Geschichte! Was für eine Herzogin hatte Farbe unter den Fingernägeln und verbrachte ihre Freizeit damit, sich aus Bäumen zu stürzen? Nein, keine Anzahl von Küssen, egal wie sündhaft, könnte das je aufwiegen!

Maggie spürte plötzlich, wie durch die Walknochenstreben ihres Korsetts etwas Festes gegen sie drückte. Sie war sich nicht sicher, aber es schien in der Vorderseite von Jeremys Hose zu stecken. Ohne nachzudenken, ließ Maggie eine Hand von seiner Brust fallen und umfasste neugierig den harten Gegenstand. Sie dachte, sie würde einen Messerknauf oder – was noch vergnüglicher gewesen wäre – den Griff einer Derringer finden, sodass sie Jeremy damit aufziehen konnte, weil er bewaffnet nach Herbert Park gekommen war.

Aber was sie unter ihren Fingern ertastete, war weder ein Messer noch eine Taschenpistole. Es war Jeremy – und zwar pur und unverfälscht.

Zu sagen, dass Jeremy überrascht war, als Maggie plötzlich ihre Hand an seine wachsende Erektion legte, wäre eine ziemliche Untertreibung. In Wahrheit erfüllte es ihn – neben anderen Empfindungen – mit der Hoffnung, dass er es schließlich doch geschafft haben könnte, sie umzustimmen. Er hatte allerdings nicht erwartet, dass sie so beherzt sein würde. Schließlich war sie erst sechzehn und er war sich ziemlich sicher, dass der Kuss, den sie am Nachmittag ausgetauscht hatten, ihr erster gewesen war. Wie dem auch sei, wenn Maggie Herbert an seiner Erektion herumspielen wollte, würde er sie nicht aufhalten ...

Als Maggie jäh ihre Hand wegzog, als hätte sie glühende Kohlen angefasst und nicht etwa einen Körperteil aus Fleisch und Blut, realisierte Jeremy, dass sie keine Ahnung gehabt hatte, was sie da tat. Sie erstarrte in seinen Armen. Er spürte es und wusste instinktiv, was folgen würde: Sein Kuss hatte wie seine Worte darin versagt, sie zu überzeugen. Verdammt, was stimmte bloß nicht mit dem Mädchen? Was noch könnte sie nur wollen? Musste er auf die Knie fallen und ihr bedingungslose Liebe schwören?

Offensichtlich. Denn plötzlich stieß ihn Maggie mit so unerwartet großer Kraft von sich, dass er zurücktaumelte. Blitzschnell huschte sie hinter den rosafarbenen Satinsessel, als könnte ein Lehnstuhl ihr irgendeine Art von Schutz vor ihm bieten.

Als sie sprach, sagte sie nur ein Wort, aber ihre Stimme überschlug sich dennoch herzzerreißend dabei: »Warum?«

Verblüfft zog Jeremy seine Augenbrauen zu einer finsteren Miene zusammen: »Warum was?«

»Warum willst du mich heiraten?«, fragte Maggie. Er konnte die Unruhe und die Verunsicherung in ihren Augen sehen.

Warum? Das Mädchen musste wissen, warum? Er wäre beinahe in Gelächter ausgebrochen. War das nicht völlig offensichtlich? Kein anderes Mädchen, das er kannte, hatte sich von einem Ast aus auf ihn gestürzt, ihn mit brennender Hingabe geküsst, ihm eine blutige Lippe geschlagen und dann seinen erigierten Penis ergriffen, als sei er ein Badmintonschläger. Welcher Mann würde so ein Mädchen nicht heiraten wollen?

»Was meinst du mit warum?«, fragte er und konnte dabei ein Schmunzeln nicht unterdrücken.

»Genau das«, antwortete Maggie und schien das völlig ernst zu meinen. »Ich meine, Jeremy, du kennst mich doch kaum ...«

»Ich kenne dich kaum?«, wiederholte Jeremy lachend. »Ich kenne dich besser als sonst irgendwer, Mags. Ich kenne die Art, wie deine Augen leuchten, wenn du lachst. Ich weiß, wie du sie zusammenkneifst, wenn du versuchst, etwas in der Ferne zu erkennen. Ich weiß, wie du auf deiner Unterlippe herumkaust, wenn du dich auf etwas konzentrierst. Ich weiß, wie deine Nasenflügel zittern, wenn du lügst.«

Maggie holte scharf Luft, um diese Behauptung zu leugnen, aber selbst, als sie das tat, lachte er in sich hinein. »So wie jetzt. Maggie, es gibt nicht eine einzige Sache, die ich nicht über dich weiß. Ich weiß sogar, wie deine Lippen sich öffnen, wenn du geküsst wirst ...«

Bei diesen Worten fiel Maggies Blick auf seinen Mund. Der sie an die Prellung an seinem Kiefer erinnerte. Und plötzlich wurde es ihr klar. 

Natürlich. Das erklärte es zweifellos.

Ihre Augen verengten sich misstrauisch zu Schlitzen und sie erwiderte vielsagend: »Es war Lord Edward, oder nicht?«

»Wie bitte?«

»Lord Edward hat dich dazu angestiftet.« Plötzlich war sie wütend. Vollkommen wutentbrannt. Wie konnte er es wagen? Wie konnte er so in ihr Zimmer platzen und fordern, dass sie ihn heiraten solle! Sein Onkel hatte ihn dazu angestiftet, natürlich! »Tja, du kannst deinem Onkel von mir ausrichten, dass er wirklich unbeschreiblich altmodisch ist, wenn er denkt, dass ich einen Heiratsantrag erwarte, nur, weil du mich geküsst hast. Ich meine, das ist vielleicht so gewesen, als er so alt war wie wir, aber jetzt haben wir 1871! Denkt er wirklich –«

»Was?« Jeremy sah verwirrt aus. »Maggie, was redest du da?«

Maggie schüttelte so energisch den Kopf, dass ihr braunes Haar über ihre Schultern fiel und ihr Gesicht einrahmte. »Du kannst sofort nach Rawlings Manor zurückmarschieren und ihm vielen Dank dafür ausrichten, dass er sich um meinen Ruf sorgt. Sag ihm, dass ich dich selbst dann nicht heiraten würde, wenn er mich vollkommen nackt in deinem Schlafzimmer finden würde – selbst, wenn du der letzte Mann auf Erden wärst!«

Obwohl er mehr als nur betroffen von dieser Aussage war, ließ Jeremy sich nicht unterkriegen. Selbst die schiere Wut in ihrem Gesicht konnte ihn nicht von dem Kurs abbringen, den er an diesem Nachmittag eingeschlagen hatte. Er wusste, dass die Wut nur maskierte, was sie in diesem Moment tatsächlich fühlte und das war schlicht und einfach Angst. Maggie, das wusste er jetzt, hatte Angst vor ihm. Er wusste auch ziemlich gut, warum: Maggie fürchtete, was sie nicht kannte. 

Und er würde sich darum kümmern, dass er – und kein anderer Mann – derjenige war, der diese Angst auslöschte.

