Lade Inhalt...

Jenseits der Nacht (Thriller)

von Volker Dützer (Autor)

2019 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

Als Unfallchirurgin kämpft Lisa Wegener verbissen um jedes Leben und überschätzt mehr als einmal ihre Kräfte. Um die anstrengenden Schichten durchzustehen, greift sie zu Aufputschmitteln. Doch dann kommt es zu einem schrecklichen Unglück und sie steht auf einmal im Mittelpunkt einer Ermittlung. Lisa spürt, wie ihr Leben nach und nach zerbricht. Die selbstbewusste Ärztin verwandelt sich in eine Frau, die sich vor ihrem eigenen Schatten fürchtet.
Das Blatt scheint sich zu wenden, als sie den charismatischen Wissenschaftler Vincent van Dyck kennen und lieben lernt. Er ist von dem Gedanken besessen, den Tod zu besiegen. Zu spät erkennt Lisa, dass sie einen entsetzlichen Fehler begangen hat …

Impressum

dp Verlag

Erstausgabe Februar 2019

Copyright © 2020 dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

E-Book-ISBN: 978-3-96087-608-3
Taschenbuch-ISBN: 978-3-96087-681-6

Covergestaltung: Rose & Chili Design
unter Verwendung von Abbildungen von:
shutterstock.com: © Ingrid Prats, © leolintang, © nienora
Lektorat: Birgit Förster

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

Unser gesamtes Verlagsprogramm findest du hier

Website

Folge uns, um immer als Erster informiert zu sein

Newsletter

Facebook

Instagram

Twitter

Youtube

dp Verlag

 

 

 

Für meinen ersten (inoffiziellen) Fanclub – Dirk und Sonja

Teil 1

Stromschnellen

 

 

Birds on the roof of my mother’s house
I’ve no stones to chase them away
Birds on the roof of my mother’s house
Will sit on my roof someday

(Sting, The Lazarus Heart)

1

Lisas Job eignete sich hervorragend, um zu testen, wie lange man ohne Schlaf überleben konnte, bevor man durchdrehte. Die flirrenden Schatten, die ihr durch die Korridore der Virchow-Klinik folgten, waren keine zum Leben erwachten Fetzen der Dunkelheit, sondern Auswirkungen einer 16-Stunden-Schicht in der Notaufnahme. Ihre überreizten Nerven formten sie zu Gespenstern, die in den Eingeweiden des alten Gebäudes hausten. Vom Neid auf Licht und Lebendigkeit genährt, schienen sie jeden ihrer Schritte zu begleiten.

Die meisten ihrer Kollegen behaupteten, dass jenseits der Schwelle zwischen Leben und Tod nichts existierte. Als Unfallärztin hatte sie jedoch genug Erfahrungen mit Sterbenden gesammelt, um daran zu zweifeln. Vielleicht war der Tod doch nicht das Ende. Immer wieder hatten Patienten die letzte Grenze überschritten und waren zurückgekehrt. Danach blieben sie allein mit ihren Erlebnissen zurück, die zuweilen angsteinflößend und verstörend waren. Die meisten schwiegen, weil sie das mitleidsvolle Kopfschütteln der Ärzte fürchteten, die kühlen Erklärungen, die ihre Visionen als eine durch Sauerstoffmangel hervorgerufene Trance abtaten. Als eine Art letzte Firewall des Gehirns, mit der die Psyche die Unbegreiflichkeit der eigenen Nichtexistenz abzuwehren versuchte.

Ermutigte Lisa sie zum Reden, beschrieben sie Szenen der Operation oder Teile von Gesprächen, die im OP-Saal stattgefunden hatten. Sie hatte keine Erklärung dafür, woher die Menschen ihre Erinnerungen bezogen. Ihr Bewusstsein und damit auch ihre Sinne waren während der Narkose vorübergehend erloschen, daher konnten sie nicht wissen, was in dieser Zeit geschehen war. Und doch erinnerten sich manche von ihnen an verstörend präzise Einzelheiten.

Vor einigen Wochen hatte Lisa auf einem der Instrumentenschränke im OP-Saal 1 das Foto einer Katze versteckt. Es war nur zu erkennen, wenn man gegen alle Naturgesetze verstieß und körperlos unter der Decke schwebte. Bisher hatte es keiner der Wiederbelebten erwähnt. Waren die Nahtodberichte doch nur tröstende Bilder, die den Übergang ins Nichts erleichtern sollten?

„Frau Dr. Wegener?“

Kohlmeyers Bassstimme dröhnte von den Wänden des Korridors wider. Lisa eilte weiter, als hätte sie den Chefarzt nicht bemerkt. Er neigte zur Geschwätzigkeit, und ein Plausch unter Kollegen war das Letzte, was sie in diesem Augenblick gebrauchen konnte.

„Frau Dr. Wegener!“

Sie blieb stehen, denn selbst ein Taubstummer hätte Kohlmeyer nicht überhören können.

„Auf ein Wort“, sagte er.

Lisa ballte die Fäuste in den Taschen ihres Arztkittels und drehte sich um. „Was kann ich für Sie tun, Herr Professor?“

„Alles in Ordnung?“

Sie zuckte mit den Schultern. „Ja. Alles bestens. Warum fragen Sie?“

Er blieb dicht vor ihr stehen. Kohlmeyer war kantig wie ein Bauernschrank und beinahe zwei Meter groß. Seine graublauen Augen unter den dichten Brauen musterten sie besorgt.

„Sie sehen müde aus, ein bisschen blass um die Nase.“

„Das kommt vom Neonlicht. Haben Sie sonst noch etwas auf dem Herzen?“

„Sie sind eine hervorragende Ärztin, Frau Dr. Wegener.“

„Danke. Ich tue, was ich kann.“

„Mehr als das, scheint mir. Machen Sie für heute Schluss.“

Der Piepser, der mit einer Klemme an der Brusttasche ihres Arztkittels befestigt war, meldete sich.

„Ich fürchte, der Feierabend muss noch etwas warten, ich muss in die Ambulanz. Wenn Sie mich entschuldigen?“

„Ich übernehme das. Sie sind für den Rest der Woche beurlaubt.“

„Ich brauche keinen Urlaub. Ich …“

„Keine Widerrede. Schlafen Sie sich mal richtig aus.“

„Ich komme gerade aus dem Ruheraum.“

Kohlmeyer stieß pfeifend den Atem aus. „Eine Stunde auf der Pritsche, was?“

„Mir reicht’s.“

„Mir auch. Das ist eine dienstliche Anweisung.“

Sie setzte zu einer Erwiderung an, aber der Professor kam ihr zuvor.

„Sie können nicht jedes Leben retten und auch keine Wunder vollbringen. Unsere Macht ist begrenzt. Auch die Ihre.“

„Das ist mir klar.“

„Tatsächlich? Ich hörte von Ihren Wetten.“

Verärgert presste sie die Lippen aufeinander. Woher wusste Kohlmeyer davon? Sie hatte niemandem etwas davon erzählt.

„Die Leute reden viel“, sagte sie hastig.

„Machen Sie mir nichts vor. Ich weiß genau, wie Sie empfinden. Als ich ein junger Arzt war, erging es mir genauso. Legen Sie Ihre Hybris ab, oder sie wird Sie zerstören. Wenn Sie mit dem lieben Gott um jede Seele kämpfen wollen, können Sie nur verlieren.“

Wütend verpasste sie einem leeren Gestellwagen einen Fußtritt. Plastiktabletts und Nierenschalen verteilten sich scheppernd auf dem Linoleumboden.

„Sie war erst neunzehn.“

„Lisa! Wo bleibt Ihre Beherrschung?“

Kohlmeyer sprach stets leise und wohl moduliert. Doch nun nahm seine Stimme einen schneidenden Ton an. „Sie gehen zu oft an Ihre Grenzen – und darüber hinaus. Warum nur laden Sie ständig viel zu schwere Lasten auf Ihre schmalen Schultern?“

„Ich weiß, was ich mir zumuten kann.“

„Tatsächlich? Und wenn Sie sich überschätzen? Heute haben Sie alles richtig gemacht und doch verloren. Aber irgendwann werden Sie aus Übermüdung einen Fehler begehen; in einem Moment, der alles entscheiden kann. Ich brauche Sie im Vollbesitz Ihrer Kräfte, mit einem scharfen und wachen Verstand. Eine ausgebrannte Ärztin stellt eine Gefahr für unsere Patienten dar … und für die Klinik.“

„Halten Sie mich für unprofessionell?“

„Wie würden Sie es nennen, wenn ein Mitarbeiter Ihres Teams die Decke des OP-Saals anbrüllt: Du kriegst sie nicht. Ich nehm sie dir wieder ab, du Arschloch!“ Er schüttelte den Kopf. „Woher rührt nur diese Verbissenheit in Ihnen?“

„Ich bin nicht … verbissen.“

Kohlmeyer schmunzelte. „Ein Terrier, der eine Fährte aufgenommen hat, steht Ihrer Entschlossenheit in nichts nach.“

„Haben Sie schon mal erlebt, wie ein Mukoviszidose-Patient erstickt, und Sie können nichts tun, um es zu verhindern?“, konterte Lisa.

„Wir sind Ärzte, keine Hexenmeister. Der Tod gehört zum Leben und …“

„Erzählen Sie das den Eltern des Mädchens.“

Er nickte bedächtig. „Das werde ich tun müssen. Gehen Sie jetzt nach Hause und spannen Sie ein paar Tage aus.“

„Wenn wir nur die Zeit für einen Patienten so lange anhalten könnten, bis wir ein Heilmittel gefunden hätten …“, überlegte sie. „Vielleicht werden wir irgendwann so weit sein.“

Kohlmeyer schüttelte bedauernd den Kopf. „Den Tod werden wir trotzdem nicht besiegen.“

„Wirklich nicht? Es gibt immer einen Weg.“

„Reden Sie von van Dyk?“ Sein Blick verdüsterte sich. „Er ist äußerst zielstrebig und ehrgeizig. Aber auch egozentrisch und unbeherrscht. Er hat etwas … Diabolisches an sich, finden Sie nicht?“

„Nein, ich finde ihn sehr sympathisch“, antwortete Lisa, „entschuldigen Sie mich jetzt bitte.“

„Warten Sie.“

Widerwillig blieb sie stehen.

„Was war vorhin in der Cafeteria los?“, fragte Kohlmeyer.

„Nichts.“

„Dieses Nichts hat aber eine Menge Lärm verursacht.“

„Der Junge, dessen Vater gestorben ist, war wieder da.“

„Ich hatte ihm Hausverbot erteilt“, sagte der Professor.

„Darum forderte ich ihn auf, die Klinik zu verlassen.“

Nachdenklich rieb er sich das Kinn. „Mir gefällt das nicht.“

„Er braucht jemanden, den er verantwortlich machen kann. Es ist seine Art, mit dem Tod fertigzuwerden. Ich würde seine Reaktion nicht überbewerten.“

„Ihr Wort in Gottes Ohr“, sagte er. „Wollen Sie nicht lieber in der Klinik übernachten? Sie sehen müde aus.“

„Nein, ich bin okay.“

Sie wandte sich um und eilte den Korridor entlang. Ihre Schritte hallten hohl von den Wänden wider, ihr Schatten folgte ihr wie ein großer schwarzer Hund.

Gegen 22:30 Uhr trat sie aus dem Hauptportal der Klinik. Der Tag war drückend schwül gewesen, am späten Abend hatten sich kräftige Gewitter über der Stadt entladen. Am Horizont zuckten noch immer Blitze über den Nachthimmel. Im Schein der Natriumdampflampen fiel der Regen wie ein silbriger Vorhang zu Boden. Lisa sprintete über den Parkplatz zu ihrem Peugeot 207. Die Anstrengung half ihr, den Zorn aus ihrem Kopf zu vertreiben. Aber er würde wiederkommen, in einer Stunde oder morgen früh. Er war immer da und fraß jeden Tag ein Stück ihres Herzens auf. So wie Krebs und Mukoviszidose Sieger blieben, verlor Lisa den Kampf gegen die Wut in ihrem Bauch.

Woher wusste Kohlmeyer von ihren stummen Wettkämpfen mit einem Gott, den sie als erbarmungslos und kaltherzig empfand? An den sie nicht glaubte und der ihr lediglich als Sündenbock diente, wenn sie als Ärztin machtlos war? Seit Monaten trieb sie dieses nutzlose Spiel bei jedem Einsatz, bei jedem Patienten, der auf ihrem Tisch landete. Ihre Bemühungen, das Leben der Unfallopfer zu retten, verwandelten sich mehr und mehr in ein zwanghaftes Anrennen gegen einen Gegner, den sie niemals besiegen konnte. In gewisser Weise glich ihr Bestreben einem Geschicklichkeitsspiel, dessen Reiz darin lag, immer wieder zu versuchen, die Kugel ins Loch zu manövrieren. Ein Spiel, bei dem sie von vornherein wusste, dass sie verlieren würde, weil es die menschlichen Fähigkeiten überstieg.

Sie knallte die Wagentür zu, rammte den Schlüssel ins Schloss und lenkte den Wagen auf die Zufahrtsstraße. Die Scheinwerfer erzeugten gleißende Reflexe auf dem nassen Asphalt. Mit Blütenstaub vermischter Regen legte sich als schmieriger Film über die Windschutzscheibe. Lisa kniff die vor Müdigkeit brennenden Augen zusammen und trieb den Peugeot durch die Regennacht. Sie hätte bis zum Morgen in der Klinik bleiben können, aber der Ruheraum im Untergeschoss besaß den Charme einer Gefängniszelle. Das Brummen der Heizungsanlage und das Rauschen und Gluckern der Abflussrohre störten den Schlaf. Lieber nahm sie trotz ihrer Übermüdung die zwanzigminütige Fahrt nach Weilburg auf sich, wo sie eine Dachgeschosswohnung mit einem winzigen Balkon bewohnte.

Sie verließ Limburg über die B 54 Richtung Norden und beschleunigte, nachdem sie die Stadtgrenzen hinter sich gelassen hatte. Noch immer verfolgte sie das leichenblasse Gesicht des Mädchens, ihr verzweifeltes Ringen nach Luft und die Todesangst in ihren Augen … und ihre eigene Hilflosigkeit. Ein Leben mehr, das sie verloren hatte.

Die Medizin hatte unbestreitbar enorme Fortschritte gemacht, dennoch blieb der Kampf gegen den Tod oft genug aussichtslos. Irgendwann musste sich jeder Mensch der eigenen Endlichkeit stellen.

Lisa erinnerte sich an Kohlmeyers Erwähnung von Vincent van Dyk. Er hatte den Kampf gegen den größten Feind des Menschen aufgenommen. Der Professor hatte ihr den Wissenschaftler auf der Sommerparty im Garten seines Hauses vorgestellt, einem Fest, das er alljährlich für die Mitarbeiter der Virchow-Klinik veranstaltete. Er mochte van Dyk für einen ehrgeizigen Träumer halten, der unweigerlich scheitern würde, Lisa dagegen war von ihm beeindruckt gewesen. Van Dyk war Mitte vierzig, wirkte aber zehn Jahre jünger. Er war schlank und durchtrainiert und besaß einen agilen, federnden Gang. Dazu ein Paar wacher eisgrauer Augen, dichtes blondes Haar und scharf geschnittene, asketische Gesichtszüge. Nicht nur seine äußere Erscheinung zog sie in ihren Bann, sondern auch seine Zielstrebigkeit und die Leidenschaft, mit der er seine verwegenen Ideen vertrat. Van Dyk hatte eine Vision, für die er entschlossen kämpfte. Er wusste, was er erreichen wollte, und ließ sich nicht von Nörglern und Pessimisten aufhalten.

Lisa hatte sich über ihn erkundigt. Sein Start-up-Unternehmen Kryotec hatte ein cleveres Verfahren entwickelt, mit dem Spenderorgane billig eingefroren und selbst nach einem Jahr Lagerung ohne Zellschäden wieder aufgetaut werden konnten. Damit hatte er eine medizinische Revolution ausgelöst und den Börsenwert von Kryotec ins Astronomische gesteigert. Die Kryonik gewann nicht nur in der Medizin immer mehr an Bedeutung. In den USA entwickelte sich ein völlig neuer Wirtschaftszweig. Kryonikfirmen verdienten Millionen damit, Verstorbene einzufrieren. Todkranke erhofften sich, dass die Ärzte sie eines Tages wieder zum Leben erwecken und heilen könnten, wenn Wissenschaft und Technik weit genug fortgeschritten sein würden. Ob van Dyk in diesem Geschäft mitmischte? Lisa fand die Vorstellung absurd. Andererseits … wenn es jemandem gelingen könnte, den Tod zu besiegen, dann hieß er Vincent van Dyk.

Sie bog von der Schnellstraße ab und durchquerte ein dichtes Waldgebiet. Der Regen prasselte mit unverminderter Wucht aus dem pechschwarzen Nachthimmel und verwandelte die Landstraße in einen Tunnel aus waberndem Licht, in dem Abermillionen funkelnde Wassertropfen explodierten. Angestrengt starrte sie zwischen den hin und her pendelnden Scheibenwischern hindurch, die die Fluten kaum bändigen konnten. Der Lichttunnel lenkte ihre Gedanken unweigerlich wieder auf die Patientin, die sie nicht hatte retten können. Das Zischen der Reifen auf dem regennassen Asphalt und das fugenlose Dunkel jenseits der Scheinwerferkegel vermischten sich mit den Bildern des sterbenden Mädchens. Vielleicht, wenn sie sich mehr angestrengt hätte, wenn sie noch mehr gekämpft hätte …

Lisa tastete nach dem Päckchen mit Traubenzucker in der Mittelkonsole, erwischte aber das Handy. Sie fuhr mit dem Daumen über das Display, suchte nach dem Button für die Taschenlampe und hatte kaum einen Blick für die Straße übrig.

Unerwartet tauchte aus den Regenschleiern ein Hindernis auf, das die rechte Fahrspur zur Hälfte blockierte. Eine Hand, Hilfe suchend ausgestreckt, der flüchtige Eindruck einer schwankenden Gestalt, dann wieder Dunkelheit. Sie riss das Steuer herum. Am Armaturenbrett flammte die Traktionskontrolle auf, als der Peugeot ins Schlingern geriet. Mit einem dumpfen Knall traf der Wagen auf Widerstand, rumpelte über ein Hindernis hinweg und kam nach zweihundert Metern zum Stillstand.

Hypnotisiert starrte sie auf die pendelnden Scheibenwischer, die Hände um das Lenkrad verkrampft. Niemals zuvor war sie in einen Unfall verwickelt gewesen, ihr Beruf brachte es mit sich, dass sie stets erst erschien, wenn ein Unglück bereits geschehen war. Erschrocken stellte sie fest, dass ihr Denken angesichts des Schocks ebenso blockiert war wie das jedes anderen Verkehrsteilnehmers. Sie hatte sich für abgebrüht und routiniert gehalten. Dass sie paralysiert hinter dem Steuer hockte, unfähig, eine Entscheidung zu treffen, verstörte sie zutiefst.

Mit zitternden Fingern stellte sie den Motor ab und drückte mechanisch auf den Schalter der Warnblinkanlage. Das rhythmische gelbe Blinken verlor sich nach wenigen Metern in der Dunkelheit. Das Waldstück kurz vor Weilburg war als Unfallschwerpunkt bekannt, kein guter Ort, um nach Traubenzucker in der Mittelkonsole zu suchen.

Wovor Kohlmeyer sie gewarnt hatte, war eingetreten. Schneller und folgenreicher, als er es hätte vorausahnen können.

Lisa stieß die Fahrertür auf. Der Regen spritzte vom Asphalt auf und durchnässte ihre Jeans. Sie klappte den Deckel des Handschuhfachs auf und holte eine Taschenlampe heraus. Dann stieg sie aus und lief zu der Stelle, wo es zur Kollision gekommen war. Nach hundert Schritten stieß sie auf rote Plastiksplitter und einen abgerissenen Außenspiegel. Am Rand der Fahrbahn lag ein Motorrad, die Wucht des Aufpralls musste die Maschine von der Straße geschleudert haben. Es stank nach Benzin, offenbar war der Tank aufgerissen worden.

Aber wo war der Fahrer? Sie erinnerte sich an den dumpfen Knall und das Holpern. Krampfhaft versuchte sie, die Ereignisse zu einem Gesamtbild zusammenzusetzen, und stellte bestürzt fest, dass sie sich nicht erinnern konnte. Da war kein Motorradfahrer gewesen, nur ein verschwommener Gegenstand auf dem Asphalt, die Ahnung einer Gestalt … die nun verschwunden war … nur ein Trugbild ihres überreizten Verstandes.

Der Lichtstrahl schnitt durch die Dunkelheit und enthüllte eine Spur aus Plastiktrümmern und zerfetzten Metallteilen. Langsam ging sie weiter und fand den Fahrer. Er lag quer zur Fahrtrichtung auf dem Bauch. Seine Füße steckten in Motorradstiefeln, auf dem zur Seite geneigten Kopf saß ein schwarzer Integralhelm. Der Jeansstoff seiner Hose war von der Hüfte abwärts verdreckt und zerrissen, das rechte Bein stand in einem unnatürlichen Winkel vom Körper ab. Überall war Blut, sehr viel Blut.

Lisa kniete sich neben den Verletzten, öffnete vorsichtig dessen Helmvisier und leuchtete in das bleiche Gesicht eines Jungen von höchstens neunzehn Jahren. Seine Augen waren geschlossen, ein Blutfaden rann aus seinem Mundwinkel, er atmete nicht. Sie kannte ihn, er hieß Jonah Grothe. Sie hatte sich vor einer Stunde mit ihm gestritten und ihn aus der Klinik geworfen.

2

Der Regen fiel durch das geöffnete Helmvisier und rann an den Wangen des Jungen herab. Es sah aus, als ob er weinte. Lisa verharrte in einer Schockstarre. Die Routine und die geübten Handgriffe der Notfallversorgung waren wie ausradiert, sie erinnerte sich an nichts, was sie gelernt hatte. Innerhalb einer Stunde hatte sie zwei Menschenleben ausgelöscht. Den Tod des Mädchens konnte sie widerwillig als boshaften Streich des Schicksals akzeptieren, aber nicht den Unfall, den sie aus Fahrlässigkeit, Selbstüberschätzung und Übermüdung verursacht hatte. Kohlmeyer hatte sie vor ihrer Hybris gewarnt. Zudem war sie mit dem Opfer in eine Auseinandersetzung verwickelt gewesen, die beinahe zu Handgreiflichkeiten geführt hatte. Jonah Grothe hatte als Praktikant in der Virchow-Klinik gearbeitet und Patientenakten gestohlen. Der Professor hatte auf eine Anzeige verzichtet, weil der Vater des Jungen einige Wochen zuvor nach einer Routineoperation wegen unerwarteter Komplikationen verstorben war. Jonah hatte genug durchgemacht.

Ihre eigene Zukunft wälzte sich wie eine schwarze Woge auf sie zu, so mächtig und dunkel, dass sie auf ihrem Weg alles verschlingen würde. Dass sie den Unfall aus Übermüdung verursacht hatte, war möglicherweise nicht ihr größtes Problem. Wenn die Polizei von dem Streit und Jonahs Anschuldigungen erfuhr, würde sie vielleicht sogar eine böswillige Absicht hinter dem Unfall wittern.

Lisa hatte die Opfer von rücksichtslosen Rasern nicht gezählt, die in der Notaufnahme unter ihren Händen gestorben waren. Stets hatte sie die Verursacher, die vom Unfallort flohen und sich nicht um die Folgen ihrer Gedankenlosigkeit kümmerten, scharf verurteilt. Doch plötzlich war nichts mehr wie zuvor, denn sie stand auf der anderen Seite. Sie zitterte und konnte nicht mehr klar denken, Schuldgefühle mischten sich mit der Angst vor den Konsequenzen. Sie trank so gut wie nie Alkohol, hatte aber am frühen Abend ein Aufputschmittel genommen, um die letzten Stunden ihrer hektischen und überlangen Schicht zu überstehen. Die Polizei würde ihr vermutlich eine Blutprobe entnehmen, vielleicht ein Drogenscreening machen, und Kohlmeyer würde aussagen, dass er sie vor der nächtlichen Fahrt gewarnt hatte. Dazu kam der Streit. Es ging jetzt nicht mehr nur um das Leben des Jungen. Es ging um ihre eigene Zukunft, die sie in einer einzigen Sekunde zerstört hatte. Niemand in der Virchow-Klinik konnte sich einen besseren leitenden Arzt als Kohlmeyer vorstellen, aber bei all seiner Fürsorge hatte er seine Prinzipien. Er würde sie entlassen, musste es unter Umständen sogar tun, um jeden Verdacht von seinem Haus fernzuhalten. Vielleicht würde man ihr die Approbation entziehen, es würde eine Untersuchung und ein Gerichtsverfahren geben, und am Ende ein Urteil wegen fahrlässiger Tötung. Die Folgen konnte sie noch gar nicht abschätzen.

