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Um die Liebe zu ändern

von Nicole Lange (Autor)

2019 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

Endlich ist Jaislyn glücklich mit Lorius verheiratet. Doch beide ahnen nicht, dass ihr schlimmstes Abenteuer noch bevorsteht. Denn Rades reist in die Vergangenheit, um Jaislyns Gegenwart zu ändern. Dadurch wird auch ihre Zukunft mit Lorius beeinflusst. Er bleibt alleine zurück, zerfressen von Trauer und Schmerz. Alles scheint verloren und unwiderruflich verändert. Wie soll das Liebespaar es schaffen, wieder zueinander zu finden?

Impressum

dp Verlag

Erstausgabe Februar 2019

Copyright © 2020 dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

E-Book-ISBN: 978-3-96087-655-7
Taschenbuch-ISBN: 978-3-96087-716-5

Covergestaltung: Rose & Chili Design
unter Verwendung von Motiven von
despositphotos: © sun_tiger, © FairytaleDesign, © jag_cz, © 3dart und
shutterstock: © kiuikson
Lektorat: Natalie Röllig

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

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Mit ganz viel Liebe
für
Natalie Röllig
Sabrina Marstatt
Francesca Hintz
Carla Gebert
&
die treuen Leserinnen und Leser

Teil 1

Die Liebe zu leben

Jaislyns Gegenwart
im magischen Reich Salamanka

Prolog

„Ich werde nicht ruhen, bis du mein bist. Ich werde einen Weg finden, dich zu ändern. Ich. Werde. Einen. Weg. Finden. Um. Deine. Liebe. Zu. Ändern.“

Fürst Rades von Manka, im Verlies von Salamanka

1 Im Verlies

Jaislyn

Unsere Hochzeit liegt nun schon einige Wochen zurück. Lorana hat sich völlig in ihr Privatleben zurückgezogen, mit Nasto an ihrer Seite, was für Lorius nicht überraschend kam. Der arme Lydo hat täglich Mühe, mit Mayleens Temperament mitzuhalten. Reesa ist eben Reesa. Eine Soldatin und Seherin bis aufs Blut. Etwas anderes kommt für sie nicht infrage.

Zu schade. Ich hätte gerne einmal eine verliebte Reesa zu Gesicht bekommen.

Und Lorius? Er unterstützt mich hervorragend in meiner Mammutaufgabe, ein Land zu regieren, Lorana natürlich auch. Schließlich fehlt mir unglaublich viel an Wissen, um ein ganzes Volk und deren Reich zu leiten. Es kommt öfter vor, dass ich mich verloren fühle und mich frage, wie ich das alles schaffen soll. Aber wenn ich inkognito und allein durch die romantische Altstadt gehe und ein aufmunterndes Schulterklopfen von einer alten Dame oder einem alten Herrn bekomme, die mich doch erkannt haben, gibt mir das wieder neue Kraft und Zuversicht. Jedoch taucht in mir jedes Mal bei solch geheimen Spaziergängen eine bedeutende Frage auf: Was wird aus meiner Prominenz im Verlies?

Redawinn. Rades. Dieser Mann geht mir einfach nicht aus dem Kopf. Kann er uns noch gefährlich werden, obwohl er im Kerker schmachtet? Seit den Vorfällen in Ägypten habe ich ihn nicht mehr gesehen. Er müsste mit unbändig schlechter Laune und einem gewaltig langen Bart in seiner Zelle schmoren. Meine Hand wandert zu der Narbe in Form eines Wasserzeichens auf meinem Brustansatz, die mich an den Kampf am Hatschepsut-Tempel erinnert. Beinahe wäre es Rades gelungen zu siegen. Was geht nun in ihm vor?

Ob ich ihm einen Besuch abstatten sollte?

„Das solltest du besser nicht tun.“ Lorius taucht neben mir auf. Er sitzt auf einem dunkelbraunen Hengst.

Hm, ein Pferd steht ihm gar nicht schlecht.

„Hast du mich gesucht oder vermisst?“, frage ich und grinse schelmisch.

Lorius beugt sich hinab, legt seinen Arm um meine Taille und zieht mich zu sich auf den Sattel. „Beides, mein Schatz.“

Verliebt wende ich ihm mein Gesicht zu.

Verliert seine Stimme eigentlich nie diese Prise Witz, ummantelt von einem koketten Lächeln?

Zur Beantwortung meiner geheimsten Gedankenfragen erhellt ein typisches Lorius-Lächeln seine Augen. „Ich wollte dich zu einem romantischen Abendessen einladen.“

Amüsiert sitze ich vor ihm und liebkose mit den Fingerspitzen seinen Arm. „Haben wir das nicht jeden Abend?“

Lorius’ Lippen wandern sachte an mein Ohr, und er flüstert: „Davon kann man nie genug bekommen.“

Da ist es wieder! Dieses süße Grinsen, das in seiner Stimme mitschwingt.

Wir reiten langsam über die Pflastersteine, und ich bewundere diese kleinen, gepflegten Stadtvillen mit ihren verspielten Brunnen, offenen Fenstern, Rundbögen und Säulen. Die Balkone sind mit den farbenprächtigsten Callablumen und Chrysanthemen geschmückt. Viel lieber würde ich in solch einem Haus wohnen als in unserem überdimensionalen Palast, wo man sich eine Woche lang verlaufen könnte. So bald wie möglich werde ich den ganzen Protz und Glanz minimieren und lieber durch Blumen ersetzen. Ich brauche keine Goldstatuen, goldgerahmte Bilder, goldenes Geschirr und dergleichen. Vielleicht kann ich Lorius überreden, in ein einfaches Haus umzuziehen, und den Palast zum Arbeitsplatz umfunktionieren. In unnötig leer stehenden Räumen könnte man vielleicht Schul- und Studierzimmer errichten. Ich fühle mich im Palast teilweise wie in einem Museum, nicht wie in einem gemütlichen Zuhause.

„In deinem hübschen Köpfchen rattert es wieder mal ordentlich. Komm doch heute zur Ruh und genieß den Abend.“

„Eigentlich müssen meine Gedanken ein regelrechter Schock für dich sein. Alles, was für dich seit über dreihundert Jahren völlig normal und selbstverständlich war, will ich komplett umkrempeln.“

Lorius antwortet nicht, sondern küsst mir verständnisvoll das Haar. Mein unkomplizierter Mann.

Es ist spät, und mein heißer Typ ist schon auf der Chaiselongue eingeschlummert. Ich stehe neben ihm auf unserem Balkon und bekomme meine Gedanken nicht ruhig. Rastlos düsen sie durch meinen Kopf. Der Anblick des Himmels mit seinem funkelnden Sternenstaub und den anderen Planeten, die schemenhaft zu erahnen sind, kann mich dieses Mal nicht ablenken. Meine rechte Hand zerdrückt förmlich ein wichtiges Schriftstück, das mir Nasto mit allergrößter Dringlichkeit vom Gericht mitgebracht hat.

Ein Todesurteil.

Das Einzige, was noch fehlt, ist meine Unterschrift. Aber kann ich das? Kann ich so etwas tun? Mit einer Unterschrift würde ich das Ende eines Menschen besiegeln, der Böses vollbrachte. Soll ich Gleiches mit Gleichem vergelten? Wer gibt mir das Recht, so etwas zu entscheiden? Nur weil ich den Status und den Titel einer Königin trage, finde ich nicht, dass mir das zusteht.

Wahrscheinlich mache ich jetzt einen gewaltigen Fehler, aber mein Entschluss steht fest: Ich werde ins Verlies gehen. Ich will dem Mann Auge in Auge gegenübertreten, der so viel Leid und Probleme verursacht hat.

Der Weg ins Gefängnis fällt mir erstaunlich leicht. Warum zögere ich nicht? Wo ist die Furcht geblieben? Kann es sein, dass mich die Neugierde vorantreibt? Das Verlangen nach Antworten?

Und siehe da, man gewährt mir ohne Wenn und Aber Zutritt. Ich hätte erwartet, dass die Wachen ihre Bedenken äußern, sie lassen mich jedoch ohne Worte eintreten und neigen respektvoll den Kopf. Mein Herz klopft gewaltig, und der Schweiß läuft mir über den Rücken. Die Hände sind zu schmerzhaften Fäusten geballt, und ich befürchte, dass man das Schriftstück kaum noch lesen kann. Die kleine Schleppe meines Kleides zieht höchstwahrscheinlich eine nette Ansammlung von Unrat hinter mir her. Ich schiebe mir mit dem Handrücken die widerspenstigen Haare aus dem Gesicht und nehme all meinen Mut zusammen.

„Wie nett, dass du mich besuchst.“ Rades’ Stimme lässt mich zusammenzucken. Wie konnte er wissen, dass ich es bin? Ich bin für ihn noch gar nicht zu sehen. Langsam gehe ich durch den trostlosen, nur spärlich erhellten Flur auf seine mittelalterliche Zelle zu.

Der Anblick, der sich mir bietet, überrascht mich. Die Zelle ist sauber und ordentlich. Es befinden sich Regale mit Büchern an den Steinwänden, es gibt einen kleinen abgetrennten Bereich für die Privatsphäre, und auf dem Stahlbett sitzt Rades mit dem Rücken an die Mauer gelehnt und schaut mich aus seinen dunklen Augen an. Zu meiner Verblüffung ist er sehr gepflegt und sieht gut aus mit seinem sauber zurechtgestutzten Jack-Sparrow-Bart – ohne die Ziegenbartzöpfchen wohlgemerkt. In voller Bekleidung eines Adeligen und mit schwarzen Stulpenstiefeln steht Rades auf und nähert sich beinahe anmutig dem Gitter. Seine schlanke und stattliche Gestalt hat sich trotz mangelndem Freiraum jedoch kaum verändert. Das lange, dunkle Haar fällt ihm über die Schultern, und sein Gesicht ziert ein amüsiertes Lächeln. Kurz schließt er die Augen und saugt hörbar die muffige Luft ein.

„Dein Geruch ist göttlich, und hübsch siehst du aus mit der kleinen Tiara im Haar. Du bist das Beste, was ich seit Langem zu Gesicht bekomme.“

Schleimer.

Mein Blick verfinstert sich, offenbar hat er noch immer nichts von seiner Arroganz, Selbstgefälligkeit und seinem Hang, eine grandiose Rolle zu spielen, verloren. Doch bevor ich etwas sagen kann, schrillt mir ein Schwall voller Schimpftiraden aus der Nebenzelle entgegen. Redawinn springt mit zerzausten Haaren an ihr Gitter und sieht aus wie eine wilde Irre. Richtig verstehen, was sie da von sich gibt, kann ich nicht. Ist wohl eine Mischung aus „elende Hure“ und „verrecke“ sowie „Throndiebin!“.

Ja, ich glaube, so in etwa.

Ich fackel nicht lange, sondern betätige einen auffällig schimmernden Stein, der sich im Gemäuer neben ihrem Gitter befindet. Sogleich schiebt sich eine versteckte Wand aus dicken Glasscheiben vor ihre Gitterstäbe. Schnell sage ich zu Redawinn, bevor sie mich aufgrund der schalldichten Glaswand nicht mehr hören kann: „Benimm dich. Sonst lasse ich die lieben Tierchen frei.“

Redawinn springt vor Schrecken und Graus zurück. Die lieben Tierchen, die ich meine, sitzen nämlich in dieser Glaswand und kriechen und krabbeln eifrig auf und ab. Nette Geschöpfe, die den widerlichsten Spinnen und anderem Krabbelgetier ähneln. Redawinn schreit und brüllt und flüchtet sich in ihr Bett. Die Glaswand rastet vor den Gitterstäben ein und erstickt jegliche Geräusche aus ihrer Zelle. Nun kann ich erneut meine volle Aufmerksamkeit Rades widmen, der an seinem Gitter lehnt und so beiläufig wie möglich sagt: „Hättet ihr mir diese Ruhe nicht schon eher bescheren können?“

Ich verschränke die Arme vor der Brust und ziehe eine Augenbraue hoch. „Du musstest ja mit ihr gemeinsame Sache machen, also büße auch dafür.“

Seufzend fährt sich Rades mit der Hand durch das Haar und tritt ein Stück beiseite. Mein Blick fällt auf interessante Zeichnungen, die an den freien Flächen der Zellwände hängen. Fassungslos und fasziniert erkenne ich, dass Rades mich por­t­rä­tie­rt hat. Was aber völlig kurios ist: Mein langes Haar scheint sich auf der Zeichnung zu bewegen. Als würde es von einer Brise verweht.

Wie zum Teufel hat er das gemacht?

Rades erkennt den Grund meiner plötzlichen Unaufmerksamkeit und tritt wieder vor das Gitter. Sein überheblicher Blick bringt mich innerlich zur Weißglut. Süffisant lächelt er mich an, lehnt den Ellenbogen ans Gitter und bettet seinen Kopf etwas schräg angewinkelt in seine Hand. „Nicht zu fassen. Meine Königin steht vor mir und ist hingerissen von meinem Zeitvertreib.“

Wie oft noch mal habe ich mir gewünscht, ihm eine reinzuhauen?

Doch abrupt kühlt die Stimmung ab. Er deutet auf das zerknüllte Stück Pergamentpapier und sagt ironisch: „Hast du mir ebenfalls eine Zeichnung mitgebracht?“

Ich sehe auf meine Hand, hebe sie an und öffne sie ein wenig. Verbittert richte ich erneut meine Augen Richtung Zelle und presse die Lippen aufeinander, bis ich sagen kann: „Du weißt, was das ist.“

Rades gleitet mit den Fingerspitzen über die Gitterstäbe, als wollte er Harfe spielen. „Und bist du nur gekommen, um damit vor meinen Augen herumzuwedeln und anzugeben?“

Langsam macht mich der Kerl echt sauer.

Ich beschließe, ihm fest und selbstsicher in die Augen zu schauen. „Bist du der Meinung, ich sollte den Cousin meines Mannes hinrichten lassen?“

Rades wirft mir ein schlaues Lächeln zu. „Ich bin nicht einmal Lorius’ Cousin dritten Grades. Ich bin eher deiner. Zwar nicht blutsverwandt, aber trotzdem gehöre ich zu deiner Familie.“

Ich gehe auf sein Rumgeplänkel nicht ein, sondern trete ein Stück näher und formuliere meine Frage anders: „Meinst du, ich sollte Gleiches mit Gleichem vergelten? Schließlich hast du mein früheres Ich sterben lassen.“

Rades umfasst nun mit beiden Händen die Gitterstäbe und schaut mich intensiv an. „Schon verrückt, das Ganze mit der Wiedergeburt, nicht wahr? Ich wusste schon von dir und deiner Rückkehr, da warst du noch nicht einmal geboren. Meine Mutter hatte es in ihrer Zauberkugel gesehen, weißt du? Zu dumm nur, dass Marisa die Zwillingskugel besaß und es ebenfalls erfuhr. In Reesas Händen scheint die Kugel jedoch nicht zu funktionieren, daher verstaubt sie womöglich schon seit Jahrzehnten in Antarias Palast oder in Reesas Kemenate. Aber unsere Bekanntschaft auf der Erde habe ich völlig vermasselt, obwohl ich sehr lange darauf gewartet hatte. Den Fehler mache ich gewiss nicht noch einmal.“

„Es wird wohl kaum noch mal eine Gelegenheit dafür geben.“

Rades schürzt seltsam ruhig die Lippen. „Sag niemals nie, meine Liebe.“

Böse funkele ich ihn an und zische ihm zu: „Ich bin nicht deine Liebe!

Er übergeht meinen Einwand einfach. „Es gibt immer Mittel und Wege, und ich bin ein sehr geduldiger Mann.“

Dem weiß ich nichts entgegenzusetzen.

Führt er etwas im Schilde?

Unverhofft verfinstert sich sein Gesicht, und seine sexy dunklen Augen brennen sich in mein Innerstes. „Ich rate dir: Unterschreib es.“

Erschrocken trete ich ein paar Schritte zurück. Es ist, als hätten mich seine Worte kühl gestreift.

„Ich werde nicht ruhen, bis du mein bist. Ich werde einen Weg finden, dich zu ändern. Ich. Werde. Einen. Weg. Finden. Um. Deine. Liebe. Zu. Ändern.“ Durch seine Magie schleichen seine Sätze förmlich über meine Haut, was mich frösteln lässt, zugleich aber elektrisiert. Adrenalin jagt durch mein Herz. Seine Drohung hat ganze Arbeit geleistet. Ein Teil von mir möchte ihn mögen, weil er mich auf eine gewisse Art und Weise anzieht und fasziniert. Aber ein stärkerer Teil lässt alle Alarmglocken schrillen und verabscheut ihn nur noch mehr.

Wie sind solch widersprüchliche Gefühle nur möglich?

2 Eine Überraschung

Jaislyn

Am darauffolgenden Tag verbarrikadiere ich mich in meiner gewollten Einsamkeit. Rades’ Worte haben sich in mein Hirn gebrannt.

Bestimmt will er mir Angst einjagen und wartet nur darauf, dass ich einen Fehler mache.

Ich sitze in Loranas altem Arbeitszimmer, das sie dankend an uns abgetreten hat. Den prunkvollen Schreibtisch aus Gold rauszuschmeißen, war meine erste Entscheidung, die ich traf, als ich diesen Raum betrat. So viel Reichtum und Protz wird nie mein Ding sein. Und das ärmere Volk kann es dringender gebrauchen als ich, daher habe ich den Tisch gespendet, um viele hungernde Menschen satt zu bekommen. Auf meinem neuen Arbeitstisch, der aus Holz gefertigt ist mit eingeschnitzten Wellenmustern, da Wasser hier hoch geschätzt wird, liegt ein altes Buch.