»Mein Onkel Edward«, erwiderte Jeremy langsam und bestimmt, »Hat mich zu gar nichts angestiftet, Mags. Das war allein meine Idee.«

Aber Maggie sah aus, als hätte sie ihn nicht gehört. »Ich denke«, sagte sie zögernd, »dass du jetzt gehen solltest, Jerry.«

Ihre Wangen waren blutrot, wie er bemerkte. Nicht rosa. Rot wie Blut.

»Ich werde nicht gehen«, sagte er ruhig, »bis du ja sagst.«

»Dann wirst du sehr lange hierbleiben müssen«, sagte Maggie mit scharfer Stimme. »Denn ich werde dich nicht heiraten, Jeremy.«

Er zuckte nicht einmal zusammen. »Warum nicht?«

Hinter ihrem Stuhl stampfte Maggie ungeduldig mit dem Fuß auf den Boden. »Wie meinst du das, warum nicht?«, fragte sie fordernd. »Warum muss ich dir einen Grund nennen? Hau einfach ab!«

»Nein«, sagte er und verschränkte gefasst die Arme vor der Brust. »Nicht, bis du mir gesagt hast, warum du mich nicht heiraten willst.«

»Weil«, begann Maggie und stampfte erneut auf, »das vollkommen absurd ist! Wir sind zu jung, um zu heiraten.«

»Zugegeben«, sagte Jeremy. »Ich bin bereit, auf dich zu warten. Wirst du auch auf mich warten?«

»Ich –« 

Wie konnte sie ihm nur sagen, dass er warten könnte, bis er hundert Jahre alt wäre und sie immer noch zu viel Angst davor hätte, ihn zu heiraten? Maggie war noch nie in der Lage gewesen, anderen gegenüber Schwäche zu zeigen. Besser er glaubte, dass sie ihn nicht mochte, als dass sie Angst vor ihm hatte.

»Nein«, sagte sie entschieden. »Ich werde nicht warten. Meine Eltern haben mir erlaubt, die Schule in Paris zu besuchen. Ich werde wahrscheinlich sehr lange dort sein.«

»Und?« Jeremy zuckte mit den Schultern. »Ich gehe zur Armee. Ich werde wahrscheinlich auch eine ganze Weile weg sein.«

Maggie kam fast aus ihrem schützenden Versteck hinter dem Stuhl hervor, so überrascht war sie. »Wirklich, Jeremy?«, rief sie, weil sie sich für ihn freute. »Zur Armee? Wie aufregend! Ich bin mir sicher, dass du in einer Uniform sehr adrett aussehen wirst. Meinst du, du wirst nach Indien kommen und einen Maharadscha treffen, so wie in unserem Spiel?«

»Ja«, antwortete Jeremy ungeduldig. »Also, wirst du auf mich warten, Mags?«

Das Lächeln wich aus ihrem Gesicht. »Oh, Jerry, nein. Wirklich – wir sollten das lieber nicht abmachen. Wer kann schon sagen, was in ein paar Jahren ist? Vielleicht werde ich überhaupt niemals heiraten, falls ich mit dem Verkauf meiner Porträts ein Auskommen finden kann. Deine Tante denkt, das könnte ich vielleicht –«

»Überhaupt niemals heiraten?«, wiederholte Jeremy ungläubig. Zur Hölle mit Pegeen, dass sie dem Mädchen so eine jämmerliche Idee in den Kopf gesetzt hat! Obwohl der Gedanke, dass Maggie niemals heiraten könnte, immer noch der Vorstellung vorzuziehen war, dass sie einen anderen heiraten würde, konnte er sich nicht vorstellen, dass sie so keusch wie eine Nonne durchs Leben gehen könnte. Keine Frau, die so aussah wie sie, konnte das. Es war einfach gegen die Natur. »Sei nicht albern«, sagte er. »Natürlich wirst du heiraten. Sag mir nur, dass es keiner außer mir sein wird, und ich gehe.«

»Jerry, im Ernst, denk darüber nach.« Maggie wurde klar, dass es jemand sagen musste. Wenn er es nicht tat, würde sie es eben tun. »Ich würde keine sehr gute Herzogin abgeben. Ich sehe bestimmt nicht wie eine aus und alles, was ich mein Leben lang tun möchte, ist Malen. Ich wäre überhaupt nicht gut in all diesen Herzoginnensachen. Du weißt schon, Bälle besuchen und Erntedankfeste im Pfarrhaus eröffnen und sowas. Ich kann keine Konversation führen und sage immer das Falsche.« Sie sah, dass Jerry Luft holte, um ihr zu widersprechen, aber sie fuhr eilig fort, damit er sie nicht unterbrechen konnte. »Und ich bin nicht im Mindesten häuslich! Ich weiß nicht, welchen Wein man zur Ente serviert und ich benutze immer die Fischgabel für das Gemüse. Ja, ich kann es noch nicht einmal leiden, meine Haare hochgesteckt zu tragen! Die Nadeln fühlen sich immer an, als ob sie mir in die Kopfhaut stechen. Ich wäre einfach nicht gut genug, Jerry. Du bist mit jemand anderem besser dran.«

Aber selbst als sie das sagte, spürte Maggie, dass die Vorstellung von Jeremy in Gesellschaft irgendeiner anderen Frau sie mit einem unangenehmen, mulmigen Gefühl erfüllte – so, als hätte ihr ein Pferd in die Magengegend getreten.

»Nein«, erwiderte Jeremy. »Das ist nicht der Grund.« Er durchquerte den Raum bis er vor dem Stuhl stand und beugte sich vor, um Maggie ins Gesicht zu sehen. »Du lügst schon wieder. Deine Nasenflügel zittern. Was ist wirklich der Grund dafür, dass du mich nicht heiratest?«

Maggie begann zurückzuweichen, als er ein Knie auf das Sitzkissen stützte, aber Jeremy griff über die Stuhllehne und packte sie am Handgelenk, sodass sie nicht weiter konnte. »Herrgott«, rief er verwundert aus, als er ihren Puls unter seinen Fingern rasen spürte, »du hast wirklich Angst vor mir! Warum?«

Maggie schüttelte den Kopf. »Ich habe keine Angst vor dir«, sagte sie mit einem unsicheren Lachen. »Sei nicht albern.«

»Doch, hast du. Und du wirst mir jetzt sagen, warum, meine Liebe, oder ich werde noch morgen hier sein, wenn Hill zurückkommt. Mal sehen, was Sir Arthur dann davon hält, dich nach Paris zu schicken.«

»Das ... das ist Erpressung!«

»Ist es nicht«, widersprach Jeremy. »Es ist Nötigung, aber beides ist recht ähnlich, daher ist der Irrtum nachvollziehbar. Also, wirst du es mir jetzt sagen oder soll ich es mir für den Rest des Abends auf diesem reizenden Stuhl gemütlich machen?«

Maggie holte tief Luft, um sich zu beruhigen. »Es ist nur, dass ...« Mein Gott, wie sollte sie das erklären, ohne albern zu klingen? Vielleicht, wenn sie ihn nicht ansah. Sie senkte ihren Blick zum Boden und sagte stockend: »Es ist nur, dass, wenn du mich ...  berührst, so wie du es getan hast, ich an nichts anderes denken kann, als daran, wie sehr ich möchte, dass du mich berührst ... aber woanders. Und ich weiß, dass solche Gedanken sich für eine Dame nicht gehören! Und dann bekomme ich Angst, dass ich vielleicht überhaupt keine Dame bin, und, dass ich nicht nein sagen können werde und wir zu weit gehen, und dass ich in einem Kloster enden werde, so wie meine Schwester Anne immer gesagt hat, weil ich von Natur aus viel zu fleischlich bin ...«

