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Home Run zu dir

von Saskia Louis (Autor)

2019 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

Baseball und Frauen: Das sind die Dinge, die Jake Braker liebt und versteht.
Kinder gehören definitiv nicht zu seinem Feld der Expertise. Als er gerichtlich zu Sozialstunden im Kindergarten verurteilt wird, rechnet er mit einem katastrophalen Ausgang der Situation. Wie sich herausstellt, sind die Bazillenschleudern jedoch gar nicht das Problem. Die Erzieherin, die sich weder von seinem Aussehen noch von seinem Geld beeindrucken lässt, geht ihm viel mehr auf die Nerven. Sie hat nichts in seinem Leben und erst recht nichts in seinen Träumen zu suchen!

Geld und Zeit: Das sind die Dinge, die Olivia Green in ihrem Leben fehlen.
Der arrogante Baseballer, auf den sie plötzlich aufpassen muss, gehört definitiv nicht auf diese Liste. Beschäftigt mit Geld- und Familienproblemen hat sie wenig Geduld für den selbstgerechten Egomanen, der ihr Vertrauen mit seinem schmierigen Lächeln und blöden Muskeln erkaufen will. Doch je mehr Zeit sie mit ihm verbringt, desto mehr muss sie einsehen, dass sie ihn möglicherweise unterschätzt hat …

Jeder Band der Reihe ist in sich abgeschlossen und kann unabhängig voneinander gelesen werden.

Impressum

dp Verlag

Erstausgabe Februar 2019

Copyright © 2020 dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

E-Book-ISBN: 978-3-96087-643-4
Taschenbuch-ISBN: 978-3-96087-709-7

Covergestaltung: Miss Ly Design
unter Verwendung von Motiven von
shutterstock.com: © Jacob Lund und © Eugene Onischenko
Lektorat: Astrid Rahlfs

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

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dp Verlag

Kapitel 1

Jake Braker war ein glücklicher Mistkerl.

Das wussten alle.

„Jake, Jake! Inwiefern wird das Gerichtsurteil Ihr Spiel beeinträchtigen?“

Er arbeitete in seinem Traumjob, war stinkreich und hübscher als eine Blumenwiese im Sonnenschein.

„Mr. Braker, einen Kommentar bitte! Ihr Management streitet ab, dass Sie Drogen konsumieren – stimmt das?“

Jede Frau wollte in seinem Bett liegen. Und jede zweite Frau tat es auch.

„Jake! Warum gerade ein Kinderspielplatz? Wieso haben Sie nicht gleich die Liberty Bell zerstört?“

Zurzeit war er aber nicht glücklich. Zurzeit war er einfach nur ein Mistkerl. Und verdammt noch mal, er füllte die Rolle beschissen gut!

„Jake! Viele Experten behaupten, dass Sie mit Ihren Eskapaden den Einzug der Delphies in die World Series gefährden. Was ist Ihre Meinung zu diesem Thema?“

Jake biss die Zähne aufeinander, schirmte sich mit der Hand vor dem Blitzlichtgewitter ab und drängte sich weiter durch die Menge. Ihm juckte es in den Fingern, deswegen ballte er sie zu Fäusten und stopfte sie in die Hosentaschen. Die Reporter hatten doch keine Ahnung. Er gefährdete rein gar nichts. Die Delphies würden diese verdammte Saison gewinnen und wenn er dafür noch hundert weitere Spielplätze auseinandernehmen musste! Er würde das Team nicht ohne Sieg verlassen.

„Mr. Braker, haben Sie ein Alkoholproblem?“

Nein, aber wenn der Reporter weiterredete, hatte der bald ein Zahnproblem.

„Sag einfach nichts, Jake“, zischte Sam, der PR-Manager der Delphies, der vor ihm her, auf das schwarze Auto mit den getönten Scheiben zulief. „Egal, was du gerade loswerden willst: Behalte es für dich. Du würdest es nur schlimmer machen.“

Dass es noch schlimmer werden konnte, bezweifelte Jake. Aber er wollte sich keinen Muskel dabei zerren, einen schleimigen Reporter niederzuschlagen, deswegen schwieg er und zog sich die Kappe tiefer ins Gesicht.

Das hier war lächerlich! Sozialstunden. Was für ein Schwachsinn. Warum hatte er nicht einfach die fünfundzwanzigtausend Euro Geldbuße zahlen und die Sache vergessen können?

Aber die Richterin hatte es auf ihn abgesehen gehabt. Sie hatte in ihm einen reichen, arroganten Schnösel gesehen, der sich mit seinem Geld die Freiheit erkaufen wollte – und Jake war egal, dass das eine akkurate Beschreibung seiner Person war. Bis jetzt hatte sein Leben wunderbar auf diese Weise funktioniert.

Dass er sich daneben benahm, war doch ohnehin, was alle von ihm erwarteten. Und es war die einzige Erwartung, die er je hatte erfüllen können. Während er in allen anderen Bereichen grandios versagte.

„Jake, ein Statement, bitte! Wird Coach Thompson Sie für Spiele sperren?“

Sie hatten das Auto erreicht und ohne einen Blick zurückzuwerfen, duckte Jake sich hinter Sam in die Sicherheit des Wageninneren. Seufzend lockerte er die Krawatte und ließ die Schultern kreisen. Er hasste Anzüge. Genau genommen hasste er alles, was ihn in seiner Bewegungsfreiheit eingrenzte. Sei es eine zu enge Hose, eine Frau, die sich zu sehr an ihn klammerte, seine Familie, die ihn seit Jahren in eine Schublade pressen wollte oder das gerade beendete gerichtliche Verfahren, das weder sein Management, noch seine Mannschaft sonderlich lustig fanden.

Jake war es egal. Tatsache war nun einmal: Er konnte es sich leisten.

Sobald sich das Auto in Bewegung setzte, atmete Sam neben ihm tief durch. „Na, das lief doch besser als gedacht“, murmelte er und klopfte Jake auf die Schulter.

Ungläubig weitete er die Augen. „Besser als gedacht? Ich soll 140 Sozialstunden abarbeiten! In einem Kindergarten!“

Kinder! Jake sollte auf Kinder aufpassen. Gott, das einzige, was schlimmer war als Kinder, war ein gerissenes Kondom – denn das konnte zu eigenen führen!

„Na ja, die Richterin ist dem Thema eben treu geblieben“, meinte Sam achselzuckend. „Du hast nun einmal auf einem Kinderspielplatz randaliert. Mir erscheint es da nur fair, dass du zurückgibst, was du genommen hast.“

Jake schnaubte verächtlich. „Es sind drei Monate, in denen ich jede Woche einen Tag des Trainings verpasse, weil ich kleinen Hosenscheißern die Windel wechseln muss!“

Sam runzelte die Stirn. „Du hast keine Ahnung, was ein Kindergarten ist, oder? Du redest von einer Nursery School. Im Kindergarten sind die Kleinen so fünf oder sechs.“

Ihm doch egal! Kinder waren nervige, kleine Bazillenschleudern, die andauernd irgendeine Flüssigkeit aus irgendeiner Körperöffnung verloren. Mehr musste er nicht wissen.

„Es sind drei Monate, Sam“, knurrte er. „Wir haben Ende Juli. In drei Monaten werden wir in den verdammten World Series stehen. Ich habe keine Zeit dafür, Sozialstunden abzuarbeiten.“

„Das hättest du dir früher überlegen müssen, Jake“, sagte Sam unbekümmert. „Du hast die Scheiße gebaut, du musst sie auch auslöffeln.“

Genervt zog Jake sich die Kappe vom Kopf und fuhr sich mit den Fingern durch die Haare. In diesem Punkt schienen sich alle einig zu sein.

„Jake, ist dir eigentlich klar, wer deine Fans sind?“, fuhr Sam mit gesenkter Stimme fort, den Blick eisern auf sein Gesicht gerichtet. Als wollte er ihm die Schuldgefühle in den Rachen spucken. „Kinder! Lauter Jungen und Mädchen, die dich als ihr Vorbild auserkoren haben und zu dir aufsehen. Und was gibst du ihnen? Ein betrunkenes Arschloch, das ihnen die Rutsche und die Schaukel wegnimmt.“

„Ist es meine Schuld, dass Kinder so ein verdammt schlechtes Urteilsvermögen haben?“, fragte er schnaubend. „Das sieht man doch auf dem ersten Blick, dass ich nicht als Vorbild geeignet bin. Ich fahre Quad und schlafe jeden Tag mit einer anderen Frau. Man sollte den kleinen Furzgesichtern doch zutrauen können, zu erkennen, dass das keine guten Voraussetzungen sind, um mir nacheifern zu wollen.“

„Es sind Kinder! Sie sind nun einmal leicht zu beeinflussen.“

„Na, dafür gibt es dann ja noch ihre Eltern, oder?“, sagte Jake ungeduldig und tippte mit den Fingern nervös auf sein Bein. „Die sollten sie doch vor ihrem Unglück bewahren. Die Verantwortung kannst du wirklich nicht auf mich abwälzen.“

Ja, schön. Er war nicht stolz auf das, was er getan hatte. Wenn er die Zeit zurückdrehen könnte, dann wäre er nicht betrunken auf den Spielplatz gegangen, um seine Wut an unschuldigen Plastikfiguren, Rutschen und Schaukeln auszulassen. Aber er hatte einen verdammt schlechten Tag gehabt und sich nicht anders zu helfen gewusst.

Ach, was sollte es. Passiert war passiert. Und jetzt würde er eben mit den Konsequenzen leben müssen. Liebe Güte, er hasste alles an diesem Satz. Am meisten das Wort Konsequenzen.

„Gott möge der armen Erzieherin beistehen, die sich mir dir herumschlagen muss“, murmelte Sam kopfschüttelnd. „Ich hoffe, sie hat eine Streitaxt und einen Elektroschocker in ihrer Handtasche.“

„Natürlich wird sie das. Sie arbeitet schließlich mit Kindern zu-“ Mitten im Satz brach Jake ab.

Moment. Erzieherin?

Er würde mit einem weiblichen Geschöpft zusammenarbeiten? Einer Frau, die den blöden Papierwisch unterschreiben musste, auf dem er seine Sozialstunden eintrug?

Seine Laune verbesserte sich schlagartig.

Baseball und Frauen. Das waren die zwei Dinge, die er verstand. Mit einer süßen, kleinen Erzieherin, die ihn in Ruhe ließ und möglicherweise hier und dort eine Stunde zu viel eintrug … ja, mit der konnte er arbeiten.

Ein Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus und erleichtert ließ er sich in den Ledersitz zurücksinken. Möglicherweise würde die Sache mit den Sozialstunden doch kein allzu großes Problem werden.

„Warum lächelst du, Jake?“, fragte Sam alarmiert.

„Verbietest du mir jetzt auch schon, mich zu freuen?“

„Ja!“, rief Sam ohne zu zögern. „Denn dieses schäbige Lächeln ist abartig und ich will, dass du es sofort von deiner Visage wischst.“

Jakes Grinsen wurde nur noch breiter. „Du bist viel zu nervös, Sam. Ich habe mich nur gerade mit meinem Schicksal abgefunden. Ich meine, ein Haufen fünfjähriger Kinder – wie anstrengend können die schon sein?“ … wenn man sie nie zu Gesicht bekam.

Der PR-Manager schnaubte laut, die Augen skeptisch zu Schlitzen verengt. „Du hörst dich untypisch optimistisch an.“

Jake zuckte mit den Achseln. „Was soll ich sagen? Gott ist mir soeben erschienen und hat mir erzählt, dass alles gut werden wird.“

Sam verdrehte die Augen. „Einen Kerl, der dir zu fest mit einer Bibel auf den Kopf schlägt, hätte ich mitbekommen. Aber egal. Solange du keinen Blödsinn machst und dich ausnahmsweise mal zusammenreißt, werden wir kein Problem bekommen. Die Presse wartet nur auf einen weiteren Fehltritt, Jake. Also halt dich die nächsten Wochen einfach mal mit deinen Eskapaden zurück, okay?“

Jake hob spöttisch einen Mundwinkel. Für Sam war alles eine Eskapade.

Ein Dreier mit zwei Playmates? Eskapade.

Höschenweitwurf mit vier Cheerleadern im Stadion? Eskapade.

Sich betrinken und einen Spielplatz demolieren? Eskapade.

Wenn Sam ihn weiter so einschränkte, konnte er bald überhaupt nichts mehr tun, was Spaß machte.

„Weißt du, Sam“, sagte Jake im Plauderton und verschränkte die Hände in seinem Schoß. „Es ist ganz schön engstirnig von dir, mich so für meinen alternativen Lebensstil zu verurteilen. Mir wurde versichert, dass die Delphies ein Baseballteam aus Individualisten sind, die Raum für ihre kreative Entfaltung bekommen.“

„Entfalte dich, wie du willst“, sagte Sam trocken. „Werde von mir aus zum verdammten Origamischwan. Aber bleib unter dem Radar! Sonst muss Coach Thompson wirklich überlegen, dich für ein paar Spiele zu sperren.“

Jake presste die Lippen aufeinander und sah Sam düster an. Er war nicht dämlich. Er verstand eine Drohung, wenn er sie hörte. „Sam, ich will den Titel genauso gewinnen wie jeder andere Spieler“, sagte er gepresst. „Wenn nicht sogar mehr. Und mit Jimmy Rodriguez im Team haben wir die besten Chancen seit Jahren. Das ist mir klar. Ich werde nichts tun, was unseren Weg in die Playoffs und die World Series gefährdet.“

„Außer in den Sandkasten eines Spielplatzes zu pinkeln, meinst du?“

Jake machte eine wegwerfende Handbewegung. „Reitest du immer noch darauf rum? Das ist doch schon fast ein alter Hase.“

Eine neue Welle von Blitzlichtgewitter drang durch die Fenster und Jake verzog das Gesicht – sie hatten sein Haus also gleich erreicht. Gott sei Dank hatte er vor ein paar Monaten einen Zaun und ein Tor bauen lassen, die ihn vor unerwünschten Besuchern und Blicken schützten.

Er zog seinen Schlüssel aus der Tasche, öffnete das elektrische Tor, damit ihr Fahrer es passieren konnte, und lehnte sich dann mit geschlossenen Augen wieder zurück. An manchen Tagen genoss er es, im Rampenlicht zu stehen, eine Horde Paparazzi auf seinen Fersen zu haben, die ihm unmoralische Angebote hinterherschrien. Doch seit ein paar Monaten waren diese Tage immer seltener geworden. Wenn er ehrlich war, ging ihm der Medienrummel mittlerweile fast nur noch auf den Sack. Jeder wollte irgendetwas von ihm und er war es leid, zu springen, wenn jemand pfiff. Er wollte … Ruhe? Ja, vielleicht war es das. Vielleicht war es auch etwas anderes. Irgendetwas, das die Leere füllte, die sich abends klammheimlich in seine Brust stahl. Jake hatte versucht, es als Sodbrennen abzutun, doch so erfolgreich darin, sich selbst zu belügen, war er dann auch nicht.

Der Kies knirschte unter den Reifen, während sie die Auffahrt hochfuhren und schließlich vor seinem Haus hielten.

„Alles klar, für heute würde ich einfach drinnen bleiben“, schlug Sam vor. „Und morgen um acht hol‘ ich dich dann wieder hier ab.“

Belustigt hob Jake eine Augenbraue. „Abholen? Ich brauche keinen Aufpasser, Sam.“

„Das sieht Cole Panther anders. Ich werde dich zu deinem ersten Tag im Kindergarten begleiten.“ Sam grinste unschuldig. „Zumindest für die ersten zehn Minuten. Bis ich sehe, dass du dich eingewöhnt hast und dich mit den anderen Kindern verstehst.“

Jakes Kiefer knackte. Cole Panther war der Besitzer der Delphies, ein Freund, den Jake schon fast sein ganzes Leben lang kannte, und nicht zu vergessen eine riesige Nervensäge. Cole hasste es, wenn er Dinge nicht kontrollieren konnte – und Jake war eines dieser Dinge.

„Nimm’s nicht persönlich, aber fick dich, Sam“, sagte Jake leichthin und öffnete die Tür.

„Ich freu mich auch auf morgen“, rief der PR-Manager fröhlich, bevor Jake ihm die Tür ins Gesicht knallte.

Sie behandelten ihn wie ein verdammtes Kind! Als könne man ihn nicht allzu lange aus den Augen lassen, weil er sonst Chaos im Supermarkt veranstalten oder seiner Barbiepuppe die Haare abschneiden würde.

Er war sechsundzwanzig – und es reichte. Ja, die letzten Monate waren scheiße gewesen. Er wusste selbst, dass er … kompliziert gewesen war. Aber es war diese verdammte Stadt! Er hatte immer aus Philadelphia raus gewollt. So weit weg von seiner Familie wie nur möglich. Doch nachdem er zwei himmlische Jahre lang in Texas zum College gegangen war, hatten die Delphies ihn gedraftet – und was hätte er tun sollen? Seinen Traum, Profi-Baseballer zu werden, vergessen, weil er die Nähe seiner Mutter und seines Vaters nicht ertrug?

Sein Handy vibrierte und er zog es aus der Tasche, während er die drei Stufen zu dem weißen, viktorianischen Haus hochschritt, das mit dem weißen Balkon entfernt an eine Miniaturversion des Buckingham Palace‘ erinnerte.

Die Nachricht, die er bekommen hatte, bestand aus einem Satz:

Ihr Vater erwartet Sie heute Abend um sieben Uhr zum Dinner.

Jake schnaubte laut und steckte das Telefon zurück in die Tasche. Ja, das würde nicht passieren. Seine Laune hing ohnehin schon unter seinen Füßen. Da brauchte er nicht noch seinen alten Herrn, der genüsslich darauf herumtrampelte.
Genervt stieß er die Haustür auf und schälte sich aus seiner Anzugjacke, um sie an die Garderobe zu hängen. Er hatte Letztere für zehn Dollar bei Ikea erstanden und zusammen mit seinem Bett war sie das einzige Möbelstück, das Jake wirklich mochte.

Das Haus hatte er kurz nach seinem ersten Spiel bei den Delphies gekauft. Natürlich war es zu groß. Natürlich waren allein schon die Instandhaltungskosten absurd hoch. Natürlich war es komplett bescheuert, dass ein einzelner Mann dieses Haus bewohnte. Der Garten war größer als ein Baseballfeld und hatte einen verdammten See! Jake wusste das alles und wenn er ehrlich war, überlegte er schon seit Jahren umzuziehen. Es war zu leer. Zu einsam. Es fühlte sich an, als würde er in einem Museum leben.

Aber die Welt hatte von ihm erwartet, dass er genau so ein Haus kaufte. Und wenn man der Meinung der Welt widersprach, zog das unangenehme Fragen mit sich, die Jake sich einfach nicht hatte aufbürden wollen.
Außerdem hatte er sein Leben lang damit verbracht, die an ihn gestellten Erwartungen zu enttäuschen – war es da nicht mal eine nette Ausnahme, genau das zu tun, was die Leute von einem jungen, millionenschweren Baseballspieler dachten?
Nicht, dass ihm wichtig wäre, was die Leute von ihm hielten. Aber ihm war wichtig, dass die Leute ihm nicht auf den Sack gingen. Was im Moment viel zu viele taten.

Als wolle das Universum seinen letzten Gedanken unterstreichen, spazierte in diesem Moment Dexter O’Connor, Second Basemann der Delphies, aus seiner Küche. Einen Joghurtbecher in der Hand, barfuß.
„Hey, Jake“, grüßte er ihn mit vollem Mund. „Wusstest du, dass eine nackte Frau in deiner Küche steht?“

Mit leicht geöffneten Lippen sah Jake seinen Teamkollegen an. „Was?“, fragte er verwirrt.

„In deiner Küche steht eine Blondine und backt Muffins. Nackt“, stellte Dex klar. „Deine Haushaltshilfe?“

„Nein, die kommt immer montags, ich …“ Er blinzelte und schüttelte den Kopf. „Was zum Teufel tust du hier, Dex?“

„Du findest mich interessanter als die vollbusige Stripperbäckerin?“, hakte Dex mit verengten Augen nach. „Du solltest deine Prioritäten noch einmal überdenken.“

Stöhnend zog sich Jake die Schuhe aus und hängte seine Kappe zu seiner Jacke.

Während der letzten Monate hatte er einigen Leuten einen Schlüssel zu seinem Haus gegeben. Er konnte sich nur leider nicht ganz daran erinnern, wem.

Kaylie, seiner beste Freundin und Dexters Verlobten, auf jeden Fall. Dann George, dem Mann, den er zweimal die Woche fürs Putzen bezahlte. Harriet, einer Stewardess aus Boston, die ab und zu mal bei ihm vorbeischneite. Celine, einer Kellnerin aus der Sportsbar, die direkt gegenüber des Stadions lag … aber sonst? Sonst waren da nur verschwommene Gesichter.

Mhm. Vielleicht sollte er darüber nachdenken, weniger zu trinken. Und sein Türschloss auswechseln zu lassen.

„Keine Ahnung, wer das ist“, gab er schließlich zu und wollte schon selbst nachsehen, als eine Brünette aus seinem Wohnzimmer spazierte.

„Dachte ich mir doch, dass wir dich gehört haben“, sagte Kaylie lächelnd und blieb neben Dex stehen. „Sag mal, wusstest du, dass eine …“

„… nackte Frau in meiner Küche steht?“, ergänzte Jake seufzend. „Ja. Dein nerviges Anhängsel hat mich schon eingeweiht. Aber lieber eine nackte Frau in der Küche als im Schrank, oder?“

„Du hattest schon einmal eine nackte Frau im Schrank?“, wollte Dex interessiert wissen, während er weiter in Seelenruhe Jakes Joghurt auslöffelte.

„Du nicht?“, fragte Jake verwirrt. „Gott, ich habe mich zu Tode erschreckt, als sie zwischen meiner Kleidung rausgesprungen ist.“ Kopfschüttelnd lief er an seinen Freunden vorbei in Richtung Küche.

Kaylie schnaubte laut hörbar und folgte ihm. „Mich wundert es fast, dass du in deiner Wohnung noch keine Leuchtstreifen angebracht hast, die zum Ausgang führen. Damit deine Eroberungen nachts auch allein den Weg zur Tür finden.“

„Bitte, Kaylie. Ich bin ein Gentleman. Mein Chauffeur geleitet sie von meinem Schlafzimmer zum Auto.“

Richtig! Craig, seinem privaten Chauffeur, hatte er auch einen Schlüssel gegeben.