Ich sehe davon auf und reibe mir die müden Augen. Mein Blick fällt auf die vielen Holzregale, die um mich herum stehen und sich schon von ihrer Bücherlast biegen. Mein Wissensdurst könnte nicht größer sein, und somit ackere ich mich in jeder freien Minute durch all diese Wälzer. Mein ellenlanges schwarzes Haar ruht zu einem Zopf geflochten auf meinem Rücken. Ein königliches Gewand aus smaragdgrünem Samt schmiegt sich an meine Haut, und die langen Trompetenärmel gleiten über die Literaturseiten dahin, sobald ich umblättere. Diese Seiten sind aber arg schwer, da der Schmöker aus Kupfer angefertigt wurde. Wunderschöne Schriften, Runen und Symbole wurden auf diese Seiten geschliffen.

Sämtliche Bücher sind wahre Schätze und aus kostbaren Metallen hergestellt. Ich habe Nachschlagewerke entdeckt, die aus Gold, Silber, Obsidian oder Opal gefertigt wurden. Mit Sicherheit sind noch mehr beeindruckende Bücher dabei, deren Material ich nicht einmal kenne. Ich greife nach meinem Glas Met, gehe an das Regal zu meiner Linken und fahre bewundernd, beinahe ehrfürchtig mit den Fingerspitzen über die Buchrücken.

Mein Kopf brummt von den vielen Informationen über die Generationen von Menschen, die in diesem Reich bedeutend waren. Ab und an klirrt mein silberfarbener Kordelgürtel an mein Glas, ansonsten herrscht absolut herrliche Stille. Ein wenig von der Wärme geplagt, gehe ich zum Fenster und öffne es. Meine Lippen verziehen sich zu einem Schmunzeln, da mein Blick auf meine besten Freundinnen Mayleen und Reesa fällt, die im Hof einige Kampftechniken üben, wobei meine süße Mayli immer wieder auf ihrem Hosenboden landet. Im Gegensatz zu mir hat Mayli die Ausbildung zur Kauffrau im Einzelhandel erfolgreich abgeschlossen. Danach hat sie ihrer Familie vorgeflunkert, sie sei auf Rucksacktour durch Skandinavien, und weilt nun überglücklich und bis über beide Ohren verliebt bei uns.

„Wo finde ich dich? Wie immer auf der Jagd nach Antworten.“ Ein liebevolles Lächeln schwingt in Lorius’ Stimme mit, und ich drehe mich zur Tür um. Ich will gerade etwas sagen, da klappt meine Kinnlade eine Etage tiefer. Lorius steht in einem champagnerfarbenen Anzug mitsamt Krawatte vor mir. Dazu bändigt ein Haarband sein langes dunkelblondes Haar, und sein sexy Dreitagebart wurde stylish gestutzt. Sein von der Sonne gebräuntes Gesicht strahlt mich an. So erdtauglich habe ich ihn noch nie gesehen. Ich kenne ihn nur in seinem Kampfanzug oder königlichen Gewändern.

Ich reiche Lorius meine Hände, und er zieht mich zum Kuss an seine harte Brust. Nachdem ich meine Stimme wiedergefunden habe und innerlich endlich aufhöre zu sabbern, lächele ich meinen Traummann bewundernd an. „Du siehst fantastisch aus. Wo solls denn hingehen?“

Lorius umfasst meine Taille und schürzt die Lippen. „Eine Überraschung, da ich glaube, ein bisschen Freigang täte dir gut.“

„Freigang? Wovon denn?“

Gut gelaunt dreht Lorius mich in einem verspielten Tanz über den Steinfußboden, der voller eingemeißelter Szenen aus dem Alltag am Hofe ist. „Du wirkst überarbeitet und müde, und ich befürchte, dir fehlt ein wenig deine Heimat. Also machen wir einen Ausflug in eine Großstadt, wo dich niemand erkennt, da du auf der Erde noch immer als vermisst giltst. Vielleicht besuchen wir deine Mutter noch unbemerkt auf dem Rückweg.“

Ich streiche mir den Schweiß von der Stirn und freue mich über seine Überraschung. „Das klingt toll. Und Mama freut sich sicher, uns zu sehen, obwohl sie alle Hände voll zu tun hat mit der Räumung des Hauses.“

„Ach, hat sie schon einen Käufer gefunden?“

„Ja. Zumindest sagte sie es mir heute früh, als sie mir im Waschwasser erschien. Mama findet die Essenz irrsinnig toll, die du ihr gegeben hast, aber ich bin langsam genervt, dass sie beinahe in jedem Springbrunnen, Teich, Bach oder Sonstigem erscheint, den ich passiere.“

Lorius unterdrückt ein Lachen, was in einem Schmunzeln endet.

 „Na ja. Jedenfalls … Hoffentlich springt der Käufer vom Vertrag nicht wieder ab. Ich finde es klasse, dass sie hierherzieht. So kann sie Papa immer ganz nah sein.“ Bei diesem Gedanken legt sich jedes Mal ein Schatten über meine Seele, weil ich mich insgeheim immer noch verantwortlich für seinen Tod fühle, auch wenn mir jeder versichert, dass ich keine Schuld trage.

Aber diese traurige Geschichte steht auf einem anderen Blatt, und ich möchte Lorius seine Überraschung nicht trüben, denn den Fehler habe ich schon einmal gemacht, als er mich in den faszinierenden Wasserpalast einlud und ich die Stimmung kaputtmachte mit meiner Furcht, schwanger zu sein. Lorius hilft mir, den schweren Wälzer zurück in das Regal zu stellen, und hält danach kurz inne. Interessiert beobachte ich, wie er suchend über die Buchrücken schaut. Letztendlich zieht er das Silberne heraus, legt es behutsam auf den Tisch und beugt sich darüber. „Hast du in dieses schon hineingeschaut?“

Ich schüttele nur den Kopf, lehne mich an ihn und blicke über seine Schulter.

Lorius presst die linke Hand auf den Tisch und öffnet mit seiner rechten den schweren Buchdeckel. Ich falle aus allen Wolken. Es ist, als würde mich ein kleines bewegliches Weltall anfunkeln. Lorius freut sich immer wieder aufs Neue, wenn er mir etwas Fantastisches aus seiner Welt offenbaren kann. Langsam blättert er die harte Seite um und zeigt mir eine beeindruckende Karte von Salamanka mit den Provinzen. Der Ort Neseiya, wo mein früheres Ich, Nailah, aufwuchs, trägt ein Sonnensymbol, das uns hell anleuchtet. Rades’ Heimat, die Provinz Manka, hat einen schwarzen Geier als Symbol, der im Buch seine Schwingen bewegt.

Warum wundert mich das nicht? Wahrscheinlich alles Aasgeier dort.

„Gibt es von Manka eigene Literatur?“

Lorius dreht sich schweigend zum Regal um und holt den Wälzer aus Obsidian hervor.

War ja klar. Ein dunkles Buch. Überrascht mich auch nicht. Geierkrallen halten das Buch geschlossen, und Lorius hat ein wenig Mühe, es zu öffnen, da die metallischen Vogelkrallen immer wieder zuschnappen, als wollten sie ihn daran hindern, es zu lesen. Schlussendlich findet Lorius einen kleinen versteckten Schlüssel eingelassen zwischen den Krallen und kann es aufschließen. Die Geierkrallen springen zurück, und der Buchdeckel klappt abrupt und scheppernd auf. Erschrocken zucke ich zusammen, da mir ein widerliches Geierkreischen entgegentönt. Lorius schlägt es lachend wieder zu und nimmt mich bei der Hand. „Na komm. Meine Überraschung wartet.“

In einem eleganten rosafarbenen Neckholder-Cocktailkleid mit Diamantenbesatz und in schlichten rosa Pumps hake ich mich an Lorius’ dargebotenem Arm ein. Aus unseren Räumlichkeiten gehen wir durch den von Säulen verzierten Flur zu unserem privaten Raum der Reise.

Zusammen steigen wir die Stufen in dieses altrömische Bassin hinab, das ebenfalls von Säulen umringt wird. Einige Seerosen schwimmen auf der Oberfläche und laden zu einem romantischen Bad zu zweit ein, was wir allerdings nicht vorhaben. Ich finde diese Wasserreisen, wie ich sie nenne, einfach nur unbeschreiblich.

Weder Kälte noch Nässe fühle ich. Ein prickelndes Gefühl gleitet über meine Haut mit einem Hauch von Wärme und Aufregung. Ein irisierender Anblick von den unglaublichsten Blau- und Türkistönen und einer Spur von Mint lässt mein Herz schneller schlagen. Es wundert mich, dass dieses Mal kein einziges Wort Lorius’ Lippen verlässt. Eigentlich muss er das Reiseziel nennen, damit wir dort ankommen. Wir gleiten in das Wasser, tauchen unter und – Wusch! – geht es auf die aufregende Reise. Die einzige Möglichkeit, die mir logisch erscheint, ist, dass er den Zielort still in Gedanken gesprochen hat.

Es ist bereits dunkel, und wir steigen trocken aus einem Fluss auf der Erde. Ich fühle über mein Haar. Nichts verwuschelt. Es sitzt perfekt. Drei Wetter Taft, was?

Ich muss über meinen eigenen Scherz ein klein wenig schmunzeln. Diese Wasserreisen wären eine perfekte Werbung für Heidi Klum und ihre Haarsprays. Aber ich sollte lieber bei der Sache bleiben, anstatt herumzualbern.

Wo sind wir hier gelandet?

Lorius, der meine Gedanken lesen kann, lächelt stumm vor sich hin und dirigiert mich zu einer schwarzen Limousine, die in der Nähe des Flusses auf uns wartet. Keine Menschenseele zu sehen. Wie es der Wagen in dieses Wäldchen über den Trampelpfad geschafft hat, ist mir ein Rätsel. Je näher ich dem Auto komme, desto mehr erhasche ich die Lackschäden, die garantiert von den Sträuchern herrühren.

Wer zum Teufel fährt dieses feine Fahrzeug und lädiert es so ignorant?

„Mykros?! Du kannst Auto fahren?“, sage ich, während wir einsteigen.

Mykros, ein terminatorähnlicher, bulliger Freund und Krieger von Lorius, sitzt zusammengequetscht hinterm Steuer. Er grinst mich über die Schulter an und braust danach los. „Crashkurs! Klappt schon! Kein Problem!“

Stimmt mich nicht gerade ruhig. Auweia! Er kommt in Salamanka kaum mit einem Pferd zurecht!

Hilfe suchend blicke ich Lorius an, der das alles anscheinend höchst amüsant findet, während ich um unser Leben bange. Hat er noch nie was von schlimmen Verkehrsunfällen gehört? Ich trommle Lorius verstimmt auf den muskulösen Oberarm. Er ignoriert meine kleinen Fäuste und hebt mit Daumen und Zeigefinger mein Kinn an, um mir intensiv in die verängstigten Augen zu schauen. Damit Mykros uns nicht hört, spricht Lorius in meinen Gedanken zu mir: „Hab keine Angst. Ein Schutzzauber wacht über uns. Mykros wird vernünftig fahren.“

Ein Schutzzauber? Seit wann kannst du zaubern?

Lorius löst meinen Gurt, zieht mich auf seinen Schoß und flüstert mir ins Ohr, an dem zierliche Tropfen aus Diamanten hängen: „Nicht nur du studierst Bücher. Ich habe von Reesa und Antaria die magische Literatur meiner Mutter bekommen.“

Es ist immer noch nicht ganz zu fassen, dass Lorius und Reesa Geschwister sind. Über dreihundert Jahre hatte Lorius gedacht, er wäre der Sohn von Lorana und Mendaris, der Thronfolger des magischen Reiches Salamanka, was Rades jedoch erfolgreich revidieren konnte anhand von Beweisen, die es nur noch auf der Erde im Hatschepsut-Tempel in Ägypten gibt.

Lorius ist der Sohn von Marisa, einer magischen Seherin, die leider schon verstarb. Reesa hat die Fähigkeiten einer Seherin erhalten und Lorius die des Gedankenlesens. Nun scheint er seine Kräfte weiter zu erforschen. Es gibt sicher noch eine Menge für ihn zu lernen.

Langsam nähern wir uns unserem Ziel, und ich erhasche ein Straßenschild, auf dem ich auf die Schnelle nur ein Wort erkenne.

„Regensburg? Wir sind in Regensburg?“

Lorius schweigt weiter.

Was hat dieser Kerl schon wieder ausgeheckt? Aber gut, wir sind über fünfhundert Kilometer entfernt von meinem alten Zuhause.

Lorius’ geheimnisvolles Lächeln vertieft sich immer mehr. Jaja, ist ja gut! Ich kann nichts für mich behalten. Meine Gedanken sind wie ein offenes Buch für dich! Hmpf.

Leise grummle und schimpfe ich vor mich hin, bis wir uns einem beeindruckenden Gebäude nähern. Mein Gesicht klebt an der Scheibe, damit ich ja nichts verpasse. Der Wagen hält, und Mykros öffnet mir so galant, wie er nur kann, die Tür.

Mykros im schwarzen Smoking. Unfassbar.

Lorius ist schon bei ihm und nimmt zärtlich meine Hand, um mir aus der Limousine zu helfen.

„Willkommen auf Schloss St. Emmeram.“

Mir bleibt die Spucke weg. Wirklich eindrucksvoll, dieser Ort. Als wären wir VIPs, schreiten wir über einen roten Teppich zum Schloss, vor dem eine gewaltige Bühne errichtet ist.

Mein Gott! Zum Glück gibt es hier keine Presseleute, oder? Sonst war es das mit inkognito. Obwohl mit Sicherheit irgendein anderer Gast Handybilder und Videos macht, die auf Youtube und Co. landen. Dann brechen eventuell Spekulationen über die Ähnlichkeit von mir mit dem verschwundenen Mädchen aus der Kleinstadt los. Ich hätte mir mal einen albernen Hut mit Schleier aufsetzen sollen.

Lorius muss bei der Vorstellung erneut vor sich hin schmunzeln. Heute scheint er aus seinem Amüsement nicht herauszukommen, und seine gute Laune steckt wirklich an. Einige Leute starren uns lange hinterher. Kein Wunder! Wir geben schließlich ein staunenswertes Paar ab. Vor allem mit solch einem sexy Typ an meiner Seite, da vereinen sich die Sabberspuren der Damen um uns herum.

Lorius geleitet mich zu unseren Plätzen auf der Tribüne, und gespannt warte ich ab, was passiert. Gut eine halbe Stunde später geht es los. Eine fantastische Lichtershow beginnt auf der Bühne, und Musik erklingt. Moment! Das kenne ich doch!

Das Intro Prélude erkenne ich sofort, da ich es in meinem früheren Zuhause mehrere Male gehört habe. Dann folgt schon mein absolutes Highlight: Halt mich fest, wobei Mayli vor Graus die Augen zukneifen würde, aber ich finde die Musik hinreißend. Diese Mischung aus Pop und Klassik ist grandios. Mir stehen die Härchen auf den Armen gen Himmel, so sehr kribbelt alles an mir – hervorgerufen durch diese irdisch schöne Musik.

Lorius’ Überraschung: ein Adoro-Konzert an einem eindrucksvollen Schloss. Ich bin hellauf begeistert und rundum glücklich. Gibt es etwas, was dieser Mann, mein Mann, nicht möglich machen kann? Wann finde ich endlich einen richtigen Fehler an ihm? Seinen Gentleman-Charakter, seine Gutmütigkeit, Loyalität und herzensgute Seele kann man wohl kaum als Fehler betrachten. Das einzig Nervige an ihm ist wohl seine ständige Angst um mich, dass mir etwas zustoßen oder er mich erneut verlieren könnte. Manchmal ein wenig zu klammernd, der Gute, ich sollte ihm den Spitznamen „Mein Klammeräffchen“ verpassen. Die Wahrheit ist höchstwahrscheinlich, dass ich mir einrede, Lorius habe keine Fehler, weil ich zu blind vor Liebe bin, um sie zu sehen.

Da fällt mir ein: Wie bezahlt er eigentlich solche Aktivitäten hier auf der Erde? Also frage ich ihn leise in der Pause ganz unverblümt.

Lorius lächelt ein listiges Lächeln. „Die Antiquitätenhändler freuen sich jedes Mal, wenn ich wieder etwas Interessantes vorbeibringe.“

Ich runzle die Stirn.

Oh, gut. Und das wäre?

„Skulpturen, Bilder und Ähnliches. All die Dinge aus Gold, die du rausgeschmissen hast.“ Seine Stimme klingt wieder fröhlich, und stolz fügt Lorius hinzu: „Dank dir haben wir beinahe gänzlich die Armut in Salamanka bekämpft. Und da bleibt sogar etwas übrig, um mit dir die Erde zu besuchen. Mendaris würde ausflippen, wenn er sehen müsste, was aus seinen angehäuften Reichtümern geworden ist.“

„Schade, dass Lorana nicht schon eher damit begonnen hatte.“

Lorius’ Miene zieht sich nachdenklich zusammen, schließlich stimmt er mir zu: „Sie war in ihrer eigenen Welt voller Melancholie gefangen. Deshalb brauchte das Reich dringend eine frische Brise der Veränderung.“

Sprich: Tapeten- und Generationswechsel.

Nach dem atemberaubenden Konzert machen wir noch einen kleinen Spaziergang zum Schloss Emmeram Park. „Wirklich schade, dass es schon zu spät ist für eine Schlossführung. Das Innere des Gebäudes hätte mich wirklich sehr interessiert.“

„Wir kommen sicher mal wieder hierher“, sagt Lorius.

„Für einen Besuch bei meiner Mama ist es sicher auch zu spät.“

„Hm, ja, das befürchte ich auch.“

Während Lorius den ganzen Nachmittag und Abend heiter und vergnügt war, kommt er mir nun still und nachdenklich vor. Zärtlich haucht er mir einen Kuss auf die Hand und zieht sie durch seinen Arm.

„War dein Besuch im Verlies erfolgreich?“

Aha. Sag du es mir.