Das war so weit von dem entfernt, was Jeremy von ihr zu hören erwartet hatte, dass er einen Augenblick lang stumm war, weil ihn ihr Geständnis völlig überraschte. Dann ergriff er ihre unverletzte Hand, führte sie zu seinen Lippen und sagte eifrig: »Liebste, verstehst du denn nicht? Das beweist, dass du mich doch ein bisschen magst. Jetzt musst du mich einfach heiraten –«

»Nein!«, Maggie riss ihre Hand aus seinem Fingern. »Das beweist nichts dergleichen! Alles, was das beweist, ist, dass ich anfange, dahinzuschmelzen, wenn ein Mann mich küsst. Ich weiß nicht, ob es nur bei dir so ist oder bei jedem Mann, weil –«

»Weil ich der einzige Mann bin, der dich je geküsst hat«, beendete Jeremy ihren Satz bitter.

»Na ja«, gab sich Maggie geschlagen und ließ die Schultern fallen. »Ja. Es tut mir leid, aber: ja.«

Er gab ihr nicht die Schuld. Sie konnte nichts dafür. Aber er konnte nicht verhindern, dass er wegen einiger Dinge verbittert war – ihr Altersunterschied, zum Beispiel, und außerdem ihre behütete Kindheit. Natürlich wollte er nicht, dass sie herumlief und andere Männer küsste, um herauszufinden, ob an ihrer Reaktion auf ihn etwas Besonderes war. Aber es sah aus, als wäre solch ein Experiment notwendig. Und er würde ganz sicher nicht dableiben, um dabei zuzusehen. Nicht, ohne jeden einzelnen Mann, mit dem sie Kontakt hatte, erwürgen zu wollen.

Seufzend sank Jeremy zurück in den Sessel und hob eine Hand an den Kopf. Die Kopfschmerzen, die Maggie ihrem Dienstmädchen vorgeschwindelt hatte, schienen plötzlich ihn zu plagen. 

Maggie, die ihn vom Bettende misstrauisch betrachtete, sagte: »Es tut mir leid, Jerry.«

»Das hast du bereits gesagt.«

»Tja, es ist die Wahrheit. Es tut mir leid. Aber du hast gefragt –«

»Ich weiß, dass ich gefragt habe«, unterbrach sie Jeremy. »Ich bin mir der Tatsache, dass ich gefragt habe, nur zu bewusst.«

Jeremy verspürte plötzlich große Verlangen nach einem Whisky, umfasste die Lehnen des rosafarbenen Satinsessels und drückte sich hoch. »Gut, Mags, du hast gewonnen. Ich gehe jetzt.«

»Oh.« Ein wenig enttäuscht stand Maggie auf. Sie wusste nicht, was von dem, was sie gesagt hatte, Jeremy so gründlich deprimiert hatte. Jetzt sah es so aus, als würden keine weiteren Heiratsanträge – oder Küsse – folgen. Während ein Teil von ihr erleichtert war, war ein anderer Teil niedergeschlagen.

Als er auf die Glastür zuschritt, durch die er gekommen war, drehte sich Jeremy nur einmal zu ihr um. »Versprich mir aber eine Sache, machst du das, Mags?«

Sie durchquerte das Zimmer und stellte sich neben ihn – ein bisschen wie eine Hausherrin, die einen Gast nach dem Nachmittagstee zur Tür begleitet. »Sicher, wenn ich das kann.«

»Ich denke, du kannst das. Es ist nur eine Kleinigkeit. Ich werde eine Weile fort sein, aber Tante Pegeen wird immer wissen, wie man mich finden kann. Falls du ... herausfindest, ob ich der Grund dafür bin, oder es bei Männern im Allgemeinen so ist, würdest du mir eine Zeile schreiben? Nichts Aufwändiges. Nur ein einfaches ›Ja, du bist es‹ oder ›Nein, bist du nicht‹ reicht schon. Denkst du, du könntest mir das versprechen? Der guten alten Zeiten wegen?«

Maggie nickte zögerlich. »In Ordnung, Jerry.«

»Braves Mädchen.« Er beugte sich herunter und gab ihr einen brüderlichen Kuss auf die Wange, bevor er hinaus auf den Balkon stieg. »Auf Wiedersehen.«

Es war eine warme Nacht. Maggie stand in der offenen Tür und sah zu, wie Jeremy ein Bein über die Balkonmauer schwang und begann, am Efeu herunter in Richtung der Rasenfläche zu klettern.

»Jerry?«, rief sie ihm nach.

Er sah sie an. »Ja?«

»Wo gehst du hin?«, fragte sie.

Er lächelte etwas schief. »Ich weiß es nicht. Zum Teufel, nehme ich an.«

»Oh«, sagte Maggie, »na ja, grüß ihn von mir.«

Das Lächeln verflüchtigte sich. »Das werde ich«, sagte Jeremy und dann war er verschwunden.

Kapitel 9

London, im Februar 1876

In einem Haushalt wie dem des Herzogs von Rawlings musste ein Butler viele Pflichten erfüllen. Da waren einerseits natürlich die Aufgaben, die man im Allgemeinen mit einem Butler verband. Niedere Hausangestellte mussten angestellt, entlassen und überwacht werden. Außerdem musste der Weinkeller bestückt und gewissenhaft gepflegt werden, das Silber musste nachts weggeschlossen werden, Besucher mussten angekündigt und Zeitungen morgens gebügelt werden, wenn sie mit noch klebriger Tinte kamen. Wenn der Hausherr – in diesem Fall der Onkel des Herzogs, Lord Edward – anwesend war, kamen immer einige besondere Pflichten dazu. Zum Beispiel musste im tiefsten Winter ein Dutzend perfekter Rosen aufgetrieben werden, die auf Lady Edwards Platz am Frühstückstisch gelegt werden sollten. Oder eine willkürliche Morddrohung, wie sie während der Parlamentssitzungen gelegentlich eintraf, musste dem ansässigen Magistrat gemeldet werden.

Es geschah allerdings äußerst selten – trotz des ungeregelten Tagesablaufs, den Lord und Lady Edward in der Saison pflegten –, dass der Butler des Hauses um fünf Uhr morgens vom Schellen der Türglocke aus einem tiefen Schlaf gerissen wurde. Normalerweise konnte man sich darauf verlassen, dass ein Diener die Treppen hinunter stolperte und das Läuten beantwortete. Aber da Lord und Lady Edward noch nicht vom Lande zurückgekehrt waren, von dem man sie nun jeden Tag erwartete, und die Diener mit ihren Kumpanen ausgegangen waren, um eine bevorstehende Hochzeit zu feiern, war die einzige männliche Person im Stadthaus der Rawlings in dieser Nacht Evers. Und das Letzte, was Evers tun wollte, war, seine weit über fünfzig Jahre alten Knochen aus seinem gemütlichen Bett zu hieven, vier Treppen hinunter zu tapsen und die Tür für jemanden zu öffnen, der zu dieser späten Stunde nur schlechte Nachrichten überbringen konnte.