Kaylie schnipste ihm hart mit dem Finger gegen das Ohr. „Du bist ekelig, Jake!“

„Was denn?“, fragte er verärgert. „Die Frauen fühlen sich geehrt. Und was zum Teufel tut ihr überhaupt hier?“

Kaylie hob die Schultern und sah ihn ernst an. „Ich wollte nicht, dass du nach dem Gerichtstermin allein bist. Ich dachte, du freust dich vielleicht über Gesellschaft. Konnte ich ja nicht ahnen, dass du schon eine nackte Frau eingeladen hast.“

„Ich habe überhaupt niemanden eingeladen“, stellte Jake klar. „Und das ist sehr lieb, Kaylie, aber ich habe gerade absolut keine Lust darauf, zu reden.“ Sie würde ihn ja ohnehin nur danach fragen, was in letzter Zeit mit ihm los war. Und Jake war nicht bereit, ihr Antworten zu geben.

Er stieß die Küchentür auf und wurde von einem prallen, nackten Hintern begrüßt.

Ah, Silvana. Silvana stand in seiner Küche.

Von dem Geräusch überrascht, wandte sich sein Gast um. Mit strahlendem Lächeln sah sie Jake an, während sie Kaylie und Dex, die sie mit unverhohlener Neugier anstarrten, vollkommen ignorierte. „Da bist du ja“, sagte sie etwas außer Atem. Sie trug eine Schürze, die phänomenal darin versagte, ihre Brüste zu verpacken und so kurz war, dass sie wohl eher als Accessoire, nicht etwa als Kleidungsstück bezeichnet werden konnte. Abgesehen davon, dass sie hinten natürlich vollkommen offen war.

„Waren wir verabredet?“, fragte Jake stirnrunzelnd. Die Chance, dass er es einfach vergessen hatte, war relativ hoch.

„Oh, nein, nein“, meinte Silvana mit geröteten Wangen und wischte sich die Hände an der Schürze ab. „Aber du hast mir einen Schlüssel gegeben und gemeint, ich könne deine Küche nutzen, wann immer ich will, weil mein Herd doch kaputt ist. Und ich dachte, du freust dich vielleicht darüber, dass ich nackt bin, wenn du zurückkommst.“

Nun, auch wenn Jake die Geste zu schätzen wusste, er hatte da gerade absolut keinen Nerv zu. „Sorry Silvi, es ist gerade schlecht“, sagte er entschuldigend. „Wie du siehst, habe ich Freunde hier … könnest du ein andermal backen?“

Die Röte in ihren Wangen vertiefte sich und sie nickte hektisch. „Natürlich. Mir war nicht klar, dass du nicht allein sein würdest.“ Hastig machte sie ein paar Schritte nach vorne. „Die Muffins brauchen noch fünf Minuten, dann kannst du sie ja einfach aus dem Ofen holen.“

Im nächsten Moment flitzte sie an ihm vorbei und verschwand im Flur.

Das mochte Jake an seinen Freundinnen. Sie waren simpel gestrickt. Wenn er sagte, er wolle allein sein, verschwanden sie. Ohne zu meckern, ohne nachzufragen.

Von Kaylie konnte man das leider nicht behaupten.

Die Arme vor dem Körper verschränkt, sah sie zu ihm hoch. „Wir haben im Fernsehen gesehen, dass sie dich zu 140 Sozialstunden verdonnert haben“, bemerkte sie leise.

Jake hob eine Schulter. „Ja, passiert. Ich soll im Kindergarten arbeiten.“

Dexter schnaubte. „Passiert? Jake, so etwas passiert nicht einfach.“

Doch, in seinem Leben passierte so etwas einfach. „Meine Güte, wollt ihr mir jetzt auch noch eine Standpauke halten?“, fragte er angriffslustig. „Ich habe Mist gebaut. Geschenkt. Aber ich bin es langsam echt leid, dass mir deswegen alle auf den Geist gehen.“

„Ich mache mir nur Sorgen, Jake“, sagte Kaylie leise und berührte ihn sacht am Arm.

„Ach, ich mach mir keine allzu großen Gedanken“, meinte er unbekümmert. „Ein Kindergarten ist kein so schlechter Ort. Ich denke, ich kriege den Scheiß schon hin.“

„Das meinte ich nicht – auch wenn ich das bezweifle. Ich mache mir um dich Sorgen.“ Sie drückte seine Hand. „Du bist unglaublich rastlos und wütend in letzter Zeit. Und ich habe keine Ahnung, warum das so ist.“
Oh, Jake hatte da eine Vermutung. Vor vier Monaten war er das erste Mal seit Jahren wieder bei seinen Eltern zum Essen gewesen. Jahrelang hatte er nichts von seinem Vater gehört – und dann rief er an, um Jake zu erzählen, wie sehr sein kindisches Benehmen seinem Ruf schade. Sechsunddreißig beschissene Monate kein Wort – und dann das! Ja, das war so ziemlich der Anfang vom Ende gewesen. Jake hatte noch am selben Tag den Vertrag mit den Delphies gekündigt und seinem Agenten gesagt, dass er Ende der Saison wechseln wolle. Also: Natürlich war er rastlos. Denn er wollte verdammt noch mal nicht hier sein! Nicht in dieser Stadt, nicht in diesem Haus, nicht an diesem Punkt in seinem Leben, an dem nichts mehr von Wert zu sein schien.

„Mir geht es gut, Kaylie“, sagte er mit Nachdruck. „Ich bin im Moment einfach etwas … genervt von allem. Das ist alles. Es wird vorübergehen.“

Nicht überzeugt sah seine beste Freundin ihn an. „Du weißt, dass du immer mit mir reden kannst, oder? Mit Dex übrigens auch. Und mit Ryan und Grace und Ty und …“

„Ich weiß“, unterbrach er sie unruhig. Er fühlte sich nur nicht danach, seine lächerlichen Probleme auf fremden Schultern abzuladen. Der reiche, sorglose, gutaussehende Frauenheld mit der guten Bildung und dem perfekten Haus und dem riesigen Talent war unzufrieden mit seinem Leben. Buhu.

Kein Gespräch, das ihm sonderlich erstrebenswert erschien. Er hatte es nicht einmal verdient, unglücklich zu sein. Meine Güte, er hatte so viel mehr als neunzig Prozent der Bewohner dieses Landes. Er hatte nicht das Recht zu jammern. Also würde er sich zusammenreißen, die nächsten drei Monate überstehen und dann für immer verschwinden. Irgendwo neu anfangen. Neue Stadt, neues Leben, neue Wohnung … neue Freunde. Ja, das war vielleicht der einzige Wermutstropfen an der Sache. Aber ein Opfer, das er bereit war zu bringen.

„Kay, ich werde mich die nächsten Monate zurückhalten, okay? Weniger Mist bauen. Mich aufs Spiel konzentrieren. Ich will den beschissenen Pokal gewinnen und nichts wird mich davon abhalten, also …“ Er atmete tief durch und lächelte matt. „Wünsch mir einfach Glück mit dem Kindergarten morgen und geh mit deinem Lover hier nach Hause. Damit ihr Barbie und der Nussknacker gucken könnt – oder was immer Dex noch gerne so tut.“

Kaylie seufzte. „Schön. Und du bist sicher, dass du aus der Kindergartensache nicht rauskommst? Können sie dich nicht Müll am Straßenrand aufsammeln lassen?“

„Wieso sollten sie?“, fragte er verblüfft.

„Weil ein Kindergarten der verdammt falsche Ort für dich ist, Jake!“, stellte Kaylie lachend fest.

„Warum?“

„Nun, erstens: Du fluchst. Oft. Sehr oft. Andauernd. Das Wort Scheiße ist seit drei Jahren in Folge Gewinner deines Wortschatzes.“

„Na und? Die Kinder lernen die beschissenen Worte doch ohnehin irgendwann.“

„Ja, aber die Eltern wollen, dass sie sie nicht aus dem Kindergarten mitbringen! Also: Nicht vor den Kindern fluchen.“

„Jaja“, sagte er und winkte ab. So schwer konnte das wirklich nicht sein. „Ich komm klar.“

Er hatte ohnehin nicht vor, mehr als einmal hinzugehen. Danach würde er die Erzieherin sicher soweit haben, dass sie ihm einfach wöchentlich den Wisch unterschrieb und ihn seines Weges gehen ließ.

Er packte Kaylie an den Schultern, drehte sie um und schob sie aus der Küchentür den Flur hinab. Dexter folgte ihnen, diesmal ohne Joghurt. Den hatte er gerade aufgegessen.

„Lass dir von Kay nichts einreden“, sagte er kopfschüttelnd. „Du wirst einen guten Job machen.“ Er grinste knapp. „Und solange du weiter deine Homeruns schlägst, werden wir Jungs dir nicht allzu sehr damit auf die Nerven gehen, dass du überall Kinderrotz haben wirst.“ Gönnerisch schlug er Jake auf die Schulter, bevor er sich seine Schuhe anzog.

Jake verdrehte nur die Augen. „Mach dir darüber mal keine Sorgen. Bisher ist das die beste Saison meines Lebens und das wird sich in nächster Zeit nicht ändern.“

„Gute Einstellung.“ Dex nickte zufrieden und öffnete Kaylie die Tür. „Siehst du, Kay? Ich hab dir doch gesagt, er weiß noch, was wichtig ist.“

„Baseball ist nicht das Wichtigste“, sagte sie gereizt.

Doch, war es. Aber Jake wusste es besser, als die Worte laut auszusprechen. „Bis Sonntag beim Spiel, Kay“, verabschiedete er sie und drückte sie kurz an sich.

„Schön“, murrte sie. „Und wenn du doch noch reden willst …“

„Rufe ich dich an“, versprach er.

„Gut.“ Sie hob die Hand und im nächsten Moment verschwand sie mit Dexter aus der Tür.

Jake blieb in der riesigen Leere des anmaßend großen Hauses zurück. Schwer seufzend legte er den Kopf in den Nacken und starrte an die stuckverzierte Decke. Er wollte etwas ändern. Jetzt.

Aber er wusste nicht, was.

Alles war zu … gigantisch. Zu weit weg, um es genauer betrachten zu können. Und war das nicht seit jeher sein Problem gewesen?

Sein Leben war schon immer zu groß gewesen. Viel zu unhandlich. Die Fußstapfen vor ihm zu riesig. Die Messlatte zu hoch. Der einzige Bereich seines Lebens, in dem er die Anforderungen auch noch übertroffen hatte, war Baseball.

Das Stadion war seit jeher sein Zufluchtsort gewesen. Das Spiel das einzige, was ihn beruhigen konnte. Baseball war nun einmal sein Leben. Und Jake wollte es so. Hatte es immer so gewollt. Und er sollte verdammt sein, wenn er sich seine letzte Saison bei den Delphies von einem Haufen Kindergartenkindern kaputtmachen ließ!

Kapitel 2

„Sind Sie sich sicher?“

„Natürlich bin ich mir sicher.“

Die Kassiererin schürzte missbilligend die Lippen. „Sie sehen nicht sicher aus.“

Olivia Green zwang sich zu einem Lächeln und versuchte sich daran zu erinnern, dass sie ein guter Mensch war. „Soll ich mir vielleicht ein Ausrufezeichen auf die Stirn malen und ein Fahrradschloss um meinen Hals hängen, damit ich sicherer aussehe?“, fragte sie betont freundlich. „Es sind vier Packungen Spaghetti für zwei Dollar. Es ist Ihr Aktionspreis, sollten Sie da nicht besser informiert sein?“

„Mhm, ich weiß nicht. Ich habe das Gefühl, Sie wollen mich übers Ohr hauen.“

Oh, Liv wollte sie hauen. Aber nicht übers Ohr. „Dann schauen Sie von mir aus selbst nach!“, fuhr sie gereizt auf und warf einen kurzen Blick auf ihre Handyuhr. Sie war spät dran. Ihrem Zeitplan nach sollte sie seit zwei Minuten in ihrem Auto auf dem Rückweg zur Wohnung sitzen, damit sie um sieben Uhr vierunddreißig ein Brot hinunterschlingen konnte, um sieben Uhr zweiundvierzig mit ihrer Nichte im Wagen sitzen und auf dem Weg zu Arbeit sein konnte.

„Janie!“, rief die Kassiererin laut über ihre Schulter zu einer Kollegin, die Preisschilder auf Dosenbohnen klebte. „Janie, sag mal, sind die Spaghetti gerade billiger? Die Kundin meint, vier Packungen würden nur zwei Dollar kosten?“

Ungeduldig tippe Liv mit dem Fuß auf den Boden, während die Menschen in der Schlange ihr genervte Blicke zuwarfen.

„Es sind fünfzig Cents, die Sie sparen“, zischte der Anzugträger hinter ihr ungehalten. „Können Sie nicht einfach darauf verzichten und gehen?“

Liv ließ ihren Blick flüchtig über seine Erscheinung wandern und schnaubte laut. Natürlich hielt der Mann, der Schuhe im Wert von zwei ihrer Monatsmieten trug, fünfzig Pence für eine lächerliche Summe. Aber Liv war sich sicher, dass er sich auch noch nie in seinem Leben zwei Wochen lang von Spaghetti ernährt hatte, damit er seiner Nichte ein neues Paar Schuhe kaufen konnte. Und bestimmt war er noch nie drei Meilen zur Arbeit und wieder zurückgelaufen, weil die Benzinkosten sein monatliches Budget überschritten hatten. Nein, er ließ sich für zweihundert Dollar die Haare schneiden, trug einen Anzug mit eingenähten Diamanten und eine Krawatte aus Seide. Kurzum: Er wusste einen Dreck darüber, was fünfzig Pence für einen Unterschied machten.

„Kümmern Sie sich um Ihr Geld, ich kümmere mich um meins, in Ordnung?“, sagte sie süßlich und wandte ihm demonstrativ den Rücken zu.

„Sind vier für zwei Dollar, Maddy!“, rief die zweite Verkäuferin zurück. „Ist ‘ne Wochenaktion.“

„Mhm, schön“, murrte die Kassiererin unzufrieden und tippte etwas in ihren Computer. „Das macht dann fünfundsechzig Dollar und fünfunddreißig Pence.“

Liv schluckte bei der Summe und zog ihre Kreditkarte durch das Gerät hinter dem Kassenband. Damit hatte sie noch … zweiundvierzig Dollar und vierzig Pence auf ihrem Konto. Für die nächsten fünf Tage. Sie bezweifelte, dass ihre Schwester Kristen mehr vorzuweisen hatte. Und sie musste noch tanken. Außerdem war am zweiten August die Miete fällig. Sie konnten nicht schon wieder zu spät zahlen, sonst würde ihr Vermieter platzen und Liv hatte nicht das Geld, um eine professionelle Reinigung zu zahlen und das Blut entfernen zu lassen.

Tief atmete sie durch, bedankte sich bei der Kassiererin für ihre Geduld – denn Höflichkeit kostete nichts – und packte ihre Einkäufe. Es war egal. Laney hatte neue Schuhe, die nicht auseinanderfielen, sobald man sie zu intensiv ansah, und für die nächste Woche hatten sie Essen im Haus. Das war doch auch schon einmal etwas wert. Liv hätte zwar lieber ein fliegendes Einhorn und eine Matratze im Bett, die nicht bis zum Boden hing, aber hey, man konnte nicht alles haben.

Vierzehn Minuten später parkte sie vor dem Plattenbau, in dem sie zusammen mit ihrer Schwester und ihrer Nichte wohnte, klemmte sich die Tüten unter die Arme und hastete zur Tür, die Gott sei Dank nur angelehnt war. Sie war sieben Minuten zu spät und würde wohl auf ihr Brot verzichten müssen, aber das war in Ordnung, im Kindergarten würde es Essen geben.

Sie sprintete die Treppen hoch und als hätte ihre Schwester die polternden Schritte gehört, öffnete sie die Wohnungstür, noch bevor Liv den letzten Absatz erreicht hatte.

„Du bist spät dran“, stellte sie fest und nahm ihr eine der Tüten ab. „Hast du dich wieder mit der Kassiererin angelegt?“

Liv zog eine Grimasse, streifte ihre Schuhe an der Fußmatte ab und trat in die Wohnung. „Ich genieße die genervten Blicke der anderen einfach zu sehr“, sagte sie und seufzte melancholisch. „Worauf sollte ich mich denn sonst beim allwöchentlichen Einkauf freuen?“

Kristen grinste und strich sich die hellblonden Haare in den Nacken. „Auf den süßen Kassierer von Kasse fünf natürlich.“

Stirnrunzelnd schloss Liv die Tür hinter sich. „Wer?“

„Na, der blonde Typ mit der grünen Schürze, der hinter der Kasse sitzt und dich immer anlächelt.“

„Mhm, keine Ahnung, wovon du redest“, meinte sie achselzuckend. „Ich habe keine Zeit, mir irgendwelche Kassierer anzusehen.“

Kristen verdrehte schmunzelnd die Augen. „Weißt du, dich könnte ein heißer, nackter Mann anspringen und Ich will dich rufen. Du würdest einfach ausweichen und weitergehen.“

„Natürlich würde ich das. Er hört sich nach einem ziemlichen Perversling an“, gab Liv zu bedenken. „Ich meine, wir befinden uns auf einer öffentlichen Straße. Ich würde die Polizei rufen.“

Sie schob die Tüte höher ihren Arm hinauf und ging in die Küche.

„Oli, Oli, guck mal!“, begrüßte ihre am Tisch sitzende Nichte sie aufgeregt und hielt etwas hoch, das sehr nach einem angeranzten Stück Salami aussah. Stolz schwang sie es durch die Luft. „Ich hab‘ einen Schmetterling aus Fleisch gebastelt.“

Livs Mundwinkel zuckten und fachmännisch betrachtete sie das Kunstwerk. „Sehr schick“, sagte sie, bevor sie Laney einen Kuss auf den Kopf gab.

„Laney, was habe ich dir dazu gesagt, mit deinem Essen zu spielen?“, tadelte Kristen ihre Tochter. „Ich hoffe, der Schmetterling fliegt auf direktem Wege in deinen Mund.“

Laney grinste breit, stopfte sich die Salami in die Backen und sprang vom Stuhl auf. „Fertig, ich zieh‘ mich an. Oli ist spät dran, aber ich nicht!“ Kopfschüttelnd hob sie den Zeigefinger in Livs Gesicht, bevor sie durch die Küche in Richtung des Zimmers rannte, das sie sich mit ihrer Mutter teilte.

Kristen lachte leise und fing an, die Tüten auszuräumen. „Du hast es gehört, Oli. Du beeilst dich besser.“

Liv verdrehte die Augen. Laney hatte irgendwann beschlossen, dass ihr Liv als Spitzname zu langweilig war. Und da sie eigentlich Olivia hieß, war die naheliegende Wahl Oli gewesen. „Ich gebe mein Bestes“, meinte Liv lächelnd. „Und sieh du lieber nach Laney, bevor sie wieder versucht, in ihrem Lieblingspyjama in den Kindergarten zu gehen. Ich weiß, Winnie Pooh ist zeitlos … aber die anderen Kinder werden neidisch.“

„Du hast recht. Außerdem kommt doch heute der heiße Baseballer das erste Mal, oder?“ Sie wackelte mit den Augenbrauen. „Da soll Laney gut aussehen.“

Liv verdrehte die Augen. „Er ist nicht heiß.“

Bestimmt richtete Kristen einen Zeigefinger auf sie. „Nimm das zurück. Jake Braker ist das Schönste, was die MLB zurzeit zu bieten hat.“ Verträumt legte sie eine Hand auf die Brust. „Gott, ich wette, seine Haare sind ultraweich. Kannst du das für mich mal testen?“

„Jake Braker ist ein Verbrecher und ein arrogantes Arschloch.“ Zumindest sagte Chloe, Livs beste Freundin, das immer. Und die wusste, wovon sie sprach. Sie umgab sich andauernd mit Baseballern. Außerdem: Wie nett konnte ein Typ, der mutwillig einen Kinderspielplatz zerstörte, schon sein? „Ich werde ihn nicht fragen, ob ich seine Haare mal berühren darf.“
„Nein, natürlich nicht. Das wäre auch komisch. Du tust einfach so, als hätte er eine Fluse im Haar und dann –“

Liv schnaubte laut und nickte zur Küchentür. „Geh Laney helfen!“

Wenn sie ehrlich war, war Jake Braker das Letzte, was sie im Moment gebrauchen konnte. Für egomanische Männer hatte Liv nicht viel übrig. Doch ihr Chef war der Meinung gewesen, dass sie am besten dafür geeignet war, mit einem arroganten Sportler umzugehen. Außerdem bekam sie einen höheren Stundenlohn und irgendwie … ja, irgendwie war sie ja auch schuld daran, dass Mr. Braker Sozialstunden abarbeiten musste. Es erschien ihr also fast fair, dass sie sich mit ihm herumschlagen musste.

„Schön, schön“, sagte Kristen unschuldig und hob die Hände in die Höhe. „Ich sag‘ nichts mehr – wenn du zugibst, dass er heiß ist.“

„Er ist nicht hässlich. Zufrieden?“ Ein genaueres Urteil konnte Liv beim besten Willen nicht fällen, da sie ihn ehrlich gesagt nie allzu genau betrachtet hatte. Klar, sie war öfter mal im Fernsehen oder in der Zeitung über sein Bild gestolpert. Aber Baseball interessierte sie einfach nicht genug, als dass sie Jake Braker mehr Aufmerksamkeit schenken würde.

„Es ist ein Anfang“, sagte Kristen seufzend. „Übrigens …“ Unwohl kratzte sie sich an der Schläfe. „Ich hasse es, darüber zu reden, aber … ich muss mir für die Uni ein paar Medizinbücher kaufen und die sind scheiße teuer. Ich werde sie gebraucht nehmen, aber …“ Sie seufzte und Sorge trat in ihre Züge. „Es ist viel, Liv. Verdammt viel. Vielleicht sollte ich mit dem Studium pausieren. Nur für ein Jahr oder so. Geld sparen, und –“

„Nein, kommt überhaupt nicht in Frage“, unterbrach Liv ihre Schwester sofort. „Du wolltest schon immer Tierärztin werden! Seit du mit drei Jahren einen Regenwurm mit Klopapier umwickelt hast, weil er offensichtlich beide Beine verloren hatte. Es ist dein Traum – und den solltest du nicht auf Eis legen.“
Kristen lächelte schwach und tätschelte ihr die Schulter. „Aber du musst es ausbaden, Liv. Ich liebe dich dafür, dass du für mich da bist und mir mit Laney und der Uni hilfst – ohne dich wären wir aufgeschmissen. Aber ich möchte nicht der Grund dafür sein, warum du dein Leben auf Sparflamme lebst. Du arbeitest dich zu Tode. Du hast doch bestimmt auch Träume. Wünsche. Lust, mal wieder auf ein Date zu gehen.“

Wenn sie ehrlich war, fehlte Liv einfach die Zeit, um über triviale Dinge wie Wünsche, Träume und Dating nachzudenken, deswegen schüttelte sie den Kopf. Kristen war dreiundzwanzig. Sie hatte ihr Leben noch vor sich. Sie war unfassbar klug, schrecklich fleißig, studierte Tiermedizin, arbeitete und zog gleichzeitig noch eine Fünfjährige auf. Ihr eigener Vater hatte sie sitzen lassen, der One-Night-Stand, aus dem Laney stammte, hatte sie sitzen lassen – und Liv würde nicht dasselbe tun. Solange sie einander hatten, würden sie es schon irgendwie hinbekommen. Sobald Kristen mit dem Studium fertig war und ihr eigenes, gutes Leben finanzieren konnte, würde Liv sich auf sich selbst konzentrieren.