Lorius seufzt und bleibt stehen. Besorgt legt er die Hände auf meine Schultern und sucht meinen Blick. „Du bist ziemlich aufgewühlt wegen Rades, und du hast wegen deines nächtlichen Besuchs bei ihm, um es milde auszudrücken, miserabel geschlafen. Die wildesten Gedanken gingen dir durch den Kopf und … seltsame … Gefühle.“

Sein letzter Satz ist noch nicht ganz ausgesprochen, da tritt schlagartig ein Ausdruck von innerem Schmerz in sein Gesicht. Ein wenig entrüstet und perplex schiebe ich ihn von mir. „Lorius. Du bist jetzt nicht wirklich eifersüchtig, oder? Zweifelst du an meinen Gefühlen zu dir?“

Er schaut mich ernst und mit einer Spur Melancholie an. „Ich traue dir, aber nicht ihm. Seine Mutter war eine Hexe. Wer weiß, wozu er fähig ist?“

3 Der Alte

Rades

Ihr Besuch hat mich kaum schlafen lassen. Immer wieder sehe ich ihr Gesicht, ihr langes Haar und diese bildhübschen Augen vor mir. Was kann ich also anderes tun, als sie ein weiteres Mal zu por­t­rä­tie­ren, um mich in ihrem Anblick zu verlieren. Denn jetzt ist die Erinnerung noch frisch und lässt sich besser zu Papier bringen.

Ich habe viel Geduld bewiesen. Aber diese Geduld, diese ewige Zeit und meine grausamen Taten lassen mich mehr und mehr leiden, und es zerhackt mich von innen. Auch wenn Mendaris’ Befehl unmissverständlich klar gewesen war, Nailah damals töten zu lassen, hätte ich mich dem widersetzen müssen. Ich hätte sie retten müssen, dann wäre aus ihrer Dankbarkeit eines Tages vielleicht Liebe entstanden. Meine Suche und Begegnung mit ihrer Reinkarnation habe ich so wunderbar vermasselt, dass ich nun hier drin sitze. Der einzige Vorteil an dieser Zelle ist die viele Zeit zum Nachdenken.

Eines ist mir klar geworden: Meine Arroganz hat all meine Ziele vernichtet. Daran gilt es dringend zu arbeiten, obwohl ‒ wenn bald der Henker kommt, wird alles ein Ende nehmen. Vielleicht ist es besser so. Verdient habe ich es allemal. Allerdings geht mir eines nicht aus dem Kopf: Jaislyns Besuch hatte sicher einen Grund. Sie würde es nie zugeben, aber auf eine Art und Weise bedeute ich ihr doch etwas. Ansonsten hätte sie, ohne mit der Wimper zu zucken, mein Todesurteil unterzeichnet. Sie hat es nicht getan. Noch nicht. Doch all meine Feinde werden sie dazu drängen. Verdammt! Ich muss hier raus. Koste es, was es wolle.

Mein Stuhl kippt scheppernd um, weil ich so heftig aufspringe. Redawinns Schimpftiraden über den Krach bleiben aus, da die Wache gefallen daran gefunden hat, die Glaswand die meiste Zeit geschlossen zu halten. Nur bei der Essensausgabe wird sie geöffnet. Redawinns Flüche und Geschrei sind allerdings in diesen Momenten dreifach so schlimm.

Ich betrachte meine neue Zeichnung und hauche ihr ein wenig Leben ein. Ihr Haar beginnt zu wehen, und ihre Augen funkeln mich liebevoll an. Zärtlich streiche ich über Jaislyns gemaltes Gesicht und wünschte, sie würde mich in Wirklichkeit so ansehen.

„Schon ein dolles Ding, unsere junge Königin.“

Wie eine Katze auf der Lauer drehe ich mich zu der Person um, die mich angesprochen hat. Ein älterer, etwas zerlumpter Mann lehnt sich mit den schmutzigen Händen auf einen Wischmopp und grinst mich mit verfaulenden Zähnen an. „Ihr seid doch dieser berühmte Fürst, von dem alle reden.“

Am liebsten würde ich allen Spott und Hohn in meine Stimme legen, ich halte mich allerdings zurück. „Ach, erzählt man sich das, ja?“

Der alte Mann lächelt und widmet sich wieder vor sich hin murmelnd seiner Arbeit. „Der reiche Fürst von Manka, der tief gefallen ist! Ich kannte Eure Eltern, mein adeliger Freund.“

Bedrohlich gehe ich auf die Gitterstäbe zu. „Tatsächlich?“

„Waren nicht sehr freundlich zu mir, muss ich sagen. Hab damals für Eure Mutter gearbeitet, wisst Ihr? Hab sauber gemacht, wirklich gut sauber gemacht. Ein nettes Danke gab es nie.“

Da ich im Moment nichts Wichtiges vorhabe, lausche ich dem Geschwafel des Alten, lehne mich an die Gitterstäbe und betrachte meine Fingernägel.

„Aber Ihr seid doch nett zu mir, nicht wahr?“

„Natürlich, mein Guter.“

Verschwörerisch kommt der Alte näher, fängt an, wild mit dem Mopp zu gestikulieren, und flüstert mir zu: „Ich kann Euch helfen, wenn Ihr wollt.“

„Sieh an, dann bitte öffne doch diese Tür, ja?“

Abrupt verändert sich seine Miene eines netten Mannes von nebenan in eine zornige Maske mit gefletschten Zähnen. „Hör mir genau zu, mein Freund. Ich verlange drei viertel deines gesamten Vermögens, dafür besorge ich dir den Schlüssel zur Freiheit. Habe damals einige sehr kostbare und wichtige Utensilien deiner hexerischen Mutter gestohlen. Wenn ich dir die bringe, bist du frei.“

Eine befehlsgewaltige Stimme dröhnt durch den Flur. „Zurück! Es wird nicht mit den Gefangenen gesprochen!“

Die Reinigungskraft nimmt wieder eine unterwürfige Haltung ein, gehorcht dem Aufseher und wischt weiter den Flur hinunter. Ich trete zurück an meine Regale und tue beschäftigt. Als der schmierige Kerl nach getaner Arbeit zurückkommt, werfe ich ihm nur einen unmissverständlichen Blick zu, der Zustimmung ausdrückt. Die Augen des Alten blitzen vor Freude auf, und er verschwindet.

Wie lange wird es dauern, bis er zurückkommt? Und was wird er mir mitbringen, was mir zur Freiheit verhelfen kann? Nur das Tor zu öffnen, wird mir nichts nützen. Ich sitze im sichersten Verlies aller Zeiten. Keine Chance, hier ohne eine Armee hinauszuspazieren. Zu schade, dass meine Mutter früh starb, ansonsten hätte ich weiter einen guten Hexenlehrling abgegeben und wäre mit Sicherheit nie hier drin gelandet.

Dieser Tag ist so öde wie jeder andere. Die Putzkraft war eine erfrischende Abwechslung, und ich hoffe, sie behält recht. Eigentlich tut mir der Alte leid. Ich kann ihm versprechen, unterschreiben oder übertragen, was er will, wenn jedoch all meine Reichtümer konfisziert wurden, wie es bei Redawinn der Fall ist, wird ihm meine Unterschrift nichts nützen. Pech gehabt, du Schmierlappen.

4 Zauberkugel

Jaislyn

Mein Lorius ist eifersüchtig auf Rades, wer hätte das gedacht? Auch wenn er es nicht zugibt, ich seine Gedanken nicht lesen kann und er die Eifersucht als Sorge kaschiert, ist es, wie es ist. Irgendwie amüsiert es mich, doch mein böses Gewissen lugt hinter der schwärzesten Ecke meiner Gefühlswelt hervor. Hat Lorius vielleicht recht? Fühle ich mich ein wenig zu Rades hingezogen? Das wäre die Katastrophe für mein Seelenleben schlechthin. Ich hatte mich doch immer erfolgreich vor Rades’ dunkler und geheimnisvoller Anziehungskraft abgeschottet. Hat Rades eine Lücke entdeckt oder die Lücke selbst mit seinen magischen Fähigkeiten geschaffen?

„Majestät?“ Der Hofschreiber holt mich gedanklich in den Thronsaal zurück, wo ich gerade die Gruppenaudienzen halte. Minister der verschiedenen Provinzen sind gekommen, um ihre wöchentlichen Berichte vorzutragen. Ich zaubere mein königliches Lächeln auf die Lippen und begrüße den Minister von Neseiya. „Seid gegrüßt, Minister Halvar.“

Der Politiker, ähnlich gekleidet wie ein schmucker Emir, tritt vor, verbeugt sich, dann lässt er sich auf ein Knie nieder und nimmt meine Hand zum Kusse. „Es ist mir eine Ehre, königliche Hoheit.“

Ich streiche die Falten meines mintfarbenen Gewandes glatt und schenke dem Mann vor mir meine gesamte Aufmerksamkeit. „Wie steht es um Neseiya, Minister?“

Halvar tritt einen Schritt zurück und reicht dem Hofschreiber seinen vollständigen Bericht. „Ganz ausgezeichnet. Es gibt kaum noch Übergriffe von Wüstenkriegern. Das Volk ist zufrieden und saniert mit vollem Eifer die Stadt. Eure großzügige Senkung der Steuern und die zusätzlich erhaltenen Mittel für die Sanierungen haben das Leben der Menschen sehr erleichtert. Die Aufstockung der Wachpatrouillen und Soldaten verschaffen den Menschen das Gefühl von Sicherheit.“

Innerlich jubiliere ich wie ein kleines Mädchen über so viel Lob. „Das freut mich sehr, Minister.“

Halvar nickt respektvoll, verbeugt sich zum Abschied und macht Platz für den nächsten.

„Minister Lemalian von Manka, seid gegrüßt.“ Es folgt die gleiche Begrüßungsprozedur. Der große, stattlich gekleidete Minister, der sehr wohlhabend wirkt mit seinem Brokat-Umhang beginnt zu sprechen: „Königliche Hoheit, ich kann Ähnliches berichten, allerdings müsste die verantwortungsvolle Position von Fürst Rades von Manka neu besetzt werden.“

Nachdenklich schaue ich durch den Saal, komme jedoch zu keinem Ergebnis. „Minister Lemalian, ich werde mich diesbezüglich mit meinem Mann beraten. Ich danke Euch.“ Indem ich mich erhebe, wird die Audienz der acht Provinzen beendet, die beinahe den halben Tag gedauert hat.

Hui, mein Körper ist so dermaßen verspannt von dem stundenlangen Sitzen auf dem Thron, dass ich mich wie eine Statue fühle, unfähig, mich noch zu rühren. Ganz klar, da muss jetzt ein heißes Bad her, in dem ich erst einmal vor mich hin schlummern werde. Zügig verlasse ich den Thronsaal und begebe mich in meine Gemächer. Schnell entledige ich mich der Kleidung und gleite ins schlafzimmereigene Wasserbecken. Doch bevor ich anfangen kann zu schnarchen, wird mit einem Mal mein Haar sanft liebkost und anschließend mit einer duftenden Haaressenz massiert.

Wow. So eine himmlische Massage bereitet mir einen Kopforgasmus.

Und bevor mir ein peinliches Stöhnen über die Lippen gehen kann, schlage ich die Augen auf und schiele nach hinten. Lorius hockt nur in Shorts gekleidet hinter mir und spricht wieder einmal mit seinen funkelnden Augen zu mir. Seine Finger wandern quälend langsam von meinem Haar über meinen Hals bis zu meinen Schultern. Unvorhergesehen schiebt er mich ein wenig vor, um hinter mir ins Becken zu hüpfen, und zieht mich auf seinen Schoß. Ich lehne mich genüsslich an seinen Körper und streichele seine Beine, während seine Hände über mein Schlüsselbein zu meinem Brustansatz wandern. Zart streichen seine Fingerspitzen über meine Brüste, was in mir eine hungrige Vorfreude entfacht, und legen sich – zu meiner Enttäuschung – auf meinem Bauch zur Ruh. Mit einem Seufzen, das Liebe, Sorge und Angst in sich trägt, drückt Lorius mich ganz fest an sich. Er schließt die Augen, reibt seine Wange zärtlich an meiner, und wir genießen die Wärme und Nähe des anderen. Wie kann ich ihm nur seine Ängste nehmen? Dass ich mein altes Leben komplett hinter mir gelassen, die Menschenwelt verlassen habe und hierher in eine andere Welt gekommen bin, müsste ihm doch der beste Beweis meiner Zuneigung sein. Ich dachte immer, mein Selbstwertgefühl sei klein, aber ich befürchte, in seinem Hinterstübchen sitzt ein Teufel, der ihm stets eintrichtert, nicht gut genug für mich zu sein. Dass er alles, was er liebt, nicht halten könne. Wie kann er nur glauben, ich würde von seiner strahlenden Seite weichen und in die Finsternis zu Rades gehen?

Ja. Rades ist ein beeindruckender Mann. Er hat eine dunkle Faszination, sehnt sich aber insgeheim auch nur nach Liebe. Jeder Mensch lügt, der behauptet, ohne Liebe und Zuneigung leben zu können. Eigentlich kann Rades uns leidtun. Ständig ist er auf der Suche nach Liebe und Anerkennung. Er ist hartnäckig und weiß, was er will, mein Kompliment. Doch mich kann er nun mal nicht haben. Wenn ich es Lorius nicht mit Worten klarmachen kann, muss es meine Körpersprache tun. Also drehe ich mich zu ihm um, schmiege mich so fest an ihn, wie ich kann, streichele seine Haut, fahre mit den Fingern durch sein Haar und liebkose mit den Fingerspitzen seine Lippen. Mein Mund folgt den Wasserperlen auf seiner Haut. Ich sehne mich nach seinen Lippen und verschmelze in einem heißen und feuchten Kuss. Meine Zunge führt einen regelrechten Zweikampf und gewinnt die Oberhand. Wie eine Wildkatze krallt sich meine Hand in sein langes Haar und die andere in seine Schulter, was Spuren nach sich zieht. Meine Hände gehen weiter auf Erkundungstour und mögen, was sie fühlen. Mein Mund beginnt meinen Fingern zu folgen und hinterlässt unzählige Küsse auf Lorius’ Körper. Seiner Mimik zufolge schwebt er entzückt auf der Wolke der Erotik.

Irgendwann befreie ich ihn von seinen Boxershorts, und wir lieben uns mit solch heißer Leidenschaft, als hätten wir uns eine Ewigkeit nicht mehr gefühlt.

Nach unseren erfüllenden Liebkosungen hält mich Lorius mit einem Arm fest und lässt verspielt seine Hand über das Wasser gleiten. Ein seltsames Leuchten erscheint unter der Oberfläche. Diese eigenartigen Lichtpünktchen wie von hundert Glühwürmchen ziehen sich langsam zu einer Kugel zusammen. Lorius dreht seinen Zeigefinger wie eine Spirale und Schwups! ‒ die Zauberkugel zischt aus dem Wasser und explodiert vor unseren Augen in einem leuchtenden Glanz wie ein Regen aus Diamantenstaub. Dieser Staub formt bewegliche Bilder und zeigt mir die fliegenden Silberadler und eine Frau, die mit Maske gegen einen Mann kämpft.

Entgeistert schaue ich Lorius an. Dieses grandiose magische Schauspiel hat unsere zweite Begegnung vorgeführt, das heißt von Nailah, meinem früheren Ich, und Lorius. Ich halte meine Hand Richtung Zauberstaub und finde unverhofft funkelnde Diamanten in meiner Handfläche vor. „Unglaublich.“

Lorius lächelt, schließt meine Hand und drückt einen Kuss darauf. Danach fängt er etwas von diesem verschwindenden Staub auf und pustet es mir ins Haar und auf die Haut, was mich anstatt der Goldmarie wie eine Silbermarie aussehen lässt.

Freudestrahlend nimmt er mich auf seine Arme und trägt mich aus dem Wasser, um mich ins Bett zu befördern. Dort angekommen tupft er mir mit Tüchern sanft die Haut trocken. „Ich muss morgen nach Manka. Begleitest du mich?“

Lorius wirft die Tücher fort, als wir trocken sind, stupst mir verspielt mit dem Zeigefinger auf die Nase und zieht mich in seine Arme. „Gerne. Und ich hab auch schon einen guten Vorschlag für dein Problem.“

Meine Finger fahren über seine Brust. „Ach tatsächlich? Lass hören.“

„Lydo und Mayleen. Fürst und Fürstin von Manka.“

Oh, wieder ein Bürger weniger in der Menschenwelt. Hat die Berufsschule doch echt seinen Sinn erfüllt, denn, frisch aus dem Unterricht, ist die eine aufgestiegen zu einer Königin und die andere zu einer Fürstin. Bin gespannt, was Mayleen davon hält.

5 Manka

Jaislyn

Anstatt wie üblich mit der Fluggondel, die mich stets an eine venezianische Gondel erinnert, zu reisen, besuchen wir Manka zu Pferd. Mit dabei eine Eskorte von Soldaten und Lorius, Lydo, Mayleen und mein geliebter Silberadler Aliro, der anmutig über mir schwebt. Wir verlassen die Hauptstadt Salamanka – wer kam bloß auf die bescheuerte Idee, die Hauptstadt genauso zu nennen wie das gesamte Reich? –, und reiten gen Süden. Trostlose Wüstenlandschaften breiten sich aus, so weit das Auge reicht. Nicht einem Häuschen begegnen wir, weder Tieren noch Menschen.

Trotz der weiten und offenen Landschaft überkommt mich ein bedrückendes Gefühl der Beklemmung.

Gut, dass wir genug Wasservorräte dabeihaben, denn die Sonne ist trotz der frühen Morgenstunde schon ziemlich warm. War eine Scheißidee von mir, abenteuerlich zu Pferd zu reisen. Warum konnte ich nicht auf Lorius’ Einwand hören? Das ist wieder typisch für mich. Kann nicht zuhören. Hmpf.

Aliro macht seinem Unmut ebenfalls lautstark Luft und kreischt über unseren Köpfen.

Sicherlich fragt er sich, warum er mitgeflogen ist.

In dieser unheimlichen Stille wirken die Hufe unserer Tiere ohrenbetäubend und würden uns jederzeit verraten, wenn Diebe uns auflauern wollten. Wir versuchen keine Pause einzulegen und reiten gut zwei Stunden durch diese trübsinnige Gegend.