Eine Weile lang lag Evers mit dem Kissen über dem Kopf da und hoffte, dass der merkwürdige Besucher weggehen würde, weil er dachte, dass niemand da sei. Aber wer auch immer läutete, er wusste offensichtlich, dass irgendwann jemand aufmachen würde. Er klingelte einfach immer weiter. Evers wusste, dass die Glocke die weiblichen Hausbewohner wecken würde, falls es noch länger so weiterginge, und dass diese zweifellos mit der typisch weiblichen Hysterie auf den nächtlichen Besuch reagieren würden. Also schlug er schließlich die warme Bettdecke zurück, zog zitternd seinen Schlafrock, seine Pantoffeln und die Nachtmütze an und begab sich mit der Geschwindigkeit, die sein Alter und seine Gebrechlichkeit erlaubten, auf die lange Reise vom vierten Geschoss des fünfstöckigen Hauses nach unten.

Er brauchte ungefähr zehn Minuten, um zur Tür zu gelangen. In dieser Zeit läutete der Besucher weiter. Er schien sich einen Spaß daraus zu machen, indem er zweimal klingelte, dann pausierte, noch einmal klingelte und dann vier Mal kurz klingelte. Das Muster variierte, aber die Botschaft war deutlich: Mach die Tür auf. Es ist kalt hier draußen.

»Ich komme«, rief Evers mit rauer, schlaftrunkener Stimme, als er schließlich ins Marmorfoyer schlurfte. In dem unbeheizten Eingangsbereich war es fast ebenso kalt wie draußen.

Evers dachte sehnsüchtig an seine heiße Bettflasche, die zweifellos inzwischen lauwarm war. »Ich komme. Jesus, Maria und Josef, hören Sie auf, zu läuten, ich komme!«

Aber der Mann, der am Treppenaufgang stand, als Evers es endlich geschafft hatte, alle Schlösser an der Tür und schließlich diese selbst zu öffnen, war weder der Nachtwächter, wie er erwartet hatte, noch der Milchmann, der die Vordertür mit dem Dienstboteneingang verwechselt hatte. Der Mann, der draußen im dicken, gelben Nebel stand, der London im Winter unweigerlich verhüllte, war für Evers ein Fremder, aber ein Gentleman, das sah man auf den ersten Blick. Gehüllt in einen Soldatenmantel, eine Pelzmütze, einen Wollschal und Lederhandschuhe, hätte den Mann wahrscheinlich nicht einmal seine eigene Mutter erkannt. So erspähte Evers nur eine lange Nase, die man früher vielleicht als Adlernase bezeichnen konnte, die aber offensichtlich gebrochen und schlecht gerichtet worden war, und ein Paar erstaunlich helle Augen in einem gebräunten, leicht gelblichen Gesicht.

»Ja?«, fragte Evers. Er begann in der eisigen Morgenluft bereits zu zittern. »Kann ich Ihnen helfen, Sir?«

»Evers?« Die Stimme des Mannes wurde durch die Tücher, die er trug, gedämpft, aber sie war tief und kultiviert – der Stimme nach war er ein Engländer, trotz der gelben Haut.

»Ja, ich bin Evers«, sagte der Butler. »Und Sie sind?«

»Aber Sie sind nicht Samuel Evers«, sagte der Mann.

»Natürlich nicht. Ich bin sein Enkelsohn, Jacob. Samuel Evers ist schon vier Jahre tot. Er hat auf dem Anwesen in Yorkshire gearbeitet, wo mein Vater, John Evers, jetzt Butler ist. Wer sind Sie bitte, dass sie meinen Großvater kannten?«

»Erkennen Sie mich nicht, Evers?«, fragte der Gentleman mit einem Hauch von Belustigung in seiner tiefen Stimme.

Evers spähte in den Nebel. Die bittere Kälte ließ seine Knie zittern und durchdrang den Brokat seines Morgenrocks. Der Gentleman auf der Türschwelle sah jedoch nicht im Geringsten so aus, als friere er.

»Ich kann es nicht genau sagen«, sagte Evers, dessen Zähne zu klappern begannen. »Es ist jedoch ein bisschen zu kalt hier draußen für Ratespiele, Sir.«

»Ganz richtig, Evers«, sagte der Fremde. »Und Sie waren sowieso nie gut darin.« Der Mann hob einen langen Arm und nahm die Pelzmütze vom Haupt, sodass ein Wuschelkopf voll langer, schwarzer Locken zum Vorschein kam. Die Haare in Zusammenhang mit den silbernen Augen veranlassten Evers, hastig einzuatmen.

»Der Herr sei mir gnädig!«, rief er, »Seid ihr es wirklich, Euer Gnaden?«

Der Herzog von Rawlings warf den Kopf zurück und lachte. Es war ein sattes Geräusch auf der ruhigen Straße und es war erschreckend in seiner wilden Hemmungslosigkeit. Es war nicht die Art von Lachen, die man typischerweise auf der Park Lane in London hörte. Zumindest nicht um fünf Uhr morgens an einem winterlichen Mittwoch im Februar.

»Ja, Evers«, sagte Jeremy schließlich, als sich sein Lachen ein wenig beruhigt hatte. »Ich bin es. Frisch aus dem Fernen Osten und voller Malaria. Mein Diener wird in Kürze mit meinen Koffern folgen, also haltet Ausschau nach ihm. Und jetzt: Haben Sie vielleicht einen Drink für einen armen Herzog auf Wanderschaft? Ich befürchte, ich habe jegliche Widerstandskraft, die ich jemals gegen das verdammt kalte englische Wetter besessen habe, verloren, und ich brauche so dringend einen Whisky, dass es wehtut.«

»Selbstverständlich, euer Gnaden.« Evers machte hastig den Weg frei, sodass der Herzog in sein Haus treten konnte. »Ich bitte um Verzeihung, aber wir haben Euch nicht erwartet. Wir haben keine Nachricht erhalten, dass Euer Gnaden Indien verlassen haben ...«

»Nein, und das solltet ihr auch nicht«, sagte Jeremy. Er hatte das Foyer durchquert und die Doppeltür zum Salon aufgeworfen, wo er kurzerhand begann, seine unzähligen Schichten abzuwerfen, sodass Überwurf um Überwurf auf eine der samtenen grünen Chaiselongues fiel. »Ich habe Neu-Delhi recht plötzlich verlassen. Ich bezweifle, dass das Krankenhaus Zeit für irgendeine Korrespondenz mit der Familie hatte ...«

Evers hatte bereits begonnen, die Gaslampen zu entzünden. In wenigen Sekunden hatte er auch ein ordentliches Feuer im opulent verzierten Marmorkamin gemacht. »Krankenhaus, Euer Gnaden?«

»Ja«, sagte Jeremy knapp. »Militärkrankenhaus. Besser geht es nicht in Neu-Delhi. Das heißt allerdings nicht besonders viel. Das Essen war nicht schlecht, nehme ich an, aber es gibt einen bedauerlichen Mangel an trinkbaren alkoholischen Getränken in Indien. Ich wünschte, jemand hätte mich gewarnt.« Er tauschte die Chaiselongue gegen den ledernen grünen Sessel, der näher am Feuer stand. Mit einem Seufzer sank er hinein und streckte seine langen Beine vor sich aus. »Mein Gott, Evers«, sagte er und schloss die Augen, »es ist schön, zu Hause zu sein.«