Lisa stand auf, ihre Beine gehorchten ihr kaum. Sie hatte das Gefühl, ein anderer Mensch zu sein. Als wäre ein unbekannter Teil von ihr erwacht, der nun das Kommando übernahm und voller Panik auf den Peugeot zutaumelte, der mit eingeschalteter Warnblinkanlage am Straßenrand stand. Die fremde Stimme in ihr flüsterte, schrie und tobte und hämmerte ihr ein, dass dem Jungen nicht mehr zu helfen war. Dass sie sich selbst retten musste, ihre Karriere, ihre Zukunft. Sie erschrak zutiefst über die kriminelle Energie, die – aus Selbstschutz geboren – plötzlich in ihr aufstieg. 

Die Stimme raunte ihr unentwegt zu: „Er hat zu viel Blut verloren, sein Herzschlag hat ausgesetzt. Du kannst ihm nicht mehr helfen. Rette dein eigenes, noch ungelebtes Leben. Steig in den verdammten Wagen und hau ab!“

Noch war sie allein mit dem Toten, konnte alles ungeschehen machen, wenn sie vor der Welt und sich selbst leugnete, dass sie an dem Unfall beteiligt gewesen war. Menschen erlebten so tiefe Traumata, dass ihr Unterbewusstsein die Erinnerung daran unterdrückte, um nicht den Verstand zu verlieren. Vielleicht würden die Bilder dieser Nacht irgendwann verblassen oder ganz verschwinden. Vielleicht … wenn sie nicht Lisa Wegener wäre, die mit einem unbesiegbaren, habgierigen Gott um jedes Leben stritt.

Sie hatte den Peugeot erreicht, ohne sich zu erinnern, wie sie dorthin gelangt war. Ihr Handy lag in der Mittelkonsole. Abwesend steckte sie es in die Tasche ihres Arztkittels und ging um die Front des Wagens herum. Der rechte Kotflügel war eingedrückt und mit fremden Lackspuren beschmiert. Lisa fuhr mit dem Finger über die Schrammen und hörte das Blut in ihren Ohren rauschen. Da war noch eine zweite, leisere Stimme in ihrem Kopf, die darum kämpfte, gehört zu werden. Sie war Ärztin, es war ihre Aufgabe, den Jungen zu retten. Sie dachte an das viele Blut auf dem Asphalt. Ein Laie ließ sich leicht davon täuschen und würde glauben, dass jede Hilfe zu spät kam, aber sie wusste es besser. Sie musste es versuchen, sonst waren die vergangenen fünf harten Arbeitsjahre umsonst gewesen.

Lisa hob den Kopf und blickte zu der leblosen Gestalt hinüber. Zwei grelle Lichtfinger blendeten sie, ein Wagen näherte sich mit hohem Tempo. Es war zu spät.

Wie ein Computer, der nach einem Absturz wieder hochfährt, begann ihr Verstand zu arbeiten. Der schreckliche Augenblick der Versuchung, sich der Verantwortung zu entziehen, war vorbei. Plötzlich konnte sie nicht begreifen, wie sie hatte zögern können. Doch jetzt war nicht die Zeit für eine Selbstanalyse, sondern für schnelles Handeln. Tief in ihrem Inneren wusste sie, dass der Moment des Versagens sie noch lange verfolgen würde und dass ihr Verhalten ihr eine Höllenangst einjagte. Dass sie vielleicht nie wieder als Ärztin arbeiten könnte, weil sie gezögert hatte.

Sie öffnete den Kofferraum, nahm ihre Arzttasche heraus und lief zum Unfallort zurück. Als sie dort ankam, war der Fahrer des anderen Wagens bereits ausgestiegen. Zu ihrer Überraschung stand Vincent van Dyk vor ihr.

„Lisa. Was ist passiert?“

„Ich … ich weiß es nicht, ich kann mich nicht erinnern … da war ein Schatten … ein Schlag … und dann …“

Die Panik kehrte zurück, stärker diesmal, lähmend wie Gift. All die Jahre der Stärke schrumpften zu einem Augenblick zusammen und bedeuteten nichts mehr. Jetzt, wo sie nicht mehr allein war, hoffte sie plötzlich, dass van Dyk wusste, was zu tun war. Dass er auf wundersame Weise alles ungeschehen machen würde.

Er beugte sich über den Motorradfahrer. Lisa wurde bewusst, dass sie steif wie eine Puppe neben ihm verharrte, unfähig zu handeln.

„Helfen Sie mir“, sagte van Dyk.

Sie schämte sich für ihre Schwäche. Was war nur los mit ihr? Entschlossen, ihre Selbstkontrolle zurückzugewinnen, kniete sie sich auf den Asphalt, aber van Dyk kam ihr zuvor.

„Kümmern Sie sich um die Blutung“, sagte er.

„Aber …

„Beeilen Sie sich. Sonst verlieren wir ihn.“

Er begann mit einer Herzmassage und beatmete den Bewusstlosen. Lisa streifte ein Paar Latexhandschuhe über. Mit tausendmal geübten Bewegungen, die keiner besonderen Willensanstrengung bedurften, schnitt sie den Stoff der Jeans auf. Im Oberschenkel des Jungen klaffte eine tiefe Schnittwunde, die Beinarterie war zum Glück knapp verfehlt worden. Lisa legte einen Druckverband an. Verstohlen beobachtete sie van Dyk und bemerkte einen kaum verheilten Wundschorf auf den Fingerknöcheln seiner Hand, die Verletzung hatte durch seine Anstrengungen wieder zu bluten begonnen.

Er wusste, was er zu tun hatte, und kämpfte verbissen um das Leben des Verunglückten. Sie hätte es nicht besser machen können. Dass sie Jonah Grothe kannte, verschwieg sie. Von jetzt an musste sie sehr vorsichtig sein.

Trotzdem … ich bin schuld, wenn er stirbt, dachte sie

Van Dyk pumpte den Brustkorb des Jungen und blies ihm seinen Atem in den Mund.

„Komm schon, du schaffst das!“, keuchte er.

Plötzlich verkrampfte sich Jonah unter seinen Händen und zitterte.

„Sein Herz schlägt wieder.“

Er strich sich das nasse Haar aus der Stirn und sah sie triumphierend an. Lisa hatte das unheimliche Gefühl, dass er von ihrem Versagen wusste.

„Niemand wird davon erfahren“, sagte er, als hätte er ihre Gedanken gelesen.

„Ich weiß nicht, was Sie meinen.“

Sie konzentrierte sich auf den Bewusstlosen und untersuchte ihn rasch. Beide Beine waren gebrochen, vermutlich hatte er sich innere Verletzungen zugezogen. Sein Zustand war kritisch, aber sie konnte nichts mehr für ihn tun, bis ein Notarzt eintraf.

Sie brachten den Jungen, der noch immer ohne Bewusstsein war, in eine stabile Seitenlage. Van Dyk holte eine Decke aus seinem Wagen und breitete sie über dem Verletzten aus. Lisa rief in der Virchow-Klinik an und orderte einen Krankenwagen. Danach informierte sie die Polizei. Ruhelos wanderte sie hin und her und wartete.

Van Dyk war ihr gefolgt. „Ich sah die Panik in Ihren Augen. Sie wollten sich aus dem Staub machen.“

Sie fuhr wütend herum. „Das ist nicht wahr.“

„Wirklich nicht? Warum sind Sie dann zu Ihrem Wagen zurückgelaufen?“

„Ich habe mein Telefon geholt und die Arzttasche.“

Van Dyk deutete auf den Jungen. „Ich bin über Jonah Grothe im Bilde, auch über Ihren Ärger mit ihm.“

Lisa starrte ihn an. Wie viele wussten noch davon? Kohlmeyer sowieso, aber mit wem hatte der Junge noch darüber geredet?

„Von mir erfährt niemand etwas, auch die Polizei nicht“, sagte van Dyk.

Er ging zu seinem Wagen und streifte eine Warnweste über.

„Ich habe nichts zu verbergen“, rief Lisa.

„Nein, natürlich nicht“, antwortete er spöttisch. „Aber vielleicht wird die Polizei das glauben. Wir sollten die Unfallstelle absichern.“

Lisa biss sich auf die Unterlippe. Nicht einmal daran hatte sie gedacht. Verärgert über sich selbst lief sie zum Wagen und suchte nach dem Warndreieck. Sie riss es aus der Halterung im Kofferraum und bemühte sich vergeblich, es zusammenzustecken.

„Ich übernehme das, kümmern Sie sich um den Jungen.“

Van Dyk war ihr schon wieder nachgelaufen. Wütend schüttelte sie seine Hand ab, aber schließlich gab sie auf, warf ihm das Warndreieck zu und ging zu dem Bewusstlosen hinüber. In van Dyks Gegenwart fühlte sie sich unsicher und beging einen Fehler nach dem anderen, was sie noch mehr aufbrachte. Er dagegen strahlte eine Selbstsicherheit aus, die ihr auf die Nerven ging.

Die Minuten verstrichen quälend langsam. Sie hörte seine Schritte. Er hatte das Warndreieck aufgestellt und kehrte nun zurück.

„Es gibt keine Verbindung zwischen dem Rauswurf des Jungen und dem Unfall“, sagte Lisa.

„Mit ein bisschen Fantasie könnte man einen Zusammenhang konstruieren. Aber bis jetzt wissen ja nur wir beide davon. Und Kohlmeyer, aber der wird alles tun, um einen Skandal zu vermeiden. Und so wird es auch bleiben.“

Sie glaubte, in seinen Worten eine versteckte Drohung zu hören, aber wahrscheinlich war sie einfach nur hysterisch. Trotzdem, was würde van Dyk mit seinem Wissen wohl anfangen?

„Wie kommt es, dass Sie keine zwei Minuten nach dem Unfall hier eingetroffen sind?“, fragte sie.

„Nennen Sie es Fügung, ein Werk der Vorsehung.“

„An so einen Unsinn glaube ich nicht“, blaffte sie.

Blaulicht färbte die Regenschleier. Ein Notarztwagen näherte sich mit hohem Tempo und hielt an der Unfallstelle.

„Endlich“, rief Lisa erleichtert.

Zwei Sanitäter und Lisas Kollege Seidel begannen, den Motorradfahrer zu untersuchen, und hoben ihn vorsichtig auf eine Trage. Ein Streifenwagen hielt am Straßenrand, zwei Polizisten stiegen aus, einer der beiden sprach Lisa an. Er schien sichtlich genervt, weil er seine Frage zweimal wiederholen musste. Fahrig berichtete sie, was geschehen war. Noch immer konnte sie nicht begreifen, warum sie den Jungen übersehen hatte.

Ein Blitzlicht flammte auf, ein Beamter fotografierte ihren Peugeot, der andere baute einen starken Strahler auf und leuchtete die Straße aus. Die Sanitäter schoben die Trage in den Notarztwagen und schlugen die Hecktüren ein. Sekunden später raste der Wagen mit heulendem Martinshorn davon. Das Geschehen um sie herum erschien ihr plötzlich so unwirklich wie ein Albtraum, aus dem es kein Erwachen gab.

Uniformierte Polizisten bewegten sich um sie herum wie wabernde Schatten, die der Regen langsam auflöste.

„Wie lange brauchen Sie noch?“, fragte sie einen der Streifenpolizisten.

„Bis wir fertig sind.“

„Ich muss in die Klinik“, sagte sie, „alles ist besser, als hier nutzlos herumzustehen.“

„Der Junge wird gut versorgt. Sie dagegen stehen unter Schock und fahren nirgendwohin“, sagte der Polizist.

„Es geht mir gut.“

Im Aufblitzen des Blaulichts sah sie ihr eigenes Gesicht in der Heckscheibe des Polizeiwagens. Das schemenhafte Abbild strafte ihre Behauptung Lügen. Sie sah aus wie ein Gespenst, blass und durchscheinend, die Augen vor Schreck geweitet, die nassen Haare klebten an ihrem Schädel.

„Ich werde Sie fahren“, sagte van Dyk.

„Das ist nicht nötig.“

„Ich denke schon. Die Polizei wird Ihren Wagen beschlagnahmen.“

Sie fuhr herum. „Was? Wieso?“

Der Beamte nickte. „Der Wagen wird genau untersucht werden, um den Unfallhergang zu klären. Das dürfte auch in Ihrem Interesse sein. Außerdem brauchen wir eine Blutprobe.“

„Wozu?“

„Bei Unfällen mit erheblichen Personenschäden wird der Bereitschaftsstaatsanwalt eingeschaltet. Er ordnet in der Regel eine Blutprobe an, so auch in diesem Fall.“

Lisa ließ die Prozedur über sich ergehen, erlebte alles durch den Schleier des Schocks. Schließlich legte van Dyk seinen Arm um ihre Schulter und zog sie sanft fort. Sie ließ es geschehen. Es fühlte sich gut an, ihm die Führung zu überlassen. Sie konnte sich nicht erinnern, wann sie zum letzten Mal einem anderen Menschen vertraut und ihm die Kontrolle über einen Teil ihres Leben überlassen hatte, mochte er auch noch so unbedeutend sein. Mit jedem Schritt spürte sie, wie der Schock sie lähmte und von ihrem Körper Besitz ergriff. Der Wunsch, sich fallen zu lassen, wurde immer stärker. Als van Dyk ihr die Beifahrertür öffnete, wurde ihr schwindelig. Alles drehte sich um sie, ihr war kalt und sie zitterte wie in einem Fieberschub.

Er darf mich nicht so sehen. Niemand darf mich so sehen. Stumm wiederholte sie den Satz und sank in den Sitz, bevor ihre Beine unter ihr nachgaben.

„Bringen Sie mich bitte in die Virchow-Klinik“, sagte sie.

Van Dyk betrachtete sie stirnrunzelnd. Lisa wusste wenig über ihn, das meiste vom Hörensagen, und das, was ihr von der Begegnung auf Kohlmeyers Gartenparty in Erinnerung geblieben war. Van Dyk war Mitte vierzig und somit etwa zwölf Jahre älter als sie. Trotzdem sah er keinen Tag älter aus als fünfunddreißig. Er war beruflich erfolgreich, klug und durchsetzungsstark und schwamm im Geld. Viele Frauen mochten ihn attraktiv finden, aber Lisa hatte bisher keinen Gedanken an ihn verschwendet. In ihrem Leben war ohnehin kein Platz für einen Mann. Fühlte sie sich wegen des Altersunterschieds in seiner Gegenwart geborgen? Weil sie unbewusst in ihm den Vater sah, der sie viel zu früh verlassen hatte? Sie musste zugeben, dass er ihr gefiel. Seine sonnengebräunte Haut bildete einen tiefen Kontrast zu seinem hellblonden Haar. Über seinen Augenbrauen wölbte sich eine markante Knochenplatte, die seinem Ausdruck Entschlossenheit verlieh. Die Augen lagen tief in den Höhlen und hatten die Farbe von schmutzigem Eis. Mit seinen scharfen Konturen und der schmalen Nase besaß er eine herbe Schönheit. Er strahlte Ruhe und Besonnenheit aus, als könne er jede Gefahr meistern, gleich wie bedrohlich sie auch sein mochte.

Van Dyk ließ den Motor an. Lisa fror trotz des warmen Luftstroms aus den Heizungsdüsen.

„Ich bin überzeugt davon, dass der Junge von Ihren Kollegen bestens versorgt werden wird“, sagte er. „Was Sie jetzt brauchen, ist vor allem Ruhe.“

„Ich kann jetzt nicht allein sein und die Wände anstarren. Vielleicht kann ich ja helfen.“

„Sie bekommen immer, was Sie wollen, nicht wahr?“, fragte van Dyk.

„Es geht um das Leben eines Menschen, nicht um das, was ich gerne hätte.“

Er seufzte. „Ich schätze, ich kann Sie ohnehin nicht davon abhalten. Besser, ich fahre Sie.“

Sie ließen die Halogenstrahler und das Blaulicht der Einsatzfahrzeuge hinter sich und fuhren schweigend durch die Nacht.

„Sie sind sehr engagiert und zielstrebig“, sagte van Dyk nach einer Weile.

„Sie kennen mich doch überhaupt nicht. Alles, was Sie von mir wissen, ist die Tatsache, dass ich einen Menschen schwer verletzt habe, der deshalb vielleicht sterben wird.“

„Kohlmeyer ist eine Plaudertasche“, antwortete van Dyk. „Und er lobt Sie in den höchsten Tönen.“

„Was verbindet Sie mit dem Professor?“

„Wie haben gemeinsame geschäftliche Interessen. Ich bin oft in der Virchow-Klinik. Dort bin ich Ihnen ein paarmal begegnet, aber Sie schienen mich nicht wahrzunehmen. Offenbar sind Sie so vertieft in Ihre Arbeit, dass Sie zuweilen nicht bemerken, was um Sie herum vorgeht.“

„Soll das eine Anspielung auf meine Fahrlässigkeit sein?“

Er lächelte. „Aber nein. Ich meine es, wie ich es sage. Ich glaube, Sie sind mit Leib und Seele Ärztin. Ich mag es, wenn Menschen mit Leidenschaft in ihrer Arbeit aufgehen. Wenn jemand dem Jungen helfen kann, dann sind Sie es.“

Lisa schloss die Augen und verdrängte die Vorstellung, dass er tatsächlich sterben könnte. Ihr Bestreben war es, Leben zu retten, nicht, es zu zerstören. Wie sollte sie mit dieser Schuld leben?

Van Dyk bog in die Zufahrt der Klinik ein und stoppte vor dem Haupteingang. Sie hatte kaum bemerkt, wie die Zeit verging.

„Ich danke Ihnen“, sagte Lisa.

„Ich werde auf Sie warten.“

„Das ist nicht nötig. Ich habe sowieso schon viel zu viel von Ihrer Zeit in Anspruch genommen.“

Sie sprang aus dem Wagen, ohne eine Antwort abzuwarten, und lief durch den strömenden Regen auf das Hauptportal zu. Auf keinen Fall wollte sie van Dyk die Gelegenheit geben, irgendeine Form von Dank einzufordern. Der kurze Sprint half ihr, die Panik zurückzudrängen und einen klaren Kopf zu bekommen.

Lisa durchquerte die Eingangshalle und nahm den Lift in das Untergeschoss, in dem sich die Notaufnahme und die Operationssäle befanden. Von einer Krankenschwester erfuhr sie, dass Jonah bereits im OP war. Sie betrat den Waschraum und begann, sich auf einen chirurgischen Eingriff vorzubereiten. Die Tür zum Korridor öffnete sich, im Spiegel sah sie Dr. Ketz, der Schutzkleidung und Maske trug. Lisa schrubbte ihre Hände mit Desinfektionsmittel. Wenn sie doch nur das schreckliche Unglück ebenso einfach abwaschen könnte.

„Wie geht es ihm?“, fragte sie.

Die Schutzmaske verbarg Ketz‘ Mienenspiel.

„Was tun Sie denn hier?“ Seine Stimme klang dumpf durch die Maske.

„Ich werde Ihnen assistieren.“

„Ganz sicher nicht. Sie sind seit über zwanzig Stunden auf den Beinen, davon zwölf im OP. Außerdem waren Sie in den Unfall verwickelt, wie ich hörte.“

„Ein Grund mehr, um zu helfen.“

Ketz schüttelte den Kopf. „Sie sind doch völlig durch den Wind.“

„In dieser Klinik gibt es keine bessere Gefäßchirurgin.“

„Ich kann verstehen, dass Sie sich verantwortlich für den Patienten fühlen. Aber Sie zittern wie ein Junkie auf kaltem Entzug“, sagte Ketz.

Lisa drehte den Wasserhahn mit dem Ellenbogen zu. „Sie können mir den Zugang zum OP nicht verwehren.“

„Mein Team ist komplett. Wenn Sie unbedingt warten wollen, dann tun Sie es draußen.“

„Sagen Sie mir wenigstens, wie es um ihn steht.“

„Sein Zustand ist kritisch. Er hat sehr viel Blut verloren und außerdem eine seltene Blutgruppe, AB negativ.“

„Hatte er einen Ausweis dabei?“

„Ja. Wir bemühen uns, genügend Konserven zu besorgen. Neben den Frakturen hat er starke innere Blutungen, die wir so schnell wie möglich stoppen müssen. Und jetzt verlassen Sie bitte den OP-Bereich.“

„Lassen Sie mich assistieren.“

„Nein. Ich kann keine übermüdete Chirurgin gebrauchen, die im entscheidenden Moment die Nerven verliert.“

Er stieß mit dem Fuß die Tür auf. Lisa fügte sich. Nun konnte sie nichts weiter tun, als zu warten.

Sie betrat das Schwesternzimmer der Intensivstation und hockte sich auf einen Stuhl. Nach dreißig Minuten überfiel sie trotz der Anspannung eine bleierne Müdigkeit. Sie verließ das Zimmer und trat auf den Gang hinaus, um sich einen Kaffee aus dem Automaten zu ziehen. Die Milchglastür zum OP-Bereich öffnete sich quietschend. Im Durchgang zum Wartebereich tauchte ein dürrer alter Mann auf. Er trug eine vom Regen durchnässte Jacke, die ebenso grau war wie sein Gesicht. Er stützte sich auf einen Gehstock und humpelte auf Ketz zu, der aus dem OP kam. Der Chirurg sprach leise auf ihn ein. Seine Worte ließen die Gestalt des Alten schrumpfen. Er schwankte und sank, von Ketz gestützt, auf einen Stuhl. 

Ketz wandte sich an Lisa. „Tut mir leid. Er hatte zu viel Blut verloren. Durch die Hüftfraktur wurde die Arterie verletzt. Wir konnten ihn nicht retten.“ Ketz drückte ihre Schulter und eilte dann weiter in Richtung Waschraum.

Lisa starrte ins Leere, sie bemerkte den Alten nicht, bis er dicht vor ihr stand.

„Erst nahmen Sie mir meinen Sohn und jetzt meinen Enkel. Dafür werden Sie bezahlen.“

Lisa erwachte aus ihrer Starre. „Ich verstehe Sie nicht.“

„Sie werden bezahlen!“

Speicheltropfen des Alten trafen sie auf der Wange. Sie roch seinen schlechten Atem und sah die feinen roten Äderchen in seinen gelben Augen. Er musste mindestens neunzig sein und reichte ihr nur bis zur Schulter, entwickelte in seinem Schmerz aber ungeheure Kräfte. Er hob seinen Gehstock und begann, auf sie einzuprügeln.

„Hexe! Verfluchte Hexe!“

Lisa wich zurück. Das eisenbewehrte spitze Ende des Stocks sauste auf sie nieder und streifte ihr Ohr.

„Hören Sie auf!“

Der alte Mann dachte nicht daran. Er trieb sie vor sich her und schlug mit aller Kraft zu. Lisa schützte ihren Kopf mit den Armen und prallte mit dem Rücken gegen den Kaffeeautomaten. Der Alte zertrümmerte die Glasscheibe.

Plötzlich war van Dyk da. Er entwand ihm den Stock und baute sich schützend vor Lisa auf. Ketz trat auf den Gang hinaus, erfasste die Situation und rief nach Verstärkung. Zwei kräftige Pfleger brachten den Alten zum Lift.

„Wer war das?“, fragte van Dyk.

„Der Großvater des Jungen“, antwortete Lisa. „Sein Sohn ist vor sechs Monaten gestorben.“

„Hier in der Klinik?“

Ketz nickte. „Ein Unglück kommt selten allein. Alles in Ordnung mit Ihnen?“, fragte er Lisa.

„Ja, danke.“ Der Piepser des Chirurgen meldete sich. Er eilte in den OP-Bereich.

Lisa drehte sich zu van Dyk um. „Sie sind ja immer noch hier.“

„Ich habe versprochen, auf Sie zu warten.“

„Ich brauche keinen Babysitter.“

„Das nicht, aber einen guten Anwalt. Ich werde Ihnen einen besorgen.“

3

Jan Wolzow tastete mit geschlossenen Augen nach seinem Handy. Er stieß eine halb volle Bierflasche um, deren Inhalt sich über den MP3-Player und drei Fahndungsakten ergoss. Das Telefon schwamm auf einer Lache aus abgestandenem Weizenbier unter dem wackeligen Turm aus Kisten und Umzugskartons und jaulte dabei wie eine amerikanische Polizeisirene. Wolzow robbte von der Matratze, rutschte aus und brachte einen Bücherstapel zum Einsturz. Irgendwo zwischen Dickens und Steinbeck fischte er das Handy aus dem Durcheinander und meldete sich verschlafen.