Als wir uns Manka von einer Anhöhe nähern, sind wir schon sichtlich erschöpft, aber der Anblick des aufkommenden Tals, umsäumt von Berghängen, lässt alle Strapazen in den Hintergrund verschwinden. Eine wahre Oase der Pracht strahlt uns da entgegen. Manka erstreckt sich sichelförmig über eine Länge von vierzehn Kilometern. Das Zentrum der Stadt ist natürlich die prächtige Fürstenresidenz mit seinen erlesenen Innenhöfen, üppigen Gärten, Archiven und dem Zeremoniensaal. Darum befinden sich Lagerräume, die kleineren Häuser der Beamten und Dienstboten sowie die Ställe. Wieder mal alles pompös und protzig, aber farbenfroh, was mich ein wenig wundert aufgrund der Düsternis von Rades’ Familie. Soviel ich verstanden habe, stammte auch Mendaris von hier. Rades’ Vater Nerowin und Mendaris waren Brüder und sich in ihrer Arroganz und Habgier sehr ähnlich.

Vor der Residenz von Rades angekommen werden wir gleich von Minister Lemalian begrüßt, der mir galant aus dem Sattel hilft. Ich zupfe mein sommerliches blassrosa Reitkleid zurecht und warte, bis alle Reisebeteiligten ebenfalls abgestiegen sind. Aliro fliegt davon und macht seine Erkundungstour. Dienstboten versorgen uns mit Fruchtsäften, und ich schaue Mayleen schmunzelnd zu, wie sie steif aus dem Sattel rutscht. Sie stöhnt lautstark und torkelt auf mich zu. „Boah! Tut mir der Arsch weh.“

Minister Lemalian zieht etwas schockiert die Augenbrauen hoch.

Na, das war jetzt nicht gerade damenhaft formuliert. Man muss uns für barbarische Frauen halten, die keine Benimm-Schule besucht haben. Haben wir auch nicht.

Ich werfe Mayli einen missbilligenden Blick zu, und sie schlägt sich die Hände vor den Mund. Spielerisch boxe ich ihren Oberarm. Wird nicht ihr letzter Fauxpas gewesen sein. Auch ich werde mit Sicherheit noch in viele Fettnäpfchen treten.

Lydo nimmt Mayli amüsiert an die Hand, wir folgen Minister Lemalian die zehn Stufen hinauf zur Residenz. Das Eingangsportal ist gigantisch.

Wer soll hier durchpassen? Godzilla?

Verstimmt registriere ich das viele Gold an dem doppelflügeligen Tor und beiße mir auf die Lippen, um ja nicht meinem Unmut lautstark Luft zu machen.

Lorius verschränkt die Arme auf dem Rücken, nähert sich meinem Ohr und flüstert: „Na? Reißt du gedanklich schon die Türen raus?“

Steht mir wohl im Gesicht geschrieben.

Die Tore werden geöffnet, und eine merkwürdige kalte Kraft kommt mir entgegen. Ich schnappe nach Luft und bleibe stehen. Mein Haar weht, als würde es von einer durchsichtigen Hand liebkost. Verblüfft schaue ich mich um, weil all die anderen ungerührt weitergehen. Hat das denn keiner gesehen und gefühlt?

Lorius tritt erneut neben mich. „Alles in Ordnung?“

Ich versuche mich wieder in den Griff zu bekommen und nicke nur. Als ich mich zu Mayleen, die ein gigantisches Bild bestaunt, in die Eingangshalle geselle, finde ich zu meinem Sarkasmus zurück und kreuze die Arme vor der Brust. Ein übertrieben großes Gemälde ziert den Eingangsbereich, worauf ein blutjunger Rades mit seinen Eltern Nerowin und Arrinda porträtiert wurde. Das Bild wirkt so kalt wie eine Winternacht in Sibirien.

Ich schnaube und kann meinen Zynismus nicht mehr zurückhalten. „Sind wir jetzt bei der Addams Family, oder was?“

Mayleen fängt an zu kichern. „Das habe ich auch gerade gedacht.“

Lydo gesellt sich zu uns und fragt verwirrt: „Addam … wer?“

Ich klopfe ihm auf die Schulter und gehe grinsend weiter. „Ist ein Insider.“

Nun schaut Lydo noch verwirrter als zuvor.

Lorius zieht ihn lächelnd mit sich. „Frag erst gar nicht. Diese Mädels kann man ab und zu nicht verstehen. Sie sind einfach nicht von dieser Welt, mein Freund.“

Von der Eingangshalle aus gehen wir durch einen lichtdurchfluteten, runden Gang, von dem aus man in unterschiedliche Räume gelangen kann. Wie den Audienzsaal, den Tanzsaal, den Zeremoniensaal sowie den großen und einen kleinen Speisesaal. Anschließend wird der Gang breiter, und in dessen Mitte heißt uns ein Springbrunnen willkommen, wo aus Amphoren das Wasser sprudelt. Minister Lemalian bleibt stehen und zeigt auf die kommenden Türen, die mit eindrucksvollen Runen und Ranken aus Gold verziert sind. „Wenn es Euch beliebt, könnt Ihr nun die Privatgemächer der Hausherren besichtigen. Ich lasse Euch alle kurz allein, weil es mir nicht zusteht, diese Räume zu betreten, da ich nicht zur Familie gehöre.“ Minister Lemalian deutet eine knappe Verbeugung an, öffnet einen unauffälligen Eingang neben den Springbrunnen und gelangt auf einen blumen- und pflanzenreichen Innenhof mit Steinbänken und Statuen.

Lorius betritt unterdessen das erste Zimmer zu seiner Rechten. Ein etwas dunkler Raum präsentiert sich uns mit vielen Regalen und Tischen. Darauf befinden sich Phiolen, kleine Amphoren, skurrile Karaffen, kleine blaue Fläschchen mit uns unbekannten Essenzen. Silberschalen mit vertrockneten Kräutern, skelettierte Kleintiere, die ich nicht definieren kann, und Schmuck aus Obsidian stehen ebenfalls herum. Dies ist eindeutig das sogenannte Hexenzimmer von Rades’ Mutter Arrinda. Hier und da liegen alte, verstaubte Zauberbücher herum und noch vieles mehr, was ich lieber nicht wissen möchte.

Während sich die anderen neugierig umschauen, gehe ich langsam rückwärts zum Ausgang zurück. Dieses Zimmer mag ich überhaupt nicht. Es flößt mir Angst ein, und der Geruch nach kaltem Tod ist penetrant. Ich trete auf den Gang zurück, hole erleichtert Luft und genieße lieber den Anblick des Springbrunnens. Vier weitere Türen präsentieren sich mir, aber ich zögere, ob ich wirklich noch ein Zimmer betreten möchte. Nach ein paar Minuten des Herumdrucksens siegt die Neugierde. Also öffne ich den Raum, der gegenüber dem Hexenzimmer liegt. Es bietet sich mir ein Anblick, als stünde ich in einem Badesaal im alten Rom. Es ist ein schöner Saal mit einem großen und einem kleinen Wasserbecken. Frische Rosenblätter schwimmen auf der Oberfläche, und weitere liegen auf goldenen Tellern bereit, die sich in Nischen an den Steinwänden befinden. Badeöle und Essenzen stehen ebenfalls zur Verfügung und flauschige Badetücher. Pflanzen und exotisch aussehende Blumen zieren den gesamten Raum. Säulen runden das Flair ab. Dann entdecke ich am Ende des Bads noch eine beeindruckende Pforte.

Ich gehe durch den menschenleeren Saal, in dem man nur das herrliche Plätschern von Wasser vernehmen kann, und schlüpfe durch die neu entdeckte Tür.

Das war ein Fehler.

Ein wenig geschockt starre ich durch diesen Raum, der wirklich der letzte auf Erden … ähm Salamanka ist, den ich betreten sollte.

Rades’ Schlafgemach und private Räumlichkeiten, was ich allein an seinem Geruch ausmachen kann. Oha. Ich muss hier schnell verschwinden. Denn das wird mir zu persönlich und zu nah.

Sein magisch-faszinierender Duft hängt schwer in der Luft und versucht mich einzulullen. Wieder entdecke ich goldgerahmte Porträts von Nailah und mir. Auf einem weht Nailahs Haar, als liebkose sie eine warme Brise. Auf einem Gemälde von mir trage ich ein hauchdünnes Kleid, das im Wind zu flattern scheint, wobei meine Brustwarzen stark zu erahnen sind. Wirklich äußerst sexy, die Bilder, aber auch höchst angsteinflößend. Von einem weiteren Bildnis lächele ich mir selbst entgegen.

Ich mache mir gleich ins Kleid. So etwas Verwirrendes und Unheimliches habe ich noch nie zuvor gesehen.

Adrenalin schießt mir durch die Adern, und mir wird fürchterlich flau im Bauch. Ich fühle mich wie in einem schlechten Film und wische mir den Schweiß von den Schläfen. Mir ist heiß und kalt zugleich. Schmetterlinge und Libellen stürzen durch mein Innerstes aufgrund des anziehenden Geruchs in diesem Raum, aber auch eine geballte Ladung Furcht schnürt mir die Kehle zu. Und anstatt schleunigst diesen Raum zu verlassen, zieht mich etwas noch mehr hinein.

Dann fällt mein Blick auf das herrschaftliche Bett mit dunkelgrünen, leicht durchsichtigen Vorhängen, das sich ein wenig versteckt hinter Zimmerpalmen verbirgt. Rechts neben dem Bett hängt ein Porträt, auf dem ich mich in einem elbenähnlichen himmelblauen Kleid und mit offenen Haaren an Rades schmiege. Ich muss heftig schlucken, und mein Herz rast wie ein ICE.

Dieses Bild macht mich echt fertig.

Ich stolpere zurück und werfe ein Tischchen um, wobei ein kleiner Bilderrahmen zu Boden gefegt wird. Schnell richte ich den Tisch wieder her, hebe es auf. Natürlich bin ich so blöd und drehe das Bild in meinen Händen um. Rades’ wunderschönes Gesicht, umrahmt von seinen langen schwarzen Haaren, strahlt mich an. Wie aus heiterem Himmel fließt Leben in sein Gesicht, und Rades schaut mir intensiv in die Augen. Ein kleiner Schrei flüchtet über meine Lippen, und meine Hände zittern. Als sich plötzlich seine Lippen bewegen und flüstern: „Ich werde deine Liebe ändern“, werfe ich vor lauter Schock das Porträt von mir und sacke von einer seltsamen Kraftlosigkeit überrannt zu Boden.

6 Melancholie

Jaislyn

Ein Kreischen, das weit weg scheint, dringt in mein Ohr und zwingt mich aus meiner Bewusstlosigkeit zurück in die Realität. Meine Wange ruht auf meinen Händen, und die wiederum liegen gebettet auf einem starken Arm. Zärtliche Finger gleiten durch mein Haar, über meine Schläfe und lassen mich vollends erwachen. Mein verschwommener Blick erhascht Aliro, der auf Lorius’ Schulter sitzt und besorgt kreischt. Mein Mann kniet auf dem Boden mit meinem Kopf auf seinem Arm, der auf seinem Schoß ruht. Lorius’ melancholischer und besorgter Blick stimmt mich traurig und bereitet mir ein fürchterlich schlechtes Gewissen.

Während er mich weiter streichelt, schaue ich ihn schuldbewusst an und wispere: „Was ist nur los mit mir? Irgendetwas stimmt nicht. Meine Gefühle spielen verrückt und zerreißen mich von innen. Ich erkenne mich selbst nicht mehr.“

Da ist er wieder: der schmerzhafte Lorius-Blick gepaart mit Verlustängsten.

Mein Lorius wird nie allein sein. Die Melancholie ist stets ein Teil von ihm.

Er lässt sich nicht anmerken, ob er meinen Gedanken zugehört hat. Stattdessen sagt er: „Es ist Rades. Er versucht dich in seinen Bann zu ziehen. Wir hätten nicht herkommen dürfen, solange er noch am Leben ist. Lydo und Mayleen hätten auch später ihr neues Zuhause besichtigen können.“

Mit unvermuteter Verstimmung drehe ich meinen Kopf fort, um Lorius nicht ansehen zu müssen. „Später? Nach was? Nach Rades’ Ermordung?“ Meine Stimme klingt schnippisch, und sofort tut es mir leid. Ich schließe die Augen und atme mehrmals tief ein und aus. Mit aller Kraft versuche ich mich Rades’ Macht zu entziehen, um zu mir selbst zurückzufinden. Nailah war es stets gelungen, also wird es mir ebenfalls glücken. In Ägypten konnte ich Rades und seiner Anziehungskraft auch widerstehen, warum nur schafft er es hier, mich so zu manipulieren? Wir sind auf seinem Terrain, das ist klar, und seine Macht scheint gehörig zu wachsen, also ist absolute Vorsicht geboten.

Meine Gedanken und mein Herz müssen sich an Lorius und an unsere Liebe, die so vieles überstanden hat, klammern. Über zweihundert Jahre hat diese Liebe überlebt und alle Höhen und Tiefen gemeistert. Lorius’ Treue ist einzigartig, und er verdient es, die gleiche Treue zu erhalten. Ich muss kämpfen. Ich muss Rades aus meinem Kopf verbannen. Ich muss mein Herz vor Rades verschließen. Sonst bin ich verloren. Seine Kraft legt sich wie ein schwarzer Schleier über uns. Er darf um keinen Preis gewinnen.

7 Vergebung

Jaislyn

Ein neu angefertigtes Todesurteil liegt vor mir, da ich das erste übel zerknittert hatte. Meine Hand mit der Schreibfeder zittert. Ich kann das nicht. Aber ich muss. Reesa legt mir ihre Hand auf die Schulter, um mir den nötigen Mut und die Kraft zu verleihen, es zu vollbringen. Denn diese Unterschrift wird mir mein Leben zurückgeben. Jede Macht, die Rades versucht auf mich auszuüben, wird mit seinem Tod vernichtet.

Lorius steht mit auf dem Rücken verschränkten Händen am Fenster und starrt reglos hinaus. Wenn er sich unbeobachtet fühlt, erkenne ich die gemischten Gefühle in seiner Mimik. Mit Sicherheit möchte ein Teil von ihm ebenfalls den drohenden Tod von Rades vermeiden.

Verdammt, Rades! Du bist ein gefährlicher Gegner, der unsere Gefühle durch den Schleudergang jagt.

 Mit Tränen in den Augen tunke ich die Feder in die Tinte und unterschreibe dieses grausame Stück Papier. Auch wenn er es verdient hat und Nailah, mein anderes Ich, durch ihn elendig leiden musste, will ich ihm verzeihen. Denn alles, was er tat, tat er aus Liebe, die ich zwar nicht ganz verstehe, aber sie ließ ihn leiden, und er sah keinen anderen Ausweg mehr. Ich weiß nicht, ob es wirklich meine Überzeugung ist oder ob er es geschafft hat, mich zu manipulieren, mein Herz jedoch fleht um Vergebung. Immerhin komme ich aus einem Land, in dem es keine Todesstrafe gibt.

Eine dicke Träne fällt auf meine Unterschrift und hinterlässt einen gewaltigen Fleck. Mit Wachs und Siegel mache ich es rechtskräftig, und ich hasse mich dafür.

Soeben habe ich Rades getötet. Ich rolle es zusammen, doch bevor Reesa das Schriftstück an sich nehmen kann, poltert die Tür auf, und Soldaten marschieren herein, als wäre ein Krieg ausgebrochen. An ihrer Spitze Mykros, der sein Wort an mich richtet: „Verzeiht, meine Königin. Der Gefangene ist geflohen!“

Ermattet und wie gebeutelt erhebe ich mich vom Stuhl und senke mit geschlossenen Augen das Haupt. Meine Hände presse ich auf die Tischplatte, dabei zerdrücke ich versehentlich die schwerwiegende Schriftrolle. „Welcher der Insassen?“, frage ich. Allerdings weiß ich ohnehin, wer gemeint ist.

„Fürst Rades von Manka, Majestät.“

Ich reiße die Lider wieder auf und starre auf meine Hände und somit auf das zerdrückte Todesurteil. Erneut schließe ich kraftlos die Augen. Es ist, als trüge ich einen Sack voll schwerer Steine auf den Schultern. „Wie ist das möglich?“ Ich wage einen Seitenblick auf Reesa, die bereits angestrengt gedanklich nach ihm sucht, um an Informationen zu kommen.

8 Die Phiole

Rades

Am Abend zuvor

Ich könnte vor Verlangen und Wut die Gitterstäbe anspringen. Zu fühlen und zu wissen, dass die Frau, die stets meine Gedanken füllt, durch mein Gemach schreitet, macht mich schier wahnsinnig. Die Vorstellung, wie sie all meine Dinge sieht, riecht oder berührt, ist faszinierend für mich, und ich würde sie gerne real dabei beobachten.

Ich muss endlich hier raus. Wo zum Geier bleibt dieser beschränkte alte Mann? Der Kerker hält mich schon viel zu lange gefangen! Und meine Kräfte sind nicht stark genug und prallen immer wieder an Jaislyns Willenskraft ab.

Unruhig laufe ich in meiner Zelle auf und ab. Der Wunsch, endlich frei zu sein, wird immer unerträglicher. Mit geballten Fäusten bleibe ich stehen und kann mich kaum noch zügeln. Mein Frust muss raus. Ich schlage mit der Faust auf den Metalltisch, was eine gewaltige Delle hinterlässt, fege einige Bücher mit bloßer Willenskraft aus dem Regal und trete den Stuhl fort. Mein plötzlicher Wutschrei zerschneidet die Luft und lässt Metalltrinkbecher, Kerzenhalter und Toilettenartikel in den Regalen umfallen und klirren. Ich stemme die Handflächen gegen die kühle Mauer meines Verlieses und lasse den Kopf resigniert hängen.

„Garados! Komm beim Putzen unserem besonderen Gast lieber nicht zu nahe! Der scheint gerade auszuflippen!“

„Is’ sicher nicht zufrieden mit dem Service hier“, antwortet der Alte mit einem Grinsen in der Stimme. Ich horche auf und lausche dem Geplänkel zwischen dem Wachmann und dem schmierigen Kerl mit Wischmopp, der endlich zurück ist.