»Es ist schön, Euer Gnaden wieder hier zu haben. Obwohl ich es, wenn ich das sagen darf, bedauern werde, nicht länger die Zeitungsberichte von den Heldentaten Euer Gnaden in Übersee lesen zu können. Wir waren alle sehr stolz auf Eure Tapferkeit und besonders auf den Anteil, den ihr daran hattet, den Aufstand in Jaipur zu zerschlagen.«

»Oh«, sagte Jeremy desinteressiert. Seine Augen waren immer noch geschlossen. »Sie haben davon gehört, nicht wahr?«

»Davon gehört, Euer Gnaden? Nein, wochenlang hat man von nichts anderem gesprochen. Die Medal of Honor von der Queen verliehen zu bekommen ...« Evers Stimme verstummte ehrfürchtig. Dann, als er bemerkte, dass der Herzog nicht beabsichtigte, etwas zu erwidern, räusperte sich der Butler und fügte hinzu: »Und vom Maharadscha selbst so geehrt zu werden! Der Stern von Jaipur ist, soweit ich weiß, wirklich eines der Weltwunder ...«

»Hmpf«, war alles, was Jeremy dazu zu sagen hatte.

Als er erkannte, dass aus dem Herzog keine weiteren Informationen herauszubekommen waren, wandte sich Evers ab, um den Whisky einzuschenken. Er hatte anerkennend festgestellt, dass der Herzog unter dem Soldatenmantel – trotz der Tatsache, dass er seit fast fünf Jahren keinen Fuß auf europäischen Boden gesetzt hatte – nach der neuesten europäischen Mode gekleidet war: Ein anthrazitfarbener Cutaway, darunter ein weißes Hemd mit passender Weste und eng geschnittenen, schwarzen Kniehosen, die sich zu einem Paar hochglanzpolierter Reitstiefel hin verjüngten. Außerdem bemerkte Evers, dass die Halsbinde Seiner Gnaden die erforderliche Anzahl an Knoten aufwies. Sein Diener war jedenfalls nicht bequem geworden in diesem heißen und barbarischen Land.

Aber hier nahm der anerkennende Blick des Butlers ein Ende. Denn der Herzog sah nicht gut aus. Er sah ganz und gar nicht gut aus. Die gelbe Hautfarbe, die Evers aufgefallen war, war nicht durch die Gaslampen auf der Straße oder den Nebel bedingt gewesen. Der Herzog hatte offensichtlich Malaria. Entweder hatte er erst kürzlich einen Anfall der Krankheit verwunden, oder er steckte noch mitten darin. Da sicher kein Mann sein Leben riskieren würde, indem er mit solch einer tödlichen Krankheit reiste, nahm Evers an, dass es Ersteres sein müsse. Aber ein Besuch des Wundarztes, Mr Wallace, könnte angebracht sein. Evers würde sich darum kümmern, sobald der Rest des Hauses aufgewacht war und er eins der Dienstmädchen mit einem Sendschreiben hinschicken konnte.

»Ah«, sagte Jeremy und öffnete die Augen, als Evers sich räusperte und ihm ein geschliffenes Kristallglas überreichte, das ungefähr zwei Finger breit mit einer vertrauten, bernsteinfarbenen Flüssigkeit gefüllt war. »Evers, mein Guter, wie schon dein Großvater vor dir bist du ein Heiliger.« 

»Wohl kaum, Euer Gnaden«, sagte Evers mit der in seiner Familie üblichen Bescheidenheit. »Werdet Ihr länger in London bleiben?«

»So lange, wie es sein muss«, murmelte Jeremy rätselhaft in sein Glas. Der Herzog stürzte den Whisky mit einer geübten Bewegung hinunter, zuckte unwillkürlich mit der Schulter und reichte dann das Glas wieder dem Butler, der sich daran machte, es erneut zu füllen. Offensichtlich bemerkte Jeremy erst jetzt, dass Evers nur mit Pantoffeln und Morgenrock bekleidet war, und fragte: »Gott, Evers, wie spät ist es? Ich habe Sie nicht geweckt, oder?«

»In der Tat haben Euer Gnaden mich ein bisschen überrascht«, sagte Evers freundlich. »Und es ist zwanzig nach fünf.«

»Am Morgen?« Jeremy war so schockiert, dass er beinahe das Glas fallen ließ, das ihm der Butler reichte. »Großer Gott, Wahnsinn! Warum haben Sie das nicht eher gesagt? Und da kam ich und habe die verfluchte Glocke geläutet. Es grenzt an ein Wunder, dass ich nicht jeden im Haus geweckt habe.«

»Das ist schon in Ordnung, Euer Gnaden. Im Moment hält sich im Hause niemand auf, außer –«

»Was?« Jeremy sah verwundert zu dem Butler auf. »Wo ist mein Onkel?«

»Lord und Lady Edward wurden gerade dieses Wochenende für eine Beerdigung zurück nach Yorkshire beordert.« Nachdem Jeremy eine angemessene Miene aufgesetzt hatte, fuhr der Butler fort. »Ja, es ist tragisch. Das Kleinkind von einem der Pächter Eurer Gnaden.« Er fügte mit etwas heiterer Stimme hinzu: »Aber sie werden jeden Tag zurückerwartet. Wären Euer Gnaden die Zimmer recht, die normalerweise von seiner Lordschaft bewohnt werden, oder würdet Ihr eines der Gästezimmer bevorzugen?« Evers versuchte noch einmal – und dieses Mal weniger subtil –, das Thema auf den Stern von Jaipur zu lenken. »Seid es nur Ihr selbst und Euer Diener, Euer Gnaden? Oder soll ich mehr Zimmer vorbereiten?«

»Mehr Zimmer?«, wiederholte Jeremy. »Warum zur Hölle sollten Sie mehr Zimmer vorbereiten müssen?«

»Na ja, für den Fall, dass Euer Gnaden den, äh, Stern von Jaipur mit heimgebracht hätten ...«

»Natürlich habe ich ihn mit heimgebracht«, sagte Jeremy ungeduldig. »Was für ein Dummkopf würde so etwas Bedeutendes zurücklassen? Aber ich denke kaum, dass er ein Zimmer für sich allein benötigt. So groß ist er nicht.«

Evers hustete. »Äh, nein. Natürlich nicht.« Evers hielt es für ratsam, das Thema zu wechseln. »Dürfte ich dann vielleicht das grüne Zimmer vorschlagen? Das weiße Zimmer ist momentan mit Miss Margaret belegt, fürchte ich, aber ich kann das Feuer im grünen Zimmer sofort entzünden lassen, falls Euer Gnaden es vorziehen –«

Jeremy verschluckte sich an seinem Whisky. Besorgt trat Evers einen Schritt vor und konnte sich nur mit Mühe davon abhalten, dem Herzog von Rawlings auf den Rücken zu klopfen. »Euer Gnaden?«, fragte er besorgt. »Fühlt Ihr euch nicht gut?«

Hustend, da ihm der Whisky in den falschen Hals geraten war, stotterte Jeremy: »Maggie? Was zum Teufel macht sie hier?«