Matuscheks Stimme quäkte aus dem Lautsprecher: „Wann schaffst du dir endlich einen Wecker an wie andere Leute auch?“

„Ich hab einen … irgendwo.“

Wolzow kniff in dem regengrauen Morgenlicht die Augen zusammen und suchte in dem Chaos nach dem Radiowecker. Er entdeckte ihn auf der Fensterbank neben der winzigen Küchenzeile. Das Display war erloschen, wahrscheinlich hatten die altersschwachen Batterien den Geist aufgegeben.

„Ich bin in zehn Minuten da.“

„He, ich bin …“

Er schaltete das Handy aus, warf es auf die Matratze und fuhr sich über die Bartstoppeln. An der Tür läutete jemand Sturm. Wolzow fluchte und öffnete. Matuschek winkte mit seinem Telefon und grinste. Seine kleinen Augen verschwanden dabei fast vollständig hinter den Fettwülsten seiner Hamsterbacken.

„Hattest du eine kurze Nacht?“

Dunkel erinnerte sich Wolzow an den gestrigen Abend. Obwohl er enge, mit Menschen vollgestopfte Räume hasste, hatte er sich dazu überreden lassen, Matuschek nach Dienstschluss in dessen Stammkneipe in der Limburger Altstadt zu begleiten. Schwammige Bilder eines Würfelspiels und eines hochprozentigen Zeugs, das sich Basaltfeuer nannte, geisterten durch seinen Kopf. Da er normalerweise keinen Alkohol trank, hatte der Schnaps eine verheerende Wirkung entfaltet. Wolzow stöhnte und rieb sich den Nacken.

Der fette Matuschek suchte sich einen Weg zwischen Kartons und abgelegter Kleidung zur Küchenzeile. Dort stellte er zwei Coffee-to-go-Becher und eine Papiertüte ab, aus der er einen Donut fischte und mit drei Bissen in seinem Mund verschwinden ließ.

„Ich sag dir, du bist zu dürr, Wolzow“, sagte er schmatzend. „Deshalb verträgst du keinen Alkohol. Wenn du im Westerwald heimisch werden willst, muss sich das ändern.“

„Wer behauptet, dass ich mich hier niederlassen will?“

Matuschek holte einen zweiten Donut aus der Tüte und biss genießerisch hinein. Er wischte sich ein paar Zuckerkrümel von seiner Jacke und sah sich um.

„Mensch, wie kann man in einer solchen Bude hausen? Wie lange bist du jetzt in Limburg? Ein halbes Jahr?“

„Sieben Monate und zwölf Tage.“

Wolzow sammelte seine Klamotten auf, tappte ins Bad und schaufelte sich kaltes Wasser ins Gesicht. Beim Gedanken an Matuscheks Vorliebe für Donuts und Schokocroissants wurde ihm übel. Aber den Kaffee konnte er gebrauchen.

Er stöberte in dem angelaufenen Spiegelschrank nach einer Kopfschmerztablette. Dann schlüpfte er in Jeans und T-Shirt und kehrte in den Wohnbereich des kleinen Appartements zurück. Matuschek hatte recht, das Zimmer sah aus wie der Abstellraum eines Messies. Da er nie vorgehabt hatte, länger in Limburg zu bleiben, hatte er es nicht für nötig befunden, sich wirklich einzurichten. Der größte Teil seiner Habe befand sich immer noch in diversen Umzugskartons und Koffern. Viel besaß er ohnehin nicht, denn er hasste jede Form von Ballast.

Wolzow schnappte sich einen Kaffeebecher, trank einen Schluck und blickte aus dem Fenster auf den Hof hinaus. Es regnete seit Wochen, und das im August.

„He, wo ist mein Pick-up?“, rief er über die Schulter.

„Der steht da, wo du ihn abgestellt hast, und verstopft die Altstadtgassen. Wir haben dich in ein Taxi gesetzt und dem Fahrer deine Adresse genannt. Er war nur schwer davon zu überzeugen, dass in diesem Gruselhaus jemand wohnt.“

„Ach, tatsächlich?“

Wolzow trank einen zweiten Schluck, langsam begann er sich besser zu fühlen. Aber an die nächtliche Taxifahrt hierher konnte er sich noch immer nicht erinnern.

Unten auf dem Hof erschien Emmy, seine Vermieterin, und spannte einen Regenschirm auf. Der Regen trommelte gleichmäßig auf das Blechdach der Mansardenwohnung über der Garage des baufälligen Gründerzeithauses. Zum Glück hatte die alte Emilia Wollbeck einen Narren an ihm gefressen und ihm das Appartement günstig überlassen. Emmy, wie er sie insgeheim nannte, hoffte wohl, in ihm nicht nur einen Mieter, sondern zugleich auch noch einen Wachmann, Gärtner und Gesellschafter gefunden zu haben. Sie fürchtete sich in dem leeren Haus, das abseits des kleinen Limburger Vororts Eschhofen in einem Waldstück lag. Außerdem war sie vom Verbrechen fasziniert und las jeden Krimi, den sie in die Finger bekam. Als sie erfuhr, dass Wolzow Polizist war, hatte sie ihn begeistert als Mieter akzeptiert.

Matuschek warf einen Blick auf seine Armbanduhr. „Herrje, wir müssen uns beeilen. Frenck hat schon zweimal angerufen.“

„Er soll sich gedulden.“

„Auf dem Revier sitzt ein Typ, der etwas von einem Mord und einem Unfall faselt. Du weißt doch inzwischen, wie Frenck tickt. Er hat keine Lust, sich das Gestammel anzuhören.“

Wolzow trank seinen Kaffee aus. Das Aspirin begann zu wirken, er fühlte sich besser und nahm ein Croissant aus der Papiertüte, bevor Matuschek ihm nichts mehr übrig ließ.

„Ein Mord?“, fragte er zwischen zwei Bissen.

„Wahrscheinlich hat der Alte nur zufällig gesehen, wie eine Nachbarin ihren Teppich entsorgt hat. Aber man kann ja nie wissen.“

Wenigstens versprach die Sache ein bisschen Ablenkung. In den vergangenen Wochen hatte Wolzow nichts weiter getan, als sich Luft zuzufächeln und Akten zu sortieren. Schließlich hatte er sich von Matuschek dazu überreden lassen, mit einem Zivilfahrzeug Streife zu fahren, weil im Villenviertel ein paar Gartenzwerge gestohlen worden waren. Auf diese Weise lernte er wenigstens die Stadt kennen und entkam dem nörglerischen Frenck.

Wolzow streifte einen verblichenen Armeeparka über, der für diese Jahreszeit zu warm war, aber immerhin hielt er den Regen ab. Er verspürte keine Lust, sich mit neuen Klamotten einzudecken. Es fühlte sich zu sehr danach an, sesshaft zu werden, und das war das Letzte, was er wollte. Matuschek drängte zur Eile. Während der Fahrt nach Limburg plapperte er unentwegt. Wolzow lehnte den Kopf an die Nackenstütze, schloss die Augen und stellte seine Ohren auf Durchzug.

Matuschek rutschte in seinen Sessel, schaltete den Tischventilator ein und hielt ihn sich vor die fleischige Nase. Trotz des Dauerregens war es schwül und drückend. Von den Lorbeerbüschen vor dem Fenster stiegen Dampfschwaden auf wie in einem Dschungel. Wolzow warf seinen Parka über den Garderobenhaken, verfehlte ihn jedoch knapp.

Der alte Mann, von dem Matuschek berichtet hatte, war dürr und vertrocknet wie eine halb verhungerte Saatkrähe, sein Gesicht wurde von einer Geiernase und mürrisch herabhängenden Mundwinkeln beherrscht. Er hockte auf dem Besucherstuhl neben den beiden Schreibtischen, die sie mit den Vorderseiten gegeneinandergeschoben hatten, und stützte sich auf einen knorrigen Gehstock. Ungeduldig beobachtete er, wie Wolzow die Spitze seiner Cowboyboots unter den Parka schob und ihn aufhob.

„Ich warte seit einer halben Stunde“, krächzte der Alte.

„Gut Ding will Weile haben. Was können wir für Sie tun?“, fragte Wolzow.

„Ich will, dass Sie den Mörder meines Enkels hinter Gitter bringen.“ Er unterstrich seine Forderung, indem er mit dem Stock auf den Boden pochte.

„Ups“, machte Matuschek.

Wolzow zog sich seinen Bürostuhl heran.

„Und Sie werden mir jetzt sicher auch verraten, wer ihn umgebracht hat.“

Der Alte beugte sich vor und blitzte ihn aus seinen gelben Augen an.

„Sie sollten das, was ich Ihnen zu sagen habe, ernst nehmen. Ich bin im Vollbesitz meiner geistigen Kräfte und weiß, wovon ich spreche. Ich hoffe, Sie sind gesund?“

„Glaub schon“, sagte Wolzow stirnrunzelnd.

Der Besucher lehnte sich wieder zurück. „Das hoffe ich auch für Sie, andernfalls könnten Sie das nächste Opfer sein.“

„Jetzt mal der Reihe nach. Sie heißen?“

„Pius Grothe.“

Wolzow kritzelte den Namen auf seine Schreibtischunterlage.

„Und wer ist Ihrer Meinung nach ermordet worden?“

„Mein Enkel, Jonah Grothe.“

„Welche Aussagen können Sie zum Tathergang machen?“

„Sie haben den Unfall doch aufgenommen. Aber ich sage Ihnen, es war Mord.“

Matuschek tippte mit zwei Fingern eine Anfrage in seinen Computer.

„Hab ihn. Grothe, Jonah. Er meint den Verkehrsunfall auf der L 320 in der Nähe von Weilburg vergangene Nacht.“

Der Alte deutete ein Nicken an.

Nun las auch Wolzow den Eintrag in der Datenbank und den Bericht der Beamten, die den Unfall aufgenommen hatten.

„Ich kann hier beim besten Willen keinen Anfangsverdacht für ein Verbrechen herauslesen“, sagte er. „Wie begründen Sie Ihre Annahme?“

„Jonah war gestern Abend in der Virchow-Klinik, um sich seine Papiere zu holen.“

„Papiere?“

„Er hat dort ein Praktikum absolviert und Dinge gesehen, die man vertuschen will. Es gab Streit, und sie haben ihn rausgeworfen.“

„Und Sie glauben, darum musste er sterben?“ Wolzow kippte seine Lehne zurück. „Ich will Ihnen ja gerne helfen, aber ein bisschen mehr müssen Sie schon auf den Tisch legen. Wenn jeder Streit tödlich enden würde, hätten wir eine Menge zu tun.“

„Nicht jeder, aber dieser.“

„Mit wem also hat sich Ihr Enkel gestritten?“

„Mit dieser Ärztin, Wegener heißt sie.“

Grothe lehnte seinen Stock an den Schreibtisch und öffnete umständlich eine abgegriffene, braune Aktentasche. Er legte einen Stapel Computerausdrucke auf den Tisch und ein Handy.

„Jonah hat mich angerufen, bevor er losfuhr.“

Er wischte über das Display und schien das Menü zu studieren. Wolzow streckte den Arm nach dem Telefon aus. Der Alte schloss seine knochigen Finger um Wolzows Hand und drängte ihn zurück. Er bemerkte überrascht, dass in dem Alten trotz seiner mageren Gestalt enorme Kraft steckte.

„Sie sollten mich nicht für senil halten“, zischte er. „Ich verstehe diese Technik gut genug, um sie zu benutzen.“

Matuschek verkniff sich ein Grinsen, stopfte sich ein Karamellbonbon in den Mund und beschäftigte sich wieder mit seinem Ventilator. Grothe fand die Mailbox und aktivierte sie. Eine jugendliche Stimme drang aus dem Lautsprecher.

„Wenn ich um Mitternacht nicht zu Hause bin, geh zur Polizei, Opa.“

„Jonah fühlte sich bedroht. Sie hat ihn umgebracht.“

„Worum ging es denn bei diesem Streit?“, fragte Matuschek.

„Mein Sohn, Jonahs Vater, starb vor sechs Wochen in der Virchow-Klinik nach einer Operation. Die Ärzte hatten zuvor gesagt, es wäre ein Routineeingriff. Zwei Tage später erlag er einer Lungenembolie. Jonah war überzeugt davon, dass mehr dahintersteckte“, erklärte Grothe.

„Und hatte er Beweise für seinen Verdacht?“, fragte Wolzow.

Der Alte kramte in seiner Aktentasche und legte ein Bündel Computerausdrucke auf den Tisch. „Er gab mir das hier zur Aufbewahrung.“

Wolzow blätterte die Seiten durch. Es waren Kopien von Patientenakten, die sich der Junge wahrscheinlich nicht auf legalem Weg beschafft hatte.

„All diese Menschen sind in dem Krankenhaus gestorben.“ Grothe pochte mit seinem Stock auf den Boden und löste damit bei Wolzow neue Kopfschmerzen aus.

„Also gut, ich werde mich mal in der Klinik umsehen“, sagte er. „Aber versprechen Sie sich nicht zu viel davon.“

„Ich weiß, was ich weiß.“

„Das glaube ich Ihnen gerne, und Sie können sicher sein, dass ein Unfall mit Todesfolge sehr genau untersucht wird. Aber um Ermittlungen in einem Tötungsdelikt aufzunehmen, brauche ich einen begründeten Anfangsverdacht. Wenn wir auf eine Spur stoßen, werden wir dem nachgehen.“

Der Alte hob ruckartig den Kopf. „Das ist alles?“

Wolzow zuckte mit den Schultern. „Was sollen wir Ihrer Meinung nach denn machen? Die komplette Belegschaft des Krankenhauses verhaften?“ Er hielt die Ausdrucke hoch. „Kann ich die behalten?“

„Ja.“

Langsam, steif wie eine Gliederpuppe, erhob sich der alte Mann. „Ich komme wieder.“

„Nicht nötig, wir melden uns bei Ihnen.“

Grothe stocherte mit seinem Stock in einer halb vertrockneten Birkenfeige herum. „Und geben Sie dieser Pflanze Wasser. Sie ist auf Sie angewiesen, also kümmern Sie sich gefälligst um sie.“ Damit verließ er das Büro.

Matuschek schüttelte sich. „Ich krieg ’ne Gänsehaut. Der Alte ist mir unheimlich.“

Wolzow nickte. „Ziemlich unangenehmer Bursche.“

„Meinst du, an der Geschichte ist was dran?“

„Keine Ahnung. Aber ich hab das Gefühl, der Alte wird uns noch eine Menge Ärger machen. Frenck ist der Boss, er soll entscheiden, womit wir unsere Zeit verplempern.“

Er wippte auf seinem Stuhl und blickte durch die Glasscheibe, die Frencks Büro von ihrem trennte. Der grauhaarige Kommissar saß hinter seinem Schreibtisch und tat so, als schaue er konzentriert auf seinen Bildschirm. Wolzow wusste inzwischen, dass Frenck die meiste Zeit döste und ab und zu planlos mit der Maus klickte, um den Anschein zu erwecken, als arbeite er. Auf eine merkwürdige Art verschwamm er mit dem Hintergrund. Alles an ihm war grau, das stoppelige Haar, seine von Nikotin vergilbte Haut und sein blassgraues Hemd. Wenn Wolzow sein Büro betrat, hatte er stets das Gefühl, in einen Schwarz-Weiß-Film zu geraten.

Er wandte sich seinem eigenen Bildschirm zu und las noch einmal das Protokoll der Unfallaufnahme. Jonah Grothe war nur neunzehn Jahre alt geworden. Die Unfallverursacherin hieß Lisa Wegener und arbeitete als Unfallärztin in der Virchow-Klinik. Er rieb sich die Bartstoppeln. Wenn man den vorangegangenen Streit bedachte, war das immerhin ein ungewöhnliches Zusammentreffen.

Die Kopien der Patientenakten steckten voller Fachchinesisch. Er quälte sich durch OP-Berichte und ärztliche Stellungnahmen und stutzte. Grothe hatte recht. Keiner dieser ehemaligen Patienten der Virchow-Klinik lebte noch. Alle waren während der Behandlung gestorben. Hatte der alte Mann am Ende doch keinen Unsinn dahergeredet?

Frenck schien inzwischen tatsächlich eingenickt zu sein, Matuschek klebte in seinem Sessel. Den Kopf in den Nacken gelegt, fächelte er sich Luft zu. Es war schwül und stickig im Büro, ihm fiel die Decke auf den Kopf. Es konnte nicht schaden, ein bisschen in dieser Klinik herumzuschnüffeln. Das erinnerte ihn daran, dass sein Pick-up noch in irgendeiner Altstadtgasse stand.

Er warf einen Blick auf den dösenden Matuschek. „Was hältst du davon, wenn wir uns diese Ärztin mal vornehmen?“, fragte er.

Der Dicke blinzelte träge. „Ich kann Krankenhäuser nicht ausstehen.“

„Dann wartest du eben im Wagen. Anschließend holen wir meinen Pick-up.“

„Von mir aus.“

Matuschek seufzte und stemmte sich aus seinem Stuhl hoch, Wolzow nahm seinen Parka von der Garderobe. Das war einer der wenigen Vorteile des Jobs in Limburg: Er konnte so ziemlich tun und lassen, was er wollte. Frenck zählte die Tage bis zu seiner Pensionierung, und Matuschek tippte am liebsten Berichte. Wolzow hingegen brauchte ab und zu das Gefühl, auf der Jagd zu sein.

4

Matuschek bog in die Zufahrt der Virchow-Klinik ein und stellte den Streifenwagen vor dem Haupteingang ab. Er murmelte etwas von Toilette und Kaffee und trollte sich. Wolzow wies sich an der Pforte aus und fragte nach Dr. Lisa Wegener. Die Angestellte hinter der Glasscheibe bat ihn zu warten. Die Hände in den Taschen seines Parkas vergraben, schlenderte er umher. Er mochte keine Krankenhäuser, der Geruch nach Desinfektionsmitteln, Bohnerwachs und Siechtum erzeugte ein unangenehmes Brennen in seiner Nase.

An der Längswand der Eingangshalle hingen Fotografien vom Klinikpersonal. Er suchte nach Lisa Wegener und entdeckte sie beim Team der Unfallchirurgie. Wolzow schätzte sie auf Anfang dreißig. Sie hatte ein schmales Gesicht mit gewölbten Brauen über einem Paar graugrüner Augen. Ihr dunkelblondes Haar trug sie schulterlang. Während die meisten anderen Angestellten entspannt oder gar fröhlich wirkten, schaute Lisa Wegener, als müsste man sie kitzeln, um sie zu einem Lächeln zu bewegen.

„Wie kann ich Ihnen helfen?“

Er fuhr herum. Vor ihm stand einer der größten Männer, denen er je begegnet war, eckig und schwer wie ein Panzerschrank. Seine sanfte Stimme stand in auffallendem Gegensatz zu seiner Erscheinung.

„Ich möchte Dr. Wegener sprechen.“

Der Riese reichte ihm die Hand, die Wolzow vorsichtig schüttelte.

„Professor Kohlmeyer, ich bin der Leiter dieser Klinik. Frau Dr. Wegener ist nicht anwesend. Wenn Sie mit mir vorliebnehmen möchten?“

Kohlmeyer führte ihn in ein helles Büro im Erdgeschoss. Großzügige Fenster wiesen auf einen kleinen Park mit Teich und Rosenbüschen hinaus. Die mit Regen vollgesogenen Blüten hingen schwer herab.

„Nehmen Sie doch Platz. Kaffee? Oder einen Tee?“, fragte Kohlmeyer.

Wolzow lehnte dankend ab und setzte sich auf einen Besucherstuhl vor dem Schreibtisch.

„Ich nehme an, es geht um den Unfall, der sich vergangene Nacht ereignet hat“, sagte der Professor.

„Indirekt.“

„Der Tod des Jungen hat Frau Dr. Wegener sehr mitgenommen. Ich empfahl ihr, eine Auszeit zu nehmen, bis die Sache geklärt ist.“

„Mich interessiert vor allem, was davor geschah“, sagte Wolzow.

Kohlmeyer schenkte sich Kaffee in eine große Tasse und nahm hinter seinem Schreibtisch Platz.

„Davor?“, fragte er.

„Einer Zeugenaussage zufolge kam es etwa eine halbe Stunde vor dem Unfall zu einem heftigen Streit zwischen Frau Dr. Wegener und dem Unfallopfer.“

„Davon ist mir nichts bekannt. Wo soll diese Auseinandersetzung denn stattgefunden haben?“

„Hier in der Klinik.“

Kohlmeyer trank bedächtig seinen Kaffee. Wollte er Zeit gewinnen, um sich seine Antworten genau zu überlegen?

„Gegen 22:15 Uhr hatte ich eine kurze Unterredung mit Frau Dr. Wegener“, sagte er, „eine Viertelstunde später hat sie die Klinik verlassen. Kurz vor elf kam es dann zu dem folgenschweren Unfall. Sie hatte also gar keine Zeit, sich zu streiten, was meinen Sie?“

„Ich weiß nicht, wie lange der Streit dauerte“, antwortete Wolzow. „Vielleicht waren es nur fünf Minuten. In welchem Zustand trafen Sie Frau Dr. Wegener an? War sie nervös oder erregt?“

„Nein. Höchstens ein bisschen überarbeitet, was nicht ungewöhnlich ist nach einem Tag in der Unfallaufnahme.“

„Wie lange dauerte ihre Schicht?“

„Da müsste ich nachsehen.“

„Tun Sie das. Aber ich werde Frau Dr. Wegener sowieso noch persönlich befragen. Sie sind darüber informiert, dass der Tote in Ihrem Haus ein Praktikum absolviert hat?“

„Ja, das bin ich“, antwortete Kohlmeyer.

„Dann können Sie mir sicher auch sagen, mit welchen Aufgaben er betraut war.“

Der Professor verschränkte seine spatelförmigen Finger ineinander und lehnte sich vor. „Er wollte Krankenpfleger werden. Unsere Praktikanten durchlaufen verschiedene Stationen und verrichten alle möglichen Hilfstätigkeiten, um den Betrieb kennenzulernen.“

„Und kommt es da öfter zu Streitigkeiten mit dem Klinikpersonal?“

„Nein, normalerweise nicht. Aber Jonah Grothe eckte überall an.“

„Gab es einen besonderen Grund dafür?“

„Er steckte seine Nase in Dinge, die ihn nichts angingen. Ich sah eine Zeit lang darüber hinweg, weil ich Verständnis für seine belastende Situation hatte.“

„Sie meinen den Tod seines Vaters?“, fragte Wolzow.

„Ja. Er starb drei Tage nach einem Routineeingriff an einer Lungenembolie. So etwas passiert äußerst selten, aber es kann bei jedem Eingriff zu Komplikationen kommen.“

„Jonah machte also die Klinik für den Tod seines Vaters verantwortlich?“

Der Professor nickte bedächtig. „Aber dazu bestand kein Anlass. Ich ließ ihn sogar die OP-Berichte einsehen, aber auch das überzeugte ihn nicht. Er suchte wohl einen Schuldigen und hoffte, ihn in der Belegschaft zu finden. Jonah Grothe befand sich in einer psychischen Ausnahmesituation. Ich kann mir vorstellen, dass dies vielleicht sogar zu dem Unfall führte, weil er den Kopf voll mit Verschwörungstheorien hatte. Aber das herauszufinden, ist Ihre Aufgabe.“

„Deshalb bin ich hier“, sagte Wolzow. „Er suchte also beharrlich nach Beweisen, um der Klinik einen Kunstfehler nachzuweisen. Stahl er deshalb Patientenakten?“

„Ah, Sie wissen es bereits. Ja, er steigerte sich in die Sache hinein. Aber es gibt kein dunkles Geheimnis in der Virchow-Klinik.”

Wolzow stand auf und schob den Besucherstuhl zurück.

„Okay, das war’s erst mal. Wo finde ich Frau Dr. Wegener?“

„In ihrer Wohnung vermutlich. Sie ist heute Morgen zum Dienst erschienen, aber ich habe sie nach Hause geschickt.“

„Sie halten sie für labil?“, fragte Wolzow.

„Keineswegs. Sie ist eine selbstbewusste, starke Persönlichkeit, die mit Stress umgehen kann, dazu eine hervorragende Unfallchirurgin – obwohl sie manchmal dazu neigt, sich zu viel Verantwortung aufzubürden. Gerade aus diesem Grund und weil sie mir als Mitarbeiterin und Kollegin wichtig ist, habe ich sie beurlaubt. Sie braucht jetzt Ruhe.“

„Sie wollen nicht, dass ich ihr auf den Zahn fühle“, sagte Wolzow.