„Mach dir keine Gedanken, Krissy, wirklich“, murmelte sie und drückte sie an sich. „Wir kriegen das schon hin. Wir sind die drei Musketiere. Ich … ich werde das Ganze durchrechnen und dann noch mal mit dir reden. Leg mir dir Rechnung einfach aufs Bett.“

Kristen nickte und löste sich von ihr, bevor sie unwohl an ihrer Unterlippe zupfte. „Ich hab‘ dich lieb, Liv. Und da du ohnehin schon mies drauf bist … Mom hat angerufen.“

Augenblicklich presste Liv die Lippen zusammen. „Was will sie?“

„Dasselbe wie immer: Mit dir reden und um Verzeihung bitten.“

Liv schnaubte verächtlich. „Hast du ihr gesagt, dass das nicht passieren wird?“

„Nein … sie hat sich traurig angehört. Ich wollte ihr nicht das Herz brechen.“

Schwer seufzend wandte Liv sich ab und zog die Milch aus der Einkaufstüte.

Kristen war einfach zu weich. Sie hatte das größte Herz, das man sich vorstellen konnte, machte dort aber leider auch einer Menge Menschen Platz, die ihre Liebe überhaupt nicht verdient hatten.

Es war schon immer Livs Aufgabe gewesen, die harte, toughe und rational durchgreifende Schwester zu sein, während Kristen jedes halbtote Vögelchen vom Straßenrand aufgehoben hatte und den größten Arschlöchern nach nur einem Lächeln verzieh.

Sie glaubte daran, dass Menschen sich ändern konnten. Dass man ihnen nur eine zweite Chance geben musste. Aber Liv wusste es besser. Menschen waren selbstsüchtige, eigennützige Wesen, die ihre eigenen Kinder im Stich ließen, wenn es sich gerade anbot. Und ihre Mutter … ihre Mutter war vielleicht die Schlimmste von allen.

„Geh zu Laney, Kristen. Ich kümmere mich um den Rest, okay?“, sagte Liv bemüht fröhlich.

„In Ordnung … aber ich werde nur weiter studieren, wenn du demnächst mal wieder ausgehst! Dir einen Abend für dich nimmst.“

„Jaja, werde ich machen“, log sie und wedelte mit der Hand in Richtung ihrer Schwester. „Jetzt geh zu deiner Tochter, bevor sie sich mit ihrer Strumpfhose stranguliert.“

„Aye, Aye, Sir!“ Im nächsten Moment war Kristen verschwunden.

Liv räumte die Einkäufe aus und ließ sich schließlich auf den Stuhl am Küchentisch sinken. Sie war erschöpft, dabei war es nicht einmal acht Uhr. Seufzend vergrub sie das Gesicht in den Händen, sog tief Luft zwischen den Fingern ein, stieß sie wieder aus, sog sie wieder ein … so wie sie es täglich ungefähr dreimal machte, um sich selbst zu beruhigen. In ihrem Kopf tanzten die Zahlen durcheinander und egal, wie sie sie hin- und herschob – es reichte nicht.

Sie hatte ihren eigenen Studienkredit zu bezahlen. Sie hatten die Miete. Die Versicherung des Autos. Das Benzin. Das Essen. Die Kleidung. Die Kosten für Laney.

Der Berg an Dingen in ihrem Kopf, die sie zu erledigen hatte, die sie zu zahlen hatte, wurde immer größer, immer wackeliger … Schluss jetzt.

Abrupt richtete sie sich auf und biss die Zähne aufeinander. Sie hatte bisher noch immer eine Lösung gefunden! Das Geld, das sie zusätzlich bekommen würde, weil sie drei Monate lang Jake Braker babysittete, würde helfen. Und sie würde heute Nachmittag bei der Eventfirma anrufen, für die sie nebenbei kellnerte, und um mehr Jobs bitten. Sie würden eben noch etwas sparsamer leben müssen. Öfter zu Fuß laufen anstatt mit dem Auto zu fahren.
Gott, sie hätte die Schrottkarre ja schon längst verkauft, wenn ihr jemand mehr als zwei Dollar dafür gezahlt hätte.

Es war egal. Unterm Strich würden sie es schaffen – schlicht und ergreifend aus dem Grund, weil sie es schaffen mussten.

Sie richtete sich in dem Stuhl auf, atmete ein letztes Mal durch und sprang wieder auf die Füße. Sie war ohnehin schon spät dran, da konnte sie nicht noch Zeit damit verschwenden, sich selbst zu bemitleiden.

Meine Güte, sie war gerne der Fels in der Brandung. Sie war gerne diejenige, die die Lösung für alles fand. Aber manchmal … manchmal wünschte sie sich, in den Arm genommen zu werden, während ihr jemand erklärte, dass alles gut werden würde. Denn egal, wie oft sie sich das erzählte – es fiel ihr immer schwerer, sich selbst zu glauben.

Kapitel 3

Jake hatte gestern Abend auf den Alkohol verzichtet – und trotzdem klingelte es in seinen Ohren. Mit verengten Augen starrte er den dunkelhaarigen Jungen an, der ihm gegenüber an der Miniaturgarderobe saß und mit den Fingern ein Handy malträtierte, bei dem jemand vergessen hatte, die Tastentöne auszustellen. Während seine kleinen Patschehändchen das Telefon misshandelten, sah er grinsend zu Jake auf. So als würde er sich die Mühe nur machen, um ihn absichtlich zu nerven. Erfolgreich.

„Sam, komm“, sagte eine ungeduldige Stimme und Jake erkannte eine mollige Frau Ende dreißig mit müden Augen und ungekämmten Haaren und genauso patschigen Händen wie das Handymonster. Der Junge sprang auf und flitzte in die Richtung seiner – wie Jake vermutete – Mutter, bevor sie durch eine gläserne Tür in einen engen Flur verschwanden.

Sam. Ja, der Name erschien passend. Sams waren eindeutig die Personen, die Jake zurzeit am meisten auf den Sack gingen.

„Du wirst so viel Spaß haben, Jake“, sagte der große Sam in genau diesem Moment neben ihm. Jake musste ihn nicht ansehen, um zu wissen, dass er breit grinste. Er wollte schon den Mund öffnen, um etwas nicht sehr Nettes zu erwidern, als plötzlich schrilles Geschrei durch die Glastür drang, hinter der der kleine Sam gerade verschwunden war. Lautes, ohrenzerreißendes Gebrüll, das Jake zusammenzucken ließ.

Sam lachte leise. „Hört sich an, als gäbe es da ein paar unzufriedene Kinder.“

„Oder Affen“, murmelte Jake grimmig. Und er war sich nicht sicher, ob ihm Tiere nicht lieber wären.

„Weißt du, Jake, eine etwas optimistischere Einstellung könnte dir nicht schaden“, sagte Sam leichthin. „Chloe meinte gestern, dass das eine Chance für dich sein könnte, dich menschlich weiterzuentwickeln.“
Jake verengte die Augen. „Ich würde die Worte deiner Freundin ja ernst nehmen, aber Chloe hasst mich.“

Sam grinste. „Ja. Sehr. Aber nur, weil du mir das Leben schwer machst. Nimm es also nicht persönlich.“

Augenverdrehend lehnte Jake sich gegen die Wand zurück. Sams Freundin hatte sich nie für ihn erwärmen können und wurde nicht müde, seinen Frauenverschleiß zu kritisieren. Aber er machte ihr da keine Vorwürfe. Er wäre womöglich auch verbittert, wenn er mit Sam zusammenwohnen würde, der beruflich Spielverderber war.

„Nicht, dass ich diese anregende Unterhaltung nicht gerne mit dir weiterführen würde, Sammy“, sagte Jake gelangweilt. „Aber wieso sitzen wir hier eigentlich dumm rum?“
Der PR-Manager grinste. „Weil du abgeholt wirst, Jake. Ist doch klar. Deine Aufpasserin müsste jeden Moment kommen.“ Er stand auf und zupfte sich die Falten aus der Hose. „Ich geh‘ mal kurz zur Toilette. Also beweg dich nicht und belästige keine jungen Mütter, in Ordnung?“

Er verschwand in die entgegengesetzte Richtung der Glastür.

Seufzend fuhr Jake sich durch die Haare und streckte die langen Beine aus. Das alles hier fühlte sich wie die reinste Zeitverschwendung an. Er könnte gerade auf dem Feld stehen und Schlagübungen machen. Er könnte die nackte Silvana beim Muffinbacken beobachten. Er könnte sich die Spieltapes des letzten Jahres ansehen, seine Technik analysieren und verbessern.

Stattdessen saß er auf der ungemütlichen Holzbank, die für Schneewittchens sieben Zwerge geschaffen worden zu sein schien, und wartete auf die arme Erzieherin, der er gleich den Kopf verdrehen würde, damit er sie nach seinem Willen manipulieren konnte. Er hoffte inständig, dass sie wenigstens gut aussah.

Als hätte Gott seinen Gedanken gelauscht, ging in genau diesem Moment die Glastür auf. Jake fuhr herum und erkannte eine junge Frau, die zielstrebig auf ihn zulief. Abrupt sprang er von der Bank auf, setzte ein Lächeln auf und ließ den Blick über ihre Erscheinung schweifen.

Sie trug schwarze Jeans und ein weißes T-Shirt und war so klein und schmal, dass sie eins der Kinder hätte sein können. Ihr Gesicht war nichtssagend. Sie hatte diese dreckigen blonden Haare, die gefärbt gehörten, eine kleine, mit Sommersprossen gesprenkelte gerade Nase, die viel zu hoch in die Luft gereckt war, und hellgrüne Augen, die ihn argwöhnisch betrachteten. Das Einzige, das interessant an ihr war, war ihr breiter Mund. Sie hatte dreist volle Lippen und wäre der Rest ihres Gesichtes nicht gewesen, hätte Jake sie vielleicht als sexy bezeichnen können. Leider zerstörte die kleine Person den Moment jeglichen anfänglichen Sex-Appeals, indem sie den Mund öffnete. „Hey. Du musst der Verbrecher sein.“

Jakes Augenbrauen flogen in die Höhe.

Okay. Offensichtlich war Aschenputtel auch nicht verzückt darüber, sich mit ihm herumzuschlagen. Aber das war in Ordnung, damit konnte er arbeiten. Sie war zwar nicht unbedingt hübsch, aber auch nicht hässlich und es war ja nicht so, dass Jake eine gute Herausforderung nicht zu schätzen wusste.

„Hey“, erwiderte er lächelnd und streckte die Hand aus. „Ich bevorzuge Jake. Verbrecher ist so unelegant.“

„Aha“, sagte sie trocken, ergriff seine Hand mit überraschend festem Griff und verengte die Augen. „Dann Jake. Ich bin Olivia und für die nächsten Monate dein Boss.“

Mann, was für eine äußerst sympathische Frau. „Sehr sexy. Frauen in Führungspositionen.“

„Ja, als Erzieherin ist das natürlich von äußerster Wichtigkeit“, erwiderte sie tonlos. „Wenn ich nicht sexy wäre, würden die Kinder mir auf der Nase herumtanzen.“

Jake lächelte, unsicher darüber, ob sie gerade einen Witz oder sich über ihn lustig gemacht hatte. Ihre Miene war das reinste Fort. Absolut unleserlich. Sie wirkte nicht einmal … interessiert an ihm. Sie war nicht einmal errötet, als sie ihn gesehen hatte. Ihr Blick war weder neugierig noch anerkennend. Sie sah ihn an, als wäre er der Typ, der einen Kratzer im Lack ihres Autos hinterlassen hatte. Leicht genervt, aber dennoch geduldig.

Was war los mit ihr? Er war Jake Braker! Er war berühmt. Mit sechsundzwanzig bereits eine Sportlerlegende. Er war letztes Jahr zum Sexiest Man Alive gewählt worden, Herrgott!

„Also, Jake“, fuhr sie sachlich fort. „Wie viel Erfahrung hast du im Umgang mit Kindern?“

Er kratzte sich das stoppelige Kinn, immer noch verwirrt über ihre Reaktion auf ihn, und zuckte schließlich mit den Schultern. „Nun, ich war selbst irgendwann mal eins und ich schicke einer Menge von ihnen unterschriebene Baseballkarten, also ...“

„Also gar keine“, beendete sie den Satz für ihn und seufzte laut. So als wäre er es, der ihre Zeit verschwendete und nicht andersherum. „Gut, pass auf, bevor wir gleich reingehen und ich dich den Kindern vorstelle, ist es vielleicht gut, wenn du ein paar Grundregeln verstehst.“ Sie hob einen Finger. „Erstens: Du fluchst nicht vor den Kleinen. Zweitens: Falls du jemals nach Alkohol riechen solltest, wenn du hier auftauchst, rufe ich die Richterin an. Drittens: Du bist immer pünktlich, wirst nicht laut vor den Kindern, triffst keine Entscheidung, ohne mich um Erlaubnis zu fragen und lässt dein aufgeblasenes Ego zu Hause, alles klar?“ Erwartungsvoll hob sie eine Augenbraue.

Jake starrte sie mit leicht geöffneten Lippen an. Sah in ihre versteinerte Miene, die keinen Widerspruch zuließ – und mit einem verrückten Gefühl von Verwunderung und Unverständnis musste er eine schockierende Tatsache anerkennen. „Du magst mich nicht“, sagte er schlicht und machte verdutzt einen Schritt zurück. „Du hältst mich für ein verantwortungsloses Arschloch. Du kennst mich nicht, aber … du findest mich jetzt schon zum Kotzen.“

Dass er in der Tat ein verantwortungsloses Arschloch war, tat jetzt nichts zur Sache.

Langsam verschränkte sein Gegenüber die Arme vor der flachen Brust, die Lippen zu einer dünnen Linie gepresst. „Du hast betrunken einen Kinderspielplatz demoliert. Ich finde, das sagt eine Menge über einen Menschen aus.“

„Ach, bitte. Hast du noch nie betrunken etwas kaputtgemacht?“, fragte er gereizt.

„Nein“, sagte sie ohne mit der Wimper zu zucken.

Scheiße, er glaubte ihr. Sie sah so furchtbar langweilig aus, dass sie bestimmt auch noch nie Gras geraucht oder einen Stripclub besucht hatte. Wahrscheinlich verbrachte sie ihre Wochenenden damit, ihre Sockenschublade nach Farben zu sortieren.

„Hast du die Regeln verstanden?“, hakte sie nach einer Weile nach, als Jake noch immer nichts gesagt hatte. „Oder soll ich sie dir lieber aufschreiben? Der ganze Alkohol hat womöglich dein Erinnerungsvermögen beeinträchtigt. Und wie viele Baseballs hast du schon gegen den Kopf bekommen?“

Jake lachte trocken auf. Unglaublich.

Gespielt getroffen legte er sich eine Hand auf die Brust, das Gesicht zu einer Trauermiene verzogen. „Weißt du, ich bin aufgeschlossen und voller Reue hier aufgetaucht …“

War er nicht.

„Und innerhalb von zwei Sekunden unterstellst du mir, dass ich betrunken hier erscheinen und den Kindern meine Lieblingsschimpfwörter beibringen werde, während ich ihnen wahrscheinlich auch noch erzähle, dass Terrorismus toll ist. Du bist ganz schön verurteilend, Oleander.“

„Olivia oder Liv“, korrigierte sie ihn sofort und zu Jakes Genugtuung liefen ihre Wangen rosa an. Wenigstens hatte er es geschafft, dass sie sich unwohl fühlte. Das war zwar nicht seine bevorzugte körperliche Reaktion bei Frauen, aber besser als gar keine.

Tief atmete die kleine Blondine durch, bevor sie die Augen schloss und ihn schließlich mit festem Blick fixierte. „Okay, hör mal: Ich wollte dir überhaupt nichts unterstellen, aber dein Ruf eilt dir nun einmal voraus und –“

„Und?“, fragte Jake interessiert und wippte auf seine Fersen zurück. „Du siehst aus wie zwölf und ich wette, ein Fünfjähriger könnte dich mit einem Arm niederringen … aber zweifele ich deine Kompetenz als Kindergärtnerin an?“
„Die offizielle Bezeichnung ist Erzieherin und da mir vollkommen egal ist, was du von mir hältst: Tu dir keinen Zwang an. Kritisier mich ruhig.“ Sie winkte ab und ein unschuldiges Lächeln stahl sich auf ihre Züge. „Ich meine … ich bin es ja, die der Richterin mitteilen muss, ob du deine Arbeit hier ernst nimmst, nicht andersherum.“

Er schnaubte. Hatte sie ihm gerade gedroht?

„Sag mal“, fragte er interessiert und neigte den Kopf zur Seite. „Bist du zu jedem Typen so freundlich oder bin ich etwas Besonderes? Ah, lass mich raten … du bist Single und weißt einfach nicht warum?“

Zu seiner Überraschung entlockte dieser Kommentar der Blondine ein Lachen. Ein ehrliches, gelöstes Lachen, das Jake für einen Moment vergessen ließ, dass ihr Gesicht nicht nennenswert schön war.

„Dir passiert es wirklich nicht oft, dass Frauen dir keinen roten Teppich vor die Füße rollen, oder? Du bist ja total verunsichert. Das ist ja fast putzig.“

Verunsichert? Er? Das wurde ja immer besser! Langsam ernsthaft angepisst, machte er einen Schritt auf sie zu und sah grimmig auf sie hinab. „Hör mal, Oleander“, sagte er gepresst, „ich bekomme das Gefühl, dass dir deine von der Richterin erteilte Macht zu Kopf steigt. Aber ich werde über diese charakterliche Unzulänglichkeit hinwegsehen, wenn du dich für deine letzten Worte und deinen verurteilenden Blick entschuldigst.“ Er überragte sie um mehr als einen Kopf … doch sie rührte sich nicht von der Stelle.

Stattdessen tippte sie sich nachdenklich mit dem Zeigefinger auf die Unterlippe und kam ihm sogar noch einen Schritt entgegen. Ihre Fußspitzen stießen gegen seine und sie musste den Kopf in den Nacken legen, um ihn ansehen zu können.

„Ich heiße Olivia. Und versuchst du gerade, mir Angst einzujagen?“, fragte sie leise. „Wirst du mich mit Baseballs bewerfen, wenn ich gemein zu dir bin?“

Irgendwie verlief dieses Gespräch ganz anders als er es sich vorgestellt hatte. Misstrauisch verengte er die Augen. „Was genau ist dein Problem?“

„Ich bin mir noch nicht sicher. Ich kann mich nicht zwischen deinem falschen Lächeln oder deiner fraglichen Arbeitsmoral entscheiden.“ Sie seufzte laut auf und machte einen Schritt zurück. „Weißt du, Jake, wir werden die nächsten drei Monate eine Menge Zeit miteinander verbringen und ich hielt es einfach für sinnvoll, dir direkt zu Anfang klarzumachen, dass du hier überhaupt nichts zu sagen hast. Wir stehen nicht auf dem Spielfeld. Wir befinden uns im Kindergarten. Und hier gelten meine Regeln. Ich würde dir wirklich gerne auf Augenhöhe begegnen, aber das kann ich nur, wenn ich mir sicher bin, dass du das hier ernst nimmst.“

„Wir könnten einander nie auf Augenhöhe begegnen …“, sagte Jake entschuldigend. „Denn dafür müsstest du dir Stelzen besorgen.“

Wieder zog ein Lächeln an Olivias Lippen. „Das ist gar kein Problem. Mein Gleichgewichtssinn ist einwandfrei.“

Jake schnaubte und öffnete den Mund, um etwas zu erwidern, doch jemand kam ihm zuvor.

„Hey, Liv. Was machst du denn hier?“

Jake wandte sich um und erkannte den verdutzt aussehenden Sam, der offensichtlich endlich den Weg von der Toilette zurückgefunden hatte.

„Hey“, antwortete sie freundlich. „Schön, dich zu sehen. Ich arbeite hier. Jake wird mir bei meiner Kindergartengruppe helfen.“

„Nein!“ Sam fing laut an zu lachen. „Das ist ja fantastisch! Hätte ich das gewusst, hätte ich mir nur halb so viele Sorgen gemacht.“

Verwirrt sah Jake zwischen den beiden hin und her. Er wusste nicht, was hier gerade passierte, aber es gefiel ihm nicht. „Ihr kennt euch?“, wollte er schroff wissen.

Oleander hob eine Schulter. „Ich bin mit Chloe befreundet.“

„Fuck“, rutschte es ihm heraus. Das erklärte, warum sich Oleander bereits eine Meinung über ihn gebildet hatte, ohne ihn zu kennen. Er war sicher, dass Chloe das ein oder andere Wort über ihn verloren hatte.

„Scheibenkleister bitte“, sagte sie fröhlich und hob die Hand in Sams Richtung. „Wir sehen uns, Sam. Grüß Chloe von mir.“ Und dann fügte sie an Jake gewandt hinzu: „Kommst du? Oder brauchst du noch ein paar Minuten, um dich selbst zu bemitleiden?“ Im nächsten Moment verschwand sie hinter der Glastür.

Jake stöhnte leise und rieb sich mit der flachen Hand über die Stirn. Das würde eine Katastrophe werden. Er konnte keine Frau verführen, die so prüde und zugeschnürt wie ein heiliges Päckchen war. Oder?

Mhm. Stirnrunzelnd neigte er den Kopf zur Seite und sah Oleander nach.

Oder?

Zwei Stunden später konnte Jake drei Dinge mit Sicherheit sagen: Er mochte keine Kinder, schon gar nicht fünfzehn Stück auf einmal. Auf dem Boden zu sitzen, war scheiße. Und Oleander war die merkwürdigste, sturste und für seine Avancen unempfänglichste Frau, die er jemals getroffen hatte.

Vor drei Wochen, als er in der Sportsbar sein T-Shirt ausgezogen hatte, war eine vorbeigehende Kellnerin in Ohnmacht gefallen. Als Oleander ihn darum gebeten hatte, die Wachsmalstifte aus dem obersten Fach des Spielschrankes zu holen, war ihm das T-Shirt den Bauch hinaufgerutscht. Sie hatte nicht mit der Wimper gezuckt und ihn gefragt, ob er sich keine T-Shirts leisten könne, die ihm auch wirklich passten.

Die Kinder waren ähnlich unbeeindruckt von ihm. Zwei der Jungen der Gruppe hatten ihn erkannt und mit Baseballfragen gelöchert. Laney, ein blondes Mädchen, hatte wissen wollen, ob er gut jonglieren könne oder wozu er sonst so große Hände brauche. Sam, der Junge mit den Patschehändchen von draußen, hatte die letzte halbe Stunde ein Glockenspiel malträtiert. Als Jake ihm gesagt hatte, er solle das lassen, hatte Sam nur erwidert, dass Jakes Haare „blöd und dämlich“ aussähen und dass er ihm überhaupt nichts zu sagen habe.