Hoffnung keimt in mir auf. Ich richte mich ordentlich her und streiche mir das wilde Haar zurück. Garados ist also sein Name.

Den habe ich sicher schnell wieder vergessen. Sobald ich hier raus bin.

Die Unordnung nicht weiter beachtend, sehe ich Garados entgegen. Er grinst mich mit seinem widerlichen Gebiss an. Mir dreht sich fast der Magen um. Nur gut, dass ich seinen Mundgeruch nach verfaulten Zähnen nicht riechen muss.

Eigentlich sollte ihn jemand von seinem Dasein erlösen.

Als nichts von der Wache zu sehen ist, schmuggelt Garados eine Schriftrolle unter seinen Mopp, schiebt ihn zu mir ans Gitter und zischt mit herbem Befehlston: „Unterschreib.“ Ich nehme das Schriftstück schnell an mich und ziehe mich zurück, um es zu lesen. Wie besprochen, steht dort – nicht sonderlich sauber aufgekritzelt – seine Forderung. Schnell unterzeichne ich den Wisch mit meinem Kohlestift, rolle das Schriftstück zusammen und lasse es unauffällig zu Boden plumpsen. Garados schiebt seinen Mopp unter dem Spalt der Gitter durch, zieht ihn mitsamt dem Schreiben zu sich heran und beugt sich hinab, um vorzugeben, den Mopp auszuwaschen. Eilig verstaut er das für ihn kostbare Schriftstück, das ihm den Weg in ein besseres Leben ebnen soll, in der Innentasche seiner schmierigen Kleidung. Gemächlich wringt er sein Bodentuch aus und lässt mich zappeln. Ich verschränke die Arme vor der Brust und rühre mich nicht.

Die Genugtuung, dass du glaubst, Macht über mich zu besitzen, werde ich dir nicht geben, alter Trottel.

Garados lächelt weiter triumphierend vor sich hin, leckt sich die Lippen und widmet sich seinen Putzfläschchen, die er in einem anderen Eimer verstaut hat. Er nimmt eine blaue geschwungene Phiole heraus, versteckt sie unter seinem Mopp und dirigiert sie unauffällig in meine Richtung.

„Garados!“

Mir rutscht vor Schreck beinahe das Herz in den Magen. Ein Aufseher kommt auf den Alten zu und baut sich vor ihm auf. „Du hast deine Eimer nicht vorgezeigt! Löblich, wie schnell du dich ans Putzen machst, aber du kennst die Vorschriften!“ Garados lehnt lässig seinen Schrubber an die Mauer und zeigt dem Aufseher Wasser-, Müll- und Putzeimer. Dieser wühlt die Fläschchen durch und schnuppert zur Kontrolle an jedem einzelnen. Mein Adrenalin und meine gehörige Unruhe sind dennoch nicht besänftigt, obwohl mich das Wissen stärkt, dass die wichtige Phiole unter dem Mopp ruht. Der Aufseher ist nach seiner Kontrolle beruhigt und klopft Garados höflich auf die Schulter, wirft mir einen prüfenden Blick zu und geht zurück auf seinen Posten an der Verliestür, die etwa fünfzehn Meter schräg um die Ecke liegt. Garados lächelt mich an, als wäre er der klügste Kerl Salamankas.

Hochmut kommt vor dem Fall, alter Mann. Eine kluge Weisheit aus der Menschenwelt. Und ich habe öfter von dieser Weisheit gekostet.

Langsam, als hätte Garados alle Zeit der Welt, widmet er sich wieder seinem Mopp. Ich bleibe eine reglose Statue, denn auf ein paar Minuten mehr oder weniger kommt es auch nicht mehr an. Garados schiebt mir vorsichtig die Phiole zu und schreitet stolz wie ein Kaiser von dannen. Neugierig hebe ich das Fläschchen auf und betrachte das Innere, das wie ein dunkelblau glitzernder Wasserstrudel aussieht.

Das soll nun mein Schlüssel in die Freiheit sein? Zu schade, dass Garados mir keine Gebrauchsanweisung beigefügt hat.

Meine blendende Laune beginnt wieder zu sinken.

Was, verflucht noch mal, mache ich nun mit diesem Ding? Muss ich das Zeug darin trinken? Es kaputt werfen? Schütteln? Braucht es einen Zauberspruch, den ich nicht habe?!

Ich stelle die Phiole auf meinen Tisch und starre sie nachdenklich an. Nur leider offenbart sie mir nicht von selbst ihr Geheimnis. Ich reibe mir grübelnd über den Bart, und meine Miene verdüstert sich mit jeder verstreichenden Sekunde.

Das Abendessen, wenn man es so nennen kann, wird gebracht, und ich verstaue unauffällig die Phiole bei meinen Toiletten-Artikeln, als wäre es nur eine Waschessenz in einem hübschen Flakon. Es dauert nicht lange, und herrliche Ruhe kehrt ein, da die Wache nie einen Nachtgang macht. Zu selbstsicher sind sie mit ihrem Verlies. Während des Essens habe ich viel hin und her überlegt und bin zu einer Entscheidung gekommen. Ich vergewissere mich, dass wirklich niemand zu sehen und zu hören ist, schaue den trüben Gang rauf und runter, schnappe mir anschließend die Phiole und gehe in den Privatbereich meiner Zelle.

Vorsichtig öffne ich das Fläschchen mit einem Plopp-Geräusch. Wusch! Eine Minidruckwelle presst mich mit dem Rücken an die Mauer, der Glitzerinhalt sprudelt wie eine Fontäne heraus und ergießt sich vor meinen Augen. Eine dunkelblaue magische Wasserwand bildet sich. Mein erster Schock wandelt sich in ein Lächeln um, das beinahe bösartig wirkt.

Garados. Du naiver, tölpelhafter Tunichtgut. Das Einzige, was dir vermutlich klar ist, ist, dass jede Phiole meiner Mutter aus ihrer Hexenküche Magie enthält. Sicher weißt du nicht, was für einen Schatz du mir gebracht hast. Ein fantastischer Ausweg in meine Freiheit.

Meine Mutter war zwar nicht die liebevollste und fürsorglichste Frau, aber dafür schlau, durchtrieben und eine brillante Hexe. Sie hat es geschafft, das magische Wasser aus den verbotenen Quellen von Marmari in die Phiole einzufangen. Das Funkeln in dem Wasser ist unverkennbar. Vage erinnere ich mich daran, wie sie es mir einst zeigte. Die Furcht und der Respekt vor dieser schicksalsträchtigen Macht hatte sie stets daran gehindert, die Phiole einzusetzen. Es heißt, die Quellen seien längst versiegt. Dieses Wasser ermöglicht es mir nicht nur, von einem Ort zum anderen zu gelangen, nein, es kann noch sehr viel mehr.

Höchst zufrieden seufze ich all meine Anspannung heraus und schließe die Lider. Vor meinem inneren Auge sehe ich Jaislyns Gesicht und ihren anziehenden Körper. Ihre smaragdgrünen Augen, die sich in meine Seele gebrannt haben, leuchten mich entzückt an. Ihr bis zum Gesäß langes schwarzes Haar lädt zum Anfassen und Schnuppern ein. Ihr Wissen und ihre Techniken in der Kunst des Kampfes machen Lust auf Spaßkämpfe und Rangeleien. Und nicht zu vergessen: Ihr hoher Status hier in Salamanka wird mir eine glorreiche Zukunft bescheren, die sich mein Vater schon immer für mich gewünscht hatte.

Nun dauert es nicht mehr lange, und du wirst mein sein. Ich werde dich umgarnen und dir meine Zuneigung beweisen. Du wirst dich in mich verlieben und dich nach mir sehnen. Freiwillig und mit völliger Hingabe wirst du zu mir finden.

Wie in Zeitlupe strecke ich die Hand nach der Wasserwand aus und berühre sie mit den Fingerspitzen. Wellen erscheinen, werden breiter, und ich fühle ein warmes Kribbeln auf der Haut, jedoch keine Nässe. Auch der Boden um mich herum weist keinerlei Wasserspritzer auf. Ich trete vor und lasse mich von dem magischen Wasser an mein gewünschtes Ziel in Manka forttragen.

9 Der Fund

Jaislyn

Obwohl wir wissen, dass sich Rades nicht mehr in seiner Zelle im Gefängnis befindet, folgt mir eine ganze Armee ins Verlies. Die überbesorgten Herren Lorius und Nasto ließen sich in diesem Punkt nicht umstimmen, auch wenn ich es für überflüssig halte. Sämtliche Wärter aus allen Schichten, sei es Früh-, Spät- oder Nachtschicht, müssen Rede und Antwort stehen. Dabei werden sie von Lorius und Nasto gehörig in die Mangel genommen.

„Der Fürst von Manka kann sich doch nicht einfach in Luft auflösen!“ Lorius packt den ranghöchsten Offizier am Kragen und donnert ihn brüllend gegen die Wand. „Es geht hier um die Sicherheit der Königin und um ihr Wohlergehen, also strengt eure Köpfe gefälligst an! Der kleinste Hinweis kann der Schlüssel zu seiner Auffindung sein!“ Hoppla, so aggressiv habe ich Lorius noch nie gesehen.

Während die Wärter alles berichten, was sie wissen, was schlicht und einfach gar nichts ist, untersucht Reesa in aller Ruhe die Zelle. Nimmt Gerüche in sich auf, berührt Rades’ Gegenstände und sucht die Bücher und Porträts nach Hinweisen ab. Letztendlich ruft sie uns zu sich, um uns eine Phiole zu zeigen. Reesa hockt sich hin, hebt die Phiole vom Boden auf, die so gut wie leer ist bis auf einen Hauch von Glitzer. Sie riecht daran und streicht mit dem Zeigefinger über den Flaschenrand, um den Glitzer zu schmecken. Neugierig sehen wir ihr dabei zu und warten ab, was passiert.

Sie schaut entgeistert zu uns auf und erhebt sich. „Darin befand sich das magische Wasser aus den verbotenen Quellen von Marmari.“

Ich kapiere wieder nur Bahnhof und kann daher die Bestürzung um mich herum nicht verstehen. „Was soll das sein? Reisewasser to go, oder wie?“

Normalerweise würde Lorius jetzt schmunzeln bei der Wahl meiner Worte, seine aufgerissenen Augen machen mir jedoch massig Angst.

Reesa geht an uns vorbei und flüstert ihm zu: „Ich begebe mich auf die Suche nach dem magischen Wasser von Marmari. Wir müssen ihm irgendwie zuvorkommen oder es rückgängig machen, falls das Schlimmste eintritt. Nicht auszudenken, was alles geschieht, wenn er in die Vergangenheit reist …“ Reesa seufzt gequält.

Lorius nickt ihr zu, während sie ihm zum Abschied schwesterlich auf den Oberarm klopft und geht. Er reißt mich so stark in seine Arme, dass sich sein Kampfanzug schmerzlich in meine Haut bohrt. Er hält mich schützend umklammert, legt seine Wange auf mein Haar und sagt um Fassung ringend: „Rades hat einen Weg gefunden, dich und deine Liebe zu ändern.“

10 Hexenküche

Rades

Mondän schreite ich aus der Wasserwand in meinen privaten Badesaal in Manka. Das magische Wasser von Marmari zieht sich zusammen und schwebt glitzernd wie ein Umhang hinter mir her. Nachdenklich, wie ich das Wasser einfangen und transportieren soll, umrunde ich das Badebecken, werfe dabei meinem ungewöhnlichen Umhang einen liebevollen Blick zu und strecke letztendlich einladend die rechte Hand aus. Das Wasser folgt meiner Aufforderung, sammelt sich in meiner Handfläche und zieht sich wie eine Kugel zusammen. Ich lege meine linke Hand wie einen Deckel darüber und schleiche zum Ausgang des Bads.

Durch meine bloße Willenskraft öffnet sich die Tür, und ich spähe hinaus auf den Flur. Rasch husche ich hinüber zu dem Hexenzimmer meiner längst verstorbenen Mutter. Wie von Geisterhand öffnen und schließen sich erneut für mich die Durchgänge. Mit einem zufriedenen Lächeln blicke ich mich in diesem nur schwach erhellten Raum um, bis ich einen Phiolen-Anhänger mit stabiler Kette gefunden habe. Funkelnd und mit kaum zu vernehmendem Meeresrauschen fließt das magische Wasser aus meinen Händen in die neue Phiole. Das herrliche Leuchten strahlt bis in mein Gesicht, und stolz hänge ich mir diese Kostbarkeit um den Hals. Sogleich schnappe ich mir ein edles Samtbeutelchen aus einem der vielen verstaubten Regale, puste den Schmutz fort und suche mir nützliche Dinge aus Mutters Hexenküche zusammen. Besonders ordentlich war sie nie, jedenfalls hat sie nicht viel von der Sortierung nach einzelnen Themen gehalten. Zwischen all den getrockneten Pflanzen und Tierskeletten liegen Schmuckstücke herum sowie Schüsseln, Töpfe, Kelche, Kerzen, Dolche, Amulette, sogar die Kristallkugel, die wie ein riesiger Opal aussieht. Die Versuchung ist groß, die Kugel mitzunehmen. Leider ist meine Macht bisher zu schwach gewesen, um die seherische Kugel zu erwecken. Seufzend gehe ich weiter und suche die Regale, Kommoden und Tische nach nützlichen Utensilien ab.

Von den Schrumpfköpfen in Gläsern und den gefährlichen Fingerkrallen möchte ich gar nicht weiter berichten, wer weiß, was sie damit alles trieb?

Ich entdecke einen verschnörkelt-protzigen Ring aus Obsidian mit einem prallen roten Rubin und kann mich sofort an dieses Schmuckstück erinnern. In meiner Kindheit sah ich es zum ersten Mal. Es ist der Ring der kleinen Wünsche. Er kann nichts Bahnbrechendes, er wird mir aber von Nutzen sein. Schwupp – wandert er in meinen Beutel mit so allerlei anderem Kram. Bevor ich ihn weiter füllen kann, werde ich durch einen erschreckten Aufschrei buchstäblich aus den Gedanken gerissen. Ein allzu neugieriges Reinigungsmädchen steht in der Tür, obwohl es jedem verboten ist, außer mir, versteht sich, diese Räumlichkeiten zu betreten. Geschwind stürzt sie hinaus und ruft die Wachen.

Mehr als verärgert breche ich meine Suche ab und gehe, auf alles gefasst, zur Tür. Noch bevor die drei Wachen verstehen, wie ihnen geschieht, liegen sie niedergestreckt von meinen präzise gezielten Wurfmessern am Boden. Minister Lemalian greift mich mit seinem Schwert an, doch ich balle die Hände zu Fäusten, und er prallt allein durch meinen Willen an die Wand. Mit einer entsetzlichen Kopfverletzung sackt er zu Boden und tränkt seine stattliche Kleidung mit seinem eigenen Blut. Eine Entschuldigung murmelnd trete ich über ihn hinweg, binde mir den Beutel ans Gewand und verschwinde schnell zurück in meinem Bad, um endlich meine eigentliche Reise anzutreten.

Eilends spute ich mich durch die Verbindungstür in mein Schlafgemach, um mir mein Medaillon mit Nailahs Antlitz zu beschaffen. Ich drücke dem Bildnis voller Zuversicht einen Kuss auf und haste zurück ins Bad.

Um Lemalian tut es mir leid. Doch ich kann und darf nicht zulassen, dass mich irgendetwas aufhält. Meine jahrhundertelange Geduld ist erschöpft, und ich werde mir endlich holen, was mein Verlangen stillen kann. Mag sein, dass ich völlig verrückt und fanatisch bin. Mag sein, dass ich über Leichen gehe. Aber ich muss mein gebrochenes Herz heilen. Es wartet noch eine Menge Arbeit auf mich, was allerhöchster Vorsicht bedarf. Doch ich werde jeden Moment auskosten und genießen.

11 Angst

Lorius

Ich kenne diese alles umschlingende Angst. Diese Angst, die das Herz in Ketten legt und einem jede Hoffnung nimmt. Diese Furcht frisst alles Gute und hinterlässt nur Schmerzen und Qual. Zuletzt fühlte ich diese lähmende Panik, als Nailah verschwand und ich sie nur noch tot bergen konnte. Nun halte ich ihre Reinkarnation in meinen Armen und möchte sie nie mehr gehen lassen. Sie ist die Prinzessin meines Herzens. Die Königin meiner Liebe. Ich verstehe einfach nicht, warum uns das Schicksal so oft herausfordert. Warum nur können wir nicht in Frieden existieren? Warum dürfen wir unsere so hart erkämpfte Liebe nicht leben? Ich habe bereits unendlich viele Steine, die sich uns in den Weg legten, beiseite geräumt. Aber nun ist der Haufen so groß, dass ich bald mit meinen Kräften am Ende bin und nicht mehr weiterweiß.

„Lorius?“

Ich blicke auf Jaislyn hinab und versuche, für sie ein Lächeln auf meine Lippen zu zaubern, worin ich kläglich scheitere. Ich kann sie einfach nur weiter an mein schmerzendes Herz drücken. Mein Blick wandert zu Nasto, der der wahre Vater von Nailah war und nun irgendwie auch Jaislyns Vater geworden ist. Er wirkt gealtert und müde. Auch ihm steht die Sorge tief ins Gesicht geschrieben, genau wie Reesa.

„Der Fürst wurde in seiner Residenz in Manka gesichtet!“, schreit Mykros und kommt auf uns zugelaufen. Sogleich verlassen wir das Verlies und steigen in eine Donala, die Jaislyn immer als Fluggondel bezeichnet. Weitere fünf Donalas mit jeweils zehn Soldaten an Bord folgen uns. Nach einem zügigen Flug kommen wir in Manka an. Anstatt von Minister Lemalian werden wir von Oberst Emali empfangen, der uns nach knappen Worten zu den Opfern geleitet. Jaislyn schlägt sich die Hände vor den Mund, als sie das viele Blut sieht. Minister Lemalian hatte offenbar noch versucht, sich zu erheben, und somit wurde sein Blut großzügig an der Wand verteilt. Wie uns Oberst Emali mitteilt, wurde bereits alles nach Rades abgesucht. Doch ich ordne an, dass unsere Soldaten noch einmal alles durchkämmen sollen, mit Mykros als Anführer.