„Im Gegenteil. Je schneller die Schuldfrage geklärt ist, desto besser. Ich frage mich nur, wonach Sie suchen. Es war ein tragischer Unfall, eine Verkettung unglücklicher Umstände, mehr nicht.“ Kohlmeyer lehnte sich in seinem Sessel zurück und verschränkte die Arme vor der Brust. „Sie glauben doch nicht etwa, dass hier eine Absicht im Spiel war? Dass Frau Dr. Wegener verhindern wollte, dass dieser Grothe die Klinik in einen Skandal hineinzieht?“

„Was denken Sie denn?“

„Dieser Verdacht ist grotesk.“

Wolzow schlenderte zur Tür. „Vielleicht. Oder auch nicht. Es kam immerhin zu einer Reihe von Todesfällen in der Klinik.“

„Wir liegen statistisch sehr gut im Rahmen. Die Qualität unseres Hauses unterliegt ständigen Kontrollen. Es gab niemals etwas zu beanstanden.“

„Bis jetzt“, sagte Wolzow.

„Wer leitet diese Untersuchung eigentlich?“, fragte Kohlmeyer.

„Ich.“

„Ich werde Ihren Vorgesetzten anweisen, mich auf dem Laufenden zu halten.“

„Wenn’s Ihnen Spaß macht.“

Er verließ das Büro des Chefarztes und kehrte ins Foyer zurück. Vor den gläsernen Schiebetüren blieb er stehen und folgte einer Eingebung. Er wandte sich an die Angestellte am Informationsschalter.

„Können Sie mir sagen, wer gestern Abend hier Dienst hatte?“, fragte er.

„Das war ich. Meine Arbeitszeit begann um 22 Uhr und endet gleich.“

„Eine ziemlich anstrengende Schicht“, sagte Wolzow.

„Normalerweise fange ich erst um Mitternacht an, bin aber für eine Kollegin eingesprungen.“

„Verlassen die Mitarbeiter die Klinik durch den Haupteingang?“

„Wenn sie nicht in der Tiefgarage parken, ja.“

„Auch Frau Dr. Wegener?“

Sie dachte kurz nach. „Ja.“

„Daran erinnern Sie sich so genau?“

„Ja, denn ich hatte meinen Dienst kaum angetreten, als ich Lärm aus der Cafeteria hörte.“

„Lärm?“

„Laute Stimmen, ein Streit anscheinend. Ich ging hin, um nachzusehen und für Ruhe zu sorgen. Es war ja schon nach zehn. Als ich durch die Glastür trat, stieß ich mit Frau Dr. Wegener zusammen. Sie hatte es sehr eilig.“

„Konnten Sie erkennen, mit wem Sie sich gestritten hatte?“

„Nein, aber Frau Dr. Wegener erschien mir sehr erregt. Sie bemerkte mich kaum.“

„Und dann verließ sie das Krankenhaus durch das Hauptportal?“, fragte Wolzow.

„Nein, später, das war gegen 22:30 Uhr.“

„Okay, danke.“

Wolzow ging nach draußen und zündete sich eine Zigarette an. Es regnete noch immer. Die Sache begann, ihn zu interessieren. Als Nächstes würde er dieser Ärztin einen Besuch abstatten. Er drückte die halb gerauchte Kippe in einem Sandeimer aus und spurtete durch den Regen auf den Streifenwagen zu.

„Und was nun?“, fragte Matuschek.

„Jetzt holen wir meinen Wagen. Du fährst in die Dienststelle zurück und sagst Frenck, dass ich eine Spur verfolge.“

„Und was machst du?“

Wolzow grinste. „Ich geh frühstücken.“

5

Das Knacken und Ächzen brechenden Eises weckte Lisa, begleitet vom Läuten einer unheimlichen Totenglocke. Mit einem leisen Schrei fuhr sie hoch und stieß gegen die Schneekugel auf dem Nachttisch. Seit ihrer Kindheit sammelte sie die Miniaturwelten, in denen die Zeit still zu stehen schien. Winzige, weiße Plastikflocken wirbelten in der klaren Flüssigkeit hoch und sanken wieder zu Boden. Vor Lisas Augen verhärteten sie sich zu einer undurchdringlichen Mauer aus Eissplittern.

Niemals zuvor war sie aus einem so lebensecht wirkenden Albtraum hochgeschreckt. Sie schloss die Augen und spürte den unwirklichen Bildern nach, Szenen voller Todesangst, in denen ein unsichtbarer Verfolger sie auf einem zugefrorenen Fluss jagte. Das Eis unter ihren Füßen brach und die Strömung zog sie in die Tiefe. Verzweifelt kratzte sie sich an dem milchigen Sargdeckel aus Eis die Fingerkuppen blutig und ertrank, nur um den Schrecken erneut zu durchleben. Der Traum erschien ihr geradezu prophetisch, obwohl sie nicht sagen konnte, warum.

Der sinnlose Tod des Jungen hatte sie wohl mehr erschüttert, als sie sich eingestehen wollte. Ihre Schuld ließ sich nicht so einfach verdrängen wie ein verlorener Kampf um das Leben eines Patienten. Sie war Ärztin und schenkte Leben, sie nahm es nicht. Darum versuchte ihr Unterbewusstsein, das schreckliche Geschehen auf den tiefen Ebenen ihrer Traumwelten zu verarbeiten.

Wieder erklang die Glocke, aber diesmal identifizierte Lisa sie als das harmlose Läuten der Türklingel.

Sie schlüpfte in eine Jogginghose und ein Sweatshirt und lief in die Diele. Als sie die Hand nach der Türklinke ausstreckte, verstummte der Gong. Sie öffnete die Wohnungstür, aber niemand war zu sehen. In dem grauen Zwielicht des regnerischen Morgens flammte die automatische Beleuchtung auf. Lisa steckte den Wohnungsschlüssel in die Hosentasche und trat auf den Treppenabsatz hinaus. Hinter ihr fiel zeitgleich mit der Haustür im Erdgeschoss die Wohnungstür ins Schloss. Sie blickte in den Treppenschacht hinunter, als ein leises Scharren sie herumfahren ließ. Bevor sie die Drehung vollendete, stieß sie jemand gegen das Geländer und drückte sie über die Brüstung.

„Fürchten Sie sich vor dem Tod? Wenn man so jung ist wie sie, ist er weit fort, nicht mehr als ein ferner Schatten am Horizont. Sie halten sich für unsterblich, was soll schon passieren, nicht wahr? Doch dann steht er plötzlich hinter Ihnen und legt seine kalten Finger um Ihren Hals. Jetzt haben Sie Angst, Frau Dr. Wegener. Geben Sie zu, Sie haben Angst!“

Lisa versuchte, sich zu befreien. „Lassen Sie mich los!“

Der alte Mann, der sie in der Klinik angegriffen hatte, hauchte ihr einen widerlichen Kuss auf die Wange. Er war so dicht bei ihr, dass sie die Adern in seinen gelben Augen und die trüben Pupillen sehen konnte. Unerbittlich drückte er sie weiter über das Geländer. Der Abgrund vor ihren Augen begann sich zu drehen und zog sie magisch an, sie geriet in Panik und rammte dem Alten den Ellenbogen in den Bauch. Er keuchte und spie Speicheltröpfchen auf ihre Wangen, ließ aber nicht los.

„Jonah hatte keine Angst vor dem Tod. Er war jung. Haben Sie Angst? Sagen Sie, dass Sie sich fürchten.“

„Hören Sie auf! Sie sind ja verrückt!“

Sie schlug nach ihm und traf ihn am Kinn. Er zischte wütend und verstärkte den Druck. Seine Fingernägel bohrten sich in ihre Haut, und sie spürte, wie ein feiner Blutfaden an ihrer Kehle herablief. Endlich gelang es ihr, ihn abzuschütteln.

„Hauen Sie ab, oder ich rufe die Polizei!“

„Sie werden sterben, so wie mein Enkel starb.“

„Verlassen Sie auf der Stelle das Haus!“

„Sterben! Schon bald!“

Lisa bemühte sich, die Tür aufzuschließen, aber sie zitterte so stark, dass sie den Schlüssel fallen ließ.

„Jonah wusste es. Er wusste alles. Und bald werde ich es auch wissen.“

„Wovon reden Sie?“

Der Alte näherte sich ihr wieder. „Der Tod ist weiß wie Schnee“, sagte er.

Lisa stieß ihn von sich, hob den Schlüssel auf und fummelte ihn endlich ins Schloss. Dann stürzte sie in die Wohnung und schlug die Tür hinter sich zu. Wegen Grothe musste sie etwas unternehmen. Es widerstrebte ihr, die Polizei einzuschalten, denn der alte Mann handelte aus Schmerz und Verzweiflung. Aber er hatte die Grenze zur Gewalt überschritten, und das durfte sie unter keinen Umständen tolerieren.

Die Türklingel läutete erneut, Lisa schrie vor Schreck leise auf. Glaubte Grothe wirklich, sie terrorisieren zu können? Sie musste ihm die Stirn bieten, hier und jetzt, und ihm zeigen, dass sie keine Angst vor ihm hatte. Wütend riss sie die Tür auf.

„Hauen Sie ab, oder ich sorge dafür, dass Sie in die geschlossene Psychiatrie eingewiesen werden!“

Vor ihr stand Vincent van Dyk. Er musterte sie mit einem zwiespältigen Blick, besorgt, verdutzt und zugleich leicht belustigt.

„Verzeihen Sie, wenn ich ungelegen komme“, sagte er.

„Was? Oh, nein, nein. Ich meinte nicht Sie … jemand hat an der Tür geklingelt … und dann war da plötzlich …“

Sie verstummte. Was stammelte sie da? Van Dyk musste sie für hysterisch halten. Verlegen fuhr sie sich durch das unfrisierte Haar und wurde sich ihrer Jogginghose und des viel zu großen Sweatshirts bewusst. Sie war nicht gerade overdressed, um Besuch zu empfangen.

„Tut mir leid, ich bin ein bisschen durcheinander. Der alte Mann war wieder da.“

„Grothe? Hat er Sie bedroht?“

Sie nickte. „Er hatte sich dort in der Nische neben dem Feuerlöscher versteckt und mich angegriffen, als ich aus der Wohnung kam. Ich hatte Angst, er würde mich die Treppe hinabwerfen. Zum Glück konnte ich ihn vertreiben. Er sieht aus wie ein gebrechlicher Greis, aber er ist sehr stark – und außerdem verdammt wütend auf mich. Ich befürchtete, er wäre zurückgekommen. Sie müssten ihm eigentlich noch begegnet sein.“

„Nein, ich habe niemanden gesehen.“

„Aber er ist erst vor wenigen Augenblicken nach unten gegangen. Sie müssen ihm begegnet sein.“

„Vielleicht hat er einen Hinterausgang benutzt.“

Verwirrt schüttelte sie den Kopf. „Das verstehe ich nicht. Auf jeden Fall ist Grothe gefährlich. Er macht mir Angst, ich schätze, ich muss etwas gegen ihn unternehmen.“

Van Dyk deutete auf die Kratzer an ihrem Hals. „Sie sollten das desinfizieren und außerdem die Polizei einschalten. Ich werde das für Sie übernehmen.“

Er zog ein Smartphone aus der Innentasche seines Sakkos. Lisas Verlegenheit schlug in Ärger um. Schon wieder tauchte van Dyk in einem Moment auf, in dem sie Hilfe brauchte, und übernahm sofort die Kontrolle über die Situation.

„Sie haben ein seltsames Talent für den falschen Augenblick. Was wollen Sie schon wieder?“

Er reichte ihr eine Visitenkarte. „Die Kanzlei Kronau & Sierks vertritt mich in allen Rechtsangelegenheiten. Ich habe mir erlaubt, den Sachverhalt kurz zu schildern und einen Termin für Sie zu vereinbaren.“

Sie schnappte nach der Karte. „Ich bin durchaus in der Lage, selbst zu telefonieren.“ Zögernd fügte sie hinzu. „Trotzdem … danke.“

Sie steckte die Visitenkarte ein und verschränkte abwehrend die Arme vor dem Körper.

„Ist noch was?“

„Ich gestehe, ich habe mir Sorgen um Sie gemacht, und wollte mich vergewissern, dass es Ihnen gut geht.“

Plötzlich wurde ihr klar, dass sich auch van Dyk die Nacht um die Ohren geschlagen hatte, trotzdem sah er aus wie aus dem Ei gepellt. Leise Schuldgefühle überfielen sie, weil sie ihn so angeblafft hatte. Oder legte er es genau darauf an – ihr schlechtes Gewissen auszunutzen, um sich ihr aufzudrängen? Sie war zu misstrauisch geworden. Vielleicht meinte es van Dyk auch ehrlich und ihm lag etwas an ihr. Wenn sie sich einmauerte, würde sie es nie herausfinden.

„Entschuldigen Sie, ich war unhöflich. Die ganze Sache zerrt an meinen Nerven, erst der Unfall, und nun der verrückte alte Mann. Kommen Sie doch herein … ich … ich weiß nicht, ob noch Kaffee da ist“, hörte sie sich sagen.

„Ich mache Ihnen einen besseren Vorschlag“, sagte er. „Haben Sie schon gefrühstückt?“

„Nein.“

„Ich kenne ein nettes kleines Café in der Altstadt unterhalb des Doms. Dort können wir eine Kleinigkeit essen und unsere Strategie besprechen.“

Sie strich sich das Haar aus der Stirn. „Welche Strategie?“

„Wie Sie mit möglichst wenigen Blessuren aus der Sache herauskommen.“

„Ich … muss mich erst mal … frisch machen. Außerdem sollte ich mich verarzten. Ich …“

„Keine Widerrede. Sie haben doch Jod und Heftpflaster im Haus? Ich werde inzwischen die Polizei anrufen.“

Sie bat ihn ins Wohnzimmer und verschwand im Bad. Während sie die Kratzer desinfizierte, begann sie sich zu ärgern. Einerseits mochte sie seine entschlossene Art, schnelle Entscheidungen zu treffen, anderseits hatte sie das Gefühl, dass er sie herumkommandierte.

„Lisa Wegener, du lebst schon viel zu lange allein“, sagte sie sich leise. „Wenn du so weitermachst, wirst du dich in eine alte Jungfer verwandeln, die jedem männlichen Wesen misstraut.“

Nachdem sie heiß geduscht hatte, fühlte sie sich besser. Sie zog eine helle Leinenhose und eine luftige Bluse an, denn trotz des regnerischen Wetters war es schwül und drückend. Mit Concealer überdeckte sie die Spuren der schlaflosen Nacht. Halbwegs mit ihrem Äußeren zufrieden, ging sie ins Wohnzimmer. Van Dyk stand vor ihrer Schneekugelsammlung.

„Faszinierend“, sagte er, „eine Sammlung von Welten.“

Lisa nahm eine der Kugeln in die Hand und schüttelte sie. „In ihnen ist immer alles in Ordnung. Es gibt keinen Schmerz und keinen Tod, niemand ist traurig.“

Er blickte sie nachdenklich an. „Was Sie erlebt haben, ist schwer zu verkraften. Dennoch halten Sie sich bemerkenswert, Sie sind eine starke Frau, Lisa.“

Sie stellte die Kugel zurück an ihren Platz. „Ich fürchte, vorhin habe ich keine so gute Figur gemacht.“

„Die Polizei wird sich um Grothe kümmern“, erwiderte er. „Es ist Zeit für einen Tapetenwechsel, das wird Sie auf andere Gedanken bringen.“

Van Dyk behielt recht, das Frühstück im Café am Domberg lenkte sie von ihren Grübeleien ab. Während vor den Fenstern der Augusttag grau und viel zu dunkel begann, war es im Gastraum hell und freundlich. Es duftete nach frischem Kaffee, Kakao und Rührei.

„Sollten Sie nicht lieber in Ihrem Büro sitzen oder sich um Ihre Stickstofftanks kümmern?“, fragte Lisa.

„Ah, Sie wissen über Kryotec Bescheid.“

„Kohlmeyer erzählte mir davon. Sie haben ein neues Verfahren entwickelt, um Spenderorgane zu konservieren, nicht wahr?“

„Weit mehr als das. Ich hoffe, bald eine Schneekugelwelt erschaffen zu können.“

Lisa rührte Milch in ihren Kaffee. „Das müssen Sie mir erklären.“

„Sie sagten, in Ihren Miniaturwelten gibt es keinen Schmerz und kein Leid. Das Ziel meiner Forschungen ist die Konservierung vollständiger Körper.“

„Sie glauben wirklich, das wäre möglich?“

„Wir werden den Tod besiegen und unsere Erben irgendwann jede Form von Leid. Ich möchte diese neue Welt kennenlernen, und die Kryonik bietet einen Weg dorthin.“

Sie trank von ihrem Kaffee. „Haben Sie sich da nicht ein bisschen viel vorgenommen?“

„Ich schaffe nur die Voraussetzungen dafür.“

„Indem Sie Leute einfrieren?“

„So würde ich das nicht nennen, aber es trifft den Kern der Sache. In fünfzig oder hundert Jahren wird die Wissenschaft heute noch unvorstellbare Dinge vollbringen. Ich möchte gerne daran teilhaben. Mit den Verfahren, die wir bei Kryotec entwickeln, hätte man den Jungen retten können.“

Lisa schüttelte den Kopf. „Ich kenne natürlich die gängigen Methoden, sie werden seit über vierzig Jahren angewendet. Aber Sie wissen so gut wie ich, dass die Zellstrukturen beim Einfrieren zerstört werden. Niemand weiß, wie man dieses Problem beim Auftauen lösen könnte.“

Van Dyk lächelte geheimnisvoll. „Die anderen kennen den Trick nicht, das stimmt.“

Lisa blickte ihn spöttisch an. „Und Sie wissen, wie’s geht?“

„Interessiert Sie die medizinische Forschung?“

„Ich wollte nach dem Studium in die Grundlagenforschung gehen, aber ich hatte keine Gelegenheit dazu. Irgendwann bin ich dann bei Kohlmeyer in der Ambulanz gelandet.“

„Wir haben vieles gemeinsam“, sagte van Dyk. „Sie retten Menschenleben, ich mache das Gleiche. Nur dauert es bei mir etwas länger. Ich könnte Ihnen eine Führung durch die Labors von Kryotec anbieten. Was halten Sie davon?“

„Ich denke darüber nach.“ Sie schaute eine Weile dem Regen zu. „Kohlmeyer hat mich beurlaubt. Ich fürchte, ich werde wegen dieser Geschichte meinen Job verlieren.“

„Nur wir beide wissen, was geschehen ist.“

„Die Polizei wird ein Drogenscreening durchführen. Ich habe Aufputschmittel genommen, um die Schicht durchzustehen.“

„Ein Grund mehr, die Angelegenheit der Kanzlei Kronau zu übergeben.“

„Ich bin schuld an dem Tod des Jungen, daran gibt es nichts zu rütteln.“

„Ich glaube, da irren Sie sich. Das Recht ist ein sehr dehnbarer Begriff. Ihr Strafmaß wird entscheidend von Details abhängen. Vertrauen Sie den Anwälten, sie wissen, was sie zu tun haben.“

„Ich will mich nicht mit advokatischen Winkelzügen freikaufen“, sagte Lisa.

„Was passiert ist, lag nicht in Ihrer Absicht. Sie werden Ihre Schuldgefühle nicht los, indem Sie in selbstzerstörerischer Weise Ihr Leben in Scherben schlagen. Es war ein tragischer Unfall, den wohl niemand hätte verhindern können.“

Sie trank ihren Kaffee aus. „Wie kommt es, dass ausgerechnet Sie in diesem Moment da waren?“

Er zuckte mit den Schultern. „Zufall, Schicksal. Suchen Sie sich etwas aus.“

„So, wie Sie das sagen, hört sich alles ganz einfach an.“

„Nein, leicht ist es niemals. Aber ich kann Ihnen eine Perspektive anbieten.“

„Welche denn?“

„Kommen Sie zu uns. Arbeiten Sie bei Kryotec mit. Ich biete Ihnen ein interessantes Arbeitsfeld. Sie können mithelfen, Methoden zu entwickeln, um Leben zu retten, viele Leben.“

„Ich bin keine Wissenschaftlerin.“

Van Dyk lächelte. „Wenn man Kohlmeyer glauben darf, sind Sie eine exzellente Ärztin. Sie haben einen wachen Verstand und sind offen für Neues. Einfach perfekt für Kryotec. Ich werde Ihnen zeigen, wie wir arbeiten.“

Er winkte der Bedienung, bezahlte die Rechnung und gab ein fürstliches Trinkgeld.

„Sie werden begeistert sein“, sagte er augenzwinkernd zu Lisa.

Sie näherten sich dem Ausgang. An einem der Tische bemerkte Lisa einen Mann in ihrem Alter. Der Gegensatz zu van Dyk hätte nicht größer sein können. Die Bügelfalten an van Dyks leichter Sommerhose waren messerscharf wie Skalpelle. Er war glatt rasiert, sein hellblondes Haar sauber gestutzt und er bewegte sich mit weltmännischer Sicherheit. Seine Schuhe erzeugten ein machtvolles Geräusch auf den Bodenfliesen. Mit perfekten Manieren hielt er Lisa die Tür auf.

Der Fremde, der gerade seine Tageszeitung zusammenfaltete, erhob sich von seinem Tisch, kramte in den Taschen seiner löchrigen Jeans nach Kleingeld und warf ein paar Münzen auf den Tisch. Trotz der Schwüle trug er einen zerschlissenen Armeeparka. Auf seinen Wangen spross ein Dreitagebart und seine Haare schrien nach einem Friseurbesuch. Und er kam direkt auf sie zu.

„Frau Dr. Wegener?“

Er hielt ihr einen Polizeiausweis unter die Nase. „Jan Wolzow, Kripo Limburg. Ich hätte ein paar Fragen an Sie.“

„Fragen?“, kam ihr van Dyk zuvor.

„Wer sind Sie?“, fragte Wolzow.

„Vincent van Dyk. Diesen Namen sollten Sie sich merken.“

„Ich hab ein schlechtes Gedächtnis“, antwortete Wolzow grinsend.

„Was wollen Sie?“, fragte Lisa.

„Es geht um den Unfall vergangene Nacht.“

„Der wurde doch von Ihren Kollegen aufgenommen. Sagen Sie mir lieber, wann ich mein Auto zurückbekomme.“

„Sie werden benachrichtigt. Warum haben Sie uns verschwiegen, dass Sie das Unfallopfer kannten?“

„Niemand hat mich danach gefragt. Spielt das denn eine Rolle?“

„Vielleicht. Es gibt Zeugen, die einen Streit zwischen Ihnen und Jonah Grothe unmittelbar vor dem Unfall beschreiben.“

„Was soll das werden?“, mischte sich van Dyk ein. „Wollen Sie Frau Dr. Wegener etwa eine Tötungsabsicht unterstellen?“

„Ich will nur wissen, was passiert ist“, sagte Wolzow. „Können Sie den Streit bestätigen?“

„Ich habe ihn lediglich darauf hingewiesen, dass Professor Kohlmeyer ihm Hausverbot erteilt hat“, antwortete Lisa.

„Die Empfangsmitarbeiterin der Virchow-Klinik sagt etwas anderes aus. Sie spricht von einer heftigen Auseinandersetzung.“

„Sie brauchen nicht zu antworten“, sagte van Dyk.

„Hat Sie jemand gefragt?“, sagte Wolzow.

„Sie sollten sich lieber um den Großvater des Jungen kümmern. Der Alte ist gemeingefährlich.“

Wolzow zog fragend die Augenbrauen hoch.

„Er hat Frau Dr. Wegener bereits zum zweiten Mal angegriffen und diesmal auch verletzt.“

„Keine Angst, das klären wir.“

„Das will ich hoffen.“

Van Dyk bot Lisa seinen Arm, den sie irritiert annahm.

„Von jetzt an wird Frau Dr. Wegener Ihre Fragen nur noch in der Gegenwart eines Anwalts beantworten. Einen schönen Tag noch.“

„Ich kann sie auch vorladen“, rief Wolzow.

„Tun Sie, was Sie nicht lassen können. Für eine Terminvergabe wenden Sie sich bitte an die Kanzlei Kronau & Sierks.“

Lisa wollte etwas erwidern, aber in ihrer Kehle steckte ein klebriger Pfropfen. Sie brachte kein Wort heraus. Auf eine ungewohnte Weise war sie erleichtert, dass van Dyk alles für sie regelte … und wie er es regelte, entschlossen, durchsetzungsstark, mit einer natürlichen Autorität. Es fühlte sich gut an, so, als hülle er sie in eine warme Decke. Normalerweise hätte sie niemals zugelassen, dass sich ein anderer in ihre Angelegenheiten mischte, noch dazu ein Mann, den sie kaum kannte. Aber zu ihrer eigenen Überraschung ließ sie es geschehen. Ihr war leicht schwindelig, ihre Beine verwandelten sich in Gummistempel. Eine Zeit lang hatte sie eine Gruppe von Burn-out-Patienten betreut, weil Kohlmeyer sie darum gebeten hatte und sie ihm nichts abschlagen konnte. Sie kannte die körperlichen Symptome sehr genau, die einen Zusammenbruch ankündigten. So fühlte es sich also an, wenn die Seele streikte. Ihr war, als ob ein bösartiger Troll alle Kraft aus ihr heraussaugte, bis nur noch eine Hülle übrig blieb, die lediglich laufen und atmen konnte. Wie durch einen Nebel hindurch hörte sie, dass der Polizist etwas von 16 Uhr sagte und van Dyk den Namen Kronau erwähnte. Dann stand sie plötzlich auf der Straße. Um sie herum drehte sich die Silhouette der Altstadt, sie schwitzte aus jeder Pore wie bei einem Fieberanfall.