Oleander hatte den Jungen nur mit einem strengen Blick bedacht und sofort war er verstummt. Als Jake ihr dankbar zugelächelt hatte, hatte sie nur die Augen verdreht.

Schön. Die Kindergärtnerin war offensichtlich sexuell gestört. Vielleicht war sie auch einfach lesbisch. Das machte nichts. Er konnte sie immer noch bestechen. Wie viel Geld würde er ihr wohl anbieten müssen?

„Ich mag Rot am liebsten, was magst du am liebsten?“

„Was?“ Jake schrak auf und blinzelte das blonde Mädchen neben sich an. Laney. Das war ihr Name.

„Rot“, erklärte sie langsam und hielt einen roten Filzstift vor sein Gesicht. „Das ist eine Farbe. Kennst du sie?“

Er nickte und versuchte seine Beine unter dem Mini-Tisch, an dem er saß, auszustrecken. Doch es war ein unmögliches Unterfangen. Sein Fuß allein war schon zu groß. „Rot ist mir bekannt, ja“, sagte er trocken.

Es war Malstunde und da Oleander der Meinung war, dass er sich heute erst einmal mit den Kindern anfreunden solle, hatte sie ihm ebenfalls ein Blatt Papier in die Hand gedrückt.

„Aber du benutzt nur schwarz“, sagte Laney missbilligend und deutete auf sein Bild. „Das ist hässlich.“

Jake fand das Strichmännchen am Galgen, das er zustande gebracht hatte, ziemlich ansehnlich, deswegen ließ er sich von der Fünfjährigen nicht verunsichern. „Du bist hässlich und Schwarz ist zeitlos“, belehrte er sie.

Laney machte große Augen und schüttelte den Kopf. „Ich bin wunderschön! Und Oli sagt immer, Schwarz ist traurig.“

„Na, dann hat Oli vielleicht keine verdammte Ahnung“, gab er zu bedenken, auch wenn er keinen Schimmer hatte, wer dieser Oli war.

Erneut schüttelte das Mädchen den Kopf. Diesmal so heftig, dass ihre blonden Locken wild umherflogen. „Oli weiß immer alles!“, sagte sie bestimmt. „Oli ist bärenstark und voll klug. Meine Mama sagt immer, dass Oli irgendwann die Welt regieren wird.“

Natürlich tat sie das. Ihre Mutter schlief wahrscheinlich mit Oli.

„Letztens war unser Vermieter bei uns an der Tür und wollte Geld haben. Er hat uns sogar ein bisschen gedroht. Meine Mama hat mir die Ohren zugehalten, aber ich bin voll gut im Zuhören.“ Sie schnappte flüchtig nach Luft. „Auf jeden Fall hat Oli richtig laute Dinge zurückgesagt und der Vermieter ist gegangen. Mama meint, er hat vielleicht sogar geweint.“

Jakes Mundwinkel zuckten. Dieses kleine Mädchen war so sichtlich stolz auf den Macker ihrer Mutter, dass es irgendwie fast … na ja, süß war.

„Und weißt du waaaaas?“, fuhr Laney fort, während sie mit dem roten Filzer etwas auf ihr Blatt malte, das entweder ein Segelschiff oder ein missratener Tintenklecks war. „Wir machen bald einen Zeltausflug.“ Wichtigtuerisch hob sie ihr Kinn. „Wie richtige Erwachsene. Wir alle zusammen.“ Sie breitete die Arme aus, als wolle sie den gesamten Raum umarmen.

Na, Jake hoffte doch sehr, dass er nicht in diesem Wir mitinbegriffen war.

„Oli hat es organisiert. Wir gehen auf einen Campingplatz in der Nähe und alle Eltern haben es schon erlaubt und dann werden wir Marshmallows braten und Stöcke zählen und sowas. Obwohl der Chef vom Kindergarten erst Nein gesagt hat. Aber Oli hat das geregelt.“ Ihr Gesicht leuchtete auf. „Oli ist so cool.“

Meine Güte, dieser Oli schien ja ein verdammt harter Kerl zu sein.

„Und weißt du noch was?“, plapperte Laney fröhlich weiter, bevor sie mit ihrem roten Filzstift auf Jakes Blatt herumkritzelte, sodass es jetzt aussah, als würde der erhängte Mann bluten. „Ich kann schon allein aufs Klo. Sogar groß“, sagte sie stolz.

Jake starrte sie mit offenem Mund an. Erwartete sie jetzt ein Lob?

„Ähm … herzlichen Glückwunsch?“

„Danke!“ Sie lächelte breit. „Ich habe dafür einen Sticker bekommen und alles. Er glitzert und es ist ein Einhorn drauf. Magst du Einhörner?“

Er zog eine Grimasse. „Nicht wirklich, nein.“

Wenn man ihn schon mit einem Pferd belästigen musste, dann doch bitte mit einem schwarzen Hengst, der seine Eier noch nicht abgegeben hatte. Nicht mit einem weißen Pussy-Pferd, das Regenbogen rülpste.

Das Mädchen machte große Augen. „Du magst keine Einhörner? Warum?“ Sie sah ihn an, als habe er verkündet, er würde die Tiere schlachten und dann essen.

„Sie sind einfach verdammt schei…“

„Er hat Angst vor ihnen“, unterbrach ihn eine Stimme von hinten.

Er wandte sich um und sah der schmallippigen Oleander in die Augen, die bedrohlich über ihm aufragte. Dabei war sie winzig! Er müsste ihr wahrscheinlich nur den kleinen Finger gegen die Stirn drücken und sie würde umkippen.

„Er fürchtet sich vor Pferden“, fuhr die Erzieherin seufzend fort. „Sie sind groß und so viel stärker als er. Außerdem …“, sie lächelte und lehnte sich verschwörerisch zu Laney herunter. „Außerdem ist er eifersüchtig, weil sie eine so viel schönere Mähne haben als er.“

Hallo? Was hatten denn alle nur mit seinen Haaren?

„Oh, okay“, sagte Laney und nickte verständnisvoll, bevor sie Jake tröstend mit der Hand auf die Schulter patschte. „Ich mag deine Haare. Sie sind schön blond. Wie die Haare einer Fee.“

Oh Gott! Jake öffnete den Mund, um dem kleinen Mädchen zu erklären, dass nichts an ihm feenähnlich war, da legte sich eine zweite Hand bestimmt auf seine Schulter. „Kann ich kurz mit dir reden, Jake?“, fragte Oleander geduldig.

„Ich bin gerade schwer beschäftigt“, sagte er entschuldigend und deutete auf sein Bild. „Vor dem Mittagessen möchte ich auf jeden Fall noch mein Kunstwerk fertigstellen.“

Oleanders Lächeln war so süß, dass Jake automatisch Zahnschmerzen bekam. „Das wird warten müssen“, meinte sie und zog an seinem Arm.

Es fühlte sich an, als würde ein Schmetterling Jakes Bizeps mit seinen Flügeln streicheln, aber er tat ihr den Gefallen und stand auf. Sonst tat sie sich noch ernsthaft weh.

Oleander nickte ruckartig in Richtung des Flurs und augenverdrehend kam Jake ihrer Geste nach.
„Wir sind nur kurz draußen, Kids“, rief sie lächelnd. „Und ich sehe alles, also stellt keinen Blödsinn an.“ Warnend deutete sie mit dem Finger auf Sam, der schuldbewusst die Schultern höher zog, bevor sie Jake nach draußen folgte, den Blick durch das gläserne Fenster auf die Kinder gerichtet, die weitermalten.

Schließlich atmete sie tief durch und wandte sich zu Jake um. „So kannst du nicht mit den Kindern reden“, sagte sie schließlich sachlich.

„Wie?“, fragte er interessiert nach.

„Wie mit deinen Teamkollegen.“

Jake schnalzte missbilligend mit der Zunge. „Meine Güte, du glaubst auch jedem Klischee, oder? Als würden Baseballer hinter verschlossenen Türen nur fluchen und dreckige Witze austauschen.“ Ja, das kam ungefähr hin.

„Es ist mir egal, was du hinter verschlossenen Türen machst, solange du vor den Kleinen keine Schimpfwörter benutzt.“

Jake seufzte frustriert auf. Das war eine Tortur! Er hasste es, wenn andere Leute ihm Regeln auferlegen wollten. Und er würde sich von einem blonden Zwerg doch nicht sagen lassen, was er zu tun und zu lassen hatte.

„Hör mal, Oleander …“

„Olivia!“

„Sag ich doch, Lydia. Also, wir beide wissen, dass das hier nicht funktionieren wird.“ Er wedelte mit den Händen zwischen ihnen hin und her. „Du hältst mich für ein arrogantes Arschloch, ich dich für einen sexuell frustrierten Kampfzwerg – wir sind einfach nicht kompatibel. Ich halte es für das Beste, wenn wir dieses Experiment hier einfach abbrechen.“

Sein Gegenüber hob eine Augenbraue. „Sexuell frustrierter Kampfzwerg?“, wiederholte sie trocken.

Er nickte und sah mit ernstem Gesicht auf sie hinab. „Ich habe extra Worte gewählt, die nicht allzu beleidigend sind.“

Gespielt nachdenklich neigte sie den Kopf zur Seite. „Jetzt bin ich neugierig. Ist jeder, der nicht jede Nacht mit einer anderen Frau schläft, gleich sexuell frustriert?“

Definitiv.

„Ah, also bist du tatsächlich lesbisch“, sagte Jake und nickte. „Das erklärt einiges. Die Art, wie du dich anziehst. Dass du mich nicht magst …“

Ungläubig sah Oleander ihn an. „Ich bin nicht lesbisch. Und was hat das mit irgendetwas zu tun?“

Ach, verdammt.

„Gar nichts“, sagte Jake hastig. „Ist auch egal. Kommen wir zum eigentlichen Thema zurück. Dieses Experiment: Es wird scheitern. Ich will nicht hier sein, du willst mich nicht hier haben, warum uns das Ganze antun? Ich habe gewisse Verpflichtungen. Mein Job ist sehr zeitaufwändig und es wäre das Beste für alle, wenn du mir einfach den Wisch unterschreiben und mir acht … oder am besten zehn Stunden notieren könntest – dann geh‘ ich nach Hause und komme nächste Woche für die nächste Unterschrift wieder. Gerne mit einem Hundert-Dollar-Schein in der Hand. Problem gelöst.“

Mit undurchdringlichen grünen Augen starrte sein Gegenüber ihn an und schwieg.

Hatte sie einen Anfall?

„Oleander?“

„Mein Name ist Olivia“, presste sie zwischen den Zähnen hindurch.

Er runzelte die Stirn. „Wenn du Olivia heißt, warum hast du mir dann gesagt, dein Name sei Oleander?“

Ihre grünen Augen verdüsterten sich schlagartig und jetzt stemmte sie die Hände in die Seiten und machte einen Schritt auf ihn zu. Es wäre vielleicht eindrucksvoll gewesen, hätte sie nicht die Größe eines Weihnachtselfs und würde nach einer Blumenwiese riechen.

„Ich sag‘ dir was“, meinte sie kühl. „Du nennst mich am besten einfach meine Gebieterin, denn mir ist nicht entgangen, dass deine geliebte Karriere – oder wie auch immer du es nennst, dass du in Strumpfhosen auf dem Bildschirm rumturnst – in meinen Händen liegt. Und ich gebe dir einen Rat, Eierkopf: Mach mich nicht wütend! Ich habe wahrlich andere Probleme in meinem Leben – und glaub mir, du willst keins davon werden. Also befolge einfach meine Regeln. Und, ach ja: Schieb dir dein Geld sonst wo hin. Du wirst jede einzelne deiner Stunden hier ableisten!“

„Eierkopf?“, fragte er verwirrt. Jetzt wurde sie wirklich beleidigend. Erst seine Haare, dann seine Kopfform kritisieren?

„Es sind Kinder anwesend!“, sagte sie zähneknirschend. „Ich kann dir nicht alle Beleidigungen an den Kopf werfen, die ich gerne loswerden will. Aber wenn du möchtest, kann ich sie aufschreiben und an dich schicken. Dann lernst du vielleicht auch mal ein paar Wörter und kannst deinen Wortschatz auffüllen. Obwohl es eine Schande wäre, das gute Porto an dich zu verschwenden.“

„Wow“, sagte er und hätte beinahe angefangen zu lachen. Oleander war … amüsant. Sie sagte lauter witzige Dinge. Außerdem war ihr Gesicht ganz rot geworden und sie biss sich angestrengt auf der vollen Unterlippe herum. Sie besaß Mumm und Leidenschaft – und das respektierte Jake. Was natürlich nicht bedeutete, dass er es auch tolerierte.

„Was, wow?“, hakte sie feindselig nach. „Hast du soeben verstanden, wie Briefe verschickt werden, weil du das bis jetzt nie selbst machen musstest?“

„Nein, das haben mir meine Lakaien bereits erklärt“, meinte er gelassen. „Ich meinte: Wow, was für ein Zufall, dass ich an die einzige Frau in der gesamten Stadt gerate, die mich nicht mag.“

Sie schnaubte laut und wäre sie größer gewesen, hätte er sicherlich ihre Spucketröpfchen auf seinem Gesicht gespürt. So aber konnte er nur beobachten, wie eine kleine, pochende Ader auf ihrer Stirn hervortrat.

„Erstens: Ich glaube, die meisten Frauen mögen dein Geld und nicht dich. Zweitens: Kein Zufall.“

Das machte ihn doch tatsächlich stutzig. Fragend zog er die Augenbrauen zusammen. „Was soll das denn heißen?“, fragte er misstrauisch.

Oleander lächelte. Ein süßes, unschuldiges Lächeln, das Jake eine Gänsehaut den Rücken hinunterlaufen ließ. „Es heißt lediglich, dass es kein Zufall war“, erklärte sie mit den Wimpern klimpernd.

„Warum?“, fragte er scharf.

„Weil ich es war, die dich angezeigt hat.“

Kapitel 4

Es war faszinierend, Jakes Gesicht dabei zu beobachten, wie es von gelassen belustigt zu mörderisch zornig wurde. Liv stellte überrascht fest, dass ihn dieser plötzliche Gemütsumschwung fast attraktiv machte. Denn der wütende Ausdruck, den Jake jetzt zur Schau stellte, war ehrlich. Sie konnte darunter den Mann erkennen, der Jake möglicherweise wirklich war. Nicht der überhöfliche Schleimbeutel, den er die letzten Stunden zur Schau gestellt hatte.

Meine Güte, Liv hatte mit dem Schlimmsten gerechnet, aber Jake Braker war … zu viel: zu groß, zu präsent, zu arrogant, zu gutaussehend.

Denn ja: Er war heiß. Nicht attraktiv, dafür war er ein zu großes Arschloch, aber heiß. Liv mochte nicht allzu viel sexuelle Erfahrung haben – sie hatte keine Zeit dafür – aber sie hatte Augen im Kopf und sie war nicht tot. Gott hatte es gut mit Jake Braker gemeint. Scharf geschnittene Züge, tiefblaue Augen, blonde Surferhaare und einen Körper, der … Liv wollte lieber nicht drüber nachdenken.

Rein objektiv betrachtet war Jake Braker … nun, wunderschön. Aber Liv hatte Probleme damit, diese Schönheit anzuerkennen – denn die Worte, die aus seinem Mund kamen, zerstörten jede Illusion.

„Du hast was?“, fragte er tonlos, seine Stimme plötzlich eiskalt.

„Dich angezeigt“, erklärte Liv freundlich. „Ich hab‘ dich auf dem Spielplatz gesehen und die Polizei gerufen. Möglicherweise fand die Richterin es deswegen lustig, dich in genau diesen Kindergarten zu stecken.“

Von einem Moment auf den anderen verdunkelten sich Jakes Augen, sodass sie nun fast schwarz wirkten. Sein Kiefer knackte und er biss die Zähne so fest aufeinander, dass Liv automatisch Mitleid mit seinem Zahnarzt hatte.

„Was zum Teufel ist dein beschissenes Problem?“, fuhr er sie an. „Du hattest es also schon auf mich abgesehen, bevor du auch nur ein Wort mit mir gewechselt hast! Was geht es dich an, dass ich einen Spielplatz demoliere?“

„Jede Menge“, sagte sie gelassen.

Jake schnaubte verächtlich. „Olivia, ich will dir nicht zu nahe treten, aber dein kleines, schnuckeliges Leben ist im Vergleich zu meinem einfach nicht wichtig genug, als dass irgendetwas, das ich tue, auch nur annähernd von Bedeutung für dich wäre.“

Liv presste die Lippen aufeinander und suchte nach der Gelassenheit, die ihr die tägliche Arbeit mit fünfzehn Kindern antrainiert hatte. Doch sie hatte Mühe damit, nicht die Fassung zu verlieren. Was zum Teufel bildete der Kerl sich ein?! Vielleicht sollte Liv sich geehrt fühlen, weil Jake das erste Mal ihren richtigen Namen benutzt hatte – aber stattdessen machte es sie nur umso wütender.

Gott, sie hasste reiche Leute. Leute, die sich für was Besseres hielten und auf einfache Menschen wie sie herabsahen. Leute, die ernsthaft glaubten, dass ihr Leben auch nur einen Deut wertvoller war als das anderer.

„Als du den Spielplatz kaputt gemacht hast, hast du da auch nur eine Sekunde drüber nachgedacht, was das für die Leute aus der Nachbarschaft bedeuten könnte?“, zischte sie. „Hast du auch nur einen Gedanken daran verschwendet, was für Konsequenzen deine Handlungen nach sich ziehen? Wie du die Leben von Menschen, die du nicht einmal kennst, mit deinem egoistischen Getue beeinflusst? Aber dir ist das scheißegal, oder?“ Sie musste sich zwingen, ihre Stimme in einer annehmbaren Lautstärke zu halten. „Du lebst in deiner kleinen Welt, die nur aus dir und Baseball besteht. Und es funktioniert auch noch! Weil du dich aus jedem Mist rauskaufen kannst! Weil du mehr Geld als Verstand hast. Weil du nicht freundlich sein musst, weil die Menschen sowieso so tun, als würden sie dich mögen. Einfach weil sie dich für cool halten. Aber hast du mal daran gedacht, was deine Taten für andere bedeuten? Für diejenigen, die sich einen Scheiß für dich interessieren und trotzdem davon beeinflusst werden?!“

Sie holte zitternd Luft, die Hände zu Fäusten geballt. „Ich war fast jeden Tag auf diesem Spielplatz. Er war direkt bei mir um die Ecke. Meine Nichte hat dort das erste Mal in einer Schaukel gesessen. Das erste Mal einen Sandkuchen gebacken. Und deinetwegen – weil du einen verdammten schlechten Tag hattest – muss ich jetzt eine halbe Stunde zu einem anderen laufen. Ich weiß, für dich hört sich das nicht nach viel an, aber in dieser Stunde, die ich insgesamt verliere, könnte ich schlafen oder arbeiten oder Papierkram erledigen. Ich weiß, das bedeutet dir überhaupt nichts. Aber mir. Und das ist mindestens genauso wichtig!“

Ausdruckslos starrte Jake auf sie hinab. Sein Gesicht die kühle Fassade eines Mannes, dem ihre Worte so wichtig waren wie eine lästige Fliege, die um seinen Kopf schwirrte. Ein paar Herzschläge lang schwieg er. Starrte sie einfach nur an. Als versuche er, sie zum Verschwinden zu bringen.

Schließlich murmelte er: „Okay, es reicht. Leg deine Karten auf den Tisch. Was willst du? Was ist es, das du brauchst, damit du meinen verdammten Zettel unterschreibst und mich in Ruhe lässt?“

Liv schnaubte und ihr Herz flatterte hektisch in ihrer Brust. Gott, es wäre so einfach. Sie könnte Geld verlangen. So viel Geld, das sie bitter brauchte. Geld, das Jake nicht einmal vermissen würde. Mit dem all ihre Sorgen plötzlich verschwinden würden. Es war so reizvoll … doch sie konnte nicht.

Denn dann wäre sie keinen Deut besser als dieser arrogante Baseballer vor ihr. Sie könnte sich selbst nicht in die Augen sehen. Wie sollte sie Laney dann noch ein gutes Vorbild sein? Sie mochte kein Geld haben, aber sie hatte Stolz. Und Integrität. Und einen moralischen Kompass. Und das war so viel mehr wert.

„Du kannst dein Geld behalten“, presste sie zwischen den Zähnen hervor. „Ich bin keine deiner Affären, die du mit einem Lächeln zu allem überreden kannst. Ich bin kein Reporter, den du bestechen kannst, eine Story nicht zu drucken. Du denkst, du kannst mich weichkochen? Mit deinem Geld und deinem Starstatus und deinem falschen Lächeln? Du denkst wirklich, dass ich nur eine Sekunde daran denken könnte, die Sache für dich zu erleichtern, nur weil du einen Schläger schwingen kannst? Mit was für Menschen hast du den ganzen Tag Kontakt? Wie blöd müssen die alle sein, um dir auch nur ein einziges deiner Worte abzukaufen? Wie dumm müssen die ganzen Frauen sein, in dein Bett zu hüpfen?“

Sie atmete tief durch. „Wir sind hier nicht auf dem Feld, Braker. Hier gelten meine Regeln. Und nichts, was Beleidigendes aus deinem Mund kommt, könnte mich auch nur im Mindesten interessieren – denn verdammt nochmal, ich gebe einen Scheiß auf deine Meinung und ich gebe einen Scheiß auf deine Art Mensch.“

Jake verengte die Augen. Jegliche falsche Freundlichkeit war längst aus seinem Gesicht gewichen. „Und welche Art Mensch ist das?“, knurrte er.

„Reiche Kerle, die es gewohnt sind, zu bekommen, was sie wollen!“

„Aha.“ Jake nickte, die Lippen zusammengepresst, und ließ sich langsam auf die Fersen zurückwippen. „Darf ich jetzt mal was sagen?“

„Tu dir keinen Zwang an.“

„Schön. Olivia: Du weißt einen Dreck von meinem Leben.“ Seine Stimme war sachlich und gleichzeitig so ernst und eindringlich, dass Liv beinahe einen Schritt zurückgestolpert wäre.