Besorgt reiße ich Jaislyn von dem Anblick der Leichen los, da sie sehr schwach wirkt, und gehe mit ihr zur Donala zurück. Allein fliegen wir beide zu unserem Palast heimwärts. Wiederum drücke ich Jaislyn stumm an mich, und sie gewährt mir die Stille. Obwohl mich ihr Plappermund immens begeistert, ist es fesselnd, einfach nur die Nähe des anderen zu spüren. Ihr ruhiger Atem besänftigt mich etwas und hilft die Furcht für einen Moment aus meinem Herzen zu verbannen. Wie ich es liebe, mein Gesicht einfach nur in ihr Haar zu betten und ihren Geruch in mich aufzunehmen. Ihr gesamter Duft übt eine Anziehung aus, der ich mich kaum entziehen kann. Sie verkörpert für mich alles, was frisch und rein ist, mit einem Aroma aus sinnlichen und floralen Komponenten, die an natürlichem Glamour kaum zu übertreffen sind.

Von tiefer Liebe erfüllt streichele ich während des Flugs ihren Rücken und ihre Arme, um schließlich ihr Kinn zum Kusse anzuheben. Zunächst zaghaft legen sich meine Lippen auf ihren Mund, aus Angst, sie zu zerbrechen. Doch es dauert nur Sekunden, bis unsere Küsse forscher und heißer werden vor Verlangen. Die Donala fliegt mithilfe meiner Gedanken selbstständig zum Palast und hält vor unserem Balkon an.

Behutsam hebe ich meine Frau aus der Gondel und steige über die Brüstung. Mein Umhang weht wie ein schützender Mantel um uns, und ich trage meinen wertvollsten Schatz durch die Vorhänge in unsere Gemächer. Sanft setze ich Jaislyn auf unserem Bett ab und streife ihr das Kleid von den Schultern, um ihrer Haut einen Kuss aufzudrücken. Sie dreht den Kopf zu mir herum, und ihr Blick ist vor Liebe und Lust leicht verschleiert. Dann legt sie mir eine Hand an die Wange und zieht mich zu sich herab. Beherzt schnüren wir uns gegenseitig die Kleider auf und genießen das Gefühl unserer nackten Haut. Mein Zeigefinger streicht langsam über ihr Kinn an ihrem Hals entlang über ihre Narbe zu ihren wunderschönen Brüsten hinab. Dann küsse ich eine davon und wandere entschlossen zur anderen. Geruhsam wandern meine Lippen von ihren Brüsten zu ihrem Bauch und hinterlassen eine feurige Spur, die Jaislyn merklich in den lustreichen Wahnsinn treibt. Meine Hände folgen etappenweise meinen Küssen auf ihrer geschmeidigen Haut. Allmählich steigert sich unser Verlangen ins Grenzenlose, und meine Lippen finden zu ihrer empfindlichsten Stelle. Äußerst kühn beginne ich das Zentrum ihrer Lust zu liebkosen. Kurz vor Jaislyns erlösendem Höhepunkt beende ich meine Küsse, um mit ihrem warmen Körper zu verschmelzen, sodass es für einen Augenblick nur noch uns beide in Salamanka gibt.

 

Die Nacht beschert uns einen angenehmen Frieden, eng umschlungen schlafen wir bis zur Morgendämmerung. Im Gegensatz zu der ruhigen Nacht weiß ich beim Erwachen sofort, dass etwas nicht stimmt. Jaislyn wälzt sich fieberhaft hin und her. Ich möchte versuchen sie zu beruhigen, doch sie wimmelt meine Hand ab, springt plötzlich aus dem Bett und rennt zum Wasserbecken, das sich in unserem Gemach befindet. Jaislyn schlägt sich die Hände vor den Mund und kniet sich vor das Becken. Sogleich muss sie sich fürchterlich übergeben, und ihre Haut glänzt vom Schwitzen. „Gott, Lorius! Bitte hilf mir! Mir ist so elend und schwindelig!“

Ich stürze zu ihr, doch bevor ich sie erreiche, kippt sie seitlich kraftlos ins Becken. Schleunigst springe ich ins Wasser und hebe sie auf meine Arme. Während ich über die Stufen das Becken verlassen will, schießt mir ein Blitz der Angst durch den Körper, weil ich nicht glauben kann, was ich da sehe. Meine Arme fühlen kaum noch ihr Gewicht, und sie beginnt zu verblassen. Ihr Körper löst sich einfach in Luft auf. Entsetzt versucht Jaislyn mir noch ihre Hände entgegenzustrecken, die nackte Existenzangst steht in ihrem Gesicht geschrieben. Noch bevor sie mich berühren kann, ist sie verschwunden, und zurück bleiben meine erhobenen Arme, die nichts mehr fühlen, und meine Augen, die nichts mehr von ihr sehen. Das Einzige, was mir bleibt, ist eine einzelne Träne von ihr auf meiner Haut.

Teil 2

Um die Liebe zu ändern

Rades’ Zeitreise
in Jaislyns Vergangenheit

1 Die Veränderung der Begegnung

Jaislyn

Das ist wirklich die schlimmste Bestrafung: Deutschunterricht bei der ollen Altenkrüger! Mir bleibt auch nichts erspart. Mit Beginn des zweiten Ausbildungsjahres hatte ich die Hoffnung, dass wir einen neuen Lehrer bekommen. Hmpf, Pustekuchen. Den besten Lehrer in Sport nehmen sie uns weg, dafür bekommen wir einen Vollidioten, und in Deutsch bleibt alles wie gehabt. Könnte kotzen, ganz ehrlich.

Mayleen sitzt ebenfalls genervt neben mir und klopft immer wieder mit ihrem Kugelschreiber auf die Tischplatte. Sie schaut zu mir rüber und gestikuliert verärgert mit dem Stift vor meiner Nase herum. „Wer braucht eigentlich den ganzen Müll? Ist das wichtig für unseren Job?“

Ich zucke nur die Schultern und seufze. „Nö, braucht kein Mensch.“

Frau Altenkrüger wirft uns einen strafenden Blick zu und weist uns zurecht. Daraufhin flüstert Mayleen: „Blöde alte, hässliche Vettel mit ihrer Oma-Frisur! Boah, und wenn ich schon diese weißen Strümpfe sehe, hochgezogen bis zu den Knien in Sandalen mit Oma-Röckchen, da wird mir ganz schlecht. Wie alt ist sie? Neunundvierzig? Da sehen unsere Mütter echt heißer aus.“

Ich verschlucke mich grinsend an meinem Kaugummi und muss heftig husten. Wieder ein strafender Blick, und die alte Hexe kommt an unseren Tisch. Sie presst die Handflächen auf unsere Schreibblöcke und lächelt uns böswillig an.

„Ah, die Damen können den Mund nicht halten, wie? Da habe ich glatt eine nette Extraaufgabe für euch. Aufgabe 1: Was ist für euch Neid? Fertigt ein Cluster dazu an. Aufgabe 2: Wart ihr schon einmal neidisch? Schreibt einen detaillierten Aufsatz über das Thema. Und das Ganze hätte ich gerne am Montag auf meinem Tisch. Unaufgefordert. Verstanden?“

Mayli knurrt ein „Ja“, und ich antworte, während ich auf meinem Bleistift herumkaue: „Hilft mir das denn in meinem zukünftigen Arbeitsleben?“

Frau Altenkrüger zischt mir entgegen: „Die Note, die ich euch beim Abschluss verpasse, wird euch ein Leben lang begleiten. Vergesst das nicht.“ Damit dreht sie sich um und geht zurück zur Tafel.

Dämliche Kuh! Aus uns wird schon noch was! Keine Sorge!

Bald erlöst uns die Klingel von diesem Horrorweib, und wir gehen aus dem dritten Obergeschoss der Berufsschule ins Freie zur Pause. Der Schulhof ist karg und langweilig. Außer ein paar Bänken und einigen jungen Linden ziert nichts Nettes den Hof. Soll uns wohl darauf vorbereiten, dass das Leben in der harten Arbeitswelt auch nicht besser wird. Selbst die Klassenzimmer geben nichts Spannendes her. Die Wände in unserem Klassenraum sind beige gestrichen, und nur ein paar Plakate von Projektarbeiten über die Kundenzufriedenheit dekorieren den Raum. Wir setzen uns auf die Rückenlehne einer freien Bank unter einem halb toten Baum und wippen die Füße zu Popmusik, die aus der Bluetooth-Box eines Schülers erklingt. Die Sonne brennt heiß, und keine Wolke ist am Himmel. Es ist wahrlich ein schöner Augusttag.

„Gut, dass du bei dem Wetter die ganze Woche Frühschicht bekommen hast“, sagt Mayli.

„Ganze Woche. Du bist gut. Wegen der zwei Berufsschultage arbeiten wir zum Verdruss des Abteilungsleiters doch nur drei Tage im Laden.“

Mayli bindet sich das lange dunkelblonde Haar zusammen und schwitzt ordentlich in ihrer Sommerbluse, dann rückt sie sich die Brille zurecht und pfeift aufgeregt durch die Zähne. „Wow, na das nenn ich doch mal einen richtigen Mann! Echte Sahneschnitte.“

Neugierig folge ich ihrem Blick, um das Objekt ihrer Begierde zu erhaschen: ein dunkelhaariger, gut proportionierter Mann mit einem sexy gestutzten Jack-Sparrow-Bart. Zum Glück ohne die lustigen Bartzöpfe. Er trägt eine legere, eng anliegende dunkelgraue Stoffhose mit weißem Hemd, an dem schwarze Stickereien sind. Lässig kommt er über den Schulhof auf uns zu. Das faszinierte Japsen anderer Mädchen um uns herum nimmt zu.

Mayli schnalzt mit der Zunge und fängt beinahe an zu sabbern. „Hach, ich stehe auf Männer mit langen Haaren. Er sieht aus wie ein dunkler Prinz, der gerade einem Märchen entsprungen ist.“

Entnervt schiele ich sie von der Seite an. „Mayli. Du guckst, glaube ich, zu viele Prinzessin-Fantaghirò-Filme.“

Mayli stupst mich an die Schulter. „Was’n? Der Kerl ist doch echt heiß, oder etwa nicht?“

Flüsternd zische ich sie an: „Halt endlich die Klappe, sonst kann er uns hören.“

Ein wenig verlegen zappele ich mit den Füßen, während Mayli begeistert vor sich hin grinst und dem sexy Mann entgegenblickt. Schwitzend streiche ich mir einige Ponylöckchen aus dem Gesicht und bin froh, dass ich bei der Hitze mein schwarzes ellenlanges Haar zu einem Zopf geflochten habe.

Nun ist der dunkle Prinz, wie Mayli ihn nennt, schon ganz nah, dass man ihn beinahe berühren könnte. Sein Blick ruht auf uns, auf eine intensive Weise, die wahrlich unter die Haut geht. Wie ein Blitz fährt es mir durch den Körper, als ich in seine dunklen bernsteinfarbenen Augen schaue, die mich regelrecht in seinen Bann ziehen. Er scheint es nicht eilig zu haben und schenkt uns beim Vorübergehen ein umwerfendes Lächeln. Wir drehen uns synchron nach ihm um und starren ihm nach.

„Fuck, ist der heiß. Mir bleibt die Spucke weg. Ich zerfließe gleich hier und jetzt. Ist das ein neuer Lehrer? Dann bitte sag mir, wo er unterrichtet, und ich werde für immer freiwillig zur Schule gehen.“

Lachend klopfe ich ihr auf die Schulter. „Das hätte Frau Altenkrüger sicher gerne schriftlich.“

Mayli blickt mich gespielt böse an und grummelt: „Und du bist eine blöde Kuh.“

„Warum denn das?“, frage ich grinsend.

„Der Kerl hat nur in deine Richtung geschaut.“

Verdutzt sehe ich sie an, aber wenn ich diese Hammer-Szene von eben Revue passieren lasse, hat sie recht. Dieser atemberaubende Mann, dem etwas Geheimnisvolles anhaftet, hat mir die meiste Zeit entgegengeschaut, und das mit einem Blick, als könnte er mir in die Seele sehen.

Weiter beobachten wir, wie dieser wunderschöne Mann zum Eingang geht, die Tür aufzieht, kurz innehält und seinen Blick zurück auf uns wirft. Ungewollt heftig kralle ich mich an Maylis Arm, die dabei losmault, und ich muss schlucken. Diese Augen. Obwohl er einige Meter von uns entfernt ist, kann ich seinen Blick auf mir spüren. Das umwerfende Lächeln ist plötzlich fort, und zurückgeblieben ist eine süße Trauer auf seinen Zügen.

Wahnsinn. So einem mysteriösen und faszinierenden Menschen bin ich noch nie begegnet.

2 Am Ziel

Rades

Das magische Wasser aus den verbotenen Quellen Marmaris hat ganze Arbeit geleistet. Mit dieser Flüssigkeit kann ich nicht nur von einem Ort zum anderen gelangen, oh nein, es vermag viel mehr. Es ermöglicht, mich an einen Ort zu schicken zu einer Zeit, die bereits der Vergangenheit angehört. Doch Nailah vor ihrem Tod zu bewahren, übersteigt selbst die Kraft des magischen Wassers, da über zweihundert Jahre zurückzureisen, nicht machbar ist. Aber ich sollte nicht undankbar sein, denn schließlich bin ich trotzdem an mein Ziel gekommen.

Nichts und niemand wird mich hier aufspüren. Niemand wird meine Begegnung zunichtemachen. Auch die Seherin Antaria ist dank meiner Gabe, mich ihrem Blick zu entziehen, nicht fähig, mich zu sehen. Meine Kräfte sind allmählich so ausgereift, dass ich kein Medaillon mehr brauche, um mich vor Antarias seherischen Fähigkeiten zu schützen.

Ich habe unendlich viel Zeit, die ich Jaislyn geben möchte, um mich kennen und lieben zu lernen. Hier gibt es weder Lorius noch sonst jemanden, der mir in die Quere kommt. Hier, in Jaislyns Welt, werde ich sie umgarnen, verführen und bezaubern.

Leider muss ich gestehen, dass ich dem alten Garados mehr als dankbar bin. Er hat das Unmögliche möglich gemacht. Ich muss schon sagen: Respekt. Ohne seine Hilfe wäre ich jetzt wahrscheinlich beim Henker, und mein Kopf würde über die Plattform rollen. Ich kann mein Glück kaum fassen.

Jaislyn zum ersten Mal zu begegnen, ohne Abscheu oder Widerwillen auf ihrem Gesicht, beflügelt mein Herz und erwärmt mein Innerstes. Sie sah mich mit Entzücken an und einer Faszination, dass es beinahe zu schön ist, um wahr zu sein. Sie ist völlig ohne Vorurteile und Vorkenntnisse, und das muss ich mir zunutze machen, denn ihre Träume sind in dieser Zeit noch nicht ausgeprägt. Das hoffe ich zumindest.

3 Frühschicht

Jaislyn

Der Geruch von frischen Backwaren am frühen Morgen lässt den Tag gleich besser beginnen. Vor allem, wenn man diese Köstlichkeiten selbst in den Ofen schiebt. Die Frühschicht im SB-Backshop im Marktland, wo ich den praktischen Teil meiner dreijährigen Ausbildung zur Kauffrau im Einzelhandel absolviere, gefällt mir am besten. In den Lehrjahren muss ich alle Abteilungen durchlaufen. Von der Frische-Abteilung, sprich Milch und Co., bis zur Tiefkühl- und Obst- und Gemüseabteilung, dann die anderen Abteilungen wie Sekt-, Wein- und Spirituosenabteilung – grins –, Konserven-, Süßwaren-, Getränke-, Nährmittelabteilung und eben dem Backshop. Warenpräsentation und freundlicher Umgang mit den Kunden sind das A und O in diesem Job, natürlich auch Warenkunde und das Kassensystem sowie die Abrechnungen. Das verspricht spannende drei Jahre, in denen man die unterschiedlichsten Menschen kennenlernt mit ihren Wünschen und Beschwerden.

Abgesehen von dem tollen Brötchengeruch ist es allerdings eine Bestrafung, am Samstag um sechs Uhr zur Arbeit zu müssen. Andere kommen jetzt erst vom Disco-Besuch heim. Mayli ist bestimmt eine davon, denn die hat heute frei. Nichtsdestotrotz sind all meine Backwaren pünktlich um acht Uhr zur Ladenöffnung fertig. Ich schütte gerade das letzte Blech normaler Brötchen in das Brötchenfach, als meine Augen Frau Altenkrüger erfassen.

Oh nein, die schon wieder. Nicht einmal Samstag bleibt man von dieser Spinatwachtel verschont.

Schnell ducke ich mich, bis sie vorüber ist, und tauche wieder auf, als die Luft rein ist. Das dachte ich zumindest.

Oha.

Mein Blick bleibt an bernsteinfarbenen Augen hängen, die aus einem einzigartigen Gesicht hervorblitzen, das umrahmt wird von langen schwarzen Haaren.

Hui, und dieser sexy Bart. Schmacht, sabber, lecker, lecker.

„Einen wunderschönen Guten Morgen.“

Oh, Kacke. Er spricht. Hmpf, natürlich spricht er … aber … ich meine … er spricht mich an.

Ich starre diesen mysteriösen Prinzen, diese Bezeichnung ist echt treffend, wie eine völlige Idiotin über den SB-Backshop-Tresen an.

Wie wäre es, wenn ich mal schnell was erwidere?

„Guten Morgen, brauchen Sie etwas Bestimmtes?“

Dämliche Kuh! Es ist ein SB-Shop. Heißt: Selbstbedienung. Und solch einen blöden Satz haben wir in der Berufsschule aber nicht gelernt.

„Hm, ich bin noch nicht sehr lange hier und kenne daher die deutsche Vielfalt nicht. Was würden Sie mir denn empfehlen?“ Stimmt, wo er es sagt, merkt man einen gewissen Akzent, der höchst sonderbar klingt mit einer ganz eigenen Note, als käme er nicht von dieser Welt.