»Nun, Miss Margaret hat Lady Edward diese Saison nach London begleitet und ist seit kurz nach Neujahr bei uns, Euer Gnaden.« Ruhig nahm Evers das Glas aus den schwachen Fingern des Herzogs, bevor Jeremy es – wie es den Anschein hatte – zu Boden fallen lassen konnte. Er ging zur Anrichte, um das Glas ein drittes Mal zu füllen. »Meines Wissens sollte Miss Margaret nur eine kurze Weile hier in Park Lane wohnen, während sie sich nach einer eigenen Wohnung umsieht. Aber es scheint so, als hätte sie noch keine angemessene Unterkunft gefunden. Ich könnte mir vorstellen, dass es für eine junge Dame nicht leicht ist, in einer Stadt wie London Fuß zu fassen, besonders als Dame, die einen Beruf in einem sehr umkämpften Bereich anstrebt –« Als er sich von der Anrichte wegdrehte und bemerkte, dass der Herzog sich erhoben hatte und auf recht wackeligen Beinen stand, konnte Evers nicht umhin, sich – vielleicht besorgter, als sein Posten es erforderte – zu erkundigen: »Vergebt mir, Euer Gnaden, aber fühlt Ihr euch wohl? Ihr seht außerordentlich krank aus ...«

Aber Jeremy winkte ab und verscheuchte die Besorgnis des Butlers. »Und was ist mit diesem Verlobten, von dem mir meine Tante schrieb? Er wohnt nicht auch hier, oder?«

»Mister de Veygoux?« Evers sah aufrichtig bestürzt aus. »Ein Franzose unter diesem Dach? Sicher nicht!«

Jeremy nickte grimmig. »Das dachte ich mir, aber ich war eine Weile fort. Man kann nie wissen, wie sich die Dinge während seiner Abwesenheit vielleicht verändern, nicht wahr?« Während er entschlossen an dem Saum seines Cutaways zupfte, fragte Jeremy: »Sie ist also im weißen Zimmer, Evers?«

»Ja, Euer Gnaden«, sagte der Butler. Dann, als der Herzog zielstrebig auf die Tür zuging, rief Evers, bevor er sich zurückhalten konnte: »Euer Gnaden!«

Jeremy hielt auf der Schwelle inne und drehte sich herum, die dunklen Augenbrauen fragend hochgezogen. »Evers?«

»Ihr werdet doch nicht ... Euer Gnaden können nicht daran denken, Miss Margarets Zimmer aufzusuchen ...« Evers lächelte nervös. »Ihr wisst, dass Eure Tante das nicht gutheißen würde.« Obwohl er sich an seinen Worten fast verschluckte – ein Evers maßte sich niemals an, einen Rawlings zurechtzuweisen, egal wie ungezügelt er sich benehmen möge –, sagte der Butler behutsam: »Gentlemen suchen junge Damen nicht in ihrem Privatzimmer auf, Euer Gnaden. Ich bin sicher, dass Lady Edward in der Tat sehr schockiert wäre, wenn sie herausfände, dass Ihr das Haus ohne angemessene Aufsichtsperson auch nur betreten habt, während Miss Margaret hier wohnt –«

Der Herzog lächelte und Evers trat unwillkürlich einen Schritt zurück. Es war lächerlich, das wusste der Butler, aber für einen Augenblick hatte der Herzog mit seinem rabenschwarzen Haar und den ebenso dunklen Augenbrauen, seinen silbernen Augen und der merkwürdig gelben Haut, die dieselben umgab, eine unheimliche Ähnlichkeit mit ... nun, mit dem Teufel.

»Eure Sorge um Miss Maggies Ansehen ist rührend, Evers«, sagte Jeremy mit einem Grinsen. »Das ist sie wirklich. Aber als ich das letzte Mal nachgesehen habe, gehörte dieses Haus mir. Und das macht alles darin zu meinem Eigentum.«

Ohne ein weiteres Wort drehte sich Jeremy um und ging in Richtung der Marmortreppe, die in den zweiten Stock führte. Evers in seinem Morgenrock und der Nachtmütze blieb im Foyer zurück. Hastig hob er das Glas Whisky an seine Lippen und leerte es. Er hatte seine allzu kurze Beschäftigung bei der Familie Rawlings genossen und gehofft, so lange dortzubleiben, wie sein Großvater. Es schien jedoch, dass seine Karriere zu einem jähen Ende kommen sollte. Denn falls Lady Edward ihn nicht kündigen würde, weil er zugelassen hatte, dass der Herzog und Miss Margaret unbeaufsichtigt unter demselben Dach weilten, würde es der Herzog sicherlich tun, weil er sich gegen eben dieses Vorhaben ausgesprochen hatte. Evers beschloss, dass ein kurzer Brief an seinen Vater angebracht wäre. Er brauchte, fürchtete er, einen Rat. Einen Rat und, so leid es ihm tat, noch einen Drink.

Kapitel 10

Jeremy hatte den Großteil seiner Kindheit auf dem Anwesen in Yorkshire verbracht und nicht in dem Stadthaus in der Park Lane, aber er erinnerte sich gut genug daran, um zu wissen, warum Maggie das weiße Zimmer für sich gewählt hatte. Im Gegensatz zu den anderen Zimmern des Hauses war es nicht in einer gedeckten Farbe tapeziert, mit Teppich in einer weiteren Farbe ausgelegt und in einer dritten möbliert – eine dekorative Gepflogenheit, die seine Tante Pegeen verfochten hatte, weil sie davon überzeugt war, dass die schmutzigen Fingerabdrücke weniger sichtbar wären, je mehr Farbe in einem Zimmer war. Und weil eine Vielzahl von Kindern – Jeremy eingeschlossen – in dem Stadthaus ein und aus gegangen waren, hatte sich diese Methode als klug erwiesen.

Aber das weiße Zimmer war nur weiß: mit weißen Wänden, einem schweren weißen Läufer auf dem Parkettboden, hauchdünnen weißen Vorhängen an den Fenstern und weißen Möbeln. Es war das einzige Zimmer im ganzen Haus, das Kinder mit ihren schmutzigen Händen und ihrer Neigung, Dreckspuren hinter sich her zu ziehen, seit jeher nicht betreten durften. Und es war ein Zimmer, das ein Maler, der den ganzen Tag Farben mischte, erholsam finden würde.

Jeremy wusste genau, dass dies der Grund war, warum Maggie es den anderen zehn Schlafzimmern im Haus vorgezogen hatte. Jeremy konnte selbst im orangefarbenen Schein des verglimmenden Feuers in dem weißen Marmorkamin genau erkennen, dass Maggie dem Zimmer bereits ihre eigene, einzigartige Persönlichkeit aufgedrückt hatte. An der hinteren Wand stand eine klappbare Staffelei zusammen mit einem Holzkästchen, das Jeremys Erinnerung nach Pinsel und Farbtuben beinhaltete. Daneben zeichnete sich eine große, schwer wirkende lederne Künstlermappe ab, die entweder unfertige Arbeiten oder Ansichtsexemplare von Maggies Gemälde enthielt, die potentiellen Kunden gezeigt werden konnten. Auf einem niedrigen Tisch, der neben ein paar farblich abgestimmten Stühlen mit elfenbeinfarbener Lehne stand, lagen ein paar weniger selbsterklärende Utensilien: ein großer ausgestopfter Vogel auf einem Stock, eine Art mechanisches Pferd, ein Segelboot aus Pappmaschee und einige farbenfroh gekleidete Puppen in verschiedenen Größen. Jeremy hatte keine Ahnung, welchen Zweck diese Spielzeuge erfüllen könnten, außer, dass Maggie mit einundzwanzig noch mehr Kind war, als sie sein sollte.