„Du kennst mich nicht“, flüsterte er und trat auf sie zu. So, als wisse er genau, dass ihr Fluchtinstinkt gerade einsetzte. „Du hast den einen oder anderen Artikel über mich gelesen, hast dich mit Chloe über mich unterhalten, hast mein Gesicht im Fernsehen gesehen – und denkst, du wüsstest alles über mich. Was ich für ein Mensch bin, wie ich ticke, was in meinem Kopf vorgeht. Du hast dir deinen Klischeeturm gebaut und mich oben in ein Zimmer eingesperrt. So wie es jeder verdammte andere Mensch tut! Aber das ist okay. Du kannst nicht anders. Die Gesellschaft schreibt es dir vor. Denn so ticken die Menschen. Sie machen sich ein Bild von mir, bevor auch nur ein Wort aus meinem Mund kommt. Aber bilde dir nicht eine Sekunde lang ein, dass du mich als Mensch kennst oder gar verstehen könntest. Wenn du mich verurteilen willst, dann verurteile mich. Aber sag nie wieder, dass du wüsstest, wer ich bin. Denn ich bin mehr als das beschissene Produkt der Klatschblätter.“

Livs Herz schlug hart in ihrer Brust und Schweiß bildete sich in ihrem Nacken. Jake hatte sich zu ihr hinuntergebeugt und stand nun so nah, dass sie die hellblauen Sprenkel in seinen Augen zählen konnte.

„Dann beweise es“, flüsterte sie und nickte zur Tür, hinter der die Kinder warteten. „Gib mir einen Grund dafür, dich nicht zu verurteilen. Lächele nur, wenn du es so meinst und spiel mir nichts vor. Dann bekommen wir kein Problem.“

„Oh, bitte“, murmelte er kopfschüttelnd. „Das Problem haben wir doch schon längst.“ Und mit diesen Worten wandte er sich um und glitt durch die Tür zurück in das Gruppenzimmer.

Liv starrte ihm nach und atmete zitternd ein und aus.

Möglicherweise war sie etwas zu hart mit ihm ins Gericht gegangen. Möglicherweise hatte sie Jake Braker unterschätzt.

Und der Gedanke gefiel ihr kein bisschen.

„Du bist offiziell Jakes Babysitter? Ernsthaft? Wieso sagst du mir denn nichts? Ich musste es von Sam erfahren.“

„Ich hab‘ vergessen, ihn zu erwähnen“, gab sie ehrlich zu.

„Vergessen? Jake vergessen?“ Chloe lachte blechern durch den Hörer. „Gott, wenn er das wüsste.“

Liv war sich ziemlich sicher, dass sie ihren Standpunkt heute mehr als deutlich gemacht hatte. Sie gähnte herzhaft und legte sich den Arm über die Augen. Eigentlich hatte sie ein Power Nap halten wollen, bevor sie weiter zu einem Kellnerjob musste. Doch sie hatte ohnehin mit Chloe reden müssen, da war es ihr sinnvoll erschienen, den Anruf anzunehmen.

„Und wie war er?“, wollte Chloe wissen. „Hat er sich halbwegs anständig verhalten?“

Das konnte Liv nicht wirklich beantworten. Sie hatte keinen Vergleichswert. Vielleicht benahm sich Jake ja normalerweise noch schlimmer? Das könnte durchaus sein.

„Es war okay“, sagte sie vage. „Der Anfang war etwas holperig, aber dann hat er zumindest aufgehört zu fluchen.“

Auch wenn er bis zum Nachmittag so unfassbar schlecht gelaunt gewesen war, dass Liv ihm gerne einen Smiley ins Gesicht geklebt hätte. Aber die Kinder hatten den grummeligen Mann, der sie ab jetzt öfter besuchen würde, sehr witzig gefunden und sich nicht von ihm stören lassen. Das war das Wichtigste. Und der düstere Gesichtsausdruck auf Jakes Gesicht war ihr definitiv lieber gewesen als das schleimige Lächeln, das er noch zu Anfang zur Schau getragen hatte.

„Das hört sich doch vielversprechend an“, meinte Chloe leise lachend. „Gott, ich möchte ja kein gemeiner Mensch sein, aber ich gönne es ihm. Dass er ein wenig leidet. Wenn ich an all die Überstunden denke, die Sam seinetwegen schieben musste …“ Sie atmete tief ein. „Sorg einfach dafür, dass es ihm nicht allzu gut bei dir geht, okay?“

„Ich glaub‘, dafür muss ich nicht viel tun. Allein die Tatsache, dass er anwesend sein muss, regt ihn unglaublich auf.“

„Sehr gut. Ich würde dir ja ein paar Tipps geben, wie du am besten mit ihm umgehst … aber ich habe keine Ahnung. Das hat bisher noch niemand herausgefunden.“

Ja, das konnte Liv sich vorstellen. Umgänglich war kein Wort, das sie mit ihm in Verbindung setzen würde. Sie runzelte die Stirn und dachte an Jakes letzte Worte.

Denn ich bin mehr als das beschissene Produkt der Klatschblätter.

Aber was war er dann? Wer war er dann?

Kopfschüttelnd schloss sie die Augen. Das war keine Frage, die sie näher ergründen sollte.

„Ist egal“, meinte sie leichthin. „Wir werden vielleicht nicht die besten Freunde, aber ich komme klar.“

„Das wundert mich nicht. Du kommst immer klar.“

Ja. So war es und so würde es immer sein.

„Chloe, wo wir gerade übers Klarkommen sprechen“, sagte sie schweren Herzens. „Ich werde mit dem Kickboxen aufhören müssen.“

Vor fast zwei Jahren, als Liv Chloe über einen Kellnerinnenjob kennengelernt hatte, hatten sie gemeinsam angefangen, zum Kickboxen zu gehen. Es war Livs einziges Hobby, der einzige Abend in der Woche, an dem sie sich entspannte … und sie würde ihn aufgeben müssen. Sie konnte es sich schlichtweg nicht mehr leisten. Und wenn sie zwischen Kickboxen und Essen wählen musste … tja.

„Oh nein, warum?“, fragte Chloe enttäuscht.

„Bei der Cateringfirma haben sie meine Schichten verschoben“, log sie. Sie konnte Chloe nicht die Wahrheit sagen. Sie würde ihr helfen wollen, ihr Geld leihen wollen, die Kosten für den Kurs übernehmen wollen – und das konnte Liv nicht annehmen. Sie wollte nicht in Chloes Schuld stehen. Sie wollte ihre Freundschaft nicht belasten … und sie wollte sich nicht auf Hilfe verlassen.

„Und du bist sicher, dass du nicht mit ihnen reden kannst?“, hakte Chloe nach. „Ohne dich macht der Kurs nur halb so viel Spaß.“

Ein kleiner Kloß bildete sich in Livs Hals, doch sie ignorierte ihn. „Nein, tut mir leid. Es geht nicht anders.“

Chloe seufzte schwer. „Okay, versteh‘ ich. Ich werde dich trotzdem dort vermissen.“

Liv lächelte müde. „Ich dich auch. Aber hör mal, wir können ja stattdessen –“ Es klopfte an ihre Tür und sie hielt mitten im Satz inne. „Warte mal, Chloe“, meinte sie, bevor sie den Hörer auf ihre Brust drückte. „Ja?“

Kristen steckte den Kopf in ihr Zimmer. „Hey“, sagte sie. „Kurze Frage: Bist du heute Abend da?“

Wieder gähnte Liv, bevor sie den Kopf schüttelte. „Ich muss arbeiten, wieso?“

„Ähm …“ Kristens Wangen liefen rosa an. „Ich bekomme womöglich Männerbesuch und wollte dich nur vorwarnen.“

„Männerbesuch?“, fragte Liv verdattert. „Aber Laney ist hier.“

„Ich weiß. Das macht ihm nichts. Wir wollen zu dritt was kochen.“ Ihr Kopf war nun so glühend rot, dass Liv versucht war, ihre Hand an Kristens Wange zu legen – nur um zu sehen, ob sie zischte.

„Okay. Ähm … wer ist der Kerl? Ist er nett?“

Kristen hob eine Schulter. „Ich weiß es nicht. Er besucht mit mir eine Vorlesung und … ist sehr anders als all meine Ex-Freunde.“

Na, das war auf jeden Fall schon mal ein gutes Zeichen. Wenn man bedachte, dass Kristens letzter Ex-Freund sie schwanger hatte sitzen lassen.

„Okay, dann … viel Spaß, schätze ich.“

Kristen zog eine Grimasse. „Ich hab furchtbar viel Schiss, aber ich sollte es versuchen, oder?“

Liv hatte keine Ahnung. Sie hatte nicht das Verlangen, es mit irgendeinem Mann zu versuchen. Wenn sie enttäuscht werden wollte, konnte sie auch einfach im Fernsehen den Politikkanal einschalten oder billiges Eis kaufen. Aber weil sie eine gute Schwester war, zuckte sie nur mit den Schultern.

Kristen lächelte zaghaft. „Genau. Bis später.“ Sie hob die Hand und verschwand.

„Hab‘ ich das richtig gehört? Deine Schwester geht auf ein Date?“, fragte Chloe, sobald Liv zurück am Hörer war.

„Na ja, keine Ahnung. Sie trifft sich mit einem Kerl aus der Uni zum Kochen.“

„Hört sich nach einem Date an. Du solltest dir ein Beispiel an ihr nehmen und ausgehen.“
Liv schnaubte und verdrehte die Augen. Dieser Satz kam Chloe ungefähr jede Woche einmal über die Lippen. Und Liv antwortete jedes Mal dasselbe. „Ich gehe nicht auf Dates, Chloe.“
„Warum nicht?“
„Weil es Zeit und Nerven kostet – und das sind beides Dinge, die ich nicht zur Verfügung habe.“

„Für mich hört sich das nach einer Ausrede an, weil du Angst vor Nähe hast.“

„Ja, das auch“, meinte Liv schlicht. „Das Endergebnis ist jedoch dasselbe.“
„Schön, schön“, kapitulierte Chloe. „Aber dafür musst du Sonntag zusammen mit mir zum Spiel der Delphies kommen.“

Liv lachte laut. „Ich schulde dir etwas dafür, dass ich nicht auf Dates gehe?“, wollte sie zweifelnd wissen.

„Ja. Du arbeitest zu viel und brauchst mehr Spaß im Leben – außerdem will ich da nicht allein hingehen. Sam redet die ganze Zeit nur mit den anderen Managern und PR-Leuten. Ich brauche Unterhaltung.“

„Und da dachtest du an mich?“

„Jap. Bei dir kann man sich wenigstens darauf verlassen, dass du weder Cole Panther noch einen anderen der Prominenten angaffst.“

„Cole wer?“, fragte Liv verwirrt.

„Panther. Der gutaussehende Milliardär, dem das Baseballteam gehört.“

„Ach so. Keine Ahnung, wer das ist.“

Chloe lachte laut. „Weswegen du meine perfekte Begleitung bist. Komm schon. Es ist die VIP-Box, Liv. Das bedeutet, es gibt kostenloses Essen und kostenlosen Alkohol.“

„Okay, ich komm mit“, sagte Liv prompt. Jeder Spaß im Zusammenhang mit dem Wort kostenlos hörte sich unwiderstehlich an. „Um wie viel Uhr soll ich da sein?“

Kapitel 5

„Kann man irgendwie helfen?“

„Womit willst du mir helfen?“, knurrte Jake.

„Nicht dir. Dem Boxsack“, sagte Ty behutsam und zog den Sandsack, dem Jake gerade noch den Garaus gemacht hatte, bestimmt aus dem Weg. „Du verletzt seine Gefühle … und deine Hände.“

Jake presste die Lippen aufeinander und starrte den Shortstop regungslos an. Nach dem Kindergartendebakel war ihm nicht danach gewesen, nach Hause zu gehen. Also war er zum Stadion der Delphies gefahren, um seine versäumte Sporteinheit von heute Morgen nachzuholen. Leider war er nicht allein im Fitnessraum. „Hast du ein Problem, Ty?“

„Nein, aber du offensichtlich“, bemerkte er belustigt. „Und das will schon was heißen, denn du warst die letzten Wochen wahrlich kein Honigkuchenpferd. Oder Ryan?“ Er sah über die Schulter zum Catcher der Delphies, der auf dem Laufband neben ihnen lief.

„Nope“, bestätigte er. „Du hast den Weihnachtsmann zum Schimpfen, die Engel zum Weinen und Sam zum Schreien gebracht. Nicht dass ich das nicht beeindruckend finden würde … aber Alter, was ist los mit dir?“

„Überhaupt nichts“, entgegnete Jake abgehackt, wandte ihnen den Rücken zu und lief zu seiner Sporttasche, um die Flasche Wasser daraus hervorzuziehen.

„Ah, warte“, dachte Ty laut nach. „Hast du heute nicht deine ersten Sozialstunden abgeleistet?“

Jake verzichtete darauf, zu antworten.

„Ist es nicht gut gelaufen?“, hakte Ty weiter nach. „Ich dachte, du wärst im Kindergarten. Da gibt es doch bestimmt nur Erzieherinnen, die dir aus der Hand fressen.“

Jake schnaubte verächtlich. Gott, er wünschte, es wäre so.

„Ich bin bei einer kalten Verrückten gelandet, die Baseball nicht interessiert und der Anstand mehr bedeutet als Spielstatistiken“, presste er zwischen den Zähnen hervor.

„Hört sich nach einem schrecklichen Menschen an“, meinte Ryan trocken. „Wahrscheinlich will sie die Welt auch noch zu einem besseren Ort machen, die Ozeane reinigen und gegen die Hungersnot ankämpfen. Wie kann sie dir das antun?“

Genervt wirbelte Jake herum. „Ja, lach du dich ruhig kaputt! Es ist ja nicht deine Karriere, die in ihren Händen liegt. Sie ist … scheiße noch mal … anstrengend! Ihr ist egal, wie ich aussehe, ihr ist egal, wer ich bin – und sie lässt sich nicht bestechen. Was für ein Mensch lässt sich nicht bestechen!?“
„Einer mit Integrität?“, schlug Ty vor.

„Nein, einer, der sein Leben nicht im Griff hat!“, korrigierte Jake ihn zornig.

Aber hast du mal daran gedacht, was deine Taten für andere bedeuten? Für diejenigen, die sich einen Scheiß für dich interessieren und trotzdem davon beeinflusst werden?

Scheiße, ihre Stimme war noch immer in seinem Kopf!

Jake rieb sich mit der Hand über die Stirn, wandte Ryan und Ty den Rücken zu und griff nach seinem Handtuch.

Wer sagte so etwas? Wie sollte er irgendetwas mit ihrem Leben zu tun haben, ohne sie zu kennen? Wie konnte sie so wütend auf ihn sein, ohne dass er ihren Nachnamen wusste?

Das war absurd. Sie hatte mit ihm geredet, als würde er alles Verwerfliche dieser Welt in sich vereinen. Sie hatte ihn angesehen, als hätte er absichtlich genau den Spielplatz kaputt gemacht, den sie besuchte.

Fahrig wischte er sich mit dem Handtuch übers Gesicht und atmete tief ein und aus. Er war kein schlechter Mensch. Er tat anderen nicht absichtlich weh. Er war weder dumm, noch das große Arschloch, als das die Presse ihn darstellte.

Aber warum war es ihm so wichtig, dass Olivia das wusste? Ihm ging doch sonst am Arsch vorbei, was die Menschen über ihn dachten! Und die Kindergärtnerin war nicht einmal einen zweiten Blick wert. Sie war ein Niemand. Unter normalen Umständen hätte Jake sie innerhalb weniger Minuten wieder vergessen. Aber dennoch …

Es war ihr Gesichtsausdruck gewesen, entschied er. Dieser aufrichtige, ernste und verurteilende Ausdruck, den er nicht hatte ertragen können. Sie hielt ihn für einen Vollidioten … und verdammt, er wollte, dass sie erkannte, dass sie falschlag!

„Warum zum Teufel bist du so wütend, Jake?“, fragte Ty ehrlich verwundert. „Du wirst doch andauernd mit Menschen konfrontiert, die dir falsches Verhalten vorwerfen. Was ist jetzt anders?“

Er hatte keinen Schimmer. Vielleicht lag es daran, dass die Menschen, die sich sonst über ihn aufregten, allesamt zur Presseabteilung gehörten. Oder mit ihm verwandt waren. Aber das alles waren Leute, die Tatsachen künstlich aufbliesen. Die Geld durch ihn verloren. Die wütend waren, weil er ihre Erwartungen nicht erfüllte. Aber Olivia … was für Erwartungen hatte sie schon haben können? Und trotzdem hatte er es bereits geschafft, sie zu enttäuschen. Liebe Güte, er hatte ein verdammtes Talent! Er sollte im Zirkus auftreten.

„Es ist unwichtig“, sagte er schroff und als er sich wieder umwandte, traf er Tys und Ryans neugierige Blicke. Verwirrt machte er einen Schritt zurück. „Was?“

Ty hob eine Schulter und einen Mundwinkel. „Für mich hört sich das so an, als würde sie dir unter die Haut gehen. Und das gefällt dir nicht.“

Das brachte Jake doch tatsächlich zum Lachen. „Glaub mir, ich habe bessere Dinge zu tun, als mir über eine frustrierte Kindergärtnerin Gedanken zu machen.“

„Ja, hast du“, bemerkte Ryan grinsend. „Und trotzdem tust du es.“

„Ich gehe. Ihr könnt dann weiter über die Tampons eurer Freundinnen reden.“ Er hob die Hand, griff nach seiner Tasche und ließ die beiden allein.

Unter die Haut gehen. Lächerlich!

Er wischte sich den Schweiß aus dem Nacken, stopfte Handtuch und Wasserflasche zurück in seine Tasche und machte sich auf den Weg zu den Parkplätzen.

Den Boxsack zu verprügeln hatte geholfen, aber er fühlte sich dennoch unruhig. Sonntag hatten sie das nächste Spiel. Danach würde die Mannschaft zwei Tage nach Atlanta fliegen, dann hatte er den nächsten Tag im Kindergarten, bevor eine Drei-Spiele-Serie im Heimstadion folgen würde. Sein Kalender war voll – aber Jake mochte es so. Dann lief die Zeit schneller. Dann waren die Nächte kürzer. Dann war der Druck leichter. Sein Kopf leerer.

Er ließ die Schultern kreisen, drückte die Tür zum Parkplatz auf und sog die frische Luft in seine Lungen. Vielleicht würde er Silvana anrufen, sie konnte backen und ihm von ihrem unglaublich langweiligen Leben erzählen. Ja, das hörte sich gut an. Er wollte gerade ihre Nummer raussuchen, als ihm eine hochgewachsene Gestalt im Anzug auffiel, die mit verschränkten Armen vor seinem Quad stand. Jake runzelte die Stirn und ließ das Telefon wieder sinken. Es dämmerte bereits, doch er hätte auch in totaler Dunkelheit gewusst, wer da auf ihn wartete.

Sein Kiefer verhärtete sich. Automatisch zog er die Schultern zurück und richtete sich gerader auf. Er machte es nicht einmal bewusst. Es war die natürliche Reaktion seines Körpers darauf, dass Henry Wellington der Dritte ihn mit seiner Anwesenheit beehrte. Mensch, er hatte nicht einmal seinen Butler geschickt. Die Sache musste ernst sein.

Jake presste die Lippen aufeinander, trat die letzten Schritte nach vorne und blieb zwei Meter von seinem Quad entfernt stehen.

„Dad“, sagte er steinern.

„Jakob“, erwiderte sein Vater und nickte ihm kaum merklich zu. „Du bist erstaunlich schwer zu erreichen in letzter Zeit.“

Jake hob eine Schulter. „Ich tu‘ so, als sei ich nicht leicht zu haben, damit du mir ein paar Blumen und Pralinen schickst, bevor du mich zum Essen ausführen darfst.“

Sein Vater zuckte nicht mit der Wimper. „Ich hatte dich gestern Abend erwartet.“

„Sorry, ich konnte nicht. Musste mir die Zehennägel schneiden. War eine dringende Angelegenheit“, meinte Jake entschuldigend, bevor er den Quadschlüssel aus seiner Tasche zog und um seinen Vater herumlief.

„Jakob“, sagte sein Vater mit Nachdruck. „Ich will mit dir reden.“

„Und ich will nicht mit dir reden. Sieht so aus, als hätten wir ein Problem.“

„Deine Mutter und ich finden –“

Jake schnaubte verächtlich und fuhr herum. „Oh, bitte. Mom findet überhaupt nichts. Mom hält mich für einen Engel und denkt, ich stecke immer noch in der Pubertät, weil sie sich nicht eingestehen kann, dass sie möglicherweise etwas bei meiner Erziehung falsch gemacht hat. Also halt sie verdammt noch mal da raus, werde los, was du loswerden musst und lass mich in Ruhe.“

Henry Wellington presste die dünnen Lippen zusammen, fuhr sich mit der Hand über das glattrasierte Kinn und nickte dann stoisch. „Schön. Du weißt, dass ich bald mit meiner Wahlkampagne als Senator beginnen werde?“

„Ist mir nicht entgangen.“

„Gut. Nächsten Monat findet bei uns ein Sponsorendinner statt und ich möchte, dass du kommst.“

„Warum?“

„Weil du mein Sohn bist“, sagte er kühl.

Ein bitteres Lächeln zog an Jakes Mundwinkeln. „Du meinst, weil die Sponsoren denken sollen, dass ich dich bei deiner Entscheidung, eine politische Karriere anzustreben, unterstütze?“

Ein Muskel in Henry Wellingtons zerfurchtem Gesicht zuckte, doch er nickte lediglich.

„Ich verstehe es nicht ganz“, meinte Jake im Plauderton. „Kaum einer weiß, dass wir verwandt sind. Hey, ich hab‘ doch nicht umsonst Moms Namen angenommen. Ist es nicht viel zu riskant, der Öffentlichkeit zu zeigen, dass wir blutsverwandt sind? Ich meine … da ich deinem Ansehen als Richter doch schon so unglaublich geschadet habe, weil ich nicht weiß, wie ich mich zu benehmen habe.“

„Mach dich nicht lächerlich. Es ist nicht so, als würde ich es geheim halten, dass du mein Sohn bist.“

Oh, doch. Es war exakt so. Seit Jake mit fünfzehn den Feueralarm auf seiner schicken Privatschule ausgelöst hatte, weil er keine Lust auf den Kunstunterricht gehabt hatte. Seit Jake mit sechszehn verkündet hatte, dass er eine Karriere als Sportler anstrebe. Seit Jake mit siebzehn nackt mit der Tochter des Bürgermeisters im Poolhouse erwischt worden war.

„Du hast Angst, dass die Presse Wind davon kriegen und mein lasterhaftes Leben gegen dich benutzen wird“, schlussfolgerte Jake nachdenklich. „Ich verstehe. Und sicherlich wirst du mir gleich einen Vortrag darüber halten, dass es meine Pflicht als Henry Jakob Wellington der Vierte ist, dir beizustehen und dich in deinen Ambitionen zu unterstützen … so wie du mich bei meiner Karriere unterstützt hast, richtig?“ Seine Stimme triefte vor Sarkasmus und Jake hoffte geradezu, sein Vater möge darauf ausrutschen.