„Lisa? Geht es Ihnen nicht gut?“

„Ich bin okay … es ist nur … einen Moment.“ Ihr wurde schwarz vor Augen.

6

Lisa konnte sich nicht daran erinnern, wie sie von dem Café zu van Dyks Wagen in der Tiefgarage am Fuß des Dombergs gelangt war. Kühle Luft streichelte ihr Gesicht und vertrieb die unerträgliche Schwüle. Sie hörte Schritte, jemand stellte ein Glas mit einer klaren Flüssigkeit vor sie hin.

Aufgeschreckt richtete sie sich auf, Leder knirschte unter ihren Händen.

„Wo bin ich?“

Van Dyk lächelte. „In meinem bescheidenen Zuhause. Sie waren ein bisschen weggetreten. Bei diesem Tropenwetter spielt der Kreislauf schnell verrückt. Sie sollten darauf achten, viel zu trinken.“

Sie fuhr sich mit der Hand über die Augen und warf einen Blick auf ihre Armbanduhr. Es war Viertel vor zwölf. An die vergangenen anderthalb Stunden erinnerte sie sich nur bruchstückhaft.

„Das … das ist mir noch nie passiert. Wie bin ich hierhergelangt?“

„Kein Grund zur Beunruhigung. Ich habe mir erlaubt, Sie ins Haus zu tragen.“

Sie griff nach dem Glas und trank. Das eiskalte Wasser belebte sie.

„Ich danke Ihnen für Ihre Hilfe, aber ich will nicht noch mehr von Ihrer Zeit in Anspruch nehmen.“ Lisa erhob sich von der Ledercouch, auf der sie offenbar die letzte Stunde verbracht hatte. Erleichtert stellte sie fest, dass sie sich besser fühlte.

„Dr. Kronau wird Sie um Viertel vor vier abholen und zum Kommissariat begleiten“, sagte van Dyk. „Ich habe bereits alles arrangiert.“

Der Polizist! Hätte van Dyk den Termin nicht erwähnt, hätte sie die Vorladung völlig vergessen.

„Ich brauche keinen Anwalt.“

„Sind Sie sicher?“

„Ja.“

„Ich habe den Jungen nicht absichtlich überfahren. Danke für Ihr Angebot, aber ich komme allein klar.“

Meinte sie das wirklich? Alles in ihr schrie danach, es van Dyk zu überlassen, die Dinge zu regeln. Andererseits fürchtete sie sich davor. Seit ihrem dreizehnten Lebensjahr war sie ohne fremde Hilfe klargekommen, und das würde sie auch diesmal. Für die Gerichtsverhandlung würde sie einen Rechtsbeistand brauchen, aber den würde sie sich selbst besorgen. Sie schloss die Augen, lehnte den Kopf an die Polster und genoss die erfrischende Kühle. Nur einen kurzen Augenblick.

„Wie fühlen Sie sich?“, fragte van Dyk.

Müde, dachte sie. „Gut“, antwortete sie.

Sie blickte sich um. Das große Wohnzimmer war geschmackvoll eingerichtet, die Längswand raumhoch verglast. Dahinter erstreckte sich ein Garten, in dem üppige Bougainvillea und Azaleen blühten. Im Talgrund hinter dem gepflegten Grundstück glitzerte das blaue Band der Lahn. Die Wege und Rasenflächen schienen in der gleichen Weise angelegt worden zu sein wie das Haus – kühl, exakt uns streng geometrisch.

Ein breiter Rundbogen trennte den Wohnraum von einem Durchgang ab, der zu einer achteckigen Eingangshalle führte, in der man hätte Tennis spielen können. Im ihrem Zentrum plätscherte ein großer Springbrunnen. Wasser benetzte eine raffiniert beleuchtete Skulptur aus Kristallglas. Sie symbolisierte eine Schneeflocke, das Firmenlogo von Kryotec.

Und diesen Palast nannte van Dyk bescheiden? Das Haus musste ein Vermögen gekostet haben. Selbst Kohlmeyer lebte dagegen in einer Hütte.

Dennoch mochte sie das Haus nicht. Es wirkte steril und künstlich. Es gab keine Farben, nur schwarze Türrahmen, kalkweiße Wände und einen spiegelglatten Marmorboden. Nun, es brauchte sie nicht zu kümmern. Sie würde es ohnehin nie mehr betreten.

„Wenn Sie mir ein Taxi rufen, bin ich in ein paar Minuten verschwunden. Ich habe Ihnen schon viel zu viel Ärger bereitet“, sagte sie.

„Sie fallen mir nicht zur Last, Lisa. Ganz und gar nicht.“

Er betrachtete sie eine Weile schmunzelnd. Lisa begann sich zu ärgern. Sie kam sich vor wie ein Kind, das etwas angestellt hatte. Schließlich schien er nachzugeben.

„Wie Sie wollen. Ich werde Sie zu Ihrer Wohnung fahren. Vielleicht war es ein Fehler, Sie hierherzubringen. Aber es erschien mir am besten. Sie waren ein bisschen … verwirrt.“

Sie antwortete nicht und durchquerte die Halle. Auf der anderen Seite lag eine Art Windfang und dahinter die Haustür. Sie versuchte sie zu öffnen, aber sie war verschlossen.

„Warten Sie.“

Er eilte ihr nach und zog eine Codekarte durch den Leseschlitz eines elektronischen Bedienfelds.

„Alles in diesem Haus funktioniert nur auf meinen Befehl … oder auf Ihren, wenn Sie es wünschen. Es ist ein Wunderwerk der modernen Technik. Wenn Sie es erst näher kennen, werden Sie begeistert sein.“

Die Orientierungslosigkeit, die sie überwunden geglaubt hatte, kehrte zurück, stürzte sie in eine alles verschlingende Dunkelheit und mündete in einem Panikanfall. Lisa hatte nie zuvor etwas Vergleichbares erlebt. Sie hatte das Gefühl, als ob das seltsame Haus, das aussah, als hätte ein Riese mit Bauklötzen gewürfelt, sie nicht gehen lassen wollte. Von der Halle zweigten mehrere Korridore ab, die sich in den schneeweißen Wänden wie drohende schwarze Mäuler öffneten, um sie zu verschlucken. Das Haus weckte in ihr die irrationale Angst, beobachtet zu werden. Vielleicht trog sie ihr Gefühl ja auch gar nicht. Van Dyks Faible für Elektronik hatte ihn womöglich dazu getrieben, versteckte Kameras und Sensoren zu installieren, die jeden seiner Wünsche sofort erfüllten.

In dem Bedienfeld erklang ein Piepton, die Haustür summte und sprang einen Spalt auf. Lisa stürzte ins Freie und schnappte nach Luft. Falls van Dyk ihre Panik spürte, ließ er sich nichts anmerken. Er plauderte über ein Sicherheitssystem, das er selbst entworfen hatte und das sich noch in der Testphase befand, aber sie hörte ihm nicht zu.

Er wendete den schwarzen Porsche Cayenne, den er in der Einfahrt vor dem Haus geparkt hatte, stieg aus und öffnete ihr die Beifahrertür. Sie stiegen ein, dann steuerte er den Wagen auf die Straße. Lisa warf einen Blick auf das Haus. Was sie im Innern vermutet hatte, bestätigte sich auch von außen. Die hypermoderne Villa bestand aus Würfeln und Kuben, die an ein Gemälde von Piet Mondrian erinnerten. Es war ein fremdartiger, kalter Entwurf, der ihr Unbehagen bereitete.

Die Fahrt zu ihrer Wohnung dauerte zwanzig Minuten und verlief größtenteils schweigend. Lisa war ganz damit beschäftigt, ihre immer wieder aufbrodelnde Panik niederzuringen. Nie zuvor hatte sie eine so unbestimmte Furcht und Kraftlosigkeit empfunden. Dass ihr Körper nicht mehr richtig funktionierte und sich ihrer Kontrolle entzog, schürte die unterschwellige Angst noch. Ihr Leben geriet aus den Fugen und es schien nichts zu geben, was sie dagegen tun konnte.

Kurz darauf stand sie allein in ihrer Wohnung. Vage erinnerte sie sich daran, dass van Dyk sie zum Essen eingeladen und sie zugesagt hatte, obwohl sie sich gar nicht dazu in der Lage fühlte.

Seit sie vor vier Jahren in der Virchow-Klinik ihren Dienst angetreten hatte, war sie nicht einen Tag krank gewesen. Kohlmeyer hatte mehr als einmal Bemerkungen über ihre eiserne Gesundheit und ihr Stehvermögen gemacht. Beides war plötzlich nicht mehr vorhanden. Die Schuld an dem Tod des Jungen zog ihr den Boden unter den Füßen weg.

Sie ging ins Bad und durchsuchte den Spiegelschrank über dem Waschbecken. Neben dem starken Schlafmittel Zopiclon, das sie ab und zu nahm, stieß sie auf ein Aufputschmittel. In der angebrochenen Packung steckten nur noch drei Tabletten. Erst jetzt wurde ihr klar, wie viele von den Dingern sie in letzter Zeit genommen hatte. Abends konnte sie oft ohne chemische Hilfe nicht mehr abschalten, und am Morgen brauchte sie eine Starthilfe, um bei einem neuen Wettlauf gegen den Tod antreten zu können. Nach kurzem Zögern schluckte sie eine weitere Pille und spülte sie mit einem Schluck Wasser hinunter. Sie befand sich in einer Ausnahmesituation, also redete sie sich ein, dass sie auch zu außergewöhnlichen Mitteln greifen durfte.

Sie schloss den Spiegelschrank, studierte ihr blasses Gesicht, die flackernden Augen und die dunklen Ringe darunter und wusste, dass sie sich etwas vormachte. Sie begann, die Kontrolle zu verlieren; über ihren Medikamentenkonsum und ihr Leben.

Zwei Stunden später stieg sie vor der Polizeidirektion aus einem Taxi. Sie war sich nicht mehr sicher, welche Uhrzeit der Polizist ihr genannt hatte und ob van Dyk etwas anderes arrangiert hatte. Der Anwalt, den er engagieren wollte, hatte sich bisher nicht gemeldet. Sie würde die Angelegenheit ohnehin allein regeln, van Dyk hatte sich bereits viel zu sehr in ihr Leben gedrängt.

Über seine Motive rätselte sie noch immer. Vielleicht wollte er sie mit seinem Einfluss und seinem Auftreten beeindrucken, vielleicht ihr aber auch nur helfen, weil er ein aufrichtiges Interesse an ihr hatte.

Der endlose Regen legte eine Pause ein, als sie die Stufen zum Polizeirevier hinaufstieg. Der Himmel zog sich langsam mit einem Wolkengespinst zu, ein neues Gewitter kündigte sich an. Es war drückend schwül. Stumpfes Sonnenlicht spiegelte sich in den Fensterscheiben und erzeugte gleißende Reflexe. Lisa wandte die Augen ab.

Im Schlagschatten einer Toreinfahrt auf der anderen Straßenseite bemerkte sie eine rasche Bewegung. Ihr Herz schlug schneller. Seit der Auseinandersetzung mit dem alten Grothe hatte ihre nervöse Gereiztheit eine neue Stufe erreicht. Selbst das Wechselspiel von Licht und Schatten erschreckte sie inzwischen. Ein Keil aus Sonnenlicht wanderte über den dampfenden Asphalt und kroch in den düsteren Torweg. Das faltige Gesicht des alten Mannes tauchte aus dem Dunkel auf. Er starrte sie an, bemerkte dann aber, dass sie ihn gesehen hatte, und zog sich wieder in die Schatten des Torwegs zurück. Das flirrende Sonnenlicht, der vom erhitzten Straßenteer aufsteigende Wassernebel und die bodenlose Dunkelheit der Toreinfahrt vermischten sich zu einem surrealen Bild.

Sie fuhr mit den Fingerspitzen an ihrem Hals entlang. Die Kratzer pochten und schmerzten und erinnerten sie an die Gefahr, die von dem alten Mann ausging. Der Verlust seines Enkels schien ihn um den Verstand gebracht zu haben. Vielleicht sah er keinen Sinn mehr in seinem Dasein, das sich ohnehin dem Ende entgegenneigte, und hatte beschlossen, die Rache zu seinem einzigen Lebensinhalt zu machen. Er würde sie nicht mehr in Ruhe lassen, würde sie verfolgen und quälen, bis er am Ziel war. Aber was war sein Ziel? Wollte er ihr Angst einjagen, sie in den Wahnsinn treiben? Oder die Schuldgefühle nutzen, die sie plagten, um sie zu einer Verzweiflungstat oder einem Geständnis zu treiben? Hatte Jonah tatsächlich Hinweise darauf gefunden, dass in Kohlmeyers Klinik nicht alles korrekt zuging?

Sie drehte sich um, drückte einen Flügel der Eingangstür auf und betrat das Foyer. Ihr Herz schlug schmerzhaft gegen ihre Rippen, das Blut rauschte in ihren Ohren. Sie hatte sich für stark gehalten, für eine Persönlichkeit, die jedes Problem allein löste, aber sie hatte nicht mit der Angst gerechnet. Sie kam unerwartet, aber so heftig, dass sie nicht mehr klar denken konnte.

Zerstreut erklärte sie dem Beamten hinter dem Schalter, dass sie erwartet wurde, und nannte ihm ihren Namen. Kurz darauf erschien Wolzow. Er trug löchrige Jeans und ein kariertes Holzfällerhemd, dessen Ärmel er hochgekrempelt hatte, und begrüßte sie mit Handschlag.

„Er ist wieder da, er verfolgt mich“, sagte sie.

„Wer? Der alte Grothe?“

Sie nickte heftig. „Er steht auf der anderen Straßenseite in der Toreinfahrt.“

„Warten Sie hier.“

Wolzow lief nach draußen. Lisa sah, wie er die Straße überquerte und in dem Torweg verschwand. Nach drei Minuten tauchte er wieder auf und kam zurück.

„Haben Sie ihn erwischt?“, fragte sie.

„Nein. Sind Sie sicher, dass er dort stand? In dem Hof gibt es keinen zweiten Ausgang.“

„Er war da. Grothe hat mich schon in der Unfallnacht angegriffen, und heute Morgen hat er mir vor meiner Wohnung aufgelauert.“

„Okay, kommen Sie erst mal in mein Büro.“

Er führte sie an einer Glasfront vorbei, hinter der mehrere Büros lagen, und bat sie in den letzten Raum. Zwei Schreibtische waren mit den Kopfseiten gegeneinandergeschoben worden, in einer Ecke fristete eine halb vertrocknete Birkenfeige in einem Tontopf ihr Dasein. Es war heiß und stickig. Ein altersschwacher Ventilator sollte dazu dienen, den Mief zu vertreiben. Einer der Plastikflügel war verbogen und schlug rhythmisch gegen das Gittergehäuse.

„Tut mir leid, aber die Klimaanlage ist ausgefallen“, sagte Wolzow. „Wer wusste von Ihrem Termin hier im Präsidium?“

„Niemand außer van Dyk. Der alte Mann ist gefährlich, vielleicht verrückt.“

„Ich teile Ihre Einschätzung. Er war hier und verhielt sich ziemlich aggressiv. Wir kümmern uns um ihn.“

Wolzow blätterte in einem Stapel Computerausdrucke und zog einen dünnen, blauen Pappordner aus dem Durcheinander auf seinem Schreibtisch hervor. Jemand hatte mit ungelenken Buchstaben Jonah Grothe auf den Deckel geschrieben.

„Wann kann ich meinen Wagen wiederhaben?“, fragte Lisa.

Wolzow studierte die Akte. „Weiß ich nicht. Wenn die Spurensicherung mit ihm fertig ist.“

„Warum dauert das so lange?“

Er blickte auf. „August ist Ferienzeit, die meisten Kollegen haben Urlaub. Sie wollten mir etwas über den Streit erzählen, den Sie mit Jonah Grothe hatten.“

Ein dumpfer Kopfschmerz breitete sich in ihren Schläfen aus. „Es gab keinen Streit.“

„Sondern?“

„Meine Schicht war zu Ende. Ich wollte die Klinik gerade durch den Haupteingang verlassen, als ich hörte, dass sich zwei Männer in der Halle lautstark stritten. Einer davon war Jonah, ich erkannte seine Stimme.“

„Und Sie haben nicht nachgesehen?“

„Nein. Ich war müde und wollte nach einer langen Schicht nur noch nach Hause.“

„Haben Sie die zweite Stimme erkannt?“

„Nein.“

„Aber sie gehörte einem Mann?“

„Ja, ich bin ganz sicher.“

Wieder blätterte Wolzow in der Akte. Er lehnte sich zurück und schaukelte in seinem Sessel, der ein nervtötendes Quietschen erzeugte. Der Alte in der Toreinfahrt, der flappende Ventilator, die Hitze … jede Kleinigkeit versetzte sie in Stress, alle Filter waren ausgefallen.

„Frau Dr. Wegener?“

„Was?“ Sie hatte nicht bemerkt, dass Wolzow eine Frage gestellt hatte. „Könnte ich … ein Glas Wasser bekommen?“

„Klar.“ Er stand auf, ging zu einem mit Aufklebern geschmückten Kühlschrank und füllte ein Wasserglas aus einer Plastikflasche.

„Bitte.“

Lisa nippte an dem kalten Wasser und kühlte ihre Stirn mit dem Glas.

„Alles okay?“, fragte Wolzow. „Es ist ziemlich heiß heute.“

„Danke. Alles in Ordnung.“

„Eine Zeugin hat den Streit anders beschrieben. Sie sprach von einer Männer- und einer Frauenstimme“, sagte er.

„Als ich ins Foyer kam, rempelte Jonah mich an. Er beschimpfte mich und stieß mich zur Seite. Ich beschwerte mich über sein Verhalten, vielleicht hat die Zeugin das als Streit interpretiert.“

„Was wollte er denn in der Virchow-Klinik?“

„Das kann ich nur vermuten. Sein Vater war in der Klinik behandelt worden. Eine Operation war nötig – eigentlich eine Routinesache, aber es gab Komplikationen bei der Narkose. Er starb wenige Tage später an einer Lungenembolie.“

„Kommt das oft vor?“

„Nein, natürlich nicht. Aber das Risiko einer Embolie besteht immer.“

„Und Jonah glaubte, dass mehr dahintersteckte? Ein Kunstfehler, den die Ärzte verheimlichten?“

Lisa nickte. „Der Verdacht erwies sich als haltlos, aber er steigerte sich immer mehr in diese Vorstellung hinein, bis er sogar Patientenakten stahl.“

„Diese hier“, stellte Wolzow fest. „Das sind eine ganze Menge Todesfälle, finden Sie nicht?“

„Es mag Ihnen so erscheinen, aber gemessen an der Zahl der behandelten Patienten liegen wir in der Virchow-Klinik unter dem Durchschnitt. Jeder Todesfall wird eingehend untersucht. Es gab niemals Beanstandungen. Wir sind Ärzte, keine Wunderheiler. Unsere Kunst ist begrenzt.“

Er nahm den blauen Pappordner in die Hand. „Ich mache Ihnen keinen Vorwurf deswegen. Kann sein, dass der Junge einfach einen Schuldigen suchte.“

„Sehr wahrscheinlich sogar.“

„Und gegen 22:30 Uhr verließen Sie die Klinik?“

„Ja.“

Wolzow stellte ihr eine Menge Fragen zum Unfall, wiederholte manche von ihnen mehrmals oder kehrte zu schon gestellten Fragen zurück. Lisa begann, sich in Widersprüche zu verwickeln.

„Worauf wollen Sie eigentlich hinaus?“, fragte sie gereizt.

„Ich mach nur meinen Job. So, wie Sie den Ihren machen. Sagten Sie nicht, dass Sie sehr genau hinschauen, wenn in Ihrer Klinik ein Patient stirbt?“

Lisa rieb sich die Nasenwurzel. „Ich habe Ihnen alles mitgeteilt, was ich weiß. Was stört Sie denn noch?“

„Das Ergebnis Ihres Bluttests.“

„Ich trinke niemals Alkohol.“

„Den haben wir auch nicht gefunden, aber Ephedrin. Ich brauche Ihnen nicht zu erklären, dass das Mittel aufputschende Wirkung hat.“

„Ich habe es eingenommen, weil mir eine Erkältung auf die Bronchien geschlagen ist.“

„Mmh. Dann ist da noch die Tatsache, dass Grothe kurz vor seinem Tod auf dem Handy seines Großvaters eine Nachricht hinterließ.“ Er spielte die Mailbox des Mobiltelefons ab. „Offenbar fühlte er sich bedroht.“

„Sie haben eben selbst gesagt, dass er sich vermutlich in einen Wahn hineingesteigert hat.“

„Mancher Wahn hat sich schon als Wahrheit entpuppt. Vielleicht hat die Virchow-Klinik ja etwas zu verbergen, etwas, das mit den Todesfällen zu tun hat und das der Junge ans Licht bringen wollte.“

„Das ist absurd. Sie haben nicht den geringsten Beweis für Ihre Anschuldigungen. Und Sie werden auch keinen finden, weil …“

„… weil?“

„Weil es nichts zu verbergen gibt. Wollen Sie tatsächlich behaupten, ich hätte ihn absichtlich überfahren?“

Was sie für eine Routinebefragung gehalten hatte, entwickelte sich immer mehr zu einem Albtraum. Wolzows Vorwürfe waren völlig abwegig. Er konnte ihr doch nicht ernsthaft eine Mordabsicht unterstellen. Aber genau das schien er zu beabsichtigen. Wahrscheinlich war er einer von diesen rechthaberischen Typen, die nicht aufhören konnten, in einer Wunde herumzustochern.

„Ich habe hier den Obduktionsbericht und ein Gutachten über den Unfallverlauf. Erwähnten Sie nicht, dass Sie Grothe überfahren haben, weil er bereits am Boden lag und sie ihn zu spät gesehen haben?“

„Ja. So war es.“

„Wie erklären Sie sich dann, dass der Junge zum Zeitpunkt des Unfalls gestanden hat? Die Verletzungen lassen keinen anderen Schluss zu.“

Lisa antwortete nicht. Sie hätte van Dyks Angebot annehmen sollen. Jede weitere unbedachte Antwort konnte ihr schaden. Aus dieser Geschichte würde sie ohne Hilfe nicht herauskommen.

„Ich weiß es nicht. Warum hätte … ich ihn … umbringen sollen?“

„Um zu verhindern, dass er aussagt.“

„Das ist absurd.“

Wolzow lehnte sich in seinem Sessel zurück.

„Kann sein.“

Der Albtraum verdichtete sich und nahm Gestalt an. Plötzlich wurde ihr bewusst, dass sie auf der Kante des Besucherstuhls hockte wie eine überführte Missetäterin. Sie versuchte, sich zu entspannen und das mit ihrer Körperhaltung zum Ausdruck zu bringen.

„War das alles, was Sie vorzubringen haben?“, fragte sie.

„Im Augenblick – ja.“

Sie stand auf, ihre Beine zitterten, alles drehte sich. Ihr Kreislauf spielte wieder verrückt. „Was ist mit Grothe?“

„Ich sagte bereits, wir kümmern uns um ihn.“

„Was geschieht nun?“

„Wenn Sie uns etwas mitzuteilen haben, sollten Sie das jetzt tun, Frau Dr. Wegener.“

Sie schüttelte den Kopf. „Das habe ich nicht. Wenn Sie noch Fragen haben, wenden Sie sich an die Kanzlei Kronau & …“

„Kronau & Sierks, ist mir bekannt. Auf Wiedersehen.“

Gehetzt verließ sie das Büro. Als sie auf die Straße trat, brannte die Sonne heiß vom Himmel. Sie sah sich nach dem alten Mann um, konnte ihn aber nirgendwo entdecken. Wahrscheinlich hatte Wolzow ihn verscheucht.

Da sie damit gerechnet hatte, ihren Peugeot bald zurückzuerhalten, hatte sie keinen Wagen gemietet, sie war also weiterhin auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen. Sie verspürte keine Lust, in der brütenden Hitze vor der Polizeidirektion auf ein Taxi zu warten, und entschloss sich, zum Busbahnhof am anderen Lahnufer zu laufen, der einen Kilometer südlich lag. Obwohl sie sich besser fühlte, nachdem sie Wolzows stickiges Büro verlassen hatte, lähmte sie noch immer eine bleierne Kraftlosigkeit. Trotzig marschierte sie Richtung Süden. Auf keinen Fall würde sie zulassen, dass eine Paranoia die Kontrolle über ihr Handeln übernahm.