Ich schüttele kaum merklich den Kopf.

Ach, was denke ich da bloß für einen Mist? Dieser Kerl macht mich ganz konfus.

„Stimmt etwas nicht?“

Gott, bin ich peinlich! Aber seine Stimme ist zum Niederknien.

„Nein, alles okay. Also ich kann Ihnen die ofenwarmen Brötchen empfehlen, und die Croissants sind auch sehr schmackhaft.“

Der Mann tritt näher und schaut mich mit einer Intensität an, dass ich gleich abhauen will, weil ich sonst über den Tresen springe und ihm um den Hals falle. „Wären diese Backwaren auch Ihre Wahl gewesen?“

Ironisch erwidere ich: „Warum? Wollen Sie mich etwa zum Frühstück einladen?“

Ups, jetzt ist der Satz raus. Oje, bestimmt verschwindet er gleich.

„Es wäre mir eine Ehre, Sie einladen zu dürfen.“

Mir fällt die Kinnlade ein wenig zu weit abwärts, und ich fange an zu stammeln: „Das … ähm. Ich muss leider hierbleiben … muss weiter arbeiten, bis meine Schicht zu Ende ist.“

Der rätselhafte Mann nimmt sich zwei Brötchen mit und sagt im Gehen: „Da kann man nichts machen. Vielleicht ein anderes Mal. Auf Wiedersehen.“

„Ja … ähm … ciao.“

Ich trete mir gleich so was von in den Arsch. Am besten gehe ich Strafsitzen im Kühlhaus, damit ich meine Birne wieder frei kriege!

4 Am See

Mayleen

„Mensch, Jaislyn! Das war oberpeinlich.“

„Ja! Das weiß ich doch auch! Aber versuch du mal vor solch einem anziehenden Mann das Richtige zu sagen.“

An meinem Smartphone lache ich mich halb kaputt. Ich rekele mich auf meiner Sonnenliege auf der Terrasse mit einem schönen kalten Cola-Bierchen, während Jaislyn mir alles von ihrer Frühschicht berichtet. „Wo kommt er denn her? Warum war er an unserer Schule?“

„Keine Ahnung. Die Fragen sind mir gar nicht erst eingefallen“, verteidigt sich meine stotternde Freundin.

„Zu dumm.“

Kurzes Schweigen tritt ein, da jede für sich in ihren Gedanken feststeckt. „Jaislyn, Süße, das wäre doch toll, wenn du den Mann vielleicht wiedertriffst. Der ist wenigstens aus Fleisch und Blut, nicht so wie der Typ aus deinen Träumen, dem du so nachhängst.“

Jaislyn antwortet nicht. Auweia, da habe ich in einen wunden Punkt gestochen. „Also versteh mich nicht falsch. Deine Träume sind hochgradig interessant, und dein geheimnisvoller Krieger darin, oder wer auch immer er ist, ist zu schön, um wahr zu sein, aber halt an etwas fest, was zur Wirklichkeit gehört.“ Ich beiße mir auf die Lippen und hoffe, dass ich nicht zu weit gegangen bin, denn Jaislyn atmet hörbar schwer aus, als zerdrückte sie eine ungeheure Last.

„Okay, ich werde es versuchen“, sagt sie matt und klingt irgendwie kraftlos.

Mit schlechtem Gewissen setze ich mich gerade auf, wechsele das Smartphone ans andere, noch nicht heiß gewordene Ohr und mache Jaislyn einen super Vorschlag. „Pass auf, wir gehen morgen an unseren Lieblingsplatz am schnuckeligen See, um uns so richtig schön abzukühlen und zu sonnen. Was hältst du davon?“

Jaislyn zögert nur kurz. „Klingt prima. Wann?“

„So um 14 Uhr.“

Sie stöhnt genervt auf. „Lass mich raten, ich muss dich abholen.“

Ich grinse. „Na logisch, kennst mich doch.“

„Aber wehe, du meckerst wieder über meine Soundtracks.“

Dieses Mal kann ich ein entnervtes Stöhnen nicht unterdrücken. „Ich meckere immer, weißt du doch.“

„Wie könnte ich das vergessen? Schaff dir endlich ein Auto an.“

Würd ich ja gerne, bin aber immer pleite.

„Na dann bis morgen, Jaislyn. Tschüssen.“

„Ciao.“

Gesagt. Getan. Nach einer gehörigen Abkühlung rekeln wir uns am Sonntag gemütlich auf einer Fleecedecke am See, der so schön von dem herrlichsten Grün der Natur umsäumt wird, dass man meinen könnte, man läge im waldreichen Paradies. Ein künstlich angelegter Sandstrand offenbart sich uns am seichten Ufer. Viele Weiden und Schwarzerlen stehen an kleinen Berghängen um den See herum und laden dazu ein, von den Ästen ins kühle Nass zu springen. Manche hüpfen einfach von den Hängen in den See. Glücklicherweise ist nicht allzu viel los, und es herrscht eine angenehme Stille, daher hole ich uns aus meiner Kühltasche zwei Cola-Bierchen heraus. Mit einem Plopp springen die Kronkorken durch meinen Bieröffner, den ich stets dabeihabe, fort, und wir prosten uns zu.

„Auf den geheimnisvollen Fremden, der uns so unter die Haut geht, dass uns Sehen und Hören vergeht.“

Jaislyn lacht und wischt sich die Wassertropfen – oder ist es eher der Schweiß der Aufregung? – fort und stimmt mir zu, während ich nicht müde werde fortzufahren: „Auf den mysteriösen dunklen Prinzen, der sich herablässt, sich mit solch gemeinem Fußvolk wie uns zu unterhalten.“

Jaislyn kneift mir in den Oberarm. „Jaja, ist ja gut. Mach dich nur weiter lustig über mich.“

„Tja, so bin ich. Immer für einen Spaß zu haben“, sage ich mit gespielter Schadenfreude.

Jaislyn straft mich mit vorgetäuschter Ignoranz und nimmt einen kräftigen Schluck aus ihrer Flasche. Ich stelle meine beiseite, in der Hoffnung, dass sie im Gras nicht umkippt, und lehne mich zurück auf meine Unterarme.

„Bin ich froh, dass hier Natur pur herrscht und keine Fressbuden und Souvenirshops herumstehen, die irgendwelche Touristen anlocken könnten.“

Jaislyn knibbelt am Bieretikett und sagt nachdenklich: „Ich glaube, der See ist sogar privat, und man duldet uns hier, solange wir alles sauber hinterlassen. Daher kennt auch kaum jemand dieses schöne Fleckchen Erde.“

„Ja, er liegt wirklich gut versteckt. Hätte meine Mom mir nicht von diesem Platz erzählt, wäre ich auch nie darauf gekommen, hier zu schwimmen. Aber bist du sicher, dass das alles hier im Privatbesitz ist? Habe keine Schilder gesehen, und Mom hat auch nichts erwähnt.“

Jaislyn hört auf zu knibbeln und trinkt ihre Flasche aus. „Ich meine, mal gelesen zu haben, dass dies alles einem alten reichen Mann gehört, der sich nicht mehr darum kümmern kann oder will.“

Ich leere meine Flasche ebenfalls und hole zwei neue hervor. „Soso. Was du so alles liest. Meine Nase schafft es nicht einmal, sich in die wöchentliche Tageszeitung zu stecken.“

Jaislyn macht eine wegwerfende Handbewegung und klingt beinahe verachtend: „Du bist ja auch völlig lesefaul. Null Bock auf Bildung.“

„Na, na. Ich stecke sehr wohl meine Nase in die Schulbücher. Da fällt mir ein, ich muss noch unsere Strafarbeit bei dir abschreiben, die du bestimmt schon fertig hast, du Streberin. Schließlich kostet es Zeit, es auf meine Art noch etwas zu verändern, damit das Abschreiben nicht auffällt.“

„Ja, ne, ist klar. Dafür kann ich wieder herhalten.“

„Ich gebe dir ja gerade Bierchen dafür aus.“ Und ich schenke ihr ein unwiderstehliches Lächeln.

Aber Jaislyn kontert zurück: „Ohne mich könntest du deinen Arsch gar nicht in der Sonne brutzeln. Ich habe meinen Führerschein gerade erst bestanden, und du weißt, dass ich noch Angst habe, Mist zu bauen.“

Gespielt genervt blaffe ich sie an: „Wenn wir so weitermachen, verpassen wir das Schwimmen und Sonnen.“

Jaislyn lächelt zwar, das nehme ich ihr aber nicht ganz ab, da sie eine seltsame Melancholie umgibt. Ich gönne ihr einen Moment der Stille und genieße schweigend die Landschaft um uns herum. Wer braucht schon den Ballermann auf Mallorca, wenn man diese Aussicht haben kann?

„Ich habe letzte Nacht wieder von ihm geträumt.“ Jaislyns Stimme ist nicht mehr als ein Flüstern, trotzdem reicht ihr Satz aus, um mich an meinem Cola-Bier zu verschlucken. „Manchmal kommen mir diese Träume vor wie …“

„Nun mach es nicht so spannend.“

Jaislyn fährt sich gequält durch ihr beneidenswertes langes Haar. „… wie Erinnerungen.“

Okay, das klingt echt ein bisschen abgehoben.

Abrupt ändert sich Jaislyns Miene von gepeinigt in völlige Überzeugung, was mir ein mulmiges Gefühl verschafft. „Diese Träume verfolgen mich schon mein ganzes Leben lang, und ich werde sie nicht verleumden. Irgendetwas muss dran sein an dem, was ich da sehe. Und an ihm. Mir fällt es schwer, diese kristallblauen Augen zu vergessen. Das Ganze zu ignorieren.“

Ich kann ein Seufzen nicht zurückhalten und schaue meine Freundin ernst an. „Du sollst ja nicht vergessen, aber schotte dich nicht völlig vom Leben ab.“

„Tue ich ja nicht.“

„Und warum gibst du jedem Typen, der auf dich steht, einen Korb? Ich glaube, sogar Marcel aus unserer Klasse ist heiß auf dich.“

Jaislyn rümpft die Nase. „Erstens stehe ich auf ältere Männer. Zweitens: Wenn ich mit jemandem zusammen war, fühlte es sich immer irgendwie falsch an. Als würde ich dem Mann aus meinen Träumen die Treue brechen.“

Ich kann mir nur die Hand vor die Stirn klatschen und rolle die Augen. „Ganz ehrlich, Süße? Das klingt echt krass. Hörst du dir eigentlich selber dabei zu, wenn du davon sprichst?“

Jaislyn lässt die Schultern hängen und zieht sich schützend die Knie vor den Körper. „Tja, bin wohl doch schon reif für die Klapse, was?“

„Aber nur ein bisschen“, versuche ich sie verspielt aufzumuntern.

Doch bevor wir weiterreden können, wird meine Aufmerksamkeit auf den See gezogen. Ein phänomenaler Kopfsprung von einer respekteinflößenden Höhe lässt mich ganz zum Wasser umdrehen, um sehen zu können, wer das war. Endlich taucht die Person auf und schwimmt auf das Ufer zu.

„Gott, das ist unser schöner, dunkler Prinz. Jetzt triffst du schon ein drittes Mal auf ihn. Das kann doch kein Zufall mehr sein.“

„Warum nicht? Wir achten so angestrengt auf ihn, dass wir uns wahrscheinlich einiges einbilden. Jeder Mensch kauft mal Brötchen ein oder geht an einem Sonntag am See schwimmen.“

Skeptisch werfe ich Jaislyn einen Seitenblick zu. „Das glaubst du doch selbst nicht? Wenigstens trägst du deinen heißesten Bikini. Ich will auch so ein schickes schwarzes Teil in Häkeloptik.“

Jaislyn antwortet nicht, sie schaut viel zu gebannt zu, wie der Mann in unsere Richtung schwimmt und untertaucht. Mit einem wassersprühenden Ruck taucht er auf und wirft elegant sein langes Haar zurück, das nass und schwer auf seinen blassen Rücken klatscht. Die Sonne lässt die Wassertropfen auf seiner Haut glänzen wie funkelnde Diamanten.

Ich rücke ein wenig näher an Jaislyn heran und schwärme: „Mann, der versteht es aber, sich in Szene zu setzen. Wirklich ein hinreißender Auftritt, das kann selbst an dir nicht spurlos vorbeigehen.“

Mit nacktem Oberkörper, gleichwohl mit einer hellen Jeans bekleidet, die durch das Wasser fest an seinem Körper klebt, schreitet er auf uns zu. Leise flüstere ich: „Ganz ehrlich? Sein ganzes Auftreten versprüht so eine Eleganz, dass er mit Sicherheit adeliges Blut hat.“

Jaislyn schweigt, da er beinahe vor uns steht. Selbst ich verliere nun gänzlich die Sprache und schaue zu, wie dieser Leckerbissen von einem Mann vor uns in die Hocke geht.

„Meine Damen. Wie schön, Sie wiederzusehen.“

Zunächst dauert es einige Sekunden, bis wir fähig sind, etwas zu sagen, jedoch geht wieder meine große Klappe mit mir durch, wofür ich mich sofort ohrfeigen könnte: „Sind Sie ein Stalker? Falls ja, seien Sie gewarnt: Ich habe mein Pfefferspray dabei!“

Der geheimnisvolle Fremde zieht nur verständnislos eine Augenbraue hoch. „Ich verstehe das Wort leider nicht.“

„Ob Sie uns verfolgen?“

Unser Herzensbrecher fängt herzlich an zu lachen. „Aber mitnichten. Ich wollte nur in meinem See schwimmen, weiter nichts, und da habe ich Sie beide gerade erkannt.“

Jaislyn fragt schüchtern noch einmal nach: „Das ist Ihr See?“

Mister Sexy erhebt sich zu seiner stattlichen Größe. „Ja. Ich habe erst kürzlich das alte Anwesen Gut Waldlilienhaus hinter dem Wäldchen erstanden, und dazu gehört dieser See.“

„Oh. Dann muss der alte Mann, von dem du erzählt hast, gestorben sein, Jaislyn.“

Interessiert schaut der Fremde auf meine Freundin hinab. „Sie haben einen außergewöhnlichen Namen. Wenn ich mich vorstellen darf: Ich bin Fürst Rades von Manka.“

Ich erhebe mich, um mich ebenfalls vorzustellen. „Wow. Ein richtiger Fürst. Also ich bin Mayleen, aber meine Freunde nennen mich Mayli.“

Rades schenkt mir ein freundliches Lächeln. „Wohl eher Mayli Monet.“

Erstaunt blicken wir ihn an. „Woher wissen Sie das?“

Rades grinst in sich hinein. „Von der Farbe an Ihren Fingern und den Zeichnungen, die aus Ihrer Tasche herauslugen. Würden Sie mir einmal Ihre kostbare Zeit widmen, um mein Gut zu zeichnen?“

Ich glaube, meine Augen leuchten gerade heller, als Sterne es könnten. „Gerne. Wann denn?“

Rades schürzt nachdenklich die Lippen und macht eine einladende Geste. „Wie wäre es mit gleich? Wenn Sie beide möchten, lade ich Sie auf eine kleine Führung auf mein Gut ein mit anschließendem Abendessen im Garten.“

Ich bin hin und weg. Was für ein toller Nachmittag. Feuer und Flamme sagen wir zu, und ich packe unsere Sachen, während Rades Jaislyn die Hand reicht, um ihr wie ein Gentleman aufzuhelfen. Ich kann es zwar nicht mit meiner eigenen Haut fühlen, aber als sich ihre Hände berühren, geht ein Knistern durch die Luft, das selbst mich überrascht.

5 Gut Waldlilienhaus

Jaislyn

Ich bin wie elektrisiert, als mich die Hand von Fürst Rades berührt. Sein bernsteinfarbener Blick geht durch mich hindurch, als wäre er Amors Pfeil höchstpersönlich. Dieses heftige Knistern lässt selbst Mayli verdutzt aufschauen. Doch irgendetwas stimmt nicht: Wie können seine Augen von tiefer Zuneigung zu mir sprechen, wenn wir uns doch kaum begegnet sind? Und warum rauschen meine Gefühle wie ein reißender Fluss durch mein Innerstes und flüstern etwas von Vorsicht und andererseits von verliebter Faszination? Solch eine Widersprüchlichkeit habe ich noch nie empfunden.

Bevor ich den Boden unter den Füßen verliere, zieht mich Fürst Rades auf die Beine und legt mir haltgebend eine Hand auf den Rücken, was mir noch mehr kleine Gefühlsblitze beschert.

Himmel noch mal! Er sieht mich an, als würde er mich schon seit einer Ewigkeit lieben. Das macht mir irgendwie Angst, aber zugleich bezaubert es mich auf eine erfrischende Art und Weise. Das Allerschlimmste ist: Ich habe keinen blassen Schimmer, was ich sagen oder wie ich mich verhalten soll. Echt klasse. Mayli hätte solche Probleme erst gar nicht. Die würde ihn ins nächstgelegene Bett schleppen.

Meine Freundin hat alles fertig gepackt und reißt uns aus dieser ungewöhnlichen Zweisamkeit. Fürst Rades nimmt seine Hand eine Spur zu langsam und intensiv von meinem Rücken und lächelt uns an, als wäre dies der schönste Tag in seinem Leben.

Also schlau werde ich aus diesem Mann nicht, und sagen kann ich noch immer nichts.

Mayli hingegen findet schnell zu ihrem Wortschatz zurück: „Sagen Sie, wo ist denn Ihr eigentliches Fürstentum?“

Fürst Rades nimmt uns die Badetasche ab und klemmt sich die Decke unter den Arm. Ich ziehe mir schnell ein luftiges Sommerkleid über, während Mayli nur in eine kurze Jeans schlüpft und weiter ihre Möpse im Bikini-Oberteil zur Schau stellt.