„Wir beide wissen, dass Baseball keine Karriere ist“, sagte sein Vater verkniffen. „Was machst du, wenn du vierzig bist und nichts in der Hand hast außer der einen oder anderen Sporttrophäe? Und sicherlich bin ich nicht in dem Glauben hergekommen, dass du es mir leichtmachen wirst. Dir hat es schon immer so viel mehr Spaß gemacht, meine Erwartungen mit Füßen zu treten.“

„Ja, weil ich so verdammt gut darin bin. Und ein weiser Mann hat mir einst gesagt, dass ich mich auf meine Stärken konzentrieren soll. Du solltest stolz auf mich sein, Dad. Einen Rat von dir habe ich tatsächlich angenommen.“

Sein Vater schnaubte. Es war nur ein leiser Ton, der für ungeübte Ohren amüsiert klingen mochte, aber Jake wusste es besser. Es war der Ton, den sein Vater von sich gab, wenn er etwas absolut lächerlich fand. Wie zum Beispiel Jim Carrey. Oder rosa Cupcakes. Oder eine Karriere als Baseballer.

Ja, Jake war schon sehr oft mit diesem Ton konfrontiert worden. Er hätte ihn unter hunderten wiedererkannt.

„Als du dich für einen Job im Rampenlicht entschieden hast, Jakob“, sagte sein Vater mit erhobener Stimme, „hast du Verantwortung auf dich genommen. Verantwortung für deinen Ruf und den deiner Familie. Mir ist klar, dass deine familiären Pflichten nicht von Bedeutung für dich sind, aber es wird Zeit, mir und deiner Mutter wenigstens ein bisschen zurückzugeben. Wir sind schließlich immer noch deine Eltern!“

Jake nickte knapp.

Es war schon verwunderlich, dass sein Vater Baseball für den Schandfleck im Lebenslauf seines Sohnes hielt, während ihm der Sport so wichtig war. Baseball war das einzig Reale in Jakes Leben. Das Einzige, das er sich selbst verdient, sich selbst erarbeitet hatte. Das ihm nicht zusammen mit dem Goldlöffel in den Mund gelegt oder hinterhergeworfen worden war. Er hatte verdammt hart gearbeitet, um zu stehen, wo er jetzt stand – auch wenn sein Vater das nicht anerkennen wollte, Jake zumindest wusste es. Und seine Meinung war die, die zählte.

„Wenn ich zu dem Sponsorendinner komme, wird das nur ein schlechtes Licht auf dich werfen“, bemerkte er kühl. „Also tu dir einen Gefallen und streich mich von der Gästeliste.“

„Du wirst kommen“, sagte sein Vater laut. „Die Presse wird ohnehin herausfinden, dass du mein Sohn bist, sobald ich meine Kandidatur bekanntgebe – und da ist es besser, ihr zuvorzukommen. Du hast Glück. Offensichtlich ist es deinen Fans und Amerika egal, dass du vor Gericht geschleift und zu Sozialstunden verdonnert wurdest. Die Menschen mögen dich trotzdem noch! Und solange du in den nächsten Wochen nichts Dummes anstellst, dürfte das alle kein Problem werden. Während der Kampagne –“

„Oh, keine Sorge“, unterbrach Jake ihn schnaubend. „Wenn du mit der Kampagne anfängst, bin ich längst nicht mehr hier. Sobald die Saison vorbei ist, bin ich weg aus Philadelphia. Eine Sorge weniger für dich also.“

Einen Moment lang runzelte sein Vater irritiert die Stirn, während er diese neue Information verarbeitete. Schließlich fragte er: „Weiß deine Mutter davon?“

„Nicht, wenn sie keine hellseherischen Fähigkeiten entwickelt hat.“

„Du solltest es ihr erzählen“, wies sein Vater ihn schroff an. „Sie wird enttäuscht darüber sein, dass du wegziehst.“
Ja. Würde sie. Wie unterschiedlich seine Eltern doch waren. Ein Wunder, dass sie immer noch verheiratet waren.
„Ich rede mit ihr.“

„Du kannst es ihr sagen, wenn du zum Sponsorendinner kommst.“

„Das könnte schwierig sein, da ich nicht anwesend sein werde.“

Die blauen Augen seines Vaters – seine Augen – verdunkelten sich, während er einen bedrohlichen Schritt auf ihn zu machte. „Du wirst kommen“, sagte er warnend. „Allein, ohne Begleitung – denn wer weiß mit welchem deiner Flittchen du sonst antanzen würdest. Du wirst den Sponsoren erzählen, dass du dir niemand Besseren für den Job als Senator vorstellen könntest. Du wirst deiner Mutter sagen, dass du sie liebst. Du wirst all das tun.“

„Und warum sollte ich?“, fragte Jake interessiert.

„Weil du es uns schuldest. Weil deine Mutter und ich alles für dich getan haben. Dir jeden nur möglichen Weg geebnet haben. Du hättest in meine Fußstapfen treten können. Dir stand die Welt offen. Du hättest alles werden können. Und jetzt stehst du auf einem Feld und schlägst auf Bälle ein, während du nebenbei mit der halben Stadt ins Bett steigst – vorausgesetzt du bist nüchtern genug. Aber das waren deine Entscheidungen. Und damit leben deine Mutter und ich. Aber in diesem Punkt – mit dem Sponsorendinner – wirst du uns verdammt noch mal unterstützen. Und sei es das letzte Mal, bevor du diese Stadt hinter dir lässt.“

„Wow. Das ist eine akkurate Darstellung meines Lebens“, sagte Jake gespielt anerkennend. „Vielen Dank, Dad. Das habe ich heute gebraucht. Ich hatte schon vergessen, wer ich bin.“

Sein Vater schüttelte schnaubend den Kopf. „Es ist die Wahrheit. Die Art und Weise, wie du dein Leben führst, ist enttäuschend. Und das weißt du. Denn du machst es mit Absicht.“

„Oh mein Gott, Dad. Du bist enttäuscht von mir?“ Gespielt entrüstet legte Jake sich eine Hand auf die Brust. „Ich bin schockiert. Wie soll ich mit diesem Wissen nur leben? Oh, ich weiß …“ Erleichtert seufzte er auf. „Ich mach‘ es einfach so wie die letzten sechsundzwanzig Jahre.“

Er zog seinen Helm aus dem Stauraum des Quads und stopfte seine Tasche dort hinein, bevor er sich auf das Fahrzeug schwang.

„Du wirst kommen, Jakob!“, wiederholte sein Vater laut.
„Ich überleg’s mir“, meinte er vage, bevor er mit der Hand das Gas betätigte und vorwärts aus der Parklücke fuhr.

Kapitel 6

„Und was passiert jetzt?“

„Jetzt sitzen wir hier, trinken Champagner und gucken Baseball“, erklärte Chloe.

„Das ist alles?“
„Jup.“
„Mhm.“ Liv verengte die Augen und sah auf die große Leinwand, die direkt gegenüber der VIP-Box hing und gerade das Bild von Dexter O’Connor, Chloes Bruder, zeigte.

„Ich hatte mir das irgendwie aufregender vorgestellt. Ich dachte, die superreichen Sportler hätten Frauen, von deren nackten Körpern man Sushi isst oder zumindest artistische Waschbären, die mit Keksen jonglieren. Sowas in der Art.“

Chloe winkte ab. „Ach, so abgefahren ist die Welt der Reichen und Schönen dann auch nicht.“

Liv sah sich skeptisch zu allen Seiten um. Diese Aussage würde sie nicht unterschreiben. Am Fenster standen sechs Anzugträger und eine Frau im Hosenanzug, die das Spiel nicht eines Blickes würdigten und stattdessen hitzig über Geld diskutierten – zumindest fiel hie und da eine hohe Summe. Zur anderen Seite, in einer Couchecke, saßen vier Frauen in Cocktailkleidern, die hinter vorgehaltenen Händen tuschelten und sicherlich zu den reichen Leuten am Fenster gehörten.

Hinter Liv war ein Buffet aufgebaut worden, das den gesamten Kindergarten für eine Woche hätte ernähren können. Um sie herum wuselten zwei Kellner, die eifrig Champagner ausschenkten und es sich zur Aufgabe machten, niemanden der Anwesenden in die Augen zu sehen. Möglicherweise weil es ihnen vertraglich verboten worden war. Liv und Chloe saßen in zwei Ledersesseln direkt vor der Glaswand, die Füße auf einen samtenen Hocker hochgelegt, Erdbeeren und Champagner in der Hand.

Ja, wenn man Liv fragte: Das hier war doch verdammt abgefahren. Wenn auch minimalistisch und elegant.
„Wer geht im Anzug zu einem Baseballspiel?“, murmelte sie kopfschüttelnd und linste zu den Geschäftsmännern. „Ich dachte, Jogginghosen wären bei Sportevents mittlerweile sozial anerkannt.“

„Hey, hast du gerade meinen Freund beleidigt?“, fragte Chloe grinsend und nickte zu besagtem Mann, der eifrig mit den anderen mitdiskutierte.

„Sam läuft überall im Anzug herum“, prustete Liv. „Bei ihm überrascht es mich schon gar nicht mehr. Er schläft doch sicherlich auch mit Krawatte um den Hals.“

„Ja, er schläft mit Krawatte. Aber nicht um den Hals. Ich habe da andere sinnvolle Mittel und Wege, sie im Bett zu benutzen“, meinte Chloe und hob anzüglich eine Augenbraue hoch.

Liv musste lachen. „Das kann ich mir gut vorstellen, du bist sehr kreativ.“

„Und ob.“

„Wer sind die Frauen?“, fragte sie weiter und nickte kaum merklich zur Couch.

„Keine Ahnung“, gab Chloe zu. „Irgendwelche Ehefrauen, schätze ich. Ich kenne hier nicht alle Leute. Aber der Mann neben Sam, der Schwarzhaarige mit den blauen Augen, das ist Cole Panther. Der Besitzer der Delphies.“

Liv ließ ihren Blick über den hochgewachsenen Milliardär schweifen und nickte anerkennend. „Sehr schön. Er sucht nicht zufällig gerade eine Frau, die er heiraten und mit ganz viel Geld beschenken kann?“

Chloe lachte leise. „Du kommst ein paar Monate zu spät. Er ist jetzt mit der Frau im Hosenanzug, die neben Sam steht, zusammen. Savannah. Ich mag sie ziemlich. Sie macht ebenfalls PR für die Delphies. Sonst hätte ich Cole natürlich in deine Arme getrieben.“

Liv seufzte gespielt frustriert auf. „Schande. Ich könnte einen Mann mit Geld gebrauchen. Na ja, eher das Geld als den Mann.“ Ihr wäre das Geld ohne den Mann sogar lieber.

Chloe tätschelte ihre Schulter. „Na, dann schau dich hier mal um. Du kannst davon ausgehen, dass die meisten Leute hier oben reich sind.“

Ja, aber auch furchtbar ernst und alt. „Ich halte die Augen offen“, versprach Liv vage.

„Machst du das? Wirklich? So wie ich dich kenne, läufst du viel eher blind durch die Gegend und ignorierst jeden Kerl, der dich mag.“

Ja, das war natürlich wahr. Wenn hingegen ein Batzen Geld an ihre Tür klopfen würde … mit dem könnte sie sich vorstellen, glücklich zu werden. „Ich konzentriere mich im Moment einfach auf andere Dinge, Chloe.“
Darauf, zu existieren zum Beispiel.

„Du kannst dich auf die Arbeit und einen neuen Kerl konzentrieren! Du bist eine Frau. Multitasking liegt dir in den Genen.“

Ja, vielleicht. Aber mit Männern auszugehen nicht.

„Ich kann mir Dates einfach nicht leisten“, sagte sie wahrheitsgemäß.

„Na, normalerweise sollte ja auch der Mann zahlen.“

„Diese Vorstellung ist ein bisschen veraltet, findest du nicht?“

Chloe verdrehte die Augen. „Schön. Was ist mit Sex? Sex ist kostenlos. Meistens.“

Liv schnaubte. „Ich meinte doch gerade, dass ich nicht daten will!“
„Na, ich rede ja auch nicht davon, dass du mit einem Kerl ausgehen sollst. Du sollst nur mit ihm in die Kiste springen“, stellte Chloe klar und nahm einen Schluck von ihrem Champagner.

Augenverdrehend trank Liv ihr Glas leer. „Du stellst das immer so einfach dar. Als könne man mit jedem Kerl zu jeder Zeit Sex haben. Als müsse ich nur pfeifen und ein Kerl stünde vor meiner Tür, eine Packung Kondome in seiner Hand.“
Chloe grinste. „So weit ab vom Schuss ist deine Vorstellung nicht.“

Liv sah sie düster an.

„Na schön“, seufzte Chloe. „Ich meine ja nur. Du könntest ein wenig Entspannung gebrauchen. Du arbeitest pausenlos und bist total gestresst und … ich mache mir Sorgen um dich.“ Sie legte einen Arm um ihre Schultern. „Du solltest ab und zu auch mal an dich denken.“

„Ja, das würde ich ja gerne, aber ich hab‘ keine Zeit für Entspannung oder einen Mann.“

„Mhm. Komisch, dass du immer Zeit zu haben scheinst, wenn ich Hilfe brauche. Oder deine Schwester einen Babysitter. Oder wenn Sam mich aufregt und ich dich anrufe. Aber nie dann, wenn es um dich geht. Um dein Leben. Um deine Liebe. Um deine Entspannung.“

Liv kaute unbehaglich auf ihrer Unterlippe herum und zuckte mit den Schultern. Die Wahrheit war, dass sie keinen Mann in ihrer Zukunft sah. Sie wollte ihr Herz nicht an jemanden hängen, der sie am Ende doch nur sitzenlassen und enttäuschen würde. Sie war eine selbstständige Frau, die auch ohne Hilfe klarkam. Und das war okay. Sie brauchte keinen Kerl, um sich gut zu fühlen.

„Ich suche nicht nach der großen Liebe und einem Mann, den ich heiraten kann, Chloe“, sagte sie mit gedämpfter Stimme. „Ich brauche das alles nicht. Natürlich würde ich mich gerne ab und zu mal entspannen …“

„Ja, dafür ist der Mann ja da!“, unterbrach Chloe sie unsanft und winkte einem Kellner, der ihnen zwei neue Gläser Champagner brachte. „Ich weiß, dass du der Liebe nicht traust und wenn ich da an deinen Vater und Kristens Ex-Freund denke … ja, sagen wir einfach, du hast allen Grund dazu. Aber Liebe ist nicht alles. Sex hingegen …“ Sie hob bedeutungsschwer die Augenbrauen.

Verärgert nahm Liv das neue Glas entgegen. „Das ist doch Blödsinn! Nicht alles dreht sich um Sex.“ Sie kam auch sehr gut ohne klar. „Sex ist nicht wichtig fürs Leben!“

„Nein, aber erstrebenswert“, meinte Chloe achselzuckend. „Also … benutz doch einfach einen Mann! Einfach nur zur Entspannung. Und ich will ja nichts sagen, aber ein gewisser Baseball Spieler, der bei dir arbeitet, würde sich hervorragend dafür anbieten.“

Liv verschluckte sich an ihrem Getränk und fing laut an zu husten. „Wer?“, keuchte sie und klopfte sich auf die Brust. „Jake?“

„Arbeitet noch ein anderer Spieler bei dir?“

Ihr Kopf lief rot an und sofort sprang ein Bild in ihren Kopf, auf dem …

„Aber ich mag Jake nicht!“, unterbrach sie ihre eigenen Gedanken.

„Seit wann hat Sex etwas damit zu tun, ob man jemanden mag?“, fragte Chloe irritiert.

„Für mich schon!“ Obwohl sie zugegebenermaßen nicht allzu viel Erfahrung in dem Bereich hatte.

„Ach.“ Chloe winkte ab. „Du sollst dich ja nicht in ihn verlieben, du sollst nur mit ihm in die Kiste springen.“

„Darf ich dich daran erinnern, dass du Jake auch nicht magst?“, schnaubte Liv.

„Ich weiß. Aber ich respektiere, dass er gut im Bett ist.“

„Woher willst du das denn wissen?“

Chloe lachte leise. „Liv, Cheerleader reden. Und Sam kümmert sich um die Cheerleader, die Jake abgeschossen hat. Und ich zwinge Sam, mit mir zu reden. Mit Sex. So schließt sich der Kreis.“

Laut schnaubend schüttelte Liv den Kopf. „Du hast sie nicht mehr alle!“

Die Vorstellung, mit Jake Braker zu schlafen, war absurder als … als ein Einhorn, das die Weltherrschaft an sich reißen wollte! Abgesehen davon, dass Liv ihn nicht mochte: Jake würde nie mit einer Frau wie ihr ins Bett springen! Er ging mit Supermodels und Schauspielerinnen aus. Und sie war … nun, keins von beidem.

Chloe lächelte noch immer, während sie Liv forschend musterte. „Warum findest du die Idee, dass du einen Kerl für Sex benutzt, so absurd?“
„Weil ich sowas nicht mache!“

„Warum?“

Liv spürte, wie ihre Wangen heiß wurden und hastig wandte sie den Blick ab. „Darum.“

„Aha … Liv, darf ich dir eine Frage stellen?“

„Wenn es sein muss.“

„Bist du noch Jungfrau?“

Zum zweiten Mal an diesem Abend glitt der Champagner in ihre Luftröhre. Hysterisch hustend schüttelte sie den Kopf, ihr Gesicht eine rote Masse aus Lava. „Nein! Natürlich nicht!“, entgegnete sie hastig. „Ich hatte Sex.“

„Wie oft?“

Ein Kloß drängte sich in ihren Hals und vorsichtig sah sie Chloe an, bevor sie nuschelte: „Zweimal?“

Zweimal?“, wiederholte Chloe ungläubig, ihre Stimme lästig laut.

Livs Gesicht stand kurz vor der Explosion. „Psscht“, zischte sie und legte sich den Finger auf die Lippen. „Sei leise.“

„Aber –“

„Ich bin noch keine fünfundzwanzig!“, wisperte Liv kopfschüttelnd. „Ich hab‘ mit meinem High School Freund geschlafen.“

Na ja, soweit man das als Sex bezeichnen konnte. Es war so schnell vorbei gewesen, dass Liv es sich auch hätte eingebildet haben können. Das zweite Mal war nicht viel anders verlaufen und danach hatte sie keine Lust mehr gehabt und hatte ihn abgesägt.

„Aber danach … danach war ich zu beschäftigt. Ich habe die letzten Jahre damit verbracht, dabei zu helfen, meine Nichte aufzuziehen und nicht auf der Straße zu landen. Sex war einfach nie ein Thema. Und jetzt hör auf, mich anzusehen, als wäre ich ein Alien! Das ist nichts Schlimmes. Heutzutage vögeln sowieso alle zu viel rum.“

„Meine Güte, ich hab‘ dich nie für eine so gute Christin gehalten“, sagte Chloe kopfschüttelnd. „Jetzt bestehe ich erst recht darauf, dass du dir einen Kerl suchst, der einzig und allein zu deiner Entspannung dient.“

Ja, das würde nicht passieren. „Halt einfach die Klappe und konzentrier dich aufs Spiel!“

„Ich kann nicht. Ich gehe gerade die Liste meiner Freunde durch, die mit dir schlafen würden … aber mir fällt immer wieder nur Jake ein.“

„Oh bitte, hör auf.“

„Ich weiß nicht, Jake ist …“

„Chloe!“

„Ich meine ja nur, du …“

„Herrgott, ich werde keinen Sex mit Jake Braker haben!“, rief Liv laut.

Abrupte Stille senkte sich über sie.

Langsam wandte Liv den Kopf um – nur um zu bemerken, dass alle in diesem Raum sie anstarrten.

Klasse, klasse.

Stöhnend sank sie tiefer in den Sessel. Chloe lachte leise und Liv stieß mit der Faust gegen ihren Arm. „Das ist nicht witzig!“

„Doch, unglaublich witzig.“

Liv kniff die Augen zusammen und hoffte einfach, dass die Leute möglichst schnell das Interesse an ihr verloren. Obwohl es wahrscheinlich schon etwas Besonderes war, dass eine Frau Nein zu Jake Braker sagte.

„Seid ihr beiden schon betrunken?“, wollte eine männliche Stimme wissen und Liv linste nach oben.

Sam war von den Anzugträgern zu ihnen herübergekommen, ein kaum merkliches Lächeln auf den Lippen.

„Ja“, antwortete Liv.
„Nein“, widersprach Chloe.

Sie warfen sich einen Blick zu und grinsten breit.

„Aha“, machte Sam und sah belustigt auf Chloe hinunter, die ihre Augen weit aufgerissen hatte, um glaubwürdiger auszusehen. „Was genau treibt ihr? Wenn es nach mir ginge, würde ich die Worte Jake und Sex nämlich nie wieder in einem Satz hören.“

„Wir gucken das Spiel“, sagte Chloe unschuldig und zog Sams Gesicht an seiner Krawatte näher zu sich heran. „Jake hat gerade den sechsten Homerun der Saison geschlagen.“

Stirnrunzelnd beugte sich Liv nach vorn und sah auf die Mini-Menschen auf dem Feld. Hatte er?

„Wir waren nur stolz auf ihn“, erklärte Chloe weiter. „Deswegen haben wir über ihn geredet.“

„Du bist eine schlechte Lügnerin“, flüsterte Sam, beugte sich zu ihr hinunter und küsste sie sanft auf die Lippen. „Und lass dir keine Flausen von Chloe in den Kopf setzen“, fügte er warnend an Liv gewandt hinzu. „Du solltest mit überhaupt niemandem schlafen – vor allem nicht mit Jake!“

„Mhm.“ Liv neigte den Kopf zur Seite. „Jetzt, da es mir verboten wurde, kommt mir die Idee plötzlich doch gar nicht mehr so dumm vor.“

„Oh Gott.“ Sam stöhnte und zog seine Krawatte aus Chloes Fingern. „Das Beste an dir als Jakes Babysitterin ist, dass du die verlässlichste Person bist, die ich kenne! Mir war klar, dass du ihn im Griff haben würdest. Nimm mir diese Sicherheit nicht.“

„Hey“, beschwerte sich Chloe. „Ich bin auch ver-“ Sie brach ab, runzelte die Stirn und schüttelte dann den Kopf. „Nein, du hast recht. Liv ist sehr viel verlässlicher.“

Toll. Das war ja genau die sexy Eigenschaft, die Liv sich gerne auf die Stirn tätowieren lassen würde. Hey, ich bin Liv und ich bin verlässlich. Heiß.

„Wer ist Jakes Babysitter?“, ertönte eine neue Stimme und zu Livs Leidwesen trat der dunkelhaarige Typ mit den Eisaugen – Cole Panther – zu ihnen. „Und es gibt jemanden, der Jacky-Boy im Griff hat?“ Neugierig sah er zu Liv hinunter.

Oh Gott. Also erstens: Jacky-Boy? Und zweitens: So viel männliche Aufmerksamkeit hatte Liv nicht mehr gehabt, seit … seit … noch nie!