Jeremy interessierte sich jedoch mehr für die Gegenstände, die über Stuhllehnen geworfen im Raum verteilt waren, darunter ein Korsett und ein Paar gerüschte Pantalons. Diese Dinge zogen seine Aufmerksamkeit fast ebenso sehr auf sich wie ihre Eigentümerin, die in der Mitte des großen, weißen Himmelbettes lag, schwach beleuchtet vom erlöschenden Feuer. Jeremy bemerkte, dass Maggie beim Schlafen so unordentlich war wie im Wachzustand. Sie hatte den Großteil ihres Bettzeugs von sich weg gestrampelt, sodass sie nur halb bedeckt unter einem einzigen Leintuch lag, trotz der spürbaren Kälte im Zimmer. Vermutlich wärmte sie jedoch das dicke, baumwollene Nachtkleid, das sie trug – unglücklicherweise, wie Jeremy fand. Soweit er sehen konnte, bedeckte es sie vom Nacken bis zu den Fußknöcheln.

Trotzdem konnte Jeremy, als er sich dem Bett näherte, um einen besseren Blick auf die Schläferin zu werfen, vieles entdecken, das ihn interessierte. Das Nachtkleid war ein wenig hochgerutscht und enthüllte eine blanke Wade und die schmale Wölbung eines Knöchels. Außerdem hatte Maggie im Schlaf einen Arm unter den Kopf gelegt, wodurch das Material ihres Nachtkleides eng über ihre Brüste gespannt wurde – die, wie Jeremy erfreut feststellte, immer noch überraschend groß waren, besonders für ein Mädchen, das über so lange Zeit gar keinen Busen besessen hatte – und den Abdruck einer weichen Brustwarze offenbarte.

Ihr langes, offenes Haar lag in einem dicken, dunklen Wirrwarr unter ihrem Kopf. Maggies Gesicht, das zu den glühenden Überresten des Feuers gedreht war, hatte seine kindlichen Rundungen verloren und Jeremy bemerkte erstaunt, wie ihre hohen Wangenknochen hervorstachen. Es verlieh ihrem anziehenden Äußeren eine stolze Note, die ihr vorher vollkommen gefehlt hatte.

Mein Gott, dachte Jeremy, der sich über sie beugte, um das schlafende Mädchen aus der Nähe zu betrachten. Sie hat sich hinter meinem Rücken zu einer Schönheit gemausert. 

Der Gedanke ärgerte ihn fast so sehr wie die Tatsache, dass sie einen Verlobten hatte.

Tja, was hatte er erwartet? Hatte er etwa gedacht, dass ihre Eltern sie für immer vor der Aufmerksamkeit anderer Männer schützen konnten? Dass er der einzige Mann war, der in der Lage war, die natürliche Schönheit vom Lande zu schätzen? Dass ein Mädchen wie Maggie, deren Lippen – wie er nur zu gut wusste – dazu neigten, sich zu öffnen, wenn sie geküsst wurde, für immer auf ihn warten würde?

Plötzlich war Jeremy müde. Er setzte sich auf die Bettkante und legte eine Hand auf seine Stirn. Die Haut fühlte sich heiß an. Er fieberte wahrscheinlich wieder. Aber das war nichts Neues. Seit Wochen hatte er immer wieder mit Schüben der Krankheit zu kämpfen gehabt. Die Ärzte in Neu-Delhi hatten ihm versichert, dass das normal sei. Einer von ihnen hatte Jeremy sogar erklärt, dass er noch drei oder vier Jahre nach dem anfänglichen Rückgang der Krankheit Malariaanfälle erleiden würde. Jeremy hätte den Arzt beinahe erschlagen, als ihm das mitgeteilt wurde, aber er war vom Fieber zu geschwächt gewesen, um seine Faust zu heben.

Jeremy nahm seine Hand von der Stirn und sah zu Maggie herab. Sie schlief immer noch fest und ihr Atem ging ruhig und gleichmäßig. Sie hatte schon immer einen tiefen Schlaf gehabt und sich von nichts stören lassen, wie er sich mit einiger Belustigung erinnerte. Sie hatte sich nicht einmal gerührt, wenn sie zu Bett getragen werden musste, nachdem sie als Kind beim Abendessen in ihrem Stuhl eingeschlafen war. Dieses Mal hatte sie sein Läuten der Türglocke verschlafen und seine Anwesenheit an ihrem Bett überhaupt nicht bemerkt. Ihm wurde klar, dass er sich bereits auf zehn verschiedene Arten vergangen haben könnte und sie hätte es zweifellos einfach verschlafen.

Der Gedanke war verlockend. Als er auf ihren friedlich schlummernden Körper sah, der von dem wallenden Nachtkleid verhüllt wurde, erinnerte sich Jeremy an einen gewissen Nachmittag vor fünf Jahren. Als folgte sie ihrem eigenen Willen, begann seine Hand zum Saum des Nachtkleides zu wandern, in Richtung der blanken weißen Wade ...

Jeremy hatte keine Ahnung, was ihn abhielt. Einen Moment lang war seine Hand ihr so nah, dass er die Wärme ihrer Haut unter seinen Fingerspitzen spüren konnte und im nächsten zog er sie zurück. Er fragte sich, was bloß mit ihm los war. Er hatte alles Recht – alles Recht der Welt –, dieses Mädchen zu berühren. Als er England vor fünf Jahren verlassen hatte, hatte er es in der Überzeugung getan, dass er Maggie Herbert nach seiner Rückkehr heiraten würde.

Zugegeben, er hatte nicht wirklich darauf verzichtet, in der Zwischenzeit Trost in den Armen anderer Frauen zu suchen. Jeremy hielt es für klug zumindest zu versuchen, die Erinnerung an Maggie Herberts Kuss auszulöschen. Er war schließlich kein Eunuch. Oberstleutnant Rawlings sexuelle Abenteuer waren von den Männern, die unter ihm dienten, in hohem Maße bewundert worden und Anlass unzähliger Witze seiner zumeist verheirateten Offizierskameraden gewesen. Größtenteils hatte Jeremy ignoriert, dass er aufgezogen wurde. Auf Schlägereien ließ er sich nur ein, wenn er betrunken war oder schlechte Laune hatte ... was oft genug vorgekommen war. Indien erschien ihm als unerträglich heißes Land, als Pfuhl der Armut und Krankheit und kaum der magische Ort, den er und Maggie sich in ihren Kinderspielen ausgemalt hatten.