Nach fünfhundert Metern wusste sie, dass ihre Entscheidung falsch gewesen war. Die lärmende pulsierende Stadt, der hektische Verkehr und die flirrende Luft über dem aufgeheizten Asphalt verschwammen vor ihren Augen. Ihre Zunge klebte am Gaumen, ihr war schwindelig. Wolzows bohrende Fragen schwirrten in ihrem Kopf umher wie Hummeln, die die Hitze aufstachelte.

Ja, es waren mehrere Patienten gestorben, was auch ihr merkwürdig vorgekommen war. Kohlmeyer hatte ausweichend auf ihr Nachhaken reagiert und ihr schließlich indirekt zu verstehen gegeben, dass er kein Aufsehen wünschte. Die Hygienestandards der Virchow-Klinik waren vor einigen Jahren in die Schlagzeilen geraten, seitdem achtete die Klinikleitung peinlich genau auf deren Einhaltung. Das konnte also nicht die Ursache für die seltsame Sterbewelle gewesen sein, die ebenso plötzlich abgeebbt war, wie sie begonnen hatte. Sie hatte die Patientenakten verglichen, um nach einem Muster zu suchen, und war zu dem Schluss gekommen, dass der Zufall seine Hand im Spiel gehabt hatte. Und wenn doch mehr dahintersteckte? Eine Affäre, von der sie keine Kenntnis hatte, in die sie aber nun durch den Tod des Jungen verstrickt worden war? Oder war sie ein Bauernopfer? Aber wozu?

Das Dröhnen einer Lastwagenhupe schreckte sie aus ihren Grübeleien auf. Ein mit Holzstämmen beladener Sattelschlepper raste so dicht an ihr vorbei, dass der Sog sie beinahe von den Beinen riss. Ohne auf den Verkehr zu achten, hatte sie den Gehweg verlassen, um die Straße zu überqueren. Sie befand sich auf einer Verkehrsinsel zwischen zwei Fahrspuren, der Fahrer des Lasters hatte ihr offenbar in letzter Sekunde ausweichen können. Regenwasser spritzte aus Pfützen auf und benetzte ihre Hosenbeine. Die Luft flirrte von Abgasen und aufsteigendem Wasserdampf.

Auf der anderen Straßenseite, im Schatten der überdachten Haltestelle, wartete der alte Mann. Er stand regungslos zwischen den Bussen, stützte sich auf seinen Gehstock und starrte sie an. Sein Mund verzerrte sich zu einem boshaften Lächeln, er nickte, als wisse er genau, was in ihr vorging und dass der nächste Fehltritt ihr letzter sein würde.

Zorn verdrängte die Schuldgefühle und die unterschwellige Furcht. Lisa rannte über die Straße auf den Alten zu.

„Hauen Sie ab! Lassen Sie mich in Ruhe! Es war ein Unfall, nichts weiter! Ein Unfall, begreifen Sie das nicht?“

Lisa wich einem Taxi aus, der Fahrer hupte aufgebracht und beschimpfte sie. Sie achtete nur noch auf den alten Mann. Hatte er Wolzow mit der absurden Handynachricht aufgehetzt?

Ein anfahrender Bus nahm ihr die Sicht. Als er in die Straße einbog, war der Alte verschwunden. Lisa drehte sich im Kreis. Plötzlich sah sie ihn, er betrat die schattige Bahnhofshalle. Sie eilte ihm nach, würde ihn zur Rede stellen, hier und jetzt, und ihm klarmachen, dass sie keine Angst vor ihm hatte. Dass seine lächerlichen Versuche, sie einzuschüchtern, sinnlos waren. Dann würde er endlich aufgeben.

Lisa rannte los. Bremsen quietschten, jemand rief eine Warnung, dann traf sie ein heftiger Stoß am Kopf. Menschen redeten aufgeregt durcheinander, das faltige Gesicht mit den gelben Augen tauchte über ihr auf. Der Alte lächelte zufrieden.

7

„Sie sind ein Unglücksrabe, Wolzow. Und Sie ziehen Ärger an wie Aas die Fliegen.“ Bernd Frenck wischte sich den Schweiß von der Stirn und trank glucksend aus einer Wasserflasche. „Warum verbeißen Sie sich so in diese Geschichte?“

„Ich mach nur meinen Job. Ich gehe Hinweisen nach.“

„Ich hab gehört, was Ihrer Frau passiert ist. Verkehrsunfall mit Todesfolge. Der Verursacher wurde nie ermittelt, richtig?“

„Die Leute reden zu viel.“

Frenck stützte sich ächzend auf den Armlehnen ab. „Was man von Ihnen nicht gerade behaupten kann. Sie sind seit einem halben Jahr in Limburg. Und alles, was ich über Sie weiß, habe ich aus Ihrer Personalakte.“

„Was interessiert Sie denn so brennend?“

Wolzow schob mit der Fußspitze die gläserne Verbindungstür zu seinem Büro zu. Matuschek gab vor, zu dösen, aber er spitzte bereits die Ohren.

„Ich bin nicht besonders neugierig“, sagte Frenck, „aber ich mag es, wenn mein Laden gut läuft.“

Am besten von selbst, dachte Wolzow. Umso weniger Arbeit bleibt an dir hängen.

„Sie sind ein guter Polizist“, fuhr Frenck fort, „aber Sie scheinen in Ihrer eigenen Seifenblase zu leben, aus der nichts nach außen dringt.“

„Ich mag nun mal Seifenblasen.“

„In den letzten vier Jahren haben Sie sich drei Mal versetzen lassen.“

„Ist ja nicht verboten.“

Frenck ließ sich wieder in den Sessel zurückfallen und fummelte an dem Ventilator herum.

„Stimmt das mit Ihrer Frau?“

„Ja. Aber reden wir lieber über Grothe. In der Virchow-Klinik stinkt es zum Himmel.“

„Die Sache mit Ihrer Frau … Vielleicht sollten Sie sich mal mit unserem Polizeipsychologen unterhalten. Sie fressen da was in sich rein, und das könnte Ihre Ermittlungsarbeit behindern.“

„Kein Bedarf, danke. Mir geht’s gut. Jetzt würde ich mir gerne mal den alten Grothe vornehmen.“

„Sie und Ihre Verschwörungstheorien. Hauen Sie schon ab und suchen Sie diesen verrückten alten Mann. Verfluchte Hitze, die halbe Stadt dreht durch. Aber Matuschek bleibt hier.“

„Wollte ich gerade vorschlagen.“

Matuschek klebte in seinem Sessel, unter seinen Achseln zeichneten sich tellergroße Schweißflecken ab. Seine Hand lag auf der Computermaus, aber er schien eingenickt zu sein.

Wolzow verließ das Revier, bevor Frenck es sich anders überlegte. Er liebte es, allein zu arbeiten, und verspürte nicht die geringste Lust, den trägen Matuschek hinter sich herzuschleifen. Vor einer Viertelstunde hatte ihn die Meldung erreicht, dass Lisa Wegener vor einen Bus gelaufen war. Ein Sanitäter hatte dem Streifenpolizisten, der den Unfall aufgenommen hatte, mitgeteilt, dass sie sich von einem alten Mann bedroht gefühlt hatte. Grothe schien endgültig die Kontrolle über sich zu verlieren.

Er fuhr zu der Adresse, unter der Pius Grothe gemeldet war, traf den Alten aber nicht an. Drei Stockwerke höher im selben Mietshaus lebte auch die Mutter des Jungen. Wolzow wies sich aus und fragte nach dem alten Mann.

Helga Grothe bat ihn herein. „Kann ich Ihnen einen Kaffee anbieten?“

„Immer.“

„Ich weiß nicht, wo Pius sich gerade herumtreibt“, sagte sie, „und es interessiert mich auch nicht besonders. Hat er wieder etwas angestellt?“

„Möglicherweise. Sie scheinen kein gutes Verhältnis zu Ihrem Schwiegervater zu haben“, erwiderte Wolzow.

„Sie wissen, dass mein Mann vor einem Vierteljahr an den Folgen einer Operation gestorben ist?“, fragte sie.

„Ja.“

„Pius kennt nur noch ein Thema. Er beschäftigt sich von morgens bis abends damit, Beweise dafür zu sammeln, dass die Klinik einen Behandlungsfehler vertuscht.“

„Ihr Sohn scheint auch dieser Meinung gewesen zu sein.“

Sie nahm die Kanne aus der Kaffeemaschine und hielt sie unter den Wasserhahn.

„Jonah hat der Verlust seines Vaters schwer getroffen. Er hat zu dieser Zeit gerade ein Praktikum in der Virchow-Klinik absolviert. Er war es auch, der Rainer tot aufgefunden hat.“

„Das muss ihm einen Schock versetzt haben“, sagte Wolzow.

„Ja, das hat es.“ Helga Grothe füllte Wasser in die Maschine. „Jede Hilfe kam zu spät.“

„Sie glauben nicht, dass mehr dahintersteckt?“

„Nein. Und wenn es so wäre, macht es meinen Mann auch nicht wieder lebendig. Unglücke geschehen, Menschen sterben. Das gehört zum Leben, wir müssen es akzeptieren.”

Vor Wolzows Augen tauchten Bilder auf – ein zerdrückter Haufen Blech, der kaum mehr als Auto erkennbar war, die Konturen eines menschlichen Körpers unter einem grünen Laken in der Pathologie und Manuelas totenbleiches Gesicht. Es fiel ihm schwer, in die Wirklichkeit zurückzukehren. Aus weiter Ferne hörte er die Stimme von Helga Grothe.

„Jonah und sein Großvater hatten schon immer ein enges Verhältnis, und durch Rainers Tod rückten sie noch enger zusammen. Ich ahnte, dass es eine unheilvolle Verbindung war.“

„Jonah hat Patientenakten gestohlen“, sagte Wolzow.

„Pius hat ihn dazu angestiftet. Er gab einfach keine Ruhe und hat den Jungen ganz verrückt gemacht.“ Sie schaltete die Kaffeemaschine ein. „Jonah könnte noch leben, wenn sein Großvater ihn nicht immer wieder dazu angestachelt hätte, nach Beweisen zu suchen, die es nicht gibt. Stecken Sie ihn am besten in die Klapsmühle, bevor er noch ernsthaften Schaden anrichtet.“

„Ich fürchte, das hat er schon. Er hat eine Ärztin der Klinik bedroht und angegriffen.“

„Ist sie verletzt?“

„Sie wurde ins Krankenhaus eingeliefert, mehr weiß ich noch nicht. Zeugen haben ihn in der Nähe gesehen. Ich muss der Sache nachgehen.“

„Ich weiß wirklich nicht, wo er sich herumtreibt. Wenn ich es wüsste, würde ich es Ihnen verraten. Er sollte mir helfen, Jonahs Beerdigung zu organisieren, aber er lebt nur noch für seine Wahnvorstellungen.“

„Immerhin kam es in der Klinik zu einer Reihe von Todesfällen“, sagte Wolzow. „Ich habe die OP-Berichte an die Gerichtsmedizin weitergeleitet. Wenn es einen versteckten Hinweis auf Unregelmäßigkeiten gibt, werden unsere Experten ihn finden. Ich werde Sie auf dem Laufenden halten.“ Er reichte ihr eine Visitenkarte. „Und melden Sie sich bitte, wenn Ihr Schwiegervater wieder auftaucht.“

Wolzow kehrte zu seinem Wagen zurück und kämpfte sich durch die Rushhour. Er rief Matuschek an, der sich den Bericht des Streifenpolizisten besorgt hatte. Der bestätigte die Aussage des Sanitäters. Zeugen hatten gesehen, dass Lisa Wegener kopflos durch den dichten Verkehr gelaufen war. Einen alten Mann, der sie verfolgt oder gestoßen hatte, beschrieb allerdings niemand.

Gegen 17 Uhr stellte Wolzow seinen Ford Ranger vor dem Haupteingang der Virchow-Klinik ab. Er erkundigte sich nach Lisa Wegener und wurde kurz darauf von Professor Kohlmeyer begrüßt. Der Riese stapfte energisch auf ihn zu und streckte ihm seine Pranke entgegen.

„Haben Sie den verrückten alten Mann verhaftet?“

„Dazu muss ich ihn erst einmal finden. Wie geht es Frau Dr. Wegener?“

„Sie hat großes Glück gehabt. Den Zusammenstoß mit einem Bus überlebt man normalerweise nicht. Lisa hat eine Gehirnerschütterung und steht unter Schock. Aber Gott sei Dank ist nichts passiert, was wir nicht reparieren können.“ Er wiegte besorgt den Kopf. „Aber ihre Psyche bereitet mir Sorgen. Ich erkenne sie nicht mehr wieder. Diese schreckliche Geschichte hat sie völlig aus der Bahn geworfen.“

„Kann ich mit ihr sprechen?“

„Wenn Sie’s kurz machen. Sie braucht Ruhe.“

Kohlmeyer führte ihn zu einem Krankenzimmer im Erdgeschoss. Lisa Wegener war nicht allein. Der Mann, der sie am Morgen im Café begleitet hatte, saß neben ihrem Bett. Als Wolzow den Raum betrat, stand er auf.

„Haben Sie diesen Grothe endlich aus dem Verkehr gezogen?“

„Sie können bei der Staatsanwaltschaft eine einstweilige Verfügung beantragen, dass er sich Frau Dr. Wegener nicht mehr nähern darf.“

„Sie haben also nichts unternommen?“

„Wir arbeiten daran. Und dazu muss ich Frau Dr. Wegener einige Fragen stellen.“

„… die sie im Augenblick nicht beantworten wird. Sie sehen doch, was Sie mit Ihrer letzten Befragung angerichtet haben“, sagte van Dyk.

„Wie wär’s, wenn Sie mal die Klappe halten und die Entscheidung ihr überlassen würden?“

„Professor Kohlmeyer, würden Sie diesem übereifrigen Polizisten bitte erklären, dass Lisa Ruhe braucht?“

„Ich stimme Herrn van Dyk zu. Fassen Sie sich bitte kurz.“

Wolzow trat unbeirrt an das Bett. „Frau Dr. Wegener?“

Sie wandte das Gesicht ab und schirmte es mit der Hand ab. „Was wollen Sie denn noch? Verschonen Sie mich mit Ihren Fragen.“

Van Dyk öffnete die Tür. „Raus jetzt.“

Wolzow zuckte mit den Schultern. „Ich kann Sie nicht zu einer Aussage zwingen. Allerdings wäre sie hilfreich gewesen, um Grothe festzunageln. Wie Sie wollen.“

Er verließ das Krankenzimmer und stieß auf dem Gang mit einer Krankenschwester zusammen, die ein fahrbares EKG-Messgerät schob. Sie warf ihm einen gereizten Blick zu und verschwand im Zimmer. Wolzow blockierte die Tür mit der Schuhspitze und lauschte. Kohlmeyer und van Dyk unterhielten sich leise, als wäre Lisa Wegener gar nicht anwesend.

„Ich werde sie in meinem Haus unterbringen. Dort kann ich mich um sie kümmern, außerdem ist sie vor Grothe sicher.“

„Ein guter Vorschlag“, antwortete Kohlmeyer. „Was meinen Sie, Lisa?“

„Sie ist einverstanden“, sagte van Dyk.

8

Die Tage verflogen. Aus Tagen wurden Wochen. Lisa verlor ihr Zeitgefühl. Die Prellungen und Schürfwunden, die sie sich bei dem Zusammenstoß mit dem Bus zugezogen hatte, heilten. Kohlmeyer hatte ihr wiederholt bestätigt, dass sie großes Glück gehabt hatte. Der brütend heiße Tag im August hätte ihr letzter sein können. Ihre Seele allerdings blieb wund und schmerzte.

Der alte Grothe verschwand aus ihrem Leben. Die Klinik verschwand aus ihrem Leben, die Welt schrumpfte zusammen auf van Dyks seltsames Haus. 

Vincent umsorgte sie. Er war da, wenn sie ihn brauchte, er hörte zu, tröstete, regelte, managte und liebkoste. Er war Retter, Freund, Beschützer, Koch, Chauffeur und Kummerkasten. Er ließ sie an seinem Leben teilhaben, zeigte ihr seine Firma und weckte in ihr die gleiche Begeisterung, die er für seine Forschungen auf dem Gebiet der Kryonik empfand. Gemeinsam würden sie den Tod besiegen. Nicht morgen oder übermorgen, aber irgendwann. Lisa hatte bald das Gefühl, niemals ein anderes Leben geführt zu haben.

An einem warmen, sonnigen Abend Ende September wurde Vincent ihr Liebhaber und endgültig der Pol, um den sich ihr Leben drehte. Das Tal der Schatten und Depression, durch das sie wanderte, füllte sich langsam mit Licht. Sie blühte auf.

Er lud sie auf seine Segeljacht ein, ein hypermodernes, perfekt ausgestattetes, schwimmendes Liebeslager, auf dem sie zwei sorglose Wochen auf dem Ijsselmeer verbrachten. Er schenkte ihr Schneekugeln. Große, kleine, runde und eckige, Kugeln mit Fröschen und solche mit Pinguinen, andere mit rotbackigen Kindern, die Schlitten fuhren, und Dioramen mit Eisbären und Schneemännern. Sie symbolisierten bald nicht nur mehr die heile Welt, die Lisa sich seit ihrer Kindheit erträumt hatte und die doch eine Illusion geblieben war, sondern auch Vincents sexuelles Verlangen nach ihr. Wenn er mit ihr schlafen wollte, ließ er es in den Kugeln, die einen großzügigen Platz in ihrem Schlafzimmer einnahmen, schneien. Und es schneite oft. Vincent war perfekt; der perfekte Mann, der perfekte Gesellschafter und der perfekte Liebhaber. Was er tat, vollendete er mit einer Sicherheit, die Lisa anfangs entzückte, später jedoch beunruhigte. Weil alles eine Spur zu perfekt war. Sie schalt sich eine Närrin, weil sie das Haar in der Suppe suchte, das es nicht gab. Alles war schließlich großartig.

Der Tag der Gerichtsverhandlung kam. Vincent war da. Sie brauchte sich um nichts zu kümmern, denn er tat alles für sie. Er besprach die Verteidigungsstrategie mit Kronau und stoppte Wolzows Ermittlungen. Er besorgte ihr einen Therapeuten, der sich darum bemühte, dass sie nicht in die Grube zurückfiel, aus der sie gerade geklettert war. Sie mochte den fetten Dr. Kerkhoff nicht und erkannte keinen Fortschritt in den Therapiestunden, aber Vincent zuliebe machte sie weiter. Außerdem attestierte Kerkhoff ihr Verhandlungsunfähigkeit, sie musste nicht vor Gericht erscheinen. Lisa war es gewohnt, keiner Konfrontation aus dem Weg zu gehen, und lehnte seine Unterstützung in diesem Punkt zunächst ab. Sie wollte sich ihrer Schuld stellen und die Strafe akzeptieren. Vincent überredete sie jedoch, den Rat des Therapeuten anzunehmen. So gab sie schließlich nach, weil sie spürte, dass die Kraftlosigkeit der vergangenen Wochen zurückkehrte, sobald sie Widerstand leistete. Erschrocken wurde ihr bewusst, dass die geringste Auseinandersetzung sie noch immer überforderte. Also ließ sie alles geschehen, was Vincent plante.

Das Urteil fiel vergleichsweise milde aus. Lisa musste sich wegen fahrlässiger Tötung verantworten und kam mit einer Geldstrafe davon. Wolzows Versuche, ihr eine Absicht zu unterstellen, scheiterten. Die schwachen Indizien, die er gesammelt hatte, wischte Kronau von der Anklagebank. Lisa war frei.

Doch wenige Tage nach der Verhandlung traf sie ein Rückschlag. Kohlmeyer entließ sie und gab als Grund den Missbrauch von Aufputschmitteln an. Lisa setzte sich nicht zur Wehr. Sie hatte die Kraft verloren, Streitigkeiten siegreich zu Ende zu führen, daran änderte auch das abschließende Urteil nichts. Insgeheim wusste sie, dass sie der anstrengenden Arbeit in der Unfallchirurgie nicht mehr gewachsen sein würde, und akzeptierte Kohlmeyers Entschluss stillschweigend. Dass sie einen Menschen getötet hatte, wenn auch unbeabsichtigt, veränderte ihr Wesen.

Vincent indessen ließ nicht zu, dass sie die Virchow-Klinik vermisste. Er band sie in seine Forschungen zur Kryonik ein und übertrug ihr immer neue Projekte, die sie forderten und ablenkten. Die neue Arbeit vermittelte ihr das Gefühl, einen Teil ihrer Schuld abtragen und Leben retten zu können. Die Erinnerungen an den Unfall in der Regennacht und Jonahs verzweifelten Großvater verblassten, nur das Gesicht des Jungen nicht. Es tauchte in ihren Träumen auf und vermischte sich mit Bildern von Wasser und Eis, deren Bedeutung sie sich nicht erklären konnte, die sie in ihrer Klarheit aber zu Tode ängstigten, weil sie ihr geradezu prophetisch erschienen. Sie sprach jedoch mit niemandem darüber, auch mit Kerkhoff nicht.

Am 13. November heiratete Lisa Vincent van Dyk. Am Tag zuvor hatte er sie gebeten, ihn auf eine Geschäftsreise nach Hamburg zu begleiten. Sie stiegen im Westin Hotel ab, genossen den Panoramablick über den Hafen, besuchten ein Konzert in der Elbphilharmonie und aßen im Hotelrestaurant zu Abend. Vincent, der ein Faible für außergewöhnliche Architektur besaß, begeisterte sich für das luxuriöse Ambiente. Er inszenierte einen Heiratsantrag, den er offenbar lange und perfekt geplant hatte. Lisa nahm ihn an, schwindelig, glücklich und zugleich argwöhnisch nach dem Riss in ihrem neuen Leben suchend. Sie fand ihn nicht. Alles war perfekt.

Am nächsten Morgen flogen sie von Hamburg nach Schweden und landeten auf dem Kiruna Airport. Die Trauung fand in einer Kapelle aus Eis statt. Lisas Eltern lebten nicht mehr, enge Verwandte hatte sie keine. Über Vincents Familie wusste sie nichts, er sprach nicht darüber und wich ihren Fragen aus. Es störte sie nicht. Sie heiratete schließlich ihn, nicht seine Verwandtschaft.

Die Tage zogen wie ein Champagnerrausch an Lisa vorüber. Über dem Bett, in dem sie sich liebten, wölbte sich ein Baldachin aus Eis.

Als jedoch der erste graue Schimmer des Tageslichts in das Zimmer kroch, kehrte der Albtraum zurück. Lisa schreckte mit einem leisen Schrei aus dem Schlaf. Vincent lag auf der Seite und schlief. Sein asketisches Gesicht wirkte friedlich, die scharfen Linien entlang seiner Mundwinkel entspannt und weniger ausgeprägt als im Wachzustand. Lisas Herz schlug heftig gegen ihre Rippen. Ihre Zukunft war ihr so rein und klar erschienen wie das Eis, das sie umgab. Aber unter dem Eis lauerte etwas. Während sie langsam begann, zu vergessen, erwachte es.

Am 16. November kehrten sie nach Deutschland zurück. Mit jedem Kilometer, den sie sich Limburg näherten, wurde Vincent schweigsamer. Lisa kannte ihn inzwischen gut genug, um dem keine Bedeutung beizumessen. Immer wieder durchlebte er Phasen, in denen sich sein Blick nach innen richtete. In seinem Drang zur Perfektion neigte er zu Grübeleien und Selbstzweifeln, die erst endeten, wenn er ein Problem, das ihn beschäftigte, gelöst hatte. Dann erwachte er zum Leben wie ein Geysir, der unerwartet ausbricht, und arbeitete euphorisch ohne Zeichen von Ermüdung. Die meisten Menschen in seinem Umfeld konnten seinem Tempo dann nicht folgen. Er ließ sie, ohne zu zögern, zurück, wahrscheinlich bemerkte er es nicht einmal. Das Wort, das seinen Charakter am besten beschrieb, benutzte er selbst häufig: extrem.

Als sein Porsche Cayenne die Straße über dem Lahntal entlangrollte, an deren Ende die kubistische Villa lag, war es bereits dunkel. Es hatte zu regnen begonnen, von Westen fegte ein stürmischer Wind über die Höhen des südlichen Westerwalds. Über dem Horizont flackerte Wetterleuchten auf. Vincent stoppte den Wagen vor der Einfahrt und wartete. Ein Sensor erkannte den Cayenne und setzte den Mechanismus in Gang, der das Tor zur Seite fuhr. Eine Bronzeplastik, die das Logo von Kryotec darstellte, glitt vorüber.