„Ich bin nicht seine Babysitterin“, stellte sie klar und richtete sich im Sessel auf. „Ich bin die Erzieherin, bei der er seine Sozialstunden ableistet.“

„Nicht Ihr Ernst.“ Cole Panther lächelte breit. „Und wie stellt sich Jake so an? Ich hoffe, Sie lassen ihn ordentlich Windeln wechseln.“
„Die Kinder sind zwischen fünf und sechs Jahren alt. Die sind schon trocken“, meinte Liv entschuldigend.

„Jake ist nie trocken“, murmelte Sam.

„Hey, ihr könnt mich doch nicht einfach mit den langweiligsten Menschen der Welt allein lassen“, beschwerte sich eine leise weibliche Stimme und Liv erkannte die andere PR-Frau, die sie sofort für ihre makellose, kaffeefarbene Haut beneidete. Sie legte die Hand auf Coles Schulter und sah zu Liv und Chloe hinab.

Meine Güte, diese Berührung allein kostete bestimmt schon eintausend Dollar.

„Worum geht’s? Warum stehen wir hier alle?“, fragte sie verwundert. Savannah hieß sie?

„Wir reden über Jake“, informierte sie Mr. Panther, bevor er Liv die Hand entgegenstreckte. „Hey, entschuldigen Sie, ich hab‘ mich gar nicht vorgestellt. Ich bin Cole Panther. Und bitte schlafen Sie nicht mit Jake. Er ist es nicht wert.“

Liv lief rosa an und erhob sich hastig. Sie fühlte sich ohnehin unwohl dabei, mit Leuten zu sprechen, die sie kaufen könnten. Da wollte sie sich nicht noch örtlich erniedrigen.

„Ich bin Olivia Green“, sagte sie und ergriff die Hand. „Und ich will nicht mit Jake in die Kiste. Meine Güte! Und so interessant ist es gar nicht, dass Jake bei mir im Kindergarten aushilft. Der Job ist relativ unaufregend.“

„Oh mein Gott, Sie sind es, die Jake beaufsichtigt?“, fragte Savannah begeistert. „Wie macht er sich? Und bitte sagen Sie mir, dass Sie nicht auf ihn stehen! Man kann Jake ja eine Menge vorwerfen, aber wie er mit Frauen umgehen muss, weiß er leider, also …“

„Ich will nichts von ihm!“, entgegnete Liv etwas lauter als gewollt. Unangenehm berührt räusperte sie sich. „Also, niemand hier braucht sich irgendwelche Gedanken darüber zu machen, dass ich mich von ihm überrennen lassen werde.“

Sam und Cole wechselten einen nicht sehr überzeugten Blick. „Solange Sie optimistisch sind“, meinte Cole vage. „Ich kenne Jake schon sehr lange und er hat Mittel und Wege, Menschen für sich zu gewinnen und seinen Willen durchzusetzen.“

Nun, die hatte Liv auch.

„Ihr kennt Liv nicht“, schaltete sich Chloe ein. „Wenn es jemals eine würdige Gegnerin für Jake gibt, dann sie. Ich meine, sie hatte keine Ahnung, wer du bist, Cole.“
„Hm“, machte Cole nachdenklich. Dennoch schien ihn dieses Argument zu überzeugen. Aus welchen Gründen auch immer.

„Ach, es wäre ein Traum, wenn Jake sich mal benehmen würde“, meinte Savannah seufzend. „Mein halber Arbeitstag dreht sich um ihn und seine Fehltritte.“

„Hey, ich bin es, der die ganzen Pressemitteilungen wegen des Gerichtsverfahrens schreiben musste“, beschwerte sich Sam. „Erklär du mal der Presse, warum Jake tut, was er tut, ohne dass du den Satz Er ist einfach ein Arschloch fallen lässt.“

Liv blickte zwischen den beiden hin und her und biss sich auf die Unterlippe. Sie konnte nicht sagen warum, aber sie hatte das Bedürfnis, Jake zu verteidigen. Und das, obwohl er sich mehr als furchtbar benommen hatte! Obwohl sie ihn nicht mochte. Aber jetzt, da sie Zeit gehabt hatte, darüber nachzudenken … Jake hatte ihr da ein paar valide Kritikpunkte an den Kopf geworfen. Denn ja, sie hatte über ihn geurteilt, ohne ihm eine Chance zu geben. Das war nicht ganz fair gewesen. Sie war es doch immer, die ihren Kindergartenkindern predigte, dass sie einen neuen Schüler nicht dafür verurteilen sollten, anders zu sein. Und reich und gutaussehend zu sein, klassifizierte Jake wohl irgendwie als anders. Oder?

Liv hatte diese Merkmale genommen und sich die passenden Klischees dazu rausgesucht. Ja, sie würde sich nicht mit Jake anfreunden, aber … ein schlechtes Gewissen nagte trotzdem an ihr.

Sie wandte sich von Savannah und Sam ab, die immer noch darüber diskutierten, wer den schlimmeren Job hatte und sah auf das Feld hinunter.

Unten im Dugout, wo sich die Spieler sammelten, die gerade nicht auf dem Feld standen, konnte sie einen blonden Schopf ausmachen. Vielleicht war Jake ein Arschloch. Aber Menschen wurden nicht als Arschlöcher geboren. Sie wurden zu einem gemacht. Stirnrunzelnd sah sie auf die Leinwand, die über dem Feld hing und gerade ein Bild von Jake und Dexter zeigte, die hitzig miteinander diskutierten. Sie sahen dabei sehr ernst aus. Hm … über was für männliche Themen sprach man wohl im Dugout?

Kapitel 7

„Sie verschiebt immer wieder den Termin! Wieso möchte diese Frau mich nicht heiraten? Ich bin reich! Ich will keinen Ehevertrag. Allein das sollte doch schon genügen!“ Frustriert verzog Dexter das Gesicht und ließ sich auf einen der Plastikstühle im Dugout fallen. „Du bist ihr bester Freund, Jake, rede du mit ihr.“

Jake prustete und wischte sich den Dreck von der Uniform. „Dex, ich weiß nicht, ob es dir aufgefallen ist, aber wenn es ums Heiraten geht, bin ich sicherlich nicht der Mann, den du um Hilfe bitten willst. Ich würde meinen Baseballschläger heiraten, aber eine Frau?“

Dexter verdrehte die Augen. „Die Meinung wirst du noch ändern, glaub mir. Holz kann dich nicht so lieben wie eine Frau.“

Das bezweifelte Jake stark. Aber er schwieg lieber.

„Könnt ihr Waschweiber mal aufhören, über Frauen zu reden?“, schaltete sich Luke ein, der neben Dex saß. „Viel wichtiger ist, dass mein Sohn gestern sein erstes Wort gesagt hat.“ Er seufzte leise und lächelte dann selig. „Emma war unglaublich sauer, weil sie nicht dabei war.“

„Er ist drei Monate alt, Luke. Er redet noch nicht. Wah ist kein Wort“, gab Ryan zu bedenken.
„Ja, wirklich?“, fragte Luke feindselig. „Aber weißt du, was ein Wort ist? Halt die Klappe.“

„Nein, das sind drei Wörter“, meinte Jake kopfschüttelnd.

Luke war frischgebackener Vater und sein Sohn war derzeit das einzige Thema, das ihn interessierte.

„Jungs!“, blaffte Coach Thompson und fuhr zu ihnen herum. „Reißt euch zusammen. Wir sind im letzten Inning und nur, weil wir bereits gewonnen haben, heißt das nicht, dass ihr euch zurücklehnen könnt. Und Kaylie wird dich heiraten, wenn sie soweit ist, Dexter! Hör auf, sie zu bedrängen!“

Ach ja. Jake vergaß immer, dass Kaylie Coach Thompsons Tochter war.

„Ja, Dex. Kaylie braucht vielleicht noch eine Ewigkeit, bis sie soweit ist“, meinte Jake vage. „Vielleicht sieht sie sich auch gerade nach neuen Männern um.“

Dexter zeigte ihm den Mittelfinger.

„Mann, Jake“, murmelte Ryan währenddessen und nickte zur Leinwand hoch, an der gerade sein Steckbrief gezeigt wurde. „Deine Statistiken diese Saison sind unnormal gut.“

Jake grinste. Jap, das waren sie. Er spielte die beste Saison seines Lebens.

Coach Thompson gab einen Ton der Unzufriedenheit von sich. „Es ist eine Schande, dass du wechseln willst“, meinte er dann kopfschüttelnd.

Ruckartig fuhren alle Köpfe zu Jake herum.

„Was?“, fragte Dex ungläubig.
„Was heißt denn hier wechseln?“, meinte Luke entgeistert.

„Du kannst doch nicht so zum Verräter werden!“, rief Ryan.

Jake seufzte schwer. Klasse. Eigentlich hatte er diese Information noch ein wenig geheim halten wollen, um die Spielmoral nicht zu senken … aber was sollte es? Jetzt war es ohnehin raus.

„Es wird einfach Zeit“, meinte er achselzuckend.

„Ist es wegen Panther?“, fragte Ryan mit verengten Augen. „Weil ihr euch nicht versteht?“

Jake schnaubte. „Ich habe kein Problem mit Cole.“

Na ja, vielleicht ein kleines. Der Besitzer der Delphies wusste, wie er in Windeln ausgesehen hatte und das gefiel ihm nicht. „Ich spiele gerne für die Delphies. Aber ich muss … weg.

„Ja?“, verlangte Luke grimmig zu wissen.

„… was anderes ausprobieren“, schloss Jake.

Seine Teamkollegen schüttelten alle nacheinander den Kopf, während Dexter Jake eindringlich ansah. „Weiß Kaylie davon?“, murmelte er kaum hörbar.

Jake wandte den Blick ab. „Nein. Aber ich sag‘ es ihr nachher.“

„Sie wird dich vermissen“, sagte Dex schlicht. „Wir werden dich vermissen.“

Jakes Hals zog sich zu, doch er nickte nur. Sie würden darüber hinwegkommen. Er war nicht dafür bekannt, einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen. Zumindest keinen, den die meisten nicht so schnell wie möglich wieder vergessen wollten. Er war aus Texas weggezogen und hatte keinen Kontakt zu irgendwem aus seiner Collegezeit mehr. Er hatte seine Eltern alleingelassen und nicht das Gefühl gehabt, ein wirkliches Loch hinterlassen zu haben. Klar, seine Mutter erzählte ihm dauernd, wie sehr sie ihn vermisste. Aber seine Mutter war ja auch einsam, weil sie mit seinem Vater zusammenleben musste.

Jake holte tief Luft und sah wieder aufs Spielfeld. Es würde diesmal nicht anders sein. Kaylie würde es verstehen.

„Ich verstehe es nicht“, sagte Kaylie eine Stunde später kopfschüttelnd. „Warum solltest du gehen wollen?“

Verständnislos sah sie Jake an, vollkommen unberührt von der Tatsache, dass zwanzig Baseballer um sie herumstanden, alle in verschiedenen Stadien der Nacktheit. Sie hatten die Umkleide heute für die Presse geschlossen und anscheinend hatten das einige Spielerfrauen als Anlass dazu gesehen, die Umkleiden zu stürmen und ihren Männern persönlich zum Sieg zu gratulieren.

Hier hatte sich wirklich einiges verändert, seit Emma, Lukes Ehefrau, in das Leben der Mannschaft getreten war.

„Es wird Zeit“, sagte Jake mit Nachdruck und zog sich ein sauberes T-Shirt über den Kopf.

„Zeit wofür? Dafür, schlechte Entscheidungen zu treffen? Ihr seid ein eingespieltes Team! Du liebst die Delphies.“

Jake verzog das Gesicht. „Ich liebe sie nicht. Ich respektiere sie.“

„Blödsinn! Grace! Grace, komm her.“ Sie wandte sich nach rechts und winkte eine kleine Blondine zu sich heran. Grace war ihre beste Freundin, mit Ryan, dem Catcher der Delphies, zusammen und wundersamerweise Jakes zweite platonische Freundin.
Hm. Wenn er Emma, die mit ihrem kleinen Sohn in den Armen bei Luke stand, auch zu seinen Freunden zählte, dann gab es doch tatsächlich drei heiße Frauen, mit denen er nicht schlafen wollte. Faszinierend. Das war ja schon fast erwachsen von ihm.

„Grace, Jake möchte nächste Saison zu einer anderen Mannschaft wechseln.“

„Aber warum?“, fragte sie sofort entgeistert. „Du liebst die Delphies.“

Vielsagend sah Kaylie ihn an. „Siehst du. Wir alle wissen es.“

„Es ist meine verdammte Entscheidung!“, entgegnete er gereizt. „Ich muss mich nicht vor euch rechtfertigen.“

„Doch, natürlich musst du“, sagte Kaylie irritiert. „Wir sind deine besten Freundinnen. Wir sind dein Gewissen. Du kannst nicht einfach eine so wichtige Entscheidung treffen, ohne mit uns darüber zu reden.“

„Ist es, weil ich dich letztens im Billard geschlagen habe?“, wollte Grace zaghaft wissen. „Hasst du mich jetzt deswegen?“

Meine Güte, ging es noch dramatischer? „Ich hasse dich nicht! Und meine Hand ist ausgerutscht, das weißt du genau! Es ist einfach etwas, das ich tun muss.“

„Du musst deine Steuern zahlen, aber doch nicht die Mannschaft wechseln!“, rief Kaylie aufgebracht.

„Jake.“ Sam streckte seinen Kopf durch die Tür und zum ersten Mal war Jake erleichtert über eine Unterbrechung durch den PR-Manager.

„Was?“, fragte er seufzend.

„Ein Reporter von der SportsIn möchte ein Interview mit dir und Savannah und ich halten es für eine gute Idee, es einfach hinter uns zu bringen.“

„Schön“, meinte Jake trocken. „Wir reden wann anders.“

„Worauf du dich verlassen kannst!“ Aus Kaylies Mund hörte sich das wie eine Drohung an.

Jake rieb sich mit der flachen Hand über die Schläfe, an die ein dumpfer Kopfschmerz gekrochen war, und folgte Sam aus der Umkleide.

„Wir haben ihm nur drei Fragen erlaubt“, murmelte er. „Und du antwortest am besten so vage wie möglich, okay? Wenn er persönlich wird und etwas fragt, das nichts mit Baseball zu tun hat, sagst du einfach Kein Kommentar. Klar soweit?“

Jake nickte abwesend. Es war ja nicht so, dass er das zum ersten Mal machte. Er fragte sich, ob es auch das war, was sein Vater antwortete, wenn Reporter ihn nach seiner Familiensituation fragten. Kein Kommentar. Das beschrieb ihre Beziehung eigentlich ganz gut, wenn er so darüber nachdachte.

„Jake, du würdest nicht mit Liv schlafen, oder?“

Jake zuckte zusammen und wandte sich verwirrt zu Sam um. Der Sprung von seinem Vater zum Thema Sex war ziemlich abrupt. „Was? Wovon redest du?“

„Liv“, wiederholte Sam mit verengten Augen. „Ob du mit ihr schlafen würdest, nur um mich anzupissen.“

„Ich hab‘ keine Ahnung, wer Liv ist“, meinte Jake achselzuckend. „Aber ich will jetzt mal nicht ausschließen, dass ich mit ihr schlafen würde. Gerade, wenn es dich anpisst.“ Damit war er auf der sicheren Seite.

„Liv, Jake!“, sagte Sam gereizt. „Die Erzieherin, bei der du arbeitest.“

Ah, er sprach von Oleander. Warum sagte er das nicht gleich? „Wie zum Teufel kommst du da jetzt drauf, Sam? Du hast ganz schön dreckige Gedanken, wenn ich das bemerken darf.“

„Weil Chloe sie mitgebracht hat und …“ Er hielt inne und schüttelte den Kopf. „Ist egal. Liv ist vernünftig. Sie meinte, sie würde nie im Leben mit dir schlafen, also …“

Nie im Leben? Also, das war jetzt ein bisschen extrem, fand Jake. Das war, als würde Olivia behaupten, sie würde im Leben nie wieder Schokolade essen. Sie legte es ja fast darauf an, dass er sie eines Besseren belehrte.

Aber zum ersten Mal hatte Jake das Gefühl, dass er da gegen eine Wand rennen könnte, die er nicht bezwingen konnte. Olivia, Oleander, Liv, wie immer sie sich auch nennen mochte … sie war zu intelligent, um auf einen Typ wie ihn hereinzufallen. Nicht oberflächlich genug.

Er blinzelte verwirrt und schnaubte dann laut. Wann hatte sein Ego denn den Knacks bekommen?

Kopfschüttelnd sah er wieder zu Sam. „Es ist ja süß, dass du dir Sorgen um Liv machst, aber sie hat nichts zu befürchten. Sie ist absolut nicht mein Typ.“ Und das war die Wahrheit.

„Stimmt“, sagte Sam und atmete erleichtert aus. „Sie hat kleine Brüste.“

Jake verdrehte die Augen. Brüste waren nun wirklich nicht alles. Nein. Bei Frauen ging es ihm darum, dass sie ihn in Ruhe ließen, wenn er sie darum bat. Und Olivia … Olivia hatte mehr als einmal bewiesen, dass er sich in dem Bereich nicht auf sie verlassen konnte.

„Alles klar, ich werde ein paar Meter weiter stehen und einspringen, wenn der Reporter unangenehm wird, okay?“, murmelte Sam, bevor sie um die nächste Ecke bogen und von einem Kamerateam und einem Clown mit Mikrofon in der Hand begrüßt wurden.

Jake pflasterte sich ein Lächeln auf das Gesicht und nickte Sam zu, der an der Wand stehen blieb, während er selbst auf den Reporter zuging. Er kannte ihn, hatte aber seinen Namen vergessen. Phil McSchleim oder Ähnliches.

„Hallo Mr. Braker“, begrüßte er ihn mit einem Haifischgrinsen und bedeutete dem Kameramann, mit dem Drehen anzufangen. „Es ist ja verdammt schwer, Sie in letzter Zeit vors Mikro zu bekommen.“

„Zu viele Bakterien auf dem Teil“, meinte Jake achselzuckend. „Ich muss gesund bleiben, damit ich die World Series gewinnen kann.“

„Sie scheinen sehr selbstsicher.“

„Was soll ich sagen? Ich bin nun einmal Realist.“

Der Reporter lachte falsch auf. „Na, das werden wir ja sehen. Sie standen in den letzten Wochen sehr oft in den Schlagzeilen, werden diese Vorfälle Ihr Spiel beeinträchtigen?“

„Gucken Sie sich meine Spielstatistiken an und beantworten Sie sich Ihre Frage selbst“, schlug Jake immer noch verkrampft lächelnd vor. „Oder ist Ihnen die Recherche zu aufwendig?“

„Nun, zurzeit scheint Ihre Saison sehr gut zu laufen, aber das kann sich ja jederzeit ändern.“

„Der Zustand Ihres Gesichtes kann sich auch jederzeit verändern“, sagte Jake betont freundlich. „Und trotzdem trauen Sie sich, mir diese dämlichen Fragen zu stellen.“

Aus seinen Augenwinkeln nahm er eine Bewegung wahr und er wandte leicht den Kopf, um zu sehen, ob Sam ihn von den Kameras wegzerren wollte. Doch es war nicht Sams Blick, dem er begegnete. Es war der einer winzigen Blondine, die zusammen mit Chloe aus einem anderen Gang kam.

Lächele nur, wenn du es so meinst und spiel mir nichts vor.

Augenblicklich fiel ihm das Lächeln vom Gesicht.

Olivias grüne Augen weiteten sich überrascht, bevor sie stehen blieb. Ihr aufmerksamer Blick verweilte ein paar Sekunden lang auf seinem Gesicht – dann erröteten ihre Wangen und sie wandte sich ab. Chloe zog sie am Ellenbogen mit sich.

„… oder?“

Jake blinzelte und konzentrierte sich wieder auf den Reporter. „Was?“

„Ich habe gesagt: Ihre Eltern sind sehr stolz auf Sie, oder?“

Jake fing laut an zu lachen. Gott, er hoffte, sein Vater sah dieses Interview. „Inwieweit ist diese Frage relevant für meine heutige sportliche Leistung?“, wollte er interessiert wissen.

„Nun, mit elterlicher Unterstützung …“

„Wir sind hier fertig“, unterbrach Jake ihn bestimmt. Es gab einfach ein paar Themen, über die er nicht reden würde. Nicht mit Kaylie, nicht mit seinen Teamkollegen – und schon gar nicht mit der Presse.

Kapitel 8

Sie war errötet wie ein jungfräuliches Schulmädchen!

Großer Gott, da dachte sie einen kurzen Moment lang über Sex mit Jake nach und schon konnte sie ihm nicht mehr in die Augen sehen. Das war doch genau der Grund, warum Liv es sich abgewöhnt hatte, Männer als sexuelle Objekte zu sehen.

Erstens, weil es degradierend war – gleiches Recht für alle! Sie wollte ja auch nicht als „Brüste auf zwei Beinen“ gesehen werden, auch wenn ihre Brüste nicht der Rede wert waren – und zweitens, weil Sex ablenkte. Weil Sex dumme Dinge mit Gefühlen und Menschen machte. Und sie musste sich auf ihre Nichte und die nächste zu zahlende Miete konzentrieren.

Ihr Handy klingelte und sie zog es aus der Tasche. Unbekannte Nummer.

„Ich geh‘ kurz dran, okay?“, meinte sie zu Chloe, die zielstrebig auf Sam zulief, der um die Ecke von Jake wartete.
„Klar“, meinte ihre Freundin. „Ich warte bei Sam.“

Liv nickte, drehte noch einmal um und lief in einen der labyrinthartigen Gänge, in denen sie etwas Privatsphäre hatte und keine Angst haben musste, noch einmal in ein Kamerateam zu laufen. Erst dann hob sie ab.
„Olivia Green“, meldete sie sich vorsichtig und strich sich die Haare aus der Stirn.

„Livvy, hier ist deine Mutter.“

Liv erstarrte in ihrer Bewegung, die eine Hand in den Haaren, die andere verkrampft ums Telefon geschlungen.

„Livvy?“

Liv antwortete nicht. Sie hatte die Stimme ihrer Mutter das letzte Mal vor fünf Jahren gehört. Auf ihrer Mailbox. Nur drei Worte: Tut mir leid.

Drei Worte waren verdammt noch mal nicht genug gewesen.

„Livvy, bist du dran?“

„Woher hast du meine Nummer?“, fragte sie kühl.

„Ist das so wichtig?“

„Hat Kristen sie dir gegeben?“ Verdammt sei ihre Schwester und ihr zu weiches Herz!