Aber obwohl Jeremy sich in einem halben Jahrzehnt mit dutzenden Frauen vergnügt hatte, hatte er niemals eine einzige getroffen, die sein Herz so zum Rasen brachte, wie es Maggie an einem einzigen Tag in den Stallungen geschafft hatte. Er hatte nie eine andere Frau getroffen, die ihn so völlig gefangen nahm – emotional wie intellektuell, ganz zu schweigen vom körperlichen Aspekt – wie Maggie Herbert es tat. Während diese Entdeckung gelegentlich zu Unannehmlichkeiten geführt hatte – wie zum Beispiel bei dem Zwischenfall bezüglich des Sterns von Jaipur –, war sie auch äußerst motivierend gewesen. Jeremy, der sich an den Rat seines Onkels erinnert hatte, bündelte sein beachtliches Denkvermögen darauf, sich eines Mädchens von Maggies Format als würdig zu erweisen. Zu seinem eigenen Erstaunen hatte dies einen raschen Aufstieg in den Rängen der Kavallerie Ihrer Majestät zur Folge. Jeremy brachte alle Aufgaben, die ihm zugewiesen wurden, schnell und erfolgreich hinter sich – vom sicheren Geleit eines bedeutenden Botschafters durch den Dschungel bis zum Unterdrücken der gelegentlichen Bauernaufstände. Die Aufgaben bereiteten ihm Freude. Sie hielten ihn zumindest vom Grübeln ab, wozu er neigte, wenn er unbeschäftigt war.

Obwohl es das Letzte war, das er beabsichtigt hatte, beeindruckte Jeremy seine Vorgesetzten schließlich mit seiner Intelligenz und seiner scheinbaren Furchtlosigkeit. Da er bewusst seinen Titel abgelegt hatte, als er eintrat, wussten nur wenige, dass der junge Mann, der seine militärische Karriere als Jeremy Rawlings antrat, in Wirklichkeit einer der reichsten Männer Englands war und ein Adliger, dessen Onkel eine außerordentliche Machtstellung im Oberhaus innehatte. Für seine Offizierskameraden war Jeremy nur Hauptmann Rawlings. Er blieb jedoch nur kurze Zeit ein Hauptmann, bevor er die Beförderung zu Major erhielt, ebenso wie die Medal of Honor der Queen dafür, dass er den Aufstand in Jaipur so rasch zerschlagen hatte. Als er schließlich niedergestreckt wurde – und zwar von einer Krankheit, nicht von einer Kugel –, wurde Jeremy als einer der tapfersten Männer im Dienste der Queen angesehen, als furchtloser Held, dessen geschickter Umgang mit dem Schwert seinesgleichen suchte. Er wurde auf den Rang des Oberstleutnants erhoben und dem Kragen seiner roten Uniformjacke wurde ein weiterer goldener Stern hinzugefügt.

Und trotzdem bedeuteten Jeremy die Beförderungen, die Medaillen, die Ehren – selbst die Übergabe des Sterns von Jaipur – nichts. Er war sich zwar bewusst, dass er zum ersten Mal in seinem Leben etwas tat, in dem er nicht nur gut war, sondern das ihm auch Freude bereitete. Und trotzdem wartete er immer nur auf eines: einen Brief von Maggie, in dem sie ihn darum bat, dass er nach Hause kommen möge. Er dachte, dieser käme vielleicht im vierten Jahr, als seine Tante Pegeen schrieb, um ihm mitzuteilen, dass Lady Herbert, Maggies Mutter, einer langen Krankheit erlegen und im Frühjahr gestorben war. Sein Kondolenzbrief – die einzige Mitteilung, die er irgendjemandem während seiner langen Abwesenheit geschickt hatte, da er eine ausgeprägte Abscheu gegen das Briefeschreiben empfand – war jedoch unbeantwortet geblieben. Erst zwölf Monate später, als Jeremy die Nachricht von Maggies Verlobung erhielt, wurde ihm klar, dass seine langen Jahre des Wartens umsonst gewesen waren: Das Mädchen, das er heiraten wollte, heiratete einen anderen und hatte seinen Antrag niemals ernst genommen. Sie hatte ihn so leicht vergessen, wie eine Frau es vergessen würde, Eier auf dem Markt zu kaufen.

Er war betrogen worden. Er kam sich albern vor. Er hatte in einem heißen und barbarischen Land fünf Jahre lang umsonst gelitten.

Und jetzt war er gekommen, um Rache zu üben. Seit er von ihrem Verrat erfahren hatte, hatte Jeremy kaum an etwas anderes gedacht, als daran, wie er sich bei der ersten Gelegenheit an Maggie Herbert rächen würde. Der Gedanke an Rache war es sogar, der ihn in den Wochen, als er vor Fieber fast im Delirium war, am Leben erhalten hatte. Sein Rachedurst – davon war er überzeugt – hatte sein Leben gerettet. Als Toter konnte er Maggie Herbert nicht bereuen lassen, dass sie sich einem anderen versprochen hatte. Der Gedanke an Rache war es gewesen, der ihn von seinem Krankenbett aufstehen und darauf hatte bestehen lassen, nach England zu reisen, obwohl die Ärzte ihn dazu gedrängt hatten, im Krankenhaus zu bleiben, bis er kräftiger war. 

Und doch merkte er, dass er sich jetzt, wo er das Objekt seiner Pein vor sich hatte, nicht dazu bringen konnte, sie zu bestrafen. Noch nicht.

Ja, das war es. Jetzt noch nicht. Er würde erst mit ihr spielen, so wie die Tiger mit ihrer Beute spielten, bevor sie sie verschlangen. Wie viel mehr Genugtuung versprach es, sie erst ein bisschen zu quälen, bevor er zum entscheidenden Schlag ausholte.

Folglich führte Jeremy eine Hand an sein Gesicht und rieb sich das Kinn, während er Maggie einen Moment lang beim Schlafen beobachtete. Und dann nahm er dieselbe große, dunkel gebräunte Hand und klatschte sie mit beträchtlicher Kraft und ordentlichem Krach auf ihr herzförmiges Hinterteil, das abgesehen von dem Baumwollstoff des Nachtkleides ungeschützt war.

Kapitel 11

Maggie kreischte so laut, als hätte jemand ihre Haare in Brand gesteckt, und saß kerzengerade in ihrem Bett. Ihre Augen waren vor Entrüstung weit aufgerissen und suchten nach dem Übeltäter, der sie so unsanft geweckt hatte. Als ihr erschrockener Blick den Mann fokussierte, der auf ihrer Bettkante saß, ließ sie einen weiteren Schrei los, dieses Mal voll wutentbrannter Empörung, und griff nach dem Laken, das zerknäult zu ihren Füßen lag. Unglücklicherweise lag es unter dem lachenden Mann und sie konnte es nicht unter ihm hervorziehen, egal wie sehr sie daran zerrte. Schließlich krallte sich Maggie an einem ihrer Kissen fest und drückte es an ihre Brust, sodass seine Form verhüllte, was ihr Nachtkleid preisgab. Mit sich hektisch überschlagender Stimme forderte sie: »W-wer sind Sie? Sofort raus aus meinem Zimmer! Ich werde die Bow Street Runners rufen!«

Details

Seiten
0
Erscheinungsform
Erstausgabe
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783960876359
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v456480
Schlagworte
historisch-er-liebe-s-roman-e historic-al-regency-victorian-romance herz London-England-british-Britannien Gentleman-Lord-Lady Liebe-s-kunst-künstler-lektionen Verführ-ung-er-in

Autor

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    Patricia Cabot (Autor)

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Titel: Ein verräterisches Herz (Historisch, Liebe)