„Entschuldige meine gedrückte Stimmung“, sagte Vincent. „Nolte hat mich heute Mittag angerufen, es gibt Probleme mit dem Lazarus-Projekt.“ Er lächelte. „Ich befürchte, der Alltag hält mich bereits wieder gefangen, bevor ich überhaupt einen Fuß in die Firma gesetzt habe.“

„Das Projekt ist dein Kind. Wenn ein Kind in Schwierigkeiten steckt, machen sich die Eltern Sorgen. Das ist ganz normal. Hat Nolte gesagt, um was es geht?“

„Nicht genau. Und das macht mich verrückt.“

„Sei nicht so streng mit dir.“

Er lenkte den Wagen in die Garage, die sich ebenfalls automatisch öffnete. „Nein, mein Verhalten ist unverzeihlich. Dieser Abend gehört uns, sonst niemandem.“

Lisa stieg aus und folgte ihm durch einen Korridor im Kellergeschoss zu einer Wendeltreppe, die nach oben in die Eingangshalle führte. Vor einer Panzerglastür blieb er kurz stehen und kontrollierte die Anzeigen eines Bedienfelds, bis er zufrieden war. Die Anlage piepte bestätigend.

Lisa schauderte bei dem Gedanken an seine neueste Errungenschaft. Er liebte technische Spielereien aller Art. Wie sie inzwischen wusste, hatte er die Villa bis ins Detail selbst entworfen. Das Haus war ein Wunderwerk modernster Technik, ausgestattet mit Bewegungsmeldern und elektronischen Sensoren für Temperatur, Luftfeuchtigkeit und Geräten, die die einströmende Außenluft filterten. Auch alle Fenster und Zugänge wurden von einer zentralen Computereinheit geregelt, niemand konnte das Anwesen ohne gültige Codekarte betreten.

In der Kammer hinter der Panzerglastür befand sich ein sargähnlicher Behälter. Er diente dazu, Vincents Körper im Fall eines jähen Todes unverzüglich herabzukühlen, um ihn vor Gewebezerfall zu schützen, der unweigerlich mit dem Ableben einsetzen würde. Wie jede Kleinigkeit in seinem Leben, hatte er auch seinen Tod minutiös geplant und genaue Anweisungen hinterlassen, was zu geschehen hatte. 

Binnen einer Stunde, nachdem sein Herz ausgesetzt hatte, würde ein Team aus Ärzten, speziell geschulten Bestattern und Mitarbeitern seiner Firma die Villa stürmen und seinen in Eis gepackten Leichnam entführen. Da Vincent sich beruflich mit den Möglichkeiten der Kryonik beschäftigte, war es nicht verwunderlich, dass er sich auch privat mit dem Thema auseinandersetzte.

Seinen Plan jedoch, den eigenen Tod zu überlisten, hielt Lisa für undurchführbar. Mochte er einen noch so brillanten Verstand besitzen, er würde es niemals bewerkstelligen, sein Bewusstsein und seinen Körper für die Ewigkeit zu konservieren. Die Vorstellung, den gesamten Organismus zum Zeitpunkt des Todes einzufrieren und eines fernen Tages wiederbeleben zu können, erschien ihr absurd. Seine irrationale Furcht trieb dunkle Blüten.

Vincent war vierundvierzig und – obwohl zwölf Jahre älter als sie – zu jung, um in jeder Stunde seines Lebens an den Tod zu denken. Bis zu dem Tag, an dem er die Kühlkammer hatte installieren lassen, hatte Lisa seine intensive Beschäftigung mit den Möglichkeiten, seinen Körper nach dem Tod zu konservieren, für eine vorübergehende Marotte gehalten. Vincent war genial, aber sein Interesse an einer Sache oft nur von kurzer Dauer. Schnell wendete er sich einer neuen Aufgabe zu, wenn er ein Problem gelöst hatte. Sein hyperaktives Gehirn brauchte unentwegt Beschäftigung, je komplizierter, umso anregender. Eine Ausnahme bildete die Kryonik – die Wissenschaft von der Konservierung einzelner Organe oder ganzer Körper. Sie war zu einer Obsession geworden. Lisa beruhigte sich damit, dass jeder Mann ein Hobby brauchte. Andere restaurierten Oldtimer oder spielten im Keller mit einer Modelleisenbahn, Vincent betrieb eben eine Kältekammer.

Er schien zufrieden, warf noch einen prüfenden Blick durch die Glastür und stieg die Wendeltreppe zur Halle hinauf. Auf halber Höhe blieb er stehen und lauschte.

„Warte hier.“

Lisa sah ihn fragend an.

„Ich habe ein Geräusch gehört. Jemand ist im Haus“, flüsterte er.

Ohne eine Antwort abzuwarten, schlich er lautlos im Schutz der Dunkelheit nach oben. Manchmal platzte Vincent geradezu vor verrückten Einfällen, die er sofort in die Tat umsetzen wollte, und er besaß ein feines Gespür für die Stimmungen anderer und hypersensible Sinne. 

Das Haus beherbergte eine Sammlung kostbarer Kunstgegenstände, Gemälde und Skulpturen, die Diebe anlockten. Aber an der von ihm selbst entwickelten Sicherheitstechnik sollte eigentlich jeder Einbrecher scheitern.

Lisa stieg langsam höher, bis sie die Eingangshalle einsehen konnte. Ein schwacher Schimmer übergoss die überdimensionale Schneeflocke aus Kristallglas, das Logo von Kryotec, mit flackerndem Licht. Der Lichtschein wurde heller, er schien aus den Wänden zu fließen wie Eis, das in allen Regenbogenfarben schimmerte. Sie betrat die Halle. Hunderte LED-Lichter, die warmen Kerzenschein imitierten, erhellten die Dunkelheit. Entlang der geschwungenen Freitreppe wiesen sie Lisa den Weg nach oben und lockten sie an. Langsam stieg sie die Stufen hinauf und wusste, dass er ihr als seiner frischgebackenen Ehefrau einen unvergesslichen Empfang bereiten würde. Es gab keinen Einbrecher, er hatte das angebliche Geräusch nur als Vorwand benutzt, um seine Vorbereitungen abzuschließen. Hatte er Hilfe gehabt? Eher nicht, denn er hasste Einmischung jeder Art und würde die Planung dieser einzigartigen Nacht keinem anderen überlassen.

Lisa betrat die Empore und näherte sich der Schlafzimmertür. Der Raum dahinter glich einem Meer aus sanften Lichtern. Vincent füllte zwei Sektkelche aus einer Champagnerflasche. Er war nackt, wie Gott ihn geschaffen hatte. Ihre Schneekugelsammlung, die enorm gewachsen war, schimmerte in allen Regenbogenfarben. In den meisten Kugeln schneite es. Wie hatte er das in der kurzen Zeit geschafft? Immer wieder überraschte er sie mit Dingen, die sie für undurchführbar gehalten hatte. Er dagegen liebte es, das Unmögliche wahr werden zu lassen. Er wandte sich ihr zu und reichte ihr einen der Sektkelche.

Aus der Ferne rumpelte ein Donnergrollen heran, vor dem kreisrunden Fenster am Ende der Galerie spaltete ein Blitz den Nachthimmel. Ohne Vorwarnung setzte der Regen ein. War er vorher nur als leises Flüstern auf dem Dach zu hören gewesen, prasselte er jetzt mit brachialer Gewalt auf das Haus nieder. Vincent sagte etwas, aber seine Worte gingen in dem Lärm unter. Ein zweiter Blitzschlag zuckte durch die Nacht, dann fiel der Strom aus. Schlagartig waren sie von Dunkelheit umgeben. Nicht nur im Haus, sondern auch außerhalb herrschte Finsternis, dicht und undurchdringlich wie schwarze Ölfarbe.

Sie hörte Vincent leise fluchen. Er konnte es nicht ertragen, wenn jemand seine Pläne durchkreuzte, ob Mensch, Gott oder Naturgewalt war ihm gleichgültig. Er duldete es nicht.

Ein ohrenbetäubendes Hupen dröhnte durch das finstere Haus. Aus dem bis zum Keller offenen Treppenschacht drang ein rhythmisches rotes Blinken herauf. Lisa streckte die Arme aus und tastete umher. Sie hörte ein Klirren, ein Rumpeln, dann begann Vincent wie ein Wahnsinniger zu toben. Er schrie und verfluchte Himmel und Hölle.

Ihre Augen gewöhnten sich langsam an die absolute Dunkelheit. Das rote Licht enthüllte im Rhythmus des Warnsignals Konturen und Schatten. Wieder klirrte Glas, diesmal härter und lauter. Etwas berührte sie an der Schulter und stieß sie zur Seite. Sie roch Vincents Rasierwasser und prallte mit dem Rücken gegen das Regal mit der Schneekugelsammlung. Glaskugeln fielen von den Brettern und zerbrachen klirrend auf den Bodenfliesen. Sie hörte das Geräusch nackter Füße auf der Treppe, Vincent rannte nach unten. Offenbar war das Warnsignal von der Elektronik der Kühlkammer ausgelöst worden, als das Gewitter die Stromversorgung unterbrochen hatte. Das Hupen und das blinkende Licht wurden schwächer, die Notbatterie der Alarmanlage erschöpfte sich.

„Ein Fehler! Ein Fehler in meinem System!“

Vincents Stimme kippte über, er schien völlig die Kontrolle über sich verloren zu haben.

Lisa tastete sich auf die Empore hinaus und stieß gegen die Brüstung. Vor dem Fenster am Ende der Galerie tobte das nächtliche Gewitter. Ein Donnerschlag ließ das Haus erzittern, der Regen trommelte wie verrückt auf das Dach über ihr.

Aus dem Treppenschacht drangen laute Hammerschläge und Vincents Fluchen. Plötzlich gingen sämtliche Lampen im Haus gleichzeitig an und tauchten jede Einzelheit in grelles Licht. Lisa schirmte ihre Augen mit der Hand ab und senkte den Blick. Auf den blütenweißen Marmorfliesen der Galerie leuchteten hellrote Flecken und zogen sich als blutige Spur die Stufen hinab in die Halle.

„Vincent?“

Er antwortete nicht. Vielleicht konnte er sie nicht hören, das Haus war erfüllt vom Trommeln des Regens.

„Bist du verletzt?“, rief sie lauter.

Der Strom fiel wieder aus, aber durch das Panoramafenster am Ende der Empore drang der gelbe Lichtschein einer Straßenlaterne. Wenige Sekunde später flammten auch die Lichter im Haus wieder auf. Lisa wandte sich zum Schlafzimmer um. Das raumhohe Regal mit den Schneekugeln war umgestürzt, Kugeln lagen zerbrochen auf dem Boden. In die Glasscherben mischte sich Blut. Offenbar hatte Vincent in seiner Raserei das Regal umgeworfen und sich an den Scherben verletzt. Lisa lief die Freitreppe bis ins Kellergeschoss hinunter. Die Tür zur Kühlkammer stand offen. Die Trümmer der Kontrolltafel bedeckten den Boden des Korridors.

Vincent stand in der Kammer, sein nackter Körper war schweißbedeckt, sein Brustkorb hob und senkte sich, als hätte er einen Marathonlauf hinter sich gebracht. Er starrte sie aus seinen tief liegenden Augen an, ein Vorschlaghammer rutschte aus seiner kraftlosen Hand und fiel zwischen weitere Trümmer, die mit Blut besudelt waren. Er stand in einer kleinen Lache aus Blut, die er gar nicht zu bemerken schien.

„Es … hat … nicht funktioniert“, stammelte er.

Lisa bemühte sich, den schrecklichen Anblick zu verarbeiten. „Das macht doch nichts. Du wirst es reparieren“, sagte sie. Ihre Lippen waren blutleer, ihr Herz hämmerte schmerzhaft gegen ihre Rippen. Vor ihr stand ein Wahnsinniger.

„Es … macht … nichts?“

Er ging einen Schritt auf sie zu und zog eine Blutspur hinter sich her. Unwillkürlich wich sie in den Korridor zurück.

„Es … MUSS FUNKTIONIEREN!“

Seine Augen flackerten, er zitterte, als stünde er unter Strom.

„Du bist verletzt“, sagte Lisa.

Er bemerkte es noch immer nicht und setzte einen Fuß vor den anderen wie ein ferngesteuerter Zombie.

„Diese Kammer wird den Tod besiegen. Ich werde ihn besiegen. Und ich dulde kein Versagen. Wenn ich sterbe, MUSS diese Kammer funktionieren.“ Er schloss die Augen, massierte seine Schläfen und schwankte. „Ich brauche ein Notstromaggregat, am besten einen Dieselgenerator … nein, zwei, die voneinander getrennt arbeiten. Sie müssen von der Stromversorgung unabhängig sein, also brauche ich eine externe Energiequelle. Eine Automatik muss die Generatoren sofort in Gang setzen, wenn das Stromnetz zusammenbricht. Ich muss Nolte anrufen.“

Er schob Lisa zur Seite und lief nach oben.

„Vincent, es ist weit nach Mitternacht. Du kannst das Problem morgen früh mit ihm besprechen.“

Er blieb stehen, drehte sich um und starrte sie mit weit aufgerissenen Augen an, als sähe er sie zum ersten Mal. Er zitterte noch immer.

„Vincent?“

Sie streckte vorsichtig die Hand nach ihm aus und entfernte Glassplitter aus seinem Haar. Der Grund für seine Raserei und die Zerstörungswut standen ihr plötzlich klar vor Augen: Er war halb verrückt vor Angst. Sein manisches Bestreben, den Tod zu überlisten, entsprang einer krankhaften, übersteigerten Furcht, die weit über das hinausging, was normale Menschen empfanden. Wie alles an ihm war auch diese Angst extrem.

Sie fuhr durch sein Haar. „Du wirst nicht sterben. Nicht heute Nacht und auch nicht morgen oder in einem Jahr.“

Seine Starre schien sich zu lösen, er blickte an sich herab und sah das Blut, das zwischen seinen Zehen hervorquoll.

„Ich verblute! Lisa, hilf mir, ich verblute!“ Sein Verstand begann augenblicklich wieder auf Hochtouren zu arbeiten.

„Im Kofferraum des Porsche liegt ein Verbandskasten, in den beiden Badezimmern ebenfalls. Du musst die Wunde reinigen und desinfizieren. Du musst …“

„Vincent!“

Sie nahm seinen Kopf in beide Hände. „Beruhige dich. Du wirst nicht sterben. Ich kümmere mich um dich, hast du das verstanden?“

Er nickte, fahrig und zitternd.

„Gut. Stütz dich auf mich.“

Sie schleppte ihn die Treppe hinauf ins Bad im Erdgeschoss. Dort versorgte sie die Schnittwunden in den Fußsohlen. Sie bluteten heftig, waren aber nicht tief. Vincent saß verkrampft und kreidebleich auf dem Wannenrand und ließ alles mit sich geschehen.

„Du solltest dich eine Zeit lang schonen“, sagte sie. „Aber du kannst ja auch von zu Hause aus arbeiten.“

„Die Kammer. Ich muss mich um den Fehler kümmern.“ Er sah auf. „Bis das System perfekt läuft, wirst du meine Augen und meine Ohren sein. Ich brauche dich, Lisa.“

Sie wandte sich ab, weil sie die Angst in seinem Blick nicht ertragen konnte. Nein, nicht nur Angst. Da war noch etwas anderes, tiefer Liegendes. Etwas in Vincents Seele, ein Unterton in seiner Stimme, der lauter wurde und keinen Widerspruch duldete. Sie wusste plötzlich, dass die Heirat ein Fehler gewesen war.

9

Jan Wolzow spürte weder den Regen noch die Kälte, die der Nordwind mit sich führte. Nur selten erreichte ein Gefühl sein versteinertes Herz, die meisten Empfindungen drangen kaum unter seine Haut und wenn, dann perlten sie von dem Eisklumpen in seiner Brust ab wie Wasser von einem Lotusblatt.

Er wusste nicht mehr, wie oft er die Unfallstelle in den vergangenen Wochen abgesucht hatte. Einem fast neurotischen Zwang folgend, tat er es immer wieder, ohne die Spur zu finden, auf die er seit drei Jahren hoffte. Die Blutflecken auf dem Asphalt hatte der Regen längst fortgewaschen. Ab und zu entdeckte er den Glassplitter einer Scheinwerferabdeckung am Straßenrand, sonst nichts. Limburg war eine Sackgasse, so wie die anderen Orte, in die er sich geschlichen hatte. Er dachte ans Weiterziehen, seine Sachen hatte er ohnehin noch immer nicht ausgepackt, lebte nach wie vor aus Umzugskartons und einem zerkratzten Lederkoffer.

Er kickte einen Kieselstein über die Straße und sah zu, wie dieser zweimal hochsprang und dann in einer Pfütze liegen blieb. Nein, es hatte keinen Sinn mehr, weiterzumachen. Limburg war die letzte Station auf seiner Liste. Wenn er hier nicht fand, wonach er suchte, würde er niemals die Wahrheit erfahren. Und nichts deutete darauf hin, dass dies noch geschehen würde.

Aus seinem Handy drang eine klagende Gitarrenmelodie von Gary Moore. Wolzow meldete sich, es war Frenck.

„Wo zum Henker stecken Sie, Wolzow?“

„Ich gehe einer Spur nach.“

„Die Sie nicht zufällig auf der B 54 zu finden hoffen? Mensch Wolzow, die Sache wurde vor Gericht verhandelt und ist längst abgeschlossen. Auf Ihrem Schreibtisch liegt ein Haufen Arbeit, der höher ist als der Limburger Dom. Wäre es zu viel verlangt, wenn Sie mal einen Blick darauf werfen würden?“

„Bin schon unterwegs.“

Er beendete das Gespräch. Mit Frenck zu diskutieren hatte er sich schon vor Monaten abgewöhnt. Sie hatten einen Deal abgeschlossen, mit dem eigentlich beide zufrieden waren. Frenck döste seiner nahen Pensionierung entgegen und Wolzow hielt ihm die Arbeit vom Leib. Dafür würde er Frencks Posten erben. An und für sich kein schlechter Handel, aber Wolzow verspürte nicht die geringste Lust, in der Domstadt an der Lahn hängen zu bleiben. Sein Problem war nur, dass er keine Ahnung hatte, was er stattdessen mit seinem Leben anfangen sollte. Wenn seine Suche hier endete, würde er seinen Lebensinhalt verlieren.

Er überquerte die Landstraße und blickte sich noch einmal um. Nasser Asphalt, vom ersten Frost niedergedrücktes, dürres Gras und kahle Bäume. Was hatte er erwartet? Dass das Arschloch, hinter dem er her war, eine deutliche Spur für ihn hinterlassen hatte? Er schüttelte den Kopf über seinen eigenen Starrsinn, stieg in den Ford Ranger und fuhr zurück nach Limburg.

Frenck erwartete ihn bereits. Er zog gerade eine Akte aus einem der Stapel auf Wolzows Schreibtisch und brachte damit den Turm zum Einsturz. Matuschek schreckte aus seinem Büroschlaf auf und rieb sich die Augen.

„Ah, Wolzow. Beehren Sie uns auch einmal wieder?“, knurrte Frenck.

„Was gibt es denn so Dringendes?“

Er warf den feuchten Parka über einen Garderobenhaken und ließ sich in seinen Sessel fallen.

Der alternde Kommissar sah heute noch farbloser aus als gewöhnlich. Matuschek stemmte sich ächzend aus seinem Stuhl hoch und schlurfte auf den Gang hinaus, um sich den nächsten Kaffee aus dem Automaten zu ziehen. Er soff das Zeug wie Wasser.

Frenck wartete, bis Matuschek um die Ecke gebogen war, und holte einen abgegriffenen Aktendeckel aus seinem Büro. Dann schob er hinter sich die Bürotür mit der Hacke zu und warf die Akte auf Wolzows Tisch.

„Ist das der Grund, warum Sie immer wieder nach spätestens sechs Monaten um eine Versetzung bitten?“

Wolzow nahm die ihm vertraute Aktenkopie und schloss sie in seinem Schreibtisch ein.

„Das ist meine Privatsache.“

„Wenn Sie bei mir Ihre Zeit damit vertrödeln, dann nicht. Wie wär’s, wenn Sie mir mal ein paar Dinge erklären würden? Die Sache mit Ihrer Frau zum Beispiel.“

„Wozu soll das gut sein?“

Frenck beugte sich vor und stützte sich mit den Händen auf dem Schreibtisch ab.

„Im Februar werde ich dreiundsechzig. Ich kann nur vorzeitig in Pension gehen, wenn ich meinen Nachfolger eingearbeitet habe. Wenn Sie also vorhaben, weiterzuziehen, will ich das wissen.“

Wolzow rieb sich die Nasenwurzel mit Daumen und Zeigefinger. „Nein, hab ich nicht vor. Ich schätze, meine Reise ist hier zu Ende.“

Frenck setzte sich auf die Tischkante. „Mensch Wolzow. Sie reden hier mit allen nur das Nötigste, niemand weiß, was Sie außerhalb des Büros machen. Sie sind der schlecht gelaunteste Misanthrop, der mit je begegnet ist. Meinen Sie nicht, Sie sollten mir mal Ihr Herz ausschütten?“

„Nein.“ Wolzow schaltete seinen Monitor ein.

„Also gut. Dann fange ich eben an“, sagte Frenck. „Ihre Frau wurde am 5. April 2015 Opfer eines Verkehrsunfalls mit Fahrerflucht. Der Verursacher wurde nie ermittelt.“

„So steht’s im Polizeibericht.“

„Und was steht zwischen den Zeilen?“

Wolzow zuckte mit den Schultern. „Nichts.“

„Nichts?“, wiederholte Frenck. „Verraten Sie mir wenigstens, warum Sie damals eine Obduktion angeordnet haben? Witterten Sie ein Verbrechen? So wie Sie Dr. Wegener verdächtigten, den Jungen absichtlich überfahren zu haben? Kann es sein, dass Sie einem Gespenst nachjagen?“

„Ja, kann sein.“

Frenck warf einen Blick auf den leeren Korridor vor der Glastür. „Sie haben noch drei Minuten, bis Matuschek wieder da ist. Und Sie wollen doch sicher nicht, dass diese Tratschtante Zeuge Ihrer Lebensbeichte wird, oder?“

Wolzow stierte auf den Monitor und seufzte.

„Ja, ich hatte den begründeten Verdacht, dass Manuela ermordet worden ist. Aber ich konnte es nie beweisen.“

„Deshalb die Obduktion?“

„Ja. Aber das Ergebnis war nicht das, was ich erhofft hatte.“

„Sondern?“

„Sie hatte kurz vor ihrem Tod Geschlechtsverkehr.“

Frenck stieß zischend die Luft durch die Schneidezähne. „Dumm gelaufen. Sie hatte eine Affäre, von der Sie ohne die Obduktion nie erfahren hätten, was?“

„Richtig.“

„Wie kamen Sie auf die Idee, dass es kein Unfall war?“, fragte Frenck.

„Intuition. Ich spürte, dass sie mir etwas verheimlichte. Das nennt man wohl Bulleninstinkt. Sie wissen, was ich meine.“

„Mmh. Und darum streifen Sie wie ein ruheloser Kater durch das Land. Sie suchen nach dem Kerl, weil Sie glauben, er hat sie umgebracht.“

„Ich weiß nicht, ob es Absicht war. Möglich wäre es, und ich will es wissen. Verstehen Sie das?“

„Ja, versteh ich.“

Wolzow verschränkte die Arme hinter dem Nacken und lehnte sich zurück.

„Ich habe Manuelas Leben durchleuchtet, das Leben, das sie führte, bevor ich sie kennenlernte. So machen wir es immer, nicht wahr? Wir durchwühlen die Vergangenheit und das Privatleben der Opfer und Verdächtigen, bis wir auf etwas stoßen, das uns misstrauisch macht. Sie lebte in fünf verschiedenen Städten, die ich alle abgeklappert habe.“

„Was erhoffen Sie sich davon?“

„Ich will nachvollziehen, wo und wie sie gelebt hat, wen sie getroffen und gekannt hat, will an den Orten sein, an denen sie gewesen war.“

„Weil Sie nicht den Ansatz einer Spur haben“, sagte Frenck.

„Nicht ganz. Durch das Sperma, das bei der Obduktion gefunden wurde, habe ich die DNA. Ich brauche nur den passenden Mann dazu.“

„Haben Sie sich deshalb so in den Tod des Jungen verbissen?“

„Vielleicht. Starrsinn kann blind machen.“

Matuschek kehrte mit einem großen Becher Kaffee zurück und steuerte die Bürotür an.

„Immerhin sehen Sie’s ein“, sagte Frenck. „Danke, dass Sie mir alles erzählt haben. War doch gar nicht so schwer, oder?“

Schwerer, als du glaubst, dachte Wolzow.