„Liv, ich möchte nicht darüber sprechen, woher ich deine Telefonnummer habe.“
„Ach ja? Worüber möchtest du dann reden?“, fragte sie leise. „Über deine Enkeltochter, die du fünf Jahre lang ignoriert hast? Über die Tatsache, dass du wieder in Philadelphia bist? Darüber, dass ich dir verzeihen soll? Dass du nur menschlich bist und Fehler machst?“

„Liv“, sagte ihre Mutter kaum hörbar und Liv umklammerte das Telefon fester. „So ist es nun einmal. Ich bin menschlich und Menschen machen manchmal Dinge …“

„Nein!“, unterbrach Liv sie laut. „Das sind nichts als Ausreden! Ich bin auch menschlich. Ich mache auch Fehler. Ich bin deine verdammte Tochter! Wir haben dieselben Gene. Aber wie kann es sein, dass ich zwanzig Jahre jünger und trotzdem diejenige bin, die zwischen richtig und falsch, zwischen feige und menschlich und stark und schwach unterscheiden kann?“

„Ich weiß, dass ich nicht die Mutter des Jahres bin, Liv!“, erwiderte ihre Mutter bestimmt. „Aber pass auf, in welchem Ton du mit mir sprichst. Ich habe dir immer noch das Leben geschenkt.“
„Ich rede mit dir, wie es mir verdammt noch mal passt!“, fuhr Liv sie an. „Du hast dein Recht auf die Ich bin deine Mutter-Karte verwirkt. Du hast uns im Stich gelassen. Deinetwegen kämpfe ich jeden beschissenen Tag!“

Sie presste ihre bebenden Lippen aufeinander und unterdrückte die Tränen, die in ihren Augen brannten.

„Ich kann dir nicht verzeihen, Mom“, flüsterte sie erstickt. „Ich habe es versucht. Ich habe so sehr versucht, darüber hinwegzusehen. Aber ich kann es nicht! Du bist abgehauen, sobald dir klar wurde, dass das Leben um einiges schwerer wird. Du bist abgehauen, hast deine schwangere Tochter alleingelassen, hast mich mit all den Problemen alleingelassen und – nein.“ Sie lachte trocken auf. „Richtig. Du bist nicht einfach abgehauen, du hast mein beschissenes Geld genommen, du hast Kristens Collegefond geleert und bist dann erst weggerannt. Und es ist ja schön, dass du jetzt wieder in der Stadt bist und dich entschieden hast, wieder Mutter zu sein, aber ich bin nicht Kristen.“ Zitternd holte sie Luft. „Mein Herz besteht nicht aus Marzipan. Mein Herz besteht aus billigem Plastik, das vielleicht brüchig sein mag, aber trotzdem hart bleiben wird. Deinetwegen. Weil ich es besser weiß. Weil zweite Chancen die reinste Zeitverschwendung sind. Menschen ändern sich nicht. Also ja: Ich bin wütend auf dich! Ich bin enttäuscht von dir! Und das ist mein verdammtes Recht! Wenn ich deine Entschuldigung annehmen soll, dann bring mir erst mein beschissenes Geld zurück, dann kann ich es vielleicht ertragen, dich anzusehen.“

Bevor ihre Mutter noch etwas sagen konnte, legte sie auf.

Livs Herz hämmerte in ihrer Brust, das Blut pochte laut in ihren Ohren und krampfhaft versuchte sie, sich zu beruhigen. Ihre Mutter war den Bluthochdruck nicht wert. Sie schloss die Augen, atmete ein, atmete aus, konzentrierte sich auf die Stille um sich herum, bis sie wieder klar denken konnte. Bis die Wut, die sie seit so vielen Jahren mit sich herumtrug, wieder abgeflaut war und nur als dunkler Schatten auf ihrem Herzen zurückblieb.

Es war okay. Es war ihr Leben. Es war ihre Entscheidung. Nicht die der anderen. Sie musste ihre Mutter nie wiedersehen. Und es brachte nichts, auf Dinge wütend zu sein, die sie nicht beeinflussen konnte.

Wieder atmete sie zitternd ein, bevor sie sich umwandte.

Sie schrak so heftig zusammen, dass ihr das Telefon aus der Hand fiel und mit einem Scheppern auf dem Boden aufschlug. Keine zwei Meter von ihr entfernt stand Jake. Die Hände in den Hosentaschen, den Blick unentwegt auf ihr Gesicht gerichtet.

Sie starrte zurück und erneut rauschte das Blut in ihren Ohren.

„Wie lange stehst du da schon?“, fragte sie atemlos.

„Zu lang.“

Sie nickte, schluckte und wischte sich ihre klammen Hände an der Jeans ab. Sie hasste jede einzelne Sekunde, in der Jake sie mit diesem intensiven Blick ansah, so als würde er versuchen, in ihre verdammte Seele zu sehen.

Sie drückte die Schultern zurück und seufzte schwer. „Na dann“, sagte sie, bückte sich nach ihrem Handy und wollte an Jake vorbeigehen, doch eine Hand schloss sich eisern um ihr Handgelenk und zog sie zurück, sodass sie gezwungen war, ihn anzusehen.

„Alles okay?“, fragte er leise. Und auf einmal wäre Liv sein falsches Lächeln lieber gewesen. Auf einmal wünschte sie, dass er einen dummen Witz riss und sie beschimpfte oder irgendetwas anderes Unangebrachtes tat. Denn diese aufrichtige Sorge, das Mitgefühl in seinem Blick, war mehr als sie ertragen konnte. Die Menschen sorgten sich nicht um sie. Sie war es, die Mitgefühl zeigte und sich um die anderen kümmerte.

„Warum sollte nicht alles okay sein?“

„Weil du aussiehst, als würdest du gleich weinen“, sagte er schlicht.

Ihre Mundwinkel zuckten, doch ihre Augen brannten umso mehr.

„Ich weine nicht, Jake“, flüsterte sie. „Nie. Weinen ist eine Verschwendung von Wasserkapazitäten und Energie. Man kann auch traurig sein, ohne eine Lärmbelästigung darzustellen.“

Und wenn sie wegen jedem Mist heulen würde, der schieflief, dann würden ihr irgendwann die Augen aus dem Kopf fallen. Und ein neues Paar konnte sie sich nicht leisten.

„Du brauchst also keine Angst zu haben“, fuhr sie fort. „Du musst mich nicht trösten, du musst mir nicht unangenehm berührt ein Taschentuch reichen. Du kannst einfach gehen und vergessen, was du gehört hast. Denn mir geht es wunderbar und ich würde jetzt gerne allein sein.“

Ein paar Herzschläge lang sah Jake sie nur schweigend an, dann murmelte er: „Beeindruckend.“ Seine blauen Augen dunkler als sonst. Seine Stimme tief und rau.

Livs Nackenhaare richteten sich auf. Sie mochte den ernsten Jake nicht. Er war so real. Beinahe menschlich. Kein unerreichbarer reicher Schönling, dem die Welt zu Füßen lag. Kein Arschloch. Einfach nur ein … Mann, dessen Berührung auf ihrem Handgelenk brannte.

„Was ist beeindruckend?“
„Dass du mir vorwirfst, dir etwas vorzuspielen und du selbst eine so begabte Schauspielerin bist.“

Sie presste die Lippen aufeinander und entzog ihm die Hand. „Verurteilst du mich jetzt?“, fragte sie scharf. „So wie ich dich verurteilt habe? Es wäre nur fair.“

„Nein, ich verurteile dich nicht. Und nein, es wäre nicht fair. Außerdem genieße ich es gerade, ein paar Momente lang der bessere Mensch zu sein. Dieses Gefühl haben Leute in deiner Gegenwart bestimmt nicht oft.“

Wieder zuckten ihre Mundwinkel, auch wenn ihr überhaupt nicht nach Lächeln zumute war.

„Das stimmt“, flüsterte sie. „Ich bin ein fantastischer Mensch. Selbstlos, aufopfernd …“

„… mit einem Herz aus Plastik.“

Ihre Wangen verfärbten sich rosa, doch sie erlaubte es sich nicht, den Blick abzuwenden. Sie erlaubte es sich nicht, noch schwächer zu erscheinen. „Ja“, sagte sie schlicht.

„Das ist sehr amerikanisch von dir.“

„Ich bin eben eine gute Bürgerin.“

„Kein Zweifel. Plastik wäre dennoch nicht das Material meiner Wahl.“

„Ach ja? Aus welchem Material ist denn dein Herz gemacht, Jake?“

Er hob eine Schulter. „Ich weiß nicht. Ich kann es nicht mehr finden“, sagte er ohne mit der Wimper zu zucken.

Liv lachte. Es war absurd, sie hatte sich in ihrem Leben noch nie weniger danach gefühlt zu lachen als jetzt. Und dennoch brach es einfach aus ihr hervor. Kopfschüttelnd sah sie Jake an … der nun ebenfalls lächelte.

Kleine Falten entstanden um seine Augen herum, während seine Mundwinkel sich nach oben bogen und ein verschmitztes Grübchen sich in seine Wange schlug. Es war ein ehrliches, aufrichtiges Lächeln und auf einmal dachte Liv … Sex mit Jake Braker zu haben, wäre vielleicht nicht das Schlimmste auf der Welt.

Augenblicklich verschluckte sie sich an ihrem Lachen und musste sich mehrmals räuspern, bevor sie wieder normal atmen konnte. Hatte sie das gerade ernsthaft gedacht?!

Hastig machte sie einen Schritt nach hinten, während ihr Blick unsicher über seine Erscheinung flackerte. War sein T-Shirt gerade auch schon so eng gewesen? Sie hatte nicht darauf geachtet. Sie achtete nie auf so etwas! Sie sah Männer an und kategorisierte sie als männlich. Nicht als hübsch oder heiß oder mit dem würde ich gerne schlafen.

Aber auf einmal registrierte sie Jakes starke Schultern, seine muskulöse Brust, seine wunderschönen Oberar…

„Okay, ich gehe“, sagte sie und schluckte den Kloß in ihrem Hals hinunter. „Chloe wartet auf mich.“

Jake nickte, noch immer lächelnd.

Gott, konnte er bitte damit aufhören?

„Wir sehen uns Donnerstag, Jake“, murmelte sie, bevor sie an ihm vorbeieilte.

Chloes dummes Gerede über Sex war ihr eindeutig zu Kopf gestiegen. Sie sollte sich auf ihre Miete konzentrieren. Die Miete, die sie morgen abgeben musste – für die sie das Geld nicht hatte. Gott, ihr Vermieter würde sauer sein. Sie würde ihm wohl aus dem Weg gehen müssen, bis sie wieder flüssig war. Heute Abend hatte sie einen Kellner-Gig, morgen Abend auch und … mit wie vielen Frauen hatte Jake wohl schon geschlafen? Mehr als dreißig? Fünfzig?

Gott, diese Zahl war so ekelig hoch, dass Liv sich automatisch schüttelte. All diese armen Frauen, die auf ihn hereingefallen waren … die eine Nacht voller heißem, verschwitztem …

Stöhnend legte sie den Kopf in den Nacken. Seit wann fiel es ihr so schwer, ihre Gedanken zu kontrollieren? Das war ihr noch nie passiert! Gott sei Dank hatte sie noch eine Woche Zeit, bevor sie Jake wiedersehen musste. Und er war nun mal ein Teilzeit-Arschloch. Es würde bestimmt nicht lange dauern, bis er sie daran erinnerte …

Kapitel 9

„Du bist zu spät.“

„Drei Minuten.“

„Sagte ich doch: zu spät.“

„Meine Güte, du hasst mich ja immer noch.“

„Jake, ich habe überhaupt nicht die Zeit dafür, dich zu hassen“, sagte Liv wahrheitsgemäß und hielt ihm die Tür auf. Die Kinder waren gerade noch dabei, sich von ihren Eltern zu verabschieden, die heute auffällig lange blieben. Möglicherweise weil sie gefragt hatten, ob dieser Baseballer heute kommen würde und Liv mit Ja geantwortet hatte.

„Für Hass finden Menschen immer Zeit“, bemerkte Jake trocken.

„Ach bitte“, meinte sie augenverdrehend. „Nimm dich nicht so wichtig. Ich kenne dich nicht gut genug, um dir ein so starkes Gefühl entgegenzubringen.“

„Na, dann hoffen wir einfach, dass du mich nicht allzu genau kennenlernst.“

Dieser Kommentar ließ ihre Mundwinkel zucken, deswegen wandte sie hastig das Gesicht ab. Jake hätte ihr Lächeln aber wahrscheinlich ohnehin nicht gesehen, denn in diesem Moment hatten die Eltern – achtzig Prozent Mütter – ihn entdeckt.

„Mr. Braker“, sagte die Mutter von Drogo, einem Jungen, der mit Vorliebe Dinge in den Mund steckte, die dort nicht reingehörten, gespielt überrascht. „Ich freue mich so, dass Sie jetzt Teil des Teams sind! Sie werden den Kindern sicher einiges beibringen können.“

Jake schielte zu Liv hinüber und wenn sie sich nicht irrte, sah er nicht zufrieden aus. Eher so, als hätte er plötzlich Zahnschmerzen. Aber so gut darin, Mienen zu lesen, war sie dann auch wieder nicht. Sie hob nur die Achseln und Jake seufzte kaum hörbar.

„Ich gebe mein Bestes“, sagte er betont freundlich, machte einen Schritt nach vorne und war sofort von einer Horde Menschen umringt, die ihre Kinder scheinbar vergessen hatten. Und nicht nur Frauen redeten begeistert auf Jake ein und versuchten, ihn anzufassen. Nein, die Männer waren fast noch schlimmer! Sie standen da, mit offenen Mündern, die Hand auf die Brust gelegt und versicherten Jake, dass er der beste Baseman der Geschichte der MLB war, bevor sie ihn danach fragten, ob er ihnen die Glatze signieren könne.

Kopfschüttelnd beobachtete Liv das Schauspiel. Jake lachte viel, schüttelte Hände, war überraschend höflich … aber gleichzeitig gewannen seine Schultern an Spannung, während er mit dem Fuß unruhig auf und ab wippte. Liv war sich fast sicher, dass ihm das Ganze gerade keinen Spaß machte. Und trotzdem ließ er es geschehen. Trotzdem blieb er … halbwegs nett. Liebe Güte, wenn sie so viele fremde Männerhände gleichzeitig angefasst hätten, würden mindestens vier davon bereits mit blutenden Nasen auf dem Boden liegen.

„Ms. Green?“

Liv zuckte zusammen und wandte sich zu der Stimme um. Sams Mutter hatte sich nicht ins Getümmel gestürzt, sondern stand mit besorgtem Gesichtsausdruck neben ihr. Mrs. Fowl war eine gedrungene Frau mit traurigem Gesicht, die gerade durch eine miese Scheidung ging. Liv wusste das, denn sie war in den letzten Wochen nachmittags öfter länger geblieben, um auf Sam achtzugeben, während seine Mutter sich mit diversen Anwälten traf.

„Hey, Mrs. Fowl“, sagte sie freundlich und legte ihr beruhigend eine Hand auf den Arm. „Wie geht es Ihnen?“

„Ich komme zurecht“, sagte sie und lächelte matt. „Ich habe mittlerweile einen echt tollen Anwalt und … Sams Vater ist es erst einmal nicht erlaubt, seine Kinder zu sehen.“

Nervös sog sie ihre Unterlippe ein und warf einen Blick zu ihrem Sohn, der an einem Tisch saß und auf einem Blatt Papier herummalte.

„Ich habe nur eine kleine Bitte an Sie: Falls Sams Vater hier auftauchen sollte, um seinen Sohn zu sehen … könnten Sie ihn nicht reinlassen? Er ist zwar oftmals einschüchternd und …“ Sie schluckte, schloss die Augen und atmete tief durch. „Na ja. Es ist nur, ich habe Angst, dass er Sam nehmen und mit ihm weggehen könnte. Ich weiß, es klingt verrückt, aber er ist so wütend darüber, dass ich die Scheidung eingereicht habe und …“
„Ich passe auf“, versicherte Liv ihr leise und drückte ihre Hand. „Ich bin zwar klein, aber ich gehe zum Kickboxen.“ Zumindest hatte sie das bis vor kurzem getan.

Erleichtert sackte Mrs. Fowl in sich zusammen. „Okay, danke. Ich weiß, dass hier nicht einfach jeder reinkommt und dass in den Zimmern nebenan auch viele Erzieher sind, die helfen können, aber … ich wollte es Ihnen nur sagen.“

„Natürlich“, sagte Liv und lächelte ihr zu. „Ich habe noch nie ein Kind verloren und ich werde auch nicht damit anfangen. Außer die Mafia sollte klopfen. Dann werde ich die ganze Gruppe natürlich an den Sklavenhandel verkaufen. Sie zahlen zu gut, als dass ich diese Chance verstreichen lassen könnte.“

Mrs. Fowl schmunzelte und nickte. „Danke. Ich bin dann heute Nachmittag wieder hier, um Sam abzuholen.“ Sie hob die Hand in die Richtung ihres Sohnes, der breit lächelnd zurückwinkte, bevor sie aus der Tür ging.

Livs Blick verweilte ein paar Momente lang auf dem dunkelhaarigen Jungen, der in den letzten Wochen untypisch schweigsam gewesen war. Sie wusste, wie es war, ohne Vater aufzuwachsen und ihr Herz wurde schwer, wenn sie an all die Altlasten dachte, die Sam ab jetzt mit sich herumtragen würde. Aber sie würde ihr Bestes geben, ihm seine Sorgen zumindest für ein paar Stunden so gut wie möglich zu nehmen.

Ihr Blick schweifte weiter zum zweiten Problemkind: Jake wurde noch immer von all den jungen Müttern und Vätern umringt und es sah nicht so aus, als würden sie ihn in nächster Zeit gehen lassen.

Schwer seufzend machte sie einen Schritt nach vorne. Es wurde Zeit, einzugreifen.

„Okay, alle, die über sechs Jahre alt sind und nicht professionell Baseball spielen, müssen jetzt leider gehen“, sagte sie höflich und mit einem Lächeln in der Stimme. Auch wenn sie dachte, dass all diese – meistens auch noch verheirateten – Frauen doch endlich etwas Selbstachtung entwickeln sollten, anstatt sich vor einem Mann so lächerlich zu machen. Auch wenn er so verdammt heiß aussah wie Jake Braker. Ähm … gut aussah. Nicht heiß. Liv benutzte Worte wie heiß nicht.

Die Eltern gaben alle ein enttäuschtes Gemurmel von sich, das sehr an die Ausrufe erinnerte, die ihre Kinder von sich gaben, wenn es keinen Nachtisch zum Mittagessen gab.

„Tut mir leid“, sagte Jake entschuldigend und hob die Schultern. Der Bastard schaffte es tatsächlich, überzeugt enttäuscht auszusehen. „Aber Olivia ist der Boss.“

Olivia. Wie er ihren Namen sagte. Niemand nannte sie Olivia, außer Kristen, wenn sie sehr wütend auf sie war. Liv würde Jake ihren Spitznamen anbieten müssen. Sie konnte nicht jedes Mal eine Gänsehaut bekommen, wenn er sie ansprach.

Die Eltern warfen ihr tadelnde und enttäuschte Blicke zu und Liv musste sich schwer davon abhalten, nicht die Augen zu verdrehen. Bestand denn ihr ganzes Leben aus Kleinkindern?

Sie entschied sich dazu, nichts weiter zu sagen, sondern einfach nur freundlich zur Tür zu deuten. Grummelnd verabschiedeten sich die Eltern von ihren Kindern, bevor sich der Gruppenraum nach und nach leerte.

Als auch der letzte Erwachsene den Raum verlassen hatte, trat Jake mit gerunzelter Stirn auf sie zu. „Wie ist die Mutter von Clarice so drauf?“, fragte er und besah sich einen Zettel in seiner Hand, auf der deutlich eine Telefonnummer zu erkennen war. „Ach ja: Und wer ist Clarice? Und wenn wir schon dabei sind …“ Er beförderte zwei weitere Zettel aus seiner Hosentasche. „Ich glaub‘, der Vater von Wayne ist schwul, zumindest hat er mich auf einen Martini eingeladen, und Sonias Mom hat mir Nacktfotos versprochen.“

Ganz langsam verschränkte Liv die Arme vor der Brust und sah mit gehobenen Augenbrauen zu ihm hinauf.

Jake neigte nachdenklich den Kopf zur Seite und studierte ihre Züge. „Du hast da was im Gesicht … oh, es ist Missbilligung. Wie überraschend. Weißt du“, überlegte er laut, „du solltest darüber nachdenken, dir noch eine andere Miene zuzulegen.“
„Sorry, kann mir leider keine leisten.“ Bedauernd hob Liv die Schultern.
„Ich bezahl‘ sie dir, kein Problem. Ich helfe immer gerne Frauen in Not. Und dafür, dass mir Nummern hinterhergeworfen werden, kann ich jetzt ja wirklich nichts. Gott hat mir mein Gesicht gegeben. Er ist schuld.“

Liv verdrehte die Augen. „Natürlich. Gott hat dir da harte Karten zugelost.“

Jake seufzte wehleidig. „Ja, es ist eine Bürde.“

Liv weigerte sich, dem Lächeln, das gegen ihre Mundwinkel kämpfte, nachzugeben. Stattdessen sah sie Jake kopfschüttelnd an und ihr fiel auf, dass irgendetwas an seinem Gesicht anders war.

„Du lächelst gar nicht mehr schmierig“, stellte sie verblüfft fest.

„Ach ja?“

„Ja.“

„Nun, mir ist gerade nicht danach.“

Sie nickte. „Gut. Es war ein furchtbares Lächeln. Hat dich aussehen lassen wie einen Drogendealer mit Kieferproblemen.“

Jake schnaubte, aber einer seiner Mundwinkel hob sich. „Weißt du, keine Frau hat jemals so an meinem Ego gekratzt.“

„Dann wird es aber Zeit. Wenn nie jemand kratzt, dann ist die Windschutzscheibe irgendwann so beschmutzt, dass du nicht mehr klar sehen kannst.“

Mit verengten Augen sah Jake sie an. „Mir gefallen deine Metaphern nicht.“

Sie nickte seufzend. „Ich weiß. Weil sie wahr sind.“

Sie wandte sich von ihm ab und rief laut: „Wir fangen heute mit einem Stuhlkreis an, ihr Lieben. Es wird Zeit für eine neue Kennenlernrunde, findet ihr nicht?“

„Jaaa“, riefen die Kinder – denn sie alle liebten die Kennenlernrunden – und wuselten durcheinander, um sich ihren Lieblingsstuhl zu sichern.

Jake blieb kopfschüttelnd neben Liv stehen. „Wie eine Horde Affen“, murmelte er.

Details

Seiten
0
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783960876434
ISBN (Buch)
9783960877097
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v456572
Schlagworte
Sport-s-Roman-c-e Chick-lit-liebe-s-frauen-roman-ce-tik United-States-Ameri-ka-ca lustig-humor-voll Bad-Boy-Roman-e Baseball-Roman-c-e liebe-s-roman-e

Autor

  • Saskia Louis (Autor)

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Titel: Home Run zu dir