„Zunächst möchte ich vorschlagen, dass wir uns duzen. Immerhin gewähre ich tiefe Einblicke in mein Privatleben.“

Mayli schlendert ausgelassen neben Rades her, wobei ich mehr wie eine Katze auf der Hut wirke. „Prima. Finde ich auch angenehmer. Du nicht auch, Jaislyn?“

„Hm.“

Mayli lacht über meine Wortkargheit und wird wieder mal nicht müde, weiter zu plappern: „Ich glaube, Sie … du hast Jaislyn sprachlos gemacht.“

Wie oft habe ich mir schon gewünscht, Mayli den Hals umzudrehen? Hmpf!

Rades wirft mir einen amüsierten Blick zu und sagt an Mayli gewandt: „Ach tatsächlich? Na, dann bin ich gespannt, wie sprachlos euch mein entzückendes Häuschen macht.“

Wir gehen nebeneinanderher über einen unscheinbaren Waldweg am See entlang. Angestrengt mustere ich ihn und lausche seiner Stimme.

„Also, wo kommst du her und warum haben wir dich an der Schule gesehen?“, wiederholt Mayli ihre Fragen.

 Hui. Dieser geheimnisvolle, undurchsichtige Rades-Blick geht unter die Haut.

„Du scheinst ja zu brennen vor lauter Neugierde“, tadelt er meine Freundin im Scherz, obwohl ich einen Hauch von Verärgerung hören kann.

Warum werde ich das Gefühl nicht los, dass er den Nachforschungen ausweichen möchte?

„Meine Herkunft berichte ich lieber an einem sternenklaren Abend an einem gemütlichen Lagerfeuer.“

Mayli ist durch seine Antwort kurz aus dem Konzept geraten, und wir können aufatmend dem Gezwitscher der Vögel zuhören. Ich bewundere die Spitzahorne, Birken, Eiben, Wacholder und vieles mehr, was wir zu sehen bekommen, um für einen Moment nicht an diese bernsteinfarbenen Augen denken zu müssen. Schließlich gelangen wir auf einen kiesbedeckten Weg, der zu einem verschnörkelten schmiedeeisernen Tor führt. Rades öffnet es und lässt uns ein. Der Kiesweg geht weiter bis zum herrschaftlichen Gutshaus. Davor befindet sich ein Springbrunnen, den wir umrunden.

„Herzlich willkommen auf Gut Waldlilienhaus.“

„Wow. Stammt das aus dem 19. Jahrhundert?“, fragt Mayli.

„Nein. Das Gutshaus wurde im 18. Jahrhundert errichtet und diente in der Vergangenheit wohl des Öfteren als Jagdschlösschen.“

„Ich finde, das Gebäude hat eine gewisse spätbarocke Prägung. Das lohnt sich zu recherchieren. Toll, dass ich solch ein Herrenhaus aus Bruchsteinen vor die Nase kriege, um es zu zeichnen.“ Mayli ist in ihrem künstlerischen Element. Nachdenklich tippt sie sich auf die Lippen und brabbelt vor sich hin. „Hm, ein lang gestreckter zweigeschossiger Bau mit zehn Fensterachsen unter einem gut erhaltenen Mansarddach.“

„Stimmt genau. Auf der Rückseite befinden sich noch Erkerfenster, und Efeu wächst bis hinauf zum Dach. Würde man Vorderseite und Rückseite nebeneinanderstellen, würde man gar nicht glauben können, dass es sich um ein und dasselbe Gebäude handelt, so grundverschieden wirkt es. Die Terrasse ist umsäumt von einer steinernen Brüstung mit Statuen. Danach gibt es nur wenig Rasenfläche, da ein Teich mit Weiden das Grundstück vervollständigt. Die Wohnräume wurden von der oberen Etage ins Erdgeschoss verlagert, wo sich eigentlich stets die Hauswirtschaftsräume befanden, aber vielleicht waren die wechselnden Hausherren zu alt, um sich ständig in ihre Wohnräume im Obergeschoss zu quälen.“

Puh, so viel Tamtam um ein olles Steinhaus. Diese Begeisterung verstehen wohl wirklich nur Maler und Schlossliebhaber.

Mayli dreht sich einmal um die eigene Achse und streckt die Arme aus. „Wow, ist das schön hier. Und der Name passt wie die Faust aufs Auge, bei den vielen Bäumen und den wunderschönen Lilien in den prächtigsten Farben rundherum. Soll ich gleich hier vorne mit dem Malen beginnen?“

Ein Dienstbote öffnet uns die herrschaftliche Eingangstür, und Rades führt uns ins Innere des Gebäudes. „Ich denke, es wäre besser, wenn wir es uns im Garten gemütlich machen und du die romantische Rückansicht zeichnest.“

Mayli tänzelt augenscheinlich mit allem einverstanden durch die Räume und staunt hier und da über das antike Mobiliar. Rades hingegen findet es viel spannender, mich ruhiges Etwas zu beobachten. Während Mayli neugierig alles befummeln und betatschen muss und in den nächsten Salon verschwindet, nehme ich alles Sehenswerte still in mich auf. Ein wenig zu königlich umrundet mich Rades mit auf dem Rücken verschränkten Armen.

„Wenn eine junge hübsche Frau gar nichts zu sagen hat, kann ihr Schweigen ohrenbetäubend sein.“

Es fällt mir nicht leicht, diesem schönen Mann ins Gesicht zu schauen, der genau weiß, was sein halb nackter Körper in der engen Jeans und auch noch barfuß für eine Wirkung auf mich ausübt.

Du gibst dir Mühe, nicht arrogant zu wirken, aber so ganz klappt das nicht.

Ich kreuze die Arme vor der Brust und sammele all meinen Sarkasmus zusammen, denn so leicht will ich mich nicht um den Finger wickeln lassen. Wahrscheinlich ist Rades ein totaler Weiberheld, reißt täglich Frauen auf und versucht sie mit seinem Adels-Getue zu umgarnen. Er sieht offensichtlich die Veränderung in meinem Gesicht. Daraufhin wird sein Grinsen unverschämt breiter und lasziver. Also gehe ich gleich zum Angriff über. „Warum schaust du mich so durchdringend an, obwohl wir uns überhaupt nicht kennen? Ich bin kein Mädchen, das man nur mit einem hübschen Lächeln auf den Lippen und einer super Hütte einfangen kann.“

Sollten meine Worte mitten ins Schwarze getroffen haben, so lässt er sich kaum etwas anmerken bis auf ein kurzes Aufflackern in den Augen, wobei es hinter seiner Stirn anscheinend schnell zu arbeiten beginnt. In kleinen Schritten umrundet Rades dieses Mal nicht mich, sondern den herrschaftlichen Esstisch im Speisesalon und sieht quasi überallhin, nur nicht zu mir. Als er zu sprechen beginnt, ist seine Stimme nicht mehr als ein Wispern: „Ja, ich weiß. Wahrscheinlich besser als jeder andere in diesem Land.“

Mit fragendem Blick trete ich näher an den sündhaft teuren Tisch heran. „Entweder bist du ein guter Schauspieler, der sich Gefühle auf Knopfdruck ins Gesicht zaubern kann, oder …“

Rades blickt auf und klingt auf einmal todernst mit einem Hauch von Zärtlichkeit: „… oder was?“

Unbehaglich reibe ich mir die Arme und kann seinem Blick kaum standhalten. „… oder es war … Liebe auf den ersten Blick für dich, was wohl eher unwahrscheinlich ist.“

Letztendlich bleibt er an einem Stuhl stehen und legt seine Hände auf die Rückenlehne.

Großer Gott! Habe ich das gerade ernsthaft gesagt? Und da ist er wieder: der intensiv ausgeprägte Rades-Blick.

„Ich habe dir mehr zu erzählen, als du dir vorstellen kannst. Nur ist es in diesem Moment leider nicht der richtige Zeitpunkt dafür. Können wir es erst einmal dabei belassen, dass du versuchst, mir ein wenig zu vertrauen?“ Meine Finger malen unsichtbare Kringel auf die Tischplatte, und ohne ihn anzusehen, sage ich: „Du verstehst es, dich höchst interessant und mysteriös zu machen. Ich bin gespannt, was mich erwartet.“

Mayli poltert zu uns in den Raum. „Hört auf zu flirten und zu tuscheln und kommt lieber mit hinaus in den Garten. Es ist einfach umwerfend hier. Hast du noch ein paar Zimmer für mich frei, Rades? Dann ziehe ich sofort hier ein.“

Rades findet zu seinem amüsierten Lächeln zurück und reibt sich über das Kinnbärtchen. „Mal sehen, was ich tun kann.“

Ich hake mich an Maylis Arm ein und sage neckisch: „Hm, weißt du … auf eine nach Cola-Bier süchtige, laute Schnegge wie dich kann er getrost verzichten.“

6 Gefühle

Rades

Ich befürchte, ich habe mein Vorhaben völlig unterschätzt. Es stimmt nicht ganz, dass ich alle Zeit der Welt habe. Eigentlich habe ich nur knapp zwei Jahre. Denn kurz vor Ende ihrer Ausbildung wird sie auf Lorius treffen, weil Antaria dann Jaislyn gefunden hat. Meine Empfindungen habe ich ebenfalls nicht im Griff. Ich wollte alles ganz langsam und ruhig angehen lassen, meine Gefühle jedoch drohen mich zu übermannen. Für Jaislyn sind es erst ein paar Stunden der Begegnung. Für mich ist es seit Jahrhunderten eine schiere Qual, sie nicht in meine Arme reißen zu können, um sie besinnungslos zu küssen. Ich will sie mit Haut und Haaren. Vor allem will ich endlich ihre Beine um meine Hüften und mich in ihr ergießen.

Im Prinzip unterscheide ich mich in der Hinsicht nicht viel von Lorius, aber mein Schmerz und mein Verlangen sind groß genug, dass ich keine Rücksicht nehmen kann und will.

Anfangs, vor über zweihundert Jahren, hatte ich in ihr nur die Thronerbin gesehen, auch ihre Schönheit war anziehend, aber dass ich tatsächlich mein kühles Herz verlieren könnte, hätte ich nie für möglich gehalten. Frauen waren für mich nur ein Nutzobjekt. Liebe besaß ohnehin keinen Platz in meiner Erziehung und im Leben meiner Eltern.

Wie Jaislyn da steht und versucht eine Mauer vor mir zu errichten, könnte mich zu voreiligen Handlungen verleiten. Ich möchte ihr am liebsten sofort all meine Empfindungen offenbaren und ihr von ihrer eigentlichen königlichen Herkunft berichten, aber es ist zu früh. Sollte sich in ihr bereits ein Funken Zuneigung gebildet haben, könnten all meine Enthüllungen diese Gefühle zunichtemachen. Und es wäre mit Sicherheit ratsam, ihr nichts davon zu berichten, wie Nailah ums Leben kam. Irgendwann werde ich es jedoch tun müssen, weil Lorius oder Reesa es ihr auf die Nase binden werden, sobald ich mit Jaislyn heimkehre. Lorius’ Blick will ich sehen, wenn er erfährt, dass Jaislyn zu mir gehört. Er wird sich vor Schmerz winden. Er wird alles verlieren. Ich darf jetzt keinen Fehler machen.

Jaislyn folgt Mayli Richtung Terrasse, und ich gehe ihnen wie auf der Hut hinterher. Es fällt mir ungeheuer schwer, jetzt nicht ihr langes Haar zu berühren, das durch ihre Bewegungen hin und her schwingt. Jaislyn ist in ihre Schweigsamkeit zurückgekrochen und bewundert die gesamte Aussicht. Während Mayli beginnt zu skizzieren, stehe ich stumm neben Jaislyn an der Brüstung, die meine Terrasse säumt, und schaue wie sie zum Teich hinüber. Nur kurz berühren sich unsere Hände zufällig, die nebeneinander auf der dicken Steinbrüstung liegen. Wieder geht durch unsere Körper diese elektrisierende Anziehungskraft. Sie blickt zu mir herauf mit einer Mischung aus Ratlosigkeit und Verwirrung.

Bei allen Mächten der Welt, was würde ich jetzt dafür geben, dich küssen zu dürfen.

Doch ich spreche nur mit meinen Augen zu ihr und versuche sie nicht zu berühren. Ihr Blick verrät mir, dass sie versucht, schlau aus mir zu werden. Und um ihre Gefühle zu kaschieren, fährt sie mich an: „Kannst du dir nicht langsam mal ein Hemd überziehen?“

Ich kann es nicht lassen und werfe ihr ein süffisantes Lächeln zu, dabei reibe ich mir die Oberarme, und meine Lippen kommen ihrem Ohr gefährlich nahe. „Wieso? Gefällt dir nicht, was du siehst?“

Jaislyn wendet sich ab und schaut wieder stur geradeaus.

Sogleich bitte ich die Damen zu Tisch und plaudere mit Mayli über Belangloses. Wir genießen einen kalten Rosé und speisen Entenbrust à l’Orange, dazu Babykartoffeln, die mit Petersilie garniert sind.

Nach fünf Rosé-Gläsern wirft Mayli mir über den Rand ihres Kristallglases einen koketten Blick zu. „Nun verrate uns doch bitte, wo du herkommst?“

Müde lächele ich.

„Wie ist es dort?“

Ich schürze die Lippen. „Warm. Prächtig.“

„Was verschlägt dich nur in solch ein Kaff wie hier? Hier ist überhaupt nichts los. Selbst die Geschäfte schließen schon zwischen achtzehn und zwanzig Uhr.“

Jaislyn boxt ihre Freundin mit dem Ellenbogen in die Rippen. „Ja, sei doch froh! Oder willst du Öffnungszeiten bis zweiundzwanzig oder gar vierundzwanzig Uhr?“

Die Teller werden abgeräumt, und das verhindert glücklicherweise, dass die beiden anfangen sich zu zanken. „Nur so viel, meine Damen: Ich habe hier ein für mich sehr wichtiges persönliches Anliegen, das mir am Herzen liegt. Darüber zu plaudern, wird mir eine Spur zu privat.“

Ein wenig beleidigt macht Mayli ein schmollendes Gesicht und findet sich wohl damit ab, dass sie ihre Neugierde zurückschrauben sollte. Als es beginnt dunkel zu werden, springt Jaislyn abrupt auf. „Himmel! Wir müssen noch den ganzen Weg zum Auto zurück, und morgen ist Berufsschule. Wir sollten jetzt wirklich gehen.“

Eiligst, als könnte sie es nicht mehr in meiner Nähe aushalten, zieht Jaislyn ihre Freundin aus dem Stuhl. Ich erhebe mich ebenfalls und gehe auf die beiden zu. Mayli sucht ihre Malutensilien zusammen, und ich widme mich vorsichtig der verschreckten Jaislyn. Überrascht reißt sie die Augen auf, als ich ihre Hand nehme, ihr einen galanten Kuss auf den Handrücken drücke und ihr noch einmal in die Augen schaue. Ihre Lippen sind leicht geöffnet, und ein leises erstauntes „Oh“ stiehlt sich aus ihrem Mund. Mayli hat davon nichts mitbekommen und präsentiert mir ihre Zeichnung.

„Das Haus sieht fantastisch aus. Du hast wirklich Talent, Mayli.“

Sie grinst bis über beide Ohren, und ich führe die Damen zum Ausgang.

„Soll ich euch noch zum Auto begleiten?“

„Nein, danke schön. Und vielen Dank für den tollen Nachmittag und das super Essen.“ Schnell dreht mir Jaislyn ihren ansehnlichen Rücken zu und eilt davon. Mayli schaut verwirrt von mir zu ihrer Freundin und zuckt verständnislos die Achseln. „Denk dir nichts dabei. Sie ist manchmal etwas schwierig. Sie lässt nur schwer Gefühle an sich heran. Schuld daran ist dieser Typ.“

Meine Augen verengen sich gefährlich. „Welcher Typ?“

Mayli tritt verlegen von einem Fuß auf den anderen. „Ich weiß nicht, ob ich darüber reden darf.“

Schmeichlerisch lächelnd trete ich näher an sie heran und ziehe sie in meinen zauberhaften Bann, in dem sie mir keinen Wunsch abschlagen kann. „Ich werde es bestimmt nicht weitersagen, also, was ist mit diesem Typen?“

Mit leicht verschleiertem Blick und willenlos berichtet mir Mayli von Jaislyns Träumen. Meine Laune verfinstert sich zusehends.

„Hat sie jemals einen Namen genannt?“ Inständig hoffe ich, dass Mayli verneint.

„Nein.“

Ein wenig erleichtert schließe ich kurz die Augen. Jaislyn ist bereits am schmiedeeisernen Tor angekommen und dreht sich noch einmal zu uns herum. „Mayli! Jetzt komm endlich! Sonst kannst du nach Hause laufen!“

Sie wird in die Wirklichkeit zurückgerissen und blinzelt mich fragend an.

„Ich wünsche dir einen schönen Abend, Mayli Monet. Und vielen Dank für die schöne Skizze.“

Sie nickt benommen und geht. Ich schaue den beiden lange hinterher, selbst als sie nicht mehr zu sehen sind.

Nur am Rande bekomme ich mit, wie sich die Köchin und mein Diener in den Feierabend verabschieden. Die Dunkelheit beginnt mich einzuhüllen, nur das schwache Licht dringt vom Gut zu mir. Mit düsterem Blick sehe ich auf die Stelle, wo sie hinter Rhododendron-Büschen verschwunden sind, und presse die Lippen hart aufeinander. Letztendlich reiße ich mich von dem Anblick meiner Auffahrt los und gehe wie ein Raubtier auf der Jagd zurück in das Herrenhaus, das genauso einsam ist wie ich. Zornig reiße ich einige kostbare Vasen um und schreie voller Wut durch das leere Haus. Meine mentale Kraft wirft Stühle und Regale durch die Gegend, trotzdem verschafft mir dieser Wutausbruch keine Befriedigung oder Erleichterung.

Details

Seiten
0
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783960876557
ISBN (Buch)
9783960877165
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v456729
Schlagworte
Vergangenheit Romantasy-E-Book spannung-liebe-roman fantasy-liebe-s-roman-c-e trilolgie-fantasy liebe-fantasy-zeitreisen princess-prinzessin-roman

Autor

  • Nicole Lange (Autor)

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Titel: Um die Liebe zu ändern