„Irgendwas ist faul in dieser Klinik“, sagte er, „der alte Mann hat sich die Geschichte nicht aus seinen Gichtfingern gesogen.“

„Die Gerichtsmedizin hat die Todesfälle anhand der OP-Berichte untersucht und nichts Verdächtiges gefunden.“

„Ja, ich weiß.“

„Grothe suchte einen Schuldigen, jemand, den er für den Tod seines Enkels verantwortlich machen kann.“

„Und die Nachricht auf der Mailbox?“

Frenck schüttelte den Kopf. „Das kann alles und nichts bedeuten.“

„Es bleibt eine seltsame Geschichte“, sagte Wolzow nachdenklich.

„Limburg ist also Ihre letzte Station?“, fragte Frenck.

„Sieht so aus, als wäre ich hier gestrandet.“

„Ich geb Ihnen einen guten Rat“, sagte Frenck. „Lassen Sie die Toten ruhen.“

Matuschek drückte die Tür mit dem Ellenbogen auf. Er balancierte den Kaffeebecher und einen Aktenordner.

„Dahinten liegt noch das Zeug des armen Jungen“, sagte er. „Einer von uns muss es der Mutter bringen.“

„Wenn Sie schon darüber gestolpert sind, können Sie das gleich übernehmen“, sagte Frenck.

Wolzow schob seinen Sessel zurück und schnappte sich den Parka, den er zu jeder Jahreszeit trug.

„Ich mach das.“

Matuschek nippte erleichtert an seinem Kaffee.

„Denken Sie an meinen Rat“, rief Frenck Wolzow nach.

Im Abstellraum neben dem Kaffeeautomaten stieß Wolzow auf zwei Plastiktüten. Sie enthielten die zerfetzte, mit eingetrocknetem Blut befleckte Motorradkombi, Lederhandschuhe und einen schwarzen Integralhelm. Wolzow steckte die Kombi in die Tüte zurück. Jonahs Mutter hatte mit Sicherheit keine Verwendung dafür. Sein Blick fiel auf den Motorradhelm, er nahm ihn in die Hand und untersuchte ihn. Der Junge war an inneren Blutungen infolge einer Beckenfraktur gestorben. Warum befanden sich an der Außenseite des Helmvisiers Blutschlieren? Der zerkratzte Kunststoff war außerdem gerissen, so, als ob er einen heftigen Schlag hätte abfangen müssen. Davon hatte nichts im Obduktionsbericht gestanden. Waren Helm und Kombi überhaupt untersucht worden oder hatten sie die ganze Zeit über hier gelegen? Sein Schnüffelinstinkt erwachte. Er trug die Plastiktüten zu seinem Wagen. Matuschek döste und Frenck bohrte geistesabwesend in der Nase. Mit Beginn des Winters schienen sämtliche Verbrecher im Großraum Limburg die Lust am Einbrechen, Vergewaltigen und Morden verloren zu haben.

Wolzow trat aus dem Hauptportal, warf die Tüten auf den Beifahrersitz und stieg in seinen Pick-up. Aus dem bleigrauen Himmel fiel stetiger Regen, als er auf die A 3 auffuhr. Frenck würde in diesem Moment pünktlich Feierabend machen. Nun, da er sicher war, dass Wolzow sich nicht aus dem Staub machen würde, war ihm gleichgültig, womit er seine Zeit verbrachte. Wolzow hatte einen guten Draht zu Professor Klemm, dem Chef des pathologischen Instituts in Mainz. Und er wusste auch schon, wie er Klemm dazu überreden konnte, zusätzliche DNA-Abgleiche und Blutprobenbestimmungen vorzunehmen.

10

3 Wochen später, 3. Dezember

Es war nur ein leeres Haus, aber es jagte Lisa Angst ein. Das Gefühl, in dem Labyrinth aus ineinander verschachtelten Ebenen, Korridoren und Zimmern beobachtet zu werden, ließ sich nicht vertreiben. Das Haus schien hinter ihrem Rücken zum Leben zu erwachen und jeden ihrer Schritte mit boshaften Blicken zu verfolgen. Drehte sie sich um, blieb die Ahnung einer Bewegung oder eines Schattens, der in den Wänden versickerte. Es war erst später Nachmittag, aber die Dunkelheit floss zäh wie Teer durch die Fenster.

Zu Beginn ihrer noch frischen Ehe hatte Lisa Vincents geniale technische Spielereien noch staunend bewundert, aber inzwischen hasste sie das Haus. Es schien immer mehr die Kontrolle zu übernehmen, als besitze es einen eigenen, niederträchtigen Willen. Es wusste, woher Lisa kam und wohin sie zu gehen beabsichtigte. Vor wenigen Tagen war ihr klar geworden, dass dahinter ein cleverer Algorithmus steckte, der aufgrund ihrer Bewegungsmuster ihre Absichten erriet und ihre Gewohnheiten mittlerweile besser kannte als sie selbst. Jeder Fleck wurde von Bewegungsmeldern überwacht, die dafür sorgten, dass ihre Schritte automatisch ins bestmögliche Licht getaucht wurden. Als Nebeneffekt entstand der Eindruck von Bewegung, wo es keine gab.

Lisa redete sich ein, dass es nur die ungewohnte Stille war, die sie ängstigte. Die vergangenen Wochen hatte sie fast ununterbrochen an Vincents Seite verbracht. Nun war sie zum ersten Mal allein in der Villa, Vincent war unterwegs zu einer Tagung, auf der er seine neuesten Forschungsansätze präsentieren wollte.

Sie fragte sich, warum er sie diesmal nicht mitgenommen hatte, und grübelte darüber, wann sie die Veränderung in seinem Wesen zum ersten Mal bemerkt hatte.

Lange hatte sie es nicht wahrhaben wollen, aber natürlich hatte es in der Nacht begonnen, in der sie dieses Haus als Lisa van Dyk betreten hatte. Vincents unbegreiflicher Wutanfall wegen der versagenden Technik und die hysterische Angst vor einer lächerlichen Verletzung hatten ihr einen Blick auf Facetten seines Wesens gewährt, die ihr unbekannt gewesen waren. Er hatte den Vorfall nie wieder erwähnt, und Lisa hatte ihn nicht mehr darauf angesprochen.

Doch die Maske der Perfektion, die er trug, hatte Risse bekommen. Dahinter war ein zutiefst angstgestörter, hypochondrisch veranlagter Psychopath zum Vorschein gekommen. Dass sie diese dunkle Seite gesehen hatte, brachte sie möglicherweise sogar in Gefahr. Egomanische Charaktere konnten den Anschein von Normalität nur durch ihr falsches Selbstbild aufrechterhalten. Gelang es einem anderen Menschen, einen Blick auf das psychotische Monster hinter der Maske zu werfen, bedeutete das den Zusammenbruch der Selbsttäuschung. In extremen Fällen löste diese Erkenntnis exzessive Gewalt aus. Lisa schauderte bei dem Gedanken daran, wie extrem Vincent war – in allem, was er tat und dachte – und welche Konsequenzen ihre Entdeckung haben mochte. 

Sie berührte die kalte Balustrade auf der Empore. Nein, sie brauchte das Haus nicht zu fürchten, es war nur ein totes Gebilde aus Stein und Glas. Die wahre Gefahr lauerte in Vincents dunklem Wesen; das Haus, dem er seinen Charakter aufgezwungen hatte, symbolisierte lediglich seine Anwesenheit.

Es war ein Fehler gewesen, ihn zu heiraten; ein Fehler, den sie nur damit erklären konnte, dass sie sich in einer psychischen Ausnahmesituation befunden hatte. Vincent hatte ihr einen Ausweg aufgezeigt, aber dieser Weg hatte sich als Sackgasse erwiesen. Als ein Irrtum, den sie so schnell wie möglich ungeschehen machen musste. Aber er würde niemals zulassen, dass sie sich von ihm trennte. Die Ärztin Lisa Wegener war das Bollwerk gegen die Todesangst, die ihn beherrschte. Er klammerte sich an sie wie ein Ertrinkender an einen löchrigen Rettungsring, und er würde sie beide in die Tiefe ziehen, wenn sie sich nicht von ihm löste. War dies die Bedeutung des immer wiederkehrenden, hellseherisch anmutenden Traums, in dem die Strömung eines reißenden Flusses sie unter das Eis zog?

Vincents empfindliche Psyche schwankte zwischen Wahnsinn und Genie, und seine dunkle Seite gewann immer mehr die Oberhand. Er hatte keine Partnerin gesucht, keine Frau an seiner Seite, die er lieben konnte und von der er geliebt wurde. Nein, er hatte sie aus einem anderen Grund geheiratet. Ob er den Plan schon gefasst hatte, bevor er sie kennenlernte, war einerlei. Er war ein angstgestörter Hypochonder, der eine Ärztin brauchte, die über seinen Gesundheitszustand wachte. Ihm musste schnell klar geworden sein, dass sie die perfekte Dienerin war – eine gut ausgebildete Ärztin, die sofort zur Stelle war, wenn ihn ein Zipperlein plagte, das sich in seiner wahnhaften Vorstellung als Keimzelle eines Tumors oder einer tödlich verlaufenden Krankheit entpuppen könnte.

Warum hatte er keine Betreuerin eingestellt? Er war reich genug, um sich ein ganzes Ärzteteam leisten zu können. Aber die Antwort auf diese Frage war leicht und erschreckend zugleich: Vincent war ein Einzelgänger, Freundschaften und Geselligkeit waren ihm fremd. Sie war der einzige Mensch, dessen Nähe er dauerhaft ertrug.

Ihr war klar, dass sie eine Entscheidung treffen musste, und zwar so schnell wie möglich. Die vergangenen Wochen hatten mehr als deutlich gezeigt, wozu er fähig war und wie ihr zukünftiges Leben an seiner Seite aussehen würde. Furcht war die stärkste Triebkraft des menschlichen Geistes, und Vincent fürchtete nichts so sehr wie Krankheit und Tod. Von allen archaischen Ängsten waren sie vielleicht die mächtigsten.

Sie hatte nie erfahren, warum ihn eine so panische Angst heimsuchte, vorzeitig sterben zu müssen, und sie wagte auch nicht, danach zu fragen. Das Thema war tabu und verdeutlichte seine innere Zerrissenheit. Einerseits beschäftigte er sich jeden Tag beruflich mit dem Tod, anderseits verdrängte er ihn.

Auch Lisa war sich bewusst, dass ihr Leben unweigerlich enden würde, es war ein Schicksal, dem niemand entging. Jeder Mensch fand seinen individuellen Weg, sein Leben zu gestalten, ohne sich jeden Augenblick mit dem Unvorstellbaren auseinandersetzen zu müssen: der eigenen Nichtexistenz. Vincent dagegen brachten diese Gedanken an den Rand des Wahnsinns. Er war in keiner Weise religiös, sondern ein nüchtern denkender Wissenschaftler, der sich auf Erkenntnisse und Beweise stützte. Trotzdem schien er davon überzeugt zu sein, dass etwas auf der anderen Seite auf ihn lauerte, etwas Unaussprechliches, dem er unter allen Umständen entkommen wollte. Er schluckte Vitamine und Substanzen, die möglicherweise den Alterungsprozess hinauszögerten. Er trieb Sport – natürlich in exzessivem Maße –, ernährte sich nach einem strengen Diätplan und forderte von ihr jeden Monat einen kompletten Check-up. Und er kontrollierte jeden Abend sklavisch die Funktion der unheimlichen Kühlkammer im Keller, die seinen Zerfall aufschieben sollte, bis ein Team von Kryotec eintraf. Hoffte er tatsächlich, eines fernen Tages wieder zum Leben erweckt zu werden?

Lisa kam Vincents Lieblingsargument in den Sinn: „Wenn ich nichts unternehme, sterbe ich, und dieser Zustand wird ewig andauern. Aber wenn die Chance auf eine erfolgreiche Wiederbelebung auch nur bei einem Prozent liegt, lohnt sich jede Investition.“

Mit geschlossenen Augen, eine Hand an der Balustrade, ging sie die Empore entlang, die wie ein Sims um die Halle herumführte. Die Vorstellung, ihm ins Gesicht zu schreien, dass er sich in einen egomanischen, kontrollsüchtigen Mistkerl verwandelt hatte, den sie nicht länger ertrug, erregte und ängstigte sie zugleich. Seit Tagen lief dieser Film in ihrem Kopf wie eine Endlosschleife ab, ohne dass sie den Mut gefunden hatte, ihn Realität werden zu lassen. Ihr fehlte die Kraft, ihn umzusetzen, und das erschreckte sie beinahe mehr als alles andere. Von der selbstbewussten Unfallchirurgin, die mit Gott um jedes Leben kämpfte, war nur ein blasser Schatten geblieben. Ein Schatten, der durch das leere Haus flatterte und Angst vor dem Licht der Wahrheit hatte.

Vincent hatte das Trauma, das sie nach dem Tod des Jungen durchlebte, geschickt für seine Zwecke genutzt. Sein Auftreten als Beschützer, der ihr jedes Hindernis aus dem Weg räumte und ihr Zeit verschaffte, ihre Schuldgefühle zu verarbeiten, waren Teil eines perfiden Plans gewesen, dessen war sie sich inzwischen sicher. Aber weil sie sich hatte treiben lassen wie eine Holzpuppe auf einem von Stromschnellen aufgewühlten Fluss, hatte sie ihm in die Hände gespielt. Sie hatte keine Kraft geschöpft, sondern den letzten Rest Entschlossenheit verloren, sich aus dem Kokon zu befreien, in den Vincent sie gesperrt hatte. Sie besaß keine eigene Wohnung mehr und keinen Job, keinen Mut und keine Perspektive.

Das Trommeln des Regens war zu einem Flüstern abgeebbt. Unter ihm verbarg sich ein fremdes Geräusch, weit entfernt und kaum wahrnehmbar. Ein Wispern, kaum lauter als ein nächtlicher Windhauch. Nein, sie irrte sich nicht, sie war nicht allein im Haus.

Sie lehnte sich über die Balustrade und wartete darauf, dass sich das Flüstern wiederholte. Lautlos streifte sie die Flipflops von den Füßen und schlich barfuß die Empore entlang zu dem runden Aussichtsfenster. Wenn sie die Nase an die Scheibe quetschte und die Augen verdrehte, konnte sie den Hof und den Teil der Einfahrt überblicken, in dem Vincent gewöhnlich seinen Porsche abstellte. Aber der Platz war leer. Wenn er wirklich zurückgekommen war, weil er etwas vergessen hatte, hätte er sich außerdem nicht wie ein Dieb ins Haus geschlichen.

Lisa kehrte um und ging auf die Tür zum Schlafzimmer zu. Sie war müde und überreizt und begann offenbar Dinge zu hören, die nicht existierten. Seit Wochen hatte sie kaum eine Nacht durchgeschlafen. Die Tage sorgten für Ablenkung, aber in den Nächten kreisten ihre Gedanken um Jonah. Immer wieder durchlebte sie die Sekunden vor dem Aufprall und fragte sich, ob sie den Zusammenstoß nicht doch hätte verhindern können.

Licht floss aus versteckten Strahlern, als sie das Zimmer betrat. Eine kaum wahrnehmbare Bewegung irritierte sie – dort, wo es keine geben sollte. Auf dem Regal rechts von ihr standen, ordentlich aufgereiht, Dutzende von Schneekugeln. In einer der Kugeln schneite es. Lisa starrte auf die langsam zu Boden rieselnden Kunststoffflocken. Eine Schneegestöberwelt stand eine Winzigkeit versetzt zu den Nachbarkugeln. Jemand hatte sie vor Kurzem angefasst, geschüttelt und dann an ihren Platz zurückgestellt. Aber er hatte nicht Vincents extremen Ordnungssinn besessen, sonst hätte er auf die perfekte Anordnung geachtet. Er konnte es also nicht gewesen sein, zumal sein Wagen vor einer Stunde in die Nacht eingetaucht war und Dutzende Kilometer entfernt von hier über die Autobahn Richtung Dortmund raste. Morgen Mittag würde er dort einen Vortrag über Kryonik halten. Da er jedes Detail akribisch plante, hatte er auch seinen Zeitplan exakt festgelegt und war bereits in der Nacht losgefahren, um allen eventuellen Verzögerungen begegnen zu können. Er würde erst in drei Tagen zurückkommen.

Die letzten Flocken segelten zu Boden. Es konnte kein Zufall sein, dass ausgerechnet diese Kugel bewegt worden war. Sie war ein Geschenk von Vincent zu ihrer Hochzeit gewesen.

Ohne Vorwarnung hallte ein ohrenbetäubendes Hupen durch das Haus und endete nach wenigen Sekunden abrupt. Es war das Warnsignal der Kühlkammersteuerung, dass der Strom ausgefallen war. Lisa lief auf die Empore hinaus, im selben Augenblick spielte die sicher geglaubte, perfekte Elektronik verrückt. Strahler blitzten auf wie Minisonnen und verglühten, überall im Haus flammten Lampen auf und verloschen wieder. Aus den Lüftungsschlitzen in der Decke über der Empore drang eiskalte Luft, nur um sich im nächsten Moment in einen heißen Wüstenwind zu verwandeln. Die zentrale Steuereinheit in der Nische neben dem Windfang piepte nervtötend, Lisa sah den flackernden Widerschein hektisch blinkender Anzeigen und Störmeldungen. Dann fiel unvermittelt der Strom aus.

Die plötzliche Stille jagte ihr mehr Angst ein als der Höllenlärm. Die Dunkelheit legte sich wie ein schwarzer Schleier vor ihre Augen, schärfte aber zugleich ihre restlichen Sinne. Sie streckte die Arme aus und tastete umher, bis sie die Balustrade unter ihren Fingerspitzen spürte. In das leise Flüstern des Regens mischte sich unverkennbar das Geräusch von Schritten. Es schien von überall her zu kommen, mal näherte es sich, dann entfernte es sich wieder. Dies war eine weitere, merkwürdige Eigenschaft des Hauses. Der Schall bewegte sich auf unberechenbaren Wegen durch die verwinkelten Gänge. Oft war es unmöglich, einen Laut richtig zu lokalisieren.

„Ist da jemand?“ Ihre Stimme verlor sich in den Tiefen der Eingangshalle. „Vincent? Bist du das?“

War er zurückgekommen, weil er etwas Wichtiges vergessen hatte? Nein, er vergaß nichts. In seinem Leben gab es keine unvorhergesehenen Ereignisse.

„Vince?“

Die Schritte verstummten, als wäre der Eindringling stehen geblieben, doch dann setzte er seinen Weg fort.

Lisas Nackenhaare stellten sich auf. Ein kalter Lufthauch strich über ihr Gesicht. So musste es sich anfühlen, wenn ein Geist durch einen hindurchgeht, dachte sie.

Sie wandte sich nach links. Das Fenster am Ende der Empore stand offen, nasskalte Luft strömte herein. Das Schlurfen und Schleifen leiser Schritte in der Halle hörte auf. Lisa verharrte auf der Stelle und zählte die Sekunden. Da Vincent Vorsorge gegen alle erdenklichen Gefahren und Unwägbarkeiten traf, brauchte sie nichts weiter zu tun, als zu warten, bis das Notstromaggregat ansprang und elektrisches Licht die Dunkelheit vertrieb. Aber diesmal war kein Gewitter die Ursache. Nie zuvor hatte die gesamte Elektronik ohne erkennbaren Grund versagt. Wäre Vincent hier, würde er einen erneuten Tobsuchtsanfall erleiden, weil der Computer es wagte, sich seinem Willen zu widersetzen.

Alle Muskeln angespannt, wartete sie darauf, dass der Generator endlich startete. Ein herkömmlicher Einbrecher könnte die hypermodernen Sicherheitseinrichtungen niemals überwinden, es sei denn … er hatte zuvor sämtliche Stromverbindungen gekappt. Ob Vincent das nicht vorausgesehen hatte?

Wenn es kein Dieb auf der Suche nach Kunstgegenständen war – die es im Haus zur Genüge gab –, wer hatte dann Grund dazu, in die Villa einzudringen? Lisa brauchte nicht lange darüber nachzudenken … die schlurfenden Schritte, das Schleifen und das schwere Atmen … es gab nur einen Menschen, der sie abgrundtief hasste: der alte Grothe! Wusste er, dass sie an diesem Wochenende allein war? Hatte er geduldig auf diesen Zeitpunkt gewartet, um in der Abgeschiedenheit des Hauses seine Rachefantasien wahr werden zu lassen? Aber war er auch in der Lage, die Sicherheitselektronik zu überwinden?

Endlich drang ein Brummen aus dem Treppenschacht herauf. Die Notbeleuchtung tauchte die Empore in gelbes Licht. Einen Wimpernschlag lang glaubte Lisa, in einem der von der Eingangshalle abzweigenden Korridore eine Bewegung wahrzunehmen.

„Vincent?“ Niemand antwortete ihr.

„Ist da jemand?“

Sie ärgerte sich, dass ihre Stimme vor Angst zitterte und dass eine so harmlose Sache wie ein Stromausfall sie in Panik versetzte. Entschlossen, dem Spuk ein Ende zu bereiten, ging sie auf die Treppe zu. Auf halber Höhe blieb sie stehen. Die noch immer hilflos blinkenden Anzeigen der Haussteuerung schälten die Umrisse einer Gestalt aus dem Dunkel. Grothe?

Erst jetzt bemerkte Lisa die Kälte in der Eingangshalle. Die Schiebetüren, die auf die Terrasse hinauswiesen, standen offen, ebenso die Haustür.

Der Unbekannte trat durch den Rundbogen, der in die Halle führte.

„Tut mir leid, dass ich so hereinplatze, aber die Tür stand offen.“

Die Hände in den Taschen seines blassgrünen Parkas verborgen, stand Wolzow in der Halle.

Lisa stieß den angehaltenen Atem aus. „Was wollen Sie? Sie haben mich zu Tode erschreckt.“

„Ich sah das Licht. Das Haus sah von außen aus wie ein ausgeflippter Weihnachtsbaum.“

Lisa ging die Treppe hinunter und bemühte sich, die Terrassentüren von Hand zu schließen. „In diesem verdammten Haus wird sogar die Klospülung von einem Computer gesteuert. Und der hat heute nicht gerade seinen besten Tag.“ Endlich rastete das Schloss der Schiebetür ein. „Was wollen Sie? Mir wieder einen Mord anhängen?“, fragte sie.

„Ich mach nur meinen Job.“

„Und der führt Sie hierher?“

„Ja. Ich dachte mir, es würde Sie interessieren, dass ich neue Erkenntnisse zum Tod von Jonah Grothe habe.“

Er zog ein Blatt Papier aus der Seitentasche seines Parkas und entfaltete es.

„Was ist das?“, fragte Lisa misstrauisch.

„Das Ergebnis eines DNA-Abgleichs zwischen den Spuren, die wir am Unfallort sichergestellt haben, und der Blutprobe, die Ihnen entnommen wurde.“

„Wozu soll das gut sein?“

„Die Untersuchungen zum Unfallhergang konzentrierten sich auf Ihren Wagen und das Motorrad. Der Helm des Jungen und seine Motorradkombi lagen die ganze Zeit in der Asservatenkammer. Ich wollte die Sachen seiner Mutter zurückgeben, aber etwas machte mich misstrauisch.“

„Sie fangen also schon wieder an.“

„Vielleicht sollten Sie erst mal zuhören. An der Außenseite des Helmvisiers befanden sich Blutspuren. Ich habe sie mit Ihrer Blutprobe vergleichen lassen.“

„Und was kam dabei heraus?“

„Sie stimmen nicht überein.“

„Natürlich nicht. Ich habe mich bei dem Unfall nicht verletzt.“

Er nickte. „So steht’s auch im Bericht. Aber sie passen auch nicht zu Jonah Grothe. Können Sie mir erklären, warum wir es plötzlich mit drei verschiedenen Spuren zu tun haben?“

Lisa suchte Halt am Treppengeländer. Sie fühlte den Boden unter ihren Füßen wanken.

„Das bedeutet ja …“

„Das bedeutet, dass noch jemand in den Unfall verwickelt war.“

„Aber wie kann das sein?“

„Genau das will ich herausfinden. Die Unfallrekonstruktion durch die Dekra-Experten hat ergeben, dass Grothe stand, als das Fahrzeug ihn erwischte.“

Details

Seiten
0
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783960876083
ISBN (Buch)
9783960876816
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v456482
Schlagworte
Psycho-Thriller Techno-logi-e-sch-Arzt-Thriller Unfall Polizei-Thriller Experiment ewiges Leben Mord kranken-haus-pfleger-in

Autor

  • Wenn Sie diese Meldung sehen, konnt das Bild nicht geladen und dargestellt werden.

    Volker Dützer (Autor)

Zurück

Titel: Jenseits der Nacht (Thriller)